summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/17379-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '17379-8.txt')
-rw-r--r--17379-8.txt21021
1 files changed, 21021 insertions, 0 deletions
diff --git a/17379-8.txt b/17379-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..6341563
--- /dev/null
+++ b/17379-8.txt
@@ -0,0 +1,21021 @@
+The Project Gutenberg EBook of Quer Durch Borneo, by A.W. Nieuwenhuis
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Quer Durch Borneo
+ Ergebnisse seiner Reisen in den Jahren 1894, 1896-97 und
+ 1898-1900; Erster Teil
+
+Author: A.W. Nieuwenhuis
+
+Editor: M. Nieuwenhuis-von Üxküll-Güldenban
+
+Release Date: December 23, 2005 [EBook #17379]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK QUER DURCH BORNEO ***
+
+
+
+
+Produced by Jeroen Hellingman
+
+
+
+
+
+
+
+ Quer durch Borneo
+
+ Ergebnisse seiner Reisen
+ In den Jahren 1894, 1896-97 und 1898-1900
+
+
+ Von
+
+ Dr. A.W. Nieuwenhuis
+
+ Unter Mitarbeit
+
+ Von
+
+ Dr. M. Nieuwenhuis-von Üxküll-Güldenbandt
+
+
+ Erster Teil
+
+ Mit 97 Tafeln in Lichtdruck und zwei Karten
+
+
+ Buchhandlung und Druckerei
+ Vormals
+ E.J. Brill
+ Leiden--1904
+
+
+
+
+
+
+
+VORWORT.
+
+
+Bevor noch die Ergebnisse meiner ersten Durchquerung der Insel
+Borneo unter dem Titel "In Centraal Borneo" veröffentlicht waren,
+trat ich eine neue Reise an, die zwei Jahre und acht Monate dauerte
+und mir Gelegenheit bot, die bereits erlangte Kenntnis von den
+Bewohnern dieser bisher völlig unbekannten Gegenden wesentlich zu
+bereichern. Da die Forschungen, die ich über den Charakter der Dajak
+und die Verhältnisse, unter denen sie leben, anstellte, eine weitere
+Ausbreitung des niederländischen Einflusses im Herzen Borneos zur
+Folge hatte, erschien mir eine Vereinigung der früher erworbenen
+Resultate mit den neuen und deren Veröffentlichung in umgearbeiteter
+Form nicht nur aus wissenschaftlichem, sondern auch aus praktischem
+Interesse wünschenswert.
+
+Das Werk besteht aus zwei Teilen. Der erste behandelt die Reise
+von Pontianak nach Samarinda, quer durch Borneo, und enthält eine
+Schilderung von den Zuständen unter den Bahau am Kapuas und Mahakam,
+der zweite beschreibt die Expedition zu den Kenja im Stammland der
+Bahau, ferner die Industrie, den Handel, den Häuserbau und die Kunst
+bei diesen Stämmen.
+
+Wie in meinem vorigen Werke habe ich mich auch in diesem darauf
+beschränkt, fast ausschliesslich eigene Beobachtungen zu geben, und
+die anderer Autoren nicht zur Vergleichung herbeigezogen. Abgesehen
+davon, dass das Werk sonst zu umfangreich geworden wäre, ist es
+auch sehr schwierig, in allem, was die Reisenden bis jetzt über
+Borneo geschrieben haben, sorgfältige Beobachtungen von flüchtigen
+Eindrücken zu unterscheiden. Überdies bin ich der Ansicht, dass eine
+einfache Wiedergabe eigener Beobachtungen, von deren Richtigkeit man
+sich im Laufe vieler Jahre hat überzeugen können, für die Ethnographen
+besonders wertvoll ist.
+
+In dieses neue Werk habe ich, soweit sie nicht in Fachzeitschriften
+gehören, alle Resultate meiner Reisen in Mittel-Borneo aufgenommen;
+desgleichen haben diejenigen Photographien der vorigen Reisen, die ich
+für wissenschaftlich interessant hielt, auch ins neue Buch Aufnahme
+gefunden. In die Reiseerzählung, die das Werk auch für Laien geniessbar
+machen soll, sind noch Beobachtungen allerlei Art, die anderswo keinen
+Platz fanden, und einige charakteristische Erlebnisse meiner vorigen
+Reisen verflochten worden.
+
+Zur Verzierung des Einbands wurden ausschliesslich dajakische Muster
+verwendet. Die vordere Seite des Einbands ist mit den Randfiguren
+eines Frauenrockes geschmückt, die hintere Seite und der Rücken
+tragen Tätowiermuster.
+
+Die Herausgabe des vorliegenden Werkes konnte in dieser Form nur
+dank einer bedeutenden Subvention seitens des Kolonialministeriums
+stattfinden. Diese Subvention ermöglichte auch eine Reproduktion
+der Tafeln in Licht- und Farbendruck, durch welche erst die vom
+ethnographischen Standpunkt wichtigen Einzelheiten der photographischen
+Aufnahmen zur vollen Geltung gelangten.
+
+Während meiner Arbeit habe ich von verschiedener Seite Unterstützung
+genossen. In erster Linie fühle ich mich der "Maatschappij tot
+bevordering van het natuurkundig onderzoek der Nederlandsche
+Koloniën", die meine ersten Reisen veranlasste und mir gestattete,
+die von ihr herausgegebene Karte von Borneo für dieses Werk zu
+reproduzieren, zu Dank verpflichtet. Ferner spreche ich den Herren
+Professoren Dr. _A.E.J. Holwerda_ und Dr. _K. Martin_ und Herrn
+Dr. _J.D.E. Schmeltz_, die sich stets hilfsbereit gezeigt haben,
+besonders aber Herrn Professor Dr. _F. Schwend_ in Stuttgart, der mir
+durch seine Hilfe bei der Korrektur einen grossen Dienst geleistet hat,
+meinen herzlichsten Dank aus.
+
+Leiden,
+
+Dezember 1903.
+
+Dr. A.W. Nieuwenhuis.
+
+
+
+
+
+INHALT.
+
+
+Kapitel I. 1-22
+
+Erste wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo
+(1893-1894)--Pläne zu einem zweiten Versuch einer Durchquerung
+Borneos von West nach Ost--Zweite Reise (Februar 1896-Juni 1897)
+und deren Ergebnisse--Anlass zur Unternehmung der dritten Reise (Mai
+1898-Dezember 1900)--Ausrüstung--Dampfschiffahrt nach Pontianak--Fahrt
+auf dem Kapuas bis Putus Sibau--Zustände in Putus Sibau.
+
+Kapitel II. 23-42
+
+Aufenthalt in Putus Sibau--Aussichten für die Mahakamreise--Besuch
+der Batang-Lupar--Aufbruch nach Tandjong Karang Einrichtung des
+Kajan Hauses--Ärztliche Praxis unter der Bevölkerung--Vorbereitungen
+für den Zug nach dem Mahakam Rückkehr nach Putus Sibau--Einkauf von
+Ethnographica und Krankenbehandlung--Verwundung eines Sibau Dajak
+Zurücksendung eines Jägers--Besuche der Kajan--_Usun_ in Putus
+Sibau--Befragen der Vögel--Aufbruch nach dem Mahakam.
+
+Kapitel III. 43-68
+
+Allgemeines über die Insel Borneo--Die Gebirge von
+Mittel-Borneo--Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam und
+dem Batang-Rèdjang, Kajan und Barito--Geologie des oberen
+Mahakamgebietes--Salzquellen--Geologischer Charakter des Apu Kajan
+Äussere Gestaltung Mittel-Borneos--Buschvegetation--Meteorologische
+Verhältnisse--Bewohner der Insel--Malaien und Dajak Sesshafte Stämme:
+Bahau und Kenja--Nomadenstämme: Punan, Bukat und Beketan--Herkunft
+der Bahau und Kenja Legende vom Wasser und Feuer--Auswanderungen
+und Vermischungen der Stämme--Organisation eines Bahau- bezw. eines
+Kajan-Stammes--Geschichte der Mendalam Kajan--Glieder eines Stammes:
+Häuptlinge, Freie und Sklaven--Gegenseitige Verpflichtungen der
+Stammesglieder--Abstammung des Häuptlings _Akam Igau_.
+
+Kapitel IV. 69-95
+
+Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan--Geburt--Behandlung des
+Neugeborenen--Kindertragbrett (_hawaat_)--Verpflegung des Kindes--Erste
+Namengebung--Zweite Namengebung--Namenänderungen--Das Kind bis zur
+Pubertät--Junge Männer und Mädchen--Tätowierung--_utang_--Künstliche
+Verunstaltungen--Beschäftigungen und Verkehr der
+jungen Leute--Mahlzeiten Heirat--Stellung von Mann und
+Frau--Erbschaft--Tod--Trauer--Kopfjagden.
+
+Kapitel V. 96-115
+
+Religiöse Vorstellungen der Bahau--Wichtigste Götter--Einteilung des
+Weltalls--Gute und böse Geister--Seelen der Bahau--Charakter und
+Schicksal der _bruwa_ und _ton luwa_--Seelen der Tiere, Pflanzen
+und Gesteine--Vorzeichen--Erklärung der _pemali_--Priester
+und Priesterinnen--Beseelung der _dajung_--Pflichten der
+_dajung_--Erklärung der _mela_--Das Ei als Opfergabe.
+
+Kapitel VI. 116-132
+
+Opfergaben der Ballon: _kawit_--Die _pemali:_ bei der _mela_,
+beim Erntefest, in den Reisscheunen, auf dem Reisfelde, beim
+Säen, beim Neujahrsfest, bei der _mela_ der Namengebung, bei der
+_mela_ gegen Krankheit, bei der Rückkehr von grossen Reisen--Das
+_legén_--Schwierigkeiten bei den Nachforschungen auf religiösem
+Gebiet--_Usun_, die Oberpriesterin--Schöpfungsgeschichte der Mendalam
+Kajan.
+
+Kapitel VII. 133-155
+
+Auffassung der Kleidung seitens der Eingeborenen--Zweck
+der Kleidung--Einfluss der Malaien auf die
+Kleidung--Alltags-, Fest- und Kriegskostüm der Männer am
+Mendalam--Kopfbedeckungen--Schmuck--Tätowierung--Ausrecken der
+Ohrläppchen--Umformung der Zähne--Haartracht--Alltags- und Festkleidung
+der Frauen--Schmuck--Trauerkleidung--Ausrüstung der Toten--Waffen der
+Kajan: Schwerter, Speere, Blasrohre--Herstellung der Blasrohre--Pfeile
+und Pfeilgifte--Schilde.
+
+Kapitel VIII. 156-185
+
+Rolle des Ackerbaus bei der Bahau und Kenja--Religiöse Vorstellungen
+beim Ackerbau--Legende von der Entstehung der Ackerbauprodukte--Art
+der Feldbewirtschaftung--Vorzeichensuchen bei der Wahl der
+Felder--Bestimmung der Saatzeit--Perioden des Reisbaus--Bedeutung
+der Ackerbaufeste--Saatfest: religiöse Zeremonien; Masken- und
+Kreiselspiel--Neujahrsfest--Festgebräuche--Zweite Namengebung der
+Kinder--Darbietung der Opfer--Tänze der Priesterinnen--Ringkampf--_aron
+uting_ = Festtag des Schweinefleischessens--_aron kertap = Festtag_
+des Klebreisessens--_nangeian_ = Rundtanz der Priesterinnen und
+Laien--Schlusszeremonien beim Neujahrsfest.
+
+Kapitel IX. 186-199
+
+Fischreichtum des Kapuasgebietes--Fischereigerätschaften--Fang des
+_tapa_--Fang mit _tuba_-Gift--Jagd--Hunde der Bahau--Erträgnisse der
+Jagd--Vogelfang--Haustiere.
+
+Kapitel X. 200-219
+
+Von Putus Sibau nach Siut--Besuch bei den Taman Dajak-Verlust
+eines Hundes durch ein Krokodil--Nachtlager auf der Geröllbank
+Liu Tangkilu--Kampf gegen die Strömung--Aufenthalt wegen des
+_telaradjang_--Umschlagen eines malaiischen Handelsbootes--Ausflug
+auf einen Berg--Eigentümliche Lianen--Fortsetzung der Fahrt bis zur
+Gung-Mündung--Aufenthalt wegen schlechter Vorzeichen--Passieren
+der "Gurung Delapan"--Nachtlager an der Bungan-Mündung--_Bier_
+und _Obet Lata_ fallen in den Fluss--Begegnung mit unserer
+ersten Gesandtschaft--Ankunft an der Bulit-Mündung--Aufschlagen
+der Lagers--Nächtlicher Überfall durch Hochwasser--_Akam Igaus_
+Reiseplan--Begegnung mit Bungan Dajak--Aufbruch zum _pangkalan_
+Howong--Kalkberge am Bulit.
+
+Kapitel XI. 220-243
+
+Ankunft am _pangkalan_ Howong--Unterhaltung im Lager--_Akam
+Igau_ zieht zum Mahakam voraus--Aufbruch eines Teils der Kuli zur
+Wasscherscheide--Erscheinen von Bungan Dajak--Besuch im Lagerplatz,
+der Bungan--Rückkehr der Träger--Verschwinden des Reises--Landzug
+in Eilmärschen--Passieren des Bungan--Nahrungsnot--Lager unterhalb
+der Wasserscheide.
+
+Kapitel XII. 244-268
+
+Auf der Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam--Opfer der
+Kajan--Längs des Howong zu den Pnihing--_Amun Lirung_--Nahrungsmangel
+und Schwierigkeiten mit dem Transport des Gepäckes--_Kwing
+Irang_--Löhnung der Träger--Besuch bei den Bukat--Reise zu
+_Belarè_--Einkauf von Böten am Tjehan--Fahrt zu _Kwing Rang_ am Blu-u.
+
+Kapitel XIII. 269-294
+
+Der Mahakam in seinem Ober- Mittel- und Unterlauf--Bewohner des
+Mahakamgebietes--Vorgeschichte der Stämme--Stellung und Einfluss
+der Fremden--Ursprüngliche Bewohner am oberen Mahakam--Vorherrschaft
+der Long-Glat--_Kwing Irang_ und dessen Stellung unter den übrigen
+Häuptlingen--Verkehr und Handel unter den Stämmen--Selbständigkeit der
+Stämme--Verteilung der Ländergebiete--Bestimmungen in bezug auf Feld-
+und Waldfrüchte, Buschprodukte, Jagd- und Fischfang--Industrie--Verkehr
+mit den Nachbarländern--Handel und Handelswege.
+
+Kapitel XIV. 295-315
+
+Verkehr mit den Eingeborenen--Einkauf von Ethnographica--Sammeln und
+Konservieren von Tieren und Pflanzen--Sammlungen und Untersuchungen
+auf geologischem Gebiet--Topographische Aufnahmen--Photographie.
+
+Kapitel XV. 316-350
+
+Verhältnisse bei den Mahakam Kajan--Zeitrechnung-Beschäftigungen
+während der Verbotszeit--Besteigung des Batu
+Mili--Saatfest--Maskenspiel--Kreiselspiel--Abschied von _Akam Igau_
+und _Jung_--Fahrt zum Merasè--Tod des Häuptlings _Bo Li_--Begegnung
+mit malaiischen Rebellen--Beginn mit der Mahakamaufnahme--Zweite
+Besteigung des Batu Mili--Sage vom Batu Mili--Hahnenkämpfe.
+
+Kapitel XVI. 351-385
+
+Besuch bei den Ma-Suling am Merasè--In Batu Sala, Napo Liu
+und Lulu Sirang--Behandlung von Kranken, Einkauf von Böten und
+Ethnographica--Besteigung des Batu Situn--Beobachtungsposten
+auf einem Baumgipfel--Rückkehr nach Lulu Sirang--Symbolische
+Heiratserklärung--Hochzeitsgebräuche--Ehegesetze--Heimkehr nach dem
+Blu-u--Besuch bei den Pnihing am Tjehan--In Long 'Kup--Besteigung
+des Liang Karing--Bei den Pnihing am Pakatè--Begräbnisstätte
+der Pnihing--_Hadji Umar_--Zurücksendung einer Batang-Lupar
+Gesellschaft--Beratung wegen des Hausbaus--Besuch von _Hinan Lirung_.
+
+Kapitel XVII. 386-417
+
+Bau des Häuptlingshauses--Besteigung des Batu Lesong--Ermordung einer
+Sklavin--Schutzleistung gegen Batang-Lupar Banden--Anwerbung neuer
+Leute--Krankenbesuch am Merasè--Reisevorbereitungen--_Bang Joks_
+politische Stellung--_Kwing Irangs_ Einzug ins neue Haus--Allerhand
+Schwierigkeiten--Wiederholtes Vorzeichensuchen--Tod eines kleinen
+Mädchens--Ankunft _Akam Igaus_--Neue Reisehindernisse.
+
+Kapitel XVIII. 418-449
+
+Äusseres der
+Bahau--Körperbau--Sinnesorgane--Charakter--Eigentümlichkeiten ihrer
+Konstitution--Krankheiten der Bahau: Malaria, venerische Krankheiten,
+Intestinalkrankheiten, Rheumatismus; Kropf; Infektionskrankheiten
+verschiedener Art, Augenkrankheiten, parasitäre Hautkrankheiten--Wert
+einer ärztlichen Praxis unter den Eingeborenen--Vorstellungen
+der Bahau von ihrem Körper, ihrem Geist; dem Schlaf und den
+Krankheiten--Heilmethoden der Priester--Diätetische Mittel-Befolgung
+ärztlicher Vorschriften--Arzneien der Eingeborenen--Massage,
+Dampfbäder.
+
+Kapitel XIX. 450-468
+
+Allgemeines über Tätowierung--Unterscheidung dreier
+Gruppen--Vorschriften für Tätowierkünstlerinnen und
+Patienten--Tätowiergerätschaften--Ausführung und Folgen der
+Operation--Methoden der Tätowierung bei den verschiedenen
+Stämmen und Ständen--Seeentätowierung--Tätowierung der Kajan am
+Mendalam--Tätowiermuster--Tätowierung bei den Mahakamstämmen und
+den Kenja.
+
+Kapitel XX. 469-493
+
+Reise zur Küste: von Long Blu-u nach Long Tepai--Passieren
+der westlichen Wasserfälle--Flössen des Rotang--In Long Deho
+bei _Bo Adjang_--Aufenthalt wegen Hochwassers--Ertrinken
+zweier Long-Glat--Ankunft _Kwing Irangs_--Weiterreise mit den
+Kajan--Passieren des Kiham Udang--Wiedersehen mit dem Kontrolleur
+in Long Bagung--Begegnung mit Kenja--Über Uma Mehak, Udju Halang,
+Ana und Tengaron nach Samarinda.
+
+
+
+
+BEMERKUNGEN ÜBER DIE AUSSPRACHE.
+
+
+Alle einheimischen Wörter, die keine geographischen Namen oder
+Personennamen bedeuten, liess ich kursiv drucken. Während die Zeichen
+auf den gerade gedruckten Wörtern keiner weiteren Erklärung bedürfen,
+gelten in Bezug auf die Aussprache der Vokale in den kursiv gedruckten
+Wörtern die folgenden Regeln des allgemeinen linguistischen Alphabets
+[1].
+
+
+ _a_ in dem Deutschen Tat, hat.
+ _e_ in dem Deutschen Bär, fett;
+ _e_ in dem Deutschen Weh;
+ _i_ in dem Deutschen wir, mit;
+ _o_ in dem Deutschen Mond;
+ _o_ in dem Deutschen Sonne;
+ _ö_ in dem Deutschen Hörner;
+ _ö_ in dem Deutschen König;
+ _u_ in dem Deutschen Mut;
+ _u_ in dem Deutschen Tür;
+ _ai_ in dem Deutschen Kaiser.
+ _au_ in dem Deutschen Haut.
+ _au_ in dem Deutschen Häute.
+ _e_ bezeichnet den dumpfen Vokal der deutschen Vor- und
+ besonders Endsilben, z.B. begraben.
+
+
+In den Inhaltsangaben und in den Überschriften der Seiten sind obige
+Zeichen bei den kursiv gedruckten Wörtern fortgelassen worden.
+
+Um die Länge und die Kürze der Vokale und die Betonung anzugeben, sind
+die üblichen Zeichen [-]; [u]; und ['] verwendet worden.
+
+
+
+
+
+LISTE DER KARTEN UND TAFELN.
+
+
+Karte der Insel Borneo Anhang.
+Karte des Bungan-Gebietes gegenüber Seite 226
+
+Tafel. Gegenüber Seite
+
+ 1. Die Expedition in Long Bagung (Mai 1899) Titelbild.
+ 2. Tandjong Karang 26
+ 3. Geschnitzte Haustür des Häuptlings _Akam Igau_ 28
+ 4. Inneres von _Akam Igaus_ Wohnung A 28
+ 5. Inneres von _Akam Igaus_ Wohnung B 28
+ 6. _Usun_, Oberpriesterin in Tandjong Karang 40
+ 7. Die Salzquelle Sepan Dingei mit Brunnenvorrichtung 46
+ 8. Landschaft von Mittel-Borneo (oberer Mahakam) 48
+ 9. Greis der Kajan vom Mahakam. Kajan vom Mahakam 52
+10. Junge Frauen der Mahakam Kajan. Junge Mädchen der Mahakam 56
+11. Ältere Frau der Mahakam Kajan 60
+12. Pnihing 64
+13. Bewaffnete Ma-Suling vom Merasè mit ihrem Häuptling Ibau Li 68
+14. Kindertragbrett (_hawat_) der Kajan am Mendalam 72
+15. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 116
+16. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 118
+17. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 120
+18. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 122
+19. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 124
+20. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 124
+21. _Legen_ 126
+22. Gut gekleideter junger Kajan 136
+23. Bahau in Kriegskostüm 136
+24. Hüte der Bahau 138
+25. Schmucksachen der Mendalam Kajan 140
+26. Frau der Bahau in Trauerkleidung 144
+27. Totenausrüstung 144
+28. Schwerter der Mendalam Kajan 146
+29. Schwerter der Bahau 148
+30. Schwertscheiden der Bahau 148
+31. Schwerter mit Scheiden der Stämme von Nord- und
+ West-Borneo 148
+32. Pfeilköcher, Giftbrett u.s.w. 150
+33. Auszug aufs Feld mit Tragkorb, Schwert, Ruder und Speer 162
+34. Neu angelegtes Reisfeld der Bahau 162
+35. _Dangei_-Hütte 172
+36. _Lasa_, Opfergerüst mit Opfergaben 176
+37. Landschaft am oberen Kapuas 188
+38. Aufwärtsziehen der Böte mittelst Rotangtaue im
+ Gurung Delapan 212
+39. Gurung Bakang 214
+40. Mündung des Bulit 216
+41. Befördern der Böte über einen Wasserfall im Bulit 216
+42. Stalaktiten am Liang Bubuk 218
+43. Inneres einer Kuli-Hütte 222
+44. Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam 246
+45. Zwei aus verflochtenen und verwachsenen Lianen entstandene
+ Bäume 254
+46. Haus des Pnihinghäuptlings _Belarè_ 260
+47. Massenkalk mit undeutlicher Schichtung 264
+48. Unvollendete Niederlassung der Kajan an der Mündung des
+ Blu-u 268
+49. Unsere Wohnung in Long Blu-u 272
+50. Zwei Kajanfrauen vom oberen Mahakam 274
+51. Junger Mann und Frau der Kajan am oberen Mahakam 284
+52. Kajanknaben vom oberen Mahakam 296
+53. Junger Sklave der Kajan am oberen Mahakam 308
+54. Steine zur Bestimmung des Sonnestandes während der
+ Saatzeit 316
+55. Der Batu Mili bei Long Blu-u 320
+56. _Hudo Kajo_, als Geister verkleidete Männer 324
+57. Holzmasken 324
+58. Landung der Geistermasken 326
+59. Tanz der Geistermasken 326
+60. Maskerade der Frauen 328
+61. Frauen in Festkleidung. Als Männer verkleidete Frauen 328
+62. Als Punan verkleidete Kajan 328
+63. Kreiselspiel 330
+64. Napo Liu 332
+65. Gruppe der Murung Malaien in Napo Liu 334
+66. Grabmal des Ma-Suling-Häuptlings _Bo Long_ 354
+67. Rotang mit symbolischen Zeichen zur Absperrung eines Flusses 360
+68. Holzstapel als symbolische Heiratserklärung bei den
+ Long-Glat 364
+69. Der Liang Karing an der Mündung des Tjehan 370
+70. Aufwärtsziehen der Böte im Kiham Tukar Anang 372
+71. Niederlassung der Pnihing am Long Pakatè 374
+72. Mit Figuren verzierter Stein im Tjehan 374
+73. Begräbnisstätte der Pnihing am Fuss des Liang Nanja 376
+74. Särge der Pnihing 376
+75. Achtjähriger Kajan mit Tinea imbricata bedeckt 440
+76. Symmetrisch verbreitete Tinea imbricata bei einer jungen Kajanfrau
+ am oberen Mahakam 442
+77. Tätowieren einer Hand bei den Kajan am oberen Mahakam 450
+78. Frau der Long-Glat mit vollständiger Tätowierung 452
+79. _Dahei Kwing_, achtzehnjährige Kajanfrau vom oberen Mahakam mit
+ tätowierten Händen 452
+80. Junger Bukathäuptling mit Brust- und Armtätowierung 452
+81. Tätowierter Dajak vom Kahájan 452
+82. Tätowiermuster der Mendalam Kajan 456
+83. Schenkeltätowierung einer _panjin_ 460
+84. Schenkeltätowierung von _Tipong Igau_ 460
+85. Hand- und Fusstätowierung der Mendalam Kajan 460
+86. Schenkeltätowierung einer Long-Glat-Frau 461
+87. Muster für Schenkeltätowierungen 462
+88. Muster für Schenkeltätowierungen 464
+89. Muster für Schenkeltätowierungen 464
+90. Seitenstücke für Schenkeltätowierungen 464
+91. Schlussstücke für Schenkeltätowierungen 466
+92. Handtätowierungen der Long-Glat 466
+93. Handtätowierungen der Uma Luhat; Kajan am Blu-u 466
+94. Handtätowierungen der Uma Luhat 466
+95. Tätowierung der Kenja Uma Tow 468
+96. Schenkeltätowierung der Kenja 468
+97. Schenkeltätowierung der Kenja 468
+
+
+
+
+
+
+
+
+KAPITEL I.
+
+ Erste wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo
+ (1893-1894)--Pläne zu einem zweiten Versuch einer Durchquerung
+ Borneos von West nach Ost--Zweite Reise (Februar 1896-Juni 1897)
+ und deren Ergebnisse--Anlass zur Unternehmung der dritten Reise
+ (Mai 1898-December 1900)--Ausrüstung--Dampfschiffahrt nach
+ Pontianak--Fahrt auf dein Kapuas bis Putus Sibau--Zustände in
+ Putus Sibau.
+
+
+In den Jahren 1893 und 1894 rüstete die "Maatschappij tot
+bevordering van het natuurkundig onderzoek der Nederlandsche Koloniën"
+(Gesellschaft zur Beförderung der naturwissenschaftlichen Forschung in
+den niederländischen Kolonieen) ihre erste grosse wissenschaftliche
+Expedition nach Mittel-Borneo aus; wesentlich unterstützt wurde
+sie dabei durch den damaligen Residenten _S.W. Tromp_ [2] der
+"Wester-Afdeeling" von Borneo, der sehr wohl begriff, dass eine
+Erweiterung der Kenntnis von Land und Volk auch in politischer Hinsicht
+von grosser Bedeutung sein musste.
+
+Den Teilnehmern an der Expedition war zur Aufgabe gestellt worden,
+von der Westküste durch die bisher ganz unbekannten Gebiete des oberen
+Kapuas und oberen Mahakam bis zur Ostküste vorzudringen und während
+der Reise, so weit als möglich, naturwissenschaftliches Material zu
+sammeln und die Bevölkerung zu studieren.
+
+In Kutei erhoben sich aber bald warnende Stimmen, welche auf die
+grossen Gefahren einer derartigen Unternehmung aufmerksam machten;
+daher nahm man von dem anfänglichen Plan Abstand und beschränkte
+sich auf die Erforschung des Flussgebietes des oberen Kapuas, in
+welchem vom November 1893 bis zum Oktober 1894 reiche Sammlungen auf
+botanischem, zoologischem, geologischem und ethnologischem Gebiete
+angelegt wurden. Dank der Unterstützung der Regierung durch Schutz-
+und Transportmittel konnten die Forscher, jeder in seinem Fache,
+gesondert tätig sein; während der Zoologe Dr. _J. Büttikofer_ und der
+Botaniker Dr. _H. Hallier_ sich im Urwalde niederliessen, durchzog
+der Geologe Prof. _G.A.F. Molengraaff_ ausgedehnte Landstrecken,
+um deren Formation kennen zu lernen und beendete seine Reise durch
+einen gelungenen Zug von Bunut südlich nach Bandjarmasin. Indessen
+jeder auf diese Weise die nötige Forschungsfreiheit genoss, lag mir,
+als dem Expeditionsarzte, die Verwaltung des Ganzen ob. Da meine
+ärztliche Hilfe von den Teilnehmern der Expedition selten beansprucht
+wurde, konnte ich in den Dörfern der Eingeborenen wohnen bleiben und
+von dort aus für die Zufuhr neuer Vorräte und die Anwerbung von Kuli
+Sorge tragen.
+
+Teils aus Neugier, teils um ärztlichen Beistand zu erbitten, kamen bald
+ununterbrochen Eingeborene in meine Nähe, so dass ich Gelegenheit
+hatte, die Bevölkerung eingehend zu studieren und Ethnographica
+zu sammeln.
+
+Nach zweimonatlichem Aufenthalt am Mandai, südlich vom oberen Kapuas,
+machten der Geologe, Prof. _Molengraaff_, und ich den Versuch, in das
+Gebiet des oberen Mahakam vorzudringen; wir mussten jedoch, obgleich
+wir bereits die Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam überschritten
+hatten, auf Grund von Gerüchten, die der uns begleitende Kontrolleur
+über ernstliche feindliche Rüstungen seitens der Eingeborenen vernommen
+hatte, den Rückzug antreten. Auf dieser letzten sechswöchentlichen
+Expedition hatten die am Mendalam wohnenden Kajan, ein bis dahin so
+gut wie unbekannter Stamm, die Träger und Ruderer geliefert. Die
+Kajan am Mendalam sind nämlich mit denen am Mahakam verwandt und
+in ständigem Verkehr, daher sind sie auch die besten Kenner dieser
+dunklen Gebiete von Mittel-Borneo.
+
+Ich war somit, um zuverlässige Auskunft über die Verhältnisse am
+oberen Mahakam zu gewinnen, hauptsächlich auf diesen Stamm der Kajan
+angewiesen. Zwar hatte schon im Jahre 1825 ein Europäer, _Georg
+Müller_, von der Ostküste aus den oberen Mahakam erreicht, aber sein
+Geleite von Pnihing und Kajan ermordete ihn nach dem Überschreiten
+der Wasserscheide im Flussbett des Bungan; mit dem kühnen Forscher
+gingen auch seine Aufzeichnungen zu Grunde, und die innersten Gebiete
+Borneos blieben unbekannt wie zuvor.
+
+Während Prof. _Molengraaff_ seine Reise nach Bandjarmasin antrat,
+liess ich mich also für zwei Monate bei diesem Stamm der Kajan am
+Mendalam in Tandjong Karang nieder und zwar mit demselben Resultat, wie
+sonst überall, dass ärztliche Hülfe, das Einkaufen von Ethnographica
+und viel Geduld mit ihrer Eigenart mir alles Vertrauen gewanden,
+das eingeborene Stämme einem Fremden überhaupt schenken können. Als
+wichtigsten Vertrauensbeweis betrachtete ich ihre Erklärung, mich
+in das Gebiet des oberen Mahakam begleiten zu wollen, falls ich auf
+ihre Bedingungen zur Unternehmung der Reise eingehen wollte. Eine der
+für beide Teile wichtigsten war, dass ich, um nicht das Misstrauen
+ihrer Verwandten am Mahakam zu erregen, ohne bewaffnetes Geleite
+gehen sollte, was für mich so viel bedeutete, als dass ich mich ihnen
+vollständig ausliefern sollte. Ich fand eine teilweise Erklärung für
+diese Bedingung in dem Gefühl, das alle Eingeborenen in Mittel-Borneo
+bei der Begegnung mit etwas Neuem und Fremdem beherrscht, nämlich:
+der Angst. Da ich ausserdem wusste, dass es im eigenen Interesse
+der Dajak lag, der niederländisch-indischen Regierung keinen Anlass
+zur Unzufriedenheit zu geben, indem sie mir ein Leid zufügten, so
+beunruhigte mich diese Bedingung durchaus nicht.
+
+Unter den interessanten Beobachtungen, die ich in dieser Zeit über
+den Charakter der Stämme von Mittel-Borneo machte, ist diejenige
+sicher die bedeutendste, dass die blutgierigen, wilden, Köpfe
+jagenden Dajak im Grunde zu den sanftesten, friedliebendsten und
+ängstlichsten Bewohnern dieser Erde gehören. Meine Erfahrungen stehen
+in dieser Hinsicht nicht nur in schroffem Gegensatz zu der allgemein
+verbreiteten Auffassung über die Dajak seitens der Europäer an den
+Küsten Borneos, sondern seltsamer Weise auch aller Reisenden, die bis
+jetzt Gelegenheit hatten, mit den mehr im Innern der Insel wohnenden
+Stämmen in Berührung zu kommen.
+
+Da meine neuen Kajanfreunde mir allmählich auch zu verstehen gaben,
+dass es mit der feindlichen Gesinnung der Mahakambewohner nicht so
+schlimm bestellt sei, fasste ich auf meiner Rückreise nach Batavia
+den Plan, wenn irgend möglich, aufs neue den Versuch zu wagen, in
+das Gebiet des oberen Mahakam einzudringen und den Fluss bis zur
+Ostküste hinabzufahren.
+
+In Batavia angelangt wurde ich jedoch sogleich als Arzt nach Lombok
+abkommandiert, wo die Bestürmung von Tjakra Negara (1894) und alle
+traurigen Folgen dieses entsetzlichen Kriegszuges uns Ärzte bald alle
+eigenen Pläne vergessen liessen.
+
+Auch im Anfang des folgenden Jahres fanden wir selten Zeit, an etwas
+anderes, als an unsere Kranken zu denken, bis endlich der Westmonsun
+uns weniger Patienten und mehr Kollegen brachte und es mir glückte,
+eine Versetzung nach Batavia zu erlangen.
+
+Dankbar für die mir erhaltene Gesundheit und alles, was ich auf der
+prachtvollen Insel Lombok gesehen hatte, bestieg ich im Juli ein Schiff
+der "Paketfahrtgesellschaft", welches mich nach Java brachte, und
+sechs Tage darauf führte mich die Bahn von Surabaja an den Ort meiner
+Bestimmung. Vier im idyllischen Garut verbrachte Tage verwischten
+den Eindruck aller Lomboker Schrecknisse, und bei meiner Ankunft in
+Batavia traten meine Borneopläne mir deutlicher als je vor den Geist.
+
+Nach einigen Unterhandlungen mit dem Ausschuss der oben genannten
+niederländischen Gesellschaft in Batavia, zeigte sich diese bereit,
+meine Pläne zu unterstützen, und als dann auch der finanzielle Teil
+erledigt und die Zustimmung der Regierung erlangt war, konnte ich mit
+der Ausrüstung beginnen und im Februar des Jahres 1896 von Batavia
+über Pontianak mit der Expedition aufbrechen.
+
+Überzeugt, dass die Unterhandlungen mit den Kajan Monate dauern
+würden, liess ich zwei Europäer: _Demmeni_ und _von Berchtold_, von
+denen sich jener mit dem Photographieren, dieser mit der Erwerbung
+einer zoologischen Sammlung beschäftigen sollte, vorläufig in Batavia
+zurück; sie trafen mit mir erst im Mai am oberen Kapuas zusammen. Hier
+war es mir nach monatelangem Zusammenleben mit den Kajan am Mendalam
+endlich geglückt, diese ihrem Versprechen gemäss zur Teilnahme am
+Zuge nach dem Mahakam zu bewegen und die vorläufigen Vorbereitungen,
+wie das Einkaufen von Böten und grossen Quantitäten Reis, zu beenden;
+jedoch dauerte es noch bis zum 3. Juli, bis wir von Putus Sibau,
+dem wichtigsten Handelsplatz am oberen Kapuas, aufbrechen konnten. Im
+Laufe von zwei Monaten fuhren wir den Kapuas und darnach seine beiden
+Nebenflüsse Bungan und Bulit hinauf, zogen auf 800 m Höhe über die
+Wasserscheide und stiegen dann zum Penaneh, einem Nebenfluss des
+Mahakam, hinunter.
+
+Der erste Empfang bei den dort ansässigen Pnihing liess nichts zu
+wünschen übrig, und auch während unseres achtmonatlichen Aufenthaltes
+bis zum April 1897 bei den anderen Stämmen am oberen Mahakam fiel
+nichts vor, was unser freundschaftliches Verhältnis gestört hätte. Es
+war anfangs mein Plan gewesen, nur zwei Monate bei ihnen zu bleiben,
+aber die herrschende Hungersnot liess uns nur die Wahl, uns ohne
+Unterbrechung von einem Stamme zum anderen führen zu lassen, oder
+die Hungersnot am oberen Mahakam bis zum Eintritt der neuen Ernte
+mitzumachen. Wir wählten letzteres, da nur ein längerer Aufenthalt
+bei den Stämmen ein Ergebnis der Reise versprach, und es gelang uns,
+mit den Tauschartikeln bis zum letzten Augenblick hauszuhalten. Im
+April brachen wir mit _Kwing Irang_, dem obersten Häuptling der
+Mahakam-Kajan, bei dem wir uns niedergelassen hatten, nach dem unteren
+Mahakam auf, passierten die grossen Wasserfälle, die den Ober- und
+Mittellauf des Mahakam scheiden, und wurden vom Häuptling dem Sultan
+von Kutei übergeben, der uns mit dem Assistent-Residenten _van Assen_
+entgegengereist war.
+
+Der langdauernde Aufenthalt im Herzen vom Borneo hatte uns in Stand
+gesetzt, unsere Umgebung eingehend zu studieren und so brachte ich,
+ausser bedeutenden Sammlungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet,
+eine gründliche Kenntnis der Zustände, Sitten und Sprachen der Stämme
+am Mahakam mit nach Java.
+
+Statt in einem Dorado der Wilden, wie es sich die Europäer gewöhnlich
+vorstellen, hatten wir unter Zuständen gelebt, von denen man sich
+in Europa schwer einen Begriff machen kann. Ausser den ungünstigen
+hygienischen Verhältnissen, welche eine Zunahme der Bevölkerung
+verhindern, hatten mich die Angst und Unruhe, in der diese Menschen
+ihr Dasein führen, betroffen. Jene sind, als Folgen des Klimas
+und der Eigenart der Bevölkerung, schwer zu bekämpfen, diese,
+hauptsächlich durch die Fehden der Stämme untereinander verursacht,
+sind sehr leicht zu beseitigen, sobald sich eine über diesen Stämmen
+stehende Macht mit der Schlichtung ihrer Zwistigkeiten befasst und
+Selbstwehr verhindert. Die Bahau fühlten, dass ihnen (lies vor allem
+fehlte; denn _Kwing Irang_ wandte sich durch meine Vermittelung im
+Namen aller Stämme am oberen Mahakam an die niederländisch-indische
+Regierung mit der Bitte um Beschirmung.
+
+Hierdurch wurde die indische Regierung veranlasst, eine neue Expedition
+auszurüsten, um festzustellen, auf welche Weise in den Gebieten des
+oberen Mahakam Ruhe und Sicherheit am besten herzustellen seien. Als
+Leiter dieser Expedition wurde ich gewählt, ferner der Kontrolleur
+1. Kl. _J.P.J. Barth_ und einige europäische und malaiische Gehilfen.
+
+Obgleich politische Interessen bei diesem neuen Zuge das Leitmotiv
+bildeten, war es mir doch klar, dass seine Organisation aus
+verschiedenen Gründen die gleiche wie bei der früheren, so wohl
+gelungenen Expedition von Pontianak nach Samarinda sein musste. Es
+handelte sich im wesentlichen darum, die Stimmung der Bevölkerung in
+bezug auf die Einsetzung einer festen Verwaltung auszukundschaften
+und auf die Schlichtung ihrer Zwistigkeiten mit benachbarten Stämmen
+Einfluss zu gewinnen. Hierzu war es, wie auch auf der vorigen Reise,
+notwendig, das Vertrauen der ängstlichen Bahau zu erwerben und sie
+durch ein monatelanges Leben und Arbeiten in ihrer Mitte an die
+Gegenwart von Weissen zu gewöhnen.
+
+Da wir möglicherweise mit feindlich gesinnten Stämmen von Serawak
+in Berührung kommen konnten, musste das gut bewaffnete Geleite so
+zahlreich sein, dass es im Notfall kräftigen Widerstand leisten
+konnte. Um zu verhindern, dass dieses, hauptsächlich aus Malaien
+bestehende Geleite während eines längeren Aufenthaltes in einem
+Stamme Anstoss errege und um es stets bei guter Stimmung zu erhalten,
+musste für seine ständige Beschäftigung gesorgt werden; das Gleiche
+galt auch für die Europäer. Ich wählte die Malaien daher derart,
+dass sie, ausser als Schutzsoldaten, auch auf wissenschaftlichem
+und praktischem Gebiet von Nutzen sein konnten, als Pflanzensammler,
+Jäger, Präparatoren, Ruderer u.s.w.
+
+Eine grosse Menge Tauschartikel zu unserem täglichen Unterhalt,
+zum Einkauf von Ethnographica und zur Bezahlung der Kuli wurde
+wiederum mitgenommen. Wir mussten nämlich nicht nur trachten,
+unsere dajakischen Gastherren nicht zu verletzen, sondern auch, durch
+Einkaufen von allerhand Dingen, vielen im Stamme einen Vorteil und uns
+ihre Gunst zu verschaffen. Zur Erreichung dieses Ziels war auch, wie
+wir auf der letzten Reise erfahren hatten, ein gründlicher ärztlicher
+Beistand von grosser Bedeutung; daher gehörte ein reichlicher Vorrat
+an Arzneimitteln zu unseren wichtigsten Reiseartikeln.
+
+Mit Rücksicht auf die oben erwähnten Verhältnisse setzte sich meine
+Reisegesellschaft aus folgenden Gliedern zusammen: dem Kontrolleur
+_J.P.J. Barth_, der sich hauptsächlich mit dem Studium der allgemeinen
+Umgangssprache der Bahau, dem Busang, befasste; dem Photographen
+der vorigen Expedition, _J. Demmeni;_ dem Topographen _H.W. Bier_;
+zwei Javanen aus dem botanischen Garten in Buitenzorg (Java) für die
+botanischen Sammlungen; dem Jäger und Präparator _Doris_ für das
+Präparieren von Vögeln und Säugetieren und sechs anderen Javanen,
+die bereits Naturforscher auf Reisen begleitet hatten und im stande
+waren, als Mechaniker, Jäger, Fischer u.s.w. die verschiedensten
+Dienste zu leisten. Zu meiner persönlichen Bedienung nahm ich _Midan_,
+meinen javanischen Diener der vorigen Reise, mit. An Vierfüsslern
+begleiteten uns zwei Jagdhunde; in Pontianak kaufte ich später noch
+zwei Wachthunde hinzu.
+
+Überzeugt, dass uns die Küstenmalaien in Kutei Schwierigkeiten
+verursachen würden, falls wir auf dem eigentlichen Wege, den unteren
+Mahakam hinauf, zum oberen gelangen wollten--den Malaien ist nämlich
+selbst viel daran gelegen, ihren eigenen Einfluss im Hinterlande
+auszubreiten und den der Niederländer zurückzudrängen--mussten wir
+unsere Reise wiederum von Pontianak, an der Westküste, beginnen und
+uns von den Kajan wieder durch das unbewohnte Quellgebiet der grossen
+Flüsse zum oberen Mahakam geleiten lassen.
+
+Auf der Reise im Jahre 1896 hatte, um den Landtransport mit einer
+kleinen Anzahl Leute möglich zu machen, die Ausrüstung so viel als
+möglich eingeschränkt werden müssen. Jetzt war die Besorgnis, durch
+ein grosses Geleite bei den Mahakamstämmen Misstrauen zu erwecken,
+zwar geringer, aber, in Anbetracht des Umstandes, dass die Verpflegung
+so vieler Menschen unterwegs an und für sich schon schwierig genug
+war, musste das mitzunehmende Gepäck auch diesmal auf ein Minimum
+reduziert werden.
+
+Was die Kleidung betraf, so galt es, sie so zu wählen, dass sie
+sowohl dem Klima als den Strapazen standhalten konnte. Eine gute
+wollene Unterkleidung und eine warme Bedeckung nachts sind die besten
+Schutzmittel gegen Moskitos und Erkältungen; die Hauptursachen für
+das Entstehen der Malaria. Auch musste dafür gesorgt werden, dass
+die verpackten Kleidungsstücke und dass Bettzeug so wenig als möglich
+Gefahr liefen, nass zu werden.
+
+Als Packkisten sind die bekannten Stahlköfferchen die geeignetsten. Sie
+halten, ausser unter Wasser, die Feuchtigkeit fern, zerbrechen nicht
+beim Fall auf Felsen und werden durch die Termiten nicht angetastet;
+sie dürfen jedoch sammt Inhalt nicht mehr als 20-25 kg wiegen.
+
+Für die Nacht besassen wir starke Reiseklambu (Moskitonetze) aus fester
+Java-Gaze 1: 1: 2 m gross und so eingerichtet, dass sie mittelst
+Seilen in jedem beliebigen Raum ausgespannt werden konnten. Der
+untere Rand der Gaze war, ausgenommen an der Eingangsöffnung, wo
+das Zeug 1 m über einander schlug, an ein Stück double waterproof
+sheeting festgenäht. Sorgte man dafür, dass die Gazeenden am Eingang
+dicht auf einander lagen, so war die Möglichkeit eines nächtlichen
+Besuchs von Ameisen, Schlangen, Skorpionen und Blutegeln so gut wie
+ausgeschlossen, und ich bin auch wirklich auf der ganzen Reise durch
+dergleichen Gäste nicht gestört worden. Die grosse Dichte der Gaze
+hielt auch die Moskitos und sehr kleinen _aga_ oder _murutu_ fern,
+welch letztere sehr empfindlich stechen, obgleich sie nicht grösser
+sind als eine Nadelspitze.
+
+Die undurchlässige Unterlage schützte nachts vor Bodenfeuchtigkeit
+und bildete tagüber eine wasserdichte Umhüllung für das Klambu,
+ein kleines Kopfkissen und zwei Decken, die in sie eingepackt und
+mit Riemen festgeschnürt wurden.
+
+Zur Bettausrüstung gehörte ferner noch eine dünne, mit Lederimitation
+überzogene Matratze, aus drei Teilen bestehend und daher leicht
+transportierbar.
+
+Als Oberkleidung sind ein Anzug aus Khaki, Schuhwerk aus Leinwand und
+ein Korkhelm sehr geeignet. Zum Schutz gegen Blutegel, die lästigste
+Plage der feuchten Tropenwälder, ist es geraten, die Kleidung fest
+am Körper anschliessen zu lassen und die Beinkleider an den Knöcheln
+festzubinden oder zu knöpfen.
+
+Eine besondere Sorgfalt muss auf die Wahl des Schuhwerkes verwendet
+werden; das Gehen mit blossen Füssen ist sehr unzweckmässig. Für
+schwieriges und unebenes Gelände sind, als Stütze für die Knöchel,
+hohe Schnürstiefel sehr empfehlenswert und zwar müssen sie, um das
+Wasser nach dem Durchwaten von Morästen und Lachen schnell abfliessen
+zu lassen, aus Leinwand hergestellt sein. Dünne, starke, nicht zu
+schwer beschlagene Sohlen verhindern am besten ein Gleiten auf Felsen
+und umgefallenen Baumstämmen. Lederne Gamaschen bewähren sich gut
+auf Märschen; hohe Wasserstiefel dagegen sind zu schwer.
+
+Auch als Dachbedeckung eignet sich double waterproof sheeting seht gut,
+nur darf man es nicht lange der Sonne aussetzen, oder man muss es in
+diesem Falle mit Matten bedecken. Zur Aufrichtung eines Zeltes lehrte
+mich die Erfahrung, nichts anderes mitzunehmen als Stücke dieses
+Zeuges, die genügten, eine Fläche von 4 × 6 m zu überdecken. Der
+Tropenwald liefert stets viel dünnes Holz für Pfähle und Fussboden,
+so dass das Gerüst zu einer Hütte von den Dajak innerhalb einer
+Stunde im Walde gefällt und aneinander gebunden werden kann. Soll das
+Zelt nur einige wenige Nächte gebraucht werden, so sind Wände nicht
+erforderlich, da der Regen im Urwalde selten schräg niederfällt.
+
+Wegen der Unmöglichkeit, grössere Mengen von Lebensmitteln über Land
+mitzuführen, mussten auch die Europäer am Mahakam von dem leben,
+was die Bahauumgebung lieferte; nur für die Kranken wurden Konserven
+mitgenommen. Das Hauptnahrungsmittel bildete für alle der Reis-. für
+die Eingeborenen kamen am Kapuas noch getrocknete und später frische,
+im Fluss gefangene Fische hinzu; daher wurden auch einige Wurfnetze
+mitgenommen. Was die mitzuführenden Tauschartikel betraf, so hatte
+ich mich bereits früher davon überzeugt, welche Arten von Glasperlen
+und Zeug bei den einzelnen Stämmen besonders beliebt waren. Auch viele
+Kleinigkeiten wie: Fingerringe, Nadeln, Spiegeldöschen u.a. nahm ich
+mit, um sie zu gelegentlichen kleinen Geschenken zu verwenden.
+
+Die Kisten, welche im Laufe der Reise geleert wurden, waren zur
+Aufnahme von Ethnographica und trockenen naturwissenschaftlichen
+Gegenständen bestimmt, während die zahlreichen Arzneiflaschen später
+zum Aufbewahren der Spirituspräparate verwendet wurden. Obgleich
+Formol als Konservierungsmittel einige Nachteile aufweist, war
+es doch zum Mitführen deshalb am geeignetsten, weil man es beim
+Gebrauch mit Wasser stark verdünnen kann; daher wurde nur wenig
+Alkohol mitgenommen. Für das Konservieren kleiner Tiere leisteten
+uns kleine Kisten voll zylinderförmiger Gläser mit abschraubbaren
+metallenen Deckeln gute Dienste.
+
+Es konnte beinahe die ganze Ausrüstung in Batavia angeschafft werden,
+mit Ausnahme einiger Apparate für Höhenmessungen und Photographie,
+welche in Europa bestellt werden mussten, und einiger Tauschartikel,
+die nur in Singapore, von wo aus europäische Produkte hauptsächlich
+in Borneo eingeführt werden, zu erhalten waren. In allen Teilen
+des indischen Archipels besitzen die Eingeborenen in bezug auf
+Tauschartikel ihre besonderen Liebhabereien, so dass nur solche unter
+ihnen gangbar sind, welche an dem Ort gekauft wurden, von dem aus sie
+für gewöhnlich eingeführt werden. Bei den Stämmen von Borneo finden
+hauptsächlich bestimmte Arten von Glasperlen Beifall, die in Java
+nicht beliebt und daher auch nicht käuflich sind, obgleich sämmtliche
+Glasperlen in Europa verfertigt werden. Da sowohl diese Perlen als
+auch bestimmte Elfenbeinarmbänder, die von den Chinesen speziell für
+die Bahau- und Kenjastämme von Nord-Ost-Borneo gearbeitet werden,
+nur in Singapore zu haben waren, musste ich, zur Vervollständigung
+unserer Ausrüstung, erst noch eine Reise nach dieser Stadt unternehmen.
+
+Einen Teil des Proviantes und der Tauschartikel sandte ich von Batavia
+aus direkt an die Ostküste von Borneo an den Residenten von Samarinda
+zur Aufbewahrung; ich hatte mir nämlich vorgenommen, wenn unser Zug
+von West nach Ost glücklich beendet sein würde, nochmals ins Innere
+der Insel zurückzukehren, um in das nordöstlich gelegene gänzlich
+unbekannte Stammland aller Bahau und Kenja, das Quellgebiet des
+Bulungan, vorzudringen.
+
+Zu meinem Verdruss musste ich, wegen der zu langen Dauer der
+Reisevorbereitungen, die beste Reisezeit verstreichen lassen. Die
+kleinen Quellflüsse des Kapuas sind nämlich nur in der Trockenzeit,
+der Zeit nach der Ernte, befahrbar und so kann man die Kajan auch nur
+zwischen Juni und September zur Teilnahme an einer Expedition bewegen.
+
+Endlich, am 18. Mai, schiffte ich mich in einem kleinen Dampfer der
+"Paketfahrtgesellschaft" in Batavia nach Pontianak ein.
+
+Am folgenden Tage fand meine Reiseungeduld einige Ablenkung
+durch den Aufenthalt unseres Dampfers in Billiton; das Aus- und
+Einladen von Gütern mit Hilfe von Fähren der sehr eigenartigen Seka
+(schwärmende Fischerbevölkerung) bot manches interessante Bild. Von
+ihren schwimmenden und lebhaft bewegten Wohnungen aus tauchten die
+Seka ins kristallklare Wasser nach Geldstücken, die wir hineinwarfen,
+und schienen sich in der blau-grünen Tiefe ebenso sicher zu fühlen,
+wie andere auf dem Festlande. Jedoch, trotz allem Schönen, was
+ich sah, und allem Interessanten, was mir der Steuermann über das
+Leben dieser Fischerbevölkerung erzählte, war es für mich doch eine
+Erlösung, als Borneo beim Erwachen am anderen Morgen in Sicht war und
+das Schiff bereits kehrte, um sich zwischen dem für Uneingeweihte
+unentwirrbaren Labyrinth von Grün, das in Form von Inseln und
+weit ins Meer hineinragenden Landzungen buchstäblich aus dem Wasser
+hervorstieg, hindurchzuwinden. Auch zur Ebbezeit ist hier kein festes
+Land zu sehen; die hie und da braune Farbe des Wassers deutet nur
+auf ausgedehnte Moderbänke. Der höchsten Erhebungen dieser Bänke hat
+sich eine eigentümliche Vegetation bemächtigt, die, mit Hilfe eines
+mächtigen Gerüstes von zahllosen Luft- und Stützwurzeln, nicht wenig
+dazu beiträgt, die vorhandenen Untiefen zu befestigen und weitere
+Anschwemmungen zu befördern.
+
+Nur sehr langsam näherten wir uns diesen trügerischen grünen
+Streifen, die mit zweifelhaftem Recht den Namen Küste führten; als
+Verkünder des weit in der Ferne in einzelnen undeutlichen Bergspitzen
+sichtbaren Festlandes begrüssten wir sie aber doch mit Freuden. Still
+glitt unser Fahrzeug über die spiegelglatte dunkle Wasserfläche,
+während die strahlende, aber noch nicht lästig warme Sonne mit ihrem
+leuchtenden Glanz das ernste Bild in eintönig grüner Umrahmung zu
+beleben trachtete. Weder Mensch noch hier waren anwesend, um den
+ersten überwältigenden Eindruck dieses grossen aequatorialen Landes
+in seiner beklemmenden Majestät zu brechen.
+
+Zwischen den vielen, aus dem Wasser emporsteigenden Wäldchen steuerte
+der Kapitän sein Schiff, nach einigen nur ihm bekannten Kennzeichen,
+in der Richtung der Kubu, der südlichsten und schiffbarsten Mündung
+des Kapuas. Auch diese Einfahrt liess viel zu wünschen übrig; denn
+wir mussten einige Zeit warten, bis die Flut so hoch gestiegen war,
+dass sie uns über die Moderbank in die noch immer durch eine grüne
+Mauer verborgene Flussmündung tragen konnte. Mehr die Zeit, als die
+Tiefe des Wassers, gaben endlich das Zeichen zum Weiterdampfen; als wir
+uns nach einer scharfen Biegung vor der ungefähr 40 m breiten Öffnung
+in der grünen Mauer befanden, sah das aufgewühlte Wasser verdächtig
+moderfarbig aus. Da es sich aber darum handelte, ob wir hier noch
+zwölf Stunden warten sollten, oder nicht, wollten wir doch lieber
+probieren, ob unser Dampfer nicht ebenso gut durch den Moder als durch
+das Wasser dringen konnte. Mit vollem Dampf wurde die Schraube durch
+das braune Wasser getrieben, aber gleich darauf fühlten wir den Kiel
+durch eine teigige Masse gleiten, die Schnelligkeit verminderte sich,
+und plötzlich befand sich der ganze Vorderteil des Dampfers in einem
+Wald von Nipapalmen.
+
+Zum Glück war dieser unbeabsichtigte Abstecher nicht verhängnisvoll,
+denn von einem festen Ufer war auch hier keine Rede, so dass das
+völlig auf die Moderbank geschobene Schiff. nach eigenen Drehungen
+der Schraube in umgekehrter Richtung, bald wieder mitten in der Kubu
+schwamm und seine Fahrt wieder aufnehmen konnte. Bald begann sich zu
+beiden Uferseiten der Reichtum der tropischen Vegetation zu entfalten;
+die federförmigen Blätter der Nipapalmen (Nipa fruticans Thb.) bildeten
+dabei stets einen lichtgrünen Saum um den dunkleren Urwald.
+
+Das Fahrwasser machte viele Krümmungen und wurde hie und da so eng,
+dass es nur für einen kleinen Dampfer mit kräftigem Steuerruder
+passierbar war. Bisweilen fuhren wir, um besser wenden zu können,
+so dicht unter den Bäumen hindurch, dass wir vor ihren über das
+Verdeck streichenden Ästen flüchten mussten. In einigen Stunden
+befanden wir uns endlich in einer breiten Flussverzweigung, an deren
+Ufern festes Land und Spuren von Kultur sichtbar waren. Kokospalmen
+erhoben ihre hohen Federkronen über die niederen Uferbäume, und für
+Eingeweihte wurde ein Fusspfad zu den malaiischen Wohnungen, die nach
+alter Gewohnheit sorgfältig hinter dem schützenden Wall von Uferbäumen
+verborgen lagen, sichtbar. Erst später erschienen auch einige Malaien
+in langen, schmalen, kaum über die Wasserfläche hervorragenden Böten;
+sie ruderten, um die Strömung zu vermeiden, unter dem Ufergebüsch.
+
+Je weiter wir fuhren, desto zahlreicher wurden die den Reichtum
+dieser Gegenden bildenden Kokosnusspflanzungen. Die Eingeborenen waren
+hier weniger scheu; die Kinderschar geriet sogar beim Erblicken des
+Dampfbootes in fröhliche Erregung.
+
+In wenigen Augenblicken waren alle Nachen mit kleinen Ruderern
+in Paradieseskostüm besetzt, die mit Rudern, Stöcken und Händen so
+schnell als möglich in die Mitte des Stromes zu gelangen suchten, wo
+ihre äusserst ranken Fahrzeuge von den Wellen unseres Dampfers so lange
+umhergeschleudert wurden, bis sie Wasser fassten und umschlugen. Dann
+plätscherte die braune Bemannung unter fröhlichem Gelichter im Flusse
+herum, kehrte das Boot wieder um, entfernte mit einigen geschickten
+Bewegungen das Wasser und schwang sich wieder in den Nachen.
+
+Als wir uns gegen Mittag dem Hauptstrome näherten, erlangte die
+Wasserfläche eine Breite, wie sie im indischen Archipel nur die
+stolzen Ströme von Borneo aufweisen.
+
+Auf der spiegelblanken Fläche war, bis wir Pontianak, den Hauptort
+an Borneos Westküste, erreichten, kein lebendes Wesen zu sehen. Jetzt
+belebten sich aber die Ufer. Die Häuser standen dicht bei einander und
+vereinigten sich, besonders am linken Ufer, zu einem langen malaiischen
+_kampong_ (Dorf). Nach ihrer Bauart zu urteilen, hatten die Malaien
+auch hier den Begriff des Festlandes noch nicht zu fassen vermocht;
+denn vom erkennbaren Ufer aus erstreckten sich ihre Pfahlbauten bis
+weit in den Fluss hinein, wo noch einzelne, auf grossen treibenden
+Baumstämmen gebaute Häuser den Übergang von festen Wohnhäusern zu
+Fahrzeugen vervollständigten. Aus der Ferne war der Anblick der
+unregelmässig bei einander liegenden Gebäude mit der grau-braunen
+_atap_ (Dachbedeckung von Palmblättern) und den schwarzen Holzdächern
+recht hübsch, und die vielen, den Verkehr vermittelnden Ruderbötchen
+gaben dem Ganzen ein besonders lebhaftes Gepräge. In der Nähe jedoch
+machten sich die unschönen Farben der schlecht unterhaltenen Wände
+und Dächer zu sehr geltend; das Gleiche war auch beim Palast (_dalam_)
+des malaiischen Sultans der Fall, von dem ein Europäer etwas anderes
+als ein Durcheinander grosser, unansehnlicher Hütten erwartete.
+
+Wir fuhren jetzt am anderen Ufer einer Reihe buginesischer Behausungen
+entlang, hinter welchen die hässlichen Hinterhäuser des sehr grossen
+chinesischen _pasar_ (Markt) zum Vorschein kamen. Keines dieser
+Gebäude war auf den Grund gebaut; alle standen auf Pfählen im Morast;
+selbst die bis 10 m breiten Strassen bestanden aus Planken, die auf
+Pfählen ruhten.
+
+Einen freundlicheren Eindruck machte der europäische Teil der
+Ortschaft; er dehnte sich mit seinen netten weissen Häusern und
+grossen Gärten zwischen dem üppigen Grün des Ufers aus.
+
+Verglichen mit Batavia ist Pontianak ein kleiner Ort; als wir uns
+dem Anlegeplatz näherten, erinnerte ich mich aber, wie einst, nach
+dreijährigem Aufenthalt auf meinem nördlicher gelegenen Posten Sambas,
+dieser Anblick einen ganz anderen Eindruck auf mich machte. Damals, an
+kleine, graue, malaiische oder schmutzige, dunkle, chinesische Häuser
+gewöhnt, dachte ich unwillkürlich: "wie ist Pontianak doch gross
+und schön!" Die Bewunderung schwand aber, bei näherer Überlegung,
+auch damals schnell, und ich musste über die Veränderung lachen,
+die der Mensch unter dem Einfluss seiner Umgebung unmerklich erleidet.
+
+Erklärlicher ist die Stimmung eines Offiziers, der mir erzählte,
+dass ihm Tränen in die Augen traten beim Gedanken, dass er hier
+einige Jahre verbringen sollte. Und doch--hat man hier längere Zeit
+gelebt--so nehmen die meisten mit Wehmut Abschied. Der "erste Posten"
+wird stets besonders lange in treuer Erinnerung bewahrt. Ist man
+an die Unstätigkeit einer indischen Laufbahn einmal gewöhnt, so
+fällt es einem leichter, angeknüpfte Bande wieder zu lösen, aber
+die beim Abschied vom ersten Posten vergossenen Tränen sind wahr,
+und die herzlichen Abschiedsworte, die man den das Geleite gebenden
+Bekannten zuruft, sind im. Augenblicke wirklich empfunden.
+
+Bei Ankunft unseres Postdampfers stand, obgleich niemand erwartet
+wurde, "ganz Pontianak" in der Mittagsglut auf dem Stege, umgeben
+von zahlreichen Eingeborenen mit und ohne Uniform.
+
+Was das Hotel in Pontianak betraf, so hatte es seit meinem letzten
+Aufenthalt ebenfalls den Wechsel alles Irdischen erfahren, zum Glück
+aber nicht dabei verloren, Der frühere Besitzer, der, obwohl etwas
+braun, doch bei jedermann unter dem echt holländischen Namen _Piet_
+bekannt war, hatte sich mehr für seinen vorteilhaften Handel in
+Orang-Utanen und Orchideen als für den Gang seines Hotels interessiert,
+so dass dieses, nach dem Urteil von Kennern indischer Gasthäuser,
+unter seinem Interesse und Wirken auf zoologischem und botanischem
+Gebiet etwas zu leiden hatte.
+
+Ob ihm nun seine vermittelnde Rolle zwischen europäischen
+Wissenschaftlern und Liebhabern und den Dajak des Inneren auf
+die Dauer nicht mehr gefiel, oder ob ein Wink des Residenten, der
+durch Erteilung einer Regierungsunterstützung auf die Führung des
+Gasthauses Einfluss hatte, das Seine dazu beigetragen, konnte ich aus
+der Ortschronik nicht sicher feststellen; so viel aber war gewiss,
+dass _Piet_ jetzt am jenseitigen Flussufer in einer neu errichteten
+Ölfabrik tätig war und dass wir bei dem neuen Wirt auf reinerem Tisch
+und besser speisten, als es früher der Fall gewesen.
+
+Der Einfluss der sich immer mehr ausbreitenden europäischen Industrie,
+der auch Pontianak aus dem Schlaf zu wecken drohte, hatte leider
+noch nicht zu eingreifenden und sehr notwendigen Verbesserungen
+seines Hotelgebäudes geführt. Das auf Pfählen in einer Schlammgrube
+errichtete Holzgebäude schien nämlich mit einem grossen Teil der
+Ortschaft im Einsinken begriffen zu sein. Bei dieser ständigen
+Abwärtsbewegung hatte der vor den Häusern dem Ufer entlang laufende
+Griessweg immer den Vorsprung; denn, nach dem was die Leute erzählten,
+musste er jedes Jahr mindestens um einen halben Meter erhöht werden,
+damit er nicht mehrere Male im Jahre unter den braunen Wassern des
+Kapuas verschwinde und ein Jagdgebiet der Krokodile werde, denen
+bereits etliche Menschen und Hunde zum Opfer gefallen waren.
+
+Um meinen Aufenthalt nach Möglichkeit abzukürzen, hatte ich schon
+von Batavia aus an den Residenten von Pontianak die Bitte gerichtet,
+grössere Mengen gesalzener Eier, gedörrter Fische, Tabak u. dergl. für
+mich einkaufen zu lassen. Zu meiner angenehmen Überraschung hatte der
+Resident auch bereits das Salz, welches wir für den Selbstgebrauch
+vor allem aber als kostbaren Tauschartikel für die Bahau in grossen
+Mengen nötig hatten, luftdicht in verlötete Blechkisten zu je 20 kg
+Gewicht verpacken lassen.
+
+Wir nahmen 40 dieser Kisten mit und gebrauchten deren 30 am Mahakam.
+
+An anderen notwendigen Artikeln entdeckte ich auf dem chinesischen
+Markt nicht viel Brauchbares; nur selten fand ich eine Partie
+Glasperlen, Tücher oder schwarzen Kattuns in der erforderlichen
+Verpackung. Die erleichterte Dampferverbindung mit den höher am
+Kapuas gelegenen Ortschaften hatte auch hier zur Folge gehabt, dass
+die Zwischenhändler verschwanden und die kleinen Händler von oben
+ihre Bestellungen direkt nach Singapore richteten.
+
+Weit besser bediente man uns mit _kadjang_ (Palmblattmatten) und
+allem, was mein Küchenjunge Midan, um mir in einer Gegend ohne _toko_
+(Läden) und _pasar_ (Markt) eine gute Mahlzeit bereiten zu können,
+für nötig hielt. Da er hierin am meisten Sachkenntnis besass, konnte
+ich ihm die Küchensorgen getrost überlassen.
+
+Der Resident hatte uns, gleich nach meiner Ankunft, seine Jacht
+"Karimata" zur Verfügung gestellt, so dass wir schon am 24. Mai nach
+Putus Sibau, unserem nächsten Halteplatz, weiterreisen konnten.
+
+Dank der Zuvorkommenheit des Residenten durften wir die mitzunehmenden
+Leute unter den bewaffneten eingeborenen Schutzmannschaften selbst
+wählen; wir suchten diejenigen zu gewinnen, welche bereits bei der
+topographischen Aufnahme des Kapuasgebietes und bei den militärischen
+und wissenschaftlichen Expeditionen der letzen 10 Jahre als Geleite
+gedient hatten und an das Leben in der Wildnis, fern von ihrer Familie
+und der vertrauten Umgebung, gewöhnt waren. Zur Anwerbung dieser
+Soldaten begab sich _Barth_ später von Sintang nach seinem früheren
+Wohnplatz am Melawie, Nanga Pinoh, und holte uns nachher am oberen
+Kapuas wieder ein.
+
+Ich nahm also von Pontianak Abschied und zwar mit dem stillen Wunsch,
+dass mich die Westküste vor der Hand nicht wiedersehen sollte. Auf
+dem Flusse zeigte sich die gleiche Aussicht, wie einige Tage zuvor,
+nur wurden die Ufer eintöniger, weil die Nipa nur so weit wächst,
+als das Brackwasser reicht, also etwas über Pontianak hinaus.
+
+Die breiten stillen Ströme bieten nur wenig Abwechslung; das
+Dampfschiff vertreibt Krokodile und Affen, die sich sonst zu zeigen
+pflegen, und der Waldrand ist zu weit entfernt, als dass man seine
+Schönheit wirklich geniessen könnte. Jetzt war er nur als schmaler
+Saum längs der Wasserfläche bemerkbar; auf der vorigen Reise hatte ich
+aber einen unvergesslichen Eindruck von ihm erhalten. Damals machte
+ich die Fahrt mit einem ausgedienten Regierungsdampfer; infolge der
+starken Anspannung brach eine Maschinenstange, so dass wir lange liegen
+bleiben und mit einer kleinen, an Bord befindlichen Schmiede den Bruch
+zu heilen suchen mussten. Als die Schmiede an Land gebracht wurde,
+bekam ich, durch den Vergleich mit den am Ufer arbeitenden Menschen,
+einen Begriff von den riesenhaften Dimensionen der Urwaldbäume. Für
+gewöhnlich verliert man in der Beurteilung der Tropennatur gar bald
+jeden Massstab.
+
+Die Landschaftsbilder, die sich auf der weiteren Fahrt vor uns
+entrollten, hatten viel Europäisches an sich; mit der Nipa waren
+nämlich die charakteristischsten Repräsentanten des Pflanzenreichs im
+indischen Archipel, die Palmen, verschwunden; sie zeigen sich in den
+aequatorialen Wäldern Borneos, mit wenigen Ausnahmen, nur da, wo der
+Mensch sie hinpflanzte. Gewöhnlich geben ihre Federkronen den Ort an,
+an dem Menschen wohnen oder gewohnt haben. Erblickt man daher einen
+Tropenwald aus der Ferne, von oben oder von der Seite, so sieht man
+nur Laubbäume; aus der Nähe betrachtet verschwindet jedoch dieses
+europäische Äussere; das einfarbige Bild löst sich nach der grossen
+Verschiedenheit der tropischen Baumarten, die hier neben, über und
+durch einander wachsen, in eine unendliche Mannigfaltigkeit grüner
+Schattierungen auf.
+
+Während der beinahe zwei mal 24 Stunden dauernden Fahrt nach Sintang
+verändert sich die Gegend nur wenig; der Strom wird breiter und
+breiter, bis bei Tajan, dem Wohnplatz eines Kontrolleurs, die Ufer
+1500 m von einander entfernt sind, so weit, dass man die Bäume der
+gegenüberliegenden Seite schwer unterscheiden kann. Der Dampfer hielt
+nicht an, um dem Beamten Nachrichten von der Aussenwelt zukommen zu
+lassen, die ihm in seinem Einsiedlerleben, als einzigem europäischen
+Repräsentanten der Regierung, einige Abwechslung gebracht hätten. Der
+Kontrolleur verwaltet ein Gebiet von der Grösse einer Provinz seines
+Vaterlandes, auf dem sich jedoch nur hie und da eine Niederlassung von
+Dajak oder Malaien unter dem _panembahan_ (Fürst) von Meliau befindet.
+
+Endlich brachten einige Hügelreihen mit unregelmässigen Formen
+etwas Abwechslung in das Bild; sie waren aber nicht hoch genug, um
+die majestätische Wasserfläche zu beherrschen. In der ersten Nacht
+passierten wir Sanggau, an dem wir vorbei dampften, um so schnell
+als möglich Sintang zu erreichen. Am 26. Mai erwachten wir dort;
+um unsere Nachtruhe nicht zu stören, hatte der Kapitän kein Signal
+mit der Dampfpfeife ertönen lassen.
+
+An der Mündung der Melawie erbaut, hat Sintang, wie alle grossen
+malaiischen Wohnplätze, eine vorzügliche Lage, um auf den Handel der
+im Gebiet der Melawie wohnenden Dajak einen beherrschenden Einfluss
+auszuüben, d.h., nach malaiischer Auffassung, so viel Steuern als
+möglich zu erpressen. Diesem erhebenden Streben der malaiischen Fürsten
+ist nun durch die indische Regierung Zaum und Zügel angelegt worden;
+aber sie haben doch stets eine starke Festung mit 150 Mann Besatzung
+vor Augen nötig, um sich in ihre Beschränkung zu fügen.
+
+Zu meiner Freude konnte ich in Sintang verschiedene alte Bekannte
+begrüssen; im übrigen hatte ich aber keinen Grund, mich hier lange
+aufzuhalten, denn auf dem Markt fand ich nur einen einzigen für den
+oberen Kapuas brauchbaren Artikel. Ich setzte jetzt alle Hoffnung
+auf den Markt von Bunut und auf die Chinesen, die von dort aus in
+grossen, verdeckten Magazinböten ihre Handelsartikel nach Putus
+Sibau hinaufrudern.
+
+Nachdem wir in Semitau, einer Station auf unserer ersten Expedition im
+Jahre 1894, den Kontrolleur besucht hatten, ging es schnell den Fluss
+aufwärts bis nach Bunut, das wir am 28. Mai abends erreichten. Weiter
+aufwärts wurde die Fahrt nachts gefährlich wegen der grossen abwärts
+treibenden Baumstämme und der im Fluss versunkenen Stämme (einige
+Eisenholzarten haben ein sp. Gewicht von etwa 1.2), die bei Hochwasser
+durch den starken Strom immer weiter verschoben werden.
+
+Oberhalb Semitau trugen die Ufer des Kapuas einen anderen Charakter;
+die ununterbrochene Buschvegetation war verschwunden, man sah nur
+niedriges Strauchwerk, das auf den von Malaien und Dajak verlassenen
+_ladang_ (trockenen Reisfeldern) aufgeschossen war.
+
+Der chinesische Markt in Bunut enttäuschte mich, was seinen Vorrat an
+Perlen und seidenen Tüchern betraf, zum Glück nicht; wir waren aber
+doch schon um 8 Uhr morgens mit unseren Einkäufen fertig und konnten
+sogleich weiter nach Putus Sibau hinauf fahren.
+
+Unterwegs hatte ich aufs neue Gelegenheit, mich davon zu überzeugen,
+mit welcher enormen Schnelligkeit sich das Pflanzenreich eines
+verlassenen Kulturbodens wieder bemächtigt. Vor zwei Jahren hatte ich
+mich über die grosse Zahl der am linken Ufer angelegten Reisfelder
+gewundert, jetzt war von diesen wenig mehr übrig; das Ufer war überall
+gleichmässig von derselben Strauchvegetation von 10-15 m Höhe bedeckt.
+
+Dank dem hohen Wasserstande, konnten wir unsere Fahrt über Untiefen
+und versunkene Baumstämme ungehindert fortsetzen, bei den letzten
+Strahlen der untergehenden Sonne Putus Sibau erreichen und bei der
+mir wohlbekannten _kubu_ (Blockhaus) auf dem Floss anlegen. Diese
+_kubu_, deren es am oberen Kapuas zahlreiche giebt, sind viereckige,
+ungefähr 2 m über dem Boden errichtete und rund herum mit Palisaden
+umgebene Gebäude, die etwa 10-20 mit Beaumontgewehren bewaffneten
+Eingeborenen als Wohnhaus dienen. Unter Aufsicht des Kontrolleurs
+stehend haben diese Soldaten für die Aufrechterhaltung der Ruhe zu
+sorgen, zugleich müssen sie dem Beamten auf seinen Reisen, die hier
+stets zu Wasser ausgeführt werden, als Ruderer dienen.
+
+Putus Sibau liegt am Kapuas vor der Mündung seines rechten Nebenflusses
+Sibau und ist der höchste Punkt, den Dampfer bei hohem Wasserstande
+noch erreichen können. Weiter oberhalb engen grosse Geröllbänke das
+Flussbett in Trockenzeiten stark ein und verursachen in Regenzeiten
+wiederum so heftige Stromschnellen, dass auch kleine Dampfbarkassen nur
+in den günstigsten Fällen weiter hinauffahren können. Lange bevor man
+in Putus Sibau an eine Dampferverbindung dachte, hatten die Malaien
+die grosse Bedeutung dieses Ortes bereits begriffen und hier ihre
+letzte Niederlassung im Binnenlande gebaut. Bis vor kurzem waren sie
+hier Alleinherrscher; ihren Hauptunterhalt bildete der Handel mit
+den wichtigsten der benachbarten Dajak Stämme: den Kajan-, Taman-,
+Kantu- und Sibau-Dajak; einen Nebenerwerb bildete das Sammeln von
+Buschprodukten.
+
+Als nach Einsetzung der niederländischen Verwaltung den ständigen
+Fehden der Stämme untereinander und besonders den Einfällen der
+Batang-Lupar aus Serawak ein Ende gemacht wurde, wagten sich sehr bald
+auch die Chinesen bis Putus Sibau hinauf. In langen Ruderröten fuhren
+sie in 3-4 Tagen den Kapuas von Bunut aufwärts, um ihre Waren vom Markt
+in Bunut hier an den Mann zu bringen. Die niederländische Regierung
+verweigerte ihnen aber das Niederlassungsrecht, das sie sich wohl auch
+nicht sonderlich wünschten, da der Kontrolleur weit ab, in Semitau,
+wohnte und die Malaien ihre Konkurrenten, durch deren Gegenwart ihrem
+Monopol auf den betrügerischen Handel mit den Dajak ein Ende gemacht
+wurde, mit scheelen Augen ansahen. Das Wohnen in Böten bietet den
+Chinesen ausserdem den grossen Vorteil, dass sie sich bei drohender
+Gefahr schnell aus dem Staube machen können, was in dieser Gegend,
+wie es sich in den letzten Jahren erwiesen, oft sehr wünschenswert war.
+
+Wenige Jahre vor unserer ersten Expedition 1894 waren, auf das Gerücht
+eines grossen Einfalls der Dajak aus Serawak hin, alle Händler aus
+Putus Sibau nach Bunut geflüchtet; die Bevölkerung selbst lebte seit
+dem grossen Plünderungszug der Batang-Lupar am oberen Mahakam 1885
+in ständiger Angst.
+
+Bei meiner Ankunft jedoch waren alle schreckenerweckenden Gerüchte
+längst vergessen und seit meinem ersten Besuch in Putus Sibau
+hatten viele Veränderungen stattgefunden. Der Resident hatte es nach
+der ersten wissenschaftlichen Expedition für ratsam gehalten, den
+malaiischen Distriktsaufseher von Putus Sibau durch einen Kontrolleur,
+den Herrn _Westenenk_, zu ersetzen und dieser hatte dafür gesorgt,
+dass das Äussere des malaiischen Dorfes, das, wie überall am Kapuas,
+aus einer Reihe niedriger Häuser am Flussufer bestand, wesentlich
+verbessert worden war; ausserdem hatte er den chinesischen Händlern
+das Niederlassungsrecht gewährt.
+
+Auf dem rechten Ufer, das hoch gelegen war, und nicht, wie das steile
+linke, bei jedem Hochwasser ein Stück Boden durch Absturz verlor,
+waren eine Reihe chinesischer Häuser im Bau begriffen; sie schlossen
+sich dicht an einander und waren durch eine lange Galerie unter ihrem
+gemeinsamen Dache verbunden.
+
+Hier war also der Grund zu einem neuen festen Handelsplatze mit
+ansässiger. Bevölkerung gelegt, für die umliegenden Gebiete ein
+Ereignis von grösster Bedeutung, da die Aufsicht eines europäischen
+Beamten den allzueifrigen Bemühungen der Händler, sich auf Kosten
+der harmlosen Eingeborenen zu bereichern, eine Grenze setzte. Eine
+weitere wichtige Folge der Gewährung des Niederlassungsrechtes war,
+dass die chinesischen Handelsdampfer jetzt nicht mehr in Bunut Halt
+machten, sondern direkt bis Putus Sibau hinauffuhren, wodurch die
+Preise der eingeführten Waren sanken und die der Buschprodukte stiegen.
+
+So konnte auch ich meine Einkäufe jetzt ebensogut in Putus Sibau als
+in Bunut machen, was mir, besonders später beim Zuge an den Mahakam,
+sehr zu statten kam.
+
+Ein Teil der kleineren malaiischen und chinesischen Händler hatte
+jetzt gerade schwere Zeiten zu bestehen, da einige andere, reiche,
+von weit unten heraufgekommene Konkurrenten sich besonders des Handels
+mit Buschprodukten zu bemächtigen suchten.
+
+Eine wichtige Rolle bei dieser Art von Handel spielt das
+Vorschusswesen: ein Malaie oder Dajak, der in den Urwald zieht, um
+Buschprodukte zu suchen, erhält von einem anderen Malaien oder Chinesen
+auf Kredit eine Ausrüstung an Kleidern, Werkzeugen und besonders an
+Reis unter der Bedingung, dass er später mit dem, was die Expedition
+an Rotang, Guttapercha und Kautschuk liefern wird, das Geliehene
+reichlich zurückbezahlt. Sind die Buschproduktensucher einmal fort,
+so ist eine Überwachung ihrer Arbeit oder eine Bestimmung des Termins
+ihrer Rückkehr fast unmöglich, da sie wochenlang in unbewohntem Lande
+die Flüsse hinauffahren und man sie in den Bergen des Urwaldes schwer
+erreichen kann.
+
+Meistens sind es Malaien, die sich ganz dem Sammeln von Buschprodukten
+widmen; ihr angeborener Hang zum Nomadenleben und die eingebildete
+Freiheit, die sie im Urwalde geniessen, treibt viele dazu, ihre
+Dörfer am unteren und mittleren Kapuas für Jahre zu verlassen; ihnen
+schliessen sich auch manche, von bösem Gewissen geplagte Leute an,
+um dem Gefängnis zu entgehen.
+
+In Gegenden, die reich an Rotang und Guttapercha sind, trifft man
+daher eine sehr zweifelhafte Gesellschaft malaiischer Abenteurer
+an; sie wissen sich jedoch auch das Leben im Urwalde gemütlich
+zu machen. So bildete 1896 der Oberlauf des Kréhau, des linken
+Quellflusses des Kapuas, das Zentrum des Buschverkehres; man baute
+dort, in nächster Nähe der Buschprodukte, Wohnungen. Händler brachten
+die nötigen Waren, die wegen des schwierigen Transportes sehr teuer
+wurden; aber die Möglichkeit, die man dort genoss, der Leidenschaft
+für Kartenspiel und Hahnengefechte ungestraft fröhnen zu können,
+wog manche Nachteile auf. Aus Mangel an Frauen vergriffen sich die
+Malaien an denjenigen der in der Nachbarschaft schwärmenden Punan
+und Bukatstämme; das kostete ab und zu allerdings einen Kopf--aber
+was riskiert man nicht alles der goldenen Freiheit wegen!
+
+Unternehmendere Malaien dingen bisweilen für einige Monate zu einem
+bestimmten Lohn Kajan- oder Taman-Männer und ziehen mit ihnen in den
+Wald. Wird eifrig gesammelt, so bildet das Buschproduktesuchen eine
+lohnende Beschäftigung, der am Kapuas viele einen gewissen Wohlstand
+zu danken haben. Die Malaien sind aber im Busch wie zu Hause einer
+regelmässigen Arbeit abgeneigt.
+
+Haben sie eine so grosse Menge Guttapercha und Rotang beisammen, dass
+sie von ihrem Ertrag einige Zeit leben und geniessen können, so tritt
+ihre Sucht zum Faulenzen und ihre Leidenschaft für Würfelspiel und
+Frauen so sehr in den Vordergrund, dass die Arbeit im Stich gelassen
+wird, bis die Not sie wieder zu ihr treibt. Unter diesen Umständen
+regt auch der Gedanke an die fernen Gläubiger nicht zur Arbeit an. Auf
+viele wirken diese Verhältnisse geradezu lähmend; denn sie machen
+stets neue Schulden, deren Tilgung immer schwieriger wird.
+
+Begreiflicher Weise ist unter derartigen Verhältnissen das Ausleihen
+auf Kredit für die Händler mit grossem Risiko verbunden und bietet
+nur denjenigen Vorteil, die im Stande sind, mit auf den Arbeitsplatz
+zu ziehen und ihre Schuldner zu beaufsichtigen. In dieser Beziehung
+sind die kleinen Händler den grossen gegenüber im Vorteil.
+
+Geld spielt bei diesen Handelskontrakten selten eine Rolle. Sowohl
+Malaien als Dajak lassen sich ihre Produkte mit Kattun, javanischem
+Tabak, Salz und allerhand Nahrungsmitteln bezahlen. Auch die
+Dajak kaufen gern auf Schulden und bezahlen diese bei der folgenden
+Reisernte. Von einer Zinszahlung in unserem Sinne ist hier keine Rede;
+aber die Händler entschädigen sich, indem sie die Quantität des zu
+empfangenden Reises erhöhen. Auch hierin bringen geregeltere Zustände
+Veränderungen hervor; so erzählte mir der Kajanhäuptling _Akam Igau_,
+der in seinem Leben viele Handelszüge unternommen hatte, dass er
+seine ersparten Dollars in Bunut nach malaiischer Weise gegen 3%
+monatlichen Zinses unterzubringen beabsichtige.
+
+In auffallendem Gegensatz hierzu werden europäische Industrieprodukte,
+die aus den Fabriken direkt nach Singapore und von dort durch Chinesen
+nach Putus Sibau eingeführt werden, zu kaum höheren Preisen als in
+Europa verkauft. Wir wunderten uns nicht wenig, hier für fl 1.37
+europäische Regenschirme kaufen zu können, die wegen ihres dünnen
+Überzuges zwar besser gegen Sonne als gegen Regen schützten, im übrigen
+aber hübsch gearbeitet waren. Einfache Schmucksachen, wie vergoldete
+Armbänder, waren zu Bazarpreisen käuflich und nette Glasdöschen mit
+einem Dutzend Fingerringe mit bunten Steinen zu fl. 1 lieferten den
+traurigen Beweis, dass in Europa viel Arbeit gegen geringe Belohnung
+geleistet werden muss.
+
+Da die Bedürfnisse und das Kaufvermögen der Dajak sehr gering sind,
+kann ein Handel mit ihnen auch nur wenige unterhalten und die vielen
+Malaien, die langsam flussaufwärts gezogen sind, sehen sich genötigt,
+hauptsächlich vom Ertrag der Buschprodukte zu leben. Jedoch auch
+die Buschprodukte müssen schon seit Jahren aus sehr entfernten
+Gegenden geholt werden und der Vorrat ist so beschränkt, dass er
+nicht mehr allen einen Verdienst liefern kann. Um der dringenden
+Not abzuhelfen, wurde, bei meinem früheren Aufenthalt am Mendalam,
+der Kapuas freigegeben, um aus dein Flussand Gold zu waschen. Die
+Goldwäscherei ist hier zwar nicht sehr lohnend, reicht jedoch zum
+Unterhalt einer Familie aus, da auch Frauen und Kinder sich an
+der Arbeit beteiligen. In Anbetracht des Umstandes, dass sich die
+benachbarten Dajakstämme dadurch in ihren Rechten verkürzt glaubten,
+verlangte diese Massregel viel Umsicht und Geschicklichkeit seitens
+des Kontrolleurs, und die Goldwäscherei wurde auch nicht weiter als
+bis zur Mündung des Kréhau gestattet.
+
+Dergleichen Rechte der Dajak auf die Erzeugnisse des Landes werden
+übrigens auch beim Sammeln von Buschprodukten berücksichtigt und die
+Sitte verlangt, dass dem betreffenden Dajakhäuptling 10% des Ertrages
+abgeliefert werden. Am oberen Kapuas sind durch das Hin- und Herziehen
+der Stämme die Ansprüche auf Ländergebiete so kompliziert geworden,
+dass die holländische Verwaltung sich in diesem Stromgebiet mit der
+Einnahme und Verteilung der Steuern unter den Häuptlingen hat befassen
+müssen. Auch die ausserhalb wohnenden Pnihinghäuptlinge vom Mahakam
+kommen hierbei in Betracht, da auch sie früher am Kapuas lebten.
+
+
+
+
+KAPITEL II.
+
+ Aufenthalt in Patus Sibau--Aussichten für die
+ Mahakamreise--Besuch der Batang-Lupar Aufbruch nach Tandjong
+ Karang--Einrichtung des Kajan Hauses--Ärztliche Praxis
+ unter der Bevölkerung--Vorbereitungen für den Zug nach dein
+ Mahakam--Rückkehr nach Putus Sibau Einkauf von Ethnographica und
+ Krankenbehandlung--Verwundung eines Sibau Dajak.--Zurücksendung
+ eines Jägers--Besuche der Kajan--_Usun_ in Putus Sibau--Befragen
+ der Vögel--Aufbruch nach dem Mahakam.
+
+
+Der Kontrolleur von Putus Sibau, dein schon von Batavia aus die
+Bestellung von Böten aufgetragen worden war, hatte uns bereits
+erwartet und die Kaserne seiner Schutzsoldaten zur Aufnahme unserer
+Mannschaften und Güter vorbereitet. Nachdem wir uns in der alten
+Umgebung wieder eingerichtet hatten, erkundigten wir uns, wie es
+mit der Aussicht auf eine Expedition zum Mahakam stehe. Vorläufig
+waren die Aussichten noch nicht glänzend; die Kajan am Mendalam
+waren noch mit der Ernte beschäftigt; ihr Häuptling _Akam Igau_,
+der mich bereits auf der vorigen Reise begleitet hatte, befand sich
+eben am Embálau, um mit den Erbfeinden der Kajan, den Batang-Lupar
+(auch Hiwan genannt) aus Serawak, zu beraten; endlich lauteten auch
+die Berichte vom Mahakam beunruhigend. Wie bei allen bösen Gerüchten
+aus diesen Gegenden, standen auch jetzt wieder begangene Mordtaten im
+Vordergrund: die Bungan Dajak sollten einen Malaien _Adam_, der 1896
+meinen Zug zum Mahakam zu verhindern gesucht hatte, getötet haben
+und am _Boh_ sollten fünf Batang-Redjang, welche am Flussufer nach
+Buschprodukten suchten, ermordet worden sein.
+
+Bald stellte sich auch heraus, dass die Kajan die bestellten Böte noch
+nicht fertig hatten, so dass die wenigen Monate günstiger Reisezeit,
+die uns noch übrig blieben, sicher mit Vorbereitungen verstreichen
+mussten.
+
+Sobald _Akam Igau_, den der Kontrolleur mit dem kleinen Dampfer
+"de Punan" vom Embälau zurückholen liess, unsere Pläne gehört und
+sich überlegt hatte, erklärte er sich bereit, uns zu begleiten. Seine
+Zusage war für uns eine grosse Beruhigung; wir ersahen aus ihr, dass
+er, der die Denkweise seiner Verwandten am Mahakam besser als irgend
+jemand kannte, die Aussicht auf Erfolg für genügend gross hielt, um
+mit uns die Reise zu wagen. Seine Zusage bezog sich jedoch nur auf ihn
+und einige seiner Leibeigenen; um aber eine rationelle und ausgiebige
+Unterstützung zu erlangen, musste ich selbst mit den verschiedenen
+Niederlassungen der Kajan am Mendalam Unterhandlungen anknüpfen.
+
+Auf meiner letzten Reise hatte ich einen jungen, _Akam Igau_ feindlich
+gesinnten Häuptling, namens _Tigang Aging_, vorn Zuge ausschliessen
+müssen, weil ich Zwistigkeiten zwischen beiden fürchtete; jetzt aber
+hatte ich so viel mehr Personal bei mir, dass auch mehr Träger und
+Ruderer erforderlich waren, als eine einzige Niederlassung liefern
+konnte; es war mir daher sehr willkommen, dass auch Tigang zum Mitgehen
+bereit war.
+
+Die Unterhandlungen begannen wiederum mit einer Diskussion über die
+Zeit des Aufbruchs.
+
+Obgleich die Ernte noch nicht beendet und das grosse Neujahrsfest
+noch nicht gefeiert worden, zu den Reisevorbereitungen also noch
+ein Überfluss an Zeit vorhanden war, lautete der Vorschlag seitens
+der Kajan doch, dass nicht vor der folgenden Saatzeit aufgebrochen
+werden sollte, was einen Aufschub von fünf Monaten und ein Reisen
+zu ungünstiger Jahreszeit bedeutete. Ich appellierte jedoch an ihren
+gesunden Verstand und suchte ihnen begreiflich zu machen, warum dieser
+Vorschlag unausführbar war; im übrigen überliess ich diese wichtige
+Frage jedoch der Zukunft, da ein erwarteter Versöhnungsbesuch der
+Batang-Lupar, die sich noch am Embálau aufhielten, die Gemüter sehr
+erregte und für andere Interessen unzugänglich machte.
+
+Diese Batang-Lupar kamen nämlich, etwa 100 Mann stark, aus dem
+Gebiete von Serawak und standen unter Führung von zweien der grössten
+Häuptlinge am mittleren Batang-Redjang, _Kanjan_ und _Rawing_. Beide
+hatten sich als Anführer des grossen Feldzuges der Batang-Lupar gegen
+die Kenjastämme im Quellgebiet des Balui oder oberen Batang-Redjang
+einen grossen Ruf erworben. Schon seit alter Zeit lebten die
+Batang-Lupar mit den Taman und Kajan am Mendalam auf dem Kriegsfuss,
+jetzt kamen ihre Häuptlinge, wie sie sagten, um Frieden zu schliessen.
+
+Nach ihrer Art und Weise zu reisen waren diese Batang-Lupar schon
+seit sechs Monaten unterwegs; ihre wahrsagenden Vögel hatten sie
+stets wieder gezwungen Halt zu machen und sie selbst hatten jede
+Gelegenheit benutzt, um im Gebirge Buschprodukte zu sammeln. Auch
+hatte ihnen im Urwald die Herstellung von Böten zum Befahren des
+Embálau viel Zeit gekostet.
+
+In Borneo ist jeder Fremdenbesuch verdächtig, da nach Landessitte
+eine gute Gelegenheit Köpfe zu jagen auch auf Gäste sehr verlockend
+wirkt. Bedenkt man, dass der Kontrolleur in Putus Sibau mit seinen
+8 Schutzsoldaten keine starke Festung zur Verfügung hatte, so nimmt
+es nicht Wunder, dass man auch dort sehr auf der Hut war.
+
+Sicherheitshalber hatte der Kontrolleur _Kanjan_ und _Rawing_ nur mit
+30 Mann Gefolge nach Putus Sibau zu kommen gestattet, auch sollten
+die beiden Häuptlinge nur eine Nacht in jeder Kajan Niederlassung
+verbringen und zwar ohne ihr Geleite. Um ihnen diesen Beschluss
+mitzuteilen, war _Akam Igau_, der als weitgereister Mann auch diese
+Stämme kannte, zum Embálau gesandt worden.
+
+Ich erlebte noch die Ankunft der Batang-Lupar in Putus Sibau und hörte
+ihre indirekten Berichte vom Mahakam. Da empfing ich von den Mendalam
+Kajan aus Tandjong Karang die Nachricht, dass sie mich, ihrer vielen
+Kranken wegen, mit Ungeduld erwarteten. Obgleich die Friedensfeier
+sehr interessant zu werden versprach, beschloss ich doch, der Bitte
+meiner Kajanfreunde bald Folge zu leisten.
+
+An Vorräten und Tauschartikeln nahm ich nur das Notwendigste mit,
+alles übrige liess ich unter der Obhut des Kontrolleurs in Putus
+Sibau zurück.
+
+_Demmeni_ und _Bier_ sollten während meines Aufenthaltes bei den
+Kajan ihre Zeit dazu verwenden, ihre Ausrüstung in Ordnung zu
+bringen. Ersterer sollte ausserdem die Aufsicht über einige Leute
+aus Buitenzorg führen, die Kisten und Blechsachen zu reparieren oder
+herzustellen hatten.
+
+_Doris_ der Präparator begann sogleich seine Tätigkeit auf zoologischem
+Gebiet, während die beiden Javanen, _Sekarang_ und _Hamja_, hier
+gute Gelegenheit hatten, sich im Sammeln und Lebendkonservieren von
+Urwaldpflanzen zu üben. Obgleich beide nur im botanischen Garten von
+Buitenzorg gearbeitet hatten, zeigten sie sich doch bald, in noch
+höherem Grade als ihre Kollegen im Jahre 1896, zur Erfüllung ihrer
+Aufgabe befähigt.
+
+Wegen der Schwierigkeit, die Kajan auch nur für einen Tag zur
+Unterbrechung ihrer Arbeit zu bewegen, um mich und mein Gepäck
+nach Tandjong Karang abholen zu lassen, mietete ich einige Malaien,
+die sich nie durch anderweitige Pflichten daran verhindert sehen,
+einen Extralohn zu verdienen.
+
+Böte lieh mir der Kontrolleur und so konnte ich bereits am 7. Juni
+zum Mendalam aufbrechen.
+
+Als wir, nach fünfstündiger Fahrt, um die letzte Flussbiegung fuhren,
+trat mir das wohlbekannte Tandjong Karang wieder vor Augen: hinter
+einem Vordergrunde von dunkelgrünen Fruchtbäumen und zahlreichen
+kleinen, zerstreuten Reisscheunen kam das hohe, gerade Dach der langen
+Kajanwohnung zum Vorschein. Das Haus dehnte sich parallel dem Ufer
+über eine 250 m lange Strecke aus; sein 15 m hoher First, der sich
+gegen den hellen Himmel besonders scharf und geradlinig abhob, war nur
+in der Mitte, über der Wohnung des Häuptlings, um einige Fuss erhöht.
+
+Mit Stangen das Boot längs dem Ufer vorwärtstreibend, erreichten
+wir bald die Steinbank vor dem Hause und ich verliess mein Fahrzeug,
+umringt von Kindern, von denen mich einige mit dem Finger im Munde
+verlegen anstarrten; durch meinen vorigen Besuch waren sie jedoch
+schon zu sehr an mich gewöhnt, um fortzulaufen. Ein vielbetretener Pfad
+führte mich das hohe Ufer hinauf; weiter diente ein langer Baumstamm
+als Brücke über einen 5 m tiefen Graben, den der Strom seit meinem
+letzten Aufenthalt hatte entstehen lassen. Hieran schloss sich ein aus
+1 m breiten Brettern bestehender Steg, der in 1 1/2 m Höhe über dem
+Erdboden auf Eisenholzquerbalken ruhte, die wiederum in die Öffnungen
+senkrecht stehender Pfähle eingefügt waren. Dergleichen Pfähle werden
+gewöhnlich mit grotesken Menschenfiguren verziert, hier war man aber
+noch nicht so weit. Dieser 40 m lange Steg führte zu einer kleinen
+Plattform am Fuss der Haustreppe. Wir hatten bei diesem Gang den mit
+Fruchtbäumen und Reisscheunen besetzten Vorderplatz passiert, der
+ausserdem viele kleine mit Sirih (Piper betle) und Gemüse bepflanzte
+Gärtchen enthielt, welche gegen die vielen frei herumlaufenden Schweine
+und Hühner mit festen flecken umgeben waren.
+
+Am Fuss der Treppe stand _Akam Igau_; er empfing mich sehr erfreut und
+forderte mich auf, ins Haus einzutreten. Auf der Galerie des 5 m über
+dem Erdboden auf einem Wald von Pfählen ruhenden Hauses hatte sich bei
+meiner Ankunft eine Menge brauner Gestalten aus den verschiedenen
+Wohngemächern versammelt, vor allem Frauen und Kinder, die ihre
+Neugier am wenigsten zu beherrschen schienen. Die gute Kajansitte
+forderte jedoch, dass sich keiner unsere frühere Bekanntschaft
+merken liess, bevor ich ihn mit einem Kopfnicken begrüsst hatte,
+d.h. auch das Kopfnicken entsprach eigentlich nicht der Sitte; denn
+unter einander begrüssen sich die Kajan überhaupt nicht. Besuchen sie
+einander, so machen sie es sich erst bei ihren Gastherren gemütlich,
+bevor sie für diese zu sprechen sind.
+
+Die Frauen trugen offenes Haar, blossen Oberkörper und verschiedene
+Halsketten; von unterhalb der Hüften bis zu den Füssen bekleidete sie
+ein Röckchen, das mittelst zweier Perlenschnüre am Körper festgebunden
+war. Von den Kindern liefen nur die kleinsten nackt umher, die ungefähr
+zweijährigen trugen bereits ein Röckchen oder Lendentuch. Die Kleidung
+der Männer bestand bei den meisten nur in einem Lendentuch, einige
+erfreuten sich auch des Besitzes einer bunten malaiischen Hose.
+
+Nachdem sich die Menge etwas verlaufen hatte, liess sich die mächtige
+Galerie des Hauses in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken.
+
+Bei allen Dajak herrscht die Sitte, dass der ganze Stamm in einem
+einzigen langen Hause (_uma_) wohnt; sie tun dies der Sicherheit
+wegen. Aus dem gleichen Grunde bauen sie ihre Häuser auch auf Pfählen,
+mehrere Meter über dem Erdboden; jedes Haus dient bei Überfällen
+zugleich auch als Festung gegen den Feind. Von der Galerie (_awa_)
+führen an der durchlaufenden, mittleren Hauswand (_liding_) in
+Abständen von 4-6 m Türen mit 1/2 m hohen Schwellen in die dahinter
+gelegenen Wohngemächer (_amin_) der einzelnen Kajanfamilien. Vor
+der Häuptlingswohnung (_amin aja_), wo das Dach etwas erhöht war,
+erreichte auch die Galerie eine grössere Breite und ragte mit erhöhtem
+2 m breitem Fussboden nach aussen vor. Dieser Ausbau, auf dem ein
+Herdplatz angebracht war, diente als Gastgemach und war auch mir
+als solches angewiesen. Bau, Ausführung und Reinheit der Galerie
+fielen angenehm auf; der Fussboden bestand aus gut bearbeiteten
+aneinanderschliessenden Planken, auf denen man auch abends, ohne
+seine Gliedmassen zu riskieren, ruhig umhergehen konnte.
+
+Vor jeder Wohnung bzw. jedem Wohngemache stand neben der Tür ein zum
+Reisstampfen bestimmter Block, (_lesong)_.
+
+An der Aussenseite, wo das schräge Schindeldach nur t m über dem
+Fussboden hing, war die Galerie durch eine Reihe horizontaler Latten
+abgeschlossen.
+
+Während meine Leute das Gepäck nach oben ins Gastzimmer brachten, lud
+mich _Akam Igau_ zur Begrüssung seiner Familie in seine Wohnung ein.
+
+In gebückter Haltung über die Türschwelle steigend gelangte ich
+in einen schmalen langen Gang, der mitten in ein 8 × 12 m grosses
+Gemach führte. Männer, Frauen, Kinder und Hunde bewegten sich in dem
+rauchgeschwärzten Raume durcheinander.
+
+Beim Lichtschein, der spärlich durch das grosse, mittelst einer
+Palmblattklappe geschlossene Dachfenster (_huwábw_) hereindrang,
+bemerkte ich längs den Wänden verschiedene gesonderte Räumlichkeiten,
+welche den verheirateten Familiengliedern, die im übrigen alle
+zusammenlebten, als Nachtquartier dienten. Längs der Galeriewand erhob
+sich ein 5 m breiter Herd auf dem etliche eiserne Töpfe (_taring_)
+auf Dreifüssen zum Kochen gestellt waren. Auf Wandgestellen über dein
+Feuer befanden sich, durch den Rauch vor Feuchtigkeit und Insekten
+geschützt, die Küchenvorräte: das sehr kostbare Salz, Bataten, Mais
+und trockene Zuspeisen für den Reis.
+
+Die Kochgerätschaften bestanden ausschliesslich aus flachen
+Eisenpfannen verschiedener Grösse, während zum Wasserholen grosse
+Bambusgefässe und Kalabasse dienten.
+
+Über den Gestellen mit Esswaren befanden sich andere mit sorgfältig
+gestapeltem Brennholz, das hier zum Trocknen ausgebreitet war.
+
+Während ich die Umgebung musterte, hatten die Hausbewohner Zeit
+gehabt, sich von der Erregung, welche meine Ankunft verursacht hatte.,
+zu erholen, und ich begann die Hauptpersonen der Gesellschaft zu
+begrüssen. Die Töchter des Häuptlings und deren Ehemänner kamen
+zuerst an die Reihe, die jüngeren Söhne waren zum Glück nicht allzu
+schüchtern.
+
+Auch verschiedene Sklavenfamilien, die bei der Hausarbeit behilflich
+sein mussten, hausten in diesem Gemache.
+
+An der Aussenwand gegenüber der Tür (_betamen_), wo der Zimmerboden
+etwas erhöht war, standen in langer Reihe grosse Gonge und Tempajan
+(chinesische Töpfe); die älteren und kostbareren waren mit den
+übrigen Familienstücken wie: alte Schwerter, Speere und Perlen,
+in den gesonderten Räumlichkeiten geborgen.
+
+Um die Anwesenden baldmöglichst von meiner beängstigenden Gegenwart
+zu befreien, ging ich wieder auf die Galerie hinaus und sorgte dort,
+dass mein Gepäck geschickt gestapelt wurde, damit für mein Klambu
+(Moskitonetz) noch Platz übrig blieb. Mittelst einiger Matten wurde der
+Raum schnell in ein Zimmer verwandelt, das mir nach der langen Reise
+sehr willkommen war. Sobald konnte jedoch von Ruhe keine Rede sein,
+denn die Malaien aus Putus Sibau mussten ihren Lohn erhalten, um noch
+am selben Tage zurückzukehren, und bald strömten auch besorgte Eltern
+mit kranken Kindern und besorgte Kinder mit kranken Eltern herbei,
+die alle von meinen allmächtigen Arzneien Hilfe erwarteten.
+
+Nachdem ich etwas geruht und von dem genossen hatte, was mein
+Diener auf dajakischem Herde für mich bereitet hatte, reichte
+das Tageslicht noch gerade zu einem Spaziergang in der Galerie;
+absichtlich beschäftigte ich mich mehr mit den leblosen als mit den
+allzu schreckhaften lebenden Wesen meiner Umgebung.
+
+Das lange Haus enthielt ungefähr 50 verschiedene Räume, jeder von
+einer mehr oder minder zahlreichen Familie bewohnt und von nahezu
+gleicher Grösse; nur die Einrichtung der Zimmer war, je nach der
+Wohlhabenheit ihrer Bewohner, verschieden.
+
+Über jeder Haustür standen auf horizontalen Balken der Vorwand grosse
+Körbe mit Rotang und Fischerei- und Ackerbaugerätschaften.
+
+Auch in diesen kleineren Wohnräumen der gewöhnlichen Leute herrschte
+wie bei der Häuptlingsfamilie das Prinzip der gesonderten Schlafkammern
+für Verheiratete und junge Mädchen. Die jungen, unverheirateten Männer
+schlafen vom achten Jahre an in der Galerie.
+
+Am folgenden Tage setzten mit Hilfe des Häuptlings einige Männer
+das Gerüst für eine Hütte von 4 × 6 m Bodenfläche zusammen; mit
+den mitgeführten Palmblattmatten wurden die Wände belegt und mit
+Segeltuch das Dach gedeckt, so dass ich bereits abends mein Klambu
+im neuen Palast aufstellen konnte; hier belästigte ich die Bewohner
+des langen Hauses nicht und war auch selbst in ruhigerer Umgebung.
+
+In den ersten Tagen erneuerte ich die Bekanntschaft mit einstigen
+Freunden und Freundinnen; bei allen hatte ich anfangs eine gewisse
+Zurückhaltung zu überwinden, die aber nur ihrer Sitte entsprang;
+denn sie schwand bei einem freundlichen Blick oder Wort oder kleinen
+Geschenk. Obgleich ich fast alle bekannten Gesichter wiederfand,
+war es doch Zeit, dass ich mit meinen Arzneien den Kampf gegen die
+bösen Geister, die Urheber aller Krankheiten, wieder aufnahm. Einen
+kleinen Jungen, der, durch Syphilis erschöpft, seinen Eltern schon
+monatelang Angst und Sorgen bereitet hatte, konnte ich nicht mehr
+retten, er starb drei Tage nach meiner Ankunft; das verzweifelte
+Jammern seiner Mutter tönte mir noch lange Zeit in den Ohren. Kleine,
+infolge leichter Malariaanfälle anämisch aussehende Patienten wurden
+mir in grosser Zahl gebracht; in den ersten 14 Tagen kamen sie
+regelmässig zu bestimmter Zeit, um ihre Chinindosis einzunehmen.
+
+Obgleich die Rosen, die auf ihre Wangen zurückkehrten, einen etwas
+bräunlichen Ton hatten, so war doch das Schwinden der graugelben
+Hautfarbe, die wiederkehrende Fröhlichkeit und das gesündere Aussehen
+erfreulich zu beobachten.
+
+Bei meinem ersten Besuch in Tandjong Karang hatte ich die Leute nur
+mit Mühe dazu bringen können, mir irgendwelche Gegenstände für meine
+ethnographische Sammlung abzutreten; jetzt brachte man mir bereits
+von selbst allerhand Sachen. Ich suchte aber nur einige besonders
+schöne Schnitzereien in Horn und Holz zu erlangen, da es mir nur
+darum zu tun war, meine beiden früheren Sammlungen zu vervollständigen.
+
+Mein Hauptinteresse galt aber der Vorbereitung für die Expedition,
+d.h. dem Einkauf von Böten und Reis. Zwar waren, wie erwähnt, bereits
+vor langer Zeit 25 Böte bestellt worden, aber aus Ungewissheit und
+Sorglosigkeit hatten die Kajan die Arbeit noch nichtbeendet, obgleich
+sie dieses Mal zum Glück mehr zu Stande gebracht hatten, als vor
+meiner früheren Reise. Um den Leuten zu zeigen, dass es mir Ernst
+war, suchte ich auch nach alten brauchbaren Böten und zwar mit gutem
+Erfolge. Sobald der eine Kajan sah, dass sein Nachbar an seinem Boote
+arbeitete, machte auch er sich, um nicht im Rückstande zu bleiben,
+ans Werk; so half die Konkurrenz mehr als alle Worte. Der Konkurrenz
+verdankte ich es auch, dass ich die Böte zu den gleichen Preisen wie
+früher erhielt. Da ich für meine Vogel- oder mexikanischen Dollars, die
+in West-Borneo noch stets neben dem holländischen Gelde zirkulieren,
+in Singapore nur fl. 1.10 bezahlt hatte und die Chinesen sie den Dajak
+immer noch zu fl. 1.50 berechnen, kaufte ich sehr vorteilhaft ein.
+
+Noch mehr Schwierigkeiten als das Herbeischaffen von Böten bereitete
+der Einkauf von Reis; ich hatte ihn in grosser Menge nötig und der
+Reisvorrat der Kajan war beinahe erschöpft.
+
+Es lag mir daran, von dem Gelde, das für Reis ausgegeben werden musste,
+besonders viel den Kajan selbst zukommen zu lassen, daher verabredete
+ich mit _Akam Igau_, dass er unter den Familien von Tandjong Karang
+100 Dollar verteilen sollte, für die sie mir nach der Ernte Reis
+zu liefern hatten. _Akam Igau_ behielt jedoch einen guten Teil des
+Geldes für sich und seine Leibeigenen und folgte bei der Verteilung
+so sehr seinen Sympathieen, dass einige, die auch etwas beitragen
+wollten, aber nicht in seiner Gunst standen, leer ausgingen. Als man
+mit Klagen zu mir kam, konnte ich mich durch einige Dollars Vorschuss
+einer weiteren Quantität Reis versichern. Leider war dieses Verfahren
+nicht auch in den höher gelegenen Niederlassungen anwendbar; die
+Ernteaussichten waren dort sehr schwach, und viele Männer beteiligten
+sich nur deshalb an der Expedition, um später mit dem verdienten Lohn
+für sich selbst Reis einkaufen zu können.
+
+Kaum hatten die Chinesen und Malaien in Putus Sibau gemerkt, dass
+es etwas zu verdienen gab, als auch sie mir anboten, nach der Ernte,
+sobald die benachbarten Dajakstämme ihnen ihre Schuld in Reis bezahlt
+haben würden, einige Tausende von Kilo zu liefern.
+
+Inzwischen kam auch wieder die Frage nach dem Termin des Aufbruchs zur
+Sprache. Bald nach der Abreise der Batang-Lupar kam _Tigang_ nochmals
+zu mir und erklärte, dass seine Leute nicht vor der nächsten Reissaat
+aufbrechen wollten. Glücklicher Weise sind die Kajan Beweisgründen
+zugänglich, so dass mir _Tigang_ auf meine Bemerkung, dass nach dem
+langen Warten eine ungünstige Reisezeit angebrochen sein würde, nichts
+anderes erwidern konnte, als dass die Beteiligung an der Expedition
+den Kajan viele Opfer kostete.
+
+Nach langem Hin- und Herreden wurde beschlossen, dass die Männer nach
+dem Erntefest einige neue Grundstücke für die Anlage der Reisfelder
+suchen sollten und dass wir, wenn auch das Fällen des Waldes beendet
+sein werde, die Reise antreten sollten.
+
+_Akam Igau_ war zwar bei dieser Verhandlung nicht gegenwärtig gewesen,
+ich wusste aber doch, dass auch er für einen beschleunigten Aufbruch
+war und fragte ihn daher nicht um seine Meinung. Wir hatten zugleich
+überlegt, dass es unmöglich sein würde, für die 140 Mann, die sich
+am Zuge beteiligen sollten, auch den Proviant in den Böten gleich
+mitzuführen; es sollte daher ein Vorrat Reis und Salz so schnell und
+so weit als möglich den Kapuas aufwärts transportiert und dort bewacht
+werden, bis wir nachkamen und ihn über Land Weiterschaffen konnten.
+
+Als die Zeit des Aufbruchs ungefähr bestimmt war, erkundigten sich
+die verschiedenen Häuptlinge nach der Zahl der Dorfgenossen, die
+mitgehen konnten. Bald trat die alte Eifersucht zwischen _Akam Igau_
+und _Tigang_ wieder zu Tage; letzterer erzählte triumphierend, dass
+er in Tandjong Kuda, seinem Dorf, 50 Mann aufstellen konnte, Tandjong
+Karang dagegen nur 30, Pagong nur 10 und die Ma Suling ebenfalls nur
+10 Mann. Da _Tigang_ der Schwiegersohn von _Akam Lasa_, dem Ma Suling
+Häuptling, war, der selbst nicht mitziehen konnte, so fügte sich der
+Anführer der Ma Suling mehr _Tigang_ als _Akam Igau_.
+
+Dieser wusste jedoch, dass ich ihn, den erprobten Führer, doch als
+Leiter des Ganzen behandeln würde und nahm sich die geringere Anzahl
+seiner Männer nicht zu Herzen.
+
+Inzwischen war die Ernte vorüber und das Erntefest mit gewohnter Freude
+und Feierlichkeit begangen worden; ich hatte mich wiederum davon
+überzeugen können, in wie hohem Masse die ganze Bevölkerung von den
+für Europäer so unbegreiflichen und unsinnigen religiösen Zeremonien
+ergriffen wurde. So verging der ganze Monat Juni; da er sehr trocken,
+also zum Reisen äusserst geeignet gewesen und ich ausserdem überzeugt
+war, dass es noch lange dauern würde, bevor wir uns in Bewegung setzen
+konnten, machte mich das Warten sehr ungeduldig. Es war mir noch ein
+Trost, dass ich, nachdem ich erst 12 Böte mit einer grossen Menge Reis
+nach Putus Sibau hatte bringen lassen, einige Tage darauf eine zweite
+Truppe Kajan aus Tandjong Karang mit 2000 kg Reis und 14 Blechgefässen
+Salz den Kapuas aufwärts schicken konnte. Sie sollte versuchen, den
+Kapuas, Bungan und Bulit bis zu dem Ort hinaufzufahren, von wo aus der
+Landweg beginnen sollte; zwei bewaffnete Schutzsoldaten, von denen der
+eine, Korporal _Suka_, bereits auf einer Expedition am oberen Melawie
+sich ausgezeichnet hatte, und ein Kajan, der die Punansprache kannte,
+wurden als genügende Bewachung im unbewohnten Berglande angesehen.
+
+In Putus Sibau war es dem Kontrolleur inzwischen gelungen, die
+tüchtigsten der bewaffneten malaiischen Schutzsoldaten dazu zu bringen,
+uns zum Mahakam zu begleiten.
+
+Zu unserem Erstaunen war auch ein malaiischer Häuptling, Raden _Inu_,
+sein Bruder, _Abang Ganda_, und ein Untergebener, _Persat_, aus
+dem Pinaugebiet am Melawie nach Putus Sibau gekommen; diese hatten
+zufälliger Weise gehört, dass der Kontrolleur, den sie von früher
+her kannten, eine grosse Reise antreten sollte, und wollten sich nun
+aus alter Anhänglichkeit an derselben beteiligen. Ein Zuwachs der
+Gesellschaft erschien uns anfangs zwar nicht sehr erwünscht, weil die
+Leute aber so viel Eifer an den Tag legten, beschlossen wir doch, sie
+mitzunehmen, und haben es später auf der Reise nicht zu bereuen gehabt.
+
+Mein Aufenthalt am Mendalam war nun nicht mehr unbedingt notwendig und
+auch _Akam Igau_ drang darauf, man solle sich zur Reise vorbereiten,
+damit man nach der Rückkehr der Gesandtschaften gleich aufbrechen
+könne; ich nahm daher zum Leidwesen meiner vielen Freunde und Bekannten
+von Tandjong Karang Abschied und kehrte nach Putus Sibau zurück.
+
+Hier waren unterdessen aus Pontianak nachbestellte Güter angekommen,
+auch allerhand nützliche Dinge, wie Kisten für Lampen und andere
+tägliche Gebrauchsartikel, verfertigt und ein Vorrat Segeltuchs
+zugeschnitten, besäumt und mit Seilen versehen worden. Ferner hatte
+_Demmeni_ auf seine photographische Ausrüstung viel Arbeit verwandt;
+ebenso _Bier_ für eine topographische Aufnahme des Mahakamgebietes
+alles vorbereitet.
+
+Um alles hatte sich der Kontrolleur _Barth_ bekümmert, und ich sah
+zu meiner Befriedigung, dass er auch mit den Eingeborenen sehr gut
+umzugehen verstand. Da die allgemeine Verkehrssprache der Bahau,
+das Busang, ihm noch unbekannt war, hatte er sich alle Mühe gegeben,
+sie vor dem Beginn des Zuges zu erlernen.
+
+Ich hatte bereits 1894 dem ältesten Sohne _Akam Igaus_, namens _Ju_,
+das Lesen und Schreiben mit lateinischen Buchstaben beigebracht; nun
+hatte er den Kontrolleur gebeten, auch seinen jüngeren Sohn, _Adjang_,
+im Lesen und Schreiben des Malaiischen, das er nur notdürftig sprach,
+zu unterrichten. _Adjang_ war studienhalber nicht nur monatelang
+beim Kontrolleur in Putus Sibau geblieben, sondern zog auch mit
+uns zum Mahakam. Während unserer Reise durch den Urwald lernte er
+abends im Lager seine Lektionen ebenso eifrig wie in Putus Sibau,
+und am Mahakam angekommen las und schrieb er bereits befriedigend.
+
+Da an der Ausrüstung nichts mehr zu tun übrig blieb und das für
+die Reise so günstige trockene Wetter anhielt, hätte mich die
+Ungeduld, endlich fortzukommen, sehr gequält, wenn die Bewohner der
+Niederlassungen ober- und unterhalb von Putus Sibau meine ärztliche
+Hilfe nicht ständig in Anspruch genommen und mich gezwungen hätten,
+mich um ihre Interessen zu bekümmern.
+
+Unterhalb Putus Sibau waren in den letzten Jahren Niederlassungen
+der Kantu Dajak entstanden. Dieser mit den Batang-Lupar verwandte
+Stamm aus dem Seengebiet war von diesen aus seinem alten Wohnplatz
+nach Südwesten vertrieben worden. Seit der Zeit hatten sich die Kantu
+bald hier bald da in sehr kleinen Niederlassungen weiter oben am Kapuas
+verteilt. Sie waren viel zugänglicher als die Kajan und interessierten
+mich auch durch ihre Kunstfertigkeit in der Herstellung von Webereien
+und Perlenarbeiten, so dass ich es lebhaft bedauerte, mich mit ihnen
+aus Zeitmangel nicht mehr abgeben zu können. Da sie mehr als die
+anderen Stämme geneigt waren, ihre seltenen Produkte um hohen Preis
+loszuschlagen, gelang es mir, in kurzer Zeit allerlei anzuschaffen,
+was mir von ihrer sehr hoch stehenden Webe- und Färbeindustrie eine
+Vorstellung geben konnte.
+
+Auch mit den weiter oben wohnenden Taman Dajak kam ich dadurch in
+Berührung, dass sie mir ihre Kranken brachten und durch vorteilhaften
+Verkauf ihrer eigenartigen Kleidungsstücke von mir zu profitieren
+trachteten. Verschiedene Personen boten mir auch ihre aus bunten
+Perlen und Muscheln (Nassa callosa) verfertigten Jäckchen und
+Röckchen an, die sie früher bei ihren religiösen Festen trugen, jetzt
+aber, wegen der Ausbreitung des Islam in ihrem Stamm, nur selten
+mehr gebrauchten. Diese in schönen farbigen Mustern ausgeführten
+Kleidungsstücke sind in jeder Familie altes Erbgut, dessen Herstellung
+viel Zeit und Geld gekostet hat; unter gewöhnlichen Umständen sind
+sie auch beinahe nicht zu erlangen. In dieser Erwägung kaufte ich die
+schönsten dieser Kleidungsstücke und rettete sie so vor dem Untergang.
+
+Die meisten kosteten 20 bis 26 Dollar; für ein besonders schönes
+Röckchen musste ich sogar 35 Dollar bezahlen. Die Besitzerin dieses
+Kleinods, eine Taman Frau am Mendalam namens _Litong_, war anfangs
+durchaus nicht geneigt, mir diesen ihren schönsten Schmuck abzutreten
+und ich hatte bereits alle Versuche, sie zu erweichen, aufgegeben,
+als ihr Vater, von einem Handelszuge aus Bunut zurückkehrend, den
+hohen Preis erfuhr, den ich geboten. So kam er eines schönen Tages
+nach Putus Sibau und übergab mir sehr erfreut für die 35 Dollar das
+Röckchen. Hätte ich geahnt, dass er ganz gegen den Wunsch seiner
+Tochter handelte und dass diese, wie ich später durch Kajan erfuhr,
+vor Kummer heisse Tränen vergossen, so hätte ich meine Sammellust
+vielleicht bezwungen.
+
+Auch die Taman Dajak, die am Sibau wohnten, der neben unserer Wohnung
+in den Kapuas strömte, trugen dazu bei, uns die erzwungene Ruhe nicht
+allzu fühlbar werden zu lassen. Wenige Tage nach meiner Rückkehr
+nach Putus Sibau holten vier dieser Sibau Dajak mich in einem
+Boot in ihre Niederlassung ab, wo einer der Ihren, der sich beim
+Holzhacken mit dem Schwerte das Bein verletzt hatte, heftig blutend
+darniederlag. Den Verwundeten nach Putus Sibau zu bringen schien
+unmöglich; so blieb mir nichts anderes übrig, als mit den nötigsten
+Hilfsmitteln und einem unserer Malaien zum Kranken zu reisen. Nach
+dreistündiger Fahrt in schwankendem Nachen erreichten wir das lange
+Haus, auf dessen grosser Galerie vor der Häuptlingswohnung eine Menge
+Männer, Frauen und Kinder um eine Gruppe herumhockte, die sich mit
+der Pflege des Kranken beschäftigte. Dieser schien ein kräftiger
+junger Mann zu sein; auf dem Rücken zwischen seinen jammernden
+Angehörigen liegend zeigte er bereits eine verräterische graubraune
+Leichenfarbe, auch hatte er schon das Bewusstsein verloren und sein
+Puls war nicht mehr fühlbar. Sein rechter Fuss war an der Innenseite,
+unterhalb des Knöchels, verwundet und mit alten Lappen voll geronnenen
+Blutes verbunden. Fortwährend tröpfelte noch Blut aus dem Verbande,
+was hauptsächlich wohl einem zweiten Verbande zugeschrieben werden
+musste, den man um die Wade angebracht hatte und der, gleichwie auch
+die horizontale Lage des Beines, einen Abfluss des venösen Blutes
+verhinderte. Während ich den zweiten Verband abnehmen und das Bein
+hoch halten liess, erzählte man mir, wie sich der junge Mann die Wunde
+beigebracht hatte. Die Abwesenheit des Pulsschlags bewies, dass die
+Blutung auch während des Transportes nach Hause sehr heftig gewesen
+sein musste. Man hatte, um die Blutung zu stillen, das gebräuchliche
+Mittel, gekaute Sirihblätter mit Kalk, auf die Wunde gelegt, welch
+letzterer adstringierend wirkt und durch das starke Anpressen mittelst
+der Blätter zugleich als Tampon dient. Da der Patient augenscheinlich
+nicht mehr viel Blut zu verlieren hatte und seine Herztätigkeit sehr
+schwach war, musste ich einen neuen Bluterguss bei der Untersuchung zu
+vermeiden trachten und hielt daher den Kautschukschlauch am Schenkel
+bereit. Zum grossen Erstaunen der Taman kam, da ich das Bein hoch
+halten liess, beim Wegnehmen der schmutzigen Lappen und Sirihballen
+kein Tropfen Blut mehr aus der Wunde; doch war die bis tief hinter
+den maleolus internus reichende Wunde durch die falsche Behandlung
+bereits so infiziert, dass an einen aseptischen Heilverlauf nicht zu
+denken war.
+
+Vor allem musste der Patient wieder zu Kräften kommen, dann konnte man
+ihn, zwecks einer rationellen Behandlung, nach Putus Sibau bringen
+lassen. Ich desinfizierte daher die Wunde so weit als möglich,
+bestreute sie mit Jodoform, tamponierte sie gründlich und empfahl
+den Taman, das Bein ständig hoch liegen zu lassen und gut für den
+Patienten zu sorgen.
+
+Dank seiner kräftigen Konstitution war der Mann nach zwei Tagen
+bereits so weit, dass seine Familie ihn mir zur weiteren Behandlung
+nach Putus Sibau bringen konnte. Nachdem ich schon gehofft, dass
+keine Nachblutung den Heilprozess stören würde, rief man mich doch
+sechs Tage darauf nachts, weil der Verband ganz mit Blut durchtränkt
+war. Es blieb nun nichts anderes übrig, als die Galerie unserer
+Kaserne zum Operationszimmer zu machen und den gewandtesten meiner
+Gehilfen zum Assistenten zu promovieren. Zum Glück gelang es mir bald,
+die Blutungsquelle zu entdecken. Ich hatte bereits vorher versucht, die
+Wunde von dem nekrotischen Gewebe zu reinigen, aber die Infektion hatte
+sich bereits zu sehr verbreitet. Sobald die Schlinge um den Schenkel
+etwas gelockert wurde, quoll in rhythmischen Stössen eine Blutmenge,
+augenscheinlich aus der arteria tibialis postica, hervor. Beim Schein
+einiger Lampen entfernte ich so lange nekrotisches Gewebe, bis die
+Arterie bloss lag; es zeigte sich, dass diese auf die ungünstigste
+Weise beschädigt war, nämlich halb durchgeschnitten, so dass die
+Enden sich nicht zurückziehen konnten und wegen der Retraktion
+der Ränder ständig offen gehalten wurden. Mit einigen Bedenken,
+wegen der stark entzündeten und infizierten Umgebung, entschloss
+ich mich doch, das Gefäss zu durchschneiden und die beiden Enden
+zu unterbinden. Glücklicher Weise schlossen sich die Gefässe und
+eine Blutung trat nicht mehr ein, trotzdem sich die Entzündung über
+den ganzen Unterschenkel verbreitete. Einige Einschnitte bis in das
+subkutane Gewebe, zur Entfernung des Eiters, und eine Ausspülung mit
+Borwasser übten eine gute Wirkung. Infolge unserer sorgsamen Pflege kam
+der Taman bald wieder zu Kräften, und nachdem der Kontrolleur von Putus
+Sibau nach unserer Abreise noch einige Zeit für ihn gesorgt hatte,
+konnte er wieder nach Hause gebracht werden, wo er bald völlig genas.
+
+Der langdauernde Aufenthalt in Putus Sibau hatte noch den grossen
+Vorteil, dass wir uns über die aus Java mitgenommenen und uns
+grösstenteils fremden Leute ein Urteil bilden konnten. Bereits als
+ich sie in Dienst nahm, hatte ich dafür gesorgt, dass jeder von ihnen
+einen Kameraden oder Verwandten bei sich hatte, damit er sich nicht
+einsam fühlen sollte. Da eine gute Stimmung unter den Teilnehmern
+einer Expedition deren guten Erfolg wesentlich beeinflusst, freute
+es mich sehr, zu bemerken, dass Zwistigkeiten unter unseren Leuten
+wenig vorkamen. Nur der zweite Jäger, _Djumat_, erregte zu meiner
+Verwunderung bei seinen mohammedanischen Glaubensgenossen durch seine
+ständigen religiösen Übungen Anstoss. Wie ich bei meiner Rückkehr
+von den Kajan hörte, war er, ein europäisches Halbblut, zum Islam
+übergetreten. Obgleich beinahe mein ganzes Geleite mohammedanisch war,
+hatte ich doch von Beten und von anderen religiösen Verrichtungen
+nie etwas gemerkt; nur _Djumat_ war hierin sehr eifrig und ärgerte
+dadurch die anderen so sehr, dass einer der Schutzsoldaten zuletzt
+auf seiner Violine zu spielen begann, sobald _Djumat_ seine Gebete
+anfing. Wahrscheinlich geschah dies nicht wegen der Andachtsübungen
+selbst, dazu waren meine Javaner und Malaien zu friedliebend,
+sondern weil sie ihn besser kannten als ich. Bald hörte ich auch
+einige Bemerkungen über _Djumat_, der sich viel mit den Chinesen
+auf dem Markte abgab, und eines Morgens fand ich auf der Galerie
+einen zusammengefalteten chinesischen Brief, den ich aber nicht
+lesen konnte. Etwas Besonderes vermutend, wollte ich meine farbigen
+Begleiter doch nicht in die Angelegenheit einweihen, und da auch
+unsere Europäer das Schreiben nicht lesen konnten, liess ich es
+unbeachtet. Der Schreiber schien aber die Sache ernst zu nehmen;
+denn zwei Tage darauf erhielt ich ein anderes Briefchen, diesmal
+malaiisch geschrieben. Der Inhalt des Briefes war der, dass _Djumat_
+den chinesischen Frauen auf dem _pasar_ auf brutale Weise nachstellte
+und dass ein derartiges Betragen meines Personals mir am Mahakam
+gefährlich werden konnte. Für mich war diese Tatsache zu wichtig,
+um ihr nicht Rechnung zu tragen.
+
+Mit dem Kontrolleur _Barth_ und dessen Kollegen von Putus Sibau
+kam ich überein, dass wir gleich die Ankunft des kleinen Dampfers
+"de Punan", der uns die letzte Post und noch einige Güter bringen
+sollte, benützen mussten, um uns dieses lästigen Reisegenossen zu
+entledigen. Sobald denn auch der Dampfer angekommen war, erhielt
+_Djumat_ zu seiner Verwunderung den Befehl, sich bereit zu halten,
+um sich zwei Stunden später nach Java einzuschiffen. Diese plötzliche
+Entlassung musste ihn umsomehr in Erstaunen versetzen als er, wie auch
+seine Kameraden, bereits in Java 75 fl. Vorschuss von seinem Lohn
+erhalten hatte. Sein Betragen, das in seiner javanischen Umgebung
+nicht viel Anstoss erregte, war jedoch in unserer künftigen Lage,
+mitten unter den eingeborenen Stämmen, viel zu gefährlich, als dass
+ich die übrigen Männer nicht auf den Ernst eines solchen Vergehens
+hätte aufmerksam machen müssen. Bereits seit langem wusste ich,
+dass eine grosser Teil der Morde und Unglücksfälle von Malaien unter
+den Dajak hauptsächlich daher kam, dass die malaiischen Männer darauf
+ausgingen, die dajakischen Frauen zu verführen. Obgleich es nämlich bei
+den Bahau, nach längerem Aufenthalt in ihrer Mitte, wohl gestattet ist,
+mit einem der jungen Mädchen, die in ihrem Tun und Lassen fast gänzlich
+unabhängig sind, ein Verhältnis anzuknüpfen, geschieht es doch häufig,
+dass die Malaien, mit Hilfe von Geschenken und anderen Mitteln, mit
+der ersten besten Frau, die sich hierfür empfänglich zeigt, einen
+intimen Verkehr anzubahnen versuchen. Da aber die eheliche Treue bei
+diesen Stämmen sehr streng gehalten wird, laden sich die Malaien durch
+ihr leichtsinniges Betragen die Rache des beleidigten Gatten auf den
+Hals. Ich suchte daher, wenn wir irgendwo bei den Bahau längere Zeit
+bleiben mussten, tun ihr Vertrauen zu gewinnen, alles daranzusetzen,
+um ein derartiges Betragen zu verhindern. So hatte ich von Anfang an
+getrachtet, etwas ältere Männer für unseren Zug anzuwerben und habe
+auch später durch leichtsinniges Betragen meiner Leute nicht viel
+Unannehmlichkeiten gehabt.
+
+Nach meiner Abreise von Tandjong Karang nahmen die Kajan noch öfters
+jede Gelegenheit wahr, um uns in Putus Sibau zu besuchen, teils aus
+persönlicher Anhänglichkeit, teils um noch einiges vorteilhaft zu
+verkaufen, teils um noch allerhand Neues und Schönes von unserer
+Ausrüstung zu sehen.
+
+Selten vergingen einige Tage, ohne dass ich Besuch bekam, und
+jetzt waren es nicht nur, wie in früherer Zeit, erwachsene Männer
+und einzelne Frauen, die sich aus dem Mendalamgebiet herauswagten,
+sondern es kamen auch viele Knaben und Mädchen und sahen sich zum
+ersten Mal in ihrem Leben Putus Sibau mit seinen vielen Malaien,
+Chinesen und seinem Markt an. Auch viele 18-20 jährige Frauen
+erklärten, noch nie hier gewesen zu sein; zum Übernachten konnten
+sie sich aber nicht entschliessen, sie sorgten vielmehr alle, vor
+Einbruch der Nacht aus dieser fremden Umgebung wieder fortzukommen.
+
+Besonders meine Freundin _Usun_, die älteste und oberste Priesterin
+von Tandjong Karang, benützte jede Gelegenheit, um nach Putus Sibau
+zu kommen, und es zeigte sich, dass aufrichtiges Interesse sie
+dazu trieb. Bereits bei meinen Besuchen 1894 und 1896 hatte sie mir
+allerhand, nach ihren Begriffen schöne Geschenke gemacht, auch war
+sie die einzige Frau ihres Stammes gewesen, die es gewagt hatte, sich
+photographieren zu lassen. Auch jetzt wieder gab sie uns einen starken
+Beweis ihres Vertrauens, indem sie einmal mit einer Gesellschaft
+vom Mendalam ankam, mehrere Tage allein bei uns blieb und erst mit
+einer zweiten Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. _Usun_ äusserte
+oft ihre Besorgnis aller Gefahren wegen, die uns auf den weiten
+Reisen bedrohten, besonders beunruhigte sie mein Plan, in das ferne
+Gebiet des Apu Kajan, das Stammland ihrer Vorfahren, einzudringen,
+ein Land, das in ihrer priesterlichen Wissenschaft einen mythischen
+Charakter angenommen hatte und von dem sie wusste, dass es von den
+so gefürchteten Kenjastämmen bewohnt wurde.
+
+Wenige Tage vor unserer Abreise kam _Usun_ mit einigen Männern und
+Frauen von Tandjong Karang zu uns herunter und bat um die Erlaubnis,
+bis zu unserer Abfahrt bei uns bleiben zu dürfen. Zugleich gab
+sie zu verstehen, dass sie, da es nun doch zum Scheiden kam,
+beschlossen hatte, ihren kostbarsten, oder besser gesagt, ihren
+heiligsten Besitz zwischen ihrem Enkel und mir zu teilen, damit diese
+geweihten Gegenstände mich vor allen Gefahren, denen ich entgegen ging,
+beschützten. Sie übergab mir ein sehr altes Schwert, das, nach der
+Aussage meiner 70 jährigen Freundin, bereits in ihrer Jugend sehr
+alt gewesen war, ferner Kieselsteine von aussergewöhnlicher Form
+in einem kleinen Säckchen und ein steinernes Fläschchen mit etwas
+Kokosnussöl. In diesen ernsten Abschiedstagen wurde _Usun_ gestattet,
+ihre Schlafmatte in der kleinen Kammer auszubreiten, in welcher der
+Kontrolleur _Barth_ auf einer Seite und ich auf der anderen unsere
+Moskitonetze aufgehängt hatten. Beim Erwachen am anderen Morgen sah
+ich, dass _Usun_ bereits alle ihre Vorbereitungen getroffen hatte
+
+an der Stelle, wo sie geschlafen hatte, lagen auf einer kleinen Matte
+neben einander die für mich bestimmten Schätze, ausserdem das Geldstück
+und die Perlen, die ich ihr als _usút_ gegeben hatte, d.h. damit diese
+Dinge in gleicher Weise in ihre Hände übergehen könnten, wie ihre
+Talismane in die meinen und der Geist, der in letzteren steckte, nicht
+erzürnt würde. Darauf sprach sie, vor der Matte hockend, die Geister
+an, die in den Gegenständen hausten und trug ihnen auf, mich gegen alle
+Angriffe böser Geister zu schützen, mich vor Anstrengungen sowie vor
+einem Fall in den Bergen oder Tälern zu behüten und zu verhindern,
+dass meine Seele sich von mir entfernte. Weiter berichtete sie den
+Geistern der geweihten Gegenstände, dass ich die Absicht habe, sie
+zum Mahakam und weiter bis zum Apu Kajan zu bringen. Auch erzählte
+sie ihnen, dass ich ihr das Geldstück und die Perlen gegeben, damit
+sie an Stelle der alten Gegenstände in ihren Händen zurückblieben.
+
+Ich schenkte _Usun_ zuletzt noch, da meine Vorräte es zu erlauben
+schienen, einen Satz schöner Armbänder aus Elfenbein. Bis zum letzten
+Augenblick blieb _Usun_ bei uns und, während ich des Morgens mit
+dem Verteilen von Menschen und Gütern in die Böte viel zu tun hatte,
+strengte sie sich an, mir mit ihren alten Beinen wie mein Schatten
+zu folgen und hörte nicht auf, mir unter heissen Tränen Segenswünsche
+auf die Reise mitzugeben.
+
+Mit _Akam Igau_ hatte ich abgemacht, dass er seine Leute dazu
+bringen sollte, gleich nach der Rückkehr der vorausgeschickten
+Gesandtschaften die wahrsagenden Vögel zu befragen. Am 24. Juli
+kehrten die Gesandtschaften endlich gemeinsam zurück; ihre Reisen
+waren ohne Unfall verlaufen, nur hatten sie, wegen des sehr hohen
+Wasserstandes, lange gedauert; auch war es ihnen nicht geglückt,
+den Bulit aufwärts bis zum Landweg zu gelangen; sie hatten aber den
+Reis an der Mündung des Bulit unter dem Schutze von Korporal Suka
+und zwei anderen zurückgelassen.
+
+Den folgenden Tag kam _Tigang Aging_ aus Tandjong Kuda mit dem Bericht,
+dass in seinem Dorf für sechs Tage "_melo njaho_" ein "Stillsitzen
+wegen der Vorzeichen" angesagt war, weil man ein Reh über ein eben
+bearbeitetes Feld hatte laufen sehen (ein böses Omen) und dass man
+erst nach dieser Ruhezeit, unter Anführung des Ma-Suling namens _Obet
+Lata_, zur Beobachtung der Vorzeichen aufbrechen würde.
+
+Nach Ablauf dieser sechs Tage kam _Tigang Aging_ abermals nach
+Putus Sibau, diesmal mit dem Vorschlag, wiederum einen Teil unseres
+Gepäckes unter Aufsicht der zwei alten Häuptlinge _Seniang_ und
+_Akam Lasa_, je mit zehn Mann; vorauszuschicken. Diese Leute waren
+nämlich nicht im stande, den Zug mitzumachen, wollten aber, wie es
+schien, auch noch etwas verdienen. Nachdem ich diesem Vorschlage
+in der Überlegung zugestimmt hatte, dass wir dadurch später um
+so schneller flussaufwärts fahren konnten und ich, um nur endlich
+fortzukommen, möglichst viel Freunde gewinnen musste, verpflichtete
+sich wiederum _Tigang_, den _Obet Lata_ bereits am folgenden Tage
+auf die Vogelschau auszusenden. Auf diese Weise suchte sich _Tigang_
+als Herrn der Mendalambewohner aufzuspielen, obwohl er sehr gut
+wusste, dass _Akam Igau_ von mir als Führer angesehen wurde. Mein
+Hauptziel war jedoch die Abreise, der ich mit Ungeduld entgegensah,
+da die Trockenzeit bereits zwei Monate gedauert hatte und jeder Tag
+uns Regen und ungünstig hohen Wasserstand bringen konnte; daher fand
+ich alles gut, was uns einen Schritt weiter brachte. Es verging aber
+ein Tag nach dem andern, ohne dass wir etwas anderes hörten, als dass
+die Vögel noch immer nicht alle erforderlichen Zeichen gegeben hatten,
+bis endlich am 16. August _Akam Igau_ seinen Sohn _Adjang_ abholte,
+um gemeinschaftlich mit den übrigen Teilnehmern an der Expedition
+ein _melo njaho_ zu feiern, da die Vögel jetzt genügende Auskunft
+gegeben hatten. Zwei Tage darauf sollte die ganze Gesellschaft bei
+uns eintreffen.
+
+Um _Akam Igaus_ Oberherrschaft wieder einzuschränken, kam auch
+_Obet Lata_ im Auftrage _Tigangs_ am folgenden Tage und meldete,
+dass man aus Tandjong Kuda aufbrechen werde, dass man sich aber,
+wie auch auf der vorigen Reise, noch einen Tag an der Mündung des
+Mendalam aufhalten wolle, um noch einen besonderen Vogel zu befragen.
+
+Am 18. August schlug endlich unsere Befreiungsstunde; denn bereits des
+Morgens kam ein bemanntes Boot nach dem anderen hinter der Flussbiegung
+zum Vorschein. Auch _Seniang_ und _Akam Lasa_ brachten ihre eigenen
+Böte und Leute mit; gegen ihren Vorschlag, bereits am selben Tage
+weiterzufahren, hatte ich nichts einzuwenden. Ich gab ihnen eine
+gute Ladung Reis und Salz mit und so fuhren sie bereits mittags den
+Kapuas aufwärts.
+
+Die Leute, welche die Mahakamreise selbst mitmachen sollten,
+übernachteten, der Übereinkunft gemäss, unter _Akam Igaus_ und
+_Tigangs_ Aufsicht an der Mendalam Mündung, trafen aber schon früh
+am folgenden Morgen vor unserer Wohnung ein.
+
+Im Ganzen erschienen aus den verschiedenen Niederlassungen am Mendalam
+ungefähr 110 Mann, die sich in so viel Gruppen verteilten, als die
+Zahl der Dörfer und Stämme, denen sie angehörten, betrug. Die Kajan
+aus Tandjong Karang und Tandjong Kuda waren die zahlreichsten,
+ihnen folgten die Ma-Suling und Uma-Pagong, und schliesslich noch
+Glieder der Bukat und Punan, der meist nur zeitweise am Mendalam
+lebenden Nomadenstämme. Jede Gruppe hatte einen eigenen Häuptling
+oder angesehenen Mann zum Anführer; ich betrachtete aber, wie bereits
+gesagt, _Akam Igau_ aus Tandjong Karang als Oberhaupt aller, da er
+als alter weitgereister Mann am meisten Einfluss besass, während
+sein viel jüngerer Nebenbuhler _Tigang Aging_ aus Tandjong Kuda nur
+durch seine hohe Geburt sich Ansehen zu verschaffen trachtete. Ihm
+völlig ergeben war nur _Obet Lata_, der Anführer der Ma-Suling,
+ein alter unbedeutender Mann, der _Tigang_ als den Schwiegersohn des
+Ma-Sulinghäuptlings _Akam Lasa_ fürchtete.
+
+Die Männer von Uma-Pagong standen, wie auch auf der vorigen Reise,
+unter Anführung von _Jung_, einem Adoptivsohn des weiblichen Häuptlings
+_Bulan_. Es war dies eine junge energische Persönlichkeit, die uns
+auf der Reise viele Dienste erwies.
+
+Die Gruppe der Punan und Bukat bestand aus 12 Männern sehr
+verschiedener Abkunft, auch befanden sich unter ihnen einige Leute
+eines anderen Jägerstammes, der Beketan. _Ludang_, der Punanhäuptling,
+konnte an der Expedition nicht teilnehmen, liess sich aber durch
+seinen jungen Sohn _Kwing_ vertreten, dem ein schwächlicher, aber
+intelligenter Mann namens _Tetuhè_ zur Seite stand.
+
+Um keine Zeit zu verlieren, hatten wir bereits am Tage zuvor alles
+Gepäck so geordnet, dass die Ladung auf die schnellste Weise von
+statten gehen konnte. Nun galt es, Menschen und Güter auf die
+praktischste Weise in die 25 Böte zu verteilen, was insofern seine
+Schwierigkeit hatte, als die Leute sich bereits in Gruppen verteilt
+und in den Böten da Platz genommen hatten, wo es ihnen gerade am besten
+gefiel; dadurch war das eine Boot überladen, das andere beinahe leer;
+ausserdem nahm jedes Boot so wenig als möglich Gepäck mit, so dass ich
+das Einladen genau regeln und überwachen musste. Das, erforderte alles
+viel Hin- und Herreden, Ermahnungen und bisweilen ernstes Auftreten
+und dauerte bis 10 Uhr morgens. Die ganze Zeit über hatte ich die
+alte _Usun_ an meinen Fersen. Endlich war alles geregelt, jeder Mann
+an seinem Platze und wir nahmen vom Kontrolleur Abschied, der uns
+mit seinen zwei kleinen Kanonen noch eine gute Reise nachdonnerte.
+
+
+
+
+KAPITEL III.
+
+ Allgemeines über die Insel Borneo--Die Gebirge von
+ Mittel-Borneo--Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam
+ und dem Batang-Rèdjang, Kajan und Barito--Geologie des
+ oberen Mahakamgebietes--Salzquellen--Geologischer
+ Charakter des Apu Kajan--Äussere Gestaltung
+ Mittel-Borneos--Buschvegetation--Meteorologische
+ Verhältnisse.--Bewohner der Insel--Malaien und Dajak--Sesshafte
+ Stämme: Bahau und Kenja--Nomadenstämme: Punan, Bukat und
+ Beketan--Herkunft der Bahau und Kenja--Legende vom Wasser und
+ Feuer-Auswanderungen und Vermischungen der Stämme.--Organisation
+ eines Bahau- bezw. eines Kajan-Stammes--Geschichte der
+ Mendalam Kajan--Glieder eines Stammes: Häuptlinge, Freie und
+ Sklaven-Gegenseitige Verpflichtungen der Stammesglieder--Abstammung
+ des Häuptlings _Akam Igau_.
+
+
+Die Insel Borneo ist mit ihrer Oberfläche von 734.000 quad. km
+nach Neu-Guinea die grösste der Welt; sie ist mehr als zweieinhalb Mal
+so gross als England, Schottland und Irland zusammen. Betrachtet man
+eine in grossem Massstab gehaltene Karte von Borneo, so bemerkt man,
+dass vom Zentrum der Insel aus mächtige Ströme nach allen Richtungen
+hin den Küsten zuströmen; sie durchziehen in ihrem Unterlauf weite
+Ebenen, die sie mit der Zeit selbst gebildet haben. Die Entstehung so
+grosser Flüsse und Ebenen ist nur da möglich, wo starke Regenfälle
+herrschen. Die durchschnittliche jährliche Regenmenge in Borneo ist
+in der Tat eine sehr bedeutende, sie kann bis über 5 m betragen, doch
+machen sich auf dem ausgedehnten Gebiet grosse lokale Abweichungen
+bemerkbar. Wegen ihrer aequatorialen Lage bestreichen die Passatwinde
+die Insel Borneo lange nicht so regelmässig wie Java, daher ist der
+Regenfall dort gleichmässiger auf das ganze Jahr verteilt.
+
+In scharfem Gegensatz zu den Nachbarinseln hat man auf Borneo bis jetzt
+keine tätigen Vulkane gefunden. Zwar entdeckte Prof. _Molengraaff_
+im Jahre 1894 südlich vom oberen Kapuas ein ausgedehntes vulkanisches
+Gebiet, das hauptsächlich aus riesigen Tufflagern besteht, Spuren
+einer Eruption jüngeren Datums fand er jedoch nicht. Die südlichen
+Nebenflüsse des oberen Kapuas haben daher auch Zeit gehabt, diese
+Tufflager durch Erosion in ein höchst eigenartiges Bergland umzuformen,
+dessen eigentümliche terrassenförmige Erhebungen bisweilen mehr als
+1000 m Höhe erreichen. Dem 1825 verunglückten Forschungsreisenden
+_Georg Müller_ zu Ehren nannte Prof. _Molengraaff_ dieses Gebirge:
+Müller-Gebirge. Die zahlreichen Petrefakten, welche diese Tufflager
+enthalten, deuten darauf hin, dass das Müller-Gebirge hauptsächlich
+in der Tertiärzeit gebildet sein muss.
+
+An der Ostküste, gegenüber der Insel Miang und auf dieser selbst,
+liegen 100 m hohe Hügel, die in späteren geologischen Perioden durch
+negative Strandverschiebung entstanden sein müssen; denn man findet
+auf ihnen die Riesenmuschel (Tridacna). Das ganze flache Gebiet
+von Kutei wird durch diese auf die Ostküste beschränkte Hügelreihe
+gegen das Meer hin abgegrenzt. Die vielen Seeen, welche die grosse
+eingeschlossene Ebene aufweist, lassen vermuten, dass sie früher ein
+Becken gewesen, das durch den Mahakam und seine Nebenflüsse allmählich
+angefüllt worden ist. Bereits seit langer Zeit werden in den Hügeln
+an der Mahakammündung Steinkohlenlager ausgebeutet; vor einigen Jahren
+sind dort auch reiche Petroleumquellen angebohrt worden.
+
+Das Kettengebirge, welches sich von dem an der Westküste gelegenen
+Tandjong Dato an quer durch die Insel nach Osten, wahrscheinlich
+bis zum Kap Mangkalihat, erstreckt und die Wasserscheide zwischen
+zahlreichen Flüssen bildet, besteht grösstenteils aus stark gefalteten
+Schieferschichten.
+
+Nach den Untersuchungen von Prof. _Molengraaff_ ist dieses Gebirge,
+nördlich von dem grossen Seeengebiet der Batang-Lupar, aus stark
+abgetragenen Schiefern zusammengesetzt und erhebt es sich nur ungefähr
+200 m über den Meeresspiegel. An der Südseite traf er zum ersten Mal
+die für Mittel-Borneo charakteristische Danau-Formation [3], deren
+obere, aus Kieselschiefer, Jaspis und Hornstein bestehende Schichten
+Radiolarien enthalten und daher Tiefseeablagerungen sein müssen.
+
+Nördlich vom oberen Kapuas und Mahakam, nach Osten zu, steigt dieses
+Gebirge immer mehr an, behält jedoch stets denselben Charakter
+bei. Vom Bukit Tjondong aus konnte _Molengraaff_ das Gebirge, das
+er Ober-Kapuri-Kettengebirge nannte, übersehen; es erwies sich auch
+später, vom Liang Tibab aus gesehen, als typisches Kettengebirge,
+das ganz aus zahlreichen, scharfen, in gleichen Entfernungen neben
+einander sich erhebenden Rücken zu bestehen schien. Wie gesagt,
+steigt das Gebirge in östlicher Richtung an: der Lawit ist bereits
+1767 m hoch, die höchsten Gipfel bei den Kapuas-Quellen erreichen 1900
+m und diese Höhe bleibt ungefähr konstant bis zum oberen Mahakam,
+wo das Kettengebirge vom Batu Tibang durchbrochen wird. Dem Geröll
+seiner Flüsse nach zu urteilen, scheint dieser letztere Teil des
+Gebirges eruptiven Ursprungs zu sein.
+
+Östlich vom Batu Tibang setzt sich das Kettengebirge, das jetzt den
+Namen Bawui Gebirge trägt, weiter fort; in westlicher Richtung, bis
+zum Batu Okang, dem grossen Bergmassiv, auf dem der Boh entspringt,
+verschmälert es sich und bildet dort die Wasserscheide zwischen
+Kajan und Mahakam. Östlich vom Batu Okang ist das Kettengebirge noch
+unerforscht; künftige Untersuchungen werden aber voraussichtlich
+ergeben, dass es sich ununterbrochen bis zum Kap Mangkalihat fortsetzt.
+
+Im Flussbett des Selirong und Seliku, der beiden Quellflüsse
+des Mahakam, beobachtete ich im Hangenden der fast senkrecht
+aufgerichteten, alten Schiefer beinahe horizontal gelagerte
+Sandsteinschichten, die im übrigen Teil des Gebirges bereits weggespült
+sein müssen. Auch dieser mittlere Teil des Kettengebirges ist also
+nach seinem Entstehen untergetaucht gewesen. Am oberen Seliku befanden
+sich diese Sandsteinschichten am Fuss des Lasan Tujan in 720 in Höhe,
+am Selirong, etwas oberhalb des Landweges nach Serawak, in 650 m
+Höhe. Der Sandstein, aus dem die 5-10 cm dicken Schichten bestanden,
+war an beiden Orten grobkörnig. Die Schichten fallen unter 26º nach
+Norden ein und das Streichen ist 236º.
+
+Die Danauformation, die _Molengraaff_ im Seeengebiet der Batang-Lupar,
+im Bungan und Bulit, an der Südseite des Kettengebirges antraf,
+stellte ich auch am oberen Mahakam, unterhalb der Mündung des Sikè
+und im Boh in der Nähe der Ogamündung fest.
+
+Weitere Hornsteinschichten beobachtete ich im Mahakam und zwar
+in seiner westlichen Reihe von Wasserfällen bei Long Tepai, wo
+beim Fall des Lobang Kubang die Lagen eine Dicke von 3 dm bis 1 m
+erreichen. Der hier weisse Hornstein wird von den Sandsteinschichten
+des grossen Gebirgszuges überlagert, der die Wasserscheide zwischen
+dem oberen Mahakam und oberen Barito bildet. In seinem von West nach
+Ost sich erstreckenden Teil heisst dieser Gebirgszug Batu Lesong,
+seine südliche Fortsetzung heisst bis zur Quelle des Rata: Batu Ajo.
+
+Dieses ganze Gebirge erscheint als ein schmaler, sehr steiler, oben
+abgeflachter Rücken. Seine grobkörnigen Sandsteinschichten erreichen
+eine Mächtigkeit von 5-50 m und haben eine Neigung von 8º nach Süden.
+
+Der 1800 m hohe Batu Lesong wird seiner regelmässigen Form wegen von
+den Eingeborenen mit einem Reisblock, _lesong_, verglichen. Bei einer
+Besteigung des Batu Lesong im Quellgebiet des Blúu konstatierte ich,
+dass er sich mit senkrechten 4-500 m hohen Wänden aus den Flussbetten,
+welche das Wasser nach Norden in den Mahakam, nach Süden in den Busan
+und Belatung wegführen, erhebt. Der Hauptrücken ist nur 1-2 km breit
+und sendet nach Norden eine Reihe von Querrücken, welche die Täler
+der Nebenflüsse des Mahakam von einander scheiden. Zum Mahakam hin
+fallen diese Querrücken oft sehr steil ab, zwischen dem Blúu und
+Danum Parei mit einer Höhe von 1000 m; dazu sind sie oft so schmal,
+dass sie kaum für einen Pfad Platz lassen. Eine starke Abtragung wird
+durch die üppige Vegetation verhindert. Nach Osten hin nimmt die Höhe
+des Batu Lesong immer mehr ab; seine Fortsetzung, Batu Ajo, ist nur
+noch 1000-1200 m hoch. Das Gebirge, welches den gleichen Charakter
+stets beibehält, kehrt sich mit einer scharfen Wendung nach Süden;
+es scheint das vulkanische Müller-Gebirge nach Osten zu begrenzen.
+
+Die nördlichen, zwischen dem Sumwé und Merásè gelegenen Nebenflüsse
+des Mahakam, sowie der betreffende Teil des Hauptstromes selbst, haben
+sich ebenfalls ihre Betten aus beinahe horizontalen Sandsteinlagern
+erodieren müssen. Diese gehören dem ursprünglich augenscheinlich
+mit dem Batu Lesong zusammenhängenden Ong Dia (ong = Gebirge) der
+Bahau an. Der Ong Dia ist nicht über 900 m hoch, läuft in Form eines
+schmalen Rückens dem Batu Lesong parallel, fällt dem Mahakam zu steil
+ab und dehnt sich in nördlicher Richtung bis zu dem hoch aufragenden
+Kalksteingebirge Batu Matjan aus. An die steilen Wände des Ong Dia
+lehnen sich auf der Mahakam Seite eine Reihe von Hügeln in Gestalt von
+200-500 m hohen steilen Kalkbergen, welche die Erosion des Sandsteins
+aufzuhalten scheinen.
+
+Das eben erwähnte nördliche Kalksteingebirge liegt zwischen dem Serata
+und oberen Tepai und erhebt sich mit seinen eigentümlichen Formen bis
+zu einer Höhe von 1900 m; es giebt dem Serata, Sumwe, Merásè, Tepai,
+Glat und anderen Flüssen den Ursprung, während südlich von ihm der
+obere Mahakam einen mächtigen Bogen nach Westen macht, bevor er den
+Weg nach Süden einschlägt. Die höchsten Berge dieser Kalkformation
+heissen: Batu Matjan, Batu Brok und Batu Ulu.
+
+Diesem grossen Kalkgebirge schliesst sich eine Reihe schmaler,
+sehr steiler, freier Kalkberge von 300-900 m Höhe an, welche ich
+längs den Ufern des Tjehan unterhalb des Pakatè und weiter östlich
+längs dem Mahakam bis an den Blúu entdeckte. Der Kalk hat eine dichte
+Struktur und findet sich teils massig, teils in Schichten bis zu 40
+m Mächtigkeit. Diese fallen am Mahakam sowohl als am Tjehan ungefähr
+gleich unter 44° nach Süden und das Streichen ist 242°, also im
+wesentlichen gleich dem der oben erwähnten Sandsteinschichten.
+
+Zu den höchsten Erhebungen dieser Kalkberge gehört der Liang Karing
+an der Mündung des Tjehan, der Liang Nanja im Flusstal selbst und
+der Batu Baung am Mahakam.
+
+In den zahlreichen Höhlen dieser Berge bewahren die Eingeborenen ihre
+Kostbarkeiten auf und setzen sie ihre Toten bei. Ähnliche grosse
+Felsenhöhlen sollen auch im grossen Kalksteingebirge z.B. im Batu
+Matjan, Batu Brok u.a. vorkommen.
+
+Ausser den eben besprochenen beiden Gebirgsgliedern kommt im Gebiet
+des oberen Mahakam noch eine Reihe vulkanischer Andesitkegel vor, die
+sich im Tal des Blúu von Süden nach Norden hinzieht. Der nördlichste
+dieser Kegel ist der Batu Mili 840 m, ihm gegenüber an der Mündung
+des Blúu liegt der Batu Kasian 650 m, weiter südlich der Moang 900
+m. Am Fuss dieser Hügel kommen Quellen vor, die gleichzeitig Salz und
+Kohlensäure liefern; die Bevölkerung benutzt sie zur Salzgewinnung. Bei
+einer dieser Quellen, der Span Dingei am Fuss des Moang, glückte
+es mir im Jahre 1896 mit _Kwing Irang_, dem Häuptling der Mahakam
+Kajan, eine alte Vorrichtung zur Salzgewinnung auszugraben. Als auf
+Anweisung von _Kwing Irang_ neben einer Reihe Felsen von glasigem
+Eruptivgestein die Erde fortgeschafft wurde, kam der Rand eines
+ausgehöhlten Baumstammes von 6 dm Durchmesser zum Vorschein, der
+senkrecht in den Boden gerammt war. Etwas tiefer bemerkten wir einen
+zweiten hohlen Baumstamm, der in den ersten hineingesteckt war und
+aus dem das Wasser kräftig hervorsprudelte. Die Baumstämme dienten
+dazu, das Wasser vor Verunreinigung durch hineinfallende Erde zu
+schützen. Gegenwärtig wird die Quelle ihres geringen Salzgehaltes wegen
+nicht mehr ausgebeutet, in früherer Zeit jedoch wurde das Salzwasser
+aufgefangen und in grossen Töpfen verdampft.
+
+Trotz der Einfuhr von Salz von der Küste her benutzten die Ma-Suling
+am Merásè noch bis vor kurzem eine andere, salzhaltigere Quelle,
+Sepan Daja, am Fuss des Ong Dia zur Salzgewinnung. Eine Analyse des
+mitgenommenen Wassers ergab folgende Bestandteile
+
+
+ per Liter Wasser (neutral).
+
+ Kieselsäure (Si O2) 0.068 g
+ Chlor (Cl) 3.592 g
+ Kalk. (Ca O) 0.202 g
+ Magnesia. (Mg O) 0.098 g
+ Kali (K2 O) 0.095 g
+ Natron (Na2 O) 3.260 g
+
+
+Was das Gestein am Grunde des Mahakambettes betrifft, so sah
+ich unterhalb der Mündung des Kaso, bis oberhalb der westlichen
+Wasserfälle, jüngere Schiefer in dünnen Schichten mit 1-10 cm
+dicken sandsteinartigen Schichten abwechseln. Alle diese Schichten
+streichen von West nach Ost, im Grossen und Ganzen mit der Richtung
+des Flusslaufes übereinstimmend.
+
+Von der Vereinigung des Selíku und Selírong an bis zur Mündung des
+Blúu fällt der Mahakam von 550 auf 200 in Höhe; bei der Fahrt den Boh,
+Oga, Temha und Meseai aufwärts steigt man von 150 bis 600 m Höhe,
+wo der Landweg zum oberen Kajan beginnt.
+
+Von hier aus kann man die Wasserscheide längs einem ins Tal des Laja,
+eines Duellflüsschens des Kajan, hinabführenden Querrücken in einem
+Tage überschreiten. Der Kajan entspringt in der Nähe auf dem Batu
+Telunjôn und strömt in nördlicher Richtung, in 600 m Höhe, durch ein
+ausgedehntes Hügelland, das die Bahau Apu Kajan nennen.
+
+Die Erhebungen bestehen hier hauptsächlich aus Rücken, die sich
+von der Wasserscheide aus nach Norden erstrecken; sie sind, wie
+die Wasserscheide selbst, aus altem Schiefergestein gebildet,
+das unter der allgemeinen Büschbedeckung verborgen, fast nur in
+den Flussbetten zum Vorschein kommt. Diese Schiefer sind schwach
+gefaltet und fallen im allgemeinen unter 45°-70° nach Süden; das
+Streichen ist 245°-275°. An einigen Stellen werden die Schiefer
+von Sandsteinschichten bedeckt. Diese sind 1-6 dm dick und liegen
+horizontal den älteren, geneigten Schieferschichten auf. Die Schiefer
+werden von Basaltgängen durchbrochen.
+
+Nach Auffassung der Bevölkerung dehnt sich das Gebiet des Apu Kajan
+bis zu der Stelle aus, wo der Kajan eine lange Reihe unüberwindlicher
+Wasserfälle, Baröm, bildet. Der Beschreibung zufolge muss der Fluss
+dort über eine grosse Strecke hin von sehr hohen Bergen eingeschlossen
+sein.
+
+Etwas Näheres wissen auch die Eingeborenen nicht über dieses ihnen
+selbst unbekannte und mystische Gebiet; künftige Forschungsreisen
+werden hoffentlich auch dorthin Licht bringen.
+
+Nach diesem kurzen geologischen Überblick über Mittel-Borneo betrachten
+wir uns im folgenden das Land, wie es sich dem Beschauer in seiner
+äusseren Gestalt darbietet.
+
+Man kann sich Mittel-Borneo am besten als ein mit Urwald bedecktes
+Gebirgsland vorstellen, dessen bedeutendste Flussläufe unter 200 m
+Höhe liegen und dessen höchste Bergspitzen 2000 m nicht überragen. So
+grosse Erhebungen kommen jedoch in der Nähe menschlicher Wohnungen
+nicht vor; Niederlassungen finden sich stets nur an den Flüssen und
+höher als 250 m liegen sie in Mittel-Borneo überhaupt nicht.
+
+Das ganze Land ist mit ununterbrochenen, Jahrhunderte alten Wäldern
+bedeckt, die, je nach der Höhe ihrer Lage, von einander verschieden
+sind. Diejenigen Wälder, mit denen der Mensch in Berührung kommt,
+zeigen eine äusserst üppige Vegetation, die zwischen einem Gerüst
+von Riesenstämmen mit alles überdeckendem Blätterdache eine Menge
+kleinerer Bäume, Sträucher und Kräuter gebildet hat, so dicht,
+wie sie hohe Temperatur und ständige Feuchtigkeit auf humusreichem
+Boden allein zu schaffen vermögen. Auf dieses alles überwuchernde
+Pflanzenkleid übt die menschliche Tätigkeit wenig Einfluss aus. Für
+seine relativ geringen Bedürfnisse fällt der Mensch stellenweise den
+Wald, dessen Boden für 1-2 Jahre als _ladang_ (trockenes Reisfeld)
+gebraucht wird; aber unmittelbar darauf wird diese kleine Lücke in
+der Buschbedeckung von der alles beherrschenden Vegetation wieder
+ausgeglichen, so dass binnen weniger Jahre nur der Eingeweihte
+die Spuren früherer menschlicher Arbeit erkennen kann. So wurde in
+früherer Zeit ein grosser Teil der tiefer gelegenen Wälder durch seine
+Bewohner gefällt, aber, wenn nicht hie und da steinerne Gerätschaften
+zurückgeblieben wären, käme man schwerlich auf die Vermutung, dass
+an Stelle dieser sogenannten Urwälder einst Reisfelder gestanden.
+
+Die ungestörte Ruhe, welche die verlassenen Reisfelder geniessen,
+gestattet dem Gestrüpp und Busch, sogleich wieder ihr Reich
+einzunehmen, und noch keine einzige Grasart, nicht einmal das im
+übrigen Indien so häufige und verbreitete _alang-alang_ hat sich im
+Gebirgslande von Mittel-Borneo entwickeln können. Erst seit ungefähr
+dreissig Jahren ist am oberen Mahakam Gras aufgetreten, zum grossen
+Verdruss der Bewohner, die es nun aus ihren Reisfeldern jäten müssen.
+
+Die Buschvegetation findet in der aequatorialen Lage des Landes eine
+mächtige Stütze, da der Einfluss der Passatwinde, der in höheren
+Breiten den Wechsel von Regen- und Trockenzeit hervorruft, sich hier
+nur in geringem Masse geltend macht. Daher erleidet die Vegetation von
+Mittel-Borneo niemals die Nachteile einer langdauernden Dürre, die
+den Graswuchs öfters begünstigt; auch schafft die grosse Ausdehnung
+der Wälder selbst, ausser der Zufuhr von Wasserdampf aus dem Meere,
+einen Überschuss an Feuchtigkeit in der Luft, während in den kühlen
+Räumen unter dem Blätterdache und im Boden beständig ein grosser
+Feuchtigkeitsvorrat angehäuft bleibt.
+
+Durch diese das ganze Jahr anhaltende Feuchtigkeit und den übermässigen
+Regen ist die Temperatur dieser Gegenden niemals besonders hoch und nur
+da, wo die Bevölkerung zum Bau der Wohnungen einen kleinen Teil des
+schützenden Pflanzenkleides zerstört hat, steigt um die Mittagszeit
+die Temperatur unter einem _kadjang_- (Palmblatt-) Dache auf 30°-31°
+C, sinkt aber auch nachts selten unter 20° C.
+
+In unmittelbarer Nähe der Berge, mehr am Mandai und Mahakam als
+im Tale des Mendalam, ist der Himmel oft bewölkt, und nachts
+bedecken tief hängende Wolken und Nebel den Wald. In der Regel
+beginnt die Bewölkung gleich nach Sonnenuntergang und verschwindet
+bei Sonnenaufgang; daher gehört ein klarer Sternhimmel in vielen
+Gegenden zu den Seltenheiten. Die Gipfel der Berge bleiben oft auch
+an heiteren Tagen bis zum Abend mit Wolken bedeckt. Das Gleiche gilt,
+mit geringen Ausnahmen, auch für die Küstengebiete, nur bewirken hier
+die Seewinde bisweilen kühlere Nächte.
+
+In höheren Regionen verändert sich der Charakter der Vegetation
+unter dem Einfluss häufiger und regelmässiger Regen auffallend
+schnell. Gegen die Berge aufsteigend, lassen die mit Wasserdampf
+stark geschwängerten Luftströme ihre Wassermassen in Form von Regen
+anhaltend niederfallen und ihre Wolken widerstehen der Sonnenwärme;
+dadurch kühlen die höheren Stellen so stark ab, dass man auf einer
+Höhe von 1000 m an, abgesehen von wenigen kleinen Bäumen und niedrigem
+Gestrüpp, eine dicke, alles überdeckende Moosvegetation antrifft,
+der man in Java nur auf einer Höhe von 2500-3000 m begegnet.
+
+Die Bewohner Borneos wurden bisher in Dajak (die ursprünglichen
+Inselbewohner) und Malaien (die eingewanderte Bevölkerung)
+eingeteilt; jene, sagte man, bewohnen das Binnenland, diese die
+Küsten. Im allgemeinen ist diese Einteilung richtig, aber hie und
+da, z.B. in Serawak, bewohnt die heidnische Bevölkerung das Land bis
+zur Küste, andrerseits leben Stämme, die sich auch Malaien nennen,
+bis tief ins Innere an den grossen Flüssen. Diese zwei Hauptgruppen
+sind ausserdem nirgends scharf geschieden, sondern haben sich stark
+vermischt, was zur Folge gehabt hat, dass sich die Bewohner vieler
+Orte zwar Malaien und Mohammedaner nennen, in Wirklichkeit aber
+beinahe oder ganz rein dajakischer Abstammung sind und sich zu einer
+Religion bekennen, die dem heidnischen Dajaktum viel mehr ähnelt als
+dem Mohammedanismus. Auch findet man, allerdings weniger häufig,
+Dajak, in deren Adern malaiisches Blut fliesst. Diese Vermengung
+wird durch die grossen Flüsse, die für Fahrzeuge der Eingeborenen
+bis tief ins Innere des Landes zugänglich sind, stark befördert. Die
+vorzugsweise seefahrenden Malaien konnten sich längs diesen Strömen
+leicht verbreiten. Wie sehr sich die Malaien an einen Verkehr zu
+Wasser gebunden fühlen, erkennt man überall daran, dass sie sich
+hauptsächlich an den grossen Strömen niederlassen und die Dajak in
+das Bergland an die Nebenflüsse zurückdrängen.
+
+Auch die allgemeine Bezeichnung der eingeborenen Bevölkerung
+Mittel-Borneos als Dajak ist nicht ganz zutreffend, da diese aus
+verschiedenen, ethnologisch scharf von einander geschiedenen Gruppen
+zu bestehen scheinen. Nach meinen im Jahre 1894 an 135 Dajak im
+Gebiete des oberen Kapuas ausgeführten anthropologischen Messungen
+scheinen sich diese Gruppen auch körperlich sehr verschieden
+zu verhalten. Dr. _Kohlbrügge_, der die Freundlichkeit hatte,
+meine Messungen zu bearbeiten, kam, ohne von den ethnologischen
+Verschiedenheiten der Stämme etwas zu wissen, auf Grund der Ergebnisse
+der Schädelmessungen und anderer Körpermerkmale zu der Vermutung,
+dass Mittel-Borneo von zwei Völkergruppen bewohnt wird, von denen die
+eine brachyzephal, die andere dolichozephal ist; diese kann zu den
+Indonesiern gerechnet werden [4]. Zu den Brachyzephalen gehören die
+Kajan; zu den Dolichozephalen die Ulu-Ajar Dajak am Mandai. Auch vom
+ethnographischen Gesichtspunkte aus sind diese zwei Gruppen durch ihre
+sehr verschiedenen Sitten und Gewohnheiten geschieden. Ausserdem sind
+sie geschichtlich getrennt, denn die Kajan gehören zur grossen Gruppe
+der Bahau- und Kenjastämme von Ost-Borneo, während die Ulu-Ajar zu den
+Stämmen gerechnet werden müssen, die als Ot-Danum und Siang am oberen
+Melawi, oberen Kahájan und oberen Barito wohnen. Dass Dr. _Kohlbrügge_
+die Kajan auf Grund der Messungen für ein Mischvolk ansieht, ist sehr
+richtig, denn dieser Stamm ist seit 150 Jahren von seinem Stammland
+Apu Kajan am weitesten, bis in das Kapuasgebiet, fortgezogen, wo viele
+Sklaven, Abkömmlinge von Kriegsgefangenen verschiedenen Ursprungs und
+Individuen benachbarter Stämme durch Heirat in den Stamm aufgenommen
+wurden.
+
+Neben diesen zwei grossen Gruppen, welche die ackerbautreibenden
+Stämme umfassen, giebt es in Mittel-Borneo, in geringerer Zahl,
+auch Jägerstämme, die unter den Namen von Punan, Bukat und Beketan
+in den hohen Gebirgen, den Quellgebieten der grossen Ströme, ein
+Nomadenleben führen. Diese Stämme betreiben wenig oder gar keinen
+Landbau, sondern leben von Jagd, Fischfang oder Waldfrüchten. Sie
+scheinen älter als die beiden anderen Gruppen zu sein und gehören
+vielleicht zu den ältesten Bewohnern Borneos.
+
+Sowohl die Bahau- als die Kenjastämme haben zum gemeinsamen Stammland
+das Quellgebiet des Kajan bzw. Bulunganflusses, welches Apu Kajan
+oder Po Kedjin genannt wird. Früher wurden alle Stämme der Bahau und
+Kenja unter den Namen Paristämme zusammen gefasst.
+
+Augenblicklich bewohnen diese Stämme die Stromgebiete des ganzen
+Mahakam bis zum Mujub, des Berau und des Kajan, die alle an Borneos
+Ostküste ins Meer münden; ferner die Gebiete des Oberlaufs der Flüsse,
+die nach Norden strömen: des Limbang, des Baram und des Balúi oder
+Batang-Rèdjang. Von hieraus drang ein kleiner Teil der Bevölkerung
+in die Kapuasebene ein, wo er jetzt am Mendalam wohnt.
+
+Die Bewohner dieser Ländergebiete nennen sich, wie oben gesagt,
+teils Bahau teils Kenja.
+
+Zu den Bahau rechnen sich die Stämme am Mahakam bis zum Mujub. Oberhalb
+der Wasserfälle gehören also zu ihnen die:
+
+Seputan im Gebiet des Kasoflusses; Pnihing vom Howong bis zum
+Sumwé; Kajan vom Sumwé bis zum Dini; Long-Glat vom Dini bis zu den
+Wasserfällen; Ma-Suling am Merasè.
+
+Unterhalb der Wasserfälle des Mahakam gehören zu den Bahau die:
+
+Hwang-Sirow; Long-Wai; Uma-Lohat in Udju Halang; Hwang-Ana; Hwang-Tring
+in Tepu.
+
+Am oberen Batang-Rèdjang oder Balui fasst man die Bahaustämme unter dem
+Namen Kajan, der wieder verschiedene Stämme begreift, zusammen. Ebenso
+wohnen am Mendalam, dem nördlichen Nebenfluss des Kapuas, Bahau: die
+Kajan Uma-Aging zu Tandjong Karang und Tandjong Kuda, die Ma-Suling
+und Uma-Pagong weiter flussaufwärts.
+
+Zu den Kenja rechnen sich vor allen die Stämme, die augenblicklich
+noch im Apu Kajan wohnen, ferner die, welche sich an den nach Osten
+strömenden Flüssen niedergelassen haben, nämlich die am Tawang,
+Brau und Kajan. Auch die Stämme am oberen Limbang und oberen Baram
+gehören zu den Kenja.
+
+Die Kenjastämme, die gegenwärtig den Apu Kajan bewohnen, haben ihre
+Heimat an dem östlich gelegenen Iwan, einem linken Nebenfluss des
+Kajan. Neben diesem Nebenflusse befindet sich ein anderer, der Bahau,
+von dem wahrscheinlich der Name der Bahau herrührt, so dass diese
+also ursprünglich ebenfalls aus dem Osten herstammen.
+
+Es entspricht nämlich der Gewohnheit der Kenja und Bahau, den Stämmen
+den Namen des Flusses, an dem sie lebten oder leben, zu geben. So
+setzt sich der Name "Long-Glat" zusammen aus: "_long_" = Mündung und
+"Glat" = Name eines Nebenflusses des Oga. Ma-Suling = Uma Suling =
+Haus am Suling; Uma-Mehak = Haus am Mehak (Nebenflüsschen des Boh);
+Uma-Tepai =- Haus am Tepai (Nebenfluss des Mahakam); Hwang-Tring =
+Stamm vom Tring (Berg im Gebiet des Boh).
+
+Am Kajan wohnen von seinem Ursprung flussabwärts folgende Kenjastämme,
+die:
+
+Uma-Tow; Uma-Bom; Uma-Djalan; Uma-Tokong; Uma-Kulit; Uma-Baka;
+Uma-Bakong; Uma-Leken (unmittelbar oberhalb des Baröm).
+
+Die Bahau- und Kenjastämme wissen noch sehr wohl, dass sie vom Apu
+Kajan herstammen und die meisten können auch noch die Zeit ihrer
+Auswanderung angeben. Auch gegenwärtig finden solche Auswanderungen
+noch statt. Vor ungefähr dreissig Jahren sind die Kenja Uma-Time,
+die jetzt am Tawang wohnen, vom Kajan dorthin übergesiedelt; der
+Stamm der Uma-Bom hat jetzt den Plan, in das Tal des Boh zu ziehen
+und sich dort niederzulassen. Im Lauf der Zeit wandert ein solcher
+Stamm immer weiter flussabwärts, den Weg der meisten Bahaustämme,
+die jetzt am Mahakam wohnen, folgend.
+
+Obgleich die Geschichte ihrer Auswanderung den Stämmen sehr wohl
+bekannt ist, hat doch auch die Legende die Tatsache, dass alle vom
+Apu Kajan gebürtigen Stämme jetzt nach allen Himmelsgegenden zerstreut
+wohnen, zu erklären versucht:
+
+In alten Zeiten, heisst es, entstand zwischen dem Feuer (_apui_) und
+dem Wasser (_ata_) ein Zwist, der sich so steigerte, dass beide im
+Kampfe die Kräfte aufs äusserste anspannten. Wind und Regen kamen dem
+Wasser zu Hilfe, welches infolgedessen so sehr stieg, dass es alles
+Land mit Wäldern und allem überflutete. Dadurch erlosch das Feuer,
+aber auch alle Menschen bis zum Apu Kajan hinauf kamen um. Nur einige
+wenige, die in Böten sassen, blieben am Leben. Diese sahen keine andere
+Möglichkeit, das Wasser zum Sinken zu bringen, als eine der Ihren,
+_Hillo_, die Tochter eines Häuptlings, zu töten, indem sie ihr die
+Schulter durchhieben. Da fiel das Wasser plötzlich vom hohen Bergland
+hinunter und führte zugleich die in den Böten überlebenden Menschen
+nach verschiedenen Seiten auseinander. So wurden die Bewohner von
+Apu Kajan in alle Himmelsrichtungen zerstreut und sprechen heute so
+viele verschiedene Sprachen.
+
+Wenn irgend möglich, wohnen die Stämme im Mahakam- und Kajangebiete am
+Hauptfluss selbst; nur wenn der Wohnplatz für unsicher gehalten wird,
+wie nach dem Einfall der Batang-Lupar im Jahr 1885 am Mahakam, oder
+wenn eine starke Zunahme der Bevölkerung es gebietet, wie am Kajan,
+lassen sich Bahau und Kenja auch an Nebenflüssen, häufig hoch im
+Gebirge, nieder. Das Gleiche sehen wir am oberen Barito oder Murung,
+wo sich die Dajak vor den am Hauptfluss sich ansiedelnden Malaien an
+die Ufer der Nebenflüsse zurückgezogen haben.
+
+Eine Eigentümlichkeit aller Bahau besteht darin, dass sich ihre
+selbständigen Stämme, obgleich sie einander nicht bekriegen, doch
+auch nur wenig vermischen. Heiraten zwischen Pnihing, Kajan und
+Long-Glat kommen, beispielsweise, nur selten vor, noch viel seltener
+sind Verbindungen zwischen Bahau und Kenja. Demnach müssen Heiraten
+zwischen Gliedern von Stämmen, die verschiedenen Gruppen angehören,
+wie Bahau und Ot-Danum, früher eine grosse Seltenheit gewesen sein. Man
+sollte daher erwarten, dass sich das Blut der Stämme von Mittel-Borneo
+sehr rein erhalten habe, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Bahau
+haben nämlich alle ihre gegenwärtigen Wohnplätze erst erobern müssen;
+am Mahakam fanden sie Stämme vor, die mit den Ot-Danum vom Kahájan und
+Melawie und den Siang vom oberen Barito verwandt waren. Die Bewohner
+wurden teils vertrieben, teils zu Sklaven gemacht und den Häuptlingen
+der Stämme zugeteilt. Diese Sklaven lebten anfangs in Familien,
+getrennt von den freien Gliedern des Stammes, aber allmählich wurden
+sie durch Heirat in den Stamm selbst aufgenommen, bei den Long-Glat
+z.B. beinahe vollständig. Daher bestehen die Bahaustämme am Mahakam
+gegenwärtig aus einer Mischung der dolichozephalen Ot-Danum mit den
+ursprünglichen Bahau, die wahrscheinlich brachyzephal waren.
+
+Ähnlich verhält es sich mit den Kajan am Mendalam.
+
+Die Kenjastämme im Apu Kajan jedoch müssen den ursprünglichen Charakter
+der Bewohner dieses Stammlandes noch sehr rein erhalten haben, und
+dürften daher für künftige anthropologische Untersuchungen einen
+ausgezeichneten Ausgangspunkt bilden.
+
+Noch ein anderer Faktor zwingt uns bei der Beurteilung der Reinheit
+eines Stammes zur Vorsicht und zwar folgender: in Anbetracht, dass
+die Zahl seiner Glieder für die Macht und den Einfluss eines Stammes
+auf die anderen von grösster Wichtigkeit ist, streben die meisten
+Häuptlinge danach, diese Zahl nach Möglichkeit zu vergrössern. Vor
+allem suchen sie Heiraten ihrer Stammesgenossen in fremde Stämme zu
+verhindern; sobald sie sich aber stark genug dazu fühlen, wie die
+Long-Glat im Anfang des 19. Jahrhunderts, bekriegen sie schwächere
+Stämme und zwingen sie, mit ihnen zusammen zu wohnen und zwar als ihre
+Untergebenen, nicht als Sklaven. Es leben jetzt noch unter den bereits
+getrennten Long-Glat die Stämme der Ma-Tuwan, Manok-Kwe, Uma-Tepai,
+Uma-Wak und Batu-Pala, die wahrscheinlich auch vom Apu Kajan gebürtig
+sind. Merkwürdiger Weise haben diese oft nur 100 Individuen zählenden
+Stämme sich ihre eigenen Sprachen und Sitten erhalten; Heiraten mit
+den Long-Glat kommen jedoch häufig vor. So kann auch auf diesem Wege
+Vermischung stattfinden.
+
+In letzter Zeit ist in Borneo ein neues Moment entstanden, das
+die scharfen Gegensätze zwischen den verschiedenen Völkergruppen
+und die grosse Feindschaft, die früher zwischen ihnen herrschte,
+zum Verschwinden bringt: es ist die europäische Nachfrage nach den
+Buschprodukten Borneos, vor allem nach Guttapercha und Rotang. Infolge
+dieser Nachfrage vereinigen sich Männer aus den entlegensten Gegenden
+der Insel in Gruppen und ziehen als Buschproduktensucher überall hin,
+wo diese Artikel noch zu finden sind. Diese Banden sind stark genug,
+um den Widerstand einzelner Stämme, die sie nicht aufnehmen wollen, zu
+brechen und sich allmählich auf freundschaftlichen Fuss mit ihnen zu
+stellen. Daher erscheinen jetzt Ot-Danum und Siang, die sich früher,
+wegen der feindlichen Gesinnung der Bahau, nie in das Gebiet des
+Mahakam wagten, scharenweise bei ihnen und gehen nicht selten sogar
+eine vorübergehende Eheverbindung mit deren Frauen ein.
+
+Auch die Malaien der Küste haben begonnen, sich an dem Sammeln von
+Buschprodukten stark zu beteiligen; in grosser Zahl ziehen die Männer
+aus ihren Dörfern am Unterlauf der Flüsse nach deren Quellgebieten,
+um in ihren noch unberührten Wäldern nach Rotang und Guttapercha
+zu suchen. Man findet daher gegenwärtig in ganz Borneo Malaien, was
+für die einheimische Bevölkerung neben einigen Vorteilen sehr grosse
+Nachteile mit sich bringt.
+
+
+
+Bei sämmtlichen Bahau und Kenja ist die Organisation der Gemeinwesen
+in der Hauptsache die gleiche, was sich aus der Verwandtschaft
+dieser beiden Stammgruppen sehr wohl erklären lässt. Ich beschränke
+mich daher darauf, hier nur die Verfassung des Stammes der Mendalam
+Kajan ausführlich zu besprechen und bei anderen Stämmen vorkommende
+Abweichungen gelegentlich zu erwähnen. Es sei mir gestattet, einige
+geschichtliche Bemerkungen über diese Kajan vorauszuschicken.
+
+Der Stamm der Kajan bewohnt die Ufer des Mendalam gemeinsam mit dem der
+Ma-Suling und Uma-Pagong, mit denen sie, nach ihren geschichtlichen
+Überlieferungen, gemeinsame Abstammung aus dem Quellgebiet des
+Kajanflusses verbindet. Eine Hauptursache der Auswanderung bildete
+die zu starke Zunahme der Bevölkerung; den unmittelbaren Anstoss gab
+aber ein unter den Stämmen ausgebrochener Zwist.
+
+Die Vorfahren der eben erwähnten Bahaustämme durchzogen damals das
+zwischen dem Berge Batu Tibang und der Oga-Quelle gelegene Land,
+in dessen ausgedehntem Urwald sich noch heute Spuren ihrer früheren
+grossen Niederlassungen finden. Von hier wanderten sie nach dem
+Njangéjan, einem Nebenfluss des Batang-Rèdjang, den sie später wieder
+verliessen, um nach zwei verschiedenen Richtungen auseinander zu gehen.
+
+Der eine Teil zog an den oberen Mahakam, wo er heute noch im Tal
+seines Nebenflusses, des Merasè, wohnt; der andere Teil begab sich
+in das Gebiet des oberen Kapuas, wo er jetzt am Mendalam lebt. Bevor
+er sich jedoch hier niederliess, bewohnte er lange Zeit das Tal des
+Sibau, in welches er längs dem Batang-Rèdjang, auf dem heute noch
+gebräuchlichen Wege, gelangt war. Obgleich es sicher 150 Jahre her
+sind, seit die Mendalam Kajan dort wohnten, machen ihre Häuptlinge
+doch jetzt noch auf diese Gebiete und besonders auf die damals
+gepflanzten Fruchtbäume Ansprüche geltend. Während ihres Aufenthaltes
+am Sibau trennte sich auch dieser Zweig nochmals; ein Teil blieb am
+oberen Kapuas, der andere fuhr den Fluss hinunter und liess sich an
+verschiedenen Orten des Hauptstromes bis unterhalb Semitau nieder. Aus
+verschiedenen Ursachen nahmen seine Glieder hier aber so stark an Zahl
+ab, dass ihre Häuptlinge beschlossen, zum alten Zweig am oberen Kapuas
+zurückzuziehen. Sie wurden dort aufgenommen, nachdem sie sich eidlich
+verpflichtet hatten, nicht wieder fortzuziehen. Als sie später trotz
+ihres Eides wiederum den Kapuas abwärts auswanderten, gingen sie dort
+aus unbekannten Ursachen völlig zu Grunde. Die drei überlebenden Kinder
+aus der Häuptlingsfamilie wurden von dem alten Stamm wieder aufgenommen
+und verbanden sich durch Heirat mit ihren früheren Stammesgenossen.
+
+Auch dieser sesshaftere Teil der Bahaustämme wechselte seinen
+Wohnplatz, sei es aus Mangel an geeignetem Boden für seine Reisfelder,
+sei es, weil er an einem bestimmten Ort zu stark von Krankheiten, die
+von den vielen dort hausenden Geistern ausgehen sollen, heimgesucht
+wurde.
+
+Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erhielten die Kajan den
+unerwünschten Besuch von Scharen ihrer Verwandten aus dem Gebiet
+des oberen Mahakam. Diese waren damals sehr mächtig und zogen unter
+Anführung zweier grosser Long-Glathäuptlinge, _Ledju_ und _Ibau_,
+durch ganz Mittel-Borneo brandschatzend umher. Während aber das Haus
+der Taman am Mendalam und viele andere am Kapuas von ihnen verwüstet
+wurden, blieb das der Kajan am Mendalam verschont und zwar, der
+Überlieferung nach, aus dem Grunde, dass Ledju, durch das Erscheinen
+eines aussergewöhnlich grossen und starken Kajan, namens _Bang_,
+erschreckt den Kampf einstellte. Im Friedensschluss kam man überein,
+dass Tipong Aging, die Tochter des vornehmsten Kajanhäuptlings,
+_Ledju_ als Gattin an den Mahakam folgen sollte.
+
+Fährt man heute den Mendalam einige Stunden weit aufwärts, so
+trifft man zuerst die Niederlassung von Tandjong Karang, bewohnt von
+dem Stamm, genannt Kajan Uma-Aging; etwas weiter oben, in Tandjong
+Kuda, wohnt ein anderer Teil des gleichen Kajanstammes, während noch
+weiter oben am Fluss die Ma-Suling und der Stamm Uma-Pagong gemeinsam
+wohnen. Der Rest des Tamanstammes, der vor der Ankunft des _Ledju_
+sehr stark war, lebt jetzt teils mit den Ma-Suling und Uma-Pagong,
+teils mit den Kajan in Tandjong Karang zusammen.
+
+Die Kajan Uma-Aging haben sich erst vor wenigen Jahren infolge von
+Zwistigkeiten in der Häuptlingsfamilie getrennt. Sie wohnten früher
+gemeinsam in Tandjong Karang, aber neben _Seniang_, dem Manne der
+_Bulan_, die eigentlich allein erbberechtigter Häuptling war, hatte
+auch _Akam Igau_, der Gatte von _Seniangs_ verstorbener Schwester, viel
+Einfluss und Ansehen gewonnen; die beiden Schwäger konnten sich jedoch
+nicht vertragen. Als _Seniangs_ Sohn _Tigang_ einst einen heftigen
+Streit herbeiführte, zog _Akam Igau_ mit einem grossen Teil der freien
+Kajan und Leibeigenen an das gegenüberliegende Ufer und. baute sich
+dort ein neues Tandjong Karang. Auch _Seniangs_ Familie zog später
+mit dem Rest der Kajan weiter den Fluss hinauf und liess sich in dem
+jetzigen Tandjong Kuda nieder. Seit ungefähr zehn Jahren wohnen diese
+Häuser oder Stämme nun getrennt in kleinem Abstand von einander und
+die gegenseitigen Eifersüchteleien und Zwistigkeiten haben in dieser
+Zeit nicht abgenommen.
+
+Trotz des vielen Herumschweifens haben die Kajan die ursprüngliche
+Organisation ihres Gemeinwesens nicht verändert.
+
+Ein Stamm der Kajan besteht aus folgenden Gliedern: einem Häuptling
+(hipui), Freien (_panjin_) und Sklaven (_dipen)_. Während der Häuptling
+stets einer bestimmten, bevorrechteten Familie angehört, setzen sich
+die Freien aus lauter Familien von der gleichen Rangstufe und den
+gleichen Rechten zusammen.
+
+Die Leibeigenen sind meistens Nachkommen von Kriegsgefangenen und
+Eigentum des ganzen Stammes; ihre Arbeit kommt dem Häuptling zu Gute,
+der sie dafür zu unterhalten hat. Ab und zu werden Sklaven von den
+nomadisierenden Jägerstämmen, die sie auf ihren Kopfjagden erbeuteten,
+gekauft.
+
+Die eingeborenen Sklaven und auch die, welche einmal das Haus ihrer
+Herren betreten haben, dürfen nie mehr verkauft und auch nie auf den
+Gräbern der Häuptlinge geopfert werden; zu letzterem Zweck wurden
+früher die gekauften Sklaven verwendet.
+
+Wegen Schulden oder Missetaten wird bei den Bahau nie jemand zum
+Sklaven gemacht.
+
+Das Ansehen eines Häuptlings hängt im allgemeinen von der Höhe seiner
+Geburt ab. Die Häuptlingswürde ist erblich. Bei der Nachfolge wird aber
+nicht nur auf das Alter der Kinder, sondern auch auf deren Befähigung
+für das Häuptlingsamt Rücksicht genommen: Der Häuptling bestimmt oft
+schon bei Lebzeiten den Nachfolger und ist dieser einmal erwachsen,
+so spielt er häufig eine grössere Rolle als sein Vater.
+
+Zu den physischen Gebrechen, die einen Sohn an der Nachfolge hindern,
+gehören Taubheit und Blindheit. So konnte _Adjang_, der älteste Sohn
+_Seniangs_, seiner Taubheit wegen, nicht Häuptling von Tandjong
+Kuda werden; es erbte daher sein jüngerer Bruder, _Tigang_, die
+Häuptlingswürde. Charakterfehler können die Nachfolge nicht verhindern,
+sie geben aber öfters zu heftigem Widerspruch seitens der Untertanen
+und nicht selten auch zu einer Spaltung des Stammes Anlass.
+
+Die grössten Tugenden eines Häuptlings sind: Uneigennützigkeit
+und Rechtschaffenheit; neben diesen werden auch Tapferkeit und
+Redegewandtheit geschätzt, aber in geringerem Masse. Der Häuptling
+gewinnt sich die Gunst der Seinen hauptsächlich durch Milde und
+Freigebigkeit und diese Eigenschaften sind auch für alle, die mit den
+Bahau in Berührung kommen, eine Grundbedingung zu einem guten Empfang.
+
+Die Häuptlingswürde kann auch auf die Töchter übergehen, die Söhne
+werden aber bevorzugt. Ist eine Frau jedoch einmal zum Häuptling
+gewählt, so geniesst sie alle Ehren, die ihrer Stellung zukommen.
+
+Der Häuptling vertritt seinen Stamm nach aussen, übt durch Auferlegung
+der Strafen die richterliche Gewalt im Stamm, hat die Nutzniessung
+der Leibeigenen und ist Inhaber des allgemeinen Eigentums, wie alter,
+halb heiliger Erbstücke (_dawan una)_.
+
+Nicht nur weltlichen, sondern auch geistigen Mächten gegenüber muss ein
+Häuptling die Interessen der Seinen vertreten; daher leitet er alle
+bei den Ackerbaufesten stattfindenden religiösen Zeremonien ein. Da
+jedes Verfahren, das der Reisbau erfordert, mit einer religiösen Feier
+begonnen werden muss, giebt der Häuptling das Zeichen für den Anfang
+jeder neuen Periode.
+
+Obgleich der Häuptling nicht zur eigentlichen Priesterschaft gehört,
+muss er doch die Verbotsbestimmungen, gleich wie die Priester,
+strenger als alle übrigen befolgen.
+
+Ferner fallen dem Häuptling grösstenteils die Kosten der öffentlichen
+Festmahlzeiten und der Sold für die Priester zur Last; auch hat er
+für die Entrichtung der Bussen, die dem Stamm durch Feinde oder die
+Regierung auferlegt werden, zu sorgen.
+
+Alle innerhalb des Stammes ausgebrochenen Zwistigkeiten werden bei
+den Kajan durch den eigenen Häuptling geschlichtet, sehr im Gegensatz
+zu den benachbarten Stämmen der Taman-, Sibau- und Kantu Dajak, die
+keine andere Autorität als die des holländischen Beamten anerkennen
+und ihn daher ständig mit kleinlichen Angelegenheiten belästigen. Die
+Mendalam Kajan wenden sich nur dann an den Kontrolleur, wenn Häuptlinge
+untereinander in Streit geraten und eire entscheidende Macht somit
+fehlt.
+
+Erhält der Stamm Besuch von fremden Gästen, so nimmt der Häuptling
+die Gastherrnpflichten auf sich, auch wenn der Besuch einen Monat
+lang bleibt; sind die Gäste jedoch zu zahlreich, so werden sie unter
+die verschiedenen Familien verteilt, die in der Hilfe, die ihnen
+die Fremden bei ihrer Arbeit leisten, einigermassen Entschädigung
+finden. Ein Besuch kann sich nämlich, durch plötzliches Eintreten
+einer Verbotszeit bei Erntefesten oder beim Tode angesehener Personen,
+sehr in die Länge ziehen, da Fremde in dieser Zeit das Haus nicht
+verlassen dürfen.
+
+Hat sich ein Glied eines Stammes etwas zu Schulden kommen lassen,
+so wird sein Vergehen dem Häuptling vorgetragen und diesem liegt die
+Rechtsprechung ob; er fällt sein Urteil jedoch nicht nach persönlicher
+Überzeugung oder Willkür, sondern nach den überlieferten, dem Stamme
+eigenen Gesetzen, die als Gewohnheitsrechte (_adat_) bezeichnet
+werden. Da die _adat_ sehr verwickelt ist, ruft der Häuptling vor
+jeder Rechtsprechung die tüchtigsten, angesehensten und ältesten
+Männer der Freien, _mantri_ genannt, zusammen und berät mit ihnen
+die Angelegenheit.
+
+In gleicher Weise wie die Priester für die Erfüllung der religiösen
+_adat_ zu sorgen haben, müssen die _mantri_ auf die Befolgung
+der weltlichen _adat_ achten; sie bilden die ausführende Macht im
+Gemeinwesen der Kajan, üben aber auch auf jeden Beschluss grossen
+Einfluss aus.
+
+Vor jeder Rechtshandlung werden nicht nur die _mantri_, sondern mit
+deren Hilfe auch die betroffenen Parteien und sämmtliche Bewohner
+des Hauses, Leibeigene und Frauen inbegriffen, zu einer öffentlichen
+Versammlung einberufen, und jedem steht das Recht zu, sich frei zu
+äussern. Derartige Versammlungen werden häufig abends oder an Tagen,
+an denen schwere Arbeit oder ein Verlassen des Hauses verboten ist,
+abgehalten und dauern oft eine ganze Nacht, bisweilen auch noch den
+folgenden Tag.
+
+Lässt sich ein Kajan einem anderen gegenüber Diebstahl, Ehebruch oder
+Mord zu Schulden kommen, so kann sein Vergehen mit einer Busse gesühnt
+werden. Körperliche Strafen, Gefängnisstrafe und vorgeschriebene
+Blutrache kommen in diesem Falle nicht zur Anwendung. Den unmittelbaren
+Tod heischt die _adat_ nur für Personen, die dem öffentlichen Interesse
+gefährlich sind oder zu sein scheinen.
+
+Die Bussen werden teils der geschädigten Partei, teils dem Häuptling
+ausbezahlt, der bei der Auferlegung der Strafen vorsichtig zu Werke
+gehen muss; denn zeigt er einen Schimmer von Habsucht, so läuft er
+Gefahr, die Volksgunst zu verlieren.
+
+Die Busse trägt den Charakter einer Schadloshaltung. Hat z.B. ein frei
+herumlaufendes Schwein einen Teil eines Reisfeldes vernichtet, so steht
+es dem Besitzer des Ackers frei, das Tier zu töten. Dessenungeachtet
+ist er aber verpflichtet, dem Besitzer des Schweines ein anderes
+Tier als Ersatz zu liefern. Der Eigentümer des Schweines wiederum
+muss den auf dem Reisfelde verursachten Schaden vergüten.
+
+Auch Mordtaten werden mit Bussen gestraft; nur wenn die Bussen nicht
+bezahlt werden oder nicht auferlegt werden können, weil der Täter
+entflohen ist oder einem feindlichen Stamme angehört, tritt die Rache
+in den Vordergrund. Sie trifft jedoch nicht immer die schuldige Person,
+sondern auch deren Stammesgenossen, wenn die Gelegenheit sich gerade
+dazu bietet.
+
+Handelt es sich um den Mord mehrerer Personen, der häufig durch
+Geisteskranke geübt wird, so wissen sich die Bahau nicht anders zu
+helfen, als indem sie den Mörder töten. In einzelnen Fällen, wenn der
+Mord nicht vollständig ausgeführt wurde, werden dergleichen Personen
+auch in kleinen Häuschen oder in gesonderten Räumen des grossen Hauses
+eingesperrt und verpflegt.
+
+Steht ein Stammesglied im Verdacht, Gift (_puli_) zu besitzen, mit
+dem es Menschen tötet oder krank macht, so riskiert es, von dem einen
+oder anderen niedergemacht zu werden, natürlich oft unschuldiger Weise.
+
+Bei Ehebruch kommt es vor, dass der betrogene Ehemann die Schuldigen,
+wenn er sie überrascht, tötet; er ist jedoch verpflichtet, für die
+getötete Person Schadenersatz zu bezahlen. Nicht immer hat der Ehebruch
+eine Scheidung der Gatten zur Folge.
+
+Frauen, welche ausserehelich schwanger werden, und die schuldigen
+Männer haben nach Anschauung der Bahau eine Missetat begangen, welche
+die Geister erzürnt und dem Stamme Unglück bringt. Die Strafe, die
+man ihnen auferlegt, gleicht daher einem Opfer an die Geister. Die
+Long-Glat am Mahakam lassen die Schuldigen mit einem Schwein als
+Opfergabe auf einem Floss mit der Strömung flussabwärts treiben. Das
+Schwein ertrinkt in den Wasserfällen, während sich das schuldige Paar
+durch Schwimmen rettet.
+
+Zur Entdeckung des Schuldigen sah ich die Bahau von folgendem Mittel
+Gebrauch machen: Der Bestohlene liess jeden ein Ei anrühren in der
+Überzeugung, dass der Schuldige das Ei nicht zu berühren wagen würde,
+aus Furcht krank zu werden.
+
+Die Bahau schwören auf den Zahn des Königstigers; in ernsten Fällen
+jedoch geschieht die Eidesleistung unter gleichzeitigem langsamem Töten
+eines Hundes. Dem Tiere werden mittelst eines Schwertes Stichwunden
+beigebracht und derjenige, der den Eid leistet, bestreicht sich
+mit dem ausströmenden Blute. Bei Meineid wird der Schuldige, nach
+dem Glauben der Bahau, später durch den Hund, d.h. durch den Geist,
+der in ihm steckte, verfolgt, gebissen und getötet.
+
+Die Vollziehung der Strafen ist für die _mantri_ keine leichte
+Aufgabe, denn sie besitzen keine Zwangsmittel und im Kajanstaat
+geniesst jeder die grösste Freiheit. Die _mantri_ finden aber für
+die Aufrechterhaltung der Ordnung in zwei Faktoren eine wesentliche
+Stütze: erstens in der Achtung der Kajan vor der öffentlichen Meinung,
+zweitens in ihrer Furcht, bei Übertretung der _adat_ zur Strafe krank
+zu werden, dem sog. "_takut parid_."
+
+Dass Menschen, die ihr ganzes Leben gemeinsam in einem
+Hause, in unmittelbarer Nähe von einander, verbringen, doch
+ein so ausgesprochenes Gefühl der Eigenwürde und beinahe eine
+Überempfindlichkeit für die Meinung ihrer Umgebung besitzen, setzt uns
+in Erstaunen. Die _adat_ und die Art ihrer Handhabung ist überhaupt
+nur bei einem Stamm mit derartigem Charakter denkbar.
+
+Wird in einer öffentlichen Versammlung oder durch den Häuptling und
+die _mantri_ einem Schuldigen eine Busse auferlegt, so wagt er es
+nur in seltenen Fällen, sich zu widersetzen. Es kommt noch hinzu,
+dass sich seine ganze Familie bei der Angelegenheit betroffen fühlt.
+
+Nicht minder als die öffentliche Meinung trägt das "_takut parid_"
+dazu bei, im Staate und in der Familie der Kajan Ordnung und Sitte
+aufrecht zu erhalten. Der Aberglaube _parid_, krank, kachektisch zu
+werden, sobald man dieses oder jenes Verbot übertritt, übt auf das Tun
+und Lassen von alt und jung den grössten Einfluss aus. Im allgemeinen
+wird bei den Kajan jemand _parid_, wenn er etwas tut oder anrührt, das
+nur Älteren oder Höherstehenden zukommt. Das _takut parid_ gilt somit
+nicht für sämmtliche, sondern nur für besondere Übertretungen. Kindern
+ist es verboten, Gegenstände, die älteren Männern oder dem Häuptling
+gehören, hauptsächlich aber Kriegswaffen, anzurühren. Junge Männer
+dürfen keine Schwertgriffe aus Horn schnitzen oder eiserne Schwerter
+und Speere gravieren oder Gestelle für Reiskörbe mit Rotang umflechten
+oder endlich sich nicht mit den Schwanzfedern des Nashornvogels
+schmücken--alle diese Dinge sind nur alten, tapferen Männern gestattet.
+
+In bezug auf alles, was den für die Borneobewohner mystischen
+Tiger (_ledjo_) betrifft, ist jeder in hohem Masse _takut parid_;
+nur einige der vornehmsten Häuptlinge wagen es, den Zahn eines
+Königstigers anzurühren. Als ich daher auf meiner letzten Reise
+als grosses Geschenk für die obersten Häuptlinge am Mahakam einige
+Tigerzähne aus Java mitnahm, hütete ich mich davor, zu verraten, in
+welcher Kiste sie sich befanden, da sonst kein Kajan sie hätte tragen
+wollen. Aus dem gleichen Grunde musste ich auch einen Tigerschädel
+in Putus Sibau zurücklassen. Jeder fürchtete sich davor, auch nur
+mit dem Staub des Tigerzahnes in Berührung zu kommen, den _Demmeni_
+für den Pnihinghäuptling _Belarè_ einst feilte.
+
+Auch in allem, was den Gottesdienst angeht, seien es Gebräuche, Verbote
+oder religiöse Gegenstände, ist jeder Laie _takut parid_. Selbst die
+jungen Priesterinnen können _parid_ werden und nur die ältesten,
+wie _Usun_ in Tandjong Karang, wagten es, über ihre Wissenschaft
+zu sprechen und religiöse Gegenstände (_barang lali_) für mich
+nachzumachen.
+
+Dass in einem Gemeinwesen, das, wie wir gesehen haben, mehr durch die
+öffentliche Meinung und abergläubische Furcht als durch Gesetz und
+Recht zusammengehalten wird, einzelne Individuen mit ausgesprochener
+Persönlichkeit; leichter als wo anders, eine leitende Rolle zu
+übernehmen im stande sind, ist selbstverständlich. Daher hat der
+Häuptling auch hauptsächlich diesen einzelnen Rechnung zu tragen,
+die grosse Menge folgt von selbst.
+
+Treten jedoch aussergewöhnliche Ereignisse ein, wie z.B. meine
+Expedition zum Mahakam, so fühlt sich auch eine Persönlichkeit wie
+_Akam Igau_ auf unsicherem Boden; denn sobald das Gewohnheitsrecht,
+keine Bestimmungen getroffen hat, ist der Häuptling seinen Untergebenen
+gegenüber machtlos. Zwar wagen diese ohne des Häuptlings Hilfe nichts
+zu beginnen, aber er hat kein Mittel, seine Leute zu zwingen, sich an
+einem besonderen Unternehmen zu beteiligen, sondern jeder beschliesst
+selbst, ob er mithält oder nicht. In Anbetracht, dass sein Ansehen zum
+grossen Teil von der Wohlgesinntheit seiner Untergebenen abhängt, zieht
+sich ein Häuptling, sobald es darauf ankommt, etwas Aussergewöhnliches
+durchzusetzen, gern zurück und schiebt die Entscheidung am liebsten
+einem anderen zu:
+
+Der freie Kajan (_panjin_) hat dem Häuptling gegenüber keine andere
+Verpflichtung, als ihm bei jedem neuen Verfahren, das der Reisbau
+erfordert, einen Arbeitstag zu leisten, ferner ihm bei der Ausführung
+grösserer Arbeiten, wie bei der Herstellung und beim Transport von
+Böten durch den Wald, sowie beim Bau seiner Wohnung behilflich zu sein.
+
+Wird für den ganzen Stamm ein neues Haus gebaut, so liefert jede
+Familie, ausser dem Material für die eigene Wohnung, noch einen Pfahl,
+einige Planken und 100 Schindeln zum Bau der Häuptlingswohnung (_amin
+aja)_. Der Häuptling wiederum ist verpflichtet, mit seinen Sklaven
+demjenigen zu helfen, der aus irgend einem Grunde sein Feld nicht
+bebauen kann oder sonst der Unterstützung bedürftig ist.
+
+Ein derartiges gegenseitiges Hilfeleisten ist bei den. Kajan sehr
+üblich; bei jeder besonderen Ausgabe oder Unternehmung wendet man
+sich um Leistung von Geld oder Arbeitskraft an die Opferwilligkeit
+der Verwandten und Dorfgenossen.
+
+Heiratet z.B. ein Kind des Häuptlings, so beteiligen sich alle
+Stammesgenossen an den Festkosten; für öffentliche Festmahlzeiten
+liefert jeder etwas gewöhnlichen Reis oder Klebreis; hat ein Häuptling
+eine ansehnliche Busse zu bezahlen, wie _Akam Igau_, als er sich zu
+bald nach dem Tode der ersten Frau. wieder verheiratete, so trägt
+jeder seines. Anteil bei.
+
+Befindet sich ein Kajan in Not, so sind in erster Linie seine
+Anverwandten, in zweiter der Häuptling verpflichtet ihm zu helfen.
+
+Nicht nur bei öffentlichen, sondern auch bei privaten Festen hat
+der Häuptling eine besondere Rolle zu erfüllen: die Kinder, die zu
+Neujahr einen Namen erhalten, werden ihm zugetragen, damit er sie mit
+Wasser besprenge; will ein junger Mann in eine andere Niederlassung
+hineinheiraten, so muss ihm der Häuptling hierzu seine Bewilligung
+erteilen und der neue Häuptling erhält ein Geschenk; sind keine
+Angehörigen vorhanden, so fällt dem Häuptling die Vormundschaft und
+die Vermögensverwaltung der Waisen bis zu deren Volljährigkeit zu.
+
+Was die Verpflichtungen der Leibeigenen (_dipen_) gegenüber dem
+Häuptling betrifft, so liegt ihnen, wie erwähnt, alle Arbeit in Wald,
+Feld und Haus ob. Oft tritt auch Arbeitsteilung ein, so dass Männer
+und Frauen ohne kleine Kinder mehr ausserhalb des Hauses arbeiten,
+die anderen dagegen das Reisstampfen, Kochen, Reinigen der Wohnung
+und dergleichen übernehmen. Die Sklaven arbeiten unter Aufsicht
+der Häuptlingsfamilie oder unter der bestimmter, von dem Häuptling
+erwählter Personen. Das Verhältnis von Herr und Knecht ist jedoch
+derart, dass man lange unter den Kajan gelebt haben muss, um zu wissen,
+wer eigentlich Leibeigener ist.
+
+Besonders fähige Sklaven schickt der Häuptling oft für Monate auf
+Reisen, um unter verwandten Stämmen am Mahakam oder Batang-Rèdjang
+Handel zu treiben. Da den Sklaven hierbei ein Teil des Gewinnstes
+zufällt, bringen sie es oft zu grösserer Wohlhabenheit als die
+freien Kajan.
+
+Die Leibeigenen dürfen ausserdem noch für ihren unmittelbaren Vorteil
+arbeiten; früher scheint der Häuptling regelmässig einen bestimmten
+Prozentsatz ihres Gewinnes für sich beansprucht zu haben, gegenwärtig
+macht _Akam Igau_ nur selten von diesem Recht Gebrauch. Anders verhält
+es sich in Tandjong Kuda, wo der Häuptling arm ist.
+
+Für 100 Dollar kann sich ein Leibeigener am Mendalam loskaufen;
+ich habe aber nie von einem solchen Fall gehört. Ebenso ungewöhnlich
+sind Fluchtversuche Leibeigener aus Unzufriedenheit über ihr Los. Die
+meisten der gegenwärtigen Sklaven sind im Stamme geboren und können
+sich nirgends anders niederlassen, wenn ein anderer Häuptling sie
+nicht unter seinen Schutz nimmt.
+
+Wie die freien Kajan, haben auch die Leibeigenen mannigfach
+Gelegenheit, sich durch persönliche Eigenschaften eine einflussreiche
+Stellung zu verschaffen; sie können sogar in die Priesterschaft
+aufgenommen werden und sich durch ihr Amt ein bedeutendes Einkommen
+erwerben; auch können sie es im Kriege bis zum Anführer bringen.
+
+In der Häuptlingswohnung essen die Leibeigenen gesondert, auch schlafen
+sie in besonderen Abteilungen.
+
+Die Sklaven heiraten meist unter einander, aber eine Verbindung mit
+freien Kajan gehört nicht zu den Seltenheiten. Die Freien übernehmen
+durch eine Heirat mit Sklaven deren Verpflichtungen, sie "heiraten in
+die grosse Wohnung" = "_ngahawa halam amin aja_," wie der offizielle
+Ausdruck lautet. In Wirklichkeit aber zieht das junge Paar nur selten
+in die Häuptlingswohnung, meist erhält es eine selbständige Wohnung
+im grossen Hause.
+
+Erfolgt Scheidung, so tritt der Freie in seinen früheren Stand zurück
+und die Kinder folgen teils dem Vater teils der Mutter; eine besondere
+Bestimmung hierüber habe ich nicht ausfindig machen können.
+
+Als allgemeines Eigentum des Stammes dürfen die Sklaven nie verkauft,
+bei Erbschaft verteilt oder bei der Heirat eines Häuptlings von ihm
+in eine andere Niederlassung mitgeführt werden. Den Sklaven wird nur
+selten gestattet, in ein anderes Dorf zu heiraten.
+
+Man sollte nicht erwarten, dass in einem Staate, in welchem, dank
+seiner freien Organisation, der niederste Sklave durch persönliche
+Eigenschaften zu Einfuss und Ansehen gelangen kann, das Gefühl für
+Standesunterschiede sehr ausgeprägt ist--und doch ist dies bei den
+Kajan in hohem Masse der Fall. Sie unterscheiden in ihrem Gemeinwesen
+nicht nur Häuptlinge, Freie und Sklaven, sondern zwischen diesen noch
+verschiedene Übergangsstufen und zwar in der Art, dass eine bestimmte
+Stellung ihren Familien zwar rechtlich, aber nicht gesellschaftlich,
+zukommt. Dem Häuptling wird z.B. nachgerechnet, ob unter seinen
+Vorfahren Freie vorkommen und wie viele, ob Fremde oder nur Glieder
+verwandter Stämme in seine Familie hineingeheiratet haben; von allen
+diesen Verhältnissen ist sein Ansehen abhängig. Unter den _panjin_
+wiederum giebt es Familien, die seit alters zum Stamme gehören, in
+die womöglich Glieder der Häuptlingsfamilie durch Heirat aufgenommen
+worden sind, die sich nicht mit Fremden oder Sklaven vermischten
+und die überdies reich sind; man nennt sie _Panjin saju_ = schöne
+Freie. Ihre ältesten Glieder üben einen besonderen Einfluss im
+Staate. Dagegen giebt es andere _panjin_, denen alle diese günstigen
+Umstände fehlen und die daher eine viel tiefere gesellschaftliche
+Stufe einnehmen. Sind diese Familien lange arm gewesen oder haben sie
+öfters Sklaven oder Glieder fremder Stämme durch Heirat aufgenommen,
+so geniessen sie unter ihren Dorfgenossen oft viel weniger Ansehen
+als wohlhabende Sklavenfamilien, die kluge und einflussreiche Glieder
+zu den Ihrigen zählen.
+
+Die Kajan dichten ihren Häuptlingen gern eine besonders hohe Herkunft
+an, so lassen sie _Akam Igau_, dessen Vater vom Mahakam gebürtig war,
+von den guten Geistern des Apu Lagan abstammen. Die Legende lautet
+folgendermassen
+
+In alten Zeiten feierte das Haus der Uma-Aging am oberen Kajan
+einst das Saatfest (_tugal_). Nachdem der Häuptling _Ledjo Aging_
+mit den Priesterinnen auf dem heiligen Reisfelde (_luma lali_)
+alle Zeremonien ausgeführt und einen _pelale_ (Opfergerüst mit
+Opferspeisen) errichtet hatte, bemerkte er beim Nachhausekommen,
+dass er sein Messer, das er bei der Arbeit gebraucht hatte, auf dem
+Opferplatze hatte liegen lassen. Als _Ledjo_ allein auf das Feld
+zurückkehrte, fand er dort zu seinem Erstaunen eine Schar weiblicher
+Geister aus dem _Apu Lagan_ (Aufenthaltsort der guten Geister), die die
+Aufforderungen der Priesterinnen er hört hatten und sich an den auf
+dem _pelale_ niedergelegten Opferspeisen gütlich taten. Bei _Ledjos_
+Kommen entflohen die Jungfrauen bis auf eine, die mit ihrem langen,
+prachtvollen Haar am Opfergerüst hängen blieb und so dem Häuptling
+in die Hände fiel. _Ledjo_ nahm das schöne Mädchen mit der heller
+Hautfarbe nach Hause und überredete es, als seine Gattin bei ihm zu
+bleiben. In damaliger Zeit war es aber im Kajanlande immer hell, daher
+schämte sich Jungfrau _Mang_ vor innigeren Beziehungen und stieg zu
+ihrem Himmel hinauf, um von dort den Schutz des nächtlichen Dunkels
+in ihre neue irdische Heimat herniederzubringen. _Mang_ brachte die
+Finsternis in einem _samit_ (Palmblattsack) mit, den sie, zu Hause
+angekommen, im Gemache niederlegte, worauf sie sich nach der langen
+Reise etwas Erholung und Erfrischung gönnte. Ein neugieriges Kind,
+das wissen wollte, was sich in dem Sacke befand, schnitt ein Loch
+hinein; da entfloh die Finsternis und breitete sich zum Schrecken
+des Stammes über das ganze Land aus. Die Kajan wussten in ihrer Angst
+nicht, was sie beginnen sollten und entwarfen allerhand Pläne, um dem
+Unglück zu wehren, als die Hähne zu krähen anfingen und es wieder
+Licht wurde. Seit der Zeit kehren Nacht und Tag regelmässig zu den
+Menschen zurück.
+
+Nun war _Mangs_ Eheglück vollkommen und bald darauf wurde sie
+schwanger. Als sie nach etlichen Monaten mit vielen anderen ihres
+Stammes auf einer Geröllbank mit Fischen beschäftigt war, fühlte sie,
+dass ihre Stunde gekommen sei. Sie zog sich daher zurück und hockte
+in der Ferne nieder, um ihr Kind zur Welt zu bringen. _Ledjo_ und
+die Seinen dachten aber, dass sie nur einem Bedürfnis nachkommen
+wolle; denn bis dahin war es bei den Kajan üblich gewesen, wenn
+ein Kind geboren werden sollte, der schwangeren Frau den Leib
+aufzuschneiden. Von Mang lernten die Kajan nun ein besseres Verfahren;
+denn bald brachte sie ihrem Gatten ein Töchterchen, _Do Neha_ (_neha_
+= Geröllbank).
+
+Als _Do Neha_ erwachsen war, konnte Mang ihre Sehnsucht nicht länger
+bezwingen und kehrte zum _Apu Lagan_ zurück. Ihre Tochter vermählte
+sich mit _Tigang Aging_, dem sie einen Sohn, _Batang Huwang_,
+schenkte. Bald nach der Geburt schnitt sich die junge Mutter, um ihr
+Söhnchen zu trocknen, einen Teil ihres langen Haares ab. Kaum hatte
+sie diese weggeworfen, als sie aus ihren Haaren so stark zu bluten
+begann, dass sie starb. Seither dürfen die Häuptlinge von dem Stamme
+Aging ihre Haare nicht schneiden lassen.
+
+Da das Kind den Tod der Mutter veranlasst hatte, brachten es die
+Dorfbewohner in den Wald, um es dort umkommen zu lassen. Niemand wagte
+das Kind aufzunehmen. Endlich kam eine gute Frau, die das Kind aufhob
+und mit ihm an den Fluss Kaso zog. Dort liess sich _Batang Huwang_,
+der keine Lust mehr verspürte, nach seinem Stamm zurückzukehren,
+nieder. Seine Nachkommen blieben ebenfalls im Mahakamgebiet wohnen,
+nur _Akam Igaus_ Vater zog an den Mendalam und heiratete in den Stamm
+der Ma-Aging (= Uma-Aging).
+
+Durch diese Erzählung erhält _Akam Igau_ eine Abstammung von
+den Himmelsgeistern und wird gleichzeitig zu einem Glied der
+Häuptlingsfamilie der Uma-Aging gemacht.
+
+
+
+
+KAPITEL IV.
+
+ Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan--Geburt--Behandlung
+ des Neugeborenen--Kindertragbrett (_hawat_)--Verpflegung
+ des Kindes--Erste Namengebung--Zweite
+ Namengebung--Namenänderungen--Das Kind bis zur Pubertät--Junge
+ Männer und Mädchen--Tätowierung--_utang_--Künstliche
+ Verunstaltungen--Beschäftigungen und Verkehr der
+ jungen Leute--Mahlzeiten--Beirat--Stellung von Mann und
+ Frau--Erbschaft--Tod--Trauer--Kopfjagden.
+
+
+Bevor ein junger Kajan das Licht der Welt erblickt, haben sich
+seine künftigen Eltern zahlreichen Vorschriften der _adat_ zu
+unterwerfen. Die Mutter darf keine Tiere töten und keine zu jungen
+Fische essen. Auch einige ausgewachsene Fische, das Fleisch des
+Schuppentieres (Manis javanica) und verschiedene Arten von Früchten
+und Gemüsen sind ihr verboten. Ferner muss sie sich hüten, während
+des Regens zu schlafen, geschieht dies doch, so wird sie geweckt.
+
+Der Gatte darf vor und nach der Entbindung seiner Frau nicht auf die
+Jagd gehen, keine Pfähle einrammen und keine jungen Fische essen. Um
+die Geburt zu erleichtern, legt ein sorgsamer Ehemann während der
+Schwangerschaft seiner Frau seine Schnitzarbeit in Hirschhorn bei
+Seite; auch reisst er keinen Kattun, um sich ein Kleidungsstück
+herzustellen.
+
+In der ersten Zeit ihrer Schwangerschaft geht die Kajanfrau ihrer
+gewohnten Arbeit im Hause und auf dem Felde nach. Sobald ihre
+Körperform im dritten oder vierten Monat auffallend wird, bedeckt sie
+zuerst den Leib und dann auch die Brust mit einem Tuche (_djat butit_).
+
+Bei der Entbindung dürfen nur Frauen zugegen sein. Die Männer werden
+schon beim Beginn der Wehen aus dem Gemache entfernt und mit ihnen
+auch alle eisernen und schneidenden Gegenstände--wahrscheinlich um
+die Kindesseele nicht zu erschrecken. Die Mutter gebiert in hockender
+Stellung. Ist das Kind zur Welt gekommen, so schneidet ihm eine der
+Hilfe leistenden Alten mit einem Schwerte den Nabelstrang durch,
+nachdem er in einer Entfermung von 4 cm vom Kinde unterbunden worden
+ist. Dieses Schwert, das nie verkauft werden darf, wird als altes
+Familienstück pietätvoll bewahrt. Die Nachgeburt wird in den Wald
+geworfen und dort in der Regel von Schweinen und Hunden aufgefressen.
+
+Da die Kajanfrauen alle gut gebaut sind und Rhachitis nicht vorkommt,
+verläuft eine Entbindung gewöhnlich normal. Die Geburtshelferinnen
+sind auch nicht im stande, bei anormaler Kindeslage öder bei Blutungen
+Hilfe zu leisten; nur das Reiben des Leibes ist gebräuchlich. Als
+grosse Merkwürdigkeit wurde mir erzählt, dass eine Frau aus Pagong
+einst den prolabierten Uterus einer Wöchnerin mit gutem Erfolge
+zurückgestülpt hatte.
+
+Einige bei den Kajan verbreitete Krankheiten, gonorrhoeische
+Endometritides und Lises, können jedoch dem Verlauf der Geburt eine
+ernste Wendung geben. Hilft sich die Natur nicht selbst, so hat jede
+Abweichung Tod oder schweres Leiden zur Folge. Berücksichtigt man,
+dass die Kajan den bei der Geburt sterbenden Frauen kein ehrenvolles
+Begräbniss und glückliches Leben im Jenseits zugestehen, so ist
+die Angst, mit welcher diese ihrer Entbindung entgegensehen,
+begreiflich. (Näheres f. Kap.).
+
+Tot- und Frühgeburten sind so häufig, dass die Frauen nicht wissen,
+wie lange eine normale Schwangerschaft eigentlich dauert. Nach dem
+siebente und achten Monat sah ich besonders viele unausgetragenen
+Kinder zur Welt kommen. Abortus ist ebenfalls eine häufige Erscheinung,
+aber nur als Folge von Krankheit. Für künstliche Fruchtabtreibung
+besitzen die Kajan und, wie es scheint, auch die übrigen Dajak,
+im Gegensatz zu den Malaien, absolut kein Mittel.
+
+Wenn die Mutter bei der Geburt stirbt oder schwer erkrankt oder böse
+Träume die Eltern erschrecken, setzt der Vater das Kind im Walde
+aus; es wird aber häufig von anderen Kajan oder Malaien aufgenommen
+und erzogen.
+
+Unmittelbar nachdem das Kind gewaschen ist, werden seine Ohrläppchen
+von einer alten Frau mittelst scharf zugespitzter Bambusstäbchen
+durchstochen. Die Hölzchen bleiben bis zur Heilung der Wunde in der
+Öffnung, werden dann aber durch einen Zinnring, dessen Schwere das
+junge Gewebe ausrecken soll, ersetzt. Je grösser die Öffnung wird,
+desto mehr Ringe werden angebracht, so dass fünf- bis sechsmonatliche
+Kinder bereits 200 g Zinn an jedem Ohre tragen. Um ein Durchreissen der
+Ohrläppchen zu verhindern, ist den Müttern in der ersten Zeit verboten,
+Fische zu essen, die mit einem Angelhaken gefangen worden sind.
+
+Weitere Verbildungen werden mit den Neugeborenen nicht vorgenommen.
+
+Gleich nach der Geburt erhält das Kind ein Armband (_leku lali =_
+geweihtes Armband) aus _bua djele_, den hellbraunen und schwarzen
+Früchten von Coix-Arten, welche auf die bösen Geister abschreckend
+wirken sollen. Beim Abfallen des Nabelstranges wird dieses Armband
+durch ein zweites ersetzt und dieses wiederum nach Ablauf eines
+Monats bei der ersten Namengebung durch ein drittes. Die abgelegten
+Armbänder des Kindes werden von der Mutter bis zur ersten und zweiten
+Namengebung an einer Halskette getragen, nach Schluss der betreffenden
+Verbotszeiten aber in einem Säckchen aus Kattun an das Kindertragbrett
+gebunden (pag. 72).
+
+Die Kinder werden nicht gewickelt, sondern liegen völlig nackt auf
+einer mit Tüchern oder einer kleinen Matratze bedeckten Matte. Ein
+langes schmales Tuch, dessen Enden über einem Balken geknüpft werden,
+dient als Wiege, indem man das Kind in dem Bausch, welchen das Tuch
+bildet, schlafen legt.
+
+Zum Herumtragen der Kinder besitzen die Kajan die sehr praktische
+_hawat_, die am Mendalam aus einem Liegebrett in Form eines beinahe
+völlig aufgeschlagenen Buches und eines senkrecht dazu angebrachten
+Sitzbrettes besteht. Solange das Kind sehr klein ist, trägt es die
+Mutter mittelst zweier um die Schultern gehängter Schnüre liegend vor
+sich auf der _hawat;_ ist das Kind grösser, so trägt es die Mutter
+sitzend auf dem Rücken. Als weiche Unterlage für das Kind werden auf
+den Boden der _hawat_ einige Tücher gelegt.
+
+In Anbetracht, dass das Kind einen grossen Teil des ersten Lebensjahres
+auf der _hawat_ verbringt, nehmen die Bahau an, dass auch dessen
+Seele (_bruwa_) mit dem Tragbrett eng verbunden ist und dieses ötters
+als Aufenthaltsort wählt. Um nun eine ständige Verbindung mit dem
+Kinde und dessen Seele zu unterhalten, versäumen die Mütter niemals,
+ihre Kleinen morgens und abends in innige Berührung mit der _hawat_
+zu bringen. Sie tun dies, indem sie einen Finger des Kindes in eine
+Schlinge aus Lianenfasern, welche an der _hawat_ befestigt ist,
+stecken, ihn hin- und herbewegen und einige Worte dazu murmeln. Die
+Kindesseele wird durch diese Handlung aufgefordert, in ihren
+eigentlichen Wohnsitz zurückzukehren; eine längere Abwesenheit oder
+ein gänzliches Fortbleiben der Seele hat nämlich Krankheit bzw. Tod
+des Kindes zur Folge. Der Vorgang wird mit _njina_ bezeichnet. An
+jeder _hawat_ hängen drei bis vier derartiger Schlingen und zwar
+sind sie alle an Häkchen aus dem Holz von Fruchtbäumen befestigt,
+für die die Seelen und Geister eine grosse Vorliebe haben sollen.
+
+Verschiedene andere Gegenstände, welche ebenfalls an der _hawat_
+angebracht werden, haben den Zweck, die guten Geister für das Kind
+günstig zu stimmen und die bösen zu vertreiben.
+
+Wie an der _hawat_ auf nebenstehender Tafel zu sehen, hängt an ihrer
+Aussenseite eine Schnur mit vielen, kleinen, runden Päckchen; sie
+werden _kawit_ (Kap. VI) genannt und enthalten allerhand Esswaren zur
+Anlockung der guten Geister. Bei jeder wichtigen religiösen Zeremonie,
+die im Laufe des Jahres stattfindet, wird ein derartiges Opferpäckchen
+an der _hawat_ befestigt und hängen gelassen.
+
+Neben diesen _kawit_ befinden sich fünf verschiedene Schalen von
+Schnecken und Seetieren, die alle an Schnüren mit Perlenverzierungen
+hängen und ein beliebtes Mittel zur Vertreibung böser Geister
+bilden. Dem gleichen Zweck dient auch ein Bündel _blehiding_, der
+Bast einer beim Verbrennen entsetzlich riechenden Anonacee.
+
+Die zwei in der Mitte an der _hawat_ hängenden Läppchen stellen die
+ersten Kleidungsstücke des Kindes vor.
+
+An der zweiten, über der ersten hängenden Schnur sind, als Lockmittel
+sowohl für die Seele des Kindes als für die guten Geister, an
+Perlenschnüren zwei aus Muschelschalen geschliffene Knöpfe und ein
+europäischer weisser Porzellanknopf befestigt, ausserdem eine Reihe
+kleiner Geschenke (_usut)_, bestehend aus kleinen Schnüren aus
+Lianenfasern mit Perlen von verschiedenem Werte; letztere sollen
+besonders zur Beruhigung der Kindesseele dienen.
+
+An der gleichen Schnur hängen ferner: ein Hundezahn zur Abwehr böser
+Geister; das erste Armband des Kindes und zwei aus Pandanusblättern
+(_tika_) geflochtene Streifchen (pag. 74).
+
+Endlich werden an die _hawat_ auch noch die vorhin erwähnten geweihten
+Armbänder des Kindes und die Halsketten, welche die Mutter nach Ablauf
+der Verbotszeiten, gelegentlich der ersten und zweiten Namengebung,
+ablegt, gebunden.
+
+Die Kajan freuen sich über die Geburt von Mädchen mehr als über die
+von Knaben; denn diese verlassen die Eltern, wenn sie heiraten oder
+weite Reisen unternehmen, jene dagegen helfen häufig während ihres
+ganzen Lebens bei der Arbeit und bringen ausserdem einen Schwiegersohn
+ins Haus.
+
+Die Neugeborenen werden in den ersten Monaten ausschliesslich mit
+Muttermilch genährt; kann die Mutter diese nicht geben, so hilft eine
+andere Frau. Aus Gesundheitsrücksichten ist der Stillenden nur weich
+gekochter Reis als Nahrung erlaubt; scharfe Speisen darf sie nicht
+geniessen und im ersten Jahr auch nicht rauchen oder Betel kauen.
+
+Die ersten zehn Tage ist der Wöchnerin jede Arbeit verboten; dann
+beginnt sie sich innerhalb des Hauses mit dem Haushalt und der Pflege
+des Kleinen zu beschäftigen.
+
+Wöchnerin und Kind werden in den ersten Tagen zum Schutz gegen
+Krankheit mit dem Russ von Damaraharz eingerieben. Ausserdem darf,
+solange der Nabelstrang noch nicht abgefallen ist, ausser den
+Hausbewohnern niemand das Gemach betreten, da das Kind sonst krank
+werden könnte; als Warnungszeichen hängen zwei gekreuzte Holzstückchen
+vor der Tür. Der abgefallene Nabelstrang wird sorgfältig in ein
+Tuch gewickelt und in einem Bambusbehälter aufbewahrt; er bildet
+mit den Gerätschaften, die zum Durchstechen der Ohrläppchen und
+Durchschneiden der Nabelschnur dienten, den Grundbestandteil des
+_legén_, einer Sammlung aller Gegenstände, die im Leben des Kajan eine
+Rolle gespielt haben. Das _legén_ wird nach dem Tode des Besitzers
+unter dem Wohnungsdache verborgen und als _lalí_ (geweiht) seinem
+Schicksal überlassen. (Siehe Kap. VI).
+
+In den ersten Monaten dürfen die neugeborenen Kinder nicht aus dem
+Hause gebracht oder im Fluss gebadet werden, eine Sitte, die für die
+unbekleideten Wichte nur zuträglich sein kann.
+
+Vor Ablauf des ersten Jahres geht die Mutter nicht aufs
+Reisfeld; während dieser Zeit setzt sie das Stillen fort, bis die
+Milchabscheidung von selbst oder infolge einer neuen Schwangerschaft
+aufhört. Im dritten oder vierten Monat beginnt die Mutter dem Kinde
+etwas Bananen und dann weich gekochten Reis zu essen zu geben.
+
+Die Mutter muss sich, hauptsächlich während des ersten Monats,
+solange das Kind noch keinen Namen erhalten hat, einer langen Reihe
+von Verbotsbestimmungen unterwerfen, welche sich vor allem auf Essen
+und Trinken, Arbeiten u.s.w. beziehen. Auch dürfen Mutter und Kind
+keinen Putz und besonders nichts Rotes tragen. Für die Ausstattung
+der Kleinen wird vorzugsweise gebrauchtes Material benutzt, selbst
+die hängende Decke aus Palmblättern über dem Schlafplatz muss bereits
+gedient haben. Weiter verlangt die _adat_, dass bei jeder Mahlzeit dem
+Kinde etwas Speise auf dem _uwit lali_ (geweihten Teller) gespendet
+werde; auch muss die Mutter sich nach dem Essen stets für kurze
+Zeit entfernen.
+
+Auch die Väter haben nach der Geburt ihres Kindes verschiedene
+Vorschriften zu befolgen, sie dürfen sich in der ersten Zeit z.B. nicht
+weit vom Hause entfernen.
+
+Um ihr Kind vor bösen Geistern zu schützen, trägt die Mutter
+verschiedene Amulette: um den Kopf ein schlichtes Band aus den Blättern
+einer Pandanusart, an denen _long_, Stückchen des Wurzelstockes
+von _daun long_ (Aroïdeae spec.) befestigt sind; letztere Pflanze
+gilt als sicherstes Schreckmittel gegen böse Geister. Um den Hals
+trägt sie eine Kette aus den Früchten von drei Pflanzen (Coix-Arten)
+und aus verschiedenen Muschelarten. Begiebt sich die Mutter mit dem
+Kinde auf die Galerie oder in den folgenden Monaten ausserhalb des
+Hauses, so nimmt sie stets ein brennendes Bündel _plehiding_ mit,
+dessen unangenehmer Geruch die bösen Geister in die Flucht schlägt.
+
+Nach Ablauf des ersten Monats findet die erste Namengebung des
+Kindes statt; sie ist nur provisorisch, denn den eigentlichen Namen
+erhält das Kind erst bei dem nächsten _dangei_ (Neujahrsfeste). Ein
+namenloses Kind heisst _hapang;_ stirbt es, so wird ihm nicht
+öffentlich nachgetrauert.
+
+Mit der ersten Namengebung endet die erste, strengste Verbotszeit;
+die Mutter darf jetzt ihre früheren Tätigkeiten, wie z.B. das
+Mattenflechten, wieder aufnehmen; als symbolisches Zeichen hierfür
+flicht sie einen Streifen, der an die _hawat_ gebunden wird.
+
+Man findet bei allen Stämmen von Mittel-Borneo die Eigentümlichkeit,
+dass sie Fremde nur mit Angst in die Nähe kleiner Kinder kommen sehen;
+bei den Punan darf niemand, der die Sprache des Stammes nicht kennt,
+ein Kind anrühren, da dieses sonst dumm werden muss. Bei den Kajan
+bringt jeder Fremde bei seinem ersten Eintritt in eine Wohnung, in der
+sich ein kleines Kind befindet, ein Geschenk (_usut_) von Perlen oder
+etwas Zeug mit; augenscheinlich liegt dieser Sitte die Überzeugung
+zu Grunde, dass die Seele des Kindes, die durch die neue Erscheinung
+erschreckt worden ist, durch etwas Schönes wiederum beruhigt werden
+muss; geschieht dies nicht, so entflieht die Seele und das Kind
+wird krank.
+
+Bei der zweiten Namengebung wird den Geistern durch die Priester ein
+Opfer von Schweinen und Hühnern gebracht; das Fleisch der Tiere wird
+bei fröhlichem Festmahl mit Freunden und Bekannten verzehrt. Darauf
+bringt man den jungen Weltbürger in die Wohnung des Häuptlings. Die
+sehr schlicht gekleidete Mutter trägt auf dem Kopfe einen schmucklosen
+und mit _kawit_ versehenen Hut, _haung lali_ (geweihter Hut); in der
+Hand hält sie eine Bambusklapper und ein Bambusgefäss mit Wasser,
+in dem von dem Häuptling die Füsse des Kindes gebadet werden. Das
+Kind erhält hierbei den Namen, mit dem es weiter genannt werden soll.
+
+Bei der Wahl der Namen vermeidet man diejenigen kürzlich verstorbener
+Familienglieder, wahrscheinlich um deren Seelen nicht zu beunruhigen
+und auf das Kind abzulenken, was diesem schaden könnte. Gewöhnlich
+nennt man das Kind nach sehr alten oder bereits vor langer Zeit
+verstorbenen Verwandten.
+
+Leidet ein Kind öfters an Krankheit, so verändert man seinen Namen,
+sobald es ihm wieder besser geht, um die bösen Geister, die es so
+häufig besuchen und dadurch krank machen, irre zu leiten.
+
+Einige allgemeine Bemerkungen über Namengebung und Namenänderung bei
+den Bahau mögen hier eingeflochten werden.
+
+Familiennamen existieren bei den Bahau nicht. Will man eine bestimmte
+Person bezeichnen, so fügt man ihrem eigenen Namen denjenigen von
+Vater oder Mutter bei; eine besondere Bestimmung hierüber ist mir nicht
+bekannt. Tipong Igau z.B. bedeutet: Tipong, die Tochter des Igau (Name
+des Vaters); Adjang Song bedeutet: Adjang, der Sohn der Song (Name der
+Mutter). Die Kinder behalten die Namen der Eltern auch nach deren Tode.
+
+Wird bei den Bahau ein Mann Vater eines Sohnes, der Bang oder einer
+Tochter, die Kehad genannt wird, so verliert er meistens seinen eigenen
+Namen und man bezeichnet ihn fortan als: Vater des Bang bzw. Vater
+der Kehad. Bei den Mendalam Kajan z.B.: Amei (Vater) Bang oder Amei
+Kehad. Die Mutter wird dementsprechend Inei (Mutter) Bang bzw. Inei
+Kehad genannt. Bei den Pnihing heissen die Eltern in diesem Fall:
+Amun (Vater) Bang bzw. Kehad und Hinan (Mutter) Bang bzw. Kehad;
+am Mahakam in der Busang Sprache: Taman (Vater) Bang bzw. Kehad.
+
+Sobald jedoch das erstgeborene Kind stirbt, nehmen die Eltern wieder
+ihren früheren Namen an; so wurde der Kenjahäuptling Taman Kuling (=
+Vater der Kuling) nach dem Tode seiner Tochter Kuling wieder Djalong
+genannt und zwar mit dem Beinamen "Bui", der die gleiche Bedeutung wie
+"Ujung" (siehe unten) bei den Mendalam Kajan hat.
+
+Gewisse Familienereignisse werden bei den Bahau durch bestimmte
+Beiworte, welche den Eigennamen der Personen vorangesetzt werden,
+angedeutet. Bei den Mendalam Kajan sind die folgenden gebräuchlich:
+
+Balo, wenn der Mann gestorben ist, z.B. Balo Paja = Wittwe Paja;
+Hawal, wenn die Frau gestorben ist, z.B. Hawal Igau = Wittwer Igau;
+Akam, wenn ein kleines Kind gestorben ist, z.B. Akam Igau; Ujung,
+wenn ein fast erwachsenes Kind gestorben ist, z.B. Ujung Igau; Hiat,
+wenn ein jüngerer Bruder oder eine jüngere Schwester gestorben ist,
+z.B. Hiat Bang; Abel, wenn ein älterer Bruder oder eine ältere
+Schwester gestorben ist, z.B. Abel Imu.
+
+Für die gleichen Familienverhältnisse findet man bei den verschiedenen
+Stämmen verschiedene Bezeichnungen.
+
+Sobald Männer und Frauen alt und grau werden, erhalten sie vor ihrem
+eigentlichen Namen die Bezeichnung "Bo", z.B. Bo Belarè, Bo Uniang.
+
+Eigentümlicher Weise erhalten besonders vornehme Häuptlinge nach ihrem
+Tode ganz andere Namen, als sie zu Lebzeiten getragen. Man bezeichnet
+diese Namenänderungen mit "_gelön_". So nannte man am Mahakam den
+Long-Glathäuptling Ding nach seinem Tode Bo Kulè und seinen Sohn Ngau
+nach dem Tode Bo Langit. Die Kajan am Mahakam sprechen jetzt von dem
+Häuptling Kwing Irang, unter dessen Anführung sie vor 150 Jahren an
+den Mahakam zogen, stets nur als von Singa Melön.
+
+Nach der zweiten Namengebung dürfen die Kinder schön gekleidet
+werden, auch geniessen sie bis zur Pubertät das Vorrecht, den
+zahlreichen Verbotsbestimmungen, welche für Erwachsene bestehen,
+nicht unterworfen zu sein. Sie dürfen z.B. Hirsche, graue Affen,
+Schlangen und Nashornvögel essen; auch werden ihnen bei religiösen
+Festen keine Beschränkungen auferlegt. Sie brauchen sich auch nicht
+die Wimpern und Augenbrauen zur Verschönerung ausziehen zu lassen,
+kurz, sie geniessen in jeder Beziehung einer grossen Freiheit.
+
+Vater und Mutter widmen sich der Erziehung ihrer Kinder mit viel
+Liebe. Sobald die Sprösslinge einmal zur Welt gekommen sind, machen
+sie sich zum Mittelpunkt des ganzen Kajanhaushaltes. Die elterliche
+Zuneigung wird von den Kindern übrigens erwidert und es ist auffallend,
+wie selten sie zu Züchtigungen Anlass geben; man hört sie eigentlich
+nur bei Krankheit schreien. Treibt die Jugend es gar zu arg, so halten
+die Eltern eine Bestrafung der Schuldigen mit ein paar Schlägen oder
+einer Strafrede wohl auch für angebracht. In einigen Fällen, die
+ich miterlebte, kam es jedoch nicht bis zum Weinen; die Wirkung der
+Strafe zeigte sich nur in einem etwas erschreckten Gesichtsausdruck
+der Kleinen.
+
+Schon die 1 1/2-2 jährigen Kinder gehen, wenn sie im Freien spielen,
+gewöhnlich bekleidet umher: die Knaben tragen das Lendentuch, die
+Mädchen das Röckchen; die meisten halten jedoch Kleidungsstücke
+fair unnützen Ballast und ziehen im Hause und nach dem Bade Adams
+Kostüm vor.
+
+Die Hauptbeschäftigung der Knaben bilden Spiele im Freien und im
+Wasser; Ringkampf, Wettlauf und Schwimmen sind am beliebtesten;
+den Kampf in zwei Parteien üben sie nur in der Art, dass sie sich
+gegenseitig mit Lanzen aus Grashalmen bewerfen. Dem Kreiselspiel,
+Blasrohrschiessen und ähnlichen Vergnügungen widmen sich die Knaben,
+im Gegensatz zu den erwachsenen Männern, auch ausserhalb der Zeit der
+Ackerbaufeste. Ein beliebtes Spiel ist auch das Zielen mit platten
+Flusssteinen nach Erdgruben.
+
+Bei keinem dieser Spiele macht sich Ehrgeiz oder Neid geltend;
+die Knaben spielen um zu spielen, nicht um als Sieger aus dem Spiel
+hervorzugehen.
+
+In den ersten Jahren spielen Knaben und Mädchen zusammen; später
+unterhalten sich die Mädchen mehr innerhalb des Hauses, wo sie schon
+früh der Mutter an die Hand gehen. Puppen scheinen nur zum Stillhalten
+sehr kleiner Kinder benutzt zu werden.
+
+Weder Knaben noch Mädchen erhalten einen systematischen Unterricht in
+irgend einem Fache. Während diese allmählich den Haushalt besorgen
+lernen, ziehen jene vom zehnten Lebensjahr an mit aufs Feld, helfen
+beim Bau von Böten, beim Fischen und bei allen sonstigen Arbeiten,
+mit denen sich die Männer beschäftigen.
+
+Je nach ihrer eigenen Anlage und nach der Haupttätigkeit ihrer Eltern,
+beginnen die Kinder in der einen oder anderen Richtung allmählich
+eine gewisse Fertigkeit zu erlangen.
+
+Da bei den Kajan keine erblichen Berufe bestehen, kann sich jeder
+nach eigener Wahl ausbilden, wenn nicht besondere Umstände, wie
+Krankheit, gezwungene Arbeit zum Unterhalt der Familie u.s.w., ein
+Hindernis bilden.
+
+Die Pubertät tritt bei den Mädchen ungefähr mit zwölf Jahren, bei den
+Knaben etwas später ein und bringt in ihre Lebensverhältnisse wichtige
+Veränderungen. Vor allem sind sie nun den Vorschriften, welche die
+_adat_ den Erwachsenen auferlegt, hauptsächlich Verbotsbestimmungen
+bezüglich des Essens verschiedener Speisen, unterworfen. Ferner
+beginnen sie sich in diesem Lebensalter mit eigenartigen Verzierungen
+und Verbildungen des Körpers zu schmücken.
+
+Beide Geschlechter lassen sich die Schneidezähne vorn hohl ausfeilen;
+einige treiben sich ausserdem, nach Sitte einiger Punan, goldene Stifte
+durch die Zähne. Die meisten fangen jetzt auch mit dem Schwärzen der
+Zähne und dem Betelkauen an.
+
+Mit eintretender Geschlechtsreife wird an Knaben und Mädchen die
+eigentliche Tätowierung vorgenommen; jene lassen sich anfangs nur
+einen Stern auf der Schulter oder eine einfache Figur auf dem Arm
+ausführen; die übrigen Verzierungen erhalten sie erst, wenn sie durch
+weite Reisen oder durch Teilnahme an einer Kopfjagd Beweise ihrer
+Tapferkeit geliefert haben.
+
+Für die Frauen bildet die Tätowiersitte eine wahre Marter, der sie sich
+aber mit staunenswerter Opferwilligkeit unterwerfen. Die Kajanfrauen
+am Mendalam lassen sich den unteren Teil des Unterarms, die Hand,
+den ganzen Schenkel bis unterhalb des Knies und den Fussrücken mit
+prachtvollen Tätowiermustern bedecken. Die tätowierten Teile erscheinen
+wie mit einem dichten, dunkel blauen Netz überzogen.
+
+In der Entfernung verschwinden die Einzelheiten der oft künstlerisch
+schönen Muster, man erhält dann den. Eindruck, als trügen die Frauen
+blaue Trikots. Bei Frauen mit lichtgelber Hautfarbe treten die Figuren
+auf den der Sonne weniger ausgesetzten und daher helleren Schenkeln
+besonders schön hervor.
+
+Die jungen Männer haben zwar durch die Tätowierung; weil sie bei
+ihnen nur in beschränktem Masse ausgeführt wird, viel weniger als
+die Frauen zu leiden, dafür müssen sie sich aber, um ihre volle
+Männlichkeit zu erlangen, einer anderen Prüfung unterwerfen,
+nämlich der Durchbohrung der glans penis. Bei dieser Operation
+wird folgendermassen verfahren: Zuerst wird die glans durch Pressen
+zwischen den beiden Armen eines umgeknickten Bambusstreifens blutleer
+gemacht. An jedem dieser Arme befinden sich einander gegenüber an
+den erforderlichen Stellen Öffnungen, durch welche man, nachdem
+die glans weniger empfindlich geworden, einen spitzen kapfernen
+Stift hindurchpresst; früher benutzte man hierfür ein zugespitztes
+Bambushölzchen. Die Bambusklemme wird entfernt und der mittelst einer
+Schnur befestigte Stift in der Öffnung gelassen, bis der Kanal verheilt
+ist. Später wird der kupferne Stift (_utang_) durch einen anderen,
+meist durch einen zinnernen, ersetzt, der ständig getragen wird,
+nur in schwerer Arbeitszeit oder bei anstrengenden Unternehmungen
+macht der metallene Stift einem hölzernen Platz.
+
+Besonders tapfere Männer geniessen mit dem Häuptling das Vorrecht,
+um den penis einen Ring tragen zu dürfen, der aus den Schuppen des
+Schuppentieres geschnitten und mit stumpfen Zacken besetzt ist;
+bisweilen lassen sie sich auch, gekreuzt mit dem ersten Kanal, einen
+zweiten durch die glans bohren.
+
+Ausser den Kajan selbst, üben auch viele Malaien vom oberen Kapuas
+diese Kunst aus. Die Schmerzen bei der Operation scheinen keine sehr
+heftigen zu sein, auch hat sie nur selten schlimme Folgen, obgleich
+bis zur Genesung oft ein Monat vergeht.
+
+Mit den Genitalien der Frauen werden keine Veränderungen vorgenommen.
+
+Die jungen Männer lassen sich ferner, um ihre Unempfindlichkeit
+gegen Schmerz zu beweisen, Stückchen Damaraharz auf der Haut
+verbrennen. Diese Feuerproben hinterlassen eigentümliche runde Narben;
+sie werden in der Regel in einer Reihe angebracht und betragen im
+Durchmesser bis zu 1 cm.
+
+Die jungen Leute beginnen zu dieser Zeit auch mehr Sorgfalt auf ihre
+Kleidung und auf ihr sonstiges Äussere zu verwenden; die jungen Mädchen
+ziehen sich bis auf das Kopfhaar alle Haare am Körper aus; die jungen
+Männer entfernen Wimpern, Augenbrauen und Bart (Siehe Kap. VII).
+
+Auch mit dem Erlernen der Künste fangen Männer und Frauen erst
+nach der Pubertät an; diese legen sich auf das Flechten von Matten
+und das Ausführen von Perlenarbeiten; jene erlernen die Holz- und
+Knochenschnitzerei, das Entwerfen von Mustern für Verzierungen aller
+Art u.s.w.
+
+Gleichzeitig mit den körperlichen Veränderungen, welche mit beiden
+heranwachsenden Geschlechtern vor sich gehen, wächst auch ihr
+Streben, das gegenseitige Wohlgefallen zu erregen. Das Verfertigen von
+Geschenken nimmt einen grossen Teil der freien Zeit der jungen Leuten
+in Anspruch; die Mädchen arbeiten aus Perlen Halsketten, Schwertgürtel
+und Zierate für die Schwertscheiden und führen auf Palmblättern
+Stickereien für Hüte und kleine Gegenstände aus; die Männer erwidern
+die Geschenke mit schön geschnitzten Bambusgefässen, Flöten, Rudern und
+Messergriffen, oder sie schneiden den Mädchen aus Zeug hübsche Figuren
+als Belege für Hüte und Kleider aus. So haben beide Teile Gelegenheit,
+bei ihren Liebesbestrebungen in Kunstfertigkeit zu glänzen. Geld oder
+Wertgegenstände schenken sie sich nur selten.
+
+Die erwachsenen jungen Mädchen verlassen die elterliche Wohnung nur, um
+aufs Reisfeld zu gehen oder Verwandte in benachbarten Niederlassungen
+zu besuchen; weitere Reisen unternehmen sie nicht. Für die erwachsenen
+jungen Männer dagegen beginnt jetzt die Zeit, wo sie ihre Eltern
+verlassen, um lange Reisen zu Handelszwecken, zum Buschproduktesammeln
+oder zum Besuch von Familiengliedern bei verwandten Stämmen zu
+unternehmen.
+
+Die Kajan sind im Gegensatz zu den Malaien und benachbarten Stämmen
+von einem lebhaften Arbeitsdrang erfüllt. Ihre Arbeitsamkeit fiel nicht
+nur mir, sondern auch _Akam Igau_ auf, denn er bemerkte mir gegenüber,
+dass die Lebhaftigkeit und der Tatendrang der Kajan zum Unterschied
+von den benachbarten Taman die Aufmerksamkeit der Geister zu sehr
+auf sich zögen und dass sie deshalb von Krankheit mehr heimgesucht
+würden als jene. Der Unterschied zwischen den beiden Stämmen ist
+allerdings auffallend.
+
+Für die Frauen bildet das Reisstampfen (_tepa_) die wichtigste der
+häuslichen Arbeiten; Männer nehmen nur selten an ihr Teil. Gewöhnlich
+stampfen zwei Frauen gleichzeitig in dieselbe Vertiefung des
+Reisblockes (_lesong)_, welcher deren zwei bis sechs besitzt. Bei den
+Mendalam Kajan stehen die Frauen beim Stampfen auf dem Block selbst und
+schieben den bespelzten Reis mit den Füssen allmählich in das Loch; bei
+anderen Stämmen, wie den Pnihing, stehen die Frauen neben dem Block und
+gebrauchen die zweite Hand, um den Reis in das Loch zu schieben. Der
+Reis wird öfters zweimal gestampft; die Körner bleiben dabei heil
+und werden mittelst einer Art Schwinge von den Spelzen befreit.
+
+Ausgenommen vor grösseren Unternehmungen, wird des Reis nur in
+kleinen Mengen für einige Tage gestampft, damit er nicht verderbe. Am
+beliebtesten sind die feinen Reisarten mit langem schmalem Korn;
+die groben Arten werden an die Händler verkauft. Es werden viele
+verschiedene Arten und Varietäten des Reises gebaut. Ichselbst
+beobachtete 18 Arten des gewöhnlichen Reises, _parei_ (Oryza sativa)
+und 12 Arten von Klebreis, _púlut_ (Oryza sativa var. glutinosa).
+
+Die Zubereitung der Speisen ist ebenfalls ausschliesslich Arbeit der
+Frauen, doch verstehen auf Reisen auch die Männer sehr gut mit dem
+Kochtopf umzugehen.
+
+_Kanen_, in Wasser ohne Salz gekochter Reis, bildet bei jeder Mahlzeit
+das Hauptgericht und wird jedem gesondert auf einem Bananenblatt
+gereicht.
+
+Bei Festmahlzeiten geniessen die Kajan statt des gewöhnlichen
+Reises Klebreis, den sie auf verschiedene Weise zubereiten. Entweder
+wickeln sie ihn in bestimmte Bananen- oder Palmblätter und kochen
+ihn in Wasser oder sie rösten ihn. Der geröstete und nachher zu
+grobem Mehl gestampfte Klebreis wird _kertap_ genannt und bildet,
+besonders in Verbindung mit rohem oder eingedampftem Zuckerrohrsaft,
+einen geschätzten Leckerbissen. Am Mendalam, wo grosser Fischreichtum
+herrscht, wird Fischfleisch stets als Zuspeise zum Reis genossen. Meist
+werden die Fische in Wasser gekocht; die Suppe wird in besondere
+Schälchen oder hölzerne Teller (_uwit_) gegossen und mit einem
+gefalteten Bananenblatt als Löffel gegessen. Falls ein Kessel nicht
+vorhanden ist, werden die Fische geröstet.
+
+Alle Fleischarten werden auf die gleiche Weise wie der Fisch
+zubereitet; der Bratprozess ist gänzlich unbekannt, obgleich das
+hierfür geeignete Tengkawang Fett vielfach vorkommt und auch als
+Zuspeise verwendet wird. Zahme Schweine und Hühner werden nur bei
+religiösen Festmahlzeiten genossen, während Wild auch an gewöhnlichen
+Tagen als Zuspeise gegessen wird. Salz wird niemals beim Kochen
+hinzugefügt, sondern stets nur als Leckerbissen in kleinen Stückchen
+nebenbei gereicht.
+
+Als Würze für die Speisen dienen verschiedene essbare Blätter; am
+beliebtesten sind die Blätter der Bataten (Ipomoea Batatas) und die
+jungen Farnspitzen von Polypodium nigrescens Bl.
+
+Für lange Reisen, oder wenn Zeit und Gelegenheit zum Kochen fehlen,
+nimmt man in Bambusgefässen oder in Palmblättern gerösteten Klebreis,
+unverändert oder in Form von grobem Mehl, mit; er kann wochenlang
+aufbewahrt werden, ohne zu verderben.
+
+Die Kajan essen in gewöhnlichen Zeiten zweimal täglich und zwar, je
+nach Umständen, vor oder nach dem Gang zum Reisfeld und mittags nach
+der Heimkehr um vier oder fünf Uhr. Bei Nahrungsmangel oder wenn sie
+still zu Hause sitzen, begnügen sie sich bisweilen mit einer einzigen
+Mahlzeit gegen zwölf Uhr; bei Überfluss an Reis oder schwerer Arbeit
+dagegen wird ihr Magen anspruchsvoller und verlangt dreimal täglich
+Zufuhr.
+
+Bei den Mahlzeiten sitzen alle Familienglieder im Kreise neben
+einander; eine Rangordnung wird nicht beobachtet.
+
+Die Kajan sind, wie alle Bahau und Kenja, sehr mässig im Essen
+und Trinken. Das tägliche Getränk besteht in Wasser und nur bei
+grossen Versammlungen und Festen wird _tuwak_, gegohrener Reiswein,
+getrunken. Die Stämme am Mendalam geniessen den Branntwein überhaupt
+nur an einem Tage des Jahres, beim Neujahrsfest; sie stellen ihn aus
+gekochtem Klebreis her, den sie zwei bis drei Tage in grossen Töpfen
+gähren lassen.
+
+Am oberen Mahakam machte ich kein Neujahrsfest mit und sah daher auch
+keinen _tuwak_ trinken, ich vermute jedoch, dass auch diese Bahau
+das Getränk kennen, da ich bei ihren Verwandten, den Kenja Uma-Tow,
+zur Begrüssung bei öffentlichen Zusammenkünften öfters grosse Töpfe
+_tuwak_ leeren sah.
+
+Die Kenja bereiten auch aus Zuckerrohrsaft ein alkoholisches Getränk;
+ausserdem trinken sie den Honig von wilden Bienen. Der häufigere oder
+seltenere Gebrauch derartiger Getränke scheint mit dem grösseren oder
+geringeren Überfluss an Lebensmitteln, dessen sich die verschiedenen
+Stämme erfreuen, im Zusammenhang zu stehen. Jedenfalls aber
+werden alkoholische Getränke weder bei den Bahau noch bei den Kenja
+regelmässig genossen und Missbrauch wird mit ihnen nie getrieben, auch
+scheinen ihnen die Alkoholika, nach den verzerrten Mienen zu urteilen,
+die ich beim Trinken beobachtete, nicht einmal sonderlich zu munden.
+
+Eigentümlicher Weise ist das Tabakrauchen der Bevölkerung von
+Mittel-Borneo schon längst bekannt, während das Betelkauen erst vor
+kurzem durch die Malaien bei einigen Bahaustämmen eingeführt worden
+ist. Die Erscheinung ist um so auffallender, als das Betelkauen bei
+der Küstenbevölkerung das grösste Genussmittel bildet.
+
+Bei den Mendalam Kajan wird die Sitte des Tabakrauchens immer mehr
+durch die des Betelkauens verdrängt. Der Tabak, den sie hierzu
+gebrauchen, stammt aus Java; zwar pflanzt die Bevölkerung auch
+eigenen Tabak, sie versteht ihn aber nur durch Trocknen und Schneiden
+zuzubereiten und verwendet ihn nur zum Rauchen in Zigaretten.
+
+Unter den Mahakamstämmen kaut bei den Long-Glat jung und alt Betel
+und raucht Tabak; bei den Kajan rauchen alte Männer und Frauen noch
+ausschliesslich, während die jüngeren auch Betel kauen; die Pnihing,
+bei denen nur das Rauchen gebräuchlich ist, bauen den Tabak selbst und
+lassen ihn, indem sie ihn feingeschnitten lange Zeit in Bambusgefässen
+fest zusammengepresst aufbewahren, gähren. Auch bei den Kenja, die
+nur das Rauchen kennen, legen sich Männer und Frauen von früher Jugend
+an auf die feinere Zubereitung des selbst gebauten Tabaks.
+
+Erwähnenswert ist wohl auch noch die Tatsache, dass es auch
+die Eingeborenen Mittel-Borneos bisweilen nach einem besonderen
+Genussmittel gelüstet; so beobachtete ich, dass Männer und Frauen,
+hauptsächlich aber Schwangere, bisweilen im Uferboden nach einem
+gelblichen oder rötlichen Lehm suchten, der aus verwittertem Schiefer
+bestand; sie nannten ihn _batu keröp_ oder_ tana keröp_.
+
+Die jungen Männer und Mädchen geniessen bei den Kajan im Verkehr
+mit einander die grösste Freiheit. Bemerkenswerter Weise stellt
+ihre gesellschaftliche Sitte an den männlichen Teil in moralischer
+Hinsicht die gleichen Anforderungen, wie an den weiblichen; dieses
+Verhalten stimmt mit der hohen Stellung, welche die Frau auch sonst
+im Gemeinwesen der Kajan einnimmt, überein. Die jungen Leute haben
+daher vor der Ehe alle Gelegenheit, einander kennen zu lernen und
+sich selbst zu prüfen; sie tun dies um so mehr, als eine Heirat bei
+ihnen als ernsthafte Verbindung aufgefasst wird, die von beiden Seiten
+Treue heischt. Vor der Heirat dagegen haben beide Geschlechter volle
+Freiheit, in ihrem Verkehr so weit zu gehen, als ihnen beliebt. Die
+Eltern versuchen wohl ab und zu ihren Einfluss geltend zu machen,
+aber meist mit schlechtem Erfolge.
+
+Fassen zwei junge Leute eine Zuneigung zu einander, so bietet ihnen
+die Sitte für ein ungestörtes Beisammensein zahlreiche Gelegenheiten.
+
+Am beliebtesten sind gemeinsame Fischpartieen. Vor Anbruch der
+milden Tropennacht, wenn das Mondlicht die Landschaft gerade genügend
+erhellt, um ihr das Unheimliche der Dunkelheit zu nehmen, schmückt
+sich der junge Mann mit seiner besten Kleidung, einem breiten blauen
+Lendentuch und einem bunten, bisweilen seidenen Kopftuch; eine
+besondere Zierde bilden schwarze Armbänder und Büschel Riechgras,
+welche er am Kopf und an den Armen befestigt. Sein schönstes, oft
+mit Geschenken seiner Angebeteten verziertes Schwert an der Seite,
+mit Ruder und Wurfnetz bewaffnet, eilt der Jüngling zum Flusse,
+wo er mit kräftigen Ruderschlägen den Kahn bald in die Nähe der
+Harrenden bringt. Die gleichfalls schön gekleidete Geliebte steigt mit
+wohlgefüllter Beteldose ins Fahrzeug und setzt sich an das Hinterende
+des Bootes, um es mit ihrem Ruder zu steuern. Der junge Mann steht
+mit dem Wurfnetz (_djala_) vorn im Kahn und schleudert es da, wo
+er Fische vermutet, mit kräftigem Schwunge ins Wasser. Ein grosses
+Netz misst im Durchschnitt 8 m und da es am Rande mit einer Zinn-
+oder Eisenkette beschwert ist, bedarf es ausser grosser Kraft auch
+grosser Gewandtheit, wenn das Netz gut ausgebreitet gleichmässig auf
+die Wasserfläche niederfallen soll. Gar mancher Wurf wird unter den
+aufmerksamen Blicken der Schönen mit besonderer Anspannung ausgeführt
+und, beim Fischreichtum dieser Gewässer, selten ohne Erfolg. So
+treibt das Pärchen den Fluss hinunter; liefert der Fang genügend
+Fische für eine Mahlzeit, so wird gelandet. In der Regel bildet eine
+leerstehende Hütte auf dem Reisfeld oder ein trautes Plätzchen unter
+den hohen Uferbäumen das Endziel der Bootfahrt. Dort stört niemand die
+Liebenden im Genuss aller Herrlichkeiten, welche die Kunstfertigkeit
+des Mädchens auf kulinarischem und musikalischem Gebiet zu liefern
+im stande ist. Die weichen Töne der Nasenflöte geben dem Ganzen
+einen besonderen Reiz; denn in der Stille der Nacht erwecken diese
+klagenden, aber lieblichen Laute Empfindungen, für die das sanfte
+Gemüt der Kajan sehr empfänglich ist.
+
+In Zeiten, wo es am Mendalam unsicher ist, wie z.B. bei meinem
+Besuche im Jahre 1894, als die Bukat von der Serawakschen Grenze
+um die Niederlassungen der Kajan herumschwärmten, halten Freunde
+nachts in der Nähe des Pärchens Wacht. Die Freunde helfen auch
+später beim Aufrichten eines treppenartig behauenen Pfahls, den der
+glückliche Jüngling zur Erinnerung an die schöne Nacht beim Häuschen
+zurücklässt. Einer meiner gewandtesten, aber leichtsinnigsten jungen
+Leute zeigte mir einst seinen Schlupfwinkel für derartige Liebesfeste
+mit grossem Selbstbewusstsein; denn er hatte vier solcher Gedenkpfähle
+aufrichten können. Eine derartige Unbeständigkeit der Gefühle wird
+aber bei den Kajan, trotz aller Freiheit, welche die jungen Leute
+geniessen, von der öffentlichen Meinung streng gerügt.
+
+Bisweilen vereinigen sich auch mehrere Pärchen, lassen sich fischend
+und kosend den Fluss abwärts treiben und kehren nicht vor dem folgenden
+Mittag zurück.
+
+Auch die gemeinsame Arbeit auf dem Felde bietet den jungen Leuten
+günstige Gelegenheit, sich kennen zu lernen, besonders wenn die
+Eltern mit dem Verkehr ihrer Kinder einverstanden sind. Wenn dies
+nicht der Fall ist, wird die Standhaftigkeit der Liebenden oft auf
+harte Probe gestellt.
+
+So erlebte ich einst, dass ein jungen Mädchen, mit ebenso schönem
+Äusseren als kräftig entwickeltem Willen, ihren Eltern einen Verlobten
+ins Haus brachte, der diesen nichts weniger als willkommen war, weil
+er für schwere Feldarbeit und den Bau von Böten noch keine genügende
+Leistungsfähigkeit besass. Auch nach der mit viel Aufwand von Energie
+durchgesetzten Heirat, hatte der junge Ehemann alle Mühe, im Hause
+der Schwiegereltern seinen Platz zu behaupten.
+
+Bei allen Bahau herrscht nämlich die Sitte, dass der junge Gatte
+zuerst in die Wohnung seiner Schwiegereltern zieht und erst nach drei
+bis vier Jahren mit der Frau in sein eigenes Haus oder das seiner
+Eltern übersiedelt. Ist die Frau jedoch im Hause ihrer Eltern einmal
+entbunden worden, so darf sie dem Manne schon vor Ablauf dieses Termins
+folgen. Eine Übertretung dieser Sitte gestattet die _adat_ dem jungen
+Paar nur gegen Bezahlung einer recht bedeutenden Busse. Nur wenn der
+einzige Sohn des Hauses ein Mädchen aus einer zahlreichen Familie
+heiratet, kommen die Eltern oft überein, dass die Schwiegertochter
+von Anfang = an in das Haus des jungen Mannes zieht.
+
+Hie und da findet ein Pärchen in dem Zustand der jungen Frau,
+bei der die Folgen des freien Verkehrs nicht ausgeblieben, eine
+etwas unerwünschte Hilfe für die Erlangung der Heiratszustimmung der
+Eltern. Unter solchen Umständen wird das Verhältnis der jungen Leute
+baldmöglichst durch eine Heirat besiegelt; denn die Schwangerschaft
+einer Unverheirateten wird allgemein verurteilt. Ein Mann, der ein
+Mädchen sitzen lässt, wird sehr schief angesehen. So etwas kommt
+daher nur höchst selten vor und wird, wenn besondere Umstände eine
+Heirat unmöglich machen, mit einer ansehnlichen Busse an die Eltern
+der Verlassenen und den Häuptling gestraft.
+
+Einen derartigen Fall erlebte ich bei meinem zweiten Besuch
+am Mendalam, als die beiden Häuptlinge in Tandjong Karang und
+Tandjong Kuda aus persönlicher Feindschaft ihren jungen Untertanen
+nicht gestatteten, sich mit einem Gliede des anderen Dorfes zu
+vermählen. Eines der Opfer, ein junges Mädchen, das ich gern hatte
+und das früher häufig zu mir kam, um sich in meiner Hütte auszuruhen,
+zeigte sich zwei Monate lang nicht mehr bei mir und als sie zum
+ersten Mal wieder erschien, wagte sie kaum die Augen aufzuschlagen,
+obgleich ich mir alle Mühe gab, ihr aus der Verlegenheit zu helfen;
+auch später besuchte sie mich nur noch einige Male.
+
+Da die Frauen bei der Eheschliessung eine Hauptstimme haben, gehören
+Verlobungen in kindlichem Alter zu den Seltenheiten.
+
+Obwohl Unverheiratete die grösste Freiheit geniessen und Verheirateten
+viele Beschränkungen und Pflichten auferlegt werden, nehmen die Kajan
+auffallender Weise gern das Ehejoch auf sich. Daher sind junge Männer,
+wenn sie nicht durch weite Reisen daran verhindert werden, mit 25
+Jahren beinahe alle verheiratet; Mädchen verheiraten sich meist vor
+dem zwanzigsten Jahr.
+
+Bei jeder Eheschliessung finden zwischen den beiderseitigen Eltern über
+die Mitgift und die Summe, welche der junge Mann seinen Schwiegereltern
+bei der Heirat ausbezahlen muss, Unterhandlungen statt. Leben die
+Eltern nicht mehr, so werden sie durch Angehörige oder den Häuptling
+vertreten.
+
+Der Betrag, den der junge Gatte bezahlen muss, ist meist nicht hoch,
+mit einem Schwert oder einem Gong sind die Schwiegereltern gewöhnlich
+zufrieden; reiche Häuptlinge dagegen haben bis zu 300 Dollar zu
+bezahlen.
+
+Polygamie ist am Mendalam nicht Sitte, sie kommt nur bei einigen
+Häuptlingen am Mahakam vor, die sie kürzlich von den Malaien übernommen
+haben.
+
+Man sieht es gern, dass beide Teile, die eine Heirat mit einander
+eingehen, dem gleichen Stande angehören. Häuptlinge verlieren viel
+an Ansehen, wenn sie sich mit gewöhnlichen Kajan verheiraten und ihre
+Kinder haben wenig Aussicht, ihre Nachfolger zu werden; dass sie sich
+jemals mit Leibeigenen verheirateten, hörte ich nie.
+
+Bei den Kajan sind nicht nur Ehen zwischen nahen Blutsverwandten,
+sondern auch Ehen zwischen angeheirateten Verwandten, wie den
+gegenseitigen Geschwistern von Eheleuten, verboten. Daher müssen
+die wenigen Häuptlinge am Mendalam, die aus Standesrücksichten auf
+Heiraten unter Verwandten angewiesen sind, bei der Eheschliessung
+eine Busse für die Übertretung der _adat_ bezahlen.
+
+Heiraten zwischen benachbarten, nicht verwandten Stämmen sind zwar
+nicht verboten, kommen aber so selten vor, dass Taman und Kajan
+z.B. länger als ein Jahrhundert neben einander leben, ohne sich zu
+vermischen. Die meisten fremden Männer einer Niederlassung gehören
+verwandten Stämmen an und halten sich ihrer Heirat wegen für längere
+oder kürzere Zeit dort auf.
+
+Für die Heirat, insbesondere für die Zeit von der Hochzeit bis zu dem
+folgenden Neujahrsfeste, bestehen so zahlreiche Verbotsbestimmungen,
+dass die Kajan, um diese lästige Periode abzukürzen, vorzugsweise
+kurz vor diesem Feste heiraten.
+
+Bei den gewöhnlichen Kajan verläuft eine Hochzeit sehr schlicht;
+die Häuptlinge dagegen veranstalten bei der Heirat ihrer Kinder
+grosse Feste, die zwei bis drei Tage dauern und an denen sich alle
+angesehenen Dorfbewohner beteiligen.
+
+Die Hochzeit wird im Hause der Braut gefeiert, in welches der Bräutigam
+durch seine Freunde geleitet wird. Die Wohnung, aus der aller Hausrat
+vorher entfernt wurde, ist mit Grün und bunten Tüchern festlich
+geschmückt und die Wände sind mit allem, was die Eltern der Braut
+dem Geleite des Schwiegersohnes schenken, behängt. Die Freunde haben
+denn auch das Recht, alles Schöne, das ihnen durch die Freigebigkeit
+des Häuptlings und die Beiträge der Dorfgenossen angeboten wird,
+mit sich heim zu nehmen.
+
+Unter den Geschenken, die Braut und Bräutigam einander geben und
+auch unter denen der Familienglieder, spielen Perlen eine wichtige
+Rolle. Von dem Bräutigam erhält die Braut zuerst einen _taksa hawa_
+(Gürtel für die Ehefrau), bestehend aus einer Schnur mit vier alten
+Perlen; beim Hochzeitsmahl findet sie zwei weitere Perlen im Reis;
+ausserdem erhält sie noch eine besonders schöne Perle, die "_koho
+guman" (kuman = essen)_.
+
+Die Verwandten und Bekannten schenken eine Perlenschnur (_dje)_, die
+so lang als die Braut sein muss und die, je nach der Wohlhabenheit
+der Geber, einen höheren oder geringeren Wert besitzt.
+
+Mann und Frau sind in der Ehe gleichberechtigt; die Leitung des
+Hauses gelangt aber auch bei den Kajan in die Hände der stärkeren
+Persönlichkeit. Wie bereits gesagt, wird von beiden Teilen vollkommene
+Treue verlangt, auch für den Fall, dass der Mann langdauernde Reisen
+unternimmt. Ein Treubruch wird schwer bestraft, scheint übrigens selten
+vorzukommen. Der Mann hat eine höhere Busse zu bezahlen als die Frau.
+
+Der schuldige Teil hat die Busse an die Familie des beleidigten
+Teils zu entrichten; weigert er sich, der Strafe nachzukommen, so
+ist die öffentliche Meinung stark genug, um seine Halzstarrigkeit
+zu brechen. Ist er durchaus nicht im stande, die Busse aufzubringen,
+so helfen ihm die Verwandten und Bekannten.
+
+Wenn sich nach dem Tode von Mann oder Frau der überlebende Teil wieder
+verheiraten will, muss er nach dem Gebot der _adat_ mindestens 1 1/2
+Jahre warten; eine Übertretung erfordert Busse.
+
+Daher hatte _Akam Igau_, als ihm die Trauerzeit nach denn Tode seiner
+ersten Frau zu lang vorgekommen war und er sich vor Ablauf derselben
+mit _Tipong_, der Schwester seines Schwiegersohnes _Sigau_, verheiratet
+hatte, seinen Kindern eine bedeutende Entschädigung auszubezahlen. Die
+Busse wurde teilweise von den verschiedenen Familien in Tandjong
+Karang aufgebracht. Im Ganzen waren zur Sühnung der Schuld zwanzig
+Gonge erforderlich gewesen; ausserdem empfing jedes Kind eine kostbare
+alte Perle und ein Stück schwarzen Kattuns. Dieses sollten die Kinder,
+wie man mir erklärte, abends als Binde vor den Augen gebrauchen,
+bildlich, um die Schuld des eigenen Vaters nicht zu sehen.
+
+In der Ehe herrscht Gütertrennung. Vater und Mutter sorgen
+gemeinschaftlich für den Unterhalt der Kinder. Sind diese einmal
+erwachsen, so bleiben sie zwar im Elternhause wohnen, bebauen aber
+mit Hilfe von Freunden und Freundinnen ihre eigenen Reisfelder. Sie
+leben von dem Ertrag des Ackerbaus und von den Nebenverdiensten, die
+sie sich als Kunsthandwerker, Schmiede, Tätowierkünstler, Priester
+u.s.w. erwerben. Müssen einige Artikel, wie Salz, Tabak und Kattun,
+in grösseren Mengen von Händlern an Ort und Stelle gekauft oder von
+der Küste herbeigeschafft werden, so wird die erforderliche Kaufsumme
+von allen Familiengliedern gemeinsam zusammengebracht; von dem Vorrat
+gebraucht jeder nach Bedürfnis. In allen derartigen Angelegenheiten
+hat der Vater die Hauptstimme.
+
+Kommen Eheleute überein, dass sie sich auf gutwillige Weise
+trennen wollen, so behält bei der Scheidung jeder Teil sein
+Heiratsgut. Widersetzt sich dagegen der eine Teil einer Scheidung, so
+muss ihm der andere als Entschädigung sein Heiratsgut überlassen. Die
+Kinder dürfen selbst entscheiden, mit welche Partei sie es halten
+wollen; die kleinen folgen gewöhnlich der Mutter, meist stehen sie
+aber mit beiden Eltern auf gutem Fuss.
+
+So lange die Kinder im Elternhause leben, haben sie auf nichts
+anderes als die Geschenke, die sie ab und zu erhalten, und ihren
+eigenen Verdienst Anspruch. Auch nach dem Tode der Eltern wird, wenn
+die Kinder noch beisammen bleiben, das Erbe nicht geteilt. Gehen
+sie auseinander, so erben Söhne und Töchter gleich viel. Speziell
+bei den Mendalam Kajan erben die Töchter mehr als die Söhne, mit der
+Begründung, dass diese leichter ihren Unterhalt verdienen können.
+
+Die Familienerbstücke (_dawan una_) fallen gewöhnlich dein ältesten
+Kinde zu; die übrigen Kinder werden durch andere Wertgegenstände
+schadlos gehalten.
+
+Mann und Frau erben nicht von einander. Im Falle dass keine Kinder da
+sind, geht der Besitz des verstorbenen Teils an dessen Familie zurück.
+
+Ein Todesfall in der Familie veranlasst so viel Arbeit, dass die
+Angehörigen kaum Zeit haben, sich der Trauer hinzugeben.
+
+Wenn der Tod infolge von Krankheit eintrat, siedelt die Seele
+des Verstorbenen nach dem Kajanhimmel, _Apu Kesio_, über und jeder
+beeilt sich, ihr alles für die Reise Erforderliche zu beschaffen. Die
+Vorbereitungen für das Begräbnis gewöhnlicher Kajan dauern zwei bis
+drei Tage, für Häuptlinge bis zu acht Tagen.
+
+Die Leiche wird zuerst gewaschen, dann mit Blumen eingerieben und
+mit schönen Kleidern geschmückt.
+
+Die Totenkleidung besteht aus weissem Kattun und wird mit schwarzen
+Arabesken und Menschen- und Tiergestalten verziert. Als Kopfbedeckung
+erhält der Tote eine altmodische Baumbastmütze. Den Schmuck,
+den die Kajan im Jenseits tragen wollen, wählen sie sich schon bei
+Lebzeiten aus; er ist in bezug auf Material und Arbeit von der besten
+Qualität. (Näheres über Totenkleidung siehe Kap. VII).
+
+Zur Besänftigung der bösen Geister, die sich der Leiche des
+Verstorbenen bemächtigen könnten, versehen die Hinterbliebenen diese
+in liebevoller Sorgfalt mit Perlen. Nur die Reichen geben dem Toten
+alte Perlen mit, die Unbemittelteren begnügen sich mit neueren. Die
+Perlen haben, je nach dem Körperteil auf dem sie angebracht werden,
+verschiedene Namen:
+
+_kali mata_, 2 × 4 an ungedrehte Pflanzenfasern gereihte Perlen,
+werden auf jedes Auge gelegt.
+
+_kali pro_, eine Perle, die in die Kehle gesteckt wird.
+
+_kali djela_, eine Perle, die auf die Zunge gelegt wird.
+
+_kali lo-ong_, eine grössere Perle, die mitten auf den Leib gebunden
+wird.
+
+_usut usu_, Perlen, die um die Finger gebunden werden.
+
+_tewel buwa awong to_, eine Perle, die an jedem Daumen befestigt wird.
+
+_usut tudak_, 2 × 4 Perlen, die an jedes Bein gebunden werden.
+
+_aaset udjong halöbw_, Eisen, das auf die Kniee gelegt wird.
+
+Einem Häuptling wird ausserdem als weiterer Schutz ein hölzerner
+_rimau_ oder _ledjo_ (Tiger) mitgegeben.
+
+Bei allen diesen Vorbereitungen helfen Freunde und Bekannte; sie sind
+die Zeit über Gäste der Leidtragenden.
+
+Nach Beendung der Ausstattung wird der aus zwei Hälften
+ausgehöhlter Baumstämme bestehende Sarg ins Haus gebracht und die
+Leiche hineingelegt; die Ritzen werden mit Guttapercha luftdicht
+verschlossen. In den folgenden Tagen wird die Ausrüsting, die dem Toten
+ausserhalb des Sarges mitgegeben wird, in Ordnung gebracht. Dann wird
+der Sarg von Männern auf den Begräbnisplatz getragen und, je nach
+dem Stande des Verstorbenen, einfach auf dem Boden niedergesetzt
+oder auf ein hölzernes Gerüst gestellt, das oft mit einem schön
+geschnitzen hölzernen Dache überdeckt wird. An die Bäume und Sträucher
+ringsherum werden bunte Tücher und Wimpel gehängt und neben dem Sarge
+werden die übrigen für den Aufenthalt in _Apu Kesio_ notwendigen
+Gegenstände, die im Sarge selbst keinen Platz fanden, niedergelegt;
+es sind dies: Waffen, Ruder, Gonge, Tempajang (grosse irdene Gefässe),
+Kleidungsstücke, Hausgerät und dergleichen. Die kostbaren Gegenstände
+werden oft zum Schutz gegen Diebstahl seitens der Malaien durch
+Zerbrechen wertlos gemacht.
+
+Wenn es sich um einen vornehmen Häuptling handelt, wird der Sarg in
+einem _salong_, einem nach allen Seiten geschlossenen Häuschen aus
+Eisenholz, beigesetzt. Der _salong_ ist oft mit künstlerisch schönen
+Malereien und einem prachtvoll gearbeiteten Dache verziert. In dem
+_salong_ werden noch so lange andere Leichen der Familie beigesetzt,
+bis er gefüllt ist oder verfällt.
+
+Leibeigene ohne Familie werden nach dem Tode einfach zum Begräbnisplatz
+getragen, in eine Matte gewickelt und niedergelegt. Einst sahen wir,
+wie die Leiche eines wenige Stunden vorher verstorbenen Sklaven von
+einem anderen auf dem Rücken zum Flusse getragen und in einem Boote
+weggeführt wurde; bereits nach einer Stunde kehrten die Männer wieder
+zurück. Während die Bekannten beim Tode eines freien Kajan die Rolle
+von Klageweibern übernehmen und das Weinen der Familie verstärken,
+hatte für den Sklaven nur eine einzige Frau kurze Zeit ihr Jammern
+ertönen lassen.
+
+Alle, die auf andere Weise als durch Krankheit ums Leben kommen,
+geniessen weder das Vorrecht eines ehrenvollen Begräbnisses noch ist
+ihnen, nach der Überzeugung ihrer Hinterbliebenen, ein künftiges Leben
+in _Apu Kesio_ beschieden. Die Seelen der Ermordeten, Selbstmörder,
+Verunglückten, im Kampfe Gefallenen, bei der Entbindung Gestorbenen
+und Totgeborenen gelangen auf zwei verschiedenen Wegen nach zwei
+anderen Orten, wo sie mit ähnlichen Unglücklichen, wie sie selbst,
+weiterleben müssen. Die Leichen dieser Armen flössen den Kajan Abscheu
+ein, daher werden sie nur in eine Matte gerollt und verscharrt. Ein
+besonderes Grauen erregen die Leichen von Wöchnerinnen; kein Mann und
+keine jüngere Frau darf sie berühren; sie werden auch nicht durch die
+Galerie vorn aus dem Hause hinausgetragen, sondern nach Entfernung
+einiger Bretter aus der hinteren Wand der Wohnung hinausgeworfen, in
+Matten gewickelt und an Rotangseilen zur letzten Ruhestätte geschleift.
+
+Bei Begräbnissen von Personen, die eines ehrenvollen Todes gestorben
+sind, geben sowohl Männer als Frauen das letzte Geleite, letztere
+müssen der allgemeinen Trauer durch lautes Weinen Ausdruck verleihen.
+
+Die eigentliche Trauer beginnt erst nach der Beisetzung des
+Verschiedenen und dauert vierzehn bis fünfzig Tage.
+
+Während der Trauerzeit ist es Besuchern von auswärts verboten,
+die Wohnung oder die Reisfelder der Leidtragenden zu betreten. Beim
+Tode eines Häuptlings wird der ganze Mendalam für verboten (_lali_)
+erklärt. Das Verbot wird durch Spannen eines Rotangseiles über den
+Fluss angezeigt; zerreisst jemand das Seil, so muss er Busse bezahlen,
+aber das _lali_ ist damit zu Ende.
+
+Während der Trauerzeit darf nur Baumbastkleidung ohne jeden Schmuck
+getragen werden; die Frauen setzen sich ausserdem eine grosse
+Trauermütze mit hängenden Zipfeln auf. (Siehe Kap. VII).
+
+Kommt ein Todesfall in der Zeit vor, wo eine Familie der Feldarbeit
+wegen auf dem Reisfeld wohnt, so darf sie vor Ablauf des Neujahrfestes
+das grosse Haus nicht wieder betreten und baut sich daher in dessen
+Nähe zwischen den Reisscheunen eine zeitweilige Hütte.
+
+Am Ende der Trauerzeit feiert die Familie mit Hilfe einer Priesterin
+eine _mela_ (siehe f. Kap.), bei der Schweine und Hühner geopfert
+und von den Hausgenossen und Gästen bei einem Festmahl verspeist
+werden. Nach der _mela_ muss sich die Familie noch einen, Tag still
+verhalten, _melo_, dann darf sie ihr Alltagsleben wieder aufnehmen. Die
+Priesterin erhält für ihre Dienste ein Schwert, zwei Mass Reis und
+vier bis fünf mehr oder minder wertvolle Perlen.
+
+In früheren Zeiten war zum Ablegen der Trauer ein frisch erbeuteter
+Schädel oder irgend ein anderer menschlicher Körperteil erforderlich
+gewesen, der, wenn es Häuptlinge galt, wahrscheinlich auf Kopfjagden
+(_ajo_) erlangt wurde. Gegenwärtig werden zu diesem Zwecke am Kapuas
+überhaupt keine Kopfjagden mehr unternommen; selbst alte Schädel werden
+nur noch in besonders ernsten Fällen bei benachbarten Stämmen geliehen;
+in der Regel begnügt man sich jetzt mit etwas Menschenhaar. Sehr
+wahrscheinlich ist die Bedeutung dieser Sitte die, dass man dein
+Verstorbenen einen Menschen opfert, damit er ihm als Diener ins
+Jenseits folge. Da bei den Bahau nur Häuptlinge sich Diener halten,
+wurden begreiflicherweise auch nur für diese Köpfe gejagt.
+
+Dass bei anderen wichtigen Lebensereignissen, wie bei der Geburt eines
+Kindes und bei Hochzeiten, die Erbeutung eines Kopfes augenblicklich
+oder in früheren Zeiten jemals notwendig gewesen, habe ich während
+meines Aufenthaltes unter den Bahau und Kenja nie ermitteln können. Ich
+glaube mit Sicherheit erklären zu können, dass die _adat_ diese
+Sitte nicht fordert. Auch herrschte bei ihnen nie der Gebrauch, das
+Schlachtopfer auf dem Häuptlingsgrabe langsam zu Tode zu martern, wie
+dies die Stämme am Barito und Kahájan und die Batang-Lupar noch jetzt
+zu tun scheinen. Es war selbst verboten, einen Haussklaven zu opfern
+und auch ein Kriegsgefangener oder eine gekaufte Person waren gerettet,
+sobald sie das Haus erblickt hatten. Dies geschah, beispielsweise,
+im Jahre 1893 am Mahakam, als _Bang Jok_, ein Häuptling in Long Deho,
+beim Ablegen der Trauer nach dem Tode seines Vaters _Jok Bang_, einen
+Menschen opfern wollte. Der Sklave hatte damals, wahrscheinlich durch
+Zufall, das Haus bemerkt und durfte daher nicht getötet werden.
+
+Wir sehen somit, dass die Religion bei den Kajan am Kapuas auch
+früher nur beim Tode des Häuptlings die Opferung eines Menschen
+erforderte und dass gegenwärtig eine Erinnerung an diesen Brauch
+genügt. Dagegen besteht noch jetzt bei ihnen die Sitte, die Schädel
+ihrer erschlagenen Feinde aufzubewahren; man findet daher in einigen
+ihrer Häuser, besonders aus früheren Zeiten, derartige Trophäen
+in grosser Zahl. Trotzdem bei den friedliebenden Bahau Tapferkeit
+und Stärke nicht zu den geschätztesten Eigenschaften gehören (Siehe
+f. Kap. Schöpfungsgeschichte: die Stärksten und Gewandtesten werden
+zu Sklaven), ist es doch für Häuptlingssöhne wünschenswert, wenn
+auch nicht unerlässlich, dass sie irgend welche Beweise ihres Mutes
+liefern. Daher hat sich jetzt noch die Sitte bei ihnen erhalten,
+dass erwachsene Häuptlingssöhne die Gelegenheit, die sich ihnen
+bietet, eine gefahrvolle Reise zu unternehmen oder einen Menschen
+zu töten, wahrnehmen. Selbst das Töten gekaufter alter Frauen wird
+nicht verschmäht; denn das Vergiessen von Menschenblut an und für
+sich sehen die Bahau schon als eine mutvolle Tat an, eine Auffassung,
+die mit ihrem furchtsamen Charakter völlig übereinstimmt. Auch suchen
+die jungen Häuptlinge stets auf eine für sie selbst ungefährliche
+Weise ihr Opfer zu treffen. Besonders geeignet zur Erbeutung eines
+Kopfes sind Handelszüge, hauptsächlich die zu den im Norden wohnenden
+nichtverwandten Stämmen; hierauf beruht auch die alte Feindschaft
+der Bahau mit den Batang-Luparstämmen am mittleren und unteren
+Batang-Rèdjang.
+
+In früheren Zeiten unternahmen die Bahau auch Züge zu dem alleinigen
+Zwecke, Köpfe zu erbeuten; sie jagten hauptsächlich bei ihren Feinden
+am oberen Kahájan und Miri oder Mengiri, die sie früher aus dein
+Gebiet des oberen Mahakam vertrieben hatten.
+
+Bei den Mendalam Kajan können Kopfjagden seit langer Zeit nicht mehr
+stattgefunden haben; am oberen Mahakam haben die Kajan am Blu-u ihre
+letzte Kopfjagd vor 13 Jahren am Kahájan unternommen. Obgleich sich
+nur 15 Mann an dem Unternehmen beteiligten und keine Köpfe, sondern
+nur ein Gefangener erbeutet wurden, betrachtete man diesen Zug doch
+als einen richtigen Kriegszug. Der gefangene Kahájan Dajak lebte noch
+bei meiner Ankunft am Blu-u, war mit einer der hübschesten Sklavinnen
+verheiratet und besass vier Kinder. Ein anderer Sklave, _Sorong_, trug
+auf seinen Waden eine Ot-Danom Tätowierung und war augenscheinlich in
+beinahe erwachsenem Alter erbeutet worden; er was Vater von elf Knaben,
+besass als Ratgeber des Häuptlings _Kwing Irang_ eine bevorrechtete
+Stellung und war durch seinen Handel zu Wohlstand gelangt.
+
+Da Kopfjagden unter grossen Anstrengungen und Entbehrungen mit viel
+Vorsicht unternommen werden und viele Monate, bisweilen ein ganzes
+Jahr, dauern, Arbeitskräfte in einem Dorfe in der Regel aber nicht
+entbehrt werden können, ist es begreiflich, dass sie nur selten
+stattfinden.
+
+Bemerkenswerter Weise trifft man weder bei den Bahaustämmen am Kapuas
+noch am Mahakam auf der Galerie ihrer Häuser die Schädeltrophäen,
+die den Eintretenden an anderen Orten so unangenehm berühren. Auch
+in den vier Niederlassungen der Bahau am Mendalam und in denen
+der Kajan, Long-Glat, Ma-Suling und anderer Stämme unterhalb der
+Mahakamfälle bemerkte ich keine Schädel. Nur in der Niederlassung des
+Pnihinghäuptlings _Belarè_, der selbst halber Punan ist und dessen
+Stamm wahrscheinlich nicht zu den Bahau gehört, fand ich Schädel
+hängen. Indessen besitzen auch alle anderen Häuptlinge Schädel,
+sie bewahren sie aber an einem Ort, wo sie nicht sogleich ins Auge
+fallen. So bemerkte ich einen Teil eines Schädels in Batu Sala,
+einer Long-Glat Niederlassung, an der Aussenwand des Hauses, er war
+aber hinter einem Büschel Palmblätter kaum sichtbar.
+
+Bahau und Kenja trocknen die Köpfe über dem Feuer, ohne die
+Fleischteile von den Schädeln zu entfernen; auch werden diese nie
+mit Figuren verziert.
+
+Ich glaube die Tatsache, dass die Bahau keine Schädel auf die
+Galerie hängen, dem Umstande zuschreiben zu können, dass ihnen die
+Schädel selbst Abscheu und Angst einflössen. Sogar sehr alte Männer,
+denen die _adat_ die geweihtesten Dinge zu berühren gestattet, fassen
+einen Schädel nur sehr ungern an. Als Beweis für diese Auffassung mag
+auch das folgende Begebnis dienen, das ich selbst am oberen Mahakam
+erlebte. Dort war nämlich das alte Haus der Ma-Suling am Merasè
+so baufällig geworden, dass der Stamm sich einen neuen Wohnplatz
+suchen musste. Aller Besitz und die noch brauchbaren Materialien
+wurden mitgenommen, nur die Schädel wagte man nicht aus dem alten
+Hause zu entfernen. Man rief daher den Pnihinghäuptling _Belarè_ zu
+Hilfe, der die Schädel vorläufig in einer Hütte vor dem alten Hause
+unterbrachte und selbst als Belohnung für seine Mühe die Hälfte der
+Schädel mitnahm, um seine Galerie mit ihnen zu verzieren, was ihm
+sehr zu statten kam, da ihm bei der Brandschatzung seines Hauses im
+Jahre 1885 seine eigenen Trophäen verloren gegangen waren. Dieses
+geschah im Jahre 1897 und noch im Jahre 1900 standen die Schädel
+auf dem inzwischen verwilderten Platze vor dem verfallenen Hause,
+wo wilde Rinder, Hirsche und Schweine den ganzen Boden aufgewühlt
+hatten. _Belarè_ sollte damals noch einmal kommen, um die Schädel in
+dem inzwischen vollendeten Hause der Ma-Suling aufzuhängen.
+
+Die Schädel, die man bei den Stämmen in Mittel-Borneo antrifft, sind
+so verschiedenen und unsicheren Ursprungs, dass es keinen Wert hat,
+sie aus anthropologischem Interesse anzukaufen. Wie aus Obenstehendem
+hervorgeht, werden Schädel auf Kopfjagden erbeutet oder gekauft
+oder als Belohnung oder aus weit entfernten Gebieten als Geschenk
+erhalten. Der Sultan von Kutei schenkte z.B. dem Häuptling _Kwing
+Irang_ zwei Köpfe, die im Gebiete des unteren Bulungan erbeutet worden
+waren. Bedenkt man, dass die Kopfjäger in ihrer Eile und Erregung oft
+nicht wissen, wessen Kopf sie eigentlich erbeutet haben, so nimmt es
+nicht Wunder, dass die Besitzer der Schädel selbst nicht immer angeben
+können, von wo oder von welchem Stamme diese herrühren; ausserdem
+teilen die Bahau den Fremden, aus Furcht vor Rache, nicht gern mit,
+auf welche Weise sie zu ihren Schädeln gelangt sind.
+
+
+
+
+KAPITEL V.
+
+ Religiöse Vorstellungen der Bahau--Wichtigste Götter--Einteilung
+ des Weltalls--Gute und böse Geister--Seelen der Bahau--Charakter
+ und Schicksal der _bruwa_ und _ton luwa_--Seelen der Tiere,
+ Pflanzen und Gesteine--Vorzeichen--Erklärung der _pemali_--Priester
+ und Priesterinnen--Beseelung der _dajung_--Pflichten der
+ _dajung_--Erklärung der _mela_--Das Ei als Opfergabe.
+
+
+Um die Höhe der geistigen Entwicklung und die Eigenart eines Volkes
+beurteilen zu können, muss man vor allen Dingen die Vorstellungen
+kennen lernen, die dieses sich von seiner Stellung gegenüber
+der umgebenden Natur bildet. In höherem oder geringerem Masse
+sind diese Vorstellungen, die wir als Religion bezeichnen, jedem
+denkenden Wesen eigen. Je widerstandsfähiger ein Volk sich seiner
+Umgebung gegenüber fühlt, desto verschiedener und erhabener wird es
+sich ihr gegenüber vorkommen. Ein Volk gewinnt aber nur dann eine
+gewisse Furchtlosigkeit und Unabhängigkeit gegenüber den auf sein
+Dasein einwirkenden Naturkräften, wenn es bewusst oder unbewusst so
+viel Kenntnis von der Natur erlangt, dass es sein Leben mit deren
+Forderungen in Übereinstimmung zu bringen im stande ist.
+
+Berücksichtigen wir, dass die Bahau und Kenja von Borneo
+ackerbautreibende Stämme sind, deren Lebensunterhalt von der Witterung
+und anderen sichtbaren Naturänderungen unmittelbar abhängig ist,
+dass ausserdem die schädlichen Einflüsse des Klimas ihr körperliches
+Befinden durch Krankheit so stark beeinträchtigen, dass sie an Zahl
+wenig zunehmen, so kann es uns nicht wundern, in den religiösen
+Überzeugungen dieser Stämme das Gefühl der Abhängigkeit von der
+sie umgebenden Natur stark ausgeprägt zu finden. In der Tat ist die
+Stellung, die sich die Bewohner von Mittel-Borneo im Reiche der Natur
+anweisen, eine sehr bescheidene; denn sie kommen sich selbst von
+den Pflanzen, Tieren und Gesteinen ihrer Umgebung nicht wesentlich,
+sondern nur graduell, verschieden vor.
+
+Charakteristischer Weise schreiben die Bahau nicht mir sich selbst,
+sondern auch allen belebten und unbelebten Wesen den Besitz von
+Seelen (_bruwa_) zu. Nach ihrer Auffassung reagieren die Seelen eines
+Baumes, eines Hundes oder eines Felsens auf dieselbe Art wie die eines
+Menschen, sie werden von denselben Empfindungen der Lust und Unlust
+bewegt. Daher suchen die Bahau die erzürnten Seelen der Tiere, Pflanzen
+und Steine, welche sie zu verletzen oder zu vernichten gezwungen sind,
+durch Opfer zu besänftigen; im übrigen aber empfinden sie vor ihnen
+keine besondere Angst. Die Wirkungen der Naturkräfte erscheinen ihnen
+dagegen für das Wohl und Wehe des Menschen viel bedeutungsvoller und
+auch gefährlicher.
+
+Die wahren Ursachen von Donner, Blitz, Regen und Wind nicht kennend
+stellen sich die Bahau diese als. Äusserungen von Wesen oder Geistern
+(_to_) vor, die zwar mächtiger sind als sie selbst, sonst aber
+Angenehmes und Unangenehmes auf die gleiche Weise wie die Menschen
+empfinden. Die Geister können daher einerseits durch Geschenke und
+Opfer von lebenden oder toten Wertgegenständen günstig gestimmt werden,
+andererseits durch diejenigen Dinge, die auch den Menschen Abscheu
+und Angst einflössen, in die Flucht geschlagen werden. Ich beobachtete
+einige Male, dass der Sohn _Kwing Irangs_, des Häuptlings der Mahakam
+Kajan, bei heftigem Sturme aus dem Hause stürzte und, um den Geistern
+zu imponieren und sie gleichzeitig zu besänftigen, das erste beste
+Tier, das ihm in den Weg kam, einmal ein Schwein, einmal ein Huhn,
+mit Schwertschlägen tötete. Ein anderes Mal stürzte ein Mann, in der
+einen Hand ein gezogenes Schwert in der andern einen Schädel haltend,
+während eines Sturmes aus dem Hause, um den Sturmgeist in die Flucht
+zu schlagen.
+
+Auch durch Schreien suchen die Bahau die Wind- und Regengeister zu
+vertreiben; hilft dieses Mittel nicht, so stellen sie zur Abschreckung
+einen Schädel vor das Haus. Als wir auf einer Reise mit den Mendalam
+Kajan von einem heftigen Gewitter überfallen wurden und sehr nahe
+Donnerschläge uns erschreckten, zogen die Kajan sogleich ihre Schwerter
+halb aus der Scheide, um die gewaltigen Geister zu verjagen.
+
+Diese Naturgeister üben auch direkten Einfluss auf das Leben der
+Menschen aus; so werden bestimmte Vergehen durch die _to belare_,
+Donnergeister, bestraft. Das Lachen über Tiere z.B., das bei den Bahau
+als Verbrechen gilt, wird durch die _to belare_ sogleich gestraft,
+indem sie dem Schuldigen den Hals umdrehen. Es ist daher sehr
+unvorsichtig, mit einem Huhn, Hund oder Schwein etwas vorzunehmen,
+was die Leute zum Lachen bringen könnte. Als am Mahakam plötzlich
+ein kleines Mädchen, wahrscheinlich an Vergiftung, starb, schrieben
+die Dorfbewohner ihren Tod dein Umstand zu, dass sie über irgend ein
+Tier gelacht haben sollte.
+
+Ausser diesen Naturgeistern, die sich als Blitz, Donner, Wind und
+Regen äussern, kennen die Bahau noch eine Schar anderer _to_,
+die, je nachdem wie sie sich den Menschen gegenüber verhalten,
+als gute und böse bezeichnet werden. An jene wendet man sich bei
+Krankheit, Unglücksfällen und bösen Träumen um Hilfe, diese, als die
+Unglücksträger, sucht man durch Gewaltmittel zu vertreiben oder durch
+Opfer zu beschwichtigen.
+
+Die _to_ werden, je nach der geistigen Entwicklungsstufe, welche die
+einzelnen Bahau einnehmen, verschieden aufgefasst. Während man die
+gewöhnlichen Leute nur von den _to_, als den Urhebern ihrer Freuden
+und Leiden, sprechen hört, betrachten die höher Stehenden, wie die
+Häuptlinge und Priester, die _to_ nur als die direkten oder indirekten
+Werkzeuge eines obersten Gottes _Tamei Tingei_ (= unser hoher Vater).
+
+Wenden wir uns, bevor wir näher auf die _to_ eingehen, im folgenden
+den höheren geistigen Mächten der Bahau zu.
+
+Ihr ganzes Weltall wird von dem eben genannten _Tamei Tingei_,
+dem Allvater, beherrscht, der mit seiner Gemahlin _Uniang Tenangan_
+über allen anderen von Geistern und Menschen bewohnten Regionen lebt.
+
+Ausser dem Allvater erkennen die Bahau noch andere hohe Götter an,
+die unter _Tamei Tingeis_ Oberherrschaft im Weltall bestimmte Rollen
+zu erfüllen haben. Es sind dies:
+
+_Djaja Hipui_ (= alter Häuptling), die Mutter der Kajanwelt und
+Beherrscherin der guten Geister, jetzt mit _Howong Hwan_ vermählt
+und _Amei Awi_ (= Vater Awi) und dessen Gemahlin _Buring Une_, welche
+die Erde und ihre Erzeugnisse beherrschen.
+
+Götter, Geister, Menschen und Seelen der Verstorbenen wohnen im Weltall
+nicht durcheinander, sondern in bestimmten Schichten oder Regionen,
+die zum Teil besondere Namen tragen; es existieren deren fünf, nämlich:
+
+1. oberste Region, bewohnt von _Tamei Tingei_ und dessen Gemahlin
+_Uniang Tenangan;_
+
+2._ Abu Lagan_, bewohnt von _Djaja Hiwi_ und dessen Gemahl _Howong
+Hwan;_
+
+3. _Apu Kesio_, bewohnt von den Seelen der Verstorbenen;
+
+4. die Erde, bewohnt von den Menschen;
+
+5. unterirdische Region, bewohnt von _Amei Awi_ und dessen Gemahlin
+_Buring Une_.
+
+Für die gebildeteren Bahau ist _Tamei Tingei_ derjenige Gott,
+welcher das Lebenslos der Menschen beherrscht, der bereits hier
+auf Erden denjenigen straft, der sich Übertretungen der _adat_ und
+andere Übeltaten zu Schulden kommen lässt, und denjenigen belohnt,
+der sich durch gute Werke auszeichnet. Er ist allwissend und hat zur
+Vollstreckung seines Willens eine Schar böser, die Erde bewohnender
+Geister zur Verfügung. Man sollte vom Allvater, der nicht nur straft,
+sondern auch belohnt, erwarten, dass ihm ausser den bösen Geistern
+auch gute direkt zu Diensten stehen. Ich habe aber letztere nie
+erwähnen hören; es ist daher wahrscheinlich, dass _Tamei Tingei_ sich
+für seine Zwecke der im _Apu Lagan_ unter _Diaja Hiwis_ spezieller
+Aufsicht stehenden guten _to_ bedient.
+
+_Amei Awi_ und _Buring Une_ beherrschen die Erde und den Ackerbau. Da
+das Gelingen der Ernte von ihnen abhängt, wird ihnen besonders bei
+den Saatfesten und beim Beginn der Erntefeste geopfert. Sie leben in
+aller Herrlichkeit auf einer Erde, die unter derjenigen der Menschen
+liegt und so fruchtbar ist, dass sie nahrhaften Reis und Früchte
+aller Art in Hülle und Fülle hervorbringt.
+
+Während _Tamei Tingei, Amei Awi_ und ihre Gemahlinnen von Anbeginn
+an Gottheiten gewesen sind, lebte _Djaja Hiwi_, die Beherrscherin
+der guten Geisterwelt _Apu Lagan_, einst als menschliches Weib auf
+Erden und zwar im Stammland aller Bahau, im Apu Kajan, als Ehefrau
+von _Tamei Angoi_, einem Häuptling am Kajanufer. _Djaja Hipuis_
+Vorgeschichte ist folgende:
+
+Im Apu Kajan, wo für gewöhnlich ein Überfluss an Reis und herrlichen
+Früchten herrschte, trat einst Hungersnot ein. Daher begab sich
+_Tamei Angoi, Djaja Hipuis_ Gatte, mit seinem Sohne _Tekwan_, auch
+wohl _Sunung Kule_ genannt, in das Land _Lagan Pau_, um dort für
+Gonge, Schwerter und Perlen Reis einzukaufen. Aber auch dort herrschte
+Reisnot, so dass sie sich unverrichteter Sache auf den Rückweg machen
+mussten. Zum Übermass des Unglücks ertrank _Tekwan_ unterwegs in den
+Wasserfällen des Flüsschens Lirong. Tief gebeugt kehrte der Vater in
+sein langes Haus am Kajan zurück; sein Kummer wurde von _Djaja Hiwi_
+und dem ganzen Volke geteilt.
+
+Als _Tamei Angoi_ nach Ablauf der Trauerzeit zufällig auf eine Leiter
+stiess, die nach oben in die Geisterwelt _Apu Lagan_ führte, beschloss
+er in seiner Not, von dort mit Hilfe seiner Tauschartikel Reis für
+seine hungernden Untertanen zu holen. So stieg er denn voller Hoffnung
+die Leiter hinauf und gelangte vor _Buring Bango_, die Frau, die
+damals den _Abu Lagan_ beherrschte. _Tamei Angoi_ wurde für seinen Mut
+belohnt; denn er fand hier nicht nur einen Überfluss an Reis, sondern
+feierte auch Wiedersehen mit seinem Sohne _Tekwan_. Leider durfte
+ihm dieser aus der Geisterwelt nicht wieder auf die Erde folgen, was
+die Freude des Vaters, der im übrigen sehr befriedigt von dem Erfolg
+seiner Unternehmung in sein Land zurückkehrte, etwas beeinträchtigte.
+
+Kaum hatte _Djaja Hipui_ erfahren, dass ihr ältester Sohn im _Apu
+Lagan_ wohnte, als sie sich auf Erden nicht mehr halten liess; trotzdem
+weder _Tamei Angoi_ noch ihr jüngerer Sohn _Imu Djoatut_ das Land,
+in dem sie bis jetzt so glücklich gelebt hatten, verlassen wollten,
+beschloss die Mutter dennoch, zu ihrem _Tekwan_ überzusiedeln. Ein
+grosser Teil der Dorfbewohner schloss sich _Djaja Hipui_ an und so
+stiegen sie gemeinsam auf der Leiter nach oben, worauf sie diese
+zerbrachen. _Buring Bango_ jedoch wollte die Neuangekommenen in ihrem
+Reiche nicht aufnehmen, daher entbrannte ein heftiger Kampf. _Buring
+Bango_ wurde besiegt und gezwungen, nach _Pu-u Siu_ zu flüchten und
+ihr Reich _Djaja Hipui_ zu überlassen.
+
+Von_ Tamei Angoi_ und _Imu Djoatut_, den auf Erden Zurückgebliebenen,
+stammen sämmtliche Bahau ab.
+
+_Djaja Hipui_ lebt mit den Ihren im _Apu Lagan_ nach der Weise
+der Bahau auf Erden, in langen Häusern, an einem Flussufer. Ober-
+und unterhalb von _Djaja Hipuis_ Hause stehen je zwölf dieser langen
+Häuser und zwar heissen die zwölf ersten, von oben gerechnet: _Ingan
+I; Bua Kudja; Ulo Lawing; Paren Tingin; Paren Balui; Batang; Uniang
+Awang; Utan; Ingan II; Bua Kaping; Tijung_ und _Apu Lagan_. Die Namen
+der flussabwärts gelegenen Häuser sind mir nicht bekannt.
+
+_Djaja Hipui_ greift auch in das Lebenslos der Menschen ein; wird
+sie z.B. zu häufig oder zu ungelegener Zeit, besonders durch Fluchen,
+angerufen, so straft sie.
+
+Die guten Geister des _Apu Lagan_ sind den Bahau günstig gesinnt: sie
+beseelen die Priester und helfen ihnen dadurch, die in Krankheitsfällen
+entflohenen Seelen der Menschen zurückzurufen; sie beseelen auch die
+Tätowierkünstler, Hirschhornschnitzer; Schmiede und ähnliche Leute;
+auch sind sie es, die mit Hilfe von Tieren, Träumen und Begebnissen
+aller Art die Bahau auf das, was sie tun und lassen müssen, aufmerksam
+machen.
+
+Über die Vorstellung, die sich die Bahau von dem Aussehen der guten
+_to_ machen, habe ich nie etwas vernommen.
+
+Dagegen schreiben sie den strafenden Geistern, die sie daher als die
+"bösen (_dja-ak_)" bezeichnen, alle Körpereigenschaften zu, die sie
+selbst an ihren Nebenmenschen unangenehm und hässlich finden. Die
+bösen_ to_ sind menschenähnliche Wesen mit grossen, dicken Leibern,
+riesigen Augen in grossen Köpfen, schweren Hauern, dichter langer
+Behaarung und aussergewöhnlicher Stärke. Die den Donner und Blitz
+verursachenden _to belare_ sind z.B. so stark, dass man glaubt,
+vom Blitz getroffene Bäume seien von ihnen auseinander gerissen. Das
+Blitzen erzeugen sie durch das Funkeln ihrer Augen, das Donnern durch
+das Tönen ihrer Stimmen. Sie bewohnen gewöhnlich Höhlen an Bergabhängen
+und bilden ähnliche Gemeinwesen wie die Bahau. Auch die übrigen bösen
+Geister suchen sich als Wohnplätze die Orte aus, die auf das Gemüt
+der Menschen einen beängstigenden Eindruck hervorbringen, wie stark
+bewachsene Berge, dunkle Waldgebiete, Felshöhlen und eigentümlich
+geformte Felsen und Steinklumpen.
+
+Viele Berge werden von den Eingeborenen wegen der dort hausenden
+Geister gemieden und auch mir gestatteten sie öfters nicht, in die
+Nähe einer Berghöhle zu gehen. Bei der Besteigung des Batu Kasian
+hörte ich den Häuptling _Kwing Irang_ unseren Pflanzensucher fragen,
+ob er nicht die Höhle des dort lebenden _belare_ entdeckt habe. Während
+der Reise warfen meine Träger mit Steinen und Holzstücken nach allen
+Höhlen und Felsen, die für Wohnsitze von Geistern galten. Einst sah
+ich einen Mann den Mond anspeien, ich weiss nicht aus welchem Grunde.
+
+Als weitere Abschreckungsmittel für böse Geister dienen auch
+menschliche Phantasiegestalten, deren Genitalien übertrieben gross
+dargestellt werden. Derartige Figuren, mit Schild, Schwert und Speer
+bewaffnet, werden, besonders wenn Krankheiten im Lande herrschen,
+an den Pfaden längs des Flussufers aufgestellt. Auch Genitalien an
+und für sich sind im stande, andringende Geister zu verscheuchen;
+sie werden daher in roher Form aus Holz geschnitzt häufig auf Treppen
+und Bretterstegen angebracht. Wie im Kapitel über Kunst gezeigt werden
+wird, hat dieser Glaube den Bahau die eigenartigsten Motive für die
+Verzierung ihrer Häuser, Waffen und Gerätschaften geliefert. Aus
+der Schöpfungsgeschichte der Kajan geht hervor, dass ihre Götter
+und Geister vor geschlechtlichen Beziehungen ein Grauen empfinden;
+hieraus erklärt sich die abschreckende Wirkung, die der Anblick von
+Genitalien auf die bösen Geister übt.
+
+Dass auch das Pflanzenreich zur Abwehr böser Geister vielerlei Mittel
+liefert, ist bereits im vorhergehenden Kapitel gezeigt worden,
+ebenso dass die Zähne von Hunden, Wildkatzen, Bären und Panthern,
+besonders geformte Steine u.s.w. als Schreckmittel benutzt werden.
+
+Die bösen sowie die guten Geister besitzen einen viel weiteren Blick
+als die Menschen und sind, wie wir gesehen haben, auch viel mächtiger
+als diese; sie bilden für die meisten Bahau das religiöse Element,
+mit dem sie sich bei ihrem Gottesdienst hauptsächlich befassen.
+
+Da die guten Geister nicht nur an sich ungefährlich sind, sondern
+den Menschen auch alles erdenkliche Gute anzutun bestrebt sind, die
+bösen Geister dagegen den Menschen, als Strafe für ihre Missetaten,
+alles Unglück übermitteln, haben diese für die Bahau begreiflicher
+Weise mehr Interesse als jene. Man hört sie daher viel häufiger von
+den gefürchteten bösen als von den harmlosen guten _to_ sprechen.
+
+Obgleich die Bahau an eine wenn auch beschränkte Unsterblichkeit der
+Seele glauben, sind sie doch der Überzeugung, dass _Tamei Tingei_
+ihnen durch seine Diener schon hier auf Erden das Los zuerteilt, das
+sie sich durch ihre Lebensweise selbst verdient haben. Diejenigen,
+welche die menschliche oder göttliche _adat_ übertreten, erleiden
+Missgeschick oder werden krank; sind die Geister sehr erzürnt, so
+lassen sie die Schuldigen im Kampfe fallen, verunglücken, sich selbst
+töten oder, wenn es Frauen betrifft, bei der Geburt sterben. Alle auf
+diese Weise Umgekommenen sind _matei dja-ak_, d.h. eines schlechten
+Todes gestorben. Es wird ihnen kein ehrenvolles Begräbnis zu Teil;
+auch gelangen ihre Seelen nicht in den Himmel _Apu Kesio_, sondern
+an einen anderen Ort; aber von einer weiteren Vergeltung ihrer auf
+Erden begangenen Missetaten im künftigen Leben ist keine Rede.
+
+Den guten Menschen sendet Allvater Glück und Wohlergehen; auch
+lässt er sie durch Krankheit eines schönen Todes (_matei saju_)
+sterben. Ihre Seelen gelangen nach _Apu Kesio_, wo sie in einem
+Überfluss an Nahrungsmitteln schwelgen und nicht zu arbeiten brauchen.
+
+Im Anfang dieses Kapitels ist bereits gesagt worden, dass die Bahau
+nicht nur sich selbst, sondern auch allen belebten und unbelebten
+Wesen auf Erden den Besitz von Seelen zuschreiben; sie glauben,
+dass die Menschen und deren Haustiere: Schweine, Hunde und Hühner,
+ferner die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine von zwei Seelen,
+die übrigen Tiere, Pflanzen und toten Gegenstände dagegen nur von
+einer Seele bewohnt werden.
+
+Betrachten wir zuerst die Seelen der Menschen, ihren Charakter und
+ihr Schicksal.
+
+Alle Leiden, von Angstgefühlen und quälenden Träumen an bis zu
+Missgeschicken und Krankheiten, schreibt der Bahau dem Umstande zu,
+dass ein Teil seiner Persönlichkeit zeitweise seinen Körper verlässt;
+er nennt diesen nur locker mit seinem Körper verbundenen Teil:
+_bruwa_ (malaiisch: _mata kanan_ = rechtes Auge). Einen zweiten Teil
+seiner Persönlichkeit, der zeitlebens mit seinem Körper verbunden
+bleibt, nennt der Bahau: _ton luwa_ (malaiisch: _mata kiba_ = linkes
+Auge). Diese beiden geistigen Teile des Bahau, seine beiden Seelen,
+spielen sowohl in seinem Leben als nach seinem Tode eine wichtige
+Rolle.
+
+Die stets unruhige _bruwa_ entflieht dem menschlichen Körper, nach
+Aussagen der Priesterinnen, in Gestalt eines Tieres: eines Fisches,
+Vogels oder einer Schlange. Die Fischform verspricht ein langes,
+die Schlangenform ein kurzes Erdenleben. Der wichtigste Wohnsitz der
+_bruwa_ liegt im Haupte des Menschen, sie verlässt den Leib durch den
+Scheitel. Schlägt man ein Kind daher aufs Haupt, so entflieht seine
+_bruwa_ leicht.
+
+Eine der wichtigsten Aufgaben der Priesterinnen besteht darin, die
+_bruwa_, die den Menschen schon bei geringen Anlässen, wie Schreck
+und Verstimmung, besonders aber bei Krankheit, verlässt, wieder in den
+Körper zurückzulocken. Sie tun dies mit Hilfe der Geister aus dem _Apu
+Lagan_ und zwar auf sehr verschiedene Weise. Bisweilen lässt sich die
+_bruwa_ schon dadurch besänftigen, dass ein schönes Stück Zeug auf
+das Haupt des Patienten gelegt wird; sonst spaltet die Priesterin in
+der Dunkelheit das Haupt zum Schein und lässt die entflohene Seele
+wieder in ihren alten Wohnsitz zurückkehren.
+
+Bei dem Tode des Menschen verlässt die _bruwa_ den Körper für immer
+und zieht nach Aras Kesio. So viel ich habe erfahren können, verweilt
+die Seele auch hier nicht ewig, sondern begiebt sich später an einen
+anderen Ort, _Langit Mengun_, und wird erst dort zu einem wirklichen,
+ewig fortlebenden Geiste.
+
+Der Weg, den die _bruwa_ zum Apu Kesio zurückzulegen hat, ist äusserst
+mühe- und gefahrvoll; daher giebt man dem Verstorbenen alles mit, was
+seiner Seele auf der Reise und auch später beim Aufenthalt im Jenseits
+von Nutzen sein könnte. Hierzu gehören: eine vollständige und prächtige
+Kleiderausrüstung nach altem Muster; schöne Schmucksachen; Waffen;
+Gerätschaften aller Art; Gonge, die neben dem Grabe aufgestellt oder
+bei Häuptlingen in die Prachtgräber (_salong_) gelegt werden; ferner
+eine winzige Leiter, um der Seele zu ermöglichen, Felsen zu erklimmen
+und Abgründe zu überschreiten und ein Vorrat von Nahrungsmitteln. Um
+die _bruwa_ gegen Anfälle böser Geister unterwegs zu schützen, giebt
+man ihr in einem Tragkorbe (_briut_) seltsam geformte Steine und
+Tierzähne mit, zur Anlockung der guten Geister dagegen ein Bambusgefäss
+mit Zuckerrohrsaft.
+
+Die _bruwa_ begiebt sich nicht sogleich nach dem Tode des Menschen
+auf die Wanderung, sondern hält sich, solange die Angehörigen die
+Trauer noch nicht abgelegt haben, in der Nähe des Leichnams auf. Die
+Seelen der Kapuas Dajak wählen für diese Zeit den Berg Batu Tilung
+am Mandai als Aufenthaltsort. Beim Ablegen der Trauer ist es daher
+Aufgabe der Priesterin, durch Abhalten einer _mela_ dafür zu sorgen,
+dass die Seele sicher nach _Apu Kesio_ befördert (_anter_) wird.
+
+Die _bruwa_ beginnt ihre Reise unterhalb der Erde und Flüsse und hat
+ausser den gewöhnlichen Terrainschwierigkeiten auch noch Brücken aus
+heftig wippenden Baumstämmen und Wege von der Schärfe der Schwerter
+zu überwinden. Kommt sie über diese Hindernisse nicht hinweg, so geht
+sie zu Grunde; stürzt sie z.B. von der Brücke in den Fluss, so fressen
+sie die Fische und sie ist vernichtet. Die Unsterblichkeit der _bruwa_
+ist somit eine begrenzte.
+
+Die Seelen der _matei saju_, eines schönen Todes Gestorbenen, und der
+_matei dja-ak_, eines schlechten Todes Gestorbenen, wandern zuerst
+auf gemeinschaftlichem Pfade, dann aber findet Dreiteilung des Weges
+statt: rechts führt ein Weg zum _Apu Kesio_, links führen zwei Wege,
+von denen der eine durch Schwerter, der andere durch Gonge bezeichnet
+ist, zu anderen Anfenthaltsorten, die für die eines gewaltsamen
+Todes Gestorbenen bestimmt sind. Die Verunglückten, Erschlagenen,
+Selbstmörder u.s.w. schlagen den Weg der Schwerter, die Frauen und
+Kinder, die während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, dagegen
+den der Gonge ein.
+
+Was die zweite Seele der Bahau, die _ton luwa_, betrifft, so ist
+sie zeitlebens mit seinem Körper fest verbunden. Erst wenn der Leib
+gestorben ist, verlässt auch diese Seele die stoffliche Hülle. Die
+_ton luwa_ bleibt jedoch auf dem Begräbnissplatz, wo sie solange
+herumirrt, bis sie endlich zu einem bösen Geiste wird. Gehen die
+Bahau daher an einem Begräbnisplatz vorüber, so werfen sie den _ton
+luwa_, um sie zu beruhigen, Stückchen Esswaren, Tabak u. dergl. zu,
+auch weisen sie nicht nach ihnen und sprechen nicht von ihnen.
+
+Die _ton luwa_ haben die Fähigkeit, während ihres Aufenthaltes
+auf der Totenstätte in Tiergestalt, als Hirsche und graue Affen,
+zu erscheinen. Desshalb essen die Bahau diese Tiere nur dann, wenn
+der Hunger sie dazu zwingt. Da die Malaien keine Schweine essen,
+glauben die Bahau, dass deren Seelen nach dem Tode bisweilen in
+Schweine übergehen.
+
+Als Beweise für den gelegentlichen Aufenthalt der _ton luwa_ in Tieren
+führten mir die Mendalam Kajan die folgenden Erzählungen an
+
+Ein Mann zog aus um zu_ silem_, d.h. mit einem Blasrohr zu
+jagen. Obgleich er den ganzen Tag umherlief, hatte er doch keinen
+Erfolg, und so schlief er endlich müde und verstimmt auf einem
+Begräbnisplatze ein. Da erschien ihm ein wunderschönes Mädchen, mit der
+er den Rest der Nacht verbrachte. Beim Erwachen in der Frühe bemerkte
+der Mann, dass ein Hirsch, der neben ihm lag, eiligst aufstand und
+entfloh. Hieraus ersah er, dass die Seele des Mädchens sich tagsüber
+in einem Hirsch aufhielt.
+
+Ein anderer Jäger stiess an einer Stelle des Waldes, wo er lange Zeit
+nicht gewesen war, auf ein Haus, das von grossen, dunklen Menschen
+bewohnt wurde; etwas weiter stand ein zweites Haus, in dem schöne
+Frauen lebten, und in einem dritten Hause fand er Menschen noch
+anderer Art. Mit allen diesen Leuten plauderte der Jäger, ass mit
+ihnen, kaute Betel und schlief endlich an der Seite einer der Frauen
+ein. Als er in der Nacht vor Kälte erwachte und sich zur Erwärmung ein
+Feuer anzündete, bemerkte er, dass sich ein Waffenhalter an der Wand in
+einen Baumast und die Hausbewohner in graue Affen verwandelten. Darauf
+ergriff er eiligst die Flucht. Im Vorüberlaufen sah er noch, dass sich
+die Menschen in den beiden anderen Häusern in Hirsche verwandelten.
+
+Wenden wir uns jetzt den Seelen der Tiere, Pflanzen und leblosen
+Wesen zu.
+
+Die Bahau bezeichnen diejenigen Tiere, die nur eine einzige Seele
+besitzen, als _tular lan_ (wirkliche Tiere); die Haustiere, ferner
+die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine dagegen sind im Besitze
+der gleichen Seelen wie die Menschen, einer _bruwa_ und einer _ton
+luwa;_ sie können daher auch zeitweilig als Menschen leben und wie
+diese Häuser bewohnen. Auch hierfür lieferten mir die Kajan durch
+eine Erzählung den Beweis:
+
+Ein Mann, der sich mit seinem Blasrohr auf die Jagd begeben hatte,
+irrte lange im Walde umher, bis er an ein Haus gelangte, das von
+schönen Frauen bewohnt wurde.
+
+Mit einer dieser Frauen lebte er mehrere Monate zusammen; eines Morgens
+erklärte sie ihm jedoch, dass sie eigentlich ein _bawui_ (Wildschwein)
+sei und dass sie von nun an nicht länger in ihrer menschlichen Gestalt
+weiterleben dürfe, sondern in den Wald zurückkehren müsse. Sie hatte
+den Mann aber inzwischen sehr lieb gewonnen und legte ihm ans Herz,
+stets dabei zu sein, wenn die Jäger seines Stammes Wildschweine
+erlegten, da es leicht geschehen könne, dass auch sie sich unter
+den Jagdopfern befinde. Darauf nahm sie Abschied und begab sich mit
+vielen anderen Frauen an das Ufer eines Weihers, der vor dem Hause
+lag; in diesen tauchten sie unter und kamen am gegenüberliegenden
+Ufer in Gestalt von Wildschweinen wieder zum Vorschein. Die Tiere
+liefen einen Hügel hinan und verschwanden im dichten Walde.
+
+Bald nachdem der Mann in sein Dorf zurückgekehrt war, erlegten
+seine Stammesgenossen wirklich ein Wildschwein. An einer Narbe an
+der Seite des Tieres erkannte der Mann seine frühere Geliebte und
+bemächtigte sich daher der Leiche. Gross war sein Erstaunen, als
+er beim Aufschlitzen von Brust und Bauch das ganze Tier mit Gold
+gefüllt fand. So wurde er zum reichsten Manne im ganzen Dorfe. Die
+Bahau jagen daher nie mehr Wildschweine, ohne deren Seelen zuvor ein
+Opfer gebracht zu haben.
+
+Haben die Bahau einen _kule_, den gefürchteten borneoschen Panther
+geschossen, so sind sie für ihr Seelenheil sehr besorgt; denn die
+Pantherseele ist beinahe mächtiger als die ihre. Sie schreiten
+daher acht Mal über das getötete Tier unter der Beschwörungsformel:
+"_kule, bruwa ika hida bruwa akui_" = "Panther, Seele deine unter
+Seele meine". Zu Hause angelangt werden Jäger, Hunde und Waffen mit
+Hühnerblut eingerieben, um ihre Seelen zu beruhigen und am Entfliehen
+zu verhindern. Die Bahau essen nämlich Hühnerfleisch so gern, dass sie
+den gleichen Geschmack auch bei ihrer Seele voraussetzen, auch glauben
+sie, dass ihr schon der Genuss des Blutes allein genüge. Ausserdem
+müssen die Männer acht Tage lang sowohl tags als nachts baden. Nach
+Verlauf dieser acht Tage müssen sie sich aufs neue auf die Jagd
+begeben.
+
+Haben die Jäger bei der Wildschweinjagd der Beute den Schwanz
+abgehauen, so müssen sie vorschriftsgemäss ebenfalls nach acht Tagen
+wieder jagen gehen; haben sie einen Bären erlegt, so gehen sie bereits
+nach sechs Tagen wieder auf die Jagd.
+
+Die Pflanzen besitzen nach Auffassung der Bahau zwar nur eine Seele,
+diese ist aber oft sehr anspruchsvoll und rächt sich für jede
+Verletzung oder Vernachlässigung an den Menschen. Daher tun die
+Kajan nach dem Bau eines Hauses, wobei sie zahlreiche Bäume haben
+misshandeln müssen, ein Jahr lang Busse, d.h. es folgt eine Zeit,
+in der ihnen vieles verboten (_lali_) ist, unter anderem das Töten
+von Bären, Tigerkatzen, Schlangen u.s.w.
+
+Bei den Ulu-Ajar Dajak am Mandai, südlich vom oberen Kapuas, bestehen
+ähnliche, aber noch strengere Vorschriften für den Häuserbau. Dort
+hängt die Dauer der Busse von den hauptsächlich gebrauchten Baumarten
+ab; für ein Haus aus wertvollem Eisenholz muss man sich drei Jahre
+lang verschiedener Leckerbissen enthalten; die Seelen geringerer
+Baumarten machen dagegen bescheidenere Ansprüche.
+
+Eine derartige Verbotszeit wird durch eine Festlichkeit abgeschlossen
+(_bet lali)_. Dabei spielt die Kopfjägerei, allerdings nur pro forma,
+auch noch eine Rolle; man entlehnt nämlich einen alten Schädel bei
+einem benachbarten Stamme.
+
+Sehr verschieden geartet sind auch die Seelen der die Pfeilgifte
+liefernden Bäumeder Täsembaum (Antiaris toxicaria Lesch.) scheint
+schwer zu befriedigen zu sein; denn nur selten ist das Kernholz dieses
+Baumes wohlriechend; dies ist nur dann der Fall, wenn derjenige,
+der ihn fällt, die richtigen Opfer zu bringen versteht. Das Gleiche
+gilt für den in Ost-Borneo vorkommenden Kampferbaum.
+
+Auch der Reis ist beseelt und die gute Gesinnung seiner Seele ist für
+den Ernteausfall von grosser Bedeutung, daher müssen die Priesterinnen,
+wie wir in der Folge sehen werden, beim Reisbau ein sehr kompliziertes
+Zeremoniell erfüllen.
+
+Eigentümlicher Weise stellen sich die Bahau, wie schon gesagt, auch die
+toten Wesen ihrer Umgebung beseelt und mit menschlichen Eigenschaften
+begabt vor. Aus diesem Grunde wirft ein Kajan, der schwer dazu zu
+bewegen ist, einen Gegenstand durch Verbrennen zu vernichten, ihn
+anstandslos in den Fluss, in der Überzeugung, dass er sich im Wasser
+doch noch durch Schwimmen retten könne.
+
+Eine besonders rücksichtsvolle Behandlung erfahren bei den Mendalam
+Kajan und allen Busang sprechenden Stämmen am Mahakam die Seelen
+derjenigen Gegenstände, die im Leben des Menschen eine wichtige
+Rolle gespielt haben; sie werden zu Lebzeiten gesammelt und auch
+nach dem Tode ihres Eigentümers in einem grossen Packen, _legen_
+genannt, aufbewahrt. Zwar kümmert sich keiner weiter um den Packen,
+auch lässt man ihn beim Verlassen des Hauses unter dem Dache zurück;
+niemand würde jedoch wagen, ihn zu vernichten. (Siehe folg. Kap.)
+
+Im vorhergehenden haben wir die Vorstellungen kennen gelernt, die
+sich die Bahau von sich selbst, ihrer irdischen Umgebung und den
+über ihnen stehenden Mächten gebildet haben; betrachten wir jetzt
+die Beziehungen, die zwischen der Geister- und Menschenwelt bestehen.
+
+Das Bedürfnis, für ihren Lebenswandel eine Richtschnur und über
+ihre Zukunft einige Gewissheit zu erlangen, hat in den Bahau die
+Überzeugung entstehen lassen, dass ihnen die guten Geister des _Apu
+Lagan_ durch die Vermittlung von Tieren und auffallenden Ereignissen
+den Willen und die Pläne Allvaters mitteilen. Aus dieser Überzeugung
+hat sich ein ausgebreitetes System von Vorzeichen entwickelt, das
+nicht nur bei wichtigen Unternehmungen, sondern auch im täglichen
+Leben, und zwar bei den verschiedenen Stämmen in verschiedenem Masse,
+eine grosse Bedeutung erlangt hat.
+
+Die Zahl dieser Vorzeichen ist eine sehr grosse und ihre Arten sind
+sehr verschieden; die wichtigsten, welche unter allen Umständen bei den
+Bahau Gültigkeit haben, werden dem Vogelkluge entnommen. Es handelt
+sich hierbei hauptsächlich darum, ob gewisse Vögel rechts oder links
+vom Beobachter auffliegen oder ihre Stimme hören lassen. Die beiden
+massgebendsten der wahrsagenden Vögel der Bahau sind der _hisit_ oder
+_sit_ (Anthreptes malaccensis) und der _telandjang_ (Platilophus
+coronatus), beides auf Borneo sehr verbreitete Honigvögel. Die
+Kenjastämme legen ausserdem viel Gewicht auf das Erscheinen einer roten
+Trogonart (Trogon elegans) und eines verbreiteten braunen Falken mit
+milchweissem Kopf (Habiastur intermedia).
+
+Zu den wahrsagenden Tieren gehören ferner auch das Reh, _kidjang_
+(Cervulus muntjac) und eine schwarze Schlange mit 4 weissen
+Längsstreifen und einem lackroten Kopf, Bauch und Schwanz (Doliophis
+bivirgatus Boie).
+
+Da auch ein sorgfältiges Befragen und Befolgen der Vorzeichen den
+Bahau nicht genügend erschien, um sich _Tamei Tingeis_ Wohlwollen und
+somit ein glückliches Leben ohne Krankheit und Unglück zu verschaffen,
+erfanden sie ein System von Verbotsbestimmungen, eine religiöse _adat_,
+die ihnen zwar jede Freiheit des Handelns benimmt, ihren ängstlichen
+Gemütern jedoch eine grosse Beruhigung gewährt.
+
+Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf die zahlreichen Arten der
+Verbotsbestimmungen näher einzugehen; sie durchziehen das ganze Leben
+der Bahau derart, dass der Leser mit den Bewohnern von Mittel-Borneo
+gleichzeitig auch diese religiöse _adat_ kennen lernen wird. Einige
+Beispiele mögen aber erläutern, was die Bahau im allgemeinen mit
+den ständig bei ihnen wiederkehrenden Worten "_pemali_" und "_lali_"
+bezeichnen.
+
+Unter _pemali_ (Hauptwort) und _lali_ (Eigenschaftswort) wird in
+der Busangsprache alles, was sich auf religiöse Verbote bezieht,
+verstanden. Das Wort _lali_ hat die gleiche Bedeutung wie das
+polynesische _tabu_, wie das malaiische _pantang_ und das _buling_ im
+Kapuas-Malaiisch. Die Dajak legen dein _lali_ einen doppelten Sinn bei:
+das eine Mal bedeutet es "verboten" im allgemeinen, so wird z.B. beim
+Tode eines Häuptlings die Niederlassung und der Flusslauf für _lali_
+erklärt, d.h. sie dürfen von keinem Fremden betreten werden; ferner
+ist es _lali_, zu bestimmten Zeiten etwas Bestimmtes zu essen, zu
+tun, zu sagen. Das andere Mal wird _lali_ in dem Sinne von "geweiht"
+gebraucht, z.B.: "_luma lali_" = "geweihtes Reisfeld", das nur für
+religiöse Zwecke benutzt werden darf; "_haureg lali_" = "geweihter
+Hut", der nur bei religiösen Zeremonien aufgesetzt werden darf
+u.s.f. Wie dem Eigenschaftswort "_lali_" kommt auch dem zugehörigen
+Hauptwort "_pemali_" eine doppelte Bedeutung zu. Mit "_pemali_"
+werden sowohl alle durch die religiöse _adat_ vorgeschriebenen
+Verbotsbestimmungen als auch geweihte Gegenstände bezeichnet. Alle
+symbolischen Gegenstände, durch welche die Priesterinnen den
+Geistern ihre Wünsche vortragen, heissen "_pemali_", desgleichen alle
+Gegenstände, die überhaupt beim Gottesdienst gebraucht werden.
+
+Obgleich die Bahau mit Hilfe der guten Geister und der Vorzeichen
+selbständig mit Allvater in Verbindung treten können, halten sie
+unter Umständen doch noch eine besondere Vermittlung durch berufene
+Personen für notwendig. Durch die Erfahrung belehrt, dass auch eine
+gewissenhafte Beobachtung der Vorzeichen und Verbotsbestimmungen nicht
+im stande ist, sie vor Krankheit und Unglück zu schützen, wenden sie
+sich in schwierigen Fällen lieber an Menschen, die ihrer Meinung nach
+der Geisterwelt näher stehen als sie selbst, um Rat und Hilfe.
+
+Eine eigentliche Priesterkaste existiert bei den Bahau nicht;
+die Personen, die eine Vermittlung zwischen Volk und Geisterwelt
+übernehmen, behalten ihre sonstigen Berufe als Ackerbauer, Hausfrauen
+u.s.w. stets bei. Die Zahl der weiblichen Priester ist eine weit
+grössere als die der männlichen; sie alle werden _dajung_ (singen _=
+dajung_) genannt.
+
+Die Pflichten der _dajung_ sind sehr mannigfaltig; ihre Hilfe wird
+bei bösen Träumen, Krankheit, Tod und Unglücksfällen von ihren
+Stammesgenossen beansprucht; eine wichtige Rolle spielen sie auch;
+wie wir später sehen werden, bei den Ackerbaufesten. Die _dajung_ sind
+zugleich auch die Gebildeten und Weisen des Stammes; denn sie sind
+es hauptsächlich, welche die Überlieferungen des Stammes bewahren,
+ausser der göttlichen auch die weltliche _adat_ kennen, sich stets
+auf der Höhe der medizinischen Wissenschaft erhalten und diese auch
+praktisch anwenden.
+
+Die _dajung_ halten Versammlungen und Lehrstunden, in welchen die
+Jüngeren zwei Jahre lang unterwiesen werden. Die jungen Priester haben
+eine Probezeit zu überstehen, in welcher sie allerhand unangenehme
+Dinge tun müssen, wie z.B. Erde essen. Während der Lehrzeit tragen
+die Priesterinnen bei Festen Röckchen mit weissem Mittelfelde.
+
+Trotzdem ich alle Ackerbaufeste bei den Mendalam Kajan mitmachte,
+beobachtete ich exaltierte Zustände der _dajung_ nur in rudimentärer
+Form. Es war beim Neujahrsfeste, als eine der Hauptpriesterinnen,
+_Tipong Igau_, den Geistern die auf einem Opfergerüst (_lasa_)
+ausgebreiteten Geschenke als Opfer anbot. Sie umkreiste in immer
+schneller werdendem Tanze das Opfergerüst, bis sie zuletzt an ihm
+emporkletterte und es schüttelte, als wollte sie die Opfer gen Himmel
+steigen lassen. (Siehe Kap. VIII).
+
+Um ihr priesterliches Amt antreten zu können muss die junge _dajung_
+zuvor durch einen guten Geist beseelt werden. Der Vorgang der
+Beseelung wurde mir erst bei den Mahakamstämmen klar; ich beobachtete
+indessen bereits bei den Mendalam Kajan, dass einer jungen Priesterin
+eine am Opfergerüst befestigte Schnur in die Hand gegeben wurde,
+längs welcher der Geist sich auf sie herablassen sollte; eine ältere
+Priesterin weihte sie unterdessen in die Geheimnisse der priesterlichen
+Wissenschaft ein.
+
+Bei den Bahau fehlt es zwar nicht an Frauen mit allerhand
+Nervenkrankheiten wie Epilepsie, sie gehörten aber nie zu den _dajung_,
+die alle als brave Hausmütter und -väter ihren Pflichten auf ruhige
+Weise nachkamen.
+
+Die _dajung_ geniessen seitens des Volkes grosse Achtung; selbst
+wenn die Ungeschickteren unter ihnen bei den religiösen Tänzen
+oft unverständliche und komische Sprünge und Bewegungen ausführen,
+erregen sie doch nie die Heiterkeit der Zuschauer.
+
+In sexueller Hinsicht spielen die _dajung_ auch durchaus nicht die
+Rolle der _blian_ (Priesterin) und des _basir_ (Priester) am Barito,
+ihr sittliches Leben ist untadelhaft.
+
+Das Priesteramt verschafft an und für sich keine besonderen Vorrechte
+und Vorteile. Die eifrigen und gewandten _dajung_ können allerdings,
+trotzdem sie einen Teil ihrer Einnahmen den sie beseelenden Geistern
+und höheren Göttern opfern müssen, sich durch ihr Amt eine reiche
+Erwerbsquelle erschliessen.
+
+Die Priesterinnen sind verpflichtet, den Verbotsbestimmungen strenger
+als die Laien nachzukommen.
+
+Äusserlich unterscheiden sich die _dajung_ von den Laien nur, wenn
+sie ihres Amtes walten, durch ein bis mehrere besondere Armbänder
+und bei festlichen Gelegenheiten durch schöne, auf besondere Weise
+geschlungene Schale.
+
+Jede Niederlassung am Mendalam besitzt ihre eigenen _dajung_, die
+mit einander in keiner Verbindung stehen; auch sind die religiösen
+Gebräuche selbst bei benachbarten, verwandten Stämmen von einander
+etwas verschieden.
+
+Die _dajung_ bedienen sich während ihrer Amtshandlungen einer
+besonderen, älteren Sprache, die von der gegenwärtigen verschieden
+ist und _dahaun to_ (Geistersprache) genannt wird.
+
+Ausser durch die Sprache treten die _dajung_ mit den Geistern auch
+durch Herstellung verschiedener Gegenstände in Verbindung, die
+sie selbst teils als Ausdruck ihrer Wünsche, teils als Opfergaben
+betrachten. Diese symbolischen Gegenstände sind alle aus sehr
+einfachem, dem Pflanzenreiche entnommenem Material verfertigt und
+werden, wie weiter oben bereits ausgeführt ist, mit allen Gegenständen,
+Vorschriften und Verbotsbestimmungen, die auf den Gottesdienst Bezug
+haben, als _pemali_ zusammengefasst.
+
+Sobald die Priesterschaft mit der Geisterwelt in Verbindung treten
+will, benachrichtigt sie diese durch Schläge auf alte, kupferne Becken
+oder runde, kupferne Platten, die 3-4 dm Durchmesser haben und mit
+einem 5 cm hohen Rande versehen sind. Die vibrierenden Töne dieses
+Instrumentes begleiten jede religiöse Handlung, man hört sie aber
+nie bei anderen Gelegenheiten.
+
+In der Wirksamkeit der _dajung_ lassen sich zwei Hauptaufgaben
+unterscheiden: die erste besteht darin, die _bruwa_ des Menschen
+zu dessen Lebzeiten am Entfliehen zu hindern oder, wenn sie bereits
+entflohen ist, sie zurückzuholen und sie nach dem Tode des Menschen
+sicher nach _Apu Kesio_ zu geleiten (_anter);_ die zweite verlangt
+eine Vermittelung zwischen der Menschen- und Geisterwelt in allen
+Dingen, die den Ackerbau, die eigentliche Lebensquelle der Bahau,
+betreffen. Betrachten wir zunächst, wie sich die Priester ihrer ersten
+Aufgabe entledigen.
+
+Unter einer _mela_ verstehen die Bahau eine religiöse Handlung,
+die den Zweck hat, die beunruhigte Seele eines Menschen, die im
+Entfliehen begriffen oder bereits entflohen ist, durch besänftigende
+Mittel und mit Hilfe der guten Geister zum Bleiben bzw. zur Rückkehr
+in den Menschen zu bewegen. Sobald ein Familienglied schlecht geträumt
+hat, sich krank fühlt oder Unglück erlitten hat, wird eine _dajung_
+zur Vornahme einer solchen _mela_ herbeigerufen. Auch mit gesunden
+Menschen wird eine _mela_ vorgenommen, wenn es sich darum handelt,
+ihre Seele für ein bevorstehendes, beunruhigendes Ereignis, wie
+z.B. eine Reise, feierliche Handlungen u.s.w. vorzubereiten.
+
+Soll ein körperlich oder geistig Kranker geheilt werden, so findet die
+_mela_ stets in seiner Wohnung statt. Der gewichtige Tag wird morgens
+gegen acht Uhr mit einer besonders guten Mahlzeit, an der sowohl die
+Familie als auch die Priesterin teilnimmt, eingeleitet. Die Mahlzeit
+besteht aus Huhn, Fisch, Reis, Ei und einer Gemüsesuppe. Von allen
+diesen Herrlichkeiten wird für die Geister etwas auf die Seite gelegt
+und später zu einer Geisterspeise verarbeitet, welche, je nachdem es
+sich um Krankheit, böse Träume. oder einen Unglücksfall handelt, mit
+besonderen Zutaten versehen zu einer _blaka_, dem materiellen Ausdruck
+des von dem leidenden Teil Gewünschten, vereinigt wird. Einige dieser
+Geisterspeisen werden an die Kindertragbretter und die Dachfenster,
+durch welche die guten Geister eintreten sollen, gehängt.
+
+Ausser durch Leckerbissen erfreuen die _dajung_ die guten Geister
+auch durch Geschichtenerzählen; am Boden hockend berichten sie ihnen
+stundenlang die Stammesgeschichte oder sie erzählen ihnen allerlei
+Sagen, wie die von _Belawan Buring_, von denen sie annehmen, dass
+auch die _to_ sie mit Interesse und Vergnügen anhören.
+
+Mit allerhand derartigen Vorbereitungen verstreicht der Vormittag;
+nachmittags schlachtet einer der männlichen Hausgenossen ein Ferkel,
+dessen Blut auf Bananen- und _sawang_-Blättern (Cordyline javanica
+Bl. [beta].) aufgefangen wird, um später bei der eigentlichen _mela_
+als Geistertrank zu dienen. Unterdessen hat sich die Priesterin auf
+einer schönen Rotangmatte vor dem offenen Dachfenster, durch welches
+die Geister eintreten sollen, niedergelassen und zwar nach Kajanweise
+mit gekreuzten Beinen hockend, das Haupt auf die rechte Hand gestützt.
+
+Vor ihr stehen allerhand schöne Dinge: hübsche Zeugstücke,
+Perlenketten, alte Schwerter und Gonge, ausserdem die _blaka_. Am
+Dachfenster hängt die _alan bruwa_, der Seelenweg, eine Schnur mit
+Lockmitteln, welche der entflohenen Seele bei der Rückkehr den Abstieg
+durch das Fenster erleichtern soll. Die singende Priesterin sucht nun
+mit Hilfe der Geister von _Apu Lagan_ die verirrte Seele des Patienten
+längs des _alan bruwa_ zurückzuholen. Glaubt sie ihr Ziel erreicht zu
+haben, so befördert sie die Seele in ein Körbchen mit Geisterspeise
+und setzt dieses, nachdem es sorgfältig geschlossen worden, in einer
+dunklen Ecke der Wohnung nieder. Hierauf geniesst die Familie wieder
+ein kräftiges Mahl, bei dem das Ferkelchen das Hauptgericht ausmacht.
+
+Der Einbruch der Dunkelheit giebt das Zeichen für den Beginn
+der eigentlichen _mela_. Türe und Fenster werden geschlossen, ein
+altes Schwert und eine Speerspitze werden mit der Geisterspeise und
+den mit Ferkelblut besprengten Blättern versehen und der Patient
+niedergesetzt. Er stützt den einen Fuss auf das Schwert, während
+ihm die Priesterin den Arm von oben nach unten mit der Speerspitze
+streicht. Die Handlung hat den Zweck, die verirrte Seele, welche
+die Priesterin vorher aus dem Korbe genommen und in das Haupt des
+Kranken geblasen, in dessen Körper fest zu halten. Nachdem der Patient
+wieder in den Besitz seiner _bruwa_ gelangt ist, werden auch seine
+Angehörigen auf die gleiche Weise behandelt, um für ihr Gesundbleiben
+zu sorgen. Hiermit ist die _mela_ zu Ende und die Priesterin kehrt
+beim, belohnt mit einem Schwert und vier bis fünf Perlen, deren Wert,
+wenn die behandelte Familie reich ist, 7 1/2 fl das Stück betragen
+kann.
+
+Wie im folgenden Kapitel gezeigt werden wird, führen die _dajung_ die
+_mela_, je nach dem Zweck, den sie erfüllen soll, auf verschiedene
+Weise aus; das Prinzip ist aber stets das gleiche: eine Beruhigung
+der Seele mittelst ihr angenehmer Dinge.
+
+An dem Tage nach der _mela_ ist den Hausbewohnern jede Arbeit verboten,
+auch dürfen sie mit den Dorfgenossen nicht verkehren, ihre Wohnung ist
+_lali_. Als Zeichen hiervon legen sie sich ein besonderes Perlenarmband
+(_leku mela_) um, in dessen Mitte sich acht rote Perlen, an den Seiten
+je vier gelbe, vier blaue und vier schwarze, kleinere Perlen befinden;
+abgeschlossen wird die Kette durch zwei braune Früchte einer Coïx-Art,
+welche die bösen Geister zu vertreiben im stande ist. Dieses Armband
+wird erst am Ende des zweiten Tages abgelegt.
+
+Ungefähr auf die gleiche Weise wird die _mela_ vorgenommen, wenn
+es sich um jemand handelt, der sich beunruhigt fühlt, der schlecht
+geträumt oder Missgeschick erlebt hat.
+
+Gilt es das Wohlsein eines Häuptlings oder das des ganzen langen
+Hauses, so genügt eine Priesterin für die _mela_ nicht, sondern es
+vereinigen sich drei bis vier der ältesten, um ihren Einfluss auf
+die Geisterwelt geltend zu machen.
+
+Sowohl bei der _mela_ als bei anderen Gelegenheiten spielt das Ei als
+Opfer eine besondere Rolle. Augenscheinlich liegt der Grund darin,
+dass ein Ei einen leicht zu beschaffenden und billigen Opfergegenstand
+bildet; die Kajan jedoch leiten den Ursprung dieses Gebrauches von
+folgendem Begebnis ab:
+
+_Umwo_, das Kind eines Elternpaares_ Tedjulong Apong_ und _Buro Ling_,
+fiel einst in den Fluss und kam nicht wieder zum Vorschein. Darüber
+entstand so viel Jammer und Verzweiflung im Hause, dass selbst die
+Geister oben aufmerksam wurden und untersuchten, was eigentlich
+geschehen war. Zwei grosse Geister, _Belarè Kingan Tuman Tana_
+und _Belarè Tuman Langit_, sandten mitleidsvoll aus ihrem Himmel
+ein Ei herab, um mit dessen Hilfe die entflohene Seele des Kindes
+zurückzurufen. Die Eltern wussten jedoch nicht, was mit dem Ei zu
+beginnen sei, wickelten es in ein Tuch und legten es unter ihre
+Schlafstätte. Nachts träumte ihnen, dass es gut sei, das Ei an den
+Fluss zu bringen und ins Wasser zu werfen. Das taten sie denn auch
+in aller Feierlichkeit und, als sie nach Hause zurückkehrten, fanden
+sie zu ihrer Freude das Kind auf der Galerie sitzen.
+
+Als die Eltern ihr Kind badeten, trat das Ei an die Oberfläche des
+Wassers und trieb den Fluss hinab, sie erkannten es jedoch nicht und
+stiessen es weg. Das Ei schwamm aber langsam den Fluss wieder hinauf;
+da nahmen die Eltern es als Spielzeug für das Kind mit nach Hause und
+bewahrten es in Tüchern. Nach Verlauf einiger Zeit, während welcher
+das Kind immer gesunder wurde, krochen aus dem Ei ein Hahn und eine
+Henne hervor. Da merkten die Eltern, dass das Ei ihnen von den Geistern
+gesandt worden war und eine besondere Bedeutung hatte, und seit der
+Zeit bringen die Kajan den _to_ Eier und Hühner als Opfer dar.
+
+
+
+
+KAPITEL VI.
+
+ Opfergaben der Bahau: _kawit_--Die _pemáli:_ bei der _mela_,
+ beim Erntefest, in den Reisscheunen, auf dem Reisfelde, beim
+ Säen, beim Neujahrsfest, bei der _mela_ der Namengebung, bei der
+ _mela_ gegen Krankheit, bei der Rückkehr von grossen Reisen--Das
+ _legén_--Schwierigkeiten bei den Nachforschungen auf religiösem
+ Gebiet--_Usun_, die Oberpriesterin--Schöpfungsgeschichte der
+ Mendalam Kajan.
+
+
+Ihre zweite wichtige Tätigkeit, die Vermittlung zwischen dem Volke
+und der Geisterwelt, von welcher der Ausfall der Ernte abhängig ist,
+entwickeln die Priesterinnen bei den Ackerbaufesten; diese liefern
+daher die beste Gelegenheit, um in den Gottesdienst der Bahau einen
+Einblick zu gewinnen. Betrachten wir im folgenden die Art und Weise, in
+welcher die Priesterinnen ihre vermittelnde Rolle auszuführen suchen.
+
+Als das wirksamste Mittel zur Anlockung der Geister betrachtet man das
+Anbieten verschiedener Esswaren. Schweine, Hühner, Eier, Fische und
+Reis werden als die wahren Götter- und Geisterspeisen angesehen. Bei
+einer gewöhnlichen _mela_ werden nur Ferkel und Hühner geschlachtet,
+während die grossen Schweine, und zwar nur die männlichen, für die
+grossen Festlichkeiten aufbewahrt werden. Ungeteilt werden den Geistern
+nur Ferkel, Küchlein und Eier angeboten, von den Schweinen und anderen
+Speisen erhalten sie nur kleine Teile. Die Geister begnügen sich
+nämlich mit dem geistigen Teil, der in dein Opfer steckt, das nach
+Auffassung der Bahau auch beseelt ist, und überlassen den körperlichen
+dem Genuss des Menschen.
+
+Die Opfergaben werden in Form von _kawit_ gereicht, die bei keiner
+religiösen Handlung fehlen dürfen. Es sind dies kleine Rollen aus
+Bananenblättern, in welche Esswaren eingewickelt werden. Jede Rolle
+enthält, der bei den Bahau heiligen Zahl acht entsprechend, acht
+Lagen. Jede dieser Lagen wiederum besteht aus einem viereckigen,
+handgrossen Blattstück, auf welches ein zweites, kleineres,
+ausgefranstes Blatt und dann etwas Hühner- oder Schweinefleisch, Fisch,
+Reis oder Mais gelegt wird; das Ganze wird mit einem fingerbreiten
+Blattstreifen bedeckt. Liegen acht derartiger Schichten aufeinander, so
+werden sie in Form einer Zigarre zusammengerollt und mit ungedrehten
+Bastfasern, deren Enden nicht geknüpft, sondern nur verschlungen
+werden dürfen, gebunden und die _kawit_ ist fertig.
+
+Flüssige Opferspeisen werden den Geistern gewöhnlich in Bambusgefässen
+gereicht.
+
+Eine gleich wichtige Rolle wie die _kawit_ spielen bei religiösen
+Handlungen die anderen _pemali_, mittelst derer die Priesterinnen
+den Göttern und Geistern die Wünsche des Volkes auszudrücken suchen.
+
+Die Herstellung dieser _pemali_ kostet den Priesterinnen viel Zeit;
+denn sie sind, je nach der Gelegenheit, für welche sie verwendet
+werden sollen, verschieden, ausserdem oft sehr kompliziert und
+zahlreich. Befassen wir uns zunächst ausführlich mit den _pemali_
+und deren Anwendung.
+
+Bevor der Reis geerntet (_ngeluno_) wird, lässt jeder Bahau in
+seinem Hause eine _mela_ stattfinden und sich und die Seinen für
+die bevorstehende gewichtige Arbeit vorbereiten; tut er dies nicht,
+so darf er an der gemeinsamen Festmahlzeit nicht teilnemen. Die Sorge
+für die Vorbereitungen zum Erntefest überlässt er dem Häuptling.
+
+Die Priesterin hat für diese _mela_, die abends stattfindet, tagsüber
+drei _pemali_ zu verfertigen: das _kahe parei_, das _tuhe lali_
+und das _ao lali_.
+
+Das _kahe parei_ ist ein Stück einer Fruchtschale, an der zwei
+_kawit_ und einige _usut_, jede aus zwei an eine Schnur gereihten
+Perlen bestehend, befestigt sind. Die _usut_, fünf an Zahl, heissen:
+_usut parei_ (Reis), _usut baha_ (entspelzter Reis), _usut kanen_
+(gekochter Reis), _usut ata_ (Wasser) und _usut apui_ (Feuer); für
+alle diese _usut_ verwendet man am liebsten alte Perlen. Unter _usut_
+wird im allgemeinen ein Geschenk oder eine Busse zur Besänftigung
+einer erzürnten Seele verstanden; man bringt z.B. ein _usut_ mit,
+wenn man als Fremder zu einem kleinen Kinde kommt (Siehe pag. 74.).
+
+_Tuhe lali_ heisst ein aus einem Kürbis verfertigter Löffel von
+altmodischer Form, an den vier _kawit_ mit Mehl, Ei, Fisch und
+gekochtem Reis gehängt werden.
+
+_Ao lali_ ist ein hölzerner Spatel, wie man ihn beim Reiskochen stets
+gebraucht; auch er wird mit einer _kawit_ versehen.
+
+Mit dem _kahe parei_ werden bei der stattfindenden _mela_ alle
+Familienglieder von der Priesterin berührt, erst ihr Gesicht, dann ihre
+Brust. Der Vorgang wird mit _pelesat_ bezeichnet. Darauf ist jeder
+mit dem _ao lali_ ein paar Reiskörner und trinkt mit dem _tuhe lali_
+etwas Wasser. Dann beginnt die Festmahlzeit.
+
+Wie alle Gegenstände, welche bei religiösen Handlungen gedient haben,
+werden auch diese _pemali_ sorgfältig aufbewahrt.
+
+Der eben erwähnte Reis ist der erste der neuen Ernte. Er muss,
+nach alter Sitte, in einer auf Backsteinen ruhenden Pfanne gekocht
+werden. Die Backsteine, drei an Zahl, zwei grosse (_angan banga_)
+und ein kleiner (_angan tepa)_, werden für diese Gelegenheit besonders
+hergestellt. Die zwei grossen Steine stehen, auf eine Kante gestützt,
+auf dem Herde und tragen die Pfanne; der kleinere Stein wird an
+einen der grösseren gelehnt und trägt eine _kawit_. Zur Abwehr böser
+Geister dient ein mit Haken versehener Bambusstab (_udak awak)_,
+der beim Gebrauch an den kleinen Stein gelehnt wird. Diese Backsteine
+sind so ziemlich das einzige Überbleibsel der früheren Töpferkunst,
+die bei den verwandten, aber von den malaiischen Händlern seltener
+besuchten Stämmen jetzt noch im Schwange ist.
+
+Bei der Festmahlzeit wird der neue Reis für alte tapfere Männer
+auf besondere Weise zubereitet; man kocht ihn, in Bananenblätter
+eingewickelt, in Form von länglichen Päckchen, welche aufgerollt
+werden. Jeder der Tapferen erhält acht solcher an einer Schnur
+befestigten Rollen.
+
+Auch das erste Einbringen des Reises in die Scheune findet mit Hilfe
+der _dajung_ statt, welche mit den Reisseelen unterhandeln muss,
+um sie für ihren künftigen Aufenthalt in der Scheune günstig zu
+stimmen. Die hierfür verwendeten _pemali_ sind bei den verschiedenen
+Stämmen verschieden.
+
+Die _dajung_ von Tandjong Karang gebrauchen das _barang bulit_, die
+von Tandjong Kuda den _telu_ mit _hiköp bulit_ und die der Ma-Suling
+den _san lali_. Alle diese _pemali_ dienen dem gleichen Zweck, dem
+Anlocken; Auffangen und Aufbewahren der Reisseelen.
+
+Zum _barang bulit_ gehört eine winzige Leiter, ein Spatel, beide
+mit _kawit_ versehen, und ein geschlossenes Körbchen. In diesem
+befinden sich, ausser einer _kawit_, Haken und Dornen von Pflanzen und
+Schnüre aus Pflanzenfasern, um die Reisseele nötigenfalls gewaltsam
+festzuhalten. Bei der Handlung streift die Priesterin die Reisseele
+mit dem Spatel längs der Treppe in den Korb, soll heissen: sie bringt
+die Seelein die auf Pfählen ruhende Reisscheune.
+
+Das _telu_ mit dem _hiköp bulit_ ist eine mit einem weissen
+Kattunstreifen gebundene Bambusdose, in der sich einige _kawit_,
+eine Schnur und eine winzige Leiter befinden. Auf dieser Leiter wird
+die Reisseele mit dem _hiköp bulit_ (Schöpfnetz) in das Bambusgefäss
+befördert, hier von der _dajung_ mit der Schnur festgebunden und das
+Ganze in der Scheune aufgehängt. Netz und Leiter sind ebenfalls mit
+_kawit_ versehen. Neben dieser Form existiert in Tandjong Kuda noch
+eine andere: zwei Bambusgefässe mit _kawit_, die neben einander an
+einer Schnur in der Scheune hängen; man unterscheidet an diesen die:
+_tawe_ (Schnur) _lepo_ (Scheune), _parei_ (Reis), welche als Seelenweg
+dient, und das _teha hato toko hawo_, Gefäss für die Aufbewahrung
+der eingefangenen Seele.
+
+Die _san_ (Leiter) _lali_ der Ma-Suling besteht aus einer Leiter, einem
+Bambusgefäss und einer Hühnerfeder, die zur Überführung der Seele in
+das Gefäss dient. Das Bambusgefäss enthält die _kawit_ und wird, mit
+weissen Kattunstreifen umwickelt, man nennt es: _njina bruwa parei_
+wörtlich: Beruhigung der Reisseele.
+
+Unter _njina_ wird das tägliche Anlocken, Liebkosen und Beruhigen der
+Kinderseelen durch die Mütter verstanden. Eine genaue Wiedergabe des
+Wortes ist unmöglich (Über den Vorgang siehe pag. 72).
+
+Um sich auch für das folgende Jahr eine gute Ernte zu sichern,
+halten es die Bahau für notwendig, nicht nur in den Besitz der
+Seelen des augenblicklich vorhandenen Reises zu gelangen, sondern
+auch der Seelen des auf den Boden gefallenen, von Hirschen, Affen und
+Schweinen gefressenen Reises habhaft zu werden. Auch hierfür haben die
+Priester ein Mittel erfunden: sie stellen ein _telu hina_ (Hauptwort
+zu _njina =_ beruhigen) her, das ist ein Bambusgefäss (_telu_) mit
+_kawit_, an welches vier Haken aus Fruchtbaumholz befestigt werden,
+mit deren Hilfe die verlorenen Reisseelen, falls solche vorhanden,
+aus der Ferne herbeigelockt werden können. Nachdem die Seelen im
+Behälter geborgen worden, hängt man ihn in der Wohnung auf.
+
+Die _Ma-Suling_ haben für den gleichen Zweck ein anderes _pemali_,
+die _usu bruwa_ = Seelenhände. Es sind zwei aus Fruchtbaumholz
+geschnitzte Hände, zwischen welche acht _kawit_ gesteckt werden;
+man umwickelt sie mit Kattun und bindet sie mit einer Perlenschnur
+fest. Die Hände haben die gleiche Bedeutung wie die Gefässe, sie
+sollen die herbeigelockten Reisseelen festhalten. Auch dieses _pemali_
+wird im Wohngemach aufgehängt.
+
+Ein anderes _pemali_, das _barang usut_, wird erst dann in die Reis
+scheune gebracht, wenn diese bereits gefüllt worden ist; es ist ein
+Korb, dessen Inhalt die Reisseelen, falls diese erzürnt sind, beruhigen
+soll. In dem Korbe befinden sich noch drei andere, kleinere Körbe, in
+denen kleine und grosse rote Perlen als eigentliches _usut_ (Geschenk)
+liegen; ausserdem enthält das Körbchen noch die Endtriebe eines Krautes
+und als Symbol für das Festhalten der Seele einige gekrümmte Dornen.
+
+Wenn eine Kajanhausfrau für den täglichen Gebrauch Reis aus der
+Scheune holt, sorgt sie dafür, dass die Reisseelen hierüber nicht
+in Zorn geraten. Zu diesem Zweck hat sie das _barang lali_ stets
+in der Scheune hängen; seine wesentlichen Bestandteile sind ein
+Bündel Spähne aus Fruchtbaumholz und ein viereckiges Körbchen aus
+_tika_. Mitten zwischen die Spähne wird ein Ei gesteckt und unten am
+Bündel ein kleines Bambusgefäss mit Zuckerrohrsaft (_telang tewo_)
+als Opfergabe angehängt. Das Körbchen enthält eine geweihte Matte
+für das Holen des Reises: _brat_ (Matte) _lali_ (geweiht) _ala_
+(holen) _parei_ (Reis) und vier _kawit_, die besondere Namen tragen:
+barang _bal ok; pakan lepo halam; pakan lepo parei; bal ok a desak;_
+ausserdem einen Reishalm. Die Frau beginnt damit, als Opfer für die
+_bruwa parei_, etwas Zuckerrohrsaft auf das Ei zwischen den Spähnen
+zu giessen. Während sie den Deckel des Korbes abhebt, die kleine
+Matte herausnimmt, auf den Boden breitet und einen Reishalm darauf
+legt, erklärt sie den Reisseelen den Zweck ihres Kommens. Darauf
+kniet sie, einige Sprüche murmelnd, vor der Matte nieder und isst
+ein einziges Korn von dem Reishalm. Nachdem sie das _barang lali_
+sorgfältig geborgen, geht die Frau mit der erforderlichen Menge Reis
+ruhig nach Hause.
+
+Matten spielen beim Trocknen und Stampfen des Reises eine wichtige
+Rolle, es ist daher wahrscheinlich, dass das _barang lali_ und das
+Verzehren des Reiskorns den Reisseelen die bevorstehende Behandlung
+andeuten sollen.
+
+Beim Beginn einer neuen Ernte werden die gebrauchten _pemali_
+durch andere ersetzt, nur das _bararg lali_ und _kahe parei_ werden
+sorgfältig mit einer mit Reis gefüllten Eierschale bewahrt und
+bei jeder neuen Jahreszeit wieder zum Vorschein geholt. Wenn diese
+_pemali_ verloren gehen, ist eine _mela_ der _dajung_ erforderlich,
+um die Reisseelen wieder anzulocken.
+
+Beim Beginn des Reisschnitts stimmt man die Geister dadurch günstig,
+dass man ihnen Esswaren und Wasser, vielleicht einen Aufguss auf
+Gemüseblätter, darbietet. Das Opfer, _tawe lali luno_ genannt, wird
+von Kindern auf das Reisfeld getragen. Die Esswaren: gekochter Reis,
+Fisch und Huhn, befinden sich in drei von den _dajung_ mit einfacher
+Schnitzerei verzierten Bambusbehältern, das Wasser in einem vierten,
+niedrigeren Behälter; an alle Gefässe werden _kawit_ gehängt. Abends
+werden die Reishalme des ersten Schnittes in einem geweihten Korbe
+(_ingan lali_) unter Beckenschlag feierlich ins Haus getragen. Aus
+der Wohnung sind Hunde und Katzen vorher entfernt worden, auch hat
+man die _amin_ gereinigt und den Eingang mittelst einer Tür aus
+Rotanggeflecht verschlossen. Die Tür (_bilet_) besteht aus zwei
+durch eine Rotangschlinge verbundenen Hälften und einem hölzernen
+Handgriff. Soll der Korb in die Wohnung getragen werden, so streift
+man die Schlinge mit dem Handgriff ab, die beiden Flügel des Pförtchens
+springen auf und der Reis kann seinen Einzug halten.
+
+Die mit dem Saat- und Neujahrsfest verbundenen Festlichkeiten haben auf
+die Verehrung der Götter _Tamei Tingei_ und _Djaja Hipui_ Bezug, daher
+besitzen die bei dieser Gelegenheit gebrauchten _pemali_ teilweise
+eine allgemeinere und wichtigere Bedeutung als die vorhin angeführten;
+denn nun gilt es nicht allein, die betreffenden Geister zufrieden
+zu stellen, sondern man verlangt von ihnen auch eine gute Ernte,
+Gesundheit und Wohlfahrt. Die _dajung_ verfertigen für das Neujahrsfest
+ein besonderes _pemali_, das sie auf dem geweihten Reisfeld (_luma
+lali_), das als Ort der heiligen Handlung dient, aufrichten. Mit
+geringen gelegentlichen Abweichungen besteht dieses _pemali_ aus
+Stücken von Fruchtbaumholz, die durch ihre Form den Geistern die Bitten
+des Kajanvolkes übermitteln sollen. Die Konstruktion ist die folgende:
+
+Mitten im Reisfeld werden, mit ihren zugespitzten Enden in die Erde
+gebohrt, vier etwa 20 cm lange runde Pfähle dicht neben einander
+in einer Reihe aufgestellt. Die beiden mittelsten tragen oben je
+einen Kranz von acht kleinen, in das Holz eingesenkten Häkchen,
+während zu den seitlichen Pfählen je eine Treppe führt. Die Pfähle
+sind oben mit zwei schmalen Brettern gedeckt; vor und hinter ihnen
+stecken etwas längere Hölzer mit ihren hakenförmigen Enden schräg
+im Boden. Die Bedeutung des Ganzen ist diese: die vier aufrechten
+Pfähle bitten die Götter um langes Leben, die beiden Hakenkränze um
+ein Ansammeln von Reichtümern, die beiden Treppen um ein Übersteigen
+aller Schwierigkeiten, die schief im Boden steckenden Hölzchen um
+einen Boden, aus dem sich Reichtümer heben lassen. Dieses _pemali_, als
+_pelale_ bezeichnet, wird beim Saatfest und später beim Neujahrsfest
+am Fuss des _dangei_ aufgerichtet, nachdem man die Erde vorher mit dem
+Blut eines Küchleins als Opferspeise befeuchtet hat (Siehe Kap. VIII).
+
+Das _pemali bliang_ unterscheidet sich vom _pelale_ hauptsächlich
+dadurch, dass die Hakenkränze durch acht längere Haken, die man rings
+um die vier Pfähle steckt, ersetzt werden. Zwischen die Haken werden
+als Opfergaben kleine Fische gelegt. Die Pfähle und Haken des _pemali_
+bliang stecken nicht, wie beim _pelale_, in der Erde, sondern in einem
+Körbchen mit Klebreis, das mit einem Deckel verschlossen wird. Nachdem
+das Körbchen mit einem Streifen weissen Kattuns umwickelt worden,
+befestigt man an ihm ein winziges _tekok_, zwei Bambusstäbe und eine
+Matte, mit denen beim Neujahrsfest die Geister angerufen werden;
+augenscheinlich ein Mittel, um die Aufmerksamkeit der Geister des
+_Apu Lagan_ zu erregen. Jede _dajung_ verfertigt am dritten Tage des
+Neujahrsfestes ihr eigenes _pemali bliang_ und stellt es am folgenden
+Tage mit denen der anderen Priesterinnen gemeinschaftlich an den Fuss
+des Opfergerüstes (_lasa_); nach dem Feste bewahrt jede ihr _pemali_.
+
+Für das grosse Neujahrsfest werden ausserdem auch noch andere _pemali_
+verfertigt.
+
+Das eben erwähnte _tekok_ wird dann täglich an Stelle eines Gongs
+zum Anrufen der Geister gebraucht. Es besteht aus einer geweihten
+Matte (_brat lali_) aus _tika_ und zwei Bambusstäben von 3 dm Länge,
+welche am unteren Ende durch einen Halmknoten geschlossen sind. Beim
+_dangei_-Feste ruft die Priesterin morgens und abends die Geister an,
+indem sie in bestimmtem Rhythmus mit den Bambusstäben abwechselnd
+auf die Matte schlägt und den Geistern halb singend, halb rezitierend
+die Leiden und Wünsche des Stammes zu kennen giebt.
+
+An das Gestell (_lasa_), an welches die Opfergaben gehängt werden,
+wird stets eine Rotangschnur und an diese wiederum eine _tawe nangan_
+(Leitbahn) befestigt, welche als _alan to_ (Weg der Geister) dienen
+soll. Der _alan to_ hängt an einem kupfernen Haken und besteht aus
+einem weissen Kattunstreifen, der in einige rote und blaue Streifen
+ausläuft, an welche jede der anwesenden _dajung_ ein Bambusgefäss mit
+Zuckerrohrsaft, eine Art Halskette aus Perlen und verschiedene _usut_
+(Geschenke) und Schleifen, von mir unbekannter Bedeutung, bindet. Neben
+dem weissen Kattunstreifen hängt eine Perlenschnur mit kawit, die mit
+einer Schlinge endet. Bei der Beseelung kommt der gute Geist längs
+dieser Schnur auf die darunter stehende _dajung_ herab.
+
+Die Art und Weise, in welcher die Bahau ihren Dorfgenossen ihre
+Neujahrswünsche ausdrücken, ist sehr eigentümlich. Die _dajung_
+verfertigen nämlich vor Beginn des Festes für die ganze Bevölkerung
+das _hato kawit bruwa_, ein Bündel von acht Haken aus Fruchtbaumholz
+und drei _kawit_, die zusammengebunden in einem Säckchen aus weissem
+Kattun stecken. In eine Schlinge aus ungedrehten Pflanzenfasern,
+welche aus dem Säckchen hervorragt, muss der Nachbar bei der Begrüssung
+seinen Finger stecken, der dann hin- und herbewegt wird; bisweilen
+wird auch der gute Einfluss, der von der Schlinge ausgeht, auf das
+Haupt des Betreffenden geblasen. Indem man die Seele des Freundes
+mittelst der Schlinge mit dem wohlschmeckenden Inhalte des Sackes in
+Berührung bringt, erweist man ihr etwas Angenehmes, ausserdem wünschen
+die hölzernen Haken ein Sammeln von Reichtümern für das folgende Jahr.
+
+Beim _marong uting_ (Schweinefleischessen, siehe Kap. VIII) verfertigen
+die _dajung_ in der Wohnung des Häuptlings das _bowo nangan_, ein
+Gestell, auf welchem den Geistern das Schweinefleisch in kawit
+angeboten wird. Das _bowo nangan_ ist ein mit Schnitzwerk etwas
+verziertes Bambusrohr, das horizontal an einer Perlenschnur hängt,
+innen und aussen mit _kawit_ versehen ist und in der Mitte acht
+_usut_ trägt, deren Bedeutung mir nicht klar ist. Zu beiden Seiten
+des Bambusrohres hängen gekreuzte Stöckchen mit kleinen Schnüren,
+an welche die _kawit_ mit Schweine- und Hühnerfleisch gebunden
+werden. Tagsüber hängt das _bowo nangan_ in der _dangei_-Hütte, abends
+wird es aber stets in die _amin_ des Häuptlings zurückgebracht. Statt
+der Speerspitze und des Schwertes, welche die _dajung_ bei einer
+gewöhnlichen _mela_ gebraucht, verwendet sie bei der gelegentlich
+des marong uting stattfindenden _mela_ die _telingan uting_, eine
+geschliffene Muschelschale (_hulo)_, an der eine alte Perlenschnur und
+eine _kawit_ hängen. Diese von Nautilus-Arten stammenden Schalen und
+die alten Perlen werden bei den Bahau sehr geschätzt und sind daher,
+gleich wie alte Waffen, sehr geeignet, die Seele in gute Stimmung zu
+versetzen, besonders in Verbindung mit dem geliebten Schweinefleisch.
+
+Nach der Sitte aller Stämme von Mittel-Borneo wechseln auch die Kajan
+am Mendalam ihren Wohnsitz, sobald für den Reisbau kein geeigneter
+Boden in der Nähe mehr vorhanden ist. Bein Einzug in das neue Haus
+erbittet die Oberpriesterin den Segen _Tamei Tingeis_ und zwar drückt
+sie ihre Bitte durch das _betungul_, ein für den Häuptling bestimmtes
+_pemali_ aus. Dieses befindet sich, wie das _pemali bliang_, in
+einem Körbchen aus _tika_ und besteht aus einem selbst gebrannten
+irdenen Töpfchen (_taring ladang_) mit unregelmässigen Vertiefungen
+am Böden, in welche 2 × 8 Haken aus Fruchtbaumholz gesteckt werden;
+auch diese bitten um eine Anhäufung von Schätzen. Zwischen den Haken
+werden in geknickte Bambushölzer kleine Fische als Opfer geklemmt. Das
+Töpfchen bittet _Tamei Tingei_ wahrscheinlich um Nahrungsmittel. Mit
+den Backsteinen, die beim Kochen des ersten Reises verwendet
+werden (pag. 118), bildet es das einzige Überbleibsel der alten
+Töpferkunst. Beim Umzug bleibt das _betungul_, wie auch das _legen_
+der Verstorbenen, im verlassenen Hause zurück.
+
+Ein wichtiges _pemali_, das speziell für die _dajung_ bestimmt
+ist, heisst _hlen lali_ und ist ein längliches Kissen aus weissem
+Kattun. Das Kissen wird von den Frauen bei ihrer Aufnahme unter die
+_dajung_ hergestellt und bei jedem Saatfest zum Vorschein geholt und
+mit einer _kawit_ versehen. Neben den _kawit_, welche die Zahl der
+Amtsjahre der Priesterin angeben, sind verschiedene Perlenschnüre
+angebracht. Ein Armband (_kamang tukan_ oder _laku dajung_) wird nur
+auf dem Kissen der ältesten Priesterin befestigt und darf nie entfernt
+werden. Auf jedem Kissen findet man drei _usut:_ eine rote, eine gelbe
+Perle und einen Knopf (_hulo_). Die Besitzerin trägt diese usut, sobald
+sie ihres Amtes waltet. Die gelbe Perle dient zugleich für die _mela_
+der Priesterin selbst; fühlt diese sich nämlich krank oder fürchtet
+sie ein Entfliehen ihrer Seele, so sucht sie ihre _bruwa_ zu beruhigen,
+indem sie die gelbe Perle fest in die Hand drückt. Neben den erwähnten
+drei _usut_ wird das _usut lali_ angebracht, das aus kleinen Perlen
+besteht und während des Saatfestes täglich angefasst werden muss. Bei
+dieser Gelegenheit werden auch die Hausgenossen gesegnet, indem die
+_dajung_ ihr Haupt mit dem Kissen, das für gewöhnlich sorgfältig in
+einer Kiste bewahrt wird, in Berührung bringt.
+
+Je nach der Gelegenheit, bei welcher eine _mela_ vorgenommen
+wird, benützt die _dajung_ zur Beruhigung der Seele verschiedene
+Gegenstände. Bei der _mela_, welche während des Saatfestes bei der
+zweiten Namengebung des Kindes stattfindet, streicht die Priesterin
+dieses in Tandjong Kuda mit einem durch _kawit_ und Perlen geweihten
+Kürbis. Gleich wie auch in Tandjong Karang, werden die Füsse des
+Kindes in Wasser gebadet, das in zwei hierfür bestimmten Bambusgefässen
+mit _kawit_ mitgebracht worden ist. Kürbis und Bambusgefässe heissen
+zusammen: _tawe anak ok =_ Seelenbefriediger eines kleinen Kindes.
+
+Wenn die Kajan durch Vermittlung der Priesterinnen die Hilfe der
+Geister anrufen, stellen die Priesterinnen für die _mela_ folgende
+Gegenstände her: _pemali kaja, kawit mela_ und _malat kadja_.
+
+Der _pemali kaja_ ist eine besondere Art von Seelenweg, welchen die
+_dajung_ benützt, wenn es eine verirrte Seele mit Hilfe der guten
+Geister zurückzurufen gilt. Dieser Seelenweg, welcher an dem offenen
+Dachfenster angebracht wird, besteht in einer kostbaren Perlenschnur
+mit zwei gelben Perlen als _usut_. Auf die Schnur folgt ein aus acht
+Schlingen zusammengesetzter Knoten, der mit einem Päckchen von acht
+Haken aus Fruchtbaumholz vier Perlen, vier kleinen _kawit_, einer
+Hühnerfeder und einem Stück _daun hugul_ (Dracaena-Blatt) verbunden
+ist. Die Perlen, die _kawit_ und das in Schweineblut getauchte
+Blattstück dienen als Beruhigungsmittel für die herankommende Seele;
+die Haken bitten um Reichtum; die Hühnerfeder wird bei der eigentlichen
+_mela_ verwandt.
+
+Die Priesterin streift bei der _mela_ die zurückkehrende Seele längs
+des Seelenweges auf den Knoten, den sie in einem Säckchen und dieses
+wieder in einem Körbchen bis zum Abend aufbewahrt. Mit der Hühnerfeder
+bestreicht die Priesterin den Patienten, nachdem sie ihm vorher im
+Dunkeln die Seele in das Haupt geblasen hat.
+
+_Kawit mela_ wird das alte Speereisen genannt, mit dem die _dajung_
+den Aren des Patienten streicht; vier _kawit_ und zwei mit Schweineblut
+bestrichene Blätter von _hugul_ werden an ihm befestigt.
+
+_Malat kadja_ ist der Name des alten Schwertes, auf welches der
+Patient während der _mela_ seinen Fuss setzen muss; auch dieses ist
+mit _kawit_ versehen.
+
+Die _blaka_, die, wie die anderen pemali, morgens vor der eigentlichen
+_mela_ hergestellt wird, bittet die aufgerufenen Geister um alles,
+was dem Menschen not tut; sie besteht im wesentlichen aus einem dünnen
+Flechtwerk in Form einer 1 1/2 quad. dm grossen Matte, welche um
+folgenden Inhalt geschlagen wird: acht sorgfältig hergestellte _kawit_,
+ein Päckchen von vier Hühnerfedern (_ukur manok)_, ein gewundenes Stück
+Rotang (_ukur uting_) und zwei Bambusstäbe (_tawe)_. Die drei letzten
+Gegenstände haben folgende Bedeutung: _ukur manok_ = Mass für Hühner,
+bittet die Geister um viele Hühner und giebt zugleich die gewünschte
+Grösse derselben an; _ukur uting_ = Mass für Schweine, bittet um viele
+Schweine, ebenfalls mit Grössenangabe; _tawe_ bittet um langes Leben.
+
+Kehren die Bahaumänner von einer langen Reise zurück, so müssen sie,
+bevor sie das Haus betregen dürfen, vier Tage lang in einer für
+diesen Zweck besonders hergerichteten Hütte abgesondert leben. Der
+Anführer der Gesellschaft lässt für diese Zeit durch die _dajung_
+eine _blaka ajo_ herstellen; sie besteht aus einer 2 quad. dm
+grossen Rotangmatte, auf welcher mittelst eines Rotangstückes 2 ×
+8 Blätter von _daue Jong_ befestigt werden; diese dienen zur Abwehr
+böser Geister. Zwischen die Blätter wird Reis gestreut. Die _blaka
+ajo_ wird später in der Galerie (_awa_) afgehängt. Einen wichtigen
+Gegenstand für die Zeit dieser Absonderung bildet ferner ein alter
+Feuermacher der Bahau, der im täglichen Leben schon längst durch Stähl
+und Feuerstein ersetzt worden ist. Zwischen den Zähnen einer Gabel
+aus leichtem trockenem Holz wird ein halbiertes Stück Rotang hin-
+und herbewegt. Durch die bei der Reibung entstehende Wärme werden die
+abgeriebenen Holzteilchen zum Glühen gebracht und entzünden die feinen
+Baumbastteile, welche unter der geriebenen Stelle auf eine Matte aus
+_tika_ gelegt werden. Die Gabel wird mit den Füssen festgehalten.
+
+Mit dem bereits mehrmals erwähnten _legen_ möge die Reihe der _pemali_
+abgeschlossen werden.
+
+Das _legen_, ein aus _tika_ geflochtenes Körbchen, enthält alle
+Gegenstände, die im Leben des Kajan eine Rolle gespielt haben und
+nicht vernichtet werden dürfen, weil ihre Seelen sich sonst an dem
+Menschen rächen könnten.
+
+Man findet im Körbchen folgende Gegenstände:
+
+1. Einen Bambusbehälter mit dem abgefallenen Nabelstrang (_obut_)
+und einen zweiten mit einem _habung awut_, einem _pemali_, das
+verhindern soll, dass das Kind zu viel isst und dadurch eine zu
+schnelle Verdauung erhält.
+
+2. Ein Messerchen aus Bambus (_haling obut_) und eine hölzerne
+Unterlage, die für das Abschneiden des Nabelstranges benützt wurden.
+
+3. Die _tewesing_, eine Halskette der Mutter, welche aus Perlen und
+2 × 4 Früchten zur Abwehr böser Geister besteht und an welcher die
+_hina ana_, die Schlinge vom Kindertragbrett, hängt. Ferner sind an
+der Halskette befestigt: das _laku krawa_, das Armband, das gegen
+Krämpfe schützen soll und das _leku pela_, das Armband, welches das
+Kind zwischen der ersten und zweiten Namengebung trägt.
+
+4. Das _tol_, ein Stöckchen, mit dem das Kind zum ersten Mal für die
+Reissaat Löcher in die Erde bohrte.
+
+5. Ein Kreisel (_asing_), mit dem das Kind zum ersten Mal beim
+Saatfest spielte.
+
+6. Die Eierschalen (_telo lali_), mit welchen das Kind gelegentlich
+der ersten Namengebung bei der _mela_ gestrichen worden ist.
+
+7. Das Röckchen (_ta-a_) und
+
+8. Das Jäckchen (_basong)_, welche bei der ersten Namengebung zum
+ersten Mal angelegt wurden.
+
+9. _hapin hawat_, ein Zeugstück, das als Unterlage in dem Tragbrett
+benützt wurde.
+
+10. Ein Tellerchen aus Kürbisschale (_uwit lali_), auf welchem
+dem Kinde bei der Mahlzeit von Vater und Mutter einige Reiskörner
+gegeben wurden.
+
+11. Ein Instrument zum Durchbohren der Ohrläppen (_natap telinga)_.
+
+12. Ein Stückchen Baumbast mit den ersten Exkrementen des Kindes.
+
+13. Das _lawong tika akar_, das Kopfband, welches die Mutter während
+des ersten Lebensjahres des Kindes trug.
+
+14. Das Bambusgefäss, in welchem das erste Badewasser für das Kind
+geholt wurde.
+
+Aus allem, was im vorhergehenden über die religiösen Vorstellungen
+der Bahau gesagt worden ist, ersieht der Leser, dass die Besorgnis um
+die Ruhe ihrer Seelen ihr Tun und Lassen während ihres ganzen Lebens
+beherrscht. Da die _bruwa_ durch alles, was dem Menschen selbst
+fremd, unbegreiflich und gefahrvoll erscheint, erschreckt und zum
+Fliehen gebracht werden kann, was Krankheit oder Tod zur Folge hat,
+stösst derjenige, der mit Hilfe der Bewohner von Mittel-Borneo in
+unerforschten Gegenden wissenschaftliche Untersuchungen vornehmen
+will, auf bisweilen unüberwindliche Hindernisse. Das Betreten eines
+unbekannten Gebietes, das Besteigen eines gefürchteten Berges, die
+Photographie, die anthropologischen Messungen u.s.w. erschienen meinem
+Geleite als gefährliche Experimente, die Wohlsein und Gesundheit aufs
+ernsteste bedrohten.
+
+Eine besondere Seelenunruhe veranlassten meine Nachforschungen
+nach ihren Überlieferungen und ihrem Gottesdienst; die Hindernisse,
+die man mir auf diesen Gebieten daher in den Weg legte, waren sehr
+grosse. Zum Glück liessen sich die beängstigten Seelen der Baliau meist
+mit allem, was diese selbst schön fanden, wie hübsches Zeug, Perlen
+und Geld, beschwichtigen. In bezug auf Mitteilsamkeit in religiösen
+Angelegenheiten machte sich übrigens, je nach Veranlagung und Höhe der
+geistigen Entwicklung bei den einzelnen Personen, Verschiedenheiten
+geltend. Während die einen sich völlig unzugänglich zeigten, konnte
+ich von den anderen doch mit Hilfe von allerhand Mitteln einiges
+erfahren. Indessen wären mir die religiösen Vorstellungen der Kajan am
+Mendalam auch nach elfmonatlichem Aufenthalt in ihrer Mitte ein Buch
+mit sieben Siegeln geblieben, wenn nicht gerade die Oberpriesterin
+von Tandjong Karang, _Usun_, eine rühmliche Ausnahme gemacht und sich
+in allem, was ihre heilige Wissenschaft betraf, zugänglicher gezeigt
+hätte. Trotz mancher unangenehmen Eigenschaften meiner alten Freundin
+kann ich nicht umhin, gerade an dieser Stelle mit Dankbarkeit ihrer
+zu gedenken.
+
+_Usun_ gehörte zu den wenigen Bewohnern des langen Hauses, die
+den ganzen Schatz der Überlieferungen von der Geisterwelt und
+der Stammesgeschichte kannten. Nach der Überzeugung der Kajan
+war ihr Tun und Lassen daher für die Gesinnung der Geister,
+somit für das Wohlergehen und den Gesundheitszustand des ganzes
+Stammes, massgebend. Durch aussergewöhnliche Handlungen, wie es ihre
+Unterhaltungen mit meiner profanen Person über Religionsangelegenheiten
+waren, schadete Usus also nicht nur sich selbst, sondern ihrer
+ganzen Umgebung; begreiflicher Weise sah man unseren Verkehr daher
+nur sehr ungern. _Usun_ selbst stand ihren Stammesgenossen durchaus
+nicht furchtlos gegenüber, auch spielte die Besorgnis um das Wohl
+und Wehe ihrer eigenen Seele bei ihr eine grosse Rolle; ich musste
+daher jedesmal, wenn sie mir etwas Besonderes erzählt oder gebracht
+hatte, ihre _bruwa_ mit etwas Geld, Kattun oder Perlen besänftigen,
+um bösen Träumen oder gar Krankheiten zuvorzukommen. Den Geldstücken
+schien dabei eine besonders beruhigende Wirkung eigen zu sein, auch
+wurden sie, um in innige Berührung mit ihrer Seele gebracht zu werden
+von der Alten beim Abschied gebissen. Auch ihr Enkel, ein ungezogener
+zwölfjähriger Knabe, beängstigte ihr Gemüt; denn er wollte, wie die
+übrigen Kajan, nichts von ihrem gefährlichen Umgang mit mir wissen.
+
+Gegen alle diese Schwierigkeiten kämpften in _Usuns_ Seele eine sehr
+entwickelte Habgier und Eitelkeit auf ihre Wissenschaft und Stellung
+und, wenn ich mir schmeicheln darf, eine grosse Eingenommenheit für
+meine Person.
+
+Unter diesen Verhältnissen entwickelte sich unser Verkehr derart,
+dass _Usun_, um ihre Umgebung irre zu führen, abends, wenn alle
+Hausbewohner schliefen, zu mir schlich. Dann packte sie ihre _pemali_,
+die heiligen Gerätschaften, die sie für mich verfertigt hatte, aus
+und steckte die erhaltene Belohnung ein. Wenn sie sich im Dunkeln hie
+und da fürchtete, nahm sie den Enkel mit, der für die ausgestandene
+Seelenangst stets auch etwas bekam.
+
+In der Stille meiner Hütte, nur unterbrochen von einzelnen Lauten,
+die von dem schlummernden Kajanhause herüberdrangen und von dem
+Gezirp der ewig munteren Grillen, vernahm ich in einem entsetzlichen
+Gemengsel von Kapuas-Malaiisch und Busang die Geschichte von _Usuns_
+Geisterwelt. Das energische Gesicht der alten Dajakfrau gab dem Bilde
+noch ein besonderes Gepräge. Wurden wir durch Neugierige gestört, so
+hatte die Alte sogleich ein harmloses Thema bei der Hand und fand sie
+bei ihrem Kommen meine Hütte besetzt, so schob sie das Mitgebrachte
+von aussen durch die Mattenwand der Hütte auf meinen Schlafplatz--die
+Rechnung blieb später nicht aus.
+
+Tagsüber liess _Usun_ ihren Gefühlen freieren Lauf, sprach öfters
+beim Doktor vor und liess sich zum Gaudium der ringsherum stehenden
+Jugend bald hier bald da auf allerhand Leiden untersuchen.
+
+Der pekuniäre Vorteil, den _Usun_ aus ihrem Handel mit ihrer
+priesterlichen Wissenschaft zog, weckte den Neid und die Konkurrenz
+ihrer Kolleginnen und diesem Umstande habe ich es zu verdanken, dass
+mir auch von anderer Seite religiöse Gegenstände geliefert wurden,
+von deren Existenz ich sonst nie etwas erfahren hätte.
+
+Die Schöpfungsgeschichte der Mendalam Kajan, wie ich sie aus dein
+Munde der alten _Usun_ vernommen, möge dieses Kapitel abschliessen.
+
+_Die Schöpfung der Erde, Geister und Menschen_.
+
+Eine Spinne liess sich einst vom Himmel an einem Faden herab. Diese
+Spinne wob ein Netz, in welches ein Steinchen von der Grösse einer sehr
+kleinen Perle fiel. Das Steinchen wurde grösser und grösser, erst wie
+eine _ower ane_ (besondere Perlenart), dann wie eine _ketobong apo
+parei_ (besondere Perlenart), dann wie eine kleine Muschel, wie ein
+Nagel (_hulo_), wie eine aus einer Muschelschale geschnittene Scheibe
+(_barang hulo_), wie ein Fussrücken, wie ein runder Teller (uwit),
+wie eine Sitzmatte, wie ein Sieb, dann wie eine grosse Matte u.s.f.,
+bis es den ganzen Raum unter dem Himmel einnahm.
+
+Auf diesen Stein fiel eine Flechte (_oro napon_) vom Himmel, die
+auf ihm kleben blieb; dann fiel ein Wurm (_halang_) hernieder, aus
+dessen Exkrementen die ersten Erdteilchen entstanden. Auch diese Erde
+nahm immer mehr zu, bis sie den ganzen Stein bedeckte. Da fiel der
+grosse Baum, _kajo aja_ auch wohl _kajo nangei_ (beim Neujahrsfest
+verwendet) genannt, vom Himmel; der Baum war anfangs nicht höher
+als ein Messerchen (_nju_) dick ist, dann wurde er so gross, als
+ein Beil (_ase_) dick ist, schliesslich erreichte er die Höhe eines
+Bananenstammes u.s.f.
+
+Darauf fiel eine Krabbe vom Himmel und begann mit ihren vielen
+Gliedmassen in der Erde zu graben, wodurch Berge, Täler und Flussbetten
+entstanden, unter anderen der Kajan, Pengian, Danum Pè (Flüsse im Apu
+Kajan Gebiet beim Batu Tibang) und schliesslich alle übrigen Flüsse
+von Borneo.
+
+Aus dem Boden wuchsen jetzt allerhand Pflanzen hervor, zuerst die
+verschiedenen Bambusarten: _bulu buring; bulu pusa; bula tengun_
+und _bulu tan_; dann die Bäume, die das rote zähe Holz für Schilde
+liefern und die Fruchtbäume. (Alle diese Baumarten werden beim
+Neujahrsfest zum Bau der _dangei_-Hütte verwendet). Schliesslich
+erschienen die Rotangarten: _uwe nga; uwe haring; -bohong; -hawon;
+-kudjo; -ngelawáto; -peselilit; -selat; -seputan_ und _uwe maling_,
+die alle im Haushalt ihre verschiedene Verwendung finden.
+
+Der Rotang wand sich an dem grossen Baum _kajo aja_ hinauf und der
+Wind trieb ihn derart, dass er in die vulva des Baumes gelangte,
+wodurch dieser sehr gross wurde.
+
+Zwei Geister, ein Mann, _Belare Adje Awe_, und eine Frau_, Ketot Era
+Pode_, kamen jetzt vom Himmel herab und liessen sich auf dem grossen
+Baum nieder; sie konnten sich aber als Geister nicht begatten. Als der
+Mann einst einen Schwertgriff schnitzte und die Frau am Webstuhl sass,
+fielen der Schwertgriff und das Weberschiffchen neben einander auf die
+Erde und paarten sich. Aus ihrer Vereinigung ging ein menschenähnliches
+Wesen, _Kelower Ga-aï_ (= schiebend sich vorwärts bewegen) hervor,
+dem aber Arme und Beine fehlten.
+
+Die Paarung und ihr Resultat erschreckten die beiden Geister jedoch
+derart, dass sie eiligst in den Himmel zurückflogen.
+
+Das gliederlose Monstrum bekam zwei Kinder verschiedenen Geschlechtes:
+_Huwar Ane_ und _Uti_; deren beide Kinder: _Klobe Ange_ und _Klobe_
+konnten sich auch noch kaum bewegen, sie hatten aber ebenfalls
+zwei Nachkommen: _Ngujer Bawe_ und _Lahnde_, die beide nur sitzen
+(_ngujer_) konnten. Diese jedoch zeugten richtige Menschen: einen
+Mann _Paren Keliter Pulut Luwe_ und eine Frau _Udjung Malen Leke_.
+
+Die Tochter dieser ersten Menschen, _Lahei Lalau_, hatte so lange
+Arme und Beine, dass sie den Himmel berühren konnte. Sie bekam zwei
+Kinder: _Amei Awi_ und _Buring Une_, die hauptsächlich die Erde und
+ihre Erzeugnisse beherrschen und daher als die wichtigsten Götter
+des Ackerbaus verehrt werden. Sie besitzen 2 × 8 Kinder, nämlich:
+
+
+ Frauen: Männer:
+
+ _Usun Keten Apui_ _Bang Alang Tui_
+ _Usun Keten Apui Lawan_ _Bang Alweg Lawar_
+ _Hanja Ata Tere_ _Bang A lang Nje_
+ _Hanja Ata Tujan_ ...
+ _Husun Djulu Djele_ _Jok Une_
+ ... _Hang Pidang Le_
+
+
+ferner noch vier Kinder, die als die wichtigsten Mondphasen am Himmel
+stehen: _Kerebso_ = aufgehender Mond; _Kelo-ong Pajang_ = Halbmond;
+_Kamat_ = Vollmond und _Penjeröm Döm_ = dunkler Mond.
+
+_Amei Awi_ und _Buring Une_ liessen ihre Kinder, um darüber zu
+entscheiden, wer von ihnen Häuptling, wer Freier und wer Sklave
+werden sollte, einen Berg hinauflaufen. Die Stärksten, die die Spitze
+zuerst erreichten, machten sie zu Sklaven, die minder Starken, welche
+sich halbwegs befanden, machten sie zu Freien und einen Mann mit
+einem kranken Bein und eine schwangere Frau, die am Fuss des Berges
+zurückgeblieben waren, machten sie als die Schwächsten zu Häuptlingen.
+
+Sämmtliche Kinder waren jedoch mit der Entscheidung ihrer Eltern
+unzufrieden und gingen daher nach den verschiedensten Orten im
+Weltall auseinander, wo sie jetzt als Monde und ähnliche Gebilde ein
+glückliches Dasein geniessen.
+
+Die Eltern dagegen, die einsam zurückblieben, nahmen ein weisses Tuch
+und eine Matte und begaben sich zu dem grossen Baum _kajo aja. Amei
+Awi_ kratzte von dein Baum eine grosse Menge Rinde ab und holte
+aus dem Walde ein langes Stück Rotang. Nachdem er die beiden Enden
+über dem Boden befestigt hatte, baute er darauf ein Haus und streute
+mit seiner Gattin die Baumrinde auf den Fussboden, worauf Schweine,
+Hühner, Hunde und Menschen aus den Rindenteilchen entstanden. Die
+Menschen blieben jedoch stumm, obgleich sie ihnen Ohrringe (_isang)_,
+Ruder (_bese)_, und andere Dinge gaben. Daher begab sich _Amei Awi_
+auf den Fischfang, kochte die Fische und ass einen Teil mit _Buring
+Une_. Als sie darauf auch den Menschen von den Fischen zu essen gaben,
+begannen diese zu sprechen.
+
+Von diesen echten Menschen stammen die Bahau ab, die krank werden
+und sterben können, da sie, wie auch ihre Haustiere, eigentlich aus
+vergänglicher Rinde (_kul kajo_) bestehen.
+
+
+
+
+KAPITEL VII.
+
+ Auffassung der Kleidung seitens der Eingeborenen--Zweck
+ der Kleidung--Einfluss der Malaien auf die
+ Kleidung--Alltags-, Fest- und Kriegskostüm der Männer am
+ Mendalam--Kopfbedeckungen--Schmuck--Tätowierung--Ausrecken
+ der Ohrläppchen--Umformung der Zähne--Haartracht--Alltags- und
+ Festkleidung der Frauen--Schmuck--Trauerkleidung--Ausrüstung der
+ Toten--Waffen der Kajan: Schwerter, Speere, Blasrohre--Herstellung
+ der Blasrohre--Pfeile und Pfeilgifte--Schilde.
+
+
+Stämme, welche stets nackt gehen, kommen auf Borneo nicht mehr vor;
+dagegen findet man sehr nahe verwandte Stämme, welche, je nachdem
+sie viel oder wenig mit Fremden in Berührung gekommen sind, über ein
+zeitweiliges Nacktgehen sehr verschieden denken. Es scheint übrigens,
+dass die Fremden bei den ursprünglichen Bewohnern Borneos nicht nur
+auf die Entwicklung der Kleidung, sondern auch auf die Auffassung
+der Eingeborenen, ob und wann diese überhaupt erforderlich ist,
+einen starken Einfluss geübt haben. In Sambas, im Sultanat an
+der Westküste, beobachtete ich, dass bei den mehr landeinwärts und
+gesondert lebenden Siding Dajak beim gemeinsamen Baden sowohl Männer
+als Frauen ihre Kleidung gänzlich ablegten, während ihre Verwandten,
+die in malaiischer Umgebung an der Küste leben, beim Baden stets alte
+Kleidungsstücke anlegten.
+
+Ähnliche Unterschiede zeigen sich im Innern der Insel bei den
+grossen Stammgruppen der Bahau und Kenja, von denen diese nur wenig,
+jene dagegen mehr von Malaien beeinflusst werden. Obgleich nämlich
+sowohl die Bahau als die Kenja stets völlig nackt baden, kleiden
+sich erstere doch unmittelbar nach dem Bad gleich vollständig an,
+während letztere unbekleidet in ihr Haus zurückkehren und sich erst
+dort anziehen. Auch um Wasser zu holen und ihre Kinder zu baden,
+begeben sich die Kenjafrauen vorzugsweise nackt zum Flusse. In
+Stromschnellen und Wasserfällen nehmen die Kenjamänner ihr Lendentuch
+ab, die Bahaumänner dagegen tun das nie. Dass das Schamgefühl und
+die Begriffe von Anstand sich bei diesen beiden Stammgruppen unter
+malaiischem Einfluss verändert haben und noch verändern, ersah ich
+daraus, dass sich die Kenja in Gegenwart von uns Fremden in dieser
+Hinsicht bald wie die Bahau betrugen. So begaben sich die Mädchen
+und Frauen der Kenja nur nachts, wenn wir schliefen, nackt aus ihrer
+Wohnung zum Flusse.
+
+Als _Demmeni_ einmal spät abends seine Platten entwickelte, bemerkte er
+sechs unbekleidete junge Mädchen, die zum Flusse gingen; kaum hatten
+sie aber den roten Schein der photographischen Laterne bemerkt,
+als sie erschreckt und lachend ins Haus zurückeilten. Auch die
+Kenjamänner schämten sich vor uns Europäern, ihre Kleidung in den
+Wasserfällen gänzlich abzulegen. Ihr Betragen war nur eine Folge
+davon, dass unser Geleite von Malaien und Bahau den Kenja erzählt
+hatte, wir Weissen nehmen an dem nackten Erscheinen der Eingeborenen
+Anstoss, was übrigens gar nicht mit unserer europäischen Auffassung
+übereinstimmte. Man sieht hieraus, welch eine grosse Rolle angelerntes
+Schamgefühl bei der Entwicklung der Kleidung spielt.
+
+Da Stämme, die stets völlig nackt gehen, in Borneo nicht mehr
+vorkommen, ist es jetzt schwer festzustellen, ob der Gebrauch einer
+Körperbedeckung überhaupt fremdem Einfluss zugeschrieben werden muss.
+
+Augenblicklich dient die Kleidung der Dajak nachweisbar folgen
+den Zwecken: als Schutz gegen Sonnenwärme bei sämmtlichen Stämmen,
+als Schutz gegen Kälte nur bei den im rauhen Gebirgsklima lebenden
+Kenjastämmen, als Schutz gegen Einbrennen und Dunkelwerden der Haut,
+als Schmuck und als Schreckmittel gegen Feinde. Um sich gegen die
+Sonnenwärme zu schützen, bedecken sich Männer und Frauen bei der
+Feldarbeit und bei ihren Reisen auf offenen, der Sonne ausgesetzten
+Flüssen auch den Oberkörper.
+
+Die Frauen, bei denen eine helle Hautfarbe für besonders schön
+gilt, suchen mehr als die Männer durch Kleidung ein Einbrennen
+und Dunkelwerden zu verhindern; ihre flachen konischen Sonnenhüte
+(_haung_) sind daher viel grösser als die der Männer. (Siehe Taf. Hüte
+der Bahau).
+
+Eigentliche Kleidungsstücke werden als Schmuck nur selten, bei
+festlichen Gelegenheiten, getragen. Die Kajan am Mendalam z.B. legen
+ihre schönsten Kostüme nur einmal im Jahr, zum Neujahrsfest, an;
+dann tragen die Männer schöne Jacken und die Frauen schlingen sich
+Schale um die Schultern; Lendentücher und Röckchen bestehen dann auch
+aus den schönsten Stoffen.
+
+Rechnet man zur Kleidung, wozu man nach der Auffassung der Dajak
+berechtigt ist, auch Tätowierungen, Umbildungen von Zähnen und
+Ohren, Hals und Armbänder u.s.w., so findet die Kleidung als Schmuck
+allerdings eine viel ausgedehntere Verwendung.
+
+Wenn die Bahau ihre Festkleider auch nur selten anlegen, verwenden
+sie doch auf ihre tägliche Toilette sehr viel Sorgfalt. Besonders
+ist dies bei unverheirateten jungen Männern und Mädchen und bei
+Jungverheirateten der Fall. Sind Männer und Frauen erst einige Jahre
+verheiratet, so tritt die praktische Seite der Kleidung mehr in den
+Vordergrund. Eine besondere Tracht für Verheiratete und Unverheiratete
+giebt es nicht.
+
+Die Bahau bekleiden ihre Kinder, sobald sie gehen können. Die Kleinen
+zeigen aber für die Notwendigkeit und Schönheit von Kleidungsstücken
+meist gar kein Verständnis und einzelne leisten daher beim ersten
+Anlegen des Lendentuchs oder Röckchens heftigen, oft Jahre dauernden
+Widerstand. Die Eltern schreiben diesen Widerstand, wie alles
+Aussergewöhnliche, dem Einfluss böser Geister zu; daher baten mich
+die Mütter öfters, ihr eigensinniges Kind zu "belesen," d.h. durch
+Lesen in einem Buche den bösen Geist aus ihm zu vertreiben.
+
+Durch den ständigen Verkehr mit den Malaien, die auswärtige Stoffe,
+hauptsächlich billigen europäischen Kattun, bei ihnen einführen,
+ist die ursprüngliche Kleidung der Bahau am Mendalam viel stärker
+beeinflusst worden als die der Stämme am oberen Mahakam und Bulungan.
+
+In früheren Zeiten verfertigten, wie es die Kenja und Bahau am
+Mahakam jetzt noch tun, auch die Mendalam Kajan die Stoffe für ihre
+Kleidungsstücke selbst; sie webten sie aus Baumwolle oder Lianenfasern
+oder stellten sie aus geklopftem Baumbast her. Die gewebten Stoffe
+wurden bei Festlichkeiten oder von den Reicheren getragen, während
+der Baumbast für die gewöhnliche Arbeitskleidung diente.
+
+Auf die Herstellung dieser Kleidungsstücke verwandten besonders die
+Frauen viel Sorgfalt und Kunstfertigkeit. Sie webten sowohl prächtige
+Stoffe als auch einfachere, die dann, wie auch der Baumbast, durch
+schöne farbige Stickereien verziert wurden. Die Stickereien wurden in
+hübschen, farbigen Mustern, hauptsächlich im Kettenstich, ausgeführt
+und legen noch heute von dem Geschmack und Fleiss der damaligen
+Frauen ein gutes Zeugnis ab. Den Männern fiel die Bearbeitung der
+verschiedenen Arten von Baumbast zu, auch schnitten sie aus Zeug
+Figuren aus, welche von den Frauen als Verzierung auf die Kleider
+genäht wurden.
+
+Während die eben erwähnten Verzierungen und die schön bestickten
+Baumbastkleider am oberen Mahakam jetzt noch gebräuchlich sind, findet
+man am Mendalam Figurenverzierungen nur noch an der Totenkleidung
+und Baumbast, einfach bearbeitet, wird nur noch bei der Feldarbeit
+oder als Zeichen von Trauer getragen. An Stelle des Baumbasts wird
+bei der Trauerkleidung jetzt auch weisser Kattun angewandt, den man
+vor dem Gebrauch in den Morast legt und dann auswäscht, um ihm den
+braunen Ton zu geben, der dem Baumbast gewöhnlich eigen ist.
+
+Seitdem der weniger dauerhafte aber billige Kattun am Mendalam
+eingeführt worden ist, webt man dort überhaupt nicht mehr. Merkwürdiger
+Weise ist mit der Qualität der Stoffe auch die ihrer Bearbeitung
+gesunken; denn statt des früheren sorgfältigen Nähens ist jetzt nur
+noch das Heften gebräuchlich und das Sticken hat ganz aufgehört.
+
+Bei sämmtlichen Stämmen von Mittel-Borneo bekleiden sich die Männer
+mit einem Lendentuch, die Frauen mit einem Röckchen. Während dieses
+bei den verwandten Bahau- und Kenjastämmen hinsichtlich der Form völlig
+übereinstimmt, trägt es bei den übrigen Dajak, z.B. den Batang-Lupar,
+Taman und Ot-Danum, einen ganz anderen Charakter.
+
+Beschäftigen wir uns im folgendem speziell mit der Kleidung der
+Mendalam Kajan.
+
+Das wichtigste und einfachste Kleidungsstück der Männer bildet
+das Lendentuch (_ba_). Bei schwerer Arbeit und auf Expeditionen
+durch Urwald und über Wasserfälle gebraucht man ein kurzes (huch,
+das nur einmal um die Hüften geschlungen wird; im Hause und bei
+Festlichkeiten dagegen tragen besonders die Reicheren bis zu 12
+m lange Lendentücher. Ein derartiges Tuch wird stets nur einmal
+zwischen den Beinen durchgezogen und der Rest dann um die Hüften
+geschlungen. Gegenwärtig ist weisser, roter und blauer Kattun hierfür
+am beliebtesten, falls aber die Feldarbeit einen dauerhafteren Stoff
+erfordert, wählt man Baumbast. Die grosse Haltbarkeit des Baumbasts
+ist wohl die Ursache, dass er noch nicht gänzlich durch den beim
+Tragen viel angenehmeren Kattun verdrängt worden ist.
+
+In der Regel wird das Lendentuch nicht verziert; seine Schönheit hängt
+von seiner Länge und vom angewandten Stoff ab. Zur Alltags kleidung
+der Männer gehört ferner eine Sitzmatte (_tabin_) in Form eines 3 ×
+4 1/2 dm grossen Rechtecks, das oben, an einer der schmalen Seiten,
+in ein 1 1/2 dm hohes Dreieck verläuft. An der Dreieckspitze sind zwei
+Schnüre angebracht, mittelst deren die Sitzmatte über den Hüften an
+den Körper gebunden wird und zwar so, dass die Matte hinten an der
+Verlängerung des Rückens zu hängen kommt. Die Matte hat den Zweck,
+die blosse Haut beim Sitzen auf schmutzigem oder nassem Boden vor
+Verunreinigung zu schützen; sie wird daher beinahe ständig getragen
+und häufig auch auf Reisen nicht abgelegt. In der Regel werden die
+Matten aus Rotang geflochten und oft mit roten oder schwarzen Figuren
+oder mit Knöpfen und Zeugstreifen verziert.
+
+In neuerer Zeit tragen die Männer an Festtagen gern eine lange, bunte,
+malaiische Hose, falls sie einer solchen habhaft werden können.
+
+Auf Jacken (_basong_) aus Kattun sind die Kajanmänner sehr erpicht;
+ihre Frauen stellen aber für die Feldarbeit auch sehr gute Jacken
+aus Baumbast her. Um eine Trennung der Fasern zu verhindern, wird
+der Bast mit festem Zwirn oder dünner Schnur durchzogen. Bisweilen
+fassen die Frauen die Bastkleider mit rotem Kattun ein; die Arbeit
+lässt aber an Schönheit viel zu wünschen übrig. Weiter unterscheidet
+sich die Festkleidung der Männer von der Alltagskleidung hauptsächlich
+durch die bessere Qualität des angewandten Materials. Hinzu kommt nur
+noch ein _sarong_ aus _batik_ [5] oder ein anderes schönes Stück Zeug,
+das quer über der linken Schulter getragen wird. Am Mahakam gebrauchen
+die jungen Leute diesen Schal, falls sie nicht arbeiten, täglich.
+
+Zum Kriegskostüm der Männer gehört hauptsächlich eine dicke ärmellose
+Jacke (_basong kapai_), die aus zwei mit Kapok gefüllten Lagen Kattun
+besteht, welche in rechtwinklig sich schneidenden Linien durchsteppt
+ist; sie schützt den Oberkörper vor Speerstichen und Schwerthieben.
+
+Als eine Ergänzung dieses ärmellosen Waffenrockes müssen wahrscheinlich
+zwei Ärmel betrachtet werden, die nur durch den obersten, nicht mehr
+als 2 dm betragenden Teil eines Jäckchens mit einander verbunden
+sind. Dieses eigenartige Kleidungsstück ist aus gewöhnlichem Stoff
+verfertigt und dient als Armbedeckung.
+
+Die Kajan und alle übrigen Stämme auf Borneo tragen über den
+eben erwähnten Kleidungsstücken einen Kriegsmantel (_sunung_) aus
+Tierfellen. Ein Pantherfell (_sunung kule_) gilt als das schönste;
+aber wegen seiner Kostbarkeit und Seltenheit begnügt man sich auch
+mit einem langhaarigen Ziegenfell (_sunung kading)_. In früheren
+Zeiten scheinen mit Tierfiguren bestickte Baumbastmäntel in Form
+einer Tierhaut gebräuchlich gewesen zu sein, wenigstens wurde mir
+ein solcher, mit einer Reihe von 8 Schwanzfedern des Nashornvogels
+verziert, zum Kauf angeboten. Man nannte ihn _sunung kapuwa_.
+
+Ein Kopftuch (_lawong_) wird von den gewöhnlichen Männern nur
+gelegentlich, von den Häuptlingen jedoch, um ihre Würde anzuzeigen,
+täglich getragen. Der Kajan schlingt das Tuch in Form eines Wulstes um
+den Kopf und zieht seine für gewöhnlich offen hängenden Haare derart
+hindurch, dass sie unter dem Wulst eine auf die Schultern herabhängende
+Schlinge bilden und über demselben mit ihren Enden aufliegen. Ausser
+Baumbast wird besonders bunter Kattun und europäischer _batik_ für
+Kopftücher gebraucht.
+
+Hüte (_haung_) benützen die Männer nur gegen Sonnenbrand und heftigen
+Regen; sie werden aus Pandanusblättern verfertigt und haben die gleiche
+Form wie die der Frauen, ihr Durchmesser beträgt aber selten mehr als
+50 cm (Fig. 5 u. 6 auf Tafel: Hüte der Bahau). Die Frauen, welche die
+Hüte herstellen, legen bisweilen viel Formen- und Farbensinn an den
+Tag, indem sie bei besonders schönen Exemplaren in der Mitte einen
+Beleg, bestehend aus einer Stickerei oder Perlenarbeit, anbringen und
+das Feld mit hübschen Figuren aus schwarzem Kattun verzieren. Derartige
+Hüte dürfen indessen nur von hochgestellten Personen getragen und Toten
+ins Jenseits mitgegeben werden (Fig. 6). Auch ist nur alten Männern
+gestattet, die Schwanzfedern des Nashornvogels (_Buceros rhinoceros_)
+auf ihre Hüte zu heften; häufig werden diese Federn an Perlenschnüren
+befestigt (Fig. 5).
+
+Eine weitere Kopfbedeckung der Männer bildet die Kriegsmütze. Sie
+wird in Form eines runden Körbchens aus festem Rotang geflochten und
+von den Frauen mit besonderer Sorgfalt verziert. Mitten auf dem Boden
+werden Perlenstickereien und am Rande eigenartige Verzierungen--vorn
+meist glänzende Metallplatten oder Tiermasken--angebracht. Oben auf
+die Mütze werden lange Federn gesteckt; die beliebtesten sind die des
+Nashornvogels, des Argusfasans (_Argusianus Grayi_) und des Hahns. Für
+die Mützen gilt, wie für die Hüte, dass die mit breiten schwarzen
+Streifen gezeichneten weissen Schwanzfedern des Nashornvogels nur von
+angesehenen Personen oder bewährten Kriegern getragen werden dürfen
+und dass nur wenigen Auserwählten gestattet ist, deren acht in der
+Mitte der Mütze von vorn nach hinten anzubringen.
+
+Zu den wichtigsten Schmucksachen der Männer gehören: Bein-
+(am Mah. _sekhad_) und Armringe (_leku_), Halsketten (_tewesing,
+tewe-ang_) und Ohrringe (_isang)_.
+
+Die Armringe werden oberhalb der Ellenbogen, die Beinringe unterhalb
+der Knie getragen und von den Punan oder auch den Kajan selbst
+aus Rotang oder _kebalan_, dem dunkelbraunen oder schwarzen,
+sehr biegsamen Kernholz einer farnartigen Gebirgsliane, sehr fein
+geflochten. Bisweilen wird die Farbenwirkung dieser Ringe, die, je nach
+dem Material, aus dem sie bestehen, _leku kebalan_ oder _leku uwe_
+(Rotang) genannt werden, durch Einflechten goldgelber Pflanzenfasern
+erhöht. Häufig trägt eine Person bis zu 200 solcher Ringe gleichzeitig.
+
+Diejenigen jungen Leute, welche mit den Batang-Lupar im Serawakschen
+Gebiet zusammengekommen sind, bringen von diesen Holz- oder
+Elfenbeinringe mit, die sie dann selbst mit schönen Schnitzereien
+verzieren.
+
+Auch die jungen Mädchen stellen für die Jünglinge Armverzierungen her
+und zwar aus Glasperlen, welche sie mit viel Geschmack zu zierlichen,
+farbenprächtigen Mustern in Form schmaler Bänder aneinanderreihen
+(Fig. 1 auf Tafel: Schmucksachen der Bahau).
+
+Die Halsketten der Männer bestehen alle aus neuen oder alten und dann
+bisweilen sehr wertvollen Glasperlen.
+
+Die schmalen, fest am Halse anliegenden Ketten (_tewesing_, Fig. 6)
+sind in der Regel aus bunten kleinen Perlen zusammengesetzt und enden
+vorn in einer Rosette.
+
+Die frei auf die Brust herabhängenden Ketten (_teweang_, Fig. 11 u. 8)
+dagegen bestehen aus mehreren Reihen grösserer--bis erbsengrosser
+Perlen. Bei der Zusammenstellung dieser Perlen wird auf eine gewisse
+Regelmässigkeit geachtet; sind es jedoch alte Perlen, welche selten
+in genügender Anzahl und gleicher Form vorhanden sind, so kann eine
+bestimmte Regel nicht eingehalten werden. Aus gleichartigen alten
+Perlen bestehende Ketten haben daher einen hohen Wert. Die Kapuasstämme
+unternehmen monatelange Reisen zum Mahakam, um diese Perlen, die dort
+noch in grösserer Anzahl vorhanden sind, zu kaufen.
+
+Ausser der Tätowierung fällt bei den Männern am meisten die Umformung,
+welche die Ohren erlitten haben, auf; im Ausrecken der Ohrläppchen
+wetteifern sie nämlich mit den Frauen.
+
+Mit der Durchbohrung der Ohrläppchen wird daher, wie im Kapitel
+IV berichtet worden ist, schon gleich nach der Geburt des Kindes
+begonnen. Die Zinnringe (_isang temha)_, welche das Kind anfangs
+ausschliesslich trägt, werden später häufig durch dicke Kupferringe
+(_hisang tembaga_) ersetzt, deren Zahl so weit vermehrt wird, als,
+ohne Schmerzen und Entzündung zu verursachen, möglich ist. Um die
+Dehnbarkeit der Ohren zu erhöhen, wird bei Kindern ausserdem öfters
+innen an der Oberseite der Öffnung ein Einschnitt gemacht.
+
+Die Eltern achten sorfältig darauf, dass bei diesen Operationen keine
+Entzündungen entstehen, da die dünnen Ohrläppchen sonst Gefahr laufen,
+durchgescheuert zu werden, was bei sehr kleinen Kindern bisweilen
+auch vorkommt. Die Ringe erreichen oft ein so hohes Gewicht,
+dass die Kleinen sie bei jeder lebhaften Bewegung mit der Hand
+stützen müssen. Durchgerissene Ohrläppchen werden als ernsthafter
+Schönheitsfehler aufgefasst. Obwohl die Kajan es in der Chirurgie nicht
+weit gebracht haben, verstehen es einige ihrer Männer doch, die beiden
+zerrissenen Enden wieder aneinanderwachsen zu lassen; sie erzeugen mit
+ihrem gewöhnlichen Messer an jedem der Enden eine wunde Oberfläche,
+legen sie übereinander, wickeln einen weichen Blattstreifen herum
+und befestigen das Ganze mit einem Faden. Ich sah verschiedene auf
+diese Weise geheilte Ohren, die vom aesthetischen Standpunkt zwar
+viel zu wünschen übrig liessen, deren 6-8 mm übereinander gelegte
+Enden jedoch wieder kleine Ringe zu tragen vermochten.
+
+Wenn die Ohrläppchen durch Verwundung oder Hautkrankheit öfters
+entzündet werden, entstehen Verdickungen des Bindegewebes (Keloide),
+welche die Schönheit sehr beeinträchtigen. Ein übrigens hübsches
+Mädchen sah ich einst ihre derart verunzierten Ohren ängstlich
+verbergen.
+
+Während die Frauen sich mit diesen Umformungen begnügen, lassen sich
+die Männer in späterem Alter ausserdem noch oben in der Ohrmuschel eine
+Öffnung von der Grösse eines Pfennigstückes und häufig auch noch eine
+zweite über dem Hinterende des ausgereckten Ohrläppchens, anbringen. In
+diesen Öffnungen dürfen alte, tapfere Männer die Eckzähne (_ipen_)
+des seltenen borneoschen Panthers (_kule_) tragen; häufig begnügt man
+sich auch mit geschliffenen oder ungeschliffenen Bärenzähnen. Diese
+Zähne werden oft, wahrscheinlich um ein Verlieren zu verhindern,
+mit einer um Hinterhaupt und Hals geschlungenen Perlenschnur verbunden.
+
+In den grossen Ohrlöchern tragen die Mendalam Kajan gewöhnlich Ringe
+(_isang_) aus eingeführtem Zinn oder Kupfer (Fig. 2); in letzter
+Zeit schinücken sie sich auch, nach der Sitte der Mahakamstämme,
+mit einer grossen Anzahl dünner silberner Ringe.
+
+Statt dieser Ringe werden bei festlichen Gelegenheiten auch noch
+hölzerne oder metallene Ohranhängsel angebracht; sie sind birnförmig
+und greifen mit einem grossen Haken um das Ohrläppchen herum
+(Fig. 3). Während die Ringe beinahe ausnahmslos unverziert sind,
+werden diese eigentlichen Ohrgehänge, sowohl was ihre Form als was
+ihre Bearbeitung betrifft, mit viel Sorgfalt und Kunstsinn hergestellt.
+
+Weniger auffallend als die Umformung der Ohren ist die der
+Zähne. Die Schneidezähne werden am Ober- und Unterkiefer von vorn
+hohl ausgeschliffen; einige lassen sich auch nach Sitte der Punan
+goldene Stifte durch einen oder mehrere Zähne treiben.
+
+Über den menschlichen Haarwuchs haben sowohl Bahau als Kenja sehr
+eigenartige Anschauungen, die sich zum Teil aus der Tatsache erklären
+lassen, dass sie selbst gewöhnlich sehr schwach behaart sind. Es flösst
+ihnen nämlich, da sie selbst an den Anblick stark behaarter Wesen
+nicht gewöhnt sind, eine Person mit starkem Voll- oder Knebelbart
+fast Abscheu und Schreck ein. Aus Rücksicht für unsere Gastherren
+rasierten wir Europäer und einer der Javaner uns daher, so lange der
+Besitz von Seife es gestattete, regelmässig.
+
+Da die Kajan nur das Haupthaar schön finden, herrscht bei ihnen die
+Sitte, dass sich sowohl Männer als Frauen alle Haare im Gesicht, in den
+Achselhöhlen und an der pubis ausziehen. Die jungen Frauen der Mahakam-
+und Kenjastämme halten sich besonders streng an diese Vorschrift; die
+am Mendalam lassen einen schmalen Streifen an den Augenbrauen stehen.
+
+Alte Männer lassen sich bisweilen, um auf ihre Umgebung Eindruck zu
+machen, ihren Bart nach Belieben wachsen; junge Leute dagegen sorgen
+dafür, dass von ihren Barthaaren möglichst wenig sichtbar wird.
+
+Die Männer rasieren sich ohne Seife mit dem gewöhnlichen Messer
+(_nju_); die Achsel- und Pubishaare entfernen sie weniger sorgfältig
+als die Frauen.
+
+Zum Ausziehen der Wimpern dienen kleine, kupferne oder silberne Zangen
+(_tsöp_), die stets zu einer vollständigen Toilettenausstattung von
+Mann oder Frau gehören.
+
+In vorgerücktem Alter oder während der strengen Arbeitszeit verfährt
+man häufig weniger sorgfältig mit der Entfernung der Haare. Das
+Haupthaar, das Männer und Frauen sich lang wachsen lassen, wird
+schlicht zurückgestrichen; zum Kämmen dient ein geschnitzter
+Bambuskamm.
+
+Bei Frauen gilt langes Haar für sehr schön und, wenn sie sich etwas
+Kokosnussöl--am Mendalam eine grosse Seltenheit--verschaffen können,
+versäumen sie nie, ihre Frisur damit einzureiben. Ebenso nehmen
+sie, sobald sie eines Stückchens Seife habhaft werden, sogleich
+eine Extrareinigung des Haares vor; gewöhnlich gebrauchen sie dafür
+Citronensaft. Die Männer lassen das Haar am Hinterhaupt lang wachsen;
+vorn schneiden sie es gerade und kurz ab und kämmen es glatt auf die
+Stirn, während sie an den Schläfenstellen über den Ohren einen 5 cm
+hohen Streifen rasieren.
+
+Betrachten wir jetzt die Kleidung der Frauen.
+
+Das wichtigste Kleidungsstück der Frauen besteht aus einem rechteckigen
+Stück Zeug, an dessen oberen Ecken Bänder befestigt sind. Dieses
+Tuch (_ta-a_) wird in der Beckengegend um den Körper geschlungen und
+derart festgebunden, dass es unterhalb der Darmbeinkämme zu liegen
+kommt. Bei den Frauen am Mendalam schlagen die seitlichen Kanten der
+_ta-a_ rechts am Körper, bei denen am Mahakam dagegen hinten über
+einander. Dieses Röckchen reicht bei den Kajanfrauen bis zu den Füssen
+herab, bei den Frauen der anderen Kapuasstämme bedeckt das Röckchen,
+das sie geschlossen tragen, kaum noch die Kniee. Beim Laufen oder
+wenn sie am Boden hocken, kommen die Beine der Frauen und zugleich
+die schönen Tätowierungen ihrer Schenkel zum Vorschein.
+
+Die _ta-a_ ist, je nach dem Vermögen ihrer Besitzerin und nach
+der Gelegenheit, bei welcher sie gebraucht wird, mehr oder minder
+hübsch-. sie besteht jedoch immer aus einem Mittelfeld mit 4 ungefähr
+1 dm breiten Rändern.
+
+Für Feströckchen wählt man als Mittelstück einfarbigen Kattun oder
+Seide und für die Ränder meist roter. Flanell oder, falls diese zu
+kostbar ist, roten oder geblümten Kattun.
+
+Der obere Rand des Röckchens (_kohong ta-a_) ist meist etwas breiter
+als die übrigen und wird in Fällen besonderer Eleganz durch eine
+Silberborte von dem Mittelstück abgegrenzt.
+
+Einfache Jacken (_basong_) aus Baumbast oder Kattun werden von den
+Frauen als Schutz gegen Sonnenbrand bei der Feldarbeit oder auch sonst
+getragen. Es giebt Jacken mit und auch ohne Ärmel; diese enden hinten
+in einem ungefähr 1 dm langen Zipfel. Besonders hübsche Jacken werden
+in den Neujahrstagen getragen; bei häuslichen Festen dagegen werden
+sie selten angezogen.
+
+Statt der Jacken werden an Festtagen auch Schale gebraucht. Die,
+Frauen, die keine Priesterinnen sind, bedecken sich dann den Oberkörper
+derart mit einem langen Stück Zeug von ungefähr 1/2 m Breite, dass
+die beiden Enden vorn und hinten bis zur Mitte der Schenkel gerade
+herunterhängen und der mittlere Teil rechts unter der Achsel liegt,
+während zwei Falten der linken Tuchhälfte oberhalb der linken Schulter
+aneinander genäht werden. In Tandjong Karang waren hauptsächlich
+Schale aus rotbrauner, golddurchwirkter Seide beliebt.
+
+Ähnliche Schale tragen auch die Priesterinnen, wenn sie an Festtagen
+ihres Amtes walten; sie schlingen sie jedoch nur einmal um den Körper
+und zwar so, dass die Mitte des Tuches über der Brust zu liegen
+kommt und die unter den Armen hindurchgezogenen Enden auf dem Rücken
+festgebunden werden. Nur die Oberpriesterin _Usun_ bedeckte sich den
+Oberkörper nicht.
+
+Frauen, welche die Würde einer Priesterin noch nicht völlig erreicht
+haben, unterscheiden sich von diesen durch die weissen Felder ihrer
+_ta-a_.
+
+Alle Frauen der Bahau tragen, sobald ihre Schwangerschaft äusserlich
+sichtbar wird, ein Tuch (_djad butit_), das sie auf gleiche Weise wie
+die Priesterinnen um Brust und Leib schlingen. Durch straffes Anziehen
+dieses Tuches erhält der Leib, besonders in den letzten Monaten, eine
+gute Stütze. Nach der Entbindung wird das _djad butit_ bald abgelegt
+und durch ein schmäleres Tuch (_djad usok_) ersetzt, welches nur die
+Brüste bedeckt und noch während mehrerer Monate getragen wird.
+
+Die Frauen schmücken sich mit den gleichen Ohrgehängen wie die Männer,
+nur lassen sie sich in der eigentlichen Ohrmuschel keine Löcher bohren.
+
+In noch höherem Masse als die Männer, lieben sich die Frauen mit
+Perlenschnüren, Armbändern und Fingerringen zu zieren. Sie sind es
+auch, die für den Wert alter Perlen am meisten Verständnis haben,
+die jede Art beim Namen kennen; für den Besitz mancher dieser Perlen
+sind sie im stande, sehr viel aufzuopfern. Die neuen Glasperlen,
+Nachahmungen der alten Formen, werden in Europa verfertigt und über
+Singapore eingeführt.
+
+Sogar über dem Alltagsröckchen trägt die Kajanfrau einen Gürtel,
+(_taksa_), bestehend aus einer doppelten Reihe oft sehr kostbarer
+alter Perlen (Fig. 12 u. 13) und dazu zahlreiche Halsketten aus
+kleineren Perlen (Fig. 11 u. 8).
+
+Zu den Kostbarkeiten der Frau gehört auch ein Satz elfenbeinerner
+Armbänder (_leku tulang_). Es sind 16-60 glatte Elfenbeinringe, die,
+in der Grösse aufeinanderfolgend, zusammen einen stumpfen Kegel bilden,
+der den Unterarm vom Puls bis 1 dm unterhalb des Ellen bogens bedeckt.
+
+Sowohl diese Armbänder als auch die beliebtesten Seidenstoffe werden
+in China verfertigt und von dort bezogen, vielleicht im Zusammenhang
+mit den früheren chinesischen Niederlassungen an Borneos Nordküste.
+
+Fingerringe. werden von den Kajan nie selbst hergestellt; besonders
+beliebt sind die europäischen Ringe aus unechtem Golde mit glänzenden
+bunten Steinen; sie haben die von den Taman Dajak stammenden kupfernen
+Ringe fast gänzlich verdrängt.
+
+Sobald in einer Kajanfamilie ein Trauerfall stattfindet, müssen alle
+Schmuckgegenstände abgelegt werden; auch bunte Kleidungsstücke dürfen
+dann nicht mehr getragen werden. Die veraltete Baumbastkleidung
+(_kapua_) wird wieder hervorgeholt und, falls man diese nicht mehr
+besitzt, muss alles aus- weissem Kattun hergestellt werden.
+
+Nach Ablauf der Trauerzeit (_bet lali_) steht es jedem frei, seine
+frühere Kleidung wieder anzulegen; es kommt jedoch häufig vor,
+dass die nächsten Angehörigen durch das Tragen dieser Trauerkleidung
+ihrem Schmerz über den erlittenen Verlust noch Monate und Jahre lang
+Ausdruck geben. Wittwen zeigen dadurch an; dass sie sich nicht wieder
+verheiraten wollen.
+
+Zu der eigentlichen Trauerkleidung der Frauen gehört eine besondere
+Baumbastmütze, bestehend aus einem langen breiten Streifen, der wie
+ein Tuch von hinten nach vorn um das Haupt geschlungen wird, wo die
+Enden über einander geschlagen und dann frei von vorn über den Kopf
+nach hinten bis zum halben Rücken herab hängen gelassen werden;
+Männer tragen nichts dergleichen.
+
+Als Zeichen der Trauer das Haupthaar abzuschneiden, scheint bei
+den Mendalam Kajan nicht üblich zu sein; ich weiss auch nicht, ob
+die Sklaven nach dem Tode des Häuptlings hierzu verpflichtet sind,
+wie dies am Mahakam der Fall ist.
+
+Die Liebe zu ihren Verstorbenen äussern die Kajan dadurch, dass sie
+diese für die Reise in den Himmel und. den dortigen Aufenthalt so gut
+als möglich auszurüsten suchen. In erster Linie handelt es sich hierbei
+um eine Aussteuer von schönen Kleidungsstücken. Interessanter Weise
+giebt man sich alle Mühe, diese Kleider nach der Mode der Vorfahren
+zu verzieren, eine Mode, die sich bis heute noch bei den Stämmen am
+oberen Mahakam erhalten hat (Tafel: Totenausrüstung).
+
+Das Charakteristische dieser Totenkleidung besteht in einer Applikation
+von Figuren, die aus schwarzem Kattun geschnitten sind, auf weiss
+kattunenen Röcken und Jacken. Von der schwarzen Farbe glauben die
+Kajan, dass sie auf die bösen Geister, die die Seele des Verstorbenen
+unterwegs bedrohen könnten, schreckenerregend wirkt. Die Figuren
+werden von den Männern entworfen und ausgeschnitten und von den
+Frauen auf die von ihnen verfertigten Kleider geheftet. Gleichfalls
+von Männern entworfen und von den Frauen angebracht werden auch die
+mit schwarzer Farbe auf Pandanusblätter gemalten oder aus schwarzem
+Kattun geschnittenen Figuren für die Hüte und Tragkörbe der Toten. Den
+Verzierungen der Totenkleidung liegen bei den Kajan als beliebte
+Kunstmotive der Hund (_aso_, Fig. 3 b), der Mensch (_kelunan_, Fig. 3
+a) und Stilisierungen beider zu Grunde. Beim Hunde tritt dabei der
+Kopf stets am deutlichsten hervor; die übrigen Körperteile verlaufen
+in so zierlich gebogenen Linien, dass man deren Bedeutung im ersten
+Augenblick meist nicht erkennen kann.
+
+Die Hüte der Toten (Fig. 6 auf Tafel: Hüte der Bahau) werden viel
+schöner verziert als die der Lebenden; so dürfen, wie bereits gesagt,
+mit schwarzen Figuren belegte Kopfbedeckungen bei Lebzeiten nur
+Abkömmlinge der vornehmsten Häuptlingsgeschlechter tragen, nach dem
+Tode jedoch werden sie neben dem Grabe viel niedrigerer Personen
+niedergelegt.
+
+Der Leiche selbst wird im Sarge eine eigenartige Mütze aus Baumbast,
+die nicht mit Zwirn, sondern mit den früher gebräuchlichen umgedrehten
+Pflanzenfasern genäht werden muss, aufgesetzt. Die Form dieser Mütze
+ist für Männer und Frauen verschieden; jenen ist eine Zipfelmütze,
+diesen eine anschliessende, nach hinten etwas verlängerte Mütze
+vorgeschrieben.
+
+Einen wichtigen Gegenstand der Totenausrüstung bildet ein Tragkorb
+(_adjat_, Fig. 1), in dem sich ausser Armbändern (Fig. 1 d) und
+einem Palmblattsack (_samit_, Fig. 1 e) mit Handarbeiten auch
+noch Gegenstände befinden, die zur Überwindung aller Gefahren auf
+dem Wege zum _Apu Kesio_ dienen. Der Korb enthält eine _kawit_
+(Fig. 1 c) und zwei kleine Bambusgefässe (Fig. 1 b) mit Speise für
+die guten Geister, für die auch das Barnbusgefäss (Fig. 1 g) mit
+Zuckerrohrsaft, das am Tragkorb hängt, bestimmt ist. Drei Säckchen
+(Fig. 1 h) enthalten eigentümlich geformte Steinchen, die zur Abwehr
+böser Geister dienen. Zum gleichen Zweck werden auch Tierzähne am
+Tragkorbe befestigt. Um auf wilden Flüssen das Wasser aus dem Boot
+schöpfen zu können, wird dem Toten eine halbe Kalabasse (Fig. 1 a)
+mitgegeben. Schliesslich hängt am Tragkorbe noch eine Leiter (Fig. 1
+f), um über Felsen und Abgründe klimmen zu können (Siehe pag. 104).
+
+Den Toten werden auch die schönsten und kostbarsten Armbänder,
+Halsketten und Ringe für den Aufenthalt im Jenseits in den Sarg
+gelegt. Daher übt das Grab eines Vornehmen eine so grosse Anziehung
+auf die raubgierigen Malaien, dass selbst die am Kapuas errichteten
+Prunkgräber aus Eisenholz nicht fest genug sind, um ihren kostbaren
+Inhalt vor diesem Gesindel zu schützen. So wurde das Grab von _Akam
+Igaus_ erster Frau bereits kurz nach deren Begräbnis von Malaien
+erbrochen und geplündert. Auch in Serawak ist Grabschänderei nichts
+Unbekanntes.
+
+Die Hauptwaffen der Kajan sind Schwert (_malat_) und Speer (_bakir_);
+das Blasrohr (_seput_) spielt als Waffe nur eine nebensächliche
+Rolle; nur wenige verstehen überhaupt mit ihm umzugehen und kein
+eigentlicher Kajan ist im stande, das Pfeilgift zu sammeln und zu
+bereiten. Hauptsächlich sind es Abkömmlinge der Punan unter ihnen,
+die sich mit Vorliebe des Blasrohrs, der ursprünglichen Waffe der
+Nomadenstämme, bedienen. Das Schwert dagegen ist für den Kajan nicht
+nur im Kriege. die wichtigste Waffe, sondern auch im täglichen Leben
+der wichtigste Gebrauchsgegenstand und wetteifert hierin nur mit dem
+kleinen Messer (_nju_, Fig. h, Taf.: Schwerter der Mendalam Kajan),
+das an der Innenseite der Schwertscheide in einem besonderen Behälter
+stets mitgetragen wird. Alle Arbeit, die mit Messer oder Beil nicht
+ausgeführt werden kann, verrichtet der Kajan mit seinem Schwert, das
+ihn daher nie verlässt. Bei der Feldarbeit verwendet er zum Abhacken
+von Zweigen und Gestrüpp allerdings ein für diesen Zweck hergestelltes
+einfaches Schwert; befindet er sich aber auf weiten Reisen, so benützt
+er sein Kriegsschwert sowohl gegen den andringenden Feind als auch zum
+Behauen von Brettern und zum Hacken von Brennholz. Kein Kajan nimmt
+auf Expeditionen zweierlei Schwerter mit, aber jeder sorgt dafür,
+dass sein Exemplar alle Zwecke erfüllen kann. Daher werden sowohl
+am Kapuas als am Mahakam für ernsthafte Kriegszüge meist einfache,
+aber gut gearbeitete Klingen vorgezogen, während die schönen, mit
+eingelegtem Kupfer und Silber verzierten Exemplare nur als sehr
+geschätzte Prunkgegenstände dienen. Nur ein kriegerischer Häuptling,
+wie der Pnihinghäuptling _Belarè_, nahm auch auf Expeditionen schön
+gearbeitete Kriegsschwerter mit, aber gelegentlich wird er mit ihnen
+wohl auch Bäumchen gefällt haben.
+
+Ebenso unzertrennlich wie von seinem Schwerte ist der Kajan von
+seinem Speer; in den Wohnungen findet man selbst ganze Reihen von
+Speeren aufgestellt.
+
+In früherer Zeit wurden die Speerspitzen (_tite bakir_) sehr sorgfältig
+bearbeitet, gegenwärtig aber begnügt man sich mit sehr schlichten
+Speeren und auf gute Herstellung der Schäfte wird in der Regel gar
+nicht geachtet. Einen mit Schnitzwerk verzierten Speerschaft sah ich
+niemals bei den Bahau, höchstens hatte man ihn rund und glatt poliert.
+
+Die Spitzen der Speere, die täglich aufs Feld mitgenommen werden,
+gleichen einem länglichen, scharf zugespitzten, zweischneidigen,
+eisernen Blatte; dagegen haben die wirklichen Kriegsspeere die Form
+eines ausgehöhlten Meissels; sie sind besonders zum Durchbohren der
+Schilde sehr geeignet, werden aber nie auf die Jagd mitgenommen.
+
+Zum Werfen dient ein kurzer Speer mit kurzer Spitze.
+
+Das Schwert wird, nach der grösseren Sorgfalt, die auf seine
+Herstellung verwandt wird, zu urteilen, dem Speere bei weitem
+vorgezogen.
+
+Beim Verzieren der Schwerter nebst Zubehör entwickeln die Kajan viel
+Geschmack und Kunstfertigkeit; die Männer beim Schnitzen der Griffe
+(_haupt_, Fig. b) und Scheiden (_bukar_, Fig. c), die Frauen beim
+Verfertigen von Gürtelquasten (Fig. d) und Belegen (_tap_) aus Wolle
+oder Perlen. (Siehe Tafel: Schwerter der Mendalam Kajan. u.s.w.).
+
+Die Bestandteile eines Kajanschwertes sind genügend bekannt,
+weniger ist dies vielleicht mit den Anhängseln der Fall, welche ein
+gut ausgerüsteter Krieger stets am Schwertgürtel hängen hat. Die
+wichtigsten sind zwei Bambusdöschen mit Feuerstein (_batu tekik_) und
+Rauchmaterial: Tabak und Bananenblättern; ferner einige Fläschchen mit
+Arzneien, meist malaiischen Ursprungs, und endlich allerhand Amulette
+zur Abwehr böser Geister: Flusssteinchen von besonders auffälliger
+Form, z.B. länglich und stark gebogen oder mit einem auf natürliche
+Weise entstandenen Loch in der Mitte; Eckzähne von Hunden und Bären,
+die an alten Perlenschnüren in einem Bündel beieinander hängen;
+auch Glöckchen (_anhing)_, besonders solche aus altem Eisen, üben
+eine schutz bringende Wirkung. Unter all diesen Merkwürdigkeiten
+fiel mir noch etwas Besonderes auf: ein sogenanntes Hahnenei, ein
+kleines Exemplar des letzten unfruchtbaren Eies einer Henne. Kein
+Najan beginnt einen Kriegszug ohne ein solches Ei, das bisweilen
+Jahrzehnte alt ist und in ein Tüchlein eingewickelt in einem besonderen
+Bambusdöschen (Fig. e) mitgenommen wird. Sonderbarer Weise glauben
+auch die Bahau, dass ein derartiges Ei von einem Hahn gelegt wird;
+am Mahakam verteidigte ein Kajanjüngling mir gegenüber mit grossem
+Ernst diese Überzeugung.
+
+Alle diese Anhängsel sind an der rechten Seite, wo der Gürtel (Fig. f )
+mit einer scheibenförmigen Schnalle (_hulo bukar_, Fig. g) geschlossen
+wird, befestigt. Das Schwert hängt für gewöhnlich an der linken Seite,
+ist sein Träger jedoch linkhändig, was ziemlich häufig vorkommt,
+so hängt es rechts und auch die Klinge (_tite_, Fig. a) ist dann
+rechts und nicht, wie sonst, links ausgeschweift geschmiedet. Auch
+gewöhnliche Arbeitsschwerter werden für Linkhändige angefertigt.
+
+Hauptsächlich der eigentümlichen Art ihrer Herstellung wegen von
+Interesse sind die Blasrohre (_seput_): 2 m lange hölzerne Rohre
+mit gleichmässig weitem Kanal; ist dieser bisweilen nach einer Seite
+etwas gekrümmt, so wird die Unregelmässigkeit durch Beschweren mit
+einer Speerspitze (_tite seput_) ausgeglichen. Oft sind die Rohre
+auch tadellos gerade; unregelmässig gekrümmte sah ich nie.
+
+Die meisten Stämme von Mittel-Borneo verfertigen die Blasrohre
+selbst aus einem harten Stück Holz, das sie zuerst mit einem 2 m
+langen Eisen bearbeiten, dessen eines, meisselförmiges Ende schart
+geschliffen ist. Das Holzstück wird zu diesem Zweck in horizontaler
+Lage gut befestigt und das Eisen, das stets dünner sein muss als der
+gewünschte Kanal, wird in dessen Richtung gelegt und durch etliche
+gekreuzte Bambusstücke gegen den Block gestützt. Durch fortwährendes
+Stossen mit diesem Meissel wird langsam ein Weg durch den Block
+gebohrt. Bei ununterbrochener Arbeit kann ein Mann einen solchen Kanal
+innerhalb eines Tages herstellen, bevor das Blasrohr aber fertig
+ist, hat es noch manche Prozedur zu erleiden. Zuerst schneidet man
+das überschüssige Holz an der Aussenseite fort und giebt dann der
+Wand eine gleichmässige Dicke. Das Glätten des Kanals wird durch
+Schaben bewirkt. Man benützt hierzu ein Reibeisen (_tossok seput_,
+Fig. a, Taf.: Pfeilköcher), bestehend aus einem doppelt gefalteten
+Eisenstab, in den man mit einem Schwert oder Meissel Einschnitte
+gehackt hat. Mittelst eines langen, dünnen Stieles aus festem Holz
+oder Rotang wird dieses Reibeisen so lange im Kanal herumgedreht und
+hin- und hergezogen, bis keine Splitter mehr zum Vorschein kommen.
+
+Zur feineren Bearbeitung verwendet man die harten, scharfen Ränder
+zweier ungefähr 2 dm langer Bambusstücke, die, an den gleichen
+Stab zusammengebunden, gerade in die Öffnung passen; durch Hin-
+und Herdrehen dieser Stäbe erhält der Kanal beinahe die gewünschte
+Glätte. Den letzten Schliff giebt man ihm durch an einen Stab gebundene
+Blätter, die unter der Epidermis soviel Kieselsäurekristalle angehäuft
+enthalten, dass sie sich wie feines Reibpapier anfühlen. Auf ähnliche
+Weise wird die Aussenfläche des Blasrohrs behandelt: wenn das Messer
+nichts mehr verbessern kann, kommt eine Art _Bambusreibe (kasa
+seput_, Fig. b) an die Reihe, bestehend aus dünnen Bambusspähnen,
+die an 2 Schnüren so nah aneinander gereiht sind, dass sie in gleichen
+Entfernungen den scharfen, kieselhaltigen Rand nach innen kehren. Diese
+scharfen Ränder umschliessen das Blasrohr und scheuern, wenn man sie
+einen Tag lang um die Oberfläche bewegt, alle Unebenheiten ab. Zum
+Schluss poliert man die Aussenseite mit den gleichen Blättern wie
+die Innenseite.
+
+Der Kanal hat bei allen Blasrohren ungefähr den gleichen Durchmesser,
+nur seine Länge variiert innerhalb bestimmter Grenzen. Gute Exemplare
+besitzen ein Mundstück aus Horn, Zinn oder Kupfer und ein aufrechtes
+Eisenstäbchen am andern Ende dient dazu, dem Schützen das Zielen
+zu erleichtern.
+
+Die Pfeile (Fig. c und d), welche mit dem Blasrohr abgeschossen
+werden, besitzen, je nach dem Zweck, für den sie bestimmt sind,
+eine verschiedene Form und sind ausnahmslos vergiftet. Ihr Schaft
+wird aus Palmblattstielen, in der Regel aus denen der Sagopalme
+(Eugeisonia tristis), verfertigt.
+
+Die Pfeile tragen, damit sie im Kanal dicht anschliessen, an ihrem
+Ende ein kegelförmiges, sehr leichtes Holzstückchen. Ihre Spitze wird,
+zum Töten kleiner Tiere, durch Einschrumpfenlassen am Feuer gehärtet
+und dann mit einer Lage schwarzen Giftes bestrichen (Fig. c.) Sollen
+mit den Pfeilen Menschen, Hirsche oder Wildschweine getötet werden,
+so fügt man in einen Einschnitt der Schaftspitze eine feine, dünne
+Spitze aus Bambus oder am liebsten aus Blech und bestreicht diese mit
+einer dickeren Lage Gift, die sie zugleich auch im Schaft befestigt,
+jedoch nur so weit, dass sie, wenn sie einmal durch die Haut gedrungen
+ist, mit ihren Widerhaken in der Wunde stecken bleibt und sich vom
+Schafte leicht lösen kann (Fig. d). Bisweilen bewirkt man auch das
+Abbrechen eines Teiles des Schaftes selbst, indem man ihn mit einem
+ringförmigen Einschnitt versieht.
+
+Die Pfeile werden in grösserer Anzahl in einem besonderen Bambusköcher
+(_telanga_, Fig. e und f) von ungefähr 9 cm Durchmesser aufbewahrt.
+
+Der Bambus ist 30 cm oberhalb des Halmknotens, der den Boden des
+Köchers bildet, abgeschnitten und am oberen Teil rings um die Öffnung
+etwas beschnitten, um bequem mit einem Bambusstöpsel (am Kapuas,
+Fig. e) oder mit einem runden, kegelförmigen, hölzernen Stöpsel (am
+Mahakam, Fig. f) geschlossen werden zu können. Am Köcher wird ein oft
+hübsch geschnitzter hölzerner Haken (Fig. g) befestigt, den die Jäger,
+wenn sie sich auf die Jagd oder in den Krieg begeben, an der rechten
+Seite in ihr Lendentuch stecken.
+
+In einem Köcher befinden sich ungefähr 24 Pfeile von verschiedener Form
+und zwar sitzt jeder gesondert in einem dünnen Bambusbehälter (Fig. h),
+damit sie einander auf langdauernden Reisen nicht beschädigen. Da die
+Pfeile und ihre Behälter viel kürzer als der _telanga_ selbst sind,
+werden sie noch gesondert in Stückchen Fell (Fig. k) des grossen
+Eichhörnchens oder des kleinen Hirsches gehüllt, an welchen sie
+bequem hervorgeholt werden können. Durch verschiedene Farben oder
+an das Ende aufgeschobene kleine Perlen unterscheidet man die Pfeile
+für grössere und kleinere Tiere.
+
+Neben diesen fertigen Pfeilen stecken im Köcher noch mehrere Päckchen
+(Fig. i und l) unvollendeter Pfeilschäfte, deren noch stumpfe Spitzen
+meistens bereits im Feuer gehärtet worden sind (Fig. m). Jedes
+dieser Päckchen wiederum befindet sich in einer besonderen ledernen
+Hülle. Der Köcher enthält ausserdem noch ein Stöckchen mit scharfer
+Spitze (Fig. n), auf die man beim Schneiden die konischen Hölzchen
+steckt, welche hinten an die Pfeilschäfte befestigt werden. Die
+Bahau und Punan nehmen stets einen Vorrat dieser Hölzchen in einer
+flaschenförmigen Kalabasse (Fig. o) mit hölzernem Stöpsel mit, die
+sie an den Köcher hängen; da sie überdies auf dem Grunde des Köchers
+immer ein bis mehrere Stücke Pfeilgift mitnehmen, können sie auch im
+Walde stets neue Pfeile herstellen. Neben der Kalabasse hängt noch
+ein Bambusbehälter mit Zunder und Feuerstein (Fig. p), die auf Reisen
+stets mitgeführt werden.
+
+Die Gifte, welche die Stämme von Mittel-Borneo für ihre Pfeile benützen
+und durch welche unbedeutende Wunden oft tötlich wirken, sind sehr
+verschiedenen Ursprungs. Die Bahau unterscheiden 6 verschiedene Arten
+von Pfeilgiften, die sich von ebenso vielen verschiedenen Bäumen
+und Lianen herleiten; sie heissen: _tasem; tasem telang; ipu kajo;
+ipu aka; ipu tana_ und_ ipu seluwang_.
+
+Die zwei _tasem_-Arten werden aus den Giften verschiedener Pflanzen,
+welche in ganz Mittel-Borneo, sowohl am oberen Kapuri, oberen Barito
+und oberen Mahakam als am oberen Kajan vorkommen, zusammengesetzt;
+daher können die _tasem_-Gifte von allen Stämmen, die diese
+Flussgebiete bewohnen, hergestellt werden.
+
+Dagegen wachsen die die _ipu_-Gifte liefernden Pflanzen nur am oberen
+Kapuas und oberen Barito, so dass sie nur von den in diesen Gebieten
+umherschwärmenden Punan und Bukat gesammelt und den anderen Stämmen
+verkauft werden. können. Die _ipu_-Gifte werden nämlich, als die
+wirksameren, den _tasem_-Giften vorgezogen. Da die _ipu_ liefernden
+Pflanzen auch am Kapuri nur an bestimmten Stellen vorkommen, müssen
+die Sammler oft weite Züge unternehmen, um die Gifte zu finden. Eine
+gute Fundstelle für die betreffenden Pflanzen bilden die Wälder am
+Fuss des Bukit Tilung im Mandaigebiet.
+
+Die Herstellung der Pfeilgifte und die sie liefernden Pflanzen sind
+in Mittel-Borneo nur den Jägerstämmen der Bukat und Punan oder deren
+Abkömmlingen unter den ackerbautreibenden Dajakstämmen bekannt; daher
+ist es nur unter besonders günstigen Umständen möglich, sich Pfeilgifte
+von bekannter Herkunft und die dazu gehörigen Pflanzen zu verschaffen.
+
+Auf meinen drei Reisen in Borneo glückte es mir nur im Jahre 1894, in
+den Besitz einer einigermassen vollständigen Sammlung der _ipu_-Gifte
+und des dazugehörigen Herbariums zu gelangen. Bei meiner zweiten Reise
+1896 waren die Bukatsöhne, die früher bei den Mendalam Kajan wohnten
+und mir zu der Sammlung verholfen hatten, fortgezogen und ich konnte in
+vier Monaten keine zweite zuverlässige Sammlung zu Stande bringen. Im
+Jahre 1898 erhielt ich zwar die verschiedenen Gifte und das Holz und
+die Blätter der _ipu_-Pflanzen, aber man führte mich mit den Blüten
+und Früchten, für die die richtige Zeit augenscheinlich noch nicht
+gekommen war, irre. Diese letzte Sammlung wurde von Dr. _Boorsma_
+im botanischen Institut zu Buitenzorg untersucht; die erlangten
+Resultate sind in "Mededeeling uit 's Lands Plantentuin" (deel 52)
+veröffentlicht worden; ihnen entnehme ich auch die weiter unten
+angeführten Bestandteile der Pfeilgifte. Die beiden Gifte: _tasem
+und tasem telang_, werden gewonnen, indem man die gleichnamigen Bäume
+anzapft und den ausfliessenden Milchsaft auffängt. Der _tasem_-Baum
+erreicht eine bedeutende Grösse, der _tasem telang_ dagegen wird
+nicht über 1 dm dick.
+
+Der Milchsaft wird mit dem wässerigen Auszug aus dem geriebenen Bast
+einer Liane, _aka kia_, vermengt. Die Mischung wird in einem alten
+eisernen Topf, der für andere Zwecke nicht mehr gebraucht wird, bis
+zu Sirupdicke eingedampft; die Masse erhärtet beim Abkühlen. Das Gift
+wird vor dem Gebrauch fein gerieben und mit den Blättern von _gambir
+utan_ (Euphorbiacee) gemengt, ein Verfahren, für welches besondere,
+oft schön verzierte Brettchen (Fig. q) und Reib stöcke (_ligan_,
+Fig. r) verwendet werden.
+
+Die _tasem_-Gifte werden auf weite Expeditionen in viereckigen
+Körbchen aus Palmblattscheiden (_takong_, Fig. s) mitgeführt und vor
+dem Gebrauch in der Nähe des Feuers aufgehängt, um sie zäh-flüssig
+werden zu lassen.
+
+Eine Analyse des Pfeilgiftes, das einen zähen, schwarzen Extrakt mit
+intensiv bitterem Geschmack liefert, stellte folgende Bestandteile
+fest: Antiarin, das giftige Glycosid, das im Saft von Antiaris
+toxicaria Lesch. enthalten ist; die zwei Alkaloide: Strychnin
+und Brucin; Upaïn, das durch _Wefers Bettink_ aus dem Milchsaft
+von Antiaris gewonnen wurde, und Antiaretin, das von _Mulder_ und
+_Lewin_ als Bestandteil des _antjar_-Milchsaftes angegeben wurde;
+ferner eine schwach giftige pflanzliche Säure, die ein Aufschäumen
+verursacht. Derrid, das hauptsächlich in den aus Malakka stammenden
+Pfeilgiften enthalten ist, fehlte.
+
+Die giftige Wirkung der _tasem_-Gifte muss somit den in Antiaris
+vorkommenden Stoffen und den Strychnos-Alkaloiden zugeschrieben werden;
+der hohe Antiaringehalt spielt hierbei zweifellos die Hauptrolle.
+
+Auf Grund der in den _tasem_ anwesenden aufschäumenden Säure nimmt
+Dr. _Boorsma_ an, dass nicht nur der Milchsaft, sondern wahrscheinlich
+auch ein Auszug aus dem Bast des _tasem_-Baumes (höchst wahrscheinlich
+Antiaris toxicaria) bei der Zubereitung verwendet werden. Das in
+viel geringerer Menge vorkommende Strychnin und Brucin liess sich
+in kleinen Quantitäten auch in den Holz- und Bastteilen der Liane
+_aka kia_ nachweisen; diese gehört, wie auch eine mikroskopische
+Untersuchung feststellte, zu den Strychnosarten.
+
+Was die _ipu_-Gifte betrifft, so bildet:
+
+_ipu tana_ eine teils zähe, teils brüchige, dunkelbraune Masse;
+
+_ipu kajo_ einen weichen, schwarzen Extrakt;
+
+_ipu aka_ eine zähe, braune, von aussen schwarze und bröckelnde,
+teilweise auch steinharte Masse;
+
+_ipu seluwang_ einen zähen, schwarzen Extrakt.
+
+Alle diese _ipu_-Arten haben einen intensiv bitteren Geschmack. Sie
+enthalten sämmtlich Strychnin und _ipu tana_ ausserdem auch
+Brucin. Derrid fehlte auch bei diesen Giften.
+
+Augenscheinlich stammen alle _ipu_-Gifte von Strychnosarten ab. Die
+Holz- und Bastteile der diese Gifte liefernden Pflanzen ergaben
+bei der Untersuchung alle als giftige Bestandteile Alkaloide. Nicht
+nur der Bast, sondern hauptsächlich auch das Holz erwiesen sich als
+strychninreich, während das Holz von _ipu seluwang_ ausserdem auch
+noch Brucin enthielt. Es ist daher wahrscheinlich, dass _ipu tana_
+und _ipu seluwang_ oder die dazu gehörigen Holzproben aus Versehen
+verwechselt worden sind.
+
+Da bei _ipu kajo_ hauptsächlich in den Holzteilen viel Strychnin
+gefunden wurde, ist es wahrscheinlich, dass bei der Herstellung
+dieses Giftes nicht nur geschabter Bast, sondern auch geschabtes Holz
+verwendet wird.
+
+Man bereitet sämmtliche _ipu_-Pfeilgifte, indem man den Bast,
+vermutlich auch das Holz der betreffenden Pflanzen, fein zerreibt,
+mit Wasser auszieht und die Lösung vorsichtig eindampft, bis sie eine
+dicke, zähe, schwarzbraune Masse bildet. Diese wird in kleinen Mengen
+in den Palmblättern einer Licula-Art aufbewahrt. Beim Gebrauch erweicht
+man das Ende eines Stückchens _ipu_ über Wasserdampf und bestreicht
+damit die Pfeilspitzen, welche sodann in einiger Entfernung vom Feuer
+getrocknet werden. Den Wasserdampf lässt man durch die Öffnung eines
+trichterförmig gewundenen Bananenblattes, das über ein Bambusgefäss
+mit kochendem Wasser gestülpt worden, hindurchstreichen.
+
+Dass die Wirkung des _ipu_ mit derjenigen des Strychnins übereinstimmt,
+davon überzeugte ich mich einst, als ein Hund von einem Pfeile nicht
+sogleich tötlich getroffen wurde. Das Tier lag mit Bewusstsein auf der
+Seite, die Zunge aus dem Maule hängend und litt, wie die schnellen,
+kurzen Atemzüge andeuteten, an Atemnot. Ab und zu stellten sich
+spontan Konvulsionen ein, bei denen sich der ganze Körper streckte;
+sie wechselten mit tonischen Krämpfen. Erschütterte man das eine Ende
+des freiliegenden Fussbodenbrettes, auf dem das Tier lag, so wurden
+die Zuckungen so heftig, dass der Hund bis auf 1/2 m Höhe aufsprang;
+er gab dabei keinen Laut von sich.
+
+Das Schiessen mit dem Blasrohr hat auf der Jagd und im Kriege den
+grossen Vorteil, dass man auf das Opfer, ohne es zu verscheuchen, so
+lange Pfeile abschiessen kann, bis einer trifft. Übrigens sind auch
+viele Nachteile damit verbunden, besonders bei der Jagd auf grosse
+Tiere, für die die Wunde niemals sofort tötlich ist und die auch
+durch die Giftwirkung nicht sogleich bewegungslos werden. Sie behalten
+daher immer noch genug Kraft, um bedeutende Abstände zurückzulegen,
+was den Jägern viel Schwierigkeiten bereitet, da bereits ganz in
+der Nähe gefallenes Wild in dem dichten Walde, auf dem mit Blättern,
+Ästen und Gestrüpp bedeckten Boden, schwer zu finden ist.
+
+Die Pfeile erfahren ferner, ihres geringen Gewichtes wegen, leicht
+eine Ablenkung, hauptsächlich auf freier Fläche bei Wind.
+
+Unter den sesshaften Dajak begegnete ich nie einem, der im Schiessen
+mit dem Blasrohr eine besondere Geschicklichkeit an den Tag legte;
+die Punan verstanden sich hierauf viel besser. In den Proben,
+die sie vor mir ablegten, schossen sie zwar auf 40-50 m Abstand,
+aber die Treffsicherheit liess viel zu wünschen übrig und war mit
+derjenigen eines Gewehrschusses mit Kugel nicht zu vergleichen. Für
+die Jägerstämme jedoch, die in den fast windstillen Wäldern leben,
+bildet das Blasrohr, weil es mehrere Pfeile auf das gleiche Tier
+abzuschiessen gestattet, eine praktische Waffe, der sie sich auch
+Menschen gegenüber gut zu bedienen verstehen.
+
+Die Schilde (_klebit_) der Bahau haben die bekannte länglich
+viereckige Form mit dreieckiger Verlängerung nach oben und unten. Die
+mit Menschen- und Tierfiguren und Masken stark verzierten Exemplare,
+die bisweilen nach Europa ausgeführt werden, traf ich bei den Stämmen
+von Mittel-Borneo nur selten; sie bedienen sich auf ihren Zügen stets
+einfacher, glatter Schilde aus leichtem, festem, braunem Holze, die
+in der Mitte und an den Seiten, der Breite nach, mit Rotangschnüren
+verstärkt werden. Ich fand bei den Kajan noch eine alte, viereckige,
+eiserne Platte mit zwei Spitzen, die, als Schutz für die an der
+Rückseite befindliche Hand, vorn in der Mitte der Aussenfläche
+befestigt wurde.
+
+Die einfachen Schilde werden nie mit Haar verziert; dies geschieht
+nur mit den bemalten Schilden, die daher _klebit bok_ (Haarschild)
+genannt werden. Gegenwärtig wird am Kapuas nicht mehr das Haar
+erschlagener Feinde als Zierat gebraucht, auch ist es verboten, als
+Waffenverzierung Menschenhaar aus dem eigenen Stamm zu verwenden. Das
+Haar für die Schilde wird jetzt hauptsächlich von den Taman Dajak
+gekauft, die mit ihrem eigenen Haar Handel treiben. Für die Schwerter
+benützt man vielfach eingeführte, gefärbte Tierhaare.
+
+Nur die Punan und Bukat gebrauchten ursprünglich und zum Teil auch
+noch jetzt keine Schilde.
+
+
+
+
+KAPITEL VIII.
+
+ Rolle des Ackerbaus bei den Bahau und Kenja--Religiöse
+ Vorstellungen beim Ackerbau Legende von der Entstehung der
+ Ackerbauprodukte--Art der Feldbewirtschaftung--Vorzeichensuchen
+ bei der Wahl der Felder--Bestimmung der Saatzeit-Perioden
+ des Reisbaus--Bedeutung der Ackerbaufeste--Saatfest:
+ religiöse Zeremonien; Masken- und Kreiselspiel--Neujahrsfest
+ Festgebräuche--Zweite Namengebung der Kinder--Darbietung der
+ Opfer--Tänze der Priesterinnen--Ringkampf--_aron uting_ =
+ Festtag des Schweinefleischessens--_aron kertap_ = Festtag des
+ Klebreisessens--_nangeian_ = Rundtanz der Priesterinnen und
+ Laien--Schlusszeremonien beim Neujahrsfest.
+
+
+Die Bahau und Kenja sind Ackerbauer; sie widmen sich hauptsächlich
+dem Bau ihres wichtigsten Nahrungsmittels, des Reises; alle übrigen
+Bodenerzeugnisse spielen daneben eine untergeordnete Rolle. Der
+Ackerbau beherrscht im Grunde das ganze Leben dieser Stämme: ihr Jahr
+ist das Jahr des Reisbaues, das sie in die verschiedenen Perioden
+einteilen, welche die Bearbeitung des Reisfeldes und die Behandlung
+des Reises selbst bedingen.
+
+Die Herstellung von Wohnung, Kleidung und sonstigen Artikeln nehmen
+die Kajan in der Zeit vor, die der Reisbau ihnen gerade übrig lässt,
+vor allem nach dem Jäten der neuangelegten Felder und in der letzten
+Ernteperiode. Dinge, die sie jetzt nicht mehr selbst verfertigen
+oder gewinnen, wie Salz und einige Arten Zeug, werden den malaiischen
+Händlern mit Bodenprodukten bezahlt.
+
+Bei Stämmen, deren Denken so stark vom Ackerbau in Anspruch genommen
+wird, nimmt es nicht Wunder, dass sie ihre Vorstellungen von den ihr
+Wohl und Wehe beherrschenden Mächten mit diesem in engen Zusammenhang
+bringen. Die Geisterwelt steht mit dem Ackerbau der Bahau in inniger
+Verbindung, ohne ihre Zustimmung kann eine Feldarbeit überhaupt
+nicht vorgenommen werden. Auch fallen alle grossen Volksfeste mit den
+verschiedenen Perioden des Reisbaus zusammen. Da nach der Ernte ein
+besonderer Wohlstand herrscht, werden, schon aus praktischen Gründen,
+auch alle Familienfeste, die einen grossen Aufwand erfordern, auf
+das Neujahrsfest am Schluss der Ernte verlegt.
+
+Die beiden mächtigen Geister, _Amei Awi_, und dessen Gattin, _Buring
+Une_, die nach der Überzeugung der Kajan in einer Welt leben,
+die unter dem Erdboden liegt, beherrschen den ganzen Ackerbau
+und lassen den. Ausfall der Ernte grösstenteils vom Benehmen des
+Feldeigentümers abhängen, und zwar nicht nur von dessen sittlichem
+Betragen, sondern vor allem davon, ob er alle ihnen zukommenden Opfer
+und ihre Warnzeichen genügend beachtet hat.
+
+Dem Häuptling fällt eine wichtige Rolle beim Ackerbau zu: er muss
+bei den Festen im Namen des ganzen Stammes die vorgeschriebenen
+Beschwörungen durch die Priesterinnen ausführen lassen.
+
+Alle religiösen Zeremonien, die der Ackerbau erfordert, finden
+auf einem kleinen, besonders zu diesem Zweck angelegten Reisfeld
+(_luma lali_) statt; hier leitet auch die Häuptlingsfamilie jedes
+neue Verfahren des Reisbaus, wie das Säen, Jäten, Ernten ein;
+die feierlichen Handlungen, die dabei vorgenommen werden, haben
+symbolische Bedeutung.
+
+Die Geister walten nicht nur über dem Gelingen oder Misslingen der
+ganzen Ernte, sondern sie haben auch die angebauten Produkte: Reis,
+Mais, süsse Erdäpfel, Tabak u.s.w. besonders für die Bahau auf Erden
+entstehen lassen.
+
+Nach der Überlieferung der Mendalam Kajan lebte nämlich in alten
+Zeiten, als sie noch das Stammland Apu Kajan bewohnten, ein Ehepaar:
+_Batang Timong Nangei_ und seine Frau _Uniang Bulan Batang Ngaui
+Ingan_ (ihre Namen stehen mit dem Ackerbau in Verbindung, denn
+_nangei_ bedeutet das Feiern des neuen Jahres am Ende der Reisernte,
+_ingan_ ist ein Reiskorb u.s.f.). Das Ehepaar hatte zu seinem Kummer
+keine Kinder und, um sie zu erlangen, ging der Mann, auf Anraten
+der Geister, darauf aus, eine bestimmte Art Rotang zu suchen. Nach
+mehr als einem Jahr kehrte der Mann ohne Erfolg und völlig erschöpft
+heim. Seine Gattin _Uniang_ war aber inzwischen gestorben, weil sie
+während einer Verbotszeit des Säens genäht und hierdurch den Zorn der
+Geister erregt hatte. Ihr Tod hatte sich folgendermassen zugetragen:
+Als _Uniang_ einmal wieder zu verbotener Zeit bei der Arbeit sass,
+fiel durch das Dach eine Nadel vom Himmel gerade auf ihren kleinen
+Finger, der zu bluten begann. Die Blutung war nicht zu stillen und
+so musste die Frau allmählich verbluten; aus ihrem hervorquellenden
+Blute entstand aber Reis (_parei_) und nach ihrem Tode aus dem Rumpf
+Bananen (_pute_), aus ihren Haaren Zuckerrohr (_tewo_), aus ihren
+Oberarmen _kladi_, aus ihren übrigen Körperteilen andere mit dem
+Reis zugleich gebaute Gewächse wie: Gurken, süsse Erdäpfel (_obe_)
+u.s.w., aus den Schamteilen ging Tabak (_bako_) hervor, daher geben
+die Frauen ihren Liebhabern Zigarren zu rauchen.
+
+Sowoht Bahau als Kenja legen trockene Reisfelder (_luma_ im Busang
+_ladang_ im Malaiischen) an. Ein Stück Wald, jung (_talon_) oder alt
+(_tuwan)_, wird einige Meter oberhalb des Erdbodens gefällt, das
+Holz liegen gelassen, bis die Sonne es etwas getrocknet hat und das
+Ganze dann in Brand gesteckt. Ohne den Boden weiter zu bearbeiten,
+werden mit einem hierfür bestimmten Stocke (_tol_) Löcher in die Erde
+bzw. die Asche gebohrt, in welche man dann den Reis (_parei_) sät.
+
+Jede Familie besitzt ein eigenes Reisfeld; sobald erwachsene Kinder da
+sind, erhalten sowohl Söhne als Töchter ein eigenes Feld. Hier bauen
+sie neben Reis auch Mais, Bataten, Tabak, Zuckerrohr und _kladi_
+(Colocasia antiquorum); ein besonderes Feld wird nur für die das
+Fischgift (_tuba_) liefernden Schlingpflanzen angelegt. Da man das
+Reisfeld jedes Jahr oder spätestens nach zwei Jahren wieder verlässt,
+werden nur selten Fruchtbäume ausser Bananen und Papaya (Carica Papaya)
+darauf gepflanzt; diese werden vielmehr von jeder Familie dicht vor
+oder hinter dem langen Hause mit Betel und Ähnlichem in kleinen Gärten
+gezogen, die, zum Schutz gegen die frei umherlaufenden Schweine,
+mit festen Hecken umgeben werden.
+
+Unter den Fruchtbäumen sind die wichtigsten: _duku_ (Lansium
+domesticum), _durian_ (Durio zibethinus), verschiedene Citrusarten,
+Papaya (Carica Papaya), _djambu_ (Jambosa) und _blimbing_ (Capura
+Zollingeriana T. et B.).
+
+Die Kokospalme kommt selten vor, trägt wenig Früchte und ist nur,
+insofern sie Leckerbissen liefert, von Bedeutung.
+
+Obgleich die Frauen sowohl bei der Feldarbeit als bei den zugehörigen
+religiösen Handlungen eine wichtige Rolle spielen, wird der Boden
+für ein neu anzulegendes Feld doch ausschliesslich von Männern
+ausgesucht. Das männliche Haupt des Dorfes trachtet zuerst von den
+Vögeln und anderen wahrsagenden Tieren zu vernehmen, ob das von ihm
+gewählte Grundstück auch einen guten Ertrag verspricht. Handelt es
+sich darum, Urwald (_tuwan_) oder jungen Wald (_talon_) zu fällen, so
+benützen die Bahau am Mendalam den _telandjang_ (Platylophus coronatus)
+als wahrsagenden Vogel; wegen des Urwaldes wird auch noch das Reh
+(Cervulus muntjac) befragt. Der Häuptling begiebt sich zu diesem
+Zwecke in das gewählte Waldstück und klopft an den Bäumen, bis er
+den _telandjang_ hört oder sieht. Zeigt sich der Vogel rechts von
+ihm, so ist das Grundstück gut gewählt, zeigt er sich jedoch links,
+so muss ein anderes Stück Wald gesucht werden. Hat der Häuptling das
+gewünschte Vorzeichen gefunden, was oft 2-3 Tage dauert, so beginnen
+die übrigen Männer ebenfalls die Tiere zu befragen. Ist dies geglückt,
+so muss das ganze Dorf 4 Nächte "_melo njaho_" d.h. "stillsitzen wegen
+der Vorzeichen". Es darf dann kein Dorfbewohner mit der Aussenwelt
+in Berührung kommen oder mit einem Vorübergehenden sprechen; es darf
+auch kein Fremder das Dorf betreten. Dann verwendet man 3 Tage darauf,
+das Unterholz mit dem Schwerte wegzuräumen, _meda_, worauf wiederum
+ein _melo njaho_ von 4 Nächten folgt. Die Bahau rechnen nämlich nach
+Nächten statt nach Tagen.
+
+Auch der Schrei des _kidjang_ (Reh), rechts oder links vom Beobachter,
+zeigt an, ob ein Stück Urwald gefällt werden darf oder nicht. Hat
+das Reh die Wahl gebilligt, so muss das ganze Dorf 8 Nächte _melo
+njaho_. Man darf dann das Haus wohl verlassen, aber keinen Reis als
+Proviant mitnehmen und keine Nacht ausserhalb des Hauses verbringen
+(_san)_.
+
+Obgleich im Innern von Borneo nur eine geringe Anzahl Menschen wohnt,
+ist doch alles Land so unter den verschiedenen Stämmen verteilt,
+dass jeder nur in einem bestimmten Gebiete seine Reisfelder anlegen
+darf. Wenn ein Stamm aus einer Gegend fortzieht, hat ein anderer das
+Recht, sie zu bebauen; auf die herangewachsenen Fruchtbäume jedoch
+machen die früheren Besitzer noch viele Jahre Anspruch.
+
+Auf noch nie bebaut gewesene Grundstücke haben alle Glieder eines
+Stammes gleiche Rechte und dürfen sich daher ihren Teil nach Belieben
+wählen. Ein einst bebaut gewesener Boden bleibt aber, auch wenn er
+seit Jahren verlassen ist, stets das Eigentum desjenigen, der ihn
+zuerst bearbeitete. Am Mahakam werden derartige Grundstücke nicht
+verkauft, wohl aber verpachtet oder gegen andere eingetauscht. Als
+Grenzzeichen benützt man Bäume, grosse Steine oder Bäche.
+
+In Anbetracht, dass für das Trocknen und Verbrennen des gefällten
+Waldes die trockenste Jahreszeit erforderlich ist, sucht man, unter
+normalen Verhältnissen, diese Arbeiten während des Juli und August,
+wo die grösste Aussicht auf Trockenheit vorhanden ist, zu Ende zu
+führen. Dass die Ernte dann auf die Regenzeit zwischen Dezember
+und März fällt, ist für die Stämme von Mittel-Borneo von geringerer
+Bedeutung.
+
+Den Beginn der verschiedenen Perioden des Reisbaus lässt man von
+den Umständen abhängen, nur für das Säen sucht man bestimmte Tage
+einzuhalten. Wenn irgend möglich, beginnt man mit der Saat an dem Tage,
+wo die Sonne an einem bestimmten Punkte des Horizontes untergeht.
+
+Bei den Kajan am Mahakam richtete der Oberpriester neben dem neuen
+Hause am _Blu-u_ zwei längliche Steine von verschiedener Höhe auf
+und stellte sie so, dass das Zeichen für die Saat gegeben war, wenn
+die Sonne in der Verlängerung ihrer Verbindungslinie unterging.
+
+Man erzählte mir, dass die Höhlungen in einem Felsblock bei Batu Sala,
+im Flussbett des oberen Mahakam, dadurch entstanden seien, dass die
+Priesterinnen der umliegenden Stämme von alters her jedes Jahr auf dem
+Stein gesessen hätten, um zu beobachten, wann die Sonne hinter einem
+bestimmten Gipfel des gegenüberliegenden Gebirges untergehen würde;
+dieser Zeitpunkt war dann für den Beginn der Saat massgebend.
+
+Ausser bei zu grosser Nässe wird mit dem Reisbau auch dann noch mit
+einer Verspätung angefangen, wenn die letzte Ernte besonders günstig
+ausgefallen war. In solchen reichen Zeiten begeben sich die Männer
+auf Handelsreisen, bauen Böte, bessern das Haus aus, oder verrichten
+sonstige Arbeiten, die sie während der Zeit drückender Feldarbeit
+nicht vornehmen können. Herrscht dagegen Reismangel im Stamme, so
+beginnt man baldmöglichst mit der Saat.
+
+Jede umfangreichere Arbeit, so auch die Bearbeitung der Reisfelder,
+wird bei den Bahau stets durch die gemeinsame Arbeit verschiedener
+Gesellschaften von 4-6 Personen besorgt. Es sind nicht immer
+Familienglieder, sondern, vor allem bei jungen Männern, häufig Freunde,
+die einander Hilfe leisten und diese später mit einer gleichen Anzahl
+von Arbeitstagen heimzahlen. Nur Söhne und Töchter sind ausdrücklich
+verpflichtet, ihre Eltern bei der Arbeit zu unterstützen. Dieses
+gemeinschaftliche Verrichten einer Arbeit nennen die Bahau: _pala dow_,
+wörtlich: tagweise.
+
+Derjenige, bei dem gearbeitet wird, muss seinen Gehilfen am
+betreffenden Tage das Essen liefern; am Mendalam wird aber, besonders
+in Zeiten von Reismangel, nicht immer während der Arbeit eine Mahlzeit
+gehalten.
+
+In der drückendsten Arbeitszeit geht jeder, der arbeiten kann, aufs
+Feld; im Hause bleiben nur Kinder unter 8-10 Jahren, Frauen, die
+Kinder unter zwei Jahren zu versorgen haben, Greise und Kranke zurück.
+
+Der Auszug aufs Feld findet am Mendalam bei Sonnenaufgang, um 6 Uhr,
+statt. Ausgerüstet mit den augenblicklich gerade erforderlichen
+Ackergerätschaften, z.B. Schwertern und Beilen zur Zeit des
+Waldfällens, Schaufeln zur Zeit des Jätens, dazu stets mit einem
+Speer bewaffnet, begeben sich die Trüppchen zum _paladow_ in einem
+Boot oder längs einem Waldpfad auf das Arbeitsfeld. Hat man zu Hause
+noch nicht gefrühstückt, so macht sich einer von der Gesellschaft,
+meist eine Frau, an die Zubereitung des Morgenimbisses.
+
+Nicht immer erreicht die Gesellschaft ihr Arbeitsfeld; begegnet
+sie unterwegs einem links auffliegenden Vogel, der gerade zu den
+wahrsagenden gehört, oder bemerkt sie eine rotköpfige Schlange
+(Doliophis bivirgatus Boie), die den Kopf in die Richtung des Hauses
+dreht, oder hört sie den Schrei eines Rehs, so kehren sämmtliche
+Teilnehmer unverrichteter Sache wieder nach Hause zurück. Auch wenn
+die Gesellschaft in dem Häuschen, das oft auf dem Felde errichtet
+wird, eine beliebige Schlange erblickt, macht sie sich schleunigst
+auf den Heimweg.
+
+Bei den verschiedenen Stämmen sind auch die Warnzeichen, welche einen
+Aufschub der Feldarbeit verlangen, einigermassen verschieden.
+
+Die Bahau beschäftigen sich an den Tagen, an denen die Tiere ihnen
+die Arbeit auf dem Reisfelde verbieten, zu Hause mit Flechtarbeit,
+Nähen und dergl.
+
+Das Wahrnehmen schlechter Vorzeichen ist am ersten Tage der beginnenden
+Feldarbeit besonders verhängnisvoll; begegnet man nämlich morgens
+beim ersten Auszug einem ungünstigen Zeichen, so darf man ein ganzes
+Jahr lang überhaupt keinen Reis bauen, nur Bataten, Mais u.a. dürfen
+dann gepflanzt werden. Um derartigen Zuständen vorzubeugen, geht man
+das erste Mal, kluger Weise, nachts aufs Feld.
+
+Sieht man in der Zeit der Vorarbeiten ein Reh übers Feld laufen,
+so darf dieses ebenfalls nicht im gleichen Jahre bearbeitet werden,
+sondern man beschränkt sich auch in diesem Falle auf den Anbau anderer
+Bodenprodukte.
+
+Die Jahreseinteilung richtet sich bei den Bahau, wie bereits erwähnt,
+nach den verschiedenen Arbeiten, die auf dem Reisfelde vorgenommen
+werden. Das Jahr zerfällt demnach in 8 Perioden:
+
+_nebas = meda_ = Fällen des Unterholzes.
+
+_newang_ = Fällen der Bäume.
+
+_nutung_ =Verbrennen des gefällten Holzes.
+
+_nugal_ = Säen;_ tugal_ = Saatfest; _nugal_ = Feiern von _tugal_.
+
+_nawo_ = Jäten.
+
+_ngeluno_ = Ernten.
+
+_newuko_ = Beenden der Ernte.
+
+_nangei_ = Feiern des neuen Reisjahres; _dangei_ = Neujahr.
+
+Will ein Kajan an einer Stelle, wo im Laufe von 15 Jahren ein ungefähr
+100 Fuss hoher Wald gewachsen ist, sein Feld anlegen, so beginnt
+er damit, die kleineren Pflanzen und Gebüsche mit einem eigens für
+diesen Zweck hergestellten Schwerte umzuhauen. Wenn alles Unterholz
+am Boden liegt, kommt das Fällen der Bäume an die Reihe, die einzige
+ausschliesslich von Männern verrichtete Arbeit; sie wird mit kleinen,
+selbst hergestellten oder auch eingeführten Beilen aus hartem Stahl
+bewerkstelligt.
+
+Die Bäume werden 1-4 m über dem Boden gefällt, worauf auch die Zweige
+abgehackt werden, so dass die Stämme flach auf dem Boden zu liegen
+kommen. Auch nach einmonatlicher Dürre lassen sich die Stämme und
+dicksten Äste nur teilweise verbrennen; man räumt sie jedoch nicht
+fort, sondern sät den Reis einfach zwischen und neben dem Holz
+hin. Mit einem Teil dieses Holzes wird übrigens, um Hirschen und
+wilden Rindern den Eintritt zu wehren, das Reisfeld eingezäunt. In
+wildärmeren Gegenden unterlässt man die Herstellung dieser Hecke,
+weil sie viel Arbeit erfordert und opfert lieber einen Teil der
+Ernte. Auch den Vögeln, von denen bei beginnender Reife drei Arten
+Reisdiebe (Padda oryzivora; Munia fuscans; Munia bruneiceps) in
+grossen Schwärmen das Feld heimsuchen, und den Affen muss ein Teil des,
+Bodenertrages abgetreten werden. Bisweilen verursachen auch Insekten
+und deren Larven einen so grossen Schaden, dass von der ganzen Ernte
+beinahe nichts übrig bleibt. Allen diesen Schädlingen gegenüber sind
+die Bahau viel wehrloser als die Malaien; nur durch Schreien und
+Schlagen auf Bambusgefässe gelingt es ihnen mit viel Anstrengung,
+einige der Räuber zu vertreiben.
+
+Befindet sich ein Reisfeld in der Nähe des Hauses, so wird es von
+diesem aus bewirtschaftet, hat man es aber in grösserer Entfernung
+anlegen müssen, so wird das tägliche Hin- und Herziehen zu mühsam;
+man baut daher auf dem Felde selbst ein Häuschen (_lepo luma_) auf
+Pfählen, in welches die ganze Familie einzieht. In sicheren Gegenden
+wohnen die Familien oft weit auf den Feldern zerstreut, wodurch der
+Stammverband oft gelockert wird.
+
+Die den Reisbau begleitenden religiösen Feste sind bei allen Stämmen
+etwas verschieden, nur die ihnen zu Grunde liegenden Vorstellungen
+sind überall die gleichen. Im wesentlichen handelt es sich stets
+darum, die Geister und die Seelen des Reises durch Opfer aller Art
+zu versöhnen und günstig zu stimmen.
+
+Die Mendalam Kajan erfreuen sich eines ziemlich regelmässigen
+Ernteertrages; ihre Ackerbaufeste finden daher auch jedes Jahr statt;
+die Mahakam Kajan dagegen können wegen häufiger Missernten nur alle
+2-3 Jahre ein Neujahrsfest (_dangei_) feiern.
+
+Trotzdem diese Festlichkeiten am Mendalam regelmässiger gefeiert
+werden, folgt man ihnen am Mahakam doch mit lebhafterem Interesse und
+die Bedeutung aller Zeremonien und Spiele lässt sich hier auch viel
+besser verfolgen. Am Mendalam kam ich zu der falschen Vorstellung, dass
+die Volksspiele, die bei den Festen stattfinden, rein willkürlich zur
+Saat- oder Erntezeit vorgenommen werden; am Mahakam dagegen merkte ich,
+dass selbst dem Maskenspiel beim Saatfest eine gleich tiefe Bedeutung
+wie irgend einer durch die Priesterinnen verrichteten Handlung zukommt.
+
+Für die Denkweise der Kajan ist die Tatsache charakteristisch, dass bei
+den Erntefesten nicht nur die Menschen im Überfluss schwelgen dürfen,
+sondern dass auch ihre Haustiere: Schweine, Hunde und Hühner, die
+für gewöhnlich vom Abfall leben, in der Festzeit sich gut gekochten
+Reises erfreuen dürfen. Als ich einst _Akam Igau_ fragte, warum sich
+die Kajan aller geistigen Getränke enthielten, gab er mir als einen
+der Gründe an, dass sie sonst nicht genügend Reis hätten, um auch
+die Tiere an den Festmahlzeiten teilnehmen zu lassen. Ausserdem wies
+er auf die traurigen Folgen hin, die der Genuss von Reisbranntwein
+(_tuwak_) für seine Nachbarn, die Taman Dajak, hatte.
+
+Bei allen religiösen Handlungen fürchten die Kajan die Anwesenheit
+Fremder, weil diese die angerufenen Geister erschrecken und verstimmen
+könnten; daher dürfen die malaiischen Händler in Tandjong Karang auch
+nie Festlichkeiten beiwohnen.
+
+Obgleich ich mich nun stets davor hütete, meinen Gastherren meine
+Gegenwart, falls sie nicht gewünscht wurde, aufzudrängen, erschien mir
+das Saatfest doch so interessant, dass ich es mitzumachen beschloss,
+auch auf die Gefahr hin, den Unwillen der Dorfbewohner zu erregen.
+
+Ich hatte daher auf die schüchternen Fragen, ob ich bei den
+Festlichkeiten zugegen sein wolle, bejahend geantwortet. Am Morgen
+des Festtages war aber ein guter Teil der Häuptlingsfamilie mit der
+Priesterschaft bereits aufs geweihte Feld (_luma lali_) gezogen,
+als _Akam Igau_ mich noch mit dem Versprechen hinhielt, mir später
+das Boot seines ältesten Sohnes zur Verfügung stellen zu wollen,
+das mich an das jenseitige Ufer zum Schauplatz der Festlichkeit
+bringen sollte. Nachdem ich vergeblich auf dieses Boot gewartet
+hatte, bestieg ich dasjenige, in dem _Akam Igaus_ älteste Tochter,
+_Tipong Igau_, zum Festplatz fahren sollte. _Tipong_ besass im
+grossen Hause von Tandjong Karang die einflussreichste Stellung;
+auch gehörte sie zu den obersten Priesterinnen und legte als solche
+meinen Nachforschungen nach den Lebensverhältnissen und religiösen
+Überzeugungen der Kajan die grössten Hindernisse in den Weg. Aber
+obwohl fanatisch, war _Tipong Igau_ doch nicht boshaft und wies daher
+auch meine Begleitung nicht ab, trotzdem sie diese durchaus nicht
+zu schätzen schien. Sie hatte übrigens gleich einen Grund gefunden,
+um ihr religiöses Gewissen zu beschwichtigen; denn als ihr mitten
+auf dem Flusse ein vorüberfahrender Malaie zurief, dass ich, als
+Fremder, nicht zur Feier gehöre, gab sie ihm sofort zur Antwort,
+dass ich Kajanisch spreche und folglich auch zu den Kajan gehöre.
+
+Dass meine Anwesenheit als etwas Aussergewöhnliches betrachtet wurde,
+merkte ich auch später, bei der Rückkehr von dem Feste. Ein zum Islam
+übergetretener Kajan fragte mich nämlich, ob ich bei der Feier zugegen
+gewesen sei. Auf meine bestätigende Antwort ergriff er schweigend
+meine Hand, lächelte mich von der Seite an und ging weiter--ein
+Ausdruck seiner Bewunderung, dass ich es in der Volksgunst bereits
+so weit gebracht hatte.
+
+Durch _Tipong Igaus_ Auffassung beruhigt, bestieg ich mit ihr
+das hohe Ufer und befand mich sogleich auf dem _luma lali_, das
+unmittelbar hinter den Trümmern eines früheren Kajanhauses angelegt
+worden war. Neben dem _luma lali_ der Häuptlingsfamilie lagen die
+geweihten Felder der übrigen Familien, die das Fest am folgenden Tage
+begehen sollten. Diese kleinen Felder werden niemals des Ertrages
+wegen bebaut, sie dienen nur als Schauplatz religiöser Handlungen,
+auch werden auf ihnen symbolisch alle Arbeiten eingeleitet, die später
+auf den wirklichen Reisfeldern vorgenommen werden müssen.
+
+Bei meiner Ankunft bemerkte ich zuerst, unter einem auf vier Pfählen
+ruhenden Baldachin aus Palmblättern, zwei weibliche und zwei männliche
+Priester, die sich mit der Zubereitung der Opfer beschäftigten; die
+Frauen stellten _kawit_ her, während die Männer aus Fruchtbaumholz
+die erforderlichen Stücke für das Opfergerüst (_pelale_) schnitzten.
+
+Inzwischen befasste sich der profanere Teil der Familie und Sklaven mit
+deren irdischen Interessen, indem er in einigen grünen Bambusgefässen
+Klebreis und in anderen Hühner- und Schweinefleisch kochte. Die Kinder
+umringten alle diese Herrlichkeiten, während Jünglinge und Jungfrauen,
+im Schatten abgelegenerer Gebüsche sitzend, bei süssem Minnespiel
+die Welt um sie her zu vergessen schienen.
+
+Um die Stelle, wo das Opfergerüst aufgestellt werden sollte,
+bauten zwei Männer aus dickem Holze eine feste, ungefähr 1 m hohe
+pyramidenförmige Hülle mit seitlicher Öffnung, worauf die älteste
+_dajung_ um die Hülle etwas Reis säte und dann die jungen Leute
+herbeirief, um das ganze Feld weiter zu besäen. Während die jungen
+Männer mit ihrem Pflanzstock (_tol_) Löcher in den Boden bohrten,
+streuten die jungen Mädchen, hinter ihnen hergehend, den Reis in
+die Gruben; die gegenseitigen Sympathieen der Pärchen blieben dabei
+nicht verborgen.
+
+Unterdessen waren die Bambusgefässe teilweise schon verkohlt,
+ein Zeichen, dass ihr Inhalt bereits gar geworden war und dass das
+Festmahl beginnen konnte. Höflicher Weise bot man mir zuerst meinen
+Anteil an der Mahlzeit an, den ich, mit Rücksicht auf die in Ungeduld
+harrende Jugend, so schnell als möglich zu bewältigen trachtete. Der
+Anblick der Gesellschaft, die jetzt in festem Klebreis und dem so
+seltenen Schweine- und Hühnerfleisch förmlich schwelgte, erheiterte
+mich nicht wenig.
+
+Nach beendetem Mahl fragte mich _Tipong_, ob ich nun, da alles vorüber
+sei, nicht nach Hause fahren wollte; da aber niemand sonst sich zum
+Aufbruch rüstete, glaubte ich ihre Langmut noch weiter auf die Probe
+stellen zu müssen und erklärte, noch etwas warten zu wollen.
+
+Da holte _Tipong_ mit den anderen Priesterinnen einen grossen Behälter
+mit _kawit_ herbei, erwärmte sie zum Schein, steckte sie in kleine
+Bambusgefässe und stellte diese zerstreut auf dem Felde auf. An
+jeder Stelle, wo ein solches Opferpäckchen niedergelegt wurde, blieb
+_Tipong_ mit zwei Oberpriesterinnen stehen und redete halblaut mit
+den Geistern. Leider konnte ich wegen der lauten Schläge der Gonge
+nichts von ihrem Gemurmel verstehen.
+
+Darauf folgte die Aufrichtung des Opfergerüstes unter der
+pyramidenförmigen Hülle: fünf _dajung_ knieten vor der Öffnung; die
+älteste nahm aus einem Behälter die von den Männern geschnitzten
+Hölzer und stellte sie so zu einem _pelale_ auf, wie es in dem
+Kapitel über Gottesdienst beschrieben worden ist. Über das Ganze
+setzte sie ein Dach, das gleichzeitig dazu diente, zwischen den vier,
+oben herausragenden, kleinen Stützbalken eine grosse Anzahl _kawit_
+zu tragen. Rings um das Gestell wurde etwas Hühnerblut gegossen und
+einige Reiskörner gesät, worauf die Öffnung der Hülle mit ein paar
+Holzstücken geschlossen wurde. Auch hierbei musste die Priesterin den
+Geistern eine lange Rede halten, die erst beendigt wurde, nachdem
+ein paar Bambushalme und Fruchtbaumzweige rings herum in den Boden
+gepflanzt worden waren. Einige geschlachtete Küchlein, einige Eier
+und kleine Bambusgefässe mit Schweineblut wurden als weitere Opfer
+für die Geister an die Zweige gehängt.
+
+Hiermit war die eigentliche Zeremonie beendigt; die Teilnehmer waren
+aber noch nicht befriedigt; besonders trachteten die Mütter kleiner
+Kinder von dem aussergewöhnlichen Einflusse, der von dem Opfergestell
+ausströmen musste, für ihre Kleinen Nutzen zu ziehen. Zuerst wurde
+uns der Behälter mit den übriggebliebenen _kawit_ gereicht, um unsere
+Hand hineinzustecken und darauf eine Schüssel mit Wasser. Durch beide
+Handlungen sollte unseren Seelen etwas Angenehmes erwiesen werden.
+
+Hierauf verteilte man _kawit_ unter die Frauen, die sich mit den
+Kindern auf den Tragbrettern oder mit diesen allein zum Opfergerüst
+begaben; unter Hersagen einiger Worte liessen sie den guten Einfluss
+des _pelale_ auf die am Tragbrett hängende Schlinge übergehen und
+legten dann eine _kawit_ neben ihm auf den Boden nieder. Mit dem
+Befestigen einer _kawit_ am Tragbrett erreichte die Zeremonie ihr Ende.
+
+Erst im letzten Augenblick traf _Ju_, der älteste Sohn des Häuptlings
+(_Akam Igau_ hatte ihn seltsamer Weise, wie er angab, um ihm ein
+glücklicheres Dasein zu verschaffen, in Bunut Malaie, d.h. Mohammedaner
+werden lassen), mit seiner Frau ein, so dass ich, sehr befriedigt
+über meine Beharrlichkeit, mit der Gesellschaft heimkehrte.
+
+Am ersten Tage des Saatfestes darf die ganze Bevölkerung, die sehr
+jugendliche und sehr alte abgerechnet, von 8 Uhr morgens bis 6
+Uhr abends nicht baden (_pongan);_ hierauf folgt eine 8 nächtliche
+Ruhezeit (_melo)_, in der man weder arbeiten noch mit seiner Umgebung
+verkehren darf. Am 10ten Tage, dem ersten einer zweiten Periode von
+einem Tage und acht Nächten, folgt, wie am ersten, das _pongan_, das
+Badeverbot. In der folgenden, achtnächtlichen Periode wird das grosse,
+eigentliche Reisfeld besät. Am roten Tage gilt wieder das _pongan_,
+diesmal ohne folgendes _lali_, und mit einem weiteren _pongan_ am
+loten Tage ist die Zeit der Reissaat abgelaufen.
+
+Ausser dem grossen Festmahl am ersten Tage des Saatfestes und dem
+zweiten für die geringeren Leute am folgenden Tage haben die Kajan
+in der ersten Periode der Abgeschlossenheit noch allerlei andere
+Gelegenheit, um sich zu unterhalten. Sie lassen sich durch das
+erzwungene Niederlegen von Hammer und Beil, durch das Verbot, abends
+oder nachts ausser dem Hause zu verweilen, und durch die Abwesenheit
+von Fremden die Laune nicht verderben. Die Männer finden auch zu Hause
+in ihren Schnitz- und Flechtarbeiten, die Frauen in ihren geliebten
+Perlenarbeiten angenehme Beschäftigung. Ausserdem haben die jüngeren
+Leute mit den Vorbereitungen zu der am Ende der ersten Verbotszeit
+stattfindenden Maskerade viel zu tun.
+
+Die Masken der Männer und die der Frauen sind ganz verschieden,
+stellen aber alle die bösen Geister dar. Die entsetzlichen Köpfe
+und lang behaarten Leiber, welche sie den Dämonen zuschreiben,
+veranschaulichen die Männer durch hölzerne Gesichtsmasken (_hudo
+kajo_) und fein zerschlitzte Bananenblätter, die sie sich um den
+Leib wickeln. Die Frauen verfertigen sich Masken aus Tragkörben
+(_hudo adjat)_, indem sie diese cylinderförmigen, aus feinem Rotang
+geflochtenen Körbe mit weissem Kattun, auf den mit grossen Stichen
+ein menschliches Antlitz genäht ist, überziehen; zu beiden Seiten
+des Korbes befestigen sie die grossen Ohrgehänge der Kajan. Der Korb
+wird mit der Öffnung nach unter auf den Kopf der Trägerin gestülpt
+und diese bis zur Unkenntlichkeit mit Zeug umwickelt.
+
+Während des Saatfestes unterhalten sich die Männer auch öfters mit dem
+Kreiselspiel (_pasing_). Die Kreisel sind oval, abgeplattet, glatt und
+2 bis 3 kg schwer. Das Spiel besteht darin, dass einer den Kreisel
+(_asing_) seines Vorgängers mit dem seinigen aus dem Wege zu räumen
+versucht und zwar so, dass der eigene Kreisel sich dabei stets weiter
+fortdreht, bis auch er das Opfer des folgenden wird. Die älteren Männer
+benützen bisweilen mehrere Kilo schwere Kreisel aus Eisenholz; meist
+werden für die Festlichkeit neue Kreisel geschnitzt. Stets fand sich
+abends auf dem Platze vor der Häuptlingswohnung eine Gesellschaft
+junger, bis 30 Jahre alter Männer ein, die vor den weiblichen
+Zuschauern auf der Galerie in Kraftentfaltung und Geschicklichkeit
+mit einander wetteiferten.
+
+Der achte Tag bot den Kajanmägen wieder etwas Besonderes, nämlich
+ein Festmahl mit dem beliebten Klebreis als Hauptgericht.
+
+Am folgenden Tage sammelten die Frauen allerhand essbare Blätter
+in ihren Gärtchen und auf den Feldern. Wie bei allen religiösen
+Festen, dienten zum Kochen auch dieser Blätter frische grüne
+Bambusgefässe. Gegen Abend fuhren die Frauen ans jenseitige Ufer
+und besprengten die Erde des geweihten Reisfeldes mit dem Wasser, in
+welchem die Blätter gekocht worden waren. Nachdem sie die geleerten
+Bambusgefässe zerschlagen und die Trümmer neben dem Opfergestell
+niedergelegt hatten, kehrten sie befriedigt nach Hause zurück.
+
+Der Tag des zweiten _pongan_ war der Maskerade gewidmet. Gegen
+Abend begannen sich die Hausbewohner auf der Galerie vor der
+Häuptlingswohnung zu versammeln und sich ein Plätzchen, von dem aus
+sie die kommenden Dinge gut beobachten konnten, auszusuchen.
+
+Zuerst erschienen einige in grüne Massen zerschlitzter Bananenblätter
+verwandelte Männergestalten mit Holzmasken und Kriegsmützen und
+begannen schweigend, nach dem Rhythmus der Gonge, in der Weise der
+Javaner beim "_tandak_", einen Tanz auszuführen. Es folgten noch
+mehr solcher Gestalten, von denen einige auch Kriegstänze nachahmten;
+infolge des grossen Gewichtes der Blättermassen ermüdeten sie jedoch
+bald, auch begleiteten sie ihre hohen Sprünge nicht mit Kreischen,
+wie bei den eigentlichen Kriegstänzen.
+
+Bei Einbruch der Dunkelheit wurden diese Tänze von der aufregenden
+Vorstellung einer Wildschweinjagd abgelöst. Das Schwein stellte
+ein Mann dar, der sich einen aus Holz geschnitzten Schweinekopf
+aufgesetzt und einige Tücher umgebunden hatte; mit seinen gut
+nachgeahmten Bewegungen und Lauten machte er auch wirklich einen sehr
+schweineähnlichen Eindruck. Einige junge Leute funktionierten als
+Hunde, die den alten Eber zum Stehen gebracht hatten, und verursachten
+durch Anfallen, Zurückweichen und Kläffen einen entsetzlichen Lärm
+auf dem kleinen Platze. Die für gewöhnlich so ruhigen Kajan nahmen an
+dem Geschick des _bawui_ (Wildschwein) lebhaften Anteil; es herrschte
+ein buntes Durcheinander, das sich bei gelegentlichen Seitensprüngen
+des Schweines mitten unter die weibliche Jugend noch erheblich
+steigerte. Trotz der Wildheit des seltenen Schauspiels war auch bei
+den jüngsten bis einjährigen Zuschauern von Angst und Schrecken nichts
+zu merken; aus aller Mund klang mir lautes, herzliches Lachen entgegen.
+
+Dem Auftreten der jungen Mädchen mit ihrem _hudo adjat_ ging eine
+obszöne Vorstellung eines Mannes voraus.
+
+Mittags hatten mir bereits _Paja_, die zweite Tochter _Akam Igaus_,
+und deren Freundin mit viel Grazie vorgetanzt, um mich bei Tageslicht
+alles gut sehen zu lassen. Jetzt erschienen aber acht auf gleiche Weise
+verkleidete junge Mädchen. Beim trüben Schein der wenigen Harzfackeln
+und unter den sanften Tönen einer Art Mundharmonika, welche einer der
+Zuschauer spielte, gingen die Mädchen im Tanzschritt mit begleitenden
+Armbewegungen langsam hinter einander her. Nur zwei oder drei der
+Mädchen zeigten wirkliche Begabung zum Tanz und führten, für einen
+Kenner indischer Tänze, gefällige Bewegungen aus; die übrigen liefen
+mit eckigen, unverständlichen Gebärden nur so mit.
+
+Mit einem letzten _pongan_ wurde die Zeit der Reissaat abgeschlossen
+und zugleich die des Jätens eingeleitet. Wir liessen uns nochmals, von
+der Wohnung des Häuptlings aus, mit einigen Priestern zum geweihten
+Reisfeld übersetzen. Dort wurden wiederum _kawit_ verfertigt und
+unter dröhnendem Geläut der Gonge und Gemurmel in altem Kajanisch
+auf dem Opfergerüst zu den alten, bereits vertrockneten, hinzugefügt.
+
+Inzwischen hatte die älteste Priesterin _Usun_ mit einer Schaufel,
+an welche eine _kawit_ gebunden worden war, auf dem Platze rings um
+den _pelale_ gejätet, und nun begann auch die übrige Gesellschaft auf
+dem anderen Teil des Feldes zu jäten. Hierauf wurde das Feld nochmals
+mit einem Dekokt essbarer Blätter, in das wir vorher unsere Finger
+hatten tauchen müssen, besprengt und die Bambusgefässe zertrümmert
+zu den anderen gefügt. Nachdem die Kindertragbretter wieder mit
+_kawit_ versehen worden waren, konnten wir befriedigt das andere
+Ufer aufsuchen, Opfer und Feld den Sorgen der aufgerufenen Geister
+überlassend. Gleichwie diese an den Herrlichkeiten auf dem _pelale_,
+konnten wir uns zu Hause an einer Extramahlzeit von Klebreis, den
+die Frauen der Häuptlinge selbst gestampft hatten, erquicken.
+
+So wurde jede weitere Behandlung des Reisfeldes mit religiösen und
+kulinarischen Zeremonien eingeleitet, während welcher der Gemeinde
+stets einige Nächte Verbotszeit und bestimmte Spiele vorgeschrieben
+waren. Wie wir gesehen haben, wurde während des Saatfestes Kreisel-
+und Maskenspiel vorgenommen; beim ersten Einbringen des Reises
+(_lali parei_) beschoss man einander mit Lehmpfropfen aus kleinen
+Blasrohren--früher fanden dabei auch noch Scheingefechte mit
+hölzernen Schwertern statt--; während des Neujahrsfestes sind bei den
+Männern Wettkämpfe im Ringen, Hoch- und Fernspringen und Laufen im
+Schwange. Auch mit den Frauen wird unter grosser Fröhlichkeit gekämpft,
+wobei mit Wasser gefüllte Bambusgefässe die Hauptwaffen darstellen.
+
+Den Glanzpunkt des Jahres bildet bei den Kajan das _dangei_, das
+Neujahrsfest; die Ernte ist dann völlig eingebracht und in allen
+Familien herrscht Überfluss. Die schönsten Kleider, die während des
+ganzen Jahres sorgfältig aufbewahrt liegen, werden hervorgeholt und die
+ganze Bevölkerung lebt 8 Tage lang nur ihrem Vergnügen. Beim _nangei_
+herrscht auch keine Verbotszeit, fremde Gäste sind im Gegenteil bei
+den Festen sehr willkommen. Alle wichtigen Familienereignisse, welche
+das Herrichten einer Festmahlzeit erfordern, werden in dieser Zeit
+des Wohllebens gefeiert: alle im Laufe des Jahres geborenen Kinder
+erhalten nun ihren endgültigen Namen; die bis dahin verschobenen
+Hochzeiten finden nun statt.
+
+Die _adat_ hat Jungverheirateten übrigens für die ganze Zeit vor dem
+gemeinsamen Neujahrsfeste so viel Verbotsbestimmungen vorgeschrieben,
+dass junge Leute, schon um allen diesen Unbequemlichkeiten in den
+Flitterwochen zu entgehen, erst kurz vor dem Neujahrsfest heiraten.
+
+Begreiflicher Weise wurde im langen Kajanhause bereits lange vor
+dem Feste von nichts anderem als von den kommenden Tagen gesprochen,
+und mancher opferte viele Mass Reis, um von den Malaien noch etwas
+besonders Schönes zur Ergänzung seiner Festkleidung zu erhandeln.
+
+In grossen Mengen wurde alles, was für die Mahlzeiten und religiösen
+Handlungen erforderlich war, aus Wald und Feld zusammengebracht;
+die Männer holten in Böten Brennholz und frischen Bambus herbei, die
+Frauen gingen gebückt unter der Last grosser Körbe mit Bananenblättern,
+welche als Unterlage für den zu stapelnden Reis und als Material für
+die _pemali_ dienen sollten.
+
+Am 2. Juni wurde es Ernst: aus der Wohnung des Häuptlings, der die
+ganze Leitung und die Hauptkosten des Festes auf sich zu nehmen hatte,
+zogen 4 Mann aus, um einen Fruchtbaum zu fällen und 4 Planken daraus
+zu hacken, welche den Priestern bei den heiligen Handlungen als Diele
+(_tasu nangei_) dienen sollten.
+
+Diese 2,5 m langen Bretter tragen an den beiden zugespitzten Enden
+roh geschnitzte Menschenfiguren und werden von dem Häuptling bis
+zum folgenden _dangei_-Fest, wo sie durch andere ersetzt werden,
+aufbewahrt.
+
+Die _dajung_, welche über die ganze Dauer des Festes Gäste der
+Häuptlingsfamilie sind, zogen, zehn an Zahl, bereits am Vorabend des
+_nangei_ in die Wohnung _Akam Igaus_ und verkündeten den Geistern
+aus _Apu Lagan_, dass das Neujahrsfest angebrochen sei.
+
+Als Willkommgruss und zur Anlockung der Geister hatte man vor dem
+noch geschlossenen Dachfenster (_huwabw_) in der Häuptlingswohnung
+ein Bambusgefäss mit Esswaren befestigt und darunter alte Schwerter
+und Speerspitzen aus dem sehr geschätzten Eisen vom Balui oder Batang
+Rèdjang, von wo die Kajan es in früheren Zeiten mitgebracht hatten,
+aufgehängt. Aber nicht nur der Häuptling bereitete den Geistern einen
+festlichen Empfang, sondern aus allen Wohnungen der Wohlhabenderen
+wurden Tragkörbe mit kostbaren Gegenständen geholt und neben einander
+vor dem Fenster niedergesetzt, wo sie während der ganzen Festdauer
+verblieben.
+
+Meine alte Freundin _Usun_ gab jedesmal an, bei welcher Familie
+ein solcher Korb geholt werden musste; sie schien aber trotz ihrer
+priesterlichen Würde profane Empfindungen nicht ablegen zu können. Sie
+lebte nämlich mit einer ihrer Nachbarinnen, _Anjè Do_, in Unfrieden,
+weil diese ihr im Handel mit religiösen Gegenständen mir gegenüber
+stark Konkurrenz machte, und suchte sich jetzt dadurch an ihrer
+Feindin zu rächen, dass sie deren Korb nicht holen liess. _Tipong
+Igau_ jedoch durchschaute den Gemütszustand der Alten und kam ihrem
+Gedächtnis zu Hilfe, so dass auch _Anja Do_s Korb zu seinem Rechte
+gelangte und wie die übrigen von den Frauen bei Fackellicht und unter
+Beckenschlag in die _amin_ des Häuptlings getragen wurde.
+
+Nachdem alle Körbe mit ihren Herrlichkeiten beisammen waren,
+bedeckten sich die Priesterinnen die Brust mit einem Tuche, öffneten
+das Dachfenster und hielten alle gleichzeitig an die Geister von
+_Apu Lagan_ eine lange Ansprache, bei der _Usun_ immer den Anfang
+machte. Das Gleiche geschah aussen auf der Galerie unter dem zweiten,
+ebenfalls geöffneten Dachfenster. Die Bedeutung dieser Rede war die,
+dass die guten Geister von _Apu Lagan_, angelockt durch alles Schöne,
+das man ihnen in den Körben zum Opfer brachte (natürlich nur zum
+Schein), den Bitten der _dajung_ Gehör geben und durch das geöffnete
+Fenster in die Wohnung des Häuptlings eintreten und während der ganzen
+Festzeit im Stamme verweilen sollten.
+
+Hierauf begannen die Priesterinnen um eine Kriegsmütze und
+einen Kriegsmäntel, die sie mitten auf eine Matte gelegt hatten,
+herumzulaufen; leider konnte ich wegen des ständigen Schlagens auf
+kupferne Becken nichts von ihrem Gemurmel verstehen.
+
+Am 3. Juni fand das eigentliche Fest statt. Die Frauen begannen
+beizeiten für eine genügende Menge Klebreis zu sorgen, der
+in gedörrter Form als _kertap_, mit oder ohne Palmzucker, mit
+geräuchertem _tapa_ als Zuspeise, eines der beliebtesten Gerichte
+bildet. Die Männer beschäftigten sich inzwischen mit dem Aufrichten
+des _djehe nangei_ (Neujahrspfahl), den sie aus einem Fruchtbaum
+hergestellt hatten. Hierbei verfuhren sie folgendermassen: sie gruben
+auf dem Platze vor der Häuptlingswohnung ein Loch, in welches die
+Priesterinnen Reis, Fisch und Hühnerfleisch legten. Um diese Grube
+legten sie die vier _tasu nangei_ als Diele für die Priesterinnen,
+die während der heiligen Handlungen den Erdboden nicht berühren
+durften. Nachdem die Oberpriesterin acht Mal (der heiligen Zahl
+entsprechend) um die anderen, die zusammengedrängt ebenfalls auf den
+Brettern standen, herumgelaufen war, fing sie durch eine Bewegung
+mit einem Stück weissen Kattuns eine Seele, wahrscheinlich die des
+Fruchtbaumes, warf sie schleunigst in die Grube und schloss diese
+mittelst eines mit Bananenblättern überzogenen Rotangringes von der
+Grösse der Grubenöffnung; das Blatt hatte sie zuvor mit einem alten
+Schwerte durchstossen.
+
+Unterdessen liess eine zur Seite kauernde _dajung_, um die Geister
+auf die wichtige Handlung aufmerksam zu machen, zwei Bambusstäbe
+rhythmisch auf eine Matte niederfallen. Bei den Tönen dieses _tekok_
+berichtete die Priesterin den Geistern von den Festplänen ihres
+Stammes, von seinen Nöten und Wünschen. Die zwei männlichen Priester
+hoben hierauf das Bäumchen, stellten es mit dem Gipfel voran in die
+Grube und pflanzten es fest, so dass seine etwas bekappten Wurzeln
+3-4 m über dem Boden zu stehen kamen. Zu diesem Bäumchen fügten
+andere Männer, in gleicher Reihe und in gleichen Abständen, noch
+7 andere Bäumchen hinzu und pflanzten dann eine zweite Reihe von
+8 Bäumchen dieser gegenüber, in ungefähr 1 1/2 m Entfernung. Beide
+Reihen wurden auf halber Höhe durch kleine Querbalken mit einander
+verbunden. An allen Bäumchen hatte man, etwas unterhalb der Wurzeln,
+eine Fläche mit 8 Einschnitten, deren Bedeutung mir unbekannt geblieben
+ist, angebracht. Auf die Querbalken wurden vier weitere Balken und
+auf diese die vier Bretter (_tasu nangei)_, die vorher den Boden
+bedeckten, gelegt; so entstand oben, zwischen den zwei Reihen Pfählen,
+ein gedielter Raum. Das ganze Gerüst war so gestellt worden, dass man
+mittelst einer Treppe bequem aus der Häuptlingswohnung in diese kleine
+Kammer gelangen konnte. Die Wände der Kammer wurden mit meterlangen,
+kunstvoll hergestellten Spähnen aus besonderem Fruchtbaumholze gefüllt
+und der Raum schliesslich mit Bambuszweigen leicht beschattet. Zum
+Schluss wurde das Opfergerüst, _dangei_ genannt, noch an den vier
+Seiten durch gekreuzte Balken gestützt und stand jetzt fix und fertig
+da. So bleibt das Gerüst nicht nur während der ganzen Festzeit,
+sondern auch während des ganzen folgenden Jahres stehen, bis Wind
+und Wetter es zum grössten Teil zerstören und sein Nachfolger es
+beim nächsten _nangei_ völlig verdrängt.
+
+Nachmittags wurde unter dem _dangei_, bei dem zuerst errichteten
+Pfahl, ein gleicher _pelale_ (Opfergestell), wie der auf dem
+geweihten Reisfelde beim Saatfest, aufgestellt, diesmal mit weniger
+_kawit_. Statt dessen opferte man gegen 4 Uhr ein Ferkel, befestigte
+es an einem Querbalken und liess es dort hängen, bis es verweste.
+
+Auch jetzt brachten die Mütter ihre Kleinen zum _pelale;_ zuerst
+erschienen die zwei ältesten Enkelkinder des Häuptlings, der
+jüngste auf seinem Tragbrett, schön geputzt mit einem Kopftuch aus
+chinesischer Seide; ebenso schön gekleidet war das junge Mädchen,
+das die _hawat_ auf dem Rücken trug. Der andere Enkel wurde, als
+zu gross, nur durch seine _hawat_ vergegenwärtigt, deren heilsamen
+Einfluss man später auf die übliche Weise auf ihn übertrug, indem
+man seinen Zeigefinger in einer am Tragbrett hängenden Schlinge
+hin- und herbewegte (_njina)_. Die beiden Trägerinnen der _hawat_
+hatten, wie beim Saatfest, den von den vielen Opfergaben am _pelale_
+ausströmenden guten Einfluss in den Schlingen aufgefangen, um den
+_bruwa_ der Knaben etwas Angenehmes zu erweisen.
+
+Nach Sonnenuntergang fand für alle, die augenblicklich in der _amin_
+des Häuptlings wohnten, also für Familienglieder im engeren Sinne,
+Leibeigene und Priesterinnen, eine gemeinsame _mela_ statt. Hinter
+ein ander begaben sich erst Männer, dann Frauen, dann Leibeigene
+und zuletzt die _dajung_ von der Galerie des Hauses auf die kleine
+Plattform des _dangei_, auf der eine Priesterin mit einem alten
+Schwerte stand. Die betreffende Person, mit der die _mela_ vorgenommen
+wurde, stellte einen Fuss auf einen alten Gong und die Priesterin
+bestrich ihren Arm von oben nach unten mit dem Schwerte. Je älter und
+vornehmer die Person war, desto länger wurde sie gestrichen. Alle
+hatten sich für diese Gelegenheit besonders schön gekleidet; die
+_dajung_ trugen ihre hübschen Brusttücher umgeschlungen. Als die _mela_
+mit ihnen selbst vorgenommen wurde, setzten sie sich eine Kriegsmütze
+aufs Haupt, die vorn mit dem Kopfe des Rhinozerosvogels und hinten
+mit dessen Schwanzfedern geschmückt war. Den Priesterinnen wurden
+hauptsächlich Handflächen und Fusssohlen gestrichen. Zuletzt nahm
+auch die diensttuende _dajung_ auf dem Gong Platz und liess sich von
+einer anderen streichen.
+
+Am Morgen des 4. Juni erklangen vom _dangei_ herab wiederum die
+Töne des _tekok_, unter denen eine _dajung_ den Geistern ungefähr
+3/4 Stunden lang erzählte, wer die Kajan eigentlich seien, von wem
+die Häuptlingsfamilie abstamme, was der Stamm in dem betreffenden
+Augenblick vornehme und was er sich wünsche. Auch mit der Züchtigung
+der Batang-Lupar, der Erzfeinde der Kajan, wurden die Geister
+beauftragt. Die ganze Erzählung wurde in Reimform in singendem
+Tone vorgetragen, wobei das Reimwort lange Zeit die gleiche Endsilbe
+behielt. An den folgenden Festtagen wiederholte die Priesterin morgens
+und abends das _tekok_.
+
+Unterdessen herrschte auf der Galerie reges Leben; die jungen Mädchen
+stampften Klebreis und fanden während des Entspelzens und Beutelns
+der Reiskörner immer noch Zeit, auf die in der Nähe zuschauenden
+Jünglinge Geschosse aus Mehl und Wasser abzufeuern. Natürlich wurden
+diese Angriffe seitens der jungen Männer mit fröhlichen Racheakten
+beantwortet. Einige sehr ausgelassene junge Mädchen hatten sogar ein
+kleines Boot auf die Galerie heraufgetragen, um es als Wasserfass zu
+benützen, und machten den Vorübergehenden, besonders uns bekleideten
+Europäern, den Weg sehr unsicher.
+
+Das Mehl wurde in der Galerie vor der Häuptlingswohnung auf einen
+Haufen geschüttet und ein Teil desselben von Knaben mittelst breiter
+Pandanusblätter in dreieckige Päckchen gebunden und ebenfalls in
+Dreieckform auf dem Boden aufgestapelt. Nachdem der Vorrat für genügend
+erachtet worden war, traten die Priesterinnen nach ihrer Altersfolge
+aus der Häuptlingswohnung auf die Galerie, fassten einander bei der
+Hand und bildeten einen Kreis um den Mehlhaufen. _Usun_ stand dabei
+vor den Mehlpäckchen, über welche hin sie wiederum eine _mela_ vornahm:
+die Glieder der Häuptlingsfamilie reichten ihr der Reihe nach über dem
+Haufen Mehlpäckchen hin die Hand, die sie mit ihrem alten Schwerte
+berührte. Dann kamen die Leibeigenen und kleinen Kinder, voran die
+beiden Enkel des Häuptlings, wiederum von jungen Mädchen getragen, an
+die Reihe. Schliesslich traten auch die Mütter der übrigen Familien mit
+ihren Kleinen heran; diejenigen, deren Kinder bereits zu gross waren,
+um getragen zu werden, brachten deren alte Tragbretter in die Nähe
+des Mehlhaufens, um dessen segensreichen Einfluss aufzufangen. Auch
+die Priesterinnen selbst liessen zum Schluss die _mela_ mit sich
+vornehmen. Alle Anwesenden bekamen einige Mehlpäckchen mit nach Hause,
+der Rest wurde unter der Häuptlingsfamilie und den _dajung_ verteilt.
+
+Bei dieser Gelegenheit wurden auch die im Laufe des Jahres geborenen
+Kinder zum ersten Mal öffentlich gezeigt; sie wurden, wie die
+Häuptlingskinder, von jungen Mädchen auf dem Rücken getragen. Abends
+gaben die Mütter den Kleinen zu Ehren ein Familienmahl.
+
+Der Vormittag des 5. Juni verlief nach dem _tekok_ des Morgens sehr
+still. Erst gegen 2 Uhr mittags ertönte der Gong der Priesterinnen,
+als Zeichen, dass wieder etwas Besonderes vor sich gehen sollte;
+ich eilte daher aus meiner Hütte in die Wohnung des Häuptlings, wo
+die _dajung_ mit dem Verfertigen ihrer _pemali_ beschäftigt waren,
+was stundenlang dauerte.
+
+Nachdem die grösste Hitze vorüber war, wurde den grösseren Kindern
+ein Fest gegeben; die kleinen, ungefähr 6 Jahre alten Mädchen trugen
+jetzt zum ersten Mal einen kleinen, leeren, mit _kawit_ versehenen
+Reiskorb (_ingan);_ sie zeigten sich hie und da auf der Galerie,
+schienen aber beim Eintritt in die neue Lebens- und Arbeitsperiode
+recht verlegen zu sein.
+
+Abends ging es in der Galerie besonders feierlich zu: Priester
+und Laien fassten sich an der Hand und schritten langsam um
+eine Bambusmatte, auf der wiederum die priesterliche Kriegsmütze
+(_haung lali_) und ein Stück Zeug lagen, herum. Die alte _Usun_
+marschierte mit unbedecktem Oberkörper, aber schönem Röckchen, voran,
+die anderen Priesterinnen folgten mit bedeckter Brust, ausser den
+beiden jüngsten, die ihre zweijährige Lehrzeit noch nicht hinter
+sich hatten; diese trugen ein langes, rotes Gewand, das vorn und
+hinten gerade herunterhing und in der Mitte eine Öffnung für den
+Kopf frei liess; ihre Röckchen hatten, zur Unterscheidung von den
+anderen, ein weisses Feld. Die _dajung_ leiteten den Rundgang ein,
+bis allmählich immer mehr junge Männer und Frauen herbeikamen und,
+erst mit Zeugstreifen zwischen einander, später ohne diese, sich in
+den Kreis fügten. Die schliesslich ermüdeten Priesterinnen liessen
+sich jetzt abwechselnd auf der Matte nieder.
+
+Sowohl Priester als Laien stimmten während des Rundganges (_nangeian_)
+halb rezitierend, halb singend, ein geistliches Lied an; _Usun_
+sagte die Verse, die übrigen wiederholten den Refrain. Nach einigen
+Stunden stellten sich die Laien längs den Wänden der Galerie auf, um
+die Beseelung der jüngsten _dajung_ zu beobachten. Die Betreffende
+stand zu diesem Zwecke vor der Matte und hielt eine Art Kette fest
+(_alan to_ = Geisterweg), längs welcher der Geist zu ihr herabkommen
+sollte. Neben ihr stand eine der ältesten Priesterinnen, um sie in
+die Geheimnisse ihrer Wissenschaft einzuweihen, während _Usun_,
+die Kriegsmütze auf dem Kopfe, deklamierend und tanzend um sie
+herumlief; zu beiden Seiten führten männliche _dajung_ Kriegstänze
+auf. Wahrscheinlich hatten diese letzten Vorstellungen den Zweck,
+böse Geister abzuwehren. Die Szene dauerte nur eine Viertelstunde,
+worauf die Laien ihren Marsch bis nach 1 Uhr nachts fortsetzten. In
+den Familien mit Täuflingen herrschte bis in den Morgen fröhliches
+Beisammensein.
+
+Der 6. Juni war für Priester und Priesterinnen ein Tag der Erquickung;
+denn bis jetzt hatten sie unter allerhand Verbotsbestimmungen, von
+denen nicht baden und kein Wasser trinken zu dürfen die schlimmsten
+waren, geschmachtet. An diesem Tage war es den Priestern endlich
+erlaubt, ihren auswendigen Menschen durch ein Bad zu erquicken; den
+inwendigen erfrischte ich ihnen bereits seit mehreren Tagen, indem
+ich in ihre Wasserflaschen einige Tropfen Salzsäure goss, wodurch,
+nach Auffassung der _dajung_, das Wasser so verändert wurde, dass
+sie es mit reinem Gewissen trinken konnten. Nach den grossen Mengen
+so präparierten Wassers, die von mir verlangt wurden, liess sich die
+Grösse des priesterlichen Durstes bemessen.
+
+Nach dem _tekok_ des Morgens folgte der Glanzpunkt des Festes--die
+Opferung der Schweine. Zuerst begann unter dem Hause eine Jagd nach
+den frei herumlaufenden Tieren- der Häuptling lieferte deren fünf;
+jede Familie, in der ein kleines Kind bei diesem Neujahrsfest einen
+Namen erhielt, lieferte eines.
+
+Als ich mich bald nach dem Ertönen des priesterlichen Gongs auf die
+Galerie begab, fand ich die Schweine des Häuptlings gebunden neben
+einander niedergelegt und die Priesterinnen vor den Tieren knieend,
+die sie in Geistersprache den Bewohnern von _Apu Lagan_ als Opfer
+anboten. Hinter den Opfertieren, schräg unter dem Galeriefenster
+und dem als Geisterweg dienenden Rotangseil vom vorigen Tage, hatte
+man aus 4 senkrechten und 4 horizontalen Hölzern ein Gerüst (_lasa_)
+aufgestellt und dieses mit schönen Stoffen, einem Kriegsmantel und
+einigen Gürteln aus alten Perlen, alles Opfergaben des Häuptlings,
+behängt; ebenfalls Opfergaben waren die schönen kupfernen Gonge am
+Fusse des Gerüstes. Durch symbolische Gegenstände (_pemali_) in einem
+danebenstehenden Korbe suchten die Priesterinnen den Geistern die
+Wünsche des Stammes zu erkennen zu geben.
+
+Die Priesterinnen begannen nun, um das Opfergerüst langdauernde Tänze
+auszuführen, die, besonders da sie bei Tageslicht stattfanden, viel
+Interessantes boten.
+
+Sämmtliche Priesterinnen beteiligten sich an dem Tanze; jede deutete
+durch ihre Bewegungen den Geistern droben das Darbringen der Opfer
+auf dem Gerüst und der fünf Schweine an. Erst schmückte sich die
+oberste Priesterin, dann jede der übrigen mit dem Kriegsmantel aus
+Pantherfell und der Kriegsmütze, während zu beiden Seiten zwei
+mit Schwertern bewaffnete Priester, zur Abwehr böser Geister,
+Kriegstänze aufführten. Hie und da veränderten die Priesterinnen
+den Charakter ihrer Bewegungen; sie zeigten viel Individualität
+beim Tanze und nach der Art seiner Ausführung liess sich die Höhe
+der erreichten priesterlichen Entwicklung bemessen. Nur den drei
+obersten Priesterinnen: _Usun, Tipong Igau_ und einer gewissen
+_Uniang_ gelang es, durch Pantomimen das Anbieten der Opfer an die
+Himmelsbewohner wirklich verständlich auszudrücken. _Usun_, mit einer
+Speerspitze tanzend, erweckte den Eindruck, als wolle sie mit ihr
+das ganze Opfergerüst den Geistern droben entgegenreichen. _Tipong_
+dagegen führte einen ruhigen Tanz aus, mit gefälligen Bewegungen die
+Seelen der Opfer auffordernd, himmelwärts zu steigen. Ihre korpulente
+Gestalt bewegte sich dabei mit bewundernswerter Weichheit, welche
+die anderen; günstiger Gebildeten, bei weitem nicht erreichten. Diese
+sprangen und hüpften unbeholfen um die Opfer herum und verstanden nur
+selten Ausdruck in ihre Bewegungen zu bringen. Einige Priesterinnen
+liessen sich sogar, um recht deutlich zu sein, zu den absonderlichsten
+Vorstellungen verleiten. Während z.B. _Tipong_ sich zu den nahebei
+liegenden Opfertieren beugte, scheinbar einen Teil von ihnen ergriff
+und mit einigen Bewegungen in die Höhe schwang, gingen andere,
+in der Meinung, dass eine bloss symbolische Bewegung nicht genüge,
+hüpfend, mit der Kriegsmütze auf dem Kopfe, auf die Schweine zu,
+packten das kleinste an den Hinterbeinen und trugen das quiekende
+Tier, mit Anspannung aller Kräfte, im Tanzschritt zum Opfergestell
+und wieder zurück. Zum Schluss wurde auch _Tipong_ zu grösserer
+Lebhaftigkeit hingerissen, schüttelte einige Male das Gestell,
+bestieg es sogar und bewegte es hin und her, um die Seelen der Opfer
+hinaufsteigen zu lassen. Im allgemeinen waren die Bewegungen bei
+diesen Tänzen viel lebhafter als bei denen der Javaner und erforderten
+grosse Kraftanspannung; die alte _Usun_ leistete in dieser Beziehung
+Bewundernswertes.
+
+Die Priesterinnen wurden jetzt von jungen Männern und Frauen abgelöst,
+welche mit dem gleichen Gesang wie am vorhergehenden Tage den Tanz
+um das Opfergerüst in ruhigerer Weise bis zum Abend fortsetzten. Man
+hatte sich für diesen Tanz besonders schön geschmückt; die Männer mit
+prächtigem Kopf- und Lendentuch und einer Art _selendang_ (langer,
+schmaler, malaiischer Schal) als Bandelier um die Schultern. Auch die
+Frauen trugen derartige Schale und zwar in der Weise, wie es im vorigen
+Kapitel beschrieben worden ist. Beinahe alle hatten Elfenbeinarmbänder
+und Fingerringe angelegt; ausserdem hatten sie sich für diese festliche
+Gelegenheit Augenbrauen und Wimpern besonders sorgfältig ausgezogen.
+
+Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schlachteten die Männer die Schweine
+und zwar auf der Galerie vor der Tür der verschiedenen Wohnungen; sie
+schnitten ihnen jedoch nicht, wie die Ulu-Ajar Dajak, den Hals durch,
+sondern schächteten sie. Da man das Schreien der Tiere nicht gern
+hörte, hatte man ihnen nicht nur die Schnauze zugebunden, sondern hielt
+diese ausserdem noch fest. Der älteste, ungefähr zehnjährige Enkel des
+Häuptlings machte den Anfang beim Schlachten; man gab ihm ein Messer
+in die Hand, welche von einem älteren Manne geführt wurde. Auch in den
+Wohnungen der Familien mit Täuflingen wurden die Opfer geschlachtet,
+worauf man ihnen den Bauch durch einen Querschnitt öffnete, um zu
+sehen, ob die Unterseite der Leber hell oder dunkel war, d.h. ob sie
+eine günstige oder ungünstige Farbe zeigte und ob die Gallblase und
+andere Teile durch ihr normales gegenseitiges Verhalten dem Kinde
+eine gute Zukunft versprachen.
+
+Ebenfalls auf der Galerie versengte man den Tieren in hochflammendem
+Feuer die Borsten, weidete sie aus und zerstückelte sie, was bei der
+inzwischen hereingebrochenen Dunkelheit einen sehr phantastischen
+Anblick bot. In der darauf folgenden Nacht durften sich weder
+Männer noch Frauen zur Ruhe begeben, obgleich der Tag für alle sehr
+anstrengend gewesen war.
+
+Nicht minder anspannend war der folgende Tag, genannt "_aron uting_" =
+"Festtag des Schweinefleischessens", an dem der Häuptling bereits früh
+morgens im Freien in grossen, eisernen Kesseln das Schweinefleisch
+kochen liess.
+
+Das _tekok_ datierte diesmal besonders lange. Die Mütter fingen
+an diesem Morgen mit ihren Täuflingen einen Rundgang durch alle
+Wohnungen an, um sie bei allen Hausbewohnern als neue Stammesglieder
+vorzustellen. Die Kinder wurden dabei wieder von schön geputzten und
+mit dem geweihten Hut geschmückten jungen Mädchen in ihren _hawat_
+auf dem Rücken getragen, begleitet von den ebenso schön gekleideten
+Müttern, welche zwei geweihte Bambusgefässe mit Wasser und eine
+Klapper für eine _mela_ in die Wohnung des Häuptlings trugen; von
+dort aus begaben sie sich zu allen übrigen Hausbewohnern.
+
+Auch aus der Wohnung des Häuptlings begann jetzt ein Kinderauszug:
+voran gingen die beiden Enkel, gleich hinter ihnen wurden die in
+der _amin_ im verflossenen Jahre geborenen Kinder der Leibeigenen
+von ihren Müttern geträgen. Zwar waren die Häuptlingskinder bereits
+viel zu alt für den Umzug, aber als Söhne des Häuptlings mussten
+sie ihn noch etliche Jahre mitmachen. Dem ältesten, _Tingè_, wurde
+von einem Mädchen ein winziger Schild und ein hölzernes Schwert
+nachgetragen. Eine Sklavin begleitete den Zug mit einem Gong.
+
+Mittags wurde, nachdem man aus gekochtem Schweinefleisch und Klebreis
+gesonderte Päckchen gebunden und diese in Dreieckform auf der
+Galerie aufgestapelt hatte, in gleicher Weise wie früher, mit allen
+Familiengliedern des Häuptlings und den Müttern, welche ihrer Täuflinge
+wegen den Geistern geopfert hatten, eine _mela_ vorgenommen, genannt
+"_mela uting_" = "Seelenberuhigung durch Schweinefleisch". Nach der
+heiligen Handlung erhielt jeder wiederum seinen Anteil an den Päckchen
+mit nach Hause. Der grosse Festtag verlief, wahrscheinlich wegen des
+tags zuvor erfolgten Todes eines kleinen Kindes, sehr ruhig. Die Kajan
+behaupteten zwar, Arak getrunken zu haben, ihr stilles, besonnenes
+Betragen und die nur zwei Tage lang dauernde Bereitung des Trankes
+sprachen aber mehr dafür, dass sie Zuckerwasser genossen hatten.
+
+Vor der "_mela uting_" hatte ich noch einem interessanten Ringkampfe
+(_pajow_) der jungen Männer beigewohnt. Bereits einige Tage zuvor
+hatten sich die Jünglinge hie und da mit einander gemessen, jetzt waren
+alle auf der Galerie versammelt und ein Paar nach dem anderen betrat
+den Ringplatz. Die Kämpfer waren nur mit dem Lendentuch bekleidet,
+das sie straff anzogen, um dem Gegner einen festen Angriffspunkt zu
+bieten. Die Partner umfassten einander, packten sich gegenseitig hinten
+am Gürtel fest und suchten einander emporzuheben und rücklings auf den
+Boden zu werfen. In Anbetracht, dass ein Fall auf die Eisenholzbretter
+nicht ungefährlich war, suchten einige Mütter ihre Söhne von dem
+gefährlichen Spiele abzuhalten. In Gegenwart der Kameraden blieben
+diese mütterlichen Mahnungen leider erfolglos, und so mancher hatte
+bereits mit heftigem Anprall den Boden berührt, als ein stämmiger
+Sklave als Sieger des Tages hervorzugehen schien. Dem jungen Manne
+waren die vielen Siege so zu Kopfe gestiegen, dass er nach seinem
+letzten Triumph mit herausfordernden Gebärden einen lauten Juchzer
+erschallen liess. Auch bei den Kajan kommt Hochmut vor dem Fall:
+einer der bis dahin unbeteiligt gewesenen Zuschauer betrat jetzt den
+Kampfplatz. Überlegen durch seine frischen Kräfte und durch seinen
+ansehnlicheren Wuchs, gelang es ihm bald, seinen Partner vom Boden zu
+erheben und ihn, den rechten Arm gestützt auf das rechte Knie, in die
+Höhe zu halten. Auf dem gleichen Bein hatte der zappelnde Gegner aber
+einen Stützpunkt für seine Füsse gefunden und so wurde das Umdrehen
+nicht leicht. Mit Anspannung aller Kräfte gelang es dem Neuen endlich,
+den hochmütigen Helden mit hartem Aufschlag zu Boden zu werfen. Die
+gebräuchliche Revanche brachte dem Besiegten keinen besseren Erfolg.
+
+Am 8. Juni wurde der "_aron kertap_" = "Festtag des Klebreisessens"
+gefeiert; er begann wieder mit einer _mela_, nach welcher diesmal
+Päckchen mit Reis und Klebreis ohne Schweinefleisch verteilt wurden.
+
+Abends war es, wegen des Todes des kleinen Kindes, sehr still im
+Hause; man begrub es, um das Fest nicht durch Trauerfeierlichkeiten zu
+unterbrechen, erst nach beendetem Fest. Die eigene Mutter hatte den
+Heimgang des kleinen Kranken nach _Apu Kesio_ dadurch beschleunigt,
+dass sie ihn morgens beim Rundgang zur _mela_ mitgenommen hatte.
+
+Der 9. Juni bildete den letzten Festtag. Acht _dajung_ begaben sich
+morgens auf die kleine Plattform des _dangei_, bildeten einen Kreis,
+reichten einander die Hände und begannen gemeinsam im Tonfall des
+_tekok_ eine Ansprache an die Geister; der Rhythmus wurde dabei durch
+Bewegen der Hände angegeben. Nachdem sie sich über eine Stunde lang
+von der warmen Sonne hatten bescheinen lassen, brachte man ihnen einen
+geschlossenen Korb (_ingan)_, in dem sich verschiedene _kawit_, acht
+aneinander gereihte Eierschalen und einige Küchlein befanden. _Usun_
+öffnete den Korb und begab sich mit ihm nach einer Ecke des _dangei_,
+in welcher täglich auf einem trichterförmig gespaltenen Pflanzenstengel
+Esswaren für die Geister niedergelegt wurden, und forderte diese auf,
+in den Korb überzugehen. Der Korb wurde darauf geschlossen und von
+den Priesterinnen in die _amin_ des Häuptlings getragen.
+
+Nach einer kleinen Erholung und einem kräftigen Trunk von dem von mir
+präparierten Wasser versammelten sich die _dajung_ auf der Galerie,
+legten acht unverletzte Bananenblätter auf und neben einander auf
+den Boden und stapelten darauf die Esswaren, welche sie aus dem
+erwähnten Korbe hervorgeholt hatten. Durch Auseinanderschieben der
+Schindeln hatte man zuvor eine Öffnung im Dache hergestellt. Wiederum
+murmelten die Priesterinnen eine Zeitlang über dem Haufen, bildeten
+ihren phantastischen Kreis und begannen, wie früher, zuerst mit den
+Gliedern der Häuptlingsfamilie, dann mit den Müttern und kleinsten
+Kindern eine _mela_ vorzunehmen Darauf verteilten sie einen kleinen
+Teil der _kawit_, Eierschalen und Küchlein an die Teilnehmer.
+
+Es folgte jetzt eine Szene, die mich aufs lebhafteste interessierte
+aus der _amin_ des Häuptlings wurde eine Sammlung alter _hawat_ und
+geweihter Hüte herausgetragen. Die Tragbretter und dann auch die Hüte
+wurden ehrfurchtsvoll über dem Haufen Opferspeisen hin- und herbewegt
+und dann ins Haus zurückgetragen. Jetzt durften auch die gewöhnlichen
+Kajanfrauen mit ihren alten _hawat_ und Hüten herantreten und den
+wohltätigen Einfluss der Opfergaben auffangen. Diese Zeremonie bot
+mir die seltene Gelegenheit, die alten, ehrwürdigen Familienstücke
+zu sehen, die mir einen Begriff von der früheren Kunstfertigkeit der
+Kajan gaben. Es lagen auf den _hawat_ noch Zeugstücke, die früher
+von den Kajan mit ähnlichen Figuren bemalt worden waren, wie man sie
+jetzt in den Webearbeiten der Batang-Luparstämme findet; derartige
+Arbeiten werden längst nicht mehr von den Kajan ausgeführt. Diejenigen,
+die diese Tragbretter und Hüte einst benützt hatten, waren entweder
+längst gestorben oder bereits betagte Leute; so wurde z.B. auch _Akam
+Igaus_ Kindertragbrett hervor geholt. Augenscheinlich sollte die neue
+Weihe, die die _hawat_ empfingen, rückwirkend noch auf die Seelen
+der Verstorbenen und Betagten einen guten Einfluss üben. Kaum hatten
+sich die Priesterinnen entfernt, so suchte jeder noch etwas von dem
+Rest der Opferspeisen zu erwischen.
+
+Die offizielle Schlussfeier des ganzen Festes erfolgte vor dem Hause
+beim _dangei_, wo man den Erdboden, den die Priesterschaft auch jetzt
+nicht berühren durfte, mit den Brettern des _tasu nangei_ belegt
+hatte. Wiederum waren alle aufs schönste gekleidet. Mit Kriegsmütze
+und Kriegsmantel geschmückt umkreiste _Usun_ etliche Male tanzend den
+Fuss des _dangei_ und führte mit ihrem alten Schwerte Bewegungen aus,
+als wollte sie den ganzen _dangei_ gen Himmel heben. Die übrigen
+Priesterinnen, von denen die ältesten gleich wie die männlichen
+Priester mit Speeren bewaffnet waren, unterstützten _Usun_s Bemühungen
+und wehrten, indem sie in die Luft schlugen und stachen, ausserdem die
+bösen Geister ab, die ihre Handlungen stören konnten. Die Priesterinnen
+setzten ihren Tanz bis gegen Mittag fort, dann aber verschwand,
+von der jüngsten beginnend, die eine nach der anderen. Schliesslich
+waltete nur noch die alte _Usun_ ihres heiligen Amtes und verliess den
+Tanzplatz erst, nachdem die Sonne ihren Höhepunkt bereits erreicht
+hatte. Nach drei anstrengenden Tagen durften die _dajung_ nun zum
+ersten Mal wieder ihr wohlverdientes und heissersehntes Bad nehmen.
+
+Abends sollte wiederum ein _nangeian_ um das Opfergerüst, das
+in gleicher Weise wie früher (pag. 177) aufgestellt worden war,
+stattfinden. Die Häuptlingsfamilie begann sich gegen 6 Uhr abends
+auf den Rundgang, der nach alter Sitte bis zum Anbruch des folgenden
+Tages dauern musste, vorzubereiten, indem sie auf der Plattform des
+_dangei_ ein symbolisches Bad nahm. Die Familienglieder und darauf
+auch die _dajung_ wurden der Reihe nach, den Fuss auf einen alten Gong
+gestützt, mit Weihwasser aus einem Bambusgefäss übergossen. Unter den
+Tönen eines Gongs wurden gleichzeitig alle Speiseabfälle, welche von
+der Herstellung der _pemali_ übrig geblieben und bis jetzt sorgfältig
+bewahrt worden waren, in grossen Körben von der Höhe des _dangei_
+herabgeworfen.
+
+Gegen 9 Uhr abends erklängen die Gonge von neuem, als Zeichen,
+dass die Priesterinnen den _nangeian_ mit Singen und Tanzen begonnen
+hatten; sie setzten den Rundgang fort, bis der Zustrom der Laien so
+gross geworden war, dass sie von diesen abgelöst werden konnten. Die
+Beteiligung am _nangeian_ war jetzt eine viel regere als früher;
+selbst bejahrtere Personen scharten sich in den Kreis der Jungen und
+stimmten in den eintönigen aber melodischen Gesang ein. Alle hatten
+ihre schönsten Festkleider angetan; die Frauen trugen ausserdem
+ihre prächtigen Schale und die Männer ihre Schwerter. Unterdessen
+hockten die Priesterinnen auf einer Matte und unterhielten sich mit
+Betelkauen und Singen, bis die Reihe an sie kam, unter verstärkter
+Begleitung der Gonge wieder in den Kreis einzutreten. Auf uns Fremde
+machte die ganze Zeremonie, des schlichten Ernstes wegen, mit dem
+sie vorgenommen wurde, einen feierlicheren Eindruck, als wir ihn in
+dieser seltsamen und ungewohnten Umgebung erwartet hätten.
+
+Bis zur Dämmerung setzten alle unermüdlich den Rundgang fort. Nachdem
+ich mich zur Ruhe begeben hatte, wurde ich stets wieder durch ein
+besonders starkes Einsetzen der Gonge geweckt.
+
+Bei Tagesanbruch erschallte aus der Häuptlingswohnung lauter
+Gesang. Auf den Schluss des Festes begierig eilte ich nach oben und
+fand alle Festteilnehmer in der noch dunklen _amin aja_ versammelt;
+sie standen unter dem noch geschlossenen Dachfenster um die _dajung_
+herum und stimmten unter deren Vorgang einen Gesang an, der an Ernst
+und Feierlichkeit nichts zu wünchen übrig liess. Nach beendigtem
+Gesang zogen sich alle still in ihre Wohnungen zurück.
+
+Der 10. Juni begann für alle mit dem, nach den Anstrengungen der
+letzten Tage, so nötigen Schlaf. Die Priesterinnen sollten erst nach
+genossener Ruhe in ihre eigenen Wohnungen zurückkehren, wo sie noch 8
+Tage lang nach Vorschrift leben mussten. Die aussergewöhnliche Stille
+auf der Galerie benützten wir sogleich, um einige photographische
+Aufnahmen zu machen.
+
+Die Tür der Häuptlingswohnung wurde zuerst photographiert. Da ich auch
+gern eine Aufnahme von dem noch danebenstehenden _lasa_ gemacht hätte,
+fragte ich, allerdings mit wenig Hoffnung auf Erfolg, _Akam Igau_, ob
+dies gestattet sei. Obgleich sehr aufgebracht, wagte er doch nicht,
+nein zu sagen, und so machte ich denn von dieser halben Zustimmung
+und dem Schlaf der noch abergläubischeren Frauen Gebrauch, um auch
+von dem _lasa_ ein Cliché anzufertigen.
+
+Was ich jedoch gefürchtet, traf ein, denn bereits abends kam _Akam
+Igau_ mit verstörtem Gesicht zu mir und erzählte, dass unsere Aufnahmen
+einen Sturm der Entrüstung seitens der erwachten Priesterinnen auf sein
+armes Haupt beschworen hatten. Da eine günstige Stimmung der Kajan kurz
+vor unserem Zuge zum Mahakam von der grössten Bedeutung wir, glaubte
+ich den Häuptling mit ein paar Dollar entschädigen zu müssen. Ob nun
+die photographischen Aufnahmen oder dies Geldgeschenk beunruhigend
+gewirkt hatte, weiss ich nicht, aber am folgenden Morgen erschienen
+_Usun_ und _Tipong Igau_, setzten sich mit ernster Miene zu mir auf
+den Boden und erklärten, dass böse Träume ihnen in der vergangenen
+Nacht die Entrüstung der Geister verkündet hätten. _Tipong_ hatte
+geträumt, dass man sie nach dem Ritus der Kajan in ihren Sarg gelegt
+hatte; _Usun_, dass ihr Boot aufs Land gezogen war: beide Träume
+deuteten auf ihren bevorstehenden Tod. Ich fürchtete anfangs, dass
+man die Vernichtung der Clichés verlangen würde, aber ihr dajakisches
+Gewissen zeigte sich zum Glück mit dem Bezahlen einer Busse zufrieden
+gestellt. Mir gegenüber wollte _Tipong_ jedoch noch Nachsicht üben
+und verlangte daher eine Seelenberuhigung von nur 3 Dollar. So waren
+die Schwierigkeiten beiderseits fortgeräumt, aber ich rechnete in
+Zukunft doch auf weniger kostspielige Aufnahmen.
+
+Die Priesterinnen waren nach dem Fest, wie gesagt, noch nicht frei:
+den ersten Tag mussten sie _melo bruwa_, (= ruhen für die Seele); den
+zweiten Tag begaben sie sich alle in grosser Gala mit Kriegsmütze und
+Schwert aufs geweihte Reisfeld ans jenseitige Ufer, um die Verbotszeit
+abzuwerfen (_bet lali_); am dritten Tage mussten sie wieder ruhen; am
+vierten Tage versammelten sie sich wieder alle in der _amin aja_, wo
+morgens und abends bei geschlossener Tür eine grosse _mela_ stattfand;
+am fünften und sechsten Tage wurde wieder geruht.
+
+Auch für die übrigen Bewohner war alles Aussergewöhnliche in dieser
+Zeit verboten. Als in diesen Tagen ein von der Regierung mit der
+Impfung der Kajan betrauter Malaie aus Putus Sibau ankam, um hier
+seines Amtes zu walten, liess sich keiner von ihm impfen, obgleich
+man ihn selbst herbeigewünscht hatte. Erst einige Tage später kamen
+die Kajan, dann aber in Haufen heran.
+
+Am siebenten Tage mussten die _dajung_ in Gruppen von vieren in der
+eigenen Wohnung eine _mela_ abhalten, worauf am achten wieder ein
+_melo_ folgte, nach welchem sie endlich ihr Armband der Verbotszeit
+(_leku lali_) endgültig ablegen durften. Diese Armbänder bestanden
+aus vier Reihen grosser, wertvoller Perlen, welche sie von der
+Häuptlingsfamilie als wichtigste Belohnung erhalten hatten.
+
+
+
+
+KAPITEL IX.
+
+ Fischreichtum des Kapuasgebietes--Fischereigerätschaften--Fang des
+ _tapa_--Fang mit _tuba_-Gift--Jagd--Hunde der Bahau--Erträgnisse
+ der Jagd--Vogelfang--Haustiere.
+
+
+Die Bahau am Mendalam erfreuen sich, wie auch die anderen Stämme am
+oberen Kapuas, eines grossen Fischreichtums ihrer Gewässer. Fische
+bilden daher auch nach Reis ihr Hauptnahrungsmittel. Nicht nur der
+Kapuas und seine Nebenflüsse, sondern auch alle Seeen, die ihm ihr
+Dasein verdanken, sind reich an Fischen. Der Fluss schlängelt sich
+nämlich in zahlreichen Windungen durch das flache Land, verlegt bei
+Hochwasser öfters sein Bett, hier seinen eigenen Bogen abschneidend,
+dort wiederum einen neuen bildend, und lässt als Folge hiervon zu
+beiden Uferseiten zahlreiche Seeen von länglicher Form zurück. Bei
+Hochwasser, wenn ihnen die Flüsse schwerer zugänglich sind, fischen
+die Kajan vorzugsweise in diesen Flussseeen.
+
+Die Kajan gebrauchen für den Fischfang folgende Gerätschaften die
+Angel (_pese);_ das Schöpfnetz (_hiköp);_ das Wurfnetz (_djala);_
+den Speer mit einer Spitze (_bakir);_ den Speer mit mehreren Spitzen
+(_serapang_) und verschiedene Arten von Reusen; ausserdem fischen
+sie mit Fischgift (_tuba_).
+
+Die Angel und das runde Wurfnetz werden täglich gebraucht; jene
+hauptsächlich von Kindern und alten Männern, dieses von erwachsenen,
+kräftigen Männern.
+
+Je nachdem, ob es sich um den Fang grosser oder kleiner Fische handelt,
+gebrauchen die Bahau verschiedene Angelhaken. Die kleinsten stellen sie
+mit einem Widerhaken aus Kupferdraht her. Als ich ihnen Stecknadeln
+mitbrachte, die sie bis dahin noch nicht kannten, verwandelten die
+Kinder diese, indem sie sie umbogen, bald in Angelhaken. Auf meinen
+folgenden Reisen bildeten Fischangeln verschiedener Grösse für alt
+und jung sehr geschätzte Geschenke.
+
+Die grossen bis sehr langen Angelhaken werden geschmiedet; man
+benützt sie hauptsächlich für Setzangeln, die man, mit Köder und
+Schwimmer versehen, den Fluss abwärts treiben lässt, während man
+selbst, beispielsweise, eine weiter unten gelegene Niederlassung
+besucht. Als Schwimmer dient ein trockener, hohler Kürbis.
+
+An Wurfnetzen gebraucht man, nach der Grösse der zu fangenden Fische,
+drei verschiedene Arten. Sie bestehen aus einem runden Netz, das rings
+herum eine Kette aus Zinn oder Eisen (_awit tite_ = Eisenkette) trägt;
+letztere wird am liebsten aus grossen Nägeln, die man durch Klopfen
+in Kettenglieder verwandelt, hergestellt.
+
+Die Netze für kleine Fische (_djala seluwang_) haben 2 1/2-4 qcm grosse
+Maschen und einen Durchmesser von 3-4 m; sie werden gegenwärtig meist
+aus eingeführtem, grobem Strickgarn verfertigt.
+
+Für grössere Fische gebraucht man Netze mit 4-9 qcm grossen Maschen
+und einem Durchmesser von 5-6 m. Die Netze werden aus den zu einer
+Schnur gedrehten Fasern der Liane _aka tengang_ hergestellt. Die
+grossen Wurfnetze, deren Durchmesser bis zu 8 m beträgt, haben bis
+zu 16 qcm grosse Maschen; sie bestehen aus den gleichen Lianenfasern
+wie die kleineren Arten, nur verwendet man für sie dickere Schnüre.
+
+Die Bahau imprägnieren ihre Netze nicht und verstehen sie nach dem
+Gebrauch vor Fäulnis nur durch Trocknen an der Sonne zu schützen.
+
+Beim Auswerfen nimmt der Fischer das Netz über beide Arme und
+sucht es, durch drehende Bewegung, so ausgebreitet als möglich
+auf die Wasserfläche zu schleudern; die schwere, in zentrifugaler
+Richtung auseinander getriebene Kette bewirkt, dass das Netz flach
+niederfällt. Zum Herausziehen des Netzes dient eine im Mittelpunkt
+befestigte Schnur, während die Fische durch die am Boden schleifende
+Kette gefangen gehalten und mit heraufgezogen werden. Ist der Boden
+jedoch durch Gestein, Baumwurzeln und Zweige sehr uneben, so lässt der
+Fischer das Netz liegen, taucht unter und holt die Fische, aus Furcht,
+dass sie sonst entfliehen könnten, mit der Hand hervor. Bisweilen
+werden die Fische auch, bevor man das Netz über sie wirft, mit
+gekochtem Reis an eine bestimmte Stelle gelockt.
+
+Das Auswerfen der Netze erfordert viel Kraft und Gewandtheit; um die
+grossen Netze gleichmässig niederfallen zu lassen, nimmt der Fischer
+den mittleren Teil oft in den Mund.
+
+Ausser diesen sind auch lange Netze den Dahau bekannt; sie gebrauchen
+sie, um ein Flüsschen abzusperren, besonders beim Fischen mit
+Gift. Zugnetze jedoch sind ihnen unbekannt.
+
+Beim Fischen mit dem _serapang_ ist, um die Fische anzulocken und
+sichtbar zu machen, Licht erforderlich. Der Fischer lässt sich
+nachts in aller Stille flussabwärts treiben und hält vorn im Boot
+das _tapong hirui_, das Brettchen, unter dem die Harzfackel (_damat
+hirui_) brennt, die ihm auf diese Weise nicht hinderlich wird. Am
+Brettchen ist, um es bequemer zu handhaben, ein Griff (_tagin_)
+angebracht. Sobald sich, vom Fackelschein angelockt, Fische zeigen,
+sucht sie der Fischer zu spiessen.
+
+Reusen werden besonders bei Hochwasser ausgesetzt und zwar an
+Stellen, wohin sich die Fische vor der heftigen Strömung geflüchtet
+haben. Diese Reusen haben meist die gewöhnliche malaiische Form;
+nur eine Art ähnelt einem runden Vogelbauer mit rundlicher Öffnung,
+in welcher ein am Aussenende geschlossenes Bambusrohr mit ebenfalls
+runder Öffnung oben steckt. Kleine Fische, durch den im Bambus
+befindlichen Reis angelockt, lassen sich dazu verleiten, in den Bauer
+zu schwimmen. Der Rückzug wird ihnen durch zusammeneigende Ästchen
+an der inneren Bambusöffnung abgeschnitten.
+
+Auch der _hiköp_, ein kreisförmiges Stück Rotang von 1/2 m
+Durchmesser mit eingespanntem Garnnetz, wird hauptsächlich bei
+Hochwasser angewendet, um zwischen das Ufergras geflüchtete Fische
+zu fangen. _hiköp_ und Reusen werden vorzugsweise von Frauen und
+Kindern benützt.
+
+Die Kajan ziehen zwar grosse Fische vor, verschmähen aber auch die
+kleinsten nicht; diese werden auch vielfach zu Opferzwecken verwendet.
+
+Da Salz auch am Mendalam sehr teuer ist, werden grössere Mengen Fische
+durch Trocknen und Räuchern über dem Feuer für längeres Aufbewahren
+präpariert.
+
+Während bei allen vorhin besprochenen Arten von Fischfang nur wenige
+Personen beteiligt sind, vereinigen sich zum Fischen des _tapa_
+die Bewohner eines oder mehrerer Häuser.
+
+Der _tapa_ ist ein grosser, bis 1 m langer, dunkelbrauner Fisch mit
+sehr breitem, plattem Kopf und weit klaffendem Maul, bewaffnet mit
+mehreren Reihen scharfer Zähne.
+
+Gegen August zieht der Fisch aus dem Hauptstrom in kleine Nebenflüsse,
+um dort zu laichen; die Kajan benützen diesen Augenblick, um hinter
+den bisweilen grossen Schwärmen das Flüsschen mittelst eines Heckwerks
+oder Netzes abzuschliessen.
+
+Einem derartigen _tapa_-Fang wohnte ich während meines ersten
+Aufenthaltes in Tandjong Karang bei, wo es einem Manne aus Tandjong
+Kuda glückte, einen Fischschwarm im Samus, einem rechten Nebenfluss
+des Mendalam, einzuschliessen. Am ersten Tage hatten die Hausgenossen
+des glücklichen Finders, unsere Nachbarn oben am Fluss, das Recht,
+so viel Fische zu fangen als sie gelüstete; den folgenden Tag sollten
+wir uns zum Feste aufmachen.
+
+Man hatte auch mich zur Teilnahme aufgefordert, und, wie immer mit
+Stock und Revolver bewaffnet, nahm ich anderen Morgens früh in einem
+schmalen Nachen Platz, dessen Wände nur wenige Centimeter über das
+Wasser herausragten; ich musste mich daher sehr ruhig verhalten,
+wenn ich das Boot nicht zum Umkippen bringen wollte. Zwei junge Kajan
+ruderten, und so ging es schnell den Mendalam hinauf. Die Samusmündung
+lag weiter unten, aber das eigentliche Jagdgebiet befand sich am
+Oberlauf des Flüsschens, so dass wir, um zeitig das Ziel zu erreichen,
+erst ein anderes Nebenflüsschen hinauffahren und dann eine Strecke über
+Land gehen mussten. Der Weg führte, nach dajakischer Weise, mehr über
+liegende Bäume als über mit Gras und Gestrüpp bedeckten Boden. Bald
+bildeten die Bäume den einzigen passierbaren Weg; zu meinem Erstaunen
+lagen sie aber nicht, wie gewöhnlich, der Äste beraubt am Boden,
+sondern teilweise über einander und zwar so, dass der nur wenig
+abgekappte Gipfel des einen Baumes auf dem Fussende des folgenden
+ruhte und der so entstandene Baumpfad bis zu 4 m hoch über dem Erdboden
+lag. Er führte nämlich zu früheren Reisfeldern durch einen Wald, der so
+nass und morastig war, dass man mit bewundernswerter Geschicklichkeit
+den einen Baum über den anderen hatte fallen lassen und, nachdem die
+hinderlichsten Äste entfernt waren, einen Pfad geschaffen hatte,
+auf dem man niemals den Boden berührte. Es lagen hier Baumriesen
+von mehreren Metern Durchmesser, auf denen man mühelos 40 m weit
+gehen konnte; dann trat man aber auf andere, deren glatte, hellgraue
+Stämme zwar sehr schön anzusehen waren, in dieser beträchtlichen
+Höhe von einem beschuhten Europäer jedoch nur mit einer gewissen
+Kaltblütigkeit begangen werden konnten. Besonders kritisch wurde
+die Situation beim Überschreiten der oberen, dünnsten Stammenden,
+an denen Äste gesessen hatten; da die hinter mir gehenden Kajan ihren
+Schritt dann etwas mässigen mussten, wurden die Schwingungen unseres
+Pfades unregelmässiger und wir liefen Gefahr, das Gleichgewicht zu
+verlieren. Letzteres war jedoch nicht wünschenswert, denn unter uns
+lagen zwischen dornigem Gesträuch die abgehackten Äste übereinander,
+so dass ein Fall bedenkliche Folgen gehabt hätte. Glücklicher Weise
+betrat ich hier nicht zum ersten Mal einen Baumpfad im Morastwalde,
+aber 1 1/2 Stunden hintereinander, wie hier, war ich noch nicht auf
+solchem Wege marschiert und so hielt ich mich vor Ermüdung kaum noch
+auf den Füssen, als wir endlich wieder den Boden betraten. An meinen
+Begleitern bemerkte ich jedoch keine Ermattung, sie wären auch zu sehr
+von der freudigen Erwartung des bevorstehenden Fischfangs erfüllt,
+um sich in die Schwierigkeiten hineinzudenken, die ein solcher Gang
+über glatte Baumstämme ohne stützendes Geländer dem schuhbedeckten
+Fusse eines Europäers bereiten musste.
+
+Der Marsch durch ein verlassenes, dicht bewachsenes Reisfeld zählte
+für gewöhnlich schon zu den Prüfungen, jetzt jedoch erschien er mir
+wie eine Erholung.
+
+Zeitig genug langten wir am Ufer des Samus an; die hier versammelte
+Gesellschaft hatte ihre Reismahlzeit noch nicht begonnen.
+
+An den sandigen, weissen Ufern des Samus, mitten im hohen Urwald,
+boten die geschäftigen Männer, Frauen und Kinder eine Reihe anmutig
+wechselnder Bilder. Auch die Ma-Suling hatten diesen Tag zum Fischen
+gewählt und ich bemerkte unter ihnen fremde Gestalten, die ihre Scheu
+jedoch bald ablegten, als sie die anderen sich so frei in meiner
+Gegenwart bewegen sahen.
+
+Während des Essens kam die Nachricht, dass sich die Fische,
+diesmal in geringerer Zahl als sonst, weiter oberhalb im Bache
+befanden. Sogleich machten sich die Männer auf, durchwateten das
+Flüsschen und verschwanden im Walde. Nur mit Mühe konnte ich einige
+Knaben bestimmen, bei mir zu bleiben und mir den Weg zu weisen. Dieser
+führte gleich anfangs quer durch den Fluss, den meine braunen Führer
+einfach durchschwammen, während ich ihn, um nicht gleich durch und
+durch nass zu werden, watend zu passieren versuchte. Diese Vorsicht
+erwies sich aber als unnütz, da ich doch bis an die Brust ins Wasser
+musste; die Erfrischung war übrigens angenehm und bei der ständigen
+Bewegung nicht schädlich. Nachdem wir ein Stück Wald und mehrmals
+den gleichen Bach durchquert hatten, erreichten wir den Schauplatz
+des grossen Ereignisses: einige Meter unter uns zwischen steilen
+Uferwänden standen die Kajanmänner im Wasser, bewaffnet mit grossen
+Fischhaken, die so lose an langen Stöcken befestigt waren, dass
+sie beim Zurückziehen im Fischkörper haften blieben. Da der Haken
+ausserdem an eine Schnur gebunden war, konnte der Fischer die erfasste
+Beute bequem heranholen. Bei meiner Ankunft hatten die Leute bereits
+viele Fische gefangen; zwar waren die Tiere diesmal nicht, wie es
+früher vorgekommen sein soll, in solch gedrängter Masse erschienen,
+dass ihre Rücken an der Wasseroberfläche sichtbar wurden, vielmehr
+musste man sie aus Uferhöhlen und unter Baumstämmen, die im Bache
+umherlagen, hervorstöbern, doch gelang es, eine grosse Anzahl aus
+diesen Schlupfwinkeln aufzuscheuchen.
+
+Es ging sehr lebhaft beim Fischen her. Der Fang eines besonders schönen
+Exemplars erfüllte jeden mit Genugtuung und, wenn ein aufgejagter
+Fisch mit kräftigen Schlägen zwischen den Fischern hindurchschoss,
+stürzten alle voll Eifer auf ihn zu, da jeder den ersten Speerwurf tun
+wollte, selbst auf die Gefahr hin, einen Menschen statt des Fisches
+zu spiessen.
+
+Die Männer beeilten sich, sobald ein Fisch am Haken zappelte, das
+wütende Tier mit dem schrecklichen Gebiss durch einen kräftigen
+Schwertschlag hinter dem Kopfe unschädlich zu machen; auf dem
+Trocknen wurde der Kopf gänzlich vom Rumpf geschieden und dieser
+ausgeweidet. Wenn die Fische sehr zahlreich erschienen, wagte man sich,
+aus Furcht gebissen zu werden, nicht ins Wasser. Dass diese Furcht
+nicht unbegründet war, bewiesen einige grosse Narben an den Beinen der
+Kajan. Diesmal schienen nur grosse Fische den Samus hinaufgeschwommen
+zu sein; denn die gefangenen Exemplare waren mindestens 10 kg schwer.
+
+Nach einigen Stunden besassen alle einen genügenden Vorrat an Fischen
+und, da der Weg noch weit war, begann man an den Rückzug zu denken. Die
+Knaben hatten bereits die Fische an den Platz vor ausgetragen, wo
+die Frauen schon seit dem Morgen mit den Vorbereitungen zur Mahlzeit
+beschäftigt waren; geröstete _tapa_ bildeten nun das Hauptgericht und
+es schmeckte so gut, dass keiner Lust zum Aufbruch verspürte, was mir,
+in der Voraussicht auf eine Wiederholung der Expedition vom Morgen,
+sehr angenehm war.
+
+Unter einem hohen Uferbaum hielten einige mir wohl bekannte Frauen
+der Ma-Suling Siesta, und ich nahm mir die Freiheit, mich in ihrer
+Nähe im Schatten des gleichen Baumes niederzulegen; ihr Schlaf schien
+aber durch meine Anwesenheit gestört zu werden; denn sie begannen
+zu schwatzen. Eine von ihnen war ihres Gesanges wegen berühmt und
+liess sich zum Glück nicht lange nötigen, einige Proben ihrer Kunst
+zum besten zu geben.
+
+Auf dein Rücken liegend, die Hände unter dem Haupte gekreuzt, trug
+sie, teils rezitierend, teils wirklich singend, einige Stücke vor;
+in dieser Umgebung klang es sehr lieblich und, wenn es auch kein
+europäischer Gesang war, machte er doch einen viel besseren Eindruck
+als der der Javaner oder Malaien. Die Melodieen glichen am meisten den
+unsrigen. Leider konnte ich die Worte nicht verstehen; sie erweckten
+die Heiterkeit der Zuhörer und, da ich einige Mal meinen Namen
+unterscheiden konnte, improvisierte die Sängerin augenscheinlich. Auch
+diese Idylle nahm ein Ende; das Mahl war eingenommen, die Fische in
+Körbe gepackt, und so zogen Männer, Frauen und Kinder beutebeladen in
+langer Reihe auf dem gleichen halsbrecherischen Wege heimwärts. Auch
+jetzt wieder beschützten reich die Urwaldgeister der Kajan und ich
+kam mit heilen Gliedmassen, aber mit etwas labilem Gleichgewichte
+nach Hause.
+
+Was die Fischerei mit der _tuba_, dem Fischgift, betrifft, so nimmt
+auch an ihr die ganze Bevölkerung Anteil. Am oberen Kapuas wird nur in
+den kleineren Nebenflüssen mittelst Gift gefischt, am oberen Mahakam
+auch im Hauptfluss.
+
+"_tuba_" ist ein Sammelname für verschiedene Wurzeln und
+Baumrindenarten, deren narkotisch wirkende Milchsäfte zum Betäuben
+der Fische benützt werden. Die für die _tuba_-Fischerei erforderlichen
+Pflanzen werden teils gebaut, teils aus dem Walde geholt.
+
+Haben die Bewohner eines Kajandorfes beschlossen, einen Fluss mit
+_tuba_ abzufischen, so wird alles lebendig; denn um eine für alle
+genügende Menge Fische zu fangen, muss auch jede Familie ihren Teil
+_tuba_ liefern. Man zieht daher in grossen Scharen zur _ladang_ und
+sammelt dort die schwarzen, fingerdicken Wurzeln, die man zu Bündeln
+von 1 Fuss Länge und 2 dm Dicke vereinigt. Binnen weniger Tage, wenn
+ungefähr 200 Bündel zusammengebracht worden sind, kann der Fischzug
+in einem Flüsschen beginnen.
+
+So fuhren eines Tages bei Sonnenaufgang viele Männer mit der _tuba_
+in Böten an den Platz voraus, wo der Fang stattfinden sollte. Etwas
+später begaben sich auch die Frauen, Mädchen und Knaben zum Fluss und
+auch ich nahm in einem der schwankenden Fahrzeuge Platz, in welchem
+mich einige Männer flussaufwärts ruderten.
+
+Der Schauplatz der Jagd war ein kleines Flüsschen, in dem unser Nachen
+bald hier bald dort über eine Geröllbank geschoben werden musste.
+
+Das nur 20 m breite Gewässer schlängelte sich, von den Uferbäumen
+völlig überdacht, zwischen urwaldbedeckten Hügeln hindurch. Nach
+einstündiger Fahrt, als das Boot nicht weiter konnte, führte uns
+ein Waldpfad längs dem Ufer weiter hinauf. An einer buchtartig
+verbreiterten Stelle des Flusses stiessen wir zu den Männern,
+die damit beschäftigt waren, die _tuba_ durch Klopfen in eine
+weissliche, faserige Masse mit scharfem, betäubenden Geruch zu
+verwandeln. Inzwischen hatten sich die übrigen Teilnehmer in
+malerischen Gruppen auf den Uferfelsen gelagert. Die erfreuliche
+Aussicht, die Fische auf bequeme Weise überlisten und verspeisen
+zu können, schien vor allem die Frauen und Mädchen fröhlich zu
+stimmen. Sie hatten alle Schöpfnetze (_hiköp_) mitgenommen, während
+die Männer, ausser mit ihren gewöhnlichen Waffen, auch mit den gleichen
+Harpunen wie bei der _tapa_-Fischerei ausgerüstet waren. Jedem hing ein
+Rotangkorb über der Schulter; im übrigen waren sie in ihren Bewegungen
+nicht durch übermässig viele Kleider gehindert: die Männer trugen
+nur ein kleines Lendentuch, die Frauen nur ein Röckchen.
+
+Nachdem das Klopfen beendet war, begaben sich die Männer mit den
+gefüllten Körben reihenweise in den Fluss und spülten, den Bach
+durchquerend, die geklopften _tuba_-Wurzeln im Wasser aus. Das
+milchweiss aus der faserigen Masse strömende Wasser färbte den Fluss in
+seiner ganzen Breite, während der betäubende Geruch des _tuba_-Giftes
+sich doppelt stark in der Umgebung fühlbar machte. In dem breiteren
+und zugleich sehr tiefen Teil des Flussbettes strömte das Wasser nur
+langsam und das Gift hatte Zeit, sich bis auf den Grund mit der ganzen
+Wassermasse zu vermengen.
+
+Die Wirkung zeigte sich schon nach wenigen Minuten bei den kleinen
+Fischen, die nach oben kamen, aus dem Wasser zu springen suchten
+und gleich darauf ihren weissen Bauch statt ihres oft prächtig
+metallglänzenden Rückens sehen liessen. Dies war für alle ein
+Zeichen, sich mit Schöpfnetzen und Harpunen in Bewegung zu setzen;
+man verteilte sich im Fluss, die Jugend längs dem Ufer, die Älteren
+in der Mitte. Doch nach kurzer Zeit war von der anfänglichen Ordnung
+nichts mehr zu merken. Die allerdings etwas betäubten, aber durchaus
+nicht bewegungslosen Fische konnten nur mit viel Gewandtheit gefangen
+werden und so musste man sich bald ihnen vorsichtig nähern, bald
+ihnen nachtauchen oder über Flussgeschiebe nachsetzen.
+
+Alles lief, fiel und tauchte durcheinander; hier holte einer ein
+schönes Exemplar mühelos zwischen Flussgestein hervor, dort sahen
+drei andere etwas Weisses sich im Wasser bewegen und warfen sich
+von allen Seiten auf die erschreckte Beute, die gerade noch Zeit
+hatte, unterzutauchen und durch eine rasche Wendung den dreien zu
+entschlüpfen, um etwas weiter unten in das Netz eines ruhigeren
+Fischers zu geraten, der sich das Tier bedächtig zutreiben liess.
+
+Anfangs kamen nur wenig grössere Fische nach oben; entweder waren
+sie nur in geringer Zahl vorhanden oder sie widerstanden besser der
+Wirkung des Giftes und entschlüpften den zahlreichen Verfolgern.
+
+Langsam zog das vergiftete Wasser abwärts und gleichzeitig mit ihm die
+fröhliche Schar, der auch ich mich angeschlossen hatte. Ans Fischen
+konnte ich jedoch nicht denken; denn bekleidet und beschuht durch
+einen Bergstrom zu waten ist ohnehin schon eine schwierige Aufgabe;
+zudem wurde der Fluss hie und da so tief, dass ich bis zur Brust
+einsank und mich auf dem schlüpfrigen Geröll nur mit Mühe aufrecht
+hielt. Zum Glück strömte das vergiftete Wasser, aufgehalten durch
+die vielen Steinblöcke, nur langsam weiter und man hatte Zeit, ihm
+zu folgen. 1 1/2 Stunden lang gingen wir so weiter, geleitet vom
+_tuba_-Geruch, den wir bis zuletzt wahrnahmen. Ober- und unterhalb
+des vergifteten Wasserstreifens verschwand der lästige Reiz in der
+Nase, der übrigens keinem gefährlich zu sein schien. Endlich wurde
+das Wasser zu tief, um darin waten zu können, und ich schwang mich
+in ein am Ufer liegendes Boot und liess mich abwärts treiben.
+
+Das Schauspiel gewann immer mehr an Lebhaftigkeit, denn jetzt
+kamen die grossen Fische zum Vorschein, deren Fang bisweilen viele
+Schwierigkeiten bereitete. Mit erstaunlicher Schnelligkeit und
+Sicherheit tauchten die Männer den Tieren nach, trafen sie im klaren
+Wasser mit dein Speer und brachten die Beute im Triumph nach oben.
+
+Die Frauen und Mädchen gaben übrigens dem stärkeren Geschlechte an
+Geschicklichkeit nichts nach und tauchten mit dem gleichen Erfolge
+auch unter den Böten durch, um ihre Schlachtopfer zu erjagen.
+
+Nicht leicht werde ich das liebliche Bild vergessen, das mir ein
+Kajanmädchen bot, als es plötzlich neben meinem Nachen aus dem Wasser
+auftauchte. Ich hatte die Kleine nicht verschwinden sehen und erblickte
+nun unversehens ihr liebes Gesichtchen mit den freudestrahlenden
+Augen, umgeben vom lang herabhängenden, schwarzen Haar, das ihr wie
+ein triefender Mantel über dem Rücken hing und das helle Braun der
+wohlgeformten Schultern und des Busens um so schöner hervortreten
+liess. Nicht ohne Koketterie erhob sich das Mädchen halb aus dem
+Wasser und eilte darauf mit dem erbeuteten Fisch dem Ufer zu.
+
+An der Einmündung in den Hauptfluss schien sich das langsam
+herbeiströmende Wasser zu stauen; wenigstens kamen eine Menge
+grosser Fische betäubt an die Oberfläche und gaben den Männern mit
+ihren Harpunen genug zu tun. Auf einer verhältnismässig kleinen
+Fläche mehrere Meter tiefen Wassers schwammen und tauchten alle
+durcheinander und warfen in ihrer Verfolgungswut die Harpunen mit
+solcher Schnelligkeit, dass nur wie durch ein Wunder keine Verwundungen
+vorkamen. An diesem letzten gefährlichen und anstrengenden Spiel
+beteiligten sich die Frauen nicht mehr, sie suchten befriedigt vom
+Erfolg des Tages die Böte auf und legten sich triefend und ermüdet,
+aber doch fröhlicher Stimmung, neben ihren Fischen nieder.
+
+Während des ganzen Fischzugs hatte ich mich an der allgemeinen
+Heiterkeit und Einigkeit erfreut; durch keinen einzigen Misston war die
+Harmonie unterbrochen worden. In dieser günstigen Gemütsverfassung
+zeigten sie mir auf Wunsch des Häuptlings ihre Schätze, so dass
+ich bald 30 verschiedene Fischarten für die zoologische Sammlung
+beieinander hatte. Die Exemplare waren zwar meist klein, aber bei
+keiner Gelegenheit so bequem zu erlangen als bei dieser.
+
+Dass ein Flüsschen durch eine derartige _tuba_-Fischerei gänzlich
+ausgefischt wird, kann man sich vorstellen; die jüngsten Fischchen
+leiden am meisten unter dem Gift und es dauert daher lange, bis sich
+der Fischstand wieder erholt. Darum bekümmerten sich die Dajak jedoch
+nicht, sondern fuhren allgemein befriedigt den Fluss hinab. Zu Hause
+angekommen kleidete ich mich schnell um und vergass bald, dass ich
+einen halben Tag in triefenden Kleidern gesteckt hatte.
+
+Sind die abzufischenden Flüsse grösser und tiefer, so schliesst man
+ihre Mündung mit einem hohen Bambusgitter, dessen Stäbe eng beieinander
+stehen, ab, um die grossen, nur halb betäubten Fische aufzuhalten. Dann
+spielt sich die Jagd wegen der Gefahr, durch Fische oder zufällig
+aufgejagte Krokodile verwundet zu werden, in Böten ab. Zum Schluss
+sammeln sich alle Fischer vor dem Gitter, das hinten mit Bambuskörben
+und Netzen versehen ist, um die Fische, welche hinüberzuspringen
+versuchen, aufzufangen. Bei dieser Gelegenheit sah ich einzelne Fische
+unglaublich hoch springen. Exemplare von etwa 1 Fuss Länge und auch
+einige grosse Arten schnellten plötzlich zwischen den Böten empor und
+verschwanden hinter der mehr als 2 m hohen Bambuswand. Die weniger
+guten Springer fielen in die Körbe und Netze.
+
+
+
+Die Jagd spielt bei den Bahau am Mendalam nur eine nebensächliche
+Rolle: begeben sich die Männer aufs Reisfeld oder in den Wald,
+so werden die Hunde stets mitgenommen und zeigt sich Wild, so wird
+darauf Jagd gemacht.
+
+Aus dem Begriff "Wild" schliessen die Bahau alle Tiere aus,
+die sie nicht essen dürfen, wie Horntiere, graue Affen und
+Schlangen. Als Wildpret kommen daher hauptsächlich Wildschweine,
+verschiedene Wildkatzen, kleinere Säugetiere und hühnerartige Vögel
+in Betracht. Besonders erstere sind als Wild sehr beliebt, auf meiner
+ersten Reise waren sie aber noch selten; eine heftige Epidemie in
+den Jahren 1888 und 1889 hatte nicht nur die wilden, sondern auch
+die zahmen Schweine in Mittel-Borneo fast ausgerottet.
+
+Eine wichtige Rolle spielen bei der Jagd die Hunde, die sich trefflich
+zum Aufspüren und Stellen des Wildes eignen. Sie wagen sich aber
+nur an kleinere Tiere heran, da sie nicht über 1 Fuss hoch werden;
+grössere Schweine bellen sie nur aus einiger Entfernung an oder sie
+bemächtigen sich ihrer Jungen.
+
+In allen Gegenden, die ich besuchte, fand ich bei den Dajak die
+gleiche Hunderasse: kurzhaarige, schlank aber kräftig gebaute Tiere
+mit aufrecht stehenden Ohren und langem, spitzen Kopf. Die männlichen
+Tiere, besonders die guten Jagdhunde, werden häufig kastriert, um
+sie anhänglicher an den Herrn und gleichgültiger gegen die Weibchen
+werden zu lassen. Die Bahau bilden sich ein, dass die Kastration dem
+Fortpflanzungsvermögen nicht schade, doch ist die Hunderasse bei ihnen
+durch dieselbe stark zurückgegangen. Von den Punan, die ihre Jagdhunde
+nicht kastrieren, beziehen die Häuptlinge der sesshaften Stämme ihre
+guten Exemplare. Eigentümlicher Weise bestimmen die Bahau auch bei
+den männlichen Tieren hauptsächlich nach der Zahl und Entwicklung der
+Zitzen, ob es gute Jagdhunde sind oder nicht. Vor allem wird ihr Mut
+hiernach beurteilt.
+
+Bei Stämmen, wie die Pnihing, die sich für die Jagd interessieren
+und daher nicht, wie es meist geschieht, die Hunde selbst für ihren
+Unterhalt sorgen lassen, besitzen die Häuptlinge schöne, kräftige
+Hunde.
+
+Überall im Innern haben die Hunde die Eigenschaft, wenig, Fremden
+gegenüber überhaupt nicht, zu bellen. Begegnen sie letzteren, so
+ergreifen sie entweder mit eingezogenem Schwanz die Flucht oder sie
+beachten sie gar nicht. Auf der Jagd stossen sie ein kurzes Kläffen
+aus, für gewöhnlich aber machen sie sich durch ein höchst unangenehmes
+Heulen bemerklich, in welches, wenn einer den Anfang gemacht hat,
+alle übrigen im grossen Dajakhause einstimmen. Aus der Ferne erinnert
+ein derartiges Konzert an das Lärmen einer Menschenmenge. Auf die
+gleiche Weise heulten die einheimischen Hunde auf der Insel Lombok,
+was in der ersten Nacht auf dem Kriegsschauplatze einen unheimlichen
+Eindruck machte. Bei den Dajak wurde man durch das Heulen nur im
+Schlaf gestört und zwar hauptsächlich in mondhellen Nächten, die auf
+das Hundegemüt eine besondere Wirkung auszuüben schienen.
+
+Nur wenige Häuptlinge, besonders eifrige Jäger, behandeln ihre Hunde
+gut, füttern sie reichlich und halten sie nicht, wie die übrigen
+Bahau, für gänzlich gefühllos. Für gewöhnlich sind die Hunde infolge
+schlechter Behandlung mager, sehr scheu und für Freundlichkeiten
+unempfindlich. Doch hängen auch bei den Dajak Herr und Hund auf ihre
+Weise aneinander und sobald ein Hund auf einem Zug mit darf, giebt
+er seine Zufriedenheit durch Springen und Heulen deutlich zu erkennen.
+
+Die Kajan bedienen sich bei der Jagd keiner besonderen Waffen; sie
+gebrauchen Schwert und Speer, die sie stets bei sich tragen; nur gegen
+Vögel und kleine Säugetiere verwenden sie das Blasrohr mit vergifteten
+Pfeilen. Mit diesen schienen die Jäger, so viel ich beobachtete, nur
+schlecht umgehen zu können; sie trafen selbst in kleinen Abständen
+nur selten. Wie an einem anderen Ort bereits gesagt ist (pag. 154),
+handhaben nur wenige Leute das Blasrohr wirklich gewandt; es sind dies
+mit Kajanfrauen verheiratete Punan und Bukat, die ihrer Gewohnheit, in
+Wäldern herumzuschwärmen, getreu bleiben. Diese verbringen die meiste
+Zeit auf der Jagd statt auf dem Reisfeld und unterhalten auch ihre
+Familien mit dem, was die Jagd ihnen liefert. Besonders geschätzt sind
+die Hörner der Hirsche, die als Material zu Schnitzarbeiten dienen;
+die Gallenblase (_ömpedu_) und Klauen der Bären, welche die Chinesen
+zur Bereitung von Arzneimitteln verwenden, die Zähne des borneoschen
+Panthers, aus denen Ohrschmuck für Männer und sein Fell, aus dem
+Kriegsmäntel hergestellt werden; einen wichtigen Artikel bilden auch
+die Bezoare, die runden oder ovalen Steine aus dem Darm oder der Leber
+der genannten Tiere, sowie der Affen, Stachelschweine und Schlangen,
+die unter dem Namen _gliga_ oder _guliga_ einen hohen Wert besitzen
+und vor allem an chinesische Apotheken verkauft werden.
+
+Zum Erlegen der Tiere wird meistens der Speer gebraucht; nur
+selten findet man bei den Mendalam Kajan Gewehre und noch seltener
+das notwendige Pulver. Da die Gewehre in der Regel von schlechter
+Beschaffenheit sind und recht häufig Unglück mit ihnen angestiftet
+wird, schiessen die Dajak meist mit abgewandtem Gesicht, was nicht
+gerade zur Erhöhung der Treffsicherheit dient.
+
+Im Fangen der Vögel mittelst Schlingen zeigen sich die Kajan auffallend
+ungeschickt und das Stellen von Fallen, mit denen andere Stämme
+grössere Tiere erbeuten, scheint ihnen gänzlich unbekannt zu sein.
+
+Während meines ersten Besuches am Mendalam wünschte ich, in den Besitz
+einiger Argusfasanen zu gelangen, deren schöner Ruf mir öfters aus
+dem Walde entgegenklang, die ihrer Scheuheit wegen jedoch beinahe
+nur mit Schlingen zu fangen sind. Nur wenige Kajan waren zu dieser
+Jagd geneigt und in den ersten Wochen hatte keiner Erfolg. Erst als
+ich sehr hohe Preise aussetzte, 10 Dollar für ein Männchen, 5 für
+ein Weibchen, begab sich der Schwiegersohn des Häuptlings mit zwei
+Leibeigenen, Söhnen von Punan, für einige Tage in den Wald. Mit dem
+Blut schienen diese auch die Geschicklichkeit ihrer Väter geerbt zu
+haben, denn nach 3 Tagen brachten sie mir einige prachtvolle Exemplare
+zurück; nur sie waren auch im stande, mir die verschiedenen Sorten von
+Pfeilgift mit den verschiedenen Pflanzenarten, aus denen es gewonnen
+wird, aus dem Walde zu holen.
+
+Bei meinem zweiten Besuch 1896 waren diese beiden Jäger auf
+weiten Reisen und von einer ferneren Sammlung von Pfeilgiften oder
+Argusfasanen war keine Rede mehr.
+
+
+
+Zu den gewöhnlichen Haustieren der Bahau und Kenja gehören Schweine,
+Hühner, Hunde und Katzen; Pferde, Kühe, Ziegen und Schafe besitzen
+sie nicht. Nur seit kurzer Zeit kommen bei einigen Stämmen einzelne
+eingeführte Ziegen und Schafe vor, sie werden aber von den Bahau,
+wie alle anderen wilden und zahmen Horntiere, noch nicht gegessen. Bei
+den Kenjastämmen essen nur die Priester keine Horntiere.
+
+Die Schweine bilden in Mittel-Borneo eine einheitliche Rasse und
+stammen wahrscheinlich von den einheimischen wilden Schweinen ab
+oder sind doch wenigstens stark mit diesen vermischt; da die Schweine
+ständig frei um das Haus herumlaufen und bisweilen tief in den Wald
+eindringen, ist eine Vermischung mit wilden Schweinen durchaus nicht
+ausgeschlossen. Die Bahau behaupten auch, dass eine Vermischung
+wirklich stattfindet. Die jungen Schweine sind braun und schwarz
+gestreift wie die wilden Schweine; die älteren Tiere sind meist weiss,
+bisweilen auch schwarz.
+
+Die Bahau füttern ihre Schweine so lange gut, als ihre eigenen
+Nahrungsmittel es zulassen. Sie werden des Morgens früh, hauptsächlich
+aber gegen 4 Uhr nachmittags, nach dem Reisstampfen, gefüttert, da
+die Reisspelzen mit Wasser vermengt das Hauptnahrungsmittel für die
+Tiere bilden. Ausserdem werden auch unreife Früchte, besonders Papaya,
+in Wasser gekocht, als Futter verwendet. Einige wohlhabende Familien
+halten sich bisweilen ein Schwein, das stets frei auf der Galerie
+des Hauses umherläuft und ausschliesslich mit Reis-, Früchte- und
+Gemüseabfällen genährt wird. Diese Tiere werden oft sehr dick, einige
+Exemplare wogen sicher 150 kg. Die unter dem Hause frei herumlaufenden
+Schweine erreichen niemals diese Grösse und dieses Gewicht.
+
+Die Hühner Mittel-Borneos gehören zu einer Rasse, die sich in nichts
+von denjenigen der Malaien unterscheidet. Auch die Kampfhähne gehören
+dieser Hühnerrasse an. Tagsüber laufen die Tiere in und unter dem Hause
+frei umher und einzelne werden im Walde ein Opfer der Raubtiere. Um
+die Küchlein zu beschützen, werden sie jeden Abend eingefangen und mit
+der Henne in einem Korbe oben an die Galerie des Hauses gehängt. Die
+älteren Hühner schlafen auf dem Dache, auf den Fruchtbäumen oder an
+anderen hohen, sicheren Stellen. Die Eier werden als gelegentliche
+Opfergaben oft monatelang bewahrt. Nur ab und zu werden frische Eier
+von Erwachsenen gegessen; man giebt sie vor allem Kindern.
+
+
+
+
+KAPITEL X.
+
+ Von Putus Sibau nach Siut--Besuch bei den Taman Dajak--Verlust
+ eines Hundes durch ein Krokodil--Nachtlager auf der Geröllbank
+ Liu Tangkilu--Kampf gegen die Strömung--Aufenthalt wegen des
+ _telandjang_--Umschlagen eines malaiischen Handelsbootes--Ausflug
+ auf einen Berg--Eigentümliche Lianen--Fortsetzung der Fahrt bis zur
+ Gung-Mündung--Aufenthalt wegen schlechter Vorzeichen--Passieren
+ der "Gurung Delapan"--Nachtlager an der Bungan Mündung--_Bier_
+ und _Obet Lata_ fallen in den Fluss--Begegnung mit unserer
+ ersten Gesandtschaft--Ankunft an der Bulit-Mündung--Aufschlagen
+ der Lagers--Nächtlicher Überfall durch Hochwasser--_Akam Igaus_
+ Reiseplan--Begegnung mit Bungan Dajak--Aufbruch zum _pangkalan_
+ Howong--Kalkberge am Bulit.
+
+
+Hat man die Mendalambewohner nach langdauernden Unterhandlungen
+endlich dazu gebracht, sich an einer Expedition zu beteiligen, so
+fassen sie ihre Verpflichtungen dafür wirklich ernst auf. Auch jetzt
+wieder hatten sie, sorgsamer Weise, die Bootsränder durch zwei Reihen
+übereinander gelegter Planken erhöht und die Ritzen mit geklopftem
+Baumbast verstopft; diesen auch noch, nach malaiischer Art, mit Harz
+zu durchtränken (_dumpul_) halten die Kajan aber für überflüssig;
+daher dringt stets etwas Wasser ins Boot und muss von Zeit zu Zeit
+ausgeschöpft werden. Um uns 4 Europäer, den Jäger _Doris_ und unser
+Hab und Gut vor Sonne und Regen zu schützen, hatten sie mitten im
+Boot ein Palmblattdach von 1 m Höhe errichtet, das wenige Tage später,
+als wir unter dem dichten Ufergebüsch nicht hindurch fahren konnten,
+leider wieder fortgenommen werden musste.
+
+Die Böte waren, je nach ihrer Länge, mit 4-6 Mann besetzt; unser
+grösstes Boot hatte eine Länge von 14 m und eine Breite von 80 cm, die
+übrigen waren, um besser zwischen den Geröllbänken lenken zu können,
+kleiner. Vorn und hinten im Boot sass ein Steuermann, die anderen
+nahmen als Ruderer Platz. Malaien und Bahau benützen im Oberlauf
+der Flüsse stets 1.60-1.70 m lange Ruder (_bese_), welche bis auf
+1/3 der Länge aus einem breiten Brett von hartem Holz bestehen. Alle
+hatten ihre eigenen, neuen Ruder mitgebracht und waren auch sonst mit
+allem versehen, was sie auf einer Reise über Wasser und durch Urwald
+nötig haben konnten. Vor allem hatten sie für ihre Waffenrüstung,
+bestehend in Schwert, Blasrohr, Schild, Kriegsjacke und Kriegsmütze
+gesorgt; als Unterlage zum Schlafen und als Dachbedeckung hatten sie
+einen genügenden Vorrat Palmblattmatten (_samit_) mitgenommen. Die
+Reisegarderobe war bei allen sehr schlicht und bestand nur aus 2 oder
+3 einfachen Lendentüchern und einem besonders schönen Lendentuch
+und Jäckchen, die für die Ankunft bei ihren Freunden am Mahakam
+bestimmt waren. Zu meiner grossen Zufriedenheit hatten sie genügend
+viel Gerätschaften, wie Beile, Hobel und Meissel mit sich genommen,
+um die Böte ausbessern, nötigenfalls im Wald gänzlich neue herstellen
+zu können. Alle diese Dinge waren in einem aus gespaltenem Rotang
+geflochtenen Tragsacke (_bruit_) verpackt und von jedem Manne in die
+Mitte des Bootes zu seinem übrigen Gepäck gelegt worden. Hierdurch
+war aber der kleine Raum in der Mitte so angefüllt, dass für unsere
+eigenen Güter und Personen nicht viel Platz übrig blieb und die 25
+Böte kaum alles bergen konnten.
+
+Der Platzmangel hatte noch eine andere Ursache: wie gewöhnlich
+hatten die Ruderer auch diesmal vor der Abreise einen grossen
+Vorschuss von ihrem Lohn (1/2 Dollar pro Tag) empfangen und ihn
+teilweise dazu verwendet, ihren zurückbleibenden Familien allerhand
+notwendige Dinge zu kaufen; grösstenteils hatten sie aber für das Geld
+Tauschartikel eingehandelt, um sich für diese am Mahakam Schwerter,
+Matten und alte Perlen, die dort besser als am Kapuas zu erhalten
+waren, anzuschaffen. In Anbetracht, dass ich das schwere Silbergeld
+dann nicht mitzuführen brauchte, um es erst am Mahakam auszubezahlen,
+hatte ich den Leuten gern den Vorschuss bewilligt; malaiische und
+chinesische Händler in Putus Sibau erzählten mir jedoch bald, dass der
+Lohn in der viel umfangreicheren Form von Kattun, Glasperlen und selbst
+Salz mitgeführt werden sollte. Wohl wissend, dass hieran nichts zu
+ändern war, weil mein Geleite hierüber seine eigene Auffassung besass,
+dass es ferner durch Handeln am Mahakam noch einen besonderen Vorteil
+aus unserer Reise ziehen konnte, widersetzte ich mich nicht gegen
+das Einladen der bisweilen verräterisch dickbäuchigen Tragsäcke. Ich
+wusste aus Erfahrung, wie sehr das eigene Interesse am Gelingen der
+Expedition meine Kajan allen Schwierigkeiten gegenüber stählte.
+
+Ich war froh, endlich unterwegs zu sein; denn das trockene Wetter
+hatte mit einer für Borneo seltenen Standhaftigkeit bereits 3 Monate
+angehalten; die Regenzeit nahte, in den letzten Tagen war bereits eine
+starke atmosphärische Veränderung eingetreten. Die bis dahin klare,
+blaue Luft, in der sich nur oberhalb des fernen Gebirges eine weisse
+Wolkenschicht abhob, wurde täglich grauer und bewölkter, so dass die
+Regenperiode jeden Augenblick eintreten konnte.
+
+So blickte ich denn bei unserer Abreise voll guter Hoffnung und
+Selbstbefriedigung auf die mit vieler Mühe zu Stande gebrachte Flotte
+zurück. In langer Reihe fuhren die Böte dicht am Ufer entlang, um so
+wenig als möglich durch die Strömung aufgehalten zu werden; aus dem
+gleichen Grunde suchten wir auch stets die Innenseite der Buchten auf
+und mussten daher während einer Tagreise den Fluss öfters durchqueren.
+
+Der erste Tag bot keine Schwierigkeiten, weil das Wasser besonders
+niedrig war; wir konnten sogar Siut erreichen, was uns 1894 und 1896
+nicht geglückt war.
+
+Oberhalb Putus Sibau ist der Kapuas nur für Fahrzeuge der Dajak,
+_harok_ oder _bung_ genannt, und leichte malaiische Handelsböte
+schiffbar. Zwar ist stets genügend Wasser im Fluss vorhanden, aber
+sein in der Mitte oder an den Ufern befindliches Geschiebe verengt
+ihn bisweilen so stark, dass er bereits bei niedrigem Wasserstande
+Stromschnellen bildet und bei Hochwasser selbst für Fahrzeuge der
+Eingeborenen schwer passierbar ist. Vor dem verlassenen Nanga Era
+trifft man jedoch noch keine Felsen im Fluss oder bergige Ufer; diese
+bestehen hier noch aus den alluvialen Ablagerungen des Flusses selbst,
+in die er sich stets von neuem sein Bett gräbt.
+
+Wegen des tiefen Wasserstandes, den wir jetzt hatten, fuhren wir 4-5
+m unterhalb des Uferniveaus. Zu beiden Seiten erhoben sich steile,
+vom Flusse ständig unterspülte Wände. Der Anschnitt zeigte eine
+Humusschicht von wechselnder Mächtigkeit und darunter eine 3 m dicke
+Schicht von gelbbraunem Sande, vermengt mit pflanzlichen Überresten,
+bestehend aus grossen Mengen angehäufter Blätter und Zweige oder aus
+übereinander geworfenen Baumstämmen. Unter der Sandschicht kam altes
+Flussgeschiebe zum Vorschein, welches ebenfalls, aber in geringerem
+Masse, Pflanzenreste enthielt; diese sahen bisweilen der Braunkohle
+ähnlich. Die oberste Humuslage war nur einige Dezimeter dick, was
+sich wohl daraus erklären liess, dass die Ufer des Kapuas in dieser
+Gegend längst des Urwaldes beraubt waren und bereits öfters als
+trockene Reisfelder gedient hatten. Daher findet man einen dichten
+Waldbestand auch nur da, wo ihn die Taman Dajak als Begräbnisstätte
+benützen. Auch an Orten, die durch die Überlieferung geheiligt sind,
+wird der Wald geschont.
+
+Die Begräbnisplätze der Taman machen auf den Vorüberfahrenden
+eher einen heiteren als einen finsteren Eindruck: die auf Pfählen
+stehenden, mit schönen, bunten Zeichnungen verzierten Grabmäler mit
+ihren zahlreichen Wimpeln aus rotem und weissem Kattun beleben den
+dunkelgrünen Waldesrand. In der Nähe betrachtet wirken die älteren,
+verfallenen Grabmäler mit dem wegen der Raubsucht der Malaien halb
+vernichteten Hausrat: irdenen Töpfen, Gongen, Rudern, Kleidungsstücken
+u.s.w., welche den Toten ins Jenseits mitgegeben werden, allerdings
+unheimlich düster.
+
+Die Häuser der Taman werden nicht, wie die vieler anderer Stämme,
+alle paar Jahre von ihren Bewohnern verlassen; sie sind daher auch von
+zahlreichen alten Fruchtbäumen: Kokospalmen, Duku, Durian, Rambutan
+und Blimbing umgeben, die als dunkelgrüne Wäldchen aus Reisfeldern
+und Gestrüpp hervorragen. In einiger Entfernung vom Hause bepflanzen
+die Taman ganze Felder mit Bananen; die anderen Fruchtbäume würden
+dort zu viel von Affen, Eichhörnchen und Vögeln zu leiden haben.
+
+Da unser Zug zum Mahakam bereits monatelang am oberen Kapuas besprochen
+worden war, strömte bei unserer Ankunft die ganze Bevölkerung von
+Siut herbei und forderte uns auf, in ihren Häusern zu übernachten.
+
+Der Kontrolleur _Barth_ und ich zogen es vor, unser Nachtquartier
+im neueren Hause am rechten Ufer aufzuschlagen, während _Demmeni_
+und _Bier_ in ihren Böten übernachten wollten. Sie liessen diese mit
+dem Vorderteil auf eine Geröllbank ziehen und zwar mit dem Resultat,
+dass, als das Wasser nachts noch weiter fiel, der hintere Teil des
+Bootes unter Wasser geriet und _Bier_, bei Tagesanbruch, halb im Wasser
+liegend erwachte. Das Kajangeleite schlief in den Häusern der Taman,
+hatte aber in jedem Boot einen Wächter zurückgelassen.
+
+Die Taman waren erfreut über unsere Ankunft und sahen es, wie
+immer, als Ehre an, uns für eine Nacht als ihre Gäste aufnehmen zu
+können. Wie auf der vorigen Reise, wurde ich auch jetzt von Leuten,
+die um Arzneien baten, überlaufen; hie und da kam auch jemand, in der
+Hoffnung auf besseren Erfolg, mit etwas Reis oder Früchten an. Zu
+meiner Freude bemerkte ich auch einen meiner früheren Patienten,
+den ich bereits 1894 behandelt hatte. Man hatte ihn mir damals
+nach Tandjong Narang gebracht, weil er sich durch einen Fall eine
+scharfe, hölzerne Pfahlspitze in die Seite, 20 cm weit unter die Haut,
+getrieben hatte. Mit Hilfe einiger Schnitte und einer Zange gelang
+es mir, das Holzstück zu entfernen. Die Blutung war nicht heftig,
+grosse Gefässe waren also nicht verletzt und die Pleurahöhle nicht
+erreicht; bei der grossen Widerstandsfähigkeit der Dajak sah der
+Fall also nicht so schlimm aus. Obgleich auch das Fieber abnahm,
+entwickelte sich doch, einige Tage vor meiner Abreise, eine schwere
+Pleuritis. Von einer gründlichen Behandlung konnte keine Rede mehr sein
+und so überliess ich den Kranken, nach Erteilung einiger Vorschriften
+wegen der Behandlung der Wunde und sonstigen Verpflegung, den Seinen
+und der Natur. Glücklicher Weise gelang es beiden, die Krankheit
+zu überwinden. Als ich den Patienten jedoch 1896 wiedersah, litt
+er so hochgradig unter ständigen Malariaanfällen, dass seine Milz
+durch die Bauchwand hindurch als dicke Geschwulst fühlbar war. Ich
+hinterliess ihm daher eine grosse Dosis Chinin mit ausführlicher
+Gebrauchsanweisung. Mit grossem Eifer musste er den Vorschriften
+gefolgt sein, denn er kam mir jetzt als kräftiger Mann entgegen
+und brachte mir als Zeichen seiner Dankbarkeit einige Früchte,
+allerdings mit der Bitte um eine weitere Dosis Chinin. Bei einer
+Untersuchung ergab es sich, dass die pleurae an der verwundeten Seite
+noch verwachsen waren, von einer Hypertrophie der Milz oder Leber
+war aber nicht mehr viel zu merken.
+
+Allmählich strömten so viele Männer und Frauen herbei, die alle um
+Heilmittel baten, dass mein Junge mich durch die Ankündigung, dass das
+Essen bereit sei, aus grosser Verlegenheit rettete. Der Beginn einer
+Mahlzeit macht nämlich auf alle Dajak grossen Eindruck, sie wagen es
+daher nur sehr selten, einen beim Essen zu stören, dagegen kommen sie
+nie auf den Gedanken, dass einem auch beim Ankleiden und Zubettegehn
+ein allzu grosses Interesse der Umgebung unliebsam sein könnte.
+
+Nach dem Essen stellte es sich heraus, dass der Tag nicht ganz ohne
+Unfall verlaufen war; denn der Jäger _Doris_ kam mit der Meldung, dass
+einer unserer Hunde während der Fahrt von einem Krokodil aufgefressen
+worden war. _Doris_, der mit einigen anderen Halbblutfreunden in
+Batavia für die Wildschweinjagd eine grosse Koppel Hunde hielt, hatte
+zwei der besten Exemplare mitgenommen; es waren kleine, kurzhaarige
+Tiere mit spitzem Kopf und spitzen, aufrechtstehenden Ohren, die
+für Treibjagden sehr geeignet zu, sein schienen. _Doris_ hatte die
+Hunde, weil sie an das Fahren in Böten nicht gewöhnt waren, längs
+dem Ufer laufen lassen. Da wir aber der Strömungen wegen öfters die
+Ufer wechseln mussten und _Doris_ den Dajak ausserdem zeigen wollte,
+dass seine Hunde ebensogut schwimmen konnten als die ihrigen, hatte
+er sie mehrmals den Fluss durchqueren lassen. Bei dieser Gelegenheit
+kam neben einem der Hunde plötzlich der Kopf eines Krokodils zum
+Vorschein, der sich dem erschreckten und bellenden Tiere bedächtig
+näherte und es unter Wasser zog, bevor man den frechen Räuber durch
+einen Gewehrschuss verjagen konnte.
+
+Um meinen Vorrat an Arzneien, der tatsächlich für die Mahakambewohner
+bestimmt war, nicht zu sehr anzugreifen und um den niederen Wasserstand
+noch auszunützen, fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang weiter; wir
+frühstückten auf einer Geröllbank in der Nähe von Lunsa, machten
+jedoch weder bei dieser Niederlassung noch bei Lunsa Ra, einem
+kleinen Pnihinghause, dem letzten am oberen Kapuas, Halt. Auch diese
+Dörfer waren bereits aus der Ferne an ihren Bananenanpflanzungen
+erkennbar. Auf unserem Zuge 1894 hatte ich in einem Punanhause an
+der Mündung des Era übernachtet, jetzt war von dem ganzen Gebäude
+nichts als ein einziger aufrechtstehender Pfahl bemerkbar. Bis auf
+50 m Abstand vom Ufer hatten Bäume und Sträucher den ganzen Platz,
+auf dem das Haus gestanden, eingenommen und waren dabei so von Lianen
+überwuchert worden, dass man sich nur mit Hilfe eines Beiles einen
+Durchgang hätte verschaffen können.
+
+Im Laufe des Tages fuhren wir an einer Reihe kleiner Inseln,
+waldbedeckten Geröllbänken, vorüber, die hie und da das Flussbett
+sehr verengten, bei diesem niedrigen Wasserstande jedoch keine
+Schwierigkeiten verursachten. Wir erreichten noch am selben Tage Liu
+(= Insel) Tangkilu, eine am linken Ufer des Kapuas in einer Bucht
+gelegene Geröllbank, die unseren zahlreichen Böten einen vorzüglichen
+Schlupfwinkel für die Nacht lieferte. Hier fanden wir noch Spuren
+der kleinen Reisfelder der Punan aus dem verlassenen Hause von
+Nanga Era und befanden uns somit an der Grenze des sogenannten
+Punangebietes, wo feste Niederlassungen nicht mehr vorkommen und
+wo nur die nomadisierenden Stämme der Punan und Bukat die ständigen
+Bewohner der Urwälder bilden.
+
+Der ganze Charakter der Gegend verkündete den Anfang eines neuen
+Gebietes. Mächtige Waldriesen zu beiden Uferseiten breiteten ihre
+Äste so weit über den 50-60 m breiten Fluss aus, dass sie einander
+berühren zu wollen schienen.
+
+Hart am Uferrand wuchsen Bäume, die in ihren hohen, breiten
+Bretterwurzeln genügende Stütze fanden, um ihre meterdicken Stämme
+und schweren Kronen in horizontaler Richtung über den Fluss beugen
+zu können. Bei Hochwasser sind die Stämme oft auf eine Länge von
+ungefähr zehn Metern überschwemmt und auch jetzt konnten wir nur
+mit Mühe unter ihnen hindurch fahren. Auffallender Weise kommt in
+den Urwäldern von Mittel-Borneo längs den Flussufern stets nur diese
+eine Art von Bäumen vor, während man in einiger Entfernung vom Ufer
+überhaupt mir selten zwei oder drei Exemplare der gleichen Spezies
+beieinander stehend findet. Die Früchte dieser Bäume sind essbar,
+werden aber nie gross, so dass nur Kinder sich bemühen, den Fischen
+die Ernte streitig zu machen. Infolge ihres eigentümlichen Wuchses
+und der Steilheit der Ufer des Kapuas, zog sich das grüne Dach dieser
+Urwaldbäume vom Wasserspiegel an in breiten, welligen Falten bis
+Hunderte von Metern an den Wänden der Kluft hinauf.
+
+Ergriffen von dem grossartigen und geheimnisvollen Charakter unserer
+Umgebung nahmen wir in feierlicherer Stimmung als gewöhnlich unser
+Mahl ein und begaben uns früh zur Ruhe. Wir hatten hoch oben auf
+der Bank Zelte und in diesen unsere Klambu aufschlagen lassen, nur
+_Bier_ bestand, trotz seines Unfalles in der vergangenen Nacht,
+darauf, wieder in seinem Boot zu schlafen. Nachts fiel aber ein
+kurzer, heftiger Regen, der seine Lagerstätte, diesmal von oben,
+vollständig durchnässte. Als aber morgens die Sonne wieder schien und
+der Wasserstand sich noch als günstig erwies, zogen wir in heiterer
+Stimmung in das unbewohnte Gebiet hinein. Weiter oberhalb musste aber
+doch viel Regen gefallen sein, denn im Laufe des Morgens stieg das
+Wasser, was uns das Passieren verengter Stellen und überhängender
+Bäume sehr erschwerte. Als an einer Stelle ein quer im Fluss halb
+unter Wasser liegender Baumstamm umfahren werden musste, schien das
+grosse Boot von _Tigang Aging_, in dem sich der Kontrolleur befand,
+der Mannschaft zu schwer zu werden; denn die besonders bei steigendem
+Wasserstande heftige Strömung drohte das Boot, sobald sich sein
+vorderer Teil um das Ende des Baumes dem Ufer zuwandte, der Länge
+nach an den Stamm zu drücken, wodurch das von unten reissende Wasser
+das Boot zweifellos erst in schiefe Stellung und dann zum Umschlagen
+gebracht hätte. In der Mitte des Flusses wiederum konnte gegen
+die starke Strömung überhaupt nicht gefahren werden. Zwei Männern,
+die erst auf den Baumstamm und dann in das Wasser gesprungen waren,
+gelang es endlich, die Spitze des Bootes so lange gegen die Strömung
+zu halten, bis die übrigen Leute mit ihren Stangen am Ufer eine Stütze
+gefunden hatten.
+
+Wir kamen aber doch noch ein gutes Stück vorwärts, wohl mit Hilfe des
+_telandjang_, des wahrsagenden Vogels, der sich günstiger Weise am
+rechten Ufer hören liess. Es war für die Kajan eine grosse Beruhigung,
+dass nun auch der _telandjang_ seine Zustimmung zum Unternehmen
+gab; sie hatten ja vor unserer Abreise an der Mündung des Mendalam
+vergeblich auf ihn gewartet. Uns kostete diese Seelenberuhigung unseres
+Gefolges jedoch zwei Nächte Aufenthalt (_melo njaho)_, da die Religion
+den Kajan vorschreibt, an der Stelle, wo sich der Vogel gezeigt hat,
+das Lager aufzuschlagen. Allein die Überzeugung, dass unsere Leute nur
+auf diese Weise mit Vertrauen unseren weiteren Zug mitmachen würden,
+brachte mich dazu, ihrem Aberglauben wiederum zwei kostbare Reisetage
+zum Opfer zu bringen.
+
+Abends sassen wir still in unserem Waldlager, die einen mit Lektüre,
+die anderen mit allerhand Kleinigkeiten beschäftigt, als 6 Malaien
+in einem kleinen Boote flussabwärts gefahren kamen und uns um Hilfe
+baten. Sie hatten nämlich etwas oberhalb unseres Lagers mit einem
+grossen Boot voll Handelswaren an einem Felsen, den sie umfahren
+mussten, Schiffbruch gelitten; die reissende Strömung hatte das
+Boot gegen einen halb unter Wasser liegenden Stein geworfen und zum
+Umschlagen gebracht. Die unglücklichen Leute hatten nichts übrig
+behalten und baten um ein Unterkommen.
+
+In unserer Ruheperiode war es jedoch _lali_, mit irgend welchen
+anderen Menschen in Berührung zu kommen, und die armen Tröpfe
+kannten das unerbittliche Festhalten der Kajan an ihrer _adat_ zu
+gut, um überhaupt noch einen Schritt bei mir zu wagen, und zogen mit
+hungrigem Magen weiter nach Lunsa.
+
+Für die Meinen bildete das Missgeschick der Malaien einen
+Glücksfall. Da die _adat_ ihnen bei Tageslicht einen kleinen Ausflug
+gestattete, fuhr _Tigang_ in Gesellschaft einiger Stammesgenossen
+in einem leeren Boote den Kapuas hinauf, um die Unglücksstätte zu
+untersuchen, und kam abends mit einem Gong zurück, den sie durch
+Tauchen aufgefischt hatten.
+
+Nachts fiel das Wasser, daher machten sich am zweiten Tage des _melo_
+beinahe alle Kajan auf, um ebenfalls etwas von den verunglückten
+Habseligkeiten aufzufischen. Vor Einbruch der Dunkelheit mussten
+alle wieder zurück sein, aber sie hatten ihre Zeit augenscheinlich
+gut angewandt, denn beinahe jeder brachte ein Beutestück mit. Von
+den aufgefischten Leckerbissen, die eigentlich für die malaiischen
+Buschproduktensucher am oberen Kréhau bestimmt waren, genossen die
+Kajan leider nicht viel, da sie ihnen unbekannt waren.
+
+Der eine verzehrte auf ein Mal eine ganze Büchse Sardinen, so dass ihm
+übel wurde, der andere leerte eine grosse Flasche mit konzentriertem
+Himbeerensirup und bekam Magenbeschwerden und selbst der glückliche
+Besitzer des erbeuteten Gongs beunruhigte sich seines zweifelhaften
+Eigentumsrechtes wegen.
+
+Wir übrigen hatten inzwischen, um eine Aussicht über unsere Umgebung
+zu erlangen, einen, nach den Aussagen der Leute günstig gelegenen Hügel
+bestiegen. Auf dem Gipfel des Berges angelangt standen wir jedoch, wie
+es uns häufig bei noch viel höheren Bergen passierte, in einem ebenso
+dichten Urwald als an seinem Fuss und einen Ausblick zu erlangen war
+also unmöglich. Um uns für unsere Enttäuschung etwas zu entschädigen,
+machten uns unsere Begleiter auf einige botanische Merkwürdigkeiten
+aufmerksam, von denen zwei Lianen allerdings interessant genug
+waren. Sie hiessen "_aka kahir_" und "_aka hiling_" und bildeten
+wahre Milch- und Wasserquellen, wenn man ihre Stämme durchschnitt und
+vertikal hielt. Im übrigen brachten wir von diesem Ausflug nicht viel
+mehr heim als ermüdete Gliedmassen.
+
+Die im Lager zurückgebliebenen Kajan hatten uns unterdessen eine
+Überraschung bereitet und das dichte Ufergebüsch vor unserer Hütte
+umgehackt, so dass wir jetzt eine freie Aussicht genossen. Das
+gegenüberliegende Ufer lag nun in seiner ganzen Grossartigkeit vor
+uns. Die in allen Schattierungen von Grün prangenden Abhänge stiegen
+300 m an und wurden von einer hohen, beinahe senkrechten, nackten Wand
+abgeschlossen. Die Wand trug eine schwere Decke von hohen Stämmen,
+deren zum Flusse hin frei entwickelte Kronen auch in dieser bedeutenden
+Entfernung ihren verschiedenen Charakter erkennen liessen.
+
+Der Eindruck dieser Umgebung wurde nicht wenig durch die scheinbar
+völlige Abwesenheit tierischen Lebens erhöht. Die kleinen Vögel
+in den weit entfernten Baumkronen fielen nicht auf und nur selten
+bemerkte man einige Rhinozerosvögel, die in grosser Höhe über den
+grünen Wellen vorüberschwebten. Nur der Argusfasan liess seinen
+hellen, vollen Ruf von nah und fern ertönen und zeugte von der reich
+entwickelten Tierwelt des tropischen Urwaldes, von der der Mensch
+trotz aller Anstrengung nur einen sehr kleinen Teil wahrnehmen kann.
+
+Am anderen Morgen, den 24. August, begannen die Kajan, vergnügt über
+den günstigen Wasserstand, bereits bei Sonnenaufgang unsere Kisten
+und den Reis in die Böte zu verteilen, verpackten unsere Klambu und
+brachen das Zelt ab, so dass wir, als das ganze Kapuastal noch in
+Morgennebel gehüllt war, bereits in unseren Böten sassen und unter
+den besten Auspizien flussaufwärts fuhren. Nach Übereinkunft sollten
+wir unsere erste Mahlzeit an der Stelle halten, wo das malaiische
+Handelsboot gesunken war, denn meine Ruderer wollten während der
+Vorbereitungen zum Mahl noch einige Habseligkeiten herausfischen.
+
+Nach einer Stunde erreichten wir die Unglücksstätte, ein Becken
+unterhalb Pulau Balang, in welchem hervorragende Felsblöcke in der
+Mitte und zu beiden Seiten so heftige Strudel verursachten, dass wir
+auch jetzt, bei niedrigerem Wasserstande, nur dank der Geschicklichkeit
+und Anstrengung der ganzen Bemannung vorwärts kamen. Die Verunglückten
+hatten versucht, ihr Boot längs eines Felsvorsprunges des linken
+Ufers über eine kleine Stromschnelle hinaufzuschaffen, und ihre Ladung
+war beim Umschlagen in das durch Felsblöcke vom Flusse abgeschiedene
+Becken gesunken.
+
+Auch musste eine grosse Menge Reis gesunken sein, denn noch jetzt
+liessen sich auf dem Grunde des Wassers dicke, weisse Schichten
+erkennen. Gleich nach unserer Ankunft entledigte sich ein Teil der
+jungen Männer seiner ohnehin spärlichen Kleidung und verschwand im
+Becken, während andere überlegten, wohin die Strömung noch weitere
+Gegenstände weggeführt haben könnte. Ausser einigen Flaschen und
+Konservenbüchsen wurde noch ein Gong zum Vorschein gebracht, aber
+die leichteren Sachen, wie Packen Kattun, mussten vom Wasser bereits
+fortgetragen worden sein. Die Taucher blieben in ihrem Eifer bisweilen
+so lange unter Wasser, dass ich besorgt wurde. Sie berichteten,
+dass noch viele Säcke Reis am Grunde lagen, aber dass das Wasser zu
+tief sei, um sie hervorholen zu können; übrigens war der Reis durch
+das lange Liegen im Wasser sicher auch schon verdorben. So konnten
+denn die Kajan nach dem Essen mit ruhigem Gemüt von diesem kostbaren
+Fleckchen Abschied nehmen und ihre Aufmerksamkeit darauf richten,
+uns selbst wohlbehalten über alle Strudel hinwegzubringen.
+
+An der Mündung des Kréhau trafen wir einige zwanzig malaiische
+Händler mit ihren Warenböten, die unseren neugierigen Kuli die
+neuesten Nachrichten über die Buschproduktensucher am Kréhau und die
+Einzelheiten des Schiffbruchs berichteten.
+
+Teils mit Rudern, teils mit Stangen kämpfte die Bemannung immer
+weiter gegen das wilde Wasser des Kapuas an. Durch das ständige
+Schaukeln des Bootes und die warme Mittagssonne in einen leichten
+Halbschlummer eingewiegt vernahm ich das Krächzen einiger Krähen in
+den Uferbäumen und wurde so im Traume über Meere und Weltteile nach
+einem kleinen Fleckchen Europas geführt, wo kühle Winde auf frischen
+Wiesen Mühlen treiben.
+
+Bald aber verlangte eine besonders schwierige Stelle wieder die ganze
+Kraftanspannung meiner braunen Ruderer, deren Stimmbänder, während
+sie einander mit lauten Zurufen anfeuerten, in gleicher Weise wie
+ihre Muskeln angestrengt wurden. Meine Gedanken wurden dadurch bald
+in die Wirklichkeit; zum Kapuas, zurückgeführt und ich erfreute mich
+an der Geschicklichkeit und dem Eifer meiner Kajan, die mit ruhiger
+Sicherheit alle Schwierigkeiten zu überwinden wussten.
+
+Wir kamen diesmal auch viel weiter als auf der vorigen Reise und
+fuhren auch an Long Mensikai vorbei, dessen üppige Vegetation jetzt
+nicht mehr erraten lässt, dass der Ort einst bebaut und von Menschen
+bewohnt gewesen ist.
+
+Das kleine Stück Himmel, das zwischen den Uferbäumen sichtbar war,
+kündigte uns Unwetter und Regen an; wir waren daher froh, dass wir
+unseren Zug noch bis zur Mündung des Gung forsetzen und auf einer
+Geröllbank (_neha Barau_) unser Lager aufschlagen konnten.
+
+Sehr unangenehm berührte mich am anderen Morgen _Akam Igaus_ Vorschlag,
+dass wir an diesem Tage nicht weiter fahren sollten, weil er schlecht
+geträumt und ein anderer nachts den _bilang_, einen Baumgecko, gehört
+hatte. Im Hinblick auf die herandrohende Regenzeit musste ich das
+Äusserste wagen, um _Akam Igau_ von seinem Aberglauben abzubringen und
+rief daher _Tigang Aging_ und noch einige der wichtigsten Häuptlinge zu
+einer Beratung zusammen. Es war mir bereits früher aufgefallen, dass
+_Akam Igau_ auf dieser Reise ganz besonders an den Vorzeichen hing,
+weil seine beiden jungen Söhne, _Adjang_ und _Djawè_, zum ersten Mal an
+einem grossen Zuge teilnahmen. Ich hatte also nicht viel Nachgiebigkeit
+seinerseits zu erwarten und spielte daher die Missgunst des _Tigang
+Aging_, der nicht geträumt hatte und zur Weiterreise geneigter war,
+gegen ihn aus. Ich gab zu erkennen, dass ich, nachdem beim Beginn der
+Reise alle Vorzeichen als günstig befunden worden waren, eine weitere
+ernsthafte Unterbrechung unseres Zuges wegen der Vorzeichen nicht mehr
+wünschte, dass ich es auch so mit _Kwing Irang_, dem grossen Häuptling
+am Mahakam, gehalten hatte, der sich, wenn er den _bilang_ hörte, mit
+einer Scheinexpedition begnügt hatte, und dass ich überzeugt war, dass
+_Tigang Aging_ ebenso gehandelt hätte. Letztere Bemerkung reizte _Akam
+Igau_ am meisten, wenigstens zeigte er sich zur Weiterreise bereit,
+nur wollte auch er vorher mit allen Kajan bis zu der Stelle hinziehen,
+wo der _bilang_ sein "tjok, tjok" hatte ertönen lassen. Der Sinn einer
+solchen Expedition scheint darin zu bestehen, dass man dem wahrsagenden
+Tier, das eine Weiterreise verbietet, durch einen Spaziergang im
+Walde weismacht, man setze die Reise in der Tat nicht fort.
+
+Um die Gemüter in gute Stimmung zu versetzen, versprach ich für
+diesen Tag einen Extralohn von 1/2 Dollar, falls es uns gelänge, die
+kommenden 8 Wasserfälle "Gurung Delapan" zu passieren und den Bungan
+zu erreichen. Diese "Acht Wasserfälle" bilden nämlich für die Fahrt
+auf dem oberen Kapuas das Haupthindernis. Der Fluss drängt sich hier
+zwischen zwei Bergrücken hindurch in einem Bette, das die grossen
+Wassermassen oft nicht fassen kann; ausserdem werden die zum Teil
+haushohen Felsblöcke am Ufer bei Hochwasser durch die Strömung rund
+und glatt geschliffen. Diese Felswüstenei erstreckt sich 600 m längs
+des Flusses, der brausend und schäumend durch das unregelmässige Bett,
+das er sich selbst im Laufe der Zeit gegraben hat, hindurchschiesst.
+
+Bei dem niedrigen Wasserstande, den wir jetzt glücklicher Weise hatten,
+legten wir die Strecke bis zu den Wasserfällen in kurzer Zeit zurück
+und landeten guten Mutes unterhalb eines haushohen Sandsteinblockes
+am linken Ufer. Der Block benahm uns zwar die Aussicht auf den
+"Gurung Delapan", beschützte aber unsere Böte vor den seitlich
+vorbeischiessenden Wassermassen. Während wir beschuhten Europäer nach
+einiger Übung beim Gehen auf Baumstämmen oder über Flussgeröll noch
+eine erträgliche Figur bilden, ist es auf einem Terrain wie dem vor
+uns liegenden um unsere Haltung bald geschehen. Bereits das Verlassen
+des kiellosen Bootes, das schaukelnd und ächzend zwischen den anderen
+auf dem bewegten Wasser lag, erforderte Überlegung und Balancierkunst,
+und gleich der erste Tritt auf dem nassen, runden, glatten Felsblock am
+Ufer war ein Wagstück. Trotz unserer gut beschlagenen Sohlen wurde uns
+das Vorwärtskommen über und zwischen diesen glatten Steinmassen sehr
+schwierig, während die barfüssigen Kajan, schwer belastet, den langen
+Weg nach oben mit viel Würde und Bedachtsamkeit zurücklegten. Auch
+die kleinsten Päckchen mussten aus den Böten genommen und über
+die Felsen bis oberhalb der Wasserfälle getragen werden, so dass
+es Stunden dauerte, bevor man an den Transport der Böte denken
+konnte. Mit Rudern und Stangen war in diesem Wasserchaos nichts
+anzufangen; daher holten die Kajan aus dem Walde lange Stücke Rotang,
+von der Stärke dicker Taue, und befestigten sie vorn und hinten an den
+beiden Bootsenden. Die gewandtesten Männer erfassten die Rotangenden,
+kletterten auf den Felsen, zogen die Böte erst um den schützenden
+Block herum und dann längs dessen Fusses hin die Fälle hinauf. Sind
+die Umstände günstig, so riskiert es ein Mann, im Boote zu bleiben,
+um dessen Anprall an die Felswände zu verhindern. Auf diese Weise
+wurde ein Boot nach dem anderen um die verschiedenen vorspringenden
+Felsblöcke bugsiert, ein mühevolles und zeitraubendes Werk.
+
+Der Zug der Gepäckträger über die Felsen bot ein lebendiges
+und belustigendes Schauspiel; denn der Transport so vieler Güter
+stellte auch an die hoch entwickelte Kletterkunst der Kajan grosse
+Anforderungen und, sobald Form und Gewicht des Packens ein Tragen
+auf dem Rücken nicht zuliessen, schwankte der Träger ununterbrochen,
+und so manches Ausgleiten hatte einen Fall zur Folge.
+
+Noch lebhafter und aufregender ging es auf der Wasserseite zu; hier
+entfalteten die Dajak eine solche Kraft, Umsicht und Fertigkeit, dass
+auch ein an dergleichen wilde Schauspiele Gewohnter von Bewunderung
+erfüllt werden musste. Da jeder, durch die Anspannung erregt, dein
+anderen' über das Gedonner des Wassers hin etwas zuzuschreien versucht,
+herrscht überall ein scheinbares Durcheinander; in Wirklichkeit
+weiss aber jeder genau, was er zu tun hat. Das Boot wird durch die
+beiden Rotangseile in der richtigen Stellung gehalten und prallt nur
+selten an die Felswände an. Während die erste Gruppe bereits einen
+neuen Felsblock erklimmt, steht die zweite oft bis über die Mitte im
+Wasser und hält das hintere Seil straff, um das Boot nicht anstossen
+zu lassen; dann wird auch dieses Seil nach oben geholt und so geht
+es langsam weiter. Ein Europäer tut unter solchen Verhältnissen am
+besten, sich jeder Einmischung zu enthalten und ganz dem Rat der
+sorgsamen Häuptlinge zu folgen.
+
+Bei dem vorhandenen günstigen Wasserstande liess man mich,
+als die gefährlichsten Stellen überstanden waren, im Boote Platz
+nehmen. Nachdem wir mit einigen Böten bereits ein gut Stück vorwärts
+gekommen waren, stand ich einen Augenblick allein in dem meinigen,
+um die Ankunft der übrigen zu erwarten. Da fing das Wasser plötzlich
+mit solcher Geschwindigkeit an zu steigen, dass ich allein nicht im
+stunde war, den einen Rand meines Bootes; der eben noch frei unter
+einem vorspringenden Felsrand geschaukelt hatte und jetzt unter diesem
+eingeklemmt war, zu befreien. Das Boot neigte sich sogleich stark,
+aber einige Dajak sprangen in den Fluss und ich auf den Felsblock
+und so glückte es diesmal, mein Boot vor dem Umschlagen und einige
+meiner Güter vor einem unwillkommenen Bad zu behüten.
+
+Mit dem immer schneller ansteigenden Wasser vermehrten sich alle
+Schwierigkeiten derart, dass an ein Überschreiten der Wasserfälle
+nicht zu denken gewesen wäre, wenn wir nicht bereits den halben
+Weg zurückgelegt gehabt hätten und nicht der Rückzug ebenso viel
+Hindernisse wie das Vorwärtsgehen verursacht hätte.
+
+Unsere weitere Fahrt bestand in einem heftigen Kampfe mit den tobenden
+Wellen. Bald im Boote schaukelnd, bald im dornigen Uferwalde allein
+einen Weg suchend überliess ich die Bestimmung über meine Person
+und Habe gänzlich meiner Mannschaft. Bald nach Mittag glaubte ich,
+an einzelnen grossen Felsblöcken am Ufer zu erkennen, dass wir die
+eigentlichen Fälle überwunden hatten. Obgleich ich bereits zwei Mal den
+Kapuas hinaufgefahren war, konnte ich doch in dem schnellfliessenden,
+unruhigen Strom nicht das stille Wasser, das sich von hier bis zur
+Mündung des Bungan hinziehen musste, nicht erkennen.
+
+Die Felsblöcke am Ufer, die das Flussbett verengten und mich stets
+wieder das Boot zu verlassen zwangen, verschwanden jetzt, aber die
+Schwierigkeiten verminderten sich darum nicht. Die heftige Strömung
+konnte nur mit der grössten Kraftanspannung und dadurch, dass man an
+der Innenseite der Buchten entlang fuhr, überwunden werden. Zu diesem
+Zweck mussten wir immer wieder die hoch brausende Mitte des Flusses
+durchqueren, ein Wagstück, das nur wenige Dajak zu unternehmen sich
+getrauten. Ihrem Beispiel folgend stellten die übrigen ihr Boot in
+einem bestimmten Winkel gegen die Stromrichtung, ruderten aus aller
+Macht und kamen so hinter einer beschirmenden Landzunge zum Vorschein,
+um im nächsten Augenblick von der rasenden Strömung der Flussmitte
+gepackt und mit schaudererregender Schnelligkeit gegen das andere
+Ufer geschleudert zu werden. In solch einem Augenblick spannte die
+Bemannung zuerst alle Kräfte an, um den ersten Anprall der Bootspitze
+gegen das Ufer zu verhindern; war dies geglückt, so sprangen alle im
+Fahrzeug in die Höhe, ergriffen die Stangen und suchten nun auch den
+Anstoss der Bootsränder zu brechen.
+
+Die Bewegungen, die die langen, schmalen Fahrzeuge ausführten, waren
+äusserst unangenehm und sicher ist, dass ich dem Himmel dankte,
+als uns nachmittags gegen 4 Uhr die braunen Wellen des Kapuas nicht
+mehr an das andere Ufer, sondern in das stille, dunkle Wasser seines
+Nebenflusses, des Bungan, warfen, der sich wie ein See unter dem
+Gewölbe der überhängenden Uferbäume hinzog.
+
+In der folgenden Nacht legten sich die Kajan, erschöpft von allen
+Anstrengungen, ohne andere Bedeckung als ihre Matten, auf der ersten
+besten Geröllbank zur Ruhe nieder. Wir Europäer verbrachten die Nacht
+in einer schlecht gebauten Hütte mit der beruhigenden Überzeugung,
+dass uns ein Regenfall im Bungangebiet nur einen und nicht mehrere
+Tage Aufenthalt verursachen würde, wie in dem so viel grösseren
+Gebiete des Hauptflusses.
+
+Nachts bereits begann der Bungan zu steigen und beim Erwachen mussten
+die Kajan vor seinem verräterisch braunen Wasser von der Bank an
+das höhere Ufer flüchten; der stille See von gestern stürzte jetzt
+schäumend an uns vorüber. An eine Forsetzung der Reise war nicht zu
+denken und so genossen meine Kajan einen wohlverdienten Ruhetag.
+
+Ebenso schnell wie das Wasser gestiegen war, fiel es auch wieder und
+wohlbehalten und erfrischt konnten wir am anderen Morgen den Bungan
+aufwärts ziehen. Das Wasser hatte gerade die richtige Höhe. Ist es
+niedriger, wie es auf meiner früheren Reise der Fall war, so muss die
+Bemannung nebenherlaufend das Boot über die Steine des Flussbettes
+ziehen, eine viel ermüdendere Arbeit als das Vorwärtsstossen mit
+Stangen (_gala_). Trotzdem all unser Gepäck beim Überschreiten der
+zwei folgenden Wasserfälle, des Gurung Bakang, wo _Georg Müller_
+1825 ermordet wurde, und des Gurung Langau über Land getragen werden
+musste, legten wir an diesem Tage doch über die Hälfte des Weges bis
+zur Mündung des Bulit zurück.
+
+Durch einen kleinen Unfall lernte _Bier_ an diesem Tage das Fahren
+in Dajakböten. Er glaubte nämlich anfangs, ebensogut hoch oben auf
+ein paar Kisten als am Boden des Bootes, wie alle übrigen, sitzen zu
+können. In einer Stromschnelle verlor aber der Führer seines Bootes,
+_Obet Lata_, das Gleichgewicht, suchte unwillkürlich an ihm einen
+Halt und riss ihn mit sich in den Fluss. Zum Glück kehrten beide
+wohlbehalten in ihr Boot zurück.
+
+Der gleich günstig gebliebene Wasserstand veranlasste uns auch am
+folgenden Morgen, früh aufzubrechen. Vor der Mündung des Bulit hatten
+wir keine Wasserfälle mehr zu passieren und so erreichten wir bereits
+gegen Mittag die Verbreiterung, in der Pulu (= Insel) Daru liegt. Ein
+fröhlicher Sonnenschein, der uns aber in der Tiefe der Kluft, unter
+dem überhängenden Grün des Gebirgswaldes, nicht erreichen konnte,
+belebte das Bild. Als sich hie und da Fische zeigten, konnten einige
+Kajan dieser Versuchung nicht widerstehen, holten ihre Wurfnetze
+hervor und begannen ihr Glück zu versuchen. Da vernahmen wir zu
+unserer aller Freude unter der dunkelgrünen Halle, die sich über uns
+ausspannte, das Plätschern von Rudern und bemerkten auch bald die auf
+dem Rückwege begriffenen Böte von _Seniang_ und _Akam Lasa_. Diese
+hatten bei dem trockenen Wetter eine sehr günstige Reise gehabt, alle
+Vorräte unversehrt zum Bulit gebracht und dort auch die drei Männer,
+die unser Gepäck bewachten, angetroffen; diese befanden sich sehr wohl,
+sehnten sich aber in ihrer Einsamkeit sehr nach unserer Ankunft.
+
+_Akam Lasa_ und _Seniang_ bekamen noch, als vorläufig letzten Gruss an
+die gebildete Welt, einen Pack Briefe mit nach Putus Sibau und setzten
+dann ihre Heimreise fort; auch wir verliessen den freundlichen Ort,
+um noch Long Bulit zu erreichen.
+
+Im Laufe des Nachmittags wurde uns die Fahrt auf dem stillen Wasser
+unter hohen Uferbäumen und Girlanden herabhängender Lianen durch
+einen Regen verdorben. Da der Regen immer stärker wurde und alle,
+die keinen Mantel besassen, bis auf die Haut durchnässte, begrüssten
+wir mit Freuden die Reihe Felsblöcke, welche die Mündung des Bulit
+beinahe abschliesst.
+
+Hier hatten die drei Wächter bereits eine Leiter zur Ersteigung des
+hohen Uferwalls und Gerüste für unsere Hütten hergestellt, so dass
+nur noch das Segeltuch aus den Böten geholt zu werden brauchte, um
+uns ein schützendes Obdach vor dem Sturzregen zu verschaffen; bei
+hungrigen und ermüdeten Menschen ruft der Regen auch in den Tropen
+eine sehr unangenehme Stimmung hervor. Für uns Europäer gab es aber
+so viel Interessantes zu hören, dass nach dem Wechsel der nassen
+Kleider die letzten Unannehmlichkeiten bald vergessen waren.
+
+Mehr als drei Wochen hatten die Wächter allein, mitten in diesem nur
+von den nomadisierenden Stämmen der Bukat und Bungan Dajak durchzogenen
+Urwäldern, zugebracht; sie hatten sich aber nie geängstigt. Bereits
+wenige Tage nach ihrer Ankunft hatte sich das Gerücht von ihrer
+Anwesenheit mit so vielen guten Esswaren auch in diesen weiten Wäldern
+verbreitet. Erst waren ein paar Bunganmänner auf Kundschaft gekommen
+und, nachdem man sie freundlich empfangen hatte, folgten bald auch
+Frauen und Kinder, die alle ein Geschenk an Reis und Tabak erhielten,
+das für sie einen ganz besonderen Glücksfall bedeutete. So gestaltete
+sich den drei Männern die Einsamkeit noch erträglich und die Ungeduld
+wurde ihnen nicht zu quälend.
+
+Da in den letzten Jahren alles niedrigere Gehölz der nächsten Umgebung
+von vorüberreisenden Gesellschaften zum Bau von Lagern gefällt worden
+war und unser zahlreiches Geleite es zu mühsam fand, Holz von weiter
+her zu beschaffen, übernachteten sie in sehr primitiven Hütten auf
+den Geröllbänken unten im Fluss. Auf einen trockenen Abend folgte
+aber eine nasse Nacht. Wir schliefen noch nicht lange, als wir von
+einer allgemeinen Unruhe am Flussufer geweckt wurden. Der Regen vom
+Nachmittag musste auch in einem Teil des Stromgebietes des oberen
+Bulit gefallen sein; denn das Flüsschen stieg innerhalb einer halben
+Stunde um zwei Meter und seine Wassermassen überfielen plötzlich die
+Schläfer auf der Bank.
+
+Die Gesellschaft musste so schnell nach oben flüchten, dass einige
+ihr Hab und Gut nicht mehr in Sicherheit bringen konnten und zusehen
+mussten, wie ihre Tragkörbe mit dem so kostbaren Inhalt von dem
+Strome fortgerissen wurden. Während des folgenden Tages stieg und
+fiel das Wasser abwechselnd. An eine Fahrt auf dem Bulit war nicht
+zu denken, daher widmeten wir uns ganz dem Ordnen des Gepäckes, das
+uns, seines Umfanges wegen, trotz der ansehnlichen Trägerzahl für den
+Landtransport viel Schwierigkeiten verhiess. Daher kam _Akam Igau_
+mit dem Vorschlag, nicht wie auf der letzten Reise südlich vom Berge
+Lekudjang zum Penaneh zu ziehen, sondern durch das Tal des oberen
+Bungan und seines Nebenflusses, des Betjai, nördlich vom Lekudjang,
+den Howong, einen Nebenfluss des Mahakam, zu erreichen. Der Weg über
+den Penaneh führte nämlich über die zahlreichen Bergrücken, welche die
+südlichen Quellflüsse des Bungan trennen, ausserdem waren die Pnihing,
+die früher am oberen Penaneh wohnten und uns auf der Reise 1896 die
+erste Hilfe im Mahakamgebiet geleistet hatten, inzwischen an einen
+weiter unter am Fluss gelegenen Ort gezogen, so dass wir diesmal einen
+viel weiteren Weg selbständig zurückzulegen gehabt hätten als damals.
+
+Um an den Howong zu gelangen, konnten wir erst dem Bungan und dann dem
+Betjai bis zur Wasserscheide folgen, hatten diese dann auf bequemem
+Pfade zu überschreiten und zum Howong hinunterzusteigen. Dort wohnte
+seit langer Zeit ein Pnihingstamm, der uns beim Transport helfen und
+nötigenfalls auch mit Reis versehen konnte.
+
+In Anbetracht dass auch _Georg Müller_ im Jahre 1825 diesem Weg,
+allerdings in umgekehrter Richtung, gefolgt war und dass er überdies
+für mich neu war, ging ich gern auf _Akam Igaus_ Vorschlag ein, und
+wir beschlossen, nur bis zum _pangkalan_ (Halteplatz beim Beginn
+des Weges zum ...) Howong den Bulit aufwärts zu fahren und nicht,
+wie in den Jahren 1894-1896, erst vom_ pangkalan_ Mahakam aus den
+Landzug zu beginnen.
+
+Gegen Abend fiel das Wasser ständig und wir hofften, unsere Fahrt
+am anderen Morgen auf dem nur 15 m breiten Flüsschen bei einer für
+unsere Böte genügenden Tiefe des Wassers fortzusetzen.
+
+Alles auf einmal zu transportieren war jedoch unmöglich, daher sollten
+der Sergeant _Duni_ und ein Schutzsoldat _Bajan_ mit einigen kranken
+und auf der Reise verwundeten Kajan beim Reis zurückbleiben und später
+vom _pangkalan_ Howong aus abgeholt werden.
+
+Am ersten Tage begegneten wir Bungan Dajak, die auf der Reise
+nach Putus Sibau begriffen waren. Sie zeigten sich anfangs scheu,
+obgleich ich bereits auf der früheren Reise mit ihnen verkehrt
+hatte. Augenscheinlich fürchteten sie unseren Zorn, weil sie den
+Malaien _Adam_ ermordet hatten. Ich wusste aber, dass dieser _Adam_,
+ein aus Serawak entflohener Bandit, diese schwachen Stämme entsetzlich
+betrogen hatte, dass er sich sogar als Repräsentant der Regierung
+aufgespielt und sich als solcher vieler vom Mahakam stammender Güter
+bemächtigt hatte; ausserdem hatte er im Jahre 1896 alles getan, damit
+unsere Expedition von den Mahakamstämmen schlecht empfangen würde. Ich
+beruhigte die Leute über die Folgen ihrer Tat und beschloss, um Zeit
+für die Erneuerung unserer Bekanntschaft zu gewinnen, erst kochen
+und das Nachtlager aufschlagen zu lassen. Nachdem sich die Bungan
+beruhigt hatten, erzählten sie mir, dass _Adam_ sehr schlecht gegen sie
+gewesen sei. Als sie einst gemeinsam von Putus Sibau, wohin sie sich
+begeben hatten, um Handel zu treiben und den Kontrolleur zu sprechen,
+zurückkehrten, liess _Adam_ nicht zu, dass sie die mitgebrachten Waren
+in ihre Hütten brachten, sondern zwang sie, einen Teil ins Wasser
+zu werfen. Einen kleinen Knaben, der noch etwas von den Schätzen
+retten wollte, verwundete er mit dem Schwerte, worauf dessen älterer
+Bruder einen vergifteten Pfeil auf ihn abschoss. Nun fassten auch die
+anderen Mut und beschossen ihn mit Pfeilen; sie wagten aber nicht,
+sich ihm zu nähern, und so hatte er noch Zeit gehabt, sich bis zu
+einer Felsenhöhle fortzuschleppen, wo er sein Leben endete.
+
+Die Bungan besassen keine guten Böte und baten mich daher um eines der
+unseren, von denen wir ohnehin einige zurücklassen mussten; denn meine
+Kajan hatten für ihre Rückkehr nicht so viele nötig. Ich sagte ihnen
+ein Boot zu unter der Bedingung, dass sie beim Transport unserer Güter
+längs des Bulit bis zum Bungan behilflich sein sollten, worauf sie
+hauptsächlich wegen der zu erwartenden guten Reismahlzeiten eingingen.
+
+Wir befanden uns hier inmitten einer interessanten
+Bergformation. Bereits an der Mündung des Bulit bemerkte ich einen
+weissen Kalkstein, weiter aufwärts wurden die Kalksteine immer
+zahlreicher, bis wir, nach einer Fahrt von einigen Stunden, zu beiden
+Seiten des Bulittales steile, 150-250 m hohe Kalkberge auftauchen
+sahen. Beim ersten Blick erinnerten ihre überhängenden Wände im unteren
+Teil an die Tufflager im Mandaigebiet, aber die unregelmässigen Höhlen
+und tiefen Klüfte hoch oben benahmen mir bald den Irrtum. Über eine
+Geröllbank klimmend, auf der einige Felsstücke anderer Formation
+mit ausgesprochener Schichtung hervorragten, gelangten wir bald an
+den Fuss eines der Berge. An der Seite, wo wir standen, hing eine
+60 m hohe Felswand über uns, die an den Stellen, wo nicht Moose
+und Algen eine rote, braune oder graue Farbe hervorgerufen hatten,
+bräunlich weiss war. Zahlreiche, bis ein Meter lange Bienennester,
+deren Bewohner auf diese Entfernung kaum sichtbar waren, hingen von
+den Wänden wie von Gewölben herab.
+
+Der untere Teil der überhängenden Wand war, infolge der Erosion des
+durch die poröse Kalkmasse dringenden Wassers, in tiefe, breite Gruben
+und Spalten zerklüftet, die ganz unten zu Höhlen anwuchsen, an deren
+Eingang wir prachtvolle Stalaktiten bewunderten. Aussen waren diese
+bewachsen und dunkel gefärbt, an der inneren Seite waren sie aber
+schön weiss geblieben.
+
+Ausser zahlreichen Schmetterlingen und Bienen, die das an vielen
+Stellen durchsickernde Wasser aufsaugen, beobachteten wir als
+Hauptbewohner dieser Höhlen nur Fledermäuse und Schwalben, von
+denen letztere essbare Nester bauen, die am Mahakam einen wichtigen
+Ausfuhrartikel bilden. Auf dem Boden hatte sich im Laufe der Zeit eine
+dicke Guanolage gebildet, deren durchdringender Geruch sich weit in
+der Umgegend verbreitete.
+
+Die Höhlen dienen den nomadisierenden Familien der Punan und der
+ihnen ähnlichen Bungan Dajak als Schatz- und Totenkammern.
+
+Unser Geleite zeigte für die Kalkbildungen viel weniger Interesse
+als wir und nur einzelne wagten es, sich den Höhlen, welche ihre
+Phantasie mit einem Heer von Geistern bevölkert, zu nähern. Keiner
+war auch dazu zu bewegen, irgend etwas in der Umgebung anzurühren,
+und so begannen wir denn selbst mit einem Hammer einen Teil eines
+Stalaktiten abzuschlagen, um seine Bestandteile später untersuchen zu
+können. Er erwies sich als sehr porös; trotzdem kostete es viel Mühe,
+ein Stück abzutrennen. Der lange Stab tönte dabei wie eine Glocke, wir
+hörten aber aus Furcht, das ganze Stück auf unsere Köpfe zu bekommen,
+bald mit diesem gefährlichen Glockenspiel auf.
+
+Um eine gute photographische Aufnahme machen zu können, musste ein
+Baum gefällt werden. Während wir mit dem Aufsuchen eines geeigneten
+Standplatzes beschäftigt waren, verschwand, aus abergläubischer Furcht,
+einer der Kajan nach dem anderen, und von den drei übriggebliebenen
+wagte keiner, den Baum zu fällen. Ich ergriff daher ein Dajakbeil
+und machte mich selbst an die Arbeit. Einem danebenstehenden Pnihing
+wurde die Situation allmählich doch peinlich und, nachdem er sich
+überzeugt hatte, dass ich immer noch lebend auf meinen Beinen stand,
+überwand er seine Angst und nahm mir die Arbeit ab, die er sicher in
+einem Zehntel der Zeit vollführte.
+
+
+
+
+KAPITEL XI.
+
+ Ankunft am _pangkalan_ Howong--Unterhaltung im Lager--_Akam Igau_
+ zieht zum Mahakam voraus--Aufbruch eines Teils der Kuli zur
+ Wasserscheide--Erscheinen von Bungan Dajak Besuch im Lagerplatz
+ der Bungan--Rückkehr der Träger--verschwinden des leises--Landzug
+ in Eilmärschen--Passieren des Bungan--Nahrungsnot--Lager unterhalb
+ der Wasserscheide.
+
+
+Bereits früh am folgenden Tage erreichten wir den _pangkalan_
+Howong. Ida wir hier voraussichtlich einige Tage warten mussten,
+bis all unser Gepäck beisammen war, wurde ein festeres Lager als
+gewöhnlich aufgeschlagen. In kurzer Zeit wurden für uns und die
+verschiedenen Gruppen unserer Ruderer gute Hütten und für unsere
+Vorräte ein paar feste Schutzdächer aufgestellt.
+
+Es zeigte sich, dass wir alles ohne Unglücksfälle und wenig
+beschädigt, in kürzerer Zeit als die vorigen Male, zu Wasser befördert
+hatten. Leider liessen die ungeschickten Punan noch im letzten
+Augenblick ein Boot, als es zwischen zwei Felsblöcken eingeklemmt
+sass, voll Wasser laufen. Die mit Harz verklebten eisernen Kisten
+trieben anfangs auf dem Wasser und konnten aufgefischt werden; sie
+mussten aber, da trotzdem Wasser eingedrungen war, doch ausgepackt
+werden. Unglücklicher Weise regnete es den ganzen Tag, so dass in
+der ohnehin feuchten Umgebung ein Trocknen kaum möglich war.
+
+Unsere ganze Gesellschaft genoss übrigens die erzwungene Ruhe in
+dem angenehmen Gefühl, dass ein wichtiger und gefährlicher Teil der
+Reise bereits zurückgelegt war. Wie gewöhnlich verstanden die Kajan,
+die freie Zeit am besten zu benützen; sie hatten in ihren Tragkörben
+allerhand Arbeit mitgenommen, mit der sie sich während der langen
+Abende angenehm beschäftigten. Beim Schein einer kleinen Blechlampe
+schnitzte der eine ein neues Ruder, der andere einen Teller, ein
+dritter, Liebhaber feiner Arbeit, stellte einen Mandau-Schwertgriff
+her. Viele lagen auch neben einander und plauderten über die
+Tagesereignisse; trotz aller Anstrengungen der verflossenen Tage
+schien keiner ruhebedürftig zu sein. Wurde die Stimmung besonders
+heiter, so begann einer der älteren Männer, Couplets, welche die
+Stammesgeschichte behandelten, vorzutragen; in den Kehrreim stimmte
+die ganze Gesellschaft mit ein. Der Gesang wirkte auf die Dauer etwas
+eintönig, klang in dieser Umgebung aber doch anziehend und legte
+ein gutes Zeugnis für die Stimmung meiner Kuli ab; daher horchte ich
+mit Vergnügen, wenn mir nicht vor Müdigkeit die Augen zufielen. Wir
+Europäer hatten nämlich trotz unserer guten Lampen keine Lust gehabt,
+irgend etwas vorzunehmen und hatten uns früh schlafen gelegt.
+
+Am anderen Morgen sandte ich einen Teil unserer Leute an die Mündung
+des Bulit zurück, um die dort mit dem Reisvorrat Zurückgebliebenen
+abzuholen. Abends langten alle und alles wohlbehalten bei uns an.
+
+Hatten an dem einen Abend die Männer aus Tandjong Karang etwas
+vorgetragen, so begannen am folgenden die Leute aus Pagong sich hören
+zu lassen und zwar wieder auf ganz verschiedene Weise.
+
+Da wir nun einmal unsere Reise so weit gefördert hatten, durfte ich
+mit Ruhetagen auch nicht mehr allzusehr geizen und liess daher meine
+Kajan nach ihrer Art geniessen.
+
+Der Wald, in dem wir uns eben befanden, war von der Regierung, aus
+Furcht vor Zusammenstössen mit den Köpfe jagenden und Buschprodukte
+raubenden Stämmen aus Serawak, den Dajak noch nicht zur Ausbeutung
+frei gegeben worden und daher in seiner Unberührtheit besonders
+reizvoll. Die Gipfel der Bäume erhielten durch die wehenden,
+meterlangen Blätter der Rotangpalmen einen eigenen Schmuck; auch
+zeigten die Baumfarne hier zum ersten Mal ihr helles, spitzenartiges
+Laubwerk. Ein überall vorkommender Baum, dessen weisse Blüten die
+Geröllbänke bedeckten und das ganze Flusstal mit ihrem herrlichen Duft
+erfüllten, schien auch auf eine grosse Menge Insekten sehr anziehend
+zu wirken: Zahllose Arten Fliegen, Bienen und Wespen umschwärmten
+die Blüten und da, wo die Sonnenstrahlen einen Durchgang fanden,
+schwebten Gruppen eigenartig schöner Schmetterlinge. Es fiel uns
+aber auf, dass sich unter diesen im Ganzen wenig neue Arten befanden,
+während die Nachtschmetterlinge und die übrige Insektenwelt uns abends
+durch ihren Reichtum in Erstaunen versetzte. Der Schein unserer Lampen
+lockte aus der dunklen Umgebung zahllose kleine Nachtfalter herbei,
+die sich an der hellen Innenseite unserer Dachbedeckung niederliessen
+und uns durch ihre unbeschreibliche Mannigfaltigkeit in Formen und
+Farben erfreuten. Fingen wir die sitzenden Tierchen mit dem weiten
+Hals einer Flasche mit Cyankalium auf, so fielen sie von selbst hinein
+und wir konnten sie nach Belieben bewundern. Matte und metallglänzende
+Farben auf dem verschiedensten Grunde und in den schönsten Zeichnungen
+erfreuten das Auge; unser Entzücken erregte aber ein sehr grosser
+Falter mit weissen Atlasflügeln, deren Ränder mit den zierlichsten
+Arabesken aus Gold geschmückt waren. Leider liess sich gerade dieser
+Falter nicht fangen, er war, wie auch die anderen grossen Arten,
+sehr scheu und zeigte sich nur auf Augenblicke. Auch das Aufstellen
+von Lampen im Walde führte zu keinem befriedigenden Ergebnis.
+
+Die Kajan hatten für dergleichen weder Auge noch Zeit und zogen
+beinahe alle in den Wald hinein. Die Punan gingen mit ihren Hunden
+auf die Jagd; einige Kajan suchten _aka klea_, eine Liane, um mit
+ihren Fasern unsere Fischnetze auszubessern, die beim Auswerfen auf
+dem mit totem Holz und Steinen bedeckten Grunde des Flusses stark
+gelitten hatten; wieder andere begaben sich auf den Fischfang.
+
+Dank dem Fischreichtum dieser Flüsse stand unserem Geleite stets
+reichlich Fischfleisch als Zukost bei seinen Reismahlzeiten zur
+Verfügung. Das brachte mich auf den Gedanken, von allen Arten kleine
+Exemplare zu konservieren; eine derartige Sammlung, verglichen mit
+einer zweiten aus dem Mahakamgebiet jenseits der Wasserscheide,
+musste von Interesse sein. Ich suchte daher, wenn die Fischer abends
+ins Lager zurückkehrten, kleine, unverletzte Fische aus und legte sie
+in die hiefür mitgenommenen Flaschen in 20 % ige Formalinlösung. Auch
+sorgte ich dafür, dass meine Sammlung durch die besonderen, kleinen
+Arten der Fische der kleinen auf 500-600 m Höhe gelegenen Bergbächen
+bereichert wurde. Ich hatte bereits auf meiner vorigen Reise eine
+grosse Anzahl Fischarten sammeln lassen, aber aus Mangel an gut
+schliessenden Flaschen verdarb ein grosser Teil auf der weiteren Reise.
+
+Unser schön tätowierter Beketan, namens _Ganilang_, benützte die Musse,
+um sich an Stelle seines baumwollenen Lendentuches, das durch das
+ständige Nasswerden in Wasserfällen und Strudeln stark gelitten hatte,
+eines aus Baumbast herzustellen. Er suchte zu diesem Zwecke einen
+ihm bekannten Baum aus, entkleidete ihn auf 4 m Länge seiner Rinde
+und begann mit seinem Mandau-Messer, die Rinden- und Bastteile von
+einander zu trennen. Den ungefähr 4 m langen, 3 dm breiten und 1 bis
+1 1/2 cm dicken, weissen Baststreifen, den er erhielt, rollte er von
+beiden Enden aus so fest als möglich zusammen und klopfte ihn darauf
+mittelst eines mit Einkerbungen versehenen Holzstückes mürbe. Indem
+er das Bündel immer steifer aufrollte, gelang es ihm, die Fasern aus
+einander zu pressen und den Streifen dadurch zu verbreitern. Nach
+mehrstündiger Arbeit erhielt er einen 4 m langen und 8 dm breiten,
+dünnen, biegsamen Lappen, aus dem durch Klopfen beinahe alle weicheren
+Teile entfernt worden waren. Zur Nacht band ihn _Ganilang_ an einen
+Baumstamm in stark strömendem Wasser, wodurch vollends der Rest
+der weichen Teile ausgespült wurde; nach dem Trocknen bildete der
+Bastlappen ein hellbraunes, praktisches Lendentuch. Kleidungsstücke
+aus guten Bastarten können monatelang getragen werden.
+
+Die jüngsten unserer Männer verfolgten inzwischen ganz andere
+Interessen. Im Gegensatz zu meiner vorigen Reise, wo _Akam Igau_
+dafür gesorgt hatte, dass sich hauptsächlich kräftige, kriegstüchtige
+Männer an unserer Expedition beteiligten, befanden sich diesmal viel
+jüngere Personen, welche das achtzehnte Jahr kaum erreicht hatten,
+unter unserem Geleite. Ich betrachtete ihre Gegenwart als ein Zeichen
+von Vertrauen, das man dem Wohlgelingen unserer Unternehmung entgegen
+brachte, und, da sie sich unterwegs in den Böten gut gehalten
+hatten, sah ich die fröhlichen, geschmeidigen jungen Männer gern
+um mich. Für viele bildete dieser Zug, gleichwie für _Adjang_ und
+_Djawè_, das erste grössere Unternehmen, das sie mitmachten, daher
+sollten sie bei ihrer Rückkehr unter die erwachsenen Männer des Stammes
+aufgenommen werden. Vorher mussten sie sich aber, der Sitte gemäss, den
+_utang_, das Stäbchen, anlegen lassen, welches als Zeichen erreichter
+Männlichkeit durch die glans penis getrieben und während des ganzen
+Lebens nicht abgelegt wird. Zu Hause schämen sich die jungen Leute zu
+sehr vor den Frauen, um dergleichen Manipulationen mit sich vornehmen
+zu lassen, daher benützen sie lieber eine Reisegelegenheit dazu. In
+der Besorgnis, dass uns am Ende ein Aufenthalt verursacht werden
+könnte, war ich über die Nachricht, dass einige bereits den Ruhetag
+an der Mündung des Bulit und andere den Abend zuvor zur Ausführung
+der Operation benützt hatten, nichts weniger als erfreut. Obgleich
+die Operation sehr wenig aseptisch vorgenommen wurde, zeigte sich
+doch nur in einem Fall eine unangenehme Entzündung; heftige Blutung
+kam überhaupt nicht vor, auch wurden die jungen Leute dadurch nicht
+an der Arbeit gehindert; nur ab und zu sah ich einen von ihnen mit
+schmerzhaft verzogenem Gesicht in einer kühlen Bergquelle sitzen,
+was ihm augenscheinlich Linderung verschaffte.
+
+Wohl aus Rücksicht auf diese Verhältnisse zeigten _Akam Igau_ und
+_Tigang_ am folgenden Morgen wenig Lust, den Landzug zu beginnen:
+da ich aber nicht wusste, wie lange wir noch von unserem Reisvorrat
+zu leben hatten, hielt ich Eile für geraten und begann, als die
+Kajan zögerten, mit den Malaien den Reis- und Salzproviant, der
+vorausgetragen werden sollte, unter die verschiedenen Häuptlinge,
+je nach der Anzahl ihrer Leute, zu verteilen. Als uns darauf einige
+der Bungan Dajak, die wir, wie früher mitgeteilt, als Träger und
+Wegweiser zum Bungan in Dienst genommen hatten, zu Hilfe kamen,
+rafften sich schliesslich auch die Kajan auf. Zwar blieben hie und
+da einige in den Hütten zurück und andere begannen mit dem Transport
+ihrer eigenen Sachen, aber die meisten machten sich doch auf den Weg.
+
+Tags zuvor hatte ich einige Bungan Dajak als Kundschafter und Träger
+an den Bungan vorausgeschickt; sie kamen jetzt mit der Meldung zurück,
+der Wasserstand im Bungan sei so hoch, dass man diesen nur mittelst
+über den Fluss gespannter Rotangseile habe passieren können, auch habe
+man das Gepäck noch vor der Mündung des Betjai unterbringen müssen;
+erst am folgenden Tage sollten sie bis an den Betjai geschafft werden.
+
+Der Bericht klang zwar nicht ermutigend, ich hatte aber ohnehin
+eingesehen, dass wir nicht sogleich weiter konnten, weil sich bei
+_Demmeni_, der seit dem ersten Tage unserer Ankunft an Malaria litt,
+noch immer keine Besserung zeigte; gegen Abend kehrte das Fieber
+stets zurück und liess sich auch nicht durch 2 g murias chinini, die
+er 8 Stunden vor dem Anfall, innerhalb einer halben Stunde, einnahm,
+niederschlagen. Da man den Patienten unmöglich über Land transportieren
+konnte und auch eine Rückreise für ihn nichts Gutes versprach, in
+Anbetracht, dass es mindestens acht Tage dauern musste, bevor er in
+Sintang ärztliche Hilfe finden konnte, musste ich versuchen, ihn an
+Ort und Stelle zu kurieren. Ich brachte daher den Patienten zu Bett
+und erhöhte die Chinindosis von 2 auf 3 Gramm mit dem Erfolge, dass
+sich der Kranke zwar schwindelig fühlte, die Temperatur aber nicht
+mehr stieg. Als am folgenden Tage 2 g Chinin wiederum kein genügendes
+Resultat ergaben, beschloss ich, noch einige Tage mit strenger Bettruhe
+und 3 g Chinin fortzufahren. Obgleich diese Behandlung _Demmeni_
+durchaus nicht angenehm war, überstand er sie doch mutig, überzeugt,
+dass er nur auf diese Weise wieder marschfähig werden konnte.
+
+Wir benützten die Wartezeit, um unser Hab und Gut, das während der
+Reise doch mehr oder weniger feucht geworden war, auf hoch gelegenen
+Geröllbänken zu trocknen. Einige Packen Seidenstoffe waren durch die
+Feuchtigkeit gänzlich entfärbt worden, obgleich sie sich in eisernen,
+mit Harz verklebten Kisten befunden hatten; derartige kostbare Artikel
+hätten in besonderen, verlöteten Blechkisten aufbewahrt werden müssen.
+
+Den im Lager zurückgebliebenen Malaien hatte ich aufgetragen, auf
+verschiedene Weise Fische zu fangen; der Erfolg war aber, da die
+Träger das feinmaschige Wurfnetz mitgenommen hatten, gering.
+
+Mittags kehrte die Trägergesellschaft zurück und bestätigte die Meldung
+der Bungan Dajak, dass der Weg längs dem Bungan sehr beschwerlich
+sei. Ferner hatten sie die in diesem Gebiete liegenden Niederlassungen
+einiger Bungan Dajak erreicht. Deren Häuptling _Lakau_ war mir von der
+vorigen Reise her bekannt und trug die unmittelbare Schuld an dem Tode
+des Malaien _Adam_. Diese Bungan hatten meinen Kajan beim fragen nicht
+helfen wollen, trotzdem sie ihre Reisfelder bereits besät hatten. Ihre
+Weigerung erklärte sich aus der bei ihnen herrschenden Hungersnot,
+die sie dazu trieb, ihre Reisfelder zu verlassen und irgendwo am Bulit
+Waldfrüchte zu sammeln; sie zogen daher mit Frauen und Kindern aus,
+ihre Felder der Sorge der Natur überlassend.
+
+Nachdem ich mit einigen in diesen Gegenden gut bekannten Punan,
+_Djeléwan_ und _Udjan_, darüber beraten hatte, ob wir diesen wenig
+verlockenden Landweg überhaupt einschlagen sollten, wurde beschlossen,
+ihm dennoch zu folgen. Davon, dass wir Europäer aufbrechen konnten,
+bevor _Demmeni_ wieder zu gehen im stande war, konnte aber nicht
+die Rede sein; denn in dieser Umgebung mussten wir so lange als
+möglich beieinander zu bleiben trachten. Ich war daher gezwungen,
+den Gütertransport gänzlich den Trägern zu überlassen, was ich aus
+verschiedenen Gründen nur sehr ungern tat. Auch mussten wir überlegen,
+auf welche Weise wir die Häuptlinge am oberen Mahakam, deren Hilfe
+wir nötig hatten, am besten von unserer Ankunft benachrichtigen
+sollten. Da _Akam Igau_ sich bereits auf meiner Reise im Jahr 1896
+trotz schwieriger Umstände seines Auftrages trefflich entledigt und
+uns bei seinen Verwandten eine gute Aufnahme erwirkt hatte, schien er
+mir auch jetzt wieder die gegebene Persönlichkeit dafür zu sein. Meine
+Wahl bereitete jedoch _Tigang Aging_, der sich selbst für am besten
+geeignet hielt, Haupt einer so wichtigen Gesandtschaft zu sein, viel
+Verdruss; auch erschien ihm der Transport des Gepäcks und die Aufsicht
+über seine eigenen Stammesgenossen viel weniger angenehm. Ausser _Akam
+Igau_ beauftragte ich noch vier andere ältere Männer aus verschiedenen
+Häusern am Mendalam, an den oberen Mahakam vorauszuziehen und _Kwing
+Irang_, dem mächtigsten Häuptling der dort lebenden Bahaustämme, zu
+melden, dass unsere Expedition im Anzuge sei und wir ihn um seinen
+Beistand ersuchten.
+
+_Tigang Aging_ behielt ich, damit er unterwegs keine Händel mit _Akam
+Igau_ anfing, bei mir zurück, auch sollte er mir bei den Bungan Dajak
+als Dolmetscher dienen.
+
+Am nächsten Morgen wurden wiederum hauptsächlich Reis und Blechkisten
+mit Salz unter die Träger verteilt, die in der Voraussicht, längere
+Zeit allein reisen zu können, sehr vergnügt waren. Es schien mir am
+besten, dass sie ohne Aufenthalt bis an den oberen Betjai zogen. Sie
+befanden sich dort auf einem Bergrücken nur einige Hundert Meter
+unterhalb der Wasserscheide zwischen den Quellen des Betjai und Howong,
+also an der Scheide des Kapuas- und Mahakamgebietes. Bis zu diesem
+Punkte sollte _Akam Igau_ die Träger beaufsichtigen und Sorge tragen,
+dass alles Gepäck dort gut aufbewahrt wurde; dann sollte er mit seinen
+Begleitern allein weiter zum Mahakam hinunterziehen. Der Korporal
+_Suka_ und zwei andere Malaien, die unser Hab und Gut bereits am Bulit
+so gut bewacht hatten, sollten auch jetzt bei den Sachen zurückbleiben
+und dafür sorgen, dass alle Träger so schnell als möglich zu uns ins
+Lager zurückkehrten, um uns abzuholen.
+
+Nachdem die ganze Gesellschaft fortgezogen war, blieben wir Europäer
+mit einigen hier gänzlich unbekannten Javanern, zwei Kapuas Malaien
+und drei Kajan, von denen zwei krank waren, einsam am Bulit zurück.
+
+Wir konnten uns, da nur ein einziger, von den vielen Trägern
+ausgetretener und durch den Regen aufgeweichter Pfad in den Wald führte
+und es überdies viel regnete, nur auf dem kleinen Platz, den ich vor
+unserem Lager hatte abholzen lassen, einige Bewegung verschaffen.
+
+Um meine Leute die einsame Umgebung, die durch den ständigen Regen
+noch trostloser wurde, in der Arbeit vergessen zu lassen, liess ich
+sie Reusen für den Fischfang herstellen; der Bulit führte aber gerade
+jetzt nicht so viel Wasser, als für das Fischen mit Reusen erforderlich
+war, und so erhielt ich nur wenige neue Fischarten.
+
+Zum Glück war _Demmeni_ nach dreitägiger sehr strenger Behandlung
+fieberfrei geworden, und wir konnten ihn, um einen grösseren Ausflug
+auszuführen, für längere Zeit allein lassen.
+
+Es war nämlich Zeit, dass wir Vorbereitungen für eine topographische
+Aufnahme des Mahakamgebietes trafen. Diese Aufnahme sollte sich an
+diejenige anschliessen, welche das topographische Institut in Batavia
+im Auftrage der Regierung in den Jahren 1885-1896 von dem Flussgebiet
+des Kapuas hatte ausführen lassen.
+
+Der Topograph _Werbata_ hatte damals den Weg über die Wasserscheide
+bis Penanéh aufgenommen, hatte aber seine Absicht, von hier aus den
+Mahakam zu erreichen, aufgeben müssen.
+
+Da wir nun nicht, wie es anfänglich unser Plan gewesen, den Weg über
+Penanéh einschlugen, sondern längs des nur oberflächlich aus der
+Ferne von ihm aufgenommenen Betjai zogen, mussten wir versuchen,
+auf der Wasserscheide einen Punkt zu fixieren, indem wir von dort
+aus mit dem Theodoliten die Azimute einiger hoher, bekannter Berge
+bestimmten. War der Fixpunkt gefunden, so konnte von ihm aus, mit Hilfe
+von Theodolit und Massstab, das ganze Mahakamgebiet aufgenommen werden.
+
+Unser Topograph _Bier_ hatte aber bis jetzt nur in Sumatra gearbeitet
+und auch meine Reisegenossen hatten bis jetzt nichts von dem Lande
+gesehen, weil wir von Nanga Era an in der Tiefe eines schmalen,
+von den bis 600 m hohen, steilen Abhängen des Kapuas-Kettengebirges
+begrenzten Tales gefahren waren.
+
+Um uns von dem, was die Wasserscheide am Howong nördlich des Berges
+Lekudjang an Aussicht liefern konnte, eine Vorstellung zu machen,
+mussten wir eine Bergspitze besteigen und den Wald dort niederschlagen.
+
+Etwas weiter oberhalb unseres Lagerplatzes am Bulit, bei dem
+_pangkalan_ Mahakam, führte auf den Gipfel des Liang Tibab ein Pfad,
+den der Topograph _Werbata_ hatte durchhauen lassen, um von diesem
+Berge aus seine Beobachtungen anzustellen; er hatte daher auch auf dem
+Gipfel den Wald fällen lassen. Ich hatte den Liang Tibab bereits im
+Jahre 1894 mit Professor _Molengraaff_ bestiegen, um von hier aus einen
+Überblick über das durchreiste Gebiet und das Kapuas-Kettengebirge
+nördlich des Bungan zu erhalten. Zwei Jahre später hatte ich mit
+_Demmeni_ dort einige photographische Aufnahmen gemacht.
+
+Auch der Kontrolleur _Barth_ wollte das interessante Panorama des
+Liang Tibab sehen, und so machte er sich denn am 14. September bei
+herrlichem Wetter mit uns auf den Weg. Ein Bungan Dajak führte uns
+durch den Wald bis an den Fuss des Berges, von wo aus wir nach einer
+kleinen Kletterei bald auf den bekannten Pfad gelangten. Dieser war
+inzwischen so stark mit jungen Bäumen und Sträuchen bewachsen, dass
+man ihn kaum wieder erkennen konnte. Der Pfad war übrigens leicht zu
+verfolgen, denn er führte bereits auf 100 m Höhe über einen längs
+dem Bulit verlaufenden Kamm. Ein Verirren war nicht möglich, da
+der Bergrücken nur wenige Meter breit war; eher riskierte man einen
+Absturz von seinen sehr steilen Wänden. Glücklicher Weise verhinderte
+die dichte Vegetation ein Schwindeligwerden und ermöglichte zugleich
+auch den Gebrauch der Hände beim Klettern. Der ganze Weg bestand aus
+Lehmboden und war durch die vielen Regengüsse sehr schlüpfrig geworden.
+
+Ich habe mich immer wieder darüber gewundert, dass so scharfe, steil
+abfallende Rücken, die ganz aus Lehm und sehr verwittertem Gestein
+bestehen, den vielen Sturzregen im Gebirgsland von Borneo Widerstand
+zu leisten vermögen. Eine der Hauptursachen hierfür ist zweifellos
+in der dichten Waldbedeckung zu suchen, da die tief eindringenden
+Wurzeln die kleinen Erdteilchen vor Wegspülung und Absturz beschützen
+und das dicke Blätterdach die Kraft der niederfallenden Regen bricht.
+
+Trotzdem die Bäume und Sträucher uns den Marsch erleichterten, dauerte
+es doch beinahe zwei Stunden, bis ich mit _Bier_ den Punkt erreichte,
+von dem aus der Topograph _Werbata_ seine Beobachtungen angestellt
+hatte. Der Rücken war hier nur 1 m breit, bestand aus ganz losem, nur
+durch Wurzeln zusammengehaltenem Gestein und gestattete längs seiner
+im Winkel von fast 60° ansteigenden Seitenwände hinunterzuschauen. Um
+Aussicht zu gewinnen, mussten wir erst die seit dem letzten Besuch
+auf dem Gipfel aufgeschossenen Sträucher forträumen lassen und
+begannen unterdessen unsere verschiedenen Höhenbarometer nach dieser
+bekannten Höhe zu regulieren. Von den beiden Aneroïden schien der
+eine auf der Reise gelitten zu haben, wenigstens wich er stark von
+dein Hypsometer ab, mit dem er, wie auch der andere, noch in Putus
+Sibau gut übereingestimmt hatte. Die beiden anderen Barometer gaben,
+mit Berücksichtigung der Temperatur, die Höhe von 740 m richtig an.
+
+Kaum hatten wir unsere Arbeit beendet, als auch der Kontrolleur mit
+seinen Begleitern eintraf. Der steile und mühevolle Pfad hatte ihn
+bis zum Erbrechen angestrengt, aber doch hatte er seinen Zug nicht
+aufgeben wollen. Das prachtvolle Panorama des Kapuasgebirges, das
+sich weithin ausdehnte, entschädigte ihn übrigens reichlich für die
+ausgestandenen Strapazen.
+
+Nach Norden traf der Blick das Ober-Kapuas-Kettengebirge, das, von
+dichten, ernsten Wäldern gänzlich überdeckt, mit seinen in Wolken
+gehüllten Gipfeln einen beklemmenden, schwermütigen Eindruck auf den
+Beschauer machte. Zu Füssen des Gebirges strömte mit allen seinen
+Nebenflüssen der Bungan, auf dem wir uns so lange mühsam fortbewegt
+hatten. Aus diesem Tal erhoben sich wie Kulissen die Ketten hinter
+einander und stiegen erst schnell, dann immer allmählicher nach Norden
+hin auf, bis ihre höchsten Spitzen, der Kaju Tutung und Kerihum, in
+den Wolken verschwanden. Das eintönige dunkelgrüne Gewand, welches
+das ganze Kettengebirge bis auf seine höchsten Erhebungen hinauf
+umhüllte, machte in seiner stolzen Einfachheit, die weder durch
+Abwechslung der Farbentöne noch durch eigenartige Felsformationen
+belebt wurde, einen imposanten Eindruck. Tief unter uns schlängelten
+sich die Täler des Bulit und Bungan als schmale Streifen nach Westen;
+zwar waren auch sie mit dunklem Grün überdeckt, aber die steilen Wände
+der sie einschliessenden Kalkberge hoben sich leuchtend weiss von der
+Umgebung ab. Als einziges Zeichen menschlichen Lebens sahen wir ganz
+in der Tiefe zwischen zwei Querkämmen eines hohen Bergrückens eine
+feine Rauchwolke zwischen den Bäumen aufsteigen. Die Flüsse selbst
+blieben unserem Auge gänzlich verborgen.
+
+Südlich des Bungan Tales erhoben sich nur zwei höhere Bergrücken,
+der Tanah Kuban, dicht bei den "Gurung Delapan", und der Rücken,
+von dem der Liang Tibab einen der höheren Gipfel bildet; dieser
+stieg weiter nach Süden bis zu einer Höhe von 1100 m an. Zwischen
+diesen beiden Bergrücken zog sich in leichten Windungen, nach Süden
+immer breiter werdend, das Flusstal des Langau hin. Obgleich Punan
+und Buschproduktensucher in diesem Gebiete umherstreiften, liess die
+ununterbrochene Waldbedeckung deren Anwesenheit doch nicht ahnen. Im
+Süden und Westen begrenzten zwei spitze Berge, der Sara und der
+Hariwun, das Langau Gebiet, während im Hintergrunde zwischen diesen
+beiden der Menakut aus dem Stromgebiet des Kréhau zum Vorschein kam. Am
+südlichen Ufer des Kréhau, fern am Horizont, wurde das eigenartige
+Müllergebirge mit seinen langgestreckten Tuff-Hochflächen sichtbar.
+
+Nach Süden hin benahm uns der ansteigende Rücken des Liang Tibab
+die Aussicht; dagegen bot uns der freie Osten einen interessanten
+Anblick. In der Mitte zahlreicher, waldbedeckter Kämme von viel
+geringerer Höhe erhob sich im Süd-Osten der obeliskenförmige Pemeluan
+bis zu 1300 m Höhe, während etwas östlicher der riesige Terata die
+Landschaft beherrschte. Die Wände beider Berge waren viel zu steil,
+um von der Vegetation bedeckt sein zu können, und bildeten daher mit
+ihren weissen, grauen und braunen Farben einen schönen Gegensatz zu
+dem schlichten Grün um ihren Fuss und Gipfel. Im Nord-Osten lag der
+Lekudjang, längs welchem wir zum Mahakam ziehen mussten. Von unserem
+Standpunkt aus hob sich der westliche, abgestürzte Teil der Kraterwand
+dieses alten Vulkans von dem übrigen waldbedeckten Teil schön ab. Wegen
+der vorgelagerten Gebirgskämme und des schmalen Raumes zwischen ihr
+und dem nördlich gelegenen Kettengebirge, kam die Wasserscheide mit
+dem Howong nicht klar zum Vorschein, aber doch schien es möglich, auf
+ihr einen passenden Punkt zu finden, von dem aus man auf den Sara,
+den Hariwung und irgend welche anderen Gipfel visieren und dadurch
+Fixpunkte für unsere topographische Aufnahme des oberen Mahakamgebietes
+gewinnen konnte. Der nördliche Abhang des Lekudjang war allerdings
+steil, aber wir beschlossen doch, zu versuchen, den Berg von dieser
+Seite aus zu besteigen, weil wir hierdurch eine Aussicht auf das
+Gebiet des Howong und Mahakam gewinnen konnten.
+
+Der Wind wehte heftig auf unserem hohen Punkt und wir konnten uns auf
+dem schmalen Platze nicht bewegen; ein längerer Aufenthalt auf der
+Höhe erschien uns somit nicht verlockend und wir beeilten uns, trotz
+der genussreichen Aussicht, wieder in die Tiefe zu gelangen. An den
+steilen Abhängen des Kammes ging der Abstieg schnell von statten und im
+Lager angekommen suchten wir, müde aber befriedigt, unsere Klambu auf.
+
+In den letzten Tagen hatten wir in unserer Nähe öfters Hunde bellen
+gehört; augenscheinlich zogen ihre Eigentümer, die Bungan Dajak,
+unter _Lakau_ um unser Lager herum und wagten nicht, sich bei uns
+zu zeigen. Als sie sich endlich davon überzeugt hatten, dass wir
+nicht kamen, um den an dem Malaien _Adam_ verübten Mord zu rächen,
+wagten sich erst einige Männer heran und, als diesen nichts geschah,
+auch mein Bekannter _Lakau_ mit seinen Töchtern, an die ich auf den
+früheren Reisen bereits Arzneien verabreicht hatte. Die armen Leute
+litten sehr an Nahrungsmangel, ich konnte ihnen aber keinen Reis,
+nur Salz mitgeben. Nachdem sie ihren Hunger bei uns gestillt hatten,
+baten sie um Arzneien. Die Häuptlingstöchter hatten wiederum dringend
+Jodkali nötig; der Vorrat, den ich ihnen 1896 gegeben, hatte sie völlig
+hergestellt, seit einigen Monaten waren die alten Leiden aber wiederum
+zum Vorschein gekommen. Ich versprach einen neuen Vorrat Jodkali,
+falls sie mir Flaschen bringen würden. Das versprachen sie für den
+folgenden Tag, wo der ganze Stamm an uns vorüber ziehen sollte, um im
+Gebiete des unteren Bulit nach Waldfrüchten zu suchen. Ein Malaie,
+der mit den Bungan Dajak zusammenwohnte, schien den Reis minder gut
+entbehren zu können, wenigstens brachte er ein uns sehr willkommenes
+Huhn, um es gegen Reis auszutauschen.
+
+In der Tat zogen am anderen Morgen Männer, Frauen und Kinder, alle
+beladen, am jenseitigen Ufer vorüber und warfen auf uns und unsere
+Umgebung neugierige, scheue Blicke. Nur einige Männer wateten zu
+uns herüber und erzählten, dass sie sich fürs erste in unserer Nähe
+niederlassen wollten, um in der Umgegend Früchte zu suchen. Unsere
+Malaien hatten bereits einige Male herrliche Früchte gefunden,
+die Bungan kannten aber die Fruchtbäume dieser Wildnis, wie wir die
+unserer Gärten kennen. Aus dem Bericht der Bungan ersahen wir, dass
+man unsere Gegenwart nicht allzusehr fürchtete, und beschlossen daher,
+unseren augenblicklichen Nachbarn einen Besuch abzustatten. Um ihnen
+eine Freude zu machen, nahmen wir Glasperlen und Angelhaken als kleine
+Geschenke mit. Unter _Tigang_s Führung gelangten wir nach einer halben
+Stunde auf einem für uns Europäer nicht erkennbaren Pfade zu einer mit
+wenig Gestrüpp bedeckten Lichtung im Walde. Einige sehr primitive nach
+Art der Punan und Bukat gebaute Hütten standen hier neben einander.
+
+Eine schräge Wand, die aus ineinander geflochtenen Zweigen bestand
+und mit Blättern gedeckt war, ruhte mit einem Ende unter einem
+Winkel von 60° auf dem Erdboden, während das andere von Pfählen
+gestützt wurde. Aus den gleichen, grossen, runden Baumblättern, mit
+denen dieses Dach gedeckt war, bestanden auch die Seitenwände, welche
+gegen Regen und allzu heftigen Wind Schutz bieten sollten. Die grösste
+Hütte in der Mitte wurde von der Häuptlingsfamilie bewohnt. Sowohl in
+dieser Hütte als auch in den übrigen hatte man den Boden mit dünnen,
+neben einander ruhenden Baumstämmen belegt. Der Herd befand sich dem
+Eingang gegenüber unter der schrägen Wand; er bestand nur aus einigen
+Steinen, auf denen eiserne Kochtöpfe standen. Unter dem Herde hatte
+man etwas Erde auf den Boden gestreut und über demselben ein Gestell
+für Brennholz angebracht.
+
+Nach den Britschen zu urteilen, die je zu zweien an den Seitenwänden
+standen, schliefen der Häuptling und seine Frau auf der einen und
+ihre beiden Töchter auf der anderen Seite. Wo der Erdboden etwas
+abschüssig war, ruhten die vorderen Enden der Balken des Fussbodens
+auf einem starken Querbalken, so dass der Fussboden ein Stück weit
+vor dem Dache hervorragte und eine kleine Plattform bildete, von der
+aus ein frisch gefällter Baumstamm als Pfad zum Boden führte. Alle
+Hütten waren nach dem gleichen Plan gebaut.
+
+Wir fanden nur wenige Bewohner im Lager; die meisten suchten in
+der Umgegend nach Waldfrüchten; nur Kranke und sehr kleine Kinder
+hatte man in den Hütten zurückgelassen. Die anwesenden Frauen litten
+entweder an Malaria oder an luëtischen Ulcerationen und bereiteten
+uns aus Scheu einen sehr kühlen Empfang, der auch, als wir unsere
+kleinen Geschenke austeilten, nicht wärmer wurde. Während wir einige
+Zeit zwischen den Hütten umhergingen, in der Hoffnung, dass man sich
+an unsere Anwesenheit gewöhnen würde, traten einige ältere Frauen
+und Kinder am jenseitigen Ufer aus dem Walde hervor; kaum merkten
+sie aber, dass Besuch im Lager war, als sie schleunigst die hohe
+Ufermauer wieder hinauf flüchteten.
+
+Da es durchaus nicht in unserer Absicht lag, diesen scheuen
+Waldmenschen Schreck einzuflössen und ihnen unangenehm zu sein,
+machten wir uns sogleich auf den Heimweg. Abends suchte ich den
+ungünstigen Eindruck unseres Besuches zu verwischen, indem ich dem
+Häuptling _Lakau_ ein Boot schenkte, das er sich für eine Fahrt nach
+Putus Sibau sehnlichst gewünscht hatte.
+
+Die Bungan Dajak nehmen unter der Bevölkerung von Mittel-Borneo
+eine eigenartige Stellung ein; sie bilden im Bungan Gebiete einen
+Übergang von den echten Nomadenstämmen, wie den Punan und Bukat, zu den
+sesshaften, Ackerbau treibenden Stämmen. Sie bauen hauptsächlich Reis
+und süsse Erdäpfel, aber da der Ernteertrag infolge ihrer primitiven
+Bearbeitung der Felder gering ist, sind sie gezwungen, diese nach der
+Saat sich selbst zu überlassen, wodurch ein grosser Teil der Ernte den
+Vögeln, Hirschen, Affen und Wildschweinen zum Opfer fällt. Sie selbst
+müssen für ihren Unterhalt den Wald durchstreifen, nach Früchten,
+wildem Sago und Wild suchend. Bei ihren Feldern bauen sich die Bungan
+Häuser nach Art der ackerbauenden Stämme, nur weniger dauerhaft,
+während ihres Nomadenlebens begnügen sie sich aber mit den primitiven
+Hütten der im gleichen Gebiet lebenden Bukat. In ihrer Kleidung,
+Tätowierung und Bewaffnung ähneln sie sowohl den Bahau als den Punan.
+
+Es fiel mir auf, dass ihre Männer besonders kräftig gebaut und gross
+von Wuchs waren, einige erreichten eine Höhe von 1.75 bis 1.80 m;
+die Frauen dagegen waren eher klein von Gestalt. Auch in Hautfarbe,
+Haaren u.s.w. zeigen sie Verwandtschaft mit den Bahau und Punan.
+
+Am Abend des 15. September kehrten von unseren Trägern zuerst die
+Ma-Suling mit dem Bericht zurück, man habe das Gepäck bis an den
+Fuss des Bergrückens, der auf die Wasserscheide führte, gebracht und
+dort die drei Malaien und zwei Bukat als Bewachung zurückgelassen;
+ferner, _Akam Igau_ und die Seinen seien weiter an den Mahakam
+gezogen. Da _Demmeni_ nun auch so weit war, dass er, mit einigen
+Vorsichtsmassregeln gegen neue Strapazen, weiter ziehen konnte, legten
+wir uns in der angenehmen Voraussicht, dass die langen, eintönigen
+Tage nun ein Ende erreicht hatten, schlafen. Zwar regnete es viel
+und der Bungan musste schwer zu passieren sein, aber dass dies doch
+möglich war, bewies die Ankunft der übrigen Träger am folgenden Morgen.
+
+Unsere freudige Stimmung wurde leider bald gründlich gedämpft. Auf
+meine Frage, wie viel Reis man bis an den oberen Betjai gebracht hatte,
+erfuhr ich zu meinem grossen Schrecken, dass von dem ganzen grossen
+Vorrat, den sie mitgenommen hatten, nur sechs Säcke übrig geblieben
+waren und dass wir uns somit gänzlich auf den kleinen Rest, den wir bei
+uns zurückbehalten hatten, angewiesen sahen. Eine Stunde lang kämpfte
+ich mit mir selbst, um meine Entrüstung nicht zum Ausbruch kommen
+zu lassen, denn in dieser kritischen Lage bedeutete eine schlechte
+Stimmung der Kajan ein Missglücken des Zuges zum Mahakam. Trotz
+all meiner ernsten Fürsorge vom Beginne an hatte ich nun doch nicht
+genügend Proviant für mein Personal.
+
+Wie solche Mengen Reis hatten verschwinden können, darüber konnte oder
+wagte man mir keinen Aufschluss zu geben. Die älteren Männer schoben
+die Schuld auf die vielen _deha njam_ (= jungen Leute), welche, der
+langen Reisen und der Sorge für die Zukunft nicht gewöhnt, unterwegs so
+viel Reis verzehrt hätten; die anderen wiederum behaupteten, sie hätten
+viel nass gewordenen Reis wegwerfen müssen. Trotz dieser Erklärungen
+blieb mir die Sache rätselhaft, da ich nicht voraussetzen wollte,
+dass sie den Reis für ihre Rückreise im Walde verborgen hatten. Eine
+Erklärung der Tatsache konnte den Reis übrigens auch nicht wieder
+herbeischaffen, und so rief ich denn die Häuptlinge zusammen, um mit
+ihnen zu überlegen, was weiter zu tun sei. Durch die Sorglosigkeit
+ihrer Untergebenen hatten wir nun nicht einmal für die Reise bis zum
+Howong genügenden Proviant, trotzdem erhob keiner seine Stimme gegen
+eine Fortsetzung des Zuges. Das war schon viel, denn die Häuptlinge
+wussten sehr wohl, dass wir nun in Eilmärschen den Landweg zurücklegen
+mussten, dass von Ruhetagen keine Rede sein konnte und vom Gepäck
+auch nichts zurückbleiben durfte. Die Vertrautheit der Häuptlinge
+mit der Umgegend eröffnete eine Aussicht, aus der schwierigen Lage
+herauszukommen. Sie schlugen mir zuerst vor, den Bungan Dajak ein
+Batatenfeld, das doch von Wildschweinen abgeerntet wurde, abzukaufen;
+auch sollte ich ihnen an der Wasserscheide einen Tag frei geben,
+da sie in der Umgegend einige Stellen kannten, an denen man wilden
+Sago sammeln konnte; ausserdem wusste ich, dass meine Leute für den
+äussersten Notfall alle _kertap_, den fein gestossenen Klebreis,
+in ihren Tragkörben mitgenommen hatten.
+
+Eine andere Schwierigkeit bestand darin, dass wir uns auf der
+Wasserscheide längere Zeit aufhalten mussten, um den zurückgelegten
+Weg am Mahakam messen zu können. Das war unbedingt nötig, da sonst
+die ganze topographische Aufnahme des Mahakamgebietes in Verbindung
+mit derjenigen des Kapuasgebietes überhaupt nicht stattfinden konnte.
+
+Um so schnell als möglich von den Pnihing am Howong Hilfe zu erlangen,
+erschien es mir am geratenster, das Prinzip des Zusammenbleibens der
+Europäer und der meisten Malaien zunächst aufzugeben. Nach allgemeiner
+Beratung wurde daher beschlossen, am folgenden Morgen gemeinschaftlich
+aufzubrechen und an diesem Tage noch beisammen zu bleiben, um zu
+sehen, ob alles gut ging, und vor allem, ob _Demmeni_ folgen konnte;
+war dies der Fall, so sollte ich mit _Bier_ und einigen tüchtigen
+Männern in Eilmärschen vorausziehen, während der Kontrolleur _Barth_
+mit _Demmeni_ dafür sorgen sollte, dass der Nachschub alles Gepäck
+bis zur Wasserscheide brachte. Hierdurch hoffte ich zu erreichen,
+dass, bis alle an die Wasserscheide gelangten, sowohl der Lekudjan
+erstiegen als mit der Messung des Weges begonnen worden war.
+
+Trotz ihres guten Willens zur Weiterreise nahmen die Träger am anderen
+Morgen nur zögernd unser Gepäck auf den Rücken; kindischer Weise
+sahen sie sich um, ob die Leute des einen Dorfes nicht am Ende etwas
+weniger zu tragen bekamen, als die eines anderen, auch kamen sie mit
+den eigenen Dorfgenossen aneinander. Da unsere Malaien wenig Einfluss
+auf die Kajan hatten, mussten der Kontrolleur und ich schliesslich
+selbst alle Kisten, Reispacken, unsere Matratzen und Zeltdecken unter
+sie verteilen und am Ende noch hier einen Kochtopf und dort eine
+Lampe in den verschiedenen Tragkörben unterbringen lassen. Nachdem
+alle gegessen hatten, begannen sie doch eifrigst ihre Tragkörbe in
+Ordnung zu bringen.
+
+Alle Stämme im Innern von Borneo gebrauchen beim Tragen von Lasten
+auf ungebahnten Wegen den _takin_, einen aus starkem, gespaltenem
+Rotang geflochtenen und daher biegsamen Tragsack von viereckiger
+Form. Die hintere Wand des Sackes besteht aus zwei Teilen und ist mit
+Rotangschnüren versehen, so dass auch umfangreiche Gegenstände in den
+Korb aufgenommen werden können, indem man die Klappen öffnet und die
+Fracht an beiden Seitenwänden mittelst der Schnüre festbindet. Auf
+diese Weise wurden auch die eisernen Köfferchen, in welchen ich die
+meisten Tauschartikel und meine Kleider bewahrte, transportiert. Ein
+grosser Vorteil bestand darin, dass die Koffer nicht wegen zu grosser
+Länge oder Breite aus dem Korbe hervorragten, daher wurde ein Klettern
+zwischen und unter Felsen und umgefallenen Baumstämmen nicht allzu
+beschwerlich. Viel Mühe und Überredungskunst war stets erforderlich,
+um lange, wenn auch leichte Gegenstände, wie Stative und Massstäbe
+den Trägern aufzubürden. Um g Uhr war das Gepäck verteilt. Die
+Kajan packten alles so praktisch als möglich zusammen und banden
+schliesslich noch ihre eigenen Sachen an den Korb. Die _takin_
+werden mittelst zweier Rotangseile über der Schulter auf dem Rücken
+getragen. Ist die Haut nicht ganz gesund, so leiden die Schultern bei
+längeren Märschen stark und die Tragseile werden daher oft mit Zeug
+umwunden. Diejenigen, die ihre dicken Kriegsjacken mitgenommen hatten,
+zogen sie öfters an und setzten dann auch ihre schweren Kriegsmützen
+aus Rotang auf. Das Schwert hängen alle an die Seite, und in den
+freien Händen halten einige ihre Schilde, alle aber ihre Speere,
+die ihnen auf beschwerlichen Pfaden einen ausgezeichneten Halt bieten.
+
+Das Abbrechen des Lagers bestand nur darin, dass die Kajan ihre
+Schlafmatten zusammenfalteten und vorsichtig aufrollten, die Hütten
+selbst blieben unversehrt zurück und werden wohl noch ein Jahr lang
+Zeugnis von unserem Aufenthalt am Ufer des Bulit abgelegt haben.
+
+Ein Träger nach dem anderen verschwand auf dem ausgetretenen Pfade
+im Walde, und nun wurde es auch für uns Zeit, an den Aufbruch zu
+denken. _Demmeni_ war mit _Bier_ bereits vorausgegangen, um den
+Weg langsam zurücklegen zu können; wir hatten bis zuletzt gewartet,
+um uns davon zu überzeugen, dass nichts im Lager zurückgelassen wurde.
+
+Der Weg bis zum Bungan war nur 5 km lang und nicht steil und wurde
+daher ohne Schwierigkeiten zurückgelegt. Von Bergen und Gestein sahen
+wir, bis wir an das Ufer des Bungan gelangten, nichts. Hier fand ich
+alle vereinigt. Der 60 m breite Fluss war seit dem vorigen Tage stark
+angewachsen und man fürchtete, dass das Rotangkabel, das früher beim
+Durchqueren des Flusses als Stütze gedient hatte, die schwer beladenen
+Träger jetzt nicht würde halten können. Daher waren bereits einige
+Männer in den Wald gegangen, um neuen Rotang zur Verstärkung zu suchen;
+gleichzeitig befestigte man das eine Ende des Kabels doppelt stark
+an den kräftigen Wurzeln der Uferbäume und sandte einen unbeladenen
+jungen Mann an die andere Uferseite, um dort das Gleiche vorzunehmen.
+
+Einer nach dem anderen stieg darauf vorsichtig längs der
+steinigen Uferwand zum Flussbett hinab, das gänzlich aus glatten,
+rundgeschliffenen Felsblöcken von 1/4 bis zu 1 m Durchmesser bestand.
+
+Bereits bei stillstehendem Wasser musste das Gehen auf ihnen
+beschwerlich sein. Jetzt wateten die Träger bis zur Brust in dem
+brausenden Strom, erreichten aber doch, mit der einen Hand auf
+den Speer gestützt, mit der anderen das Rotangseil festhaltend,
+wohlbehalten das andere Ufer. Da nie mehr als zwei bis drei Träger
+gleichzeitig sich am Seil festhalten durften, dauerte der Übergang
+sehr lange, hatte aber den Vorteil, dass keiner der Männer fiel und
+unser Gepäck auch nicht nass wurde. _Demmeni_, für den ein kaltes
+Bad durchaus nicht wünschenswert war, nahm der kräftige _Jung_
+sogleich bereitwilligst auf den Rücken und brachte ihn glücklich,
+nur mit nassen Füssen, an das andere Ufer. Jetzt kam die Reihe an uns
+andere Europäer. Ich übergab meinen Revolver und mein Gewehr einem
+Kajan und begann dann mutig den Kampf mit dem Wasser. Kaum war ich
+20 m vom Ufer entfernt, als ich mich mit Erstaunen fragte, wie die
+Kajan in diesem Chaos runder Blöcke unter Wasser einen Stützpunkt für
+ihre Füsse hatten finden können. Augenscheinlich boten meine Kleider
+der heftigen Strömung besonders viele Angriffspunkte, denn ich musste
+mich mit beiden Händen am Rotang festklammern, um Stand zu halten. Sehr
+bedächtig suchte ich für jeden Fuss einen Stützpunkt und war bisweilen
+froh, wenn sich der Fuss zwischen zwei Steinen festklemmte, obwohl
+ich ihn beim nächsten Schritt oft nur mit Mühe wieder befreien
+konnte. Vorsichtshalber gingen ein Kajan vor und einer hinter mir,
+ich kam aber doch noch ohne ihre Hilfe hinüber. Drüben tröstete ich
+mich an dem Anblick, den _Barth_ und _Bier_ bei ihrem Durchzug boten.
+
+Nachdem alles heil herübergebracht worden, konnten wir endlich
+weiter ziehen, waren aber doch froh, als wir nach einer Stunde eine
+Gruppe Hütten erreichten, in welchen unsere Leute früher übernachtet
+hatten. Ich beschloss, es für den ersten Tag genug sein zu lassen
+und sah mit Vergnügen, dass _Demmeni_ sich gut gehalten und auch kein
+Fieber bekommen hatte.
+
+Am folgenden Morgen wollte ich mit _Bier_ und den notwendigsten
+Trägern vorausgehen, um noch den Lagerplatz mit unserem Gepäck an
+der Wasserscheide zu erreichen; die Kajan meinten jedoch, dies sei
+unmöglich. Erst regnete es und, als es etwas trockener wurde, schienen
+nur wenige Lust zu einem Eilmarsch zu verspüren. Ich hatte aber _Jung_
+als Oberhaupt der Träger und als Führer gewählt und mit seiner Hilfe
+brachte ich die Leute in Bewegung. So machte ich mich denn mit _Bier_,
+4 Malaien, unter denen auch mein Diener _Midan_ war, und 6 Kajan auf
+den Weg.
+
+Auf einem abscheulichen Pfade begegneten wir einigen unserer Träger,
+die sich auf eigene Hand aufgemacht hatten. Sie gaben uns eine
+Vorstellung davon, auf welche Weise schwer beladene Eingeborene
+Wegstellen überwinden, die dem Europäer, auch unbelastet, der
+Schwierigkeiten genug bieten. Vor unserer letzten Lagerstätte hatte
+der Weg über einen Bergrücken geführt und war nicht besonders mühsam
+gewesen, jetzt aber lief er einen steilen Abhang aufwärts, mit dem sich
+ein Bergrücken, den wir seiner Höhe wegen nicht überschreiten konnten,
+zum Bungantal hin abdachte. Wäre der Abhang nicht bewachsen gewesen,
+wodurch der Ausblick auf den brausenden Strom in der Tiefe verdeckt
+wurde und man unwillkürlich ein Gefühl der Sicherheit erhielt, so
+hätten wir dem Pfade nicht folgen können. Man musste ständig auf und
+nieder klettern, unter überhängenden Felsen hindurch, um abgestürzte
+Baumstämme herum kriechen und hatte über dem gähnenden Abgrund nie
+mehr als ein paar Fuss Raum zur Verfügung. Auf derartigen Pfaden
+kommen den Eingeborenen ihre beweglichen, kräftigen Zehen, mit denen
+sie sich in dem weichen Boden festklammern, und ihr geschmeidiger
+Körper zu Gute. Sie legten auch nur bei solchen Spalten ihre
+Last ab, die entschieden zu schmal waren, um mitsamt der Packung
+hindurchzuschlüpfen. Nach kurzer Zeit sahen wir sämmtliche Träger
+hinter uns und hatten jetzt nur selbst darauf bedacht zu sein, uns
+durchzuschlagen. Den ganzen Morgen über behielt der Weg den gleichen
+Charakter und erst an der Mündung des Léja veränderte sich das Bild.
+
+Hier lagen die verlassenen Hütten der Bungan Dajak unterhalb eines
+prachtvollen Wasserfalles, über den sie als Brücke einen Baumriesen
+hatten fallen lassen. Die zwei Felsen, die den Fall senkrecht zu beiden
+Seiten einschlossen, waren 25 m von einander entfernt und obwohl der
+hellgraue, glatte Stamm gewiss 40 in über dem brausenden Wasser lag,
+hatte man es für überflüssig gehalten, den Stamm mit einem Geländer
+zu versehen.
+
+Die verlassenen Hütten machten die Wildheit und Einsamkeit der Umgebung
+doppelt fühlbar, und so eilten wir nach kurzer Rast von hier fort,
+den neuen Reisfeldern der Bungan zu, die nach _Jung_ nicht mehr weit
+entfernt waren und uns eine freie Fläche bieten sollten.
+
+Die Steilheit der Bergwand nahm allmählich ab und der Pfad längs
+dem Fluss wurde gangbarer. Wir passierten noch einen der mächtigen
+Wasserfälle, von denen wir bereits fünf an diesem Morgen begegnet
+waren, und dann lag plötzlich an der Mündung des Léja eine fast ebene
+Fläche vor uns, auf welcher die Bungan den Wald gefällt und Reisfelder
+angelegt hatten.
+
+Die freie Fläche und der warme, heitere Sonnenschein machten nach den
+vielen Tagen, die wir in den feuchtkalten Wäldern in der Tiefe der
+Talgründe zugebracht hatten, einen wahrhaft erquickenden Eindruck. Wie
+verlockend war es, sich am Waldesrande niederzulegen und sich in den
+Anblick des lieblichen Bildes zu versenken. Wir hatten aber einen noch
+zu weiten Weg zurückzulegen, um uns diesen Genuss gönnen zu können,
+und so wartete ich denn mit _Jung_, der allein meinem schnellen Schritt
+zu folgen im stande gewesen war, die Ankunft von _Bier_ und den Trägern
+ab, um uns nach dem besten Pfad über diese Felder zu erkundigen.
+
+Nach einigem Zögern behauptete einer der Kajan, dass wir längs
+des Flussufers am bequemsten weiter kommen würden, und sogleich
+machte ich mich auf den Weg. Der Mann hatte sicher nicht gewusst,
+was er sagen sollte; denn gerade dieser Teil der Felder war kaum zu
+überschreiten. Wie die Bahaustämme im allgemeinen, hatten auch die
+Bungan nur einen kleinen Teil des gefällten Holzes verbrennen können,
+aber, entweder aus Nachlässigkeit oder wegen zu grosser Feuchtigkeit,
+war auch viel kleines Holz, Zweige und niedere Sträucher, unverbrannt
+geblieben. Viele der gefallenen Baumriesen versperrten mit einem
+Wald halb verkohlter Äste den Weg, was bei anderen Stämmen nie
+vorkommt. Alle Bäume waren längs des Abhanges mit ihren Kronen zum
+Ufer hin gefallen, so dass wir über jene hinweg oder unter ihnen
+hindurch klettern mussten; die verkohlte Baumrinde erleichterte uns
+einigermassen die Arbeit. Lagen zu viel Bäume über einander oder
+waren die Stämme zu dick, so mussten wir uns durch ihr dichtes
+Gezweige hindurcharbeiten und noch dazu auf freiem Felde in der
+heissen Mittagssonne, nachdem wir wochen lang im kühlen Walde gelebt
+hatten. Der etwas vollblütige _Bier_ kam daher ziemlich erschöpft
+auf der anderen Seite der Felder an und sehnte sich nach Ruhe und
+Erfrischung in einer Kajanhütte.
+
+Leider fanden wir hier nichts anderes als Wasser und einen Baumstamm,
+um darauf zu sitzen, bis unsere Träger ankamen und einen verborgenen
+Vorrat Bataten hervorholten. Sogleich machten sie sich daran, die
+Bataten in einem Topf gar zu kochen, aber vor Hunger ass jeder von uns
+eine Knolle roh auf. Die Träger waren nicht minder ermüdet als wir,
+sie waren aber von den Hütten der Bungan an über dem Bergrücken hoch
+über der Ladang einem viel besseren Wege gefolgt.
+
+Obgleich es erst Mittag war, behaupteten die Leute doch, an dem Tage
+nicht mehr weiter zu können; augenscheinlich hatten sie überlegt, dass
+die folgenden von ihnen gebauten Hütten sehr hoch am Betjai lagen und
+dass sie diese doch nicht mehr erreichen konnten. Auch die malaiischen
+Schutzsoldaten und mein Junge _Midan_, die alle an ihrem Gepäck zu
+tragen hatten, erklärten, vor Ermüdung nicht weiter gehen zu können.
+
+Bei dem herrschenden Nahrungsmangel bedeutete aber ein Aufenthalt
+ein Aufgeben der ganzen topographischen Aufnahme und so musste ich
+denn trotz allem versuchen, mit _Bier_ weiter zu kommen. Dieser war
+zwar sehr ermüdet, wollte aber, als erprobter Topograph und weil
+es sich um sein Amt handelte, doch nicht zurückbleiben. _Jung_ war,
+wie immer, zu allem bereit und nahm die topographischen Instrumente,
+den Theodolit und die kleinen Massstäbe auf seine Rechnung; sein
+Bruder belud sich mit meinem Bettzeug und einem Dreifuss, und zwei
+andere kräftige junge Leute trugen das Bettzeug von _Bier_ und die
+notwendigsten Nahrungsmittel, und so machten wir sechs uns auf den Weg.
+
+Als man uns im letzten Augenblick noch einige heisse Bataten zu
+verspeisen gab, wurden in der Ferne die ersten schwer beladenen Träger
+sichtbar. Ich fürchtete jedoch, sie könnten meine Getreuen wankend
+machen, brach daher eiligst auf und begann mit steifen Beinen weiter
+zu marschieren. Zum Glück wanderten wir jetzt längs des Léja durch
+ein Längstal, das zwar nicht so wild romantisch war wie das Quertal
+des Bungan, dafür aber viel breiter und ebener; auch folgten wir
+einem für diese Gegenden guten Pfade.
+
+Das Strauchwerk benahm uns nicht gänzlich das Sonnenlicht, daher
+konnten wir uns in unseren nassen Kleidern, in denen es uns während der
+Rast gefröstelt hatte, etwas erwärmen. Nach 3/4 Stunden verliess der
+Pfad den Léja und führte uns dessen Nebenfluss, den Betjai, aufwärts,
+der uns in östlicher Richtung direkt zur Wasserscheide bringen
+sollte. Der Pfad lief hier wieder durch den Wald, verursachte uns aber
+keine Schwierigkeiten, nur mussten wir öfters die Uferseiten wechseln
+und daher den nur 20 m breiten, wenig tiefen Fluss durchqueren;
+bisweilen wateten wir auch 100 m weit im Flussbette selbst. Das Wasser
+reichte zwar nur bis an die Kniee, war aber sehr kalt, so dass wir
+wiederum fröstelten; zudem war der Grund auch hier ganz mit glattem,
+rundem Geröll bedeckt und nötigte bei der heftigen Strömung auch
+den mit einem Stocke versehenen zu vorsichtigem Gehen. Treu blieben
+unsere Wachthunde uns zur Seite; war das Wasser tief, so schwammen
+sie, war die Strömung zu heftig, so liefen sie am Ufer entlang. Auf
+solchen Expeditionen waren sie stets viel zu müde, um mit einander
+zu kämpfen, was sie sonst mit Vorliebe taten, auch wagten sie es,
+aus Furcht vor der neuen Umgebung, nicht, sich von uns zu entfernen.
+
+Eine Stunde nach der anderen verging, während welcher wir im Wasser
+gegen Strömung und Geröll und auf dem Lande gegen Baumwurzeln und
+Felsblöcke ankämpften. Jeder Schritt verlangte so viel Aufmerksamkeit,
+dass wir für unsere Umgebung kein Auge hatten. Begreiflicher
+Weise wurde auch kein Wort unnütz gesprochen. Da wir über den noch
+zurückzulegenden Weg unsicher waren, begann unsere Lage gegen drei
+Uhr, unserer grossen Ermüdung wegen, kritisch zu werden. Indem ich
+mit _Jung_ stets voran marschierte, schleppte ich die anderen mit;
+um 1/2 4 Uhr musste ich jedoch Halt machen, da _Bier_ vor Erschöpfung
+am Flussufer niedergefallen war. Er erklärte zwar, dass etwas Ruhe und
+Nahrung ihn bald wieder herstellen würden; aber es war mir doch eine
+grosse Beruhigung, als der hinterste Träger erklärte, die gesuchten
+Hütten seien ganz in der Nähe. _Jungs_ Bruder brachte aus seinem
+Tragkorbe _kertap_ zum Vorschein und reichte ihn mit Wasser dem
+Erschöpften als Magenstärkung. Nun merkten _Jung_ und ich, dass auch
+wir eine Erfrischung sehr nötig hatten, setzten uns daher auf eine
+Sandbank im Flusse und teilten brüderlich den übrigen _kertap_. Die
+Rast gab auch mir den letzten Stoss; nur mit Mühe schleppte ich mich
+die 300 m bis zu den Hütten weiter und legte mich dort auf einer zum
+Lagerplatz für die Nacht bestimmten Bank nieder.
+
+Auch jetzt wieder kam uns unsere Gewohnheit, zwischen unserer
+Matratze stets einen Reserveanzug einzupacken, sehr zu statten. Als
+wir unsere durch und durch nassen und von der Kletterei über
+halb verkohlte Baumstämme geschwärzten Kleider gegen trockene
+vertauschten, durchzog uns das erste Gefühl von Wohlbehagen. Die
+Kajan zündeten schnell ein Feuer an und kochten Wasser, das uns,
+mit etwas kondensierter Milch vermischt, einen herrlichen, heissen
+Trank lieferte. Bei unserer Übermüdung waren wir aber nicht im stande,
+von dem primitiv zubereiteten Reis etwas zu geniessen. So war es uns
+eine angenehme Überraschung, als einer der Kajan mit einer unserer
+Konservenkisten ankam, die er ganz in der Nähe im Walde gefunden
+hatte. Einer der Träger musste die Kiste dort niedergelegt haben,
+statt sie, wie es seine Pflicht war, bis zu dem Proviantlager weiter
+oben zu bringen. Durch seine Nachlässigkeit waren wir nun in den Besitz
+verschiedener Konservenbüchsen gelangt, deren Inhalt auch bald unseren
+Appetit wieder belebte. Unsere Hunde waren jedoch so müde, dass sie die
+Reste, für sie aussergewöhnliche Leckerbissen, nicht einmal anrührten;
+sie waren nicht dazu zu bewegen, ihren Platz hinter unseren Klambu
+zu verlassen und schliefen jetzt friedlich neben einander, während
+sie sich für gewöhnlich immer den besten Platz streitig machten. Wir
+Europäer waren übrigens auch zu nichts mehr aufgelegt, gingen bei
+Sonnenuntergang schlafen und erwachten erst als es heller Tag war.
+
+Nach der Aussage unserer Kajan war es bis zum Stapelplatz unseres
+Gepäckes nicht mehr weit, daher eilten wir auch nicht mit dem Aufbruch.
+
+Gleich nachdem wir gespeist hatten, erschienen zu unserer grossen
+Verwunderung mein Diener _Midan_ und einige Malaien. Sie hatten
+es nämlich doch nicht über sich gebracht, uns gänzlich im Stich zu
+lassen und waren uns, nachdem sie sich etwas erholt hatten, doch noch
+am vorigen Tage ohne die Kajan gefolgt. Bevor sie uns aber einholen
+konnten, war die Dunkelheit eingebrochen und sie hatten unter höchst
+mangelhafter Bedeckung die Nacht im Walde zubringen müssen. Sie hatten
+aber trotz ihrer Ermüdung aus Verdruss darüber, dass sie uns nun doch
+allein gelassen hatten, und aus Angst vor Kopfjägern nicht schlafen
+können, waren bei Morgendämmerung bereits aufgebrochen und daher so
+früh bei uns eingetroffen. Nun fingen wir gemeinsam die Wanderung
+durch den Fluss an und bereits nach zwei Stunden begegneten wir erst
+einem Hund, dann einem kleinen Knaben und schliesslich unserem Korporal
+_Suka_ selbst, der sich eben auf den Fischfang begab. Der kleine Knabe
+war ein Bukat, dessen Familie mit uns zum Howong ziehen wollte. Der
+pater familias war mit _Akam Igau_ bereits vorausgegangen, um ihm als
+Führer zu dienen und ihn bei den Pnihing von _Amun Lirung_ einzuführen.
+
+Es stellte sich heraus, dass aller Proviant, mit Ausnahme des
+Reises, gut angekommen war. Von den mehr als 50 Packen Reis, die ich
+vorausgesandt hatte, waren zum Glück 11 statt nur 6, wie man mir
+früher berichtet hatte, angekommen. Wir beschlossen nun, hier auf
+die Ankunft unserer Träger zu warten und uns für diesen Tag Ruhe zu
+gönnen. Da unser Lagerplatz auf einer Höhe von 500 m lag und stark
+beschattet war, kam uns die Temperatur sehr niedrig vor; eine wollene
+Decke in unseren Klambu war daher sehr angenehm. Immerhin zeigte das
+Flusswasser noch eine Temperatur von + 20° C.
+
+
+
+
+KAPITEL XII.
+
+ Auf der Wasserscheide zwischen Kapuri und Mahakam--Opfer
+ der Kajan--Längs des Howong zu den Pnihing--_Amun
+ Lirung_--Nahrungsmangel und Schwierigkeiten mit dem Transport
+ des Gepäckes--_Kwing Irang_--Löhnung der Träger--Besuch bei den
+ Bukat--Reise zu _Belarè_--Einkauf von Böten am Tjehan--Fahrt zu
+ _Kwing Irang_ am Blu-u.
+
+
+Im Laufe des Tages kamen genügend viele Träger an, um unser
+notwendigstes Gepäck über die Wasserscheide zu befördern. Sie brachten
+auch gute Nachrichten von _Barth_ und _Demmeni_, die uns langsam
+folgten. Ich merkte bald, dass die Träger diesmal selbst Eile hatten
+mit dem Transport- die Bataten der Bungan und der eigene _kertap_
+ernährten sie nur kümmerlich, auch fürchteten sie das Schlimmste für
+die nächsten Tage.
+
+Der zur Wasserscheide führende Bergrücken lief steil aufwärts,
+aber der Pfad schien viel benützt zu sein, denn er war nicht mit
+Rotang und Gestrüpp verwachsen. Auf halber Höhe hörten wir rechts
+von uns den Ruf eines _hisit_, was meinem Geleite und daher auch
+mir eine grosse Beruhigung gewährte, da wir nun das Mahakamgebiet
+unter günstigen Vorzeichen betraten. Etwas weiter aufwärts bemerkten
+wir Opferpfähle, die _Akam Igau_ und seine Begleiter hier mit der
+Spitze zum Kapuasgebiet aufgerichtet hatten, um die bösen Geister
+zu verhindern, sie weiter an den Mahakam zu begleiten. Obwohl die
+Vegetation zu beiden Seiten des Bergrückens sehr üppig war, kamen
+doch ab und zu zwischen dem dichten Grün die benachbarten Berge zum
+Vorschein; rechts von uns tauchte der gesuchte Lekudjang auf. Zuletzt
+führte der Pfad wieder durch undurchdringlichen Wald, und bei der
+starken Steigung hatten wir auch nicht viel Lust, uns weiter Umzusehen.
+
+Nach zwei Stunden veränderte sich das Bild gänzlich; wir zogen
+mitten über einen Morast, der nach Aussage der Träger auf der Höhe
+der Wasserscheide selbst lag. Da unser Geleite hier ein Opfer zu
+bringen verpflichtet war, mussten wir Halt machen und unser Lager
+aufschlagen. Der Wind wehte aber auf dieser Passhöhe so heftig, dass
+ich es für geratener hielt, die Zelte ungefähr 50 m weiter unten,
+jenseits der Höhe, aufrichten zu lassen. Sehr einladend sah es auch
+dort nicht aus: in der engen Schlucht des Howong stiegen zu beiden
+Seiten dicht bewachsene, steile Wände auf und ein eisiger Wind blies
+durch die schmale Spalte. Infolge der vielen Regenfälle triefte die
+ganze Umgebung vor Nässe; um 6 Uhr morgens zeigte das Thermometer nur +
+18.5° C und um 12 Uhr mittags + 21° C; einen schlechteren Lagerplatz
+hatten wir seit Jahren nicht gehabt.
+
+Unsere Träger schlugen in aller Hast die Zelte auf und eilten dann
+wieder zum alten Lagerplatz zurück, um so schnell als möglich alles
+Gepäck auf die Mahakamseite zu schaffen. Nur einige Kajan blieben unter
+_Obet Lata_ bei uns zurück, um uns bei der Besteigung des Lekudjang
+zu helfen, die wir sogleich vornehmen wollten. Wir hofften von diesem
+Berg aus einen Überblick über das Gebiet des Howong und Mahakam zu
+erhalten und auf der Wasserscheide einen geeigneten Punkt zu finden,
+von dem aus _Bier_ seine Messungen beginnen konnte.
+
+Einem schmalen Kamm auf der linken Seite des Morasts folgend gelangten
+wir zu einem Punkt, von dem aus einige spitze Gipfel im Kapuasgebiet
+sichtbar waren. Plötzlich war uns aber der Pfad durch eine steile
+Wand des Lekudjang abgeschlossen und wir mussten uns nach einer Stelle
+umsehen, von der aus der Aufstieg möglich war. Obgleich die Steigung
+durchschnittlich 40° betrug und wir uns auf einer Schutthalde befanden,
+boten uns doch die wilden Sagopalmen, die hier wuchsen, genügende
+Stützpunkte, so dass wir uns leidlich fortbewegen konnten. Erschwert
+wurde die Kletterei durch den Rotang, der uns mit seinen Dornen und
+Widerhaken auf alle erdenkliche Weise festhielt; auch wurde uns an
+dieser offenen, der Sonne ausgesetzten Bergwand die Hitze lästig. Nach
+zwei Stunden war an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken; denn wir
+befanden uns vor einer senkrechten Wand, deren Höhe wir wegen der
+überhängenden grünen Massen nicht schätzen konnten. Umgehen konnten
+wir die Wand nicht, weil der Bergrücken, auf dem wir uns befanden,
+an beiden Seiten steil abfiel. Um nach Norden und Osten Aussicht zu
+gewinnen, liessen wir einige Bäumchen umhacken, deren Stämme zugleich
+als Stützen für den Theodolit dienten, mit dem _Bier_ einige Peilungen
+im Mahakamgebiet vornehmen wollte. Wir befanden uns auf 950 m Höhe,
+direkt gegenüber dem Ober-Kapuas-Kettengebirge, dessen zwei Erhebungen,
+Tipung und Dadjang, dicht vor uns lagen. Die Bergkette setzte sich,
+soweit wir sie nach Osten verfolgen konnten, im Gebiete des oberen
+Mahakam weiter fort und schien an Höhe immer mehr zuzunehmen. Der
+Mahakam hat sich in nord-östlicher Richtung in diese Kette sein
+Bett gegraben. Die zu beiden Seiten des Mahakamtales hinter einander
+aufsteigenden Bergrücken boten einen prachtvollen Anblick. Der Abstand
+war aber zu gross und die Luft zu undurchsichtig, um in dem Panorama
+irgend welche Einzelheiten wahrnehmen zu können. Der Howong schlängelte
+sich durch ein Hügelland, das in dem alles bedeckenden dunklen Grün hie
+und da hellere Töne zeigte, die von älteren und jüngeren Reisfeldern
+der Pnihing, welche hier seit langen Jahren wohnten, herrührten. Nach
+Westen und Süden benahm uns der Lekudjang jede Aussicht.
+
+Auf dem Rückwege sahen wir uns nach einem Punkt um, von dem aus _Bier_
+auch einige Bergspitzen im Westen anvisieren konnte.
+
+In unserem Lager angekommen fanden wir bereits einen grossen Teil
+unseres Gepäckes vor, aber _Barth_ und _Demmeni_ hielten sich immer
+noch im Lager am Betjai auf, das sie nicht verlassen wollten, bevor
+alles Gepäck abgeholt worden war.
+
+_Tigang Aging_, der sich in _Akam Igaus_ Abwesenheit als Herr und
+Meister aufspielte, wollte bereits am anderen Tage den Geistern auf
+der Wasserscheide opfern (_napo_) lassen, aber bevor alle und alles
+im Lager beisammen waren, konnte davon keine Rede sein. So machten
+sich anderen Tages alle Träger und Malaien mit _Tigang_ wieder auf
+den Weg zum alten Lager. Beinahe alle Männer brachten mit grosser
+Kraftanspannung an diesem Tage zwei Mal eine Fracht nach oben; trotzdem
+blieb aber immer noch ein Rest im Lager am Betjai zurück. Da _Demmeni_
+sich von der Reise etwas ermüdet, im übrigen aber wohl fühlte, blieb
+er noch unten, während der Kontrolleur bei uns im Lager eintraf.
+
+Trotz der grössten Sparsamkeit begann der Reismangel so fühlbar zu
+werden, dass wir abends berieten, was weiter zu tun sei. Dass _Bier_
+mit seiner Aufnahme begann, war dringend notwendig, daher wurden ihm
+drei Malaien und drei Kajan mit einer genügenden Menge Reis zugeteilt,
+um am folgenden Morgen die Messungen anfangen und den Weg selbständig
+bis an den Mahakam fortsetzen zu können. _Barth_ sollte mit _Demmeni_
+wiederum für den Gütertransport sorgen und ich mit den notwendigsten
+Trägern vorausgehen und bei _Amun Lirung_, dem Pnihinghäuptling weiter
+unten am Howong, Proviant und Hilfe für unsere Leute suchen.
+
+Um den Rest unseres Gepäckes abholen und dann opfern zu können,
+hauptsächlich aber, um im Walde nach Nahrungsmitteln suchen zu lassen,
+musste ich noch einen Tag in unserem nasskalten Lager verbringen. Alle
+Männer, die nicht beim Tragen halfen, schickte ich in den Wald,
+um _owur nanga_ (Palmkohl = junge Sprosse von Eugeisonia tristis)
+und wenn möglich auch Sago aus dem Stamm der Palme zu sammeln. Leider
+fanden die Leute zwar viel _owur_ aber nur sehr wenig Sago, so dass
+der erste Hunger zwar gestillt wurde, eine kräftigere Nahrung aber
+immer noch fehlte.
+
+Abends fand das Opferfest statt; alle kleideten sich etwas sorgfältiger
+als gewöhnlich an, legten sich ihr Schwert um und begaben sich mit
+einigen Eiern, die stets auf grösseren Expeditionen zu diesem Zwecke
+mitgenommen werden, auf die Wasserscheide; dort pflanzten sie Stöcke
+in den Boden, spalteten deren Spitzen in 4 Teile und klemmten die
+Eier als Opfergabe für die Geister der Wasserscheide hinein.
+
+Da _Tigang_ viel redete, aber mit seinen Leuten weniger gut als _Jung_,
+der selbst mitarbeitete, umzugehen verstand, teilte ich ihm mit,
+dass ich seine Hilfe bei _Amun Lirung_, dem Pnihinghäuptling, nötig
+hätte. Obgleich ihm der grosse Marsch nicht verlockend erschien,
+fühlte er sich in seiner Eitelkeit dadurch doch so geschmeichelt,
+dass er _Jung_ gern sein Amt, die Überwachung des Gütertransportes,
+überliess, und so machten wir uns bereits früh Morgens mit 8 Mann und
+einem Bukat, _Udjan_, als Führer auf den Weg. Wie immer, ging ich,
+um mein Geleite zur Eile anzuspornen, voraus, schlug aber einen
+falschen Pfad ein, so dass die Träger bereits ein gutes Stück auf
+dem richtigen Wege weitergegangen waren, bevor ich mit _Tigang_
+mein Versehen bemerkte. Hoch über einem steilen Abhang holte ich
+die Träger ein. Die Eingeborenen nannten den Platz "_labu aso_",
+d.h. Platz, an dem die Hunde stürzen. Ein halb verfaulter Baumstumpf
+wurde mir als Überrest eines Baumes gezeigt, auf den _Georg Müller_
+1825 mit den Punan um die Wette geschossen hatte; seine Flinte hatte
+über ihre Blasrohre den Sieg davon getragen.
+
+Von dieser Stelle an fiel der Pfad so steil ab, dass man bis in das
+Tal hinunter mehr gleiten als gehen musste. Im Tal lagen grosse
+Mengen scharfkantigen Gesteins, das sich durch seine leuchtende
+Weisse lebhaft von der dunkelgrünen Umgebung abhob; es waren die
+Reste einer Goldmine, welche die Pnihing hier früher angelegt, jetzt
+aber verlassen hatten. Der Howong hatte so viel von diesem Gestein
+mitgeführt, dass es noch in einer Entfernung von vielen Kilometern im
+Flussbette Bänke bildete. Für unsere beschuhten Füsse war das Gehen
+auf den spitzen Steinen angenehmer als auf dem runden Geschiebe des
+Betjai; unsere barfüssigen Träger dachten allerdings anders und waren
+froh, als wir weiter unten im Flussbett wieder die gewöhnlichen,
+runden Geröllsteine antrafen.
+
+Bereits bei Beginn unserer Wanderung war unser Führer _Udjan_ sehr
+schweigsam gewesen und hatte uns weder über den Weg noch über die
+Möglichkeit, noch am gleichen Tage die Niederlassung der Pnihing zu
+erreichen, viel mitgeteilt. Er hatte in den letzten Tagen an Fieber
+gelitten; jetzt blieb er ständig zurück und klagte über unseren
+schnellen Gang. Als er endlich merkte, dass Eile dringend notwendig
+war, raffte er sich auf. Mittags erreichten wir das Nebenflüsschen,
+das _Udjan_ uns als geeigneten Platz zum Übernachten angegeben
+hatte; unter den gegenwärtigen Umständen konnte davon aber keine
+Rede sein. Zwar wartete ich hier alle meine zurückgebliebenen Träger
+ab, erklärte diesen aber sogleich, dass ich in der Hoffnung, das
+Pnihinghaus zu erreichen, bis zum Einbruch der Nacht den Marsch
+fortsetzen wolle; vom Lekudjang, aus gesehen, war mir nämlich der
+Abstand nicht sehr gross vorgekommen. Meine Erklärung wurde von allen,
+hauptsächlich von _Tigang_, mit verdrossener Miene aufgenommen Ich
+machte jedoch _Tigang_ darauf aufmerksam, dass ihm jetzt, wo er
+mich zum ersten Mal begleitete, sein Ehrgefühl gebieten müsse, nicht
+zurückzubleiben. Das sah er auch ein und zeigte sich zum Weitergehen
+bereit. Noch einige Stunden ging es im Bette des Howong abwärts,
+dann trafen wir auf frühere Reisfelder, die wir, um grosse Windungen
+des Flusses abzuschneiden, durchquerten.
+
+Gegen 3 Uhr erreichten wir die neuen Reisfelder der Pnihing. Die freie
+Aussicht, die wir hier wieder einmal genossen, und die Gewissheit,
+in der Nähe menschlicher Wohnungen zu sein, die wir seit 40 Tagen
+nicht gesehen hatten, belebten meine Kräfte. Um 4 Uhr befand ich mich
+endlich mit _Udjan_ und einem Malaien vor dem eingekerbten Baumstamm,
+der als Treppe zum hohen Pnihinghause hinaufführte; es kostete mich
+aber einige Mühe, meine erschlafften Glieder noch diese letzten 4 Meter
+hinaufzubefördern. Zwei Stunden darauf langten auch meine Träger an.
+
+Das Haus erschien fast leer; auf der Galerie befanden sich nur
+eine alte Frau und ein Kind, die mit Erstaunen den ersten Weissen
+betrachteten, der sich bei ihnen zeigte. _Amun Lirung_ (= Vater von
+_Lirung_) kam mir aber sogleich vor seiner Wohnung entgegen. Er schien
+sich bereits über die Begrüssungsform der Weissen unterrichtet zu
+haben, denn er reichte mir die Hand; auch erzählte er, dass beinahe
+niemand im Hause anwesend war, da fast alle Familien augenblicklich
+auf den Reisfeldern wohnten. Hierauf verschwand er eiligst in
+seiner Wohnung, aus der er sehr bald mit einer Sklavin und einigen
+Rotangmatten wieder zum Vorschein kam. Die Matten breitete er für
+mich und mein Gepäck auf dem Boden der Galerie aus. Nachdem wir
+uns niedergelassen hatten, begann die Unterhaltung. Mein Gastherr
+zeigte sich als lebhafte, gesprächige Natur, machte mir aber im
+übrigen einen so wenig vertrauenerweckenden Eindruck, dass ich mir die
+Geringschätzung, mit der die weiter unten am Flusse wohnenden Pnihing-
+und Kajanhäuptlinge mir auf meiner vorigen Reise von ihm gesprochen
+hatten, sehr wohl erklären konnte. Seine Frau _Hinan Lirung_ ( = Mutter
+von _Lirung_) blieb vorläufig noch verborgen, ich suchte sie aber,
+auf Anraten _Tigang_s, später in ihrem Wohngemache auf. Sie empfand
+über unsere Ankunft weder Angst noch Unwillen, sondern schien ganz
+von den Vorbereitungen für unseren Empfang in Anspruch genommen zu
+sein. Bei meinem Eintritt kniete sie gerade vor einem grossen Topf
+mit Reis und Bataten. Sie hatte mit ihrer Fürsorge das Richtige
+für unseren Empfang getroffen und besass, wie ich später bemerkte,
+in der ganzen Häuptlingsfamilie am meisten Verstand, den sie auch in
+wichtigen Angelegenheiten des Stammes gut zu gebrauchen wusste. Meinem
+Diener übergab sie für mich eine Portion Reis und ein Ei und versprach
+auch etwas Früchte.
+
+Als ich draussen auf der Galerie an die Aussenwand gelehnt in dem
+herrlichen Gefühl sass, wieder ein festes Dach über mir und einen
+trockenen, ebenen Boden unter mir zu haben, bemerkte ich einige
+Malaien, die von der Mahakamseite aus den Howong durchwateten und
+bald darauf vor uns erschienen. Sie erzählten, dass _Kwing Irang_,
+der Kajanhäuptling vom Blu-u, der mir bis an die Mündung des Howong
+entgegen gereist war, sie auf Kundschaft zu _Amun Lirung_ gesandt habe,
+um zu erfahren, ob wir bereits eingetroffen seien.
+
+_Akam Igau_ hatte seine Sendung, wie es sich zeigte, gewissenhaft
+erfüllt; er hatte sich zuerst zu dem wichtigsten Pnihinghäuptling,
+_Belarè_, begeben, dann weiter flussabwärts _Kwing Irang_ am
+Blu-u aufgesucht und war schliesslich noch weiter zu _Bo Léa_,
+dem Häuptling der Long-Glat, gegangen; alle drei Niederlassungen
+hatte er auf unsere Ankunft und unsere Absichten vorbereitet. Seine
+Aufforderung, uns baldmöglichst Hilfe zu senden, hatte grossen
+Eindruck gemacht, denn _Kwing Irang_ war sogleich mit vielen Böten
+den Mahakam hinaufgefahren, unglücklicher Weise ohne vorher eine
+für längere Zeit ausreichende Menge Reis zu beschaffen. Sie hatten
+Tage lang mit Hochwasser kämpfen und jetzt sogar einen Tag warten
+müssen und wären, wenn ich nicht gekommen wäre, aus Reismangel wieder
+umgekehrt, was für unsere Expedition, bei der herrschenden Nahrungsnot,
+sehr verhängnisvoll hätte sein können. Die Malaien berichteten, dass
+nach _Kwing Irangs_ Beispiel auch _Belarè_ und andere Pnihing mir
+entgegengefahren seien. Sehr beruhigend wirkte auf mich die Nachricht,
+dass sich die Batang-Lupar Banden auf Befehl des Radja von Serawak aus
+dem Gebiet des oberen Mahakam zurückgezogen hatten. Halb ausgeruht und
+ermuntert durch die guten Nachrichten raffte ich mich nach Ankunft der
+Träger auf, nahm ein erfrischendes Bad und wechselte meine Kleidung.
+
+Obgleich diese Niederlassung der Pnihing nur 20 Familien umfasste, die
+ihren Reisvorrat beinahe gänzlich verbraucht hatten, bewirtete _Hinan
+Lirung_ meine Leute doch mit Reis und Bataten; ich selbst genoss zum
+Reis noch das Ei und würzte es mit dem Salz, das ich mitgenommen hatte
+und von dem ich meiner Wirtin sogleich als Gegengeschenk einen Teil
+anbot. _Amun Lirung_ forderte mich auf, die Nacht sicherheitshalber
+in seiner _amin_ zu verbringen und, sobald sich die Unruhe dort etwas
+gelegt hatte, verschwand ich in meinem Klambu.
+
+Am 25. September erwachte ich mit dem angenehmen Bewusstsein, keinen
+Marsch mehr unternehmen zu müssen. Die Pnihing zogen dem Kontrolleur
+zu Hilfe und kehrten abends jeder mit einer schweren Kiste beladen
+zurück. An den folgenden Tagen konnte ich sie aber auch gegen gute
+Belohnung nicht dazu bewegen, den Zug zu wiederholen. Um _Kwing Irang_
+von unserem Tun und Lassen zu unterrichten, sandte ich ihm _Tigang_
+entgegen, der sich gleichzeitig auch nach einer Gelegenheit, Reis für
+uns zu beschaffen, umsehen sollte. _Tigang_ brach auch sogleich in
+Gesellschaft der malaiischen Kundschafter auf. Er musste, um _Kwing
+Irang_s Lagerplatz zu erreichen, zuerst das Flussbett des Howong ein
+Stück weit durchwaten und dann über Land zum Mahakam ziehen. Der
+Howong stürzt sich nämlich mit einer Reihe sehr steiler Fälle von
+ungefähr 120 m Höhe in den Mahakam und ist daher auf dieser Strecke
+nicht befahrbar. Da auch unser Gepäck auf jenem Wege zum Mahakam
+getragen werden musste, liess ich _Kwing Irang_ bitten, mir seine
+Kajan zu Hilfe zu schicken.
+
+In Anbetracht, dass durch die Höhe der Wasserfälle an der Mündung
+des Howong eine Verbindung mit dem Mahakam auch für Fische unmöglich
+gemacht oder doch sehr erschwert wurde, hielt ich eine gesonderte
+Sammlung der Fischarten von Haupt- und Nebenfluss zwecks späterer
+Vergleichung für wertvoll. Ich setzte daher für jede neue Fischart,
+die man mir brachte, eine Belohnung aus, wodurch unsere ichthyologische
+Sammlung mit 15 neuen Arten aus dem Howong bereichert wurde.
+
+Tags darauf sandte mir _Kwing Irang_ einige seiner Kajan, die mich
+als alte Bekannte sehr freudig begrüssten; sie erzählten, dass sie
+meiner Ankunft wegen ihr Saatfest aufgeschoben hatten und dass sie
+wegen Reismangel baldmöglichst in ihre Niederlassung zurückkehren
+mussten. Da auch _Tigang_ nur einen einzigen Packen Reis hatte
+auftreiben können, schickte ich ihn am folgenden Tage mit einer
+reichlichen Menge Tauschartikel wieder aus, um zu versuchen, in einer
+Pnihingniederlassung am Penaneh wenigstens Bataten aufzukaufen.
+
+Gegen Mittag des folgenden Tages traf _Kwing Irang_ in Gesellschaft
+des Pnihinghäuptlings _Kaharon_ und einiger anderen mit 50 Trägern
+bei uns ein.
+
+
+
+Es sei mir gestattet, _Kwing Irang_, der grössten und eigenartigsten
+Persönlichkeit, der ich im Innern Borneos begegnete, hier einige Worte
+zu widmen. Ist er es doch gewesen, der mir als Berater und Freund
+auf allen Reisen treu zur Seite stand und dessen Hilfe ich die guten
+Erfolge meiner Unternehmungen zum grossen Teil verdanke. Ich glaube
+den Leser am schnellsten mit diesem seltenen Manne bekannt machen
+zu können, indem ich ihm unsere erste charakteristische Begegnung
+schildere.
+
+Als ich im Jahre 1896 zum ersten Mal die Mündung des Blu-u erreichte,
+hatte _Kwing Irang_, der damals weiter oben am Fluss wohnte, ein
+malaiisches Haus zu meinem Empfange in Stand setzen lassen. Ich
+verbrachte die Nacht vor unserer Begegnung in unruhiger Erwartung,
+wusste ich doch aus den Berichten der anderen Stämme, dass das
+weitere Schicksal unserer Expedition von der Entscheidung des grossen
+Häuptlings des Mahakamgebietes abhing. _Kwing Irang_, der abends zuvor,
+nachdem wir uns bereits zur Ruhe begeben hatten, eingetroffen war,
+schien ebenfalls auf unsere Begegnung gespannt zu sein; wenigstens
+war ich noch nicht angekleidet, als er melden liess, dass er mich
+begrüssen wolle. Sogleich wurden zwei Klappstühlchen einander
+gegenübergestellt und bald darauf sah ich an dem nebenstehenden
+Hause eine Reihe Männer hinab- und an unserer Baumtreppe wieder
+hinaufsteigen. Der erste, dessen Haupt über dem Boden erschien, trug
+eine schwarze Mütze mit breitem Goldrande, unter der ein ältliches,
+mageres Gesicht mit eingefallenen Wangen, gerader Nase und kleinen
+Augen mit ruhigem, festem Blick zum Vorschein kam. Dem goldenen
+Abzeichen nach, das nur er trug, musste der Mann _Kwing Irang_ sein,
+auch bestätigte mir die Sicherheit seines Auftretens im Gegensatz
+zu der Steifheit seines Gefolges, dass der grosse Häuptling in der
+Tat vor mir stand. Ich ging ihm einige Schritte entgegen, reichte
+ihm die Hand und forderte ihn auf, sich mir gegenüber auf _Demmenis_
+Stuhl zu setzen, was dein verschlossenen Eingeborenen einen Ausruf der
+Verwunderung entlockte. Augenscheinlich war ihm so etwas bei seinen
+Zusammenkünften mit dem Sultan von Kutei und dem Radja von Serawak
+noch nicht vorgekommen, denn die Behandlung eines Stuhles war ihm so
+neu, dass er im Augenblick, wo er sich setzen wollte, umgefallen wäre,
+wenn ich ihn nicht rechtzeitig aufgefangen hätte. Der Unfall brachte
+ihn aber durchaus nicht aus der Fassung. Einige Minuten lang sassen wir
+einander schweigend gegenüber und lernten uns mit den Augen kennen. Was
+mich betraf, so war ich mit dem empfangenen Eindruck zufrieden und,
+wie er mir später gestand, ging es ihm ebenso.
+
+_Kwing Irangs_ Körper zeigte noch deutlichere Spuren des Alters
+als sein Gesicht; er schien ein Mann von 55 Jahren zu sein,
+mit feinem Körperbau, kräftigen Muskeln und geringer Neigung zur
+Wohlbeleibtheit. Seine Kleidung zeugte von Sorgfalt; ein Tuch aus
+blauem Kattun bedeckte in zahlreichen Windungen die Lenden und ein
+Schwert mit schönem Horngriff hing ihm an einem Rotanggürtel zur
+Seite. An Schmucksachen trug er nur einige Halsketten und silberne
+Ringe von cm Durchmesser, die an seinen weit ausgereckten Ohrläppchen
+hingen und unter den offen herabfallenden Haaren hervorkamen. Von
+einer Tätowierung bemerkte ich keine Spur.
+
+Das freie Auftreten, die sichere Haltung und der gutmütige
+Gesichtsausdruck _Kwing Irangs_ flössten mir sogleich Vertrauen und
+die Hoffnung ein, dass wir einander verstehen würden. Die Vorteile,
+mit den Niederländern auf gutem Fuss zu stehen, leuchteten dem
+klugen Manne ein und so verständigten wir uns bald über meine
+weiteren Pläne. Nachdem der sachliche Teil erledigt war, begannen
+wir eine lebhafte Unterhaltung über allerhand Dinge. Ich zeigte
+dem Häuptling Bilder und Gewehre, von denen ihn besonders letztere
+interessierten. Über unserer ersten Begegnung schien ein besonderer
+Glückstern zu walten. Während ich nämlich _Kwing Irang_ die Einrichtung
+eines Winchester Repetiergewehres sehen liess, ging plötzlich
+ein Schuss los, der keinen geringen Schrecken verursachte. Aber
+glücklicher Weise schlug die Kugel nur ein Loch in das Dach und,
+da keiner verletzt war, blieben alle auf ihren Plätzen. Ich hatte
+wiederum Gelegenheit, die grosse Besonnenheit meines neuen Freundes
+zu bewundern, der die beruhigenden Worte seines Geleites kaum nötig
+hatte. Ein rechtes Gespräch wollte jedoch nicht mehr in Gang kommen
+und so verabschiedeten sich unsere Besucher bald darauf.
+
+_Kwing Irang_ ist vor zwei Jahren, bald nachdem ich Borneo verlassen
+hatte, gestorben.
+
+Der Tod dieses klugen, friedliebenden Mannes, der mit weitem Blick im
+Interesse seiner Untertanen auch mit ihm fremden Völkern Beziehungen
+anzuknüpfen sich nicht scheute, bedeutet für das Mahakamgebiet einen
+grossen Verlust.
+
+
+
+Die Mahakam Kajan waren zwar gern bereit, unser Gepäck bis zum Mahakam
+zu tragen, sahen es aber als Aufgabe ihrer Mendalam Verwandten an,
+alles Gut, das sich noch beim Kontrolleur befand, bis zu _Amun Lirung_
+zu befördern. Die Mendalam Träger waren jedoch nach ihrer Ankunft im
+Pnihinghause nicht mehr dazu zu bewegen, auch noch den Rest der Sachen
+abzuholen, was ich ihnen in Anbetracht ihrer hungerigen Mägen nicht
+verdenken konnte. Gegen hohen Preis gelang es mir, unseren Ma-Suling
+Trägern noch etwas Reis zu verschaffen und den Kajan teilte ich
+mit, dass sie unterwegs _Tigang_ mit einem Vorrat Bataten begegnen
+würden. Diese Aussicht erschien so verlockend, dass sie fast alle
+wieder auf die Beine brachte. Abends kehrten sie mit dem Kontrolleur
+und _Demmeni_, die sich beide wohl befanden, zu uns zurück. _Demmeni_
+Wurde als alter Bekannter von den Mahakam Kajan freudig begrüsst; dem
+fremden Kontrolleur gegenüber trat aber die, ihnen eigene ängstliche
+Zurückhaltung wieder zu Tage.
+
+Gegen Abend kam _Kaharon_, um mit mir über die Lohnfrage zu beraten;
+er forderte für den Transport des Gepäckes an den Mahakam nicht
+weniger als 2.50 fl täglich für den Träger. Für alle Anstrengungen
+und Entbehrungen, welche die Leute diesmal auszustehen hatten,
+war der Preis nicht zu hoch, aber als Taggeld für später hätte die
+Erteilung eines solchen Lohnes Schwierigkeiten verursacht, besonders
+da den Pnihing Geld viel weniger bedeutete als Tauschartikel. Im Laufe
+des Gespräches merkte ich, dass _Kaharon_ die Lohnfrage nur berührt
+hatte, um zu erfahren, ob ich die geleistete Hilfe überhaupt bezahlen
+wollte. Ich beeilte mich natürlich, ihm zu erklären, dass ich jeden,
+der mir zu Hilfe gekommen war, belohnen wollte.
+
+Anderen Tages kam _Tigang_ von seiner Forschungsreise nach
+Nahrungsmitteln zurück; seine Bataten war er unterwegs leider
+grösstenteils an seine hungerigen Dorfgenossen los geworden, er brachte
+aber noch einen Packen Reis und eine gute Menge _bulung obe_ ( = Mehl
+von Bataten) mit. Die Pnihing verstehen dieses Mehl ausgezeichnet zu
+bereiten, indem sie die Bataten in feine Scheiben schneiden, sie in der
+Sonne trocknen lassen und dann fein zerstampfen. Jedem Manne liess ich
+von dem Batatenmehl eine Portion zuteilen, und da auch unsere Wirtin
+noch von ihren bescheidenen Vorräten nach Kräften beisteuerte, genossen
+unsere wackeren Träger nach langer Zeit die erste gute Mahlzeit.
+
+Wir hatten alle Ursache, mit unserem Empfang im Mahakamgebiet zufrieden
+zu sein; denn alle grossen Häuptlinge waren uns zu Hilfe geeilt,
+auch waren wir hier am Howong mit aussergewöhnlicher Selbstlosigkeit
+aufgenommen worden. In der ersten Zeit gab ich meinen Gastherren
+nämlich nichts anderes als etwas Salz und einige Kleinigkeiten,
+ausserdem erregte ich noch _Hinan Lirungs_ Neid, indem ich _Djulan_,
+einem lieblichen Bukatmädchen, das mich unter dem Schutz von _Tetuhè_,
+einem unserer Punan vom Mendalam, öfters besuchte, etwas Tabak,
+hübsche Zeugstückchen und Ringe schenkte. Die Kleine hatte sich
+anfangs nur schüchtern in der Ferne gezeigt, wurde nachher aber so
+zutraulich, dass sie später sogar allein zu mir zu kommen wagte. In
+Anbetracht der mit Furcht gemischten Missachtung, mit der die Bahau
+die nomadisierenden Bukat sowie alle Jägerstämme ansehen, stellte ich
+an _Hinan Lirung_s Nachsicht hohe Anforderungen; es lag mir aber daran,
+mit diesen scheuen Waldmenschen auf gutem Fuss zu stehen. Ich nahm mir
+jedoch vor, meine Gastwirtin beim Abschied für alle Güte und Toleranz
+zu entschädigen. Als praktische Frau gab mir die Alte übrigens bald zu
+verstehen, dass ihr ein Satz Armbänder aus Elfenbein, wie sie deren
+mehrere bei mir bemerkt hatte, am willkommensten wäre. Ihre eigenen
+Armbänder hatte sie nämlich, wie ich später hörte, dazu verwendet,
+den Reis einzukaufen, mit dem sie uns bewirtete. Um den Wert des
+Geschenkes zu erhöhen, zögerte ich anfangs mit der Erfüllung ihres
+Wunsches, liess sie dann aber das Mass angeben und suchte ihr einen
+besonders schönen Satz aus. Den vielen Besuchen nach zu urteilen,
+die mir _Hinan Lirung_ im Laufe des Jahres am Blu-u machte, schien
+ihr unsere Bekanntschaft gut gefallen zu haben.
+
+In der Nähe unseres Hauses hatten sich die Bukat, nach Art der Pnihing,
+drei kleine Häuser gebaut, die sie jetzt vorübergehend bewohnten. Ich
+hatte diese scheuen Kinder der Wildnis bis jetzt nicht besucht, um
+ihnen erst Zeit zu lassen, sich an unsere Gegenwart zu gewöhnen. Jetzt
+glaubte ich aber, mit _Barth_ einen Besuch bei ihnen wagen zu dürfen.
+
+Der Stamm der Bukat lebt in Gruppen von Familien für gewöhnlich in
+den Urwäldern des Quellgebietes der Flüsse Kapuas und Mahakam und hält
+sich, wie auch die anderen Nomadenstämme, bald in diesem bald in jenem
+Flusstal auf, je nachdem die Anwesenheit von Wild, Baumfrüchten und
+wildem Sago ein Verweilen wünschenswert erscheinen lassen. Selbst in
+dieser Wildnis dürfen sich die Bukat nicht willkürlich irgend einer
+Gegend bemächtigen, sondern ihre verschiedenen Familiengruppen sehen
+bestimmte Flussgebiete als ihr Eigentum an und lassen die anderen
+nur gegen eine Entschädigung dort jagen und Früchte sammeln. Die
+Bukat verbringen den grössten Teil des Jahres im Walde und kommen
+überhaupt nur ungern mit den sesshaften Stämmen am Kapuas und
+Mahakam in Berührung. Zur Zeit der Reisernte jedoch lassen sie sich
+vorübergehend bei dem einen oder anderen Stamme, wie z.B. jetzt am
+Howong, nieder, um Reis, Zeug, Salz, Perlen und dergl. gegen ihre
+Waldprodukte einzutauschen. Die Bukat empfingen uns ängstlich, aber
+doch, nach Art der Bahau, freundlich, breiteten einige Rotangmatten für
+uns aus und setzten uns einige Waldfrüchte vor. Zu meinem Erstaunen
+entdeckte ich hier eine Frucht namens _kapulasan_, die in der Umgegend
+von Buitenzorg auf Java viel gebaut wird, deren Heimat dort jedoch
+nicht mehr bekannt ist. Aufmerksam geworden beobachtete ich später
+längs des ganzen oberen Mahakam das Vorkommen des Baums, der diese
+Frucht liefert. Zufälligerweise hatte unter den vielen herrlichen
+Waldfrüchten, die man mir auf der vorigen Reise brachte, gerade
+diese gefehlt. Zur grossen Genugtuung unserer Gastherren assen wir
+die saftreichen Früchte geradezu mit Gier, worauf sie von allerhand
+wichtigen Angelegenheiten, die ihnen auf dem Herzen lagen, zu reden
+begannen. Es handelte sich, wie so häufig bei diesen Leuten, wieder um
+Verletzung ihrer Ansprüche auf verschiedene Gebiete. So hatte man am
+Kapuas bei der Verteilung des Zehnten aus dem Ertrage der Buschprodukte
+ihre Häuptlinge übergangen, obwohl diese vor langen Jahren ebenfalls
+das Kapuasgebiet durchstreift hatten. Ihre hierauf begründeten Rechte
+hatten die Bukat jedoch am Kapuas nie geltend gemacht, so dass wir
+ihnen rieten, sich an den Kontrolleur von Putus Sibau zu wenden, zu dem
+sich in der gleichen Angelegenheit auch der ihnen verwandte Stamm der
+Bukat aus dem Gebiete des Gung begeben hatte. Hiermit kamen wir auf
+ein anderes Kapitel zu sprechen, auf Streitigkeiten zwischen diesen
+Gung Bukat und einem vornehmen Bukathäuptling, der sich augenblicklich
+bei den Pnihing am Serata aufhielt. Diesem sollte nämlich infolge
+seiner Abstammung das Gebiet des Gung eigentlich gehören; in Putus
+Sibau konnte man natürlich auch von diesen Verhältnissen keine Ahnung
+haben. Der Punan _Tetuhè_, der uns begleitete, weil er selbst als
+Nomade mit diesen Bukat in Verbindung stand, übernahm es, bei seiner
+Rückkehr zum Kapuas alle diese Rechtsfragen zur Sprache zu bringen.
+
+Während wir mitten in unserer Unterhaltung mit den Bukat begriffen
+waren, traf wieder eine Schar Träger mit dem auf dem Wege noch
+zurückgebliebenen Gepäck ein. Wir hatten des Morgens, in Anbetracht
+der starken Ermüdung und schlechten Ernährung unserer Leute,
+nicht durchzusetzen gewagt, dass sich alle energisch an der Arbeit
+beteiligten; so hatte sich denn auch nur ein Teil der Träger auf den
+Weg gemacht und die Malaien, die bei dem Rest des Gepäckes als Wache
+zurückgeblieben waren, meldeten, dass sich immer noch 24 Blechkisten
+mit Salz im Walde befanden. Wir verliessen daher eiligst unsere neuen
+Bukatfreunde, um zu beraten, was weiter zu tun sei.
+
+Um nur schnell fortzukommen, hatten viele Träger von _Kwing
+Irang_ sich bereits von selbst mit unseren Kisten an den Mahakam
+aufgemacht. _Kwing_ selbst jedoch wartete mit 20 jungen Kajan und
+einigen Pnihing auf unsere Befehle. Mit _Amun Lirung_, oder besser
+gesagt mit dessen Frau, kam ich überein, dass sie mir für 12 Packen
+schwarzen Kattuns zu 12 m Länge die 24 Kisten mit Salz an den Blu-u
+schaffen sollten. Zwar dauerte es einen ganzen Monat, bis sie mit
+ihrer Fracht bei mir am Blu-u anlangten, aber die Reisnot entschuldigte
+die Verspätung.
+
+Aus Furcht vor einer Steigerung der Lasten und des Hungers hatten es
+unsere Träger mit dem Aufbruch zum Mahakam sehr eilig. Da ich aber
+nichts mehr von unserem Gepäck zurücklassen wollte, vereinbarte ich,
+dass unsere ermüdeten Mendalam Kajan unter Aufsicht von _Barth_
+und _Demmeni_ alles Gepäck dem Howong entlang bis an den Pfad,
+der zum Mahakam führte, bringen sollten, während die frischeren und
+kräftigerer Mahakam Kajan es von dort über die Hügelrücken bis an
+den Anlegeplatz der Böte befördern sollten. Nicht minder froh als
+seine Leute war _Kwing Irang_ über unsere Abreise; denn er hatte
+im Pnihinghause keinen Platz gefunden und mit den Seinigen in und
+unter einer Reisscheune übernachten müssen. Das Übernachten im Freien
+ohne Dach über dem Haupte finden die Bahau aber sehr unangenehm und,
+wenn es geregnet hätte, wären viele von ihnen krank geworden.
+
+So verabschiedete ich mich denn von meinen Gastwirten und zog mit
+_Kwing Irang_ an den Mahakam voraus. In unserem Eifer fortzukommen
+übersahen wir jedoch das winzige Nebenflüsschen des Howong, längs
+dessen wir zum Mahakam abbiegen mussten, und irrten einige Zeit umher,
+bevor wir es wiederfanden. Ich hatte in der letzten Zeit so viel an
+Märschen durch Wald und Flüsse genossen, dass ich unseren jetzigen
+Zug, besonders da mir die Hügelrücken, die uns vom Mahakam trennten,
+recht hoch vorkamen, sehr unangenehm empfand.
+
+Auf einem dieser Hügel trafen wir _Bier_ mit seinem Geleite; er hatte
+die ganze Zeit über mit gutem Resultat gearbeitet und es gelang ihm,
+seine Messungen bis zum Mahakam noch am gleichen Tage zu beenden.
+
+Die Pnihing hatten zwar den besten Anlegeplatz am Mahakam ausgesucht,
+dennoch mussten wir von der Höhe des Bergrückens einen sehr steilen
+Abhang hinunterklettern, um an das Flussbett zu gelangen. Hier fanden
+wir die Mahakamer auf einem Platze gelagert, der nirgends eben genug
+war, um ein Zelt aufschlagen zu können. Es mussten erst Terrassen
+aus Holz, die teilweise über das Wasser hinausragten, gebaut werden,
+um für unsere Zelte einen Untergrund zu beschaffen.
+
+Inzwischen erneuerte ich die Bekanntschaft mit dem vornehmen
+Pnihinghäuptling _Belarè_ und feierte Wiedersehen mit _Akam Igau_.
+
+Nach seinem guten Äusseren zu urteilen, das von dem unserer erschöpften
+und abgemagerten Kuli stark abstach, war es _Akam Igau_ inzwischen am
+Mahakam gut ergangen, was er mir denn auch zugab. _Belarè_ erzählte,
+dass er mich nicht bei _Amun Lirung_ begrüsst habe, weil er einen
+kleinen Enkel mit auf die Reise genommen hatte.
+
+Es dauerte bis zum Mittag des folgenden Tages, bis unsere ganze
+Gesellschaft mit allem Hab und Gut am Ufer des Mahakam vereinigt war,
+und es erwies sich bald als unmöglich, mit allen und allem gleichzeitig
+den Mahakam hinabzufahren. Zwar hatten alle Niederlassungen der Kajan
+und Pnihing am Mahakam ihre grössten Böte zur Verfügung gestellt,
+aber wegen des hohen Wasserstandes durften sie nicht schwer beladen
+werden. Auf einen günstigeren Wasserstand zu warten, war bei der
+herrschenden Nahrungsnot unmöglich; und so musste ich mich dazu
+entschliessen, einen Teil unserer Leute vorläufig zurückzulassen. Ich
+teilte den Häuptlingen in einer Zusammenkunft meinen Plan mit, sie
+selbst hatten nicht gewagt, mir diesen Vorschlag zu machen. Alle
+zeigten sich einverstanden und versprachen, ihre Reisegenossen
+in einigen Tagen abzuholen. Die Zurückbleibenden sollten sich bei
+_Amun Lirung_, den Bukat oder im Walde die notwendige Nahrung zu
+verschaffen suchen.
+
+Am anderen Morgen zeigte es sich, dass das Fassen und Ausführen
+von Beschlüssen für Bahauhäuptlinge sehr verschiedene Dinge sind;
+denn keiner von ihnen war im stande, einen Teil seiner Untertanen zum
+Zurückbleiben zu zwingen. Die Insubordination, die überall herrschte,
+veranlasste seltsame und komische Szenen.
+
+Zwar begann man damit, mein Gepäck regelrecht in den Böten
+unterzubringen, kaum war dies aber geschehen, so ergriff jeder eiligst
+seinen Tragkorb, lud ihn auf den Rücken und sprang, zur Abfahrt
+bereit, in ein Boot. So kam es, dass die Böte der Kajan und Pnihing,
+die vor unseren Hütten lagen, bevor wir sie noch betreten hatten,
+teils von der eigenen Mannschaft teils von Eindringlingen überfüllt
+waren. Ein Boot war sogar zum Sinken überladen, und doch wagte es
+die eigene Bemannung nicht, die Zuströmenden abzuweisen. Unterdessen
+standen die Häuptlinge rat- und machtlos am Ufer und in der Furcht,
+zurückbleiben zu müssen, mischte sich sogar einer von ihnen, seine
+Würde vergessend, unter die Schar der Bestürmer. Mit strenger Miene,
+drohendem Stock und ernsten Ermahnungen suchte ich nun allein
+die Ordnung aufrecht zu erhalten. Zuerst schickte ich die am Ufer
+stehenden zurück und entlastete dann die Böte von denjenigen, die
+zurückbleiben mussten. Aus jeder Mendalam Niederlassung nahm ich 8
+Mann mit und dank dem sanften Charakter meiner Kajan gelang es mir,
+nur mit Einbusse der Hälfte meiner Stimme abzufahren.
+
+Unterhalb einer Landzunge des anderen Ufers hatte sich _Akam Igau_
+mit seinen Leuten gelagert und bei unserer Ankunft bot sich dort ein
+noch heiterer Anblick.
+
+In dem sehr grossen, breiten Boote des Pnihinghäuptlings _Belarè_
+standen die Kajan Mann an Mann neben den Pnihing, ohne für den
+Häuptling selbst einen Platz frei zulassen. Dieser betrachtete mit
+seinem Enkel an der Hand vom Ufer aus gelassen die Bestürmung seines
+Fahrzeuges. Ich kam diesmal wirklich in Versuchung, von meinem Stocke
+Gebrauch zu machen; aber da mir eine derartige Einführung bei den
+Mahakamstämmen doch nicht geraten erschien, suchte ich schliesslich
+auch hier auf Kosten meiner Kehle die weisen Beschlüsse der Häuptlinge
+zur Ausführung zu bringen.
+
+In Anbetracht des hohen Wasserstandes waren unsere Fahrzeuge auch
+jetzt noch sehr schwer beladen, aber bei der Umsicht der Pnihing und
+Mahakam Kajan und der Besorgnis ihrer Häuptlinge für unsere Sicherheit
+hatten wir nichts zu fürchten und fuhren schnell flussabwärts an den
+Mündungen des Kaso, Serata und Tjehan vorüber bis vor das Haus des
+Häuptlings _Belarè_.
+
+Der Pnihinghäuptling wies uns Europäern und den Malaien als Wohnung
+ein alleinstehendes Haus an, das so hoch und auf so dünnen Pfählen
+gebaut war, dass mir angst und bange wurde beim Gedanken, dass 20
+Menschen und alles Gepäck da hinauf geschafft werden sollten. Der
+Boden des Hauses befand sich 6 m über der Erde und die Pfähle waren
+nur 2 × 1.5 dm dick. Da meine Malaien aber nichts gegen den Einzug
+in diesen Vogelbauer einzuwenden hatten, liess ich alles Gepäck nach
+oben bringen und erklomm zuletzt selbst die steile Leiter. Die Höhe
+unserer Behausung schützte uns wenigstens vor dem oft lästigen Besuch
+von kleinen Kindern und Hunden.
+
+Jetzt, wo ich zum ersten Mal seit langer Zeit all unser Hab und Gut
+beisammen in einem geschlossenen Raum aufgestapelt sah, wurde es mir
+bewusst, wieviel Sorgen und Mühen diese hundert Packen und Kisten
+meinen Trägern auf den schwierigen Pfaden durch Wälder und Flüsse
+verursacht hatten, und die abgearbeiteten Gestalten meiner braunen
+Reisegenossen wurden mir dadurch um so lieber. Ich beeilte mich denn
+auch, meinen Mendalam Kajan so schnell als möglich Reis und Böte
+zu verschaffen, damit sie ihre zurückgebliebenen Stammesgenossen
+abholen konnten. Mit Geschenken und guten Worten gelang es mir bei
+den Pnihing, die Hälfte meiner Leute auszurüsten und sie am folgenden
+Tage flussaufwärts zu schicken. Die andere Hälfte begab sich mit _Kwing
+Irang_ an den Blu-u, um sich dort verproviantieren zu lassen, und zwei
+Tage darauf fuhren auch sie an uns vorüber den Mahakam aufwärts. Die
+Häuptlinge hatten ihnen natürlich nicht ihre besten Böte zur Verfügung
+gestellt, aber es kamen doch alle unsere Kuli wohlbehalten bei uns
+an, so dass ich froh sein konnte, so viel Gepäck ohne Verlust oder
+Schaden an Menschenleben bis an den Mahakam gebracht zu haben.
+
+Meine erste Aufgabe bei _Belarè_ bestand in der Löhnung aller,
+die mir geholfen hatten. _Kwing Irang_ und seine Kajan wollten
+warten, bis ich zu ihnen zog, und begaben sich daher gleich weiter
+auf die Heimreise. In der Lohnfrage kamen zuerst die Pnihing aus den
+Niederlassungen am Tjehan und Long Kub in Betracht. Mein reicher Vorrat
+an Tauschartikeln erlaubte mir, ihre Dienste mit _batik_-Stoffen,
+weissem, rotem, und schwarzem Kattun und rotem Flanell reichlich zu
+bezahlen. Ihre Häuptlinge erhielten je eine hübsche Jacke oder ein
+seidenes Umschlagetuch. Meine Dankbarkeit für unsere wohlbehaltene
+Ankunft verleitete mich, den Leuten zu viel zu geben, mit Rücksicht
+auf künftige Lohnansprüche musste ich mich daher bereits am anderen
+Tage den Pnihing von _Belarè_ gegenüber mässigen. Diese erhielten
+nun zwar weniger, eine Handvoll Salz als Zugabe stellte aber jeden
+zufrieden, ausserdem hatten wir, da wir noch einige Tage bei ihnen
+bleiben sollten, Gelegenheit, ihren Frauen und Kindern mit allerhand
+beliebtem Tand wie: Fingerringen, bunter Wolle, Nadeln und Perlen eine
+Freude zu bereiten. Ich hatte mich nämlich, hauptsächlich auf Anraten
+von _Kwing Irang_, dazu entschlossen, noch einige Tage _Belarès_ Gast
+zu bleiben, ein Beschluss, der nach den überstandenen Anstrengungen
+bei allen Beifall fand.
+
+Einen weiteren Grund für diese Verlängerung unseres Besuches bei
+den Pnihing bildete für mich der Wunsch, mit diesem einflussreichen
+Häuptling und den Seinen gut zu stehen; denn nur so konnte ich
+den Hauptzweck meines Aufenthaltes am Mahakam, die Bevölkerung vom
+politischen Standpunkt aus zu studieren, erfüllen. Ich hatte mir
+nun zwar, wie auch bei meiner früheren Reise, vorgenommen, meinen
+festen Wohnplatz bei dem mächtigsten Mahakamhäuptling _Kwing Irang_
+aufzuschlagen; _Belarè_ war aber von alters her sehr neidisch
+auf dessen Stellung, und so riet mir jener selbst an, auch seinen
+Nebenbuhler mit einem längeren Besuch zu beehren. Inzwischen hatte
+_Kwing_ auch Zeit, ein Haus für mich in Stand zu setzen und für meine
+Leute ein Unterkommen zu beschaffen.
+
+Unser Besuch befriedigte nicht nur die Eitelkeit der Pnihing, sondern
+kam ihnen auch in praktischer Hinsicht sehr zu statten; denn meine
+ärztliche Hilfe war auch hier wieder sehr nötig. Gleich am ersten
+Tage wurde ich zu zahlreichen Malaria- und Lueskranken gerufen. Indem
+der Kontrolleur mich auf meinen Krankenbesuchen begleitete, hatte er
+Gelegenheit, sich in vielen Wohnungen vorzustellen, die er sonst,
+ohne indiskret zu sein, nicht hätte betreten dürfen. Meine Praxis
+gewann mir bald das früher bereits erworbene Vertrauen der Leute
+wieder zurück, so dass bald dieser, bald jener sich wieder in meine
+Hütte wagte, um gegen Reis oder Früchte etwas von meinen Artikeln zu
+erhandeln. Die einen lockten die anderen heran und bald kletterten
+die Besucher ununterbrochen auf der hohen Treppe in unsere mit Gepäck
+und Menschen ohnehin schon überfüllte Hütte hinauf.
+
+Auch aus der Ferne brachte man mir Kranke. In einer weiter unten
+am Fluss gelegenen Niederlassung, Long Kub, hatte man _Kwing Irang_
+auf seiner Durchreise gebeten, dort zu übernachten, um den Häuptling
+_Erang Parèn_, der wie seine Schwester, _Belarès_ Frau, an periodischen
+Ausbrüchen von Wahnsinn litt, am folgenden Tage zu mir zu geleiten. So
+kamen die Häuptlinge denn auch mit grossem Gefolge bei mir an--leider
+ohne ein Resultat zu erzielen; denn es schien mir geratener, lieber
+sogleich meine Ohnmacht einzugestehen, als die Leute mit Scheinmitteln
+hinzuhalten oder ihnen Beruhigungs mittel zu geben, die in den Händen
+dieser Menschen gefährlich hätten werden können.
+
+Da _Belarè_ so viel daran gelegen war, als einer der vornehmsten
+Häuptlinge angesehen zu werden, war es mir sehr angenehm, dass
+ich sowohl ihm als _Kwing Irang_ als Anerkennung für die Hilfe,
+die sie mir auf der vorigen Reise geleistet hatten, seitens der
+Regierung ein Geschenk anbieten konnte. _Belarè_ fand nun zwar den
+vergoldeten Silberbecher, den ich ihm überreichte, als Schaustück
+sehr schön, aber viel zu prunkend, um ihn täglich zu gebrauchen,
+und erbat sich daher von mir persönlich zum Alltagsgebrauch noch
+einen Satz Elfenbeinarmbänder, wie ich ihn _Hinan Lirung_ geschenkt
+hatte. Überzeugt, dass mein wegen seiner Wildheit berüchtigter Freund
+nicht daran gewöhnt war, einen einmal geäusserten Wunsch fahren zu
+lassen, gab ich ihm nach, nahm mir aber vor, in Zukunft so sparsam
+als möglich mit meinen Tauschartikeln umzugehen.
+
+Die Pnihing verlangten wohl unter dem Eindruck meiner grossen Vorräte
+für Böte, die ich jetzt anschaffen musste, so hohe Preise, dass _Akam
+Igau_ mir riet, mich lieber an ihre Verwandten am Tjehan zu wenden,
+die an neuen Böten eine grosse Auswahl besassen. Meinem Gastherrn
+gefiel dieser Plan jedoch durchaus nicht, und ich hatte alle Mühe,
+ein kleines Boot mit 4 Ruderern zu erlangen, das mich mit _Akam Igau_
+und meinem Diener _Midan_ an den weiter oben in den Mahakam mündenden
+Tjehan bringen sollte. Nach sechsstündiger Fahrt erreichten wir um
+4 Uhr nachmittags das Haus der Pnihing, das am rechten Tjehanufer
+erbaut war; bei meinem ersten Besuch vor zwei Jahren war es noch
+nicht vollendet gewesen.
+
+Trotzdem die Häuptlinge nicht zu Hause waren, begannen wir doch
+sogleich die vielen halb und ganz fertigen Böte zu besichtigen, und
+mit _Akam Igaus_ Hilfe erwarb ich für schwarzen Kattun und Perlen
+sogleich zwei derselben. Zwei andere Böte, die ich gern erstanden
+hätte, gehörten dem Häuptling _Parèn_, der abends zurückkehren sollte;
+daher machte ich es mir inzwischen auf der grossen Galerie vor seiner
+Wohnung bequem. Reis einzukaufen, glückte mir nicht, da die Pnihing
+den Seputan am Kaso bereits viel verkauft hatten; einen besseren
+Erfolg hatte ich mit Batatenmehl.
+
+Nach _Parèns_ Ankunft wurde ich mit ihm wegen der Böte bald
+handelseinig; da er so viel von meinen schönen Tauschartikeln gehört
+hatte, sprach er den Wunsch aus, dass seine Frau _Adjei_ und sein
+kleiner Neffe _Kwing_ mich zu _Belarè_ begleiten sollten, um sich als
+Lohn für die Böte unter allen Herrlichkeiten selbst etwas auswählen
+zu dürfen. Obwohl ich diesem Dorfe nur einen kurzen Besuch machte
+und seine Männer für ihre Dienstleistungen von meiner mildtätigen
+Stimmung bei der Ausbezahlung des Lohnes am meisten Vorteil gehabt
+hatten, wollte ich doch auch bei den übrigen Bewohnern eine gute
+Erinnerung hinterlassen und forderte daher Frauen und Kinder auf, mich
+am folgenden Morgen vor meiner Abreise zu besuchen, um sich kleine
+Geschenke abzuholen. Trotz unserer früheren Bekanntschaft wagten sich
+anfangs doch nur wenige in meine Nähe, kaum hatten diese aber jeder
+einen Ring mit bunten Glassteinen erhaltet), als die Besucher in
+hellen Haufen aus allen Türen zum Vorschein kamen. Die Frauen waren
+auf diese wertlosen Ringe ganz versessen. Als ich auf meiner vorigen
+Reise in der Zeit der Reisnot nirgends mehr Reis auftreiben konnte,
+verkauften mir diese Frauen ihren letzten Vorrat für diese Fingerringe.
+
+Gegen 10 Uhr morgens fuhren wir mit vier neuen Böten und einem fünften
+mit _Adjei_ und _Kwing_ ab. Bei _Belarè_ angekommen fiel es meinen
+Gästen, _Adjei_ und _Kwing_, sehr schwer, unter allen Tauschartikeln
+eine Wahl zu treffen. Endlich gaben sie sich mit einer hübschen Jacke,
+einem Sarong aus _batik_ und einigen Perlen zufrieden.
+
+_Demmeni_ hatte seine Zeit inzwischen auf andere Weise gut
+verwendet; durch allerhand Gaukelspiel, durch Explodierenlassen von
+Magnesiumpulver und Verbrennen von Magnesiumband hatte er die Pnihing
+in so gute Stimmung versetzt, dass der Kontrolleur es für wünschenswert
+hielt, mit ihm noch einige Zeit zu bleiben. Da auch _Belarè_ diese
+Gäste gern behalten wollte, beschloss ich, allein zu _Kwing Irang_
+an den Blu-u zu ziehen, um dort alles für einen längeren Aufenthalt
+vorzubereiten.
+
+Als _Belarè_ abends mit einigen der vornehmsten Familienväter zu einem
+Plauderstündchen zu mir kam, brachte ich das Gespräch auf einen Zug
+zur Mahakamquelle. Ich hatte nämlich bereits 1896 _Belarè_, der auf
+seinen Jagden und zahlreichen Expeditionen nach Serawak diesen Teil
+des Mahakamgebietes gut kennen gelernt hatte, zu diesem Unternehmen zu
+bereden versucht. Die grosse Reisnot verhinderte uns aber damals an der
+Ausführung des Planes. _Belarè_ zeigte sich auch jetzt wiederum bereit,
+mich zu begleiten, verlangte aber für jeden seiner Leute einen und
+für sich selbst zwei Reichstaler (2 1/2 fl.) als Tageslohn. Da ich
+noch lange auf tagweise bezahlte Dienste der Bahau angewiesen war,
+konnte ich auf eine derartige Bedingung natürlich nicht eingehen und
+begann ihn, wie ich es früher mit _Kaharon_ getan, auf das Unsinnige
+seiner Forderung aufmerksam zu machen. Auch die Pnihing zeigten sich
+logischen Beweisgründen zugänglich; denn als ich ihnen den hohen Wert
+eines Reichstalers begreiflich zu machen suchte und ihnen sagte,
+dass der Tageslohn in Serawak und Kutei so viel niedriger sei, und
+dass auch meine Mahakam Kajan so viel weniger erhielten, musste auch
+_Belarè_, allerdings ungern, zugeben, dass 1 fl. für den Tag bei
+eigener Beköstigung genügend sei.
+
+Den Lohn für die Begleitung an den Blu-u setzte ich mit _Belarè_
+gleichfalls im voraus fest; die Pnihing forderten ein Kopftuch und
+einige Glasperlen für den Mann. Auch versprach ich _Belarè_, am
+folgenden Morgen vor unserer Abreise nach seiner Frau zu sehen, die
+bereits bei meinem ersten Besuch an Anfällen von Verfolgungswahnsinn
+litt und die ich schon damals für unheilbar erklärt hatte. Während
+meiner Abwesenheit hatten sich die Anfälle noch einige Mal wiederholt;
+die grosse, schlanke Frau erschien jetzt magerer und bleicher als
+je. Vor dem Eintritt eines Anfalls empfand sie Schwindel und einen
+sonderbaren Geruch in der Nase, dann stellten sich Kopfschmerzen,
+Blutandrang zum Kopf, glühende Wangen und rot unterlaufene Augen
+ein. Bald darauf glaubte sie sich von bösen Menschen und Geistern
+verfolgt, griff nach Schwertern und Speeren zur Verteidigung und wurde
+dadurch für ihre Umgebung gefährlich. Da man ausserdem noch fürchtete,
+dass sie sich in ihrer Angst ertränken könnte, mussten einige Männer
+bei ihr Wache halten. Die zarte Frau entwickelte während der Anfälle
+so viel Kraft, dass mehrere starke Männer sie nur mit Mühe bewältigen
+konnten. Nach derartigen Anfällen, die bis zu 8 Tagen dauerten, kam
+sie wieder zur Besinnung und nach einigen Tagen gedrückter Stimmung
+wurde sie ganz normal. Die Anfälle waren zum ersten Mal aufgetreten,
+nachdem die Batang-Lupar aus Serawak im Jahre 1885 _Belarès_
+Niederlassung verbrannt und viele Menschen getötet oder als Sklaven
+fortgeführt hatten. Dass dieser Umstand die Krankheit nicht verursacht,
+sondern eine erbliche Anlage nur zum Ausbruch hatte kommen lassen,
+ging daraus hervor, dass ihr Bruder, der Häuptling von Long Kub,
+ohne diesen Anlass an der gleichen Krankheit litt. Auch jetzt konnte
+ich leider nichts anderes tun, als die Leute trösten.
+
+Unterdessen hatten meine Begleiter gegessen, ihre grossen Böte unter
+dem Hause hervorgeholt, ins Wasser gelassen und ihr eigenes Gepäck in
+den Böten untergebracht. Ich machte von den starken Armen und frischen
+Kräften der Pnihing Gebrauch, um die meisten und schwersten Kisten
+sogleich von ihnen an den Blu-u mitnehmen zu lassen, der Rest sollte
+mit den übrigen Europäern nachkommen. Die meisten Malaien und Javaner
+zogen sogleich mit mir, um sich nach einer passenden Wohngelegenheit
+für sich umzusehen. Dass _Belarè_ und die Vornehmsten seines Stammes
+mir bis zum Blu-u das Geleite gaben, war ein Beweis dafür, wie sehr
+sie meinen Besuch und den verlängerten Aufenthalt des Kontrolleurs
+in ihrer Mitte zu schätzen wussten.
+
+Die Fahrt ging bei dem hohen Wasserstande sehr schnell von statten,
+bereits nach zwei Stunden befanden wir uns an der Mündung des
+Blu-u. Die Ufer boten jetzt einen ganz anderen Anblick, als bei meiner
+Abreise im Frühling des vergangenen Jahres. Man hatte damals längs
+des rechten, 30 m hohen Ufers bereits zum dritten Mal alles Gestrüpp
+und Gras ausgerodet, um dort für den ganzen Stamm ein neues Haus zu
+bauen. Seitdem die Batang-Lupar ihre Niederlassung verbrannt hatten,
+lebten die Kajan nämlich zerstreut im ganzen Gebiet des Blu-u auf
+ihren Reisfeldern, auch hatte jede Familie im Laufe der Zeit bereits
+Pfähle und Planken zum Bau ihrer eigenen _amin_ hergestellt und sie
+im Walde oder im Blu-u unter Wasser aufbewahrt. Schlechte Ernten,
+ungünstige Vorzeichen und die Angst vor den immer noch im Quellgebiet
+des Mahakam nach Guttapercha suchenden Batang-Lupar hatten den Hausbau
+ständig verzögert.
+
+Während meines achtmonatlichen Aufenthaltes in ihrer Mitte
+(1896-97) hatten sich die Kajan, im Gefühl der Sicherheit wegen
+meiner Anwesenheit, mit neuem Mut an den Bau des Hauses gemacht und
+waren auch während meiner Abwesenheit in der Arbeit fortgefahren;
+denn jetzt standen eine lange Reihe _amin_ auf dem hohen Ufer. Nur
+eine einzige Familie, zu der besonders viele arbeitsfähigen Männer
+gehörten, hatte ihre Wohnung völlig beendet, die übrigen wohnten
+noch in kleinen, aus alten Brettern gebauten Hütten rings umher und
+sollten erst später die letzte Hand an ihre _amin_ legen. _Kwing Irang_
+hatte mit dem Bau seiner Wohnung überhaupt noch nicht anfangen können
+und wohnte augenblicklich mit seiner Familie und einigen Sklaven in
+einem sehr kleinen Hause, das wie die übrigen 3 In über dem Erdboden
+lag. Die meisten seiner Sklaven lebten mit ihren Familien auf den
+Reisfeldern des Häuptlings, die sie zu bebauen hatten und um welche
+herum sie ihre eigenen kleinen Felder angelegt hatten.
+
+Da _Kwing Irangs_ provisorische Wohnung nur eine sehr kleine Galerie
+besass, hatte man zur Aufnahme von Gästen und zur Abhaltung von
+Versammlungen seinem Hause gegenüber an der anderen Seite eines freien
+Platzes ein längliches Gebäude aufgeführt. Diesen Versammlungssaal
+hatte man zur vorläufigen Unterkunft meines Personals und Gepäckes
+bestimmt, während man für uns Europäer an dieses Gebäude angelehnt
+a m über dem Boden ein festes Haus von 48 quad. m Grundfläche
+errichtet hatte. Man hatte sich, gleich nachdem _Akam Igau_ meine
+Ankunft gemeldet hatte, ans Werk gemacht und mir ein so gutes,
+starkes Haus gebaut, wie ich es bis dahin auf meinen Reisen noch
+nicht besessen hatte. Uns Europäern stand nun ein ausgezeichneter
+Wohnraum zur Verfügung, der nur als Zeichenatelier für _Bier_,
+als photographisches Atelier für _Demmeni_ und als Arbeits- und
+Handelslokal für _Barth_ und mich zu eng war. Doch konnte allen diesen
+Anforderungen später entsprochen werden; vorläufig musste ich für meine
+Malaien eine Unterkunft zu beschaffen suchen. _Kwing Irang_ meinte,
+dass hierfür ein leer stehendes, am Fusse des Uferwalles gelegenes,
+malaiisches Haus am geeignetsten sein würde. Es hatte hier lange Zeit
+ein malaiischer Anführer einer Gesellschaft Buschproduktensucher,
+ein gewisser _Hadji Umar_, gewohnt, der sich augenblicklich unterhalb
+der Wasserfälle aufhielt. Das etwas baufällige Haus konnte schnell
+wieder hergestellt werden, indem der Wald Pfähle, der Häuptling
+Planken und meine Malaien die Arbeit lieferten. Die Lage des Hauses,
+weit ab von der eigentlichen Niederlassung der Kajan, war insofern
+günstig, als die Malaien, die für die Dajak nie Sympathie empfanden,
+hier ungestört wohnen konnten. Zwar war unser Geleite während der
+Nacht hier weit von uns entfernt, aber einige Männer konnten als
+Wache stets oben im Versammlungssaal schlafen.
+
+Nachdem ich _Belarè_ und die Seinen belohnt und verabschiedet hatte,
+wandte ich mich an meine alten Kajan Bekanntschaften, die sich
+während der Anwesenheit der Pnihing in einiger Entfernung gehalten
+hatten. Ihrer Sitte gemäss, äusserte keiner der Kajan, bevor ich
+das Wort an ihn gerichtet hatte, seine Freude über meine Ankunft,
+dann aber war die Zunge plötzlich gelöst und ich wurde mit Fragen,
+wo ich die Zeit über gewesen sei, ob ich mich nicht verheiratet hätte
+u.s.w. über schüttet; leider begannen sie auch sogleich wieder um
+allerhand Dinge zu betteln. Das Willkommgeschenk, das die meisten
+erwarteten, schob ich noch einen Tag hinaus.
+
+An den beiden folgenden Tagen trafen in gesonderten Gruppen die
+Mendalam Träger bei uns ein: zuerst die Ma-Suling mit denen aus
+Pagong. Diese wollten sich den Mahakam abwärts zu ihren Verwandten
+am Merasè begeben, sich 10 Tage bei ihnen ausruhen und dann wieder
+an den Kapuas zurückkehren. Obgleich sie bereits in Putus Sibau
+einen Vorschuss von ihrem Lohn erhalten hatten und es abgemacht war,
+dass sie den Rest bei ihrer Heimkehr dort vom Kontrolleur in Empfang
+nehmen sollten, baten sie mich doch wieder um Geld. Mit Rücksicht
+auf meinen beschränkten Geldvorrat und darauf, dass alle anderen
+wahrscheinlich mit den gleichen Forderungen herantreten würden,
+musste ich ihre Bitte abschlagen und gab jedem nur eine kleine
+Summe als Vorschuss; für den Rest gab ich ihnen einen Brief an den
+Kontrolleur von Putus Sibau mit. Der gleiche Auftritt spielte sich
+mit den Kajan aus Tandjong Karang und Tandjong Kuda ab, die sich,
+um Blutsverwandte zu besuchen und Handel zu treiben, nach anderen,
+weiter unten am Mahakam gelegenen Niederlassungen begaben. Nur den
+armen Punan, die wenig oder gar keine Tauschartikel besassen, händigte
+ich einen grösseren Betrag aus, damit sie unter _Tetuhès_ Anführung
+bei ihren Verwandten am Serata, wo sich bei den Pnihing eine grosse
+Bukat Niederlassung befand, keine allzu klägliche Rolle spielten.
+
+Ferner besprach ich mit _Kwing Irang_, was ich seinen Untergebenen,
+die mir entgegengereist waren, geben sollte. Zu meiner angenehmen
+Überraschung schlug er mir vor, jeden auf die gleiche Weise mit einem
+Stück schwarzen und roten Kattuns zu belohnen; so hatte ich denn
+nicht mit dem persönlichen Geschmack der einzelnen zu streiten. Ein
+chinesischer Bankerottierer, _Mi-Au-Tong_, der aus Pontianak dein
+Kapuas entlang an den Mahakam geflüchtet war und jetzt bei den Kajan
+durch Handel mit Buschprodukten und Arzneien sein Leben fristete,
+half mir beim Messen des Zeuges. Die Abmachung mit dem Häuptling
+wurde von seinen Untergebenen natürlich wieder nicht für gut befunden;
+jeder verlangte noch eine Portion Salz dazu, die ich ihm gern gab.
+
+Dem Häuptling selbst übergab ich im Namen der Regierung eine silberne
+Beteldose mit Zubehör, die ihn sehr zu beglücken schien. Seinen
+beiden Frauen hatte ich schöne seidene Tücher mitgebracht, ausserdem
+liess ich sie von meinen geblümten Seidenstoffen selbst noch etwas
+auswählen. _Kwing Irangs_ Pflegetochter _Kehad_ erfreute ich mit einem
+Ohrschmuck, bestehend aus 20 Silberringen von 4 cm Durchmesser. Ich
+hatte in Batavia 1500 dieser Ringe anfertigen lassen; sie bildeten
+einen kostbaren und wenig umfangreichen Tauschartikel.
+
+Der Satz Armbänder aus Elfenbein, den ich _Hinan Lirung_ und _Belarè_
+gegeben hatte, spukte auch _Kwing Irang_ im Kopfe herum, und er ruhte
+nicht eher, bis ich auch den Arm seines 10 jährigen Söhnchens _Hang_
+mit Elfenbeinringen geschmückt hatte. Alle Bahau besitzen die Eigenart,
+dass sie ihre Wünsche starrsinnig auf einen bestimmten Gegenstand
+richten und dass man sie dann mit Geschenken von viel grösserem Werte
+nicht entsprechend erfreuen kann. Es ist daher am einfachsten, sie
+ihre Wünsche stets vorher äussern zu lassen.
+
+Zu meiner grossen Beruhigung war es diesmal mit dem Reisvorrat der
+Kajan viel besser bestellt, als auf meiner vorigen Reise. Bereits
+in den ersten Tagen kamen Scharen von Mädchen und Knaben, um gegen
+kleine Mengen Reis Nadeln, Perlen u.a. einzutauschen, so dass ich einen
+ganzen Vorrat beisammen hatte, bevor _Barth, Demmeni_ und _Bier_ am
+11. Oktober bei uns eintrafen. _Kaharon_ begleitete die Gesellschaft,
+um mit mir noch einmal über die Expedition zum Quellgebiet des Mahakam
+zu reden, die nach Ablauf der mit der Reissaat verbundenen Verbotszeit,
+die jetzt bei den verschiedenen Stämmen eintrat, stattfinden sollte.
+
+
+
+
+KAPITEL XIII.
+
+ Der Mahakam in seinem Ober- Mittel- und Unterlauf--Bewohner
+ des Mahakamgebietes--Vorgeschichte der Stämme--Stellung
+ und Einfluss der Fremden--Ursprüngliche Bewohner am oberen
+ Mahakam--Vorherrschaft der Long-Glat--Kwing Irang und dessen
+ Stellung unter den übrigen Häuptlingen--Verkehr und Handel
+ unter den Stämmen--Selbständigkeit der Stämme--Verteilung der
+ Ländergebiete--Bestimmungen in bezug auf Feld- und Waldfrüchte,
+ Buschprodukte, Jagd und Fischfang--Industrie--Verkehr mit den
+ Nachbarländern--Handel und Handelswege.
+
+
+Der Mahakam (im Malaiischen; Mekám im Busang) ist von den Strömen
+Borneos, die sich an der Ostküste ins Meer ergiessen, der grösste. Er
+entspringt unter dem Namen Selirong an der südwestlichen Seite des
+Batu Tibang, eines wahrscheinlich vulkanischen Berges, der sich in der
+Fortsetzung des Ober-Kapuas-Kettengebirges, das aus alten Schiefern
+besteht, erhebt. Der Mahakam folgt anfangs einem Längstal dieses
+Gebirges, aber bald nachdem sich der Selirong mit dem Seliku, einem
+zweiten Quellflüsschen, das auf dem Lasan Tujan entspringt, auf 550
+m Höhe vereinigt hat, bricht der Fluss in südwestlicher Richtung der
+Reihe nach durch alle Ketten des Gebirges hindurch. Bis zur Mündung
+des Howong, auf etwa 300 m Höhe, behält der Mahakam diese Richtung
+bei, wendet sich hier, in gleicher Entfernung von dem Batu Lesong,
+ungefähr gerade nach Osten und biegt dort, wo dieses Sandsteingebirge
+sich unter dem Namen Batu Ajo nach Süden fortsetzt, ebenfalls nach
+Süden. An der Biegung bei Long Tepai hat sich der Fluss durch die
+weissen Hornsteinschichten, auf denen das Sandsteingebirge liegt,
+nur ein schmales 15-40 m breites Bett erodieren können, während das
+Flussbett oberhalb Long Tepai an einigen Stellen eine Breite von 200
+m erreicht.
+
+An der Verengung bildet der Mahakam eine lange Reihe von Wasserfällen,
+die von oben nach unten folgende Namen tragen: Kiham (Wasserfall im
+Busang) Ulu, Kiham Hida, Kiham Nub, Kiham Lobang Kubang, Kiham Binju,
+Kiham Kenhè. Unterhalb dieser verengten Stelle verbreitert sich das
+Flussbett über eine ausgedehnte Strecke, bis beim Kiham Udang der
+Fluss wiederum nur 30 m breit wird, während noch weiter unten, beim
+Kiham Halo auf 100 m Höhe, die Wassermassen sich über eine Entfernung
+von über 2000 m durch eine Verengung, die zwischen 20-50 m breit und
+zwischen Sandsteinbergen gelegen ist, hindurchzwängen. Obwohl noch eine
+Strecke weit von Hügeln beengt, erreicht der Fluss doch bald wieder die
+normale Breite und wird von Long Bagung an auch nicht mehr stark durch
+Berge verengt. Während daher der oberhalb Long Bagung gelegene Teil
+des Mahakam nur unter günstigen Verhältnissen für die eigenartigen
+Böte der Eingeborenen schiffbar ist, können bis zu dieser Stelle,
+ausser bei sehr niedrigem Wasserstande, kleine Dampfböte den Fluss
+hinauffahren. Bereits bei der Mündung des Merah beträgt die Breite des
+Flusses 300 m und nimmt nach unten hin immer mehr zu. Nur bei Uma Mehak
+Teba, wo der Strom sich um eine Hügelreihe windet, wird er noch einmal
+100 m breit, später jedoch nicht wieder. Erst dort, wo die südöstliche
+Richtung in eine östliche übergeht, jenseits des Gunung Sindáwar,
+wird das Land zu beiden Flussseiten zu einer alluvialen Tiefebene,
+auch erhebt es sich nicht hoch über dem Meeresspiegel. Das Land
+behält aber nicht den gleichen Charakter bis zur Mündung bei, denn
+die ganze Ostküste von Borneo wird nach Süden, bis zum Pasirfluss,
+durch eine Gebirgskette begrenzt. Durch diese Gebirgskette muss der
+Fluss sich hindurcharbeiten, bevor er sich in zahlreichen Mündungen
+ins Meer ergiessen kann.
+
+Betrachten wir uns den Oberlauf des Mahakam näher, so zeigt es sich,
+dass er so lange die südwestliche Richtung beibehält, als er sich in
+der Fortsetzung des Ober-Kapuas-Kettengebirges befindet, beim Howong
+jedoch wird er gezwungen, sich nach Osten zu wenden, da er dort
+auf das vulkanische Gebiet stösst, dessen wichtigste Erhebungen der
+Lekudjan, Penaneh und Menetokai sind, und auf die Sandsteinformation,
+in welcher nach Osten hin der Batu Lesong die Hauptkette bildet.
+
+Von der Vereinigung des Selirong und Seliku an bis zur Mündung des
+Howong fällt der Fluss in seinem sehr geraden Lauf von 550 auf 300 m
+über dem Meeresspiegel. Da das Quertal überall eng ist, behält der
+Mahakam in diesem Gebiet ganz den Charakter eines Bergstromes, der
+nur bei niedrigem Wasserstande befahrbar ist und in welchem grosse
+Wasserfälle, wie der Kiham Matandow (Sonnenfall), die Reise sehr
+gefahrvoll machen.
+
+Die Ufer bestehen, ausser auf kurzen, ebeneren Strecken, aus steilen
+Schieferwänden; im Flussbett selbst kommen nicht wie weiter unterhalb
+grosse Geschiebeablagerungen vor, die an den Ufern oder in der Mitte
+Geröllbänke bilden.
+
+Da, wo der Fluss in der Richtung des Sandsteingebirges Batu Lesong
+im Süden und des Batu Apap Kaju Hun und Ong Dia im Norden nach Osten
+strömt, ändert sich sein Charakter. Bis Long Tepai kommen eigentliche
+Wasserfälle nicht vor, obgleich der Höhenunterschied zwischen Long
+Howong und Long Blu-u noch 100 m beträgt. Die grössten Hindernisse für
+eine Bootfahrt bilden auf dieser Strecke die Stromschnellen und die
+unterhalb der konvexen Uferseite gelegenen Geröllbänke. Der gewundene
+Lauf des Flusses zwischen Long Blu-u und Pahngè lässt bereits andere
+Verhältnisse vermuten. Von dem Gipfel des Batu Mili aus sieht man
+denn auch, dass sich das Flusstal nach Osten verbreitert; nur einige
+Hügel nähern sich den Ufern und am Horizont erscheinen die Berge
+Batu Niaan, Batu Boh und Batu Ajo. Auch eine Fahrt auf dem Flusse
+zeigt ein verändertes Bild; der Fluss hat hier sein Bett in seine
+alten Ablagerungen, viele Meter dicke Geröll- und Sandschichten,
+gegraben und zahlreiche kleine, bewachsene Geröllinseln erschweren
+die Fahrt auf dem Flusse.
+
+Diese Flussablagerungen enthalten zahlreiche Schichten mit
+Pflanzenresten und haben ihr Entstehen dem Umstande zu danken,
+dass der Fall zwischen Blu-u und Tepai nur 20 m beträgt, während die
+grosse Enge des Bettes unterhalb Tepai durch Stauung bei Hochwasser
+auf die Stosskraft des Flusses sicher einen schwächenden Einfluss
+übt. Bei Lulu Njiwung ist die Anzahl kleiner Geröllinseln besonders
+gross. Unterhalb Long Tepai stösst der Mahakam auf das Bergmassiv,
+das nach Westen in den Pajang ausläuft; er windet sich hier durch
+zwei enge Täler nach Süden und bildet dabei zwei Reihen grosser
+Wasserfälle. Auf dieser Strecke ist der Fall des Flusses ein sehr
+bedeutender, er beträgt zwischen Long Tepai und Kiham Halo 80 m.
+
+Nach der ersten, westlichen Reihe Wasserfälle folgt ein breiterer
+Teil des Flusses, an dem er den Bo aufnimmt, der, aus einem grossen
+Stromgebiet kommend, dem Mahakam 1/3 seiner Wassermenge zuführt.
+
+Den verhältnismässig ruhigen Charakter dieser Strecke behält der Fluss
+bis Long Deho, wo bei Kiham Udang wiederum sehr enge Stellen folgen,
+da der Fluss die mächtigen Konglomeratblöcke, die in seinem Bette
+liegen, nicht hat entfernen können. Der Kiham Udang wird gänzlich
+aus diesen Blöcken gebildet, welche von den Konglomeratschichten
+aus rundem Griess abgebröckelt sind, die zu beiden Uferseiten
+mit Sandsteinschichten abwechselnd eine Mächtigkeit von 10-30 m
+erreichen. Der weiche Sandstein wurde vom Flusse weggeführt, während
+die Konglomeratmassen liegen blieben. Dass derartige Verengungen auf
+den Strom einen grossen Einfluss ausüben können, ersieht man daraus,
+dass der Fluss bei Long Deho im Jahre 1897 in zwei Tagen 15 in stieg,
+in 3 Tagen aber wieder seinen normalen Stand erreichte.
+
+Unterhalb Long Bagun hat der Fluss für seinen gewundenen Lauf eine
+breitere Ebene, die er sich selbst aus seinen Ablagerungen von Griess
+und Sand geschaffen hat, zu seiner Verfügung. Zwischen der Mündung
+des Mera und Ma Mehak Teba liegen besonders viele Inseln, die alle
+durch abgesetztes Geschiebe entstanden sind. Da Ana nur noch 50 m
+über dem Meeresspiegel liegt, ist der Fall des Flusses weiter unten
+nicht mehr bedeutend.
+
+Griessbänke kommen noch bis Ana vor, aber der Mahakam betritt erst
+bei Gunung Sindáwar die ausgedehnte Tiefebene von Kutei und erhält
+erst von hier an den Charakter eines Unterlaufs.
+
+Das weite, gänzlich flache Gebiet nördlich und südlich vom Mahakam,
+das den grössten Teil des Binnenlandes von Kutei ausmacht, scheint in
+früherer Zeit ein grosses Wasserbecken gewesen zu sein, das durch den
+Mahakam und seine Nebenflüsse allmählich angefüllt und dann durch die
+Vegetation überwuchert worden ist. Als Überbleibsel dieses Beckens sind
+zu beiden Seiten des Flusses eigenartige Seeen zurückgeblieben. Diese
+tragen mit ihrer runden Form und grossen Oberfläche einen ganz anderen
+Charakter als die länglichen, gewundenen, kleinen Seeen, die in der
+"Wester-Afdeeling" zu beiden Seiten des Kapuas vorkommen und einen
+Teil des früheren Flussbettes darstellen. Obwohl ein Teil des Mahakam,
+vom Blu-u bis Long Pahngè, nach Auffassung von Professor _Molengraaff_,
+der Art seiner Geschiebeablagerung wegen nicht als Oberlauf betrachtet
+werden sollte, muss es doch aus praktischen Gründen zweckmässig genannt
+werden, den Teil des Mahakam oberhalb Long Bagun als Oberlauf zu
+bezeichnen. Die ausgedehnten Geröll- und Griessablagerungen unterhalb
+dieses Ortes stempeln den folgenden Teil zum Mittellauf; während der
+Lauf des Flusses durch die Alluvialebene unterhalb Gunung Sindawar
+alle Eigentümlichkeiten eines Unterlaufs aufweist. Nur wird der Fluss
+an der Küste durch eine Hügelkette gezwungen, erst durch sie hindurch
+zu brechen, bevor er sein Delta bildet.
+
+
+
+Dass die Bevölkerung am oberen Mahakam aus Bahaustämmen besteht,
+die alle in den letzten zwei Jahrhunderten aus dem hoch gelegenen
+Gebirgsland Apu Kajan ausgewandert sind, ist bereits an anderer Stelle
+berichtet worden.
+
+In dem Quellgebiet des Mahakam trifft man bis zum Kiham Matandow
+nur unberührten Urwald, in dem einige kleine Gruppen von Bukat
+umherschweifen. Sie gehören dem Bukatstamme an, der in den Gebieten
+des oberen Kapuas, oberen Mahakam und Njangejan zu Hause ist. Da sie
+in jedem Jahr und zu jeder Jahreszeit ihren Aufenthaltsort wechseln,
+wissen selbst die ansässigen Bahau oft nicht genau, wo sie sich gerade
+befinden. Sie stehen mit den übrigen Nomadenstämmen, die sich unter
+dem gleichen Namen von Bukat oder Punan am Serata, Boh und am Kapuas
+im Flussgebiet des Gung, Kréhau und Mendalam aufhalten, in Verbindung.
+
+Vor dem Kriegszug der Dajak aus Serawak im Jahre 1885 wurde das
+Flussgebiet des Mahakam, vom Kiham Matandow bis zum Sumwé, von
+verschiedenen Niederlassungen des Pnihingstammes bewohnt. Diese
+Niederlassungen wurden damals jedoch alle verwüstet mit dem Resultat,
+dass sämmtliche Bewohner den Hauptstrom abwärts zogen und sich in den
+ersten Jahren am Danum Parei östlich vom Kajangebiete niederliessen
+und später, ungefähr 1893 und 1894, zwei Wohnplätze im Gebiete der
+Kajan selbst gründeten, den einen an der Mündung des Sumwé unter
+dem Häuptling _Belarè_, den anderen dicht daneben zu Long 'Kub,
+unter den Häuptlingen _Erang Paren_ und _Tingang Kohi_. Nach dem Tode
+des ersteren liess sich letzterer im Jahre 1901 wieder oberhalb der
+Mündung des Kaso nieder.
+
+Die Dörfer an den Nebenflüssen wurden von den Serawakischen Dajak
+verschont, so z.B. dasjenige am Howong unter _Amun Lirung_ und das
+am Penaneh unter Kaja, dem Bruder _Amun Lirungs_.
+
+Die Bewohner des Hauses an der Mündung des Tjehan konnten noch, bevor
+ihr Haus verbrannt wurde, flussaufwärts flüchten und setzten sich
+weiter oben an der Mündung des Paketè fest, wo sie noch 1898 unter
+dem Häuptling _Paren_ lebten. Seit der Zeit wohnen sie aber näher an
+der Mündung des Tjehan, um Vorbereitungen für den Bau eines Hauses an
+der Mündung selbst zu treffen. Am Serata, oberhalb der Wasserfälle,
+die hinter dessen Mündung liegen, war die Pnihingniederlassung unter
+_Njangun Diu_, in der auch viele Punan wohnten, von den Batang-Lupar
+verschont geblieben.
+
+Der Stamm der Seputan, der nicht zu den Pnihing zu gehören scheint,
+sondern in seiner Lebensweise mehr Übereinstimmung mit den Bungan
+Dajak zeigt, lebt im Gebiet des Kaso, teils hoch oben an diesem Flusse,
+teils am Penaneh.
+
+Fährt man den Mahakam weiter abwärts, so gelangt man in das Gebiet
+der Kajan, die nach dem im Jahre 1901 erfolgten Tode ihres Häuptlings
+_Kwing Irang_ unter dessen Neffen _Bang Lawing_ stehen.
+
+Der Stamm der Kajan beherrscht den zwischen dem Sumwé und dem Dini
+gelegenen Teil des Mahakamgebietes. Auch sein Haus, das sich früher
+unterhalb des Blu-u befand, wurde durch die Serawakischen Dajak
+niedergebrannt, worauf sich die Bewohner zerstreut auf ihren Feldern im
+Gebiet des Blu-u niederliessen. Bei meiner Ankunft im Jahre 1898 bauten
+sie sich bereits eine neue Niederlassung auf dem hohen Mahakamufer an
+der Mündung des Blu-u. Im Lande der Kajan halten sich keine Punan auf.
+
+Östlich vom Dini beginnt das Gebiet der Long-Glat, eines Stammes,
+der sich gegenwärtig am Mahakam selbst festgesetzt hat und zwar in
+Lulu Njiwung unter _Ding Ngow_, in Batu Sala unter _Paren Dalong_
+und in Long Tepai unter _Bo Lea_, dessen Besitz an der Grenze des
+Njian endet. Mit Ausnahme des Merasè, an dem die Ma-Suling leben,
+gehört das ganze Flussgebiet den Long-Glat. Auch hier kommen keine
+Punan oder Bukat vor.
+
+Die Niederlassungen der Long-Glat unterscheiden sich insofern von denen
+der Pnihing, Kajan und Ma-Suling, dass in jeder derselben mehrere
+Stämme beieinander wohnen, die alle eigene Häuptlinge besitzen,
+welche dem Long-Glat-Häuptling gehorchen müssen. Diese Verhältnisse
+bestehen seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, wo die Long-Glat am
+oberen Mahakam eine grosse Macht entwickelten und unter den zwei
+Häuptlingsbrüdern _Bo Ibau_ und _Bo Ledju Aja_ alle dort ansässigen
+Stämme unterwarfen. Die kleineren Stämme, wie die Ma-Tuwan, Ma-Tepai,
+Ma-Manok-Kwe und Batu-Pala wurden von ihnen gezwungen, mit ihnen
+zusammen zu wohnen, um ihre Anzahl zu vergrössern. Seit der Zeit
+teilten sich diese Stämme, sobald sich die Long-Glat teilten. Obwohl
+sie viel von den Long-Glat übernommen und sich auch durch Heirat mit
+diesen vermischt haben, hat sich doch noch vieles aus der Zeit ihrer
+Selbständigkeit bei ihnen erhalten. Sie haben sich ihre Sprache,
+ihren Häuserbau und ihren Gottesdienst ein Jahrhundert lang bewahrt,
+auch besitzen einige Stämme eine eigene Art der Tätowierung. Jeder
+dieser Stämme wohnt in seinem eigenen, langen Hause neben dem der
+Long-Glat, so dass man in einem Dorfe, das vielleicht 1-2 Hektare
+umfasst, 3-4 bisweilen sehr verschiedene Sprachen reden hört, beim
+Ackerbau sehr verschiedene Zeremonien, Verbotszeiten und Vorzeichen
+beobachten sieht und, besonders bei den Frauen, verschiedene Arten
+der Tätowierung feststellen kann.
+
+Allen Sprachen, die in einer Niederlassung gesprochen werden, die
+allgemeine Umgangssprache, das Busang, mit einbegriffen, liegt der
+gleiche Stamm zu Grunde. Dem Laute nach weichen diese Sprachen aber
+sehr von einander ab; das Long-Glat z.B. ist den anderen Stämmen so
+fremd, dass die Bahau etwas Unverständliches als "_dahaun_ Long-Glat" =
+"Sprache der Long-Glat" bezeichnen. Im gegenseitigen Verkehr benützt
+man das Busang.
+
+In Lulu Njiwung wohnen die Long-Glat jetzt mit den Ma-Tuwan und drei
+anderen, kleineren Stämmen zusammen; in Batu Sala leben die Long-Glat
+mit den Ma-Tuwan und Uma-Tepai; in Long Tepai leben ausser den 3
+letzten auch noch Manok-Kwe und Batu-Pala.
+
+Die Ma-Suling und die Ma-Pagong haben sich im Merasègebiet in zwei
+Dörfern gemeinsam niedergelassen, bei Napo Liu (oberhalb der Insel)
+dicht bei der Flussmündung, und weiter oben in Lulu Sirang. Diese
+beiden Dörfer waren früher Jahrzehnte lang vereinigt gewesen,
+aber im Jahre 1896 trennten sie sich derart, dass jetzt in beiden
+sowohl ein Haus der Ma-Suling als eines der Uma-Pagong steht. Die
+Niederlassung von Napo Litt regiert der Häuptling _Ledju Li_ und die
+von Lulu Sirang der Häuptling _Bo Ngow_. Am Mendalam und in den beiden
+Niederlassungen am Merasè wohnen die Uma-Pagong mit den Ma-Suling
+zwar gemeinschaftlich, aber, so viel mir bekannt, in gegenseitiger
+Unabhängigkeit.
+
+Nach ungefährer Schätzung beträgt die Seelenzahl bei den Seputan 500,
+den Pnihing 1500, den Kajan 800, den Ma-Suling mit den Uma-Pagong 1300,
+den Long-Glat 1600 und den Nomadenstämmen 400, so dass die Bevölkerung
+am oberen Mahakam oberhalb der Wasserfälle ungefähr 6000 Seelen stark
+sein muss.
+
+Neben dieser eigentlichen Bevölkerung halten sich im Gebiet des
+oberen Mahakam bei allen Stämmen, die ihnen Zuflucht gewähren,
+d.h. bei allen ausser den Pnihing, zahlreiche Fremde auf.
+
+Diese sind hauptsächlich Malaien oder, besser gesagt, Mohammedaner
+verschiedener Blutmischung und Dajak aus anderen Gegenden, die sich
+hier vor allem mit dem Sammeln von Buschprodukten befassen. Unter
+den Malaien befinden sich viele, die ihr eigenes Land in der Nähe der
+Küste Verbrechen oder Schulden wegen verlassen und bei den Bahau Schutz
+gesucht haben. Die zahlreichen Arten Guttapercha und Rotang, die am
+oberen Mahakam zu finden sind, lockten mit der Zeit immer mehr Fremde
+heran. Besonders unter dein gutmütigen, rechtschaffenen Häuptling
+_Kwing Irang_ erschienen viele malaiische Buschproduktensammler,
+die aus dem Gebiet des oberen Murung gebürtig waren; ihr Häuptling
+_Temenggung Itjot_, ein Nachkomme des von dem Krieg mit Bandjarmasin
+her bekannten _Antassari_, erhielt jedoch von den Kajan kein
+Niederlassungsrecht und durfte daher auch nicht mit einer Tochter aus
+der Häuptlingsfamilie in die Ehe treten. _Itjot_, der sich mit den
+Seinen verfeindet hatte, zog zu den Ma-Suling an den Merasè, heiratete
+dort die Tochter eines vornehmen Häuptlings und lebte seit 1893 in der
+neuen Heimat. Es sammelten sich um ihn die Buschproduktensucher, von
+denen sich viele gleichfalls eine Frau unter den Ma-Suling wählten,
+und beuteten die Wälder am Merasè aus, die sehr gross und reich
+an Buschprodukten waren. Nachdem sie die Wälder erschöpft hatten,
+zogen die meisten nach anderen Gegenden. Unter anderem suchten sie
+bei den Long-Glat in Long Tepai, Batu Sala und Lulu Njiwung Einfluss
+zu gewinnen, um sich in ihren Gebieten der Buschprodukte bemächtigen
+zu können; sie konnten aber, hauptsächlich beim Häuptling _Bo Lea_,
+ihre Raubpolitik nur mit grosser Vorsicht betreiben. Die meisten
+durften nicht einmal in einem Dorfe längere Zeit wohnen bleiben. Der
+energische Pnihinghäuptling _Belarè_ verstand diese für die Stämme
+gefährlichen Gäste sogar fast gänzlich fernzuhalten.
+
+Der Wunsch der Häuptlinge, den Stamm nach. Möglichkeit zu vergrössern
+und das Ansehen, das sich die Fremden durch wirkliche oder vorgegebene
+Talente als Medizinmänner und Handwerker zu geben wissen, erleichtern
+den Fremden im allgemeinen die Aufnahme unter den Bahau.
+
+Das Verhältnis zwischen Malaien und Dajak ist darin eigentümlich,
+dass einige Häuptlinge die Malaien gänzlich abzuwehren trachten,
+in dessen sie bei anderen zu hohem Ansehen gelangen. Von Einfluss
+ist hierbei die grosse Bewunderung, die sie bei den jungen Mädchen
+erregen. Viele Malaien sind daher auch mit den vornehmsten oder
+schönsten Mädchen der Stämme, in denen sie sich gerade aufhalten,
+verheiratet. In der Regel lassen diese Männer ihre Frauen, sobald
+ihre Existenz mühsamer wird, einfach im Stich und ziehen zu anderen
+Stämmen oder in andere Gebiete. Das geschah u.a. bei den Ma-Suling,
+als der Guttapercha am Merasè sein Ende erreichte.
+
+Zu den Bahau, die aus dem Apu Kajan gebürtig sind, gehören zweifellos
+die Kajan, Ma-Suling und Long-Glat. Die Pnihing schreiben sich zwar
+gern den gleichen Ursprung zu, wahrscheinlich aber mit Unrecht. Erstens
+ist es gewiss, dass sie aus dem Gebiet des oberen Kapuas, wo noch
+ein kleiner Teil Pnihing wohnt, in das Tal des Mahakam gezogen sind
+und dass sie seit dieser Zeit ständig in dessen Quellgebiet gelebt
+haben. Zweitens haben die Pnihing einen viel kräftigeren Körperbau
+und andere Sitten als die übrigen Stämme am Mahakam. Sie können nicht,
+wie die Bahau, Schwerter schmieden und in Holz und Knochen schnitzen;
+ihre Männer und Frauen tätowieren sich nur wenig, unsystematisch,
+augenscheinlich als Nachahmung anderer Stämme; Kriegstänze, die unter
+den Bahau allgemein üblich sind, kennen sie nicht. Der Umstand, dass
+sie das Fleisch der Horntiere essen, was andere Stämme nicht tun, macht
+es mir besonders wahrscheinlich, dass sie eher zu den Kapuasstämmen als
+zu den Bahau gerechnet werden müssen. Ihre Sprache ist mir unbekannt.
+
+Die Pnihing gehören vielleicht zu der Bevölkerung, die im Gebiet des
+Mahakam wohnte, bevor die Bahau hier eindrangen. Diese berichten,
+dass sie das Land von Stämmen eroberten, die Pin-Metjai, Nè-Kiham,
+Pin-Buwat, Pin-Kunjong, Ten-Nean, Pera-Téran, Nè-Berang und Pin-Bawan
+hiessen.
+
+Alle diese Stämme flohen durch das Kasotal, teils nach dem Kapuas,
+teils nach dem Barito. Die Ot-Danum am Miri, einem Nebenfluss
+des Kahajan, werden noch mit Sicherheit als Nachkommen dieser
+Stämme bezeichnet. Zu ihnen begeben sich die Mahakambewohner auch
+vorzugsweise, um Köpfe zu jagen. Man schreibt diesen Urbewohnern
+alle Überreste aus früheren Zeiten zu, hauptsächlich die Steine mit
+Figurenzeichnungen am oberen Mahakam. Den einen, im Tjehan, suchten
+wir auf; ein zweiter liegt auf dem Abhang am Auer Kebalan unterhalb
+Long 'Kup und ein dritter im Fluss vor der Mündung des Danum Parei;
+letzterer kommt nur bei niedrigem Wasserstande zum Vorschein.
+
+Auch die steinernen Gerätschaften und Tempajan, die beim Fällen der
+mächtigen Wälder am Blu-u gefunden wurden, sind wahrscheinlich diesen
+Stämmen zuzuschreiben. Als lebende Beweise ihres Bestehens können die
+zahlreichen Sklaven der Mahakamstämme gelten, welche alle in den damals
+geführten Kriegen erbeutet wurden. Die Überlieferung ihrer Herkunft ist
+den Sklaven noch wohl bekannt und sie bleibt ihnen unter den Kajan auch
+bewusst, da diese ihre Sklaven in grösserer Abgeschiedenheit halten
+als die anderen Stämme. Sie fühlen sich grösstenteils noch fremd unter
+den Kajan, obwohl sie, mit Ausnahme einiger später geraubter Sklaven,
+alle im Stamme geboren sind, und folgen ihren eigenen Sitten, indem
+sie z.B. noch Hirsche und wilde Rinder essen.
+
+Unter den Long-Glat sind die meisten Sklaven durch Heirat in den Stamm
+aufgenommen worden. Eine von dort gebürtige intelligente Sklavin,
+Uniang Pon, die viel gereist war, erzählte mir, dass man die Sklaven,
+ihrer grossen Anzahl wegen, unter die Stämme unterhalb der Wasserfälle
+verteilt hatte, da sie sonst den Bahau hätten gefährlich werden können.
+
+Wie gross der Einfluss der Sklaven bisweilen gewesen ist, erkennt
+man daraus, dass die Kajan, die früher, nach eigener Angabe, Busang
+sprachen, sich jetzt des _kehob_ Pin (Sprache der Pin) bedienen,
+eines Dialektes des Busang, der durch die Sklaven verändert worden ist.
+
+Die Bahau zogen auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten
+zum Mahakam, der sie, der Überlieferung nach, durch seinen grossen
+Fischreichtum angelockt haben soll.
+
+Die Ma-Suling und Ma-Pagong zogen mit denjenigen, die jetzt am
+Mendalam wohnen, aus dem Apu Kajan zuerst zum Njangejan und teilten
+sich erst dort. Sie zogen teils zum Mendalam, teils zum Mahakam,
+wo ihnen das grosse Kalkgebirge, in dem sich der Batu Matjan, Batu
+Ulu und Batu Brok erheben, lange Zeit zum Wohnplatz diente. Auch die
+anderen Bahaustämme, die jetzt bei den Long-Glat leben, hielten sich
+ursprünglich dort auf. Die Batu-Pala haben ihren Namen noch vom Batu
+Pala, dem kleinen Kalkplateau am Merasè in der Nähe des Batu Situn,
+von wo die Long-Glat sie zwangen, zum Mahakam herunterzuziehen.
+
+Die Kajan dagegen kamen vom Apu Kajan längs dem Boh herab, unter
+Anführung des Häuptlings _Kwing Irang_, der nach seinem Tode den
+Beinamen _Singa Melön_ erhielt. Sie fuhren den Mahakam hinauf, bis
+zu dem Lande, in dem sie jetzt noch wohnen. Seit der Zeit wurden sie
+von sechs Häuptlingen regiert, also dauert ihr dortiger Aufenthalt
+noch nicht länger als 150 Jahre. Gleichzeitig mit ihnen zogen noch
+viele andere des gleichen Stammes aus dem Apu Kajan fort. Nach ihrer
+Überlieferung hatten sie sich, um über einen Fluss zu gelangen, eine
+Brücke gebaut. Als die Vordersten das andere Ufer erreicht hatten,
+bemerkten sie einen Hirsch (_pajo_) und begannen: "_pajo, pajo_"
+zurufen. Die Hinteren verstanden jedoch: "_ajo_ (Kopfjagd), _ajo_"
+und erschraken darüber so sehr, dass sie die Rotangtaue, an denen
+die Brücke befestigt war, durchschnitten, worauf diese in den Fluss
+fiel. Darauf kehrten sie für immer nach dem Apu Kajan zurück und
+liessen die anderen allein zum Mahakam ziehen.
+
+Die Long-Glat wanderten aus dem Apu Kajan am Ende des 18. Jahrhunderts
+unter dem Häuptling _Ding_ aus. Streitigkeiten mit anderen Stämmen
+zwangen sie zum Auszug; wahrscheinlich liegen allen anderen
+Auswanderungen die gleichen Ursachen zu Grunde.
+
+Auch die Long-Glat folgten dem Boh, aber sie lebten längere Zeit
+an der Mündung (_long_) des Glat, nach dem sie auch ihren Namen
+tragen. Von hier aus zogen sie zum Mahakam hinunter und liessen sich
+an der Mündung des Njian nieder, von wo sie durch eine Kriegsbande
+unter dem Häuptling _Ding_ aus Long Howong, am mittleren Mahakam,
+vertrieben wurden. Eine Frau hatte hierzu die Veranlassung gegeben.
+
+Darauf zogen die Long-Glat, unter Anführung der beiden Brüder
+_Ibau_ und _Ledju_ über die westlichen Wasserfälle bis dicht an
+die Mündung des Merasè. Diese beiden Brüder waren als Söhne des
+früheren Häuptlings _Ding_ noch im Apu Kajan geboren und spielten am
+oberen Mahakam viele Jahre hindurch eine grosse Rolle. Noch einmal
+mussten sie, wahrscheinlich infolge ihrer eigenen Übeltaten, bis zur
+Mündung des Serata flüchten, wenigstens unternahm _Ledju_ vom Serata
+aus den grossen Kriegszug gegen die Turi (Taman), die am oberen
+Kapuas wohnten. Sämtliche Stämme mussten sich ihm ergeben. Er fuhr
+selbst den Kapuas bis Semitau abwärts und verbrannte unterwegs alle
+Niederlassungen. Auch unternahm er grosse Züge nach dem Barito und
+oberen Kahájan, dem mittleren Mahakam und sogar nach dem Apu Kajan,
+wo er jedoch in der Nähe der grossen Wasserfälle des Batu Plakau
+geschlagen wurde. Für alle dies: Kriegszüge beanspruchte er die Hilfe
+aller Stämme am oberen Mahakam, die ihm tributpflichtig waren oder die
+er gezwungen hatte, aus ihren Bergfestungen am oberen Serata und oberen
+Merasè hinunterzuziehen. Die Ma-Suling liessen sich damals am unteren
+Merasè nieder, die Ma-Tuwan mussten mit den Long-Glat zusammenziehen,
+ebenso die Batu-Pala, die ein Jahr lang belagert werden mussten, bevor
+man ihr Haus verbrennen konnte. Dies war überhaupt die gebräuchliche
+Weise, um die Bewohner zum Auszug zu zwingen; bisweilen trug man
+ihnen vorher noch ihr Hab und Gut aus dem Hause.
+
+So zwang z.B. _Ledju_ seinen Bruder _Ibau_, der sich mit einem Teil
+des Stammes von ihm geschieden hatte und auf einem Kalkplateau bei
+der Mündung des Sumwé lebte, sich wieder mit ihm zu vereinigen. Die
+Kalkberge tragen noch jetzt den Namen Liang Totong (_totong_ =
+brennen). _Ledju_ trieb die Untertanen seines Bruders mit ihrer Habe
+aus dem Hause und verbrannte dieses. Seither wohnten sie gemeinsam
+in Lirung Ban, einer Ebene am Mahakam, in der Nähe der Merasèmündung.
+
+In damaliger Zeit waren auch die Kajan und Pnihing von den
+Long-Glat unterworfen und ihnen tributpflichtig gemacht worden. Die
+Tributpflichtigkeit muss darin bestanden haben, dass die Long-Glat
+das Recht hatten, sich an Böten und Vieh einige beliebige Stücke
+mitzunehmen. Wahrscheinlich stand aber dieses Recht nur den
+Häuptlingen zu. Noch gegenwärtig herrscht die Sitte, dass ein junger
+Pnihinghäuptling, sobald er zum ersten Mal eine Niederlassung der
+Long-Glat betritt, dem betreffenden Häuptling ein Geschenk, ein Boot,
+ein Fischnetz oder einen Gong mitbringt. Übrigens sind die Stämme,
+die nicht mit den Long-Glat zusammenwohnen, unabhängig. Die Kajan
+erkennen die Oberherrschaft der Long-Glat nicht mehr öffentlich
+an, da ihr vor kurzem verstorbener Häuptling _Kwing Irang_ aus der
+Häuptlingsfamilie der Long-Glat stammte.
+
+Die Macht der Long-Glat hat sich einerseits vermindert, weil ihr
+Charakter weniger kriegerisch geworden ist, anderseits, weil der
+Stamm nicht mehr beieinander blieb. Bereits _Ledju_ zog, nachdem
+der ganze Mahakam oberhalb der Wasserfälle unterworfen war, mit
+der Hälfte des Stammes nach dem mittleren Mahakam, unterhalb der
+Wasserfälle. Er führte einen Teil der Ma-Tuwan, Uma-Wak, Batu-Pala
+und anderer Stämme mit sich und überliess _Ibau_ die Herrschaft über
+den oberen Mahakam. Der Auszug war durch die Heirat veranlasst worden,
+welche zwischen _Ledju_ und der Tochter eines dort lebenden vornehmen
+Häuptlings, namens _Owat_, stattfand, und vielleicht auch durch Mangel
+an gutem Ackerboden für die zahlreichen Bahau und durch die Nähe der
+Küste, die ihnen Salz, Tabak und Leinwaren lieferte. Seine Nachkommen
+herrschten über alle Bahaustämme am mittleren Mahakam.
+
+Im Jahre 1825 traf _Georg Müller_ mit _Ledju_ zusammen und wurde
+von ihm über die Wasserfälle geleitet und der Sorge seines Bruders
+_Ibau_ anvertraut. In gleicher Weise verfuhr man später mit mir,
+bei meinem Zuge in der umgekehrten Richtung. Da in damaliger Zeit
+sowohl die Kajan als die Pnihing, die _Müllers_ Geleite bildeten und
+ihn beim Gurung Bakang ermordeten, unter _Ibaus_ Herrschaft standen,
+ist anzunehmen, dass der Mord auf dessen Befehl stattfand. Dass der
+Sultan von Kutei an dem Mord die Schuld trägt, ist unwahrscheinlich,
+weil die Bahau damals von Kutei gänzlich unabhängig waren.
+
+Bemerkenswert ist, dass nur _Müller_ ermordet wurde. Zwei seiner
+Soldaten erreichten den Kapuas, die übrigen wurden als Sklaven zum
+Mahakam zurückgeführt; keiner von diesen sah Java wieder. Ich erfuhr
+dies sowohl durch einen Augenzeugen, _Adjang_, den jüngsten Sohn von
+_Ledju_, als auch noch durch andere. _Adjang_, mit dem ich in Long
+Deho viel verkehrte, starb dort im Jahre 1900, im Alter von 90 Jahren.
+
+_Ibau_ war eine friedsame Natur und hatte einen Ruf als
+Schnitzkünstler. Er und sein Sohn _Bo Kulè_ verstanden, die Long-Glat
+beisammen zu halten, aber nach des letzteren Tode war ein Teil des
+Stammes mit seinem Nachfolger _Ngow Kulè_ unzufrieden und zog mit
+_Bo Lea_, einem Häuptling von niederer Geburt aber hohem Ansehen,
+weiter abwärts. Von den Manok-Kwe kamen sämtliche mit, weil _Bo Lea_
+mit der Tochter ihres Häuptlings verheiratet war. Gegenwärtig leben
+sie alle in Long Tepai. Auch _Ngow Kulè_ blieb nicht an dem alten Ort
+Lirung Ban, wo der Stamm sich nach vielen Jahren wiederum ein Haus
+gebaut hatte, sondern liess sich in Lulu Njiwung nieder. Sein Sohn
+_Ding Ngow_, der sein Nachfolger geworden ist, lebt jetzt noch dort.
+
+Trotzdem die Ma-Suling und Kajan jetzt von den Long-Glat unabhängig
+sind, besteht doch noch zwischen ihnen ein Band, nämlich die
+Häuptlinge, die alle entweder von der Häuptlingsfamilie der Long-Glat
+abstammen oder mit Gliedern von ihr verheiratet sind. So heiratete
+_Bo Edo_, die Schwester von _Bo Kulè_, einen Kajanhäuptling _Owat_,
+dessen Söhne der Reihe nach über die Kajan regierten; der letzte war
+_Kwing Irang_.
+
+_Bo Edo_ hatte aus zweiter Ehe mit einem _panjin_ einen Sohn _Li_,
+der mit der vornehmsten Ma-Suling Frau verheiratet war. Sein Sohn
+_Ledju Li_ war in Napo Liu, einer der Niederlassungen der Ma-Suling
+am Merasè, Häuptling. In Lulu Sirang wiederum ist ein anderer
+Häuptling mit einer Schwester von _Bo Lea_ verheiratet. Auch unter
+den Häuptlingen der Pnihing vom Tjehan, dem Serata und von Long
+'Kup giebt es verschiedene, die aus dem Geschlechte von _Bo Kulè_
+abstammen, so dass sich weitaus die meisten Häuptlinge am Mahakam
+oberhalb Tepu von derselben Familie herleiten.
+
+Diese Familienbeziehungen haben zur Folge, dass bei einigen grossen
+Arbeiten, wie beim Bau von Häusern durch die Häuptlinge, alle Stämme
+am oberen Mahakam Hilfe leisten, indem sie einen schweren Pfahl aus
+Eisenholz liefern.
+
+Dies geschah auch beim Bau des mächtigen Hauses von _Kwing
+Irang_. Jede Niederlassung lieh ihre Hilfe, ausser Lulu Njiwung,
+dessen junger Häuptling, _Ding Ngow_, sich zu hoch achtete, um
+seine Hilfe anzubieten, weil er in direkter, männlicher Linie von
+_Ibau_ abstammte. Wegen der Eigenart der Bahau, das Ansehen eines
+Stammes auch von den persönlichen Eigenschaften und vom Alter seines
+Häuptlings abhängen zu lassen, stand _Kwing Irang_, als Häuptling der
+Kajan, höher als sein junger Neffe in Lulu Njiwung und alle übrigen
+Häuptlinge. Vor diesen hatte er ausserdem voraus, dass sowohl sein
+Vater als seine Mutter aus Häuptlingsfamilien abstammten, ferner
+war er der älteste seines Geschlechtes und ein Mann nach dem Sinn
+der Bahau. Im Vergleich mit seiner Umgebung zeichnete er sich durch
+Friedensliebe aus, so dass unter seiner Regierung bei den Kajan nur
+noch selten Kopfjägerei geübt wurde; jedem gegenüber war er gerecht
+und selbstlos, nur war er ein Feind von energischen Massregeln. Obwohl
+einige andere, wie _Belarè_ bei den Pnihing und _Bo Lea_ bei den
+Long-Glat, viel mehr Energie zeigten, erkannten sie doch mit den
+anderen Häuptlingen _Kwing Irang_ als den Höchststehenden oberhalb
+der Wasserfälle an. Diese Oberherrschaft bezog sich tatsächlich aber
+nur auf allgemeine Interessen, wie Unterhandlungen mit Serawak und
+den benachbarten Ländern, auch genoss er das Vorrecht,für die hohen
+Bussen aufkommen zu müssen, die von diesen Ländern aus wegen erbeuteter
+Köpfe auferlegt wurden.
+
+
+Stammbaum der hipui bei den Mahakam Kajan.
+
+Bo Kwing Irang (Singa Melön)--Bo Uniang (Gattin von Lalau Anjè)
+ Bo Kwing (Mann)
+ Bo Tukau (Frau)
+ Ding Tukau
+ Bang Lawing (Nachfolger von Kwing Irang und Gatte von zwei
+ panjin der Kajan)
+ ein Sohn
+
+ Lirung (Gattin des Malaien Utas)
+ Bang
+
+ Uniang (Gattin von Tekwan, hipui der Ma-Suling)
+ Lasa
+
+ Dja-Ang
+
+ Owat (Gatte von Bo Edo)
+
+ Uniang (Gattin von Bo Ibau in Long Tepai)
+ Adjang Ibau
+ zwei Töchter
+
+ Kwing Irang
+ Bang Awan (Sohn einer panjin der Kajan)
+ Hang (Sohn von Uniang Anja, einer hipui der Long-Glat)
+ Perèn (Sohn einer hipui der Pnihing)
+
+ Li (Sohn eines panjin der Long-Glat, Gatte von Ero,
+ _hipui_ der Ma-Suling)
+ Ledju (Häuptling der Ma-Suling in Napo Liu)
+ Ibau
+ Bulan (Gattin des Ledju Adjang)
+
+ Lalau (Gatte einer hipui in Long Medang)
+ Tuka (gestorben in Tengaron)
+ Ding (zu den Kajan geflohen)
+ Edo (Gattin eines Malaien in Uma Mehak)
+
+
+Auf die inneren Angelegenheiten eines Mahakamstammes hat niemand anders
+als die Glieder des Stammes selbst Einfluss. In dieser Beziehung
+wird die Autonomie des Stammes streng gewahrt. Einem Europäer,
+der an andere Verhältnisse gewöhnt ist, erscheint es auffallend,
+dass so kleine Stämme so gänzlich unabhängig voneinander und mit so
+wenig Verbindung untereinander am gleichen Flusse leben können.
+
+Der gegenseitige Verkehr findet in der Tat nur durch einzelne Männer,
+die an Handelsreisen gewöhnt sind, statt. Nach der allgemeinen Sitte
+kehren diese Händler in den meisten Niederlassungen, an denen sie
+vorüberfahren, ein, um Neues zu hören oder mitzuteilen.
+
+Frauen begeben sich zu fremden Stämmen nur, um Familienangehörige
+zu besuchen, und auch dies geschieht selten. So besuchen sich die
+Frauen der verschiedenen Niederlassungen der Long-Glat. Gleichwie
+viele 20 jährige Frauen der Mendalam Kajan noch nie in dem nur 3
+Stunden entfernten Putus Sibau gewesen waren, kannten die meisten
+Frauen der Mahakam Kajan nur ihre eigene Niederlassung.
+
+Während meines Aufenthaltes im Jahre 1899 ging _Hiang_, die
+angesehenste von _Kwing Irangs_ Frauen, mit ihrer Pflegetochter
+_Kehad_ zum ersten Mal in ihrem Leben zum Stamm der Ma-Suling mit;
+dabei war sie bereits 50 Jahre alt. Da beide nur Kajan zu sprechen
+wagten, konnten sie sich nur mit Mühe mit den Frauen der Ma-Suling
+verständigen, die ein einigermassen verändertes Busang sprachen. Es
+dauerte zwei Tage, bis _Kehad_ mit ihrer Nichte _Bulan_ in ihrem
+mangelhaften Busang zu sprechen wagte. Um noch weiter, zu den Long-Glat
+nach Long Tepai, mitzufahren, fehlte ihnen der Mut. Ebenso verhielt
+es sich mit den anderen Frauen.
+
+Derartige Verhältnisse führen die Stämme in hohem Masse zum
+Konservatismus und erwecken in ihnen die Neigung, sich in der
+ihnen eigenen Richtung weiter zu entwickeln, mit dem Resultat,
+dass unter allen diesen kleinen Menschengruppen, die aus derselben
+Umgebung abstammen, eine besondere Sprache und viele besondere Sitten
+hervorgegangen sind. Misstrauen, Eifersucht und Zwistigkeiten aller
+Art halten diese Stämme gleich stark von einander entfernt als dies
+anderswo bei Leuten geschieht, deren Verkehr durch Berge, Wasserfälle
+oder Wüsteneien verhindert wird.
+
+Eine Verbrüderung der Stämme wird dadurch erschwert, dass die Bahau
+praktisch endogam sind, obgleich in der Theorie weder ihre _adat_
+noch ihre Religion ihnen verbietet, in einen anderen Stamm zu
+heiraten. Die Endogamie erklärt sich daraus, dass die Häuptlinge
+ihren ganzen Einfluss aufbieten, um eine Verminderung ihres Stammes
+durch den Wegzug seiner Glieder zu verhindern; denn im Hinblick auf
+eine eventuelle Verteidigung ist es wünschenswert, dass die Zahl der
+Stammesglieder möglichst gross ist.
+
+Ich hatte diese Erscheinung schon bei den zwei Teilen des Kajanstammes
+zu Tandjong Kuda und Tandjong Karang am Mendalam bemerkt und fand sie
+in ganz derselben Weise am oberen Mahakam wieder. Hat sich ein Mann
+in einem anderen Dorfe niedergelassen, so werden noch nach Jahren
+Versuche gemacht, ihn zur Rückkehr zu bewegen.
+
+Trotzdem ist seit Jahrzehnten von wirklicher Feindschaft und Kampf
+unter diesen Stämmen keine Rede mehr gewesen. Begreiflicher Weise
+ist aber auch ein gemeinsames Vorgehen unter ihnen nicht üblich
+und, wenn, wie es im Jahr 1885 geschah, die Batang-Lupar am Oberlauf
+grosse Verwüstungen anrichten, fühlen sich die Ma-Suling und Long-Glat
+durchaus nicht verpflichtet, den anderen Stämmen ernsthaft beizustehen,
+solange sie selbst nicht bedroht sind.
+
+Der Boden, den ein Stamm der Bahau eingenommen hat, ist Eigentum des
+Stammes und Glieder anderer Stämme dürfen innerhalb dieser Grenzen
+kein Land besitzen oder Fische fangen. Alle innerhalb dieses Gebietes
+gelegenen Landstücke, die noch nicht bebaut gewesen sind, stehen jedem
+Stammesglied, die Sklaven mit einbegriffen, frei zur Verfügung; nach
+Beratung mit dem Häuptling wählt jeder den Boden, den er nötig zu haben
+glaubt. In Zeiten von Reismangel sind die Berge, in denen wilder Sago
+(_nanga_ = Eugeisonia tristis) wächst, von grosser Bedeutung. Jeder
+darf dann nach Bedürfnis dort Nahrungsmittel sammeln. Das Gleiche
+gilt für den Rotang und andere Artikel, welche der Wald liefert;
+die freien Stammesglieder dürfen sie sogar zum Verkauf sammeln, ohne
+ihrem Häuptling einen Teil des Ertrages zu geben. Lässt der Häuptling
+die Buschprodukte durch seine Sklaven suchen, so erhält er den Zehnten
+des Ertrags; den gleichen Tribut erhält er auch von den Fremden.
+
+Auch Jagd und Fischfang dürfen die Stammesglieder frei betreiben,
+nur steht dem Häuptling das Recht zu, sobald der Fischstand oder der
+Stand der Buschprodukte es erforderlich machen, einen bestimmten
+Fluss oder ein Waldgebiet für verboten zu erklären und demjenigen
+eine Busse aufzuerlegen, der dieses Verbot übertritt.
+
+Die Waldfrüchte sind ebenfalls allgemeines Eigentum, ein Umstand
+der in günstigen Fruchtjahren von grosser Wichtigkeit ist, da in den
+Wäldern Borneos viele essbare Früchte vorkommen. Anders verhält es
+sich mit den Fruchtbäumen, die irgendwann von Familien des Stammes
+gezogen wurden. Doch werden die Früchte an entlegenen Orten vielfach
+gestohlen, was um so begreiflicher ist, als der Stamm bald hier bald
+da innerhalb seines Gebietes ein Haus baut und in der Nähe wieder
+neue Reisfelder anlegt. Die Fruchtbäume werden in der Regel dicht
+beim Hause gepflanzt und beginnen oft erst dann zu tragen, wenn das
+Haus wieder verlassen wird.
+
+Der Grund zum Umzug eines Stammes liegt nur selten im Mangel an in der
+Nähe liegendem Ackerboden. Wenn der Feind durch Brandschatzung keine
+Veranlassung hierzu giebt, ist es meist der Aberglaube, der eine Rolle
+spielt. Kommen nämlich viele Todesfälle in einem Hause vor, so wird die
+Umgebung, in der es steht, für von bösen Geistern bewohnt angesehen,
+und der Stamm zieht an einen anderen Ort. Ferner hat auch Zwietracht im
+Stamme zur Folge, dass er sich teilt und die Parteien weit von einander
+wohnen gehen, wie es z.B. die Long-Glat von Lirung Ban taten, die sich
+in Lulu Njiwung und Long Tepai niederliessen. Die Ma-Suling mussten ihr
+Haus am Merasè verlassen, weil es alt und baufällig geworden war. Dies
+geschieht jedoch nur selten; denn erstens besteht das Baumaterial,
+hauptsächlich am oberen Mahakam, aus sehr dauerhaftem Holz, zweitens
+finden sich schon viel früher Gründe, welche die Bewohner zum Auszug
+zwingen, vor allem Krankheit und Tod des Häuptlings. Im allgemeinen
+wohnen die Stämme selten länger als 8 bis 10 Jahre am gleichen Ort.
+
+Nicht nur die Fruchtbäume, sondern auch der Boden bleibt Eigentum
+derjenigen Familie, die ihn zuerst bebaute; sie darf ihn nicht
+verkaufen, wohl aber umtauschen oder an andere Stammesglieder
+verpachten. Der Häuptling kann, wenn er viele Sklaven besitzt, viele
+Äcker bebauen lassen, er ist hierzu auch wegen der grossen Mengen
+Reis, die er zum Empfang von Gästen und für den Unterhalt seiner
+Sklaven nötig hat, gezwungen. Die Sklaven haben keinen Grundbesitz,
+aber sie erhalten vom Häuptling ein Stück Land zum Bebauen.
+
+Auf je einen Arbeitstag für sie selbst kommen bei den Sklaven zwei
+für den Häuptling.
+
+Zusammenhangslos wie die Stämme am oberen Mahakam sind, haben sie in
+früherer Zeit doch ein oekonomisches Ganzes gebildet, weil es nicht nur
+ihrer Neigung entsprach, alles für den Lebensunterhalt Erforderliche
+selbst herzustellen, sondern auch weil der Zugang zu ihrem Lande
+und das oft feindliche Verhältnis mit den umliegenden Ländern
+einen regelmässigen Verkehr zwecks Austausch von Handelsprodukten
+ausschloss. In den letzten 10 Jahren haben sich die Zustände zwar
+sehr verändert, doch kann man noch jetzt verfolgen, wie sich das
+Zusammenleben damals gestaltete. Feldfrüchte bauten alle für sich
+selbst und zwar in einem solchen Überfluss, dass noch etwas an die
+verwandten Stämme unterhalb der Wasserfälle, die damals noch keine
+Reiszufuhr von der Küste erhielten, verkauft werden konnte. Die
+Kleidung stellten sich die verschiedenen Stämme ebenfalls selbst her:
+während aber die Pnihing, Kajan und Ma-Suling sich lange Zeit ausser
+in Baumbast auch in selbst gewebte Stoffe kleideten und dies zum Teil
+auch jetzt noch tun, benützen die Long-Glat, wahrscheinlich ihres
+grösseren Wohlstands und der Nähe der Küste wegen, bereits seit langem
+eingeführten Kattun zur Kleidung, den sie nur mit eigenen Stickereien
+verzieren. Ein weiterer Grund für das Verschwinden der Webekunst,
+die von den Long-Glat ursprünglich gewiss ebenfalls betrieben
+wurde, ist, dass sie durch Herstellung von Schwertern und eisernen
+Ackergerätschaften einen bei den anderen Stämmen sehr gesuchten
+Tauschartikel besitzen, mit dem sie sich alles, was sie zum Leben
+brauchen, anschaffen können. Noch heutigen Tages ist die Schmiedekunst
+bei den Long-Glat viel höher entwickelt als bei den Kajan, Ma-Suling
+und Pnihing. Diese dagegen zeichnen sich im Bau von Böten aus, die aus
+einem Stück gearbeitet werden und eine Länge von 23 m und eine Breite
+von 2 m erreichen können. In ihren weiten, unberührten Wäldern finden
+sie die hierfür erforderlichen, sehr grossen Baumstämme, zugleich sind
+sie selbst aber auch die besten Bootbauer. Auch ihrer vortrefflichen
+Netze wegen sind sie bekannt. Dies sind hauptsächlich runde Wurfnetze,
+welche aus den gedrehten Fasern einer Liane, _tengang_ genannt, gewebt
+werden. Die übrigen Stämme verfertigen die gleichen Schnüre und Netze,
+aber die Pnihing verstehen diese Kunst am besten. Die Kajan stellen
+ebenfalls gute Böte her, auch können sie schmieden und Netze weben,
+aber ihre Leistungen stehen nicht besonders hoch.
+
+Auch die Töpferei wurde vor nicht sehr langer Zeit noch am Mahakam
+betrieben. Man verfertigte Töpfe zum Reiskochen. Es gelang mir, noch
+einige dieser Exemplare aufzutreiben und zu erwerben. Die Ma-Suling und
+Ma-Tepai haben sich mit der Töpferei am längsten befasst, vielleicht
+weil sie den hierfür geeigneten Lehmlagern an der Mündung des Merasè
+am nächsten wohnten.
+
+Beim Beginn der Reisernte formen auch gegenwärtig noch alle Stämme
+grosse, viereckige, flache Töpfe von 2 1/2 × 3 1/2 dm Oberfläche,
+um den noch nicht völlig reifen Reis, der schwer zu entspelzen ist,
+darin zu trocknen. Diese Töpfe werden aber nur in der Sonne getrocknet
+und vertragen kein Wasser.
+
+Das Schnitzen von Schwertgriffen aus Holz oder Hirschhorn bildet
+gegenwärtig eine blühende Industrie, die ebenfalls besonders von
+der. Long-Glat betrieben wird, jedoch sah ich auch bei den Kajan
+einige schöne Stücke, die aus jüngster Zeit stammten. Die Pnihing
+üben diese Kunst gar nicht und die Ma-Suling sehr wenig aus.
+
+Auch der Reisbau regt zum Handelsverkehr an, indem er bei den
+verschiedenen Stämmen einen verschiedenen durchschnittlichen Ertrag
+liefert. Die Pnihing sind auch jetzt noch die schlechtesten Ackerbauer,
+während die Ma-Suling sich sowohl früher als gegenwärtig der besten
+Ernten erfreuen und nie Reismangel leiden; den überschüssigen Reis
+tauschen sie gegen die Erzeugnisse der anderen Stämme aus.
+
+In früherer Zeit gewann man das Salz aus den Salzquellen, die sich
+im Gebiet der Kajan, Ma-Suling und Long-Glat befinden.
+
+Auch im Flechten von Rotangmatten sind die Long-Glat den anderen
+Stämmen überlegen. Es lässt sich ganz allgemein behaupten, dass
+der Stamm der Long-Glat sich vor allen anderen im Herstellen
+gut gearbeiteter und schön verzierter Gegenstände auszeichnet,
+dass Kunstfertigkeit und Geschmack bei ihm am höchsten stehen. Sein
+politisches Übergewicht und die damit verbundene grössere Wohlhabenheit
+scheint hierin von bedeutendem Einfluss gewesen zu sein.
+
+Die Long-Glat nehmen auch augenblicklich noch in bezug auf Schönheit
+der Kleidung die erste Stelle am Mahakam ein. Sie pflegen sich auch
+Alltags sorgfältig und hübsch zu kleiden. Ihre Art und Weise der
+Tätowierung ist ganz oder teilweise von anderen Stämmen, die sich
+früher wenig oder anders tätowierten, übernommen worden.
+
+Erst in letzter Zeit hat sich bei den Long-Glat die Sitte eingebürgert,
+am Ober- und Unterkiefer die vordersten sechs Zähne zur Hälfte
+absägen zu lassen. Sowohl Männer als Frauen glauben sich hierdurch
+zu verschönern. Unter den jungen Leuten der Kajan und Ma-Suling hat
+diese Sitte, die vom Barito stammt, ebenfalls ihr Bürgerrecht erworben
+und sie unterwerfen sich, der neuen Mode zu liebe, gern dieser Marter.
+
+Die einflussreiche Stellung der Long-Glat beruht, ausser auf der
+Überlieferung ihrer früheren Oberhoheit, auch darauf, dass Glieder
+ihrer Häuptlingsfamilie in diejenigen der Pnihing, Kajan, Ma-Suling
+und der abhängigen Stämme, mit denen sie zusammenwohnen, verheiratet
+wurden. Diese Verhältnisse wurden noch dadurch begünstigt, dass die
+Long-Glat-Häuptlinge, bald nachdem sie den Mahakam hinuntergezogen
+waren, von den Malaien die Vielweiberei annahmen, eine Sitte, die weder
+bei ihren Vorfahren herrschte noch bei irgend einem anderen Stamme
+besteht, die ihnen aber eine zahlreichere Nachkommenschaft sichert. Als
+Abkömmlinge der Long-Glat sind auch die letzten Kajanhäuptlinge dieser
+Sitte gefolgt.
+
+Bildeten die Stämme am oberen Mahakam, wie wir gesehen haben, früher
+unter der Long-Glat-Herrschaft eine politische und später eine mehr
+oekonomische Einheit, so blieben sie doch von einer Berührung mit
+den Nachbarländern nicht gänzlich ausgeschlossen.
+
+Weiter oben ist bereits erwähnt worden, dass im Beginn des
+19. Jahrhunderts nach dem Kapuas, Barito und mittleren Mahakam
+Kriegszüge unternommen wurden, während sich später, bereits vor 1825,
+ein Teil der Long-Glat unterhalb der Wasserfälle niederliess. Hierdurch
+wurden freundschaftliche Beziehungen mit den südlicheren Gebieten
+angeknüpft. Mit den Bewohnern am Barito, Kapuas und Batang-Rèdjang
+blieb das Verhältnis lange feindlich, so dass dorthin, wenigstens von
+den Kajan, Ma-Suling und Long-Glat, nur selten Handelszüge unternommen
+wurden. Unter den Kajan war der Häuptling _Kwing-Irang_ der erste,
+der sie vor ungefähr 30 Jahren nach dem Batang-Rèdjang geleitete,
+wo der Radja von Serawak geordnetere Zustände geschaffen hatte. In
+jener Zeit wurden aber die Beziehungen, die man mit dem Apu Kajan noch
+stets unterhalten hatte, abgebrochen, weil die Kriege unter den Kenja
+selbst einen Zug in ihr Gebiet zu gefährlich machten. Bemerkenswert
+ist, dass, obwohl die Bahau nach dem Barito und Kapuas oft Kopfjagden
+unternahmen, von dort aus, so viel ich weiss, doch niemals am oberen
+Mahakam Köpfe gejagt wurden.
+
+Durch den vorteilhaften Markt in Serawak am Batang-Rèdjang angelockt,
+unternahmen hauptsächlich die Pnihing, Kajan und Ma-Suling, in
+geringerem Masse auch die Long-Glat, geregelt dorthin Handelszüge. Da
+sie dort aber ständig mit feindlich gesinnten Batang-Luparstämmen in
+Berührung kamen, bot sich beiden Parteien fortwährend ein Anlass, um
+Köpfe zu jagen, was die Regierung von Serawak nicht verhindern konnte.
+
+Wiederholte Unterredungen mit _Kwing Irang_ und dem damals noch
+mächtigen Pnihinghäuptling _Belarè_ blieben so gut wie resultatlos,
+da diese kaum im stande waren, dergleichen Heldentaten bei den eigenen
+Stämmen zu unterdrücken und auf die anderen überhaupt keinen Einfluss
+hatten. Hierdurch ereignete sich folgendes:
+
+Als _Belarè_ einst nach einer ernsthaften Beratung mit dem
+Radja von Serawak von Fort Kapit, an der Mündung des Njangejan,
+diesen Fluss aufwärts fuhr, um nach dem Mahakam zurückzukehren,
+kam ihm ein anderer Pnihinghäuptling, _Owat_, mit einer Gesellschaft
+Dorfgenossen entgegen. _Belarè_, der sie auf einer Kopfjagd vermutete,
+suchte die Leute zur Rückkehr zu bewegen, aber _Owat_, als geborener
+Ma-Suling, der bei den Pnihing nur verheiratet war, weigerte sich zu
+gehorchen. Als ihm bald darauf in einem Boot sieben Batang-Lupar
+begegneten, die Buschprodukte suchen gingen, ermordete er sie
+alle. Serawak verlangte der Übereinkunft gemäss von den Mahakam
+Häuptlingen die Auslieferung der Mörder, aber diese, besonders die
+Ma-Suling, verweigerten die Auslieferung und die übrigen wagten nichts
+durchzusetzen. Als Folge hiervon beschloss der Radja von Serawak,
+das schuldige Pnihinghaus, das sich unter dem Häuptling _Paren_ am
+weitesten oben am Mahakam stand, zu züchtigen. Berücksichtigt man,
+dass zum Zusammenbringen und Ausrüsten einiger Tausend Dajak viel Zeit
+erforderlich ist und so etwas auch nicht im Geheimen geschehen kann, so
+erscheint es einem Europäer unbegreiflich, dass man am Mahakam nichts
+davon merkte. Auch die Fahrt den Njangejan aufwärts und der Zug über
+die Wasserscheide zum Seliku blieben unbemerkt, und die grosse Bande
+konnte sich dort, um Böte zu bauen, lange Zeit aufhalten, ohne dass
+man weiter unten etwas davon ahnte. Daher konnten die Pnihing völlig
+unvorbereitet überfallen werden. Das schuldige Haus wurde erobert,
+geplündert und verbrannt und die Bewohner grossenteils ermordet oder
+zu Sklaven gemacht. Die Banden kannten keine Disziplin und setzten
+ihren Plünderzug flussabwärts fort. Sie hielten sich am Hauptfluss,
+wo _Belarè_ ihnen in seinem Hause an der Kasomündung mit seinen
+wenigen Leuten einen heldenhaften Widerstand bot. Durch die Übermacht
+der Leute, die zudem von dem Radja mit Gewehren versorgt waren,
+wurde _Belarè_ schliesslich überwunden und musste flüchten. Sein
+Haus wurde ebenfalls geplündert und verbrannt. Nach seiner Angabe
+verlor er an Toten und Sklaven 234 Personen, vielleicht die Hälfte
+der ganzen Anzahl.
+
+Wegen dieses Aufenthaltes hatten die Bewohner an der Mündung des
+Tjehan Zeit, diesen Fluss aufwärts zu flüchten; sie verloren daher
+nur ihr Haus, das verbrannt wurde. Die Plünderer fuhren noch weiter
+zum Kajanstamm, der völlig unschuldig war und so wenig an einen
+Überfall dachte, dass er sogar eine Gesellschaft Batang-Lupar in
+seinem Hause beherbergte. Das Haus wurde belagert und einen ganzen
+Tag lang mit Gewehren beschossen, ohne dass jemand verletzt wurde. Nur
+ein Malaie wurde bei ihnen dadurch getötet, dass sein Gewehr ihm beim
+Schiessen sprang. Gegen Mittag waren die Batang-Lupar bis unter das
+Haus gekommen, sie wagten sich aber nicht auf die Galerie hinauf. Da
+warf sich der geflohene Pnihinghäuptling _Paren_, der sein Haus und
+einen grossen Teil seines Stammes verloren hatte und sich daher bei
+den Kajan aufhielt, aus Verzweiflung mitten unter die Angreifer. Da
+die Kajan ihm nicht beizustehen wagten, machten ihn die Feinde nieder.
+
+Der Tod dieses Häuptlings machte auf die Kajan und auch auf eine
+Schar Long-Glat, die nach oben gezogen war, um Nachrichten zu holen
+und Hilfe zu leisten, einen gewaltigen Eindruck. Die Batang-Lupar
+hatten jedoch viele der Ihrigen verloren und zogen sich daher abends
+auf eine weiter oben gelegene Geröllbank zurück, um später wieder
+flussaufwärts zu ziehen.
+
+Des Abends spät jedoch zogen die Long-Glat aus dem Kajanhause fort,
+ein Umstand, der neben dem Tode _Parens_ die Bewohner so erschreckte,
+dass sie nachts alle mit dem Notwendigsten versehen das Haus verliessen
+und auf den Batu Kasian flüchteten, der nur von einer Seite, von der
+Mündung des Blu-u aus, zu besteigen war. Die zurückgelassenen Hunde
+heulten aber in dem verlassenen Kajanhause die ganze Nacht über,
+wodurch die Batang-Lupar aufmerksam wurden. Als es Tag wurde, kamen
+sie noch einmal, um nachzusehen, was geschehen war. Sie plünderten
+und verbrannten das ganze Haus und zogen dann beutebeladen den Mahakam
+hinauf, zurück nach Serawak.
+
+Seit der Zeit werden höchstens Züge, um kriegsgefangene Blutsverwandte
+und Stammesgenossen zurückzufordern, und nur noch selten Handelsreisen
+nach Serawak unternommen; und die Bewohner am oberen Mahakam müssen
+sich wegen Salz und javanischen Tabak, an die sie sich durch den
+Kontakt mit der Küste gewöhnt haben, nach dem mittleren Mahakam oder
+dem oberen Barito wenden, wo man diese Artikel noch bei meiner Ankunft
+im Jahre 1896 am besten erlangen konnte.
+
+Die Beziehungen mit der Aussenwelt, die hauptsächlich den Verkauf der
+eigenen und den Kauf fremder Produkte zum Zwecke haben, werden meist
+von den Bahau selbst unterhalten, die, wenn ihre Arbeiten es zulassen,
+besonders in Zeiten niedrigen Wasserstandes, in einem oder mehreren
+Böten Handelszüge unternehmen. Für derartige Reisen vereinigen sich
+stets Leute desselben Stammes.
+
+In der Regel bildete Udju Tepu, der Stapelplatz der Buschprodukte
+und Endpunkt der Dampferverbindung auf dem unteren Mahakam, das Ziel
+der Reise. Früher suchten die Stämme aus den oberen Gebieten ihre
+Webereien, Reis, Eisenwaren und Böte bereits unterwegs zu verkaufen;
+jetzt sind Webereien, Reis und Eisenwaren wegen der Zufuhr von unten
+nicht mehr viel wert; neben Geld bilden in Udju Tepu augenblicklich
+Böte, Guttapercha, Rotang, Bezoarsteine und Rhinozeroshörner
+brauchbare Tauschartikel. Ihrer Bedeutung nach geordnet bedürfen
+die Bahau folgender Artikel: Salz, Kattun, Tabak, Perlen, Eisenwaren
+und Tempajan.
+
+In früherer Zeit bestand für alle diese Artikel durchaus kein fester
+Preis. Dieser wurde auch hier durch Nachfrage und Angebot und in noch
+höherem Masse durch die Persönlichkeit des Käufers und Verkäufers
+bestimmt. Buginese und Bahau standen einander gegenüber. Da jener im
+Handel kein Gewissen kennt und dieser, besonders auf fremdem Boden und
+in fremder, gefürchteter Umgebung, sehr leicht eingeschüchtert wird,
+wurde er stets auf die gröbste Weise betrogen.
+
+Um von dem, was die Bahau für ihren wichtigsten Lebensartikel bezahlen
+müssen, eine Vorstellung zu geben, möge hier ein Fall unter vielen
+angeführt werden, den ich selbst erlebte und zwar mit der Autorität
+eines Europäers gegenüber diesen eingeborenen Kaufleuten. Der Sultan
+von Kutei in Samarinda verkauft das monopolisierte Salz an der Mündung
+für fl. 9 den Pikol (61,75 kg), in Tepu bezahlt man hierfür, je nach
+Umständen, in Geld fl. 12.50 und mehr, bei den Wasserfällen betrug der
+Preis im Jahre 1897 in Geld fl. 25 bis 30, während ich am Blu-u bei
+den Malaien das Salz nur für fl. 1.50 bis 2.50 pro Kilo kaufen konnte.
+
+Javanischer Tabak, der in Samarinda mit fl. 13 bezahlt wird, kostet
+bei den Wasserfällen fl. 35 bis 40; weiter oben verlangen die Malaien
+sogar 60 fl. und mehr.
+
+Die Dauer der Handelsreisen ist eine sehr verschiedene, weil sie auf
+der Strecke zwischen Long Tepai und Long Bagun durch den Wasserstand
+bestimmt wird. Werden die Böte hier nicht aufgehalten und sind sie
+nicht zu schwer beladen, so kann man in 5 Tagen von Long Blu-u nach
+Udju Tepu reisen und in 10 Tagen von hier wieder zurück sein. So
+günstige Umstände findet man aber nur sehr selten. Meist dauert ein
+solcher Zug über einen Monat. Die Verbindung mit dem Murung ist noch
+viel ungünstiger. Wenn möglich sucht man die nötigen Gegenstände in
+Muara Laung am Murung einzukaufen, wohin man sich vom oberen Mahakam
+aus auf verschiedenen Wegen begeben kann. Erstens vom Kaso aus,
+der für die kleinen, bis zu i o m langen Böte der Bahau längs der
+Niederlassungen der Seputan gut befahrbar ist. Nachdem man 3 Tage
+lang den Fluss hinaufgefahren ist, kann man das Boot in einem halben
+Tag über die Wasserscheide ziehen bis zu einem Nebenflüsschen des
+Busang, eines Nebenflusses des Djoloi, welch letzterer wiederum in den
+Murung mündet. Wegen der zahlreichen grossen Wasserfälle folgt man
+diesem Wege mir selten, um Muara Laung zu erreichen, sondern meist
+um in den höher gelegenen Gebieten den Buschproduktensuchern Reis
+zu verkaufen, für den sie einen sehr hohen Preis an Guttapercha und
+Geld bezahlen. Zweitens kann man den Murung vom Tjehan aus erreichen,
+der viel schiffbarer als der Kaso ist. Der Landweg dauert hier aber
+für einen nicht zu schwer beladenen Bahau 3 bis 4 Tage und führt über
+den Batu Lesong zum Busang, der wegen zahlloser Wasserfälle ein sehr
+schlechtes Fahrwasser bietet. Auch vom Blu-u aus folgt man bisweilen
+diesem Wege und zwar, indem man ein linkes Nebenflüsschen, den Ikang,
+an dem früher eine kleine Kajanniederlassung lag, hinauffährt. Weiter
+folgt man aber dem gleichen Pass des Batu Lesong, der dort ungefähr
+1800 m hoch ist. Die Passhöhe beträgt über 1000 m. Der gebräuchlichste
+Weg nach Muara Laung ist jedoch der, östlich vom Batu Lesong längs
+des Pahngè und Belatung, eines Nebenflusses des Murung. Dieser Weg
+führt zwischen dem Batu Lesong und Batu Ajo hindurch, die hier durch
+einen sehr niedrigen Pass geschieden sind. Der Belatung ist zwar gut
+schiffbar, weil er keine hohen Wasserfälle besitzt, aber der Fall ist
+so bedeutend, dass man, um Gepäck und Menschen abwärts zu bringen,
+Flösse baut, auf denen alles festgebunden wird. Mit langen Rudern
+sucht man dann die Mitte des Stromes zu halten, gelingt dies nicht,
+so zerschmettern die Flösse und alles ist verloren.
+
+Die Fahrt den Belatung aufwärts ist nur bei sehr niedrigem Wasserstande
+möglich. Dieser Weg wurde bereits in früheren Zeiten viel benützt,
+um vom Mahakam aus nach dem Murung und weiter Köpfe jagen zu gehen;
+daher trägt das Gebirge den Namen Batu Ajo (_ajo_ = Kopfjagd). In
+späteren Jahren sind diese Wege meistens von Buschproduktensuchern aus
+den Gebieten des Murung, Belatung und Busang begangen worden, die sich
+zum Mahakam begaben, um dort Reis und andere Lebensmittel einzukaufen.
+
+Die Reisen nach den malaiischen Niederlassungen am Murung dauern
+in der Regel viele Monate, und die Beschaffung von Salz, Tabak und
+Leinwaren ist des Transportes wegen sehr schwierig.
+
+Die Bahau vom oberen Mahakam unterhielten längs des Penaneh und
+Howong auch mit dem Kapuasgebiet Handelsbeziehungen, aber wegen der
+grossen Entfernung und der früheren ungünstigen Handelsverhältnisse
+kamen sie nur selten hin. Dagegen kamen die Mendalambewohner und die
+Taman öfters nach dem oberen Mahakam, um Schwerter, Schwertgriffe,
+Matten und alte Perlen einzukaufen.
+
+Die günstigen Handelsverhältnisse, welche der Radja von Serawak am
+Batang-Rèdjang geschaffen hat, brachten besonders die Pnihing und
+Kajan dazu, den Beschwerden der Reise Trotz zu bieten. Um ihr Ziel
+zu erreichen, müssen sie den Mahakam hinauffahren, was 9 bis 60
+Tage dauert, ferner längs des Seliku auf einer Höhe von 1100 m. die
+Wasserscheide überschreiten, um nach zweitägiger Fahrt den Njangejan
+abwärts nach Fort Kapit zu gelangen.
+
+
+
+
+KAPITEL XIV.
+
+ Verkehr mit den Eingeborenen--Einkauf von Ethnographica--Sammeln
+ und Konservieren von Tieren und Pflanzen--Sammlungen und
+ Untersuchungen auf geologischem Gebiet--Topographische
+ Aufnahmen--Photographie.
+
+
+Obgleich die Verhältnisse, unter denen die Eingeborenen von
+Mittel-Borneo leben, derart sind, dass diese selbst den Schutz eines
+höher stehenden Volkes herbeiwünschen, machen sich ihre ängstlichen
+Gemüter doch allerhand entsetzliche Vorstellungen von dem, was
+geschehen könnte, wenn die ihnen so fremden Weissen, die so mächtig
+sind, dass sie in Krankheitsfällen und auf gefährlichen Bergspitzen
+den bösen Geistern zu widerstehen vermögen, in ihr Land einziehen. Um
+daher einen politischen Einfluss auf die Stämme zu gewinnen, mussten
+wir nicht nur alles vermeiden, was bei ihnen Unwillen oder Schreck
+erregen konnte, sondern auch alles daransetzen, um ein vertrauliches
+Verhältnis mit ihnen anzubahnen.
+
+Nach meiner ärztlichen Praxis waren es die Samenlungen auf den
+verschiedenen Gebieten der Wissenschaften, die uns mit der Bevölkerung
+in intimen Verkehr brachten. Sie boten ausserdem einen zweiten grossen
+Vorteil, indem sie den Teilnehmern der Expedition, sowohl den weissen
+als den farbigen, ständig Beschäftigung verschafften. Für einander
+fremde, auf niedriger Entwicklungsstufe stehende Menschen ist es
+ungemein schwierig, unbeschäftigt lange Zeit friedlich miteinander
+zu verkehren.
+
+Da. ich nun hauptsächlich Malaien bei mir hatte, die als Mohammedaner
+ohnehin auf die heidnischen Bahau herabsehen und von alters her
+daran gewöhnt sind, auf deren Auffassung von Eigentum, Anstand
+u.s.w. nicht zu achten, trachtete ich von Anfang an danach, meine
+Leute durch Ableitung in Banden zu halten. Eine grosse Versuchung
+bildete für meine stattlichen Reisegenossen auch der Umgang mit den
+Frauen, von denen sich besonders die Mädchen für sie interessierten
+und die, bei der grossen Freiheit, die sie in dieser Beziehung in
+ihrer Gesellschaft geniessen, aus ihren Gefühlen keinen Hehl machten.
+
+Nachdem ich die Leute anfangs selbst auf die grosse Gefahr eines
+Verkehrs mit Frauen hingewiesen hatte, waren sie später verständig
+genug, zu Eifersucht und eventuellen Racheakten keinen Anlass zu geben.
+
+Unsere Sammlungen brachten der Bevölkerung einen bedeutenden
+materiellen Vorteil, denn für die dafür erforderlichen Exkursionen
+hatten wir Führer und häufig auch Träger nötig, so dass viele Männer
+monatelang bei uns einen Verdienst fanden; inzwischen fingen die
+Frauen und Kinder während der Feldarbeit allerlei Tiere, die sie
+uns für Nadeln, Perlen und andere kleine Dinge verkauften. Jeder,
+der sich photographieren liess, bekam eine Belohnung, und selbst,
+wenn der eine oder andere etwas Interessantes erzählt hatte, verlangte
+er nachher eine Kleinigkeit.
+
+Sobald die jungen Leute begriffen hatten, dass wir junge, seltene
+Pflanzen, die auf eine bestimmte Weise aus dem Boden genommen waren,
+gern kauften, benützten sie ihre freie Zeit, um für uns sammeln zu
+gehen, und ihnen verdanken wir auch manchen seltenen Fund.
+
+Ferner lieferte der Verkauf von Ethnographica vielen ein Mittel,
+um sich aus unseren Vorräten einen gewünschten Gegenstand zu erwerben.
+
+Gleichwie die Stämme am Mendalam, waren auch die am Mahakam anfangs
+durchaus nicht geneigt gewesen, mir irgend etwas von ihrem Besitz zu
+verkaufen. Unter einander sind sie nämlich kaum daran gewöhnt, mit
+etwas anderem als mit Reis und anderen Nahrungsmitteln Tauschhandel zu
+treiben; denn jede Familie verfertigt ihre Kleider und Gerätschaften
+selbst und ist mit ihrer Arbeit zufrieden. Nur in besonderen Fällen,
+wenn es sich um ein Kunstwerk handelt, wendet man sich an einen
+Fachmann, wie einen Schmied oder Schnitzer. Daher konnten sie sich
+anfangs nicht entschliessen, mir ein Messer, einen Korb oder eine
+Matte abzutreten; hierzu trat auch noch Misstrauen, da die Leute nicht
+begriffen, zu welchem Zwecke ich alle diese Gegenstände kaufen wollte.
+
+Nun befand ich mich jedoch zum zweiten Mal in ihrer Mitte. Zweifellos
+hatten es nach meiner vorigen Abreise viele Leute bereut, die gute
+Gelegenheit, für sie wertlose Gegenstände zu hohem Betrag zu verkaufen,
+nicht benützt zu haben; denn jetzt kamen sie während unseres ganzen
+Aufenthaltes, von Kindern, die noch kaum laufen konnten, an bis zu
+weisshaarigen Alten, mit allerhand Dingen, von denen sie glaubten,
+dass sie uns interessieren könnten. Öffnete ich einen Packen Perlen von
+einer neuen Art oder ein besonders schönes Stück geblümten Kattuns, so
+entschloss sich so mancher, uns einen geliebten Gegenstand abzutreten,
+falls wir Reis, Eier oder Früchte als Kaufpreis nicht genügend fanden.
+
+Beim Einkauf der Ethnographica ging ich, soweit Umstände und Mittel
+es erlaubten, darauf aus, nicht nur alles, für das tägliche Leben
+den Eingeborenen Notwendige, sondern auch alles, was ihnen zur
+Verschönerung ihres Daseins dient, zu erwerben. Schon früher war es
+mir aufgefallen, dass die Bahau in der Herstellung von Gegenständen,
+die sich durch Form und Farbe auszeichnen, eine hohe künstlerische
+Entwicklung erlangt haben. Dies ist besonders bei den Gegenständen der
+Fall, für die sie bei den Malaien einen Absatz und daher auch einen
+Ansporn zu weiterer Vervollkommnung finden, wie z.B. im Schnitzen
+von Schwertgriffen und im Schmieden von Schwertern. Diese schönen
+Industrieprodukte der Bahau geben uns daher eine Vorstellung von dem,
+was sie leisten könnten, wenn die Umstände ihnen die nötige Anregung
+verschafften.
+
+Indem ich sehr hohe Belohnungen für besonders schöne Gegenstände
+aussetzte, suchte ich denn auch den Arbeitseifer der Künstler im
+Stamme anzuspornen, und diesem Verfahren habe ich in der Tat einige
+aussergewöhnlich schöne Stücke zu danken. Hierbei beschränkte ich
+mich natürlich darauf, den gewünschten Gegenstand anzugeben; die Art
+der Verzierung und Ausführung überliess ich ihnen vollständig.
+
+Leider stiess ich gerade bei der Erwerbung der interessantesten
+Kunstprodukte auf besondere Schwierigkeiten, die auch durch hohe
+Preise nicht zu überwinden waren. Die oft wundervoll geschnitzten
+Kindertragbretter (_hawat_) werden z.B. nicht verkauft, weil die Seele
+des Kindes lange Zeit in ihnen haust; das gleiche gilt für andere
+dem Kinde gehörige Gegenstände. Daher musste ich, hauptsächlich bei
+den Kajan am Mendalam, derartige Dinge neu herstellen lassen. Bei den
+Kajan am Mahakam wagt man es nicht, die Kleider unerwachsener Kinder zu
+verkaufen; mit den Tragbrettern ist man hier dagegen weniger ängstlich.
+
+Glücklicher Weise waren die Schwertgriffe aus Hirschhorn käuflich,
+allerdings nur zu hohen Preisen, da die Malaien, die, sobald sie
+Geld besitzen, sehr freigebig sind, für diese Kunstgegenstände stets
+viel übrig haben. Am Mendalam kosteten schön gearbeitete Griffe bis
+zu 10 Dollar das Stück; am oberen Mahakam musste ich für ein altes,
+schönes Exemplar 25 fl. bezahlen.
+
+Am Mahakam erregten hauptsächlich die Frauenarbeiten meine
+Aufmerksamkeit, die geschmackvollen Perlenverzierungen für
+Kindertragbretter, Mützen und Hüte und die Stickereien auf Röcken und
+Lendentüchern. Als die Bevölkerung sich bei meinem zweiten Besuch
+an den Handel mit mir gewöhnt und den eigenen Vorteil eingesehen
+hatte, suchte sie für schöne Dinge einen möglichst hohen Preis
+herauszuschlagen. Dass man oft viel Zeit nötig hat, um eines bestimmten
+Gegenstandes habhaft zu werden, möge man daraus ersehen, dass ich wegen
+einer hübschen Perlenmütze zwei Jahre lang unterhandelte, wegen einer
+anderen zehn Monate; eine dritte konnte ich überhaupt nicht erlangen.
+
+
+
+Wie eingangs bereits erwähnt worden ist, mussten wir uns bei der
+Ausrüstung auf das Notwendigste beschränken, da, besonders beim
+Landtransport, jedes Gepäckstück in Betracht kam. Am meisten wurde
+hierdurch die zoologische Sammlung getroffen, für die man sowohl
+Konservierungsmittel als Flaschen und Büchsen mitführen musste. Ich
+nahm mir daher vor, an Säugetieren, die ohnehin schon bekannt waren,
+nur sehr wenige und dann mir sehr kleine mitzunehmen; für meine
+Jäger sollte das Sammeln von Vögeln, deren Bälge wenig wogen, leicht
+zu verpacken waren und als Konservierungsmittel nur Arsenikseife
+erforderten, die Hauptaufgabe bilden. Sobald wir denn auch an einem
+Orte länger verweilten, begab sich _Doris_ mit einigen bewaffneten
+Schutzsoldaten und einem Führer auf die Vogeljagd. Um die Anzahl
+der Bälge zu beschränken und die Munition zu sparen, durften von
+den gewöhnlichen Vogelarten nur je 6 oder 8 Exemplare gesammelt
+werden; trotzdem wuchs unsere Sammlung doch noch auf 1400 bis 1500
+Exemplare an.
+
+Mühsam war die Konservierung von Insekten, die trocken aufbewahrt
+werden mussten, da die Leute sie uns, besonders anfangs, bei der
+Rückkehr von der Feldarbeit in grosser Anzahl brachten und die
+Witterung nicht immer ein Trocknen in der Sonne zuliess. Dazu kam
+noch, dass wir uns auf dem ersten Teil unserer Reise ohne Naphtalin
+behelfen mussten, weil man den Vorrat aus Versehen nach Samarinda
+geschickt hatte.
+
+An flüssigen Konservierungsmitteln hatte ich hauptsächlich Formol
+und nur sehr wenig Spiritus mitgenommen, weil Formol mit Wasser
+verdünnt seinen Zweck meist gut erfüllt, wenn man nur dafür sorgt,
+dass es in hermetisch schliessenden Flaschen mitgenommen wird und
+dass die Flaschen mit den Präparaten sogleich völlig gefüllt werden,
+so dass nicht durch Sauerstoff eine Umsetzung in Ameisensäure bewirkt
+werden kann. Für die Aufbewahrung von Reptilien, Amphibien und
+hauptsächlich von Fischen erwies sich eine Lösung von 1 Teil Formol
+auf 5 Teile Wasser als am geeignetsten. Bringt man die Tiere lebend
+oder unmittelbar nach dem Tode in das Konservierungsmittel und trifft
+man die erwähnten Vorsichtsmassregeln, so erhalten sich die Farben
+mindestens zwei Jahre lang; nur die ausgesprochenen Metallfarben
+verschwinden auch in Formol. Auch die Farben gereinigter und
+abgeschnittener Schnäbel und Füsse zerschossener und daher wertloser
+Vögel, die beim Trocknen meist schwarz werden, erhalten sich gut
+in Formol.
+
+Während sehr kleine Tiere unverletzt bewahrt werden können, muss
+man an Fischen, Reptilien und Amphibien einen mindestens 2 cm langen
+Bauchschnitt ausführen und ein Schliessen der Öffnung mittelst eines
+Querhölzchens verhindern.
+
+So weit möglich liess ich unsere Konservenbüchsen und -Flaschen
+gebrauchen; für grössere Tiere liess ich aus Blech Behälter herstellen.
+
+Zum Schliessen der Flaschen benützten wir stets Harz, das zerstossen
+und mit Petroleum angefeuchtet eine teigige Masse liefert, mit der
+Glas- und Metallgefässe luftdicht verschlossen werden können. Da
+Harz stets zu finden und Petroleum meist auch vorhanden ist, kann
+dieses Verschlussmittel sehr empfohlen werden; wir benützten es auch,
+mit Kapok oder Werg gemischt, um unsere Stahlkoffer wasserdicht
+zu schliessen.
+
+Für Fische und kleine Tiere hatte ich 3 Kisten mit cylinderförmigen
+Gläsern von 200-500 ccm Inhalt mitgenommen; schraubbare Metalldeckel
+verschlossen mittelst eines von innen angebrachten Kautschukstreifens
+die Gläser luftdicht; sicherheitshalber wurden sie aber auch noch mit
+einem Harzring umgeben. In diesen Gläsern haben sich besonders Fische,
+Reptilien und Amphibien jahrelang gut gehalten, auch, als ich später
+nicht mehr im stande war, das Formol zu erneuern.
+
+Während meines ersten Aufenthaltes am oberen Mahakam wurde ich beim
+Sammeln ständig von der Bevölkerung unterstützt, nur sah sie es nicht
+gern, dass wir ihre wahrsagenden Tiere töteten. So bedauerten es die
+Kajan lebhaft, dass _Doris_ zwei _hisit_ (Anthreptes malaccensis)
+und zwei _telandjang_ (Platylophus coronatus) geschossen hatte. Als
+später bei den Kenja das gleiche geschah, wurde der _telandjang_,
+während er zum Trocknen hing, gestohlen, was sonst nie vorkam. Ich
+hielt es für geratener, kein Wort darüber zu verlieren und das Töten
+dieser Tiere zu verbieten. Obgleich auch die Rehe zu den wichtigen
+wahrsagenden Tieren gehören, schienen die Bahau doch nichts dagegen
+zu haben, dass ich sie schoss. Ihre _djelewan_, die Schlange mit
+dem roten Kopf, Bauch und Schwanz, wagten sie weder lebend noch
+tot anzurühren. Zum Entsetzen der Bahau töteten wir auf dem Wege
+von Kapuas zum Mahakam eine _djelewan_ in unserer Hütte und legten
+sie in eine Flasche mit Formol. Da keiner die Flasche tragen wollte,
+versteckte ich sie in einer der Kisten, ohne dass sie es sahen. Später
+schrieb die Bevölkerung den Erfolg meiner Expedition zum grossen Teil
+dem Besitz dieser Schlange zu und ich musste sie so häufig vorzeigen,
+dass ich mich zuletzt weigerte.
+
+Eine besondere Furcht flösst den Bahau ein Halbaffe (Tarsius spectrum)
+ein, der tagsüber bewegungslos auf einem Baumstamm sitzend den
+Vorübergehenden mit seinen grossen Nachtaugen anstarrt und den
+Kopf weit nach rückwärts zu drehen vermag; keiner wagte es, dieses
+ungefährliche Tierchen zu töten. Zu den Tieren, welche der Aberglaube
+schützt, gehört auch der grosse Erdwurm, der im stande ist, Töne
+auszustossen; er soll die Fruchtbarkeit der Felder befördern, wir
+konnten daher kein Exemplar erhalten.
+
+Bis zum Jahre 1899 verursachte uns das Sammeln wenig Mühe; während
+unseres Zuges an die Ostküste jedoch wurden die Kajan von verschiedenen
+Unglücksfällen betroffen, und ein Priester der Pnihing, der den Ruf
+genoss, durch Träume prophezeien zu können, erklärte die Unglücksfälle
+für eine Strafe der Geister, weil die Kajan für uns so viele Insekten
+getötet hatten. Im Grunde war der Priester nur neidisch auf den
+Verdienst der Kajan, den diese sich durch das Sammeln von Tieren
+verschafften. Nach unserer Rückkehr zu den Mahakam Kajan wagten sie
+uns kein einziges Insekt mehr zu bringen, obgleich ich eine Verstimmung
+hierüber nicht bemerkte.
+
+
+
+Einfacher gestaltete sich das Sammeln auf botanischem Gebiet. Die
+Anlage eines Herbariums und einer Sammlung lebender Pflanzen
+betrachtete ich als die Hauptsache und nahm daher aus dem botanischen
+Garten von Buitenzorg zwei Malaien, einen Mantri, _Sekarang_,
+und einen Pflanzensucher, _Amja_, mit, die beide im stande waren,
+selbständig ihre Arbeit auszuführen. Meine Aufgabe bestand daher nur
+darin, ihnen für ihre botanischen Exkursionen Führer und Träger zu
+verschaffen und etwas Aufsicht zu üben.
+
+Belehrt durch unsere Erfahrungen von der Reise 1896-97 gelang es uns
+diesmal am oberen Mahakam, eine Sammlung der verschiedensten Pflanzen,
+und zwar 500 Exemplare, lebend aus dem Innern Borneos nach Buitenzorg
+zu transportieren. Dabei hatten die am Anfang unseres Zuges am Blu-u
+gesammelten Pflanzen sechs Monate lang dort gepflegt werden müssen.
+
+Beim Aufbewahren lebender Pflanzen verfuhren wir folgendermassen: wenn
+möglich, wurden junge Exemplare aus dem Boden genommen und zwar so,
+dass, um die feinen Wurzelenden nicht zu verletzen, gleichzeitig auch
+eine grössere Menge Erde herausgehoben wurde. Zu Hause angekommen
+setzten wir die Pflanzen sogleich in Bambuskörbe in eine Erde,
+die aus Humus, Flusssand und etwas feiner Holzkohle bestand. Die
+gleiche Erde wird in Buitenzorg in den Treibhäusern benützt. Unter
+dem dichten Laubwerk der Fruchtbäume bei der Wohnung der Malaien
+wurde ein Grundstück vor Besuchen von Kindern, Hunden, Schweinen und
+Hühnern durch Bambuslatten geschützt und die Pflanzen unverdeckt auf
+Holzgestellen niedergesetzt und täglich versorgt. Auf diese Weise
+kamen während unseres Aufenthaltes am Mahakam nur wenige Pflanzen
+um. Bei unserer Abreise zur Küste wurden die Körbe mit den Pflanzen
+in Holzkisten von ungefähr 4 × 6 dm Bodenfläche und 5 dm Höhe dicht
+neben einander gesetzt. Die Kisten hatte ich grösstenteils an Ort
+und Stelle anfertigen lassen.
+
+Die ganze Sammlung umfasste 37 derartiger Kisten; sie wurde in ein
+grosses Boot gesetzt und mittelst eines Palmblattdaches vor Sonne und
+Regen geschützt. An jedem Ort, wo wir länger als eine Nacht blieben,
+wurden alle Kisten aus dem Boot genommen und ans Ufer getragen,
+wo man die Pflanzen im Schatten der frischen Luft aussetzte. Für
+die Seereise wurden die Kisten mit Rotangschirmen, über die weisser
+Kattun gespannt worden war, überdeckt. Durch ständiges Benetzen
+des Kattuns blieb die Atmosphäre unter diesem Dach auch während der
+Hitze auf der Seereise und später während der Eisenbahnfahrt stets
+genügend kühl. Obwohl zwischen der Abreise vom Blu-u und der Ankunft
+in Buitenzorg zwei Monate lagen, hatten sämmtliche Pflanzen in dieser
+Zeit doch nur wenig gelitten.
+
+Die Ausrüstung für das Herbarium bestand hauptsächlich in grobem
+chinesischem Packpapier, das sich zum Pflanzentrocknen sehr gut eignet.
+
+Während eines Aufenthaltes auf einem freien Platz, wie eine
+Bahauniederlassung ihn bietet, konnte man die Pflanzen der Sonne
+aussetzen; in der feuchten Waldatmosphäre jedoch mussten sie zwischen
+vielen Bogen Papier vorsichtig über dem Feuer getrocknet werden.
+
+Grosse fleischige Früchte, die sich zum Trocknen nicht eigneten, und
+Blüten, die eine besondere Aufbewahrung verlangten, wurden ebenfalls
+in eine Formollösung gelegt. Die Farben der Orchideenblüten erhielten
+sich auffallend gut in einer Formollösung im Verhältniss von 1 : 5.
+
+Unerwartete Schwierigkeiten bot das trockene Aufbewahren von
+Früchten und Samen zwecks späteren Aussäens. Trotz der sorgfältigen
+Behandlung, die sie seitens der hierin erfahrenen Javaner erfuhren,
+hatten bei Ankunft in Buitenzorg doch beinahe alle die Keimkraft
+verloren. Der Grund hierfür lag nicht in der Behandlung, sondern
+in der Eigentümlichkeit der Samen vieler tropischer Pflanzen, in
+beträchtlich kurzer Zeit die Keimfähigkeit einzubüssen; wir hätten
+daher die Samen sogleich aussäen und später die jungen Pflänzchen
+transportieren sollen.
+
+Die vielen kleineren Ausflüge, die wir während unseres Aufenthalts am
+Blu-u zu benachbarten Stämmen unternahmen, kamen mehr den botanischen
+als den zoologischen Sammlungen zu gute. Wir beobachteten immer
+wieder, dass eine bestimmte Gegend zahlreiche ihr eigene Pflanzenarten
+besass, denen wir an einem anderen Orte nie wieder begegneten. In
+dem so gleichförmig aussehenden Urwald trafen wir hauptsächlich
+auf bestimmten Bergen eine eigene Vegetation, die auf gleichartigen
+benachbarten Bergen nicht mehr zu finden war.
+
+Da wir mit Rücksicht auf die Reise nach der Küste und der in diesen
+tiefgelegenen Gebieten und auf Java herrschenden Wärme die lebenden
+Pflanzen in unserem Kulturgarten in keinen zu tiefen Schatten
+setzen durften, zeigten viele Arten die eigentümliche Erscheinung,
+dass bereits bei ihren ersten neugebildeten Blättern die prachtvolle
+metallblaue Färbung zu schwinden begann. Diese Färbung, die vielen
+Arten von Farren, Aroïdeen, Dracaeen, Begonien u.a. eigen, ist somit
+von der im Urwald herrschenden Feuchtigkeit und Dunkelheit abhängig
+und verschwindet unter veränderten Umständen sehr bald, um einem
+reinen Grün Platz zu machen.
+
+
+
+Während ich mich in bezug auf Zoologie und Botanik darauf beschränkte,
+die Anlage und Pflege der Sammlungen und die Aufzeichnungen zu
+beaufsichtigen und Notizen und Etiquetten oft selbst zu schreiben,
+ging ich, um eine Vorstellung von der geologischen Formation des
+oberen Mahakamgebietes zu erhalten, selbst darauf aus, Gesteine zu
+sammeln und ihre Fundorte zu untersuchen.
+
+Diese wie auch die anderen Sammlungen wurden so angelegt, dass sie
+später von Fachleuten bearbeitet werden konnten.
+
+Die geologischen Untersuchungen nahm ich während der Exkursionen
+vor, die wegen der topographischen Aufnahme des Mahakamgebietes
+stattfanden. Während _Bier_ die eigentliche Aufnahme ausführte,
+beschäftigte ich mich mit eigenen Beobachtungen.
+
+Als Ausrüstung hatte ich folgende Gegenstände mitgenommen: zwei Sätze
+geologischer Hämmer, einen Schmiedehammer, einen geologischen Kompass
+und Höhenbarometer und für die Verpackung der Handstücke sehr starke
+Leinwand und Metallnummern. Die Erfahrung hatte mich auf den beiden
+früheren Expeditionen gelehrt, dass das zum Aufbewahren von Gesteinen
+so häufig gebrauchte Packpapier für die Tropen ungeeignet ist, weil es
+bei einer Bewegung der aufeinander liegenden Stücke leicht durchreibt,
+besonders wenn es feucht wird, was auf langdauernden Reisen, wie den
+unsrigen, kaum zu vermeiden war; ausserdem wird Papier leicht von
+Ameisen, Termiten und anderen Tieren aufgefressen. Aus den gleichen
+Gründen fand ich es unpraktisch, Etiquetten aus Papier zu gebrauchen,
+die überdies nur an sehr trockenen Steinen haften bleiben und schnell
+unleserlich werden. Ich verpackte die Stücke daher in starke Leinwand,
+band sie mit einer Schnur fest und versah sie mit einer Metallnummer,
+die mit derjenigen meiner Aufzeichnungen übereinstimmte.
+
+Den geologischen Beobachtungen kam es sehr zu statten, dass wir, wenn
+irgend möglich, grosse und kleine Flüsse als Reisewege zu benützen
+suchten. Hierdurch befanden wir uns stets an den einzigen Stellen, die
+uns über die geologische Formation des Gebietes, das wir durchreisten,
+Aufschluss geben konnten. Da mit Ausnahme der beinahe senkrechten,
+das Tal begrenzenden Felswände das ganze Gebiet des oberen Mahakam mit
+Urwald bedeckt ist, wird das unterliegende Gestein nahezu gänzlich
+vor Erosion geschützt. Nur die feinsten Teilchen werden von dem
+ablaufenden Regenwasser mitgeführt, alle grösseren Stücke bleiben
+liegen. Daher stösst man im Walde zuerst auf eine Humusschicht von
+wechselnder Dicke, die der Tiefe zu immer mehr mit verwitterten Teilen
+des unterliegenden Gesteins vermischt ist. In unverwittertem Zustand
+trifft man das Gestein erst in einer Tiefe von vielen Metern an, daher
+ist es, um eine Übersicht über die geologische Beschaffenheit eines
+grösseren Gebietes zu erlangen, praktisch nicht erreichbar. Selbst
+an den steilen, aber bewachsenen Bergabhängen und oben auf den
+oft nur 1/2-2 m breiten Bergrücken findet man kein unverwittertes
+Gestein; man trifft es hier als eine Anhäufung loser, verwitterter
+Stückchen in einem Sack von Pflanzenwurzeln. Das ursprüngliche
+Gestein tritt hauptsächlich in den Flussbetten zu Tage. Hier ist das
+Wasser ständig damit beschäftigt, das unterliegende, feste Gestein
+von den stark verwitterten Lagen zu befreien; alles kleinere vom
+Ufer abgebröckelte oder von Bergstürzen herrührende Gestein wird
+abwärts geführt. Dies geschieht hauptsächlich, wenn die grossen
+Wassermassen eines tropischen Regens in den Gebirgsbächen unter
+heftigem Gefälle abwärts stürzen; derartiges Gestein wird dann mit
+Macht übereinandergeworfen und fortgeführt, wodurch es gleichzeitig von
+allen lockeren, verwitterten Teilen entblösst und glatt geschliffen
+wird. Vom Ursprung der Quellflüsse an bis zur letzten Geröllbank an
+der Flussmündung bedeckt dieses Geschiebe, stets kleiner und kleiner
+werdend, das ganze Flussbett.
+
+Man findet daher in den Flussbetten sowohl festes Gestein, das in
+grösserer oder kleinerer Ausdehnung an den Ufern blossgelegt wird,
+als auch in den Geröllbänken eine Übersicht über das im Flussgebiet
+aufwärts anstehende Gestein. Beginnt man somit in den verschiedenen
+Nebenflüssen ein Stück weit oberhalb ihrer Mündungen die verschiedenen
+Gesteinsproben zu sammeln und ausserdem das blossliegende, feste
+Gestein bis zur Quelle hinauf zu untersuchen, so kann man zu einer
+für die Tropen möglichst exakten Vorstellung der geologischen
+Beschaffenheit eines Gebietes gelangen. Dieses Verfahren ist von
+besonderem Wert, wenn man es, wie es am oberen Mahakam der Fall ist,
+mit einem grösstenteils nicht vulkanischen Gebirge von einfachem
+Bau zu tun hat. Denn die zahlreichen Bergbesteigungen, die ich der
+topographischen Aufnahme wegen ausführen musste, boten mir nur sehr
+selten einen neuen Einblick in die geologische Formation des Gebirges;
+das Gestein, das wegen der alles überdeckenden Buschvegetation nur
+hier und da frei zum Vorschein kam, lieferte mir nur eine willkommene
+Bestätigung meiner im Flussbett gemachten Beobachtungen. Wichtiger war
+es, von den Berggipfeln, auf denen man die Bäume gefällt hatte, eine
+Übersicht über das ganze Gebiet zu erlangen. Von hier aus liessen sich
+die Wirkungen der Erosion verfolgen, auch zogen eigenartig gebildete
+Berge oder Bergketten die Aufmerksamkeit auf sich und veranlassten
+besondere Untersuchungen. Diese waren hauptsächlich bei Formationen
+aus weichem Kalkstein wichtig, da letzterer bereits in geringem
+Abstand von seinem Standort durch die Gebirgsströme vernichtet wird.
+
+Die Erklärungen, die sich die Eingeborenen über unser Sammeln von
+Gesteinen bildeten, waren sehr mannigfaltig. Dass es uns um Goldsuchen
+zu tun war, hielten sie für das Wahrscheinlichste; sie suchten
+zwar selbst am oberen Mahakam kein Gold, hatten aber von den Malaien
+gehört, dass wir darauf ausgingen. Als es sich herausstellte, dass ich
+Gestein der verschiedensten Art mitnahm, glaubte die Bevölkerung in
+mir einen Alchimisten zu sehen, der bei der Heimkehr alles Gestein
+zusammenschmelzen und daraus Gold herstellen würde. Auch diese
+Auslegung kam mir malaiischen Ursprungs vor. Von dieser Anschauung
+beherrscht gingen die Bahau auf unseren Exkursionen daher häufig
+darauf aus, Gestein zu suchen, das Pyrit oder Glimmer enthielt,
+weil sie diese für Gold ansahen. Obwohl sie selbst Flusssteinen von
+besonderer Form, mit einem Loch in der Mitte oder mit eigenartiger
+Krümmung, eine beschirmende Kraft zuschreiben und sie als Sitz eines
+bestimmten Geistes ansehen und obwohl sie auch hübsches Gestein,
+wie den _batu boh_ aus dem Boh, als Schnallen für Schwertgürtel und
+als Perlen schleifen, konnten die Bahau doch mein Interesse für das
+Gestein an sich nicht begreifen. Nur selten widersetzten sich die
+Leute dem Sammeln der Gesteine,' trotzdem sie oft unter der Last,
+die sie zu tragen bekamen, stöhnte.
+
+An einigen Stellen des Flussufers, wo Geister hausen sollten, bat man
+mich allerdings, mit meinem Schmiedehammer keine Stücke abschlagen
+zu lassen, was ich denn auch nicht tat. An einigen anderen: Orten,
+wie in dem Flüsschen Tasan beim Berge Situn, wo die Ufer aus dunklen,
+senkrechten Felswänden bestehen, ergriffen alle Bahau die Flucht,
+als ich die Malaien einige Kalkstücke abschlagen liess.
+
+Die topographische Aufnahme des oberen Mahakamgebietes stiess, der
+eigenartigen Umstände wegen, unter denen sie vorgenommen werden musste,
+auch auf besondere Schwierigkeiten. Bevor wir unser eigentliches
+Arbeitsfeld erreichten, hatten wir Bootfahrten auf kleinen, wilden
+Gebirgsbächen und Landzüge durch den Urwald im Quellgebiete des Kapuas
+auszuführen, daher war es unmöglich gewesen, für die Bestimmung des
+Meridians eines Ortes Chronometer mitzunehmen, weil diese durch die
+Erschütterungen, denen sie während der Reise ausgesetzt gewesen wären,
+ihre Zuverlässigkeit eingebüsst hätten.
+
+Die Möglichkeit, mittelst astronomischer Beobachtungen die Lage
+eines Ortes zu bestimmen, war somit ausgeschlossen und wir waren
+darauf angewiesen, an die topographische Aufnahme des Kapuasgebietes,
+welche nach neunjähriger Arbeit (1886-1895) von dem topographischen
+Institut der indischen Armee in Batavia ausgeführt worden war,
+anzuknüpfen. Während dieser Aufnahme waren bis zur Mündung des
+Kréhau Punkte astronomisch bestimmt und von diesen aus mittelst
+Triangulation die wichtigsten Bergspitzen fixiert worden, um als
+Anhaltspunkte für Detailaufnahmen zu dienen. Um diese vorzunehmen,
+hielten sich die Topographen monatelang in den unbewohnten Gebieten
+des oberen Kapuas auf.
+
+Wie bereits im Kapitel XI berichtet worden ist, hatte der Topograph
+_Werbata_ 1893 den Weg zum Penaneh genau gemessen; da dieser Weg
+aber für unsere Verhältnisse zu beschwerlich war, hatten wir den
+nördlicheren zum Howong einschlagen müssen. Hätten wir mehr Zeit
+gehabt, so wäre es möglich gewesen, den zurückgelegten Weg direkt zu
+messen; da dies nicht der Fall war, mussten wir selbst einen Punkt
+suchen, den wir durch Anpeilen bereits bestimmter Berge im Kapuasgebiet
+zum Fixpunkt machen konnten. Daher scheuten wir keine Mühe, um auf
+der Wasserscheide nach einem derartigen Punkt zu suchen, den wir in
+der Tat auch fanden. Somit eröffnete sich uns die Aussicht, von hier
+aus durch direkte Messung des zurückgelegten Weges eine Grundlage
+für die weitere Aufnahme des ganzen Mahakamgebietes zu erhalten.
+
+Ich hatte bereits auf meiner vorigen Reise feststellen können, dass
+das ganze Flussgebiet des oberen Mahakam, in gleicher Weise wie der
+übrige Teil Mittel-Borneos, aus einem Berg- und Hügelland ohne Ebenen
+besteht, das von zahlreichen Flüssen durchschnitten wird und ausser an
+den Stellen, wo die Bahau ihn zur Anlage von Reisfeldern gefällt haben,
+mit dichtem Walde vollständig überdeckt ist. Auch hatte ich mich bald
+davon überzeugt, dass wir von Landwegen nur sehr geringen Gebrauch
+würden machen können und dass wir den Mahakam und seine Nebenflüsse als
+wichtigste Reisewege würden benützen müssen. Da sich nur an den Ufern
+des Hauptstromes und einiger Nebenflüsse Niederlassungen befinden,
+mussten, um weiter abgelegene Beobachtungspunkte zu erreichen,
+besondere Expeditionen ausgeführt werden.
+
+Mit Rücksicht auf die noch unbekannten Verhältnisse, denen wir auf der
+Reise begegnen würden, und auf den Zweck unserer Reise, war es nicht
+möglich, von vorn herein einen festen Plan für die topographische
+Aufnahme auszuarbeiten. Die Umstände sollten bestimmen, wie lange wir
+am oberen Mahakam bleiben konnten und welche Züge wir in dieser Zeit
+zwecks der topographischen Aufnahme oder aus politischem Interesse
+würden unternehmen können. In jedem Falle musste auf eine feste
+Grundlage gebaut werden und, da das Messen des Weges sehr wohl möglich
+erschien, wurde beschlossen, von dem Fixpunkt auf der Wasserscheide
+aus den Landweg längs des Howong bis an den Mahakam und dann diesen
+Fluss selbst direkt zu messen. Im übrigen sollte die Zukunft lehren,
+in wie weit es möglich sein würde, durch Messen von Seitenwegen zu
+Wasser und zu Lande, durch Anpeilungen von Fixpunkten aus und durch
+Bergbesteigungen die Aufnahme dieses ausgedehnten Gebietes auszuführen.
+
+Der Topograph _Bier_ hatte sich für die Aufnahme mit einem Theodolit
+Tranche-Montagne, mit dem Azimuth und Höhe bestimmt werden konnten,
+und mit 3 m langen Massstäben, auf welchen eine Skala in Centimetern
+angegeben war, ausgerüstet. Im Fernrohr des Tranche-Montagne waren
+Kreuzfäden und Horizontalfäden gespannt, in solch einem Abstand,
+dass dieser mit der Anzahl Centimeter auf der Skala des Masstabes,
+welche man zwischen ihnen auf 100 m Distanz ablas, in einfachem
+Verhältnis stand. 100 Meter Abstand entsprachen 100 Centimetern auf
+der Skala. Eine Messkette hatten wir nicht mitgenommen, da unser Weg
+grossenteils zu Wasser zurückgelegt wurde und von einer regelrechten
+Triangulation des Gebirgslandes keine Rede sein konnte.
+
+Zur Kontrolle für die Höhenbestimmung durch direkte Messung mittelst
+des Theodolits war ich mit zwei guten Aneroidbarometern und einem
+Hypsometer ausgerüstet, an denen an allen wichtigen Punkten Ablesungen
+gemacht wurden.
+
+Einer der Aneroidbarometer von der Firma _Kipp en Zonen_ in Delft
+stimmte mit dem Hypsometer auf jeder Höhe überein; er hatte bereits
+die Reise 1896-1897 mitgemacht und war damals in der Sternwarte zu
+Leiden verifiziert worden.
+
+Während der Reise wurde eine Abweichung des Kompasses des Theodolits
+nur ein einziges Mal am Blu-u festgestellt, was teilweise auch dem
+Umstand zugeschrieben werden muss, dass der Himmel selten unbewölkt
+genug war, um während eines grossen Teils des Tages den Stand der
+Sonne mit genügender Schärfe mittelst des Fernrohres bestimmen zu
+können. Diesem Umstand muss vielleicht zugeschrieben werden; dass
+bei der Zeichnung der Karte im Massstab von 1 : 20000 die Länge des
+Mahakam bis zum astronomisch bestimmten Punkte Ana sich als richtig
+erwies, die Richtung jedoch um einen Grad nach Süden abwich.
+
+Die Aufnahme des Landweges bereitete unserem Topographen, der jahrelang
+in dem waldbedeckten Gebirge Mittel-Sumatras gearbeitet hatte, keine
+Schwierigkeiten. Einer der ursprünglich 3 m langen Massstäbe wurde auf
+die Hälfte verkürzt, um auf den Waldpfaden seiner Länge wegen nicht
+hinderlich zu sein, ferner wurde etwas mehr Zeit darauf gewendet, um
+die gewundenen, steigenden und fallenden Pfade in kleinen Abständen
+messen zu können. Anders verhielt es sich mit dem Messen des Mahakam
+selbst, da die langen, schmalen Böte der Bahau zum Aufstellen des
+Theodolits nicht stabil genug sind. Auch das Aneinanderbinden mehrerer
+Böte war wegen der zahlreichen Verengungen und Stromschnellen im
+Fahrwasser sehr beschwerlich. Daher musste der Topograph auch bei
+der Flussmessung zum Aufstellen seines Instrumentes das feste Ufer
+wählen. Die Gehilfen, die in gesonderten Böten die Massstäbe hielten,
+lernten es bald, sich entweder mit ihren Böten zwischen Felsblöcken
+und Geröllbänken festzusetzen oder am Lande eine passende Stelle
+zu finden. In der Regel waren drei Böte erforderlich: eines für den
+Topographen und zwei für die Gehilfen. Indem _Bier_ einen Massstab
+oberhalb und einen unterhalb seines eigenen Standplatzes aufstellen
+liess, konnte er von einem Punkte aus zwei Abstände im Flusse
+messen. Der stromaufwärts befindliche Gehilfe suchte sich, während
+der Topograph den stromabwärts befindlichen Massstab visierte, mit
+seinem Bote einen passenden Punkt weiter unten im Fluss aus, worauf
+der Topograph wiederum zwischen beiden Stand fasste und erst den jetzt
+flussaufwärts befindlichen Massstab visierte dann den flussabwärts
+befindlichen u.s.f.
+
+Dadurch, dass _Bier_ seine Messungen stets von dem am weitesten
+flussaufwärts gelegenen Punkt aus begann, lief er am wenigsten Gefahr,
+durch plötzliches Hochwasser aufgehalten zu werden, auch konnten sich
+die Böte mit dem Strome schnell abwärts bewegen.
+
+Dank der langen Zeit von beinahe zwei Jahren, die wir am oberen Mahakam
+zu verbringen gezwungen waren, und der Sicherheit, mit der wir uns
+bewegen konnten, gelang es dem Topographen, den Mahakam stückweise, von
+seinem Ursprung an der Grenze von Serawak an bis zu dem astronomisch
+bestimmten Punkt Ana am mittleren Mahakam, zu messen. Indem er den Kaso
+bis zum Penaneh, dem Endpunkt der Messung des Topographen _Werbata_,
+hinauffuhr, konnte er später seine Messung des Mahakamgebietes nochmals
+mit derjenigen des Kapuas in Verbindung bringen.
+
+In Anbetracht, dass der Kapuas, von Pontianak aus, seiner ganzen
+Länge nach bereits gemessen war, wurde mit einer Messung des Mahakam
+diejenige Borneos von West nach Ost vollendet.
+
+Im Zusammenhang mit dieser Aufnahme wurde die Wasserscheide zwischen
+Mahakam und Barito vier Mal erstiegen: im Januar 1899 längs des Blu-u
+der Batu Lesong; im Juni 1899, bei der Messung des Bunut, der Batu
+Ajo; im Juli 1899 von Long Deho aus das gleiche Gebirge, nördlicher;
+und im April 1900, dem Mobong entlang, wiederum der Batu-Ajo, an
+einer dazwischen liegenden Stelle.
+
+Auch bei der Messung des Pahngè, eines der gebräuchlichsten
+Verbindungswege mit dem Baritogebiet, gelangte der Topograph bis dicht
+an die Wasserscheide. Ausser den genannten Nebenflüssen wurden auch
+noch der Tjehan, Merasè und der Tepai so weit als möglich gemessen. An
+Bergen wurden der Aufnahme wegen bestiegen: der Liang Tibab am oberen
+Kapuas; der Lasan Tojang im Quellgebiet des Mahakam; der Batu Balo
+Baun am oberen Mahakam; der Lekudjan auf der Kapuas-Wasserscheide;
+der Liang Karing am Tjehan; zwei Berge am Kaso; der Batu Lesong auf
+der Barito-Wasserscheide; der Batu Karang und Batu Situn am Merasè,
+der Batu Mili am Blu-u und der Batu Ajo an drei verschiedenen Stellen.
+
+Zwar suchten wir, um eine möglichst vollständige Übersicht über die
+Umgebung zu erlangen, zur Besteigung freiliegende Berge zu wählen,
+doch mussten wir oft auf besondere Umstände Rücksicht nehmen.
+
+Da viele dieser Berge von den Kajan noch nie erstiegen waren, mussten
+wir, von anderen Erhebungen aus, häufig selbst eine Seite aussuchen,
+von der aus man den Gipfel wahrscheinlich erreichen konnte. Auf
+dem Gipfel angekommen befanden wir uns in einem dichten Walde, so
+dass zur Erlangung einer Aussicht erst Durchhaue ausgeführt werden
+mussten. War der Gipfel sehr klein oder nur mit Gestrüpp bewachsen,
+wie wir es jedoch nur einmal trafen, so wurden auf das Fällen der
+Bäume einige Tage verwandt. Für gewöhnlich war dieses Verfahren aber
+wegen der grossen Oberfläche des Gipfels und wegen der grossen Härte
+der Gebirgsbäume nicht möglich. Wir wählten dann den höchsten Baum
+aus, liessen die meisten Äste entfernen und auf den übriggebliebenen
+eine feste Plattform bauen, auf der man mit Sicherheit visieren
+konnte. Der Auf- und Abstieg auf der primitiven Leiter war aber
+sowohl für _Bier_ als für mich ein Wagstück. In unmittelbarer Nähe
+unseres Beobachtungspostens musste ausserdem stets eine grössere
+Anzahl Bäume gefällt werden, weil deren Kronen die Aussicht zu sehr
+beeinträchtigten.
+
+Wegen der Abreise des Topographen _Bier_ vor dem Beginn unserer
+Expedition ins Quellgebiet des Kajan konnte von einer sorgfältigen
+Aufnahme dieser Gegend keine Rede sein. Dafür übernahm es der
+Photograph _Demmeni_, den Weg mittelst Handbussole und Schätzung
+des Abstandes zu messen, wie er es bereits während der ersten Reise
+1896-1897 am Mahakam mit gutem Erfolg getan hatte.
+
+Auch für unsere topographischen Arbeiten hatten die Eingeborenen
+bald eine Erklärung gefunden oder von den Malaien übernommen, sie
+glaubten nämlich, dass es uns darum zu tun sei, ihre Schlupfwinkel zu
+Kriegszwecken kennen zu lernen. Wir konnten sie von ihrer Überzeugung
+nicht abbringen, trotzdem wir darauf hinwiesen, dass wir uns doch
+nur an die Häuptflüsse und wichtigsten Berge hielten und dass
+_Bier_ seine Karte ausarbeitete, ohne ihre nächste Umgebung viel zu
+beachten. Trotzdem sind wir am oberen und mittleren Mahakam nie auf
+Widerstand seitens der Bahau gestossen; diese unternahmen unserer
+Arbeit wegen häufig weite Reisen in ihnen selbst unbekannte Gegenden.
+
+Anfangs hatte es allerdings den Anschein, als arbeite man uns entgegen;
+denn nur selten erhielten wir über die Namen kleinerer Flüsse oder
+etwas abgelegenerer Berge richtige Auskunft. Entweder behauptete
+man, nichts zu wissen, oder man gab falsche Namen an. Zu unserem
+Erstaunen stellte es sich aber später heraus, dass mit geringen
+Ausnahmen wirkliche Unwissenheit in bezug auf alles, was sich nicht
+in unmittelbarer Nähe des Stammesgebietes befand, vorlag. Selbst
+hohe, die ganze Landschaft beherrschende Berge trugen nur bei den
+in nächster Nähe wohnenden Stämmen einen Namen. Nur diejenigen,
+die zu wiederholten Malen längs des gleichen Flusses gereist waren,
+konnten mit einiger Sicherheit dessen Namen angeben.
+
+Die meisten kamen übrigens ihr Leben lang nicht aus ihrer Umgebung
+heraus und hatten für alles, was im Gebiet des benachbarten Stammes
+lag, kein Interesse. Da wir uns mit Hilfe eines Bahau von einer
+Bergspitze aus absolut nicht orientieren konnten, lernten wir bald,
+unsere eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zu Rate zu ziehen,
+sowohl wenn es galt, die Identität eines Berges festzustellen,
+als auch wenn ein Plan zur Erreichung eines bestimmten Punktes als
+Beobachtungspunkt gefasst werden musste.
+
+Sollten unbekannte oder gefürchtete Gegenden besucht werden, so bildete
+für die Bahau nicht nur Unwissenheit, sondern auch Angst um ihre eigene
+und unsere Sicherheit einen Hinderungsgrund. Unserer topographischen
+Arbeit wegen mussten wir immer wieder Bergspitzen zu erklimmen suchen
+und gerade vor diesen fürchten sich die Eingeborenen so sehr, weil die
+Berghöhlen von bösen Geistern, hauptsächlich von den Donnergeistern,
+bewohnt werden. Um die gefürchteten Unternehmungen zu verhindern,
+nahmen die Bahau häufig zu falscher oder entsetzlich übertriebener
+Auskunft ihre Zuflucht; den Kern von Wahrheit mussten wir selbst
+herauszufinden suchen. Sobald ich aber den Zug mit einigen ihrer Männer
+wirklich antrat, taten sie alles, um ihm einen guten Erfolg zu sichern.
+
+
+
+Wenige Hilfsmittel für Untersuchungen aller Art gewähren einem
+auf der Reise so viel Befriedigung als die Photographie; sie
+erfordert jedoch, je nach dem Ziel, das man verfolgt, und dem Land,
+das man bereisen will, eine besondere und sorgfältig gewählte
+Ausrüstung. Für ein sehr feuchtes Tropenklima, wie dasjenige
+von Borneo, sind Apparate von besonderer Widerstandsfähigkeit
+erforderlich. Obgleich wir bei der Zusammenstellung der Ausrüstung
+die verschiedensten Punkte eingehend berücksichtigten, wäre es
+uns ohne die besondere Geschicklichkeit _Demmenis_ als Mechaniker,
+der im stande war, bald dieses, bald jenes an der Kamera und vor
+allem an den Wechselkassetten zu reparieren, nicht geglückt, länger
+als einige Monate zu photographieren. Hauptsächlich erforderten die
+neu aus Europa empfangenen Gegenstände, obgleich sie aus sehr gutem
+Material verfertigt waren, eine ständige Ausbesserung; bald krümmten
+sie sich vor Feuchtigkeit und Hitze, bald löste sich der Leim und
+musste durch Schrauben ersetzt werden.
+
+Auch in bezug auf die photographische Ausrüstung galt unser Grundsatz:
+so vollständig und so leicht transportierbar als möglich. Hierbei
+kamen hauptsächlich die Platten in Betracht. Als besonders geeignet
+erwiesen sich die Extra-Rapid-Films 13 × 18 der Firma _Perutz_ in
+München; sie hatten den grossen Vorzug, leicht und unzerbrechlich zu
+sein und ein kleines Volumen einzunehmen. Der Apparat selbst bestand
+aus einer für die Tropen gearbeiteten Reisekamera aus Mahagoniholz,
+Format 13 × 18, auf sehr festem Stativ, versehen mit einem Anastigmat
+von _Zeiss_ mit einem Momentverschluss von _Linhof_.
+
+Die Kamera hatte mir bereits auf den beiden vorigen Reisen gedient
+und war somit klimabeständig. Der lederne Balg war gegen Insekten
+und Schimmel mit einer starken Lösung von arsenigsaurem Natron
+eingerieben und verursachte uns während der ganzen Reise keine
+Schwierigkeiten. In Verband mit der Benützung von Films gebrauchte
+ich auf der Reise 1896-97 eine Wechselkassette, welche in der Tat
+grosse Dienste geleistet hat, aber, wie erwähnt, nicht ohne ständige
+Ausbesserung seitens des Photographen. Nachdem wir sie mit einem neuen
+Sack ausgerüstet hatten, wurde sie gelegentlich auch auf der letzten
+Reise gebraucht, hauptsächlich wurde aber mit einer Wechselkassette
+von _Grundmann Zaspel_ gearbeitet, sie erwies sich aber, bevor
+wichtige hölzerne Teile durch metallene ersetzt worden waren, als
+vollständig ungeeignet für die Tropen. Für diese Wechselkassetten
+mussten Filmsträger aus Aluminium gebraucht werden, in welche die
+Films seitlich eingeschoben wurden. Häufig standen die Films verbogen
+darin, so dass die Bilder in der Mitte oder an den Seiten weniger
+scharf wurden als an anderen Stellen; hiervon abgesehen, erfüllten
+sie ihren Zweck sehr gut.
+
+Eine metallene Kamera mitzunehmen, ist sehr ratsam; jedenfalls aber
+sollte man sich mit metallenen Chassis versehen; ihrer sechs werden
+sich stets als genügend erweisen.
+
+Die Extra-Rapid-Films von _Perutz_ haben mir auch, was Haltbarkeit der
+Films und Deutlichkeit der Bilder betrifft, stets gut gefallen. Sobald
+man nicht in der Lage ist, einen neuen Vorrat Films anzugreifen,
+lernt man deren grosse Haltbarkeit schätzen; sie hatten auch nach
+zwei Jahren nichts an Empfindlichkeit eingebüsst und lieferten ebenso
+deutliche Bilder als zuvor. Vorsichtshalber hatte ich bereits in
+der Fabrik jedes Dutzend gesondert in Zinkkästchen verlöten lassen,
+so dass wenigstens der Einfluss der Feuchtigkeit ausgeschlossen war;
+vor zu grosser Erhitzung suchten wir sie ebenfalls so viel als möglich
+zu schützen.
+
+Chemikalien und Gerätschaften, um die belichteten Films schon
+auf der Reise entwickeln zu können, wurden in genügender Menge
+mitgenommen. Das Entwickeln wurde denn auch stets, sobald Aussicht
+vorhanden war, das Negativ vollständig abarbeiten zu können,
+baldmöglichst vorgenommen. Als Entwickler diente fast ausschliesslich
+Hydrochinon; für Momentaufnahmen diente zuletzt auch Methol.
+
+Da ohne Dunkelkammer gearbeitet werden musste, wurde immer abends
+entwickelt und es zeigte sich, dass bei einer Entwicklung im Walde
+auch eventueller Mondschein den Prozess wenig benachteiligte.
+
+Positive wurden während der Reise nicht verfertigt. Auf allen
+Reisen hatten wir ausser dieser Ausrüstung noch Detektivkameras
+für Momentaufnahmen von kleinerem Format mitgenommen. Obgleich wir
+kostbare Apparate angeschafft hatten, waren sie für die Tropen doch
+ungeeignet und lieferten selten gute Resultate. Teilweise trugen
+hieran die eigenartigen Umstände, unter denen wir photographieren
+mussten, und die Gegenstände, welche wir photographieren wollten,
+die Schuld. Bei unserem Reiseleben musste eine Aufnahme oft in
+einem bestimmten Augenblick, bei schlechter Beleuchtung, bei Regen
+u.s.f. gemacht werden. Handelte es sich um Personen, so waren fast
+stets nur Momentaufnahmen möglich, da die Bahau vom Stillestehen keine
+Ahnung haben; erst viel später konnten wir bei einigen von ihnen eine
+Zeitaufnahme ausführen.
+
+Innerhalb der Häuser konnte nur bei sehr langer Exposition
+photographiert werden, weil die Beleuchtung in den Wohnungen eine
+sehr schlechte ist und die Wände noch dazu so dunkel sind, dass auch
+Momentaufnahmen bei Magnesiumlicht wegen der starken Absorption des
+Lichtes durch die Wände missglückten. Nur da, wo wir Zeitaufnahmen bei
+Magnesiumlicht machen konnten, hatten wir guten Erfolg. Festlichkeiten,
+Versammlungen und allerhand Szenen, bei denen viele Menschen anwesend
+waren, konnten wir innerhalb des Hauses daher nicht photographieren.
+
+Ausser durch ihre Unfähigkeit stillzusitzen bereitete die
+Bahaubevölkerung den photographischen Aufnahmen auch sonst noch so
+grosse Schwierigkeiten, dass wir häufig von einer Aufnahme ganz absehen
+oder sie auf Monate, auf eine günstigere Gelegenheit, verschieben
+mussten. Die Abneigung der Eingeborenen gegen die Photographie hatte
+ihre eigenen Gründe. Der unbekannte Zweck und das Geheimnisvolle
+der einen, augenartigen Linse erschreckte die Leute. Man hätte eine
+derartige Angst durch angemessene Belohnung überwinden können, wenn
+die Bahau nicht überzeugt gewesen wären, dass ihre Seele (_bruwa_)
+vor Schreck den Körper verlassen könnte, was Krankheit und Tod zur
+Folge gehabt hätte.
+
+Noch eine andere Eigenschaft der Bahauseele schreckte die Leute von der
+Photographie ab: die Seele konnte nämlich Bild und Original verwechseln
+und ersterem, somit auch uns, folgen, was natürlich grenzenloses Elend
+veranlasst hätte; denn nicht nur, dass der Körper dadurch erkrankt
+wäre, sondern ich hätte dadurch auch auf weite Entfernung auf die
+abgebildete Person Einfluss ausüben können.
+
+Einige Male hörte ich auch einige alte Männer erklären, dass sie
+sich nicht photographieren lassen wollten, weil ihre Bilder später
+in ein Buch aufgenommen und von jedem besehen werden würden. Von
+der Aufnahme in ein Buch hatten sie natürlich durch unsere Malaien
+gehört, die sich übrigens auch selbst nur zögernd und ängstlich zu
+einer Aufnahme hergaben.
+
+Anfangs gaben sich die Menschen von dem allem nicht Rechenschaft. Als
+wir daher zum ersten Mal im Jahre 1896 am Mahakam zur Zeit des
+Saatfestes eintrafen, waren uns die Kajan bei der Aufnahme der
+interessanten Maskentänze, die zum Glück im Freien stattfanden, noch
+selbst behilflich. Nachdem alle Zweifel einmal entstanden waren,
+dauerte es aber vier Monate, bevor wir jemand dazu bringen konnten,
+sich vor unsere Kamera zu stellen. Zuerst überwanden einige junge
+Männer ihre Skrupel, dann zeigte sich auch ein leichtsinniges,
+fröhliches junges Mädchen, _Anja Song_, zur Aufnahme bereit. Das
+Mädchen verkehrte so häufig in unserer Hütte, dass sie einerseits die
+Angst vor allem Ungewöhnlichen verlor, anderseits der Verlockung, mit
+Perlen und hübschem Zeug belohnt zu werden, nicht länger widerstehen
+konnte. _Anja Songs_ Heldenhaftigkeit hatte übrigens auch noch einen
+tieferen Grund; das Mädchen, eine halbe Sklavin, liebte _Sawang Jok_,
+einen der vornehmsten jungen Leute des Stammes, und, da dieser sich
+hatte photographieren lassen, wollte ihm _Anja Song_ an Mut nicht
+nachstehen. Als sie von den Eltern ihres leichtsinnigen Benehmens wegen
+streng bestraft wurde, überredete sie zur eigenen Entschuldigung einige
+Freundinnen, sich ebenfalls zur Photographie herzugeben. Nachdem die
+Bresche einmal geschlagen war, erhielten unsere Aufnahmen einen grossen
+Zulauf, besonders war dies bei unserem zweiten Besuch bei den Kajan am
+Blu-u der Fall, aber erst nachdem wir wiederum einige Monate bei ihnen
+gelebt hatten. Diesem Zulauf haben die Bilder, welche die verschiedenen
+Industrieen der Bahau darstellen, ihr Dasein zu verdanken.
+
+Bei den Mendalam Kajan war das Vorurteil vor der Photographie viel
+schwerer zu überwinden als bei denen am Mahakam; das Gleiche galt auch
+in bezug auf die anthropometrischen Messungen. Da mir bei meinem ersten
+Aufenthalt unter ihnen, im Jahre 1894, hauptsächlich an letzteren
+gelegen war, liess ich die Photographie ruhen. Im Jahre 1896, als
+ich meine Expedition zum Mahakam bei ihnen vorbereitete, vermied ich
+alles, was irgendwie ungünstig auf den Verlauf unserer Unterhandlungen
+hätte einwirken können; als man sich daher zur Aufnahme nicht willig
+zeigte, suchte ich nichts durchzusetzen. Nur meine alte Freundin _Usun_
+überwand sich selbst, um mir eine Freude zu machen, und kam nach meiner
+Abreise von Tandjong Karang nach Putus Sibau, um sich photographieren
+zu lassen. Bei ihrem hohen Alter spielte wohl auch die Überlegung, dass
+der Photograph ihrer Ehrbarkeit Abbruch tun könnte, wenn er an ihrem
+umgekehrten Bilde auf der Mattscheibe unerlaubte Dinge sehen würde,
+keine grosse Rolle. Die vielen Malaien, die am Mendalam verkehrten,
+hatten nämlich erzählt, dass beim Photographieren sowohl die Personen
+als deren Kleider sich umkehrten. Auf _Usun_ Photographie ist daher
+zu sehen, dass sie über die gewöhnliche _ta-a_ noch ein besonderes
+Tuch geschlungen hat und dass sie beide Arme krampfhaft an ihre Beine
+presst, um den Röck festzuhalten. Obgleich wir den Kajan häufig das
+Bild auf dem Mattglas zeigten, konnten wir ihnen doch die von den
+Malaien übernommene Überzeugung nicht nehmen.
+
+
+
+
+KAPITEL XV.
+
+ Verhältnisse bei den Mahakam Kajan.--Zeitrechnung--Beschäftigungen
+ während der Verbotszeit--Besteigung des Batu
+ Mili--Saatfest--Maskenspiel--Kreiselspiel--Abschied von _Adam Igau_
+ und _Jung_--Fahrt zum Merasè--Tod des Häuptlings _Bo Li_--Begegnung
+ mit malaiischen Rebellen--Beginn mit der Mahakamaufnahme--Zweite
+ Besteigung des Batu Mili--Sage vom Batu Mili--Hahnenkämpfe.
+
+
+Der Stamm der Kajan befand sich bei unserer Ankunft in einer
+Übergangsperiode. Nach der letzten günstigen Ernte im Frühling waren
+zwar die meisten Familien, die seit dem Niederbrennen ihres langen
+Hauses, 13 Jahre lang, zerstreut auf ihren Reisfeldern gewohnt
+hatten, an die Mündung des Blu-u gezogen, aber der Hausbau schritt
+doch nur sehr langsam vorwärts; auch waren viele Familien durch
+die jahrelange Trennung einander völlig entfremdet und so scheu
+geworden, dass sie es nicht wagten, mit den eigenen Stammesgenossen
+am Blu-u zusammenzuziehen. Aus Besorgnis, dass diese Entfremdung den
+Stammverband und somit die innere Macht des Stammes lockern könnte,
+wünschte _Kwing Irang_, dass sich alle Familien baldmöglichst in der
+neuen Niederlassung vereinigten.
+
+Die Familien der Sklaven zur Rückkehr zu bewegen, war für den Häuptling
+eine besonders schwierige Aufgabe; denn diese hatten in oft weit
+entlegenen Flusstälern jahrelang die grösste Freiheit genossen und
+fürchteten nun mit Recht, dass sie nach ihrer Rückkehr zum Stamme
+gezwungen sein würden, mehr für den Häuptling zu arbeiten. Nur 10
+Sklavenfamilien hatte _Kwing Irang_, dem wenigstens 150 _dipen_
+gehörten, bei sich zurückbehalten und einige andere bebauten unter
+Aufsicht einer ihm befreundeten, freien Kajanfamilie seine weiter
+abgelegenen Felder.
+
+Die gute Ernte, der sich die Kajan in diesem Jahre erfreuten, spürte
+ich sogleich an der Schnelligkeit, mit der sich die vom Häuptling
+geliehenen grossen Fässer aus Baumrinde mit gewöhnlichem Reis und
+Klebreis füllten. Der reichen Ernte wegen hatte der Stamm auch noch
+nicht mit Säen begonnen, obgleich es bereits Oktober war. Bei meiner
+Ankunft 1896 hatte man bereits Anfang September gesät; damals war
+aber eine Missernte vorangegangen, auch wurden diesmal viele durch
+den Umzug an der Feldarbeit verhindert.
+
+Die meisten Familien legten in diesem Jahre, des Überflusses an Reis
+und des Häuserbaues wegen, nur kleine Reisfelder an.
+
+Der offizielle Saattag fiel diesmal, wie auch sonst öfters, nicht
+mit dem wirklichen Saattag zusammen. Den ersteren bestimmt der alte
+Priester _Bo Jok_, nach dem Stand der Sonne, indem er neben dem
+Hause zwei längliche Steine, einen grösseren und einen kleineren,
+aufrichtet und dann den Zeitpunkt beobachtet, in dem die Sonne in der
+Verlängerung der Verbindungslinie dieser beiden Steine hinter den
+gegenüberliegenden Hügeln untergeht. Der Saattag ist der einzige,
+den _Bo Jok_ auf astronomischem Wege bestimmt. Im übrigen ist die
+Zeitrechnung bei den Kajan eine mehr oder weniger willkürliche und
+vom Ackerbau abhängige (Siehe Kap. VIII).
+
+Der Monat oder, wie sie sagen, der Mond (_bulan_) spielt bei den Kajan
+eine grössere Rolle als das Jahr (_duman)_, von dem kaum jemand recht
+weiss, aus wievielen Monden es besteht. Für gewöhnlich rechnen sie
+ein bis zwei Monde auf die Saat, 5 Monde auf die Zeit, die der Reis
+zum Reifen nötig hat, zwei bis drei Monde auf die Ernte und drei
+Monde bis zur folgenden Saat.
+
+Die verschiedenen Monde besitzen bei den Bahau keine besonderen Namen.
+
+Bei den Mendalam Kajan besitzen die verschiedenen Tage in der Zeit
+des sichtbaren Mondes folgende Namen in der Busang Sprache: _njina_
+(sehen) _dang_ (genügend); _matan_ (Auge) _dang; lekurdang; butit_
+(Bauch) _halab_ (Tetradon, ein Kofferfisch) _ok_ (klein); _butit
+halab aja_ (gross); _keleong_ (Körper) _paja ok; keleong paja aja;
+beliling_ (Rand) _dija_ und _kamat_ (voller Mond). Die folgenden Tage
+tragen die gleichen Namen, aber in umgekehrter Reihenfolge und mit der
+Hinzufügung von _uli_ = nach Hause gehen. Die Tage des unsichtbaren
+Mondes werden nicht bezeichnet.
+
+Die verschiedenen Tageszeiten heissen im Busang der Mendalam Kajan:
+_dow_ (Tag) _bekang_ (offen, gespalten), um 6 Uhr morgens; _dow
+njirang_ (scheinen) _mahing_ (kräftig), um 9 Uhr ungefähr; _dow
+negrang_ (aufrecht) _marong_ (wirklich), um 12 Uhr; _dow njaja_
+(gross), um 4 Uhr; _dow lebi_ (klein), um 6 Uhr abends.
+
+Die Mahakam Kajan besitzen für die Tageszeiten andere Bezeichnungen:
+_beluwa_ (halb) _dow_, um 12 Uhr mittags; _dow uli_ (von der Feldarbeit
+heimkehren), ungefähr 4 Uhr; _tiling_ (ein Heimchen, das sich nur
+bei Sonnenuntergang hören lässt) _duan_ (tönen), um 6 Uhr.
+
+Während die übrigen Stämme mit den Saatfesten und Verbotszeiten
+bereits begonnen hatten, trafen die Kajan erst ihre Vorbereitungen. Am
+13. Oktober liess auch _Kwing Irang_ endlich für seinen Stamm die
+Verbotszeit eintreten, die auch für uns eine Zeit grosser und sehr
+erwünschter Ruhe wurde, denn weitaus die meisten arbeitsfähigen
+Familienglieder zogen bereits morgens früh nach ihren Reisfeldern,
+um dort die erforderlichen Zeremonien zu verrichten und mit dem Säen
+zu beginnen. Da die Bahau bei dieser Gelegenheit intim mit ihren
+Geistern verkehren und die Gegenwart der schreckenerregenden Fremden
+hierbei von nachteiligem Einfluss ist, überwand ich, um mit allen
+Leuten auf gutem Fuss zu stehen, meine Neugier und blieb mit den
+Meinen ruhig zu Hause. Übrigens hatte ich ja auch schon am Mendalam
+das Saatfest miterlebt. Die Verbotszeit erstreckte sich auch auf uns,
+und so genossen wir, da ausser Kajan niemand zur Niederlassung Zutritt
+hatte, auch von aussen her der Ruhe.
+
+Als _Tigang_ mit den Seinen bereits am 16. Oktober bei uns eintraf,
+durfte er unser Dorf nicht betreten. Er hatte den Merasè hinauffahren
+wollen, um die Ma-Suling zu besuchen, hatte aber seinen Plan aufgeben
+müssen, da bei diesen am Tage zuvor die Verbotszeit eingetreten war.
+
+Die Ma-Suling vom Mendalam waren dort noch rechtzeitig, zwei Tage
+zuvor, angekommen, durften nun aber vor Ablauf des _lali nugal_
+nicht von dort weg. _Tigang_ hatte auch die Niederlassung Lulu Njiwung
+wegen des _lali_ gesperrt gefunden und war dann flussabwärts bis nach
+Long Tepai gefahren, wo er Reis für seine Rückreise hatte einkaufen
+können. Er hatte die Absicht, bei _Belarè_ einen günstigen Wasserstand
+abzuwarten und dann schnell nach dem Mendalam zurückzukehren; daher
+beendeten wir eiligst unsere Briefe und Berichte für die Aussenwelt und
+reichten sie ihm unter _Kwing Irangs_ Zustimmung in sein Boot. Reis,
+Tabak und andere Dinge durften wir ihm jedoch nicht mitgeben.
+
+Glücklicher Weise war es meinen Jägern und Pflanzensuchern, falls
+sie nicht die Nacht fortblieben, gestattet, täglich in der Umgegend
+umherzuschweifen. Abends waren wir wohl ein bis zwei Stunden damit
+beschäftigt, den Kajan die vom Felde mitgebrachten Insekten und
+anderen Tiere abzukaufen; _Demmeni_ und zwei der geschicktesten
+Malaien, _Murchar_ und _Abdul_, übernahmen die Verpackung der
+Tiere. Gleichzeitig suchte _Demmeni_ auch den Schaden, den die
+photographischen Apparate während der Reise durch Feuchtigkeit erlitten
+hatten, wieder gut zu machen, was ihm auch, dank der praktischen
+Ausrüstung an Werkzeugen aller Art, die er mitgenommen hatte, glückte.
+
+Der Kontrolleur, der bisher jeden Tag _Adjang, Akam Igaus_ Sohn,
+unterrichtet und gleichzeitig auch von ihm gelernt hatte, gab sich
+alle Mühe, diese Quelle des Busang noch nach Möglichkeit auszunützen;
+denn so gern wir diesen allgemein beliebten Reisegesellen auch bei
+uns behalten hätten, mussten wir ihn jetzt doch mit seinem Vater,
+der sich zu den Kenja am Tawang begab, weiter ziehen lassen, da _Akam
+Igau_ aus Furcht vor seiner Tochter _Tipong_ nicht wagte, _Adjang_
+zurückzulassen, obgleich dieser selbst gern bei uns geblieben wäre.
+
+Inzwischen überlegte ich mit _Bier_, was mit Rücksicht auf die
+Überzeugungen unserer Gastherren im Augenblick für die Aufnahme des
+Mahakamgebietes getan werden konnte. Ein systematisches Zuwerkegehen,
+wie in einem Lande, in dem man sich jederzeit frei bewegen kann,
+war hier unmöglich. Am wünschenswertesten wäre es gewesen, mit der
+Messung des Mahakam vom Howong an zu beginnen, aber in dieser Zeit
+des _lali nugal_ durften wir nicht von Hause fort, ich musste sogar
+6 Tage warten, bevor ich _Bier_ von einem hoch gelegenen Reisfelde
+aus eine Übersicht über die Umgegend geben durfte. Die Reisfelder
+liegen hier nämlich nicht, wie in dem flachen Lande am Mendalam,
+tief, sondern an den Abhängen oder auf den Gipfeln der Hügelreihen,
+welche die Kajan zu diesem Zweck entwaldet haben. Da sich die Felder
+oft bis 200 m oberhalb des Mahakam befinden, bieten sie prachtvolle
+Aussichtspunkte auf die mit dichtem Walde bedeckte Umgebung.
+
+Ein viel verlockenderer Aussichtspunkt lag jedoch gegenüber, am
+anderen Ufer des Mahakam, nämlich ein ganz freistehender, oben
+beinahe kahler, 800 m hoher Andesitkegel, der Batu Mili, der ein
+prachtvolles Panorama des oberen Mahakamgebietes liefern und daher
+auch für unseren weiteren Plan der Aufnahme von grösster Wichtigkeit
+sein musste. Dieses ins Auge fallende Ungeheuer, das seinen 100 m
+hohen zylinderförmigen Gipfel so unheilverkündend grau aus dem mit
+dunkelgrünem Urwald bedeckten Kegel erhob, hatte natürlich auf die
+Gemüter der Kajan tiefen Eindruck gemacht.
+
+Über den Ursprung des Batu Mili und über seine Rolle als Wohnplatz
+vieler Donnergeister bestehen zahlreiche Erzählungen und sowohl sein
+Gipfel als auch die Wälder auf seinen Abhängen flössen Schrecken
+ein; selbst die am anderen Ufer oberhalb am Fluss wohnenden Malaien
+vermeiden den Berg. Nur in grosser Entfernung darf man Wald zur
+Anlage von Reisfeldern fällen und dem in diesen unberührten Wäldern
+zahlreichen Wild Fallen stellen.
+
+Die Angst der Kajan vor dem Batu Mili erscheint um so unverständlicher,
+als sie sehr wohl wissen, dass ein Mann einst einen Monat lang
+unbeschadet auf seinem Gipfel zugebracht hat. Wie mir nämlich _Lirung,
+Kwing Irang_s Nichte, erzählte, hatte in ihrer Jugend, vor zwanzig
+Jahren, in dem damals weiter oben gelegenen Hause ihres Vaters ein
+Mann gewohnt, für den das Leben nach dem Tode seiner Frau keinen Reiz
+mehr hatte. Um mit der geliebten Gattin in _Apu Kesio_ bald wieder
+vereinigt zu werden, beschloss der Mann, sich das Leben zu nehmen. Er
+hielt es jedoch für des Gedächtnisses seiner Frau unwürdig, sich auf
+die übliche Weise, durch Ertränken, Halsabschneiden oder Pfeilgiftessen
+umzubringen, und bestieg daher den Batu Mili, in der Hoffnung, von
+den auf dem Gipfel hausenden Geistern getötet zu werden. Länge hörte
+man nichts von dem Manne, bis er eines Tages entsetzlich abgemagert,
+sonst aber unversehrt, zurückkehrte--die Geister hatten ihn nicht
+töten wollen. Er lebte noch mehrere Jahre im Stamme, heiratete aber
+nicht wieder. Einige meiner Leute hatten ihn noch gekannt.
+
+In der letzten Zeit, wo die Kajan in nächster Nähe ihres Dorfes
+nach Grundstücken suchten, hatten sich einzelne doch viel näher an
+den gefürchteten Berg herangewagt als früher. So hatte einer der
+angesehensten Männer des Stammes, _Bo Kwai_, dessen Sohn _Maring_
+uns bei unserem vorigen Besuch oft als Führer gedient hatte, sogar
+auf dem westlichen Rücken des Batu Mili sein Reisfeld anzulegen
+gewagt. Nach diesem hochgelegenen Punkte wollte ich _Bier_ zur
+Orientierung führen, zugleich aber auch versuchen, längs dieses
+Rückens, der, nach den Gipfeln der Bäume zu urteilen, am höchsten auf
+die nach allen anderen Seiten senkrecht abfallende Spitze hinaufführte,
+zu einem noch günstigeren Aussichtspunkte zu gelangen. _Kwing Irang_
+schüttelte das Haupt und erklärte bestimmt, dass wenigstens der Gipfel
+des Berges nicht zu besteigen sei. Keiner der Kajan wollte uns weiter
+als bis zum Reisfeld des _Bo Kwai_ führen und auch dahin wollten
+nur zwei mit; die anderen fürchteten, dass man sie am Ende doch noch
+zwingen würde, in diese schreckenerregenden Wälder einzudringen. Meine
+eigenen Leute waren, als Fremde in dieser Gegend, weniger bang vor
+den Geistern des Batu Mili und drei der besten, der Korporal _Suka_,
+der dajakisches Blut mit malaiischer Energie vereinigte, und zwei
+Pinau Malaien erklärten sich zum Mitgehen bereit. Unter dem fremden
+Gesindel, das sich am Mahakam auf hielt, befand sich auch der bereits
+erwähnte Chinese _Mi-Au-Tong_, der wegen Schulden aus Pontianak erst
+nach Sintang, dann an den oberen Kapuas und schliesslich an den oberen
+Mahakam geflüchtet war; da der Mann die Umgegend kannte und auf einen
+guten Taglohn erpicht war, nahm ich ihn mit.
+
+Am Morgen des 22. Oktober machten wir uns auf den Weg. Über die
+neu angelegten Reisfelder am Fusse des Berges gelangten wir an einen
+bewaldeten Abhang, den wir hinaufstiegen, bis wir endlich nach einigen
+Stunden auf 650 m Höhe vor einer senkrechten Felswand standen, die
+ein Erklimmen des Gipfels unmöglich zu machen schien. Die Vegetation
+kam uns aber auch diesmal zu Hilfe, denn die Malaien entdeckten bald
+hinter ein paar Felsblöcken eine 2-3 m breite Felsspalte, an welcher
+einige mächtige Lianen wie dicke Kabel herabhingen und eine vorzügliche
+Gelegenheit zum Klettern boten. Meine barfüssigen Begleiter kletterten
+denn auch sogleich an den Lianen hinauf und schwangen sich dann auf
+eine durch Baumwurzeln zusammengehaltene Felsmasse an der rechten Seite
+der Spalte. Von dort aus fanden sie augenscheinlich eine Möglichkeit
+zum Weiterkommen; denn ihre Stimmen verklangen mehr und mehr. Da ich
+mit meinen beschuhten Füssen das Kletterkunststück meiner Leute nicht
+nachmachen konnte, rief ich sie mit meiner Pfeife zurück, um ein Mittel
+zu ersinnen, das auch mich über die Felswand brächte. Dünne, gerade
+Stämmchen und Rotang, um sie zu verbinden, waren in nächster Nähe im
+Überfluss vorhanden; so war denn bald eine Art Leiter hergestellt,
+auf der ich unter Zurücklassung meines Hundes und Stockes gut folgen
+konnte. Der Hund erhob allerdings ein Jammergeheul, das erst endete,
+als ich mich später wohlbehalten wieder bei ihm einfand.
+
+Weiter oben ging es an einer Seitenwand des Rückens hinauf, wobei wir
+die Hände mindestens ebensoviel als die Füsse gebrauchten. Zwischen
+Gestrüpp hindurch führten mich meine Begleiter über moosbedeckte
+Wurzeln den Abhang aufwärts, der ohne diese gänzlich unzugänglich
+gewesen wäre. Vor und hinter mir achtete je ein Malaie darauf, dass
+die Wurzeln, denen ich mein Gewicht anvertraute, auch stark genug
+waren und dass ich meinen Fuss nicht auf Moos setzte, das von unten
+nicht genügend gestützt war oder auf einem verfaulten Baumstamm lag. So
+kamen wir langsam aber doch stetig vorwärts und, nachdem wir noch einen
+Punkt passiert hatten, von dem aus ich auf Anraten des Chinesen nicht
+nach rechts blicken durfte, wurde der Rücken weiter oben gangbarer,
+da wir einem augenscheinlich durch Tiere unterhaltenen Pfade folgen
+konnten. Wir mussten ihn zwar kriechend zurücklegen, standen aber
+bald vor der nackten Felswand dicht unter dem Gipfel. Ein Spalt
+in der Mauer und einige Unregelmässigkeiten im Gestein genügten,
+um meine Leute bei 70° Steigung über die 20 m hohe Wand zu bringen,
+und, da sie der Meinung waren, dass ich, einmal so weit gekommen,
+nun auch die Spitze besteigen müsste, entledigte ich mich meines
+Schuhwerks und langte mit einiger Hilfe ebenfalls oben an.
+
+Nachdem wir die herrliche Aussicht über die weite Waldlandschaft
+genossen hatten, beeilten wir uns, auf dem gleichen Wege wieder nach
+Hause zu gelangen, und kamen in der Tat glücklich, wenn auch sehr
+ermüdet, heim.
+
+Das Erstaunen der Kajan über das unerwartete Gelingen unseres
+Unternehmens war gross; sie hatten von unserer Anwesenheit auf dem
+Gipfel aber nichts gemerkt und auch unsere Schüsse nicht gehört,
+so dass ein an einen Stock gebundenes Stück weissen Kattuns, das wir
+oben als Signal zurückgelassen hatten, unserer Erzählung als Beweis
+dienen musste.
+
+In Anbetracht, dass wir auf dem Gipfel für Beobachtungen keine
+Zeit gehabt hatten und _Bier_ auch nicht dabei gewesen war, nahm
+ich mir vor, bald wieder dorthin zurückzukehren. _Kwing Irang_,
+von Natur unternehmend, aber durch seine Umgebung und seinen
+Aberglauben eingeschüchtert, erklärte sich jetzt sogleich bereit,
+mich zu begleiten. Darauf meldeten sich auch einige zwanzig junge
+Kajan als Begleiter auf den bisher so gefürchteten Berg an; doch
+musste die zweite Besteigung bis nach Ablauf der Verbotszeit und der
+drückendsten Arbeit während der Saatzeit verschoben werden.
+
+In allgemeinen gelten am Mahakam für die Verbotszeit die
+gleichen religiösen Vorschriften wie am Mendalam, doch machen sich
+Verschiedenheiten in der Auffassung der _adat_ geltend. Die Saatzeit
+zerfällt in drei neuntägige Perioden, von denen jede, nach Rechnung
+der Kajan, aus einem Opfertag und acht Nächten besteht.
+
+Am ersten Tage der ersten Saatperiode begiebt sich der Häuptling mit
+den Seinigen und vielen anderen Familien auf das Reisfeld, um den
+Geistern zu opfern (_murang)_. Da die Geister am Geruch merken können,
+wer sich am Opfer (_kurang_) beteiligt hat, werden auch die sehr
+kleinen Kinder mitgenommen, damit auch diese das Opfer berühren. Bei
+dieser Art des Opfers wird zweimal im Laufe des Vormittags eine
+Mahlzeit gehalten. Darauf müssen die Kajan acht Tage _melo_.
+
+Am ersten Tage der zweiten Periode findet das Maskenspiel statt.
+
+Am zweiten Tage beginnt man das grosse Feld des Häuptlings zu besäen,
+eine Arbeit, an der sich Vertreter sämtlicher Familien sowohl der
+Freien als der Sklaven beteiligen. Am gleichen Tage opfern die Familien
+der Freien auf ihren eigenen Feldern, worauf sie an den Tagen zu säen
+beginnen, die sich für sie in dieser Periode als günstig erwiesen
+haben. Gewisse Tage sind nämlich nur für gewisse Familien günstig;
+der Häuptling darf nur am 1ten, 3ten und 7ten Tage säen, andere
+Familien haben wieder andere Saattage. Die Tage, an denen nicht gesät
+werden darf, leiten sich von Todes- oder grossen Unglücksfällen oder
+besonderen Missernten her. Alle diese Bestimmungen gelten nicht nur
+für diese zweite neuntägige Periode, sondern auch für die dritte,
+ebenfalls neuntägige Saatperiode. Während der zweiten Periode darf aber
+nur an sechs Tagen gesät werden, der achte und neunte sind Ruhetage.
+
+Am folgenden Tag beginnt die dritte Periode mit Maskenspiel und
+verläuft in gleicher Weise.
+
+Haben am zweiten Tage der dritten Periode Freie und Sklaven wieder für
+den Häuptling gesät, so dürfen letztere mit dem Besäen der eigenen
+Felder beginnen; sie opfern jedoch nicht selbständig, sondern mit
+dein Häuptling gemeinsam.
+
+Das grosse Reisfeld des Häuptlings wird _luma ajo_ genannt.
+
+Jede Kajanfamilie richtet am zweiten Tage der ersten Periode auf ihrem
+Felde ein Opfergerüst (_pelale_) auf, mit dem die Säer während des
+Säens in Verbindung bleiben müssen; daher ist es Fremden verboten,
+zwischen diesen und dem _pelale_ hindurchzugehen; auch dürfen die
+Kajan sich auf dem Felde nicht mit Fremden abgeben, vor allein nicht
+mit ihnen sprechen. Ist dies zufällig doch geschehen, so hört man an
+diesem Tage mit dem Säen auf.
+
+Die erste neuntägige Periode bildet die eigentliche Verbotszeit,
+während welcher kein Fremder die Niederlassung betreten und kein
+Dorfbewohner die Nacht ausserhalb des Hauses verbringen darf. Ferner
+dürfen die Kajan nicht jagen, Früchte pflücken und mit dem Wurfnetz
+(_djala_) oder Schöpfnetz (_hiköp_) fischen gehen. Im Gegensatz zu der
+_adat_ der Mendalam Kajan dürfen die Mahakam Kajan in dieser Zeit Blut
+vergiessen, indem sie Schweine und Hühner schlachten, auch ist Angeln
+(_niese_) erlaubt und menstruierenden Frauen gestattet, das Reisfeld
+zu betreten. Dagegen dürfen die Frauen in dieser Periode einige Arten
+Fische nicht essen. Auch ist es bei ihnen _lali_, nach Anfang der Saat
+zeit die Felder durch Fällen von Wald noch zu vergrössern, und erst,
+nachdem vier Tage der zweiten Periode verlaufen sind, darf das kleine,
+übriggebliebene Holz auf dem Felde verbrannt werden.
+
+In den letzten Tagen vor der Maskerade haben besonders die jungen Leute
+vollauf mit den Vorbereitungen zu tun. Die ursprüngliche Bedeutung
+dieses Maskenspiels lässt sich nur noch an dem Geistertanz, den die
+jungen Männer aufführen, erkennen. Das Spiel wurde, wahrscheinlich weil
+der Stamm nun zum ersten Mal wieder beisammen wohnte und als Ganzes
+das Fest feierte, gerade jetzt vollständig aufgeführt, was bei meinem
+vorigen Aufenthalt und auch im folgenden Jahr nicht mehr der Fall war.
+
+Ihrer Überzeugung gemäss, dass die Geister mächtiger sind als die
+Menschen, nehmen die Kajan an, dass, wenn sie die Gestalt der Geister
+nachahmen und deren Rollen erfüllen, sie auch Übermenschliches zu
+leisten vermögen. Gleichwie ihre Geister also die Seelen der Menschen
+zurückzuholen im stande sind, glauben diese, auch die Seelen des
+Reises zu sich heranlocken zu können. Zu diesem Zwecke handhabt die
+Hauptperson beim Maskenspiel einen langen, hölzernen Haken (_krawit
+bruwa_), dessen Schaft teilweise zu langen, feinen Spänen zerschnitten
+und mit diesen verziert ist (Siehe Taf.: _hudo kajo_). Die Darsteller
+treten in einem bestimmten Augenblick hinter einander in eine Reihe
+und reichen einander hinter der Hauptperson, die voranschreitend den
+langen Haken in die Höhe hebt, die Hand. Hierauf macht der Vordermann,
+und mit diesem zugleich auch die ganze Reihe, eine Bewegung, als wolle
+er mit dem langen Haken etwas zu sich heranholen, nämlich die Seelen
+des Reises, die sich bisweilen zum Kapuas und Barito verirren.
+
+Wie wichtig die Bahau es finden, dass sich die Reisseelen stets in
+ihrer Nähe aufhalten, ersieht man daraus, dass _Belarè_ die Missernten
+der letzten Jahre dem Umstande zuschrieb, dass beim Verbrennen seines
+Hauses durch die Batang-Lupar auch die Reisseelen vertrieben worden
+waren. Da Geister nach Auffassung der Kajan nicht sprechen können,
+dürfen auch deren Darsteller kein Wort äussern, da sie sonst Gefahr
+laufen, tot niederzufallen.
+
+Entsprechend ihrer Vorstellung, dass die mächtigen Geister mit
+allem, was ihnen selbst schreckenerregend vorkommt, ausgestattet
+sind, verwandeln sich die jungen Männer in stark behaarte Wesen
+mit grossen Augen, riesigen Hauern und grossen, mit den Eckzähnen
+der Panther verzierten Ohren. Eine mit den schönen Schwanzfedern
+des Rhinozerosvogels geschmückte Kriegsmütze und ein Schwert
+vervollständigen das Kostüm.
+
+Um die starke Behaarung nachzuahmen, werden grosse Bananenblätter
+seitlich ausgefranst und mit dem Hauptnerv um den ganzen Körper
+gewickelt, der auf diese Weise in eine unförmliche grüne Masse
+verwandelt wird.
+
+Mehr Mühe kostet die Herstellung der grossen Masken aus leichtem,
+weissem Holz (_hudo kajo)_, die besonders bei den Kajan und Long-Glat
+sehr kunstgemäss und sorgfältig geschnitzt werden. Gewöhnlich stellt
+jeder junge Mann seine eigene Maske her, aber einige besonders
+Geschickte legen bisweilen an die der anderen die letzte Hand
+an. Obwohl die Linien und Flächen der Masken sehr grotesk sind,
+werden sie doch stets deutlich und symmetrisch ausgeführt; auch
+die später angebrachte Malerei zeugt von dem Farbensinn, der diesen
+Stämmen eigen ist. Das Gesicht besteht aus einem einzigen Stück, nur
+der Unterkiefer wird gesondert angebracht, um ihn während des Tanzes
+klappernd bewegen zu können. Sowohl im Ober- als im Unterkiefer werden
+die grossen Hauer mittelst hölzerner Stifte befestigt. Wenn möglich,
+stellt man die Augen durch Deckel von Spiegeldosen, sonst aber durch
+Deckel der runden, kupfernen Beteldosen dar.
+
+Die grossen, oft schön geschnitzten Ohren bestehen aus Scheiben, in
+denen oben künstliche Pantherzähne stecken, während unten, an langen
+Bändern, welche die ausgereckten Ohrläppchen vorstellen, Ohrgehänge
+hängen. Die Ohrverzierungen werden nach den veralteten Modellen, die
+jetzt nur noch als Antiquitäten aufbewahrt werden, verfertigt. Als
+Bart benützt man, wenn möglich, das aus Celebes eingeführte weisse
+Ziegenhaar (_bok kading)_, das bei den Bahau als Verzierung für
+Schwerter und Schwertscheiden sehr beliebt ist. Diejenigen, die
+Ziegenhaar nicht erschwingen können, begnügen sich mit einem Bart aus
+den weissen Fasern der Ananasblätter, aus denen auch Zeuge hergestellt
+werden. An der Maske werden Nasenlöcher oder Öffnungen zwischen Nase
+und Augen angebracht, die dem Darsteller das Hindurchsehen gestatten.
+
+Werden bei besonderen Gelegenheiten, die Tänze von Priestern
+aufgeführt, so benützen sie lange, weisse Späne von Fruchtbaumholz,
+um die Haare darzustellen.
+
+Die Verkleidung fand auf einer weiter oben im Mahakam gelegenen
+Geröllbank statt, nachdem alle in Ruhe ihr Mahl beendet und die letzten
+Vorbereitungen für die Maskerade getroffen hatten. In einigen langen
+Böten, von kleinen Knaben gerudert, kamen die sehr wild aussehenden
+Gestalten flussabwärts bis zur Landungsstelle gefahren, wo andere
+Männer damit beschäftigt waren, nach dem Bad ihre schönsten und
+längsten Lendentücher um die Hüften zu schlingen. Ebensowenig wie
+die Bahau für sich selbst einen guten Bade- oder Anlegeplatz am Ufer
+freihalten, indem sie etwa in den Fluss gestürzte Baumstämme aufräumen,
+hatten sie jetzt für die Landung der Geister, die ihnen zu einer guten
+Ernte verhelfen sollten, irgend welche Vorbereitungen getroffen. So
+landete denn die phantastische Gesellschaft zwischen halb verfaulten
+Baumstämmen und den Erdmassen, die bei dem niedrigen Wasserstand zum
+Vorschein kamen.
+
+Schweigend bestiegen die Geister das hohe Ufer und begaben sich
+sogleich auf den freien Platz, der sich zwischen der provisorischen
+Wohnung des Häuptlings und der unsrigen befand. Hier wurden sie von
+einer zahlreichen Menge erwartet, die ihre schönsten, mit Stickereien
+und Figuren verzierten Kleidungsstücke angelegt hatte. Viele Kinder
+und junge Frauen prunkten auch noch mit schön gearbeiteten Mützen,
+Armbändern und Halsketten. Ich hatte jetzt Gelegenheit, alles Schöne,
+was der Stamm an Perlenarbeiten und Stickereien besass, kennen zu
+lernen; für gewöhnlich werden diese Herrlichkeiten verborgen gehalten.
+
+Um alles besser beobachten zu können, begab ich mich zu _Kwing Irang_,
+den ich in seiner Reisscheune mitten unter allen Körben mit Kampfhähnen
+hockend antraf. Von hier aus, nicht allzu hoch über dem Erdboden,
+konnten wir den Tanz gut beobachten.
+
+In einem bestimmten, auf dem Gong angegebenen Rhythmus, von dem, bei
+Gefahr eines Unglückes für die Teilnehmer, nicht abgewichen werden
+durfte, stellten sich die grünen Massen in brennender Mittagssonne
+in einen Kreis und führten unter begleitenden Armbewegungen und
+Schütteln und Drehen des Hauptes allerhand Schritte aus. Gegen 12 Uhr
+kamen noch einige verkleidete junge Leute von dem Flüsschen Ikang,
+um die Zahl der Geister zu verstärken, so dass ihrer dieses Jahr
+23 waren. Nachdem sie eine gute halbe Stunde getanzt hatten, wobei
+ihnen ihre kühle Bedeckung in der Hitze sicher gut zu statten kam,
+stellten sich alle hinter einander, um die _bruwa parei_ (Seele des
+Reises) aus fernen Gegenden zu sich zu holen.
+
+Bald darauf begannen die _hudo kajo_ (Verkleidete mit Holzmasken)
+doch zu ermüden und der Anführer begab sich mit seinem _krawit bruwa_
+voran in den Versammlungssaal, der die Menschenmenge kaum zu fassen
+vermochte. Daher wurde die Kinderschar entfernt und für die grünen
+Geister in der Mitte ein freier Raum geschaffen, worauf sich die
+unförmlichen, mit grotesken Masken gekrönten Grashaufen am Boden
+niederliessen und, nach den Bewegungen der Blätter zu urteilen, auf
+sehr menschliche Weise nach Luft zu schnappen begannen. Einer der
+Vermummten hielt es hinter seiner Maske nicht aus und legte sie ab,
+um zu trinken. Da verliess _Kwing Irang_ seine krähende Gesellschaft
+und begab sich ebenfalls in den Saal, wo er sich zwischen einigen der
+ältesten vornehmen Männer niederliess und auch mir einen Platz anbot.
+
+Wahrscheinlich hatte man diesen Augenblick erwartet, denn plötzlich
+wurde alles still und _Kwing Irang_ benützte die Gelegenheit, um
+durch den Mund eines der Ältesten den Masken und durch diese dem
+ganzen Stamme öffentlich zu verkünden, dass wir Weissen wiederum
+gekommen waren, um längere Zeit unter ihnen zu wohnen, dass wir
+nichts Böses im Schilde führten und er daher von allen erwartete,
+dass sie uns helfen und nie hindern würden. Ein gutmütiges Gebrumm
+oder Gebrüll stieg aus den grünen Haufen hervor und die Masken gaben
+durch sprechende Kopfbewegungen ihr Einverständnis zu erkennen,
+das auf uns eine sehr beruhigende Wirkung ausübte.
+
+Dieser feierliche Austausch der Gedanken und Gefühle wurde durch das
+Gejauchze unterbrochen, das die Kinder draussen beim Erblicken einer
+langen Reihe von Korbmasken (_hudo adjat_) anhoben. Was uns betraf,
+so wurden wir weit mehr durch eine folgende Reihe _hudo lakeuj_,
+lieblicher junger Mädchen, die in Männerkostüm an der Maskerade
+teilnahmen, gefesselt.
+
+Die _hudo adjat_ besteht aus einem Rotangkorb, überzogen mit weissem
+Zeuge, auf welchem man mittelst einiger Lappen, einiger blinkender
+Deckel und ein paar Kattunstreifen, an welche Ohrringe gehängt werden,
+die charakteristischen Merkmale eines Kajankopfes nachahmt. In diesen
+Korb wird der Kopf zur Hälfte hineingesteckt und der ganze Körper dann
+mit einer Jacke und grossen Tüchern behängt; durch zwei Bambusstöcke
+werden die Ärmel der Jacke seitlich in die Höhe gehalten. Diese
+unförmlichen Gestalten bewegten sich im Tanzschritt über den Platz;
+aber trotz des Geflüsters, dass hinter diesen Masken die höchsten Damen
+der Kajanwelt, ja sogar die beiden Frauen von _Kwing Irang_ verborgen
+waren, konnten sie unser Interesse doch nicht von den jungen Mädchen
+ablenken, die in dem ihnen ungewohnten Kostüm schüchtern hinter den
+_hudo adjat_ einherschritten.
+
+Der Gegensatz zwischen den jungen, vollen Gestalten in der kleidsamen,
+kecken Männertracht und den formlosen Massen war allerdings gross
+genug. Die jungen Mädchen hatten auf ihre Kleidung mehr Geschmack und
+Sorgfalt verwandt als die jungen Männer selbst zu tun pflegen. Die
+Tücher um Lenden und Haupt aus reinem, weissem Kattun oder Baumrinde
+waren gefällig geschlungen und auch das Schwert und der lange Schal
+waren geschmackvoll gewählt worden. Bereits 1896 waren mir diese
+Mädchen, bevor ich sie noch als solche erkannt hatte, durch ihre
+hübsche Kleidung unter der Menge aufgefallen. Nur einige von ihnen
+schienen die Vorstellung bereits öfters gegeben zu haben, zeigten
+sich freier und wagten selbst einen Tanzschritt anzuschlagen; die
+meisten befanden sich überdies noch in einer ihnen fremder. Umgebung,
+so dass die Zuschauer sicher mehr Genuss von der Vorstellung hatten
+als sie selbst. Das Urteil der Frauen über diese Gruppe lautete nicht
+günstig, auch schienen sich die Gattinnen des Häuptlings unter ihren
+Körben über ihre jüngeren Gefährtinnen geärgert zu haben, wenigstens
+versprach uns mittags _Uniang Anja, Kwing Irangs_ zweite Frau, dass
+sie abends mit einigen Auserwählten in der _amin_ des Häuptlings die
+Vorstellung wiederholen wollte und zwar wie es sich gehörte.
+
+Unsere Aufmerksamkeit fand eine plötzliche Ablenkung. Die Menschenmenge
+stob aus einander und aus dem Walde hinter dem Hause traten sechs
+zerlumpte Individuen hervor. Zerschlissene Matten umhüllten ihren
+Körper, auf dem Kopfe trugen sie schmutzige, alte Rotangkappen
+oder Mützen aus Fell, das bereits die Haare verloren hatte; alte
+Tragkörbe, hölzerne Speere und übertrieben grosse Pfeilköcher in
+Form von für Schweinefutter bestimmten Baumbusgefässen an der Seite
+vervollständigten die Ausrüstung. Nach allen Seiten scheue Blicke
+werfend schlich die Bande vorsichtig heran und wurde, besonders
+seitens der Jugend, mit Jubel und Spott begrüsst. Uns wäre die
+Bedeutung dieser Szene unverständlich gewesen, wenn man uns nicht
+gesagt hätte, dass man sich gelegentlich der Maskenperiode auch
+über Menschen und Zustände lustig mache. Hier handelte es sich um
+eine Verspottung des Lebens der Punan in den Wäldern. Die Punan,
+die von den Bahau im Grunde sehr gefürchtet werden, bilden nämlich
+ihrer eigentümlichen Lebensweise wegen einen dankbaren Gegenstand
+für den Spott. Die Darsteller ernteten daher auch reichen Beifall
+seitens des Publikums; wahrscheinlich macht man sich bei nächster
+Gelegenheit über uns Europäer lustig, indem man uns etwa beim Pflanzen-
+und Steinesammeln oder beim Enthäuten der Vögel darstellt.
+
+Hierauf führten kleine Knaben allerhand Vorstellungen auf, die wir
+nicht gut verstanden, die den Zuschauern aber grossen Spass bereiteten.
+
+Inzwischen hatten sich die _hudo kajo_ in ihren Wohnungen oder,
+falls sich diese noch nicht hier befanden, in einer verborgenen Ecke
+mit Hilfe ihrer Angehörigen ihres grünen Geistergewandes und ihrer
+Masken entkleidet und wollten augenscheinlich die Gelegenheit, mit
+so vielen zusammenzusein, nicht vorübergehen lassen, ohne sich mit
+einander im Kreiselspiel, das alle Kajan leidenschaftlich lieben,
+zu messen. Die gebräuchlichen Kreisel (_asing_) sind ungefähr 3 dm
+hoch, haben eine eirunde, seitlich abgeplattete Form und enden oben
+in einer stumpfen Pyramide, unten in einer stumpfen Spitze. Sie
+werden aus dem härtesten und schwersten Holze hergestellt, zuerst
+mit einem Meissel roh bearbeitet und dann mit der Hand beschnitten
+und oft sorgfältig geglättet.
+
+Der Kreisel wird dadurch in Bewegung gebracht, dass man ihn von oben
+an mit einer dünnen Schnur, die allmählich dicker wird und an ihrem
+Ende einen Durchmesser von 3 cm erreicht, umwickelt und diese beim
+Schleudern des Kreisels an dem verdickten Ende schnell zurückzieht. Die
+Kreisel, besonders die platteren Formen, lassen, wenn sie von kräftigen
+Männern geschleudert werden, ein lautes Brummen ertönen.
+
+Am Kreiselspiel beteiligt sich stets eine beliebige Anzahl junger
+Leute; der erste Spieler schleudert seinen Kreisel mitten auf den
+freien Platz, der zweite versucht den seinigen derart zu werfen,
+dass er den ersten verdrängt, selbst aber in Drehung bleibt. Sowohl
+bei diesem Spiel als auch bei dem der Kinder im allgemeinen habe ich
+nie einen anderen Zweck erkennen können als Freude am Spiele selbst
+und an der körperlichen Übung; von einer Preisgewinnung ist nie die
+Rede, auch wird nie einer mattgesetzt, so dass auch der Ungeübteste so
+lange mitspielen kann, als er will. Es beteiligten sich 20-30 Männer
+am Spiel.
+
+In dem auf nebenstehender Tafel dargestellten Augenblick hat die
+rechts im Vordergrund stehende Figur ohne Kopftuch soeben den
+Kreisel geschleudert, der im Schatten des Hauses, vom Beschauer
+aus links, unter dem Arm des in Wurfbewegung begriffenen Mannes zu
+erkennen ist. Dieser sowie zwei andere Männer links im Hintergrunde
+halten ihre Kreisel in der Hand, bereit sie im nächsten Moment den
+Vorgängern nachzuwerfen. Weiter rechts ist ein Mann noch gerade in der
+Wurfbewegung begriffen, hat aber augenscheinlich mit seinem Kreisel
+das Ziel verfehlt.
+
+Bereits einige Tage vor diesem Wettspiel hatten sich einige Männer nach
+der Rückkehr vom Reisfeld noch in der Dämmerstunde im Spiel geübt. Das
+Kreiselspiel wird, wie verschiedene andere, nur gelegentlich des
+Saatfestes betrieben. Auch noch in der letzten Saatperiode nehmen
+Erwachsene, meist aber kleine Knaben mit kleinen Kreiseln, das Spiel
+wieder auf. Auf andere Weise wird das Kreiselspiel auch von den
+Malaien an der Westküste gepflegt.
+
+Abends erwies sich der Versammlungssaal als viel zu klein, um alle,
+die das _hudo lakeuj_ der Frauen, unter _Uniang Anjas_ Leitung,
+ansehen wollten, aufzunehmen, trotzdem die Kajan vom Ikang und viele
+weiter wohnenden Familien bereits vor Einbruch der Dunkelheit sich
+auf den Heimweg gemacht hatten. Wir trugen das unsere zum Feste bei,
+indem wir mit Petroleumlampen den Tanzplatz erleuchteten, der sonst
+nur durch Harzfackeln spärlich erhellt wird, was vielleicht für
+die Augen der Kajan, aber nicht für die unseren genügte, um von dem
+Schauspiel einen richtigen Eindruck zu erhalten. Zum Glück bereitete
+unsere Extravaganz uns viel Genuss, denn sechs junge Frauen, die nicht
+nur mit ihrem Äusseren, sondern auch mit ihren Leistungen zu glänzen
+verstanden, folgten _Uniang_. Diese hatte zwar bei ihren 30 Jahren,
+in denen sie oft krank gewesen war, viel an Schönheit eingebüsst, war
+aber ihrer Rolle als Vortänzerin immer noch würdig; sie führte nicht
+nur die Tanzschritte, sondern auch die begleitenden Armbewegungen mit
+Grazie aus. Nach einer bestimmten Melodie, welche auf einer Guitarre
+(_sape_) gespielt wurde, tanzte _Uniang_ auf echt indische Weise,
+mit viel Beugungen und ruhigem Bewegen der Gelenke, aber doch weit
+lebhafter, als es auf Java üblich ist. Die Aufführung wurde von keinem
+Gesang begleitet.
+
+Der Tanz hatte erst nach dem Abendessen, gegen 4 Uhr, begonnen
+und dauerte sehr lange, so dass sich viele der Unseren nach den
+Ermüdungen des Tages bereits vor Ablauf dieses sehr eigenartigen
+Schauspiels zur Ruhe begaben; nur der Kontrolleur und ich mussten,
+als die Hauptpersonen, noch Stand halten. Freilich hatte mich _Kwing
+Irang_, der mit seinem Söhnchen _Hang_ bei uns sass, schon während
+der Vorstellung darauf vorbereitet, dass ich nachher noch an einer
+Beratung teilnehmen musste, da _Li_, Häuptling der Ma-Suling und
+Halbbruder von _Kwing_, schwer krank war und man mich nur, um das
+_lali_ der Kajan nicht zu stören, nicht bereits gerufen hatte. Jetzt,
+wo die Verbotszeit ihr Ende erreicht hatte, war aber auch keine Zeit
+mehr zu verlieren und ich sollte am anderen Morgen sogleich mit einem
+Boot zum Merasè aufbrechen.
+
+Trotz aller Eile fand ich am folgenden Morgen doch noch Zeit, _Jung_
+und die Seinigen, die bereits nachts angekommen waren und jetzt, wo
+unser _lali_ vorüber war, baldmöglichst an den Kapuas zurückkehren
+wollten, noch zu empfangen. Ich gab ihnen wegen ihres Lohnes und der
+Verteilung meiner Böte, die noch am _pangkalan_ Howong im Walde lagen,
+Briefe an den Kontrolleur von Putus Sibau mit. Die Böte verkaufte
+ich für 2 bis 3 Dollar das Stück an Liebhaber und belohnte einzelne
+Häuptlinge noch besonders, indem ich ihnen eines derselben schenkte.
+
+_Kwings_ ältester Sohn, _Bang Awan_, hatte alle Mühe, für die Fahrt
+nach dem Merasè genügend Leute zu finden, weil alle auf ihren Feldern
+eifrig beschäftigt waren; aber nach dem Essen glückte es ihm doch noch,
+eine Bemannung für das Boot zu beschaffen, und so fuhr ich denn mit
+ihm, _Midan_ und meinem Hunde ab. Nach den Berichten, die mir _Jung_
+vom Merasè gebracht hatte, musste der Zustand des Kranken hoffnungslos
+sein; ich hielt es aber doch für geraten, zu ihm zugehen. Auf unserer
+Fahrt, während welcher die Sonne ununterbrochen auf die Wasserfläche
+herniederbrannte, passierten wir unter anderen auch die mir von früher
+her bekannte Niederlassung der Long-Glat, Lulu Njiwung, in der noch
+_lali nugal_ herrschte. Bei Batu Sala legten wir an, um die neuesten
+Nachrichten vom Merasè zu vernehmen, damit wir nicht nach dem Tode
+des Häuptlings dort ankämen und durch das dann eingetretende _lali_
+dort festgehalten würden; auch wollte ich in Batu Sala den Häuptling
+_Paren_ und dessen Familie begrüssen. Die Berichte lauteten zwar
+nicht ermutigend, aber gestorben war _Li_ noch nicht, daher machten
+wir uns schnell auf die Weiterreise und erreichten um 4 Uhr Napo Liu,
+die Niederlassung, in der _Li_ als Gemahl der Frau Eipo lebte, die
+hier Häuptling der Ma-Suling war.
+
+Die Niederlassung bestand aus mehreren grossen, langen Häusern und
+einigen kleineren von malaiischer Bauart und befand sich auf einem
+grossen, flachen Terrain, das trotz des augenblicklich bedeutenden
+Wasserstandes doch noch 4 m hoch war und daher von Überschwemmung nur
+selten zu leiden haben konnte. Mitten in der langen Reihe erhob sich
+das besonders grosse Haus, das die Häuptlingsfamilie mit ihren Sklaven
+bewohnte. Während ich den langen mit Einkerbungen versehenen Baumstamm
+emporkletterte, bemerkte ich, dass das Haus ganz neu war. Seine Wände
+waren grösstenteils noch nicht bearbeitet und auch Feuerherde und
+allerhand Vorrichtungen an der Galerie waren noch nicht angebracht
+worden. Zum Umschauen liess man mir aber keine Zeit, sondern führte
+mich sogleich in die grosse _amin_ zum Kranken. Dieser lag in einem
+Raume, der von dem übrigen grossen Gemache durch eine Wand geschieden
+war. Der früher bereits magere Mann war nun zum Skelett abgemagert
+und lag mit der für die dunklen Rassen charakteristischen grüngrauen
+Totenfarbe halb bewusstlos da. Viele Frauen sassen mit gedrücktem
+Ausdruck um ihn herum, suchten ihm mit kaltem Wasser das Haupt zu
+kühlen, ihm noch etwas Nahrung beizubringen und ihn durch Zuspruch
+bei Besinnung zu erhalten. In dem weiten Raum befanden sich viele
+Menschen, Bahau und Malaien, die alle schweigend Betel kauten, den
+_Bulan_, die Häuptlingstochter, umherreichte.
+
+Bereits der erste Eindruck des Kranken flösste mir wenig Hoffnung
+ein, als ich auch keinen Puls mehr fühlte, wusste ich, dass hier
+nicht mehr zu helfen war. Hätte man mich trotz der Verbotszeit
+einige Tage früher gerufen, so wäre die Aussicht auf Rettung viel
+grösser gewesen; denn die Krankheit, akute Malaria, hatte den für
+Mittel-Borneo typischen Verlauf genommen. Die Fieberanfälle hatten
+sich während 14 Tagen wiederholt, bis sich häufige und wässrige
+Entleerungen des Darmes mit tenesmi einstellten, welche den Zustand
+des Kranken komplizierten. Während der letzten 4 Tage war der Patient
+dadurch sehr geschwächt worden, trotzdem das Fieber stark nachgelassen
+hatte. Wegen des _lali nugal_ der Kajan hatte man gewartet, mit dem
+Resultat, dass die Krankheit nun in kürzester Zeit tötlich verlaufen
+musste. Damit die Schuld an dem Tode nicht mir zugeschoben werden
+konnte, erklärte ich sofort, nicht mehr helfen zu können. Auf meine
+Nachfrage erfuhr ich, dass auch hier wieder die Behandlung des
+Kranken viel zur Verschlimmerung seines Zustandes beigetragen haben
+musste; man hatte ihm, hauptsächlich gegen die Intestinalkrankheit,
+Arzneien der Bahau, Malaien und Chinesen eingegeben, von denen jede für
+sich schon auf einen geschwächten Körper höchst schädlich einwirken
+musste. Ferner hatte der arme Kranke, als sein Zustand ernst wurde,
+auch durch den Aberglauben seiner Umgebung entsetzlich zu leiden,
+da diese ihn durch Zuspruch und selbst durch Anfassen am Einschlafen
+zu verhindern suchte. Die Bahau tun dies, weil sie annehmen, dass die
+Seele den Körper sowohl im Schlafe als beim Tode verlässt und beim
+Einschlafen eines Schwerkranken nicht wieder zurückkehren könne. Selbst
+heftiger Protest seitens des Kranken bringt die Leute nicht von
+ihrer Handlungsweise ab. Für einen europäischen Arzt, der froh ist,
+wenn seine Patienten im Schlafe wieder Ruhe und Stärkung finden, ist
+es sehr schwer, sich in einem derartigen Fall eines Widerspruches zu
+enthalten; und doch muss man sich, um nicht selbst Gefahr zu laufen,
+in hoffnungslosen Fällen hierzu überwinden. Wo indessen begründete
+Aussicht auf Genesung vorhanden war, habe ich die Verantwortung
+gegenüber der verblendeten Familie auf mich zu nehmen gewagt.
+
+Obgleich _Bo Li_ bereits viel zu schwach war, um sprechen zu können,
+und seine Augen auch schon halb gebrochen waren, ermunterte man
+ihn doch ständig dazu, einen Laut von sich zu geben. Ich verliess
+daher schnell das traurige Schauspiel, wurde aber draussen auf der
+Galerie sogleich von Bahau, Malaien und Bakumpai umringt, die alle
+aus Interesse für den Kranken oder aus Furcht, wegen der nach dem
+Tode eintretenden Verbotszeit in der Niederlassung eingeschlossen zu
+werden, sich bei mir erkundigten, ob noch Hoffnung vorhanden sei. Ich
+konnte weder diesen noch den beiden Söhnen des Häuptlings, _Ledju_
+und _Ibau_, die übrigens selbst kaum noch zu hoffen wagten, einen
+tröstlichen Bericht geben. Die Brüder und einige andere stellten
+mittelst einiger Planken auf der Galerie eine Erhöhung her, auf der
+ich mein Klambu aufrichten konnte; auch gaben sie meinem Bedienten
+Reis und ein Huhn, um mir ein Abendessen herzurichten, und zogen sich
+dann zu ihrem Vater zurück.
+
+Ich hatte noch kaum Zeit gehabt, mich durch ein Bad im Fluss nach der
+Hitze und Ermüdung des Tages zu erfrischen, als man mir meldete, dass
+_Temenggung Itjot_, ein malaiischer Häuptling, der mit einer Tochter
+eines anderen Häuptlings in der gleichen Niederlassung verheiratet
+war, mir seine Aufwartung machen wolle; auch eine grosse Gesellschaft
+verwandter Malaien vom oberen Murung, die gekommen waren, um _Itjot_
+nach achtjähriger Abwesenheit in sein Geburtsland zurückzuholen,
+sollte ihn begleiten. Obgleich meine Zusammenkunft mit _Itjot_ 1896
+und 1897 sehr harmlos verlaufen war, erschien mir doch eine Begegnung
+mit einer grossen Gesellschaft Murunger nicht so ganz ungefährlich,
+da sie ganz aus Anhängern des von der niederländischen Regierung
+vertriebenen Sultanats prätendenten _Gusti Mat Seman_ bestand, die
+sich jetzt an den oberen Barito geflüchtet hatten. Nach Landessitte
+kam die ganze Schar, zu meiner Ehre und vielleicht auch zur eigenen
+Beruhigung, mit schönen Schwertern bewaffnet zu mir. Unsere Begrüssung
+durch Händeschütteln verlief mit den alten Bekannten freundschaftlich,
+mit den Neuangekommenen dagegen sehr schüchtern, worauf ich mich,
+allein mit meinem Hunde, mitten unter 25 Feinden meines Vaterlandes
+niederliess. Die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme derjenigen, die
+ich von früher her kannte, zeigte sich sehr verlegen, so übernahm
+ich denn die- Leitung des Gespräches und begann zu erzählen, wie es
+mit dem Kranken stand, auch erkundigte ich mich nach dem Befinden
+von _Itjot_s Familie und kam hiermit auf ein Thema, das die meisten
+interessierte. _Itjot_ kam sogleich auf die Sorgen zu sprechen,
+die ihm die Ernährung eines Kindes, das seine junge Frau an Stelle
+des eigenen, verstorbenen, angenommen hatte, verursachte. Das Kind
+konnte von der Mutter nicht ernährt werden und, da andere Milch
+nicht vorhanden war, musste das Kind mit weich gekochtem Reis und
+Bananen ernährt werden, wodurch es krank geworden war. Ich glaubte,
+hier mehr mit kondensierter Milch als mit Arzneien helfen zu können,
+und so machte ich denn den Pflegevater mit zwei Büchsen Milch
+glücklich und versprach, ihm am folgenden Morgen zu zeigen, wie
+er sie gebrauchen sollte. Meine grosse Freigebigkeit fand durchaus
+nicht den Beifall meines Bedienten _Midan_ und nur zögernd lieferte
+er den ganzen Milchvorrat, den ich augenblicklich bei mir hätte,
+aus. Übrigens verwandelte sich auch bei meinen Landesfeinden mancher
+scheue Blick in einen verwunderten. Es befanden sich nämlich unter
+ihnen Fieber- Syphilis- und Kropfkranke, die meine Hilfe sehr nötig
+hatten. Nun war _Itjot_ zwar von früher her an die Gratisausteilung
+meiner Arzneien gewöhnt, seine unheimlichen Gefährten jedoch sahen
+mit Erstaunen, dass ich einigen Kranken umsonst etwas Chinin mitgab
+und ihnen versprach, mich am anderen Morgen persönlich mit ihnen zu
+befassen. Heikle politische Punkte gänzlich vermeidend erkundigte ich
+mich, um auch _Itjots_ Bruder, _Raren Na-un_ zu Worte kommen zu lassen,
+nach einigen gleichgültigen Angelegenheiten vom Murung und so erhielten
+diese Menschen, die übrigens durchaus keine bösen Absichten gehabt zu
+haben schienen, von dem ersten Europäer, dem sie am Mahakam begegneten,
+keinen schlechten Eindruck. Hiervon überzeugte mich der herzliche
+Händedruck, den ich von den Vornehmsten beim Abschied empfing; die
+Niederen wagten eine derartige Vertraulichkeit nicht.
+
+Inzwischen hatte _Midan_ mir das Essen bereitet. Nach dem Mahl
+machte ich dem sterbenden _Bo Li_ noch einen Besuch und verschwand
+dann bei Sonnenuntergang hinter meinem Moskitonetz, wo ich sogleich
+fest einschlief. Ab und zu erwachte ich durch das Hin- und Hergehen
+der erregten Menschen, die ihren Häuptling sterben sehen wollten,
+als plötzlich gegen 10 Uhr heftige Schläge auf grosse Gonge in der
+Galerie mich vor Schreck zitternd auf meiner Matratze auffahren
+liessen. Aus der _amin aja_ ertönte Weinen und jammern; _Bo Li_
+war also verschieden. Ich machte mich bereit, den Lauf der Dinge in
+meinem Klambu abzuwarten, als ich beim Schein einer Harzfackel zuerst
+das Gesicht meines Dieners, dann das von _Itjot_ erblickte, die mich
+aufforderten, mich sogleich mit ihnen nach _Itjot_s Hause zu begeben,
+da ich hier bei der Erregtheit der Bahau in solchen Augenblicken
+nicht sicher, in jedem Fall aber auf der Galerie nur hinderlich
+sein würde. Ich wagte dem Rate nicht zu widerstehen und begab mich,
+wenn auch zögernd, mit _Itjot_ nach dessen Wohnung. Unterdessen
+wurde auch in der Galerie durch Schläge auf die Gonge den Geistern
+von _Apu Kesio_ und den benachbarten Niederlassungen der Tod des
+Häuptlings verkündet. Neben dem Weinen der Angehörigen ertönte nun
+auch das Jammern der Klageweiber. Die Männer hatten sogleich nach
+des Häuptlings Verscheiden ihre Schwerter gezogen und begannen mit
+ihnen, um die bösen Geister zu verjagen, heftig erregt in der Luft
+herumzufuchteln oder auf Wände und Pfosten loszuschlagen. _Itjot_
+fürchtete, dass bei dieser Gelegenheit mir oder den Meinen zufällig
+oder absichtlich etwas zustossen konnte, und war hauptsächlich
+deswegen gekommen mich abzuholen. Es geschieht nämlich ab und zu,
+dass im Dunkeln nicht nur die Wände des Hauses, sondern auch einer
+der Anwesenden getroffen wird. Stirbt ein grosser Häuptling, so wird
+oft seine ganze Wohnung innen durch Schwertschläge beschädigt.
+
+Vor Ermüdung schlief ich auch in _Itjots_ weit abgelegenem Hause
+gut ein, musste aber am anderen Morgen früh wieder auf sein, um den
+vielen Patienten zu helfen, die mit allerhand Leiden zu mir kamen
+und aus meiner Anwesenheit noch Nutzen ziehen wollten. Sie beeilten
+sich, weil sie unseren frühen Aufbruch fürchteten; darauf erschien
+auch _Bang Awan, Kwing Irangs_ Sohn, und meldete, dass wir früh
+heimkehren mussten, um seinem Vater den Todesfall zu berichten. Die
+Sache hatte Eile, weil die Leiche nur 4 Tage im Hause bleiben durfte,
+um dann in einem bereits vorhandenen Prunkgrab (_salong_) eines anderen
+Häuptlings beigesetzt zu werden. Da das Haus, indem _Bo Li_ gestorben,
+noch nicht fertig gebaut, sein _lali_ also noch nicht abgelaufen
+war, musste nämlich nach der acht das Begräbnis so bescheiden als
+möglich vollzogen werden. _Kwing Irangs_ Gegenwart als Bruder war
+aber erforderlich und daher Eile geraten.
+
+Dass auch Kajan zu eilen im stande sind, erfuhr ich an diesem Tage,
+da wir um 8 Uhr wegfuhren und ununterbrochen durchrudernd um 1/2 11
+Uhr abends ankamen. Zum Glück war der Himmel etwas bewölkt und der
+Tag nicht sehr heiss, so dass ich zum Schluss nur hungerig, fröstelnd
+und steif am Blu-u anlangte.
+
+Am folgenden Tag beschlossen unsere Dorfbewohner, den Leuten am
+Merasè zu helfen, indem sie ihnen zur Bewirtung der beim Begräbnis
+Behilflichen ein Schwein und Reis zur Verfügung stellten. Abends
+kostete es viel Mühe, um in dieser drückenden Arbeitszeit eine
+genügende Anzahl junger Leute zur Fahrt zu vereinigen. In den letzten
+Tagen ging alles bei Sonnenaufgang aufs Feld und nur die Kranken und
+Alten blieben im Hause zurück.
+
+In diesem gewichtigen Falle fanden sich aber doch schliesslich genügend
+viel Ruderer ein, und so konnte _Kwing Irang_ mit seinem Sohn _Bang
+Awan_ und seinem Mantri _Bo Kwai_, dem Schweine und dem Reis zum
+Merasè aufbrechen, um seinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen.
+
+Bereits während des _lali nugal_ hatten wir erfahren, dass es unmöglich
+war, für alle unsere Unternehmungen Männer als Führer oder Ruderer zu
+finden. In unserer jetzigen Kajanumgebung war aber von Gefahr keine
+Rede, daher konnten wir auch sehr gut unter unserem eigenen Geleite
+einige gewandte Leute wählen, die _Bier_ bei der topographischen
+Aufnahme zu helfen im stande waren; auch erklärte sich der chinesische
+Händler, der das Flussgebiet und auch die Namen der Berge kannte,
+bereit, als Führer zu dienen. Am Tage nach der Abreise von _Kwing_
+machte sich denn auch _Bier_ mit einem grossen und zwei kleinen Böten,
+dem Chinesen und zehn unserer Leute auf den Weg, um den Mahakam vom
+Howong bis an den Blu-u zu messen.
+
+In Anbetracht, dass sein Geleite den Bahau völlig fremd war, sollte
+_Bier_ sich vorläufig an den Hauptfluss halten. Die Nebenflüsse
+konnten später gemessen werden, während wir mit _Kwing Irang_ die
+dort ansässigen Stämme besuchten.
+
+So wurde es denn still in unserer Umgebung und jeder ging seiner
+Liebhaberei und Arbeit nach. _Barth_ hatte vollauf damit zu tun, alles,
+was er auf der Reise und später im täglichen Verkehr mit _Adjang_
+und der Bevölkerung aufgezeichnet hatte, zu ordnen. Sein Wörterschatz
+wuchs ständig, indem er den Unterhandlungen zuhörte, die ich den ganzen
+Tag über beim Einkaufen unserer Lebensmittel und Ethnographica mit
+Männern, Frauen und Kindern zu führen hatte. Mit seinem geübten Ohr
+gelang es ihm, zahlreiche Eigenarten der Busangsprache zu beobachten.
+
+Ich war auch diesmal beim Auspacken meines Vorrates an Perlen und
+Zeugen sehr vorsichtig gewesen; die Festlichkeiten hatten mir aber
+eine Vorstellung von allem, was ich zu erlangen suchen musste,
+gegeben, daher begann ich die Kajan mit einigen hübschen Arten von
+Perlen und Stoffen zu locken. Sie reagierten auch sofort, indem
+sie mir Stickereien und Perlenarbeiten brachten, die ich früher
+fast gar nicht hatte erlangen können. Meine schönen _inu beneng_
+(Perlen für Kindertragbretter) erregten besonderes Aufsehen und zu
+meinem Erstaunen wurden mir sogleich einige jener wertvollen Arbeiten
+abgetreten, obgleich die Menge Perlen, die ich hierfür zurückgab,
+nicht viel Beifall fand. Weniger gut gelang es mir, für sehr kleine,
+bunte Perlen, _inu buko_, fertige Arbeiten zu erlangen, wenigstens
+wollte man mir die Perlenverzierungen der hohen Festmützen dafür
+nicht abtreten. Nur für meine silbernen Ohrringe (_hisang perak_)
+und Armbänder aus Elfenbein wollte man sich von den schönen Mützen
+trennen. Ich hatte aber noch Zeit und musste meinen Preis halten,
+um des Schönsten und Besten, das die Bevölkerung hervorbrachte,
+habhaft zu werden, Daher verlief die erste Zeit mit Nachfragen und
+Unterhandlungen, die erst viel später, oft erst nach Monaten, zu
+einem Ergebnis führten. _Demmeni_, der sich bereits früher durch das
+Reparieren von Schmucksachen und allerhand Hausrat bei den Eingeborenen
+beliebt und bekannt gemacht hatte, erfreute sich wieder eines grossen
+Zulaufs. In unserer Wohnung fand er aber für seine Werkstätte keinen
+Platz, daher kam es uns sehr gelegen, dass der Schmied des Stammes,
+_Awang Kalei_, uns seine neben der unsrigen befindliche Wohnung
+überliess und selbst auf seinem Reisfelde Quartier nahm.
+
+_Kwing Irang_ kehrte unmittelbar nach dem Begräbnis seines Bruders
+wieder zurück; er hatte auch keine Nacht mehr am Merasè verbringen
+dürfen, weil die einen Monat dauernde Verbotszeit gleich nach der
+Bestattung eingetreten war und es bei Strafe hoher Busse keinem, der
+nicht am Mesarè wohnte, in dieser Zeit gestattet war, das Flussgebiet
+zu verlassen oder zu betreten. Händler, die sich vorübergehend
+dort aufhielten, hatten sich noch in den letzten Tagen schleunigst
+davongemacht, um nicht einen Monat Zeit zu verlieren.
+
+_Kwing Irangs_ Familie ging in Trauer bezw. in Halbtrauer, indem
+sie alle Schmucksachen und schönen Kleider ablegte und besondere
+Trauerkleider anlegte. Letztere bestanden für _Kings_ Frauen in
+schlichten Jacken und Röcken, waren aber nicht aus Baumrinde oder
+hellbraunem Kattun verfertigt. Auf uns Europäer machten die Frauen
+jetzt, da sie nicht mit Schmucksachen bedeckt waren, einen viel
+nackteren Eindruck als früher. _Kwing Irangs_ Traueranzug bestand
+aus einem Lendentuch (_ba_) von hellbraunem, d.h. weissem, im Morast
+braungefärbtem Kattun. Handelt es sich um einen Todesfall in der
+Familie selbst, so tragen die Frauen am Mahakam, wie die am Mendalam,
+eine _ta-a_ und eine ärmellose Jacke aus Baumbast oder braunem
+Kattun und ein in Form einer Kappe um das Haupt gewundenes Tuch
+(Siehe nebenstehendes Bild).
+
+Wegen der Halbtrauer der Häuptlingsfamilie durften keine Festlichkeiten
+im Stamme gefeiert werden, bevor am Merasè am Ende der Verbotszeit das
+erste _bet lali lumu_ (Ablegen der Trauer) durch Opfer stattgefunden
+hatte.
+
+Am 7. November kehrte _Bier_ sehr befriedigt von seiner ersten
+Flussmessung zurück, denn es war ihm gelungen, die anfängliche
+Schwierigkeit, am Ufer selbst einen Beobachtungspunkt zu finden,
+zu überwinden. Leider wurde seine gute Stimmung nicht von seinen
+Begleitern geteilt; sowohl der Chinese als die Malaien beklagten sich
+bei mir über _Biers_ rauhe Behandlung und erklärten, in Zukunft nicht
+mehr mit ihm allein reisen zu wollen. _Bier_ kehrte nämlich diesen
+Leuten gegenüber zu stark den Europäer und deutschen Unteroffizier
+heraus. Die Nachricht berührte mich sehr unangenehm, weil gerade
+die Malaien bei der Aufnahme am besten helfen konnten und es unter
+diesen Umständen viel zu gefährlich gewesen wäre, _Bier_ Bahau
+mitzugeben. Nach einiger Überlegung mit dein Kontrolleur suchten
+wir _Bier_ begreiflich zu machen, dass ein Europäer sich auch
+einem Eingeborenen gegenüber nicht alles erlauben dürfe, fanden
+aber bei dem rauhen Soldaten nicht viel Verständnis und so blieb
+mir nur die Wahl, die topographische Aufnahme gänzlich aufzugeben
+und _Bier_ so schnell als möglich an die Küste zu senden oder stets
+selbst mit ihm zu ziehen, was für mich so viel bedeutete, als meine
+ethnographischen Studien grösstenteils aufzuopfern. Die Wichtigkeit
+einer guten Karte von Mittel-Borneo und die Aussicht, gleichzeitig
+auch auf geologischem Gebiet mehr leisten zu können, brachten mich
+dazu, letzteres zu wählen. Mein Verdruss steigerte sich noch durch den
+Bericht der Malaien, dass _Belarè_ jetzt in der Saatzeit nicht mit uns
+zum Ursprung des Mahakam ziehen könne und dass er auf seine frühere
+Forderung von 1-2 Reichstalern pro Tag und Person zurückgekommen sei,
+ein Zeichen, dass _Belarè_ zum Unternehmen des Zuges nicht geneigt
+war und dass wir unseren Plan vorläufig aufgeben mussten, so gern
+wir auch die Grenzen gegen Serawak festgestellt hätten.
+
+Der Tod seines Bruders hatte _Kwing Irangs_ Unternehmungsgeist nicht
+gelähmt; denn gleich nachdem die drückendste Saatperiode vorüber war,
+erklärte er sich bereit, mit uns den Batu Mili zu besteigen. Da es
+sich jetzt um einen Zug von mehreren Tagen handelte, nahm ich auch
+die Jäger und Pflanzensammler mit, damit sie von der Fauna und Flora
+dieses jungfräulichen Berges eine gesonderte Sammlung anlegten. _Bier_
+und ich wollten uns mit der Aufnahme und dem Studium der Formationen
+dieses Teils des oberen Mahakam beschäftigen. _Kwing Irang_ nahm 17
+junge Leute und ich noch die vier Malaien von früher mit.
+
+Um den grossen Umweg über die Reisfelder zu vermeiden, fuhren wir den
+Mahakam abwärts, bis zum Batu Plöm (_plöm_ = Splitter), einem grossen
+Andesitblocke, der im Fluss unmittelbar am Fuss des Abhanges liegt,
+dem entlang wir auf steilem Pfade schnell bis zu dem eigentlichen,
+zylinderförmigen Gipfel des Batu Mili hinaufklimmen konnten. Der Batu
+Plöm besteht aus dem gleichen Gestein wie der Batu Mili und nach der
+Sage der Kajan ist er auch in der Tat von diesem abgestürzt.
+
+In früherer Zeit, so lautet die Sage, reichte der Batu Mili bis
+an den Himmel und zwar zum grossen Verdruss der Stämme am Mahakam;
+denn sobald der Reis unten zu reifen begann, kamen allerhand Tiere
+vom Himmel auf die Erde herab und frassen die ganze Ernte auf. Daher
+beschlossen einige Stämme: die Punan, Pnihing, Kajan und Long-Glat,
+diese Verbindung aufzuheben und den Batu Mili umzuhacken. Sogleich
+machten sich alle ans Werk, aber nur die Kajan und Long-Glat
+besassen Beile, die anderen bearbeiteten den damals weichen Stein
+mit einem Bambusstück. Sie verursachten daher auf dein Stein keine
+so glatten Flächen wie diejenigen, die mit Beilen arbeiteten, was
+sich noch heute an ihrer Haut erkennen lässt, denn Punan und Pnihing
+leiden viel mehr an schuppenbildenden Hautkrankheiten als Kajan und
+Long-Glat. Es dauerte lange, bis alle ihr Werk beendet hatten, auch
+lief es nicht ohne Unfall ab; zuerst flog ein Splitter in das Auge
+eines der vornehmsten Häuptlinge jener Zeit, _Bang Ka-ang_, der unten
+am Mahakam stand und das eifrige Arbeiten über ihm beobachtete. Nur
+mit grosser Mühe gelang es, mittelst eitles sehr harten Stückes Holz
+den Splitter zu entfernen, der jetzt noch als Batu Plöm in Form eines
+mächtigen Felsblockes im Mahakam liegt.
+
+Um den Gipfel des Batu Mili in die gewünschte Richtung fallen zu
+lassen, umwanden ihn die Arbeiter mit einem kolossalen Rotangseil,
+aber als die Masse zu wanken begann, erschraken sie so gewaltig,
+dass jeder Stamm sich in seine Böte stürzte und schleunigst in sein
+Land zurückkehrte, und zwar die Kajan und Long-Glat flussabwärts,
+die Pnihing flussaufwärts. Die Punan vergassen in ihrer Verwirrung,
+von ihren Böten Gebrauch zu machen, und flüchteten nur so in die
+Wälder, in denen sie auch heute noch umherschweifen.
+
+Da niemand das Rotangseil leitete, verwickelte es sich zwischen den
+Felsen, so dass dieser Teil des Batu Mili mit seinem Fuss im Mahakam
+schief hängen blieb. Infolge dieser Abdämmung staute sich der Fluss
+derart, dass alles Land flussaufwärts, bis auf einen Berg, auf den
+sich alle Menschen flüchteten, unter Wasser gesetzt wurde. Lange Zeit
+lebten sie dort, bis eines Tages zwei Männer, die in einem grossen
+Boote auf der Wasserfläche fuhren, durch eine mächtige Liane, wie
+sie glaubten, aufgehalten wurden. Mit ihren Beilen machten sie sich
+über die vermeintliche Liane her und es gelang ihnen auch, sie zu
+durchhacken es war aber das Rotangseil, an dem das abgeschlagene
+Stück des Batu Mili hing, das nun mit heftigem Aufschlag auf die
+Erde niederstürzte, auf welcher es noch heute als Batu Lesong
+(Scheidegebirge zwischen Mahakam und Murung) liegt. Das Wasser des
+Mahakam strömte nun ab und zwar mit solcher Kraft, dass es die beiden
+Männer in ihrem Boote bis zum Meere mitführte, wo sie ertranken.
+
+Beim Abströmen des Wassers blieben die Fische in den Fasern des
+zerrissenen Rotangseiles hängen, wodurch die Bahau das Weben von
+Netzen lernten; sie stellen jetzt noch ihre Netze stets aus dieser
+Liane (_tengang_ oder _aka klea_) her.
+
+Nachdem die Menschen dieses grosse Werk vollführt hatten, fand _Bang
+Ka-ang_, dass er sie belohnen müsse, und beschloss daher, den Mahakam,
+Barito und Kapuas mit Fischen zu bevölkern. Zu diesem Zwecke zog
+er abwärts, bis unterhalb der Wasserfälle des Mahakam und warf die
+Fische von dort aus in den Barito und Kapuas, was natürlich nur einem
+Menschen von seiner Grösse möglich war.
+
+Als er den Fluss weiter hinunter fuhr, begegnete er Menschen, die viel
+kleiner waren als er. Der Sohn des dortigen Häuptlings spielte mit
+einem Rotang, der dick wie ein Schenkel war, und machte dem Riesen_
+Bang Ka-ang_, um ihn zu erschrecken und aus dem Lande zu vertreiben,
+weiss, dass sein Vater diesen Rotang als Beinring benütze. "Dann muss
+Dein Vater sehr gross sein" rief _Bang Ka-ang_ aus "rufe ihn mal her,
+damit wir sehen, wer der Stärkere ist!"
+
+Der Häuptling liess aber den ganzen Tag auf sich warten und, als
+er nachts am Ufer erschien, stiess er ein solches Gebrüll aus, dass
+es _Bang Ka-ang_ nun wirklich angst wurde und er den Fluss hinunter
+flüchtete; seither hat man nie mehr etwas von ihm vernommen.
+
+Am oberen Mahakam nennt man den Regenbogen "_Bang Ka-angs_ Lendentuch"
+(= _ba_ _Bang Ka-ang_).
+
+Während die Kajan unsere Böte an Land zogen und an den Bäumen
+festbanden, damit sie bei plötzlich eintretendem Hochwasser nicht
+fortgeführt wurden, hielten wir mit _Kwing Irang_ auf dem Batu
+Plöm sitzend einen kleinen Kriegsrat. Da ich wusste, mit welcher
+inneren Angst der Häuptling die Besteigung unternahm, hatte ich mir
+vorgenommen, auf alle seine Pläne einzugehen. _Kwing_ schlug vor, dass
+wir erst bis zur senkrechten Felswand hinaufsteigen und dass meine
+Malaien und seine Kajan dann Leitern und Stützen an den schwierigsten
+Stellen anbringen sollten; gegen Abend wollte er dann zuerst den
+Gipfel ersteigen und dort ein kleines Schwein, ein Huhn und einige Eier
+opfern, um die über unser Eindringen in ihr Gebiet erzürnten Geister
+zu besänftigen. Ich hatte gegen diesen, auf kajanischen Aberglauben
+begründeten Plan nichts einzuwenden und so kletterten wir denn längs
+des Grates, bei einer durchschnittlichen Steigung von 43°, bis zu
+der lotrechten Felswand hinauf und gingen links um sie herum bis
+zu der Stelle, wo der früher von mir benützte Bergrücken die Wand
+erreichte. Hier fanden wir einen Platz, auf dem der Häuptling mit
+der Hälfte seiner Leute einige Zelte aufstellen konnte, während die
+andere Hälfte einen Weg nach oben für uns herrichtete. Gegen Abend
+war dieser fertig und _Kwing Irang_ begann seinen Aufstieg. Nach dem
+Bericht der Malaien wurde ihm zuletzt so angst und bange, dass sie ihn
+nur mit Mühe dazu brachten, den Gipfel völlig zu erklimmen. Nachdem
+er den Geistern sein Opfer dargebracht hatte, beeilte er sich mit dem
+Abstieg und war sehr froh, nachts mit heiler Haut wieder bei uns im
+Zelte sitzen zu können. Die Nacht war regnerisch und stürmisch gewesen,
+trotzdem machten _Bier_ und ich uns schon in der Morgendämmerung auf
+den Gipfel auf. Wegen der Leitern war die Besteigung diesmal viel
+müheloser als früher; innerhalb einer halben Stunde hatten wir die
+150 m zurückgelegt.
+
+Auf dem Gipfel erwartete uns eine wunderbare Aussicht. Die Wolken,
+die nachts die Landschaft am oberen Mahakam bedecken, lagen jetzt
+unter uns und die Sonne schien herrlich auf die schneeweisse Fläche
+herab; nach der feuchtkalten Atmosphäre in den Wäldern am Bergabhang
+berührte uns die hier oben herrschende Wärme aufs angenehmste. Der
+Himmel war wolkenlos. Wir wurden nicht müde, unsere Blicke über
+das weite, strahlend weisse Nebelmeer schweifen zu lassen, aus dem
+einzelne hohe, dunkle Bergspitzen, unbekannt und geheimnisvoll,
+hervorragten. Noch nie war es uns geglückt, eine so unbeschränkte
+Aussicht über Mittel-Borneo zu geniessen.
+
+Obgleich wir die Entfernung der hintersten Berge nicht kannten,
+sagten uns doch einige bekannte Gipfel im Kapuasgebiet, dass sie
+sehr gross sein musste. Über der Wasserscheide kam der Terata und
+hinter ihm noch andere Gipfel zum Vorschein. Nach Osten hin zog
+sich längs des Horizontes ein gipfelreiches Gebirge; es musste das
+Ober-Kapuas-Kettengebirge sein; seine einzelnen Spitzen und Rücken
+waren aber nicht zu unterscheiden. Unzweifelhaft setzte sich dieses
+Gebirge in das Gebiet des oberen Mahakam fort und wahrscheinlich auch
+noch weiter östlich, was wir vom Lekudjang aus nicht hatten sehen
+können. Auch jetzt wurde uns die Aussicht nach dieser nordöstlichen
+Richtung durch dicht vor uns liegende, hohe Bergspitzen benommen, nach
+dem Verschwinden des Nebelmeeres musste sich jedoch der Zusammenhang
+dieses Berglandes mit dem Ober-Kapuas-Kettengebirge feststellen lassen.
+
+Auch nach Süd-Osten erhoben sich zahlreiche Gipfel aus der Wolkenmasse,
+während genau nach Süden der Batu Lesong mit seinen leicht gewellten
+Gipfel den Gesichtskreis abschloss.
+
+Die Kajan wurden durch den Anblick, der sich ihnen bot, ganz verwirrt,
+sie konnten von keinem einzigen Berge den Namen angeben und hatten
+augenscheinlich noch nie dergleichen gesehen. Für jemand, der die Bahau
+nicht näher kennt, ist es fast unglaublich, dass ihnen ihre nächste
+Umgebung so fremd ist. Nur wenige kennen die Namen der benachbarten
+Berge, auch wissen sie nicht einmal, wo die Berge liegen, die als ihre
+früheren Wohnplätze in ihren Überlieferungen eine grosse Rolle spielen,
+wie z.B. der Batu Matjan, der Batu Brok am Ulu Tepai u.s.w. Nur die
+Intelligentesten, die viel gereist sind, wissen besser Bescheid,
+aber auch nur in den Gegenden, die sie auf ihren Zügen passiert haben.
+
+Wir weilten bereits längere Zeit auf dem Gipfel, als sich im Osten
+ein Wind erhob und das bis dahin bewegungslose Nebelmeer an der
+Oberfläche in Aufruhr brachte, indem er in das weisse Federbett
+tauchte und die Dämpfe in leichten Wolken nach oben warf, wo sie
+sogleich fortgetrieben wurden. Die gleichmässige, weisse Fläche
+ballte sich zu einzelnen grossen Wolkenmassen zusammen, die neben
+einander und um uns herumliegend alles bedeckten; sie boten dem Winde
+mehr Angriffspunkte, gerieten bald in Bewegung und verdeckten alle
+niederen Gipfel. _Bier_ hatte bereits zahlreiche Gipfel visiert
+und so wollten wir nur noch warten, bis das Bergland selbst zum
+Vorschein kam. _Midan_ brachte uns das ersehnte Frühstück, das er
+einigen Kajan zu tragen gegeben hatte, nach oben und wir genossen
+einige Augenblicke der Ruhe. In nordöstlicher Richtung musste viel
+Gestrüpp entfernt werden, um eine freie Aussicht zu erlangen, denn der
+Gipfel war nur nach der entgegengesetzten Seite hin gänzlich nackt
+d.h. nur mit wenigen Flechten bedeckt. Die Kajan waren anfangs, aus
+Furcht die Geister zu erzürnen, nicht dazu zu bewegen gewesen, ihre
+Schwerter zum Umhacken der Sträucher zu gebrauchen, so dass meine
+Malaien die Arbeit allein verrichten mussten. Später entschlossen
+sich auch einige Kajan zum Mithelfen und so wurde die Arbeit für
+die Aufnahme zeitig genug erledigt. Die Sträucher bestanden aus ganz
+anderen Arten als unten am Mahakam. Da sie sich alle in Blüte befanden,
+lieferten sie für das Herbarium einen schönen Fund. Auch die Sammlung
+lebender Pflanzen konnten die Pflanzensucher bereichern, denn in
+den Felsspalten wuchsen harren mit grasartigen Blättern und schöne,
+grossblütige Rhododendren hingen von den Wänden herab. Es dauerte
+jedoch einige Zeit, bevor wir einiger Exemplare habhaft werden konnten,
+weil die Wände bis zum obersten, im Durchschnitt nur 60 Meter breiten
+Gipfel stets senkrecht blieben.
+
+Nach dem Frühstück fand ich, zwischen dem Gestrüpp unterhalb des
+Gipfels mich hindurchwindend, verschiedene Pfade, von denen meine Leute
+behaupteten, dass sie von Wildschweinen herrührten. Es musste also
+noch ein anderer Zugang zum Gipfel vorhanden sein, denn den von uns
+gewählten konnten Wildschweine nicht gebrauchen. Schliesslich fand ich
+wirklich eine Schutthalde, die allerdings eine Neigung von 70° besass,
+die diesen Tieren aber vielleicht doch als Aufgang dienen konnte.
+
+Erst gegen 9 Uhr kam ein Teil der Berge wieder zum Vorschein, unter
+anderen auch der Höhenzug, der sich von Ost nach West nördlich vom Batu
+Mili hinzieht und im Ong Dia am Merasè seinen Abschluss findet. Nach
+dieser Seite zu fällt der Batu Mili sehr steil ab und ist von dem
+ebenso steilen Ong Dia durch eine 500 m tiefe Schlucht getrennt.
+
+Gegen halb elf Uhr wurden wir selbst in Wolken gehüllt und konnten uns
+von der, trotz des heftigen Windes, brennenden Sonne erholen. Lange
+dauerte die Erholung aber nicht, auch hatte _Bier_, um an einem Tage
+die ganze Arbeit zu erledigen, alle seine Zeit nötig. Für mich war der
+Aufenthalt hier oben sehr lehrreich, da er mir eine Vorstellung vom
+Relief dieser Gegend gab. Die Sonne liess auch auf grosse Entfernung
+die Einzelheiten in der Landschaft deutlich hervortreten. So zeigte
+sich, dass die Nebenflüsse des Mahakam an der Nordseite des Batu Lesong
+durch Erosion interessante Formen hervorgerufen haben. Der lange,
+leicht gewellte Rücken des Batu Lesong fällt, ausser an den Stellen,
+wo sich seine Querrücken befinden, senkrecht ab. Als Wasserscheide
+zwischen Murung und Mahakam musste der Berg einen vorzüglichen
+Beobachtungspunkt liefern; ich betrachtete ihn daher tagsüber bei
+verschiedener Beleuchtung, um zu sehen, von wo aus man ihn besteigen
+konnte. Die Kajan wagten sich nicht so weit fort und die einzelnen
+Truppen Buschproduktensucher, die sich am oberen Blu-u befanden,
+hatten von dort aus unmöglich den Gipfel besteigen können. Nach dem
+Bericht der Leute, führte vom Flusstal des oberen Tjehan aus zwar
+ein Pass über den Batu Lesong, aber er musste in einem Sattel liegen,
+weil das Gebirge gerade dort zu einer Höhe von 1800 Metern ansteigt;
+als Beobachtungspunkt war er also sehr ungeeignet. Mehr schien mir
+ein auf dem Gipfel befindliches Plateau zu versprechen, von dein
+aus ein langer Querrücken zwischen dem Danum Parei und Dini zum
+Mahakam herunterläuft. Ich bemerkte mit meinem Fernglas keine tiefen
+Einschnitte in diesem Rücken, somit konnte er uns wahrscheinlich mit
+Hilfe seiner Waldbedeckung zum ersehnten Ziele führen. Von dem rechten
+Nebenfluss des Blu-u, dem Bruni, aus sollte ein Pfad zum Danum Parei
+führen und von dort aus musste der Querrücken zu erklimmen sein. Da ich
+keine Hoffnung hatte, am oberen Mahakam bessere Auskunft zu erhalten,
+beschloss ich, meinen Beobachtungen zu vertrauen und auf diesem Wege
+die Besteigung des Batu Lesong später vorzunehmen.
+
+Sehr erhitzt und ermüdet, aber befriedigt von allem Genossenen und
+Beobachteten, erreichten wir unser Lager, zur grossen Beruhigung
+_Kwing Irangs_, der sich selbst nicht wieder hinaufgewagt und den
+Geistern unseretwegen nicht getraut hatte.
+
+Völlig beruhigt zeigte sich _Kwing Irang_ jedoch erst am folgenden
+Morgen, nachdem ich die Nacht ruhig und traumlos geschlafen hatte;
+er schloss hieraus, dass sich die Geister trotz meiner auf dein
+Gipfel begangenen Freveltaten, wie das Umhacken des Gestrüpps, nicht
+an mich heranwagten.
+
+_Bier_ begab sich bereits sehr früh wieder nach oben, um noch, bevor
+die Nebel sich erhoben, einige Bergspitzen anzupeilen. Unterdessen
+beschäftigte ich mich unten mit dem Sammeln von Moosarten, die auf
+dem Gipfel, wahrscheinlich unter dein Einfluss von Sonne und Wind,
+nicht vorkamen. In dem feuchten Walde unter den hohen Baumkronen
+fand ich dagegen eine Menge sehr eigenartiger Formen, so dass ich
+in Begleitung des Pinau Malaien _Persat_ immer weiter um den Fuss
+des Gipfels herumging, bis ich plötzlich vor dem unteren Ende der
+Schutthalde stand, welche die Schweine als Aufgang benützten.
+
+Bei meiner Rückkehr ins Lager fand ich _Bier_ schon vor und so konnten
+denn sogleich unsere Sammlungen und Instrumente verpackt werden.
+
+_Doris_ hatte mit den Seinen nicht viel Glück gehabt, unter den
+geschossenen Vögeln fand sich keine neue Art; dagegen konnten die
+Pflanzensucher eine grosse Fracht neuer Pflanzen nach unten befördern.
+
+Trotz aller bösen Prophezeiungen der Kajan war unser Zug somit
+ohne Unfall verlaufen. _Kwing Irang_ war nicht einmal, wie nach
+der Besteigung des Batu Kasian im Jahre 1896, erkältet. Damals
+fasste er seine Erkrankung als eine Strafe der Geister auf; in
+Wirklichkeit war sie die Folge einer kalten, regnerischen, auf 600
+m Höhe verbrachten Nacht. Diesmal hatte ich ihm vorsichtshalber für
+die Nacht ein flanellenes Sporthemd gegeben, das ihn so gut erwärmt
+hatte, dass er nun aus Befriedigung über seine heldenhafte Besteigung
+des Geisterberges bereit war, mich zu einem Weiher zu begleiten, der
+in der Nähe des Batu Plöm im Walde liegen sollte und in welchem sich
+die Donnergeister des Batu Mili jede Nacht zu baden pflegten. Leider
+kam es nicht zu diesem Ausflug.
+
+Obgleich _Kwing Irang_ und seine Leute nur unter meinem Schutz das
+Unternehmen gewagt hatten und viel mehr Menschen mitgegangen waren
+als ich nötig hatte, musste ich doch allen den üblichen Lohn von 2.50
+fl. in drei Tagen und dem Häuptling 2.50 fl. pro Tag geben. Da es
+sich hier nur um eine Exkursion von kurzer Dauer handelte, war der
+Preis erträglich.
+
+Anders verhielt es sich bei unserem Zuge an den Merasè den wir,
+nachdem die Verbotszeit dort beendet war, unternahmen. Der Zweck
+unseres Aufenthaltes am Mahakam machte es notwendig, dass wir uns
+möglichst lange bei den Stämmen aufhielten, und nun meinte _Kwing
+Irang_, dass wir es unserer Würde schuldig waren, bei den Ma-Suling
+mit zahlreichen Böten und Menschen aufzutreten. Ich legte jedoch auf
+seine einigermassen selbstsüchtige Begründung nicht viel Gewicht,
+da unser Ansehen bei den Bahau auf etwas anderem als einem grossen
+Gefolge beruhen musste, und beschloss daher, zur Erforschung des neuen
+Gebiets alle unsere Sammler und die übrige Gesellschaft und nur eine
+beschränkte Anzahl Bahau mitzunehmen, die im Grunde doch nur ein von
+mir bezahltes Geleite _Kwing Irangs_ bildeten. _Kwing_ wollte nämlich
+die Gelegenheit benützen, um mit seinen Kampfhähnen am Merasè zu
+glänzen; dabei sollte das zahlreiche Gefolge noch zur Erhöhung seines
+Ansehens dienen. Infolge der guten Ernte befanden sich nicht nur die
+Kajan, sondern auch die Hähne in blühendem Zustand und versprachen,
+die Ehre des Häuptlings gegenüber den Bakumpai oder Barito Malaien,
+die sich bei _Itjot_ am Merasè aufhielten, gut zu vertreten.
+
+Die Hahnenkämpfe (_petuduk_) sind seit zwei Generationen bei allen
+Bahau am Mahakam durch die Malaien von Kutei eingeführt worden. Die
+Malaien betreiben die Hahnenkämpfe. nur als Hazardspiel, bei dein die
+Kraft und Gewandtheit der mit eisernen Sporen (_tadji_) bewaffneten
+Hähne nur insofern Interesse einflössen, als sie den Gewinn oder
+Verlust eines hohen Einsatzes oder einer Wette bestimmen. Den gleichen
+Charakter tragen die Hahnenkämpfe auch bei den Bahau unterhalb der
+Wasserfälle, hauptsächlich bei den Häuptlingen _Kanu Jok_ und _Si
+Brit_ oder Raden _Mas_, die, als sie vom Sultan jahrelang in Tengaron
+zurückgehalten wurden, dort malaiische Gewohnheiten annahmen. Auch
+unter den Häuptlingen oberhalb der Wasserfälle nimmt die Überzeugung
+immer mehr zu, dass sie es ihrer Würde schuldig sind, Kampfhähne zu
+halten; selbst mancher ihrer jungen Untertanen besitzt einen Hahn. Nur
+ein Häuptling von der hohen Stellung _Kwing Irangs_ hält sich eine
+grössere Anzahl Hähne; die übrigen finden es zu lästig, die Tiere
+so lange zu füttern und durch Baden, Massieren und Üben zum Kampfe
+vorzubereiten. Unter den Pnihing fand ich nur bei _Belarè_ einen Hahn,
+der in einem Korbe in der Galerie hing. Er verkaufte seine Hähne aber
+lieber, als dass er sie selbst kämpfen liess.
+
+_Kwing Irang_ kaufte seine Hähne in der Regel von seinen Freien, die
+die Tiere teilweise bereits selbst dressiert hatten. Die ausgebreitete
+Hühnerzucht der _panjin_ verfolgte ursprünglich den Zweck, Opfertiere
+zu liefern; seit Einführung der Hahnenkämpfe wird sie aber in noch
+grösserem Massstabe betrieben.
+
+Eine bestimmte Rasse wird nicht gezogen; in früheren Jahren hatten
+jedoch die Malaien vom Kapuas und unteren Mahakam dem Häuptling einige
+besonders grosse Exemplare von Kampfhähnen mitgebracht und von diesen
+stammen seine jetzigen, grossen Hähne ab.
+
+Beim Abschied im Jahre 1897 hatte _Kwing Irang_ auch mich gebeten,
+beim nächsten Besuch Hähne mitzubringen. Der eifrige Betrieb der
+Hühnerzucht kam uns sehr zustatten, da er uns ständig mit Hühnern und
+Eiern versorgte. Die Kampfhähne unterscheiden sich von den überall
+sonst auf Borneo vorkommenden Hähnen nur durch ihre Grösse; besondere
+Rassenmerkmale besitzen sie nicht.
+
+Die Kämme werden den Hähnen kurz abgeschnitten und auch die Sporen
+werden meist mit einem Stück Blech abgesägt und zwar so, dass
+keine Blutung entsteht. Man tut dies, damit sich die Hähne bei
+Übungsgefechten keinen Schaden zufügen können.
+
+Bei ernsten Gefechten werden den Tieren ungefähr 7 bis 8 cm lange,
+scharf geschliffene Sporen (_tadji_) an die Unterseite des Fusses
+gebunden. Der Sporn wird stets nur an einem Fuss befestigt; er läuft
+entweder gradlinig oder gebogen oder gewunden in eine Spitze aus.
+
+Die Sporen werden von bestimmten Personen, die die Kunst an der Küste
+gelernt haben, geschliffen und zwar aus Rasiermessern, Tischmessern
+u.a., welche von Malaien eingeführt werden. _Kwing Irang_ und sein
+Sohn _Bang_ hatten es im Schleifen besonders weit gebracht; ihre
+Sporen waren so fein bearbeitet, dass sie tadelloser auch aus einer
+europäischen Werkstatt nicht hätten hervorgehen können.
+
+Das Schleifen geschieht auf Drehscheiben von verschiedener Grösse
+und Feinheit, die auf einem einfachen Gestell ruhen und von einem
+Knaben mittelst einer hin- und hergezogenen Schnur in Bewegung gesetzt
+werden. Auch diese Drehscheiben sind von den Malaien übernommen worden.
+
+_Kwing Irang_ besass, je nach der Beschaffenheit seines Reisvorrats
+und der Aussicht auf künftige Gefechte, zwischen 5 und 30 Hähnen,
+von denen jeder gesondert in einem aus Rotang geflochtenen Korbe
+unter dem Dache seiner Wohnung hing oder bei den zuverlässigsten
+seiner Sklaven einquartiert war.
+
+Die Hähne werden morgens und abends ausschliesslich mit ungespelztem
+Reis gefüttert; sie bekommen wenig zu trinken und gehen nur dann
+frei herum, wenn der Häuptling sich mit ihnen abends beschäftigt,
+mit ihren Klauen Gymnastik treibt und die Tiere miteinander kämpfen
+lässt. Die Hähne werden in der Regel täglich im Fluss gebadet und
+nass wieder in den Korb gesetzt.
+
+Wahrscheinlich, würde man auf die körperliche Entwicklung der Hähne
+noch grössere Sorgfalt verwenden, wenn nicht, besonders bei den Bahau,
+die Farbe und Anordnung der Federn bei der Beurteilung der Tauglichkeit
+eines Tieres eine so grosse Rolle spielten. Es werden zwar von der
+Gegenpartei auch die Entwicklung der Muskeln und die Körpergrösse in
+Betracht gezogen, aber die Farbe der Federn erscheint doch ebenso
+wichtig. Daher werden, um den Wert der Hähne herabzusetzen, häufig
+vor den Kämpfen einige Federn von besonders guter Bedeutung ausgezogen.
+
+Bei den Hahnenkämpfen gewinnt derjenige Hahn den Sieg, der den anderen
+tötet oder in die Flucht jagt. Man beginnt die Tiere zu reizen, indem
+man dem einen den Kopf festhält und das andere hineinhacken lässt, bis
+man aus der Heftigkeit der Anfälle ersieht, dass die Tiere genügend in
+Wut geraten sind. Dann setzt man die Hähne in einem Abstand von 4-5
+m auf den Boden und lässt sie gleichzeitig auf einander los. In der
+Regel laufen sie auf einander zu, fliegen an einander auf und suchen
+sich mit ihren Sporen zu verwunden. Bisweilen ist keiner der Hähne
+kampflustig; die Wette bleibt dann unentschieden. Dies ist auch der
+Fall, wenn beide Tiere gleichzeitig an ihren Funden sterben, oder wenn
+der Sieger den Besiegten, der ihm zugetragen wird, nicht mehr hacken
+will, zu hacken wagt oder wegen Ermüdung oder Blutverlust nicht mehr
+zu hacken im stande ist. Können beide Hähne nicht mehr weiterkämpfen,
+so gewinnt ebenfalls keine der Parteien.
+
+Die Wunden, die die Tiere einander beibringen, sind oft sogleich
+tötlich. Dringt der eiserne Sporn in den Leib, so wird dieser nicht
+selten 67 cm weit aufgerissen, der Hals wird bisweilen mit einem
+Mal gänzlich durchgeschnitten. Öfters kann ein Hahn seinen Sporn,
+wenn er in einem Knochen festsitzt, nicht befreien; man wartet dann
+eine Zeitlang, nimmt die Tiere dann auf und sieht den Kampf, wenn
+beide Tiere noch leben, als unentschieden an. Es kommt vor, dass die
+Tiere nur schwach verwundet sind oder hauptsächlich Fleischwunden
+haben. Merkwürdiger Weise verstehen die Bahau derartige Wunden mit
+Nadel und Faden geschickt zu nähen und zu heilen, während sie noch
+nicht auf den Gedanken gekommen sind, die Wunden bei Menschen auf
+die gleiche Art zu behandeln. Wahrscheinlich haben sie mit der Sitte
+der Hahnenkämpfe zugleich die der Wundbehandlung von den Malaien
+übernommen. Die Kajan verteidigten mir gegenüber das grausame Gefecht
+mit den Sporen damit, dass auf diese Weise dem Leiden der Hähne schnell
+ein Ende gemacht würde, während sie ohne Sporen so lange kämpften,
+bis sie vor Erschöpfung oft tot niederfielen.
+
+Bei den _panjin_ werden die Hahnenkämpfe nur als Zeitvertreib, den
+sich nur die Wohlhabenden und auch diese nur in bescheidenem Masse
+erlauben dürfen, aufgefasst. Nach vollbrachtem Tagewerk lassen die
+jungen Leute abends öfters ihre Hähne miteinander kämpfen, aber nur
+sehr selten mit Sporen und um einen Gewinn; auf Wetten lassen sie sich
+überhaupt nicht ein. Den Einsatz bildet eine alte Perle, ein Beil oder
+ein Schwert. Verheiratete Leute beteiligen sich nur ausnahmsweise an
+diesem Vergnügen, das in dieser Form durchaus unschuldig ist. Lassen
+sich dagegen die Häuptlinge auf ihren Reisen flussabwärts mit Malaien
+oder Barito und Kahájan Dajak in Wettkämpfe ein, so wird der Einsatz
+stets so hoch wie möglich gewählt.
+
+Die Sitte verlangt, dass die Stammesgenossen auf den Hahn ihres eigenen
+Häuptlings setzen. _Kwing Irangs_ Einsatz variierte zwischen 5 und 40
+fl.; sein Gefolge wettete 1 bis 2.50 fl. pro Person, so dass stets noch
+50 bis 60 fl. hinzukamen und bisweilen 100 fl. auf einen Hahn gesetzt
+wurden. _Bang Jok_ und die Malaien setzten oft noch grössere Summen
+auf ihre Hähne; _Kwing Irang_ tat es nur bei einigen besonderen Tieren.
+
+Auch bei den Hahnenkämpfen der Bahau spielen nicht mir die Geister mit
+ihren Vorzeichen, sondern auch allerlei abergläubische Vorstellungen
+eine wichtige Rolle. Begiebt sich _Kwing Irang_ z.B. mit seinen
+Hähnen zu einem anderen Häuptling, so fassen die Kajan diesen Zug als
+einen wirklichen Kriegszug auf und suchen alles zu vermeiden, was der
+Männlichkeit und Tapferkeit der Hähne schaden könnte. Daher war _Kwing
+Irang_ bei unserer Reise zur Küste im Jahre 1897 durchaus dagegen,
+dass Frauen mit uns reisten, weil diese auf seine Kampfhähne einen
+nachteiligen Einfluss ausüben konnten. Als eine Frau schliesslich doch
+mitzog, lagerte sich _Kwing Irang_ mit seinen Hähnen stets in möglichst
+grosser Entfernung von ihr. Nach Ansicht der Bahau wird nicht nur die
+Kraft der Hähne, sondern auch die der Männer durch die Berührung mit
+etwas Weiblichem beeinträchtigt. Die Kajanmänner vermeiden es daher,
+einen Webstuhl oder getragene Frauenkleider anzurühren; tun sie dies,
+so werden sie "_dawi_", d.h. schwach und haben auf der Jagd, beim
+Fischfang und im Kriege keinen Erfolg.
+
+
+
+
+KAPITEL XVI
+
+ Besuch bei den Ma-Suling am Merasè--In Batu Sala, Napo Liu und
+ Lullt Sirang--Behandlung von Kranken, Einkauf von Löten und
+ Ethnographica--Besteigung des Batu Situn--Beobachtungsposten
+ auf einem Baumgipfel--Rückhehr nach Lulu Sirang--Symbolische
+ Heiratserklärung--Hochzeitsgebräuche--Ehegesetze--Heimkehr nach dem
+ Blu-u--Besuch hei den Pnihing am Tjehan--In Long 'Kup--Besteigung
+ des Liang Baring--Bei den I'nihing am Paketè--Begräbnisstätte
+ der Pnihing--_Hadji Umar_--Zurücksendung einer Batang-Lupar
+ Gesellschaft Beratung wegen des Haushaus--Besuch von _Hinan
+ Lirung_.
+
+
+Am 20. November konnten wir endlich unseren lang geplanten Besuch bei
+den Ma-Suling am Merasè zur Ausführung bringen. Früh morgens fuhren
+wir in zwei grossen Böten ab; in dem unsrigen befanden sich ausser uns
+Europäern, dem Chinesen _Mi-Au-Tong_ und unseren Malaien nur noch zwei
+Kajan als Steuermänner, da diese das Fahrwasser am besten kannten. Die
+beiden jungen Leute hatten mich bereits auf meiner früheren Reise
+öfters begleitet. Bald nach unserer Abfahrt hörten wir das Brummen
+eines Rehs, das, als schlechtes Vorzeichen, die Kajan zur Rückkehr und
+zum Aufschieben eines Unternehmens auf acht Tage zwingt. Ich tat, als
+ob ich nichts hörte und, als meine Steuermänner unruhig wurden und mich
+fragten, was ich zu tun gedächte, sagte ich einfach: "weiterrudern",
+worüber der Chinese in herzliches Lachen ausbrach. Der eine Steuermann,
+_Owat_, der mit mir auch zum ersten Mal den Batu Mili bestiegen hatte,
+war mit meiner Antwort augenscheinlich sehr zufrieden, denn er begann
+mit seinem Ruder kräftig auszuholen und so blieb dem zweiten Steuermann
+nichts übrig, als dem Beispiel des ersten zu folgen. Gleich darauf
+holte uns das zweite Boot ein, in dem sich _Kwing Irang_ mit seinem
+Sohne _Bang_, seinen Kajan und den Kampfhähnen befand. Sie hörten in
+nächster Nähe vor uns den Ruf des _hisit_ auf ihrer rechten Seite;
+der Vogel prophezeite ihnen also eine glückliche Reise. Der _adat_
+gemäss musste _Kwing Irang_ landen und eine Zigarette rauchen.
+
+Meine beiden Kajan hüteten sich, über unser Vorzeichen ein Wort
+zu sagen, und rauchten mit ernsten Gesichtern ebenfalls ihre
+Zigaretten. Darauf setzten wir unsere Fahrt schnell fort. Wir machten
+weder in Lulu Njiwung noch in anderen kleinen Niederlassungen Halt,
+sondern fuhren direkt bis Batu Sala, um mit dessen Bewohnern
+die Bekanntschaft zu erneuern und _Barth_ den Häuptlingen
+vorzustellen. Leider befand sich der Häuptling _Paren_ mit seiner
+Frau in Long Tepai und wir wurden nur von seinem Bruder _Bang_ in
+der Galerie empfangen. Zwischen ihm und _Kwing Irang_ auf dem Boden
+sitzend, den Rücken an die schiefe Aussenwand gelehnt, begann ich
+über alles, was sie seit meiner Abwesenheit erlebt hatten und über
+die Ernteaussichten zu sprechen. Die Gegenwart des Kontrolleurs, der
+an der anderen Seite _Kwings_ sass, schien den ängstlichen _Bang_
+einzuschüchtern, ich benützte daher einen günstigen Augenblick, um
+die beiden einander vorzustellen und sprach dann über gleichgültige
+Dinge weiter. Als sich nach einiger Zeit auch der Kontrolleur an
+der interessanten Unterhaltung beteiligte, hielt es _Kwing Irang_
+fürangebracht, mich zu seinem Schwiegervater _Bo Djo_ zu führen, der
+Häuptling eines kleinen, bei den Long-Glat lebenden Stammes ist. Ich
+hatte den alten Mann bereits im Jahre 1897 behandelt; jetzt hatte er
+wiederum meine Hilfe nötig, da er an Bronchitis und Malaria litt. Er
+äusserte seine Freude über mein Kommen, erkundigte sich nach seiner
+Tochter _Uniang Anja_ und deren Söhnchen _Hang_ und wollte wissen,
+warum sie nicht mitgekommen waren. Ich wagte ihm nicht zu sagen,
+dass seine Tochter unserer Kampfhähne wegen nicht hatte mitreisen
+dürfen. _Kwing Irang_, den Kranke unangenehm berührten, entfernte
+sich und ich betrachtete nun mit Musse meine Umgebung, nachdem ich
+dem alten Manne versprochen hatte, ihn am folgenden Morgen ärztlich
+zu behandeln. In dieser von alters her wohlhabenden Niederlassung
+befanden sich viele schöne, alte Gegenstände und ich begann sogleich
+die hohe, mit Perlen verzierte Mütze von _Bo Djos_ Tochter, die dem
+Hause vorstand, zu rühmen; auch erkundigte ich mich, wer ihr den
+hübschen Rock gestickt hatte. Mein Interesse fand grossen Beifall und
+so liess man mich auch noch andere schöne Dinge sehen. Auf einige
+Gegenstände machte ich, um vorläufige Unterhandlungen einzuleiten,
+ein Angebot. Bei meiner Rückkehr ins grosse Haus begegnete ich
+verschiedenen Bekannten von früher und begab mich daher in guter
+Stimmung nach unserer Galerie vor der Häuptlingswohnung, wo man
+alles für eine Mahlzeit und die Nacht vorbereitet hatte und _Barth_
+noch immer in eine Unterhaltung mit _Bang_ vertieft sass.
+
+Am folgenden Tage gab es für mich noch so viel Arbeit im Dorfe,
+dass ich froh war, als uns ein heftiger Regen des Morgens an der
+Weiterreise verhinderte; ich hatte nun Zeit, mich mit den zahlreichen
+Kropf- Fieber- und Lueskranken zu beschäftigen und ihnen Arzneien
+auszuteilen, die ich in grösserer Menge mitgenommen hatte. Als der
+Regen nach dem Essen aufhörte, brachen wir, mit dein Versprechen
+wiederzukommen, zum Merasè auf. Die Bevölkerung hatte nun Zeit,
+über ihre erste Begegnung mit dein gefürchteten Regierungsbeamten
+nachzudenken und sich über seine Anwesenheit zu beruhigen. Wegen des
+hohen Wasserstandes und der Schwere unserer Böte erreichten wir erst
+nach vierstündiger Fahrt Napo Liu, die Niederlassung der Ma-Suling,
+in der _Bo Li_ gestorben war. Auf _Kwings_ Rat landeten wir nicht
+bei des Häuptlings Hause, da _Ledju Lis_ Familie noch Halbtrauer
+trug, sondern bei _Temenggung Itjot_, der uns schon erwartet zu haben
+schien. Wenigstens empfingen uns einige hübsch gekleidete Malaien vor
+der Haustreppe, die zu seinem Badehäuschen führte; sie begrüssten uns
+und forderten uns auf, ihnen nach _Itjots_ Galerie zu folgen, wo wir
+eine grosse Gesellschaft Bakumpai, Malaien vom Barito, antrafen. Ich
+kannte die meisten von meinem vorigen Besuch her, es waren aber noch
+neue Buschproduktensucher vom Belatung, die bei den Ma-Suling Reis
+einkaufen wollten, hinzugekommen. Die Gesichter, die uns umringten,
+waren nichts weniger als sympathisch, aber wir mussten sie ertragen,
+da der Häuptling uns als Fremde in seiner Wohnung nicht aufnehmen
+durfte. Neben _Itjots_ Wohnung befand sich eine andere, deren Bewohner
+augenblicklich auf dem Reisfelde lebten, in diese hielten wir nun
+unseren Einzug.
+
+Während unseres Besuches bei _Ledju_ erzählte er uns, dass die
+neuangekommenen Malaien einen Gong als Bussgeld hatten geben müssen,
+weil sie die Niederlassung vor Ablauf der Trauerzeit betreten
+hatten. Eigentlich waren auch wir zu einer Busse verpflichtet, aber
+_Kwing Irang_ erklärte _Ero_, der Wittwe von _Bo Li_, dass wir keine
+Fremden seien, da wir mit den Kajan zusammenwohnten; so kamen wir mit
+einem Packen Perlen davon. Die ganze Familie ging noch in Trauer;
+die Frauen trugen im Hause eine hellbraune _ta-a_, die nur bis an
+die Kniee reichte; die jungen Söhne waren nur mit einem hellbraunen
+Lendentuch bekleidet.
+
+Die Gesellschaft Bakumpai war sehr nach _Kwing Irangs_ Sinn; den
+ganzen folgenden Tag über wurde an nichts anderes als an Hahnenkämpfe
+gedacht. Die zwei Parteien sassen einander gegenüber und beurteilten
+gegenseitig ihre Hähne nach der Farbe und Anordnung der Federn, nach
+der Kraft und dem Temperament. Der gutmütige, vorsichtige _Kwing_ war
+den die Aufregung des Spiels liebenden Malaien viel zu schwerfällig;
+die Unterhandlungen schienen ihn auch mehr zu interessieren als
+der eigentliche Kampf, so dass die Geduld seiner Gegenpartei auf
+eine harte Probe gestellt wurde. Wahrscheinlich liessen sie sich
+hierdurch zu Unvorsichtigkeiten verleiten, denn _Kwing_ gewann 4 Mal
+nach einander; da er sein Glück auch noch am folgenden Tag versuchen
+wollte, benützte er einen angekündigten Besuch des Häuptlings _Bo Lea_
+aus Long Tepai zum Vorwand, um länger zu bleiben.
+
+Inzwischen hatte ich meinen Tag nicht minder gut verwandt, indem ich
+die Gelegenheit, wenn man mich als Arzt in eine Wohnung rief, dazu
+benützt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen und über allerhand schöne
+Gegenstände, unter anderem auch über eine sehr alte Perlenverzierung
+für ein Kindertragbrett (_tap beneng_) und eine Jacke mit einem aus
+bunter Knüpfarbeit versehenen Rand, zu unterhandeln. Den Eigentümern,
+die einen sehr hohen Preis von mir forderten, gab ich bis zu meiner
+Rückkehr von oben Bedenkzeit.
+
+Zugleich sah ich mich nach grossen Böten um, die ich für unsere Fahrt
+zur Küste nötig hatte. Auf der vorigen Reise hatte ich von _Paren_,
+dem Pnihinghäuptling am Tjehan, ein sehr schönes Boot gekauft, in
+diesem Jahre hatte man in seiner Niederlassung aber nur kleine Böte
+hergestellt, so dass ich diesmal auf die Ma-Suling rechnete. Unter
+_Itjots_ Hause fand ich nur schmale, schlechte Exemplare, für die
+die Besitzer morgens einen sehr hohen Preis verlangten, abends aber
+bereits 50% abliessen. Wie man mir erzählte, sollten in der grossen
+Niederlassung weiter oben am Merasè schöne Böte zu haben sein, daher
+beschloss ich, mich dorthin zu begeben.
+
+Da wir noch mancherlei Pläne auszuführen hatten und die Anwesenheit der
+vielen Malaien unter den Bahau uns unangenehm berührte, liessen wir
+_Kwing Irang_ bei seinen Hähnen und fuhren selbst mit unseren Leuten
+und einigen Kajan den Merasè hinauf. Ich wollte das niedrige Fahrwasser
+benützen, um im Flussbett geologische Untersuchungen anzustellen, und
+nahm daher in einem kleinen Boot mit wenigen Ruderern Platz, die mich
+schnell von einem Ufer zum anderen bringen konnten. Festes Gestein,
+das nicht zu sehr verwittert war, bemerkte ich nur anfangs, weiter
+aufwärts war alles Gestein mit einer dicken Erdschicht bedeckt, auf
+der nur Gestrüpp wuchs, da die Ma-Suling während ihres langdauernden
+Aufenthaltes am Merasè den ursprünglichen Wald längs des ganzen Flusses
+ausgerodet hatten. Nach vierstündiger Fahrt machte uns _Demmeni_
+auf das Grabmal des früheren Häuptlings _Bo Long_ aufmerksam, das er
+auf der vorigen Reise photographiert hatte.
+
+Bald darauf gelangten wir an eine Stelle des Ufers, an der alte
+verfaulte Pfähle und eine stattliche Reihe der am oberen Mahakam
+seltenen Kokospalmen und andere sehr alte Fruchtbäume als Zeugen
+einer früheren Niederlassung der Ma-Suling übriggeblieben waren. Der
+Ort schien jetzt nur von Wild besucht zu werden, denn zwischen den
+hoch aufgeschossenen Pflanzen zeigte der weiche, humusreiche Boden
+zahlreiche Spuren von Wildschweinen, Hirschen und wilden Rindern, die
+sich in grossen Herden, um zu grasen und Früchte zu essen, hierher
+zu begeben schienen. Das Gehen auf dem aufgewühlten Boden war sehr
+unbequem, aber _Demmeni_ und _Barth_ drangen doch so weit vor, dass
+sie eine Hütte mit vor Alter halb eingestürzten Wänden entdeckten,
+in der eine grosse Menge Schädel aufbewahrt lagen. Wir hörten später,
+dass die Schädel aus dem alten Hause stammten und dass die Ma-Suling
+sie aus abergläubischer Furcht nicht in das neue Haus herüberzubringen
+wagten. Auf ihre Bitte musste _Belarè_ später mit seinen Pnihing das
+gefährliche Werk für sie ausführen. Als Lohn traten sie ihm die Hälfte
+der Trophäen ab, mit denen er seine Galerie schmückte.
+
+Leider durften wir die Kokosnüsse und anderen Früchte, nach denen uns
+stark gelüstete, nicht anrühren, da _Ledju Li_ sie wegen des Todes
+seines Vaters, der diese Fruchtbäume gepflanzt hatte, für _buling_
+oder _lali_ erklärt hatte. Nach einiger Zeit sahen wir auf einer
+sehr ebenen Fläche längs des Merasè die Niederlassung Lulu Sirang
+hervortreten, in der die beiden Brüder _Obet Dewong_ und _Bo Ngow_
+als Häuptlinge herrschten.
+
+Wir wurden von den Brüdern ebenso freundlich wie in Napo Liu empfangen,
+was uns um so angenehmer berührte, als sie sehr gut wussten, dass wir
+in politischen Angelegenheiten kamen. Zwar waren die Häuser auch hier
+noch nicht ganz vollendet, aber die grosse Galerie _Obet Dewongs_
+bot uns einen guten Wohnraum.
+
+Während unser Gepäck und unsere Schlafstätte geordnet wurden, begab ich
+mich zur Häuptlingsfamilie, deren Kinder alle fieberkrank waren. Die
+Ältesten standen dermassen unter dem Eindruck des weissen Doktors,
+dass sie das bittere Chinin ohne viel Widerstreben hinunterwürgten;
+einem kleinen Knaben dagegen konnte ich die Arznei nur in Pillen mit
+etwas Zuckerrohrsaft beibringen.
+
+Am jenseitigen Ufer lag ein freistehender Hügel von 180 m Höhe,
+der Batu Marong, der uns einen schönen Überblick über die Umgebung
+versprach; ich bestieg ihn daher noch am selben Abend, um von dort
+aus mit _Bier_ über die Aufnahme des Merasè zu beraten. Ein steiler,
+halb wieder verwachsener Pfad führte uns auf den Gipfel, auf dem
+nur zwei Bäume und einige Sträucher standen, so dass wir bald eine
+Aussicht auf die von der Abendsonne beleuchtete Landschaft erhielten.
+
+Wir fanden für die Hartnäckigkeit, mit der die Ma-Suling am Merasè
+wohnen bleiben, darin eine Erklärung, dass der Fluss durch ein
+besonders breites und ebenes Tal strömt, das für den Reisbau sehr
+geeignet sein muss. Hiervon zeugte der Pflanzenwuchs, denn das
+dunkle, wellige Grün des Urwaldes war erst in einigem Abstand an den
+Bergabhängen zu sehen, während die helleren, ebeneren grünen Massen
+des jungen Waldes und der Strauchvegetation die Stellen andeuteten,
+welche die Ma-Suling einst bereits bebaut hatten. Von _alang-alang_ und
+Gras, die an anderen Orten so bald auf kultiviertem Boden auftreten,
+bemerkten wir nichts.
+
+Die Landschaft entzückte uns so sehr, dass es einige Zeit dauerte,
+bis wir über die topographische Aufnahme ernstlich zu beraten
+anfingen. Nach Norden hin, wo sich das hohe, steile Kalkgebirge,
+in dem der Serata, Merasè, Tepai und Nijan ihren Ursprung nehmen, mit
+seinen malerischen Formen erhob, war der Blick besonders anziehend. Die
+mächtigen, hellen Wände sind ihrer Steilheit wegen nicht bewachsen und
+heben sich daher von dem Grün ringsherum schön ab. Wir waren hier von
+den höchsten, spitzen Gipfeln des Kalkgebirges, dem Batu Matjan und
+Batu Brok, die nach beiden Seiten hin nur allmählich in vielgipflige
+Rücken auslaufen, nicht weit entfernt.
+
+Ausser von diesen Bergen wurde die Aussicht nicht beeinträchtigt,
+so dass sich dieser Hügel für _Bier_ als Beobachtungspunkt, von dem
+er die nächste Umgebung und verschiedene Berge anvisieren konnte,
+ausgezeichnet eignete. Von dem Quellgebiet des Mahakam, das im
+Norden liegen musste, konnten wir uns von hier aus keine Vorstellung
+machen, doch schien dies uns von einem alleinstehenden, hohen Berge
+am oberen Merasè aus möglich zu sein, daher beschlossen wir, ihn zu
+besteigen. Vielleicht konnten wir von diesem aus auch den Batu Tibang
+entdecken, auf dessen Abhängen die Hauptflüsse des Stammlandes der
+Bahau und Kenja entspringen und der daher als der Mittelpunkt der
+Welt angesehen wird. Wir hatten uns bereits vom Lekudjang und Batu
+Mili aus vergeblich nach dem Batu Tibang umgesehen, der uns auch
+als Grenzzeichen zwischen englischem und niederländischem Gebiet
+von Wichtigkeit erschien; ebenso hatten wir vergeblich versucht,
+_Belarè_ zu einem Zuge nach dem ersehnten Berge zu bewegen. Auf
+eine zuverlässige Auskunft seitens der Ma-Suling konnten wir nicht
+rechnen, da diese selbst für die ins Auge fallenden Gipfel des hohen
+Kalkgebirges, das sie täglich vor sich sehen, keine besonderen Namen
+besitzen und sich von dem Verhältnis dieser Berge zu denen am oberen
+Serata, Tepai u.s.w. keine Vorstellung machen können. Sie wussten
+nur; dass der Berg, den wir besteigen wollten, Situn heisst und, wie
+beinahe alle alleinstehenden Berge, von gefürchteten Geistern bewohnt
+wird. Während wir uns abends in weitem Kreise sitzend unterhielten,
+erzählten uns einige Siang Dajak vom Barito, die hier für die Zeit,
+wo sie im Tal des Merasè Guttapercha suchten, verheiratet waren,
+etwas Näheres über das Gebiet am oberen Merasè, in dem sie an äusserst
+steilen Bergabhängen gearbeitet hatten. Eine genauere Vorstellung
+von den Flusstälern in dieser Gegend hatten jedoch auch sie nicht.
+
+Die Ma-Suling kannten zwar einen Weg, der auf den Situn führte,
+aber dieser begann am Tasan, einem kleinen Nebenfluss des Merasè,
+den _Ledju Li_ wegen des Todes seines Vaters für _buling_ oder _lali_
+erklärt hatte; somit hatten wir wenig Hoffnung, diesen günstigen
+Aussichtspunkt zu erreichen.
+
+Am folgenden Tag traf _Kwing Irang_ mit den Seinen bei uns ein und
+versprach, mit _Ledju_, sobald dieser nach Lulu Sirang kommen würde,
+über die Angelegenheit zu reden. Nach einigem Zögern war auch _Obet
+Dewong_ bereit, uns zu begleiten, und _Kwing Irang_ wollte uns für
+den Zug seinen besten Ratgeber _Sorong_ und acht Kajan zur Verfügung
+stellen.
+
+Die Häuptlinge hatten noch ein besonderes Interesse an dieser
+Exkursion; nach der Überlieferung stammen nämlich alle Pflanzen,
+die man bei religiösen Zeremonien auf dem Reisfelde gebraucht und
+mit dem Reis gleichzeitig baut, von diesem Berge Situn und sollten
+dort noch wild vorkommen. Es erwies sich, dass dies nicht der Fall
+war, aber immerhin lehrte uns diese Überlieferung, dass auch die
+Kajan einst in diesen Gebieten gewohnt haben müssen. Wir erfuhren
+später, dass zwei der höchsten Gipfel, deren Namen wir damals noch
+nicht kannten, zum Batu Matjan gehörten, von dem mir _Kwing Irang_
+bereits früher berichtet hatte, dass sein Stamm einst auf ihm gelebt
+und Reisfelder angelegt habe. Er hatte sich den Batu Matjan aber eher
+als Hochfläche gedacht.
+
+Während wir in den folgenden Tagen auf _Ledju_ warteten, nahm _Bier_
+die Umgebung auf und ich beschäftigte mich mit den Bewohnern des
+langen Hauses, die stark am Malaria litten. Zu meiner Freude konnte
+ich viele, auch die Kinder des Häuptlings, von ihrer Krankheit heilen.
+
+Ich erlaubte diesen, sich ein hübsches Stück Zeug oder Ohrringe
+als Geschenk auszusuchen, und erfreute auch die Eltern mit einem
+Gegenstand, den sie sich wünschten. _Bo Ngow_ hatte glücklicher Weise
+weniger Kinder und auch seine Frau lebte nicht mehr, so dass er an
+meine Vorräte geringere Ansprüche stellte; allerdings wurde dieser
+Vorteil durch seine sehr hübsche und sympathische Tochter teilweise
+wieder aufgehoben.
+
+Indem ich mit so vielen in Berührung kam, bot sich mir eine gute
+Gelegenheit, Ethnographica zu sehen und einzukaufen, und, da ich
+nicht mehr besonders sparsam zu sein brauchte, erwarb ich manche
+schönen Perlenarbeiten, Matten, Röcke u.s.w. In verborgenen Winkeln am
+Feuerherde entdeckte ich auch noch einige alte, irdene Töpfe (_taring
+tanah)_, wie sie früher am Mahakam gebrannt wurden. Zum Erstaunen der
+Hausbewohner kaufte ich diese Zeugen einer verschwundenen Industrie,
+auch wenn sie einen Riss hatten; da ich in Salz, Perlen und Zeug einen
+hohen Preis für sie bezahlte, habe ich wahrscheinlich alle erworben,
+die noch vorhanden waren.
+
+Den beiden Häuptlingen konnte ich noch anders als durch Geschenke einen
+Gefallen erweisen. Sie hatten nämlich in diesem Jahre jeder ein sehr
+grosses Boot gebaut, um es an den Sultan von Kutei zu verkaufen, der
+sie gut bezahlte, da Böte von dieser Grösse unterhalb der Wasserfälle
+nicht mehr gebaut werden. In Gesellschaft von _Kwing Irang_ und
+_Sorong_ besichtigte ich die Böte, von denen jedes 21 m lang und 4-5
+Fuss breit war. Das eine Boot war etwas dünner, aber dafür tiefer als
+das andere; aber beide entsprachen vollständig unserem Zweck und so
+kaufte ich sie für den geforderten Preis von 100 fl. das Stück. Den
+gleichen Preis hatte ich auch einige Jahre vorher den Pnihing für
+ein ähnliches Boot bezahlt.
+
+Inzwischen zeigte es sich, dass _Ledju_ sich mit seiner Ankunft bei
+uns nicht beeilte, auch brachten andere die Nachricht, dass er wegen
+des Todes eines Kindes in einer Sklavenfamilie die Trauer noch nicht
+gänzlich abgelegt hatte, so dass die Aussicht, ihn hier zu sehen, nicht
+gross war _Kwing_, der hier keine Gegenpartei für seine Kampfhähne
+fand, sehnte sich danach, wieder hinunter zu ziehen und, da es hier
+oben auch für den Kontrolleur nicht viel zu tun gab, sollte er _Kwing_
+begleiten. Am 26. Januar reisten beide ab. Sicherheitshalber gab ich
+ihnen alle Schutzsoldaten nach Napo Liu mit, wo die Gesellschaft auf
+mich warten sollte. _Sorong_ und die Seinen blieben zurück, um uns
+unter _Obet Dewongs_ Führung nach dem Situn zu geleiten. Der Zug
+wurde unter _Kwing Irangs_ Verantwortung unternommen, der meinte,
+dass ihm, da _Ledju_ nicht gekommen war, um das _lali_ des Tasan
+aufzuheben, als ältestem Familienglied das Recht zustand, uns gegen
+eine Busse an _Ledju_ den Fluss hinauffahren zu lassen. Wegen des
+hohen Wasserstandes war an diesem Tage jedoch an eine Fahrt nicht zu
+denken, auch hatte ich noch keine Zeit, da man mir nun auch von den
+Reisfeldern Kranke zur Behandlung brachte und ich Chinin mit einer
+Gebrauchsanweisung austeilen und den Lueskranken eine Jodkalilösung
+in Flaschen zubereiten musste. Einige Dorfbewohner setzten noch vor
+meiner Abreise die anfangs geforderten hohen Preise für Ethnographica
+herab und so hatte ich so viel zu tun, dass ich mich geduldig auf
+die Versicherung, dass der Merasè schnell fallen würde, verliess.
+
+Trotz des hohen Lohnes, den ich ausgesetzt hatte, konnte _Obet
+Dewong_ am anderen Morgen nur mit Mühe acht Mann dazu bewegen, ihre
+Arbeit unseres Zuges wegen zu unterbrechen; daher waren wir erst um
+9 Uhr reisefertig. Unsere Pflanzensucher begleiteten uns mit ihren
+Tragkörben: sie hatten in den letzten Tagen bereits in der Umgebung
+prächtige Pflanzen gefunden, auf dem Batu Marong unter anderen eine
+Aroïdee, deren grosse Blätter wie aus dunkelbraunem Sammet geschnitten
+aussahen.
+
+Ausser den Hütten auf den Reisfeldern weiter oben sahen wir nur
+noch eine kleine Niederlassung oberhalb der Mündung des Asa, der in
+einem sehr breiten Tal längs der senkrechten, nördlichen Wand des
+Ong Dia strömt. Das Tal wird nach Westen durch die Verlängerung des
+Ong Dia Rückens abgeschlossen, der sich in nördlicher Richtung bis
+zum Kalkgebirge Batu Matjan hinzieht.
+
+Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir die Stelle, wo der Tasan von
+Norden her in den Merasè mündet, der hier um den südlichen Abhang des
+Batu Situn eine Biegung macht. Etwas weiter oberhalb der Mündung fuhren
+wir unter dem Rotang hindurch, den _Ledju Li_ als Verbotszeichen quer
+über den Fluss hatte spannen lassen.
+
+Die Flussgeister schienen uns unsere Freveltat nicht übel zu nehmen,
+denn einer der Ma-Suling entdeckte an einer verbreiterten Stelle,
+wo das Wasser ruhig strömte, einen grossen Fisch. Das Boot näherte
+sich lautlos dem Tier und es gelang dem vorderen Steuermann, den Fisch
+mit seiner Lanze zu spiessen. Das Schlachtopfer wehrte sich zappelnd
+und tauchte unter, trieb aber, durch den Blutverlust geschwächt,
+bald wieder an der Oberfläche und wurde mit Jubel in das Boot gezogen.
+
+Weiter oben drängt sich der hier nur 7 m breite Tasan zwischen zwei
+senkrechten Kalkfelsen hindurch, deren Wände mit Algen, Moos, Farren
+und anderen Pflanzen feuchter Standorte dicht bewachsen sind.
+
+In früherer Zeit durften die Bewohner dieser Gegenden den Tasan nur bis
+zu dieser _lobang belare_ (Höhle eines Donnergeistes) hinauffahren;
+erst seit kurzem wagen sie sich weiter aufwärts. Auch jetzt fuhren
+wir unter feierlichem Schweigen an dieser Stelle vorüber.
+
+An dem kleinen Fluss Terè weiter aufwärts zogen die Ma-Suling die
+Böte in den Uferwald, während _Sorong_ mit den Seinen den gleichmässig
+ansteigenden Rücken hinaufging, um nötigenfalls einen Weg durchhauen
+zu lassen. Ich folgte ihm langsam mit _Obet Dewong_. Der schwere und
+bejahrte Mann folgte nur mit Anstrengung, obgleich der Rücken nicht
+steil und sehr breit war; da _Obet_ in jungen Jahren ein bekannter
+Jäger gewesen war, gab er sich jetzt alle Mühe, nicht zurückzubleiben.
+
+Bereits bald nach Mittag erreichten wir, auf einer Höhe von 800 m,
+den Sattel, der unter dem eigentlichen Gipfel lag, und beschlossen,
+hier unser Lager aufzuschlagen, da wir weiter oben kein Trinkwasser
+finden würden.
+
+_Sorong_ hatte mit seinen Leuten bereits den Platz zwischen den grossen
+Bäumen vom Unterholz befreit. Nachdem die Hütte zusammengestellt
+worden war, blieb noch genügend Zeit übrig, um den eigentlichen
+Gipfel auszukundschaften.
+
+Dieselben Männer gingen wiederum voraus; wir holten sie aber bald
+ein, da sie weiter oben in die Rotang- und Moosregion gerieten. Auch
+die dornigen Stämme der Sagopalmen hielten uns fest, so dass es kaum
+möglich war, ohne Kleiderrisse und Hautwunden davonzukommen, und so
+manchmal musste der Pfad durch diese triefende, dunkle Pflanzenmasse
+gebahnt werden. Für Nashorne schien diese Gegend sehr geeignet zu
+sein, denn wir bemerkten zahlreiche Spuren von ihnen, auch jagten
+unsere Leute ein Exemplar auf. In einer flöhe von 1000 m ü.d.M. war
+alles so dick mit Moos bedeckt, dass wir weder rechts noch links
+sehen konnten, dazu fiel der Gipfel mit steiler Wand nach unten
+ab. Es musste noch ein zweiter, höherer Gipfel vorhanden sein, aber
+bevor wir ihn besteigen konnten, musste _Obet Dewong_ den Geistern
+erklären, wer wir waren, und was wir hier wollten. Hierzu holte er ein
+mitgenommenes Ei hervor, klemmte es zwischen die 3 Zinken eines an
+der Spitze gespaltenen Stockes, den er in den Boden gesteckt hatte,
+und rief darauf die Geister, die auf dem Situn und auch die, die auf
+dem Batu Pala am oberen Tasan wohnten, an. Er berichtete ihnen, dass
+er, der Häuptling von Lulu Sirang, gekommen war, um Kajan vom oberen
+Mahakam und weisse Fremde, Niederländer, von jenseits des Meeres,
+welche die Umgegeng besichtigen wollten und durchaus nichts Böses
+gegen die Geister im Schilde führten, zu geleiten.
+
+Gänzlich beruhigt kletterten wir nun längs eines steilen Abhanges
+über glatte, moosbedeckte Steine ungefähr 50 m weit hinunter und
+begannen dann, den eigentlichen Gipfel, der gut 1100 m hoch war,
+zu besteigen. Auf dem schmalen Gipfel standen wir aber vollständig
+zwischen hohen Bäumen ohne jede Aussicht; daher musste entweder
+der Wald gänzlich gefällt werden, woran fast nicht zu denken war,
+oder auf einem der höchsten Bäume ein Beobachtungsposten gebaut
+werden. Wohl oder übel entschlossen wir uns zu letzterem und trugen
+unseren Bahau auf, von einem der schweren Bäume mit breiter Krone
+die Äste teilweise zu entfernen, so dass auf den übrigbleibenden
+ein festes Gerüst (_lasan_) aus Holz gebaut werden konnte, auf dem
+unsere Instrumente aufgestellt werden sollten. Auch musste für uns
+eine Leiter hergestellt werden. Dieser ihnen gänzlich neue Auftrag
+schien meine Leute zu reizen, vielleicht hatten sie auch erwartet,
+dass sie den ganzen Wald fällen sollten. Sie machten sich daher eifrig
+ans Werk und stellten das Gerüst bereits abends fertig. Frierend,
+durchnässt und sehr ermüdet kehrten wir nach unserem Lager zurück,
+in dem _Midan_ uns mit einer Tasse warmer Chokolade empfing. Ein
+Wechsel der Kleidung stellte unser Wohlbehagen bald wieder her und
+gleich nach Sonnenuntergang begaben wir uns zur Ruhe.
+
+Das Thermometer zeigte morgens zwar noch 18° C., aber das Aufstehen in
+der nasskalten Umgebung im dichten Nebel war doch nichts weniger als
+angenehm. Eiligst begaben wir uns auf den Gipfel, in der Hoffnung,
+über den Wolken eine ebenso freie Aussicht wie am ersten Morgen auf
+dem Batu Mili zu geniessen. Es zeigte sich aber, dass der Gipfel
+unseres Baumes nicht frei stand, sondern dass einige Bäume, die die
+Aussicht benahmen, gefällt werden mussten. Da unser Baum der höchste
+war, brauchten nur wenige Exemplare entfernt zu werden.
+
+Zur Erwärmung begann ich auf- und niederzuklettern und Moose und
+Erdorchideen, die mit ihren prächtig gefärbten und gezeichneten
+Blättern in Felslöchern verborgen sassen, zu suchen. Gesteine
+konnte ich nicht sammeln, da alle Stücke an der Oberfläche durch und
+durch verwittert und nicht mehr zu unterscheiden waren. Nur da, wo
+ein grosser Block vom Abhang abgestürzt war und die Wand lotrecht
+aufstieg, konnten wir später mit dem Schmiedehammer einige gute
+Stücke abschlagen.
+
+Als die Wolken unter und um unseren Gipfel nach 10 Uhr sich zu erheben
+anfingen, stellten wir unsere Instrumente auf. Obgleich das Wetter
+nicht sehr günstig war, traten im Laufe des Tages doch die ganze
+Umgebung und auch die Gebirge in der Ferne der Reihe nach hervor. Es
+zeigte sich, dass das Kalkgebirge im Norden und Westen zahlreiche
+Gipfel besitzt und von engen, tiefen Schluchten durchschnitten
+wird. Aus einer dieser Schluchten kam der Merasè zum Vorschein, was
+die Berichte der Buschproduktensucher bestätigte. Nach Osten, dem
+Quellgebiet des Tepai und Nijan zu, geht das Gebirge in plateauförmige
+Ketten über, deren weisse, senkrechte Wände denen des Batu Brok und
+Matjan vollständig gleichen und daher ebenfalls aus Kalk bestehen
+können. Im Gebiet des oberen Tasan wies man uns einen derartigen,
+oben flachen Berg als den Batu Pala an, auf dem sich der Stamm der
+Batu Pala einst ein Jahr lang gegen die Anfälle der Long-Glat unter
+_Ledju Aja_ verteidigt hatte.
+
+Im übrigen ging aus den Aussagen der Ma-Suling nichts Sicheres hervor
+und selbst _Obet Dewong_ der sehr wohl wusste, wie viel uns daran
+gelegen war, den Batu Tibang zu finden, zeigte uns einen der Gipfel
+des Kalkgebirges als den gesuchten Berg. Ich war anfangs geneigt,
+ihm zu glauben, als aber später am Nachmittag in grosser Entfernung
+hinter diesem Gipfel das Scheidegebirge mit dem Kajanfluss hervortrat,
+das mit dem Batu Tibang in Zusammenhang stehen musste, sah ich, dass
+_Obets Dewongs_ Behauptung falsch war und verwies ihm diese Art uns
+zufrieden zu stellen. Das 1800-2000 m hohe Kalkgebirge verbarg uns
+das dahinter liegende Gebirge und somit wahrscheinlich auch den Batu
+Tibang. Das ganze Gebiet des oberen Mahakam jedoch lag schöner als je
+vor uns. Der ganze südliche Teil bis zum Batu Lesong trat gut hervor,
+ebenso der Gipfel des Batu Mili über dem Rücken des Ong Dia, während
+nach Osten der Batu Ajo, Nijan u.s.w. scharf sichtbar wurden. Es
+gelang _Bier_, die erforderlichen Peilungen und Skizzen bis zum Abend
+zu beenden, so dass wir unsere Zelte am folgenden Morgen abbrechen
+konnten und so früh unten anlangten, dass der ganze Teil des Flusses
+vom Situn bis Lulu Sirang noch gemessen werden konnte. Ich war mit
+den gesammelten Pflanzen und Gesteinen vorausgegangen und hatte auch
+noch die Geröllbänke des oberen Merasè und Tasan untersucht, kam
+aber dennoch mit _Obet Dewong_, den die Exkursion sehr angegriffen
+hatte, noch zeitig nach Hause. Aus Furcht, dass ich am anderen Morgen
+früh aufbrechen würde, stellten sich eine Menge Leute mit Hühnern,
+Früchten, _taring tanah_ und anderen Dingen ein, um hierfür Arzneien
+oder hübsches Zeug für Röcke oder Perlen einzutauschen. Ich war aber
+zu müde zum Handeln und versicherte ihnen nur, dass ich mich noch
+vor meiner Abreise mit ihnen allen befassen würde.
+
+Um seine Aufnahme noch bis zur Mündung des Merasè fortsetzen zu können,
+machte sich _Bier_ am anderen Morgen als erster auf den Weg. Ich hatte
+noch viele Stunden damit zu tun, Flaschen mit Jodkalilösung zu füllen,
+Chininpulver und Pillen auszuteilen und meine schönen Stoffe sehen
+zu lassen.
+
+Man gönnte mir kaum Zeit zum Essen, doch gelang es mir, noch vormittags
+abzureisen. Zu meiner Beruhigung fühlte sich _Obet Dewong_ nach einer
+gut verbrachten Nacht wieder wohler. Ich hinterliess ihre gegen seine
+Fieberanfälle Chininpulver, dagegen versprach er, die beiden Böte,
+nachdem sie mit Brettern (_rambing_) versehen worden waren, nach dem
+Blu-u zu senden.
+
+Die Dorfbewohner sahen uns ungern abfahren, aber ich hatte ihnen
+fast alle meine Arzneien ausgeteilt, in meinen Tauschartikeln war
+hauptsächlich durch das Einkaufen von Ethnographica eine grosse Lücke
+entstanden, und so blieb ihnen wenig mehr zu wünschen übrig. Die
+Strömung brachte uns bald nach unten und in 3 1/2 Stunden kamen wir
+in Napo Liu an.
+
+_Ledju Li_ hatte ich für die Verletzung des _lali_ auf dem Tasan
+eine Busse zu bezahlen; die Angelegenheit wurde jedoch unter _Kwing
+Irangs_ Leitung schnell geregelt. Weit mehr Unterhandlungen kostete
+mir eine alte, schöne Perlenverzierung für ein Kindertragbrett
+(_tap beneng_) mit zwei Menschenfiguren und einem Tigerkopf. Fast
+der ganze Stamm entrüstete sich darüber, dass ein so altes Stück
+die Niederlassung verlassen sollte, aber die Tochter der Besitzerin
+liess sich durch meine schönen Elfenbeinarmbänder zum Verkauf der
+Perlenarbeit verleiten. Die bereits erwähnte, schöne Jacke mit dein
+Rand aus Knüpfarbeit wurde mir nun ebenfalls verkauft, so dass ich
+von unserem Besuch in Merasè sehr befriedigt war.
+
+Wir sehnten uns alle nach Hause zurück und nahmen daher am 13. Tage
+nach unserer Abreise vom Blu-u von Napo Liu Abschied und erreichten
+wiederum gegen Mittag Batu Sala, wo wir die Nacht als Gäste des
+Häuptlings, der inzwischen zurückgekehrt war, verbringen sollten. Den
+Rest des Tages verwendete ich noch dazu, schöne Schwerter, hölzerne
+Tätowiermodelle (_klinge tedak_) und Perlenmützen einzukaufen, deren
+Besitzer inzwischen Zeit gehabt hatten, sich mein früheres Angebot
+zu überlegen. Wir erfuhren hier wiederum, welch einen grossen Wert
+das Einkaufen von Ethnographica für den Umgang mit den Eingeborenen
+besitzt. Der Häuptling und seine Frau waren uns nämlich sehr freundlich
+entgegengekommen, hatten uns aber zu verstehen gegeben, dass sie kein
+Geschenk von uns annehmen wollten, dagegen gern bereit wären, uns
+irgend welche Gegenstände zu verkaufen. Ich begriff, dass mir der Kauf
+teuer zu stehen kommen würde, erhielt aber von dem Häuptling für 25
+fl. einen Korb (_ingan dawan_) mit Perlenverzierung zum Aufbewahren von
+Gegenständen, wie er sonst von den Kajan nicht verkauft werden durfte,
+und von seiner Frau für 15 fl. einen hübsch gestickten Rock. Der Bruder
+_Bang_ verkaufte mir ein Schwert mit schöner Einlegearbeit. So waren
+auch hier wieder alle Parteien zufrieden gestellt.
+
+Ein glücklicher Zufall liess uns unter dem Hause der Long-Glat eine
+Heiratserklärung eines jungen Mannes entdecken. Sie bestand in einem
+Holzstapel, der den Raum zwischen dem Brettersteg unter dem Hause
+und der Wohnung der Auserkorenen vollständig füllte Das Holz war
+als Brennholz von ungefähr 70 cm Länge gehackt und zwischen zwei
+Stützbalken der Wohnung aufgestapelt worden. Zwischen das Brennholz
+waren 5 Stücke eines Baumstammes gelegt, an deren abgeplatteten,
+hervorragenden Enden die Versorgung der Frau durch den Mann
+sinnbildlich dargestellt worden war. Die Symbole bestanden in einem
+Beil (_ase)_, als Versprechen, Holz hacken zu wollen, einer Hacke
+(_bekong_), als Versprechen, das Holz fein bearbeiten zu wollen, wie
+es beim Bau der Böte notwendig ist, und drei verschiedenen Tellern
+(_uwit_), einem grossen und zwei kleineren, als Versprechen, für
+Reis (_honen_) und Zuspeisen (_udjo_) sorgen zu wollen. Neben dem
+Holzstapel legt der Mann eventuell auch noch Geschenke nieder. Es
+glückte _Demmeni_, einige gute Aufnahmen von dem Stapel zu machen und
+einiges über die Hochzeitsgebräuche bei den Mahakamstämmen zu erfahren.
+
+Die Gebräuche sind bei den verschiedenen Stämmen und auch, je nachdem
+es sich um Häuptlinge, Freie oder Sklaven handelt, verschieden. Im
+allgemeinen wird eine Heirat zwischen Häuptlingen auf die gleiche
+Weise wie zwischen Freien vollzogen; nur die Sklaven heiraten ohne
+Zeremonien, doch gilt der Ehebund bei ihnen für ebenso fest als bei
+den anderen. Die Häuptlinge der Long-Glat richten den Holzstapel
+nicht unter, sondern vor dem Hause der Geliebten auf und fügen zu den
+üblichen Symbolen einer Heiratserklärung auch noch schöne Geschenke
+für die Braut. Von dieser Sitte weichen die Mahakam Kajan insofern
+ab, als der junge Mann den Stapel in der Wohnung auf dem Gestell,
+das über dein Herde zur Aufbewahrung von Brennholz dient, errichtet.
+
+Tritt bei den Freien ein junger Mann mit einem jungen Mädchen in
+den Ehebund, so wird er von seinen Freunden unter Beckenschlag in
+das Haus der Braut geleitet; die Hochzeitsgeschenke werden gleich
+mitgebracht. Wie am Mendalam zieht auch am Mahakam der junge Ehemann
+zuerst ins Haus seiner Schwiegereltern. Folgt dagegen ausnahmsweise
+die junge Frau dem Manne, so wird sie von ihren Freundinnen zu ihm
+geleitet. Nach der Ankunft setzen sich beide neben einander auf den
+Boden, der Mann links, die Frau rechts, und essen einige gekochte
+Reiskörner, die auf einem Bananenblatt rechts von ihnen liegen; der
+Mann macht dabei den Anfang. Diese Zeremonie wird mit "_bekesow_"
+bezeichnet und leitet nur eine vorläufige Ehe ein, während welcher
+das Paar verschiedenen Verbotsbestimmungen unterworfen ist, die erst
+beim folgenden Neujahrsfest aufgehoben (_bet lali_ oder _bet pawe_)
+werden. Einer der ältesten im Stamme, der nicht immer ein Priester zu
+sein braucht, tritt dann vor das Paar, ruft die Geister und die Seelen
+verstorbener Familienglieder an und berichtet ihnen, dass die Heirat
+vollzogen wird; ferner macht er die Jungvermählten auf ihre künftigen
+Pflichten aufmerksam. Dann schlachten Mann und Frau je einen Hahn,
+um aus der Beschaffenheit seiner Leber die Gesinnung der Geister
+zu erkennen. Der Teil, dessen Hahn die besten Vorzeichen aufweist,
+verspricht am meisten zur Wohlfahrt der Familie beizutragen.
+
+Die Jungverheirateten dürfen drei Tage lang die _amin_ nicht verlassen
+und nur Reis, der in einem Bambusgefäss gekocht worden ist, essen. Das
+Fleisch wilder oder zahmer Schweine und mit _tuba_ gefangene Fische
+sind ihnen zu essen verboten. Nach Ablauf der drei Tage gehen beide
+in ihren schönsten Kleidern acht (heilige Zahl) Mal zum Flusse. Der
+bewaffnete Mann rodet mit seinem Schwerte etwas Gestrüpp aus, während
+die Frau mit einer besonderen Schaufel (_uing_) etwas jätet. Gehören
+sowohl Mann als Frau einer Häuptlingsfamilie an, so müssen sie den
+Weg zum Flusse 2 × 8 Mal zurücklegen und stets wieder die gleiche
+symbolische Feldarbeit verrichten. Dann gilt der Bund als endgültig
+geschlossen.
+
+Die Frau bringt kein Heiratsgut mit; selbst ihre Schmucksachen gehen
+nach ihrem Tode, falls keine erbberechtigten Kinder vorhanden sind,
+an ihre Familie zurück; der Mann dagegen giebt den Eltern der Frau ein
+Geschenk (_tendjai)_. Für Häuptlinge besteht das _tendjai_ in Gongen,
+Schwertern, Wurfnetzen u.s.w., die von den Freien geliefert werden,
+falls der Häuptling standesgemäss heiratet. Die Geschenke der Freien
+dürfen nur in Schwertern oder Kattun bestehen. Festmahlzeiten sind
+bei einer Heirat nicht gebräuchlich.
+
+Findet eine Scheidung auf friedlichem Wege statt, so giebt man
+einander eine _utök_, d.i. eine vollständige Kleiderausstattung;
+die Geschiedenen dürfen dann sogleich wieder eine neue Ehe
+schliessen. Solange die _utök_ noch nicht gegeben ist, wird eine neue
+Heirat als Ehebruch betrachtet und als solcher mit einer schweren
+Busse (_kebehow)_, welche dem beleidigten Teil entrichtet werden muss,
+bestraft. Trennen sich Eheleute ohne _utök_, so dürfen sie sich nicht
+wieder verheiraten.
+
+Bei Ehebruch muss der schuldige Teil dem anderen und eventuell auch
+einem beleidigten Manne resp. einer beleidigten Frau eine Busse
+ausbezahlen. Das gleiche gilt auch für Sklaven.
+
+Eheliche Treue wird auch dann geheischt, wenn der Mann langdauernde
+Reisen unternimmt.
+
+Ein Ehebruch wird, nach Auffassung der Bahau, von den Geistern durch
+Missernten und andere Unglücksfälle an dem ganzen Stamme gerächt,
+daher sucht man dessen schlimme Folgen von den übrigen Stammesgliedern
+abzuwenden. Die Schuldigen werden mit Schweinen, Hühnern, 2 × 8 Eiern
+und all ihrem Hab und Gut auf eine Geröllbank im Flusse ausgesetzt,
+um den schlechten Einfluss, der von ihnen ausgeht, aufzuheben (= _bet
+dawi_). Die Priesterinnen bestreichen das Eigentum der Schuldigen
+mit dem Blut der Schweine und Hühner, um es unschädlich zu machen.
+
+Die Ehebrecher selbst lässt man mit 2 × 8 Eiern auf einem Floss von
+der Strömung abwärts treiben. Sie retten sich, indem sie ins Nasser
+springen und ans Land schwimmen. Wahrscheinlich war dies früher nicht
+gestattet, wenigstens "erden sie jetzt noch von der Jugend mit langen
+Grashalmen, die Lanzen vorstellen sollen, beworfen.
+
+Derartige Fälle kommen selten vor oder werden wenigstens selten
+behandelt; der letzte soll sich bei den Kajan vor 10 Jahren zugetragen
+haben.
+
+Die Bahau gehen teils Vernunfts- teils Liebesheiraten ein. Im
+ersten Fall wird ein junger Mann mit einem kleinen, noch gänzlich
+unerwachsenen Mädchen verlobt und zieht bisweilen dann schon ins Haus
+der künftigen Schwiegereltern. Wenn dem Mädchen später der auserkorene
+Bräutigam nicht gefällt, was häufig geschieht, setzt sie bei ihrer
+Familie oft eine Heirat mit einem anderen, selbstgewählten Manne
+durch. Sie entwickeln hierbei so viel Energie und Ausdauer, dass
+sie, selbst wenn sie sich in einen Sklaven verliebt haben, den Sieg
+davontragen. Ich erlebte zwei derartige Fälle bei den Mahakam Kajan,
+bei denen die Kluft zwischen Freien und Sklaven überdies viel grösser
+ist als bei anderen Stämmen.
+
+Am z. Dezember nahmen wir von Batu Sala Abschied und erreichten
+noch am gleichen Tage Lulu Njiwung, dessen Häuptling _Ding Ngow_
+so schüchtern war, dass er in unserer Gegenwart kaum zu sprechen
+wagte. Wir mussten hier des hohen Wasserstandes wegen zwei Tage
+bleiben. Ein Teil der Niederlassung war uns verschlossen, da man
+im langen Hause der Ma-Tuwan _lali nugal_ feierte; die Bewohner
+der anderen Häuser begaben sich morgens sehr früh aufs Reisfeld und
+kehrten erst abends wieder zurück. Wir hatten somit wenig Gelegenheit,
+die Bevölkerung kennen zu lernen und Ethnographica einzukaufen.
+
+Besonders unangenehm war mir der Umstand, dass mich viele Kranke
+um Arzneien baten und man mich zu bewegen suchte, noch so lange zu
+bleiben, bis man mir auch die Kranken von den Reisfeldern ins Haus
+gebracht habe. Denn meine Arzneien waren grösstenteils verbraucht
+und mit dein Rest musste ich sehr sparsam umgehen. Es blieb mir
+daher nichts übrig, als den Leuten zu versprechen, ihnen am Blu-u,
+der nicht weit entfernt war, Arzneien austeilen zu wollen. Viele
+von ihnen machten denn auch wirklich nach Ablauf der drückendsten
+Feldarbeit von meiner Aufforderung Gebrauch.
+
+Den 16ten Tag nach unserer Abreise setzten wir unsere Fahrt bei
+fallendem Wasser fort und erreichten wohlbehalten unsere Niederlassung
+am Blu-u. Alles sah dort so aus, wie wir es verlassen hatten. Unsere
+Kisten mit kostbaren Tauschartikeln, die der Häuptling in seiner
+Wohnung unter dem Schutz seiner Frauen aufbewahrt hatte, brachten wir
+in unser Haus zurück und sassen dann abends wieder sehr befriedigt
+unter unserem festen, ruhigen Dache.
+
+Unser stilles Leben dauerte nicht lange, denn _Kwing Irang_ äusserte
+den Wunsch, uns nun auch baldmöglichst in den verschiedenen
+Pnihingniederlassungen einzuführen. Er hielt es nämlich für
+wünschenswert, dass der Kontrolleur auch diesen Stamm näher
+kennen lernte, auch wollte er nicht, dass sich die Pnihing durch
+unser Fortbleiben zurückgesetzt fühlten. Für später hatte _Kwing_
+allerhand grosse Pläne, die ihn ans Haus fesselten, daher wollte er
+den Besuch so schnell als möglich ins Werk setzen. Unsere Europäer
+und die Pflanzensucher sollten sich an der Reise beteiligen, _Doris_
+und die Seinen dagegen sollten zu Hause bleiben, da unser unstätes
+Leben für ein Sammeln auf zoologischem Gebiete nicht geeignet war,
+wie wir während unseres Zuges nach dem Merasè erfahren hatten. Wir
+hatten nun ein Boot weniger nötig, was den Kajan durchaus nicht gefiel,
+da die jungen Leute, die nicht mit nach dem Merasè gezogen waren,
+gehofft hatten, nun auf der Reise zu den Pnihing auf angenehme Weise
+viel Geld zu verdienen.
+
+Als wir uns mit unserem Gepäck am 10. Dez. in 4 Böte verteilen
+wollten, stellte sich heraus, dass sich zu viele reiselustige Kajan
+eingefunden hatten. Der Häuptling hatte sie augenscheinlich zum
+Zurückbleiben nicht überreden können oder wollen, und so musste ich
+bei unserer Abreise, als alles bereits gepackt war, noch selbst drei
+Männer zwingen, ihre Tragkörbe, Speere und Schilde aus den Böten zu
+holen, die für so viele Leute nicht genügend Platz boten. _Kwing_
+gab zu unserer Freude den Wunsch zu erkennen, dass der Kontrolleur
+die Fahrt in seinem Bote machen sollte und, da auch der Wasserstand
+sehr tief war, zogen wir alle wohlgemut flussaufwärts. Für den
+Häuptling bildete diese Fahrt eine wahre Vergnügungsreise, denn seit
+meinem vorigen Besuch hatte er die Tochter eines Häuptlings in Long
+'Kup geheiratet, die er wegen seiner kleinen provisorischen Wohnung,
+in der sich bereits seine beiden anderen Frauen befanden, nicht bei
+sich aufnehmen konnte. Seine älteste Frau _Hiang_ gestattete ihm nur
+selten, zu den Pnihing zu fahren, und so bot ihm unsere Reise einen
+erwünschten Ausweg. Wir konnten nun nicht umhin, in Long 'Kup zu
+übernachten und zwar in der Galerie von _Kwings_ Schwiegervater.
+
+Die Häuptlingsfrauen zeigten sich für die schönen Perlen und Stoffe,
+die ich ihnen mitgebracht hatte, sehr empfänglich; die Männer dagegen
+hatten auch hier ihre eigenen Anschauungen über Geschenke und wollten
+keine hübschen Sachen, wohl aber Arzneien von mir annehmen.
+
+Wir waren so früh angekommen, dass ich noch Zeit gehabt hätte, mit
+vielen Bekanntschaft zu machen und Verschiedenes einzukaufen. Leider
+blieb die Galerie leer, trotzdem ich früher bereits mehrmals hier
+gewesen war; man schien sich vor uns also doch noch zu fürchten. _Kwing
+Irang_ konnte sich von seiner jungen Frau nicht trennen und unsere
+Kajan hatten sich zu ihren Bekannten begeben. Da keiner von uns
+Pnihingisch sprach, war eine Unterhaltung mit den Hausbewohnern
+unmöglich, und ich beschloss daher, mit dem alterprobten Mittel, der
+Austeilung von Geschenken, eine Verständigung zwischen uns anzubahnen.
+
+Mit vieler Mühe suchte ich zwei kleine Mädchen, die uns aus der
+Ferne verlegen anstarrten, dazu zu bewegen, sich uns zu nähern und
+aus einer Dose einen bunten Fingerring hervorzuholen. Durch die
+blitzenden Kleinodien angelockt zogen sie einander halb ängstlich,
+halb lachend an den Röcken vorwärts. Zögernd streckte jede ihr
+Ärmchen aus, ergriff einen Ring und eilte nach Hause, um ihren Schatz
+zu zeigen. Bald darauf geriet die ganze Frauenwelt in Bewegung und
+stellte sich mit ihren Kindern in dichter Reihe um mich herum. Eine
+Dose voll Fingerringe nach der anderen verschwand, wobei die Frauen
+den Kindern stets den Vorrang liessen. Um die Austeilung der kleinen
+Geschenke, die wegen unserer Unkenntnis der Sprache recht einförmig
+verlief, etwas zu beleben, versteckte ich die Perlen, Nadeln oder
+Ringe in meiner Hand oder hielt diese so fest, dass jede nur mit einer
+kleinen Anstrengung zu ihrem Geschenk gelangen konnte. Die Zuschauer
+amüsierten sich herrlich über die Bemühungen derjenigen, die an der
+Reihe war. Einige wurden verlegen, aber keine wurde böse. Bald wurde
+unsere Umgebung so vertraulich, dass einige die wenigen Worte Busang,
+die sie kannten, zu sprechen wagten. Mit hübschem, geblümtem Zeug,
+Perlenketten und dergl. suchte ich die Frauen zu bewegen, mir einiges
+von ihrem Hausrat und ihren Kleidungsstücken zu verkaufen und war mit
+meinen vorläufigen Unterhandlungen sehr zufrieden. Schnitzarbeiten
+und andere Kunstartikel konnte ich nicht erhalten, weil die Pnihing
+nichts derartiges herstellen, wohl aber einige Röcke mit hübschen
+-Rändern, einige Hüte und, was uns ebenfalls sehr willkommen war,
+eine grosse Menge Reis, Hühner und Früchte. Böte, deren ich immer
+noch nicht genug hatte, konnte ich hier nicht kaufen, doch sollten
+sie in der Pnihingniederlassung am Tjehan zu haben sein.
+
+An der Mündung des Tjehan in den Mahakam liegt der Liang Karing, dessen
+schöne weisse Kalkfelsen die Landschaft beleben. In der Hoffnung,
+von diesem Berge aus eine gute Übersicht über diesen Teil des oberen
+Mahakam zu erhalten, beschlossen wir, in dem an der Mündung- gelegenen
+Pnihinghause zu übernachten. Morgens früh brachen wir von Long 'Kup
+auf und erreichten zuerst _Belarès_ Niederlassung, an der wir nicht
+Halt machten, da die Pnihing augenblicklich auf ihren Reisfeldern
+wohnten und der Häuptling sich mit einigen Männern auf der Jagd am
+oberen Mahakam befand. Schon seit Jahren zog _Belarè_, sobald er
+die Zeit dazu fand, für viele Wochen in den Wald und lebte dort fast
+gänzlich von dem, was der Wald ihm lieferte.
+
+Um 12 Uhr legten unsere Böte bei der Niederlassung am Tjehan an. Die
+Hausbewohner erklärten, keinen Weg auf den Liang Karing zu kennen und,
+da ich ihre Abneigung gegen Besteigungen dieser Berge kannte, schickte
+ich _Maring Kwai_, einen jungen Mann, der bereits im Jahre 1897 mit
+meinem Pflanzensucher _Djahéri_ einen Gipfel des Liang Karing bestiegen
+hatte, und _Suka_, der für dergleichen Exkursionen am geeignetsten war,
+aus, um einen Weg zu suchen, der auch für _Bier_ und mich brauchbar
+war. Inzwischen erfreuten wir uns zum ersten Mal wieder an einer
+guten Mahlzeit und erhielten bald darauf die willkommene Nachricht,
+dass man den Gipfel des Berges von der einen Seite aus erreichen
+könne. _Suka_ hatte _Maring_ nur mit grosser Anstrengung auf dem
+früheren Pfade nach oben folgen können, aber sie hatten vom Gipfel
+aus für den Abstieg einen besseren Weg gefunden.
+
+Um keine Zeit zu verlieren, brach ich mit _Bier_ und den
+Pflanzensuchern sogleich auf. Wir setzten über den Fluss und standen
+bald darauf vor den senkrechten Kalkwänden des Liang Karing. Auf der
+rechten Seite bemerkte ich am Fuss des Berges grosse Höhlen, in denen
+die Pnihing ihre Toten beisetzen; ich hielt es jedoch nicht für ratsam,
+die Leute am Tjehan durch meine Neugierde zu beunruhigen und schlug,
+um den gefundenen Weg zu erreichen, die entgegengesetzte Richtung ein.
+
+Die hier schwach geneigten Sandsteinschichten heben sich deutlich
+von dem anschliessenden Kalkgestein ab, in gleicher Weise wie dies
+bei den Kalkkegeln am Bulit der Fall ist. Da es mir nicht glückte,
+Fossilien zu finden, kann das Alter dieser Schichten vorläufig
+nicht bestimmt werden. Weiter aufwärts gelangten wir an die Stelle,
+von der aus die Besteigung beginnen konnte. Die Felswände waren hier
+zwar ebenso steil als an der anderen Seite, aber ein Kamin, der unten
+gänzlich mit abgestürzten, von Moos und Algen bedeckten Kalkblöcken
+angefüllt war, machte einen Aufstieg möglich. Mit Händen und Füssen
+kletterten wir an einer Seite, wo das Kalkgestein scharfe Vorsprünge
+und Vertiefungen zeigte, an der lotrechten Wand empor und erreichten
+die Stelle, an der sich die Wände in einem Bogen dem Gipfel zuneigten.
+
+Die scharfen Spitzen und Kanten des Gesteins drangen durch unsere
+nassen Stiefelsohlen hindurch; wie die unbeschuhten Füsse der
+Eingeborenen Stand hielten, erschien uns unbegreiflich. Auch oberhalb
+der Wände war der Berg noch so steil, dass wir nur mit Hilfe des
+Gestrüppes, das hier wuchs, vorwärts kamen. In noch höherem Masse als
+der schlechte Weg hielt mich jedoch die interessante Vegetation auf;
+in den mit Moos und Algen dicht bewachsenen Spalten und Höhlen der
+Kalkfelsen hatten nämlich Begonien und Erdorchideen eine Farbenpracht
+ihrer Blätter entwickelt, wie ich sie noch nirgends beobachtet
+hatte. Auf den langen, spitzen Blättern der Begonien wechselten
+Gold und Silber mit prächtigem Rot, Braun und Violett, während die
+marmorierten Blätter der Erdorchideen ein mit dem Alter wechselndes
+Farbenspiel zeigten. Die Pflanzensucher hielten eine reiche Ernte,
+was um so erwünschter war, als die auf der vorigen Reise gesammelten
+Pflanzen während des langen Aufenthaltes bei den Kajan umgekommen
+waren. In kurzer Zeit erreichten wir den Gipfel des Berges, der nur
+spärlich mit Gestrüpp und krautartigen Pflanzen bedeckt und durch den
+Regen stark zerklüftet und erodiert war. _Bier_ machte sich sogleich
+an die Arbeit und bedauerte nur, dass zahlreiche, höhere Berge die
+Aussicht beeinträchtigten. Die auf das hohe Kalkgebirge Batu Matjan
+im Norden, den Batu Lesong im Süden und viele andere Punkte in der
+Umgebung ausgeführten Peilungen machten jedoch auch diese Exkursion
+wertvoll. Abends kehrten wir steif und nass ins Dorf zurück, wo
+_Barth_ und _Demmeni_ die Zeit in Gesellschaft vor. _Kwing Irang_,
+dessen ältestem Sohn und dem freundlichen Häuptling _Bo Anjè_
+und dessen Frau verbracht hatten. Unter dem angenehmen Eindruck
+dieser Unterhaltung bot man uns eine reiche Mahlzeit mit Huhn,
+Eiern und Früchten an. Um 7 Uhr abends lagen wir bereits in tiefem
+Schlaf. Unserer Gesellschaft schien es hier sehr gut zu gefallen,
+ich dagegen wollte lieber so früh als möglich weiter reisen. Die
+Fahrt hatte aber bei dem niedrigen Wasserstande und der Grösse des
+einen Bootes ihre Schwierigkeiten, daher langten wir erst um 1/2 3
+Uhr bei der mir von früher her bekannten Niederlassung der Pmhing am
+Pakatè, einem kleinen Nebenfluss des Tjehan, an. _Demmeni_ hatte auf
+der Fahrt eine gute Aufnahme des Kiham Tukar Anang machen können,
+eines Wasserfalles, der durch im Flussbette liegende Kalkblöcke
+gebildet wird.
+
+Wie die anderen grossen Niederlassungen der Pnihing steht auch die
+am Pakatè unter mehreren Häuptlingen, von denen jeder über seiner
+Wohnung ein erhöhtes Dach und vor ihr eine verbreiterte Galerie
+besitzt, so dass das Dach der Pnihing nicht wie dasjenige anderer
+Bahauhäuser eine nur einmal, sondern eine mehrfach unterbrochene Linie
+aufweist. Einer dieser Häuptlinge ist stets der angesehenste, hier war
+es _Paren_. Wir Europäer hielten in seiner Galerie Einzug, während die
+Malaien beim Häuptling _Bang_ einquartiert wurden. Da sich beinahe alle
+Hausbewohner auf den Reisfeldern aufhielten, hatten wir Zeit, zuerst
+an unsere eigenen Angelegenheiten zu denken, unter denen der Einkauf
+von grossen Böten und Ethnographica die wichtigsten bildeten. Das
+grosse Boot des Häuptlings _Paren_, das bei meinem früheren Besuch
+noch im Walde lag, erwies sich als lang, aber als viel zu schmal,
+um stark beladen werden zu können; daher kam ich mit _Kwing Irang_
+überein, anstatt dieses einen Bootes zwei kleinere zu suchen. Es
+glückte ihm auch, zwei passende Böte zu finden, die ich abends nach
+der Rückkehr des Besitzers von der Feldarbeit für Zeug und Geld erwarb.
+
+Ich hatte die Leute bereits das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht,
+dass ich gern allerhand Gegenstände kaufen wollte, nun schienen
+sie sich über die Dinge, die sie missen konnten, inzwischen klar
+geworden zu sein; denn anderen Tages kamen sie mit hübschen Röcken,
+Schwanzfedern des Rhinozerosvogels und auch mit Reis und Früchten an,
+so dass ich meine Tauschartikel stark angreifen musste. Zum grossen
+Erstaunen ihrer Besitzer kaufte ich auch einige eigenartig geschnitzte
+Türschwellen. Die Nachfrage nach Chinin und Jodkali war auffallend
+gross; letzteres war besonders nötig, da die Pnihing an Kröpfen
+leiden. Es tat mir leid, dass die Tochter des Häuptlings _Bang_, die
+einen kindskopfgrossen Kropf besass, den Gebrauch der Jodkalilösung,
+die ich ihr das vorige Mal in drei Weinflaschen übergeben hatte,
+nicht fortgesetzt hatte. Da ein langdauernder Gebrauch von Jodkali
+den Umfang kleinerer oder grösserer Kröpfe stark vermindert, hätte
+es mich interessiert zu beobachten, ob auch bei dieser bedeutenden
+Hypertrophie eine Wirkung eingetreten wäre. Die Familie hatte ihrem
+Gedächtnis in bezug auf meine Vorschrift nicht vertraut und das Mittel
+daher nicht weiter gebraucht. Dass man an der Arznei nicht zweifelte,
+bewies der grosse Zulauf der Leute mit gut gereinigten Weinflaschen,
+welche ich mit der Lösung füllen sollte. Da es heftig regnete und
+die Wolken so niedrig hingen, dass an ein Ausgehen, um von irgend
+einem Punkte eine Übersicht zu erhalten, nicht zu denken war, konnte
+ich alle Wünsche meiner Patienten, die zum grössten heil weiblichen
+Geschlechtes waren, erfüllen.
+
+Als der Himmel sich etwas aufhellte, begaben wir uns auf einen neben
+dem Hause gelegenen 100 m hohen Hügelrücken, auf dem die Pnihing den
+Wald für die Anlage eines Reisfeldes gefällt hatten. Der Hügel bot
+uns einen schönen Aussichtspunkt, der steile und gewundene Pfad, der
+über halb verfaulte Baumstämme und Äste und zwischen nassem Gestrüpp
+hindurch führte, war aber nichts weniger als bequem. Auf dem Gipfel
+angelangt dauerte es noch einige Zeit, bis die Wolken sich genügend
+verteilten, um uns eine beschränkte Aussicht auf den Batu Lesong und
+das Gebirge am Ulu Serata zu gewähren. In der Nähe war kein höherer
+Gipfel vorhanden, der uns eine umfangreichere Aussicht gewähren konnte,
+daher beschlossen wir, unseren Aufenthalt am Tjehan abzukürzen. _Bier_
+sollte am folgenden Tage den Tjehan so weit als möglich hinauffahren
+und den Fluss dann bis zu seiner Mündung messen. Wir wurden aber noch
+einen Tag lang durch allerhand Geschäfte aufgehalten, hauptsächlich
+auch durch die zahlreichen Pflanzen, welche unsere Pflanzensucher
+gesammelt hatten. Der von uns bestiegene Hügelrücken bot ebenfalls
+eine reiche Flora; besonders auffallend waren die zahlreichen Arten der
+Farren. Einige besassen höchst seltsame Blätter, z.B. grasförmige, oder
+vollständig viereckige, oder in Form von Eichenblättern; die meisten
+zeigten die dunkle, stahlblaue Farbe der echten Urwaldpflanzen. Die
+Exemplare wurden an Ort und Stelle in kleine Körbe gepflanzt, die ich
+zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, sie füllten nicht weniger als 7
+grosse Körbe; ausserdem hatte _Amja_, der sich hauptsächlich mit dem
+Herbarium beschäftigte, noch von diesen und anderen Arten eine grosse
+Menge getrocknet.
+
+Den dritten Tag unseres Aufenthaltes widmete ich gänzlich
+den Hausbewohnern, indem ich bereits früh morgens mit einer
+allgemeinen Austeilung von Fingerringen begann, die ich ihnen
+früher versprochen hatte. Obgleich die Frauen bereits das vorige
+Mal zahlreiche Fingerringe von mir gekauft oder erhalten hatten und
+diese Zierrate an den Händen der stets arbeitenden Frauen sich als
+sehr undauerhaft erwiesen hatten, schien sich die Lust nach ihrem
+Besitze nicht vermindert zu haben; denn die Frauen eilten aus der
+ganzen Niederlassung herbei und belagerten uns in dichten Haufen. Da
+hier viele Frauen und Töchter von Häuptlingen anwesend waren, denen
+ich nicht allen besondere Geschenke geben konnte, erwies ich ihrer
+Würde die nötige Aufmerksamkeit, indem ich ihnen gestattete, nicht nur
+einen, sondern mehrere Fingerringe selbst zu wählen. Dieses Vorrecht,
+schien in der Tat viel Anerkennung zu finden.
+
+Unter den Anwesenden vermisste ich ein auffallend hübsches Mädchen,
+das, wie ich erfuhr, die Tochter des Häuptlings _Bang_ war. Vor Sorge
+um ihren Mann, den Malaien _Si Hebar_, der vor langer Zeit mit dem
+Versprechen bald zurückzukehren nach dein Busang gezogen war, um dort
+Buschprodukte zu sammeln und nichts von sich hatte hören lassen,
+war die Frau nicht dazu zu bewegen gewesen, in unsrer heiteren
+Gesellschaft zu erscheinen.
+
+Dieser _Si Hebar_ war einst, als er es in den trostlosen Wäldern
+am Busang nicht mehr hatte aushalten können, zu den Mahakamstämmen
+gezogen, bei denen er allen Mädchen die Köpfe verdrehte. Erst lebte er
+eine Zeitlang mit _Lirung_, der Tochter des Häuptlings am Howong. _Amun
+Lirung_ und seine energische Gattin waren aber über diese Freundschaft
+durchaus nicht entzückt und, da _Lirung_, wie wir uns in Long 'Kup,
+wo sie jetzt mit _Tingang Kohi_ verheiratet ist, überzeugen konnten,
+kein anziehendes Äusseres besass, war er zu den Pnihing am Pakatè
+gezogen. _Bangs_ Tochter, die mir schon auf der vorigen Reise ihrer
+Schönheit wegen aufgefallen war, hatte es dem malaiischen Don Juan
+angetan, er freite um sie, ohne auf die Gefahr, die ihm vom Howong her
+drohte, zu achten. Dass ihr Geliebter sie verlassen und wo anders Trost
+gefunden hatte, konnte _Lirung_ aber nicht verwinden. Sie sehnte sich
+nach Rache und trug drei Männern der Bukat, die neben der Niederlassung
+ihres Vaters wohnten, auf, dem _Si Hebar_ im Walde nachzustellen und
+ihr seinen Kopf zu bringen. Das Schlachtopfer schien indessen etwas
+Ähnliches von der früheren Geliebten erwartet zu haben, denn er begab
+sich mir mit grosser Vorsicht ausserhalb des Hauses und die Bukat
+mussten ohne sein treuloses Haupt nach dem Howong zurückkehren. Lirung
+geriet über das Missglücken ihres Racheplans in Wut und warf den
+Bukat vor, dass sie keine Männer seien, dass sie Frauenröcke zu tragen
+verdienten und dass sie eine solche Männerarbeit mit besserem Erfolge
+ausgeführt hätte. Tief beschämt kehrten die Bukat in den Wald zurück
+und schlugen, um _Lirung_ ihre Männlichkeit zu beweisen, zwei Seputan
+vom Kaso die Köpfe ab. _Si Hebar_ aber hatte seinen Aufenthalt am
+Pakatè auf die Dauer wohl nicht für sicher gehalten und daher sein
+Nomadenleben am Busang wieder aufgenommen.
+
+Seine verlassene Frau konnte ihre Neugierde, als das Kichern und Jubeln
+der Menge bei der Austeilung immer lauter wurde, schliesslich doch
+nicht bezwingen und erschien plötzlich in unserem Kreise. Sie hatte
+die Kleidung der Pnihingfrauen gegen ein dunkles, malaiisches Gewand
+vertauscht, was ihre Erscheinung sehr beeinträchtigte; da sie in den
+letzten zwei Jahren auch noch ihre Jugendfrische eingebüsst hatte,
+war sie lange nicht mehr so anziehend wie früher. Für ein hübsches
+Stück Zeug zeigte sie trotz ihres Kummers immer noch Interesse und,
+nachdem sie es einmal angenommen, bat sie mich sogleich auch um einen
+Ring mit einem besonders grossen Stein.
+
+Zum Schluss entspann sich unter uns ein lebhafter Hühnerhandel. Die
+Hühner, die die Kajan zum Verkauf für uns zur Verfügung
+hatten, erreichten nämlich ihr Ende und, um nicht gleich auf
+allerhand Surrogate angewiesen zu sein, versuchte ich hier Hühner
+einzukaufen. Während die Kajan uns meistens Hennen zu essen gaben,
+weil sie von den jungen Hähnen eventuelle Kampfhähne erwarteten,
+verkauften uns die Pnihing lieber die Hähne, da sie die eierlegenden
+Hühner höher schätzten. Die Hähne waren kaum in unserem Besitz, als
+die Kajan sie mit viel Aufmerksamkeit betrachteten und betasteten,
+mit dem Resultat, dass ihrer drei aus _Midans_ Händen gerettet wurden
+mit dem Versprechen, sie zu Hause durch andere zu ersetzen. Obwohl
+überzeugt, dass der Tusch nicht zu meinem Vorteil ausschlagen würde,
+gab ich ihrem Wunsche doch gerne nach.
+
+Nach diesem letzten, ruhigen Tage wollte ich anderen Morgens früh
+aufbrechen, musste aber die Leute, um die Böte zu Wasser zu lassen
+und das Gepäck einzuladen, stark antreiben. Bevor wir nämlich
+nach dem Blu-u zurückkehrten, sollte unterwegs noch manches
+vorgenommen werden. Am meisten interessierte uns ein Besuch,
+den wir einem Begräbnisplatz der Pnihing am Fuss des Liang Nanja
+machen wollten. _Kwing Irang_ hatte uns schon auf der vorigen Reise
+hierhergeführt, weil er unser Interesse für dergleichen kannte, und
+wohl auch, um uns von dem Begräbnisplatz der Kajan fernzuhalten. Nun
+schlug er uns selbst vor, unser Essen auf der Geröllbank unterhalb
+des Kiham Tukar Anang am Fusse der Kalkberge zu kochen.
+
+Zum Glück waren keine Pnihing unter uns und, ohne den Kajan viel zu
+sagen, bahnten _Demmeni_ und ich uns einen Weg durch den Waldesrand
+und fanden denn auch den Pfad, der uns über einige Felsblöcke zur
+weissen Wand führte, die, soviel wir durch den Wald sehen konnten, So
+m hoch gerade aufstieg und dann ein überhängendes Gewölbe bildete. Im
+Walde rührte sich kein Blatt und die senkrecht über uns stehende
+Sonne warf grelle Lichter und dunkle Schlagschatten auf die wild
+umherliegenden Felsblöcke, die augenscheinlich von dem hohen Gewölbe
+einst abgestürzt waren. Während wir noch darüber in Unsicherheit waren,
+welchen Weg wir in diesem Chaos einschlagen sollten, erschienen zwei
+unserer jungen Kajan und machten uns hinter einem Felsvorsprung auf
+neun Särge. aus ausgehöhlten Baumstämmen aufmerksam, die zwischen dem
+Fuss der Wand und einem grossen Kalkblock in drei Reihen übereinander
+gestapelt standen. Die Särge mussten bereits alt sein, denn durch
+den eingesunkenen Boden des einen kam ein Schädel zum Vorschein.
+
+Einer der Kajan erstieg, um besser sehen zu können, einen höher
+gelegenen Punkt und winkte uns, ihm zu folgen. Wir überblickten nun
+den ganzen Fuss der Felswand, an der sich in langer Reihe. Gruppen
+von Särgen befanden, die mit den danebenstehenden Waffen und
+Kleidungsstücken im grellen Sonnenlicht einen unheimlichen Eindruck
+auf uns machten; dazu fürchteten wir uns, von Pnihing überrascht
+zu werden. Still begaben wir uns nach der anderen Seite der
+Felswand, die uns einen geeigneten Standpunkt zur Aufstellung unseres
+photographischen Apparates versprach. Den beiden Kajan war es ebenfalls
+unheimlich zu Mute, sie folgten uns aber doch stillschweigend.
+
+Von der anderen Seite konnten wir alles gut übersehen: die Särge,
+welche von der überhängenden Wand vor Regen beschützt wurden,
+standen über und rieben einander um grosse, viereckige Kisten herum,
+in denen sich durch einander alle Dinge befanden, welche den Toten
+für das Leben im Jenseits mitgegeben werden, wie Tragkörbe, Hüte,
+Schilde und Waffen; daneben dienten mit der Spitze nach oben in die
+Erde gesteckte Speere zum Aufhängen von Kriegsmänteln und Hüten.
+
+Die Särge waren unverziert und bestanden nur aus ausgehöhlten
+Baumstämmen, die mit einem Brett oder Schild lose bedeckt
+waren. Dagegen trugen alle Kisten mit den Gegenständen farbige
+Malereien, hauptsächlich Masken böser Geister; eine Kiste zeigte
+an einer Seitenwand ein Relief von 3 dm grossen, bunt bemalten
+Menschenfiguren..
+
+_Demmeni_ und ich fühlten uns durch dieses stille, grellbeleuchtete
+Schauspiel unter der hohen, weissen Wand mit dem finsteren Urwald
+ringsherum wie von einem Traume befangen. Während wir alles für eine
+Aufnahme vorbereiteten, erschien zu unserem Schreck plötzlich ein Hund
+vor uns, der uns sogleich eine Gesellschaft Pnihing vermuten liess. Das
+Tier sah so abgezehrt aus, dass es augenscheinlich bereits lange Zeit
+umhergeschweift war; die Kajan erzählten uns, dass die Pnihing ihre
+Hunde, wenn sie bissig und daher Kindern gefährlich wurden, bisweilen
+verstiessen. Unsere Gemütsverfassung wurde dadurch aber nicht ruhiger,
+daher beeilten wir uns mit der Aufnahme. Unsere Begleiter dagegen
+wurden so mutig, dass der eine sich bereit erklärte, einen Speer für
+unsere Sammlung fortzunehmen. Den Ruf eines Grabschänders wollte ich
+mir in dieser Gegend jedoch nicht erwerben und verbot daher den Raub.
+
+Bei unserer Rückkehr zu den Böten fragte mich _Kwing Irang_, warum
+wir nicht einige Schädel mitgenommen hätten. Die Kajan selbst wären
+für eine derartige Schändung ihrer Toten im stande gewesen, uns zu
+töten. So bestehen zwischen diesen Stämmen stets Missgunst und der
+Wunsch, einander etwas Unangenehmes zuzufügen.
+
+Inzwischen hatten die Kajan und Malaien ihr Essen gekocht und
+nach einer eiligen Mahlzeit bestiegen wir wieder unsere Böte und
+erreichten noch früh genug die Niederlassung an der Tjehanmündung,
+um noch Hühner und Früchte einzukaufen und zu sehen, ob der Häuptling
+sein Versprechen, uns Schwanzfedern des Rhinozerosvogels zu besorgen,
+gehalten hatte. Diese Federn sind nämlich bei den Kajan sehr kostbar
+und eigentlich auch nicht käuflich, aber die Pnihing, die so viele
+Jägerstämme unter und um sich haben, waren eher geneigt, sie uns
+abzutreten. Ich erhielt nun auch eine genügende Anzahl Federn, um die
+Holzmasken vom Saatfest, die ich ohne Kriegsmützen und Federn hatte
+kaufen müssen, mit ihnen zu schmücken.
+
+In der Nähe der Mündung trafen wir _Bier_ mit seinen Leuten und
+blieben noch so lange beisammen, bis wir zu gleicher Zeit abfahren
+konnten. Um nicht die Niederlassung von _Belarè_ zu übergehen, sollten
+wir auf _Kwing Irangs_ Rat dort anlegen, obwohl _Belarè_ und _Kaharon_
+sich immer noch auf der Jagd am oberen Mahakam befanden.
+
+Wir sahen zwar nur wenige Personen, aber für _Kwing Irang_ und die
+Seinen war der Besuch doch von Wert, denn sie benützten die günstige
+Gelegenheit, um _Belarès_ Wohnung und Vorgalerie zu messen, damit sie
+das neue Haus _Kwing Irangs_, mit Rücksicht auf seine höhere Geburt,
+entsprechend grösser bauen konnten. Ich begriff anfangs nicht, was sie
+eigentlich wollten; sie nahmen eine Stange, verkürzten sie auf Armweite
+und massen dann sehr genau die Dimensionen der Dielen von Wohngemach
+und Galerie. Da in der letzten Zeit öfters davon die Rede gewesen
+war, dass man nach Ablauf der drückendsten Saatzeit mit dem Hausbau
+beginnen wollte, merkte ich, dass sie nun wirklich für ein würdiges
+Heim für _Kwing Irang_ sorgen wollten. Ihre Beratungen dauerten
+mir aber zu lange und, da _Kwing_ ohnehin in Long 'Kup übernachten
+wollte, wir dagegen nicht, über liess ich sie ihren Angelegenheiten
+und fuhr weiter nach dem Blu-u, wo wir, mit Erfahrungen, Ethnographica,
+Pflanzen und Böten bereichert, sehr befriedigt anlangten.
+
+Einige Tage darauf erhielten wir durch die Ankunft des Malaien
+_Hadji Umar_ ganz unerwartet Nachrichten von der Aussenwelt. _Umar_
+stammte vom unteren Kapuas her, hielt sich aber seit zehn Jahren als
+Anführer einer Gesellschaft Buschproduktensucher am oberen Murung und
+oberen Mahakam auf und genoss sowohl bei seinen Landsleuten als bei
+den Bahau einen guten Ruf. Ich hatte gehofft, von der Unterstützung
+dieses Mannes, dessen gute Gesinnung der niederländischen Regierung
+gegenüber ich kannte und der im Jahre 1897 bei einer Begegnung in
+Udju Tepu einen günstigen Eindruck auf mich gemacht hatte, Gebrauch
+machen zu können. Wie wir bereits in Putus Sibau gehört hatten,
+befand sich aber _Umar_, bei unserer Ankunft am oberen Mahakam, noch
+an dessen Mittellauf, daher liessen wir den Assistent-Residenten
+von Samarinda bitten, uns _Umar_ entgegenzusenden. Dieser hatte
+sich aber nur auf einen Brief des Assistent-Residenten hin nicht
+flussaufwärts begeben wollen, sondern war, um Näheres zu erfahren,
+erst nach der Mündung des Mahakam gereist und hatte auch in Tengaron,
+dem Sitz des Sultans von Kutei, Halt gemacht. Hierdurch erhielten
+wir so schnell, als überhaupt möglich war, Briefe und Pakete von der
+Küste. Eine grosse Freude bereitete uns auch ein Packen drei Monate
+alter europäischer Zeitungen, welche die "Societeit" von Samarinda uns
+zur Verfügung gestellt hatte. Nachdem wir unsere Neugierde befriedigt
+hatten, lieferten die Zeitungen noch ein ausgezeichnetes Material
+zum Einpacken von Vögeln, Säugetierhäuten und Ethnographica.
+
+Von dem grössten Interesse war uns aber _Hadji Umar_ selbst, weil er
+die Verhältnisse unter den Bahau am besten kannte und weil er uns über
+die Gesinnung der Long-Glat weiter unten am Flusse am zuverlässigsten
+Auskunft geben konnte.
+
+Der Malaie zeigte sich anfangs aber nicht sehr gesprächig und zwar
+nicht nur uns, sondern auch _Kwing Irang_ gegenüber, denn als dieser
+wie gewöhnlich abends mit den jungen Leuten die Hähne kämpfen liess
+und _Umar_ ebenfalls in den Kreis trat, grüsste er den Häuptling nur
+von Weitem. Man hätte glauben können, dass die beiden einander nicht
+kannten oder dass sie sich täglich sprachen, so wenig Beachtung
+schenkten sie einander; dabei hatte _Umar_ früher Jahre lang bei
+_Kwing_ gewohnt und war nun lange fort gewesen, zudem wollten sich
+beide gewiss gern über die politische Bedeutung unserer Expedition
+aussprechen. Augenscheinlich hatte _Umar_, als er dem Häuptling
+abends einen offiziellen Besuch machte, mit diesem überlegt, wie er
+sich uns gegenüber in Zukunft verhalten sollte, denn am folgenden
+Morgen hatte sein Gesicht einen weniger ernsten Ausdruck, auch gab
+er uns im Laufe des Gesprächs eine deutliche Vorstellung von der
+Stimmung der Niederlassungen unterhalb der Wasserfälle. Nachdem ihm
+der politische Zweck unserer Reise eingeleuchtet hatte, zeigte er
+sich geneigt, sich gegen einen Gehalt von 50 fl. monatlich unserer
+Expedition anzuschliessen. _Umar_ war mit vier Malaien heraufgekommen,
+wir hofften daher, auch an diesen vier an das Waldleben gewöhnten
+Menschen gelegentlich eine gute Stütze zu finden. _Umar_ zog vorläufig
+in das Haus eines Glaubensgenossen, der mit einer kleinen Gesellschaft
+Mohammedaner am jenseitigen Ufer wohnte. Durch seine Friedensliebe
+und Gutmütigkeit hatte _Kwing Irang_ bereits seit dem Beginn seiner
+Häuptlingschaft eine ganze kleine Kolonie von Malaien herangelockt,
+die sich aber von den Kajan stets in einigem Abstand hielten. Als der
+Stamm sich noch weiter oben am Blu-u aufhielt, wohnten die Malaien
+bereits am Mahakam unter Aufsicht eines Bandjaresen vom oberen Murung,
+namens _Utas_, der mit einer Nichte von _Kwing Irang_, _Lirung_,
+verheiratet war. _Utas_ lebte teils auf Kosten seiner Frau, teils
+verdiente er selbst etwas durch Handel und Handwerkerarbeit, wie
+z.B. durch Herstellen silberner Ohrringe aus Münzen, durch Reparieren
+von Kupfersachen u.s.w.; ausserdem übte er das Amt eines Arztes und
+nötigenfalls auch eines Bahaupriesters aus. Er verbrachte seine Zeit
+abwechselnd bei _Lirung_ am Mahakam und auf sogenannten Handelsreisen
+am Murung, wo er in Wirklichkeit bei seiner zweiten Frau und seinen
+Kindern lebte.
+
+Auch jetzt noch nehmen sich die meisten Malaien für längere oder
+kürzere Zeit Frauen aus dem Kajanstamme. Ausser diesen einigermassen
+stabilen Familien befindet sich in der Kolonie stets eine grosse
+Menge Gäste, Händler und Buschproduktensucher, die sich hier nur
+vorübergehend aufhalten. Zur Zeit des _Hadji Urar_ war der Zufluss an
+Fremden viel grösser gewesen, aber, seitdem die Guttaperchabäume im
+Tal des Blu-u ausgerodet worden waren, hatte sich die grosse Menge der
+Buschproduktensucher am oberen Mahakam um _Temenggung Itjot_ geschart.
+
+Die Niederlassung der Malaien hiess, ihrer Lage an der Mündung des
+Bulèng nach, Long Bulèng. Da _Hadji Umar_ seine Familie vorläufig noch
+in Long Tepai gelassen hatte, kehrte er nach zwei Tagen dorthin zurück
+mit dem Versprechen, in fünf Tagen wieder zurück zu sein. Aus meinem
+Gespräch mit ihm merkte ich, dass die Häuptlinge am Unterlauf gern
+etwas Näheres über unsere Pläne hören wollten und dass es hauptsächlich
+für _Bang Jok_, der in den letzten Jahren zahlreiche Kopfjagden hatte
+ausführen lassen, eine grosse Beruhigung sein musste, dass wir uns
+mit dem, was geschehen war, nicht mehr befassen wollten.
+
+Am selben Tage hatten wir noch Gelegenheit, den Kajan zu zeigen,
+wie wünschenswert unsere Gegenwart für sie war. Eine Gesellschaft
+Batang-Lupar aus Serawak kam nämlich den Mahakam heruntergefahren mit
+der Absicht, die Fahrt noch weiter fortzusetzen. Eine derartige kleine
+Gesellschaft ist aber, wenn sie nicht einen bestimmten Zweck ihrer
+Reise angeben kann, stets verdächtig, insbesondere in diesem Fall,
+da aus Serawak Gerüchte über eine drohende Kopfjagd als Strafe für
+einen an fünf Landsleuten am Boh verübten Mord im Umlauf waren. Der
+Mord war durch Punan im Auftrage von _Bang Jok_ ausgeführt worden,
+der das Stehlen von Buschprodukten in seinem Gebiet mit scheelen Augen
+angesehen und zuletzt seine Zuflucht zu einer so scharfen Massregel
+genommen hatte.
+
+Augenscheinlich hatten die Pnihing die Gesellschaft Batang-Lupar nicht
+aufzuhalten gewagt; da die Kajan sich auch nicht energischer zeigten,
+mussten wir die Sache in die Hand nehmen. Als gesellschaftlich
+gebildete Menschen kamen die Untertanen des _Radja Brooke_ zu dem
+Kontrolleur, um ihn wegen ihrer weiteren Fahrt auf dem Flusse um seine
+Zustimmung zu bitten. Aber _Barth_ verweigerte ihnen diese, weil er in
+einem friedlichen, in malaiischer Sprache geführten Gespräche nicht
+erfahren konnte, von wo die Leute herkamen und was sie am Mahakam
+eigentlich wollten. Zum Erstaunen der Kajan fuhren die Batang-Lupar
+ohne Widerspruch einfach den Fluss wieder aufwärts.
+
+Unsere Kajanfreunde hatten sich durch dieses Begebnis wieder einmal
+von unserer Macht und unserem Einfluss überzeugen können, was um
+so erwünschter war, als unsere und der Kajan Pläne zu kollidieren
+drohten. Während sie sich von dem grössten Unternehmen, das in einem
+Stamme vorkommt, dem Bau der Häuptlingswohnung, vollständig beherrschen
+liessen, wollte ich noch den Batu Lesong besteigen und dann so schnell
+als möglich flussabwärts fahren, um noch die Verhältnisse bei den
+Long-Glat kennen zu lernen.
+
+Am 20. Dezember fand zur Beratung verschiedener Angelegenheiten eine
+Zusammenkunft statt, an der nicht nur die vornehmsten Männer unserer
+Niederlassung, sondern auch _Bang Lawing_, der Häuptling der Kajan
+am Ikang, Teil nahmen.
+
+Aus Mangel an Besserem musste die Galerie, an die unser Haus gebaut
+war, und in der _Midan_ seine Küche eingerichtet hatte und _Doris_ die
+Vögel und Säugetiere abhäutete, als Versammlungssaal dienen. Viele,
+denen diese Beschäftigungen noch so gut wie unbekannt waren, zeigten
+für das, was meine Leute vornahmen, mehr Interesse als für das, was
+verhandelt wurde. In der Theorie durfte sich zwar jeder frei äussern
+und mitstimmen, aber in Wirklichkeit waren es doch hauptsächlich
+die alten, angesehenen Männer, welche die Beschlüsse fassten. Da
+beim Hausbau hauptsächlich den Priestern, als den Kennern der
+Vorzeichen, Gehör geschenkt werden musste, schwiegen die anderen von
+selbst. Übrigens ist es bei den Kajan am Mahakam allgemein Sitte,
+dass bei dergleichen Versammlungen die jungen Leute zu allem, was
+die Alten wollen, Ja und Amen sagen. Die Versammlung dauerte trotz
+der Hitze in dem kleinen Raum von morgens 9 Uhr bis zum Abend, wobei
+stets neue Leute, die sich für die Angelegenheit interessierten,
+zuhören kamen und jeder tat, was er wollte. In diesem Fall war die
+Freiheit des Einzelnen, wegen der Enge des Raumes, in dem jeder nur
+einen Sitzplatz einnehmen durfte, beschränkt, so dass er nicht, wie
+wo anders, sein Netz weben, einen Korb flechten, eine Schnur drehen
+konnte. Aus diesem Grunde waren die Teilnehmer wohl auch für einen
+schnellen Verlauf der Beratungen, denn obwohl es sich um ernste Dinge
+handelte, waren die Beschlüsse abends bereits gefasst; nach einigen
+Tagen sollte mit dem Hausbau begonnen werden, ferner wurde bestimmt,
+wieviel jede Familie nach der acht an Baumaterial zu liefern hatte;
+meine Pläne wurden zwar besprochen, doch fand man, dass sie keine
+Eile hatten; die Besteigung des Batu Lesong wurde allgemein als
+ein zweckloses, sehr gewagtes Unternehmen aufgefasst und für unsere
+Reise zur Küste hatten sie wegen des Hausbaus, der den ganzen Stamm
+in Beschlag nahm, weder Lust noch Verständnis.
+
+Eine weitere Angelegenheit, die sich auf den ganzen Stamm bezog,
+wagte man, aus Furcht, den Betreffenden zu kränken oder zu reizen,
+nicht öffentlich zu beraten. Es handelte sich nämlich um einen
+Gast des Stammes, einen Dajak aus Serawak, namens _Banjin_, der den
+Dorfbewohnern immer mehr zur Last fiel.
+
+Der Mann war von einer Gesellschaft Dajak aus Serawak, die sich vor
+einigen Monaten eine Zeitlang am Mahakam auf hielt, zurückgeblieben
+und man hatte ihm, da er sich allerhand Airs zu geben verstand, selbst
+ein Kajanmädchen zu heiraten gestattet. _Banjin_, hatte sofort gemerkt,
+welch einen Eindruck er auf seine Umgebung machte und dass diese sich
+leicht einschüchtern liess. Wenigstens begann er, seine Frau schlecht
+zu behandeln, fremdes Eigentum zu gebrauchen, von den Leuten alles, was
+er nötig hatte, zu fordern, die Frauen zu belästigen, kurzum, er betrug
+sich so, wie es seiner wilden Laune im Augenblick passte. Damit ihm die
+Kajan nichts anzutun wagten, drohte er ihnen mit der Rache des Radja
+von Serawak, so das _Kwing Irang_ seinen Leuten riet, noch Geduld mit
+dem Subjekt zu üben. Da _Bang Lawing_ vom Ikang augenblicklich anwesend
+war, wurde diese Staatsangelegenheit von den beiden Häuptlingen im
+Geheimen behandelt, denn als ich mich am folgenden Morgen in der Frühe
+als Arzt nach _Kwing Irangs_ Wohnung begab, um mich nach dem Befinden
+einer seiner Frauen zu erkundigen, fand ich dort die beiden Häuptlinge,
+einige der vornehmsten Alten des Stammes und _Banjin_ versammelt. Ich
+hatte _Banjins_ Geschichte, da sie sich auf den Reisfeldern abspielte,
+erst vor wenigen Tagen erfahren und es interessierte mich zu sehen,
+was sie mit dem Individuum anfangen würden. Ich durfte der Beratung
+beiwohnen und setzte mich daher zu den übrigen. Der Schuldige hatte
+bereits bei meinem Eintritt seine hochfahrende, aggressive Haltung
+aufgegeben und war an die Wand gelehnt in sich zusammengesunken. Man
+wagte in meiner Gegenwart nicht, mit der Sache deutlich ans Licht zu
+kommen, und aus _Banjins_ früherer Haltung schloss ich, dass man auch
+nicht energisch gegen ihn aufgetreten war. _Kwing Irang_ wagte kaum
+zu erwähnen, welch eine Angst und Unruhe dieser junge Taugenichts bei
+seinem Schwiegervater anstiftete, und sprach noch von einem Vergleich,
+obgleich sich der ganze Stamm nach der Abfahrt dieses Gastes sehnte.
+
+Trotz der offenbaren Verlegenheit des Schuldigen hatte _Kwing_ nicht
+den Mut, ihm zu sagen, dass er sich entfernen müsse. Daher mischte ich
+mich in die Angelegenheit und erklärte dem Manne kurz und bündig, dass
+er, als eine Plage des ganzen Stammes, sich mit der ersten Gelegenheit
+zu den Pnihing und von dort weiter nach Serawak zu begeben habe. Der
+Mann wagte mit keinem Wort zu widersprechen und da machte _Kwing Irang_
+den Vorschlag, dass er, bis sich eine Reisegelegenheit für ihn finde,
+bei den Familien seiner Sklaven auf dem Reisfelde wohnen sollte. Der
+Verstossene verschwand sogleich und mit ihm auch der Druck, der auf den
+Angesehensten des Stammes gelastet hatte. Abends führten drei Männer
+_Banjin_ in einem Boot nach dem Reisfeld, wo sich die Menschen seiner
+Drohungen wegen sehr vor ihm fürchteten. Die Männer baten mich daher
+dringend um Erlaubnis, den Mann binden und sich wehren zu dürfen,
+falls er auf Frauen und Kinder einen Anschlag machen sollte. Dagegen
+hatte ich natürlich nichts einzuwenden. Infolgedessen hielten zwei
+Männer die Nacht über bei _Banjin_ Wacht, der sich übrigens eines
+friedlichen Schlummers erfreute.
+
+Noch am gleichen Tage bot sich eine ausgezeichnete Gelegenheit, um den
+lästigen Gesellen los zu werden. Es erschien nämlich die energische
+_Hinan Lirung_ vom Howong und stellte nochmals an meinen und der Kajan
+Reisvorrat ihre Ansprüche. Sie war schon früher einmal mit einigen
+Männern bei mir erschienen und hatte das Salz gebracht, das ich nach
+dem Zug über die Wasserscheide im Walde hatte zurücklassen müssen,
+und war dann mit ihrem Lohn an Reis, Salz und Zeug reich beladen
+zurückgekehrt. Nun kam sie zum zweiten Mal unter dein Vorwand, dass
+sie oben keinen Reis mehr habe.
+
+Die Sorge für ihre Stammesgenossen war mit Recht ihr anvertraut,
+denn, während ihr Mann _Amun Lirung_ den Ruf eines Schwätzers
+besass, fürchtete man sich vor _Hinan Lirung_. Auch _Kwing Irang_
+kam ihr mit wenig Sympathie entgegen, dessenungeachtet gelang es
+ihr bereits abends, auf Schuld und für eine kleine Menge schwarzen
+Kattuns, den sie von mir erhalten hatte, eine grosse Menge Reis von
+ihm zu erpressen. Auch bot sich mir nochmals Gelegenheit, mich von
+der Unerschrockenheit und Gewandtheit meiner kleinen, untersetzen
+Freundin zu überzeugen. Sie erzählte mir nämlich, dass sie selbst am
+oberen Howong einige Batang-Lupar, die bei den Bukat Buschprodukte
+sammelten, aufgesucht und, wie wir es ihr das vorige Mal aufgetragen,
+über die Grenze zurückgeschickt hatte. Somit hatte sie sich als würdige
+Mutter ihrer Tochter _Lirung_ gezeigt, die in ihrer Liebesgeschichte
+gegen _Si Hebar_ mit so vieler Energie aufgetreten war. _Hinan Lirung_
+erwarb sich nun ein zweites Verdienst, indem sie auch den _Banjin_
+gern expedieren wollte. Sie hatte für den Mann sogar schon eine
+weitere Reisegelegenheit gefunden, nämlich die Batang-Lupar, die
+wir weggeschickt hatten und die sich noch immer bei den Pnihing am
+Howong aufhielten. _Hinan_ hatte nun zwar für ihre Heldenhaftigkeit
+eine Belohnung verdient, doch stellte sie immerhin durch ihre
+energischen Anfälle auf unseren Reis und unsere Tauschartikel an unsere
+Widerstandskraft allzu grosse Anforderungen. Selbst die Behauptung
+der jungen Kajan, dass die alte Frau aus persönlicher Sympathie zu
+mir so häufig angefahren kam, erleichterte mir nicht die Anstrengung,
+die sie mir verursachte. In unserer schwachen, indolenten Umgebung
+bot _Lirungs_ ausgesprochene Persönlichkeit jedoch eine Abwechslung
+und, als wir abends nicht allzu grosse Mengen Reis, Zeug, Perlen
+und Salz in ihrem Boote verschwinden sahen, drückten wir ihr zum
+Abschied herzlich die Hand und legten ihr die Sorge für _Banjin_ und
+die anderen Batang-Lupar nochmals ans Herz. Wahrscheinlich expedierte
+sie später die Gesellschaft persönlich weiter, wenigstens hörten wir
+nichts mehr von ihnen.
+
+
+
+
+KAPITEL XVII
+
+ Bau des Häuptlingshauses--Besteigung des Batu Lesong--Ermordung
+ einer Sklavin--Schutzleistung gegen Batang-Lupar Banden--Anwerbung
+ netter Leute--Krankenbesuch am Merasè--Reisevorbereitungen--_Bang
+ Joks_ politische Stellung--_Kwing Irangs_ Einzug ins neue
+ Haus--Allerhand Schwierigkeiten--wiederholtes Vorzeichensuchen--Tod
+ eines kleinen Mädchen, Ankunft _Akam Igaus_--Neue Reisehindernisse.
+
+
+Mit dem Bau von _Kwing Irangs_ neuem Hause brach für die Kajan eine
+wichtige Periode an, da jede Familie verpflichtet ist, sich durch
+Beschaffung von Material und durch Arbeitsleitung an dem grossen
+Werk zu beteiligen. Auch wir interessierten uns lebhaft für das neue
+Haus, das in grossem Massstab ausgeführt werden sollte und uns daher
+von dem, was die Bahau auf diesem Gebiete zu leisten im stande sind,
+eine Vorstellung geben konnte. Ausserdem bot uns der Bau Gelegenheit,
+zahlreiche religiöse Gebräuche, von denen wir sonst nichts erfahren
+hätten, kennen zu lernen.
+
+Von besonderer Wichtigkeit war aber für uns die Tatsache, dass unser
+Zug nach der Ostküste fast gänzlich von diesem grossen Unternehmen
+der Kajan abhing; denn ohne deren Hilfe konnten wir kaum die
+Reise ausführen, auch war es vom politischen Gesichtspunkte aus
+beinahe eine Notwendigkeit, dass _Kwing Irang_ uns selbst zur Küste
+geleitete. Bevor aber der Hausbau nicht bis zu einem gewissen Punkt
+gediehen war, konnte sich der Häuptling mit einer grossen Anzahl von
+Männern unmöglich auf Reisen begeben; somit betrachtete ich den Gang
+der Arbeit einerseits mit Interesse, suchte aber anderseits allen
+meinen Einfluss geltend zu machen, um _Kwing Irang_ zu unterstützen,
+wenn die Leute nicht den gewünschten Eifer zeigten und lieber ihren
+eigenen Geschäften nachgingen.
+
+In einem späteren Kapitel sollen der Hausbau und die mit ihm
+verbundenen Festlichkeiten und religiösen Zeremonien ausführlich
+beschrieben werden; hier möge nur das, was auf unser tägliches Leben
+Bezug hatte, erwähnt werden.
+
+_Demmeni_ traf alle Massregeln, um die wichtigsten Perioden beim
+Bau des Hauses durch photographische Aufnahmen zu fixieren, wobei
+er gleich Anfangs mit der Schwierigkeit rechnen musste, eine Szene
+bei Nacht aufzunehmen. Die Kajan achten nämlich auch beim Hausbau
+streng auf die Vorzeichen und trafen daher wie beim Reisbau, um einem
+eventuellen ungünstigen Bescheid zu entgehen, die Vorsichtsmassregel,
+die Arbeitsperiode nachts einzuleiten, da die wahrsagenden Vögel dann
+schlafen. _Demmeni_ bereitete alles für eine Aufnahme bei Blitzlicht in
+freier Luft vor, aber die Natur half ihm mit einem heftigen Regenguss
+über diese Schwierigkeiten hinweg. Die Zeremonie musste auf den Tag
+verschoben werden und wir brauchten die Kajan nun nicht mit unseren
+künstlichen Blitzen zu erschrecken.
+
+Bereits am vorhergehenden Tage waren Frauen und Kinder eifrig
+damit beschäftigt gewesen, Klebreis in Form dreieckiger Päckchen in
+Palmblätter zu wickeln und im Freien in grossen Kesseln zu kochen. Den
+Reis lieferten zum grösseren Teil der Häuptling, zum kleineren die
+Freien, dafür hatten diese aber beim Stampfen geholfen. Andere begaben
+sich auf den Fischfang, da der Häuptling allen Mitarbeitern Fische
+als Zuspeise anbieten musste.
+
+Abends versammelten sich die vornehmsten Alten, um mit Hilfe von
+Rotang den Platz zu vermessen, auf dem das Haus stehen sollte. Sie
+hatten sich von den Dimensionen des Hauses einen Plan entworfen und
+begannen nun, indem sie mit ausgestreckten Armen ein Stück Rotang
+massen, die Länge und Breite des Hauses zu bestimmen. Ihr einem Faden
+entsprechendes Mass wird _depa_ genannt.
+
+Schwieriger war es, mit dem Rotang ein richtiges Rechteck zu
+bilden. Hätte ein Sachverständiger die Führung übernommen, so wäre
+das Kunststück vielleicht geglückt, da nun aber acht oder zehn Männer
+mithelfen wollten und jeder seine Meinung geltend machte, misslang das
+Experiment und das Rechteck wurde immer wieder schief. Schliesslich
+rief man _Demmeni_ als Autorität im Gebiete der Baukunst zu Hilfe und,
+da alle auf ihn hörten, erhielt man bald das gewünschte Rechteck,
+auf dem die Pfähle verteilt werden sollten. Hierauf ging man an die
+Verteilung der Seiten und gab durch in den Boden gesteckte Stöcke an,
+wo die Pfähle eingerammt werden mussten.
+
+Das Haus sollte 23 m breit werden, d.h. gleich breit wie der Rücken,
+auf dem die Niederlassung gebaut werden sollte. Es sollte ferner an das
+provisorische Häuptlingshaus anschliessen und sich bis zu dem langen
+Versammlungssaal, in dessen Verlängerung man unser Haus gebaut hatte,
+ausdehnen. Halbwegs hatten wir bereits beschlossen, dass _Midan_ und
+_Doris_, deren Küche und Werkstätte sich an den beiden äussersten Enden
+des Saales befanden, ausziehen sollten, wir waren aber doch überrascht,
+als bereits am selben Tage nach der religiösen Zeremonie, welche das
+Einrammen des ersten Pfahles begleitete, einige junge Männer auf das
+Dach kletterten und über _Midan_, der gerade unser Essen kochte, das
+Dach abzubrechen begannen. Sie liessen sich aber überreden, erst in
+der Mitte zu beginnen, so dass _Doris_ Zeit hatte, seine Werkstätte
+mit Hilfe einiger Kajan und unserer Malaien in die Wohnung der Malaien
+an der Mündung des Blu-u überzuführen; auch kamen wir überein, dass
+_Doris'_ Werkstätte als Küche für _Midan_ reserviert werden sollte.
+
+Dank den vielen hilfreichen Händen wurde der Saal binnen weniger
+Stunden seines Daches beraubt, die Dielenbalken abgenommen und die
+Pfähle mittelst eines Querbalkens, den man mit Rotang horizontal an
+ihnen befestigt hatte und an dem alle gleichzeitig zogen, aus dem
+Boden gehoben; darauf wurde in dem Teile, in dem sich in Zukunft die
+Küche befinden sollte, eine Seitenwand aus Baumrinde angebracht. Als
+wir gegen Mittag, erfüllt von dem interessanten Schauspiel, das die
+Aufrichtung des Hauptpfahles durch die Männer und Frauen des ganzen
+Stammes geboten hatte, in unsere Wohnung zurückkehrten, sah alles
+wieder so aus, als ob hier nie ein Saal gestanden hätte.
+
+Während der Monate Dezember und Januar beteiligte sich täglich eine
+grössere oder geringere Anzahl Männer am Hausbau; die Frauen arbeiteten
+nach dem ersten Tage nicht mehr mit, aber jede Familie stellte so
+viele jungen Männer zur Arbeit, als sie bei der Feldarbeit entbehren
+konnte. Die _panjin saju_ waren im Hilfeleisten am eifrigsten, von
+den übrigen Familien konnte der Häuptling mit seinen Mantri nur mit
+Mühe genügende Unterstützung erhalten. Sowohl aus diesem Grunde als
+auch damit nicht einzelne bevorzugt würden, wollte _Kwing Irang_
+nicht, dass einige Leute bei uns für Geld arbeiteten. Daher war es
+unmöglich, für längere Zeit eine grössere Anzahl Männer zu vereinigen,
+und voraussichtlich trat hierin sowohl während des Hausbaus als
+während der folgenden Reisernte keine Änderung ein. Ich war daher
+darauf bedacht, meine Zeit, ausser durch ethnographische Studien,
+auch noch auf andere Weise nützlich zu verwenden.
+
+Ende Dezember war es _Hadji Umar_ geglückt, mit seiner Familie von
+Long Tepai nach Long Bulèng überzusiedeln, wo er sich beim Malaien
+_Utas_ einquartierte. Ausser seiner Familie hatte _Umar_ ungefähr acht
+seiner besten Buschproduktensucher bei sich, Malaien und Dajak, die
+sich teils als seine Schuldner, teils als seine Geschäftsteilnehmer
+seit Jahren mit ihm im Urwalde aufhielten. Sie wären gern in meinen
+festen Dienst getreten, aber ich hatte für sie keine ständige Arbeit,
+auch vertraute ich ihnen nicht ganz. Dagegen konnten sie mir bei der
+geplanten Besteigung des Batu Lesong sehr gut als Kuli und Ruderer
+dienen, ich hatte dann nur wenige Kajan nötig. Da auch die Kajan noch
+nie dieses Grenzgebirge mit dem Stromgebiet des Barito bestiegen hatten
+und wir unserem eigenen, auf dem Batu Mili entworfenen Plane folgen
+wollten, konnten uns diese kräftigen Fremden ebenso gut Hilfe leisten.
+
+Die Kajan schienen gehofft zu haben, dass ich ohne ihren Beistand
+auf den Zug nach dem Batu Lesong verzichten würde. Sie fürchteten
+nämlich, dass mir in diesen ihnen unbekannten und daher unheimlichen
+Gebieten, in denen die Baritostämme Buschprodukte suchten, etwas
+zustossen könnte.
+
+Kaum hatten die Kajan daher gehört, dass die Malaien mich begleiten
+sollten, als verschiedene einflussreiche Männer zu mir kamen, mich auf
+die grossen Gefahren aufmerksam machten, und mich von meinem Plane
+abzubringen suchten. Zuverlässige Auskunft über diese Gegend konnte
+ich nicht erhalten, sie suchten mich im Gegenteil durch allerhand
+falsche Berichte einzuschüchtern und wankend zu machen.
+
+Um so wenig Männer als möglich mitzunehmen, beschloss ich,
+den Zug nur mit _Bier_ zu unternehmen und _Demmeni_ und _Doris_
+zurückzulassen. _Sekarang_ und _Amja_ dagegen sollten mich begleiten;
+die Aussicht, eine wertvolle Sammlung Gebirgspflanzen anlegen zu
+können, war zu lockend, um sie zu Hause zu lassen.
+
+Als _Kwing Irang_ merkte, dass ich ernstliche Vorbereitungen traf,
+machte er aus der Not eine Tugend, indem er das Seine dazu beitrug,
+um mich wohlbehalten heimkehren zu lassen. Er trug _Sorong_ auf, mich
+zu begleiten, und trat mir ausserdem fünf der gewandtesten jungen
+Männer ab.
+
+Glücklicher Weise kannte _Sorong_ wenigstens den Weg bis zu dem
+Bergrücken, der zwischen dem Blu-u und Danum Parei auf den Batu
+Lesong führt. Am 16. Januar brachen wir 24 Mann stark in dreien meiner
+kleinen Böte auf.
+
+Die letzten Tage vor unserer Abreise waren recht trocken gewesen,
+so dass der Blu-u gerade genügend viel Wasser enthielt, um am ersten
+Tage bis an den Ort zu gelangen, wo an seinem Seitenfluss, dem Bruni,
+die verlassenen Reisfelder aufhören und der jungfräuliche Wald mit
+seinen Riesenstämmen über dem kleinen Flusse ein schattenreiches
+Dach bildet. Nachts fiel das Wasser noch mehr, so dass die Böte über
+die Stromschnellen bei den Geröllbänken mehr gezogen als gerudert
+werden mussten. Wir Europäer zogen es vor, zu Fuss längs des Ufers
+zu folgen, hatten aber den Fluss hie und da zu durchqueren. Gegen
+Mittag mussten immer wieder Steine auf die Seite geworfen werden,
+um den Böten einen Durchgang zu verschaffen. Erst am folgenden Tage
+erreichten wir auf die gleiche Weise Long Dungo, den Punkt, wo der
+Landweg zum Danum Parei beginnt. Hier mussten wir einen Teil des
+Reises, den wir mit Rücksicht auf die unbestimmte Dauer der Reise in
+grossen Mengen mitgeführt hatten, zurücklassen. Sollte die Besteigung
+lange Zeit erfordern, so konnte dieser Vorrat stets abgeholt werden.
+
+Meine Kuli schienen den Rest des Tages gern hier verbringen zu wollen,
+aber ich kannte die Schwierigkeiten nicht, denen wir weiter oben
+begegnen würden, und liess, um keine Zeit zu verlieren, die Leute
+ihre Tragsäcke in Ordnung bringen.
+
+Von der Landzunge an, welche von dem Bruni und einem seiner Nebenflüsse
+gebildet wird, bestiegen wir zuerst einen sehr steilen und dann immer
+flacher werdenden Rücken, der direkt auf die Wasserscheide zwischen
+Blu-u und Danum Parei hinaufführte. Gegen 3 Uhr gelangten wir auf einem
+alten Pfade der Buschproduktensucher so weit aufwärts, dass wir aus
+Furcht, auf dieser Höhe kein Wassermehr zu finden, Halt machen mussten.
+
+Auf den Charakter des grossen Bergrückens begierig setzten wir am
+folgenden Morgen unseren Marsch fort und erreichten ohne andere
+Schwierigkeiten, als die Überwindung einiger steiler Partieen, gegen
+
+Uhr eine flache Verbreiterung des Rückens, die nach _Sorong_ den
+höchsten Punkt auf dem Wege zum Danum Parei vorstellte.
+
+Der hohe Wald, der uns auch hier wieder umgab, benahm jede Aussicht;
+so blieb uns nichts anderes übrig, als die südliche Richtung
+einzuschlagen, um auf diese Weise auf den Rücken zu gelangen, der uns
+auf den Batu Lesong führen sollte. Wir befanden uns anfangs plötzlich
+zwei Mal vor steilen Abhängen, die nach unten in das Tal des Bruni
+führten, aber einige als Kundschafter ausgesandte Leute brachten uns
+bald wieder auf die richtige Spur. Der gefundene Rücken war oben 4
+bis 10 m breit und wir folgten ihm auf einem für Urwaldverhältnisse
+sehr befriedigenden Pfade. Da er nie oder nur äusserst selten von
+Menschen betreten wurde, konnte er nur von Hirschen, Schweinen und
+Rhinozerossen, die von dem einen Gebiet ins andre zogen, herrühren. Der
+Pfad führte uns bis dicht an den Batu Lesong und nur ab und zu war
+ein Schwerthieb erforderlich, um Rotang oder Reisig aufzuräumen.
+
+Vom Batu Mili und Batu Situn aus gesehen zeigte der Querrücken,
+auf dem wir uns befanden, drei aufeinander folgende Erhebungen,
+deren Höhe nach unten zu allmählich abnahm. Der höchste, der uns als
+Beobachtungspunkt dienen sollte, lag auf dem Batu Lesong selbst.
+
+Nachmittags erstiegen wir die, von uns aus gesehen, erste, 75 m hohe
+Erhebung und trafen hier bereits auf einer Höhe von 950 m ü.d.M. die
+Moosvegetation. Die niedrigen Bäume, die hier den wichtigsten Teil
+des Pflanzenwuchses ausmachten, waren infolge ihrer Moosbekleidung
+zu ihrer vier- bis fünffachen Dicke angeschwollen und zwischen ihnen
+hingen an den Schlingpflanzen wahre Wände von Moos, so dass man
+in den Zwischenräumen die Töne gedämpft wie in einem geschlossenen
+Raume hörte.
+
+Hier ruhte ich mit dreien meiner Leute aus und beschloss, auf die
+übrigen zu warten, die, mit einer Last von etwa 25 kg beladen,
+nicht so schnell folgen konnten. Es dauerte einige Stunden, bis der
+letzte Mann bei uns eintraf, und wir mussten nun an unser Nachtlager
+denken, das wir in dem Sattel zwischen den beiden ersten Erhebungen
+aufschlugen. Einen kalten Wind abgerechnet störte uns nichts in unserem
+tiefen Schlaf, denn selbst die zahlreichen Heimchen und Zikaden,
+die den Wald weiter unten Tag und Nacht mit ihrem Gezirp erfüllten,
+waren hier entweder nicht vorhanden oder schwiegen. Wahrscheinlich
+war ersteres der Fall, denn die sonst stets anwesenden Arten der
+Morgenund Abendzikaden, die sich nur bei Sonnenaufgang und Untergang
+hören lassen, waren hier durch andere Arten vertreten. Im Laufe des
+Nachmittags zog _Sorong_ mit einigen Männern noch aus, einen weiteren
+Weg zu suchen, und kam mit dem Bericht zurück, dass es am geratensten
+sei, westlich um den Fuss der zweiten Erhebung statt über deren Gipfel
+zu gehen. Die sehr steilen, hier und da kahlen Wände sahen in der
+Tat wenig anziehend aus, daher gingen wir am folgenden Morgen auf
+gleicher Höhe durch einen sumpfigen Wald weiter. Unseren Kajan lief
+das Wasser im Munde zusammen beim Anblick der zahlreichen Spuren
+von Wildschweinen und Nashornen. Nach _Sorongs_ Angabe hatten wir
+einen kleinen Nebenfluss des Blu-u zu durchschreiten und dann einen
+Gipfel zu besteigen, den er zwischen den Bäumen glaubte durchschimmern
+gesehen zu haben.
+
+Von unten heraufziehende Wolken umhüllten uns und der freundliche
+Sonnenschein, der den dunklen, ewig triefenden Wald etwas belebte,
+verschwand. Wir zogen über eine Menge abgestürzte, scharf kantige
+Sandsteinblöcke, die nass und mit Moos bewachsen waren und dem Fuss
+nirgends einen festen Stützpunkt boten. Bald wurde Arm oder Fuss von
+den Schlingen und Haken der Lianen festgehalten, bald schlugen uns
+dornige Rotangranken ins Gesicht, so dass wir unter diesen Umständen
+an zwei Augen lange nicht genug hatten. Unsere Träger bewegten sich von
+dem einen Felsblock zum anderen, indem sie sich überall mit Händen und
+Füssen festklammerten; ihr Schweigen bewies den Eindruck, den diese
+Umgebung auf sie machte. Später überfiel uns ein kalter Regenguss,
+der die Nässe unserer Kleider zwar nicht mehr steigern konnte, uns
+seiner Kälte wegen aber sehr unangenehm berührte. Als wir nach einer
+Kletterei von einigen Stunden an der Richtigkeit von _Sorongs_ Angaben
+zu zweifeln begannen, suchten wir uns unter einigen überhängenden
+Felsblöcken einen trockenen Platz und sandten zwei Malaien vom Melawi
+auf Kundschaft aus.
+
+Die Rast war uns zwar sehr angenehm, aber das Warten erschien uns
+schliesslich doch etwas lange, auch brachten uns die Malaien nicht
+einmal sehr ermutigenden Bericht. Zwar hatten sie den Gipfel gefunden,
+aber sie zweifelten daran, dass er der richtige war, ausserdem wurde
+der Weg züi ihm nicht besser. Also ging es zwischen Felsblöcken,
+Sträuchern und Lianen vorwärts, bis wir an ein trockenes Flussbett
+gelangten, das nur bei heftigem Regen Wasser zu führen schien. Jetzt
+bildete es nur einen nackten Einschnitt in der Bergwand, mit
+verwitterten Wänden und gefüllt mit losem Gestein verschiedenster
+Grösse. Das Gehen war beschwerlich, aber die ungewohnte Freiheit der
+Bewegung wirkte ermunternd, daher betraten wir mutig, einer hinter
+dem anderen, den Pfad, der mit 30° Steigung aufwärts führte.
+
+Das Flussbett wurde bald so steil, dass die Vordersten nicht mehr
+gehen, sondern an den Wänden hinaufklettern mussten. Die Hinteren
+suchten ihr Heil sehr bald im Walde, denn die von ihren Vorgängern
+losgelösten Steine wurden ihnen zu gefährlich. Wir beschuhten
+Europäer brachten auffallender Weise viel mehr Steine ins Rollen
+als die barfüssigen Eingeborenen, die noch dazu eine Last zu tragen
+hatten. Die Biegsamkeit und das Gefühl in ihren Fusssohlen bieten
+ihnen beim Gehen einen grossen Vorteil, daher verwickeln sie ihre
+Füsse auch so selten in den Schlingen der Lianen, aus denen man sich
+oft schwerer als aus Schnüren derselben Dicke befreien kann.
+
+Bald befanden wir uns vor einem Kamin, dessen Wände zu verwittert
+waren, um an ihnen hinaufklettern zu können. Unsere braunen Gefährten
+kamen uns wieder zu Hilfe, steckten einige dicke Stöcke zu beiden
+Seiten in den Boden und geleiteten uns so zu dem zuverlässigeren
+Waldboden. 100 m höher gelangten wir auf einen schmalen Sattel,
+der auf der anderen Seite ebenso steil abfiel und somit wieder eine
+Untersuchung verlangte.
+
+Links von uns erhob sich eine hohe, steile, dicht bewachsene Felswand
+und rechts ein nur 40 m hoher Hügel, der uns voraussichtlich über die
+nächste Umgebung einen Überblick geben konnte. Indem wir uns durch
+moosbedecktes Gestrüpp hindurchwanden und mit Hilfe von Leitern
+schwierigere Stellen passierten, erreichten wir die Spitze, die
+mit dichtem Grün von Rhododendren und seltsamen Nepenthes bedeckt
+war. Eine Aussicht war aber nicht vorhanden, denn unmittelbar über
+uns umhüllte eine dicke Wolkenlage alle höheren Gipfel.
+
+Vor Nässe triefend und vor Kälte zitternd beschlossen wir, bis zum
+folgenden Tage zu warten, und kehrten auf den Sattel zurück, wo
+uns die Kajan mit einigen geraden, dünnen Hölzern bald das Gerüst
+für eine Hütte zusammenstellten, die wir mit einigen Segeltüchern
+vervollständigten.
+
+Ein Kleiderwechsel brachte uns bald ein behagliches Gefühl; leider
+musste das Wasser auf dieser Höhe weither geholt werden und wir daher
+lange auf einen warmen Trunk warten. Die Malaien erstiegen noch den
+Gipfel links von unserem Sattel und bemerkten, dass er der zweite
+Gipfel war, um dessen Fuss wir tagsüber gezogen waren, und dass der
+dritte Gipfel noch hinter diesem lag. Es zeigte sich zugleich, dass
+diese beiden Gipfel durch eine so tiefe und steile Schlucht getrennt
+waren, dass an ein Hinüberkommen nicht zu denken war. Obgleich
+der gefundene seitliche kleine Gipfel nicht der gewünschte war,
+hatten wir doch durch unseren Zug nach rechts, der Bergwand entlang,
+nichts verloren, es kam jetzt nur darauf an, längs der Bergwand eine
+Möglichkeit zu finden, um den letzten Gipfel zu besteigen. Diese
+Aufgabe überliessen wir am folgenden Tage den Malaien und suchten
+uns inzwischen mit Lesen und Aufzeichnen so angenehm als möglich
+zu unterhalten. Die Verhältnisse waren nicht gerade gemütlich; das
+Thermometer, das nachts auf + 14° C. gefallen war, stieg auch am
+Tage nicht über + 17° C.; von unserer Hütte aus traten wir sogleich
+auf durchnässtes, plattgetretenes Moos und, obwohl unser Lager sich
+auf einem nur wenige Meter breiten Sattel mit sehr steilen Wänden
+befand, benahm uns das umgebende Gestrüpp doch jede Aussicht. Erst
+gegen 3 Uhr kam der erste Kundschafter, zum Glück mit gutem Bericht,
+zurück. Der dritte Gipfel konnte bestiegen werden, sie hatten sogar
+zum grössten Teil bereits einen Weg gehauen, ausserdem hatten sie
+Trinkwasser gefunden.
+
+Am anderen Tage glückte es uns, in 1 1/2 Stunden den Aussichtspunkt,
+einen sehr schmalen, langen, mit Bäumen dicht bestandenen Gipfel, zu
+erreichen. Die Bäume waren durch Gestrüpp und dicke Moosbedeckung zu
+einem Ganzen verbunden und wir konnten uns nur kriechend und kletternd
+hindurcharbeiten. In einer durch Mooswände gebildeten Kammer liessen
+wir unsere Zelte aufschlagen, sahen aber zum Leidwesen des Topographen
+keine Möglichkeit, einen Standplatz auf festem Untergrund für ihn
+zu schaffen. Hierfür hätten auf dem ganzen Gipfel und teilweise an
+den Abhängen Bäume gefällt werden müssen, eine Arbeit, die wegen der
+Härte des Gebirgsholzes nicht ausgeführt werden konnte. Wir suchten
+daher, wie auf dein Batu Situn, einige beieinander stehende Bäume aus,
+liessen ihre Kronen bekappen und zwischen ihren Ästen eine Plattform
+anbringen, über welche ein Dach aus Segeltuch gespannt wurde. Ein
+besserer Beobachtungsposten war unter den gegebenen Umständen kaum
+zu erlangen. Trotzdem mussten, um eine freie Aussicht zu erlangen,
+noch viele hohen Bäume gefällt werden; für die Pflanzensucher bot
+sich hier eine günstige Sammelgelegenheit, da in dieser Regenzeit
+alle Bäume Blüten oder Früchte trugen.
+
+Durch seine Höhe von 1690 m ü.d.M. gewährte uns der Gipfel einen
+Überblick über einen grossen Teil von Mittel-Borneo; die höchsten
+Bergspitzen wurden zwischen dem oberen Melawi und oberen Kajan
+sichtbar.
+
+An diesem Tage sahen wir jedoch wenig hiervon, denn nach dem
+Sonnenschein des Morgens umhüllten uns gegen 11 Uhr die Wolken von
+unten her. Darauf regnete es ein wenig und abends verursachte die
+untergehende Sonne einen so eigenartigen bläulichen Dunst über der
+ganzen Landschaft, dass sie nur in grossen Zügen erkennbar war. Wir
+setzten unsere Hoffnung auf den folgenden Morgen, aber in der Nacht
+trat Regen ein, der bis 8 Uhr morgens anhielt. Obgleich der 200 m
+lange Weg zu unserem Observatorium nicht verlockend erschien und das
+Thermometer nur + 12° C. zeigte, konnte ich meine Ungeduld doch nicht
+länger bezwingen und stand bald nach unserem Frühstück fröstelnd auf
+der Plattform. Hier heulte der mit feinem Regen beladene Wind in den
+Baumgipfeln und trieb von Süden her halb durchsichtige Wolkenmassen
+aus dem Murungtal über den Batu Lesong, während nach Osten hin ein
+bleifarbiger Wolkenschleier jeden Ausblick benahm. Unsere Malaien
+waren nur mit Mühe zum weiteren Fällen der Bäume zu bewegen und
+einige Exemplare blieben bis zur Ankunft der Kajan stehen, die im
+Sattel übernachtet hatten und ausser ihren starken Armen auch gute
+Beile mitbrachten. Noch am gleichen Tage wurde der Gipfel so weit als
+nötig frei, aber weder der Abend noch der folgende Morgen gewährten
+irgend welche Aussicht. Unter diesen Umständen wussten wir nichts
+Besseres vorzunehmen, als in unsere Klambu zu flüchten.
+
+Inzwischen hatten unsere Pflanzensucher mit grossem Erfolg gearbeitet
+und wollten allmählich den Rückzug antreten, um auch die Pflanzenwelt
+weiter unten zu untersuchen. Als Schutz und Hilfe gab ich ihnen
+einige Malaien mit, bemerkte aber später, dass bis auf zwei alle
+mitgegangen waren. Zum Glück blieben uns die Kajan übrig, die am
+vierten Tag alle nach oben kamen, um die letzte Nacht vor unserer
+Abreise oben zu verbringen. An diesem Morgen schien nämlich zum
+ersten Mal die Sonne und sie wussten, dass der Tag uns eine genügende
+Aussicht bieten würde. Sie erwarteten mit Ungeduld unseren Aufbruch,
+begreiflicher Weise, denn der eine hatte ein Lendentuch, der andere
+ein Kopftuch oder eine Jacke verbrannt, weil er nachts der Kälte
+wegen zu nah beim Feuer geschlafen hatte.
+
+Der hohe Punkt des Batu Lesong, auf dem wir uns eben befanden, bot
+uns zuerst einen interessanten Blick auf die Gipfelfläche dieses
+Gebirges. Diese neigt sich mit nur 8° nach Süden, wird höchstens
+einen Kilometer breit und erstreckt sich ununterbrochen über die ganze
+Kette. Nur da, wo die zwischen den Nebenflüssen des Mahakam laufenden
+Seitenketten von der Hauptkette abzweigen, erhebt sich ein Gipfel,
+wie derjenige, auf dem wir uns eben befanden. Die Kajan nannten den
+Gipfel, der sich zwischen dem Blu-u und _Ikang_ erhebt, Batu Tokong
+und behaupteten, dass auf seiner Südseite der Busang entspringe und
+an dem südlichen Abhang unseres Gipfels der Lito, ein Nebenfluss des
+Belatung. Die Gipfelfläche sowie die ganze Landschaft sind vollständig
+mit ununterbrochenem Urwald bedeckt, aus dem nur die senkrechten hellen
+Wände des Batu Lesong an der Nord- und Südseite scharf hervortreten.
+
+Die langen Nebenketten, die sich nach Norden zum Mahakam hinziehen,
+fehlen nach Süden, im Tal des Murung; hier sieht man nur breite, wenige
+Kilometer lange Ausläufer, die zum Flusstal hin senkrecht abfallen.
+
+In kurzem Abstand vom Batu Lesong und parallel mit diesem erhebt sich
+im Süden ein anderer Rücken, der den Busang zwingt, längs des südlichen
+Fusses des Batu Lesong nach Westen zu fliessen; den Namen dieses
+Rückens und etwas Näheres über ihn konnte ich nicht erfahren. Wegen
+der allgemeinen Waldbedeckung konnten wir die einzelnen Gebirge am
+oberen Murung auf grösseren Abstand nicht gut unterscheiden. Nur der
+Batu Ajo im Osten trat seiner ganzen Länge nach deutlich hervor; sein
+Gipfel besteht ebenfalls aus einer schmalen, waldbedeckten Fläche,
+nur ist er niedriger als der des Batu Lesong. Besonders auffallend war
+das Bergmassiv des Bomban im Gebiet des Murung, das sich als schmales,
+kegelförmiges Gebirge von 1900-2000 m Höhe hinter den vorgelagerten,
+nicht über 1000 m hohen Ketten erhebt. Ich konnte nun die eigenartigen
+Terrassenbildungen unseres Sandsteingebirges, die mir vom Batu Mili aus
+aufgefallen waren, von einem anderen Standpunkte aus betrachten. Die 20
+bis 100 m mächtigen Sandsteinlagen aus denen dieses Gebirge besteht,
+sind im Lauf der Zeit so erodiert worden, dass nach Norden niedrigere
+Terrassen mit der gleichen schwachen Neigung, wie der Hauptrücken,
+gebildet sind und zwar ist die Terrassenbildung an der Westseite der
+Querrücken stärker ausgeprägt als an der Ostseite.
+
+Die Nordseite des Batu Lesong zeigt eine eigentümliche Zickzacklinie,
+in deren einspringenden winkeln je ein Fluss seinen Ursprung nimmt.
+
+Die Berge im Tal des Blu-u machten, da sie ganz mit Wald bedeckt sind,
+von dieser grossen Höhe aus keinen Eindruck; nur der Kasian und der
+Mili stachen mit ihren hellen Wänden von dem dunklen Hintergrunde
+ab. Grossartig war der Blick auf das Kettengebirge am oberen Mahakam
+mit seiner Fortsetzung längs des Kajanflusses. Einzelne Ketten oder
+Gipfel waren nicht zu erkennen; es zeigte sich aber, dass von diesem
+Gebirge Querrücken in die Täler des Oga und Boh, in gleicher Weise
+wie vom Batu Lesong zum Mahakam, verliefen.
+
+Nachmittags, als die Sonne im Sinken begriffen war, erfuhren wir aufs
+neue, wie sehr die Aussicht nicht nur durch die Wolken, sondern auch
+durch die Sonne beeinträchtigt werden kann; denn _Bier_ konnte nur
+mit Mühe einige Gipfel im Norden visieren, da ein bläulichgrauer
+Dunst die ganze Landschaft einhüllte. Das erhaltene Resultat war
+aber befriedigend, daher beschlossen wir, diesen ungastlichen Ort am
+folgenden Morgen zu verlassen.
+
+Die Verteilung unseres Gepäcks unter die noch übriggebliebenen
+Kajan und Malaien kostete nicht viel Mühe, da unsere Lebensmittel
+fast erschöpft waren, und so machten wir uns am 26. januarleichten
+Herzens auf den Rückweg: Unsere Kuli hatten den Weg durch Mooswände
+und Gestrüpp bedeutend verbreitert und verbessert, daher kamen wir,
+obgleich die Kletterpartie nach unten doch nass und unangenehm war,
+schnell vorwärts und erreichten noch vormittags den Lagerplatz vor
+dem ersten Gipfel, an dem wir alle unsere Leute versammelt fanden.
+
+_Sekarang_ hatte seine Zeit besonders gut benützt und während des
+letzten Tages einen wahren Garten von schönen und seltenen Pflanzen
+zusammengebracht. Das Herbarium war besonders durch eine grosse Anzahl
+neuer Baumarten bereichert worden. Alles Material musste lebend
+mitgenommen und zu Hause bearbeitet werden, da in dieser vor Nässe
+triefenden Umgebung an ein Trocknen nicht zu denken war.
+
+Unsere Arbeit war nun erledigt und eine schnelle Heimreise
+wünschenswert, daher dachte ich abends über die Möglichkeit nach,
+den Mahakam in einem Tage zu erreichen. Der Abstieg musste bequemer
+sein als der Aufstieg und, da die Flüsse durch den Regen der letzten
+Tage geschwellt sein mussten, erschien mir die Sache nicht sehr
+schwierig. Mein Vorschlag fand seitens der Träger geringen Beifall,
+obgleich diese im Grunde auch lieber zu Hause als in dem nassen Urwald
+sassen. Sie fürchteten augenscheinlich, einen geringeren Lohn zu
+erhalten, daher versprach ich ihnen sogleich nicht nur den vollen Lohn,
+sondern auch eine Extrabelohnung, weil der Zug dank der Anstrengung der
+Leute in kürzerer Zeit vollführt worden war, als ich erwartet hatte.
+
+Am folgenden Morgen verteilten wir die Pflanzensammlung unter die
+Träger und brachen nach dem Essen auf. Ich vermutete, dass meine
+Reisegesellschaft es doch noch versuchen würde, erst in zwei Taren
+aber dafür langsam nach Hause zu gelangen, und beschloss daher,
+vorauszugehen, um die Leute zum Nachfolgen zu zwingen.
+
+Als alle zum Abmarsch bereit waren, machte ich mich in Gesellschaft
+von _Sorong_, der nur sein eigenes Gepäck zu tragen hatte, auf den
+Weg. Mit unserem schnellen Schritt erreichten wir in 3 1/2 Stunden
+unseren Lagerplatz auf dem Rücken, der zum Bruni hinunterlief. _Sorong_
+erklärte, der Ruhe bedürftig zu sein, und konnte auch nach einiger Zeit
+nur mühsam vorwärts, so dass uns die fünf jungen Kajan einholten. Durch
+unser ständiges Vorausgehen und durch die Nähe des Flusses gereizt
+stürmten sie ohne stillzuhalten an uns vorüber. Ich liess _Sorong_
+zurück und folgte den fünf, musste aber sehr schnell gehen, um mit
+ihnen Schritt zu halten. In kurzer Zeit erreichten wir den Bruni,
+der inzwischen stark geschwollen war. Als wir den Fluss durchquerten,
+sanken wir tief ins Wasser ein; das Bad, das erste nach unserer
+Abreise, erfrischte uns herrlich, auch liess uns die Aussicht,
+mit unseren Böten ohne Schwierigkeit nach Hause zu gelangen, unsere
+Müdigkeit und die Steifheit unserer Gliedmassen vergessen. Innerhalb
+einer Stunde waren alle vereinigt, die Böte aus dem Walde geholt und
+zu Wasser gelassen worden. Das Einladen des Gepäckes ging schnell
+von statten und darauf ging es erst den Bruni dann den ebenfalls
+geschwollenen Blu-u hinunter. Noch vor Sonnenuntergang landeten wir
+bei unserer Wohnung, zur grossen Verwunderung der Dorfbewohner, die
+uns noch lange nicht zurück erwartet und einen Erfolg unseres Zuges
+nicht für wahrscheinlich gehalten hatten. Mühsam stieg ich den 30 m
+hohen Uferwall hinauf und merkte noch nach Tagen, dass ein derartiger
+Zug viele Anspannung erfordert.
+
+Alle unter der Aufsicht des Kontrolleurs zurückgebliebenen Leute
+befanden sich wohl, waren aber, wie die ganze Niederlassung, über einen
+brutalen Mord, der in den letzten Tagen verübt worden war, erregt.
+
+_Utas_, der malaiische Gatte _Lirungs_, die in Long Bulèng wohnte, war
+gleich nach unserer Abreise von einem Handelszug nach dem oberen Murung
+zurückgekehrt und hatte unter seinen verschiedenen Handelsartikeln
+auch eine Sklavin mitgebracht. Wenige Tage vorher hatte _Lasa_, der
+Sohn des Ma-Suling Häuptlings _Tekwan_, als er seine Tante _Lirung_
+besuchte, die Sklavin aus dem Hause gelockt, mit zwei jungen Kajan in
+ein Boot gesetzt und war mit ihr flussabwärts gefahren. Als auf halbem
+Wege von seinem Hause alle auf einer Geröllbank ausgestiegen waren,
+um zu baden, fiel _Lasa_ plötzlich die alte Frau an und ermordete
+sie. So schien sich die Geschichte, von allen wahren und unwahren
+Ergänzungen abgesehen, wirklich zugetragen zu haben.
+
+Die Tat war sowohl _Kwing Irang_ als uns gegenüber eine sehr freche;
+denn _Lasa_ gehörte durch seine Mutter _Uniang_, eine Schwester von
+_Lirung_, zum Kajanstamm und, da die alte Frau bereits in _Lirungs_
+Hause gegessen hatte, war, nach Auffassung der Kajan, in ihr eine
+Stammesgenossin ermordet worden. Ein derartiges Verbrechen wird von
+den Bahau viel schärfer verurteilt, als wenn es sich um die Ermordung
+eines Fremden, wenn auch eines Angehörigen eines benachbarten Stammes,
+handelt.
+
+_Kwing Irang_ geriet durch diese Angelegenheit in grosse Verlegenheit,
+denn er hatte sie noch nicht mit dem Kontrolleur besprochen und
+für uns war es schwierig, aktiv aufzutreten, besonders deswegen,
+weil der wahre Sachverhalt, der widersprechenden Berichte wegen,
+durchaus nicht klar schien.
+
+Zuerst hörten wir, _Kwing Irang_ habe die beiden Kajan, deren Unschuld
+an dem Mord sich übrigens bald erwies, zur Strafe nach Long Bulèng
+geschickt, um dort zu arbeiten, und gleich darauf erklärte der
+Häuptling dem Kontrolleur, er habe die Absicht, seinem Enkel (Sohn
+seiner Nichte) die Strafe für Mord im eigenen Stamme aufzuerlegen. Da
+die betreffende Strafe in solch einem Fall bei allen Bahau in der
+Auferlegung einer Busse besteht, mussten wir uns mit seiner Absicht
+zufrieden geben.
+
+Bald darauf, am a. Februar, kamen _Tekwan_ und _Uniang_, die Eltern des
+Mörders, in grosser Gesellschaft heraufgefahren, um über den Vorfall
+zu unterhandeln. Sie durften jedoch das Haus des Kajanstammes nicht
+betreten, da nach einem derartigen Mord niemand mit dem Mörder oder
+mit dessen Familie, aus Furcht krank zu werden (einen dicken Bauch
+zu erhalten), in Berührung kommen will, selbst nachdem bereits eine
+Busse auferlegt worden ist. Erst nachdem der Mörder oder seine Familie
+dem Häuptling ein Schwert, ein Stück Zeug und einige Hühner übergeben
+haben und diese mit dem Schwerte getötet worden sind, fürchtet man
+sich nicht mehr, durch eine Begegnung mit dem Mörder den Zorn der
+Geister zu erregen.
+
+Bevor die Hühner geopfert werden, suchen so viele Leute als möglich die
+Tiere zu beissen, damit die Geister an dem auf die Tiere übertragenen
+Geruch die Teilnahme aller am Opfer erkennen können und die Blutschuld
+ihres Stammesgenossen nicht auch an ihnen zu rächen suchen.
+
+Darauf legte _Kwing Irang_ in einer Zusammenkunft den Eltern des
+Mörders eine Busse von 1000 Reichstalern auf. Den gleichen Betrag hatte
+er dem _Radja_ von Serawak bezahlen müssen, nachdem er selbst einen
+Chinesen getötet hatte, auch hatte er einst von einigen Murungern für
+den Tod dreier seiner Stammesgenossen die gleiche Summe gefordert. Um
+diese Busse zu entrichten, war _Temenggung Itjot_ damals mit einem
+Sklaven und allerhand Waren nach dem oberen Mahakam gezogen.
+
+Viel später erst kämen wir zur Überzeugung, dass die Sache sich so
+zugetragen haben musste, dass _Lasa_ dem _Utas_, als dieser sich
+lange vor unserer Ankunft nach dem Murung begab, aufgetragen hatte,
+ihm für das Geld oder die Artikel, welche er ihm mitgab, einen Sklaven
+oder eine Sklavin zu kaufen. Als Häuptlingssohn fühlte sich nämlich
+_Lasa_, um für voll angesehen zu werden, verpflichtet, einen Menschen
+zu töten. Da bei den Bahau selbst Sklaven nicht verkauft werden und
+ihm zu einer Kopfjagd Lust oder Gelegenheit fehlte, ergriff er dieses
+Mittel, um den Anforderungen seiner männlichen Ehre zu genügen; denn,
+wie an anderem Ort bereits gesagt ist, gilt selbst das Töten einer
+alten Sklavin bei den Bahau als Zeichen von Mut. Augenscheinlich
+wollte er sein Geld nicht verlieren und tötete daher die Sklavin,
+trotzdem wir uns bei _Kwing Irang_ aufhielten. Dabei beging er die
+Unvorsichtigkeit, die Sklavin zu töten, nachdem sie sich bei den Kajan
+bereits niedergelassen und gegessen hatte. Aus Furcht, dass wir den
+Malaien _Utas_, der in dieser Angelegenheit eine zweifelhafte Rolle
+gespielt hatte, zur Verantwortung ziehen würden, hielt man uns den
+wahren Sachverhalt so lange verborgen; vielleicht war er auch nur
+wenigen bekannt. Auch _Lasa_ schien sich nicht sicher zu fühlen,
+denn er war sofort nach den Reisfeldern der Ma-Suling, die hoch oben
+am Merasè lagen, geflohen.
+
+Kaum hatte sich die Aufregung über diesen Mord etwas gelegt, als
+Berichte aus Long Tepai eintrafen, welche die Bevölkerung noch
+weit mehr beunruhigten. Bald nach unserer Rückkehr vom Batu Lesong
+war _Hadji Umar_ nämlich in Handelsangelegenheiten nach Long Tepai
+gezogen und kehrte am 7. Februar mit der Nachricht zurück, dass er
+die Bewohner von Long Tepai in grosser Aufregung verlassen habe,
+weil sechs Siang vom Murung, die am oberen Tepai Guttapercha suchten,
+auf Batang-Lupar Dajak gestossen waren, die den Wald unberechtigter
+Weise ausbeuteten. Die Siang waren mit Erlaubnis des Häuptlings _Bo
+Lea_ von Long Tepai den Fluss bis zu seinem Ursprung hinaufgefahren
+und hatten in dem für gewöhnlich gänzlich unbewohnten Gebiete hacken
+gehört. Als sie vorsichtig heranschlichen, sahen sie zwei Männer, die
+im Begriff waren, eine Sagopalme zu fällen. Durch einen kleinen Hund,
+der fortlief, aufmerksam gemacht begannen die Männer, dem Berichte
+nach, mit vergifteten Pfeilen auf die Siang zu schiessen, ohne sie
+zu treffen, worauf diese mit Gewehrschüssen antworteten. Die beiden
+Männer ergriffen die Flucht, wurden aber von den Siang verfolgt,
+die schliesslich auf eine nach Art der Batang-Lupar gebaute Hütte
+stiessen, die mindestens 30 Personen beherbergen konnte.
+
+Die Bande schien in grosser Eile geflohen zu sein, denn sie
+hatte Schwerter, Kochtöpfe und eine grosse Menge Guttapercha
+zurückgelassen. Die Siang, die sich in dieser Umgebung nicht sicher
+fühlten, kehrten nach Long Tepai zurück und nahmen als Beweis
+für ihr Erlebnis Guttapercha und allerhand Gegenstände mit. Die
+zweifellose Nähe der Batang-Lupar, vor denen man am oberen Mahakam
+stets Furcht empfindet, rief bei den Bewohnern von Long Tepai einen
+solchen Schrecken hervor, dass sie sich sofort rüsteten, um auf den
+Feind loszugehen. Man beschloss jedoch, bevor man zur Tat schritt,
+sei es auf Anraten _Hadji Umars_, sei es, weil die Häuptlinge selbst
+es für sicherer hielten, die Angelegenheit erst mir und _Barth_
+vorzulegen. Daher kam _Umar_ uns melden, dass am folgenden Tage _Bo
+Tijung_, der älteste, vornehmste und einflussreichste Mann von Long
+Tepai, zu uns kommen werde, um die Sache mit uns zu beraten. Dieser
+Vertrauensbeweis der Long-Glat, deren Gesinnung uns gegenüber bisher
+stets zweifelhaft gewesen war, gewährte uns eine grosse Genugtuung,
+auch freuten wir uns, den Bahau beweisen zu können, dass wir ihnen
+bei gegebener Gelegenheit ernstlich beistehen wollten. Wir überlegten
+daher, was in dieser Angelegenheit weiter zu tun sei. Da die Bahau
+die Batang-Lupar als Kopfjäger sehr fürchteten und die Long-Glat
+in der Tat allen Grund dazu hatten, weil sie den am Oga an den fünf
+Batang-Lupar verübten Mord noch nicht gesühnt hatten, war es äusserst
+wahrscheinlich, dass sie bei einer eventuellen Begegnung sogleich auf
+ihre Feinde schiessen würden. Hierdurch wären gegenseitige Racheakte
+und vermehrte Unruhe im Lande veranlasst worden; wir mussten daher
+trachten, die ganze Bewegung in Händen zu behalten.
+
+Ob sich nur diese kleine Bande Serawakischer Dajak in der Umgegend
+aufhielt, oder ob sie zu einer viel grösserem gehörte, war gänzlich
+unbekannt. Als Folge des vor zwei Jahren von den Long-Glat verübten
+Mordes hatten bereits zahlreiche Gerüchte von Rachezügen seitens der
+Butang-Lupar, die schon unternommen waren oder erst unternommen werden
+sollten, die Runde gemacht, und es war daher sehr wohl möglich, dass
+die entdeckten Buschproduktensucher in der Tat darauf aus waren, sich
+an den Long-Glat von Long-Tepai oder anderen Niederlassungen zu rächen.
+
+Bevor wir über die Anzahl und den Aufenthaltsort der Feinde nähere
+Auskunft erlangt hatten, konnten wir keine wichtige Massregel
+ergreifen. Dass die Bahau aber in der Aufregung des Augenblicks
+zu ruhiger Überlegung und Geduld nicht fähig waren, merkten wir am
+folgenden Tage, als _Bo Tijung_ mit zwei Böten bei uns landete und nach
+einem kurzen Besuch bei _Kwing Irang_ uns sogleich seine Aufwartung
+machte. Sein Bericht stimmte mit dem von _Hadji Umar_ überein, auch
+hatte er als Beweisstück Guttapercha mitgebracht. Die Batang-Lupar
+bereiten nämlich die Guttapercha auf eine besondere Art und Weise, die
+nicht zu verkennen ist. Erstens vermengen sie die Guttapercha stark mit
+Baumrinde, so dass sie eine schwammige Masse bildet, zweitens formen
+sie aus ihr viereckige, platte Kuchen, die ungefähr 3 × 5 dm gross
+und 1 dm dick sind. Die Bahau dagegen, besonders die Siang, vermengen
+die Guttapercha viel weniger und geben ihr eher eine zylindrische Form.
+
+_Bo Tijung_ hatte eigentlich gehofft, unsere Zustimmung zu erhalten,
+um mit allen kriegstüchtigen Männern sogleich auf die Batang-Lupar
+Jagd zu machen, und wollte daher anfangs ernsten Überlegungen kein
+Gehör schenken. Schliesslich konnte er aber unseren Einwand gegenüber,
+dass man über Anzahl der Feinde und den Ort, an dem sie zu finden
+waren, wenig wusste, nicht taub bleiben, auch schätzte er unser
+Versprechen, mit unseren gut bewaffneten Schutzsoldaten sicher Hilfe
+leisten zu wollen, sehr hoch. Aus unserem Gespräche, dem bald auch
+_Kwing Irang_, _Hadji Umar_ und viele andere beiwohnten, glaubte _Bo
+Tijung_ herauszuhören, dass wir das Mitnehmen der Guttapercha tadelten,
+und benützte die Gelegenheit, um seiner inneren Unzufriedenheit über
+den Lauf der Dinge Luft zu machen. Er äusserte sich heftig über das
+vermeinte Unrecht, die Guttapercha, die im eigenen Gebiet gestohlen
+worden war, nicht haben mitnehmen zu dürfen. _Hadji Umar_ machte ihm
+bald klar, dass wir durchaus nicht dieser Ansicht waren, dass wir in
+dieser Angelegenheit nur vorsichtig zu Werke gehen wollten.
+
+Die Unterredung mit _Bo Tijung_ zeigte uns, dass, falls wir die
+Leitung der Dinge behalten wollten, die Gegenwart eines von uns in
+Long Tepai unumgänglich notwendig war, da selbst die Klügsten der
+Long-Glat kaum noch zu halten waren.
+
+Nach dieser vorläufigen Beratung kam ich mit dem Kontrolleur überein,
+dass wir jetzt, wo die Mahakamstämme uns so günstig gesinnt waren und
+selbst Angelegenheiten, die sie so nahe angingen, mit uns berieten,
+eine Teilung unserer Gesellschaft riskieren konnten, und so beschlossen
+wir, dass _Barth_ mit allen bewaffneten Malaien nach Long Tepai
+ziehen sollte, um dort nach Umständen zu handeln, und dass _Hadji
+Umar_, der die dortigen Verhältnisse und Menschen am besten kannte,
+ihn begleiten sollte. _Barth_ sollte so lange in Long Tepai bleiben,
+bis ich mit _Kwing Irang_ bei ihm eintraf, um dann gemeinschaftlich
+die Reise nach der Küste fortzusetzen.
+
+Auf die Frage, wann er mit uns würde abreisen können, antwortete
+_Kwing Irang_ nur: "so bald als möglich," ohne einen bestimmten
+Termin anzugeben.
+
+Am 9. Februar teilte sich unsere Gesellschaft tatsächlich und
+_Barth_ fuhr mit den Seinen, zur grossen Zufriedenheit _Bo Tijungs_,
+flussabwärts.
+
+In Long Tepai fand er alle bereit, sogleich einen Kriegszug nach
+dem oberen Tepai zu unternehmen; doch brachte er die Leute dazu,
+sich vorläufig darauf zu beschränken, unter Leitung einiger unserer
+besten Schutzsoldaten auf Kundschaft auszuziehen und zwar in so grosser
+Anzahl, dass man auch stärkeren Banden Widerstand leisten konnte.
+
+Die Expedition brachte die Nachricht zurück, dass die Batang-Lupar,
+die in der Hütte gewohnt hatten, wahrscheinlich keiner grösseren
+Bande angehörten und so eilig geflohen waren, dass sie ihr Hab und
+Gut hatten zurücklassen müssen. Nachdem die Gesellschaft einige
+Tage in der Batang-Lupar Hütte gewohnt hatte, zog sie mit allen
+transportablen Gegenständen nach Long Tepai zurück und beruhigte die
+Dorfbewohner. Beinahe hätte sich auf dem Zuge ein Unglück zugetragen,
+da einer von _Hadji Umars_ Begleitern, ein zum Heidentum übergetretener
+Malaie aus Serawak, gleichfalls namens _Umar_, plötzlich sein Gewehr
+auf _Njok_, den ältesten Sohn von _Bo Lea_, angelegt hatte. Wenn einer
+unserer Schutzsoldaten das Gewehr nicht in die Höhe geschlagen hätte,
+wäre _Njok_ sicher niedergeschossen worden. Der Mann war sogleich in
+den Wald geflohen und hatte sich nicht mehr sehen lassen. Acht Tage
+darauf erfuhren wir, dass _Umar_ erschöpft in Long Bulèng angelangt
+war. Später beging er Ähnliches am Serata und verursachte schliesslich
+auch bei den Kajan grosse Aufregung, indem er fünf junge Malaien
+verwundete und einen Dajak tötete. Jetzt sahen selbst die Kajan ein,
+dass der Mann an Verfolgungswahnsinn litt. _Kwing Irang_ hatte mir
+nicht glauben wollen, als ich den Mann für geisteskrank erklärte und
+ihm nach dem Begebnis in Tepai riet, das gefährliche Individuum nach
+Serawak zurückzusenden. Mit vieler Mühe gelang es den Kajan, den Mann,
+der sich im Walde versteckt hielt, zu töten.
+
+Nun folgte für mich eine sehr ruhige Zeit, in der ich nur für den
+täglichen Unterhalt meiner Leute zu sorgen, meine ethnographische
+Sammlung zu vergrössern und die Lebensverhältnisse der Kajan zu
+studieren hatte. Der Bau von _Kwing Irangs_ Haus bildete für mich
+den Mittelpunkt des Interesses.
+
+Auf Andringen von _Kwing Irang_ und seinen Mantri beteiligten sich
+einige Monate hindurch beinahe täglich einige Männer an der Arbeit,
+aber der Bau schritt doch lange nicht so schnell vorwärts, als der
+Häuptling und ich es wünschten. _Kwing_ hatte mir bereits öfters
+mitgeteilt, dass, so lange er sein neues Haus noch nicht bezogen hatte,
+von einer Reise zur Küste keine Rede sein konnte. Jetzt, wo meine
+Gegenwart aus politischem Interesse bei den Long-Glat viel notwendiger
+war als bei den Kajan, wurde meine Ungeduld, das Haus endlich fertig
+dastehen zu sehen, begreiflicher Weise immer grösser. Und doch wollte
+ich die Reise ohne Kwing Irang lieber nicht fortsetzen, da seine
+Anwesenheit für den Eindruck auf die weiter unten wohnenden Stämme
+von zu grosser Bedeutung war. Von diesem Gesichtspunkte aus war es
+sehr günstig, dass der Kontrolleur schon jetzt die Möglichkeit hatte,
+sich bei den Long-Glat einzuleben; die Berichte, die er ständig nach
+oben sandte, lauteten auch sehr befriedigend.
+
+Immer wieder wies ich die Kajan auf ihre Pflicht, sich mit aller
+Kraft dem Hausbau zu widmen. Es wurden selbst zweimal des Abends
+Versammlungen abgehalten, in denen ich mit allem Einfluss, den
+ich besass, für den Bau des Hauses eintrat; der Häuptling konnte
+nämlich keine Arbeiter mehr finden, da die Leute mit dem Bau ihrer
+eigenen Wohnung beschäftigt waren. Zu meiner Genugtuung wurden
+meine Vorstellungen wirklich beherzigt und der Hausbau schritt,
+im Vergleich mit der sonstigen Arbeitsweise der Bahau, schnell
+vorwärts. Die Kajan waren hiervon so überzeugt, dass sie mir sagten,
+das Haus sollte später stets: "_uma tuan Doktor_" (Haus des Herrn
+Doktor) heissen. Nichtsdestoweniger schienen mir die Tage kein Ende
+nehmen zu wollen.
+
+_Bier_ hatte seine Aufnahmen in Zeichnung gebracht und es wurde für
+ihn Zeit, seine Arbeit an einem anderen Ort fortzusetzen. Da auch der
+Kontrolleur in Long Tepai nur fünf Schutzsoldaten bei sich hatte,
+schien es mir notwendig, uns unabhängig von den Bahau Hilfskräfte
+zu verschaffen, die mir auch, nachdem ich den Kontrolleur bis nach
+Samarinda begleitet hatte, bei meiner Rückkehr ins Innere von Nutzen
+sein konnten. Ich nahm daher sogleich die besten Elemente von _Hadji
+Umars_ Gesellschaft und ausserdem auch noch einige andere Malaien aus
+unserer Nachbarschaft in meinen Dienst. Die Leute waren froh, dass
+sie nun, wo die Kajan nicht mithalten konnten, von der Gelegenheit,
+einen guten Lohn zu verdienen, profitieren konnten. Es wurde mir um so
+leichter, Personal zu finden, als keinem von uns bisher ein Unglück
+zugestossen war und ich durch meine ärztliche Praxis das Vertrauen
+aller genoss. Im Hinblick auf meinen späteren Besuch bei den Kenja
+war ich auf Leute des gleichen Landes angewiesen, da ich erfahren
+hatte, dass nur ein kleiner Teil meines jetzigen Geleites dafür
+geeignet war oder geneigt sein würde, noch ein zweites Jahr bei mir
+zu bleiben. Unter den javanischen Leuten waren mehrere, die mir von
+keinem Nutzen sein konnten und die ich daher nach Java zurückschicken
+wollte, während die Malaien von der "Wester-Afdeeling" von Borneo,
+sowohl die Schutzsoldaten als die Melawie Malaien, sich zu sehr nach
+ihren Familien sehnten, um noch weiter mitgehen zu wollen. Indem ich
+von den Javanern, die in letzter Zeit ein sehr faules Leben geführt
+hatten, alle entbehrlichen Leute wählte, gelang es mir, _Bier_ für
+drei Böte eine Bemannung zu verschaffen, mit der er den Mahakam vom
+Blu-u bis Long Tepai weiter aufnehmen konnte; von dort aus sollte
+er mit Hilfe der Long-Glat, die ihm der Kontrolleur zu verschaffen
+suchen musste, weiterarbeiten.
+
+Des hohen Wasserstandes wegen musste _Bier_ lange Zeit mit seiner
+Aufnahme warten und noch vor seiner Abreise fanden unsere Gedanken
+eine plötzliche Ablenkung.
+
+A m Morgen des 23. Februar erschien _Kuntji_, ein Malaie, der bei
+den Ma-Suling am Merasè lebte, mit einer Anzahl Leute aus Lulu
+Sirang und meldete, dass der Häuptling _Obet Dewong_ seit einiger
+Zeit wieder so ernstlich krank war, dass er meine Hilfe sogleich
+nötig hatte. Die Nachricht berührte mich äusserst unangenehm,
+denn man schrieb die Krankheit natürlich, diesmal zum Teil mit
+Recht, unserer Exkursion auf den Batu Situn zu, auch konnten nun
+die Ma-Suling, die bereits grosse Vorbereitungen getroffen hatten,
+um unter meinem Schutz die Gebiete unterhalb der Wasserfälle und die
+dortigen Märkte zu besuchen, nicht mit uns reisen. Da es sich bald
+herausstellte, dass es dem Häuptling lange Zeit gut gegangen war,
+dass er aber durch grosse Unvorsichtigkeit, wie durch langes Stehen
+in kaltem Flusswasser beim Fischen und durch Hacken von Rotang und
+Brettern für Böte, einen Rückfall bekommen hatte, wollte ich mich
+in der ersten Aufwallung nicht weiter mit ihm befassen. Ausserdem
+war die Reise nach Lulu Sirang wegen des Hochwassers im Mahakam und
+Merasè gefährlich und so schwierig, dass wir kaum Aussicht hatten,
+die Niederlassung noch am gleichen Tage zu erreichen. Bei ruhiger
+Überlegung sagte ich mir jedoch, dass der Tod des Häuptlings einen
+sehr unangenehmen Eindruck hinterlassen würde, den meine Weigerung,
+ihm zu helfen, nur verschlimmern konnte. Auch fiel mir ein, dass wir
+möglicherweise einen Teil der Reise über Land zurücklegen konnten,
+denn ich hatte vom Batu Marong aus gesehen, dass die Gegend zwischen
+dem Mahakam und Lulu Surang zwar mit Urwald vollständig bedeckt, aber
+eben war. Da an beiden Enden dieser Ebene, am Mahakam und am Merasè,
+Ma-Suling wohnten, führten vielleicht Pfade durch den Wald.
+
+Bei näherer Erkundigung bestätigte sich meine Vermutung; wir konnten
+uns somit die Fahrt auf dem Merasè ersparen und hatten dazu Aussicht,
+unser Ziel schneller zu erreichen.
+
+Eine halbe Stunde darauf sass ich mit _Midan_, meinem Hunde
+und den notwendigen Arzneien im Bote der Ma-Suling, das von der
+heftigen Strömung mit grosser Geschwindigkeit flussabwärts geführt
+wurde. _Bier_, der am gleichen Tage mit der Aufnahme hatte anfangen
+wollen, musste die Arbeit wieder aufschieben; auch sollte er in den
+folgenden Tagen nach Gutdünken handeln.
+
+Bereits um 11 Uhr hatten wir Lulu Njiwung passiert, waren zwischen
+zahlreichen kleinen Inseln hindurchgefahren und landeten oberhalb
+der Mündung des Merasè bei der Niederlassung des Ma-Suling-Häuptlings
+_Tekwan_. Hier stieg ich aus und sandte einige Ma-Suling nach oben,
+um Führer zu holen, da ich selbst noch viel zu sehr unter dem Eindruck
+des von _Lasa_ verübten Mordes stand, um dessen Elternhaus betreten zu
+wollen. Diejenigen, die den Weg nach Lulu Sirang kannten, wohnten auf
+ihren Reisfeldern, an denen wir vorüber mussten. Zwei junge Ma-Suling
+aus unserem Boot, mein Diener und mein Hund sollten mich begleiten,
+während der Malaie _Kuntji_, der nicht mit uns zu gehen wagte, und die
+vier anderen Ma-Suling versuchen sollten, den Merasè hinaufzufahren.
+
+Als es bald darauf zu regnen begann, wurden die im übrigen gut
+unterhaltenen Wege, die zu den Reisfeldern führten, sehr glatt,
+besonders an viel betretenen Stellen und auf Hügeln.
+
+Nach einer Stunde schlugen wir Seitenwege ein, die zwar viel unebener
+waren, dem Fusse aber besseren Halt boten. Nach kurzer Zeit erreichten
+wir die Hütte (_lepo luma_) auf dem Reisfelde, dessen Besitzer uns als
+Führer dienen sollte. Der Mann behauptete jedoch, nicht fort zu können,
+und gab uns zwei andere an, die zur Begleitung bereit sein würden.
+
+Auf einigen kaum erkennbaren Pfaden und durch einige Bäche hindurch
+gelangten wir zu anderen Ladanghäusern, in denen wir zwei Männer
+fanden, die in der Tat mitgehen wollten.
+
+Von den Reisfeldern führte der Weg in den Wald längs flachen, sandigen
+Flussbetten, in denen das Waten zwar nicht mühsam, aber beim strömenden
+Regen auch nicht ermunternd war.
+
+Wir folgten dem letzten Flussbett, das immer steiniger wurde, bis
+zum Ursprung; hier mussten wir die Ebene verlassen und mehrere
+hohe Hügel passieren. Die nassen Lehmpfade, die steil nach oben
+führten, stellten an unsere Beine und Lungen starke Ansprüche,
+aber auf den Gipfeln der Hügel angekommen fanden wir wirklich gute
+und nicht glatte Pfade, denen wir stundenlang folgen konnten. Erst
+bei Einbruch der Dunkelheit stiegen wir abwärts und folgten sehr
+ermüdet den Pfaden, die durch die Reisfelder der Ma-Suling von _Obet
+Dewongs_ Dorfe führten. Unglücklicher Weise bestanden diese Pfade
+grösstenteils aus freiliegenden, dünnen Baumstämmen, von denen je
+zwei oder drei auf Querbalken neben einander einen Fuss über dem
+Erdboden ruhten. Strauchelnd, gleitend und fallend bewegten wir uns
+langsam vorwärts und waren am Ende erstaunt, ohne Arm- und Beinbruch
+davongekommen zu sein. In einem Ladanghause, in dem Licht brannte,
+wollten wir uns mit Fackeln versehen, aber die Leiter war hinaufgezogen
+und, als wir uns dem Hause näherten, löschten die Bewohner das Licht
+aus und gaben keine Antwort. Unsere Führer erklärten, dass es viel
+zu gefährlich sei, an andere Hütten zu klopfen, da die Leute sich
+nachts fürchteten und auf uns schiessen konnten.
+
+So gingen wir denn weiter und erreichten, bevor es ganz dunkel
+wurde, die Hütte von Verwandten der beiden Ma-Suling von _Obet
+Dewong_. Nachdem wir hier eine halbe Stunde Rast gehalten hatten,
+suchten wir mit Hilfe von Harzfackeln in der stockdunklen Nacht
+weiter zu kommen. Zum Glück befanden wir uns nicht mehr weit von der
+Niederlassung entfernt, wir mussten nur noch einem kleinen Flusse
+folgen und dann zum Teil über den Marong hinüber.
+
+Zwischen Wasser und Erde machten wir bereits seit langem keinen
+Unterschied mehr, daher empfanden wir es auch nicht als besonders
+unangenehm, dass wir durch einen kleinen, aber sehr geschwollenen
+Fluss mit moderigem Grunde waten mussten und dass das Wasser uns bis
+an die Brust reichte.
+
+Die schmale Schlucht zwischen den hohen, dicht bewachsenen Ufern
+wurde von dem flackernden Schein unserer Fackeln phantastisch
+beleuchtet. Hinderten uns unter Wasser liegende Äste und Baumstämme
+am Vorwärtsgehen, so fanden wir am Ufergras und an den Zweigen einen
+Halt. Mein Hund suchte sich zwischen dem Ufergebüsch heulend seinen
+Weg, da er gegen die heftige Strömung nicht schwimmen konnte. Der
+Fluss wurde immer flacher und nach einer halben Stunde verliessen
+wir das Bette, um den Batu Marong so weit zu besteigen, dass wir auf
+die andere Seite hinübergelangen konnten. Dort sahen wir den Merasè
+plötzlich zu unseren Füssen und jenseits des Ufers stand das Haus von
+_Obet Dewong_. Als habe man uns erwartet, erschienen auf unser Rufen
+sogleich einige Männer, die uns über den in der Tat sehr geschwollenen
+Fluss ruderten.
+
+Obgleich mein äusserer Mensch durchaus nicht in eine Häuptlingswohnung
+passte, führte man mich doch sogleich zu _Obet Dewong_, der über mein
+Kommen sehr erfreut war. Man hatte mich nicht umsonst gerufen; der
+grosse Mann lag völlig apathisch mit halbgebrochenen Augen da; seine
+Zunge war trocken und schwarz, auch sprach er nur mit Anstrengung.
+
+Da er täglich um die Mittagszeit einen Fieberanfall bekam, hielt ich
+es für geraten, ihm nicht vor dem folgenden Morgen Chinin zu geben,
+ihn augenblicklich durch Kognak mit Wasser zu beleben und dann,
+da sein Puls es zuliess, mittelst Morphium schlafen zu lassen. Den
+Kognak musste ich stark verdünnen, da die Kehle der Bahau, die fast
+nichts anderes als Wasser kennt, für Alkoholica sehr empfindlich
+ist. Die Wirkung war eine befriedigende, denn bevor ich mich von meiner
+Übermüdung so weit hergestellt hatte, dass ich an Essen und Schlafen
+denken konnte, hatte sich der Patient, zur grossen Freude seiner
+Umgebung, bereits etwas erholt. Nach meiner Mahlzeit von Huhn und
+Reis gab ich dem Häuptling ein Morphiumpulver, worauf er in ruhigen
+Schlaf fiel.
+
+Wahrscheinlich schlief mein Patient besser als ich, denn obgleich es
+_Kuntji_ gelungen war, bald nach uns anzukommen und er mein Bettzeug
+mitgebracht hatte, schlief ich nur schwer ein und erwachte mit einem
+heftigen Brustkrampf. Gegen Ende der Nacht legte sich der Krampf
+und am folgenden Morgen gab es so viel zu tun, dass ich auf mich
+selbst nicht mehr achten konnte. In aller Frühe gab ich _Obet Dewong_
+seine Dosis Chinin, die er bereitwillig einnahm, mit dem Erfolge,
+dass der Fieberanfall an diesem Tage ausblieb. Darauf strömten
+wiederum Kranke herbei, die mich um Chinin, hauptsächlich aber um
+Jodkali baten, dessen gute Wirkung sie seit meinem letzten Besuche,
+wo ich ihnen dieses Mittel in grösserer Menge verteilt hatte, aus
+Erfahrung kannten. Unter anderem erfuhr ich von den Leuten, dass
+viele es lebhaft bedauerten, wegen der Krankheit des Häuptlings nicht
+mit mir zur Küste reisen zu können. Zwar glaubte der Häuptling immer
+noch an seine baldige Genesung und an eine Teilnahme an der Reise,
+aber ich nahm mir vor, ihm wegen seines Leichtsinns in bezug auf
+seinen augenblicklichen Zustand und in Anbetracht seiner hohen Jahre,
+auch für die Zukunft Vorstellungen zu machen.
+
+Die vorgenommene Unterredung fand bereits abends statt, auch teilte
+ich dem Kranken mit, dass ich noch den folgenden Tag bei ihm bleiben
+wollte, um ihm selbst die Arznei zu verabreichen. Die Chinindosis,
+die er morgens und abends regelmässig einnahm, und die rationelle
+Ernährung taten dem Manne sichtlich gut. Am Abend vor meiner Abreise
+erklärte ich _Obet_ nochmals, dass ich ihn bestimmt nicht auf die
+Reise mitnehmen würde und dass er sich noch lange nach seiner Genesung
+in Acht nehmen müsse, um einen Rückfall, der für ihn sehr gefährlich
+werden konnte, zu vermeiden. Dank den zurückgelassenen Arzneien genas
+der Patient vollkommen, als er aber später hörte, dass es mit meiner
+Abreise Ernst wurde und dass die Kajan mich begleiten sollten, zog
+er doch wieder in den Wald, um seine Böte rüsten zu lassen. Trotz
+einer Erkältung, die er sich hierbei zuzog, ging er wieder fischen
+und wurde schliesslich von einem so heftigen Fieberanfall gepackt,
+dass er nach drei Tagen starb.
+
+Bei meiner Abreise am 26. Februar wiegte ich mich jedoch noch in
+der Illusion, dass ich den Häuptling gerettet hatte, und zu meiner
+angenehmen Überraschung erklärten sich diesmal sechs Mann ohne
+Widerrede bereit, mich nach Long Blu-u zurückzubringen. An Napo Liu
+liess man mich nicht ohne Weiteres vorbeifahren, sowohl bei _Ledju
+Li_ als bei _Temenggung Itjot_ musste ich viele Kranke behandeln;
+da der Mahakam überdies noch sehr geschwollen war, wurde es Abend,
+bevor wir unterhalb der Niederlassung von _Tekwan_ ankamen. Hier
+herrschte _lali parei_ (Verbotszeit beim Beginn der Ernte), weswegen
+wir nicht im Dorfe übernachten durften, was mir sehr angenehm war. Als
+Nachtquartier fanden wir eine leerstehende, kleine Reisscheune, in
+welcher meine Leute mir das Klambu aufschlugen und sich dann unter
+demselben neben einander schlafen legten. Glücklicher Weise regnete
+es am folgenden Morgen nicht, so dass wir mit frischem Mut den Kampf
+mit der Strömung wieder beginnen konnten. Einige Stellen liessen sich
+nur mit grosser Anstrengung überwinden, da der Mahakam nachts leider
+wieder gestiegen war. Als wir zwischen den Inseln hindurch auf gänzlich
+neuen Wegen fuhren, trafen wir auf einem derselben _Bier_ mit seiner
+Gesellschaft, der nicht länger auf einen günstigen Wasserstand hatte
+warten wollen und nun, so gilt es eben ging, für seine Peilungen
+passende Standorte zu finden suchte. Er erzählte, dass uns einige
+Schutzsoldaten eine Postsendung aus Long Tepai mitgebracht hatten,
+die ich ihm zum Trost zukommen zu lassen versprach.
+
+Zu Hause angekommen fand ich alles in Ordnung, nur war ich sehr
+enttäuscht, dass das Dach des neuen Hauses noch immer nicht ganz
+gedeckt war und dass noch neue Dachschindeln gemacht werden sollten,
+so dass wir sicher bis zum folgenden Monat warten mussten, bevor an
+eine Abreise zu denken war.
+
+Anfang März beauftragte ich die Pflanzensucher, die Pflanzen, die bis
+dahin frei in Bambuskörben gestanden hatten, in Kisten zu setzen. Die
+Malaien und Javaner sollten inzwischen unsere Böte mit neuen Rändern
+versehen und die alten mit Rotang festbinden.
+
+Die Kajan ersahen hieraus, dass ich ernsthaft an die Reise dachte
+und dass ich nicht die Absicht hatte, wie im Jahre 1897, ihre Ernte
+abzuwarten. Durch das späte Säen, den Bau des Häuptlingshauses und
+vieler kleinerer Häuser, sowie durch den vielen Regen, der den Reis
+nicht reifen liess, war die der Ernte vorangehende Verbotszeit bei den
+Kajan erst Anfang März abgelaufen. Ich hoffte nun bald zu vernehmen,
+dass man sich auf die Vogelschau begeben würde, stattdessen erzählten
+mir einige Knaben im Geheimen, dass man auch noch für die Seitenwände
+des Hauses Eisenholzschindeln herstellen wollte. Ich war zu sehr daran
+gewöhnt, durch Umwege hinter die Wahrheit zu kommen, um den Knaben
+keinen Glauben zu schenken, und rechnete daher sogleich mit einer neuen
+Verzögerung unserer Abreise. Meine Vermutung erwies sich als richtig,
+nur beruhte die Verzögerung nicht auf der Herstellung von Schindeln.
+
+Die Hauptsache war, dass wir aus der Zeit, die wir notgedrungen bei
+den Bahau verbringen mussten, so viel Vorteil als möglich zu ziehen
+suchten.
+
+Der Kontrolleur hatte bereits einen Monat bei den Long-Glat in Long
+Tepai verbracht und somit genügend Zeit gehabt, um die Bevölkerung
+kennen zu lernen; er selbst war übrigens derselben Meinung. Da _Bier_
+sich nun auch mit seiner Gesellschaft dem Kontrolleur angeschlossen
+hatte, waren beide stark genug, um sich in eine Umgebung zu wagen, von
+deren friedfertiger Gesinnung wir nicht so ganz überzeugt waren. In
+dieser Überlegung schlug ich _Barth_ vor, bei günstigem Wasserstand
+bis Long Deho hinunterzufahren, zudem lauteten die Berichte von
+dort derart, dass ein längerer Aufenthalt unserer Gesellschaft oder
+eines Teiles derselben dort sehr wünschenwert war. Der Häuptling von
+Long Deho, _Bang Jok_, war von unterhalb der Wasserfälle gebürtig
+und hatte sich mit seinem Stamm erst im Jahre 1893, als er sich in
+seiner früheren Niederlassung Lirung Tika wegen der Bedrohungen
+des Sultans nicht mehr sicher fühlte, ober halb der Gastlichen
+Wasserfälle, des Kiham Halo und Kiham Udang, niedergelassen. Seit
+der Zeit hatte er allen Versuchen einer Annäherung seitens des
+Sultans widerstand geboten und war auch nie wieder nach Tengaron
+gefahren. Doch kam er der Aufforderung des Sultans, die 1895 durch
+den vornehmen Gesandten _Pangéran Temenggung_ an ihn erging, gegen
+die Banden Buschproduktensucher aus dem Baritogebiet aufzutreten,
+nach. Diese Leute brachten nämlich einen grossen Teil der Guttapercha,
+die sie im Gebiet des mittleren Mahakam sammelten, nach dem Barito
+hinüber, wodurch sie den Sultan um einen Teil des Ausfuhrzolles von
+10%, den er an der Mahakammündung erhebt, schädigten. _Bang Jok_
+war nicht im stande, gegen diese starken, gut bewaffneten Banden
+aufzutreten, und liess daher gelegentlich kleinere Gesellschaften
+durch seine Untergebenen berauben und töten. Auf diese Weise hatte
+er direkt und indirekt zu mehreren in den letzten Jahren verübten
+Morden Veranlassung gegeben und sah daher, aus Furcht vor Strafe,
+einer Begegnung mit uns Niederländern ungern entgegen.
+
+Da wir wussten, dass _Bang Jok_ alle diese Morde auf des Sultans Rat
+ausgeführt hatte, und wir übrigens auch nicht das Recht hatten, gegen
+in früheren Jahren begangene Taten aufzutreten, beabsichtigten wir,
+auf diese Angelegenheit gar nicht einzugehen. Die Regierung von Kutei
+jedoch, die unsere wachsende Macht unter den Bahau mit scheelen Augen
+ansah, benützte _Bang Joks_ Furcht vor uns als wichtigsten Hebel, um
+zu verhindern, dass auch dieser Häuptling auf unsere Seite trat. Ein
+gewisser _Hadji Udjon_ hielt sich bereits seit Monaten als Gesandter
+des Sultans bei _Bang Jok_ auf, um ihn dazu zu bewegen, noch vor
+unserer Ankunft nach Tengaron hinunterzufahren, von wo aus man ihm
+allerhand schöne Versprechungen machte. Diese Umstände liessen uns
+lange Zeit über den Empfang, der uns in Long Deho zu Teil werden würde,
+in Unsicherheit, und nur die gute Gesinnung der Long-Glat von Long
+Tepai, naher Verwandter derer von Long Deho, hatte uns einigermassen
+beruhigt. Ich hielt es daher für notwendig, dass der Kontrolleur ein
+starkes Geleite bei sich hatte, bevor er sich über die westlichen
+Wasserfälle nach Long Deho wagte, und wäre am liebsten selbst mit
+ihm gezogen, wenn ich nicht durchaus auf _Kwing Irang_ hätte warten
+müssen, besonders jetzt, wo auch die Ma-Suling sich an der Reise
+nicht beteiligten und wir auch nur mit Hilfe der Kajan alles Gepäck
+nach der Küste schaffen konnten.
+
+Bevor sich der Kontrolleur in Bewegung setzen konnte, verstrich
+jedoch noch eine geraume Zeit. _Bier_ hatte seine Aufnahme noch kaum
+bis zur Mündung des Merasè ausgeführt, als ihm _Barth_ trotz des
+hohen Wasserstandes mit einigen Long-Glat entgegen fuhr, um ihm die
+Möglichkeit zu geben, auch den Pahngè zu messen, der einen wichtigen
+Handelsweg nach dem Belatung im Gebiet des Murung bildet. Dies glückte
+denn auch, obgleich die Wasserscheide nicht erstiegen und nur der
+Fluss selbst aufgenommen wurde. Mit Hilfe der Long-Glat mass _Bier_
+später in gleicher Weise auch den Tepai. So lange aber das Wasser in
+Long Tepai nicht bis zu einem bestimmten Zeichen an einem Felsen im
+Fluss fiel, war an ein Überschreiten der Wasserfälle nicht zu denken.
+
+Die zwei letzten Monate waren, wegen der Einsamkeit und des Mangels
+an ernster Arbeit, die sowohl unter der Aussicht auf unsere baldige
+Abreise als unter unserer Sehnsucht nach dieser litt, sehr unangenehm
+gewesen; an unseren Sammlungen wurde nicht mehr eifrig gearbeitet,
+denn für Exkursionen konnten wir von den Kajan, die mit der Ernte
+beschäftigt waren, keine Unterstützung erhalten und die Ethnographica
+hatte ich alle eingekauft, bis auf einige besonders schöne Stücke,
+derentwegen ich bereits seit Monaten mit den Besitzern unterhandelte,
+ohne dass vorläufig ein Resultat zu erwarten war. Ich verschob diese
+Käufe bis zu meiner Rückkehr von der Reise zur Küste.
+
+Auch meine Kranken liessen mich im Stich, in dieser günstigen
+Jahreszeit kamen nur selten Malariafälle vor und die chronischen
+Krankheiten hatte ich so weit als möglich geheilt oder den Patienten
+die Mittel zu weiterer Selbstbehandlung gegeben.
+
+Überdies sah es in unserer Wohnung ungemütlich aus, denn die vielen
+Ethnographica und Vögel waren, sobald man Kisten für sie hergestellt
+hatte, eingepackt worden. Alle diese Umstände liessen uns den langsamen
+Fortschritt der Reisevorbereitungen seitens der Kajan noch unangenehmer
+empfinden.
+
+Nachdem der Häuptling Anfang März das _lali parei_ noch in seiner
+kleinen Wohnung gefeiert hatte, fand der Einzug in das neue, noch
+nicht ganz fertige, aber doch regendichte Haus statt, worauf zwei
+Tage _melo_ und dann die Aufhebung der Verbotsbestimmungen (_bet
+lali_) für das Haus folgten. Der ganze Stamm beteiligte sich an den
+Festlichkeiten, die uns für einige Tage Abwechselung boten. Leider
+folgte hierauf wieder ein unvermeidliches achttägiges _melo_ und dann
+erst begann man das grosse Häuptlingsboot in Ordnung zu bringen. Erst
+mussten aber noch Ränder (_apin_) im Walde gesucht werden, was keine
+Kleinigkeit war, da die Länge des Bootes 18 m und die Breite 1,2 m
+betrug. Diese Arbeit wurde aber, als sich die Kajan einmal ernsthaft
+aufrafften, über Erwarten schnell ausgeführt und in einem Tage waren
+auch die Bretter an das Fahrzeug gebunden worden. Zwar wusste ich,
+dass viele Leute ihren Reis für die Fahrt zubereitet hatten, aber da
+seither viele Monate verstrichen waren, hatten diese Vorbereitungen
+kaum noch einen Wert. Selbst die Erklärung eines Mantri, dass ich es
+hoch anschlagen müsse, dass _Kwing Irang_ doch mit mir ging, obgleich
+sich ein Bahauhäuptling, wenn er eben sein Haus bezogen hat und dieses
+auch noch nicht vollendet ist, nicht auf die Reise begeben dürfte,
+verbesserte meine Stimmung nicht sonderlich.
+
+Selbst am 10. März beanspruchte _Kwing_ noch meine Hilfe, weil er
+selbst keine genügende Anzahl Menschen zusammen bringen konnte, um
+in seiner Vorgalerie eine Diele legen zu lassen. Diese bestand aus
+zahlreichen, schweren Brettern des Tenkawangbaumes, der trotz seiner
+Nützlichkeit hierfür in grosser Zahl geopfert wurde. Die Bretter waren
+ungefähr 1 dm dick und 5-7 dm breit bei einer Länge von ungefähr
+10 m. Aus einem grossen Baum wurden zwei Bretter hergestellt und
+zwar vereinigten sich stets zwei Familien, ein bearbeitetes Brett
+zu liefern.
+
+Um diese Bretter an Ort und Stelle, drei Meter hoch über den Erdboden,
+zu heben, waren mehr Männer als die sechs oder acht, die ständig am
+Hause arbeiteten, erforderlich, aber da alle eifrig auf ihren Feldern
+beschäftigt waren, bat mich _Kwing Irang_, noch einmal die Leitung
+einer Versammlung übernehmen zu wollen, in der den Familienhäuptern
+nochmals eingeschärft werden sollte, dass sie ihrem Häuptling und
+mir gegenüber verpflichtet waren, wiederum Hilfe zu leisten.
+
+A m folgenden Tage wurden in der Tat alle bereits vorhandenen Bretter
+an ihren Platz gelegt, aber es erwies sich, dass noch so viele Familien
+die Lieferung ihrer Planke bis nach der Ernte oder nach dem Bau ihrer
+eigenen Wohnung verschoben hatten, dass noch ungefähr die Hälfte
+der 13 × 28 m grossen Oberfläche ungedeckt blieb. Hierfür gebrauchte
+jedoch _Kwing_ die noch nicht benützten Bretter der Mittelwand, die
+man vorläufig aus altem Material hergestellt hatte und die man erst
+nach der Rückkehr von der Küste vollenden wollte.
+
+Unter diesen Beschäftigungen trat der z B. März ein, bis _Sorong_
+mit vier Mann auf die Vorzeichensuche ging. Nach der Meinung der
+meisten Kajan geschah dies viel zu früh, aber _Kwing Irang_ tat alles,
+was er konnte, um die Reise zu beschleunigen, ohne die _adat_ und
+seine eigenen Interessen allzu sehr zu benachteiligen. Vom 24sten
+bis zum 28sten durfte nämlich nichts Besonderes ausgeführt werden,
+da der Mond in dieser Zeit, wo er am vollsten ist, "schlechter Mond"
+(_bulan dja-ak_) genannt wird. Die Kajan bauen in dieser Zeit keine
+Häuser und Böte und gehen auch nicht auf die Vorzeichensuche. Dass
+_Sorong_ sich so früh aufgemacht hatte, half leider nichts, denn am
+30. März kam er mit der traurigen Nachricht zurück, dass _Obet Dewong_
+nun doch, nach einem Ausflug in den Wald, gestorben war. Durch einen
+derartigen Todesfall verlieren die gefundenen Vorzeichen ihren Wert
+und es müssen später wieder neue gesucht werden.
+
+Noch am gleichen Tage kam von den Pnihing aus Long 'Kup die Nachricht,
+dass _Paren_, der kleine Sohn, den _Kwing_ dort von seiner jüngsten
+Frau hatte, seit einigen Tagen an Fieber litt und dass man den Vater
+erwarte. Mit dem Versprechen bald zurückzukehren begab sich _Kwing_
+noch am selben Nachmittag nach Long 'Kup.
+
+Als _Kwing_ in den ersten Tagen nicht zurückkehrte, ging _Sorong_
+in zwei Böten wiederum auf die Vorzeichensuche.
+
+Da der Häuptling im Fall des Todes seines Sohnes überhaupt nicht hätte
+reisen dürfen, begann ich mich zu beunruhigen und fuhr am 2. April
+selbst nach Long 'Kup, um zu sehen, wie die Sachen standen und ob ich
+helfen konnte. Bei meiner Ankunft war man gerade damit beschäftigt,
+_Kwings_ Gepäck für die Rückreise in die Böte zu laden; auch war
+im Zustand des Knaben eine Besserung eingetreten. Es zeigte sich,
+dass man ein grosses Beschwörungs- und Genesungsopfer (_enah abei_)
+gebracht hatte und dass die Kajan von dem herrlichen Klebreis mit
+Schweinefleisch, den sie genossen hatten, noch ganz erfüllt waren. Von
+dem Rest der schönen Opfergerichte sollte ich nun durchaus auch noch
+etwas geniessen. Ich liess mich nicht lange nötigen und zwar nicht nur,
+um meinen Gastherren eine Freude zu bereiten, denn auf meinem Tisch
+war in letzter Zeit so selten Fleisch erschienen, dass ich das fette
+Schweinefleisch, trotzdem es ohne Salz gekocht war, gierig verzehrte.
+
+Am gleichen Abend waren wir wieder in Long Blu-u zurück, wo ich zu
+meinem Verdruss hören musste, dass ein neunjähriges Mädchen, das
+die Eltern allein zu Hause gelassen hatten, plötzlich erkrankt und
+gestorben war. Wahrscheinlich hätte ich dem Kinde nicht helfen können
+und die Kajan trösteten sich mit der Annahme, dass das Kind vielleicht
+über irgend ein Tier gelacht und daher von den Donnergeistern getötet
+worden war. Mir schien eine Vergiftung vorzuliegen, ich hielt es aber
+für geraten, meine Vermutung nicht auszusprechen, da sich sonst alle
+vor Vergiftung gefürchtet hätten.
+
+Infolge des Todesfalles durfte man, solange das Kind nicht bestattet
+war, weder an den Böten noch an der Reiseausrüstung arbeiten, auch
+liess _Kwing Irang_ den _Sorong_, der bereits einen günstigen Vogel
+gesehen hatte, zurückrufen, da die Vogelschau in diesem Fall _lali_
+war. Der Häuptling beredete zwar die Eltern der Verstorbenen, die
+Leiche in einer Felsenhöhle (_liang_) beizusetzen und ihr nicht erst,
+wie man anfangs beabsichtigt hatte, eine Hütte zu bauen, was lange
+gedauert hätte; aber immerhin verloren wir durch diesen Todesfall
+wieder zwei Tage.
+
+Darauf begannen _Kwing_ und sein Sohn _Bang_ wirklich eifrig an
+ihren Böten zu arbeiten und viele Freie folgten ihrem Beispiel;
+zugleich wurde _Sorong_ wiederum auf die Vogelschau geschickt, die
+ihn allmählich zu langweilen begann. _Sorong_ war nämlich ein in der
+Jugend geraubter Kahájan Dajak, der dem Glauben der Bahau, obgleich
+er beim Häuptling eine bevorrechtete Stellung genoss, nicht viel Wert
+beilegte; nur äusserte er hierüber nie seine Meinung.
+
+Am 10. April langte _Akam Igau_ mit den Seinen unerwartet bei uns
+an. Sie hatten alle diese Monate bei ihren Verwandten am Tawang
+verbracht und wegen des hohen Wasserstandes im Makaham eine mühevolle
+und lange Rückreise gehabt. Nachdem sie die Wasserfälle passiert
+hatten, waren sie gezwungen gewesen, noch sechs Nächte in Long Tepai
+zu verbringen., weil man dort wegen des Baues eines neuen Hauses auf
+die Vogelschau ausgegangen war.
+
+Die Mendalam Kajan brachten die Nachricht, dass der Kontrolleur und
+_Bier_ bereits nach Long Deho gereist waren, aber dass sich _Bang Jok_
+einen Tag vor ihrer Ankunft nach Udju Halang begeben habe, wo seine
+Schwester gestorben war. Obgleich letzteres sicher der Fall war, schien
+mir _Bang Joks_ Abreise im letzten Augenblick doch nur ein Vorwand zu
+sein. Also war es in Kutei doch gelungen, diesen bedeutenden Häuptling
+vor uns derart in Schrecken zu versetzen, dass er seine eigene Furcht
+vor Kutei dabei vergass. _Bang Joks_ wurde auch sogleich von dem
+Sultan mit einem Dampfboot von Udju Halang nach Tengaron abgeholt,
+wo wir ihn später trafen.
+
+Die Mendalam Kajan wollten sogleich weiterreisen, ich konnte sie
+daher nur mit Mühe dazu bewegen, noch einen Tag zu warten, um
+unsere Briefe mitzunehmen. Da _Kwing_ in seinem neuen Hause noch
+keine Gäste empfangen durfte, übernachteten sie in Long Bulèng. Am
+anderen Tag kam _Sorong_ endlich melden, dass die wichtigsten Vögel
+ihre Zustimmung zur Reise gegeben hatten. In einem Gespräch mit dem
+Häuptling äusserte dieser den Wunsch, mit allen Kajan, die mitgehen
+sollten, ein _melo njaho_ von zwei Tagen abzuhalten; danach sollte man
+mein Gepäck in die Böte laden. Nach dem monatelangen Warten kostete
+es mich einige Selbstüberwindung, meine Zustimmung zu geben, aber
+da _Kwing Irang_ die Sache für wichtig hielt, willigte ich ein. Zwei
+Tage darauf wurden morgens alle Böte zu Wasser gelassen und mit Reis,
+Guttapercha etc. beladen. Zwischen meinen seit so langer Zeit schon
+gepackten Sachen sitzend beobachtete ich von meiner Wohnung aus mit
+grosser Befriedigung die Emsigkeit der Kajan, als ich diese plötzlich
+in grosser Hast alles Gepäck wieder den hohen Uferwall herauftragen
+sah; selbst die Frauen halfen mit, um schneller fertig zu werden. Ihre
+Handlungsweise erschien mir unerklärlich, aber gleich darauf teilte
+man mir im Namen von _Kwing Irang_ mit, dass von einer Abreise keine
+Rede sein könne, weil einer ihrer wahrsagenden Vögel, noch dazu
+der _hisit_, erst über das Haus und dann sogar durch das Dach ins
+Haus geflogen sei. Für den Anfang einer Reise war dies ein äusserst
+ungünstiges Zeichen, daher musste nach einem _melo njaho_ von vier
+Tagen von neuem auf die Vogelschau gegangen werden. Nach dieser Zeit
+war aber der Monat so weit vorgeschritten, dass man zufolge der _adat_
+keine grosse Reise mehr unternehmen durfte, sondern bis zum nächsten
+Neumond (_bulan pusit_) warten musste. Das hiess aber meiner Geduld zu
+viel zumuten und ich erklärte _Kwing_, dass ich mich von _Akam Igau_,
+der mit seinen Leuten noch nicht abgereist war, nach Long Tepai werde
+bringen lassen, um dort auf ihn zu warten oder mit Hilfe der Long-Glat
+weiter nach Long Deho zu gehen.
+
+_Kwing_ zeigte sich zwar mit meinem Plane einverstanden, nur billigte
+er nicht die Begleitung der Mendalam Kajan und versicherte, dass seine
+eigenen Leute mich nach Long Tepai bringen würden, unter Anführung
+des alten, halb blinden Priesters _Bo Jok_, der die Long-Glat über
+den Stand der Dinge aufklären sollte.
+
+_Kwings_ Vorschlag passte mir um so besser, als _Akam Igau_ sich
+nicht gern noch länger aufgehalten hätte. Er trat denn auch wirklich
+am 12. April seine Heimreise an, nachdem wir seine ganze Gesellschaft
+mit Salz versorgt hatten.
+
+
+
+
+KAPITEL XVIII.
+
+ Äusseres der
+ Bahau--Körperbau--Sinnesorgane--Charakter--Eigentümlichkeiten
+ ihrer Konstitution--Krankheiten der Bahau: Malaria, venerische
+ Krankheiten, Intestinalkrankheiten, Rheumatismus, Kropf,
+ Infektionskrankheiten verschiedener Art, Augenkrankheiten,
+ parasitäre Hautkrankheiten--Wert einer ärztlichen Praxis unter
+ den hingeborenen--Vorstellungen der Bahau von ihrem Körper,
+ ihrem Geist, dem Schlaf und den Krankheiten--Heilmethoden
+ der Priester--Diätetische Mittel--Befolgung ärztlicher
+ Vorschriften--Arzneien der Eingeborenen--Massage, Dampfbäder.
+
+
+Aus der geringen Bevölkerungsdichte von Mittel-Borneo geht bereits
+hervor, dass hier Zustände herrschen müssen, die einer normalen
+Vermehrung der Menschen entgegenwirken. Die schädlichen Faktoren,
+die hier in Betracht kommen, sind erstens in den Verhältnissen der
+Umgebung selbst zu suchen, zweitens in dem Umstand, dass sich die
+Bevölkerung vor den nachteiligen Einflüssen dieser Umgebung nicht
+zu schützen weiss. Üble Gewohnheiten der Stämme, wie Kopfjägerei und
+Unsittlichkeit, schädigen eine Vermehrung in weit geringerem Grade.
+
+Die Entwicklung der Bahau und Kenja ist noch nicht so weit
+fortgeschritten, dass sie Krankheiten mit eigenen, wirksamen Mitteln
+bekämpfen können; bemerkenswert ist dagegen, dass sowohl bei Bahau
+als bei Kenja in hohem Masse die Vorstellung herrscht, dass sich
+Krankheiten durch diätetische Mittel bekämpfen lassen. Die Konstitution
+der Bahau unterstüzt sie im Kampfe gegen Krankheiten nur wenig, daher
+haben sie unter diesen während ihres ganzen Lebens mehr oder weniger
+zu leiden. Vor allem sind es Malaria und venerische Krankheiten,
+Syphilis und Gonorrhoe, welche die Lebenskraft der Eingeborenen
+untergraben. Die Malaria wirkt schwächend auf den Organismus, die
+venerischen Krankheiten verhindern ausserdem eine stärkere Vermehrung.
+
+Die Bewohner von Mittel-Borneo sind mittelgross und schmächtig von
+Gestalt, doch kommen auch schön gebaute Körper bei ihnen vor, überdies
+werden sie nicht durch Rhachitis und Tuberkulose verunstaltet. Sie
+gehören zu einer Rasse mit schwarzem, glattem Haupthaar und
+mittelmässiger bis schwacher Körperbehaarung. Obgleich einzelne
+Personen auch welliges, bisweilen sogar krauses Haar besitzen und
+das Braun der Haut auch sehr dunkel sein kann, habe ich auch unter
+den Jägerstämmen im Innern der Insel nie Menschen mit Spuren des
+Negertypus gesehen oder von ihnen sprechen hören.
+
+Trotz ihres schmächtigen Körperbaues besitzen die Bahau gut entwickelte
+Muskeln, mit geringer Neigung zu Fettbildung, sowohl unter der Haut
+als an einzelnen Körperstellen. Wirklich fette Individuen sah ich nie;
+die entstellenden Schmerbäuche, die bei Europäern vorkommen, fehlen
+bei ihnen gänzlich. Auch findet man nur selten Personen mit Muskeln,
+die von einer Fettschicht verdeckt sind; am ehesten kommt dies bei
+erwachsenen jungen Frauen vor.
+
+Die Gesichtsform ist oval, häufig rund mit wenig vortretenden
+Backenknochen. Die Augenspalten, aus denen lebhafte, dunkelbraune
+Augen hervorschauen, sind nur schwach geöffnet; Personen mit nach
+Mongolenart schräg noch aussen verlaufenden Augenspalten sieht man
+nur selten, die meisten bemerkte ich unter den Kenjastämmen von Apu
+Kajan. Eine Hautfalte über dem inneren Augenwinkel fehlt gänzlich.
+
+Die im allgemeinen platte Nase ist gerade; ihre Flügel sind nicht
+besonders breit. Individuen mit eingestülpter oder mit stark gebogener
+Nase kommen ebenfalls vor.
+
+Der Mund ist nicht auffallend gross; es giebt selbst Frauen mit
+hübschem, kleinem Mund; auch sind die Lippen nie sehr dick.
+
+Die Bahau besitzen von Natur ein sehr gut entwickeltes Gebiss, sie
+misshandeln es aber durch das in letzter Zeit Mode gewordene Absägen,
+Ausfeilen, und Durchbohren der Zähne. Caries und Missbildungen,
+die durch Syphilis verursacht werden, sind häufig.
+
+Über die Gliedmassen ist nur zu bemerken, dass sie zum Körper in guten
+Proportionen stehen; die Arme sind verhältnissmässig etwas länger als
+bei den Europäern. Die schön gebildete, aber nicht schwere Muskulatur
+weist mehr auf Geschmeidigkeit und Gewandtheit als auf grosse Kraft.
+
+Hände und Füsse sind stets klein und wohlgebildet, leiden aber viel
+durch harte Feldarbeit, Verwundung und Krankheit, so dass man bei
+älteren Leuten häufig Missbildungen antrifft. Bemerkenswert ist der
+grosse Zwischenraum, der häufig zwischen der ersten und zweiten Zehe
+vorkommt. Der Winkel, den diese beiden Zehen bilden, kann bis zu 60°
+betragen.
+
+Die Haut der Baliau und Kenja ist in der Jugend meist eher hellgelb
+als braun, besonders ist dies bei Kindern, die der Sonne noch nicht
+ausgesetzt gewesen, und bei jungen Mädchen, die sich bei der Feldarbeit
+durch Kleider vor Sonnenbrand schützen, der Fall. Ganz allgemein wird
+die spätere dunkle Hautfarbe der Eingeborenen durch die Sonne bewirkt;
+ständig bedeckte Körperteile, wie die Lendengegend der Männer und
+die Beckengegend der Frauen, behalten daher stets ihren hellen Ton.
+
+Trotz ihrer teilweisen Bedeckung ist die Haut der Eingeborenen
+in Wirklichkeit doch allen Einflüssen der Witterung ausgesetzt,
+wodurch sie ein grosses Widerstandsvermögen erlangt hat. Chronische
+Hautentzündungen sieht man bei den Baliau nur selten, obgleich
+sie in Wald und Feld zahlreichen Verwundungen ausgesetzt sind;
+nicht spezifische Beingeschwüre, wie sie in Europa vorkommen,
+sind bei ihnen ganz unbekannt. Solange die Haut noch nicht von
+parasitären Hautkrankheiten betroffen ist, erträgt sie lange Zeit
+Druck und Reibung, ohne darauf anders als mit leichter Rötung zu
+reagieren. Auffallend resistent zeigt sich die Haut der Frauen dem
+Einfluss der Gravidität und der Lactation gegenüber. Die Frauen der
+Ot-Danum und Kantu am Kapuri besitzen diese Widerstandsfähigkeit in
+noch höherem Masse, aber auch bei den Frauen der Baliau und Kenja
+beobachtete ich selbst bei hochgradiger Schwangerschaft nur selten
+Striae; auch erhalten die Frauen ihre früheren Formen nach der
+Entbindung vollständig wieder zurück. Ebenso lassen die Brüste oft
+nur an den Warzen erkennen, dass eine Frau bereits genährt hat. Bei
+meinem ersten Aufenthalt bei den Ot-Danum bewunderte ich die schöne
+Gestalt einer jungen Frau, welche ihre zwei verschiedenaltrigen Kinder
+gleichzeitig nährte. Am Mahakam hatte ich einst eine junge Frau, die
+ich ärztlich behandelte, lange Zeit für kinderlos gehalten, bis sie
+eines Tages mit einer dreijährigen Tochter bei mir erschien und mir
+erzählte, dass sie ein zweites Kind bereits verloren habe. Selbst
+wiederholte Schwangerschaften hinterlassen bei den meisten Frauen
+wenig Spuren, sowohl auf der Haut als in den Körperformen.
+
+Dass die Bahau eine viel geringere momentane Muskelkraft als die
+Europäer entwickeln, ist um so auffälliger, als sie von klein auf
+an Feldarbeit und Jagd gewöhnt sind und keine Lasttiere besitzen,
+so dass sie auch im Tragen ständig Geübt sind. Sie können z.B. nicht
+so schwere Gewichte, wie ein ungeübter, mittelstarker Europäer heben;
+auch tragen sie bei grösseren Entfernungen und schlechten Wegen nicht
+gern über 20-25 kg schwere Lasten auf dem Rücken. Bemerkenswert ist
+ferner, dass die Kräfte und die Ausdauer bereits bei 30-35 jährigen
+Männern abnehmen, daher überlassen diese alle schwerere Arbeit auf
+der Reise gern den 20 jährigen jungen Leuten.
+
+Die Sinne sind bei der Bevölkerung von Mittel-Borneo im allgemeinen
+gut entwickelt. Beobachtungen hierüber werden dadurch erschwert, dass
+Krankheiten häufig das Seh- und Empfindungsvermögen beeinträchtigen. Da
+nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung Augen besitzt, die weder
+in jugendlichem noch in späterem Alter einmal längere Zeit krank
+gewesen sind und hiervon an der Cornea oder Conjunctiva noch Spuren
+aufweisen, findet man bei ihnen begreiflicher Weise kein besonders
+scharf entwickeltes Sehvermögen. Überdies haben die Eingeborenen
+zwischen und in ihren Wäldern gar keine Gelegenheit, sich im Fernsehen
+zu üben und ihre Sehschärfe hierdurch zu entwickeln.
+
+Der Farbensinn lässt bei den Bahau nichts zu wünschen übrig; dafür
+spricht in erster Linie ihr feines Gefühl für Farbenharmonie, das sich
+in ihren schönen Perlenarbeiten äussert, ferner, dass ihre Sprache
+nicht nur für alle verschiedenen Farben, sondern auch für deren Nuancen
+besondere Bezeichnungen besitzt. Diese weichen in mancher Hinsicht
+von denen der Europäer ab. So heisst in der Busang Sprache schwarz
+"_tope totoreg" =_ verbranntes Blau; "_tom genang" = dunkelblau;_
+"_krotang_" = hellblau, von dem sie an Perlen verschiedene Arten
+unterscheiden, je nach dem Zweck, für den sie diese benützen, z.B.:
+"_krotang lawong" =_ hellblau für Kopfbänder. Gelb heisst "_njehang_"
+und hell rehbraun "_njehang tebli_ (gelbrot)", dunkel rehbraun und
+dunkelrot werden beide "_li_" genannt. Weiss = _puti_; grün = _nohom_.
+
+Das Tastvermögen der normalen Haut ist bei den Bahau, vielleicht wegen
+der dicken Epidermis, minder ausgebildet als bei Europäern. Ihre blosse
+Haut hat für gewöhnlich eine niedrigere Temperatur als die der Weissen,
+daher vertragen sie bei andauernder Anspannung und Hitze nur schlecht
+eine stärkere Blutzufuhr und Transpiration und nehmen jede Gelegenheit
+wahr, um sich zu baden.
+
+Auf Kitzel reagiert ihre ganze Haut weniger stark als die der Europäer,
+während ihre Handflächen und Fusssohlen wegen der Dicke der Schwielen
+für Kitzel ganz unempfindlich sind.
+
+Die Bahau besitzen ein gut entwickeltes Gehör; an ihre reit primitiven
+Mitteln hergestellten Musikinstrumente, wie Flöte und _kledi_, machen
+sie, was Reinheit des Tones anlangt, grosse Ansprüche. Ihre Lieder
+erscheinen auch einem europäischen Ohr melodisch. Ihre Gonge tönen
+uns zu laut, aber auch bei diesen bestimmt hauptsächlich die Reinheit
+des Tones den Wert des Instruments.
+
+Ob der Geruchssinn bei den Bahau feiner ausgebildet ist als bei den
+Europäern, wage ich weder aus der Tatsache, dass sie für unangenehme
+Gerüche, wie die von Leichen und Unrat, sehr empfindlich sind,
+noch daraus, dass sie bei unbekannten Waldfrüchten nach dem Geruch
+bestimmen, ob sie giftig oder nicht giftig sind, zu entscheiden;
+denn die erste Eigenschaft steht mit ihrer allgemeinen psychischen
+Überempfindlichkeit in Zusammenhang und die zweite beruht
+wahrscheinlich hauptsächlich auf Erfahrung und Übung.
+
+Die wohlriechenden Gräser, Blätter und Blüten, mit denen sich junge
+Männer und Mädchen für einander schmücken, duften nach unserem
+Geschmack nicht immer angenehm; die jungen Leute müssen eben mit
+den Erzeugnissen ihrer Umgebung vorlieb nehmen. Die Bahau schätzen
+aber auch europäische Parfümerieen, die bei ihnen in schlechtester
+Qualität von den Malaien eingeführt werden. Dass auch die Nasen der
+Bahau für die verschiedenen Sorten unserer Parfümerieen ein scharfes
+Unterscheidungsvermögen besitzen, erfuhr ich einst am Mendalam,
+als ich _Paja_, _Akam Igaus_ Tochter, eine Flasche Eau de Cologne
+N°. 4711 schenkte. Ihre Freundin, die sich gleich darauf ebenfalls
+eine Flasche erbat, suchte ich mit etwas gewöhnlicher Wasch-Eau de
+Cologne abzufertigen; nachdem die beiden aber zu Hause gemeinsam den
+Inhalt ihrer Flaschen geprüft und verglichen hatten, kam die Freundin
+gleich wieder zurück und erklärte, dass ihre Eau de Cologne schlechter
+sei als die von _Paja_.
+
+Die Bahau sind sehr sensible Naturen und daher Gemütsbewegungen aller
+Art sehr zugänglich. Auch bei freudigen Erregungen steigen ihnen
+Tränen in die Augen; einst sah ich eine Frau sogar beim Anhören eines
+Grammophons weinen.
+
+Schmerzen können sie nur sehr schwer ertragen, daher haben sie auch
+mit jedem Leidenden, besonders wenn er zur Familie gehört, grosses
+Mitleid. Sobald ein Kind oder ein Erwachsener auch nur scheinbar
+ernstlich krank ist, nehmen alle Angehörigen an seinen Leiden so
+lebhaften Anteil, dass sie ihre Arbeit auf dem Felde und im Hause
+ruhen lassen und bei dem Kranken bleiben, auch wenn sie nicht
+helfen können. Dies geschieht recht häufig, da die Bahau auch bei
+unbedeutenden Leiden gleich nachgeben. Man muss daher im Verkehr mit
+den Eingeborenen vor allem ihrer grossen Sensibilität Rechnung tragen.
+
+Wie leicht sie aus Überempfindlichkeit und heftiger Gemütsbewegung
+bisweilen den Kopf verlieren können, mögen folgende Beispiele
+zeigen. Als sich _Kwing Irang_ einst mit einem junge Manne, namens
+_Aran_, im Walde befand, wurde er durch ein herabfallendes Stück Holz
+getroffen und begann ernstlich zu bluten. Obgleich die beiden sich
+dicht beim Hause in einem wohlbekannten Walde befanden, verirrte
+sich _Aran_, der Hilfe suchen ging, doch zwei Mal und verlor dazu
+seinen Speer. Der Unfall, an dem er durchaus nicht Schuld war, ging
+ihm so nahe, dass man ihn später nur mit Mühe dazu bringen konnte,
+ins Haus zurückzukehren. Er beruhigte sich erst am folgenden Tage,
+nachdem er sich gut ausgeschlafen hatte.
+
+Nachdem _Bang Lawing_, der jetzige Häuptling der Mahakam Kajan, die
+Leiche seiner Mutter in Batu Baung beigesetzt hatte, trennte er sich
+von der Gesellschaft und lief stundenlang durch den pfadlosen Wald
+nach Hause, statt mit den anderen den Fluss hinabzufahren. Später
+konnte er nicht angeben, wie er nach Hause gelangt war.
+
+Empfinden die Bahau Scham, so erröten sie oft bis tief auf die
+Brust. Auch kann man sie vor ihrer Umgebung leicht in Verlegenheit
+(_hae_) bringen. Ich benützte diese Eigenschaft bei Mann und Frau
+öfters, um sie zum Halten ihres Versprechens und zur Pflichterfüllung
+zu bringen. Auf diesem feinen Empfinden, das sich in der Furcht
+vor der öffentlichen Meinung äussert, ist auch die _adat_ der Bahau
+hauptsächlich begründet.
+
+Sie besitzen einen ruhig heiteren und wenig zu heftigen Äusserungen
+geneigten Charakter; sie lieben den Scherz und die Fröhlichkeit und
+singen und tanzen daher gern miteinander; auch ältere Männer nehmen an
+den Kriegstänzen Teil und an Festtagen sieht man auch alte Frauen mit
+den jungen tanzen und singen. Zwar beängstigt sie der Glaube an die
+Existenz zahlreicher, sehr böser Geister, er drückt sie aber nicht
+nieder. Man hört sie auch zu Hause häufiger lachen als weinen. Da
+sie selbst nie heftig werden, flösst ihnen die Heftigkeit anderer
+Angst ein.
+
+Die Bewohner Borneos zeigen in Bezug auf ihre Konstitution einigt:
+Eigentümlichkeiten, die sich aus der Wirkung ihres Klimas auf viele
+Generationen begreifen lassen. Diese Eigentümlichkeiten äussern sich
+in der Art und Weise, wie sie auf verschiedene Arzneien reagieren,
+ferner in der grossen Vitalität ihrer Gewebe bei Verwundungen. Die
+Behandlung von Malariakranken zeigte mir, dass Chinin eine sehr
+schnelle Wirkung bei ihnen hervorruft. Auch in den ernstesten Fällen
+bin ich nur selten gezwungen gewesen, mehr als 1 gr Chinin per Tag und
+per Mal zu erteilen und selbst bei stark chronischen Malariakranken
+rief diese Dosis in wenigen Tagen eine Besserung hervor. Auf meiner
+ersten Reise beschränkte ich mich vorsichtshalber auf 1/2 bis 3/4
+gr per Tag, als ich aber später keine nachteiligen Folgen bemerkte,
+gab ich Erwachsenen stets 1 gr per Tag. Um den gleichen Effekt bei
+Europäern zu erzielen fand ich während des Feldzuges auf der Insel
+Lombok selbst 3 gr per Mal nicht immer genügend.
+
+Hieraus ersieht man, dass die Konstitution der Dajak bei der Bekämpfung
+einer Infektion viel stärker mitwirkt als bei Europäern. Die
+Beobachtung von Prof. _R. Koch_ auf Neu-Guinea, dass erwachsene
+Eingeborene gegen eine Malariainfektion immun werden und dass diese
+nur auf Kinder einwirke, stimmt mit der meinigen also teilweise
+überein. Das Verhalten der Dajak spricht gegen eine vollkommene
+Immunität der Erwachsenen gegen Malariainfektion. Wie weiter unten
+ausgeführt werden wird, konnte ich mich bereits in Sambas davon
+überzeugen, dass beinahe sämtliche Kinder unter i o Jahren eine
+geschwollene Malariamilz zeigten, welche bei Erwachsenen zwar seltener
+aber ebenfalls zu finden war. Schon das häufige Vorkommen akuter
+und chronischer Malaria bei Erwachsenen spricht gegen vollständige
+Immunität. Dass bei den Dajak in akuten und chronischen Fällen eine
+geringe Dosis Chinin bereits eine so starke Wirkung erzielt, weist
+jedoch auf eine partielle Immunität, die sie sich vielleicht durch die
+in der Kindheit bestandenen Malariaanfälle erworben haben. Hierauf
+deutet auch die Tatsache, dass ich unter mehreren Tausend Patienten
+keinen einzigen mit perniziösen Erscheinungen, wie Coma, schweren
+Icterus, Nervenanfällen u.s.w. auf Malariaanfälle reagieren sah.
+
+Die Wundheilung tritt bei den Bahau, wie schon erwähnt, schneller
+und vollkommener als bei Europäern ein; hiervon konnte ich mich
+häufig überzeugen:
+
+Einst brachte man mir einen Dajak, dem von einem Dorfgenossen, der
+ihn auf der Jagd für ein Wildschwein angesehen hatte, die Tibia auf
+4 cm Länge in Splitter zerschossen worden war. Als man mir den Mann
+am achten Tage nach dem Unfall brachte, war die ganze grosse Wunde
+in eine septisch infizierte Eiterhöhle verwandelt, in welche die
+zersplitterten Enden der Tibia hineinragten; die Kugel, die ich unter
+der Haut an der anderen Seite hindurchfühlte, entfernte ich mittelst
+eines Hautschnittes. Eine gründliche Desinfektion, die Fortnahme der
+losen Knochensplitter, eine Drainage und Applikation von Schienen
+zur Immobilisierung genügten, um den Mann innerhalb kurzer Zeit
+körperlich wieder herzustellen und das Bein, mit Verkürzung um 1 cm,
+durch Bildung eines grossen Callus, wieder brauchbar zu machen. Nach
+einem Jahr war von einer Funktionsstörung nichts mehr zu spüren.
+
+Bei meinem ersten Besuch in Tandjong Karang hinterliess ich dort eine
+zwölfjährige Patientin, die, nach einem syphilitischen Ulcus an der
+Kniekehle, der einen Durchschnitt von 10 cm und 2 cm Tiefe zeigte,
+eine gut granulierte Wunde zurückbehalten hatte. Ich hatte dem Mädchen
+eine Jodkalilösung zu weiterem Gebrauch übergeben und glaubte sie,
+als ich mich bei meinem zweiten Besuch, 1 1/2 Jahre später, nach ihr
+erkundigte, als ein Mädchen mit einem krummen Bein charakterisieren zu
+müssen. Keiner kannte jedoch ein solches Mädchen. Zu meinem Erstaunen
+sah ich die Kleine später mit einem ganz geraden, gut beweglichen Bein
+umhergehen, obgleich die ganze Kniekehle mit Narben bedeckt war. Bei
+einem europäischen Kinde wäre das Resultat ein ganz anderes gewesen,
+die Narbenbildung hätte zweifellos eine Kontraktur zur Folge gehabt.
+
+
+
+Bald nach Beginn einer Praxis unter den Stämmen von Mittel-Borneo
+wird man gewahr, dass einzelne Krankheitsgruppen bei ihnen alle
+übrigen in den Hintergrund drängen; es sind dies: Malaria, venerische
+Krankheiten (Syphilis und Gonorrhoe) und parasitäre Hautkrankheiten,
+welch letztere auch auf den anderen Inseln des indischen Archipels
+verbreitet sind. Eingeschleppte Infektionskrankheiten, wie Pocken
+und asiatische Cholera, treten bei diesen in grosser Abgeschiedenheit
+wohnenden Stämmen nur selten in das allgemeine Krankheitsbild.
+
+Unter den Bahau, die ein 250 m ü.d.M. gelegenes Bergland bewohnen,
+bestehen weitaus die meisten Patienten, die einem täglich zur
+Behandlung zugeführt werden, aus Malariakranken. Diese Erscheinung
+erklärt sich daraus, dass streng genommen alle auf den Körper
+einwirkenden schädlichen Einflüsse das labile Gleichgewicht, in welchem
+sich viele Personen zeitweilig oder dauernd der Malariainfektion
+gegen über befinden, zerstören können. Da die Faktoren, welche ein
+Ausbrechen der Malaria veranlassen, sehr mannigfaltig und zahlreich
+sind, ist das häufige Auftreten dieser Krankheit bei den Dajak
+begreiflich. Nach meiner Erfahrung wird die Malaria hauptsächlich
+durch folgende Ursachen hervorgerufen: Übermüdung, kaltes Baden,
+Indigestion, Erkältungen mit Rheumatismus und Husten, Verwundungen,
+ferner durch andere Infektionen, wie Influenza und Anthrax. Einen
+Beweis dafür, dass die genannten Faktoren wirklich ein Ausbrechen
+des Fiebers veranlassen, indem sie den Körper schwächen und dadurch
+für Malariainfektion empfänglich machen, fand ich darin, dass es mir
+stets glückte, das Fieber mit einer temporären Dosis Chinin bleibend
+zu vertreiben, während die ursprünglichen Krankheiten wie Indigestion,
+Influenza u.s.w. unabhängig von der Malaria ihren normalen Verlauf
+nahmen. Dass kaltes Baden, besonders nach Erhitzung, sowohl bei Bahau
+und Javanern als bei Europäern, innerhalb 6 Stunden einen Malariaanfall
+zur Folge hat, beobachtete ich zu wiederholten Malen.
+
+Einen anschaulichen Eindruck vom schwächenden Einfluss der
+Malaria auf die Bevölkerung erhielt ich bei einer Untersuchung
+ihres Verbreitungsbezirkes im Sultanat von Sambas an der Westküste
+Borneos, wo ich 3 Jahre als Arzt tätig gewesen bin. Die Abwesenheit
+der Malaria in den Morastgegenden längs der grossen Flüsse auch
+bei intensiver Bodenkultur, wie Anlagen von Plantagen, und ihre
+Anwesenheit in einigen dichtbei auf Sandboden gelegenen Dörfern
+hatte damals meine Aufmerksamkeit erregt. Die Reisen, die ich zum
+Zweck von Impfinspektionen unternehmen musste, führten mich in die
+verschiedensten Teile des Sultanates und gaben mir Gelegenheit,
+ungefähr 3000 Kinder unter 10 Jahren zu untersuchen. Das Resultat
+dieser Beobachtungen war, dass alle Kinder aus den Hügel-
+und Gebirgsgegenden Milz- und Lebertumoren, in diesem Fall ein
+Zeichen chronischer Malariainfektion, besassen, während die aus den
+Morastebenen auf Meereshöhe nur da, wo der Boden sandhaltig war, wie
+in der Dünengegend nördlich von Sambas und am Fuss alteinstehender,
+aus den Morästen hervorragender Berge, eine vergrösserte Milz
+zeigten. Die gleichen Beobachtungen sind übrigens bereits an anderen
+Orten gemacht worden, es ist z.B. bekannt, dass die Morastgegenden
+bei Pontianak und Bandjarmasin auf Borneo und bei Palembang auf
+Sumatra viel weniger durch Malaria zu leiden haben als die Hügel-
+und Gebirgsländer derselben Inseln.
+
+Der gleiche Unterschied machte sich auch im Aussehen der Bevölkerung
+bemerkbar, sobald ich Gelegenheit hatte, diejenige in Gegenden, welche
+von Malaria infiziert waren, mit einer anderen in nichtinfizierter
+Gegend unter im übrigen gleichen Umständen zu vergleichen. Am meisten
+fiel mir dies am Teberau, einem Nebenfluss des kleinen Sambas, unweit
+der Hauptstadt Sambas auf, wo zwei von Malaien bewohnte Dörfer keine
+Stunde von einander entfernt liegen; das eine befindet sich auf einem
+Morast, das andere auf einer 40 m hohen Hügelreihe. Unter 12 Kindern
+des ersten Dorfes hatte 1, unter 25 des zweiten hatten 20 eine harte
+Milz, die unter dem Rippenbogen hervortrat. Letztere hatten ausserdem,
+wie ihre Eltern, eine schwächliche Konstitution und ein kränkliches
+Aussehen, im Gegensatz zum frischen, kräftigen Aussehen ihrer Nachbarn
+im Morastdorfe. [6]
+
+Übereinstimmend mit diesen Beobachtungen lieferten die Statistiken
+des Sultans von Sambas für die Bewohner der Ebene gegenüber denen der
+Hügel eine mittlere Lebensdauer im Verhältnis 3 : 2--ein sprechender
+Beweis für den schädigenden Einfluss der Malaria auf die Lebenskraft
+der Bevölkerung. Dass die gleichen Verhältnisse auch in Mittel-Borneo
+herrschen, davon habe ich mich während eines beinahe 5 jährigen
+Aufenthaltes inmitten der dortigen Bevölkerung, bei der ich zahllose
+Malariafälle akuter und chronischer Art zu behandeln hatte, überzeugen
+können. Bei den dort herrschenden Zuständen sind die meisten Personen
+während einer längeren oder kürzeren Lebensperiode fieberkrank, was
+auch auf die noch ungeborenen Nachkommen von schwächendem Einfluss
+sein muss.
+
+Die verbreitetste Form, unter welcher die Malaria bei den Bahau
+auftritt, ist die der Quotidiana intermittens, welche über kurz oder
+lang in die der Quotidiana remittens übergeht. Viel seltener sind
+Fälle, welche zur Continua gehören. Auch gab nur eine kleine Minderheit
+meiner Patienten an, dass sie jeden 2ten Tag einen Fieberanfall zu
+überstehen hatte.
+
+Charakteristisch für die Malaria der Bahau ist, dass die Kranken
+nach einem Anfall nicht transpirieren, selbst wenn eine deutliche
+Intermission eingetreten war. Erst wenn der Anfall durch Chinin
+vollständig gehoben worden, tritt Transpiration als Zeichen endgültiger
+Besserung ein. Sie selbst wissen das auch sehr gut. Durch Malaria
+verursachte plötzliche Todesfälle habe ich nicht beobachtet;
+ebensowenig Fälle sehr perniziöser Art; die Malaria trägt in
+Mittel-Borneo stets den Charakter eines subakuten oder chronischen
+Leidens.
+
+Bei kleinen Kindern geht die letzte Malariaperiode in der Regel in eine
+Continua mit oder ohne Diarrhoe über; bei älteren Personen treten gegen
+das Ende hauptsächlich Erbrechen und Diarrhoe auf, wobei die Patienten
+bei geringer Temperaturerhöhung schnell abnehmen und sterben. In der
+Regel sind die Kranken im Beginn dieses Stadiums durch vorsichtiges
+Verabfolgen von Laudanum und dann von Chinin noch zu retten.
+
+Als günstigsten Zeitpunkt für den täglichen Gebrauch einer Dosis
+Chinin erwies sich der, in welchem sich der Patient am wohlsten fühlte
+und seine Temperatur am niedrigsten war. Eine Verabreichung mehrerer
+Dosen Chinin per Tag in Fällen einer undeutlichen Intermission hatte
+selten guten Erfolg.
+
+Fälle von Malaria larvata beobachtete ich zwei Mal in Form von
+periodisch auftretender Diarrhoe, die auch nach monatelanger Dauer
+durch Chinin in kurzer Zeit kuriert werden konnte. Einmal wurde ein
+junger Mann, der monatelang zu ängstlich gewesen war, um sich mir
+zu nähern, durch jeden Abend wiederkehrende Augenblutungen zu mir
+getrieben. Da man ihm Blindheit prophezeit hatte, entschloss er sich,
+wenn auch voller Angst, zu mir zu kommen. Durch die Periodizität
+der Blutungen aufmerksam geworden, gab ich ihm 6 Stunden vor dem
+gewöhnlichen Eintritt der Blutungen 1 gr Chinin ein mit dem Resultat,
+dass die Blutungen auf hörten.
+
+Als Beispiele für den Verlauf und die Behandlung typischer Malariafälle
+unter den Bahau mögen die folgenden dienen:
+
+Auf meiner ersten Reise brachte man mir einen 11 jährigen Ulu-Ajar
+Dajak, der das Jahr vorher so krank gewesen war, dass er sich nicht
+mehr erheben konnte. Obgleich er augenblicklich nicht mehr so schwach
+war, litt er doch sehr durch asthmatische Anfälle und schmerzhaften
+Husten. Sein Körper war mager und unentwickelt, und zur Arbeit war
+er nicht fähig. Sein Thorax war der eines Emphysematikers, auch litt
+er stark an Dyspnoe. Der obere Brustteil war stark erweitert und bei
+jedem Atemzuge kontrahierten sich die beiden Sternocleido-mastoidei
+und verursachten dabei ein Hervortreten ihrer Wülste unter der
+Haut. Die Herzdämpfung hatte sich bis auf die linke Seite des Sternum
+beschränkt. Bei der Auskultation war überall ein Röcheln zu vernehmen,
+das eine Entzündung der Bronchien anzeigte. In der Herzgegend war
+kein anormales Geräusch hörbar, nur das diastolische Geräusch der
+Lungenarterie war lauter als gewöhnlich. Die vergrösserte Milz reichte
+bis auf 4 1/2 cm unterhalb der Rippen herab, die Leber bis auf 5
+1/2 cm. Anfangs erschien es mir sehr schwierig, die Störungen der
+Respirationsorgane zu beseitigen, auch fürchtete ich, das Vertrauen
+der Eingeborenen, nach deren Ansicht die Medizin alles und so schnell
+als möglich heilen muss, zu verlieren. In Anbetracht der Hypertrophie
+der Bauchorgane beschloss ich jedoch, meinem Kranken 1 1/2 gr Chinin
+einzugeben, eine Quantität, die bitter genug war, um eine suggestive
+Wirkung auszuüben. Zu seinem Besten trieb den Knaben die Neugier
+jeden Morgen nach meiner Hütte und so konnte ich ihm täglich seine
+Dosis verabfolgen.
+
+Nach 10 Tagen erzählte der Knabe, dass die Atmungsbeschwerden sich
+gebessert hätten, auch konnte ich mich selbst von dem günstigen
+Einfluss der Behandlung überzeugen. Die Milz war nicht mehr fühlbar;
+die Leber hatte sich bis auf Fingersbreite unterhalb des Rippenbogens
+zurückgezogen; die Auskultation ergab nur hie und da ein schwaches
+Rasseln.
+
+In der folgenden Periode erhielt der Patient seine Arznei nur in
+grossen Zwischenräumen; aber seine Lebenskräfte hatten bereits die
+Oberhand gewonnen, so dass er körperlich vollständig wiederhergestellt
+wurde. Nach einigen Wochen war auch die Erweiterung des Thorax
+verschwunden, das Spiel der Sterno-mastoide war beim Atmen nicht mehr
+sichtbar; die Herzdämpfung war wieder normal und auch die Auskultation
+ergab nichts Krankhaftes. Nur die asthmatischen Anfälle nachts hatten
+in dieser Periode noch nicht völlig aufgehört.
+
+Einen anderen interessanten Malariafall bot mir ein 8 jähriger Knabe,
+der mir durch das enorme Volumen seines Bauches aufgefallen war. Die
+Haut des Abdomens war infolge der starken Ausdehnung glänzend geworden
+und der Leibesumfang betrug 78 cm. Die Anamnese ergab nur einige
+Fieberanfälle. Der Knabe klagte augenblicklich nur über Atemnot,
+die ihm Arbeit und Spiel unmöglich machte.
+
+Die Untersuchung ergab eine Milz von erstaunlicher Grösse und Härte,
+die nach vorn bis zum Nabel, nach unten bis zu 20 cm unterhalb des
+Rippenbogens reichte. Auch die Leber war hart und 11 cm tiefer als
+gewöhnlich fühlbar; der obere Teil des Herzens hatte die normale
+Stellung verloren und seine Spitze schlug im 3ten Intercostalraume.
+
+Am 4. März begann ich, dem Patienten 1/4 gr Chinin einzugeben;
+ich hatte aber wenig Hoffnung, dass meine Behandlung auf derartig
+degenerierte Organe einen genügenden Einfluss haben könnte. Der kleine
+Wilde besass indessen mehr Ausdauer als die meisten zivilisierten
+Leute und kam während eines Monats täglich, um seine bittere Arznei
+zu schlucken.
+
+Am 4. April fühlte er sich selbst gesund; seine Milz war bis auf 5
+cm weiter nach oben eingeschrumpft; die Leber war kaum noch unterhalb
+der Rippen fühlbar; das Herz schlug im 4ten Intercostalraume.
+
+Bei meiner Abreise am 28. April war die Milz als sehr harte, glatte
+Geschwulst nur noch 9 cm unterhalb der Rippen fühlbar; die Leber war
+kaum bemerkbar und der Leibesumfang war auf 63 cm zurückgegangen. Der
+Knabe fühlte sich ebenso wohl und munter wie seine Kameraden und
+arbeitete schon seit einiger Zeit auf dem Felde.
+
+Ein 3ter Fall betraf einen ebenfalls 8 jährigen Patienten, der
+körperlich sehr zurückgeblieben war. Auch dieser Knabe hatte früher
+öfters Fieberanfälle durchgemacht; augenblicklich litt er jedoch
+hauptsächlich an Dyspnoe. Sein Bauch war geschwollen; die Milz bis
+4 cm unterhalb der Rippen fühlbar und die Leber reichte 3 cm weit
+herab. Während 14 Tage erhielt auch dieser Kranke täglich 1/4 gr
+Chinin, worauf seine Organe den normalen Umfang zurückgewannen und
+seine Gesundheit vollständig wiederhergestellt wurde.
+
+Ein 18 jähriger Mann litt bereits seit 3 Monaten ständig an
+Fieberanfällen, so dass er fast nicht mehr gehen konnte. Er weigerte
+sich anfangs, die bittere Medizin zu nehmen und während einiger Wochen
+sah ich ihn täglich magerer werden. Als er endlich doch erschien,
+konstatierte ich bei ihm eine Leber, die bis auf 4 cm unterhalb der
+Rippen herabreichte. Nach einem neuen Anfall gab ich ihm in zwei Malen
+1 gr Chinin und am folgenden Tage die gleiche Dosis. Die Anfälle
+hörten auf, aber in Anbetracht der langen Dauer seiner Krankheit
+erschien mir eine völlige Wiederherstellung unwahrscheinlich, als
+er mir am dritten Tage selbst eine weitere Behandlung für unnütz
+erklärte. Zu meinem Erstaunen war in der Tat eine rapide Besserung
+in seinem Zustande eingetreten; noch vor meiner Abreise erhielt er
+seine frühere Gesundheit völlig wieder zurück.
+
+In Sambas war einst der Malaie, der mir auf allen Inspektionsreisen
+als Führer diente, von der Malaria ergriffen worden. Seine Familie
+rief mich erst nach einigen Tagen, als der Alte bereits dem Sterben
+nahe war, zu Hilfe. Mit vieler Mühe gelang es mir, ihm in einem
+fieberfreien Augenblick eine Lösung von 1 gr Chinin beizubringen. Am
+anderen Tage sass der Patient bereits auf seiner Matratze. Obgleich
+seine Wiederherstellung nur langsam von statten ging, gelang sie doch
+vollständig; nur behielt die Milz in diesem Fall stets das vergrösserte
+Volumen. Der Mann hatte sein Leben lang als Führer durch das ganze
+Sultanat gedient und dabei stets an Fieber gelitten.
+
+Nach der Malaria haben die venerischen Krankheiten auf das Wohlergehen
+der Stämme von Mittel-Borneo den verderblichsten Einfluss.
+
+Obgleich ich unter den Eingeborenen am oberen Kapuri und oberen Mahakam
+Syphilis und Gonorrhoe in hohem Masse verbreitet fand, gelang es mir
+doch nicht, das dritte Leiden, Ulcus urolle, welches mir wegen der
+lokalen Schäden, die es verursachen kann, in Laufe einer jahrelangen
+Praxis nicht hätte verborgen bleiben können, zu konstatieren.
+
+Patienten mit syphilitischen Infektionen stellten sich dagegen täglich
+bei mir ein und zwar ausschliesslich solche mit der tertiären Form
+von Haut- und Knochenkrankheiten. Trotzdem ich meine auf Syphilis
+behandelten Patienten nach Hunderten zählen kann, erinnere ich mich
+nicht, jemals eine primäre Affektion oder ausschliesslich sekundäre
+Erscheinungen beobachtet zu haben. Unter den Folgeerscheinungen
+der Infektion fehlten bei den Patienten sekundäre Kehlleiden,
+Roseola, papulöse und andere sekundäre Exanthemen, sowie Alopecia
+syphilitica. Condylomen an Mund und Anus waren bei Erwachsenen sehr
+selten, eher noch bei kleinen Kindern zu finden. Zweifellose Fälle
+visceraler Syphilis kamen ebenfalls selten in meine Behandlung. Sicher
+findet sich also unter den Bahau die Form der Syphilis vor, welche
+man mangels eines besseren Namens "endemische Syphilis" nennt. Diese
+Form der Syphilis fand ich bei den Ulu-Ajar Dajak südlich vom oberen
+Kapuas und nördlich von ihnen bei den Kajan; bei den Kajan am oberen
+Mahakam war sogar jede Familie mit ihr behaftet. Durch Annahme einer
+ausschliesslich erblichen Verbreitung bei den letzteren liesse sich
+hier das Auftreten der tertiären Erscheinungen als hereditäre Syphilis
+erklären, ihr weniger häufiges Vorkommen bei den benachbarten Stämmen
+jedoch macht diese Erklärung wieder zweifelhaft; übrigens hielt ich
+mich bei diesen Stämmen nicht lange genug auf, als dass mir nicht
+viele Fälle entgangen sein könnten.
+
+Völlig unerklärt blieben aber nach dieser Auffassung die Syphilisfälle,
+wie sie sich unter den Kenjastämmen zeigten. Diese Fälle trugen,
+abgesehen davon, dass ihr Einfluss auf die Knochen weniger verderblich
+schien, den gleichen Charakter wie am Mahakam, ihre Verbreitung
+war aber eine minder allgemeine, auch sah ich keine weiteren
+Krankheitserscheinungen bei den Familiengliedern, so dass von einer
+Verbreitung durch Vererbung keine Rede sein konnte. Man muss daher
+annehmen, dass sich die Syphilis unter den Bahau- und Kenjastämmen
+von Person auf Person übertragen lässt, ohne dass sie vorher primäre
+oder die gewöhnlichen sekundären Affektionen veranlasst.
+
+Diese eigenartige Erscheinungsform der Syphilis in Mittel-Borneo
+stimmt überein mit dem, was über Tety von Madagaskar, Radesyge von
+Norwegen, Spirokolon während der Zeit der griechischen Freiheitskriege
+1820-1825, Belegh in Arabien (_Palgrave_) und die endemische Syphilis
+in Litauen und Istrien bekannt ist. Dass es sich bei den Bahau in
+der Tat um Syphilis handelte, bewiesen nicht nur die verschiedensten
+Erscheinungsformen, sondern auch die Wirkungen einer therapeutischen
+Behandlung mit Jodkali- und Quecksilberpräparaten. Gleichwie man
+bei obengenannten Endemieen oft nur an eine Übertragung durch
+aussengeschlechtlichen Verkehr denken konnte, wird man auch für
+die Syphilis der Bahau und Kenja die gleichen Ursachen anzunehmen
+gezwungen.
+
+Das Lebensalter, in welchem luetische Anzeichen auftreten, giebt
+durchaus keine Anhaltspunkte für die hereditäre oder nicht hereditäre
+Natur der Krankheit. Viele von luetischen Müttern geborene Kinder gaben
+in den ersten Wochen durch Condylome, Nasen- und Ohrkrankheiten und
+Ulcera der Haut den Beweis, infiziert worden zu sein; dagegen zeigten
+sich 20-30 Jahre alte Individuen mit tertiär luetischen Erscheinungen,
+die eben auftraten, ohne dass die Anamnese oder Spuren auf der Haut
+eine frühere Infektion anzeigten.
+
+Die Syphilis äussert sich bei den Bahau am häufigsten als "_pra huwat_"
+(_pra_ = Schmerz, _huwat_ = Körper), Schmerzen in den Gliedern,
+besonders in Armen und Beinen. Diese Erscheinung geht einem lokalen
+Ausbruch der Krankheit voraus, bleibt nach einer Behandlung bisweilen
+noch bestehen und tritt bei Kindern und Erwachsenen gleich stark
+auf. Die Gliederschmerzen sind oft von einem kachektischen Aussehen
+des Patienten begleitet. Bisweilen ist nur ein Glied, bisweilen
+sind alle Glieder geschwollen, häufig aber auch keines. Meist ist
+das Kniegelenk angegriffen, dabei tritt Schwellung der Bänder auf;
+Hydrops zeigt sich nicht häufig.
+
+Führt die Schwellung auch zu Geschwürbildungen, was selten der Fall
+ist, so veranlasst sie langdauernde Fisteln; doch können durch Zerfall
+und Neubildung von Knochen grosse Veränderungen mit Subluxation
+stattfinden.
+
+In einem einzigen Falle beobachtete ich bei einem Manne Jahre
+andauernde Gliederschmerzen ohne begleitende lokale Abweichungen;
+der Patient sah etwas kachektisch aus und war arbeitsunfähig, empfand
+aber nach Gebrauch von Jodkali eine baldige Besserung seines Leidens.
+
+Die übrigen Erscheinungen allgemeiner Art: Schlaf- und
+Appetitlosigkeit, Abmagerung und Schwäche müssen als Folgen der lokalen
+Leiden aufgefasst werden. Übrigens fiel es mir auf, wie wenig Einfluss
+eine oft jahrelange Anwesenheit einer ausgedehnten Entzündung auf
+das Allgemeinbefinden der Patienten übte.
+
+Die Lokalsymptome bestanden hauptsächlich in tubero-ulzerösen Hautand
+Knochenentzündungen, derselben Art wie bei Europäern, nur veranlassen
+sie bei den Bahau wegen der äusserst mangelhaften Behandlung, die
+sie erfahren, bisweilen wahre Verwüstungen. Die Bahau nennen diese
+Krankheit "_bak_" und die Körperschmerzen "_laui_."
+
+Vor allem werden die Knochen der Nase und des Palatum darum bei
+ihnen angegriffen und zwar mit der gewöhnlichen Folge von Ozaena,
+Sattelnase und Kommunikation der Nasen- und Mundhöhle. In höherem
+oder geringerem Grade werden auch alle übrigen Knochen der Sitz
+osteo-periostaler Entzündungen. Bemerkenswert ist die leichte
+Verletzbarkeit des Gebisses, das oft so stark von Caries angegriffen
+wird, dass Männer und Frauen bereits in jugendlichem Alter einen
+Teil ihrer Zähne verloren haben. Einige sind bereits mit 30 Jahren
+völlig zahnlos. _Hutchingson_sche Zähne konnte ich bei Erwachsenen,
+da sie ihre Zähne absägen, nicht konstatieren, wohl aber bei der
+ersten Dentition der Kinder.
+
+Unter den zahlreichen in Borneo herrschenden Augenkrankheiten bemerkte
+ich nur höchst selten luetische Keratitis und Iritis. Ob das sehr
+häufige Vorkommen von Star einer luetischen Infektion zugeschrieben
+werden muss, konnte ich, da sich mir keine Gelegenheit zur Behandlung
+prägnanter Fälle bot, nicht weiter untersuchen.
+
+Häufig machte sich Syphilis an den Knochen des Thorax bemerkbar,
+wo sie hauptsächlich periostale Wucherungen, Gummata, veranlasste,
+welche bisweilen in Erweichungen übergingen und unter der Haut
+kalte Abszesse bildeten oder auch aufbrachen und dann ausgedehnte
+Ulzerationen bewirkten. Auch oberflächliche Ulzera der Haut kommen
+vor, z.B. an den Mammae. Zu den verbreitetsten Gummata gehören die
+der obersten Extremitäten, welche osteo-periostal, intramuskulär und
+in der Haut selbst vorkommen. Während die periostalen Entzündungen
+fusiforme Geschwülste veranlassen, zeigen die Ulzera der Haut den
+typischen kraterförmigen Bau der ulzerierenden Gummata mit grauem
+Boden und der gleichen Neigung zu halbmondförmiger Ausbreitung wie
+bei der europäischen Lues. Durch ihren Übergang auf Muskeln und
+Bänder verursachen diese Ulzera im Lauf der Jahre oft tiefgreifende
+Zerstörungen, die nach spontaner oder durch Behandlung bewirkter
+Genesung, je nach ihrer Stellung, durch Schrumpfen und Zerstören der
+Bänder Kontrakturen der Gliedmassen und durch Verkürzung der Muskeln
+Kontrakturen der Hände und Finger nach sich ziehen.
+
+An den unteren Extremitäten lokalisierten sich weitaus die meisten
+Affektionen am Unterschenkel und zwar an der Tibia, welche öfters durch
+aktuelle oder bereits überstandene Periostitis bewirkte Verbildungen
+aufweist. Durch Fehlen geeigneter Behandlung dauert dieser Prozess
+oft Jahre und geht dann auf Haut, Zellgewebe und Muskeln über
+und bildet, falls Genesung eintritt, eine Gewebemasse, in der das
+subkutane Zellgewebe und die Haut durch Narbengewebe ersetzt sind und
+die Muskeln, gleichwie an den Armen, atrophiert und verkürzt sind,
+so dass der Fuss einen verkehrten Stand einnimmt und die Zehen nach
+oben und rückwärts gezogen werden.
+
+Luetische Orchitis habe ich niemals gesehen; vielleicht begaben sich
+die betreffenden Kranken aus Schamgefühl nicht in meine Behandlung.
+
+Selten ist es mir geglückt, viszerale luetische Leiden mit Sicherheit
+zu diagnostizieren. Syphilitische Degeneration der Leber, wobei diese
+vergrössert, resistent, höckerig und empfindlich wird, beobachtete
+ich mehrmals. Nervenleiden, die auf Syphilis zurückzuführen waren,
+begegnete ich nie, ebensowenig Tabetikern.
+
+Von den gewöhnlichen tertiären Hautausschlägen kamen mir nur wenige
+Formen unter die Augen. In einem einzigen Falle von Rupia syphilitica,
+in welchem Jodkalium wirkungslos blieb, hatte innerlicher Gebrauch
+von Quecksilberpräparaten baldige Genesung zur Folge.
+
+Die hereditäre Syphilis äussert sich bei Säuglingen in etwas anderer
+Form. Diese leiden meist an Condylomen in und am Munde und am
+Anus, luetischer Rhinitis, Otorrhoe und später an Missbildungen
+der Zähne. Letztere zeigen nicht selten die _Hutchinson_sche
+Form und bieten der Caries, die sich in den Vertiefungen ihrer
+Oberfläche festsetzt, einen besonders günstigen Angriffspunkt; daher
+bröckeln bereits bei sehr kleinen Kindern die Schneidezähne ab. Die
+Condylomen um den Mund veranlassen durch Verwahrlosung häufig so
+tiefe Ulzerationen, dass viele das ganze Leben hindurch' davon Narben
+behalten. Entstehen derartige Leiden einige Monate nach der Geburt des
+Kindes, so ziehen sie, wie auch gleichartige Knochenentzündungen, das
+Allgemeinbefinden des Kindes nicht ernstlich in Mitleidenschaft. Die
+kleinen Patienten scheinen auch nur wenig oder gar keinen Schmerz zu
+empfinden und, da kein Fieber eintritt, bleiben Esslust und Schlaf
+erhalten. Auch bei den Kindern der Bahau ist der supra-epiphysäre
+Knorpel an den langen Knochen häufig der Sitz des syphilitischen
+Prozesses; der der Handknochen erinnert dann an eine Spina ventosa,
+der der Extremitäten an eine Gelenkentzündung. Die trotz starker
+Schwellung oft ungehinderte Beweglichkeit der Gelenke bringt einen
+jedoch bald auf die richtige Spur.
+
+Während Ulcus molle, wie erwähnt, bei den Bahau nicht vorkommt,
+ist Gonorrhoe stark verbreitet. Unter den verhängnisvollen Folgen
+dieser Krankheit leidet besonders die Bevölkerung am oberen Kapuas,
+und zwar weniger die Männer als die Frauen, die häufig über nach
+der Heirat aufgetretene Leucorrhoe und Metroraghia mit schmerzhaften
+Menses klagten. Auch beobachtete ich heftige Conjunctivitides, welche
+sich hierauf zurückführen liessen.
+
+Am oberen Mahakam ist Gonorrhoe minder allgemein verbreitet, auch
+fand ich bei den Männern keine ernsteren Komplikationen.
+
+
+
+Von einer Malariainfektion unabhängige Intestinalleiden ernster
+Art treten bei den Bahau selten auf. Obgleich ihre Nahrungsmittel,
+besonders von Kindern, in oft schwer verdaulicher Form genossen werden,
+sah ich doch selten Fälle von chronischen Bauchleiden. Die wichtigsten
+vegetabilischen Nahrungsmittel, Reis und Bataten, werden gar gekocht
+verzehrt; Kinder essen sie jedoch auch roh; auch haben sie noch
+häufiger als die Erwachsenen die Gewohnheit, alle Fruchtkerne, die
+kleiner als Pflaumenkerne sind, mit hinunter zu schlucken. Stellen
+sich schlechte Folgen ein, so übt ein Eccoproctikum oft eine
+sehr gute Wirkung aus. Derartige Mittel sind auch in der Zeit von
+Reismangel sehr heilsam, wo neben allerlei Surrogaten, wie Blättern,
+bei den Mahakamstämmen hauptsächlich der wilde Sago als allgemeines
+Nahrungsmittel benützt wird. Da der feuchte Sago schnell verdirbt,
+treten in dieser Zeit zahlreiche Fälle akuter Darmleiden auf und,
+da ausserdem das Allgemeinbefinden durch Nahrungsmangel stark leidet,
+sind viele Krankheitsfälle dann schwer zu kurieren.
+
+Derartige Darmkrankheiten werden, wie viele andere, häufig durch
+Malaria kompliziert; in solchen Fällen erreicht man anfangs mehr mit
+Chinin als mit Calomel. Eine junge Frau hatte einst infolge Coprostase
+dermassen durch heftige Krämpfe und Schlaf- und Appetitlosigkeit
+gelitten, dass sie monatelang entkräftet darniederlag und zum Skelett
+abmagerte. Ihre Familie, die bereits alle verfügbaren Mittel der
+Bahau, Malaien und Chinesen vergebens angewandt und die Kranke bereits
+aufgegeben hatte, war nicht wenig erstaunt, als diese infolge kurze
+Zeit durchgeführter Evakuierung genas und zu Kräften kam.
+
+Unter den Intestinalwürmern sind Ascariden die häufigsten; sie scheinen
+jedoch keine ernstlichen Störungen zu veranlassen.
+
+Die Bahau sind ihrem rauhen Bergklima gegenüber auffallend
+empfindlich. Ihre schwache Kleidung schützt sie von Kind an in
+nur sehr geringem Masse vor dem Witterungswechsel. So lange warmes
+Wetter herrscht, merkt man bei ihnen von rheumatischen Leiden nur
+wenig, sobald aber Regen und Wind eintreten, vor denen sie in ihren
+Häusern nur geringen Schutz finden, und vor allem, wenn sie in
+den nasskalten Gebirgswäldern zu leben gezwungen sind, treten bei
+ihnen Lungenkatarrhe und Gliederschmerzen leichter als bei den gut
+bekleideten Europäern auf. Dazu stellt sich dann bald Malaria ein,
+welche das Leiden verschlimmert.
+
+Unter den weiteren internen Krankheiten der Bahau ist noch der Kropf
+(im Busang _kon_) zu erwähnen, der bei dem einen Stamme mehr bei dem
+anderen minder verbreitet ist, bei keinem jedoch gänzlich fehlt. Bei
+den Frauen ist eine, wie es scheint, stets gleichmässig hypertrophierte
+Schilddrüse ganz allgemein zu finden. Zwischen diesen leicht
+hypertrophierten Schilddrüsen und weit nach aussen hervorstehenden
+Kröpfen findet man alle Übergänge. Bei den grösseren Formen ist
+die Hypertrophie nur selten gleichmässig, in der Regel überragt die
+eine Hälfte bei weitem die andere. Eine cystoide Degeneration der
+Schilddrüse habe ich selten konstatieren können. In wie weit diese
+Krankheit an der Entstehung der in Mittel-Borneo häufig vorkommenden
+psychisch und physisch schlecht entwickelten Individuen Schuld trägt;
+lässt sich bei den Bahau, bei denen Syphilis so hochgradig verbreitet
+ist, nicht feststellen.
+
+Diese Hypertrophieen liessen sich leicht behandeln und oft habe
+ich mir mittels 1 gr Jodkalilösung, welche ich Erwachsenen per Tag
+erteilte, die Gunst der Frauen erworben, die die Schlankheit ihrer
+Hälse mit grosser Befriedigung wiederkehren sahen. Durch anhaltenden
+Jodkaligebrauch nahmen auch bedeutende Kröpfe an Umfang ab.
+
+Auch bei Männern kamen einige ernstere Fälle von Kröpfen vor, doch
+im Ganzen weit seltener als bei Frauen.
+
+Während alle erwähnten Krankheiten an der geringen Bevölkerungsdichte
+von Mittel-Borneo zum grossen Teil die Schuld tragen, übt die
+Abwesenheit verschiedener anderer, für gewöhnlich verbreiteter Leiden
+wiederum einen günstigen Einfluss auf die Vermehrung der Bewohner. So
+habe ich während meiner langjährigen Praxis unter den Bahaustämmen
+nie einen Fall von Tuberkulose, sei es der Lungen, Haut oder Knochen,
+konstatieren können. Unter den Dajak, welche sich viel an der Küste
+aufhalten, glaube ich, ein einziges Mal Lungentuberkulose beobachtet
+zu haben.
+
+Ferner glaube ich, mit Sicherheit die Abwesenheit von Rhachitis
+feststellen zu können, da diese mir unter den Tausenden fast nackten
+Gestalten, welche ich stets zu beobachten Gelegenheit hatte, sicher
+nicht entgangen wäre. Auch die typischen Verkrümmungen, die als
+Folge dieser Krankheit auftreten, habe ich bei den gut gebauten Bahau
+nie bemerkt.
+
+Auch bin ich von der Abwesenheit oder dem sehr seltenen Vorkommen
+von malignen Tumoren, Sarkom und Karzinom überzeugt. Ein einziges Mal
+erinnerte mich eine luetische Neubildung an Sarkom oder Karzinom, aber
+die günstige Wirkung von Jodkali benahm bald alle Zweifel. Dagegen
+kamen Fibrome, besonders Keloide der Narben, häufig vor. Ebenso
+konstatierte ich zwei Mal an den Erscheinungen und durch objektive
+Untersuchung Fibroide des Uterus.
+
+Ansteckende Krankheiten ernster Art kamen während meines Aufenthaltes
+unter den Eingeborenen nicht vor; ihre Niederlassungen liegen in
+grossen Abständen von einander und von der Küste entfernt, so dass die
+Möglichkeit einer Übertragung von Infektionen gering ist. Aus Berichten
+über eine Choleraepidemie, die in früheren Jahren bei ihnen geherrscht
+hatte, konnte ich ersehen, dass wenn einmal eine sehr ansteckende
+Krankheit in ein Bahaudorf eingeschleppt wird, ein grosser Teil der
+Bewohner ihr zum Opfer fällt. Dies ist hauptsächlich den bei ihnen
+herrschenden hygienischen Zuständen zuzuschreiben, ferner auch dem
+Umstand, dass ihnen jeder Begriff vom Wesen dieser Krankheiten fehlt.
+
+In der Regel verhindert man ein völliges Aussterben des Dorfes dadurch,
+dass alle Bewohner ausziehen und familienweise weit getrennt von
+einander im Walde wohnen. Dörfer, die von der Krankheit noch nicht
+ergriffen worden sind, erklären sich für _lali_ und schliessen sich
+dadurch von den anderen Dörfern völlig ab. Die Kenja am oberen Kajan
+erzählten mir, dass eine Pockenepidemie, die in einem ihrer grössten
+Stämme einst herrschte, eine enorme Sterblichkeit verursacht habe.
+
+Beriberi, die unter den malaiischen und dajakischen
+Buschproduktensuchern sehr häufig vorkommt, herrscht bei der ansässigen
+Bahaubevölkerung derselben Gegend nur selten. Bemerkenswert ist,
+dass die Hühner in den Niederlassungen am mittleren Mahakam sehr
+unter Beriberi-ähnlichen Lähmungserscheinungen leiden und häufig auch
+daran sterben.
+
+Von der Influenza haben wir auf unseren Reisen mehrmals zu leiden
+gehabt. Als _Kwing Irang_ uns 1897 vom Blu-u zum unteren Mahakam
+geleitete, wurden wir Europäer bei unserer Ankunft in Udju Tepu
+innerhalb zehn Tage alle von einem rhino-pharyngialen Katarrh
+befallen. Bei _Berchtold_ trat noch Fieber hinzu; im übrigen
+waren die Erscheinungen nicht besorgniserregend. Von ungefähr 100
+unserer Kajan entging beinahe keiner der Influenza. Wie gewöhnlich
+komplizierte sich ihre Krankheit durch Hinzutritt von Malaria, die
+allerdings mit Chinin vertrieben werden konnte, aber der Katarrh und
+die Kopfschmerzen hielten viele Tage an. Die Bewohner von Tepu waren
+bei unserer Ankunft zwar gesund, waren aber zwei Monate vorher von
+der Influenza heimgesucht worden.
+
+Auf unserer letzten Reise 1899 hatten wir weder in Tepu noch am
+unteren Mahakam von der Influenza zu leiden; doch erkrankte ich
+mit meinen Malaien und Kajan im April 1900 in Long Deho ernstlich
+an Influenza. Die Bewohner selbst hatten sich von der Influenza,
+welche durch Ma-Suling und Dajak vom unteren Mahakam eingeschleppt
+worden war, noch kaum erholt. Einige der unseren litten ausserdem
+schwer an Malaria, z.B. der Malaie _Lalau_, und der Husten dauerte
+über 3 Wochen. Selbst unsere Hunde begannen zu husten.
+
+Als _Kwing Irang_ später mit den Seinen _Demmeni_ und unser Gepäck den
+Mahakam hinunter nach Long Deho geleitete und sich dort längere Zeit
+aufhalten musste, wurden alle seine jungen Leute influenzakrank. Die
+Böte, welche von Long Deho flussaufwärts gingen, brachten die Infektion
+auch den Stämmen oberhalb der Wasserfälle; jedoch starben nur Alte und
+Kranke an der Influenza. Die Eingeborenen fürchten sich vor der Ankunft
+Fremder, weil diese ihrer Meinung nach die "_bengen,_" die bösen
+Geister, welche die Erkältungskrankheiten verursachen, mitbringen.
+
+
+
+Jeder Reisende, der zum ersten Mal mit den Dajak in Berührung kommt,
+ist von dem unangenehmen Anblick, den ihre Hautkrankheiten auf dem
+Körper hervorrufen, betroffen. Vor allem ist es die Schuppenbildung
+der blossen Haut, welche dem Patienten ein so abschreckendes Aussehen
+verleiht.
+
+Es lassen sich 4 verschiedene Schuppenkrankheiten unterscheiden:
+Pityriasis versicolor, Tinea circinata, Tinea imbricata und Tinea
+albigena, von denen die beiden ersteren, oder doch sehr nahe verwandte
+Krankheiten, auch in Europa vorkommen. Diese 4 Hautkrankheiten, welche
+vor allen anderen in Borneo vorherrschen, werden durch verschiedene
+Arten in der Haut lebender Pilze hervorgerufen.
+
+Favus, der anderswo oft sehr verbreitet ist, beobachtete ich nie bei
+den Bahau.
+
+Pityriasis versicolor (_panu_ der Malaien; _litak_ der Bahau)
+äussert sich in Form heller, etwas erhabener Flecke, welche durch
+eine Infiltration der Epidermis, durch welche die darunterliegende
+Pigmentschicht weniger sichtbar wird, verursacht werden. Auf der
+pigmentlosen Haut der Europäer macht sich die Infektion durch
+hellbraune Flecken bemerkbar.
+
+Die Grösse der Flecken, welche _panu_ oder _litak_ verursacht, variiert
+zwischen der eines Stecknadelkopfes und einer Handfläche. Die Infektion
+nimmt sehr verschiedene Dimensionen an; da sie bei den Bahau nur beim
+Transpirieren Jucken verursacht, wird sie nur selten behandelt und
+verbreitet sich daher oft über den grössten Teil des Körpers.
+
+Tinea circinata (_kurab_ der Malaien: _ki urip_ der Bahau) stimmt
+äusserlich am meisten mit Herpes tonsurans überein und zeigt sich in
+Form runder Flecke, sehr verschiedener Grösse, welche alle aus einem
+Bläschen, um welches sich konzentrisch gleichartige Bläschen gebildet
+haben, hervorgegangen sind. Durch Vertrocknen und Springen der Bläschen
+entsteht Schuppenbildung, hauptsächlich an der Peripherie. Tinea
+circinata befällt vorzugsweise die Stellen, wo die Epidermis am
+wenigsten resistent ist. Dass die Krankheit auch die Haare ergriff
+und dadurch eine teilweise Kahlheit herbeiführte, beobachtete ich
+weder unter den Bahau noch unter den Kenja.
+
+Tinea imbricata (_lusung_ der Malaien; _ki lan_ der Bahau), äussert
+sich wie die vorige Infektion zuerst in kleinen Bläschen mit rotem Hof
+und vergrössert sich auch auf gleiche Weise, was sich besonders auf der
+zarten Haut der Bahaukinder und auf der der Europäer gut verfolgen
+lässt. Während jedoch die Haut im Zentrum des Infektionskreises
+bei Tinea circinata nur wenig Spuren der Entzündung mehr aufweist,
+entsteht hier bei Tinea imbricata eine zweite Eruption, die sich in
+zahlreichen, gleich weit entfernten, oft sehr zierlich gebogenen
+Linien bemerkbar macht. Die Linien zeigen sich auf der Haut durch
+Schuppenbildung. Die Schuppen können, besonders an Stellen mit dicker
+Epidermis, bis zu 2 cm lang und 5 mm breit werden. Da die Bahau von
+dieser Hautkrankheit oft ganz bedeckt sind, machen sie aus der Ferne
+eher einen weissen als einen braunen Eindruck; in der Nähe erscheinen
+sie wie mit Mehl bestreut.
+
+Im Gegensatz zu Tinea circinata bildet sich Tinea imbricata
+hauptsächlich an den Hautstellen mit der dicksten Epidermis, so dass
+Gesäss und Aussenseite von Armen und Beinen zuerst ergriffen werden,
+während die Achselhöhlen, die Falten unter den Brüsten und die
+Leistengegend zuletzt oder auch gar nicht infiziert werden, selbst
+wenn der ganze übrige Körper, ausser Handflächen und Fussstehlen,
+welche niemals angegriffen werden, mit der Krankheit bedeckt
+ist. Verschont bleiben ausserdem die Nägel an Händen und Füssen und
+die Haare. Auch T. imbricata wird durch einen Pilz, den _Manson_
+entdeckte, verursacht. Im Jahre 1897 gelang es mir in Batavia, diesen
+Pilz zu züchten. [7]
+
+Bei vielen Patienten fiel mir die starke Neigung dieser Hautkrankheit
+zu symmetrischer Verbreitung auf, die sich selbst dann noch zeigt,
+wenn die Krankheit bereits 20-30 Jahre bestanden hat. Da auch
+Tinea circinata und Pityriasis versicolor bei den Bahau die gleiche
+Eigentümlichkeit zeigen und alle durch einen Pilz verursacht werden,
+können die Erscheinungen dieser Hautkrankheiten keinem nervösen
+Ein floss zugeschrieben werden. Es kommt mir viel wahrscheinlicher
+vor, dass die ständig unbedeckte Haut der Bahau ihre Epidermis und
+ihre Schweiss- und Fettdrüsen, besonders am oberen Körperteil, viel
+besser entwickeln kann als die einer stets gleichmässigen Temperatur
+ausgesetzte Haut der bekleideten Europäer. Da die Dicke der Epidermis
+und die Fett- und Schweisssekretion, die für den Ort der Entwicklung
+des Pilzes massgebend sind, sich an verschiedenen Stellen der Haut
+verschieden, an symmetrischen Körperteilen jedoch gleich verhalten,
+bewirken sie ein symmetrisches Auftreten dieser Krankheiten.
+
+Nach langer Dauer von Tinea imbricata nimmt das Pigment unter der
+infizierten Haut zu, so dass diese nach der Genesung rossfarbig
+wird. Eine europäische Haut zeigt bereits nach kurzer Krankheitsdauer
+eine deutliche Pigmentansammlung. In sehr verwahrlosten Fällen
+von _lusung_ erscheint die Haut bereits vor Eintritt der Genesung
+blauschwarz.
+
+Bei Anwesenheit anderer Krankheiten kann eine vorgeschrittene _lusung_,
+wie ich es bei Malaria und Rupia syphilitica beobachtete, plötzlich
+heilen.
+
+Tinea albigena (_ki-ow_ der Bahau) zeigt in hohem Masse, wie sehr das
+Vorkommen pathogener Pilze an besondere Eigenschaften der Haut gebunden
+ist; sie setzt sich nämlich anfangs nur in den bei den Eingeborenen
+sehr dicken oberen Hautschichten der Handflächen und Fusssohlen
+fest. Erst nach langem Bestehen greift der Pilz auch die Nägel und die
+angrenzende Haut der Hand- und Fussrücken an. Am auffallendsten sind
+die Veränderungen, welche der Pilz in dem Rete Malpighii, in dem sich
+die braunen Pigmente hauptsächlich befinden, zustande bringt. Ohne
+dass, oberflächlich gesehen, mit der Hauternsthafte anatomische
+Änderungen vor sich gehen, verschwindet das Pigment vollständig
+und regeneriert sich nach Genesung der Hautkrankheit nicht mehr, so
+dass Handflächen und Fusssohlen, so wie andere infizierte Stellen,
+ganz weiss erscheinen. Nur ein einziges Mal sah ich auch auf Brust
+und Stirn dergleichen pigmentlose Flecken mit noch vorhandener
+Hautentzündung vorkommen.
+
+Der Charakter der anatomischen Veränderungen, welche der Pilz
+hervorruft, hängt grössten Teils von der Dicke der Epidermis, unter
+welcher er sich entwickelt, ab. Auch diese Krankheit beginnt mit
+einer roten, juckenden Schwellung, in deren Mitte sich eine kleine,
+mit heller Flüssigkeit gefüllte Blase befindet. Ist die Epidermis
+dünn, wie bei Kindern, so springt sie, ist sie aber dick, wie bei den
+erwachsenen Eingeborenen, so wird sie losgelöst und platzt erst dann,
+wenn die Blase einen grösseren Umfang erreicht hat. In ernsteren Fällen
+wird der grösste Teil der Epidermis an den Fusssohlen abgestossen;
+in weniger ernsten und in solchen, die, wie es öfters geschieht,
+in ein chronisches Stadium übergehen, ist die Epidermis bisweilen
+verdickt und trocken und veranlasst beim Gehen die in Indien sehr
+berüchtigten Risse, oder sie ist dünn und ungleich gebildet, so dass
+Hände und Füsse beim Gebrauch schmerzen.
+
+Diese Hautkrankheit ist bisher noch nicht beschrieben und wegen
+der pigmentlosen Stellen, die sie nach der Genesung auf der Haut
+zurücklässt, sicher oft mit Vitiligo verwechselt worden; sie ist
+im ganzen indischen Archipel verbreitet und kommt hie und da auch
+bei Europäern vor. Wegen ebengenannter Eigenschaft nannte ich
+diese Pilzkrankheit: Tinea albigena; ich entdeckte den Pilz in
+einem subakuten Falle in den Schuppen der Fusssohle. Wie der Pilz
+von Tinea imbricata zeigt sich auch dieser hauptsächlich in Form
+langer Mycelfäden, bildet aber ein viel undichteres Netzwerk als
+ersterer. Dieser Pilz scheint auf die gleiche Weise, wie der von
+Tinea imbricata, kultiviert werden zu können.
+
+Die genannten vier parasitären Hautkrankheiten der Bahau besitzen
+alle die gemeinsame Eigenschaft, dass sie mit parasiticiden Mitteln
+schnell zu kurieren sind. Die Genesungsdauer hängt, in noch höherem
+Masse als von der Krankheit selbst, von der Dicke der Epidermis an der
+betreffenden Stelle, auf welche das Medikament einwirken muss, ab. Um
+das Eindringen der wirksamen Bestandteile in die tieferen Hautschichten
+zu befördern, benützte ich wässerige Lösungen antiseptischer Mittel,
+z.B. Sublimat oder eine Chrysarobinlösung in Äther und Alkohol,
+welche ich mittelst Mackintosch am Verdunsten verhinderte. Die besten
+Erfahrungen machte ich jedoch beim Behandeln der Eingeborenen mit
+Jodtinktur, die wegen der Flüchtigkeit des Jod tiefer als die beiden
+anderen in die Haut eindringt. Eine wiederholte Anwendung dieser
+Mittel hat stets eine bedeutende Besserung und häufig auch eine
+völlige Genesung, selbst nach jahrelangem Bestehen der Krankheit,
+zur Folge. Da, wo das Corium und das Rete Malpighii blossliegen,
+sind parasiticide Salben von guter Wirkung.
+
+Ausser den ebengenannten Hautkrankheiten kommen unter den Bahau
+noch Scabies und Frambösia vor; letztere greift hauptsächlich Kinder
+an. Nach der Genesung behalten die Patienten oft längere Zeit hindurch
+heftige Gliederschmerzen, die jedoch nicht, wie die durch Syphilis
+verursachten, nach Gebrauch von Jodkalium weichen.
+
+An Augenkrankheiten kommen unter den Bahau hauptsächlich der Star
+und granulöse Augenentzündungen vor. Diese sind stark verbreitet, und
+obwohl sie nur bei langer Dauer von ernsthaften Läsionen der Cornea
+begleitet sind, findet man bei Erwachsenen doch stets Spuren einer noch
+vorhandenen oder bereits überwundenen Entzündung der Conjunctiva, die
+das Sehen häufig stark beeinträchtigt. In den ernstesten Fällen, die
+ich bei Frauen beobachtete, kam es zu einer vollständigen Obliteration
+der obersten und untersten Bindehaut, so dass ein Schliessen des Auges
+verhindert wurde; die Cornea war in diesen Fällen so angegriffen,
+dass das Gesicht bedeutend geschwächt wurde. Doch beobachtete ich
+nur zwei Frauen, die nach einer über zwanzig Jahre andauernden
+Augenentzündung dadurch, dass die Hornhaut sich in eine gelblich
+weisse Membran verändert hatte, vollständig erblindet waren.
+
+Der Star tritt sowohl am Kapuas als am Mahakam bereits bei jungen
+Leuten auffallend häufig auf. Ob hiermit andere verbreitete Krankheiten
+im Zusammenhang stehen, habe ich nicht ermitteln können.
+
+
+
+Durch meine ärztliche Praxis unter den Eingeborenen hatte ich mir so
+viel Einfluss bei ihnen erworben, dass ich nicht zu viel sage, wenn ich
+behaupte, dass meine zweimalige Durchquerung Borneos und der Besuch bei
+den Kenja ohne meine Tätigkeit als Arzt nicht ausführbar gewesen wären.
+
+Da die Eingeborenen selbst keine oder doch nur fast wertlose Mittel
+gegen Malaria und Syphilis besitzen und diese daher auch in leichten
+Fällen oft tätlich verlaufen, grenzt die Wirkung, welche Chinin,
+Jodkali und Quecksilberpräparate hervorrufen, in den Augen der
+Bevölkerung an das Wunderbare. Berücksichtigt man auch die Wirkung
+der Narkotika, die den Schmerz momentan benehmen, so erscheint es
+begreiflich, dass die Eingeborenen sich glücklich schätzten, einen
+weissen Wunderdoktor in ihrer Mitte zu haben.
+
+Wegen ihrer Scheu vor allem Unbekannten fürchteten die Eingeborenen
+auch anfangs einen möglichen schlechten Ausgang der Kur. Daher war es,
+besonders in der ersten Zeit, geboten, durch Narkotika, verbunden
+mit den betreffenden Heilmitteln, auf das subjektive Empfinden der
+Patienten einzuwirken. Da Chinin und Jodkali einen nicht oft im Stich
+liessen, machten sie während des Verlaufs der Krankheit einen sehr
+erwünschten Effekt.
+
+Die Konstitution meiner Patienten kam mir oft zu Hilfe; ausserdem
+achtete ich darauf, keine zu weit vorgeschrittene Krankheit anders
+als mit der Vorausbemerkung, dass meine Hilfe vielleicht nicht mehr
+ausreichend sein würde, zu behandeln. Nachdem ich gemerkt hatte, dass
+auch weit vorgeschrittene Krankheiten bei vorsichtiger Behandlung
+eine gute Wendung nehmen konnten, stieg mein Selbstvertrauen und
+später brauchte ich nur selten einen Kranken für unheilbar zu erklären.
+
+
+
+Betrachten wir nun, was die Bahau selbst über ihren Körper denken und
+wie sie ihre Krankheiten bekämpfen, so stossen wir auf die seltsamsten
+Vorstellungen. Dass diese mehr auf Phantasie als Beobachtung beruhen,
+sehen wir daraus, dass sie auch von dem, was sie äusserlich an ihrem
+Körper wahrnehmen, nur unklare Begriffe haben. Bei meiner Ankunft
+waren ihnen Herz- und Pulsschlag noch nicht bekannt, erst nachdem
+ich einige Monate. unter ihnen praktiziert hatte, erfuhren sie, dass
+sie einen Puls hatten, an dem ich häufig den Grad ihrer Krankheit
+beurteilen konnte. Da sie im übrigen gut zu beobachten im stande sind,
+kann man hieraus schliessen, dass Herzleiden nur selten bei ihnen
+vorkommen. Ausser einigen auf Beriberi beruhenden Fällen von Herzleiden
+erinnere ich mich tatsächlich keine anderen konstatiert zu haben.
+
+Die Schläge der Arteria abdominalis, die sie beim Betasten
+ihres Leibes im Fall von Bauchschmerz fühlten, wirkten auf sie
+sehr beunruhigend. Immer und immer wieder wurde ich gefragt, ob das
+Klopfen nicht die Ursache des Leidens sei. Als ich die Gesunden sich
+auf den Rücken legen und auch sie das Klopfen der Arteria abdominalis
+fühlen liess, gerieten sie in grosses Erstaunen. Dagegen wissen alle
+Stämme, dass sie als Folge der Malaria eine harte Geschwulst an der
+linken Seite besitzen. Daher nennen die Dajak von Sambas die Malaria:
+_demom batu_ = Fieber mit dem Stein; die Kajan am Mendalam nennen
+die geschwollene Milz: _kalong pra_ = Krankheitszeichen; die Kajan
+am Mahakam bezeichnen die Milz als _ong eram_ = Krankheitskörper.
+
+Von der Dauer einer normalen Schwangerschaft haben die Bahau nur eine
+sehr mangelhafte Vorstellung; sie nehmen an, dass sie nur 4-5 Monate
+dauert, d.h. so lange, als sie die äusseren Veränderungen an der Frau
+wahrnehmen können. Da mir diese Unwissenheit kaum glaublich erschien,
+stellte ich in verschiedenen Gegenden hierüber Nachforschungen an,
+aus denen ich merkte, dass die vielen Fehl- und Frühgeburten sowie
+die sehr verbreiteten Geschlechtskrankheiten der Frauen das ihre
+zu dieser falschen Auffassung beigetragen haben. Dass zur Zeugung
+Testikel erforderlich sind, wissen die Eingeborenen ebenfalls nicht,
+denn sie halten ihre kastrierten Jagdhunde, denen die Weibchen nicht
+vollständig gleichgültig sind, für zeugungsfähig.
+
+Alles Weisse, was sie am toten Körper bemerken, wie Nerven, Sehnen und
+Blutgefässe, nennen die Bahau "_huwat_", auch nehmen sie an, dass in
+diesen die Kraft sitzt. Dass die Arterien der lebenden Menschen Blut
+enthalten, ist ihnen nicht bekannt.
+
+Von dem Verstande und dessen Sitz machen sich die Bahau eigenartige
+Vorstellungen, die ich ganz zufällig kennen lernte.
+
+Als ich mich auf meiner zweiten Reise einige Tage in Long Tepai
+aufhalten musste, suchte ich morgens nach meiner Ankunft einen alten
+Patienten, den Häuptling _Bo Ibau_ auf. Der dürre Sonderling mit der
+Habichtsnase sass in seiner Kammer und schnitzte einen Schwertgriff
+aus Hirschhorn. Er war in früheren Jahren der beste Schnitzkünstler im
+Dorfe gewesen, hatte aber seiner. Augen wegen die Arbeit lange Zeit
+ruhen lassen müssen. Ich traf ihn in guter Stimmung, da er mit Hilfe
+der Brille, die ich ihm geschenkt hatte, wieder in der Nähe sehen
+und daher die geliebte Schnitzarbeit wieder aufnehmen konnte. _Ibau_
+klagte, dass die jungen Leute heutzutage nur schlechte Arbeit lieferten
+und fügte hinzu: "sie haben nichts in ihrem Bauche (_djian hipun nun
+nun halam butit)._" Ich glaubte ihn anfangs nicht gut zu verstehen
+und liess ihn die Worte wiederholen; allmählich merkte ich aber, dass
+mein alter Freund in der Tat mit dem Bauche zu denken glaubte. Auch
+erfuhr ich später, dass alle Bahau und Kenja derselben Meinung sind.
+
+Den Schlaf fassen die Bahau als den Zustand auf, in dem eine ihrer
+beiden Seelen, die _bruwa_, den Körper zeitlich verlässt. Der Traum
+entsteht entweder dadurch, dass die Seele das Geträumte wirklich
+erlebt, oder dass die Geister dem Schläfer etwas zuflüstern. Die Träume
+der Priester sind besonders bedeutungsvoll. Von der Wohltat eines
+erquickenden Schlafes für Kranke haben sie keine Ahnung; wenn einer
+ernstlich krank ist, verhindern sie ihn durch Schreien und Schütteln
+am Einschlafen, selbst wenn der Kranke den Schlaf sehnlichst wünscht
+(Siehe pag. 333).
+
+Ihrer Schöpfungsgeschichte (pag. 129) zufolge sind die Bahau aus
+unbelebter Materie und zwar aus Baumrinde hervorgegangen. Das Leben
+wird erst durch die beiden Seelen "_bruwa_" und "_ton luwa_" in den
+Körper gebracht (Näheres Kap. V).
+
+Alles, was die _bruwa_ zum Entfliehen bringt, verursacht Krankheit. Da
+die _bruwa_ auf die gleiche Weise wie der Mensch denkt und empfindet,
+kann sie durch alles, was diesen erschreckt, vertrieben werden,
+wodurch der Körper krank wird. Die Priester suchen daher, um
+einen Kranken zu heilen, dessen entflohene Seele in den Körper
+zurückzulocken. Auf dieser Vorstellung basieren im Grunde alle
+Heilmethoden der Priester. Das Einfangen der Seele geschieht mit
+Hilfe der guten Geister aus dem _Apu Lagan_, der Vermittler zwischen
+Hauptgöttern und Menschen.
+
+Zum Glück sind sie in ihrem Vertrauen auf die Hilfe der Geister
+nicht so blind gewesen, dass sie den günstigen oder ungünstigen
+Einfluss einiger Faktoren auf den Verlauf einer Krankheit nicht
+selbst bemerkten. Hieraus hat sich bei ihnen ein sehr kompliziertes
+diätetisches System entwickelt, das neben den Beschwörungen der
+_dajung_ bei jeder Krankheit angewandt wird.
+
+Im allgemeinen sucht man die Krankheit dadurch zu bekämpfen,
+dass man sich verschiedener Speisen, des Badens, schwerer Arbeit
+etc. enthält. Für die verschiedenen Leiden bestehen auch verschiedene
+Vorschriften, die man gegenwärtig unmöglich als Bussen auffassen kann;
+sie sind teilweise auch so treffend gewählt, dass sie auf persönlichen
+Beobachtungen und Erfahrungen beruhen müssen. Bei den Kajan am Mendalam
+gelten folgende Vorschriften:
+
+Verboten ist bei Diarrhoe: harter Reis, Zuckerrohrsaft, Bananen,
+Klebreis, gekochte Bananen, kaltes Wasser, einige Arten Fische, Baden
+bei hohem d.h. kaltem Wasser; erlaubt sind: weich gekochter Reis und
+gute Fische.
+
+Verboten ist bei Fieber: kaltes Wasser, Zuckerrohrsaft, Zucker,
+Gebäck und Baden bei Hochwasser.
+
+Verboten ist bei Husten: _keladi_, Zucker, Zuckerrohrsaft, gerösteter
+Klebreis, Gurken, Rauchen, Betelkauen und schwere Arbeit.
+
+Bei einer Knieentzündung verbietet man: Laufen, Treppensteigen,
+trockenen und hart gekochten Reis, gedörrten Fisch, Schweinefleisch,
+Eier, Salz und essbare Baumblätter.
+
+Berücksichtigt man, dass derartige Verordnungen bei den Malaien auf
+Borneo nur in sehr rudimentärer Form vorhanden und dass ein grosser
+Teil dieser Vorschriften auch nach der Auffassung europäischer Ärzte
+wirklich zweckmässig sind, so erscheinen sie uns für die Bahau um so
+anerkennenswerter. Überdies sind diese diätetischen Vorschriften in den
+Verhältnissen, in welchen die Dajak leben, beim Fehlen eigentlicher
+Heilmittel und bei der kräftigeren Konstitution ihrer Kranken viel
+wichtiger als bei den Europäern und deren günstigeren Lebensumständen.
+
+Auch für Hautkrankheiten werden zahlreiche Verhaltungsmassregeln
+angegeben und, da man für diese auch noch wirksame Arzneien besitzt,
+sind die Bahau ebensogut als europäische Ärzte im stande, ihre
+parasitären Hautkrankheiten zu kurieren. Bei einer derartigen Kur
+darf nicht gebadet, nicht transpiriert und nicht gekratzt werden; auch
+darf der Patient keine Süssigkeiten, keinen jungen Bambus, _keladi_,
+Farrenspitzen, Salz, Schweinefleisch, spanischen Pfeffer und Mehl
+geniessen. Da die Heilmittel in Lösung auf die Haut gestrichen werden,
+sind die 3 ersten Vorschriften rationell; das Verbot der Speisen jedoch
+ist nachteilig, da es die ohnehin schon lästige Kur so sehr erschwert,
+dass nur sehr wenige sich ihr mit genügender Ausdauer unterwerfen. Der
+Erfolg ihrer Heilmittel ist häufig nur ein zeitweiliger, weil sie
+von der kontagiösen Natur dieser Krankheiten keinen Begriff haben
+und sich mit ihren eigenen Kleidern, Liegmatten etc. immer wieder
+von neuem infizieren.
+
+Die Verbotsbestimmungen bei Krankheiten kommen den Eingeborenen so
+selbstverständlich vor, dass sie mich, wenn ich ihnen eine Arznei
+gab, sogleich fragten, was _lali_, verboten, sei. Meine Vorschriften,
+welcher Art sie auch waren, wurden stets treu befolgt. Oft verbot ich
+das eine oder andere nur, um das Vertrauen in meine Arzneien nicht
+wankend zu machen. Von besonderer Bedeutung war dies in einigen Fällen,
+wo die Befolgung diätetischer Vorschriften von grösserer Wichtigkeit
+als das Einnehmen von Arzneien war; bei sehr kleinen Kindern konnte
+ich oft nur auf diese Weise eingreifen.
+
+Während meines zweiten Aufenthaltes am Mendalam kamen dort innerhalb
+dreier Tage 3 Fälle sehr akuter choleraähnlicher Bauchkrankheit
+vor. Der erste, in Tandjong Kuda, verlief tätlich, ohne dass ich den
+Kranken sah. Am folgenden Tage erkrankte in meiner Nachbarschaft
+eine Frau mit allen Choleraerscheinungen, doch half ich ihr mit
+einer starken Dosis Landanum den Anfall überstehen. Ein oder zwei
+Tage darauf rief man mich zu einem Manne in Tandjong Kuda, der
+an der gleichen Krankheit litt. Auch bei ihm hatte Laudanum eine
+ausgezeichnete Wirkung, nur war ich gezwungen, ihn seinem Schicksal
+zu überlassen mit dem Resultat, dass er 2 Tage später infolge des
+Genusses verschiedener gekochter Baumblätter einen Rückfall bekam
+und starb. Da diese Fälle der Cholera sehr ähnlich waren, glaubte
+ich die Umgebung am besten durch Regelung des Trinkwassergebrauchs zu
+schützen. Ich liess daher mit Hilfe der beiden Häuptlinge _Akam Igau_
+und _Tigang_ durch die _dajung_ eine grosse Beschwörung abhalten,
+verbot für 4 Tage das Trinken ungekochten Wassers und. warnte sie vor
+den Flussbädern, die übrigens in dem schnell strömenden Wasser von
+geringerer Bedeutung waren. Auch unreife Früchte setzte ich auf die
+Verbotsliste und hatte die Freude zu sehen, dass man sich sowohl in
+Tandjong Kuda als in Tandjong Karang an die Vorschriften hielt und
+keine weiteren Krankheitsfälle mehr vorkamen.
+
+Der wichtigste Teil der Beschwörung bestand darin, dass man die bösen
+Geister, als die Urheber der Krankheit, daran verhinderte, längs den
+Bretterstegen, welche vom Fluss zum Hause führten, zu den Bewohnern zu
+gelangen. Zu diesem Zwecke spannte man längs des Ufers vor dem Hause
+und auch seitlich ungefähr 1 m über dem Boden Rotangseile, an welche
+in Abständen von 2 m zur Abwehr böser Geister Blätter von _daun long_
+gehängt wurden. An den Stellen, wo das Seil die Wege zum Hause kreuzte,
+richtete man zu beiden Seiten roh gearbeitete Figuren, eine weibliche
+und eine männliche, auf. Die Figuren besassen übertrieben grosse
+Genitalien; der Mann eine nach Kajansitte perforierte glans penis mit
+hölzernem Stifte; überdies waren sie mit hölzernen Speeren, Schwertern
+und Schilden als weiteren Abschreckungsmitteln bewaffnet. Zu meiner
+Beruhigung willigten die Familiengehörigen darein, Kleidungsstücke
+und Liegmatten der Verstorbenen zu vernichten. Da die _adat_ ihnen
+das Verbrennen dieser Gegenstände verbietet, warfen sie diese, ohne
+mein Wissen, in den Fluss.
+
+Die einzigen nennenswerten Arzneien der Kajan werden gegen
+Hautkrankheiten angewandt; zwei derselben sind in der Tat sehr wirksam:
+
+1. _oroköp_, Blätter von Cassia alata, die auch sonst im Archipel
+häufig gegen Hautkrankheiten benützt werden.
+
+2. _njerobw bulan_ (im Busang) = _minjak pelandjau_ (im Malaiischen),
+ein schwarzes, nach Teer riechendes Öl, das aus dem schwarzen Kernholz
+eines gleichnamigen Baumes fliesst, der nur auf Borneo einheimisch zu
+sein scheint. Beim Stehen scheidet das Öl eine halbflüssige Masse ab,
+die _tanah pelandjau_ genannt wird.
+
+Auf die Haut gebracht verursacht diese _tanah pelandjau_ eine
+Entzündung. Als man diese Masse einst unvermischt auf die Leibeshaut
+eines Kindes strich, wurde diese so völlig zerstört, dass eine tiefe
+Wunde entstand. Für den Gebrauch muss das Mittel mit Zuckerrohrsaft
+vermischt werden. Ein Individuum, das von Kopf bis zu Fuss mit _lusung_
+bedeckt ist, kann in 14-20 Tagen genesen, falls es sich tüchtig mit
+_tanah pelandjau_ einreibt und das Baden vermeidet.
+
+Die Kajan reiben sich täglich mit _oroköp_ ein, wodurch sie allmählich
+ihren _lusung_ und in viel kürzerer Zeit ihren _kurab_ vertreiben.
+
+Ein sehr wirksames, für die Kajan aber sehr kostbares Mittel ist
+Petroleum, das, auf die erkrankte Haut gestrichen, binnen 8 Tagen
+eine Heilung herbeiführt.
+
+Als weitere Behandlungsweisen von Entzündungen und Schmerzen sind
+bei den Kajan Schröpfen, Tätowieren und Massieren üblich. Die beiden
+ersten werden besonders bei schmerzhaften Entzündungsgeschwülsten
+angewandt. Man entzieht das Blut, indem man mit einem spitzen Messer
+eine grosse Zahl kurzer Einschnitte ausführt und die Blutung von selbst
+aufhören lässt. Blutstillende Mittel lernte ich nicht kennen. Die
+Ausführung kleiner Tätowierfiguren auf die entzündete Stelle wirkt
+wahrscheinlich in gleicher Weise wie die Blutentziehung.
+
+Bei Leib- und Rückenschmerzen wendet man vor allem Massage an,
+die mehr in Kneten als in Reiben besteht. Mit der Massage und dem
+Blutentziehen befassen sich hauptsächlich die _dajung_, die es in
+ihrer Kunst bisweilen weit bringen.
+
+Für Wunden kennen die Bahau keine Mittel- sie halten sie nur mit Wasser
+und Kapok rein. Da sie ernste Blutungen nicht zu stillen verstehen,
+gehen die Leute häufig an kleinen Wunden, z.B. auf dem Fussrücken, zu
+Grunde. Dagegen verstehen sie zerrissene Ohrläppchen wieder aneinander
+wachsen zu lassen (Siehe pag. 140).
+
+Bei Entbindungen wird der Leib der Kreissenden mit den Händen geknetet;
+andere Behandlungsweisen sind unbekannt. Heftige Blutungen verlaufen,
+wenn sie nicht von selbst aufhören, tätlich.
+
+Die Bahau wenden auch Dampfbäder an. Sie füllen ein Gefäss mit
+heissem Wasser, fügen einige Blätter hinzu und setzen den Kranken,
+den sie mit Decken umwickeln, einige Zeit den heissen Dämpfen aus.
+
+
+
+
+KAPITEL XIX.
+
+ Allgemeines über Tätowierung--Unterscheidung dreier
+ Gruppen--Vorschriften für Tätowierkünstlerinnen und
+ Patienten--Tätowiergerätschaften--Ausführung und Folgen der
+ Operation--Methoden der Tätowierung bei den verschiedenen
+ Stämmen und Ständen--Seeentätowierung--Tätowierung der Kajan am
+ Mendalam--Tätowiermuster--Tätowierung bei den Mahakamstämmen und
+ den Kenja.
+
+
+Die Tätowierungen der Dajak dienten ursprünglich wahrscheinlich als
+Körperverzierungen, gegenwärtig hat aber die Sitte des Tätowierens
+bei allen Stämmen so tief Wurzel gefasst, dass man sie als einen
+Brauch ansehen muss, dem zwar keine religiöse Bedeutung zukommt,
+der aber mit dem Lebenslauf des Individuums eng verknüpft ist.
+
+Die Art der Tätowierung ist in Mittel-Borneo für die verschiedenen
+Stammgruppen, für die einzelnen Stämme und für Mann und Frau
+charakteristisch; auch sind die Anlässe, aus welchen tätowiert wird,
+bei beiden Geschlechtern verschieden. Bei den Männern kann man die
+Tätowierung im allgemeinen als einen Beweis betrachten, dass sie an
+gefahrvollen Unternehmungen teilgenommen haben, während sie bei den
+Frauen, beispielsweise bei denen der Long-Glat, die Einleitung einer
+neuen Lebensperiode bedeutet.
+
+Die Long-Glat beginnen damit, den Mädchen, sobald sie acht Jahre
+alt sind, auf den Rückseiten der Finger an verschiedenen Stellen
+kleine Figuren zu tätowieren; bei Eintritt der Menses wird die
+Rückseite der Finger vollständig tätowiert und im Lauf der folgenden
+Jahre wird fortgefahren, bis der ganze Handrücken bis zum Puls seine
+Verzierung erhalten hat; auf die gleiche Weise wird mit dem Fussrücken
+verfahren. Mit 18 bis 20 Jahren lassen sich die Frauen die Vorderseite
+der Schenkel und in späterem Alter, oder wenn sie mehrere Kinder
+gehabt haben, auch die Hinterseite der Schenkel tätowieren.
+
+Während die Männer die Tätowiermarter gern auf sich nehmen, um
+nachher als tapfere Männer gekennzeichnet zu sein, wird die Sitte des
+Tätowierens bei den Frauen durch den Glauben unterstützt, dass den
+vollständig tätowierten Frauen im Jenseits gestattet wird, im Flusse
+_Telang Djulan_ zu baden und dadurch in unmittelbare Nähe der Perlen
+zu gelangen, die sich auf seinem Grunde befinden; die unvollständig
+Tätowierten dagegen müssen am Ufer stehen bleiben und die gänzlich
+Untätowierten dürfen sich dem Flusse überhaupt nicht nähern. Dieser
+Glaube, den ich am oberen Mahakam und bei den Kenja angetroffen habe,
+erleichtert den Frauen die entsetzlichen Schmerzen, die ihnen der
+Prozess des Tätowierens verursacht.
+
+Zur Unterscheidung verwandter Stämme ist die Tätowierung der Frauen
+geeigneter als die der Männer, da diese sich auf ihren Reisen oft mit
+den charakteristischen Zeichen ihrer Gastherren schmücken, während die
+im Stamme bleibenden Frauen meist die ihm eigenen Muster tragen. Ein
+Eingeweihter kann an den Tätowierungen der Männer erkennen, welche
+Stämme sie besucht haben; weitgereiste Leute zeigen die Charakteristika
+der Stämme am Mahakam, Batang-Rèdjang, der Taman Dajak, Punan u.s.w.
+
+In Mittel-Borneo lassen sich hinsichtlich des Tätowierverfahrens
+und hinsichtlich der angewandten Muster drei Gruppen von Stämmen
+unterscheiden, die wahrscheinlich mit ihrer geschichtlichen Trennung
+in den letzten Jahrhunderten in Zusammenhang stehen.
+
+1. Gruppe der Bahau, Kenja und Punan.
+
+2. Gruppe der Bukat und Beketan.
+
+3. Gruppe der Stämme vom Barito und Melawi und der Ulu-Ajar vom Mandai.
+
+Die erste Gruppe trägt Tätowierungen, welche aus dunkelblauen Linien
+bestehen; die Frauen verzieren Unterarme, Hände, Schenkel und Füsse,
+die Männer Schultern, Arme und Brust. Der Daumen der linken Hand und
+die Schenkel dürfen nur bei sehr tapferen Männern tätowiert werden.
+
+Die Männer der zweiten Gruppe tätowieren den ganzen Körper vom
+Unterkiefer bis zu den Knöcheln mit grossen, dunkelblauen Flächen,
+aus denen die eigentlichen Figuren in der natürlichen Hautfarbe
+hervortreten.
+
+Hat sich ein Bukatjüngling auf einem Kriegszuge oder bei einer anderen
+Gelegenheit ausgezeichnet, so wird ihm zuerst auf die Brust eine
+dreieckige Fläche tätowiert, darnach werden die Schultern, der Nacken,
+die ganzen Arme, der Rücken und der Unterkiefer auf die gleiche Weise
+behandelt; später wird oben an den Waden noch eine viereckige Fläche
+angebracht. Nach weiteren Heldentaten dürfen sie sich, ausser an der
+Innenseite, das ganze Bein tätowieren lassen.
+
+Bei der dritten Gruppe beginnen die Männer damit, sich grössere oder
+kleinere Scheiben auf die Waden, unterhalb der Kniekehlen, tätowieren
+zu lassen; später werden, im Gegensatz zu den Kajan und Punan, die
+isolierte Figuren tragen, die Arme, der Rümpf und der Hals vollständig
+mit zusammenhängenden Figuren aus dunkelblauen Linien bedeckt. Die
+Frauen verzieren hauptsächlich die Kniee, Unterbeine und Hände.
+
+Die eben erwähnten drei Gruppen unterscheiden sich in Bezug auf
+die Ausführung der Tätowierung darin, dass die zweite und dritte
+aus freier Hand tätowiert, während die Künstlerinnen der ersten
+Gruppe die anzubringenden Figuren erst in Relief auf kleine Bretter
+(_klinge tedak_ = Tätowierbrettchen) schneiden lassen, diese mit Russ
+bestreichen, auf die Haut abdrücken und auf den erhaltenen Linien
+dann Damararuss unter die Haut treiben.
+
+Alle drei Gruppen tätowieren mit Russ, der eine Blaufärbung der Haut
+bewirkt, nur die dritte Gruppe gebraucht auch rote Farbe.
+
+Bei den beiden ersten Gruppen wird die Tätowierkunst von Frauen
+ausgeübt, bei der dritten von Männern. Doch hat die _adat_ unter den
+Bahau und Kenja den Tätowierkünstlerinnen, in gleicher Weise wie den
+Schmiede- und Schnitzkünstlern, durch verschiedene Verbotsbestimmungen
+Schranken gesetzt. Da jede Tätowierkünstlerin unter dem Schutze eines
+besonderen Geistes steht, muss sie ihrem Schutzpatron allerhand Opfer
+bringen. Sie darf z.B. verschiedene Arten Fische und Blätter nicht
+essen, auch muss sie für jeden neuen Klienten eine _mela_ veranstalten,
+bei der sie ihrem Geiste in ihrem Korbe mit Tätowiergerätschaften
+alte Perlen und _kawit_ anbietet.
+
+Solange die Künstlerinnen kleine Kinder haben, dürfen sie ihr
+Amt nicht ausüben. Den höchsten Lohn, einen Gong, dürfen sie erst
+nach 20 jähriger Amtstätigkeit fordern. Vor dieser Zeit müssen sie
+sich mit bescheideneren Löhnen, die in Perlen und Zeugen bestehen,
+begnügen. Sobald eine Künstlerin eine der genannten Vorschriften
+vernachlässigt, dunkeln ihre Linien nicht nach oder sie wird krank
+und stirbt.
+
+Der Tätowierberuf ist insofern erblich, als eine junge, Frau die
+beste Gelegenheit hat, die Kunst von einem älteren Familiengliede
+zu erlernen.
+
+Bisweilen bilden sich die Frauen, um von einer Krankheit zu genesen,
+zu Tätowierkünstlerinnen aus. Bleibt nämlich eine ärztliche Behandlung
+seitens einer Priesterin erfolglos, so rät man der Kranken, sich
+durch einen Schutzgeist vom _Abu Lagan_ zur Künstlerin inspirieren
+zu lassen, um gleichzeitig mit dessen Hilfe die verlorene Gesundheit
+wiederzufinden. Die Frauen können sich aus diesem Anlass nur zu
+Priesterinnen oder zu Tätowierkünstlerinnen, die Männer auch zu
+Schmieden und Hirschhornschnitzern beseelen lassen.
+
+So erlebte ich selbst, dass _Uniang Anja_, die zweite Frau von _Kwing
+Irang_, als sie von den Folgen eines Abortus nicht genesen konnte,
+sich von einer anderen Priesterin mit einem Geist der Tätowierkunst
+beseelen liess, nachdem sie früher bereits, für eine andere Krankheit,
+einen Geist der _dajung_ hatte herbeirufen lassen.
+
+Die Frauen der Bahau und Kenja dürfen sich nur zu bestimmten Zeiten
+tätowieren lassen, da für die Dauer der Tätowierperiode die ganze
+Familie Verbotsbestimmungen unterworfen ist. Meistens wird nach der
+Reissaat, in der Jäteperiode, tätowiert, da für dergleichen dann am
+meisten Zeit vorhanden ist.
+
+Bei den Kajan am Mendalam ist in der Saatzeit das Blutvergiessen
+verboten, daher auch das Tätowieren.
+
+Befindet sich eine Leiche im Hause, so muss das Tätowierverfahren
+bis nach dem Begräbnis verschoben werden.
+
+Zwei weitere Gründe, die eine schnelle und vollständige Ausführung der
+Tätowierung verhindern, bestehen, besonders bei den Mädchen, in der
+Furcht vor Schmerz und in dem Unvermögen, die für eine vollständige
+Tätowierung erforderliche Summe von 25-30 fl. aufzubringen. Die
+Prozedur wird ferner auch durch böse Träume, wie z.B. von Hochwasser,
+das starke Blutung bedeutet, aufgehalten oder vollständig unterbrochen,
+so dass man häufig unvollständig oder gar nicht tätowierten Frauen
+begegnet.
+
+Eine Frau der Long-Glat muss an jedem Tage, an dem sie tätowiert wird,
+als Zuspeise für die Künstlerin ein schwarzes Huhn schlachten. Für
+die Männer sind die erwähnten Hinderungsgründe von weit geringerer
+Bedeutung, da ihre Tätowierung eine viel unvollständigere ist.
+
+Bei den Kenja darf die Operation nicht im Hause, sondern nur in
+eigens zu diesem Zwecke erbauten Hütten stattfinden. Die männlichen
+Familienglieder müssen sich während der Tätowierperiode in Baumbast
+kleiden, auch müssen sie die ganze Zeit über im Hause anwesend
+sein. Befinden sich die Männer auf Reisen, so darf kein weibliches
+Familienglied tätowiert werden.
+
+Beim Kenjastamm der Uma-Tow darf nur dann tätowiert werden, wenn sich
+gleichzeitig auch die Tochter eines vornehmen Häuptlings behandeln
+lässt. Ist diese aber, etwa infolge eines Trauerfalls, verhindert,
+sich der Operation zu unterwerfen, so dürfen sich die Mädchen des
+ganzen Stammes nicht tätowieren lassen.
+
+Die Ulu-Ajar Dajak benützen zum Tätowieren ein Instrument, das aus
+einer 10 cm langen und 1 cm breiten Kupferplatte besteht, die vorn
+rechtwinklig gebogen in einen scharfen Zahn endigt. Der Zahn wird
+in die nicht gespannte Haut getrieben, indem man mit einem kleinen
+Holzstück leicht auf die Kupferplatte klopft.
+
+Die Bahau- und Kenjafrauen tätowieren mit einem rechteckig gebogenen
+Holzstück (_ulang brang)_, in welches 2 bis 3 kupferne Nadeln mittelst
+Guttapercha befestigt sind (Siehe Tafel: Pfeilköcher, Giftbrett
+u.s.w. Fig. u). Sowohl dieser Nadelhalter als auch der mit Baumwolle
+umwundene hölzerne Klopfer (_tukul ulang_, Fig. v) sind oft mit schönen
+Schnitzereien verziert. Die Künstlerin verfährt folgendermassen:
+Nachdem sie die Tätowiermuster mit dem gebräuchlichen Färbemittel,
+einem Gemenge von Wasser und Russ des weissen Damaraharzes, auf
+die Haut gedrückt hat, taucht sie die Nadeln in ein Gefäss (_bungan
+tedak_, Fig. t) mit derselben Flüssigkeit und treibt mit diesen Nadeln
+die Kohlenteilchen unter die Haut, indem sie mit dem Klopfer auf den
+Nadelhalter schlägt. Dieser ruht, um besser regiert werden zu können,
+mit dem Stiel auf einem Kissen. Die Operation veranlasst anfangs eine
+unbedeutende Blutung, nur da, wo dickere Linien ein wiederholtes
+Eindringen der Nadeln erfordern, mischen sich einige Blutstropfen
+mit dem überschüssigen Färbemittel und werden von einer Gehilfin
+entfernt. Die Patientin sitzt oder liegt während der Operation am
+Boden, die Künstlerin und deren Assistentin nehmen einander gegenüber,
+zu beiden Seiten des zu bearbeitenden Teiles, Platz und halten mit
+den Zehen die Haut gespannt (Siehe nebenst. Tafel).
+
+Werden empfindliche Körperteile tätowiert, so krümmen sich die
+Mädchen vor Schmerz und weinen; oft haben sie auch später noch viel
+durch eine hinzugetretene Entzündung zu leiden. Eine vollständige
+Schenkeltätowierung kann am Mendalam in drei Tagen beendet werden;
+der zweite Schenkel wird erst, nachdem der erste geheilt ist,
+vorgenommen. Die Gliedmassen werden in folgender Reihenfolge tätowiert:
+Hand, Fuss, Unterarm und Schenkel. Der ganze Prozess dauert unter
+Umständen zwei Jahre.
+
+Obgleich die Kajan viel geschickter und mit geringerem Blutverlust als
+die Ulu-Ajar Dajak tätowieren, tritt an den operierten Stellen doch
+stets eine kleinere oder grössere Schwellung auf; häufig auch eine
+ernsthafte Entzündung. Verschwindet diese bald, so erhält man später
+dunkle, scharfe Linien, tritt dagegen eine Ulzeration mit starker
+Narbenbildung auf, so verliert die Zeichnung viel an Deutlichkeit
+und verschwindet sogar, wenn ein Keloid entsteht, vollständig,
+denn das Keloid verdeckt die Figur und die Ulzeration verursacht ein
+Ausstossen der Kohlenteilchen. Nachdem die Entzündung und eventuell
+die Ulzeration geschwunden sind, werden die dunklen Linien der Figuren
+durch das junge Narbengewebe verdeckt und erscheinen dadurch blass,
+ausserdem tritt dieses aus der Umgebung reliefartig hervor. Nach
+dem Einschrumpfen des Narbengewebes werden die Farben wieder gut
+sichtbar. Dank dem sorgfältigen Verfahren der Kajan bemerkt man auch
+auf stark tätowierten Schenkeln und Armen nur wenig Narbengewebe. Haben
+die Figuren dennoch zu stark durch die Entzündung gelitten, so lassen
+manche sie durch die Künstlerin überarbeiten.
+
+An die reiche Tätowierung der Frauen knüpft sich der Glaube, dass man
+einst nach ihrem Tode ihre Knochen an der Imprägnierung mit schwarzen
+Kohlenteilchen wird unterscheiden können. Am Mahakam, ursprünglich
+wohl auch am Mendalam, herrscht nämlich zum Teil noch die Sitte, dass
+die Knochen der Verstorbenen nach einigen Jahren von ihren Angehörigen
+gesammelt und in einer Urne in Grabhöhlen niedergelegt werden.
+
+Die Tätowierungen sind nicht nur für die verschiedenen Stämme,
+sondern auch für die verschiedenen Stände innerhalb eines Stammes
+charakteristisch. Übrigens ist die Sitte des Tätowierens, wie jede
+andere Mode, der Veränderung unterworfen und zwar hauptsächlich
+deswegen, weil auch bei den Bahau die Niederen mit den Höheren
+zu wetteifern streben und die Tätowierung der Häuptlinge erst
+von den Freien und dann von den Sklaven nachgeahmt wird. Derartige
+Nachahmungen finden auch unter den Stämmen statt; so haben die früher
+mächtigen Long-Glat ihre Tätowiermethode bei den anderen Mahakamstämmen
+eingeführt. In den 30-40 letzten Jahren ist sowohl am Kapuas als am
+Mahakam bei den niederen Ständen die alte Art der Tätowierung durch
+die neue verdrängt worden.
+
+In früheren Jahren trugen am Mendalam, wie _Akam Igau_ sich noch
+erinnerte, nur die Häuptlingsfrauen Schenkelverzierungen; bei
+den gewöhnlichen Frauen war damals nur eine gleichmässig schwarze
+Bedeckung der Unterschenkel und Füsse gebräuchlich, wobei nur einige
+schmale Linien von natürlicher Hautfarbe als Umgrenzung rautenförmiger
+Flächen freigelassen wurden. Man bezeichnet diese Art der Tätowierung
+als _tedak danau_ = Seeentätowierung. Ich sah nur noch ein sehr altes
+Mütterchen auf diese Weise verziert.
+
+Nach Auffassung der Kajan ist die Tätowierkunst auch den Tieren
+nicht ganz unbekannt, denn es beschlossen einst die Krähe von Borneo
+und der Argusfasan, sich gegenseitig ihr früher sehr schlichtes
+Gefieder zu verzieren. Die kluge Krähe, die sich sehr gut auf das
+Tätowieren verstand, machte sich sogleich ernsthaft ans Merk und es
+gelang ihr auch nach angestrengter Arbeit, ihren Freund prachtvoll zu
+schmücken. Darauf bemühte sich der Argusfasan, der Krähe den gleichen
+Dienst zu erweisen. Der Fasan ist aber ein dummer Vogel, auch merkte er
+bald, dass er der Arbeit nicht gewachsen war, daher nahm er die ganze
+schwarze Farbe und verteilte sie gleichmässig auf das Gefieder seines
+Freundes; seit der Zeit tragen sie beide ein so verschiedenes Gewand.
+
+
+
+Bei sämtlichen Bahau am Mendalam trifft man die gleiche Art der
+Tätowierung. Die Männer schmücken sich der Reihe nach Schultern, Brust,
+Ober- und Unterarm mit Rosetten und stilisierten Hundeköpfen. Die
+Schulterrosette erhält der junge Mann, bevor er noch an einem grossen
+Handelszuge oder an einer Kopfjagd teilgenommen hat, für die übrigen
+Verzierungen wird aber eine derartige Gelegenheit abgewartet und, da
+die Tätowierungen in der Regel während des Zuges ausgeführt werden,
+wählt man für sie die typischen Muster der besuchten Stämme. Dieser
+Brauch wird aber nicht streng eingehalten; will ein junger Mann sich
+auch ohne Verdienste, aus Eitelkeit, tätowieren lassen, so steht ihm
+nichts im Wege.
+
+Die Häuptlinge lassen sich viel weniger und seltener als die freien
+Kajan und Sklaven tätowieren; sie tragen selten mehr als eine
+Schulterrosette.
+
+Die Tätowierung des linken Daumens und eine Schenkelverzierung werden
+den sehr tapferen Männern vorbehalten; am Mendalam war niemand
+vorhanden, der letztere besass, und eine Tätowierung des linken
+Daumens trug nur _Akam Lasa_, der Häuptling der Ma-Suling. Dass einige
+vielgereiste Männer, wie _Akam Igau_, keine Tätowierungen besitzen,
+ist dem Einfluss der Malaien zuzuschreiben, der am Mendalam bereits so
+bedeutend ist, dass, wie früher erwähnt, _Akam Igau_ seinem ältesten
+Sohne in Bunut eine malaiische Erziehung hatte geben lassen.
+
+Auch die Männer werden von Frauen tätowiert. Tandjong Karang besass
+zwei sehr gute Tätowierkünstlerinnen. Eine andre, _Unjang Pon_,
+war 1894 von Lulu Njiwung am Mahakam nach dem Mendalam gereist. Da
+sie schöne _klinge tedak_ im Mahakamstil besass, liessen sich viele
+junge Leute von ihr tätowieren.
+
+Die Tätowiermuster werden von den jungen Leuten selbst oder von deren
+Freunden verfertigt; die Muster der Künstlerin entsprechen nur selten
+vollständig dem Geschmack des Publikums. Wie bereits gesagt, werden
+die Muster auf kleinen Brettern in Relief geschnitten, eine Arbeit,
+die ausschliesslich Sache der Männer ist (Siehe Tafel: Tätowierung
+A. Fig. a-n). Nur selten werden die Figuren à jour geschnitten
+(Fig. o und p). Fig. a stellt eine einfache Schulterrosette vor;
+bei der Schulterverzierung b kommt die Rosettenform nur in der Mitte
+zum Ausdruck.
+
+Betrachten wir, um die Motive der Muster besser zu verstehen, zuerst
+Fig. d und e, die, gleich b, c und f, "_aso_" genannt werden. _Aso_
+bedeutet Hund. In den betreffenden Figuren ist der Kopf des Tieres
+in zierliche Arabesken verwandelt worden. Bei diesen Stilisierungen
+bleiben das Auge, die beiden Kiefer und zwischen diesen öfters die
+Zunge am längsten erhalten. Die Kiefer lassen sich häufig an den Zähnen
+erkennen (Fig. e, 2 und 3 und Fig. f, bei 2, nicht mehr bei d). In d
+stellt 1 das Auge in der gewöhnlichen, mehr oder weniger verzierten,
+runden Form dar. Den runden Fleck in der Mitte könnte man als Pupille
+auffassen. Das Auge ist mit verschiedenen Verzierungen umgeben,
+von denen die Kiefer 2 und 3 und die kleine Zunge 4 charakteristisch
+sind. Kiefer 2 verläuft in zierlichen Windungen, während Kiefer 3 in
+einen schlichten Bogen endet. In etwas veränderter Form findet man
+das Auge, die Kiefer und die Zunge in den Figuren b, c, o und p wieder.
+
+In Fig. c geht die Phantasie des Künstlers noch einen Schritt weiter;
+die Figur ist hier aus der Vereinigung zweier Köpfe entstanden,
+von denen an der einen Seite die zwei Kiefer 2 und 4 und die
+Zunge 1, an der anderen die Kiefer 3 und 6 und die Zunge 7 noch zu
+erkennen sind. Bemerkenswert ist das Verbindungsstück 5, weil es das
+gemeinschaftliche Auge beider Köpfe darstellt. Wie an einem anderen
+Ort gezeigt werden soll, dient in der Ornamentik der Bahau das Auge,
+da es am strengsten bewahrt wird, als bestes Kennzeichen für ein
+Kopfmotiv; daher ist es ratsam, das Auge bei der Zergliederung der
+Motive als Ausgangspunkt zu wählen. Die Schulterrosette a lässt sich
+somit der Reihe nach von den stilisierten Hundeköpfen e, bei dem noch
+Kiefer und Zähne vorhanden sind, und von d, mit den zahnlosen Kiefern,
+ableiten. Fig. b stellt eine Vereinfachung von Fig. c dar. In b sind
+die Kieferpaare noch angedeutet, aber das Auge tritt bereits in den
+Vordergrund und wird in a zu einem selbständigen Motiv.
+
+Die Tätowiermuster Fig. o und p wurden für mich von einem
+Schnitzkünstler in Tandjong Karang geschnitten, um mich einige hübsche
+Stücke eigener Erfindung sehen zu lassen. Ihrer Grösse wegen sind
+sie mehr für eine Brust- als für eine Armverzierung geeignet, obwohl
+Armfiguren gelegentlich auch auf der Brust, auf dem Pectoralis major,
+angebracht werden.
+
+Für die Schenkeltätowierung der Männer fand ich am Mendalam nur
+ein einziges Motiv, nämlich das eines Hundes mit schlangenartigem
+Körper (Fig. f), bei dem die Beinpaare andeuten, dass es sich um
+ein vierfüssiges Tier und nicht um eine Naga oder eine Schlange,
+wie man beim ersten Blick denken könnte, handelt. Das Hundemotiv ist
+bemerkenswerter Weise überhaupt das einzige, mit dem sich die Männer
+der Mendalam Kajan und der Bahau im allgemeinen tätowieren.
+
+Die Tätowierung der Frauen ist bei den Mendalamstämmen weit höher
+entwickelt als die der Männer.
+
+Vor 30 bis 40 Jahren bestand die Tätowierung der Frauen, wie oben
+bereits gesagt ist, in einer einfachen Seeentätowierung (_tedak
+danau_), bei der das Unterbein von der halben Kniescheibe bis zur
+Fusswurzel einförmig dunkelblau tätowiert wurde. Die blaue Fläche wurde
+durch 4 Längs- und 2 Querlinien in 12 Vierecke zerlegt. Diese Linien,
+die 6 mm breit waren, wurden durch nicht tätowierte Stellen gebildet
+und zeigten daher die natürliche Hautfarbe. Von den Linien liefen
+zwei seitlich, parallel dem Schienbein und zwei zu beiden Seiten
+der Waden, in ungefähr gleichen Abständen von einander. Die beiden
+Horizontallinien verteilten diese Flächen je in drei Bleichhohe
+Vierecke. Auf die gleiche Weise wurden die Unterarme vom Ellbogen
+bis zum Puls verziert.
+
+Ob diese Tätowiermethode damals auch bei den Häuptlingsfrauen
+gebräuchlich war, konnte ich nicht feststellen, ich halte es aber für
+wahrscheinlich, da sie damals überall, auch bei den Mahakamstämmen,
+verbreitet war.
+
+Seit geraumer Zeit ist aber bei den Frauen der Häuptlinge
+eine andere Art der Tätowierung im Schwange, bei der Unterarme,
+Handrücken, Schenkel und Fussrücken mit sehr komplizierten und schön
+ausgearbeiteten Figuren verziert werden. Die übrigen Frauen ahmten
+diese Methode nach, so dass das _danau_-Muster allmählich verschwunden
+ist und augenblicklich alle Frauen, von der Häuptlingstochter bis
+zur niedersten Sklavin, nach der neuen Mode tätowiert sind. Die
+Tätowierungen der angesehenen Frauen unterscheiden sich von denen der
+gewöhnlichen Frauen zwar nicht durch die Zeichenmotive, aber durch
+die Art der Bearbeitung und durch die Anzahl der Grenzlinien, welche
+diese Motive trennen und zugleich zu ihrer Zusammenstellung dienen. Je
+grösser nämlich die Zahl dieser Grenzlinien, desto höher ist der Rang
+ihrer Besitzerin. So gehört die auf Tafel: Tätowierung B. abgebildete
+Schenkeltätowierung, der als Hauptmotiv ein Menschenkopf (_kohong
+kelunan_) zu Grunde liegt, einer _panjin_ (Freien), weil die Köpfe nur
+von 4 Grenzlinien (g) umgeben sind; dagegen ist die Schenkeltätowierung
+auf Tafel: Tätowierung C., die einer Häuptlingsfrau, weil das Kopfmotiv
+6 Grenzlinien (g) besitzt. Das Gleiche gilt für die Zahl der Linien
+in dem Motiv "_pusung_" der Armtätowierungen (Tafel: Tätowierung
+D. Fig. a und b). Sklavinnen dürfen diese Figuren nur mit drei Linien
+begrenzen. Ausserdem sind die Muster bei den Wohlhabenderen besser
+ausgearbeitet, weil sie geschicktere Tätowierkünstlerinnen und schönere
+_klinge tedak_ bezahlen können.
+
+Die Schenkeltätowierung der Frauen wird mit zweierlei _klinge tedak_
+zusammengesetzt, erstens mit einem viereckigen, einen Menschenkopf
+darstellenden Muster, das man für die obere Reihe, die Vorderseite
+und die Hinterseite unten verwendet, indem man sie neben einander
+auf die Haut abdrückt (Siehe Tafel: Tätowierung B.). Das zweite, für
+die Hinterseite bestimmte Motiv, _ketong pat_ genannt, ist mit einem
+anderen _klinge_, das vier verschlungene Linien darstellt, ausgeführt.
+
+Alles übrige tätowiert die Tätowierkünstlerin aus freier Hand, ohne
+vorher etwas auf die Haut zu zeichnen. Auf diese Weise wird auch das
+ganze schöne Kniestück tätowiert.
+
+Als Beispiel für eine Schenkeltätowierung einer angesehenen Frau
+möge die von _Tipong Igau_, der ältesten Tochter _Akam Igaus_,
+dienen, welche mit dem _klinge tedak_ Fig. n (Tafel: Tätowierung
+A.) und einem zierlichen _ketong pat_ zusammengestellt ist (Tafel:
+Tätowierung C.). Das hier gebrauchte _klinge tedak_ stellt, wie gesagt,
+einen Menschenkopf (_kohong kelunan_) dar, der von 6 Grenzlinien
+eingeschlossen ist.
+
+Der stilisierte Menschenkopf ist das einzige Motiv, das am Mendalam für
+ein _klinge_ der Vorderseite des Schenkels benützt wird. Oft bleiben
+von dem Kopf nicht viel mehr als zwei Augen und eine Andeutung von
+Nase und Mund übrig, doch wird er stets weiter als _kohong kelunan_
+bezeichnet. Nur _Paja_, _Akam Igaus_ zweite Tochter, war sehr stolz
+darauf, dass ihre Beine mit einem _usung tingang_ (Schnabel resp. Kopf
+des Nashornvogels) geschmückt waren. Der Vater hatte ihr dieses Muster
+von den Long-Glat am Mahakam mitgebracht.
+
+Ebenfalls dem Tierreich entlehnt sind die wellenförmigen Grenzlinien
+der Schenkeltätowierungen, die als _iko_, Schwanzlinien, bezeichnet
+werden und die Zickzacklinien im Kniestück, die _kalong njipa_,
+Schlangenmuster, genannt werden.
+
+Um die Knöchel tragen die Frauen der Mendalamstämme ein ungefähr 7 cm
+breites Band, das entweder, nach Art der _tedak danau_, einheitlich
+ist, oder aus parallelen, bis 3 mm dicken Linien besteht, die mit
+gleich breiten Streifen von der natürlichen Hautfarbe abwechseln.
+
+Ferner sind der Fussrücken (Tafel: Tätowierung D. Fig. c) und die Zehen
+mit fünf, der Zahl der Zehen entsprechenden Längsstreifen tätowiert,
+die wiederum durch zwei Querstreifen von der natürlichen Hautfarbe in
+ungleichen Abständen unterbrochen werden. Zur Fusswurzel hin sind die
+Streifen am breitesten, zu den Zehen hin verschmälern sie sich. Bei
+weitaus den meisten Frauen werden diese Streifen gleichmässig blau
+tätowiert. Einige Häuptlingstöchter versuchen zwar auch hier schöne
+Figuren anbringen zu lassen, was allenfalls auf dem Fussrücken glückt,
+aber die dünne Haut der Zehen entzündet sich so leicht, dass von einem
+Muster meist nicht viel zu sehen ist. Die Fusstätowierung wird meist
+ohne _klinge tedak_, aus freier Hand, ausgeführt. Fig. c zeigt die
+Fusstätowierung von _Tipong Igau_, die mit den _klinge tedak_ k, l,
+m auf Tafel: Tätowierung A., ausgeführt worden ist.
+
+Auch die Tätowierungen auf Unterarm, Handrücken und Finger werden für
+gewöhnlich von geübten Künstlerinnen ohne _klinge_ ausgeführt, da ihre
+Zusammenstellung eine sehr einfache ist (Tafel: Tätowierung D.). Wie
+aus Fig. b ersichtlich, werden neben Tiermotiven, wie Eulenaugen
+(_manok wak_) und Schwänzen (_iko_), für diese Tätowierungen auch
+Himmelskörper, wie der Mond (_beliling bulan)_, und Gegenstände aus
+dem täglichen Leben, wie Haken (_krawit_) und Bootsspitzen (_dolong
+harok)_, verwendet, diese kehren mit einigen Variationen in den
+verschiedenen Armmustern wieder.
+
+Die Armtätowierug Fig. b ist die einer gewöhnlichen Kajanfrau. Fig. a
+stellt wiederum die Armtätowierung der Häuptlingstochter _Tipong
+Igau_ dar; die Muster sind hier schöner entworfen und sorgfältiger
+ausgearbeitet; im übrigen sind die Motive hier die gleichen wie bei
+b. Die Eulenaugen (_manok wak_) befinden sich bei b in den Dreiecken,
+welche die Bootsspitzen (_dolong harok_) vorstellen. Vergleicht
+man diese Figur mit a, so sieht man, dass der Schnitzkünstler
+die Eulenaugen hier mit der innersten Grenzlinie der Bootsspitze
+verbunden hat, wodurch eine Scheibe, an die sich ein Bogen anschliesst,
+entstanden ist. Dieses Motiv wiederholt sich in vielen geschmackvollen
+Variationen in _Tipong Igau_s Tätowierung. Die _klinge tedak_, mit
+denen dieses Muster zusammengestellt worden ist, sind auf Tafel:
+Tätowierung A. in Fig. g, h und i abgebildet.
+
+
+
+Vor noch nicht allzu langer Zeit verteilte sich. die Sitte des
+Tätowierens bei den Mahakamstämmen derart, dass die Pnihing gar nicht
+oder wenig tätowierten, die Bahaustämme, ausgenommen die Long-Glat,
+die Seeen-Tätowierung gebrauchten und bei den Long-Glat, sowie bei
+den Stämmen am mittleren Mahakam, besonders von den Frauen, sehr
+komplizierte Muster angewandt wurden.
+
+Jetzt hat die Sitte des Tätowierens auch bei den Pnihing Eingang
+gefunden. Ihre Männer verzieren sich, wenn auch spärlich, mit den
+Mustern der Mendalambewohner. Ihre Frauen lassen sich eigentümlicher
+Weise nicht nach Art der anderen Bahaufrauen taitowieren, sondern
+bringen ganz unsystematisch auf Armen und Beinen Stilisierengen
+des _aso_ an, mit denen sich bei den übrigen Stämmen nur die Männer
+schmücken.
+
+Bei den Kajan und den übrigen Bahaustämmen am Mahakam tätowieren sich
+die Männer jetzt in gleicher Weise wie die Kajan am Mendalam, nur
+die Tätowierung der Frauen weicht gänzlich von der ihrer Schwestern
+am Mendalam ab und steht völlig unter dem Einfluss der Long-Glat.
+
+Bevor die Frauen die Long-Glat-Tätowierung annahmen, trugen sie eine
+charakteristische Figur auf dem Handrücken; ich fand sie nur noch
+bei wenigen.
+
+Dass die Tätowierung der Long-Glat sich erst vor kurzem bei den
+Kajan eingebürgert hat, geht auch daraus hervor, dass die Frauen
+ihre _klinge tedak_ noch stets von den Long-Glat beziehen, obgleich
+die Männer ihres Stammes sie sehr gut selbst schnitzen können. Die
+Busang sprechenden Stämme, die, ausser den Ma-Suling, den Long-Glat
+direkt unterworfen sind, nehmen auch noch gegenwärtig in höherem oder
+geringerem Masse die Tätowiermotive dieses Stammes an, nachdem sie
+ihre frühere _danau_-Tätowierung aufgegeben haben. Die Hauptstämme,
+wie die Ma-Suling und Ma-Tuwan, ahmen die Long-Glat vollständig nach,
+andere gebrauchen zwar die _klinge tedak_ der Long-Glat, tätowieren
+sich aber nach Art der Kajanfrauen, z.B. die Batu-Pala und noch
+einige andere, die bereits seit länger als einem Jahrhundert mit den
+Long-Glat zusammenwohnen.
+
+Unter den Long-Glat findet man also die am Mahakam vorherrschende
+Tätowiermethode, der, mit geringen Abweichungen, auch alle Bahaustämme
+unterhalb der Wasserfälle folgen. Bei dieser Tätowierung wird der
+Schenkel, der Knöchel, der Fussrücken und die Rückseite von Puls,
+Hand und Fingern verziert. Verschiedenheiten bestehen nur in der
+Reihenfolge, in welcher die Figuren angebracht werden, und bei
+denen der Uma-Luhat in Udju Halang z.B. auch in der Anordnung der
+Schenkeltätowierung. Wenn der Umfang, in dem die Verzierungen bei den
+Frauen am Mahakam angebracht werden, auch mit dem der Kajanfrauen
+am Mendalam übereinstimmt, so sind doch die Motive, welche den
+Tätowiermustern am Mahakam zu Grunde liegen, viel zahlreicher und
+verschiedener, auch bieten sie in Bezug auf Geschmack und Kunstsinn
+das schönste, was die Bahau zu leisten vermögen.
+
+Das Hauptgewicht wird bei den Frauen der Long-Glat und bei denen der
+weiter unten wohnenden Stämme auf eine geschmackvolle und sorgfältige
+Ausarbeitung der Schenkeltätowierung gelegt. Wie aus nebenstehende
+Abbildung (Tafel: Tätowierung E.) ersichtlich, bestehen diese Muster
+aus drei verschiedenen Teilen, einem Mittelstück, das durch eine
+Art _klinge, kalong usung tinggang_ (Schnabel des Nashornvogels)
+genannt, zusammengestellt wird, zwei gleichen Seitenstücken, für die
+stets als Motiv stilisierte Flugfedern des Argusfasans (_kerip kwe_)
+verwendet werden, und einem weiteren Hinterstück links, das aus 1
+bis 2 Teilen bestehen kann. Dieses letzte Stück, das nach hinten
+den Abschluss bildet, entlehnt sein Motiv der Zeichnung auf einem
+Prunkgrab (_song_) und wird _kalong song sepit_ genannt (_sepit_ =
+Hinterseite der Tätowierung).
+
+Das Mittelstück der Schenkeltätowierung lässt das Knie der
+Long-Glat-Frauen unbedeckt und weicht hierin von demjenigen der Frauen
+in Udju Halang ab, bei denen die Tätowierung bis zur halben Kniescheibe
+herabreicht. Bei diesen Frauen werden die Figuren unten auch nicht,
+wie bei denen der Long-Glat, durch Linien begrenzt. Während bei den
+Long-Glat die _klinge tedak_, oder wie sie sie nennen, die _terong
+betik_, in wechselnder Richtung angebracht werden, richten die
+Frauen der Uma-Luhat die Figuren stets mit den Tierköpfen nach unten,
+ausserdem ist bei ihnen die Tätowierung an der Aussenseite des Beines
+um eine Figurenreihe höher. Die Long-Glat beginnen mit der Ausführung
+der Tätowierung an der Vorderseite, die Uma-Luhat an der Hinterseite
+des Beines.
+
+Auf den ersten Blick tragen die Muster bei beiden Stämmen den gleichen
+Charakter; die Mittelstücke bestehen beinahe stets aus Bögen,
+deren abgewandte Enden in mehr oder weniger deutliche Tierköpfe
+auslaufen. Diese stellen entweder den Kopf des Nashornvogels oder,
+wenn Zähne vorhanden sind, den einer Naga dar. Die Zwischenräume werden
+mit zierlichen Arabesken ausgefüllt. In diesen Füllfiguren sind die
+Motive, denen sie ihr Entstehen verdanken, oft sehr schwer zu erkennen;
+bisweilen treten aber auch hier deutliche Tierfiguren zu Tage. So sind
+z.B. auf Tafel: Tätowierung F. für die innere Verzierung des _terong
+betik_ der Long-Glat (Fig. a), bei dem eine doppelte, gleichmässige
+Nagafigur das Hauptmotiv bildet, zwei Nagaköpfe gebraucht, die sich in
+der Mitte vereinigen, nur ein Auge besitzen und noch rechts und links
+zwischen den aufgesperrten Kiefern eine Zunge hervorstrecken. Die
+Oberkiefer besitzen noch eine Reihe Zähne, die aber nicht mehr mit
+ihnen in Verbindung stehen. Sowohl die Ober- als die Unterkiefer
+verlaufen in zierlichen Bögen, die sich mit anderen vereinigen. Die
+unteren Nagaköpfe haben zu beiden Seiten die Augen eingebüsst, ein
+seltener Fall; die beiden Kiefer tragen aber noch Zähne.
+
+Vergleicht man die Mittelfigur von a mit der von b, so sieht man,
+dass diese sich von jener ohne viele Übergänge ableiten lässt, während
+aber das ursprüngliche Kopfmotiv in a noch deutlich erkennbar ist,
+ist e an und für sich nicht verständlich.
+
+Die Motive, welche den Tätowierungen der Frauen zu Grunde liegen,
+sind in allen Ständen die gleichen, nur sind auch bei diesen
+Stämmen der Entwurf und die Ausführung bei Häuptlingsfrauen besser
+als bei Sklavinnen, auch sind die Figuren bei jenen oft grösser
+(Tafel: Tätowierung G., Fig. d, Tätowiermuster einer Sklavin; Tafel:
+Tätowierung H., Fig. e und f, Tätowiermuster angesehener Frauen). Die
+Anzahl Reihen zur Füllung der Vorderseite ist bei den Sklavinnen
+dementsprechend grösser.
+
+Alle diese Figuren werden mit zwei _terong betik_, einer rechten und
+einer linken Hälfte, auf das Bein abgedrückt. Einfachere Figuren,
+die vom Schnitzkünstler weniger sorgfältig bearbeitet worden sind,
+zeigen bisweilen asymmetrische Hälften. Von den Figuren a und b
+wollte man mir nur eine Hälfte verkaufen, daher sind die Figuren bei
+der Konstruktion symmetrisch geworden; dagegen sind d, e und f mehr
+oder weniger asymmetrisch.
+
+Völlig abweichend ist die alte Form der Uma-Luhat (Fig. c), die
+ebenfalls für das Mittelfeld der Schenkeltätowierung benützt wird In
+den 4 Ecken finden wir je den stilisierten Kopf eines Nashornvogels.
+
+Berücksichtigt man, dass es mir nur ab und zu glückte, das
+Tätowiermuster einer Frau käuflich zu erwerben, und dass ich
+durchaus nicht immer das Schönste erlangen konnte, so kann man sich
+den Formenreichtum denken, der diesen Stämmen zur Verzierung einer
+viereckigen Fläche, auf der als Motiv nur ein Bogen angegeben ist,
+zu Gebote steht. Der den unentwickelteren Völkern so häufig gemachte
+Vorwurf, dass ihre Kunst von Armut zeuge, trifft für die Bahau in
+diesem Fall nicht zu.
+
+Das Gleiche gilt auch für die Seitenstücke, die rechts und links
+vom Mittelfelde angebracht werden und die stets Stilisierungen von
+Federn des Argusfasans vorstellen. Die Long-Glat bezeichnen sie als
+"_kenjuj jauk du_". Auch hier habe ich das kaufen müssen, was man
+mir gerade abtreten wollte. So ist von den Mustern, die ich erhielt,
+nur dasjenige für die Schenkeltätowierung der Long-Glat vollständig;
+dagegen fehlen bei den fünf (Tafel: Tätowierung I.) abgebildeten
+Mustern bei a und b das obere Ende, während c, d und e nur kleine
+Stücke des Ganzen vorstellen.
+
+Alle diese Muster haben die schönen Augen auf den langen Flugfedern
+(_kerip_) des Argusfasans (_kwe_) zum Motiv und es spricht für die
+Phantasie der Bahau, dass sie die auch im übrigen schöne Zeichnung
+auf der Feder nicht ohne weiteres übernommen, sondern sie durch eigene
+Erfindungen ersetzt haben.
+
+Die Entwürfe beweisen, dass die betreffenden Künstler nicht an
+Gedankenarmut gelitten haben, denn betrachtet man ein Muster von oben
+nach unten, so sieht man, dass das Motiv an verschiedenen Stellen
+verschieden behandelt worden ist. Dass die Figuren nicht immer
+symmetrisch sind, muss einer nachlässigen Bearbeitung zugeschrieben
+werden, da die wirklich guten Schnitzkünstler stets auf Symmetrie
+achten.
+
+Als Schlussstück zwischen den beiden stilisierten Federn auf der
+Hinterseite der Schenkel gebraucht man ein _terong betik_, zwischen
+dessen beiden Hälften die Frauen der Uma-Luhat einen 1 cm breiten
+Raum lassen. Auch bei den Long-Glat besteht dieses Schlussstück aus
+zwei Teilen, aber nicht ausnahmslos, wie aus dem sehr schönen Beispiel
+eines _song sepit_ auf Tafel: Tätowierung J, Fig. e zu ersehen ist.
+
+Die verschiedenen Arten _song sepit_, vom einfachsten bis zum
+kompliziertesten, sind auf der gleichen Tafel in Figur a, b, c, d
+neben einander abgebildet. Das _song sepit_, das für die abgebildete
+Schenkeltätowierung einer Long-Glat verwendet worden ist, stellt
+sich der Fig. e würdig zur Seite. Obgleich diese Figur asymmetrisch
+ist, da die eine Hälfte breiter als die andere, hat der Künstler den
+langen, schmalen Raum doch mit bewundernswerter Geschicklichkeit zu
+füllen verstanden.
+
+Zu dem Reichtum von Fig. e stehen die schlichten, strengen Formen
+von d in scharfem Gegensatz. Hier ist die Symmetrie viel besser
+durchgeführt. Am Holzmodell ist auch deutlich zu sehen, dass es von
+einem geübten Künstler herrührt; denn das Relief ist besonders scharf
+und tief ausgeschnitten.
+
+Da alle abgebildeten Figuren _song sepit_ vorstellen, ist es
+begreiflich, dass die Hauptlinien den gleichen Charakter tragen,
+doch machen sich bei ihnen, wie bei den Stilisierungen der Feder des
+Argusfasans, individuelle Verschiedenheiten geltend.
+
+Für die Knöchel gebrauchen die Long-Glat u.a. stets ein Band, das aus
+sechzehn 3 mm breiten Linien, welche mit ebenso vielen Streifen von
+der natürlichen Hautfarbe abwechseln, besteht. Das Band wird _tedak
+aking_ genannt.
+
+Die Füsse werden bei den Frauen dieser Stämme nach Art der Mendalam
+Kajan tätowiert; nur werden die Streifen stets ganz gefüllt; besondere
+Figuren werden nicht angebracht.
+
+Für die Tätowierung der Rückseite von Puls und Hand verwenden die
+Frauen der Long-Glat zwei verschiedene _terong betik_, die durch 4
+gerade Linien getrennt werden. Die oberste Figur wird auf die Rückseite
+von Unterarm und Puls, die folgende auf die Mittelhand tätowiert. Zu
+den Fingern hin folgen wieder 4 gerade Linien und auf den Gelenken
+zwischen den Knochen der Mittelhand und der ersten Fingerglieder wird
+eine Reihe Dreiecke angebracht. Das erste Viereck liegt auf dem ersten
+Fingerglied, das zweite auf dem zweiten; das Nagelglied bleibt frei,
+nur das Nagelglied des Daumens erhält einen Fleck.
+
+Als Beispiel für Handtätowierungen der Long-Glat mögen die beiden
+Figuren a und b auf Tafel: Tätowierung K. gelten. Die zwei _klinge
+tedak_ von Fig. a stammen aus Long Tepai; das Muster wird _betik kule_,
+Panthermuster, genannt, weil es das gefleckte Fell eines Panthers
+nachahmen soll. Dies ist ein seltener Fall, da gewöhnlich nur die
+Köpfe der Tiere als Motive verwendet werden. Die schwarzen Flecken
+auf dem Fell des Borneoschen Panthers sind besonders bei der obersten
+Figur gut getroffen und geschmackvoll stilisiert, in der untersten
+Figur treten sie weniger deutlich hervor.
+
+Fig. b trägt einen anderen Charakter. Hier ist nur in dem unteren
+Teil ein Tierornament zu erkennen und zwar in den symmetrisch
+angebrachten Köpfen des Nashornvogels, die nur aus Auge, Schnabel
+und Horn bestehen. Die oberste Verzierung von b, in welcher ein Motiv
+kaum zu erkennen ist, zeichnet sich durch eine bedeutende Asymmetrie
+aus. Dass diese Asymmetrie in einer Tätowierung der Bahau keine grosse
+Störung hervorruft, geht aus der Tätowierung der Kajanfrau vom oberen
+Mahakam hervor (Tätowierung L.). Die obere und die untere Figur waren
+auf die beiden Seiten desselben Brettes geschnitten. Während die
+erstere nun stark asymmetrisch ist, hat derselbe Künstler auf der
+anderen Seite eine beinahe symmetrische Verzierung hergestellt. In
+der oberen Figur ist ein Tiermotiv nicht leicht zu erkennen, dagegen
+führen in der unteren die beiden Augen rechts und links in der Mitte
+wiederum auf zwei Köpfe und zwar, wie das gebogene und das gerade
+Horn und der grosse Schnabel andeuten, auf die des Rhinozerosvogels.
+
+Die drei Handtätowierungen, die mit den Tätowierbrettchen der Uma-Luhat
+zusammengestellt wurden, haben einen eigenen, von dem der Long-Glat
+abweichenden Stil (Tafel: Tätowierung L. und M. Die Verzierungen sind
+nicht so reich und fein ausgearbeitet als die der Long-Glat, auch ist
+das Relief niedriger und breiter. Dass auch die Uma-Luhat Tiermotive
+für ihre Ornamente verwenden, zeigt die oberste Figur von a, bei der
+zwei mit Zähnen bewaffnete Köpfe deutlich zu unterscheiden sind.
+
+Fig. b auf Tafel: Tätowierung M. zeigt, in welcher Weise die Künstler
+eine Figur von der anderen ableiten. In der linken, oberen Ecke der
+unteren Verzierung ist ein Auge angegeben, von dem aus sich ein
+mit Zähnen versehener Kiefer nach innen und unten erstreckt. In
+der rechten Ecke befindet sich im Grunde die gleiche Verzierung,
+aber durch die Verbindung des Auges mit der weissen Linie, welche
+sich zwischen den zwei schwarzen befindet, ist die gleiche Figur
+entstanden, die wir bei der Armtätowierung der Kajan am Mendalam
+finden; doch ist sie dort aus der Stilisierung eines Eulenauges mit
+dem Bug eines Bootes hervorgegangen.
+
+
+
+Die Kenjastämme vom oberen Kajan tätowieren sich auf die gleiche Weise
+wie die Bahau. Sie zeigen aber einige Eigentümlichkeiten, die um so
+bemerkenswerter sind, als die Kenja noch den ursprünglichen Zustand
+dieser Stämme repräsentieren.
+
+Der Busang sprechende Stamm der Uma-Lekèn tätowiert auf eine
+andere Weise als die übrigen Kenjastämme, die ihren eigenen Dialekt
+besitzen. Als Beispiel für die eigentliche Kenjatätowierung mag die
+alte Methode der Uma-Tow dienen (Tafel: Tätowierung N), die neuerdings
+aber mehr und mehr durch die der Uma-Lekèn, welche derjenigen der
+Kajan am Balui und Mendalam gleicht, verdrängt wird. Die Frauen der
+Uma-Lekèn reisen daher jährlich zu den anderen Stämmen am oberen Kajan,
+um sie zu tätowieren.
+
+Die Männer der Kenja tätowieren sich sehr wenig und nur zum
+Schmuck. Sie erzählten mir, dass die Baliau die Sitte, sich nach
+begangenen Heldentaten tätowieren zu lassen, von den Bukat übernommen
+haben.
+
+Die alte Tätowierung der Frauen vom Stamme Uma-Tow besteht in der
+Hauptsache in einer Verzierung der Hände, Arme und Beine. Die
+Armtätowierung zeigt unterhalb des Ellbogens ein breites Band,
+das an der Innenseite einen 2 cm breiten Hautstreifen frei lässt
+(Tafel: Tätowierung N. Fig. a). Von dem Bande verlaufen bis zu den
+Fingernägeln Längsstreifen, die nur zweimal von Querlinien von der
+natürlichen Hautfarbe unterbrochen werden. Dies ist durchaus die
+_danau_-Tätowierung, welche früher bei den Busang sprechenden Baliau
+angewandt wurde.
+
+Die Beinverzierungen sind auf der gleichen Tafel in Fig. b, c, d, e,
+f abgebildet; sie werden so angebracht, dass b vorn auf dem Schenkel
+oberhalb des Knies, e an der Aussenseite des Beins, d unterhalb der
+Kniescheibe längs des Schienbeins, e darunter und f an der Innenseite
+des Beins zu liegen kommt. Ferner tätowieren sie auf die Wade, unter
+der Kniekehle, eine Verzierung, die dem Mittelstück von c gleicht.
+
+Von den Frauen der Häuptlingsfamilie ist jedoch keine mehr auf diese
+Weise geschmückt, diese lassen sich alle von den Frauen der Uma-Lekèn
+tätowieren und viele _panjin_ folgen ihrem Beispiel.
+
+Die Tätowierungen der einfachen und die der angesehenen Frauen
+unterscheiden sich hauptsächlich durch die Anzahl der verwendeten
+_iko_, Schwanzlinien, (Tafel: Tätowierung O. und P.). Die Kenjafrauen
+tragen bis zu 16 solcher Linien, die bis auf die halbe Wade
+hinunterreichen. Die _klinge_, die für die Lekèn-Tätowierung bei den
+Kenja gebraucht werden, sind sehr zahlreich. Hier ist die Tätowierung
+einer vornehmen Frau wiedergegeben, der allein das Recht zusteht, ein
+Muster mit zwei Hundeköpfen zu gebrauchen, ferner die einer _panjin_,
+bei der das Tiermotiv in den Hintergrund tritt.
+
+An der Aussenseite des Schenkels reicht die Tätowierung bis zum halben
+Gesäss, an der Innenseite dagegen nur bis zur Schenkelfalte. Überdies
+sind die Figuren an der Innenseite des Schenkels spärlicher, weil die
+Haut an diesen Stellen besonders empfindlich ist. Die brauen lassen
+sich diese Tätowierung vor ihrer Heirat anbringen und zwar erst auf
+der Hinterseite des Schenkels, dann auf dem Knie und schliesslich
+auf der Vorderseite.
+
+Die Handtätowierung der Kenjafrauen stimmt im wesentlichen mit der
+der Mendalam Kajan überein.
+
+
+
+
+KAPITEL XX.
+
+ Reise zur Küste: von Long Blu-u nach Long Tepai--Passieren
+ der westlichen Wasserfälle--Flössen des Rotang--In Long Deho
+ bei _Bo Adjang_--Aufenthalt wegen Hochwassers--Ertrinken
+ zweier Long-Glat--Ankunft _Kwing Irangs_--Weiterreise mit den
+ Kajan--Passieren des Kiham Udang--Wiedersehen mit dem Kontrolleur
+ in Long Bagung--Begegnung mit Kenja--Über Uma Mehak, Udju Halang,
+ Ana und Tengaron nach Samarinda.
+
+
+Am 13. April fand unsere langersehnte Abreise von Long Blu-u endlich
+statt. Die Kajan, die durch den Bau ihrer eigenen Wohnung und andere
+Arbeiten daran verhindert waren, uns zur Küste zu begleiten, brachten
+uns jetzt nach Long Tepai, teils um etwas zu verdienen, teils um
+auch etwas für uns getan zu haben. Am ersten Taue fuhren wir bis
+Batu Sala, übernachteten dort und trafen bereits am Vormittag des
+folgenden Tages in Long Tepai ein.
+
+Das Flusstal verbreitert sich vom Batu Mili an; unmittelbar an den
+Ufern befinden sich nur wenige Hügel und erst in grösserem Abstand sind
+einige Berge sichtbar. Zwischen den zahlreichen Inseln bei Lulu Njiwung
+wählt man, je nach dem Stand des Wassers, um die vielen Stromschnellen
+zu vermeiden, ein verschiedenes Fahrwasser. Von der Mündung des Merasè
+an tragen die flachen Ufer nur Gestrüpp, niedrigen Wald und einige
+Reisfelder. Bei Long Tepai erreichen die Ausläufer des Batu Lesong,
+der sich hier dem Mahakam nähert, dessen Ufer.
+
+Long Tepai stellt oberhalb der Wasserfälle die wichtigste Niederlassung
+der Long-Glat vor, weniger ihrer Grösse, als der Persönlichkeit ihres
+Häuptlings _Bo Lea_ wegen. Der Häuptling von Lulu Njiwung, _Ding Ngow_,
+ist in bezog auf seine Geburt zwar vornehmer, er ist aber ein junger,
+unbedeutender Mann, während _Bo Lea_ als bejahrter Mann und energische
+Persönlichkeit, trotzdem er nur der Sohn einer _panjin_ ist, in den
+Augen der Bahau viel mehr Ansehen geniesst. Sein Einfluss lässt sich
+bereits daraus beurteilen, dass bei der Teilung der Niederlassung
+Lirung Ban die meisten Bewohner ihm folgten (pag. 281). Als ich mich
+im Jahre 1896 nach dem oberen Mahakam begab, gereichte es meinem
+Geleite von Mendalam Kajan zur grossen Beruhigung, dass _Bo Lea_
+mit meiner Expedition einverstanden war. Nachdem ich in Long Blu-u
+zurückgeblieben war, begab sich _Akam Igau_, nur um sich _Bo Lea_
+vorzustellen, nach Long Tepai. Bei meinem Besuch in Long Tepai hatte
+ich damals das Glück gehabt, den Häuptling von einer akuten Diarrhoe,
+die ihn an den Rand des Grabes gebracht hatte, kurieren zu können.
+
+Alle schreckenerregenden Berichte, die ich über _Bo Lea_ zu hören
+bekam, liefen, wie ich später merkte, darauf hinaus, dass er seine
+Rechte in bezug auf die Erzeugnisse des Waldes den Malaien gegenüber
+besser als die anderen Häuptlinge zu wahren wusste und dass jene sich
+bei ihm weniger breit als anderswo machen durften. Seine Massregeln
+waren allerdings oft hart, entsprachen aber seiner Natur und waren
+übrigens auch vom europäischen Standpunkt gegenüber Vagabunden,
+wie die Malaien es sind, die mit allen Mitteln, die ihren Kopf nicht
+gefährden, bei den Bahau ein Schlaraffenleben zu führen versuchen,
+durchaus gerechtfertigt.
+
+Da er, wie alle übrigen Häuptlinge, von Banden, die gegen eine
+Vergütung von 10% seine Wälder auf Guttapercha und Rotang durchsuchten,
+sehr bestohlen wurde, hatte er zwei Mal einer Gesellschaft, die die
+gewonnenen Produkte ohne Bezahlung auf Seitenwegen fortschaffte,
+ihren ganzen Vorrat abgenommen. Die Schuldigen sorgten dafür, dass
+diese Tat ruchbar wurde und die an dergleichen energische Massregeln
+nicht gewöhnten Bahau fanden sie gewalttätig und hart. Übrigens erging
+es den Malaien bei _Bo Lea_ doch noch besser als bei _Belarè_, bei
+dem sie sich überhaupt nicht niederlassen durften.
+
+Bei meiner Ankunft hausten in _Bo Leas_ Galerie so zahlreiche
+Buschproduktensucher, dass ich es vorzog, bei einem niedrigeren
+Häuptling, _Bo Ibau_, der mit _Kwing Irangs_ Schwester _Uniang_
+verheiratet war, meinen Einzug zu halten. Die Kajan waren hiermit
+natürlich sehr einverstanden, aber aus politischen Gründen hätte
+ich lieber bei _Bo Lea_ gewohnt, da die Häuptlinge ein Wohnen unter
+ihrem Dache sehr hoch schlitzen. _Bo Ibau_ stellte uns seine neue,
+18 m lange und 8 m breite Galerie gänzlich zur Verfügung.
+
+Fast alle Hausbewohner befanden sich der Ernte wegen auf den
+Reisfeldern. Im Hause traf ich nur _Bo Ibau_ mit seiner kranken,
+kleinen Tochter. _Barth_ hatte das Kind bereits zu behandeln versucht,
+aber es hatte das bittere Chinin nicht einnehmen wollen und litt noch
+fortwährend an chronischen Malariaanfällen, auch sah es kachektisch
+aus und zeigte eine starke Hypertrophie von Leber und Milz. Ich
+verspürte jedoch wenig Lust, mich dem verwöhnten Kinde viel zu widmen
+und interessierte mich mehr für das, was von dem Kontrolleur und
+seiner Reise nach Long Deho bekannt war als vorsichtiger Mann wollte
+mir _Ibau_ über diesen Gegenstand nichts mitteilen und erklärte, dass
+ich _Njok Lea_, den ältesten Sohn des Häuptlings, der den Kontrolleur
+selbst nach Long Deho begleitet hatte, hierüber befragen müsse. Da
+_Njok_ erst abends vom Felde zurückkehrte, machte ich, nachdem ich
+unseres Gepäckes wegen einige Anordnungen getroffen, einen Gang durch
+die Niederlassung, um die seit meinem letzten Besuch staugefundenen
+Veränderungen zu besichtigen.
+
+Die Niederlassung macht einen gut unterhaltenen, aber alten Eindruck,
+da man zum Bau altes Material, hauptsächlich Pfähle und Querbalken
+aus Eisenholz, von Lirung Ban, benützt hatte. Hinter dem langen,
+hohen Hause am Ufer, in dem 16 Familien wohnen, steht ein zweites,
+gleich langes Haus, das mit dem ersten durch Bretterstege verbunden
+ist. Sowohl diese Häuser als die anderen und die der Häuptlinge _Bo
+Lea_ und _Bo Ibau_ sind durch derartige Stege verbunden, so dass man
+die ganze Niederlassung, ohne den Boden zu berühren, passieren kann.
+
+Während unter den Häusern der meisten Bahau nur die nackte Erde
+mit allen Abfällen des Hauses zu sehen ist, ist der Boden unter den
+Wohnungen der Long-Glat zur Hälfte gedielt, auch führen von hier aus
+in jede Einzelwohnung Treppen. Der übrige Teil des Raumes ist durch
+Verschläge, in denen Ferkel oder besonders schöne Schweine gezogen
+werden, eingenommen. Die Long-Glat bauen ihre Häuser ohne Galerieen,
+die ihnen unterworfenen Stämme haben sich aber, trotzdem sie über ein
+Jahrhundert mit ihnen zusammenwohnen, neben anderen Eigentümlichkeiten,
+auch ihren alten Baustil erhalten. Ihre langen Häuser ruhen, wie
+die der übrigen Bahau, auf Pfählen und besitzen eine durchlaufende
+Galerie. _Bo Leas_ Haus liegt unterhalb derjenigen der übrigen
+Long-Glat, dann folgen die der Ma-Tuwan, Batu-Pala und Long-Tepai.
+
+Ein Glied der Häuptlingsfamilie der Ma-Tuwan erzählte mit Stolz,
+dass der Kontrolleur die letzten Tage in ihrer Galerie gewohnt
+hatte, aus Furcht, durch das _lali parei_ der Long-Glat aufgehalten
+zu werden, da er beim ersten Fallen des Wassers weiterreisen
+wollte. Der Felsblock, an dem der Wasserstand abgelesen wurde,
+war aber während der ganzen Verbotszeit der Long-Glat unter Wasser
+geblieben, so dass der Kontrolleur sich längere Zeit bei ihnen hatte
+aufhalten müssen. Zu meiner Zufriedenheit hörte ich, dass die Frau
+des Häuptlings ihren ganzen Satz _klinge tedak_ (Tätowierbrettchen)
+dem Kontrolleur verkauft hatte. Ich hatte nämlich _Barth_ gebeten,
+jede Gelegenheit, schöne Gegenstände aufzukaufen, zu benützen, und
+ihn mit allem Nötigen versehen.
+
+Spät abends kehrte _Njok Lea_ von seinem Reisfeld am Tepai zurück;
+man schien ihn vor uns gewarnt zu haben, denn er liess seine Familie
+und, die seines Vaters auf dem Felde übernachten. Er empfand eine
+gewisse Genugtuung, dass es den Kajan noch immer nicht geglückt war,
+die Reise mit mir zu unternehmen, auch berichtete er mit Stolz, dass
+er dem Kontrolleur nach Long Deho das Geleite gegeben hatte und dass
+er ihn noch weiter gebracht hätte, wenn der Kontrolleur nicht dort
+auf mich hätte warten wollen. Er erzählte ferner, dass _Bang Jok_
+unterhalb der Wasserfälle einen Wachtposten aufgestellt hatte, um
+ihn, sobald wir nach unten kämen, zu benachrichtigen, und dass er
+damals mit Frau und Kindern sein Haus eiligst verlassen hatte. Der
+alte Häuptling _Bo Adjang Ledjü_ und dessen Familie waren aber zu
+Hause geblieben und hatten _Barth_ freundlich empfangen.
+
+Obgleich sie vom Kontrolleur bereits gut bedacht worden waren, kehrten
+die Häuptlingsfamilien in den folgenden Tagen von ihren Reisfeldern
+heim, um auch von mir Geschenke in Empfang zu nehmen. Glücklicher
+Weise hatte ich darauf gerechnet und von Anfang an einige Sachen bei
+Seite gelegt. Es zeigte sich, dass der Satz Armbänder aus Elfenbein,
+den ich einstens _Hinan Lirung_ gegeben hatte, seine Wirkung bis
+hierher geltend machte, denn _Bo Lea_ bat sich für seine Frau den
+gleichen Schmuck aus. Ich ging bei der Austeilung der Geschenke mit
+Überlegung zu Werke, da ich sehr viele Menschen und noch dazu nach
+ihrem Range zu beschenken hatte. Darauf blieb mir nichts weiter zu
+tun übrig, als Patienten zu behandeln und auf den Neumond zu warten,
+an dem _Kwing Irang_ kommen sollte. Als ich von diesem nichts hörte
+und einige Gerüchte über seine Ankunft sich als falsch erwiesen, wuchs
+meine Ungeduld aufs neue. Des hohen Wasserstandes wegen kamen auch
+aus Long Deho keine Böte heraufgefahren, so dass ich sehr froh war,
+als sich vier Fremde dazu überreden liessen, mit einem kleinen Boot,
+das sie über die Felsen tragen oder ziehen konnten, nach Long Deho
+zu fahren, um dem Kontrolleur einen Brief zu übergeben.
+
+Zu unserem Trost fanden wir hier bei den Long-Glat mehr zu essen als
+in den letzten Monaten bei den Kajan. Unsere Schutzsoldaten schossen
+in der Nähe einiger Salzquellen in kurzer Zeit ein wildes Rind und
+zwei Hirsche, die nicht nur frisches Fleisch, sondern auch Proviant
+für die Reise lieferten. Das Konservieren von Fleisch durch Räuchern
+und Salzen war mir früher mehrmals missglückt; _Bier_, der die Arbeit
+diesmal auf sich nahm, erzielte ein gutes Resultat, indem er das
+Fleisch in Stücke, die 2-3 dm lang, 1 1/2 dm breit und 3-4 cm dick
+waren, schneiden und einen Tag lang über einem Holzfeuer trocknen
+und räuchern liess. Selbst das fette Schweinefleisch liess sich auf
+diese Weise aufbewahren. So hatten wir von der Menge Fleisch, die
+ein grosses Stück Wild liefert, mehrmals einige Wochen essen können,
+was uns bei Stämmen, die nur eine geringe Anzahl Hühner hielten und
+bei denen auch der Fischfang wenig ergab, sehr willkommen war.
+
+Meine Gesandten brachten erst am 28. April, nachdem das Wasser
+stark gefallen war, aus Long Deho den Bericht, dass unsere ganze
+Gesellschaft dort längere Zeit geblieben war und mit den Bewohnern auf
+freundschaftlichem Fuss verkehrt hatte, dass sie aber aus Furcht,
+wiederum durch Hochwasser aufgehalten zu werden, den günstigen
+Wasserstand benützt hatte, um den Fluss weiter hinunter zu fahren. Der
+Kontrolleur war, als unsere Gesandten ihre Rückreise antraten, bereits
+abgereist, während _Bier_ sich sogar einen Tag vorher aufgemacht hatte,
+um den Fluss zu messen.
+
+Das Wasser fiel ständig, daher suchte ich zum soundsovielten Male,
+_Bo Lea_ und _Bo Ibau_ dazu zu bewegen, mir über die Wasserfälle zu
+helfen. Die beiden Häuptlinge waren nämlich, aus Furcht vor _Kwing
+Irang_, dem daran gelegen war, uns persönlich zu begleiten, bisher
+meinem Drängen gegenüber taub geblieben.
+
+Ein wichtiger Umstand kam mir zu Hilfe. _Hadji Umar_ hatte durch meine
+Leute _Njok Lea_ melden lassen, dass dieser mit den 600 Packen Rotang,
+die sie gemeinschaftlich besassen, so schnell als möglich hinabfahren
+solle, um die Ware mit ihm unten am Mahakam zu verkaufen. Das half. Nun
+fand sich plötzlich eine genügende Anzahl junger Leute zur Reise bereit
+und obwohl ich wusste, dass es ihnen hauptsächlich um den Rotang zu tun
+war, erfreute mich die Aussicht, wieder ein Stück weiter zu kommen,
+doch zu sehr, um dem Zufall nicht dankbar zu sein. Eine Verzögerung
+von einigen Tagen wurde noch dadurch bewirkt, dass einige Leute
+vom Merasè berichteten, _Kwing Irang_ sei im Begriff aufzubrechen
+und _Sorong_ befinde sich bereits am Merasè. An diesem Tage traf
+jedoch niemand ein und als ich am folgenden einige Männer in einem
+Boot nach oben auf Kundschaft schickte, kamen sie mir abends melden,
+dass man dort nichts wisse. In der Ungewissheit, ob es _Kwing Irang_
+jemals gelingen würde, abzureisen, beschloss ich, die Reise mit _Njok
+Lea_ zu unternehmen. Dieser hatte es nun mit seinem Rotang so eilig,
+dass er nicht einmal dafür war, ein Boot zu _Kwing Irang_ zu senden,
+um zu sehen, wie es dort stand.
+
+Am 3. Mai sollten wir wiederum warten, weil einer der Reisegenossen
+noch nicht vom Reisfelde zurückgekehrt war, aber ich setzte die Abreise
+doch leicht durch. Es schlossen sich uns auch einige Böte mit Frauen
+und Kindern an, die unter unserem Schutze Familienglieder in Long Deho
+besuchen wollten. Um 9 Uhr brachen wir auf und zwar ohne den Rotang,
+der, aus Mangel an Hilfskräften, erst nachdem man uns bis oberhalb
+der Wasserfälle gebracht hatte, abgeholt werden sollte.
+
+Bei Long Tepai beträgt die Breite des Mahakam 200 m, unmittelbar
+unterhalb der Niederlassung wird das Flussbett aber von hohen, felsigen
+Ufern eingeengt. Dabei treten bei niedrigem Wasserstande zahlreiche
+Felsblöcke aus dem Flussbett hervor, so dass eine grössere Anzahl
+Böte nur hinter einander dem gewundenen Fahrwasser folgen kann. Nach
+einstündiger Fahrt erreichten wir, nachdem der Kiham (Wasserfall)
+Hulu in dieser günstigen Zeit mit einiger Vorsicht hatte befahren
+werden können, den mir von 1897 her bekannten Lagerplatz oberhalb des
+Kiham Hida, von dem aus das Gepäck und die Böte eine grosse Strecke
+weit getragen werden mussten.
+
+An der Stelle, an der wir uns eben befanden, windet sich der Mahakam um
+den Batu Ajo; an seinem rechten Ufer erheben sich beinahe horizontale
+Sandsteinschichten in senkrechten, über 100 m hohen Wänden, während
+am linken Ufer ein viel höheres Gebirge, der Ong oder Batu Hida,
+steil aufsteigt. Da der Fluss sich sein Bette in den harten, weissen
+Hornstein, der in 1/2-1 m mächtigen Schichten unter dem Sandstein
+liegt, hat erodieren müssen, ist sein Bette über eine etwa 2 km weite
+Strecke sehr schmal und die Wassermassen, die bei Long Tepai noch
+eine Breite von 200 m zur Verfügung hatten, drängen sich hier durch
+einen 15-20 m breiten Spalt hindurch.
+
+Diese Stelle kann nur bei sehr tief stehendem Wasser passiert werden,
+da bei hohem und besonders bei steigendem Wasserstande die Strömung
+sehr reissend ist. Auch im günstigsten Falle muss alles Gepäck aus
+den Böten genommen werden. An den schwierigsten Stellen werden die
+kleineren Böte mit Hilfe von Baumstämmen, welche als Rollen benützt
+werden, über die Felsen gezogen, während die grossen Böte, die alle
+mit einem sehr hohen Rande versehen sein müssen, von den Männern über
+die Fälle gefahren werden müssen. Das Gepäck wird auf den Felspfaden
+des linken Ufers hinabgetragen. Die Stellen, an denen Felsen oder
+Geröllbänke grössere Fälle verursachen, oder die ihrer Enge wegen
+besonders gefährlich sind, tragen, von oben nach unten gerechnet,
+folgende Namen: Kiham Hulu; K. Hida; K. Nöb; K. Lobang Kubang;
+K. Binju; K. Benpalang; K. Kenhè.
+
+Sobald wir oberhalb des Kiham Hida angelangt waren, ging ein Teil
+der Männer Rotang für unsere Böte suchen, ein anderer begab sich nach
+Long Tepai zurück, um nun auch die Bündel Rotang hinunter zu befördern.
+
+_Njok Lea_ hatte den Rotang, der unter seinem Hause aufbewahrt lag,
+bereits am Tage zuvor in dicke Bündel binden und diese am gleichen
+Morgen ins Wasser bringen lassen. Die Bündel (_gulung_) bestehen in der
+Regel aus 40 Stücken Rotang von 3-4 Faden Länge, die mit Rotangtauen
+zusammengebunden werden. Für den Transport zu Wasser vereinigt man
+diese _gulung_ zu Bündeln von 1 m Durchmesser und lässt sie einfach
+von der Strömung abwärts treiben, wobei einige in den Wasserfällen
+zwar auseinander gerissen werden und verloren gehen, die meisten
+aber heil ankommen. Unterhalb der Wasserfälle werden die Bündel zu
+Flössen zusammengefügt, die je von einem Steuermann flussabwärts
+gelenkt werden. Nach einiger Zeit kehrten die Männer zu uns zurück
+und bald darauf trieb ein Rotangbündel nach dem anderen an uns vorbei
+und suchte sich durch die brausenden Wasser massen seinen Weg. Einige
+Männer fingen die Bündel in dem ruhigen Becken auf, das sich unterhalb
+des Lobang Kubang befindet, und banden sie dort vorläufig fest,
+um sie später die folgenden Fälle hinuntertreiben zu lassen.
+
+Mit Rücksicht auf den vorausgeschwommenen Rotang wurde es für
+ratsam gehalten, nicht am Kiham Hida, sondern weiter unten das Lager
+aufzuschlagen, und so beeilte man sich, alles wertvolle Gepäck und
+die Kisten mit Ethnographica dorthin zu schaffen. Die Familien,
+die mit uns reisten, hatten gleich nach ihrer Ankunft begonnen, ihr
+Gepäck so weit als möglich abwärts zu tragen. Da sie einen grossen
+Reisvorrat mitgenommen hatten, um ihn in Long Deho, wo Reismangel
+herrschte, zu hohen Preisen zu verkaufen, hatten sie sehr grosse
+Lasten zu befördern. Trotzdem hatten sie es so eilig, weiterzukommen,
+dass sie nicht mit uns Schritt hielten. Als sie daher weiter unten,
+statt den Reis mit uns über Land zu transportieren, die kleineren
+Wasserfälle hinunterfahren wollten, schlugen ihre zu schwer beladenen
+Böte um und die Männer verloren zwar nicht ihr Leben und ihre Böte,
+aber ihren kostbaren Reis.
+
+Ich sorgte dafür, dass alles, was getragen werden konnte, aus den
+Böten geholt wurde; alle Pflanzen mussten natürlich im grossen Boot
+bleiben, ebenso die grossen Kisten. Obwohl ihm sein Rotang sehr am
+Herzen lag, traf _Njok Lea_, in gleicher Weise wie früher _Akam Igau_
+und _Kwing Irang_, alle Vorsichtsmassregeln beim Transport, so dass
+kein Boot umschlug und keine Kiste fiel. Nachts sank das Wasser noch
+um einen halben Meter, die grossen Böte konnten daher am folgenden
+Morgen ohne grosse Gefahr die Fälle passieren. Da die Kajan unter
+_Kwing Irang_ 1897 das grosse Boot mit lebenden Pflanzen wohlbehalten
+nach unten geschafft hatten, lag den Long-Glat viel daran, ihnen an
+Geschicklichkeit nicht nachzustehen. Sie wussten auch, dass ich damals
+durch die beiden Fälle Binju und Kenhè gefahren war, und schlugen mir
+vor, es diesmal auch mit ihnen zu versuchen. Das Wagstück erschien
+mir nicht gross und ich befand mich bereits mitten auf dem Fluss,
+als ich am Ufer _Njok Lea_ bemerkte, der aus Verzweiflung über unser
+ruchloses Unternehmen die Arme in die Luft erhob; doch verloren seine
+Leute das Vertrauen nicht.
+
+Der Kiham Binju, der auf den Lobang Kubang folgt, stellt eine verengte
+Flussstelle mit heftiger Strömung dar, aus welcher hohe Felsblöcke
+hervorragen. Mit einiger Vorsicht legt man die erste Strecke gut
+zurück, dann aber wird das Boot von einer Stromschnelle gepackt
+und geradeaus auf eine alleinstehende Felsspitze geschleudert. Die
+Wassermassen, die rechts vom Felsen verhältnismässig ruhig fortströmen,
+prallen etwas weiter unten an das hohe Ufer an, links aber bilden sie
+einen Strudel, dessen mittlerer Trichter bei normalem Wasserstande
+sicher einen Meter tief ist. Da man, um rechts weiter unten nicht an
+das felsige Ufer geschleudert zu werden, über diese Stelle hinweg
+muss, kann sie nur von langen, schweren Böten, die mit grosser
+Geschwindigkeit ankommen und sich daher nicht leicht ablecken lassen,
+überwunden werden. Das Wagstück gelang, aber _Njok Lea_ liess es doch
+nicht zu, dass _Demmeni_ uns in dem zweiten grossen Boote folgte. Wir
+übernachteten unterhalb des Binju. Die Nacht blieb trocken, aber
+morgens hörten wir es im Osten gewittern, auch fiel ein schwacher
+Regen. Der Fluss begann sogleich zu steigen, doch ist, um den Kiham
+Kenhè zu passieren, ein hoher Wasserstand günstiger als ein sehr
+niedriger. Wir beeilten uns daher mit unserer Mahlzeit und fuhren bis
+zum Anfang des Kenhè. Hier beschlossen wir, das Gepäck nicht auf dem
+Bergpfade nach Hait Aja (grosser Sand), unserem nächsten Lagerplatz,
+tragen zu lassen, sondern mit ihm die Fahrt zu wagen.
+
+Der Wasserstand war für mein grosses Boot gerade der richtige und ich
+begann die Fahrt, wie früher bereits, stehend. Die heftige Strömung
+brachte aber das Fahrzeug so sehr ins Schwanken, dass ich mich setzen
+musste, um nicht umzufallen, und gleich hinter Kelang Gak, wo sich
+ein kleiner Fluss über 50 m hohe Felsen in den Mahakam ergiesst,
+schlug eine Welle über das Boot. Der grosse Bootsraum füllte sich
+aber nicht so leicht mit Wasser und da wir uns hier am Ende der
+Flussenge befanden, beunruhigten wir uns nicht. Im Kenhè werden die
+Wassermassen durch zwei hohe Felsen in einem sicher nicht über 15 m
+breiten Bette wie durch einen Trichter gepresst, derart, dass sie in
+der Mitte wild dahinschiessen, zu beiden Seiten aber einige Meter
+weit ruhiger strömen. Die Bemannung musste nun das Boot nicht nur
+in diesem ruhigeren Wasserstreifen zu halten suchen, sondern es auch
+schneller als die Strömung fortbewegen, da es sonst am hinteren Ende
+gepackt und mit der Spitze gegen die Felswand oder in das tobende
+Wasser gedreht worden wäre; in beiden Fällen schlägt das Boot um und
+zerschellt in der Regel vollständig.
+
+Bevor meine Leute noch längs des Uferpfades _Demmeni_ erreicht hatten,
+um auch ihn im zweiten grossen Boot durch den Kenhè zu befördern,
+stieg das Wasser um 6 Meter. Die Felsen am Anfang des Kenhè wurden fast
+gänzlich überflutet und weiter abwärts geriet die ganze Wasserfläche
+in Aufruhr und bildete zwei grosse Strudel, über die unser Boot aber
+noch gut hinwegkam. Schlimmer erging es dem Malaien _Bang W-a_, der
+mit uns nach Udju Tepu reisen wollte, weil er sich nach der Ermordung
+seines Halbbruders _Adam_ bei den Bahau nicht mehr sicher fühlte. Der
+Mann hatte sein kleines Boot hinter das grosse von _Njok Lea_ gebunden,
+wurde aber vom Strudel losgerissen und verschwand in der Tiefe. Nach
+einiger Zeit kam er aber, zur grossen Belustigung der Long-Glat,
+mit seinem Boote wieder nach oben und wurde von ihnen für den Verlust
+seiner Sachen so reichlich entschädigt, dass er sein Untertauchen kaum
+zu bereuen hatte. Des mit enormer Schnelligkeit steigenden Wassers
+wegen machten sich die Leute um die Rotangbündel, die oberhalb der
+letzten Fälle angebunden waren, Sorgen. Nach einiger Zeit wurden auch
+die ersten Bündel heruntergetrieben und bei Halt Aja, wo das Wasser
+stiller wurde, mit vieler Mühe ans Land gezogen. Einige Männer begaben
+sich zu Fuss wieder nach oben, um auch die übrigen Bündel zu lösen,
+damit sie nicht hoch auf den Felsen liegen blieben, von wo man sie
+bei niedrigem Wasserstande nur schwer in den Fluss hätte schaffen
+können. Viele wurden auf dem Wege nach unten zwischen Felsblöcken
+und Baumstämmen eingeklemmt und mussten befreit werden. Glücklicher
+Weise blieben die Bündel heil und kamen, nachdem man auch noch den
+folgenden Tag mit ihnen zu tun gehabt hatte, wohlbehalten an.
+
+Eine Gesellschaft Buschproduktensucher, Kahájan Dajak, die uns entgegen
+kam, berichtete, dass sie dem Kontrolleur unterhalb des Kiham Halo,
+wo er sein Lager aufgeschlagen hatte, begegnet war. Da das Wasser
+ebenso schnell fiel als es gestiegen war, konnten wir am 7. Mai ruhig
+nach Long Deho weiterfahren.
+
+Bei unserer Ankunft trafen wir nur den alten Häuptling _Bo Adjang
+Ledjü_ mit einer grossen Anzahl weiblicher Familienglieder zu
+Hause. Wir wurden in dem verlassenen Hause des Malaien _Inoi_
+empfangen, der aus Bandjarmasin gebürtig und hier einige Jahre
+als Schreiber und Berater _Bang Joks_ tätig gewesen war. Er hatte
+mit vielen seiner Stammesgenossen in einer der Schulen, welche die
+Rheinische Mission in der "Zuider-Afdeeling" errichtet hat, seine
+Bildung genossen. Auch _Barth_ hatte in seinem Hause gewohnt. Nachdem
+wir uns eingerichtet hatten, begannen wir Umschau zu halten und die
+alten Bekannten zu begrüssen.
+
+Obgleich Long Deho ein sehr grosses Dorf ist, eine zahlreiche
+Bevölkerung enthält und von Händlern von der Küste, die hier vor
+allem in Buschprodukten Handel treiben, viel besucht wird, sieht
+es doch baufälliger und vernachlässigter als die Niederlassungen
+weiter oben am Flusse aus. Dies ist zum Teil der geringen Energie der
+Bewohner zuzuschreiben, die in Übereinstimmung hiermit unter allen
+Mahakamstämmen am meisten an Nahrungsmangel leiden.
+
+Der greise _Bo Adjang_, der mich vor zwei Jahren noch humpelnd in
+meiner Wohnung besucht hatte, war inzwischen so zusammengefallen, dass
+er abgezehrt und mit geschwollenen Gelenken bewegungslos auf seiner
+Matratze sass und sich von seinen zahlreichen Töchtern und Frauen
+pflegen liess. Er musste ungefähr 90 Jahre alt sein, denn er erinnerte
+sich noch, mit etwa 15 Jahren, _Georg Müller_ 1825 bei seinem Vater
+gesehen zu haben. _Adjang_ war nämlich der jüngste Sohn des berühmten
+Long-Glat-Häuptlings _Bo Ledjü Aja_, der seiner siegreichen Kriegszüge
+wegen als der _Napoleon_ von Borneo bezeichnet worden ist. Da die Bahau
+in Bezug auf alles, was die Ermordung von _Georg Müller_ betrifft,
+sehr verschlossen sind, hatte ich mit _Adjang_, als einem Augenzeugen,
+Bekanntschaft geschlossen. Er erzählte, dass _Georg Müller_ ein Mann
+mit einem grossen Bart gewesen sei; auch zeigte er min _Müllers_
+Feuersteingewehr, das ich ihm abkaufte. _Adjang_ war infolge seines
+Alters minder zurückhaltend als die anderen und berichtete mir einiges
+über _Müllers_ trauriges Ende (pag. 281).
+
+Wie ich mich bei _Bo Adjang_ überzeugen konnte, wird die Vielweiberei
+bei den Long-Glat-Häuptlingen unter malaiischem Einfluss in weit
+höherem Grade als oberhalb der Wasserfälle betrieben. Von _Adjangs_
+zahlreichen Frauen lebten noch fünf, von denen zwei zur Arbeit bereits
+zu alt waren, drei aber alle Dienste verrichteten, die anderswo den
+Sklavinnen zufallen. Eine der Frauen war so jung, dass sie erst seit
+wenigen Jahren seine Gattin sein konnte. Ferner waren vier verheiratete
+Töchter anwesend, weil der Tod des kranken Vaters jeden Augenblick
+erwartet wurde.
+
+_Adjangs_ ältester Sohn, _Ibau Adjang_, und zwei Sklavinnen
+vervollständigten die Familie, deren Zusammenleben durch Zwistigkeiten
+aller Art so unangenehm geworden war, dass man seit meinem vorigen
+Besuch ein grosses Wohngemach angebaut hatte, in dem nun zwei Frauen
+mit ihren Kindern getrennt lebten. In dem gleichen Genrache hatten auch
+_Ibau Adjang_ und seine Schwester _Dèw Adjang_ ihre eigenen Kammern,
+in denen sie schliefen und ihr Privateigentum bewahrten.
+
+Am folgenden Morgen hatte ich meine Toilette noch kaum beendet, als
+vier von _Adjangs_ Frauen bei mir eintraten und meine Tauschartikel,
+von denen ihnen der Kontrolleur viel erzählt hatte, besichtigen
+wollten. _Barth_ selbst hatte seinen Vorrat bereits in Long
+Tepai fast gänzlich erschöpft und so hatte man alle Erwartung auf
+mich gespannt. Ich fühlte mich der Häuptlingsfamilie gegenüber
+ohnehin verpflichtet, und da _Bang Jok_ geflohen war, kam meine
+Freigebigkeit der Familie _Adjang Ledjüs_ zugute. Zuerst musste ich
+wiederum die Armbänder aus Elfenbein zeigen; vorsichtshalber holte
+ich auch nur diese aus der Kiste hervor. Von den Frauen hatte keine
+ein grosses Geschenk von mir zu beanspruchen, aber die einen waren
+etwas angesehener oder sympathischer als die anderen, so dass ich
+bald merkte, dass ein Satz Armbänder nicht genügen würde. Die vier
+vorhandenen Sätze wurden auch sogleich von den Damen in Beschlag
+genommen, doch sahen sie ein, dass ich sie unmöglich alle abtreten
+konnte; da sie sich jedoch ebensowenig von den Armbändern zu, trennen
+vermochten, verfielen sie auf den Ausweg, mir hübsche Perlenmützen und
+andere kostbare Perlenverzierungen als Gegengeschenk anzubieten. Die
+einen zeigten sich hierin freigebiger als die anderen, und so gelangte
+ich in kurzer Zeit zu mehreren schönen Stücken, die ich auf andere
+Weise nicht hätte erwerben können. Mit diesen Unterredungen und der
+Behandlung _Adjangs_, den ich von Fieber und Husten befreien sollte,
+und vieler anderer Kranken verging der Tag. Da ich den günstigen
+Wasserstand noch benützen wollte, um die folgenden Wasserfälle zu
+passieren, war ich sehr wenig erbaut, als abends die Nachricht kam,
+dass es _Njok Leas_ Leuten noch nicht gelungen war, allen Rotang
+von Hait Aja abzuholen; überdies mussten die Bündel hier von neuem
+gebunden werden.
+
+_Sekarang_ hatte, durch die Erfahrung belehrt, bereits abends zuvor
+alle Pflanzen unter dem Palmblattdache des grossen Bootes hervorholen
+und an Land bringen lassen. Da er dies bei jedem Aufenthalt tun
+liess, litten seine Pfleglinge nur während der Fahrt durch Hitze,
+Dunkelheit und schlechte Luft. Sie sahen in der Tat nach unserer
+Ankunft am unteren Mahakam nicht schlechter als am oberen aus.
+
+Während ich als Arzt einen Rundgang durch die Niederlassung machte,
+wurde es mir plötzlich klar, warum es mit dem Herbeischaffen des
+Rotang so langsam vorwärts ging; in der einen Familie, in der sich
+ein hübsches junges Mädchen befand, traf ich den einen Long-Glat,
+in einer anderen den anderen u.s.f. Die jungen Leute, die _Njok
+Lea_ mitgenommen hatte, fanden hier so viele Bekannte und liebe
+Verwandte, dass sie in den ersten Tagen nur für diese Sinn hatten
+und _Njok Lea_ nicht viel mit ihnen anstellen konnte. Nachts lag
+er auch beinahe allein in dem grossen Raume, der den Long-Glat in
+unserem Hause angewiesen worden war, während die übrigen die Vorrechte
+genossen, welche die unverheirateten Frauen den Junggesellen gewähren
+dürfen. Erst am dritten Tage waren alle Bündel geordnet, aber noch
+nicht zu einem Floss, das man schon hier zusammenstellen wollte,
+vereinigt worden. Das Wasser war indessen wieder gestiegen und die
+Geröllbank, die am jenseitigen Ufer den richtigen Wasserstand für
+das Passieren der unteren Wasserfälle angab, war bereits überschwemmt.
+
+In meiner Besorgnis, durch Hochwasser in Long Deho aufgehalten zu
+werden, begrüsste ich am anderen Morgen die wenigen Grashalme, die
+auf der Geröllbank hervortauchten, mit Freude, und da das Wasser
+stets weiter fiel, suchte ich _Njok_ zur Abreise zu überreden. Der
+grossen Gefahr wegen weigerten sich viele, aber ich liess alles
+Gepäck in meine Böte bringen, erstens um in der Nähe des Kiham Udang,
+des gefährlichsten Falles zu sein, sobald das Wasser eine Fahrt
+auf demselben zuliess, zweitens um auf die Long-Glat einen Druck
+auszuüben. _Njok_ zeigte sich endlich, wenn auch zögernd, damit
+einverstanden, uns in den zwei grossen Böten weiter zu befördern;
+für die kleinen wäre die Reise zu gefährlich gewesen, was ich nur zu
+bald selbst merkte, denn obgleich ich früher bereits bei günstigem
+Wasserstande diesen Teil des Flusses hinabgefahren war, hatte ich nicht
+gedacht, dass ein Unterschied von zwei Fuss im Niveau des Wassers
+einen solchen Einfluss auf die Strömung haben könnte. Gleich hinter
+den beiden, von den Long-Glat abhängigen Niederlassungen Batu Pala und
+Uma Wak verengt sich das Flussbett von 150 auf 75 m und weiter unten
+bahnt sich der Fluss zwischen grossen Sandsteinfelsen (Batu Brang),
+die nur etwa 40 m von einander entfernt sind, einen Weg. Nachdem wir
+hier mit grosser Geschwindigkeit hindurch gefahren waren, gerieten wir
+an eine Stelle, wo das gestaute Wasser, das sich plötzlich verbreiten
+kann, sehr gefährliche Strudel bildet, die wir nur dank der Schwere
+unserer Böte und der Geschicklichkeit unserer Mannschaft überwinden
+konnten. Weiterhin wird der Fluss durch hohe, senkrechte Wände wiederum
+in ein schmales, nur 60-70 m breites Bette gezwängt, so dass ich der
+stets heftig bleibenden Strömung wegen schliesslich doch bereute,
+nicht gewartet zu haben. Ich hoffte jedoch auf ein baldiges Fallen
+des Wassers und bat daher _Njok_, der nach Long Deho zurückkehrte,
+so schnell als möglich nachzukommen.
+
+Den Udang zu passieren war unmöglich, denn in seiner engen Schlucht
+schlugen die zusammengepressten Wassermassen in hohen Wellen
+empor, während halbuntergetauchte Felsen unregelmässige Strömungen
+verursachten. Dreihundert Meter weiter aufwärts befand sich aber
+am linken Ufer eine kleine, von Felsen eingeschlossene Bucht, in
+der bei normalem Wasserstande Sand und Äste blosslagen, jetzt aber
+zwei Meter tiefes Wasser stand, das zum Unterbringen unserer Böte
+gerade genügte. _Njok_ begab sich zu Lande nach Long Deho zurück
+und zwar schweren Herzens, da er mich nicht dazu bewegen konnte,
+mit ihm zu gehen, und uns allein mit unseren Malaien und Javanern
+zurücklassen musste. Wir litten jedoch weniger durch den Gedanken an
+irgend welche Gefahren als durch den Ärger über das Steigen des Wassers
+und verbrachten im übrigen in unseren Böten eine sehr ruhige Nacht.
+
+Das Wasser war morgens noch nicht gefallen; ich liess daher auf dem
+hohen Uferwall einen Platz aushauen, auf dem _Sekarang_ die Pflanzen
+der frischen Luft aussetzen konnte. Kurz darauf erschienen fünf
+Long-Glat, die _Njok_ in seiner Besorgnis geschickt hatte, um auf
+uns und unsere Böte zu achten. Sie erzählten, dass _Njok_ am vorigen
+Abend vor Erregung nicht hatte essen können. In unserem feuchtkalten
+Schlupfwinkel, in wenigen Metern Abstand vom brausenden Fluss,
+verbrachten wir drei Tage, während welcher das Wasser abwechselnd 6
+m stieg und dann um ebensoviel wieder fiel. Da der Wald sehr steil
+anstieg, konnten wir uns keine Bewegung verschaffen, doch gewährte
+das wilde Tosen der Wasser im Kiham Udang einen prachtvollen Anblick.
+
+Am 16. Mai, als das Wasser zwar etwas gefallen war, aber doch noch
+mit grosser Schnelligkeit an unserem Schlupfwinkel vorüberschoss,
+äusserten des Morgens vier unserer Long-Glat den Wunsch, mit ihrem Boot
+bis nach Uma Wak zurückzufahren, um dort ihren Vorrat an Sirihblättern
+zum Betelkauen zu erneuern. Obgleich ich das Unternehmen sehr gewagt
+und mit dem Anlass in keinem Verhältnis fand, war ich doch zu sehr
+daran gewöhnt, mich in derartigen Angelegenheiten der Meinung der Bahau
+zu fügen, die vom Befahren dieser Flüsse so viel mehr als die Weissen
+verstehen, als dass ich mich ernsthaft ihrem Wunsch widersetzt hätte.
+
+Eine Stunde darauf, als wir neben einander auf dem Uferwall sassen,
+bemerkten wir ein Boot mit Schilden, das an uns vorüber trieb,
+als hätte es sich eben vom Ufer gelöst. Wir beunruhigten uns daher
+keineswegs, fanden es aber schade, dass die Strömung zu heftig war, um
+das Boot durch Schwimmen vom Untergang im Udang zu retten. Wir mussten
+ruhig zusehen, wie es dort von den Wellen einige Male emporgehoben,
+mit Wasser gefüllt und in die Tiefe gezogen wurde.
+
+Zu unserer Verwunderung erschien ungefähr eine Stunde darauf einer der
+vier Long-Glat, _Lugat_, mit einigen Bewohnern von Uma Wak und fragte
+uns, ob sein Bruder _Adjang_ und _Ibau_ nicht bei uns seien. So viel
+wir aus seiner verworrenen Erzählung begriffen, waren sie in ihrem
+Boot hinaufgefahren, aber bald von einem Strudel erfasst worden,
+wobei _Lugat_ aus dem Boote geschleudert wurde. Nachdem dieser,
+nach längerem Kampf mit dem Wasser, die Oberfläche erreichte hatte,
+rettete er sich schwimmend ans Ufer. Dort fand er den einen Gefährten,
+_Dja-ang_, dem es ebenso ergangen war. Von den beiden anderen wussten
+sie nichts. Da sie an diesem Tage nicht zurückkehrten, waren sie
+augenscheinlich ertrunken. Den Leuten von Uma Wak traten die Tränen in
+die Augen, als sie hörten, dass die beiden nicht bei uns waren, und
+_Lugat_ brach in heftiges Weinen aus, rief nach _Adjang_ und _Ibau_
+und machte sich Vorwürfe, dass er nicht besser für sie gesorgt hatte.
+
+_Demmeni_ und ich standen selbst noch so sehr unter dem Eindruck des
+plötzlichen Todes der beiden tüchtigen jungen Leute, mit denen wir
+kurz zuvor gescherzt hatten, dass wir keine Trostworte fanden. In
+unserer unglücklichen Lage und in dieser wilden, finsteren Umgebung
+fühlten wir uns durch das Geschehene doppelt niedergeschlagen. Schwere
+Wolken hingen über uns und ununterbrochen fiel ein feiner Staubregen.
+
+Im Lauf des Tages traf _Njok_ tief betrübt bei uns ein. Obgleich
+ich indirekt an dem Unglück die Schuld trug, indem ich zu früh von
+Long Deho aufgebrochen war, hörte ich kein Wort des Vorwurfs; nur
+betrauerten alle den Verlust der Ihrigen und _Lugat_ quälte sich
+unaufhörlich mit Selbstvorwürfen.
+
+Die Leute von Long Deho und Uma Wak kehrten mit _Njok_ nach Hause
+zurück und liessen andere Dorfgenossen bei uns. Am anderen Morgen
+kam _Njok_ zu uns und sagte, er habe abends mit anderen beschlossen,
+hier neun Tage zu verbringen, da die Leichen, die er gern begraben
+wollte, in dieser Zeit an die Oberfläche kommen würden. Die Bewohner
+der anderen Niederlassungen sollten ihm helfen. Ich war überzeugt,
+dass die heftige Strömung die Leichen abwärts getrieben haben musste,
+aber _Njok_ behauptete, dass dies nicht der Fall sei. Nach einiger Zeit
+trafen auch _Ibau Adjang_ und einige Böte der Uma Wak und Batu Pala
+ein, um suchen zu helfen. Ein Lager wurde oberhalb und ein zweites
+unterhalb des Kiham Udang aufgeschlagen. Zu meinem Erstaunen brachte
+mir _Njok_ noch eine andere, erfreuliche Nachricht, nämlich, dass die
+Kajan mit _Kwing Irang_ bereits in Long Deho waren und dass _Sorong_
+sogleich kommen würde, um zu berichten, warum sie so lange mit der
+Abreise gezögert hätten.
+
+Gleich nach dem Essen traf _Sorong_ wirklich ein und erzählte, dass
+_Kwing Irang_, seinem Plan gemäss, beim _bulan pusit_ (Neumond) mit
+ihm ein _melo njaho_ gehalten hatte, dass aber am Abend des zweiten
+Tages alle Gonge in der Niederlassung ertönt hatten, weil ein Ehepaar,
+_Anjang Bawan_ und _Anja Song_, die am Abhang des Batu Mili Harz
+suchten, noch nicht zurückgekehrt waren. Es blieb ihnen nichts übrig,
+als mit allen anderen auf die Suche zu gehen, was vier Tage dauerte,
+worauf _Anjang_, man wusste nicht wie, plötzlich in einer Hütte
+erschien, in der einige alte, halb blinde Männer wohnten. Sein Mund
+war voll Erde, die man nur mit Mühe entfernen konnte, auch konnte er
+beinahe nicht sprechen. Aus seinen verwirrten Antworten erfuhr man nur,
+dass er und seine Frau durch Geister erschreckt worden waren und dass
+diese sie auf den Berg mitgenommen hatten. Im Reiche der Geister, die
+gerade Neujahr feierten, hatten sie einander aus dem Auge verloren;
+doch hatte sich _Anjang_ trotzdem am Hühner- und Schweinefleisch
+gütlich getan. Nach einigen Tagen, als man sich gemeinschaftlich über
+hohe Bretterstege zu den Geistern auf dem gegenüberliegenden Batu
+Kasian begab, fiel _Anjang_ vom Stege und langte plötzlich bei den
+alten Männern an. Seit der Zeit war er sehr verschlossen und wollte
+nichts mehr erzählen. Auch nach viertägigem Suchen hatte man _Anja
+Song_ nicht gefunden, aber _Kwing_ hatte nicht länger warten wollen und
+war abgereist. Ich zweifelte nicht an der Wahrheit dieses Berichtes,
+wusste aber nicht, was ich davon denken sollte, und erhielt auch von
+_Sorong_ keinen Aufschluss.
+
+Am 18. Mai, gegen Mittag, traf _Kwing Irang_ mit 10 Leuten bei uns
+ein. Dass er nun doch die Reise mit mir fortsetzen konnte, schien
+ihn sichtlich zu bewegen und ich war zu froh, diese Unglücksstätte
+verlassen zu können, um ihm der endlosen Verzögerungen wegen Vorwürfe
+zu machen. Hierzu hatte ich, mit meiner Überlegenheit an Kenntnissen
+und Handlungsfreiheit übrigens kein Recht, da er ohnehin meinetwegen
+mit den Überzeugungen und Sitten seines Stammes einen ständigen
+Kampf führte.
+
+_Kwing_ erklärte auch jetzt, nicht mit den Long-Glat auf das Finden
+der Leichen warten zu können. Er wollte am anderen Morgen mit seinen
+Kajan und ihrem vielen Gepäck den Udang passieren und mich dann
+abholen. Das Wasser fiel und der Himmel klärte sich auf, so sah ich
+_Kwing_ guter Stimmung nach Uma Wak zurückkehren. Hier konnten sich
+die jungen Kajan nur mit Mühe den Liebenswürdigkeiten der Frauen
+entziehen, die die frischen jungen Burschen gern bei sich behalten
+hätten; es blieb diesen auch nichts übrig, als durch Geschenke, wie
+Tragkörbe und neue Kopftücher aus Baumbast, den Frauen ihren Dank zu
+bezeigen. Daher fuhr die Flotte der Kajan, die aus 20 Böten bestand,
+erst um 12 Uhr an uns vorüber; nur _Kwing_ legte für einen Augenblick
+bei uns an, um zu sehen, ob wir reisefertig waren.
+
+Am Abend zuvor war es den Long-Glat geglückt, wenigstens eine der
+Leichen zu finden. _Lugat_, der den ganzen Tag mit einigen Freunden
+den Fluss auf- und niedergefahren war, hatte die Leiche seines
+Bruders, noch bevor diese in den Udang geriet, auffangen können. Am
+gleichen Abend wurde _Adjang_ am Ufer begraben, ein kleines Grabmal
+errichtet und dort zugleich auch für _Ibau_, dessen Leiche später am
+mittlerer. Mahakam gefunden wurde, eine Ausstattung für _Apu Kesio_
+niedergelegt.
+
+Mit _Njok_ vereinbarte ich, dass ich in Uma Mehak auf ihn warten
+sollte, da er uns mit seinem Gepäck und Rotang folgen wollte. Allein
+hätten die Long-Glat dies sicher nicht zu tun gewagt, da das Unglück,
+ein deutlicher Beweis der Unzufriedenheit der Geister, sie zur
+Heimreise gezwungen hätte.
+
+Gegen 3 Uhr wurden wir aus unserer feuchten, dunklen Höhle, in
+der wir nun 1 m niedriger als anfangs lagen und mit unseren Böten
+zwischen Sand und Ästen eingeklemmt zu werden drohten, befreit. Die
+Malaien hatten die Pflanzen wieder in das grösste Boot gebracht,
+das mittelst fester Rotangtaue längs der Uferfelsen vorsichtig den
+Fall hinabgelassen wurde.
+
+Das übrige Gepäck wurde, ausser den Kisten, die für einen Mann zu
+schwer waren, aus den Böten genommen. Die Kisten wurden, trotz der
+Erhöhung der Bootsränder, doch noch nass, da sie nicht vollständig
+wasserdicht waren und durch double-waterproof-sheeting nicht ganz
+bedeckt werden konnten; so verdarb uns noch ein bedeutender Teil
+unserer grösseren Ethnographica.
+
+Nachdem wir den Kiham Udang überwunden hatten, blieb uns noch Zeit
+übrig, uns ruhig abwärts treiben zu lassen. Ich fühlte mich wie aus
+einem finsteren Gefängnis in eine strahlende Aussenwelt versetzt. Von
+der Tiefebene des mittleren und unteren Mahakam trennte uns nur noch
+der Kiham Halo. In einem Brief, den der Kontrolleur einigen Kahájan
+Dajak, die aufwärts zogen, für mich mitgegeben hatte, schrieb er mir,
+dass er unten in Long Bagung auf mich wartete.
+
+Zwar regnete es am folgenden Morgen und die. tief herniederhängenden
+Wolken hüllten die schönen Gipfel der Berge ein, auch hatte der
+_bilang_ (Baumgekko) nachts seine warnende Stimme ertönen lassen,
+aber _Kwing Irang_ machte, wie früher zur Beruhigung des Tieres
+einen kleinen Rundgang durch den Wald und da der Fluss nur wenig
+stieg, sassen wir um 8 Uhr bereits in den Böten, in der Hoffnung,
+den Kontrolleur noch am gleichen Tage zu erreichen. Wir hatten diese
+frohe Aussicht zur Ermunterung sehr nötig, denn die schmale Schlucht
+des Kiham Halo, die uns 1897 bei guter Beleuchtung entzückt hatte,
+zeigte sich jetzt, wegen der schwer aufliegenden Wolken, nur als eine
+finstere Spalte, die bei dem Geschrei, das die Kajan über den tobenden
+Wassermassen anhuben, einen doppelt unheimlichen Eindruck machte.
+
+Auf halbem Wege begegneten wir in der engen Durchfahrt einer
+Gesellschaft Kenja, die ihre Böte langsam an Rotangseilen längs der
+Uferfelsen aufwärts zogen. Trotzdem ich, hauptsächlich im Hinblick auf
+unsere späteren Pläne, grosse Lust verspürte, mit Kenja in Berührung
+zu kommen, konnten wir bei ihnen nicht Halt machen, da die heftige
+Strömung uns mit sich riss. Die Kajan liessen nun ihren Ajo-Ruf um so
+lauter ertönen; die Kenja antworteten und aus den Bergen erschallte
+das Echo. Der Fluss wurde stets breiter und die Ufer niedriger, bis
+wir gegen 3 Uhr nachmittags hinter einer Flussbiegung Long Bagung zum
+Vorschein kommen sahen. Durch einige Gewehrschüsse meldete ich _Barth_
+unsere Ankunft.
+
+Long Bagung ist eine Haltestelle für malaiische Händler und
+Buschproduktensucher und liegt auf dem rechten Ufer des Mahakam. Der
+Kontrolleur hatte hier bereits wochenlang auf uns gewartet; es war ihm
+zwar im allgemeinen gut ergangen, doch freute er sich, endlich mit uns
+weiterreisen zu können. Seine Gesellschaft hatte an Fieber gelitten,
+am meisten _Hadji Umar_, der auch jetzt noch krank lag. Die Aufnahme
+des Mahakam war _Bier_ gut geglückt, nur war er durch das häufige
+Hochwasser oft an der Arbeit gehindert worden und im Kiham Halo war
+ihm ein Boot an den Felsen zerschellt, wobei beinahe ein Malaie ums
+Leben gekommen wäre.
+
+Abends tauschten _Barth_ und ich unsere Erfahrungen über die Gesinnung
+aus, die die Mahakambevölkerung uns gegenüber hegte und über die
+Möglichkeit, eine niederländische Verwaltung bei ihr einzusetzen. Auch
+_Barth_ hatte während seiner monatelangen Reise den Eindruck empfangen,
+dass eine stärkere Macht, die sich mit der ganzen Verwaltung betraute,
+hauptsächlich zum Schutz gegen Einfälle aus Serawak und Kutei, sehr
+erwünscht sei.
+
+Obwohl _Barth_ als Fremder nach Long Tepai und Long Deho gekommen war,
+hatte die Bevölkerung ihm viel Sympathie bezeigt, nur war sie ihm,
+als Fremdem, begreiflicher Weise mit mehr Misstrauen entgegengekommen
+als einem Menschen ihrer eigenen Umgebung.
+
+_Bier_, den das lange Warten am selben Ort sehr gelangweilt hatte,
+fuhr am folgenden Tage fort, um den Mahakam weiter unten zu messen;
+wir versprachen, in Uma Mehak auf ihn warten zu wollen und begaben
+uns erst zwei Tage später auf die Reise.
+
+Unsere Gesellschaft war somit ohne bedeutende Verluste über
+die Wasserfälle gelangt; nur _Hadji Umars_ Zustand beunruhigte
+mich. _Umar_ war bereits die letzten drei Jahre leidend gewesen;
+ich hatte zwar seinen Zustand während seines Aufenthaltes am
+Blu-u etwas bessern können, aber seit der Zeit war das Fieber immer
+wieder zurückgekehrt. Dass _Umar_ sich weigerte, Chinin einzunehmen,
+verschlimmerte seine Lage; ich wusste ihm nicht zu helfen. Obwohl
+er mit uns zur Küste fuhr, war seine Anwesenheit uns unter diesen
+Umständen kaum von Nutzen.
+
+Eine der interessantesten Begegnungen, welche der Kontrolleur während
+seines sehr eintönigen Aufenthaltes gehabt hatte, war die mit den
+Kenja, die wir im Kiham Halo getroffen hatten. Da _Barth_ meine
+Absicht, die bis dahin so gut wie unbekannten Kenjastämme zu besuchen,
+kannte, war er dem Zufall dankbar, dass diese Gesellschaft, die eine
+Handelsreise nach dem unteren Mahakam unternommen und einen Besuch
+bei ihren Stammverwandten am Tawang gemacht hatte, die ausgedehnte
+Geröllbank bei Long Bagung als Lagerplatz wählte. Kaum hatten die Kenja
+erfahren, wer auf dem Ufer wohnte, als ihre vornehmsten Leute _Barth_
+einen Besuch machten. Dabei erschienen sowohl die Häuptlinge als deren
+Geleite völlig unbewaffnet, was in einem Lande, in dem jung und alt
+stets bewaffnet geht, sehr auffallend war. Das Gespräch, das in der
+Busang-Sprache geführt wurde, verlief durchaus gemütlich. Die Kenja
+hatten sehr offenherzig von ihrem Lande berichtet und zu verstehen
+gegeben, dass meinem Besuch bei ihnen nichts im Wege stände, dass
+sie mich im Gegenteil gern bei sich sehen würden. _Barth_ hatte ihnen
+die Erinnerung an ihren Besuch angenehm zu machen verstanden, indem
+er sie reichlich mit Tabak und Perlen bedachte.
+
+Der Kontrolleur hatte ausserdem die nähere Bekanntschaft mit
+Blutsverwandten von _Bang Jok_ gemacht, der sich selbst nur kurze
+Zeit in Long Bagung aufgehalten und auch seine Frau und Kinder nach
+Udju Halang mitgenommen hatte. In Long Bagung wohnte nämlich seine
+Schwester _Bua_, die in zweiter Ehe einen Malaien Rauf, den Sohn
+eines früheren Distrikt-Häuptlings vom oberen Barito, _Raden Djaja
+Kusuma_, geheiratet hatte. _Kusuma_ war der erste Malaie gewesen,
+der die Bahauhäuptlinge zu besuchen gewagt und sich angeboten hatte,
+ihre Wälder auf Buschprodukte durchsuchen zu lassen. Dadurch hatte
+er in den neunziger Jahren die fremden Buschproduktensucher nach dem
+Mahakam gezogen. Seine drei Söhne liessen sich dort nieder, zwei als
+Kaufleute, einer als Gatte von _Bang Joks_ Schwester, die ebenfalls
+Anrecht auf die noch unberührten Wälder der Long-Glat von Lirung Tika
+hatte. Bug war nach dem Tode ihres ersten Gatten, eines Häuptlings
+in Mujub, nicht zu ihrem Bruder gezogen, sondern hatte sich Long
+Bagung gegenüber, am jenseitigen Ufer, ein Haus gebaut und später
+_Raup_ geheiratet. Dieser verstand, dank seinen Beziehungen zu den
+Buschproduktensuchern am Barito, die Wälder seiner Frau vorteilhaft
+auszubeuten, ausserdem verdiente er viel als Kaufmann, indem er
+alles, was die Leute für ihre Lebensbedürfnisse nötig hatten, von
+der Küste beischaffen liess und auch mit den Bahau und Kenja von oben
+Tauschhandel trieb. Eine weitere Kundschaft besass er im Gebiet des
+oberen Murung, den er längs des Bunut leicht erreichen konnte. _Raups_
+Familie hatte sich ebensowenig wie die in Long Deho zurückgebliebenen
+Häuptlinge vor einer Berührung mit dem Kontrolleur gefürchtet und so
+hatte sich über den hier 200 m breiten Fluss ein lebhafter Verkehr
+entwickelt. Sehr willkommen war es _Barth_, dass er hier wieder Salz,
+Zucker, Petroleum und einige Konserven kaufen konnte, Dinge, mit denen
+wir bereits seit langem sehr sparsam hatten umgehen müssen. Der Fluss
+ist hier überdies nicht so ausgefischt wie oberhalb der Wasserfälle,
+wo der Fischstand durch die tuba-Fischerei sehr heruntergebracht worden
+ist. Bei Hochwasser suchen die Fische hier in kleinen, für gewöhnlich
+trockenen Nebenflüssen eine Zuflucht vor der reissenden Strömung. Die
+Malaien, die sich bei _Barth_ befanden, schlossen die Nebenflüsse bei
+Hochwasser mittelst eines Heckwerks aus Bambus ab und fingen auf diese
+Weise bei fallendem Wasser mehr Fische als sie gebrauchen konnten.
+
+Am 22. Mai liessen wir uns, nachdem alles Gepäck in den Böten
+untergebracht worden war, ruhig vom Flusse abwärts treiben, in der
+angenehmen Überzeugung, dass uns bei hohem oder niedrigem Wasserstande
+kein ernsthaftes Hindernis mehr drohte. Das Wasser war wieder so hoch
+gestiegen, dass wir weiter unten _Bier_ zur Tatenlosigkeit verurteilt
+antrafen, weil die hier niedrigen und daher überschwemmten Ufer ihm
+keinen Standplatz boten. Am folgenden Tage fuhr er denn auch nach
+Uma Mehak weiter, mit der Absicht, dieses Stück später zu messen.
+
+Die rasche Strömung brachte uns bereits bald nach 4 Uhr nach Uma Mehak,
+der ersten grösseren Niederlassung unterhalb der Wasserfälle. Seitdem
+Uma Mehak in den letzten Jahren der Sammelpunkt malaiischer
+Buschproduktensucher geworden ist, sind auf dem Uferstreifen
+zwischen den langen Bahau-Häusern und dem Flusse malaiische Häuser
+entstanden, so dass das Ganze nicht mehr den einheitlichen Charakter
+der Niederlassungen oberhalb der Wasserfälle trägt. Auch beim Betreten
+des Dorfes machte alles einen verfalleneren Eindruck als oben. Da die
+Bevölkerung hier nicht zahlreich genug ist, wechselt sie ihre Dörfer
+viel seltener als es am oberen Mahakam üblich ist, daher sehen die
+Häuser hier in der Regel älter und baufälliger als im Innern der
+Insel aus.
+
+Auf der Galerie des langen Hauses wurde uns aber ein gutes Unterkommen
+angeboten und wir liessen im grossen Raume Bretterverschläge
+herrichten, um einige von uns, die an Fieber litten, von dem grossen
+Getriebe fernzuhalten. Das Interesse für uns war hier besonders
+rege und da wir nur einige Tage bleiben wollten, suchte man nach
+Möglichkeit, aus unserer Gegenwart Vorteil zu ziehen; hauptsächlich
+wurde ich um Arzneien angegangen. Wir fühlten aber wenig Sympathie für
+unsere neue Umgebung, denn aus einem Kreise primitiver, unverdorbener
+Bahau gerieten wir hier plötzlich in eine degenerierte Gesellschaft
+der verschiedensten Stämme vom Barito und Mahakam. Von allen Seiten
+starrten uns Menschen mit fremden, verdächtigen Gesichtern an, die
+sich hier zu dem alleinigen Zwecke, um den oberhalb der Wasserfälle
+unbekannten Genüssen, wie Hazardspielen und Hahnenkämpfen um hohen
+Einsatz und dergl. zu fröhnen, aufhielten. Dabei herrschten hier
+ständig Streit und Zank, an die wir seit langer Zeit nicht mehr
+gewöhnt waren. Man hatte uns übrigens oberhalb der Wasserfälle
+bereits darauf aufmerksam gemacht, dass sich in diesem Zentrum der
+Buschproduktensucher alles um Spiel und Wetten drehte.
+
+Abends, lange nachdem wir uns zur Ruhe begeben hatten, hörten wir noch
+Würfel rollen und Geld zählen; beim Schein kleiner Lampen hockten
+auf der Galerie kleine Gruppen, die teils mit chinesischen, teils
+mit europäischen Karten spielten. Bei Sonnenaufgang hielten einige
+Buginesen, die als die wichtigsten Bankiers fungierten, ihren Einzug
+in der Galerie und versammelten bald einen grossen Kreis um sich. Zum
+grossen Verdruss ihrer Häuptlinge beteiligten sich auch die Bahau des
+langen Hauses am Spiel, wodurch sowohl der Ackerbau als das Verhältnis
+des Hausbewohner untereinander litt. Die Häuptlinge konnten sich nicht
+besser ausdrücken, als indem sie diesen Zustand als "_rusak murib_
+Bahau" "Verderben des Bestehens der Bahau" bezeichneten.
+
+Zwei in Uma Mehak verbrachte Tage genügten, um uns davon zu überzeugen,
+dass derartige Zustände auf die Dauer nur zur Demoralisierung einer
+Bevölkerung dienen können, deren gute Eigenschaften wir oberhalb der
+Wasserfälle kennen gelernt hatten. Ausserdem bilden sie für alle, die
+von der Ostküste aus Beziehungen mit dein Binnenlande anknüpfen wollen,
+eine Gefahr. Wir hätten hier nur durch einen langdauernden Aufenthalt
+Einfluss ausüben können; da wir hierfür aber keine Zeit hatten und
+den ersten Teil des von der Regierung gestellten Auftrages erfüllt
+hatten, beschlossen wir, den Mahakam weiter bis Udju Halang zu fahren
+und dort zu warten, bis ein Dampfboot uns zur Küste abholen würde.
+
+_Bier_ begann von Uma Mehak aus, bei günstigerem Wasserstande, seine
+Aufnahme und hoffte sie noch vor unserer Abreise zur Küste bis Ana
+fortsetzen zu können.
+
+Ich hatte die Ruhetage dazu verwandt, unseren Pflanzensucher _Sekarang_
+von der Malaria zu kurieren, aber das Fieber hatte ihn bereits so
+angegriffen, dass es für ihn ein Glück war, dass wir zu Wasser und
+nicht zu Lande weiterreisten. Schlimmer ging es _Hadji Umar_, der
+sich immer noch weigerte, Arzneien zu nehmen, und daher täglich an
+Malariaanfällen litt und sichtlich herunterkam. Er raffte sich trotzdem
+auf, um mit uns weiterzureisen und nahm auch seine Familie mit.
+
+Nach einer langen Tagereise erreichten wir _Udju_ Halang, das uns offen
+stand, da das _lali_ wegen des Todes von _Bang Joks_ Schwester bereits
+aufgehoben war. Wir nahmen sogleich die Galerie in Beschlag; während
+_Kwing Irang_ mit den Seinen am folgenden Tage nach Udju Tepu und
+Ana weiterfuhr, um dort Handel zu treiben und uns zu benachrichtigen,
+sobald das Dampfboot uns abholen käme. Gleich nach _Kwings_ Abreise
+traf auch _Njok Lea_ bei uns ein; es hatte ihn unangenehm berührt,
+dass wir in Uma Mehak nicht auf ihn gewartet hatten, doch reiste er
+schliesslich guter Stimmung _Kwing_ nach.
+
+Trotz meiner Ungeduld, die Küste zu erreichen, hoffte ich doch,
+hier einige Ruhetage zu finden, da wieder einige von uns an Malaria
+erkrankt waren. _Barth_, der die ganze Reise über gesund gewesen
+war, wurde nachts von einem heftigen Fieberanfall gepackt, ferner
+erkrankten zwei Schutzsoldaten, auch fühlte sich _Sekarang_ immer
+noch nicht wohl. In den vier Tagen, die wir hier bleiben konnten,
+gelang es uns zum Glück, alle soweit wiederherzustellen, dass sie die
+Reise fortsetzen konnten. An Beschäftigung fehlte es uns auch hier
+nicht. _Doris_ ordnete seine Vögel und die anderen untersuchten die
+eisernen Koffer, um deren Inhalt nötigen Falls zu trocknen.
+
+Am meisten machte mir wiederum die Bevölkerung zu schaffen, die stark
+an Malaria und anderen Krankheiten litt und der ausserdem viel daran
+lag, mir in kurzer Zeit allerhand Gegenstände zu verkaufen. Ich merkte
+hier deutlich, dass die Bevölkerung, durch den langdauernden Umgang
+mit Malaien an Handel gewöhnt, sich viel leichter als im Innern
+von ihrem Hab und Gut trennte. Daher erwarb ich hier an schönen
+Dingen, besonders an Tätowiermustern, in vier Tagen mehr als während
+meines langen Aufenthaltes am oberen Mahakam. Auch empfand ich es
+als vorteilhaft, dass die Leute den Wert des Geldes gut kannten;
+sie freuten sich hier über einen Gulden ebenso sehr wie oberhalb
+der Wasserfälle über vier. Von Udju Halang rühren auch die im
+vorhergehenden Kapitel abgebildeten Tätowiermuster der Uma-Luhat,
+der Bewohner dieser Niederlassung, her.
+
+Leider war der Häuptling _Adjang_ nicht zu Hause; er war als der beste
+Schwertschmied unterhalb der Wasserfälle bekannt und hätte mir gewiss
+einige schöne Exemplare verkaufen können.
+
+Am dritten Tage unseres Aufenthaltes traf auch _Bier_, der seine
+Messung bis Ana fortgesetzt hatte, bei uns ein. Abgesehen von dem
+kleinen Stück oberhalb Uma Mehak, das später ergänzt wurde, hatten
+wir unseren ganzen Reiseweg von der Wasserscheide an messen können
+und somit konnten die bereits erwähnten Aufnahmen des Kapuasgebietes
+und des Gebietes von Ana bis zur Küste miteinander in Zusammenhang
+gebracht werden.
+
+Nun hatten wir noch nach einem Orte Umschau zu halten, der sich als
+Wohnsitz für einen niederländischen Beamten eignete; aber die Aufgabe
+war nicht leicht zu lösen, denn gleich unterhalb Uma Mehak flachen
+sich beide Uferseiten ab und nur hie und da erheben sich einige
+Hügel, die weiter unten gänzlich fehlen. Die wenigen, nur wenige
+Meter über dem Wasserstande befindlichen Erhebungen waren bereits
+von den Niederlassungen der Bahau eingenommen. Wir fuhren daher nach
+vier Tagen weiter nach Ana, wo wir uns zugleich in grösserer Nähe
+des Dampfbootes befanden.
+
+In Ana nahm uns die Wittwe des früheren höchsten Häuptlings dieses
+Gebietes, _Si Ding Ledjü_, als ihre Gäste auf. _Ledjü_ war mir
+während meines ersten Aufenthaltes am oberen Mahakam, im Jahre
+1897, entgegengereist und hatte mir auf allerlei Weise zu helfen
+getrachtet. Seine Wittwe zeigte mir mit Stolz ein schönes silbernes
+Teebrett, das ich für sie in Batavia als Geschenk der Regierung
+besorgt hatte und das ihr der Assistent-Resident von Samarinda später
+überreicht hatte. Obwohl sie in sehr bescheidenen Verhältnissen
+zurückgeblieben war und ihr Schwager die Häuptlingschaft für ihren
+unmündigen Sohn _Djü_ führte, tat sie doch alles, um uns den Aufenthalt
+bei ihr so angenehm als möglich zu machen. Wir wurden nicht in der
+Galerie, sondern in der Häuptlingswohnung selbst aufgenommen, was
+bis dahin nicht vorgekommen war. Unseren Malaien wurde eine grosse,
+leere Wohnung angewiesen, in der auch der grösste Teil unseres Gepäckes
+Platz fand.
+
+Zum Glück war _Sekarang_ so weit hergestellt, dass er die Sorge für
+die Kisten mit lebenden Pflanzen wieder übernehmen konnte. Die Sammlung
+befand sich, da sie die meiste Zeit in der freien Luft verbracht hatte,
+in ausgezeichnetem Zustand. Für diese Produkte der kühlen Gebirgswälder
+wurde nun aber das Klima in der Ebene viel zu warm; da sie überdies
+vor den Salzteilchen in der Luft während der Seereise geschützt werden
+mussten, hatten sie eine ständige Bedeckung nötig, die wir ihnen aus
+Rotangschirmen, welche mit Kattun überzogen wurden, herstellen liessen.
+
+Sobald _Kwing Irang_ erfahren hatte, dass wir uns in Ana befanden,
+gesellte er sich zu uns, um mit uns zu überlegen, wer von seinen
+Leuten uns nach Samarinda begleiten sollte. Um zum ersten Mal in ihrem
+Leben eine Dampferfahrt mitzumachen, um die Wunder einer Küstenstadt
+zu sehen und um in Samarinda allerhand Dinge einzukaufen, wollten
+nämlich sehr viele mitreisen, daher rief _Kwing_ meine Autorität zu
+Hilfe. Nachdem wir auch _Njok Leas_ Rat eingeholt hatten, beschlossen
+wir, dass 6 Kajan, 4 Long-Glat und die beiden angesehensten Mantri,
+_Sorong_ und _Bo Ului Jok_, mitgehen sollten. _Kwing Irang_ selbst
+und die anderen Häuptlinge wagten aus Furcht, vor dem Sultan nicht
+uns zu begleiten und wollten uns daher in Udju Tepu erwarten.
+
+Als der Handelsdampfer des Sultans "Sri Mahakam" in Udju Tepu ankam
+und der Bootsführer hörte, dass wir uns in Ana befanden, zeigte er
+sich sogleich bereit, uns dort mit unserem Gepäck abzuholen.
+
+Nach zweitägiger Fahrt erreichten wir Tengaron, wo wir uns dem Sultan
+vorstellten. Er empfing uns in seinem Palaste und stellte uns einen
+Dampfer zur Verfügung, der uns noch am gleichen Tage nach Samarinda
+brachte.
+
+
+
+
+
+ERRATA.
+
+
+ Seite 6, Zeile 2 und 5 von unten Javanern statt Javanen.
+ Seite 25, Zeile 6 von unten Javaner statt Javanen.
+ Seite 48, Zeile 2 von unten Schiefern statt Schieferschichten.
+ Seite 82, letzte Zeile für ligaroten statt zum Rauchen in
+ Zigaretten.
+ Seite 93, Zeile 7 von unten Ot-Danum statt Ot-Danom.
+ Seite 118, Zeile 1 von oben isst jeder statt ist jeder.
+ Seite 120, Zeile 17 von oben _barang_ statt barang.
+ Seite 120, Zeile 19 und 22 von oben Reisrispe statt Reishalm.
+ Seite 120, Zeile 14-15 von unten von der Rispe statt von dem
+ Reishalm.
+ Seite 121, Zeile 6 von oben wird der Reis statt werden die
+ Reishalme.
+ Seite 124, Zeile 3, 5, 14, von unten _mela_ statt _mela_.
+ Seite 125, Zeile 6, 7, von oben _mela_ statt _mela_.
+ Seite 211, Zeile 16 von oben Weissmacht statt weismacht.
+ Seite 224, Teile 16 von unten sollte es statt sollten sie.
+ Seite 245, Zeile 8 von oben troff statt triefte.
+ Seite 288, Zeile 7 von oben Bodenfläche statt Oberfläche.
+ Seite 429, Zeile 10 von oben 1/2 gr Chinin statt 1 1/2 gr Chinin.
+ Seite 429, Zeile 15 von unten Sternocleido-mastoidei statt
+ Sterno-mastoide.
+
+
+
+
+
+
+NOTIZEN
+
+[1] H. Steinthal in: Anleitung zu wissenschaftl. Beobachtungen auf
+Reisen von Dr. G. Neumayer.
+
+[2] Den Titel "Resident" führt in niederländisch Borneo der höchste
+Regierungsbeamte; auf ihn folgt der Assistent-Resident und in dritter
+Rangstufe der Kontrolleur.
+
+[3] Dr. _G.A.F. Molengraaff_: Geologische Verkenningstochten in
+Centraal-Borneo (1893-94).
+
+[4] Anthropometrische Untersuchungen von
+Dr. _J.H.F. Kohlbrügge_. Mittheilungen aus dem Niederl. Reichsmuseum
+f. Ethn.
+
+[5] Batik ist gefärbter Kattun in javanischen Mustern.
+
+[6] Siehe: Janus. Arch. Internat. p. l'Histoire de la Médecine et la
+Géographie Méd. 1898.
+
+[7] Archiv für Derm. u. Syph. 1898.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Quer Durch Borneo, by A.W. Nieuwenhuis
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK QUER DURCH BORNEO ***
+
+***** This file should be named 17379-8.txt or 17379-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/7/3/7/17379/
+
+Produced by Jeroen Hellingman
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.