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diff --git a/17379-8.txt b/17379-8.txt new file mode 100644 index 0000000..6341563 --- /dev/null +++ b/17379-8.txt @@ -0,0 +1,21021 @@ +The Project Gutenberg EBook of Quer Durch Borneo, by A.W. Nieuwenhuis + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Quer Durch Borneo + Ergebnisse seiner Reisen in den Jahren 1894, 1896-97 und + 1898-1900; Erster Teil + +Author: A.W. Nieuwenhuis + +Editor: M. Nieuwenhuis-von Üxküll-Güldenban + +Release Date: December 23, 2005 [EBook #17379] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK QUER DURCH BORNEO *** + + + + +Produced by Jeroen Hellingman + + + + + + + + Quer durch Borneo + + Ergebnisse seiner Reisen + In den Jahren 1894, 1896-97 und 1898-1900 + + + Von + + Dr. A.W. Nieuwenhuis + + Unter Mitarbeit + + Von + + Dr. M. Nieuwenhuis-von Üxküll-Güldenbandt + + + Erster Teil + + Mit 97 Tafeln in Lichtdruck und zwei Karten + + + Buchhandlung und Druckerei + Vormals + E.J. Brill + Leiden--1904 + + + + + + + +VORWORT. + + +Bevor noch die Ergebnisse meiner ersten Durchquerung der Insel +Borneo unter dem Titel "In Centraal Borneo" veröffentlicht waren, +trat ich eine neue Reise an, die zwei Jahre und acht Monate dauerte +und mir Gelegenheit bot, die bereits erlangte Kenntnis von den +Bewohnern dieser bisher völlig unbekannten Gegenden wesentlich zu +bereichern. Da die Forschungen, die ich über den Charakter der Dajak +und die Verhältnisse, unter denen sie leben, anstellte, eine weitere +Ausbreitung des niederländischen Einflusses im Herzen Borneos zur +Folge hatte, erschien mir eine Vereinigung der früher erworbenen +Resultate mit den neuen und deren Veröffentlichung in umgearbeiteter +Form nicht nur aus wissenschaftlichem, sondern auch aus praktischem +Interesse wünschenswert. + +Das Werk besteht aus zwei Teilen. Der erste behandelt die Reise +von Pontianak nach Samarinda, quer durch Borneo, und enthält eine +Schilderung von den Zuständen unter den Bahau am Kapuas und Mahakam, +der zweite beschreibt die Expedition zu den Kenja im Stammland der +Bahau, ferner die Industrie, den Handel, den Häuserbau und die Kunst +bei diesen Stämmen. + +Wie in meinem vorigen Werke habe ich mich auch in diesem darauf +beschränkt, fast ausschliesslich eigene Beobachtungen zu geben, und +die anderer Autoren nicht zur Vergleichung herbeigezogen. Abgesehen +davon, dass das Werk sonst zu umfangreich geworden wäre, ist es +auch sehr schwierig, in allem, was die Reisenden bis jetzt über +Borneo geschrieben haben, sorgfältige Beobachtungen von flüchtigen +Eindrücken zu unterscheiden. Überdies bin ich der Ansicht, dass eine +einfache Wiedergabe eigener Beobachtungen, von deren Richtigkeit man +sich im Laufe vieler Jahre hat überzeugen können, für die Ethnographen +besonders wertvoll ist. + +In dieses neue Werk habe ich, soweit sie nicht in Fachzeitschriften +gehören, alle Resultate meiner Reisen in Mittel-Borneo aufgenommen; +desgleichen haben diejenigen Photographien der vorigen Reisen, die ich +für wissenschaftlich interessant hielt, auch ins neue Buch Aufnahme +gefunden. In die Reiseerzählung, die das Werk auch für Laien geniessbar +machen soll, sind noch Beobachtungen allerlei Art, die anderswo keinen +Platz fanden, und einige charakteristische Erlebnisse meiner vorigen +Reisen verflochten worden. + +Zur Verzierung des Einbands wurden ausschliesslich dajakische Muster +verwendet. Die vordere Seite des Einbands ist mit den Randfiguren +eines Frauenrockes geschmückt, die hintere Seite und der Rücken +tragen Tätowiermuster. + +Die Herausgabe des vorliegenden Werkes konnte in dieser Form nur +dank einer bedeutenden Subvention seitens des Kolonialministeriums +stattfinden. Diese Subvention ermöglichte auch eine Reproduktion +der Tafeln in Licht- und Farbendruck, durch welche erst die vom +ethnographischen Standpunkt wichtigen Einzelheiten der photographischen +Aufnahmen zur vollen Geltung gelangten. + +Während meiner Arbeit habe ich von verschiedener Seite Unterstützung +genossen. In erster Linie fühle ich mich der "Maatschappij tot +bevordering van het natuurkundig onderzoek der Nederlandsche +Koloniën", die meine ersten Reisen veranlasste und mir gestattete, +die von ihr herausgegebene Karte von Borneo für dieses Werk zu +reproduzieren, zu Dank verpflichtet. Ferner spreche ich den Herren +Professoren Dr. _A.E.J. Holwerda_ und Dr. _K. Martin_ und Herrn +Dr. _J.D.E. Schmeltz_, die sich stets hilfsbereit gezeigt haben, +besonders aber Herrn Professor Dr. _F. Schwend_ in Stuttgart, der mir +durch seine Hilfe bei der Korrektur einen grossen Dienst geleistet hat, +meinen herzlichsten Dank aus. + +Leiden, + +Dezember 1903. + +Dr. A.W. Nieuwenhuis. + + + + + +INHALT. + + +Kapitel I. 1-22 + +Erste wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo +(1893-1894)--Pläne zu einem zweiten Versuch einer Durchquerung +Borneos von West nach Ost--Zweite Reise (Februar 1896-Juni 1897) +und deren Ergebnisse--Anlass zur Unternehmung der dritten Reise (Mai +1898-Dezember 1900)--Ausrüstung--Dampfschiffahrt nach Pontianak--Fahrt +auf dem Kapuas bis Putus Sibau--Zustände in Putus Sibau. + +Kapitel II. 23-42 + +Aufenthalt in Putus Sibau--Aussichten für die Mahakamreise--Besuch +der Batang-Lupar--Aufbruch nach Tandjong Karang Einrichtung des +Kajan Hauses--Ärztliche Praxis unter der Bevölkerung--Vorbereitungen +für den Zug nach dem Mahakam Rückkehr nach Putus Sibau--Einkauf von +Ethnographica und Krankenbehandlung--Verwundung eines Sibau Dajak +Zurücksendung eines Jägers--Besuche der Kajan--_Usun_ in Putus +Sibau--Befragen der Vögel--Aufbruch nach dem Mahakam. + +Kapitel III. 43-68 + +Allgemeines über die Insel Borneo--Die Gebirge von +Mittel-Borneo--Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam und +dem Batang-Rèdjang, Kajan und Barito--Geologie des oberen +Mahakamgebietes--Salzquellen--Geologischer Charakter des Apu Kajan +Äussere Gestaltung Mittel-Borneos--Buschvegetation--Meteorologische +Verhältnisse--Bewohner der Insel--Malaien und Dajak Sesshafte Stämme: +Bahau und Kenja--Nomadenstämme: Punan, Bukat und Beketan--Herkunft +der Bahau und Kenja Legende vom Wasser und Feuer--Auswanderungen +und Vermischungen der Stämme--Organisation eines Bahau- bezw. eines +Kajan-Stammes--Geschichte der Mendalam Kajan--Glieder eines Stammes: +Häuptlinge, Freie und Sklaven--Gegenseitige Verpflichtungen der +Stammesglieder--Abstammung des Häuptlings _Akam Igau_. + +Kapitel IV. 69-95 + +Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan--Geburt--Behandlung des +Neugeborenen--Kindertragbrett (_hawaat_)--Verpflegung des Kindes--Erste +Namengebung--Zweite Namengebung--Namenänderungen--Das Kind bis zur +Pubertät--Junge Männer und Mädchen--Tätowierung--_utang_--Künstliche +Verunstaltungen--Beschäftigungen und Verkehr der +jungen Leute--Mahlzeiten Heirat--Stellung von Mann und +Frau--Erbschaft--Tod--Trauer--Kopfjagden. + +Kapitel V. 96-115 + +Religiöse Vorstellungen der Bahau--Wichtigste Götter--Einteilung des +Weltalls--Gute und böse Geister--Seelen der Bahau--Charakter und +Schicksal der _bruwa_ und _ton luwa_--Seelen der Tiere, Pflanzen +und Gesteine--Vorzeichen--Erklärung der _pemali_--Priester +und Priesterinnen--Beseelung der _dajung_--Pflichten der +_dajung_--Erklärung der _mela_--Das Ei als Opfergabe. + +Kapitel VI. 116-132 + +Opfergaben der Ballon: _kawit_--Die _pemali:_ bei der _mela_, +beim Erntefest, in den Reisscheunen, auf dem Reisfelde, beim +Säen, beim Neujahrsfest, bei der _mela_ der Namengebung, bei der +_mela_ gegen Krankheit, bei der Rückkehr von grossen Reisen--Das +_legén_--Schwierigkeiten bei den Nachforschungen auf religiösem +Gebiet--_Usun_, die Oberpriesterin--Schöpfungsgeschichte der Mendalam +Kajan. + +Kapitel VII. 133-155 + +Auffassung der Kleidung seitens der Eingeborenen--Zweck +der Kleidung--Einfluss der Malaien auf die +Kleidung--Alltags-, Fest- und Kriegskostüm der Männer am +Mendalam--Kopfbedeckungen--Schmuck--Tätowierung--Ausrecken der +Ohrläppchen--Umformung der Zähne--Haartracht--Alltags- und Festkleidung +der Frauen--Schmuck--Trauerkleidung--Ausrüstung der Toten--Waffen der +Kajan: Schwerter, Speere, Blasrohre--Herstellung der Blasrohre--Pfeile +und Pfeilgifte--Schilde. + +Kapitel VIII. 156-185 + +Rolle des Ackerbaus bei der Bahau und Kenja--Religiöse Vorstellungen +beim Ackerbau--Legende von der Entstehung der Ackerbauprodukte--Art +der Feldbewirtschaftung--Vorzeichensuchen bei der Wahl der +Felder--Bestimmung der Saatzeit--Perioden des Reisbaus--Bedeutung +der Ackerbaufeste--Saatfest: religiöse Zeremonien; Masken- und +Kreiselspiel--Neujahrsfest--Festgebräuche--Zweite Namengebung der +Kinder--Darbietung der Opfer--Tänze der Priesterinnen--Ringkampf--_aron +uting_ = Festtag des Schweinefleischessens--_aron kertap = Festtag_ +des Klebreisessens--_nangeian_ = Rundtanz der Priesterinnen und +Laien--Schlusszeremonien beim Neujahrsfest. + +Kapitel IX. 186-199 + +Fischreichtum des Kapuasgebietes--Fischereigerätschaften--Fang des +_tapa_--Fang mit _tuba_-Gift--Jagd--Hunde der Bahau--Erträgnisse der +Jagd--Vogelfang--Haustiere. + +Kapitel X. 200-219 + +Von Putus Sibau nach Siut--Besuch bei den Taman Dajak-Verlust +eines Hundes durch ein Krokodil--Nachtlager auf der Geröllbank +Liu Tangkilu--Kampf gegen die Strömung--Aufenthalt wegen des +_telaradjang_--Umschlagen eines malaiischen Handelsbootes--Ausflug +auf einen Berg--Eigentümliche Lianen--Fortsetzung der Fahrt bis zur +Gung-Mündung--Aufenthalt wegen schlechter Vorzeichen--Passieren +der "Gurung Delapan"--Nachtlager an der Bungan-Mündung--_Bier_ +und _Obet Lata_ fallen in den Fluss--Begegnung mit unserer +ersten Gesandtschaft--Ankunft an der Bulit-Mündung--Aufschlagen +der Lagers--Nächtlicher Überfall durch Hochwasser--_Akam Igaus_ +Reiseplan--Begegnung mit Bungan Dajak--Aufbruch zum _pangkalan_ +Howong--Kalkberge am Bulit. + +Kapitel XI. 220-243 + +Ankunft am _pangkalan_ Howong--Unterhaltung im Lager--_Akam +Igau_ zieht zum Mahakam voraus--Aufbruch eines Teils der Kuli zur +Wasscherscheide--Erscheinen von Bungan Dajak--Besuch im Lagerplatz, +der Bungan--Rückkehr der Träger--Verschwinden des Reises--Landzug +in Eilmärschen--Passieren des Bungan--Nahrungsnot--Lager unterhalb +der Wasserscheide. + +Kapitel XII. 244-268 + +Auf der Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam--Opfer der +Kajan--Längs des Howong zu den Pnihing--_Amun Lirung_--Nahrungsmangel +und Schwierigkeiten mit dem Transport des Gepäckes--_Kwing +Irang_--Löhnung der Träger--Besuch bei den Bukat--Reise zu +_Belarè_--Einkauf von Böten am Tjehan--Fahrt zu _Kwing Rang_ am Blu-u. + +Kapitel XIII. 269-294 + +Der Mahakam in seinem Ober- Mittel- und Unterlauf--Bewohner des +Mahakamgebietes--Vorgeschichte der Stämme--Stellung und Einfluss +der Fremden--Ursprüngliche Bewohner am oberen Mahakam--Vorherrschaft +der Long-Glat--_Kwing Irang_ und dessen Stellung unter den übrigen +Häuptlingen--Verkehr und Handel unter den Stämmen--Selbständigkeit der +Stämme--Verteilung der Ländergebiete--Bestimmungen in bezug auf Feld- +und Waldfrüchte, Buschprodukte, Jagd- und Fischfang--Industrie--Verkehr +mit den Nachbarländern--Handel und Handelswege. + +Kapitel XIV. 295-315 + +Verkehr mit den Eingeborenen--Einkauf von Ethnographica--Sammeln und +Konservieren von Tieren und Pflanzen--Sammlungen und Untersuchungen +auf geologischem Gebiet--Topographische Aufnahmen--Photographie. + +Kapitel XV. 316-350 + +Verhältnisse bei den Mahakam Kajan--Zeitrechnung-Beschäftigungen +während der Verbotszeit--Besteigung des Batu +Mili--Saatfest--Maskenspiel--Kreiselspiel--Abschied von _Akam Igau_ +und _Jung_--Fahrt zum Merasè--Tod des Häuptlings _Bo Li_--Begegnung +mit malaiischen Rebellen--Beginn mit der Mahakamaufnahme--Zweite +Besteigung des Batu Mili--Sage vom Batu Mili--Hahnenkämpfe. + +Kapitel XVI. 351-385 + +Besuch bei den Ma-Suling am Merasè--In Batu Sala, Napo Liu +und Lulu Sirang--Behandlung von Kranken, Einkauf von Böten und +Ethnographica--Besteigung des Batu Situn--Beobachtungsposten +auf einem Baumgipfel--Rückkehr nach Lulu Sirang--Symbolische +Heiratserklärung--Hochzeitsgebräuche--Ehegesetze--Heimkehr nach dem +Blu-u--Besuch bei den Pnihing am Tjehan--In Long 'Kup--Besteigung +des Liang Karing--Bei den Pnihing am Pakatè--Begräbnisstätte +der Pnihing--_Hadji Umar_--Zurücksendung einer Batang-Lupar +Gesellschaft--Beratung wegen des Hausbaus--Besuch von _Hinan Lirung_. + +Kapitel XVII. 386-417 + +Bau des Häuptlingshauses--Besteigung des Batu Lesong--Ermordung einer +Sklavin--Schutzleistung gegen Batang-Lupar Banden--Anwerbung neuer +Leute--Krankenbesuch am Merasè--Reisevorbereitungen--_Bang Joks_ +politische Stellung--_Kwing Irangs_ Einzug ins neue Haus--Allerhand +Schwierigkeiten--Wiederholtes Vorzeichensuchen--Tod eines kleinen +Mädchens--Ankunft _Akam Igaus_--Neue Reisehindernisse. + +Kapitel XVIII. 418-449 + +Äusseres der +Bahau--Körperbau--Sinnesorgane--Charakter--Eigentümlichkeiten ihrer +Konstitution--Krankheiten der Bahau: Malaria, venerische Krankheiten, +Intestinalkrankheiten, Rheumatismus; Kropf; Infektionskrankheiten +verschiedener Art, Augenkrankheiten, parasitäre Hautkrankheiten--Wert +einer ärztlichen Praxis unter den Eingeborenen--Vorstellungen +der Bahau von ihrem Körper, ihrem Geist; dem Schlaf und den +Krankheiten--Heilmethoden der Priester--Diätetische Mittel-Befolgung +ärztlicher Vorschriften--Arzneien der Eingeborenen--Massage, +Dampfbäder. + +Kapitel XIX. 450-468 + +Allgemeines über Tätowierung--Unterscheidung dreier +Gruppen--Vorschriften für Tätowierkünstlerinnen und +Patienten--Tätowiergerätschaften--Ausführung und Folgen der +Operation--Methoden der Tätowierung bei den verschiedenen +Stämmen und Ständen--Seeentätowierung--Tätowierung der Kajan am +Mendalam--Tätowiermuster--Tätowierung bei den Mahakamstämmen und +den Kenja. + +Kapitel XX. 469-493 + +Reise zur Küste: von Long Blu-u nach Long Tepai--Passieren +der westlichen Wasserfälle--Flössen des Rotang--In Long Deho +bei _Bo Adjang_--Aufenthalt wegen Hochwassers--Ertrinken +zweier Long-Glat--Ankunft _Kwing Irangs_--Weiterreise mit den +Kajan--Passieren des Kiham Udang--Wiedersehen mit dem Kontrolleur +in Long Bagung--Begegnung mit Kenja--Über Uma Mehak, Udju Halang, +Ana und Tengaron nach Samarinda. + + + + +BEMERKUNGEN ÜBER DIE AUSSPRACHE. + + +Alle einheimischen Wörter, die keine geographischen Namen oder +Personennamen bedeuten, liess ich kursiv drucken. Während die Zeichen +auf den gerade gedruckten Wörtern keiner weiteren Erklärung bedürfen, +gelten in Bezug auf die Aussprache der Vokale in den kursiv gedruckten +Wörtern die folgenden Regeln des allgemeinen linguistischen Alphabets +[1]. + + + _a_ in dem Deutschen Tat, hat. + _e_ in dem Deutschen Bär, fett; + _e_ in dem Deutschen Weh; + _i_ in dem Deutschen wir, mit; + _o_ in dem Deutschen Mond; + _o_ in dem Deutschen Sonne; + _ö_ in dem Deutschen Hörner; + _ö_ in dem Deutschen König; + _u_ in dem Deutschen Mut; + _u_ in dem Deutschen Tür; + _ai_ in dem Deutschen Kaiser. + _au_ in dem Deutschen Haut. + _au_ in dem Deutschen Häute. + _e_ bezeichnet den dumpfen Vokal der deutschen Vor- und + besonders Endsilben, z.B. begraben. + + +In den Inhaltsangaben und in den Überschriften der Seiten sind obige +Zeichen bei den kursiv gedruckten Wörtern fortgelassen worden. + +Um die Länge und die Kürze der Vokale und die Betonung anzugeben, sind +die üblichen Zeichen [-]; [u]; und ['] verwendet worden. + + + + + +LISTE DER KARTEN UND TAFELN. + + +Karte der Insel Borneo Anhang. +Karte des Bungan-Gebietes gegenüber Seite 226 + +Tafel. Gegenüber Seite + + 1. Die Expedition in Long Bagung (Mai 1899) Titelbild. + 2. Tandjong Karang 26 + 3. Geschnitzte Haustür des Häuptlings _Akam Igau_ 28 + 4. Inneres von _Akam Igaus_ Wohnung A 28 + 5. Inneres von _Akam Igaus_ Wohnung B 28 + 6. _Usun_, Oberpriesterin in Tandjong Karang 40 + 7. Die Salzquelle Sepan Dingei mit Brunnenvorrichtung 46 + 8. Landschaft von Mittel-Borneo (oberer Mahakam) 48 + 9. Greis der Kajan vom Mahakam. Kajan vom Mahakam 52 +10. Junge Frauen der Mahakam Kajan. Junge Mädchen der Mahakam 56 +11. Ältere Frau der Mahakam Kajan 60 +12. Pnihing 64 +13. Bewaffnete Ma-Suling vom Merasè mit ihrem Häuptling Ibau Li 68 +14. Kindertragbrett (_hawat_) der Kajan am Mendalam 72 +15. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 116 +16. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 118 +17. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 120 +18. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 122 +19. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 124 +20. Religiöse Gegenstände der Mendalam Kajan 124 +21. _Legen_ 126 +22. Gut gekleideter junger Kajan 136 +23. Bahau in Kriegskostüm 136 +24. Hüte der Bahau 138 +25. Schmucksachen der Mendalam Kajan 140 +26. Frau der Bahau in Trauerkleidung 144 +27. Totenausrüstung 144 +28. Schwerter der Mendalam Kajan 146 +29. Schwerter der Bahau 148 +30. Schwertscheiden der Bahau 148 +31. Schwerter mit Scheiden der Stämme von Nord- und + West-Borneo 148 +32. Pfeilköcher, Giftbrett u.s.w. 150 +33. Auszug aufs Feld mit Tragkorb, Schwert, Ruder und Speer 162 +34. Neu angelegtes Reisfeld der Bahau 162 +35. _Dangei_-Hütte 172 +36. _Lasa_, Opfergerüst mit Opfergaben 176 +37. Landschaft am oberen Kapuas 188 +38. Aufwärtsziehen der Böte mittelst Rotangtaue im + Gurung Delapan 212 +39. Gurung Bakang 214 +40. Mündung des Bulit 216 +41. Befördern der Böte über einen Wasserfall im Bulit 216 +42. Stalaktiten am Liang Bubuk 218 +43. Inneres einer Kuli-Hütte 222 +44. Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam 246 +45. Zwei aus verflochtenen und verwachsenen Lianen entstandene + Bäume 254 +46. Haus des Pnihinghäuptlings _Belarè_ 260 +47. Massenkalk mit undeutlicher Schichtung 264 +48. Unvollendete Niederlassung der Kajan an der Mündung des + Blu-u 268 +49. Unsere Wohnung in Long Blu-u 272 +50. Zwei Kajanfrauen vom oberen Mahakam 274 +51. Junger Mann und Frau der Kajan am oberen Mahakam 284 +52. Kajanknaben vom oberen Mahakam 296 +53. Junger Sklave der Kajan am oberen Mahakam 308 +54. Steine zur Bestimmung des Sonnestandes während der + Saatzeit 316 +55. Der Batu Mili bei Long Blu-u 320 +56. _Hudo Kajo_, als Geister verkleidete Männer 324 +57. Holzmasken 324 +58. Landung der Geistermasken 326 +59. Tanz der Geistermasken 326 +60. Maskerade der Frauen 328 +61. Frauen in Festkleidung. Als Männer verkleidete Frauen 328 +62. Als Punan verkleidete Kajan 328 +63. Kreiselspiel 330 +64. Napo Liu 332 +65. Gruppe der Murung Malaien in Napo Liu 334 +66. Grabmal des Ma-Suling-Häuptlings _Bo Long_ 354 +67. Rotang mit symbolischen Zeichen zur Absperrung eines Flusses 360 +68. Holzstapel als symbolische Heiratserklärung bei den + Long-Glat 364 +69. Der Liang Karing an der Mündung des Tjehan 370 +70. Aufwärtsziehen der Böte im Kiham Tukar Anang 372 +71. Niederlassung der Pnihing am Long Pakatè 374 +72. Mit Figuren verzierter Stein im Tjehan 374 +73. Begräbnisstätte der Pnihing am Fuss des Liang Nanja 376 +74. Särge der Pnihing 376 +75. Achtjähriger Kajan mit Tinea imbricata bedeckt 440 +76. Symmetrisch verbreitete Tinea imbricata bei einer jungen Kajanfrau + am oberen Mahakam 442 +77. Tätowieren einer Hand bei den Kajan am oberen Mahakam 450 +78. Frau der Long-Glat mit vollständiger Tätowierung 452 +79. _Dahei Kwing_, achtzehnjährige Kajanfrau vom oberen Mahakam mit + tätowierten Händen 452 +80. Junger Bukathäuptling mit Brust- und Armtätowierung 452 +81. Tätowierter Dajak vom Kahájan 452 +82. Tätowiermuster der Mendalam Kajan 456 +83. Schenkeltätowierung einer _panjin_ 460 +84. Schenkeltätowierung von _Tipong Igau_ 460 +85. Hand- und Fusstätowierung der Mendalam Kajan 460 +86. Schenkeltätowierung einer Long-Glat-Frau 461 +87. Muster für Schenkeltätowierungen 462 +88. Muster für Schenkeltätowierungen 464 +89. Muster für Schenkeltätowierungen 464 +90. Seitenstücke für Schenkeltätowierungen 464 +91. Schlussstücke für Schenkeltätowierungen 466 +92. Handtätowierungen der Long-Glat 466 +93. Handtätowierungen der Uma Luhat; Kajan am Blu-u 466 +94. Handtätowierungen der Uma Luhat 466 +95. Tätowierung der Kenja Uma Tow 468 +96. Schenkeltätowierung der Kenja 468 +97. Schenkeltätowierung der Kenja 468 + + + + + + + + +KAPITEL I. + + Erste wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo + (1893-1894)--Pläne zu einem zweiten Versuch einer Durchquerung + Borneos von West nach Ost--Zweite Reise (Februar 1896-Juni 1897) + und deren Ergebnisse--Anlass zur Unternehmung der dritten Reise + (Mai 1898-December 1900)--Ausrüstung--Dampfschiffahrt nach + Pontianak--Fahrt auf dein Kapuas bis Putus Sibau--Zustände in + Putus Sibau. + + +In den Jahren 1893 und 1894 rüstete die "Maatschappij tot +bevordering van het natuurkundig onderzoek der Nederlandsche Koloniën" +(Gesellschaft zur Beförderung der naturwissenschaftlichen Forschung in +den niederländischen Kolonieen) ihre erste grosse wissenschaftliche +Expedition nach Mittel-Borneo aus; wesentlich unterstützt wurde +sie dabei durch den damaligen Residenten _S.W. Tromp_ [2] der +"Wester-Afdeeling" von Borneo, der sehr wohl begriff, dass eine +Erweiterung der Kenntnis von Land und Volk auch in politischer Hinsicht +von grosser Bedeutung sein musste. + +Den Teilnehmern an der Expedition war zur Aufgabe gestellt worden, +von der Westküste durch die bisher ganz unbekannten Gebiete des oberen +Kapuas und oberen Mahakam bis zur Ostküste vorzudringen und während +der Reise, so weit als möglich, naturwissenschaftliches Material zu +sammeln und die Bevölkerung zu studieren. + +In Kutei erhoben sich aber bald warnende Stimmen, welche auf die +grossen Gefahren einer derartigen Unternehmung aufmerksam machten; +daher nahm man von dem anfänglichen Plan Abstand und beschränkte +sich auf die Erforschung des Flussgebietes des oberen Kapuas, in +welchem vom November 1893 bis zum Oktober 1894 reiche Sammlungen auf +botanischem, zoologischem, geologischem und ethnologischem Gebiete +angelegt wurden. Dank der Unterstützung der Regierung durch Schutz- +und Transportmittel konnten die Forscher, jeder in seinem Fache, +gesondert tätig sein; während der Zoologe Dr. _J. Büttikofer_ und der +Botaniker Dr. _H. Hallier_ sich im Urwalde niederliessen, durchzog +der Geologe Prof. _G.A.F. Molengraaff_ ausgedehnte Landstrecken, +um deren Formation kennen zu lernen und beendete seine Reise durch +einen gelungenen Zug von Bunut südlich nach Bandjarmasin. Indessen +jeder auf diese Weise die nötige Forschungsfreiheit genoss, lag mir, +als dem Expeditionsarzte, die Verwaltung des Ganzen ob. Da meine +ärztliche Hilfe von den Teilnehmern der Expedition selten beansprucht +wurde, konnte ich in den Dörfern der Eingeborenen wohnen bleiben und +von dort aus für die Zufuhr neuer Vorräte und die Anwerbung von Kuli +Sorge tragen. + +Teils aus Neugier, teils um ärztlichen Beistand zu erbitten, kamen bald +ununterbrochen Eingeborene in meine Nähe, so dass ich Gelegenheit +hatte, die Bevölkerung eingehend zu studieren und Ethnographica +zu sammeln. + +Nach zweimonatlichem Aufenthalt am Mandai, südlich vom oberen Kapuas, +machten der Geologe, Prof. _Molengraaff_, und ich den Versuch, in das +Gebiet des oberen Mahakam vorzudringen; wir mussten jedoch, obgleich +wir bereits die Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam überschritten +hatten, auf Grund von Gerüchten, die der uns begleitende Kontrolleur +über ernstliche feindliche Rüstungen seitens der Eingeborenen vernommen +hatte, den Rückzug antreten. Auf dieser letzten sechswöchentlichen +Expedition hatten die am Mendalam wohnenden Kajan, ein bis dahin so +gut wie unbekannter Stamm, die Träger und Ruderer geliefert. Die +Kajan am Mendalam sind nämlich mit denen am Mahakam verwandt und +in ständigem Verkehr, daher sind sie auch die besten Kenner dieser +dunklen Gebiete von Mittel-Borneo. + +Ich war somit, um zuverlässige Auskunft über die Verhältnisse am +oberen Mahakam zu gewinnen, hauptsächlich auf diesen Stamm der Kajan +angewiesen. Zwar hatte schon im Jahre 1825 ein Europäer, _Georg +Müller_, von der Ostküste aus den oberen Mahakam erreicht, aber sein +Geleite von Pnihing und Kajan ermordete ihn nach dem Überschreiten +der Wasserscheide im Flussbett des Bungan; mit dem kühnen Forscher +gingen auch seine Aufzeichnungen zu Grunde, und die innersten Gebiete +Borneos blieben unbekannt wie zuvor. + +Während Prof. _Molengraaff_ seine Reise nach Bandjarmasin antrat, +liess ich mich also für zwei Monate bei diesem Stamm der Kajan am +Mendalam in Tandjong Karang nieder und zwar mit demselben Resultat, wie +sonst überall, dass ärztliche Hülfe, das Einkaufen von Ethnographica +und viel Geduld mit ihrer Eigenart mir alles Vertrauen gewanden, +das eingeborene Stämme einem Fremden überhaupt schenken können. Als +wichtigsten Vertrauensbeweis betrachtete ich ihre Erklärung, mich +in das Gebiet des oberen Mahakam begleiten zu wollen, falls ich auf +ihre Bedingungen zur Unternehmung der Reise eingehen wollte. Eine der +für beide Teile wichtigsten war, dass ich, um nicht das Misstrauen +ihrer Verwandten am Mahakam zu erregen, ohne bewaffnetes Geleite +gehen sollte, was für mich so viel bedeutete, als dass ich mich ihnen +vollständig ausliefern sollte. Ich fand eine teilweise Erklärung für +diese Bedingung in dem Gefühl, das alle Eingeborenen in Mittel-Borneo +bei der Begegnung mit etwas Neuem und Fremdem beherrscht, nämlich: +der Angst. Da ich ausserdem wusste, dass es im eigenen Interesse +der Dajak lag, der niederländisch-indischen Regierung keinen Anlass +zur Unzufriedenheit zu geben, indem sie mir ein Leid zufügten, so +beunruhigte mich diese Bedingung durchaus nicht. + +Unter den interessanten Beobachtungen, die ich in dieser Zeit über +den Charakter der Stämme von Mittel-Borneo machte, ist diejenige +sicher die bedeutendste, dass die blutgierigen, wilden, Köpfe +jagenden Dajak im Grunde zu den sanftesten, friedliebendsten und +ängstlichsten Bewohnern dieser Erde gehören. Meine Erfahrungen stehen +in dieser Hinsicht nicht nur in schroffem Gegensatz zu der allgemein +verbreiteten Auffassung über die Dajak seitens der Europäer an den +Küsten Borneos, sondern seltsamer Weise auch aller Reisenden, die bis +jetzt Gelegenheit hatten, mit den mehr im Innern der Insel wohnenden +Stämmen in Berührung zu kommen. + +Da meine neuen Kajanfreunde mir allmählich auch zu verstehen gaben, +dass es mit der feindlichen Gesinnung der Mahakambewohner nicht so +schlimm bestellt sei, fasste ich auf meiner Rückreise nach Batavia +den Plan, wenn irgend möglich, aufs neue den Versuch zu wagen, in +das Gebiet des oberen Mahakam einzudringen und den Fluss bis zur +Ostküste hinabzufahren. + +In Batavia angelangt wurde ich jedoch sogleich als Arzt nach Lombok +abkommandiert, wo die Bestürmung von Tjakra Negara (1894) und alle +traurigen Folgen dieses entsetzlichen Kriegszuges uns Ärzte bald alle +eigenen Pläne vergessen liessen. + +Auch im Anfang des folgenden Jahres fanden wir selten Zeit, an etwas +anderes, als an unsere Kranken zu denken, bis endlich der Westmonsun +uns weniger Patienten und mehr Kollegen brachte und es mir glückte, +eine Versetzung nach Batavia zu erlangen. + +Dankbar für die mir erhaltene Gesundheit und alles, was ich auf der +prachtvollen Insel Lombok gesehen hatte, bestieg ich im Juli ein Schiff +der "Paketfahrtgesellschaft", welches mich nach Java brachte, und +sechs Tage darauf führte mich die Bahn von Surabaja an den Ort meiner +Bestimmung. Vier im idyllischen Garut verbrachte Tage verwischten +den Eindruck aller Lomboker Schrecknisse, und bei meiner Ankunft in +Batavia traten meine Borneopläne mir deutlicher als je vor den Geist. + +Nach einigen Unterhandlungen mit dem Ausschuss der oben genannten +niederländischen Gesellschaft in Batavia, zeigte sich diese bereit, +meine Pläne zu unterstützen, und als dann auch der finanzielle Teil +erledigt und die Zustimmung der Regierung erlangt war, konnte ich mit +der Ausrüstung beginnen und im Februar des Jahres 1896 von Batavia +über Pontianak mit der Expedition aufbrechen. + +Überzeugt, dass die Unterhandlungen mit den Kajan Monate dauern +würden, liess ich zwei Europäer: _Demmeni_ und _von Berchtold_, von +denen sich jener mit dem Photographieren, dieser mit der Erwerbung +einer zoologischen Sammlung beschäftigen sollte, vorläufig in Batavia +zurück; sie trafen mit mir erst im Mai am oberen Kapuas zusammen. Hier +war es mir nach monatelangem Zusammenleben mit den Kajan am Mendalam +endlich geglückt, diese ihrem Versprechen gemäss zur Teilnahme am +Zuge nach dem Mahakam zu bewegen und die vorläufigen Vorbereitungen, +wie das Einkaufen von Böten und grossen Quantitäten Reis, zu beenden; +jedoch dauerte es noch bis zum 3. Juli, bis wir von Putus Sibau, +dem wichtigsten Handelsplatz am oberen Kapuas, aufbrechen konnten. Im +Laufe von zwei Monaten fuhren wir den Kapuas und darnach seine beiden +Nebenflüsse Bungan und Bulit hinauf, zogen auf 800 m Höhe über die +Wasserscheide und stiegen dann zum Penaneh, einem Nebenfluss des +Mahakam, hinunter. + +Der erste Empfang bei den dort ansässigen Pnihing liess nichts zu +wünschen übrig, und auch während unseres achtmonatlichen Aufenthaltes +bis zum April 1897 bei den anderen Stämmen am oberen Mahakam fiel +nichts vor, was unser freundschaftliches Verhältnis gestört hätte. Es +war anfangs mein Plan gewesen, nur zwei Monate bei ihnen zu bleiben, +aber die herrschende Hungersnot liess uns nur die Wahl, uns ohne +Unterbrechung von einem Stamme zum anderen führen zu lassen, oder +die Hungersnot am oberen Mahakam bis zum Eintritt der neuen Ernte +mitzumachen. Wir wählten letzteres, da nur ein längerer Aufenthalt +bei den Stämmen ein Ergebnis der Reise versprach, und es gelang uns, +mit den Tauschartikeln bis zum letzten Augenblick hauszuhalten. Im +April brachen wir mit _Kwing Irang_, dem obersten Häuptling der +Mahakam-Kajan, bei dem wir uns niedergelassen hatten, nach dem unteren +Mahakam auf, passierten die grossen Wasserfälle, die den Ober- und +Mittellauf des Mahakam scheiden, und wurden vom Häuptling dem Sultan +von Kutei übergeben, der uns mit dem Assistent-Residenten _van Assen_ +entgegengereist war. + +Der langdauernde Aufenthalt im Herzen vom Borneo hatte uns in Stand +gesetzt, unsere Umgebung eingehend zu studieren und so brachte ich, +ausser bedeutenden Sammlungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, +eine gründliche Kenntnis der Zustände, Sitten und Sprachen der Stämme +am Mahakam mit nach Java. + +Statt in einem Dorado der Wilden, wie es sich die Europäer gewöhnlich +vorstellen, hatten wir unter Zuständen gelebt, von denen man sich +in Europa schwer einen Begriff machen kann. Ausser den ungünstigen +hygienischen Verhältnissen, welche eine Zunahme der Bevölkerung +verhindern, hatten mich die Angst und Unruhe, in der diese Menschen +ihr Dasein führen, betroffen. Jene sind, als Folgen des Klimas +und der Eigenart der Bevölkerung, schwer zu bekämpfen, diese, +hauptsächlich durch die Fehden der Stämme untereinander verursacht, +sind sehr leicht zu beseitigen, sobald sich eine über diesen Stämmen +stehende Macht mit der Schlichtung ihrer Zwistigkeiten befasst und +Selbstwehr verhindert. Die Bahau fühlten, dass ihnen (lies vor allem +fehlte; denn _Kwing Irang_ wandte sich durch meine Vermittelung im +Namen aller Stämme am oberen Mahakam an die niederländisch-indische +Regierung mit der Bitte um Beschirmung. + +Hierdurch wurde die indische Regierung veranlasst, eine neue Expedition +auszurüsten, um festzustellen, auf welche Weise in den Gebieten des +oberen Mahakam Ruhe und Sicherheit am besten herzustellen seien. Als +Leiter dieser Expedition wurde ich gewählt, ferner der Kontrolleur +1. Kl. _J.P.J. Barth_ und einige europäische und malaiische Gehilfen. + +Obgleich politische Interessen bei diesem neuen Zuge das Leitmotiv +bildeten, war es mir doch klar, dass seine Organisation aus +verschiedenen Gründen die gleiche wie bei der früheren, so wohl +gelungenen Expedition von Pontianak nach Samarinda sein musste. Es +handelte sich im wesentlichen darum, die Stimmung der Bevölkerung in +bezug auf die Einsetzung einer festen Verwaltung auszukundschaften +und auf die Schlichtung ihrer Zwistigkeiten mit benachbarten Stämmen +Einfluss zu gewinnen. Hierzu war es, wie auch auf der vorigen Reise, +notwendig, das Vertrauen der ängstlichen Bahau zu erwerben und sie +durch ein monatelanges Leben und Arbeiten in ihrer Mitte an die +Gegenwart von Weissen zu gewöhnen. + +Da wir möglicherweise mit feindlich gesinnten Stämmen von Serawak +in Berührung kommen konnten, musste das gut bewaffnete Geleite so +zahlreich sein, dass es im Notfall kräftigen Widerstand leisten +konnte. Um zu verhindern, dass dieses, hauptsächlich aus Malaien +bestehende Geleite während eines längeren Aufenthaltes in einem +Stamme Anstoss errege und um es stets bei guter Stimmung zu erhalten, +musste für seine ständige Beschäftigung gesorgt werden; das Gleiche +galt auch für die Europäer. Ich wählte die Malaien daher derart, +dass sie, ausser als Schutzsoldaten, auch auf wissenschaftlichem +und praktischem Gebiet von Nutzen sein konnten, als Pflanzensammler, +Jäger, Präparatoren, Ruderer u.s.w. + +Eine grosse Menge Tauschartikel zu unserem täglichen Unterhalt, +zum Einkauf von Ethnographica und zur Bezahlung der Kuli wurde +wiederum mitgenommen. Wir mussten nämlich nicht nur trachten, +unsere dajakischen Gastherren nicht zu verletzen, sondern auch, durch +Einkaufen von allerhand Dingen, vielen im Stamme einen Vorteil und uns +ihre Gunst zu verschaffen. Zur Erreichung dieses Ziels war auch, wie +wir auf der letzten Reise erfahren hatten, ein gründlicher ärztlicher +Beistand von grosser Bedeutung; daher gehörte ein reichlicher Vorrat +an Arzneimitteln zu unseren wichtigsten Reiseartikeln. + +Mit Rücksicht auf die oben erwähnten Verhältnisse setzte sich meine +Reisegesellschaft aus folgenden Gliedern zusammen: dem Kontrolleur +_J.P.J. Barth_, der sich hauptsächlich mit dem Studium der allgemeinen +Umgangssprache der Bahau, dem Busang, befasste; dem Photographen +der vorigen Expedition, _J. Demmeni;_ dem Topographen _H.W. Bier_; +zwei Javanen aus dem botanischen Garten in Buitenzorg (Java) für die +botanischen Sammlungen; dem Jäger und Präparator _Doris_ für das +Präparieren von Vögeln und Säugetieren und sechs anderen Javanen, +die bereits Naturforscher auf Reisen begleitet hatten und im stande +waren, als Mechaniker, Jäger, Fischer u.s.w. die verschiedensten +Dienste zu leisten. Zu meiner persönlichen Bedienung nahm ich _Midan_, +meinen javanischen Diener der vorigen Reise, mit. An Vierfüsslern +begleiteten uns zwei Jagdhunde; in Pontianak kaufte ich später noch +zwei Wachthunde hinzu. + +Überzeugt, dass uns die Küstenmalaien in Kutei Schwierigkeiten +verursachen würden, falls wir auf dem eigentlichen Wege, den unteren +Mahakam hinauf, zum oberen gelangen wollten--den Malaien ist nämlich +selbst viel daran gelegen, ihren eigenen Einfluss im Hinterlande +auszubreiten und den der Niederländer zurückzudrängen--mussten wir +unsere Reise wiederum von Pontianak, an der Westküste, beginnen und +uns von den Kajan wieder durch das unbewohnte Quellgebiet der grossen +Flüsse zum oberen Mahakam geleiten lassen. + +Auf der Reise im Jahre 1896 hatte, um den Landtransport mit einer +kleinen Anzahl Leute möglich zu machen, die Ausrüstung so viel als +möglich eingeschränkt werden müssen. Jetzt war die Besorgnis, durch +ein grosses Geleite bei den Mahakamstämmen Misstrauen zu erwecken, +zwar geringer, aber, in Anbetracht des Umstandes, dass die Verpflegung +so vieler Menschen unterwegs an und für sich schon schwierig genug +war, musste das mitzunehmende Gepäck auch diesmal auf ein Minimum +reduziert werden. + +Was die Kleidung betraf, so galt es, sie so zu wählen, dass sie +sowohl dem Klima als den Strapazen standhalten konnte. Eine gute +wollene Unterkleidung und eine warme Bedeckung nachts sind die besten +Schutzmittel gegen Moskitos und Erkältungen; die Hauptursachen für +das Entstehen der Malaria. Auch musste dafür gesorgt werden, dass +die verpackten Kleidungsstücke und dass Bettzeug so wenig als möglich +Gefahr liefen, nass zu werden. + +Als Packkisten sind die bekannten Stahlköfferchen die geeignetsten. Sie +halten, ausser unter Wasser, die Feuchtigkeit fern, zerbrechen nicht +beim Fall auf Felsen und werden durch die Termiten nicht angetastet; +sie dürfen jedoch sammt Inhalt nicht mehr als 20-25 kg wiegen. + +Für die Nacht besassen wir starke Reiseklambu (Moskitonetze) aus fester +Java-Gaze 1: 1: 2 m gross und so eingerichtet, dass sie mittelst +Seilen in jedem beliebigen Raum ausgespannt werden konnten. Der +untere Rand der Gaze war, ausgenommen an der Eingangsöffnung, wo +das Zeug 1 m über einander schlug, an ein Stück double waterproof +sheeting festgenäht. Sorgte man dafür, dass die Gazeenden am Eingang +dicht auf einander lagen, so war die Möglichkeit eines nächtlichen +Besuchs von Ameisen, Schlangen, Skorpionen und Blutegeln so gut wie +ausgeschlossen, und ich bin auch wirklich auf der ganzen Reise durch +dergleichen Gäste nicht gestört worden. Die grosse Dichte der Gaze +hielt auch die Moskitos und sehr kleinen _aga_ oder _murutu_ fern, +welch letztere sehr empfindlich stechen, obgleich sie nicht grösser +sind als eine Nadelspitze. + +Die undurchlässige Unterlage schützte nachts vor Bodenfeuchtigkeit +und bildete tagüber eine wasserdichte Umhüllung für das Klambu, +ein kleines Kopfkissen und zwei Decken, die in sie eingepackt und +mit Riemen festgeschnürt wurden. + +Zur Bettausrüstung gehörte ferner noch eine dünne, mit Lederimitation +überzogene Matratze, aus drei Teilen bestehend und daher leicht +transportierbar. + +Als Oberkleidung sind ein Anzug aus Khaki, Schuhwerk aus Leinwand und +ein Korkhelm sehr geeignet. Zum Schutz gegen Blutegel, die lästigste +Plage der feuchten Tropenwälder, ist es geraten, die Kleidung fest +am Körper anschliessen zu lassen und die Beinkleider an den Knöcheln +festzubinden oder zu knöpfen. + +Eine besondere Sorgfalt muss auf die Wahl des Schuhwerkes verwendet +werden; das Gehen mit blossen Füssen ist sehr unzweckmässig. Für +schwieriges und unebenes Gelände sind, als Stütze für die Knöchel, +hohe Schnürstiefel sehr empfehlenswert und zwar müssen sie, um das +Wasser nach dem Durchwaten von Morästen und Lachen schnell abfliessen +zu lassen, aus Leinwand hergestellt sein. Dünne, starke, nicht zu +schwer beschlagene Sohlen verhindern am besten ein Gleiten auf Felsen +und umgefallenen Baumstämmen. Lederne Gamaschen bewähren sich gut +auf Märschen; hohe Wasserstiefel dagegen sind zu schwer. + +Auch als Dachbedeckung eignet sich double waterproof sheeting seht gut, +nur darf man es nicht lange der Sonne aussetzen, oder man muss es in +diesem Falle mit Matten bedecken. Zur Aufrichtung eines Zeltes lehrte +mich die Erfahrung, nichts anderes mitzunehmen als Stücke dieses +Zeuges, die genügten, eine Fläche von 4 × 6 m zu überdecken. Der +Tropenwald liefert stets viel dünnes Holz für Pfähle und Fussboden, +so dass das Gerüst zu einer Hütte von den Dajak innerhalb einer +Stunde im Walde gefällt und aneinander gebunden werden kann. Soll das +Zelt nur einige wenige Nächte gebraucht werden, so sind Wände nicht +erforderlich, da der Regen im Urwalde selten schräg niederfällt. + +Wegen der Unmöglichkeit, grössere Mengen von Lebensmitteln über Land +mitzuführen, mussten auch die Europäer am Mahakam von dem leben, +was die Bahauumgebung lieferte; nur für die Kranken wurden Konserven +mitgenommen. Das Hauptnahrungsmittel bildete für alle der Reis-. für +die Eingeborenen kamen am Kapuas noch getrocknete und später frische, +im Fluss gefangene Fische hinzu; daher wurden auch einige Wurfnetze +mitgenommen. Was die mitzuführenden Tauschartikel betraf, so hatte +ich mich bereits früher davon überzeugt, welche Arten von Glasperlen +und Zeug bei den einzelnen Stämmen besonders beliebt waren. Auch viele +Kleinigkeiten wie: Fingerringe, Nadeln, Spiegeldöschen u.a. nahm ich +mit, um sie zu gelegentlichen kleinen Geschenken zu verwenden. + +Die Kisten, welche im Laufe der Reise geleert wurden, waren zur +Aufnahme von Ethnographica und trockenen naturwissenschaftlichen +Gegenständen bestimmt, während die zahlreichen Arzneiflaschen später +zum Aufbewahren der Spirituspräparate verwendet wurden. Obgleich +Formol als Konservierungsmittel einige Nachteile aufweist, war +es doch zum Mitführen deshalb am geeignetsten, weil man es beim +Gebrauch mit Wasser stark verdünnen kann; daher wurde nur wenig +Alkohol mitgenommen. Für das Konservieren kleiner Tiere leisteten +uns kleine Kisten voll zylinderförmiger Gläser mit abschraubbaren +metallenen Deckeln gute Dienste. + +Es konnte beinahe die ganze Ausrüstung in Batavia angeschafft werden, +mit Ausnahme einiger Apparate für Höhenmessungen und Photographie, +welche in Europa bestellt werden mussten, und einiger Tauschartikel, +die nur in Singapore, von wo aus europäische Produkte hauptsächlich +in Borneo eingeführt werden, zu erhalten waren. In allen Teilen +des indischen Archipels besitzen die Eingeborenen in bezug auf +Tauschartikel ihre besonderen Liebhabereien, so dass nur solche unter +ihnen gangbar sind, welche an dem Ort gekauft wurden, von dem aus sie +für gewöhnlich eingeführt werden. Bei den Stämmen von Borneo finden +hauptsächlich bestimmte Arten von Glasperlen Beifall, die in Java +nicht beliebt und daher auch nicht käuflich sind, obgleich sämmtliche +Glasperlen in Europa verfertigt werden. Da sowohl diese Perlen als +auch bestimmte Elfenbeinarmbänder, die von den Chinesen speziell für +die Bahau- und Kenjastämme von Nord-Ost-Borneo gearbeitet werden, +nur in Singapore zu haben waren, musste ich, zur Vervollständigung +unserer Ausrüstung, erst noch eine Reise nach dieser Stadt unternehmen. + +Einen Teil des Proviantes und der Tauschartikel sandte ich von Batavia +aus direkt an die Ostküste von Borneo an den Residenten von Samarinda +zur Aufbewahrung; ich hatte mir nämlich vorgenommen, wenn unser Zug +von West nach Ost glücklich beendet sein würde, nochmals ins Innere +der Insel zurückzukehren, um in das nordöstlich gelegene gänzlich +unbekannte Stammland aller Bahau und Kenja, das Quellgebiet des +Bulungan, vorzudringen. + +Zu meinem Verdruss musste ich, wegen der zu langen Dauer der +Reisevorbereitungen, die beste Reisezeit verstreichen lassen. Die +kleinen Quellflüsse des Kapuas sind nämlich nur in der Trockenzeit, +der Zeit nach der Ernte, befahrbar und so kann man die Kajan auch nur +zwischen Juni und September zur Teilnahme an einer Expedition bewegen. + +Endlich, am 18. Mai, schiffte ich mich in einem kleinen Dampfer der +"Paketfahrtgesellschaft" in Batavia nach Pontianak ein. + +Am folgenden Tage fand meine Reiseungeduld einige Ablenkung +durch den Aufenthalt unseres Dampfers in Billiton; das Aus- und +Einladen von Gütern mit Hilfe von Fähren der sehr eigenartigen Seka +(schwärmende Fischerbevölkerung) bot manches interessante Bild. Von +ihren schwimmenden und lebhaft bewegten Wohnungen aus tauchten die +Seka ins kristallklare Wasser nach Geldstücken, die wir hineinwarfen, +und schienen sich in der blau-grünen Tiefe ebenso sicher zu fühlen, +wie andere auf dem Festlande. Jedoch, trotz allem Schönen, was +ich sah, und allem Interessanten, was mir der Steuermann über das +Leben dieser Fischerbevölkerung erzählte, war es für mich doch eine +Erlösung, als Borneo beim Erwachen am anderen Morgen in Sicht war und +das Schiff bereits kehrte, um sich zwischen dem für Uneingeweihte +unentwirrbaren Labyrinth von Grün, das in Form von Inseln und +weit ins Meer hineinragenden Landzungen buchstäblich aus dem Wasser +hervorstieg, hindurchzuwinden. Auch zur Ebbezeit ist hier kein festes +Land zu sehen; die hie und da braune Farbe des Wassers deutet nur +auf ausgedehnte Moderbänke. Der höchsten Erhebungen dieser Bänke hat +sich eine eigentümliche Vegetation bemächtigt, die, mit Hilfe eines +mächtigen Gerüstes von zahllosen Luft- und Stützwurzeln, nicht wenig +dazu beiträgt, die vorhandenen Untiefen zu befestigen und weitere +Anschwemmungen zu befördern. + +Nur sehr langsam näherten wir uns diesen trügerischen grünen +Streifen, die mit zweifelhaftem Recht den Namen Küste führten; als +Verkünder des weit in der Ferne in einzelnen undeutlichen Bergspitzen +sichtbaren Festlandes begrüssten wir sie aber doch mit Freuden. Still +glitt unser Fahrzeug über die spiegelglatte dunkle Wasserfläche, +während die strahlende, aber noch nicht lästig warme Sonne mit ihrem +leuchtenden Glanz das ernste Bild in eintönig grüner Umrahmung zu +beleben trachtete. Weder Mensch noch hier waren anwesend, um den +ersten überwältigenden Eindruck dieses grossen aequatorialen Landes +in seiner beklemmenden Majestät zu brechen. + +Zwischen den vielen, aus dem Wasser emporsteigenden Wäldchen steuerte +der Kapitän sein Schiff, nach einigen nur ihm bekannten Kennzeichen, +in der Richtung der Kubu, der südlichsten und schiffbarsten Mündung +des Kapuas. Auch diese Einfahrt liess viel zu wünschen übrig; denn +wir mussten einige Zeit warten, bis die Flut so hoch gestiegen war, +dass sie uns über die Moderbank in die noch immer durch eine grüne +Mauer verborgene Flussmündung tragen konnte. Mehr die Zeit, als die +Tiefe des Wassers, gaben endlich das Zeichen zum Weiterdampfen; als wir +uns nach einer scharfen Biegung vor der ungefähr 40 m breiten Öffnung +in der grünen Mauer befanden, sah das aufgewühlte Wasser verdächtig +moderfarbig aus. Da es sich aber darum handelte, ob wir hier noch +zwölf Stunden warten sollten, oder nicht, wollten wir doch lieber +probieren, ob unser Dampfer nicht ebenso gut durch den Moder als durch +das Wasser dringen konnte. Mit vollem Dampf wurde die Schraube durch +das braune Wasser getrieben, aber gleich darauf fühlten wir den Kiel +durch eine teigige Masse gleiten, die Schnelligkeit verminderte sich, +und plötzlich befand sich der ganze Vorderteil des Dampfers in einem +Wald von Nipapalmen. + +Zum Glück war dieser unbeabsichtigte Abstecher nicht verhängnisvoll, +denn von einem festen Ufer war auch hier keine Rede, so dass das +völlig auf die Moderbank geschobene Schiff. nach eigenen Drehungen +der Schraube in umgekehrter Richtung, bald wieder mitten in der Kubu +schwamm und seine Fahrt wieder aufnehmen konnte. Bald begann sich zu +beiden Uferseiten der Reichtum der tropischen Vegetation zu entfalten; +die federförmigen Blätter der Nipapalmen (Nipa fruticans Thb.) bildeten +dabei stets einen lichtgrünen Saum um den dunkleren Urwald. + +Das Fahrwasser machte viele Krümmungen und wurde hie und da so eng, +dass es nur für einen kleinen Dampfer mit kräftigem Steuerruder +passierbar war. Bisweilen fuhren wir, um besser wenden zu können, +so dicht unter den Bäumen hindurch, dass wir vor ihren über das +Verdeck streichenden Ästen flüchten mussten. In einigen Stunden +befanden wir uns endlich in einer breiten Flussverzweigung, an deren +Ufern festes Land und Spuren von Kultur sichtbar waren. Kokospalmen +erhoben ihre hohen Federkronen über die niederen Uferbäume, und für +Eingeweihte wurde ein Fusspfad zu den malaiischen Wohnungen, die nach +alter Gewohnheit sorgfältig hinter dem schützenden Wall von Uferbäumen +verborgen lagen, sichtbar. Erst später erschienen auch einige Malaien +in langen, schmalen, kaum über die Wasserfläche hervorragenden Böten; +sie ruderten, um die Strömung zu vermeiden, unter dem Ufergebüsch. + +Je weiter wir fuhren, desto zahlreicher wurden die den Reichtum +dieser Gegenden bildenden Kokosnusspflanzungen. Die Eingeborenen waren +hier weniger scheu; die Kinderschar geriet sogar beim Erblicken des +Dampfbootes in fröhliche Erregung. + +In wenigen Augenblicken waren alle Nachen mit kleinen Ruderern +in Paradieseskostüm besetzt, die mit Rudern, Stöcken und Händen so +schnell als möglich in die Mitte des Stromes zu gelangen suchten, wo +ihre äusserst ranken Fahrzeuge von den Wellen unseres Dampfers so lange +umhergeschleudert wurden, bis sie Wasser fassten und umschlugen. Dann +plätscherte die braune Bemannung unter fröhlichem Gelichter im Flusse +herum, kehrte das Boot wieder um, entfernte mit einigen geschickten +Bewegungen das Wasser und schwang sich wieder in den Nachen. + +Als wir uns gegen Mittag dem Hauptstrome näherten, erlangte die +Wasserfläche eine Breite, wie sie im indischen Archipel nur die +stolzen Ströme von Borneo aufweisen. + +Auf der spiegelblanken Fläche war, bis wir Pontianak, den Hauptort +an Borneos Westküste, erreichten, kein lebendes Wesen zu sehen. Jetzt +belebten sich aber die Ufer. Die Häuser standen dicht bei einander und +vereinigten sich, besonders am linken Ufer, zu einem langen malaiischen +_kampong_ (Dorf). Nach ihrer Bauart zu urteilen, hatten die Malaien +auch hier den Begriff des Festlandes noch nicht zu fassen vermocht; +denn vom erkennbaren Ufer aus erstreckten sich ihre Pfahlbauten bis +weit in den Fluss hinein, wo noch einzelne, auf grossen treibenden +Baumstämmen gebaute Häuser den Übergang von festen Wohnhäusern zu +Fahrzeugen vervollständigten. Aus der Ferne war der Anblick der +unregelmässig bei einander liegenden Gebäude mit der grau-braunen +_atap_ (Dachbedeckung von Palmblättern) und den schwarzen Holzdächern +recht hübsch, und die vielen, den Verkehr vermittelnden Ruderbötchen +gaben dem Ganzen ein besonders lebhaftes Gepräge. In der Nähe jedoch +machten sich die unschönen Farben der schlecht unterhaltenen Wände +und Dächer zu sehr geltend; das Gleiche war auch beim Palast (_dalam_) +des malaiischen Sultans der Fall, von dem ein Europäer etwas anderes +als ein Durcheinander grosser, unansehnlicher Hütten erwartete. + +Wir fuhren jetzt am anderen Ufer einer Reihe buginesischer Behausungen +entlang, hinter welchen die hässlichen Hinterhäuser des sehr grossen +chinesischen _pasar_ (Markt) zum Vorschein kamen. Keines dieser +Gebäude war auf den Grund gebaut; alle standen auf Pfählen im Morast; +selbst die bis 10 m breiten Strassen bestanden aus Planken, die auf +Pfählen ruhten. + +Einen freundlicheren Eindruck machte der europäische Teil der +Ortschaft; er dehnte sich mit seinen netten weissen Häusern und +grossen Gärten zwischen dem üppigen Grün des Ufers aus. + +Verglichen mit Batavia ist Pontianak ein kleiner Ort; als wir uns +dem Anlegeplatz näherten, erinnerte ich mich aber, wie einst, nach +dreijährigem Aufenthalt auf meinem nördlicher gelegenen Posten Sambas, +dieser Anblick einen ganz anderen Eindruck auf mich machte. Damals, an +kleine, graue, malaiische oder schmutzige, dunkle, chinesische Häuser +gewöhnt, dachte ich unwillkürlich: "wie ist Pontianak doch gross +und schön!" Die Bewunderung schwand aber, bei näherer Überlegung, +auch damals schnell, und ich musste über die Veränderung lachen, +die der Mensch unter dem Einfluss seiner Umgebung unmerklich erleidet. + +Erklärlicher ist die Stimmung eines Offiziers, der mir erzählte, +dass ihm Tränen in die Augen traten beim Gedanken, dass er hier +einige Jahre verbringen sollte. Und doch--hat man hier längere Zeit +gelebt--so nehmen die meisten mit Wehmut Abschied. Der "erste Posten" +wird stets besonders lange in treuer Erinnerung bewahrt. Ist man +an die Unstätigkeit einer indischen Laufbahn einmal gewöhnt, so +fällt es einem leichter, angeknüpfte Bande wieder zu lösen, aber +die beim Abschied vom ersten Posten vergossenen Tränen sind wahr, +und die herzlichen Abschiedsworte, die man den das Geleite gebenden +Bekannten zuruft, sind im. Augenblicke wirklich empfunden. + +Bei Ankunft unseres Postdampfers stand, obgleich niemand erwartet +wurde, "ganz Pontianak" in der Mittagsglut auf dem Stege, umgeben +von zahlreichen Eingeborenen mit und ohne Uniform. + +Was das Hotel in Pontianak betraf, so hatte es seit meinem letzten +Aufenthalt ebenfalls den Wechsel alles Irdischen erfahren, zum Glück +aber nicht dabei verloren, Der frühere Besitzer, der, obwohl etwas +braun, doch bei jedermann unter dem echt holländischen Namen _Piet_ +bekannt war, hatte sich mehr für seinen vorteilhaften Handel in +Orang-Utanen und Orchideen als für den Gang seines Hotels interessiert, +so dass dieses, nach dem Urteil von Kennern indischer Gasthäuser, +unter seinem Interesse und Wirken auf zoologischem und botanischem +Gebiet etwas zu leiden hatte. + +Ob ihm nun seine vermittelnde Rolle zwischen europäischen +Wissenschaftlern und Liebhabern und den Dajak des Inneren auf +die Dauer nicht mehr gefiel, oder ob ein Wink des Residenten, der +durch Erteilung einer Regierungsunterstützung auf die Führung des +Gasthauses Einfluss hatte, das Seine dazu beigetragen, konnte ich aus +der Ortschronik nicht sicher feststellen; so viel aber war gewiss, +dass _Piet_ jetzt am jenseitigen Flussufer in einer neu errichteten +Ölfabrik tätig war und dass wir bei dem neuen Wirt auf reinerem Tisch +und besser speisten, als es früher der Fall gewesen. + +Der Einfluss der sich immer mehr ausbreitenden europäischen Industrie, +der auch Pontianak aus dem Schlaf zu wecken drohte, hatte leider +noch nicht zu eingreifenden und sehr notwendigen Verbesserungen +seines Hotelgebäudes geführt. Das auf Pfählen in einer Schlammgrube +errichtete Holzgebäude schien nämlich mit einem grossen Teil der +Ortschaft im Einsinken begriffen zu sein. Bei dieser ständigen +Abwärtsbewegung hatte der vor den Häusern dem Ufer entlang laufende +Griessweg immer den Vorsprung; denn, nach dem was die Leute erzählten, +musste er jedes Jahr mindestens um einen halben Meter erhöht werden, +damit er nicht mehrere Male im Jahre unter den braunen Wassern des +Kapuas verschwinde und ein Jagdgebiet der Krokodile werde, denen +bereits etliche Menschen und Hunde zum Opfer gefallen waren. + +Um meinen Aufenthalt nach Möglichkeit abzukürzen, hatte ich schon +von Batavia aus an den Residenten von Pontianak die Bitte gerichtet, +grössere Mengen gesalzener Eier, gedörrter Fische, Tabak u. dergl. für +mich einkaufen zu lassen. Zu meiner angenehmen Überraschung hatte der +Resident auch bereits das Salz, welches wir für den Selbstgebrauch +vor allem aber als kostbaren Tauschartikel für die Bahau in grossen +Mengen nötig hatten, luftdicht in verlötete Blechkisten zu je 20 kg +Gewicht verpacken lassen. + +Wir nahmen 40 dieser Kisten mit und gebrauchten deren 30 am Mahakam. + +An anderen notwendigen Artikeln entdeckte ich auf dem chinesischen +Markt nicht viel Brauchbares; nur selten fand ich eine Partie +Glasperlen, Tücher oder schwarzen Kattuns in der erforderlichen +Verpackung. Die erleichterte Dampferverbindung mit den höher am +Kapuas gelegenen Ortschaften hatte auch hier zur Folge gehabt, dass +die Zwischenhändler verschwanden und die kleinen Händler von oben +ihre Bestellungen direkt nach Singapore richteten. + +Weit besser bediente man uns mit _kadjang_ (Palmblattmatten) und +allem, was mein Küchenjunge Midan, um mir in einer Gegend ohne _toko_ +(Läden) und _pasar_ (Markt) eine gute Mahlzeit bereiten zu können, +für nötig hielt. Da er hierin am meisten Sachkenntnis besass, konnte +ich ihm die Küchensorgen getrost überlassen. + +Der Resident hatte uns, gleich nach meiner Ankunft, seine Jacht +"Karimata" zur Verfügung gestellt, so dass wir schon am 24. Mai nach +Putus Sibau, unserem nächsten Halteplatz, weiterreisen konnten. + +Dank der Zuvorkommenheit des Residenten durften wir die mitzunehmenden +Leute unter den bewaffneten eingeborenen Schutzmannschaften selbst +wählen; wir suchten diejenigen zu gewinnen, welche bereits bei der +topographischen Aufnahme des Kapuasgebietes und bei den militärischen +und wissenschaftlichen Expeditionen der letzen 10 Jahre als Geleite +gedient hatten und an das Leben in der Wildnis, fern von ihrer Familie +und der vertrauten Umgebung, gewöhnt waren. Zur Anwerbung dieser +Soldaten begab sich _Barth_ später von Sintang nach seinem früheren +Wohnplatz am Melawie, Nanga Pinoh, und holte uns nachher am oberen +Kapuas wieder ein. + +Ich nahm also von Pontianak Abschied und zwar mit dem stillen Wunsch, +dass mich die Westküste vor der Hand nicht wiedersehen sollte. Auf +dem Flusse zeigte sich die gleiche Aussicht, wie einige Tage zuvor, +nur wurden die Ufer eintöniger, weil die Nipa nur so weit wächst, +als das Brackwasser reicht, also etwas über Pontianak hinaus. + +Die breiten stillen Ströme bieten nur wenig Abwechslung; das +Dampfschiff vertreibt Krokodile und Affen, die sich sonst zu zeigen +pflegen, und der Waldrand ist zu weit entfernt, als dass man seine +Schönheit wirklich geniessen könnte. Jetzt war er nur als schmaler +Saum längs der Wasserfläche bemerkbar; auf der vorigen Reise hatte ich +aber einen unvergesslichen Eindruck von ihm erhalten. Damals machte +ich die Fahrt mit einem ausgedienten Regierungsdampfer; infolge der +starken Anspannung brach eine Maschinenstange, so dass wir lange liegen +bleiben und mit einer kleinen, an Bord befindlichen Schmiede den Bruch +zu heilen suchen mussten. Als die Schmiede an Land gebracht wurde, +bekam ich, durch den Vergleich mit den am Ufer arbeitenden Menschen, +einen Begriff von den riesenhaften Dimensionen der Urwaldbäume. Für +gewöhnlich verliert man in der Beurteilung der Tropennatur gar bald +jeden Massstab. + +Die Landschaftsbilder, die sich auf der weiteren Fahrt vor uns +entrollten, hatten viel Europäisches an sich; mit der Nipa waren +nämlich die charakteristischsten Repräsentanten des Pflanzenreichs im +indischen Archipel, die Palmen, verschwunden; sie zeigen sich in den +aequatorialen Wäldern Borneos, mit wenigen Ausnahmen, nur da, wo der +Mensch sie hinpflanzte. Gewöhnlich geben ihre Federkronen den Ort an, +an dem Menschen wohnen oder gewohnt haben. Erblickt man daher einen +Tropenwald aus der Ferne, von oben oder von der Seite, so sieht man +nur Laubbäume; aus der Nähe betrachtet verschwindet jedoch dieses +europäische Äussere; das einfarbige Bild löst sich nach der grossen +Verschiedenheit der tropischen Baumarten, die hier neben, über und +durch einander wachsen, in eine unendliche Mannigfaltigkeit grüner +Schattierungen auf. + +Während der beinahe zwei mal 24 Stunden dauernden Fahrt nach Sintang +verändert sich die Gegend nur wenig; der Strom wird breiter und +breiter, bis bei Tajan, dem Wohnplatz eines Kontrolleurs, die Ufer +1500 m von einander entfernt sind, so weit, dass man die Bäume der +gegenüberliegenden Seite schwer unterscheiden kann. Der Dampfer hielt +nicht an, um dem Beamten Nachrichten von der Aussenwelt zukommen zu +lassen, die ihm in seinem Einsiedlerleben, als einzigem europäischen +Repräsentanten der Regierung, einige Abwechslung gebracht hätten. Der +Kontrolleur verwaltet ein Gebiet von der Grösse einer Provinz seines +Vaterlandes, auf dem sich jedoch nur hie und da eine Niederlassung von +Dajak oder Malaien unter dem _panembahan_ (Fürst) von Meliau befindet. + +Endlich brachten einige Hügelreihen mit unregelmässigen Formen +etwas Abwechslung in das Bild; sie waren aber nicht hoch genug, um +die majestätische Wasserfläche zu beherrschen. In der ersten Nacht +passierten wir Sanggau, an dem wir vorbei dampften, um so schnell +als möglich Sintang zu erreichen. Am 26. Mai erwachten wir dort; +um unsere Nachtruhe nicht zu stören, hatte der Kapitän kein Signal +mit der Dampfpfeife ertönen lassen. + +An der Mündung der Melawie erbaut, hat Sintang, wie alle grossen +malaiischen Wohnplätze, eine vorzügliche Lage, um auf den Handel der +im Gebiet der Melawie wohnenden Dajak einen beherrschenden Einfluss +auszuüben, d.h., nach malaiischer Auffassung, so viel Steuern als +möglich zu erpressen. Diesem erhebenden Streben der malaiischen Fürsten +ist nun durch die indische Regierung Zaum und Zügel angelegt worden; +aber sie haben doch stets eine starke Festung mit 150 Mann Besatzung +vor Augen nötig, um sich in ihre Beschränkung zu fügen. + +Zu meiner Freude konnte ich in Sintang verschiedene alte Bekannte +begrüssen; im übrigen hatte ich aber keinen Grund, mich hier lange +aufzuhalten, denn auf dem Markt fand ich nur einen einzigen für den +oberen Kapuas brauchbaren Artikel. Ich setzte jetzt alle Hoffnung +auf den Markt von Bunut und auf die Chinesen, die von dort aus in +grossen, verdeckten Magazinböten ihre Handelsartikel nach Putus +Sibau hinaufrudern. + +Nachdem wir in Semitau, einer Station auf unserer ersten Expedition im +Jahre 1894, den Kontrolleur besucht hatten, ging es schnell den Fluss +aufwärts bis nach Bunut, das wir am 28. Mai abends erreichten. Weiter +aufwärts wurde die Fahrt nachts gefährlich wegen der grossen abwärts +treibenden Baumstämme und der im Fluss versunkenen Stämme (einige +Eisenholzarten haben ein sp. Gewicht von etwa 1.2), die bei Hochwasser +durch den starken Strom immer weiter verschoben werden. + +Oberhalb Semitau trugen die Ufer des Kapuas einen anderen Charakter; +die ununterbrochene Buschvegetation war verschwunden, man sah nur +niedriges Strauchwerk, das auf den von Malaien und Dajak verlassenen +_ladang_ (trockenen Reisfeldern) aufgeschossen war. + +Der chinesische Markt in Bunut enttäuschte mich, was seinen Vorrat an +Perlen und seidenen Tüchern betraf, zum Glück nicht; wir waren aber +doch schon um 8 Uhr morgens mit unseren Einkäufen fertig und konnten +sogleich weiter nach Putus Sibau hinauf fahren. + +Unterwegs hatte ich aufs neue Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, +mit welcher enormen Schnelligkeit sich das Pflanzenreich eines +verlassenen Kulturbodens wieder bemächtigt. Vor zwei Jahren hatte ich +mich über die grosse Zahl der am linken Ufer angelegten Reisfelder +gewundert, jetzt war von diesen wenig mehr übrig; das Ufer war überall +gleichmässig von derselben Strauchvegetation von 10-15 m Höhe bedeckt. + +Dank dem hohen Wasserstande, konnten wir unsere Fahrt über Untiefen +und versunkene Baumstämme ungehindert fortsetzen, bei den letzten +Strahlen der untergehenden Sonne Putus Sibau erreichen und bei der +mir wohlbekannten _kubu_ (Blockhaus) auf dem Floss anlegen. Diese +_kubu_, deren es am oberen Kapuas zahlreiche giebt, sind viereckige, +ungefähr 2 m über dem Boden errichtete und rund herum mit Palisaden +umgebene Gebäude, die etwa 10-20 mit Beaumontgewehren bewaffneten +Eingeborenen als Wohnhaus dienen. Unter Aufsicht des Kontrolleurs +stehend haben diese Soldaten für die Aufrechterhaltung der Ruhe zu +sorgen, zugleich müssen sie dem Beamten auf seinen Reisen, die hier +stets zu Wasser ausgeführt werden, als Ruderer dienen. + +Putus Sibau liegt am Kapuas vor der Mündung seines rechten Nebenflusses +Sibau und ist der höchste Punkt, den Dampfer bei hohem Wasserstande +noch erreichen können. Weiter oberhalb engen grosse Geröllbänke das +Flussbett in Trockenzeiten stark ein und verursachen in Regenzeiten +wiederum so heftige Stromschnellen, dass auch kleine Dampfbarkassen nur +in den günstigsten Fällen weiter hinauffahren können. Lange bevor man +in Putus Sibau an eine Dampferverbindung dachte, hatten die Malaien +die grosse Bedeutung dieses Ortes bereits begriffen und hier ihre +letzte Niederlassung im Binnenlande gebaut. Bis vor kurzem waren sie +hier Alleinherrscher; ihren Hauptunterhalt bildete der Handel mit +den wichtigsten der benachbarten Dajak Stämme: den Kajan-, Taman-, +Kantu- und Sibau-Dajak; einen Nebenerwerb bildete das Sammeln von +Buschprodukten. + +Als nach Einsetzung der niederländischen Verwaltung den ständigen +Fehden der Stämme untereinander und besonders den Einfällen der +Batang-Lupar aus Serawak ein Ende gemacht wurde, wagten sich sehr bald +auch die Chinesen bis Putus Sibau hinauf. In langen Ruderröten fuhren +sie in 3-4 Tagen den Kapuas von Bunut aufwärts, um ihre Waren vom Markt +in Bunut hier an den Mann zu bringen. Die niederländische Regierung +verweigerte ihnen aber das Niederlassungsrecht, das sie sich wohl auch +nicht sonderlich wünschten, da der Kontrolleur weit ab, in Semitau, +wohnte und die Malaien ihre Konkurrenten, durch deren Gegenwart ihrem +Monopol auf den betrügerischen Handel mit den Dajak ein Ende gemacht +wurde, mit scheelen Augen ansahen. Das Wohnen in Böten bietet den +Chinesen ausserdem den grossen Vorteil, dass sie sich bei drohender +Gefahr schnell aus dem Staube machen können, was in dieser Gegend, +wie es sich in den letzten Jahren erwiesen, oft sehr wünschenswert war. + +Wenige Jahre vor unserer ersten Expedition 1894 waren, auf das Gerücht +eines grossen Einfalls der Dajak aus Serawak hin, alle Händler aus +Putus Sibau nach Bunut geflüchtet; die Bevölkerung selbst lebte seit +dem grossen Plünderungszug der Batang-Lupar am oberen Mahakam 1885 +in ständiger Angst. + +Bei meiner Ankunft jedoch waren alle schreckenerweckenden Gerüchte +längst vergessen und seit meinem ersten Besuch in Putus Sibau +hatten viele Veränderungen stattgefunden. Der Resident hatte es nach +der ersten wissenschaftlichen Expedition für ratsam gehalten, den +malaiischen Distriktsaufseher von Putus Sibau durch einen Kontrolleur, +den Herrn _Westenenk_, zu ersetzen und dieser hatte dafür gesorgt, +dass das Äussere des malaiischen Dorfes, das, wie überall am Kapuas, +aus einer Reihe niedriger Häuser am Flussufer bestand, wesentlich +verbessert worden war; ausserdem hatte er den chinesischen Händlern +das Niederlassungsrecht gewährt. + +Auf dem rechten Ufer, das hoch gelegen war, und nicht, wie das steile +linke, bei jedem Hochwasser ein Stück Boden durch Absturz verlor, +waren eine Reihe chinesischer Häuser im Bau begriffen; sie schlossen +sich dicht an einander und waren durch eine lange Galerie unter ihrem +gemeinsamen Dache verbunden. + +Hier war also der Grund zu einem neuen festen Handelsplatze mit +ansässiger. Bevölkerung gelegt, für die umliegenden Gebiete ein +Ereignis von grösster Bedeutung, da die Aufsicht eines europäischen +Beamten den allzueifrigen Bemühungen der Händler, sich auf Kosten +der harmlosen Eingeborenen zu bereichern, eine Grenze setzte. Eine +weitere wichtige Folge der Gewährung des Niederlassungsrechtes war, +dass die chinesischen Handelsdampfer jetzt nicht mehr in Bunut Halt +machten, sondern direkt bis Putus Sibau hinauffuhren, wodurch die +Preise der eingeführten Waren sanken und die der Buschprodukte stiegen. + +So konnte auch ich meine Einkäufe jetzt ebensogut in Putus Sibau als +in Bunut machen, was mir, besonders später beim Zuge an den Mahakam, +sehr zu statten kam. + +Ein Teil der kleineren malaiischen und chinesischen Händler hatte +jetzt gerade schwere Zeiten zu bestehen, da einige andere, reiche, +von weit unten heraufgekommene Konkurrenten sich besonders des Handels +mit Buschprodukten zu bemächtigen suchten. + +Eine wichtige Rolle bei dieser Art von Handel spielt das +Vorschusswesen: ein Malaie oder Dajak, der in den Urwald zieht, um +Buschprodukte zu suchen, erhält von einem anderen Malaien oder Chinesen +auf Kredit eine Ausrüstung an Kleidern, Werkzeugen und besonders an +Reis unter der Bedingung, dass er später mit dem, was die Expedition +an Rotang, Guttapercha und Kautschuk liefern wird, das Geliehene +reichlich zurückbezahlt. Sind die Buschproduktensucher einmal fort, +so ist eine Überwachung ihrer Arbeit oder eine Bestimmung des Termins +ihrer Rückkehr fast unmöglich, da sie wochenlang in unbewohntem Lande +die Flüsse hinauffahren und man sie in den Bergen des Urwaldes schwer +erreichen kann. + +Meistens sind es Malaien, die sich ganz dem Sammeln von Buschprodukten +widmen; ihr angeborener Hang zum Nomadenleben und die eingebildete +Freiheit, die sie im Urwalde geniessen, treibt viele dazu, ihre +Dörfer am unteren und mittleren Kapuas für Jahre zu verlassen; ihnen +schliessen sich auch manche, von bösem Gewissen geplagte Leute an, +um dem Gefängnis zu entgehen. + +In Gegenden, die reich an Rotang und Guttapercha sind, trifft man +daher eine sehr zweifelhafte Gesellschaft malaiischer Abenteurer +an; sie wissen sich jedoch auch das Leben im Urwalde gemütlich +zu machen. So bildete 1896 der Oberlauf des Kréhau, des linken +Quellflusses des Kapuas, das Zentrum des Buschverkehres; man baute +dort, in nächster Nähe der Buschprodukte, Wohnungen. Händler brachten +die nötigen Waren, die wegen des schwierigen Transportes sehr teuer +wurden; aber die Möglichkeit, die man dort genoss, der Leidenschaft +für Kartenspiel und Hahnengefechte ungestraft fröhnen zu können, +wog manche Nachteile auf. Aus Mangel an Frauen vergriffen sich die +Malaien an denjenigen der in der Nachbarschaft schwärmenden Punan +und Bukatstämme; das kostete ab und zu allerdings einen Kopf--aber +was riskiert man nicht alles der goldenen Freiheit wegen! + +Unternehmendere Malaien dingen bisweilen für einige Monate zu einem +bestimmten Lohn Kajan- oder Taman-Männer und ziehen mit ihnen in den +Wald. Wird eifrig gesammelt, so bildet das Buschproduktesuchen eine +lohnende Beschäftigung, der am Kapuas viele einen gewissen Wohlstand +zu danken haben. Die Malaien sind aber im Busch wie zu Hause einer +regelmässigen Arbeit abgeneigt. + +Haben sie eine so grosse Menge Guttapercha und Rotang beisammen, dass +sie von ihrem Ertrag einige Zeit leben und geniessen können, so tritt +ihre Sucht zum Faulenzen und ihre Leidenschaft für Würfelspiel und +Frauen so sehr in den Vordergrund, dass die Arbeit im Stich gelassen +wird, bis die Not sie wieder zu ihr treibt. Unter diesen Umständen +regt auch der Gedanke an die fernen Gläubiger nicht zur Arbeit an. Auf +viele wirken diese Verhältnisse geradezu lähmend; denn sie machen +stets neue Schulden, deren Tilgung immer schwieriger wird. + +Begreiflicher Weise ist unter derartigen Verhältnissen das Ausleihen +auf Kredit für die Händler mit grossem Risiko verbunden und bietet +nur denjenigen Vorteil, die im Stande sind, mit auf den Arbeitsplatz +zu ziehen und ihre Schuldner zu beaufsichtigen. In dieser Beziehung +sind die kleinen Händler den grossen gegenüber im Vorteil. + +Geld spielt bei diesen Handelskontrakten selten eine Rolle. Sowohl +Malaien als Dajak lassen sich ihre Produkte mit Kattun, javanischem +Tabak, Salz und allerhand Nahrungsmitteln bezahlen. Auch die +Dajak kaufen gern auf Schulden und bezahlen diese bei der folgenden +Reisernte. Von einer Zinszahlung in unserem Sinne ist hier keine Rede; +aber die Händler entschädigen sich, indem sie die Quantität des zu +empfangenden Reises erhöhen. Auch hierin bringen geregeltere Zustände +Veränderungen hervor; so erzählte mir der Kajanhäuptling _Akam Igau_, +der in seinem Leben viele Handelszüge unternommen hatte, dass er +seine ersparten Dollars in Bunut nach malaiischer Weise gegen 3% +monatlichen Zinses unterzubringen beabsichtige. + +In auffallendem Gegensatz hierzu werden europäische Industrieprodukte, +die aus den Fabriken direkt nach Singapore und von dort durch Chinesen +nach Putus Sibau eingeführt werden, zu kaum höheren Preisen als in +Europa verkauft. Wir wunderten uns nicht wenig, hier für fl 1.37 +europäische Regenschirme kaufen zu können, die wegen ihres dünnen +Überzuges zwar besser gegen Sonne als gegen Regen schützten, im übrigen +aber hübsch gearbeitet waren. Einfache Schmucksachen, wie vergoldete +Armbänder, waren zu Bazarpreisen käuflich und nette Glasdöschen mit +einem Dutzend Fingerringe mit bunten Steinen zu fl. 1 lieferten den +traurigen Beweis, dass in Europa viel Arbeit gegen geringe Belohnung +geleistet werden muss. + +Da die Bedürfnisse und das Kaufvermögen der Dajak sehr gering sind, +kann ein Handel mit ihnen auch nur wenige unterhalten und die vielen +Malaien, die langsam flussaufwärts gezogen sind, sehen sich genötigt, +hauptsächlich vom Ertrag der Buschprodukte zu leben. Jedoch auch +die Buschprodukte müssen schon seit Jahren aus sehr entfernten +Gegenden geholt werden und der Vorrat ist so beschränkt, dass er +nicht mehr allen einen Verdienst liefern kann. Um der dringenden +Not abzuhelfen, wurde, bei meinem früheren Aufenthalt am Mendalam, +der Kapuas freigegeben, um aus dein Flussand Gold zu waschen. Die +Goldwäscherei ist hier zwar nicht sehr lohnend, reicht jedoch zum +Unterhalt einer Familie aus, da auch Frauen und Kinder sich an +der Arbeit beteiligen. In Anbetracht des Umstandes, dass sich die +benachbarten Dajakstämme dadurch in ihren Rechten verkürzt glaubten, +verlangte diese Massregel viel Umsicht und Geschicklichkeit seitens +des Kontrolleurs, und die Goldwäscherei wurde auch nicht weiter als +bis zur Mündung des Kréhau gestattet. + +Dergleichen Rechte der Dajak auf die Erzeugnisse des Landes werden +übrigens auch beim Sammeln von Buschprodukten berücksichtigt und die +Sitte verlangt, dass dem betreffenden Dajakhäuptling 10% des Ertrages +abgeliefert werden. Am oberen Kapuas sind durch das Hin- und Herziehen +der Stämme die Ansprüche auf Ländergebiete so kompliziert geworden, +dass die holländische Verwaltung sich in diesem Stromgebiet mit der +Einnahme und Verteilung der Steuern unter den Häuptlingen hat befassen +müssen. Auch die ausserhalb wohnenden Pnihinghäuptlinge vom Mahakam +kommen hierbei in Betracht, da auch sie früher am Kapuas lebten. + + + + +KAPITEL II. + + Aufenthalt in Patus Sibau--Aussichten für die + Mahakamreise--Besuch der Batang-Lupar Aufbruch nach Tandjong + Karang--Einrichtung des Kajan Hauses--Ärztliche Praxis + unter der Bevölkerung--Vorbereitungen für den Zug nach dein + Mahakam--Rückkehr nach Putus Sibau Einkauf von Ethnographica und + Krankenbehandlung--Verwundung eines Sibau Dajak.--Zurücksendung + eines Jägers--Besuche der Kajan--_Usun_ in Putus Sibau--Befragen + der Vögel--Aufbruch nach dem Mahakam. + + +Der Kontrolleur von Putus Sibau, dein schon von Batavia aus die +Bestellung von Böten aufgetragen worden war, hatte uns bereits +erwartet und die Kaserne seiner Schutzsoldaten zur Aufnahme unserer +Mannschaften und Güter vorbereitet. Nachdem wir uns in der alten +Umgebung wieder eingerichtet hatten, erkundigten wir uns, wie es +mit der Aussicht auf eine Expedition zum Mahakam stehe. Vorläufig +waren die Aussichten noch nicht glänzend; die Kajan am Mendalam +waren noch mit der Ernte beschäftigt; ihr Häuptling _Akam Igau_, +der mich bereits auf der vorigen Reise begleitet hatte, befand sich +eben am Embálau, um mit den Erbfeinden der Kajan, den Batang-Lupar +(auch Hiwan genannt) aus Serawak, zu beraten; endlich lauteten auch +die Berichte vom Mahakam beunruhigend. Wie bei allen bösen Gerüchten +aus diesen Gegenden, standen auch jetzt wieder begangene Mordtaten im +Vordergrund: die Bungan Dajak sollten einen Malaien _Adam_, der 1896 +meinen Zug zum Mahakam zu verhindern gesucht hatte, getötet haben +und am _Boh_ sollten fünf Batang-Redjang, welche am Flussufer nach +Buschprodukten suchten, ermordet worden sein. + +Bald stellte sich auch heraus, dass die Kajan die bestellten Böte noch +nicht fertig hatten, so dass die wenigen Monate günstiger Reisezeit, +die uns noch übrig blieben, sicher mit Vorbereitungen verstreichen +mussten. + +Sobald _Akam Igau_, den der Kontrolleur mit dem kleinen Dampfer +"de Punan" vom Embälau zurückholen liess, unsere Pläne gehört und +sich überlegt hatte, erklärte er sich bereit, uns zu begleiten. Seine +Zusage war für uns eine grosse Beruhigung; wir ersahen aus ihr, dass +er, der die Denkweise seiner Verwandten am Mahakam besser als irgend +jemand kannte, die Aussicht auf Erfolg für genügend gross hielt, um +mit uns die Reise zu wagen. Seine Zusage bezog sich jedoch nur auf ihn +und einige seiner Leibeigenen; um aber eine rationelle und ausgiebige +Unterstützung zu erlangen, musste ich selbst mit den verschiedenen +Niederlassungen der Kajan am Mendalam Unterhandlungen anknüpfen. + +Auf meiner letzten Reise hatte ich einen jungen, _Akam Igau_ feindlich +gesinnten Häuptling, namens _Tigang Aging_, vorn Zuge ausschliessen +müssen, weil ich Zwistigkeiten zwischen beiden fürchtete; jetzt aber +hatte ich so viel mehr Personal bei mir, dass auch mehr Träger und +Ruderer erforderlich waren, als eine einzige Niederlassung liefern +konnte; es war mir daher sehr willkommen, dass auch Tigang zum Mitgehen +bereit war. + +Die Unterhandlungen begannen wiederum mit einer Diskussion über die +Zeit des Aufbruchs. + +Obgleich die Ernte noch nicht beendet und das grosse Neujahrsfest +noch nicht gefeiert worden, zu den Reisevorbereitungen also noch +ein Überfluss an Zeit vorhanden war, lautete der Vorschlag seitens +der Kajan doch, dass nicht vor der folgenden Saatzeit aufgebrochen +werden sollte, was einen Aufschub von fünf Monaten und ein Reisen +zu ungünstiger Jahreszeit bedeutete. Ich appellierte jedoch an ihren +gesunden Verstand und suchte ihnen begreiflich zu machen, warum dieser +Vorschlag unausführbar war; im übrigen überliess ich diese wichtige +Frage jedoch der Zukunft, da ein erwarteter Versöhnungsbesuch der +Batang-Lupar, die sich noch am Embálau aufhielten, die Gemüter sehr +erregte und für andere Interessen unzugänglich machte. + +Diese Batang-Lupar kamen nämlich, etwa 100 Mann stark, aus dem +Gebiete von Serawak und standen unter Führung von zweien der grössten +Häuptlinge am mittleren Batang-Redjang, _Kanjan_ und _Rawing_. Beide +hatten sich als Anführer des grossen Feldzuges der Batang-Lupar gegen +die Kenjastämme im Quellgebiet des Balui oder oberen Batang-Redjang +einen grossen Ruf erworben. Schon seit alter Zeit lebten die +Batang-Lupar mit den Taman und Kajan am Mendalam auf dem Kriegsfuss, +jetzt kamen ihre Häuptlinge, wie sie sagten, um Frieden zu schliessen. + +Nach ihrer Art und Weise zu reisen waren diese Batang-Lupar schon +seit sechs Monaten unterwegs; ihre wahrsagenden Vögel hatten sie +stets wieder gezwungen Halt zu machen und sie selbst hatten jede +Gelegenheit benutzt, um im Gebirge Buschprodukte zu sammeln. Auch +hatte ihnen im Urwald die Herstellung von Böten zum Befahren des +Embálau viel Zeit gekostet. + +In Borneo ist jeder Fremdenbesuch verdächtig, da nach Landessitte +eine gute Gelegenheit Köpfe zu jagen auch auf Gäste sehr verlockend +wirkt. Bedenkt man, dass der Kontrolleur in Putus Sibau mit seinen +8 Schutzsoldaten keine starke Festung zur Verfügung hatte, so nimmt +es nicht Wunder, dass man auch dort sehr auf der Hut war. + +Sicherheitshalber hatte der Kontrolleur _Kanjan_ und _Rawing_ nur mit +30 Mann Gefolge nach Putus Sibau zu kommen gestattet, auch sollten +die beiden Häuptlinge nur eine Nacht in jeder Kajan Niederlassung +verbringen und zwar ohne ihr Geleite. Um ihnen diesen Beschluss +mitzuteilen, war _Akam Igau_, der als weitgereister Mann auch diese +Stämme kannte, zum Embálau gesandt worden. + +Ich erlebte noch die Ankunft der Batang-Lupar in Putus Sibau und hörte +ihre indirekten Berichte vom Mahakam. Da empfing ich von den Mendalam +Kajan aus Tandjong Karang die Nachricht, dass sie mich, ihrer vielen +Kranken wegen, mit Ungeduld erwarteten. Obgleich die Friedensfeier +sehr interessant zu werden versprach, beschloss ich doch, der Bitte +meiner Kajanfreunde bald Folge zu leisten. + +An Vorräten und Tauschartikeln nahm ich nur das Notwendigste mit, +alles übrige liess ich unter der Obhut des Kontrolleurs in Putus +Sibau zurück. + +_Demmeni_ und _Bier_ sollten während meines Aufenthaltes bei den +Kajan ihre Zeit dazu verwenden, ihre Ausrüstung in Ordnung zu +bringen. Ersterer sollte ausserdem die Aufsicht über einige Leute +aus Buitenzorg führen, die Kisten und Blechsachen zu reparieren oder +herzustellen hatten. + +_Doris_ der Präparator begann sogleich seine Tätigkeit auf zoologischem +Gebiet, während die beiden Javanen, _Sekarang_ und _Hamja_, hier +gute Gelegenheit hatten, sich im Sammeln und Lebendkonservieren von +Urwaldpflanzen zu üben. Obgleich beide nur im botanischen Garten von +Buitenzorg gearbeitet hatten, zeigten sie sich doch bald, in noch +höherem Grade als ihre Kollegen im Jahre 1896, zur Erfüllung ihrer +Aufgabe befähigt. + +Wegen der Schwierigkeit, die Kajan auch nur für einen Tag zur +Unterbrechung ihrer Arbeit zu bewegen, um mich und mein Gepäck +nach Tandjong Karang abholen zu lassen, mietete ich einige Malaien, +die sich nie durch anderweitige Pflichten daran verhindert sehen, +einen Extralohn zu verdienen. + +Böte lieh mir der Kontrolleur und so konnte ich bereits am 7. Juni +zum Mendalam aufbrechen. + +Als wir, nach fünfstündiger Fahrt, um die letzte Flussbiegung fuhren, +trat mir das wohlbekannte Tandjong Karang wieder vor Augen: hinter +einem Vordergrunde von dunkelgrünen Fruchtbäumen und zahlreichen +kleinen, zerstreuten Reisscheunen kam das hohe, gerade Dach der langen +Kajanwohnung zum Vorschein. Das Haus dehnte sich parallel dem Ufer +über eine 250 m lange Strecke aus; sein 15 m hoher First, der sich +gegen den hellen Himmel besonders scharf und geradlinig abhob, war nur +in der Mitte, über der Wohnung des Häuptlings, um einige Fuss erhöht. + +Mit Stangen das Boot längs dem Ufer vorwärtstreibend, erreichten +wir bald die Steinbank vor dem Hause und ich verliess mein Fahrzeug, +umringt von Kindern, von denen mich einige mit dem Finger im Munde +verlegen anstarrten; durch meinen vorigen Besuch waren sie jedoch +schon zu sehr an mich gewöhnt, um fortzulaufen. Ein vielbetretener Pfad +führte mich das hohe Ufer hinauf; weiter diente ein langer Baumstamm +als Brücke über einen 5 m tiefen Graben, den der Strom seit meinem +letzten Aufenthalt hatte entstehen lassen. Hieran schloss sich ein aus +1 m breiten Brettern bestehender Steg, der in 1 1/2 m Höhe über dem +Erdboden auf Eisenholzquerbalken ruhte, die wiederum in die Öffnungen +senkrecht stehender Pfähle eingefügt waren. Dergleichen Pfähle werden +gewöhnlich mit grotesken Menschenfiguren verziert, hier war man aber +noch nicht so weit. Dieser 40 m lange Steg führte zu einer kleinen +Plattform am Fuss der Haustreppe. Wir hatten bei diesem Gang den mit +Fruchtbäumen und Reisscheunen besetzten Vorderplatz passiert, der +ausserdem viele kleine mit Sirih (Piper betle) und Gemüse bepflanzte +Gärtchen enthielt, welche gegen die vielen frei herumlaufenden Schweine +und Hühner mit festen flecken umgeben waren. + +Am Fuss der Treppe stand _Akam Igau_; er empfing mich sehr erfreut und +forderte mich auf, ins Haus einzutreten. Auf der Galerie des 5 m über +dem Erdboden auf einem Wald von Pfählen ruhenden Hauses hatte sich bei +meiner Ankunft eine Menge brauner Gestalten aus den verschiedenen +Wohngemächern versammelt, vor allem Frauen und Kinder, die ihre +Neugier am wenigsten zu beherrschen schienen. Die gute Kajansitte +forderte jedoch, dass sich keiner unsere frühere Bekanntschaft +merken liess, bevor ich ihn mit einem Kopfnicken begrüsst hatte, +d.h. auch das Kopfnicken entsprach eigentlich nicht der Sitte; denn +unter einander begrüssen sich die Kajan überhaupt nicht. Besuchen sie +einander, so machen sie es sich erst bei ihren Gastherren gemütlich, +bevor sie für diese zu sprechen sind. + +Die Frauen trugen offenes Haar, blossen Oberkörper und verschiedene +Halsketten; von unterhalb der Hüften bis zu den Füssen bekleidete sie +ein Röckchen, das mittelst zweier Perlenschnüre am Körper festgebunden +war. Von den Kindern liefen nur die kleinsten nackt umher, die ungefähr +zweijährigen trugen bereits ein Röckchen oder Lendentuch. Die Kleidung +der Männer bestand bei den meisten nur in einem Lendentuch, einige +erfreuten sich auch des Besitzes einer bunten malaiischen Hose. + +Nachdem sich die Menge etwas verlaufen hatte, liess sich die mächtige +Galerie des Hauses in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken. + +Bei allen Dajak herrscht die Sitte, dass der ganze Stamm in einem +einzigen langen Hause (_uma_) wohnt; sie tun dies der Sicherheit +wegen. Aus dem gleichen Grunde bauen sie ihre Häuser auch auf Pfählen, +mehrere Meter über dem Erdboden; jedes Haus dient bei Überfällen +zugleich auch als Festung gegen den Feind. Von der Galerie (_awa_) +führen an der durchlaufenden, mittleren Hauswand (_liding_) in +Abständen von 4-6 m Türen mit 1/2 m hohen Schwellen in die dahinter +gelegenen Wohngemächer (_amin_) der einzelnen Kajanfamilien. Vor +der Häuptlingswohnung (_amin aja_), wo das Dach etwas erhöht war, +erreichte auch die Galerie eine grössere Breite und ragte mit erhöhtem +2 m breitem Fussboden nach aussen vor. Dieser Ausbau, auf dem ein +Herdplatz angebracht war, diente als Gastgemach und war auch mir +als solches angewiesen. Bau, Ausführung und Reinheit der Galerie +fielen angenehm auf; der Fussboden bestand aus gut bearbeiteten +aneinanderschliessenden Planken, auf denen man auch abends, ohne +seine Gliedmassen zu riskieren, ruhig umhergehen konnte. + +Vor jeder Wohnung bzw. jedem Wohngemache stand neben der Tür ein zum +Reisstampfen bestimmter Block, (_lesong)_. + +An der Aussenseite, wo das schräge Schindeldach nur t m über dem +Fussboden hing, war die Galerie durch eine Reihe horizontaler Latten +abgeschlossen. + +Während meine Leute das Gepäck nach oben ins Gastzimmer brachten, lud +mich _Akam Igau_ zur Begrüssung seiner Familie in seine Wohnung ein. + +In gebückter Haltung über die Türschwelle steigend gelangte ich +in einen schmalen langen Gang, der mitten in ein 8 × 12 m grosses +Gemach führte. Männer, Frauen, Kinder und Hunde bewegten sich in dem +rauchgeschwärzten Raume durcheinander. + +Beim Lichtschein, der spärlich durch das grosse, mittelst einer +Palmblattklappe geschlossene Dachfenster (_huwábw_) hereindrang, +bemerkte ich längs den Wänden verschiedene gesonderte Räumlichkeiten, +welche den verheirateten Familiengliedern, die im übrigen alle +zusammenlebten, als Nachtquartier dienten. Längs der Galeriewand erhob +sich ein 5 m breiter Herd auf dem etliche eiserne Töpfe (_taring_) +auf Dreifüssen zum Kochen gestellt waren. Auf Wandgestellen über dein +Feuer befanden sich, durch den Rauch vor Feuchtigkeit und Insekten +geschützt, die Küchenvorräte: das sehr kostbare Salz, Bataten, Mais +und trockene Zuspeisen für den Reis. + +Die Kochgerätschaften bestanden ausschliesslich aus flachen +Eisenpfannen verschiedener Grösse, während zum Wasserholen grosse +Bambusgefässe und Kalabasse dienten. + +Über den Gestellen mit Esswaren befanden sich andere mit sorgfältig +gestapeltem Brennholz, das hier zum Trocknen ausgebreitet war. + +Während ich die Umgebung musterte, hatten die Hausbewohner Zeit +gehabt, sich von der Erregung, welche meine Ankunft verursacht hatte., +zu erholen, und ich begann die Hauptpersonen der Gesellschaft zu +begrüssen. Die Töchter des Häuptlings und deren Ehemänner kamen +zuerst an die Reihe, die jüngeren Söhne waren zum Glück nicht allzu +schüchtern. + +Auch verschiedene Sklavenfamilien, die bei der Hausarbeit behilflich +sein mussten, hausten in diesem Gemache. + +An der Aussenwand gegenüber der Tür (_betamen_), wo der Zimmerboden +etwas erhöht war, standen in langer Reihe grosse Gonge und Tempajan +(chinesische Töpfe); die älteren und kostbareren waren mit den +übrigen Familienstücken wie: alte Schwerter, Speere und Perlen, +in den gesonderten Räumlichkeiten geborgen. + +Um die Anwesenden baldmöglichst von meiner beängstigenden Gegenwart +zu befreien, ging ich wieder auf die Galerie hinaus und sorgte dort, +dass mein Gepäck geschickt gestapelt wurde, damit für mein Klambu +(Moskitonetz) noch Platz übrig blieb. Mittelst einiger Matten wurde der +Raum schnell in ein Zimmer verwandelt, das mir nach der langen Reise +sehr willkommen war. Sobald konnte jedoch von Ruhe keine Rede sein, +denn die Malaien aus Putus Sibau mussten ihren Lohn erhalten, um noch +am selben Tage zurückzukehren, und bald strömten auch besorgte Eltern +mit kranken Kindern und besorgte Kinder mit kranken Eltern herbei, +die alle von meinen allmächtigen Arzneien Hilfe erwarteten. + +Nachdem ich etwas geruht und von dem genossen hatte, was mein +Diener auf dajakischem Herde für mich bereitet hatte, reichte +das Tageslicht noch gerade zu einem Spaziergang in der Galerie; +absichtlich beschäftigte ich mich mehr mit den leblosen als mit den +allzu schreckhaften lebenden Wesen meiner Umgebung. + +Das lange Haus enthielt ungefähr 50 verschiedene Räume, jeder von +einer mehr oder minder zahlreichen Familie bewohnt und von nahezu +gleicher Grösse; nur die Einrichtung der Zimmer war, je nach der +Wohlhabenheit ihrer Bewohner, verschieden. + +Über jeder Haustür standen auf horizontalen Balken der Vorwand grosse +Körbe mit Rotang und Fischerei- und Ackerbaugerätschaften. + +Auch in diesen kleineren Wohnräumen der gewöhnlichen Leute herrschte +wie bei der Häuptlingsfamilie das Prinzip der gesonderten Schlafkammern +für Verheiratete und junge Mädchen. Die jungen, unverheirateten Männer +schlafen vom achten Jahre an in der Galerie. + +Am folgenden Tage setzten mit Hilfe des Häuptlings einige Männer +das Gerüst für eine Hütte von 4 × 6 m Bodenfläche zusammen; mit +den mitgeführten Palmblattmatten wurden die Wände belegt und mit +Segeltuch das Dach gedeckt, so dass ich bereits abends mein Klambu +im neuen Palast aufstellen konnte; hier belästigte ich die Bewohner +des langen Hauses nicht und war auch selbst in ruhigerer Umgebung. + +In den ersten Tagen erneuerte ich die Bekanntschaft mit einstigen +Freunden und Freundinnen; bei allen hatte ich anfangs eine gewisse +Zurückhaltung zu überwinden, die aber nur ihrer Sitte entsprang; +denn sie schwand bei einem freundlichen Blick oder Wort oder kleinen +Geschenk. Obgleich ich fast alle bekannten Gesichter wiederfand, +war es doch Zeit, dass ich mit meinen Arzneien den Kampf gegen die +bösen Geister, die Urheber aller Krankheiten, wieder aufnahm. Einen +kleinen Jungen, der, durch Syphilis erschöpft, seinen Eltern schon +monatelang Angst und Sorgen bereitet hatte, konnte ich nicht mehr +retten, er starb drei Tage nach meiner Ankunft; das verzweifelte +Jammern seiner Mutter tönte mir noch lange Zeit in den Ohren. Kleine, +infolge leichter Malariaanfälle anämisch aussehende Patienten wurden +mir in grosser Zahl gebracht; in den ersten 14 Tagen kamen sie +regelmässig zu bestimmter Zeit, um ihre Chinindosis einzunehmen. + +Obgleich die Rosen, die auf ihre Wangen zurückkehrten, einen etwas +bräunlichen Ton hatten, so war doch das Schwinden der graugelben +Hautfarbe, die wiederkehrende Fröhlichkeit und das gesündere Aussehen +erfreulich zu beobachten. + +Bei meinem ersten Besuch in Tandjong Karang hatte ich die Leute nur +mit Mühe dazu bringen können, mir irgendwelche Gegenstände für meine +ethnographische Sammlung abzutreten; jetzt brachte man mir bereits +von selbst allerhand Sachen. Ich suchte aber nur einige besonders +schöne Schnitzereien in Horn und Holz zu erlangen, da es mir nur +darum zu tun war, meine beiden früheren Sammlungen zu vervollständigen. + +Mein Hauptinteresse galt aber der Vorbereitung für die Expedition, +d.h. dem Einkauf von Böten und Reis. Zwar waren, wie erwähnt, bereits +vor langer Zeit 25 Böte bestellt worden, aber aus Ungewissheit und +Sorglosigkeit hatten die Kajan die Arbeit noch nichtbeendet, obgleich +sie dieses Mal zum Glück mehr zu Stande gebracht hatten, als vor +meiner früheren Reise. Um den Leuten zu zeigen, dass es mir Ernst +war, suchte ich auch nach alten brauchbaren Böten und zwar mit gutem +Erfolge. Sobald der eine Kajan sah, dass sein Nachbar an seinem Boote +arbeitete, machte auch er sich, um nicht im Rückstande zu bleiben, +ans Werk; so half die Konkurrenz mehr als alle Worte. Der Konkurrenz +verdankte ich es auch, dass ich die Böte zu den gleichen Preisen wie +früher erhielt. Da ich für meine Vogel- oder mexikanischen Dollars, die +in West-Borneo noch stets neben dem holländischen Gelde zirkulieren, +in Singapore nur fl. 1.10 bezahlt hatte und die Chinesen sie den Dajak +immer noch zu fl. 1.50 berechnen, kaufte ich sehr vorteilhaft ein. + +Noch mehr Schwierigkeiten als das Herbeischaffen von Böten bereitete +der Einkauf von Reis; ich hatte ihn in grosser Menge nötig und der +Reisvorrat der Kajan war beinahe erschöpft. + +Es lag mir daran, von dem Gelde, das für Reis ausgegeben werden musste, +besonders viel den Kajan selbst zukommen zu lassen, daher verabredete +ich mit _Akam Igau_, dass er unter den Familien von Tandjong Karang +100 Dollar verteilen sollte, für die sie mir nach der Ernte Reis +zu liefern hatten. _Akam Igau_ behielt jedoch einen guten Teil des +Geldes für sich und seine Leibeigenen und folgte bei der Verteilung +so sehr seinen Sympathieen, dass einige, die auch etwas beitragen +wollten, aber nicht in seiner Gunst standen, leer ausgingen. Als man +mit Klagen zu mir kam, konnte ich mich durch einige Dollars Vorschuss +einer weiteren Quantität Reis versichern. Leider war dieses Verfahren +nicht auch in den höher gelegenen Niederlassungen anwendbar; die +Ernteaussichten waren dort sehr schwach, und viele Männer beteiligten +sich nur deshalb an der Expedition, um später mit dem verdienten Lohn +für sich selbst Reis einkaufen zu können. + +Kaum hatten die Chinesen und Malaien in Putus Sibau gemerkt, dass +es etwas zu verdienen gab, als auch sie mir anboten, nach der Ernte, +sobald die benachbarten Dajakstämme ihnen ihre Schuld in Reis bezahlt +haben würden, einige Tausende von Kilo zu liefern. + +Inzwischen kam auch wieder die Frage nach dem Termin des Aufbruchs zur +Sprache. Bald nach der Abreise der Batang-Lupar kam _Tigang_ nochmals +zu mir und erklärte, dass seine Leute nicht vor der nächsten Reissaat +aufbrechen wollten. Glücklicher Weise sind die Kajan Beweisgründen +zugänglich, so dass mir _Tigang_ auf meine Bemerkung, dass nach dem +langen Warten eine ungünstige Reisezeit angebrochen sein würde, nichts +anderes erwidern konnte, als dass die Beteiligung an der Expedition +den Kajan viele Opfer kostete. + +Nach langem Hin- und Herreden wurde beschlossen, dass die Männer nach +dem Erntefest einige neue Grundstücke für die Anlage der Reisfelder +suchen sollten und dass wir, wenn auch das Fällen des Waldes beendet +sein werde, die Reise antreten sollten. + +_Akam Igau_ war zwar bei dieser Verhandlung nicht gegenwärtig gewesen, +ich wusste aber doch, dass auch er für einen beschleunigten Aufbruch +war und fragte ihn daher nicht um seine Meinung. Wir hatten zugleich +überlegt, dass es unmöglich sein würde, für die 140 Mann, die sich +am Zuge beteiligen sollten, auch den Proviant in den Böten gleich +mitzuführen; es sollte daher ein Vorrat Reis und Salz so schnell und +so weit als möglich den Kapuas aufwärts transportiert und dort bewacht +werden, bis wir nachkamen und ihn über Land Weiterschaffen konnten. + +Als die Zeit des Aufbruchs ungefähr bestimmt war, erkundigten sich +die verschiedenen Häuptlinge nach der Zahl der Dorfgenossen, die +mitgehen konnten. Bald trat die alte Eifersucht zwischen _Akam Igau_ +und _Tigang_ wieder zu Tage; letzterer erzählte triumphierend, dass +er in Tandjong Kuda, seinem Dorf, 50 Mann aufstellen konnte, Tandjong +Karang dagegen nur 30, Pagong nur 10 und die Ma Suling ebenfalls nur +10 Mann. Da _Tigang_ der Schwiegersohn von _Akam Lasa_, dem Ma Suling +Häuptling, war, der selbst nicht mitziehen konnte, so fügte sich der +Anführer der Ma Suling mehr _Tigang_ als _Akam Igau_. + +Dieser wusste jedoch, dass ich ihn, den erprobten Führer, doch als +Leiter des Ganzen behandeln würde und nahm sich die geringere Anzahl +seiner Männer nicht zu Herzen. + +Inzwischen war die Ernte vorüber und das Erntefest mit gewohnter Freude +und Feierlichkeit begangen worden; ich hatte mich wiederum davon +überzeugen können, in wie hohem Masse die ganze Bevölkerung von den +für Europäer so unbegreiflichen und unsinnigen religiösen Zeremonien +ergriffen wurde. So verging der ganze Monat Juni; da er sehr trocken, +also zum Reisen äusserst geeignet gewesen und ich ausserdem überzeugt +war, dass es noch lange dauern würde, bevor wir uns in Bewegung setzen +konnten, machte mich das Warten sehr ungeduldig. Es war mir noch ein +Trost, dass ich, nachdem ich erst 12 Böte mit einer grossen Menge Reis +nach Putus Sibau hatte bringen lassen, einige Tage darauf eine zweite +Truppe Kajan aus Tandjong Karang mit 2000 kg Reis und 14 Blechgefässen +Salz den Kapuas aufwärts schicken konnte. Sie sollte versuchen, den +Kapuas, Bungan und Bulit bis zu dem Ort hinaufzufahren, von wo aus der +Landweg beginnen sollte; zwei bewaffnete Schutzsoldaten, von denen der +eine, Korporal _Suka_, bereits auf einer Expedition am oberen Melawie +sich ausgezeichnet hatte, und ein Kajan, der die Punansprache kannte, +wurden als genügende Bewachung im unbewohnten Berglande angesehen. + +In Putus Sibau war es dem Kontrolleur inzwischen gelungen, die +tüchtigsten der bewaffneten malaiischen Schutzsoldaten dazu zu bringen, +uns zum Mahakam zu begleiten. + +Zu unserem Erstaunen war auch ein malaiischer Häuptling, Raden _Inu_, +sein Bruder, _Abang Ganda_, und ein Untergebener, _Persat_, aus +dem Pinaugebiet am Melawie nach Putus Sibau gekommen; diese hatten +zufälliger Weise gehört, dass der Kontrolleur, den sie von früher +her kannten, eine grosse Reise antreten sollte, und wollten sich nun +aus alter Anhänglichkeit an derselben beteiligen. Ein Zuwachs der +Gesellschaft erschien uns anfangs zwar nicht sehr erwünscht, weil die +Leute aber so viel Eifer an den Tag legten, beschlossen wir doch, sie +mitzunehmen, und haben es später auf der Reise nicht zu bereuen gehabt. + +Mein Aufenthalt am Mendalam war nun nicht mehr unbedingt notwendig und +auch _Akam Igau_ drang darauf, man solle sich zur Reise vorbereiten, +damit man nach der Rückkehr der Gesandtschaften gleich aufbrechen +könne; ich nahm daher zum Leidwesen meiner vielen Freunde und Bekannten +von Tandjong Karang Abschied und kehrte nach Putus Sibau zurück. + +Hier waren unterdessen aus Pontianak nachbestellte Güter angekommen, +auch allerhand nützliche Dinge, wie Kisten für Lampen und andere +tägliche Gebrauchsartikel, verfertigt und ein Vorrat Segeltuchs +zugeschnitten, besäumt und mit Seilen versehen worden. Ferner hatte +_Demmeni_ auf seine photographische Ausrüstung viel Arbeit verwandt; +ebenso _Bier_ für eine topographische Aufnahme des Mahakamgebietes +alles vorbereitet. + +Um alles hatte sich der Kontrolleur _Barth_ bekümmert, und ich sah +zu meiner Befriedigung, dass er auch mit den Eingeborenen sehr gut +umzugehen verstand. Da die allgemeine Verkehrssprache der Bahau, +das Busang, ihm noch unbekannt war, hatte er sich alle Mühe gegeben, +sie vor dem Beginn des Zuges zu erlernen. + +Ich hatte bereits 1894 dem ältesten Sohne _Akam Igaus_, namens _Ju_, +das Lesen und Schreiben mit lateinischen Buchstaben beigebracht; nun +hatte er den Kontrolleur gebeten, auch seinen jüngeren Sohn, _Adjang_, +im Lesen und Schreiben des Malaiischen, das er nur notdürftig sprach, +zu unterrichten. _Adjang_ war studienhalber nicht nur monatelang +beim Kontrolleur in Putus Sibau geblieben, sondern zog auch mit +uns zum Mahakam. Während unserer Reise durch den Urwald lernte er +abends im Lager seine Lektionen ebenso eifrig wie in Putus Sibau, +und am Mahakam angekommen las und schrieb er bereits befriedigend. + +Da an der Ausrüstung nichts mehr zu tun übrig blieb und das für +die Reise so günstige trockene Wetter anhielt, hätte mich die +Ungeduld, endlich fortzukommen, sehr gequält, wenn die Bewohner der +Niederlassungen ober- und unterhalb von Putus Sibau meine ärztliche +Hilfe nicht ständig in Anspruch genommen und mich gezwungen hätten, +mich um ihre Interessen zu bekümmern. + +Unterhalb Putus Sibau waren in den letzten Jahren Niederlassungen +der Kantu Dajak entstanden. Dieser mit den Batang-Lupar verwandte +Stamm aus dem Seengebiet war von diesen aus seinem alten Wohnplatz +nach Südwesten vertrieben worden. Seit der Zeit hatten sich die Kantu +bald hier bald da in sehr kleinen Niederlassungen weiter oben am Kapuas +verteilt. Sie waren viel zugänglicher als die Kajan und interessierten +mich auch durch ihre Kunstfertigkeit in der Herstellung von Webereien +und Perlenarbeiten, so dass ich es lebhaft bedauerte, mich mit ihnen +aus Zeitmangel nicht mehr abgeben zu können. Da sie mehr als die +anderen Stämme geneigt waren, ihre seltenen Produkte um hohen Preis +loszuschlagen, gelang es mir, in kurzer Zeit allerlei anzuschaffen, +was mir von ihrer sehr hoch stehenden Webe- und Färbeindustrie eine +Vorstellung geben konnte. + +Auch mit den weiter oben wohnenden Taman Dajak kam ich dadurch in +Berührung, dass sie mir ihre Kranken brachten und durch vorteilhaften +Verkauf ihrer eigenartigen Kleidungsstücke von mir zu profitieren +trachteten. Verschiedene Personen boten mir auch ihre aus bunten +Perlen und Muscheln (Nassa callosa) verfertigten Jäckchen und +Röckchen an, die sie früher bei ihren religiösen Festen trugen, jetzt +aber, wegen der Ausbreitung des Islam in ihrem Stamm, nur selten +mehr gebrauchten. Diese in schönen farbigen Mustern ausgeführten +Kleidungsstücke sind in jeder Familie altes Erbgut, dessen Herstellung +viel Zeit und Geld gekostet hat; unter gewöhnlichen Umständen sind +sie auch beinahe nicht zu erlangen. In dieser Erwägung kaufte ich die +schönsten dieser Kleidungsstücke und rettete sie so vor dem Untergang. + +Die meisten kosteten 20 bis 26 Dollar; für ein besonders schönes +Röckchen musste ich sogar 35 Dollar bezahlen. Die Besitzerin dieses +Kleinods, eine Taman Frau am Mendalam namens _Litong_, war anfangs +durchaus nicht geneigt, mir diesen ihren schönsten Schmuck abzutreten +und ich hatte bereits alle Versuche, sie zu erweichen, aufgegeben, +als ihr Vater, von einem Handelszuge aus Bunut zurückkehrend, den +hohen Preis erfuhr, den ich geboten. So kam er eines schönen Tages +nach Putus Sibau und übergab mir sehr erfreut für die 35 Dollar das +Röckchen. Hätte ich geahnt, dass er ganz gegen den Wunsch seiner +Tochter handelte und dass diese, wie ich später durch Kajan erfuhr, +vor Kummer heisse Tränen vergossen, so hätte ich meine Sammellust +vielleicht bezwungen. + +Auch die Taman Dajak, die am Sibau wohnten, der neben unserer Wohnung +in den Kapuas strömte, trugen dazu bei, uns die erzwungene Ruhe nicht +allzu fühlbar werden zu lassen. Wenige Tage nach meiner Rückkehr +nach Putus Sibau holten vier dieser Sibau Dajak mich in einem +Boot in ihre Niederlassung ab, wo einer der Ihren, der sich beim +Holzhacken mit dem Schwerte das Bein verletzt hatte, heftig blutend +darniederlag. Den Verwundeten nach Putus Sibau zu bringen schien +unmöglich; so blieb mir nichts anderes übrig, als mit den nötigsten +Hilfsmitteln und einem unserer Malaien zum Kranken zu reisen. Nach +dreistündiger Fahrt in schwankendem Nachen erreichten wir das lange +Haus, auf dessen grosser Galerie vor der Häuptlingswohnung eine Menge +Männer, Frauen und Kinder um eine Gruppe herumhockte, die sich mit +der Pflege des Kranken beschäftigte. Dieser schien ein kräftiger +junger Mann zu sein; auf dem Rücken zwischen seinen jammernden +Angehörigen liegend zeigte er bereits eine verräterische graubraune +Leichenfarbe, auch hatte er schon das Bewusstsein verloren und sein +Puls war nicht mehr fühlbar. Sein rechter Fuss war an der Innenseite, +unterhalb des Knöchels, verwundet und mit alten Lappen voll geronnenen +Blutes verbunden. Fortwährend tröpfelte noch Blut aus dem Verbande, +was hauptsächlich wohl einem zweiten Verbande zugeschrieben werden +musste, den man um die Wade angebracht hatte und der, gleichwie auch +die horizontale Lage des Beines, einen Abfluss des venösen Blutes +verhinderte. Während ich den zweiten Verband abnehmen und das Bein +hoch halten liess, erzählte man mir, wie sich der junge Mann die Wunde +beigebracht hatte. Die Abwesenheit des Pulsschlags bewies, dass die +Blutung auch während des Transportes nach Hause sehr heftig gewesen +sein musste. Man hatte, um die Blutung zu stillen, das gebräuchliche +Mittel, gekaute Sirihblätter mit Kalk, auf die Wunde gelegt, welch +letzterer adstringierend wirkt und durch das starke Anpressen mittelst +der Blätter zugleich als Tampon dient. Da der Patient augenscheinlich +nicht mehr viel Blut zu verlieren hatte und seine Herztätigkeit sehr +schwach war, musste ich einen neuen Bluterguss bei der Untersuchung zu +vermeiden trachten und hielt daher den Kautschukschlauch am Schenkel +bereit. Zum grossen Erstaunen der Taman kam, da ich das Bein hoch +halten liess, beim Wegnehmen der schmutzigen Lappen und Sirihballen +kein Tropfen Blut mehr aus der Wunde; doch war die bis tief hinter +den maleolus internus reichende Wunde durch die falsche Behandlung +bereits so infiziert, dass an einen aseptischen Heilverlauf nicht zu +denken war. + +Vor allem musste der Patient wieder zu Kräften kommen, dann konnte man +ihn, zwecks einer rationellen Behandlung, nach Putus Sibau bringen +lassen. Ich desinfizierte daher die Wunde so weit als möglich, +bestreute sie mit Jodoform, tamponierte sie gründlich und empfahl +den Taman, das Bein ständig hoch liegen zu lassen und gut für den +Patienten zu sorgen. + +Dank seiner kräftigen Konstitution war der Mann nach zwei Tagen +bereits so weit, dass seine Familie ihn mir zur weiteren Behandlung +nach Putus Sibau bringen konnte. Nachdem ich schon gehofft, dass +keine Nachblutung den Heilprozess stören würde, rief man mich doch +sechs Tage darauf nachts, weil der Verband ganz mit Blut durchtränkt +war. Es blieb nun nichts anderes übrig, als die Galerie unserer +Kaserne zum Operationszimmer zu machen und den gewandtesten meiner +Gehilfen zum Assistenten zu promovieren. Zum Glück gelang es mir bald, +die Blutungsquelle zu entdecken. Ich hatte bereits vorher versucht, die +Wunde von dem nekrotischen Gewebe zu reinigen, aber die Infektion hatte +sich bereits zu sehr verbreitet. Sobald die Schlinge um den Schenkel +etwas gelockert wurde, quoll in rhythmischen Stössen eine Blutmenge, +augenscheinlich aus der arteria tibialis postica, hervor. Beim Schein +einiger Lampen entfernte ich so lange nekrotisches Gewebe, bis die +Arterie bloss lag; es zeigte sich, dass diese auf die ungünstigste +Weise beschädigt war, nämlich halb durchgeschnitten, so dass die +Enden sich nicht zurückziehen konnten und wegen der Retraktion +der Ränder ständig offen gehalten wurden. Mit einigen Bedenken, +wegen der stark entzündeten und infizierten Umgebung, entschloss +ich mich doch, das Gefäss zu durchschneiden und die beiden Enden +zu unterbinden. Glücklicher Weise schlossen sich die Gefässe und +eine Blutung trat nicht mehr ein, trotzdem sich die Entzündung über +den ganzen Unterschenkel verbreitete. Einige Einschnitte bis in das +subkutane Gewebe, zur Entfernung des Eiters, und eine Ausspülung mit +Borwasser übten eine gute Wirkung. Infolge unserer sorgsamen Pflege kam +der Taman bald wieder zu Kräften, und nachdem der Kontrolleur von Putus +Sibau nach unserer Abreise noch einige Zeit für ihn gesorgt hatte, +konnte er wieder nach Hause gebracht werden, wo er bald völlig genas. + +Der langdauernde Aufenthalt in Putus Sibau hatte noch den grossen +Vorteil, dass wir uns über die aus Java mitgenommenen und uns +grösstenteils fremden Leute ein Urteil bilden konnten. Bereits als +ich sie in Dienst nahm, hatte ich dafür gesorgt, dass jeder von ihnen +einen Kameraden oder Verwandten bei sich hatte, damit er sich nicht +einsam fühlen sollte. Da eine gute Stimmung unter den Teilnehmern +einer Expedition deren guten Erfolg wesentlich beeinflusst, freute +es mich sehr, zu bemerken, dass Zwistigkeiten unter unseren Leuten +wenig vorkamen. Nur der zweite Jäger, _Djumat_, erregte zu meiner +Verwunderung bei seinen mohammedanischen Glaubensgenossen durch seine +ständigen religiösen Übungen Anstoss. Wie ich bei meiner Rückkehr +von den Kajan hörte, war er, ein europäisches Halbblut, zum Islam +übergetreten. Obgleich beinahe mein ganzes Geleite mohammedanisch war, +hatte ich doch von Beten und von anderen religiösen Verrichtungen +nie etwas gemerkt; nur _Djumat_ war hierin sehr eifrig und ärgerte +dadurch die anderen so sehr, dass einer der Schutzsoldaten zuletzt +auf seiner Violine zu spielen begann, sobald _Djumat_ seine Gebete +anfing. Wahrscheinlich geschah dies nicht wegen der Andachtsübungen +selbst, dazu waren meine Javaner und Malaien zu friedliebend, +sondern weil sie ihn besser kannten als ich. Bald hörte ich auch +einige Bemerkungen über _Djumat_, der sich viel mit den Chinesen +auf dem Markte abgab, und eines Morgens fand ich auf der Galerie +einen zusammengefalteten chinesischen Brief, den ich aber nicht +lesen konnte. Etwas Besonderes vermutend, wollte ich meine farbigen +Begleiter doch nicht in die Angelegenheit einweihen, und da auch +unsere Europäer das Schreiben nicht lesen konnten, liess ich es +unbeachtet. Der Schreiber schien aber die Sache ernst zu nehmen; +denn zwei Tage darauf erhielt ich ein anderes Briefchen, diesmal +malaiisch geschrieben. Der Inhalt des Briefes war der, dass _Djumat_ +den chinesischen Frauen auf dem _pasar_ auf brutale Weise nachstellte +und dass ein derartiges Betragen meines Personals mir am Mahakam +gefährlich werden konnte. Für mich war diese Tatsache zu wichtig, +um ihr nicht Rechnung zu tragen. + +Mit dem Kontrolleur _Barth_ und dessen Kollegen von Putus Sibau +kam ich überein, dass wir gleich die Ankunft des kleinen Dampfers +"de Punan", der uns die letzte Post und noch einige Güter bringen +sollte, benützen mussten, um uns dieses lästigen Reisegenossen zu +entledigen. Sobald denn auch der Dampfer angekommen war, erhielt +_Djumat_ zu seiner Verwunderung den Befehl, sich bereit zu halten, +um sich zwei Stunden später nach Java einzuschiffen. Diese plötzliche +Entlassung musste ihn umsomehr in Erstaunen versetzen als er, wie auch +seine Kameraden, bereits in Java 75 fl. Vorschuss von seinem Lohn +erhalten hatte. Sein Betragen, das in seiner javanischen Umgebung +nicht viel Anstoss erregte, war jedoch in unserer künftigen Lage, +mitten unter den eingeborenen Stämmen, viel zu gefährlich, als dass +ich die übrigen Männer nicht auf den Ernst eines solchen Vergehens +hätte aufmerksam machen müssen. Bereits seit langem wusste ich, +dass eine grosser Teil der Morde und Unglücksfälle von Malaien unter +den Dajak hauptsächlich daher kam, dass die malaiischen Männer darauf +ausgingen, die dajakischen Frauen zu verführen. Obgleich es nämlich bei +den Bahau, nach längerem Aufenthalt in ihrer Mitte, wohl gestattet ist, +mit einem der jungen Mädchen, die in ihrem Tun und Lassen fast gänzlich +unabhängig sind, ein Verhältnis anzuknüpfen, geschieht es doch häufig, +dass die Malaien, mit Hilfe von Geschenken und anderen Mitteln, mit +der ersten besten Frau, die sich hierfür empfänglich zeigt, einen +intimen Verkehr anzubahnen versuchen. Da aber die eheliche Treue bei +diesen Stämmen sehr streng gehalten wird, laden sich die Malaien durch +ihr leichtsinniges Betragen die Rache des beleidigten Gatten auf den +Hals. Ich suchte daher, wenn wir irgendwo bei den Bahau längere Zeit +bleiben mussten, tun ihr Vertrauen zu gewinnen, alles daranzusetzen, +um ein derartiges Betragen zu verhindern. So hatte ich von Anfang an +getrachtet, etwas ältere Männer für unseren Zug anzuwerben und habe +auch später durch leichtsinniges Betragen meiner Leute nicht viel +Unannehmlichkeiten gehabt. + +Nach meiner Abreise von Tandjong Karang nahmen die Kajan noch öfters +jede Gelegenheit wahr, um uns in Putus Sibau zu besuchen, teils aus +persönlicher Anhänglichkeit, teils um noch einiges vorteilhaft zu +verkaufen, teils um noch allerhand Neues und Schönes von unserer +Ausrüstung zu sehen. + +Selten vergingen einige Tage, ohne dass ich Besuch bekam, und +jetzt waren es nicht nur, wie in früherer Zeit, erwachsene Männer +und einzelne Frauen, die sich aus dem Mendalamgebiet herauswagten, +sondern es kamen auch viele Knaben und Mädchen und sahen sich zum +ersten Mal in ihrem Leben Putus Sibau mit seinen vielen Malaien, +Chinesen und seinem Markt an. Auch viele 18-20 jährige Frauen +erklärten, noch nie hier gewesen zu sein; zum Übernachten konnten +sie sich aber nicht entschliessen, sie sorgten vielmehr alle, vor +Einbruch der Nacht aus dieser fremden Umgebung wieder fortzukommen. + +Besonders meine Freundin _Usun_, die älteste und oberste Priesterin +von Tandjong Karang, benützte jede Gelegenheit, um nach Putus Sibau +zu kommen, und es zeigte sich, dass aufrichtiges Interesse sie +dazu trieb. Bereits bei meinen Besuchen 1894 und 1896 hatte sie mir +allerhand, nach ihren Begriffen schöne Geschenke gemacht, auch war +sie die einzige Frau ihres Stammes gewesen, die es gewagt hatte, sich +photographieren zu lassen. Auch jetzt wieder gab sie uns einen starken +Beweis ihres Vertrauens, indem sie einmal mit einer Gesellschaft +vom Mendalam ankam, mehrere Tage allein bei uns blieb und erst mit +einer zweiten Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. _Usun_ äusserte +oft ihre Besorgnis aller Gefahren wegen, die uns auf den weiten +Reisen bedrohten, besonders beunruhigte sie mein Plan, in das ferne +Gebiet des Apu Kajan, das Stammland ihrer Vorfahren, einzudringen, +ein Land, das in ihrer priesterlichen Wissenschaft einen mythischen +Charakter angenommen hatte und von dem sie wusste, dass es von den +so gefürchteten Kenjastämmen bewohnt wurde. + +Wenige Tage vor unserer Abreise kam _Usun_ mit einigen Männern und +Frauen von Tandjong Karang zu uns herunter und bat um die Erlaubnis, +bis zu unserer Abfahrt bei uns bleiben zu dürfen. Zugleich gab +sie zu verstehen, dass sie, da es nun doch zum Scheiden kam, +beschlossen hatte, ihren kostbarsten, oder besser gesagt, ihren +heiligsten Besitz zwischen ihrem Enkel und mir zu teilen, damit diese +geweihten Gegenstände mich vor allen Gefahren, denen ich entgegen ging, +beschützten. Sie übergab mir ein sehr altes Schwert, das, nach der +Aussage meiner 70 jährigen Freundin, bereits in ihrer Jugend sehr +alt gewesen war, ferner Kieselsteine von aussergewöhnlicher Form +in einem kleinen Säckchen und ein steinernes Fläschchen mit etwas +Kokosnussöl. In diesen ernsten Abschiedstagen wurde _Usun_ gestattet, +ihre Schlafmatte in der kleinen Kammer auszubreiten, in welcher der +Kontrolleur _Barth_ auf einer Seite und ich auf der anderen unsere +Moskitonetze aufgehängt hatten. Beim Erwachen am anderen Morgen sah +ich, dass _Usun_ bereits alle ihre Vorbereitungen getroffen hatte + +an der Stelle, wo sie geschlafen hatte, lagen auf einer kleinen Matte +neben einander die für mich bestimmten Schätze, ausserdem das Geldstück +und die Perlen, die ich ihr als _usút_ gegeben hatte, d.h. damit diese +Dinge in gleicher Weise in ihre Hände übergehen könnten, wie ihre +Talismane in die meinen und der Geist, der in letzteren steckte, nicht +erzürnt würde. Darauf sprach sie, vor der Matte hockend, die Geister +an, die in den Gegenständen hausten und trug ihnen auf, mich gegen alle +Angriffe böser Geister zu schützen, mich vor Anstrengungen sowie vor +einem Fall in den Bergen oder Tälern zu behüten und zu verhindern, +dass meine Seele sich von mir entfernte. Weiter berichtete sie den +Geistern der geweihten Gegenstände, dass ich die Absicht habe, sie +zum Mahakam und weiter bis zum Apu Kajan zu bringen. Auch erzählte +sie ihnen, dass ich ihr das Geldstück und die Perlen gegeben, damit +sie an Stelle der alten Gegenstände in ihren Händen zurückblieben. + +Ich schenkte _Usun_ zuletzt noch, da meine Vorräte es zu erlauben +schienen, einen Satz schöner Armbänder aus Elfenbein. Bis zum letzten +Augenblick blieb _Usun_ bei uns und, während ich des Morgens mit +dem Verteilen von Menschen und Gütern in die Böte viel zu tun hatte, +strengte sie sich an, mir mit ihren alten Beinen wie mein Schatten +zu folgen und hörte nicht auf, mir unter heissen Tränen Segenswünsche +auf die Reise mitzugeben. + +Mit _Akam Igau_ hatte ich abgemacht, dass er seine Leute dazu +bringen sollte, gleich nach der Rückkehr der vorausgeschickten +Gesandtschaften die wahrsagenden Vögel zu befragen. Am 24. Juli +kehrten die Gesandtschaften endlich gemeinsam zurück; ihre Reisen +waren ohne Unfall verlaufen, nur hatten sie, wegen des sehr hohen +Wasserstandes, lange gedauert; auch war es ihnen nicht geglückt, +den Bulit aufwärts bis zum Landweg zu gelangen; sie hatten aber den +Reis an der Mündung des Bulit unter dem Schutze von Korporal Suka +und zwei anderen zurückgelassen. + +Den folgenden Tag kam _Tigang Aging_ aus Tandjong Kuda mit dem Bericht, +dass in seinem Dorf für sechs Tage "_melo njaho_" ein "Stillsitzen +wegen der Vorzeichen" angesagt war, weil man ein Reh über ein eben +bearbeitetes Feld hatte laufen sehen (ein böses Omen) und dass man +erst nach dieser Ruhezeit, unter Anführung des Ma-Suling namens _Obet +Lata_, zur Beobachtung der Vorzeichen aufbrechen würde. + +Nach Ablauf dieser sechs Tage kam _Tigang Aging_ abermals nach +Putus Sibau, diesmal mit dem Vorschlag, wiederum einen Teil unseres +Gepäckes unter Aufsicht der zwei alten Häuptlinge _Seniang_ und +_Akam Lasa_, je mit zehn Mann; vorauszuschicken. Diese Leute waren +nämlich nicht im stande, den Zug mitzumachen, wollten aber, wie es +schien, auch noch etwas verdienen. Nachdem ich diesem Vorschlage +in der Überlegung zugestimmt hatte, dass wir dadurch später um +so schneller flussaufwärts fahren konnten und ich, um nur endlich +fortzukommen, möglichst viel Freunde gewinnen musste, verpflichtete +sich wiederum _Tigang_, den _Obet Lata_ bereits am folgenden Tage +auf die Vogelschau auszusenden. Auf diese Weise suchte sich _Tigang_ +als Herrn der Mendalambewohner aufzuspielen, obwohl er sehr gut +wusste, dass _Akam Igau_ von mir als Führer angesehen wurde. Mein +Hauptziel war jedoch die Abreise, der ich mit Ungeduld entgegensah, +da die Trockenzeit bereits zwei Monate gedauert hatte und jeder Tag +uns Regen und ungünstig hohen Wasserstand bringen konnte; daher fand +ich alles gut, was uns einen Schritt weiter brachte. Es verging aber +ein Tag nach dem andern, ohne dass wir etwas anderes hörten, als dass +die Vögel noch immer nicht alle erforderlichen Zeichen gegeben hatten, +bis endlich am 16. August _Akam Igau_ seinen Sohn _Adjang_ abholte, +um gemeinschaftlich mit den übrigen Teilnehmern an der Expedition +ein _melo njaho_ zu feiern, da die Vögel jetzt genügende Auskunft +gegeben hatten. Zwei Tage darauf sollte die ganze Gesellschaft bei +uns eintreffen. + +Um _Akam Igaus_ Oberherrschaft wieder einzuschränken, kam auch +_Obet Lata_ im Auftrage _Tigangs_ am folgenden Tage und meldete, +dass man aus Tandjong Kuda aufbrechen werde, dass man sich aber, +wie auch auf der vorigen Reise, noch einen Tag an der Mündung des +Mendalam aufhalten wolle, um noch einen besonderen Vogel zu befragen. + +Am 18. August schlug endlich unsere Befreiungsstunde; denn bereits des +Morgens kam ein bemanntes Boot nach dem anderen hinter der Flussbiegung +zum Vorschein. Auch _Seniang_ und _Akam Lasa_ brachten ihre eigenen +Böte und Leute mit; gegen ihren Vorschlag, bereits am selben Tage +weiterzufahren, hatte ich nichts einzuwenden. Ich gab ihnen eine +gute Ladung Reis und Salz mit und so fuhren sie bereits mittags den +Kapuas aufwärts. + +Die Leute, welche die Mahakamreise selbst mitmachen sollten, +übernachteten, der Übereinkunft gemäss, unter _Akam Igaus_ und +_Tigangs_ Aufsicht an der Mendalam Mündung, trafen aber schon früh +am folgenden Morgen vor unserer Wohnung ein. + +Im Ganzen erschienen aus den verschiedenen Niederlassungen am Mendalam +ungefähr 110 Mann, die sich in so viel Gruppen verteilten, als die +Zahl der Dörfer und Stämme, denen sie angehörten, betrug. Die Kajan +aus Tandjong Karang und Tandjong Kuda waren die zahlreichsten, +ihnen folgten die Ma-Suling und Uma-Pagong, und schliesslich noch +Glieder der Bukat und Punan, der meist nur zeitweise am Mendalam +lebenden Nomadenstämme. Jede Gruppe hatte einen eigenen Häuptling +oder angesehenen Mann zum Anführer; ich betrachtete aber, wie bereits +gesagt, _Akam Igau_ aus Tandjong Karang als Oberhaupt aller, da er +als alter weitgereister Mann am meisten Einfluss besass, während +sein viel jüngerer Nebenbuhler _Tigang Aging_ aus Tandjong Kuda nur +durch seine hohe Geburt sich Ansehen zu verschaffen trachtete. Ihm +völlig ergeben war nur _Obet Lata_, der Anführer der Ma-Suling, +ein alter unbedeutender Mann, der _Tigang_ als den Schwiegersohn des +Ma-Sulinghäuptlings _Akam Lasa_ fürchtete. + +Die Männer von Uma-Pagong standen, wie auch auf der vorigen Reise, +unter Anführung von _Jung_, einem Adoptivsohn des weiblichen Häuptlings +_Bulan_. Es war dies eine junge energische Persönlichkeit, die uns +auf der Reise viele Dienste erwies. + +Die Gruppe der Punan und Bukat bestand aus 12 Männern sehr +verschiedener Abkunft, auch befanden sich unter ihnen einige Leute +eines anderen Jägerstammes, der Beketan. _Ludang_, der Punanhäuptling, +konnte an der Expedition nicht teilnehmen, liess sich aber durch +seinen jungen Sohn _Kwing_ vertreten, dem ein schwächlicher, aber +intelligenter Mann namens _Tetuhè_ zur Seite stand. + +Um keine Zeit zu verlieren, hatten wir bereits am Tage zuvor alles +Gepäck so geordnet, dass die Ladung auf die schnellste Weise von +statten gehen konnte. Nun galt es, Menschen und Güter auf die +praktischste Weise in die 25 Böte zu verteilen, was insofern seine +Schwierigkeit hatte, als die Leute sich bereits in Gruppen verteilt +und in den Böten da Platz genommen hatten, wo es ihnen gerade am besten +gefiel; dadurch war das eine Boot überladen, das andere beinahe leer; +ausserdem nahm jedes Boot so wenig als möglich Gepäck mit, so dass ich +das Einladen genau regeln und überwachen musste. Das, erforderte alles +viel Hin- und Herreden, Ermahnungen und bisweilen ernstes Auftreten +und dauerte bis 10 Uhr morgens. Die ganze Zeit über hatte ich die +alte _Usun_ an meinen Fersen. Endlich war alles geregelt, jeder Mann +an seinem Platze und wir nahmen vom Kontrolleur Abschied, der uns +mit seinen zwei kleinen Kanonen noch eine gute Reise nachdonnerte. + + + + +KAPITEL III. + + Allgemeines über die Insel Borneo--Die Gebirge von + Mittel-Borneo--Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam + und dem Batang-Rèdjang, Kajan und Barito--Geologie des + oberen Mahakamgebietes--Salzquellen--Geologischer + Charakter des Apu Kajan--Äussere Gestaltung + Mittel-Borneos--Buschvegetation--Meteorologische + Verhältnisse.--Bewohner der Insel--Malaien und Dajak--Sesshafte + Stämme: Bahau und Kenja--Nomadenstämme: Punan, Bukat und + Beketan--Herkunft der Bahau und Kenja--Legende vom Wasser und + Feuer-Auswanderungen und Vermischungen der Stämme.--Organisation + eines Bahau- bezw. eines Kajan-Stammes--Geschichte der + Mendalam Kajan--Glieder eines Stammes: Häuptlinge, Freie und + Sklaven-Gegenseitige Verpflichtungen der Stammesglieder--Abstammung + des Häuptlings _Akam Igau_. + + +Die Insel Borneo ist mit ihrer Oberfläche von 734.000 quad. km +nach Neu-Guinea die grösste der Welt; sie ist mehr als zweieinhalb Mal +so gross als England, Schottland und Irland zusammen. Betrachtet man +eine in grossem Massstab gehaltene Karte von Borneo, so bemerkt man, +dass vom Zentrum der Insel aus mächtige Ströme nach allen Richtungen +hin den Küsten zuströmen; sie durchziehen in ihrem Unterlauf weite +Ebenen, die sie mit der Zeit selbst gebildet haben. Die Entstehung so +grosser Flüsse und Ebenen ist nur da möglich, wo starke Regenfälle +herrschen. Die durchschnittliche jährliche Regenmenge in Borneo ist +in der Tat eine sehr bedeutende, sie kann bis über 5 m betragen, doch +machen sich auf dem ausgedehnten Gebiet grosse lokale Abweichungen +bemerkbar. Wegen ihrer aequatorialen Lage bestreichen die Passatwinde +die Insel Borneo lange nicht so regelmässig wie Java, daher ist der +Regenfall dort gleichmässiger auf das ganze Jahr verteilt. + +In scharfem Gegensatz zu den Nachbarinseln hat man auf Borneo bis jetzt +keine tätigen Vulkane gefunden. Zwar entdeckte Prof. _Molengraaff_ +im Jahre 1894 südlich vom oberen Kapuas ein ausgedehntes vulkanisches +Gebiet, das hauptsächlich aus riesigen Tufflagern besteht, Spuren +einer Eruption jüngeren Datums fand er jedoch nicht. Die südlichen +Nebenflüsse des oberen Kapuas haben daher auch Zeit gehabt, diese +Tufflager durch Erosion in ein höchst eigenartiges Bergland umzuformen, +dessen eigentümliche terrassenförmige Erhebungen bisweilen mehr als +1000 m Höhe erreichen. Dem 1825 verunglückten Forschungsreisenden +_Georg Müller_ zu Ehren nannte Prof. _Molengraaff_ dieses Gebirge: +Müller-Gebirge. Die zahlreichen Petrefakten, welche diese Tufflager +enthalten, deuten darauf hin, dass das Müller-Gebirge hauptsächlich +in der Tertiärzeit gebildet sein muss. + +An der Ostküste, gegenüber der Insel Miang und auf dieser selbst, +liegen 100 m hohe Hügel, die in späteren geologischen Perioden durch +negative Strandverschiebung entstanden sein müssen; denn man findet +auf ihnen die Riesenmuschel (Tridacna). Das ganze flache Gebiet +von Kutei wird durch diese auf die Ostküste beschränkte Hügelreihe +gegen das Meer hin abgegrenzt. Die vielen Seeen, welche die grosse +eingeschlossene Ebene aufweist, lassen vermuten, dass sie früher ein +Becken gewesen, das durch den Mahakam und seine Nebenflüsse allmählich +angefüllt worden ist. Bereits seit langer Zeit werden in den Hügeln +an der Mahakammündung Steinkohlenlager ausgebeutet; vor einigen Jahren +sind dort auch reiche Petroleumquellen angebohrt worden. + +Das Kettengebirge, welches sich von dem an der Westküste gelegenen +Tandjong Dato an quer durch die Insel nach Osten, wahrscheinlich +bis zum Kap Mangkalihat, erstreckt und die Wasserscheide zwischen +zahlreichen Flüssen bildet, besteht grösstenteils aus stark gefalteten +Schieferschichten. + +Nach den Untersuchungen von Prof. _Molengraaff_ ist dieses Gebirge, +nördlich von dem grossen Seeengebiet der Batang-Lupar, aus stark +abgetragenen Schiefern zusammengesetzt und erhebt es sich nur ungefähr +200 m über den Meeresspiegel. An der Südseite traf er zum ersten Mal +die für Mittel-Borneo charakteristische Danau-Formation [3], deren +obere, aus Kieselschiefer, Jaspis und Hornstein bestehende Schichten +Radiolarien enthalten und daher Tiefseeablagerungen sein müssen. + +Nördlich vom oberen Kapuas und Mahakam, nach Osten zu, steigt dieses +Gebirge immer mehr an, behält jedoch stets denselben Charakter +bei. Vom Bukit Tjondong aus konnte _Molengraaff_ das Gebirge, das +er Ober-Kapuri-Kettengebirge nannte, übersehen; es erwies sich auch +später, vom Liang Tibab aus gesehen, als typisches Kettengebirge, +das ganz aus zahlreichen, scharfen, in gleichen Entfernungen neben +einander sich erhebenden Rücken zu bestehen schien. Wie gesagt, +steigt das Gebirge in östlicher Richtung an: der Lawit ist bereits +1767 m hoch, die höchsten Gipfel bei den Kapuas-Quellen erreichen 1900 +m und diese Höhe bleibt ungefähr konstant bis zum oberen Mahakam, +wo das Kettengebirge vom Batu Tibang durchbrochen wird. Dem Geröll +seiner Flüsse nach zu urteilen, scheint dieser letztere Teil des +Gebirges eruptiven Ursprungs zu sein. + +Östlich vom Batu Tibang setzt sich das Kettengebirge, das jetzt den +Namen Bawui Gebirge trägt, weiter fort; in westlicher Richtung, bis +zum Batu Okang, dem grossen Bergmassiv, auf dem der Boh entspringt, +verschmälert es sich und bildet dort die Wasserscheide zwischen +Kajan und Mahakam. Östlich vom Batu Okang ist das Kettengebirge noch +unerforscht; künftige Untersuchungen werden aber voraussichtlich +ergeben, dass es sich ununterbrochen bis zum Kap Mangkalihat fortsetzt. + +Im Flussbett des Selirong und Seliku, der beiden Quellflüsse +des Mahakam, beobachtete ich im Hangenden der fast senkrecht +aufgerichteten, alten Schiefer beinahe horizontal gelagerte +Sandsteinschichten, die im übrigen Teil des Gebirges bereits weggespült +sein müssen. Auch dieser mittlere Teil des Kettengebirges ist also +nach seinem Entstehen untergetaucht gewesen. Am oberen Seliku befanden +sich diese Sandsteinschichten am Fuss des Lasan Tujan in 720 in Höhe, +am Selirong, etwas oberhalb des Landweges nach Serawak, in 650 m +Höhe. Der Sandstein, aus dem die 5-10 cm dicken Schichten bestanden, +war an beiden Orten grobkörnig. Die Schichten fallen unter 26º nach +Norden ein und das Streichen ist 236º. + +Die Danauformation, die _Molengraaff_ im Seeengebiet der Batang-Lupar, +im Bungan und Bulit, an der Südseite des Kettengebirges antraf, +stellte ich auch am oberen Mahakam, unterhalb der Mündung des Sikè +und im Boh in der Nähe der Ogamündung fest. + +Weitere Hornsteinschichten beobachtete ich im Mahakam und zwar +in seiner westlichen Reihe von Wasserfällen bei Long Tepai, wo +beim Fall des Lobang Kubang die Lagen eine Dicke von 3 dm bis 1 m +erreichen. Der hier weisse Hornstein wird von den Sandsteinschichten +des grossen Gebirgszuges überlagert, der die Wasserscheide zwischen +dem oberen Mahakam und oberen Barito bildet. In seinem von West nach +Ost sich erstreckenden Teil heisst dieser Gebirgszug Batu Lesong, +seine südliche Fortsetzung heisst bis zur Quelle des Rata: Batu Ajo. + +Dieses ganze Gebirge erscheint als ein schmaler, sehr steiler, oben +abgeflachter Rücken. Seine grobkörnigen Sandsteinschichten erreichen +eine Mächtigkeit von 5-50 m und haben eine Neigung von 8º nach Süden. + +Der 1800 m hohe Batu Lesong wird seiner regelmässigen Form wegen von +den Eingeborenen mit einem Reisblock, _lesong_, verglichen. Bei einer +Besteigung des Batu Lesong im Quellgebiet des Blúu konstatierte ich, +dass er sich mit senkrechten 4-500 m hohen Wänden aus den Flussbetten, +welche das Wasser nach Norden in den Mahakam, nach Süden in den Busan +und Belatung wegführen, erhebt. Der Hauptrücken ist nur 1-2 km breit +und sendet nach Norden eine Reihe von Querrücken, welche die Täler +der Nebenflüsse des Mahakam von einander scheiden. Zum Mahakam hin +fallen diese Querrücken oft sehr steil ab, zwischen dem Blúu und +Danum Parei mit einer Höhe von 1000 m; dazu sind sie oft so schmal, +dass sie kaum für einen Pfad Platz lassen. Eine starke Abtragung wird +durch die üppige Vegetation verhindert. Nach Osten hin nimmt die Höhe +des Batu Lesong immer mehr ab; seine Fortsetzung, Batu Ajo, ist nur +noch 1000-1200 m hoch. Das Gebirge, welches den gleichen Charakter +stets beibehält, kehrt sich mit einer scharfen Wendung nach Süden; +es scheint das vulkanische Müller-Gebirge nach Osten zu begrenzen. + +Die nördlichen, zwischen dem Sumwé und Merásè gelegenen Nebenflüsse +des Mahakam, sowie der betreffende Teil des Hauptstromes selbst, haben +sich ebenfalls ihre Betten aus beinahe horizontalen Sandsteinlagern +erodieren müssen. Diese gehören dem ursprünglich augenscheinlich +mit dem Batu Lesong zusammenhängenden Ong Dia (ong = Gebirge) der +Bahau an. Der Ong Dia ist nicht über 900 m hoch, läuft in Form eines +schmalen Rückens dem Batu Lesong parallel, fällt dem Mahakam zu steil +ab und dehnt sich in nördlicher Richtung bis zu dem hoch aufragenden +Kalksteingebirge Batu Matjan aus. An die steilen Wände des Ong Dia +lehnen sich auf der Mahakam Seite eine Reihe von Hügeln in Gestalt von +200-500 m hohen steilen Kalkbergen, welche die Erosion des Sandsteins +aufzuhalten scheinen. + +Das eben erwähnte nördliche Kalksteingebirge liegt zwischen dem Serata +und oberen Tepai und erhebt sich mit seinen eigentümlichen Formen bis +zu einer Höhe von 1900 m; es giebt dem Serata, Sumwe, Merásè, Tepai, +Glat und anderen Flüssen den Ursprung, während südlich von ihm der +obere Mahakam einen mächtigen Bogen nach Westen macht, bevor er den +Weg nach Süden einschlägt. Die höchsten Berge dieser Kalkformation +heissen: Batu Matjan, Batu Brok und Batu Ulu. + +Diesem grossen Kalkgebirge schliesst sich eine Reihe schmaler, +sehr steiler, freier Kalkberge von 300-900 m Höhe an, welche ich +längs den Ufern des Tjehan unterhalb des Pakatè und weiter östlich +längs dem Mahakam bis an den Blúu entdeckte. Der Kalk hat eine dichte +Struktur und findet sich teils massig, teils in Schichten bis zu 40 +m Mächtigkeit. Diese fallen am Mahakam sowohl als am Tjehan ungefähr +gleich unter 44° nach Süden und das Streichen ist 242°, also im +wesentlichen gleich dem der oben erwähnten Sandsteinschichten. + +Zu den höchsten Erhebungen dieser Kalkberge gehört der Liang Karing +an der Mündung des Tjehan, der Liang Nanja im Flusstal selbst und +der Batu Baung am Mahakam. + +In den zahlreichen Höhlen dieser Berge bewahren die Eingeborenen ihre +Kostbarkeiten auf und setzen sie ihre Toten bei. Ähnliche grosse +Felsenhöhlen sollen auch im grossen Kalksteingebirge z.B. im Batu +Matjan, Batu Brok u.a. vorkommen. + +Ausser den eben besprochenen beiden Gebirgsgliedern kommt im Gebiet +des oberen Mahakam noch eine Reihe vulkanischer Andesitkegel vor, die +sich im Tal des Blúu von Süden nach Norden hinzieht. Der nördlichste +dieser Kegel ist der Batu Mili 840 m, ihm gegenüber an der Mündung +des Blúu liegt der Batu Kasian 650 m, weiter südlich der Moang 900 +m. Am Fuss dieser Hügel kommen Quellen vor, die gleichzeitig Salz und +Kohlensäure liefern; die Bevölkerung benutzt sie zur Salzgewinnung. Bei +einer dieser Quellen, der Span Dingei am Fuss des Moang, glückte +es mir im Jahre 1896 mit _Kwing Irang_, dem Häuptling der Mahakam +Kajan, eine alte Vorrichtung zur Salzgewinnung auszugraben. Als auf +Anweisung von _Kwing Irang_ neben einer Reihe Felsen von glasigem +Eruptivgestein die Erde fortgeschafft wurde, kam der Rand eines +ausgehöhlten Baumstammes von 6 dm Durchmesser zum Vorschein, der +senkrecht in den Boden gerammt war. Etwas tiefer bemerkten wir einen +zweiten hohlen Baumstamm, der in den ersten hineingesteckt war und +aus dem das Wasser kräftig hervorsprudelte. Die Baumstämme dienten +dazu, das Wasser vor Verunreinigung durch hineinfallende Erde zu +schützen. Gegenwärtig wird die Quelle ihres geringen Salzgehaltes wegen +nicht mehr ausgebeutet, in früherer Zeit jedoch wurde das Salzwasser +aufgefangen und in grossen Töpfen verdampft. + +Trotz der Einfuhr von Salz von der Küste her benutzten die Ma-Suling +am Merásè noch bis vor kurzem eine andere, salzhaltigere Quelle, +Sepan Daja, am Fuss des Ong Dia zur Salzgewinnung. Eine Analyse des +mitgenommenen Wassers ergab folgende Bestandteile + + + per Liter Wasser (neutral). + + Kieselsäure (Si O2) 0.068 g + Chlor (Cl) 3.592 g + Kalk. (Ca O) 0.202 g + Magnesia. (Mg O) 0.098 g + Kali (K2 O) 0.095 g + Natron (Na2 O) 3.260 g + + +Was das Gestein am Grunde des Mahakambettes betrifft, so sah +ich unterhalb der Mündung des Kaso, bis oberhalb der westlichen +Wasserfälle, jüngere Schiefer in dünnen Schichten mit 1-10 cm +dicken sandsteinartigen Schichten abwechseln. Alle diese Schichten +streichen von West nach Ost, im Grossen und Ganzen mit der Richtung +des Flusslaufes übereinstimmend. + +Von der Vereinigung des Selíku und Selírong an bis zur Mündung des +Blúu fällt der Mahakam von 550 auf 200 in Höhe; bei der Fahrt den Boh, +Oga, Temha und Meseai aufwärts steigt man von 150 bis 600 m Höhe, +wo der Landweg zum oberen Kajan beginnt. + +Von hier aus kann man die Wasserscheide längs einem ins Tal des Laja, +eines Duellflüsschens des Kajan, hinabführenden Querrücken in einem +Tage überschreiten. Der Kajan entspringt in der Nähe auf dem Batu +Telunjôn und strömt in nördlicher Richtung, in 600 m Höhe, durch ein +ausgedehntes Hügelland, das die Bahau Apu Kajan nennen. + +Die Erhebungen bestehen hier hauptsächlich aus Rücken, die sich +von der Wasserscheide aus nach Norden erstrecken; sie sind, wie +die Wasserscheide selbst, aus altem Schiefergestein gebildet, +das unter der allgemeinen Büschbedeckung verborgen, fast nur in +den Flussbetten zum Vorschein kommt. Diese Schiefer sind schwach +gefaltet und fallen im allgemeinen unter 45°-70° nach Süden; das +Streichen ist 245°-275°. An einigen Stellen werden die Schiefer +von Sandsteinschichten bedeckt. Diese sind 1-6 dm dick und liegen +horizontal den älteren, geneigten Schieferschichten auf. Die Schiefer +werden von Basaltgängen durchbrochen. + +Nach Auffassung der Bevölkerung dehnt sich das Gebiet des Apu Kajan +bis zu der Stelle aus, wo der Kajan eine lange Reihe unüberwindlicher +Wasserfälle, Baröm, bildet. Der Beschreibung zufolge muss der Fluss +dort über eine grosse Strecke hin von sehr hohen Bergen eingeschlossen +sein. + +Etwas Näheres wissen auch die Eingeborenen nicht über dieses ihnen +selbst unbekannte und mystische Gebiet; künftige Forschungsreisen +werden hoffentlich auch dorthin Licht bringen. + +Nach diesem kurzen geologischen Überblick über Mittel-Borneo betrachten +wir uns im folgenden das Land, wie es sich dem Beschauer in seiner +äusseren Gestalt darbietet. + +Man kann sich Mittel-Borneo am besten als ein mit Urwald bedecktes +Gebirgsland vorstellen, dessen bedeutendste Flussläufe unter 200 m +Höhe liegen und dessen höchste Bergspitzen 2000 m nicht überragen. So +grosse Erhebungen kommen jedoch in der Nähe menschlicher Wohnungen +nicht vor; Niederlassungen finden sich stets nur an den Flüssen und +höher als 250 m liegen sie in Mittel-Borneo überhaupt nicht. + +Das ganze Land ist mit ununterbrochenen, Jahrhunderte alten Wäldern +bedeckt, die, je nach der Höhe ihrer Lage, von einander verschieden +sind. Diejenigen Wälder, mit denen der Mensch in Berührung kommt, +zeigen eine äusserst üppige Vegetation, die zwischen einem Gerüst +von Riesenstämmen mit alles überdeckendem Blätterdache eine Menge +kleinerer Bäume, Sträucher und Kräuter gebildet hat, so dicht, +wie sie hohe Temperatur und ständige Feuchtigkeit auf humusreichem +Boden allein zu schaffen vermögen. Auf dieses alles überwuchernde +Pflanzenkleid übt die menschliche Tätigkeit wenig Einfluss aus. Für +seine relativ geringen Bedürfnisse fällt der Mensch stellenweise den +Wald, dessen Boden für 1-2 Jahre als _ladang_ (trockenes Reisfeld) +gebraucht wird; aber unmittelbar darauf wird diese kleine Lücke in +der Buschbedeckung von der alles beherrschenden Vegetation wieder +ausgeglichen, so dass binnen weniger Jahre nur der Eingeweihte +die Spuren früherer menschlicher Arbeit erkennen kann. So wurde in +früherer Zeit ein grosser Teil der tiefer gelegenen Wälder durch seine +Bewohner gefällt, aber, wenn nicht hie und da steinerne Gerätschaften +zurückgeblieben wären, käme man schwerlich auf die Vermutung, dass +an Stelle dieser sogenannten Urwälder einst Reisfelder gestanden. + +Die ungestörte Ruhe, welche die verlassenen Reisfelder geniessen, +gestattet dem Gestrüpp und Busch, sogleich wieder ihr Reich +einzunehmen, und noch keine einzige Grasart, nicht einmal das im +übrigen Indien so häufige und verbreitete _alang-alang_ hat sich im +Gebirgslande von Mittel-Borneo entwickeln können. Erst seit ungefähr +dreissig Jahren ist am oberen Mahakam Gras aufgetreten, zum grossen +Verdruss der Bewohner, die es nun aus ihren Reisfeldern jäten müssen. + +Die Buschvegetation findet in der aequatorialen Lage des Landes eine +mächtige Stütze, da der Einfluss der Passatwinde, der in höheren +Breiten den Wechsel von Regen- und Trockenzeit hervorruft, sich hier +nur in geringem Masse geltend macht. Daher erleidet die Vegetation von +Mittel-Borneo niemals die Nachteile einer langdauernden Dürre, die +den Graswuchs öfters begünstigt; auch schafft die grosse Ausdehnung +der Wälder selbst, ausser der Zufuhr von Wasserdampf aus dem Meere, +einen Überschuss an Feuchtigkeit in der Luft, während in den kühlen +Räumen unter dem Blätterdache und im Boden beständig ein grosser +Feuchtigkeitsvorrat angehäuft bleibt. + +Durch diese das ganze Jahr anhaltende Feuchtigkeit und den übermässigen +Regen ist die Temperatur dieser Gegenden niemals besonders hoch und nur +da, wo die Bevölkerung zum Bau der Wohnungen einen kleinen Teil des +schützenden Pflanzenkleides zerstört hat, steigt um die Mittagszeit +die Temperatur unter einem _kadjang_- (Palmblatt-) Dache auf 30°-31° +C, sinkt aber auch nachts selten unter 20° C. + +In unmittelbarer Nähe der Berge, mehr am Mandai und Mahakam als +im Tale des Mendalam, ist der Himmel oft bewölkt, und nachts +bedecken tief hängende Wolken und Nebel den Wald. In der Regel +beginnt die Bewölkung gleich nach Sonnenuntergang und verschwindet +bei Sonnenaufgang; daher gehört ein klarer Sternhimmel in vielen +Gegenden zu den Seltenheiten. Die Gipfel der Berge bleiben oft auch +an heiteren Tagen bis zum Abend mit Wolken bedeckt. Das Gleiche gilt, +mit geringen Ausnahmen, auch für die Küstengebiete, nur bewirken hier +die Seewinde bisweilen kühlere Nächte. + +In höheren Regionen verändert sich der Charakter der Vegetation +unter dem Einfluss häufiger und regelmässiger Regen auffallend +schnell. Gegen die Berge aufsteigend, lassen die mit Wasserdampf +stark geschwängerten Luftströme ihre Wassermassen in Form von Regen +anhaltend niederfallen und ihre Wolken widerstehen der Sonnenwärme; +dadurch kühlen die höheren Stellen so stark ab, dass man auf einer +Höhe von 1000 m an, abgesehen von wenigen kleinen Bäumen und niedrigem +Gestrüpp, eine dicke, alles überdeckende Moosvegetation antrifft, +der man in Java nur auf einer Höhe von 2500-3000 m begegnet. + +Die Bewohner Borneos wurden bisher in Dajak (die ursprünglichen +Inselbewohner) und Malaien (die eingewanderte Bevölkerung) +eingeteilt; jene, sagte man, bewohnen das Binnenland, diese die +Küsten. Im allgemeinen ist diese Einteilung richtig, aber hie und +da, z.B. in Serawak, bewohnt die heidnische Bevölkerung das Land bis +zur Küste, andrerseits leben Stämme, die sich auch Malaien nennen, +bis tief ins Innere an den grossen Flüssen. Diese zwei Hauptgruppen +sind ausserdem nirgends scharf geschieden, sondern haben sich stark +vermischt, was zur Folge gehabt hat, dass sich die Bewohner vieler +Orte zwar Malaien und Mohammedaner nennen, in Wirklichkeit aber +beinahe oder ganz rein dajakischer Abstammung sind und sich zu einer +Religion bekennen, die dem heidnischen Dajaktum viel mehr ähnelt als +dem Mohammedanismus. Auch findet man, allerdings weniger häufig, +Dajak, in deren Adern malaiisches Blut fliesst. Diese Vermengung +wird durch die grossen Flüsse, die für Fahrzeuge der Eingeborenen +bis tief ins Innere des Landes zugänglich sind, stark befördert. Die +vorzugsweise seefahrenden Malaien konnten sich längs diesen Strömen +leicht verbreiten. Wie sehr sich die Malaien an einen Verkehr zu +Wasser gebunden fühlen, erkennt man überall daran, dass sie sich +hauptsächlich an den grossen Strömen niederlassen und die Dajak in +das Bergland an die Nebenflüsse zurückdrängen. + +Auch die allgemeine Bezeichnung der eingeborenen Bevölkerung +Mittel-Borneos als Dajak ist nicht ganz zutreffend, da diese aus +verschiedenen, ethnologisch scharf von einander geschiedenen Gruppen +zu bestehen scheinen. Nach meinen im Jahre 1894 an 135 Dajak im +Gebiete des oberen Kapuas ausgeführten anthropologischen Messungen +scheinen sich diese Gruppen auch körperlich sehr verschieden +zu verhalten. Dr. _Kohlbrügge_, der die Freundlichkeit hatte, +meine Messungen zu bearbeiten, kam, ohne von den ethnologischen +Verschiedenheiten der Stämme etwas zu wissen, auf Grund der Ergebnisse +der Schädelmessungen und anderer Körpermerkmale zu der Vermutung, +dass Mittel-Borneo von zwei Völkergruppen bewohnt wird, von denen die +eine brachyzephal, die andere dolichozephal ist; diese kann zu den +Indonesiern gerechnet werden [4]. Zu den Brachyzephalen gehören die +Kajan; zu den Dolichozephalen die Ulu-Ajar Dajak am Mandai. Auch vom +ethnographischen Gesichtspunkte aus sind diese zwei Gruppen durch ihre +sehr verschiedenen Sitten und Gewohnheiten geschieden. Ausserdem sind +sie geschichtlich getrennt, denn die Kajan gehören zur grossen Gruppe +der Bahau- und Kenjastämme von Ost-Borneo, während die Ulu-Ajar zu den +Stämmen gerechnet werden müssen, die als Ot-Danum und Siang am oberen +Melawi, oberen Kahájan und oberen Barito wohnen. Dass Dr. _Kohlbrügge_ +die Kajan auf Grund der Messungen für ein Mischvolk ansieht, ist sehr +richtig, denn dieser Stamm ist seit 150 Jahren von seinem Stammland +Apu Kajan am weitesten, bis in das Kapuasgebiet, fortgezogen, wo viele +Sklaven, Abkömmlinge von Kriegsgefangenen verschiedenen Ursprungs und +Individuen benachbarter Stämme durch Heirat in den Stamm aufgenommen +wurden. + +Neben diesen zwei grossen Gruppen, welche die ackerbautreibenden +Stämme umfassen, giebt es in Mittel-Borneo, in geringerer Zahl, +auch Jägerstämme, die unter den Namen von Punan, Bukat und Beketan +in den hohen Gebirgen, den Quellgebieten der grossen Ströme, ein +Nomadenleben führen. Diese Stämme betreiben wenig oder gar keinen +Landbau, sondern leben von Jagd, Fischfang oder Waldfrüchten. Sie +scheinen älter als die beiden anderen Gruppen zu sein und gehören +vielleicht zu den ältesten Bewohnern Borneos. + +Sowohl die Bahau- als die Kenjastämme haben zum gemeinsamen Stammland +das Quellgebiet des Kajan bzw. Bulunganflusses, welches Apu Kajan +oder Po Kedjin genannt wird. Früher wurden alle Stämme der Bahau und +Kenja unter den Namen Paristämme zusammen gefasst. + +Augenblicklich bewohnen diese Stämme die Stromgebiete des ganzen +Mahakam bis zum Mujub, des Berau und des Kajan, die alle an Borneos +Ostküste ins Meer münden; ferner die Gebiete des Oberlaufs der Flüsse, +die nach Norden strömen: des Limbang, des Baram und des Balúi oder +Batang-Rèdjang. Von hieraus drang ein kleiner Teil der Bevölkerung +in die Kapuasebene ein, wo er jetzt am Mendalam wohnt. + +Die Bewohner dieser Ländergebiete nennen sich, wie oben gesagt, +teils Bahau teils Kenja. + +Zu den Bahau rechnen sich die Stämme am Mahakam bis zum Mujub. Oberhalb +der Wasserfälle gehören also zu ihnen die: + +Seputan im Gebiet des Kasoflusses; Pnihing vom Howong bis zum +Sumwé; Kajan vom Sumwé bis zum Dini; Long-Glat vom Dini bis zu den +Wasserfällen; Ma-Suling am Merasè. + +Unterhalb der Wasserfälle des Mahakam gehören zu den Bahau die: + +Hwang-Sirow; Long-Wai; Uma-Lohat in Udju Halang; Hwang-Ana; Hwang-Tring +in Tepu. + +Am oberen Batang-Rèdjang oder Balui fasst man die Bahaustämme unter dem +Namen Kajan, der wieder verschiedene Stämme begreift, zusammen. Ebenso +wohnen am Mendalam, dem nördlichen Nebenfluss des Kapuas, Bahau: die +Kajan Uma-Aging zu Tandjong Karang und Tandjong Kuda, die Ma-Suling +und Uma-Pagong weiter flussaufwärts. + +Zu den Kenja rechnen sich vor allen die Stämme, die augenblicklich +noch im Apu Kajan wohnen, ferner die, welche sich an den nach Osten +strömenden Flüssen niedergelassen haben, nämlich die am Tawang, +Brau und Kajan. Auch die Stämme am oberen Limbang und oberen Baram +gehören zu den Kenja. + +Die Kenjastämme, die gegenwärtig den Apu Kajan bewohnen, haben ihre +Heimat an dem östlich gelegenen Iwan, einem linken Nebenfluss des +Kajan. Neben diesem Nebenflusse befindet sich ein anderer, der Bahau, +von dem wahrscheinlich der Name der Bahau herrührt, so dass diese +also ursprünglich ebenfalls aus dem Osten herstammen. + +Es entspricht nämlich der Gewohnheit der Kenja und Bahau, den Stämmen +den Namen des Flusses, an dem sie lebten oder leben, zu geben. So +setzt sich der Name "Long-Glat" zusammen aus: "_long_" = Mündung und +"Glat" = Name eines Nebenflusses des Oga. Ma-Suling = Uma Suling = +Haus am Suling; Uma-Mehak = Haus am Mehak (Nebenflüsschen des Boh); +Uma-Tepai =- Haus am Tepai (Nebenfluss des Mahakam); Hwang-Tring = +Stamm vom Tring (Berg im Gebiet des Boh). + +Am Kajan wohnen von seinem Ursprung flussabwärts folgende Kenjastämme, +die: + +Uma-Tow; Uma-Bom; Uma-Djalan; Uma-Tokong; Uma-Kulit; Uma-Baka; +Uma-Bakong; Uma-Leken (unmittelbar oberhalb des Baröm). + +Die Bahau- und Kenjastämme wissen noch sehr wohl, dass sie vom Apu +Kajan herstammen und die meisten können auch noch die Zeit ihrer +Auswanderung angeben. Auch gegenwärtig finden solche Auswanderungen +noch statt. Vor ungefähr dreissig Jahren sind die Kenja Uma-Time, +die jetzt am Tawang wohnen, vom Kajan dorthin übergesiedelt; der +Stamm der Uma-Bom hat jetzt den Plan, in das Tal des Boh zu ziehen +und sich dort niederzulassen. Im Lauf der Zeit wandert ein solcher +Stamm immer weiter flussabwärts, den Weg der meisten Bahaustämme, +die jetzt am Mahakam wohnen, folgend. + +Obgleich die Geschichte ihrer Auswanderung den Stämmen sehr wohl +bekannt ist, hat doch auch die Legende die Tatsache, dass alle vom +Apu Kajan gebürtigen Stämme jetzt nach allen Himmelsgegenden zerstreut +wohnen, zu erklären versucht: + +In alten Zeiten, heisst es, entstand zwischen dem Feuer (_apui_) und +dem Wasser (_ata_) ein Zwist, der sich so steigerte, dass beide im +Kampfe die Kräfte aufs äusserste anspannten. Wind und Regen kamen dem +Wasser zu Hilfe, welches infolgedessen so sehr stieg, dass es alles +Land mit Wäldern und allem überflutete. Dadurch erlosch das Feuer, +aber auch alle Menschen bis zum Apu Kajan hinauf kamen um. Nur einige +wenige, die in Böten sassen, blieben am Leben. Diese sahen keine andere +Möglichkeit, das Wasser zum Sinken zu bringen, als eine der Ihren, +_Hillo_, die Tochter eines Häuptlings, zu töten, indem sie ihr die +Schulter durchhieben. Da fiel das Wasser plötzlich vom hohen Bergland +hinunter und führte zugleich die in den Böten überlebenden Menschen +nach verschiedenen Seiten auseinander. So wurden die Bewohner von +Apu Kajan in alle Himmelsrichtungen zerstreut und sprechen heute so +viele verschiedene Sprachen. + +Wenn irgend möglich, wohnen die Stämme im Mahakam- und Kajangebiete am +Hauptfluss selbst; nur wenn der Wohnplatz für unsicher gehalten wird, +wie nach dem Einfall der Batang-Lupar im Jahr 1885 am Mahakam, oder +wenn eine starke Zunahme der Bevölkerung es gebietet, wie am Kajan, +lassen sich Bahau und Kenja auch an Nebenflüssen, häufig hoch im +Gebirge, nieder. Das Gleiche sehen wir am oberen Barito oder Murung, +wo sich die Dajak vor den am Hauptfluss sich ansiedelnden Malaien an +die Ufer der Nebenflüsse zurückgezogen haben. + +Eine Eigentümlichkeit aller Bahau besteht darin, dass sich ihre +selbständigen Stämme, obgleich sie einander nicht bekriegen, doch +auch nur wenig vermischen. Heiraten zwischen Pnihing, Kajan und +Long-Glat kommen, beispielsweise, nur selten vor, noch viel seltener +sind Verbindungen zwischen Bahau und Kenja. Demnach müssen Heiraten +zwischen Gliedern von Stämmen, die verschiedenen Gruppen angehören, +wie Bahau und Ot-Danum, früher eine grosse Seltenheit gewesen sein. Man +sollte daher erwarten, dass sich das Blut der Stämme von Mittel-Borneo +sehr rein erhalten habe, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Bahau +haben nämlich alle ihre gegenwärtigen Wohnplätze erst erobern müssen; +am Mahakam fanden sie Stämme vor, die mit den Ot-Danum vom Kahájan und +Melawie und den Siang vom oberen Barito verwandt waren. Die Bewohner +wurden teils vertrieben, teils zu Sklaven gemacht und den Häuptlingen +der Stämme zugeteilt. Diese Sklaven lebten anfangs in Familien, +getrennt von den freien Gliedern des Stammes, aber allmählich wurden +sie durch Heirat in den Stamm selbst aufgenommen, bei den Long-Glat +z.B. beinahe vollständig. Daher bestehen die Bahaustämme am Mahakam +gegenwärtig aus einer Mischung der dolichozephalen Ot-Danum mit den +ursprünglichen Bahau, die wahrscheinlich brachyzephal waren. + +Ähnlich verhält es sich mit den Kajan am Mendalam. + +Die Kenjastämme im Apu Kajan jedoch müssen den ursprünglichen Charakter +der Bewohner dieses Stammlandes noch sehr rein erhalten haben, und +dürften daher für künftige anthropologische Untersuchungen einen +ausgezeichneten Ausgangspunkt bilden. + +Noch ein anderer Faktor zwingt uns bei der Beurteilung der Reinheit +eines Stammes zur Vorsicht und zwar folgender: in Anbetracht, dass +die Zahl seiner Glieder für die Macht und den Einfluss eines Stammes +auf die anderen von grösster Wichtigkeit ist, streben die meisten +Häuptlinge danach, diese Zahl nach Möglichkeit zu vergrössern. Vor +allem suchen sie Heiraten ihrer Stammesgenossen in fremde Stämme zu +verhindern; sobald sie sich aber stark genug dazu fühlen, wie die +Long-Glat im Anfang des 19. Jahrhunderts, bekriegen sie schwächere +Stämme und zwingen sie, mit ihnen zusammen zu wohnen und zwar als ihre +Untergebenen, nicht als Sklaven. Es leben jetzt noch unter den bereits +getrennten Long-Glat die Stämme der Ma-Tuwan, Manok-Kwe, Uma-Tepai, +Uma-Wak und Batu-Pala, die wahrscheinlich auch vom Apu Kajan gebürtig +sind. Merkwürdiger Weise haben diese oft nur 100 Individuen zählenden +Stämme sich ihre eigenen Sprachen und Sitten erhalten; Heiraten mit +den Long-Glat kommen jedoch häufig vor. So kann auch auf diesem Wege +Vermischung stattfinden. + +In letzter Zeit ist in Borneo ein neues Moment entstanden, das +die scharfen Gegensätze zwischen den verschiedenen Völkergruppen +und die grosse Feindschaft, die früher zwischen ihnen herrschte, +zum Verschwinden bringt: es ist die europäische Nachfrage nach den +Buschprodukten Borneos, vor allem nach Guttapercha und Rotang. Infolge +dieser Nachfrage vereinigen sich Männer aus den entlegensten Gegenden +der Insel in Gruppen und ziehen als Buschproduktensucher überall hin, +wo diese Artikel noch zu finden sind. Diese Banden sind stark genug, +um den Widerstand einzelner Stämme, die sie nicht aufnehmen wollen, zu +brechen und sich allmählich auf freundschaftlichen Fuss mit ihnen zu +stellen. Daher erscheinen jetzt Ot-Danum und Siang, die sich früher, +wegen der feindlichen Gesinnung der Bahau, nie in das Gebiet des +Mahakam wagten, scharenweise bei ihnen und gehen nicht selten sogar +eine vorübergehende Eheverbindung mit deren Frauen ein. + +Auch die Malaien der Küste haben begonnen, sich an dem Sammeln von +Buschprodukten stark zu beteiligen; in grosser Zahl ziehen die Männer +aus ihren Dörfern am Unterlauf der Flüsse nach deren Quellgebieten, +um in ihren noch unberührten Wäldern nach Rotang und Guttapercha +zu suchen. Man findet daher gegenwärtig in ganz Borneo Malaien, was +für die einheimische Bevölkerung neben einigen Vorteilen sehr grosse +Nachteile mit sich bringt. + + + +Bei sämmtlichen Bahau und Kenja ist die Organisation der Gemeinwesen +in der Hauptsache die gleiche, was sich aus der Verwandtschaft +dieser beiden Stammgruppen sehr wohl erklären lässt. Ich beschränke +mich daher darauf, hier nur die Verfassung des Stammes der Mendalam +Kajan ausführlich zu besprechen und bei anderen Stämmen vorkommende +Abweichungen gelegentlich zu erwähnen. Es sei mir gestattet, einige +geschichtliche Bemerkungen über diese Kajan vorauszuschicken. + +Der Stamm der Kajan bewohnt die Ufer des Mendalam gemeinsam mit dem der +Ma-Suling und Uma-Pagong, mit denen sie, nach ihren geschichtlichen +Überlieferungen, gemeinsame Abstammung aus dem Quellgebiet des +Kajanflusses verbindet. Eine Hauptursache der Auswanderung bildete +die zu starke Zunahme der Bevölkerung; den unmittelbaren Anstoss gab +aber ein unter den Stämmen ausgebrochener Zwist. + +Die Vorfahren der eben erwähnten Bahaustämme durchzogen damals das +zwischen dem Berge Batu Tibang und der Oga-Quelle gelegene Land, +in dessen ausgedehntem Urwald sich noch heute Spuren ihrer früheren +grossen Niederlassungen finden. Von hier wanderten sie nach dem +Njangéjan, einem Nebenfluss des Batang-Rèdjang, den sie später wieder +verliessen, um nach zwei verschiedenen Richtungen auseinander zu gehen. + +Der eine Teil zog an den oberen Mahakam, wo er heute noch im Tal +seines Nebenflusses, des Merasè, wohnt; der andere Teil begab sich +in das Gebiet des oberen Kapuas, wo er jetzt am Mendalam lebt. Bevor +er sich jedoch hier niederliess, bewohnte er lange Zeit das Tal des +Sibau, in welches er längs dem Batang-Rèdjang, auf dem heute noch +gebräuchlichen Wege, gelangt war. Obgleich es sicher 150 Jahre her +sind, seit die Mendalam Kajan dort wohnten, machen ihre Häuptlinge +doch jetzt noch auf diese Gebiete und besonders auf die damals +gepflanzten Fruchtbäume Ansprüche geltend. Während ihres Aufenthaltes +am Sibau trennte sich auch dieser Zweig nochmals; ein Teil blieb am +oberen Kapuas, der andere fuhr den Fluss hinunter und liess sich an +verschiedenen Orten des Hauptstromes bis unterhalb Semitau nieder. Aus +verschiedenen Ursachen nahmen seine Glieder hier aber so stark an Zahl +ab, dass ihre Häuptlinge beschlossen, zum alten Zweig am oberen Kapuas +zurückzuziehen. Sie wurden dort aufgenommen, nachdem sie sich eidlich +verpflichtet hatten, nicht wieder fortzuziehen. Als sie später trotz +ihres Eides wiederum den Kapuas abwärts auswanderten, gingen sie dort +aus unbekannten Ursachen völlig zu Grunde. Die drei überlebenden Kinder +aus der Häuptlingsfamilie wurden von dem alten Stamm wieder aufgenommen +und verbanden sich durch Heirat mit ihren früheren Stammesgenossen. + +Auch dieser sesshaftere Teil der Bahaustämme wechselte seinen +Wohnplatz, sei es aus Mangel an geeignetem Boden für seine Reisfelder, +sei es, weil er an einem bestimmten Ort zu stark von Krankheiten, die +von den vielen dort hausenden Geistern ausgehen sollen, heimgesucht +wurde. + +Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erhielten die Kajan den +unerwünschten Besuch von Scharen ihrer Verwandten aus dem Gebiet +des oberen Mahakam. Diese waren damals sehr mächtig und zogen unter +Anführung zweier grosser Long-Glathäuptlinge, _Ledju_ und _Ibau_, +durch ganz Mittel-Borneo brandschatzend umher. Während aber das Haus +der Taman am Mendalam und viele andere am Kapuas von ihnen verwüstet +wurden, blieb das der Kajan am Mendalam verschont und zwar, der +Überlieferung nach, aus dem Grunde, dass Ledju, durch das Erscheinen +eines aussergewöhnlich grossen und starken Kajan, namens _Bang_, +erschreckt den Kampf einstellte. Im Friedensschluss kam man überein, +dass Tipong Aging, die Tochter des vornehmsten Kajanhäuptlings, +_Ledju_ als Gattin an den Mahakam folgen sollte. + +Fährt man heute den Mendalam einige Stunden weit aufwärts, so +trifft man zuerst die Niederlassung von Tandjong Karang, bewohnt von +dem Stamm, genannt Kajan Uma-Aging; etwas weiter oben, in Tandjong +Kuda, wohnt ein anderer Teil des gleichen Kajanstammes, während noch +weiter oben am Fluss die Ma-Suling und der Stamm Uma-Pagong gemeinsam +wohnen. Der Rest des Tamanstammes, der vor der Ankunft des _Ledju_ +sehr stark war, lebt jetzt teils mit den Ma-Suling und Uma-Pagong, +teils mit den Kajan in Tandjong Karang zusammen. + +Die Kajan Uma-Aging haben sich erst vor wenigen Jahren infolge von +Zwistigkeiten in der Häuptlingsfamilie getrennt. Sie wohnten früher +gemeinsam in Tandjong Karang, aber neben _Seniang_, dem Manne der +_Bulan_, die eigentlich allein erbberechtigter Häuptling war, hatte +auch _Akam Igau_, der Gatte von _Seniangs_ verstorbener Schwester, viel +Einfluss und Ansehen gewonnen; die beiden Schwäger konnten sich jedoch +nicht vertragen. Als _Seniangs_ Sohn _Tigang_ einst einen heftigen +Streit herbeiführte, zog _Akam Igau_ mit einem grossen Teil der freien +Kajan und Leibeigenen an das gegenüberliegende Ufer und. baute sich +dort ein neues Tandjong Karang. Auch _Seniangs_ Familie zog später +mit dem Rest der Kajan weiter den Fluss hinauf und liess sich in dem +jetzigen Tandjong Kuda nieder. Seit ungefähr zehn Jahren wohnen diese +Häuser oder Stämme nun getrennt in kleinem Abstand von einander und +die gegenseitigen Eifersüchteleien und Zwistigkeiten haben in dieser +Zeit nicht abgenommen. + +Trotz des vielen Herumschweifens haben die Kajan die ursprüngliche +Organisation ihres Gemeinwesens nicht verändert. + +Ein Stamm der Kajan besteht aus folgenden Gliedern: einem Häuptling +(hipui), Freien (_panjin_) und Sklaven (_dipen)_. Während der Häuptling +stets einer bestimmten, bevorrechteten Familie angehört, setzen sich +die Freien aus lauter Familien von der gleichen Rangstufe und den +gleichen Rechten zusammen. + +Die Leibeigenen sind meistens Nachkommen von Kriegsgefangenen und +Eigentum des ganzen Stammes; ihre Arbeit kommt dem Häuptling zu Gute, +der sie dafür zu unterhalten hat. Ab und zu werden Sklaven von den +nomadisierenden Jägerstämmen, die sie auf ihren Kopfjagden erbeuteten, +gekauft. + +Die eingeborenen Sklaven und auch die, welche einmal das Haus ihrer +Herren betreten haben, dürfen nie mehr verkauft und auch nie auf den +Gräbern der Häuptlinge geopfert werden; zu letzterem Zweck wurden +früher die gekauften Sklaven verwendet. + +Wegen Schulden oder Missetaten wird bei den Bahau nie jemand zum +Sklaven gemacht. + +Das Ansehen eines Häuptlings hängt im allgemeinen von der Höhe seiner +Geburt ab. Die Häuptlingswürde ist erblich. Bei der Nachfolge wird aber +nicht nur auf das Alter der Kinder, sondern auch auf deren Befähigung +für das Häuptlingsamt Rücksicht genommen: Der Häuptling bestimmt oft +schon bei Lebzeiten den Nachfolger und ist dieser einmal erwachsen, +so spielt er häufig eine grössere Rolle als sein Vater. + +Zu den physischen Gebrechen, die einen Sohn an der Nachfolge hindern, +gehören Taubheit und Blindheit. So konnte _Adjang_, der älteste Sohn +_Seniangs_, seiner Taubheit wegen, nicht Häuptling von Tandjong +Kuda werden; es erbte daher sein jüngerer Bruder, _Tigang_, die +Häuptlingswürde. Charakterfehler können die Nachfolge nicht verhindern, +sie geben aber öfters zu heftigem Widerspruch seitens der Untertanen +und nicht selten auch zu einer Spaltung des Stammes Anlass. + +Die grössten Tugenden eines Häuptlings sind: Uneigennützigkeit +und Rechtschaffenheit; neben diesen werden auch Tapferkeit und +Redegewandtheit geschätzt, aber in geringerem Masse. Der Häuptling +gewinnt sich die Gunst der Seinen hauptsächlich durch Milde und +Freigebigkeit und diese Eigenschaften sind auch für alle, die mit den +Bahau in Berührung kommen, eine Grundbedingung zu einem guten Empfang. + +Die Häuptlingswürde kann auch auf die Töchter übergehen, die Söhne +werden aber bevorzugt. Ist eine Frau jedoch einmal zum Häuptling +gewählt, so geniesst sie alle Ehren, die ihrer Stellung zukommen. + +Der Häuptling vertritt seinen Stamm nach aussen, übt durch Auferlegung +der Strafen die richterliche Gewalt im Stamm, hat die Nutzniessung +der Leibeigenen und ist Inhaber des allgemeinen Eigentums, wie alter, +halb heiliger Erbstücke (_dawan una)_. + +Nicht nur weltlichen, sondern auch geistigen Mächten gegenüber muss ein +Häuptling die Interessen der Seinen vertreten; daher leitet er alle +bei den Ackerbaufesten stattfindenden religiösen Zeremonien ein. Da +jedes Verfahren, das der Reisbau erfordert, mit einer religiösen Feier +begonnen werden muss, giebt der Häuptling das Zeichen für den Anfang +jeder neuen Periode. + +Obgleich der Häuptling nicht zur eigentlichen Priesterschaft gehört, +muss er doch die Verbotsbestimmungen, gleich wie die Priester, +strenger als alle übrigen befolgen. + +Ferner fallen dem Häuptling grösstenteils die Kosten der öffentlichen +Festmahlzeiten und der Sold für die Priester zur Last; auch hat er +für die Entrichtung der Bussen, die dem Stamm durch Feinde oder die +Regierung auferlegt werden, zu sorgen. + +Alle innerhalb des Stammes ausgebrochenen Zwistigkeiten werden bei +den Kajan durch den eigenen Häuptling geschlichtet, sehr im Gegensatz +zu den benachbarten Stämmen der Taman-, Sibau- und Kantu Dajak, die +keine andere Autorität als die des holländischen Beamten anerkennen +und ihn daher ständig mit kleinlichen Angelegenheiten belästigen. Die +Mendalam Kajan wenden sich nur dann an den Kontrolleur, wenn Häuptlinge +untereinander in Streit geraten und eire entscheidende Macht somit +fehlt. + +Erhält der Stamm Besuch von fremden Gästen, so nimmt der Häuptling +die Gastherrnpflichten auf sich, auch wenn der Besuch einen Monat +lang bleibt; sind die Gäste jedoch zu zahlreich, so werden sie unter +die verschiedenen Familien verteilt, die in der Hilfe, die ihnen +die Fremden bei ihrer Arbeit leisten, einigermassen Entschädigung +finden. Ein Besuch kann sich nämlich, durch plötzliches Eintreten +einer Verbotszeit bei Erntefesten oder beim Tode angesehener Personen, +sehr in die Länge ziehen, da Fremde in dieser Zeit das Haus nicht +verlassen dürfen. + +Hat sich ein Glied eines Stammes etwas zu Schulden kommen lassen, +so wird sein Vergehen dem Häuptling vorgetragen und diesem liegt die +Rechtsprechung ob; er fällt sein Urteil jedoch nicht nach persönlicher +Überzeugung oder Willkür, sondern nach den überlieferten, dem Stamme +eigenen Gesetzen, die als Gewohnheitsrechte (_adat_) bezeichnet +werden. Da die _adat_ sehr verwickelt ist, ruft der Häuptling vor +jeder Rechtsprechung die tüchtigsten, angesehensten und ältesten +Männer der Freien, _mantri_ genannt, zusammen und berät mit ihnen +die Angelegenheit. + +In gleicher Weise wie die Priester für die Erfüllung der religiösen +_adat_ zu sorgen haben, müssen die _mantri_ auf die Befolgung +der weltlichen _adat_ achten; sie bilden die ausführende Macht im +Gemeinwesen der Kajan, üben aber auch auf jeden Beschluss grossen +Einfluss aus. + +Vor jeder Rechtshandlung werden nicht nur die _mantri_, sondern mit +deren Hilfe auch die betroffenen Parteien und sämmtliche Bewohner +des Hauses, Leibeigene und Frauen inbegriffen, zu einer öffentlichen +Versammlung einberufen, und jedem steht das Recht zu, sich frei zu +äussern. Derartige Versammlungen werden häufig abends oder an Tagen, +an denen schwere Arbeit oder ein Verlassen des Hauses verboten ist, +abgehalten und dauern oft eine ganze Nacht, bisweilen auch noch den +folgenden Tag. + +Lässt sich ein Kajan einem anderen gegenüber Diebstahl, Ehebruch oder +Mord zu Schulden kommen, so kann sein Vergehen mit einer Busse gesühnt +werden. Körperliche Strafen, Gefängnisstrafe und vorgeschriebene +Blutrache kommen in diesem Falle nicht zur Anwendung. Den unmittelbaren +Tod heischt die _adat_ nur für Personen, die dem öffentlichen Interesse +gefährlich sind oder zu sein scheinen. + +Die Bussen werden teils der geschädigten Partei, teils dem Häuptling +ausbezahlt, der bei der Auferlegung der Strafen vorsichtig zu Werke +gehen muss; denn zeigt er einen Schimmer von Habsucht, so läuft er +Gefahr, die Volksgunst zu verlieren. + +Die Busse trägt den Charakter einer Schadloshaltung. Hat z.B. ein frei +herumlaufendes Schwein einen Teil eines Reisfeldes vernichtet, so steht +es dem Besitzer des Ackers frei, das Tier zu töten. Dessenungeachtet +ist er aber verpflichtet, dem Besitzer des Schweines ein anderes +Tier als Ersatz zu liefern. Der Eigentümer des Schweines wiederum +muss den auf dem Reisfelde verursachten Schaden vergüten. + +Auch Mordtaten werden mit Bussen gestraft; nur wenn die Bussen nicht +bezahlt werden oder nicht auferlegt werden können, weil der Täter +entflohen ist oder einem feindlichen Stamme angehört, tritt die Rache +in den Vordergrund. Sie trifft jedoch nicht immer die schuldige Person, +sondern auch deren Stammesgenossen, wenn die Gelegenheit sich gerade +dazu bietet. + +Handelt es sich um den Mord mehrerer Personen, der häufig durch +Geisteskranke geübt wird, so wissen sich die Bahau nicht anders zu +helfen, als indem sie den Mörder töten. In einzelnen Fällen, wenn der +Mord nicht vollständig ausgeführt wurde, werden dergleichen Personen +auch in kleinen Häuschen oder in gesonderten Räumen des grossen Hauses +eingesperrt und verpflegt. + +Steht ein Stammesglied im Verdacht, Gift (_puli_) zu besitzen, mit +dem es Menschen tötet oder krank macht, so riskiert es, von dem einen +oder anderen niedergemacht zu werden, natürlich oft unschuldiger Weise. + +Bei Ehebruch kommt es vor, dass der betrogene Ehemann die Schuldigen, +wenn er sie überrascht, tötet; er ist jedoch verpflichtet, für die +getötete Person Schadenersatz zu bezahlen. Nicht immer hat der Ehebruch +eine Scheidung der Gatten zur Folge. + +Frauen, welche ausserehelich schwanger werden, und die schuldigen +Männer haben nach Anschauung der Bahau eine Missetat begangen, welche +die Geister erzürnt und dem Stamme Unglück bringt. Die Strafe, die +man ihnen auferlegt, gleicht daher einem Opfer an die Geister. Die +Long-Glat am Mahakam lassen die Schuldigen mit einem Schwein als +Opfergabe auf einem Floss mit der Strömung flussabwärts treiben. Das +Schwein ertrinkt in den Wasserfällen, während sich das schuldige Paar +durch Schwimmen rettet. + +Zur Entdeckung des Schuldigen sah ich die Bahau von folgendem Mittel +Gebrauch machen: Der Bestohlene liess jeden ein Ei anrühren in der +Überzeugung, dass der Schuldige das Ei nicht zu berühren wagen würde, +aus Furcht krank zu werden. + +Die Bahau schwören auf den Zahn des Königstigers; in ernsten Fällen +jedoch geschieht die Eidesleistung unter gleichzeitigem langsamem Töten +eines Hundes. Dem Tiere werden mittelst eines Schwertes Stichwunden +beigebracht und derjenige, der den Eid leistet, bestreicht sich +mit dem ausströmenden Blute. Bei Meineid wird der Schuldige, nach +dem Glauben der Bahau, später durch den Hund, d.h. durch den Geist, +der in ihm steckte, verfolgt, gebissen und getötet. + +Die Vollziehung der Strafen ist für die _mantri_ keine leichte +Aufgabe, denn sie besitzen keine Zwangsmittel und im Kajanstaat +geniesst jeder die grösste Freiheit. Die _mantri_ finden aber für +die Aufrechterhaltung der Ordnung in zwei Faktoren eine wesentliche +Stütze: erstens in der Achtung der Kajan vor der öffentlichen Meinung, +zweitens in ihrer Furcht, bei Übertretung der _adat_ zur Strafe krank +zu werden, dem sog. "_takut parid_." + +Dass Menschen, die ihr ganzes Leben gemeinsam in einem +Hause, in unmittelbarer Nähe von einander, verbringen, doch +ein so ausgesprochenes Gefühl der Eigenwürde und beinahe eine +Überempfindlichkeit für die Meinung ihrer Umgebung besitzen, setzt uns +in Erstaunen. Die _adat_ und die Art ihrer Handhabung ist überhaupt +nur bei einem Stamm mit derartigem Charakter denkbar. + +Wird in einer öffentlichen Versammlung oder durch den Häuptling und +die _mantri_ einem Schuldigen eine Busse auferlegt, so wagt er es +nur in seltenen Fällen, sich zu widersetzen. Es kommt noch hinzu, +dass sich seine ganze Familie bei der Angelegenheit betroffen fühlt. + +Nicht minder als die öffentliche Meinung trägt das "_takut parid_" +dazu bei, im Staate und in der Familie der Kajan Ordnung und Sitte +aufrecht zu erhalten. Der Aberglaube _parid_, krank, kachektisch zu +werden, sobald man dieses oder jenes Verbot übertritt, übt auf das Tun +und Lassen von alt und jung den grössten Einfluss aus. Im allgemeinen +wird bei den Kajan jemand _parid_, wenn er etwas tut oder anrührt, das +nur Älteren oder Höherstehenden zukommt. Das _takut parid_ gilt somit +nicht für sämmtliche, sondern nur für besondere Übertretungen. Kindern +ist es verboten, Gegenstände, die älteren Männern oder dem Häuptling +gehören, hauptsächlich aber Kriegswaffen, anzurühren. Junge Männer +dürfen keine Schwertgriffe aus Horn schnitzen oder eiserne Schwerter +und Speere gravieren oder Gestelle für Reiskörbe mit Rotang umflechten +oder endlich sich nicht mit den Schwanzfedern des Nashornvogels +schmücken--alle diese Dinge sind nur alten, tapferen Männern gestattet. + +In bezug auf alles, was den für die Borneobewohner mystischen +Tiger (_ledjo_) betrifft, ist jeder in hohem Masse _takut parid_; +nur einige der vornehmsten Häuptlinge wagen es, den Zahn eines +Königstigers anzurühren. Als ich daher auf meiner letzten Reise +als grosses Geschenk für die obersten Häuptlinge am Mahakam einige +Tigerzähne aus Java mitnahm, hütete ich mich davor, zu verraten, in +welcher Kiste sie sich befanden, da sonst kein Kajan sie hätte tragen +wollen. Aus dem gleichen Grunde musste ich auch einen Tigerschädel +in Putus Sibau zurücklassen. Jeder fürchtete sich davor, auch nur +mit dem Staub des Tigerzahnes in Berührung zu kommen, den _Demmeni_ +für den Pnihinghäuptling _Belarè_ einst feilte. + +Auch in allem, was den Gottesdienst angeht, seien es Gebräuche, Verbote +oder religiöse Gegenstände, ist jeder Laie _takut parid_. Selbst die +jungen Priesterinnen können _parid_ werden und nur die ältesten, +wie _Usun_ in Tandjong Karang, wagten es, über ihre Wissenschaft +zu sprechen und religiöse Gegenstände (_barang lali_) für mich +nachzumachen. + +Dass in einem Gemeinwesen, das, wie wir gesehen haben, mehr durch die +öffentliche Meinung und abergläubische Furcht als durch Gesetz und +Recht zusammengehalten wird, einzelne Individuen mit ausgesprochener +Persönlichkeit; leichter als wo anders, eine leitende Rolle zu +übernehmen im stande sind, ist selbstverständlich. Daher hat der +Häuptling auch hauptsächlich diesen einzelnen Rechnung zu tragen, +die grosse Menge folgt von selbst. + +Treten jedoch aussergewöhnliche Ereignisse ein, wie z.B. meine +Expedition zum Mahakam, so fühlt sich auch eine Persönlichkeit wie +_Akam Igau_ auf unsicherem Boden; denn sobald das Gewohnheitsrecht, +keine Bestimmungen getroffen hat, ist der Häuptling seinen Untergebenen +gegenüber machtlos. Zwar wagen diese ohne des Häuptlings Hilfe nichts +zu beginnen, aber er hat kein Mittel, seine Leute zu zwingen, sich an +einem besonderen Unternehmen zu beteiligen, sondern jeder beschliesst +selbst, ob er mithält oder nicht. In Anbetracht, dass sein Ansehen zum +grossen Teil von der Wohlgesinntheit seiner Untergebenen abhängt, zieht +sich ein Häuptling, sobald es darauf ankommt, etwas Aussergewöhnliches +durchzusetzen, gern zurück und schiebt die Entscheidung am liebsten +einem anderen zu: + +Der freie Kajan (_panjin_) hat dem Häuptling gegenüber keine andere +Verpflichtung, als ihm bei jedem neuen Verfahren, das der Reisbau +erfordert, einen Arbeitstag zu leisten, ferner ihm bei der Ausführung +grösserer Arbeiten, wie bei der Herstellung und beim Transport von +Böten durch den Wald, sowie beim Bau seiner Wohnung behilflich zu sein. + +Wird für den ganzen Stamm ein neues Haus gebaut, so liefert jede +Familie, ausser dem Material für die eigene Wohnung, noch einen Pfahl, +einige Planken und 100 Schindeln zum Bau der Häuptlingswohnung (_amin +aja)_. Der Häuptling wiederum ist verpflichtet, mit seinen Sklaven +demjenigen zu helfen, der aus irgend einem Grunde sein Feld nicht +bebauen kann oder sonst der Unterstützung bedürftig ist. + +Ein derartiges gegenseitiges Hilfeleisten ist bei den. Kajan sehr +üblich; bei jeder besonderen Ausgabe oder Unternehmung wendet man +sich um Leistung von Geld oder Arbeitskraft an die Opferwilligkeit +der Verwandten und Dorfgenossen. + +Heiratet z.B. ein Kind des Häuptlings, so beteiligen sich alle +Stammesgenossen an den Festkosten; für öffentliche Festmahlzeiten +liefert jeder etwas gewöhnlichen Reis oder Klebreis; hat ein Häuptling +eine ansehnliche Busse zu bezahlen, wie _Akam Igau_, als er sich zu +bald nach dem Tode der ersten Frau. wieder verheiratete, so trägt +jeder seines. Anteil bei. + +Befindet sich ein Kajan in Not, so sind in erster Linie seine +Anverwandten, in zweiter der Häuptling verpflichtet ihm zu helfen. + +Nicht nur bei öffentlichen, sondern auch bei privaten Festen hat +der Häuptling eine besondere Rolle zu erfüllen: die Kinder, die zu +Neujahr einen Namen erhalten, werden ihm zugetragen, damit er sie mit +Wasser besprenge; will ein junger Mann in eine andere Niederlassung +hineinheiraten, so muss ihm der Häuptling hierzu seine Bewilligung +erteilen und der neue Häuptling erhält ein Geschenk; sind keine +Angehörigen vorhanden, so fällt dem Häuptling die Vormundschaft und +die Vermögensverwaltung der Waisen bis zu deren Volljährigkeit zu. + +Was die Verpflichtungen der Leibeigenen (_dipen_) gegenüber dem +Häuptling betrifft, so liegt ihnen, wie erwähnt, alle Arbeit in Wald, +Feld und Haus ob. Oft tritt auch Arbeitsteilung ein, so dass Männer +und Frauen ohne kleine Kinder mehr ausserhalb des Hauses arbeiten, +die anderen dagegen das Reisstampfen, Kochen, Reinigen der Wohnung +und dergleichen übernehmen. Die Sklaven arbeiten unter Aufsicht +der Häuptlingsfamilie oder unter der bestimmter, von dem Häuptling +erwählter Personen. Das Verhältnis von Herr und Knecht ist jedoch +derart, dass man lange unter den Kajan gelebt haben muss, um zu wissen, +wer eigentlich Leibeigener ist. + +Besonders fähige Sklaven schickt der Häuptling oft für Monate auf +Reisen, um unter verwandten Stämmen am Mahakam oder Batang-Rèdjang +Handel zu treiben. Da den Sklaven hierbei ein Teil des Gewinnstes +zufällt, bringen sie es oft zu grösserer Wohlhabenheit als die +freien Kajan. + +Die Leibeigenen dürfen ausserdem noch für ihren unmittelbaren Vorteil +arbeiten; früher scheint der Häuptling regelmässig einen bestimmten +Prozentsatz ihres Gewinnes für sich beansprucht zu haben, gegenwärtig +macht _Akam Igau_ nur selten von diesem Recht Gebrauch. Anders verhält +es sich in Tandjong Kuda, wo der Häuptling arm ist. + +Für 100 Dollar kann sich ein Leibeigener am Mendalam loskaufen; +ich habe aber nie von einem solchen Fall gehört. Ebenso ungewöhnlich +sind Fluchtversuche Leibeigener aus Unzufriedenheit über ihr Los. Die +meisten der gegenwärtigen Sklaven sind im Stamme geboren und können +sich nirgends anders niederlassen, wenn ein anderer Häuptling sie +nicht unter seinen Schutz nimmt. + +Wie die freien Kajan, haben auch die Leibeigenen mannigfach +Gelegenheit, sich durch persönliche Eigenschaften eine einflussreiche +Stellung zu verschaffen; sie können sogar in die Priesterschaft +aufgenommen werden und sich durch ihr Amt ein bedeutendes Einkommen +erwerben; auch können sie es im Kriege bis zum Anführer bringen. + +In der Häuptlingswohnung essen die Leibeigenen gesondert, auch schlafen +sie in besonderen Abteilungen. + +Die Sklaven heiraten meist unter einander, aber eine Verbindung mit +freien Kajan gehört nicht zu den Seltenheiten. Die Freien übernehmen +durch eine Heirat mit Sklaven deren Verpflichtungen, sie "heiraten in +die grosse Wohnung" = "_ngahawa halam amin aja_," wie der offizielle +Ausdruck lautet. In Wirklichkeit aber zieht das junge Paar nur selten +in die Häuptlingswohnung, meist erhält es eine selbständige Wohnung +im grossen Hause. + +Erfolgt Scheidung, so tritt der Freie in seinen früheren Stand zurück +und die Kinder folgen teils dem Vater teils der Mutter; eine besondere +Bestimmung hierüber habe ich nicht ausfindig machen können. + +Als allgemeines Eigentum des Stammes dürfen die Sklaven nie verkauft, +bei Erbschaft verteilt oder bei der Heirat eines Häuptlings von ihm +in eine andere Niederlassung mitgeführt werden. Den Sklaven wird nur +selten gestattet, in ein anderes Dorf zu heiraten. + +Man sollte nicht erwarten, dass in einem Staate, in welchem, dank +seiner freien Organisation, der niederste Sklave durch persönliche +Eigenschaften zu Einfuss und Ansehen gelangen kann, das Gefühl für +Standesunterschiede sehr ausgeprägt ist--und doch ist dies bei den +Kajan in hohem Masse der Fall. Sie unterscheiden in ihrem Gemeinwesen +nicht nur Häuptlinge, Freie und Sklaven, sondern zwischen diesen noch +verschiedene Übergangsstufen und zwar in der Art, dass eine bestimmte +Stellung ihren Familien zwar rechtlich, aber nicht gesellschaftlich, +zukommt. Dem Häuptling wird z.B. nachgerechnet, ob unter seinen +Vorfahren Freie vorkommen und wie viele, ob Fremde oder nur Glieder +verwandter Stämme in seine Familie hineingeheiratet haben; von allen +diesen Verhältnissen ist sein Ansehen abhängig. Unter den _panjin_ +wiederum giebt es Familien, die seit alters zum Stamme gehören, in +die womöglich Glieder der Häuptlingsfamilie durch Heirat aufgenommen +worden sind, die sich nicht mit Fremden oder Sklaven vermischten +und die überdies reich sind; man nennt sie _Panjin saju_ = schöne +Freie. Ihre ältesten Glieder üben einen besonderen Einfluss im +Staate. Dagegen giebt es andere _panjin_, denen alle diese günstigen +Umstände fehlen und die daher eine viel tiefere gesellschaftliche +Stufe einnehmen. Sind diese Familien lange arm gewesen oder haben sie +öfters Sklaven oder Glieder fremder Stämme durch Heirat aufgenommen, +so geniessen sie unter ihren Dorfgenossen oft viel weniger Ansehen +als wohlhabende Sklavenfamilien, die kluge und einflussreiche Glieder +zu den Ihrigen zählen. + +Die Kajan dichten ihren Häuptlingen gern eine besonders hohe Herkunft +an, so lassen sie _Akam Igau_, dessen Vater vom Mahakam gebürtig war, +von den guten Geistern des Apu Lagan abstammen. Die Legende lautet +folgendermassen + +In alten Zeiten feierte das Haus der Uma-Aging am oberen Kajan +einst das Saatfest (_tugal_). Nachdem der Häuptling _Ledjo Aging_ +mit den Priesterinnen auf dem heiligen Reisfelde (_luma lali_) +alle Zeremonien ausgeführt und einen _pelale_ (Opfergerüst mit +Opferspeisen) errichtet hatte, bemerkte er beim Nachhausekommen, +dass er sein Messer, das er bei der Arbeit gebraucht hatte, auf dem +Opferplatze hatte liegen lassen. Als _Ledjo_ allein auf das Feld +zurückkehrte, fand er dort zu seinem Erstaunen eine Schar weiblicher +Geister aus dem _Apu Lagan_ (Aufenthaltsort der guten Geister), die die +Aufforderungen der Priesterinnen er hört hatten und sich an den auf +dem _pelale_ niedergelegten Opferspeisen gütlich taten. Bei _Ledjos_ +Kommen entflohen die Jungfrauen bis auf eine, die mit ihrem langen, +prachtvollen Haar am Opfergerüst hängen blieb und so dem Häuptling +in die Hände fiel. _Ledjo_ nahm das schöne Mädchen mit der heller +Hautfarbe nach Hause und überredete es, als seine Gattin bei ihm zu +bleiben. In damaliger Zeit war es aber im Kajanlande immer hell, daher +schämte sich Jungfrau _Mang_ vor innigeren Beziehungen und stieg zu +ihrem Himmel hinauf, um von dort den Schutz des nächtlichen Dunkels +in ihre neue irdische Heimat herniederzubringen. _Mang_ brachte die +Finsternis in einem _samit_ (Palmblattsack) mit, den sie, zu Hause +angekommen, im Gemache niederlegte, worauf sie sich nach der langen +Reise etwas Erholung und Erfrischung gönnte. Ein neugieriges Kind, +das wissen wollte, was sich in dem Sacke befand, schnitt ein Loch +hinein; da entfloh die Finsternis und breitete sich zum Schrecken +des Stammes über das ganze Land aus. Die Kajan wussten in ihrer Angst +nicht, was sie beginnen sollten und entwarfen allerhand Pläne, um dem +Unglück zu wehren, als die Hähne zu krähen anfingen und es wieder +Licht wurde. Seit der Zeit kehren Nacht und Tag regelmässig zu den +Menschen zurück. + +Nun war _Mangs_ Eheglück vollkommen und bald darauf wurde sie +schwanger. Als sie nach etlichen Monaten mit vielen anderen ihres +Stammes auf einer Geröllbank mit Fischen beschäftigt war, fühlte sie, +dass ihre Stunde gekommen sei. Sie zog sich daher zurück und hockte +in der Ferne nieder, um ihr Kind zur Welt zu bringen. _Ledjo_ und +die Seinen dachten aber, dass sie nur einem Bedürfnis nachkommen +wolle; denn bis dahin war es bei den Kajan üblich gewesen, wenn +ein Kind geboren werden sollte, der schwangeren Frau den Leib +aufzuschneiden. Von Mang lernten die Kajan nun ein besseres Verfahren; +denn bald brachte sie ihrem Gatten ein Töchterchen, _Do Neha_ (_neha_ += Geröllbank). + +Als _Do Neha_ erwachsen war, konnte Mang ihre Sehnsucht nicht länger +bezwingen und kehrte zum _Apu Lagan_ zurück. Ihre Tochter vermählte +sich mit _Tigang Aging_, dem sie einen Sohn, _Batang Huwang_, +schenkte. Bald nach der Geburt schnitt sich die junge Mutter, um ihr +Söhnchen zu trocknen, einen Teil ihres langen Haares ab. Kaum hatte +sie diese weggeworfen, als sie aus ihren Haaren so stark zu bluten +begann, dass sie starb. Seither dürfen die Häuptlinge von dem Stamme +Aging ihre Haare nicht schneiden lassen. + +Da das Kind den Tod der Mutter veranlasst hatte, brachten es die +Dorfbewohner in den Wald, um es dort umkommen zu lassen. Niemand wagte +das Kind aufzunehmen. Endlich kam eine gute Frau, die das Kind aufhob +und mit ihm an den Fluss Kaso zog. Dort liess sich _Batang Huwang_, +der keine Lust mehr verspürte, nach seinem Stamm zurückzukehren, +nieder. Seine Nachkommen blieben ebenfalls im Mahakamgebiet wohnen, +nur _Akam Igaus_ Vater zog an den Mendalam und heiratete in den Stamm +der Ma-Aging (= Uma-Aging). + +Durch diese Erzählung erhält _Akam Igau_ eine Abstammung von +den Himmelsgeistern und wird gleichzeitig zu einem Glied der +Häuptlingsfamilie der Uma-Aging gemacht. + + + + +KAPITEL IV. + + Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan--Geburt--Behandlung + des Neugeborenen--Kindertragbrett (_hawat_)--Verpflegung + des Kindes--Erste Namengebung--Zweite + Namengebung--Namenänderungen--Das Kind bis zur Pubertät--Junge + Männer und Mädchen--Tätowierung--_utang_--Künstliche + Verunstaltungen--Beschäftigungen und Verkehr der + jungen Leute--Mahlzeiten--Beirat--Stellung von Mann und + Frau--Erbschaft--Tod--Trauer--Kopfjagden. + + +Bevor ein junger Kajan das Licht der Welt erblickt, haben sich +seine künftigen Eltern zahlreichen Vorschriften der _adat_ zu +unterwerfen. Die Mutter darf keine Tiere töten und keine zu jungen +Fische essen. Auch einige ausgewachsene Fische, das Fleisch des +Schuppentieres (Manis javanica) und verschiedene Arten von Früchten +und Gemüsen sind ihr verboten. Ferner muss sie sich hüten, während +des Regens zu schlafen, geschieht dies doch, so wird sie geweckt. + +Der Gatte darf vor und nach der Entbindung seiner Frau nicht auf die +Jagd gehen, keine Pfähle einrammen und keine jungen Fische essen. Um +die Geburt zu erleichtern, legt ein sorgsamer Ehemann während der +Schwangerschaft seiner Frau seine Schnitzarbeit in Hirschhorn bei +Seite; auch reisst er keinen Kattun, um sich ein Kleidungsstück +herzustellen. + +In der ersten Zeit ihrer Schwangerschaft geht die Kajanfrau ihrer +gewohnten Arbeit im Hause und auf dem Felde nach. Sobald ihre +Körperform im dritten oder vierten Monat auffallend wird, bedeckt sie +zuerst den Leib und dann auch die Brust mit einem Tuche (_djat butit_). + +Bei der Entbindung dürfen nur Frauen zugegen sein. Die Männer werden +schon beim Beginn der Wehen aus dem Gemache entfernt und mit ihnen +auch alle eisernen und schneidenden Gegenstände--wahrscheinlich um +die Kindesseele nicht zu erschrecken. Die Mutter gebiert in hockender +Stellung. Ist das Kind zur Welt gekommen, so schneidet ihm eine der +Hilfe leistenden Alten mit einem Schwerte den Nabelstrang durch, +nachdem er in einer Entfermung von 4 cm vom Kinde unterbunden worden +ist. Dieses Schwert, das nie verkauft werden darf, wird als altes +Familienstück pietätvoll bewahrt. Die Nachgeburt wird in den Wald +geworfen und dort in der Regel von Schweinen und Hunden aufgefressen. + +Da die Kajanfrauen alle gut gebaut sind und Rhachitis nicht vorkommt, +verläuft eine Entbindung gewöhnlich normal. Die Geburtshelferinnen +sind auch nicht im stande, bei anormaler Kindeslage öder bei Blutungen +Hilfe zu leisten; nur das Reiben des Leibes ist gebräuchlich. Als +grosse Merkwürdigkeit wurde mir erzählt, dass eine Frau aus Pagong +einst den prolabierten Uterus einer Wöchnerin mit gutem Erfolge +zurückgestülpt hatte. + +Einige bei den Kajan verbreitete Krankheiten, gonorrhoeische +Endometritides und Lises, können jedoch dem Verlauf der Geburt eine +ernste Wendung geben. Hilft sich die Natur nicht selbst, so hat jede +Abweichung Tod oder schweres Leiden zur Folge. Berücksichtigt man, +dass die Kajan den bei der Geburt sterbenden Frauen kein ehrenvolles +Begräbniss und glückliches Leben im Jenseits zugestehen, so ist +die Angst, mit welcher diese ihrer Entbindung entgegensehen, +begreiflich. (Näheres f. Kap.). + +Tot- und Frühgeburten sind so häufig, dass die Frauen nicht wissen, +wie lange eine normale Schwangerschaft eigentlich dauert. Nach dem +siebente und achten Monat sah ich besonders viele unausgetragenen +Kinder zur Welt kommen. Abortus ist ebenfalls eine häufige Erscheinung, +aber nur als Folge von Krankheit. Für künstliche Fruchtabtreibung +besitzen die Kajan und, wie es scheint, auch die übrigen Dajak, +im Gegensatz zu den Malaien, absolut kein Mittel. + +Wenn die Mutter bei der Geburt stirbt oder schwer erkrankt oder böse +Träume die Eltern erschrecken, setzt der Vater das Kind im Walde +aus; es wird aber häufig von anderen Kajan oder Malaien aufgenommen +und erzogen. + +Unmittelbar nachdem das Kind gewaschen ist, werden seine Ohrläppchen +von einer alten Frau mittelst scharf zugespitzter Bambusstäbchen +durchstochen. Die Hölzchen bleiben bis zur Heilung der Wunde in der +Öffnung, werden dann aber durch einen Zinnring, dessen Schwere das +junge Gewebe ausrecken soll, ersetzt. Je grösser die Öffnung wird, +desto mehr Ringe werden angebracht, so dass fünf- bis sechsmonatliche +Kinder bereits 200 g Zinn an jedem Ohre tragen. Um ein Durchreissen der +Ohrläppchen zu verhindern, ist den Müttern in der ersten Zeit verboten, +Fische zu essen, die mit einem Angelhaken gefangen worden sind. + +Weitere Verbildungen werden mit den Neugeborenen nicht vorgenommen. + +Gleich nach der Geburt erhält das Kind ein Armband (_leku lali =_ +geweihtes Armband) aus _bua djele_, den hellbraunen und schwarzen +Früchten von Coix-Arten, welche auf die bösen Geister abschreckend +wirken sollen. Beim Abfallen des Nabelstranges wird dieses Armband +durch ein zweites ersetzt und dieses wiederum nach Ablauf eines +Monats bei der ersten Namengebung durch ein drittes. Die abgelegten +Armbänder des Kindes werden von der Mutter bis zur ersten und zweiten +Namengebung an einer Halskette getragen, nach Schluss der betreffenden +Verbotszeiten aber in einem Säckchen aus Kattun an das Kindertragbrett +gebunden (pag. 72). + +Die Kinder werden nicht gewickelt, sondern liegen völlig nackt auf +einer mit Tüchern oder einer kleinen Matratze bedeckten Matte. Ein +langes schmales Tuch, dessen Enden über einem Balken geknüpft werden, +dient als Wiege, indem man das Kind in dem Bausch, welchen das Tuch +bildet, schlafen legt. + +Zum Herumtragen der Kinder besitzen die Kajan die sehr praktische +_hawat_, die am Mendalam aus einem Liegebrett in Form eines beinahe +völlig aufgeschlagenen Buches und eines senkrecht dazu angebrachten +Sitzbrettes besteht. Solange das Kind sehr klein ist, trägt es die +Mutter mittelst zweier um die Schultern gehängter Schnüre liegend vor +sich auf der _hawat;_ ist das Kind grösser, so trägt es die Mutter +sitzend auf dem Rücken. Als weiche Unterlage für das Kind werden auf +den Boden der _hawat_ einige Tücher gelegt. + +In Anbetracht, dass das Kind einen grossen Teil des ersten Lebensjahres +auf der _hawat_ verbringt, nehmen die Bahau an, dass auch dessen +Seele (_bruwa_) mit dem Tragbrett eng verbunden ist und dieses ötters +als Aufenthaltsort wählt. Um nun eine ständige Verbindung mit dem +Kinde und dessen Seele zu unterhalten, versäumen die Mütter niemals, +ihre Kleinen morgens und abends in innige Berührung mit der _hawat_ +zu bringen. Sie tun dies, indem sie einen Finger des Kindes in eine +Schlinge aus Lianenfasern, welche an der _hawat_ befestigt ist, +stecken, ihn hin- und herbewegen und einige Worte dazu murmeln. Die +Kindesseele wird durch diese Handlung aufgefordert, in ihren +eigentlichen Wohnsitz zurückzukehren; eine längere Abwesenheit oder +ein gänzliches Fortbleiben der Seele hat nämlich Krankheit bzw. Tod +des Kindes zur Folge. Der Vorgang wird mit _njina_ bezeichnet. An +jeder _hawat_ hängen drei bis vier derartiger Schlingen und zwar +sind sie alle an Häkchen aus dem Holz von Fruchtbäumen befestigt, +für die die Seelen und Geister eine grosse Vorliebe haben sollen. + +Verschiedene andere Gegenstände, welche ebenfalls an der _hawat_ +angebracht werden, haben den Zweck, die guten Geister für das Kind +günstig zu stimmen und die bösen zu vertreiben. + +Wie an der _hawat_ auf nebenstehender Tafel zu sehen, hängt an ihrer +Aussenseite eine Schnur mit vielen, kleinen, runden Päckchen; sie +werden _kawit_ (Kap. VI) genannt und enthalten allerhand Esswaren zur +Anlockung der guten Geister. Bei jeder wichtigen religiösen Zeremonie, +die im Laufe des Jahres stattfindet, wird ein derartiges Opferpäckchen +an der _hawat_ befestigt und hängen gelassen. + +Neben diesen _kawit_ befinden sich fünf verschiedene Schalen von +Schnecken und Seetieren, die alle an Schnüren mit Perlenverzierungen +hängen und ein beliebtes Mittel zur Vertreibung böser Geister +bilden. Dem gleichen Zweck dient auch ein Bündel _blehiding_, der +Bast einer beim Verbrennen entsetzlich riechenden Anonacee. + +Die zwei in der Mitte an der _hawat_ hängenden Läppchen stellen die +ersten Kleidungsstücke des Kindes vor. + +An der zweiten, über der ersten hängenden Schnur sind, als Lockmittel +sowohl für die Seele des Kindes als für die guten Geister, an +Perlenschnüren zwei aus Muschelschalen geschliffene Knöpfe und ein +europäischer weisser Porzellanknopf befestigt, ausserdem eine Reihe +kleiner Geschenke (_usut)_, bestehend aus kleinen Schnüren aus +Lianenfasern mit Perlen von verschiedenem Werte; letztere sollen +besonders zur Beruhigung der Kindesseele dienen. + +An der gleichen Schnur hängen ferner: ein Hundezahn zur Abwehr böser +Geister; das erste Armband des Kindes und zwei aus Pandanusblättern +(_tika_) geflochtene Streifchen (pag. 74). + +Endlich werden an die _hawat_ auch noch die vorhin erwähnten geweihten +Armbänder des Kindes und die Halsketten, welche die Mutter nach Ablauf +der Verbotszeiten, gelegentlich der ersten und zweiten Namengebung, +ablegt, gebunden. + +Die Kajan freuen sich über die Geburt von Mädchen mehr als über die +von Knaben; denn diese verlassen die Eltern, wenn sie heiraten oder +weite Reisen unternehmen, jene dagegen helfen häufig während ihres +ganzen Lebens bei der Arbeit und bringen ausserdem einen Schwiegersohn +ins Haus. + +Die Neugeborenen werden in den ersten Monaten ausschliesslich mit +Muttermilch genährt; kann die Mutter diese nicht geben, so hilft eine +andere Frau. Aus Gesundheitsrücksichten ist der Stillenden nur weich +gekochter Reis als Nahrung erlaubt; scharfe Speisen darf sie nicht +geniessen und im ersten Jahr auch nicht rauchen oder Betel kauen. + +Die ersten zehn Tage ist der Wöchnerin jede Arbeit verboten; dann +beginnt sie sich innerhalb des Hauses mit dem Haushalt und der Pflege +des Kleinen zu beschäftigen. + +Wöchnerin und Kind werden in den ersten Tagen zum Schutz gegen +Krankheit mit dem Russ von Damaraharz eingerieben. Ausserdem darf, +solange der Nabelstrang noch nicht abgefallen ist, ausser den +Hausbewohnern niemand das Gemach betreten, da das Kind sonst krank +werden könnte; als Warnungszeichen hängen zwei gekreuzte Holzstückchen +vor der Tür. Der abgefallene Nabelstrang wird sorgfältig in ein +Tuch gewickelt und in einem Bambusbehälter aufbewahrt; er bildet +mit den Gerätschaften, die zum Durchstechen der Ohrläppchen und +Durchschneiden der Nabelschnur dienten, den Grundbestandteil des +_legén_, einer Sammlung aller Gegenstände, die im Leben des Kajan eine +Rolle gespielt haben. Das _legén_ wird nach dem Tode des Besitzers +unter dem Wohnungsdache verborgen und als _lalí_ (geweiht) seinem +Schicksal überlassen. (Siehe Kap. VI). + +In den ersten Monaten dürfen die neugeborenen Kinder nicht aus dem +Hause gebracht oder im Fluss gebadet werden, eine Sitte, die für die +unbekleideten Wichte nur zuträglich sein kann. + +Vor Ablauf des ersten Jahres geht die Mutter nicht aufs +Reisfeld; während dieser Zeit setzt sie das Stillen fort, bis die +Milchabscheidung von selbst oder infolge einer neuen Schwangerschaft +aufhört. Im dritten oder vierten Monat beginnt die Mutter dem Kinde +etwas Bananen und dann weich gekochten Reis zu essen zu geben. + +Die Mutter muss sich, hauptsächlich während des ersten Monats, +solange das Kind noch keinen Namen erhalten hat, einer langen Reihe +von Verbotsbestimmungen unterwerfen, welche sich vor allem auf Essen +und Trinken, Arbeiten u.s.w. beziehen. Auch dürfen Mutter und Kind +keinen Putz und besonders nichts Rotes tragen. Für die Ausstattung +der Kleinen wird vorzugsweise gebrauchtes Material benutzt, selbst +die hängende Decke aus Palmblättern über dem Schlafplatz muss bereits +gedient haben. Weiter verlangt die _adat_, dass bei jeder Mahlzeit dem +Kinde etwas Speise auf dem _uwit lali_ (geweihten Teller) gespendet +werde; auch muss die Mutter sich nach dem Essen stets für kurze +Zeit entfernen. + +Auch die Väter haben nach der Geburt ihres Kindes verschiedene +Vorschriften zu befolgen, sie dürfen sich in der ersten Zeit z.B. nicht +weit vom Hause entfernen. + +Um ihr Kind vor bösen Geistern zu schützen, trägt die Mutter +verschiedene Amulette: um den Kopf ein schlichtes Band aus den Blättern +einer Pandanusart, an denen _long_, Stückchen des Wurzelstockes +von _daun long_ (Aroïdeae spec.) befestigt sind; letztere Pflanze +gilt als sicherstes Schreckmittel gegen böse Geister. Um den Hals +trägt sie eine Kette aus den Früchten von drei Pflanzen (Coix-Arten) +und aus verschiedenen Muschelarten. Begiebt sich die Mutter mit dem +Kinde auf die Galerie oder in den folgenden Monaten ausserhalb des +Hauses, so nimmt sie stets ein brennendes Bündel _plehiding_ mit, +dessen unangenehmer Geruch die bösen Geister in die Flucht schlägt. + +Nach Ablauf des ersten Monats findet die erste Namengebung des +Kindes statt; sie ist nur provisorisch, denn den eigentlichen Namen +erhält das Kind erst bei dem nächsten _dangei_ (Neujahrsfeste). Ein +namenloses Kind heisst _hapang;_ stirbt es, so wird ihm nicht +öffentlich nachgetrauert. + +Mit der ersten Namengebung endet die erste, strengste Verbotszeit; +die Mutter darf jetzt ihre früheren Tätigkeiten, wie z.B. das +Mattenflechten, wieder aufnehmen; als symbolisches Zeichen hierfür +flicht sie einen Streifen, der an die _hawat_ gebunden wird. + +Man findet bei allen Stämmen von Mittel-Borneo die Eigentümlichkeit, +dass sie Fremde nur mit Angst in die Nähe kleiner Kinder kommen sehen; +bei den Punan darf niemand, der die Sprache des Stammes nicht kennt, +ein Kind anrühren, da dieses sonst dumm werden muss. Bei den Kajan +bringt jeder Fremde bei seinem ersten Eintritt in eine Wohnung, in der +sich ein kleines Kind befindet, ein Geschenk (_usut_) von Perlen oder +etwas Zeug mit; augenscheinlich liegt dieser Sitte die Überzeugung +zu Grunde, dass die Seele des Kindes, die durch die neue Erscheinung +erschreckt worden ist, durch etwas Schönes wiederum beruhigt werden +muss; geschieht dies nicht, so entflieht die Seele und das Kind +wird krank. + +Bei der zweiten Namengebung wird den Geistern durch die Priester ein +Opfer von Schweinen und Hühnern gebracht; das Fleisch der Tiere wird +bei fröhlichem Festmahl mit Freunden und Bekannten verzehrt. Darauf +bringt man den jungen Weltbürger in die Wohnung des Häuptlings. Die +sehr schlicht gekleidete Mutter trägt auf dem Kopfe einen schmucklosen +und mit _kawit_ versehenen Hut, _haung lali_ (geweihter Hut); in der +Hand hält sie eine Bambusklapper und ein Bambusgefäss mit Wasser, +in dem von dem Häuptling die Füsse des Kindes gebadet werden. Das +Kind erhält hierbei den Namen, mit dem es weiter genannt werden soll. + +Bei der Wahl der Namen vermeidet man diejenigen kürzlich verstorbener +Familienglieder, wahrscheinlich um deren Seelen nicht zu beunruhigen +und auf das Kind abzulenken, was diesem schaden könnte. Gewöhnlich +nennt man das Kind nach sehr alten oder bereits vor langer Zeit +verstorbenen Verwandten. + +Leidet ein Kind öfters an Krankheit, so verändert man seinen Namen, +sobald es ihm wieder besser geht, um die bösen Geister, die es so +häufig besuchen und dadurch krank machen, irre zu leiten. + +Einige allgemeine Bemerkungen über Namengebung und Namenänderung bei +den Bahau mögen hier eingeflochten werden. + +Familiennamen existieren bei den Bahau nicht. Will man eine bestimmte +Person bezeichnen, so fügt man ihrem eigenen Namen denjenigen von +Vater oder Mutter bei; eine besondere Bestimmung hierüber ist mir nicht +bekannt. Tipong Igau z.B. bedeutet: Tipong, die Tochter des Igau (Name +des Vaters); Adjang Song bedeutet: Adjang, der Sohn der Song (Name der +Mutter). Die Kinder behalten die Namen der Eltern auch nach deren Tode. + +Wird bei den Bahau ein Mann Vater eines Sohnes, der Bang oder einer +Tochter, die Kehad genannt wird, so verliert er meistens seinen eigenen +Namen und man bezeichnet ihn fortan als: Vater des Bang bzw. Vater +der Kehad. Bei den Mendalam Kajan z.B.: Amei (Vater) Bang oder Amei +Kehad. Die Mutter wird dementsprechend Inei (Mutter) Bang bzw. Inei +Kehad genannt. Bei den Pnihing heissen die Eltern in diesem Fall: +Amun (Vater) Bang bzw. Kehad und Hinan (Mutter) Bang bzw. Kehad; +am Mahakam in der Busang Sprache: Taman (Vater) Bang bzw. Kehad. + +Sobald jedoch das erstgeborene Kind stirbt, nehmen die Eltern wieder +ihren früheren Namen an; so wurde der Kenjahäuptling Taman Kuling (= +Vater der Kuling) nach dem Tode seiner Tochter Kuling wieder Djalong +genannt und zwar mit dem Beinamen "Bui", der die gleiche Bedeutung wie +"Ujung" (siehe unten) bei den Mendalam Kajan hat. + +Gewisse Familienereignisse werden bei den Bahau durch bestimmte +Beiworte, welche den Eigennamen der Personen vorangesetzt werden, +angedeutet. Bei den Mendalam Kajan sind die folgenden gebräuchlich: + +Balo, wenn der Mann gestorben ist, z.B. Balo Paja = Wittwe Paja; +Hawal, wenn die Frau gestorben ist, z.B. Hawal Igau = Wittwer Igau; +Akam, wenn ein kleines Kind gestorben ist, z.B. Akam Igau; Ujung, +wenn ein fast erwachsenes Kind gestorben ist, z.B. Ujung Igau; Hiat, +wenn ein jüngerer Bruder oder eine jüngere Schwester gestorben ist, +z.B. Hiat Bang; Abel, wenn ein älterer Bruder oder eine ältere +Schwester gestorben ist, z.B. Abel Imu. + +Für die gleichen Familienverhältnisse findet man bei den verschiedenen +Stämmen verschiedene Bezeichnungen. + +Sobald Männer und Frauen alt und grau werden, erhalten sie vor ihrem +eigentlichen Namen die Bezeichnung "Bo", z.B. Bo Belarè, Bo Uniang. + +Eigentümlicher Weise erhalten besonders vornehme Häuptlinge nach ihrem +Tode ganz andere Namen, als sie zu Lebzeiten getragen. Man bezeichnet +diese Namenänderungen mit "_gelön_". So nannte man am Mahakam den +Long-Glathäuptling Ding nach seinem Tode Bo Kulè und seinen Sohn Ngau +nach dem Tode Bo Langit. Die Kajan am Mahakam sprechen jetzt von dem +Häuptling Kwing Irang, unter dessen Anführung sie vor 150 Jahren an +den Mahakam zogen, stets nur als von Singa Melön. + +Nach der zweiten Namengebung dürfen die Kinder schön gekleidet +werden, auch geniessen sie bis zur Pubertät das Vorrecht, den +zahlreichen Verbotsbestimmungen, welche für Erwachsene bestehen, +nicht unterworfen zu sein. Sie dürfen z.B. Hirsche, graue Affen, +Schlangen und Nashornvögel essen; auch werden ihnen bei religiösen +Festen keine Beschränkungen auferlegt. Sie brauchen sich auch nicht +die Wimpern und Augenbrauen zur Verschönerung ausziehen zu lassen, +kurz, sie geniessen in jeder Beziehung einer grossen Freiheit. + +Vater und Mutter widmen sich der Erziehung ihrer Kinder mit viel +Liebe. Sobald die Sprösslinge einmal zur Welt gekommen sind, machen +sie sich zum Mittelpunkt des ganzen Kajanhaushaltes. Die elterliche +Zuneigung wird von den Kindern übrigens erwidert und es ist auffallend, +wie selten sie zu Züchtigungen Anlass geben; man hört sie eigentlich +nur bei Krankheit schreien. Treibt die Jugend es gar zu arg, so halten +die Eltern eine Bestrafung der Schuldigen mit ein paar Schlägen oder +einer Strafrede wohl auch für angebracht. In einigen Fällen, die +ich miterlebte, kam es jedoch nicht bis zum Weinen; die Wirkung der +Strafe zeigte sich nur in einem etwas erschreckten Gesichtsausdruck +der Kleinen. + +Schon die 1 1/2-2 jährigen Kinder gehen, wenn sie im Freien spielen, +gewöhnlich bekleidet umher: die Knaben tragen das Lendentuch, die +Mädchen das Röckchen; die meisten halten jedoch Kleidungsstücke +fair unnützen Ballast und ziehen im Hause und nach dem Bade Adams +Kostüm vor. + +Die Hauptbeschäftigung der Knaben bilden Spiele im Freien und im +Wasser; Ringkampf, Wettlauf und Schwimmen sind am beliebtesten; +den Kampf in zwei Parteien üben sie nur in der Art, dass sie sich +gegenseitig mit Lanzen aus Grashalmen bewerfen. Dem Kreiselspiel, +Blasrohrschiessen und ähnlichen Vergnügungen widmen sich die Knaben, +im Gegensatz zu den erwachsenen Männern, auch ausserhalb der Zeit der +Ackerbaufeste. Ein beliebtes Spiel ist auch das Zielen mit platten +Flusssteinen nach Erdgruben. + +Bei keinem dieser Spiele macht sich Ehrgeiz oder Neid geltend; +die Knaben spielen um zu spielen, nicht um als Sieger aus dem Spiel +hervorzugehen. + +In den ersten Jahren spielen Knaben und Mädchen zusammen; später +unterhalten sich die Mädchen mehr innerhalb des Hauses, wo sie schon +früh der Mutter an die Hand gehen. Puppen scheinen nur zum Stillhalten +sehr kleiner Kinder benutzt zu werden. + +Weder Knaben noch Mädchen erhalten einen systematischen Unterricht in +irgend einem Fache. Während diese allmählich den Haushalt besorgen +lernen, ziehen jene vom zehnten Lebensjahr an mit aufs Feld, helfen +beim Bau von Böten, beim Fischen und bei allen sonstigen Arbeiten, +mit denen sich die Männer beschäftigen. + +Je nach ihrer eigenen Anlage und nach der Haupttätigkeit ihrer Eltern, +beginnen die Kinder in der einen oder anderen Richtung allmählich +eine gewisse Fertigkeit zu erlangen. + +Da bei den Kajan keine erblichen Berufe bestehen, kann sich jeder +nach eigener Wahl ausbilden, wenn nicht besondere Umstände, wie +Krankheit, gezwungene Arbeit zum Unterhalt der Familie u.s.w., ein +Hindernis bilden. + +Die Pubertät tritt bei den Mädchen ungefähr mit zwölf Jahren, bei den +Knaben etwas später ein und bringt in ihre Lebensverhältnisse wichtige +Veränderungen. Vor allem sind sie nun den Vorschriften, welche die +_adat_ den Erwachsenen auferlegt, hauptsächlich Verbotsbestimmungen +bezüglich des Essens verschiedener Speisen, unterworfen. Ferner +beginnen sie sich in diesem Lebensalter mit eigenartigen Verzierungen +und Verbildungen des Körpers zu schmücken. + +Beide Geschlechter lassen sich die Schneidezähne vorn hohl ausfeilen; +einige treiben sich ausserdem, nach Sitte einiger Punan, goldene Stifte +durch die Zähne. Die meisten fangen jetzt auch mit dem Schwärzen der +Zähne und dem Betelkauen an. + +Mit eintretender Geschlechtsreife wird an Knaben und Mädchen die +eigentliche Tätowierung vorgenommen; jene lassen sich anfangs nur +einen Stern auf der Schulter oder eine einfache Figur auf dem Arm +ausführen; die übrigen Verzierungen erhalten sie erst, wenn sie durch +weite Reisen oder durch Teilnahme an einer Kopfjagd Beweise ihrer +Tapferkeit geliefert haben. + +Für die Frauen bildet die Tätowiersitte eine wahre Marter, der sie sich +aber mit staunenswerter Opferwilligkeit unterwerfen. Die Kajanfrauen +am Mendalam lassen sich den unteren Teil des Unterarms, die Hand, +den ganzen Schenkel bis unterhalb des Knies und den Fussrücken mit +prachtvollen Tätowiermustern bedecken. Die tätowierten Teile erscheinen +wie mit einem dichten, dunkel blauen Netz überzogen. + +In der Entfernung verschwinden die Einzelheiten der oft künstlerisch +schönen Muster, man erhält dann den. Eindruck, als trügen die Frauen +blaue Trikots. Bei Frauen mit lichtgelber Hautfarbe treten die Figuren +auf den der Sonne weniger ausgesetzten und daher helleren Schenkeln +besonders schön hervor. + +Die jungen Männer haben zwar durch die Tätowierung; weil sie bei +ihnen nur in beschränktem Masse ausgeführt wird, viel weniger als +die Frauen zu leiden, dafür müssen sie sich aber, um ihre volle +Männlichkeit zu erlangen, einer anderen Prüfung unterwerfen, +nämlich der Durchbohrung der glans penis. Bei dieser Operation +wird folgendermassen verfahren: Zuerst wird die glans durch Pressen +zwischen den beiden Armen eines umgeknickten Bambusstreifens blutleer +gemacht. An jedem dieser Arme befinden sich einander gegenüber an +den erforderlichen Stellen Öffnungen, durch welche man, nachdem +die glans weniger empfindlich geworden, einen spitzen kapfernen +Stift hindurchpresst; früher benutzte man hierfür ein zugespitztes +Bambushölzchen. Die Bambusklemme wird entfernt und der mittelst einer +Schnur befestigte Stift in der Öffnung gelassen, bis der Kanal verheilt +ist. Später wird der kupferne Stift (_utang_) durch einen anderen, +meist durch einen zinnernen, ersetzt, der ständig getragen wird, +nur in schwerer Arbeitszeit oder bei anstrengenden Unternehmungen +macht der metallene Stift einem hölzernen Platz. + +Besonders tapfere Männer geniessen mit dem Häuptling das Vorrecht, +um den penis einen Ring tragen zu dürfen, der aus den Schuppen des +Schuppentieres geschnitten und mit stumpfen Zacken besetzt ist; +bisweilen lassen sie sich auch, gekreuzt mit dem ersten Kanal, einen +zweiten durch die glans bohren. + +Ausser den Kajan selbst, üben auch viele Malaien vom oberen Kapuas +diese Kunst aus. Die Schmerzen bei der Operation scheinen keine sehr +heftigen zu sein, auch hat sie nur selten schlimme Folgen, obgleich +bis zur Genesung oft ein Monat vergeht. + +Mit den Genitalien der Frauen werden keine Veränderungen vorgenommen. + +Die jungen Männer lassen sich ferner, um ihre Unempfindlichkeit +gegen Schmerz zu beweisen, Stückchen Damaraharz auf der Haut +verbrennen. Diese Feuerproben hinterlassen eigentümliche runde Narben; +sie werden in der Regel in einer Reihe angebracht und betragen im +Durchmesser bis zu 1 cm. + +Die jungen Leute beginnen zu dieser Zeit auch mehr Sorgfalt auf ihre +Kleidung und auf ihr sonstiges Äussere zu verwenden; die jungen Mädchen +ziehen sich bis auf das Kopfhaar alle Haare am Körper aus; die jungen +Männer entfernen Wimpern, Augenbrauen und Bart (Siehe Kap. VII). + +Auch mit dem Erlernen der Künste fangen Männer und Frauen erst +nach der Pubertät an; diese legen sich auf das Flechten von Matten +und das Ausführen von Perlenarbeiten; jene erlernen die Holz- und +Knochenschnitzerei, das Entwerfen von Mustern für Verzierungen aller +Art u.s.w. + +Gleichzeitig mit den körperlichen Veränderungen, welche mit beiden +heranwachsenden Geschlechtern vor sich gehen, wächst auch ihr +Streben, das gegenseitige Wohlgefallen zu erregen. Das Verfertigen von +Geschenken nimmt einen grossen Teil der freien Zeit der jungen Leuten +in Anspruch; die Mädchen arbeiten aus Perlen Halsketten, Schwertgürtel +und Zierate für die Schwertscheiden und führen auf Palmblättern +Stickereien für Hüte und kleine Gegenstände aus; die Männer erwidern +die Geschenke mit schön geschnitzten Bambusgefässen, Flöten, Rudern und +Messergriffen, oder sie schneiden den Mädchen aus Zeug hübsche Figuren +als Belege für Hüte und Kleider aus. So haben beide Teile Gelegenheit, +bei ihren Liebesbestrebungen in Kunstfertigkeit zu glänzen. Geld oder +Wertgegenstände schenken sie sich nur selten. + +Die erwachsenen jungen Mädchen verlassen die elterliche Wohnung nur, um +aufs Reisfeld zu gehen oder Verwandte in benachbarten Niederlassungen +zu besuchen; weitere Reisen unternehmen sie nicht. Für die erwachsenen +jungen Männer dagegen beginnt jetzt die Zeit, wo sie ihre Eltern +verlassen, um lange Reisen zu Handelszwecken, zum Buschproduktesammeln +oder zum Besuch von Familiengliedern bei verwandten Stämmen zu +unternehmen. + +Die Kajan sind im Gegensatz zu den Malaien und benachbarten Stämmen +von einem lebhaften Arbeitsdrang erfüllt. Ihre Arbeitsamkeit fiel nicht +nur mir, sondern auch _Akam Igau_ auf, denn er bemerkte mir gegenüber, +dass die Lebhaftigkeit und der Tatendrang der Kajan zum Unterschied +von den benachbarten Taman die Aufmerksamkeit der Geister zu sehr +auf sich zögen und dass sie deshalb von Krankheit mehr heimgesucht +würden als jene. Der Unterschied zwischen den beiden Stämmen ist +allerdings auffallend. + +Für die Frauen bildet das Reisstampfen (_tepa_) die wichtigste der +häuslichen Arbeiten; Männer nehmen nur selten an ihr Teil. Gewöhnlich +stampfen zwei Frauen gleichzeitig in dieselbe Vertiefung des +Reisblockes (_lesong)_, welcher deren zwei bis sechs besitzt. Bei den +Mendalam Kajan stehen die Frauen beim Stampfen auf dem Block selbst und +schieben den bespelzten Reis mit den Füssen allmählich in das Loch; bei +anderen Stämmen, wie den Pnihing, stehen die Frauen neben dem Block und +gebrauchen die zweite Hand, um den Reis in das Loch zu schieben. Der +Reis wird öfters zweimal gestampft; die Körner bleiben dabei heil +und werden mittelst einer Art Schwinge von den Spelzen befreit. + +Ausgenommen vor grösseren Unternehmungen, wird des Reis nur in +kleinen Mengen für einige Tage gestampft, damit er nicht verderbe. Am +beliebtesten sind die feinen Reisarten mit langem schmalem Korn; +die groben Arten werden an die Händler verkauft. Es werden viele +verschiedene Arten und Varietäten des Reises gebaut. Ichselbst +beobachtete 18 Arten des gewöhnlichen Reises, _parei_ (Oryza sativa) +und 12 Arten von Klebreis, _púlut_ (Oryza sativa var. glutinosa). + +Die Zubereitung der Speisen ist ebenfalls ausschliesslich Arbeit der +Frauen, doch verstehen auf Reisen auch die Männer sehr gut mit dem +Kochtopf umzugehen. + +_Kanen_, in Wasser ohne Salz gekochter Reis, bildet bei jeder Mahlzeit +das Hauptgericht und wird jedem gesondert auf einem Bananenblatt +gereicht. + +Bei Festmahlzeiten geniessen die Kajan statt des gewöhnlichen +Reises Klebreis, den sie auf verschiedene Weise zubereiten. Entweder +wickeln sie ihn in bestimmte Bananen- oder Palmblätter und kochen +ihn in Wasser oder sie rösten ihn. Der geröstete und nachher zu +grobem Mehl gestampfte Klebreis wird _kertap_ genannt und bildet, +besonders in Verbindung mit rohem oder eingedampftem Zuckerrohrsaft, +einen geschätzten Leckerbissen. Am Mendalam, wo grosser Fischreichtum +herrscht, wird Fischfleisch stets als Zuspeise zum Reis genossen. Meist +werden die Fische in Wasser gekocht; die Suppe wird in besondere +Schälchen oder hölzerne Teller (_uwit_) gegossen und mit einem +gefalteten Bananenblatt als Löffel gegessen. Falls ein Kessel nicht +vorhanden ist, werden die Fische geröstet. + +Alle Fleischarten werden auf die gleiche Weise wie der Fisch +zubereitet; der Bratprozess ist gänzlich unbekannt, obgleich das +hierfür geeignete Tengkawang Fett vielfach vorkommt und auch als +Zuspeise verwendet wird. Zahme Schweine und Hühner werden nur bei +religiösen Festmahlzeiten genossen, während Wild auch an gewöhnlichen +Tagen als Zuspeise gegessen wird. Salz wird niemals beim Kochen +hinzugefügt, sondern stets nur als Leckerbissen in kleinen Stückchen +nebenbei gereicht. + +Als Würze für die Speisen dienen verschiedene essbare Blätter; am +beliebtesten sind die Blätter der Bataten (Ipomoea Batatas) und die +jungen Farnspitzen von Polypodium nigrescens Bl. + +Für lange Reisen, oder wenn Zeit und Gelegenheit zum Kochen fehlen, +nimmt man in Bambusgefässen oder in Palmblättern gerösteten Klebreis, +unverändert oder in Form von grobem Mehl, mit; er kann wochenlang +aufbewahrt werden, ohne zu verderben. + +Die Kajan essen in gewöhnlichen Zeiten zweimal täglich und zwar, je +nach Umständen, vor oder nach dem Gang zum Reisfeld und mittags nach +der Heimkehr um vier oder fünf Uhr. Bei Nahrungsmangel oder wenn sie +still zu Hause sitzen, begnügen sie sich bisweilen mit einer einzigen +Mahlzeit gegen zwölf Uhr; bei Überfluss an Reis oder schwerer Arbeit +dagegen wird ihr Magen anspruchsvoller und verlangt dreimal täglich +Zufuhr. + +Bei den Mahlzeiten sitzen alle Familienglieder im Kreise neben +einander; eine Rangordnung wird nicht beobachtet. + +Die Kajan sind, wie alle Bahau und Kenja, sehr mässig im Essen +und Trinken. Das tägliche Getränk besteht in Wasser und nur bei +grossen Versammlungen und Festen wird _tuwak_, gegohrener Reiswein, +getrunken. Die Stämme am Mendalam geniessen den Branntwein überhaupt +nur an einem Tage des Jahres, beim Neujahrsfest; sie stellen ihn aus +gekochtem Klebreis her, den sie zwei bis drei Tage in grossen Töpfen +gähren lassen. + +Am oberen Mahakam machte ich kein Neujahrsfest mit und sah daher auch +keinen _tuwak_ trinken, ich vermute jedoch, dass auch diese Bahau +das Getränk kennen, da ich bei ihren Verwandten, den Kenja Uma-Tow, +zur Begrüssung bei öffentlichen Zusammenkünften öfters grosse Töpfe +_tuwak_ leeren sah. + +Die Kenja bereiten auch aus Zuckerrohrsaft ein alkoholisches Getränk; +ausserdem trinken sie den Honig von wilden Bienen. Der häufigere oder +seltenere Gebrauch derartiger Getränke scheint mit dem grösseren oder +geringeren Überfluss an Lebensmitteln, dessen sich die verschiedenen +Stämme erfreuen, im Zusammenhang zu stehen. Jedenfalls aber +werden alkoholische Getränke weder bei den Bahau noch bei den Kenja +regelmässig genossen und Missbrauch wird mit ihnen nie getrieben, auch +scheinen ihnen die Alkoholika, nach den verzerrten Mienen zu urteilen, +die ich beim Trinken beobachtete, nicht einmal sonderlich zu munden. + +Eigentümlicher Weise ist das Tabakrauchen der Bevölkerung von +Mittel-Borneo schon längst bekannt, während das Betelkauen erst vor +kurzem durch die Malaien bei einigen Bahaustämmen eingeführt worden +ist. Die Erscheinung ist um so auffallender, als das Betelkauen bei +der Küstenbevölkerung das grösste Genussmittel bildet. + +Bei den Mendalam Kajan wird die Sitte des Tabakrauchens immer mehr +durch die des Betelkauens verdrängt. Der Tabak, den sie hierzu +gebrauchen, stammt aus Java; zwar pflanzt die Bevölkerung auch +eigenen Tabak, sie versteht ihn aber nur durch Trocknen und Schneiden +zuzubereiten und verwendet ihn nur zum Rauchen in Zigaretten. + +Unter den Mahakamstämmen kaut bei den Long-Glat jung und alt Betel +und raucht Tabak; bei den Kajan rauchen alte Männer und Frauen noch +ausschliesslich, während die jüngeren auch Betel kauen; die Pnihing, +bei denen nur das Rauchen gebräuchlich ist, bauen den Tabak selbst und +lassen ihn, indem sie ihn feingeschnitten lange Zeit in Bambusgefässen +fest zusammengepresst aufbewahren, gähren. Auch bei den Kenja, die +nur das Rauchen kennen, legen sich Männer und Frauen von früher Jugend +an auf die feinere Zubereitung des selbst gebauten Tabaks. + +Erwähnenswert ist wohl auch noch die Tatsache, dass es auch +die Eingeborenen Mittel-Borneos bisweilen nach einem besonderen +Genussmittel gelüstet; so beobachtete ich, dass Männer und Frauen, +hauptsächlich aber Schwangere, bisweilen im Uferboden nach einem +gelblichen oder rötlichen Lehm suchten, der aus verwittertem Schiefer +bestand; sie nannten ihn _batu keröp_ oder_ tana keröp_. + +Die jungen Männer und Mädchen geniessen bei den Kajan im Verkehr +mit einander die grösste Freiheit. Bemerkenswerter Weise stellt +ihre gesellschaftliche Sitte an den männlichen Teil in moralischer +Hinsicht die gleichen Anforderungen, wie an den weiblichen; dieses +Verhalten stimmt mit der hohen Stellung, welche die Frau auch sonst +im Gemeinwesen der Kajan einnimmt, überein. Die jungen Leute haben +daher vor der Ehe alle Gelegenheit, einander kennen zu lernen und +sich selbst zu prüfen; sie tun dies um so mehr, als eine Heirat bei +ihnen als ernsthafte Verbindung aufgefasst wird, die von beiden Seiten +Treue heischt. Vor der Heirat dagegen haben beide Geschlechter volle +Freiheit, in ihrem Verkehr so weit zu gehen, als ihnen beliebt. Die +Eltern versuchen wohl ab und zu ihren Einfluss geltend zu machen, +aber meist mit schlechtem Erfolge. + +Fassen zwei junge Leute eine Zuneigung zu einander, so bietet ihnen +die Sitte für ein ungestörtes Beisammensein zahlreiche Gelegenheiten. + +Am beliebtesten sind gemeinsame Fischpartieen. Vor Anbruch der +milden Tropennacht, wenn das Mondlicht die Landschaft gerade genügend +erhellt, um ihr das Unheimliche der Dunkelheit zu nehmen, schmückt +sich der junge Mann mit seiner besten Kleidung, einem breiten blauen +Lendentuch und einem bunten, bisweilen seidenen Kopftuch; eine +besondere Zierde bilden schwarze Armbänder und Büschel Riechgras, +welche er am Kopf und an den Armen befestigt. Sein schönstes, oft +mit Geschenken seiner Angebeteten verziertes Schwert an der Seite, +mit Ruder und Wurfnetz bewaffnet, eilt der Jüngling zum Flusse, +wo er mit kräftigen Ruderschlägen den Kahn bald in die Nähe der +Harrenden bringt. Die gleichfalls schön gekleidete Geliebte steigt mit +wohlgefüllter Beteldose ins Fahrzeug und setzt sich an das Hinterende +des Bootes, um es mit ihrem Ruder zu steuern. Der junge Mann steht +mit dem Wurfnetz (_djala_) vorn im Kahn und schleudert es da, wo +er Fische vermutet, mit kräftigem Schwunge ins Wasser. Ein grosses +Netz misst im Durchschnitt 8 m und da es am Rande mit einer Zinn- +oder Eisenkette beschwert ist, bedarf es ausser grosser Kraft auch +grosser Gewandtheit, wenn das Netz gut ausgebreitet gleichmässig auf +die Wasserfläche niederfallen soll. Gar mancher Wurf wird unter den +aufmerksamen Blicken der Schönen mit besonderer Anspannung ausgeführt +und, beim Fischreichtum dieser Gewässer, selten ohne Erfolg. So +treibt das Pärchen den Fluss hinunter; liefert der Fang genügend +Fische für eine Mahlzeit, so wird gelandet. In der Regel bildet eine +leerstehende Hütte auf dem Reisfeld oder ein trautes Plätzchen unter +den hohen Uferbäumen das Endziel der Bootfahrt. Dort stört niemand die +Liebenden im Genuss aller Herrlichkeiten, welche die Kunstfertigkeit +des Mädchens auf kulinarischem und musikalischem Gebiet zu liefern +im stande ist. Die weichen Töne der Nasenflöte geben dem Ganzen +einen besonderen Reiz; denn in der Stille der Nacht erwecken diese +klagenden, aber lieblichen Laute Empfindungen, für die das sanfte +Gemüt der Kajan sehr empfänglich ist. + +In Zeiten, wo es am Mendalam unsicher ist, wie z.B. bei meinem +Besuche im Jahre 1894, als die Bukat von der Serawakschen Grenze +um die Niederlassungen der Kajan herumschwärmten, halten Freunde +nachts in der Nähe des Pärchens Wacht. Die Freunde helfen auch +später beim Aufrichten eines treppenartig behauenen Pfahls, den der +glückliche Jüngling zur Erinnerung an die schöne Nacht beim Häuschen +zurücklässt. Einer meiner gewandtesten, aber leichtsinnigsten jungen +Leute zeigte mir einst seinen Schlupfwinkel für derartige Liebesfeste +mit grossem Selbstbewusstsein; denn er hatte vier solcher Gedenkpfähle +aufrichten können. Eine derartige Unbeständigkeit der Gefühle wird +aber bei den Kajan, trotz aller Freiheit, welche die jungen Leute +geniessen, von der öffentlichen Meinung streng gerügt. + +Bisweilen vereinigen sich auch mehrere Pärchen, lassen sich fischend +und kosend den Fluss abwärts treiben und kehren nicht vor dem folgenden +Mittag zurück. + +Auch die gemeinsame Arbeit auf dem Felde bietet den jungen Leuten +günstige Gelegenheit, sich kennen zu lernen, besonders wenn die +Eltern mit dem Verkehr ihrer Kinder einverstanden sind. Wenn dies +nicht der Fall ist, wird die Standhaftigkeit der Liebenden oft auf +harte Probe gestellt. + +So erlebte ich einst, dass ein jungen Mädchen, mit ebenso schönem +Äusseren als kräftig entwickeltem Willen, ihren Eltern einen Verlobten +ins Haus brachte, der diesen nichts weniger als willkommen war, weil +er für schwere Feldarbeit und den Bau von Böten noch keine genügende +Leistungsfähigkeit besass. Auch nach der mit viel Aufwand von Energie +durchgesetzten Heirat, hatte der junge Ehemann alle Mühe, im Hause +der Schwiegereltern seinen Platz zu behaupten. + +Bei allen Bahau herrscht nämlich die Sitte, dass der junge Gatte +zuerst in die Wohnung seiner Schwiegereltern zieht und erst nach drei +bis vier Jahren mit der Frau in sein eigenes Haus oder das seiner +Eltern übersiedelt. Ist die Frau jedoch im Hause ihrer Eltern einmal +entbunden worden, so darf sie dem Manne schon vor Ablauf dieses Termins +folgen. Eine Übertretung dieser Sitte gestattet die _adat_ dem jungen +Paar nur gegen Bezahlung einer recht bedeutenden Busse. Nur wenn der +einzige Sohn des Hauses ein Mädchen aus einer zahlreichen Familie +heiratet, kommen die Eltern oft überein, dass die Schwiegertochter +von Anfang = an in das Haus des jungen Mannes zieht. + +Hie und da findet ein Pärchen in dem Zustand der jungen Frau, +bei der die Folgen des freien Verkehrs nicht ausgeblieben, eine +etwas unerwünschte Hilfe für die Erlangung der Heiratszustimmung der +Eltern. Unter solchen Umständen wird das Verhältnis der jungen Leute +baldmöglichst durch eine Heirat besiegelt; denn die Schwangerschaft +einer Unverheirateten wird allgemein verurteilt. Ein Mann, der ein +Mädchen sitzen lässt, wird sehr schief angesehen. So etwas kommt +daher nur höchst selten vor und wird, wenn besondere Umstände eine +Heirat unmöglich machen, mit einer ansehnlichen Busse an die Eltern +der Verlassenen und den Häuptling gestraft. + +Einen derartigen Fall erlebte ich bei meinem zweiten Besuch +am Mendalam, als die beiden Häuptlinge in Tandjong Karang und +Tandjong Kuda aus persönlicher Feindschaft ihren jungen Untertanen +nicht gestatteten, sich mit einem Gliede des anderen Dorfes zu +vermählen. Eines der Opfer, ein junges Mädchen, das ich gern hatte +und das früher häufig zu mir kam, um sich in meiner Hütte auszuruhen, +zeigte sich zwei Monate lang nicht mehr bei mir und als sie zum +ersten Mal wieder erschien, wagte sie kaum die Augen aufzuschlagen, +obgleich ich mir alle Mühe gab, ihr aus der Verlegenheit zu helfen; +auch später besuchte sie mich nur noch einige Male. + +Da die Frauen bei der Eheschliessung eine Hauptstimme haben, gehören +Verlobungen in kindlichem Alter zu den Seltenheiten. + +Obwohl Unverheiratete die grösste Freiheit geniessen und Verheirateten +viele Beschränkungen und Pflichten auferlegt werden, nehmen die Kajan +auffallender Weise gern das Ehejoch auf sich. Daher sind junge Männer, +wenn sie nicht durch weite Reisen daran verhindert werden, mit 25 +Jahren beinahe alle verheiratet; Mädchen verheiraten sich meist vor +dem zwanzigsten Jahr. + +Bei jeder Eheschliessung finden zwischen den beiderseitigen Eltern über +die Mitgift und die Summe, welche der junge Mann seinen Schwiegereltern +bei der Heirat ausbezahlen muss, Unterhandlungen statt. Leben die +Eltern nicht mehr, so werden sie durch Angehörige oder den Häuptling +vertreten. + +Der Betrag, den der junge Gatte bezahlen muss, ist meist nicht hoch, +mit einem Schwert oder einem Gong sind die Schwiegereltern gewöhnlich +zufrieden; reiche Häuptlinge dagegen haben bis zu 300 Dollar zu +bezahlen. + +Polygamie ist am Mendalam nicht Sitte, sie kommt nur bei einigen +Häuptlingen am Mahakam vor, die sie kürzlich von den Malaien übernommen +haben. + +Man sieht es gern, dass beide Teile, die eine Heirat mit einander +eingehen, dem gleichen Stande angehören. Häuptlinge verlieren viel +an Ansehen, wenn sie sich mit gewöhnlichen Kajan verheiraten und ihre +Kinder haben wenig Aussicht, ihre Nachfolger zu werden; dass sie sich +jemals mit Leibeigenen verheirateten, hörte ich nie. + +Bei den Kajan sind nicht nur Ehen zwischen nahen Blutsverwandten, +sondern auch Ehen zwischen angeheirateten Verwandten, wie den +gegenseitigen Geschwistern von Eheleuten, verboten. Daher müssen +die wenigen Häuptlinge am Mendalam, die aus Standesrücksichten auf +Heiraten unter Verwandten angewiesen sind, bei der Eheschliessung +eine Busse für die Übertretung der _adat_ bezahlen. + +Heiraten zwischen benachbarten, nicht verwandten Stämmen sind zwar +nicht verboten, kommen aber so selten vor, dass Taman und Kajan +z.B. länger als ein Jahrhundert neben einander leben, ohne sich zu +vermischen. Die meisten fremden Männer einer Niederlassung gehören +verwandten Stämmen an und halten sich ihrer Heirat wegen für längere +oder kürzere Zeit dort auf. + +Für die Heirat, insbesondere für die Zeit von der Hochzeit bis zu dem +folgenden Neujahrsfeste, bestehen so zahlreiche Verbotsbestimmungen, +dass die Kajan, um diese lästige Periode abzukürzen, vorzugsweise +kurz vor diesem Feste heiraten. + +Bei den gewöhnlichen Kajan verläuft eine Hochzeit sehr schlicht; +die Häuptlinge dagegen veranstalten bei der Heirat ihrer Kinder +grosse Feste, die zwei bis drei Tage dauern und an denen sich alle +angesehenen Dorfbewohner beteiligen. + +Die Hochzeit wird im Hause der Braut gefeiert, in welches der Bräutigam +durch seine Freunde geleitet wird. Die Wohnung, aus der aller Hausrat +vorher entfernt wurde, ist mit Grün und bunten Tüchern festlich +geschmückt und die Wände sind mit allem, was die Eltern der Braut +dem Geleite des Schwiegersohnes schenken, behängt. Die Freunde haben +denn auch das Recht, alles Schöne, das ihnen durch die Freigebigkeit +des Häuptlings und die Beiträge der Dorfgenossen angeboten wird, +mit sich heim zu nehmen. + +Unter den Geschenken, die Braut und Bräutigam einander geben und +auch unter denen der Familienglieder, spielen Perlen eine wichtige +Rolle. Von dem Bräutigam erhält die Braut zuerst einen _taksa hawa_ +(Gürtel für die Ehefrau), bestehend aus einer Schnur mit vier alten +Perlen; beim Hochzeitsmahl findet sie zwei weitere Perlen im Reis; +ausserdem erhält sie noch eine besonders schöne Perle, die "_koho +guman" (kuman = essen)_. + +Die Verwandten und Bekannten schenken eine Perlenschnur (_dje)_, die +so lang als die Braut sein muss und die, je nach der Wohlhabenheit +der Geber, einen höheren oder geringeren Wert besitzt. + +Mann und Frau sind in der Ehe gleichberechtigt; die Leitung des +Hauses gelangt aber auch bei den Kajan in die Hände der stärkeren +Persönlichkeit. Wie bereits gesagt, wird von beiden Teilen vollkommene +Treue verlangt, auch für den Fall, dass der Mann langdauernde Reisen +unternimmt. Ein Treubruch wird schwer bestraft, scheint übrigens selten +vorzukommen. Der Mann hat eine höhere Busse zu bezahlen als die Frau. + +Der schuldige Teil hat die Busse an die Familie des beleidigten +Teils zu entrichten; weigert er sich, der Strafe nachzukommen, so +ist die öffentliche Meinung stark genug, um seine Halzstarrigkeit +zu brechen. Ist er durchaus nicht im stande, die Busse aufzubringen, +so helfen ihm die Verwandten und Bekannten. + +Wenn sich nach dem Tode von Mann oder Frau der überlebende Teil wieder +verheiraten will, muss er nach dem Gebot der _adat_ mindestens 1 1/2 +Jahre warten; eine Übertretung erfordert Busse. + +Daher hatte _Akam Igau_, als ihm die Trauerzeit nach denn Tode seiner +ersten Frau zu lang vorgekommen war und er sich vor Ablauf derselben +mit _Tipong_, der Schwester seines Schwiegersohnes _Sigau_, verheiratet +hatte, seinen Kindern eine bedeutende Entschädigung auszubezahlen. Die +Busse wurde teilweise von den verschiedenen Familien in Tandjong +Karang aufgebracht. Im Ganzen waren zur Sühnung der Schuld zwanzig +Gonge erforderlich gewesen; ausserdem empfing jedes Kind eine kostbare +alte Perle und ein Stück schwarzen Kattuns. Dieses sollten die Kinder, +wie man mir erklärte, abends als Binde vor den Augen gebrauchen, +bildlich, um die Schuld des eigenen Vaters nicht zu sehen. + +In der Ehe herrscht Gütertrennung. Vater und Mutter sorgen +gemeinschaftlich für den Unterhalt der Kinder. Sind diese einmal +erwachsen, so bleiben sie zwar im Elternhause wohnen, bebauen aber +mit Hilfe von Freunden und Freundinnen ihre eigenen Reisfelder. Sie +leben von dem Ertrag des Ackerbaus und von den Nebenverdiensten, die +sie sich als Kunsthandwerker, Schmiede, Tätowierkünstler, Priester +u.s.w. erwerben. Müssen einige Artikel, wie Salz, Tabak und Kattun, +in grösseren Mengen von Händlern an Ort und Stelle gekauft oder von +der Küste herbeigeschafft werden, so wird die erforderliche Kaufsumme +von allen Familiengliedern gemeinsam zusammengebracht; von dem Vorrat +gebraucht jeder nach Bedürfnis. In allen derartigen Angelegenheiten +hat der Vater die Hauptstimme. + +Kommen Eheleute überein, dass sie sich auf gutwillige Weise +trennen wollen, so behält bei der Scheidung jeder Teil sein +Heiratsgut. Widersetzt sich dagegen der eine Teil einer Scheidung, so +muss ihm der andere als Entschädigung sein Heiratsgut überlassen. Die +Kinder dürfen selbst entscheiden, mit welche Partei sie es halten +wollen; die kleinen folgen gewöhnlich der Mutter, meist stehen sie +aber mit beiden Eltern auf gutem Fuss. + +So lange die Kinder im Elternhause leben, haben sie auf nichts +anderes als die Geschenke, die sie ab und zu erhalten, und ihren +eigenen Verdienst Anspruch. Auch nach dem Tode der Eltern wird, wenn +die Kinder noch beisammen bleiben, das Erbe nicht geteilt. Gehen +sie auseinander, so erben Söhne und Töchter gleich viel. Speziell +bei den Mendalam Kajan erben die Töchter mehr als die Söhne, mit der +Begründung, dass diese leichter ihren Unterhalt verdienen können. + +Die Familienerbstücke (_dawan una_) fallen gewöhnlich dein ältesten +Kinde zu; die übrigen Kinder werden durch andere Wertgegenstände +schadlos gehalten. + +Mann und Frau erben nicht von einander. Im Falle dass keine Kinder da +sind, geht der Besitz des verstorbenen Teils an dessen Familie zurück. + +Ein Todesfall in der Familie veranlasst so viel Arbeit, dass die +Angehörigen kaum Zeit haben, sich der Trauer hinzugeben. + +Wenn der Tod infolge von Krankheit eintrat, siedelt die Seele +des Verstorbenen nach dem Kajanhimmel, _Apu Kesio_, über und jeder +beeilt sich, ihr alles für die Reise Erforderliche zu beschaffen. Die +Vorbereitungen für das Begräbnis gewöhnlicher Kajan dauern zwei bis +drei Tage, für Häuptlinge bis zu acht Tagen. + +Die Leiche wird zuerst gewaschen, dann mit Blumen eingerieben und +mit schönen Kleidern geschmückt. + +Die Totenkleidung besteht aus weissem Kattun und wird mit schwarzen +Arabesken und Menschen- und Tiergestalten verziert. Als Kopfbedeckung +erhält der Tote eine altmodische Baumbastmütze. Den Schmuck, +den die Kajan im Jenseits tragen wollen, wählen sie sich schon bei +Lebzeiten aus; er ist in bezug auf Material und Arbeit von der besten +Qualität. (Näheres über Totenkleidung siehe Kap. VII). + +Zur Besänftigung der bösen Geister, die sich der Leiche des +Verstorbenen bemächtigen könnten, versehen die Hinterbliebenen diese +in liebevoller Sorgfalt mit Perlen. Nur die Reichen geben dem Toten +alte Perlen mit, die Unbemittelteren begnügen sich mit neueren. Die +Perlen haben, je nach dem Körperteil auf dem sie angebracht werden, +verschiedene Namen: + +_kali mata_, 2 × 4 an ungedrehte Pflanzenfasern gereihte Perlen, +werden auf jedes Auge gelegt. + +_kali pro_, eine Perle, die in die Kehle gesteckt wird. + +_kali djela_, eine Perle, die auf die Zunge gelegt wird. + +_kali lo-ong_, eine grössere Perle, die mitten auf den Leib gebunden +wird. + +_usut usu_, Perlen, die um die Finger gebunden werden. + +_tewel buwa awong to_, eine Perle, die an jedem Daumen befestigt wird. + +_usut tudak_, 2 × 4 Perlen, die an jedes Bein gebunden werden. + +_aaset udjong halöbw_, Eisen, das auf die Kniee gelegt wird. + +Einem Häuptling wird ausserdem als weiterer Schutz ein hölzerner +_rimau_ oder _ledjo_ (Tiger) mitgegeben. + +Bei allen diesen Vorbereitungen helfen Freunde und Bekannte; sie sind +die Zeit über Gäste der Leidtragenden. + +Nach Beendung der Ausstattung wird der aus zwei Hälften +ausgehöhlter Baumstämme bestehende Sarg ins Haus gebracht und die +Leiche hineingelegt; die Ritzen werden mit Guttapercha luftdicht +verschlossen. In den folgenden Tagen wird die Ausrüsting, die dem Toten +ausserhalb des Sarges mitgegeben wird, in Ordnung gebracht. Dann wird +der Sarg von Männern auf den Begräbnisplatz getragen und, je nach +dem Stande des Verstorbenen, einfach auf dem Boden niedergesetzt +oder auf ein hölzernes Gerüst gestellt, das oft mit einem schön +geschnitzen hölzernen Dache überdeckt wird. An die Bäume und Sträucher +ringsherum werden bunte Tücher und Wimpel gehängt und neben dem Sarge +werden die übrigen für den Aufenthalt in _Apu Kesio_ notwendigen +Gegenstände, die im Sarge selbst keinen Platz fanden, niedergelegt; +es sind dies: Waffen, Ruder, Gonge, Tempajang (grosse irdene Gefässe), +Kleidungsstücke, Hausgerät und dergleichen. Die kostbaren Gegenstände +werden oft zum Schutz gegen Diebstahl seitens der Malaien durch +Zerbrechen wertlos gemacht. + +Wenn es sich um einen vornehmen Häuptling handelt, wird der Sarg in +einem _salong_, einem nach allen Seiten geschlossenen Häuschen aus +Eisenholz, beigesetzt. Der _salong_ ist oft mit künstlerisch schönen +Malereien und einem prachtvoll gearbeiteten Dache verziert. In dem +_salong_ werden noch so lange andere Leichen der Familie beigesetzt, +bis er gefüllt ist oder verfällt. + +Leibeigene ohne Familie werden nach dem Tode einfach zum Begräbnisplatz +getragen, in eine Matte gewickelt und niedergelegt. Einst sahen wir, +wie die Leiche eines wenige Stunden vorher verstorbenen Sklaven von +einem anderen auf dem Rücken zum Flusse getragen und in einem Boote +weggeführt wurde; bereits nach einer Stunde kehrten die Männer wieder +zurück. Während die Bekannten beim Tode eines freien Kajan die Rolle +von Klageweibern übernehmen und das Weinen der Familie verstärken, +hatte für den Sklaven nur eine einzige Frau kurze Zeit ihr Jammern +ertönen lassen. + +Alle, die auf andere Weise als durch Krankheit ums Leben kommen, +geniessen weder das Vorrecht eines ehrenvollen Begräbnisses noch ist +ihnen, nach der Überzeugung ihrer Hinterbliebenen, ein künftiges Leben +in _Apu Kesio_ beschieden. Die Seelen der Ermordeten, Selbstmörder, +Verunglückten, im Kampfe Gefallenen, bei der Entbindung Gestorbenen +und Totgeborenen gelangen auf zwei verschiedenen Wegen nach zwei +anderen Orten, wo sie mit ähnlichen Unglücklichen, wie sie selbst, +weiterleben müssen. Die Leichen dieser Armen flössen den Kajan Abscheu +ein, daher werden sie nur in eine Matte gerollt und verscharrt. Ein +besonderes Grauen erregen die Leichen von Wöchnerinnen; kein Mann und +keine jüngere Frau darf sie berühren; sie werden auch nicht durch die +Galerie vorn aus dem Hause hinausgetragen, sondern nach Entfernung +einiger Bretter aus der hinteren Wand der Wohnung hinausgeworfen, in +Matten gewickelt und an Rotangseilen zur letzten Ruhestätte geschleift. + +Bei Begräbnissen von Personen, die eines ehrenvollen Todes gestorben +sind, geben sowohl Männer als Frauen das letzte Geleite, letztere +müssen der allgemeinen Trauer durch lautes Weinen Ausdruck verleihen. + +Die eigentliche Trauer beginnt erst nach der Beisetzung des +Verschiedenen und dauert vierzehn bis fünfzig Tage. + +Während der Trauerzeit ist es Besuchern von auswärts verboten, +die Wohnung oder die Reisfelder der Leidtragenden zu betreten. Beim +Tode eines Häuptlings wird der ganze Mendalam für verboten (_lali_) +erklärt. Das Verbot wird durch Spannen eines Rotangseiles über den +Fluss angezeigt; zerreisst jemand das Seil, so muss er Busse bezahlen, +aber das _lali_ ist damit zu Ende. + +Während der Trauerzeit darf nur Baumbastkleidung ohne jeden Schmuck +getragen werden; die Frauen setzen sich ausserdem eine grosse +Trauermütze mit hängenden Zipfeln auf. (Siehe Kap. VII). + +Kommt ein Todesfall in der Zeit vor, wo eine Familie der Feldarbeit +wegen auf dem Reisfeld wohnt, so darf sie vor Ablauf des Neujahrfestes +das grosse Haus nicht wieder betreten und baut sich daher in dessen +Nähe zwischen den Reisscheunen eine zeitweilige Hütte. + +Am Ende der Trauerzeit feiert die Familie mit Hilfe einer Priesterin +eine _mela_ (siehe f. Kap.), bei der Schweine und Hühner geopfert +und von den Hausgenossen und Gästen bei einem Festmahl verspeist +werden. Nach der _mela_ muss sich die Familie noch einen, Tag still +verhalten, _melo_, dann darf sie ihr Alltagsleben wieder aufnehmen. Die +Priesterin erhält für ihre Dienste ein Schwert, zwei Mass Reis und +vier bis fünf mehr oder minder wertvolle Perlen. + +In früheren Zeiten war zum Ablegen der Trauer ein frisch erbeuteter +Schädel oder irgend ein anderer menschlicher Körperteil erforderlich +gewesen, der, wenn es Häuptlinge galt, wahrscheinlich auf Kopfjagden +(_ajo_) erlangt wurde. Gegenwärtig werden zu diesem Zwecke am Kapuas +überhaupt keine Kopfjagden mehr unternommen; selbst alte Schädel werden +nur noch in besonders ernsten Fällen bei benachbarten Stämmen geliehen; +in der Regel begnügt man sich jetzt mit etwas Menschenhaar. Sehr +wahrscheinlich ist die Bedeutung dieser Sitte die, dass man dein +Verstorbenen einen Menschen opfert, damit er ihm als Diener ins +Jenseits folge. Da bei den Bahau nur Häuptlinge sich Diener halten, +wurden begreiflicherweise auch nur für diese Köpfe gejagt. + +Dass bei anderen wichtigen Lebensereignissen, wie bei der Geburt eines +Kindes und bei Hochzeiten, die Erbeutung eines Kopfes augenblicklich +oder in früheren Zeiten jemals notwendig gewesen, habe ich während +meines Aufenthaltes unter den Bahau und Kenja nie ermitteln können. Ich +glaube mit Sicherheit erklären zu können, dass die _adat_ diese +Sitte nicht fordert. Auch herrschte bei ihnen nie der Gebrauch, das +Schlachtopfer auf dem Häuptlingsgrabe langsam zu Tode zu martern, wie +dies die Stämme am Barito und Kahájan und die Batang-Lupar noch jetzt +zu tun scheinen. Es war selbst verboten, einen Haussklaven zu opfern +und auch ein Kriegsgefangener oder eine gekaufte Person waren gerettet, +sobald sie das Haus erblickt hatten. Dies geschah, beispielsweise, +im Jahre 1893 am Mahakam, als _Bang Jok_, ein Häuptling in Long Deho, +beim Ablegen der Trauer nach dem Tode seines Vaters _Jok Bang_, einen +Menschen opfern wollte. Der Sklave hatte damals, wahrscheinlich durch +Zufall, das Haus bemerkt und durfte daher nicht getötet werden. + +Wir sehen somit, dass die Religion bei den Kajan am Kapuas auch +früher nur beim Tode des Häuptlings die Opferung eines Menschen +erforderte und dass gegenwärtig eine Erinnerung an diesen Brauch +genügt. Dagegen besteht noch jetzt bei ihnen die Sitte, die Schädel +ihrer erschlagenen Feinde aufzubewahren; man findet daher in einigen +ihrer Häuser, besonders aus früheren Zeiten, derartige Trophäen +in grosser Zahl. Trotzdem bei den friedliebenden Bahau Tapferkeit +und Stärke nicht zu den geschätztesten Eigenschaften gehören (Siehe +f. Kap. Schöpfungsgeschichte: die Stärksten und Gewandtesten werden +zu Sklaven), ist es doch für Häuptlingssöhne wünschenswert, wenn +auch nicht unerlässlich, dass sie irgend welche Beweise ihres Mutes +liefern. Daher hat sich jetzt noch die Sitte bei ihnen erhalten, +dass erwachsene Häuptlingssöhne die Gelegenheit, die sich ihnen +bietet, eine gefahrvolle Reise zu unternehmen oder einen Menschen +zu töten, wahrnehmen. Selbst das Töten gekaufter alter Frauen wird +nicht verschmäht; denn das Vergiessen von Menschenblut an und für +sich sehen die Bahau schon als eine mutvolle Tat an, eine Auffassung, +die mit ihrem furchtsamen Charakter völlig übereinstimmt. Auch suchen +die jungen Häuptlinge stets auf eine für sie selbst ungefährliche +Weise ihr Opfer zu treffen. Besonders geeignet zur Erbeutung eines +Kopfes sind Handelszüge, hauptsächlich die zu den im Norden wohnenden +nichtverwandten Stämmen; hierauf beruht auch die alte Feindschaft +der Bahau mit den Batang-Luparstämmen am mittleren und unteren +Batang-Rèdjang. + +In früheren Zeiten unternahmen die Bahau auch Züge zu dem alleinigen +Zwecke, Köpfe zu erbeuten; sie jagten hauptsächlich bei ihren Feinden +am oberen Kahájan und Miri oder Mengiri, die sie früher aus dein +Gebiet des oberen Mahakam vertrieben hatten. + +Bei den Mendalam Kajan können Kopfjagden seit langer Zeit nicht mehr +stattgefunden haben; am oberen Mahakam haben die Kajan am Blu-u ihre +letzte Kopfjagd vor 13 Jahren am Kahájan unternommen. Obgleich sich +nur 15 Mann an dem Unternehmen beteiligten und keine Köpfe, sondern +nur ein Gefangener erbeutet wurden, betrachtete man diesen Zug doch +als einen richtigen Kriegszug. Der gefangene Kahájan Dajak lebte noch +bei meiner Ankunft am Blu-u, war mit einer der hübschesten Sklavinnen +verheiratet und besass vier Kinder. Ein anderer Sklave, _Sorong_, trug +auf seinen Waden eine Ot-Danom Tätowierung und war augenscheinlich in +beinahe erwachsenem Alter erbeutet worden; er was Vater von elf Knaben, +besass als Ratgeber des Häuptlings _Kwing Irang_ eine bevorrechtete +Stellung und war durch seinen Handel zu Wohlstand gelangt. + +Da Kopfjagden unter grossen Anstrengungen und Entbehrungen mit viel +Vorsicht unternommen werden und viele Monate, bisweilen ein ganzes +Jahr, dauern, Arbeitskräfte in einem Dorfe in der Regel aber nicht +entbehrt werden können, ist es begreiflich, dass sie nur selten +stattfinden. + +Bemerkenswerter Weise trifft man weder bei den Bahaustämmen am Kapuas +noch am Mahakam auf der Galerie ihrer Häuser die Schädeltrophäen, +die den Eintretenden an anderen Orten so unangenehm berühren. Auch +in den vier Niederlassungen der Bahau am Mendalam und in denen +der Kajan, Long-Glat, Ma-Suling und anderer Stämme unterhalb der +Mahakamfälle bemerkte ich keine Schädel. Nur in der Niederlassung des +Pnihinghäuptlings _Belarè_, der selbst halber Punan ist und dessen +Stamm wahrscheinlich nicht zu den Bahau gehört, fand ich Schädel +hängen. Indessen besitzen auch alle anderen Häuptlinge Schädel, +sie bewahren sie aber an einem Ort, wo sie nicht sogleich ins Auge +fallen. So bemerkte ich einen Teil eines Schädels in Batu Sala, +einer Long-Glat Niederlassung, an der Aussenwand des Hauses, er war +aber hinter einem Büschel Palmblätter kaum sichtbar. + +Bahau und Kenja trocknen die Köpfe über dem Feuer, ohne die +Fleischteile von den Schädeln zu entfernen; auch werden diese nie +mit Figuren verziert. + +Ich glaube die Tatsache, dass die Bahau keine Schädel auf die +Galerie hängen, dem Umstande zuschreiben zu können, dass ihnen die +Schädel selbst Abscheu und Angst einflössen. Sogar sehr alte Männer, +denen die _adat_ die geweihtesten Dinge zu berühren gestattet, fassen +einen Schädel nur sehr ungern an. Als Beweis für diese Auffassung mag +auch das folgende Begebnis dienen, das ich selbst am oberen Mahakam +erlebte. Dort war nämlich das alte Haus der Ma-Suling am Merasè +so baufällig geworden, dass der Stamm sich einen neuen Wohnplatz +suchen musste. Aller Besitz und die noch brauchbaren Materialien +wurden mitgenommen, nur die Schädel wagte man nicht aus dem alten +Hause zu entfernen. Man rief daher den Pnihinghäuptling _Belarè_ zu +Hilfe, der die Schädel vorläufig in einer Hütte vor dem alten Hause +unterbrachte und selbst als Belohnung für seine Mühe die Hälfte der +Schädel mitnahm, um seine Galerie mit ihnen zu verzieren, was ihm +sehr zu statten kam, da ihm bei der Brandschatzung seines Hauses im +Jahre 1885 seine eigenen Trophäen verloren gegangen waren. Dieses +geschah im Jahre 1897 und noch im Jahre 1900 standen die Schädel +auf dem inzwischen verwilderten Platze vor dem verfallenen Hause, +wo wilde Rinder, Hirsche und Schweine den ganzen Boden aufgewühlt +hatten. _Belarè_ sollte damals noch einmal kommen, um die Schädel in +dem inzwischen vollendeten Hause der Ma-Suling aufzuhängen. + +Die Schädel, die man bei den Stämmen in Mittel-Borneo antrifft, sind +so verschiedenen und unsicheren Ursprungs, dass es keinen Wert hat, +sie aus anthropologischem Interesse anzukaufen. Wie aus Obenstehendem +hervorgeht, werden Schädel auf Kopfjagden erbeutet oder gekauft +oder als Belohnung oder aus weit entfernten Gebieten als Geschenk +erhalten. Der Sultan von Kutei schenkte z.B. dem Häuptling _Kwing +Irang_ zwei Köpfe, die im Gebiete des unteren Bulungan erbeutet worden +waren. Bedenkt man, dass die Kopfjäger in ihrer Eile und Erregung oft +nicht wissen, wessen Kopf sie eigentlich erbeutet haben, so nimmt es +nicht Wunder, dass die Besitzer der Schädel selbst nicht immer angeben +können, von wo oder von welchem Stamme diese herrühren; ausserdem +teilen die Bahau den Fremden, aus Furcht vor Rache, nicht gern mit, +auf welche Weise sie zu ihren Schädeln gelangt sind. + + + + +KAPITEL V. + + Religiöse Vorstellungen der Bahau--Wichtigste Götter--Einteilung + des Weltalls--Gute und böse Geister--Seelen der Bahau--Charakter + und Schicksal der _bruwa_ und _ton luwa_--Seelen der Tiere, + Pflanzen und Gesteine--Vorzeichen--Erklärung der _pemali_--Priester + und Priesterinnen--Beseelung der _dajung_--Pflichten der + _dajung_--Erklärung der _mela_--Das Ei als Opfergabe. + + +Um die Höhe der geistigen Entwicklung und die Eigenart eines Volkes +beurteilen zu können, muss man vor allen Dingen die Vorstellungen +kennen lernen, die dieses sich von seiner Stellung gegenüber +der umgebenden Natur bildet. In höherem oder geringerem Masse +sind diese Vorstellungen, die wir als Religion bezeichnen, jedem +denkenden Wesen eigen. Je widerstandsfähiger ein Volk sich seiner +Umgebung gegenüber fühlt, desto verschiedener und erhabener wird es +sich ihr gegenüber vorkommen. Ein Volk gewinnt aber nur dann eine +gewisse Furchtlosigkeit und Unabhängigkeit gegenüber den auf sein +Dasein einwirkenden Naturkräften, wenn es bewusst oder unbewusst so +viel Kenntnis von der Natur erlangt, dass es sein Leben mit deren +Forderungen in Übereinstimmung zu bringen im stande ist. + +Berücksichtigen wir, dass die Bahau und Kenja von Borneo +ackerbautreibende Stämme sind, deren Lebensunterhalt von der Witterung +und anderen sichtbaren Naturänderungen unmittelbar abhängig ist, +dass ausserdem die schädlichen Einflüsse des Klimas ihr körperliches +Befinden durch Krankheit so stark beeinträchtigen, dass sie an Zahl +wenig zunehmen, so kann es uns nicht wundern, in den religiösen +Überzeugungen dieser Stämme das Gefühl der Abhängigkeit von der +sie umgebenden Natur stark ausgeprägt zu finden. In der Tat ist die +Stellung, die sich die Bewohner von Mittel-Borneo im Reiche der Natur +anweisen, eine sehr bescheidene; denn sie kommen sich selbst von +den Pflanzen, Tieren und Gesteinen ihrer Umgebung nicht wesentlich, +sondern nur graduell, verschieden vor. + +Charakteristischer Weise schreiben die Bahau nicht mir sich selbst, +sondern auch allen belebten und unbelebten Wesen den Besitz von +Seelen (_bruwa_) zu. Nach ihrer Auffassung reagieren die Seelen eines +Baumes, eines Hundes oder eines Felsens auf dieselbe Art wie die eines +Menschen, sie werden von denselben Empfindungen der Lust und Unlust +bewegt. Daher suchen die Bahau die erzürnten Seelen der Tiere, Pflanzen +und Steine, welche sie zu verletzen oder zu vernichten gezwungen sind, +durch Opfer zu besänftigen; im übrigen aber empfinden sie vor ihnen +keine besondere Angst. Die Wirkungen der Naturkräfte erscheinen ihnen +dagegen für das Wohl und Wehe des Menschen viel bedeutungsvoller und +auch gefährlicher. + +Die wahren Ursachen von Donner, Blitz, Regen und Wind nicht kennend +stellen sich die Bahau diese als. Äusserungen von Wesen oder Geistern +(_to_) vor, die zwar mächtiger sind als sie selbst, sonst aber +Angenehmes und Unangenehmes auf die gleiche Weise wie die Menschen +empfinden. Die Geister können daher einerseits durch Geschenke und +Opfer von lebenden oder toten Wertgegenständen günstig gestimmt werden, +andererseits durch diejenigen Dinge, die auch den Menschen Abscheu +und Angst einflössen, in die Flucht geschlagen werden. Ich beobachtete +einige Male, dass der Sohn _Kwing Irangs_, des Häuptlings der Mahakam +Kajan, bei heftigem Sturme aus dem Hause stürzte und, um den Geistern +zu imponieren und sie gleichzeitig zu besänftigen, das erste beste +Tier, das ihm in den Weg kam, einmal ein Schwein, einmal ein Huhn, +mit Schwertschlägen tötete. Ein anderes Mal stürzte ein Mann, in der +einen Hand ein gezogenes Schwert in der andern einen Schädel haltend, +während eines Sturmes aus dem Hause, um den Sturmgeist in die Flucht +zu schlagen. + +Auch durch Schreien suchen die Bahau die Wind- und Regengeister zu +vertreiben; hilft dieses Mittel nicht, so stellen sie zur Abschreckung +einen Schädel vor das Haus. Als wir auf einer Reise mit den Mendalam +Kajan von einem heftigen Gewitter überfallen wurden und sehr nahe +Donnerschläge uns erschreckten, zogen die Kajan sogleich ihre Schwerter +halb aus der Scheide, um die gewaltigen Geister zu verjagen. + +Diese Naturgeister üben auch direkten Einfluss auf das Leben der +Menschen aus; so werden bestimmte Vergehen durch die _to belare_, +Donnergeister, bestraft. Das Lachen über Tiere z.B., das bei den Bahau +als Verbrechen gilt, wird durch die _to belare_ sogleich gestraft, +indem sie dem Schuldigen den Hals umdrehen. Es ist daher sehr +unvorsichtig, mit einem Huhn, Hund oder Schwein etwas vorzunehmen, +was die Leute zum Lachen bringen könnte. Als am Mahakam plötzlich +ein kleines Mädchen, wahrscheinlich an Vergiftung, starb, schrieben +die Dorfbewohner ihren Tod dein Umstand zu, dass sie über irgend ein +Tier gelacht haben sollte. + +Ausser diesen Naturgeistern, die sich als Blitz, Donner, Wind und +Regen äussern, kennen die Bahau noch eine Schar anderer _to_, +die, je nachdem wie sie sich den Menschen gegenüber verhalten, +als gute und böse bezeichnet werden. An jene wendet man sich bei +Krankheit, Unglücksfällen und bösen Träumen um Hilfe, diese, als die +Unglücksträger, sucht man durch Gewaltmittel zu vertreiben oder durch +Opfer zu beschwichtigen. + +Die _to_ werden, je nach der geistigen Entwicklungsstufe, welche die +einzelnen Bahau einnehmen, verschieden aufgefasst. Während man die +gewöhnlichen Leute nur von den _to_, als den Urhebern ihrer Freuden +und Leiden, sprechen hört, betrachten die höher Stehenden, wie die +Häuptlinge und Priester, die _to_ nur als die direkten oder indirekten +Werkzeuge eines obersten Gottes _Tamei Tingei_ (= unser hoher Vater). + +Wenden wir uns, bevor wir näher auf die _to_ eingehen, im folgenden +den höheren geistigen Mächten der Bahau zu. + +Ihr ganzes Weltall wird von dem eben genannten _Tamei Tingei_, +dem Allvater, beherrscht, der mit seiner Gemahlin _Uniang Tenangan_ +über allen anderen von Geistern und Menschen bewohnten Regionen lebt. + +Ausser dem Allvater erkennen die Bahau noch andere hohe Götter an, +die unter _Tamei Tingeis_ Oberherrschaft im Weltall bestimmte Rollen +zu erfüllen haben. Es sind dies: + +_Djaja Hipui_ (= alter Häuptling), die Mutter der Kajanwelt und +Beherrscherin der guten Geister, jetzt mit _Howong Hwan_ vermählt +und _Amei Awi_ (= Vater Awi) und dessen Gemahlin _Buring Une_, welche +die Erde und ihre Erzeugnisse beherrschen. + +Götter, Geister, Menschen und Seelen der Verstorbenen wohnen im Weltall +nicht durcheinander, sondern in bestimmten Schichten oder Regionen, +die zum Teil besondere Namen tragen; es existieren deren fünf, nämlich: + +1. oberste Region, bewohnt von _Tamei Tingei_ und dessen Gemahlin +_Uniang Tenangan;_ + +2._ Abu Lagan_, bewohnt von _Djaja Hiwi_ und dessen Gemahl _Howong +Hwan;_ + +3. _Apu Kesio_, bewohnt von den Seelen der Verstorbenen; + +4. die Erde, bewohnt von den Menschen; + +5. unterirdische Region, bewohnt von _Amei Awi_ und dessen Gemahlin +_Buring Une_. + +Für die gebildeteren Bahau ist _Tamei Tingei_ derjenige Gott, +welcher das Lebenslos der Menschen beherrscht, der bereits hier +auf Erden denjenigen straft, der sich Übertretungen der _adat_ und +andere Übeltaten zu Schulden kommen lässt, und denjenigen belohnt, +der sich durch gute Werke auszeichnet. Er ist allwissend und hat zur +Vollstreckung seines Willens eine Schar böser, die Erde bewohnender +Geister zur Verfügung. Man sollte vom Allvater, der nicht nur straft, +sondern auch belohnt, erwarten, dass ihm ausser den bösen Geistern +auch gute direkt zu Diensten stehen. Ich habe aber letztere nie +erwähnen hören; es ist daher wahrscheinlich, dass _Tamei Tingei_ sich +für seine Zwecke der im _Apu Lagan_ unter _Diaja Hiwis_ spezieller +Aufsicht stehenden guten _to_ bedient. + +_Amei Awi_ und _Buring Une_ beherrschen die Erde und den Ackerbau. Da +das Gelingen der Ernte von ihnen abhängt, wird ihnen besonders bei +den Saatfesten und beim Beginn der Erntefeste geopfert. Sie leben in +aller Herrlichkeit auf einer Erde, die unter derjenigen der Menschen +liegt und so fruchtbar ist, dass sie nahrhaften Reis und Früchte +aller Art in Hülle und Fülle hervorbringt. + +Während _Tamei Tingei, Amei Awi_ und ihre Gemahlinnen von Anbeginn +an Gottheiten gewesen sind, lebte _Djaja Hiwi_, die Beherrscherin +der guten Geisterwelt _Apu Lagan_, einst als menschliches Weib auf +Erden und zwar im Stammland aller Bahau, im Apu Kajan, als Ehefrau +von _Tamei Angoi_, einem Häuptling am Kajanufer. _Djaja Hipuis_ +Vorgeschichte ist folgende: + +Im Apu Kajan, wo für gewöhnlich ein Überfluss an Reis und herrlichen +Früchten herrschte, trat einst Hungersnot ein. Daher begab sich +_Tamei Angoi, Djaja Hipuis_ Gatte, mit seinem Sohne _Tekwan_, auch +wohl _Sunung Kule_ genannt, in das Land _Lagan Pau_, um dort für +Gonge, Schwerter und Perlen Reis einzukaufen. Aber auch dort herrschte +Reisnot, so dass sie sich unverrichteter Sache auf den Rückweg machen +mussten. Zum Übermass des Unglücks ertrank _Tekwan_ unterwegs in den +Wasserfällen des Flüsschens Lirong. Tief gebeugt kehrte der Vater in +sein langes Haus am Kajan zurück; sein Kummer wurde von _Djaja Hiwi_ +und dem ganzen Volke geteilt. + +Als _Tamei Angoi_ nach Ablauf der Trauerzeit zufällig auf eine Leiter +stiess, die nach oben in die Geisterwelt _Apu Lagan_ führte, beschloss +er in seiner Not, von dort mit Hilfe seiner Tauschartikel Reis für +seine hungernden Untertanen zu holen. So stieg er denn voller Hoffnung +die Leiter hinauf und gelangte vor _Buring Bango_, die Frau, die +damals den _Abu Lagan_ beherrschte. _Tamei Angoi_ wurde für seinen Mut +belohnt; denn er fand hier nicht nur einen Überfluss an Reis, sondern +feierte auch Wiedersehen mit seinem Sohne _Tekwan_. Leider durfte +ihm dieser aus der Geisterwelt nicht wieder auf die Erde folgen, was +die Freude des Vaters, der im übrigen sehr befriedigt von dem Erfolg +seiner Unternehmung in sein Land zurückkehrte, etwas beeinträchtigte. + +Kaum hatte _Djaja Hipui_ erfahren, dass ihr ältester Sohn im _Apu +Lagan_ wohnte, als sie sich auf Erden nicht mehr halten liess; trotzdem +weder _Tamei Angoi_ noch ihr jüngerer Sohn _Imu Djoatut_ das Land, +in dem sie bis jetzt so glücklich gelebt hatten, verlassen wollten, +beschloss die Mutter dennoch, zu ihrem _Tekwan_ überzusiedeln. Ein +grosser Teil der Dorfbewohner schloss sich _Djaja Hipui_ an und so +stiegen sie gemeinsam auf der Leiter nach oben, worauf sie diese +zerbrachen. _Buring Bango_ jedoch wollte die Neuangekommenen in ihrem +Reiche nicht aufnehmen, daher entbrannte ein heftiger Kampf. _Buring +Bango_ wurde besiegt und gezwungen, nach _Pu-u Siu_ zu flüchten und +ihr Reich _Djaja Hipui_ zu überlassen. + +Von_ Tamei Angoi_ und _Imu Djoatut_, den auf Erden Zurückgebliebenen, +stammen sämmtliche Bahau ab. + +_Djaja Hipui_ lebt mit den Ihren im _Apu Lagan_ nach der Weise +der Bahau auf Erden, in langen Häusern, an einem Flussufer. Ober- +und unterhalb von _Djaja Hipuis_ Hause stehen je zwölf dieser langen +Häuser und zwar heissen die zwölf ersten, von oben gerechnet: _Ingan +I; Bua Kudja; Ulo Lawing; Paren Tingin; Paren Balui; Batang; Uniang +Awang; Utan; Ingan II; Bua Kaping; Tijung_ und _Apu Lagan_. Die Namen +der flussabwärts gelegenen Häuser sind mir nicht bekannt. + +_Djaja Hipui_ greift auch in das Lebenslos der Menschen ein; wird +sie z.B. zu häufig oder zu ungelegener Zeit, besonders durch Fluchen, +angerufen, so straft sie. + +Die guten Geister des _Apu Lagan_ sind den Bahau günstig gesinnt: sie +beseelen die Priester und helfen ihnen dadurch, die in Krankheitsfällen +entflohenen Seelen der Menschen zurückzurufen; sie beseelen auch die +Tätowierkünstler, Hirschhornschnitzer; Schmiede und ähnliche Leute; +auch sind sie es, die mit Hilfe von Tieren, Träumen und Begebnissen +aller Art die Bahau auf das, was sie tun und lassen müssen, aufmerksam +machen. + +Über die Vorstellung, die sich die Bahau von dem Aussehen der guten +_to_ machen, habe ich nie etwas vernommen. + +Dagegen schreiben sie den strafenden Geistern, die sie daher als die +"bösen (_dja-ak_)" bezeichnen, alle Körpereigenschaften zu, die sie +selbst an ihren Nebenmenschen unangenehm und hässlich finden. Die +bösen_ to_ sind menschenähnliche Wesen mit grossen, dicken Leibern, +riesigen Augen in grossen Köpfen, schweren Hauern, dichter langer +Behaarung und aussergewöhnlicher Stärke. Die den Donner und Blitz +verursachenden _to belare_ sind z.B. so stark, dass man glaubt, +vom Blitz getroffene Bäume seien von ihnen auseinander gerissen. Das +Blitzen erzeugen sie durch das Funkeln ihrer Augen, das Donnern durch +das Tönen ihrer Stimmen. Sie bewohnen gewöhnlich Höhlen an Bergabhängen +und bilden ähnliche Gemeinwesen wie die Bahau. Auch die übrigen bösen +Geister suchen sich als Wohnplätze die Orte aus, die auf das Gemüt +der Menschen einen beängstigenden Eindruck hervorbringen, wie stark +bewachsene Berge, dunkle Waldgebiete, Felshöhlen und eigentümlich +geformte Felsen und Steinklumpen. + +Viele Berge werden von den Eingeborenen wegen der dort hausenden +Geister gemieden und auch mir gestatteten sie öfters nicht, in die +Nähe einer Berghöhle zu gehen. Bei der Besteigung des Batu Kasian +hörte ich den Häuptling _Kwing Irang_ unseren Pflanzensucher fragen, +ob er nicht die Höhle des dort lebenden _belare_ entdeckt habe. Während +der Reise warfen meine Träger mit Steinen und Holzstücken nach allen +Höhlen und Felsen, die für Wohnsitze von Geistern galten. Einst sah +ich einen Mann den Mond anspeien, ich weiss nicht aus welchem Grunde. + +Als weitere Abschreckungsmittel für böse Geister dienen auch +menschliche Phantasiegestalten, deren Genitalien übertrieben gross +dargestellt werden. Derartige Figuren, mit Schild, Schwert und Speer +bewaffnet, werden, besonders wenn Krankheiten im Lande herrschen, +an den Pfaden längs des Flussufers aufgestellt. Auch Genitalien an +und für sich sind im stande, andringende Geister zu verscheuchen; +sie werden daher in roher Form aus Holz geschnitzt häufig auf Treppen +und Bretterstegen angebracht. Wie im Kapitel über Kunst gezeigt werden +wird, hat dieser Glaube den Bahau die eigenartigsten Motive für die +Verzierung ihrer Häuser, Waffen und Gerätschaften geliefert. Aus +der Schöpfungsgeschichte der Kajan geht hervor, dass ihre Götter +und Geister vor geschlechtlichen Beziehungen ein Grauen empfinden; +hieraus erklärt sich die abschreckende Wirkung, die der Anblick von +Genitalien auf die bösen Geister übt. + +Dass auch das Pflanzenreich zur Abwehr böser Geister vielerlei Mittel +liefert, ist bereits im vorhergehenden Kapitel gezeigt worden, +ebenso dass die Zähne von Hunden, Wildkatzen, Bären und Panthern, +besonders geformte Steine u.s.w. als Schreckmittel benutzt werden. + +Die bösen sowie die guten Geister besitzen einen viel weiteren Blick +als die Menschen und sind, wie wir gesehen haben, auch viel mächtiger +als diese; sie bilden für die meisten Bahau das religiöse Element, +mit dem sie sich bei ihrem Gottesdienst hauptsächlich befassen. + +Da die guten Geister nicht nur an sich ungefährlich sind, sondern +den Menschen auch alles erdenkliche Gute anzutun bestrebt sind, die +bösen Geister dagegen den Menschen, als Strafe für ihre Missetaten, +alles Unglück übermitteln, haben diese für die Bahau begreiflicher +Weise mehr Interesse als jene. Man hört sie daher viel häufiger von +den gefürchteten bösen als von den harmlosen guten _to_ sprechen. + +Obgleich die Bahau an eine wenn auch beschränkte Unsterblichkeit der +Seele glauben, sind sie doch der Überzeugung, dass _Tamei Tingei_ +ihnen durch seine Diener schon hier auf Erden das Los zuerteilt, das +sie sich durch ihre Lebensweise selbst verdient haben. Diejenigen, +welche die menschliche oder göttliche _adat_ übertreten, erleiden +Missgeschick oder werden krank; sind die Geister sehr erzürnt, so +lassen sie die Schuldigen im Kampfe fallen, verunglücken, sich selbst +töten oder, wenn es Frauen betrifft, bei der Geburt sterben. Alle auf +diese Weise Umgekommenen sind _matei dja-ak_, d.h. eines schlechten +Todes gestorben. Es wird ihnen kein ehrenvolles Begräbnis zu Teil; +auch gelangen ihre Seelen nicht in den Himmel _Apu Kesio_, sondern +an einen anderen Ort; aber von einer weiteren Vergeltung ihrer auf +Erden begangenen Missetaten im künftigen Leben ist keine Rede. + +Den guten Menschen sendet Allvater Glück und Wohlergehen; auch +lässt er sie durch Krankheit eines schönen Todes (_matei saju_) +sterben. Ihre Seelen gelangen nach _Apu Kesio_, wo sie in einem +Überfluss an Nahrungsmitteln schwelgen und nicht zu arbeiten brauchen. + +Im Anfang dieses Kapitels ist bereits gesagt worden, dass die Bahau +nicht nur sich selbst, sondern auch allen belebten und unbelebten +Wesen auf Erden den Besitz von Seelen zuschreiben; sie glauben, +dass die Menschen und deren Haustiere: Schweine, Hunde und Hühner, +ferner die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine von zwei Seelen, +die übrigen Tiere, Pflanzen und toten Gegenstände dagegen nur von +einer Seele bewohnt werden. + +Betrachten wir zuerst die Seelen der Menschen, ihren Charakter und +ihr Schicksal. + +Alle Leiden, von Angstgefühlen und quälenden Träumen an bis zu +Missgeschicken und Krankheiten, schreibt der Bahau dem Umstande zu, +dass ein Teil seiner Persönlichkeit zeitweise seinen Körper verlässt; +er nennt diesen nur locker mit seinem Körper verbundenen Teil: +_bruwa_ (malaiisch: _mata kanan_ = rechtes Auge). Einen zweiten Teil +seiner Persönlichkeit, der zeitlebens mit seinem Körper verbunden +bleibt, nennt der Bahau: _ton luwa_ (malaiisch: _mata kiba_ = linkes +Auge). Diese beiden geistigen Teile des Bahau, seine beiden Seelen, +spielen sowohl in seinem Leben als nach seinem Tode eine wichtige +Rolle. + +Die stets unruhige _bruwa_ entflieht dem menschlichen Körper, nach +Aussagen der Priesterinnen, in Gestalt eines Tieres: eines Fisches, +Vogels oder einer Schlange. Die Fischform verspricht ein langes, +die Schlangenform ein kurzes Erdenleben. Der wichtigste Wohnsitz der +_bruwa_ liegt im Haupte des Menschen, sie verlässt den Leib durch den +Scheitel. Schlägt man ein Kind daher aufs Haupt, so entflieht seine +_bruwa_ leicht. + +Eine der wichtigsten Aufgaben der Priesterinnen besteht darin, die +_bruwa_, die den Menschen schon bei geringen Anlässen, wie Schreck +und Verstimmung, besonders aber bei Krankheit, verlässt, wieder in den +Körper zurückzulocken. Sie tun dies mit Hilfe der Geister aus dem _Apu +Lagan_ und zwar auf sehr verschiedene Weise. Bisweilen lässt sich die +_bruwa_ schon dadurch besänftigen, dass ein schönes Stück Zeug auf +das Haupt des Patienten gelegt wird; sonst spaltet die Priesterin in +der Dunkelheit das Haupt zum Schein und lässt die entflohene Seele +wieder in ihren alten Wohnsitz zurückkehren. + +Bei dem Tode des Menschen verlässt die _bruwa_ den Körper für immer +und zieht nach Aras Kesio. So viel ich habe erfahren können, verweilt +die Seele auch hier nicht ewig, sondern begiebt sich später an einen +anderen Ort, _Langit Mengun_, und wird erst dort zu einem wirklichen, +ewig fortlebenden Geiste. + +Der Weg, den die _bruwa_ zum Apu Kesio zurückzulegen hat, ist äusserst +mühe- und gefahrvoll; daher giebt man dem Verstorbenen alles mit, was +seiner Seele auf der Reise und auch später beim Aufenthalt im Jenseits +von Nutzen sein könnte. Hierzu gehören: eine vollständige und prächtige +Kleiderausrüstung nach altem Muster; schöne Schmucksachen; Waffen; +Gerätschaften aller Art; Gonge, die neben dem Grabe aufgestellt oder +bei Häuptlingen in die Prachtgräber (_salong_) gelegt werden; ferner +eine winzige Leiter, um der Seele zu ermöglichen, Felsen zu erklimmen +und Abgründe zu überschreiten und ein Vorrat von Nahrungsmitteln. Um +die _bruwa_ gegen Anfälle böser Geister unterwegs zu schützen, giebt +man ihr in einem Tragkorbe (_briut_) seltsam geformte Steine und +Tierzähne mit, zur Anlockung der guten Geister dagegen ein Bambusgefäss +mit Zuckerrohrsaft. + +Die _bruwa_ begiebt sich nicht sogleich nach dem Tode des Menschen +auf die Wanderung, sondern hält sich, solange die Angehörigen die +Trauer noch nicht abgelegt haben, in der Nähe des Leichnams auf. Die +Seelen der Kapuas Dajak wählen für diese Zeit den Berg Batu Tilung +am Mandai als Aufenthaltsort. Beim Ablegen der Trauer ist es daher +Aufgabe der Priesterin, durch Abhalten einer _mela_ dafür zu sorgen, +dass die Seele sicher nach _Apu Kesio_ befördert (_anter_) wird. + +Die _bruwa_ beginnt ihre Reise unterhalb der Erde und Flüsse und hat +ausser den gewöhnlichen Terrainschwierigkeiten auch noch Brücken aus +heftig wippenden Baumstämmen und Wege von der Schärfe der Schwerter +zu überwinden. Kommt sie über diese Hindernisse nicht hinweg, so geht +sie zu Grunde; stürzt sie z.B. von der Brücke in den Fluss, so fressen +sie die Fische und sie ist vernichtet. Die Unsterblichkeit der _bruwa_ +ist somit eine begrenzte. + +Die Seelen der _matei saju_, eines schönen Todes Gestorbenen, und der +_matei dja-ak_, eines schlechten Todes Gestorbenen, wandern zuerst +auf gemeinschaftlichem Pfade, dann aber findet Dreiteilung des Weges +statt: rechts führt ein Weg zum _Apu Kesio_, links führen zwei Wege, +von denen der eine durch Schwerter, der andere durch Gonge bezeichnet +ist, zu anderen Anfenthaltsorten, die für die eines gewaltsamen +Todes Gestorbenen bestimmt sind. Die Verunglückten, Erschlagenen, +Selbstmörder u.s.w. schlagen den Weg der Schwerter, die Frauen und +Kinder, die während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, dagegen +den der Gonge ein. + +Was die zweite Seele der Bahau, die _ton luwa_, betrifft, so ist +sie zeitlebens mit seinem Körper fest verbunden. Erst wenn der Leib +gestorben ist, verlässt auch diese Seele die stoffliche Hülle. Die +_ton luwa_ bleibt jedoch auf dem Begräbnissplatz, wo sie solange +herumirrt, bis sie endlich zu einem bösen Geiste wird. Gehen die +Bahau daher an einem Begräbnisplatz vorüber, so werfen sie den _ton +luwa_, um sie zu beruhigen, Stückchen Esswaren, Tabak u. dergl. zu, +auch weisen sie nicht nach ihnen und sprechen nicht von ihnen. + +Die _ton luwa_ haben die Fähigkeit, während ihres Aufenthaltes +auf der Totenstätte in Tiergestalt, als Hirsche und graue Affen, +zu erscheinen. Desshalb essen die Bahau diese Tiere nur dann, wenn +der Hunger sie dazu zwingt. Da die Malaien keine Schweine essen, +glauben die Bahau, dass deren Seelen nach dem Tode bisweilen in +Schweine übergehen. + +Als Beweise für den gelegentlichen Aufenthalt der _ton luwa_ in Tieren +führten mir die Mendalam Kajan die folgenden Erzählungen an + +Ein Mann zog aus um zu_ silem_, d.h. mit einem Blasrohr zu +jagen. Obgleich er den ganzen Tag umherlief, hatte er doch keinen +Erfolg, und so schlief er endlich müde und verstimmt auf einem +Begräbnisplatze ein. Da erschien ihm ein wunderschönes Mädchen, mit der +er den Rest der Nacht verbrachte. Beim Erwachen in der Frühe bemerkte +der Mann, dass ein Hirsch, der neben ihm lag, eiligst aufstand und +entfloh. Hieraus ersah er, dass die Seele des Mädchens sich tagsüber +in einem Hirsch aufhielt. + +Ein anderer Jäger stiess an einer Stelle des Waldes, wo er lange Zeit +nicht gewesen war, auf ein Haus, das von grossen, dunklen Menschen +bewohnt wurde; etwas weiter stand ein zweites Haus, in dem schöne +Frauen lebten, und in einem dritten Hause fand er Menschen noch +anderer Art. Mit allen diesen Leuten plauderte der Jäger, ass mit +ihnen, kaute Betel und schlief endlich an der Seite einer der Frauen +ein. Als er in der Nacht vor Kälte erwachte und sich zur Erwärmung ein +Feuer anzündete, bemerkte er, dass sich ein Waffenhalter an der Wand in +einen Baumast und die Hausbewohner in graue Affen verwandelten. Darauf +ergriff er eiligst die Flucht. Im Vorüberlaufen sah er noch, dass sich +die Menschen in den beiden anderen Häusern in Hirsche verwandelten. + +Wenden wir uns jetzt den Seelen der Tiere, Pflanzen und leblosen +Wesen zu. + +Die Bahau bezeichnen diejenigen Tiere, die nur eine einzige Seele +besitzen, als _tular lan_ (wirkliche Tiere); die Haustiere, ferner +die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine dagegen sind im Besitze +der gleichen Seelen wie die Menschen, einer _bruwa_ und einer _ton +luwa;_ sie können daher auch zeitweilig als Menschen leben und wie +diese Häuser bewohnen. Auch hierfür lieferten mir die Kajan durch +eine Erzählung den Beweis: + +Ein Mann, der sich mit seinem Blasrohr auf die Jagd begeben hatte, +irrte lange im Walde umher, bis er an ein Haus gelangte, das von +schönen Frauen bewohnt wurde. + +Mit einer dieser Frauen lebte er mehrere Monate zusammen; eines Morgens +erklärte sie ihm jedoch, dass sie eigentlich ein _bawui_ (Wildschwein) +sei und dass sie von nun an nicht länger in ihrer menschlichen Gestalt +weiterleben dürfe, sondern in den Wald zurückkehren müsse. Sie hatte +den Mann aber inzwischen sehr lieb gewonnen und legte ihm ans Herz, +stets dabei zu sein, wenn die Jäger seines Stammes Wildschweine +erlegten, da es leicht geschehen könne, dass auch sie sich unter +den Jagdopfern befinde. Darauf nahm sie Abschied und begab sich mit +vielen anderen Frauen an das Ufer eines Weihers, der vor dem Hause +lag; in diesen tauchten sie unter und kamen am gegenüberliegenden +Ufer in Gestalt von Wildschweinen wieder zum Vorschein. Die Tiere +liefen einen Hügel hinan und verschwanden im dichten Walde. + +Bald nachdem der Mann in sein Dorf zurückgekehrt war, erlegten +seine Stammesgenossen wirklich ein Wildschwein. An einer Narbe an +der Seite des Tieres erkannte der Mann seine frühere Geliebte und +bemächtigte sich daher der Leiche. Gross war sein Erstaunen, als +er beim Aufschlitzen von Brust und Bauch das ganze Tier mit Gold +gefüllt fand. So wurde er zum reichsten Manne im ganzen Dorfe. Die +Bahau jagen daher nie mehr Wildschweine, ohne deren Seelen zuvor ein +Opfer gebracht zu haben. + +Haben die Bahau einen _kule_, den gefürchteten borneoschen Panther +geschossen, so sind sie für ihr Seelenheil sehr besorgt; denn die +Pantherseele ist beinahe mächtiger als die ihre. Sie schreiten +daher acht Mal über das getötete Tier unter der Beschwörungsformel: +"_kule, bruwa ika hida bruwa akui_" = "Panther, Seele deine unter +Seele meine". Zu Hause angelangt werden Jäger, Hunde und Waffen mit +Hühnerblut eingerieben, um ihre Seelen zu beruhigen und am Entfliehen +zu verhindern. Die Bahau essen nämlich Hühnerfleisch so gern, dass sie +den gleichen Geschmack auch bei ihrer Seele voraussetzen, auch glauben +sie, dass ihr schon der Genuss des Blutes allein genüge. Ausserdem +müssen die Männer acht Tage lang sowohl tags als nachts baden. Nach +Verlauf dieser acht Tage müssen sie sich aufs neue auf die Jagd +begeben. + +Haben die Jäger bei der Wildschweinjagd der Beute den Schwanz +abgehauen, so müssen sie vorschriftsgemäss ebenfalls nach acht Tagen +wieder jagen gehen; haben sie einen Bären erlegt, so gehen sie bereits +nach sechs Tagen wieder auf die Jagd. + +Die Pflanzen besitzen nach Auffassung der Bahau zwar nur eine Seele, +diese ist aber oft sehr anspruchsvoll und rächt sich für jede +Verletzung oder Vernachlässigung an den Menschen. Daher tun die +Kajan nach dem Bau eines Hauses, wobei sie zahlreiche Bäume haben +misshandeln müssen, ein Jahr lang Busse, d.h. es folgt eine Zeit, +in der ihnen vieles verboten (_lali_) ist, unter anderem das Töten +von Bären, Tigerkatzen, Schlangen u.s.w. + +Bei den Ulu-Ajar Dajak am Mandai, südlich vom oberen Kapuas, bestehen +ähnliche, aber noch strengere Vorschriften für den Häuserbau. Dort +hängt die Dauer der Busse von den hauptsächlich gebrauchten Baumarten +ab; für ein Haus aus wertvollem Eisenholz muss man sich drei Jahre +lang verschiedener Leckerbissen enthalten; die Seelen geringerer +Baumarten machen dagegen bescheidenere Ansprüche. + +Eine derartige Verbotszeit wird durch eine Festlichkeit abgeschlossen +(_bet lali)_. Dabei spielt die Kopfjägerei, allerdings nur pro forma, +auch noch eine Rolle; man entlehnt nämlich einen alten Schädel bei +einem benachbarten Stamme. + +Sehr verschieden geartet sind auch die Seelen der die Pfeilgifte +liefernden Bäumeder Täsembaum (Antiaris toxicaria Lesch.) scheint +schwer zu befriedigen zu sein; denn nur selten ist das Kernholz dieses +Baumes wohlriechend; dies ist nur dann der Fall, wenn derjenige, +der ihn fällt, die richtigen Opfer zu bringen versteht. Das Gleiche +gilt für den in Ost-Borneo vorkommenden Kampferbaum. + +Auch der Reis ist beseelt und die gute Gesinnung seiner Seele ist für +den Ernteausfall von grosser Bedeutung, daher müssen die Priesterinnen, +wie wir in der Folge sehen werden, beim Reisbau ein sehr kompliziertes +Zeremoniell erfüllen. + +Eigentümlicher Weise stellen sich die Bahau, wie schon gesagt, auch die +toten Wesen ihrer Umgebung beseelt und mit menschlichen Eigenschaften +begabt vor. Aus diesem Grunde wirft ein Kajan, der schwer dazu zu +bewegen ist, einen Gegenstand durch Verbrennen zu vernichten, ihn +anstandslos in den Fluss, in der Überzeugung, dass er sich im Wasser +doch noch durch Schwimmen retten könne. + +Eine besonders rücksichtsvolle Behandlung erfahren bei den Mendalam +Kajan und allen Busang sprechenden Stämmen am Mahakam die Seelen +derjenigen Gegenstände, die im Leben des Menschen eine wichtige +Rolle gespielt haben; sie werden zu Lebzeiten gesammelt und auch +nach dem Tode ihres Eigentümers in einem grossen Packen, _legen_ +genannt, aufbewahrt. Zwar kümmert sich keiner weiter um den Packen, +auch lässt man ihn beim Verlassen des Hauses unter dem Dache zurück; +niemand würde jedoch wagen, ihn zu vernichten. (Siehe folg. Kap.) + +Im vorhergehenden haben wir die Vorstellungen kennen gelernt, die +sich die Bahau von sich selbst, ihrer irdischen Umgebung und den +über ihnen stehenden Mächten gebildet haben; betrachten wir jetzt +die Beziehungen, die zwischen der Geister- und Menschenwelt bestehen. + +Das Bedürfnis, für ihren Lebenswandel eine Richtschnur und über +ihre Zukunft einige Gewissheit zu erlangen, hat in den Bahau die +Überzeugung entstehen lassen, dass ihnen die guten Geister des _Apu +Lagan_ durch die Vermittlung von Tieren und auffallenden Ereignissen +den Willen und die Pläne Allvaters mitteilen. Aus dieser Überzeugung +hat sich ein ausgebreitetes System von Vorzeichen entwickelt, das +nicht nur bei wichtigen Unternehmungen, sondern auch im täglichen +Leben, und zwar bei den verschiedenen Stämmen in verschiedenem Masse, +eine grosse Bedeutung erlangt hat. + +Die Zahl dieser Vorzeichen ist eine sehr grosse und ihre Arten sind +sehr verschieden; die wichtigsten, welche unter allen Umständen bei den +Bahau Gültigkeit haben, werden dem Vogelkluge entnommen. Es handelt +sich hierbei hauptsächlich darum, ob gewisse Vögel rechts oder links +vom Beobachter auffliegen oder ihre Stimme hören lassen. Die beiden +massgebendsten der wahrsagenden Vögel der Bahau sind der _hisit_ oder +_sit_ (Anthreptes malaccensis) und der _telandjang_ (Platilophus +coronatus), beides auf Borneo sehr verbreitete Honigvögel. Die +Kenjastämme legen ausserdem viel Gewicht auf das Erscheinen einer roten +Trogonart (Trogon elegans) und eines verbreiteten braunen Falken mit +milchweissem Kopf (Habiastur intermedia). + +Zu den wahrsagenden Tieren gehören ferner auch das Reh, _kidjang_ +(Cervulus muntjac) und eine schwarze Schlange mit 4 weissen +Längsstreifen und einem lackroten Kopf, Bauch und Schwanz (Doliophis +bivirgatus Boie). + +Da auch ein sorgfältiges Befragen und Befolgen der Vorzeichen den +Bahau nicht genügend erschien, um sich _Tamei Tingeis_ Wohlwollen und +somit ein glückliches Leben ohne Krankheit und Unglück zu verschaffen, +erfanden sie ein System von Verbotsbestimmungen, eine religiöse _adat_, +die ihnen zwar jede Freiheit des Handelns benimmt, ihren ängstlichen +Gemütern jedoch eine grosse Beruhigung gewährt. + +Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf die zahlreichen Arten der +Verbotsbestimmungen näher einzugehen; sie durchziehen das ganze Leben +der Bahau derart, dass der Leser mit den Bewohnern von Mittel-Borneo +gleichzeitig auch diese religiöse _adat_ kennen lernen wird. Einige +Beispiele mögen aber erläutern, was die Bahau im allgemeinen mit +den ständig bei ihnen wiederkehrenden Worten "_pemali_" und "_lali_" +bezeichnen. + +Unter _pemali_ (Hauptwort) und _lali_ (Eigenschaftswort) wird in +der Busangsprache alles, was sich auf religiöse Verbote bezieht, +verstanden. Das Wort _lali_ hat die gleiche Bedeutung wie das +polynesische _tabu_, wie das malaiische _pantang_ und das _buling_ im +Kapuas-Malaiisch. Die Dajak legen dein _lali_ einen doppelten Sinn bei: +das eine Mal bedeutet es "verboten" im allgemeinen, so wird z.B. beim +Tode eines Häuptlings die Niederlassung und der Flusslauf für _lali_ +erklärt, d.h. sie dürfen von keinem Fremden betreten werden; ferner +ist es _lali_, zu bestimmten Zeiten etwas Bestimmtes zu essen, zu +tun, zu sagen. Das andere Mal wird _lali_ in dem Sinne von "geweiht" +gebraucht, z.B.: "_luma lali_" = "geweihtes Reisfeld", das nur für +religiöse Zwecke benutzt werden darf; "_haureg lali_" = "geweihter +Hut", der nur bei religiösen Zeremonien aufgesetzt werden darf +u.s.f. Wie dem Eigenschaftswort "_lali_" kommt auch dem zugehörigen +Hauptwort "_pemali_" eine doppelte Bedeutung zu. Mit "_pemali_" +werden sowohl alle durch die religiöse _adat_ vorgeschriebenen +Verbotsbestimmungen als auch geweihte Gegenstände bezeichnet. Alle +symbolischen Gegenstände, durch welche die Priesterinnen den +Geistern ihre Wünsche vortragen, heissen "_pemali_", desgleichen alle +Gegenstände, die überhaupt beim Gottesdienst gebraucht werden. + +Obgleich die Bahau mit Hilfe der guten Geister und der Vorzeichen +selbständig mit Allvater in Verbindung treten können, halten sie +unter Umständen doch noch eine besondere Vermittlung durch berufene +Personen für notwendig. Durch die Erfahrung belehrt, dass auch eine +gewissenhafte Beobachtung der Vorzeichen und Verbotsbestimmungen nicht +im stande ist, sie vor Krankheit und Unglück zu schützen, wenden sie +sich in schwierigen Fällen lieber an Menschen, die ihrer Meinung nach +der Geisterwelt näher stehen als sie selbst, um Rat und Hilfe. + +Eine eigentliche Priesterkaste existiert bei den Bahau nicht; +die Personen, die eine Vermittlung zwischen Volk und Geisterwelt +übernehmen, behalten ihre sonstigen Berufe als Ackerbauer, Hausfrauen +u.s.w. stets bei. Die Zahl der weiblichen Priester ist eine weit +grössere als die der männlichen; sie alle werden _dajung_ (singen _= +dajung_) genannt. + +Die Pflichten der _dajung_ sind sehr mannigfaltig; ihre Hilfe wird +bei bösen Träumen, Krankheit, Tod und Unglücksfällen von ihren +Stammesgenossen beansprucht; eine wichtige Rolle spielen sie auch; +wie wir später sehen werden, bei den Ackerbaufesten. Die _dajung_ sind +zugleich auch die Gebildeten und Weisen des Stammes; denn sie sind +es hauptsächlich, welche die Überlieferungen des Stammes bewahren, +ausser der göttlichen auch die weltliche _adat_ kennen, sich stets +auf der Höhe der medizinischen Wissenschaft erhalten und diese auch +praktisch anwenden. + +Die _dajung_ halten Versammlungen und Lehrstunden, in welchen die +Jüngeren zwei Jahre lang unterwiesen werden. Die jungen Priester haben +eine Probezeit zu überstehen, in welcher sie allerhand unangenehme +Dinge tun müssen, wie z.B. Erde essen. Während der Lehrzeit tragen +die Priesterinnen bei Festen Röckchen mit weissem Mittelfelde. + +Trotzdem ich alle Ackerbaufeste bei den Mendalam Kajan mitmachte, +beobachtete ich exaltierte Zustände der _dajung_ nur in rudimentärer +Form. Es war beim Neujahrsfeste, als eine der Hauptpriesterinnen, +_Tipong Igau_, den Geistern die auf einem Opfergerüst (_lasa_) +ausgebreiteten Geschenke als Opfer anbot. Sie umkreiste in immer +schneller werdendem Tanze das Opfergerüst, bis sie zuletzt an ihm +emporkletterte und es schüttelte, als wollte sie die Opfer gen Himmel +steigen lassen. (Siehe Kap. VIII). + +Um ihr priesterliches Amt antreten zu können muss die junge _dajung_ +zuvor durch einen guten Geist beseelt werden. Der Vorgang der +Beseelung wurde mir erst bei den Mahakamstämmen klar; ich beobachtete +indessen bereits bei den Mendalam Kajan, dass einer jungen Priesterin +eine am Opfergerüst befestigte Schnur in die Hand gegeben wurde, +längs welcher der Geist sich auf sie herablassen sollte; eine ältere +Priesterin weihte sie unterdessen in die Geheimnisse der priesterlichen +Wissenschaft ein. + +Bei den Bahau fehlt es zwar nicht an Frauen mit allerhand +Nervenkrankheiten wie Epilepsie, sie gehörten aber nie zu den _dajung_, +die alle als brave Hausmütter und -väter ihren Pflichten auf ruhige +Weise nachkamen. + +Die _dajung_ geniessen seitens des Volkes grosse Achtung; selbst +wenn die Ungeschickteren unter ihnen bei den religiösen Tänzen +oft unverständliche und komische Sprünge und Bewegungen ausführen, +erregen sie doch nie die Heiterkeit der Zuschauer. + +In sexueller Hinsicht spielen die _dajung_ auch durchaus nicht die +Rolle der _blian_ (Priesterin) und des _basir_ (Priester) am Barito, +ihr sittliches Leben ist untadelhaft. + +Das Priesteramt verschafft an und für sich keine besonderen Vorrechte +und Vorteile. Die eifrigen und gewandten _dajung_ können allerdings, +trotzdem sie einen Teil ihrer Einnahmen den sie beseelenden Geistern +und höheren Göttern opfern müssen, sich durch ihr Amt eine reiche +Erwerbsquelle erschliessen. + +Die Priesterinnen sind verpflichtet, den Verbotsbestimmungen strenger +als die Laien nachzukommen. + +Äusserlich unterscheiden sich die _dajung_ von den Laien nur, wenn +sie ihres Amtes walten, durch ein bis mehrere besondere Armbänder +und bei festlichen Gelegenheiten durch schöne, auf besondere Weise +geschlungene Schale. + +Jede Niederlassung am Mendalam besitzt ihre eigenen _dajung_, die +mit einander in keiner Verbindung stehen; auch sind die religiösen +Gebräuche selbst bei benachbarten, verwandten Stämmen von einander +etwas verschieden. + +Die _dajung_ bedienen sich während ihrer Amtshandlungen einer +besonderen, älteren Sprache, die von der gegenwärtigen verschieden +ist und _dahaun to_ (Geistersprache) genannt wird. + +Ausser durch die Sprache treten die _dajung_ mit den Geistern auch +durch Herstellung verschiedener Gegenstände in Verbindung, die +sie selbst teils als Ausdruck ihrer Wünsche, teils als Opfergaben +betrachten. Diese symbolischen Gegenstände sind alle aus sehr +einfachem, dem Pflanzenreiche entnommenem Material verfertigt und +werden, wie weiter oben bereits ausgeführt ist, mit allen Gegenständen, +Vorschriften und Verbotsbestimmungen, die auf den Gottesdienst Bezug +haben, als _pemali_ zusammengefasst. + +Sobald die Priesterschaft mit der Geisterwelt in Verbindung treten +will, benachrichtigt sie diese durch Schläge auf alte, kupferne Becken +oder runde, kupferne Platten, die 3-4 dm Durchmesser haben und mit +einem 5 cm hohen Rande versehen sind. Die vibrierenden Töne dieses +Instrumentes begleiten jede religiöse Handlung, man hört sie aber +nie bei anderen Gelegenheiten. + +In der Wirksamkeit der _dajung_ lassen sich zwei Hauptaufgaben +unterscheiden: die erste besteht darin, die _bruwa_ des Menschen +zu dessen Lebzeiten am Entfliehen zu hindern oder, wenn sie bereits +entflohen ist, sie zurückzuholen und sie nach dem Tode des Menschen +sicher nach _Apu Kesio_ zu geleiten (_anter);_ die zweite verlangt +eine Vermittelung zwischen der Menschen- und Geisterwelt in allen +Dingen, die den Ackerbau, die eigentliche Lebensquelle der Bahau, +betreffen. Betrachten wir zunächst, wie sich die Priester ihrer ersten +Aufgabe entledigen. + +Unter einer _mela_ verstehen die Bahau eine religiöse Handlung, +die den Zweck hat, die beunruhigte Seele eines Menschen, die im +Entfliehen begriffen oder bereits entflohen ist, durch besänftigende +Mittel und mit Hilfe der guten Geister zum Bleiben bzw. zur Rückkehr +in den Menschen zu bewegen. Sobald ein Familienglied schlecht geträumt +hat, sich krank fühlt oder Unglück erlitten hat, wird eine _dajung_ +zur Vornahme einer solchen _mela_ herbeigerufen. Auch mit gesunden +Menschen wird eine _mela_ vorgenommen, wenn es sich darum handelt, +ihre Seele für ein bevorstehendes, beunruhigendes Ereignis, wie +z.B. eine Reise, feierliche Handlungen u.s.w. vorzubereiten. + +Soll ein körperlich oder geistig Kranker geheilt werden, so findet die +_mela_ stets in seiner Wohnung statt. Der gewichtige Tag wird morgens +gegen acht Uhr mit einer besonders guten Mahlzeit, an der sowohl die +Familie als auch die Priesterin teilnimmt, eingeleitet. Die Mahlzeit +besteht aus Huhn, Fisch, Reis, Ei und einer Gemüsesuppe. Von allen +diesen Herrlichkeiten wird für die Geister etwas auf die Seite gelegt +und später zu einer Geisterspeise verarbeitet, welche, je nachdem es +sich um Krankheit, böse Träume. oder einen Unglücksfall handelt, mit +besonderen Zutaten versehen zu einer _blaka_, dem materiellen Ausdruck +des von dem leidenden Teil Gewünschten, vereinigt wird. Einige dieser +Geisterspeisen werden an die Kindertragbretter und die Dachfenster, +durch welche die guten Geister eintreten sollen, gehängt. + +Ausser durch Leckerbissen erfreuen die _dajung_ die guten Geister +auch durch Geschichtenerzählen; am Boden hockend berichten sie ihnen +stundenlang die Stammesgeschichte oder sie erzählen ihnen allerlei +Sagen, wie die von _Belawan Buring_, von denen sie annehmen, dass +auch die _to_ sie mit Interesse und Vergnügen anhören. + +Mit allerhand derartigen Vorbereitungen verstreicht der Vormittag; +nachmittags schlachtet einer der männlichen Hausgenossen ein Ferkel, +dessen Blut auf Bananen- und _sawang_-Blättern (Cordyline javanica +Bl. [beta].) aufgefangen wird, um später bei der eigentlichen _mela_ +als Geistertrank zu dienen. Unterdessen hat sich die Priesterin auf +einer schönen Rotangmatte vor dem offenen Dachfenster, durch welches +die Geister eintreten sollen, niedergelassen und zwar nach Kajanweise +mit gekreuzten Beinen hockend, das Haupt auf die rechte Hand gestützt. + +Vor ihr stehen allerhand schöne Dinge: hübsche Zeugstücke, +Perlenketten, alte Schwerter und Gonge, ausserdem die _blaka_. Am +Dachfenster hängt die _alan bruwa_, der Seelenweg, eine Schnur mit +Lockmitteln, welche der entflohenen Seele bei der Rückkehr den Abstieg +durch das Fenster erleichtern soll. Die singende Priesterin sucht nun +mit Hilfe der Geister von _Apu Lagan_ die verirrte Seele des Patienten +längs des _alan bruwa_ zurückzuholen. Glaubt sie ihr Ziel erreicht zu +haben, so befördert sie die Seele in ein Körbchen mit Geisterspeise +und setzt dieses, nachdem es sorgfältig geschlossen worden, in einer +dunklen Ecke der Wohnung nieder. Hierauf geniesst die Familie wieder +ein kräftiges Mahl, bei dem das Ferkelchen das Hauptgericht ausmacht. + +Der Einbruch der Dunkelheit giebt das Zeichen für den Beginn +der eigentlichen _mela_. Türe und Fenster werden geschlossen, ein +altes Schwert und eine Speerspitze werden mit der Geisterspeise und +den mit Ferkelblut besprengten Blättern versehen und der Patient +niedergesetzt. Er stützt den einen Fuss auf das Schwert, während +ihm die Priesterin den Arm von oben nach unten mit der Speerspitze +streicht. Die Handlung hat den Zweck, die verirrte Seele, welche +die Priesterin vorher aus dem Korbe genommen und in das Haupt des +Kranken geblasen, in dessen Körper fest zu halten. Nachdem der Patient +wieder in den Besitz seiner _bruwa_ gelangt ist, werden auch seine +Angehörigen auf die gleiche Weise behandelt, um für ihr Gesundbleiben +zu sorgen. Hiermit ist die _mela_ zu Ende und die Priesterin kehrt +beim, belohnt mit einem Schwert und vier bis fünf Perlen, deren Wert, +wenn die behandelte Familie reich ist, 7 1/2 fl das Stück betragen +kann. + +Wie im folgenden Kapitel gezeigt werden wird, führen die _dajung_ die +_mela_, je nach dem Zweck, den sie erfüllen soll, auf verschiedene +Weise aus; das Prinzip ist aber stets das gleiche: eine Beruhigung +der Seele mittelst ihr angenehmer Dinge. + +An dem Tage nach der _mela_ ist den Hausbewohnern jede Arbeit verboten, +auch dürfen sie mit den Dorfgenossen nicht verkehren, ihre Wohnung ist +_lali_. Als Zeichen hiervon legen sie sich ein besonderes Perlenarmband +(_leku mela_) um, in dessen Mitte sich acht rote Perlen, an den Seiten +je vier gelbe, vier blaue und vier schwarze, kleinere Perlen befinden; +abgeschlossen wird die Kette durch zwei braune Früchte einer Coïx-Art, +welche die bösen Geister zu vertreiben im stande ist. Dieses Armband +wird erst am Ende des zweiten Tages abgelegt. + +Ungefähr auf die gleiche Weise wird die _mela_ vorgenommen, wenn +es sich um jemand handelt, der sich beunruhigt fühlt, der schlecht +geträumt oder Missgeschick erlebt hat. + +Gilt es das Wohlsein eines Häuptlings oder das des ganzen langen +Hauses, so genügt eine Priesterin für die _mela_ nicht, sondern es +vereinigen sich drei bis vier der ältesten, um ihren Einfluss auf +die Geisterwelt geltend zu machen. + +Sowohl bei der _mela_ als bei anderen Gelegenheiten spielt das Ei als +Opfer eine besondere Rolle. Augenscheinlich liegt der Grund darin, +dass ein Ei einen leicht zu beschaffenden und billigen Opfergegenstand +bildet; die Kajan jedoch leiten den Ursprung dieses Gebrauches von +folgendem Begebnis ab: + +_Umwo_, das Kind eines Elternpaares_ Tedjulong Apong_ und _Buro Ling_, +fiel einst in den Fluss und kam nicht wieder zum Vorschein. Darüber +entstand so viel Jammer und Verzweiflung im Hause, dass selbst die +Geister oben aufmerksam wurden und untersuchten, was eigentlich +geschehen war. Zwei grosse Geister, _Belarè Kingan Tuman Tana_ +und _Belarè Tuman Langit_, sandten mitleidsvoll aus ihrem Himmel +ein Ei herab, um mit dessen Hilfe die entflohene Seele des Kindes +zurückzurufen. Die Eltern wussten jedoch nicht, was mit dem Ei zu +beginnen sei, wickelten es in ein Tuch und legten es unter ihre +Schlafstätte. Nachts träumte ihnen, dass es gut sei, das Ei an den +Fluss zu bringen und ins Wasser zu werfen. Das taten sie denn auch +in aller Feierlichkeit und, als sie nach Hause zurückkehrten, fanden +sie zu ihrer Freude das Kind auf der Galerie sitzen. + +Als die Eltern ihr Kind badeten, trat das Ei an die Oberfläche des +Wassers und trieb den Fluss hinab, sie erkannten es jedoch nicht und +stiessen es weg. Das Ei schwamm aber langsam den Fluss wieder hinauf; +da nahmen die Eltern es als Spielzeug für das Kind mit nach Hause und +bewahrten es in Tüchern. Nach Verlauf einiger Zeit, während welcher +das Kind immer gesunder wurde, krochen aus dem Ei ein Hahn und eine +Henne hervor. Da merkten die Eltern, dass das Ei ihnen von den Geistern +gesandt worden war und eine besondere Bedeutung hatte, und seit der +Zeit bringen die Kajan den _to_ Eier und Hühner als Opfer dar. + + + + +KAPITEL VI. + + Opfergaben der Bahau: _kawit_--Die _pemáli:_ bei der _mela_, + beim Erntefest, in den Reisscheunen, auf dem Reisfelde, beim + Säen, beim Neujahrsfest, bei der _mela_ der Namengebung, bei der + _mela_ gegen Krankheit, bei der Rückkehr von grossen Reisen--Das + _legén_--Schwierigkeiten bei den Nachforschungen auf religiösem + Gebiet--_Usun_, die Oberpriesterin--Schöpfungsgeschichte der + Mendalam Kajan. + + +Ihre zweite wichtige Tätigkeit, die Vermittlung zwischen dem Volke +und der Geisterwelt, von welcher der Ausfall der Ernte abhängig ist, +entwickeln die Priesterinnen bei den Ackerbaufesten; diese liefern +daher die beste Gelegenheit, um in den Gottesdienst der Bahau einen +Einblick zu gewinnen. Betrachten wir im folgenden die Art und Weise, in +welcher die Priesterinnen ihre vermittelnde Rolle auszuführen suchen. + +Als das wirksamste Mittel zur Anlockung der Geister betrachtet man das +Anbieten verschiedener Esswaren. Schweine, Hühner, Eier, Fische und +Reis werden als die wahren Götter- und Geisterspeisen angesehen. Bei +einer gewöhnlichen _mela_ werden nur Ferkel und Hühner geschlachtet, +während die grossen Schweine, und zwar nur die männlichen, für die +grossen Festlichkeiten aufbewahrt werden. Ungeteilt werden den Geistern +nur Ferkel, Küchlein und Eier angeboten, von den Schweinen und anderen +Speisen erhalten sie nur kleine Teile. Die Geister begnügen sich +nämlich mit dem geistigen Teil, der in dein Opfer steckt, das nach +Auffassung der Bahau auch beseelt ist, und überlassen den körperlichen +dem Genuss des Menschen. + +Die Opfergaben werden in Form von _kawit_ gereicht, die bei keiner +religiösen Handlung fehlen dürfen. Es sind dies kleine Rollen aus +Bananenblättern, in welche Esswaren eingewickelt werden. Jede Rolle +enthält, der bei den Bahau heiligen Zahl acht entsprechend, acht +Lagen. Jede dieser Lagen wiederum besteht aus einem viereckigen, +handgrossen Blattstück, auf welches ein zweites, kleineres, +ausgefranstes Blatt und dann etwas Hühner- oder Schweinefleisch, Fisch, +Reis oder Mais gelegt wird; das Ganze wird mit einem fingerbreiten +Blattstreifen bedeckt. Liegen acht derartiger Schichten aufeinander, so +werden sie in Form einer Zigarre zusammengerollt und mit ungedrehten +Bastfasern, deren Enden nicht geknüpft, sondern nur verschlungen +werden dürfen, gebunden und die _kawit_ ist fertig. + +Flüssige Opferspeisen werden den Geistern gewöhnlich in Bambusgefässen +gereicht. + +Eine gleich wichtige Rolle wie die _kawit_ spielen bei religiösen +Handlungen die anderen _pemali_, mittelst derer die Priesterinnen +den Göttern und Geistern die Wünsche des Volkes auszudrücken suchen. + +Die Herstellung dieser _pemali_ kostet den Priesterinnen viel Zeit; +denn sie sind, je nach der Gelegenheit, für welche sie verwendet +werden sollen, verschieden, ausserdem oft sehr kompliziert und +zahlreich. Befassen wir uns zunächst ausführlich mit den _pemali_ +und deren Anwendung. + +Bevor der Reis geerntet (_ngeluno_) wird, lässt jeder Bahau in +seinem Hause eine _mela_ stattfinden und sich und die Seinen für +die bevorstehende gewichtige Arbeit vorbereiten; tut er dies nicht, +so darf er an der gemeinsamen Festmahlzeit nicht teilnemen. Die Sorge +für die Vorbereitungen zum Erntefest überlässt er dem Häuptling. + +Die Priesterin hat für diese _mela_, die abends stattfindet, tagsüber +drei _pemali_ zu verfertigen: das _kahe parei_, das _tuhe lali_ +und das _ao lali_. + +Das _kahe parei_ ist ein Stück einer Fruchtschale, an der zwei +_kawit_ und einige _usut_, jede aus zwei an eine Schnur gereihten +Perlen bestehend, befestigt sind. Die _usut_, fünf an Zahl, heissen: +_usut parei_ (Reis), _usut baha_ (entspelzter Reis), _usut kanen_ +(gekochter Reis), _usut ata_ (Wasser) und _usut apui_ (Feuer); für +alle diese _usut_ verwendet man am liebsten alte Perlen. Unter _usut_ +wird im allgemeinen ein Geschenk oder eine Busse zur Besänftigung +einer erzürnten Seele verstanden; man bringt z.B. ein _usut_ mit, +wenn man als Fremder zu einem kleinen Kinde kommt (Siehe pag. 74.). + +_Tuhe lali_ heisst ein aus einem Kürbis verfertigter Löffel von +altmodischer Form, an den vier _kawit_ mit Mehl, Ei, Fisch und +gekochtem Reis gehängt werden. + +_Ao lali_ ist ein hölzerner Spatel, wie man ihn beim Reiskochen stets +gebraucht; auch er wird mit einer _kawit_ versehen. + +Mit dem _kahe parei_ werden bei der stattfindenden _mela_ alle +Familienglieder von der Priesterin berührt, erst ihr Gesicht, dann ihre +Brust. Der Vorgang wird mit _pelesat_ bezeichnet. Darauf ist jeder +mit dem _ao lali_ ein paar Reiskörner und trinkt mit dem _tuhe lali_ +etwas Wasser. Dann beginnt die Festmahlzeit. + +Wie alle Gegenstände, welche bei religiösen Handlungen gedient haben, +werden auch diese _pemali_ sorgfältig aufbewahrt. + +Der eben erwähnte Reis ist der erste der neuen Ernte. Er muss, +nach alter Sitte, in einer auf Backsteinen ruhenden Pfanne gekocht +werden. Die Backsteine, drei an Zahl, zwei grosse (_angan banga_) +und ein kleiner (_angan tepa)_, werden für diese Gelegenheit besonders +hergestellt. Die zwei grossen Steine stehen, auf eine Kante gestützt, +auf dem Herde und tragen die Pfanne; der kleinere Stein wird an +einen der grösseren gelehnt und trägt eine _kawit_. Zur Abwehr böser +Geister dient ein mit Haken versehener Bambusstab (_udak awak)_, +der beim Gebrauch an den kleinen Stein gelehnt wird. Diese Backsteine +sind so ziemlich das einzige Überbleibsel der früheren Töpferkunst, +die bei den verwandten, aber von den malaiischen Händlern seltener +besuchten Stämmen jetzt noch im Schwange ist. + +Bei der Festmahlzeit wird der neue Reis für alte tapfere Männer +auf besondere Weise zubereitet; man kocht ihn, in Bananenblätter +eingewickelt, in Form von länglichen Päckchen, welche aufgerollt +werden. Jeder der Tapferen erhält acht solcher an einer Schnur +befestigten Rollen. + +Auch das erste Einbringen des Reises in die Scheune findet mit Hilfe +der _dajung_ statt, welche mit den Reisseelen unterhandeln muss, +um sie für ihren künftigen Aufenthalt in der Scheune günstig zu +stimmen. Die hierfür verwendeten _pemali_ sind bei den verschiedenen +Stämmen verschieden. + +Die _dajung_ von Tandjong Karang gebrauchen das _barang bulit_, die +von Tandjong Kuda den _telu_ mit _hiköp bulit_ und die der Ma-Suling +den _san lali_. Alle diese _pemali_ dienen dem gleichen Zweck, dem +Anlocken; Auffangen und Aufbewahren der Reisseelen. + +Zum _barang bulit_ gehört eine winzige Leiter, ein Spatel, beide +mit _kawit_ versehen, und ein geschlossenes Körbchen. In diesem +befinden sich, ausser einer _kawit_, Haken und Dornen von Pflanzen und +Schnüre aus Pflanzenfasern, um die Reisseele nötigenfalls gewaltsam +festzuhalten. Bei der Handlung streift die Priesterin die Reisseele +mit dem Spatel längs der Treppe in den Korb, soll heissen: sie bringt +die Seelein die auf Pfählen ruhende Reisscheune. + +Das _telu_ mit dem _hiköp bulit_ ist eine mit einem weissen +Kattunstreifen gebundene Bambusdose, in der sich einige _kawit_, +eine Schnur und eine winzige Leiter befinden. Auf dieser Leiter wird +die Reisseele mit dem _hiköp bulit_ (Schöpfnetz) in das Bambusgefäss +befördert, hier von der _dajung_ mit der Schnur festgebunden und das +Ganze in der Scheune aufgehängt. Netz und Leiter sind ebenfalls mit +_kawit_ versehen. Neben dieser Form existiert in Tandjong Kuda noch +eine andere: zwei Bambusgefässe mit _kawit_, die neben einander an +einer Schnur in der Scheune hängen; man unterscheidet an diesen die: +_tawe_ (Schnur) _lepo_ (Scheune), _parei_ (Reis), welche als Seelenweg +dient, und das _teha hato toko hawo_, Gefäss für die Aufbewahrung +der eingefangenen Seele. + +Die _san_ (Leiter) _lali_ der Ma-Suling besteht aus einer Leiter, einem +Bambusgefäss und einer Hühnerfeder, die zur Überführung der Seele in +das Gefäss dient. Das Bambusgefäss enthält die _kawit_ und wird, mit +weissen Kattunstreifen umwickelt, man nennt es: _njina bruwa parei_ +wörtlich: Beruhigung der Reisseele. + +Unter _njina_ wird das tägliche Anlocken, Liebkosen und Beruhigen der +Kinderseelen durch die Mütter verstanden. Eine genaue Wiedergabe des +Wortes ist unmöglich (Über den Vorgang siehe pag. 72). + +Um sich auch für das folgende Jahr eine gute Ernte zu sichern, +halten es die Bahau für notwendig, nicht nur in den Besitz der +Seelen des augenblicklich vorhandenen Reises zu gelangen, sondern +auch der Seelen des auf den Boden gefallenen, von Hirschen, Affen und +Schweinen gefressenen Reises habhaft zu werden. Auch hierfür haben die +Priester ein Mittel erfunden: sie stellen ein _telu hina_ (Hauptwort +zu _njina =_ beruhigen) her, das ist ein Bambusgefäss (_telu_) mit +_kawit_, an welches vier Haken aus Fruchtbaumholz befestigt werden, +mit deren Hilfe die verlorenen Reisseelen, falls solche vorhanden, +aus der Ferne herbeigelockt werden können. Nachdem die Seelen im +Behälter geborgen worden, hängt man ihn in der Wohnung auf. + +Die _Ma-Suling_ haben für den gleichen Zweck ein anderes _pemali_, +die _usu bruwa_ = Seelenhände. Es sind zwei aus Fruchtbaumholz +geschnitzte Hände, zwischen welche acht _kawit_ gesteckt werden; +man umwickelt sie mit Kattun und bindet sie mit einer Perlenschnur +fest. Die Hände haben die gleiche Bedeutung wie die Gefässe, sie +sollen die herbeigelockten Reisseelen festhalten. Auch dieses _pemali_ +wird im Wohngemach aufgehängt. + +Ein anderes _pemali_, das _barang usut_, wird erst dann in die Reis +scheune gebracht, wenn diese bereits gefüllt worden ist; es ist ein +Korb, dessen Inhalt die Reisseelen, falls diese erzürnt sind, beruhigen +soll. In dem Korbe befinden sich noch drei andere, kleinere Körbe, in +denen kleine und grosse rote Perlen als eigentliches _usut_ (Geschenk) +liegen; ausserdem enthält das Körbchen noch die Endtriebe eines Krautes +und als Symbol für das Festhalten der Seele einige gekrümmte Dornen. + +Wenn eine Kajanhausfrau für den täglichen Gebrauch Reis aus der +Scheune holt, sorgt sie dafür, dass die Reisseelen hierüber nicht +in Zorn geraten. Zu diesem Zweck hat sie das _barang lali_ stets +in der Scheune hängen; seine wesentlichen Bestandteile sind ein +Bündel Spähne aus Fruchtbaumholz und ein viereckiges Körbchen aus +_tika_. Mitten zwischen die Spähne wird ein Ei gesteckt und unten am +Bündel ein kleines Bambusgefäss mit Zuckerrohrsaft (_telang tewo_) +als Opfergabe angehängt. Das Körbchen enthält eine geweihte Matte +für das Holen des Reises: _brat_ (Matte) _lali_ (geweiht) _ala_ +(holen) _parei_ (Reis) und vier _kawit_, die besondere Namen tragen: +barang _bal ok; pakan lepo halam; pakan lepo parei; bal ok a desak;_ +ausserdem einen Reishalm. Die Frau beginnt damit, als Opfer für die +_bruwa parei_, etwas Zuckerrohrsaft auf das Ei zwischen den Spähnen +zu giessen. Während sie den Deckel des Korbes abhebt, die kleine +Matte herausnimmt, auf den Boden breitet und einen Reishalm darauf +legt, erklärt sie den Reisseelen den Zweck ihres Kommens. Darauf +kniet sie, einige Sprüche murmelnd, vor der Matte nieder und isst +ein einziges Korn von dem Reishalm. Nachdem sie das _barang lali_ +sorgfältig geborgen, geht die Frau mit der erforderlichen Menge Reis +ruhig nach Hause. + +Matten spielen beim Trocknen und Stampfen des Reises eine wichtige +Rolle, es ist daher wahrscheinlich, dass das _barang lali_ und das +Verzehren des Reiskorns den Reisseelen die bevorstehende Behandlung +andeuten sollen. + +Beim Beginn einer neuen Ernte werden die gebrauchten _pemali_ +durch andere ersetzt, nur das _bararg lali_ und _kahe parei_ werden +sorgfältig mit einer mit Reis gefüllten Eierschale bewahrt und +bei jeder neuen Jahreszeit wieder zum Vorschein geholt. Wenn diese +_pemali_ verloren gehen, ist eine _mela_ der _dajung_ erforderlich, +um die Reisseelen wieder anzulocken. + +Beim Beginn des Reisschnitts stimmt man die Geister dadurch günstig, +dass man ihnen Esswaren und Wasser, vielleicht einen Aufguss auf +Gemüseblätter, darbietet. Das Opfer, _tawe lali luno_ genannt, wird +von Kindern auf das Reisfeld getragen. Die Esswaren: gekochter Reis, +Fisch und Huhn, befinden sich in drei von den _dajung_ mit einfacher +Schnitzerei verzierten Bambusbehältern, das Wasser in einem vierten, +niedrigeren Behälter; an alle Gefässe werden _kawit_ gehängt. Abends +werden die Reishalme des ersten Schnittes in einem geweihten Korbe +(_ingan lali_) unter Beckenschlag feierlich ins Haus getragen. Aus +der Wohnung sind Hunde und Katzen vorher entfernt worden, auch hat +man die _amin_ gereinigt und den Eingang mittelst einer Tür aus +Rotanggeflecht verschlossen. Die Tür (_bilet_) besteht aus zwei +durch eine Rotangschlinge verbundenen Hälften und einem hölzernen +Handgriff. Soll der Korb in die Wohnung getragen werden, so streift +man die Schlinge mit dem Handgriff ab, die beiden Flügel des Pförtchens +springen auf und der Reis kann seinen Einzug halten. + +Die mit dem Saat- und Neujahrsfest verbundenen Festlichkeiten haben auf +die Verehrung der Götter _Tamei Tingei_ und _Djaja Hipui_ Bezug, daher +besitzen die bei dieser Gelegenheit gebrauchten _pemali_ teilweise +eine allgemeinere und wichtigere Bedeutung als die vorhin angeführten; +denn nun gilt es nicht allein, die betreffenden Geister zufrieden +zu stellen, sondern man verlangt von ihnen auch eine gute Ernte, +Gesundheit und Wohlfahrt. Die _dajung_ verfertigen für das Neujahrsfest +ein besonderes _pemali_, das sie auf dem geweihten Reisfeld (_luma +lali_), das als Ort der heiligen Handlung dient, aufrichten. Mit +geringen gelegentlichen Abweichungen besteht dieses _pemali_ aus +Stücken von Fruchtbaumholz, die durch ihre Form den Geistern die Bitten +des Kajanvolkes übermitteln sollen. Die Konstruktion ist die folgende: + +Mitten im Reisfeld werden, mit ihren zugespitzten Enden in die Erde +gebohrt, vier etwa 20 cm lange runde Pfähle dicht neben einander +in einer Reihe aufgestellt. Die beiden mittelsten tragen oben je +einen Kranz von acht kleinen, in das Holz eingesenkten Häkchen, +während zu den seitlichen Pfählen je eine Treppe führt. Die Pfähle +sind oben mit zwei schmalen Brettern gedeckt; vor und hinter ihnen +stecken etwas längere Hölzer mit ihren hakenförmigen Enden schräg +im Boden. Die Bedeutung des Ganzen ist diese: die vier aufrechten +Pfähle bitten die Götter um langes Leben, die beiden Hakenkränze um +ein Ansammeln von Reichtümern, die beiden Treppen um ein Übersteigen +aller Schwierigkeiten, die schief im Boden steckenden Hölzchen um +einen Boden, aus dem sich Reichtümer heben lassen. Dieses _pemali_, als +_pelale_ bezeichnet, wird beim Saatfest und später beim Neujahrsfest +am Fuss des _dangei_ aufgerichtet, nachdem man die Erde vorher mit dem +Blut eines Küchleins als Opferspeise befeuchtet hat (Siehe Kap. VIII). + +Das _pemali bliang_ unterscheidet sich vom _pelale_ hauptsächlich +dadurch, dass die Hakenkränze durch acht längere Haken, die man rings +um die vier Pfähle steckt, ersetzt werden. Zwischen die Haken werden +als Opfergaben kleine Fische gelegt. Die Pfähle und Haken des _pemali_ +bliang stecken nicht, wie beim _pelale_, in der Erde, sondern in einem +Körbchen mit Klebreis, das mit einem Deckel verschlossen wird. Nachdem +das Körbchen mit einem Streifen weissen Kattuns umwickelt worden, +befestigt man an ihm ein winziges _tekok_, zwei Bambusstäbe und eine +Matte, mit denen beim Neujahrsfest die Geister angerufen werden; +augenscheinlich ein Mittel, um die Aufmerksamkeit der Geister des +_Apu Lagan_ zu erregen. Jede _dajung_ verfertigt am dritten Tage des +Neujahrsfestes ihr eigenes _pemali bliang_ und stellt es am folgenden +Tage mit denen der anderen Priesterinnen gemeinschaftlich an den Fuss +des Opfergerüstes (_lasa_); nach dem Feste bewahrt jede ihr _pemali_. + +Für das grosse Neujahrsfest werden ausserdem auch noch andere _pemali_ +verfertigt. + +Das eben erwähnte _tekok_ wird dann täglich an Stelle eines Gongs +zum Anrufen der Geister gebraucht. Es besteht aus einer geweihten +Matte (_brat lali_) aus _tika_ und zwei Bambusstäben von 3 dm Länge, +welche am unteren Ende durch einen Halmknoten geschlossen sind. Beim +_dangei_-Feste ruft die Priesterin morgens und abends die Geister an, +indem sie in bestimmtem Rhythmus mit den Bambusstäben abwechselnd +auf die Matte schlägt und den Geistern halb singend, halb rezitierend +die Leiden und Wünsche des Stammes zu kennen giebt. + +An das Gestell (_lasa_), an welches die Opfergaben gehängt werden, +wird stets eine Rotangschnur und an diese wiederum eine _tawe nangan_ +(Leitbahn) befestigt, welche als _alan to_ (Weg der Geister) dienen +soll. Der _alan to_ hängt an einem kupfernen Haken und besteht aus +einem weissen Kattunstreifen, der in einige rote und blaue Streifen +ausläuft, an welche jede der anwesenden _dajung_ ein Bambusgefäss mit +Zuckerrohrsaft, eine Art Halskette aus Perlen und verschiedene _usut_ +(Geschenke) und Schleifen, von mir unbekannter Bedeutung, bindet. Neben +dem weissen Kattunstreifen hängt eine Perlenschnur mit kawit, die mit +einer Schlinge endet. Bei der Beseelung kommt der gute Geist längs +dieser Schnur auf die darunter stehende _dajung_ herab. + +Die Art und Weise, in welcher die Bahau ihren Dorfgenossen ihre +Neujahrswünsche ausdrücken, ist sehr eigentümlich. Die _dajung_ +verfertigen nämlich vor Beginn des Festes für die ganze Bevölkerung +das _hato kawit bruwa_, ein Bündel von acht Haken aus Fruchtbaumholz +und drei _kawit_, die zusammengebunden in einem Säckchen aus weissem +Kattun stecken. In eine Schlinge aus ungedrehten Pflanzenfasern, +welche aus dem Säckchen hervorragt, muss der Nachbar bei der Begrüssung +seinen Finger stecken, der dann hin- und herbewegt wird; bisweilen +wird auch der gute Einfluss, der von der Schlinge ausgeht, auf das +Haupt des Betreffenden geblasen. Indem man die Seele des Freundes +mittelst der Schlinge mit dem wohlschmeckenden Inhalte des Sackes in +Berührung bringt, erweist man ihr etwas Angenehmes, ausserdem wünschen +die hölzernen Haken ein Sammeln von Reichtümern für das folgende Jahr. + +Beim _marong uting_ (Schweinefleischessen, siehe Kap. VIII) verfertigen +die _dajung_ in der Wohnung des Häuptlings das _bowo nangan_, ein +Gestell, auf welchem den Geistern das Schweinefleisch in kawit +angeboten wird. Das _bowo nangan_ ist ein mit Schnitzwerk etwas +verziertes Bambusrohr, das horizontal an einer Perlenschnur hängt, +innen und aussen mit _kawit_ versehen ist und in der Mitte acht +_usut_ trägt, deren Bedeutung mir nicht klar ist. Zu beiden Seiten +des Bambusrohres hängen gekreuzte Stöckchen mit kleinen Schnüren, +an welche die _kawit_ mit Schweine- und Hühnerfleisch gebunden +werden. Tagsüber hängt das _bowo nangan_ in der _dangei_-Hütte, abends +wird es aber stets in die _amin_ des Häuptlings zurückgebracht. Statt +der Speerspitze und des Schwertes, welche die _dajung_ bei einer +gewöhnlichen _mela_ gebraucht, verwendet sie bei der gelegentlich +des marong uting stattfindenden _mela_ die _telingan uting_, eine +geschliffene Muschelschale (_hulo)_, an der eine alte Perlenschnur und +eine _kawit_ hängen. Diese von Nautilus-Arten stammenden Schalen und +die alten Perlen werden bei den Bahau sehr geschätzt und sind daher, +gleich wie alte Waffen, sehr geeignet, die Seele in gute Stimmung zu +versetzen, besonders in Verbindung mit dem geliebten Schweinefleisch. + +Nach der Sitte aller Stämme von Mittel-Borneo wechseln auch die Kajan +am Mendalam ihren Wohnsitz, sobald für den Reisbau kein geeigneter +Boden in der Nähe mehr vorhanden ist. Bein Einzug in das neue Haus +erbittet die Oberpriesterin den Segen _Tamei Tingeis_ und zwar drückt +sie ihre Bitte durch das _betungul_, ein für den Häuptling bestimmtes +_pemali_ aus. Dieses befindet sich, wie das _pemali bliang_, in +einem Körbchen aus _tika_ und besteht aus einem selbst gebrannten +irdenen Töpfchen (_taring ladang_) mit unregelmässigen Vertiefungen +am Böden, in welche 2 × 8 Haken aus Fruchtbaumholz gesteckt werden; +auch diese bitten um eine Anhäufung von Schätzen. Zwischen den Haken +werden in geknickte Bambushölzer kleine Fische als Opfer geklemmt. Das +Töpfchen bittet _Tamei Tingei_ wahrscheinlich um Nahrungsmittel. Mit +den Backsteinen, die beim Kochen des ersten Reises verwendet +werden (pag. 118), bildet es das einzige Überbleibsel der alten +Töpferkunst. Beim Umzug bleibt das _betungul_, wie auch das _legen_ +der Verstorbenen, im verlassenen Hause zurück. + +Ein wichtiges _pemali_, das speziell für die _dajung_ bestimmt +ist, heisst _hlen lali_ und ist ein längliches Kissen aus weissem +Kattun. Das Kissen wird von den Frauen bei ihrer Aufnahme unter die +_dajung_ hergestellt und bei jedem Saatfest zum Vorschein geholt und +mit einer _kawit_ versehen. Neben den _kawit_, welche die Zahl der +Amtsjahre der Priesterin angeben, sind verschiedene Perlenschnüre +angebracht. Ein Armband (_kamang tukan_ oder _laku dajung_) wird nur +auf dem Kissen der ältesten Priesterin befestigt und darf nie entfernt +werden. Auf jedem Kissen findet man drei _usut:_ eine rote, eine gelbe +Perle und einen Knopf (_hulo_). Die Besitzerin trägt diese usut, sobald +sie ihres Amtes waltet. Die gelbe Perle dient zugleich für die _mela_ +der Priesterin selbst; fühlt diese sich nämlich krank oder fürchtet +sie ein Entfliehen ihrer Seele, so sucht sie ihre _bruwa_ zu beruhigen, +indem sie die gelbe Perle fest in die Hand drückt. Neben den erwähnten +drei _usut_ wird das _usut lali_ angebracht, das aus kleinen Perlen +besteht und während des Saatfestes täglich angefasst werden muss. Bei +dieser Gelegenheit werden auch die Hausgenossen gesegnet, indem die +_dajung_ ihr Haupt mit dem Kissen, das für gewöhnlich sorgfältig in +einer Kiste bewahrt wird, in Berührung bringt. + +Je nach der Gelegenheit, bei welcher eine _mela_ vorgenommen +wird, benützt die _dajung_ zur Beruhigung der Seele verschiedene +Gegenstände. Bei der _mela_, welche während des Saatfestes bei der +zweiten Namengebung des Kindes stattfindet, streicht die Priesterin +dieses in Tandjong Kuda mit einem durch _kawit_ und Perlen geweihten +Kürbis. Gleich wie auch in Tandjong Karang, werden die Füsse des +Kindes in Wasser gebadet, das in zwei hierfür bestimmten Bambusgefässen +mit _kawit_ mitgebracht worden ist. Kürbis und Bambusgefässe heissen +zusammen: _tawe anak ok =_ Seelenbefriediger eines kleinen Kindes. + +Wenn die Kajan durch Vermittlung der Priesterinnen die Hilfe der +Geister anrufen, stellen die Priesterinnen für die _mela_ folgende +Gegenstände her: _pemali kaja, kawit mela_ und _malat kadja_. + +Der _pemali kaja_ ist eine besondere Art von Seelenweg, welchen die +_dajung_ benützt, wenn es eine verirrte Seele mit Hilfe der guten +Geister zurückzurufen gilt. Dieser Seelenweg, welcher an dem offenen +Dachfenster angebracht wird, besteht in einer kostbaren Perlenschnur +mit zwei gelben Perlen als _usut_. Auf die Schnur folgt ein aus acht +Schlingen zusammengesetzter Knoten, der mit einem Päckchen von acht +Haken aus Fruchtbaumholz vier Perlen, vier kleinen _kawit_, einer +Hühnerfeder und einem Stück _daun hugul_ (Dracaena-Blatt) verbunden +ist. Die Perlen, die _kawit_ und das in Schweineblut getauchte +Blattstück dienen als Beruhigungsmittel für die herankommende Seele; +die Haken bitten um Reichtum; die Hühnerfeder wird bei der eigentlichen +_mela_ verwandt. + +Die Priesterin streift bei der _mela_ die zurückkehrende Seele längs +des Seelenweges auf den Knoten, den sie in einem Säckchen und dieses +wieder in einem Körbchen bis zum Abend aufbewahrt. Mit der Hühnerfeder +bestreicht die Priesterin den Patienten, nachdem sie ihm vorher im +Dunkeln die Seele in das Haupt geblasen hat. + +_Kawit mela_ wird das alte Speereisen genannt, mit dem die _dajung_ +den Aren des Patienten streicht; vier _kawit_ und zwei mit Schweineblut +bestrichene Blätter von _hugul_ werden an ihm befestigt. + +_Malat kadja_ ist der Name des alten Schwertes, auf welches der +Patient während der _mela_ seinen Fuss setzen muss; auch dieses ist +mit _kawit_ versehen. + +Die _blaka_, die, wie die anderen pemali, morgens vor der eigentlichen +_mela_ hergestellt wird, bittet die aufgerufenen Geister um alles, +was dem Menschen not tut; sie besteht im wesentlichen aus einem dünnen +Flechtwerk in Form einer 1 1/2 quad. dm grossen Matte, welche um +folgenden Inhalt geschlagen wird: acht sorgfältig hergestellte _kawit_, +ein Päckchen von vier Hühnerfedern (_ukur manok)_, ein gewundenes Stück +Rotang (_ukur uting_) und zwei Bambusstäbe (_tawe)_. Die drei letzten +Gegenstände haben folgende Bedeutung: _ukur manok_ = Mass für Hühner, +bittet die Geister um viele Hühner und giebt zugleich die gewünschte +Grösse derselben an; _ukur uting_ = Mass für Schweine, bittet um viele +Schweine, ebenfalls mit Grössenangabe; _tawe_ bittet um langes Leben. + +Kehren die Bahaumänner von einer langen Reise zurück, so müssen sie, +bevor sie das Haus betregen dürfen, vier Tage lang in einer für +diesen Zweck besonders hergerichteten Hütte abgesondert leben. Der +Anführer der Gesellschaft lässt für diese Zeit durch die _dajung_ +eine _blaka ajo_ herstellen; sie besteht aus einer 2 quad. dm +grossen Rotangmatte, auf welcher mittelst eines Rotangstückes 2 × +8 Blätter von _daue Jong_ befestigt werden; diese dienen zur Abwehr +böser Geister. Zwischen die Blätter wird Reis gestreut. Die _blaka +ajo_ wird später in der Galerie (_awa_) afgehängt. Einen wichtigen +Gegenstand für die Zeit dieser Absonderung bildet ferner ein alter +Feuermacher der Bahau, der im täglichen Leben schon längst durch Stähl +und Feuerstein ersetzt worden ist. Zwischen den Zähnen einer Gabel +aus leichtem trockenem Holz wird ein halbiertes Stück Rotang hin- +und herbewegt. Durch die bei der Reibung entstehende Wärme werden die +abgeriebenen Holzteilchen zum Glühen gebracht und entzünden die feinen +Baumbastteile, welche unter der geriebenen Stelle auf eine Matte aus +_tika_ gelegt werden. Die Gabel wird mit den Füssen festgehalten. + +Mit dem bereits mehrmals erwähnten _legen_ möge die Reihe der _pemali_ +abgeschlossen werden. + +Das _legen_, ein aus _tika_ geflochtenes Körbchen, enthält alle +Gegenstände, die im Leben des Kajan eine Rolle gespielt haben und +nicht vernichtet werden dürfen, weil ihre Seelen sich sonst an dem +Menschen rächen könnten. + +Man findet im Körbchen folgende Gegenstände: + +1. Einen Bambusbehälter mit dem abgefallenen Nabelstrang (_obut_) +und einen zweiten mit einem _habung awut_, einem _pemali_, das +verhindern soll, dass das Kind zu viel isst und dadurch eine zu +schnelle Verdauung erhält. + +2. Ein Messerchen aus Bambus (_haling obut_) und eine hölzerne +Unterlage, die für das Abschneiden des Nabelstranges benützt wurden. + +3. Die _tewesing_, eine Halskette der Mutter, welche aus Perlen und +2 × 4 Früchten zur Abwehr böser Geister besteht und an welcher die +_hina ana_, die Schlinge vom Kindertragbrett, hängt. Ferner sind an +der Halskette befestigt: das _laku krawa_, das Armband, das gegen +Krämpfe schützen soll und das _leku pela_, das Armband, welches das +Kind zwischen der ersten und zweiten Namengebung trägt. + +4. Das _tol_, ein Stöckchen, mit dem das Kind zum ersten Mal für die +Reissaat Löcher in die Erde bohrte. + +5. Ein Kreisel (_asing_), mit dem das Kind zum ersten Mal beim +Saatfest spielte. + +6. Die Eierschalen (_telo lali_), mit welchen das Kind gelegentlich +der ersten Namengebung bei der _mela_ gestrichen worden ist. + +7. Das Röckchen (_ta-a_) und + +8. Das Jäckchen (_basong)_, welche bei der ersten Namengebung zum +ersten Mal angelegt wurden. + +9. _hapin hawat_, ein Zeugstück, das als Unterlage in dem Tragbrett +benützt wurde. + +10. Ein Tellerchen aus Kürbisschale (_uwit lali_), auf welchem +dem Kinde bei der Mahlzeit von Vater und Mutter einige Reiskörner +gegeben wurden. + +11. Ein Instrument zum Durchbohren der Ohrläppen (_natap telinga)_. + +12. Ein Stückchen Baumbast mit den ersten Exkrementen des Kindes. + +13. Das _lawong tika akar_, das Kopfband, welches die Mutter während +des ersten Lebensjahres des Kindes trug. + +14. Das Bambusgefäss, in welchem das erste Badewasser für das Kind +geholt wurde. + +Aus allem, was im vorhergehenden über die religiösen Vorstellungen +der Bahau gesagt worden ist, ersieht der Leser, dass die Besorgnis um +die Ruhe ihrer Seelen ihr Tun und Lassen während ihres ganzen Lebens +beherrscht. Da die _bruwa_ durch alles, was dem Menschen selbst +fremd, unbegreiflich und gefahrvoll erscheint, erschreckt und zum +Fliehen gebracht werden kann, was Krankheit oder Tod zur Folge hat, +stösst derjenige, der mit Hilfe der Bewohner von Mittel-Borneo in +unerforschten Gegenden wissenschaftliche Untersuchungen vornehmen +will, auf bisweilen unüberwindliche Hindernisse. Das Betreten eines +unbekannten Gebietes, das Besteigen eines gefürchteten Berges, die +Photographie, die anthropologischen Messungen u.s.w. erschienen meinem +Geleite als gefährliche Experimente, die Wohlsein und Gesundheit aufs +ernsteste bedrohten. + +Eine besondere Seelenunruhe veranlassten meine Nachforschungen +nach ihren Überlieferungen und ihrem Gottesdienst; die Hindernisse, +die man mir auf diesen Gebieten daher in den Weg legte, waren sehr +grosse. Zum Glück liessen sich die beängstigten Seelen der Baliau meist +mit allem, was diese selbst schön fanden, wie hübsches Zeug, Perlen +und Geld, beschwichtigen. In bezug auf Mitteilsamkeit in religiösen +Angelegenheiten machte sich übrigens, je nach Veranlagung und Höhe der +geistigen Entwicklung bei den einzelnen Personen, Verschiedenheiten +geltend. Während die einen sich völlig unzugänglich zeigten, konnte +ich von den anderen doch mit Hilfe von allerhand Mitteln einiges +erfahren. Indessen wären mir die religiösen Vorstellungen der Kajan am +Mendalam auch nach elfmonatlichem Aufenthalt in ihrer Mitte ein Buch +mit sieben Siegeln geblieben, wenn nicht gerade die Oberpriesterin +von Tandjong Karang, _Usun_, eine rühmliche Ausnahme gemacht und sich +in allem, was ihre heilige Wissenschaft betraf, zugänglicher gezeigt +hätte. Trotz mancher unangenehmen Eigenschaften meiner alten Freundin +kann ich nicht umhin, gerade an dieser Stelle mit Dankbarkeit ihrer +zu gedenken. + +_Usun_ gehörte zu den wenigen Bewohnern des langen Hauses, die +den ganzen Schatz der Überlieferungen von der Geisterwelt und +der Stammesgeschichte kannten. Nach der Überzeugung der Kajan +war ihr Tun und Lassen daher für die Gesinnung der Geister, +somit für das Wohlergehen und den Gesundheitszustand des ganzes +Stammes, massgebend. Durch aussergewöhnliche Handlungen, wie es ihre +Unterhaltungen mit meiner profanen Person über Religionsangelegenheiten +waren, schadete Usus also nicht nur sich selbst, sondern ihrer +ganzen Umgebung; begreiflicher Weise sah man unseren Verkehr daher +nur sehr ungern. _Usun_ selbst stand ihren Stammesgenossen durchaus +nicht furchtlos gegenüber, auch spielte die Besorgnis um das Wohl +und Wehe ihrer eigenen Seele bei ihr eine grosse Rolle; ich musste +daher jedesmal, wenn sie mir etwas Besonderes erzählt oder gebracht +hatte, ihre _bruwa_ mit etwas Geld, Kattun oder Perlen besänftigen, +um bösen Träumen oder gar Krankheiten zuvorzukommen. Den Geldstücken +schien dabei eine besonders beruhigende Wirkung eigen zu sein, auch +wurden sie, um in innige Berührung mit ihrer Seele gebracht zu werden +von der Alten beim Abschied gebissen. Auch ihr Enkel, ein ungezogener +zwölfjähriger Knabe, beängstigte ihr Gemüt; denn er wollte, wie die +übrigen Kajan, nichts von ihrem gefährlichen Umgang mit mir wissen. + +Gegen alle diese Schwierigkeiten kämpften in _Usuns_ Seele eine sehr +entwickelte Habgier und Eitelkeit auf ihre Wissenschaft und Stellung +und, wenn ich mir schmeicheln darf, eine grosse Eingenommenheit für +meine Person. + +Unter diesen Verhältnissen entwickelte sich unser Verkehr derart, +dass _Usun_, um ihre Umgebung irre zu führen, abends, wenn alle +Hausbewohner schliefen, zu mir schlich. Dann packte sie ihre _pemali_, +die heiligen Gerätschaften, die sie für mich verfertigt hatte, aus +und steckte die erhaltene Belohnung ein. Wenn sie sich im Dunkeln hie +und da fürchtete, nahm sie den Enkel mit, der für die ausgestandene +Seelenangst stets auch etwas bekam. + +In der Stille meiner Hütte, nur unterbrochen von einzelnen Lauten, +die von dem schlummernden Kajanhause herüberdrangen und von dem +Gezirp der ewig munteren Grillen, vernahm ich in einem entsetzlichen +Gemengsel von Kapuas-Malaiisch und Busang die Geschichte von _Usuns_ +Geisterwelt. Das energische Gesicht der alten Dajakfrau gab dem Bilde +noch ein besonderes Gepräge. Wurden wir durch Neugierige gestört, so +hatte die Alte sogleich ein harmloses Thema bei der Hand und fand sie +bei ihrem Kommen meine Hütte besetzt, so schob sie das Mitgebrachte +von aussen durch die Mattenwand der Hütte auf meinen Schlafplatz--die +Rechnung blieb später nicht aus. + +Tagsüber liess _Usun_ ihren Gefühlen freieren Lauf, sprach öfters +beim Doktor vor und liess sich zum Gaudium der ringsherum stehenden +Jugend bald hier bald da auf allerhand Leiden untersuchen. + +Der pekuniäre Vorteil, den _Usun_ aus ihrem Handel mit ihrer +priesterlichen Wissenschaft zog, weckte den Neid und die Konkurrenz +ihrer Kolleginnen und diesem Umstande habe ich es zu verdanken, dass +mir auch von anderer Seite religiöse Gegenstände geliefert wurden, +von deren Existenz ich sonst nie etwas erfahren hätte. + +Die Schöpfungsgeschichte der Mendalam Kajan, wie ich sie aus dein +Munde der alten _Usun_ vernommen, möge dieses Kapitel abschliessen. + +_Die Schöpfung der Erde, Geister und Menschen_. + +Eine Spinne liess sich einst vom Himmel an einem Faden herab. Diese +Spinne wob ein Netz, in welches ein Steinchen von der Grösse einer sehr +kleinen Perle fiel. Das Steinchen wurde grösser und grösser, erst wie +eine _ower ane_ (besondere Perlenart), dann wie eine _ketobong apo +parei_ (besondere Perlenart), dann wie eine kleine Muschel, wie ein +Nagel (_hulo_), wie eine aus einer Muschelschale geschnittene Scheibe +(_barang hulo_), wie ein Fussrücken, wie ein runder Teller (uwit), +wie eine Sitzmatte, wie ein Sieb, dann wie eine grosse Matte u.s.f., +bis es den ganzen Raum unter dem Himmel einnahm. + +Auf diesen Stein fiel eine Flechte (_oro napon_) vom Himmel, die +auf ihm kleben blieb; dann fiel ein Wurm (_halang_) hernieder, aus +dessen Exkrementen die ersten Erdteilchen entstanden. Auch diese Erde +nahm immer mehr zu, bis sie den ganzen Stein bedeckte. Da fiel der +grosse Baum, _kajo aja_ auch wohl _kajo nangei_ (beim Neujahrsfest +verwendet) genannt, vom Himmel; der Baum war anfangs nicht höher +als ein Messerchen (_nju_) dick ist, dann wurde er so gross, als +ein Beil (_ase_) dick ist, schliesslich erreichte er die Höhe eines +Bananenstammes u.s.f. + +Darauf fiel eine Krabbe vom Himmel und begann mit ihren vielen +Gliedmassen in der Erde zu graben, wodurch Berge, Täler und Flussbetten +entstanden, unter anderen der Kajan, Pengian, Danum Pè (Flüsse im Apu +Kajan Gebiet beim Batu Tibang) und schliesslich alle übrigen Flüsse +von Borneo. + +Aus dem Boden wuchsen jetzt allerhand Pflanzen hervor, zuerst die +verschiedenen Bambusarten: _bulu buring; bulu pusa; bula tengun_ +und _bulu tan_; dann die Bäume, die das rote zähe Holz für Schilde +liefern und die Fruchtbäume. (Alle diese Baumarten werden beim +Neujahrsfest zum Bau der _dangei_-Hütte verwendet). Schliesslich +erschienen die Rotangarten: _uwe nga; uwe haring; -bohong; -hawon; +-kudjo; -ngelawáto; -peselilit; -selat; -seputan_ und _uwe maling_, +die alle im Haushalt ihre verschiedene Verwendung finden. + +Der Rotang wand sich an dem grossen Baum _kajo aja_ hinauf und der +Wind trieb ihn derart, dass er in die vulva des Baumes gelangte, +wodurch dieser sehr gross wurde. + +Zwei Geister, ein Mann, _Belare Adje Awe_, und eine Frau_, Ketot Era +Pode_, kamen jetzt vom Himmel herab und liessen sich auf dem grossen +Baum nieder; sie konnten sich aber als Geister nicht begatten. Als der +Mann einst einen Schwertgriff schnitzte und die Frau am Webstuhl sass, +fielen der Schwertgriff und das Weberschiffchen neben einander auf die +Erde und paarten sich. Aus ihrer Vereinigung ging ein menschenähnliches +Wesen, _Kelower Ga-aï_ (= schiebend sich vorwärts bewegen) hervor, +dem aber Arme und Beine fehlten. + +Die Paarung und ihr Resultat erschreckten die beiden Geister jedoch +derart, dass sie eiligst in den Himmel zurückflogen. + +Das gliederlose Monstrum bekam zwei Kinder verschiedenen Geschlechtes: +_Huwar Ane_ und _Uti_; deren beide Kinder: _Klobe Ange_ und _Klobe_ +konnten sich auch noch kaum bewegen, sie hatten aber ebenfalls +zwei Nachkommen: _Ngujer Bawe_ und _Lahnde_, die beide nur sitzen +(_ngujer_) konnten. Diese jedoch zeugten richtige Menschen: einen +Mann _Paren Keliter Pulut Luwe_ und eine Frau _Udjung Malen Leke_. + +Die Tochter dieser ersten Menschen, _Lahei Lalau_, hatte so lange +Arme und Beine, dass sie den Himmel berühren konnte. Sie bekam zwei +Kinder: _Amei Awi_ und _Buring Une_, die hauptsächlich die Erde und +ihre Erzeugnisse beherrschen und daher als die wichtigsten Götter +des Ackerbaus verehrt werden. Sie besitzen 2 × 8 Kinder, nämlich: + + + Frauen: Männer: + + _Usun Keten Apui_ _Bang Alang Tui_ + _Usun Keten Apui Lawan_ _Bang Alweg Lawar_ + _Hanja Ata Tere_ _Bang A lang Nje_ + _Hanja Ata Tujan_ ... + _Husun Djulu Djele_ _Jok Une_ + ... _Hang Pidang Le_ + + +ferner noch vier Kinder, die als die wichtigsten Mondphasen am Himmel +stehen: _Kerebso_ = aufgehender Mond; _Kelo-ong Pajang_ = Halbmond; +_Kamat_ = Vollmond und _Penjeröm Döm_ = dunkler Mond. + +_Amei Awi_ und _Buring Une_ liessen ihre Kinder, um darüber zu +entscheiden, wer von ihnen Häuptling, wer Freier und wer Sklave +werden sollte, einen Berg hinauflaufen. Die Stärksten, die die Spitze +zuerst erreichten, machten sie zu Sklaven, die minder Starken, welche +sich halbwegs befanden, machten sie zu Freien und einen Mann mit +einem kranken Bein und eine schwangere Frau, die am Fuss des Berges +zurückgeblieben waren, machten sie als die Schwächsten zu Häuptlingen. + +Sämmtliche Kinder waren jedoch mit der Entscheidung ihrer Eltern +unzufrieden und gingen daher nach den verschiedensten Orten im +Weltall auseinander, wo sie jetzt als Monde und ähnliche Gebilde ein +glückliches Dasein geniessen. + +Die Eltern dagegen, die einsam zurückblieben, nahmen ein weisses Tuch +und eine Matte und begaben sich zu dem grossen Baum _kajo aja. Amei +Awi_ kratzte von dein Baum eine grosse Menge Rinde ab und holte +aus dem Walde ein langes Stück Rotang. Nachdem er die beiden Enden +über dem Boden befestigt hatte, baute er darauf ein Haus und streute +mit seiner Gattin die Baumrinde auf den Fussboden, worauf Schweine, +Hühner, Hunde und Menschen aus den Rindenteilchen entstanden. Die +Menschen blieben jedoch stumm, obgleich sie ihnen Ohrringe (_isang)_, +Ruder (_bese)_, und andere Dinge gaben. Daher begab sich _Amei Awi_ +auf den Fischfang, kochte die Fische und ass einen Teil mit _Buring +Une_. Als sie darauf auch den Menschen von den Fischen zu essen gaben, +begannen diese zu sprechen. + +Von diesen echten Menschen stammen die Bahau ab, die krank werden +und sterben können, da sie, wie auch ihre Haustiere, eigentlich aus +vergänglicher Rinde (_kul kajo_) bestehen. + + + + +KAPITEL VII. + + Auffassung der Kleidung seitens der Eingeborenen--Zweck + der Kleidung--Einfluss der Malaien auf die + Kleidung--Alltags-, Fest- und Kriegskostüm der Männer am + Mendalam--Kopfbedeckungen--Schmuck--Tätowierung--Ausrecken + der Ohrläppchen--Umformung der Zähne--Haartracht--Alltags- und + Festkleidung der Frauen--Schmuck--Trauerkleidung--Ausrüstung der + Toten--Waffen der Kajan: Schwerter, Speere, Blasrohre--Herstellung + der Blasrohre--Pfeile und Pfeilgifte--Schilde. + + +Stämme, welche stets nackt gehen, kommen auf Borneo nicht mehr vor; +dagegen findet man sehr nahe verwandte Stämme, welche, je nachdem +sie viel oder wenig mit Fremden in Berührung gekommen sind, über ein +zeitweiliges Nacktgehen sehr verschieden denken. Es scheint übrigens, +dass die Fremden bei den ursprünglichen Bewohnern Borneos nicht nur +auf die Entwicklung der Kleidung, sondern auch auf die Auffassung +der Eingeborenen, ob und wann diese überhaupt erforderlich ist, +einen starken Einfluss geübt haben. In Sambas, im Sultanat an +der Westküste, beobachtete ich, dass bei den mehr landeinwärts und +gesondert lebenden Siding Dajak beim gemeinsamen Baden sowohl Männer +als Frauen ihre Kleidung gänzlich ablegten, während ihre Verwandten, +die in malaiischer Umgebung an der Küste leben, beim Baden stets alte +Kleidungsstücke anlegten. + +Ähnliche Unterschiede zeigen sich im Innern der Insel bei den +grossen Stammgruppen der Bahau und Kenja, von denen diese nur wenig, +jene dagegen mehr von Malaien beeinflusst werden. Obgleich nämlich +sowohl die Bahau als die Kenja stets völlig nackt baden, kleiden +sich erstere doch unmittelbar nach dem Bad gleich vollständig an, +während letztere unbekleidet in ihr Haus zurückkehren und sich erst +dort anziehen. Auch um Wasser zu holen und ihre Kinder zu baden, +begeben sich die Kenjafrauen vorzugsweise nackt zum Flusse. In +Stromschnellen und Wasserfällen nehmen die Kenjamänner ihr Lendentuch +ab, die Bahaumänner dagegen tun das nie. Dass das Schamgefühl und +die Begriffe von Anstand sich bei diesen beiden Stammgruppen unter +malaiischem Einfluss verändert haben und noch verändern, ersah ich +daraus, dass sich die Kenja in Gegenwart von uns Fremden in dieser +Hinsicht bald wie die Bahau betrugen. So begaben sich die Mädchen +und Frauen der Kenja nur nachts, wenn wir schliefen, nackt aus ihrer +Wohnung zum Flusse. + +Als _Demmeni_ einmal spät abends seine Platten entwickelte, bemerkte er +sechs unbekleidete junge Mädchen, die zum Flusse gingen; kaum hatten +sie aber den roten Schein der photographischen Laterne bemerkt, +als sie erschreckt und lachend ins Haus zurückeilten. Auch die +Kenjamänner schämten sich vor uns Europäern, ihre Kleidung in den +Wasserfällen gänzlich abzulegen. Ihr Betragen war nur eine Folge +davon, dass unser Geleite von Malaien und Bahau den Kenja erzählt +hatte, wir Weissen nehmen an dem nackten Erscheinen der Eingeborenen +Anstoss, was übrigens gar nicht mit unserer europäischen Auffassung +übereinstimmte. Man sieht hieraus, welch eine grosse Rolle angelerntes +Schamgefühl bei der Entwicklung der Kleidung spielt. + +Da Stämme, die stets völlig nackt gehen, in Borneo nicht mehr +vorkommen, ist es jetzt schwer festzustellen, ob der Gebrauch einer +Körperbedeckung überhaupt fremdem Einfluss zugeschrieben werden muss. + +Augenblicklich dient die Kleidung der Dajak nachweisbar folgen +den Zwecken: als Schutz gegen Sonnenwärme bei sämmtlichen Stämmen, +als Schutz gegen Kälte nur bei den im rauhen Gebirgsklima lebenden +Kenjastämmen, als Schutz gegen Einbrennen und Dunkelwerden der Haut, +als Schmuck und als Schreckmittel gegen Feinde. Um sich gegen die +Sonnenwärme zu schützen, bedecken sich Männer und Frauen bei der +Feldarbeit und bei ihren Reisen auf offenen, der Sonne ausgesetzten +Flüssen auch den Oberkörper. + +Die Frauen, bei denen eine helle Hautfarbe für besonders schön +gilt, suchen mehr als die Männer durch Kleidung ein Einbrennen +und Dunkelwerden zu verhindern; ihre flachen konischen Sonnenhüte +(_haung_) sind daher viel grösser als die der Männer. (Siehe Taf. Hüte +der Bahau). + +Eigentliche Kleidungsstücke werden als Schmuck nur selten, bei +festlichen Gelegenheiten, getragen. Die Kajan am Mendalam z.B. legen +ihre schönsten Kostüme nur einmal im Jahr, zum Neujahrsfest, an; +dann tragen die Männer schöne Jacken und die Frauen schlingen sich +Schale um die Schultern; Lendentücher und Röckchen bestehen dann auch +aus den schönsten Stoffen. + +Rechnet man zur Kleidung, wozu man nach der Auffassung der Dajak +berechtigt ist, auch Tätowierungen, Umbildungen von Zähnen und +Ohren, Hals und Armbänder u.s.w., so findet die Kleidung als Schmuck +allerdings eine viel ausgedehntere Verwendung. + +Wenn die Bahau ihre Festkleider auch nur selten anlegen, verwenden +sie doch auf ihre tägliche Toilette sehr viel Sorgfalt. Besonders +ist dies bei unverheirateten jungen Männern und Mädchen und bei +Jungverheirateten der Fall. Sind Männer und Frauen erst einige Jahre +verheiratet, so tritt die praktische Seite der Kleidung mehr in den +Vordergrund. Eine besondere Tracht für Verheiratete und Unverheiratete +giebt es nicht. + +Die Bahau bekleiden ihre Kinder, sobald sie gehen können. Die Kleinen +zeigen aber für die Notwendigkeit und Schönheit von Kleidungsstücken +meist gar kein Verständnis und einzelne leisten daher beim ersten +Anlegen des Lendentuchs oder Röckchens heftigen, oft Jahre dauernden +Widerstand. Die Eltern schreiben diesen Widerstand, wie alles +Aussergewöhnliche, dem Einfluss böser Geister zu; daher baten mich +die Mütter öfters, ihr eigensinniges Kind zu "belesen," d.h. durch +Lesen in einem Buche den bösen Geist aus ihm zu vertreiben. + +Durch den ständigen Verkehr mit den Malaien, die auswärtige Stoffe, +hauptsächlich billigen europäischen Kattun, bei ihnen einführen, +ist die ursprüngliche Kleidung der Bahau am Mendalam viel stärker +beeinflusst worden als die der Stämme am oberen Mahakam und Bulungan. + +In früheren Zeiten verfertigten, wie es die Kenja und Bahau am +Mahakam jetzt noch tun, auch die Mendalam Kajan die Stoffe für ihre +Kleidungsstücke selbst; sie webten sie aus Baumwolle oder Lianenfasern +oder stellten sie aus geklopftem Baumbast her. Die gewebten Stoffe +wurden bei Festlichkeiten oder von den Reicheren getragen, während +der Baumbast für die gewöhnliche Arbeitskleidung diente. + +Auf die Herstellung dieser Kleidungsstücke verwandten besonders die +Frauen viel Sorgfalt und Kunstfertigkeit. Sie webten sowohl prächtige +Stoffe als auch einfachere, die dann, wie auch der Baumbast, durch +schöne farbige Stickereien verziert wurden. Die Stickereien wurden in +hübschen, farbigen Mustern, hauptsächlich im Kettenstich, ausgeführt +und legen noch heute von dem Geschmack und Fleiss der damaligen +Frauen ein gutes Zeugnis ab. Den Männern fiel die Bearbeitung der +verschiedenen Arten von Baumbast zu, auch schnitten sie aus Zeug +Figuren aus, welche von den Frauen als Verzierung auf die Kleider +genäht wurden. + +Während die eben erwähnten Verzierungen und die schön bestickten +Baumbastkleider am oberen Mahakam jetzt noch gebräuchlich sind, findet +man am Mendalam Figurenverzierungen nur noch an der Totenkleidung +und Baumbast, einfach bearbeitet, wird nur noch bei der Feldarbeit +oder als Zeichen von Trauer getragen. An Stelle des Baumbasts wird +bei der Trauerkleidung jetzt auch weisser Kattun angewandt, den man +vor dem Gebrauch in den Morast legt und dann auswäscht, um ihm den +braunen Ton zu geben, der dem Baumbast gewöhnlich eigen ist. + +Seitdem der weniger dauerhafte aber billige Kattun am Mendalam +eingeführt worden ist, webt man dort überhaupt nicht mehr. Merkwürdiger +Weise ist mit der Qualität der Stoffe auch die ihrer Bearbeitung +gesunken; denn statt des früheren sorgfältigen Nähens ist jetzt nur +noch das Heften gebräuchlich und das Sticken hat ganz aufgehört. + +Bei sämmtlichen Stämmen von Mittel-Borneo bekleiden sich die Männer +mit einem Lendentuch, die Frauen mit einem Röckchen. Während dieses +bei den verwandten Bahau- und Kenjastämmen hinsichtlich der Form völlig +übereinstimmt, trägt es bei den übrigen Dajak, z.B. den Batang-Lupar, +Taman und Ot-Danum, einen ganz anderen Charakter. + +Beschäftigen wir uns im folgendem speziell mit der Kleidung der +Mendalam Kajan. + +Das wichtigste und einfachste Kleidungsstück der Männer bildet +das Lendentuch (_ba_). Bei schwerer Arbeit und auf Expeditionen +durch Urwald und über Wasserfälle gebraucht man ein kurzes (huch, +das nur einmal um die Hüften geschlungen wird; im Hause und bei +Festlichkeiten dagegen tragen besonders die Reicheren bis zu 12 +m lange Lendentücher. Ein derartiges Tuch wird stets nur einmal +zwischen den Beinen durchgezogen und der Rest dann um die Hüften +geschlungen. Gegenwärtig ist weisser, roter und blauer Kattun hierfür +am beliebtesten, falls aber die Feldarbeit einen dauerhafteren Stoff +erfordert, wählt man Baumbast. Die grosse Haltbarkeit des Baumbasts +ist wohl die Ursache, dass er noch nicht gänzlich durch den beim +Tragen viel angenehmeren Kattun verdrängt worden ist. + +In der Regel wird das Lendentuch nicht verziert; seine Schönheit hängt +von seiner Länge und vom angewandten Stoff ab. Zur Alltags kleidung +der Männer gehört ferner eine Sitzmatte (_tabin_) in Form eines 3 × +4 1/2 dm grossen Rechtecks, das oben, an einer der schmalen Seiten, +in ein 1 1/2 dm hohes Dreieck verläuft. An der Dreieckspitze sind zwei +Schnüre angebracht, mittelst deren die Sitzmatte über den Hüften an +den Körper gebunden wird und zwar so, dass die Matte hinten an der +Verlängerung des Rückens zu hängen kommt. Die Matte hat den Zweck, +die blosse Haut beim Sitzen auf schmutzigem oder nassem Boden vor +Verunreinigung zu schützen; sie wird daher beinahe ständig getragen +und häufig auch auf Reisen nicht abgelegt. In der Regel werden die +Matten aus Rotang geflochten und oft mit roten oder schwarzen Figuren +oder mit Knöpfen und Zeugstreifen verziert. + +In neuerer Zeit tragen die Männer an Festtagen gern eine lange, bunte, +malaiische Hose, falls sie einer solchen habhaft werden können. + +Auf Jacken (_basong_) aus Kattun sind die Kajanmänner sehr erpicht; +ihre Frauen stellen aber für die Feldarbeit auch sehr gute Jacken +aus Baumbast her. Um eine Trennung der Fasern zu verhindern, wird +der Bast mit festem Zwirn oder dünner Schnur durchzogen. Bisweilen +fassen die Frauen die Bastkleider mit rotem Kattun ein; die Arbeit +lässt aber an Schönheit viel zu wünschen übrig. Weiter unterscheidet +sich die Festkleidung der Männer von der Alltagskleidung hauptsächlich +durch die bessere Qualität des angewandten Materials. Hinzu kommt nur +noch ein _sarong_ aus _batik_ [5] oder ein anderes schönes Stück Zeug, +das quer über der linken Schulter getragen wird. Am Mahakam gebrauchen +die jungen Leute diesen Schal, falls sie nicht arbeiten, täglich. + +Zum Kriegskostüm der Männer gehört hauptsächlich eine dicke ärmellose +Jacke (_basong kapai_), die aus zwei mit Kapok gefüllten Lagen Kattun +besteht, welche in rechtwinklig sich schneidenden Linien durchsteppt +ist; sie schützt den Oberkörper vor Speerstichen und Schwerthieben. + +Als eine Ergänzung dieses ärmellosen Waffenrockes müssen wahrscheinlich +zwei Ärmel betrachtet werden, die nur durch den obersten, nicht mehr +als 2 dm betragenden Teil eines Jäckchens mit einander verbunden +sind. Dieses eigenartige Kleidungsstück ist aus gewöhnlichem Stoff +verfertigt und dient als Armbedeckung. + +Die Kajan und alle übrigen Stämme auf Borneo tragen über den +eben erwähnten Kleidungsstücken einen Kriegsmantel (_sunung_) aus +Tierfellen. Ein Pantherfell (_sunung kule_) gilt als das schönste; +aber wegen seiner Kostbarkeit und Seltenheit begnügt man sich auch +mit einem langhaarigen Ziegenfell (_sunung kading)_. In früheren +Zeiten scheinen mit Tierfiguren bestickte Baumbastmäntel in Form +einer Tierhaut gebräuchlich gewesen zu sein, wenigstens wurde mir +ein solcher, mit einer Reihe von 8 Schwanzfedern des Nashornvogels +verziert, zum Kauf angeboten. Man nannte ihn _sunung kapuwa_. + +Ein Kopftuch (_lawong_) wird von den gewöhnlichen Männern nur +gelegentlich, von den Häuptlingen jedoch, um ihre Würde anzuzeigen, +täglich getragen. Der Kajan schlingt das Tuch in Form eines Wulstes um +den Kopf und zieht seine für gewöhnlich offen hängenden Haare derart +hindurch, dass sie unter dem Wulst eine auf die Schultern herabhängende +Schlinge bilden und über demselben mit ihren Enden aufliegen. Ausser +Baumbast wird besonders bunter Kattun und europäischer _batik_ für +Kopftücher gebraucht. + +Hüte (_haung_) benützen die Männer nur gegen Sonnenbrand und heftigen +Regen; sie werden aus Pandanusblättern verfertigt und haben die gleiche +Form wie die der Frauen, ihr Durchmesser beträgt aber selten mehr als +50 cm (Fig. 5 u. 6 auf Tafel: Hüte der Bahau). Die Frauen, welche die +Hüte herstellen, legen bisweilen viel Formen- und Farbensinn an den +Tag, indem sie bei besonders schönen Exemplaren in der Mitte einen +Beleg, bestehend aus einer Stickerei oder Perlenarbeit, anbringen und +das Feld mit hübschen Figuren aus schwarzem Kattun verzieren. Derartige +Hüte dürfen indessen nur von hochgestellten Personen getragen und Toten +ins Jenseits mitgegeben werden (Fig. 6). Auch ist nur alten Männern +gestattet, die Schwanzfedern des Nashornvogels (_Buceros rhinoceros_) +auf ihre Hüte zu heften; häufig werden diese Federn an Perlenschnüren +befestigt (Fig. 5). + +Eine weitere Kopfbedeckung der Männer bildet die Kriegsmütze. Sie +wird in Form eines runden Körbchens aus festem Rotang geflochten und +von den Frauen mit besonderer Sorgfalt verziert. Mitten auf dem Boden +werden Perlenstickereien und am Rande eigenartige Verzierungen--vorn +meist glänzende Metallplatten oder Tiermasken--angebracht. Oben auf +die Mütze werden lange Federn gesteckt; die beliebtesten sind die des +Nashornvogels, des Argusfasans (_Argusianus Grayi_) und des Hahns. Für +die Mützen gilt, wie für die Hüte, dass die mit breiten schwarzen +Streifen gezeichneten weissen Schwanzfedern des Nashornvogels nur von +angesehenen Personen oder bewährten Kriegern getragen werden dürfen +und dass nur wenigen Auserwählten gestattet ist, deren acht in der +Mitte der Mütze von vorn nach hinten anzubringen. + +Zu den wichtigsten Schmucksachen der Männer gehören: Bein- +(am Mah. _sekhad_) und Armringe (_leku_), Halsketten (_tewesing, +tewe-ang_) und Ohrringe (_isang)_. + +Die Armringe werden oberhalb der Ellenbogen, die Beinringe unterhalb +der Knie getragen und von den Punan oder auch den Kajan selbst +aus Rotang oder _kebalan_, dem dunkelbraunen oder schwarzen, +sehr biegsamen Kernholz einer farnartigen Gebirgsliane, sehr fein +geflochten. Bisweilen wird die Farbenwirkung dieser Ringe, die, je nach +dem Material, aus dem sie bestehen, _leku kebalan_ oder _leku uwe_ +(Rotang) genannt werden, durch Einflechten goldgelber Pflanzenfasern +erhöht. Häufig trägt eine Person bis zu 200 solcher Ringe gleichzeitig. + +Diejenigen jungen Leute, welche mit den Batang-Lupar im Serawakschen +Gebiet zusammengekommen sind, bringen von diesen Holz- oder +Elfenbeinringe mit, die sie dann selbst mit schönen Schnitzereien +verzieren. + +Auch die jungen Mädchen stellen für die Jünglinge Armverzierungen her +und zwar aus Glasperlen, welche sie mit viel Geschmack zu zierlichen, +farbenprächtigen Mustern in Form schmaler Bänder aneinanderreihen +(Fig. 1 auf Tafel: Schmucksachen der Bahau). + +Die Halsketten der Männer bestehen alle aus neuen oder alten und dann +bisweilen sehr wertvollen Glasperlen. + +Die schmalen, fest am Halse anliegenden Ketten (_tewesing_, Fig. 6) +sind in der Regel aus bunten kleinen Perlen zusammengesetzt und enden +vorn in einer Rosette. + +Die frei auf die Brust herabhängenden Ketten (_teweang_, Fig. 11 u. 8) +dagegen bestehen aus mehreren Reihen grösserer--bis erbsengrosser +Perlen. Bei der Zusammenstellung dieser Perlen wird auf eine gewisse +Regelmässigkeit geachtet; sind es jedoch alte Perlen, welche selten +in genügender Anzahl und gleicher Form vorhanden sind, so kann eine +bestimmte Regel nicht eingehalten werden. Aus gleichartigen alten +Perlen bestehende Ketten haben daher einen hohen Wert. Die Kapuasstämme +unternehmen monatelange Reisen zum Mahakam, um diese Perlen, die dort +noch in grösserer Anzahl vorhanden sind, zu kaufen. + +Ausser der Tätowierung fällt bei den Männern am meisten die Umformung, +welche die Ohren erlitten haben, auf; im Ausrecken der Ohrläppchen +wetteifern sie nämlich mit den Frauen. + +Mit der Durchbohrung der Ohrläppchen wird daher, wie im Kapitel +IV berichtet worden ist, schon gleich nach der Geburt des Kindes +begonnen. Die Zinnringe (_isang temha)_, welche das Kind anfangs +ausschliesslich trägt, werden später häufig durch dicke Kupferringe +(_hisang tembaga_) ersetzt, deren Zahl so weit vermehrt wird, als, +ohne Schmerzen und Entzündung zu verursachen, möglich ist. Um die +Dehnbarkeit der Ohren zu erhöhen, wird bei Kindern ausserdem öfters +innen an der Oberseite der Öffnung ein Einschnitt gemacht. + +Die Eltern achten sorfältig darauf, dass bei diesen Operationen keine +Entzündungen entstehen, da die dünnen Ohrläppchen sonst Gefahr laufen, +durchgescheuert zu werden, was bei sehr kleinen Kindern bisweilen +auch vorkommt. Die Ringe erreichen oft ein so hohes Gewicht, +dass die Kleinen sie bei jeder lebhaften Bewegung mit der Hand +stützen müssen. Durchgerissene Ohrläppchen werden als ernsthafter +Schönheitsfehler aufgefasst. Obwohl die Kajan es in der Chirurgie nicht +weit gebracht haben, verstehen es einige ihrer Männer doch, die beiden +zerrissenen Enden wieder aneinanderwachsen zu lassen; sie erzeugen mit +ihrem gewöhnlichen Messer an jedem der Enden eine wunde Oberfläche, +legen sie übereinander, wickeln einen weichen Blattstreifen herum +und befestigen das Ganze mit einem Faden. Ich sah verschiedene auf +diese Weise geheilte Ohren, die vom aesthetischen Standpunkt zwar +viel zu wünschen übrig liessen, deren 6-8 mm übereinander gelegte +Enden jedoch wieder kleine Ringe zu tragen vermochten. + +Wenn die Ohrläppchen durch Verwundung oder Hautkrankheit öfters +entzündet werden, entstehen Verdickungen des Bindegewebes (Keloide), +welche die Schönheit sehr beeinträchtigen. Ein übrigens hübsches +Mädchen sah ich einst ihre derart verunzierten Ohren ängstlich +verbergen. + +Während die Frauen sich mit diesen Umformungen begnügen, lassen sich +die Männer in späterem Alter ausserdem noch oben in der Ohrmuschel eine +Öffnung von der Grösse eines Pfennigstückes und häufig auch noch eine +zweite über dem Hinterende des ausgereckten Ohrläppchens, anbringen. In +diesen Öffnungen dürfen alte, tapfere Männer die Eckzähne (_ipen_) +des seltenen borneoschen Panthers (_kule_) tragen; häufig begnügt man +sich auch mit geschliffenen oder ungeschliffenen Bärenzähnen. Diese +Zähne werden oft, wahrscheinlich um ein Verlieren zu verhindern, +mit einer um Hinterhaupt und Hals geschlungenen Perlenschnur verbunden. + +In den grossen Ohrlöchern tragen die Mendalam Kajan gewöhnlich Ringe +(_isang_) aus eingeführtem Zinn oder Kupfer (Fig. 2); in letzter +Zeit schinücken sie sich auch, nach der Sitte der Mahakamstämme, +mit einer grossen Anzahl dünner silberner Ringe. + +Statt dieser Ringe werden bei festlichen Gelegenheiten auch noch +hölzerne oder metallene Ohranhängsel angebracht; sie sind birnförmig +und greifen mit einem grossen Haken um das Ohrläppchen herum +(Fig. 3). Während die Ringe beinahe ausnahmslos unverziert sind, +werden diese eigentlichen Ohrgehänge, sowohl was ihre Form als was +ihre Bearbeitung betrifft, mit viel Sorgfalt und Kunstsinn hergestellt. + +Weniger auffallend als die Umformung der Ohren ist die der +Zähne. Die Schneidezähne werden am Ober- und Unterkiefer von vorn +hohl ausgeschliffen; einige lassen sich auch nach Sitte der Punan +goldene Stifte durch einen oder mehrere Zähne treiben. + +Über den menschlichen Haarwuchs haben sowohl Bahau als Kenja sehr +eigenartige Anschauungen, die sich zum Teil aus der Tatsache erklären +lassen, dass sie selbst gewöhnlich sehr schwach behaart sind. Es flösst +ihnen nämlich, da sie selbst an den Anblick stark behaarter Wesen +nicht gewöhnt sind, eine Person mit starkem Voll- oder Knebelbart +fast Abscheu und Schreck ein. Aus Rücksicht für unsere Gastherren +rasierten wir Europäer und einer der Javaner uns daher, so lange der +Besitz von Seife es gestattete, regelmässig. + +Da die Kajan nur das Haupthaar schön finden, herrscht bei ihnen die +Sitte, dass sich sowohl Männer als Frauen alle Haare im Gesicht, in den +Achselhöhlen und an der pubis ausziehen. Die jungen Frauen der Mahakam- +und Kenjastämme halten sich besonders streng an diese Vorschrift; die +am Mendalam lassen einen schmalen Streifen an den Augenbrauen stehen. + +Alte Männer lassen sich bisweilen, um auf ihre Umgebung Eindruck zu +machen, ihren Bart nach Belieben wachsen; junge Leute dagegen sorgen +dafür, dass von ihren Barthaaren möglichst wenig sichtbar wird. + +Die Männer rasieren sich ohne Seife mit dem gewöhnlichen Messer +(_nju_); die Achsel- und Pubishaare entfernen sie weniger sorgfältig +als die Frauen. + +Zum Ausziehen der Wimpern dienen kleine, kupferne oder silberne Zangen +(_tsöp_), die stets zu einer vollständigen Toilettenausstattung von +Mann oder Frau gehören. + +In vorgerücktem Alter oder während der strengen Arbeitszeit verfährt +man häufig weniger sorgfältig mit der Entfernung der Haare. Das +Haupthaar, das Männer und Frauen sich lang wachsen lassen, wird +schlicht zurückgestrichen; zum Kämmen dient ein geschnitzter +Bambuskamm. + +Bei Frauen gilt langes Haar für sehr schön und, wenn sie sich etwas +Kokosnussöl--am Mendalam eine grosse Seltenheit--verschaffen können, +versäumen sie nie, ihre Frisur damit einzureiben. Ebenso nehmen +sie, sobald sie eines Stückchens Seife habhaft werden, sogleich +eine Extrareinigung des Haares vor; gewöhnlich gebrauchen sie dafür +Citronensaft. Die Männer lassen das Haar am Hinterhaupt lang wachsen; +vorn schneiden sie es gerade und kurz ab und kämmen es glatt auf die +Stirn, während sie an den Schläfenstellen über den Ohren einen 5 cm +hohen Streifen rasieren. + +Betrachten wir jetzt die Kleidung der Frauen. + +Das wichtigste Kleidungsstück der Frauen besteht aus einem rechteckigen +Stück Zeug, an dessen oberen Ecken Bänder befestigt sind. Dieses +Tuch (_ta-a_) wird in der Beckengegend um den Körper geschlungen und +derart festgebunden, dass es unterhalb der Darmbeinkämme zu liegen +kommt. Bei den Frauen am Mendalam schlagen die seitlichen Kanten der +_ta-a_ rechts am Körper, bei denen am Mahakam dagegen hinten über +einander. Dieses Röckchen reicht bei den Kajanfrauen bis zu den Füssen +herab, bei den Frauen der anderen Kapuasstämme bedeckt das Röckchen, +das sie geschlossen tragen, kaum noch die Kniee. Beim Laufen oder +wenn sie am Boden hocken, kommen die Beine der Frauen und zugleich +die schönen Tätowierungen ihrer Schenkel zum Vorschein. + +Die _ta-a_ ist, je nach dem Vermögen ihrer Besitzerin und nach +der Gelegenheit, bei welcher sie gebraucht wird, mehr oder minder +hübsch-. sie besteht jedoch immer aus einem Mittelfeld mit 4 ungefähr +1 dm breiten Rändern. + +Für Feströckchen wählt man als Mittelstück einfarbigen Kattun oder +Seide und für die Ränder meist roter. Flanell oder, falls diese zu +kostbar ist, roten oder geblümten Kattun. + +Der obere Rand des Röckchens (_kohong ta-a_) ist meist etwas breiter +als die übrigen und wird in Fällen besonderer Eleganz durch eine +Silberborte von dem Mittelstück abgegrenzt. + +Einfache Jacken (_basong_) aus Baumbast oder Kattun werden von den +Frauen als Schutz gegen Sonnenbrand bei der Feldarbeit oder auch sonst +getragen. Es giebt Jacken mit und auch ohne Ärmel; diese enden hinten +in einem ungefähr 1 dm langen Zipfel. Besonders hübsche Jacken werden +in den Neujahrstagen getragen; bei häuslichen Festen dagegen werden +sie selten angezogen. + +Statt der Jacken werden an Festtagen auch Schale gebraucht. Die, +Frauen, die keine Priesterinnen sind, bedecken sich dann den Oberkörper +derart mit einem langen Stück Zeug von ungefähr 1/2 m Breite, dass +die beiden Enden vorn und hinten bis zur Mitte der Schenkel gerade +herunterhängen und der mittlere Teil rechts unter der Achsel liegt, +während zwei Falten der linken Tuchhälfte oberhalb der linken Schulter +aneinander genäht werden. In Tandjong Karang waren hauptsächlich +Schale aus rotbrauner, golddurchwirkter Seide beliebt. + +Ähnliche Schale tragen auch die Priesterinnen, wenn sie an Festtagen +ihres Amtes walten; sie schlingen sie jedoch nur einmal um den Körper +und zwar so, dass die Mitte des Tuches über der Brust zu liegen +kommt und die unter den Armen hindurchgezogenen Enden auf dem Rücken +festgebunden werden. Nur die Oberpriesterin _Usun_ bedeckte sich den +Oberkörper nicht. + +Frauen, welche die Würde einer Priesterin noch nicht völlig erreicht +haben, unterscheiden sich von diesen durch die weissen Felder ihrer +_ta-a_. + +Alle Frauen der Bahau tragen, sobald ihre Schwangerschaft äusserlich +sichtbar wird, ein Tuch (_djad butit_), das sie auf gleiche Weise wie +die Priesterinnen um Brust und Leib schlingen. Durch straffes Anziehen +dieses Tuches erhält der Leib, besonders in den letzten Monaten, eine +gute Stütze. Nach der Entbindung wird das _djad butit_ bald abgelegt +und durch ein schmäleres Tuch (_djad usok_) ersetzt, welches nur die +Brüste bedeckt und noch während mehrerer Monate getragen wird. + +Die Frauen schmücken sich mit den gleichen Ohrgehängen wie die Männer, +nur lassen sie sich in der eigentlichen Ohrmuschel keine Löcher bohren. + +In noch höherem Masse als die Männer, lieben sich die Frauen mit +Perlenschnüren, Armbändern und Fingerringen zu zieren. Sie sind es +auch, die für den Wert alter Perlen am meisten Verständnis haben, +die jede Art beim Namen kennen; für den Besitz mancher dieser Perlen +sind sie im stande, sehr viel aufzuopfern. Die neuen Glasperlen, +Nachahmungen der alten Formen, werden in Europa verfertigt und über +Singapore eingeführt. + +Sogar über dem Alltagsröckchen trägt die Kajanfrau einen Gürtel, +(_taksa_), bestehend aus einer doppelten Reihe oft sehr kostbarer +alter Perlen (Fig. 12 u. 13) und dazu zahlreiche Halsketten aus +kleineren Perlen (Fig. 11 u. 8). + +Zu den Kostbarkeiten der Frau gehört auch ein Satz elfenbeinerner +Armbänder (_leku tulang_). Es sind 16-60 glatte Elfenbeinringe, die, +in der Grösse aufeinanderfolgend, zusammen einen stumpfen Kegel bilden, +der den Unterarm vom Puls bis 1 dm unterhalb des Ellen bogens bedeckt. + +Sowohl diese Armbänder als auch die beliebtesten Seidenstoffe werden +in China verfertigt und von dort bezogen, vielleicht im Zusammenhang +mit den früheren chinesischen Niederlassungen an Borneos Nordküste. + +Fingerringe. werden von den Kajan nie selbst hergestellt; besonders +beliebt sind die europäischen Ringe aus unechtem Golde mit glänzenden +bunten Steinen; sie haben die von den Taman Dajak stammenden kupfernen +Ringe fast gänzlich verdrängt. + +Sobald in einer Kajanfamilie ein Trauerfall stattfindet, müssen alle +Schmuckgegenstände abgelegt werden; auch bunte Kleidungsstücke dürfen +dann nicht mehr getragen werden. Die veraltete Baumbastkleidung +(_kapua_) wird wieder hervorgeholt und, falls man diese nicht mehr +besitzt, muss alles aus- weissem Kattun hergestellt werden. + +Nach Ablauf der Trauerzeit (_bet lali_) steht es jedem frei, seine +frühere Kleidung wieder anzulegen; es kommt jedoch häufig vor, +dass die nächsten Angehörigen durch das Tragen dieser Trauerkleidung +ihrem Schmerz über den erlittenen Verlust noch Monate und Jahre lang +Ausdruck geben. Wittwen zeigen dadurch an; dass sie sich nicht wieder +verheiraten wollen. + +Zu der eigentlichen Trauerkleidung der Frauen gehört eine besondere +Baumbastmütze, bestehend aus einem langen breiten Streifen, der wie +ein Tuch von hinten nach vorn um das Haupt geschlungen wird, wo die +Enden über einander geschlagen und dann frei von vorn über den Kopf +nach hinten bis zum halben Rücken herab hängen gelassen werden; +Männer tragen nichts dergleichen. + +Als Zeichen der Trauer das Haupthaar abzuschneiden, scheint bei +den Mendalam Kajan nicht üblich zu sein; ich weiss auch nicht, ob +die Sklaven nach dem Tode des Häuptlings hierzu verpflichtet sind, +wie dies am Mahakam der Fall ist. + +Die Liebe zu ihren Verstorbenen äussern die Kajan dadurch, dass sie +diese für die Reise in den Himmel und. den dortigen Aufenthalt so gut +als möglich auszurüsten suchen. In erster Linie handelt es sich hierbei +um eine Aussteuer von schönen Kleidungsstücken. Interessanter Weise +giebt man sich alle Mühe, diese Kleider nach der Mode der Vorfahren +zu verzieren, eine Mode, die sich bis heute noch bei den Stämmen am +oberen Mahakam erhalten hat (Tafel: Totenausrüstung). + +Das Charakteristische dieser Totenkleidung besteht in einer Applikation +von Figuren, die aus schwarzem Kattun geschnitten sind, auf weiss +kattunenen Röcken und Jacken. Von der schwarzen Farbe glauben die +Kajan, dass sie auf die bösen Geister, die die Seele des Verstorbenen +unterwegs bedrohen könnten, schreckenerregend wirkt. Die Figuren +werden von den Männern entworfen und ausgeschnitten und von den +Frauen auf die von ihnen verfertigten Kleider geheftet. Gleichfalls +von Männern entworfen und von den Frauen angebracht werden auch die +mit schwarzer Farbe auf Pandanusblätter gemalten oder aus schwarzem +Kattun geschnittenen Figuren für die Hüte und Tragkörbe der Toten. Den +Verzierungen der Totenkleidung liegen bei den Kajan als beliebte +Kunstmotive der Hund (_aso_, Fig. 3 b), der Mensch (_kelunan_, Fig. 3 +a) und Stilisierungen beider zu Grunde. Beim Hunde tritt dabei der +Kopf stets am deutlichsten hervor; die übrigen Körperteile verlaufen +in so zierlich gebogenen Linien, dass man deren Bedeutung im ersten +Augenblick meist nicht erkennen kann. + +Die Hüte der Toten (Fig. 6 auf Tafel: Hüte der Bahau) werden viel +schöner verziert als die der Lebenden; so dürfen, wie bereits gesagt, +mit schwarzen Figuren belegte Kopfbedeckungen bei Lebzeiten nur +Abkömmlinge der vornehmsten Häuptlingsgeschlechter tragen, nach dem +Tode jedoch werden sie neben dem Grabe viel niedrigerer Personen +niedergelegt. + +Der Leiche selbst wird im Sarge eine eigenartige Mütze aus Baumbast, +die nicht mit Zwirn, sondern mit den früher gebräuchlichen umgedrehten +Pflanzenfasern genäht werden muss, aufgesetzt. Die Form dieser Mütze +ist für Männer und Frauen verschieden; jenen ist eine Zipfelmütze, +diesen eine anschliessende, nach hinten etwas verlängerte Mütze +vorgeschrieben. + +Einen wichtigen Gegenstand der Totenausrüstung bildet ein Tragkorb +(_adjat_, Fig. 1), in dem sich ausser Armbändern (Fig. 1 d) und +einem Palmblattsack (_samit_, Fig. 1 e) mit Handarbeiten auch +noch Gegenstände befinden, die zur Überwindung aller Gefahren auf +dem Wege zum _Apu Kesio_ dienen. Der Korb enthält eine _kawit_ +(Fig. 1 c) und zwei kleine Bambusgefässe (Fig. 1 b) mit Speise für +die guten Geister, für die auch das Barnbusgefäss (Fig. 1 g) mit +Zuckerrohrsaft, das am Tragkorb hängt, bestimmt ist. Drei Säckchen +(Fig. 1 h) enthalten eigentümlich geformte Steinchen, die zur Abwehr +böser Geister dienen. Zum gleichen Zweck werden auch Tierzähne am +Tragkorbe befestigt. Um auf wilden Flüssen das Wasser aus dem Boot +schöpfen zu können, wird dem Toten eine halbe Kalabasse (Fig. 1 a) +mitgegeben. Schliesslich hängt am Tragkorbe noch eine Leiter (Fig. 1 +f), um über Felsen und Abgründe klimmen zu können (Siehe pag. 104). + +Den Toten werden auch die schönsten und kostbarsten Armbänder, +Halsketten und Ringe für den Aufenthalt im Jenseits in den Sarg +gelegt. Daher übt das Grab eines Vornehmen eine so grosse Anziehung +auf die raubgierigen Malaien, dass selbst die am Kapuas errichteten +Prunkgräber aus Eisenholz nicht fest genug sind, um ihren kostbaren +Inhalt vor diesem Gesindel zu schützen. So wurde das Grab von _Akam +Igaus_ erster Frau bereits kurz nach deren Begräbnis von Malaien +erbrochen und geplündert. Auch in Serawak ist Grabschänderei nichts +Unbekanntes. + +Die Hauptwaffen der Kajan sind Schwert (_malat_) und Speer (_bakir_); +das Blasrohr (_seput_) spielt als Waffe nur eine nebensächliche +Rolle; nur wenige verstehen überhaupt mit ihm umzugehen und kein +eigentlicher Kajan ist im stande, das Pfeilgift zu sammeln und zu +bereiten. Hauptsächlich sind es Abkömmlinge der Punan unter ihnen, +die sich mit Vorliebe des Blasrohrs, der ursprünglichen Waffe der +Nomadenstämme, bedienen. Das Schwert dagegen ist für den Kajan nicht +nur im Kriege. die wichtigste Waffe, sondern auch im täglichen Leben +der wichtigste Gebrauchsgegenstand und wetteifert hierin nur mit dem +kleinen Messer (_nju_, Fig. h, Taf.: Schwerter der Mendalam Kajan), +das an der Innenseite der Schwertscheide in einem besonderen Behälter +stets mitgetragen wird. Alle Arbeit, die mit Messer oder Beil nicht +ausgeführt werden kann, verrichtet der Kajan mit seinem Schwert, das +ihn daher nie verlässt. Bei der Feldarbeit verwendet er zum Abhacken +von Zweigen und Gestrüpp allerdings ein für diesen Zweck hergestelltes +einfaches Schwert; befindet er sich aber auf weiten Reisen, so benützt +er sein Kriegsschwert sowohl gegen den andringenden Feind als auch zum +Behauen von Brettern und zum Hacken von Brennholz. Kein Kajan nimmt +auf Expeditionen zweierlei Schwerter mit, aber jeder sorgt dafür, +dass sein Exemplar alle Zwecke erfüllen kann. Daher werden sowohl +am Kapuas als am Mahakam für ernsthafte Kriegszüge meist einfache, +aber gut gearbeitete Klingen vorgezogen, während die schönen, mit +eingelegtem Kupfer und Silber verzierten Exemplare nur als sehr +geschätzte Prunkgegenstände dienen. Nur ein kriegerischer Häuptling, +wie der Pnihinghäuptling _Belarè_, nahm auch auf Expeditionen schön +gearbeitete Kriegsschwerter mit, aber gelegentlich wird er mit ihnen +wohl auch Bäumchen gefällt haben. + +Ebenso unzertrennlich wie von seinem Schwerte ist der Kajan von +seinem Speer; in den Wohnungen findet man selbst ganze Reihen von +Speeren aufgestellt. + +In früherer Zeit wurden die Speerspitzen (_tite bakir_) sehr sorgfältig +bearbeitet, gegenwärtig aber begnügt man sich mit sehr schlichten +Speeren und auf gute Herstellung der Schäfte wird in der Regel gar +nicht geachtet. Einen mit Schnitzwerk verzierten Speerschaft sah ich +niemals bei den Bahau, höchstens hatte man ihn rund und glatt poliert. + +Die Spitzen der Speere, die täglich aufs Feld mitgenommen werden, +gleichen einem länglichen, scharf zugespitzten, zweischneidigen, +eisernen Blatte; dagegen haben die wirklichen Kriegsspeere die Form +eines ausgehöhlten Meissels; sie sind besonders zum Durchbohren der +Schilde sehr geeignet, werden aber nie auf die Jagd mitgenommen. + +Zum Werfen dient ein kurzer Speer mit kurzer Spitze. + +Das Schwert wird, nach der grösseren Sorgfalt, die auf seine +Herstellung verwandt wird, zu urteilen, dem Speere bei weitem +vorgezogen. + +Beim Verzieren der Schwerter nebst Zubehör entwickeln die Kajan viel +Geschmack und Kunstfertigkeit; die Männer beim Schnitzen der Griffe +(_haupt_, Fig. b) und Scheiden (_bukar_, Fig. c), die Frauen beim +Verfertigen von Gürtelquasten (Fig. d) und Belegen (_tap_) aus Wolle +oder Perlen. (Siehe Tafel: Schwerter der Mendalam Kajan. u.s.w.). + +Die Bestandteile eines Kajanschwertes sind genügend bekannt, +weniger ist dies vielleicht mit den Anhängseln der Fall, welche ein +gut ausgerüsteter Krieger stets am Schwertgürtel hängen hat. Die +wichtigsten sind zwei Bambusdöschen mit Feuerstein (_batu tekik_) und +Rauchmaterial: Tabak und Bananenblättern; ferner einige Fläschchen mit +Arzneien, meist malaiischen Ursprungs, und endlich allerhand Amulette +zur Abwehr böser Geister: Flusssteinchen von besonders auffälliger +Form, z.B. länglich und stark gebogen oder mit einem auf natürliche +Weise entstandenen Loch in der Mitte; Eckzähne von Hunden und Bären, +die an alten Perlenschnüren in einem Bündel beieinander hängen; +auch Glöckchen (_anhing)_, besonders solche aus altem Eisen, üben +eine schutz bringende Wirkung. Unter all diesen Merkwürdigkeiten +fiel mir noch etwas Besonderes auf: ein sogenanntes Hahnenei, ein +kleines Exemplar des letzten unfruchtbaren Eies einer Henne. Kein +Najan beginnt einen Kriegszug ohne ein solches Ei, das bisweilen +Jahrzehnte alt ist und in ein Tüchlein eingewickelt in einem besonderen +Bambusdöschen (Fig. e) mitgenommen wird. Sonderbarer Weise glauben +auch die Bahau, dass ein derartiges Ei von einem Hahn gelegt wird; +am Mahakam verteidigte ein Kajanjüngling mir gegenüber mit grossem +Ernst diese Überzeugung. + +Alle diese Anhängsel sind an der rechten Seite, wo der Gürtel (Fig. f ) +mit einer scheibenförmigen Schnalle (_hulo bukar_, Fig. g) geschlossen +wird, befestigt. Das Schwert hängt für gewöhnlich an der linken Seite, +ist sein Träger jedoch linkhändig, was ziemlich häufig vorkommt, +so hängt es rechts und auch die Klinge (_tite_, Fig. a) ist dann +rechts und nicht, wie sonst, links ausgeschweift geschmiedet. Auch +gewöhnliche Arbeitsschwerter werden für Linkhändige angefertigt. + +Hauptsächlich der eigentümlichen Art ihrer Herstellung wegen von +Interesse sind die Blasrohre (_seput_): 2 m lange hölzerne Rohre +mit gleichmässig weitem Kanal; ist dieser bisweilen nach einer Seite +etwas gekrümmt, so wird die Unregelmässigkeit durch Beschweren mit +einer Speerspitze (_tite seput_) ausgeglichen. Oft sind die Rohre +auch tadellos gerade; unregelmässig gekrümmte sah ich nie. + +Die meisten Stämme von Mittel-Borneo verfertigen die Blasrohre +selbst aus einem harten Stück Holz, das sie zuerst mit einem 2 m +langen Eisen bearbeiten, dessen eines, meisselförmiges Ende schart +geschliffen ist. Das Holzstück wird zu diesem Zweck in horizontaler +Lage gut befestigt und das Eisen, das stets dünner sein muss als der +gewünschte Kanal, wird in dessen Richtung gelegt und durch etliche +gekreuzte Bambusstücke gegen den Block gestützt. Durch fortwährendes +Stossen mit diesem Meissel wird langsam ein Weg durch den Block +gebohrt. Bei ununterbrochener Arbeit kann ein Mann einen solchen Kanal +innerhalb eines Tages herstellen, bevor das Blasrohr aber fertig +ist, hat es noch manche Prozedur zu erleiden. Zuerst schneidet man +das überschüssige Holz an der Aussenseite fort und giebt dann der +Wand eine gleichmässige Dicke. Das Glätten des Kanals wird durch +Schaben bewirkt. Man benützt hierzu ein Reibeisen (_tossok seput_, +Fig. a, Taf.: Pfeilköcher), bestehend aus einem doppelt gefalteten +Eisenstab, in den man mit einem Schwert oder Meissel Einschnitte +gehackt hat. Mittelst eines langen, dünnen Stieles aus festem Holz +oder Rotang wird dieses Reibeisen so lange im Kanal herumgedreht und +hin- und hergezogen, bis keine Splitter mehr zum Vorschein kommen. + +Zur feineren Bearbeitung verwendet man die harten, scharfen Ränder +zweier ungefähr 2 dm langer Bambusstücke, die, an den gleichen +Stab zusammengebunden, gerade in die Öffnung passen; durch Hin- +und Herdrehen dieser Stäbe erhält der Kanal beinahe die gewünschte +Glätte. Den letzten Schliff giebt man ihm durch an einen Stab gebundene +Blätter, die unter der Epidermis soviel Kieselsäurekristalle angehäuft +enthalten, dass sie sich wie feines Reibpapier anfühlen. Auf ähnliche +Weise wird die Aussenfläche des Blasrohrs behandelt: wenn das Messer +nichts mehr verbessern kann, kommt eine Art _Bambusreibe (kasa +seput_, Fig. b) an die Reihe, bestehend aus dünnen Bambusspähnen, +die an 2 Schnüren so nah aneinander gereiht sind, dass sie in gleichen +Entfernungen den scharfen, kieselhaltigen Rand nach innen kehren. Diese +scharfen Ränder umschliessen das Blasrohr und scheuern, wenn man sie +einen Tag lang um die Oberfläche bewegt, alle Unebenheiten ab. Zum +Schluss poliert man die Aussenseite mit den gleichen Blättern wie +die Innenseite. + +Der Kanal hat bei allen Blasrohren ungefähr den gleichen Durchmesser, +nur seine Länge variiert innerhalb bestimmter Grenzen. Gute Exemplare +besitzen ein Mundstück aus Horn, Zinn oder Kupfer und ein aufrechtes +Eisenstäbchen am andern Ende dient dazu, dem Schützen das Zielen +zu erleichtern. + +Die Pfeile (Fig. c und d), welche mit dem Blasrohr abgeschossen +werden, besitzen, je nach dem Zweck, für den sie bestimmt sind, +eine verschiedene Form und sind ausnahmslos vergiftet. Ihr Schaft +wird aus Palmblattstielen, in der Regel aus denen der Sagopalme +(Eugeisonia tristis), verfertigt. + +Die Pfeile tragen, damit sie im Kanal dicht anschliessen, an ihrem +Ende ein kegelförmiges, sehr leichtes Holzstückchen. Ihre Spitze wird, +zum Töten kleiner Tiere, durch Einschrumpfenlassen am Feuer gehärtet +und dann mit einer Lage schwarzen Giftes bestrichen (Fig. c.) Sollen +mit den Pfeilen Menschen, Hirsche oder Wildschweine getötet werden, +so fügt man in einen Einschnitt der Schaftspitze eine feine, dünne +Spitze aus Bambus oder am liebsten aus Blech und bestreicht diese mit +einer dickeren Lage Gift, die sie zugleich auch im Schaft befestigt, +jedoch nur so weit, dass sie, wenn sie einmal durch die Haut gedrungen +ist, mit ihren Widerhaken in der Wunde stecken bleibt und sich vom +Schafte leicht lösen kann (Fig. d). Bisweilen bewirkt man auch das +Abbrechen eines Teiles des Schaftes selbst, indem man ihn mit einem +ringförmigen Einschnitt versieht. + +Die Pfeile werden in grösserer Anzahl in einem besonderen Bambusköcher +(_telanga_, Fig. e und f) von ungefähr 9 cm Durchmesser aufbewahrt. + +Der Bambus ist 30 cm oberhalb des Halmknotens, der den Boden des +Köchers bildet, abgeschnitten und am oberen Teil rings um die Öffnung +etwas beschnitten, um bequem mit einem Bambusstöpsel (am Kapuas, +Fig. e) oder mit einem runden, kegelförmigen, hölzernen Stöpsel (am +Mahakam, Fig. f) geschlossen werden zu können. Am Köcher wird ein oft +hübsch geschnitzter hölzerner Haken (Fig. g) befestigt, den die Jäger, +wenn sie sich auf die Jagd oder in den Krieg begeben, an der rechten +Seite in ihr Lendentuch stecken. + +In einem Köcher befinden sich ungefähr 24 Pfeile von verschiedener Form +und zwar sitzt jeder gesondert in einem dünnen Bambusbehälter (Fig. h), +damit sie einander auf langdauernden Reisen nicht beschädigen. Da die +Pfeile und ihre Behälter viel kürzer als der _telanga_ selbst sind, +werden sie noch gesondert in Stückchen Fell (Fig. k) des grossen +Eichhörnchens oder des kleinen Hirsches gehüllt, an welchen sie +bequem hervorgeholt werden können. Durch verschiedene Farben oder +an das Ende aufgeschobene kleine Perlen unterscheidet man die Pfeile +für grössere und kleinere Tiere. + +Neben diesen fertigen Pfeilen stecken im Köcher noch mehrere Päckchen +(Fig. i und l) unvollendeter Pfeilschäfte, deren noch stumpfe Spitzen +meistens bereits im Feuer gehärtet worden sind (Fig. m). Jedes +dieser Päckchen wiederum befindet sich in einer besonderen ledernen +Hülle. Der Köcher enthält ausserdem noch ein Stöckchen mit scharfer +Spitze (Fig. n), auf die man beim Schneiden die konischen Hölzchen +steckt, welche hinten an die Pfeilschäfte befestigt werden. Die +Bahau und Punan nehmen stets einen Vorrat dieser Hölzchen in einer +flaschenförmigen Kalabasse (Fig. o) mit hölzernem Stöpsel mit, die +sie an den Köcher hängen; da sie überdies auf dem Grunde des Köchers +immer ein bis mehrere Stücke Pfeilgift mitnehmen, können sie auch im +Walde stets neue Pfeile herstellen. Neben der Kalabasse hängt noch +ein Bambusbehälter mit Zunder und Feuerstein (Fig. p), die auf Reisen +stets mitgeführt werden. + +Die Gifte, welche die Stämme von Mittel-Borneo für ihre Pfeile benützen +und durch welche unbedeutende Wunden oft tötlich wirken, sind sehr +verschiedenen Ursprungs. Die Bahau unterscheiden 6 verschiedene Arten +von Pfeilgiften, die sich von ebenso vielen verschiedenen Bäumen +und Lianen herleiten; sie heissen: _tasem; tasem telang; ipu kajo; +ipu aka; ipu tana_ und_ ipu seluwang_. + +Die zwei _tasem_-Arten werden aus den Giften verschiedener Pflanzen, +welche in ganz Mittel-Borneo, sowohl am oberen Kapuri, oberen Barito +und oberen Mahakam als am oberen Kajan vorkommen, zusammengesetzt; +daher können die _tasem_-Gifte von allen Stämmen, die diese +Flussgebiete bewohnen, hergestellt werden. + +Dagegen wachsen die die _ipu_-Gifte liefernden Pflanzen nur am oberen +Kapuas und oberen Barito, so dass sie nur von den in diesen Gebieten +umherschwärmenden Punan und Bukat gesammelt und den anderen Stämmen +verkauft werden. können. Die _ipu_-Gifte werden nämlich, als die +wirksameren, den _tasem_-Giften vorgezogen. Da die _ipu_ liefernden +Pflanzen auch am Kapuri nur an bestimmten Stellen vorkommen, müssen +die Sammler oft weite Züge unternehmen, um die Gifte zu finden. Eine +gute Fundstelle für die betreffenden Pflanzen bilden die Wälder am +Fuss des Bukit Tilung im Mandaigebiet. + +Die Herstellung der Pfeilgifte und die sie liefernden Pflanzen sind +in Mittel-Borneo nur den Jägerstämmen der Bukat und Punan oder deren +Abkömmlingen unter den ackerbautreibenden Dajakstämmen bekannt; daher +ist es nur unter besonders günstigen Umständen möglich, sich Pfeilgifte +von bekannter Herkunft und die dazu gehörigen Pflanzen zu verschaffen. + +Auf meinen drei Reisen in Borneo glückte es mir nur im Jahre 1894, in +den Besitz einer einigermassen vollständigen Sammlung der _ipu_-Gifte +und des dazugehörigen Herbariums zu gelangen. Bei meiner zweiten Reise +1896 waren die Bukatsöhne, die früher bei den Mendalam Kajan wohnten +und mir zu der Sammlung verholfen hatten, fortgezogen und ich konnte in +vier Monaten keine zweite zuverlässige Sammlung zu Stande bringen. Im +Jahre 1898 erhielt ich zwar die verschiedenen Gifte und das Holz und +die Blätter der _ipu_-Pflanzen, aber man führte mich mit den Blüten +und Früchten, für die die richtige Zeit augenscheinlich noch nicht +gekommen war, irre. Diese letzte Sammlung wurde von Dr. _Boorsma_ +im botanischen Institut zu Buitenzorg untersucht; die erlangten +Resultate sind in "Mededeeling uit 's Lands Plantentuin" (deel 52) +veröffentlicht worden; ihnen entnehme ich auch die weiter unten +angeführten Bestandteile der Pfeilgifte. Die beiden Gifte: _tasem +und tasem telang_, werden gewonnen, indem man die gleichnamigen Bäume +anzapft und den ausfliessenden Milchsaft auffängt. Der _tasem_-Baum +erreicht eine bedeutende Grösse, der _tasem telang_ dagegen wird +nicht über 1 dm dick. + +Der Milchsaft wird mit dem wässerigen Auszug aus dem geriebenen Bast +einer Liane, _aka kia_, vermengt. Die Mischung wird in einem alten +eisernen Topf, der für andere Zwecke nicht mehr gebraucht wird, bis +zu Sirupdicke eingedampft; die Masse erhärtet beim Abkühlen. Das Gift +wird vor dem Gebrauch fein gerieben und mit den Blättern von _gambir +utan_ (Euphorbiacee) gemengt, ein Verfahren, für welches besondere, +oft schön verzierte Brettchen (Fig. q) und Reib stöcke (_ligan_, +Fig. r) verwendet werden. + +Die _tasem_-Gifte werden auf weite Expeditionen in viereckigen +Körbchen aus Palmblattscheiden (_takong_, Fig. s) mitgeführt und vor +dem Gebrauch in der Nähe des Feuers aufgehängt, um sie zäh-flüssig +werden zu lassen. + +Eine Analyse des Pfeilgiftes, das einen zähen, schwarzen Extrakt mit +intensiv bitterem Geschmack liefert, stellte folgende Bestandteile +fest: Antiarin, das giftige Glycosid, das im Saft von Antiaris +toxicaria Lesch. enthalten ist; die zwei Alkaloide: Strychnin +und Brucin; Upaïn, das durch _Wefers Bettink_ aus dem Milchsaft +von Antiaris gewonnen wurde, und Antiaretin, das von _Mulder_ und +_Lewin_ als Bestandteil des _antjar_-Milchsaftes angegeben wurde; +ferner eine schwach giftige pflanzliche Säure, die ein Aufschäumen +verursacht. Derrid, das hauptsächlich in den aus Malakka stammenden +Pfeilgiften enthalten ist, fehlte. + +Die giftige Wirkung der _tasem_-Gifte muss somit den in Antiaris +vorkommenden Stoffen und den Strychnos-Alkaloiden zugeschrieben werden; +der hohe Antiaringehalt spielt hierbei zweifellos die Hauptrolle. + +Auf Grund der in den _tasem_ anwesenden aufschäumenden Säure nimmt +Dr. _Boorsma_ an, dass nicht nur der Milchsaft, sondern wahrscheinlich +auch ein Auszug aus dem Bast des _tasem_-Baumes (höchst wahrscheinlich +Antiaris toxicaria) bei der Zubereitung verwendet werden. Das in +viel geringerer Menge vorkommende Strychnin und Brucin liess sich +in kleinen Quantitäten auch in den Holz- und Bastteilen der Liane +_aka kia_ nachweisen; diese gehört, wie auch eine mikroskopische +Untersuchung feststellte, zu den Strychnosarten. + +Was die _ipu_-Gifte betrifft, so bildet: + +_ipu tana_ eine teils zähe, teils brüchige, dunkelbraune Masse; + +_ipu kajo_ einen weichen, schwarzen Extrakt; + +_ipu aka_ eine zähe, braune, von aussen schwarze und bröckelnde, +teilweise auch steinharte Masse; + +_ipu seluwang_ einen zähen, schwarzen Extrakt. + +Alle diese _ipu_-Arten haben einen intensiv bitteren Geschmack. Sie +enthalten sämmtlich Strychnin und _ipu tana_ ausserdem auch +Brucin. Derrid fehlte auch bei diesen Giften. + +Augenscheinlich stammen alle _ipu_-Gifte von Strychnosarten ab. Die +Holz- und Bastteile der diese Gifte liefernden Pflanzen ergaben +bei der Untersuchung alle als giftige Bestandteile Alkaloide. Nicht +nur der Bast, sondern hauptsächlich auch das Holz erwiesen sich als +strychninreich, während das Holz von _ipu seluwang_ ausserdem auch +noch Brucin enthielt. Es ist daher wahrscheinlich, dass _ipu tana_ +und _ipu seluwang_ oder die dazu gehörigen Holzproben aus Versehen +verwechselt worden sind. + +Da bei _ipu kajo_ hauptsächlich in den Holzteilen viel Strychnin +gefunden wurde, ist es wahrscheinlich, dass bei der Herstellung +dieses Giftes nicht nur geschabter Bast, sondern auch geschabtes Holz +verwendet wird. + +Man bereitet sämmtliche _ipu_-Pfeilgifte, indem man den Bast, +vermutlich auch das Holz der betreffenden Pflanzen, fein zerreibt, +mit Wasser auszieht und die Lösung vorsichtig eindampft, bis sie eine +dicke, zähe, schwarzbraune Masse bildet. Diese wird in kleinen Mengen +in den Palmblättern einer Licula-Art aufbewahrt. Beim Gebrauch erweicht +man das Ende eines Stückchens _ipu_ über Wasserdampf und bestreicht +damit die Pfeilspitzen, welche sodann in einiger Entfernung vom Feuer +getrocknet werden. Den Wasserdampf lässt man durch die Öffnung eines +trichterförmig gewundenen Bananenblattes, das über ein Bambusgefäss +mit kochendem Wasser gestülpt worden, hindurchstreichen. + +Dass die Wirkung des _ipu_ mit derjenigen des Strychnins übereinstimmt, +davon überzeugte ich mich einst, als ein Hund von einem Pfeile nicht +sogleich tötlich getroffen wurde. Das Tier lag mit Bewusstsein auf der +Seite, die Zunge aus dem Maule hängend und litt, wie die schnellen, +kurzen Atemzüge andeuteten, an Atemnot. Ab und zu stellten sich +spontan Konvulsionen ein, bei denen sich der ganze Körper streckte; +sie wechselten mit tonischen Krämpfen. Erschütterte man das eine Ende +des freiliegenden Fussbodenbrettes, auf dem das Tier lag, so wurden +die Zuckungen so heftig, dass der Hund bis auf 1/2 m Höhe aufsprang; +er gab dabei keinen Laut von sich. + +Das Schiessen mit dem Blasrohr hat auf der Jagd und im Kriege den +grossen Vorteil, dass man auf das Opfer, ohne es zu verscheuchen, so +lange Pfeile abschiessen kann, bis einer trifft. Übrigens sind auch +viele Nachteile damit verbunden, besonders bei der Jagd auf grosse +Tiere, für die die Wunde niemals sofort tötlich ist und die auch +durch die Giftwirkung nicht sogleich bewegungslos werden. Sie behalten +daher immer noch genug Kraft, um bedeutende Abstände zurückzulegen, +was den Jägern viel Schwierigkeiten bereitet, da bereits ganz in +der Nähe gefallenes Wild in dem dichten Walde, auf dem mit Blättern, +Ästen und Gestrüpp bedeckten Boden, schwer zu finden ist. + +Die Pfeile erfahren ferner, ihres geringen Gewichtes wegen, leicht +eine Ablenkung, hauptsächlich auf freier Fläche bei Wind. + +Unter den sesshaften Dajak begegnete ich nie einem, der im Schiessen +mit dem Blasrohr eine besondere Geschicklichkeit an den Tag legte; +die Punan verstanden sich hierauf viel besser. In den Proben, +die sie vor mir ablegten, schossen sie zwar auf 40-50 m Abstand, +aber die Treffsicherheit liess viel zu wünschen übrig und war mit +derjenigen eines Gewehrschusses mit Kugel nicht zu vergleichen. Für +die Jägerstämme jedoch, die in den fast windstillen Wäldern leben, +bildet das Blasrohr, weil es mehrere Pfeile auf das gleiche Tier +abzuschiessen gestattet, eine praktische Waffe, der sie sich auch +Menschen gegenüber gut zu bedienen verstehen. + +Die Schilde (_klebit_) der Bahau haben die bekannte länglich +viereckige Form mit dreieckiger Verlängerung nach oben und unten. Die +mit Menschen- und Tierfiguren und Masken stark verzierten Exemplare, +die bisweilen nach Europa ausgeführt werden, traf ich bei den Stämmen +von Mittel-Borneo nur selten; sie bedienen sich auf ihren Zügen stets +einfacher, glatter Schilde aus leichtem, festem, braunem Holze, die +in der Mitte und an den Seiten, der Breite nach, mit Rotangschnüren +verstärkt werden. Ich fand bei den Kajan noch eine alte, viereckige, +eiserne Platte mit zwei Spitzen, die, als Schutz für die an der +Rückseite befindliche Hand, vorn in der Mitte der Aussenfläche +befestigt wurde. + +Die einfachen Schilde werden nie mit Haar verziert; dies geschieht +nur mit den bemalten Schilden, die daher _klebit bok_ (Haarschild) +genannt werden. Gegenwärtig wird am Kapuas nicht mehr das Haar +erschlagener Feinde als Zierat gebraucht, auch ist es verboten, als +Waffenverzierung Menschenhaar aus dem eigenen Stamm zu verwenden. Das +Haar für die Schilde wird jetzt hauptsächlich von den Taman Dajak +gekauft, die mit ihrem eigenen Haar Handel treiben. Für die Schwerter +benützt man vielfach eingeführte, gefärbte Tierhaare. + +Nur die Punan und Bukat gebrauchten ursprünglich und zum Teil auch +noch jetzt keine Schilde. + + + + +KAPITEL VIII. + + Rolle des Ackerbaus bei den Bahau und Kenja--Religiöse + Vorstellungen beim Ackerbau Legende von der Entstehung der + Ackerbauprodukte--Art der Feldbewirtschaftung--Vorzeichensuchen + bei der Wahl der Felder--Bestimmung der Saatzeit-Perioden + des Reisbaus--Bedeutung der Ackerbaufeste--Saatfest: + religiöse Zeremonien; Masken- und Kreiselspiel--Neujahrsfest + Festgebräuche--Zweite Namengebung der Kinder--Darbietung der + Opfer--Tänze der Priesterinnen--Ringkampf--_aron uting_ = + Festtag des Schweinefleischessens--_aron kertap_ = Festtag des + Klebreisessens--_nangeian_ = Rundtanz der Priesterinnen und + Laien--Schlusszeremonien beim Neujahrsfest. + + +Die Bahau und Kenja sind Ackerbauer; sie widmen sich hauptsächlich +dem Bau ihres wichtigsten Nahrungsmittels, des Reises; alle übrigen +Bodenerzeugnisse spielen daneben eine untergeordnete Rolle. Der +Ackerbau beherrscht im Grunde das ganze Leben dieser Stämme: ihr Jahr +ist das Jahr des Reisbaues, das sie in die verschiedenen Perioden +einteilen, welche die Bearbeitung des Reisfeldes und die Behandlung +des Reises selbst bedingen. + +Die Herstellung von Wohnung, Kleidung und sonstigen Artikeln nehmen +die Kajan in der Zeit vor, die der Reisbau ihnen gerade übrig lässt, +vor allem nach dem Jäten der neuangelegten Felder und in der letzten +Ernteperiode. Dinge, die sie jetzt nicht mehr selbst verfertigen +oder gewinnen, wie Salz und einige Arten Zeug, werden den malaiischen +Händlern mit Bodenprodukten bezahlt. + +Bei Stämmen, deren Denken so stark vom Ackerbau in Anspruch genommen +wird, nimmt es nicht Wunder, dass sie ihre Vorstellungen von den ihr +Wohl und Wehe beherrschenden Mächten mit diesem in engen Zusammenhang +bringen. Die Geisterwelt steht mit dem Ackerbau der Bahau in inniger +Verbindung, ohne ihre Zustimmung kann eine Feldarbeit überhaupt +nicht vorgenommen werden. Auch fallen alle grossen Volksfeste mit den +verschiedenen Perioden des Reisbaus zusammen. Da nach der Ernte ein +besonderer Wohlstand herrscht, werden, schon aus praktischen Gründen, +auch alle Familienfeste, die einen grossen Aufwand erfordern, auf +das Neujahrsfest am Schluss der Ernte verlegt. + +Die beiden mächtigen Geister, _Amei Awi_, und dessen Gattin, _Buring +Une_, die nach der Überzeugung der Kajan in einer Welt leben, +die unter dem Erdboden liegt, beherrschen den ganzen Ackerbau +und lassen den. Ausfall der Ernte grösstenteils vom Benehmen des +Feldeigentümers abhängen, und zwar nicht nur von dessen sittlichem +Betragen, sondern vor allem davon, ob er alle ihnen zukommenden Opfer +und ihre Warnzeichen genügend beachtet hat. + +Dem Häuptling fällt eine wichtige Rolle beim Ackerbau zu: er muss +bei den Festen im Namen des ganzen Stammes die vorgeschriebenen +Beschwörungen durch die Priesterinnen ausführen lassen. + +Alle religiösen Zeremonien, die der Ackerbau erfordert, finden +auf einem kleinen, besonders zu diesem Zweck angelegten Reisfeld +(_luma lali_) statt; hier leitet auch die Häuptlingsfamilie jedes +neue Verfahren des Reisbaus, wie das Säen, Jäten, Ernten ein; +die feierlichen Handlungen, die dabei vorgenommen werden, haben +symbolische Bedeutung. + +Die Geister walten nicht nur über dem Gelingen oder Misslingen der +ganzen Ernte, sondern sie haben auch die angebauten Produkte: Reis, +Mais, süsse Erdäpfel, Tabak u.s.w. besonders für die Bahau auf Erden +entstehen lassen. + +Nach der Überlieferung der Mendalam Kajan lebte nämlich in alten +Zeiten, als sie noch das Stammland Apu Kajan bewohnten, ein Ehepaar: +_Batang Timong Nangei_ und seine Frau _Uniang Bulan Batang Ngaui +Ingan_ (ihre Namen stehen mit dem Ackerbau in Verbindung, denn +_nangei_ bedeutet das Feiern des neuen Jahres am Ende der Reisernte, +_ingan_ ist ein Reiskorb u.s.f.). Das Ehepaar hatte zu seinem Kummer +keine Kinder und, um sie zu erlangen, ging der Mann, auf Anraten +der Geister, darauf aus, eine bestimmte Art Rotang zu suchen. Nach +mehr als einem Jahr kehrte der Mann ohne Erfolg und völlig erschöpft +heim. Seine Gattin _Uniang_ war aber inzwischen gestorben, weil sie +während einer Verbotszeit des Säens genäht und hierdurch den Zorn der +Geister erregt hatte. Ihr Tod hatte sich folgendermassen zugetragen: +Als _Uniang_ einmal wieder zu verbotener Zeit bei der Arbeit sass, +fiel durch das Dach eine Nadel vom Himmel gerade auf ihren kleinen +Finger, der zu bluten begann. Die Blutung war nicht zu stillen und +so musste die Frau allmählich verbluten; aus ihrem hervorquellenden +Blute entstand aber Reis (_parei_) und nach ihrem Tode aus dem Rumpf +Bananen (_pute_), aus ihren Haaren Zuckerrohr (_tewo_), aus ihren +Oberarmen _kladi_, aus ihren übrigen Körperteilen andere mit dem +Reis zugleich gebaute Gewächse wie: Gurken, süsse Erdäpfel (_obe_) +u.s.w., aus den Schamteilen ging Tabak (_bako_) hervor, daher geben +die Frauen ihren Liebhabern Zigarren zu rauchen. + +Sowoht Bahau als Kenja legen trockene Reisfelder (_luma_ im Busang +_ladang_ im Malaiischen) an. Ein Stück Wald, jung (_talon_) oder alt +(_tuwan)_, wird einige Meter oberhalb des Erdbodens gefällt, das +Holz liegen gelassen, bis die Sonne es etwas getrocknet hat und das +Ganze dann in Brand gesteckt. Ohne den Boden weiter zu bearbeiten, +werden mit einem hierfür bestimmten Stocke (_tol_) Löcher in die Erde +bzw. die Asche gebohrt, in welche man dann den Reis (_parei_) sät. + +Jede Familie besitzt ein eigenes Reisfeld; sobald erwachsene Kinder da +sind, erhalten sowohl Söhne als Töchter ein eigenes Feld. Hier bauen +sie neben Reis auch Mais, Bataten, Tabak, Zuckerrohr und _kladi_ +(Colocasia antiquorum); ein besonderes Feld wird nur für die das +Fischgift (_tuba_) liefernden Schlingpflanzen angelegt. Da man das +Reisfeld jedes Jahr oder spätestens nach zwei Jahren wieder verlässt, +werden nur selten Fruchtbäume ausser Bananen und Papaya (Carica Papaya) +darauf gepflanzt; diese werden vielmehr von jeder Familie dicht vor +oder hinter dem langen Hause mit Betel und Ähnlichem in kleinen Gärten +gezogen, die, zum Schutz gegen die frei umherlaufenden Schweine, +mit festen Hecken umgeben werden. + +Unter den Fruchtbäumen sind die wichtigsten: _duku_ (Lansium +domesticum), _durian_ (Durio zibethinus), verschiedene Citrusarten, +Papaya (Carica Papaya), _djambu_ (Jambosa) und _blimbing_ (Capura +Zollingeriana T. et B.). + +Die Kokospalme kommt selten vor, trägt wenig Früchte und ist nur, +insofern sie Leckerbissen liefert, von Bedeutung. + +Obgleich die Frauen sowohl bei der Feldarbeit als bei den zugehörigen +religiösen Handlungen eine wichtige Rolle spielen, wird der Boden +für ein neu anzulegendes Feld doch ausschliesslich von Männern +ausgesucht. Das männliche Haupt des Dorfes trachtet zuerst von den +Vögeln und anderen wahrsagenden Tieren zu vernehmen, ob das von ihm +gewählte Grundstück auch einen guten Ertrag verspricht. Handelt es +sich darum, Urwald (_tuwan_) oder jungen Wald (_talon_) zu fällen, so +benützen die Bahau am Mendalam den _telandjang_ (Platylophus coronatus) +als wahrsagenden Vogel; wegen des Urwaldes wird auch noch das Reh +(Cervulus muntjac) befragt. Der Häuptling begiebt sich zu diesem +Zwecke in das gewählte Waldstück und klopft an den Bäumen, bis er +den _telandjang_ hört oder sieht. Zeigt sich der Vogel rechts von +ihm, so ist das Grundstück gut gewählt, zeigt er sich jedoch links, +so muss ein anderes Stück Wald gesucht werden. Hat der Häuptling das +gewünschte Vorzeichen gefunden, was oft 2-3 Tage dauert, so beginnen +die übrigen Männer ebenfalls die Tiere zu befragen. Ist dies geglückt, +so muss das ganze Dorf 4 Nächte "_melo njaho_" d.h. "stillsitzen wegen +der Vorzeichen". Es darf dann kein Dorfbewohner mit der Aussenwelt +in Berührung kommen oder mit einem Vorübergehenden sprechen; es darf +auch kein Fremder das Dorf betreten. Dann verwendet man 3 Tage darauf, +das Unterholz mit dem Schwerte wegzuräumen, _meda_, worauf wiederum +ein _melo njaho_ von 4 Nächten folgt. Die Bahau rechnen nämlich nach +Nächten statt nach Tagen. + +Auch der Schrei des _kidjang_ (Reh), rechts oder links vom Beobachter, +zeigt an, ob ein Stück Urwald gefällt werden darf oder nicht. Hat +das Reh die Wahl gebilligt, so muss das ganze Dorf 8 Nächte _melo +njaho_. Man darf dann das Haus wohl verlassen, aber keinen Reis als +Proviant mitnehmen und keine Nacht ausserhalb des Hauses verbringen +(_san)_. + +Obgleich im Innern von Borneo nur eine geringe Anzahl Menschen wohnt, +ist doch alles Land so unter den verschiedenen Stämmen verteilt, +dass jeder nur in einem bestimmten Gebiete seine Reisfelder anlegen +darf. Wenn ein Stamm aus einer Gegend fortzieht, hat ein anderer das +Recht, sie zu bebauen; auf die herangewachsenen Fruchtbäume jedoch +machen die früheren Besitzer noch viele Jahre Anspruch. + +Auf noch nie bebaut gewesene Grundstücke haben alle Glieder eines +Stammes gleiche Rechte und dürfen sich daher ihren Teil nach Belieben +wählen. Ein einst bebaut gewesener Boden bleibt aber, auch wenn er +seit Jahren verlassen ist, stets das Eigentum desjenigen, der ihn +zuerst bearbeitete. Am Mahakam werden derartige Grundstücke nicht +verkauft, wohl aber verpachtet oder gegen andere eingetauscht. Als +Grenzzeichen benützt man Bäume, grosse Steine oder Bäche. + +In Anbetracht, dass für das Trocknen und Verbrennen des gefällten +Waldes die trockenste Jahreszeit erforderlich ist, sucht man, unter +normalen Verhältnissen, diese Arbeiten während des Juli und August, +wo die grösste Aussicht auf Trockenheit vorhanden ist, zu Ende zu +führen. Dass die Ernte dann auf die Regenzeit zwischen Dezember +und März fällt, ist für die Stämme von Mittel-Borneo von geringerer +Bedeutung. + +Den Beginn der verschiedenen Perioden des Reisbaus lässt man von +den Umständen abhängen, nur für das Säen sucht man bestimmte Tage +einzuhalten. Wenn irgend möglich, beginnt man mit der Saat an dem Tage, +wo die Sonne an einem bestimmten Punkte des Horizontes untergeht. + +Bei den Kajan am Mahakam richtete der Oberpriester neben dem neuen +Hause am _Blu-u_ zwei längliche Steine von verschiedener Höhe auf +und stellte sie so, dass das Zeichen für die Saat gegeben war, wenn +die Sonne in der Verlängerung ihrer Verbindungslinie unterging. + +Man erzählte mir, dass die Höhlungen in einem Felsblock bei Batu Sala, +im Flussbett des oberen Mahakam, dadurch entstanden seien, dass die +Priesterinnen der umliegenden Stämme von alters her jedes Jahr auf dem +Stein gesessen hätten, um zu beobachten, wann die Sonne hinter einem +bestimmten Gipfel des gegenüberliegenden Gebirges untergehen würde; +dieser Zeitpunkt war dann für den Beginn der Saat massgebend. + +Ausser bei zu grosser Nässe wird mit dem Reisbau auch dann noch mit +einer Verspätung angefangen, wenn die letzte Ernte besonders günstig +ausgefallen war. In solchen reichen Zeiten begeben sich die Männer +auf Handelsreisen, bauen Böte, bessern das Haus aus, oder verrichten +sonstige Arbeiten, die sie während der Zeit drückender Feldarbeit +nicht vornehmen können. Herrscht dagegen Reismangel im Stamme, so +beginnt man baldmöglichst mit der Saat. + +Jede umfangreichere Arbeit, so auch die Bearbeitung der Reisfelder, +wird bei den Bahau stets durch die gemeinsame Arbeit verschiedener +Gesellschaften von 4-6 Personen besorgt. Es sind nicht immer +Familienglieder, sondern, vor allem bei jungen Männern, häufig Freunde, +die einander Hilfe leisten und diese später mit einer gleichen Anzahl +von Arbeitstagen heimzahlen. Nur Söhne und Töchter sind ausdrücklich +verpflichtet, ihre Eltern bei der Arbeit zu unterstützen. Dieses +gemeinschaftliche Verrichten einer Arbeit nennen die Bahau: _pala dow_, +wörtlich: tagweise. + +Derjenige, bei dem gearbeitet wird, muss seinen Gehilfen am +betreffenden Tage das Essen liefern; am Mendalam wird aber, besonders +in Zeiten von Reismangel, nicht immer während der Arbeit eine Mahlzeit +gehalten. + +In der drückendsten Arbeitszeit geht jeder, der arbeiten kann, aufs +Feld; im Hause bleiben nur Kinder unter 8-10 Jahren, Frauen, die +Kinder unter zwei Jahren zu versorgen haben, Greise und Kranke zurück. + +Der Auszug aufs Feld findet am Mendalam bei Sonnenaufgang, um 6 Uhr, +statt. Ausgerüstet mit den augenblicklich gerade erforderlichen +Ackergerätschaften, z.B. Schwertern und Beilen zur Zeit des +Waldfällens, Schaufeln zur Zeit des Jätens, dazu stets mit einem +Speer bewaffnet, begeben sich die Trüppchen zum _paladow_ in einem +Boot oder längs einem Waldpfad auf das Arbeitsfeld. Hat man zu Hause +noch nicht gefrühstückt, so macht sich einer von der Gesellschaft, +meist eine Frau, an die Zubereitung des Morgenimbisses. + +Nicht immer erreicht die Gesellschaft ihr Arbeitsfeld; begegnet +sie unterwegs einem links auffliegenden Vogel, der gerade zu den +wahrsagenden gehört, oder bemerkt sie eine rotköpfige Schlange +(Doliophis bivirgatus Boie), die den Kopf in die Richtung des Hauses +dreht, oder hört sie den Schrei eines Rehs, so kehren sämmtliche +Teilnehmer unverrichteter Sache wieder nach Hause zurück. Auch wenn +die Gesellschaft in dem Häuschen, das oft auf dem Felde errichtet +wird, eine beliebige Schlange erblickt, macht sie sich schleunigst +auf den Heimweg. + +Bei den verschiedenen Stämmen sind auch die Warnzeichen, welche einen +Aufschub der Feldarbeit verlangen, einigermassen verschieden. + +Die Bahau beschäftigen sich an den Tagen, an denen die Tiere ihnen +die Arbeit auf dem Reisfelde verbieten, zu Hause mit Flechtarbeit, +Nähen und dergl. + +Das Wahrnehmen schlechter Vorzeichen ist am ersten Tage der beginnenden +Feldarbeit besonders verhängnisvoll; begegnet man nämlich morgens +beim ersten Auszug einem ungünstigen Zeichen, so darf man ein ganzes +Jahr lang überhaupt keinen Reis bauen, nur Bataten, Mais u.a. dürfen +dann gepflanzt werden. Um derartigen Zuständen vorzubeugen, geht man +das erste Mal, kluger Weise, nachts aufs Feld. + +Sieht man in der Zeit der Vorarbeiten ein Reh übers Feld laufen, +so darf dieses ebenfalls nicht im gleichen Jahre bearbeitet werden, +sondern man beschränkt sich auch in diesem Falle auf den Anbau anderer +Bodenprodukte. + +Die Jahreseinteilung richtet sich bei den Bahau, wie bereits erwähnt, +nach den verschiedenen Arbeiten, die auf dem Reisfelde vorgenommen +werden. Das Jahr zerfällt demnach in 8 Perioden: + +_nebas = meda_ = Fällen des Unterholzes. + +_newang_ = Fällen der Bäume. + +_nutung_ =Verbrennen des gefällten Holzes. + +_nugal_ = Säen;_ tugal_ = Saatfest; _nugal_ = Feiern von _tugal_. + +_nawo_ = Jäten. + +_ngeluno_ = Ernten. + +_newuko_ = Beenden der Ernte. + +_nangei_ = Feiern des neuen Reisjahres; _dangei_ = Neujahr. + +Will ein Kajan an einer Stelle, wo im Laufe von 15 Jahren ein ungefähr +100 Fuss hoher Wald gewachsen ist, sein Feld anlegen, so beginnt +er damit, die kleineren Pflanzen und Gebüsche mit einem eigens für +diesen Zweck hergestellten Schwerte umzuhauen. Wenn alles Unterholz +am Boden liegt, kommt das Fällen der Bäume an die Reihe, die einzige +ausschliesslich von Männern verrichtete Arbeit; sie wird mit kleinen, +selbst hergestellten oder auch eingeführten Beilen aus hartem Stahl +bewerkstelligt. + +Die Bäume werden 1-4 m über dem Boden gefällt, worauf auch die Zweige +abgehackt werden, so dass die Stämme flach auf dem Boden zu liegen +kommen. Auch nach einmonatlicher Dürre lassen sich die Stämme und +dicksten Äste nur teilweise verbrennen; man räumt sie jedoch nicht +fort, sondern sät den Reis einfach zwischen und neben dem Holz +hin. Mit einem Teil dieses Holzes wird übrigens, um Hirschen und +wilden Rindern den Eintritt zu wehren, das Reisfeld eingezäunt. In +wildärmeren Gegenden unterlässt man die Herstellung dieser Hecke, +weil sie viel Arbeit erfordert und opfert lieber einen Teil der +Ernte. Auch den Vögeln, von denen bei beginnender Reife drei Arten +Reisdiebe (Padda oryzivora; Munia fuscans; Munia bruneiceps) in +grossen Schwärmen das Feld heimsuchen, und den Affen muss ein Teil des, +Bodenertrages abgetreten werden. Bisweilen verursachen auch Insekten +und deren Larven einen so grossen Schaden, dass von der ganzen Ernte +beinahe nichts übrig bleibt. Allen diesen Schädlingen gegenüber sind +die Bahau viel wehrloser als die Malaien; nur durch Schreien und +Schlagen auf Bambusgefässe gelingt es ihnen mit viel Anstrengung, +einige der Räuber zu vertreiben. + +Befindet sich ein Reisfeld in der Nähe des Hauses, so wird es von +diesem aus bewirtschaftet, hat man es aber in grösserer Entfernung +anlegen müssen, so wird das tägliche Hin- und Herziehen zu mühsam; +man baut daher auf dem Felde selbst ein Häuschen (_lepo luma_) auf +Pfählen, in welches die ganze Familie einzieht. In sicheren Gegenden +wohnen die Familien oft weit auf den Feldern zerstreut, wodurch der +Stammverband oft gelockert wird. + +Die den Reisbau begleitenden religiösen Feste sind bei allen Stämmen +etwas verschieden, nur die ihnen zu Grunde liegenden Vorstellungen +sind überall die gleichen. Im wesentlichen handelt es sich stets +darum, die Geister und die Seelen des Reises durch Opfer aller Art +zu versöhnen und günstig zu stimmen. + +Die Mendalam Kajan erfreuen sich eines ziemlich regelmässigen +Ernteertrages; ihre Ackerbaufeste finden daher auch jedes Jahr statt; +die Mahakam Kajan dagegen können wegen häufiger Missernten nur alle +2-3 Jahre ein Neujahrsfest (_dangei_) feiern. + +Trotzdem diese Festlichkeiten am Mendalam regelmässiger gefeiert +werden, folgt man ihnen am Mahakam doch mit lebhafterem Interesse und +die Bedeutung aller Zeremonien und Spiele lässt sich hier auch viel +besser verfolgen. Am Mendalam kam ich zu der falschen Vorstellung, dass +die Volksspiele, die bei den Festen stattfinden, rein willkürlich zur +Saat- oder Erntezeit vorgenommen werden; am Mahakam dagegen merkte ich, +dass selbst dem Maskenspiel beim Saatfest eine gleich tiefe Bedeutung +wie irgend einer durch die Priesterinnen verrichteten Handlung zukommt. + +Für die Denkweise der Kajan ist die Tatsache charakteristisch, dass bei +den Erntefesten nicht nur die Menschen im Überfluss schwelgen dürfen, +sondern dass auch ihre Haustiere: Schweine, Hunde und Hühner, die +für gewöhnlich vom Abfall leben, in der Festzeit sich gut gekochten +Reises erfreuen dürfen. Als ich einst _Akam Igau_ fragte, warum sich +die Kajan aller geistigen Getränke enthielten, gab er mir als einen +der Gründe an, dass sie sonst nicht genügend Reis hätten, um auch +die Tiere an den Festmahlzeiten teilnehmen zu lassen. Ausserdem wies +er auf die traurigen Folgen hin, die der Genuss von Reisbranntwein +(_tuwak_) für seine Nachbarn, die Taman Dajak, hatte. + +Bei allen religiösen Handlungen fürchten die Kajan die Anwesenheit +Fremder, weil diese die angerufenen Geister erschrecken und verstimmen +könnten; daher dürfen die malaiischen Händler in Tandjong Karang auch +nie Festlichkeiten beiwohnen. + +Obgleich ich mich nun stets davor hütete, meinen Gastherren meine +Gegenwart, falls sie nicht gewünscht wurde, aufzudrängen, erschien mir +das Saatfest doch so interessant, dass ich es mitzumachen beschloss, +auch auf die Gefahr hin, den Unwillen der Dorfbewohner zu erregen. + +Ich hatte daher auf die schüchternen Fragen, ob ich bei den +Festlichkeiten zugegen sein wolle, bejahend geantwortet. Am Morgen +des Festtages war aber ein guter Teil der Häuptlingsfamilie mit der +Priesterschaft bereits aufs geweihte Feld (_luma lali_) gezogen, +als _Akam Igau_ mich noch mit dem Versprechen hinhielt, mir später +das Boot seines ältesten Sohnes zur Verfügung stellen zu wollen, +das mich an das jenseitige Ufer zum Schauplatz der Festlichkeit +bringen sollte. Nachdem ich vergeblich auf dieses Boot gewartet +hatte, bestieg ich dasjenige, in dem _Akam Igaus_ älteste Tochter, +_Tipong Igau_, zum Festplatz fahren sollte. _Tipong_ besass im +grossen Hause von Tandjong Karang die einflussreichste Stellung; +auch gehörte sie zu den obersten Priesterinnen und legte als solche +meinen Nachforschungen nach den Lebensverhältnissen und religiösen +Überzeugungen der Kajan die grössten Hindernisse in den Weg. Aber +obwohl fanatisch, war _Tipong Igau_ doch nicht boshaft und wies daher +auch meine Begleitung nicht ab, trotzdem sie diese durchaus nicht +zu schätzen schien. Sie hatte übrigens gleich einen Grund gefunden, +um ihr religiöses Gewissen zu beschwichtigen; denn als ihr mitten +auf dem Flusse ein vorüberfahrender Malaie zurief, dass ich, als +Fremder, nicht zur Feier gehöre, gab sie ihm sofort zur Antwort, +dass ich Kajanisch spreche und folglich auch zu den Kajan gehöre. + +Dass meine Anwesenheit als etwas Aussergewöhnliches betrachtet wurde, +merkte ich auch später, bei der Rückkehr von dem Feste. Ein zum Islam +übergetretener Kajan fragte mich nämlich, ob ich bei der Feier zugegen +gewesen sei. Auf meine bestätigende Antwort ergriff er schweigend +meine Hand, lächelte mich von der Seite an und ging weiter--ein +Ausdruck seiner Bewunderung, dass ich es in der Volksgunst bereits +so weit gebracht hatte. + +Durch _Tipong Igaus_ Auffassung beruhigt, bestieg ich mit ihr +das hohe Ufer und befand mich sogleich auf dem _luma lali_, das +unmittelbar hinter den Trümmern eines früheren Kajanhauses angelegt +worden war. Neben dem _luma lali_ der Häuptlingsfamilie lagen die +geweihten Felder der übrigen Familien, die das Fest am folgenden Tage +begehen sollten. Diese kleinen Felder werden niemals des Ertrages +wegen bebaut, sie dienen nur als Schauplatz religiöser Handlungen, +auch werden auf ihnen symbolisch alle Arbeiten eingeleitet, die später +auf den wirklichen Reisfeldern vorgenommen werden müssen. + +Bei meiner Ankunft bemerkte ich zuerst, unter einem auf vier Pfählen +ruhenden Baldachin aus Palmblättern, zwei weibliche und zwei männliche +Priester, die sich mit der Zubereitung der Opfer beschäftigten; die +Frauen stellten _kawit_ her, während die Männer aus Fruchtbaumholz +die erforderlichen Stücke für das Opfergerüst (_pelale_) schnitzten. + +Inzwischen befasste sich der profanere Teil der Familie und Sklaven mit +deren irdischen Interessen, indem er in einigen grünen Bambusgefässen +Klebreis und in anderen Hühner- und Schweinefleisch kochte. Die Kinder +umringten alle diese Herrlichkeiten, während Jünglinge und Jungfrauen, +im Schatten abgelegenerer Gebüsche sitzend, bei süssem Minnespiel +die Welt um sie her zu vergessen schienen. + +Um die Stelle, wo das Opfergerüst aufgestellt werden sollte, +bauten zwei Männer aus dickem Holze eine feste, ungefähr 1 m hohe +pyramidenförmige Hülle mit seitlicher Öffnung, worauf die älteste +_dajung_ um die Hülle etwas Reis säte und dann die jungen Leute +herbeirief, um das ganze Feld weiter zu besäen. Während die jungen +Männer mit ihrem Pflanzstock (_tol_) Löcher in den Boden bohrten, +streuten die jungen Mädchen, hinter ihnen hergehend, den Reis in +die Gruben; die gegenseitigen Sympathieen der Pärchen blieben dabei +nicht verborgen. + +Unterdessen waren die Bambusgefässe teilweise schon verkohlt, +ein Zeichen, dass ihr Inhalt bereits gar geworden war und dass das +Festmahl beginnen konnte. Höflicher Weise bot man mir zuerst meinen +Anteil an der Mahlzeit an, den ich, mit Rücksicht auf die in Ungeduld +harrende Jugend, so schnell als möglich zu bewältigen trachtete. Der +Anblick der Gesellschaft, die jetzt in festem Klebreis und dem so +seltenen Schweine- und Hühnerfleisch förmlich schwelgte, erheiterte +mich nicht wenig. + +Nach beendetem Mahl fragte mich _Tipong_, ob ich nun, da alles vorüber +sei, nicht nach Hause fahren wollte; da aber niemand sonst sich zum +Aufbruch rüstete, glaubte ich ihre Langmut noch weiter auf die Probe +stellen zu müssen und erklärte, noch etwas warten zu wollen. + +Da holte _Tipong_ mit den anderen Priesterinnen einen grossen Behälter +mit _kawit_ herbei, erwärmte sie zum Schein, steckte sie in kleine +Bambusgefässe und stellte diese zerstreut auf dem Felde auf. An +jeder Stelle, wo ein solches Opferpäckchen niedergelegt wurde, blieb +_Tipong_ mit zwei Oberpriesterinnen stehen und redete halblaut mit +den Geistern. Leider konnte ich wegen der lauten Schläge der Gonge +nichts von ihrem Gemurmel verstehen. + +Darauf folgte die Aufrichtung des Opfergerüstes unter der +pyramidenförmigen Hülle: fünf _dajung_ knieten vor der Öffnung; die +älteste nahm aus einem Behälter die von den Männern geschnitzten +Hölzer und stellte sie so zu einem _pelale_ auf, wie es in dem +Kapitel über Gottesdienst beschrieben worden ist. Über das Ganze +setzte sie ein Dach, das gleichzeitig dazu diente, zwischen den vier, +oben herausragenden, kleinen Stützbalken eine grosse Anzahl _kawit_ +zu tragen. Rings um das Gestell wurde etwas Hühnerblut gegossen und +einige Reiskörner gesät, worauf die Öffnung der Hülle mit ein paar +Holzstücken geschlossen wurde. Auch hierbei musste die Priesterin den +Geistern eine lange Rede halten, die erst beendigt wurde, nachdem +ein paar Bambushalme und Fruchtbaumzweige rings herum in den Boden +gepflanzt worden waren. Einige geschlachtete Küchlein, einige Eier +und kleine Bambusgefässe mit Schweineblut wurden als weitere Opfer +für die Geister an die Zweige gehängt. + +Hiermit war die eigentliche Zeremonie beendigt; die Teilnehmer waren +aber noch nicht befriedigt; besonders trachteten die Mütter kleiner +Kinder von dem aussergewöhnlichen Einflusse, der von dem Opfergestell +ausströmen musste, für ihre Kleinen Nutzen zu ziehen. Zuerst wurde +uns der Behälter mit den übriggebliebenen _kawit_ gereicht, um unsere +Hand hineinzustecken und darauf eine Schüssel mit Wasser. Durch beide +Handlungen sollte unseren Seelen etwas Angenehmes erwiesen werden. + +Hierauf verteilte man _kawit_ unter die Frauen, die sich mit den +Kindern auf den Tragbrettern oder mit diesen allein zum Opfergerüst +begaben; unter Hersagen einiger Worte liessen sie den guten Einfluss +des _pelale_ auf die am Tragbrett hängende Schlinge übergehen und +legten dann eine _kawit_ neben ihm auf den Boden nieder. Mit dem +Befestigen einer _kawit_ am Tragbrett erreichte die Zeremonie ihr Ende. + +Erst im letzten Augenblick traf _Ju_, der älteste Sohn des Häuptlings +(_Akam Igau_ hatte ihn seltsamer Weise, wie er angab, um ihm ein +glücklicheres Dasein zu verschaffen, in Bunut Malaie, d.h. Mohammedaner +werden lassen), mit seiner Frau ein, so dass ich, sehr befriedigt +über meine Beharrlichkeit, mit der Gesellschaft heimkehrte. + +Am ersten Tage des Saatfestes darf die ganze Bevölkerung, die sehr +jugendliche und sehr alte abgerechnet, von 8 Uhr morgens bis 6 +Uhr abends nicht baden (_pongan);_ hierauf folgt eine 8 nächtliche +Ruhezeit (_melo)_, in der man weder arbeiten noch mit seiner Umgebung +verkehren darf. Am 10ten Tage, dem ersten einer zweiten Periode von +einem Tage und acht Nächten, folgt, wie am ersten, das _pongan_, das +Badeverbot. In der folgenden, achtnächtlichen Periode wird das grosse, +eigentliche Reisfeld besät. Am roten Tage gilt wieder das _pongan_, +diesmal ohne folgendes _lali_, und mit einem weiteren _pongan_ am +loten Tage ist die Zeit der Reissaat abgelaufen. + +Ausser dem grossen Festmahl am ersten Tage des Saatfestes und dem +zweiten für die geringeren Leute am folgenden Tage haben die Kajan +in der ersten Periode der Abgeschlossenheit noch allerlei andere +Gelegenheit, um sich zu unterhalten. Sie lassen sich durch das +erzwungene Niederlegen von Hammer und Beil, durch das Verbot, abends +oder nachts ausser dem Hause zu verweilen, und durch die Abwesenheit +von Fremden die Laune nicht verderben. Die Männer finden auch zu Hause +in ihren Schnitz- und Flechtarbeiten, die Frauen in ihren geliebten +Perlenarbeiten angenehme Beschäftigung. Ausserdem haben die jüngeren +Leute mit den Vorbereitungen zu der am Ende der ersten Verbotszeit +stattfindenden Maskerade viel zu tun. + +Die Masken der Männer und die der Frauen sind ganz verschieden, +stellen aber alle die bösen Geister dar. Die entsetzlichen Köpfe +und lang behaarten Leiber, welche sie den Dämonen zuschreiben, +veranschaulichen die Männer durch hölzerne Gesichtsmasken (_hudo +kajo_) und fein zerschlitzte Bananenblätter, die sie sich um den +Leib wickeln. Die Frauen verfertigen sich Masken aus Tragkörben +(_hudo adjat)_, indem sie diese cylinderförmigen, aus feinem Rotang +geflochtenen Körbe mit weissem Kattun, auf den mit grossen Stichen +ein menschliches Antlitz genäht ist, überziehen; zu beiden Seiten +des Korbes befestigen sie die grossen Ohrgehänge der Kajan. Der Korb +wird mit der Öffnung nach unter auf den Kopf der Trägerin gestülpt +und diese bis zur Unkenntlichkeit mit Zeug umwickelt. + +Während des Saatfestes unterhalten sich die Männer auch öfters mit dem +Kreiselspiel (_pasing_). Die Kreisel sind oval, abgeplattet, glatt und +2 bis 3 kg schwer. Das Spiel besteht darin, dass einer den Kreisel +(_asing_) seines Vorgängers mit dem seinigen aus dem Wege zu räumen +versucht und zwar so, dass der eigene Kreisel sich dabei stets weiter +fortdreht, bis auch er das Opfer des folgenden wird. Die älteren Männer +benützen bisweilen mehrere Kilo schwere Kreisel aus Eisenholz; meist +werden für die Festlichkeit neue Kreisel geschnitzt. Stets fand sich +abends auf dem Platze vor der Häuptlingswohnung eine Gesellschaft +junger, bis 30 Jahre alter Männer ein, die vor den weiblichen +Zuschauern auf der Galerie in Kraftentfaltung und Geschicklichkeit +mit einander wetteiferten. + +Der achte Tag bot den Kajanmägen wieder etwas Besonderes, nämlich +ein Festmahl mit dem beliebten Klebreis als Hauptgericht. + +Am folgenden Tage sammelten die Frauen allerhand essbare Blätter +in ihren Gärtchen und auf den Feldern. Wie bei allen religiösen +Festen, dienten zum Kochen auch dieser Blätter frische grüne +Bambusgefässe. Gegen Abend fuhren die Frauen ans jenseitige Ufer +und besprengten die Erde des geweihten Reisfeldes mit dem Wasser, in +welchem die Blätter gekocht worden waren. Nachdem sie die geleerten +Bambusgefässe zerschlagen und die Trümmer neben dem Opfergestell +niedergelegt hatten, kehrten sie befriedigt nach Hause zurück. + +Der Tag des zweiten _pongan_ war der Maskerade gewidmet. Gegen +Abend begannen sich die Hausbewohner auf der Galerie vor der +Häuptlingswohnung zu versammeln und sich ein Plätzchen, von dem aus +sie die kommenden Dinge gut beobachten konnten, auszusuchen. + +Zuerst erschienen einige in grüne Massen zerschlitzter Bananenblätter +verwandelte Männergestalten mit Holzmasken und Kriegsmützen und +begannen schweigend, nach dem Rhythmus der Gonge, in der Weise der +Javaner beim "_tandak_", einen Tanz auszuführen. Es folgten noch +mehr solcher Gestalten, von denen einige auch Kriegstänze nachahmten; +infolge des grossen Gewichtes der Blättermassen ermüdeten sie jedoch +bald, auch begleiteten sie ihre hohen Sprünge nicht mit Kreischen, +wie bei den eigentlichen Kriegstänzen. + +Bei Einbruch der Dunkelheit wurden diese Tänze von der aufregenden +Vorstellung einer Wildschweinjagd abgelöst. Das Schwein stellte +ein Mann dar, der sich einen aus Holz geschnitzten Schweinekopf +aufgesetzt und einige Tücher umgebunden hatte; mit seinen gut +nachgeahmten Bewegungen und Lauten machte er auch wirklich einen sehr +schweineähnlichen Eindruck. Einige junge Leute funktionierten als +Hunde, die den alten Eber zum Stehen gebracht hatten, und verursachten +durch Anfallen, Zurückweichen und Kläffen einen entsetzlichen Lärm +auf dem kleinen Platze. Die für gewöhnlich so ruhigen Kajan nahmen an +dem Geschick des _bawui_ (Wildschwein) lebhaften Anteil; es herrschte +ein buntes Durcheinander, das sich bei gelegentlichen Seitensprüngen +des Schweines mitten unter die weibliche Jugend noch erheblich +steigerte. Trotz der Wildheit des seltenen Schauspiels war auch bei +den jüngsten bis einjährigen Zuschauern von Angst und Schrecken nichts +zu merken; aus aller Mund klang mir lautes, herzliches Lachen entgegen. + +Dem Auftreten der jungen Mädchen mit ihrem _hudo adjat_ ging eine +obszöne Vorstellung eines Mannes voraus. + +Mittags hatten mir bereits _Paja_, die zweite Tochter _Akam Igaus_, +und deren Freundin mit viel Grazie vorgetanzt, um mich bei Tageslicht +alles gut sehen zu lassen. Jetzt erschienen aber acht auf gleiche Weise +verkleidete junge Mädchen. Beim trüben Schein der wenigen Harzfackeln +und unter den sanften Tönen einer Art Mundharmonika, welche einer der +Zuschauer spielte, gingen die Mädchen im Tanzschritt mit begleitenden +Armbewegungen langsam hinter einander her. Nur zwei oder drei der +Mädchen zeigten wirkliche Begabung zum Tanz und führten, für einen +Kenner indischer Tänze, gefällige Bewegungen aus; die übrigen liefen +mit eckigen, unverständlichen Gebärden nur so mit. + +Mit einem letzten _pongan_ wurde die Zeit der Reissaat abgeschlossen +und zugleich die des Jätens eingeleitet. Wir liessen uns nochmals, von +der Wohnung des Häuptlings aus, mit einigen Priestern zum geweihten +Reisfeld übersetzen. Dort wurden wiederum _kawit_ verfertigt und +unter dröhnendem Geläut der Gonge und Gemurmel in altem Kajanisch +auf dem Opfergerüst zu den alten, bereits vertrockneten, hinzugefügt. + +Inzwischen hatte die älteste Priesterin _Usun_ mit einer Schaufel, +an welche eine _kawit_ gebunden worden war, auf dem Platze rings um +den _pelale_ gejätet, und nun begann auch die übrige Gesellschaft auf +dem anderen Teil des Feldes zu jäten. Hierauf wurde das Feld nochmals +mit einem Dekokt essbarer Blätter, in das wir vorher unsere Finger +hatten tauchen müssen, besprengt und die Bambusgefässe zertrümmert +zu den anderen gefügt. Nachdem die Kindertragbretter wieder mit +_kawit_ versehen worden waren, konnten wir befriedigt das andere +Ufer aufsuchen, Opfer und Feld den Sorgen der aufgerufenen Geister +überlassend. Gleichwie diese an den Herrlichkeiten auf dem _pelale_, +konnten wir uns zu Hause an einer Extramahlzeit von Klebreis, den +die Frauen der Häuptlinge selbst gestampft hatten, erquicken. + +So wurde jede weitere Behandlung des Reisfeldes mit religiösen und +kulinarischen Zeremonien eingeleitet, während welcher der Gemeinde +stets einige Nächte Verbotszeit und bestimmte Spiele vorgeschrieben +waren. Wie wir gesehen haben, wurde während des Saatfestes Kreisel- +und Maskenspiel vorgenommen; beim ersten Einbringen des Reises +(_lali parei_) beschoss man einander mit Lehmpfropfen aus kleinen +Blasrohren--früher fanden dabei auch noch Scheingefechte mit +hölzernen Schwertern statt--; während des Neujahrsfestes sind bei den +Männern Wettkämpfe im Ringen, Hoch- und Fernspringen und Laufen im +Schwange. Auch mit den Frauen wird unter grosser Fröhlichkeit gekämpft, +wobei mit Wasser gefüllte Bambusgefässe die Hauptwaffen darstellen. + +Den Glanzpunkt des Jahres bildet bei den Kajan das _dangei_, das +Neujahrsfest; die Ernte ist dann völlig eingebracht und in allen +Familien herrscht Überfluss. Die schönsten Kleider, die während des +ganzen Jahres sorgfältig aufbewahrt liegen, werden hervorgeholt und die +ganze Bevölkerung lebt 8 Tage lang nur ihrem Vergnügen. Beim _nangei_ +herrscht auch keine Verbotszeit, fremde Gäste sind im Gegenteil bei +den Festen sehr willkommen. Alle wichtigen Familienereignisse, welche +das Herrichten einer Festmahlzeit erfordern, werden in dieser Zeit +des Wohllebens gefeiert: alle im Laufe des Jahres geborenen Kinder +erhalten nun ihren endgültigen Namen; die bis dahin verschobenen +Hochzeiten finden nun statt. + +Die _adat_ hat Jungverheirateten übrigens für die ganze Zeit vor dem +gemeinsamen Neujahrsfeste so viel Verbotsbestimmungen vorgeschrieben, +dass junge Leute, schon um allen diesen Unbequemlichkeiten in den +Flitterwochen zu entgehen, erst kurz vor dem Neujahrsfest heiraten. + +Begreiflicher Weise wurde im langen Kajanhause bereits lange vor +dem Feste von nichts anderem als von den kommenden Tagen gesprochen, +und mancher opferte viele Mass Reis, um von den Malaien noch etwas +besonders Schönes zur Ergänzung seiner Festkleidung zu erhandeln. + +In grossen Mengen wurde alles, was für die Mahlzeiten und religiösen +Handlungen erforderlich war, aus Wald und Feld zusammengebracht; +die Männer holten in Böten Brennholz und frischen Bambus herbei, die +Frauen gingen gebückt unter der Last grosser Körbe mit Bananenblättern, +welche als Unterlage für den zu stapelnden Reis und als Material für +die _pemali_ dienen sollten. + +Am 2. Juni wurde es Ernst: aus der Wohnung des Häuptlings, der die +ganze Leitung und die Hauptkosten des Festes auf sich zu nehmen hatte, +zogen 4 Mann aus, um einen Fruchtbaum zu fällen und 4 Planken daraus +zu hacken, welche den Priestern bei den heiligen Handlungen als Diele +(_tasu nangei_) dienen sollten. + +Diese 2,5 m langen Bretter tragen an den beiden zugespitzten Enden +roh geschnitzte Menschenfiguren und werden von dem Häuptling bis +zum folgenden _dangei_-Fest, wo sie durch andere ersetzt werden, +aufbewahrt. + +Die _dajung_, welche über die ganze Dauer des Festes Gäste der +Häuptlingsfamilie sind, zogen, zehn an Zahl, bereits am Vorabend des +_nangei_ in die Wohnung _Akam Igaus_ und verkündeten den Geistern +aus _Apu Lagan_, dass das Neujahrsfest angebrochen sei. + +Als Willkommgruss und zur Anlockung der Geister hatte man vor dem +noch geschlossenen Dachfenster (_huwabw_) in der Häuptlingswohnung +ein Bambusgefäss mit Esswaren befestigt und darunter alte Schwerter +und Speerspitzen aus dem sehr geschätzten Eisen vom Balui oder Batang +Rèdjang, von wo die Kajan es in früheren Zeiten mitgebracht hatten, +aufgehängt. Aber nicht nur der Häuptling bereitete den Geistern einen +festlichen Empfang, sondern aus allen Wohnungen der Wohlhabenderen +wurden Tragkörbe mit kostbaren Gegenständen geholt und neben einander +vor dem Fenster niedergesetzt, wo sie während der ganzen Festdauer +verblieben. + +Meine alte Freundin _Usun_ gab jedesmal an, bei welcher Familie +ein solcher Korb geholt werden musste; sie schien aber trotz ihrer +priesterlichen Würde profane Empfindungen nicht ablegen zu können. Sie +lebte nämlich mit einer ihrer Nachbarinnen, _Anjè Do_, in Unfrieden, +weil diese ihr im Handel mit religiösen Gegenständen mir gegenüber +stark Konkurrenz machte, und suchte sich jetzt dadurch an ihrer +Feindin zu rächen, dass sie deren Korb nicht holen liess. _Tipong +Igau_ jedoch durchschaute den Gemütszustand der Alten und kam ihrem +Gedächtnis zu Hilfe, so dass auch _Anja Do_s Korb zu seinem Rechte +gelangte und wie die übrigen von den Frauen bei Fackellicht und unter +Beckenschlag in die _amin_ des Häuptlings getragen wurde. + +Nachdem alle Körbe mit ihren Herrlichkeiten beisammen waren, +bedeckten sich die Priesterinnen die Brust mit einem Tuche, öffneten +das Dachfenster und hielten alle gleichzeitig an die Geister von +_Apu Lagan_ eine lange Ansprache, bei der _Usun_ immer den Anfang +machte. Das Gleiche geschah aussen auf der Galerie unter dem zweiten, +ebenfalls geöffneten Dachfenster. Die Bedeutung dieser Rede war die, +dass die guten Geister von _Apu Lagan_, angelockt durch alles Schöne, +das man ihnen in den Körben zum Opfer brachte (natürlich nur zum +Schein), den Bitten der _dajung_ Gehör geben und durch das geöffnete +Fenster in die Wohnung des Häuptlings eintreten und während der ganzen +Festzeit im Stamme verweilen sollten. + +Hierauf begannen die Priesterinnen um eine Kriegsmütze und +einen Kriegsmäntel, die sie mitten auf eine Matte gelegt hatten, +herumzulaufen; leider konnte ich wegen des ständigen Schlagens auf +kupferne Becken nichts von ihrem Gemurmel verstehen. + +Am 3. Juni fand das eigentliche Fest statt. Die Frauen begannen +beizeiten für eine genügende Menge Klebreis zu sorgen, der +in gedörrter Form als _kertap_, mit oder ohne Palmzucker, mit +geräuchertem _tapa_ als Zuspeise, eines der beliebtesten Gerichte +bildet. Die Männer beschäftigten sich inzwischen mit dem Aufrichten +des _djehe nangei_ (Neujahrspfahl), den sie aus einem Fruchtbaum +hergestellt hatten. Hierbei verfuhren sie folgendermassen: sie gruben +auf dem Platze vor der Häuptlingswohnung ein Loch, in welches die +Priesterinnen Reis, Fisch und Hühnerfleisch legten. Um diese Grube +legten sie die vier _tasu nangei_ als Diele für die Priesterinnen, +die während der heiligen Handlungen den Erdboden nicht berühren +durften. Nachdem die Oberpriesterin acht Mal (der heiligen Zahl +entsprechend) um die anderen, die zusammengedrängt ebenfalls auf den +Brettern standen, herumgelaufen war, fing sie durch eine Bewegung +mit einem Stück weissen Kattuns eine Seele, wahrscheinlich die des +Fruchtbaumes, warf sie schleunigst in die Grube und schloss diese +mittelst eines mit Bananenblättern überzogenen Rotangringes von der +Grösse der Grubenöffnung; das Blatt hatte sie zuvor mit einem alten +Schwerte durchstossen. + +Unterdessen liess eine zur Seite kauernde _dajung_, um die Geister +auf die wichtige Handlung aufmerksam zu machen, zwei Bambusstäbe +rhythmisch auf eine Matte niederfallen. Bei den Tönen dieses _tekok_ +berichtete die Priesterin den Geistern von den Festplänen ihres +Stammes, von seinen Nöten und Wünschen. Die zwei männlichen Priester +hoben hierauf das Bäumchen, stellten es mit dem Gipfel voran in die +Grube und pflanzten es fest, so dass seine etwas bekappten Wurzeln +3-4 m über dem Boden zu stehen kamen. Zu diesem Bäumchen fügten +andere Männer, in gleicher Reihe und in gleichen Abständen, noch +7 andere Bäumchen hinzu und pflanzten dann eine zweite Reihe von +8 Bäumchen dieser gegenüber, in ungefähr 1 1/2 m Entfernung. Beide +Reihen wurden auf halber Höhe durch kleine Querbalken mit einander +verbunden. An allen Bäumchen hatte man, etwas unterhalb der Wurzeln, +eine Fläche mit 8 Einschnitten, deren Bedeutung mir unbekannt geblieben +ist, angebracht. Auf die Querbalken wurden vier weitere Balken und +auf diese die vier Bretter (_tasu nangei)_, die vorher den Boden +bedeckten, gelegt; so entstand oben, zwischen den zwei Reihen Pfählen, +ein gedielter Raum. Das ganze Gerüst war so gestellt worden, dass man +mittelst einer Treppe bequem aus der Häuptlingswohnung in diese kleine +Kammer gelangen konnte. Die Wände der Kammer wurden mit meterlangen, +kunstvoll hergestellten Spähnen aus besonderem Fruchtbaumholze gefüllt +und der Raum schliesslich mit Bambuszweigen leicht beschattet. Zum +Schluss wurde das Opfergerüst, _dangei_ genannt, noch an den vier +Seiten durch gekreuzte Balken gestützt und stand jetzt fix und fertig +da. So bleibt das Gerüst nicht nur während der ganzen Festzeit, +sondern auch während des ganzen folgenden Jahres stehen, bis Wind +und Wetter es zum grössten Teil zerstören und sein Nachfolger es +beim nächsten _nangei_ völlig verdrängt. + +Nachmittags wurde unter dem _dangei_, bei dem zuerst errichteten +Pfahl, ein gleicher _pelale_ (Opfergestell), wie der auf dem +geweihten Reisfelde beim Saatfest, aufgestellt, diesmal mit weniger +_kawit_. Statt dessen opferte man gegen 4 Uhr ein Ferkel, befestigte +es an einem Querbalken und liess es dort hängen, bis es verweste. + +Auch jetzt brachten die Mütter ihre Kleinen zum _pelale;_ zuerst +erschienen die zwei ältesten Enkelkinder des Häuptlings, der +jüngste auf seinem Tragbrett, schön geputzt mit einem Kopftuch aus +chinesischer Seide; ebenso schön gekleidet war das junge Mädchen, +das die _hawat_ auf dem Rücken trug. Der andere Enkel wurde, als +zu gross, nur durch seine _hawat_ vergegenwärtigt, deren heilsamen +Einfluss man später auf die übliche Weise auf ihn übertrug, indem +man seinen Zeigefinger in einer am Tragbrett hängenden Schlinge +hin- und herbewegte (_njina)_. Die beiden Trägerinnen der _hawat_ +hatten, wie beim Saatfest, den von den vielen Opfergaben am _pelale_ +ausströmenden guten Einfluss in den Schlingen aufgefangen, um den +_bruwa_ der Knaben etwas Angenehmes zu erweisen. + +Nach Sonnenuntergang fand für alle, die augenblicklich in der _amin_ +des Häuptlings wohnten, also für Familienglieder im engeren Sinne, +Leibeigene und Priesterinnen, eine gemeinsame _mela_ statt. Hinter +ein ander begaben sich erst Männer, dann Frauen, dann Leibeigene +und zuletzt die _dajung_ von der Galerie des Hauses auf die kleine +Plattform des _dangei_, auf der eine Priesterin mit einem alten +Schwerte stand. Die betreffende Person, mit der die _mela_ vorgenommen +wurde, stellte einen Fuss auf einen alten Gong und die Priesterin +bestrich ihren Arm von oben nach unten mit dem Schwerte. Je älter und +vornehmer die Person war, desto länger wurde sie gestrichen. Alle +hatten sich für diese Gelegenheit besonders schön gekleidet; die +_dajung_ trugen ihre hübschen Brusttücher umgeschlungen. Als die _mela_ +mit ihnen selbst vorgenommen wurde, setzten sie sich eine Kriegsmütze +aufs Haupt, die vorn mit dem Kopfe des Rhinozerosvogels und hinten +mit dessen Schwanzfedern geschmückt war. Den Priesterinnen wurden +hauptsächlich Handflächen und Fusssohlen gestrichen. Zuletzt nahm +auch die diensttuende _dajung_ auf dem Gong Platz und liess sich von +einer anderen streichen. + +Am Morgen des 4. Juni erklangen vom _dangei_ herab wiederum die +Töne des _tekok_, unter denen eine _dajung_ den Geistern ungefähr +3/4 Stunden lang erzählte, wer die Kajan eigentlich seien, von wem +die Häuptlingsfamilie abstamme, was der Stamm in dem betreffenden +Augenblick vornehme und was er sich wünsche. Auch mit der Züchtigung +der Batang-Lupar, der Erzfeinde der Kajan, wurden die Geister +beauftragt. Die ganze Erzählung wurde in Reimform in singendem +Tone vorgetragen, wobei das Reimwort lange Zeit die gleiche Endsilbe +behielt. An den folgenden Festtagen wiederholte die Priesterin morgens +und abends das _tekok_. + +Unterdessen herrschte auf der Galerie reges Leben; die jungen Mädchen +stampften Klebreis und fanden während des Entspelzens und Beutelns +der Reiskörner immer noch Zeit, auf die in der Nähe zuschauenden +Jünglinge Geschosse aus Mehl und Wasser abzufeuern. Natürlich wurden +diese Angriffe seitens der jungen Männer mit fröhlichen Racheakten +beantwortet. Einige sehr ausgelassene junge Mädchen hatten sogar ein +kleines Boot auf die Galerie heraufgetragen, um es als Wasserfass zu +benützen, und machten den Vorübergehenden, besonders uns bekleideten +Europäern, den Weg sehr unsicher. + +Das Mehl wurde in der Galerie vor der Häuptlingswohnung auf einen +Haufen geschüttet und ein Teil desselben von Knaben mittelst breiter +Pandanusblätter in dreieckige Päckchen gebunden und ebenfalls in +Dreieckform auf dem Boden aufgestapelt. Nachdem der Vorrat für genügend +erachtet worden war, traten die Priesterinnen nach ihrer Altersfolge +aus der Häuptlingswohnung auf die Galerie, fassten einander bei der +Hand und bildeten einen Kreis um den Mehlhaufen. _Usun_ stand dabei +vor den Mehlpäckchen, über welche hin sie wiederum eine _mela_ vornahm: +die Glieder der Häuptlingsfamilie reichten ihr der Reihe nach über dem +Haufen Mehlpäckchen hin die Hand, die sie mit ihrem alten Schwerte +berührte. Dann kamen die Leibeigenen und kleinen Kinder, voran die +beiden Enkel des Häuptlings, wiederum von jungen Mädchen getragen, an +die Reihe. Schliesslich traten auch die Mütter der übrigen Familien mit +ihren Kleinen heran; diejenigen, deren Kinder bereits zu gross waren, +um getragen zu werden, brachten deren alte Tragbretter in die Nähe +des Mehlhaufens, um dessen segensreichen Einfluss aufzufangen. Auch +die Priesterinnen selbst liessen zum Schluss die _mela_ mit sich +vornehmen. Alle Anwesenden bekamen einige Mehlpäckchen mit nach Hause, +der Rest wurde unter der Häuptlingsfamilie und den _dajung_ verteilt. + +Bei dieser Gelegenheit wurden auch die im Laufe des Jahres geborenen +Kinder zum ersten Mal öffentlich gezeigt; sie wurden, wie die +Häuptlingskinder, von jungen Mädchen auf dem Rücken getragen. Abends +gaben die Mütter den Kleinen zu Ehren ein Familienmahl. + +Der Vormittag des 5. Juni verlief nach dem _tekok_ des Morgens sehr +still. Erst gegen 2 Uhr mittags ertönte der Gong der Priesterinnen, +als Zeichen, dass wieder etwas Besonderes vor sich gehen sollte; +ich eilte daher aus meiner Hütte in die Wohnung des Häuptlings, wo +die _dajung_ mit dem Verfertigen ihrer _pemali_ beschäftigt waren, +was stundenlang dauerte. + +Nachdem die grösste Hitze vorüber war, wurde den grösseren Kindern +ein Fest gegeben; die kleinen, ungefähr 6 Jahre alten Mädchen trugen +jetzt zum ersten Mal einen kleinen, leeren, mit _kawit_ versehenen +Reiskorb (_ingan);_ sie zeigten sich hie und da auf der Galerie, +schienen aber beim Eintritt in die neue Lebens- und Arbeitsperiode +recht verlegen zu sein. + +Abends ging es in der Galerie besonders feierlich zu: Priester +und Laien fassten sich an der Hand und schritten langsam um +eine Bambusmatte, auf der wiederum die priesterliche Kriegsmütze +(_haung lali_) und ein Stück Zeug lagen, herum. Die alte _Usun_ +marschierte mit unbedecktem Oberkörper, aber schönem Röckchen, voran, +die anderen Priesterinnen folgten mit bedeckter Brust, ausser den +beiden jüngsten, die ihre zweijährige Lehrzeit noch nicht hinter +sich hatten; diese trugen ein langes, rotes Gewand, das vorn und +hinten gerade herunterhing und in der Mitte eine Öffnung für den +Kopf frei liess; ihre Röckchen hatten, zur Unterscheidung von den +anderen, ein weisses Feld. Die _dajung_ leiteten den Rundgang ein, +bis allmählich immer mehr junge Männer und Frauen herbeikamen und, +erst mit Zeugstreifen zwischen einander, später ohne diese, sich in +den Kreis fügten. Die schliesslich ermüdeten Priesterinnen liessen +sich jetzt abwechselnd auf der Matte nieder. + +Sowohl Priester als Laien stimmten während des Rundganges (_nangeian_) +halb rezitierend, halb singend, ein geistliches Lied an; _Usun_ +sagte die Verse, die übrigen wiederholten den Refrain. Nach einigen +Stunden stellten sich die Laien längs den Wänden der Galerie auf, um +die Beseelung der jüngsten _dajung_ zu beobachten. Die Betreffende +stand zu diesem Zwecke vor der Matte und hielt eine Art Kette fest +(_alan to_ = Geisterweg), längs welcher der Geist zu ihr herabkommen +sollte. Neben ihr stand eine der ältesten Priesterinnen, um sie in +die Geheimnisse ihrer Wissenschaft einzuweihen, während _Usun_, +die Kriegsmütze auf dem Kopfe, deklamierend und tanzend um sie +herumlief; zu beiden Seiten führten männliche _dajung_ Kriegstänze +auf. Wahrscheinlich hatten diese letzten Vorstellungen den Zweck, +böse Geister abzuwehren. Die Szene dauerte nur eine Viertelstunde, +worauf die Laien ihren Marsch bis nach 1 Uhr nachts fortsetzten. In +den Familien mit Täuflingen herrschte bis in den Morgen fröhliches +Beisammensein. + +Der 6. Juni war für Priester und Priesterinnen ein Tag der Erquickung; +denn bis jetzt hatten sie unter allerhand Verbotsbestimmungen, von +denen nicht baden und kein Wasser trinken zu dürfen die schlimmsten +waren, geschmachtet. An diesem Tage war es den Priestern endlich +erlaubt, ihren auswendigen Menschen durch ein Bad zu erquicken; den +inwendigen erfrischte ich ihnen bereits seit mehreren Tagen, indem +ich in ihre Wasserflaschen einige Tropfen Salzsäure goss, wodurch, +nach Auffassung der _dajung_, das Wasser so verändert wurde, dass +sie es mit reinem Gewissen trinken konnten. Nach den grossen Mengen +so präparierten Wassers, die von mir verlangt wurden, liess sich die +Grösse des priesterlichen Durstes bemessen. + +Nach dem _tekok_ des Morgens folgte der Glanzpunkt des Festes--die +Opferung der Schweine. Zuerst begann unter dem Hause eine Jagd nach +den frei herumlaufenden Tieren- der Häuptling lieferte deren fünf; +jede Familie, in der ein kleines Kind bei diesem Neujahrsfest einen +Namen erhielt, lieferte eines. + +Als ich mich bald nach dem Ertönen des priesterlichen Gongs auf die +Galerie begab, fand ich die Schweine des Häuptlings gebunden neben +einander niedergelegt und die Priesterinnen vor den Tieren knieend, +die sie in Geistersprache den Bewohnern von _Apu Lagan_ als Opfer +anboten. Hinter den Opfertieren, schräg unter dem Galeriefenster +und dem als Geisterweg dienenden Rotangseil vom vorigen Tage, hatte +man aus 4 senkrechten und 4 horizontalen Hölzern ein Gerüst (_lasa_) +aufgestellt und dieses mit schönen Stoffen, einem Kriegsmantel und +einigen Gürteln aus alten Perlen, alles Opfergaben des Häuptlings, +behängt; ebenfalls Opfergaben waren die schönen kupfernen Gonge am +Fusse des Gerüstes. Durch symbolische Gegenstände (_pemali_) in einem +danebenstehenden Korbe suchten die Priesterinnen den Geistern die +Wünsche des Stammes zu erkennen zu geben. + +Die Priesterinnen begannen nun, um das Opfergerüst langdauernde Tänze +auszuführen, die, besonders da sie bei Tageslicht stattfanden, viel +Interessantes boten. + +Sämmtliche Priesterinnen beteiligten sich an dem Tanze; jede deutete +durch ihre Bewegungen den Geistern droben das Darbringen der Opfer +auf dem Gerüst und der fünf Schweine an. Erst schmückte sich die +oberste Priesterin, dann jede der übrigen mit dem Kriegsmantel aus +Pantherfell und der Kriegsmütze, während zu beiden Seiten zwei +mit Schwertern bewaffnete Priester, zur Abwehr böser Geister, +Kriegstänze aufführten. Hie und da veränderten die Priesterinnen +den Charakter ihrer Bewegungen; sie zeigten viel Individualität +beim Tanze und nach der Art seiner Ausführung liess sich die Höhe +der erreichten priesterlichen Entwicklung bemessen. Nur den drei +obersten Priesterinnen: _Usun, Tipong Igau_ und einer gewissen +_Uniang_ gelang es, durch Pantomimen das Anbieten der Opfer an die +Himmelsbewohner wirklich verständlich auszudrücken. _Usun_, mit einer +Speerspitze tanzend, erweckte den Eindruck, als wolle sie mit ihr +das ganze Opfergerüst den Geistern droben entgegenreichen. _Tipong_ +dagegen führte einen ruhigen Tanz aus, mit gefälligen Bewegungen die +Seelen der Opfer auffordernd, himmelwärts zu steigen. Ihre korpulente +Gestalt bewegte sich dabei mit bewundernswerter Weichheit, welche +die anderen; günstiger Gebildeten, bei weitem nicht erreichten. Diese +sprangen und hüpften unbeholfen um die Opfer herum und verstanden nur +selten Ausdruck in ihre Bewegungen zu bringen. Einige Priesterinnen +liessen sich sogar, um recht deutlich zu sein, zu den absonderlichsten +Vorstellungen verleiten. Während z.B. _Tipong_ sich zu den nahebei +liegenden Opfertieren beugte, scheinbar einen Teil von ihnen ergriff +und mit einigen Bewegungen in die Höhe schwang, gingen andere, +in der Meinung, dass eine bloss symbolische Bewegung nicht genüge, +hüpfend, mit der Kriegsmütze auf dem Kopfe, auf die Schweine zu, +packten das kleinste an den Hinterbeinen und trugen das quiekende +Tier, mit Anspannung aller Kräfte, im Tanzschritt zum Opfergestell +und wieder zurück. Zum Schluss wurde auch _Tipong_ zu grösserer +Lebhaftigkeit hingerissen, schüttelte einige Male das Gestell, +bestieg es sogar und bewegte es hin und her, um die Seelen der Opfer +hinaufsteigen zu lassen. Im allgemeinen waren die Bewegungen bei +diesen Tänzen viel lebhafter als bei denen der Javaner und erforderten +grosse Kraftanspannung; die alte _Usun_ leistete in dieser Beziehung +Bewundernswertes. + +Die Priesterinnen wurden jetzt von jungen Männern und Frauen abgelöst, +welche mit dem gleichen Gesang wie am vorhergehenden Tage den Tanz +um das Opfergerüst in ruhigerer Weise bis zum Abend fortsetzten. Man +hatte sich für diesen Tanz besonders schön geschmückt; die Männer mit +prächtigem Kopf- und Lendentuch und einer Art _selendang_ (langer, +schmaler, malaiischer Schal) als Bandelier um die Schultern. Auch die +Frauen trugen derartige Schale und zwar in der Weise, wie es im vorigen +Kapitel beschrieben worden ist. Beinahe alle hatten Elfenbeinarmbänder +und Fingerringe angelegt; ausserdem hatten sie sich für diese festliche +Gelegenheit Augenbrauen und Wimpern besonders sorgfältig ausgezogen. + +Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schlachteten die Männer die Schweine +und zwar auf der Galerie vor der Tür der verschiedenen Wohnungen; sie +schnitten ihnen jedoch nicht, wie die Ulu-Ajar Dajak, den Hals durch, +sondern schächteten sie. Da man das Schreien der Tiere nicht gern +hörte, hatte man ihnen nicht nur die Schnauze zugebunden, sondern hielt +diese ausserdem noch fest. Der älteste, ungefähr zehnjährige Enkel des +Häuptlings machte den Anfang beim Schlachten; man gab ihm ein Messer +in die Hand, welche von einem älteren Manne geführt wurde. Auch in den +Wohnungen der Familien mit Täuflingen wurden die Opfer geschlachtet, +worauf man ihnen den Bauch durch einen Querschnitt öffnete, um zu +sehen, ob die Unterseite der Leber hell oder dunkel war, d.h. ob sie +eine günstige oder ungünstige Farbe zeigte und ob die Gallblase und +andere Teile durch ihr normales gegenseitiges Verhalten dem Kinde +eine gute Zukunft versprachen. + +Ebenfalls auf der Galerie versengte man den Tieren in hochflammendem +Feuer die Borsten, weidete sie aus und zerstückelte sie, was bei der +inzwischen hereingebrochenen Dunkelheit einen sehr phantastischen +Anblick bot. In der darauf folgenden Nacht durften sich weder +Männer noch Frauen zur Ruhe begeben, obgleich der Tag für alle sehr +anstrengend gewesen war. + +Nicht minder anspannend war der folgende Tag, genannt "_aron uting_" = +"Festtag des Schweinefleischessens", an dem der Häuptling bereits früh +morgens im Freien in grossen, eisernen Kesseln das Schweinefleisch +kochen liess. + +Das _tekok_ datierte diesmal besonders lange. Die Mütter fingen +an diesem Morgen mit ihren Täuflingen einen Rundgang durch alle +Wohnungen an, um sie bei allen Hausbewohnern als neue Stammesglieder +vorzustellen. Die Kinder wurden dabei wieder von schön geputzten und +mit dem geweihten Hut geschmückten jungen Mädchen in ihren _hawat_ +auf dem Rücken getragen, begleitet von den ebenso schön gekleideten +Müttern, welche zwei geweihte Bambusgefässe mit Wasser und eine +Klapper für eine _mela_ in die Wohnung des Häuptlings trugen; von +dort aus begaben sie sich zu allen übrigen Hausbewohnern. + +Auch aus der Wohnung des Häuptlings begann jetzt ein Kinderauszug: +voran gingen die beiden Enkel, gleich hinter ihnen wurden die in +der _amin_ im verflossenen Jahre geborenen Kinder der Leibeigenen +von ihren Müttern geträgen. Zwar waren die Häuptlingskinder bereits +viel zu alt für den Umzug, aber als Söhne des Häuptlings mussten +sie ihn noch etliche Jahre mitmachen. Dem ältesten, _Tingè_, wurde +von einem Mädchen ein winziger Schild und ein hölzernes Schwert +nachgetragen. Eine Sklavin begleitete den Zug mit einem Gong. + +Mittags wurde, nachdem man aus gekochtem Schweinefleisch und Klebreis +gesonderte Päckchen gebunden und diese in Dreieckform auf der +Galerie aufgestapelt hatte, in gleicher Weise wie früher, mit allen +Familiengliedern des Häuptlings und den Müttern, welche ihrer Täuflinge +wegen den Geistern geopfert hatten, eine _mela_ vorgenommen, genannt +"_mela uting_" = "Seelenberuhigung durch Schweinefleisch". Nach der +heiligen Handlung erhielt jeder wiederum seinen Anteil an den Päckchen +mit nach Hause. Der grosse Festtag verlief, wahrscheinlich wegen des +tags zuvor erfolgten Todes eines kleinen Kindes, sehr ruhig. Die Kajan +behaupteten zwar, Arak getrunken zu haben, ihr stilles, besonnenes +Betragen und die nur zwei Tage lang dauernde Bereitung des Trankes +sprachen aber mehr dafür, dass sie Zuckerwasser genossen hatten. + +Vor der "_mela uting_" hatte ich noch einem interessanten Ringkampfe +(_pajow_) der jungen Männer beigewohnt. Bereits einige Tage zuvor +hatten sich die Jünglinge hie und da mit einander gemessen, jetzt waren +alle auf der Galerie versammelt und ein Paar nach dem anderen betrat +den Ringplatz. Die Kämpfer waren nur mit dem Lendentuch bekleidet, +das sie straff anzogen, um dem Gegner einen festen Angriffspunkt zu +bieten. Die Partner umfassten einander, packten sich gegenseitig hinten +am Gürtel fest und suchten einander emporzuheben und rücklings auf den +Boden zu werfen. In Anbetracht, dass ein Fall auf die Eisenholzbretter +nicht ungefährlich war, suchten einige Mütter ihre Söhne von dem +gefährlichen Spiele abzuhalten. In Gegenwart der Kameraden blieben +diese mütterlichen Mahnungen leider erfolglos, und so mancher hatte +bereits mit heftigem Anprall den Boden berührt, als ein stämmiger +Sklave als Sieger des Tages hervorzugehen schien. Dem jungen Manne +waren die vielen Siege so zu Kopfe gestiegen, dass er nach seinem +letzten Triumph mit herausfordernden Gebärden einen lauten Juchzer +erschallen liess. Auch bei den Kajan kommt Hochmut vor dem Fall: +einer der bis dahin unbeteiligt gewesenen Zuschauer betrat jetzt den +Kampfplatz. Überlegen durch seine frischen Kräfte und durch seinen +ansehnlicheren Wuchs, gelang es ihm bald, seinen Partner vom Boden zu +erheben und ihn, den rechten Arm gestützt auf das rechte Knie, in die +Höhe zu halten. Auf dem gleichen Bein hatte der zappelnde Gegner aber +einen Stützpunkt für seine Füsse gefunden und so wurde das Umdrehen +nicht leicht. Mit Anspannung aller Kräfte gelang es dem Neuen endlich, +den hochmütigen Helden mit hartem Aufschlag zu Boden zu werfen. Die +gebräuchliche Revanche brachte dem Besiegten keinen besseren Erfolg. + +Am 8. Juni wurde der "_aron kertap_" = "Festtag des Klebreisessens" +gefeiert; er begann wieder mit einer _mela_, nach welcher diesmal +Päckchen mit Reis und Klebreis ohne Schweinefleisch verteilt wurden. + +Abends war es, wegen des Todes des kleinen Kindes, sehr still im +Hause; man begrub es, um das Fest nicht durch Trauerfeierlichkeiten zu +unterbrechen, erst nach beendetem Fest. Die eigene Mutter hatte den +Heimgang des kleinen Kranken nach _Apu Kesio_ dadurch beschleunigt, +dass sie ihn morgens beim Rundgang zur _mela_ mitgenommen hatte. + +Der 9. Juni bildete den letzten Festtag. Acht _dajung_ begaben sich +morgens auf die kleine Plattform des _dangei_, bildeten einen Kreis, +reichten einander die Hände und begannen gemeinsam im Tonfall des +_tekok_ eine Ansprache an die Geister; der Rhythmus wurde dabei durch +Bewegen der Hände angegeben. Nachdem sie sich über eine Stunde lang +von der warmen Sonne hatten bescheinen lassen, brachte man ihnen einen +geschlossenen Korb (_ingan)_, in dem sich verschiedene _kawit_, acht +aneinander gereihte Eierschalen und einige Küchlein befanden. _Usun_ +öffnete den Korb und begab sich mit ihm nach einer Ecke des _dangei_, +in welcher täglich auf einem trichterförmig gespaltenen Pflanzenstengel +Esswaren für die Geister niedergelegt wurden, und forderte diese auf, +in den Korb überzugehen. Der Korb wurde darauf geschlossen und von +den Priesterinnen in die _amin_ des Häuptlings getragen. + +Nach einer kleinen Erholung und einem kräftigen Trunk von dem von mir +präparierten Wasser versammelten sich die _dajung_ auf der Galerie, +legten acht unverletzte Bananenblätter auf und neben einander auf +den Boden und stapelten darauf die Esswaren, welche sie aus dem +erwähnten Korbe hervorgeholt hatten. Durch Auseinanderschieben der +Schindeln hatte man zuvor eine Öffnung im Dache hergestellt. Wiederum +murmelten die Priesterinnen eine Zeitlang über dem Haufen, bildeten +ihren phantastischen Kreis und begannen, wie früher, zuerst mit den +Gliedern der Häuptlingsfamilie, dann mit den Müttern und kleinsten +Kindern eine _mela_ vorzunehmen Darauf verteilten sie einen kleinen +Teil der _kawit_, Eierschalen und Küchlein an die Teilnehmer. + +Es folgte jetzt eine Szene, die mich aufs lebhafteste interessierte +aus der _amin_ des Häuptlings wurde eine Sammlung alter _hawat_ und +geweihter Hüte herausgetragen. Die Tragbretter und dann auch die Hüte +wurden ehrfurchtsvoll über dem Haufen Opferspeisen hin- und herbewegt +und dann ins Haus zurückgetragen. Jetzt durften auch die gewöhnlichen +Kajanfrauen mit ihren alten _hawat_ und Hüten herantreten und den +wohltätigen Einfluss der Opfergaben auffangen. Diese Zeremonie bot +mir die seltene Gelegenheit, die alten, ehrwürdigen Familienstücke +zu sehen, die mir einen Begriff von der früheren Kunstfertigkeit der +Kajan gaben. Es lagen auf den _hawat_ noch Zeugstücke, die früher +von den Kajan mit ähnlichen Figuren bemalt worden waren, wie man sie +jetzt in den Webearbeiten der Batang-Luparstämme findet; derartige +Arbeiten werden längst nicht mehr von den Kajan ausgeführt. Diejenigen, +die diese Tragbretter und Hüte einst benützt hatten, waren entweder +längst gestorben oder bereits betagte Leute; so wurde z.B. auch _Akam +Igaus_ Kindertragbrett hervor geholt. Augenscheinlich sollte die neue +Weihe, die die _hawat_ empfingen, rückwirkend noch auf die Seelen +der Verstorbenen und Betagten einen guten Einfluss üben. Kaum hatten +sich die Priesterinnen entfernt, so suchte jeder noch etwas von dem +Rest der Opferspeisen zu erwischen. + +Die offizielle Schlussfeier des ganzen Festes erfolgte vor dem Hause +beim _dangei_, wo man den Erdboden, den die Priesterschaft auch jetzt +nicht berühren durfte, mit den Brettern des _tasu nangei_ belegt +hatte. Wiederum waren alle aufs schönste gekleidet. Mit Kriegsmütze +und Kriegsmantel geschmückt umkreiste _Usun_ etliche Male tanzend den +Fuss des _dangei_ und führte mit ihrem alten Schwerte Bewegungen aus, +als wollte sie den ganzen _dangei_ gen Himmel heben. Die übrigen +Priesterinnen, von denen die ältesten gleich wie die männlichen +Priester mit Speeren bewaffnet waren, unterstützten _Usun_s Bemühungen +und wehrten, indem sie in die Luft schlugen und stachen, ausserdem die +bösen Geister ab, die ihre Handlungen stören konnten. Die Priesterinnen +setzten ihren Tanz bis gegen Mittag fort, dann aber verschwand, +von der jüngsten beginnend, die eine nach der anderen. Schliesslich +waltete nur noch die alte _Usun_ ihres heiligen Amtes und verliess den +Tanzplatz erst, nachdem die Sonne ihren Höhepunkt bereits erreicht +hatte. Nach drei anstrengenden Tagen durften die _dajung_ nun zum +ersten Mal wieder ihr wohlverdientes und heissersehntes Bad nehmen. + +Abends sollte wiederum ein _nangeian_ um das Opfergerüst, das +in gleicher Weise wie früher (pag. 177) aufgestellt worden war, +stattfinden. Die Häuptlingsfamilie begann sich gegen 6 Uhr abends +auf den Rundgang, der nach alter Sitte bis zum Anbruch des folgenden +Tages dauern musste, vorzubereiten, indem sie auf der Plattform des +_dangei_ ein symbolisches Bad nahm. Die Familienglieder und darauf +auch die _dajung_ wurden der Reihe nach, den Fuss auf einen alten Gong +gestützt, mit Weihwasser aus einem Bambusgefäss übergossen. Unter den +Tönen eines Gongs wurden gleichzeitig alle Speiseabfälle, welche von +der Herstellung der _pemali_ übrig geblieben und bis jetzt sorgfältig +bewahrt worden waren, in grossen Körben von der Höhe des _dangei_ +herabgeworfen. + +Gegen 9 Uhr abends erklängen die Gonge von neuem, als Zeichen, +dass die Priesterinnen den _nangeian_ mit Singen und Tanzen begonnen +hatten; sie setzten den Rundgang fort, bis der Zustrom der Laien so +gross geworden war, dass sie von diesen abgelöst werden konnten. Die +Beteiligung am _nangeian_ war jetzt eine viel regere als früher; +selbst bejahrtere Personen scharten sich in den Kreis der Jungen und +stimmten in den eintönigen aber melodischen Gesang ein. Alle hatten +ihre schönsten Festkleider angetan; die Frauen trugen ausserdem +ihre prächtigen Schale und die Männer ihre Schwerter. Unterdessen +hockten die Priesterinnen auf einer Matte und unterhielten sich mit +Betelkauen und Singen, bis die Reihe an sie kam, unter verstärkter +Begleitung der Gonge wieder in den Kreis einzutreten. Auf uns Fremde +machte die ganze Zeremonie, des schlichten Ernstes wegen, mit dem +sie vorgenommen wurde, einen feierlicheren Eindruck, als wir ihn in +dieser seltsamen und ungewohnten Umgebung erwartet hätten. + +Bis zur Dämmerung setzten alle unermüdlich den Rundgang fort. Nachdem +ich mich zur Ruhe begeben hatte, wurde ich stets wieder durch ein +besonders starkes Einsetzen der Gonge geweckt. + +Bei Tagesanbruch erschallte aus der Häuptlingswohnung lauter +Gesang. Auf den Schluss des Festes begierig eilte ich nach oben und +fand alle Festteilnehmer in der noch dunklen _amin aja_ versammelt; +sie standen unter dem noch geschlossenen Dachfenster um die _dajung_ +herum und stimmten unter deren Vorgang einen Gesang an, der an Ernst +und Feierlichkeit nichts zu wünchen übrig liess. Nach beendigtem +Gesang zogen sich alle still in ihre Wohnungen zurück. + +Der 10. Juni begann für alle mit dem, nach den Anstrengungen der +letzten Tage, so nötigen Schlaf. Die Priesterinnen sollten erst nach +genossener Ruhe in ihre eigenen Wohnungen zurückkehren, wo sie noch 8 +Tage lang nach Vorschrift leben mussten. Die aussergewöhnliche Stille +auf der Galerie benützten wir sogleich, um einige photographische +Aufnahmen zu machen. + +Die Tür der Häuptlingswohnung wurde zuerst photographiert. Da ich auch +gern eine Aufnahme von dem noch danebenstehenden _lasa_ gemacht hätte, +fragte ich, allerdings mit wenig Hoffnung auf Erfolg, _Akam Igau_, ob +dies gestattet sei. Obgleich sehr aufgebracht, wagte er doch nicht, +nein zu sagen, und so machte ich denn von dieser halben Zustimmung +und dem Schlaf der noch abergläubischeren Frauen Gebrauch, um auch +von dem _lasa_ ein Cliché anzufertigen. + +Was ich jedoch gefürchtet, traf ein, denn bereits abends kam _Akam +Igau_ mit verstörtem Gesicht zu mir und erzählte, dass unsere Aufnahmen +einen Sturm der Entrüstung seitens der erwachten Priesterinnen auf sein +armes Haupt beschworen hatten. Da eine günstige Stimmung der Kajan kurz +vor unserem Zuge zum Mahakam von der grössten Bedeutung wir, glaubte +ich den Häuptling mit ein paar Dollar entschädigen zu müssen. Ob nun +die photographischen Aufnahmen oder dies Geldgeschenk beunruhigend +gewirkt hatte, weiss ich nicht, aber am folgenden Morgen erschienen +_Usun_ und _Tipong Igau_, setzten sich mit ernster Miene zu mir auf +den Boden und erklärten, dass böse Träume ihnen in der vergangenen +Nacht die Entrüstung der Geister verkündet hätten. _Tipong_ hatte +geträumt, dass man sie nach dem Ritus der Kajan in ihren Sarg gelegt +hatte; _Usun_, dass ihr Boot aufs Land gezogen war: beide Träume +deuteten auf ihren bevorstehenden Tod. Ich fürchtete anfangs, dass +man die Vernichtung der Clichés verlangen würde, aber ihr dajakisches +Gewissen zeigte sich zum Glück mit dem Bezahlen einer Busse zufrieden +gestellt. Mir gegenüber wollte _Tipong_ jedoch noch Nachsicht üben +und verlangte daher eine Seelenberuhigung von nur 3 Dollar. So waren +die Schwierigkeiten beiderseits fortgeräumt, aber ich rechnete in +Zukunft doch auf weniger kostspielige Aufnahmen. + +Die Priesterinnen waren nach dem Fest, wie gesagt, noch nicht frei: +den ersten Tag mussten sie _melo bruwa_, (= ruhen für die Seele); den +zweiten Tag begaben sie sich alle in grosser Gala mit Kriegsmütze und +Schwert aufs geweihte Reisfeld ans jenseitige Ufer, um die Verbotszeit +abzuwerfen (_bet lali_); am dritten Tage mussten sie wieder ruhen; am +vierten Tage versammelten sie sich wieder alle in der _amin aja_, wo +morgens und abends bei geschlossener Tür eine grosse _mela_ stattfand; +am fünften und sechsten Tage wurde wieder geruht. + +Auch für die übrigen Bewohner war alles Aussergewöhnliche in dieser +Zeit verboten. Als in diesen Tagen ein von der Regierung mit der +Impfung der Kajan betrauter Malaie aus Putus Sibau ankam, um hier +seines Amtes zu walten, liess sich keiner von ihm impfen, obgleich +man ihn selbst herbeigewünscht hatte. Erst einige Tage später kamen +die Kajan, dann aber in Haufen heran. + +Am siebenten Tage mussten die _dajung_ in Gruppen von vieren in der +eigenen Wohnung eine _mela_ abhalten, worauf am achten wieder ein +_melo_ folgte, nach welchem sie endlich ihr Armband der Verbotszeit +(_leku lali_) endgültig ablegen durften. Diese Armbänder bestanden +aus vier Reihen grosser, wertvoller Perlen, welche sie von der +Häuptlingsfamilie als wichtigste Belohnung erhalten hatten. + + + + +KAPITEL IX. + + Fischreichtum des Kapuasgebietes--Fischereigerätschaften--Fang des + _tapa_--Fang mit _tuba_-Gift--Jagd--Hunde der Bahau--Erträgnisse + der Jagd--Vogelfang--Haustiere. + + +Die Bahau am Mendalam erfreuen sich, wie auch die anderen Stämme am +oberen Kapuas, eines grossen Fischreichtums ihrer Gewässer. Fische +bilden daher auch nach Reis ihr Hauptnahrungsmittel. Nicht nur der +Kapuas und seine Nebenflüsse, sondern auch alle Seeen, die ihm ihr +Dasein verdanken, sind reich an Fischen. Der Fluss schlängelt sich +nämlich in zahlreichen Windungen durch das flache Land, verlegt bei +Hochwasser öfters sein Bett, hier seinen eigenen Bogen abschneidend, +dort wiederum einen neuen bildend, und lässt als Folge hiervon zu +beiden Uferseiten zahlreiche Seeen von länglicher Form zurück. Bei +Hochwasser, wenn ihnen die Flüsse schwerer zugänglich sind, fischen +die Kajan vorzugsweise in diesen Flussseeen. + +Die Kajan gebrauchen für den Fischfang folgende Gerätschaften die +Angel (_pese);_ das Schöpfnetz (_hiköp);_ das Wurfnetz (_djala);_ +den Speer mit einer Spitze (_bakir);_ den Speer mit mehreren Spitzen +(_serapang_) und verschiedene Arten von Reusen; ausserdem fischen +sie mit Fischgift (_tuba_). + +Die Angel und das runde Wurfnetz werden täglich gebraucht; jene +hauptsächlich von Kindern und alten Männern, dieses von erwachsenen, +kräftigen Männern. + +Je nachdem, ob es sich um den Fang grosser oder kleiner Fische handelt, +gebrauchen die Bahau verschiedene Angelhaken. Die kleinsten stellen sie +mit einem Widerhaken aus Kupferdraht her. Als ich ihnen Stecknadeln +mitbrachte, die sie bis dahin noch nicht kannten, verwandelten die +Kinder diese, indem sie sie umbogen, bald in Angelhaken. Auf meinen +folgenden Reisen bildeten Fischangeln verschiedener Grösse für alt +und jung sehr geschätzte Geschenke. + +Die grossen bis sehr langen Angelhaken werden geschmiedet; man +benützt sie hauptsächlich für Setzangeln, die man, mit Köder und +Schwimmer versehen, den Fluss abwärts treiben lässt, während man +selbst, beispielsweise, eine weiter unten gelegene Niederlassung +besucht. Als Schwimmer dient ein trockener, hohler Kürbis. + +An Wurfnetzen gebraucht man, nach der Grösse der zu fangenden Fische, +drei verschiedene Arten. Sie bestehen aus einem runden Netz, das rings +herum eine Kette aus Zinn oder Eisen (_awit tite_ = Eisenkette) trägt; +letztere wird am liebsten aus grossen Nägeln, die man durch Klopfen +in Kettenglieder verwandelt, hergestellt. + +Die Netze für kleine Fische (_djala seluwang_) haben 2 1/2-4 qcm grosse +Maschen und einen Durchmesser von 3-4 m; sie werden gegenwärtig meist +aus eingeführtem, grobem Strickgarn verfertigt. + +Für grössere Fische gebraucht man Netze mit 4-9 qcm grossen Maschen +und einem Durchmesser von 5-6 m. Die Netze werden aus den zu einer +Schnur gedrehten Fasern der Liane _aka tengang_ hergestellt. Die +grossen Wurfnetze, deren Durchmesser bis zu 8 m beträgt, haben bis +zu 16 qcm grosse Maschen; sie bestehen aus den gleichen Lianenfasern +wie die kleineren Arten, nur verwendet man für sie dickere Schnüre. + +Die Bahau imprägnieren ihre Netze nicht und verstehen sie nach dem +Gebrauch vor Fäulnis nur durch Trocknen an der Sonne zu schützen. + +Beim Auswerfen nimmt der Fischer das Netz über beide Arme und +sucht es, durch drehende Bewegung, so ausgebreitet als möglich +auf die Wasserfläche zu schleudern; die schwere, in zentrifugaler +Richtung auseinander getriebene Kette bewirkt, dass das Netz flach +niederfällt. Zum Herausziehen des Netzes dient eine im Mittelpunkt +befestigte Schnur, während die Fische durch die am Boden schleifende +Kette gefangen gehalten und mit heraufgezogen werden. Ist der Boden +jedoch durch Gestein, Baumwurzeln und Zweige sehr uneben, so lässt der +Fischer das Netz liegen, taucht unter und holt die Fische, aus Furcht, +dass sie sonst entfliehen könnten, mit der Hand hervor. Bisweilen +werden die Fische auch, bevor man das Netz über sie wirft, mit +gekochtem Reis an eine bestimmte Stelle gelockt. + +Das Auswerfen der Netze erfordert viel Kraft und Gewandtheit; um die +grossen Netze gleichmässig niederfallen zu lassen, nimmt der Fischer +den mittleren Teil oft in den Mund. + +Ausser diesen sind auch lange Netze den Dahau bekannt; sie gebrauchen +sie, um ein Flüsschen abzusperren, besonders beim Fischen mit +Gift. Zugnetze jedoch sind ihnen unbekannt. + +Beim Fischen mit dem _serapang_ ist, um die Fische anzulocken und +sichtbar zu machen, Licht erforderlich. Der Fischer lässt sich +nachts in aller Stille flussabwärts treiben und hält vorn im Boot +das _tapong hirui_, das Brettchen, unter dem die Harzfackel (_damat +hirui_) brennt, die ihm auf diese Weise nicht hinderlich wird. Am +Brettchen ist, um es bequemer zu handhaben, ein Griff (_tagin_) +angebracht. Sobald sich, vom Fackelschein angelockt, Fische zeigen, +sucht sie der Fischer zu spiessen. + +Reusen werden besonders bei Hochwasser ausgesetzt und zwar an +Stellen, wohin sich die Fische vor der heftigen Strömung geflüchtet +haben. Diese Reusen haben meist die gewöhnliche malaiische Form; +nur eine Art ähnelt einem runden Vogelbauer mit rundlicher Öffnung, +in welcher ein am Aussenende geschlossenes Bambusrohr mit ebenfalls +runder Öffnung oben steckt. Kleine Fische, durch den im Bambus +befindlichen Reis angelockt, lassen sich dazu verleiten, in den Bauer +zu schwimmen. Der Rückzug wird ihnen durch zusammeneigende Ästchen +an der inneren Bambusöffnung abgeschnitten. + +Auch der _hiköp_, ein kreisförmiges Stück Rotang von 1/2 m +Durchmesser mit eingespanntem Garnnetz, wird hauptsächlich bei +Hochwasser angewendet, um zwischen das Ufergras geflüchtete Fische +zu fangen. _hiköp_ und Reusen werden vorzugsweise von Frauen und +Kindern benützt. + +Die Kajan ziehen zwar grosse Fische vor, verschmähen aber auch die +kleinsten nicht; diese werden auch vielfach zu Opferzwecken verwendet. + +Da Salz auch am Mendalam sehr teuer ist, werden grössere Mengen Fische +durch Trocknen und Räuchern über dem Feuer für längeres Aufbewahren +präpariert. + +Während bei allen vorhin besprochenen Arten von Fischfang nur wenige +Personen beteiligt sind, vereinigen sich zum Fischen des _tapa_ +die Bewohner eines oder mehrerer Häuser. + +Der _tapa_ ist ein grosser, bis 1 m langer, dunkelbrauner Fisch mit +sehr breitem, plattem Kopf und weit klaffendem Maul, bewaffnet mit +mehreren Reihen scharfer Zähne. + +Gegen August zieht der Fisch aus dem Hauptstrom in kleine Nebenflüsse, +um dort zu laichen; die Kajan benützen diesen Augenblick, um hinter +den bisweilen grossen Schwärmen das Flüsschen mittelst eines Heckwerks +oder Netzes abzuschliessen. + +Einem derartigen _tapa_-Fang wohnte ich während meines ersten +Aufenthaltes in Tandjong Karang bei, wo es einem Manne aus Tandjong +Kuda glückte, einen Fischschwarm im Samus, einem rechten Nebenfluss +des Mendalam, einzuschliessen. Am ersten Tage hatten die Hausgenossen +des glücklichen Finders, unsere Nachbarn oben am Fluss, das Recht, +so viel Fische zu fangen als sie gelüstete; den folgenden Tag sollten +wir uns zum Feste aufmachen. + +Man hatte auch mich zur Teilnahme aufgefordert, und, wie immer mit +Stock und Revolver bewaffnet, nahm ich anderen Morgens früh in einem +schmalen Nachen Platz, dessen Wände nur wenige Centimeter über das +Wasser herausragten; ich musste mich daher sehr ruhig verhalten, +wenn ich das Boot nicht zum Umkippen bringen wollte. Zwei junge Kajan +ruderten, und so ging es schnell den Mendalam hinauf. Die Samusmündung +lag weiter unten, aber das eigentliche Jagdgebiet befand sich am +Oberlauf des Flüsschens, so dass wir, um zeitig das Ziel zu erreichen, +erst ein anderes Nebenflüsschen hinauffahren und dann eine Strecke über +Land gehen mussten. Der Weg führte, nach dajakischer Weise, mehr über +liegende Bäume als über mit Gras und Gestrüpp bedeckten Boden. Bald +bildeten die Bäume den einzigen passierbaren Weg; zu meinem Erstaunen +lagen sie aber nicht, wie gewöhnlich, der Äste beraubt am Boden, +sondern teilweise über einander und zwar so, dass der nur wenig +abgekappte Gipfel des einen Baumes auf dem Fussende des folgenden +ruhte und der so entstandene Baumpfad bis zu 4 m hoch über dem Erdboden +lag. Er führte nämlich zu früheren Reisfeldern durch einen Wald, der so +nass und morastig war, dass man mit bewundernswerter Geschicklichkeit +den einen Baum über den anderen hatte fallen lassen und, nachdem die +hinderlichsten Äste entfernt waren, einen Pfad geschaffen hatte, +auf dem man niemals den Boden berührte. Es lagen hier Baumriesen +von mehreren Metern Durchmesser, auf denen man mühelos 40 m weit +gehen konnte; dann trat man aber auf andere, deren glatte, hellgraue +Stämme zwar sehr schön anzusehen waren, in dieser beträchtlichen +Höhe von einem beschuhten Europäer jedoch nur mit einer gewissen +Kaltblütigkeit begangen werden konnten. Besonders kritisch wurde +die Situation beim Überschreiten der oberen, dünnsten Stammenden, +an denen Äste gesessen hatten; da die hinter mir gehenden Kajan ihren +Schritt dann etwas mässigen mussten, wurden die Schwingungen unseres +Pfades unregelmässiger und wir liefen Gefahr, das Gleichgewicht zu +verlieren. Letzteres war jedoch nicht wünschenswert, denn unter uns +lagen zwischen dornigem Gesträuch die abgehackten Äste übereinander, +so dass ein Fall bedenkliche Folgen gehabt hätte. Glücklicher Weise +betrat ich hier nicht zum ersten Mal einen Baumpfad im Morastwalde, +aber 1 1/2 Stunden hintereinander, wie hier, war ich noch nicht auf +solchem Wege marschiert und so hielt ich mich vor Ermüdung kaum noch +auf den Füssen, als wir endlich wieder den Boden betraten. An meinen +Begleitern bemerkte ich jedoch keine Ermattung, sie wären auch zu sehr +von der freudigen Erwartung des bevorstehenden Fischfangs erfüllt, +um sich in die Schwierigkeiten hineinzudenken, die ein solcher Gang +über glatte Baumstämme ohne stützendes Geländer dem schuhbedeckten +Fusse eines Europäers bereiten musste. + +Der Marsch durch ein verlassenes, dicht bewachsenes Reisfeld zählte +für gewöhnlich schon zu den Prüfungen, jetzt jedoch erschien er mir +wie eine Erholung. + +Zeitig genug langten wir am Ufer des Samus an; die hier versammelte +Gesellschaft hatte ihre Reismahlzeit noch nicht begonnen. + +An den sandigen, weissen Ufern des Samus, mitten im hohen Urwald, +boten die geschäftigen Männer, Frauen und Kinder eine Reihe anmutig +wechselnder Bilder. Auch die Ma-Suling hatten diesen Tag zum Fischen +gewählt und ich bemerkte unter ihnen fremde Gestalten, die ihre Scheu +jedoch bald ablegten, als sie die anderen sich so frei in meiner +Gegenwart bewegen sahen. + +Während des Essens kam die Nachricht, dass sich die Fische, +diesmal in geringerer Zahl als sonst, weiter oberhalb im Bache +befanden. Sogleich machten sich die Männer auf, durchwateten das +Flüsschen und verschwanden im Walde. Nur mit Mühe konnte ich einige +Knaben bestimmen, bei mir zu bleiben und mir den Weg zu weisen. Dieser +führte gleich anfangs quer durch den Fluss, den meine braunen Führer +einfach durchschwammen, während ich ihn, um nicht gleich durch und +durch nass zu werden, watend zu passieren versuchte. Diese Vorsicht +erwies sich aber als unnütz, da ich doch bis an die Brust ins Wasser +musste; die Erfrischung war übrigens angenehm und bei der ständigen +Bewegung nicht schädlich. Nachdem wir ein Stück Wald und mehrmals +den gleichen Bach durchquert hatten, erreichten wir den Schauplatz +des grossen Ereignisses: einige Meter unter uns zwischen steilen +Uferwänden standen die Kajanmänner im Wasser, bewaffnet mit grossen +Fischhaken, die so lose an langen Stöcken befestigt waren, dass +sie beim Zurückziehen im Fischkörper haften blieben. Da der Haken +ausserdem an eine Schnur gebunden war, konnte der Fischer die erfasste +Beute bequem heranholen. Bei meiner Ankunft hatten die Leute bereits +viele Fische gefangen; zwar waren die Tiere diesmal nicht, wie es +früher vorgekommen sein soll, in solch gedrängter Masse erschienen, +dass ihre Rücken an der Wasseroberfläche sichtbar wurden, vielmehr +musste man sie aus Uferhöhlen und unter Baumstämmen, die im Bache +umherlagen, hervorstöbern, doch gelang es, eine grosse Anzahl aus +diesen Schlupfwinkeln aufzuscheuchen. + +Es ging sehr lebhaft beim Fischen her. Der Fang eines besonders schönen +Exemplars erfüllte jeden mit Genugtuung und, wenn ein aufgejagter +Fisch mit kräftigen Schlägen zwischen den Fischern hindurchschoss, +stürzten alle voll Eifer auf ihn zu, da jeder den ersten Speerwurf tun +wollte, selbst auf die Gefahr hin, einen Menschen statt des Fisches +zu spiessen. + +Die Männer beeilten sich, sobald ein Fisch am Haken zappelte, das +wütende Tier mit dem schrecklichen Gebiss durch einen kräftigen +Schwertschlag hinter dem Kopfe unschädlich zu machen; auf dem +Trocknen wurde der Kopf gänzlich vom Rumpf geschieden und dieser +ausgeweidet. Wenn die Fische sehr zahlreich erschienen, wagte man sich, +aus Furcht gebissen zu werden, nicht ins Wasser. Dass diese Furcht +nicht unbegründet war, bewiesen einige grosse Narben an den Beinen der +Kajan. Diesmal schienen nur grosse Fische den Samus hinaufgeschwommen +zu sein; denn die gefangenen Exemplare waren mindestens 10 kg schwer. + +Nach einigen Stunden besassen alle einen genügenden Vorrat an Fischen +und, da der Weg noch weit war, begann man an den Rückzug zu denken. Die +Knaben hatten bereits die Fische an den Platz vor ausgetragen, wo +die Frauen schon seit dem Morgen mit den Vorbereitungen zur Mahlzeit +beschäftigt waren; geröstete _tapa_ bildeten nun das Hauptgericht und +es schmeckte so gut, dass keiner Lust zum Aufbruch verspürte, was mir, +in der Voraussicht auf eine Wiederholung der Expedition vom Morgen, +sehr angenehm war. + +Unter einem hohen Uferbaum hielten einige mir wohl bekannte Frauen +der Ma-Suling Siesta, und ich nahm mir die Freiheit, mich in ihrer +Nähe im Schatten des gleichen Baumes niederzulegen; ihr Schlaf schien +aber durch meine Anwesenheit gestört zu werden; denn sie begannen +zu schwatzen. Eine von ihnen war ihres Gesanges wegen berühmt und +liess sich zum Glück nicht lange nötigen, einige Proben ihrer Kunst +zum besten zu geben. + +Auf dein Rücken liegend, die Hände unter dem Haupte gekreuzt, trug +sie, teils rezitierend, teils wirklich singend, einige Stücke vor; +in dieser Umgebung klang es sehr lieblich und, wenn es auch kein +europäischer Gesang war, machte er doch einen viel besseren Eindruck +als der der Javaner oder Malaien. Die Melodieen glichen am meisten den +unsrigen. Leider konnte ich die Worte nicht verstehen; sie erweckten +die Heiterkeit der Zuhörer und, da ich einige Mal meinen Namen +unterscheiden konnte, improvisierte die Sängerin augenscheinlich. Auch +diese Idylle nahm ein Ende; das Mahl war eingenommen, die Fische in +Körbe gepackt, und so zogen Männer, Frauen und Kinder beutebeladen in +langer Reihe auf dem gleichen halsbrecherischen Wege heimwärts. Auch +jetzt wieder beschützten reich die Urwaldgeister der Kajan und ich +kam mit heilen Gliedmassen, aber mit etwas labilem Gleichgewichte +nach Hause. + +Was die Fischerei mit der _tuba_, dem Fischgift, betrifft, so nimmt +auch an ihr die ganze Bevölkerung Anteil. Am oberen Kapuas wird nur in +den kleineren Nebenflüssen mittelst Gift gefischt, am oberen Mahakam +auch im Hauptfluss. + +"_tuba_" ist ein Sammelname für verschiedene Wurzeln und +Baumrindenarten, deren narkotisch wirkende Milchsäfte zum Betäuben +der Fische benützt werden. Die für die _tuba_-Fischerei erforderlichen +Pflanzen werden teils gebaut, teils aus dem Walde geholt. + +Haben die Bewohner eines Kajandorfes beschlossen, einen Fluss mit +_tuba_ abzufischen, so wird alles lebendig; denn um eine für alle +genügende Menge Fische zu fangen, muss auch jede Familie ihren Teil +_tuba_ liefern. Man zieht daher in grossen Scharen zur _ladang_ und +sammelt dort die schwarzen, fingerdicken Wurzeln, die man zu Bündeln +von 1 Fuss Länge und 2 dm Dicke vereinigt. Binnen weniger Tage, wenn +ungefähr 200 Bündel zusammengebracht worden sind, kann der Fischzug +in einem Flüsschen beginnen. + +So fuhren eines Tages bei Sonnenaufgang viele Männer mit der _tuba_ +in Böten an den Platz voraus, wo der Fang stattfinden sollte. Etwas +später begaben sich auch die Frauen, Mädchen und Knaben zum Fluss und +auch ich nahm in einem der schwankenden Fahrzeuge Platz, in welchem +mich einige Männer flussaufwärts ruderten. + +Der Schauplatz der Jagd war ein kleines Flüsschen, in dem unser Nachen +bald hier bald dort über eine Geröllbank geschoben werden musste. + +Das nur 20 m breite Gewässer schlängelte sich, von den Uferbäumen +völlig überdacht, zwischen urwaldbedeckten Hügeln hindurch. Nach +einstündiger Fahrt, als das Boot nicht weiter konnte, führte uns +ein Waldpfad längs dem Ufer weiter hinauf. An einer buchtartig +verbreiterten Stelle des Flusses stiessen wir zu den Männern, +die damit beschäftigt waren, die _tuba_ durch Klopfen in eine +weissliche, faserige Masse mit scharfem, betäubenden Geruch zu +verwandeln. Inzwischen hatten sich die übrigen Teilnehmer in +malerischen Gruppen auf den Uferfelsen gelagert. Die erfreuliche +Aussicht, die Fische auf bequeme Weise überlisten und verspeisen +zu können, schien vor allem die Frauen und Mädchen fröhlich zu +stimmen. Sie hatten alle Schöpfnetze (_hiköp_) mitgenommen, während +die Männer, ausser mit ihren gewöhnlichen Waffen, auch mit den gleichen +Harpunen wie bei der _tapa_-Fischerei ausgerüstet waren. Jedem hing ein +Rotangkorb über der Schulter; im übrigen waren sie in ihren Bewegungen +nicht durch übermässig viele Kleider gehindert: die Männer trugen +nur ein kleines Lendentuch, die Frauen nur ein Röckchen. + +Nachdem das Klopfen beendet war, begaben sich die Männer mit den +gefüllten Körben reihenweise in den Fluss und spülten, den Bach +durchquerend, die geklopften _tuba_-Wurzeln im Wasser aus. Das +milchweiss aus der faserigen Masse strömende Wasser färbte den Fluss in +seiner ganzen Breite, während der betäubende Geruch des _tuba_-Giftes +sich doppelt stark in der Umgebung fühlbar machte. In dem breiteren +und zugleich sehr tiefen Teil des Flussbettes strömte das Wasser nur +langsam und das Gift hatte Zeit, sich bis auf den Grund mit der ganzen +Wassermasse zu vermengen. + +Die Wirkung zeigte sich schon nach wenigen Minuten bei den kleinen +Fischen, die nach oben kamen, aus dem Wasser zu springen suchten +und gleich darauf ihren weissen Bauch statt ihres oft prächtig +metallglänzenden Rückens sehen liessen. Dies war für alle ein +Zeichen, sich mit Schöpfnetzen und Harpunen in Bewegung zu setzen; +man verteilte sich im Fluss, die Jugend längs dem Ufer, die Älteren +in der Mitte. Doch nach kurzer Zeit war von der anfänglichen Ordnung +nichts mehr zu merken. Die allerdings etwas betäubten, aber durchaus +nicht bewegungslosen Fische konnten nur mit viel Gewandtheit gefangen +werden und so musste man sich bald ihnen vorsichtig nähern, bald +ihnen nachtauchen oder über Flussgeschiebe nachsetzen. + +Alles lief, fiel und tauchte durcheinander; hier holte einer ein +schönes Exemplar mühelos zwischen Flussgestein hervor, dort sahen +drei andere etwas Weisses sich im Wasser bewegen und warfen sich +von allen Seiten auf die erschreckte Beute, die gerade noch Zeit +hatte, unterzutauchen und durch eine rasche Wendung den dreien zu +entschlüpfen, um etwas weiter unten in das Netz eines ruhigeren +Fischers zu geraten, der sich das Tier bedächtig zutreiben liess. + +Anfangs kamen nur wenig grössere Fische nach oben; entweder waren +sie nur in geringer Zahl vorhanden oder sie widerstanden besser der +Wirkung des Giftes und entschlüpften den zahlreichen Verfolgern. + +Langsam zog das vergiftete Wasser abwärts und gleichzeitig mit ihm die +fröhliche Schar, der auch ich mich angeschlossen hatte. Ans Fischen +konnte ich jedoch nicht denken; denn bekleidet und beschuht durch +einen Bergstrom zu waten ist ohnehin schon eine schwierige Aufgabe; +zudem wurde der Fluss hie und da so tief, dass ich bis zur Brust +einsank und mich auf dem schlüpfrigen Geröll nur mit Mühe aufrecht +hielt. Zum Glück strömte das vergiftete Wasser, aufgehalten durch +die vielen Steinblöcke, nur langsam weiter und man hatte Zeit, ihm +zu folgen. 1 1/2 Stunden lang gingen wir so weiter, geleitet vom +_tuba_-Geruch, den wir bis zuletzt wahrnahmen. Ober- und unterhalb +des vergifteten Wasserstreifens verschwand der lästige Reiz in der +Nase, der übrigens keinem gefährlich zu sein schien. Endlich wurde +das Wasser zu tief, um darin waten zu können, und ich schwang mich +in ein am Ufer liegendes Boot und liess mich abwärts treiben. + +Das Schauspiel gewann immer mehr an Lebhaftigkeit, denn jetzt +kamen die grossen Fische zum Vorschein, deren Fang bisweilen viele +Schwierigkeiten bereitete. Mit erstaunlicher Schnelligkeit und +Sicherheit tauchten die Männer den Tieren nach, trafen sie im klaren +Wasser mit dein Speer und brachten die Beute im Triumph nach oben. + +Die Frauen und Mädchen gaben übrigens dem stärkeren Geschlechte an +Geschicklichkeit nichts nach und tauchten mit dem gleichen Erfolge +auch unter den Böten durch, um ihre Schlachtopfer zu erjagen. + +Nicht leicht werde ich das liebliche Bild vergessen, das mir ein +Kajanmädchen bot, als es plötzlich neben meinem Nachen aus dem Wasser +auftauchte. Ich hatte die Kleine nicht verschwinden sehen und erblickte +nun unversehens ihr liebes Gesichtchen mit den freudestrahlenden +Augen, umgeben vom lang herabhängenden, schwarzen Haar, das ihr wie +ein triefender Mantel über dem Rücken hing und das helle Braun der +wohlgeformten Schultern und des Busens um so schöner hervortreten +liess. Nicht ohne Koketterie erhob sich das Mädchen halb aus dem +Wasser und eilte darauf mit dem erbeuteten Fisch dem Ufer zu. + +An der Einmündung in den Hauptfluss schien sich das langsam +herbeiströmende Wasser zu stauen; wenigstens kamen eine Menge +grosser Fische betäubt an die Oberfläche und gaben den Männern mit +ihren Harpunen genug zu tun. Auf einer verhältnismässig kleinen +Fläche mehrere Meter tiefen Wassers schwammen und tauchten alle +durcheinander und warfen in ihrer Verfolgungswut die Harpunen mit +solcher Schnelligkeit, dass nur wie durch ein Wunder keine Verwundungen +vorkamen. An diesem letzten gefährlichen und anstrengenden Spiel +beteiligten sich die Frauen nicht mehr, sie suchten befriedigt vom +Erfolg des Tages die Böte auf und legten sich triefend und ermüdet, +aber doch fröhlicher Stimmung, neben ihren Fischen nieder. + +Während des ganzen Fischzugs hatte ich mich an der allgemeinen +Heiterkeit und Einigkeit erfreut; durch keinen einzigen Misston war die +Harmonie unterbrochen worden. In dieser günstigen Gemütsverfassung +zeigten sie mir auf Wunsch des Häuptlings ihre Schätze, so dass +ich bald 30 verschiedene Fischarten für die zoologische Sammlung +beieinander hatte. Die Exemplare waren zwar meist klein, aber bei +keiner Gelegenheit so bequem zu erlangen als bei dieser. + +Dass ein Flüsschen durch eine derartige _tuba_-Fischerei gänzlich +ausgefischt wird, kann man sich vorstellen; die jüngsten Fischchen +leiden am meisten unter dem Gift und es dauert daher lange, bis sich +der Fischstand wieder erholt. Darum bekümmerten sich die Dajak jedoch +nicht, sondern fuhren allgemein befriedigt den Fluss hinab. Zu Hause +angekommen kleidete ich mich schnell um und vergass bald, dass ich +einen halben Tag in triefenden Kleidern gesteckt hatte. + +Sind die abzufischenden Flüsse grösser und tiefer, so schliesst man +ihre Mündung mit einem hohen Bambusgitter, dessen Stäbe eng beieinander +stehen, ab, um die grossen, nur halb betäubten Fische aufzuhalten. Dann +spielt sich die Jagd wegen der Gefahr, durch Fische oder zufällig +aufgejagte Krokodile verwundet zu werden, in Böten ab. Zum Schluss +sammeln sich alle Fischer vor dem Gitter, das hinten mit Bambuskörben +und Netzen versehen ist, um die Fische, welche hinüberzuspringen +versuchen, aufzufangen. Bei dieser Gelegenheit sah ich einzelne Fische +unglaublich hoch springen. Exemplare von etwa 1 Fuss Länge und auch +einige grosse Arten schnellten plötzlich zwischen den Böten empor und +verschwanden hinter der mehr als 2 m hohen Bambuswand. Die weniger +guten Springer fielen in die Körbe und Netze. + + + +Die Jagd spielt bei den Bahau am Mendalam nur eine nebensächliche +Rolle: begeben sich die Männer aufs Reisfeld oder in den Wald, +so werden die Hunde stets mitgenommen und zeigt sich Wild, so wird +darauf Jagd gemacht. + +Aus dem Begriff "Wild" schliessen die Bahau alle Tiere aus, +die sie nicht essen dürfen, wie Horntiere, graue Affen und +Schlangen. Als Wildpret kommen daher hauptsächlich Wildschweine, +verschiedene Wildkatzen, kleinere Säugetiere und hühnerartige Vögel +in Betracht. Besonders erstere sind als Wild sehr beliebt, auf meiner +ersten Reise waren sie aber noch selten; eine heftige Epidemie in +den Jahren 1888 und 1889 hatte nicht nur die wilden, sondern auch +die zahmen Schweine in Mittel-Borneo fast ausgerottet. + +Eine wichtige Rolle spielen bei der Jagd die Hunde, die sich trefflich +zum Aufspüren und Stellen des Wildes eignen. Sie wagen sich aber +nur an kleinere Tiere heran, da sie nicht über 1 Fuss hoch werden; +grössere Schweine bellen sie nur aus einiger Entfernung an oder sie +bemächtigen sich ihrer Jungen. + +In allen Gegenden, die ich besuchte, fand ich bei den Dajak die +gleiche Hunderasse: kurzhaarige, schlank aber kräftig gebaute Tiere +mit aufrecht stehenden Ohren und langem, spitzen Kopf. Die männlichen +Tiere, besonders die guten Jagdhunde, werden häufig kastriert, um +sie anhänglicher an den Herrn und gleichgültiger gegen die Weibchen +werden zu lassen. Die Bahau bilden sich ein, dass die Kastration dem +Fortpflanzungsvermögen nicht schade, doch ist die Hunderasse bei ihnen +durch dieselbe stark zurückgegangen. Von den Punan, die ihre Jagdhunde +nicht kastrieren, beziehen die Häuptlinge der sesshaften Stämme ihre +guten Exemplare. Eigentümlicher Weise bestimmen die Bahau auch bei +den männlichen Tieren hauptsächlich nach der Zahl und Entwicklung der +Zitzen, ob es gute Jagdhunde sind oder nicht. Vor allem wird ihr Mut +hiernach beurteilt. + +Bei Stämmen, wie die Pnihing, die sich für die Jagd interessieren +und daher nicht, wie es meist geschieht, die Hunde selbst für ihren +Unterhalt sorgen lassen, besitzen die Häuptlinge schöne, kräftige +Hunde. + +Überall im Innern haben die Hunde die Eigenschaft, wenig, Fremden +gegenüber überhaupt nicht, zu bellen. Begegnen sie letzteren, so +ergreifen sie entweder mit eingezogenem Schwanz die Flucht oder sie +beachten sie gar nicht. Auf der Jagd stossen sie ein kurzes Kläffen +aus, für gewöhnlich aber machen sie sich durch ein höchst unangenehmes +Heulen bemerklich, in welches, wenn einer den Anfang gemacht hat, +alle übrigen im grossen Dajakhause einstimmen. Aus der Ferne erinnert +ein derartiges Konzert an das Lärmen einer Menschenmenge. Auf die +gleiche Weise heulten die einheimischen Hunde auf der Insel Lombok, +was in der ersten Nacht auf dem Kriegsschauplatze einen unheimlichen +Eindruck machte. Bei den Dajak wurde man durch das Heulen nur im +Schlaf gestört und zwar hauptsächlich in mondhellen Nächten, die auf +das Hundegemüt eine besondere Wirkung auszuüben schienen. + +Nur wenige Häuptlinge, besonders eifrige Jäger, behandeln ihre Hunde +gut, füttern sie reichlich und halten sie nicht, wie die übrigen +Bahau, für gänzlich gefühllos. Für gewöhnlich sind die Hunde infolge +schlechter Behandlung mager, sehr scheu und für Freundlichkeiten +unempfindlich. Doch hängen auch bei den Dajak Herr und Hund auf ihre +Weise aneinander und sobald ein Hund auf einem Zug mit darf, giebt +er seine Zufriedenheit durch Springen und Heulen deutlich zu erkennen. + +Die Kajan bedienen sich bei der Jagd keiner besonderen Waffen; sie +gebrauchen Schwert und Speer, die sie stets bei sich tragen; nur gegen +Vögel und kleine Säugetiere verwenden sie das Blasrohr mit vergifteten +Pfeilen. Mit diesen schienen die Jäger, so viel ich beobachtete, nur +schlecht umgehen zu können; sie trafen selbst in kleinen Abständen +nur selten. Wie an einem anderen Ort bereits gesagt ist (pag. 154), +handhaben nur wenige Leute das Blasrohr wirklich gewandt; es sind dies +mit Kajanfrauen verheiratete Punan und Bukat, die ihrer Gewohnheit, in +Wäldern herumzuschwärmen, getreu bleiben. Diese verbringen die meiste +Zeit auf der Jagd statt auf dem Reisfeld und unterhalten auch ihre +Familien mit dem, was die Jagd ihnen liefert. Besonders geschätzt sind +die Hörner der Hirsche, die als Material zu Schnitzarbeiten dienen; +die Gallenblase (_ömpedu_) und Klauen der Bären, welche die Chinesen +zur Bereitung von Arzneimitteln verwenden, die Zähne des borneoschen +Panthers, aus denen Ohrschmuck für Männer und sein Fell, aus dem +Kriegsmäntel hergestellt werden; einen wichtigen Artikel bilden auch +die Bezoare, die runden oder ovalen Steine aus dem Darm oder der Leber +der genannten Tiere, sowie der Affen, Stachelschweine und Schlangen, +die unter dem Namen _gliga_ oder _guliga_ einen hohen Wert besitzen +und vor allem an chinesische Apotheken verkauft werden. + +Zum Erlegen der Tiere wird meistens der Speer gebraucht; nur +selten findet man bei den Mendalam Kajan Gewehre und noch seltener +das notwendige Pulver. Da die Gewehre in der Regel von schlechter +Beschaffenheit sind und recht häufig Unglück mit ihnen angestiftet +wird, schiessen die Dajak meist mit abgewandtem Gesicht, was nicht +gerade zur Erhöhung der Treffsicherheit dient. + +Im Fangen der Vögel mittelst Schlingen zeigen sich die Kajan auffallend +ungeschickt und das Stellen von Fallen, mit denen andere Stämme +grössere Tiere erbeuten, scheint ihnen gänzlich unbekannt zu sein. + +Während meines ersten Besuches am Mendalam wünschte ich, in den Besitz +einiger Argusfasanen zu gelangen, deren schöner Ruf mir öfters aus +dem Walde entgegenklang, die ihrer Scheuheit wegen jedoch beinahe +nur mit Schlingen zu fangen sind. Nur wenige Kajan waren zu dieser +Jagd geneigt und in den ersten Wochen hatte keiner Erfolg. Erst als +ich sehr hohe Preise aussetzte, 10 Dollar für ein Männchen, 5 für +ein Weibchen, begab sich der Schwiegersohn des Häuptlings mit zwei +Leibeigenen, Söhnen von Punan, für einige Tage in den Wald. Mit dem +Blut schienen diese auch die Geschicklichkeit ihrer Väter geerbt zu +haben, denn nach 3 Tagen brachten sie mir einige prachtvolle Exemplare +zurück; nur sie waren auch im stande, mir die verschiedenen Sorten von +Pfeilgift mit den verschiedenen Pflanzenarten, aus denen es gewonnen +wird, aus dem Walde zu holen. + +Bei meinem zweiten Besuch 1896 waren diese beiden Jäger auf +weiten Reisen und von einer ferneren Sammlung von Pfeilgiften oder +Argusfasanen war keine Rede mehr. + + + +Zu den gewöhnlichen Haustieren der Bahau und Kenja gehören Schweine, +Hühner, Hunde und Katzen; Pferde, Kühe, Ziegen und Schafe besitzen +sie nicht. Nur seit kurzer Zeit kommen bei einigen Stämmen einzelne +eingeführte Ziegen und Schafe vor, sie werden aber von den Bahau, +wie alle anderen wilden und zahmen Horntiere, noch nicht gegessen. Bei +den Kenjastämmen essen nur die Priester keine Horntiere. + +Die Schweine bilden in Mittel-Borneo eine einheitliche Rasse und +stammen wahrscheinlich von den einheimischen wilden Schweinen ab +oder sind doch wenigstens stark mit diesen vermischt; da die Schweine +ständig frei um das Haus herumlaufen und bisweilen tief in den Wald +eindringen, ist eine Vermischung mit wilden Schweinen durchaus nicht +ausgeschlossen. Die Bahau behaupten auch, dass eine Vermischung +wirklich stattfindet. Die jungen Schweine sind braun und schwarz +gestreift wie die wilden Schweine; die älteren Tiere sind meist weiss, +bisweilen auch schwarz. + +Die Bahau füttern ihre Schweine so lange gut, als ihre eigenen +Nahrungsmittel es zulassen. Sie werden des Morgens früh, hauptsächlich +aber gegen 4 Uhr nachmittags, nach dem Reisstampfen, gefüttert, da +die Reisspelzen mit Wasser vermengt das Hauptnahrungsmittel für die +Tiere bilden. Ausserdem werden auch unreife Früchte, besonders Papaya, +in Wasser gekocht, als Futter verwendet. Einige wohlhabende Familien +halten sich bisweilen ein Schwein, das stets frei auf der Galerie +des Hauses umherläuft und ausschliesslich mit Reis-, Früchte- und +Gemüseabfällen genährt wird. Diese Tiere werden oft sehr dick, einige +Exemplare wogen sicher 150 kg. Die unter dem Hause frei herumlaufenden +Schweine erreichen niemals diese Grösse und dieses Gewicht. + +Die Hühner Mittel-Borneos gehören zu einer Rasse, die sich in nichts +von denjenigen der Malaien unterscheidet. Auch die Kampfhähne gehören +dieser Hühnerrasse an. Tagsüber laufen die Tiere in und unter dem Hause +frei umher und einzelne werden im Walde ein Opfer der Raubtiere. Um +die Küchlein zu beschützen, werden sie jeden Abend eingefangen und mit +der Henne in einem Korbe oben an die Galerie des Hauses gehängt. Die +älteren Hühner schlafen auf dem Dache, auf den Fruchtbäumen oder an +anderen hohen, sicheren Stellen. Die Eier werden als gelegentliche +Opfergaben oft monatelang bewahrt. Nur ab und zu werden frische Eier +von Erwachsenen gegessen; man giebt sie vor allem Kindern. + + + + +KAPITEL X. + + Von Putus Sibau nach Siut--Besuch bei den Taman Dajak--Verlust + eines Hundes durch ein Krokodil--Nachtlager auf der Geröllbank + Liu Tangkilu--Kampf gegen die Strömung--Aufenthalt wegen des + _telandjang_--Umschlagen eines malaiischen Handelsbootes--Ausflug + auf einen Berg--Eigentümliche Lianen--Fortsetzung der Fahrt bis zur + Gung-Mündung--Aufenthalt wegen schlechter Vorzeichen--Passieren + der "Gurung Delapan"--Nachtlager an der Bungan Mündung--_Bier_ + und _Obet Lata_ fallen in den Fluss--Begegnung mit unserer + ersten Gesandtschaft--Ankunft an der Bulit-Mündung--Aufschlagen + der Lagers--Nächtlicher Überfall durch Hochwasser--_Akam Igaus_ + Reiseplan--Begegnung mit Bungan Dajak--Aufbruch zum _pangkalan_ + Howong--Kalkberge am Bulit. + + +Hat man die Mendalambewohner nach langdauernden Unterhandlungen +endlich dazu gebracht, sich an einer Expedition zu beteiligen, so +fassen sie ihre Verpflichtungen dafür wirklich ernst auf. Auch jetzt +wieder hatten sie, sorgsamer Weise, die Bootsränder durch zwei Reihen +übereinander gelegter Planken erhöht und die Ritzen mit geklopftem +Baumbast verstopft; diesen auch noch, nach malaiischer Art, mit Harz +zu durchtränken (_dumpul_) halten die Kajan aber für überflüssig; +daher dringt stets etwas Wasser ins Boot und muss von Zeit zu Zeit +ausgeschöpft werden. Um uns 4 Europäer, den Jäger _Doris_ und unser +Hab und Gut vor Sonne und Regen zu schützen, hatten sie mitten im +Boot ein Palmblattdach von 1 m Höhe errichtet, das wenige Tage später, +als wir unter dem dichten Ufergebüsch nicht hindurch fahren konnten, +leider wieder fortgenommen werden musste. + +Die Böte waren, je nach ihrer Länge, mit 4-6 Mann besetzt; unser +grösstes Boot hatte eine Länge von 14 m und eine Breite von 80 cm, die +übrigen waren, um besser zwischen den Geröllbänken lenken zu können, +kleiner. Vorn und hinten im Boot sass ein Steuermann, die anderen +nahmen als Ruderer Platz. Malaien und Bahau benützen im Oberlauf +der Flüsse stets 1.60-1.70 m lange Ruder (_bese_), welche bis auf +1/3 der Länge aus einem breiten Brett von hartem Holz bestehen. Alle +hatten ihre eigenen, neuen Ruder mitgebracht und waren auch sonst mit +allem versehen, was sie auf einer Reise über Wasser und durch Urwald +nötig haben konnten. Vor allem hatten sie für ihre Waffenrüstung, +bestehend in Schwert, Blasrohr, Schild, Kriegsjacke und Kriegsmütze +gesorgt; als Unterlage zum Schlafen und als Dachbedeckung hatten sie +einen genügenden Vorrat Palmblattmatten (_samit_) mitgenommen. Die +Reisegarderobe war bei allen sehr schlicht und bestand nur aus 2 oder +3 einfachen Lendentüchern und einem besonders schönen Lendentuch +und Jäckchen, die für die Ankunft bei ihren Freunden am Mahakam +bestimmt waren. Zu meiner grossen Zufriedenheit hatten sie genügend +viel Gerätschaften, wie Beile, Hobel und Meissel mit sich genommen, +um die Böte ausbessern, nötigenfalls im Wald gänzlich neue herstellen +zu können. Alle diese Dinge waren in einem aus gespaltenem Rotang +geflochtenen Tragsacke (_bruit_) verpackt und von jedem Manne in die +Mitte des Bootes zu seinem übrigen Gepäck gelegt worden. Hierdurch +war aber der kleine Raum in der Mitte so angefüllt, dass für unsere +eigenen Güter und Personen nicht viel Platz übrig blieb und die 25 +Böte kaum alles bergen konnten. + +Der Platzmangel hatte noch eine andere Ursache: wie gewöhnlich +hatten die Ruderer auch diesmal vor der Abreise einen grossen +Vorschuss von ihrem Lohn (1/2 Dollar pro Tag) empfangen und ihn +teilweise dazu verwendet, ihren zurückbleibenden Familien allerhand +notwendige Dinge zu kaufen; grösstenteils hatten sie aber für das Geld +Tauschartikel eingehandelt, um sich für diese am Mahakam Schwerter, +Matten und alte Perlen, die dort besser als am Kapuas zu erhalten +waren, anzuschaffen. In Anbetracht, dass ich das schwere Silbergeld +dann nicht mitzuführen brauchte, um es erst am Mahakam auszubezahlen, +hatte ich den Leuten gern den Vorschuss bewilligt; malaiische und +chinesische Händler in Putus Sibau erzählten mir jedoch bald, dass der +Lohn in der viel umfangreicheren Form von Kattun, Glasperlen und selbst +Salz mitgeführt werden sollte. Wohl wissend, dass hieran nichts zu +ändern war, weil mein Geleite hierüber seine eigene Auffassung besass, +dass es ferner durch Handeln am Mahakam noch einen besonderen Vorteil +aus unserer Reise ziehen konnte, widersetzte ich mich nicht gegen +das Einladen der bisweilen verräterisch dickbäuchigen Tragsäcke. Ich +wusste aus Erfahrung, wie sehr das eigene Interesse am Gelingen der +Expedition meine Kajan allen Schwierigkeiten gegenüber stählte. + +Ich war froh, endlich unterwegs zu sein; denn das trockene Wetter +hatte mit einer für Borneo seltenen Standhaftigkeit bereits 3 Monate +angehalten; die Regenzeit nahte, in den letzten Tagen war bereits eine +starke atmosphärische Veränderung eingetreten. Die bis dahin klare, +blaue Luft, in der sich nur oberhalb des fernen Gebirges eine weisse +Wolkenschicht abhob, wurde täglich grauer und bewölkter, so dass die +Regenperiode jeden Augenblick eintreten konnte. + +So blickte ich denn bei unserer Abreise voll guter Hoffnung und +Selbstbefriedigung auf die mit vieler Mühe zu Stande gebrachte Flotte +zurück. In langer Reihe fuhren die Böte dicht am Ufer entlang, um so +wenig als möglich durch die Strömung aufgehalten zu werden; aus dem +gleichen Grunde suchten wir auch stets die Innenseite der Buchten auf +und mussten daher während einer Tagreise den Fluss öfters durchqueren. + +Der erste Tag bot keine Schwierigkeiten, weil das Wasser besonders +niedrig war; wir konnten sogar Siut erreichen, was uns 1894 und 1896 +nicht geglückt war. + +Oberhalb Putus Sibau ist der Kapuas nur für Fahrzeuge der Dajak, +_harok_ oder _bung_ genannt, und leichte malaiische Handelsböte +schiffbar. Zwar ist stets genügend Wasser im Fluss vorhanden, aber +sein in der Mitte oder an den Ufern befindliches Geschiebe verengt +ihn bisweilen so stark, dass er bereits bei niedrigem Wasserstande +Stromschnellen bildet und bei Hochwasser selbst für Fahrzeuge der +Eingeborenen schwer passierbar ist. Vor dem verlassenen Nanga Era +trifft man jedoch noch keine Felsen im Fluss oder bergige Ufer; diese +bestehen hier noch aus den alluvialen Ablagerungen des Flusses selbst, +in die er sich stets von neuem sein Bett gräbt. + +Wegen des tiefen Wasserstandes, den wir jetzt hatten, fuhren wir 4-5 +m unterhalb des Uferniveaus. Zu beiden Seiten erhoben sich steile, +vom Flusse ständig unterspülte Wände. Der Anschnitt zeigte eine +Humusschicht von wechselnder Mächtigkeit und darunter eine 3 m dicke +Schicht von gelbbraunem Sande, vermengt mit pflanzlichen Überresten, +bestehend aus grossen Mengen angehäufter Blätter und Zweige oder aus +übereinander geworfenen Baumstämmen. Unter der Sandschicht kam altes +Flussgeschiebe zum Vorschein, welches ebenfalls, aber in geringerem +Masse, Pflanzenreste enthielt; diese sahen bisweilen der Braunkohle +ähnlich. Die oberste Humuslage war nur einige Dezimeter dick, was +sich wohl daraus erklären liess, dass die Ufer des Kapuas in dieser +Gegend längst des Urwaldes beraubt waren und bereits öfters als +trockene Reisfelder gedient hatten. Daher findet man einen dichten +Waldbestand auch nur da, wo ihn die Taman Dajak als Begräbnisstätte +benützen. Auch an Orten, die durch die Überlieferung geheiligt sind, +wird der Wald geschont. + +Die Begräbnisplätze der Taman machen auf den Vorüberfahrenden +eher einen heiteren als einen finsteren Eindruck: die auf Pfählen +stehenden, mit schönen, bunten Zeichnungen verzierten Grabmäler mit +ihren zahlreichen Wimpeln aus rotem und weissem Kattun beleben den +dunkelgrünen Waldesrand. In der Nähe betrachtet wirken die älteren, +verfallenen Grabmäler mit dem wegen der Raubsucht der Malaien halb +vernichteten Hausrat: irdenen Töpfen, Gongen, Rudern, Kleidungsstücken +u.s.w., welche den Toten ins Jenseits mitgegeben werden, allerdings +unheimlich düster. + +Die Häuser der Taman werden nicht, wie die vieler anderer Stämme, +alle paar Jahre von ihren Bewohnern verlassen; sie sind daher auch von +zahlreichen alten Fruchtbäumen: Kokospalmen, Duku, Durian, Rambutan +und Blimbing umgeben, die als dunkelgrüne Wäldchen aus Reisfeldern +und Gestrüpp hervorragen. In einiger Entfernung vom Hause bepflanzen +die Taman ganze Felder mit Bananen; die anderen Fruchtbäume würden +dort zu viel von Affen, Eichhörnchen und Vögeln zu leiden haben. + +Da unser Zug zum Mahakam bereits monatelang am oberen Kapuas besprochen +worden war, strömte bei unserer Ankunft die ganze Bevölkerung von +Siut herbei und forderte uns auf, in ihren Häusern zu übernachten. + +Der Kontrolleur _Barth_ und ich zogen es vor, unser Nachtquartier +im neueren Hause am rechten Ufer aufzuschlagen, während _Demmeni_ +und _Bier_ in ihren Böten übernachten wollten. Sie liessen diese mit +dem Vorderteil auf eine Geröllbank ziehen und zwar mit dem Resultat, +dass, als das Wasser nachts noch weiter fiel, der hintere Teil des +Bootes unter Wasser geriet und _Bier_, bei Tagesanbruch, halb im Wasser +liegend erwachte. Das Kajangeleite schlief in den Häusern der Taman, +hatte aber in jedem Boot einen Wächter zurückgelassen. + +Die Taman waren erfreut über unsere Ankunft und sahen es, wie +immer, als Ehre an, uns für eine Nacht als ihre Gäste aufnehmen zu +können. Wie auf der vorigen Reise, wurde ich auch jetzt von Leuten, +die um Arzneien baten, überlaufen; hie und da kam auch jemand, in der +Hoffnung auf besseren Erfolg, mit etwas Reis oder Früchten an. Zu +meiner Freude bemerkte ich auch einen meiner früheren Patienten, +den ich bereits 1894 behandelt hatte. Man hatte ihn mir damals +nach Tandjong Narang gebracht, weil er sich durch einen Fall eine +scharfe, hölzerne Pfahlspitze in die Seite, 20 cm weit unter die Haut, +getrieben hatte. Mit Hilfe einiger Schnitte und einer Zange gelang +es mir, das Holzstück zu entfernen. Die Blutung war nicht heftig, +grosse Gefässe waren also nicht verletzt und die Pleurahöhle nicht +erreicht; bei der grossen Widerstandsfähigkeit der Dajak sah der +Fall also nicht so schlimm aus. Obgleich auch das Fieber abnahm, +entwickelte sich doch, einige Tage vor meiner Abreise, eine schwere +Pleuritis. Von einer gründlichen Behandlung konnte keine Rede mehr sein +und so überliess ich den Kranken, nach Erteilung einiger Vorschriften +wegen der Behandlung der Wunde und sonstigen Verpflegung, den Seinen +und der Natur. Glücklicher Weise gelang es beiden, die Krankheit +zu überwinden. Als ich den Patienten jedoch 1896 wiedersah, litt +er so hochgradig unter ständigen Malariaanfällen, dass seine Milz +durch die Bauchwand hindurch als dicke Geschwulst fühlbar war. Ich +hinterliess ihm daher eine grosse Dosis Chinin mit ausführlicher +Gebrauchsanweisung. Mit grossem Eifer musste er den Vorschriften +gefolgt sein, denn er kam mir jetzt als kräftiger Mann entgegen +und brachte mir als Zeichen seiner Dankbarkeit einige Früchte, +allerdings mit der Bitte um eine weitere Dosis Chinin. Bei einer +Untersuchung ergab es sich, dass die pleurae an der verwundeten Seite +noch verwachsen waren, von einer Hypertrophie der Milz oder Leber +war aber nicht mehr viel zu merken. + +Allmählich strömten so viele Männer und Frauen herbei, die alle um +Heilmittel baten, dass mein Junge mich durch die Ankündigung, dass das +Essen bereit sei, aus grosser Verlegenheit rettete. Der Beginn einer +Mahlzeit macht nämlich auf alle Dajak grossen Eindruck, sie wagen es +daher nur sehr selten, einen beim Essen zu stören, dagegen kommen sie +nie auf den Gedanken, dass einem auch beim Ankleiden und Zubettegehn +ein allzu grosses Interesse der Umgebung unliebsam sein könnte. + +Nach dem Essen stellte es sich heraus, dass der Tag nicht ganz ohne +Unfall verlaufen war; denn der Jäger _Doris_ kam mit der Meldung, dass +einer unserer Hunde während der Fahrt von einem Krokodil aufgefressen +worden war. _Doris_, der mit einigen anderen Halbblutfreunden in +Batavia für die Wildschweinjagd eine grosse Koppel Hunde hielt, hatte +zwei der besten Exemplare mitgenommen; es waren kleine, kurzhaarige +Tiere mit spitzem Kopf und spitzen, aufrechtstehenden Ohren, die +für Treibjagden sehr geeignet zu, sein schienen. _Doris_ hatte die +Hunde, weil sie an das Fahren in Böten nicht gewöhnt waren, längs +dem Ufer laufen lassen. Da wir aber der Strömungen wegen öfters die +Ufer wechseln mussten und _Doris_ den Dajak ausserdem zeigen wollte, +dass seine Hunde ebensogut schwimmen konnten als die ihrigen, hatte +er sie mehrmals den Fluss durchqueren lassen. Bei dieser Gelegenheit +kam neben einem der Hunde plötzlich der Kopf eines Krokodils zum +Vorschein, der sich dem erschreckten und bellenden Tiere bedächtig +näherte und es unter Wasser zog, bevor man den frechen Räuber durch +einen Gewehrschuss verjagen konnte. + +Um meinen Vorrat an Arzneien, der tatsächlich für die Mahakambewohner +bestimmt war, nicht zu sehr anzugreifen und um den niederen Wasserstand +noch auszunützen, fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang weiter; wir +frühstückten auf einer Geröllbank in der Nähe von Lunsa, machten +jedoch weder bei dieser Niederlassung noch bei Lunsa Ra, einem +kleinen Pnihinghause, dem letzten am oberen Kapuas, Halt. Auch diese +Dörfer waren bereits aus der Ferne an ihren Bananenanpflanzungen +erkennbar. Auf unserem Zuge 1894 hatte ich in einem Punanhause an +der Mündung des Era übernachtet, jetzt war von dem ganzen Gebäude +nichts als ein einziger aufrechtstehender Pfahl bemerkbar. Bis auf +50 m Abstand vom Ufer hatten Bäume und Sträucher den ganzen Platz, +auf dem das Haus gestanden, eingenommen und waren dabei so von Lianen +überwuchert worden, dass man sich nur mit Hilfe eines Beiles einen +Durchgang hätte verschaffen können. + +Im Laufe des Tages fuhren wir an einer Reihe kleiner Inseln, +waldbedeckten Geröllbänken, vorüber, die hie und da das Flussbett +sehr verengten, bei diesem niedrigen Wasserstande jedoch keine +Schwierigkeiten verursachten. Wir erreichten noch am selben Tage Liu +(= Insel) Tangkilu, eine am linken Ufer des Kapuas in einer Bucht +gelegene Geröllbank, die unseren zahlreichen Böten einen vorzüglichen +Schlupfwinkel für die Nacht lieferte. Hier fanden wir noch Spuren +der kleinen Reisfelder der Punan aus dem verlassenen Hause von +Nanga Era und befanden uns somit an der Grenze des sogenannten +Punangebietes, wo feste Niederlassungen nicht mehr vorkommen und +wo nur die nomadisierenden Stämme der Punan und Bukat die ständigen +Bewohner der Urwälder bilden. + +Der ganze Charakter der Gegend verkündete den Anfang eines neuen +Gebietes. Mächtige Waldriesen zu beiden Uferseiten breiteten ihre +Äste so weit über den 50-60 m breiten Fluss aus, dass sie einander +berühren zu wollen schienen. + +Hart am Uferrand wuchsen Bäume, die in ihren hohen, breiten +Bretterwurzeln genügende Stütze fanden, um ihre meterdicken Stämme +und schweren Kronen in horizontaler Richtung über den Fluss beugen +zu können. Bei Hochwasser sind die Stämme oft auf eine Länge von +ungefähr zehn Metern überschwemmt und auch jetzt konnten wir nur +mit Mühe unter ihnen hindurch fahren. Auffallender Weise kommt in +den Urwäldern von Mittel-Borneo längs den Flussufern stets nur diese +eine Art von Bäumen vor, während man in einiger Entfernung vom Ufer +überhaupt mir selten zwei oder drei Exemplare der gleichen Spezies +beieinander stehend findet. Die Früchte dieser Bäume sind essbar, +werden aber nie gross, so dass nur Kinder sich bemühen, den Fischen +die Ernte streitig zu machen. Infolge ihres eigentümlichen Wuchses +und der Steilheit der Ufer des Kapuas, zog sich das grüne Dach dieser +Urwaldbäume vom Wasserspiegel an in breiten, welligen Falten bis +Hunderte von Metern an den Wänden der Kluft hinauf. + +Ergriffen von dem grossartigen und geheimnisvollen Charakter unserer +Umgebung nahmen wir in feierlicherer Stimmung als gewöhnlich unser +Mahl ein und begaben uns früh zur Ruhe. Wir hatten hoch oben auf +der Bank Zelte und in diesen unsere Klambu aufschlagen lassen, nur +_Bier_ bestand, trotz seines Unfalles in der vergangenen Nacht, +darauf, wieder in seinem Boot zu schlafen. Nachts fiel aber ein +kurzer, heftiger Regen, der seine Lagerstätte, diesmal von oben, +vollständig durchnässte. Als aber morgens die Sonne wieder schien und +der Wasserstand sich noch als günstig erwies, zogen wir in heiterer +Stimmung in das unbewohnte Gebiet hinein. Weiter oberhalb musste aber +doch viel Regen gefallen sein, denn im Laufe des Morgens stieg das +Wasser, was uns das Passieren verengter Stellen und überhängender +Bäume sehr erschwerte. Als an einer Stelle ein quer im Fluss halb +unter Wasser liegender Baumstamm umfahren werden musste, schien das +grosse Boot von _Tigang Aging_, in dem sich der Kontrolleur befand, +der Mannschaft zu schwer zu werden; denn die besonders bei steigendem +Wasserstande heftige Strömung drohte das Boot, sobald sich sein +vorderer Teil um das Ende des Baumes dem Ufer zuwandte, der Länge +nach an den Stamm zu drücken, wodurch das von unten reissende Wasser +das Boot zweifellos erst in schiefe Stellung und dann zum Umschlagen +gebracht hätte. In der Mitte des Flusses wiederum konnte gegen +die starke Strömung überhaupt nicht gefahren werden. Zwei Männern, +die erst auf den Baumstamm und dann in das Wasser gesprungen waren, +gelang es endlich, die Spitze des Bootes so lange gegen die Strömung +zu halten, bis die übrigen Leute mit ihren Stangen am Ufer eine Stütze +gefunden hatten. + +Wir kamen aber doch noch ein gutes Stück vorwärts, wohl mit Hilfe des +_telandjang_, des wahrsagenden Vogels, der sich günstiger Weise am +rechten Ufer hören liess. Es war für die Kajan eine grosse Beruhigung, +dass nun auch der _telandjang_ seine Zustimmung zum Unternehmen +gab; sie hatten ja vor unserer Abreise an der Mündung des Mendalam +vergeblich auf ihn gewartet. Uns kostete diese Seelenberuhigung unseres +Gefolges jedoch zwei Nächte Aufenthalt (_melo njaho)_, da die Religion +den Kajan vorschreibt, an der Stelle, wo sich der Vogel gezeigt hat, +das Lager aufzuschlagen. Allein die Überzeugung, dass unsere Leute nur +auf diese Weise mit Vertrauen unseren weiteren Zug mitmachen würden, +brachte mich dazu, ihrem Aberglauben wiederum zwei kostbare Reisetage +zum Opfer zu bringen. + +Abends sassen wir still in unserem Waldlager, die einen mit Lektüre, +die anderen mit allerhand Kleinigkeiten beschäftigt, als 6 Malaien +in einem kleinen Boote flussabwärts gefahren kamen und uns um Hilfe +baten. Sie hatten nämlich etwas oberhalb unseres Lagers mit einem +grossen Boot voll Handelswaren an einem Felsen, den sie umfahren +mussten, Schiffbruch gelitten; die reissende Strömung hatte das +Boot gegen einen halb unter Wasser liegenden Stein geworfen und zum +Umschlagen gebracht. Die unglücklichen Leute hatten nichts übrig +behalten und baten um ein Unterkommen. + +In unserer Ruheperiode war es jedoch _lali_, mit irgend welchen +anderen Menschen in Berührung zu kommen, und die armen Tröpfe +kannten das unerbittliche Festhalten der Kajan an ihrer _adat_ zu +gut, um überhaupt noch einen Schritt bei mir zu wagen, und zogen mit +hungrigem Magen weiter nach Lunsa. + +Für die Meinen bildete das Missgeschick der Malaien einen +Glücksfall. Da die _adat_ ihnen bei Tageslicht einen kleinen Ausflug +gestattete, fuhr _Tigang_ in Gesellschaft einiger Stammesgenossen +in einem leeren Boote den Kapuas hinauf, um die Unglücksstätte zu +untersuchen, und kam abends mit einem Gong zurück, den sie durch +Tauchen aufgefischt hatten. + +Nachts fiel das Wasser, daher machten sich am zweiten Tage des _melo_ +beinahe alle Kajan auf, um ebenfalls etwas von den verunglückten +Habseligkeiten aufzufischen. Vor Einbruch der Dunkelheit mussten +alle wieder zurück sein, aber sie hatten ihre Zeit augenscheinlich +gut angewandt, denn beinahe jeder brachte ein Beutestück mit. Von +den aufgefischten Leckerbissen, die eigentlich für die malaiischen +Buschproduktensucher am oberen Kréhau bestimmt waren, genossen die +Kajan leider nicht viel, da sie ihnen unbekannt waren. + +Der eine verzehrte auf ein Mal eine ganze Büchse Sardinen, so dass ihm +übel wurde, der andere leerte eine grosse Flasche mit konzentriertem +Himbeerensirup und bekam Magenbeschwerden und selbst der glückliche +Besitzer des erbeuteten Gongs beunruhigte sich seines zweifelhaften +Eigentumsrechtes wegen. + +Wir übrigen hatten inzwischen, um eine Aussicht über unsere Umgebung +zu erlangen, einen, nach den Aussagen der Leute günstig gelegenen Hügel +bestiegen. Auf dem Gipfel des Berges angelangt standen wir jedoch, wie +es uns häufig bei noch viel höheren Bergen passierte, in einem ebenso +dichten Urwald als an seinem Fuss und einen Ausblick zu erlangen war +also unmöglich. Um uns für unsere Enttäuschung etwas zu entschädigen, +machten uns unsere Begleiter auf einige botanische Merkwürdigkeiten +aufmerksam, von denen zwei Lianen allerdings interessant genug +waren. Sie hiessen "_aka kahir_" und "_aka hiling_" und bildeten +wahre Milch- und Wasserquellen, wenn man ihre Stämme durchschnitt und +vertikal hielt. Im übrigen brachten wir von diesem Ausflug nicht viel +mehr heim als ermüdete Gliedmassen. + +Die im Lager zurückgebliebenen Kajan hatten uns unterdessen eine +Überraschung bereitet und das dichte Ufergebüsch vor unserer Hütte +umgehackt, so dass wir jetzt eine freie Aussicht genossen. Das +gegenüberliegende Ufer lag nun in seiner ganzen Grossartigkeit vor +uns. Die in allen Schattierungen von Grün prangenden Abhänge stiegen +300 m an und wurden von einer hohen, beinahe senkrechten, nackten Wand +abgeschlossen. Die Wand trug eine schwere Decke von hohen Stämmen, +deren zum Flusse hin frei entwickelte Kronen auch in dieser bedeutenden +Entfernung ihren verschiedenen Charakter erkennen liessen. + +Der Eindruck dieser Umgebung wurde nicht wenig durch die scheinbar +völlige Abwesenheit tierischen Lebens erhöht. Die kleinen Vögel +in den weit entfernten Baumkronen fielen nicht auf und nur selten +bemerkte man einige Rhinozerosvögel, die in grosser Höhe über den +grünen Wellen vorüberschwebten. Nur der Argusfasan liess seinen +hellen, vollen Ruf von nah und fern ertönen und zeugte von der reich +entwickelten Tierwelt des tropischen Urwaldes, von der der Mensch +trotz aller Anstrengung nur einen sehr kleinen Teil wahrnehmen kann. + +Am anderen Morgen, den 24. August, begannen die Kajan, vergnügt über +den günstigen Wasserstand, bereits bei Sonnenaufgang unsere Kisten +und den Reis in die Böte zu verteilen, verpackten unsere Klambu und +brachen das Zelt ab, so dass wir, als das ganze Kapuastal noch in +Morgennebel gehüllt war, bereits in unseren Böten sassen und unter +den besten Auspizien flussaufwärts fuhren. Nach Übereinkunft sollten +wir unsere erste Mahlzeit an der Stelle halten, wo das malaiische +Handelsboot gesunken war, denn meine Ruderer wollten während der +Vorbereitungen zum Mahl noch einige Habseligkeiten herausfischen. + +Nach einer Stunde erreichten wir die Unglücksstätte, ein Becken +unterhalb Pulau Balang, in welchem hervorragende Felsblöcke in der +Mitte und zu beiden Seiten so heftige Strudel verursachten, dass wir +auch jetzt, bei niedrigerem Wasserstande, nur dank der Geschicklichkeit +und Anstrengung der ganzen Bemannung vorwärts kamen. Die Verunglückten +hatten versucht, ihr Boot längs eines Felsvorsprunges des linken +Ufers über eine kleine Stromschnelle hinaufzuschaffen, und ihre Ladung +war beim Umschlagen in das durch Felsblöcke vom Flusse abgeschiedene +Becken gesunken. + +Auch musste eine grosse Menge Reis gesunken sein, denn noch jetzt +liessen sich auf dem Grunde des Wassers dicke, weisse Schichten +erkennen. Gleich nach unserer Ankunft entledigte sich ein Teil der +jungen Männer seiner ohnehin spärlichen Kleidung und verschwand im +Becken, während andere überlegten, wohin die Strömung noch weitere +Gegenstände weggeführt haben könnte. Ausser einigen Flaschen und +Konservenbüchsen wurde noch ein Gong zum Vorschein gebracht, aber +die leichteren Sachen, wie Packen Kattun, mussten vom Wasser bereits +fortgetragen worden sein. Die Taucher blieben in ihrem Eifer bisweilen +so lange unter Wasser, dass ich besorgt wurde. Sie berichteten, +dass noch viele Säcke Reis am Grunde lagen, aber dass das Wasser zu +tief sei, um sie hervorholen zu können; übrigens war der Reis durch +das lange Liegen im Wasser sicher auch schon verdorben. So konnten +denn die Kajan nach dem Essen mit ruhigem Gemüt von diesem kostbaren +Fleckchen Abschied nehmen und ihre Aufmerksamkeit darauf richten, +uns selbst wohlbehalten über alle Strudel hinwegzubringen. + +An der Mündung des Kréhau trafen wir einige zwanzig malaiische +Händler mit ihren Warenböten, die unseren neugierigen Kuli die +neuesten Nachrichten über die Buschproduktensucher am Kréhau und die +Einzelheiten des Schiffbruchs berichteten. + +Teils mit Rudern, teils mit Stangen kämpfte die Bemannung immer +weiter gegen das wilde Wasser des Kapuas an. Durch das ständige +Schaukeln des Bootes und die warme Mittagssonne in einen leichten +Halbschlummer eingewiegt vernahm ich das Krächzen einiger Krähen in +den Uferbäumen und wurde so im Traume über Meere und Weltteile nach +einem kleinen Fleckchen Europas geführt, wo kühle Winde auf frischen +Wiesen Mühlen treiben. + +Bald aber verlangte eine besonders schwierige Stelle wieder die ganze +Kraftanspannung meiner braunen Ruderer, deren Stimmbänder, während +sie einander mit lauten Zurufen anfeuerten, in gleicher Weise wie +ihre Muskeln angestrengt wurden. Meine Gedanken wurden dadurch bald +in die Wirklichkeit; zum Kapuas, zurückgeführt und ich erfreute mich +an der Geschicklichkeit und dem Eifer meiner Kajan, die mit ruhiger +Sicherheit alle Schwierigkeiten zu überwinden wussten. + +Wir kamen diesmal auch viel weiter als auf der vorigen Reise und +fuhren auch an Long Mensikai vorbei, dessen üppige Vegetation jetzt +nicht mehr erraten lässt, dass der Ort einst bebaut und von Menschen +bewohnt gewesen ist. + +Das kleine Stück Himmel, das zwischen den Uferbäumen sichtbar war, +kündigte uns Unwetter und Regen an; wir waren daher froh, dass wir +unseren Zug noch bis zur Mündung des Gung forsetzen und auf einer +Geröllbank (_neha Barau_) unser Lager aufschlagen konnten. + +Sehr unangenehm berührte mich am anderen Morgen _Akam Igaus_ Vorschlag, +dass wir an diesem Tage nicht weiter fahren sollten, weil er schlecht +geträumt und ein anderer nachts den _bilang_, einen Baumgecko, gehört +hatte. Im Hinblick auf die herandrohende Regenzeit musste ich das +Äusserste wagen, um _Akam Igau_ von seinem Aberglauben abzubringen und +rief daher _Tigang Aging_ und noch einige der wichtigsten Häuptlinge zu +einer Beratung zusammen. Es war mir bereits früher aufgefallen, dass +_Akam Igau_ auf dieser Reise ganz besonders an den Vorzeichen hing, +weil seine beiden jungen Söhne, _Adjang_ und _Djawè_, zum ersten Mal an +einem grossen Zuge teilnahmen. Ich hatte also nicht viel Nachgiebigkeit +seinerseits zu erwarten und spielte daher die Missgunst des _Tigang +Aging_, der nicht geträumt hatte und zur Weiterreise geneigter war, +gegen ihn aus. Ich gab zu erkennen, dass ich, nachdem beim Beginn der +Reise alle Vorzeichen als günstig befunden worden waren, eine weitere +ernsthafte Unterbrechung unseres Zuges wegen der Vorzeichen nicht mehr +wünschte, dass ich es auch so mit _Kwing Irang_, dem grossen Häuptling +am Mahakam, gehalten hatte, der sich, wenn er den _bilang_ hörte, mit +einer Scheinexpedition begnügt hatte, und dass ich überzeugt war, dass +_Tigang Aging_ ebenso gehandelt hätte. Letztere Bemerkung reizte _Akam +Igau_ am meisten, wenigstens zeigte er sich zur Weiterreise bereit, +nur wollte auch er vorher mit allen Kajan bis zu der Stelle hinziehen, +wo der _bilang_ sein "tjok, tjok" hatte ertönen lassen. Der Sinn einer +solchen Expedition scheint darin zu bestehen, dass man dem wahrsagenden +Tier, das eine Weiterreise verbietet, durch einen Spaziergang im +Walde weismacht, man setze die Reise in der Tat nicht fort. + +Um die Gemüter in gute Stimmung zu versetzen, versprach ich für +diesen Tag einen Extralohn von 1/2 Dollar, falls es uns gelänge, die +kommenden 8 Wasserfälle "Gurung Delapan" zu passieren und den Bungan +zu erreichen. Diese "Acht Wasserfälle" bilden nämlich für die Fahrt +auf dem oberen Kapuas das Haupthindernis. Der Fluss drängt sich hier +zwischen zwei Bergrücken hindurch in einem Bette, das die grossen +Wassermassen oft nicht fassen kann; ausserdem werden die zum Teil +haushohen Felsblöcke am Ufer bei Hochwasser durch die Strömung rund +und glatt geschliffen. Diese Felswüstenei erstreckt sich 600 m längs +des Flusses, der brausend und schäumend durch das unregelmässige Bett, +das er sich selbst im Laufe der Zeit gegraben hat, hindurchschiesst. + +Bei dem niedrigen Wasserstande, den wir jetzt glücklicher Weise hatten, +legten wir die Strecke bis zu den Wasserfällen in kurzer Zeit zurück +und landeten guten Mutes unterhalb eines haushohen Sandsteinblockes +am linken Ufer. Der Block benahm uns zwar die Aussicht auf den +"Gurung Delapan", beschützte aber unsere Böte vor den seitlich +vorbeischiessenden Wassermassen. Während wir beschuhten Europäer nach +einiger Übung beim Gehen auf Baumstämmen oder über Flussgeröll noch +eine erträgliche Figur bilden, ist es auf einem Terrain wie dem vor +uns liegenden um unsere Haltung bald geschehen. Bereits das Verlassen +des kiellosen Bootes, das schaukelnd und ächzend zwischen den anderen +auf dem bewegten Wasser lag, erforderte Überlegung und Balancierkunst, +und gleich der erste Tritt auf dem nassen, runden, glatten Felsblock am +Ufer war ein Wagstück. Trotz unserer gut beschlagenen Sohlen wurde uns +das Vorwärtskommen über und zwischen diesen glatten Steinmassen sehr +schwierig, während die barfüssigen Kajan, schwer belastet, den langen +Weg nach oben mit viel Würde und Bedachtsamkeit zurücklegten. Auch +die kleinsten Päckchen mussten aus den Böten genommen und über +die Felsen bis oberhalb der Wasserfälle getragen werden, so dass +es Stunden dauerte, bevor man an den Transport der Böte denken +konnte. Mit Rudern und Stangen war in diesem Wasserchaos nichts +anzufangen; daher holten die Kajan aus dem Walde lange Stücke Rotang, +von der Stärke dicker Taue, und befestigten sie vorn und hinten an den +beiden Bootsenden. Die gewandtesten Männer erfassten die Rotangenden, +kletterten auf den Felsen, zogen die Böte erst um den schützenden +Block herum und dann längs dessen Fusses hin die Fälle hinauf. Sind +die Umstände günstig, so riskiert es ein Mann, im Boote zu bleiben, +um dessen Anprall an die Felswände zu verhindern. Auf diese Weise +wurde ein Boot nach dem anderen um die verschiedenen vorspringenden +Felsblöcke bugsiert, ein mühevolles und zeitraubendes Werk. + +Der Zug der Gepäckträger über die Felsen bot ein lebendiges +und belustigendes Schauspiel; denn der Transport so vieler Güter +stellte auch an die hoch entwickelte Kletterkunst der Kajan grosse +Anforderungen und, sobald Form und Gewicht des Packens ein Tragen +auf dem Rücken nicht zuliessen, schwankte der Träger ununterbrochen, +und so manches Ausgleiten hatte einen Fall zur Folge. + +Noch lebhafter und aufregender ging es auf der Wasserseite zu; hier +entfalteten die Dajak eine solche Kraft, Umsicht und Fertigkeit, dass +auch ein an dergleichen wilde Schauspiele Gewohnter von Bewunderung +erfüllt werden musste. Da jeder, durch die Anspannung erregt, dein +anderen' über das Gedonner des Wassers hin etwas zuzuschreien versucht, +herrscht überall ein scheinbares Durcheinander; in Wirklichkeit +weiss aber jeder genau, was er zu tun hat. Das Boot wird durch die +beiden Rotangseile in der richtigen Stellung gehalten und prallt nur +selten an die Felswände an. Während die erste Gruppe bereits einen +neuen Felsblock erklimmt, steht die zweite oft bis über die Mitte im +Wasser und hält das hintere Seil straff, um das Boot nicht anstossen +zu lassen; dann wird auch dieses Seil nach oben geholt und so geht +es langsam weiter. Ein Europäer tut unter solchen Verhältnissen am +besten, sich jeder Einmischung zu enthalten und ganz dem Rat der +sorgsamen Häuptlinge zu folgen. + +Bei dem vorhandenen günstigen Wasserstande liess man mich, +als die gefährlichsten Stellen überstanden waren, im Boote Platz +nehmen. Nachdem wir mit einigen Böten bereits ein gut Stück vorwärts +gekommen waren, stand ich einen Augenblick allein in dem meinigen, +um die Ankunft der übrigen zu erwarten. Da fing das Wasser plötzlich +mit solcher Geschwindigkeit an zu steigen, dass ich allein nicht im +stunde war, den einen Rand meines Bootes; der eben noch frei unter +einem vorspringenden Felsrand geschaukelt hatte und jetzt unter diesem +eingeklemmt war, zu befreien. Das Boot neigte sich sogleich stark, +aber einige Dajak sprangen in den Fluss und ich auf den Felsblock +und so glückte es diesmal, mein Boot vor dem Umschlagen und einige +meiner Güter vor einem unwillkommenen Bad zu behüten. + +Mit dem immer schneller ansteigenden Wasser vermehrten sich alle +Schwierigkeiten derart, dass an ein Überschreiten der Wasserfälle +nicht zu denken gewesen wäre, wenn wir nicht bereits den halben +Weg zurückgelegt gehabt hätten und nicht der Rückzug ebenso viel +Hindernisse wie das Vorwärtsgehen verursacht hätte. + +Unsere weitere Fahrt bestand in einem heftigen Kampfe mit den tobenden +Wellen. Bald im Boote schaukelnd, bald im dornigen Uferwalde allein +einen Weg suchend überliess ich die Bestimmung über meine Person +und Habe gänzlich meiner Mannschaft. Bald nach Mittag glaubte ich, +an einzelnen grossen Felsblöcken am Ufer zu erkennen, dass wir die +eigentlichen Fälle überwunden hatten. Obgleich ich bereits zwei Mal den +Kapuas hinaufgefahren war, konnte ich doch in dem schnellfliessenden, +unruhigen Strom nicht das stille Wasser, das sich von hier bis zur +Mündung des Bungan hinziehen musste, nicht erkennen. + +Die Felsblöcke am Ufer, die das Flussbett verengten und mich stets +wieder das Boot zu verlassen zwangen, verschwanden jetzt, aber die +Schwierigkeiten verminderten sich darum nicht. Die heftige Strömung +konnte nur mit der grössten Kraftanspannung und dadurch, dass man an +der Innenseite der Buchten entlang fuhr, überwunden werden. Zu diesem +Zweck mussten wir immer wieder die hoch brausende Mitte des Flusses +durchqueren, ein Wagstück, das nur wenige Dajak zu unternehmen sich +getrauten. Ihrem Beispiel folgend stellten die übrigen ihr Boot in +einem bestimmten Winkel gegen die Stromrichtung, ruderten aus aller +Macht und kamen so hinter einer beschirmenden Landzunge zum Vorschein, +um im nächsten Augenblick von der rasenden Strömung der Flussmitte +gepackt und mit schaudererregender Schnelligkeit gegen das andere +Ufer geschleudert zu werden. In solch einem Augenblick spannte die +Bemannung zuerst alle Kräfte an, um den ersten Anprall der Bootspitze +gegen das Ufer zu verhindern; war dies geglückt, so sprangen alle im +Fahrzeug in die Höhe, ergriffen die Stangen und suchten nun auch den +Anstoss der Bootsränder zu brechen. + +Die Bewegungen, die die langen, schmalen Fahrzeuge ausführten, waren +äusserst unangenehm und sicher ist, dass ich dem Himmel dankte, +als uns nachmittags gegen 4 Uhr die braunen Wellen des Kapuas nicht +mehr an das andere Ufer, sondern in das stille, dunkle Wasser seines +Nebenflusses, des Bungan, warfen, der sich wie ein See unter dem +Gewölbe der überhängenden Uferbäume hinzog. + +In der folgenden Nacht legten sich die Kajan, erschöpft von allen +Anstrengungen, ohne andere Bedeckung als ihre Matten, auf der ersten +besten Geröllbank zur Ruhe nieder. Wir Europäer verbrachten die Nacht +in einer schlecht gebauten Hütte mit der beruhigenden Überzeugung, +dass uns ein Regenfall im Bungangebiet nur einen und nicht mehrere +Tage Aufenthalt verursachen würde, wie in dem so viel grösseren +Gebiete des Hauptflusses. + +Nachts bereits begann der Bungan zu steigen und beim Erwachen mussten +die Kajan vor seinem verräterisch braunen Wasser von der Bank an +das höhere Ufer flüchten; der stille See von gestern stürzte jetzt +schäumend an uns vorüber. An eine Forsetzung der Reise war nicht zu +denken und so genossen meine Kajan einen wohlverdienten Ruhetag. + +Ebenso schnell wie das Wasser gestiegen war, fiel es auch wieder und +wohlbehalten und erfrischt konnten wir am anderen Morgen den Bungan +aufwärts ziehen. Das Wasser hatte gerade die richtige Höhe. Ist es +niedriger, wie es auf meiner früheren Reise der Fall war, so muss die +Bemannung nebenherlaufend das Boot über die Steine des Flussbettes +ziehen, eine viel ermüdendere Arbeit als das Vorwärtsstossen mit +Stangen (_gala_). Trotzdem all unser Gepäck beim Überschreiten der +zwei folgenden Wasserfälle, des Gurung Bakang, wo _Georg Müller_ +1825 ermordet wurde, und des Gurung Langau über Land getragen werden +musste, legten wir an diesem Tage doch über die Hälfte des Weges bis +zur Mündung des Bulit zurück. + +Durch einen kleinen Unfall lernte _Bier_ an diesem Tage das Fahren +in Dajakböten. Er glaubte nämlich anfangs, ebensogut hoch oben auf +ein paar Kisten als am Boden des Bootes, wie alle übrigen, sitzen zu +können. In einer Stromschnelle verlor aber der Führer seines Bootes, +_Obet Lata_, das Gleichgewicht, suchte unwillkürlich an ihm einen +Halt und riss ihn mit sich in den Fluss. Zum Glück kehrten beide +wohlbehalten in ihr Boot zurück. + +Der gleich günstig gebliebene Wasserstand veranlasste uns auch am +folgenden Morgen, früh aufzubrechen. Vor der Mündung des Bulit hatten +wir keine Wasserfälle mehr zu passieren und so erreichten wir bereits +gegen Mittag die Verbreiterung, in der Pulu (= Insel) Daru liegt. Ein +fröhlicher Sonnenschein, der uns aber in der Tiefe der Kluft, unter +dem überhängenden Grün des Gebirgswaldes, nicht erreichen konnte, +belebte das Bild. Als sich hie und da Fische zeigten, konnten einige +Kajan dieser Versuchung nicht widerstehen, holten ihre Wurfnetze +hervor und begannen ihr Glück zu versuchen. Da vernahmen wir zu +unserer aller Freude unter der dunkelgrünen Halle, die sich über uns +ausspannte, das Plätschern von Rudern und bemerkten auch bald die auf +dem Rückwege begriffenen Böte von _Seniang_ und _Akam Lasa_. Diese +hatten bei dem trockenen Wetter eine sehr günstige Reise gehabt, alle +Vorräte unversehrt zum Bulit gebracht und dort auch die drei Männer, +die unser Gepäck bewachten, angetroffen; diese befanden sich sehr wohl, +sehnten sich aber in ihrer Einsamkeit sehr nach unserer Ankunft. + +_Akam Lasa_ und _Seniang_ bekamen noch, als vorläufig letzten Gruss an +die gebildete Welt, einen Pack Briefe mit nach Putus Sibau und setzten +dann ihre Heimreise fort; auch wir verliessen den freundlichen Ort, +um noch Long Bulit zu erreichen. + +Im Laufe des Nachmittags wurde uns die Fahrt auf dem stillen Wasser +unter hohen Uferbäumen und Girlanden herabhängender Lianen durch +einen Regen verdorben. Da der Regen immer stärker wurde und alle, +die keinen Mantel besassen, bis auf die Haut durchnässte, begrüssten +wir mit Freuden die Reihe Felsblöcke, welche die Mündung des Bulit +beinahe abschliesst. + +Hier hatten die drei Wächter bereits eine Leiter zur Ersteigung des +hohen Uferwalls und Gerüste für unsere Hütten hergestellt, so dass +nur noch das Segeltuch aus den Böten geholt zu werden brauchte, um +uns ein schützendes Obdach vor dem Sturzregen zu verschaffen; bei +hungrigen und ermüdeten Menschen ruft der Regen auch in den Tropen +eine sehr unangenehme Stimmung hervor. Für uns Europäer gab es aber +so viel Interessantes zu hören, dass nach dem Wechsel der nassen +Kleider die letzten Unannehmlichkeiten bald vergessen waren. + +Mehr als drei Wochen hatten die Wächter allein, mitten in diesem nur +von den nomadisierenden Stämmen der Bukat und Bungan Dajak durchzogenen +Urwäldern, zugebracht; sie hatten sich aber nie geängstigt. Bereits +wenige Tage nach ihrer Ankunft hatte sich das Gerücht von ihrer +Anwesenheit mit so vielen guten Esswaren auch in diesen weiten Wäldern +verbreitet. Erst waren ein paar Bunganmänner auf Kundschaft gekommen +und, nachdem man sie freundlich empfangen hatte, folgten bald auch +Frauen und Kinder, die alle ein Geschenk an Reis und Tabak erhielten, +das für sie einen ganz besonderen Glücksfall bedeutete. So gestaltete +sich den drei Männern die Einsamkeit noch erträglich und die Ungeduld +wurde ihnen nicht zu quälend. + +Da in den letzten Jahren alles niedrigere Gehölz der nächsten Umgebung +von vorüberreisenden Gesellschaften zum Bau von Lagern gefällt worden +war und unser zahlreiches Geleite es zu mühsam fand, Holz von weiter +her zu beschaffen, übernachteten sie in sehr primitiven Hütten auf +den Geröllbänken unten im Fluss. Auf einen trockenen Abend folgte +aber eine nasse Nacht. Wir schliefen noch nicht lange, als wir von +einer allgemeinen Unruhe am Flussufer geweckt wurden. Der Regen vom +Nachmittag musste auch in einem Teil des Stromgebietes des oberen +Bulit gefallen sein; denn das Flüsschen stieg innerhalb einer halben +Stunde um zwei Meter und seine Wassermassen überfielen plötzlich die +Schläfer auf der Bank. + +Die Gesellschaft musste so schnell nach oben flüchten, dass einige +ihr Hab und Gut nicht mehr in Sicherheit bringen konnten und zusehen +mussten, wie ihre Tragkörbe mit dem so kostbaren Inhalt von dem +Strome fortgerissen wurden. Während des folgenden Tages stieg und +fiel das Wasser abwechselnd. An eine Fahrt auf dem Bulit war nicht +zu denken, daher widmeten wir uns ganz dem Ordnen des Gepäckes, das +uns, seines Umfanges wegen, trotz der ansehnlichen Trägerzahl für den +Landtransport viel Schwierigkeiten verhiess. Daher kam _Akam Igau_ +mit dem Vorschlag, nicht wie auf der letzten Reise südlich vom Berge +Lekudjang zum Penaneh zu ziehen, sondern durch das Tal des oberen +Bungan und seines Nebenflusses, des Betjai, nördlich vom Lekudjang, +den Howong, einen Nebenfluss des Mahakam, zu erreichen. Der Weg über +den Penaneh führte nämlich über die zahlreichen Bergrücken, welche die +südlichen Quellflüsse des Bungan trennen, ausserdem waren die Pnihing, +die früher am oberen Penaneh wohnten und uns auf der Reise 1896 die +erste Hilfe im Mahakamgebiet geleistet hatten, inzwischen an einen +weiter unter am Fluss gelegenen Ort gezogen, so dass wir diesmal einen +viel weiteren Weg selbständig zurückzulegen gehabt hätten als damals. + +Um an den Howong zu gelangen, konnten wir erst dem Bungan und dann dem +Betjai bis zur Wasserscheide folgen, hatten diese dann auf bequemem +Pfade zu überschreiten und zum Howong hinunterzusteigen. Dort wohnte +seit langer Zeit ein Pnihingstamm, der uns beim Transport helfen und +nötigenfalls auch mit Reis versehen konnte. + +In Anbetracht dass auch _Georg Müller_ im Jahre 1825 diesem Weg, +allerdings in umgekehrter Richtung, gefolgt war und dass er überdies +für mich neu war, ging ich gern auf _Akam Igaus_ Vorschlag ein, und +wir beschlossen, nur bis zum _pangkalan_ (Halteplatz beim Beginn +des Weges zum ...) Howong den Bulit aufwärts zu fahren und nicht, +wie in den Jahren 1894-1896, erst vom_ pangkalan_ Mahakam aus den +Landzug zu beginnen. + +Gegen Abend fiel das Wasser ständig und wir hofften, unsere Fahrt +am anderen Morgen auf dem nur 15 m breiten Flüsschen bei einer für +unsere Böte genügenden Tiefe des Wassers fortzusetzen. + +Alles auf einmal zu transportieren war jedoch unmöglich, daher sollten +der Sergeant _Duni_ und ein Schutzsoldat _Bajan_ mit einigen kranken +und auf der Reise verwundeten Kajan beim Reis zurückbleiben und später +vom _pangkalan_ Howong aus abgeholt werden. + +Am ersten Tage begegneten wir Bungan Dajak, die auf der Reise +nach Putus Sibau begriffen waren. Sie zeigten sich anfangs scheu, +obgleich ich bereits auf der früheren Reise mit ihnen verkehrt +hatte. Augenscheinlich fürchteten sie unseren Zorn, weil sie den +Malaien _Adam_ ermordet hatten. Ich wusste aber, dass dieser _Adam_, +ein aus Serawak entflohener Bandit, diese schwachen Stämme entsetzlich +betrogen hatte, dass er sich sogar als Repräsentant der Regierung +aufgespielt und sich als solcher vieler vom Mahakam stammender Güter +bemächtigt hatte; ausserdem hatte er im Jahre 1896 alles getan, damit +unsere Expedition von den Mahakamstämmen schlecht empfangen würde. Ich +beruhigte die Leute über die Folgen ihrer Tat und beschloss, um Zeit +für die Erneuerung unserer Bekanntschaft zu gewinnen, erst kochen +und das Nachtlager aufschlagen zu lassen. Nachdem sich die Bungan +beruhigt hatten, erzählten sie mir, dass _Adam_ sehr schlecht gegen sie +gewesen sei. Als sie einst gemeinsam von Putus Sibau, wohin sie sich +begeben hatten, um Handel zu treiben und den Kontrolleur zu sprechen, +zurückkehrten, liess _Adam_ nicht zu, dass sie die mitgebrachten Waren +in ihre Hütten brachten, sondern zwang sie, einen Teil ins Wasser +zu werfen. Einen kleinen Knaben, der noch etwas von den Schätzen +retten wollte, verwundete er mit dem Schwerte, worauf dessen älterer +Bruder einen vergifteten Pfeil auf ihn abschoss. Nun fassten auch die +anderen Mut und beschossen ihn mit Pfeilen; sie wagten aber nicht, +sich ihm zu nähern, und so hatte er noch Zeit gehabt, sich bis zu +einer Felsenhöhle fortzuschleppen, wo er sein Leben endete. + +Die Bungan besassen keine guten Böte und baten mich daher um eines der +unseren, von denen wir ohnehin einige zurücklassen mussten; denn meine +Kajan hatten für ihre Rückkehr nicht so viele nötig. Ich sagte ihnen +ein Boot zu unter der Bedingung, dass sie beim Transport unserer Güter +längs des Bulit bis zum Bungan behilflich sein sollten, worauf sie +hauptsächlich wegen der zu erwartenden guten Reismahlzeiten eingingen. + +Wir befanden uns hier inmitten einer interessanten +Bergformation. Bereits an der Mündung des Bulit bemerkte ich einen +weissen Kalkstein, weiter aufwärts wurden die Kalksteine immer +zahlreicher, bis wir, nach einer Fahrt von einigen Stunden, zu beiden +Seiten des Bulittales steile, 150-250 m hohe Kalkberge auftauchen +sahen. Beim ersten Blick erinnerten ihre überhängenden Wände im unteren +Teil an die Tufflager im Mandaigebiet, aber die unregelmässigen Höhlen +und tiefen Klüfte hoch oben benahmen mir bald den Irrtum. Über eine +Geröllbank klimmend, auf der einige Felsstücke anderer Formation +mit ausgesprochener Schichtung hervorragten, gelangten wir bald an +den Fuss eines der Berge. An der Seite, wo wir standen, hing eine +60 m hohe Felswand über uns, die an den Stellen, wo nicht Moose +und Algen eine rote, braune oder graue Farbe hervorgerufen hatten, +bräunlich weiss war. Zahlreiche, bis ein Meter lange Bienennester, +deren Bewohner auf diese Entfernung kaum sichtbar waren, hingen von +den Wänden wie von Gewölben herab. + +Der untere Teil der überhängenden Wand war, infolge der Erosion des +durch die poröse Kalkmasse dringenden Wassers, in tiefe, breite Gruben +und Spalten zerklüftet, die ganz unten zu Höhlen anwuchsen, an deren +Eingang wir prachtvolle Stalaktiten bewunderten. Aussen waren diese +bewachsen und dunkel gefärbt, an der inneren Seite waren sie aber +schön weiss geblieben. + +Ausser zahlreichen Schmetterlingen und Bienen, die das an vielen +Stellen durchsickernde Wasser aufsaugen, beobachteten wir als +Hauptbewohner dieser Höhlen nur Fledermäuse und Schwalben, von +denen letztere essbare Nester bauen, die am Mahakam einen wichtigen +Ausfuhrartikel bilden. Auf dem Boden hatte sich im Laufe der Zeit eine +dicke Guanolage gebildet, deren durchdringender Geruch sich weit in +der Umgegend verbreitete. + +Die Höhlen dienen den nomadisierenden Familien der Punan und der +ihnen ähnlichen Bungan Dajak als Schatz- und Totenkammern. + +Unser Geleite zeigte für die Kalkbildungen viel weniger Interesse +als wir und nur einzelne wagten es, sich den Höhlen, welche ihre +Phantasie mit einem Heer von Geistern bevölkert, zu nähern. Keiner +war auch dazu zu bewegen, irgend etwas in der Umgebung anzurühren, +und so begannen wir denn selbst mit einem Hammer einen Teil eines +Stalaktiten abzuschlagen, um seine Bestandteile später untersuchen zu +können. Er erwies sich als sehr porös; trotzdem kostete es viel Mühe, +ein Stück abzutrennen. Der lange Stab tönte dabei wie eine Glocke, wir +hörten aber aus Furcht, das ganze Stück auf unsere Köpfe zu bekommen, +bald mit diesem gefährlichen Glockenspiel auf. + +Um eine gute photographische Aufnahme machen zu können, musste ein +Baum gefällt werden. Während wir mit dem Aufsuchen eines geeigneten +Standplatzes beschäftigt waren, verschwand, aus abergläubischer Furcht, +einer der Kajan nach dem anderen, und von den drei übriggebliebenen +wagte keiner, den Baum zu fällen. Ich ergriff daher ein Dajakbeil +und machte mich selbst an die Arbeit. Einem danebenstehenden Pnihing +wurde die Situation allmählich doch peinlich und, nachdem er sich +überzeugt hatte, dass ich immer noch lebend auf meinen Beinen stand, +überwand er seine Angst und nahm mir die Arbeit ab, die er sicher in +einem Zehntel der Zeit vollführte. + + + + +KAPITEL XI. + + Ankunft am _pangkalan_ Howong--Unterhaltung im Lager--_Akam Igau_ + zieht zum Mahakam voraus--Aufbruch eines Teils der Kuli zur + Wasserscheide--Erscheinen von Bungan Dajak Besuch im Lagerplatz + der Bungan--Rückkehr der Träger--verschwinden des leises--Landzug + in Eilmärschen--Passieren des Bungan--Nahrungsnot--Lager unterhalb + der Wasserscheide. + + +Bereits früh am folgenden Tage erreichten wir den _pangkalan_ +Howong. Ida wir hier voraussichtlich einige Tage warten mussten, +bis all unser Gepäck beisammen war, wurde ein festeres Lager als +gewöhnlich aufgeschlagen. In kurzer Zeit wurden für uns und die +verschiedenen Gruppen unserer Ruderer gute Hütten und für unsere +Vorräte ein paar feste Schutzdächer aufgestellt. + +Es zeigte sich, dass wir alles ohne Unglücksfälle und wenig +beschädigt, in kürzerer Zeit als die vorigen Male, zu Wasser befördert +hatten. Leider liessen die ungeschickten Punan noch im letzten +Augenblick ein Boot, als es zwischen zwei Felsblöcken eingeklemmt +sass, voll Wasser laufen. Die mit Harz verklebten eisernen Kisten +trieben anfangs auf dem Wasser und konnten aufgefischt werden; sie +mussten aber, da trotzdem Wasser eingedrungen war, doch ausgepackt +werden. Unglücklicher Weise regnete es den ganzen Tag, so dass in +der ohnehin feuchten Umgebung ein Trocknen kaum möglich war. + +Unsere ganze Gesellschaft genoss übrigens die erzwungene Ruhe in +dem angenehmen Gefühl, dass ein wichtiger und gefährlicher Teil der +Reise bereits zurückgelegt war. Wie gewöhnlich verstanden die Kajan, +die freie Zeit am besten zu benützen; sie hatten in ihren Tragkörben +allerhand Arbeit mitgenommen, mit der sie sich während der langen +Abende angenehm beschäftigten. Beim Schein einer kleinen Blechlampe +schnitzte der eine ein neues Ruder, der andere einen Teller, ein +dritter, Liebhaber feiner Arbeit, stellte einen Mandau-Schwertgriff +her. Viele lagen auch neben einander und plauderten über die +Tagesereignisse; trotz aller Anstrengungen der verflossenen Tage +schien keiner ruhebedürftig zu sein. Wurde die Stimmung besonders +heiter, so begann einer der älteren Männer, Couplets, welche die +Stammesgeschichte behandelten, vorzutragen; in den Kehrreim stimmte +die ganze Gesellschaft mit ein. Der Gesang wirkte auf die Dauer etwas +eintönig, klang in dieser Umgebung aber doch anziehend und legte +ein gutes Zeugnis für die Stimmung meiner Kuli ab; daher horchte ich +mit Vergnügen, wenn mir nicht vor Müdigkeit die Augen zufielen. Wir +Europäer hatten nämlich trotz unserer guten Lampen keine Lust gehabt, +irgend etwas vorzunehmen und hatten uns früh schlafen gelegt. + +Am anderen Morgen sandte ich einen Teil unserer Leute an die Mündung +des Bulit zurück, um die dort mit dem Reisvorrat Zurückgebliebenen +abzuholen. Abends langten alle und alles wohlbehalten bei uns an. + +Hatten an dem einen Abend die Männer aus Tandjong Karang etwas +vorgetragen, so begannen am folgenden die Leute aus Pagong sich hören +zu lassen und zwar wieder auf ganz verschiedene Weise. + +Da wir nun einmal unsere Reise so weit gefördert hatten, durfte ich +mit Ruhetagen auch nicht mehr allzusehr geizen und liess daher meine +Kajan nach ihrer Art geniessen. + +Der Wald, in dem wir uns eben befanden, war von der Regierung, aus +Furcht vor Zusammenstössen mit den Köpfe jagenden und Buschprodukte +raubenden Stämmen aus Serawak, den Dajak noch nicht zur Ausbeutung +frei gegeben worden und daher in seiner Unberührtheit besonders +reizvoll. Die Gipfel der Bäume erhielten durch die wehenden, +meterlangen Blätter der Rotangpalmen einen eigenen Schmuck; auch +zeigten die Baumfarne hier zum ersten Mal ihr helles, spitzenartiges +Laubwerk. Ein überall vorkommender Baum, dessen weisse Blüten die +Geröllbänke bedeckten und das ganze Flusstal mit ihrem herrlichen Duft +erfüllten, schien auch auf eine grosse Menge Insekten sehr anziehend +zu wirken: Zahllose Arten Fliegen, Bienen und Wespen umschwärmten +die Blüten und da, wo die Sonnenstrahlen einen Durchgang fanden, +schwebten Gruppen eigenartig schöner Schmetterlinge. Es fiel uns +aber auf, dass sich unter diesen im Ganzen wenig neue Arten befanden, +während die Nachtschmetterlinge und die übrige Insektenwelt uns abends +durch ihren Reichtum in Erstaunen versetzte. Der Schein unserer Lampen +lockte aus der dunklen Umgebung zahllose kleine Nachtfalter herbei, +die sich an der hellen Innenseite unserer Dachbedeckung niederliessen +und uns durch ihre unbeschreibliche Mannigfaltigkeit in Formen und +Farben erfreuten. Fingen wir die sitzenden Tierchen mit dem weiten +Hals einer Flasche mit Cyankalium auf, so fielen sie von selbst hinein +und wir konnten sie nach Belieben bewundern. Matte und metallglänzende +Farben auf dem verschiedensten Grunde und in den schönsten Zeichnungen +erfreuten das Auge; unser Entzücken erregte aber ein sehr grosser +Falter mit weissen Atlasflügeln, deren Ränder mit den zierlichsten +Arabesken aus Gold geschmückt waren. Leider liess sich gerade dieser +Falter nicht fangen, er war, wie auch die anderen grossen Arten, +sehr scheu und zeigte sich nur auf Augenblicke. Auch das Aufstellen +von Lampen im Walde führte zu keinem befriedigenden Ergebnis. + +Die Kajan hatten für dergleichen weder Auge noch Zeit und zogen +beinahe alle in den Wald hinein. Die Punan gingen mit ihren Hunden +auf die Jagd; einige Kajan suchten _aka klea_, eine Liane, um mit +ihren Fasern unsere Fischnetze auszubessern, die beim Auswerfen auf +dem mit totem Holz und Steinen bedeckten Grunde des Flusses stark +gelitten hatten; wieder andere begaben sich auf den Fischfang. + +Dank dem Fischreichtum dieser Flüsse stand unserem Geleite stets +reichlich Fischfleisch als Zukost bei seinen Reismahlzeiten zur +Verfügung. Das brachte mich auf den Gedanken, von allen Arten kleine +Exemplare zu konservieren; eine derartige Sammlung, verglichen mit +einer zweiten aus dem Mahakamgebiet jenseits der Wasserscheide, +musste von Interesse sein. Ich suchte daher, wenn die Fischer abends +ins Lager zurückkehrten, kleine, unverletzte Fische aus und legte sie +in die hiefür mitgenommenen Flaschen in 20 % ige Formalinlösung. Auch +sorgte ich dafür, dass meine Sammlung durch die besonderen, kleinen +Arten der Fische der kleinen auf 500-600 m Höhe gelegenen Bergbächen +bereichert wurde. Ich hatte bereits auf meiner vorigen Reise eine +grosse Anzahl Fischarten sammeln lassen, aber aus Mangel an gut +schliessenden Flaschen verdarb ein grosser Teil auf der weiteren Reise. + +Unser schön tätowierter Beketan, namens _Ganilang_, benützte die Musse, +um sich an Stelle seines baumwollenen Lendentuches, das durch das +ständige Nasswerden in Wasserfällen und Strudeln stark gelitten hatte, +eines aus Baumbast herzustellen. Er suchte zu diesem Zwecke einen +ihm bekannten Baum aus, entkleidete ihn auf 4 m Länge seiner Rinde +und begann mit seinem Mandau-Messer, die Rinden- und Bastteile von +einander zu trennen. Den ungefähr 4 m langen, 3 dm breiten und 1 bis +1 1/2 cm dicken, weissen Baststreifen, den er erhielt, rollte er von +beiden Enden aus so fest als möglich zusammen und klopfte ihn darauf +mittelst eines mit Einkerbungen versehenen Holzstückes mürbe. Indem +er das Bündel immer steifer aufrollte, gelang es ihm, die Fasern aus +einander zu pressen und den Streifen dadurch zu verbreitern. Nach +mehrstündiger Arbeit erhielt er einen 4 m langen und 8 dm breiten, +dünnen, biegsamen Lappen, aus dem durch Klopfen beinahe alle weicheren +Teile entfernt worden waren. Zur Nacht band ihn _Ganilang_ an einen +Baumstamm in stark strömendem Wasser, wodurch vollends der Rest +der weichen Teile ausgespült wurde; nach dem Trocknen bildete der +Bastlappen ein hellbraunes, praktisches Lendentuch. Kleidungsstücke +aus guten Bastarten können monatelang getragen werden. + +Die jüngsten unserer Männer verfolgten inzwischen ganz andere +Interessen. Im Gegensatz zu meiner vorigen Reise, wo _Akam Igau_ +dafür gesorgt hatte, dass sich hauptsächlich kräftige, kriegstüchtige +Männer an unserer Expedition beteiligten, befanden sich diesmal viel +jüngere Personen, welche das achtzehnte Jahr kaum erreicht hatten, +unter unserem Geleite. Ich betrachtete ihre Gegenwart als ein Zeichen +von Vertrauen, das man dem Wohlgelingen unserer Unternehmung entgegen +brachte, und, da sie sich unterwegs in den Böten gut gehalten +hatten, sah ich die fröhlichen, geschmeidigen jungen Männer gern +um mich. Für viele bildete dieser Zug, gleichwie für _Adjang_ und +_Djawè_, das erste grössere Unternehmen, das sie mitmachten, daher +sollten sie bei ihrer Rückkehr unter die erwachsenen Männer des Stammes +aufgenommen werden. Vorher mussten sie sich aber, der Sitte gemäss, den +_utang_, das Stäbchen, anlegen lassen, welches als Zeichen erreichter +Männlichkeit durch die glans penis getrieben und während des ganzen +Lebens nicht abgelegt wird. Zu Hause schämen sich die jungen Leute zu +sehr vor den Frauen, um dergleichen Manipulationen mit sich vornehmen +zu lassen, daher benützen sie lieber eine Reisegelegenheit dazu. In +der Besorgnis, dass uns am Ende ein Aufenthalt verursacht werden +könnte, war ich über die Nachricht, dass einige bereits den Ruhetag +an der Mündung des Bulit und andere den Abend zuvor zur Ausführung +der Operation benützt hatten, nichts weniger als erfreut. Obgleich +die Operation sehr wenig aseptisch vorgenommen wurde, zeigte sich +doch nur in einem Fall eine unangenehme Entzündung; heftige Blutung +kam überhaupt nicht vor, auch wurden die jungen Leute dadurch nicht +an der Arbeit gehindert; nur ab und zu sah ich einen von ihnen mit +schmerzhaft verzogenem Gesicht in einer kühlen Bergquelle sitzen, +was ihm augenscheinlich Linderung verschaffte. + +Wohl aus Rücksicht auf diese Verhältnisse zeigten _Akam Igau_ und +_Tigang_ am folgenden Morgen wenig Lust, den Landzug zu beginnen: +da ich aber nicht wusste, wie lange wir noch von unserem Reisvorrat +zu leben hatten, hielt ich Eile für geraten und begann, als die +Kajan zögerten, mit den Malaien den Reis- und Salzproviant, der +vorausgetragen werden sollte, unter die verschiedenen Häuptlinge, +je nach der Anzahl ihrer Leute, zu verteilen. Als uns darauf einige +der Bungan Dajak, die wir, wie früher mitgeteilt, als Träger und +Wegweiser zum Bungan in Dienst genommen hatten, zu Hilfe kamen, +rafften sich schliesslich auch die Kajan auf. Zwar blieben hie und +da einige in den Hütten zurück und andere begannen mit dem Transport +ihrer eigenen Sachen, aber die meisten machten sich doch auf den Weg. + +Tags zuvor hatte ich einige Bungan Dajak als Kundschafter und Träger +an den Bungan vorausgeschickt; sie kamen jetzt mit der Meldung zurück, +der Wasserstand im Bungan sei so hoch, dass man diesen nur mittelst +über den Fluss gespannter Rotangseile habe passieren können, auch habe +man das Gepäck noch vor der Mündung des Betjai unterbringen müssen; +erst am folgenden Tage sollten sie bis an den Betjai geschafft werden. + +Der Bericht klang zwar nicht ermutigend, ich hatte aber ohnehin +eingesehen, dass wir nicht sogleich weiter konnten, weil sich bei +_Demmeni_, der seit dem ersten Tage unserer Ankunft an Malaria litt, +noch immer keine Besserung zeigte; gegen Abend kehrte das Fieber +stets zurück und liess sich auch nicht durch 2 g murias chinini, die +er 8 Stunden vor dem Anfall, innerhalb einer halben Stunde, einnahm, +niederschlagen. Da man den Patienten unmöglich über Land transportieren +konnte und auch eine Rückreise für ihn nichts Gutes versprach, in +Anbetracht, dass es mindestens acht Tage dauern musste, bevor er in +Sintang ärztliche Hilfe finden konnte, musste ich versuchen, ihn an +Ort und Stelle zu kurieren. Ich brachte daher den Patienten zu Bett +und erhöhte die Chinindosis von 2 auf 3 Gramm mit dem Erfolge, dass +sich der Kranke zwar schwindelig fühlte, die Temperatur aber nicht +mehr stieg. Als am folgenden Tage 2 g Chinin wiederum kein genügendes +Resultat ergaben, beschloss ich, noch einige Tage mit strenger Bettruhe +und 3 g Chinin fortzufahren. Obgleich diese Behandlung _Demmeni_ +durchaus nicht angenehm war, überstand er sie doch mutig, überzeugt, +dass er nur auf diese Weise wieder marschfähig werden konnte. + +Wir benützten die Wartezeit, um unser Hab und Gut, das während der +Reise doch mehr oder weniger feucht geworden war, auf hoch gelegenen +Geröllbänken zu trocknen. Einige Packen Seidenstoffe waren durch die +Feuchtigkeit gänzlich entfärbt worden, obgleich sie sich in eisernen, +mit Harz verklebten Kisten befunden hatten; derartige kostbare Artikel +hätten in besonderen, verlöteten Blechkisten aufbewahrt werden müssen. + +Den im Lager zurückgebliebenen Malaien hatte ich aufgetragen, auf +verschiedene Weise Fische zu fangen; der Erfolg war aber, da die +Träger das feinmaschige Wurfnetz mitgenommen hatten, gering. + +Mittags kehrte die Trägergesellschaft zurück und bestätigte die Meldung +der Bungan Dajak, dass der Weg längs dem Bungan sehr beschwerlich +sei. Ferner hatten sie die in diesem Gebiete liegenden Niederlassungen +einiger Bungan Dajak erreicht. Deren Häuptling _Lakau_ war mir von der +vorigen Reise her bekannt und trug die unmittelbare Schuld an dem Tode +des Malaien _Adam_. Diese Bungan hatten meinen Kajan beim fragen nicht +helfen wollen, trotzdem sie ihre Reisfelder bereits besät hatten. Ihre +Weigerung erklärte sich aus der bei ihnen herrschenden Hungersnot, +die sie dazu trieb, ihre Reisfelder zu verlassen und irgendwo am Bulit +Waldfrüchte zu sammeln; sie zogen daher mit Frauen und Kindern aus, +ihre Felder der Sorge der Natur überlassend. + +Nachdem ich mit einigen in diesen Gegenden gut bekannten Punan, +_Djeléwan_ und _Udjan_, darüber beraten hatte, ob wir diesen wenig +verlockenden Landweg überhaupt einschlagen sollten, wurde beschlossen, +ihm dennoch zu folgen. Davon, dass wir Europäer aufbrechen konnten, +bevor _Demmeni_ wieder zu gehen im stande war, konnte aber nicht +die Rede sein; denn in dieser Umgebung mussten wir so lange als +möglich beieinander zu bleiben trachten. Ich war daher gezwungen, +den Gütertransport gänzlich den Trägern zu überlassen, was ich aus +verschiedenen Gründen nur sehr ungern tat. Auch mussten wir überlegen, +auf welche Weise wir die Häuptlinge am oberen Mahakam, deren Hilfe +wir nötig hatten, am besten von unserer Ankunft benachrichtigen +sollten. Da _Akam Igau_ sich bereits auf meiner Reise im Jahr 1896 +trotz schwieriger Umstände seines Auftrages trefflich entledigt und +uns bei seinen Verwandten eine gute Aufnahme erwirkt hatte, schien er +mir auch jetzt wieder die gegebene Persönlichkeit dafür zu sein. Meine +Wahl bereitete jedoch _Tigang Aging_, der sich selbst für am besten +geeignet hielt, Haupt einer so wichtigen Gesandtschaft zu sein, viel +Verdruss; auch erschien ihm der Transport des Gepäcks und die Aufsicht +über seine eigenen Stammesgenossen viel weniger angenehm. Ausser _Akam +Igau_ beauftragte ich noch vier andere ältere Männer aus verschiedenen +Häusern am Mendalam, an den oberen Mahakam vorauszuziehen und _Kwing +Irang_, dem mächtigsten Häuptling der dort lebenden Bahaustämme, zu +melden, dass unsere Expedition im Anzuge sei und wir ihn um seinen +Beistand ersuchten. + +_Tigang Aging_ behielt ich, damit er unterwegs keine Händel mit _Akam +Igau_ anfing, bei mir zurück, auch sollte er mir bei den Bungan Dajak +als Dolmetscher dienen. + +Am nächsten Morgen wurden wiederum hauptsächlich Reis und Blechkisten +mit Salz unter die Träger verteilt, die in der Voraussicht, längere +Zeit allein reisen zu können, sehr vergnügt waren. Es schien mir am +besten, dass sie ohne Aufenthalt bis an den oberen Betjai zogen. Sie +befanden sich dort auf einem Bergrücken nur einige Hundert Meter +unterhalb der Wasserscheide zwischen den Quellen des Betjai und Howong, +also an der Scheide des Kapuas- und Mahakamgebietes. Bis zu diesem +Punkte sollte _Akam Igau_ die Träger beaufsichtigen und Sorge tragen, +dass alles Gepäck dort gut aufbewahrt wurde; dann sollte er mit seinen +Begleitern allein weiter zum Mahakam hinunterziehen. Der Korporal +_Suka_ und zwei andere Malaien, die unser Hab und Gut bereits am Bulit +so gut bewacht hatten, sollten auch jetzt bei den Sachen zurückbleiben +und dafür sorgen, dass alle Träger so schnell als möglich zu uns ins +Lager zurückkehrten, um uns abzuholen. + +Nachdem die ganze Gesellschaft fortgezogen war, blieben wir Europäer +mit einigen hier gänzlich unbekannten Javanern, zwei Kapuas Malaien +und drei Kajan, von denen zwei krank waren, einsam am Bulit zurück. + +Wir konnten uns, da nur ein einziger, von den vielen Trägern +ausgetretener und durch den Regen aufgeweichter Pfad in den Wald führte +und es überdies viel regnete, nur auf dem kleinen Platz, den ich vor +unserem Lager hatte abholzen lassen, einige Bewegung verschaffen. + +Um meine Leute die einsame Umgebung, die durch den ständigen Regen +noch trostloser wurde, in der Arbeit vergessen zu lassen, liess ich +sie Reusen für den Fischfang herstellen; der Bulit führte aber gerade +jetzt nicht so viel Wasser, als für das Fischen mit Reusen erforderlich +war, und so erhielt ich nur wenige neue Fischarten. + +Zum Glück war _Demmeni_ nach dreitägiger sehr strenger Behandlung +fieberfrei geworden, und wir konnten ihn, um einen grösseren Ausflug +auszuführen, für längere Zeit allein lassen. + +Es war nämlich Zeit, dass wir Vorbereitungen für eine topographische +Aufnahme des Mahakamgebietes trafen. Diese Aufnahme sollte sich an +diejenige anschliessen, welche das topographische Institut in Batavia +im Auftrage der Regierung in den Jahren 1885-1896 von dem Flussgebiet +des Kapuas hatte ausführen lassen. + +Der Topograph _Werbata_ hatte damals den Weg über die Wasserscheide +bis Penanéh aufgenommen, hatte aber seine Absicht, von hier aus den +Mahakam zu erreichen, aufgeben müssen. + +Da wir nun nicht, wie es anfänglich unser Plan gewesen, den Weg über +Penanéh einschlugen, sondern längs des nur oberflächlich aus der +Ferne von ihm aufgenommenen Betjai zogen, mussten wir versuchen, +auf der Wasserscheide einen Punkt zu fixieren, indem wir von dort +aus mit dem Theodoliten die Azimute einiger hoher, bekannter Berge +bestimmten. War der Fixpunkt gefunden, so konnte von ihm aus, mit Hilfe +von Theodolit und Massstab, das ganze Mahakamgebiet aufgenommen werden. + +Unser Topograph _Bier_ hatte aber bis jetzt nur in Sumatra gearbeitet +und auch meine Reisegenossen hatten bis jetzt nichts von dem Lande +gesehen, weil wir von Nanga Era an in der Tiefe eines schmalen, +von den bis 600 m hohen, steilen Abhängen des Kapuas-Kettengebirges +begrenzten Tales gefahren waren. + +Um uns von dem, was die Wasserscheide am Howong nördlich des Berges +Lekudjang an Aussicht liefern konnte, eine Vorstellung zu machen, +mussten wir eine Bergspitze besteigen und den Wald dort niederschlagen. + +Etwas weiter oberhalb unseres Lagerplatzes am Bulit, bei dem +_pangkalan_ Mahakam, führte auf den Gipfel des Liang Tibab ein Pfad, +den der Topograph _Werbata_ hatte durchhauen lassen, um von diesem +Berge aus seine Beobachtungen anzustellen; er hatte daher auch auf dem +Gipfel den Wald fällen lassen. Ich hatte den Liang Tibab bereits im +Jahre 1894 mit Professor _Molengraaff_ bestiegen, um von hier aus einen +Überblick über das durchreiste Gebiet und das Kapuas-Kettengebirge +nördlich des Bungan zu erhalten. Zwei Jahre später hatte ich mit +_Demmeni_ dort einige photographische Aufnahmen gemacht. + +Auch der Kontrolleur _Barth_ wollte das interessante Panorama des +Liang Tibab sehen, und so machte er sich denn am 14. September bei +herrlichem Wetter mit uns auf den Weg. Ein Bungan Dajak führte uns +durch den Wald bis an den Fuss des Berges, von wo aus wir nach einer +kleinen Kletterei bald auf den bekannten Pfad gelangten. Dieser war +inzwischen so stark mit jungen Bäumen und Sträuchen bewachsen, dass +man ihn kaum wieder erkennen konnte. Der Pfad war übrigens leicht zu +verfolgen, denn er führte bereits auf 100 m Höhe über einen längs +dem Bulit verlaufenden Kamm. Ein Verirren war nicht möglich, da +der Bergrücken nur wenige Meter breit war; eher riskierte man einen +Absturz von seinen sehr steilen Wänden. Glücklicher Weise verhinderte +die dichte Vegetation ein Schwindeligwerden und ermöglichte zugleich +auch den Gebrauch der Hände beim Klettern. Der ganze Weg bestand aus +Lehmboden und war durch die vielen Regengüsse sehr schlüpfrig geworden. + +Ich habe mich immer wieder darüber gewundert, dass so scharfe, steil +abfallende Rücken, die ganz aus Lehm und sehr verwittertem Gestein +bestehen, den vielen Sturzregen im Gebirgsland von Borneo Widerstand +zu leisten vermögen. Eine der Hauptursachen hierfür ist zweifellos +in der dichten Waldbedeckung zu suchen, da die tief eindringenden +Wurzeln die kleinen Erdteilchen vor Wegspülung und Absturz beschützen +und das dicke Blätterdach die Kraft der niederfallenden Regen bricht. + +Trotzdem die Bäume und Sträucher uns den Marsch erleichterten, dauerte +es doch beinahe zwei Stunden, bis ich mit _Bier_ den Punkt erreichte, +von dem aus der Topograph _Werbata_ seine Beobachtungen angestellt +hatte. Der Rücken war hier nur 1 m breit, bestand aus ganz losem, nur +durch Wurzeln zusammengehaltenem Gestein und gestattete längs seiner +im Winkel von fast 60° ansteigenden Seitenwände hinunterzuschauen. Um +Aussicht zu gewinnen, mussten wir erst die seit dem letzten Besuch +auf dem Gipfel aufgeschossenen Sträucher forträumen lassen und +begannen unterdessen unsere verschiedenen Höhenbarometer nach dieser +bekannten Höhe zu regulieren. Von den beiden Aneroïden schien der +eine auf der Reise gelitten zu haben, wenigstens wich er stark von +dein Hypsometer ab, mit dem er, wie auch der andere, noch in Putus +Sibau gut übereingestimmt hatte. Die beiden anderen Barometer gaben, +mit Berücksichtigung der Temperatur, die Höhe von 740 m richtig an. + +Kaum hatten wir unsere Arbeit beendet, als auch der Kontrolleur mit +seinen Begleitern eintraf. Der steile und mühevolle Pfad hatte ihn +bis zum Erbrechen angestrengt, aber doch hatte er seinen Zug nicht +aufgeben wollen. Das prachtvolle Panorama des Kapuasgebirges, das +sich weithin ausdehnte, entschädigte ihn übrigens reichlich für die +ausgestandenen Strapazen. + +Nach Norden traf der Blick das Ober-Kapuas-Kettengebirge, das, von +dichten, ernsten Wäldern gänzlich überdeckt, mit seinen in Wolken +gehüllten Gipfeln einen beklemmenden, schwermütigen Eindruck auf den +Beschauer machte. Zu Füssen des Gebirges strömte mit allen seinen +Nebenflüssen der Bungan, auf dem wir uns so lange mühsam fortbewegt +hatten. Aus diesem Tal erhoben sich wie Kulissen die Ketten hinter +einander und stiegen erst schnell, dann immer allmählicher nach Norden +hin auf, bis ihre höchsten Spitzen, der Kaju Tutung und Kerihum, in +den Wolken verschwanden. Das eintönige dunkelgrüne Gewand, welches +das ganze Kettengebirge bis auf seine höchsten Erhebungen hinauf +umhüllte, machte in seiner stolzen Einfachheit, die weder durch +Abwechslung der Farbentöne noch durch eigenartige Felsformationen +belebt wurde, einen imposanten Eindruck. Tief unter uns schlängelten +sich die Täler des Bulit und Bungan als schmale Streifen nach Westen; +zwar waren auch sie mit dunklem Grün überdeckt, aber die steilen Wände +der sie einschliessenden Kalkberge hoben sich leuchtend weiss von der +Umgebung ab. Als einziges Zeichen menschlichen Lebens sahen wir ganz +in der Tiefe zwischen zwei Querkämmen eines hohen Bergrückens eine +feine Rauchwolke zwischen den Bäumen aufsteigen. Die Flüsse selbst +blieben unserem Auge gänzlich verborgen. + +Südlich des Bungan Tales erhoben sich nur zwei höhere Bergrücken, +der Tanah Kuban, dicht bei den "Gurung Delapan", und der Rücken, +von dem der Liang Tibab einen der höheren Gipfel bildet; dieser +stieg weiter nach Süden bis zu einer Höhe von 1100 m an. Zwischen +diesen beiden Bergrücken zog sich in leichten Windungen, nach Süden +immer breiter werdend, das Flusstal des Langau hin. Obgleich Punan +und Buschproduktensucher in diesem Gebiete umherstreiften, liess die +ununterbrochene Waldbedeckung deren Anwesenheit doch nicht ahnen. Im +Süden und Westen begrenzten zwei spitze Berge, der Sara und der +Hariwun, das Langau Gebiet, während im Hintergrunde zwischen diesen +beiden der Menakut aus dem Stromgebiet des Kréhau zum Vorschein kam. Am +südlichen Ufer des Kréhau, fern am Horizont, wurde das eigenartige +Müllergebirge mit seinen langgestreckten Tuff-Hochflächen sichtbar. + +Nach Süden hin benahm uns der ansteigende Rücken des Liang Tibab +die Aussicht; dagegen bot uns der freie Osten einen interessanten +Anblick. In der Mitte zahlreicher, waldbedeckter Kämme von viel +geringerer Höhe erhob sich im Süd-Osten der obeliskenförmige Pemeluan +bis zu 1300 m Höhe, während etwas östlicher der riesige Terata die +Landschaft beherrschte. Die Wände beider Berge waren viel zu steil, +um von der Vegetation bedeckt sein zu können, und bildeten daher mit +ihren weissen, grauen und braunen Farben einen schönen Gegensatz zu +dem schlichten Grün um ihren Fuss und Gipfel. Im Nord-Osten lag der +Lekudjang, längs welchem wir zum Mahakam ziehen mussten. Von unserem +Standpunkt aus hob sich der westliche, abgestürzte Teil der Kraterwand +dieses alten Vulkans von dem übrigen waldbedeckten Teil schön ab. Wegen +der vorgelagerten Gebirgskämme und des schmalen Raumes zwischen ihr +und dem nördlich gelegenen Kettengebirge, kam die Wasserscheide mit +dem Howong nicht klar zum Vorschein, aber doch schien es möglich, auf +ihr einen passenden Punkt zu finden, von dem aus man auf den Sara, +den Hariwung und irgend welche anderen Gipfel visieren und dadurch +Fixpunkte für unsere topographische Aufnahme des oberen Mahakamgebietes +gewinnen konnte. Der nördliche Abhang des Lekudjang war allerdings +steil, aber wir beschlossen doch, zu versuchen, den Berg von dieser +Seite aus zu besteigen, weil wir hierdurch eine Aussicht auf das +Gebiet des Howong und Mahakam gewinnen konnten. + +Der Wind wehte heftig auf unserem hohen Punkt und wir konnten uns auf +dem schmalen Platze nicht bewegen; ein längerer Aufenthalt auf der +Höhe erschien uns somit nicht verlockend und wir beeilten uns, trotz +der genussreichen Aussicht, wieder in die Tiefe zu gelangen. An den +steilen Abhängen des Kammes ging der Abstieg schnell von statten und im +Lager angekommen suchten wir, müde aber befriedigt, unsere Klambu auf. + +In den letzten Tagen hatten wir in unserer Nähe öfters Hunde bellen +gehört; augenscheinlich zogen ihre Eigentümer, die Bungan Dajak, +unter _Lakau_ um unser Lager herum und wagten nicht, sich bei uns +zu zeigen. Als sie sich endlich davon überzeugt hatten, dass wir +nicht kamen, um den an dem Malaien _Adam_ verübten Mord zu rächen, +wagten sich erst einige Männer heran und, als diesen nichts geschah, +auch mein Bekannter _Lakau_ mit seinen Töchtern, an die ich auf den +früheren Reisen bereits Arzneien verabreicht hatte. Die armen Leute +litten sehr an Nahrungsmangel, ich konnte ihnen aber keinen Reis, +nur Salz mitgeben. Nachdem sie ihren Hunger bei uns gestillt hatten, +baten sie um Arzneien. Die Häuptlingstöchter hatten wiederum dringend +Jodkali nötig; der Vorrat, den ich ihnen 1896 gegeben, hatte sie völlig +hergestellt, seit einigen Monaten waren die alten Leiden aber wiederum +zum Vorschein gekommen. Ich versprach einen neuen Vorrat Jodkali, +falls sie mir Flaschen bringen würden. Das versprachen sie für den +folgenden Tag, wo der ganze Stamm an uns vorüber ziehen sollte, um im +Gebiete des unteren Bulit nach Waldfrüchten zu suchen. Ein Malaie, +der mit den Bungan Dajak zusammenwohnte, schien den Reis minder gut +entbehren zu können, wenigstens brachte er ein uns sehr willkommenes +Huhn, um es gegen Reis auszutauschen. + +In der Tat zogen am anderen Morgen Männer, Frauen und Kinder, alle +beladen, am jenseitigen Ufer vorüber und warfen auf uns und unsere +Umgebung neugierige, scheue Blicke. Nur einige Männer wateten zu +uns herüber und erzählten, dass sie sich fürs erste in unserer Nähe +niederlassen wollten, um in der Umgegend Früchte zu suchen. Unsere +Malaien hatten bereits einige Male herrliche Früchte gefunden, +die Bungan kannten aber die Fruchtbäume dieser Wildnis, wie wir die +unserer Gärten kennen. Aus dem Bericht der Bungan ersahen wir, dass +man unsere Gegenwart nicht allzusehr fürchtete, und beschlossen daher, +unseren augenblicklichen Nachbarn einen Besuch abzustatten. Um ihnen +eine Freude zu machen, nahmen wir Glasperlen und Angelhaken als kleine +Geschenke mit. Unter _Tigang_s Führung gelangten wir nach einer halben +Stunde auf einem für uns Europäer nicht erkennbaren Pfade zu einer mit +wenig Gestrüpp bedeckten Lichtung im Walde. Einige sehr primitive nach +Art der Punan und Bukat gebaute Hütten standen hier neben einander. + +Eine schräge Wand, die aus ineinander geflochtenen Zweigen bestand +und mit Blättern gedeckt war, ruhte mit einem Ende unter einem +Winkel von 60° auf dem Erdboden, während das andere von Pfählen +gestützt wurde. Aus den gleichen, grossen, runden Baumblättern, mit +denen dieses Dach gedeckt war, bestanden auch die Seitenwände, welche +gegen Regen und allzu heftigen Wind Schutz bieten sollten. Die grösste +Hütte in der Mitte wurde von der Häuptlingsfamilie bewohnt. Sowohl in +dieser Hütte als auch in den übrigen hatte man den Boden mit dünnen, +neben einander ruhenden Baumstämmen belegt. Der Herd befand sich dem +Eingang gegenüber unter der schrägen Wand; er bestand nur aus einigen +Steinen, auf denen eiserne Kochtöpfe standen. Unter dem Herde hatte +man etwas Erde auf den Boden gestreut und über demselben ein Gestell +für Brennholz angebracht. + +Nach den Britschen zu urteilen, die je zu zweien an den Seitenwänden +standen, schliefen der Häuptling und seine Frau auf der einen und +ihre beiden Töchter auf der anderen Seite. Wo der Erdboden etwas +abschüssig war, ruhten die vorderen Enden der Balken des Fussbodens +auf einem starken Querbalken, so dass der Fussboden ein Stück weit +vor dem Dache hervorragte und eine kleine Plattform bildete, von der +aus ein frisch gefällter Baumstamm als Pfad zum Boden führte. Alle +Hütten waren nach dem gleichen Plan gebaut. + +Wir fanden nur wenige Bewohner im Lager; die meisten suchten in +der Umgegend nach Waldfrüchten; nur Kranke und sehr kleine Kinder +hatte man in den Hütten zurückgelassen. Die anwesenden Frauen litten +entweder an Malaria oder an luëtischen Ulcerationen und bereiteten +uns aus Scheu einen sehr kühlen Empfang, der auch, als wir unsere +kleinen Geschenke austeilten, nicht wärmer wurde. Während wir einige +Zeit zwischen den Hütten umhergingen, in der Hoffnung, dass man sich +an unsere Anwesenheit gewöhnen würde, traten einige ältere Frauen +und Kinder am jenseitigen Ufer aus dem Walde hervor; kaum merkten +sie aber, dass Besuch im Lager war, als sie schleunigst die hohe +Ufermauer wieder hinauf flüchteten. + +Da es durchaus nicht in unserer Absicht lag, diesen scheuen +Waldmenschen Schreck einzuflössen und ihnen unangenehm zu sein, +machten wir uns sogleich auf den Heimweg. Abends suchte ich den +ungünstigen Eindruck unseres Besuches zu verwischen, indem ich dem +Häuptling _Lakau_ ein Boot schenkte, das er sich für eine Fahrt nach +Putus Sibau sehnlichst gewünscht hatte. + +Die Bungan Dajak nehmen unter der Bevölkerung von Mittel-Borneo +eine eigenartige Stellung ein; sie bilden im Bungan Gebiete einen +Übergang von den echten Nomadenstämmen, wie den Punan und Bukat, zu den +sesshaften, Ackerbau treibenden Stämmen. Sie bauen hauptsächlich Reis +und süsse Erdäpfel, aber da der Ernteertrag infolge ihrer primitiven +Bearbeitung der Felder gering ist, sind sie gezwungen, diese nach der +Saat sich selbst zu überlassen, wodurch ein grosser Teil der Ernte den +Vögeln, Hirschen, Affen und Wildschweinen zum Opfer fällt. Sie selbst +müssen für ihren Unterhalt den Wald durchstreifen, nach Früchten, +wildem Sago und Wild suchend. Bei ihren Feldern bauen sich die Bungan +Häuser nach Art der ackerbauenden Stämme, nur weniger dauerhaft, +während ihres Nomadenlebens begnügen sie sich aber mit den primitiven +Hütten der im gleichen Gebiet lebenden Bukat. In ihrer Kleidung, +Tätowierung und Bewaffnung ähneln sie sowohl den Bahau als den Punan. + +Es fiel mir auf, dass ihre Männer besonders kräftig gebaut und gross +von Wuchs waren, einige erreichten eine Höhe von 1.75 bis 1.80 m; +die Frauen dagegen waren eher klein von Gestalt. Auch in Hautfarbe, +Haaren u.s.w. zeigen sie Verwandtschaft mit den Bahau und Punan. + +Am Abend des 15. September kehrten von unseren Trägern zuerst die +Ma-Suling mit dem Bericht zurück, man habe das Gepäck bis an den +Fuss des Bergrückens, der auf die Wasserscheide führte, gebracht und +dort die drei Malaien und zwei Bukat als Bewachung zurückgelassen; +ferner, _Akam Igau_ und die Seinen seien weiter an den Mahakam +gezogen. Da _Demmeni_ nun auch so weit war, dass er, mit einigen +Vorsichtsmassregeln gegen neue Strapazen, weiter ziehen konnte, legten +wir uns in der angenehmen Voraussicht, dass die langen, eintönigen +Tage nun ein Ende erreicht hatten, schlafen. Zwar regnete es viel +und der Bungan musste schwer zu passieren sein, aber dass dies doch +möglich war, bewies die Ankunft der übrigen Träger am folgenden Morgen. + +Unsere freudige Stimmung wurde leider bald gründlich gedämpft. Auf +meine Frage, wie viel Reis man bis an den oberen Betjai gebracht hatte, +erfuhr ich zu meinem grossen Schrecken, dass von dem ganzen grossen +Vorrat, den sie mitgenommen hatten, nur sechs Säcke übrig geblieben +waren und dass wir uns somit gänzlich auf den kleinen Rest, den wir bei +uns zurückbehalten hatten, angewiesen sahen. Eine Stunde lang kämpfte +ich mit mir selbst, um meine Entrüstung nicht zum Ausbruch kommen +zu lassen, denn in dieser kritischen Lage bedeutete eine schlechte +Stimmung der Kajan ein Missglücken des Zuges zum Mahakam. Trotz +all meiner ernsten Fürsorge vom Beginne an hatte ich nun doch nicht +genügend Proviant für mein Personal. + +Wie solche Mengen Reis hatten verschwinden können, darüber konnte oder +wagte man mir keinen Aufschluss zu geben. Die älteren Männer schoben +die Schuld auf die vielen _deha njam_ (= jungen Leute), welche, der +langen Reisen und der Sorge für die Zukunft nicht gewöhnt, unterwegs so +viel Reis verzehrt hätten; die anderen wiederum behaupteten, sie hätten +viel nass gewordenen Reis wegwerfen müssen. Trotz dieser Erklärungen +blieb mir die Sache rätselhaft, da ich nicht voraussetzen wollte, +dass sie den Reis für ihre Rückreise im Walde verborgen hatten. Eine +Erklärung der Tatsache konnte den Reis übrigens auch nicht wieder +herbeischaffen, und so rief ich denn die Häuptlinge zusammen, um mit +ihnen zu überlegen, was weiter zu tun sei. Durch die Sorglosigkeit +ihrer Untergebenen hatten wir nun nicht einmal für die Reise bis zum +Howong genügenden Proviant, trotzdem erhob keiner seine Stimme gegen +eine Fortsetzung des Zuges. Das war schon viel, denn die Häuptlinge +wussten sehr wohl, dass wir nun in Eilmärschen den Landweg zurücklegen +mussten, dass von Ruhetagen keine Rede sein konnte und vom Gepäck +auch nichts zurückbleiben durfte. Die Vertrautheit der Häuptlinge +mit der Umgegend eröffnete eine Aussicht, aus der schwierigen Lage +herauszukommen. Sie schlugen mir zuerst vor, den Bungan Dajak ein +Batatenfeld, das doch von Wildschweinen abgeerntet wurde, abzukaufen; +auch sollte ich ihnen an der Wasserscheide einen Tag frei geben, +da sie in der Umgegend einige Stellen kannten, an denen man wilden +Sago sammeln konnte; ausserdem wusste ich, dass meine Leute für den +äussersten Notfall alle _kertap_, den fein gestossenen Klebreis, +in ihren Tragkörben mitgenommen hatten. + +Eine andere Schwierigkeit bestand darin, dass wir uns auf der +Wasserscheide längere Zeit aufhalten mussten, um den zurückgelegten +Weg am Mahakam messen zu können. Das war unbedingt nötig, da sonst +die ganze topographische Aufnahme des Mahakamgebietes in Verbindung +mit derjenigen des Kapuasgebietes überhaupt nicht stattfinden konnte. + +Um so schnell als möglich von den Pnihing am Howong Hilfe zu erlangen, +erschien es mir am geratenster, das Prinzip des Zusammenbleibens der +Europäer und der meisten Malaien zunächst aufzugeben. Nach allgemeiner +Beratung wurde daher beschlossen, am folgenden Morgen gemeinschaftlich +aufzubrechen und an diesem Tage noch beisammen zu bleiben, um zu +sehen, ob alles gut ging, und vor allem, ob _Demmeni_ folgen konnte; +war dies der Fall, so sollte ich mit _Bier_ und einigen tüchtigen +Männern in Eilmärschen vorausziehen, während der Kontrolleur _Barth_ +mit _Demmeni_ dafür sorgen sollte, dass der Nachschub alles Gepäck +bis zur Wasserscheide brachte. Hierdurch hoffte ich zu erreichen, +dass, bis alle an die Wasserscheide gelangten, sowohl der Lekudjan +erstiegen als mit der Messung des Weges begonnen worden war. + +Trotz ihres guten Willens zur Weiterreise nahmen die Träger am anderen +Morgen nur zögernd unser Gepäck auf den Rücken; kindischer Weise +sahen sie sich um, ob die Leute des einen Dorfes nicht am Ende etwas +weniger zu tragen bekamen, als die eines anderen, auch kamen sie mit +den eigenen Dorfgenossen aneinander. Da unsere Malaien wenig Einfluss +auf die Kajan hatten, mussten der Kontrolleur und ich schliesslich +selbst alle Kisten, Reispacken, unsere Matratzen und Zeltdecken unter +sie verteilen und am Ende noch hier einen Kochtopf und dort eine +Lampe in den verschiedenen Tragkörben unterbringen lassen. Nachdem +alle gegessen hatten, begannen sie doch eifrigst ihre Tragkörbe in +Ordnung zu bringen. + +Alle Stämme im Innern von Borneo gebrauchen beim Tragen von Lasten +auf ungebahnten Wegen den _takin_, einen aus starkem, gespaltenem +Rotang geflochtenen und daher biegsamen Tragsack von viereckiger +Form. Die hintere Wand des Sackes besteht aus zwei Teilen und ist mit +Rotangschnüren versehen, so dass auch umfangreiche Gegenstände in den +Korb aufgenommen werden können, indem man die Klappen öffnet und die +Fracht an beiden Seitenwänden mittelst der Schnüre festbindet. Auf +diese Weise wurden auch die eisernen Köfferchen, in welchen ich die +meisten Tauschartikel und meine Kleider bewahrte, transportiert. Ein +grosser Vorteil bestand darin, dass die Koffer nicht wegen zu grosser +Länge oder Breite aus dem Korbe hervorragten, daher wurde ein Klettern +zwischen und unter Felsen und umgefallenen Baumstämmen nicht allzu +beschwerlich. Viel Mühe und Überredungskunst war stets erforderlich, +um lange, wenn auch leichte Gegenstände, wie Stative und Massstäbe +den Trägern aufzubürden. Um g Uhr war das Gepäck verteilt. Die +Kajan packten alles so praktisch als möglich zusammen und banden +schliesslich noch ihre eigenen Sachen an den Korb. Die _takin_ +werden mittelst zweier Rotangseile über der Schulter auf dem Rücken +getragen. Ist die Haut nicht ganz gesund, so leiden die Schultern bei +längeren Märschen stark und die Tragseile werden daher oft mit Zeug +umwunden. Diejenigen, die ihre dicken Kriegsjacken mitgenommen hatten, +zogen sie öfters an und setzten dann auch ihre schweren Kriegsmützen +aus Rotang auf. Das Schwert hängen alle an die Seite, und in den +freien Händen halten einige ihre Schilde, alle aber ihre Speere, +die ihnen auf beschwerlichen Pfaden einen ausgezeichneten Halt bieten. + +Das Abbrechen des Lagers bestand nur darin, dass die Kajan ihre +Schlafmatten zusammenfalteten und vorsichtig aufrollten, die Hütten +selbst blieben unversehrt zurück und werden wohl noch ein Jahr lang +Zeugnis von unserem Aufenthalt am Ufer des Bulit abgelegt haben. + +Ein Träger nach dem anderen verschwand auf dem ausgetretenen Pfade +im Walde, und nun wurde es auch für uns Zeit, an den Aufbruch zu +denken. _Demmeni_ war mit _Bier_ bereits vorausgegangen, um den +Weg langsam zurücklegen zu können; wir hatten bis zuletzt gewartet, +um uns davon zu überzeugen, dass nichts im Lager zurückgelassen wurde. + +Der Weg bis zum Bungan war nur 5 km lang und nicht steil und wurde +daher ohne Schwierigkeiten zurückgelegt. Von Bergen und Gestein sahen +wir, bis wir an das Ufer des Bungan gelangten, nichts. Hier fand ich +alle vereinigt. Der 60 m breite Fluss war seit dem vorigen Tage stark +angewachsen und man fürchtete, dass das Rotangkabel, das früher beim +Durchqueren des Flusses als Stütze gedient hatte, die schwer beladenen +Träger jetzt nicht würde halten können. Daher waren bereits einige +Männer in den Wald gegangen, um neuen Rotang zur Verstärkung zu suchen; +gleichzeitig befestigte man das eine Ende des Kabels doppelt stark +an den kräftigen Wurzeln der Uferbäume und sandte einen unbeladenen +jungen Mann an die andere Uferseite, um dort das Gleiche vorzunehmen. + +Einer nach dem anderen stieg darauf vorsichtig längs der +steinigen Uferwand zum Flussbett hinab, das gänzlich aus glatten, +rundgeschliffenen Felsblöcken von 1/4 bis zu 1 m Durchmesser bestand. + +Bereits bei stillstehendem Wasser musste das Gehen auf ihnen +beschwerlich sein. Jetzt wateten die Träger bis zur Brust in dem +brausenden Strom, erreichten aber doch, mit der einen Hand auf +den Speer gestützt, mit der anderen das Rotangseil festhaltend, +wohlbehalten das andere Ufer. Da nie mehr als zwei bis drei Träger +gleichzeitig sich am Seil festhalten durften, dauerte der Übergang +sehr lange, hatte aber den Vorteil, dass keiner der Männer fiel und +unser Gepäck auch nicht nass wurde. _Demmeni_, für den ein kaltes +Bad durchaus nicht wünschenswert war, nahm der kräftige _Jung_ +sogleich bereitwilligst auf den Rücken und brachte ihn glücklich, +nur mit nassen Füssen, an das andere Ufer. Jetzt kam die Reihe an uns +andere Europäer. Ich übergab meinen Revolver und mein Gewehr einem +Kajan und begann dann mutig den Kampf mit dem Wasser. Kaum war ich +20 m vom Ufer entfernt, als ich mich mit Erstaunen fragte, wie die +Kajan in diesem Chaos runder Blöcke unter Wasser einen Stützpunkt für +ihre Füsse hatten finden können. Augenscheinlich boten meine Kleider +der heftigen Strömung besonders viele Angriffspunkte, denn ich musste +mich mit beiden Händen am Rotang festklammern, um Stand zu halten. Sehr +bedächtig suchte ich für jeden Fuss einen Stützpunkt und war bisweilen +froh, wenn sich der Fuss zwischen zwei Steinen festklemmte, obwohl +ich ihn beim nächsten Schritt oft nur mit Mühe wieder befreien +konnte. Vorsichtshalber gingen ein Kajan vor und einer hinter mir, +ich kam aber doch noch ohne ihre Hilfe hinüber. Drüben tröstete ich +mich an dem Anblick, den _Barth_ und _Bier_ bei ihrem Durchzug boten. + +Nachdem alles heil herübergebracht worden, konnten wir endlich +weiter ziehen, waren aber doch froh, als wir nach einer Stunde eine +Gruppe Hütten erreichten, in welchen unsere Leute früher übernachtet +hatten. Ich beschloss, es für den ersten Tag genug sein zu lassen +und sah mit Vergnügen, dass _Demmeni_ sich gut gehalten und auch kein +Fieber bekommen hatte. + +Am folgenden Morgen wollte ich mit _Bier_ und den notwendigsten +Trägern vorausgehen, um noch den Lagerplatz mit unserem Gepäck an +der Wasserscheide zu erreichen; die Kajan meinten jedoch, dies sei +unmöglich. Erst regnete es und, als es etwas trockener wurde, schienen +nur wenige Lust zu einem Eilmarsch zu verspüren. Ich hatte aber _Jung_ +als Oberhaupt der Träger und als Führer gewählt und mit seiner Hilfe +brachte ich die Leute in Bewegung. So machte ich mich denn mit _Bier_, +4 Malaien, unter denen auch mein Diener _Midan_ war, und 6 Kajan auf +den Weg. + +Auf einem abscheulichen Pfade begegneten wir einigen unserer Träger, +die sich auf eigene Hand aufgemacht hatten. Sie gaben uns eine +Vorstellung davon, auf welche Weise schwer beladene Eingeborene +Wegstellen überwinden, die dem Europäer, auch unbelastet, der +Schwierigkeiten genug bieten. Vor unserer letzten Lagerstätte hatte +der Weg über einen Bergrücken geführt und war nicht besonders mühsam +gewesen, jetzt aber lief er einen steilen Abhang aufwärts, mit dem sich +ein Bergrücken, den wir seiner Höhe wegen nicht überschreiten konnten, +zum Bungantal hin abdachte. Wäre der Abhang nicht bewachsen gewesen, +wodurch der Ausblick auf den brausenden Strom in der Tiefe verdeckt +wurde und man unwillkürlich ein Gefühl der Sicherheit erhielt, so +hätten wir dem Pfade nicht folgen können. Man musste ständig auf und +nieder klettern, unter überhängenden Felsen hindurch, um abgestürzte +Baumstämme herum kriechen und hatte über dem gähnenden Abgrund nie +mehr als ein paar Fuss Raum zur Verfügung. Auf derartigen Pfaden +kommen den Eingeborenen ihre beweglichen, kräftigen Zehen, mit denen +sie sich in dem weichen Boden festklammern, und ihr geschmeidiger +Körper zu Gute. Sie legten auch nur bei solchen Spalten ihre +Last ab, die entschieden zu schmal waren, um mitsamt der Packung +hindurchzuschlüpfen. Nach kurzer Zeit sahen wir sämmtliche Träger +hinter uns und hatten jetzt nur selbst darauf bedacht zu sein, uns +durchzuschlagen. Den ganzen Morgen über behielt der Weg den gleichen +Charakter und erst an der Mündung des Léja veränderte sich das Bild. + +Hier lagen die verlassenen Hütten der Bungan Dajak unterhalb eines +prachtvollen Wasserfalles, über den sie als Brücke einen Baumriesen +hatten fallen lassen. Die zwei Felsen, die den Fall senkrecht zu beiden +Seiten einschlossen, waren 25 m von einander entfernt und obwohl der +hellgraue, glatte Stamm gewiss 40 in über dem brausenden Wasser lag, +hatte man es für überflüssig gehalten, den Stamm mit einem Geländer +zu versehen. + +Die verlassenen Hütten machten die Wildheit und Einsamkeit der Umgebung +doppelt fühlbar, und so eilten wir nach kurzer Rast von hier fort, +den neuen Reisfeldern der Bungan zu, die nach _Jung_ nicht mehr weit +entfernt waren und uns eine freie Fläche bieten sollten. + +Die Steilheit der Bergwand nahm allmählich ab und der Pfad längs +dem Fluss wurde gangbarer. Wir passierten noch einen der mächtigen +Wasserfälle, von denen wir bereits fünf an diesem Morgen begegnet +waren, und dann lag plötzlich an der Mündung des Léja eine fast ebene +Fläche vor uns, auf welcher die Bungan den Wald gefällt und Reisfelder +angelegt hatten. + +Die freie Fläche und der warme, heitere Sonnenschein machten nach den +vielen Tagen, die wir in den feuchtkalten Wäldern in der Tiefe der +Talgründe zugebracht hatten, einen wahrhaft erquickenden Eindruck. Wie +verlockend war es, sich am Waldesrande niederzulegen und sich in den +Anblick des lieblichen Bildes zu versenken. Wir hatten aber einen noch +zu weiten Weg zurückzulegen, um uns diesen Genuss gönnen zu können, +und so wartete ich denn mit _Jung_, der allein meinem schnellen Schritt +zu folgen im stande gewesen war, die Ankunft von _Bier_ und den Trägern +ab, um uns nach dem besten Pfad über diese Felder zu erkundigen. + +Nach einigem Zögern behauptete einer der Kajan, dass wir längs +des Flussufers am bequemsten weiter kommen würden, und sogleich +machte ich mich auf den Weg. Der Mann hatte sicher nicht gewusst, +was er sagen sollte; denn gerade dieser Teil der Felder war kaum zu +überschreiten. Wie die Bahaustämme im allgemeinen, hatten auch die +Bungan nur einen kleinen Teil des gefällten Holzes verbrennen können, +aber, entweder aus Nachlässigkeit oder wegen zu grosser Feuchtigkeit, +war auch viel kleines Holz, Zweige und niedere Sträucher, unverbrannt +geblieben. Viele der gefallenen Baumriesen versperrten mit einem +Wald halb verkohlter Äste den Weg, was bei anderen Stämmen nie +vorkommt. Alle Bäume waren längs des Abhanges mit ihren Kronen zum +Ufer hin gefallen, so dass wir über jene hinweg oder unter ihnen +hindurch klettern mussten; die verkohlte Baumrinde erleichterte uns +einigermassen die Arbeit. Lagen zu viel Bäume über einander oder +waren die Stämme zu dick, so mussten wir uns durch ihr dichtes +Gezweige hindurcharbeiten und noch dazu auf freiem Felde in der +heissen Mittagssonne, nachdem wir wochen lang im kühlen Walde gelebt +hatten. Der etwas vollblütige _Bier_ kam daher ziemlich erschöpft +auf der anderen Seite der Felder an und sehnte sich nach Ruhe und +Erfrischung in einer Kajanhütte. + +Leider fanden wir hier nichts anderes als Wasser und einen Baumstamm, +um darauf zu sitzen, bis unsere Träger ankamen und einen verborgenen +Vorrat Bataten hervorholten. Sogleich machten sie sich daran, die +Bataten in einem Topf gar zu kochen, aber vor Hunger ass jeder von uns +eine Knolle roh auf. Die Träger waren nicht minder ermüdet als wir, +sie waren aber von den Hütten der Bungan an über dem Bergrücken hoch +über der Ladang einem viel besseren Wege gefolgt. + +Obgleich es erst Mittag war, behaupteten die Leute doch, an dem Tage +nicht mehr weiter zu können; augenscheinlich hatten sie überlegt, dass +die folgenden von ihnen gebauten Hütten sehr hoch am Betjai lagen und +dass sie diese doch nicht mehr erreichen konnten. Auch die malaiischen +Schutzsoldaten und mein Junge _Midan_, die alle an ihrem Gepäck zu +tragen hatten, erklärten, vor Ermüdung nicht weiter gehen zu können. + +Bei dem herrschenden Nahrungsmangel bedeutete aber ein Aufenthalt +ein Aufgeben der ganzen topographischen Aufnahme und so musste ich +denn trotz allem versuchen, mit _Bier_ weiter zu kommen. Dieser war +zwar sehr ermüdet, wollte aber, als erprobter Topograph und weil +es sich um sein Amt handelte, doch nicht zurückbleiben. _Jung_ war, +wie immer, zu allem bereit und nahm die topographischen Instrumente, +den Theodolit und die kleinen Massstäbe auf seine Rechnung; sein +Bruder belud sich mit meinem Bettzeug und einem Dreifuss, und zwei +andere kräftige junge Leute trugen das Bettzeug von _Bier_ und die +notwendigsten Nahrungsmittel, und so machten wir sechs uns auf den Weg. + +Als man uns im letzten Augenblick noch einige heisse Bataten zu +verspeisen gab, wurden in der Ferne die ersten schwer beladenen Träger +sichtbar. Ich fürchtete jedoch, sie könnten meine Getreuen wankend +machen, brach daher eiligst auf und begann mit steifen Beinen weiter +zu marschieren. Zum Glück wanderten wir jetzt längs des Léja durch +ein Längstal, das zwar nicht so wild romantisch war wie das Quertal +des Bungan, dafür aber viel breiter und ebener; auch folgten wir +einem für diese Gegenden guten Pfade. + +Das Strauchwerk benahm uns nicht gänzlich das Sonnenlicht, daher +konnten wir uns in unseren nassen Kleidern, in denen es uns während der +Rast gefröstelt hatte, etwas erwärmen. Nach 3/4 Stunden verliess der +Pfad den Léja und führte uns dessen Nebenfluss, den Betjai, aufwärts, +der uns in östlicher Richtung direkt zur Wasserscheide bringen +sollte. Der Pfad lief hier wieder durch den Wald, verursachte uns aber +keine Schwierigkeiten, nur mussten wir öfters die Uferseiten wechseln +und daher den nur 20 m breiten, wenig tiefen Fluss durchqueren; +bisweilen wateten wir auch 100 m weit im Flussbette selbst. Das Wasser +reichte zwar nur bis an die Kniee, war aber sehr kalt, so dass wir +wiederum fröstelten; zudem war der Grund auch hier ganz mit glattem, +rundem Geröll bedeckt und nötigte bei der heftigen Strömung auch +den mit einem Stocke versehenen zu vorsichtigem Gehen. Treu blieben +unsere Wachthunde uns zur Seite; war das Wasser tief, so schwammen +sie, war die Strömung zu heftig, so liefen sie am Ufer entlang. Auf +solchen Expeditionen waren sie stets viel zu müde, um mit einander +zu kämpfen, was sie sonst mit Vorliebe taten, auch wagten sie es, +aus Furcht vor der neuen Umgebung, nicht, sich von uns zu entfernen. + +Eine Stunde nach der anderen verging, während welcher wir im Wasser +gegen Strömung und Geröll und auf dem Lande gegen Baumwurzeln und +Felsblöcke ankämpften. Jeder Schritt verlangte so viel Aufmerksamkeit, +dass wir für unsere Umgebung kein Auge hatten. Begreiflicher +Weise wurde auch kein Wort unnütz gesprochen. Da wir über den noch +zurückzulegenden Weg unsicher waren, begann unsere Lage gegen drei +Uhr, unserer grossen Ermüdung wegen, kritisch zu werden. Indem ich +mit _Jung_ stets voran marschierte, schleppte ich die anderen mit; +um 1/2 4 Uhr musste ich jedoch Halt machen, da _Bier_ vor Erschöpfung +am Flussufer niedergefallen war. Er erklärte zwar, dass etwas Ruhe und +Nahrung ihn bald wieder herstellen würden; aber es war mir doch eine +grosse Beruhigung, als der hinterste Träger erklärte, die gesuchten +Hütten seien ganz in der Nähe. _Jungs_ Bruder brachte aus seinem +Tragkorbe _kertap_ zum Vorschein und reichte ihn mit Wasser dem +Erschöpften als Magenstärkung. Nun merkten _Jung_ und ich, dass auch +wir eine Erfrischung sehr nötig hatten, setzten uns daher auf eine +Sandbank im Flusse und teilten brüderlich den übrigen _kertap_. Die +Rast gab auch mir den letzten Stoss; nur mit Mühe schleppte ich mich +die 300 m bis zu den Hütten weiter und legte mich dort auf einer zum +Lagerplatz für die Nacht bestimmten Bank nieder. + +Auch jetzt wieder kam uns unsere Gewohnheit, zwischen unserer +Matratze stets einen Reserveanzug einzupacken, sehr zu statten. Als +wir unsere durch und durch nassen und von der Kletterei über +halb verkohlte Baumstämme geschwärzten Kleider gegen trockene +vertauschten, durchzog uns das erste Gefühl von Wohlbehagen. Die +Kajan zündeten schnell ein Feuer an und kochten Wasser, das uns, +mit etwas kondensierter Milch vermischt, einen herrlichen, heissen +Trank lieferte. Bei unserer Übermüdung waren wir aber nicht im stande, +von dem primitiv zubereiteten Reis etwas zu geniessen. So war es uns +eine angenehme Überraschung, als einer der Kajan mit einer unserer +Konservenkisten ankam, die er ganz in der Nähe im Walde gefunden +hatte. Einer der Träger musste die Kiste dort niedergelegt haben, +statt sie, wie es seine Pflicht war, bis zu dem Proviantlager weiter +oben zu bringen. Durch seine Nachlässigkeit waren wir nun in den Besitz +verschiedener Konservenbüchsen gelangt, deren Inhalt auch bald unseren +Appetit wieder belebte. Unsere Hunde waren jedoch so müde, dass sie die +Reste, für sie aussergewöhnliche Leckerbissen, nicht einmal anrührten; +sie waren nicht dazu zu bewegen, ihren Platz hinter unseren Klambu +zu verlassen und schliefen jetzt friedlich neben einander, während +sie sich für gewöhnlich immer den besten Platz streitig machten. Wir +Europäer waren übrigens auch zu nichts mehr aufgelegt, gingen bei +Sonnenuntergang schlafen und erwachten erst als es heller Tag war. + +Nach der Aussage unserer Kajan war es bis zum Stapelplatz unseres +Gepäckes nicht mehr weit, daher eilten wir auch nicht mit dem Aufbruch. + +Gleich nachdem wir gespeist hatten, erschienen zu unserer grossen +Verwunderung mein Diener _Midan_ und einige Malaien. Sie hatten +es nämlich doch nicht über sich gebracht, uns gänzlich im Stich zu +lassen und waren uns, nachdem sie sich etwas erholt hatten, doch noch +am vorigen Tage ohne die Kajan gefolgt. Bevor sie uns aber einholen +konnten, war die Dunkelheit eingebrochen und sie hatten unter höchst +mangelhafter Bedeckung die Nacht im Walde zubringen müssen. Sie hatten +aber trotz ihrer Ermüdung aus Verdruss darüber, dass sie uns nun doch +allein gelassen hatten, und aus Angst vor Kopfjägern nicht schlafen +können, waren bei Morgendämmerung bereits aufgebrochen und daher so +früh bei uns eingetroffen. Nun fingen wir gemeinsam die Wanderung +durch den Fluss an und bereits nach zwei Stunden begegneten wir erst +einem Hund, dann einem kleinen Knaben und schliesslich unserem Korporal +_Suka_ selbst, der sich eben auf den Fischfang begab. Der kleine Knabe +war ein Bukat, dessen Familie mit uns zum Howong ziehen wollte. Der +pater familias war mit _Akam Igau_ bereits vorausgegangen, um ihm als +Führer zu dienen und ihn bei den Pnihing von _Amun Lirung_ einzuführen. + +Es stellte sich heraus, dass aller Proviant, mit Ausnahme des +Reises, gut angekommen war. Von den mehr als 50 Packen Reis, die ich +vorausgesandt hatte, waren zum Glück 11 statt nur 6, wie man mir +früher berichtet hatte, angekommen. Wir beschlossen nun, hier auf +die Ankunft unserer Träger zu warten und uns für diesen Tag Ruhe zu +gönnen. Da unser Lagerplatz auf einer Höhe von 500 m lag und stark +beschattet war, kam uns die Temperatur sehr niedrig vor; eine wollene +Decke in unseren Klambu war daher sehr angenehm. Immerhin zeigte das +Flusswasser noch eine Temperatur von + 20° C. + + + + +KAPITEL XII. + + Auf der Wasserscheide zwischen Kapuri und Mahakam--Opfer + der Kajan--Längs des Howong zu den Pnihing--_Amun + Lirung_--Nahrungsmangel und Schwierigkeiten mit dem Transport + des Gepäckes--_Kwing Irang_--Löhnung der Träger--Besuch bei den + Bukat--Reise zu _Belarè_--Einkauf von Böten am Tjehan--Fahrt zu + _Kwing Irang_ am Blu-u. + + +Im Laufe des Tages kamen genügend viele Träger an, um unser +notwendigstes Gepäck über die Wasserscheide zu befördern. Sie brachten +auch gute Nachrichten von _Barth_ und _Demmeni_, die uns langsam +folgten. Ich merkte bald, dass die Träger diesmal selbst Eile hatten +mit dem Transport- die Bataten der Bungan und der eigene _kertap_ +ernährten sie nur kümmerlich, auch fürchteten sie das Schlimmste für +die nächsten Tage. + +Der zur Wasserscheide führende Bergrücken lief steil aufwärts, +aber der Pfad schien viel benützt zu sein, denn er war nicht mit +Rotang und Gestrüpp verwachsen. Auf halber Höhe hörten wir rechts +von uns den Ruf eines _hisit_, was meinem Geleite und daher auch +mir eine grosse Beruhigung gewährte, da wir nun das Mahakamgebiet +unter günstigen Vorzeichen betraten. Etwas weiter aufwärts bemerkten +wir Opferpfähle, die _Akam Igau_ und seine Begleiter hier mit der +Spitze zum Kapuasgebiet aufgerichtet hatten, um die bösen Geister +zu verhindern, sie weiter an den Mahakam zu begleiten. Obwohl die +Vegetation zu beiden Seiten des Bergrückens sehr üppig war, kamen +doch ab und zu zwischen dem dichten Grün die benachbarten Berge zum +Vorschein; rechts von uns tauchte der gesuchte Lekudjang auf. Zuletzt +führte der Pfad wieder durch undurchdringlichen Wald, und bei der +starken Steigung hatten wir auch nicht viel Lust, uns weiter Umzusehen. + +Nach zwei Stunden veränderte sich das Bild gänzlich; wir zogen +mitten über einen Morast, der nach Aussage der Träger auf der Höhe +der Wasserscheide selbst lag. Da unser Geleite hier ein Opfer zu +bringen verpflichtet war, mussten wir Halt machen und unser Lager +aufschlagen. Der Wind wehte aber auf dieser Passhöhe so heftig, dass +ich es für geratener hielt, die Zelte ungefähr 50 m weiter unten, +jenseits der Höhe, aufrichten zu lassen. Sehr einladend sah es auch +dort nicht aus: in der engen Schlucht des Howong stiegen zu beiden +Seiten dicht bewachsene, steile Wände auf und ein eisiger Wind blies +durch die schmale Spalte. Infolge der vielen Regenfälle triefte die +ganze Umgebung vor Nässe; um 6 Uhr morgens zeigte das Thermometer nur + +18.5° C und um 12 Uhr mittags + 21° C; einen schlechteren Lagerplatz +hatten wir seit Jahren nicht gehabt. + +Unsere Träger schlugen in aller Hast die Zelte auf und eilten dann +wieder zum alten Lagerplatz zurück, um so schnell als möglich alles +Gepäck auf die Mahakamseite zu schaffen. Nur einige Kajan blieben unter +_Obet Lata_ bei uns zurück, um uns bei der Besteigung des Lekudjang +zu helfen, die wir sogleich vornehmen wollten. Wir hofften von diesem +Berg aus einen Überblick über das Gebiet des Howong und Mahakam zu +erhalten und auf der Wasserscheide einen geeigneten Punkt zu finden, +von dem aus _Bier_ seine Messungen beginnen konnte. + +Einem schmalen Kamm auf der linken Seite des Morasts folgend gelangten +wir zu einem Punkt, von dem aus einige spitze Gipfel im Kapuasgebiet +sichtbar waren. Plötzlich war uns aber der Pfad durch eine steile +Wand des Lekudjang abgeschlossen und wir mussten uns nach einer Stelle +umsehen, von der aus der Aufstieg möglich war. Obgleich die Steigung +durchschnittlich 40° betrug und wir uns auf einer Schutthalde befanden, +boten uns doch die wilden Sagopalmen, die hier wuchsen, genügende +Stützpunkte, so dass wir uns leidlich fortbewegen konnten. Erschwert +wurde die Kletterei durch den Rotang, der uns mit seinen Dornen und +Widerhaken auf alle erdenkliche Weise festhielt; auch wurde uns an +dieser offenen, der Sonne ausgesetzten Bergwand die Hitze lästig. Nach +zwei Stunden war an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken; denn wir +befanden uns vor einer senkrechten Wand, deren Höhe wir wegen der +überhängenden grünen Massen nicht schätzen konnten. Umgehen konnten +wir die Wand nicht, weil der Bergrücken, auf dem wir uns befanden, +an beiden Seiten steil abfiel. Um nach Norden und Osten Aussicht zu +gewinnen, liessen wir einige Bäumchen umhacken, deren Stämme zugleich +als Stützen für den Theodolit dienten, mit dem _Bier_ einige Peilungen +im Mahakamgebiet vornehmen wollte. Wir befanden uns auf 950 m Höhe, +direkt gegenüber dem Ober-Kapuas-Kettengebirge, dessen zwei Erhebungen, +Tipung und Dadjang, dicht vor uns lagen. Die Bergkette setzte sich, +soweit wir sie nach Osten verfolgen konnten, im Gebiete des oberen +Mahakam weiter fort und schien an Höhe immer mehr zuzunehmen. Der +Mahakam hat sich in nord-östlicher Richtung in diese Kette sein +Bett gegraben. Die zu beiden Seiten des Mahakamtales hinter einander +aufsteigenden Bergrücken boten einen prachtvollen Anblick. Der Abstand +war aber zu gross und die Luft zu undurchsichtig, um in dem Panorama +irgend welche Einzelheiten wahrnehmen zu können. Der Howong schlängelte +sich durch ein Hügelland, das in dem alles bedeckenden dunklen Grün hie +und da hellere Töne zeigte, die von älteren und jüngeren Reisfeldern +der Pnihing, welche hier seit langen Jahren wohnten, herrührten. Nach +Westen und Süden benahm uns der Lekudjang jede Aussicht. + +Auf dem Rückwege sahen wir uns nach einem Punkt um, von dem aus _Bier_ +auch einige Bergspitzen im Westen anvisieren konnte. + +In unserem Lager angekommen fanden wir bereits einen grossen Teil +unseres Gepäckes vor, aber _Barth_ und _Demmeni_ hielten sich immer +noch im Lager am Betjai auf, das sie nicht verlassen wollten, bevor +alles Gepäck abgeholt worden war. + +_Tigang Aging_, der sich in _Akam Igaus_ Abwesenheit als Herr und +Meister aufspielte, wollte bereits am anderen Tage den Geistern auf +der Wasserscheide opfern (_napo_) lassen, aber bevor alle und alles +im Lager beisammen waren, konnte davon keine Rede sein. So machten +sich anderen Tages alle Träger und Malaien mit _Tigang_ wieder auf +den Weg zum alten Lager. Beinahe alle Männer brachten mit grosser +Kraftanspannung an diesem Tage zwei Mal eine Fracht nach oben; trotzdem +blieb aber immer noch ein Rest im Lager am Betjai zurück. Da _Demmeni_ +sich von der Reise etwas ermüdet, im übrigen aber wohl fühlte, blieb +er noch unten, während der Kontrolleur bei uns im Lager eintraf. + +Trotz der grössten Sparsamkeit begann der Reismangel so fühlbar zu +werden, dass wir abends berieten, was weiter zu tun sei. Dass _Bier_ +mit seiner Aufnahme begann, war dringend notwendig, daher wurden ihm +drei Malaien und drei Kajan mit einer genügenden Menge Reis zugeteilt, +um am folgenden Morgen die Messungen anfangen und den Weg selbständig +bis an den Mahakam fortsetzen zu können. _Barth_ sollte mit _Demmeni_ +wiederum für den Gütertransport sorgen und ich mit den notwendigsten +Trägern vorausgehen und bei _Amun Lirung_, dem Pnihinghäuptling weiter +unten am Howong, Proviant und Hilfe für unsere Leute suchen. + +Um den Rest unseres Gepäckes abholen und dann opfern zu können, +hauptsächlich aber, um im Walde nach Nahrungsmitteln suchen zu lassen, +musste ich noch einen Tag in unserem nasskalten Lager verbringen. Alle +Männer, die nicht beim Tragen halfen, schickte ich in den Wald, +um _owur nanga_ (Palmkohl = junge Sprosse von Eugeisonia tristis) +und wenn möglich auch Sago aus dem Stamm der Palme zu sammeln. Leider +fanden die Leute zwar viel _owur_ aber nur sehr wenig Sago, so dass +der erste Hunger zwar gestillt wurde, eine kräftigere Nahrung aber +immer noch fehlte. + +Abends fand das Opferfest statt; alle kleideten sich etwas sorgfältiger +als gewöhnlich an, legten sich ihr Schwert um und begaben sich mit +einigen Eiern, die stets auf grösseren Expeditionen zu diesem Zwecke +mitgenommen werden, auf die Wasserscheide; dort pflanzten sie Stöcke +in den Boden, spalteten deren Spitzen in 4 Teile und klemmten die +Eier als Opfergabe für die Geister der Wasserscheide hinein. + +Da _Tigang_ viel redete, aber mit seinen Leuten weniger gut als _Jung_, +der selbst mitarbeitete, umzugehen verstand, teilte ich ihm mit, +dass ich seine Hilfe bei _Amun Lirung_, dem Pnihinghäuptling, nötig +hätte. Obgleich ihm der grosse Marsch nicht verlockend erschien, +fühlte er sich in seiner Eitelkeit dadurch doch so geschmeichelt, +dass er _Jung_ gern sein Amt, die Überwachung des Gütertransportes, +überliess, und so machten wir uns bereits früh Morgens mit 8 Mann und +einem Bukat, _Udjan_, als Führer auf den Weg. Wie immer, ging ich, +um mein Geleite zur Eile anzuspornen, voraus, schlug aber einen +falschen Pfad ein, so dass die Träger bereits ein gutes Stück auf +dem richtigen Wege weitergegangen waren, bevor ich mit _Tigang_ +mein Versehen bemerkte. Hoch über einem steilen Abhang holte ich +die Träger ein. Die Eingeborenen nannten den Platz "_labu aso_", +d.h. Platz, an dem die Hunde stürzen. Ein halb verfaulter Baumstumpf +wurde mir als Überrest eines Baumes gezeigt, auf den _Georg Müller_ +1825 mit den Punan um die Wette geschossen hatte; seine Flinte hatte +über ihre Blasrohre den Sieg davon getragen. + +Von dieser Stelle an fiel der Pfad so steil ab, dass man bis in das +Tal hinunter mehr gleiten als gehen musste. Im Tal lagen grosse +Mengen scharfkantigen Gesteins, das sich durch seine leuchtende +Weisse lebhaft von der dunkelgrünen Umgebung abhob; es waren die +Reste einer Goldmine, welche die Pnihing hier früher angelegt, jetzt +aber verlassen hatten. Der Howong hatte so viel von diesem Gestein +mitgeführt, dass es noch in einer Entfernung von vielen Kilometern im +Flussbette Bänke bildete. Für unsere beschuhten Füsse war das Gehen +auf den spitzen Steinen angenehmer als auf dem runden Geschiebe des +Betjai; unsere barfüssigen Träger dachten allerdings anders und waren +froh, als wir weiter unten im Flussbett wieder die gewöhnlichen, +runden Geröllsteine antrafen. + +Bereits bei Beginn unserer Wanderung war unser Führer _Udjan_ sehr +schweigsam gewesen und hatte uns weder über den Weg noch über die +Möglichkeit, noch am gleichen Tage die Niederlassung der Pnihing zu +erreichen, viel mitgeteilt. Er hatte in den letzten Tagen an Fieber +gelitten; jetzt blieb er ständig zurück und klagte über unseren +schnellen Gang. Als er endlich merkte, dass Eile dringend notwendig +war, raffte er sich auf. Mittags erreichten wir das Nebenflüsschen, +das _Udjan_ uns als geeigneten Platz zum Übernachten angegeben +hatte; unter den gegenwärtigen Umständen konnte davon aber keine +Rede sein. Zwar wartete ich hier alle meine zurückgebliebenen Träger +ab, erklärte diesen aber sogleich, dass ich in der Hoffnung, das +Pnihinghaus zu erreichen, bis zum Einbruch der Nacht den Marsch +fortsetzen wolle; vom Lekudjang, aus gesehen, war mir nämlich der +Abstand nicht sehr gross vorgekommen. Meine Erklärung wurde von allen, +hauptsächlich von _Tigang_, mit verdrossener Miene aufgenommen Ich +machte jedoch _Tigang_ darauf aufmerksam, dass ihm jetzt, wo er +mich zum ersten Mal begleitete, sein Ehrgefühl gebieten müsse, nicht +zurückzubleiben. Das sah er auch ein und zeigte sich zum Weitergehen +bereit. Noch einige Stunden ging es im Bette des Howong abwärts, +dann trafen wir auf frühere Reisfelder, die wir, um grosse Windungen +des Flusses abzuschneiden, durchquerten. + +Gegen 3 Uhr erreichten wir die neuen Reisfelder der Pnihing. Die freie +Aussicht, die wir hier wieder einmal genossen, und die Gewissheit, +in der Nähe menschlicher Wohnungen zu sein, die wir seit 40 Tagen +nicht gesehen hatten, belebten meine Kräfte. Um 4 Uhr befand ich mich +endlich mit _Udjan_ und einem Malaien vor dem eingekerbten Baumstamm, +der als Treppe zum hohen Pnihinghause hinaufführte; es kostete mich +aber einige Mühe, meine erschlafften Glieder noch diese letzten 4 Meter +hinaufzubefördern. Zwei Stunden darauf langten auch meine Träger an. + +Das Haus erschien fast leer; auf der Galerie befanden sich nur +eine alte Frau und ein Kind, die mit Erstaunen den ersten Weissen +betrachteten, der sich bei ihnen zeigte. _Amun Lirung_ (= Vater von +_Lirung_) kam mir aber sogleich vor seiner Wohnung entgegen. Er schien +sich bereits über die Begrüssungsform der Weissen unterrichtet zu +haben, denn er reichte mir die Hand; auch erzählte er, dass beinahe +niemand im Hause anwesend war, da fast alle Familien augenblicklich +auf den Reisfeldern wohnten. Hierauf verschwand er eiligst in +seiner Wohnung, aus der er sehr bald mit einer Sklavin und einigen +Rotangmatten wieder zum Vorschein kam. Die Matten breitete er für +mich und mein Gepäck auf dem Boden der Galerie aus. Nachdem wir +uns niedergelassen hatten, begann die Unterhaltung. Mein Gastherr +zeigte sich als lebhafte, gesprächige Natur, machte mir aber im +übrigen einen so wenig vertrauenerweckenden Eindruck, dass ich mir die +Geringschätzung, mit der die weiter unten am Flusse wohnenden Pnihing- +und Kajanhäuptlinge mir auf meiner vorigen Reise von ihm gesprochen +hatten, sehr wohl erklären konnte. Seine Frau _Hinan Lirung_ ( = Mutter +von _Lirung_) blieb vorläufig noch verborgen, ich suchte sie aber, +auf Anraten _Tigang_s, später in ihrem Wohngemache auf. Sie empfand +über unsere Ankunft weder Angst noch Unwillen, sondern schien ganz +von den Vorbereitungen für unseren Empfang in Anspruch genommen zu +sein. Bei meinem Eintritt kniete sie gerade vor einem grossen Topf +mit Reis und Bataten. Sie hatte mit ihrer Fürsorge das Richtige +für unseren Empfang getroffen und besass, wie ich später bemerkte, +in der ganzen Häuptlingsfamilie am meisten Verstand, den sie auch in +wichtigen Angelegenheiten des Stammes gut zu gebrauchen wusste. Meinem +Diener übergab sie für mich eine Portion Reis und ein Ei und versprach +auch etwas Früchte. + +Als ich draussen auf der Galerie an die Aussenwand gelehnt in dem +herrlichen Gefühl sass, wieder ein festes Dach über mir und einen +trockenen, ebenen Boden unter mir zu haben, bemerkte ich einige +Malaien, die von der Mahakamseite aus den Howong durchwateten und +bald darauf vor uns erschienen. Sie erzählten, dass _Kwing Irang_, +der Kajanhäuptling vom Blu-u, der mir bis an die Mündung des Howong +entgegen gereist war, sie auf Kundschaft zu _Amun Lirung_ gesandt habe, +um zu erfahren, ob wir bereits eingetroffen seien. + +_Akam Igau_ hatte seine Sendung, wie es sich zeigte, gewissenhaft +erfüllt; er hatte sich zuerst zu dem wichtigsten Pnihinghäuptling, +_Belarè_, begeben, dann weiter flussabwärts _Kwing Irang_ am +Blu-u aufgesucht und war schliesslich noch weiter zu _Bo Léa_, +dem Häuptling der Long-Glat, gegangen; alle drei Niederlassungen +hatte er auf unsere Ankunft und unsere Absichten vorbereitet. Seine +Aufforderung, uns baldmöglichst Hilfe zu senden, hatte grossen +Eindruck gemacht, denn _Kwing Irang_ war sogleich mit vielen Böten +den Mahakam hinaufgefahren, unglücklicher Weise ohne vorher eine +für längere Zeit ausreichende Menge Reis zu beschaffen. Sie hatten +Tage lang mit Hochwasser kämpfen und jetzt sogar einen Tag warten +müssen und wären, wenn ich nicht gekommen wäre, aus Reismangel wieder +umgekehrt, was für unsere Expedition, bei der herrschenden Nahrungsnot, +sehr verhängnisvoll hätte sein können. Die Malaien berichteten, dass +nach _Kwing Irangs_ Beispiel auch _Belarè_ und andere Pnihing mir +entgegengefahren seien. Sehr beruhigend wirkte auf mich die Nachricht, +dass sich die Batang-Lupar Banden auf Befehl des Radja von Serawak aus +dem Gebiet des oberen Mahakam zurückgezogen hatten. Halb ausgeruht und +ermuntert durch die guten Nachrichten raffte ich mich nach Ankunft der +Träger auf, nahm ein erfrischendes Bad und wechselte meine Kleidung. + +Obgleich diese Niederlassung der Pnihing nur 20 Familien umfasste, die +ihren Reisvorrat beinahe gänzlich verbraucht hatten, bewirtete _Hinan +Lirung_ meine Leute doch mit Reis und Bataten; ich selbst genoss zum +Reis noch das Ei und würzte es mit dem Salz, das ich mitgenommen hatte +und von dem ich meiner Wirtin sogleich als Gegengeschenk einen Teil +anbot. _Amun Lirung_ forderte mich auf, die Nacht sicherheitshalber +in seiner _amin_ zu verbringen und, sobald sich die Unruhe dort etwas +gelegt hatte, verschwand ich in meinem Klambu. + +Am 25. September erwachte ich mit dem angenehmen Bewusstsein, keinen +Marsch mehr unternehmen zu müssen. Die Pnihing zogen dem Kontrolleur +zu Hilfe und kehrten abends jeder mit einer schweren Kiste beladen +zurück. An den folgenden Tagen konnte ich sie aber auch gegen gute +Belohnung nicht dazu bewegen, den Zug zu wiederholen. Um _Kwing Irang_ +von unserem Tun und Lassen zu unterrichten, sandte ich ihm _Tigang_ +entgegen, der sich gleichzeitig auch nach einer Gelegenheit, Reis für +uns zu beschaffen, umsehen sollte. _Tigang_ brach auch sogleich in +Gesellschaft der malaiischen Kundschafter auf. Er musste, um _Kwing +Irang_s Lagerplatz zu erreichen, zuerst das Flussbett des Howong ein +Stück weit durchwaten und dann über Land zum Mahakam ziehen. Der +Howong stürzt sich nämlich mit einer Reihe sehr steiler Fälle von +ungefähr 120 m Höhe in den Mahakam und ist daher auf dieser Strecke +nicht befahrbar. Da auch unser Gepäck auf jenem Wege zum Mahakam +getragen werden musste, liess ich _Kwing Irang_ bitten, mir seine +Kajan zu Hilfe zu schicken. + +In Anbetracht, dass durch die Höhe der Wasserfälle an der Mündung +des Howong eine Verbindung mit dem Mahakam auch für Fische unmöglich +gemacht oder doch sehr erschwert wurde, hielt ich eine gesonderte +Sammlung der Fischarten von Haupt- und Nebenfluss zwecks späterer +Vergleichung für wertvoll. Ich setzte daher für jede neue Fischart, +die man mir brachte, eine Belohnung aus, wodurch unsere ichthyologische +Sammlung mit 15 neuen Arten aus dem Howong bereichert wurde. + +Tags darauf sandte mir _Kwing Irang_ einige seiner Kajan, die mich +als alte Bekannte sehr freudig begrüssten; sie erzählten, dass sie +meiner Ankunft wegen ihr Saatfest aufgeschoben hatten und dass sie +wegen Reismangel baldmöglichst in ihre Niederlassung zurückkehren +mussten. Da auch _Tigang_ nur einen einzigen Packen Reis hatte +auftreiben können, schickte ich ihn am folgenden Tage mit einer +reichlichen Menge Tauschartikel wieder aus, um zu versuchen, in einer +Pnihingniederlassung am Penaneh wenigstens Bataten aufzukaufen. + +Gegen Mittag des folgenden Tages traf _Kwing Irang_ in Gesellschaft +des Pnihinghäuptlings _Kaharon_ und einiger anderen mit 50 Trägern +bei uns ein. + + + +Es sei mir gestattet, _Kwing Irang_, der grössten und eigenartigsten +Persönlichkeit, der ich im Innern Borneos begegnete, hier einige Worte +zu widmen. Ist er es doch gewesen, der mir als Berater und Freund +auf allen Reisen treu zur Seite stand und dessen Hilfe ich die guten +Erfolge meiner Unternehmungen zum grossen Teil verdanke. Ich glaube +den Leser am schnellsten mit diesem seltenen Manne bekannt machen +zu können, indem ich ihm unsere erste charakteristische Begegnung +schildere. + +Als ich im Jahre 1896 zum ersten Mal die Mündung des Blu-u erreichte, +hatte _Kwing Irang_, der damals weiter oben am Fluss wohnte, ein +malaiisches Haus zu meinem Empfange in Stand setzen lassen. Ich +verbrachte die Nacht vor unserer Begegnung in unruhiger Erwartung, +wusste ich doch aus den Berichten der anderen Stämme, dass das +weitere Schicksal unserer Expedition von der Entscheidung des grossen +Häuptlings des Mahakamgebietes abhing. _Kwing Irang_, der abends zuvor, +nachdem wir uns bereits zur Ruhe begeben hatten, eingetroffen war, +schien ebenfalls auf unsere Begegnung gespannt zu sein; wenigstens +war ich noch nicht angekleidet, als er melden liess, dass er mich +begrüssen wolle. Sogleich wurden zwei Klappstühlchen einander +gegenübergestellt und bald darauf sah ich an dem nebenstehenden +Hause eine Reihe Männer hinab- und an unserer Baumtreppe wieder +hinaufsteigen. Der erste, dessen Haupt über dem Boden erschien, trug +eine schwarze Mütze mit breitem Goldrande, unter der ein ältliches, +mageres Gesicht mit eingefallenen Wangen, gerader Nase und kleinen +Augen mit ruhigem, festem Blick zum Vorschein kam. Dem goldenen +Abzeichen nach, das nur er trug, musste der Mann _Kwing Irang_ sein, +auch bestätigte mir die Sicherheit seines Auftretens im Gegensatz +zu der Steifheit seines Gefolges, dass der grosse Häuptling in der +Tat vor mir stand. Ich ging ihm einige Schritte entgegen, reichte +ihm die Hand und forderte ihn auf, sich mir gegenüber auf _Demmenis_ +Stuhl zu setzen, was dein verschlossenen Eingeborenen einen Ausruf der +Verwunderung entlockte. Augenscheinlich war ihm so etwas bei seinen +Zusammenkünften mit dem Sultan von Kutei und dem Radja von Serawak +noch nicht vorgekommen, denn die Behandlung eines Stuhles war ihm so +neu, dass er im Augenblick, wo er sich setzen wollte, umgefallen wäre, +wenn ich ihn nicht rechtzeitig aufgefangen hätte. Der Unfall brachte +ihn aber durchaus nicht aus der Fassung. Einige Minuten lang sassen wir +einander schweigend gegenüber und lernten uns mit den Augen kennen. Was +mich betraf, so war ich mit dem empfangenen Eindruck zufrieden und, +wie er mir später gestand, ging es ihm ebenso. + +_Kwing Irangs_ Körper zeigte noch deutlichere Spuren des Alters +als sein Gesicht; er schien ein Mann von 55 Jahren zu sein, +mit feinem Körperbau, kräftigen Muskeln und geringer Neigung zur +Wohlbeleibtheit. Seine Kleidung zeugte von Sorgfalt; ein Tuch aus +blauem Kattun bedeckte in zahlreichen Windungen die Lenden und ein +Schwert mit schönem Horngriff hing ihm an einem Rotanggürtel zur +Seite. An Schmucksachen trug er nur einige Halsketten und silberne +Ringe von cm Durchmesser, die an seinen weit ausgereckten Ohrläppchen +hingen und unter den offen herabfallenden Haaren hervorkamen. Von +einer Tätowierung bemerkte ich keine Spur. + +Das freie Auftreten, die sichere Haltung und der gutmütige +Gesichtsausdruck _Kwing Irangs_ flössten mir sogleich Vertrauen und +die Hoffnung ein, dass wir einander verstehen würden. Die Vorteile, +mit den Niederländern auf gutem Fuss zu stehen, leuchteten dem +klugen Manne ein und so verständigten wir uns bald über meine +weiteren Pläne. Nachdem der sachliche Teil erledigt war, begannen +wir eine lebhafte Unterhaltung über allerhand Dinge. Ich zeigte +dem Häuptling Bilder und Gewehre, von denen ihn besonders letztere +interessierten. Über unserer ersten Begegnung schien ein besonderer +Glückstern zu walten. Während ich nämlich _Kwing Irang_ die Einrichtung +eines Winchester Repetiergewehres sehen liess, ging plötzlich +ein Schuss los, der keinen geringen Schrecken verursachte. Aber +glücklicher Weise schlug die Kugel nur ein Loch in das Dach und, +da keiner verletzt war, blieben alle auf ihren Plätzen. Ich hatte +wiederum Gelegenheit, die grosse Besonnenheit meines neuen Freundes +zu bewundern, der die beruhigenden Worte seines Geleites kaum nötig +hatte. Ein rechtes Gespräch wollte jedoch nicht mehr in Gang kommen +und so verabschiedeten sich unsere Besucher bald darauf. + +_Kwing Irang_ ist vor zwei Jahren, bald nachdem ich Borneo verlassen +hatte, gestorben. + +Der Tod dieses klugen, friedliebenden Mannes, der mit weitem Blick im +Interesse seiner Untertanen auch mit ihm fremden Völkern Beziehungen +anzuknüpfen sich nicht scheute, bedeutet für das Mahakamgebiet einen +grossen Verlust. + + + +Die Mahakam Kajan waren zwar gern bereit, unser Gepäck bis zum Mahakam +zu tragen, sahen es aber als Aufgabe ihrer Mendalam Verwandten an, +alles Gut, das sich noch beim Kontrolleur befand, bis zu _Amun Lirung_ +zu befördern. Die Mendalam Träger waren jedoch nach ihrer Ankunft im +Pnihinghause nicht mehr dazu zu bewegen, auch noch den Rest der Sachen +abzuholen, was ich ihnen in Anbetracht ihrer hungerigen Mägen nicht +verdenken konnte. Gegen hohen Preis gelang es mir, unseren Ma-Suling +Trägern noch etwas Reis zu verschaffen und den Kajan teilte ich +mit, dass sie unterwegs _Tigang_ mit einem Vorrat Bataten begegnen +würden. Diese Aussicht erschien so verlockend, dass sie fast alle +wieder auf die Beine brachte. Abends kehrten sie mit dem Kontrolleur +und _Demmeni_, die sich beide wohl befanden, zu uns zurück. _Demmeni_ +Wurde als alter Bekannter von den Mahakam Kajan freudig begrüsst; dem +fremden Kontrolleur gegenüber trat aber die, ihnen eigene ängstliche +Zurückhaltung wieder zu Tage. + +Gegen Abend kam _Kaharon_, um mit mir über die Lohnfrage zu beraten; +er forderte für den Transport des Gepäckes an den Mahakam nicht +weniger als 2.50 fl täglich für den Träger. Für alle Anstrengungen +und Entbehrungen, welche die Leute diesmal auszustehen hatten, +war der Preis nicht zu hoch, aber als Taggeld für später hätte die +Erteilung eines solchen Lohnes Schwierigkeiten verursacht, besonders +da den Pnihing Geld viel weniger bedeutete als Tauschartikel. Im Laufe +des Gespräches merkte ich, dass _Kaharon_ die Lohnfrage nur berührt +hatte, um zu erfahren, ob ich die geleistete Hilfe überhaupt bezahlen +wollte. Ich beeilte mich natürlich, ihm zu erklären, dass ich jeden, +der mir zu Hilfe gekommen war, belohnen wollte. + +Anderen Tages kam _Tigang_ von seiner Forschungsreise nach +Nahrungsmitteln zurück; seine Bataten war er unterwegs leider +grösstenteils an seine hungerigen Dorfgenossen los geworden, er brachte +aber noch einen Packen Reis und eine gute Menge _bulung obe_ ( = Mehl +von Bataten) mit. Die Pnihing verstehen dieses Mehl ausgezeichnet zu +bereiten, indem sie die Bataten in feine Scheiben schneiden, sie in der +Sonne trocknen lassen und dann fein zerstampfen. Jedem Manne liess ich +von dem Batatenmehl eine Portion zuteilen, und da auch unsere Wirtin +noch von ihren bescheidenen Vorräten nach Kräften beisteuerte, genossen +unsere wackeren Träger nach langer Zeit die erste gute Mahlzeit. + +Wir hatten alle Ursache, mit unserem Empfang im Mahakamgebiet zufrieden +zu sein; denn alle grossen Häuptlinge waren uns zu Hilfe geeilt, +auch waren wir hier am Howong mit aussergewöhnlicher Selbstlosigkeit +aufgenommen worden. In der ersten Zeit gab ich meinen Gastherren +nämlich nichts anderes als etwas Salz und einige Kleinigkeiten, +ausserdem erregte ich noch _Hinan Lirungs_ Neid, indem ich _Djulan_, +einem lieblichen Bukatmädchen, das mich unter dem Schutz von _Tetuhè_, +einem unserer Punan vom Mendalam, öfters besuchte, etwas Tabak, +hübsche Zeugstückchen und Ringe schenkte. Die Kleine hatte sich +anfangs nur schüchtern in der Ferne gezeigt, wurde nachher aber so +zutraulich, dass sie später sogar allein zu mir zu kommen wagte. In +Anbetracht der mit Furcht gemischten Missachtung, mit der die Bahau +die nomadisierenden Bukat sowie alle Jägerstämme ansehen, stellte ich +an _Hinan Lirung_s Nachsicht hohe Anforderungen; es lag mir aber daran, +mit diesen scheuen Waldmenschen auf gutem Fuss zu stehen. Ich nahm mir +jedoch vor, meine Gastwirtin beim Abschied für alle Güte und Toleranz +zu entschädigen. Als praktische Frau gab mir die Alte übrigens bald zu +verstehen, dass ihr ein Satz Armbänder aus Elfenbein, wie sie deren +mehrere bei mir bemerkt hatte, am willkommensten wäre. Ihre eigenen +Armbänder hatte sie nämlich, wie ich später hörte, dazu verwendet, +den Reis einzukaufen, mit dem sie uns bewirtete. Um den Wert des +Geschenkes zu erhöhen, zögerte ich anfangs mit der Erfüllung ihres +Wunsches, liess sie dann aber das Mass angeben und suchte ihr einen +besonders schönen Satz aus. Den vielen Besuchen nach zu urteilen, +die mir _Hinan Lirung_ im Laufe des Jahres am Blu-u machte, schien +ihr unsere Bekanntschaft gut gefallen zu haben. + +In der Nähe unseres Hauses hatten sich die Bukat, nach Art der Pnihing, +drei kleine Häuser gebaut, die sie jetzt vorübergehend bewohnten. Ich +hatte diese scheuen Kinder der Wildnis bis jetzt nicht besucht, um +ihnen erst Zeit zu lassen, sich an unsere Gegenwart zu gewöhnen. Jetzt +glaubte ich aber, mit _Barth_ einen Besuch bei ihnen wagen zu dürfen. + +Der Stamm der Bukat lebt in Gruppen von Familien für gewöhnlich in +den Urwäldern des Quellgebietes der Flüsse Kapuas und Mahakam und hält +sich, wie auch die anderen Nomadenstämme, bald in diesem bald in jenem +Flusstal auf, je nachdem die Anwesenheit von Wild, Baumfrüchten und +wildem Sago ein Verweilen wünschenswert erscheinen lassen. Selbst in +dieser Wildnis dürfen sich die Bukat nicht willkürlich irgend einer +Gegend bemächtigen, sondern ihre verschiedenen Familiengruppen sehen +bestimmte Flussgebiete als ihr Eigentum an und lassen die anderen +nur gegen eine Entschädigung dort jagen und Früchte sammeln. Die +Bukat verbringen den grössten Teil des Jahres im Walde und kommen +überhaupt nur ungern mit den sesshaften Stämmen am Kapuas und +Mahakam in Berührung. Zur Zeit der Reisernte jedoch lassen sie sich +vorübergehend bei dem einen oder anderen Stamme, wie z.B. jetzt am +Howong, nieder, um Reis, Zeug, Salz, Perlen und dergl. gegen ihre +Waldprodukte einzutauschen. Die Bukat empfingen uns ängstlich, aber +doch, nach Art der Bahau, freundlich, breiteten einige Rotangmatten für +uns aus und setzten uns einige Waldfrüchte vor. Zu meinem Erstaunen +entdeckte ich hier eine Frucht namens _kapulasan_, die in der Umgegend +von Buitenzorg auf Java viel gebaut wird, deren Heimat dort jedoch +nicht mehr bekannt ist. Aufmerksam geworden beobachtete ich später +längs des ganzen oberen Mahakam das Vorkommen des Baums, der diese +Frucht liefert. Zufälligerweise hatte unter den vielen herrlichen +Waldfrüchten, die man mir auf der vorigen Reise brachte, gerade +diese gefehlt. Zur grossen Genugtuung unserer Gastherren assen wir +die saftreichen Früchte geradezu mit Gier, worauf sie von allerhand +wichtigen Angelegenheiten, die ihnen auf dem Herzen lagen, zu reden +begannen. Es handelte sich, wie so häufig bei diesen Leuten, wieder um +Verletzung ihrer Ansprüche auf verschiedene Gebiete. So hatte man am +Kapuas bei der Verteilung des Zehnten aus dem Ertrage der Buschprodukte +ihre Häuptlinge übergangen, obwohl diese vor langen Jahren ebenfalls +das Kapuasgebiet durchstreift hatten. Ihre hierauf begründeten Rechte +hatten die Bukat jedoch am Kapuas nie geltend gemacht, so dass wir +ihnen rieten, sich an den Kontrolleur von Putus Sibau zu wenden, zu dem +sich in der gleichen Angelegenheit auch der ihnen verwandte Stamm der +Bukat aus dem Gebiete des Gung begeben hatte. Hiermit kamen wir auf +ein anderes Kapitel zu sprechen, auf Streitigkeiten zwischen diesen +Gung Bukat und einem vornehmen Bukathäuptling, der sich augenblicklich +bei den Pnihing am Serata aufhielt. Diesem sollte nämlich infolge +seiner Abstammung das Gebiet des Gung eigentlich gehören; in Putus +Sibau konnte man natürlich auch von diesen Verhältnissen keine Ahnung +haben. Der Punan _Tetuhè_, der uns begleitete, weil er selbst als +Nomade mit diesen Bukat in Verbindung stand, übernahm es, bei seiner +Rückkehr zum Kapuas alle diese Rechtsfragen zur Sprache zu bringen. + +Während wir mitten in unserer Unterhaltung mit den Bukat begriffen +waren, traf wieder eine Schar Träger mit dem auf dem Wege noch +zurückgebliebenen Gepäck ein. Wir hatten des Morgens, in Anbetracht +der starken Ermüdung und schlechten Ernährung unserer Leute, +nicht durchzusetzen gewagt, dass sich alle energisch an der Arbeit +beteiligten; so hatte sich denn auch nur ein Teil der Träger auf den +Weg gemacht und die Malaien, die bei dem Rest des Gepäckes als Wache +zurückgeblieben waren, meldeten, dass sich immer noch 24 Blechkisten +mit Salz im Walde befanden. Wir verliessen daher eiligst unsere neuen +Bukatfreunde, um zu beraten, was weiter zu tun sei. + +Um nur schnell fortzukommen, hatten viele Träger von _Kwing +Irang_ sich bereits von selbst mit unseren Kisten an den Mahakam +aufgemacht. _Kwing_ selbst jedoch wartete mit 20 jungen Kajan und +einigen Pnihing auf unsere Befehle. Mit _Amun Lirung_, oder besser +gesagt mit dessen Frau, kam ich überein, dass sie mir für 12 Packen +schwarzen Kattuns zu 12 m Länge die 24 Kisten mit Salz an den Blu-u +schaffen sollten. Zwar dauerte es einen ganzen Monat, bis sie mit +ihrer Fracht bei mir am Blu-u anlangten, aber die Reisnot entschuldigte +die Verspätung. + +Aus Furcht vor einer Steigerung der Lasten und des Hungers hatten es +unsere Träger mit dem Aufbruch zum Mahakam sehr eilig. Da ich aber +nichts mehr von unserem Gepäck zurücklassen wollte, vereinbarte ich, +dass unsere ermüdeten Mendalam Kajan unter Aufsicht von _Barth_ +und _Demmeni_ alles Gepäck dem Howong entlang bis an den Pfad, +der zum Mahakam führte, bringen sollten, während die frischeren und +kräftigerer Mahakam Kajan es von dort über die Hügelrücken bis an +den Anlegeplatz der Böte befördern sollten. Nicht minder froh als +seine Leute war _Kwing Irang_ über unsere Abreise; denn er hatte +im Pnihinghause keinen Platz gefunden und mit den Seinigen in und +unter einer Reisscheune übernachten müssen. Das Übernachten im Freien +ohne Dach über dem Haupte finden die Bahau aber sehr unangenehm und, +wenn es geregnet hätte, wären viele von ihnen krank geworden. + +So verabschiedete ich mich denn von meinen Gastwirten und zog mit +_Kwing Irang_ an den Mahakam voraus. In unserem Eifer fortzukommen +übersahen wir jedoch das winzige Nebenflüsschen des Howong, längs +dessen wir zum Mahakam abbiegen mussten, und irrten einige Zeit umher, +bevor wir es wiederfanden. Ich hatte in der letzten Zeit so viel an +Märschen durch Wald und Flüsse genossen, dass ich unseren jetzigen +Zug, besonders da mir die Hügelrücken, die uns vom Mahakam trennten, +recht hoch vorkamen, sehr unangenehm empfand. + +Auf einem dieser Hügel trafen wir _Bier_ mit seinem Geleite; er hatte +die ganze Zeit über mit gutem Resultat gearbeitet und es gelang ihm, +seine Messungen bis zum Mahakam noch am gleichen Tage zu beenden. + +Die Pnihing hatten zwar den besten Anlegeplatz am Mahakam ausgesucht, +dennoch mussten wir von der Höhe des Bergrückens einen sehr steilen +Abhang hinunterklettern, um an das Flussbett zu gelangen. Hier fanden +wir die Mahakamer auf einem Platze gelagert, der nirgends eben genug +war, um ein Zelt aufschlagen zu können. Es mussten erst Terrassen +aus Holz, die teilweise über das Wasser hinausragten, gebaut werden, +um für unsere Zelte einen Untergrund zu beschaffen. + +Inzwischen erneuerte ich die Bekanntschaft mit dem vornehmen +Pnihinghäuptling _Belarè_ und feierte Wiedersehen mit _Akam Igau_. + +Nach seinem guten Äusseren zu urteilen, das von dem unserer erschöpften +und abgemagerten Kuli stark abstach, war es _Akam Igau_ inzwischen am +Mahakam gut ergangen, was er mir denn auch zugab. _Belarè_ erzählte, +dass er mich nicht bei _Amun Lirung_ begrüsst habe, weil er einen +kleinen Enkel mit auf die Reise genommen hatte. + +Es dauerte bis zum Mittag des folgenden Tages, bis unsere ganze +Gesellschaft mit allem Hab und Gut am Ufer des Mahakam vereinigt war, +und es erwies sich bald als unmöglich, mit allen und allem gleichzeitig +den Mahakam hinabzufahren. Zwar hatten alle Niederlassungen der Kajan +und Pnihing am Mahakam ihre grössten Böte zur Verfügung gestellt, +aber wegen des hohen Wasserstandes durften sie nicht schwer beladen +werden. Auf einen günstigeren Wasserstand zu warten, war bei der +herrschenden Nahrungsnot unmöglich; und so musste ich mich dazu +entschliessen, einen Teil unserer Leute vorläufig zurückzulassen. Ich +teilte den Häuptlingen in einer Zusammenkunft meinen Plan mit, sie +selbst hatten nicht gewagt, mir diesen Vorschlag zu machen. Alle +zeigten sich einverstanden und versprachen, ihre Reisegenossen +in einigen Tagen abzuholen. Die Zurückbleibenden sollten sich bei +_Amun Lirung_, den Bukat oder im Walde die notwendige Nahrung zu +verschaffen suchen. + +Am anderen Morgen zeigte es sich, dass das Fassen und Ausführen +von Beschlüssen für Bahauhäuptlinge sehr verschiedene Dinge sind; +denn keiner von ihnen war im stande, einen Teil seiner Untertanen zum +Zurückbleiben zu zwingen. Die Insubordination, die überall herrschte, +veranlasste seltsame und komische Szenen. + +Zwar begann man damit, mein Gepäck regelrecht in den Böten +unterzubringen, kaum war dies aber geschehen, so ergriff jeder eiligst +seinen Tragkorb, lud ihn auf den Rücken und sprang, zur Abfahrt +bereit, in ein Boot. So kam es, dass die Böte der Kajan und Pnihing, +die vor unseren Hütten lagen, bevor wir sie noch betreten hatten, +teils von der eigenen Mannschaft teils von Eindringlingen überfüllt +waren. Ein Boot war sogar zum Sinken überladen, und doch wagte es +die eigene Bemannung nicht, die Zuströmenden abzuweisen. Unterdessen +standen die Häuptlinge rat- und machtlos am Ufer und in der Furcht, +zurückbleiben zu müssen, mischte sich sogar einer von ihnen, seine +Würde vergessend, unter die Schar der Bestürmer. Mit strenger Miene, +drohendem Stock und ernsten Ermahnungen suchte ich nun allein +die Ordnung aufrecht zu erhalten. Zuerst schickte ich die am Ufer +stehenden zurück und entlastete dann die Böte von denjenigen, die +zurückbleiben mussten. Aus jeder Mendalam Niederlassung nahm ich 8 +Mann mit und dank dem sanften Charakter meiner Kajan gelang es mir, +nur mit Einbusse der Hälfte meiner Stimme abzufahren. + +Unterhalb einer Landzunge des anderen Ufers hatte sich _Akam Igau_ +mit seinen Leuten gelagert und bei unserer Ankunft bot sich dort ein +noch heiterer Anblick. + +In dem sehr grossen, breiten Boote des Pnihinghäuptlings _Belarè_ +standen die Kajan Mann an Mann neben den Pnihing, ohne für den +Häuptling selbst einen Platz frei zulassen. Dieser betrachtete mit +seinem Enkel an der Hand vom Ufer aus gelassen die Bestürmung seines +Fahrzeuges. Ich kam diesmal wirklich in Versuchung, von meinem Stocke +Gebrauch zu machen; aber da mir eine derartige Einführung bei den +Mahakamstämmen doch nicht geraten erschien, suchte ich schliesslich +auch hier auf Kosten meiner Kehle die weisen Beschlüsse der Häuptlinge +zur Ausführung zu bringen. + +In Anbetracht des hohen Wasserstandes waren unsere Fahrzeuge auch +jetzt noch sehr schwer beladen, aber bei der Umsicht der Pnihing und +Mahakam Kajan und der Besorgnis ihrer Häuptlinge für unsere Sicherheit +hatten wir nichts zu fürchten und fuhren schnell flussabwärts an den +Mündungen des Kaso, Serata und Tjehan vorüber bis vor das Haus des +Häuptlings _Belarè_. + +Der Pnihinghäuptling wies uns Europäern und den Malaien als Wohnung +ein alleinstehendes Haus an, das so hoch und auf so dünnen Pfählen +gebaut war, dass mir angst und bange wurde beim Gedanken, dass 20 +Menschen und alles Gepäck da hinauf geschafft werden sollten. Der +Boden des Hauses befand sich 6 m über der Erde und die Pfähle waren +nur 2 × 1.5 dm dick. Da meine Malaien aber nichts gegen den Einzug +in diesen Vogelbauer einzuwenden hatten, liess ich alles Gepäck nach +oben bringen und erklomm zuletzt selbst die steile Leiter. Die Höhe +unserer Behausung schützte uns wenigstens vor dem oft lästigen Besuch +von kleinen Kindern und Hunden. + +Jetzt, wo ich zum ersten Mal seit langer Zeit all unser Hab und Gut +beisammen in einem geschlossenen Raum aufgestapelt sah, wurde es mir +bewusst, wieviel Sorgen und Mühen diese hundert Packen und Kisten +meinen Trägern auf den schwierigen Pfaden durch Wälder und Flüsse +verursacht hatten, und die abgearbeiteten Gestalten meiner braunen +Reisegenossen wurden mir dadurch um so lieber. Ich beeilte mich denn +auch, meinen Mendalam Kajan so schnell als möglich Reis und Böte +zu verschaffen, damit sie ihre zurückgebliebenen Stammesgenossen +abholen konnten. Mit Geschenken und guten Worten gelang es mir bei +den Pnihing, die Hälfte meiner Leute auszurüsten und sie am folgenden +Tage flussaufwärts zu schicken. Die andere Hälfte begab sich mit _Kwing +Irang_ an den Blu-u, um sich dort verproviantieren zu lassen, und zwei +Tage darauf fuhren auch sie an uns vorüber den Mahakam aufwärts. Die +Häuptlinge hatten ihnen natürlich nicht ihre besten Böte zur Verfügung +gestellt, aber es kamen doch alle unsere Kuli wohlbehalten bei uns +an, so dass ich froh sein konnte, so viel Gepäck ohne Verlust oder +Schaden an Menschenleben bis an den Mahakam gebracht zu haben. + +Meine erste Aufgabe bei _Belarè_ bestand in der Löhnung aller, +die mir geholfen hatten. _Kwing Irang_ und seine Kajan wollten +warten, bis ich zu ihnen zog, und begaben sich daher gleich weiter +auf die Heimreise. In der Lohnfrage kamen zuerst die Pnihing aus den +Niederlassungen am Tjehan und Long Kub in Betracht. Mein reicher Vorrat +an Tauschartikeln erlaubte mir, ihre Dienste mit _batik_-Stoffen, +weissem, rotem, und schwarzem Kattun und rotem Flanell reichlich zu +bezahlen. Ihre Häuptlinge erhielten je eine hübsche Jacke oder ein +seidenes Umschlagetuch. Meine Dankbarkeit für unsere wohlbehaltene +Ankunft verleitete mich, den Leuten zu viel zu geben, mit Rücksicht +auf künftige Lohnansprüche musste ich mich daher bereits am anderen +Tage den Pnihing von _Belarè_ gegenüber mässigen. Diese erhielten +nun zwar weniger, eine Handvoll Salz als Zugabe stellte aber jeden +zufrieden, ausserdem hatten wir, da wir noch einige Tage bei ihnen +bleiben sollten, Gelegenheit, ihren Frauen und Kindern mit allerhand +beliebtem Tand wie: Fingerringen, bunter Wolle, Nadeln und Perlen eine +Freude zu bereiten. Ich hatte mich nämlich, hauptsächlich auf Anraten +von _Kwing Irang_, dazu entschlossen, noch einige Tage _Belarès_ Gast +zu bleiben, ein Beschluss, der nach den überstandenen Anstrengungen +bei allen Beifall fand. + +Einen weiteren Grund für diese Verlängerung unseres Besuches bei +den Pnihing bildete für mich der Wunsch, mit diesem einflussreichen +Häuptling und den Seinen gut zu stehen; denn nur so konnte ich +den Hauptzweck meines Aufenthaltes am Mahakam, die Bevölkerung vom +politischen Standpunkt aus zu studieren, erfüllen. Ich hatte mir +nun zwar, wie auch bei meiner früheren Reise, vorgenommen, meinen +festen Wohnplatz bei dem mächtigsten Mahakamhäuptling _Kwing Irang_ +aufzuschlagen; _Belarè_ war aber von alters her sehr neidisch +auf dessen Stellung, und so riet mir jener selbst an, auch seinen +Nebenbuhler mit einem längeren Besuch zu beehren. Inzwischen hatte +_Kwing_ auch Zeit, ein Haus für mich in Stand zu setzen und für meine +Leute ein Unterkommen zu beschaffen. + +Unser Besuch befriedigte nicht nur die Eitelkeit der Pnihing, sondern +kam ihnen auch in praktischer Hinsicht sehr zu statten; denn meine +ärztliche Hilfe war auch hier wieder sehr nötig. Gleich am ersten +Tage wurde ich zu zahlreichen Malaria- und Lueskranken gerufen. Indem +der Kontrolleur mich auf meinen Krankenbesuchen begleitete, hatte er +Gelegenheit, sich in vielen Wohnungen vorzustellen, die er sonst, +ohne indiskret zu sein, nicht hätte betreten dürfen. Meine Praxis +gewann mir bald das früher bereits erworbene Vertrauen der Leute +wieder zurück, so dass bald dieser, bald jener sich wieder in meine +Hütte wagte, um gegen Reis oder Früchte etwas von meinen Artikeln zu +erhandeln. Die einen lockten die anderen heran und bald kletterten +die Besucher ununterbrochen auf der hohen Treppe in unsere mit Gepäck +und Menschen ohnehin schon überfüllte Hütte hinauf. + +Auch aus der Ferne brachte man mir Kranke. In einer weiter unten +am Fluss gelegenen Niederlassung, Long Kub, hatte man _Kwing Irang_ +auf seiner Durchreise gebeten, dort zu übernachten, um den Häuptling +_Erang Parèn_, der wie seine Schwester, _Belarès_ Frau, an periodischen +Ausbrüchen von Wahnsinn litt, am folgenden Tage zu mir zu geleiten. So +kamen die Häuptlinge denn auch mit grossem Gefolge bei mir an--leider +ohne ein Resultat zu erzielen; denn es schien mir geratener, lieber +sogleich meine Ohnmacht einzugestehen, als die Leute mit Scheinmitteln +hinzuhalten oder ihnen Beruhigungs mittel zu geben, die in den Händen +dieser Menschen gefährlich hätten werden können. + +Da _Belarè_ so viel daran gelegen war, als einer der vornehmsten +Häuptlinge angesehen zu werden, war es mir sehr angenehm, dass +ich sowohl ihm als _Kwing Irang_ als Anerkennung für die Hilfe, +die sie mir auf der vorigen Reise geleistet hatten, seitens der +Regierung ein Geschenk anbieten konnte. _Belarè_ fand nun zwar den +vergoldeten Silberbecher, den ich ihm überreichte, als Schaustück +sehr schön, aber viel zu prunkend, um ihn täglich zu gebrauchen, +und erbat sich daher von mir persönlich zum Alltagsgebrauch noch +einen Satz Elfenbeinarmbänder, wie ich ihn _Hinan Lirung_ geschenkt +hatte. Überzeugt, dass mein wegen seiner Wildheit berüchtigter Freund +nicht daran gewöhnt war, einen einmal geäusserten Wunsch fahren zu +lassen, gab ich ihm nach, nahm mir aber vor, in Zukunft so sparsam +als möglich mit meinen Tauschartikeln umzugehen. + +Die Pnihing verlangten wohl unter dem Eindruck meiner grossen Vorräte +für Böte, die ich jetzt anschaffen musste, so hohe Preise, dass _Akam +Igau_ mir riet, mich lieber an ihre Verwandten am Tjehan zu wenden, +die an neuen Böten eine grosse Auswahl besassen. Meinem Gastherrn +gefiel dieser Plan jedoch durchaus nicht, und ich hatte alle Mühe, +ein kleines Boot mit 4 Ruderern zu erlangen, das mich mit _Akam Igau_ +und meinem Diener _Midan_ an den weiter oben in den Mahakam mündenden +Tjehan bringen sollte. Nach sechsstündiger Fahrt erreichten wir um +4 Uhr nachmittags das Haus der Pnihing, das am rechten Tjehanufer +erbaut war; bei meinem ersten Besuch vor zwei Jahren war es noch +nicht vollendet gewesen. + +Trotzdem die Häuptlinge nicht zu Hause waren, begannen wir doch +sogleich die vielen halb und ganz fertigen Böte zu besichtigen, und +mit _Akam Igaus_ Hilfe erwarb ich für schwarzen Kattun und Perlen +sogleich zwei derselben. Zwei andere Böte, die ich gern erstanden +hätte, gehörten dem Häuptling _Parèn_, der abends zurückkehren sollte; +daher machte ich es mir inzwischen auf der grossen Galerie vor seiner +Wohnung bequem. Reis einzukaufen, glückte mir nicht, da die Pnihing +den Seputan am Kaso bereits viel verkauft hatten; einen besseren +Erfolg hatte ich mit Batatenmehl. + +Nach _Parèns_ Ankunft wurde ich mit ihm wegen der Böte bald +handelseinig; da er so viel von meinen schönen Tauschartikeln gehört +hatte, sprach er den Wunsch aus, dass seine Frau _Adjei_ und sein +kleiner Neffe _Kwing_ mich zu _Belarè_ begleiten sollten, um sich als +Lohn für die Böte unter allen Herrlichkeiten selbst etwas auswählen +zu dürfen. Obwohl ich diesem Dorfe nur einen kurzen Besuch machte +und seine Männer für ihre Dienstleistungen von meiner mildtätigen +Stimmung bei der Ausbezahlung des Lohnes am meisten Vorteil gehabt +hatten, wollte ich doch auch bei den übrigen Bewohnern eine gute +Erinnerung hinterlassen und forderte daher Frauen und Kinder auf, mich +am folgenden Morgen vor meiner Abreise zu besuchen, um sich kleine +Geschenke abzuholen. Trotz unserer früheren Bekanntschaft wagten sich +anfangs doch nur wenige in meine Nähe, kaum hatten diese aber jeder +einen Ring mit bunten Glassteinen erhaltet), als die Besucher in +hellen Haufen aus allen Türen zum Vorschein kamen. Die Frauen waren +auf diese wertlosen Ringe ganz versessen. Als ich auf meiner vorigen +Reise in der Zeit der Reisnot nirgends mehr Reis auftreiben konnte, +verkauften mir diese Frauen ihren letzten Vorrat für diese Fingerringe. + +Gegen 10 Uhr morgens fuhren wir mit vier neuen Böten und einem fünften +mit _Adjei_ und _Kwing_ ab. Bei _Belarè_ angekommen fiel es meinen +Gästen, _Adjei_ und _Kwing_, sehr schwer, unter allen Tauschartikeln +eine Wahl zu treffen. Endlich gaben sie sich mit einer hübschen Jacke, +einem Sarong aus _batik_ und einigen Perlen zufrieden. + +_Demmeni_ hatte seine Zeit inzwischen auf andere Weise gut +verwendet; durch allerhand Gaukelspiel, durch Explodierenlassen von +Magnesiumpulver und Verbrennen von Magnesiumband hatte er die Pnihing +in so gute Stimmung versetzt, dass der Kontrolleur es für wünschenswert +hielt, mit ihm noch einige Zeit zu bleiben. Da auch _Belarè_ diese +Gäste gern behalten wollte, beschloss ich, allein zu _Kwing Irang_ +an den Blu-u zu ziehen, um dort alles für einen längeren Aufenthalt +vorzubereiten. + +Als _Belarè_ abends mit einigen der vornehmsten Familienväter zu einem +Plauderstündchen zu mir kam, brachte ich das Gespräch auf einen Zug +zur Mahakamquelle. Ich hatte nämlich bereits 1896 _Belarè_, der auf +seinen Jagden und zahlreichen Expeditionen nach Serawak diesen Teil +des Mahakamgebietes gut kennen gelernt hatte, zu diesem Unternehmen zu +bereden versucht. Die grosse Reisnot verhinderte uns aber damals an der +Ausführung des Planes. _Belarè_ zeigte sich auch jetzt wiederum bereit, +mich zu begleiten, verlangte aber für jeden seiner Leute einen und +für sich selbst zwei Reichstaler (2 1/2 fl.) als Tageslohn. Da ich +noch lange auf tagweise bezahlte Dienste der Bahau angewiesen war, +konnte ich auf eine derartige Bedingung natürlich nicht eingehen und +begann ihn, wie ich es früher mit _Kaharon_ getan, auf das Unsinnige +seiner Forderung aufmerksam zu machen. Auch die Pnihing zeigten sich +logischen Beweisgründen zugänglich; denn als ich ihnen den hohen Wert +eines Reichstalers begreiflich zu machen suchte und ihnen sagte, +dass der Tageslohn in Serawak und Kutei so viel niedriger sei, und +dass auch meine Mahakam Kajan so viel weniger erhielten, musste auch +_Belarè_, allerdings ungern, zugeben, dass 1 fl. für den Tag bei +eigener Beköstigung genügend sei. + +Den Lohn für die Begleitung an den Blu-u setzte ich mit _Belarè_ +gleichfalls im voraus fest; die Pnihing forderten ein Kopftuch und +einige Glasperlen für den Mann. Auch versprach ich _Belarè_, am +folgenden Morgen vor unserer Abreise nach seiner Frau zu sehen, die +bereits bei meinem ersten Besuch an Anfällen von Verfolgungswahnsinn +litt und die ich schon damals für unheilbar erklärt hatte. Während +meiner Abwesenheit hatten sich die Anfälle noch einige Mal wiederholt; +die grosse, schlanke Frau erschien jetzt magerer und bleicher als +je. Vor dem Eintritt eines Anfalls empfand sie Schwindel und einen +sonderbaren Geruch in der Nase, dann stellten sich Kopfschmerzen, +Blutandrang zum Kopf, glühende Wangen und rot unterlaufene Augen +ein. Bald darauf glaubte sie sich von bösen Menschen und Geistern +verfolgt, griff nach Schwertern und Speeren zur Verteidigung und wurde +dadurch für ihre Umgebung gefährlich. Da man ausserdem noch fürchtete, +dass sie sich in ihrer Angst ertränken könnte, mussten einige Männer +bei ihr Wache halten. Die zarte Frau entwickelte während der Anfälle +so viel Kraft, dass mehrere starke Männer sie nur mit Mühe bewältigen +konnten. Nach derartigen Anfällen, die bis zu 8 Tagen dauerten, kam +sie wieder zur Besinnung und nach einigen Tagen gedrückter Stimmung +wurde sie ganz normal. Die Anfälle waren zum ersten Mal aufgetreten, +nachdem die Batang-Lupar aus Serawak im Jahre 1885 _Belarès_ +Niederlassung verbrannt und viele Menschen getötet oder als Sklaven +fortgeführt hatten. Dass dieser Umstand die Krankheit nicht verursacht, +sondern eine erbliche Anlage nur zum Ausbruch hatte kommen lassen, +ging daraus hervor, dass ihr Bruder, der Häuptling von Long Kub, +ohne diesen Anlass an der gleichen Krankheit litt. Auch jetzt konnte +ich leider nichts anderes tun, als die Leute trösten. + +Unterdessen hatten meine Begleiter gegessen, ihre grossen Böte unter +dem Hause hervorgeholt, ins Wasser gelassen und ihr eigenes Gepäck in +den Böten untergebracht. Ich machte von den starken Armen und frischen +Kräften der Pnihing Gebrauch, um die meisten und schwersten Kisten +sogleich von ihnen an den Blu-u mitnehmen zu lassen, der Rest sollte +mit den übrigen Europäern nachkommen. Die meisten Malaien und Javaner +zogen sogleich mit mir, um sich nach einer passenden Wohngelegenheit +für sich umzusehen. Dass _Belarè_ und die Vornehmsten seines Stammes +mir bis zum Blu-u das Geleite gaben, war ein Beweis dafür, wie sehr +sie meinen Besuch und den verlängerten Aufenthalt des Kontrolleurs +in ihrer Mitte zu schätzen wussten. + +Die Fahrt ging bei dem hohen Wasserstande sehr schnell von statten, +bereits nach zwei Stunden befanden wir uns an der Mündung des +Blu-u. Die Ufer boten jetzt einen ganz anderen Anblick, als bei meiner +Abreise im Frühling des vergangenen Jahres. Man hatte damals längs +des rechten, 30 m hohen Ufers bereits zum dritten Mal alles Gestrüpp +und Gras ausgerodet, um dort für den ganzen Stamm ein neues Haus zu +bauen. Seitdem die Batang-Lupar ihre Niederlassung verbrannt hatten, +lebten die Kajan nämlich zerstreut im ganzen Gebiet des Blu-u auf +ihren Reisfeldern, auch hatte jede Familie im Laufe der Zeit bereits +Pfähle und Planken zum Bau ihrer eigenen _amin_ hergestellt und sie +im Walde oder im Blu-u unter Wasser aufbewahrt. Schlechte Ernten, +ungünstige Vorzeichen und die Angst vor den immer noch im Quellgebiet +des Mahakam nach Guttapercha suchenden Batang-Lupar hatten den Hausbau +ständig verzögert. + +Während meines achtmonatlichen Aufenthaltes in ihrer Mitte +(1896-97) hatten sich die Kajan, im Gefühl der Sicherheit wegen +meiner Anwesenheit, mit neuem Mut an den Bau des Hauses gemacht und +waren auch während meiner Abwesenheit in der Arbeit fortgefahren; +denn jetzt standen eine lange Reihe _amin_ auf dem hohen Ufer. Nur +eine einzige Familie, zu der besonders viele arbeitsfähigen Männer +gehörten, hatte ihre Wohnung völlig beendet, die übrigen wohnten +noch in kleinen, aus alten Brettern gebauten Hütten rings umher und +sollten erst später die letzte Hand an ihre _amin_ legen. _Kwing Irang_ +hatte mit dem Bau seiner Wohnung überhaupt noch nicht anfangen können +und wohnte augenblicklich mit seiner Familie und einigen Sklaven in +einem sehr kleinen Hause, das wie die übrigen 3 In über dem Erdboden +lag. Die meisten seiner Sklaven lebten mit ihren Familien auf den +Reisfeldern des Häuptlings, die sie zu bebauen hatten und um welche +herum sie ihre eigenen kleinen Felder angelegt hatten. + +Da _Kwing Irangs_ provisorische Wohnung nur eine sehr kleine Galerie +besass, hatte man zur Aufnahme von Gästen und zur Abhaltung von +Versammlungen seinem Hause gegenüber an der anderen Seite eines freien +Platzes ein längliches Gebäude aufgeführt. Diesen Versammlungssaal +hatte man zur vorläufigen Unterkunft meines Personals und Gepäckes +bestimmt, während man für uns Europäer an dieses Gebäude angelehnt +a m über dem Boden ein festes Haus von 48 quad. m Grundfläche +errichtet hatte. Man hatte sich, gleich nachdem _Akam Igau_ meine +Ankunft gemeldet hatte, ans Werk gemacht und mir ein so gutes, +starkes Haus gebaut, wie ich es bis dahin auf meinen Reisen noch +nicht besessen hatte. Uns Europäern stand nun ein ausgezeichneter +Wohnraum zur Verfügung, der nur als Zeichenatelier für _Bier_, +als photographisches Atelier für _Demmeni_ und als Arbeits- und +Handelslokal für _Barth_ und mich zu eng war. Doch konnte allen diesen +Anforderungen später entsprochen werden; vorläufig musste ich für meine +Malaien eine Unterkunft zu beschaffen suchen. _Kwing Irang_ meinte, +dass hierfür ein leer stehendes, am Fusse des Uferwalles gelegenes, +malaiisches Haus am geeignetsten sein würde. Es hatte hier lange Zeit +ein malaiischer Anführer einer Gesellschaft Buschproduktensucher, +ein gewisser _Hadji Umar_, gewohnt, der sich augenblicklich unterhalb +der Wasserfälle aufhielt. Das etwas baufällige Haus konnte schnell +wieder hergestellt werden, indem der Wald Pfähle, der Häuptling +Planken und meine Malaien die Arbeit lieferten. Die Lage des Hauses, +weit ab von der eigentlichen Niederlassung der Kajan, war insofern +günstig, als die Malaien, die für die Dajak nie Sympathie empfanden, +hier ungestört wohnen konnten. Zwar war unser Geleite während der +Nacht hier weit von uns entfernt, aber einige Männer konnten als +Wache stets oben im Versammlungssaal schlafen. + +Nachdem ich _Belarè_ und die Seinen belohnt und verabschiedet hatte, +wandte ich mich an meine alten Kajan Bekanntschaften, die sich +während der Anwesenheit der Pnihing in einiger Entfernung gehalten +hatten. Ihrer Sitte gemäss, äusserte keiner der Kajan, bevor ich +das Wort an ihn gerichtet hatte, seine Freude über meine Ankunft, +dann aber war die Zunge plötzlich gelöst und ich wurde mit Fragen, +wo ich die Zeit über gewesen sei, ob ich mich nicht verheiratet hätte +u.s.w. über schüttet; leider begannen sie auch sogleich wieder um +allerhand Dinge zu betteln. Das Willkommgeschenk, das die meisten +erwarteten, schob ich noch einen Tag hinaus. + +An den beiden folgenden Tagen trafen in gesonderten Gruppen die +Mendalam Träger bei uns ein: zuerst die Ma-Suling mit denen aus +Pagong. Diese wollten sich den Mahakam abwärts zu ihren Verwandten +am Merasè begeben, sich 10 Tage bei ihnen ausruhen und dann wieder +an den Kapuas zurückkehren. Obgleich sie bereits in Putus Sibau +einen Vorschuss von ihrem Lohn erhalten hatten und es abgemacht war, +dass sie den Rest bei ihrer Heimkehr dort vom Kontrolleur in Empfang +nehmen sollten, baten sie mich doch wieder um Geld. Mit Rücksicht +auf meinen beschränkten Geldvorrat und darauf, dass alle anderen +wahrscheinlich mit den gleichen Forderungen herantreten würden, +musste ich ihre Bitte abschlagen und gab jedem nur eine kleine +Summe als Vorschuss; für den Rest gab ich ihnen einen Brief an den +Kontrolleur von Putus Sibau mit. Der gleiche Auftritt spielte sich +mit den Kajan aus Tandjong Karang und Tandjong Kuda ab, die sich, +um Blutsverwandte zu besuchen und Handel zu treiben, nach anderen, +weiter unten am Mahakam gelegenen Niederlassungen begaben. Nur den +armen Punan, die wenig oder gar keine Tauschartikel besassen, händigte +ich einen grösseren Betrag aus, damit sie unter _Tetuhès_ Anführung +bei ihren Verwandten am Serata, wo sich bei den Pnihing eine grosse +Bukat Niederlassung befand, keine allzu klägliche Rolle spielten. + +Ferner besprach ich mit _Kwing Irang_, was ich seinen Untergebenen, +die mir entgegengereist waren, geben sollte. Zu meiner angenehmen +Überraschung schlug er mir vor, jeden auf die gleiche Weise mit einem +Stück schwarzen und roten Kattuns zu belohnen; so hatte ich denn +nicht mit dem persönlichen Geschmack der einzelnen zu streiten. Ein +chinesischer Bankerottierer, _Mi-Au-Tong_, der aus Pontianak dein +Kapuas entlang an den Mahakam geflüchtet war und jetzt bei den Kajan +durch Handel mit Buschprodukten und Arzneien sein Leben fristete, +half mir beim Messen des Zeuges. Die Abmachung mit dem Häuptling +wurde von seinen Untergebenen natürlich wieder nicht für gut befunden; +jeder verlangte noch eine Portion Salz dazu, die ich ihm gern gab. + +Dem Häuptling selbst übergab ich im Namen der Regierung eine silberne +Beteldose mit Zubehör, die ihn sehr zu beglücken schien. Seinen +beiden Frauen hatte ich schöne seidene Tücher mitgebracht, ausserdem +liess ich sie von meinen geblümten Seidenstoffen selbst noch etwas +auswählen. _Kwing Irangs_ Pflegetochter _Kehad_ erfreute ich mit einem +Ohrschmuck, bestehend aus 20 Silberringen von 4 cm Durchmesser. Ich +hatte in Batavia 1500 dieser Ringe anfertigen lassen; sie bildeten +einen kostbaren und wenig umfangreichen Tauschartikel. + +Der Satz Armbänder aus Elfenbein, den ich _Hinan Lirung_ und _Belarè_ +gegeben hatte, spukte auch _Kwing Irang_ im Kopfe herum, und er ruhte +nicht eher, bis ich auch den Arm seines 10 jährigen Söhnchens _Hang_ +mit Elfenbeinringen geschmückt hatte. Alle Bahau besitzen die Eigenart, +dass sie ihre Wünsche starrsinnig auf einen bestimmten Gegenstand +richten und dass man sie dann mit Geschenken von viel grösserem Werte +nicht entsprechend erfreuen kann. Es ist daher am einfachsten, sie +ihre Wünsche stets vorher äussern zu lassen. + +Zu meiner grossen Beruhigung war es diesmal mit dem Reisvorrat der +Kajan viel besser bestellt, als auf meiner vorigen Reise. Bereits +in den ersten Tagen kamen Scharen von Mädchen und Knaben, um gegen +kleine Mengen Reis Nadeln, Perlen u.a. einzutauschen, so dass ich einen +ganzen Vorrat beisammen hatte, bevor _Barth, Demmeni_ und _Bier_ am +11. Oktober bei uns eintrafen. _Kaharon_ begleitete die Gesellschaft, +um mit mir noch einmal über die Expedition zum Quellgebiet des Mahakam +zu reden, die nach Ablauf der mit der Reissaat verbundenen Verbotszeit, +die jetzt bei den verschiedenen Stämmen eintrat, stattfinden sollte. + + + + +KAPITEL XIII. + + Der Mahakam in seinem Ober- Mittel- und Unterlauf--Bewohner + des Mahakamgebietes--Vorgeschichte der Stämme--Stellung + und Einfluss der Fremden--Ursprüngliche Bewohner am oberen + Mahakam--Vorherrschaft der Long-Glat--Kwing Irang und dessen + Stellung unter den übrigen Häuptlingen--Verkehr und Handel + unter den Stämmen--Selbständigkeit der Stämme--Verteilung der + Ländergebiete--Bestimmungen in bezug auf Feld- und Waldfrüchte, + Buschprodukte, Jagd und Fischfang--Industrie--Verkehr mit den + Nachbarländern--Handel und Handelswege. + + +Der Mahakam (im Malaiischen; Mekám im Busang) ist von den Strömen +Borneos, die sich an der Ostküste ins Meer ergiessen, der grösste. Er +entspringt unter dem Namen Selirong an der südwestlichen Seite des +Batu Tibang, eines wahrscheinlich vulkanischen Berges, der sich in der +Fortsetzung des Ober-Kapuas-Kettengebirges, das aus alten Schiefern +besteht, erhebt. Der Mahakam folgt anfangs einem Längstal dieses +Gebirges, aber bald nachdem sich der Selirong mit dem Seliku, einem +zweiten Quellflüsschen, das auf dem Lasan Tujan entspringt, auf 550 +m Höhe vereinigt hat, bricht der Fluss in südwestlicher Richtung der +Reihe nach durch alle Ketten des Gebirges hindurch. Bis zur Mündung +des Howong, auf etwa 300 m Höhe, behält der Mahakam diese Richtung +bei, wendet sich hier, in gleicher Entfernung von dem Batu Lesong, +ungefähr gerade nach Osten und biegt dort, wo dieses Sandsteingebirge +sich unter dem Namen Batu Ajo nach Süden fortsetzt, ebenfalls nach +Süden. An der Biegung bei Long Tepai hat sich der Fluss durch die +weissen Hornsteinschichten, auf denen das Sandsteingebirge liegt, +nur ein schmales 15-40 m breites Bett erodieren können, während das +Flussbett oberhalb Long Tepai an einigen Stellen eine Breite von 200 +m erreicht. + +An der Verengung bildet der Mahakam eine lange Reihe von Wasserfällen, +die von oben nach unten folgende Namen tragen: Kiham (Wasserfall im +Busang) Ulu, Kiham Hida, Kiham Nub, Kiham Lobang Kubang, Kiham Binju, +Kiham Kenhè. Unterhalb dieser verengten Stelle verbreitert sich das +Flussbett über eine ausgedehnte Strecke, bis beim Kiham Udang der +Fluss wiederum nur 30 m breit wird, während noch weiter unten, beim +Kiham Halo auf 100 m Höhe, die Wassermassen sich über eine Entfernung +von über 2000 m durch eine Verengung, die zwischen 20-50 m breit und +zwischen Sandsteinbergen gelegen ist, hindurchzwängen. Obwohl noch eine +Strecke weit von Hügeln beengt, erreicht der Fluss doch bald wieder die +normale Breite und wird von Long Bagung an auch nicht mehr stark durch +Berge verengt. Während daher der oberhalb Long Bagung gelegene Teil +des Mahakam nur unter günstigen Verhältnissen für die eigenartigen +Böte der Eingeborenen schiffbar ist, können bis zu dieser Stelle, +ausser bei sehr niedrigem Wasserstande, kleine Dampfböte den Fluss +hinauffahren. Bereits bei der Mündung des Merah beträgt die Breite des +Flusses 300 m und nimmt nach unten hin immer mehr zu. Nur bei Uma Mehak +Teba, wo der Strom sich um eine Hügelreihe windet, wird er noch einmal +100 m breit, später jedoch nicht wieder. Erst dort, wo die südöstliche +Richtung in eine östliche übergeht, jenseits des Gunung Sindáwar, +wird das Land zu beiden Flussseiten zu einer alluvialen Tiefebene, +auch erhebt es sich nicht hoch über dem Meeresspiegel. Das Land +behält aber nicht den gleichen Charakter bis zur Mündung bei, denn +die ganze Ostküste von Borneo wird nach Süden, bis zum Pasirfluss, +durch eine Gebirgskette begrenzt. Durch diese Gebirgskette muss der +Fluss sich hindurcharbeiten, bevor er sich in zahlreichen Mündungen +ins Meer ergiessen kann. + +Betrachten wir uns den Oberlauf des Mahakam näher, so zeigt es sich, +dass er so lange die südwestliche Richtung beibehält, als er sich in +der Fortsetzung des Ober-Kapuas-Kettengebirges befindet, beim Howong +jedoch wird er gezwungen, sich nach Osten zu wenden, da er dort +auf das vulkanische Gebiet stösst, dessen wichtigste Erhebungen der +Lekudjan, Penaneh und Menetokai sind, und auf die Sandsteinformation, +in welcher nach Osten hin der Batu Lesong die Hauptkette bildet. + +Von der Vereinigung des Selirong und Seliku an bis zur Mündung des +Howong fällt der Fluss in seinem sehr geraden Lauf von 550 auf 300 m +über dem Meeresspiegel. Da das Quertal überall eng ist, behält der +Mahakam in diesem Gebiet ganz den Charakter eines Bergstromes, der +nur bei niedrigem Wasserstande befahrbar ist und in welchem grosse +Wasserfälle, wie der Kiham Matandow (Sonnenfall), die Reise sehr +gefahrvoll machen. + +Die Ufer bestehen, ausser auf kurzen, ebeneren Strecken, aus steilen +Schieferwänden; im Flussbett selbst kommen nicht wie weiter unterhalb +grosse Geschiebeablagerungen vor, die an den Ufern oder in der Mitte +Geröllbänke bilden. + +Da, wo der Fluss in der Richtung des Sandsteingebirges Batu Lesong +im Süden und des Batu Apap Kaju Hun und Ong Dia im Norden nach Osten +strömt, ändert sich sein Charakter. Bis Long Tepai kommen eigentliche +Wasserfälle nicht vor, obgleich der Höhenunterschied zwischen Long +Howong und Long Blu-u noch 100 m beträgt. Die grössten Hindernisse für +eine Bootfahrt bilden auf dieser Strecke die Stromschnellen und die +unterhalb der konvexen Uferseite gelegenen Geröllbänke. Der gewundene +Lauf des Flusses zwischen Long Blu-u und Pahngè lässt bereits andere +Verhältnisse vermuten. Von dem Gipfel des Batu Mili aus sieht man +denn auch, dass sich das Flusstal nach Osten verbreitert; nur einige +Hügel nähern sich den Ufern und am Horizont erscheinen die Berge +Batu Niaan, Batu Boh und Batu Ajo. Auch eine Fahrt auf dem Flusse +zeigt ein verändertes Bild; der Fluss hat hier sein Bett in seine +alten Ablagerungen, viele Meter dicke Geröll- und Sandschichten, +gegraben und zahlreiche kleine, bewachsene Geröllinseln erschweren +die Fahrt auf dem Flusse. + +Diese Flussablagerungen enthalten zahlreiche Schichten mit +Pflanzenresten und haben ihr Entstehen dem Umstande zu danken, +dass der Fall zwischen Blu-u und Tepai nur 20 m beträgt, während die +grosse Enge des Bettes unterhalb Tepai durch Stauung bei Hochwasser +auf die Stosskraft des Flusses sicher einen schwächenden Einfluss +übt. Bei Lulu Njiwung ist die Anzahl kleiner Geröllinseln besonders +gross. Unterhalb Long Tepai stösst der Mahakam auf das Bergmassiv, +das nach Westen in den Pajang ausläuft; er windet sich hier durch +zwei enge Täler nach Süden und bildet dabei zwei Reihen grosser +Wasserfälle. Auf dieser Strecke ist der Fall des Flusses ein sehr +bedeutender, er beträgt zwischen Long Tepai und Kiham Halo 80 m. + +Nach der ersten, westlichen Reihe Wasserfälle folgt ein breiterer +Teil des Flusses, an dem er den Bo aufnimmt, der, aus einem grossen +Stromgebiet kommend, dem Mahakam 1/3 seiner Wassermenge zuführt. + +Den verhältnismässig ruhigen Charakter dieser Strecke behält der Fluss +bis Long Deho, wo bei Kiham Udang wiederum sehr enge Stellen folgen, +da der Fluss die mächtigen Konglomeratblöcke, die in seinem Bette +liegen, nicht hat entfernen können. Der Kiham Udang wird gänzlich +aus diesen Blöcken gebildet, welche von den Konglomeratschichten +aus rundem Griess abgebröckelt sind, die zu beiden Uferseiten +mit Sandsteinschichten abwechselnd eine Mächtigkeit von 10-30 m +erreichen. Der weiche Sandstein wurde vom Flusse weggeführt, während +die Konglomeratmassen liegen blieben. Dass derartige Verengungen auf +den Strom einen grossen Einfluss ausüben können, ersieht man daraus, +dass der Fluss bei Long Deho im Jahre 1897 in zwei Tagen 15 in stieg, +in 3 Tagen aber wieder seinen normalen Stand erreichte. + +Unterhalb Long Bagun hat der Fluss für seinen gewundenen Lauf eine +breitere Ebene, die er sich selbst aus seinen Ablagerungen von Griess +und Sand geschaffen hat, zu seiner Verfügung. Zwischen der Mündung +des Mera und Ma Mehak Teba liegen besonders viele Inseln, die alle +durch abgesetztes Geschiebe entstanden sind. Da Ana nur noch 50 m +über dem Meeresspiegel liegt, ist der Fall des Flusses weiter unten +nicht mehr bedeutend. + +Griessbänke kommen noch bis Ana vor, aber der Mahakam betritt erst +bei Gunung Sindáwar die ausgedehnte Tiefebene von Kutei und erhält +erst von hier an den Charakter eines Unterlaufs. + +Das weite, gänzlich flache Gebiet nördlich und südlich vom Mahakam, +das den grössten Teil des Binnenlandes von Kutei ausmacht, scheint in +früherer Zeit ein grosses Wasserbecken gewesen zu sein, das durch den +Mahakam und seine Nebenflüsse allmählich angefüllt und dann durch die +Vegetation überwuchert worden ist. Als Überbleibsel dieses Beckens sind +zu beiden Seiten des Flusses eigenartige Seeen zurückgeblieben. Diese +tragen mit ihrer runden Form und grossen Oberfläche einen ganz anderen +Charakter als die länglichen, gewundenen, kleinen Seeen, die in der +"Wester-Afdeeling" zu beiden Seiten des Kapuas vorkommen und einen +Teil des früheren Flussbettes darstellen. Obwohl ein Teil des Mahakam, +vom Blu-u bis Long Pahngè, nach Auffassung von Professor _Molengraaff_, +der Art seiner Geschiebeablagerung wegen nicht als Oberlauf betrachtet +werden sollte, muss es doch aus praktischen Gründen zweckmässig genannt +werden, den Teil des Mahakam oberhalb Long Bagun als Oberlauf zu +bezeichnen. Die ausgedehnten Geröll- und Griessablagerungen unterhalb +dieses Ortes stempeln den folgenden Teil zum Mittellauf; während der +Lauf des Flusses durch die Alluvialebene unterhalb Gunung Sindawar +alle Eigentümlichkeiten eines Unterlaufs aufweist. Nur wird der Fluss +an der Küste durch eine Hügelkette gezwungen, erst durch sie hindurch +zu brechen, bevor er sein Delta bildet. + + + +Dass die Bevölkerung am oberen Mahakam aus Bahaustämmen besteht, +die alle in den letzten zwei Jahrhunderten aus dem hoch gelegenen +Gebirgsland Apu Kajan ausgewandert sind, ist bereits an anderer Stelle +berichtet worden. + +In dem Quellgebiet des Mahakam trifft man bis zum Kiham Matandow +nur unberührten Urwald, in dem einige kleine Gruppen von Bukat +umherschweifen. Sie gehören dem Bukatstamme an, der in den Gebieten +des oberen Kapuas, oberen Mahakam und Njangejan zu Hause ist. Da sie +in jedem Jahr und zu jeder Jahreszeit ihren Aufenthaltsort wechseln, +wissen selbst die ansässigen Bahau oft nicht genau, wo sie sich gerade +befinden. Sie stehen mit den übrigen Nomadenstämmen, die sich unter +dem gleichen Namen von Bukat oder Punan am Serata, Boh und am Kapuas +im Flussgebiet des Gung, Kréhau und Mendalam aufhalten, in Verbindung. + +Vor dem Kriegszug der Dajak aus Serawak im Jahre 1885 wurde das +Flussgebiet des Mahakam, vom Kiham Matandow bis zum Sumwé, von +verschiedenen Niederlassungen des Pnihingstammes bewohnt. Diese +Niederlassungen wurden damals jedoch alle verwüstet mit dem Resultat, +dass sämmtliche Bewohner den Hauptstrom abwärts zogen und sich in den +ersten Jahren am Danum Parei östlich vom Kajangebiete niederliessen +und später, ungefähr 1893 und 1894, zwei Wohnplätze im Gebiete der +Kajan selbst gründeten, den einen an der Mündung des Sumwé unter +dem Häuptling _Belarè_, den anderen dicht daneben zu Long 'Kub, +unter den Häuptlingen _Erang Paren_ und _Tingang Kohi_. Nach dem Tode +des ersteren liess sich letzterer im Jahre 1901 wieder oberhalb der +Mündung des Kaso nieder. + +Die Dörfer an den Nebenflüssen wurden von den Serawakischen Dajak +verschont, so z.B. dasjenige am Howong unter _Amun Lirung_ und das +am Penaneh unter Kaja, dem Bruder _Amun Lirungs_. + +Die Bewohner des Hauses an der Mündung des Tjehan konnten noch, bevor +ihr Haus verbrannt wurde, flussaufwärts flüchten und setzten sich +weiter oben an der Mündung des Paketè fest, wo sie noch 1898 unter +dem Häuptling _Paren_ lebten. Seit der Zeit wohnen sie aber näher an +der Mündung des Tjehan, um Vorbereitungen für den Bau eines Hauses an +der Mündung selbst zu treffen. Am Serata, oberhalb der Wasserfälle, +die hinter dessen Mündung liegen, war die Pnihingniederlassung unter +_Njangun Diu_, in der auch viele Punan wohnten, von den Batang-Lupar +verschont geblieben. + +Der Stamm der Seputan, der nicht zu den Pnihing zu gehören scheint, +sondern in seiner Lebensweise mehr Übereinstimmung mit den Bungan +Dajak zeigt, lebt im Gebiet des Kaso, teils hoch oben an diesem Flusse, +teils am Penaneh. + +Fährt man den Mahakam weiter abwärts, so gelangt man in das Gebiet +der Kajan, die nach dem im Jahre 1901 erfolgten Tode ihres Häuptlings +_Kwing Irang_ unter dessen Neffen _Bang Lawing_ stehen. + +Der Stamm der Kajan beherrscht den zwischen dem Sumwé und dem Dini +gelegenen Teil des Mahakamgebietes. Auch sein Haus, das sich früher +unterhalb des Blu-u befand, wurde durch die Serawakischen Dajak +niedergebrannt, worauf sich die Bewohner zerstreut auf ihren Feldern im +Gebiet des Blu-u niederliessen. Bei meiner Ankunft im Jahre 1898 bauten +sie sich bereits eine neue Niederlassung auf dem hohen Mahakamufer an +der Mündung des Blu-u. Im Lande der Kajan halten sich keine Punan auf. + +Östlich vom Dini beginnt das Gebiet der Long-Glat, eines Stammes, +der sich gegenwärtig am Mahakam selbst festgesetzt hat und zwar in +Lulu Njiwung unter _Ding Ngow_, in Batu Sala unter _Paren Dalong_ +und in Long Tepai unter _Bo Lea_, dessen Besitz an der Grenze des +Njian endet. Mit Ausnahme des Merasè, an dem die Ma-Suling leben, +gehört das ganze Flussgebiet den Long-Glat. Auch hier kommen keine +Punan oder Bukat vor. + +Die Niederlassungen der Long-Glat unterscheiden sich insofern von denen +der Pnihing, Kajan und Ma-Suling, dass in jeder derselben mehrere +Stämme beieinander wohnen, die alle eigene Häuptlinge besitzen, +welche dem Long-Glat-Häuptling gehorchen müssen. Diese Verhältnisse +bestehen seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, wo die Long-Glat am +oberen Mahakam eine grosse Macht entwickelten und unter den zwei +Häuptlingsbrüdern _Bo Ibau_ und _Bo Ledju Aja_ alle dort ansässigen +Stämme unterwarfen. Die kleineren Stämme, wie die Ma-Tuwan, Ma-Tepai, +Ma-Manok-Kwe und Batu-Pala wurden von ihnen gezwungen, mit ihnen +zusammen zu wohnen, um ihre Anzahl zu vergrössern. Seit der Zeit +teilten sich diese Stämme, sobald sich die Long-Glat teilten. Obwohl +sie viel von den Long-Glat übernommen und sich auch durch Heirat mit +diesen vermischt haben, hat sich doch noch vieles aus der Zeit ihrer +Selbständigkeit bei ihnen erhalten. Sie haben sich ihre Sprache, +ihren Häuserbau und ihren Gottesdienst ein Jahrhundert lang bewahrt, +auch besitzen einige Stämme eine eigene Art der Tätowierung. Jeder +dieser Stämme wohnt in seinem eigenen, langen Hause neben dem der +Long-Glat, so dass man in einem Dorfe, das vielleicht 1-2 Hektare +umfasst, 3-4 bisweilen sehr verschiedene Sprachen reden hört, beim +Ackerbau sehr verschiedene Zeremonien, Verbotszeiten und Vorzeichen +beobachten sieht und, besonders bei den Frauen, verschiedene Arten +der Tätowierung feststellen kann. + +Allen Sprachen, die in einer Niederlassung gesprochen werden, die +allgemeine Umgangssprache, das Busang, mit einbegriffen, liegt der +gleiche Stamm zu Grunde. Dem Laute nach weichen diese Sprachen aber +sehr von einander ab; das Long-Glat z.B. ist den anderen Stämmen so +fremd, dass die Bahau etwas Unverständliches als "_dahaun_ Long-Glat" = +"Sprache der Long-Glat" bezeichnen. Im gegenseitigen Verkehr benützt +man das Busang. + +In Lulu Njiwung wohnen die Long-Glat jetzt mit den Ma-Tuwan und drei +anderen, kleineren Stämmen zusammen; in Batu Sala leben die Long-Glat +mit den Ma-Tuwan und Uma-Tepai; in Long Tepai leben ausser den 3 +letzten auch noch Manok-Kwe und Batu-Pala. + +Die Ma-Suling und die Ma-Pagong haben sich im Merasègebiet in zwei +Dörfern gemeinsam niedergelassen, bei Napo Liu (oberhalb der Insel) +dicht bei der Flussmündung, und weiter oben in Lulu Sirang. Diese +beiden Dörfer waren früher Jahrzehnte lang vereinigt gewesen, +aber im Jahre 1896 trennten sie sich derart, dass jetzt in beiden +sowohl ein Haus der Ma-Suling als eines der Uma-Pagong steht. Die +Niederlassung von Napo Litt regiert der Häuptling _Ledju Li_ und die +von Lulu Sirang der Häuptling _Bo Ngow_. Am Mendalam und in den beiden +Niederlassungen am Merasè wohnen die Uma-Pagong mit den Ma-Suling +zwar gemeinschaftlich, aber, so viel mir bekannt, in gegenseitiger +Unabhängigkeit. + +Nach ungefährer Schätzung beträgt die Seelenzahl bei den Seputan 500, +den Pnihing 1500, den Kajan 800, den Ma-Suling mit den Uma-Pagong 1300, +den Long-Glat 1600 und den Nomadenstämmen 400, so dass die Bevölkerung +am oberen Mahakam oberhalb der Wasserfälle ungefähr 6000 Seelen stark +sein muss. + +Neben dieser eigentlichen Bevölkerung halten sich im Gebiet des +oberen Mahakam bei allen Stämmen, die ihnen Zuflucht gewähren, +d.h. bei allen ausser den Pnihing, zahlreiche Fremde auf. + +Diese sind hauptsächlich Malaien oder, besser gesagt, Mohammedaner +verschiedener Blutmischung und Dajak aus anderen Gegenden, die sich +hier vor allem mit dem Sammeln von Buschprodukten befassen. Unter +den Malaien befinden sich viele, die ihr eigenes Land in der Nähe der +Küste Verbrechen oder Schulden wegen verlassen und bei den Bahau Schutz +gesucht haben. Die zahlreichen Arten Guttapercha und Rotang, die am +oberen Mahakam zu finden sind, lockten mit der Zeit immer mehr Fremde +heran. Besonders unter dein gutmütigen, rechtschaffenen Häuptling +_Kwing Irang_ erschienen viele malaiische Buschproduktensammler, +die aus dem Gebiet des oberen Murung gebürtig waren; ihr Häuptling +_Temenggung Itjot_, ein Nachkomme des von dem Krieg mit Bandjarmasin +her bekannten _Antassari_, erhielt jedoch von den Kajan kein +Niederlassungsrecht und durfte daher auch nicht mit einer Tochter aus +der Häuptlingsfamilie in die Ehe treten. _Itjot_, der sich mit den +Seinen verfeindet hatte, zog zu den Ma-Suling an den Merasè, heiratete +dort die Tochter eines vornehmen Häuptlings und lebte seit 1893 in der +neuen Heimat. Es sammelten sich um ihn die Buschproduktensucher, von +denen sich viele gleichfalls eine Frau unter den Ma-Suling wählten, +und beuteten die Wälder am Merasè aus, die sehr gross und reich +an Buschprodukten waren. Nachdem sie die Wälder erschöpft hatten, +zogen die meisten nach anderen Gegenden. Unter anderem suchten sie +bei den Long-Glat in Long Tepai, Batu Sala und Lulu Njiwung Einfluss +zu gewinnen, um sich in ihren Gebieten der Buschprodukte bemächtigen +zu können; sie konnten aber, hauptsächlich beim Häuptling _Bo Lea_, +ihre Raubpolitik nur mit grosser Vorsicht betreiben. Die meisten +durften nicht einmal in einem Dorfe längere Zeit wohnen bleiben. Der +energische Pnihinghäuptling _Belarè_ verstand diese für die Stämme +gefährlichen Gäste sogar fast gänzlich fernzuhalten. + +Der Wunsch der Häuptlinge, den Stamm nach. Möglichkeit zu vergrössern +und das Ansehen, das sich die Fremden durch wirkliche oder vorgegebene +Talente als Medizinmänner und Handwerker zu geben wissen, erleichtern +den Fremden im allgemeinen die Aufnahme unter den Bahau. + +Das Verhältnis zwischen Malaien und Dajak ist darin eigentümlich, +dass einige Häuptlinge die Malaien gänzlich abzuwehren trachten, +in dessen sie bei anderen zu hohem Ansehen gelangen. Von Einfluss +ist hierbei die grosse Bewunderung, die sie bei den jungen Mädchen +erregen. Viele Malaien sind daher auch mit den vornehmsten oder +schönsten Mädchen der Stämme, in denen sie sich gerade aufhalten, +verheiratet. In der Regel lassen diese Männer ihre Frauen, sobald +ihre Existenz mühsamer wird, einfach im Stich und ziehen zu anderen +Stämmen oder in andere Gebiete. Das geschah u.a. bei den Ma-Suling, +als der Guttapercha am Merasè sein Ende erreichte. + +Zu den Bahau, die aus dem Apu Kajan gebürtig sind, gehören zweifellos +die Kajan, Ma-Suling und Long-Glat. Die Pnihing schreiben sich zwar +gern den gleichen Ursprung zu, wahrscheinlich aber mit Unrecht. Erstens +ist es gewiss, dass sie aus dem Gebiet des oberen Kapuas, wo noch +ein kleiner Teil Pnihing wohnt, in das Tal des Mahakam gezogen sind +und dass sie seit dieser Zeit ständig in dessen Quellgebiet gelebt +haben. Zweitens haben die Pnihing einen viel kräftigeren Körperbau +und andere Sitten als die übrigen Stämme am Mahakam. Sie können nicht, +wie die Bahau, Schwerter schmieden und in Holz und Knochen schnitzen; +ihre Männer und Frauen tätowieren sich nur wenig, unsystematisch, +augenscheinlich als Nachahmung anderer Stämme; Kriegstänze, die unter +den Bahau allgemein üblich sind, kennen sie nicht. Der Umstand, dass +sie das Fleisch der Horntiere essen, was andere Stämme nicht tun, macht +es mir besonders wahrscheinlich, dass sie eher zu den Kapuasstämmen als +zu den Bahau gerechnet werden müssen. Ihre Sprache ist mir unbekannt. + +Die Pnihing gehören vielleicht zu der Bevölkerung, die im Gebiet des +Mahakam wohnte, bevor die Bahau hier eindrangen. Diese berichten, +dass sie das Land von Stämmen eroberten, die Pin-Metjai, Nè-Kiham, +Pin-Buwat, Pin-Kunjong, Ten-Nean, Pera-Téran, Nè-Berang und Pin-Bawan +hiessen. + +Alle diese Stämme flohen durch das Kasotal, teils nach dem Kapuas, +teils nach dem Barito. Die Ot-Danum am Miri, einem Nebenfluss +des Kahajan, werden noch mit Sicherheit als Nachkommen dieser +Stämme bezeichnet. Zu ihnen begeben sich die Mahakambewohner auch +vorzugsweise, um Köpfe zu jagen. Man schreibt diesen Urbewohnern +alle Überreste aus früheren Zeiten zu, hauptsächlich die Steine mit +Figurenzeichnungen am oberen Mahakam. Den einen, im Tjehan, suchten +wir auf; ein zweiter liegt auf dem Abhang am Auer Kebalan unterhalb +Long 'Kup und ein dritter im Fluss vor der Mündung des Danum Parei; +letzterer kommt nur bei niedrigem Wasserstande zum Vorschein. + +Auch die steinernen Gerätschaften und Tempajan, die beim Fällen der +mächtigen Wälder am Blu-u gefunden wurden, sind wahrscheinlich diesen +Stämmen zuzuschreiben. Als lebende Beweise ihres Bestehens können die +zahlreichen Sklaven der Mahakamstämme gelten, welche alle in den damals +geführten Kriegen erbeutet wurden. Die Überlieferung ihrer Herkunft ist +den Sklaven noch wohl bekannt und sie bleibt ihnen unter den Kajan auch +bewusst, da diese ihre Sklaven in grösserer Abgeschiedenheit halten +als die anderen Stämme. Sie fühlen sich grösstenteils noch fremd unter +den Kajan, obwohl sie, mit Ausnahme einiger später geraubter Sklaven, +alle im Stamme geboren sind, und folgen ihren eigenen Sitten, indem +sie z.B. noch Hirsche und wilde Rinder essen. + +Unter den Long-Glat sind die meisten Sklaven durch Heirat in den Stamm +aufgenommen worden. Eine von dort gebürtige intelligente Sklavin, +Uniang Pon, die viel gereist war, erzählte mir, dass man die Sklaven, +ihrer grossen Anzahl wegen, unter die Stämme unterhalb der Wasserfälle +verteilt hatte, da sie sonst den Bahau hätten gefährlich werden können. + +Wie gross der Einfluss der Sklaven bisweilen gewesen ist, erkennt +man daraus, dass die Kajan, die früher, nach eigener Angabe, Busang +sprachen, sich jetzt des _kehob_ Pin (Sprache der Pin) bedienen, +eines Dialektes des Busang, der durch die Sklaven verändert worden ist. + +Die Bahau zogen auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten +zum Mahakam, der sie, der Überlieferung nach, durch seinen grossen +Fischreichtum angelockt haben soll. + +Die Ma-Suling und Ma-Pagong zogen mit denjenigen, die jetzt am +Mendalam wohnen, aus dem Apu Kajan zuerst zum Njangejan und teilten +sich erst dort. Sie zogen teils zum Mendalam, teils zum Mahakam, +wo ihnen das grosse Kalkgebirge, in dem sich der Batu Matjan, Batu +Ulu und Batu Brok erheben, lange Zeit zum Wohnplatz diente. Auch die +anderen Bahaustämme, die jetzt bei den Long-Glat leben, hielten sich +ursprünglich dort auf. Die Batu-Pala haben ihren Namen noch vom Batu +Pala, dem kleinen Kalkplateau am Merasè in der Nähe des Batu Situn, +von wo die Long-Glat sie zwangen, zum Mahakam herunterzuziehen. + +Die Kajan dagegen kamen vom Apu Kajan längs dem Boh herab, unter +Anführung des Häuptlings _Kwing Irang_, der nach seinem Tode den +Beinamen _Singa Melön_ erhielt. Sie fuhren den Mahakam hinauf, bis +zu dem Lande, in dem sie jetzt noch wohnen. Seit der Zeit wurden sie +von sechs Häuptlingen regiert, also dauert ihr dortiger Aufenthalt +noch nicht länger als 150 Jahre. Gleichzeitig mit ihnen zogen noch +viele andere des gleichen Stammes aus dem Apu Kajan fort. Nach ihrer +Überlieferung hatten sie sich, um über einen Fluss zu gelangen, eine +Brücke gebaut. Als die Vordersten das andere Ufer erreicht hatten, +bemerkten sie einen Hirsch (_pajo_) und begannen: "_pajo, pajo_" +zurufen. Die Hinteren verstanden jedoch: "_ajo_ (Kopfjagd), _ajo_" +und erschraken darüber so sehr, dass sie die Rotangtaue, an denen +die Brücke befestigt war, durchschnitten, worauf diese in den Fluss +fiel. Darauf kehrten sie für immer nach dem Apu Kajan zurück und +liessen die anderen allein zum Mahakam ziehen. + +Die Long-Glat wanderten aus dem Apu Kajan am Ende des 18. Jahrhunderts +unter dem Häuptling _Ding_ aus. Streitigkeiten mit anderen Stämmen +zwangen sie zum Auszug; wahrscheinlich liegen allen anderen +Auswanderungen die gleichen Ursachen zu Grunde. + +Auch die Long-Glat folgten dem Boh, aber sie lebten längere Zeit +an der Mündung (_long_) des Glat, nach dem sie auch ihren Namen +tragen. Von hier aus zogen sie zum Mahakam hinunter und liessen sich +an der Mündung des Njian nieder, von wo sie durch eine Kriegsbande +unter dem Häuptling _Ding_ aus Long Howong, am mittleren Mahakam, +vertrieben wurden. Eine Frau hatte hierzu die Veranlassung gegeben. + +Darauf zogen die Long-Glat, unter Anführung der beiden Brüder +_Ibau_ und _Ledju_ über die westlichen Wasserfälle bis dicht an +die Mündung des Merasè. Diese beiden Brüder waren als Söhne des +früheren Häuptlings _Ding_ noch im Apu Kajan geboren und spielten am +oberen Mahakam viele Jahre hindurch eine grosse Rolle. Noch einmal +mussten sie, wahrscheinlich infolge ihrer eigenen Übeltaten, bis zur +Mündung des Serata flüchten, wenigstens unternahm _Ledju_ vom Serata +aus den grossen Kriegszug gegen die Turi (Taman), die am oberen +Kapuas wohnten. Sämtliche Stämme mussten sich ihm ergeben. Er fuhr +selbst den Kapuas bis Semitau abwärts und verbrannte unterwegs alle +Niederlassungen. Auch unternahm er grosse Züge nach dem Barito und +oberen Kahájan, dem mittleren Mahakam und sogar nach dem Apu Kajan, +wo er jedoch in der Nähe der grossen Wasserfälle des Batu Plakau +geschlagen wurde. Für alle dies: Kriegszüge beanspruchte er die Hilfe +aller Stämme am oberen Mahakam, die ihm tributpflichtig waren oder die +er gezwungen hatte, aus ihren Bergfestungen am oberen Serata und oberen +Merasè hinunterzuziehen. Die Ma-Suling liessen sich damals am unteren +Merasè nieder, die Ma-Tuwan mussten mit den Long-Glat zusammenziehen, +ebenso die Batu-Pala, die ein Jahr lang belagert werden mussten, bevor +man ihr Haus verbrennen konnte. Dies war überhaupt die gebräuchliche +Weise, um die Bewohner zum Auszug zu zwingen; bisweilen trug man +ihnen vorher noch ihr Hab und Gut aus dem Hause. + +So zwang z.B. _Ledju_ seinen Bruder _Ibau_, der sich mit einem Teil +des Stammes von ihm geschieden hatte und auf einem Kalkplateau bei +der Mündung des Sumwé lebte, sich wieder mit ihm zu vereinigen. Die +Kalkberge tragen noch jetzt den Namen Liang Totong (_totong_ = +brennen). _Ledju_ trieb die Untertanen seines Bruders mit ihrer Habe +aus dem Hause und verbrannte dieses. Seither wohnten sie gemeinsam +in Lirung Ban, einer Ebene am Mahakam, in der Nähe der Merasèmündung. + +In damaliger Zeit waren auch die Kajan und Pnihing von den +Long-Glat unterworfen und ihnen tributpflichtig gemacht worden. Die +Tributpflichtigkeit muss darin bestanden haben, dass die Long-Glat +das Recht hatten, sich an Böten und Vieh einige beliebige Stücke +mitzunehmen. Wahrscheinlich stand aber dieses Recht nur den +Häuptlingen zu. Noch gegenwärtig herrscht die Sitte, dass ein junger +Pnihinghäuptling, sobald er zum ersten Mal eine Niederlassung der +Long-Glat betritt, dem betreffenden Häuptling ein Geschenk, ein Boot, +ein Fischnetz oder einen Gong mitbringt. Übrigens sind die Stämme, +die nicht mit den Long-Glat zusammenwohnen, unabhängig. Die Kajan +erkennen die Oberherrschaft der Long-Glat nicht mehr öffentlich +an, da ihr vor kurzem verstorbener Häuptling _Kwing Irang_ aus der +Häuptlingsfamilie der Long-Glat stammte. + +Die Macht der Long-Glat hat sich einerseits vermindert, weil ihr +Charakter weniger kriegerisch geworden ist, anderseits, weil der +Stamm nicht mehr beieinander blieb. Bereits _Ledju_ zog, nachdem +der ganze Mahakam oberhalb der Wasserfälle unterworfen war, mit +der Hälfte des Stammes nach dem mittleren Mahakam, unterhalb der +Wasserfälle. Er führte einen Teil der Ma-Tuwan, Uma-Wak, Batu-Pala +und anderer Stämme mit sich und überliess _Ibau_ die Herrschaft über +den oberen Mahakam. Der Auszug war durch die Heirat veranlasst worden, +welche zwischen _Ledju_ und der Tochter eines dort lebenden vornehmen +Häuptlings, namens _Owat_, stattfand, und vielleicht auch durch Mangel +an gutem Ackerboden für die zahlreichen Bahau und durch die Nähe der +Küste, die ihnen Salz, Tabak und Leinwaren lieferte. Seine Nachkommen +herrschten über alle Bahaustämme am mittleren Mahakam. + +Im Jahre 1825 traf _Georg Müller_ mit _Ledju_ zusammen und wurde +von ihm über die Wasserfälle geleitet und der Sorge seines Bruders +_Ibau_ anvertraut. In gleicher Weise verfuhr man später mit mir, +bei meinem Zuge in der umgekehrten Richtung. Da in damaliger Zeit +sowohl die Kajan als die Pnihing, die _Müllers_ Geleite bildeten und +ihn beim Gurung Bakang ermordeten, unter _Ibaus_ Herrschaft standen, +ist anzunehmen, dass der Mord auf dessen Befehl stattfand. Dass der +Sultan von Kutei an dem Mord die Schuld trägt, ist unwahrscheinlich, +weil die Bahau damals von Kutei gänzlich unabhängig waren. + +Bemerkenswert ist, dass nur _Müller_ ermordet wurde. Zwei seiner +Soldaten erreichten den Kapuas, die übrigen wurden als Sklaven zum +Mahakam zurückgeführt; keiner von diesen sah Java wieder. Ich erfuhr +dies sowohl durch einen Augenzeugen, _Adjang_, den jüngsten Sohn von +_Ledju_, als auch noch durch andere. _Adjang_, mit dem ich in Long +Deho viel verkehrte, starb dort im Jahre 1900, im Alter von 90 Jahren. + +_Ibau_ war eine friedsame Natur und hatte einen Ruf als +Schnitzkünstler. Er und sein Sohn _Bo Kulè_ verstanden, die Long-Glat +beisammen zu halten, aber nach des letzteren Tode war ein Teil des +Stammes mit seinem Nachfolger _Ngow Kulè_ unzufrieden und zog mit +_Bo Lea_, einem Häuptling von niederer Geburt aber hohem Ansehen, +weiter abwärts. Von den Manok-Kwe kamen sämtliche mit, weil _Bo Lea_ +mit der Tochter ihres Häuptlings verheiratet war. Gegenwärtig leben +sie alle in Long Tepai. Auch _Ngow Kulè_ blieb nicht an dem alten Ort +Lirung Ban, wo der Stamm sich nach vielen Jahren wiederum ein Haus +gebaut hatte, sondern liess sich in Lulu Njiwung nieder. Sein Sohn +_Ding Ngow_, der sein Nachfolger geworden ist, lebt jetzt noch dort. + +Trotzdem die Ma-Suling und Kajan jetzt von den Long-Glat unabhängig +sind, besteht doch noch zwischen ihnen ein Band, nämlich die +Häuptlinge, die alle entweder von der Häuptlingsfamilie der Long-Glat +abstammen oder mit Gliedern von ihr verheiratet sind. So heiratete +_Bo Edo_, die Schwester von _Bo Kulè_, einen Kajanhäuptling _Owat_, +dessen Söhne der Reihe nach über die Kajan regierten; der letzte war +_Kwing Irang_. + +_Bo Edo_ hatte aus zweiter Ehe mit einem _panjin_ einen Sohn _Li_, +der mit der vornehmsten Ma-Suling Frau verheiratet war. Sein Sohn +_Ledju Li_ war in Napo Liu, einer der Niederlassungen der Ma-Suling +am Merasè, Häuptling. In Lulu Sirang wiederum ist ein anderer +Häuptling mit einer Schwester von _Bo Lea_ verheiratet. Auch unter +den Häuptlingen der Pnihing vom Tjehan, dem Serata und von Long +'Kup giebt es verschiedene, die aus dem Geschlechte von _Bo Kulè_ +abstammen, so dass sich weitaus die meisten Häuptlinge am Mahakam +oberhalb Tepu von derselben Familie herleiten. + +Diese Familienbeziehungen haben zur Folge, dass bei einigen grossen +Arbeiten, wie beim Bau von Häusern durch die Häuptlinge, alle Stämme +am oberen Mahakam Hilfe leisten, indem sie einen schweren Pfahl aus +Eisenholz liefern. + +Dies geschah auch beim Bau des mächtigen Hauses von _Kwing +Irang_. Jede Niederlassung lieh ihre Hilfe, ausser Lulu Njiwung, +dessen junger Häuptling, _Ding Ngow_, sich zu hoch achtete, um +seine Hilfe anzubieten, weil er in direkter, männlicher Linie von +_Ibau_ abstammte. Wegen der Eigenart der Bahau, das Ansehen eines +Stammes auch von den persönlichen Eigenschaften und vom Alter seines +Häuptlings abhängen zu lassen, stand _Kwing Irang_, als Häuptling der +Kajan, höher als sein junger Neffe in Lulu Njiwung und alle übrigen +Häuptlinge. Vor diesen hatte er ausserdem voraus, dass sowohl sein +Vater als seine Mutter aus Häuptlingsfamilien abstammten, ferner +war er der älteste seines Geschlechtes und ein Mann nach dem Sinn +der Bahau. Im Vergleich mit seiner Umgebung zeichnete er sich durch +Friedensliebe aus, so dass unter seiner Regierung bei den Kajan nur +noch selten Kopfjägerei geübt wurde; jedem gegenüber war er gerecht +und selbstlos, nur war er ein Feind von energischen Massregeln. Obwohl +einige andere, wie _Belarè_ bei den Pnihing und _Bo Lea_ bei den +Long-Glat, viel mehr Energie zeigten, erkannten sie doch mit den +anderen Häuptlingen _Kwing Irang_ als den Höchststehenden oberhalb +der Wasserfälle an. Diese Oberherrschaft bezog sich tatsächlich aber +nur auf allgemeine Interessen, wie Unterhandlungen mit Serawak und +den benachbarten Ländern, auch genoss er das Vorrecht,für die hohen +Bussen aufkommen zu müssen, die von diesen Ländern aus wegen erbeuteter +Köpfe auferlegt wurden. + + +Stammbaum der hipui bei den Mahakam Kajan. + +Bo Kwing Irang (Singa Melön)--Bo Uniang (Gattin von Lalau Anjè) + Bo Kwing (Mann) + Bo Tukau (Frau) + Ding Tukau + Bang Lawing (Nachfolger von Kwing Irang und Gatte von zwei + panjin der Kajan) + ein Sohn + + Lirung (Gattin des Malaien Utas) + Bang + + Uniang (Gattin von Tekwan, hipui der Ma-Suling) + Lasa + + Dja-Ang + + Owat (Gatte von Bo Edo) + + Uniang (Gattin von Bo Ibau in Long Tepai) + Adjang Ibau + zwei Töchter + + Kwing Irang + Bang Awan (Sohn einer panjin der Kajan) + Hang (Sohn von Uniang Anja, einer hipui der Long-Glat) + Perèn (Sohn einer hipui der Pnihing) + + Li (Sohn eines panjin der Long-Glat, Gatte von Ero, + _hipui_ der Ma-Suling) + Ledju (Häuptling der Ma-Suling in Napo Liu) + Ibau + Bulan (Gattin des Ledju Adjang) + + Lalau (Gatte einer hipui in Long Medang) + Tuka (gestorben in Tengaron) + Ding (zu den Kajan geflohen) + Edo (Gattin eines Malaien in Uma Mehak) + + +Auf die inneren Angelegenheiten eines Mahakamstammes hat niemand anders +als die Glieder des Stammes selbst Einfluss. In dieser Beziehung +wird die Autonomie des Stammes streng gewahrt. Einem Europäer, +der an andere Verhältnisse gewöhnt ist, erscheint es auffallend, +dass so kleine Stämme so gänzlich unabhängig voneinander und mit so +wenig Verbindung untereinander am gleichen Flusse leben können. + +Der gegenseitige Verkehr findet in der Tat nur durch einzelne Männer, +die an Handelsreisen gewöhnt sind, statt. Nach der allgemeinen Sitte +kehren diese Händler in den meisten Niederlassungen, an denen sie +vorüberfahren, ein, um Neues zu hören oder mitzuteilen. + +Frauen begeben sich zu fremden Stämmen nur, um Familienangehörige +zu besuchen, und auch dies geschieht selten. So besuchen sich die +Frauen der verschiedenen Niederlassungen der Long-Glat. Gleichwie +viele 20 jährige Frauen der Mendalam Kajan noch nie in dem nur 3 +Stunden entfernten Putus Sibau gewesen waren, kannten die meisten +Frauen der Mahakam Kajan nur ihre eigene Niederlassung. + +Während meines Aufenthaltes im Jahre 1899 ging _Hiang_, die +angesehenste von _Kwing Irangs_ Frauen, mit ihrer Pflegetochter +_Kehad_ zum ersten Mal in ihrem Leben zum Stamm der Ma-Suling mit; +dabei war sie bereits 50 Jahre alt. Da beide nur Kajan zu sprechen +wagten, konnten sie sich nur mit Mühe mit den Frauen der Ma-Suling +verständigen, die ein einigermassen verändertes Busang sprachen. Es +dauerte zwei Tage, bis _Kehad_ mit ihrer Nichte _Bulan_ in ihrem +mangelhaften Busang zu sprechen wagte. Um noch weiter, zu den Long-Glat +nach Long Tepai, mitzufahren, fehlte ihnen der Mut. Ebenso verhielt +es sich mit den anderen Frauen. + +Derartige Verhältnisse führen die Stämme in hohem Masse zum +Konservatismus und erwecken in ihnen die Neigung, sich in der +ihnen eigenen Richtung weiter zu entwickeln, mit dem Resultat, +dass unter allen diesen kleinen Menschengruppen, die aus derselben +Umgebung abstammen, eine besondere Sprache und viele besondere Sitten +hervorgegangen sind. Misstrauen, Eifersucht und Zwistigkeiten aller +Art halten diese Stämme gleich stark von einander entfernt als dies +anderswo bei Leuten geschieht, deren Verkehr durch Berge, Wasserfälle +oder Wüsteneien verhindert wird. + +Eine Verbrüderung der Stämme wird dadurch erschwert, dass die Bahau +praktisch endogam sind, obgleich in der Theorie weder ihre _adat_ +noch ihre Religion ihnen verbietet, in einen anderen Stamm zu +heiraten. Die Endogamie erklärt sich daraus, dass die Häuptlinge +ihren ganzen Einfluss aufbieten, um eine Verminderung ihres Stammes +durch den Wegzug seiner Glieder zu verhindern; denn im Hinblick auf +eine eventuelle Verteidigung ist es wünschenswert, dass die Zahl der +Stammesglieder möglichst gross ist. + +Ich hatte diese Erscheinung schon bei den zwei Teilen des Kajanstammes +zu Tandjong Kuda und Tandjong Karang am Mendalam bemerkt und fand sie +in ganz derselben Weise am oberen Mahakam wieder. Hat sich ein Mann +in einem anderen Dorfe niedergelassen, so werden noch nach Jahren +Versuche gemacht, ihn zur Rückkehr zu bewegen. + +Trotzdem ist seit Jahrzehnten von wirklicher Feindschaft und Kampf +unter diesen Stämmen keine Rede mehr gewesen. Begreiflicher Weise +ist aber auch ein gemeinsames Vorgehen unter ihnen nicht üblich +und, wenn, wie es im Jahr 1885 geschah, die Batang-Lupar am Oberlauf +grosse Verwüstungen anrichten, fühlen sich die Ma-Suling und Long-Glat +durchaus nicht verpflichtet, den anderen Stämmen ernsthaft beizustehen, +solange sie selbst nicht bedroht sind. + +Der Boden, den ein Stamm der Bahau eingenommen hat, ist Eigentum des +Stammes und Glieder anderer Stämme dürfen innerhalb dieser Grenzen +kein Land besitzen oder Fische fangen. Alle innerhalb dieses Gebietes +gelegenen Landstücke, die noch nicht bebaut gewesen sind, stehen jedem +Stammesglied, die Sklaven mit einbegriffen, frei zur Verfügung; nach +Beratung mit dem Häuptling wählt jeder den Boden, den er nötig zu haben +glaubt. In Zeiten von Reismangel sind die Berge, in denen wilder Sago +(_nanga_ = Eugeisonia tristis) wächst, von grosser Bedeutung. Jeder +darf dann nach Bedürfnis dort Nahrungsmittel sammeln. Das Gleiche +gilt für den Rotang und andere Artikel, welche der Wald liefert; +die freien Stammesglieder dürfen sie sogar zum Verkauf sammeln, ohne +ihrem Häuptling einen Teil des Ertrages zu geben. Lässt der Häuptling +die Buschprodukte durch seine Sklaven suchen, so erhält er den Zehnten +des Ertrags; den gleichen Tribut erhält er auch von den Fremden. + +Auch Jagd und Fischfang dürfen die Stammesglieder frei betreiben, +nur steht dem Häuptling das Recht zu, sobald der Fischstand oder der +Stand der Buschprodukte es erforderlich machen, einen bestimmten +Fluss oder ein Waldgebiet für verboten zu erklären und demjenigen +eine Busse aufzuerlegen, der dieses Verbot übertritt. + +Die Waldfrüchte sind ebenfalls allgemeines Eigentum, ein Umstand +der in günstigen Fruchtjahren von grosser Wichtigkeit ist, da in den +Wäldern Borneos viele essbare Früchte vorkommen. Anders verhält es +sich mit den Fruchtbäumen, die irgendwann von Familien des Stammes +gezogen wurden. Doch werden die Früchte an entlegenen Orten vielfach +gestohlen, was um so begreiflicher ist, als der Stamm bald hier bald +da innerhalb seines Gebietes ein Haus baut und in der Nähe wieder +neue Reisfelder anlegt. Die Fruchtbäume werden in der Regel dicht +beim Hause gepflanzt und beginnen oft erst dann zu tragen, wenn das +Haus wieder verlassen wird. + +Der Grund zum Umzug eines Stammes liegt nur selten im Mangel an in der +Nähe liegendem Ackerboden. Wenn der Feind durch Brandschatzung keine +Veranlassung hierzu giebt, ist es meist der Aberglaube, der eine Rolle +spielt. Kommen nämlich viele Todesfälle in einem Hause vor, so wird die +Umgebung, in der es steht, für von bösen Geistern bewohnt angesehen, +und der Stamm zieht an einen anderen Ort. Ferner hat auch Zwietracht im +Stamme zur Folge, dass er sich teilt und die Parteien weit von einander +wohnen gehen, wie es z.B. die Long-Glat von Lirung Ban taten, die sich +in Lulu Njiwung und Long Tepai niederliessen. Die Ma-Suling mussten ihr +Haus am Merasè verlassen, weil es alt und baufällig geworden war. Dies +geschieht jedoch nur selten; denn erstens besteht das Baumaterial, +hauptsächlich am oberen Mahakam, aus sehr dauerhaftem Holz, zweitens +finden sich schon viel früher Gründe, welche die Bewohner zum Auszug +zwingen, vor allem Krankheit und Tod des Häuptlings. Im allgemeinen +wohnen die Stämme selten länger als 8 bis 10 Jahre am gleichen Ort. + +Nicht nur die Fruchtbäume, sondern auch der Boden bleibt Eigentum +derjenigen Familie, die ihn zuerst bebaute; sie darf ihn nicht +verkaufen, wohl aber umtauschen oder an andere Stammesglieder +verpachten. Der Häuptling kann, wenn er viele Sklaven besitzt, viele +Äcker bebauen lassen, er ist hierzu auch wegen der grossen Mengen +Reis, die er zum Empfang von Gästen und für den Unterhalt seiner +Sklaven nötig hat, gezwungen. Die Sklaven haben keinen Grundbesitz, +aber sie erhalten vom Häuptling ein Stück Land zum Bebauen. + +Auf je einen Arbeitstag für sie selbst kommen bei den Sklaven zwei +für den Häuptling. + +Zusammenhangslos wie die Stämme am oberen Mahakam sind, haben sie in +früherer Zeit doch ein oekonomisches Ganzes gebildet, weil es nicht nur +ihrer Neigung entsprach, alles für den Lebensunterhalt Erforderliche +selbst herzustellen, sondern auch weil der Zugang zu ihrem Lande +und das oft feindliche Verhältnis mit den umliegenden Ländern +einen regelmässigen Verkehr zwecks Austausch von Handelsprodukten +ausschloss. In den letzten 10 Jahren haben sich die Zustände zwar +sehr verändert, doch kann man noch jetzt verfolgen, wie sich das +Zusammenleben damals gestaltete. Feldfrüchte bauten alle für sich +selbst und zwar in einem solchen Überfluss, dass noch etwas an die +verwandten Stämme unterhalb der Wasserfälle, die damals noch keine +Reiszufuhr von der Küste erhielten, verkauft werden konnte. Die +Kleidung stellten sich die verschiedenen Stämme ebenfalls selbst her: +während aber die Pnihing, Kajan und Ma-Suling sich lange Zeit ausser +in Baumbast auch in selbst gewebte Stoffe kleideten und dies zum Teil +auch jetzt noch tun, benützen die Long-Glat, wahrscheinlich ihres +grösseren Wohlstands und der Nähe der Küste wegen, bereits seit langem +eingeführten Kattun zur Kleidung, den sie nur mit eigenen Stickereien +verzieren. Ein weiterer Grund für das Verschwinden der Webekunst, +die von den Long-Glat ursprünglich gewiss ebenfalls betrieben +wurde, ist, dass sie durch Herstellung von Schwertern und eisernen +Ackergerätschaften einen bei den anderen Stämmen sehr gesuchten +Tauschartikel besitzen, mit dem sie sich alles, was sie zum Leben +brauchen, anschaffen können. Noch heutigen Tages ist die Schmiedekunst +bei den Long-Glat viel höher entwickelt als bei den Kajan, Ma-Suling +und Pnihing. Diese dagegen zeichnen sich im Bau von Böten aus, die aus +einem Stück gearbeitet werden und eine Länge von 23 m und eine Breite +von 2 m erreichen können. In ihren weiten, unberührten Wäldern finden +sie die hierfür erforderlichen, sehr grossen Baumstämme, zugleich sind +sie selbst aber auch die besten Bootbauer. Auch ihrer vortrefflichen +Netze wegen sind sie bekannt. Dies sind hauptsächlich runde Wurfnetze, +welche aus den gedrehten Fasern einer Liane, _tengang_ genannt, gewebt +werden. Die übrigen Stämme verfertigen die gleichen Schnüre und Netze, +aber die Pnihing verstehen diese Kunst am besten. Die Kajan stellen +ebenfalls gute Böte her, auch können sie schmieden und Netze weben, +aber ihre Leistungen stehen nicht besonders hoch. + +Auch die Töpferei wurde vor nicht sehr langer Zeit noch am Mahakam +betrieben. Man verfertigte Töpfe zum Reiskochen. Es gelang mir, noch +einige dieser Exemplare aufzutreiben und zu erwerben. Die Ma-Suling und +Ma-Tepai haben sich mit der Töpferei am längsten befasst, vielleicht +weil sie den hierfür geeigneten Lehmlagern an der Mündung des Merasè +am nächsten wohnten. + +Beim Beginn der Reisernte formen auch gegenwärtig noch alle Stämme +grosse, viereckige, flache Töpfe von 2 1/2 × 3 1/2 dm Oberfläche, +um den noch nicht völlig reifen Reis, der schwer zu entspelzen ist, +darin zu trocknen. Diese Töpfe werden aber nur in der Sonne getrocknet +und vertragen kein Wasser. + +Das Schnitzen von Schwertgriffen aus Holz oder Hirschhorn bildet +gegenwärtig eine blühende Industrie, die ebenfalls besonders von +der. Long-Glat betrieben wird, jedoch sah ich auch bei den Kajan +einige schöne Stücke, die aus jüngster Zeit stammten. Die Pnihing +üben diese Kunst gar nicht und die Ma-Suling sehr wenig aus. + +Auch der Reisbau regt zum Handelsverkehr an, indem er bei den +verschiedenen Stämmen einen verschiedenen durchschnittlichen Ertrag +liefert. Die Pnihing sind auch jetzt noch die schlechtesten Ackerbauer, +während die Ma-Suling sich sowohl früher als gegenwärtig der besten +Ernten erfreuen und nie Reismangel leiden; den überschüssigen Reis +tauschen sie gegen die Erzeugnisse der anderen Stämme aus. + +In früherer Zeit gewann man das Salz aus den Salzquellen, die sich +im Gebiet der Kajan, Ma-Suling und Long-Glat befinden. + +Auch im Flechten von Rotangmatten sind die Long-Glat den anderen +Stämmen überlegen. Es lässt sich ganz allgemein behaupten, dass +der Stamm der Long-Glat sich vor allen anderen im Herstellen +gut gearbeiteter und schön verzierter Gegenstände auszeichnet, +dass Kunstfertigkeit und Geschmack bei ihm am höchsten stehen. Sein +politisches Übergewicht und die damit verbundene grössere Wohlhabenheit +scheint hierin von bedeutendem Einfluss gewesen zu sein. + +Die Long-Glat nehmen auch augenblicklich noch in bezug auf Schönheit +der Kleidung die erste Stelle am Mahakam ein. Sie pflegen sich auch +Alltags sorgfältig und hübsch zu kleiden. Ihre Art und Weise der +Tätowierung ist ganz oder teilweise von anderen Stämmen, die sich +früher wenig oder anders tätowierten, übernommen worden. + +Erst in letzter Zeit hat sich bei den Long-Glat die Sitte eingebürgert, +am Ober- und Unterkiefer die vordersten sechs Zähne zur Hälfte +absägen zu lassen. Sowohl Männer als Frauen glauben sich hierdurch +zu verschönern. Unter den jungen Leuten der Kajan und Ma-Suling hat +diese Sitte, die vom Barito stammt, ebenfalls ihr Bürgerrecht erworben +und sie unterwerfen sich, der neuen Mode zu liebe, gern dieser Marter. + +Die einflussreiche Stellung der Long-Glat beruht, ausser auf der +Überlieferung ihrer früheren Oberhoheit, auch darauf, dass Glieder +ihrer Häuptlingsfamilie in diejenigen der Pnihing, Kajan, Ma-Suling +und der abhängigen Stämme, mit denen sie zusammenwohnen, verheiratet +wurden. Diese Verhältnisse wurden noch dadurch begünstigt, dass die +Long-Glat-Häuptlinge, bald nachdem sie den Mahakam hinuntergezogen +waren, von den Malaien die Vielweiberei annahmen, eine Sitte, die weder +bei ihren Vorfahren herrschte noch bei irgend einem anderen Stamme +besteht, die ihnen aber eine zahlreichere Nachkommenschaft sichert. Als +Abkömmlinge der Long-Glat sind auch die letzten Kajanhäuptlinge dieser +Sitte gefolgt. + +Bildeten die Stämme am oberen Mahakam, wie wir gesehen haben, früher +unter der Long-Glat-Herrschaft eine politische und später eine mehr +oekonomische Einheit, so blieben sie doch von einer Berührung mit +den Nachbarländern nicht gänzlich ausgeschlossen. + +Weiter oben ist bereits erwähnt worden, dass im Beginn des +19. Jahrhunderts nach dem Kapuas, Barito und mittleren Mahakam +Kriegszüge unternommen wurden, während sich später, bereits vor 1825, +ein Teil der Long-Glat unterhalb der Wasserfälle niederliess. Hierdurch +wurden freundschaftliche Beziehungen mit den südlicheren Gebieten +angeknüpft. Mit den Bewohnern am Barito, Kapuas und Batang-Rèdjang +blieb das Verhältnis lange feindlich, so dass dorthin, wenigstens von +den Kajan, Ma-Suling und Long-Glat, nur selten Handelszüge unternommen +wurden. Unter den Kajan war der Häuptling _Kwing-Irang_ der erste, +der sie vor ungefähr 30 Jahren nach dem Batang-Rèdjang geleitete, +wo der Radja von Serawak geordnetere Zustände geschaffen hatte. In +jener Zeit wurden aber die Beziehungen, die man mit dem Apu Kajan noch +stets unterhalten hatte, abgebrochen, weil die Kriege unter den Kenja +selbst einen Zug in ihr Gebiet zu gefährlich machten. Bemerkenswert +ist, dass, obwohl die Bahau nach dem Barito und Kapuas oft Kopfjagden +unternahmen, von dort aus, so viel ich weiss, doch niemals am oberen +Mahakam Köpfe gejagt wurden. + +Durch den vorteilhaften Markt in Serawak am Batang-Rèdjang angelockt, +unternahmen hauptsächlich die Pnihing, Kajan und Ma-Suling, in +geringerem Masse auch die Long-Glat, geregelt dorthin Handelszüge. Da +sie dort aber ständig mit feindlich gesinnten Batang-Luparstämmen in +Berührung kamen, bot sich beiden Parteien fortwährend ein Anlass, um +Köpfe zu jagen, was die Regierung von Serawak nicht verhindern konnte. + +Wiederholte Unterredungen mit _Kwing Irang_ und dem damals noch +mächtigen Pnihinghäuptling _Belarè_ blieben so gut wie resultatlos, +da diese kaum im stande waren, dergleichen Heldentaten bei den eigenen +Stämmen zu unterdrücken und auf die anderen überhaupt keinen Einfluss +hatten. Hierdurch ereignete sich folgendes: + +Als _Belarè_ einst nach einer ernsthaften Beratung mit dem +Radja von Serawak von Fort Kapit, an der Mündung des Njangejan, +diesen Fluss aufwärts fuhr, um nach dem Mahakam zurückzukehren, +kam ihm ein anderer Pnihinghäuptling, _Owat_, mit einer Gesellschaft +Dorfgenossen entgegen. _Belarè_, der sie auf einer Kopfjagd vermutete, +suchte die Leute zur Rückkehr zu bewegen, aber _Owat_, als geborener +Ma-Suling, der bei den Pnihing nur verheiratet war, weigerte sich zu +gehorchen. Als ihm bald darauf in einem Boot sieben Batang-Lupar +begegneten, die Buschprodukte suchen gingen, ermordete er sie +alle. Serawak verlangte der Übereinkunft gemäss von den Mahakam +Häuptlingen die Auslieferung der Mörder, aber diese, besonders die +Ma-Suling, verweigerten die Auslieferung und die übrigen wagten nichts +durchzusetzen. Als Folge hiervon beschloss der Radja von Serawak, +das schuldige Pnihinghaus, das sich unter dem Häuptling _Paren_ am +weitesten oben am Mahakam stand, zu züchtigen. Berücksichtigt man, +dass zum Zusammenbringen und Ausrüsten einiger Tausend Dajak viel Zeit +erforderlich ist und so etwas auch nicht im Geheimen geschehen kann, so +erscheint es einem Europäer unbegreiflich, dass man am Mahakam nichts +davon merkte. Auch die Fahrt den Njangejan aufwärts und der Zug über +die Wasserscheide zum Seliku blieben unbemerkt, und die grosse Bande +konnte sich dort, um Böte zu bauen, lange Zeit aufhalten, ohne dass +man weiter unten etwas davon ahnte. Daher konnten die Pnihing völlig +unvorbereitet überfallen werden. Das schuldige Haus wurde erobert, +geplündert und verbrannt und die Bewohner grossenteils ermordet oder +zu Sklaven gemacht. Die Banden kannten keine Disziplin und setzten +ihren Plünderzug flussabwärts fort. Sie hielten sich am Hauptfluss, +wo _Belarè_ ihnen in seinem Hause an der Kasomündung mit seinen +wenigen Leuten einen heldenhaften Widerstand bot. Durch die Übermacht +der Leute, die zudem von dem Radja mit Gewehren versorgt waren, +wurde _Belarè_ schliesslich überwunden und musste flüchten. Sein +Haus wurde ebenfalls geplündert und verbrannt. Nach seiner Angabe +verlor er an Toten und Sklaven 234 Personen, vielleicht die Hälfte +der ganzen Anzahl. + +Wegen dieses Aufenthaltes hatten die Bewohner an der Mündung des +Tjehan Zeit, diesen Fluss aufwärts zu flüchten; sie verloren daher +nur ihr Haus, das verbrannt wurde. Die Plünderer fuhren noch weiter +zum Kajanstamm, der völlig unschuldig war und so wenig an einen +Überfall dachte, dass er sogar eine Gesellschaft Batang-Lupar in +seinem Hause beherbergte. Das Haus wurde belagert und einen ganzen +Tag lang mit Gewehren beschossen, ohne dass jemand verletzt wurde. Nur +ein Malaie wurde bei ihnen dadurch getötet, dass sein Gewehr ihm beim +Schiessen sprang. Gegen Mittag waren die Batang-Lupar bis unter das +Haus gekommen, sie wagten sich aber nicht auf die Galerie hinauf. Da +warf sich der geflohene Pnihinghäuptling _Paren_, der sein Haus und +einen grossen Teil seines Stammes verloren hatte und sich daher bei +den Kajan aufhielt, aus Verzweiflung mitten unter die Angreifer. Da +die Kajan ihm nicht beizustehen wagten, machten ihn die Feinde nieder. + +Der Tod dieses Häuptlings machte auf die Kajan und auch auf eine +Schar Long-Glat, die nach oben gezogen war, um Nachrichten zu holen +und Hilfe zu leisten, einen gewaltigen Eindruck. Die Batang-Lupar +hatten jedoch viele der Ihrigen verloren und zogen sich daher abends +auf eine weiter oben gelegene Geröllbank zurück, um später wieder +flussaufwärts zu ziehen. + +Des Abends spät jedoch zogen die Long-Glat aus dem Kajanhause fort, +ein Umstand, der neben dem Tode _Parens_ die Bewohner so erschreckte, +dass sie nachts alle mit dem Notwendigsten versehen das Haus verliessen +und auf den Batu Kasian flüchteten, der nur von einer Seite, von der +Mündung des Blu-u aus, zu besteigen war. Die zurückgelassenen Hunde +heulten aber in dem verlassenen Kajanhause die ganze Nacht über, +wodurch die Batang-Lupar aufmerksam wurden. Als es Tag wurde, kamen +sie noch einmal, um nachzusehen, was geschehen war. Sie plünderten +und verbrannten das ganze Haus und zogen dann beutebeladen den Mahakam +hinauf, zurück nach Serawak. + +Seit der Zeit werden höchstens Züge, um kriegsgefangene Blutsverwandte +und Stammesgenossen zurückzufordern, und nur noch selten Handelsreisen +nach Serawak unternommen; und die Bewohner am oberen Mahakam müssen +sich wegen Salz und javanischen Tabak, an die sie sich durch den +Kontakt mit der Küste gewöhnt haben, nach dem mittleren Mahakam oder +dem oberen Barito wenden, wo man diese Artikel noch bei meiner Ankunft +im Jahre 1896 am besten erlangen konnte. + +Die Beziehungen mit der Aussenwelt, die hauptsächlich den Verkauf der +eigenen und den Kauf fremder Produkte zum Zwecke haben, werden meist +von den Bahau selbst unterhalten, die, wenn ihre Arbeiten es zulassen, +besonders in Zeiten niedrigen Wasserstandes, in einem oder mehreren +Böten Handelszüge unternehmen. Für derartige Reisen vereinigen sich +stets Leute desselben Stammes. + +In der Regel bildete Udju Tepu, der Stapelplatz der Buschprodukte +und Endpunkt der Dampferverbindung auf dem unteren Mahakam, das Ziel +der Reise. Früher suchten die Stämme aus den oberen Gebieten ihre +Webereien, Reis, Eisenwaren und Böte bereits unterwegs zu verkaufen; +jetzt sind Webereien, Reis und Eisenwaren wegen der Zufuhr von unten +nicht mehr viel wert; neben Geld bilden in Udju Tepu augenblicklich +Böte, Guttapercha, Rotang, Bezoarsteine und Rhinozeroshörner +brauchbare Tauschartikel. Ihrer Bedeutung nach geordnet bedürfen +die Bahau folgender Artikel: Salz, Kattun, Tabak, Perlen, Eisenwaren +und Tempajan. + +In früherer Zeit bestand für alle diese Artikel durchaus kein fester +Preis. Dieser wurde auch hier durch Nachfrage und Angebot und in noch +höherem Masse durch die Persönlichkeit des Käufers und Verkäufers +bestimmt. Buginese und Bahau standen einander gegenüber. Da jener im +Handel kein Gewissen kennt und dieser, besonders auf fremdem Boden und +in fremder, gefürchteter Umgebung, sehr leicht eingeschüchtert wird, +wurde er stets auf die gröbste Weise betrogen. + +Um von dem, was die Bahau für ihren wichtigsten Lebensartikel bezahlen +müssen, eine Vorstellung zu geben, möge hier ein Fall unter vielen +angeführt werden, den ich selbst erlebte und zwar mit der Autorität +eines Europäers gegenüber diesen eingeborenen Kaufleuten. Der Sultan +von Kutei in Samarinda verkauft das monopolisierte Salz an der Mündung +für fl. 9 den Pikol (61,75 kg), in Tepu bezahlt man hierfür, je nach +Umständen, in Geld fl. 12.50 und mehr, bei den Wasserfällen betrug der +Preis im Jahre 1897 in Geld fl. 25 bis 30, während ich am Blu-u bei +den Malaien das Salz nur für fl. 1.50 bis 2.50 pro Kilo kaufen konnte. + +Javanischer Tabak, der in Samarinda mit fl. 13 bezahlt wird, kostet +bei den Wasserfällen fl. 35 bis 40; weiter oben verlangen die Malaien +sogar 60 fl. und mehr. + +Die Dauer der Handelsreisen ist eine sehr verschiedene, weil sie auf +der Strecke zwischen Long Tepai und Long Bagun durch den Wasserstand +bestimmt wird. Werden die Böte hier nicht aufgehalten und sind sie +nicht zu schwer beladen, so kann man in 5 Tagen von Long Blu-u nach +Udju Tepu reisen und in 10 Tagen von hier wieder zurück sein. So +günstige Umstände findet man aber nur sehr selten. Meist dauert ein +solcher Zug über einen Monat. Die Verbindung mit dem Murung ist noch +viel ungünstiger. Wenn möglich sucht man die nötigen Gegenstände in +Muara Laung am Murung einzukaufen, wohin man sich vom oberen Mahakam +aus auf verschiedenen Wegen begeben kann. Erstens vom Kaso aus, +der für die kleinen, bis zu i o m langen Böte der Bahau längs der +Niederlassungen der Seputan gut befahrbar ist. Nachdem man 3 Tage +lang den Fluss hinaufgefahren ist, kann man das Boot in einem halben +Tag über die Wasserscheide ziehen bis zu einem Nebenflüsschen des +Busang, eines Nebenflusses des Djoloi, welch letzterer wiederum in den +Murung mündet. Wegen der zahlreichen grossen Wasserfälle folgt man +diesem Wege mir selten, um Muara Laung zu erreichen, sondern meist +um in den höher gelegenen Gebieten den Buschproduktensuchern Reis +zu verkaufen, für den sie einen sehr hohen Preis an Guttapercha und +Geld bezahlen. Zweitens kann man den Murung vom Tjehan aus erreichen, +der viel schiffbarer als der Kaso ist. Der Landweg dauert hier aber +für einen nicht zu schwer beladenen Bahau 3 bis 4 Tage und führt über +den Batu Lesong zum Busang, der wegen zahlloser Wasserfälle ein sehr +schlechtes Fahrwasser bietet. Auch vom Blu-u aus folgt man bisweilen +diesem Wege und zwar, indem man ein linkes Nebenflüsschen, den Ikang, +an dem früher eine kleine Kajanniederlassung lag, hinauffährt. Weiter +folgt man aber dem gleichen Pass des Batu Lesong, der dort ungefähr +1800 m hoch ist. Die Passhöhe beträgt über 1000 m. Der gebräuchlichste +Weg nach Muara Laung ist jedoch der, östlich vom Batu Lesong längs +des Pahngè und Belatung, eines Nebenflusses des Murung. Dieser Weg +führt zwischen dem Batu Lesong und Batu Ajo hindurch, die hier durch +einen sehr niedrigen Pass geschieden sind. Der Belatung ist zwar gut +schiffbar, weil er keine hohen Wasserfälle besitzt, aber der Fall ist +so bedeutend, dass man, um Gepäck und Menschen abwärts zu bringen, +Flösse baut, auf denen alles festgebunden wird. Mit langen Rudern +sucht man dann die Mitte des Stromes zu halten, gelingt dies nicht, +so zerschmettern die Flösse und alles ist verloren. + +Die Fahrt den Belatung aufwärts ist nur bei sehr niedrigem Wasserstande +möglich. Dieser Weg wurde bereits in früheren Zeiten viel benützt, +um vom Mahakam aus nach dem Murung und weiter Köpfe jagen zu gehen; +daher trägt das Gebirge den Namen Batu Ajo (_ajo_ = Kopfjagd). In +späteren Jahren sind diese Wege meistens von Buschproduktensuchern aus +den Gebieten des Murung, Belatung und Busang begangen worden, die sich +zum Mahakam begaben, um dort Reis und andere Lebensmittel einzukaufen. + +Die Reisen nach den malaiischen Niederlassungen am Murung dauern +in der Regel viele Monate, und die Beschaffung von Salz, Tabak und +Leinwaren ist des Transportes wegen sehr schwierig. + +Die Bahau vom oberen Mahakam unterhielten längs des Penaneh und +Howong auch mit dem Kapuasgebiet Handelsbeziehungen, aber wegen der +grossen Entfernung und der früheren ungünstigen Handelsverhältnisse +kamen sie nur selten hin. Dagegen kamen die Mendalambewohner und die +Taman öfters nach dem oberen Mahakam, um Schwerter, Schwertgriffe, +Matten und alte Perlen einzukaufen. + +Die günstigen Handelsverhältnisse, welche der Radja von Serawak am +Batang-Rèdjang geschaffen hat, brachten besonders die Pnihing und +Kajan dazu, den Beschwerden der Reise Trotz zu bieten. Um ihr Ziel +zu erreichen, müssen sie den Mahakam hinauffahren, was 9 bis 60 +Tage dauert, ferner längs des Seliku auf einer Höhe von 1100 m. die +Wasserscheide überschreiten, um nach zweitägiger Fahrt den Njangejan +abwärts nach Fort Kapit zu gelangen. + + + + +KAPITEL XIV. + + Verkehr mit den Eingeborenen--Einkauf von Ethnographica--Sammeln + und Konservieren von Tieren und Pflanzen--Sammlungen und + Untersuchungen auf geologischem Gebiet--Topographische + Aufnahmen--Photographie. + + +Obgleich die Verhältnisse, unter denen die Eingeborenen von +Mittel-Borneo leben, derart sind, dass diese selbst den Schutz eines +höher stehenden Volkes herbeiwünschen, machen sich ihre ängstlichen +Gemüter doch allerhand entsetzliche Vorstellungen von dem, was +geschehen könnte, wenn die ihnen so fremden Weissen, die so mächtig +sind, dass sie in Krankheitsfällen und auf gefährlichen Bergspitzen +den bösen Geistern zu widerstehen vermögen, in ihr Land einziehen. Um +daher einen politischen Einfluss auf die Stämme zu gewinnen, mussten +wir nicht nur alles vermeiden, was bei ihnen Unwillen oder Schreck +erregen konnte, sondern auch alles daransetzen, um ein vertrauliches +Verhältnis mit ihnen anzubahnen. + +Nach meiner ärztlichen Praxis waren es die Samenlungen auf den +verschiedenen Gebieten der Wissenschaften, die uns mit der Bevölkerung +in intimen Verkehr brachten. Sie boten ausserdem einen zweiten grossen +Vorteil, indem sie den Teilnehmern der Expedition, sowohl den weissen +als den farbigen, ständig Beschäftigung verschafften. Für einander +fremde, auf niedriger Entwicklungsstufe stehende Menschen ist es +ungemein schwierig, unbeschäftigt lange Zeit friedlich miteinander +zu verkehren. + +Da. ich nun hauptsächlich Malaien bei mir hatte, die als Mohammedaner +ohnehin auf die heidnischen Bahau herabsehen und von alters her +daran gewöhnt sind, auf deren Auffassung von Eigentum, Anstand +u.s.w. nicht zu achten, trachtete ich von Anfang an danach, meine +Leute durch Ableitung in Banden zu halten. Eine grosse Versuchung +bildete für meine stattlichen Reisegenossen auch der Umgang mit den +Frauen, von denen sich besonders die Mädchen für sie interessierten +und die, bei der grossen Freiheit, die sie in dieser Beziehung in +ihrer Gesellschaft geniessen, aus ihren Gefühlen keinen Hehl machten. + +Nachdem ich die Leute anfangs selbst auf die grosse Gefahr eines +Verkehrs mit Frauen hingewiesen hatte, waren sie später verständig +genug, zu Eifersucht und eventuellen Racheakten keinen Anlass zu geben. + +Unsere Sammlungen brachten der Bevölkerung einen bedeutenden +materiellen Vorteil, denn für die dafür erforderlichen Exkursionen +hatten wir Führer und häufig auch Träger nötig, so dass viele Männer +monatelang bei uns einen Verdienst fanden; inzwischen fingen die +Frauen und Kinder während der Feldarbeit allerlei Tiere, die sie +uns für Nadeln, Perlen und andere kleine Dinge verkauften. Jeder, +der sich photographieren liess, bekam eine Belohnung, und selbst, +wenn der eine oder andere etwas Interessantes erzählt hatte, verlangte +er nachher eine Kleinigkeit. + +Sobald die jungen Leute begriffen hatten, dass wir junge, seltene +Pflanzen, die auf eine bestimmte Weise aus dem Boden genommen waren, +gern kauften, benützten sie ihre freie Zeit, um für uns sammeln zu +gehen, und ihnen verdanken wir auch manchen seltenen Fund. + +Ferner lieferte der Verkauf von Ethnographica vielen ein Mittel, +um sich aus unseren Vorräten einen gewünschten Gegenstand zu erwerben. + +Gleichwie die Stämme am Mendalam, waren auch die am Mahakam anfangs +durchaus nicht geneigt gewesen, mir irgend etwas von ihrem Besitz zu +verkaufen. Unter einander sind sie nämlich kaum daran gewöhnt, mit +etwas anderem als mit Reis und anderen Nahrungsmitteln Tauschhandel zu +treiben; denn jede Familie verfertigt ihre Kleider und Gerätschaften +selbst und ist mit ihrer Arbeit zufrieden. Nur in besonderen Fällen, +wenn es sich um ein Kunstwerk handelt, wendet man sich an einen +Fachmann, wie einen Schmied oder Schnitzer. Daher konnten sie sich +anfangs nicht entschliessen, mir ein Messer, einen Korb oder eine +Matte abzutreten; hierzu trat auch noch Misstrauen, da die Leute nicht +begriffen, zu welchem Zwecke ich alle diese Gegenstände kaufen wollte. + +Nun befand ich mich jedoch zum zweiten Mal in ihrer Mitte. Zweifellos +hatten es nach meiner vorigen Abreise viele Leute bereut, die gute +Gelegenheit, für sie wertlose Gegenstände zu hohem Betrag zu verkaufen, +nicht benützt zu haben; denn jetzt kamen sie während unseres ganzen +Aufenthaltes, von Kindern, die noch kaum laufen konnten, an bis zu +weisshaarigen Alten, mit allerhand Dingen, von denen sie glaubten, +dass sie uns interessieren könnten. Öffnete ich einen Packen Perlen von +einer neuen Art oder ein besonders schönes Stück geblümten Kattuns, so +entschloss sich so mancher, uns einen geliebten Gegenstand abzutreten, +falls wir Reis, Eier oder Früchte als Kaufpreis nicht genügend fanden. + +Beim Einkauf der Ethnographica ging ich, soweit Umstände und Mittel +es erlaubten, darauf aus, nicht nur alles, für das tägliche Leben +den Eingeborenen Notwendige, sondern auch alles, was ihnen zur +Verschönerung ihres Daseins dient, zu erwerben. Schon früher war es +mir aufgefallen, dass die Bahau in der Herstellung von Gegenständen, +die sich durch Form und Farbe auszeichnen, eine hohe künstlerische +Entwicklung erlangt haben. Dies ist besonders bei den Gegenständen der +Fall, für die sie bei den Malaien einen Absatz und daher auch einen +Ansporn zu weiterer Vervollkommnung finden, wie z.B. im Schnitzen +von Schwertgriffen und im Schmieden von Schwertern. Diese schönen +Industrieprodukte der Bahau geben uns daher eine Vorstellung von dem, +was sie leisten könnten, wenn die Umstände ihnen die nötige Anregung +verschafften. + +Indem ich sehr hohe Belohnungen für besonders schöne Gegenstände +aussetzte, suchte ich denn auch den Arbeitseifer der Künstler im +Stamme anzuspornen, und diesem Verfahren habe ich in der Tat einige +aussergewöhnlich schöne Stücke zu danken. Hierbei beschränkte ich +mich natürlich darauf, den gewünschten Gegenstand anzugeben; die Art +der Verzierung und Ausführung überliess ich ihnen vollständig. + +Leider stiess ich gerade bei der Erwerbung der interessantesten +Kunstprodukte auf besondere Schwierigkeiten, die auch durch hohe +Preise nicht zu überwinden waren. Die oft wundervoll geschnitzten +Kindertragbretter (_hawat_) werden z.B. nicht verkauft, weil die Seele +des Kindes lange Zeit in ihnen haust; das gleiche gilt für andere +dem Kinde gehörige Gegenstände. Daher musste ich, hauptsächlich bei +den Kajan am Mendalam, derartige Dinge neu herstellen lassen. Bei den +Kajan am Mahakam wagt man es nicht, die Kleider unerwachsener Kinder zu +verkaufen; mit den Tragbrettern ist man hier dagegen weniger ängstlich. + +Glücklicher Weise waren die Schwertgriffe aus Hirschhorn käuflich, +allerdings nur zu hohen Preisen, da die Malaien, die, sobald sie +Geld besitzen, sehr freigebig sind, für diese Kunstgegenstände stets +viel übrig haben. Am Mendalam kosteten schön gearbeitete Griffe bis +zu 10 Dollar das Stück; am oberen Mahakam musste ich für ein altes, +schönes Exemplar 25 fl. bezahlen. + +Am Mahakam erregten hauptsächlich die Frauenarbeiten meine +Aufmerksamkeit, die geschmackvollen Perlenverzierungen für +Kindertragbretter, Mützen und Hüte und die Stickereien auf Röcken und +Lendentüchern. Als die Bevölkerung sich bei meinem zweiten Besuch +an den Handel mit mir gewöhnt und den eigenen Vorteil eingesehen +hatte, suchte sie für schöne Dinge einen möglichst hohen Preis +herauszuschlagen. Dass man oft viel Zeit nötig hat, um eines bestimmten +Gegenstandes habhaft zu werden, möge man daraus ersehen, dass ich wegen +einer hübschen Perlenmütze zwei Jahre lang unterhandelte, wegen einer +anderen zehn Monate; eine dritte konnte ich überhaupt nicht erlangen. + + + +Wie eingangs bereits erwähnt worden ist, mussten wir uns bei der +Ausrüstung auf das Notwendigste beschränken, da, besonders beim +Landtransport, jedes Gepäckstück in Betracht kam. Am meisten wurde +hierdurch die zoologische Sammlung getroffen, für die man sowohl +Konservierungsmittel als Flaschen und Büchsen mitführen musste. Ich +nahm mir daher vor, an Säugetieren, die ohnehin schon bekannt waren, +nur sehr wenige und dann mir sehr kleine mitzunehmen; für meine +Jäger sollte das Sammeln von Vögeln, deren Bälge wenig wogen, leicht +zu verpacken waren und als Konservierungsmittel nur Arsenikseife +erforderten, die Hauptaufgabe bilden. Sobald wir denn auch an einem +Orte länger verweilten, begab sich _Doris_ mit einigen bewaffneten +Schutzsoldaten und einem Führer auf die Vogeljagd. Um die Anzahl +der Bälge zu beschränken und die Munition zu sparen, durften von +den gewöhnlichen Vogelarten nur je 6 oder 8 Exemplare gesammelt +werden; trotzdem wuchs unsere Sammlung doch noch auf 1400 bis 1500 +Exemplare an. + +Mühsam war die Konservierung von Insekten, die trocken aufbewahrt +werden mussten, da die Leute sie uns, besonders anfangs, bei der +Rückkehr von der Feldarbeit in grosser Anzahl brachten und die +Witterung nicht immer ein Trocknen in der Sonne zuliess. Dazu kam +noch, dass wir uns auf dem ersten Teil unserer Reise ohne Naphtalin +behelfen mussten, weil man den Vorrat aus Versehen nach Samarinda +geschickt hatte. + +An flüssigen Konservierungsmitteln hatte ich hauptsächlich Formol +und nur sehr wenig Spiritus mitgenommen, weil Formol mit Wasser +verdünnt seinen Zweck meist gut erfüllt, wenn man nur dafür sorgt, +dass es in hermetisch schliessenden Flaschen mitgenommen wird und +dass die Flaschen mit den Präparaten sogleich völlig gefüllt werden, +so dass nicht durch Sauerstoff eine Umsetzung in Ameisensäure bewirkt +werden kann. Für die Aufbewahrung von Reptilien, Amphibien und +hauptsächlich von Fischen erwies sich eine Lösung von 1 Teil Formol +auf 5 Teile Wasser als am geeignetsten. Bringt man die Tiere lebend +oder unmittelbar nach dem Tode in das Konservierungsmittel und trifft +man die erwähnten Vorsichtsmassregeln, so erhalten sich die Farben +mindestens zwei Jahre lang; nur die ausgesprochenen Metallfarben +verschwinden auch in Formol. Auch die Farben gereinigter und +abgeschnittener Schnäbel und Füsse zerschossener und daher wertloser +Vögel, die beim Trocknen meist schwarz werden, erhalten sich gut +in Formol. + +Während sehr kleine Tiere unverletzt bewahrt werden können, muss +man an Fischen, Reptilien und Amphibien einen mindestens 2 cm langen +Bauchschnitt ausführen und ein Schliessen der Öffnung mittelst eines +Querhölzchens verhindern. + +So weit möglich liess ich unsere Konservenbüchsen und -Flaschen +gebrauchen; für grössere Tiere liess ich aus Blech Behälter herstellen. + +Zum Schliessen der Flaschen benützten wir stets Harz, das zerstossen +und mit Petroleum angefeuchtet eine teigige Masse liefert, mit der +Glas- und Metallgefässe luftdicht verschlossen werden können. Da +Harz stets zu finden und Petroleum meist auch vorhanden ist, kann +dieses Verschlussmittel sehr empfohlen werden; wir benützten es auch, +mit Kapok oder Werg gemischt, um unsere Stahlkoffer wasserdicht +zu schliessen. + +Für Fische und kleine Tiere hatte ich 3 Kisten mit cylinderförmigen +Gläsern von 200-500 ccm Inhalt mitgenommen; schraubbare Metalldeckel +verschlossen mittelst eines von innen angebrachten Kautschukstreifens +die Gläser luftdicht; sicherheitshalber wurden sie aber auch noch mit +einem Harzring umgeben. In diesen Gläsern haben sich besonders Fische, +Reptilien und Amphibien jahrelang gut gehalten, auch, als ich später +nicht mehr im stande war, das Formol zu erneuern. + +Während meines ersten Aufenthaltes am oberen Mahakam wurde ich beim +Sammeln ständig von der Bevölkerung unterstützt, nur sah sie es nicht +gern, dass wir ihre wahrsagenden Tiere töteten. So bedauerten es die +Kajan lebhaft, dass _Doris_ zwei _hisit_ (Anthreptes malaccensis) +und zwei _telandjang_ (Platylophus coronatus) geschossen hatte. Als +später bei den Kenja das gleiche geschah, wurde der _telandjang_, +während er zum Trocknen hing, gestohlen, was sonst nie vorkam. Ich +hielt es für geratener, kein Wort darüber zu verlieren und das Töten +dieser Tiere zu verbieten. Obgleich auch die Rehe zu den wichtigen +wahrsagenden Tieren gehören, schienen die Bahau doch nichts dagegen +zu haben, dass ich sie schoss. Ihre _djelewan_, die Schlange mit +dem roten Kopf, Bauch und Schwanz, wagten sie weder lebend noch +tot anzurühren. Zum Entsetzen der Bahau töteten wir auf dem Wege +von Kapuas zum Mahakam eine _djelewan_ in unserer Hütte und legten +sie in eine Flasche mit Formol. Da keiner die Flasche tragen wollte, +versteckte ich sie in einer der Kisten, ohne dass sie es sahen. Später +schrieb die Bevölkerung den Erfolg meiner Expedition zum grossen Teil +dem Besitz dieser Schlange zu und ich musste sie so häufig vorzeigen, +dass ich mich zuletzt weigerte. + +Eine besondere Furcht flösst den Bahau ein Halbaffe (Tarsius spectrum) +ein, der tagsüber bewegungslos auf einem Baumstamm sitzend den +Vorübergehenden mit seinen grossen Nachtaugen anstarrt und den +Kopf weit nach rückwärts zu drehen vermag; keiner wagte es, dieses +ungefährliche Tierchen zu töten. Zu den Tieren, welche der Aberglaube +schützt, gehört auch der grosse Erdwurm, der im stande ist, Töne +auszustossen; er soll die Fruchtbarkeit der Felder befördern, wir +konnten daher kein Exemplar erhalten. + +Bis zum Jahre 1899 verursachte uns das Sammeln wenig Mühe; während +unseres Zuges an die Ostküste jedoch wurden die Kajan von verschiedenen +Unglücksfällen betroffen, und ein Priester der Pnihing, der den Ruf +genoss, durch Träume prophezeien zu können, erklärte die Unglücksfälle +für eine Strafe der Geister, weil die Kajan für uns so viele Insekten +getötet hatten. Im Grunde war der Priester nur neidisch auf den +Verdienst der Kajan, den diese sich durch das Sammeln von Tieren +verschafften. Nach unserer Rückkehr zu den Mahakam Kajan wagten sie +uns kein einziges Insekt mehr zu bringen, obgleich ich eine Verstimmung +hierüber nicht bemerkte. + + + +Einfacher gestaltete sich das Sammeln auf botanischem Gebiet. Die +Anlage eines Herbariums und einer Sammlung lebender Pflanzen +betrachtete ich als die Hauptsache und nahm daher aus dem botanischen +Garten von Buitenzorg zwei Malaien, einen Mantri, _Sekarang_, +und einen Pflanzensucher, _Amja_, mit, die beide im stande waren, +selbständig ihre Arbeit auszuführen. Meine Aufgabe bestand daher nur +darin, ihnen für ihre botanischen Exkursionen Führer und Träger zu +verschaffen und etwas Aufsicht zu üben. + +Belehrt durch unsere Erfahrungen von der Reise 1896-97 gelang es uns +diesmal am oberen Mahakam, eine Sammlung der verschiedensten Pflanzen, +und zwar 500 Exemplare, lebend aus dem Innern Borneos nach Buitenzorg +zu transportieren. Dabei hatten die am Anfang unseres Zuges am Blu-u +gesammelten Pflanzen sechs Monate lang dort gepflegt werden müssen. + +Beim Aufbewahren lebender Pflanzen verfuhren wir folgendermassen: wenn +möglich, wurden junge Exemplare aus dem Boden genommen und zwar so, +dass, um die feinen Wurzelenden nicht zu verletzen, gleichzeitig auch +eine grössere Menge Erde herausgehoben wurde. Zu Hause angekommen +setzten wir die Pflanzen sogleich in Bambuskörbe in eine Erde, +die aus Humus, Flusssand und etwas feiner Holzkohle bestand. Die +gleiche Erde wird in Buitenzorg in den Treibhäusern benützt. Unter +dem dichten Laubwerk der Fruchtbäume bei der Wohnung der Malaien +wurde ein Grundstück vor Besuchen von Kindern, Hunden, Schweinen und +Hühnern durch Bambuslatten geschützt und die Pflanzen unverdeckt auf +Holzgestellen niedergesetzt und täglich versorgt. Auf diese Weise +kamen während unseres Aufenthaltes am Mahakam nur wenige Pflanzen +um. Bei unserer Abreise zur Küste wurden die Körbe mit den Pflanzen +in Holzkisten von ungefähr 4 × 6 dm Bodenfläche und 5 dm Höhe dicht +neben einander gesetzt. Die Kisten hatte ich grösstenteils an Ort +und Stelle anfertigen lassen. + +Die ganze Sammlung umfasste 37 derartiger Kisten; sie wurde in ein +grosses Boot gesetzt und mittelst eines Palmblattdaches vor Sonne und +Regen geschützt. An jedem Ort, wo wir länger als eine Nacht blieben, +wurden alle Kisten aus dem Boot genommen und ans Ufer getragen, +wo man die Pflanzen im Schatten der frischen Luft aussetzte. Für +die Seereise wurden die Kisten mit Rotangschirmen, über die weisser +Kattun gespannt worden war, überdeckt. Durch ständiges Benetzen +des Kattuns blieb die Atmosphäre unter diesem Dach auch während der +Hitze auf der Seereise und später während der Eisenbahnfahrt stets +genügend kühl. Obwohl zwischen der Abreise vom Blu-u und der Ankunft +in Buitenzorg zwei Monate lagen, hatten sämmtliche Pflanzen in dieser +Zeit doch nur wenig gelitten. + +Die Ausrüstung für das Herbarium bestand hauptsächlich in grobem +chinesischem Packpapier, das sich zum Pflanzentrocknen sehr gut eignet. + +Während eines Aufenthaltes auf einem freien Platz, wie eine +Bahauniederlassung ihn bietet, konnte man die Pflanzen der Sonne +aussetzen; in der feuchten Waldatmosphäre jedoch mussten sie zwischen +vielen Bogen Papier vorsichtig über dem Feuer getrocknet werden. + +Grosse fleischige Früchte, die sich zum Trocknen nicht eigneten, und +Blüten, die eine besondere Aufbewahrung verlangten, wurden ebenfalls +in eine Formollösung gelegt. Die Farben der Orchideenblüten erhielten +sich auffallend gut in einer Formollösung im Verhältniss von 1 : 5. + +Unerwartete Schwierigkeiten bot das trockene Aufbewahren von +Früchten und Samen zwecks späteren Aussäens. Trotz der sorgfältigen +Behandlung, die sie seitens der hierin erfahrenen Javaner erfuhren, +hatten bei Ankunft in Buitenzorg doch beinahe alle die Keimkraft +verloren. Der Grund hierfür lag nicht in der Behandlung, sondern +in der Eigentümlichkeit der Samen vieler tropischer Pflanzen, in +beträchtlich kurzer Zeit die Keimfähigkeit einzubüssen; wir hätten +daher die Samen sogleich aussäen und später die jungen Pflänzchen +transportieren sollen. + +Die vielen kleineren Ausflüge, die wir während unseres Aufenthalts am +Blu-u zu benachbarten Stämmen unternahmen, kamen mehr den botanischen +als den zoologischen Sammlungen zu gute. Wir beobachteten immer +wieder, dass eine bestimmte Gegend zahlreiche ihr eigene Pflanzenarten +besass, denen wir an einem anderen Orte nie wieder begegneten. In +dem so gleichförmig aussehenden Urwald trafen wir hauptsächlich +auf bestimmten Bergen eine eigene Vegetation, die auf gleichartigen +benachbarten Bergen nicht mehr zu finden war. + +Da wir mit Rücksicht auf die Reise nach der Küste und der in diesen +tiefgelegenen Gebieten und auf Java herrschenden Wärme die lebenden +Pflanzen in unserem Kulturgarten in keinen zu tiefen Schatten +setzen durften, zeigten viele Arten die eigentümliche Erscheinung, +dass bereits bei ihren ersten neugebildeten Blättern die prachtvolle +metallblaue Färbung zu schwinden begann. Diese Färbung, die vielen +Arten von Farren, Aroïdeen, Dracaeen, Begonien u.a. eigen, ist somit +von der im Urwald herrschenden Feuchtigkeit und Dunkelheit abhängig +und verschwindet unter veränderten Umständen sehr bald, um einem +reinen Grün Platz zu machen. + + + +Während ich mich in bezug auf Zoologie und Botanik darauf beschränkte, +die Anlage und Pflege der Sammlungen und die Aufzeichnungen zu +beaufsichtigen und Notizen und Etiquetten oft selbst zu schreiben, +ging ich, um eine Vorstellung von der geologischen Formation des +oberen Mahakamgebietes zu erhalten, selbst darauf aus, Gesteine zu +sammeln und ihre Fundorte zu untersuchen. + +Diese wie auch die anderen Sammlungen wurden so angelegt, dass sie +später von Fachleuten bearbeitet werden konnten. + +Die geologischen Untersuchungen nahm ich während der Exkursionen +vor, die wegen der topographischen Aufnahme des Mahakamgebietes +stattfanden. Während _Bier_ die eigentliche Aufnahme ausführte, +beschäftigte ich mich mit eigenen Beobachtungen. + +Als Ausrüstung hatte ich folgende Gegenstände mitgenommen: zwei Sätze +geologischer Hämmer, einen Schmiedehammer, einen geologischen Kompass +und Höhenbarometer und für die Verpackung der Handstücke sehr starke +Leinwand und Metallnummern. Die Erfahrung hatte mich auf den beiden +früheren Expeditionen gelehrt, dass das zum Aufbewahren von Gesteinen +so häufig gebrauchte Packpapier für die Tropen ungeeignet ist, weil es +bei einer Bewegung der aufeinander liegenden Stücke leicht durchreibt, +besonders wenn es feucht wird, was auf langdauernden Reisen, wie den +unsrigen, kaum zu vermeiden war; ausserdem wird Papier leicht von +Ameisen, Termiten und anderen Tieren aufgefressen. Aus den gleichen +Gründen fand ich es unpraktisch, Etiquetten aus Papier zu gebrauchen, +die überdies nur an sehr trockenen Steinen haften bleiben und schnell +unleserlich werden. Ich verpackte die Stücke daher in starke Leinwand, +band sie mit einer Schnur fest und versah sie mit einer Metallnummer, +die mit derjenigen meiner Aufzeichnungen übereinstimmte. + +Den geologischen Beobachtungen kam es sehr zu statten, dass wir, wenn +irgend möglich, grosse und kleine Flüsse als Reisewege zu benützen +suchten. Hierdurch befanden wir uns stets an den einzigen Stellen, die +uns über die geologische Formation des Gebietes, das wir durchreisten, +Aufschluss geben konnten. Da mit Ausnahme der beinahe senkrechten, +das Tal begrenzenden Felswände das ganze Gebiet des oberen Mahakam mit +Urwald bedeckt ist, wird das unterliegende Gestein nahezu gänzlich +vor Erosion geschützt. Nur die feinsten Teilchen werden von dem +ablaufenden Regenwasser mitgeführt, alle grösseren Stücke bleiben +liegen. Daher stösst man im Walde zuerst auf eine Humusschicht von +wechselnder Dicke, die der Tiefe zu immer mehr mit verwitterten Teilen +des unterliegenden Gesteins vermischt ist. In unverwittertem Zustand +trifft man das Gestein erst in einer Tiefe von vielen Metern an, daher +ist es, um eine Übersicht über die geologische Beschaffenheit eines +grösseren Gebietes zu erlangen, praktisch nicht erreichbar. Selbst +an den steilen, aber bewachsenen Bergabhängen und oben auf den +oft nur 1/2-2 m breiten Bergrücken findet man kein unverwittertes +Gestein; man trifft es hier als eine Anhäufung loser, verwitterter +Stückchen in einem Sack von Pflanzenwurzeln. Das ursprüngliche +Gestein tritt hauptsächlich in den Flussbetten zu Tage. Hier ist das +Wasser ständig damit beschäftigt, das unterliegende, feste Gestein +von den stark verwitterten Lagen zu befreien; alles kleinere vom +Ufer abgebröckelte oder von Bergstürzen herrührende Gestein wird +abwärts geführt. Dies geschieht hauptsächlich, wenn die grossen +Wassermassen eines tropischen Regens in den Gebirgsbächen unter +heftigem Gefälle abwärts stürzen; derartiges Gestein wird dann mit +Macht übereinandergeworfen und fortgeführt, wodurch es gleichzeitig von +allen lockeren, verwitterten Teilen entblösst und glatt geschliffen +wird. Vom Ursprung der Quellflüsse an bis zur letzten Geröllbank an +der Flussmündung bedeckt dieses Geschiebe, stets kleiner und kleiner +werdend, das ganze Flussbett. + +Man findet daher in den Flussbetten sowohl festes Gestein, das in +grösserer oder kleinerer Ausdehnung an den Ufern blossgelegt wird, +als auch in den Geröllbänken eine Übersicht über das im Flussgebiet +aufwärts anstehende Gestein. Beginnt man somit in den verschiedenen +Nebenflüssen ein Stück weit oberhalb ihrer Mündungen die verschiedenen +Gesteinsproben zu sammeln und ausserdem das blossliegende, feste +Gestein bis zur Quelle hinauf zu untersuchen, so kann man zu einer +für die Tropen möglichst exakten Vorstellung der geologischen +Beschaffenheit eines Gebietes gelangen. Dieses Verfahren ist von +besonderem Wert, wenn man es, wie es am oberen Mahakam der Fall ist, +mit einem grösstenteils nicht vulkanischen Gebirge von einfachem +Bau zu tun hat. Denn die zahlreichen Bergbesteigungen, die ich der +topographischen Aufnahme wegen ausführen musste, boten mir nur sehr +selten einen neuen Einblick in die geologische Formation des Gebirges; +das Gestein, das wegen der alles überdeckenden Buschvegetation nur +hier und da frei zum Vorschein kam, lieferte mir nur eine willkommene +Bestätigung meiner im Flussbett gemachten Beobachtungen. Wichtiger war +es, von den Berggipfeln, auf denen man die Bäume gefällt hatte, eine +Übersicht über das ganze Gebiet zu erlangen. Von hier aus liessen sich +die Wirkungen der Erosion verfolgen, auch zogen eigenartig gebildete +Berge oder Bergketten die Aufmerksamkeit auf sich und veranlassten +besondere Untersuchungen. Diese waren hauptsächlich bei Formationen +aus weichem Kalkstein wichtig, da letzterer bereits in geringem +Abstand von seinem Standort durch die Gebirgsströme vernichtet wird. + +Die Erklärungen, die sich die Eingeborenen über unser Sammeln von +Gesteinen bildeten, waren sehr mannigfaltig. Dass es uns um Goldsuchen +zu tun war, hielten sie für das Wahrscheinlichste; sie suchten +zwar selbst am oberen Mahakam kein Gold, hatten aber von den Malaien +gehört, dass wir darauf ausgingen. Als es sich herausstellte, dass ich +Gestein der verschiedensten Art mitnahm, glaubte die Bevölkerung in +mir einen Alchimisten zu sehen, der bei der Heimkehr alles Gestein +zusammenschmelzen und daraus Gold herstellen würde. Auch diese +Auslegung kam mir malaiischen Ursprungs vor. Von dieser Anschauung +beherrscht gingen die Bahau auf unseren Exkursionen daher häufig +darauf aus, Gestein zu suchen, das Pyrit oder Glimmer enthielt, +weil sie diese für Gold ansahen. Obwohl sie selbst Flusssteinen von +besonderer Form, mit einem Loch in der Mitte oder mit eigenartiger +Krümmung, eine beschirmende Kraft zuschreiben und sie als Sitz eines +bestimmten Geistes ansehen und obwohl sie auch hübsches Gestein, +wie den _batu boh_ aus dem Boh, als Schnallen für Schwertgürtel und +als Perlen schleifen, konnten die Bahau doch mein Interesse für das +Gestein an sich nicht begreifen. Nur selten widersetzten sich die +Leute dem Sammeln der Gesteine,' trotzdem sie oft unter der Last, +die sie zu tragen bekamen, stöhnte. + +An einigen Stellen des Flussufers, wo Geister hausen sollten, bat man +mich allerdings, mit meinem Schmiedehammer keine Stücke abschlagen +zu lassen, was ich denn auch nicht tat. An einigen anderen: Orten, +wie in dem Flüsschen Tasan beim Berge Situn, wo die Ufer aus dunklen, +senkrechten Felswänden bestehen, ergriffen alle Bahau die Flucht, +als ich die Malaien einige Kalkstücke abschlagen liess. + +Die topographische Aufnahme des oberen Mahakamgebietes stiess, der +eigenartigen Umstände wegen, unter denen sie vorgenommen werden musste, +auch auf besondere Schwierigkeiten. Bevor wir unser eigentliches +Arbeitsfeld erreichten, hatten wir Bootfahrten auf kleinen, wilden +Gebirgsbächen und Landzüge durch den Urwald im Quellgebiete des Kapuas +auszuführen, daher war es unmöglich gewesen, für die Bestimmung des +Meridians eines Ortes Chronometer mitzunehmen, weil diese durch die +Erschütterungen, denen sie während der Reise ausgesetzt gewesen wären, +ihre Zuverlässigkeit eingebüsst hätten. + +Die Möglichkeit, mittelst astronomischer Beobachtungen die Lage +eines Ortes zu bestimmen, war somit ausgeschlossen und wir waren +darauf angewiesen, an die topographische Aufnahme des Kapuasgebietes, +welche nach neunjähriger Arbeit (1886-1895) von dem topographischen +Institut der indischen Armee in Batavia ausgeführt worden war, +anzuknüpfen. Während dieser Aufnahme waren bis zur Mündung des +Kréhau Punkte astronomisch bestimmt und von diesen aus mittelst +Triangulation die wichtigsten Bergspitzen fixiert worden, um als +Anhaltspunkte für Detailaufnahmen zu dienen. Um diese vorzunehmen, +hielten sich die Topographen monatelang in den unbewohnten Gebieten +des oberen Kapuas auf. + +Wie bereits im Kapitel XI berichtet worden ist, hatte der Topograph +_Werbata_ 1893 den Weg zum Penaneh genau gemessen; da dieser Weg +aber für unsere Verhältnisse zu beschwerlich war, hatten wir den +nördlicheren zum Howong einschlagen müssen. Hätten wir mehr Zeit +gehabt, so wäre es möglich gewesen, den zurückgelegten Weg direkt zu +messen; da dies nicht der Fall war, mussten wir selbst einen Punkt +suchen, den wir durch Anpeilen bereits bestimmter Berge im Kapuasgebiet +zum Fixpunkt machen konnten. Daher scheuten wir keine Mühe, um auf +der Wasserscheide nach einem derartigen Punkt zu suchen, den wir in +der Tat auch fanden. Somit eröffnete sich uns die Aussicht, von hier +aus durch direkte Messung des zurückgelegten Weges eine Grundlage +für die weitere Aufnahme des ganzen Mahakamgebietes zu erhalten. + +Ich hatte bereits auf meiner vorigen Reise feststellen können, dass +das ganze Flussgebiet des oberen Mahakam, in gleicher Weise wie der +übrige Teil Mittel-Borneos, aus einem Berg- und Hügelland ohne Ebenen +besteht, das von zahlreichen Flüssen durchschnitten wird und ausser an +den Stellen, wo die Bahau ihn zur Anlage von Reisfeldern gefällt haben, +mit dichtem Walde vollständig überdeckt ist. Auch hatte ich mich bald +davon überzeugt, dass wir von Landwegen nur sehr geringen Gebrauch +würden machen können und dass wir den Mahakam und seine Nebenflüsse als +wichtigste Reisewege würden benützen müssen. Da sich nur an den Ufern +des Hauptstromes und einiger Nebenflüsse Niederlassungen befinden, +mussten, um weiter abgelegene Beobachtungspunkte zu erreichen, +besondere Expeditionen ausgeführt werden. + +Mit Rücksicht auf die noch unbekannten Verhältnisse, denen wir auf der +Reise begegnen würden, und auf den Zweck unserer Reise, war es nicht +möglich, von vorn herein einen festen Plan für die topographische +Aufnahme auszuarbeiten. Die Umstände sollten bestimmen, wie lange wir +am oberen Mahakam bleiben konnten und welche Züge wir in dieser Zeit +zwecks der topographischen Aufnahme oder aus politischem Interesse +würden unternehmen können. In jedem Falle musste auf eine feste +Grundlage gebaut werden und, da das Messen des Weges sehr wohl möglich +erschien, wurde beschlossen, von dem Fixpunkt auf der Wasserscheide +aus den Landweg längs des Howong bis an den Mahakam und dann diesen +Fluss selbst direkt zu messen. Im übrigen sollte die Zukunft lehren, +in wie weit es möglich sein würde, durch Messen von Seitenwegen zu +Wasser und zu Lande, durch Anpeilungen von Fixpunkten aus und durch +Bergbesteigungen die Aufnahme dieses ausgedehnten Gebietes auszuführen. + +Der Topograph _Bier_ hatte sich für die Aufnahme mit einem Theodolit +Tranche-Montagne, mit dem Azimuth und Höhe bestimmt werden konnten, +und mit 3 m langen Massstäben, auf welchen eine Skala in Centimetern +angegeben war, ausgerüstet. Im Fernrohr des Tranche-Montagne waren +Kreuzfäden und Horizontalfäden gespannt, in solch einem Abstand, +dass dieser mit der Anzahl Centimeter auf der Skala des Masstabes, +welche man zwischen ihnen auf 100 m Distanz ablas, in einfachem +Verhältnis stand. 100 Meter Abstand entsprachen 100 Centimetern auf +der Skala. Eine Messkette hatten wir nicht mitgenommen, da unser Weg +grossenteils zu Wasser zurückgelegt wurde und von einer regelrechten +Triangulation des Gebirgslandes keine Rede sein konnte. + +Zur Kontrolle für die Höhenbestimmung durch direkte Messung mittelst +des Theodolits war ich mit zwei guten Aneroidbarometern und einem +Hypsometer ausgerüstet, an denen an allen wichtigen Punkten Ablesungen +gemacht wurden. + +Einer der Aneroidbarometer von der Firma _Kipp en Zonen_ in Delft +stimmte mit dem Hypsometer auf jeder Höhe überein; er hatte bereits +die Reise 1896-1897 mitgemacht und war damals in der Sternwarte zu +Leiden verifiziert worden. + +Während der Reise wurde eine Abweichung des Kompasses des Theodolits +nur ein einziges Mal am Blu-u festgestellt, was teilweise auch dem +Umstand zugeschrieben werden muss, dass der Himmel selten unbewölkt +genug war, um während eines grossen Teils des Tages den Stand der +Sonne mit genügender Schärfe mittelst des Fernrohres bestimmen zu +können. Diesem Umstand muss vielleicht zugeschrieben werden; dass +bei der Zeichnung der Karte im Massstab von 1 : 20000 die Länge des +Mahakam bis zum astronomisch bestimmten Punkte Ana sich als richtig +erwies, die Richtung jedoch um einen Grad nach Süden abwich. + +Die Aufnahme des Landweges bereitete unserem Topographen, der jahrelang +in dem waldbedeckten Gebirge Mittel-Sumatras gearbeitet hatte, keine +Schwierigkeiten. Einer der ursprünglich 3 m langen Massstäbe wurde auf +die Hälfte verkürzt, um auf den Waldpfaden seiner Länge wegen nicht +hinderlich zu sein, ferner wurde etwas mehr Zeit darauf gewendet, um +die gewundenen, steigenden und fallenden Pfade in kleinen Abständen +messen zu können. Anders verhielt es sich mit dem Messen des Mahakam +selbst, da die langen, schmalen Böte der Bahau zum Aufstellen des +Theodolits nicht stabil genug sind. Auch das Aneinanderbinden mehrerer +Böte war wegen der zahlreichen Verengungen und Stromschnellen im +Fahrwasser sehr beschwerlich. Daher musste der Topograph auch bei +der Flussmessung zum Aufstellen seines Instrumentes das feste Ufer +wählen. Die Gehilfen, die in gesonderten Böten die Massstäbe hielten, +lernten es bald, sich entweder mit ihren Böten zwischen Felsblöcken +und Geröllbänken festzusetzen oder am Lande eine passende Stelle +zu finden. In der Regel waren drei Böte erforderlich: eines für den +Topographen und zwei für die Gehilfen. Indem _Bier_ einen Massstab +oberhalb und einen unterhalb seines eigenen Standplatzes aufstellen +liess, konnte er von einem Punkte aus zwei Abstände im Flusse +messen. Der stromaufwärts befindliche Gehilfe suchte sich, während +der Topograph den stromabwärts befindlichen Massstab visierte, mit +seinem Bote einen passenden Punkt weiter unten im Fluss aus, worauf +der Topograph wiederum zwischen beiden Stand fasste und erst den jetzt +flussaufwärts befindlichen Massstab visierte dann den flussabwärts +befindlichen u.s.f. + +Dadurch, dass _Bier_ seine Messungen stets von dem am weitesten +flussaufwärts gelegenen Punkt aus begann, lief er am wenigsten Gefahr, +durch plötzliches Hochwasser aufgehalten zu werden, auch konnten sich +die Böte mit dem Strome schnell abwärts bewegen. + +Dank der langen Zeit von beinahe zwei Jahren, die wir am oberen Mahakam +zu verbringen gezwungen waren, und der Sicherheit, mit der wir uns +bewegen konnten, gelang es dem Topographen, den Mahakam stückweise, von +seinem Ursprung an der Grenze von Serawak an bis zu dem astronomisch +bestimmten Punkt Ana am mittleren Mahakam, zu messen. Indem er den Kaso +bis zum Penaneh, dem Endpunkt der Messung des Topographen _Werbata_, +hinauffuhr, konnte er später seine Messung des Mahakamgebietes nochmals +mit derjenigen des Kapuas in Verbindung bringen. + +In Anbetracht, dass der Kapuas, von Pontianak aus, seiner ganzen +Länge nach bereits gemessen war, wurde mit einer Messung des Mahakam +diejenige Borneos von West nach Ost vollendet. + +Im Zusammenhang mit dieser Aufnahme wurde die Wasserscheide zwischen +Mahakam und Barito vier Mal erstiegen: im Januar 1899 längs des Blu-u +der Batu Lesong; im Juni 1899, bei der Messung des Bunut, der Batu +Ajo; im Juli 1899 von Long Deho aus das gleiche Gebirge, nördlicher; +und im April 1900, dem Mobong entlang, wiederum der Batu-Ajo, an +einer dazwischen liegenden Stelle. + +Auch bei der Messung des Pahngè, eines der gebräuchlichsten +Verbindungswege mit dem Baritogebiet, gelangte der Topograph bis dicht +an die Wasserscheide. Ausser den genannten Nebenflüssen wurden auch +noch der Tjehan, Merasè und der Tepai so weit als möglich gemessen. An +Bergen wurden der Aufnahme wegen bestiegen: der Liang Tibab am oberen +Kapuas; der Lasan Tojang im Quellgebiet des Mahakam; der Batu Balo +Baun am oberen Mahakam; der Lekudjan auf der Kapuas-Wasserscheide; +der Liang Karing am Tjehan; zwei Berge am Kaso; der Batu Lesong auf +der Barito-Wasserscheide; der Batu Karang und Batu Situn am Merasè, +der Batu Mili am Blu-u und der Batu Ajo an drei verschiedenen Stellen. + +Zwar suchten wir, um eine möglichst vollständige Übersicht über die +Umgebung zu erlangen, zur Besteigung freiliegende Berge zu wählen, +doch mussten wir oft auf besondere Umstände Rücksicht nehmen. + +Da viele dieser Berge von den Kajan noch nie erstiegen waren, mussten +wir, von anderen Erhebungen aus, häufig selbst eine Seite aussuchen, +von der aus man den Gipfel wahrscheinlich erreichen konnte. Auf +dem Gipfel angekommen befanden wir uns in einem dichten Walde, so +dass zur Erlangung einer Aussicht erst Durchhaue ausgeführt werden +mussten. War der Gipfel sehr klein oder nur mit Gestrüpp bewachsen, +wie wir es jedoch nur einmal trafen, so wurden auf das Fällen der +Bäume einige Tage verwandt. Für gewöhnlich war dieses Verfahren aber +wegen der grossen Oberfläche des Gipfels und wegen der grossen Härte +der Gebirgsbäume nicht möglich. Wir wählten dann den höchsten Baum +aus, liessen die meisten Äste entfernen und auf den übriggebliebenen +eine feste Plattform bauen, auf der man mit Sicherheit visieren +konnte. Der Auf- und Abstieg auf der primitiven Leiter war aber +sowohl für _Bier_ als für mich ein Wagstück. In unmittelbarer Nähe +unseres Beobachtungspostens musste ausserdem stets eine grössere +Anzahl Bäume gefällt werden, weil deren Kronen die Aussicht zu sehr +beeinträchtigten. + +Wegen der Abreise des Topographen _Bier_ vor dem Beginn unserer +Expedition ins Quellgebiet des Kajan konnte von einer sorgfältigen +Aufnahme dieser Gegend keine Rede sein. Dafür übernahm es der +Photograph _Demmeni_, den Weg mittelst Handbussole und Schätzung +des Abstandes zu messen, wie er es bereits während der ersten Reise +1896-1897 am Mahakam mit gutem Erfolg getan hatte. + +Auch für unsere topographischen Arbeiten hatten die Eingeborenen +bald eine Erklärung gefunden oder von den Malaien übernommen, sie +glaubten nämlich, dass es uns darum zu tun sei, ihre Schlupfwinkel zu +Kriegszwecken kennen zu lernen. Wir konnten sie von ihrer Überzeugung +nicht abbringen, trotzdem wir darauf hinwiesen, dass wir uns doch +nur an die Häuptflüsse und wichtigsten Berge hielten und dass +_Bier_ seine Karte ausarbeitete, ohne ihre nächste Umgebung viel zu +beachten. Trotzdem sind wir am oberen und mittleren Mahakam nie auf +Widerstand seitens der Bahau gestossen; diese unternahmen unserer +Arbeit wegen häufig weite Reisen in ihnen selbst unbekannte Gegenden. + +Anfangs hatte es allerdings den Anschein, als arbeite man uns entgegen; +denn nur selten erhielten wir über die Namen kleinerer Flüsse oder +etwas abgelegenerer Berge richtige Auskunft. Entweder behauptete +man, nichts zu wissen, oder man gab falsche Namen an. Zu unserem +Erstaunen stellte es sich aber später heraus, dass mit geringen +Ausnahmen wirkliche Unwissenheit in bezug auf alles, was sich nicht +in unmittelbarer Nähe des Stammesgebietes befand, vorlag. Selbst +hohe, die ganze Landschaft beherrschende Berge trugen nur bei den +in nächster Nähe wohnenden Stämmen einen Namen. Nur diejenigen, +die zu wiederholten Malen längs des gleichen Flusses gereist waren, +konnten mit einiger Sicherheit dessen Namen angeben. + +Die meisten kamen übrigens ihr Leben lang nicht aus ihrer Umgebung +heraus und hatten für alles, was im Gebiet des benachbarten Stammes +lag, kein Interesse. Da wir uns mit Hilfe eines Bahau von einer +Bergspitze aus absolut nicht orientieren konnten, lernten wir bald, +unsere eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zu Rate zu ziehen, +sowohl wenn es galt, die Identität eines Berges festzustellen, +als auch wenn ein Plan zur Erreichung eines bestimmten Punktes als +Beobachtungspunkt gefasst werden musste. + +Sollten unbekannte oder gefürchtete Gegenden besucht werden, so bildete +für die Bahau nicht nur Unwissenheit, sondern auch Angst um ihre eigene +und unsere Sicherheit einen Hinderungsgrund. Unserer topographischen +Arbeit wegen mussten wir immer wieder Bergspitzen zu erklimmen suchen +und gerade vor diesen fürchten sich die Eingeborenen so sehr, weil die +Berghöhlen von bösen Geistern, hauptsächlich von den Donnergeistern, +bewohnt werden. Um die gefürchteten Unternehmungen zu verhindern, +nahmen die Bahau häufig zu falscher oder entsetzlich übertriebener +Auskunft ihre Zuflucht; den Kern von Wahrheit mussten wir selbst +herauszufinden suchen. Sobald ich aber den Zug mit einigen ihrer Männer +wirklich antrat, taten sie alles, um ihm einen guten Erfolg zu sichern. + + + +Wenige Hilfsmittel für Untersuchungen aller Art gewähren einem +auf der Reise so viel Befriedigung als die Photographie; sie +erfordert jedoch, je nach dem Ziel, das man verfolgt, und dem Land, +das man bereisen will, eine besondere und sorgfältig gewählte +Ausrüstung. Für ein sehr feuchtes Tropenklima, wie dasjenige +von Borneo, sind Apparate von besonderer Widerstandsfähigkeit +erforderlich. Obgleich wir bei der Zusammenstellung der Ausrüstung +die verschiedensten Punkte eingehend berücksichtigten, wäre es +uns ohne die besondere Geschicklichkeit _Demmenis_ als Mechaniker, +der im stande war, bald dieses, bald jenes an der Kamera und vor +allem an den Wechselkassetten zu reparieren, nicht geglückt, länger +als einige Monate zu photographieren. Hauptsächlich erforderten die +neu aus Europa empfangenen Gegenstände, obgleich sie aus sehr gutem +Material verfertigt waren, eine ständige Ausbesserung; bald krümmten +sie sich vor Feuchtigkeit und Hitze, bald löste sich der Leim und +musste durch Schrauben ersetzt werden. + +Auch in bezug auf die photographische Ausrüstung galt unser Grundsatz: +so vollständig und so leicht transportierbar als möglich. Hierbei +kamen hauptsächlich die Platten in Betracht. Als besonders geeignet +erwiesen sich die Extra-Rapid-Films 13 × 18 der Firma _Perutz_ in +München; sie hatten den grossen Vorzug, leicht und unzerbrechlich zu +sein und ein kleines Volumen einzunehmen. Der Apparat selbst bestand +aus einer für die Tropen gearbeiteten Reisekamera aus Mahagoniholz, +Format 13 × 18, auf sehr festem Stativ, versehen mit einem Anastigmat +von _Zeiss_ mit einem Momentverschluss von _Linhof_. + +Die Kamera hatte mir bereits auf den beiden vorigen Reisen gedient +und war somit klimabeständig. Der lederne Balg war gegen Insekten +und Schimmel mit einer starken Lösung von arsenigsaurem Natron +eingerieben und verursachte uns während der ganzen Reise keine +Schwierigkeiten. In Verband mit der Benützung von Films gebrauchte +ich auf der Reise 1896-97 eine Wechselkassette, welche in der Tat +grosse Dienste geleistet hat, aber, wie erwähnt, nicht ohne ständige +Ausbesserung seitens des Photographen. Nachdem wir sie mit einem neuen +Sack ausgerüstet hatten, wurde sie gelegentlich auch auf der letzten +Reise gebraucht, hauptsächlich wurde aber mit einer Wechselkassette +von _Grundmann Zaspel_ gearbeitet, sie erwies sich aber, bevor +wichtige hölzerne Teile durch metallene ersetzt worden waren, als +vollständig ungeeignet für die Tropen. Für diese Wechselkassetten +mussten Filmsträger aus Aluminium gebraucht werden, in welche die +Films seitlich eingeschoben wurden. Häufig standen die Films verbogen +darin, so dass die Bilder in der Mitte oder an den Seiten weniger +scharf wurden als an anderen Stellen; hiervon abgesehen, erfüllten +sie ihren Zweck sehr gut. + +Eine metallene Kamera mitzunehmen, ist sehr ratsam; jedenfalls aber +sollte man sich mit metallenen Chassis versehen; ihrer sechs werden +sich stets als genügend erweisen. + +Die Extra-Rapid-Films von _Perutz_ haben mir auch, was Haltbarkeit der +Films und Deutlichkeit der Bilder betrifft, stets gut gefallen. Sobald +man nicht in der Lage ist, einen neuen Vorrat Films anzugreifen, +lernt man deren grosse Haltbarkeit schätzen; sie hatten auch nach +zwei Jahren nichts an Empfindlichkeit eingebüsst und lieferten ebenso +deutliche Bilder als zuvor. Vorsichtshalber hatte ich bereits in +der Fabrik jedes Dutzend gesondert in Zinkkästchen verlöten lassen, +so dass wenigstens der Einfluss der Feuchtigkeit ausgeschlossen war; +vor zu grosser Erhitzung suchten wir sie ebenfalls so viel als möglich +zu schützen. + +Chemikalien und Gerätschaften, um die belichteten Films schon +auf der Reise entwickeln zu können, wurden in genügender Menge +mitgenommen. Das Entwickeln wurde denn auch stets, sobald Aussicht +vorhanden war, das Negativ vollständig abarbeiten zu können, +baldmöglichst vorgenommen. Als Entwickler diente fast ausschliesslich +Hydrochinon; für Momentaufnahmen diente zuletzt auch Methol. + +Da ohne Dunkelkammer gearbeitet werden musste, wurde immer abends +entwickelt und es zeigte sich, dass bei einer Entwicklung im Walde +auch eventueller Mondschein den Prozess wenig benachteiligte. + +Positive wurden während der Reise nicht verfertigt. Auf allen +Reisen hatten wir ausser dieser Ausrüstung noch Detektivkameras +für Momentaufnahmen von kleinerem Format mitgenommen. Obgleich wir +kostbare Apparate angeschafft hatten, waren sie für die Tropen doch +ungeeignet und lieferten selten gute Resultate. Teilweise trugen +hieran die eigenartigen Umstände, unter denen wir photographieren +mussten, und die Gegenstände, welche wir photographieren wollten, +die Schuld. Bei unserem Reiseleben musste eine Aufnahme oft in +einem bestimmten Augenblick, bei schlechter Beleuchtung, bei Regen +u.s.f. gemacht werden. Handelte es sich um Personen, so waren fast +stets nur Momentaufnahmen möglich, da die Bahau vom Stillestehen keine +Ahnung haben; erst viel später konnten wir bei einigen von ihnen eine +Zeitaufnahme ausführen. + +Innerhalb der Häuser konnte nur bei sehr langer Exposition +photographiert werden, weil die Beleuchtung in den Wohnungen eine +sehr schlechte ist und die Wände noch dazu so dunkel sind, dass auch +Momentaufnahmen bei Magnesiumlicht wegen der starken Absorption des +Lichtes durch die Wände missglückten. Nur da, wo wir Zeitaufnahmen bei +Magnesiumlicht machen konnten, hatten wir guten Erfolg. Festlichkeiten, +Versammlungen und allerhand Szenen, bei denen viele Menschen anwesend +waren, konnten wir innerhalb des Hauses daher nicht photographieren. + +Ausser durch ihre Unfähigkeit stillzusitzen bereitete die +Bahaubevölkerung den photographischen Aufnahmen auch sonst noch so +grosse Schwierigkeiten, dass wir häufig von einer Aufnahme ganz absehen +oder sie auf Monate, auf eine günstigere Gelegenheit, verschieben +mussten. Die Abneigung der Eingeborenen gegen die Photographie hatte +ihre eigenen Gründe. Der unbekannte Zweck und das Geheimnisvolle +der einen, augenartigen Linse erschreckte die Leute. Man hätte eine +derartige Angst durch angemessene Belohnung überwinden können, wenn +die Bahau nicht überzeugt gewesen wären, dass ihre Seele (_bruwa_) +vor Schreck den Körper verlassen könnte, was Krankheit und Tod zur +Folge gehabt hätte. + +Noch eine andere Eigenschaft der Bahauseele schreckte die Leute von der +Photographie ab: die Seele konnte nämlich Bild und Original verwechseln +und ersterem, somit auch uns, folgen, was natürlich grenzenloses Elend +veranlasst hätte; denn nicht nur, dass der Körper dadurch erkrankt +wäre, sondern ich hätte dadurch auch auf weite Entfernung auf die +abgebildete Person Einfluss ausüben können. + +Einige Male hörte ich auch einige alte Männer erklären, dass sie +sich nicht photographieren lassen wollten, weil ihre Bilder später +in ein Buch aufgenommen und von jedem besehen werden würden. Von +der Aufnahme in ein Buch hatten sie natürlich durch unsere Malaien +gehört, die sich übrigens auch selbst nur zögernd und ängstlich zu +einer Aufnahme hergaben. + +Anfangs gaben sich die Menschen von dem allem nicht Rechenschaft. Als +wir daher zum ersten Mal im Jahre 1896 am Mahakam zur Zeit des +Saatfestes eintrafen, waren uns die Kajan bei der Aufnahme der +interessanten Maskentänze, die zum Glück im Freien stattfanden, noch +selbst behilflich. Nachdem alle Zweifel einmal entstanden waren, +dauerte es aber vier Monate, bevor wir jemand dazu bringen konnten, +sich vor unsere Kamera zu stellen. Zuerst überwanden einige junge +Männer ihre Skrupel, dann zeigte sich auch ein leichtsinniges, +fröhliches junges Mädchen, _Anja Song_, zur Aufnahme bereit. Das +Mädchen verkehrte so häufig in unserer Hütte, dass sie einerseits die +Angst vor allem Ungewöhnlichen verlor, anderseits der Verlockung, mit +Perlen und hübschem Zeug belohnt zu werden, nicht länger widerstehen +konnte. _Anja Songs_ Heldenhaftigkeit hatte übrigens auch noch einen +tieferen Grund; das Mädchen, eine halbe Sklavin, liebte _Sawang Jok_, +einen der vornehmsten jungen Leute des Stammes, und, da dieser sich +hatte photographieren lassen, wollte ihm _Anja Song_ an Mut nicht +nachstehen. Als sie von den Eltern ihres leichtsinnigen Benehmens wegen +streng bestraft wurde, überredete sie zur eigenen Entschuldigung einige +Freundinnen, sich ebenfalls zur Photographie herzugeben. Nachdem die +Bresche einmal geschlagen war, erhielten unsere Aufnahmen einen grossen +Zulauf, besonders war dies bei unserem zweiten Besuch bei den Kajan am +Blu-u der Fall, aber erst nachdem wir wiederum einige Monate bei ihnen +gelebt hatten. Diesem Zulauf haben die Bilder, welche die verschiedenen +Industrieen der Bahau darstellen, ihr Dasein zu verdanken. + +Bei den Mendalam Kajan war das Vorurteil vor der Photographie viel +schwerer zu überwinden als bei denen am Mahakam; das Gleiche galt auch +in bezug auf die anthropometrischen Messungen. Da mir bei meinem ersten +Aufenthalt unter ihnen, im Jahre 1894, hauptsächlich an letzteren +gelegen war, liess ich die Photographie ruhen. Im Jahre 1896, als +ich meine Expedition zum Mahakam bei ihnen vorbereitete, vermied ich +alles, was irgendwie ungünstig auf den Verlauf unserer Unterhandlungen +hätte einwirken können; als man sich daher zur Aufnahme nicht willig +zeigte, suchte ich nichts durchzusetzen. Nur meine alte Freundin _Usun_ +überwand sich selbst, um mir eine Freude zu machen, und kam nach meiner +Abreise von Tandjong Karang nach Putus Sibau, um sich photographieren +zu lassen. Bei ihrem hohen Alter spielte wohl auch die Überlegung, dass +der Photograph ihrer Ehrbarkeit Abbruch tun könnte, wenn er an ihrem +umgekehrten Bilde auf der Mattscheibe unerlaubte Dinge sehen würde, +keine grosse Rolle. Die vielen Malaien, die am Mendalam verkehrten, +hatten nämlich erzählt, dass beim Photographieren sowohl die Personen +als deren Kleider sich umkehrten. Auf _Usun_ Photographie ist daher +zu sehen, dass sie über die gewöhnliche _ta-a_ noch ein besonderes +Tuch geschlungen hat und dass sie beide Arme krampfhaft an ihre Beine +presst, um den Röck festzuhalten. Obgleich wir den Kajan häufig das +Bild auf dem Mattglas zeigten, konnten wir ihnen doch die von den +Malaien übernommene Überzeugung nicht nehmen. + + + + +KAPITEL XV. + + Verhältnisse bei den Mahakam Kajan.--Zeitrechnung--Beschäftigungen + während der Verbotszeit--Besteigung des Batu + Mili--Saatfest--Maskenspiel--Kreiselspiel--Abschied von _Adam Igau_ + und _Jung_--Fahrt zum Merasè--Tod des Häuptlings _Bo Li_--Begegnung + mit malaiischen Rebellen--Beginn mit der Mahakamaufnahme--Zweite + Besteigung des Batu Mili--Sage vom Batu Mili--Hahnenkämpfe. + + +Der Stamm der Kajan befand sich bei unserer Ankunft in einer +Übergangsperiode. Nach der letzten günstigen Ernte im Frühling waren +zwar die meisten Familien, die seit dem Niederbrennen ihres langen +Hauses, 13 Jahre lang, zerstreut auf ihren Reisfeldern gewohnt +hatten, an die Mündung des Blu-u gezogen, aber der Hausbau schritt +doch nur sehr langsam vorwärts; auch waren viele Familien durch +die jahrelange Trennung einander völlig entfremdet und so scheu +geworden, dass sie es nicht wagten, mit den eigenen Stammesgenossen +am Blu-u zusammenzuziehen. Aus Besorgnis, dass diese Entfremdung den +Stammverband und somit die innere Macht des Stammes lockern könnte, +wünschte _Kwing Irang_, dass sich alle Familien baldmöglichst in der +neuen Niederlassung vereinigten. + +Die Familien der Sklaven zur Rückkehr zu bewegen, war für den Häuptling +eine besonders schwierige Aufgabe; denn diese hatten in oft weit +entlegenen Flusstälern jahrelang die grösste Freiheit genossen und +fürchteten nun mit Recht, dass sie nach ihrer Rückkehr zum Stamme +gezwungen sein würden, mehr für den Häuptling zu arbeiten. Nur 10 +Sklavenfamilien hatte _Kwing Irang_, dem wenigstens 150 _dipen_ +gehörten, bei sich zurückbehalten und einige andere bebauten unter +Aufsicht einer ihm befreundeten, freien Kajanfamilie seine weiter +abgelegenen Felder. + +Die gute Ernte, der sich die Kajan in diesem Jahre erfreuten, spürte +ich sogleich an der Schnelligkeit, mit der sich die vom Häuptling +geliehenen grossen Fässer aus Baumrinde mit gewöhnlichem Reis und +Klebreis füllten. Der reichen Ernte wegen hatte der Stamm auch noch +nicht mit Säen begonnen, obgleich es bereits Oktober war. Bei meiner +Ankunft 1896 hatte man bereits Anfang September gesät; damals war +aber eine Missernte vorangegangen, auch wurden diesmal viele durch +den Umzug an der Feldarbeit verhindert. + +Die meisten Familien legten in diesem Jahre, des Überflusses an Reis +und des Häuserbaues wegen, nur kleine Reisfelder an. + +Der offizielle Saattag fiel diesmal, wie auch sonst öfters, nicht +mit dem wirklichen Saattag zusammen. Den ersteren bestimmt der alte +Priester _Bo Jok_, nach dem Stand der Sonne, indem er neben dem +Hause zwei längliche Steine, einen grösseren und einen kleineren, +aufrichtet und dann den Zeitpunkt beobachtet, in dem die Sonne in der +Verlängerung der Verbindungslinie dieser beiden Steine hinter den +gegenüberliegenden Hügeln untergeht. Der Saattag ist der einzige, +den _Bo Jok_ auf astronomischem Wege bestimmt. Im übrigen ist die +Zeitrechnung bei den Kajan eine mehr oder weniger willkürliche und +vom Ackerbau abhängige (Siehe Kap. VIII). + +Der Monat oder, wie sie sagen, der Mond (_bulan_) spielt bei den Kajan +eine grössere Rolle als das Jahr (_duman)_, von dem kaum jemand recht +weiss, aus wievielen Monden es besteht. Für gewöhnlich rechnen sie +ein bis zwei Monde auf die Saat, 5 Monde auf die Zeit, die der Reis +zum Reifen nötig hat, zwei bis drei Monde auf die Ernte und drei +Monde bis zur folgenden Saat. + +Die verschiedenen Monde besitzen bei den Bahau keine besonderen Namen. + +Bei den Mendalam Kajan besitzen die verschiedenen Tage in der Zeit +des sichtbaren Mondes folgende Namen in der Busang Sprache: _njina_ +(sehen) _dang_ (genügend); _matan_ (Auge) _dang; lekurdang; butit_ +(Bauch) _halab_ (Tetradon, ein Kofferfisch) _ok_ (klein); _butit +halab aja_ (gross); _keleong_ (Körper) _paja ok; keleong paja aja; +beliling_ (Rand) _dija_ und _kamat_ (voller Mond). Die folgenden Tage +tragen die gleichen Namen, aber in umgekehrter Reihenfolge und mit der +Hinzufügung von _uli_ = nach Hause gehen. Die Tage des unsichtbaren +Mondes werden nicht bezeichnet. + +Die verschiedenen Tageszeiten heissen im Busang der Mendalam Kajan: +_dow_ (Tag) _bekang_ (offen, gespalten), um 6 Uhr morgens; _dow +njirang_ (scheinen) _mahing_ (kräftig), um 9 Uhr ungefähr; _dow +negrang_ (aufrecht) _marong_ (wirklich), um 12 Uhr; _dow njaja_ +(gross), um 4 Uhr; _dow lebi_ (klein), um 6 Uhr abends. + +Die Mahakam Kajan besitzen für die Tageszeiten andere Bezeichnungen: +_beluwa_ (halb) _dow_, um 12 Uhr mittags; _dow uli_ (von der Feldarbeit +heimkehren), ungefähr 4 Uhr; _tiling_ (ein Heimchen, das sich nur +bei Sonnenuntergang hören lässt) _duan_ (tönen), um 6 Uhr. + +Während die übrigen Stämme mit den Saatfesten und Verbotszeiten +bereits begonnen hatten, trafen die Kajan erst ihre Vorbereitungen. Am +13. Oktober liess auch _Kwing Irang_ endlich für seinen Stamm die +Verbotszeit eintreten, die auch für uns eine Zeit grosser und sehr +erwünschter Ruhe wurde, denn weitaus die meisten arbeitsfähigen +Familienglieder zogen bereits morgens früh nach ihren Reisfeldern, +um dort die erforderlichen Zeremonien zu verrichten und mit dem Säen +zu beginnen. Da die Bahau bei dieser Gelegenheit intim mit ihren +Geistern verkehren und die Gegenwart der schreckenerregenden Fremden +hierbei von nachteiligem Einfluss ist, überwand ich, um mit allen +Leuten auf gutem Fuss zu stehen, meine Neugier und blieb mit den +Meinen ruhig zu Hause. Übrigens hatte ich ja auch schon am Mendalam +das Saatfest miterlebt. Die Verbotszeit erstreckte sich auch auf uns, +und so genossen wir, da ausser Kajan niemand zur Niederlassung Zutritt +hatte, auch von aussen her der Ruhe. + +Als _Tigang_ mit den Seinen bereits am 16. Oktober bei uns eintraf, +durfte er unser Dorf nicht betreten. Er hatte den Merasè hinauffahren +wollen, um die Ma-Suling zu besuchen, hatte aber seinen Plan aufgeben +müssen, da bei diesen am Tage zuvor die Verbotszeit eingetreten war. + +Die Ma-Suling vom Mendalam waren dort noch rechtzeitig, zwei Tage +zuvor, angekommen, durften nun aber vor Ablauf des _lali nugal_ +nicht von dort weg. _Tigang_ hatte auch die Niederlassung Lulu Njiwung +wegen des _lali_ gesperrt gefunden und war dann flussabwärts bis nach +Long Tepai gefahren, wo er Reis für seine Rückreise hatte einkaufen +können. Er hatte die Absicht, bei _Belarè_ einen günstigen Wasserstand +abzuwarten und dann schnell nach dem Mendalam zurückzukehren; daher +beendeten wir eiligst unsere Briefe und Berichte für die Aussenwelt und +reichten sie ihm unter _Kwing Irangs_ Zustimmung in sein Boot. Reis, +Tabak und andere Dinge durften wir ihm jedoch nicht mitgeben. + +Glücklicher Weise war es meinen Jägern und Pflanzensuchern, falls +sie nicht die Nacht fortblieben, gestattet, täglich in der Umgegend +umherzuschweifen. Abends waren wir wohl ein bis zwei Stunden damit +beschäftigt, den Kajan die vom Felde mitgebrachten Insekten und +anderen Tiere abzukaufen; _Demmeni_ und zwei der geschicktesten +Malaien, _Murchar_ und _Abdul_, übernahmen die Verpackung der +Tiere. Gleichzeitig suchte _Demmeni_ auch den Schaden, den die +photographischen Apparate während der Reise durch Feuchtigkeit erlitten +hatten, wieder gut zu machen, was ihm auch, dank der praktischen +Ausrüstung an Werkzeugen aller Art, die er mitgenommen hatte, glückte. + +Der Kontrolleur, der bisher jeden Tag _Adjang, Akam Igaus_ Sohn, +unterrichtet und gleichzeitig auch von ihm gelernt hatte, gab sich +alle Mühe, diese Quelle des Busang noch nach Möglichkeit auszunützen; +denn so gern wir diesen allgemein beliebten Reisegesellen auch bei +uns behalten hätten, mussten wir ihn jetzt doch mit seinem Vater, +der sich zu den Kenja am Tawang begab, weiter ziehen lassen, da _Akam +Igau_ aus Furcht vor seiner Tochter _Tipong_ nicht wagte, _Adjang_ +zurückzulassen, obgleich dieser selbst gern bei uns geblieben wäre. + +Inzwischen überlegte ich mit _Bier_, was mit Rücksicht auf die +Überzeugungen unserer Gastherren im Augenblick für die Aufnahme des +Mahakamgebietes getan werden konnte. Ein systematisches Zuwerkegehen, +wie in einem Lande, in dem man sich jederzeit frei bewegen kann, +war hier unmöglich. Am wünschenswertesten wäre es gewesen, mit der +Messung des Mahakam vom Howong an zu beginnen, aber in dieser Zeit +des _lali nugal_ durften wir nicht von Hause fort, ich musste sogar +6 Tage warten, bevor ich _Bier_ von einem hoch gelegenen Reisfelde +aus eine Übersicht über die Umgegend geben durfte. Die Reisfelder +liegen hier nämlich nicht, wie in dem flachen Lande am Mendalam, +tief, sondern an den Abhängen oder auf den Gipfeln der Hügelreihen, +welche die Kajan zu diesem Zweck entwaldet haben. Da sich die Felder +oft bis 200 m oberhalb des Mahakam befinden, bieten sie prachtvolle +Aussichtspunkte auf die mit dichtem Walde bedeckte Umgebung. + +Ein viel verlockenderer Aussichtspunkt lag jedoch gegenüber, am +anderen Ufer des Mahakam, nämlich ein ganz freistehender, oben +beinahe kahler, 800 m hoher Andesitkegel, der Batu Mili, der ein +prachtvolles Panorama des oberen Mahakamgebietes liefern und daher +auch für unseren weiteren Plan der Aufnahme von grösster Wichtigkeit +sein musste. Dieses ins Auge fallende Ungeheuer, das seinen 100 m +hohen zylinderförmigen Gipfel so unheilverkündend grau aus dem mit +dunkelgrünem Urwald bedeckten Kegel erhob, hatte natürlich auf die +Gemüter der Kajan tiefen Eindruck gemacht. + +Über den Ursprung des Batu Mili und über seine Rolle als Wohnplatz +vieler Donnergeister bestehen zahlreiche Erzählungen und sowohl sein +Gipfel als auch die Wälder auf seinen Abhängen flössen Schrecken +ein; selbst die am anderen Ufer oberhalb am Fluss wohnenden Malaien +vermeiden den Berg. Nur in grosser Entfernung darf man Wald zur +Anlage von Reisfeldern fällen und dem in diesen unberührten Wäldern +zahlreichen Wild Fallen stellen. + +Die Angst der Kajan vor dem Batu Mili erscheint um so unverständlicher, +als sie sehr wohl wissen, dass ein Mann einst einen Monat lang +unbeschadet auf seinem Gipfel zugebracht hat. Wie mir nämlich _Lirung, +Kwing Irang_s Nichte, erzählte, hatte in ihrer Jugend, vor zwanzig +Jahren, in dem damals weiter oben gelegenen Hause ihres Vaters ein +Mann gewohnt, für den das Leben nach dem Tode seiner Frau keinen Reiz +mehr hatte. Um mit der geliebten Gattin in _Apu Kesio_ bald wieder +vereinigt zu werden, beschloss der Mann, sich das Leben zu nehmen. Er +hielt es jedoch für des Gedächtnisses seiner Frau unwürdig, sich auf +die übliche Weise, durch Ertränken, Halsabschneiden oder Pfeilgiftessen +umzubringen, und bestieg daher den Batu Mili, in der Hoffnung, von +den auf dem Gipfel hausenden Geistern getötet zu werden. Länge hörte +man nichts von dem Manne, bis er eines Tages entsetzlich abgemagert, +sonst aber unversehrt, zurückkehrte--die Geister hatten ihn nicht +töten wollen. Er lebte noch mehrere Jahre im Stamme, heiratete aber +nicht wieder. Einige meiner Leute hatten ihn noch gekannt. + +In der letzten Zeit, wo die Kajan in nächster Nähe ihres Dorfes +nach Grundstücken suchten, hatten sich einzelne doch viel näher an +den gefürchteten Berg herangewagt als früher. So hatte einer der +angesehensten Männer des Stammes, _Bo Kwai_, dessen Sohn _Maring_ +uns bei unserem vorigen Besuch oft als Führer gedient hatte, sogar +auf dem westlichen Rücken des Batu Mili sein Reisfeld anzulegen +gewagt. Nach diesem hochgelegenen Punkte wollte ich _Bier_ zur +Orientierung führen, zugleich aber auch versuchen, längs dieses +Rückens, der, nach den Gipfeln der Bäume zu urteilen, am höchsten auf +die nach allen anderen Seiten senkrecht abfallende Spitze hinaufführte, +zu einem noch günstigeren Aussichtspunkte zu gelangen. _Kwing Irang_ +schüttelte das Haupt und erklärte bestimmt, dass wenigstens der Gipfel +des Berges nicht zu besteigen sei. Keiner der Kajan wollte uns weiter +als bis zum Reisfeld des _Bo Kwai_ führen und auch dahin wollten +nur zwei mit; die anderen fürchteten, dass man sie am Ende doch noch +zwingen würde, in diese schreckenerregenden Wälder einzudringen. Meine +eigenen Leute waren, als Fremde in dieser Gegend, weniger bang vor +den Geistern des Batu Mili und drei der besten, der Korporal _Suka_, +der dajakisches Blut mit malaiischer Energie vereinigte, und zwei +Pinau Malaien erklärten sich zum Mitgehen bereit. Unter dem fremden +Gesindel, das sich am Mahakam auf hielt, befand sich auch der bereits +erwähnte Chinese _Mi-Au-Tong_, der wegen Schulden aus Pontianak erst +nach Sintang, dann an den oberen Kapuas und schliesslich an den oberen +Mahakam geflüchtet war; da der Mann die Umgegend kannte und auf einen +guten Taglohn erpicht war, nahm ich ihn mit. + +Am Morgen des 22. Oktober machten wir uns auf den Weg. Über die +neu angelegten Reisfelder am Fusse des Berges gelangten wir an einen +bewaldeten Abhang, den wir hinaufstiegen, bis wir endlich nach einigen +Stunden auf 650 m Höhe vor einer senkrechten Felswand standen, die +ein Erklimmen des Gipfels unmöglich zu machen schien. Die Vegetation +kam uns aber auch diesmal zu Hilfe, denn die Malaien entdeckten bald +hinter ein paar Felsblöcken eine 2-3 m breite Felsspalte, an welcher +einige mächtige Lianen wie dicke Kabel herabhingen und eine vorzügliche +Gelegenheit zum Klettern boten. Meine barfüssigen Begleiter kletterten +denn auch sogleich an den Lianen hinauf und schwangen sich dann auf +eine durch Baumwurzeln zusammengehaltene Felsmasse an der rechten Seite +der Spalte. Von dort aus fanden sie augenscheinlich eine Möglichkeit +zum Weiterkommen; denn ihre Stimmen verklangen mehr und mehr. Da ich +mit meinen beschuhten Füssen das Kletterkunststück meiner Leute nicht +nachmachen konnte, rief ich sie mit meiner Pfeife zurück, um ein Mittel +zu ersinnen, das auch mich über die Felswand brächte. Dünne, gerade +Stämmchen und Rotang, um sie zu verbinden, waren in nächster Nähe im +Überfluss vorhanden; so war denn bald eine Art Leiter hergestellt, +auf der ich unter Zurücklassung meines Hundes und Stockes gut folgen +konnte. Der Hund erhob allerdings ein Jammergeheul, das erst endete, +als ich mich später wohlbehalten wieder bei ihm einfand. + +Weiter oben ging es an einer Seitenwand des Rückens hinauf, wobei wir +die Hände mindestens ebensoviel als die Füsse gebrauchten. Zwischen +Gestrüpp hindurch führten mich meine Begleiter über moosbedeckte +Wurzeln den Abhang aufwärts, der ohne diese gänzlich unzugänglich +gewesen wäre. Vor und hinter mir achtete je ein Malaie darauf, dass +die Wurzeln, denen ich mein Gewicht anvertraute, auch stark genug +waren und dass ich meinen Fuss nicht auf Moos setzte, das von unten +nicht genügend gestützt war oder auf einem verfaulten Baumstamm lag. So +kamen wir langsam aber doch stetig vorwärts und, nachdem wir noch einen +Punkt passiert hatten, von dem aus ich auf Anraten des Chinesen nicht +nach rechts blicken durfte, wurde der Rücken weiter oben gangbarer, +da wir einem augenscheinlich durch Tiere unterhaltenen Pfade folgen +konnten. Wir mussten ihn zwar kriechend zurücklegen, standen aber +bald vor der nackten Felswand dicht unter dem Gipfel. Ein Spalt +in der Mauer und einige Unregelmässigkeiten im Gestein genügten, +um meine Leute bei 70° Steigung über die 20 m hohe Wand zu bringen, +und, da sie der Meinung waren, dass ich, einmal so weit gekommen, +nun auch die Spitze besteigen müsste, entledigte ich mich meines +Schuhwerks und langte mit einiger Hilfe ebenfalls oben an. + +Nachdem wir die herrliche Aussicht über die weite Waldlandschaft +genossen hatten, beeilten wir uns, auf dem gleichen Wege wieder nach +Hause zu gelangen, und kamen in der Tat glücklich, wenn auch sehr +ermüdet, heim. + +Das Erstaunen der Kajan über das unerwartete Gelingen unseres +Unternehmens war gross; sie hatten von unserer Anwesenheit auf dem +Gipfel aber nichts gemerkt und auch unsere Schüsse nicht gehört, +so dass ein an einen Stock gebundenes Stück weissen Kattuns, das wir +oben als Signal zurückgelassen hatten, unserer Erzählung als Beweis +dienen musste. + +In Anbetracht, dass wir auf dem Gipfel für Beobachtungen keine +Zeit gehabt hatten und _Bier_ auch nicht dabei gewesen war, nahm +ich mir vor, bald wieder dorthin zurückzukehren. _Kwing Irang_, +von Natur unternehmend, aber durch seine Umgebung und seinen +Aberglauben eingeschüchtert, erklärte sich jetzt sogleich bereit, +mich zu begleiten. Darauf meldeten sich auch einige zwanzig junge +Kajan als Begleiter auf den bisher so gefürchteten Berg an; doch +musste die zweite Besteigung bis nach Ablauf der Verbotszeit und der +drückendsten Arbeit während der Saatzeit verschoben werden. + +In allgemeinen gelten am Mahakam für die Verbotszeit die +gleichen religiösen Vorschriften wie am Mendalam, doch machen sich +Verschiedenheiten in der Auffassung der _adat_ geltend. Die Saatzeit +zerfällt in drei neuntägige Perioden, von denen jede, nach Rechnung +der Kajan, aus einem Opfertag und acht Nächten besteht. + +Am ersten Tage der ersten Saatperiode begiebt sich der Häuptling mit +den Seinigen und vielen anderen Familien auf das Reisfeld, um den +Geistern zu opfern (_murang)_. Da die Geister am Geruch merken können, +wer sich am Opfer (_kurang_) beteiligt hat, werden auch die sehr +kleinen Kinder mitgenommen, damit auch diese das Opfer berühren. Bei +dieser Art des Opfers wird zweimal im Laufe des Vormittags eine +Mahlzeit gehalten. Darauf müssen die Kajan acht Tage _melo_. + +Am ersten Tage der zweiten Periode findet das Maskenspiel statt. + +Am zweiten Tage beginnt man das grosse Feld des Häuptlings zu besäen, +eine Arbeit, an der sich Vertreter sämtlicher Familien sowohl der +Freien als der Sklaven beteiligen. Am gleichen Tage opfern die Familien +der Freien auf ihren eigenen Feldern, worauf sie an den Tagen zu säen +beginnen, die sich für sie in dieser Periode als günstig erwiesen +haben. Gewisse Tage sind nämlich nur für gewisse Familien günstig; +der Häuptling darf nur am 1ten, 3ten und 7ten Tage säen, andere +Familien haben wieder andere Saattage. Die Tage, an denen nicht gesät +werden darf, leiten sich von Todes- oder grossen Unglücksfällen oder +besonderen Missernten her. Alle diese Bestimmungen gelten nicht nur +für diese zweite neuntägige Periode, sondern auch für die dritte, +ebenfalls neuntägige Saatperiode. Während der zweiten Periode darf aber +nur an sechs Tagen gesät werden, der achte und neunte sind Ruhetage. + +Am folgenden Tag beginnt die dritte Periode mit Maskenspiel und +verläuft in gleicher Weise. + +Haben am zweiten Tage der dritten Periode Freie und Sklaven wieder für +den Häuptling gesät, so dürfen letztere mit dem Besäen der eigenen +Felder beginnen; sie opfern jedoch nicht selbständig, sondern mit +dein Häuptling gemeinsam. + +Das grosse Reisfeld des Häuptlings wird _luma ajo_ genannt. + +Jede Kajanfamilie richtet am zweiten Tage der ersten Periode auf ihrem +Felde ein Opfergerüst (_pelale_) auf, mit dem die Säer während des +Säens in Verbindung bleiben müssen; daher ist es Fremden verboten, +zwischen diesen und dem _pelale_ hindurchzugehen; auch dürfen die +Kajan sich auf dem Felde nicht mit Fremden abgeben, vor allein nicht +mit ihnen sprechen. Ist dies zufällig doch geschehen, so hört man an +diesem Tage mit dem Säen auf. + +Die erste neuntägige Periode bildet die eigentliche Verbotszeit, +während welcher kein Fremder die Niederlassung betreten und kein +Dorfbewohner die Nacht ausserhalb des Hauses verbringen darf. Ferner +dürfen die Kajan nicht jagen, Früchte pflücken und mit dem Wurfnetz +(_djala_) oder Schöpfnetz (_hiköp_) fischen gehen. Im Gegensatz zu der +_adat_ der Mendalam Kajan dürfen die Mahakam Kajan in dieser Zeit Blut +vergiessen, indem sie Schweine und Hühner schlachten, auch ist Angeln +(_niese_) erlaubt und menstruierenden Frauen gestattet, das Reisfeld +zu betreten. Dagegen dürfen die Frauen in dieser Periode einige Arten +Fische nicht essen. Auch ist es bei ihnen _lali_, nach Anfang der Saat +zeit die Felder durch Fällen von Wald noch zu vergrössern, und erst, +nachdem vier Tage der zweiten Periode verlaufen sind, darf das kleine, +übriggebliebene Holz auf dem Felde verbrannt werden. + +In den letzten Tagen vor der Maskerade haben besonders die jungen Leute +vollauf mit den Vorbereitungen zu tun. Die ursprüngliche Bedeutung +dieses Maskenspiels lässt sich nur noch an dem Geistertanz, den die +jungen Männer aufführen, erkennen. Das Spiel wurde, wahrscheinlich weil +der Stamm nun zum ersten Mal wieder beisammen wohnte und als Ganzes +das Fest feierte, gerade jetzt vollständig aufgeführt, was bei meinem +vorigen Aufenthalt und auch im folgenden Jahr nicht mehr der Fall war. + +Ihrer Überzeugung gemäss, dass die Geister mächtiger sind als die +Menschen, nehmen die Kajan an, dass, wenn sie die Gestalt der Geister +nachahmen und deren Rollen erfüllen, sie auch Übermenschliches zu +leisten vermögen. Gleichwie ihre Geister also die Seelen der Menschen +zurückzuholen im stande sind, glauben diese, auch die Seelen des +Reises zu sich heranlocken zu können. Zu diesem Zwecke handhabt die +Hauptperson beim Maskenspiel einen langen, hölzernen Haken (_krawit +bruwa_), dessen Schaft teilweise zu langen, feinen Spänen zerschnitten +und mit diesen verziert ist (Siehe Taf.: _hudo kajo_). Die Darsteller +treten in einem bestimmten Augenblick hinter einander in eine Reihe +und reichen einander hinter der Hauptperson, die voranschreitend den +langen Haken in die Höhe hebt, die Hand. Hierauf macht der Vordermann, +und mit diesem zugleich auch die ganze Reihe, eine Bewegung, als wolle +er mit dem langen Haken etwas zu sich heranholen, nämlich die Seelen +des Reises, die sich bisweilen zum Kapuas und Barito verirren. + +Wie wichtig die Bahau es finden, dass sich die Reisseelen stets in +ihrer Nähe aufhalten, ersieht man daraus, dass _Belarè_ die Missernten +der letzten Jahre dem Umstande zuschrieb, dass beim Verbrennen seines +Hauses durch die Batang-Lupar auch die Reisseelen vertrieben worden +waren. Da Geister nach Auffassung der Kajan nicht sprechen können, +dürfen auch deren Darsteller kein Wort äussern, da sie sonst Gefahr +laufen, tot niederzufallen. + +Entsprechend ihrer Vorstellung, dass die mächtigen Geister mit +allem, was ihnen selbst schreckenerregend vorkommt, ausgestattet +sind, verwandeln sich die jungen Männer in stark behaarte Wesen +mit grossen Augen, riesigen Hauern und grossen, mit den Eckzähnen +der Panther verzierten Ohren. Eine mit den schönen Schwanzfedern +des Rhinozerosvogels geschmückte Kriegsmütze und ein Schwert +vervollständigen das Kostüm. + +Um die starke Behaarung nachzuahmen, werden grosse Bananenblätter +seitlich ausgefranst und mit dem Hauptnerv um den ganzen Körper +gewickelt, der auf diese Weise in eine unförmliche grüne Masse +verwandelt wird. + +Mehr Mühe kostet die Herstellung der grossen Masken aus leichtem, +weissem Holz (_hudo kajo)_, die besonders bei den Kajan und Long-Glat +sehr kunstgemäss und sorgfältig geschnitzt werden. Gewöhnlich stellt +jeder junge Mann seine eigene Maske her, aber einige besonders +Geschickte legen bisweilen an die der anderen die letzte Hand +an. Obwohl die Linien und Flächen der Masken sehr grotesk sind, +werden sie doch stets deutlich und symmetrisch ausgeführt; auch +die später angebrachte Malerei zeugt von dem Farbensinn, der diesen +Stämmen eigen ist. Das Gesicht besteht aus einem einzigen Stück, nur +der Unterkiefer wird gesondert angebracht, um ihn während des Tanzes +klappernd bewegen zu können. Sowohl im Ober- als im Unterkiefer werden +die grossen Hauer mittelst hölzerner Stifte befestigt. Wenn möglich, +stellt man die Augen durch Deckel von Spiegeldosen, sonst aber durch +Deckel der runden, kupfernen Beteldosen dar. + +Die grossen, oft schön geschnitzten Ohren bestehen aus Scheiben, in +denen oben künstliche Pantherzähne stecken, während unten, an langen +Bändern, welche die ausgereckten Ohrläppchen vorstellen, Ohrgehänge +hängen. Die Ohrverzierungen werden nach den veralteten Modellen, die +jetzt nur noch als Antiquitäten aufbewahrt werden, verfertigt. Als +Bart benützt man, wenn möglich, das aus Celebes eingeführte weisse +Ziegenhaar (_bok kading)_, das bei den Bahau als Verzierung für +Schwerter und Schwertscheiden sehr beliebt ist. Diejenigen, die +Ziegenhaar nicht erschwingen können, begnügen sich mit einem Bart aus +den weissen Fasern der Ananasblätter, aus denen auch Zeuge hergestellt +werden. An der Maske werden Nasenlöcher oder Öffnungen zwischen Nase +und Augen angebracht, die dem Darsteller das Hindurchsehen gestatten. + +Werden bei besonderen Gelegenheiten, die Tänze von Priestern +aufgeführt, so benützen sie lange, weisse Späne von Fruchtbaumholz, +um die Haare darzustellen. + +Die Verkleidung fand auf einer weiter oben im Mahakam gelegenen +Geröllbank statt, nachdem alle in Ruhe ihr Mahl beendet und die letzten +Vorbereitungen für die Maskerade getroffen hatten. In einigen langen +Böten, von kleinen Knaben gerudert, kamen die sehr wild aussehenden +Gestalten flussabwärts bis zur Landungsstelle gefahren, wo andere +Männer damit beschäftigt waren, nach dem Bad ihre schönsten und +längsten Lendentücher um die Hüften zu schlingen. Ebensowenig wie +die Bahau für sich selbst einen guten Bade- oder Anlegeplatz am Ufer +freihalten, indem sie etwa in den Fluss gestürzte Baumstämme aufräumen, +hatten sie jetzt für die Landung der Geister, die ihnen zu einer guten +Ernte verhelfen sollten, irgend welche Vorbereitungen getroffen. So +landete denn die phantastische Gesellschaft zwischen halb verfaulten +Baumstämmen und den Erdmassen, die bei dem niedrigen Wasserstand zum +Vorschein kamen. + +Schweigend bestiegen die Geister das hohe Ufer und begaben sich +sogleich auf den freien Platz, der sich zwischen der provisorischen +Wohnung des Häuptlings und der unsrigen befand. Hier wurden sie von +einer zahlreichen Menge erwartet, die ihre schönsten, mit Stickereien +und Figuren verzierten Kleidungsstücke angelegt hatte. Viele Kinder +und junge Frauen prunkten auch noch mit schön gearbeiteten Mützen, +Armbändern und Halsketten. Ich hatte jetzt Gelegenheit, alles Schöne, +was der Stamm an Perlenarbeiten und Stickereien besass, kennen zu +lernen; für gewöhnlich werden diese Herrlichkeiten verborgen gehalten. + +Um alles besser beobachten zu können, begab ich mich zu _Kwing Irang_, +den ich in seiner Reisscheune mitten unter allen Körben mit Kampfhähnen +hockend antraf. Von hier aus, nicht allzu hoch über dem Erdboden, +konnten wir den Tanz gut beobachten. + +In einem bestimmten, auf dem Gong angegebenen Rhythmus, von dem, bei +Gefahr eines Unglückes für die Teilnehmer, nicht abgewichen werden +durfte, stellten sich die grünen Massen in brennender Mittagssonne +in einen Kreis und führten unter begleitenden Armbewegungen und +Schütteln und Drehen des Hauptes allerhand Schritte aus. Gegen 12 Uhr +kamen noch einige verkleidete junge Leute von dem Flüsschen Ikang, +um die Zahl der Geister zu verstärken, so dass ihrer dieses Jahr +23 waren. Nachdem sie eine gute halbe Stunde getanzt hatten, wobei +ihnen ihre kühle Bedeckung in der Hitze sicher gut zu statten kam, +stellten sich alle hinter einander, um die _bruwa parei_ (Seele des +Reises) aus fernen Gegenden zu sich zu holen. + +Bald darauf begannen die _hudo kajo_ (Verkleidete mit Holzmasken) +doch zu ermüden und der Anführer begab sich mit seinem _krawit bruwa_ +voran in den Versammlungssaal, der die Menschenmenge kaum zu fassen +vermochte. Daher wurde die Kinderschar entfernt und für die grünen +Geister in der Mitte ein freier Raum geschaffen, worauf sich die +unförmlichen, mit grotesken Masken gekrönten Grashaufen am Boden +niederliessen und, nach den Bewegungen der Blätter zu urteilen, auf +sehr menschliche Weise nach Luft zu schnappen begannen. Einer der +Vermummten hielt es hinter seiner Maske nicht aus und legte sie ab, +um zu trinken. Da verliess _Kwing Irang_ seine krähende Gesellschaft +und begab sich ebenfalls in den Saal, wo er sich zwischen einigen der +ältesten vornehmen Männer niederliess und auch mir einen Platz anbot. + +Wahrscheinlich hatte man diesen Augenblick erwartet, denn plötzlich +wurde alles still und _Kwing Irang_ benützte die Gelegenheit, um +durch den Mund eines der Ältesten den Masken und durch diese dem +ganzen Stamme öffentlich zu verkünden, dass wir Weissen wiederum +gekommen waren, um längere Zeit unter ihnen zu wohnen, dass wir +nichts Böses im Schilde führten und er daher von allen erwartete, +dass sie uns helfen und nie hindern würden. Ein gutmütiges Gebrumm +oder Gebrüll stieg aus den grünen Haufen hervor und die Masken gaben +durch sprechende Kopfbewegungen ihr Einverständnis zu erkennen, +das auf uns eine sehr beruhigende Wirkung ausübte. + +Dieser feierliche Austausch der Gedanken und Gefühle wurde durch das +Gejauchze unterbrochen, das die Kinder draussen beim Erblicken einer +langen Reihe von Korbmasken (_hudo adjat_) anhoben. Was uns betraf, +so wurden wir weit mehr durch eine folgende Reihe _hudo lakeuj_, +lieblicher junger Mädchen, die in Männerkostüm an der Maskerade +teilnahmen, gefesselt. + +Die _hudo adjat_ besteht aus einem Rotangkorb, überzogen mit weissem +Zeuge, auf welchem man mittelst einiger Lappen, einiger blinkender +Deckel und ein paar Kattunstreifen, an welche Ohrringe gehängt werden, +die charakteristischen Merkmale eines Kajankopfes nachahmt. In diesen +Korb wird der Kopf zur Hälfte hineingesteckt und der ganze Körper dann +mit einer Jacke und grossen Tüchern behängt; durch zwei Bambusstöcke +werden die Ärmel der Jacke seitlich in die Höhe gehalten. Diese +unförmlichen Gestalten bewegten sich im Tanzschritt über den Platz; +aber trotz des Geflüsters, dass hinter diesen Masken die höchsten Damen +der Kajanwelt, ja sogar die beiden Frauen von _Kwing Irang_ verborgen +waren, konnten sie unser Interesse doch nicht von den jungen Mädchen +ablenken, die in dem ihnen ungewohnten Kostüm schüchtern hinter den +_hudo adjat_ einherschritten. + +Der Gegensatz zwischen den jungen, vollen Gestalten in der kleidsamen, +kecken Männertracht und den formlosen Massen war allerdings gross +genug. Die jungen Mädchen hatten auf ihre Kleidung mehr Geschmack und +Sorgfalt verwandt als die jungen Männer selbst zu tun pflegen. Die +Tücher um Lenden und Haupt aus reinem, weissem Kattun oder Baumrinde +waren gefällig geschlungen und auch das Schwert und der lange Schal +waren geschmackvoll gewählt worden. Bereits 1896 waren mir diese +Mädchen, bevor ich sie noch als solche erkannt hatte, durch ihre +hübsche Kleidung unter der Menge aufgefallen. Nur einige von ihnen +schienen die Vorstellung bereits öfters gegeben zu haben, zeigten +sich freier und wagten selbst einen Tanzschritt anzuschlagen; die +meisten befanden sich überdies noch in einer ihnen fremder. Umgebung, +so dass die Zuschauer sicher mehr Genuss von der Vorstellung hatten +als sie selbst. Das Urteil der Frauen über diese Gruppe lautete nicht +günstig, auch schienen sich die Gattinnen des Häuptlings unter ihren +Körben über ihre jüngeren Gefährtinnen geärgert zu haben, wenigstens +versprach uns mittags _Uniang Anja, Kwing Irangs_ zweite Frau, dass +sie abends mit einigen Auserwählten in der _amin_ des Häuptlings die +Vorstellung wiederholen wollte und zwar wie es sich gehörte. + +Unsere Aufmerksamkeit fand eine plötzliche Ablenkung. Die Menschenmenge +stob aus einander und aus dem Walde hinter dem Hause traten sechs +zerlumpte Individuen hervor. Zerschlissene Matten umhüllten ihren +Körper, auf dem Kopfe trugen sie schmutzige, alte Rotangkappen +oder Mützen aus Fell, das bereits die Haare verloren hatte; alte +Tragkörbe, hölzerne Speere und übertrieben grosse Pfeilköcher in +Form von für Schweinefutter bestimmten Baumbusgefässen an der Seite +vervollständigten die Ausrüstung. Nach allen Seiten scheue Blicke +werfend schlich die Bande vorsichtig heran und wurde, besonders +seitens der Jugend, mit Jubel und Spott begrüsst. Uns wäre die +Bedeutung dieser Szene unverständlich gewesen, wenn man uns nicht +gesagt hätte, dass man sich gelegentlich der Maskenperiode auch +über Menschen und Zustände lustig mache. Hier handelte es sich um +eine Verspottung des Lebens der Punan in den Wäldern. Die Punan, +die von den Bahau im Grunde sehr gefürchtet werden, bilden nämlich +ihrer eigentümlichen Lebensweise wegen einen dankbaren Gegenstand +für den Spott. Die Darsteller ernteten daher auch reichen Beifall +seitens des Publikums; wahrscheinlich macht man sich bei nächster +Gelegenheit über uns Europäer lustig, indem man uns etwa beim Pflanzen- +und Steinesammeln oder beim Enthäuten der Vögel darstellt. + +Hierauf führten kleine Knaben allerhand Vorstellungen auf, die wir +nicht gut verstanden, die den Zuschauern aber grossen Spass bereiteten. + +Inzwischen hatten sich die _hudo kajo_ in ihren Wohnungen oder, +falls sich diese noch nicht hier befanden, in einer verborgenen Ecke +mit Hilfe ihrer Angehörigen ihres grünen Geistergewandes und ihrer +Masken entkleidet und wollten augenscheinlich die Gelegenheit, mit +so vielen zusammenzusein, nicht vorübergehen lassen, ohne sich mit +einander im Kreiselspiel, das alle Kajan leidenschaftlich lieben, +zu messen. Die gebräuchlichen Kreisel (_asing_) sind ungefähr 3 dm +hoch, haben eine eirunde, seitlich abgeplattete Form und enden oben +in einer stumpfen Pyramide, unten in einer stumpfen Spitze. Sie +werden aus dem härtesten und schwersten Holze hergestellt, zuerst +mit einem Meissel roh bearbeitet und dann mit der Hand beschnitten +und oft sorgfältig geglättet. + +Der Kreisel wird dadurch in Bewegung gebracht, dass man ihn von oben +an mit einer dünnen Schnur, die allmählich dicker wird und an ihrem +Ende einen Durchmesser von 3 cm erreicht, umwickelt und diese beim +Schleudern des Kreisels an dem verdickten Ende schnell zurückzieht. Die +Kreisel, besonders die platteren Formen, lassen, wenn sie von kräftigen +Männern geschleudert werden, ein lautes Brummen ertönen. + +Am Kreiselspiel beteiligt sich stets eine beliebige Anzahl junger +Leute; der erste Spieler schleudert seinen Kreisel mitten auf den +freien Platz, der zweite versucht den seinigen derart zu werfen, +dass er den ersten verdrängt, selbst aber in Drehung bleibt. Sowohl +bei diesem Spiel als auch bei dem der Kinder im allgemeinen habe ich +nie einen anderen Zweck erkennen können als Freude am Spiele selbst +und an der körperlichen Übung; von einer Preisgewinnung ist nie die +Rede, auch wird nie einer mattgesetzt, so dass auch der Ungeübteste so +lange mitspielen kann, als er will. Es beteiligten sich 20-30 Männer +am Spiel. + +In dem auf nebenstehender Tafel dargestellten Augenblick hat die +rechts im Vordergrund stehende Figur ohne Kopftuch soeben den +Kreisel geschleudert, der im Schatten des Hauses, vom Beschauer +aus links, unter dem Arm des in Wurfbewegung begriffenen Mannes zu +erkennen ist. Dieser sowie zwei andere Männer links im Hintergrunde +halten ihre Kreisel in der Hand, bereit sie im nächsten Moment den +Vorgängern nachzuwerfen. Weiter rechts ist ein Mann noch gerade in der +Wurfbewegung begriffen, hat aber augenscheinlich mit seinem Kreisel +das Ziel verfehlt. + +Bereits einige Tage vor diesem Wettspiel hatten sich einige Männer nach +der Rückkehr vom Reisfeld noch in der Dämmerstunde im Spiel geübt. Das +Kreiselspiel wird, wie verschiedene andere, nur gelegentlich des +Saatfestes betrieben. Auch noch in der letzten Saatperiode nehmen +Erwachsene, meist aber kleine Knaben mit kleinen Kreiseln, das Spiel +wieder auf. Auf andere Weise wird das Kreiselspiel auch von den +Malaien an der Westküste gepflegt. + +Abends erwies sich der Versammlungssaal als viel zu klein, um alle, +die das _hudo lakeuj_ der Frauen, unter _Uniang Anjas_ Leitung, +ansehen wollten, aufzunehmen, trotzdem die Kajan vom Ikang und viele +weiter wohnenden Familien bereits vor Einbruch der Dunkelheit sich +auf den Heimweg gemacht hatten. Wir trugen das unsere zum Feste bei, +indem wir mit Petroleumlampen den Tanzplatz erleuchteten, der sonst +nur durch Harzfackeln spärlich erhellt wird, was vielleicht für +die Augen der Kajan, aber nicht für die unseren genügte, um von dem +Schauspiel einen richtigen Eindruck zu erhalten. Zum Glück bereitete +unsere Extravaganz uns viel Genuss, denn sechs junge Frauen, die nicht +nur mit ihrem Äusseren, sondern auch mit ihren Leistungen zu glänzen +verstanden, folgten _Uniang_. Diese hatte zwar bei ihren 30 Jahren, +in denen sie oft krank gewesen war, viel an Schönheit eingebüsst, war +aber ihrer Rolle als Vortänzerin immer noch würdig; sie führte nicht +nur die Tanzschritte, sondern auch die begleitenden Armbewegungen mit +Grazie aus. Nach einer bestimmten Melodie, welche auf einer Guitarre +(_sape_) gespielt wurde, tanzte _Uniang_ auf echt indische Weise, +mit viel Beugungen und ruhigem Bewegen der Gelenke, aber doch weit +lebhafter, als es auf Java üblich ist. Die Aufführung wurde von keinem +Gesang begleitet. + +Der Tanz hatte erst nach dem Abendessen, gegen 4 Uhr, begonnen +und dauerte sehr lange, so dass sich viele der Unseren nach den +Ermüdungen des Tages bereits vor Ablauf dieses sehr eigenartigen +Schauspiels zur Ruhe begaben; nur der Kontrolleur und ich mussten, +als die Hauptpersonen, noch Stand halten. Freilich hatte mich _Kwing +Irang_, der mit seinem Söhnchen _Hang_ bei uns sass, schon während +der Vorstellung darauf vorbereitet, dass ich nachher noch an einer +Beratung teilnehmen musste, da _Li_, Häuptling der Ma-Suling und +Halbbruder von _Kwing_, schwer krank war und man mich nur, um das +_lali_ der Kajan nicht zu stören, nicht bereits gerufen hatte. Jetzt, +wo die Verbotszeit ihr Ende erreicht hatte, war aber auch keine Zeit +mehr zu verlieren und ich sollte am anderen Morgen sogleich mit einem +Boot zum Merasè aufbrechen. + +Trotz aller Eile fand ich am folgenden Morgen doch noch Zeit, _Jung_ +und die Seinigen, die bereits nachts angekommen waren und jetzt, wo +unser _lali_ vorüber war, baldmöglichst an den Kapuas zurückkehren +wollten, noch zu empfangen. Ich gab ihnen wegen ihres Lohnes und der +Verteilung meiner Böte, die noch am _pangkalan_ Howong im Walde lagen, +Briefe an den Kontrolleur von Putus Sibau mit. Die Böte verkaufte +ich für 2 bis 3 Dollar das Stück an Liebhaber und belohnte einzelne +Häuptlinge noch besonders, indem ich ihnen eines derselben schenkte. + +_Kwings_ ältester Sohn, _Bang Awan_, hatte alle Mühe, für die Fahrt +nach dem Merasè genügend Leute zu finden, weil alle auf ihren Feldern +eifrig beschäftigt waren; aber nach dem Essen glückte es ihm doch noch, +eine Bemannung für das Boot zu beschaffen, und so fuhr ich denn mit +ihm, _Midan_ und meinem Hunde ab. Nach den Berichten, die mir _Jung_ +vom Merasè gebracht hatte, musste der Zustand des Kranken hoffnungslos +sein; ich hielt es aber doch für geraten, zu ihm zugehen. Auf unserer +Fahrt, während welcher die Sonne ununterbrochen auf die Wasserfläche +herniederbrannte, passierten wir unter anderen auch die mir von früher +her bekannte Niederlassung der Long-Glat, Lulu Njiwung, in der noch +_lali nugal_ herrschte. Bei Batu Sala legten wir an, um die neuesten +Nachrichten vom Merasè zu vernehmen, damit wir nicht nach dem Tode +des Häuptlings dort ankämen und durch das dann eingetretende _lali_ +dort festgehalten würden; auch wollte ich in Batu Sala den Häuptling +_Paren_ und dessen Familie begrüssen. Die Berichte lauteten zwar +nicht ermutigend, aber gestorben war _Li_ noch nicht, daher machten +wir uns schnell auf die Weiterreise und erreichten um 4 Uhr Napo Liu, +die Niederlassung, in der _Li_ als Gemahl der Frau Eipo lebte, die +hier Häuptling der Ma-Suling war. + +Die Niederlassung bestand aus mehreren grossen, langen Häusern und +einigen kleineren von malaiischer Bauart und befand sich auf einem +grossen, flachen Terrain, das trotz des augenblicklich bedeutenden +Wasserstandes doch noch 4 m hoch war und daher von Überschwemmung nur +selten zu leiden haben konnte. Mitten in der langen Reihe erhob sich +das besonders grosse Haus, das die Häuptlingsfamilie mit ihren Sklaven +bewohnte. Während ich den langen mit Einkerbungen versehenen Baumstamm +emporkletterte, bemerkte ich, dass das Haus ganz neu war. Seine Wände +waren grösstenteils noch nicht bearbeitet und auch Feuerherde und +allerhand Vorrichtungen an der Galerie waren noch nicht angebracht +worden. Zum Umschauen liess man mir aber keine Zeit, sondern führte +mich sogleich in die grosse _amin_ zum Kranken. Dieser lag in einem +Raume, der von dem übrigen grossen Gemache durch eine Wand geschieden +war. Der früher bereits magere Mann war nun zum Skelett abgemagert +und lag mit der für die dunklen Rassen charakteristischen grüngrauen +Totenfarbe halb bewusstlos da. Viele Frauen sassen mit gedrücktem +Ausdruck um ihn herum, suchten ihm mit kaltem Wasser das Haupt zu +kühlen, ihm noch etwas Nahrung beizubringen und ihn durch Zuspruch +bei Besinnung zu erhalten. In dem weiten Raum befanden sich viele +Menschen, Bahau und Malaien, die alle schweigend Betel kauten, den +_Bulan_, die Häuptlingstochter, umherreichte. + +Bereits der erste Eindruck des Kranken flösste mir wenig Hoffnung +ein, als ich auch keinen Puls mehr fühlte, wusste ich, dass hier +nicht mehr zu helfen war. Hätte man mich trotz der Verbotszeit +einige Tage früher gerufen, so wäre die Aussicht auf Rettung viel +grösser gewesen; denn die Krankheit, akute Malaria, hatte den für +Mittel-Borneo typischen Verlauf genommen. Die Fieberanfälle hatten +sich während 14 Tagen wiederholt, bis sich häufige und wässrige +Entleerungen des Darmes mit tenesmi einstellten, welche den Zustand +des Kranken komplizierten. Während der letzten 4 Tage war der Patient +dadurch sehr geschwächt worden, trotzdem das Fieber stark nachgelassen +hatte. Wegen des _lali nugal_ der Kajan hatte man gewartet, mit dem +Resultat, dass die Krankheit nun in kürzester Zeit tötlich verlaufen +musste. Damit die Schuld an dem Tode nicht mir zugeschoben werden +konnte, erklärte ich sofort, nicht mehr helfen zu können. Auf meine +Nachfrage erfuhr ich, dass auch hier wieder die Behandlung des +Kranken viel zur Verschlimmerung seines Zustandes beigetragen haben +musste; man hatte ihm, hauptsächlich gegen die Intestinalkrankheit, +Arzneien der Bahau, Malaien und Chinesen eingegeben, von denen jede für +sich schon auf einen geschwächten Körper höchst schädlich einwirken +musste. Ferner hatte der arme Kranke, als sein Zustand ernst wurde, +auch durch den Aberglauben seiner Umgebung entsetzlich zu leiden, +da diese ihn durch Zuspruch und selbst durch Anfassen am Einschlafen +zu verhindern suchte. Die Bahau tun dies, weil sie annehmen, dass die +Seele den Körper sowohl im Schlafe als beim Tode verlässt und beim +Einschlafen eines Schwerkranken nicht wieder zurückkehren könne. Selbst +heftiger Protest seitens des Kranken bringt die Leute nicht von +ihrer Handlungsweise ab. Für einen europäischen Arzt, der froh ist, +wenn seine Patienten im Schlafe wieder Ruhe und Stärkung finden, ist +es sehr schwer, sich in einem derartigen Fall eines Widerspruches zu +enthalten; und doch muss man sich, um nicht selbst Gefahr zu laufen, +in hoffnungslosen Fällen hierzu überwinden. Wo indessen begründete +Aussicht auf Genesung vorhanden war, habe ich die Verantwortung +gegenüber der verblendeten Familie auf mich zu nehmen gewagt. + +Obgleich _Bo Li_ bereits viel zu schwach war, um sprechen zu können, +und seine Augen auch schon halb gebrochen waren, ermunterte man +ihn doch ständig dazu, einen Laut von sich zu geben. Ich verliess +daher schnell das traurige Schauspiel, wurde aber draussen auf der +Galerie sogleich von Bahau, Malaien und Bakumpai umringt, die alle +aus Interesse für den Kranken oder aus Furcht, wegen der nach dem +Tode eintretenden Verbotszeit in der Niederlassung eingeschlossen zu +werden, sich bei mir erkundigten, ob noch Hoffnung vorhanden sei. Ich +konnte weder diesen noch den beiden Söhnen des Häuptlings, _Ledju_ +und _Ibau_, die übrigens selbst kaum noch zu hoffen wagten, einen +tröstlichen Bericht geben. Die Brüder und einige andere stellten +mittelst einiger Planken auf der Galerie eine Erhöhung her, auf der +ich mein Klambu aufrichten konnte; auch gaben sie meinem Bedienten +Reis und ein Huhn, um mir ein Abendessen herzurichten, und zogen sich +dann zu ihrem Vater zurück. + +Ich hatte noch kaum Zeit gehabt, mich durch ein Bad im Fluss nach der +Hitze und Ermüdung des Tages zu erfrischen, als man mir meldete, dass +_Temenggung Itjot_, ein malaiischer Häuptling, der mit einer Tochter +eines anderen Häuptlings in der gleichen Niederlassung verheiratet +war, mir seine Aufwartung machen wolle; auch eine grosse Gesellschaft +verwandter Malaien vom oberen Murung, die gekommen waren, um _Itjot_ +nach achtjähriger Abwesenheit in sein Geburtsland zurückzuholen, +sollte ihn begleiten. Obgleich meine Zusammenkunft mit _Itjot_ 1896 +und 1897 sehr harmlos verlaufen war, erschien mir doch eine Begegnung +mit einer grossen Gesellschaft Murunger nicht so ganz ungefährlich, +da sie ganz aus Anhängern des von der niederländischen Regierung +vertriebenen Sultanats prätendenten _Gusti Mat Seman_ bestand, die +sich jetzt an den oberen Barito geflüchtet hatten. Nach Landessitte +kam die ganze Schar, zu meiner Ehre und vielleicht auch zur eigenen +Beruhigung, mit schönen Schwertern bewaffnet zu mir. Unsere Begrüssung +durch Händeschütteln verlief mit den alten Bekannten freundschaftlich, +mit den Neuangekommenen dagegen sehr schüchtern, worauf ich mich, +allein mit meinem Hunde, mitten unter 25 Feinden meines Vaterlandes +niederliess. Die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme derjenigen, die +ich von früher her kannte, zeigte sich sehr verlegen, so übernahm +ich denn die- Leitung des Gespräches und begann zu erzählen, wie es +mit dem Kranken stand, auch erkundigte ich mich nach dem Befinden +von _Itjot_s Familie und kam hiermit auf ein Thema, das die meisten +interessierte. _Itjot_ kam sogleich auf die Sorgen zu sprechen, +die ihm die Ernährung eines Kindes, das seine junge Frau an Stelle +des eigenen, verstorbenen, angenommen hatte, verursachte. Das Kind +konnte von der Mutter nicht ernährt werden und, da andere Milch +nicht vorhanden war, musste das Kind mit weich gekochtem Reis und +Bananen ernährt werden, wodurch es krank geworden war. Ich glaubte, +hier mehr mit kondensierter Milch als mit Arzneien helfen zu können, +und so machte ich denn den Pflegevater mit zwei Büchsen Milch +glücklich und versprach, ihm am folgenden Morgen zu zeigen, wie +er sie gebrauchen sollte. Meine grosse Freigebigkeit fand durchaus +nicht den Beifall meines Bedienten _Midan_ und nur zögernd lieferte +er den ganzen Milchvorrat, den ich augenblicklich bei mir hätte, +aus. Übrigens verwandelte sich auch bei meinen Landesfeinden mancher +scheue Blick in einen verwunderten. Es befanden sich nämlich unter +ihnen Fieber- Syphilis- und Kropfkranke, die meine Hilfe sehr nötig +hatten. Nun war _Itjot_ zwar von früher her an die Gratisausteilung +meiner Arzneien gewöhnt, seine unheimlichen Gefährten jedoch sahen +mit Erstaunen, dass ich einigen Kranken umsonst etwas Chinin mitgab +und ihnen versprach, mich am anderen Morgen persönlich mit ihnen zu +befassen. Heikle politische Punkte gänzlich vermeidend erkundigte ich +mich, um auch _Itjots_ Bruder, _Raren Na-un_ zu Worte kommen zu lassen, +nach einigen gleichgültigen Angelegenheiten vom Murung und so erhielten +diese Menschen, die übrigens durchaus keine bösen Absichten gehabt zu +haben schienen, von dem ersten Europäer, dem sie am Mahakam begegneten, +keinen schlechten Eindruck. Hiervon überzeugte mich der herzliche +Händedruck, den ich von den Vornehmsten beim Abschied empfing; die +Niederen wagten eine derartige Vertraulichkeit nicht. + +Inzwischen hatte _Midan_ mir das Essen bereitet. Nach dem Mahl +machte ich dem sterbenden _Bo Li_ noch einen Besuch und verschwand +dann bei Sonnenuntergang hinter meinem Moskitonetz, wo ich sogleich +fest einschlief. Ab und zu erwachte ich durch das Hin- und Hergehen +der erregten Menschen, die ihren Häuptling sterben sehen wollten, +als plötzlich gegen 10 Uhr heftige Schläge auf grosse Gonge in der +Galerie mich vor Schreck zitternd auf meiner Matratze auffahren +liessen. Aus der _amin aja_ ertönte Weinen und jammern; _Bo Li_ +war also verschieden. Ich machte mich bereit, den Lauf der Dinge in +meinem Klambu abzuwarten, als ich beim Schein einer Harzfackel zuerst +das Gesicht meines Dieners, dann das von _Itjot_ erblickte, die mich +aufforderten, mich sogleich mit ihnen nach _Itjot_s Hause zu begeben, +da ich hier bei der Erregtheit der Bahau in solchen Augenblicken +nicht sicher, in jedem Fall aber auf der Galerie nur hinderlich +sein würde. Ich wagte dem Rate nicht zu widerstehen und begab mich, +wenn auch zögernd, mit _Itjot_ nach dessen Wohnung. Unterdessen +wurde auch in der Galerie durch Schläge auf die Gonge den Geistern +von _Apu Kesio_ und den benachbarten Niederlassungen der Tod des +Häuptlings verkündet. Neben dem Weinen der Angehörigen ertönte nun +auch das Jammern der Klageweiber. Die Männer hatten sogleich nach +des Häuptlings Verscheiden ihre Schwerter gezogen und begannen mit +ihnen, um die bösen Geister zu verjagen, heftig erregt in der Luft +herumzufuchteln oder auf Wände und Pfosten loszuschlagen. _Itjot_ +fürchtete, dass bei dieser Gelegenheit mir oder den Meinen zufällig +oder absichtlich etwas zustossen konnte, und war hauptsächlich +deswegen gekommen mich abzuholen. Es geschieht nämlich ab und zu, +dass im Dunkeln nicht nur die Wände des Hauses, sondern auch einer +der Anwesenden getroffen wird. Stirbt ein grosser Häuptling, so wird +oft seine ganze Wohnung innen durch Schwertschläge beschädigt. + +Vor Ermüdung schlief ich auch in _Itjots_ weit abgelegenem Hause +gut ein, musste aber am anderen Morgen früh wieder auf sein, um den +vielen Patienten zu helfen, die mit allerhand Leiden zu mir kamen +und aus meiner Anwesenheit noch Nutzen ziehen wollten. Sie beeilten +sich, weil sie unseren frühen Aufbruch fürchteten; darauf erschien +auch _Bang Awan, Kwing Irangs_ Sohn, und meldete, dass wir früh +heimkehren mussten, um seinem Vater den Todesfall zu berichten. Die +Sache hatte Eile, weil die Leiche nur 4 Tage im Hause bleiben durfte, +um dann in einem bereits vorhandenen Prunkgrab (_salong_) eines anderen +Häuptlings beigesetzt zu werden. Da das Haus, indem _Bo Li_ gestorben, +noch nicht fertig gebaut, sein _lali_ also noch nicht abgelaufen +war, musste nämlich nach der acht das Begräbnis so bescheiden als +möglich vollzogen werden. _Kwing Irangs_ Gegenwart als Bruder war +aber erforderlich und daher Eile geraten. + +Dass auch Kajan zu eilen im stande sind, erfuhr ich an diesem Tage, +da wir um 8 Uhr wegfuhren und ununterbrochen durchrudernd um 1/2 11 +Uhr abends ankamen. Zum Glück war der Himmel etwas bewölkt und der +Tag nicht sehr heiss, so dass ich zum Schluss nur hungerig, fröstelnd +und steif am Blu-u anlangte. + +Am folgenden Tag beschlossen unsere Dorfbewohner, den Leuten am +Merasè zu helfen, indem sie ihnen zur Bewirtung der beim Begräbnis +Behilflichen ein Schwein und Reis zur Verfügung stellten. Abends +kostete es viel Mühe, um in dieser drückenden Arbeitszeit eine +genügende Anzahl junger Leute zur Fahrt zu vereinigen. In den letzten +Tagen ging alles bei Sonnenaufgang aufs Feld und nur die Kranken und +Alten blieben im Hause zurück. + +In diesem gewichtigen Falle fanden sich aber doch schliesslich genügend +viel Ruderer ein, und so konnte _Kwing Irang_ mit seinem Sohn _Bang +Awan_ und seinem Mantri _Bo Kwai_, dem Schweine und dem Reis zum +Merasè aufbrechen, um seinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen. + +Bereits während des _lali nugal_ hatten wir erfahren, dass es unmöglich +war, für alle unsere Unternehmungen Männer als Führer oder Ruderer zu +finden. In unserer jetzigen Kajanumgebung war aber von Gefahr keine +Rede, daher konnten wir auch sehr gut unter unserem eigenen Geleite +einige gewandte Leute wählen, die _Bier_ bei der topographischen +Aufnahme zu helfen im stande waren; auch erklärte sich der chinesische +Händler, der das Flussgebiet und auch die Namen der Berge kannte, +bereit, als Führer zu dienen. Am Tage nach der Abreise von _Kwing_ +machte sich denn auch _Bier_ mit einem grossen und zwei kleinen Böten, +dem Chinesen und zehn unserer Leute auf den Weg, um den Mahakam vom +Howong bis an den Blu-u zu messen. + +In Anbetracht, dass sein Geleite den Bahau völlig fremd war, sollte +_Bier_ sich vorläufig an den Hauptfluss halten. Die Nebenflüsse +konnten später gemessen werden, während wir mit _Kwing Irang_ die +dort ansässigen Stämme besuchten. + +So wurde es denn still in unserer Umgebung und jeder ging seiner +Liebhaberei und Arbeit nach. _Barth_ hatte vollauf damit zu tun, alles, +was er auf der Reise und später im täglichen Verkehr mit _Adjang_ +und der Bevölkerung aufgezeichnet hatte, zu ordnen. Sein Wörterschatz +wuchs ständig, indem er den Unterhandlungen zuhörte, die ich den ganzen +Tag über beim Einkaufen unserer Lebensmittel und Ethnographica mit +Männern, Frauen und Kindern zu führen hatte. Mit seinem geübten Ohr +gelang es ihm, zahlreiche Eigenarten der Busangsprache zu beobachten. + +Ich war auch diesmal beim Auspacken meines Vorrates an Perlen und +Zeugen sehr vorsichtig gewesen; die Festlichkeiten hatten mir aber +eine Vorstellung von allem, was ich zu erlangen suchen musste, +gegeben, daher begann ich die Kajan mit einigen hübschen Arten von +Perlen und Stoffen zu locken. Sie reagierten auch sofort, indem +sie mir Stickereien und Perlenarbeiten brachten, die ich früher +fast gar nicht hatte erlangen können. Meine schönen _inu beneng_ +(Perlen für Kindertragbretter) erregten besonderes Aufsehen und zu +meinem Erstaunen wurden mir sogleich einige jener wertvollen Arbeiten +abgetreten, obgleich die Menge Perlen, die ich hierfür zurückgab, +nicht viel Beifall fand. Weniger gut gelang es mir, für sehr kleine, +bunte Perlen, _inu buko_, fertige Arbeiten zu erlangen, wenigstens +wollte man mir die Perlenverzierungen der hohen Festmützen dafür +nicht abtreten. Nur für meine silbernen Ohrringe (_hisang perak_) +und Armbänder aus Elfenbein wollte man sich von den schönen Mützen +trennen. Ich hatte aber noch Zeit und musste meinen Preis halten, +um des Schönsten und Besten, das die Bevölkerung hervorbrachte, +habhaft zu werden, Daher verlief die erste Zeit mit Nachfragen und +Unterhandlungen, die erst viel später, oft erst nach Monaten, zu +einem Ergebnis führten. _Demmeni_, der sich bereits früher durch das +Reparieren von Schmucksachen und allerhand Hausrat bei den Eingeborenen +beliebt und bekannt gemacht hatte, erfreute sich wieder eines grossen +Zulaufs. In unserer Wohnung fand er aber für seine Werkstätte keinen +Platz, daher kam es uns sehr gelegen, dass der Schmied des Stammes, +_Awang Kalei_, uns seine neben der unsrigen befindliche Wohnung +überliess und selbst auf seinem Reisfelde Quartier nahm. + +_Kwing Irang_ kehrte unmittelbar nach dem Begräbnis seines Bruders +wieder zurück; er hatte auch keine Nacht mehr am Merasè verbringen +dürfen, weil die einen Monat dauernde Verbotszeit gleich nach der +Bestattung eingetreten war und es bei Strafe hoher Busse keinem, der +nicht am Mesarè wohnte, in dieser Zeit gestattet war, das Flussgebiet +zu verlassen oder zu betreten. Händler, die sich vorübergehend +dort aufhielten, hatten sich noch in den letzten Tagen schleunigst +davongemacht, um nicht einen Monat Zeit zu verlieren. + +_Kwing Irangs_ Familie ging in Trauer bezw. in Halbtrauer, indem +sie alle Schmucksachen und schönen Kleider ablegte und besondere +Trauerkleider anlegte. Letztere bestanden für _Kings_ Frauen in +schlichten Jacken und Röcken, waren aber nicht aus Baumrinde oder +hellbraunem Kattun verfertigt. Auf uns Europäer machten die Frauen +jetzt, da sie nicht mit Schmucksachen bedeckt waren, einen viel +nackteren Eindruck als früher. _Kwing Irangs_ Traueranzug bestand +aus einem Lendentuch (_ba_) von hellbraunem, d.h. weissem, im Morast +braungefärbtem Kattun. Handelt es sich um einen Todesfall in der +Familie selbst, so tragen die Frauen am Mahakam, wie die am Mendalam, +eine _ta-a_ und eine ärmellose Jacke aus Baumbast oder braunem +Kattun und ein in Form einer Kappe um das Haupt gewundenes Tuch +(Siehe nebenstehendes Bild). + +Wegen der Halbtrauer der Häuptlingsfamilie durften keine Festlichkeiten +im Stamme gefeiert werden, bevor am Merasè am Ende der Verbotszeit das +erste _bet lali lumu_ (Ablegen der Trauer) durch Opfer stattgefunden +hatte. + +Am 7. November kehrte _Bier_ sehr befriedigt von seiner ersten +Flussmessung zurück, denn es war ihm gelungen, die anfängliche +Schwierigkeit, am Ufer selbst einen Beobachtungspunkt zu finden, +zu überwinden. Leider wurde seine gute Stimmung nicht von seinen +Begleitern geteilt; sowohl der Chinese als die Malaien beklagten sich +bei mir über _Biers_ rauhe Behandlung und erklärten, in Zukunft nicht +mehr mit ihm allein reisen zu wollen. _Bier_ kehrte nämlich diesen +Leuten gegenüber zu stark den Europäer und deutschen Unteroffizier +heraus. Die Nachricht berührte mich sehr unangenehm, weil gerade +die Malaien bei der Aufnahme am besten helfen konnten und es unter +diesen Umständen viel zu gefährlich gewesen wäre, _Bier_ Bahau +mitzugeben. Nach einiger Überlegung mit dein Kontrolleur suchten +wir _Bier_ begreiflich zu machen, dass ein Europäer sich auch +einem Eingeborenen gegenüber nicht alles erlauben dürfe, fanden +aber bei dem rauhen Soldaten nicht viel Verständnis und so blieb +mir nur die Wahl, die topographische Aufnahme gänzlich aufzugeben +und _Bier_ so schnell als möglich an die Küste zu senden oder stets +selbst mit ihm zu ziehen, was für mich so viel bedeutete, als meine +ethnographischen Studien grösstenteils aufzuopfern. Die Wichtigkeit +einer guten Karte von Mittel-Borneo und die Aussicht, gleichzeitig +auch auf geologischem Gebiet mehr leisten zu können, brachten mich +dazu, letzteres zu wählen. Mein Verdruss steigerte sich noch durch den +Bericht der Malaien, dass _Belarè_ jetzt in der Saatzeit nicht mit uns +zum Ursprung des Mahakam ziehen könne und dass er auf seine frühere +Forderung von 1-2 Reichstalern pro Tag und Person zurückgekommen sei, +ein Zeichen, dass _Belarè_ zum Unternehmen des Zuges nicht geneigt +war und dass wir unseren Plan vorläufig aufgeben mussten, so gern +wir auch die Grenzen gegen Serawak festgestellt hätten. + +Der Tod seines Bruders hatte _Kwing Irangs_ Unternehmungsgeist nicht +gelähmt; denn gleich nachdem die drückendste Saatperiode vorüber war, +erklärte er sich bereit, mit uns den Batu Mili zu besteigen. Da es +sich jetzt um einen Zug von mehreren Tagen handelte, nahm ich auch +die Jäger und Pflanzensammler mit, damit sie von der Fauna und Flora +dieses jungfräulichen Berges eine gesonderte Sammlung anlegten. _Bier_ +und ich wollten uns mit der Aufnahme und dem Studium der Formationen +dieses Teils des oberen Mahakam beschäftigen. _Kwing Irang_ nahm 17 +junge Leute und ich noch die vier Malaien von früher mit. + +Um den grossen Umweg über die Reisfelder zu vermeiden, fuhren wir den +Mahakam abwärts, bis zum Batu Plöm (_plöm_ = Splitter), einem grossen +Andesitblocke, der im Fluss unmittelbar am Fuss des Abhanges liegt, +dem entlang wir auf steilem Pfade schnell bis zu dem eigentlichen, +zylinderförmigen Gipfel des Batu Mili hinaufklimmen konnten. Der Batu +Plöm besteht aus dem gleichen Gestein wie der Batu Mili und nach der +Sage der Kajan ist er auch in der Tat von diesem abgestürzt. + +In früherer Zeit, so lautet die Sage, reichte der Batu Mili bis +an den Himmel und zwar zum grossen Verdruss der Stämme am Mahakam; +denn sobald der Reis unten zu reifen begann, kamen allerhand Tiere +vom Himmel auf die Erde herab und frassen die ganze Ernte auf. Daher +beschlossen einige Stämme: die Punan, Pnihing, Kajan und Long-Glat, +diese Verbindung aufzuheben und den Batu Mili umzuhacken. Sogleich +machten sich alle ans Werk, aber nur die Kajan und Long-Glat +besassen Beile, die anderen bearbeiteten den damals weichen Stein +mit einem Bambusstück. Sie verursachten daher auf dein Stein keine +so glatten Flächen wie diejenigen, die mit Beilen arbeiteten, was +sich noch heute an ihrer Haut erkennen lässt, denn Punan und Pnihing +leiden viel mehr an schuppenbildenden Hautkrankheiten als Kajan und +Long-Glat. Es dauerte lange, bis alle ihr Werk beendet hatten, auch +lief es nicht ohne Unfall ab; zuerst flog ein Splitter in das Auge +eines der vornehmsten Häuptlinge jener Zeit, _Bang Ka-ang_, der unten +am Mahakam stand und das eifrige Arbeiten über ihm beobachtete. Nur +mit grosser Mühe gelang es, mittelst eitles sehr harten Stückes Holz +den Splitter zu entfernen, der jetzt noch als Batu Plöm in Form eines +mächtigen Felsblockes im Mahakam liegt. + +Um den Gipfel des Batu Mili in die gewünschte Richtung fallen zu +lassen, umwanden ihn die Arbeiter mit einem kolossalen Rotangseil, +aber als die Masse zu wanken begann, erschraken sie so gewaltig, +dass jeder Stamm sich in seine Böte stürzte und schleunigst in sein +Land zurückkehrte, und zwar die Kajan und Long-Glat flussabwärts, +die Pnihing flussaufwärts. Die Punan vergassen in ihrer Verwirrung, +von ihren Böten Gebrauch zu machen, und flüchteten nur so in die +Wälder, in denen sie auch heute noch umherschweifen. + +Da niemand das Rotangseil leitete, verwickelte es sich zwischen den +Felsen, so dass dieser Teil des Batu Mili mit seinem Fuss im Mahakam +schief hängen blieb. Infolge dieser Abdämmung staute sich der Fluss +derart, dass alles Land flussaufwärts, bis auf einen Berg, auf den +sich alle Menschen flüchteten, unter Wasser gesetzt wurde. Lange Zeit +lebten sie dort, bis eines Tages zwei Männer, die in einem grossen +Boote auf der Wasserfläche fuhren, durch eine mächtige Liane, wie +sie glaubten, aufgehalten wurden. Mit ihren Beilen machten sie sich +über die vermeintliche Liane her und es gelang ihnen auch, sie zu +durchhacken es war aber das Rotangseil, an dem das abgeschlagene +Stück des Batu Mili hing, das nun mit heftigem Aufschlag auf die +Erde niederstürzte, auf welcher es noch heute als Batu Lesong +(Scheidegebirge zwischen Mahakam und Murung) liegt. Das Wasser des +Mahakam strömte nun ab und zwar mit solcher Kraft, dass es die beiden +Männer in ihrem Boote bis zum Meere mitführte, wo sie ertranken. + +Beim Abströmen des Wassers blieben die Fische in den Fasern des +zerrissenen Rotangseiles hängen, wodurch die Bahau das Weben von +Netzen lernten; sie stellen jetzt noch ihre Netze stets aus dieser +Liane (_tengang_ oder _aka klea_) her. + +Nachdem die Menschen dieses grosse Werk vollführt hatten, fand _Bang +Ka-ang_, dass er sie belohnen müsse, und beschloss daher, den Mahakam, +Barito und Kapuas mit Fischen zu bevölkern. Zu diesem Zwecke zog +er abwärts, bis unterhalb der Wasserfälle des Mahakam und warf die +Fische von dort aus in den Barito und Kapuas, was natürlich nur einem +Menschen von seiner Grösse möglich war. + +Als er den Fluss weiter hinunter fuhr, begegnete er Menschen, die viel +kleiner waren als er. Der Sohn des dortigen Häuptlings spielte mit +einem Rotang, der dick wie ein Schenkel war, und machte dem Riesen_ +Bang Ka-ang_, um ihn zu erschrecken und aus dem Lande zu vertreiben, +weiss, dass sein Vater diesen Rotang als Beinring benütze. "Dann muss +Dein Vater sehr gross sein" rief _Bang Ka-ang_ aus "rufe ihn mal her, +damit wir sehen, wer der Stärkere ist!" + +Der Häuptling liess aber den ganzen Tag auf sich warten und, als +er nachts am Ufer erschien, stiess er ein solches Gebrüll aus, dass +es _Bang Ka-ang_ nun wirklich angst wurde und er den Fluss hinunter +flüchtete; seither hat man nie mehr etwas von ihm vernommen. + +Am oberen Mahakam nennt man den Regenbogen "_Bang Ka-angs_ Lendentuch" +(= _ba_ _Bang Ka-ang_). + +Während die Kajan unsere Böte an Land zogen und an den Bäumen +festbanden, damit sie bei plötzlich eintretendem Hochwasser nicht +fortgeführt wurden, hielten wir mit _Kwing Irang_ auf dem Batu +Plöm sitzend einen kleinen Kriegsrat. Da ich wusste, mit welcher +inneren Angst der Häuptling die Besteigung unternahm, hatte ich mir +vorgenommen, auf alle seine Pläne einzugehen. _Kwing_ schlug vor, dass +wir erst bis zur senkrechten Felswand hinaufsteigen und dass meine +Malaien und seine Kajan dann Leitern und Stützen an den schwierigsten +Stellen anbringen sollten; gegen Abend wollte er dann zuerst den +Gipfel ersteigen und dort ein kleines Schwein, ein Huhn und einige Eier +opfern, um die über unser Eindringen in ihr Gebiet erzürnten Geister +zu besänftigen. Ich hatte gegen diesen, auf kajanischen Aberglauben +begründeten Plan nichts einzuwenden und so kletterten wir denn längs +des Grates, bei einer durchschnittlichen Steigung von 43°, bis zu +der lotrechten Felswand hinauf und gingen links um sie herum bis +zu der Stelle, wo der früher von mir benützte Bergrücken die Wand +erreichte. Hier fanden wir einen Platz, auf dem der Häuptling mit +der Hälfte seiner Leute einige Zelte aufstellen konnte, während die +andere Hälfte einen Weg nach oben für uns herrichtete. Gegen Abend +war dieser fertig und _Kwing Irang_ begann seinen Aufstieg. Nach dem +Bericht der Malaien wurde ihm zuletzt so angst und bange, dass sie ihn +nur mit Mühe dazu brachten, den Gipfel völlig zu erklimmen. Nachdem +er den Geistern sein Opfer dargebracht hatte, beeilte er sich mit dem +Abstieg und war sehr froh, nachts mit heiler Haut wieder bei uns im +Zelte sitzen zu können. Die Nacht war regnerisch und stürmisch gewesen, +trotzdem machten _Bier_ und ich uns schon in der Morgendämmerung auf +den Gipfel auf. Wegen der Leitern war die Besteigung diesmal viel +müheloser als früher; innerhalb einer halben Stunde hatten wir die +150 m zurückgelegt. + +Auf dem Gipfel erwartete uns eine wunderbare Aussicht. Die Wolken, +die nachts die Landschaft am oberen Mahakam bedecken, lagen jetzt +unter uns und die Sonne schien herrlich auf die schneeweisse Fläche +herab; nach der feuchtkalten Atmosphäre in den Wäldern am Bergabhang +berührte uns die hier oben herrschende Wärme aufs angenehmste. Der +Himmel war wolkenlos. Wir wurden nicht müde, unsere Blicke über +das weite, strahlend weisse Nebelmeer schweifen zu lassen, aus dem +einzelne hohe, dunkle Bergspitzen, unbekannt und geheimnisvoll, +hervorragten. Noch nie war es uns geglückt, eine so unbeschränkte +Aussicht über Mittel-Borneo zu geniessen. + +Obgleich wir die Entfernung der hintersten Berge nicht kannten, +sagten uns doch einige bekannte Gipfel im Kapuasgebiet, dass sie +sehr gross sein musste. Über der Wasserscheide kam der Terata und +hinter ihm noch andere Gipfel zum Vorschein. Nach Osten hin zog +sich längs des Horizontes ein gipfelreiches Gebirge; es musste das +Ober-Kapuas-Kettengebirge sein; seine einzelnen Spitzen und Rücken +waren aber nicht zu unterscheiden. Unzweifelhaft setzte sich dieses +Gebirge in das Gebiet des oberen Mahakam fort und wahrscheinlich auch +noch weiter östlich, was wir vom Lekudjang aus nicht hatten sehen +können. Auch jetzt wurde uns die Aussicht nach dieser nordöstlichen +Richtung durch dicht vor uns liegende, hohe Bergspitzen benommen, nach +dem Verschwinden des Nebelmeeres musste sich jedoch der Zusammenhang +dieses Berglandes mit dem Ober-Kapuas-Kettengebirge feststellen lassen. + +Auch nach Süd-Osten erhoben sich zahlreiche Gipfel aus der Wolkenmasse, +während genau nach Süden der Batu Lesong mit seinen leicht gewellten +Gipfel den Gesichtskreis abschloss. + +Die Kajan wurden durch den Anblick, der sich ihnen bot, ganz verwirrt, +sie konnten von keinem einzigen Berge den Namen angeben und hatten +augenscheinlich noch nie dergleichen gesehen. Für jemand, der die Bahau +nicht näher kennt, ist es fast unglaublich, dass ihnen ihre nächste +Umgebung so fremd ist. Nur wenige kennen die Namen der benachbarten +Berge, auch wissen sie nicht einmal, wo die Berge liegen, die als ihre +früheren Wohnplätze in ihren Überlieferungen eine grosse Rolle spielen, +wie z.B. der Batu Matjan, der Batu Brok am Ulu Tepai u.s.w. Nur die +Intelligentesten, die viel gereist sind, wissen besser Bescheid, +aber auch nur in den Gegenden, die sie auf ihren Zügen passiert haben. + +Wir weilten bereits längere Zeit auf dem Gipfel, als sich im Osten +ein Wind erhob und das bis dahin bewegungslose Nebelmeer an der +Oberfläche in Aufruhr brachte, indem er in das weisse Federbett +tauchte und die Dämpfe in leichten Wolken nach oben warf, wo sie +sogleich fortgetrieben wurden. Die gleichmässige, weisse Fläche +ballte sich zu einzelnen grossen Wolkenmassen zusammen, die neben +einander und um uns herumliegend alles bedeckten; sie boten dem Winde +mehr Angriffspunkte, gerieten bald in Bewegung und verdeckten alle +niederen Gipfel. _Bier_ hatte bereits zahlreiche Gipfel visiert +und so wollten wir nur noch warten, bis das Bergland selbst zum +Vorschein kam. _Midan_ brachte uns das ersehnte Frühstück, das er +einigen Kajan zu tragen gegeben hatte, nach oben und wir genossen +einige Augenblicke der Ruhe. In nordöstlicher Richtung musste viel +Gestrüpp entfernt werden, um eine freie Aussicht zu erlangen, denn der +Gipfel war nur nach der entgegengesetzten Seite hin gänzlich nackt +d.h. nur mit wenigen Flechten bedeckt. Die Kajan waren anfangs, aus +Furcht die Geister zu erzürnen, nicht dazu zu bewegen gewesen, ihre +Schwerter zum Umhacken der Sträucher zu gebrauchen, so dass meine +Malaien die Arbeit allein verrichten mussten. Später entschlossen +sich auch einige Kajan zum Mithelfen und so wurde die Arbeit für +die Aufnahme zeitig genug erledigt. Die Sträucher bestanden aus ganz +anderen Arten als unten am Mahakam. Da sie sich alle in Blüte befanden, +lieferten sie für das Herbarium einen schönen Fund. Auch die Sammlung +lebender Pflanzen konnten die Pflanzensucher bereichern, denn in +den Felsspalten wuchsen harren mit grasartigen Blättern und schöne, +grossblütige Rhododendren hingen von den Wänden herab. Es dauerte +jedoch einige Zeit, bevor wir einiger Exemplare habhaft werden konnten, +weil die Wände bis zum obersten, im Durchschnitt nur 60 Meter breiten +Gipfel stets senkrecht blieben. + +Nach dem Frühstück fand ich, zwischen dem Gestrüpp unterhalb des +Gipfels mich hindurchwindend, verschiedene Pfade, von denen meine Leute +behaupteten, dass sie von Wildschweinen herrührten. Es musste also +noch ein anderer Zugang zum Gipfel vorhanden sein, denn den von uns +gewählten konnten Wildschweine nicht gebrauchen. Schliesslich fand ich +wirklich eine Schutthalde, die allerdings eine Neigung von 70° besass, +die diesen Tieren aber vielleicht doch als Aufgang dienen konnte. + +Erst gegen 9 Uhr kam ein Teil der Berge wieder zum Vorschein, unter +anderen auch der Höhenzug, der sich von Ost nach West nördlich vom Batu +Mili hinzieht und im Ong Dia am Merasè seinen Abschluss findet. Nach +dieser Seite zu fällt der Batu Mili sehr steil ab und ist von dem +ebenso steilen Ong Dia durch eine 500 m tiefe Schlucht getrennt. + +Gegen halb elf Uhr wurden wir selbst in Wolken gehüllt und konnten uns +von der, trotz des heftigen Windes, brennenden Sonne erholen. Lange +dauerte die Erholung aber nicht, auch hatte _Bier_, um an einem Tage +die ganze Arbeit zu erledigen, alle seine Zeit nötig. Für mich war der +Aufenthalt hier oben sehr lehrreich, da er mir eine Vorstellung vom +Relief dieser Gegend gab. Die Sonne liess auch auf grosse Entfernung +die Einzelheiten in der Landschaft deutlich hervortreten. So zeigte +sich, dass die Nebenflüsse des Mahakam an der Nordseite des Batu Lesong +durch Erosion interessante Formen hervorgerufen haben. Der lange, +leicht gewellte Rücken des Batu Lesong fällt, ausser an den Stellen, +wo sich seine Querrücken befinden, senkrecht ab. Als Wasserscheide +zwischen Murung und Mahakam musste der Berg einen vorzüglichen +Beobachtungspunkt liefern; ich betrachtete ihn daher tagsüber bei +verschiedener Beleuchtung, um zu sehen, von wo aus man ihn besteigen +konnte. Die Kajan wagten sich nicht so weit fort und die einzelnen +Truppen Buschproduktensucher, die sich am oberen Blu-u befanden, +hatten von dort aus unmöglich den Gipfel besteigen können. Nach dem +Bericht der Leute, führte vom Flusstal des oberen Tjehan aus zwar +ein Pass über den Batu Lesong, aber er musste in einem Sattel liegen, +weil das Gebirge gerade dort zu einer Höhe von 1800 Metern ansteigt; +als Beobachtungspunkt war er also sehr ungeeignet. Mehr schien mir +ein auf dem Gipfel befindliches Plateau zu versprechen, von dein +aus ein langer Querrücken zwischen dem Danum Parei und Dini zum +Mahakam herunterläuft. Ich bemerkte mit meinem Fernglas keine tiefen +Einschnitte in diesem Rücken, somit konnte er uns wahrscheinlich mit +Hilfe seiner Waldbedeckung zum ersehnten Ziele führen. Von dem rechten +Nebenfluss des Blu-u, dem Bruni, aus sollte ein Pfad zum Danum Parei +führen und von dort aus musste der Querrücken zu erklimmen sein. Da ich +keine Hoffnung hatte, am oberen Mahakam bessere Auskunft zu erhalten, +beschloss ich, meinen Beobachtungen zu vertrauen und auf diesem Wege +die Besteigung des Batu Lesong später vorzunehmen. + +Sehr erhitzt und ermüdet, aber befriedigt von allem Genossenen und +Beobachteten, erreichten wir unser Lager, zur grossen Beruhigung +_Kwing Irangs_, der sich selbst nicht wieder hinaufgewagt und den +Geistern unseretwegen nicht getraut hatte. + +Völlig beruhigt zeigte sich _Kwing Irang_ jedoch erst am folgenden +Morgen, nachdem ich die Nacht ruhig und traumlos geschlafen hatte; +er schloss hieraus, dass sich die Geister trotz meiner auf dein +Gipfel begangenen Freveltaten, wie das Umhacken des Gestrüpps, nicht +an mich heranwagten. + +_Bier_ begab sich bereits sehr früh wieder nach oben, um noch, bevor +die Nebel sich erhoben, einige Bergspitzen anzupeilen. Unterdessen +beschäftigte ich mich unten mit dem Sammeln von Moosarten, die auf +dem Gipfel, wahrscheinlich unter dein Einfluss von Sonne und Wind, +nicht vorkamen. In dem feuchten Walde unter den hohen Baumkronen +fand ich dagegen eine Menge sehr eigenartiger Formen, so dass ich +in Begleitung des Pinau Malaien _Persat_ immer weiter um den Fuss +des Gipfels herumging, bis ich plötzlich vor dem unteren Ende der +Schutthalde stand, welche die Schweine als Aufgang benützten. + +Bei meiner Rückkehr ins Lager fand ich _Bier_ schon vor und so konnten +denn sogleich unsere Sammlungen und Instrumente verpackt werden. + +_Doris_ hatte mit den Seinen nicht viel Glück gehabt, unter den +geschossenen Vögeln fand sich keine neue Art; dagegen konnten die +Pflanzensucher eine grosse Fracht neuer Pflanzen nach unten befördern. + +Trotz aller bösen Prophezeiungen der Kajan war unser Zug somit +ohne Unfall verlaufen. _Kwing Irang_ war nicht einmal, wie nach +der Besteigung des Batu Kasian im Jahre 1896, erkältet. Damals +fasste er seine Erkrankung als eine Strafe der Geister auf; in +Wirklichkeit war sie die Folge einer kalten, regnerischen, auf 600 +m Höhe verbrachten Nacht. Diesmal hatte ich ihm vorsichtshalber für +die Nacht ein flanellenes Sporthemd gegeben, das ihn so gut erwärmt +hatte, dass er nun aus Befriedigung über seine heldenhafte Besteigung +des Geisterberges bereit war, mich zu einem Weiher zu begleiten, der +in der Nähe des Batu Plöm im Walde liegen sollte und in welchem sich +die Donnergeister des Batu Mili jede Nacht zu baden pflegten. Leider +kam es nicht zu diesem Ausflug. + +Obgleich _Kwing Irang_ und seine Leute nur unter meinem Schutz das +Unternehmen gewagt hatten und viel mehr Menschen mitgegangen waren +als ich nötig hatte, musste ich doch allen den üblichen Lohn von 2.50 +fl. in drei Tagen und dem Häuptling 2.50 fl. pro Tag geben. Da es +sich hier nur um eine Exkursion von kurzer Dauer handelte, war der +Preis erträglich. + +Anders verhielt es sich bei unserem Zuge an den Merasè den wir, +nachdem die Verbotszeit dort beendet war, unternahmen. Der Zweck +unseres Aufenthaltes am Mahakam machte es notwendig, dass wir uns +möglichst lange bei den Stämmen aufhielten, und nun meinte _Kwing +Irang_, dass wir es unserer Würde schuldig waren, bei den Ma-Suling +mit zahlreichen Böten und Menschen aufzutreten. Ich legte jedoch auf +seine einigermassen selbstsüchtige Begründung nicht viel Gewicht, +da unser Ansehen bei den Bahau auf etwas anderem als einem grossen +Gefolge beruhen musste, und beschloss daher, zur Erforschung des neuen +Gebiets alle unsere Sammler und die übrige Gesellschaft und nur eine +beschränkte Anzahl Bahau mitzunehmen, die im Grunde doch nur ein von +mir bezahltes Geleite _Kwing Irangs_ bildeten. _Kwing_ wollte nämlich +die Gelegenheit benützen, um mit seinen Kampfhähnen am Merasè zu +glänzen; dabei sollte das zahlreiche Gefolge noch zur Erhöhung seines +Ansehens dienen. Infolge der guten Ernte befanden sich nicht nur die +Kajan, sondern auch die Hähne in blühendem Zustand und versprachen, +die Ehre des Häuptlings gegenüber den Bakumpai oder Barito Malaien, +die sich bei _Itjot_ am Merasè aufhielten, gut zu vertreten. + +Die Hahnenkämpfe (_petuduk_) sind seit zwei Generationen bei allen +Bahau am Mahakam durch die Malaien von Kutei eingeführt worden. Die +Malaien betreiben die Hahnenkämpfe. nur als Hazardspiel, bei dein die +Kraft und Gewandtheit der mit eisernen Sporen (_tadji_) bewaffneten +Hähne nur insofern Interesse einflössen, als sie den Gewinn oder +Verlust eines hohen Einsatzes oder einer Wette bestimmen. Den gleichen +Charakter tragen die Hahnenkämpfe auch bei den Bahau unterhalb der +Wasserfälle, hauptsächlich bei den Häuptlingen _Kanu Jok_ und _Si +Brit_ oder Raden _Mas_, die, als sie vom Sultan jahrelang in Tengaron +zurückgehalten wurden, dort malaiische Gewohnheiten annahmen. Auch +unter den Häuptlingen oberhalb der Wasserfälle nimmt die Überzeugung +immer mehr zu, dass sie es ihrer Würde schuldig sind, Kampfhähne zu +halten; selbst mancher ihrer jungen Untertanen besitzt einen Hahn. Nur +ein Häuptling von der hohen Stellung _Kwing Irangs_ hält sich eine +grössere Anzahl Hähne; die übrigen finden es zu lästig, die Tiere +so lange zu füttern und durch Baden, Massieren und Üben zum Kampfe +vorzubereiten. Unter den Pnihing fand ich nur bei _Belarè_ einen Hahn, +der in einem Korbe in der Galerie hing. Er verkaufte seine Hähne aber +lieber, als dass er sie selbst kämpfen liess. + +_Kwing Irang_ kaufte seine Hähne in der Regel von seinen Freien, die +die Tiere teilweise bereits selbst dressiert hatten. Die ausgebreitete +Hühnerzucht der _panjin_ verfolgte ursprünglich den Zweck, Opfertiere +zu liefern; seit Einführung der Hahnenkämpfe wird sie aber in noch +grösserem Massstabe betrieben. + +Eine bestimmte Rasse wird nicht gezogen; in früheren Jahren hatten +jedoch die Malaien vom Kapuas und unteren Mahakam dem Häuptling einige +besonders grosse Exemplare von Kampfhähnen mitgebracht und von diesen +stammen seine jetzigen, grossen Hähne ab. + +Beim Abschied im Jahre 1897 hatte _Kwing Irang_ auch mich gebeten, +beim nächsten Besuch Hähne mitzubringen. Der eifrige Betrieb der +Hühnerzucht kam uns sehr zustatten, da er uns ständig mit Hühnern und +Eiern versorgte. Die Kampfhähne unterscheiden sich von den überall +sonst auf Borneo vorkommenden Hähnen nur durch ihre Grösse; besondere +Rassenmerkmale besitzen sie nicht. + +Die Kämme werden den Hähnen kurz abgeschnitten und auch die Sporen +werden meist mit einem Stück Blech abgesägt und zwar so, dass +keine Blutung entsteht. Man tut dies, damit sich die Hähne bei +Übungsgefechten keinen Schaden zufügen können. + +Bei ernsten Gefechten werden den Tieren ungefähr 7 bis 8 cm lange, +scharf geschliffene Sporen (_tadji_) an die Unterseite des Fusses +gebunden. Der Sporn wird stets nur an einem Fuss befestigt; er läuft +entweder gradlinig oder gebogen oder gewunden in eine Spitze aus. + +Die Sporen werden von bestimmten Personen, die die Kunst an der Küste +gelernt haben, geschliffen und zwar aus Rasiermessern, Tischmessern +u.a., welche von Malaien eingeführt werden. _Kwing Irang_ und sein +Sohn _Bang_ hatten es im Schleifen besonders weit gebracht; ihre +Sporen waren so fein bearbeitet, dass sie tadelloser auch aus einer +europäischen Werkstatt nicht hätten hervorgehen können. + +Das Schleifen geschieht auf Drehscheiben von verschiedener Grösse +und Feinheit, die auf einem einfachen Gestell ruhen und von einem +Knaben mittelst einer hin- und hergezogenen Schnur in Bewegung gesetzt +werden. Auch diese Drehscheiben sind von den Malaien übernommen worden. + +_Kwing Irang_ besass, je nach der Beschaffenheit seines Reisvorrats +und der Aussicht auf künftige Gefechte, zwischen 5 und 30 Hähnen, +von denen jeder gesondert in einem aus Rotang geflochtenen Korbe +unter dem Dache seiner Wohnung hing oder bei den zuverlässigsten +seiner Sklaven einquartiert war. + +Die Hähne werden morgens und abends ausschliesslich mit ungespelztem +Reis gefüttert; sie bekommen wenig zu trinken und gehen nur dann +frei herum, wenn der Häuptling sich mit ihnen abends beschäftigt, +mit ihren Klauen Gymnastik treibt und die Tiere miteinander kämpfen +lässt. Die Hähne werden in der Regel täglich im Fluss gebadet und +nass wieder in den Korb gesetzt. + +Wahrscheinlich, würde man auf die körperliche Entwicklung der Hähne +noch grössere Sorgfalt verwenden, wenn nicht, besonders bei den Bahau, +die Farbe und Anordnung der Federn bei der Beurteilung der Tauglichkeit +eines Tieres eine so grosse Rolle spielten. Es werden zwar von der +Gegenpartei auch die Entwicklung der Muskeln und die Körpergrösse in +Betracht gezogen, aber die Farbe der Federn erscheint doch ebenso +wichtig. Daher werden, um den Wert der Hähne herabzusetzen, häufig +vor den Kämpfen einige Federn von besonders guter Bedeutung ausgezogen. + +Bei den Hahnenkämpfen gewinnt derjenige Hahn den Sieg, der den anderen +tötet oder in die Flucht jagt. Man beginnt die Tiere zu reizen, indem +man dem einen den Kopf festhält und das andere hineinhacken lässt, bis +man aus der Heftigkeit der Anfälle ersieht, dass die Tiere genügend in +Wut geraten sind. Dann setzt man die Hähne in einem Abstand von 4-5 +m auf den Boden und lässt sie gleichzeitig auf einander los. In der +Regel laufen sie auf einander zu, fliegen an einander auf und suchen +sich mit ihren Sporen zu verwunden. Bisweilen ist keiner der Hähne +kampflustig; die Wette bleibt dann unentschieden. Dies ist auch der +Fall, wenn beide Tiere gleichzeitig an ihren Funden sterben, oder wenn +der Sieger den Besiegten, der ihm zugetragen wird, nicht mehr hacken +will, zu hacken wagt oder wegen Ermüdung oder Blutverlust nicht mehr +zu hacken im stande ist. Können beide Hähne nicht mehr weiterkämpfen, +so gewinnt ebenfalls keine der Parteien. + +Die Wunden, die die Tiere einander beibringen, sind oft sogleich +tötlich. Dringt der eiserne Sporn in den Leib, so wird dieser nicht +selten 67 cm weit aufgerissen, der Hals wird bisweilen mit einem +Mal gänzlich durchgeschnitten. Öfters kann ein Hahn seinen Sporn, +wenn er in einem Knochen festsitzt, nicht befreien; man wartet dann +eine Zeitlang, nimmt die Tiere dann auf und sieht den Kampf, wenn +beide Tiere noch leben, als unentschieden an. Es kommt vor, dass die +Tiere nur schwach verwundet sind oder hauptsächlich Fleischwunden +haben. Merkwürdiger Weise verstehen die Bahau derartige Wunden mit +Nadel und Faden geschickt zu nähen und zu heilen, während sie noch +nicht auf den Gedanken gekommen sind, die Wunden bei Menschen auf +die gleiche Art zu behandeln. Wahrscheinlich haben sie mit der Sitte +der Hahnenkämpfe zugleich die der Wundbehandlung von den Malaien +übernommen. Die Kajan verteidigten mir gegenüber das grausame Gefecht +mit den Sporen damit, dass auf diese Weise dem Leiden der Hähne schnell +ein Ende gemacht würde, während sie ohne Sporen so lange kämpften, +bis sie vor Erschöpfung oft tot niederfielen. + +Bei den _panjin_ werden die Hahnenkämpfe nur als Zeitvertreib, den +sich nur die Wohlhabenden und auch diese nur in bescheidenem Masse +erlauben dürfen, aufgefasst. Nach vollbrachtem Tagewerk lassen die +jungen Leute abends öfters ihre Hähne miteinander kämpfen, aber nur +sehr selten mit Sporen und um einen Gewinn; auf Wetten lassen sie sich +überhaupt nicht ein. Den Einsatz bildet eine alte Perle, ein Beil oder +ein Schwert. Verheiratete Leute beteiligen sich nur ausnahmsweise an +diesem Vergnügen, das in dieser Form durchaus unschuldig ist. Lassen +sich dagegen die Häuptlinge auf ihren Reisen flussabwärts mit Malaien +oder Barito und Kahájan Dajak in Wettkämpfe ein, so wird der Einsatz +stets so hoch wie möglich gewählt. + +Die Sitte verlangt, dass die Stammesgenossen auf den Hahn ihres eigenen +Häuptlings setzen. _Kwing Irangs_ Einsatz variierte zwischen 5 und 40 +fl.; sein Gefolge wettete 1 bis 2.50 fl. pro Person, so dass stets noch +50 bis 60 fl. hinzukamen und bisweilen 100 fl. auf einen Hahn gesetzt +wurden. _Bang Jok_ und die Malaien setzten oft noch grössere Summen +auf ihre Hähne; _Kwing Irang_ tat es nur bei einigen besonderen Tieren. + +Auch bei den Hahnenkämpfen der Bahau spielen nicht mir die Geister mit +ihren Vorzeichen, sondern auch allerlei abergläubische Vorstellungen +eine wichtige Rolle. Begiebt sich _Kwing Irang_ z.B. mit seinen +Hähnen zu einem anderen Häuptling, so fassen die Kajan diesen Zug als +einen wirklichen Kriegszug auf und suchen alles zu vermeiden, was der +Männlichkeit und Tapferkeit der Hähne schaden könnte. Daher war _Kwing +Irang_ bei unserer Reise zur Küste im Jahre 1897 durchaus dagegen, +dass Frauen mit uns reisten, weil diese auf seine Kampfhähne einen +nachteiligen Einfluss ausüben konnten. Als eine Frau schliesslich doch +mitzog, lagerte sich _Kwing Irang_ mit seinen Hähnen stets in möglichst +grosser Entfernung von ihr. Nach Ansicht der Bahau wird nicht nur die +Kraft der Hähne, sondern auch die der Männer durch die Berührung mit +etwas Weiblichem beeinträchtigt. Die Kajanmänner vermeiden es daher, +einen Webstuhl oder getragene Frauenkleider anzurühren; tun sie dies, +so werden sie "_dawi_", d.h. schwach und haben auf der Jagd, beim +Fischfang und im Kriege keinen Erfolg. + + + + +KAPITEL XVI + + Besuch bei den Ma-Suling am Merasè--In Batu Sala, Napo Liu und + Lullt Sirang--Behandlung von Kranken, Einkauf von Löten und + Ethnographica--Besteigung des Batu Situn--Beobachtungsposten + auf einem Baumgipfel--Rückhehr nach Lulu Sirang--Symbolische + Heiratserklärung--Hochzeitsgebräuche--Ehegesetze--Heimkehr nach dem + Blu-u--Besuch hei den Pnihing am Tjehan--In Long 'Kup--Besteigung + des Liang Baring--Bei den I'nihing am Paketè--Begräbnisstätte + der Pnihing--_Hadji Umar_--Zurücksendung einer Batang-Lupar + Gesellschaft Beratung wegen des Haushaus--Besuch von _Hinan + Lirung_. + + +Am 20. November konnten wir endlich unseren lang geplanten Besuch bei +den Ma-Suling am Merasè zur Ausführung bringen. Früh morgens fuhren +wir in zwei grossen Böten ab; in dem unsrigen befanden sich ausser uns +Europäern, dem Chinesen _Mi-Au-Tong_ und unseren Malaien nur noch zwei +Kajan als Steuermänner, da diese das Fahrwasser am besten kannten. Die +beiden jungen Leute hatten mich bereits auf meiner früheren Reise +öfters begleitet. Bald nach unserer Abfahrt hörten wir das Brummen +eines Rehs, das, als schlechtes Vorzeichen, die Kajan zur Rückkehr und +zum Aufschieben eines Unternehmens auf acht Tage zwingt. Ich tat, als +ob ich nichts hörte und, als meine Steuermänner unruhig wurden und mich +fragten, was ich zu tun gedächte, sagte ich einfach: "weiterrudern", +worüber der Chinese in herzliches Lachen ausbrach. Der eine Steuermann, +_Owat_, der mit mir auch zum ersten Mal den Batu Mili bestiegen hatte, +war mit meiner Antwort augenscheinlich sehr zufrieden, denn er begann +mit seinem Ruder kräftig auszuholen und so blieb dem zweiten Steuermann +nichts übrig, als dem Beispiel des ersten zu folgen. Gleich darauf +holte uns das zweite Boot ein, in dem sich _Kwing Irang_ mit seinem +Sohne _Bang_, seinen Kajan und den Kampfhähnen befand. Sie hörten in +nächster Nähe vor uns den Ruf des _hisit_ auf ihrer rechten Seite; +der Vogel prophezeite ihnen also eine glückliche Reise. Der _adat_ +gemäss musste _Kwing Irang_ landen und eine Zigarette rauchen. + +Meine beiden Kajan hüteten sich, über unser Vorzeichen ein Wort +zu sagen, und rauchten mit ernsten Gesichtern ebenfalls ihre +Zigaretten. Darauf setzten wir unsere Fahrt schnell fort. Wir machten +weder in Lulu Njiwung noch in anderen kleinen Niederlassungen Halt, +sondern fuhren direkt bis Batu Sala, um mit dessen Bewohnern +die Bekanntschaft zu erneuern und _Barth_ den Häuptlingen +vorzustellen. Leider befand sich der Häuptling _Paren_ mit seiner +Frau in Long Tepai und wir wurden nur von seinem Bruder _Bang_ in +der Galerie empfangen. Zwischen ihm und _Kwing Irang_ auf dem Boden +sitzend, den Rücken an die schiefe Aussenwand gelehnt, begann ich +über alles, was sie seit meiner Abwesenheit erlebt hatten und über +die Ernteaussichten zu sprechen. Die Gegenwart des Kontrolleurs, der +an der anderen Seite _Kwings_ sass, schien den ängstlichen _Bang_ +einzuschüchtern, ich benützte daher einen günstigen Augenblick, um +die beiden einander vorzustellen und sprach dann über gleichgültige +Dinge weiter. Als sich nach einiger Zeit auch der Kontrolleur an +der interessanten Unterhaltung beteiligte, hielt es _Kwing Irang_ +fürangebracht, mich zu seinem Schwiegervater _Bo Djo_ zu führen, der +Häuptling eines kleinen, bei den Long-Glat lebenden Stammes ist. Ich +hatte den alten Mann bereits im Jahre 1897 behandelt; jetzt hatte er +wiederum meine Hilfe nötig, da er an Bronchitis und Malaria litt. Er +äusserte seine Freude über mein Kommen, erkundigte sich nach seiner +Tochter _Uniang Anja_ und deren Söhnchen _Hang_ und wollte wissen, +warum sie nicht mitgekommen waren. Ich wagte ihm nicht zu sagen, +dass seine Tochter unserer Kampfhähne wegen nicht hatte mitreisen +dürfen. _Kwing Irang_, den Kranke unangenehm berührten, entfernte +sich und ich betrachtete nun mit Musse meine Umgebung, nachdem ich +dem alten Manne versprochen hatte, ihn am folgenden Morgen ärztlich +zu behandeln. In dieser von alters her wohlhabenden Niederlassung +befanden sich viele schöne, alte Gegenstände und ich begann sogleich +die hohe, mit Perlen verzierte Mütze von _Bo Djos_ Tochter, die dem +Hause vorstand, zu rühmen; auch erkundigte ich mich, wer ihr den +hübschen Rock gestickt hatte. Mein Interesse fand grossen Beifall und +so liess man mich auch noch andere schöne Dinge sehen. Auf einige +Gegenstände machte ich, um vorläufige Unterhandlungen einzuleiten, +ein Angebot. Bei meiner Rückkehr ins grosse Haus begegnete ich +verschiedenen Bekannten von früher und begab mich daher in guter +Stimmung nach unserer Galerie vor der Häuptlingswohnung, wo man +alles für eine Mahlzeit und die Nacht vorbereitet hatte und _Barth_ +noch immer in eine Unterhaltung mit _Bang_ vertieft sass. + +Am folgenden Tage gab es für mich noch so viel Arbeit im Dorfe, +dass ich froh war, als uns ein heftiger Regen des Morgens an der +Weiterreise verhinderte; ich hatte nun Zeit, mich mit den zahlreichen +Kropf- Fieber- und Lueskranken zu beschäftigen und ihnen Arzneien +auszuteilen, die ich in grösserer Menge mitgenommen hatte. Als der +Regen nach dem Essen aufhörte, brachen wir, mit dein Versprechen +wiederzukommen, zum Merasè auf. Die Bevölkerung hatte nun Zeit, +über ihre erste Begegnung mit dein gefürchteten Regierungsbeamten +nachzudenken und sich über seine Anwesenheit zu beruhigen. Wegen des +hohen Wasserstandes und der Schwere unserer Böte erreichten wir erst +nach vierstündiger Fahrt Napo Liu, die Niederlassung der Ma-Suling, +in der _Bo Li_ gestorben war. Auf _Kwings_ Rat landeten wir nicht +bei des Häuptlings Hause, da _Ledju Lis_ Familie noch Halbtrauer +trug, sondern bei _Temenggung Itjot_, der uns schon erwartet zu haben +schien. Wenigstens empfingen uns einige hübsch gekleidete Malaien vor +der Haustreppe, die zu seinem Badehäuschen führte; sie begrüssten uns +und forderten uns auf, ihnen nach _Itjots_ Galerie zu folgen, wo wir +eine grosse Gesellschaft Bakumpai, Malaien vom Barito, antrafen. Ich +kannte die meisten von meinem vorigen Besuch her, es waren aber noch +neue Buschproduktensucher vom Belatung, die bei den Ma-Suling Reis +einkaufen wollten, hinzugekommen. Die Gesichter, die uns umringten, +waren nichts weniger als sympathisch, aber wir mussten sie ertragen, +da der Häuptling uns als Fremde in seiner Wohnung nicht aufnehmen +durfte. Neben _Itjots_ Wohnung befand sich eine andere, deren Bewohner +augenblicklich auf dem Reisfelde lebten, in diese hielten wir nun +unseren Einzug. + +Während unseres Besuches bei _Ledju_ erzählte er uns, dass die +neuangekommenen Malaien einen Gong als Bussgeld hatten geben müssen, +weil sie die Niederlassung vor Ablauf der Trauerzeit betreten +hatten. Eigentlich waren auch wir zu einer Busse verpflichtet, aber +_Kwing Irang_ erklärte _Ero_, der Wittwe von _Bo Li_, dass wir keine +Fremden seien, da wir mit den Kajan zusammenwohnten; so kamen wir mit +einem Packen Perlen davon. Die ganze Familie ging noch in Trauer; +die Frauen trugen im Hause eine hellbraune _ta-a_, die nur bis an +die Kniee reichte; die jungen Söhne waren nur mit einem hellbraunen +Lendentuch bekleidet. + +Die Gesellschaft Bakumpai war sehr nach _Kwing Irangs_ Sinn; den +ganzen folgenden Tag über wurde an nichts anderes als an Hahnenkämpfe +gedacht. Die zwei Parteien sassen einander gegenüber und beurteilten +gegenseitig ihre Hähne nach der Farbe und Anordnung der Federn, nach +der Kraft und dem Temperament. Der gutmütige, vorsichtige _Kwing_ war +den die Aufregung des Spiels liebenden Malaien viel zu schwerfällig; +die Unterhandlungen schienen ihn auch mehr zu interessieren als +der eigentliche Kampf, so dass die Geduld seiner Gegenpartei auf +eine harte Probe gestellt wurde. Wahrscheinlich liessen sie sich +hierdurch zu Unvorsichtigkeiten verleiten, denn _Kwing_ gewann 4 Mal +nach einander; da er sein Glück auch noch am folgenden Tag versuchen +wollte, benützte er einen angekündigten Besuch des Häuptlings _Bo Lea_ +aus Long Tepai zum Vorwand, um länger zu bleiben. + +Inzwischen hatte ich meinen Tag nicht minder gut verwandt, indem ich +die Gelegenheit, wenn man mich als Arzt in eine Wohnung rief, dazu +benützt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen und über allerhand schöne +Gegenstände, unter anderem auch über eine sehr alte Perlenverzierung +für ein Kindertragbrett (_tap beneng_) und eine Jacke mit einem aus +bunter Knüpfarbeit versehenen Rand, zu unterhandeln. Den Eigentümern, +die einen sehr hohen Preis von mir forderten, gab ich bis zu meiner +Rückkehr von oben Bedenkzeit. + +Zugleich sah ich mich nach grossen Böten um, die ich für unsere Fahrt +zur Küste nötig hatte. Auf der vorigen Reise hatte ich von _Paren_, +dem Pnihinghäuptling am Tjehan, ein sehr schönes Boot gekauft, in +diesem Jahre hatte man in seiner Niederlassung aber nur kleine Böte +hergestellt, so dass ich diesmal auf die Ma-Suling rechnete. Unter +_Itjots_ Hause fand ich nur schmale, schlechte Exemplare, für die +die Besitzer morgens einen sehr hohen Preis verlangten, abends aber +bereits 50% abliessen. Wie man mir erzählte, sollten in der grossen +Niederlassung weiter oben am Merasè schöne Böte zu haben sein, daher +beschloss ich, mich dorthin zu begeben. + +Da wir noch mancherlei Pläne auszuführen hatten und die Anwesenheit der +vielen Malaien unter den Bahau uns unangenehm berührte, liessen wir +_Kwing Irang_ bei seinen Hähnen und fuhren selbst mit unseren Leuten +und einigen Kajan den Merasè hinauf. Ich wollte das niedrige Fahrwasser +benützen, um im Flussbett geologische Untersuchungen anzustellen, und +nahm daher in einem kleinen Boot mit wenigen Ruderern Platz, die mich +schnell von einem Ufer zum anderen bringen konnten. Festes Gestein, +das nicht zu sehr verwittert war, bemerkte ich nur anfangs, weiter +aufwärts war alles Gestein mit einer dicken Erdschicht bedeckt, auf +der nur Gestrüpp wuchs, da die Ma-Suling während ihres langdauernden +Aufenthaltes am Merasè den ursprünglichen Wald längs des ganzen Flusses +ausgerodet hatten. Nach vierstündiger Fahrt machte uns _Demmeni_ +auf das Grabmal des früheren Häuptlings _Bo Long_ aufmerksam, das er +auf der vorigen Reise photographiert hatte. + +Bald darauf gelangten wir an eine Stelle des Ufers, an der alte +verfaulte Pfähle und eine stattliche Reihe der am oberen Mahakam +seltenen Kokospalmen und andere sehr alte Fruchtbäume als Zeugen +einer früheren Niederlassung der Ma-Suling übriggeblieben waren. Der +Ort schien jetzt nur von Wild besucht zu werden, denn zwischen den +hoch aufgeschossenen Pflanzen zeigte der weiche, humusreiche Boden +zahlreiche Spuren von Wildschweinen, Hirschen und wilden Rindern, die +sich in grossen Herden, um zu grasen und Früchte zu essen, hierher +zu begeben schienen. Das Gehen auf dem aufgewühlten Boden war sehr +unbequem, aber _Demmeni_ und _Barth_ drangen doch so weit vor, dass +sie eine Hütte mit vor Alter halb eingestürzten Wänden entdeckten, +in der eine grosse Menge Schädel aufbewahrt lagen. Wir hörten später, +dass die Schädel aus dem alten Hause stammten und dass die Ma-Suling +sie aus abergläubischer Furcht nicht in das neue Haus herüberzubringen +wagten. Auf ihre Bitte musste _Belarè_ später mit seinen Pnihing das +gefährliche Werk für sie ausführen. Als Lohn traten sie ihm die Hälfte +der Trophäen ab, mit denen er seine Galerie schmückte. + +Leider durften wir die Kokosnüsse und anderen Früchte, nach denen uns +stark gelüstete, nicht anrühren, da _Ledju Li_ sie wegen des Todes +seines Vaters, der diese Fruchtbäume gepflanzt hatte, für _buling_ +oder _lali_ erklärt hatte. Nach einiger Zeit sahen wir auf einer +sehr ebenen Fläche längs des Merasè die Niederlassung Lulu Sirang +hervortreten, in der die beiden Brüder _Obet Dewong_ und _Bo Ngow_ +als Häuptlinge herrschten. + +Wir wurden von den Brüdern ebenso freundlich wie in Napo Liu empfangen, +was uns um so angenehmer berührte, als sie sehr gut wussten, dass wir +in politischen Angelegenheiten kamen. Zwar waren die Häuser auch hier +noch nicht ganz vollendet, aber die grosse Galerie _Obet Dewongs_ +bot uns einen guten Wohnraum. + +Während unser Gepäck und unsere Schlafstätte geordnet wurden, begab ich +mich zur Häuptlingsfamilie, deren Kinder alle fieberkrank waren. Die +Ältesten standen dermassen unter dem Eindruck des weissen Doktors, +dass sie das bittere Chinin ohne viel Widerstreben hinunterwürgten; +einem kleinen Knaben dagegen konnte ich die Arznei nur in Pillen mit +etwas Zuckerrohrsaft beibringen. + +Am jenseitigen Ufer lag ein freistehender Hügel von 180 m Höhe, +der Batu Marong, der uns einen schönen Überblick über die Umgebung +versprach; ich bestieg ihn daher noch am selben Abend, um von dort +aus mit _Bier_ über die Aufnahme des Merasè zu beraten. Ein steiler, +halb wieder verwachsener Pfad führte uns auf den Gipfel, auf dem +nur zwei Bäume und einige Sträucher standen, so dass wir bald eine +Aussicht auf die von der Abendsonne beleuchtete Landschaft erhielten. + +Wir fanden für die Hartnäckigkeit, mit der die Ma-Suling am Merasè +wohnen bleiben, darin eine Erklärung, dass der Fluss durch ein +besonders breites und ebenes Tal strömt, das für den Reisbau sehr +geeignet sein muss. Hiervon zeugte der Pflanzenwuchs, denn das +dunkle, wellige Grün des Urwaldes war erst in einigem Abstand an den +Bergabhängen zu sehen, während die helleren, ebeneren grünen Massen +des jungen Waldes und der Strauchvegetation die Stellen andeuteten, +welche die Ma-Suling einst bereits bebaut hatten. Von _alang-alang_ und +Gras, die an anderen Orten so bald auf kultiviertem Boden auftreten, +bemerkten wir nichts. + +Die Landschaft entzückte uns so sehr, dass es einige Zeit dauerte, +bis wir über die topographische Aufnahme ernstlich zu beraten +anfingen. Nach Norden hin, wo sich das hohe, steile Kalkgebirge, +in dem der Serata, Merasè, Tepai und Nijan ihren Ursprung nehmen, mit +seinen malerischen Formen erhob, war der Blick besonders anziehend. Die +mächtigen, hellen Wände sind ihrer Steilheit wegen nicht bewachsen und +heben sich daher von dem Grün ringsherum schön ab. Wir waren hier von +den höchsten, spitzen Gipfeln des Kalkgebirges, dem Batu Matjan und +Batu Brok, die nach beiden Seiten hin nur allmählich in vielgipflige +Rücken auslaufen, nicht weit entfernt. + +Ausser von diesen Bergen wurde die Aussicht nicht beeinträchtigt, +so dass sich dieser Hügel für _Bier_ als Beobachtungspunkt, von dem +er die nächste Umgebung und verschiedene Berge anvisieren konnte, +ausgezeichnet eignete. Von dem Quellgebiet des Mahakam, das im +Norden liegen musste, konnten wir uns von hier aus keine Vorstellung +machen, doch schien dies uns von einem alleinstehenden, hohen Berge +am oberen Merasè aus möglich zu sein, daher beschlossen wir, ihn zu +besteigen. Vielleicht konnten wir von diesem aus auch den Batu Tibang +entdecken, auf dessen Abhängen die Hauptflüsse des Stammlandes der +Bahau und Kenja entspringen und der daher als der Mittelpunkt der +Welt angesehen wird. Wir hatten uns bereits vom Lekudjang und Batu +Mili aus vergeblich nach dem Batu Tibang umgesehen, der uns auch +als Grenzzeichen zwischen englischem und niederländischem Gebiet +von Wichtigkeit erschien; ebenso hatten wir vergeblich versucht, +_Belarè_ zu einem Zuge nach dem ersehnten Berge zu bewegen. Auf +eine zuverlässige Auskunft seitens der Ma-Suling konnten wir nicht +rechnen, da diese selbst für die ins Auge fallenden Gipfel des hohen +Kalkgebirges, das sie täglich vor sich sehen, keine besonderen Namen +besitzen und sich von dem Verhältnis dieser Berge zu denen am oberen +Serata, Tepai u.s.w. keine Vorstellung machen können. Sie wussten +nur; dass der Berg, den wir besteigen wollten, Situn heisst und, wie +beinahe alle alleinstehenden Berge, von gefürchteten Geistern bewohnt +wird. Während wir uns abends in weitem Kreise sitzend unterhielten, +erzählten uns einige Siang Dajak vom Barito, die hier für die Zeit, +wo sie im Tal des Merasè Guttapercha suchten, verheiratet waren, +etwas Näheres über das Gebiet am oberen Merasè, in dem sie an äusserst +steilen Bergabhängen gearbeitet hatten. Eine genauere Vorstellung +von den Flusstälern in dieser Gegend hatten jedoch auch sie nicht. + +Die Ma-Suling kannten zwar einen Weg, der auf den Situn führte, +aber dieser begann am Tasan, einem kleinen Nebenfluss des Merasè, +den _Ledju Li_ wegen des Todes seines Vaters für _buling_ oder _lali_ +erklärt hatte; somit hatten wir wenig Hoffnung, diesen günstigen +Aussichtspunkt zu erreichen. + +Am folgenden Tag traf _Kwing Irang_ mit den Seinen bei uns ein und +versprach, mit _Ledju_, sobald dieser nach Lulu Sirang kommen würde, +über die Angelegenheit zu reden. Nach einigem Zögern war auch _Obet +Dewong_ bereit, uns zu begleiten, und _Kwing Irang_ wollte uns für +den Zug seinen besten Ratgeber _Sorong_ und acht Kajan zur Verfügung +stellen. + +Die Häuptlinge hatten noch ein besonderes Interesse an dieser +Exkursion; nach der Überlieferung stammen nämlich alle Pflanzen, +die man bei religiösen Zeremonien auf dem Reisfelde gebraucht und +mit dem Reis gleichzeitig baut, von diesem Berge Situn und sollten +dort noch wild vorkommen. Es erwies sich, dass dies nicht der Fall +war, aber immerhin lehrte uns diese Überlieferung, dass auch die +Kajan einst in diesen Gebieten gewohnt haben müssen. Wir erfuhren +später, dass zwei der höchsten Gipfel, deren Namen wir damals noch +nicht kannten, zum Batu Matjan gehörten, von dem mir _Kwing Irang_ +bereits früher berichtet hatte, dass sein Stamm einst auf ihm gelebt +und Reisfelder angelegt habe. Er hatte sich den Batu Matjan aber eher +als Hochfläche gedacht. + +Während wir in den folgenden Tagen auf _Ledju_ warteten, nahm _Bier_ +die Umgebung auf und ich beschäftigte mich mit den Bewohnern des +langen Hauses, die stark am Malaria litten. Zu meiner Freude konnte +ich viele, auch die Kinder des Häuptlings, von ihrer Krankheit heilen. + +Ich erlaubte diesen, sich ein hübsches Stück Zeug oder Ohrringe +als Geschenk auszusuchen, und erfreute auch die Eltern mit einem +Gegenstand, den sie sich wünschten. _Bo Ngow_ hatte glücklicher Weise +weniger Kinder und auch seine Frau lebte nicht mehr, so dass er an +meine Vorräte geringere Ansprüche stellte; allerdings wurde dieser +Vorteil durch seine sehr hübsche und sympathische Tochter teilweise +wieder aufgehoben. + +Indem ich mit so vielen in Berührung kam, bot sich mir eine gute +Gelegenheit, Ethnographica zu sehen und einzukaufen, und, da ich +nicht mehr besonders sparsam zu sein brauchte, erwarb ich manche +schönen Perlenarbeiten, Matten, Röcke u.s.w. In verborgenen Winkeln am +Feuerherde entdeckte ich auch noch einige alte, irdene Töpfe (_taring +tanah)_, wie sie früher am Mahakam gebrannt wurden. Zum Erstaunen der +Hausbewohner kaufte ich diese Zeugen einer verschwundenen Industrie, +auch wenn sie einen Riss hatten; da ich in Salz, Perlen und Zeug einen +hohen Preis für sie bezahlte, habe ich wahrscheinlich alle erworben, +die noch vorhanden waren. + +Den beiden Häuptlingen konnte ich noch anders als durch Geschenke einen +Gefallen erweisen. Sie hatten nämlich in diesem Jahre jeder ein sehr +grosses Boot gebaut, um es an den Sultan von Kutei zu verkaufen, der +sie gut bezahlte, da Böte von dieser Grösse unterhalb der Wasserfälle +nicht mehr gebaut werden. In Gesellschaft von _Kwing Irang_ und +_Sorong_ besichtigte ich die Böte, von denen jedes 21 m lang und 4-5 +Fuss breit war. Das eine Boot war etwas dünner, aber dafür tiefer als +das andere; aber beide entsprachen vollständig unserem Zweck und so +kaufte ich sie für den geforderten Preis von 100 fl. das Stück. Den +gleichen Preis hatte ich auch einige Jahre vorher den Pnihing für +ein ähnliches Boot bezahlt. + +Inzwischen zeigte es sich, dass _Ledju_ sich mit seiner Ankunft bei +uns nicht beeilte, auch brachten andere die Nachricht, dass er wegen +des Todes eines Kindes in einer Sklavenfamilie die Trauer noch nicht +gänzlich abgelegt hatte, so dass die Aussicht, ihn hier zu sehen, nicht +gross war _Kwing_, der hier keine Gegenpartei für seine Kampfhähne +fand, sehnte sich danach, wieder hinunter zu ziehen und, da es hier +oben auch für den Kontrolleur nicht viel zu tun gab, sollte er _Kwing_ +begleiten. Am 26. Januar reisten beide ab. Sicherheitshalber gab ich +ihnen alle Schutzsoldaten nach Napo Liu mit, wo die Gesellschaft auf +mich warten sollte. _Sorong_ und die Seinen blieben zurück, um uns +unter _Obet Dewongs_ Führung nach dem Situn zu geleiten. Der Zug +wurde unter _Kwing Irangs_ Verantwortung unternommen, der meinte, +dass ihm, da _Ledju_ nicht gekommen war, um das _lali_ des Tasan +aufzuheben, als ältestem Familienglied das Recht zustand, uns gegen +eine Busse an _Ledju_ den Fluss hinauffahren zu lassen. Wegen des +hohen Wasserstandes war an diesem Tage jedoch an eine Fahrt nicht zu +denken, auch hatte ich noch keine Zeit, da man mir nun auch von den +Reisfeldern Kranke zur Behandlung brachte und ich Chinin mit einer +Gebrauchsanweisung austeilen und den Lueskranken eine Jodkalilösung +in Flaschen zubereiten musste. Einige Dorfbewohner setzten noch vor +meiner Abreise die anfangs geforderten hohen Preise für Ethnographica +herab und so hatte ich so viel zu tun, dass ich mich geduldig auf +die Versicherung, dass der Merasè schnell fallen würde, verliess. + +Trotz des hohen Lohnes, den ich ausgesetzt hatte, konnte _Obet +Dewong_ am anderen Morgen nur mit Mühe acht Mann dazu bewegen, ihre +Arbeit unseres Zuges wegen zu unterbrechen; daher waren wir erst um +9 Uhr reisefertig. Unsere Pflanzensucher begleiteten uns mit ihren +Tragkörben: sie hatten in den letzten Tagen bereits in der Umgebung +prächtige Pflanzen gefunden, auf dem Batu Marong unter anderen eine +Aroïdee, deren grosse Blätter wie aus dunkelbraunem Sammet geschnitten +aussahen. + +Ausser den Hütten auf den Reisfeldern weiter oben sahen wir nur +noch eine kleine Niederlassung oberhalb der Mündung des Asa, der in +einem sehr breiten Tal längs der senkrechten, nördlichen Wand des +Ong Dia strömt. Das Tal wird nach Westen durch die Verlängerung des +Ong Dia Rückens abgeschlossen, der sich in nördlicher Richtung bis +zum Kalkgebirge Batu Matjan hinzieht. + +Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir die Stelle, wo der Tasan von +Norden her in den Merasè mündet, der hier um den südlichen Abhang des +Batu Situn eine Biegung macht. Etwas weiter oberhalb der Mündung fuhren +wir unter dem Rotang hindurch, den _Ledju Li_ als Verbotszeichen quer +über den Fluss hatte spannen lassen. + +Die Flussgeister schienen uns unsere Freveltat nicht übel zu nehmen, +denn einer der Ma-Suling entdeckte an einer verbreiterten Stelle, +wo das Wasser ruhig strömte, einen grossen Fisch. Das Boot näherte +sich lautlos dem Tier und es gelang dem vorderen Steuermann, den Fisch +mit seiner Lanze zu spiessen. Das Schlachtopfer wehrte sich zappelnd +und tauchte unter, trieb aber, durch den Blutverlust geschwächt, +bald wieder an der Oberfläche und wurde mit Jubel in das Boot gezogen. + +Weiter oben drängt sich der hier nur 7 m breite Tasan zwischen zwei +senkrechten Kalkfelsen hindurch, deren Wände mit Algen, Moos, Farren +und anderen Pflanzen feuchter Standorte dicht bewachsen sind. + +In früherer Zeit durften die Bewohner dieser Gegenden den Tasan nur bis +zu dieser _lobang belare_ (Höhle eines Donnergeistes) hinauffahren; +erst seit kurzem wagen sie sich weiter aufwärts. Auch jetzt fuhren +wir unter feierlichem Schweigen an dieser Stelle vorüber. + +An dem kleinen Fluss Terè weiter aufwärts zogen die Ma-Suling die +Böte in den Uferwald, während _Sorong_ mit den Seinen den gleichmässig +ansteigenden Rücken hinaufging, um nötigenfalls einen Weg durchhauen +zu lassen. Ich folgte ihm langsam mit _Obet Dewong_. Der schwere und +bejahrte Mann folgte nur mit Anstrengung, obgleich der Rücken nicht +steil und sehr breit war; da _Obet_ in jungen Jahren ein bekannter +Jäger gewesen war, gab er sich jetzt alle Mühe, nicht zurückzubleiben. + +Bereits bald nach Mittag erreichten wir, auf einer Höhe von 800 m, +den Sattel, der unter dem eigentlichen Gipfel lag, und beschlossen, +hier unser Lager aufzuschlagen, da wir weiter oben kein Trinkwasser +finden würden. + +_Sorong_ hatte mit seinen Leuten bereits den Platz zwischen den grossen +Bäumen vom Unterholz befreit. Nachdem die Hütte zusammengestellt +worden war, blieb noch genügend Zeit übrig, um den eigentlichen +Gipfel auszukundschaften. + +Dieselben Männer gingen wiederum voraus; wir holten sie aber bald +ein, da sie weiter oben in die Rotang- und Moosregion gerieten. Auch +die dornigen Stämme der Sagopalmen hielten uns fest, so dass es kaum +möglich war, ohne Kleiderrisse und Hautwunden davonzukommen, und so +manchmal musste der Pfad durch diese triefende, dunkle Pflanzenmasse +gebahnt werden. Für Nashorne schien diese Gegend sehr geeignet zu +sein, denn wir bemerkten zahlreiche Spuren von ihnen, auch jagten +unsere Leute ein Exemplar auf. In einer flöhe von 1000 m ü.d.M. war +alles so dick mit Moos bedeckt, dass wir weder rechts noch links +sehen konnten, dazu fiel der Gipfel mit steiler Wand nach unten +ab. Es musste noch ein zweiter, höherer Gipfel vorhanden sein, aber +bevor wir ihn besteigen konnten, musste _Obet Dewong_ den Geistern +erklären, wer wir waren, und was wir hier wollten. Hierzu holte er ein +mitgenommenes Ei hervor, klemmte es zwischen die 3 Zinken eines an +der Spitze gespaltenen Stockes, den er in den Boden gesteckt hatte, +und rief darauf die Geister, die auf dem Situn und auch die, die auf +dem Batu Pala am oberen Tasan wohnten, an. Er berichtete ihnen, dass +er, der Häuptling von Lulu Sirang, gekommen war, um Kajan vom oberen +Mahakam und weisse Fremde, Niederländer, von jenseits des Meeres, +welche die Umgegeng besichtigen wollten und durchaus nichts Böses +gegen die Geister im Schilde führten, zu geleiten. + +Gänzlich beruhigt kletterten wir nun längs eines steilen Abhanges +über glatte, moosbedeckte Steine ungefähr 50 m weit hinunter und +begannen dann, den eigentlichen Gipfel, der gut 1100 m hoch war, +zu besteigen. Auf dem schmalen Gipfel standen wir aber vollständig +zwischen hohen Bäumen ohne jede Aussicht; daher musste entweder +der Wald gänzlich gefällt werden, woran fast nicht zu denken war, +oder auf einem der höchsten Bäume ein Beobachtungsposten gebaut +werden. Wohl oder übel entschlossen wir uns zu letzterem und trugen +unseren Bahau auf, von einem der schweren Bäume mit breiter Krone +die Äste teilweise zu entfernen, so dass auf den übrigbleibenden +ein festes Gerüst (_lasan_) aus Holz gebaut werden konnte, auf dem +unsere Instrumente aufgestellt werden sollten. Auch musste für uns +eine Leiter hergestellt werden. Dieser ihnen gänzlich neue Auftrag +schien meine Leute zu reizen, vielleicht hatten sie auch erwartet, +dass sie den ganzen Wald fällen sollten. Sie machten sich daher eifrig +ans Werk und stellten das Gerüst bereits abends fertig. Frierend, +durchnässt und sehr ermüdet kehrten wir nach unserem Lager zurück, +in dem _Midan_ uns mit einer Tasse warmer Chokolade empfing. Ein +Wechsel der Kleidung stellte unser Wohlbehagen bald wieder her und +gleich nach Sonnenuntergang begaben wir uns zur Ruhe. + +Das Thermometer zeigte morgens zwar noch 18° C., aber das Aufstehen in +der nasskalten Umgebung im dichten Nebel war doch nichts weniger als +angenehm. Eiligst begaben wir uns auf den Gipfel, in der Hoffnung, +über den Wolken eine ebenso freie Aussicht wie am ersten Morgen auf +dem Batu Mili zu geniessen. Es zeigte sich aber, dass der Gipfel +unseres Baumes nicht frei stand, sondern dass einige Bäume, die die +Aussicht benahmen, gefällt werden mussten. Da unser Baum der höchste +war, brauchten nur wenige Exemplare entfernt zu werden. + +Zur Erwärmung begann ich auf- und niederzuklettern und Moose und +Erdorchideen, die mit ihren prächtig gefärbten und gezeichneten +Blättern in Felslöchern verborgen sassen, zu suchen. Gesteine +konnte ich nicht sammeln, da alle Stücke an der Oberfläche durch und +durch verwittert und nicht mehr zu unterscheiden waren. Nur da, wo +ein grosser Block vom Abhang abgestürzt war und die Wand lotrecht +aufstieg, konnten wir später mit dem Schmiedehammer einige gute +Stücke abschlagen. + +Als die Wolken unter und um unseren Gipfel nach 10 Uhr sich zu erheben +anfingen, stellten wir unsere Instrumente auf. Obgleich das Wetter +nicht sehr günstig war, traten im Laufe des Tages doch die ganze +Umgebung und auch die Gebirge in der Ferne der Reihe nach hervor. Es +zeigte sich, dass das Kalkgebirge im Norden und Westen zahlreiche +Gipfel besitzt und von engen, tiefen Schluchten durchschnitten +wird. Aus einer dieser Schluchten kam der Merasè zum Vorschein, was +die Berichte der Buschproduktensucher bestätigte. Nach Osten, dem +Quellgebiet des Tepai und Nijan zu, geht das Gebirge in plateauförmige +Ketten über, deren weisse, senkrechte Wände denen des Batu Brok und +Matjan vollständig gleichen und daher ebenfalls aus Kalk bestehen +können. Im Gebiet des oberen Tasan wies man uns einen derartigen, +oben flachen Berg als den Batu Pala an, auf dem sich der Stamm der +Batu Pala einst ein Jahr lang gegen die Anfälle der Long-Glat unter +_Ledju Aja_ verteidigt hatte. + +Im übrigen ging aus den Aussagen der Ma-Suling nichts Sicheres hervor +und selbst _Obet Dewong_ der sehr wohl wusste, wie viel uns daran +gelegen war, den Batu Tibang zu finden, zeigte uns einen der Gipfel +des Kalkgebirges als den gesuchten Berg. Ich war anfangs geneigt, +ihm zu glauben, als aber später am Nachmittag in grosser Entfernung +hinter diesem Gipfel das Scheidegebirge mit dem Kajanfluss hervortrat, +das mit dem Batu Tibang in Zusammenhang stehen musste, sah ich, dass +_Obets Dewongs_ Behauptung falsch war und verwies ihm diese Art uns +zufrieden zu stellen. Das 1800-2000 m hohe Kalkgebirge verbarg uns +das dahinter liegende Gebirge und somit wahrscheinlich auch den Batu +Tibang. Das ganze Gebiet des oberen Mahakam jedoch lag schöner als je +vor uns. Der ganze südliche Teil bis zum Batu Lesong trat gut hervor, +ebenso der Gipfel des Batu Mili über dem Rücken des Ong Dia, während +nach Osten der Batu Ajo, Nijan u.s.w. scharf sichtbar wurden. Es +gelang _Bier_, die erforderlichen Peilungen und Skizzen bis zum Abend +zu beenden, so dass wir unsere Zelte am folgenden Morgen abbrechen +konnten und so früh unten anlangten, dass der ganze Teil des Flusses +vom Situn bis Lulu Sirang noch gemessen werden konnte. Ich war mit +den gesammelten Pflanzen und Gesteinen vorausgegangen und hatte auch +noch die Geröllbänke des oberen Merasè und Tasan untersucht, kam +aber dennoch mit _Obet Dewong_, den die Exkursion sehr angegriffen +hatte, noch zeitig nach Hause. Aus Furcht, dass ich am anderen Morgen +früh aufbrechen würde, stellten sich eine Menge Leute mit Hühnern, +Früchten, _taring tanah_ und anderen Dingen ein, um hierfür Arzneien +oder hübsches Zeug für Röcke oder Perlen einzutauschen. Ich war aber +zu müde zum Handeln und versicherte ihnen nur, dass ich mich noch +vor meiner Abreise mit ihnen allen befassen würde. + +Um seine Aufnahme noch bis zur Mündung des Merasè fortsetzen zu können, +machte sich _Bier_ am anderen Morgen als erster auf den Weg. Ich hatte +noch viele Stunden damit zu tun, Flaschen mit Jodkalilösung zu füllen, +Chininpulver und Pillen auszuteilen und meine schönen Stoffe sehen +zu lassen. + +Man gönnte mir kaum Zeit zum Essen, doch gelang es mir, noch vormittags +abzureisen. Zu meiner Beruhigung fühlte sich _Obet Dewong_ nach einer +gut verbrachten Nacht wieder wohler. Ich hinterliess ihre gegen seine +Fieberanfälle Chininpulver, dagegen versprach er, die beiden Böte, +nachdem sie mit Brettern (_rambing_) versehen worden waren, nach dem +Blu-u zu senden. + +Die Dorfbewohner sahen uns ungern abfahren, aber ich hatte ihnen +fast alle meine Arzneien ausgeteilt, in meinen Tauschartikeln war +hauptsächlich durch das Einkaufen von Ethnographica eine grosse Lücke +entstanden, und so blieb ihnen wenig mehr zu wünschen übrig. Die +Strömung brachte uns bald nach unten und in 3 1/2 Stunden kamen wir +in Napo Liu an. + +_Ledju Li_ hatte ich für die Verletzung des _lali_ auf dem Tasan +eine Busse zu bezahlen; die Angelegenheit wurde jedoch unter _Kwing +Irangs_ Leitung schnell geregelt. Weit mehr Unterhandlungen kostete +mir eine alte, schöne Perlenverzierung für ein Kindertragbrett +(_tap beneng_) mit zwei Menschenfiguren und einem Tigerkopf. Fast +der ganze Stamm entrüstete sich darüber, dass ein so altes Stück +die Niederlassung verlassen sollte, aber die Tochter der Besitzerin +liess sich durch meine schönen Elfenbeinarmbänder zum Verkauf der +Perlenarbeit verleiten. Die bereits erwähnte, schöne Jacke mit dein +Rand aus Knüpfarbeit wurde mir nun ebenfalls verkauft, so dass ich +von unserem Besuch in Merasè sehr befriedigt war. + +Wir sehnten uns alle nach Hause zurück und nahmen daher am 13. Tage +nach unserer Abreise vom Blu-u von Napo Liu Abschied und erreichten +wiederum gegen Mittag Batu Sala, wo wir die Nacht als Gäste des +Häuptlings, der inzwischen zurückgekehrt war, verbringen sollten. Den +Rest des Tages verwendete ich noch dazu, schöne Schwerter, hölzerne +Tätowiermodelle (_klinge tedak_) und Perlenmützen einzukaufen, deren +Besitzer inzwischen Zeit gehabt hatten, sich mein früheres Angebot +zu überlegen. Wir erfuhren hier wiederum, welch einen grossen Wert +das Einkaufen von Ethnographica für den Umgang mit den Eingeborenen +besitzt. Der Häuptling und seine Frau waren uns nämlich sehr freundlich +entgegengekommen, hatten uns aber zu verstehen gegeben, dass sie kein +Geschenk von uns annehmen wollten, dagegen gern bereit wären, uns +irgend welche Gegenstände zu verkaufen. Ich begriff, dass mir der Kauf +teuer zu stehen kommen würde, erhielt aber von dem Häuptling für 25 +fl. einen Korb (_ingan dawan_) mit Perlenverzierung zum Aufbewahren von +Gegenständen, wie er sonst von den Kajan nicht verkauft werden durfte, +und von seiner Frau für 15 fl. einen hübsch gestickten Rock. Der Bruder +_Bang_ verkaufte mir ein Schwert mit schöner Einlegearbeit. So waren +auch hier wieder alle Parteien zufrieden gestellt. + +Ein glücklicher Zufall liess uns unter dem Hause der Long-Glat eine +Heiratserklärung eines jungen Mannes entdecken. Sie bestand in einem +Holzstapel, der den Raum zwischen dem Brettersteg unter dem Hause +und der Wohnung der Auserkorenen vollständig füllte Das Holz war +als Brennholz von ungefähr 70 cm Länge gehackt und zwischen zwei +Stützbalken der Wohnung aufgestapelt worden. Zwischen das Brennholz +waren 5 Stücke eines Baumstammes gelegt, an deren abgeplatteten, +hervorragenden Enden die Versorgung der Frau durch den Mann +sinnbildlich dargestellt worden war. Die Symbole bestanden in einem +Beil (_ase)_, als Versprechen, Holz hacken zu wollen, einer Hacke +(_bekong_), als Versprechen, das Holz fein bearbeiten zu wollen, wie +es beim Bau der Böte notwendig ist, und drei verschiedenen Tellern +(_uwit_), einem grossen und zwei kleineren, als Versprechen, für +Reis (_honen_) und Zuspeisen (_udjo_) sorgen zu wollen. Neben dem +Holzstapel legt der Mann eventuell auch noch Geschenke nieder. Es +glückte _Demmeni_, einige gute Aufnahmen von dem Stapel zu machen und +einiges über die Hochzeitsgebräuche bei den Mahakamstämmen zu erfahren. + +Die Gebräuche sind bei den verschiedenen Stämmen und auch, je nachdem +es sich um Häuptlinge, Freie oder Sklaven handelt, verschieden. Im +allgemeinen wird eine Heirat zwischen Häuptlingen auf die gleiche +Weise wie zwischen Freien vollzogen; nur die Sklaven heiraten ohne +Zeremonien, doch gilt der Ehebund bei ihnen für ebenso fest als bei +den anderen. Die Häuptlinge der Long-Glat richten den Holzstapel +nicht unter, sondern vor dem Hause der Geliebten auf und fügen zu den +üblichen Symbolen einer Heiratserklärung auch noch schöne Geschenke +für die Braut. Von dieser Sitte weichen die Mahakam Kajan insofern +ab, als der junge Mann den Stapel in der Wohnung auf dem Gestell, +das über dein Herde zur Aufbewahrung von Brennholz dient, errichtet. + +Tritt bei den Freien ein junger Mann mit einem jungen Mädchen in +den Ehebund, so wird er von seinen Freunden unter Beckenschlag in +das Haus der Braut geleitet; die Hochzeitsgeschenke werden gleich +mitgebracht. Wie am Mendalam zieht auch am Mahakam der junge Ehemann +zuerst ins Haus seiner Schwiegereltern. Folgt dagegen ausnahmsweise +die junge Frau dem Manne, so wird sie von ihren Freundinnen zu ihm +geleitet. Nach der Ankunft setzen sich beide neben einander auf den +Boden, der Mann links, die Frau rechts, und essen einige gekochte +Reiskörner, die auf einem Bananenblatt rechts von ihnen liegen; der +Mann macht dabei den Anfang. Diese Zeremonie wird mit "_bekesow_" +bezeichnet und leitet nur eine vorläufige Ehe ein, während welcher +das Paar verschiedenen Verbotsbestimmungen unterworfen ist, die erst +beim folgenden Neujahrsfest aufgehoben (_bet lali_ oder _bet pawe_) +werden. Einer der ältesten im Stamme, der nicht immer ein Priester zu +sein braucht, tritt dann vor das Paar, ruft die Geister und die Seelen +verstorbener Familienglieder an und berichtet ihnen, dass die Heirat +vollzogen wird; ferner macht er die Jungvermählten auf ihre künftigen +Pflichten aufmerksam. Dann schlachten Mann und Frau je einen Hahn, +um aus der Beschaffenheit seiner Leber die Gesinnung der Geister +zu erkennen. Der Teil, dessen Hahn die besten Vorzeichen aufweist, +verspricht am meisten zur Wohlfahrt der Familie beizutragen. + +Die Jungverheirateten dürfen drei Tage lang die _amin_ nicht verlassen +und nur Reis, der in einem Bambusgefäss gekocht worden ist, essen. Das +Fleisch wilder oder zahmer Schweine und mit _tuba_ gefangene Fische +sind ihnen zu essen verboten. Nach Ablauf der drei Tage gehen beide +in ihren schönsten Kleidern acht (heilige Zahl) Mal zum Flusse. Der +bewaffnete Mann rodet mit seinem Schwerte etwas Gestrüpp aus, während +die Frau mit einer besonderen Schaufel (_uing_) etwas jätet. Gehören +sowohl Mann als Frau einer Häuptlingsfamilie an, so müssen sie den +Weg zum Flusse 2 × 8 Mal zurücklegen und stets wieder die gleiche +symbolische Feldarbeit verrichten. Dann gilt der Bund als endgültig +geschlossen. + +Die Frau bringt kein Heiratsgut mit; selbst ihre Schmucksachen gehen +nach ihrem Tode, falls keine erbberechtigten Kinder vorhanden sind, +an ihre Familie zurück; der Mann dagegen giebt den Eltern der Frau ein +Geschenk (_tendjai)_. Für Häuptlinge besteht das _tendjai_ in Gongen, +Schwertern, Wurfnetzen u.s.w., die von den Freien geliefert werden, +falls der Häuptling standesgemäss heiratet. Die Geschenke der Freien +dürfen nur in Schwertern oder Kattun bestehen. Festmahlzeiten sind +bei einer Heirat nicht gebräuchlich. + +Findet eine Scheidung auf friedlichem Wege statt, so giebt man +einander eine _utök_, d.i. eine vollständige Kleiderausstattung; +die Geschiedenen dürfen dann sogleich wieder eine neue Ehe +schliessen. Solange die _utök_ noch nicht gegeben ist, wird eine neue +Heirat als Ehebruch betrachtet und als solcher mit einer schweren +Busse (_kebehow)_, welche dem beleidigten Teil entrichtet werden muss, +bestraft. Trennen sich Eheleute ohne _utök_, so dürfen sie sich nicht +wieder verheiraten. + +Bei Ehebruch muss der schuldige Teil dem anderen und eventuell auch +einem beleidigten Manne resp. einer beleidigten Frau eine Busse +ausbezahlen. Das gleiche gilt auch für Sklaven. + +Eheliche Treue wird auch dann geheischt, wenn der Mann langdauernde +Reisen unternimmt. + +Ein Ehebruch wird, nach Auffassung der Bahau, von den Geistern durch +Missernten und andere Unglücksfälle an dem ganzen Stamme gerächt, +daher sucht man dessen schlimme Folgen von den übrigen Stammesgliedern +abzuwenden. Die Schuldigen werden mit Schweinen, Hühnern, 2 × 8 Eiern +und all ihrem Hab und Gut auf eine Geröllbank im Flusse ausgesetzt, +um den schlechten Einfluss, der von ihnen ausgeht, aufzuheben (= _bet +dawi_). Die Priesterinnen bestreichen das Eigentum der Schuldigen +mit dem Blut der Schweine und Hühner, um es unschädlich zu machen. + +Die Ehebrecher selbst lässt man mit 2 × 8 Eiern auf einem Floss von +der Strömung abwärts treiben. Sie retten sich, indem sie ins Nasser +springen und ans Land schwimmen. Wahrscheinlich war dies früher nicht +gestattet, wenigstens "erden sie jetzt noch von der Jugend mit langen +Grashalmen, die Lanzen vorstellen sollen, beworfen. + +Derartige Fälle kommen selten vor oder werden wenigstens selten +behandelt; der letzte soll sich bei den Kajan vor 10 Jahren zugetragen +haben. + +Die Bahau gehen teils Vernunfts- teils Liebesheiraten ein. Im +ersten Fall wird ein junger Mann mit einem kleinen, noch gänzlich +unerwachsenen Mädchen verlobt und zieht bisweilen dann schon ins Haus +der künftigen Schwiegereltern. Wenn dem Mädchen später der auserkorene +Bräutigam nicht gefällt, was häufig geschieht, setzt sie bei ihrer +Familie oft eine Heirat mit einem anderen, selbstgewählten Manne +durch. Sie entwickeln hierbei so viel Energie und Ausdauer, dass +sie, selbst wenn sie sich in einen Sklaven verliebt haben, den Sieg +davontragen. Ich erlebte zwei derartige Fälle bei den Mahakam Kajan, +bei denen die Kluft zwischen Freien und Sklaven überdies viel grösser +ist als bei anderen Stämmen. + +Am z. Dezember nahmen wir von Batu Sala Abschied und erreichten +noch am gleichen Tage Lulu Njiwung, dessen Häuptling _Ding Ngow_ +so schüchtern war, dass er in unserer Gegenwart kaum zu sprechen +wagte. Wir mussten hier des hohen Wasserstandes wegen zwei Tage +bleiben. Ein Teil der Niederlassung war uns verschlossen, da man +im langen Hause der Ma-Tuwan _lali nugal_ feierte; die Bewohner +der anderen Häuser begaben sich morgens sehr früh aufs Reisfeld und +kehrten erst abends wieder zurück. Wir hatten somit wenig Gelegenheit, +die Bevölkerung kennen zu lernen und Ethnographica einzukaufen. + +Besonders unangenehm war mir der Umstand, dass mich viele Kranke +um Arzneien baten und man mich zu bewegen suchte, noch so lange zu +bleiben, bis man mir auch die Kranken von den Reisfeldern ins Haus +gebracht habe. Denn meine Arzneien waren grösstenteils verbraucht +und mit dein Rest musste ich sehr sparsam umgehen. Es blieb mir +daher nichts übrig, als den Leuten zu versprechen, ihnen am Blu-u, +der nicht weit entfernt war, Arzneien austeilen zu wollen. Viele +von ihnen machten denn auch wirklich nach Ablauf der drückendsten +Feldarbeit von meiner Aufforderung Gebrauch. + +Den 16ten Tag nach unserer Abreise setzten wir unsere Fahrt bei +fallendem Wasser fort und erreichten wohlbehalten unsere Niederlassung +am Blu-u. Alles sah dort so aus, wie wir es verlassen hatten. Unsere +Kisten mit kostbaren Tauschartikeln, die der Häuptling in seiner +Wohnung unter dem Schutz seiner Frauen aufbewahrt hatte, brachten wir +in unser Haus zurück und sassen dann abends wieder sehr befriedigt +unter unserem festen, ruhigen Dache. + +Unser stilles Leben dauerte nicht lange, denn _Kwing Irang_ äusserte +den Wunsch, uns nun auch baldmöglichst in den verschiedenen +Pnihingniederlassungen einzuführen. Er hielt es nämlich für +wünschenswert, dass der Kontrolleur auch diesen Stamm näher +kennen lernte, auch wollte er nicht, dass sich die Pnihing durch +unser Fortbleiben zurückgesetzt fühlten. Für später hatte _Kwing_ +allerhand grosse Pläne, die ihn ans Haus fesselten, daher wollte er +den Besuch so schnell als möglich ins Werk setzen. Unsere Europäer +und die Pflanzensucher sollten sich an der Reise beteiligen, _Doris_ +und die Seinen dagegen sollten zu Hause bleiben, da unser unstätes +Leben für ein Sammeln auf zoologischem Gebiete nicht geeignet war, +wie wir während unseres Zuges nach dem Merasè erfahren hatten. Wir +hatten nun ein Boot weniger nötig, was den Kajan durchaus nicht gefiel, +da die jungen Leute, die nicht mit nach dem Merasè gezogen waren, +gehofft hatten, nun auf der Reise zu den Pnihing auf angenehme Weise +viel Geld zu verdienen. + +Als wir uns mit unserem Gepäck am 10. Dez. in 4 Böte verteilen +wollten, stellte sich heraus, dass sich zu viele reiselustige Kajan +eingefunden hatten. Der Häuptling hatte sie augenscheinlich zum +Zurückbleiben nicht überreden können oder wollen, und so musste ich +bei unserer Abreise, als alles bereits gepackt war, noch selbst drei +Männer zwingen, ihre Tragkörbe, Speere und Schilde aus den Böten zu +holen, die für so viele Leute nicht genügend Platz boten. _Kwing_ +gab zu unserer Freude den Wunsch zu erkennen, dass der Kontrolleur +die Fahrt in seinem Bote machen sollte und, da auch der Wasserstand +sehr tief war, zogen wir alle wohlgemut flussaufwärts. Für den +Häuptling bildete diese Fahrt eine wahre Vergnügungsreise, denn seit +meinem vorigen Besuch hatte er die Tochter eines Häuptlings in Long +'Kup geheiratet, die er wegen seiner kleinen provisorischen Wohnung, +in der sich bereits seine beiden anderen Frauen befanden, nicht bei +sich aufnehmen konnte. Seine älteste Frau _Hiang_ gestattete ihm nur +selten, zu den Pnihing zu fahren, und so bot ihm unsere Reise einen +erwünschten Ausweg. Wir konnten nun nicht umhin, in Long 'Kup zu +übernachten und zwar in der Galerie von _Kwings_ Schwiegervater. + +Die Häuptlingsfrauen zeigten sich für die schönen Perlen und Stoffe, +die ich ihnen mitgebracht hatte, sehr empfänglich; die Männer dagegen +hatten auch hier ihre eigenen Anschauungen über Geschenke und wollten +keine hübschen Sachen, wohl aber Arzneien von mir annehmen. + +Wir waren so früh angekommen, dass ich noch Zeit gehabt hätte, mit +vielen Bekanntschaft zu machen und Verschiedenes einzukaufen. Leider +blieb die Galerie leer, trotzdem ich früher bereits mehrmals hier +gewesen war; man schien sich vor uns also doch noch zu fürchten. _Kwing +Irang_ konnte sich von seiner jungen Frau nicht trennen und unsere +Kajan hatten sich zu ihren Bekannten begeben. Da keiner von uns +Pnihingisch sprach, war eine Unterhaltung mit den Hausbewohnern +unmöglich, und ich beschloss daher, mit dem alterprobten Mittel, der +Austeilung von Geschenken, eine Verständigung zwischen uns anzubahnen. + +Mit vieler Mühe suchte ich zwei kleine Mädchen, die uns aus der +Ferne verlegen anstarrten, dazu zu bewegen, sich uns zu nähern und +aus einer Dose einen bunten Fingerring hervorzuholen. Durch die +blitzenden Kleinodien angelockt zogen sie einander halb ängstlich, +halb lachend an den Röcken vorwärts. Zögernd streckte jede ihr +Ärmchen aus, ergriff einen Ring und eilte nach Hause, um ihren Schatz +zu zeigen. Bald darauf geriet die ganze Frauenwelt in Bewegung und +stellte sich mit ihren Kindern in dichter Reihe um mich herum. Eine +Dose voll Fingerringe nach der anderen verschwand, wobei die Frauen +den Kindern stets den Vorrang liessen. Um die Austeilung der kleinen +Geschenke, die wegen unserer Unkenntnis der Sprache recht einförmig +verlief, etwas zu beleben, versteckte ich die Perlen, Nadeln oder +Ringe in meiner Hand oder hielt diese so fest, dass jede nur mit einer +kleinen Anstrengung zu ihrem Geschenk gelangen konnte. Die Zuschauer +amüsierten sich herrlich über die Bemühungen derjenigen, die an der +Reihe war. Einige wurden verlegen, aber keine wurde böse. Bald wurde +unsere Umgebung so vertraulich, dass einige die wenigen Worte Busang, +die sie kannten, zu sprechen wagten. Mit hübschem, geblümtem Zeug, +Perlenketten und dergl. suchte ich die Frauen zu bewegen, mir einiges +von ihrem Hausrat und ihren Kleidungsstücken zu verkaufen und war mit +meinen vorläufigen Unterhandlungen sehr zufrieden. Schnitzarbeiten +und andere Kunstartikel konnte ich nicht erhalten, weil die Pnihing +nichts derartiges herstellen, wohl aber einige Röcke mit hübschen +-Rändern, einige Hüte und, was uns ebenfalls sehr willkommen war, +eine grosse Menge Reis, Hühner und Früchte. Böte, deren ich immer +noch nicht genug hatte, konnte ich hier nicht kaufen, doch sollten +sie in der Pnihingniederlassung am Tjehan zu haben sein. + +An der Mündung des Tjehan in den Mahakam liegt der Liang Karing, dessen +schöne weisse Kalkfelsen die Landschaft beleben. In der Hoffnung, +von diesem Berge aus eine gute Übersicht über diesen Teil des oberen +Mahakam zu erhalten, beschlossen wir, in dem an der Mündung- gelegenen +Pnihinghause zu übernachten. Morgens früh brachen wir von Long 'Kup +auf und erreichten zuerst _Belarès_ Niederlassung, an der wir nicht +Halt machten, da die Pnihing augenblicklich auf ihren Reisfeldern +wohnten und der Häuptling sich mit einigen Männern auf der Jagd am +oberen Mahakam befand. Schon seit Jahren zog _Belarè_, sobald er +die Zeit dazu fand, für viele Wochen in den Wald und lebte dort fast +gänzlich von dem, was der Wald ihm lieferte. + +Um 12 Uhr legten unsere Böte bei der Niederlassung am Tjehan an. Die +Hausbewohner erklärten, keinen Weg auf den Liang Karing zu kennen und, +da ich ihre Abneigung gegen Besteigungen dieser Berge kannte, schickte +ich _Maring Kwai_, einen jungen Mann, der bereits im Jahre 1897 mit +meinem Pflanzensucher _Djahéri_ einen Gipfel des Liang Karing bestiegen +hatte, und _Suka_, der für dergleichen Exkursionen am geeignetsten war, +aus, um einen Weg zu suchen, der auch für _Bier_ und mich brauchbar +war. Inzwischen erfreuten wir uns zum ersten Mal wieder an einer +guten Mahlzeit und erhielten bald darauf die willkommene Nachricht, +dass man den Gipfel des Berges von der einen Seite aus erreichen +könne. _Suka_ hatte _Maring_ nur mit grosser Anstrengung auf dem +früheren Pfade nach oben folgen können, aber sie hatten vom Gipfel +aus für den Abstieg einen besseren Weg gefunden. + +Um keine Zeit zu verlieren, brach ich mit _Bier_ und den +Pflanzensuchern sogleich auf. Wir setzten über den Fluss und standen +bald darauf vor den senkrechten Kalkwänden des Liang Karing. Auf der +rechten Seite bemerkte ich am Fuss des Berges grosse Höhlen, in denen +die Pnihing ihre Toten beisetzen; ich hielt es jedoch nicht für ratsam, +die Leute am Tjehan durch meine Neugierde zu beunruhigen und schlug, +um den gefundenen Weg zu erreichen, die entgegengesetzte Richtung ein. + +Die hier schwach geneigten Sandsteinschichten heben sich deutlich +von dem anschliessenden Kalkgestein ab, in gleicher Weise wie dies +bei den Kalkkegeln am Bulit der Fall ist. Da es mir nicht glückte, +Fossilien zu finden, kann das Alter dieser Schichten vorläufig +nicht bestimmt werden. Weiter aufwärts gelangten wir an die Stelle, +von der aus die Besteigung beginnen konnte. Die Felswände waren hier +zwar ebenso steil als an der anderen Seite, aber ein Kamin, der unten +gänzlich mit abgestürzten, von Moos und Algen bedeckten Kalkblöcken +angefüllt war, machte einen Aufstieg möglich. Mit Händen und Füssen +kletterten wir an einer Seite, wo das Kalkgestein scharfe Vorsprünge +und Vertiefungen zeigte, an der lotrechten Wand empor und erreichten +die Stelle, an der sich die Wände in einem Bogen dem Gipfel zuneigten. + +Die scharfen Spitzen und Kanten des Gesteins drangen durch unsere +nassen Stiefelsohlen hindurch; wie die unbeschuhten Füsse der +Eingeborenen Stand hielten, erschien uns unbegreiflich. Auch oberhalb +der Wände war der Berg noch so steil, dass wir nur mit Hilfe des +Gestrüppes, das hier wuchs, vorwärts kamen. In noch höherem Masse als +der schlechte Weg hielt mich jedoch die interessante Vegetation auf; +in den mit Moos und Algen dicht bewachsenen Spalten und Höhlen der +Kalkfelsen hatten nämlich Begonien und Erdorchideen eine Farbenpracht +ihrer Blätter entwickelt, wie ich sie noch nirgends beobachtet +hatte. Auf den langen, spitzen Blättern der Begonien wechselten +Gold und Silber mit prächtigem Rot, Braun und Violett, während die +marmorierten Blätter der Erdorchideen ein mit dem Alter wechselndes +Farbenspiel zeigten. Die Pflanzensucher hielten eine reiche Ernte, +was um so erwünschter war, als die auf der vorigen Reise gesammelten +Pflanzen während des langen Aufenthaltes bei den Kajan umgekommen +waren. In kurzer Zeit erreichten wir den Gipfel des Berges, der nur +spärlich mit Gestrüpp und krautartigen Pflanzen bedeckt und durch den +Regen stark zerklüftet und erodiert war. _Bier_ machte sich sogleich +an die Arbeit und bedauerte nur, dass zahlreiche, höhere Berge die +Aussicht beeinträchtigten. Die auf das hohe Kalkgebirge Batu Matjan +im Norden, den Batu Lesong im Süden und viele andere Punkte in der +Umgebung ausgeführten Peilungen machten jedoch auch diese Exkursion +wertvoll. Abends kehrten wir steif und nass ins Dorf zurück, wo +_Barth_ und _Demmeni_ die Zeit in Gesellschaft vor. _Kwing Irang_, +dessen ältestem Sohn und dem freundlichen Häuptling _Bo Anjè_ +und dessen Frau verbracht hatten. Unter dem angenehmen Eindruck +dieser Unterhaltung bot man uns eine reiche Mahlzeit mit Huhn, +Eiern und Früchten an. Um 7 Uhr abends lagen wir bereits in tiefem +Schlaf. Unserer Gesellschaft schien es hier sehr gut zu gefallen, +ich dagegen wollte lieber so früh als möglich weiter reisen. Die +Fahrt hatte aber bei dem niedrigen Wasserstande und der Grösse des +einen Bootes ihre Schwierigkeiten, daher langten wir erst um 1/2 3 +Uhr bei der mir von früher her bekannten Niederlassung der Pmhing am +Pakatè, einem kleinen Nebenfluss des Tjehan, an. _Demmeni_ hatte auf +der Fahrt eine gute Aufnahme des Kiham Tukar Anang machen können, +eines Wasserfalles, der durch im Flussbette liegende Kalkblöcke +gebildet wird. + +Wie die anderen grossen Niederlassungen der Pnihing steht auch die +am Pakatè unter mehreren Häuptlingen, von denen jeder über seiner +Wohnung ein erhöhtes Dach und vor ihr eine verbreiterte Galerie +besitzt, so dass das Dach der Pnihing nicht wie dasjenige anderer +Bahauhäuser eine nur einmal, sondern eine mehrfach unterbrochene Linie +aufweist. Einer dieser Häuptlinge ist stets der angesehenste, hier war +es _Paren_. Wir Europäer hielten in seiner Galerie Einzug, während die +Malaien beim Häuptling _Bang_ einquartiert wurden. Da sich beinahe alle +Hausbewohner auf den Reisfeldern aufhielten, hatten wir Zeit, zuerst +an unsere eigenen Angelegenheiten zu denken, unter denen der Einkauf +von grossen Böten und Ethnographica die wichtigsten bildeten. Das +grosse Boot des Häuptlings _Paren_, das bei meinem früheren Besuch +noch im Walde lag, erwies sich als lang, aber als viel zu schmal, +um stark beladen werden zu können; daher kam ich mit _Kwing Irang_ +überein, anstatt dieses einen Bootes zwei kleinere zu suchen. Es +glückte ihm auch, zwei passende Böte zu finden, die ich abends nach +der Rückkehr des Besitzers von der Feldarbeit für Zeug und Geld erwarb. + +Ich hatte die Leute bereits das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht, +dass ich gern allerhand Gegenstände kaufen wollte, nun schienen +sie sich über die Dinge, die sie missen konnten, inzwischen klar +geworden zu sein; denn anderen Tages kamen sie mit hübschen Röcken, +Schwanzfedern des Rhinozerosvogels und auch mit Reis und Früchten an, +so dass ich meine Tauschartikel stark angreifen musste. Zum grossen +Erstaunen ihrer Besitzer kaufte ich auch einige eigenartig geschnitzte +Türschwellen. Die Nachfrage nach Chinin und Jodkali war auffallend +gross; letzteres war besonders nötig, da die Pnihing an Kröpfen +leiden. Es tat mir leid, dass die Tochter des Häuptlings _Bang_, die +einen kindskopfgrossen Kropf besass, den Gebrauch der Jodkalilösung, +die ich ihr das vorige Mal in drei Weinflaschen übergeben hatte, +nicht fortgesetzt hatte. Da ein langdauernder Gebrauch von Jodkali +den Umfang kleinerer oder grösserer Kröpfe stark vermindert, hätte +es mich interessiert zu beobachten, ob auch bei dieser bedeutenden +Hypertrophie eine Wirkung eingetreten wäre. Die Familie hatte ihrem +Gedächtnis in bezug auf meine Vorschrift nicht vertraut und das Mittel +daher nicht weiter gebraucht. Dass man an der Arznei nicht zweifelte, +bewies der grosse Zulauf der Leute mit gut gereinigten Weinflaschen, +welche ich mit der Lösung füllen sollte. Da es heftig regnete und +die Wolken so niedrig hingen, dass an ein Ausgehen, um von irgend +einem Punkte eine Übersicht zu erhalten, nicht zu denken war, konnte +ich alle Wünsche meiner Patienten, die zum grössten heil weiblichen +Geschlechtes waren, erfüllen. + +Als der Himmel sich etwas aufhellte, begaben wir uns auf einen neben +dem Hause gelegenen 100 m hohen Hügelrücken, auf dem die Pnihing den +Wald für die Anlage eines Reisfeldes gefällt hatten. Der Hügel bot +uns einen schönen Aussichtspunkt, der steile und gewundene Pfad, der +über halb verfaulte Baumstämme und Äste und zwischen nassem Gestrüpp +hindurch führte, war aber nichts weniger als bequem. Auf dem Gipfel +angelangt dauerte es noch einige Zeit, bis die Wolken sich genügend +verteilten, um uns eine beschränkte Aussicht auf den Batu Lesong und +das Gebirge am Ulu Serata zu gewähren. In der Nähe war kein höherer +Gipfel vorhanden, der uns eine umfangreichere Aussicht gewähren konnte, +daher beschlossen wir, unseren Aufenthalt am Tjehan abzukürzen. _Bier_ +sollte am folgenden Tage den Tjehan so weit als möglich hinauffahren +und den Fluss dann bis zu seiner Mündung messen. Wir wurden aber noch +einen Tag lang durch allerhand Geschäfte aufgehalten, hauptsächlich +auch durch die zahlreichen Pflanzen, welche unsere Pflanzensucher +gesammelt hatten. Der von uns bestiegene Hügelrücken bot ebenfalls +eine reiche Flora; besonders auffallend waren die zahlreichen Arten der +Farren. Einige besassen höchst seltsame Blätter, z.B. grasförmige, oder +vollständig viereckige, oder in Form von Eichenblättern; die meisten +zeigten die dunkle, stahlblaue Farbe der echten Urwaldpflanzen. Die +Exemplare wurden an Ort und Stelle in kleine Körbe gepflanzt, die ich +zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, sie füllten nicht weniger als 7 +grosse Körbe; ausserdem hatte _Amja_, der sich hauptsächlich mit dem +Herbarium beschäftigte, noch von diesen und anderen Arten eine grosse +Menge getrocknet. + +Den dritten Tag unseres Aufenthaltes widmete ich gänzlich +den Hausbewohnern, indem ich bereits früh morgens mit einer +allgemeinen Austeilung von Fingerringen begann, die ich ihnen +früher versprochen hatte. Obgleich die Frauen bereits das vorige +Mal zahlreiche Fingerringe von mir gekauft oder erhalten hatten und +diese Zierrate an den Händen der stets arbeitenden Frauen sich als +sehr undauerhaft erwiesen hatten, schien sich die Lust nach ihrem +Besitze nicht vermindert zu haben; denn die Frauen eilten aus der +ganzen Niederlassung herbei und belagerten uns in dichten Haufen. Da +hier viele Frauen und Töchter von Häuptlingen anwesend waren, denen +ich nicht allen besondere Geschenke geben konnte, erwies ich ihrer +Würde die nötige Aufmerksamkeit, indem ich ihnen gestattete, nicht nur +einen, sondern mehrere Fingerringe selbst zu wählen. Dieses Vorrecht, +schien in der Tat viel Anerkennung zu finden. + +Unter den Anwesenden vermisste ich ein auffallend hübsches Mädchen, +das, wie ich erfuhr, die Tochter des Häuptlings _Bang_ war. Vor Sorge +um ihren Mann, den Malaien _Si Hebar_, der vor langer Zeit mit dem +Versprechen bald zurückzukehren nach dein Busang gezogen war, um dort +Buschprodukte zu sammeln und nichts von sich hatte hören lassen, +war die Frau nicht dazu zu bewegen gewesen, in unsrer heiteren +Gesellschaft zu erscheinen. + +Dieser _Si Hebar_ war einst, als er es in den trostlosen Wäldern +am Busang nicht mehr hatte aushalten können, zu den Mahakamstämmen +gezogen, bei denen er allen Mädchen die Köpfe verdrehte. Erst lebte er +eine Zeitlang mit _Lirung_, der Tochter des Häuptlings am Howong. _Amun +Lirung_ und seine energische Gattin waren aber über diese Freundschaft +durchaus nicht entzückt und, da _Lirung_, wie wir uns in Long 'Kup, +wo sie jetzt mit _Tingang Kohi_ verheiratet ist, überzeugen konnten, +kein anziehendes Äusseres besass, war er zu den Pnihing am Pakatè +gezogen. _Bangs_ Tochter, die mir schon auf der vorigen Reise ihrer +Schönheit wegen aufgefallen war, hatte es dem malaiischen Don Juan +angetan, er freite um sie, ohne auf die Gefahr, die ihm vom Howong her +drohte, zu achten. Dass ihr Geliebter sie verlassen und wo anders Trost +gefunden hatte, konnte _Lirung_ aber nicht verwinden. Sie sehnte sich +nach Rache und trug drei Männern der Bukat, die neben der Niederlassung +ihres Vaters wohnten, auf, dem _Si Hebar_ im Walde nachzustellen und +ihr seinen Kopf zu bringen. Das Schlachtopfer schien indessen etwas +Ähnliches von der früheren Geliebten erwartet zu haben, denn er begab +sich mir mit grosser Vorsicht ausserhalb des Hauses und die Bukat +mussten ohne sein treuloses Haupt nach dem Howong zurückkehren. Lirung +geriet über das Missglücken ihres Racheplans in Wut und warf den +Bukat vor, dass sie keine Männer seien, dass sie Frauenröcke zu tragen +verdienten und dass sie eine solche Männerarbeit mit besserem Erfolge +ausgeführt hätte. Tief beschämt kehrten die Bukat in den Wald zurück +und schlugen, um _Lirung_ ihre Männlichkeit zu beweisen, zwei Seputan +vom Kaso die Köpfe ab. _Si Hebar_ aber hatte seinen Aufenthalt am +Pakatè auf die Dauer wohl nicht für sicher gehalten und daher sein +Nomadenleben am Busang wieder aufgenommen. + +Seine verlassene Frau konnte ihre Neugierde, als das Kichern und Jubeln +der Menge bei der Austeilung immer lauter wurde, schliesslich doch +nicht bezwingen und erschien plötzlich in unserem Kreise. Sie hatte +die Kleidung der Pnihingfrauen gegen ein dunkles, malaiisches Gewand +vertauscht, was ihre Erscheinung sehr beeinträchtigte; da sie in den +letzten zwei Jahren auch noch ihre Jugendfrische eingebüsst hatte, +war sie lange nicht mehr so anziehend wie früher. Für ein hübsches +Stück Zeug zeigte sie trotz ihres Kummers immer noch Interesse und, +nachdem sie es einmal angenommen, bat sie mich sogleich auch um einen +Ring mit einem besonders grossen Stein. + +Zum Schluss entspann sich unter uns ein lebhafter Hühnerhandel. Die +Hühner, die die Kajan zum Verkauf für uns zur Verfügung +hatten, erreichten nämlich ihr Ende und, um nicht gleich auf +allerhand Surrogate angewiesen zu sein, versuchte ich hier Hühner +einzukaufen. Während die Kajan uns meistens Hennen zu essen gaben, +weil sie von den jungen Hähnen eventuelle Kampfhähne erwarteten, +verkauften uns die Pnihing lieber die Hähne, da sie die eierlegenden +Hühner höher schätzten. Die Hähne waren kaum in unserem Besitz, als +die Kajan sie mit viel Aufmerksamkeit betrachteten und betasteten, +mit dem Resultat, dass ihrer drei aus _Midans_ Händen gerettet wurden +mit dem Versprechen, sie zu Hause durch andere zu ersetzen. Obwohl +überzeugt, dass der Tusch nicht zu meinem Vorteil ausschlagen würde, +gab ich ihrem Wunsche doch gerne nach. + +Nach diesem letzten, ruhigen Tage wollte ich anderen Morgens früh +aufbrechen, musste aber die Leute, um die Böte zu Wasser zu lassen +und das Gepäck einzuladen, stark antreiben. Bevor wir nämlich +nach dem Blu-u zurückkehrten, sollte unterwegs noch manches +vorgenommen werden. Am meisten interessierte uns ein Besuch, +den wir einem Begräbnisplatz der Pnihing am Fuss des Liang Nanja +machen wollten. _Kwing Irang_ hatte uns schon auf der vorigen Reise +hierhergeführt, weil er unser Interesse für dergleichen kannte, und +wohl auch, um uns von dem Begräbnisplatz der Kajan fernzuhalten. Nun +schlug er uns selbst vor, unser Essen auf der Geröllbank unterhalb +des Kiham Tukar Anang am Fusse der Kalkberge zu kochen. + +Zum Glück waren keine Pnihing unter uns und, ohne den Kajan viel zu +sagen, bahnten _Demmeni_ und ich uns einen Weg durch den Waldesrand +und fanden denn auch den Pfad, der uns über einige Felsblöcke zur +weissen Wand führte, die, soviel wir durch den Wald sehen konnten, So +m hoch gerade aufstieg und dann ein überhängendes Gewölbe bildete. Im +Walde rührte sich kein Blatt und die senkrecht über uns stehende +Sonne warf grelle Lichter und dunkle Schlagschatten auf die wild +umherliegenden Felsblöcke, die augenscheinlich von dem hohen Gewölbe +einst abgestürzt waren. Während wir noch darüber in Unsicherheit waren, +welchen Weg wir in diesem Chaos einschlagen sollten, erschienen zwei +unserer jungen Kajan und machten uns hinter einem Felsvorsprung auf +neun Särge. aus ausgehöhlten Baumstämmen aufmerksam, die zwischen dem +Fuss der Wand und einem grossen Kalkblock in drei Reihen übereinander +gestapelt standen. Die Särge mussten bereits alt sein, denn durch +den eingesunkenen Boden des einen kam ein Schädel zum Vorschein. + +Einer der Kajan erstieg, um besser sehen zu können, einen höher +gelegenen Punkt und winkte uns, ihm zu folgen. Wir überblickten nun +den ganzen Fuss der Felswand, an der sich in langer Reihe. Gruppen +von Särgen befanden, die mit den danebenstehenden Waffen und +Kleidungsstücken im grellen Sonnenlicht einen unheimlichen Eindruck +auf uns machten; dazu fürchteten wir uns, von Pnihing überrascht +zu werden. Still begaben wir uns nach der anderen Seite der +Felswand, die uns einen geeigneten Standpunkt zur Aufstellung unseres +photographischen Apparates versprach. Den beiden Kajan war es ebenfalls +unheimlich zu Mute, sie folgten uns aber doch stillschweigend. + +Von der anderen Seite konnten wir alles gut übersehen: die Särge, +welche von der überhängenden Wand vor Regen beschützt wurden, +standen über und rieben einander um grosse, viereckige Kisten herum, +in denen sich durch einander alle Dinge befanden, welche den Toten +für das Leben im Jenseits mitgegeben werden, wie Tragkörbe, Hüte, +Schilde und Waffen; daneben dienten mit der Spitze nach oben in die +Erde gesteckte Speere zum Aufhängen von Kriegsmänteln und Hüten. + +Die Särge waren unverziert und bestanden nur aus ausgehöhlten +Baumstämmen, die mit einem Brett oder Schild lose bedeckt +waren. Dagegen trugen alle Kisten mit den Gegenständen farbige +Malereien, hauptsächlich Masken böser Geister; eine Kiste zeigte +an einer Seitenwand ein Relief von 3 dm grossen, bunt bemalten +Menschenfiguren.. + +_Demmeni_ und ich fühlten uns durch dieses stille, grellbeleuchtete +Schauspiel unter der hohen, weissen Wand mit dem finsteren Urwald +ringsherum wie von einem Traume befangen. Während wir alles für eine +Aufnahme vorbereiteten, erschien zu unserem Schreck plötzlich ein Hund +vor uns, der uns sogleich eine Gesellschaft Pnihing vermuten liess. Das +Tier sah so abgezehrt aus, dass es augenscheinlich bereits lange Zeit +umhergeschweift war; die Kajan erzählten uns, dass die Pnihing ihre +Hunde, wenn sie bissig und daher Kindern gefährlich wurden, bisweilen +verstiessen. Unsere Gemütsverfassung wurde dadurch aber nicht ruhiger, +daher beeilten wir uns mit der Aufnahme. Unsere Begleiter dagegen +wurden so mutig, dass der eine sich bereit erklärte, einen Speer für +unsere Sammlung fortzunehmen. Den Ruf eines Grabschänders wollte ich +mir in dieser Gegend jedoch nicht erwerben und verbot daher den Raub. + +Bei unserer Rückkehr zu den Böten fragte mich _Kwing Irang_, warum +wir nicht einige Schädel mitgenommen hätten. Die Kajan selbst wären +für eine derartige Schändung ihrer Toten im stande gewesen, uns zu +töten. So bestehen zwischen diesen Stämmen stets Missgunst und der +Wunsch, einander etwas Unangenehmes zuzufügen. + +Inzwischen hatten die Kajan und Malaien ihr Essen gekocht und +nach einer eiligen Mahlzeit bestiegen wir wieder unsere Böte und +erreichten noch früh genug die Niederlassung an der Tjehanmündung, +um noch Hühner und Früchte einzukaufen und zu sehen, ob der Häuptling +sein Versprechen, uns Schwanzfedern des Rhinozerosvogels zu besorgen, +gehalten hatte. Diese Federn sind nämlich bei den Kajan sehr kostbar +und eigentlich auch nicht käuflich, aber die Pnihing, die so viele +Jägerstämme unter und um sich haben, waren eher geneigt, sie uns +abzutreten. Ich erhielt nun auch eine genügende Anzahl Federn, um die +Holzmasken vom Saatfest, die ich ohne Kriegsmützen und Federn hatte +kaufen müssen, mit ihnen zu schmücken. + +In der Nähe der Mündung trafen wir _Bier_ mit seinen Leuten und +blieben noch so lange beisammen, bis wir zu gleicher Zeit abfahren +konnten. Um nicht die Niederlassung von _Belarè_ zu übergehen, sollten +wir auf _Kwing Irangs_ Rat dort anlegen, obwohl _Belarè_ und _Kaharon_ +sich immer noch auf der Jagd am oberen Mahakam befanden. + +Wir sahen zwar nur wenige Personen, aber für _Kwing Irang_ und die +Seinen war der Besuch doch von Wert, denn sie benützten die günstige +Gelegenheit, um _Belarès_ Wohnung und Vorgalerie zu messen, damit sie +das neue Haus _Kwing Irangs_, mit Rücksicht auf seine höhere Geburt, +entsprechend grösser bauen konnten. Ich begriff anfangs nicht, was sie +eigentlich wollten; sie nahmen eine Stange, verkürzten sie auf Armweite +und massen dann sehr genau die Dimensionen der Dielen von Wohngemach +und Galerie. Da in der letzten Zeit öfters davon die Rede gewesen +war, dass man nach Ablauf der drückendsten Saatzeit mit dem Hausbau +beginnen wollte, merkte ich, dass sie nun wirklich für ein würdiges +Heim für _Kwing Irang_ sorgen wollten. Ihre Beratungen dauerten +mir aber zu lange und, da _Kwing_ ohnehin in Long 'Kup übernachten +wollte, wir dagegen nicht, über liess ich sie ihren Angelegenheiten +und fuhr weiter nach dem Blu-u, wo wir, mit Erfahrungen, Ethnographica, +Pflanzen und Böten bereichert, sehr befriedigt anlangten. + +Einige Tage darauf erhielten wir durch die Ankunft des Malaien +_Hadji Umar_ ganz unerwartet Nachrichten von der Aussenwelt. _Umar_ +stammte vom unteren Kapuas her, hielt sich aber seit zehn Jahren als +Anführer einer Gesellschaft Buschproduktensucher am oberen Murung und +oberen Mahakam auf und genoss sowohl bei seinen Landsleuten als bei +den Bahau einen guten Ruf. Ich hatte gehofft, von der Unterstützung +dieses Mannes, dessen gute Gesinnung der niederländischen Regierung +gegenüber ich kannte und der im Jahre 1897 bei einer Begegnung in +Udju Tepu einen günstigen Eindruck auf mich gemacht hatte, Gebrauch +machen zu können. Wie wir bereits in Putus Sibau gehört hatten, +befand sich aber _Umar_, bei unserer Ankunft am oberen Mahakam, noch +an dessen Mittellauf, daher liessen wir den Assistent-Residenten +von Samarinda bitten, uns _Umar_ entgegenzusenden. Dieser hatte +sich aber nur auf einen Brief des Assistent-Residenten hin nicht +flussaufwärts begeben wollen, sondern war, um Näheres zu erfahren, +erst nach der Mündung des Mahakam gereist und hatte auch in Tengaron, +dem Sitz des Sultans von Kutei, Halt gemacht. Hierdurch erhielten +wir so schnell, als überhaupt möglich war, Briefe und Pakete von der +Küste. Eine grosse Freude bereitete uns auch ein Packen drei Monate +alter europäischer Zeitungen, welche die "Societeit" von Samarinda uns +zur Verfügung gestellt hatte. Nachdem wir unsere Neugierde befriedigt +hatten, lieferten die Zeitungen noch ein ausgezeichnetes Material +zum Einpacken von Vögeln, Säugetierhäuten und Ethnographica. + +Von dem grössten Interesse war uns aber _Hadji Umar_ selbst, weil er +die Verhältnisse unter den Bahau am besten kannte und weil er uns über +die Gesinnung der Long-Glat weiter unten am Flusse am zuverlässigsten +Auskunft geben konnte. + +Der Malaie zeigte sich anfangs aber nicht sehr gesprächig und zwar +nicht nur uns, sondern auch _Kwing Irang_ gegenüber, denn als dieser +wie gewöhnlich abends mit den jungen Leuten die Hähne kämpfen liess +und _Umar_ ebenfalls in den Kreis trat, grüsste er den Häuptling nur +von Weitem. Man hätte glauben können, dass die beiden einander nicht +kannten oder dass sie sich täglich sprachen, so wenig Beachtung +schenkten sie einander; dabei hatte _Umar_ früher Jahre lang bei +_Kwing_ gewohnt und war nun lange fort gewesen, zudem wollten sich +beide gewiss gern über die politische Bedeutung unserer Expedition +aussprechen. Augenscheinlich hatte _Umar_, als er dem Häuptling +abends einen offiziellen Besuch machte, mit diesem überlegt, wie er +sich uns gegenüber in Zukunft verhalten sollte, denn am folgenden +Morgen hatte sein Gesicht einen weniger ernsten Ausdruck, auch gab +er uns im Laufe des Gesprächs eine deutliche Vorstellung von der +Stimmung der Niederlassungen unterhalb der Wasserfälle. Nachdem ihm +der politische Zweck unserer Reise eingeleuchtet hatte, zeigte er +sich geneigt, sich gegen einen Gehalt von 50 fl. monatlich unserer +Expedition anzuschliessen. _Umar_ war mit vier Malaien heraufgekommen, +wir hofften daher, auch an diesen vier an das Waldleben gewöhnten +Menschen gelegentlich eine gute Stütze zu finden. _Umar_ zog vorläufig +in das Haus eines Glaubensgenossen, der mit einer kleinen Gesellschaft +Mohammedaner am jenseitigen Ufer wohnte. Durch seine Friedensliebe +und Gutmütigkeit hatte _Kwing Irang_ bereits seit dem Beginn seiner +Häuptlingschaft eine ganze kleine Kolonie von Malaien herangelockt, +die sich aber von den Kajan stets in einigem Abstand hielten. Als der +Stamm sich noch weiter oben am Blu-u aufhielt, wohnten die Malaien +bereits am Mahakam unter Aufsicht eines Bandjaresen vom oberen Murung, +namens _Utas_, der mit einer Nichte von _Kwing Irang_, _Lirung_, +verheiratet war. _Utas_ lebte teils auf Kosten seiner Frau, teils +verdiente er selbst etwas durch Handel und Handwerkerarbeit, wie +z.B. durch Herstellen silberner Ohrringe aus Münzen, durch Reparieren +von Kupfersachen u.s.w.; ausserdem übte er das Amt eines Arztes und +nötigenfalls auch eines Bahaupriesters aus. Er verbrachte seine Zeit +abwechselnd bei _Lirung_ am Mahakam und auf sogenannten Handelsreisen +am Murung, wo er in Wirklichkeit bei seiner zweiten Frau und seinen +Kindern lebte. + +Auch jetzt noch nehmen sich die meisten Malaien für längere oder +kürzere Zeit Frauen aus dem Kajanstamme. Ausser diesen einigermassen +stabilen Familien befindet sich in der Kolonie stets eine grosse +Menge Gäste, Händler und Buschproduktensucher, die sich hier nur +vorübergehend aufhalten. Zur Zeit des _Hadji Urar_ war der Zufluss an +Fremden viel grösser gewesen, aber, seitdem die Guttaperchabäume im +Tal des Blu-u ausgerodet worden waren, hatte sich die grosse Menge der +Buschproduktensucher am oberen Mahakam um _Temenggung Itjot_ geschart. + +Die Niederlassung der Malaien hiess, ihrer Lage an der Mündung des +Bulèng nach, Long Bulèng. Da _Hadji Umar_ seine Familie vorläufig noch +in Long Tepai gelassen hatte, kehrte er nach zwei Tagen dorthin zurück +mit dem Versprechen, in fünf Tagen wieder zurück zu sein. Aus meinem +Gespräch mit ihm merkte ich, dass die Häuptlinge am Unterlauf gern +etwas Näheres über unsere Pläne hören wollten und dass es hauptsächlich +für _Bang Jok_, der in den letzten Jahren zahlreiche Kopfjagden hatte +ausführen lassen, eine grosse Beruhigung sein musste, dass wir uns +mit dem, was geschehen war, nicht mehr befassen wollten. + +Am selben Tage hatten wir noch Gelegenheit, den Kajan zu zeigen, +wie wünschenswert unsere Gegenwart für sie war. Eine Gesellschaft +Batang-Lupar aus Serawak kam nämlich den Mahakam heruntergefahren mit +der Absicht, die Fahrt noch weiter fortzusetzen. Eine derartige kleine +Gesellschaft ist aber, wenn sie nicht einen bestimmten Zweck ihrer +Reise angeben kann, stets verdächtig, insbesondere in diesem Fall, +da aus Serawak Gerüchte über eine drohende Kopfjagd als Strafe für +einen an fünf Landsleuten am Boh verübten Mord im Umlauf waren. Der +Mord war durch Punan im Auftrage von _Bang Jok_ ausgeführt worden, +der das Stehlen von Buschprodukten in seinem Gebiet mit scheelen Augen +angesehen und zuletzt seine Zuflucht zu einer so scharfen Massregel +genommen hatte. + +Augenscheinlich hatten die Pnihing die Gesellschaft Batang-Lupar nicht +aufzuhalten gewagt; da die Kajan sich auch nicht energischer zeigten, +mussten wir die Sache in die Hand nehmen. Als gesellschaftlich +gebildete Menschen kamen die Untertanen des _Radja Brooke_ zu dem +Kontrolleur, um ihn wegen ihrer weiteren Fahrt auf dem Flusse um seine +Zustimmung zu bitten. Aber _Barth_ verweigerte ihnen diese, weil er in +einem friedlichen, in malaiischer Sprache geführten Gespräche nicht +erfahren konnte, von wo die Leute herkamen und was sie am Mahakam +eigentlich wollten. Zum Erstaunen der Kajan fuhren die Batang-Lupar +ohne Widerspruch einfach den Fluss wieder aufwärts. + +Unsere Kajanfreunde hatten sich durch dieses Begebnis wieder einmal +von unserer Macht und unserem Einfluss überzeugen können, was um +so erwünschter war, als unsere und der Kajan Pläne zu kollidieren +drohten. Während sie sich von dem grössten Unternehmen, das in einem +Stamme vorkommt, dem Bau der Häuptlingswohnung, vollständig beherrschen +liessen, wollte ich noch den Batu Lesong besteigen und dann so schnell +als möglich flussabwärts fahren, um noch die Verhältnisse bei den +Long-Glat kennen zu lernen. + +Am 20. Dezember fand zur Beratung verschiedener Angelegenheiten eine +Zusammenkunft statt, an der nicht nur die vornehmsten Männer unserer +Niederlassung, sondern auch _Bang Lawing_, der Häuptling der Kajan +am Ikang, Teil nahmen. + +Aus Mangel an Besserem musste die Galerie, an die unser Haus gebaut +war, und in der _Midan_ seine Küche eingerichtet hatte und _Doris_ die +Vögel und Säugetiere abhäutete, als Versammlungssaal dienen. Viele, +denen diese Beschäftigungen noch so gut wie unbekannt waren, zeigten +für das, was meine Leute vornahmen, mehr Interesse als für das, was +verhandelt wurde. In der Theorie durfte sich zwar jeder frei äussern +und mitstimmen, aber in Wirklichkeit waren es doch hauptsächlich +die alten, angesehenen Männer, welche die Beschlüsse fassten. Da +beim Hausbau hauptsächlich den Priestern, als den Kennern der +Vorzeichen, Gehör geschenkt werden musste, schwiegen die anderen von +selbst. Übrigens ist es bei den Kajan am Mahakam allgemein Sitte, +dass bei dergleichen Versammlungen die jungen Leute zu allem, was +die Alten wollen, Ja und Amen sagen. Die Versammlung dauerte trotz +der Hitze in dem kleinen Raum von morgens 9 Uhr bis zum Abend, wobei +stets neue Leute, die sich für die Angelegenheit interessierten, +zuhören kamen und jeder tat, was er wollte. In diesem Fall war die +Freiheit des Einzelnen, wegen der Enge des Raumes, in dem jeder nur +einen Sitzplatz einnehmen durfte, beschränkt, so dass er nicht, wie +wo anders, sein Netz weben, einen Korb flechten, eine Schnur drehen +konnte. Aus diesem Grunde waren die Teilnehmer wohl auch für einen +schnellen Verlauf der Beratungen, denn obwohl es sich um ernste Dinge +handelte, waren die Beschlüsse abends bereits gefasst; nach einigen +Tagen sollte mit dem Hausbau begonnen werden, ferner wurde bestimmt, +wieviel jede Familie nach der acht an Baumaterial zu liefern hatte; +meine Pläne wurden zwar besprochen, doch fand man, dass sie keine +Eile hatten; die Besteigung des Batu Lesong wurde allgemein als +ein zweckloses, sehr gewagtes Unternehmen aufgefasst und für unsere +Reise zur Küste hatten sie wegen des Hausbaus, der den ganzen Stamm +in Beschlag nahm, weder Lust noch Verständnis. + +Eine weitere Angelegenheit, die sich auf den ganzen Stamm bezog, +wagte man, aus Furcht, den Betreffenden zu kränken oder zu reizen, +nicht öffentlich zu beraten. Es handelte sich nämlich um einen +Gast des Stammes, einen Dajak aus Serawak, namens _Banjin_, der den +Dorfbewohnern immer mehr zur Last fiel. + +Der Mann war von einer Gesellschaft Dajak aus Serawak, die sich vor +einigen Monaten eine Zeitlang am Mahakam auf hielt, zurückgeblieben +und man hatte ihm, da er sich allerhand Airs zu geben verstand, selbst +ein Kajanmädchen zu heiraten gestattet. _Banjin_, hatte sofort gemerkt, +welch einen Eindruck er auf seine Umgebung machte und dass diese sich +leicht einschüchtern liess. Wenigstens begann er, seine Frau schlecht +zu behandeln, fremdes Eigentum zu gebrauchen, von den Leuten alles, was +er nötig hatte, zu fordern, die Frauen zu belästigen, kurzum, er betrug +sich so, wie es seiner wilden Laune im Augenblick passte. Damit ihm die +Kajan nichts anzutun wagten, drohte er ihnen mit der Rache des Radja +von Serawak, so das _Kwing Irang_ seinen Leuten riet, noch Geduld mit +dem Subjekt zu üben. Da _Bang Lawing_ vom Ikang augenblicklich anwesend +war, wurde diese Staatsangelegenheit von den beiden Häuptlingen im +Geheimen behandelt, denn als ich mich am folgenden Morgen in der Frühe +als Arzt nach _Kwing Irangs_ Wohnung begab, um mich nach dem Befinden +einer seiner Frauen zu erkundigen, fand ich dort die beiden Häuptlinge, +einige der vornehmsten Alten des Stammes und _Banjin_ versammelt. Ich +hatte _Banjins_ Geschichte, da sie sich auf den Reisfeldern abspielte, +erst vor wenigen Tagen erfahren und es interessierte mich zu sehen, +was sie mit dem Individuum anfangen würden. Ich durfte der Beratung +beiwohnen und setzte mich daher zu den übrigen. Der Schuldige hatte +bereits bei meinem Eintritt seine hochfahrende, aggressive Haltung +aufgegeben und war an die Wand gelehnt in sich zusammengesunken. Man +wagte in meiner Gegenwart nicht, mit der Sache deutlich ans Licht zu +kommen, und aus _Banjins_ früherer Haltung schloss ich, dass man auch +nicht energisch gegen ihn aufgetreten war. _Kwing Irang_ wagte kaum +zu erwähnen, welch eine Angst und Unruhe dieser junge Taugenichts bei +seinem Schwiegervater anstiftete, und sprach noch von einem Vergleich, +obgleich sich der ganze Stamm nach der Abfahrt dieses Gastes sehnte. + +Trotz der offenbaren Verlegenheit des Schuldigen hatte _Kwing_ nicht +den Mut, ihm zu sagen, dass er sich entfernen müsse. Daher mischte ich +mich in die Angelegenheit und erklärte dem Manne kurz und bündig, dass +er, als eine Plage des ganzen Stammes, sich mit der ersten Gelegenheit +zu den Pnihing und von dort weiter nach Serawak zu begeben habe. Der +Mann wagte mit keinem Wort zu widersprechen und da machte _Kwing Irang_ +den Vorschlag, dass er, bis sich eine Reisegelegenheit für ihn finde, +bei den Familien seiner Sklaven auf dem Reisfelde wohnen sollte. Der +Verstossene verschwand sogleich und mit ihm auch der Druck, der auf den +Angesehensten des Stammes gelastet hatte. Abends führten drei Männer +_Banjin_ in einem Boot nach dem Reisfeld, wo sich die Menschen seiner +Drohungen wegen sehr vor ihm fürchteten. Die Männer baten mich daher +dringend um Erlaubnis, den Mann binden und sich wehren zu dürfen, +falls er auf Frauen und Kinder einen Anschlag machen sollte. Dagegen +hatte ich natürlich nichts einzuwenden. Infolgedessen hielten zwei +Männer die Nacht über bei _Banjin_ Wacht, der sich übrigens eines +friedlichen Schlummers erfreute. + +Noch am gleichen Tage bot sich eine ausgezeichnete Gelegenheit, um den +lästigen Gesellen los zu werden. Es erschien nämlich die energische +_Hinan Lirung_ vom Howong und stellte nochmals an meinen und der Kajan +Reisvorrat ihre Ansprüche. Sie war schon früher einmal mit einigen +Männern bei mir erschienen und hatte das Salz gebracht, das ich nach +dem Zug über die Wasserscheide im Walde hatte zurücklassen müssen, +und war dann mit ihrem Lohn an Reis, Salz und Zeug reich beladen +zurückgekehrt. Nun kam sie zum zweiten Mal unter dein Vorwand, dass +sie oben keinen Reis mehr habe. + +Die Sorge für ihre Stammesgenossen war mit Recht ihr anvertraut, +denn, während ihr Mann _Amun Lirung_ den Ruf eines Schwätzers +besass, fürchtete man sich vor _Hinan Lirung_. Auch _Kwing Irang_ +kam ihr mit wenig Sympathie entgegen, dessenungeachtet gelang es +ihr bereits abends, auf Schuld und für eine kleine Menge schwarzen +Kattuns, den sie von mir erhalten hatte, eine grosse Menge Reis von +ihm zu erpressen. Auch bot sich mir nochmals Gelegenheit, mich von +der Unerschrockenheit und Gewandtheit meiner kleinen, untersetzen +Freundin zu überzeugen. Sie erzählte mir nämlich, dass sie selbst am +oberen Howong einige Batang-Lupar, die bei den Bukat Buschprodukte +sammelten, aufgesucht und, wie wir es ihr das vorige Mal aufgetragen, +über die Grenze zurückgeschickt hatte. Somit hatte sie sich als würdige +Mutter ihrer Tochter _Lirung_ gezeigt, die in ihrer Liebesgeschichte +gegen _Si Hebar_ mit so vieler Energie aufgetreten war. _Hinan Lirung_ +erwarb sich nun ein zweites Verdienst, indem sie auch den _Banjin_ +gern expedieren wollte. Sie hatte für den Mann sogar schon eine +weitere Reisegelegenheit gefunden, nämlich die Batang-Lupar, die +wir weggeschickt hatten und die sich noch immer bei den Pnihing am +Howong aufhielten. _Hinan_ hatte nun zwar für ihre Heldenhaftigkeit +eine Belohnung verdient, doch stellte sie immerhin durch ihre +energischen Anfälle auf unseren Reis und unsere Tauschartikel an unsere +Widerstandskraft allzu grosse Anforderungen. Selbst die Behauptung +der jungen Kajan, dass die alte Frau aus persönlicher Sympathie zu +mir so häufig angefahren kam, erleichterte mir nicht die Anstrengung, +die sie mir verursachte. In unserer schwachen, indolenten Umgebung +bot _Lirungs_ ausgesprochene Persönlichkeit jedoch eine Abwechslung +und, als wir abends nicht allzu grosse Mengen Reis, Zeug, Perlen +und Salz in ihrem Boote verschwinden sahen, drückten wir ihr zum +Abschied herzlich die Hand und legten ihr die Sorge für _Banjin_ und +die anderen Batang-Lupar nochmals ans Herz. Wahrscheinlich expedierte +sie später die Gesellschaft persönlich weiter, wenigstens hörten wir +nichts mehr von ihnen. + + + + +KAPITEL XVII + + Bau des Häuptlingshauses--Besteigung des Batu Lesong--Ermordung + einer Sklavin--Schutzleistung gegen Batang-Lupar Banden--Anwerbung + netter Leute--Krankenbesuch am Merasè--Reisevorbereitungen--_Bang + Joks_ politische Stellung--_Kwing Irangs_ Einzug ins neue + Haus--Allerhand Schwierigkeiten--wiederholtes Vorzeichensuchen--Tod + eines kleinen Mädchen, Ankunft _Akam Igaus_--Neue Reisehindernisse. + + +Mit dem Bau von _Kwing Irangs_ neuem Hause brach für die Kajan eine +wichtige Periode an, da jede Familie verpflichtet ist, sich durch +Beschaffung von Material und durch Arbeitsleitung an dem grossen +Werk zu beteiligen. Auch wir interessierten uns lebhaft für das neue +Haus, das in grossem Massstab ausgeführt werden sollte und uns daher +von dem, was die Bahau auf diesem Gebiete zu leisten im stande sind, +eine Vorstellung geben konnte. Ausserdem bot uns der Bau Gelegenheit, +zahlreiche religiöse Gebräuche, von denen wir sonst nichts erfahren +hätten, kennen zu lernen. + +Von besonderer Wichtigkeit war aber für uns die Tatsache, dass unser +Zug nach der Ostküste fast gänzlich von diesem grossen Unternehmen +der Kajan abhing; denn ohne deren Hilfe konnten wir kaum die +Reise ausführen, auch war es vom politischen Gesichtspunkte aus +beinahe eine Notwendigkeit, dass _Kwing Irang_ uns selbst zur Küste +geleitete. Bevor aber der Hausbau nicht bis zu einem gewissen Punkt +gediehen war, konnte sich der Häuptling mit einer grossen Anzahl von +Männern unmöglich auf Reisen begeben; somit betrachtete ich den Gang +der Arbeit einerseits mit Interesse, suchte aber anderseits allen +meinen Einfluss geltend zu machen, um _Kwing Irang_ zu unterstützen, +wenn die Leute nicht den gewünschten Eifer zeigten und lieber ihren +eigenen Geschäften nachgingen. + +In einem späteren Kapitel sollen der Hausbau und die mit ihm +verbundenen Festlichkeiten und religiösen Zeremonien ausführlich +beschrieben werden; hier möge nur das, was auf unser tägliches Leben +Bezug hatte, erwähnt werden. + +_Demmeni_ traf alle Massregeln, um die wichtigsten Perioden beim +Bau des Hauses durch photographische Aufnahmen zu fixieren, wobei +er gleich Anfangs mit der Schwierigkeit rechnen musste, eine Szene +bei Nacht aufzunehmen. Die Kajan achten nämlich auch beim Hausbau +streng auf die Vorzeichen und trafen daher wie beim Reisbau, um einem +eventuellen ungünstigen Bescheid zu entgehen, die Vorsichtsmassregel, +die Arbeitsperiode nachts einzuleiten, da die wahrsagenden Vögel dann +schlafen. _Demmeni_ bereitete alles für eine Aufnahme bei Blitzlicht in +freier Luft vor, aber die Natur half ihm mit einem heftigen Regenguss +über diese Schwierigkeiten hinweg. Die Zeremonie musste auf den Tag +verschoben werden und wir brauchten die Kajan nun nicht mit unseren +künstlichen Blitzen zu erschrecken. + +Bereits am vorhergehenden Tage waren Frauen und Kinder eifrig +damit beschäftigt gewesen, Klebreis in Form dreieckiger Päckchen in +Palmblätter zu wickeln und im Freien in grossen Kesseln zu kochen. Den +Reis lieferten zum grösseren Teil der Häuptling, zum kleineren die +Freien, dafür hatten diese aber beim Stampfen geholfen. Andere begaben +sich auf den Fischfang, da der Häuptling allen Mitarbeitern Fische +als Zuspeise anbieten musste. + +Abends versammelten sich die vornehmsten Alten, um mit Hilfe von +Rotang den Platz zu vermessen, auf dem das Haus stehen sollte. Sie +hatten sich von den Dimensionen des Hauses einen Plan entworfen und +begannen nun, indem sie mit ausgestreckten Armen ein Stück Rotang +massen, die Länge und Breite des Hauses zu bestimmen. Ihr einem Faden +entsprechendes Mass wird _depa_ genannt. + +Schwieriger war es, mit dem Rotang ein richtiges Rechteck zu +bilden. Hätte ein Sachverständiger die Führung übernommen, so wäre +das Kunststück vielleicht geglückt, da nun aber acht oder zehn Männer +mithelfen wollten und jeder seine Meinung geltend machte, misslang das +Experiment und das Rechteck wurde immer wieder schief. Schliesslich +rief man _Demmeni_ als Autorität im Gebiete der Baukunst zu Hilfe und, +da alle auf ihn hörten, erhielt man bald das gewünschte Rechteck, +auf dem die Pfähle verteilt werden sollten. Hierauf ging man an die +Verteilung der Seiten und gab durch in den Boden gesteckte Stöcke an, +wo die Pfähle eingerammt werden mussten. + +Das Haus sollte 23 m breit werden, d.h. gleich breit wie der Rücken, +auf dem die Niederlassung gebaut werden sollte. Es sollte ferner an das +provisorische Häuptlingshaus anschliessen und sich bis zu dem langen +Versammlungssaal, in dessen Verlängerung man unser Haus gebaut hatte, +ausdehnen. Halbwegs hatten wir bereits beschlossen, dass _Midan_ und +_Doris_, deren Küche und Werkstätte sich an den beiden äussersten Enden +des Saales befanden, ausziehen sollten, wir waren aber doch überrascht, +als bereits am selben Tage nach der religiösen Zeremonie, welche das +Einrammen des ersten Pfahles begleitete, einige junge Männer auf das +Dach kletterten und über _Midan_, der gerade unser Essen kochte, das +Dach abzubrechen begannen. Sie liessen sich aber überreden, erst in +der Mitte zu beginnen, so dass _Doris_ Zeit hatte, seine Werkstätte +mit Hilfe einiger Kajan und unserer Malaien in die Wohnung der Malaien +an der Mündung des Blu-u überzuführen; auch kamen wir überein, dass +_Doris'_ Werkstätte als Küche für _Midan_ reserviert werden sollte. + +Dank den vielen hilfreichen Händen wurde der Saal binnen weniger +Stunden seines Daches beraubt, die Dielenbalken abgenommen und die +Pfähle mittelst eines Querbalkens, den man mit Rotang horizontal an +ihnen befestigt hatte und an dem alle gleichzeitig zogen, aus dem +Boden gehoben; darauf wurde in dem Teile, in dem sich in Zukunft die +Küche befinden sollte, eine Seitenwand aus Baumrinde angebracht. Als +wir gegen Mittag, erfüllt von dem interessanten Schauspiel, das die +Aufrichtung des Hauptpfahles durch die Männer und Frauen des ganzen +Stammes geboten hatte, in unsere Wohnung zurückkehrten, sah alles +wieder so aus, als ob hier nie ein Saal gestanden hätte. + +Während der Monate Dezember und Januar beteiligte sich täglich eine +grössere oder geringere Anzahl Männer am Hausbau; die Frauen arbeiteten +nach dem ersten Tage nicht mehr mit, aber jede Familie stellte so +viele jungen Männer zur Arbeit, als sie bei der Feldarbeit entbehren +konnte. Die _panjin saju_ waren im Hilfeleisten am eifrigsten, von +den übrigen Familien konnte der Häuptling mit seinen Mantri nur mit +Mühe genügende Unterstützung erhalten. Sowohl aus diesem Grunde als +auch damit nicht einzelne bevorzugt würden, wollte _Kwing Irang_ +nicht, dass einige Leute bei uns für Geld arbeiteten. Daher war es +unmöglich, für längere Zeit eine grössere Anzahl Männer zu vereinigen, +und voraussichtlich trat hierin sowohl während des Hausbaus als +während der folgenden Reisernte keine Änderung ein. Ich war daher +darauf bedacht, meine Zeit, ausser durch ethnographische Studien, +auch noch auf andere Weise nützlich zu verwenden. + +Ende Dezember war es _Hadji Umar_ geglückt, mit seiner Familie von +Long Tepai nach Long Bulèng überzusiedeln, wo er sich beim Malaien +_Utas_ einquartierte. Ausser seiner Familie hatte _Umar_ ungefähr acht +seiner besten Buschproduktensucher bei sich, Malaien und Dajak, die +sich teils als seine Schuldner, teils als seine Geschäftsteilnehmer +seit Jahren mit ihm im Urwalde aufhielten. Sie wären gern in meinen +festen Dienst getreten, aber ich hatte für sie keine ständige Arbeit, +auch vertraute ich ihnen nicht ganz. Dagegen konnten sie mir bei der +geplanten Besteigung des Batu Lesong sehr gut als Kuli und Ruderer +dienen, ich hatte dann nur wenige Kajan nötig. Da auch die Kajan noch +nie dieses Grenzgebirge mit dem Stromgebiet des Barito bestiegen hatten +und wir unserem eigenen, auf dem Batu Mili entworfenen Plane folgen +wollten, konnten uns diese kräftigen Fremden ebenso gut Hilfe leisten. + +Die Kajan schienen gehofft zu haben, dass ich ohne ihren Beistand +auf den Zug nach dem Batu Lesong verzichten würde. Sie fürchteten +nämlich, dass mir in diesen ihnen unbekannten und daher unheimlichen +Gebieten, in denen die Baritostämme Buschprodukte suchten, etwas +zustossen könnte. + +Kaum hatten die Kajan daher gehört, dass die Malaien mich begleiten +sollten, als verschiedene einflussreiche Männer zu mir kamen, mich auf +die grossen Gefahren aufmerksam machten, und mich von meinem Plane +abzubringen suchten. Zuverlässige Auskunft über diese Gegend konnte +ich nicht erhalten, sie suchten mich im Gegenteil durch allerhand +falsche Berichte einzuschüchtern und wankend zu machen. + +Um so wenig Männer als möglich mitzunehmen, beschloss ich, +den Zug nur mit _Bier_ zu unternehmen und _Demmeni_ und _Doris_ +zurückzulassen. _Sekarang_ und _Amja_ dagegen sollten mich begleiten; +die Aussicht, eine wertvolle Sammlung Gebirgspflanzen anlegen zu +können, war zu lockend, um sie zu Hause zu lassen. + +Als _Kwing Irang_ merkte, dass ich ernstliche Vorbereitungen traf, +machte er aus der Not eine Tugend, indem er das Seine dazu beitrug, +um mich wohlbehalten heimkehren zu lassen. Er trug _Sorong_ auf, mich +zu begleiten, und trat mir ausserdem fünf der gewandtesten jungen +Männer ab. + +Glücklicher Weise kannte _Sorong_ wenigstens den Weg bis zu dem +Bergrücken, der zwischen dem Blu-u und Danum Parei auf den Batu +Lesong führt. Am 16. Januar brachen wir 24 Mann stark in dreien meiner +kleinen Böte auf. + +Die letzten Tage vor unserer Abreise waren recht trocken gewesen, +so dass der Blu-u gerade genügend viel Wasser enthielt, um am ersten +Tage bis an den Ort zu gelangen, wo an seinem Seitenfluss, dem Bruni, +die verlassenen Reisfelder aufhören und der jungfräuliche Wald mit +seinen Riesenstämmen über dem kleinen Flusse ein schattenreiches +Dach bildet. Nachts fiel das Wasser noch mehr, so dass die Böte über +die Stromschnellen bei den Geröllbänken mehr gezogen als gerudert +werden mussten. Wir Europäer zogen es vor, zu Fuss längs des Ufers +zu folgen, hatten aber den Fluss hie und da zu durchqueren. Gegen +Mittag mussten immer wieder Steine auf die Seite geworfen werden, +um den Böten einen Durchgang zu verschaffen. Erst am folgenden Tage +erreichten wir auf die gleiche Weise Long Dungo, den Punkt, wo der +Landweg zum Danum Parei beginnt. Hier mussten wir einen Teil des +Reises, den wir mit Rücksicht auf die unbestimmte Dauer der Reise in +grossen Mengen mitgeführt hatten, zurücklassen. Sollte die Besteigung +lange Zeit erfordern, so konnte dieser Vorrat stets abgeholt werden. + +Meine Kuli schienen den Rest des Tages gern hier verbringen zu wollen, +aber ich kannte die Schwierigkeiten nicht, denen wir weiter oben +begegnen würden, und liess, um keine Zeit zu verlieren, die Leute +ihre Tragsäcke in Ordnung bringen. + +Von der Landzunge an, welche von dem Bruni und einem seiner Nebenflüsse +gebildet wird, bestiegen wir zuerst einen sehr steilen und dann immer +flacher werdenden Rücken, der direkt auf die Wasserscheide zwischen +Blu-u und Danum Parei hinaufführte. Gegen 3 Uhr gelangten wir auf einem +alten Pfade der Buschproduktensucher so weit aufwärts, dass wir aus +Furcht, auf dieser Höhe kein Wassermehr zu finden, Halt machen mussten. + +Auf den Charakter des grossen Bergrückens begierig setzten wir am +folgenden Morgen unseren Marsch fort und erreichten ohne andere +Schwierigkeiten, als die Überwindung einiger steiler Partieen, gegen + +Uhr eine flache Verbreiterung des Rückens, die nach _Sorong_ den +höchsten Punkt auf dem Wege zum Danum Parei vorstellte. + +Der hohe Wald, der uns auch hier wieder umgab, benahm jede Aussicht; +so blieb uns nichts anderes übrig, als die südliche Richtung +einzuschlagen, um auf diese Weise auf den Rücken zu gelangen, der uns +auf den Batu Lesong führen sollte. Wir befanden uns anfangs plötzlich +zwei Mal vor steilen Abhängen, die nach unten in das Tal des Bruni +führten, aber einige als Kundschafter ausgesandte Leute brachten uns +bald wieder auf die richtige Spur. Der gefundene Rücken war oben 4 +bis 10 m breit und wir folgten ihm auf einem für Urwaldverhältnisse +sehr befriedigenden Pfade. Da er nie oder nur äusserst selten von +Menschen betreten wurde, konnte er nur von Hirschen, Schweinen und +Rhinozerossen, die von dem einen Gebiet ins andre zogen, herrühren. Der +Pfad führte uns bis dicht an den Batu Lesong und nur ab und zu war +ein Schwerthieb erforderlich, um Rotang oder Reisig aufzuräumen. + +Vom Batu Mili und Batu Situn aus gesehen zeigte der Querrücken, +auf dem wir uns befanden, drei aufeinander folgende Erhebungen, +deren Höhe nach unten zu allmählich abnahm. Der höchste, der uns als +Beobachtungspunkt dienen sollte, lag auf dem Batu Lesong selbst. + +Nachmittags erstiegen wir die, von uns aus gesehen, erste, 75 m hohe +Erhebung und trafen hier bereits auf einer Höhe von 950 m ü.d.M. die +Moosvegetation. Die niedrigen Bäume, die hier den wichtigsten Teil +des Pflanzenwuchses ausmachten, waren infolge ihrer Moosbekleidung +zu ihrer vier- bis fünffachen Dicke angeschwollen und zwischen ihnen +hingen an den Schlingpflanzen wahre Wände von Moos, so dass man +in den Zwischenräumen die Töne gedämpft wie in einem geschlossenen +Raume hörte. + +Hier ruhte ich mit dreien meiner Leute aus und beschloss, auf die +übrigen zu warten, die, mit einer Last von etwa 25 kg beladen, +nicht so schnell folgen konnten. Es dauerte einige Stunden, bis der +letzte Mann bei uns eintraf, und wir mussten nun an unser Nachtlager +denken, das wir in dem Sattel zwischen den beiden ersten Erhebungen +aufschlugen. Einen kalten Wind abgerechnet störte uns nichts in unserem +tiefen Schlaf, denn selbst die zahlreichen Heimchen und Zikaden, +die den Wald weiter unten Tag und Nacht mit ihrem Gezirp erfüllten, +waren hier entweder nicht vorhanden oder schwiegen. Wahrscheinlich +war ersteres der Fall, denn die sonst stets anwesenden Arten der +Morgenund Abendzikaden, die sich nur bei Sonnenaufgang und Untergang +hören lassen, waren hier durch andere Arten vertreten. Im Laufe des +Nachmittags zog _Sorong_ mit einigen Männern noch aus, einen weiteren +Weg zu suchen, und kam mit dem Bericht zurück, dass es am geratensten +sei, westlich um den Fuss der zweiten Erhebung statt über deren Gipfel +zu gehen. Die sehr steilen, hier und da kahlen Wände sahen in der +Tat wenig anziehend aus, daher gingen wir am folgenden Morgen auf +gleicher Höhe durch einen sumpfigen Wald weiter. Unseren Kajan lief +das Wasser im Munde zusammen beim Anblick der zahlreichen Spuren +von Wildschweinen und Nashornen. Nach _Sorongs_ Angabe hatten wir +einen kleinen Nebenfluss des Blu-u zu durchschreiten und dann einen +Gipfel zu besteigen, den er zwischen den Bäumen glaubte durchschimmern +gesehen zu haben. + +Von unten heraufziehende Wolken umhüllten uns und der freundliche +Sonnenschein, der den dunklen, ewig triefenden Wald etwas belebte, +verschwand. Wir zogen über eine Menge abgestürzte, scharf kantige +Sandsteinblöcke, die nass und mit Moos bewachsen waren und dem Fuss +nirgends einen festen Stützpunkt boten. Bald wurde Arm oder Fuss von +den Schlingen und Haken der Lianen festgehalten, bald schlugen uns +dornige Rotangranken ins Gesicht, so dass wir unter diesen Umständen +an zwei Augen lange nicht genug hatten. Unsere Träger bewegten sich von +dem einen Felsblock zum anderen, indem sie sich überall mit Händen und +Füssen festklammerten; ihr Schweigen bewies den Eindruck, den diese +Umgebung auf sie machte. Später überfiel uns ein kalter Regenguss, +der die Nässe unserer Kleider zwar nicht mehr steigern konnte, uns +seiner Kälte wegen aber sehr unangenehm berührte. Als wir nach einer +Kletterei von einigen Stunden an der Richtigkeit von _Sorongs_ Angaben +zu zweifeln begannen, suchten wir uns unter einigen überhängenden +Felsblöcken einen trockenen Platz und sandten zwei Malaien vom Melawi +auf Kundschaft aus. + +Die Rast war uns zwar sehr angenehm, aber das Warten erschien uns +schliesslich doch etwas lange, auch brachten uns die Malaien nicht +einmal sehr ermutigenden Bericht. Zwar hatten sie den Gipfel gefunden, +aber sie zweifelten daran, dass er der richtige war, ausserdem wurde +der Weg züi ihm nicht besser. Also ging es zwischen Felsblöcken, +Sträuchern und Lianen vorwärts, bis wir an ein trockenes Flussbett +gelangten, das nur bei heftigem Regen Wasser zu führen schien. Jetzt +bildete es nur einen nackten Einschnitt in der Bergwand, mit +verwitterten Wänden und gefüllt mit losem Gestein verschiedenster +Grösse. Das Gehen war beschwerlich, aber die ungewohnte Freiheit der +Bewegung wirkte ermunternd, daher betraten wir mutig, einer hinter +dem anderen, den Pfad, der mit 30° Steigung aufwärts führte. + +Das Flussbett wurde bald so steil, dass die Vordersten nicht mehr +gehen, sondern an den Wänden hinaufklettern mussten. Die Hinteren +suchten ihr Heil sehr bald im Walde, denn die von ihren Vorgängern +losgelösten Steine wurden ihnen zu gefährlich. Wir beschuhten +Europäer brachten auffallender Weise viel mehr Steine ins Rollen +als die barfüssigen Eingeborenen, die noch dazu eine Last zu tragen +hatten. Die Biegsamkeit und das Gefühl in ihren Fusssohlen bieten +ihnen beim Gehen einen grossen Vorteil, daher verwickeln sie ihre +Füsse auch so selten in den Schlingen der Lianen, aus denen man sich +oft schwerer als aus Schnüren derselben Dicke befreien kann. + +Bald befanden wir uns vor einem Kamin, dessen Wände zu verwittert +waren, um an ihnen hinaufklettern zu können. Unsere braunen Gefährten +kamen uns wieder zu Hilfe, steckten einige dicke Stöcke zu beiden +Seiten in den Boden und geleiteten uns so zu dem zuverlässigeren +Waldboden. 100 m höher gelangten wir auf einen schmalen Sattel, +der auf der anderen Seite ebenso steil abfiel und somit wieder eine +Untersuchung verlangte. + +Links von uns erhob sich eine hohe, steile, dicht bewachsene Felswand +und rechts ein nur 40 m hoher Hügel, der uns voraussichtlich über die +nächste Umgebung einen Überblick geben konnte. Indem wir uns durch +moosbedecktes Gestrüpp hindurchwanden und mit Hilfe von Leitern +schwierigere Stellen passierten, erreichten wir die Spitze, die +mit dichtem Grün von Rhododendren und seltsamen Nepenthes bedeckt +war. Eine Aussicht war aber nicht vorhanden, denn unmittelbar über +uns umhüllte eine dicke Wolkenlage alle höheren Gipfel. + +Vor Nässe triefend und vor Kälte zitternd beschlossen wir, bis zum +folgenden Tage zu warten, und kehrten auf den Sattel zurück, wo +uns die Kajan mit einigen geraden, dünnen Hölzern bald das Gerüst +für eine Hütte zusammenstellten, die wir mit einigen Segeltüchern +vervollständigten. + +Ein Kleiderwechsel brachte uns bald ein behagliches Gefühl; leider +musste das Wasser auf dieser Höhe weither geholt werden und wir daher +lange auf einen warmen Trunk warten. Die Malaien erstiegen noch den +Gipfel links von unserem Sattel und bemerkten, dass er der zweite +Gipfel war, um dessen Fuss wir tagsüber gezogen waren, und dass der +dritte Gipfel noch hinter diesem lag. Es zeigte sich zugleich, dass +diese beiden Gipfel durch eine so tiefe und steile Schlucht getrennt +waren, dass an ein Hinüberkommen nicht zu denken war. Obgleich +der gefundene seitliche kleine Gipfel nicht der gewünschte war, +hatten wir doch durch unseren Zug nach rechts, der Bergwand entlang, +nichts verloren, es kam jetzt nur darauf an, längs der Bergwand eine +Möglichkeit zu finden, um den letzten Gipfel zu besteigen. Diese +Aufgabe überliessen wir am folgenden Tage den Malaien und suchten +uns inzwischen mit Lesen und Aufzeichnen so angenehm als möglich +zu unterhalten. Die Verhältnisse waren nicht gerade gemütlich; das +Thermometer, das nachts auf + 14° C. gefallen war, stieg auch am +Tage nicht über + 17° C.; von unserer Hütte aus traten wir sogleich +auf durchnässtes, plattgetretenes Moos und, obwohl unser Lager sich +auf einem nur wenige Meter breiten Sattel mit sehr steilen Wänden +befand, benahm uns das umgebende Gestrüpp doch jede Aussicht. Erst +gegen 3 Uhr kam der erste Kundschafter, zum Glück mit gutem Bericht, +zurück. Der dritte Gipfel konnte bestiegen werden, sie hatten sogar +zum grössten Teil bereits einen Weg gehauen, ausserdem hatten sie +Trinkwasser gefunden. + +Am anderen Tage glückte es uns, in 1 1/2 Stunden den Aussichtspunkt, +einen sehr schmalen, langen, mit Bäumen dicht bestandenen Gipfel, zu +erreichen. Die Bäume waren durch Gestrüpp und dicke Moosbedeckung zu +einem Ganzen verbunden und wir konnten uns nur kriechend und kletternd +hindurcharbeiten. In einer durch Mooswände gebildeten Kammer liessen +wir unsere Zelte aufschlagen, sahen aber zum Leidwesen des Topographen +keine Möglichkeit, einen Standplatz auf festem Untergrund für ihn +zu schaffen. Hierfür hätten auf dem ganzen Gipfel und teilweise an +den Abhängen Bäume gefällt werden müssen, eine Arbeit, die wegen der +Härte des Gebirgsholzes nicht ausgeführt werden konnte. Wir suchten +daher, wie auf dein Batu Situn, einige beieinander stehende Bäume aus, +liessen ihre Kronen bekappen und zwischen ihren Ästen eine Plattform +anbringen, über welche ein Dach aus Segeltuch gespannt wurde. Ein +besserer Beobachtungsposten war unter den gegebenen Umständen kaum +zu erlangen. Trotzdem mussten, um eine freie Aussicht zu erlangen, +noch viele hohen Bäume gefällt werden; für die Pflanzensucher bot +sich hier eine günstige Sammelgelegenheit, da in dieser Regenzeit +alle Bäume Blüten oder Früchte trugen. + +Durch seine Höhe von 1690 m ü.d.M. gewährte uns der Gipfel einen +Überblick über einen grossen Teil von Mittel-Borneo; die höchsten +Bergspitzen wurden zwischen dem oberen Melawi und oberen Kajan +sichtbar. + +An diesem Tage sahen wir jedoch wenig hiervon, denn nach dem +Sonnenschein des Morgens umhüllten uns gegen 11 Uhr die Wolken von +unten her. Darauf regnete es ein wenig und abends verursachte die +untergehende Sonne einen so eigenartigen bläulichen Dunst über der +ganzen Landschaft, dass sie nur in grossen Zügen erkennbar war. Wir +setzten unsere Hoffnung auf den folgenden Morgen, aber in der Nacht +trat Regen ein, der bis 8 Uhr morgens anhielt. Obgleich der 200 m +lange Weg zu unserem Observatorium nicht verlockend erschien und das +Thermometer nur + 12° C. zeigte, konnte ich meine Ungeduld doch nicht +länger bezwingen und stand bald nach unserem Frühstück fröstelnd auf +der Plattform. Hier heulte der mit feinem Regen beladene Wind in den +Baumgipfeln und trieb von Süden her halb durchsichtige Wolkenmassen +aus dem Murungtal über den Batu Lesong, während nach Osten hin ein +bleifarbiger Wolkenschleier jeden Ausblick benahm. Unsere Malaien +waren nur mit Mühe zum weiteren Fällen der Bäume zu bewegen und +einige Exemplare blieben bis zur Ankunft der Kajan stehen, die im +Sattel übernachtet hatten und ausser ihren starken Armen auch gute +Beile mitbrachten. Noch am gleichen Tage wurde der Gipfel so weit als +nötig frei, aber weder der Abend noch der folgende Morgen gewährten +irgend welche Aussicht. Unter diesen Umständen wussten wir nichts +Besseres vorzunehmen, als in unsere Klambu zu flüchten. + +Inzwischen hatten unsere Pflanzensucher mit grossem Erfolg gearbeitet +und wollten allmählich den Rückzug antreten, um auch die Pflanzenwelt +weiter unten zu untersuchen. Als Schutz und Hilfe gab ich ihnen +einige Malaien mit, bemerkte aber später, dass bis auf zwei alle +mitgegangen waren. Zum Glück blieben uns die Kajan übrig, die am +vierten Tag alle nach oben kamen, um die letzte Nacht vor unserer +Abreise oben zu verbringen. An diesem Morgen schien nämlich zum +ersten Mal die Sonne und sie wussten, dass der Tag uns eine genügende +Aussicht bieten würde. Sie erwarteten mit Ungeduld unseren Aufbruch, +begreiflicher Weise, denn der eine hatte ein Lendentuch, der andere +ein Kopftuch oder eine Jacke verbrannt, weil er nachts der Kälte +wegen zu nah beim Feuer geschlafen hatte. + +Der hohe Punkt des Batu Lesong, auf dem wir uns eben befanden, bot +uns zuerst einen interessanten Blick auf die Gipfelfläche dieses +Gebirges. Diese neigt sich mit nur 8° nach Süden, wird höchstens +einen Kilometer breit und erstreckt sich ununterbrochen über die ganze +Kette. Nur da, wo die zwischen den Nebenflüssen des Mahakam laufenden +Seitenketten von der Hauptkette abzweigen, erhebt sich ein Gipfel, +wie derjenige, auf dem wir uns eben befanden. Die Kajan nannten den +Gipfel, der sich zwischen dem Blu-u und _Ikang_ erhebt, Batu Tokong +und behaupteten, dass auf seiner Südseite der Busang entspringe und +an dem südlichen Abhang unseres Gipfels der Lito, ein Nebenfluss des +Belatung. Die Gipfelfläche sowie die ganze Landschaft sind vollständig +mit ununterbrochenem Urwald bedeckt, aus dem nur die senkrechten hellen +Wände des Batu Lesong an der Nord- und Südseite scharf hervortreten. + +Die langen Nebenketten, die sich nach Norden zum Mahakam hinziehen, +fehlen nach Süden, im Tal des Murung; hier sieht man nur breite, wenige +Kilometer lange Ausläufer, die zum Flusstal hin senkrecht abfallen. + +In kurzem Abstand vom Batu Lesong und parallel mit diesem erhebt sich +im Süden ein anderer Rücken, der den Busang zwingt, längs des südlichen +Fusses des Batu Lesong nach Westen zu fliessen; den Namen dieses +Rückens und etwas Näheres über ihn konnte ich nicht erfahren. Wegen +der allgemeinen Waldbedeckung konnten wir die einzelnen Gebirge am +oberen Murung auf grösseren Abstand nicht gut unterscheiden. Nur der +Batu Ajo im Osten trat seiner ganzen Länge nach deutlich hervor; sein +Gipfel besteht ebenfalls aus einer schmalen, waldbedeckten Fläche, +nur ist er niedriger als der des Batu Lesong. Besonders auffallend war +das Bergmassiv des Bomban im Gebiet des Murung, das sich als schmales, +kegelförmiges Gebirge von 1900-2000 m Höhe hinter den vorgelagerten, +nicht über 1000 m hohen Ketten erhebt. Ich konnte nun die eigenartigen +Terrassenbildungen unseres Sandsteingebirges, die mir vom Batu Mili aus +aufgefallen waren, von einem anderen Standpunkte aus betrachten. Die 20 +bis 100 m mächtigen Sandsteinlagen aus denen dieses Gebirge besteht, +sind im Lauf der Zeit so erodiert worden, dass nach Norden niedrigere +Terrassen mit der gleichen schwachen Neigung, wie der Hauptrücken, +gebildet sind und zwar ist die Terrassenbildung an der Westseite der +Querrücken stärker ausgeprägt als an der Ostseite. + +Die Nordseite des Batu Lesong zeigt eine eigentümliche Zickzacklinie, +in deren einspringenden winkeln je ein Fluss seinen Ursprung nimmt. + +Die Berge im Tal des Blu-u machten, da sie ganz mit Wald bedeckt sind, +von dieser grossen Höhe aus keinen Eindruck; nur der Kasian und der +Mili stachen mit ihren hellen Wänden von dem dunklen Hintergrunde +ab. Grossartig war der Blick auf das Kettengebirge am oberen Mahakam +mit seiner Fortsetzung längs des Kajanflusses. Einzelne Ketten oder +Gipfel waren nicht zu erkennen; es zeigte sich aber, dass von diesem +Gebirge Querrücken in die Täler des Oga und Boh, in gleicher Weise +wie vom Batu Lesong zum Mahakam, verliefen. + +Nachmittags, als die Sonne im Sinken begriffen war, erfuhren wir aufs +neue, wie sehr die Aussicht nicht nur durch die Wolken, sondern auch +durch die Sonne beeinträchtigt werden kann; denn _Bier_ konnte nur +mit Mühe einige Gipfel im Norden visieren, da ein bläulichgrauer +Dunst die ganze Landschaft einhüllte. Das erhaltene Resultat war +aber befriedigend, daher beschlossen wir, diesen ungastlichen Ort am +folgenden Morgen zu verlassen. + +Die Verteilung unseres Gepäcks unter die noch übriggebliebenen +Kajan und Malaien kostete nicht viel Mühe, da unsere Lebensmittel +fast erschöpft waren, und so machten wir uns am 26. januarleichten +Herzens auf den Rückweg: Unsere Kuli hatten den Weg durch Mooswände +und Gestrüpp bedeutend verbreitert und verbessert, daher kamen wir, +obgleich die Kletterpartie nach unten doch nass und unangenehm war, +schnell vorwärts und erreichten noch vormittags den Lagerplatz vor +dem ersten Gipfel, an dem wir alle unsere Leute versammelt fanden. + +_Sekarang_ hatte seine Zeit besonders gut benützt und während des +letzten Tages einen wahren Garten von schönen und seltenen Pflanzen +zusammengebracht. Das Herbarium war besonders durch eine grosse Anzahl +neuer Baumarten bereichert worden. Alles Material musste lebend +mitgenommen und zu Hause bearbeitet werden, da in dieser vor Nässe +triefenden Umgebung an ein Trocknen nicht zu denken war. + +Unsere Arbeit war nun erledigt und eine schnelle Heimreise +wünschenswert, daher dachte ich abends über die Möglichkeit nach, +den Mahakam in einem Tage zu erreichen. Der Abstieg musste bequemer +sein als der Aufstieg und, da die Flüsse durch den Regen der letzten +Tage geschwellt sein mussten, erschien mir die Sache nicht sehr +schwierig. Mein Vorschlag fand seitens der Träger geringen Beifall, +obgleich diese im Grunde auch lieber zu Hause als in dem nassen Urwald +sassen. Sie fürchteten augenscheinlich, einen geringeren Lohn zu +erhalten, daher versprach ich ihnen sogleich nicht nur den vollen Lohn, +sondern auch eine Extrabelohnung, weil der Zug dank der Anstrengung der +Leute in kürzerer Zeit vollführt worden war, als ich erwartet hatte. + +Am folgenden Morgen verteilten wir die Pflanzensammlung unter die +Träger und brachen nach dem Essen auf. Ich vermutete, dass meine +Reisegesellschaft es doch noch versuchen würde, erst in zwei Taren +aber dafür langsam nach Hause zu gelangen, und beschloss daher, +vorauszugehen, um die Leute zum Nachfolgen zu zwingen. + +Als alle zum Abmarsch bereit waren, machte ich mich in Gesellschaft +von _Sorong_, der nur sein eigenes Gepäck zu tragen hatte, auf den +Weg. Mit unserem schnellen Schritt erreichten wir in 3 1/2 Stunden +unseren Lagerplatz auf dem Rücken, der zum Bruni hinunterlief. _Sorong_ +erklärte, der Ruhe bedürftig zu sein, und konnte auch nach einiger Zeit +nur mühsam vorwärts, so dass uns die fünf jungen Kajan einholten. Durch +unser ständiges Vorausgehen und durch die Nähe des Flusses gereizt +stürmten sie ohne stillzuhalten an uns vorüber. Ich liess _Sorong_ +zurück und folgte den fünf, musste aber sehr schnell gehen, um mit +ihnen Schritt zu halten. In kurzer Zeit erreichten wir den Bruni, +der inzwischen stark geschwollen war. Als wir den Fluss durchquerten, +sanken wir tief ins Wasser ein; das Bad, das erste nach unserer +Abreise, erfrischte uns herrlich, auch liess uns die Aussicht, +mit unseren Böten ohne Schwierigkeit nach Hause zu gelangen, unsere +Müdigkeit und die Steifheit unserer Gliedmassen vergessen. Innerhalb +einer Stunde waren alle vereinigt, die Böte aus dem Walde geholt und +zu Wasser gelassen worden. Das Einladen des Gepäckes ging schnell +von statten und darauf ging es erst den Bruni dann den ebenfalls +geschwollenen Blu-u hinunter. Noch vor Sonnenuntergang landeten wir +bei unserer Wohnung, zur grossen Verwunderung der Dorfbewohner, die +uns noch lange nicht zurück erwartet und einen Erfolg unseres Zuges +nicht für wahrscheinlich gehalten hatten. Mühsam stieg ich den 30 m +hohen Uferwall hinauf und merkte noch nach Tagen, dass ein derartiger +Zug viele Anspannung erfordert. + +Alle unter der Aufsicht des Kontrolleurs zurückgebliebenen Leute +befanden sich wohl, waren aber, wie die ganze Niederlassung, über einen +brutalen Mord, der in den letzten Tagen verübt worden war, erregt. + +_Utas_, der malaiische Gatte _Lirungs_, die in Long Bulèng wohnte, war +gleich nach unserer Abreise von einem Handelszug nach dem oberen Murung +zurückgekehrt und hatte unter seinen verschiedenen Handelsartikeln +auch eine Sklavin mitgebracht. Wenige Tage vorher hatte _Lasa_, der +Sohn des Ma-Suling Häuptlings _Tekwan_, als er seine Tante _Lirung_ +besuchte, die Sklavin aus dem Hause gelockt, mit zwei jungen Kajan in +ein Boot gesetzt und war mit ihr flussabwärts gefahren. Als auf halbem +Wege von seinem Hause alle auf einer Geröllbank ausgestiegen waren, +um zu baden, fiel _Lasa_ plötzlich die alte Frau an und ermordete +sie. So schien sich die Geschichte, von allen wahren und unwahren +Ergänzungen abgesehen, wirklich zugetragen zu haben. + +Die Tat war sowohl _Kwing Irang_ als uns gegenüber eine sehr freche; +denn _Lasa_ gehörte durch seine Mutter _Uniang_, eine Schwester von +_Lirung_, zum Kajanstamm und, da die alte Frau bereits in _Lirungs_ +Hause gegessen hatte, war, nach Auffassung der Kajan, in ihr eine +Stammesgenossin ermordet worden. Ein derartiges Verbrechen wird von +den Bahau viel schärfer verurteilt, als wenn es sich um die Ermordung +eines Fremden, wenn auch eines Angehörigen eines benachbarten Stammes, +handelt. + +_Kwing Irang_ geriet durch diese Angelegenheit in grosse Verlegenheit, +denn er hatte sie noch nicht mit dem Kontrolleur besprochen und +für uns war es schwierig, aktiv aufzutreten, besonders deswegen, +weil der wahre Sachverhalt, der widersprechenden Berichte wegen, +durchaus nicht klar schien. + +Zuerst hörten wir, _Kwing Irang_ habe die beiden Kajan, deren Unschuld +an dem Mord sich übrigens bald erwies, zur Strafe nach Long Bulèng +geschickt, um dort zu arbeiten, und gleich darauf erklärte der +Häuptling dem Kontrolleur, er habe die Absicht, seinem Enkel (Sohn +seiner Nichte) die Strafe für Mord im eigenen Stamme aufzuerlegen. Da +die betreffende Strafe in solch einem Fall bei allen Bahau in der +Auferlegung einer Busse besteht, mussten wir uns mit seiner Absicht +zufrieden geben. + +Bald darauf, am a. Februar, kamen _Tekwan_ und _Uniang_, die Eltern des +Mörders, in grosser Gesellschaft heraufgefahren, um über den Vorfall +zu unterhandeln. Sie durften jedoch das Haus des Kajanstammes nicht +betreten, da nach einem derartigen Mord niemand mit dem Mörder oder +mit dessen Familie, aus Furcht krank zu werden (einen dicken Bauch +zu erhalten), in Berührung kommen will, selbst nachdem bereits eine +Busse auferlegt worden ist. Erst nachdem der Mörder oder seine Familie +dem Häuptling ein Schwert, ein Stück Zeug und einige Hühner übergeben +haben und diese mit dem Schwerte getötet worden sind, fürchtet man +sich nicht mehr, durch eine Begegnung mit dem Mörder den Zorn der +Geister zu erregen. + +Bevor die Hühner geopfert werden, suchen so viele Leute als möglich die +Tiere zu beissen, damit die Geister an dem auf die Tiere übertragenen +Geruch die Teilnahme aller am Opfer erkennen können und die Blutschuld +ihres Stammesgenossen nicht auch an ihnen zu rächen suchen. + +Darauf legte _Kwing Irang_ in einer Zusammenkunft den Eltern des +Mörders eine Busse von 1000 Reichstalern auf. Den gleichen Betrag hatte +er dem _Radja_ von Serawak bezahlen müssen, nachdem er selbst einen +Chinesen getötet hatte, auch hatte er einst von einigen Murungern für +den Tod dreier seiner Stammesgenossen die gleiche Summe gefordert. Um +diese Busse zu entrichten, war _Temenggung Itjot_ damals mit einem +Sklaven und allerhand Waren nach dem oberen Mahakam gezogen. + +Viel später erst kämen wir zur Überzeugung, dass die Sache sich so +zugetragen haben musste, dass _Lasa_ dem _Utas_, als dieser sich +lange vor unserer Ankunft nach dem Murung begab, aufgetragen hatte, +ihm für das Geld oder die Artikel, welche er ihm mitgab, einen Sklaven +oder eine Sklavin zu kaufen. Als Häuptlingssohn fühlte sich nämlich +_Lasa_, um für voll angesehen zu werden, verpflichtet, einen Menschen +zu töten. Da bei den Bahau selbst Sklaven nicht verkauft werden und +ihm zu einer Kopfjagd Lust oder Gelegenheit fehlte, ergriff er dieses +Mittel, um den Anforderungen seiner männlichen Ehre zu genügen; denn, +wie an anderem Ort bereits gesagt ist, gilt selbst das Töten einer +alten Sklavin bei den Bahau als Zeichen von Mut. Augenscheinlich +wollte er sein Geld nicht verlieren und tötete daher die Sklavin, +trotzdem wir uns bei _Kwing Irang_ aufhielten. Dabei beging er die +Unvorsichtigkeit, die Sklavin zu töten, nachdem sie sich bei den Kajan +bereits niedergelassen und gegessen hatte. Aus Furcht, dass wir den +Malaien _Utas_, der in dieser Angelegenheit eine zweifelhafte Rolle +gespielt hatte, zur Verantwortung ziehen würden, hielt man uns den +wahren Sachverhalt so lange verborgen; vielleicht war er auch nur +wenigen bekannt. Auch _Lasa_ schien sich nicht sicher zu fühlen, +denn er war sofort nach den Reisfeldern der Ma-Suling, die hoch oben +am Merasè lagen, geflohen. + +Kaum hatte sich die Aufregung über diesen Mord etwas gelegt, als +Berichte aus Long Tepai eintrafen, welche die Bevölkerung noch +weit mehr beunruhigten. Bald nach unserer Rückkehr vom Batu Lesong +war _Hadji Umar_ nämlich in Handelsangelegenheiten nach Long Tepai +gezogen und kehrte am 7. Februar mit der Nachricht zurück, dass er +die Bewohner von Long Tepai in grosser Aufregung verlassen habe, +weil sechs Siang vom Murung, die am oberen Tepai Guttapercha suchten, +auf Batang-Lupar Dajak gestossen waren, die den Wald unberechtigter +Weise ausbeuteten. Die Siang waren mit Erlaubnis des Häuptlings _Bo +Lea_ von Long Tepai den Fluss bis zu seinem Ursprung hinaufgefahren +und hatten in dem für gewöhnlich gänzlich unbewohnten Gebiete hacken +gehört. Als sie vorsichtig heranschlichen, sahen sie zwei Männer, die +im Begriff waren, eine Sagopalme zu fällen. Durch einen kleinen Hund, +der fortlief, aufmerksam gemacht begannen die Männer, dem Berichte +nach, mit vergifteten Pfeilen auf die Siang zu schiessen, ohne sie +zu treffen, worauf diese mit Gewehrschüssen antworteten. Die beiden +Männer ergriffen die Flucht, wurden aber von den Siang verfolgt, +die schliesslich auf eine nach Art der Batang-Lupar gebaute Hütte +stiessen, die mindestens 30 Personen beherbergen konnte. + +Die Bande schien in grosser Eile geflohen zu sein, denn sie +hatte Schwerter, Kochtöpfe und eine grosse Menge Guttapercha +zurückgelassen. Die Siang, die sich in dieser Umgebung nicht sicher +fühlten, kehrten nach Long Tepai zurück und nahmen als Beweis +für ihr Erlebnis Guttapercha und allerhand Gegenstände mit. Die +zweifellose Nähe der Batang-Lupar, vor denen man am oberen Mahakam +stets Furcht empfindet, rief bei den Bewohnern von Long Tepai einen +solchen Schrecken hervor, dass sie sich sofort rüsteten, um auf den +Feind loszugehen. Man beschloss jedoch, bevor man zur Tat schritt, +sei es auf Anraten _Hadji Umars_, sei es, weil die Häuptlinge selbst +es für sicherer hielten, die Angelegenheit erst mir und _Barth_ +vorzulegen. Daher kam _Umar_ uns melden, dass am folgenden Tage _Bo +Tijung_, der älteste, vornehmste und einflussreichste Mann von Long +Tepai, zu uns kommen werde, um die Sache mit uns zu beraten. Dieser +Vertrauensbeweis der Long-Glat, deren Gesinnung uns gegenüber bisher +stets zweifelhaft gewesen war, gewährte uns eine grosse Genugtuung, +auch freuten wir uns, den Bahau beweisen zu können, dass wir ihnen +bei gegebener Gelegenheit ernstlich beistehen wollten. Wir überlegten +daher, was in dieser Angelegenheit weiter zu tun sei. Da die Bahau +die Batang-Lupar als Kopfjäger sehr fürchteten und die Long-Glat +in der Tat allen Grund dazu hatten, weil sie den am Oga an den fünf +Batang-Lupar verübten Mord noch nicht gesühnt hatten, war es äusserst +wahrscheinlich, dass sie bei einer eventuellen Begegnung sogleich auf +ihre Feinde schiessen würden. Hierdurch wären gegenseitige Racheakte +und vermehrte Unruhe im Lande veranlasst worden; wir mussten daher +trachten, die ganze Bewegung in Händen zu behalten. + +Ob sich nur diese kleine Bande Serawakischer Dajak in der Umgegend +aufhielt, oder ob sie zu einer viel grösserem gehörte, war gänzlich +unbekannt. Als Folge des vor zwei Jahren von den Long-Glat verübten +Mordes hatten bereits zahlreiche Gerüchte von Rachezügen seitens der +Butang-Lupar, die schon unternommen waren oder erst unternommen werden +sollten, die Runde gemacht, und es war daher sehr wohl möglich, dass +die entdeckten Buschproduktensucher in der Tat darauf aus waren, sich +an den Long-Glat von Long-Tepai oder anderen Niederlassungen zu rächen. + +Bevor wir über die Anzahl und den Aufenthaltsort der Feinde nähere +Auskunft erlangt hatten, konnten wir keine wichtige Massregel +ergreifen. Dass die Bahau aber in der Aufregung des Augenblicks +zu ruhiger Überlegung und Geduld nicht fähig waren, merkten wir am +folgenden Tage, als _Bo Tijung_ mit zwei Böten bei uns landete und nach +einem kurzen Besuch bei _Kwing Irang_ uns sogleich seine Aufwartung +machte. Sein Bericht stimmte mit dem von _Hadji Umar_ überein, auch +hatte er als Beweisstück Guttapercha mitgebracht. Die Batang-Lupar +bereiten nämlich die Guttapercha auf eine besondere Art und Weise, die +nicht zu verkennen ist. Erstens vermengen sie die Guttapercha stark mit +Baumrinde, so dass sie eine schwammige Masse bildet, zweitens formen +sie aus ihr viereckige, platte Kuchen, die ungefähr 3 × 5 dm gross +und 1 dm dick sind. Die Bahau dagegen, besonders die Siang, vermengen +die Guttapercha viel weniger und geben ihr eher eine zylindrische Form. + +_Bo Tijung_ hatte eigentlich gehofft, unsere Zustimmung zu erhalten, +um mit allen kriegstüchtigen Männern sogleich auf die Batang-Lupar +Jagd zu machen, und wollte daher anfangs ernsten Überlegungen kein +Gehör schenken. Schliesslich konnte er aber unseren Einwand gegenüber, +dass man über Anzahl der Feinde und den Ort, an dem sie zu finden +waren, wenig wusste, nicht taub bleiben, auch schätzte er unser +Versprechen, mit unseren gut bewaffneten Schutzsoldaten sicher Hilfe +leisten zu wollen, sehr hoch. Aus unserem Gespräche, dem bald auch +_Kwing Irang_, _Hadji Umar_ und viele andere beiwohnten, glaubte _Bo +Tijung_ herauszuhören, dass wir das Mitnehmen der Guttapercha tadelten, +und benützte die Gelegenheit, um seiner inneren Unzufriedenheit über +den Lauf der Dinge Luft zu machen. Er äusserte sich heftig über das +vermeinte Unrecht, die Guttapercha, die im eigenen Gebiet gestohlen +worden war, nicht haben mitnehmen zu dürfen. _Hadji Umar_ machte ihm +bald klar, dass wir durchaus nicht dieser Ansicht waren, dass wir in +dieser Angelegenheit nur vorsichtig zu Werke gehen wollten. + +Die Unterredung mit _Bo Tijung_ zeigte uns, dass, falls wir die +Leitung der Dinge behalten wollten, die Gegenwart eines von uns in +Long Tepai unumgänglich notwendig war, da selbst die Klügsten der +Long-Glat kaum noch zu halten waren. + +Nach dieser vorläufigen Beratung kam ich mit dem Kontrolleur überein, +dass wir jetzt, wo die Mahakamstämme uns so günstig gesinnt waren und +selbst Angelegenheiten, die sie so nahe angingen, mit uns berieten, +eine Teilung unserer Gesellschaft riskieren konnten, und so beschlossen +wir, dass _Barth_ mit allen bewaffneten Malaien nach Long Tepai +ziehen sollte, um dort nach Umständen zu handeln, und dass _Hadji +Umar_, der die dortigen Verhältnisse und Menschen am besten kannte, +ihn begleiten sollte. _Barth_ sollte so lange in Long Tepai bleiben, +bis ich mit _Kwing Irang_ bei ihm eintraf, um dann gemeinschaftlich +die Reise nach der Küste fortzusetzen. + +Auf die Frage, wann er mit uns würde abreisen können, antwortete +_Kwing Irang_ nur: "so bald als möglich," ohne einen bestimmten +Termin anzugeben. + +Am 9. Februar teilte sich unsere Gesellschaft tatsächlich und +_Barth_ fuhr mit den Seinen, zur grossen Zufriedenheit _Bo Tijungs_, +flussabwärts. + +In Long Tepai fand er alle bereit, sogleich einen Kriegszug nach +dem oberen Tepai zu unternehmen; doch brachte er die Leute dazu, +sich vorläufig darauf zu beschränken, unter Leitung einiger unserer +besten Schutzsoldaten auf Kundschaft auszuziehen und zwar in so grosser +Anzahl, dass man auch stärkeren Banden Widerstand leisten konnte. + +Die Expedition brachte die Nachricht zurück, dass die Batang-Lupar, +die in der Hütte gewohnt hatten, wahrscheinlich keiner grösseren +Bande angehörten und so eilig geflohen waren, dass sie ihr Hab und +Gut hatten zurücklassen müssen. Nachdem die Gesellschaft einige +Tage in der Batang-Lupar Hütte gewohnt hatte, zog sie mit allen +transportablen Gegenständen nach Long Tepai zurück und beruhigte die +Dorfbewohner. Beinahe hätte sich auf dem Zuge ein Unglück zugetragen, +da einer von _Hadji Umars_ Begleitern, ein zum Heidentum übergetretener +Malaie aus Serawak, gleichfalls namens _Umar_, plötzlich sein Gewehr +auf _Njok_, den ältesten Sohn von _Bo Lea_, angelegt hatte. Wenn einer +unserer Schutzsoldaten das Gewehr nicht in die Höhe geschlagen hätte, +wäre _Njok_ sicher niedergeschossen worden. Der Mann war sogleich in +den Wald geflohen und hatte sich nicht mehr sehen lassen. Acht Tage +darauf erfuhren wir, dass _Umar_ erschöpft in Long Bulèng angelangt +war. Später beging er Ähnliches am Serata und verursachte schliesslich +auch bei den Kajan grosse Aufregung, indem er fünf junge Malaien +verwundete und einen Dajak tötete. Jetzt sahen selbst die Kajan ein, +dass der Mann an Verfolgungswahnsinn litt. _Kwing Irang_ hatte mir +nicht glauben wollen, als ich den Mann für geisteskrank erklärte und +ihm nach dem Begebnis in Tepai riet, das gefährliche Individuum nach +Serawak zurückzusenden. Mit vieler Mühe gelang es den Kajan, den Mann, +der sich im Walde versteckt hielt, zu töten. + +Nun folgte für mich eine sehr ruhige Zeit, in der ich nur für den +täglichen Unterhalt meiner Leute zu sorgen, meine ethnographische +Sammlung zu vergrössern und die Lebensverhältnisse der Kajan zu +studieren hatte. Der Bau von _Kwing Irangs_ Haus bildete für mich +den Mittelpunkt des Interesses. + +Auf Andringen von _Kwing Irang_ und seinen Mantri beteiligten sich +einige Monate hindurch beinahe täglich einige Männer an der Arbeit, +aber der Bau schritt doch lange nicht so schnell vorwärts, als der +Häuptling und ich es wünschten. _Kwing_ hatte mir bereits öfters +mitgeteilt, dass, so lange er sein neues Haus noch nicht bezogen hatte, +von einer Reise zur Küste keine Rede sein konnte. Jetzt, wo meine +Gegenwart aus politischem Interesse bei den Long-Glat viel notwendiger +war als bei den Kajan, wurde meine Ungeduld, das Haus endlich fertig +dastehen zu sehen, begreiflicher Weise immer grösser. Und doch wollte +ich die Reise ohne Kwing Irang lieber nicht fortsetzen, da seine +Anwesenheit für den Eindruck auf die weiter unten wohnenden Stämme +von zu grosser Bedeutung war. Von diesem Gesichtspunkte aus war es +sehr günstig, dass der Kontrolleur schon jetzt die Möglichkeit hatte, +sich bei den Long-Glat einzuleben; die Berichte, die er ständig nach +oben sandte, lauteten auch sehr befriedigend. + +Immer wieder wies ich die Kajan auf ihre Pflicht, sich mit aller +Kraft dem Hausbau zu widmen. Es wurden selbst zweimal des Abends +Versammlungen abgehalten, in denen ich mit allem Einfluss, den +ich besass, für den Bau des Hauses eintrat; der Häuptling konnte +nämlich keine Arbeiter mehr finden, da die Leute mit dem Bau ihrer +eigenen Wohnung beschäftigt waren. Zu meiner Genugtuung wurden +meine Vorstellungen wirklich beherzigt und der Hausbau schritt, +im Vergleich mit der sonstigen Arbeitsweise der Bahau, schnell +vorwärts. Die Kajan waren hiervon so überzeugt, dass sie mir sagten, +das Haus sollte später stets: "_uma tuan Doktor_" (Haus des Herrn +Doktor) heissen. Nichtsdestoweniger schienen mir die Tage kein Ende +nehmen zu wollen. + +_Bier_ hatte seine Aufnahmen in Zeichnung gebracht und es wurde für +ihn Zeit, seine Arbeit an einem anderen Ort fortzusetzen. Da auch der +Kontrolleur in Long Tepai nur fünf Schutzsoldaten bei sich hatte, +schien es mir notwendig, uns unabhängig von den Bahau Hilfskräfte +zu verschaffen, die mir auch, nachdem ich den Kontrolleur bis nach +Samarinda begleitet hatte, bei meiner Rückkehr ins Innere von Nutzen +sein konnten. Ich nahm daher sogleich die besten Elemente von _Hadji +Umars_ Gesellschaft und ausserdem auch noch einige andere Malaien aus +unserer Nachbarschaft in meinen Dienst. Die Leute waren froh, dass +sie nun, wo die Kajan nicht mithalten konnten, von der Gelegenheit, +einen guten Lohn zu verdienen, profitieren konnten. Es wurde mir um so +leichter, Personal zu finden, als keinem von uns bisher ein Unglück +zugestossen war und ich durch meine ärztliche Praxis das Vertrauen +aller genoss. Im Hinblick auf meinen späteren Besuch bei den Kenja +war ich auf Leute des gleichen Landes angewiesen, da ich erfahren +hatte, dass nur ein kleiner Teil meines jetzigen Geleites dafür +geeignet war oder geneigt sein würde, noch ein zweites Jahr bei mir +zu bleiben. Unter den javanischen Leuten waren mehrere, die mir von +keinem Nutzen sein konnten und die ich daher nach Java zurückschicken +wollte, während die Malaien von der "Wester-Afdeeling" von Borneo, +sowohl die Schutzsoldaten als die Melawie Malaien, sich zu sehr nach +ihren Familien sehnten, um noch weiter mitgehen zu wollen. Indem ich +von den Javanern, die in letzter Zeit ein sehr faules Leben geführt +hatten, alle entbehrlichen Leute wählte, gelang es mir, _Bier_ für +drei Böte eine Bemannung zu verschaffen, mit der er den Mahakam vom +Blu-u bis Long Tepai weiter aufnehmen konnte; von dort aus sollte +er mit Hilfe der Long-Glat, die ihm der Kontrolleur zu verschaffen +suchen musste, weiterarbeiten. + +Des hohen Wasserstandes wegen musste _Bier_ lange Zeit mit seiner +Aufnahme warten und noch vor seiner Abreise fanden unsere Gedanken +eine plötzliche Ablenkung. + +A m Morgen des 23. Februar erschien _Kuntji_, ein Malaie, der bei +den Ma-Suling am Merasè lebte, mit einer Anzahl Leute aus Lulu +Sirang und meldete, dass der Häuptling _Obet Dewong_ seit einiger +Zeit wieder so ernstlich krank war, dass er meine Hilfe sogleich +nötig hatte. Die Nachricht berührte mich äusserst unangenehm, +denn man schrieb die Krankheit natürlich, diesmal zum Teil mit +Recht, unserer Exkursion auf den Batu Situn zu, auch konnten nun +die Ma-Suling, die bereits grosse Vorbereitungen getroffen hatten, +um unter meinem Schutz die Gebiete unterhalb der Wasserfälle und die +dortigen Märkte zu besuchen, nicht mit uns reisen. Da es sich bald +herausstellte, dass es dem Häuptling lange Zeit gut gegangen war, +dass er aber durch grosse Unvorsichtigkeit, wie durch langes Stehen +in kaltem Flusswasser beim Fischen und durch Hacken von Rotang und +Brettern für Böte, einen Rückfall bekommen hatte, wollte ich mich +in der ersten Aufwallung nicht weiter mit ihm befassen. Ausserdem +war die Reise nach Lulu Sirang wegen des Hochwassers im Mahakam und +Merasè gefährlich und so schwierig, dass wir kaum Aussicht hatten, +die Niederlassung noch am gleichen Tage zu erreichen. Bei ruhiger +Überlegung sagte ich mir jedoch, dass der Tod des Häuptlings einen +sehr unangenehmen Eindruck hinterlassen würde, den meine Weigerung, +ihm zu helfen, nur verschlimmern konnte. Auch fiel mir ein, dass wir +möglicherweise einen Teil der Reise über Land zurücklegen konnten, +denn ich hatte vom Batu Marong aus gesehen, dass die Gegend zwischen +dem Mahakam und Lulu Surang zwar mit Urwald vollständig bedeckt, aber +eben war. Da an beiden Enden dieser Ebene, am Mahakam und am Merasè, +Ma-Suling wohnten, führten vielleicht Pfade durch den Wald. + +Bei näherer Erkundigung bestätigte sich meine Vermutung; wir konnten +uns somit die Fahrt auf dem Merasè ersparen und hatten dazu Aussicht, +unser Ziel schneller zu erreichen. + +Eine halbe Stunde darauf sass ich mit _Midan_, meinem Hunde +und den notwendigen Arzneien im Bote der Ma-Suling, das von der +heftigen Strömung mit grosser Geschwindigkeit flussabwärts geführt +wurde. _Bier_, der am gleichen Tage mit der Aufnahme hatte anfangen +wollen, musste die Arbeit wieder aufschieben; auch sollte er in den +folgenden Tagen nach Gutdünken handeln. + +Bereits um 11 Uhr hatten wir Lulu Njiwung passiert, waren zwischen +zahlreichen kleinen Inseln hindurchgefahren und landeten oberhalb +der Mündung des Merasè bei der Niederlassung des Ma-Suling-Häuptlings +_Tekwan_. Hier stieg ich aus und sandte einige Ma-Suling nach oben, +um Führer zu holen, da ich selbst noch viel zu sehr unter dem Eindruck +des von _Lasa_ verübten Mordes stand, um dessen Elternhaus betreten zu +wollen. Diejenigen, die den Weg nach Lulu Sirang kannten, wohnten auf +ihren Reisfeldern, an denen wir vorüber mussten. Zwei junge Ma-Suling +aus unserem Boot, mein Diener und mein Hund sollten mich begleiten, +während der Malaie _Kuntji_, der nicht mit uns zu gehen wagte, und die +vier anderen Ma-Suling versuchen sollten, den Merasè hinaufzufahren. + +Als es bald darauf zu regnen begann, wurden die im übrigen gut +unterhaltenen Wege, die zu den Reisfeldern führten, sehr glatt, +besonders an viel betretenen Stellen und auf Hügeln. + +Nach einer Stunde schlugen wir Seitenwege ein, die zwar viel unebener +waren, dem Fusse aber besseren Halt boten. Nach kurzer Zeit erreichten +wir die Hütte (_lepo luma_) auf dem Reisfelde, dessen Besitzer uns als +Führer dienen sollte. Der Mann behauptete jedoch, nicht fort zu können, +und gab uns zwei andere an, die zur Begleitung bereit sein würden. + +Auf einigen kaum erkennbaren Pfaden und durch einige Bäche hindurch +gelangten wir zu anderen Ladanghäusern, in denen wir zwei Männer +fanden, die in der Tat mitgehen wollten. + +Von den Reisfeldern führte der Weg in den Wald längs flachen, sandigen +Flussbetten, in denen das Waten zwar nicht mühsam, aber beim strömenden +Regen auch nicht ermunternd war. + +Wir folgten dem letzten Flussbett, das immer steiniger wurde, bis +zum Ursprung; hier mussten wir die Ebene verlassen und mehrere +hohe Hügel passieren. Die nassen Lehmpfade, die steil nach oben +führten, stellten an unsere Beine und Lungen starke Ansprüche, +aber auf den Gipfeln der Hügel angekommen fanden wir wirklich gute +und nicht glatte Pfade, denen wir stundenlang folgen konnten. Erst +bei Einbruch der Dunkelheit stiegen wir abwärts und folgten sehr +ermüdet den Pfaden, die durch die Reisfelder der Ma-Suling von _Obet +Dewongs_ Dorfe führten. Unglücklicher Weise bestanden diese Pfade +grösstenteils aus freiliegenden, dünnen Baumstämmen, von denen je +zwei oder drei auf Querbalken neben einander einen Fuss über dem +Erdboden ruhten. Strauchelnd, gleitend und fallend bewegten wir uns +langsam vorwärts und waren am Ende erstaunt, ohne Arm- und Beinbruch +davongekommen zu sein. In einem Ladanghause, in dem Licht brannte, +wollten wir uns mit Fackeln versehen, aber die Leiter war hinaufgezogen +und, als wir uns dem Hause näherten, löschten die Bewohner das Licht +aus und gaben keine Antwort. Unsere Führer erklärten, dass es viel +zu gefährlich sei, an andere Hütten zu klopfen, da die Leute sich +nachts fürchteten und auf uns schiessen konnten. + +So gingen wir denn weiter und erreichten, bevor es ganz dunkel +wurde, die Hütte von Verwandten der beiden Ma-Suling von _Obet +Dewong_. Nachdem wir hier eine halbe Stunde Rast gehalten hatten, +suchten wir mit Hilfe von Harzfackeln in der stockdunklen Nacht +weiter zu kommen. Zum Glück befanden wir uns nicht mehr weit von der +Niederlassung entfernt, wir mussten nur noch einem kleinen Flusse +folgen und dann zum Teil über den Marong hinüber. + +Zwischen Wasser und Erde machten wir bereits seit langem keinen +Unterschied mehr, daher empfanden wir es auch nicht als besonders +unangenehm, dass wir durch einen kleinen, aber sehr geschwollenen +Fluss mit moderigem Grunde waten mussten und dass das Wasser uns bis +an die Brust reichte. + +Die schmale Schlucht zwischen den hohen, dicht bewachsenen Ufern +wurde von dem flackernden Schein unserer Fackeln phantastisch +beleuchtet. Hinderten uns unter Wasser liegende Äste und Baumstämme +am Vorwärtsgehen, so fanden wir am Ufergras und an den Zweigen einen +Halt. Mein Hund suchte sich zwischen dem Ufergebüsch heulend seinen +Weg, da er gegen die heftige Strömung nicht schwimmen konnte. Der +Fluss wurde immer flacher und nach einer halben Stunde verliessen +wir das Bette, um den Batu Marong so weit zu besteigen, dass wir auf +die andere Seite hinübergelangen konnten. Dort sahen wir den Merasè +plötzlich zu unseren Füssen und jenseits des Ufers stand das Haus von +_Obet Dewong_. Als habe man uns erwartet, erschienen auf unser Rufen +sogleich einige Männer, die uns über den in der Tat sehr geschwollenen +Fluss ruderten. + +Obgleich mein äusserer Mensch durchaus nicht in eine Häuptlingswohnung +passte, führte man mich doch sogleich zu _Obet Dewong_, der über mein +Kommen sehr erfreut war. Man hatte mich nicht umsonst gerufen; der +grosse Mann lag völlig apathisch mit halbgebrochenen Augen da; seine +Zunge war trocken und schwarz, auch sprach er nur mit Anstrengung. + +Da er täglich um die Mittagszeit einen Fieberanfall bekam, hielt ich +es für geraten, ihm nicht vor dem folgenden Morgen Chinin zu geben, +ihn augenblicklich durch Kognak mit Wasser zu beleben und dann, +da sein Puls es zuliess, mittelst Morphium schlafen zu lassen. Den +Kognak musste ich stark verdünnen, da die Kehle der Bahau, die fast +nichts anderes als Wasser kennt, für Alkoholica sehr empfindlich +ist. Die Wirkung war eine befriedigende, denn bevor ich mich von meiner +Übermüdung so weit hergestellt hatte, dass ich an Essen und Schlafen +denken konnte, hatte sich der Patient, zur grossen Freude seiner +Umgebung, bereits etwas erholt. Nach meiner Mahlzeit von Huhn und +Reis gab ich dem Häuptling ein Morphiumpulver, worauf er in ruhigen +Schlaf fiel. + +Wahrscheinlich schlief mein Patient besser als ich, denn obgleich es +_Kuntji_ gelungen war, bald nach uns anzukommen und er mein Bettzeug +mitgebracht hatte, schlief ich nur schwer ein und erwachte mit einem +heftigen Brustkrampf. Gegen Ende der Nacht legte sich der Krampf +und am folgenden Morgen gab es so viel zu tun, dass ich auf mich +selbst nicht mehr achten konnte. In aller Frühe gab ich _Obet Dewong_ +seine Dosis Chinin, die er bereitwillig einnahm, mit dem Erfolge, +dass der Fieberanfall an diesem Tage ausblieb. Darauf strömten +wiederum Kranke herbei, die mich um Chinin, hauptsächlich aber um +Jodkali baten, dessen gute Wirkung sie seit meinem letzten Besuche, +wo ich ihnen dieses Mittel in grösserer Menge verteilt hatte, aus +Erfahrung kannten. Unter anderem erfuhr ich von den Leuten, dass +viele es lebhaft bedauerten, wegen der Krankheit des Häuptlings nicht +mit mir zur Küste reisen zu können. Zwar glaubte der Häuptling immer +noch an seine baldige Genesung und an eine Teilnahme an der Reise, +aber ich nahm mir vor, ihm wegen seines Leichtsinns in bezug auf +seinen augenblicklichen Zustand und in Anbetracht seiner hohen Jahre, +auch für die Zukunft Vorstellungen zu machen. + +Die vorgenommene Unterredung fand bereits abends statt, auch teilte +ich dem Kranken mit, dass ich noch den folgenden Tag bei ihm bleiben +wollte, um ihm selbst die Arznei zu verabreichen. Die Chinindosis, +die er morgens und abends regelmässig einnahm, und die rationelle +Ernährung taten dem Manne sichtlich gut. Am Abend vor meiner Abreise +erklärte ich _Obet_ nochmals, dass ich ihn bestimmt nicht auf die +Reise mitnehmen würde und dass er sich noch lange nach seiner Genesung +in Acht nehmen müsse, um einen Rückfall, der für ihn sehr gefährlich +werden konnte, zu vermeiden. Dank den zurückgelassenen Arzneien genas +der Patient vollkommen, als er aber später hörte, dass es mit meiner +Abreise Ernst wurde und dass die Kajan mich begleiten sollten, zog +er doch wieder in den Wald, um seine Böte rüsten zu lassen. Trotz +einer Erkältung, die er sich hierbei zuzog, ging er wieder fischen +und wurde schliesslich von einem so heftigen Fieberanfall gepackt, +dass er nach drei Tagen starb. + +Bei meiner Abreise am 26. Februar wiegte ich mich jedoch noch in +der Illusion, dass ich den Häuptling gerettet hatte, und zu meiner +angenehmen Überraschung erklärten sich diesmal sechs Mann ohne +Widerrede bereit, mich nach Long Blu-u zurückzubringen. An Napo Liu +liess man mich nicht ohne Weiteres vorbeifahren, sowohl bei _Ledju +Li_ als bei _Temenggung Itjot_ musste ich viele Kranke behandeln; +da der Mahakam überdies noch sehr geschwollen war, wurde es Abend, +bevor wir unterhalb der Niederlassung von _Tekwan_ ankamen. Hier +herrschte _lali parei_ (Verbotszeit beim Beginn der Ernte), weswegen +wir nicht im Dorfe übernachten durften, was mir sehr angenehm war. Als +Nachtquartier fanden wir eine leerstehende, kleine Reisscheune, in +welcher meine Leute mir das Klambu aufschlugen und sich dann unter +demselben neben einander schlafen legten. Glücklicher Weise regnete +es am folgenden Morgen nicht, so dass wir mit frischem Mut den Kampf +mit der Strömung wieder beginnen konnten. Einige Stellen liessen sich +nur mit grosser Anstrengung überwinden, da der Mahakam nachts leider +wieder gestiegen war. Als wir zwischen den Inseln hindurch auf gänzlich +neuen Wegen fuhren, trafen wir auf einem derselben _Bier_ mit seiner +Gesellschaft, der nicht länger auf einen günstigen Wasserstand hatte +warten wollen und nun, so gilt es eben ging, für seine Peilungen +passende Standorte zu finden suchte. Er erzählte, dass uns einige +Schutzsoldaten eine Postsendung aus Long Tepai mitgebracht hatten, +die ich ihm zum Trost zukommen zu lassen versprach. + +Zu Hause angekommen fand ich alles in Ordnung, nur war ich sehr +enttäuscht, dass das Dach des neuen Hauses noch immer nicht ganz +gedeckt war und dass noch neue Dachschindeln gemacht werden sollten, +so dass wir sicher bis zum folgenden Monat warten mussten, bevor an +eine Abreise zu denken war. + +Anfang März beauftragte ich die Pflanzensucher, die Pflanzen, die bis +dahin frei in Bambuskörben gestanden hatten, in Kisten zu setzen. Die +Malaien und Javaner sollten inzwischen unsere Böte mit neuen Rändern +versehen und die alten mit Rotang festbinden. + +Die Kajan ersahen hieraus, dass ich ernsthaft an die Reise dachte +und dass ich nicht die Absicht hatte, wie im Jahre 1897, ihre Ernte +abzuwarten. Durch das späte Säen, den Bau des Häuptlingshauses und +vieler kleinerer Häuser, sowie durch den vielen Regen, der den Reis +nicht reifen liess, war die der Ernte vorangehende Verbotszeit bei den +Kajan erst Anfang März abgelaufen. Ich hoffte nun bald zu vernehmen, +dass man sich auf die Vogelschau begeben würde, stattdessen erzählten +mir einige Knaben im Geheimen, dass man auch noch für die Seitenwände +des Hauses Eisenholzschindeln herstellen wollte. Ich war zu sehr daran +gewöhnt, durch Umwege hinter die Wahrheit zu kommen, um den Knaben +keinen Glauben zu schenken, und rechnete daher sogleich mit einer neuen +Verzögerung unserer Abreise. Meine Vermutung erwies sich als richtig, +nur beruhte die Verzögerung nicht auf der Herstellung von Schindeln. + +Die Hauptsache war, dass wir aus der Zeit, die wir notgedrungen bei +den Bahau verbringen mussten, so viel Vorteil als möglich zu ziehen +suchten. + +Der Kontrolleur hatte bereits einen Monat bei den Long-Glat in Long +Tepai verbracht und somit genügend Zeit gehabt, um die Bevölkerung +kennen zu lernen; er selbst war übrigens derselben Meinung. Da _Bier_ +sich nun auch mit seiner Gesellschaft dem Kontrolleur angeschlossen +hatte, waren beide stark genug, um sich in eine Umgebung zu wagen, von +deren friedfertiger Gesinnung wir nicht so ganz überzeugt waren. In +dieser Überlegung schlug ich _Barth_ vor, bei günstigem Wasserstand +bis Long Deho hinunterzufahren, zudem lauteten die Berichte von +dort derart, dass ein längerer Aufenthalt unserer Gesellschaft oder +eines Teiles derselben dort sehr wünschenwert war. Der Häuptling von +Long Deho, _Bang Jok_, war von unterhalb der Wasserfälle gebürtig +und hatte sich mit seinem Stamm erst im Jahre 1893, als er sich in +seiner früheren Niederlassung Lirung Tika wegen der Bedrohungen +des Sultans nicht mehr sicher fühlte, ober halb der Gastlichen +Wasserfälle, des Kiham Halo und Kiham Udang, niedergelassen. Seit +der Zeit hatte er allen Versuchen einer Annäherung seitens des +Sultans widerstand geboten und war auch nie wieder nach Tengaron +gefahren. Doch kam er der Aufforderung des Sultans, die 1895 durch +den vornehmen Gesandten _Pangéran Temenggung_ an ihn erging, gegen +die Banden Buschproduktensucher aus dem Baritogebiet aufzutreten, +nach. Diese Leute brachten nämlich einen grossen Teil der Guttapercha, +die sie im Gebiet des mittleren Mahakam sammelten, nach dem Barito +hinüber, wodurch sie den Sultan um einen Teil des Ausfuhrzolles von +10%, den er an der Mahakammündung erhebt, schädigten. _Bang Jok_ +war nicht im stande, gegen diese starken, gut bewaffneten Banden +aufzutreten, und liess daher gelegentlich kleinere Gesellschaften +durch seine Untergebenen berauben und töten. Auf diese Weise hatte +er direkt und indirekt zu mehreren in den letzten Jahren verübten +Morden Veranlassung gegeben und sah daher, aus Furcht vor Strafe, +einer Begegnung mit uns Niederländern ungern entgegen. + +Da wir wussten, dass _Bang Jok_ alle diese Morde auf des Sultans Rat +ausgeführt hatte, und wir übrigens auch nicht das Recht hatten, gegen +in früheren Jahren begangene Taten aufzutreten, beabsichtigten wir, +auf diese Angelegenheit gar nicht einzugehen. Die Regierung von Kutei +jedoch, die unsere wachsende Macht unter den Bahau mit scheelen Augen +ansah, benützte _Bang Joks_ Furcht vor uns als wichtigsten Hebel, um +zu verhindern, dass auch dieser Häuptling auf unsere Seite trat. Ein +gewisser _Hadji Udjon_ hielt sich bereits seit Monaten als Gesandter +des Sultans bei _Bang Jok_ auf, um ihn dazu zu bewegen, noch vor +unserer Ankunft nach Tengaron hinunterzufahren, von wo aus man ihm +allerhand schöne Versprechungen machte. Diese Umstände liessen uns +lange Zeit über den Empfang, der uns in Long Deho zu Teil werden würde, +in Unsicherheit, und nur die gute Gesinnung der Long-Glat von Long +Tepai, naher Verwandter derer von Long Deho, hatte uns einigermassen +beruhigt. Ich hielt es daher für notwendig, dass der Kontrolleur ein +starkes Geleite bei sich hatte, bevor er sich über die westlichen +Wasserfälle nach Long Deho wagte, und wäre am liebsten selbst mit +ihm gezogen, wenn ich nicht durchaus auf _Kwing Irang_ hätte warten +müssen, besonders jetzt, wo auch die Ma-Suling sich an der Reise +nicht beteiligten und wir auch nur mit Hilfe der Kajan alles Gepäck +nach der Küste schaffen konnten. + +Bevor sich der Kontrolleur in Bewegung setzen konnte, verstrich +jedoch noch eine geraume Zeit. _Bier_ hatte seine Aufnahme noch kaum +bis zur Mündung des Merasè ausgeführt, als ihm _Barth_ trotz des +hohen Wasserstandes mit einigen Long-Glat entgegen fuhr, um ihm die +Möglichkeit zu geben, auch den Pahngè zu messen, der einen wichtigen +Handelsweg nach dem Belatung im Gebiet des Murung bildet. Dies glückte +denn auch, obgleich die Wasserscheide nicht erstiegen und nur der +Fluss selbst aufgenommen wurde. Mit Hilfe der Long-Glat mass _Bier_ +später in gleicher Weise auch den Tepai. So lange aber das Wasser in +Long Tepai nicht bis zu einem bestimmten Zeichen an einem Felsen im +Fluss fiel, war an ein Überschreiten der Wasserfälle nicht zu denken. + +Die zwei letzten Monate waren, wegen der Einsamkeit und des Mangels +an ernster Arbeit, die sowohl unter der Aussicht auf unsere baldige +Abreise als unter unserer Sehnsucht nach dieser litt, sehr unangenehm +gewesen; an unseren Sammlungen wurde nicht mehr eifrig gearbeitet, +denn für Exkursionen konnten wir von den Kajan, die mit der Ernte +beschäftigt waren, keine Unterstützung erhalten und die Ethnographica +hatte ich alle eingekauft, bis auf einige besonders schöne Stücke, +derentwegen ich bereits seit Monaten mit den Besitzern unterhandelte, +ohne dass vorläufig ein Resultat zu erwarten war. Ich verschob diese +Käufe bis zu meiner Rückkehr von der Reise zur Küste. + +Auch meine Kranken liessen mich im Stich, in dieser günstigen +Jahreszeit kamen nur selten Malariafälle vor und die chronischen +Krankheiten hatte ich so weit als möglich geheilt oder den Patienten +die Mittel zu weiterer Selbstbehandlung gegeben. + +Überdies sah es in unserer Wohnung ungemütlich aus, denn die vielen +Ethnographica und Vögel waren, sobald man Kisten für sie hergestellt +hatte, eingepackt worden. Alle diese Umstände liessen uns den langsamen +Fortschritt der Reisevorbereitungen seitens der Kajan noch unangenehmer +empfinden. + +Nachdem der Häuptling Anfang März das _lali parei_ noch in seiner +kleinen Wohnung gefeiert hatte, fand der Einzug in das neue, noch +nicht ganz fertige, aber doch regendichte Haus statt, worauf zwei +Tage _melo_ und dann die Aufhebung der Verbotsbestimmungen (_bet +lali_) für das Haus folgten. Der ganze Stamm beteiligte sich an den +Festlichkeiten, die uns für einige Tage Abwechselung boten. Leider +folgte hierauf wieder ein unvermeidliches achttägiges _melo_ und dann +erst begann man das grosse Häuptlingsboot in Ordnung zu bringen. Erst +mussten aber noch Ränder (_apin_) im Walde gesucht werden, was keine +Kleinigkeit war, da die Länge des Bootes 18 m und die Breite 1,2 m +betrug. Diese Arbeit wurde aber, als sich die Kajan einmal ernsthaft +aufrafften, über Erwarten schnell ausgeführt und in einem Tage waren +auch die Bretter an das Fahrzeug gebunden worden. Zwar wusste ich, +dass viele Leute ihren Reis für die Fahrt zubereitet hatten, aber da +seither viele Monate verstrichen waren, hatten diese Vorbereitungen +kaum noch einen Wert. Selbst die Erklärung eines Mantri, dass ich es +hoch anschlagen müsse, dass _Kwing Irang_ doch mit mir ging, obgleich +sich ein Bahauhäuptling, wenn er eben sein Haus bezogen hat und dieses +auch noch nicht vollendet ist, nicht auf die Reise begeben dürfte, +verbesserte meine Stimmung nicht sonderlich. + +Selbst am 10. März beanspruchte _Kwing_ noch meine Hilfe, weil er +selbst keine genügende Anzahl Menschen zusammen bringen konnte, um +in seiner Vorgalerie eine Diele legen zu lassen. Diese bestand aus +zahlreichen, schweren Brettern des Tenkawangbaumes, der trotz seiner +Nützlichkeit hierfür in grosser Zahl geopfert wurde. Die Bretter waren +ungefähr 1 dm dick und 5-7 dm breit bei einer Länge von ungefähr +10 m. Aus einem grossen Baum wurden zwei Bretter hergestellt und +zwar vereinigten sich stets zwei Familien, ein bearbeitetes Brett +zu liefern. + +Um diese Bretter an Ort und Stelle, drei Meter hoch über den Erdboden, +zu heben, waren mehr Männer als die sechs oder acht, die ständig am +Hause arbeiteten, erforderlich, aber da alle eifrig auf ihren Feldern +beschäftigt waren, bat mich _Kwing Irang_, noch einmal die Leitung +einer Versammlung übernehmen zu wollen, in der den Familienhäuptern +nochmals eingeschärft werden sollte, dass sie ihrem Häuptling und +mir gegenüber verpflichtet waren, wiederum Hilfe zu leisten. + +A m folgenden Tage wurden in der Tat alle bereits vorhandenen Bretter +an ihren Platz gelegt, aber es erwies sich, dass noch so viele Familien +die Lieferung ihrer Planke bis nach der Ernte oder nach dem Bau ihrer +eigenen Wohnung verschoben hatten, dass noch ungefähr die Hälfte +der 13 × 28 m grossen Oberfläche ungedeckt blieb. Hierfür gebrauchte +jedoch _Kwing_ die noch nicht benützten Bretter der Mittelwand, die +man vorläufig aus altem Material hergestellt hatte und die man erst +nach der Rückkehr von der Küste vollenden wollte. + +Unter diesen Beschäftigungen trat der z B. März ein, bis _Sorong_ +mit vier Mann auf die Vorzeichensuche ging. Nach der Meinung der +meisten Kajan geschah dies viel zu früh, aber _Kwing Irang_ tat alles, +was er konnte, um die Reise zu beschleunigen, ohne die _adat_ und +seine eigenen Interessen allzu sehr zu benachteiligen. Vom 24sten +bis zum 28sten durfte nämlich nichts Besonderes ausgeführt werden, +da der Mond in dieser Zeit, wo er am vollsten ist, "schlechter Mond" +(_bulan dja-ak_) genannt wird. Die Kajan bauen in dieser Zeit keine +Häuser und Böte und gehen auch nicht auf die Vorzeichensuche. Dass +_Sorong_ sich so früh aufgemacht hatte, half leider nichts, denn am +30. März kam er mit der traurigen Nachricht zurück, dass _Obet Dewong_ +nun doch, nach einem Ausflug in den Wald, gestorben war. Durch einen +derartigen Todesfall verlieren die gefundenen Vorzeichen ihren Wert +und es müssen später wieder neue gesucht werden. + +Noch am gleichen Tage kam von den Pnihing aus Long 'Kup die Nachricht, +dass _Paren_, der kleine Sohn, den _Kwing_ dort von seiner jüngsten +Frau hatte, seit einigen Tagen an Fieber litt und dass man den Vater +erwarte. Mit dem Versprechen bald zurückzukehren begab sich _Kwing_ +noch am selben Nachmittag nach Long 'Kup. + +Als _Kwing_ in den ersten Tagen nicht zurückkehrte, ging _Sorong_ +in zwei Böten wiederum auf die Vorzeichensuche. + +Da der Häuptling im Fall des Todes seines Sohnes überhaupt nicht hätte +reisen dürfen, begann ich mich zu beunruhigen und fuhr am 2. April +selbst nach Long 'Kup, um zu sehen, wie die Sachen standen und ob ich +helfen konnte. Bei meiner Ankunft war man gerade damit beschäftigt, +_Kwings_ Gepäck für die Rückreise in die Böte zu laden; auch war +im Zustand des Knaben eine Besserung eingetreten. Es zeigte sich, +dass man ein grosses Beschwörungs- und Genesungsopfer (_enah abei_) +gebracht hatte und dass die Kajan von dem herrlichen Klebreis mit +Schweinefleisch, den sie genossen hatten, noch ganz erfüllt waren. Von +dem Rest der schönen Opfergerichte sollte ich nun durchaus auch noch +etwas geniessen. Ich liess mich nicht lange nötigen und zwar nicht nur, +um meinen Gastherren eine Freude zu bereiten, denn auf meinem Tisch +war in letzter Zeit so selten Fleisch erschienen, dass ich das fette +Schweinefleisch, trotzdem es ohne Salz gekocht war, gierig verzehrte. + +Am gleichen Abend waren wir wieder in Long Blu-u zurück, wo ich zu +meinem Verdruss hören musste, dass ein neunjähriges Mädchen, das +die Eltern allein zu Hause gelassen hatten, plötzlich erkrankt und +gestorben war. Wahrscheinlich hätte ich dem Kinde nicht helfen können +und die Kajan trösteten sich mit der Annahme, dass das Kind vielleicht +über irgend ein Tier gelacht und daher von den Donnergeistern getötet +worden war. Mir schien eine Vergiftung vorzuliegen, ich hielt es aber +für geraten, meine Vermutung nicht auszusprechen, da sich sonst alle +vor Vergiftung gefürchtet hätten. + +Infolge des Todesfalles durfte man, solange das Kind nicht bestattet +war, weder an den Böten noch an der Reiseausrüstung arbeiten, auch +liess _Kwing Irang_ den _Sorong_, der bereits einen günstigen Vogel +gesehen hatte, zurückrufen, da die Vogelschau in diesem Fall _lali_ +war. Der Häuptling beredete zwar die Eltern der Verstorbenen, die +Leiche in einer Felsenhöhle (_liang_) beizusetzen und ihr nicht erst, +wie man anfangs beabsichtigt hatte, eine Hütte zu bauen, was lange +gedauert hätte; aber immerhin verloren wir durch diesen Todesfall +wieder zwei Tage. + +Darauf begannen _Kwing_ und sein Sohn _Bang_ wirklich eifrig an +ihren Böten zu arbeiten und viele Freie folgten ihrem Beispiel; +zugleich wurde _Sorong_ wiederum auf die Vogelschau geschickt, die +ihn allmählich zu langweilen begann. _Sorong_ war nämlich ein in der +Jugend geraubter Kahájan Dajak, der dem Glauben der Bahau, obgleich +er beim Häuptling eine bevorrechtete Stellung genoss, nicht viel Wert +beilegte; nur äusserte er hierüber nie seine Meinung. + +Am 10. April langte _Akam Igau_ mit den Seinen unerwartet bei uns +an. Sie hatten alle diese Monate bei ihren Verwandten am Tawang +verbracht und wegen des hohen Wasserstandes im Makaham eine mühevolle +und lange Rückreise gehabt. Nachdem sie die Wasserfälle passiert +hatten, waren sie gezwungen gewesen, noch sechs Nächte in Long Tepai +zu verbringen., weil man dort wegen des Baues eines neuen Hauses auf +die Vogelschau ausgegangen war. + +Die Mendalam Kajan brachten die Nachricht, dass der Kontrolleur und +_Bier_ bereits nach Long Deho gereist waren, aber dass sich _Bang Jok_ +einen Tag vor ihrer Ankunft nach Udju Halang begeben habe, wo seine +Schwester gestorben war. Obgleich letzteres sicher der Fall war, schien +mir _Bang Joks_ Abreise im letzten Augenblick doch nur ein Vorwand zu +sein. Also war es in Kutei doch gelungen, diesen bedeutenden Häuptling +vor uns derart in Schrecken zu versetzen, dass er seine eigene Furcht +vor Kutei dabei vergass. _Bang Joks_ wurde auch sogleich von dem +Sultan mit einem Dampfboot von Udju Halang nach Tengaron abgeholt, +wo wir ihn später trafen. + +Die Mendalam Kajan wollten sogleich weiterreisen, ich konnte sie +daher nur mit Mühe dazu bewegen, noch einen Tag zu warten, um +unsere Briefe mitzunehmen. Da _Kwing_ in seinem neuen Hause noch +keine Gäste empfangen durfte, übernachteten sie in Long Bulèng. Am +anderen Tag kam _Sorong_ endlich melden, dass die wichtigsten Vögel +ihre Zustimmung zur Reise gegeben hatten. In einem Gespräch mit dem +Häuptling äusserte dieser den Wunsch, mit allen Kajan, die mitgehen +sollten, ein _melo njaho_ von zwei Tagen abzuhalten; danach sollte man +mein Gepäck in die Böte laden. Nach dem monatelangen Warten kostete +es mich einige Selbstüberwindung, meine Zustimmung zu geben, aber +da _Kwing Irang_ die Sache für wichtig hielt, willigte ich ein. Zwei +Tage darauf wurden morgens alle Böte zu Wasser gelassen und mit Reis, +Guttapercha etc. beladen. Zwischen meinen seit so langer Zeit schon +gepackten Sachen sitzend beobachtete ich von meiner Wohnung aus mit +grosser Befriedigung die Emsigkeit der Kajan, als ich diese plötzlich +in grosser Hast alles Gepäck wieder den hohen Uferwall herauftragen +sah; selbst die Frauen halfen mit, um schneller fertig zu werden. Ihre +Handlungsweise erschien mir unerklärlich, aber gleich darauf teilte +man mir im Namen von _Kwing Irang_ mit, dass von einer Abreise keine +Rede sein könne, weil einer ihrer wahrsagenden Vögel, noch dazu +der _hisit_, erst über das Haus und dann sogar durch das Dach ins +Haus geflogen sei. Für den Anfang einer Reise war dies ein äusserst +ungünstiges Zeichen, daher musste nach einem _melo njaho_ von vier +Tagen von neuem auf die Vogelschau gegangen werden. Nach dieser Zeit +war aber der Monat so weit vorgeschritten, dass man zufolge der _adat_ +keine grosse Reise mehr unternehmen durfte, sondern bis zum nächsten +Neumond (_bulan pusit_) warten musste. Das hiess aber meiner Geduld zu +viel zumuten und ich erklärte _Kwing_, dass ich mich von _Akam Igau_, +der mit seinen Leuten noch nicht abgereist war, nach Long Tepai werde +bringen lassen, um dort auf ihn zu warten oder mit Hilfe der Long-Glat +weiter nach Long Deho zu gehen. + +_Kwing_ zeigte sich zwar mit meinem Plane einverstanden, nur billigte +er nicht die Begleitung der Mendalam Kajan und versicherte, dass seine +eigenen Leute mich nach Long Tepai bringen würden, unter Anführung +des alten, halb blinden Priesters _Bo Jok_, der die Long-Glat über +den Stand der Dinge aufklären sollte. + +_Kwings_ Vorschlag passte mir um so besser, als _Akam Igau_ sich +nicht gern noch länger aufgehalten hätte. Er trat denn auch wirklich +am 12. April seine Heimreise an, nachdem wir seine ganze Gesellschaft +mit Salz versorgt hatten. + + + + +KAPITEL XVIII. + + Äusseres der + Bahau--Körperbau--Sinnesorgane--Charakter--Eigentümlichkeiten + ihrer Konstitution--Krankheiten der Bahau: Malaria, venerische + Krankheiten, Intestinalkrankheiten, Rheumatismus, Kropf, + Infektionskrankheiten verschiedener Art, Augenkrankheiten, + parasitäre Hautkrankheiten--Wert einer ärztlichen Praxis unter + den hingeborenen--Vorstellungen der Bahau von ihrem Körper, + ihrem Geist, dem Schlaf und den Krankheiten--Heilmethoden + der Priester--Diätetische Mittel--Befolgung ärztlicher + Vorschriften--Arzneien der Eingeborenen--Massage, Dampfbäder. + + +Aus der geringen Bevölkerungsdichte von Mittel-Borneo geht bereits +hervor, dass hier Zustände herrschen müssen, die einer normalen +Vermehrung der Menschen entgegenwirken. Die schädlichen Faktoren, +die hier in Betracht kommen, sind erstens in den Verhältnissen der +Umgebung selbst zu suchen, zweitens in dem Umstand, dass sich die +Bevölkerung vor den nachteiligen Einflüssen dieser Umgebung nicht +zu schützen weiss. Üble Gewohnheiten der Stämme, wie Kopfjägerei und +Unsittlichkeit, schädigen eine Vermehrung in weit geringerem Grade. + +Die Entwicklung der Bahau und Kenja ist noch nicht so weit +fortgeschritten, dass sie Krankheiten mit eigenen, wirksamen Mitteln +bekämpfen können; bemerkenswert ist dagegen, dass sowohl bei Bahau +als bei Kenja in hohem Masse die Vorstellung herrscht, dass sich +Krankheiten durch diätetische Mittel bekämpfen lassen. Die Konstitution +der Bahau unterstüzt sie im Kampfe gegen Krankheiten nur wenig, daher +haben sie unter diesen während ihres ganzen Lebens mehr oder weniger +zu leiden. Vor allem sind es Malaria und venerische Krankheiten, +Syphilis und Gonorrhoe, welche die Lebenskraft der Eingeborenen +untergraben. Die Malaria wirkt schwächend auf den Organismus, die +venerischen Krankheiten verhindern ausserdem eine stärkere Vermehrung. + +Die Bewohner von Mittel-Borneo sind mittelgross und schmächtig von +Gestalt, doch kommen auch schön gebaute Körper bei ihnen vor, überdies +werden sie nicht durch Rhachitis und Tuberkulose verunstaltet. Sie +gehören zu einer Rasse mit schwarzem, glattem Haupthaar und +mittelmässiger bis schwacher Körperbehaarung. Obgleich einzelne +Personen auch welliges, bisweilen sogar krauses Haar besitzen und +das Braun der Haut auch sehr dunkel sein kann, habe ich auch unter +den Jägerstämmen im Innern der Insel nie Menschen mit Spuren des +Negertypus gesehen oder von ihnen sprechen hören. + +Trotz ihres schmächtigen Körperbaues besitzen die Bahau gut entwickelte +Muskeln, mit geringer Neigung zu Fettbildung, sowohl unter der Haut +als an einzelnen Körperstellen. Wirklich fette Individuen sah ich nie; +die entstellenden Schmerbäuche, die bei Europäern vorkommen, fehlen +bei ihnen gänzlich. Auch findet man nur selten Personen mit Muskeln, +die von einer Fettschicht verdeckt sind; am ehesten kommt dies bei +erwachsenen jungen Frauen vor. + +Die Gesichtsform ist oval, häufig rund mit wenig vortretenden +Backenknochen. Die Augenspalten, aus denen lebhafte, dunkelbraune +Augen hervorschauen, sind nur schwach geöffnet; Personen mit nach +Mongolenart schräg noch aussen verlaufenden Augenspalten sieht man +nur selten, die meisten bemerkte ich unter den Kenjastämmen von Apu +Kajan. Eine Hautfalte über dem inneren Augenwinkel fehlt gänzlich. + +Die im allgemeinen platte Nase ist gerade; ihre Flügel sind nicht +besonders breit. Individuen mit eingestülpter oder mit stark gebogener +Nase kommen ebenfalls vor. + +Der Mund ist nicht auffallend gross; es giebt selbst Frauen mit +hübschem, kleinem Mund; auch sind die Lippen nie sehr dick. + +Die Bahau besitzen von Natur ein sehr gut entwickeltes Gebiss, sie +misshandeln es aber durch das in letzter Zeit Mode gewordene Absägen, +Ausfeilen, und Durchbohren der Zähne. Caries und Missbildungen, +die durch Syphilis verursacht werden, sind häufig. + +Über die Gliedmassen ist nur zu bemerken, dass sie zum Körper in guten +Proportionen stehen; die Arme sind verhältnissmässig etwas länger als +bei den Europäern. Die schön gebildete, aber nicht schwere Muskulatur +weist mehr auf Geschmeidigkeit und Gewandtheit als auf grosse Kraft. + +Hände und Füsse sind stets klein und wohlgebildet, leiden aber viel +durch harte Feldarbeit, Verwundung und Krankheit, so dass man bei +älteren Leuten häufig Missbildungen antrifft. Bemerkenswert ist der +grosse Zwischenraum, der häufig zwischen der ersten und zweiten Zehe +vorkommt. Der Winkel, den diese beiden Zehen bilden, kann bis zu 60° +betragen. + +Die Haut der Baliau und Kenja ist in der Jugend meist eher hellgelb +als braun, besonders ist dies bei Kindern, die der Sonne noch nicht +ausgesetzt gewesen, und bei jungen Mädchen, die sich bei der Feldarbeit +durch Kleider vor Sonnenbrand schützen, der Fall. Ganz allgemein wird +die spätere dunkle Hautfarbe der Eingeborenen durch die Sonne bewirkt; +ständig bedeckte Körperteile, wie die Lendengegend der Männer und +die Beckengegend der Frauen, behalten daher stets ihren hellen Ton. + +Trotz ihrer teilweisen Bedeckung ist die Haut der Eingeborenen +in Wirklichkeit doch allen Einflüssen der Witterung ausgesetzt, +wodurch sie ein grosses Widerstandsvermögen erlangt hat. Chronische +Hautentzündungen sieht man bei den Baliau nur selten, obgleich +sie in Wald und Feld zahlreichen Verwundungen ausgesetzt sind; +nicht spezifische Beingeschwüre, wie sie in Europa vorkommen, +sind bei ihnen ganz unbekannt. Solange die Haut noch nicht von +parasitären Hautkrankheiten betroffen ist, erträgt sie lange Zeit +Druck und Reibung, ohne darauf anders als mit leichter Rötung zu +reagieren. Auffallend resistent zeigt sich die Haut der Frauen dem +Einfluss der Gravidität und der Lactation gegenüber. Die Frauen der +Ot-Danum und Kantu am Kapuri besitzen diese Widerstandsfähigkeit in +noch höherem Masse, aber auch bei den Frauen der Baliau und Kenja +beobachtete ich selbst bei hochgradiger Schwangerschaft nur selten +Striae; auch erhalten die Frauen ihre früheren Formen nach der +Entbindung vollständig wieder zurück. Ebenso lassen die Brüste oft +nur an den Warzen erkennen, dass eine Frau bereits genährt hat. Bei +meinem ersten Aufenthalt bei den Ot-Danum bewunderte ich die schöne +Gestalt einer jungen Frau, welche ihre zwei verschiedenaltrigen Kinder +gleichzeitig nährte. Am Mahakam hatte ich einst eine junge Frau, die +ich ärztlich behandelte, lange Zeit für kinderlos gehalten, bis sie +eines Tages mit einer dreijährigen Tochter bei mir erschien und mir +erzählte, dass sie ein zweites Kind bereits verloren habe. Selbst +wiederholte Schwangerschaften hinterlassen bei den meisten Frauen +wenig Spuren, sowohl auf der Haut als in den Körperformen. + +Dass die Bahau eine viel geringere momentane Muskelkraft als die +Europäer entwickeln, ist um so auffälliger, als sie von klein auf +an Feldarbeit und Jagd gewöhnt sind und keine Lasttiere besitzen, +so dass sie auch im Tragen ständig Geübt sind. Sie können z.B. nicht +so schwere Gewichte, wie ein ungeübter, mittelstarker Europäer heben; +auch tragen sie bei grösseren Entfernungen und schlechten Wegen nicht +gern über 20-25 kg schwere Lasten auf dem Rücken. Bemerkenswert ist +ferner, dass die Kräfte und die Ausdauer bereits bei 30-35 jährigen +Männern abnehmen, daher überlassen diese alle schwerere Arbeit auf +der Reise gern den 20 jährigen jungen Leuten. + +Die Sinne sind bei der Bevölkerung von Mittel-Borneo im allgemeinen +gut entwickelt. Beobachtungen hierüber werden dadurch erschwert, dass +Krankheiten häufig das Seh- und Empfindungsvermögen beeinträchtigen. Da +nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung Augen besitzt, die weder +in jugendlichem noch in späterem Alter einmal längere Zeit krank +gewesen sind und hiervon an der Cornea oder Conjunctiva noch Spuren +aufweisen, findet man bei ihnen begreiflicher Weise kein besonders +scharf entwickeltes Sehvermögen. Überdies haben die Eingeborenen +zwischen und in ihren Wäldern gar keine Gelegenheit, sich im Fernsehen +zu üben und ihre Sehschärfe hierdurch zu entwickeln. + +Der Farbensinn lässt bei den Bahau nichts zu wünschen übrig; dafür +spricht in erster Linie ihr feines Gefühl für Farbenharmonie, das sich +in ihren schönen Perlenarbeiten äussert, ferner, dass ihre Sprache +nicht nur für alle verschiedenen Farben, sondern auch für deren Nuancen +besondere Bezeichnungen besitzt. Diese weichen in mancher Hinsicht +von denen der Europäer ab. So heisst in der Busang Sprache schwarz +"_tope totoreg" =_ verbranntes Blau; "_tom genang" = dunkelblau;_ +"_krotang_" = hellblau, von dem sie an Perlen verschiedene Arten +unterscheiden, je nach dem Zweck, für den sie diese benützen, z.B.: +"_krotang lawong" =_ hellblau für Kopfbänder. Gelb heisst "_njehang_" +und hell rehbraun "_njehang tebli_ (gelbrot)", dunkel rehbraun und +dunkelrot werden beide "_li_" genannt. Weiss = _puti_; grün = _nohom_. + +Das Tastvermögen der normalen Haut ist bei den Bahau, vielleicht wegen +der dicken Epidermis, minder ausgebildet als bei Europäern. Ihre blosse +Haut hat für gewöhnlich eine niedrigere Temperatur als die der Weissen, +daher vertragen sie bei andauernder Anspannung und Hitze nur schlecht +eine stärkere Blutzufuhr und Transpiration und nehmen jede Gelegenheit +wahr, um sich zu baden. + +Auf Kitzel reagiert ihre ganze Haut weniger stark als die der Europäer, +während ihre Handflächen und Fusssohlen wegen der Dicke der Schwielen +für Kitzel ganz unempfindlich sind. + +Die Bahau besitzen ein gut entwickeltes Gehör; an ihre reit primitiven +Mitteln hergestellten Musikinstrumente, wie Flöte und _kledi_, machen +sie, was Reinheit des Tones anlangt, grosse Ansprüche. Ihre Lieder +erscheinen auch einem europäischen Ohr melodisch. Ihre Gonge tönen +uns zu laut, aber auch bei diesen bestimmt hauptsächlich die Reinheit +des Tones den Wert des Instruments. + +Ob der Geruchssinn bei den Bahau feiner ausgebildet ist als bei den +Europäern, wage ich weder aus der Tatsache, dass sie für unangenehme +Gerüche, wie die von Leichen und Unrat, sehr empfindlich sind, +noch daraus, dass sie bei unbekannten Waldfrüchten nach dem Geruch +bestimmen, ob sie giftig oder nicht giftig sind, zu entscheiden; +denn die erste Eigenschaft steht mit ihrer allgemeinen psychischen +Überempfindlichkeit in Zusammenhang und die zweite beruht +wahrscheinlich hauptsächlich auf Erfahrung und Übung. + +Die wohlriechenden Gräser, Blätter und Blüten, mit denen sich junge +Männer und Mädchen für einander schmücken, duften nach unserem +Geschmack nicht immer angenehm; die jungen Leute müssen eben mit +den Erzeugnissen ihrer Umgebung vorlieb nehmen. Die Bahau schätzen +aber auch europäische Parfümerieen, die bei ihnen in schlechtester +Qualität von den Malaien eingeführt werden. Dass auch die Nasen der +Bahau für die verschiedenen Sorten unserer Parfümerieen ein scharfes +Unterscheidungsvermögen besitzen, erfuhr ich einst am Mendalam, +als ich _Paja_, _Akam Igaus_ Tochter, eine Flasche Eau de Cologne +N°. 4711 schenkte. Ihre Freundin, die sich gleich darauf ebenfalls +eine Flasche erbat, suchte ich mit etwas gewöhnlicher Wasch-Eau de +Cologne abzufertigen; nachdem die beiden aber zu Hause gemeinsam den +Inhalt ihrer Flaschen geprüft und verglichen hatten, kam die Freundin +gleich wieder zurück und erklärte, dass ihre Eau de Cologne schlechter +sei als die von _Paja_. + +Die Bahau sind sehr sensible Naturen und daher Gemütsbewegungen aller +Art sehr zugänglich. Auch bei freudigen Erregungen steigen ihnen +Tränen in die Augen; einst sah ich eine Frau sogar beim Anhören eines +Grammophons weinen. + +Schmerzen können sie nur sehr schwer ertragen, daher haben sie auch +mit jedem Leidenden, besonders wenn er zur Familie gehört, grosses +Mitleid. Sobald ein Kind oder ein Erwachsener auch nur scheinbar +ernstlich krank ist, nehmen alle Angehörigen an seinen Leiden so +lebhaften Anteil, dass sie ihre Arbeit auf dem Felde und im Hause +ruhen lassen und bei dem Kranken bleiben, auch wenn sie nicht +helfen können. Dies geschieht recht häufig, da die Bahau auch bei +unbedeutenden Leiden gleich nachgeben. Man muss daher im Verkehr mit +den Eingeborenen vor allem ihrer grossen Sensibilität Rechnung tragen. + +Wie leicht sie aus Überempfindlichkeit und heftiger Gemütsbewegung +bisweilen den Kopf verlieren können, mögen folgende Beispiele +zeigen. Als sich _Kwing Irang_ einst mit einem junge Manne, namens +_Aran_, im Walde befand, wurde er durch ein herabfallendes Stück Holz +getroffen und begann ernstlich zu bluten. Obgleich die beiden sich +dicht beim Hause in einem wohlbekannten Walde befanden, verirrte +sich _Aran_, der Hilfe suchen ging, doch zwei Mal und verlor dazu +seinen Speer. Der Unfall, an dem er durchaus nicht Schuld war, ging +ihm so nahe, dass man ihn später nur mit Mühe dazu bringen konnte, +ins Haus zurückzukehren. Er beruhigte sich erst am folgenden Tage, +nachdem er sich gut ausgeschlafen hatte. + +Nachdem _Bang Lawing_, der jetzige Häuptling der Mahakam Kajan, die +Leiche seiner Mutter in Batu Baung beigesetzt hatte, trennte er sich +von der Gesellschaft und lief stundenlang durch den pfadlosen Wald +nach Hause, statt mit den anderen den Fluss hinabzufahren. Später +konnte er nicht angeben, wie er nach Hause gelangt war. + +Empfinden die Bahau Scham, so erröten sie oft bis tief auf die +Brust. Auch kann man sie vor ihrer Umgebung leicht in Verlegenheit +(_hae_) bringen. Ich benützte diese Eigenschaft bei Mann und Frau +öfters, um sie zum Halten ihres Versprechens und zur Pflichterfüllung +zu bringen. Auf diesem feinen Empfinden, das sich in der Furcht +vor der öffentlichen Meinung äussert, ist auch die _adat_ der Bahau +hauptsächlich begründet. + +Sie besitzen einen ruhig heiteren und wenig zu heftigen Äusserungen +geneigten Charakter; sie lieben den Scherz und die Fröhlichkeit und +singen und tanzen daher gern miteinander; auch ältere Männer nehmen an +den Kriegstänzen Teil und an Festtagen sieht man auch alte Frauen mit +den jungen tanzen und singen. Zwar beängstigt sie der Glaube an die +Existenz zahlreicher, sehr böser Geister, er drückt sie aber nicht +nieder. Man hört sie auch zu Hause häufiger lachen als weinen. Da +sie selbst nie heftig werden, flösst ihnen die Heftigkeit anderer +Angst ein. + +Die Bewohner Borneos zeigen in Bezug auf ihre Konstitution einigt: +Eigentümlichkeiten, die sich aus der Wirkung ihres Klimas auf viele +Generationen begreifen lassen. Diese Eigentümlichkeiten äussern sich +in der Art und Weise, wie sie auf verschiedene Arzneien reagieren, +ferner in der grossen Vitalität ihrer Gewebe bei Verwundungen. Die +Behandlung von Malariakranken zeigte mir, dass Chinin eine sehr +schnelle Wirkung bei ihnen hervorruft. Auch in den ernstesten Fällen +bin ich nur selten gezwungen gewesen, mehr als 1 gr Chinin per Tag und +per Mal zu erteilen und selbst bei stark chronischen Malariakranken +rief diese Dosis in wenigen Tagen eine Besserung hervor. Auf meiner +ersten Reise beschränkte ich mich vorsichtshalber auf 1/2 bis 3/4 +gr per Tag, als ich aber später keine nachteiligen Folgen bemerkte, +gab ich Erwachsenen stets 1 gr per Tag. Um den gleichen Effekt bei +Europäern zu erzielen fand ich während des Feldzuges auf der Insel +Lombok selbst 3 gr per Mal nicht immer genügend. + +Hieraus ersieht man, dass die Konstitution der Dajak bei der Bekämpfung +einer Infektion viel stärker mitwirkt als bei Europäern. Die +Beobachtung von Prof. _R. Koch_ auf Neu-Guinea, dass erwachsene +Eingeborene gegen eine Malariainfektion immun werden und dass diese +nur auf Kinder einwirke, stimmt mit der meinigen also teilweise +überein. Das Verhalten der Dajak spricht gegen eine vollkommene +Immunität der Erwachsenen gegen Malariainfektion. Wie weiter unten +ausgeführt werden wird, konnte ich mich bereits in Sambas davon +überzeugen, dass beinahe sämtliche Kinder unter i o Jahren eine +geschwollene Malariamilz zeigten, welche bei Erwachsenen zwar seltener +aber ebenfalls zu finden war. Schon das häufige Vorkommen akuter +und chronischer Malaria bei Erwachsenen spricht gegen vollständige +Immunität. Dass bei den Dajak in akuten und chronischen Fällen eine +geringe Dosis Chinin bereits eine so starke Wirkung erzielt, weist +jedoch auf eine partielle Immunität, die sie sich vielleicht durch die +in der Kindheit bestandenen Malariaanfälle erworben haben. Hierauf +deutet auch die Tatsache, dass ich unter mehreren Tausend Patienten +keinen einzigen mit perniziösen Erscheinungen, wie Coma, schweren +Icterus, Nervenanfällen u.s.w. auf Malariaanfälle reagieren sah. + +Die Wundheilung tritt bei den Bahau, wie schon erwähnt, schneller +und vollkommener als bei Europäern ein; hiervon konnte ich mich +häufig überzeugen: + +Einst brachte man mir einen Dajak, dem von einem Dorfgenossen, der +ihn auf der Jagd für ein Wildschwein angesehen hatte, die Tibia auf +4 cm Länge in Splitter zerschossen worden war. Als man mir den Mann +am achten Tage nach dem Unfall brachte, war die ganze grosse Wunde +in eine septisch infizierte Eiterhöhle verwandelt, in welche die +zersplitterten Enden der Tibia hineinragten; die Kugel, die ich unter +der Haut an der anderen Seite hindurchfühlte, entfernte ich mittelst +eines Hautschnittes. Eine gründliche Desinfektion, die Fortnahme der +losen Knochensplitter, eine Drainage und Applikation von Schienen +zur Immobilisierung genügten, um den Mann innerhalb kurzer Zeit +körperlich wieder herzustellen und das Bein, mit Verkürzung um 1 cm, +durch Bildung eines grossen Callus, wieder brauchbar zu machen. Nach +einem Jahr war von einer Funktionsstörung nichts mehr zu spüren. + +Bei meinem ersten Besuch in Tandjong Karang hinterliess ich dort eine +zwölfjährige Patientin, die, nach einem syphilitischen Ulcus an der +Kniekehle, der einen Durchschnitt von 10 cm und 2 cm Tiefe zeigte, +eine gut granulierte Wunde zurückbehalten hatte. Ich hatte dem Mädchen +eine Jodkalilösung zu weiterem Gebrauch übergeben und glaubte sie, +als ich mich bei meinem zweiten Besuch, 1 1/2 Jahre später, nach ihr +erkundigte, als ein Mädchen mit einem krummen Bein charakterisieren zu +müssen. Keiner kannte jedoch ein solches Mädchen. Zu meinem Erstaunen +sah ich die Kleine später mit einem ganz geraden, gut beweglichen Bein +umhergehen, obgleich die ganze Kniekehle mit Narben bedeckt war. Bei +einem europäischen Kinde wäre das Resultat ein ganz anderes gewesen, +die Narbenbildung hätte zweifellos eine Kontraktur zur Folge gehabt. + + + +Bald nach Beginn einer Praxis unter den Stämmen von Mittel-Borneo +wird man gewahr, dass einzelne Krankheitsgruppen bei ihnen alle +übrigen in den Hintergrund drängen; es sind dies: Malaria, venerische +Krankheiten (Syphilis und Gonorrhoe) und parasitäre Hautkrankheiten, +welch letztere auch auf den anderen Inseln des indischen Archipels +verbreitet sind. Eingeschleppte Infektionskrankheiten, wie Pocken +und asiatische Cholera, treten bei diesen in grosser Abgeschiedenheit +wohnenden Stämmen nur selten in das allgemeine Krankheitsbild. + +Unter den Bahau, die ein 250 m ü.d.M. gelegenes Bergland bewohnen, +bestehen weitaus die meisten Patienten, die einem täglich zur +Behandlung zugeführt werden, aus Malariakranken. Diese Erscheinung +erklärt sich daraus, dass streng genommen alle auf den Körper +einwirkenden schädlichen Einflüsse das labile Gleichgewicht, in welchem +sich viele Personen zeitweilig oder dauernd der Malariainfektion +gegen über befinden, zerstören können. Da die Faktoren, welche ein +Ausbrechen der Malaria veranlassen, sehr mannigfaltig und zahlreich +sind, ist das häufige Auftreten dieser Krankheit bei den Dajak +begreiflich. Nach meiner Erfahrung wird die Malaria hauptsächlich +durch folgende Ursachen hervorgerufen: Übermüdung, kaltes Baden, +Indigestion, Erkältungen mit Rheumatismus und Husten, Verwundungen, +ferner durch andere Infektionen, wie Influenza und Anthrax. Einen +Beweis dafür, dass die genannten Faktoren wirklich ein Ausbrechen +des Fiebers veranlassen, indem sie den Körper schwächen und dadurch +für Malariainfektion empfänglich machen, fand ich darin, dass es mir +stets glückte, das Fieber mit einer temporären Dosis Chinin bleibend +zu vertreiben, während die ursprünglichen Krankheiten wie Indigestion, +Influenza u.s.w. unabhängig von der Malaria ihren normalen Verlauf +nahmen. Dass kaltes Baden, besonders nach Erhitzung, sowohl bei Bahau +und Javanern als bei Europäern, innerhalb 6 Stunden einen Malariaanfall +zur Folge hat, beobachtete ich zu wiederholten Malen. + +Einen anschaulichen Eindruck vom schwächenden Einfluss der +Malaria auf die Bevölkerung erhielt ich bei einer Untersuchung +ihres Verbreitungsbezirkes im Sultanat von Sambas an der Westküste +Borneos, wo ich 3 Jahre als Arzt tätig gewesen bin. Die Abwesenheit +der Malaria in den Morastgegenden längs der grossen Flüsse auch +bei intensiver Bodenkultur, wie Anlagen von Plantagen, und ihre +Anwesenheit in einigen dichtbei auf Sandboden gelegenen Dörfern +hatte damals meine Aufmerksamkeit erregt. Die Reisen, die ich zum +Zweck von Impfinspektionen unternehmen musste, führten mich in die +verschiedensten Teile des Sultanates und gaben mir Gelegenheit, +ungefähr 3000 Kinder unter 10 Jahren zu untersuchen. Das Resultat +dieser Beobachtungen war, dass alle Kinder aus den Hügel- +und Gebirgsgegenden Milz- und Lebertumoren, in diesem Fall ein +Zeichen chronischer Malariainfektion, besassen, während die aus den +Morastebenen auf Meereshöhe nur da, wo der Boden sandhaltig war, wie +in der Dünengegend nördlich von Sambas und am Fuss alteinstehender, +aus den Morästen hervorragender Berge, eine vergrösserte Milz +zeigten. Die gleichen Beobachtungen sind übrigens bereits an anderen +Orten gemacht worden, es ist z.B. bekannt, dass die Morastgegenden +bei Pontianak und Bandjarmasin auf Borneo und bei Palembang auf +Sumatra viel weniger durch Malaria zu leiden haben als die Hügel- +und Gebirgsländer derselben Inseln. + +Der gleiche Unterschied machte sich auch im Aussehen der Bevölkerung +bemerkbar, sobald ich Gelegenheit hatte, diejenige in Gegenden, welche +von Malaria infiziert waren, mit einer anderen in nichtinfizierter +Gegend unter im übrigen gleichen Umständen zu vergleichen. Am meisten +fiel mir dies am Teberau, einem Nebenfluss des kleinen Sambas, unweit +der Hauptstadt Sambas auf, wo zwei von Malaien bewohnte Dörfer keine +Stunde von einander entfernt liegen; das eine befindet sich auf einem +Morast, das andere auf einer 40 m hohen Hügelreihe. Unter 12 Kindern +des ersten Dorfes hatte 1, unter 25 des zweiten hatten 20 eine harte +Milz, die unter dem Rippenbogen hervortrat. Letztere hatten ausserdem, +wie ihre Eltern, eine schwächliche Konstitution und ein kränkliches +Aussehen, im Gegensatz zum frischen, kräftigen Aussehen ihrer Nachbarn +im Morastdorfe. [6] + +Übereinstimmend mit diesen Beobachtungen lieferten die Statistiken +des Sultans von Sambas für die Bewohner der Ebene gegenüber denen der +Hügel eine mittlere Lebensdauer im Verhältnis 3 : 2--ein sprechender +Beweis für den schädigenden Einfluss der Malaria auf die Lebenskraft +der Bevölkerung. Dass die gleichen Verhältnisse auch in Mittel-Borneo +herrschen, davon habe ich mich während eines beinahe 5 jährigen +Aufenthaltes inmitten der dortigen Bevölkerung, bei der ich zahllose +Malariafälle akuter und chronischer Art zu behandeln hatte, überzeugen +können. Bei den dort herrschenden Zuständen sind die meisten Personen +während einer längeren oder kürzeren Lebensperiode fieberkrank, was +auch auf die noch ungeborenen Nachkommen von schwächendem Einfluss +sein muss. + +Die verbreitetste Form, unter welcher die Malaria bei den Bahau +auftritt, ist die der Quotidiana intermittens, welche über kurz oder +lang in die der Quotidiana remittens übergeht. Viel seltener sind +Fälle, welche zur Continua gehören. Auch gab nur eine kleine Minderheit +meiner Patienten an, dass sie jeden 2ten Tag einen Fieberanfall zu +überstehen hatte. + +Charakteristisch für die Malaria der Bahau ist, dass die Kranken +nach einem Anfall nicht transpirieren, selbst wenn eine deutliche +Intermission eingetreten war. Erst wenn der Anfall durch Chinin +vollständig gehoben worden, tritt Transpiration als Zeichen endgültiger +Besserung ein. Sie selbst wissen das auch sehr gut. Durch Malaria +verursachte plötzliche Todesfälle habe ich nicht beobachtet; +ebensowenig Fälle sehr perniziöser Art; die Malaria trägt in +Mittel-Borneo stets den Charakter eines subakuten oder chronischen +Leidens. + +Bei kleinen Kindern geht die letzte Malariaperiode in der Regel in eine +Continua mit oder ohne Diarrhoe über; bei älteren Personen treten gegen +das Ende hauptsächlich Erbrechen und Diarrhoe auf, wobei die Patienten +bei geringer Temperaturerhöhung schnell abnehmen und sterben. In der +Regel sind die Kranken im Beginn dieses Stadiums durch vorsichtiges +Verabfolgen von Laudanum und dann von Chinin noch zu retten. + +Als günstigsten Zeitpunkt für den täglichen Gebrauch einer Dosis +Chinin erwies sich der, in welchem sich der Patient am wohlsten fühlte +und seine Temperatur am niedrigsten war. Eine Verabreichung mehrerer +Dosen Chinin per Tag in Fällen einer undeutlichen Intermission hatte +selten guten Erfolg. + +Fälle von Malaria larvata beobachtete ich zwei Mal in Form von +periodisch auftretender Diarrhoe, die auch nach monatelanger Dauer +durch Chinin in kurzer Zeit kuriert werden konnte. Einmal wurde ein +junger Mann, der monatelang zu ängstlich gewesen war, um sich mir +zu nähern, durch jeden Abend wiederkehrende Augenblutungen zu mir +getrieben. Da man ihm Blindheit prophezeit hatte, entschloss er sich, +wenn auch voller Angst, zu mir zu kommen. Durch die Periodizität +der Blutungen aufmerksam geworden, gab ich ihm 6 Stunden vor dem +gewöhnlichen Eintritt der Blutungen 1 gr Chinin ein mit dem Resultat, +dass die Blutungen auf hörten. + +Als Beispiele für den Verlauf und die Behandlung typischer Malariafälle +unter den Bahau mögen die folgenden dienen: + +Auf meiner ersten Reise brachte man mir einen 11 jährigen Ulu-Ajar +Dajak, der das Jahr vorher so krank gewesen war, dass er sich nicht +mehr erheben konnte. Obgleich er augenblicklich nicht mehr so schwach +war, litt er doch sehr durch asthmatische Anfälle und schmerzhaften +Husten. Sein Körper war mager und unentwickelt, und zur Arbeit war +er nicht fähig. Sein Thorax war der eines Emphysematikers, auch litt +er stark an Dyspnoe. Der obere Brustteil war stark erweitert und bei +jedem Atemzuge kontrahierten sich die beiden Sternocleido-mastoidei +und verursachten dabei ein Hervortreten ihrer Wülste unter der +Haut. Die Herzdämpfung hatte sich bis auf die linke Seite des Sternum +beschränkt. Bei der Auskultation war überall ein Röcheln zu vernehmen, +das eine Entzündung der Bronchien anzeigte. In der Herzgegend war +kein anormales Geräusch hörbar, nur das diastolische Geräusch der +Lungenarterie war lauter als gewöhnlich. Die vergrösserte Milz reichte +bis auf 4 1/2 cm unterhalb der Rippen herab, die Leber bis auf 5 +1/2 cm. Anfangs erschien es mir sehr schwierig, die Störungen der +Respirationsorgane zu beseitigen, auch fürchtete ich, das Vertrauen +der Eingeborenen, nach deren Ansicht die Medizin alles und so schnell +als möglich heilen muss, zu verlieren. In Anbetracht der Hypertrophie +der Bauchorgane beschloss ich jedoch, meinem Kranken 1 1/2 gr Chinin +einzugeben, eine Quantität, die bitter genug war, um eine suggestive +Wirkung auszuüben. Zu seinem Besten trieb den Knaben die Neugier +jeden Morgen nach meiner Hütte und so konnte ich ihm täglich seine +Dosis verabfolgen. + +Nach 10 Tagen erzählte der Knabe, dass die Atmungsbeschwerden sich +gebessert hätten, auch konnte ich mich selbst von dem günstigen +Einfluss der Behandlung überzeugen. Die Milz war nicht mehr fühlbar; +die Leber hatte sich bis auf Fingersbreite unterhalb des Rippenbogens +zurückgezogen; die Auskultation ergab nur hie und da ein schwaches +Rasseln. + +In der folgenden Periode erhielt der Patient seine Arznei nur in +grossen Zwischenräumen; aber seine Lebenskräfte hatten bereits die +Oberhand gewonnen, so dass er körperlich vollständig wiederhergestellt +wurde. Nach einigen Wochen war auch die Erweiterung des Thorax +verschwunden, das Spiel der Sterno-mastoide war beim Atmen nicht mehr +sichtbar; die Herzdämpfung war wieder normal und auch die Auskultation +ergab nichts Krankhaftes. Nur die asthmatischen Anfälle nachts hatten +in dieser Periode noch nicht völlig aufgehört. + +Einen anderen interessanten Malariafall bot mir ein 8 jähriger Knabe, +der mir durch das enorme Volumen seines Bauches aufgefallen war. Die +Haut des Abdomens war infolge der starken Ausdehnung glänzend geworden +und der Leibesumfang betrug 78 cm. Die Anamnese ergab nur einige +Fieberanfälle. Der Knabe klagte augenblicklich nur über Atemnot, +die ihm Arbeit und Spiel unmöglich machte. + +Die Untersuchung ergab eine Milz von erstaunlicher Grösse und Härte, +die nach vorn bis zum Nabel, nach unten bis zu 20 cm unterhalb des +Rippenbogens reichte. Auch die Leber war hart und 11 cm tiefer als +gewöhnlich fühlbar; der obere Teil des Herzens hatte die normale +Stellung verloren und seine Spitze schlug im 3ten Intercostalraume. + +Am 4. März begann ich, dem Patienten 1/4 gr Chinin einzugeben; +ich hatte aber wenig Hoffnung, dass meine Behandlung auf derartig +degenerierte Organe einen genügenden Einfluss haben könnte. Der kleine +Wilde besass indessen mehr Ausdauer als die meisten zivilisierten +Leute und kam während eines Monats täglich, um seine bittere Arznei +zu schlucken. + +Am 4. April fühlte er sich selbst gesund; seine Milz war bis auf 5 +cm weiter nach oben eingeschrumpft; die Leber war kaum noch unterhalb +der Rippen fühlbar; das Herz schlug im 4ten Intercostalraume. + +Bei meiner Abreise am 28. April war die Milz als sehr harte, glatte +Geschwulst nur noch 9 cm unterhalb der Rippen fühlbar; die Leber war +kaum bemerkbar und der Leibesumfang war auf 63 cm zurückgegangen. Der +Knabe fühlte sich ebenso wohl und munter wie seine Kameraden und +arbeitete schon seit einiger Zeit auf dem Felde. + +Ein 3ter Fall betraf einen ebenfalls 8 jährigen Patienten, der +körperlich sehr zurückgeblieben war. Auch dieser Knabe hatte früher +öfters Fieberanfälle durchgemacht; augenblicklich litt er jedoch +hauptsächlich an Dyspnoe. Sein Bauch war geschwollen; die Milz bis +4 cm unterhalb der Rippen fühlbar und die Leber reichte 3 cm weit +herab. Während 14 Tage erhielt auch dieser Kranke täglich 1/4 gr +Chinin, worauf seine Organe den normalen Umfang zurückgewannen und +seine Gesundheit vollständig wiederhergestellt wurde. + +Ein 18 jähriger Mann litt bereits seit 3 Monaten ständig an +Fieberanfällen, so dass er fast nicht mehr gehen konnte. Er weigerte +sich anfangs, die bittere Medizin zu nehmen und während einiger Wochen +sah ich ihn täglich magerer werden. Als er endlich doch erschien, +konstatierte ich bei ihm eine Leber, die bis auf 4 cm unterhalb der +Rippen herabreichte. Nach einem neuen Anfall gab ich ihm in zwei Malen +1 gr Chinin und am folgenden Tage die gleiche Dosis. Die Anfälle +hörten auf, aber in Anbetracht der langen Dauer seiner Krankheit +erschien mir eine völlige Wiederherstellung unwahrscheinlich, als +er mir am dritten Tage selbst eine weitere Behandlung für unnütz +erklärte. Zu meinem Erstaunen war in der Tat eine rapide Besserung +in seinem Zustande eingetreten; noch vor meiner Abreise erhielt er +seine frühere Gesundheit völlig wieder zurück. + +In Sambas war einst der Malaie, der mir auf allen Inspektionsreisen +als Führer diente, von der Malaria ergriffen worden. Seine Familie +rief mich erst nach einigen Tagen, als der Alte bereits dem Sterben +nahe war, zu Hilfe. Mit vieler Mühe gelang es mir, ihm in einem +fieberfreien Augenblick eine Lösung von 1 gr Chinin beizubringen. Am +anderen Tage sass der Patient bereits auf seiner Matratze. Obgleich +seine Wiederherstellung nur langsam von statten ging, gelang sie doch +vollständig; nur behielt die Milz in diesem Fall stets das vergrösserte +Volumen. Der Mann hatte sein Leben lang als Führer durch das ganze +Sultanat gedient und dabei stets an Fieber gelitten. + +Nach der Malaria haben die venerischen Krankheiten auf das Wohlergehen +der Stämme von Mittel-Borneo den verderblichsten Einfluss. + +Obgleich ich unter den Eingeborenen am oberen Kapuri und oberen Mahakam +Syphilis und Gonorrhoe in hohem Masse verbreitet fand, gelang es mir +doch nicht, das dritte Leiden, Ulcus urolle, welches mir wegen der +lokalen Schäden, die es verursachen kann, in Laufe einer jahrelangen +Praxis nicht hätte verborgen bleiben können, zu konstatieren. + +Patienten mit syphilitischen Infektionen stellten sich dagegen täglich +bei mir ein und zwar ausschliesslich solche mit der tertiären Form +von Haut- und Knochenkrankheiten. Trotzdem ich meine auf Syphilis +behandelten Patienten nach Hunderten zählen kann, erinnere ich mich +nicht, jemals eine primäre Affektion oder ausschliesslich sekundäre +Erscheinungen beobachtet zu haben. Unter den Folgeerscheinungen +der Infektion fehlten bei den Patienten sekundäre Kehlleiden, +Roseola, papulöse und andere sekundäre Exanthemen, sowie Alopecia +syphilitica. Condylomen an Mund und Anus waren bei Erwachsenen sehr +selten, eher noch bei kleinen Kindern zu finden. Zweifellose Fälle +visceraler Syphilis kamen ebenfalls selten in meine Behandlung. Sicher +findet sich also unter den Bahau die Form der Syphilis vor, welche +man mangels eines besseren Namens "endemische Syphilis" nennt. Diese +Form der Syphilis fand ich bei den Ulu-Ajar Dajak südlich vom oberen +Kapuas und nördlich von ihnen bei den Kajan; bei den Kajan am oberen +Mahakam war sogar jede Familie mit ihr behaftet. Durch Annahme einer +ausschliesslich erblichen Verbreitung bei den letzteren liesse sich +hier das Auftreten der tertiären Erscheinungen als hereditäre Syphilis +erklären, ihr weniger häufiges Vorkommen bei den benachbarten Stämmen +jedoch macht diese Erklärung wieder zweifelhaft; übrigens hielt ich +mich bei diesen Stämmen nicht lange genug auf, als dass mir nicht +viele Fälle entgangen sein könnten. + +Völlig unerklärt blieben aber nach dieser Auffassung die Syphilisfälle, +wie sie sich unter den Kenjastämmen zeigten. Diese Fälle trugen, +abgesehen davon, dass ihr Einfluss auf die Knochen weniger verderblich +schien, den gleichen Charakter wie am Mahakam, ihre Verbreitung +war aber eine minder allgemeine, auch sah ich keine weiteren +Krankheitserscheinungen bei den Familiengliedern, so dass von einer +Verbreitung durch Vererbung keine Rede sein konnte. Man muss daher +annehmen, dass sich die Syphilis unter den Bahau- und Kenjastämmen +von Person auf Person übertragen lässt, ohne dass sie vorher primäre +oder die gewöhnlichen sekundären Affektionen veranlasst. + +Diese eigenartige Erscheinungsform der Syphilis in Mittel-Borneo +stimmt überein mit dem, was über Tety von Madagaskar, Radesyge von +Norwegen, Spirokolon während der Zeit der griechischen Freiheitskriege +1820-1825, Belegh in Arabien (_Palgrave_) und die endemische Syphilis +in Litauen und Istrien bekannt ist. Dass es sich bei den Bahau in +der Tat um Syphilis handelte, bewiesen nicht nur die verschiedensten +Erscheinungsformen, sondern auch die Wirkungen einer therapeutischen +Behandlung mit Jodkali- und Quecksilberpräparaten. Gleichwie man +bei obengenannten Endemieen oft nur an eine Übertragung durch +aussengeschlechtlichen Verkehr denken konnte, wird man auch für +die Syphilis der Bahau und Kenja die gleichen Ursachen anzunehmen +gezwungen. + +Das Lebensalter, in welchem luetische Anzeichen auftreten, giebt +durchaus keine Anhaltspunkte für die hereditäre oder nicht hereditäre +Natur der Krankheit. Viele von luetischen Müttern geborene Kinder gaben +in den ersten Wochen durch Condylome, Nasen- und Ohrkrankheiten und +Ulcera der Haut den Beweis, infiziert worden zu sein; dagegen zeigten +sich 20-30 Jahre alte Individuen mit tertiär luetischen Erscheinungen, +die eben auftraten, ohne dass die Anamnese oder Spuren auf der Haut +eine frühere Infektion anzeigten. + +Die Syphilis äussert sich bei den Bahau am häufigsten als "_pra huwat_" +(_pra_ = Schmerz, _huwat_ = Körper), Schmerzen in den Gliedern, +besonders in Armen und Beinen. Diese Erscheinung geht einem lokalen +Ausbruch der Krankheit voraus, bleibt nach einer Behandlung bisweilen +noch bestehen und tritt bei Kindern und Erwachsenen gleich stark +auf. Die Gliederschmerzen sind oft von einem kachektischen Aussehen +des Patienten begleitet. Bisweilen ist nur ein Glied, bisweilen +sind alle Glieder geschwollen, häufig aber auch keines. Meist ist +das Kniegelenk angegriffen, dabei tritt Schwellung der Bänder auf; +Hydrops zeigt sich nicht häufig. + +Führt die Schwellung auch zu Geschwürbildungen, was selten der Fall +ist, so veranlasst sie langdauernde Fisteln; doch können durch Zerfall +und Neubildung von Knochen grosse Veränderungen mit Subluxation +stattfinden. + +In einem einzigen Falle beobachtete ich bei einem Manne Jahre +andauernde Gliederschmerzen ohne begleitende lokale Abweichungen; +der Patient sah etwas kachektisch aus und war arbeitsunfähig, empfand +aber nach Gebrauch von Jodkali eine baldige Besserung seines Leidens. + +Die übrigen Erscheinungen allgemeiner Art: Schlaf- und +Appetitlosigkeit, Abmagerung und Schwäche müssen als Folgen der lokalen +Leiden aufgefasst werden. Übrigens fiel es mir auf, wie wenig Einfluss +eine oft jahrelange Anwesenheit einer ausgedehnten Entzündung auf +das Allgemeinbefinden der Patienten übte. + +Die Lokalsymptome bestanden hauptsächlich in tubero-ulzerösen Hautand +Knochenentzündungen, derselben Art wie bei Europäern, nur veranlassen +sie bei den Bahau wegen der äusserst mangelhaften Behandlung, die +sie erfahren, bisweilen wahre Verwüstungen. Die Bahau nennen diese +Krankheit "_bak_" und die Körperschmerzen "_laui_." + +Vor allem werden die Knochen der Nase und des Palatum darum bei +ihnen angegriffen und zwar mit der gewöhnlichen Folge von Ozaena, +Sattelnase und Kommunikation der Nasen- und Mundhöhle. In höherem +oder geringerem Grade werden auch alle übrigen Knochen der Sitz +osteo-periostaler Entzündungen. Bemerkenswert ist die leichte +Verletzbarkeit des Gebisses, das oft so stark von Caries angegriffen +wird, dass Männer und Frauen bereits in jugendlichem Alter einen +Teil ihrer Zähne verloren haben. Einige sind bereits mit 30 Jahren +völlig zahnlos. _Hutchingson_sche Zähne konnte ich bei Erwachsenen, +da sie ihre Zähne absägen, nicht konstatieren, wohl aber bei der +ersten Dentition der Kinder. + +Unter den zahlreichen in Borneo herrschenden Augenkrankheiten bemerkte +ich nur höchst selten luetische Keratitis und Iritis. Ob das sehr +häufige Vorkommen von Star einer luetischen Infektion zugeschrieben +werden muss, konnte ich, da sich mir keine Gelegenheit zur Behandlung +prägnanter Fälle bot, nicht weiter untersuchen. + +Häufig machte sich Syphilis an den Knochen des Thorax bemerkbar, +wo sie hauptsächlich periostale Wucherungen, Gummata, veranlasste, +welche bisweilen in Erweichungen übergingen und unter der Haut +kalte Abszesse bildeten oder auch aufbrachen und dann ausgedehnte +Ulzerationen bewirkten. Auch oberflächliche Ulzera der Haut kommen +vor, z.B. an den Mammae. Zu den verbreitetsten Gummata gehören die +der obersten Extremitäten, welche osteo-periostal, intramuskulär und +in der Haut selbst vorkommen. Während die periostalen Entzündungen +fusiforme Geschwülste veranlassen, zeigen die Ulzera der Haut den +typischen kraterförmigen Bau der ulzerierenden Gummata mit grauem +Boden und der gleichen Neigung zu halbmondförmiger Ausbreitung wie +bei der europäischen Lues. Durch ihren Übergang auf Muskeln und +Bänder verursachen diese Ulzera im Lauf der Jahre oft tiefgreifende +Zerstörungen, die nach spontaner oder durch Behandlung bewirkter +Genesung, je nach ihrer Stellung, durch Schrumpfen und Zerstören der +Bänder Kontrakturen der Gliedmassen und durch Verkürzung der Muskeln +Kontrakturen der Hände und Finger nach sich ziehen. + +An den unteren Extremitäten lokalisierten sich weitaus die meisten +Affektionen am Unterschenkel und zwar an der Tibia, welche öfters durch +aktuelle oder bereits überstandene Periostitis bewirkte Verbildungen +aufweist. Durch Fehlen geeigneter Behandlung dauert dieser Prozess +oft Jahre und geht dann auf Haut, Zellgewebe und Muskeln über +und bildet, falls Genesung eintritt, eine Gewebemasse, in der das +subkutane Zellgewebe und die Haut durch Narbengewebe ersetzt sind und +die Muskeln, gleichwie an den Armen, atrophiert und verkürzt sind, +so dass der Fuss einen verkehrten Stand einnimmt und die Zehen nach +oben und rückwärts gezogen werden. + +Luetische Orchitis habe ich niemals gesehen; vielleicht begaben sich +die betreffenden Kranken aus Schamgefühl nicht in meine Behandlung. + +Selten ist es mir geglückt, viszerale luetische Leiden mit Sicherheit +zu diagnostizieren. Syphilitische Degeneration der Leber, wobei diese +vergrössert, resistent, höckerig und empfindlich wird, beobachtete +ich mehrmals. Nervenleiden, die auf Syphilis zurückzuführen waren, +begegnete ich nie, ebensowenig Tabetikern. + +Von den gewöhnlichen tertiären Hautausschlägen kamen mir nur wenige +Formen unter die Augen. In einem einzigen Falle von Rupia syphilitica, +in welchem Jodkalium wirkungslos blieb, hatte innerlicher Gebrauch +von Quecksilberpräparaten baldige Genesung zur Folge. + +Die hereditäre Syphilis äussert sich bei Säuglingen in etwas anderer +Form. Diese leiden meist an Condylomen in und am Munde und am +Anus, luetischer Rhinitis, Otorrhoe und später an Missbildungen +der Zähne. Letztere zeigen nicht selten die _Hutchinson_sche +Form und bieten der Caries, die sich in den Vertiefungen ihrer +Oberfläche festsetzt, einen besonders günstigen Angriffspunkt; daher +bröckeln bereits bei sehr kleinen Kindern die Schneidezähne ab. Die +Condylomen um den Mund veranlassen durch Verwahrlosung häufig so +tiefe Ulzerationen, dass viele das ganze Leben hindurch' davon Narben +behalten. Entstehen derartige Leiden einige Monate nach der Geburt des +Kindes, so ziehen sie, wie auch gleichartige Knochenentzündungen, das +Allgemeinbefinden des Kindes nicht ernstlich in Mitleidenschaft. Die +kleinen Patienten scheinen auch nur wenig oder gar keinen Schmerz zu +empfinden und, da kein Fieber eintritt, bleiben Esslust und Schlaf +erhalten. Auch bei den Kindern der Bahau ist der supra-epiphysäre +Knorpel an den langen Knochen häufig der Sitz des syphilitischen +Prozesses; der der Handknochen erinnert dann an eine Spina ventosa, +der der Extremitäten an eine Gelenkentzündung. Die trotz starker +Schwellung oft ungehinderte Beweglichkeit der Gelenke bringt einen +jedoch bald auf die richtige Spur. + +Während Ulcus molle, wie erwähnt, bei den Bahau nicht vorkommt, +ist Gonorrhoe stark verbreitet. Unter den verhängnisvollen Folgen +dieser Krankheit leidet besonders die Bevölkerung am oberen Kapuas, +und zwar weniger die Männer als die Frauen, die häufig über nach +der Heirat aufgetretene Leucorrhoe und Metroraghia mit schmerzhaften +Menses klagten. Auch beobachtete ich heftige Conjunctivitides, welche +sich hierauf zurückführen liessen. + +Am oberen Mahakam ist Gonorrhoe minder allgemein verbreitet, auch +fand ich bei den Männern keine ernsteren Komplikationen. + + + +Von einer Malariainfektion unabhängige Intestinalleiden ernster +Art treten bei den Bahau selten auf. Obgleich ihre Nahrungsmittel, +besonders von Kindern, in oft schwer verdaulicher Form genossen werden, +sah ich doch selten Fälle von chronischen Bauchleiden. Die wichtigsten +vegetabilischen Nahrungsmittel, Reis und Bataten, werden gar gekocht +verzehrt; Kinder essen sie jedoch auch roh; auch haben sie noch +häufiger als die Erwachsenen die Gewohnheit, alle Fruchtkerne, die +kleiner als Pflaumenkerne sind, mit hinunter zu schlucken. Stellen +sich schlechte Folgen ein, so übt ein Eccoproctikum oft eine +sehr gute Wirkung aus. Derartige Mittel sind auch in der Zeit von +Reismangel sehr heilsam, wo neben allerlei Surrogaten, wie Blättern, +bei den Mahakamstämmen hauptsächlich der wilde Sago als allgemeines +Nahrungsmittel benützt wird. Da der feuchte Sago schnell verdirbt, +treten in dieser Zeit zahlreiche Fälle akuter Darmleiden auf und, +da ausserdem das Allgemeinbefinden durch Nahrungsmangel stark leidet, +sind viele Krankheitsfälle dann schwer zu kurieren. + +Derartige Darmkrankheiten werden, wie viele andere, häufig durch +Malaria kompliziert; in solchen Fällen erreicht man anfangs mehr mit +Chinin als mit Calomel. Eine junge Frau hatte einst infolge Coprostase +dermassen durch heftige Krämpfe und Schlaf- und Appetitlosigkeit +gelitten, dass sie monatelang entkräftet darniederlag und zum Skelett +abmagerte. Ihre Familie, die bereits alle verfügbaren Mittel der +Bahau, Malaien und Chinesen vergebens angewandt und die Kranke bereits +aufgegeben hatte, war nicht wenig erstaunt, als diese infolge kurze +Zeit durchgeführter Evakuierung genas und zu Kräften kam. + +Unter den Intestinalwürmern sind Ascariden die häufigsten; sie scheinen +jedoch keine ernstlichen Störungen zu veranlassen. + +Die Bahau sind ihrem rauhen Bergklima gegenüber auffallend +empfindlich. Ihre schwache Kleidung schützt sie von Kind an in +nur sehr geringem Masse vor dem Witterungswechsel. So lange warmes +Wetter herrscht, merkt man bei ihnen von rheumatischen Leiden nur +wenig, sobald aber Regen und Wind eintreten, vor denen sie in ihren +Häusern nur geringen Schutz finden, und vor allem, wenn sie in +den nasskalten Gebirgswäldern zu leben gezwungen sind, treten bei +ihnen Lungenkatarrhe und Gliederschmerzen leichter als bei den gut +bekleideten Europäern auf. Dazu stellt sich dann bald Malaria ein, +welche das Leiden verschlimmert. + +Unter den weiteren internen Krankheiten der Bahau ist noch der Kropf +(im Busang _kon_) zu erwähnen, der bei dem einen Stamme mehr bei dem +anderen minder verbreitet ist, bei keinem jedoch gänzlich fehlt. Bei +den Frauen ist eine, wie es scheint, stets gleichmässig hypertrophierte +Schilddrüse ganz allgemein zu finden. Zwischen diesen leicht +hypertrophierten Schilddrüsen und weit nach aussen hervorstehenden +Kröpfen findet man alle Übergänge. Bei den grösseren Formen ist +die Hypertrophie nur selten gleichmässig, in der Regel überragt die +eine Hälfte bei weitem die andere. Eine cystoide Degeneration der +Schilddrüse habe ich selten konstatieren können. In wie weit diese +Krankheit an der Entstehung der in Mittel-Borneo häufig vorkommenden +psychisch und physisch schlecht entwickelten Individuen Schuld trägt; +lässt sich bei den Bahau, bei denen Syphilis so hochgradig verbreitet +ist, nicht feststellen. + +Diese Hypertrophieen liessen sich leicht behandeln und oft habe +ich mir mittels 1 gr Jodkalilösung, welche ich Erwachsenen per Tag +erteilte, die Gunst der Frauen erworben, die die Schlankheit ihrer +Hälse mit grosser Befriedigung wiederkehren sahen. Durch anhaltenden +Jodkaligebrauch nahmen auch bedeutende Kröpfe an Umfang ab. + +Auch bei Männern kamen einige ernstere Fälle von Kröpfen vor, doch +im Ganzen weit seltener als bei Frauen. + +Während alle erwähnten Krankheiten an der geringen Bevölkerungsdichte +von Mittel-Borneo zum grossen Teil die Schuld tragen, übt die +Abwesenheit verschiedener anderer, für gewöhnlich verbreiteter Leiden +wiederum einen günstigen Einfluss auf die Vermehrung der Bewohner. So +habe ich während meiner langjährigen Praxis unter den Bahaustämmen +nie einen Fall von Tuberkulose, sei es der Lungen, Haut oder Knochen, +konstatieren können. Unter den Dajak, welche sich viel an der Küste +aufhalten, glaube ich, ein einziges Mal Lungentuberkulose beobachtet +zu haben. + +Ferner glaube ich, mit Sicherheit die Abwesenheit von Rhachitis +feststellen zu können, da diese mir unter den Tausenden fast nackten +Gestalten, welche ich stets zu beobachten Gelegenheit hatte, sicher +nicht entgangen wäre. Auch die typischen Verkrümmungen, die als +Folge dieser Krankheit auftreten, habe ich bei den gut gebauten Bahau +nie bemerkt. + +Auch bin ich von der Abwesenheit oder dem sehr seltenen Vorkommen +von malignen Tumoren, Sarkom und Karzinom überzeugt. Ein einziges Mal +erinnerte mich eine luetische Neubildung an Sarkom oder Karzinom, aber +die günstige Wirkung von Jodkali benahm bald alle Zweifel. Dagegen +kamen Fibrome, besonders Keloide der Narben, häufig vor. Ebenso +konstatierte ich zwei Mal an den Erscheinungen und durch objektive +Untersuchung Fibroide des Uterus. + +Ansteckende Krankheiten ernster Art kamen während meines Aufenthaltes +unter den Eingeborenen nicht vor; ihre Niederlassungen liegen in +grossen Abständen von einander und von der Küste entfernt, so dass die +Möglichkeit einer Übertragung von Infektionen gering ist. Aus Berichten +über eine Choleraepidemie, die in früheren Jahren bei ihnen geherrscht +hatte, konnte ich ersehen, dass wenn einmal eine sehr ansteckende +Krankheit in ein Bahaudorf eingeschleppt wird, ein grosser Teil der +Bewohner ihr zum Opfer fällt. Dies ist hauptsächlich den bei ihnen +herrschenden hygienischen Zuständen zuzuschreiben, ferner auch dem +Umstand, dass ihnen jeder Begriff vom Wesen dieser Krankheiten fehlt. + +In der Regel verhindert man ein völliges Aussterben des Dorfes dadurch, +dass alle Bewohner ausziehen und familienweise weit getrennt von +einander im Walde wohnen. Dörfer, die von der Krankheit noch nicht +ergriffen worden sind, erklären sich für _lali_ und schliessen sich +dadurch von den anderen Dörfern völlig ab. Die Kenja am oberen Kajan +erzählten mir, dass eine Pockenepidemie, die in einem ihrer grössten +Stämme einst herrschte, eine enorme Sterblichkeit verursacht habe. + +Beriberi, die unter den malaiischen und dajakischen +Buschproduktensuchern sehr häufig vorkommt, herrscht bei der ansässigen +Bahaubevölkerung derselben Gegend nur selten. Bemerkenswert ist, +dass die Hühner in den Niederlassungen am mittleren Mahakam sehr +unter Beriberi-ähnlichen Lähmungserscheinungen leiden und häufig auch +daran sterben. + +Von der Influenza haben wir auf unseren Reisen mehrmals zu leiden +gehabt. Als _Kwing Irang_ uns 1897 vom Blu-u zum unteren Mahakam +geleitete, wurden wir Europäer bei unserer Ankunft in Udju Tepu +innerhalb zehn Tage alle von einem rhino-pharyngialen Katarrh +befallen. Bei _Berchtold_ trat noch Fieber hinzu; im übrigen +waren die Erscheinungen nicht besorgniserregend. Von ungefähr 100 +unserer Kajan entging beinahe keiner der Influenza. Wie gewöhnlich +komplizierte sich ihre Krankheit durch Hinzutritt von Malaria, die +allerdings mit Chinin vertrieben werden konnte, aber der Katarrh und +die Kopfschmerzen hielten viele Tage an. Die Bewohner von Tepu waren +bei unserer Ankunft zwar gesund, waren aber zwei Monate vorher von +der Influenza heimgesucht worden. + +Auf unserer letzten Reise 1899 hatten wir weder in Tepu noch am +unteren Mahakam von der Influenza zu leiden; doch erkrankte ich +mit meinen Malaien und Kajan im April 1900 in Long Deho ernstlich +an Influenza. Die Bewohner selbst hatten sich von der Influenza, +welche durch Ma-Suling und Dajak vom unteren Mahakam eingeschleppt +worden war, noch kaum erholt. Einige der unseren litten ausserdem +schwer an Malaria, z.B. der Malaie _Lalau_, und der Husten dauerte +über 3 Wochen. Selbst unsere Hunde begannen zu husten. + +Als _Kwing Irang_ später mit den Seinen _Demmeni_ und unser Gepäck den +Mahakam hinunter nach Long Deho geleitete und sich dort längere Zeit +aufhalten musste, wurden alle seine jungen Leute influenzakrank. Die +Böte, welche von Long Deho flussaufwärts gingen, brachten die Infektion +auch den Stämmen oberhalb der Wasserfälle; jedoch starben nur Alte und +Kranke an der Influenza. Die Eingeborenen fürchten sich vor der Ankunft +Fremder, weil diese ihrer Meinung nach die "_bengen,_" die bösen +Geister, welche die Erkältungskrankheiten verursachen, mitbringen. + + + +Jeder Reisende, der zum ersten Mal mit den Dajak in Berührung kommt, +ist von dem unangenehmen Anblick, den ihre Hautkrankheiten auf dem +Körper hervorrufen, betroffen. Vor allem ist es die Schuppenbildung +der blossen Haut, welche dem Patienten ein so abschreckendes Aussehen +verleiht. + +Es lassen sich 4 verschiedene Schuppenkrankheiten unterscheiden: +Pityriasis versicolor, Tinea circinata, Tinea imbricata und Tinea +albigena, von denen die beiden ersteren, oder doch sehr nahe verwandte +Krankheiten, auch in Europa vorkommen. Diese 4 Hautkrankheiten, welche +vor allen anderen in Borneo vorherrschen, werden durch verschiedene +Arten in der Haut lebender Pilze hervorgerufen. + +Favus, der anderswo oft sehr verbreitet ist, beobachtete ich nie bei +den Bahau. + +Pityriasis versicolor (_panu_ der Malaien; _litak_ der Bahau) +äussert sich in Form heller, etwas erhabener Flecke, welche durch +eine Infiltration der Epidermis, durch welche die darunterliegende +Pigmentschicht weniger sichtbar wird, verursacht werden. Auf der +pigmentlosen Haut der Europäer macht sich die Infektion durch +hellbraune Flecken bemerkbar. + +Die Grösse der Flecken, welche _panu_ oder _litak_ verursacht, variiert +zwischen der eines Stecknadelkopfes und einer Handfläche. Die Infektion +nimmt sehr verschiedene Dimensionen an; da sie bei den Bahau nur beim +Transpirieren Jucken verursacht, wird sie nur selten behandelt und +verbreitet sich daher oft über den grössten Teil des Körpers. + +Tinea circinata (_kurab_ der Malaien: _ki urip_ der Bahau) stimmt +äusserlich am meisten mit Herpes tonsurans überein und zeigt sich in +Form runder Flecke, sehr verschiedener Grösse, welche alle aus einem +Bläschen, um welches sich konzentrisch gleichartige Bläschen gebildet +haben, hervorgegangen sind. Durch Vertrocknen und Springen der Bläschen +entsteht Schuppenbildung, hauptsächlich an der Peripherie. Tinea +circinata befällt vorzugsweise die Stellen, wo die Epidermis am +wenigsten resistent ist. Dass die Krankheit auch die Haare ergriff +und dadurch eine teilweise Kahlheit herbeiführte, beobachtete ich +weder unter den Bahau noch unter den Kenja. + +Tinea imbricata (_lusung_ der Malaien; _ki lan_ der Bahau), äussert +sich wie die vorige Infektion zuerst in kleinen Bläschen mit rotem Hof +und vergrössert sich auch auf gleiche Weise, was sich besonders auf der +zarten Haut der Bahaukinder und auf der der Europäer gut verfolgen +lässt. Während jedoch die Haut im Zentrum des Infektionskreises +bei Tinea circinata nur wenig Spuren der Entzündung mehr aufweist, +entsteht hier bei Tinea imbricata eine zweite Eruption, die sich in +zahlreichen, gleich weit entfernten, oft sehr zierlich gebogenen +Linien bemerkbar macht. Die Linien zeigen sich auf der Haut durch +Schuppenbildung. Die Schuppen können, besonders an Stellen mit dicker +Epidermis, bis zu 2 cm lang und 5 mm breit werden. Da die Bahau von +dieser Hautkrankheit oft ganz bedeckt sind, machen sie aus der Ferne +eher einen weissen als einen braunen Eindruck; in der Nähe erscheinen +sie wie mit Mehl bestreut. + +Im Gegensatz zu Tinea circinata bildet sich Tinea imbricata +hauptsächlich an den Hautstellen mit der dicksten Epidermis, so dass +Gesäss und Aussenseite von Armen und Beinen zuerst ergriffen werden, +während die Achselhöhlen, die Falten unter den Brüsten und die +Leistengegend zuletzt oder auch gar nicht infiziert werden, selbst +wenn der ganze übrige Körper, ausser Handflächen und Fussstehlen, +welche niemals angegriffen werden, mit der Krankheit bedeckt +ist. Verschont bleiben ausserdem die Nägel an Händen und Füssen und +die Haare. Auch T. imbricata wird durch einen Pilz, den _Manson_ +entdeckte, verursacht. Im Jahre 1897 gelang es mir in Batavia, diesen +Pilz zu züchten. [7] + +Bei vielen Patienten fiel mir die starke Neigung dieser Hautkrankheit +zu symmetrischer Verbreitung auf, die sich selbst dann noch zeigt, +wenn die Krankheit bereits 20-30 Jahre bestanden hat. Da auch +Tinea circinata und Pityriasis versicolor bei den Bahau die gleiche +Eigentümlichkeit zeigen und alle durch einen Pilz verursacht werden, +können die Erscheinungen dieser Hautkrankheiten keinem nervösen +Ein floss zugeschrieben werden. Es kommt mir viel wahrscheinlicher +vor, dass die ständig unbedeckte Haut der Bahau ihre Epidermis und +ihre Schweiss- und Fettdrüsen, besonders am oberen Körperteil, viel +besser entwickeln kann als die einer stets gleichmässigen Temperatur +ausgesetzte Haut der bekleideten Europäer. Da die Dicke der Epidermis +und die Fett- und Schweisssekretion, die für den Ort der Entwicklung +des Pilzes massgebend sind, sich an verschiedenen Stellen der Haut +verschieden, an symmetrischen Körperteilen jedoch gleich verhalten, +bewirken sie ein symmetrisches Auftreten dieser Krankheiten. + +Nach langer Dauer von Tinea imbricata nimmt das Pigment unter der +infizierten Haut zu, so dass diese nach der Genesung rossfarbig +wird. Eine europäische Haut zeigt bereits nach kurzer Krankheitsdauer +eine deutliche Pigmentansammlung. In sehr verwahrlosten Fällen +von _lusung_ erscheint die Haut bereits vor Eintritt der Genesung +blauschwarz. + +Bei Anwesenheit anderer Krankheiten kann eine vorgeschrittene _lusung_, +wie ich es bei Malaria und Rupia syphilitica beobachtete, plötzlich +heilen. + +Tinea albigena (_ki-ow_ der Bahau) zeigt in hohem Masse, wie sehr das +Vorkommen pathogener Pilze an besondere Eigenschaften der Haut gebunden +ist; sie setzt sich nämlich anfangs nur in den bei den Eingeborenen +sehr dicken oberen Hautschichten der Handflächen und Fusssohlen +fest. Erst nach langem Bestehen greift der Pilz auch die Nägel und die +angrenzende Haut der Hand- und Fussrücken an. Am auffallendsten sind +die Veränderungen, welche der Pilz in dem Rete Malpighii, in dem sich +die braunen Pigmente hauptsächlich befinden, zustande bringt. Ohne +dass, oberflächlich gesehen, mit der Hauternsthafte anatomische +Änderungen vor sich gehen, verschwindet das Pigment vollständig +und regeneriert sich nach Genesung der Hautkrankheit nicht mehr, so +dass Handflächen und Fusssohlen, so wie andere infizierte Stellen, +ganz weiss erscheinen. Nur ein einziges Mal sah ich auch auf Brust +und Stirn dergleichen pigmentlose Flecken mit noch vorhandener +Hautentzündung vorkommen. + +Der Charakter der anatomischen Veränderungen, welche der Pilz +hervorruft, hängt grössten Teils von der Dicke der Epidermis, unter +welcher er sich entwickelt, ab. Auch diese Krankheit beginnt mit +einer roten, juckenden Schwellung, in deren Mitte sich eine kleine, +mit heller Flüssigkeit gefüllte Blase befindet. Ist die Epidermis +dünn, wie bei Kindern, so springt sie, ist sie aber dick, wie bei den +erwachsenen Eingeborenen, so wird sie losgelöst und platzt erst dann, +wenn die Blase einen grösseren Umfang erreicht hat. In ernsteren Fällen +wird der grösste Teil der Epidermis an den Fusssohlen abgestossen; +in weniger ernsten und in solchen, die, wie es öfters geschieht, +in ein chronisches Stadium übergehen, ist die Epidermis bisweilen +verdickt und trocken und veranlasst beim Gehen die in Indien sehr +berüchtigten Risse, oder sie ist dünn und ungleich gebildet, so dass +Hände und Füsse beim Gebrauch schmerzen. + +Diese Hautkrankheit ist bisher noch nicht beschrieben und wegen +der pigmentlosen Stellen, die sie nach der Genesung auf der Haut +zurücklässt, sicher oft mit Vitiligo verwechselt worden; sie ist +im ganzen indischen Archipel verbreitet und kommt hie und da auch +bei Europäern vor. Wegen ebengenannter Eigenschaft nannte ich +diese Pilzkrankheit: Tinea albigena; ich entdeckte den Pilz in +einem subakuten Falle in den Schuppen der Fusssohle. Wie der Pilz +von Tinea imbricata zeigt sich auch dieser hauptsächlich in Form +langer Mycelfäden, bildet aber ein viel undichteres Netzwerk als +ersterer. Dieser Pilz scheint auf die gleiche Weise, wie der von +Tinea imbricata, kultiviert werden zu können. + +Die genannten vier parasitären Hautkrankheiten der Bahau besitzen +alle die gemeinsame Eigenschaft, dass sie mit parasiticiden Mitteln +schnell zu kurieren sind. Die Genesungsdauer hängt, in noch höherem +Masse als von der Krankheit selbst, von der Dicke der Epidermis an der +betreffenden Stelle, auf welche das Medikament einwirken muss, ab. Um +das Eindringen der wirksamen Bestandteile in die tieferen Hautschichten +zu befördern, benützte ich wässerige Lösungen antiseptischer Mittel, +z.B. Sublimat oder eine Chrysarobinlösung in Äther und Alkohol, +welche ich mittelst Mackintosch am Verdunsten verhinderte. Die besten +Erfahrungen machte ich jedoch beim Behandeln der Eingeborenen mit +Jodtinktur, die wegen der Flüchtigkeit des Jod tiefer als die beiden +anderen in die Haut eindringt. Eine wiederholte Anwendung dieser +Mittel hat stets eine bedeutende Besserung und häufig auch eine +völlige Genesung, selbst nach jahrelangem Bestehen der Krankheit, +zur Folge. Da, wo das Corium und das Rete Malpighii blossliegen, +sind parasiticide Salben von guter Wirkung. + +Ausser den ebengenannten Hautkrankheiten kommen unter den Bahau +noch Scabies und Frambösia vor; letztere greift hauptsächlich Kinder +an. Nach der Genesung behalten die Patienten oft längere Zeit hindurch +heftige Gliederschmerzen, die jedoch nicht, wie die durch Syphilis +verursachten, nach Gebrauch von Jodkalium weichen. + +An Augenkrankheiten kommen unter den Bahau hauptsächlich der Star +und granulöse Augenentzündungen vor. Diese sind stark verbreitet, und +obwohl sie nur bei langer Dauer von ernsthaften Läsionen der Cornea +begleitet sind, findet man bei Erwachsenen doch stets Spuren einer noch +vorhandenen oder bereits überwundenen Entzündung der Conjunctiva, die +das Sehen häufig stark beeinträchtigt. In den ernstesten Fällen, die +ich bei Frauen beobachtete, kam es zu einer vollständigen Obliteration +der obersten und untersten Bindehaut, so dass ein Schliessen des Auges +verhindert wurde; die Cornea war in diesen Fällen so angegriffen, +dass das Gesicht bedeutend geschwächt wurde. Doch beobachtete ich +nur zwei Frauen, die nach einer über zwanzig Jahre andauernden +Augenentzündung dadurch, dass die Hornhaut sich in eine gelblich +weisse Membran verändert hatte, vollständig erblindet waren. + +Der Star tritt sowohl am Kapuas als am Mahakam bereits bei jungen +Leuten auffallend häufig auf. Ob hiermit andere verbreitete Krankheiten +im Zusammenhang stehen, habe ich nicht ermitteln können. + + + +Durch meine ärztliche Praxis unter den Eingeborenen hatte ich mir so +viel Einfluss bei ihnen erworben, dass ich nicht zu viel sage, wenn ich +behaupte, dass meine zweimalige Durchquerung Borneos und der Besuch bei +den Kenja ohne meine Tätigkeit als Arzt nicht ausführbar gewesen wären. + +Da die Eingeborenen selbst keine oder doch nur fast wertlose Mittel +gegen Malaria und Syphilis besitzen und diese daher auch in leichten +Fällen oft tätlich verlaufen, grenzt die Wirkung, welche Chinin, +Jodkali und Quecksilberpräparate hervorrufen, in den Augen der +Bevölkerung an das Wunderbare. Berücksichtigt man auch die Wirkung +der Narkotika, die den Schmerz momentan benehmen, so erscheint es +begreiflich, dass die Eingeborenen sich glücklich schätzten, einen +weissen Wunderdoktor in ihrer Mitte zu haben. + +Wegen ihrer Scheu vor allem Unbekannten fürchteten die Eingeborenen +auch anfangs einen möglichen schlechten Ausgang der Kur. Daher war es, +besonders in der ersten Zeit, geboten, durch Narkotika, verbunden +mit den betreffenden Heilmitteln, auf das subjektive Empfinden der +Patienten einzuwirken. Da Chinin und Jodkali einen nicht oft im Stich +liessen, machten sie während des Verlaufs der Krankheit einen sehr +erwünschten Effekt. + +Die Konstitution meiner Patienten kam mir oft zu Hilfe; ausserdem +achtete ich darauf, keine zu weit vorgeschrittene Krankheit anders +als mit der Vorausbemerkung, dass meine Hilfe vielleicht nicht mehr +ausreichend sein würde, zu behandeln. Nachdem ich gemerkt hatte, dass +auch weit vorgeschrittene Krankheiten bei vorsichtiger Behandlung +eine gute Wendung nehmen konnten, stieg mein Selbstvertrauen und +später brauchte ich nur selten einen Kranken für unheilbar zu erklären. + + + +Betrachten wir nun, was die Bahau selbst über ihren Körper denken und +wie sie ihre Krankheiten bekämpfen, so stossen wir auf die seltsamsten +Vorstellungen. Dass diese mehr auf Phantasie als Beobachtung beruhen, +sehen wir daraus, dass sie auch von dem, was sie äusserlich an ihrem +Körper wahrnehmen, nur unklare Begriffe haben. Bei meiner Ankunft +waren ihnen Herz- und Pulsschlag noch nicht bekannt, erst nachdem +ich einige Monate. unter ihnen praktiziert hatte, erfuhren sie, dass +sie einen Puls hatten, an dem ich häufig den Grad ihrer Krankheit +beurteilen konnte. Da sie im übrigen gut zu beobachten im stande sind, +kann man hieraus schliessen, dass Herzleiden nur selten bei ihnen +vorkommen. Ausser einigen auf Beriberi beruhenden Fällen von Herzleiden +erinnere ich mich tatsächlich keine anderen konstatiert zu haben. + +Die Schläge der Arteria abdominalis, die sie beim Betasten +ihres Leibes im Fall von Bauchschmerz fühlten, wirkten auf sie +sehr beunruhigend. Immer und immer wieder wurde ich gefragt, ob das +Klopfen nicht die Ursache des Leidens sei. Als ich die Gesunden sich +auf den Rücken legen und auch sie das Klopfen der Arteria abdominalis +fühlen liess, gerieten sie in grosses Erstaunen. Dagegen wissen alle +Stämme, dass sie als Folge der Malaria eine harte Geschwulst an der +linken Seite besitzen. Daher nennen die Dajak von Sambas die Malaria: +_demom batu_ = Fieber mit dem Stein; die Kajan am Mendalam nennen +die geschwollene Milz: _kalong pra_ = Krankheitszeichen; die Kajan +am Mahakam bezeichnen die Milz als _ong eram_ = Krankheitskörper. + +Von der Dauer einer normalen Schwangerschaft haben die Bahau nur eine +sehr mangelhafte Vorstellung; sie nehmen an, dass sie nur 4-5 Monate +dauert, d.h. so lange, als sie die äusseren Veränderungen an der Frau +wahrnehmen können. Da mir diese Unwissenheit kaum glaublich erschien, +stellte ich in verschiedenen Gegenden hierüber Nachforschungen an, +aus denen ich merkte, dass die vielen Fehl- und Frühgeburten sowie +die sehr verbreiteten Geschlechtskrankheiten der Frauen das ihre +zu dieser falschen Auffassung beigetragen haben. Dass zur Zeugung +Testikel erforderlich sind, wissen die Eingeborenen ebenfalls nicht, +denn sie halten ihre kastrierten Jagdhunde, denen die Weibchen nicht +vollständig gleichgültig sind, für zeugungsfähig. + +Alles Weisse, was sie am toten Körper bemerken, wie Nerven, Sehnen und +Blutgefässe, nennen die Bahau "_huwat_", auch nehmen sie an, dass in +diesen die Kraft sitzt. Dass die Arterien der lebenden Menschen Blut +enthalten, ist ihnen nicht bekannt. + +Von dem Verstande und dessen Sitz machen sich die Bahau eigenartige +Vorstellungen, die ich ganz zufällig kennen lernte. + +Als ich mich auf meiner zweiten Reise einige Tage in Long Tepai +aufhalten musste, suchte ich morgens nach meiner Ankunft einen alten +Patienten, den Häuptling _Bo Ibau_ auf. Der dürre Sonderling mit der +Habichtsnase sass in seiner Kammer und schnitzte einen Schwertgriff +aus Hirschhorn. Er war in früheren Jahren der beste Schnitzkünstler im +Dorfe gewesen, hatte aber seiner. Augen wegen die Arbeit lange Zeit +ruhen lassen müssen. Ich traf ihn in guter Stimmung, da er mit Hilfe +der Brille, die ich ihm geschenkt hatte, wieder in der Nähe sehen +und daher die geliebte Schnitzarbeit wieder aufnehmen konnte. _Ibau_ +klagte, dass die jungen Leute heutzutage nur schlechte Arbeit lieferten +und fügte hinzu: "sie haben nichts in ihrem Bauche (_djian hipun nun +nun halam butit)._" Ich glaubte ihn anfangs nicht gut zu verstehen +und liess ihn die Worte wiederholen; allmählich merkte ich aber, dass +mein alter Freund in der Tat mit dem Bauche zu denken glaubte. Auch +erfuhr ich später, dass alle Bahau und Kenja derselben Meinung sind. + +Den Schlaf fassen die Bahau als den Zustand auf, in dem eine ihrer +beiden Seelen, die _bruwa_, den Körper zeitlich verlässt. Der Traum +entsteht entweder dadurch, dass die Seele das Geträumte wirklich +erlebt, oder dass die Geister dem Schläfer etwas zuflüstern. Die Träume +der Priester sind besonders bedeutungsvoll. Von der Wohltat eines +erquickenden Schlafes für Kranke haben sie keine Ahnung; wenn einer +ernstlich krank ist, verhindern sie ihn durch Schreien und Schütteln +am Einschlafen, selbst wenn der Kranke den Schlaf sehnlichst wünscht +(Siehe pag. 333). + +Ihrer Schöpfungsgeschichte (pag. 129) zufolge sind die Bahau aus +unbelebter Materie und zwar aus Baumrinde hervorgegangen. Das Leben +wird erst durch die beiden Seelen "_bruwa_" und "_ton luwa_" in den +Körper gebracht (Näheres Kap. V). + +Alles, was die _bruwa_ zum Entfliehen bringt, verursacht Krankheit. Da +die _bruwa_ auf die gleiche Weise wie der Mensch denkt und empfindet, +kann sie durch alles, was diesen erschreckt, vertrieben werden, +wodurch der Körper krank wird. Die Priester suchen daher, um +einen Kranken zu heilen, dessen entflohene Seele in den Körper +zurückzulocken. Auf dieser Vorstellung basieren im Grunde alle +Heilmethoden der Priester. Das Einfangen der Seele geschieht mit +Hilfe der guten Geister aus dem _Apu Lagan_, der Vermittler zwischen +Hauptgöttern und Menschen. + +Zum Glück sind sie in ihrem Vertrauen auf die Hilfe der Geister +nicht so blind gewesen, dass sie den günstigen oder ungünstigen +Einfluss einiger Faktoren auf den Verlauf einer Krankheit nicht +selbst bemerkten. Hieraus hat sich bei ihnen ein sehr kompliziertes +diätetisches System entwickelt, das neben den Beschwörungen der +_dajung_ bei jeder Krankheit angewandt wird. + +Im allgemeinen sucht man die Krankheit dadurch zu bekämpfen, +dass man sich verschiedener Speisen, des Badens, schwerer Arbeit +etc. enthält. Für die verschiedenen Leiden bestehen auch verschiedene +Vorschriften, die man gegenwärtig unmöglich als Bussen auffassen kann; +sie sind teilweise auch so treffend gewählt, dass sie auf persönlichen +Beobachtungen und Erfahrungen beruhen müssen. Bei den Kajan am Mendalam +gelten folgende Vorschriften: + +Verboten ist bei Diarrhoe: harter Reis, Zuckerrohrsaft, Bananen, +Klebreis, gekochte Bananen, kaltes Wasser, einige Arten Fische, Baden +bei hohem d.h. kaltem Wasser; erlaubt sind: weich gekochter Reis und +gute Fische. + +Verboten ist bei Fieber: kaltes Wasser, Zuckerrohrsaft, Zucker, +Gebäck und Baden bei Hochwasser. + +Verboten ist bei Husten: _keladi_, Zucker, Zuckerrohrsaft, gerösteter +Klebreis, Gurken, Rauchen, Betelkauen und schwere Arbeit. + +Bei einer Knieentzündung verbietet man: Laufen, Treppensteigen, +trockenen und hart gekochten Reis, gedörrten Fisch, Schweinefleisch, +Eier, Salz und essbare Baumblätter. + +Berücksichtigt man, dass derartige Verordnungen bei den Malaien auf +Borneo nur in sehr rudimentärer Form vorhanden und dass ein grosser +Teil dieser Vorschriften auch nach der Auffassung europäischer Ärzte +wirklich zweckmässig sind, so erscheinen sie uns für die Bahau um so +anerkennenswerter. Überdies sind diese diätetischen Vorschriften in den +Verhältnissen, in welchen die Dajak leben, beim Fehlen eigentlicher +Heilmittel und bei der kräftigeren Konstitution ihrer Kranken viel +wichtiger als bei den Europäern und deren günstigeren Lebensumständen. + +Auch für Hautkrankheiten werden zahlreiche Verhaltungsmassregeln +angegeben und, da man für diese auch noch wirksame Arzneien besitzt, +sind die Bahau ebensogut als europäische Ärzte im stande, ihre +parasitären Hautkrankheiten zu kurieren. Bei einer derartigen Kur +darf nicht gebadet, nicht transpiriert und nicht gekratzt werden; auch +darf der Patient keine Süssigkeiten, keinen jungen Bambus, _keladi_, +Farrenspitzen, Salz, Schweinefleisch, spanischen Pfeffer und Mehl +geniessen. Da die Heilmittel in Lösung auf die Haut gestrichen werden, +sind die 3 ersten Vorschriften rationell; das Verbot der Speisen jedoch +ist nachteilig, da es die ohnehin schon lästige Kur so sehr erschwert, +dass nur sehr wenige sich ihr mit genügender Ausdauer unterwerfen. Der +Erfolg ihrer Heilmittel ist häufig nur ein zeitweiliger, weil sie +von der kontagiösen Natur dieser Krankheiten keinen Begriff haben +und sich mit ihren eigenen Kleidern, Liegmatten etc. immer wieder +von neuem infizieren. + +Die Verbotsbestimmungen bei Krankheiten kommen den Eingeborenen so +selbstverständlich vor, dass sie mich, wenn ich ihnen eine Arznei +gab, sogleich fragten, was _lali_, verboten, sei. Meine Vorschriften, +welcher Art sie auch waren, wurden stets treu befolgt. Oft verbot ich +das eine oder andere nur, um das Vertrauen in meine Arzneien nicht +wankend zu machen. Von besonderer Bedeutung war dies in einigen Fällen, +wo die Befolgung diätetischer Vorschriften von grösserer Wichtigkeit +als das Einnehmen von Arzneien war; bei sehr kleinen Kindern konnte +ich oft nur auf diese Weise eingreifen. + +Während meines zweiten Aufenthaltes am Mendalam kamen dort innerhalb +dreier Tage 3 Fälle sehr akuter choleraähnlicher Bauchkrankheit +vor. Der erste, in Tandjong Kuda, verlief tätlich, ohne dass ich den +Kranken sah. Am folgenden Tage erkrankte in meiner Nachbarschaft +eine Frau mit allen Choleraerscheinungen, doch half ich ihr mit +einer starken Dosis Landanum den Anfall überstehen. Ein oder zwei +Tage darauf rief man mich zu einem Manne in Tandjong Kuda, der +an der gleichen Krankheit litt. Auch bei ihm hatte Laudanum eine +ausgezeichnete Wirkung, nur war ich gezwungen, ihn seinem Schicksal +zu überlassen mit dem Resultat, dass er 2 Tage später infolge des +Genusses verschiedener gekochter Baumblätter einen Rückfall bekam +und starb. Da diese Fälle der Cholera sehr ähnlich waren, glaubte +ich die Umgebung am besten durch Regelung des Trinkwassergebrauchs zu +schützen. Ich liess daher mit Hilfe der beiden Häuptlinge _Akam Igau_ +und _Tigang_ durch die _dajung_ eine grosse Beschwörung abhalten, +verbot für 4 Tage das Trinken ungekochten Wassers und. warnte sie vor +den Flussbädern, die übrigens in dem schnell strömenden Wasser von +geringerer Bedeutung waren. Auch unreife Früchte setzte ich auf die +Verbotsliste und hatte die Freude zu sehen, dass man sich sowohl in +Tandjong Kuda als in Tandjong Karang an die Vorschriften hielt und +keine weiteren Krankheitsfälle mehr vorkamen. + +Der wichtigste Teil der Beschwörung bestand darin, dass man die bösen +Geister, als die Urheber der Krankheit, daran verhinderte, längs den +Bretterstegen, welche vom Fluss zum Hause führten, zu den Bewohnern zu +gelangen. Zu diesem Zwecke spannte man längs des Ufers vor dem Hause +und auch seitlich ungefähr 1 m über dem Boden Rotangseile, an welche +in Abständen von 2 m zur Abwehr böser Geister Blätter von _daun long_ +gehängt wurden. An den Stellen, wo das Seil die Wege zum Hause kreuzte, +richtete man zu beiden Seiten roh gearbeitete Figuren, eine weibliche +und eine männliche, auf. Die Figuren besassen übertrieben grosse +Genitalien; der Mann eine nach Kajansitte perforierte glans penis mit +hölzernem Stifte; überdies waren sie mit hölzernen Speeren, Schwertern +und Schilden als weiteren Abschreckungsmitteln bewaffnet. Zu meiner +Beruhigung willigten die Familiengehörigen darein, Kleidungsstücke +und Liegmatten der Verstorbenen zu vernichten. Da die _adat_ ihnen +das Verbrennen dieser Gegenstände verbietet, warfen sie diese, ohne +mein Wissen, in den Fluss. + +Die einzigen nennenswerten Arzneien der Kajan werden gegen +Hautkrankheiten angewandt; zwei derselben sind in der Tat sehr wirksam: + +1. _oroköp_, Blätter von Cassia alata, die auch sonst im Archipel +häufig gegen Hautkrankheiten benützt werden. + +2. _njerobw bulan_ (im Busang) = _minjak pelandjau_ (im Malaiischen), +ein schwarzes, nach Teer riechendes Öl, das aus dem schwarzen Kernholz +eines gleichnamigen Baumes fliesst, der nur auf Borneo einheimisch zu +sein scheint. Beim Stehen scheidet das Öl eine halbflüssige Masse ab, +die _tanah pelandjau_ genannt wird. + +Auf die Haut gebracht verursacht diese _tanah pelandjau_ eine +Entzündung. Als man diese Masse einst unvermischt auf die Leibeshaut +eines Kindes strich, wurde diese so völlig zerstört, dass eine tiefe +Wunde entstand. Für den Gebrauch muss das Mittel mit Zuckerrohrsaft +vermischt werden. Ein Individuum, das von Kopf bis zu Fuss mit _lusung_ +bedeckt ist, kann in 14-20 Tagen genesen, falls es sich tüchtig mit +_tanah pelandjau_ einreibt und das Baden vermeidet. + +Die Kajan reiben sich täglich mit _oroköp_ ein, wodurch sie allmählich +ihren _lusung_ und in viel kürzerer Zeit ihren _kurab_ vertreiben. + +Ein sehr wirksames, für die Kajan aber sehr kostbares Mittel ist +Petroleum, das, auf die erkrankte Haut gestrichen, binnen 8 Tagen +eine Heilung herbeiführt. + +Als weitere Behandlungsweisen von Entzündungen und Schmerzen sind +bei den Kajan Schröpfen, Tätowieren und Massieren üblich. Die beiden +ersten werden besonders bei schmerzhaften Entzündungsgeschwülsten +angewandt. Man entzieht das Blut, indem man mit einem spitzen Messer +eine grosse Zahl kurzer Einschnitte ausführt und die Blutung von selbst +aufhören lässt. Blutstillende Mittel lernte ich nicht kennen. Die +Ausführung kleiner Tätowierfiguren auf die entzündete Stelle wirkt +wahrscheinlich in gleicher Weise wie die Blutentziehung. + +Bei Leib- und Rückenschmerzen wendet man vor allem Massage an, +die mehr in Kneten als in Reiben besteht. Mit der Massage und dem +Blutentziehen befassen sich hauptsächlich die _dajung_, die es in +ihrer Kunst bisweilen weit bringen. + +Für Wunden kennen die Bahau keine Mittel- sie halten sie nur mit Wasser +und Kapok rein. Da sie ernste Blutungen nicht zu stillen verstehen, +gehen die Leute häufig an kleinen Wunden, z.B. auf dem Fussrücken, zu +Grunde. Dagegen verstehen sie zerrissene Ohrläppchen wieder aneinander +wachsen zu lassen (Siehe pag. 140). + +Bei Entbindungen wird der Leib der Kreissenden mit den Händen geknetet; +andere Behandlungsweisen sind unbekannt. Heftige Blutungen verlaufen, +wenn sie nicht von selbst aufhören, tätlich. + +Die Bahau wenden auch Dampfbäder an. Sie füllen ein Gefäss mit +heissem Wasser, fügen einige Blätter hinzu und setzen den Kranken, +den sie mit Decken umwickeln, einige Zeit den heissen Dämpfen aus. + + + + +KAPITEL XIX. + + Allgemeines über Tätowierung--Unterscheidung dreier + Gruppen--Vorschriften für Tätowierkünstlerinnen und + Patienten--Tätowiergerätschaften--Ausführung und Folgen der + Operation--Methoden der Tätowierung bei den verschiedenen + Stämmen und Ständen--Seeentätowierung--Tätowierung der Kajan am + Mendalam--Tätowiermuster--Tätowierung bei den Mahakamstämmen und + den Kenja. + + +Die Tätowierungen der Dajak dienten ursprünglich wahrscheinlich als +Körperverzierungen, gegenwärtig hat aber die Sitte des Tätowierens +bei allen Stämmen so tief Wurzel gefasst, dass man sie als einen +Brauch ansehen muss, dem zwar keine religiöse Bedeutung zukommt, +der aber mit dem Lebenslauf des Individuums eng verknüpft ist. + +Die Art der Tätowierung ist in Mittel-Borneo für die verschiedenen +Stammgruppen, für die einzelnen Stämme und für Mann und Frau +charakteristisch; auch sind die Anlässe, aus welchen tätowiert wird, +bei beiden Geschlechtern verschieden. Bei den Männern kann man die +Tätowierung im allgemeinen als einen Beweis betrachten, dass sie an +gefahrvollen Unternehmungen teilgenommen haben, während sie bei den +Frauen, beispielsweise bei denen der Long-Glat, die Einleitung einer +neuen Lebensperiode bedeutet. + +Die Long-Glat beginnen damit, den Mädchen, sobald sie acht Jahre +alt sind, auf den Rückseiten der Finger an verschiedenen Stellen +kleine Figuren zu tätowieren; bei Eintritt der Menses wird die +Rückseite der Finger vollständig tätowiert und im Lauf der folgenden +Jahre wird fortgefahren, bis der ganze Handrücken bis zum Puls seine +Verzierung erhalten hat; auf die gleiche Weise wird mit dem Fussrücken +verfahren. Mit 18 bis 20 Jahren lassen sich die Frauen die Vorderseite +der Schenkel und in späterem Alter, oder wenn sie mehrere Kinder +gehabt haben, auch die Hinterseite der Schenkel tätowieren. + +Während die Männer die Tätowiermarter gern auf sich nehmen, um +nachher als tapfere Männer gekennzeichnet zu sein, wird die Sitte des +Tätowierens bei den Frauen durch den Glauben unterstützt, dass den +vollständig tätowierten Frauen im Jenseits gestattet wird, im Flusse +_Telang Djulan_ zu baden und dadurch in unmittelbare Nähe der Perlen +zu gelangen, die sich auf seinem Grunde befinden; die unvollständig +Tätowierten dagegen müssen am Ufer stehen bleiben und die gänzlich +Untätowierten dürfen sich dem Flusse überhaupt nicht nähern. Dieser +Glaube, den ich am oberen Mahakam und bei den Kenja angetroffen habe, +erleichtert den Frauen die entsetzlichen Schmerzen, die ihnen der +Prozess des Tätowierens verursacht. + +Zur Unterscheidung verwandter Stämme ist die Tätowierung der Frauen +geeigneter als die der Männer, da diese sich auf ihren Reisen oft mit +den charakteristischen Zeichen ihrer Gastherren schmücken, während die +im Stamme bleibenden Frauen meist die ihm eigenen Muster tragen. Ein +Eingeweihter kann an den Tätowierungen der Männer erkennen, welche +Stämme sie besucht haben; weitgereiste Leute zeigen die Charakteristika +der Stämme am Mahakam, Batang-Rèdjang, der Taman Dajak, Punan u.s.w. + +In Mittel-Borneo lassen sich hinsichtlich des Tätowierverfahrens +und hinsichtlich der angewandten Muster drei Gruppen von Stämmen +unterscheiden, die wahrscheinlich mit ihrer geschichtlichen Trennung +in den letzten Jahrhunderten in Zusammenhang stehen. + +1. Gruppe der Bahau, Kenja und Punan. + +2. Gruppe der Bukat und Beketan. + +3. Gruppe der Stämme vom Barito und Melawi und der Ulu-Ajar vom Mandai. + +Die erste Gruppe trägt Tätowierungen, welche aus dunkelblauen Linien +bestehen; die Frauen verzieren Unterarme, Hände, Schenkel und Füsse, +die Männer Schultern, Arme und Brust. Der Daumen der linken Hand und +die Schenkel dürfen nur bei sehr tapferen Männern tätowiert werden. + +Die Männer der zweiten Gruppe tätowieren den ganzen Körper vom +Unterkiefer bis zu den Knöcheln mit grossen, dunkelblauen Flächen, +aus denen die eigentlichen Figuren in der natürlichen Hautfarbe +hervortreten. + +Hat sich ein Bukatjüngling auf einem Kriegszuge oder bei einer anderen +Gelegenheit ausgezeichnet, so wird ihm zuerst auf die Brust eine +dreieckige Fläche tätowiert, darnach werden die Schultern, der Nacken, +die ganzen Arme, der Rücken und der Unterkiefer auf die gleiche Weise +behandelt; später wird oben an den Waden noch eine viereckige Fläche +angebracht. Nach weiteren Heldentaten dürfen sie sich, ausser an der +Innenseite, das ganze Bein tätowieren lassen. + +Bei der dritten Gruppe beginnen die Männer damit, sich grössere oder +kleinere Scheiben auf die Waden, unterhalb der Kniekehlen, tätowieren +zu lassen; später werden, im Gegensatz zu den Kajan und Punan, die +isolierte Figuren tragen, die Arme, der Rümpf und der Hals vollständig +mit zusammenhängenden Figuren aus dunkelblauen Linien bedeckt. Die +Frauen verzieren hauptsächlich die Kniee, Unterbeine und Hände. + +Die eben erwähnten drei Gruppen unterscheiden sich in Bezug auf +die Ausführung der Tätowierung darin, dass die zweite und dritte +aus freier Hand tätowiert, während die Künstlerinnen der ersten +Gruppe die anzubringenden Figuren erst in Relief auf kleine Bretter +(_klinge tedak_ = Tätowierbrettchen) schneiden lassen, diese mit Russ +bestreichen, auf die Haut abdrücken und auf den erhaltenen Linien +dann Damararuss unter die Haut treiben. + +Alle drei Gruppen tätowieren mit Russ, der eine Blaufärbung der Haut +bewirkt, nur die dritte Gruppe gebraucht auch rote Farbe. + +Bei den beiden ersten Gruppen wird die Tätowierkunst von Frauen +ausgeübt, bei der dritten von Männern. Doch hat die _adat_ unter den +Bahau und Kenja den Tätowierkünstlerinnen, in gleicher Weise wie den +Schmiede- und Schnitzkünstlern, durch verschiedene Verbotsbestimmungen +Schranken gesetzt. Da jede Tätowierkünstlerin unter dem Schutze eines +besonderen Geistes steht, muss sie ihrem Schutzpatron allerhand Opfer +bringen. Sie darf z.B. verschiedene Arten Fische und Blätter nicht +essen, auch muss sie für jeden neuen Klienten eine _mela_ veranstalten, +bei der sie ihrem Geiste in ihrem Korbe mit Tätowiergerätschaften +alte Perlen und _kawit_ anbietet. + +Solange die Künstlerinnen kleine Kinder haben, dürfen sie ihr +Amt nicht ausüben. Den höchsten Lohn, einen Gong, dürfen sie erst +nach 20 jähriger Amtstätigkeit fordern. Vor dieser Zeit müssen sie +sich mit bescheideneren Löhnen, die in Perlen und Zeugen bestehen, +begnügen. Sobald eine Künstlerin eine der genannten Vorschriften +vernachlässigt, dunkeln ihre Linien nicht nach oder sie wird krank +und stirbt. + +Der Tätowierberuf ist insofern erblich, als eine junge, Frau die +beste Gelegenheit hat, die Kunst von einem älteren Familiengliede +zu erlernen. + +Bisweilen bilden sich die Frauen, um von einer Krankheit zu genesen, +zu Tätowierkünstlerinnen aus. Bleibt nämlich eine ärztliche Behandlung +seitens einer Priesterin erfolglos, so rät man der Kranken, sich +durch einen Schutzgeist vom _Abu Lagan_ zur Künstlerin inspirieren +zu lassen, um gleichzeitig mit dessen Hilfe die verlorene Gesundheit +wiederzufinden. Die Frauen können sich aus diesem Anlass nur zu +Priesterinnen oder zu Tätowierkünstlerinnen, die Männer auch zu +Schmieden und Hirschhornschnitzern beseelen lassen. + +So erlebte ich selbst, dass _Uniang Anja_, die zweite Frau von _Kwing +Irang_, als sie von den Folgen eines Abortus nicht genesen konnte, +sich von einer anderen Priesterin mit einem Geist der Tätowierkunst +beseelen liess, nachdem sie früher bereits, für eine andere Krankheit, +einen Geist der _dajung_ hatte herbeirufen lassen. + +Die Frauen der Bahau und Kenja dürfen sich nur zu bestimmten Zeiten +tätowieren lassen, da für die Dauer der Tätowierperiode die ganze +Familie Verbotsbestimmungen unterworfen ist. Meistens wird nach der +Reissaat, in der Jäteperiode, tätowiert, da für dergleichen dann am +meisten Zeit vorhanden ist. + +Bei den Kajan am Mendalam ist in der Saatzeit das Blutvergiessen +verboten, daher auch das Tätowieren. + +Befindet sich eine Leiche im Hause, so muss das Tätowierverfahren +bis nach dem Begräbnis verschoben werden. + +Zwei weitere Gründe, die eine schnelle und vollständige Ausführung der +Tätowierung verhindern, bestehen, besonders bei den Mädchen, in der +Furcht vor Schmerz und in dem Unvermögen, die für eine vollständige +Tätowierung erforderliche Summe von 25-30 fl. aufzubringen. Die +Prozedur wird ferner auch durch böse Träume, wie z.B. von Hochwasser, +das starke Blutung bedeutet, aufgehalten oder vollständig unterbrochen, +so dass man häufig unvollständig oder gar nicht tätowierten Frauen +begegnet. + +Eine Frau der Long-Glat muss an jedem Tage, an dem sie tätowiert wird, +als Zuspeise für die Künstlerin ein schwarzes Huhn schlachten. Für +die Männer sind die erwähnten Hinderungsgründe von weit geringerer +Bedeutung, da ihre Tätowierung eine viel unvollständigere ist. + +Bei den Kenja darf die Operation nicht im Hause, sondern nur in +eigens zu diesem Zwecke erbauten Hütten stattfinden. Die männlichen +Familienglieder müssen sich während der Tätowierperiode in Baumbast +kleiden, auch müssen sie die ganze Zeit über im Hause anwesend +sein. Befinden sich die Männer auf Reisen, so darf kein weibliches +Familienglied tätowiert werden. + +Beim Kenjastamm der Uma-Tow darf nur dann tätowiert werden, wenn sich +gleichzeitig auch die Tochter eines vornehmen Häuptlings behandeln +lässt. Ist diese aber, etwa infolge eines Trauerfalls, verhindert, +sich der Operation zu unterwerfen, so dürfen sich die Mädchen des +ganzen Stammes nicht tätowieren lassen. + +Die Ulu-Ajar Dajak benützen zum Tätowieren ein Instrument, das aus +einer 10 cm langen und 1 cm breiten Kupferplatte besteht, die vorn +rechtwinklig gebogen in einen scharfen Zahn endigt. Der Zahn wird +in die nicht gespannte Haut getrieben, indem man mit einem kleinen +Holzstück leicht auf die Kupferplatte klopft. + +Die Bahau- und Kenjafrauen tätowieren mit einem rechteckig gebogenen +Holzstück (_ulang brang)_, in welches 2 bis 3 kupferne Nadeln mittelst +Guttapercha befestigt sind (Siehe Tafel: Pfeilköcher, Giftbrett +u.s.w. Fig. u). Sowohl dieser Nadelhalter als auch der mit Baumwolle +umwundene hölzerne Klopfer (_tukul ulang_, Fig. v) sind oft mit schönen +Schnitzereien verziert. Die Künstlerin verfährt folgendermassen: +Nachdem sie die Tätowiermuster mit dem gebräuchlichen Färbemittel, +einem Gemenge von Wasser und Russ des weissen Damaraharzes, auf +die Haut gedrückt hat, taucht sie die Nadeln in ein Gefäss (_bungan +tedak_, Fig. t) mit derselben Flüssigkeit und treibt mit diesen Nadeln +die Kohlenteilchen unter die Haut, indem sie mit dem Klopfer auf den +Nadelhalter schlägt. Dieser ruht, um besser regiert werden zu können, +mit dem Stiel auf einem Kissen. Die Operation veranlasst anfangs eine +unbedeutende Blutung, nur da, wo dickere Linien ein wiederholtes +Eindringen der Nadeln erfordern, mischen sich einige Blutstropfen +mit dem überschüssigen Färbemittel und werden von einer Gehilfin +entfernt. Die Patientin sitzt oder liegt während der Operation am +Boden, die Künstlerin und deren Assistentin nehmen einander gegenüber, +zu beiden Seiten des zu bearbeitenden Teiles, Platz und halten mit +den Zehen die Haut gespannt (Siehe nebenst. Tafel). + +Werden empfindliche Körperteile tätowiert, so krümmen sich die +Mädchen vor Schmerz und weinen; oft haben sie auch später noch viel +durch eine hinzugetretene Entzündung zu leiden. Eine vollständige +Schenkeltätowierung kann am Mendalam in drei Tagen beendet werden; +der zweite Schenkel wird erst, nachdem der erste geheilt ist, +vorgenommen. Die Gliedmassen werden in folgender Reihenfolge tätowiert: +Hand, Fuss, Unterarm und Schenkel. Der ganze Prozess dauert unter +Umständen zwei Jahre. + +Obgleich die Kajan viel geschickter und mit geringerem Blutverlust als +die Ulu-Ajar Dajak tätowieren, tritt an den operierten Stellen doch +stets eine kleinere oder grössere Schwellung auf; häufig auch eine +ernsthafte Entzündung. Verschwindet diese bald, so erhält man später +dunkle, scharfe Linien, tritt dagegen eine Ulzeration mit starker +Narbenbildung auf, so verliert die Zeichnung viel an Deutlichkeit +und verschwindet sogar, wenn ein Keloid entsteht, vollständig, +denn das Keloid verdeckt die Figur und die Ulzeration verursacht ein +Ausstossen der Kohlenteilchen. Nachdem die Entzündung und eventuell +die Ulzeration geschwunden sind, werden die dunklen Linien der Figuren +durch das junge Narbengewebe verdeckt und erscheinen dadurch blass, +ausserdem tritt dieses aus der Umgebung reliefartig hervor. Nach +dem Einschrumpfen des Narbengewebes werden die Farben wieder gut +sichtbar. Dank dem sorgfältigen Verfahren der Kajan bemerkt man auch +auf stark tätowierten Schenkeln und Armen nur wenig Narbengewebe. Haben +die Figuren dennoch zu stark durch die Entzündung gelitten, so lassen +manche sie durch die Künstlerin überarbeiten. + +An die reiche Tätowierung der Frauen knüpft sich der Glaube, dass man +einst nach ihrem Tode ihre Knochen an der Imprägnierung mit schwarzen +Kohlenteilchen wird unterscheiden können. Am Mahakam, ursprünglich +wohl auch am Mendalam, herrscht nämlich zum Teil noch die Sitte, dass +die Knochen der Verstorbenen nach einigen Jahren von ihren Angehörigen +gesammelt und in einer Urne in Grabhöhlen niedergelegt werden. + +Die Tätowierungen sind nicht nur für die verschiedenen Stämme, +sondern auch für die verschiedenen Stände innerhalb eines Stammes +charakteristisch. Übrigens ist die Sitte des Tätowierens, wie jede +andere Mode, der Veränderung unterworfen und zwar hauptsächlich +deswegen, weil auch bei den Bahau die Niederen mit den Höheren +zu wetteifern streben und die Tätowierung der Häuptlinge erst +von den Freien und dann von den Sklaven nachgeahmt wird. Derartige +Nachahmungen finden auch unter den Stämmen statt; so haben die früher +mächtigen Long-Glat ihre Tätowiermethode bei den anderen Mahakamstämmen +eingeführt. In den 30-40 letzten Jahren ist sowohl am Kapuas als am +Mahakam bei den niederen Ständen die alte Art der Tätowierung durch +die neue verdrängt worden. + +In früheren Jahren trugen am Mendalam, wie _Akam Igau_ sich noch +erinnerte, nur die Häuptlingsfrauen Schenkelverzierungen; bei +den gewöhnlichen Frauen war damals nur eine gleichmässig schwarze +Bedeckung der Unterschenkel und Füsse gebräuchlich, wobei nur einige +schmale Linien von natürlicher Hautfarbe als Umgrenzung rautenförmiger +Flächen freigelassen wurden. Man bezeichnet diese Art der Tätowierung +als _tedak danau_ = Seeentätowierung. Ich sah nur noch ein sehr altes +Mütterchen auf diese Weise verziert. + +Nach Auffassung der Kajan ist die Tätowierkunst auch den Tieren +nicht ganz unbekannt, denn es beschlossen einst die Krähe von Borneo +und der Argusfasan, sich gegenseitig ihr früher sehr schlichtes +Gefieder zu verzieren. Die kluge Krähe, die sich sehr gut auf das +Tätowieren verstand, machte sich sogleich ernsthaft ans Merk und es +gelang ihr auch nach angestrengter Arbeit, ihren Freund prachtvoll zu +schmücken. Darauf bemühte sich der Argusfasan, der Krähe den gleichen +Dienst zu erweisen. Der Fasan ist aber ein dummer Vogel, auch merkte er +bald, dass er der Arbeit nicht gewachsen war, daher nahm er die ganze +schwarze Farbe und verteilte sie gleichmässig auf das Gefieder seines +Freundes; seit der Zeit tragen sie beide ein so verschiedenes Gewand. + + + +Bei sämtlichen Bahau am Mendalam trifft man die gleiche Art der +Tätowierung. Die Männer schmücken sich der Reihe nach Schultern, Brust, +Ober- und Unterarm mit Rosetten und stilisierten Hundeköpfen. Die +Schulterrosette erhält der junge Mann, bevor er noch an einem grossen +Handelszuge oder an einer Kopfjagd teilgenommen hat, für die übrigen +Verzierungen wird aber eine derartige Gelegenheit abgewartet und, da +die Tätowierungen in der Regel während des Zuges ausgeführt werden, +wählt man für sie die typischen Muster der besuchten Stämme. Dieser +Brauch wird aber nicht streng eingehalten; will ein junger Mann sich +auch ohne Verdienste, aus Eitelkeit, tätowieren lassen, so steht ihm +nichts im Wege. + +Die Häuptlinge lassen sich viel weniger und seltener als die freien +Kajan und Sklaven tätowieren; sie tragen selten mehr als eine +Schulterrosette. + +Die Tätowierung des linken Daumens und eine Schenkelverzierung werden +den sehr tapferen Männern vorbehalten; am Mendalam war niemand +vorhanden, der letztere besass, und eine Tätowierung des linken +Daumens trug nur _Akam Lasa_, der Häuptling der Ma-Suling. Dass einige +vielgereiste Männer, wie _Akam Igau_, keine Tätowierungen besitzen, +ist dem Einfluss der Malaien zuzuschreiben, der am Mendalam bereits so +bedeutend ist, dass, wie früher erwähnt, _Akam Igau_ seinem ältesten +Sohne in Bunut eine malaiische Erziehung hatte geben lassen. + +Auch die Männer werden von Frauen tätowiert. Tandjong Karang besass +zwei sehr gute Tätowierkünstlerinnen. Eine andre, _Unjang Pon_, +war 1894 von Lulu Njiwung am Mahakam nach dem Mendalam gereist. Da +sie schöne _klinge tedak_ im Mahakamstil besass, liessen sich viele +junge Leute von ihr tätowieren. + +Die Tätowiermuster werden von den jungen Leuten selbst oder von deren +Freunden verfertigt; die Muster der Künstlerin entsprechen nur selten +vollständig dem Geschmack des Publikums. Wie bereits gesagt, werden +die Muster auf kleinen Brettern in Relief geschnitten, eine Arbeit, +die ausschliesslich Sache der Männer ist (Siehe Tafel: Tätowierung +A. Fig. a-n). Nur selten werden die Figuren à jour geschnitten +(Fig. o und p). Fig. a stellt eine einfache Schulterrosette vor; +bei der Schulterverzierung b kommt die Rosettenform nur in der Mitte +zum Ausdruck. + +Betrachten wir, um die Motive der Muster besser zu verstehen, zuerst +Fig. d und e, die, gleich b, c und f, "_aso_" genannt werden. _Aso_ +bedeutet Hund. In den betreffenden Figuren ist der Kopf des Tieres +in zierliche Arabesken verwandelt worden. Bei diesen Stilisierungen +bleiben das Auge, die beiden Kiefer und zwischen diesen öfters die +Zunge am längsten erhalten. Die Kiefer lassen sich häufig an den Zähnen +erkennen (Fig. e, 2 und 3 und Fig. f, bei 2, nicht mehr bei d). In d +stellt 1 das Auge in der gewöhnlichen, mehr oder weniger verzierten, +runden Form dar. Den runden Fleck in der Mitte könnte man als Pupille +auffassen. Das Auge ist mit verschiedenen Verzierungen umgeben, +von denen die Kiefer 2 und 3 und die kleine Zunge 4 charakteristisch +sind. Kiefer 2 verläuft in zierlichen Windungen, während Kiefer 3 in +einen schlichten Bogen endet. In etwas veränderter Form findet man +das Auge, die Kiefer und die Zunge in den Figuren b, c, o und p wieder. + +In Fig. c geht die Phantasie des Künstlers noch einen Schritt weiter; +die Figur ist hier aus der Vereinigung zweier Köpfe entstanden, +von denen an der einen Seite die zwei Kiefer 2 und 4 und die +Zunge 1, an der anderen die Kiefer 3 und 6 und die Zunge 7 noch zu +erkennen sind. Bemerkenswert ist das Verbindungsstück 5, weil es das +gemeinschaftliche Auge beider Köpfe darstellt. Wie an einem anderen +Ort gezeigt werden soll, dient in der Ornamentik der Bahau das Auge, +da es am strengsten bewahrt wird, als bestes Kennzeichen für ein +Kopfmotiv; daher ist es ratsam, das Auge bei der Zergliederung der +Motive als Ausgangspunkt zu wählen. Die Schulterrosette a lässt sich +somit der Reihe nach von den stilisierten Hundeköpfen e, bei dem noch +Kiefer und Zähne vorhanden sind, und von d, mit den zahnlosen Kiefern, +ableiten. Fig. b stellt eine Vereinfachung von Fig. c dar. In b sind +die Kieferpaare noch angedeutet, aber das Auge tritt bereits in den +Vordergrund und wird in a zu einem selbständigen Motiv. + +Die Tätowiermuster Fig. o und p wurden für mich von einem +Schnitzkünstler in Tandjong Karang geschnitten, um mich einige hübsche +Stücke eigener Erfindung sehen zu lassen. Ihrer Grösse wegen sind +sie mehr für eine Brust- als für eine Armverzierung geeignet, obwohl +Armfiguren gelegentlich auch auf der Brust, auf dem Pectoralis major, +angebracht werden. + +Für die Schenkeltätowierung der Männer fand ich am Mendalam nur +ein einziges Motiv, nämlich das eines Hundes mit schlangenartigem +Körper (Fig. f), bei dem die Beinpaare andeuten, dass es sich um +ein vierfüssiges Tier und nicht um eine Naga oder eine Schlange, +wie man beim ersten Blick denken könnte, handelt. Das Hundemotiv ist +bemerkenswerter Weise überhaupt das einzige, mit dem sich die Männer +der Mendalam Kajan und der Bahau im allgemeinen tätowieren. + +Die Tätowierung der Frauen ist bei den Mendalamstämmen weit höher +entwickelt als die der Männer. + +Vor 30 bis 40 Jahren bestand die Tätowierung der Frauen, wie oben +bereits gesagt ist, in einer einfachen Seeentätowierung (_tedak +danau_), bei der das Unterbein von der halben Kniescheibe bis zur +Fusswurzel einförmig dunkelblau tätowiert wurde. Die blaue Fläche wurde +durch 4 Längs- und 2 Querlinien in 12 Vierecke zerlegt. Diese Linien, +die 6 mm breit waren, wurden durch nicht tätowierte Stellen gebildet +und zeigten daher die natürliche Hautfarbe. Von den Linien liefen +zwei seitlich, parallel dem Schienbein und zwei zu beiden Seiten +der Waden, in ungefähr gleichen Abständen von einander. Die beiden +Horizontallinien verteilten diese Flächen je in drei Bleichhohe +Vierecke. Auf die gleiche Weise wurden die Unterarme vom Ellbogen +bis zum Puls verziert. + +Ob diese Tätowiermethode damals auch bei den Häuptlingsfrauen +gebräuchlich war, konnte ich nicht feststellen, ich halte es aber für +wahrscheinlich, da sie damals überall, auch bei den Mahakamstämmen, +verbreitet war. + +Seit geraumer Zeit ist aber bei den Frauen der Häuptlinge +eine andere Art der Tätowierung im Schwange, bei der Unterarme, +Handrücken, Schenkel und Fussrücken mit sehr komplizierten und schön +ausgearbeiteten Figuren verziert werden. Die übrigen Frauen ahmten +diese Methode nach, so dass das _danau_-Muster allmählich verschwunden +ist und augenblicklich alle Frauen, von der Häuptlingstochter bis +zur niedersten Sklavin, nach der neuen Mode tätowiert sind. Die +Tätowierungen der angesehenen Frauen unterscheiden sich von denen der +gewöhnlichen Frauen zwar nicht durch die Zeichenmotive, aber durch +die Art der Bearbeitung und durch die Anzahl der Grenzlinien, welche +diese Motive trennen und zugleich zu ihrer Zusammenstellung dienen. Je +grösser nämlich die Zahl dieser Grenzlinien, desto höher ist der Rang +ihrer Besitzerin. So gehört die auf Tafel: Tätowierung B. abgebildete +Schenkeltätowierung, der als Hauptmotiv ein Menschenkopf (_kohong +kelunan_) zu Grunde liegt, einer _panjin_ (Freien), weil die Köpfe nur +von 4 Grenzlinien (g) umgeben sind; dagegen ist die Schenkeltätowierung +auf Tafel: Tätowierung C., die einer Häuptlingsfrau, weil das Kopfmotiv +6 Grenzlinien (g) besitzt. Das Gleiche gilt für die Zahl der Linien +in dem Motiv "_pusung_" der Armtätowierungen (Tafel: Tätowierung +D. Fig. a und b). Sklavinnen dürfen diese Figuren nur mit drei Linien +begrenzen. Ausserdem sind die Muster bei den Wohlhabenderen besser +ausgearbeitet, weil sie geschicktere Tätowierkünstlerinnen und schönere +_klinge tedak_ bezahlen können. + +Die Schenkeltätowierung der Frauen wird mit zweierlei _klinge tedak_ +zusammengesetzt, erstens mit einem viereckigen, einen Menschenkopf +darstellenden Muster, das man für die obere Reihe, die Vorderseite +und die Hinterseite unten verwendet, indem man sie neben einander +auf die Haut abdrückt (Siehe Tafel: Tätowierung B.). Das zweite, für +die Hinterseite bestimmte Motiv, _ketong pat_ genannt, ist mit einem +anderen _klinge_, das vier verschlungene Linien darstellt, ausgeführt. + +Alles übrige tätowiert die Tätowierkünstlerin aus freier Hand, ohne +vorher etwas auf die Haut zu zeichnen. Auf diese Weise wird auch das +ganze schöne Kniestück tätowiert. + +Als Beispiel für eine Schenkeltätowierung einer angesehenen Frau +möge die von _Tipong Igau_, der ältesten Tochter _Akam Igaus_, +dienen, welche mit dem _klinge tedak_ Fig. n (Tafel: Tätowierung +A.) und einem zierlichen _ketong pat_ zusammengestellt ist (Tafel: +Tätowierung C.). Das hier gebrauchte _klinge tedak_ stellt, wie gesagt, +einen Menschenkopf (_kohong kelunan_) dar, der von 6 Grenzlinien +eingeschlossen ist. + +Der stilisierte Menschenkopf ist das einzige Motiv, das am Mendalam für +ein _klinge_ der Vorderseite des Schenkels benützt wird. Oft bleiben +von dem Kopf nicht viel mehr als zwei Augen und eine Andeutung von +Nase und Mund übrig, doch wird er stets weiter als _kohong kelunan_ +bezeichnet. Nur _Paja_, _Akam Igaus_ zweite Tochter, war sehr stolz +darauf, dass ihre Beine mit einem _usung tingang_ (Schnabel resp. Kopf +des Nashornvogels) geschmückt waren. Der Vater hatte ihr dieses Muster +von den Long-Glat am Mahakam mitgebracht. + +Ebenfalls dem Tierreich entlehnt sind die wellenförmigen Grenzlinien +der Schenkeltätowierungen, die als _iko_, Schwanzlinien, bezeichnet +werden und die Zickzacklinien im Kniestück, die _kalong njipa_, +Schlangenmuster, genannt werden. + +Um die Knöchel tragen die Frauen der Mendalamstämme ein ungefähr 7 cm +breites Band, das entweder, nach Art der _tedak danau_, einheitlich +ist, oder aus parallelen, bis 3 mm dicken Linien besteht, die mit +gleich breiten Streifen von der natürlichen Hautfarbe abwechseln. + +Ferner sind der Fussrücken (Tafel: Tätowierung D. Fig. c) und die Zehen +mit fünf, der Zahl der Zehen entsprechenden Längsstreifen tätowiert, +die wiederum durch zwei Querstreifen von der natürlichen Hautfarbe in +ungleichen Abständen unterbrochen werden. Zur Fusswurzel hin sind die +Streifen am breitesten, zu den Zehen hin verschmälern sie sich. Bei +weitaus den meisten Frauen werden diese Streifen gleichmässig blau +tätowiert. Einige Häuptlingstöchter versuchen zwar auch hier schöne +Figuren anbringen zu lassen, was allenfalls auf dem Fussrücken glückt, +aber die dünne Haut der Zehen entzündet sich so leicht, dass von einem +Muster meist nicht viel zu sehen ist. Die Fusstätowierung wird meist +ohne _klinge tedak_, aus freier Hand, ausgeführt. Fig. c zeigt die +Fusstätowierung von _Tipong Igau_, die mit den _klinge tedak_ k, l, +m auf Tafel: Tätowierung A., ausgeführt worden ist. + +Auch die Tätowierungen auf Unterarm, Handrücken und Finger werden für +gewöhnlich von geübten Künstlerinnen ohne _klinge_ ausgeführt, da ihre +Zusammenstellung eine sehr einfache ist (Tafel: Tätowierung D.). Wie +aus Fig. b ersichtlich, werden neben Tiermotiven, wie Eulenaugen +(_manok wak_) und Schwänzen (_iko_), für diese Tätowierungen auch +Himmelskörper, wie der Mond (_beliling bulan)_, und Gegenstände aus +dem täglichen Leben, wie Haken (_krawit_) und Bootsspitzen (_dolong +harok)_, verwendet, diese kehren mit einigen Variationen in den +verschiedenen Armmustern wieder. + +Die Armtätowierug Fig. b ist die einer gewöhnlichen Kajanfrau. Fig. a +stellt wiederum die Armtätowierung der Häuptlingstochter _Tipong +Igau_ dar; die Muster sind hier schöner entworfen und sorgfältiger +ausgearbeitet; im übrigen sind die Motive hier die gleichen wie bei +b. Die Eulenaugen (_manok wak_) befinden sich bei b in den Dreiecken, +welche die Bootsspitzen (_dolong harok_) vorstellen. Vergleicht +man diese Figur mit a, so sieht man, dass der Schnitzkünstler +die Eulenaugen hier mit der innersten Grenzlinie der Bootsspitze +verbunden hat, wodurch eine Scheibe, an die sich ein Bogen anschliesst, +entstanden ist. Dieses Motiv wiederholt sich in vielen geschmackvollen +Variationen in _Tipong Igau_s Tätowierung. Die _klinge tedak_, mit +denen dieses Muster zusammengestellt worden ist, sind auf Tafel: +Tätowierung A. in Fig. g, h und i abgebildet. + + + +Vor noch nicht allzu langer Zeit verteilte sich. die Sitte des +Tätowierens bei den Mahakamstämmen derart, dass die Pnihing gar nicht +oder wenig tätowierten, die Bahaustämme, ausgenommen die Long-Glat, +die Seeen-Tätowierung gebrauchten und bei den Long-Glat, sowie bei +den Stämmen am mittleren Mahakam, besonders von den Frauen, sehr +komplizierte Muster angewandt wurden. + +Jetzt hat die Sitte des Tätowierens auch bei den Pnihing Eingang +gefunden. Ihre Männer verzieren sich, wenn auch spärlich, mit den +Mustern der Mendalambewohner. Ihre Frauen lassen sich eigentümlicher +Weise nicht nach Art der anderen Bahaufrauen taitowieren, sondern +bringen ganz unsystematisch auf Armen und Beinen Stilisierengen +des _aso_ an, mit denen sich bei den übrigen Stämmen nur die Männer +schmücken. + +Bei den Kajan und den übrigen Bahaustämmen am Mahakam tätowieren sich +die Männer jetzt in gleicher Weise wie die Kajan am Mendalam, nur +die Tätowierung der Frauen weicht gänzlich von der ihrer Schwestern +am Mendalam ab und steht völlig unter dem Einfluss der Long-Glat. + +Bevor die Frauen die Long-Glat-Tätowierung annahmen, trugen sie eine +charakteristische Figur auf dem Handrücken; ich fand sie nur noch +bei wenigen. + +Dass die Tätowierung der Long-Glat sich erst vor kurzem bei den +Kajan eingebürgert hat, geht auch daraus hervor, dass die Frauen +ihre _klinge tedak_ noch stets von den Long-Glat beziehen, obgleich +die Männer ihres Stammes sie sehr gut selbst schnitzen können. Die +Busang sprechenden Stämme, die, ausser den Ma-Suling, den Long-Glat +direkt unterworfen sind, nehmen auch noch gegenwärtig in höherem oder +geringerem Masse die Tätowiermotive dieses Stammes an, nachdem sie +ihre frühere _danau_-Tätowierung aufgegeben haben. Die Hauptstämme, +wie die Ma-Suling und Ma-Tuwan, ahmen die Long-Glat vollständig nach, +andere gebrauchen zwar die _klinge tedak_ der Long-Glat, tätowieren +sich aber nach Art der Kajanfrauen, z.B. die Batu-Pala und noch +einige andere, die bereits seit länger als einem Jahrhundert mit den +Long-Glat zusammenwohnen. + +Unter den Long-Glat findet man also die am Mahakam vorherrschende +Tätowiermethode, der, mit geringen Abweichungen, auch alle Bahaustämme +unterhalb der Wasserfälle folgen. Bei dieser Tätowierung wird der +Schenkel, der Knöchel, der Fussrücken und die Rückseite von Puls, +Hand und Fingern verziert. Verschiedenheiten bestehen nur in der +Reihenfolge, in welcher die Figuren angebracht werden, und bei +denen der Uma-Luhat in Udju Halang z.B. auch in der Anordnung der +Schenkeltätowierung. Wenn der Umfang, in dem die Verzierungen bei den +Frauen am Mahakam angebracht werden, auch mit dem der Kajanfrauen +am Mendalam übereinstimmt, so sind doch die Motive, welche den +Tätowiermustern am Mahakam zu Grunde liegen, viel zahlreicher und +verschiedener, auch bieten sie in Bezug auf Geschmack und Kunstsinn +das schönste, was die Bahau zu leisten vermögen. + +Das Hauptgewicht wird bei den Frauen der Long-Glat und bei denen der +weiter unten wohnenden Stämme auf eine geschmackvolle und sorgfältige +Ausarbeitung der Schenkeltätowierung gelegt. Wie aus nebenstehende +Abbildung (Tafel: Tätowierung E.) ersichtlich, bestehen diese Muster +aus drei verschiedenen Teilen, einem Mittelstück, das durch eine +Art _klinge, kalong usung tinggang_ (Schnabel des Nashornvogels) +genannt, zusammengestellt wird, zwei gleichen Seitenstücken, für die +stets als Motiv stilisierte Flugfedern des Argusfasans (_kerip kwe_) +verwendet werden, und einem weiteren Hinterstück links, das aus 1 +bis 2 Teilen bestehen kann. Dieses letzte Stück, das nach hinten +den Abschluss bildet, entlehnt sein Motiv der Zeichnung auf einem +Prunkgrab (_song_) und wird _kalong song sepit_ genannt (_sepit_ = +Hinterseite der Tätowierung). + +Das Mittelstück der Schenkeltätowierung lässt das Knie der +Long-Glat-Frauen unbedeckt und weicht hierin von demjenigen der Frauen +in Udju Halang ab, bei denen die Tätowierung bis zur halben Kniescheibe +herabreicht. Bei diesen Frauen werden die Figuren unten auch nicht, +wie bei denen der Long-Glat, durch Linien begrenzt. Während bei den +Long-Glat die _klinge tedak_, oder wie sie sie nennen, die _terong +betik_, in wechselnder Richtung angebracht werden, richten die +Frauen der Uma-Luhat die Figuren stets mit den Tierköpfen nach unten, +ausserdem ist bei ihnen die Tätowierung an der Aussenseite des Beines +um eine Figurenreihe höher. Die Long-Glat beginnen mit der Ausführung +der Tätowierung an der Vorderseite, die Uma-Luhat an der Hinterseite +des Beines. + +Auf den ersten Blick tragen die Muster bei beiden Stämmen den gleichen +Charakter; die Mittelstücke bestehen beinahe stets aus Bögen, +deren abgewandte Enden in mehr oder weniger deutliche Tierköpfe +auslaufen. Diese stellen entweder den Kopf des Nashornvogels oder, +wenn Zähne vorhanden sind, den einer Naga dar. Die Zwischenräume werden +mit zierlichen Arabesken ausgefüllt. In diesen Füllfiguren sind die +Motive, denen sie ihr Entstehen verdanken, oft sehr schwer zu erkennen; +bisweilen treten aber auch hier deutliche Tierfiguren zu Tage. So sind +z.B. auf Tafel: Tätowierung F. für die innere Verzierung des _terong +betik_ der Long-Glat (Fig. a), bei dem eine doppelte, gleichmässige +Nagafigur das Hauptmotiv bildet, zwei Nagaköpfe gebraucht, die sich in +der Mitte vereinigen, nur ein Auge besitzen und noch rechts und links +zwischen den aufgesperrten Kiefern eine Zunge hervorstrecken. Die +Oberkiefer besitzen noch eine Reihe Zähne, die aber nicht mehr mit +ihnen in Verbindung stehen. Sowohl die Ober- als die Unterkiefer +verlaufen in zierlichen Bögen, die sich mit anderen vereinigen. Die +unteren Nagaköpfe haben zu beiden Seiten die Augen eingebüsst, ein +seltener Fall; die beiden Kiefer tragen aber noch Zähne. + +Vergleicht man die Mittelfigur von a mit der von b, so sieht man, +dass diese sich von jener ohne viele Übergänge ableiten lässt, während +aber das ursprüngliche Kopfmotiv in a noch deutlich erkennbar ist, +ist e an und für sich nicht verständlich. + +Die Motive, welche den Tätowierungen der Frauen zu Grunde liegen, +sind in allen Ständen die gleichen, nur sind auch bei diesen +Stämmen der Entwurf und die Ausführung bei Häuptlingsfrauen besser +als bei Sklavinnen, auch sind die Figuren bei jenen oft grösser +(Tafel: Tätowierung G., Fig. d, Tätowiermuster einer Sklavin; Tafel: +Tätowierung H., Fig. e und f, Tätowiermuster angesehener Frauen). Die +Anzahl Reihen zur Füllung der Vorderseite ist bei den Sklavinnen +dementsprechend grösser. + +Alle diese Figuren werden mit zwei _terong betik_, einer rechten und +einer linken Hälfte, auf das Bein abgedrückt. Einfachere Figuren, +die vom Schnitzkünstler weniger sorgfältig bearbeitet worden sind, +zeigen bisweilen asymmetrische Hälften. Von den Figuren a und b +wollte man mir nur eine Hälfte verkaufen, daher sind die Figuren bei +der Konstruktion symmetrisch geworden; dagegen sind d, e und f mehr +oder weniger asymmetrisch. + +Völlig abweichend ist die alte Form der Uma-Luhat (Fig. c), die +ebenfalls für das Mittelfeld der Schenkeltätowierung benützt wird In +den 4 Ecken finden wir je den stilisierten Kopf eines Nashornvogels. + +Berücksichtigt man, dass es mir nur ab und zu glückte, das +Tätowiermuster einer Frau käuflich zu erwerben, und dass ich +durchaus nicht immer das Schönste erlangen konnte, so kann man sich +den Formenreichtum denken, der diesen Stämmen zur Verzierung einer +viereckigen Fläche, auf der als Motiv nur ein Bogen angegeben ist, +zu Gebote steht. Der den unentwickelteren Völkern so häufig gemachte +Vorwurf, dass ihre Kunst von Armut zeuge, trifft für die Bahau in +diesem Fall nicht zu. + +Das Gleiche gilt auch für die Seitenstücke, die rechts und links +vom Mittelfelde angebracht werden und die stets Stilisierungen von +Federn des Argusfasans vorstellen. Die Long-Glat bezeichnen sie als +"_kenjuj jauk du_". Auch hier habe ich das kaufen müssen, was man +mir gerade abtreten wollte. So ist von den Mustern, die ich erhielt, +nur dasjenige für die Schenkeltätowierung der Long-Glat vollständig; +dagegen fehlen bei den fünf (Tafel: Tätowierung I.) abgebildeten +Mustern bei a und b das obere Ende, während c, d und e nur kleine +Stücke des Ganzen vorstellen. + +Alle diese Muster haben die schönen Augen auf den langen Flugfedern +(_kerip_) des Argusfasans (_kwe_) zum Motiv und es spricht für die +Phantasie der Bahau, dass sie die auch im übrigen schöne Zeichnung +auf der Feder nicht ohne weiteres übernommen, sondern sie durch eigene +Erfindungen ersetzt haben. + +Die Entwürfe beweisen, dass die betreffenden Künstler nicht an +Gedankenarmut gelitten haben, denn betrachtet man ein Muster von oben +nach unten, so sieht man, dass das Motiv an verschiedenen Stellen +verschieden behandelt worden ist. Dass die Figuren nicht immer +symmetrisch sind, muss einer nachlässigen Bearbeitung zugeschrieben +werden, da die wirklich guten Schnitzkünstler stets auf Symmetrie +achten. + +Als Schlussstück zwischen den beiden stilisierten Federn auf der +Hinterseite der Schenkel gebraucht man ein _terong betik_, zwischen +dessen beiden Hälften die Frauen der Uma-Luhat einen 1 cm breiten +Raum lassen. Auch bei den Long-Glat besteht dieses Schlussstück aus +zwei Teilen, aber nicht ausnahmslos, wie aus dem sehr schönen Beispiel +eines _song sepit_ auf Tafel: Tätowierung J, Fig. e zu ersehen ist. + +Die verschiedenen Arten _song sepit_, vom einfachsten bis zum +kompliziertesten, sind auf der gleichen Tafel in Figur a, b, c, d +neben einander abgebildet. Das _song sepit_, das für die abgebildete +Schenkeltätowierung einer Long-Glat verwendet worden ist, stellt +sich der Fig. e würdig zur Seite. Obgleich diese Figur asymmetrisch +ist, da die eine Hälfte breiter als die andere, hat der Künstler den +langen, schmalen Raum doch mit bewundernswerter Geschicklichkeit zu +füllen verstanden. + +Zu dem Reichtum von Fig. e stehen die schlichten, strengen Formen +von d in scharfem Gegensatz. Hier ist die Symmetrie viel besser +durchgeführt. Am Holzmodell ist auch deutlich zu sehen, dass es von +einem geübten Künstler herrührt; denn das Relief ist besonders scharf +und tief ausgeschnitten. + +Da alle abgebildeten Figuren _song sepit_ vorstellen, ist es +begreiflich, dass die Hauptlinien den gleichen Charakter tragen, +doch machen sich bei ihnen, wie bei den Stilisierungen der Feder des +Argusfasans, individuelle Verschiedenheiten geltend. + +Für die Knöchel gebrauchen die Long-Glat u.a. stets ein Band, das aus +sechzehn 3 mm breiten Linien, welche mit ebenso vielen Streifen von +der natürlichen Hautfarbe abwechseln, besteht. Das Band wird _tedak +aking_ genannt. + +Die Füsse werden bei den Frauen dieser Stämme nach Art der Mendalam +Kajan tätowiert; nur werden die Streifen stets ganz gefüllt; besondere +Figuren werden nicht angebracht. + +Für die Tätowierung der Rückseite von Puls und Hand verwenden die +Frauen der Long-Glat zwei verschiedene _terong betik_, die durch 4 +gerade Linien getrennt werden. Die oberste Figur wird auf die Rückseite +von Unterarm und Puls, die folgende auf die Mittelhand tätowiert. Zu +den Fingern hin folgen wieder 4 gerade Linien und auf den Gelenken +zwischen den Knochen der Mittelhand und der ersten Fingerglieder wird +eine Reihe Dreiecke angebracht. Das erste Viereck liegt auf dem ersten +Fingerglied, das zweite auf dem zweiten; das Nagelglied bleibt frei, +nur das Nagelglied des Daumens erhält einen Fleck. + +Als Beispiel für Handtätowierungen der Long-Glat mögen die beiden +Figuren a und b auf Tafel: Tätowierung K. gelten. Die zwei _klinge +tedak_ von Fig. a stammen aus Long Tepai; das Muster wird _betik kule_, +Panthermuster, genannt, weil es das gefleckte Fell eines Panthers +nachahmen soll. Dies ist ein seltener Fall, da gewöhnlich nur die +Köpfe der Tiere als Motive verwendet werden. Die schwarzen Flecken +auf dem Fell des Borneoschen Panthers sind besonders bei der obersten +Figur gut getroffen und geschmackvoll stilisiert, in der untersten +Figur treten sie weniger deutlich hervor. + +Fig. b trägt einen anderen Charakter. Hier ist nur in dem unteren +Teil ein Tierornament zu erkennen und zwar in den symmetrisch +angebrachten Köpfen des Nashornvogels, die nur aus Auge, Schnabel +und Horn bestehen. Die oberste Verzierung von b, in welcher ein Motiv +kaum zu erkennen ist, zeichnet sich durch eine bedeutende Asymmetrie +aus. Dass diese Asymmetrie in einer Tätowierung der Bahau keine grosse +Störung hervorruft, geht aus der Tätowierung der Kajanfrau vom oberen +Mahakam hervor (Tätowierung L.). Die obere und die untere Figur waren +auf die beiden Seiten desselben Brettes geschnitten. Während die +erstere nun stark asymmetrisch ist, hat derselbe Künstler auf der +anderen Seite eine beinahe symmetrische Verzierung hergestellt. In +der oberen Figur ist ein Tiermotiv nicht leicht zu erkennen, dagegen +führen in der unteren die beiden Augen rechts und links in der Mitte +wiederum auf zwei Köpfe und zwar, wie das gebogene und das gerade +Horn und der grosse Schnabel andeuten, auf die des Rhinozerosvogels. + +Die drei Handtätowierungen, die mit den Tätowierbrettchen der Uma-Luhat +zusammengestellt wurden, haben einen eigenen, von dem der Long-Glat +abweichenden Stil (Tafel: Tätowierung L. und M. Die Verzierungen sind +nicht so reich und fein ausgearbeitet als die der Long-Glat, auch ist +das Relief niedriger und breiter. Dass auch die Uma-Luhat Tiermotive +für ihre Ornamente verwenden, zeigt die oberste Figur von a, bei der +zwei mit Zähnen bewaffnete Köpfe deutlich zu unterscheiden sind. + +Fig. b auf Tafel: Tätowierung M. zeigt, in welcher Weise die Künstler +eine Figur von der anderen ableiten. In der linken, oberen Ecke der +unteren Verzierung ist ein Auge angegeben, von dem aus sich ein +mit Zähnen versehener Kiefer nach innen und unten erstreckt. In +der rechten Ecke befindet sich im Grunde die gleiche Verzierung, +aber durch die Verbindung des Auges mit der weissen Linie, welche +sich zwischen den zwei schwarzen befindet, ist die gleiche Figur +entstanden, die wir bei der Armtätowierung der Kajan am Mendalam +finden; doch ist sie dort aus der Stilisierung eines Eulenauges mit +dem Bug eines Bootes hervorgegangen. + + + +Die Kenjastämme vom oberen Kajan tätowieren sich auf die gleiche Weise +wie die Bahau. Sie zeigen aber einige Eigentümlichkeiten, die um so +bemerkenswerter sind, als die Kenja noch den ursprünglichen Zustand +dieser Stämme repräsentieren. + +Der Busang sprechende Stamm der Uma-Lekèn tätowiert auf eine +andere Weise als die übrigen Kenjastämme, die ihren eigenen Dialekt +besitzen. Als Beispiel für die eigentliche Kenjatätowierung mag die +alte Methode der Uma-Tow dienen (Tafel: Tätowierung N), die neuerdings +aber mehr und mehr durch die der Uma-Lekèn, welche derjenigen der +Kajan am Balui und Mendalam gleicht, verdrängt wird. Die Frauen der +Uma-Lekèn reisen daher jährlich zu den anderen Stämmen am oberen Kajan, +um sie zu tätowieren. + +Die Männer der Kenja tätowieren sich sehr wenig und nur zum +Schmuck. Sie erzählten mir, dass die Baliau die Sitte, sich nach +begangenen Heldentaten tätowieren zu lassen, von den Bukat übernommen +haben. + +Die alte Tätowierung der Frauen vom Stamme Uma-Tow besteht in der +Hauptsache in einer Verzierung der Hände, Arme und Beine. Die +Armtätowierung zeigt unterhalb des Ellbogens ein breites Band, +das an der Innenseite einen 2 cm breiten Hautstreifen frei lässt +(Tafel: Tätowierung N. Fig. a). Von dem Bande verlaufen bis zu den +Fingernägeln Längsstreifen, die nur zweimal von Querlinien von der +natürlichen Hautfarbe unterbrochen werden. Dies ist durchaus die +_danau_-Tätowierung, welche früher bei den Busang sprechenden Baliau +angewandt wurde. + +Die Beinverzierungen sind auf der gleichen Tafel in Fig. b, c, d, e, +f abgebildet; sie werden so angebracht, dass b vorn auf dem Schenkel +oberhalb des Knies, e an der Aussenseite des Beins, d unterhalb der +Kniescheibe längs des Schienbeins, e darunter und f an der Innenseite +des Beins zu liegen kommt. Ferner tätowieren sie auf die Wade, unter +der Kniekehle, eine Verzierung, die dem Mittelstück von c gleicht. + +Von den Frauen der Häuptlingsfamilie ist jedoch keine mehr auf diese +Weise geschmückt, diese lassen sich alle von den Frauen der Uma-Lekèn +tätowieren und viele _panjin_ folgen ihrem Beispiel. + +Die Tätowierungen der einfachen und die der angesehenen Frauen +unterscheiden sich hauptsächlich durch die Anzahl der verwendeten +_iko_, Schwanzlinien, (Tafel: Tätowierung O. und P.). Die Kenjafrauen +tragen bis zu 16 solcher Linien, die bis auf die halbe Wade +hinunterreichen. Die _klinge_, die für die Lekèn-Tätowierung bei den +Kenja gebraucht werden, sind sehr zahlreich. Hier ist die Tätowierung +einer vornehmen Frau wiedergegeben, der allein das Recht zusteht, ein +Muster mit zwei Hundeköpfen zu gebrauchen, ferner die einer _panjin_, +bei der das Tiermotiv in den Hintergrund tritt. + +An der Aussenseite des Schenkels reicht die Tätowierung bis zum halben +Gesäss, an der Innenseite dagegen nur bis zur Schenkelfalte. Überdies +sind die Figuren an der Innenseite des Schenkels spärlicher, weil die +Haut an diesen Stellen besonders empfindlich ist. Die brauen lassen +sich diese Tätowierung vor ihrer Heirat anbringen und zwar erst auf +der Hinterseite des Schenkels, dann auf dem Knie und schliesslich +auf der Vorderseite. + +Die Handtätowierung der Kenjafrauen stimmt im wesentlichen mit der +der Mendalam Kajan überein. + + + + +KAPITEL XX. + + Reise zur Küste: von Long Blu-u nach Long Tepai--Passieren + der westlichen Wasserfälle--Flössen des Rotang--In Long Deho + bei _Bo Adjang_--Aufenthalt wegen Hochwassers--Ertrinken + zweier Long-Glat--Ankunft _Kwing Irangs_--Weiterreise mit den + Kajan--Passieren des Kiham Udang--Wiedersehen mit dem Kontrolleur + in Long Bagung--Begegnung mit Kenja--Über Uma Mehak, Udju Halang, + Ana und Tengaron nach Samarinda. + + +Am 13. April fand unsere langersehnte Abreise von Long Blu-u endlich +statt. Die Kajan, die durch den Bau ihrer eigenen Wohnung und andere +Arbeiten daran verhindert waren, uns zur Küste zu begleiten, brachten +uns jetzt nach Long Tepai, teils um etwas zu verdienen, teils um +auch etwas für uns getan zu haben. Am ersten Taue fuhren wir bis +Batu Sala, übernachteten dort und trafen bereits am Vormittag des +folgenden Tages in Long Tepai ein. + +Das Flusstal verbreitert sich vom Batu Mili an; unmittelbar an den +Ufern befinden sich nur wenige Hügel und erst in grösserem Abstand sind +einige Berge sichtbar. Zwischen den zahlreichen Inseln bei Lulu Njiwung +wählt man, je nach dem Stand des Wassers, um die vielen Stromschnellen +zu vermeiden, ein verschiedenes Fahrwasser. Von der Mündung des Merasè +an tragen die flachen Ufer nur Gestrüpp, niedrigen Wald und einige +Reisfelder. Bei Long Tepai erreichen die Ausläufer des Batu Lesong, +der sich hier dem Mahakam nähert, dessen Ufer. + +Long Tepai stellt oberhalb der Wasserfälle die wichtigste Niederlassung +der Long-Glat vor, weniger ihrer Grösse, als der Persönlichkeit ihres +Häuptlings _Bo Lea_ wegen. Der Häuptling von Lulu Njiwung, _Ding Ngow_, +ist in bezog auf seine Geburt zwar vornehmer, er ist aber ein junger, +unbedeutender Mann, während _Bo Lea_ als bejahrter Mann und energische +Persönlichkeit, trotzdem er nur der Sohn einer _panjin_ ist, in den +Augen der Bahau viel mehr Ansehen geniesst. Sein Einfluss lässt sich +bereits daraus beurteilen, dass bei der Teilung der Niederlassung +Lirung Ban die meisten Bewohner ihm folgten (pag. 281). Als ich mich +im Jahre 1896 nach dem oberen Mahakam begab, gereichte es meinem +Geleite von Mendalam Kajan zur grossen Beruhigung, dass _Bo Lea_ +mit meiner Expedition einverstanden war. Nachdem ich in Long Blu-u +zurückgeblieben war, begab sich _Akam Igau_, nur um sich _Bo Lea_ +vorzustellen, nach Long Tepai. Bei meinem Besuch in Long Tepai hatte +ich damals das Glück gehabt, den Häuptling von einer akuten Diarrhoe, +die ihn an den Rand des Grabes gebracht hatte, kurieren zu können. + +Alle schreckenerregenden Berichte, die ich über _Bo Lea_ zu hören +bekam, liefen, wie ich später merkte, darauf hinaus, dass er seine +Rechte in bezug auf die Erzeugnisse des Waldes den Malaien gegenüber +besser als die anderen Häuptlinge zu wahren wusste und dass jene sich +bei ihm weniger breit als anderswo machen durften. Seine Massregeln +waren allerdings oft hart, entsprachen aber seiner Natur und waren +übrigens auch vom europäischen Standpunkt gegenüber Vagabunden, +wie die Malaien es sind, die mit allen Mitteln, die ihren Kopf nicht +gefährden, bei den Bahau ein Schlaraffenleben zu führen versuchen, +durchaus gerechtfertigt. + +Da er, wie alle übrigen Häuptlinge, von Banden, die gegen eine +Vergütung von 10% seine Wälder auf Guttapercha und Rotang durchsuchten, +sehr bestohlen wurde, hatte er zwei Mal einer Gesellschaft, die die +gewonnenen Produkte ohne Bezahlung auf Seitenwegen fortschaffte, +ihren ganzen Vorrat abgenommen. Die Schuldigen sorgten dafür, dass +diese Tat ruchbar wurde und die an dergleichen energische Massregeln +nicht gewöhnten Bahau fanden sie gewalttätig und hart. Übrigens erging +es den Malaien bei _Bo Lea_ doch noch besser als bei _Belarè_, bei +dem sie sich überhaupt nicht niederlassen durften. + +Bei meiner Ankunft hausten in _Bo Leas_ Galerie so zahlreiche +Buschproduktensucher, dass ich es vorzog, bei einem niedrigeren +Häuptling, _Bo Ibau_, der mit _Kwing Irangs_ Schwester _Uniang_ +verheiratet war, meinen Einzug zu halten. Die Kajan waren hiermit +natürlich sehr einverstanden, aber aus politischen Gründen hätte +ich lieber bei _Bo Lea_ gewohnt, da die Häuptlinge ein Wohnen unter +ihrem Dache sehr hoch schlitzen. _Bo Ibau_ stellte uns seine neue, +18 m lange und 8 m breite Galerie gänzlich zur Verfügung. + +Fast alle Hausbewohner befanden sich der Ernte wegen auf den +Reisfeldern. Im Hause traf ich nur _Bo Ibau_ mit seiner kranken, +kleinen Tochter. _Barth_ hatte das Kind bereits zu behandeln versucht, +aber es hatte das bittere Chinin nicht einnehmen wollen und litt noch +fortwährend an chronischen Malariaanfällen, auch sah es kachektisch +aus und zeigte eine starke Hypertrophie von Leber und Milz. Ich +verspürte jedoch wenig Lust, mich dem verwöhnten Kinde viel zu widmen +und interessierte mich mehr für das, was von dem Kontrolleur und +seiner Reise nach Long Deho bekannt war als vorsichtiger Mann wollte +mir _Ibau_ über diesen Gegenstand nichts mitteilen und erklärte, dass +ich _Njok Lea_, den ältesten Sohn des Häuptlings, der den Kontrolleur +selbst nach Long Deho begleitet hatte, hierüber befragen müsse. Da +_Njok_ erst abends vom Felde zurückkehrte, machte ich, nachdem ich +unseres Gepäckes wegen einige Anordnungen getroffen, einen Gang durch +die Niederlassung, um die seit meinem letzten Besuch staugefundenen +Veränderungen zu besichtigen. + +Die Niederlassung macht einen gut unterhaltenen, aber alten Eindruck, +da man zum Bau altes Material, hauptsächlich Pfähle und Querbalken +aus Eisenholz, von Lirung Ban, benützt hatte. Hinter dem langen, +hohen Hause am Ufer, in dem 16 Familien wohnen, steht ein zweites, +gleich langes Haus, das mit dem ersten durch Bretterstege verbunden +ist. Sowohl diese Häuser als die anderen und die der Häuptlinge _Bo +Lea_ und _Bo Ibau_ sind durch derartige Stege verbunden, so dass man +die ganze Niederlassung, ohne den Boden zu berühren, passieren kann. + +Während unter den Häusern der meisten Bahau nur die nackte Erde +mit allen Abfällen des Hauses zu sehen ist, ist der Boden unter den +Wohnungen der Long-Glat zur Hälfte gedielt, auch führen von hier aus +in jede Einzelwohnung Treppen. Der übrige Teil des Raumes ist durch +Verschläge, in denen Ferkel oder besonders schöne Schweine gezogen +werden, eingenommen. Die Long-Glat bauen ihre Häuser ohne Galerieen, +die ihnen unterworfenen Stämme haben sich aber, trotzdem sie über ein +Jahrhundert mit ihnen zusammenwohnen, neben anderen Eigentümlichkeiten, +auch ihren alten Baustil erhalten. Ihre langen Häuser ruhen, wie +die der übrigen Bahau, auf Pfählen und besitzen eine durchlaufende +Galerie. _Bo Leas_ Haus liegt unterhalb derjenigen der übrigen +Long-Glat, dann folgen die der Ma-Tuwan, Batu-Pala und Long-Tepai. + +Ein Glied der Häuptlingsfamilie der Ma-Tuwan erzählte mit Stolz, +dass der Kontrolleur die letzten Tage in ihrer Galerie gewohnt +hatte, aus Furcht, durch das _lali parei_ der Long-Glat aufgehalten +zu werden, da er beim ersten Fallen des Wassers weiterreisen +wollte. Der Felsblock, an dem der Wasserstand abgelesen wurde, +war aber während der ganzen Verbotszeit der Long-Glat unter Wasser +geblieben, so dass der Kontrolleur sich längere Zeit bei ihnen hatte +aufhalten müssen. Zu meiner Zufriedenheit hörte ich, dass die Frau +des Häuptlings ihren ganzen Satz _klinge tedak_ (Tätowierbrettchen) +dem Kontrolleur verkauft hatte. Ich hatte nämlich _Barth_ gebeten, +jede Gelegenheit, schöne Gegenstände aufzukaufen, zu benützen, und +ihn mit allem Nötigen versehen. + +Spät abends kehrte _Njok Lea_ von seinem Reisfeld am Tepai zurück; +man schien ihn vor uns gewarnt zu haben, denn er liess seine Familie +und, die seines Vaters auf dem Felde übernachten. Er empfand eine +gewisse Genugtuung, dass es den Kajan noch immer nicht geglückt war, +die Reise mit mir zu unternehmen, auch berichtete er mit Stolz, dass +er dem Kontrolleur nach Long Deho das Geleite gegeben hatte und dass +er ihn noch weiter gebracht hätte, wenn der Kontrolleur nicht dort +auf mich hätte warten wollen. Er erzählte ferner, dass _Bang Jok_ +unterhalb der Wasserfälle einen Wachtposten aufgestellt hatte, um +ihn, sobald wir nach unten kämen, zu benachrichtigen, und dass er +damals mit Frau und Kindern sein Haus eiligst verlassen hatte. Der +alte Häuptling _Bo Adjang Ledjü_ und dessen Familie waren aber zu +Hause geblieben und hatten _Barth_ freundlich empfangen. + +Obgleich sie vom Kontrolleur bereits gut bedacht worden waren, kehrten +die Häuptlingsfamilien in den folgenden Tagen von ihren Reisfeldern +heim, um auch von mir Geschenke in Empfang zu nehmen. Glücklicher +Weise hatte ich darauf gerechnet und von Anfang an einige Sachen bei +Seite gelegt. Es zeigte sich, dass der Satz Armbänder aus Elfenbein, +den ich einstens _Hinan Lirung_ gegeben hatte, seine Wirkung bis +hierher geltend machte, denn _Bo Lea_ bat sich für seine Frau den +gleichen Schmuck aus. Ich ging bei der Austeilung der Geschenke mit +Überlegung zu Werke, da ich sehr viele Menschen und noch dazu nach +ihrem Range zu beschenken hatte. Darauf blieb mir nichts weiter zu +tun übrig, als Patienten zu behandeln und auf den Neumond zu warten, +an dem _Kwing Irang_ kommen sollte. Als ich von diesem nichts hörte +und einige Gerüchte über seine Ankunft sich als falsch erwiesen, wuchs +meine Ungeduld aufs neue. Des hohen Wasserstandes wegen kamen auch +aus Long Deho keine Böte heraufgefahren, so dass ich sehr froh war, +als sich vier Fremde dazu überreden liessen, mit einem kleinen Boot, +das sie über die Felsen tragen oder ziehen konnten, nach Long Deho +zu fahren, um dem Kontrolleur einen Brief zu übergeben. + +Zu unserem Trost fanden wir hier bei den Long-Glat mehr zu essen als +in den letzten Monaten bei den Kajan. Unsere Schutzsoldaten schossen +in der Nähe einiger Salzquellen in kurzer Zeit ein wildes Rind und +zwei Hirsche, die nicht nur frisches Fleisch, sondern auch Proviant +für die Reise lieferten. Das Konservieren von Fleisch durch Räuchern +und Salzen war mir früher mehrmals missglückt; _Bier_, der die Arbeit +diesmal auf sich nahm, erzielte ein gutes Resultat, indem er das +Fleisch in Stücke, die 2-3 dm lang, 1 1/2 dm breit und 3-4 cm dick +waren, schneiden und einen Tag lang über einem Holzfeuer trocknen +und räuchern liess. Selbst das fette Schweinefleisch liess sich auf +diese Weise aufbewahren. So hatten wir von der Menge Fleisch, die +ein grosses Stück Wild liefert, mehrmals einige Wochen essen können, +was uns bei Stämmen, die nur eine geringe Anzahl Hühner hielten und +bei denen auch der Fischfang wenig ergab, sehr willkommen war. + +Meine Gesandten brachten erst am 28. April, nachdem das Wasser +stark gefallen war, aus Long Deho den Bericht, dass unsere ganze +Gesellschaft dort längere Zeit geblieben war und mit den Bewohnern auf +freundschaftlichem Fuss verkehrt hatte, dass sie aber aus Furcht, +wiederum durch Hochwasser aufgehalten zu werden, den günstigen +Wasserstand benützt hatte, um den Fluss weiter hinunter zu fahren. Der +Kontrolleur war, als unsere Gesandten ihre Rückreise antraten, bereits +abgereist, während _Bier_ sich sogar einen Tag vorher aufgemacht hatte, +um den Fluss zu messen. + +Das Wasser fiel ständig, daher suchte ich zum soundsovielten Male, +_Bo Lea_ und _Bo Ibau_ dazu zu bewegen, mir über die Wasserfälle zu +helfen. Die beiden Häuptlinge waren nämlich, aus Furcht vor _Kwing +Irang_, dem daran gelegen war, uns persönlich zu begleiten, bisher +meinem Drängen gegenüber taub geblieben. + +Ein wichtiger Umstand kam mir zu Hilfe. _Hadji Umar_ hatte durch meine +Leute _Njok Lea_ melden lassen, dass dieser mit den 600 Packen Rotang, +die sie gemeinschaftlich besassen, so schnell als möglich hinabfahren +solle, um die Ware mit ihm unten am Mahakam zu verkaufen. Das half. Nun +fand sich plötzlich eine genügende Anzahl junger Leute zur Reise bereit +und obwohl ich wusste, dass es ihnen hauptsächlich um den Rotang zu tun +war, erfreute mich die Aussicht, wieder ein Stück weiter zu kommen, +doch zu sehr, um dem Zufall nicht dankbar zu sein. Eine Verzögerung +von einigen Tagen wurde noch dadurch bewirkt, dass einige Leute +vom Merasè berichteten, _Kwing Irang_ sei im Begriff aufzubrechen +und _Sorong_ befinde sich bereits am Merasè. An diesem Tage traf +jedoch niemand ein und als ich am folgenden einige Männer in einem +Boot nach oben auf Kundschaft schickte, kamen sie mir abends melden, +dass man dort nichts wisse. In der Ungewissheit, ob es _Kwing Irang_ +jemals gelingen würde, abzureisen, beschloss ich, die Reise mit _Njok +Lea_ zu unternehmen. Dieser hatte es nun mit seinem Rotang so eilig, +dass er nicht einmal dafür war, ein Boot zu _Kwing Irang_ zu senden, +um zu sehen, wie es dort stand. + +Am 3. Mai sollten wir wiederum warten, weil einer der Reisegenossen +noch nicht vom Reisfelde zurückgekehrt war, aber ich setzte die Abreise +doch leicht durch. Es schlossen sich uns auch einige Böte mit Frauen +und Kindern an, die unter unserem Schutze Familienglieder in Long Deho +besuchen wollten. Um 9 Uhr brachen wir auf und zwar ohne den Rotang, +der, aus Mangel an Hilfskräften, erst nachdem man uns bis oberhalb +der Wasserfälle gebracht hatte, abgeholt werden sollte. + +Bei Long Tepai beträgt die Breite des Mahakam 200 m, unmittelbar +unterhalb der Niederlassung wird das Flussbett aber von hohen, felsigen +Ufern eingeengt. Dabei treten bei niedrigem Wasserstande zahlreiche +Felsblöcke aus dem Flussbett hervor, so dass eine grössere Anzahl +Böte nur hinter einander dem gewundenen Fahrwasser folgen kann. Nach +einstündiger Fahrt erreichten wir, nachdem der Kiham (Wasserfall) +Hulu in dieser günstigen Zeit mit einiger Vorsicht hatte befahren +werden können, den mir von 1897 her bekannten Lagerplatz oberhalb des +Kiham Hida, von dem aus das Gepäck und die Böte eine grosse Strecke +weit getragen werden mussten. + +An der Stelle, an der wir uns eben befanden, windet sich der Mahakam um +den Batu Ajo; an seinem rechten Ufer erheben sich beinahe horizontale +Sandsteinschichten in senkrechten, über 100 m hohen Wänden, während +am linken Ufer ein viel höheres Gebirge, der Ong oder Batu Hida, +steil aufsteigt. Da der Fluss sich sein Bette in den harten, weissen +Hornstein, der in 1/2-1 m mächtigen Schichten unter dem Sandstein +liegt, hat erodieren müssen, ist sein Bette über eine etwa 2 km weite +Strecke sehr schmal und die Wassermassen, die bei Long Tepai noch +eine Breite von 200 m zur Verfügung hatten, drängen sich hier durch +einen 15-20 m breiten Spalt hindurch. + +Diese Stelle kann nur bei sehr tief stehendem Wasser passiert werden, +da bei hohem und besonders bei steigendem Wasserstande die Strömung +sehr reissend ist. Auch im günstigsten Falle muss alles Gepäck aus +den Böten genommen werden. An den schwierigsten Stellen werden die +kleineren Böte mit Hilfe von Baumstämmen, welche als Rollen benützt +werden, über die Felsen gezogen, während die grossen Böte, die alle +mit einem sehr hohen Rande versehen sein müssen, von den Männern über +die Fälle gefahren werden müssen. Das Gepäck wird auf den Felspfaden +des linken Ufers hinabgetragen. Die Stellen, an denen Felsen oder +Geröllbänke grössere Fälle verursachen, oder die ihrer Enge wegen +besonders gefährlich sind, tragen, von oben nach unten gerechnet, +folgende Namen: Kiham Hulu; K. Hida; K. Nöb; K. Lobang Kubang; +K. Binju; K. Benpalang; K. Kenhè. + +Sobald wir oberhalb des Kiham Hida angelangt waren, ging ein Teil +der Männer Rotang für unsere Böte suchen, ein anderer begab sich nach +Long Tepai zurück, um nun auch die Bündel Rotang hinunter zu befördern. + +_Njok Lea_ hatte den Rotang, der unter seinem Hause aufbewahrt lag, +bereits am Tage zuvor in dicke Bündel binden und diese am gleichen +Morgen ins Wasser bringen lassen. Die Bündel (_gulung_) bestehen in der +Regel aus 40 Stücken Rotang von 3-4 Faden Länge, die mit Rotangtauen +zusammengebunden werden. Für den Transport zu Wasser vereinigt man +diese _gulung_ zu Bündeln von 1 m Durchmesser und lässt sie einfach +von der Strömung abwärts treiben, wobei einige in den Wasserfällen +zwar auseinander gerissen werden und verloren gehen, die meisten +aber heil ankommen. Unterhalb der Wasserfälle werden die Bündel zu +Flössen zusammengefügt, die je von einem Steuermann flussabwärts +gelenkt werden. Nach einiger Zeit kehrten die Männer zu uns zurück +und bald darauf trieb ein Rotangbündel nach dem anderen an uns vorbei +und suchte sich durch die brausenden Wasser massen seinen Weg. Einige +Männer fingen die Bündel in dem ruhigen Becken auf, das sich unterhalb +des Lobang Kubang befindet, und banden sie dort vorläufig fest, +um sie später die folgenden Fälle hinuntertreiben zu lassen. + +Mit Rücksicht auf den vorausgeschwommenen Rotang wurde es für +ratsam gehalten, nicht am Kiham Hida, sondern weiter unten das Lager +aufzuschlagen, und so beeilte man sich, alles wertvolle Gepäck und +die Kisten mit Ethnographica dorthin zu schaffen. Die Familien, +die mit uns reisten, hatten gleich nach ihrer Ankunft begonnen, ihr +Gepäck so weit als möglich abwärts zu tragen. Da sie einen grossen +Reisvorrat mitgenommen hatten, um ihn in Long Deho, wo Reismangel +herrschte, zu hohen Preisen zu verkaufen, hatten sie sehr grosse +Lasten zu befördern. Trotzdem hatten sie es so eilig, weiterzukommen, +dass sie nicht mit uns Schritt hielten. Als sie daher weiter unten, +statt den Reis mit uns über Land zu transportieren, die kleineren +Wasserfälle hinunterfahren wollten, schlugen ihre zu schwer beladenen +Böte um und die Männer verloren zwar nicht ihr Leben und ihre Böte, +aber ihren kostbaren Reis. + +Ich sorgte dafür, dass alles, was getragen werden konnte, aus den +Böten geholt wurde; alle Pflanzen mussten natürlich im grossen Boot +bleiben, ebenso die grossen Kisten. Obwohl ihm sein Rotang sehr am +Herzen lag, traf _Njok Lea_, in gleicher Weise wie früher _Akam Igau_ +und _Kwing Irang_, alle Vorsichtsmassregeln beim Transport, so dass +kein Boot umschlug und keine Kiste fiel. Nachts sank das Wasser noch +um einen halben Meter, die grossen Böte konnten daher am folgenden +Morgen ohne grosse Gefahr die Fälle passieren. Da die Kajan unter +_Kwing Irang_ 1897 das grosse Boot mit lebenden Pflanzen wohlbehalten +nach unten geschafft hatten, lag den Long-Glat viel daran, ihnen an +Geschicklichkeit nicht nachzustehen. Sie wussten auch, dass ich damals +durch die beiden Fälle Binju und Kenhè gefahren war, und schlugen mir +vor, es diesmal auch mit ihnen zu versuchen. Das Wagstück erschien +mir nicht gross und ich befand mich bereits mitten auf dem Fluss, +als ich am Ufer _Njok Lea_ bemerkte, der aus Verzweiflung über unser +ruchloses Unternehmen die Arme in die Luft erhob; doch verloren seine +Leute das Vertrauen nicht. + +Der Kiham Binju, der auf den Lobang Kubang folgt, stellt eine verengte +Flussstelle mit heftiger Strömung dar, aus welcher hohe Felsblöcke +hervorragen. Mit einiger Vorsicht legt man die erste Strecke gut +zurück, dann aber wird das Boot von einer Stromschnelle gepackt +und geradeaus auf eine alleinstehende Felsspitze geschleudert. Die +Wassermassen, die rechts vom Felsen verhältnismässig ruhig fortströmen, +prallen etwas weiter unten an das hohe Ufer an, links aber bilden sie +einen Strudel, dessen mittlerer Trichter bei normalem Wasserstande +sicher einen Meter tief ist. Da man, um rechts weiter unten nicht an +das felsige Ufer geschleudert zu werden, über diese Stelle hinweg +muss, kann sie nur von langen, schweren Böten, die mit grosser +Geschwindigkeit ankommen und sich daher nicht leicht ablecken lassen, +überwunden werden. Das Wagstück gelang, aber _Njok Lea_ liess es doch +nicht zu, dass _Demmeni_ uns in dem zweiten grossen Boote folgte. Wir +übernachteten unterhalb des Binju. Die Nacht blieb trocken, aber +morgens hörten wir es im Osten gewittern, auch fiel ein schwacher +Regen. Der Fluss begann sogleich zu steigen, doch ist, um den Kiham +Kenhè zu passieren, ein hoher Wasserstand günstiger als ein sehr +niedriger. Wir beeilten uns daher mit unserer Mahlzeit und fuhren bis +zum Anfang des Kenhè. Hier beschlossen wir, das Gepäck nicht auf dem +Bergpfade nach Hait Aja (grosser Sand), unserem nächsten Lagerplatz, +tragen zu lassen, sondern mit ihm die Fahrt zu wagen. + +Der Wasserstand war für mein grosses Boot gerade der richtige und ich +begann die Fahrt, wie früher bereits, stehend. Die heftige Strömung +brachte aber das Fahrzeug so sehr ins Schwanken, dass ich mich setzen +musste, um nicht umzufallen, und gleich hinter Kelang Gak, wo sich +ein kleiner Fluss über 50 m hohe Felsen in den Mahakam ergiesst, +schlug eine Welle über das Boot. Der grosse Bootsraum füllte sich +aber nicht so leicht mit Wasser und da wir uns hier am Ende der +Flussenge befanden, beunruhigten wir uns nicht. Im Kenhè werden die +Wassermassen durch zwei hohe Felsen in einem sicher nicht über 15 m +breiten Bette wie durch einen Trichter gepresst, derart, dass sie in +der Mitte wild dahinschiessen, zu beiden Seiten aber einige Meter +weit ruhiger strömen. Die Bemannung musste nun das Boot nicht nur +in diesem ruhigeren Wasserstreifen zu halten suchen, sondern es auch +schneller als die Strömung fortbewegen, da es sonst am hinteren Ende +gepackt und mit der Spitze gegen die Felswand oder in das tobende +Wasser gedreht worden wäre; in beiden Fällen schlägt das Boot um und +zerschellt in der Regel vollständig. + +Bevor meine Leute noch längs des Uferpfades _Demmeni_ erreicht hatten, +um auch ihn im zweiten grossen Boot durch den Kenhè zu befördern, +stieg das Wasser um 6 Meter. Die Felsen am Anfang des Kenhè wurden fast +gänzlich überflutet und weiter abwärts geriet die ganze Wasserfläche +in Aufruhr und bildete zwei grosse Strudel, über die unser Boot aber +noch gut hinwegkam. Schlimmer erging es dem Malaien _Bang W-a_, der +mit uns nach Udju Tepu reisen wollte, weil er sich nach der Ermordung +seines Halbbruders _Adam_ bei den Bahau nicht mehr sicher fühlte. Der +Mann hatte sein kleines Boot hinter das grosse von _Njok Lea_ gebunden, +wurde aber vom Strudel losgerissen und verschwand in der Tiefe. Nach +einiger Zeit kam er aber, zur grossen Belustigung der Long-Glat, +mit seinem Boote wieder nach oben und wurde von ihnen für den Verlust +seiner Sachen so reichlich entschädigt, dass er sein Untertauchen kaum +zu bereuen hatte. Des mit enormer Schnelligkeit steigenden Wassers +wegen machten sich die Leute um die Rotangbündel, die oberhalb der +letzten Fälle angebunden waren, Sorgen. Nach einiger Zeit wurden auch +die ersten Bündel heruntergetrieben und bei Halt Aja, wo das Wasser +stiller wurde, mit vieler Mühe ans Land gezogen. Einige Männer begaben +sich zu Fuss wieder nach oben, um auch die übrigen Bündel zu lösen, +damit sie nicht hoch auf den Felsen liegen blieben, von wo man sie +bei niedrigem Wasserstande nur schwer in den Fluss hätte schaffen +können. Viele wurden auf dem Wege nach unten zwischen Felsblöcken +und Baumstämmen eingeklemmt und mussten befreit werden. Glücklicher +Weise blieben die Bündel heil und kamen, nachdem man auch noch den +folgenden Tag mit ihnen zu tun gehabt hatte, wohlbehalten an. + +Eine Gesellschaft Buschproduktensucher, Kahájan Dajak, die uns entgegen +kam, berichtete, dass sie dem Kontrolleur unterhalb des Kiham Halo, +wo er sein Lager aufgeschlagen hatte, begegnet war. Da das Wasser +ebenso schnell fiel als es gestiegen war, konnten wir am 7. Mai ruhig +nach Long Deho weiterfahren. + +Bei unserer Ankunft trafen wir nur den alten Häuptling _Bo Adjang +Ledjü_ mit einer grossen Anzahl weiblicher Familienglieder zu +Hause. Wir wurden in dem verlassenen Hause des Malaien _Inoi_ +empfangen, der aus Bandjarmasin gebürtig und hier einige Jahre +als Schreiber und Berater _Bang Joks_ tätig gewesen war. Er hatte +mit vielen seiner Stammesgenossen in einer der Schulen, welche die +Rheinische Mission in der "Zuider-Afdeeling" errichtet hat, seine +Bildung genossen. Auch _Barth_ hatte in seinem Hause gewohnt. Nachdem +wir uns eingerichtet hatten, begannen wir Umschau zu halten und die +alten Bekannten zu begrüssen. + +Obgleich Long Deho ein sehr grosses Dorf ist, eine zahlreiche +Bevölkerung enthält und von Händlern von der Küste, die hier vor +allem in Buschprodukten Handel treiben, viel besucht wird, sieht +es doch baufälliger und vernachlässigter als die Niederlassungen +weiter oben am Flusse aus. Dies ist zum Teil der geringen Energie der +Bewohner zuzuschreiben, die in Übereinstimmung hiermit unter allen +Mahakamstämmen am meisten an Nahrungsmangel leiden. + +Der greise _Bo Adjang_, der mich vor zwei Jahren noch humpelnd in +meiner Wohnung besucht hatte, war inzwischen so zusammengefallen, dass +er abgezehrt und mit geschwollenen Gelenken bewegungslos auf seiner +Matratze sass und sich von seinen zahlreichen Töchtern und Frauen +pflegen liess. Er musste ungefähr 90 Jahre alt sein, denn er erinnerte +sich noch, mit etwa 15 Jahren, _Georg Müller_ 1825 bei seinem Vater +gesehen zu haben. _Adjang_ war nämlich der jüngste Sohn des berühmten +Long-Glat-Häuptlings _Bo Ledjü Aja_, der seiner siegreichen Kriegszüge +wegen als der _Napoleon_ von Borneo bezeichnet worden ist. Da die Bahau +in Bezug auf alles, was die Ermordung von _Georg Müller_ betrifft, +sehr verschlossen sind, hatte ich mit _Adjang_, als einem Augenzeugen, +Bekanntschaft geschlossen. Er erzählte, dass _Georg Müller_ ein Mann +mit einem grossen Bart gewesen sei; auch zeigte er min _Müllers_ +Feuersteingewehr, das ich ihm abkaufte. _Adjang_ war infolge seines +Alters minder zurückhaltend als die anderen und berichtete mir einiges +über _Müllers_ trauriges Ende (pag. 281). + +Wie ich mich bei _Bo Adjang_ überzeugen konnte, wird die Vielweiberei +bei den Long-Glat-Häuptlingen unter malaiischem Einfluss in weit +höherem Grade als oberhalb der Wasserfälle betrieben. Von _Adjangs_ +zahlreichen Frauen lebten noch fünf, von denen zwei zur Arbeit bereits +zu alt waren, drei aber alle Dienste verrichteten, die anderswo den +Sklavinnen zufallen. Eine der Frauen war so jung, dass sie erst seit +wenigen Jahren seine Gattin sein konnte. Ferner waren vier verheiratete +Töchter anwesend, weil der Tod des kranken Vaters jeden Augenblick +erwartet wurde. + +_Adjangs_ ältester Sohn, _Ibau Adjang_, und zwei Sklavinnen +vervollständigten die Familie, deren Zusammenleben durch Zwistigkeiten +aller Art so unangenehm geworden war, dass man seit meinem vorigen +Besuch ein grosses Wohngemach angebaut hatte, in dem nun zwei Frauen +mit ihren Kindern getrennt lebten. In dem gleichen Genrache hatten auch +_Ibau Adjang_ und seine Schwester _Dèw Adjang_ ihre eigenen Kammern, +in denen sie schliefen und ihr Privateigentum bewahrten. + +Am folgenden Morgen hatte ich meine Toilette noch kaum beendet, als +vier von _Adjangs_ Frauen bei mir eintraten und meine Tauschartikel, +von denen ihnen der Kontrolleur viel erzählt hatte, besichtigen +wollten. _Barth_ selbst hatte seinen Vorrat bereits in Long +Tepai fast gänzlich erschöpft und so hatte man alle Erwartung auf +mich gespannt. Ich fühlte mich der Häuptlingsfamilie gegenüber +ohnehin verpflichtet, und da _Bang Jok_ geflohen war, kam meine +Freigebigkeit der Familie _Adjang Ledjüs_ zugute. Zuerst musste ich +wiederum die Armbänder aus Elfenbein zeigen; vorsichtshalber holte +ich auch nur diese aus der Kiste hervor. Von den Frauen hatte keine +ein grosses Geschenk von mir zu beanspruchen, aber die einen waren +etwas angesehener oder sympathischer als die anderen, so dass ich +bald merkte, dass ein Satz Armbänder nicht genügen würde. Die vier +vorhandenen Sätze wurden auch sogleich von den Damen in Beschlag +genommen, doch sahen sie ein, dass ich sie unmöglich alle abtreten +konnte; da sie sich jedoch ebensowenig von den Armbändern zu, trennen +vermochten, verfielen sie auf den Ausweg, mir hübsche Perlenmützen und +andere kostbare Perlenverzierungen als Gegengeschenk anzubieten. Die +einen zeigten sich hierin freigebiger als die anderen, und so gelangte +ich in kurzer Zeit zu mehreren schönen Stücken, die ich auf andere +Weise nicht hätte erwerben können. Mit diesen Unterredungen und der +Behandlung _Adjangs_, den ich von Fieber und Husten befreien sollte, +und vieler anderer Kranken verging der Tag. Da ich den günstigen +Wasserstand noch benützen wollte, um die folgenden Wasserfälle zu +passieren, war ich sehr wenig erbaut, als abends die Nachricht kam, +dass es _Njok Leas_ Leuten noch nicht gelungen war, allen Rotang +von Hait Aja abzuholen; überdies mussten die Bündel hier von neuem +gebunden werden. + +_Sekarang_ hatte, durch die Erfahrung belehrt, bereits abends zuvor +alle Pflanzen unter dem Palmblattdache des grossen Bootes hervorholen +und an Land bringen lassen. Da er dies bei jedem Aufenthalt tun +liess, litten seine Pfleglinge nur während der Fahrt durch Hitze, +Dunkelheit und schlechte Luft. Sie sahen in der Tat nach unserer +Ankunft am unteren Mahakam nicht schlechter als am oberen aus. + +Während ich als Arzt einen Rundgang durch die Niederlassung machte, +wurde es mir plötzlich klar, warum es mit dem Herbeischaffen des +Rotang so langsam vorwärts ging; in der einen Familie, in der sich +ein hübsches junges Mädchen befand, traf ich den einen Long-Glat, +in einer anderen den anderen u.s.f. Die jungen Leute, die _Njok +Lea_ mitgenommen hatte, fanden hier so viele Bekannte und liebe +Verwandte, dass sie in den ersten Tagen nur für diese Sinn hatten +und _Njok Lea_ nicht viel mit ihnen anstellen konnte. Nachts lag +er auch beinahe allein in dem grossen Raume, der den Long-Glat in +unserem Hause angewiesen worden war, während die übrigen die Vorrechte +genossen, welche die unverheirateten Frauen den Junggesellen gewähren +dürfen. Erst am dritten Tage waren alle Bündel geordnet, aber noch +nicht zu einem Floss, das man schon hier zusammenstellen wollte, +vereinigt worden. Das Wasser war indessen wieder gestiegen und die +Geröllbank, die am jenseitigen Ufer den richtigen Wasserstand für +das Passieren der unteren Wasserfälle angab, war bereits überschwemmt. + +In meiner Besorgnis, durch Hochwasser in Long Deho aufgehalten zu +werden, begrüsste ich am anderen Morgen die wenigen Grashalme, die +auf der Geröllbank hervortauchten, mit Freude, und da das Wasser +stets weiter fiel, suchte ich _Njok_ zur Abreise zu überreden. Der +grossen Gefahr wegen weigerten sich viele, aber ich liess alles +Gepäck in meine Böte bringen, erstens um in der Nähe des Kiham Udang, +des gefährlichsten Falles zu sein, sobald das Wasser eine Fahrt +auf demselben zuliess, zweitens um auf die Long-Glat einen Druck +auszuüben. _Njok_ zeigte sich endlich, wenn auch zögernd, damit +einverstanden, uns in den zwei grossen Böten weiter zu befördern; +für die kleinen wäre die Reise zu gefährlich gewesen, was ich nur zu +bald selbst merkte, denn obgleich ich früher bereits bei günstigem +Wasserstande diesen Teil des Flusses hinabgefahren war, hatte ich nicht +gedacht, dass ein Unterschied von zwei Fuss im Niveau des Wassers +einen solchen Einfluss auf die Strömung haben könnte. Gleich hinter +den beiden, von den Long-Glat abhängigen Niederlassungen Batu Pala und +Uma Wak verengt sich das Flussbett von 150 auf 75 m und weiter unten +bahnt sich der Fluss zwischen grossen Sandsteinfelsen (Batu Brang), +die nur etwa 40 m von einander entfernt sind, einen Weg. Nachdem wir +hier mit grosser Geschwindigkeit hindurch gefahren waren, gerieten wir +an eine Stelle, wo das gestaute Wasser, das sich plötzlich verbreiten +kann, sehr gefährliche Strudel bildet, die wir nur dank der Schwere +unserer Böte und der Geschicklichkeit unserer Mannschaft überwinden +konnten. Weiterhin wird der Fluss durch hohe, senkrechte Wände wiederum +in ein schmales, nur 60-70 m breites Bette gezwängt, so dass ich der +stets heftig bleibenden Strömung wegen schliesslich doch bereute, +nicht gewartet zu haben. Ich hoffte jedoch auf ein baldiges Fallen +des Wassers und bat daher _Njok_, der nach Long Deho zurückkehrte, +so schnell als möglich nachzukommen. + +Den Udang zu passieren war unmöglich, denn in seiner engen Schlucht +schlugen die zusammengepressten Wassermassen in hohen Wellen +empor, während halbuntergetauchte Felsen unregelmässige Strömungen +verursachten. Dreihundert Meter weiter aufwärts befand sich aber +am linken Ufer eine kleine, von Felsen eingeschlossene Bucht, in +der bei normalem Wasserstande Sand und Äste blosslagen, jetzt aber +zwei Meter tiefes Wasser stand, das zum Unterbringen unserer Böte +gerade genügte. _Njok_ begab sich zu Lande nach Long Deho zurück +und zwar schweren Herzens, da er mich nicht dazu bewegen konnte, +mit ihm zu gehen, und uns allein mit unseren Malaien und Javanern +zurücklassen musste. Wir litten jedoch weniger durch den Gedanken an +irgend welche Gefahren als durch den Ärger über das Steigen des Wassers +und verbrachten im übrigen in unseren Böten eine sehr ruhige Nacht. + +Das Wasser war morgens noch nicht gefallen; ich liess daher auf dem +hohen Uferwall einen Platz aushauen, auf dem _Sekarang_ die Pflanzen +der frischen Luft aussetzen konnte. Kurz darauf erschienen fünf +Long-Glat, die _Njok_ in seiner Besorgnis geschickt hatte, um auf +uns und unsere Böte zu achten. Sie erzählten, dass _Njok_ am vorigen +Abend vor Erregung nicht hatte essen können. In unserem feuchtkalten +Schlupfwinkel, in wenigen Metern Abstand vom brausenden Fluss, +verbrachten wir drei Tage, während welcher das Wasser abwechselnd 6 +m stieg und dann um ebensoviel wieder fiel. Da der Wald sehr steil +anstieg, konnten wir uns keine Bewegung verschaffen, doch gewährte +das wilde Tosen der Wasser im Kiham Udang einen prachtvollen Anblick. + +Am 16. Mai, als das Wasser zwar etwas gefallen war, aber doch noch +mit grosser Schnelligkeit an unserem Schlupfwinkel vorüberschoss, +äusserten des Morgens vier unserer Long-Glat den Wunsch, mit ihrem Boot +bis nach Uma Wak zurückzufahren, um dort ihren Vorrat an Sirihblättern +zum Betelkauen zu erneuern. Obgleich ich das Unternehmen sehr gewagt +und mit dem Anlass in keinem Verhältnis fand, war ich doch zu sehr +daran gewöhnt, mich in derartigen Angelegenheiten der Meinung der Bahau +zu fügen, die vom Befahren dieser Flüsse so viel mehr als die Weissen +verstehen, als dass ich mich ernsthaft ihrem Wunsch widersetzt hätte. + +Eine Stunde darauf, als wir neben einander auf dem Uferwall sassen, +bemerkten wir ein Boot mit Schilden, das an uns vorüber trieb, +als hätte es sich eben vom Ufer gelöst. Wir beunruhigten uns daher +keineswegs, fanden es aber schade, dass die Strömung zu heftig war, um +das Boot durch Schwimmen vom Untergang im Udang zu retten. Wir mussten +ruhig zusehen, wie es dort von den Wellen einige Male emporgehoben, +mit Wasser gefüllt und in die Tiefe gezogen wurde. + +Zu unserer Verwunderung erschien ungefähr eine Stunde darauf einer der +vier Long-Glat, _Lugat_, mit einigen Bewohnern von Uma Wak und fragte +uns, ob sein Bruder _Adjang_ und _Ibau_ nicht bei uns seien. So viel +wir aus seiner verworrenen Erzählung begriffen, waren sie in ihrem +Boot hinaufgefahren, aber bald von einem Strudel erfasst worden, +wobei _Lugat_ aus dem Boote geschleudert wurde. Nachdem dieser, +nach längerem Kampf mit dem Wasser, die Oberfläche erreichte hatte, +rettete er sich schwimmend ans Ufer. Dort fand er den einen Gefährten, +_Dja-ang_, dem es ebenso ergangen war. Von den beiden anderen wussten +sie nichts. Da sie an diesem Tage nicht zurückkehrten, waren sie +augenscheinlich ertrunken. Den Leuten von Uma Wak traten die Tränen in +die Augen, als sie hörten, dass die beiden nicht bei uns waren, und +_Lugat_ brach in heftiges Weinen aus, rief nach _Adjang_ und _Ibau_ +und machte sich Vorwürfe, dass er nicht besser für sie gesorgt hatte. + +_Demmeni_ und ich standen selbst noch so sehr unter dem Eindruck des +plötzlichen Todes der beiden tüchtigen jungen Leute, mit denen wir +kurz zuvor gescherzt hatten, dass wir keine Trostworte fanden. In +unserer unglücklichen Lage und in dieser wilden, finsteren Umgebung +fühlten wir uns durch das Geschehene doppelt niedergeschlagen. Schwere +Wolken hingen über uns und ununterbrochen fiel ein feiner Staubregen. + +Im Lauf des Tages traf _Njok_ tief betrübt bei uns ein. Obgleich +ich indirekt an dem Unglück die Schuld trug, indem ich zu früh von +Long Deho aufgebrochen war, hörte ich kein Wort des Vorwurfs; nur +betrauerten alle den Verlust der Ihrigen und _Lugat_ quälte sich +unaufhörlich mit Selbstvorwürfen. + +Die Leute von Long Deho und Uma Wak kehrten mit _Njok_ nach Hause +zurück und liessen andere Dorfgenossen bei uns. Am anderen Morgen +kam _Njok_ zu uns und sagte, er habe abends mit anderen beschlossen, +hier neun Tage zu verbringen, da die Leichen, die er gern begraben +wollte, in dieser Zeit an die Oberfläche kommen würden. Die Bewohner +der anderen Niederlassungen sollten ihm helfen. Ich war überzeugt, +dass die heftige Strömung die Leichen abwärts getrieben haben musste, +aber _Njok_ behauptete, dass dies nicht der Fall sei. Nach einiger Zeit +trafen auch _Ibau Adjang_ und einige Böte der Uma Wak und Batu Pala +ein, um suchen zu helfen. Ein Lager wurde oberhalb und ein zweites +unterhalb des Kiham Udang aufgeschlagen. Zu meinem Erstaunen brachte +mir _Njok_ noch eine andere, erfreuliche Nachricht, nämlich, dass die +Kajan mit _Kwing Irang_ bereits in Long Deho waren und dass _Sorong_ +sogleich kommen würde, um zu berichten, warum sie so lange mit der +Abreise gezögert hätten. + +Gleich nach dem Essen traf _Sorong_ wirklich ein und erzählte, dass +_Kwing Irang_, seinem Plan gemäss, beim _bulan pusit_ (Neumond) mit +ihm ein _melo njaho_ gehalten hatte, dass aber am Abend des zweiten +Tages alle Gonge in der Niederlassung ertönt hatten, weil ein Ehepaar, +_Anjang Bawan_ und _Anja Song_, die am Abhang des Batu Mili Harz +suchten, noch nicht zurückgekehrt waren. Es blieb ihnen nichts übrig, +als mit allen anderen auf die Suche zu gehen, was vier Tage dauerte, +worauf _Anjang_, man wusste nicht wie, plötzlich in einer Hütte +erschien, in der einige alte, halb blinde Männer wohnten. Sein Mund +war voll Erde, die man nur mit Mühe entfernen konnte, auch konnte er +beinahe nicht sprechen. Aus seinen verwirrten Antworten erfuhr man nur, +dass er und seine Frau durch Geister erschreckt worden waren und dass +diese sie auf den Berg mitgenommen hatten. Im Reiche der Geister, die +gerade Neujahr feierten, hatten sie einander aus dem Auge verloren; +doch hatte sich _Anjang_ trotzdem am Hühner- und Schweinefleisch +gütlich getan. Nach einigen Tagen, als man sich gemeinschaftlich über +hohe Bretterstege zu den Geistern auf dem gegenüberliegenden Batu +Kasian begab, fiel _Anjang_ vom Stege und langte plötzlich bei den +alten Männern an. Seit der Zeit war er sehr verschlossen und wollte +nichts mehr erzählen. Auch nach viertägigem Suchen hatte man _Anja +Song_ nicht gefunden, aber _Kwing_ hatte nicht länger warten wollen und +war abgereist. Ich zweifelte nicht an der Wahrheit dieses Berichtes, +wusste aber nicht, was ich davon denken sollte, und erhielt auch von +_Sorong_ keinen Aufschluss. + +Am 18. Mai, gegen Mittag, traf _Kwing Irang_ mit 10 Leuten bei uns +ein. Dass er nun doch die Reise mit mir fortsetzen konnte, schien +ihn sichtlich zu bewegen und ich war zu froh, diese Unglücksstätte +verlassen zu können, um ihm der endlosen Verzögerungen wegen Vorwürfe +zu machen. Hierzu hatte ich, mit meiner Überlegenheit an Kenntnissen +und Handlungsfreiheit übrigens kein Recht, da er ohnehin meinetwegen +mit den Überzeugungen und Sitten seines Stammes einen ständigen +Kampf führte. + +_Kwing_ erklärte auch jetzt, nicht mit den Long-Glat auf das Finden +der Leichen warten zu können. Er wollte am anderen Morgen mit seinen +Kajan und ihrem vielen Gepäck den Udang passieren und mich dann +abholen. Das Wasser fiel und der Himmel klärte sich auf, so sah ich +_Kwing_ guter Stimmung nach Uma Wak zurückkehren. Hier konnten sich +die jungen Kajan nur mit Mühe den Liebenswürdigkeiten der Frauen +entziehen, die die frischen jungen Burschen gern bei sich behalten +hätten; es blieb diesen auch nichts übrig, als durch Geschenke, wie +Tragkörbe und neue Kopftücher aus Baumbast, den Frauen ihren Dank zu +bezeigen. Daher fuhr die Flotte der Kajan, die aus 20 Böten bestand, +erst um 12 Uhr an uns vorüber; nur _Kwing_ legte für einen Augenblick +bei uns an, um zu sehen, ob wir reisefertig waren. + +Am Abend zuvor war es den Long-Glat geglückt, wenigstens eine der +Leichen zu finden. _Lugat_, der den ganzen Tag mit einigen Freunden +den Fluss auf- und niedergefahren war, hatte die Leiche seines +Bruders, noch bevor diese in den Udang geriet, auffangen können. Am +gleichen Abend wurde _Adjang_ am Ufer begraben, ein kleines Grabmal +errichtet und dort zugleich auch für _Ibau_, dessen Leiche später am +mittlerer. Mahakam gefunden wurde, eine Ausstattung für _Apu Kesio_ +niedergelegt. + +Mit _Njok_ vereinbarte ich, dass ich in Uma Mehak auf ihn warten +sollte, da er uns mit seinem Gepäck und Rotang folgen wollte. Allein +hätten die Long-Glat dies sicher nicht zu tun gewagt, da das Unglück, +ein deutlicher Beweis der Unzufriedenheit der Geister, sie zur +Heimreise gezwungen hätte. + +Gegen 3 Uhr wurden wir aus unserer feuchten, dunklen Höhle, in +der wir nun 1 m niedriger als anfangs lagen und mit unseren Böten +zwischen Sand und Ästen eingeklemmt zu werden drohten, befreit. Die +Malaien hatten die Pflanzen wieder in das grösste Boot gebracht, +das mittelst fester Rotangtaue längs der Uferfelsen vorsichtig den +Fall hinabgelassen wurde. + +Das übrige Gepäck wurde, ausser den Kisten, die für einen Mann zu +schwer waren, aus den Böten genommen. Die Kisten wurden, trotz der +Erhöhung der Bootsränder, doch noch nass, da sie nicht vollständig +wasserdicht waren und durch double-waterproof-sheeting nicht ganz +bedeckt werden konnten; so verdarb uns noch ein bedeutender Teil +unserer grösseren Ethnographica. + +Nachdem wir den Kiham Udang überwunden hatten, blieb uns noch Zeit +übrig, uns ruhig abwärts treiben zu lassen. Ich fühlte mich wie aus +einem finsteren Gefängnis in eine strahlende Aussenwelt versetzt. Von +der Tiefebene des mittleren und unteren Mahakam trennte uns nur noch +der Kiham Halo. In einem Brief, den der Kontrolleur einigen Kahájan +Dajak, die aufwärts zogen, für mich mitgegeben hatte, schrieb er mir, +dass er unten in Long Bagung auf mich wartete. + +Zwar regnete es am folgenden Morgen und die. tief herniederhängenden +Wolken hüllten die schönen Gipfel der Berge ein, auch hatte der +_bilang_ (Baumgekko) nachts seine warnende Stimme ertönen lassen, +aber _Kwing Irang_ machte, wie früher zur Beruhigung des Tieres +einen kleinen Rundgang durch den Wald und da der Fluss nur wenig +stieg, sassen wir um 8 Uhr bereits in den Böten, in der Hoffnung, +den Kontrolleur noch am gleichen Tage zu erreichen. Wir hatten diese +frohe Aussicht zur Ermunterung sehr nötig, denn die schmale Schlucht +des Kiham Halo, die uns 1897 bei guter Beleuchtung entzückt hatte, +zeigte sich jetzt, wegen der schwer aufliegenden Wolken, nur als eine +finstere Spalte, die bei dem Geschrei, das die Kajan über den tobenden +Wassermassen anhuben, einen doppelt unheimlichen Eindruck machte. + +Auf halbem Wege begegneten wir in der engen Durchfahrt einer +Gesellschaft Kenja, die ihre Böte langsam an Rotangseilen längs der +Uferfelsen aufwärts zogen. Trotzdem ich, hauptsächlich im Hinblick auf +unsere späteren Pläne, grosse Lust verspürte, mit Kenja in Berührung +zu kommen, konnten wir bei ihnen nicht Halt machen, da die heftige +Strömung uns mit sich riss. Die Kajan liessen nun ihren Ajo-Ruf um so +lauter ertönen; die Kenja antworteten und aus den Bergen erschallte +das Echo. Der Fluss wurde stets breiter und die Ufer niedriger, bis +wir gegen 3 Uhr nachmittags hinter einer Flussbiegung Long Bagung zum +Vorschein kommen sahen. Durch einige Gewehrschüsse meldete ich _Barth_ +unsere Ankunft. + +Long Bagung ist eine Haltestelle für malaiische Händler und +Buschproduktensucher und liegt auf dem rechten Ufer des Mahakam. Der +Kontrolleur hatte hier bereits wochenlang auf uns gewartet; es war ihm +zwar im allgemeinen gut ergangen, doch freute er sich, endlich mit uns +weiterreisen zu können. Seine Gesellschaft hatte an Fieber gelitten, +am meisten _Hadji Umar_, der auch jetzt noch krank lag. Die Aufnahme +des Mahakam war _Bier_ gut geglückt, nur war er durch das häufige +Hochwasser oft an der Arbeit gehindert worden und im Kiham Halo war +ihm ein Boot an den Felsen zerschellt, wobei beinahe ein Malaie ums +Leben gekommen wäre. + +Abends tauschten _Barth_ und ich unsere Erfahrungen über die Gesinnung +aus, die die Mahakambevölkerung uns gegenüber hegte und über die +Möglichkeit, eine niederländische Verwaltung bei ihr einzusetzen. Auch +_Barth_ hatte während seiner monatelangen Reise den Eindruck empfangen, +dass eine stärkere Macht, die sich mit der ganzen Verwaltung betraute, +hauptsächlich zum Schutz gegen Einfälle aus Serawak und Kutei, sehr +erwünscht sei. + +Obwohl _Barth_ als Fremder nach Long Tepai und Long Deho gekommen war, +hatte die Bevölkerung ihm viel Sympathie bezeigt, nur war sie ihm, +als Fremdem, begreiflicher Weise mit mehr Misstrauen entgegengekommen +als einem Menschen ihrer eigenen Umgebung. + +_Bier_, den das lange Warten am selben Ort sehr gelangweilt hatte, +fuhr am folgenden Tage fort, um den Mahakam weiter unten zu messen; +wir versprachen, in Uma Mehak auf ihn warten zu wollen und begaben +uns erst zwei Tage später auf die Reise. + +Unsere Gesellschaft war somit ohne bedeutende Verluste über +die Wasserfälle gelangt; nur _Hadji Umars_ Zustand beunruhigte +mich. _Umar_ war bereits die letzten drei Jahre leidend gewesen; +ich hatte zwar seinen Zustand während seines Aufenthaltes am +Blu-u etwas bessern können, aber seit der Zeit war das Fieber immer +wieder zurückgekehrt. Dass _Umar_ sich weigerte, Chinin einzunehmen, +verschlimmerte seine Lage; ich wusste ihm nicht zu helfen. Obwohl +er mit uns zur Küste fuhr, war seine Anwesenheit uns unter diesen +Umständen kaum von Nutzen. + +Eine der interessantesten Begegnungen, welche der Kontrolleur während +seines sehr eintönigen Aufenthaltes gehabt hatte, war die mit den +Kenja, die wir im Kiham Halo getroffen hatten. Da _Barth_ meine +Absicht, die bis dahin so gut wie unbekannten Kenjastämme zu besuchen, +kannte, war er dem Zufall dankbar, dass diese Gesellschaft, die eine +Handelsreise nach dem unteren Mahakam unternommen und einen Besuch +bei ihren Stammverwandten am Tawang gemacht hatte, die ausgedehnte +Geröllbank bei Long Bagung als Lagerplatz wählte. Kaum hatten die Kenja +erfahren, wer auf dem Ufer wohnte, als ihre vornehmsten Leute _Barth_ +einen Besuch machten. Dabei erschienen sowohl die Häuptlinge als deren +Geleite völlig unbewaffnet, was in einem Lande, in dem jung und alt +stets bewaffnet geht, sehr auffallend war. Das Gespräch, das in der +Busang-Sprache geführt wurde, verlief durchaus gemütlich. Die Kenja +hatten sehr offenherzig von ihrem Lande berichtet und zu verstehen +gegeben, dass meinem Besuch bei ihnen nichts im Wege stände, dass +sie mich im Gegenteil gern bei sich sehen würden. _Barth_ hatte ihnen +die Erinnerung an ihren Besuch angenehm zu machen verstanden, indem +er sie reichlich mit Tabak und Perlen bedachte. + +Der Kontrolleur hatte ausserdem die nähere Bekanntschaft mit +Blutsverwandten von _Bang Jok_ gemacht, der sich selbst nur kurze +Zeit in Long Bagung aufgehalten und auch seine Frau und Kinder nach +Udju Halang mitgenommen hatte. In Long Bagung wohnte nämlich seine +Schwester _Bua_, die in zweiter Ehe einen Malaien Rauf, den Sohn +eines früheren Distrikt-Häuptlings vom oberen Barito, _Raden Djaja +Kusuma_, geheiratet hatte. _Kusuma_ war der erste Malaie gewesen, +der die Bahauhäuptlinge zu besuchen gewagt und sich angeboten hatte, +ihre Wälder auf Buschprodukte durchsuchen zu lassen. Dadurch hatte +er in den neunziger Jahren die fremden Buschproduktensucher nach dem +Mahakam gezogen. Seine drei Söhne liessen sich dort nieder, zwei als +Kaufleute, einer als Gatte von _Bang Joks_ Schwester, die ebenfalls +Anrecht auf die noch unberührten Wälder der Long-Glat von Lirung Tika +hatte. Bug war nach dem Tode ihres ersten Gatten, eines Häuptlings +in Mujub, nicht zu ihrem Bruder gezogen, sondern hatte sich Long +Bagung gegenüber, am jenseitigen Ufer, ein Haus gebaut und später +_Raup_ geheiratet. Dieser verstand, dank seinen Beziehungen zu den +Buschproduktensuchern am Barito, die Wälder seiner Frau vorteilhaft +auszubeuten, ausserdem verdiente er viel als Kaufmann, indem er +alles, was die Leute für ihre Lebensbedürfnisse nötig hatten, von +der Küste beischaffen liess und auch mit den Bahau und Kenja von oben +Tauschhandel trieb. Eine weitere Kundschaft besass er im Gebiet des +oberen Murung, den er längs des Bunut leicht erreichen konnte. _Raups_ +Familie hatte sich ebensowenig wie die in Long Deho zurückgebliebenen +Häuptlinge vor einer Berührung mit dem Kontrolleur gefürchtet und so +hatte sich über den hier 200 m breiten Fluss ein lebhafter Verkehr +entwickelt. Sehr willkommen war es _Barth_, dass er hier wieder Salz, +Zucker, Petroleum und einige Konserven kaufen konnte, Dinge, mit denen +wir bereits seit langem sehr sparsam hatten umgehen müssen. Der Fluss +ist hier überdies nicht so ausgefischt wie oberhalb der Wasserfälle, +wo der Fischstand durch die tuba-Fischerei sehr heruntergebracht worden +ist. Bei Hochwasser suchen die Fische hier in kleinen, für gewöhnlich +trockenen Nebenflüssen eine Zuflucht vor der reissenden Strömung. Die +Malaien, die sich bei _Barth_ befanden, schlossen die Nebenflüsse bei +Hochwasser mittelst eines Heckwerks aus Bambus ab und fingen auf diese +Weise bei fallendem Wasser mehr Fische als sie gebrauchen konnten. + +Am 22. Mai liessen wir uns, nachdem alles Gepäck in den Böten +untergebracht worden war, ruhig vom Flusse abwärts treiben, in der +angenehmen Überzeugung, dass uns bei hohem oder niedrigem Wasserstande +kein ernsthaftes Hindernis mehr drohte. Das Wasser war wieder so hoch +gestiegen, dass wir weiter unten _Bier_ zur Tatenlosigkeit verurteilt +antrafen, weil die hier niedrigen und daher überschwemmten Ufer ihm +keinen Standplatz boten. Am folgenden Tage fuhr er denn auch nach +Uma Mehak weiter, mit der Absicht, dieses Stück später zu messen. + +Die rasche Strömung brachte uns bereits bald nach 4 Uhr nach Uma Mehak, +der ersten grösseren Niederlassung unterhalb der Wasserfälle. Seitdem +Uma Mehak in den letzten Jahren der Sammelpunkt malaiischer +Buschproduktensucher geworden ist, sind auf dem Uferstreifen +zwischen den langen Bahau-Häusern und dem Flusse malaiische Häuser +entstanden, so dass das Ganze nicht mehr den einheitlichen Charakter +der Niederlassungen oberhalb der Wasserfälle trägt. Auch beim Betreten +des Dorfes machte alles einen verfalleneren Eindruck als oben. Da die +Bevölkerung hier nicht zahlreich genug ist, wechselt sie ihre Dörfer +viel seltener als es am oberen Mahakam üblich ist, daher sehen die +Häuser hier in der Regel älter und baufälliger als im Innern der +Insel aus. + +Auf der Galerie des langen Hauses wurde uns aber ein gutes Unterkommen +angeboten und wir liessen im grossen Raume Bretterverschläge +herrichten, um einige von uns, die an Fieber litten, von dem grossen +Getriebe fernzuhalten. Das Interesse für uns war hier besonders +rege und da wir nur einige Tage bleiben wollten, suchte man nach +Möglichkeit, aus unserer Gegenwart Vorteil zu ziehen; hauptsächlich +wurde ich um Arzneien angegangen. Wir fühlten aber wenig Sympathie für +unsere neue Umgebung, denn aus einem Kreise primitiver, unverdorbener +Bahau gerieten wir hier plötzlich in eine degenerierte Gesellschaft +der verschiedensten Stämme vom Barito und Mahakam. Von allen Seiten +starrten uns Menschen mit fremden, verdächtigen Gesichtern an, die +sich hier zu dem alleinigen Zwecke, um den oberhalb der Wasserfälle +unbekannten Genüssen, wie Hazardspielen und Hahnenkämpfen um hohen +Einsatz und dergl. zu fröhnen, aufhielten. Dabei herrschten hier +ständig Streit und Zank, an die wir seit langer Zeit nicht mehr +gewöhnt waren. Man hatte uns übrigens oberhalb der Wasserfälle +bereits darauf aufmerksam gemacht, dass sich in diesem Zentrum der +Buschproduktensucher alles um Spiel und Wetten drehte. + +Abends, lange nachdem wir uns zur Ruhe begeben hatten, hörten wir noch +Würfel rollen und Geld zählen; beim Schein kleiner Lampen hockten +auf der Galerie kleine Gruppen, die teils mit chinesischen, teils +mit europäischen Karten spielten. Bei Sonnenaufgang hielten einige +Buginesen, die als die wichtigsten Bankiers fungierten, ihren Einzug +in der Galerie und versammelten bald einen grossen Kreis um sich. Zum +grossen Verdruss ihrer Häuptlinge beteiligten sich auch die Bahau des +langen Hauses am Spiel, wodurch sowohl der Ackerbau als das Verhältnis +des Hausbewohner untereinander litt. Die Häuptlinge konnten sich nicht +besser ausdrücken, als indem sie diesen Zustand als "_rusak murib_ +Bahau" "Verderben des Bestehens der Bahau" bezeichneten. + +Zwei in Uma Mehak verbrachte Tage genügten, um uns davon zu überzeugen, +dass derartige Zustände auf die Dauer nur zur Demoralisierung einer +Bevölkerung dienen können, deren gute Eigenschaften wir oberhalb der +Wasserfälle kennen gelernt hatten. Ausserdem bilden sie für alle, die +von der Ostküste aus Beziehungen mit dein Binnenlande anknüpfen wollen, +eine Gefahr. Wir hätten hier nur durch einen langdauernden Aufenthalt +Einfluss ausüben können; da wir hierfür aber keine Zeit hatten und +den ersten Teil des von der Regierung gestellten Auftrages erfüllt +hatten, beschlossen wir, den Mahakam weiter bis Udju Halang zu fahren +und dort zu warten, bis ein Dampfboot uns zur Küste abholen würde. + +_Bier_ begann von Uma Mehak aus, bei günstigerem Wasserstande, seine +Aufnahme und hoffte sie noch vor unserer Abreise zur Küste bis Ana +fortsetzen zu können. + +Ich hatte die Ruhetage dazu verwandt, unseren Pflanzensucher _Sekarang_ +von der Malaria zu kurieren, aber das Fieber hatte ihn bereits so +angegriffen, dass es für ihn ein Glück war, dass wir zu Wasser und +nicht zu Lande weiterreisten. Schlimmer ging es _Hadji Umar_, der +sich immer noch weigerte, Arzneien zu nehmen, und daher täglich an +Malariaanfällen litt und sichtlich herunterkam. Er raffte sich trotzdem +auf, um mit uns weiterzureisen und nahm auch seine Familie mit. + +Nach einer langen Tagereise erreichten wir _Udju_ Halang, das uns offen +stand, da das _lali_ wegen des Todes von _Bang Joks_ Schwester bereits +aufgehoben war. Wir nahmen sogleich die Galerie in Beschlag; während +_Kwing Irang_ mit den Seinen am folgenden Tage nach Udju Tepu und +Ana weiterfuhr, um dort Handel zu treiben und uns zu benachrichtigen, +sobald das Dampfboot uns abholen käme. Gleich nach _Kwings_ Abreise +traf auch _Njok Lea_ bei uns ein; es hatte ihn unangenehm berührt, +dass wir in Uma Mehak nicht auf ihn gewartet hatten, doch reiste er +schliesslich guter Stimmung _Kwing_ nach. + +Trotz meiner Ungeduld, die Küste zu erreichen, hoffte ich doch, +hier einige Ruhetage zu finden, da wieder einige von uns an Malaria +erkrankt waren. _Barth_, der die ganze Reise über gesund gewesen +war, wurde nachts von einem heftigen Fieberanfall gepackt, ferner +erkrankten zwei Schutzsoldaten, auch fühlte sich _Sekarang_ immer +noch nicht wohl. In den vier Tagen, die wir hier bleiben konnten, +gelang es uns zum Glück, alle soweit wiederherzustellen, dass sie die +Reise fortsetzen konnten. An Beschäftigung fehlte es uns auch hier +nicht. _Doris_ ordnete seine Vögel und die anderen untersuchten die +eisernen Koffer, um deren Inhalt nötigen Falls zu trocknen. + +Am meisten machte mir wiederum die Bevölkerung zu schaffen, die stark +an Malaria und anderen Krankheiten litt und der ausserdem viel daran +lag, mir in kurzer Zeit allerhand Gegenstände zu verkaufen. Ich merkte +hier deutlich, dass die Bevölkerung, durch den langdauernden Umgang +mit Malaien an Handel gewöhnt, sich viel leichter als im Innern +von ihrem Hab und Gut trennte. Daher erwarb ich hier an schönen +Dingen, besonders an Tätowiermustern, in vier Tagen mehr als während +meines langen Aufenthaltes am oberen Mahakam. Auch empfand ich es +als vorteilhaft, dass die Leute den Wert des Geldes gut kannten; +sie freuten sich hier über einen Gulden ebenso sehr wie oberhalb +der Wasserfälle über vier. Von Udju Halang rühren auch die im +vorhergehenden Kapitel abgebildeten Tätowiermuster der Uma-Luhat, +der Bewohner dieser Niederlassung, her. + +Leider war der Häuptling _Adjang_ nicht zu Hause; er war als der beste +Schwertschmied unterhalb der Wasserfälle bekannt und hätte mir gewiss +einige schöne Exemplare verkaufen können. + +Am dritten Tage unseres Aufenthaltes traf auch _Bier_, der seine +Messung bis Ana fortgesetzt hatte, bei uns ein. Abgesehen von dem +kleinen Stück oberhalb Uma Mehak, das später ergänzt wurde, hatten +wir unseren ganzen Reiseweg von der Wasserscheide an messen können +und somit konnten die bereits erwähnten Aufnahmen des Kapuasgebietes +und des Gebietes von Ana bis zur Küste miteinander in Zusammenhang +gebracht werden. + +Nun hatten wir noch nach einem Orte Umschau zu halten, der sich als +Wohnsitz für einen niederländischen Beamten eignete; aber die Aufgabe +war nicht leicht zu lösen, denn gleich unterhalb Uma Mehak flachen +sich beide Uferseiten ab und nur hie und da erheben sich einige +Hügel, die weiter unten gänzlich fehlen. Die wenigen, nur wenige +Meter über dem Wasserstande befindlichen Erhebungen waren bereits +von den Niederlassungen der Bahau eingenommen. Wir fuhren daher nach +vier Tagen weiter nach Ana, wo wir uns zugleich in grösserer Nähe +des Dampfbootes befanden. + +In Ana nahm uns die Wittwe des früheren höchsten Häuptlings dieses +Gebietes, _Si Ding Ledjü_, als ihre Gäste auf. _Ledjü_ war mir +während meines ersten Aufenthaltes am oberen Mahakam, im Jahre +1897, entgegengereist und hatte mir auf allerlei Weise zu helfen +getrachtet. Seine Wittwe zeigte mir mit Stolz ein schönes silbernes +Teebrett, das ich für sie in Batavia als Geschenk der Regierung +besorgt hatte und das ihr der Assistent-Resident von Samarinda später +überreicht hatte. Obwohl sie in sehr bescheidenen Verhältnissen +zurückgeblieben war und ihr Schwager die Häuptlingschaft für ihren +unmündigen Sohn _Djü_ führte, tat sie doch alles, um uns den Aufenthalt +bei ihr so angenehm als möglich zu machen. Wir wurden nicht in der +Galerie, sondern in der Häuptlingswohnung selbst aufgenommen, was +bis dahin nicht vorgekommen war. Unseren Malaien wurde eine grosse, +leere Wohnung angewiesen, in der auch der grösste Teil unseres Gepäckes +Platz fand. + +Zum Glück war _Sekarang_ so weit hergestellt, dass er die Sorge für +die Kisten mit lebenden Pflanzen wieder übernehmen konnte. Die Sammlung +befand sich, da sie die meiste Zeit in der freien Luft verbracht hatte, +in ausgezeichnetem Zustand. Für diese Produkte der kühlen Gebirgswälder +wurde nun aber das Klima in der Ebene viel zu warm; da sie überdies +vor den Salzteilchen in der Luft während der Seereise geschützt werden +mussten, hatten sie eine ständige Bedeckung nötig, die wir ihnen aus +Rotangschirmen, welche mit Kattun überzogen wurden, herstellen liessen. + +Sobald _Kwing Irang_ erfahren hatte, dass wir uns in Ana befanden, +gesellte er sich zu uns, um mit uns zu überlegen, wer von seinen +Leuten uns nach Samarinda begleiten sollte. Um zum ersten Mal in ihrem +Leben eine Dampferfahrt mitzumachen, um die Wunder einer Küstenstadt +zu sehen und um in Samarinda allerhand Dinge einzukaufen, wollten +nämlich sehr viele mitreisen, daher rief _Kwing_ meine Autorität zu +Hilfe. Nachdem wir auch _Njok Leas_ Rat eingeholt hatten, beschlossen +wir, dass 6 Kajan, 4 Long-Glat und die beiden angesehensten Mantri, +_Sorong_ und _Bo Ului Jok_, mitgehen sollten. _Kwing Irang_ selbst +und die anderen Häuptlinge wagten aus Furcht, vor dem Sultan nicht +uns zu begleiten und wollten uns daher in Udju Tepu erwarten. + +Als der Handelsdampfer des Sultans "Sri Mahakam" in Udju Tepu ankam +und der Bootsführer hörte, dass wir uns in Ana befanden, zeigte er +sich sogleich bereit, uns dort mit unserem Gepäck abzuholen. + +Nach zweitägiger Fahrt erreichten wir Tengaron, wo wir uns dem Sultan +vorstellten. Er empfing uns in seinem Palaste und stellte uns einen +Dampfer zur Verfügung, der uns noch am gleichen Tage nach Samarinda +brachte. + + + + + +ERRATA. + + + Seite 6, Zeile 2 und 5 von unten Javanern statt Javanen. + Seite 25, Zeile 6 von unten Javaner statt Javanen. + Seite 48, Zeile 2 von unten Schiefern statt Schieferschichten. + Seite 82, letzte Zeile für ligaroten statt zum Rauchen in + Zigaretten. + Seite 93, Zeile 7 von unten Ot-Danum statt Ot-Danom. + Seite 118, Zeile 1 von oben isst jeder statt ist jeder. + Seite 120, Zeile 17 von oben _barang_ statt barang. + Seite 120, Zeile 19 und 22 von oben Reisrispe statt Reishalm. + Seite 120, Zeile 14-15 von unten von der Rispe statt von dem + Reishalm. + Seite 121, Zeile 6 von oben wird der Reis statt werden die + Reishalme. + Seite 124, Zeile 3, 5, 14, von unten _mela_ statt _mela_. + Seite 125, Zeile 6, 7, von oben _mela_ statt _mela_. + Seite 211, Zeile 16 von oben Weissmacht statt weismacht. + Seite 224, Teile 16 von unten sollte es statt sollten sie. + Seite 245, Zeile 8 von oben troff statt triefte. + Seite 288, Zeile 7 von oben Bodenfläche statt Oberfläche. + Seite 429, Zeile 10 von oben 1/2 gr Chinin statt 1 1/2 gr Chinin. + Seite 429, Zeile 15 von unten Sternocleido-mastoidei statt + Sterno-mastoide. + + + + + + +NOTIZEN + +[1] H. Steinthal in: Anleitung zu wissenschaftl. Beobachtungen auf +Reisen von Dr. G. Neumayer. + +[2] Den Titel "Resident" führt in niederländisch Borneo der höchste +Regierungsbeamte; auf ihn folgt der Assistent-Resident und in dritter +Rangstufe der Kontrolleur. + +[3] Dr. _G.A.F. Molengraaff_: Geologische Verkenningstochten in +Centraal-Borneo (1893-94). + +[4] Anthropometrische Untersuchungen von +Dr. _J.H.F. Kohlbrügge_. Mittheilungen aus dem Niederl. Reichsmuseum +f. Ethn. + +[5] Batik ist gefärbter Kattun in javanischen Mustern. + +[6] Siehe: Janus. Arch. Internat. p. l'Histoire de la Médecine et la +Géographie Méd. 1898. + +[7] Archiv für Derm. u. Syph. 1898. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Quer Durch Borneo, by A.W. Nieuwenhuis + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK QUER DURCH BORNEO *** + +***** This file should be named 17379-8.txt or 17379-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/7/3/7/17379/ + +Produced by Jeroen Hellingman + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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