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+The Project Gutenberg EBook of Der Fall Deruga, by Ricarda Huch
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Fall Deruga
+
+Author: Ricarda Huch
+
+Release Date: November 27, 2005 [EBook #17169]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DERUGA ***
+
+
+
+
+Produced by Ralph Janke, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+Der Fall Deruga
+
+Roman
+
+von
+
+Ricarda Huch
+
+1917
+
+Verlag Ullstein & Co, Berlin/Wien
+
+ * * * * *
+
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin.
+
+
+
+
+=I.=
+
+
+»Wer ist der Anwalt, der mit Justizrat Fein hereingekommen ist?« fragte
+eine Dame im Zuschauerraum ihren Mann, »und warum hat der Angeklagte
+zwei Anwälte? Fein ist allerdings wohl nur ein Schaustück.«
+
+»Wenn der Betreffende ein Anwalt wäre, liebes Kind, würde er einen Talar
+tragen,« antwortete der Gefragte vorwurfsvoll. »Aber wer es ist, kann
+ich dir auch nicht sagen.« Ein vor dem Ehepaar sitzender Herr drehte
+sich um und erklärte, der fragliche Herr sei der Angeklagte =Dr.=
+Deruga.
+
+»Ist das möglich?« rief die Dame lebhaft, »wissen Sie das bestimmt?«
+
+Der alte Herr lachte vergnügt. »So bestimmt wie ich weiß, daß ich der
+Musikinstrumentenmacher Reichardt vom Katzentritt bin; der Herr Doktor
+wohnt nämlich bei mir.«
+
+Die Dame machte große Augen. »Läßt man denn einen Mörder frei
+herumlaufen?« fragte sie. »Ich dachte, er wäre im Gefängnis. Ist es
+Ihnen nicht unheimlich, einen solchen Menschen in Ihrer Wohnung zu
+haben?«
+
+»Ja, sehen Sie, gnädige Frau,« sagte der alte Mann, »der Herr Justizrat
+Fein hat ihn bei mir eingeführt, weil er mich schon lange kennt und
+seinen Klienten gut versorgt wissen wollte, und wenn der Herr Justizrat
+so viel Vertrauen in mich setzt, daß er seine Geigen und Flöten von mir
+reparieren und sein Töchterchen Unterricht im Zitherspielen bei mir
+nehmen läßt, so schickt es sich, daß ich auch wieder Vertrauen zu ihm
+habe. Und er hat mir seinen Klienten wärmstens empfohlen, der sich bis
+jetzt als ein lieber, gutartiger Mensch gezeigt hat, wenn auch etwas
+wunderlich.«
+
+»Du darfst nicht vergessen, liebes Kind,« sagte der Ehemann, »daß ein
+Angeklagter noch kein Verurteilter ist.«
+
+»Sehr richtig, sehr richtig,« sagte der Musikinstrumentenmacher und
+wollte eben allerlei merkwürdige Fälle von Justizirrtümern erzählen,
+als das Erscheinen der Geschworenen seine Aufmerksamkeit ablenkte.
+
+Sie finde es doch ungehörig, flüsterte die junge Dame ihrem Manne zu,
+daß ein des Mordes Verdächtiger sich so frei bewegen dürfe, noch dazu
+einer, der so aussehe, als ob er zu jedem Verbrechen fähig wäre.
+
+»Man soll sich hüten, nach dem Äußeren zu urteilen, liebes Kind,« sagte
+der Ehemann. »Aber abgesehen davon würde ich auch diesem Menschen nicht
+über den Weg trauen. Es ist merkwürdig, wie leichtgläubig und wie
+ungeschickt im Auslegen von Physiognomien das Volk ist.«
+
+Die meisten Zuschauer hatten denselben ungünstigen Eindruck von
+=Dr.= Deruga empfangen, der durch Nachlässigkeit in Kleidung und
+Haltung und mit seinen neugierig belustigten Blicken, die den Saal
+durchwanderten, der Majestät und Furchtbarkeit des Ortes zu spotten
+schien.
+
+»Ich dachte, er hätte schwarzes, krauses Haar und Feueraugen,« bemerkte
+die junge Frau tadelnd gegen ihren Mann.
+
+»Aber, Kindchen,« entgegnete dieser, »wir haben doch auch nicht alle
+blaue Augen und blondes Haar.«
+
+»Er stammt aus Oberitalien,« mischte sich ein Herr ein, »wo der
+germanische Einschlag sich bemerkbar macht.«
+
+Ein anderer fügte hinzu, er vertrete doch einen durchaus italienischen
+Typus, nämlich den der verschlagenen, heimtückischen, rachsüchtigen
+Welschen, wie er seit dem frühen Mittelalter in der Vorstellung der
+Deutschen gelebt habe.
+
+Unterdessen war ein Gerichtsdiener an den Angeklagten herangetreten und
+hatte ihn aufgefordert, sich auf der Anklagebank niederzulassen, was er
+folgsam tat, um sein Gespräch mit dem Justizrat Fein von dort aus
+fortzusetzen.
+
+»Sehen Sie, da kommt der Jäger vor dem Herrn, =Dr.= Bernburger,«
+sagte der Justizrat, auf einen jungen Anwalt blickend, der eben den
+Zuschauerraum betrat. »Den hat die Baronin Truschkowitz auf Ihre Spuren
+geheftet, und eine gute Spürnase hat er, wie Sie sehen. Er ist Ihr
+gefährlichster Feind, der Staatsanwalt ist nur ein Popanz.«
+
+Deruga betrachtete =Dr.= Bernburger, der angelegentlichst in seine
+Papiere vertieft schien.
+
+»Ich glaube, er ist Ihnen ebenso gefährlich wie mir,« sagte er dann mit
+freundlichem Spott, die große, bequeme Gestalt des Justizrats
+betrachtend. »Eigentlich gefiele mir der Bernburger ganz gut, wenn er
+nicht ein so gemeiner Charakter wäre.«
+
+Der Justizrat wendete sich um und sagte, den Arm auf das Geländer
+stützend, das die Anklagebank abschloß: »Bringen Sie mich jetzt nicht
+zum Lachen, Sie verzweifelter Italiener! Wir haben alle Ursache, uns ein
+Beispiel an seinen Geiermanieren zu nehmen.«
+
+»Er hat wirklich etwas von einem Raubvogel,« sagte Deruga, »ein feiner
+Kopf, so möchte ich aussehen. Sehe ich ihm nicht ähnlich?«
+
+»Benehmen Sie sich ähnlich,« sagte der Justizrat, »und halten Sie Ihre
+Gedanken zusammen! Mensch, Ihre Sache ist nicht so sicher, wie Sie
+glauben. Der Bernburger hat zweifellos Material im Hinterhalt, mit dem
+er uns überrumpeln will; also passen Sie auf!«
+
+»Aber ja,« sagte Deruga ein wenig ungeduldig. »Ihren Kopf behalten Sie
+auf alle Fälle, und an meinem braucht Ihnen nicht mehr zu liegen als
+mir.«
+
+Jetzt flogen die Türen im Hintergrunde des Saales auf, und der
+Vorsitzende des Gerichts, Oberlandesgerichtsrat =Dr.= Zeunemann,
+trat ein, dem die beiden Beisitzer und der Staatsanwalt folgten. Der
+Luftzug hob den Talar des rasch Vorwärtsschreitenden, so daß seine
+stramme und stattliche Gestalt sichtbar wurde. Er grüßte mit einer
+Gebärde, die weder herablassend noch vertraulich war und eine
+angemessene Mischung von Ehrerbietung und Zuversicht einflößte. Seine
+Persönlichkeit erfüllte den bänglich feierlichen Raum mit einer gewissen
+Heiterkeit, insofern man die Empfindung bekam, es werde sich hier nichts
+ereignen, was nicht durchaus in der Ordnung wäre. Er rieb, nachdem er
+sich gesetzt hatte, seine schönen, breiten, weißen Hände leicht
+aneinander und ging dann an das Geschäft, indem er die Auswahl der
+Geschworenen besorgte. Es ging glatt und flott voran, jeder fühlte sich
+von einer wohltätigen Macht an seinen Platz geschoben.
+
+»Meine Herren Geschworenen,« begann er, »es handelt sich heute um einen
+etwas verwickelten Fall, dessen Vorgeschichte ich Ihnen kurz
+zusammenfassend vorführen will.
+
+Am 2. Oktober starb hier in München, infolge eines Krebsleidens, wie man
+annahm, Frau Mingo Swieter, geschiedene Frau Deruga. Sie hatte nach
+ihrer vor siebzehn Jahren erfolgten Scheidung von Deruga ihren
+Mädchennamen wiederangenommen. In ihrem Testament, das Anfang November
+eröffnet wurde, hatte sie ihren geschiedenen Gatten, =Dr.= Deruga,
+zum alleinigen Erben ihres auf etwa vierhunderttausend Mark sich
+belaufenden Vermögens ernannt, mit Beiseitesetzung ihrer Verwandten, von
+denen die Gutsbesitzersgattin Baronin Truschkowitz, eine Kusine, die
+nächste war. Auf das Betreiben der Baronin Truschkowitz und auf gewisse
+zureichende Verdachtsgründe hin, die Ihnen bekannt sind, veranlaßte das
+Gericht die Exhumierung der Leiche, und es wurde festgestellt, daß die
+verstorbene Frau Swieter nicht infolge ihrer Krankheit, sondern eines
+furchtbaren Giftes, des Curare, gestorben war.
+
+Als dem seit siebzehn Jahren in Prag ansässigen =Dr.= Deruga das
+Gerücht von einem gegen ihn im Umlauf befindlichen Verdacht zu Ohren
+kam, reiste er hierher, um zu erfahren, wer seine Verleumder, wie er sie
+nannte, wären, und sie zu verklagen. Es wurde ihm mitgeteilt, daß das
+Gericht bereits den Beschluß gefaßt habe, die Anklage auf Mord gegen ihn
+zu erheben, und daß er seine Anklage bis zur Beendigung des Prozesses
+verschieben müsse. Unter diesen besonderen Umständen, da der Angeklagte
+sich gewissermaßen selbst gestellt hatte, wurde angenommen, daß
+Fluchtverdacht nicht vorliege, und von einer Verhaftung einstweilen
+abgesehen. Verdächtig machte den Angeklagten von vornherein, daß er sich
+in bedeutenden finanziellen Schwierigkeiten befand. Ferner belastete ihn
+die Tatsache, daß er am Abend des 1. Oktober vergangenen Jahres eine
+Fahrkarte nach München löste und erst am Nachmittag des 3. Oktober nach
+Prag in seine Wohnung zurückkehrte. Einen genügenden Alibibeweis
+vermochte der Angeklagte nicht zu erbringen.
+
+Dies sind also die Hauptgründe, die das Gericht bewogen haben, die
+Anklage auf Totschlag zu erheben. Es wird angenommen, daß Deruga seine
+geschiedene Frau aufsuchte, um Geld von ihr zu erbitten, beziehungsweise
+zu erpressen, und daß er sie bei dieser Gelegenheit, irgendwie gereizt,
+vielleicht durch eine Weigerung, tötete. Allerdings scheint der Umstand,
+daß Deruga Gift bei sich gehabt haben muß, für einen überlegten Plan zu
+sprechen. Allein das Gericht hat der Möglichkeit Raum gegeben, der
+verzweifelte Spieler habe damit sich selbst vernichten wollen, wenn sein
+letzter Versuch mißlänge, und nur in einem unvorgesehenen Augenblick der
+Erregung davon Gebrauch gemacht.«
+
+Während des letzten Satzes hatte der Staatsanwalt vergebens versucht,
+durch Verdrehungen seines hageren Körpers und Deutungen seines knotigen
+Zeigefingers die Aufmerksamkeit des Vorsitzenden auf sich zu lenken.
+»Verzeihung,« sagte er, indem er seinem langen, weißen Gesicht einen
+süßlichen Ausdruck zu geben suchte, »ich möchte gleich an dieser Stelle
+betonen, daß ich persönlich dieser Möglichkeit nicht Raum gebe. Warum
+hätte der Mann es denn so eilig mit dem Selbstmorde gehabt? Er amüsierte
+sich viel zu gut im Leben, um es so Hals über Kopf wegzuwerfen.
+
+Ferner möchte ich darauf hinweisen, daß der Angeklagte auf das
+erstmalige Befragen des Untersuchungsrichters die abscheuliche Untat
+eingestand, oder, besser gesagt, sich ihrer rühmte, um sie mit ebenso
+großer Dreistigkeit hernach zu leugnen.«
+
+»Jawohl, jawohl, wir kommen darauf zurück,« sagte der Vorsitzende mit
+einer Handbewegung gegen den Staatsanwalt, wie wenn ein Kapellmeister
+etwa einen vorlauten Bläser beschwichtigt. »Ich will zunächst den
+Angeklagten vernehmen.«
+
+»Sie müssen aufstehen,« flüsterte der Justizrat seinem Klienten zu, der
+mit schläfriger Miene den Saal und das Publikum betrachtete.
+
+»Aufstehen, ich?« entgegnete dieser erstaunt und beinahe entrüstet.
+»Nun also auch das. Stehen wir auf,« fuhr er fort, erhob sich langsam
+und heftete einen scharf durchdringenden Blick auf den Präsidenten; man
+hätte meinen können, er sei ein Examinator und =Dr.= Zeunemann ein
+zu prüfender Kandidat.
+
+»Sie heißen Sigismondo Enea Deruga,« begann der Vorsitzende das Verhör,
+die beiden klangvollen Vornamen durch eine ganz geringe Dosis von Pathos
+hervorhebend, die genügte, die Zuhörer zum Lachen zu bringen. Deruga
+warf einen stechenden Blick in die Runde. »Ist es hier etwa ein
+Verbrechen, nicht Johann Schulze oder Karl Müller zu heißen?« sagte er.
+
+»Beantworten Sie bitte schlechtweg meine Fragen,« sagte =Dr.=
+Zeunemann kühl. »Sie heißen Sigismondo Enea Deruga, sind in Bologna
+geboren und sechsundvierzig Jahre alt. Stimmt das?«
+
+»Jawohl.«
+
+»Sie haben in Bologna, Padua und Wien Medizin studiert und sich erst in
+Linz, dann in Wien niedergelassen, nachdem Sie dort das Heimatrecht
+erworben hatten. Stimmt das?«
+
+»Es wäre wirklich eine Schande,« sagte Deruga, »wenn Sie nach vier
+Monaten nicht einmal das richtig herausgebracht hätten.«
+
+»Ich erinnere Sie nochmals, Angeklagter,« sagte der Vorsitzende, den das
+sich erhebende Gelächter ein wenig ärgerte, »daß Sie sich an die kurze
+und klare Beantwortung der an Sie gerichteten Fragen zu halten haben. Es
+ist Ihre Schuld, daß sich die Voruntersuchung so lange hingezogen hat.
+Ich ergreife die Gelegenheit, Ihnen einen ernstlichen Vorhalt zu machen.
+Sie befolgen augenscheinlich den Grundsatz, das Gericht durch
+Ungehörigkeiten und Wunderlichkeiten hinzuhalten und irrezuführen. Sie
+verschlimmern dadurch Ihre Lage, ohne Ihren Zweck zu erreichen. Die
+Untersuchung nimmt ihren sicheren Gang trotz aller Steine, die Sie auf
+ihren Weg werfen. Sie stehen unter einer schweren Anklage und täten
+besser, anstatt die gegen Sie zeugenden Momente durch ungebärdiges und
+zügelloses Betragen zu verstärken, den Gerichtshof und die Herren
+Geschworenen durch Aufrichtigkeit in ihrer dornigen Arbeit zu
+unterstützen und für sich einzunehmen. Sie befinden sich in einem Lande,
+wo die Justiz ihres verantwortungsvollen Amtes mit unerschütterlicher
+Unbestechlichkeit und Unparteilichkeit waltet. Der Höchste und der
+Niedrigste findet bei uns nicht mehr und nicht weniger als
+Gerechtigkeit. Wir erwarten dagegen vom Höchsten wie vom Niedrigsten
+diejenige Ehrfurcht, die einer so heiligen und würdigen Institution
+zukommt. Der Gebildete sollte sie uns freiwillig darbringen; aber im
+Notfall wissen wir sie zu erzwingen.«
+
+»Ja, ja,« sagte Deruga gutmütig, »nur zu, ich werde schon antworten.«
+
+=Dr.= Zeunemann hielt es für besser, es dabei bewenden zu lassen,
+und fuhr fort: »Sie verheirateten sich im Jahre 18.. mit Mingo Swieter
+aus Lübeck, erzielten aus dieser Ehe ein Kind, eine Tochter, die
+vierjährig starb, und kurz darauf, vor jetzt siebzehn Jahren, wurde die
+Ehe geschieden. Als Grund ist böswillige Verlassung von seiten der Frau
+angegeben, und zwar hat Frau Swieter das Wiener Klima vorgeschützt,
+welches sie nicht vertragen könne. In Wirklichkeit sollen Ihr
+unverträglicher Charakter und Ihr unberechenbares Temperament, das zu
+Gewalttaten neigt, Ihre Frau zu diesem Schritt veranlaßt haben.«
+
+Da =Dr.= Zeunemann bei diesen Worten fragend zu =Dr.= Deruga
+hinübersah, sagte dieser: »Es wird das beste sein, wenn Sie sich
+schlechtweg an die in den Akten befindlichen Angaben halten.«
+
+Der Vorsitzende unterdrückte eine Anwandlung zu lachen und fuhr gelassen
+fort: »Bald nach erfolgter Scheidung zogen Sie von Wien nach Prag und
+übten dort Ihre Praxis aus, während Frau Swieter sich in München
+niederließ, wo sie einen Teil ihrer Jugendjahre verlebt hatte. Auf
+weitere Daten werden wir gelegentlich zurückkommen. Erzählen Sie uns
+jetzt, was Sie am 1. Oktober des vorigen Jahres getan haben.«
+
+»Da ich kein Tagebuch führe,« sagte =Dr.= Deruga laut, »noch meine
+täglichen Verrichtungen durch einen Kinematographen oder ein Grammophon
+aufnehmen lasse, ist es mir leider unmöglich, Ihnen den Verlauf des
+Tages mit mathematischer Genauigkeit wiederzugeben. Ich werde eben
+gefrühstückt, einige Patienten besucht, zu Mittag gegessen und hernach
+eine Stunde im Café gesessen haben. Dann werde ich in der Sprechstunde
+mehrere Exemplare der mir sehr unsympathischen Gattung Mensch untersucht
+haben. Gegen Abend ging ich aus, um eine mir befreundete, hochanständige
+Dame zu besuchen. In der Nähe des Bahnhofs begegnete ich einem Kollegen,
+der mich fragte, ob ich auch in den ärztlichen Verein ginge. Ich sagte,
+ich könne leider nicht, da ich verreisen müsse. Worauf er mich bis zum
+Bahnhof begleitete. Ich nahm aufs Geratewohl eine Karte nach München,
+weil ich ja sonst meine Lüge hätte zugestehen müssen, und auch weil mir
+eingefallen war, daß auf diese Weise die mir befreundete Dame sicher
+wäre, nicht kompromittiert zu werden.«
+
+»Weigern Sie sich nach wie vor,« fragte =Dr.= Zeunemann, »den Namen
+dieser hochanständigen Dame zu nennen?«
+
+»Ich habe ja schon gesagt, daß mir daran liegt, sie nicht zu
+kompromittieren,« antwortete Deruga.
+
+»Ich gebe Ihnen zu bedenken, Herr Deruga,« sagte =Dr.= Zeunemann
+warnend, »daß Ihre Ritterlichkeit auf sehr wackeligen Füßen steht.
+Sollte eine Dame zulassen, daß sich ein Freund um ihretwillen in solche
+Gefahr begibt? Da möchte man schon lieber annehmen, daß diese Dame gar
+nicht existiert. Die ganze Geschichte, die Sie vorbringen, entbehrt der
+Wahrscheinlichkeit. Daß Sie eine Dame besuchten und Tage und Nächte bei
+ihr zubrachten, wäre an sich bei Ihrer Lebensführung nicht unglaublich.
+Auch das mag hingehen, daß Sie den Wunsch hatten, sie nicht zu
+kompromittieren, aber das Mittel, das Sie zu diesem Zweck gewählt haben
+wollen, kann man nur als ungeeignet und lächerlich bezeichnen. Jemand,
+der sich in so schlechter finanzieller Lage befindet wie Sie, gibt nicht
+zweiunddreißig Mark für eine Fahrkarte aus, die er nicht braucht.«
+
+»Einunddreißig Mark fünfundsiebzig Pfennig,« verbesserte Deruga.
+
+»Die Karte von Prag nach München kostet zweiunddreißig Mark,« sagte
+=Dr.= Zeunemann scharf.
+
+»Der umgekehrte Weg ist fünfundzwanzig Pfennige billiger,« beharrte
+Deruga.
+
+»Lassen wir den Wortstreit,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Man wirft auch
+einunddreißig Mark und fünfundsiebzig Pfennige nicht fort, wenn man in
+Geldverlegenheiten ist.«
+
+»Ein verständiger Deutscher wohl nicht,« entgegnete Deruga, »aber ich
+habe größere Dummheiten in meinem Leben gemacht als diese. Übrigens war
+ich nicht in Geldverlegenheit, ich hatte nur Schulden.«
+
+Der Staatsanwalt rang die Hände und wendete die Blicke nach oben, wie
+wenn er den Himmel zum Zeugen einer solchen Verwilderung anrufen wollte.
+Dann bat er um das Wort und fragte, wie es zugehe, daß der Angeklagte
+genug Geld für eine so unvorhergesehene Reise bei sich gehabt hätte.
+
+Statt der Antwort griff Deruga in seine Westentasche, zog eine Handvoll
+Geld hervor und zählte: »Sechzig, dreiundsechzig, siebzig,
+vierundsiebzig Mark. Sie sehen, ich könnte auf der Stelle nach Prag
+reisen, wenn ich es nicht vorzöge, in Ihrer angenehmen Vaterstadt zu
+bleiben.«
+
+»Warum bezahlten Sie Ihre Schulden nicht, wenn Sie Geld hatten?« rief
+der Staatsanwalt, dessen Stimme, wenn er sich aufregte, einen
+kreischenden Ton annahm.
+
+»O, dazu reichte es bei weitem nicht,« lachte Deruga. »Ich hatte nur so
+viel, um meine täglichen Bedürfnisse zu befriedigen.«
+
+Der Vorsitzende erklärte diese Zwischenfragen durch eine Handbewegung
+für beendet. »Sie bleiben also dabei, Angeklagter,« fragte er, »daß Sie
+zum Schein eine Fahrkarte nach München lösten. Was brachte Sie gerade
+auf München?«
+
+»Das ist eine schwierige Frage,« sagte Deruga. »Hätte ich eine Karte
+nach Frankfurt oder Wien genommen, könnten Sie sie ebensogut stellen.
+Vielleicht ist ein Psychoanalytiker anwesend und könnte uns interessante
+Aufschlüsse über die Gedankenassoziation geben, und ob sie
+gefühlsbetont war oder nicht. Meine Spezialität sind Nasen-, Hals- und
+Rachenkrankheiten.«
+
+»Was taten Sie, nachdem Sie die Karte gelöst hatten?« fragte der
+Vorsitzende weiter.
+
+»Ich stellte mich an die Barriere,« erzählte Deruga, »ging, als sie
+geöffnet wurde, an den Zug, stieg aber nicht ein, sondern ging mittels
+einer vorher gelösten Perronkarte zurück. Dann suchte ich die schon
+öfters genannte Dame auf, bei der ich bis zum Nachmittag des 3. Oktober
+blieb.«
+
+»Die Unwahrscheinlichkeiten häufen sich,« sagte =Dr.= Zeunemann.
+»Welcher Arzt wird ohne zwingende Gründe anderthalb Tage von seiner
+Praxis wegbleiben?«
+
+»Ich bin der Ansicht,« sagte Deruga, »daß nicht ich für die Praxis da
+bin, sondern daß die Praxis für mich da ist.«
+
+»Ein bedenklicher Grundsatz für einen Arzt,« meinte =Dr.=
+Zeunemann.
+
+»Warum?« antwortete Deruga leichthin. »Die meisten Patienten können sehr
+gut ein paar Tage warten, die übrigen brauchten überhaupt nicht zu
+kommen. Wichtige Fälle hatte ich damals nicht.«
+
+»Ihre Patienten waren allerdings nicht verwöhnt,« sagte =Dr.=
+Zeunemann. »In den letzten Jahren hatten Sie sogar eine Anzahl verloren,
+weil sie nachlässig und unaufmerksam in der Führung Ihrer Praxis waren.
+Immerhin war es selbst an Ihnen auffallend, daß Sie außer der Zeit, ohne
+Abmeldung, zwei Tage abwesend waren. Sie kamen nach Ihrer eigenen
+Aussage, die von Ihrer Haushälterin bestätigt wurde, am 3. Oktober kurz
+vor vier Uhr wieder in Ihrer Wohnung an. Beiläufig sei bemerkt, daß der
+von hier kommende Schnellzug um drei Uhr zwanzig Minuten in Prag
+eintrifft. Ihre Sprechstunde war noch nicht vorüber, und es warteten
+zwei geduldige Patienten, die sich von Ihrer Hausdame mit der Aussicht
+auf Ihr baldiges Erscheinen hatten vertrösten lassen. Sie weigerten sich
+aber, diese gutmütigen Herrschaften, die einiger Rücksicht wohl wert
+gewesen wären, anzunehmen, weil Sie, so sagten Sie zu Ihrer
+Haushälterin, müde wären und sich zu Bett legen wollten. Ihr Aufenthalt
+bei der in ihrer Tugend so heiklen Dame muß also sehr anstrengend
+gewesen sein.«
+
+»Ich finde Frauen immer anstrengend,« sagte Deruga, »besonders wenn sie
+dumm sind.«
+
+»Nehmen wir also an,« sagte der Vorsitzende, während der Staatsanwalt
+die Hände rang und seine unter diabolisch geschwänzten Brauen fast
+verschwindenden Augen zum Himmel richtete, »daß die Ihnen befreundete
+Dame ebenso dumm wie tugendhaft ist! Gehen wir nun zu einem anderen
+wichtigen Punkt über! Wollen Sie erzählen, wann und wie Sie von dem
+Inhalt des Testamentes in Kenntnis gesetzt wurden, durch welches die
+verstorbene Frau Swieter Sie zum Erben ihres Vermögens einsetzte!«
+
+»Anfang November,« sagte Deruga, »das Datum habe ich mir nicht gemerkt,
+durch die zuständige Behörde.«
+
+»Sie sollen«, sagte =Dr.= Zeunemann, »Ihr Erstaunen und Ihre Freude
+lebhaft geäußert haben. Ich bemerke,« wiederholte er mit Nachdruck
+gegen die Geschworenen, »daß andere Personen dies bezeugen: Erstaunen
+und Freude.«
+
+»O, edler Richter, wack'rer Mann,« sagte Deruga lächelnd.
+
+»Bitte Zwischenbemerkungen zu unterlassen,« sagte der Vorsitzende. »Es
+ist bereits halb zwölf Uhr, und ich möchte bis zur Mittagspause mit
+Ihrem Verhör zu einem vorläufigen Ende kommen. Erzählen Sie uns bitte,
+wann und wie Ihnen zuerst etwas von dem gegen Sie erhobenen Verdacht zu
+Ohren kam!«
+
+»Durch einen sehr anständigen Menschen,« begann Deruga, »sehr anständig
+und achtungswert, obgleich er nur ein roher italienischer Weinhändler
+ist. Der Mann heißt Tommaso Verzielli und kam vor fünfzehn Jahren als
+ein armer Teufel zu mir, nachdem er eine fünfjährige Gefängnisstrafe
+verbüßt hatte. Er hatte nämlich einen Polizisten niedergestochen, der
+eine arme alte Frau verhaften wollte, weil sie in einem Bäckerladen ein
+Brot genommen hatte. Er war sehr verzagt und wollte nach Italien zurück,
+denn unter Deutschen, sagte er, würde er doch nicht aus dem Gefängnis
+herauskommen, weil er fortwährend Dinge mit ansehen müßte, wobei ihm das
+Blut zu Kopfe stiege. Ich sagte, das würde in Italien nicht anders sein,
+und redete ihm zu, er sollte die Menschen sich untereinander zerreißen
+lassen, sie wären einander wert, und es wäre um keinen schade. Er solle
+heiraten und nur noch für Frau und Kinder arbeiten und sorgen, und
+außerdem gab ich ihm den Rat, einen Handel mit italienischen Weinen und
+anderen Lebensmitteln anzufangen, und schoß ihm ein kleines Kapital dazu
+vor. Das hat er mir längst zurückgestellt, denn durch Fleiß und
+Intelligenz brachte er sich schnell in die Höhe, aber er widmet mir
+immer noch eine Dankbarkeit, als ob ich ihm täglich neu das Leben
+schenkte.
+
+Dieser Verzielli also kam Mitte November am späten Abend in voller
+Aufregung zu mir gelaufen und erzählte mir, der italienische Konsul,
+Cavaliere Faramengo, ein guter alter Herr, aber etwas schwachsinnig, sei
+bei ihm gewesen -- Verzielli hat nämlich jetzt ein sehr feines
+Restaurant -- und habe sich unter der Hand nach mir erkundigt und als
+tiefstes Geheimnis verraten, daß ich als Mörder meiner geschiedenen Frau
+verhaftet werden sollte. Der gute Mensch war außer sich und bot mir sein
+ganzes Vermögen an, wenn ich nach Amerika fliehen wollte. 'Deruga und
+fliehen? Da kennst du Deruga schlecht, guter Freund,' sagte ich und lief
+sofort, trotz Verziellis Flehen, zum italienischen Konsul. Der arme alte
+Herr hat fast einen Schlaganfall bekommen, so heftig stellte ich ihn zur
+Rede, und da ich von ihm keine genügende Auskunft bekam, reiste ich
+hierher, um den Ursprung des infamen Gerüchtes kennenzulernen.«
+
+»Es mußte Ihnen mitgeteilt werden,« fiel =Dr.= Zeunemann ein, »daß
+das Gericht bereits beschlossen hätte, die Anklage auf Mord gegen Sie zu
+erheben, und daß Sie eine etwaige Beleidigungsklage bis zur Beendigung
+des Prozesses zu verschieben hätten. Wenn Ihr erstes Auftreten, wie ich
+nicht unterlassen will zu bemerken, den Schein der Schuldlosigkeit
+erwecken konnte, so belastete Sie hingegen Ihr Verhalten dem
+Untersuchungsrichter gegenüber in bedenklicher Weise. So haben Sie
+zuerst auf die Frage, wo Sie vom 1. bis 3. Oktober gewesen wären, die
+Antwort verweigert. Dann haben Sie erzählt, Sie wären in der Absicht,
+sich das Leben zu nehmen, fortgefahren, an einem beliebigen Haltepunkt
+ausgestiegen und dann aufs Geratewohl querfeldein gegangen, bis Sie in
+eine ganz einsame Gegend gekommen wären. An einem Flusse hätten Sie
+lange gelegen und mit sich gekämpft, bis Sie darüber eingeschlafen
+wären. Nach vielen Stunden festen Schlafes wären Sie ernüchtert
+aufgewacht, hätten sich noch eine Weile herumgetrieben und wären dann
+heimgefahren. Schließlich tauchte die Geschichte von der geheimnisvollen
+Dame auf. Der Born der Phantasie sprudelt sehr ergiebig bei Ihnen.«
+
+»Nicht so wie Sie meinen,« sagte Deruga. »Ich wollte nur den
+Untersuchungsrichter ärgern und kann wohl sagen, daß mir das gelungen
+ist. Er hat beinah Nervenkrämpfe bekommen.«
+
+=Dr.= Zeunemann ließ eine Pause verstreichen, bis das Gelächter im
+Publikum verstummt war, und sagte dann: »Es wundert mich, daß ein Mann
+in Ihrer Lage, in Ihrem Alter und von Ihrem Verstande sich so kindisch
+benehmen mag -- oder so töricht, denn vielleicht waren Ihre verschiedenen
+Angaben auch nur ein Verfahren, darauf zugeschnitten, unsicher zu machen
+und irrezuführen.«
+
+»Sind Sie schon einmal von einem täppischen Untersuchungsrichter
+ausgefragt worden?« fragte Deruga. »Nein, wahrscheinlich nicht. Also
+können Sie nicht wissen, wie Sie sich in solcher Lage benehmen würden.
+Allerdings vermutlich vernünftiger als ich. Sie haben eine
+beneidenswerte Konstitution. Sie sind so recht ein Musterbeispiel, wie
+der gesunde Mensch sein soll. Alle Erschütterungen durch häßliche
+Eindrücke, Fragen, Zweifel und Leidenschaften werden bei Ihnen durch
+eine tadellose Verdauung geregelt, so daß Sie sich immer im stabilen
+Gleichgewicht befinden; _ich_ dagegen bin unendlich reizbar.«
+
+=Dr.= Zeunemann hatte versucht, den Angeklagten zu unterbrechen,
+aber ohne genügenden Nachdruck. »Sie haben wohl auch mehr Ursache
+unruhig zu sein als ich,« sagte er jetzt mit leichter Ironie.
+»Vielleicht würden Sie sich wohler fühlen, wenn Sie es einmal mit
+vollkommener Offenheit versuchten, anstatt sich und uns durch Ihre
+Winkelzüge zu reizen.«
+
+»Sie, Herr Präsident, will ich nicht ärgern, darauf können Sie sich
+verlassen,« sagte Deruga mit einem freundlich beschwichtigenden Tone,
+wie man ihn etwa einem Kinde gegenüber anschlägt.
+
+ * * * * *
+
+»Warten Sie im Vorsaal des ersten Stockes auf mich,« flüsterte Justizrat
+Fein seinem Klienten zu, als gleich darauf die Sitzung aufgehoben wurde.
+Von dort aus gingen sie zusammen durch ein rückwärtiges Portal in die
+Anlagen, die auf eine stille Straße ohne Geschäftsverkehr führten. Vor
+einem mit Gesträuch bewachsenen Hange blieb der Justizrat stehen,
+stocherte mit der Spitze seines Regenschirmes in der alten,
+feucht-verklebten Blätterdecke und sagte: »Da muß es bald
+Schneeglöckchen und Krokus geben; ich will ihnen den Weg ein wenig frei
+machen.«
+
+»Kommen Sie, kommen Sie,« sagte Deruga, den Justizrat am Arm ziehend.
+»Die finden ihren Weg ohne Sie. Sagen Sie, kann ich heute nachmittag
+während der Sitzung nicht lesen oder noch lieber schlafen? Das Zeug
+langweilt mich unbeschreiblich, Sie könnten mir ja einen Stoß geben,
+wenn ich mich betätigen muß.«
+
+»Machen Sie keine Dummheiten,« sagte der Justizrat; »heute nachmittag
+wird wahrscheinlich der Hofrat von Mäulchen vernommen, der sehr schlecht
+für Sie aussagen wird. Sie müssen also aufpassen, ob Sie ihm nicht
+Ihrerseits etwas am Zeuge flicken können.«
+
+
+»Am Zeuge flicken!« rief Deruga aus. »Umbringen möchte ich ihn. Ich
+hasse diesen Menschen, vielmehr diesen rosa Wachsguß über einer Kloake.«
+
+»Hören Sie, Deruga,« sagte der Justizrat. »Ich verstehe Sie öfters
+nicht, doch das am wenigsten, wie Sie einem Menschen Geld schuldig
+bleiben mochten, den Sie haßten. Sie hätten doch das Geld auch von
+anderer Seite haben können, zum Beispiel von dem guten Verzielli.«
+
+»Wahrscheinlich hätte es Ihr Ehrgefühl verletzt, einem verhaßten
+Menschen Geld zu schulden,« sagte Deruga. »Sehen Sie, bei mir ist das
+anders. Mir machte es Vergnügen zu sehen, was für Angst er um seine
+Taler hatte, und wie er sich quälte, die Angst nicht merken zu lassen,
+sondern den Anschein zu wahren, als wäre es ihm ganz gleichgültig. Denn
+er will erstens für unermeßlich reich und zweitens für sehr weitherzig
+in Geldsachen gelten. Hätte ich Geld im Überfluß gehabt, würde ich ihn
+wahrscheinlich doch nicht ausbezahlt haben, um ihn zappeln zu sehen.«
+
+»Ich glaube, Sie können fürchterlich hassen,« sagte der Justizrat
+nachdenklich, indem er den Doktor nicht ohne Bewunderung von der Seite
+betrachtete.
+
+Dieser lachte herzhaft und ausgiebig wie ein Kind. »Das kann ich
+allerdings,« sagte er. »Ich möchte manchmal einem ein Messer im Herzen
+herumdrehen, nur weil mir seine Mundwinkel nicht gefallen. Ich will mich
+aber heute nachmittag Ihnen zuliebe zusammennehmen, so gut ich kann.«
+
+»Ja, darum bitte ich,« sagte der Justizrat, »ich fühle mich doch etwas
+verantwortlich für Sie.«
+
+ * * * * *
+
+Hofrat von Mäulchen erschien in gewählter Kleidung, in einen
+angenehmen, mondänen Duft getaucht, mit dem leichten und sicheren Gang
+dessen, den allgemeine Beliebtheit trägt, im Schwurgerichtssaale. Die
+Eidesformel, die der Präsident ihm vorsprach, wiederholte er mit
+liebenswürdiger Gefälligkeit und einem leicht fragenden Ausklang, so,
+als wolle er sich bei jedem Satz vergewissern, ob es dem Vorsitzenden
+und dem lieben Gott so auch recht wäre.
+
+»Der Angeklagte,« begann =Dr.= Zeunemann das Verhör, als alle
+Förmlichkeiten abgetan waren, »ist Ihnen seit Mai 19.., also seit fünf
+Jahren, sechstausend Mark schuldig. Wollen Sie, bitte, erzählen, wie Sie
+den Angeklagten kennenlernten, und wie es kam, daß er das Geld von Ihnen
+borgte!«
+
+»Beides ist schnell getan,« sagte der Hofrat. »Ich lernte Deruga im
+ärztlichen Verein kennen, außerdem hat er mich gelegentlich einer
+kleinen Wucherung in der Nase behandelt. Kollegen empfahlen ihn mir,
+weil er eine besonders leichte Hand habe, was meine eigene Erfahrung
+bestätigt hat. Es handelte sich bei mir allerdings um einen sehr
+einfachen Fall, aber auch darin kann man ja seine Fähigkeiten beweisen.
+Gewisse kleine Originalitäten und Wunderlichkeiten hatte er an sich, zum
+Beispiel erinnere ich mich, daß er mich immer in der Erwartung hielt,
+als käme etwas außerordentlich Schmerzhaftes, was doch gar nicht der
+Fall war. Ich habe sagen hören, daß er nach Belieben, sagen wir nach
+Laune, die Patienten ganz schmerzlos oder sehr grob behandelte. Aber das
+gehört eigentlich nicht hierher, und so weit meine persönliche Erfahrung
+reicht, kann ich ihn als Arzt nur loben. Als ich nun gelegentlich eine
+Bemerkung über die schäbige Ausstattung seines Wartezimmers machte,
+sagte er mir, er habe kein Geld, um sich so einzurichten, wie er möchte,
+worauf ich ihm, einem augenblicklichen Gefühl folgend, so viel anbot,
+wie er brauchte. Ich bin vielleicht kein sehr besonnener Rechner,«
+schaltete der Hofrat mit einem Lächeln ein, »aber in diesem Falle, einem
+Kollegen und tüchtigen Arzt gegenüber, glaubte ich gar nichts zu
+riskieren.«
+
+»Hat der Angeklagte das Geld für eine neue Einrichtung verwendet?«
+fragte der Vorsitzende.
+
+»Darüber kann ich aus eigener Anschauung nichts sagen,« antwortete der
+Hofrat. »Es wurde mir später einmal zugetragen, geschwatzt wird ja viel,
+die Sessel seines Wartezimmers würden immer schäbiger;
+begreiflicherweise habe ich es aber vermieden, ihn aufzusuchen und mich
+darüber zu unterrichten.«
+
+»Wollen Sie sich dazu äußern?« wendete sich der Vorsitzende gegen
+Deruga. »Haben Sie sich für das geliehene Geld Ihr Wartezimmer neu
+eingerichtet?«
+
+»Gehört das hierher?« fragte Deruga. »Ich glaubte immer, man könne sein
+Geld verwenden, wie man wolle, einerlei, ob es geliehen oder gestohlen
+ist.«
+
+»Sie verweigern also die Antwort?«
+
+»Soviel ich mich erinnere,« sagte Deruga mürrisch, »habe ich
+Instrumente, moderne Apparate, einen Operationsstuhl und dergleichen
+dafür gekauft.«
+
+»Sie haben,« setzte der Präsident die Zeugenvernehmung fort, »im Laufe
+der nächsten Jahre den Angeklagten niemals gemahnt?«
+
+»Bewahre,« erwiderte der Hofrat. »Einen Kollegen! Überhaupt würde ich
+das ohne genügende Gründe niemals tun. Ich hatte das Geld eigentlich
+schon verloren gegeben, denn das Gerede ging, als betriebe Deruga seine
+Praxis nur nachlässig und führe ein sehr ungeregeltes Leben. Ich habe
+übrigens, wie ich gleich vorausschicken will, der Wahrheit dieses
+Geredes nicht nachgeforscht und bitte, keine Schlüsse daraus zu ziehen.«
+
+»So gehen wir ohne weiteres zu dem Anlaß über,« sagte =Dr.=
+Zeunemann, »der Sie bewog, das Geld zurückzufordern. Wollen Sie den
+Vorgang im Zusammenhang erzählen!«
+
+»Im September vorigen Jahres,« berichtete der Hofrat, »traf ich mit
+Deruga in dem schon erwähnten ärztlichen Verein zusammen, nachdem ich
+ihn fast ein Jahr lang nicht gesehen und das Geld sozusagen vergessen
+hatte. Er rief mir über den Tisch hinüber in ziemlich formloser Weise
+zu, er wolle eine Patientin, von der er glaube, daß sie ein
+Unterleibsleiden habe, zu mir schicken, ich solle sie untersuchen und
+nötigenfalls behandeln, aber umsonst, zahlen könne sie nicht. Mehr über
+seine Art und Weise als über die Sache selbst verstimmt, erwiderte ich,
+wie ich gern glauben will, ein wenig kühl, ich sei mit Arbeit sehr
+überhäuft, die Kranke könne ja zu dem in Betracht kommenden Kassenarzt
+gehen. Darauf wurde Deruga kreideweiß im Gesicht und überhäufte mich mit
+einem Schwall von Beleidigungen, wie, daß ich es nur auf Geldmacherei
+abgesehen hätte, der Arzt für Kommerzienrätinnen und fürstliche Kokotten
+wäre und dergleichen mehr, was ich nicht wiederholen will. Ich möchte
+bemerken, daß ich glaube, wie ungerecht seine Beschuldigungen auch waren
+und wie unpassend auch die Form war, wie er sie erhob, er machte sie
+=bona fide=. Er hatte die Meinung, ich sei gemütlos und strebte nur
+nach klingendem Erfolg und äußerem Glanz, vielleicht weil ihm infolge
+einer gewissen volkstümlichen oder zigeunerhaften Veranlagung der Sinn
+für geregeltes bürgerliches Leben mit seinen traditionellen Begriffen
+von Anstand und Ehre überhaupt abgeht. In jenem Augenblick vermochte ich
+mich zu dieser objektiven Ansicht nicht zu erheben, sondern, ich gestehe
+es, ich fühlte mich verletzt und im Innersten empört.«
+
+»Beinah wäre der rosa Wachsguß geschmolzen,« flüsterte Deruga dem
+Justizrat zu.
+
+»Ohne mein entrüstetes Gefühl zu zügeln oder es nur zu wollen,
+antwortete ich heftig, er habe am wenigsten Ursache, mir derartige
+Vorwürfe zu machen, da ich ihm bereitwillig ausgeholfen und den Verlust
+nicht nachgetragen hätte. Ich hätte ihn damals für zahlungsfähig
+gehalten, sagte er boshaft, sonst würde ich ihm nichts geborgt haben.
+Allerdings, sagte ich, hätte ich einen Kollegen für so ehrenhaft
+gehalten, daß er seine Schulden bezahlte, und da er mich nun selbst
+herausfordere, solle er es auch tun. Der Streit wurde dann durch mehrere
+Kollegen, die sich ins Mittel legten, geschlichtet. Bevor wir uns
+trennten, sagte ich zu Deruga, er solle das, was ich vorhin in heftiger
+Aufwallung gesagt hätte, nicht so auffassen, als wolle ich ihn drängen.
+Erlauben Sie mir bitte, festzustellen, daß ich der ganzen Sache aus
+freien Stücken niemals in der Öffentlichkeit Erwähnung getan haben
+würde!«
+
+»Darf ich bitten,« sagte Justizrat Fein, sich an den Zeugen wendend,
+»Sie sind nachher mit keinem Wort und mit keiner Andeutung auf die
+Geldangelegenheit zurückgekommen?«
+
+»Nein, durchaus nicht,« antwortete der Hofrat. »Es tat mir im Gegenteil
+leid, daß ich mir in der Erregung die Mahnung hatte entschlüpfen
+lassen.«
+
+»Also«, sagte der Justizrat, »war die Lage für =Dr.= Deruga nicht
+im mindesten verändert, und es liegt kein Grund zu der Behauptung vor,
+er habe sich durchaus Geld verschaffen müssen, um die fällige Schuld zu
+bezahlen.«
+
+»Ich bitte sehr,« rief der Staatsanwalt, »durch den Vorfall im
+ärztlichen Verein war das Schuldverhältnis einer ganzen Reihe von
+Kollegen bekannt geworden; das ist denn doch eine erhebliche Veränderung
+der Lage. So viel Ehrgefühl dürfen wir doch bei einem jeden gebildeten
+Manne voraussetzen, daß ihm das nicht gleichgültig war.«
+
+»Nehmen wir, bitte, =Dr.= Deruga wie er ist, und nicht, wie er nach
+der Meinung anderer sein sollte. Da es ihm nichts ausmachte, dem Hofrat
+von Mäulchen Geld schuldig zu bleiben, für den er augenscheinlich keine
+besondere Vorliebe hatte, lag ihm wahrscheinlich sehr wenig daran, daß
+ein paar andere Kollegen, mit denen er, wie es scheint, ganz gut stand,
+davon wußten. Jedenfalls, wenn er früher so dickfellig in diesem Punkt
+war, wird er nicht plötzlich so empfindlich geworden sein, daß er ein
+Verbrechen beging, um sich aus der Klemme zu ziehen.«
+
+Die gemächliche Grandezza, mit der der Justizrat dastand, die Wucht
+seiner massigen Gestalt und seines großgeformten, ruhigen Gesichtes
+überzeugten noch wirksamer als seine Worte und brachten seinen
+zappeligen Gegner außer Fassung.
+
+»Ja, wenn der Mensch immer so folgerichtig wäre!« sagte er heftig.
+»Dafür, daß Männer lieber Verbrechen begehen, als einen Fleck auf ihrer
+sogenannten bürgerlichen Ehre dulden, finden sich viele Beispiele.«
+
+=Dr.= Zeunemann hob Ruhe gebietend seine Hand.
+
+»Eine verbrecherische Handlung wird dem Angeklagten zunächst noch gar
+nicht zugemutet,« sagte er. »Wenn er seine geschiedene Frau um Geld
+anging, so war das höchstens taktlos, und es ist um so weniger
+auffallend, als wir aus vielen Zeugnissen wissen, daß er diese
+Hilfsquelle öfters in Betracht zog. Halten Sie,« wendete er sich an den
+Hofrat, »die Schuld für ein Motiv, das stark genug gewesen wäre, den
+Angeklagten zu veranlassen, sich auf irgendeine ungewöhnliche oder
+bedenkliche, etwa sogar verbrecherische Weise in den Besitz von Geld zu
+setzen?«
+
+»Ich muß sehr bitten,« wehrte der Hofrat ab, »mir die Antwort zu
+erlassen. Ich schrecke um so mehr davor zurück, ein Urteil darüber zu
+äußern, als ich nicht in der Lage war, mir eines zu bilden. Ich bin mit
+der Psyche Derugas nicht vertraut, könnte mich nur in Phantasien
+ergehen, aber selbstverständlich bin ich eher geneigt, Gutes als
+Schlechtes von einem Kollegen zu denken.«
+
+»Sie waren,« fuhr der Vorsitzende fort, »derjenige Kollege, dem der
+Angeklagte am 1. Oktober zwischen sechs und sieben Uhr in der Nähe des
+Bahnhofs begegnete, und der ihn fragte, ob er in den ärztlichen Verein
+wolle?«
+
+»Jawohl,« sagte der Hofrat. »Ich stellte die Frage, weil ich mich nach
+dem, was kürzlich vorgefallen war, kollegial zu ihm verhalten wollte.
+Seine Antwort, er wolle verreisen, erregte mir keinerlei Zweifel, da wir
+ja in der Nähe des Bahnhofs waren und Deruga ein Paket trug. Dasselbe
+fiel mir auf, weil es größer war, als Herren unserer Gesellschaftskreise
+solche zu tragen pflegen.«
+
+Der Vorsitzende wandte sich an Deruga mit der Frage, ob er zugebe, ein
+Paket getragen zu haben, und was darin gewesen sei.
+
+»Ich erlaubte mir allerdings,« sagte Deruga, »als ein armer Teufel, der
+sich nicht erdreistet, zu den Gesellschaftskreisen des Herrn von
+Mäulchen gehören zu wollen, ein Paket zu tragen. Darin wird Wäsche und
+dergleichen gewesen sein, was man für die Nacht braucht.«
+
+Der Staatsanwalt schnellte von seinem Sitz auf und bat, daß festgestellt
+werde, ob Deruga, als er am 3. Oktober in seine Wohnung zurückkehrte,
+ein Paket bei sich gehabt habe.
+
+»Die Haushälterin wird gleich vernommen werden,« sagte der Vorsitzende.
+»Der Angeklagte antwortete Ihnen, Herr Hofrat, er wolle verreisen, und
+Sie begleiteten ihn bis zum Bahnhof. Können Sie sonst etwas
+Sachdienliches mitteilen?«
+
+»Nein, durchaus nicht,« beteuerte der Hofrat. »Gerüchte und
+Schwätzereien zu wiederholen werden Sie mir erlassen, da dergleichen ja
+mehr oder weniger über jeden Menschen in Umlauf ist und in ernsten
+Fällen nicht in Betracht gezogen werden sollte.«
+
+»Vielleicht könnten Sie doch sagen,« fragte der Vorsitzende, »was für
+einen Ruf =Dr.= Deruga im allgemeinen unter seinen Kollegen genoß?«
+
+»Ich glaube nicht, daß meine diesbezüglichen Mitteilungen einen
+namhaften Wert für Sie hätten,« entschuldigte sich der Hofrat. »Aus
+dem, was ich erzählt habe, läßt sich ja schon mancherlei schließen. Den
+sicheren Boden der Tatsachen möchte ich nicht verlassen.«
+
+ * * * * *
+
+Weinhändler Verzielli, der nächste Zeuge, war ein untersetzter,
+dunkelfarbiger Mann, der den Eid in strammer Haltung, die Augen fest auf
+den Präsidenten gerichtet, die linke Hand auf das Herz gelegt, mit
+lauter Stimme und leidenschaftlichem Ausdruck leistete.
+
+»Sie sind mit dem Angeklagten bekannt, aber nicht verwandt?« fragte
+=Dr.= Zeunemann.
+
+»Befreundet, sehr befreundet,« sagte Verzielli eifrig.
+
+»Aber nicht verwandt?« wiederholte =Dr.= Zeunemann.
+
+»Leider nicht,« sagte Verzielli, »aber sehr befreundet. Ich liebe und
+bewundere ihn.«
+
+»Sie fühlten sich ihm zu Dank verpflichtet,« sagte der Vorsitzende
+freundlich, »weil er durch einen guten Rat und auch durch eine
+Geldsumme, die er Ihnen vorschoß, Ihr Glück begründet hatte?«
+
+»Ach, Rat und Kapital, das ist nicht die Hauptsache,« rief Verzielli
+aus. »Er hat mir den Glauben an die Menschheit wiedergegeben. Er ist
+edel und hilfsbereit.«
+
+»Sie konnten ihm das Geliehene bald zurückgeben,« fuhr der Vorsitzende
+fort, »und haben ihm seitdem Ihrerseits zuweilen Geld geborgt?«
+
+»Das ist ja gar nicht der Rede wert,« sagte Verzielli, Kopf und Hand
+schüttelnd, »wo ich ihm meine ganze Existenz verdanke. Übrigens hat er
+mich nie um Geld gebeten, ich habe es ihm aufgedrängt. Er verstand ja
+nicht mit Geld umzugehen, er war zu gut und zu edel dazu.«
+
+»Hat er Ihnen jemals Geld zurückgezahlt?«
+
+»O ja,« rief Verzielli stolz, »auch in bezug auf das Rückständige fragte
+er mich öfters, ob ich es brauche. Aber wozu hätte ich es brauchen
+sollen? Es war ja ebenso sicher bei ihm wie auf der Bank. Ich sagte ihm
+immer, es sei noch Zeit, wenn er es einmal meinen Kindern wiedergäbe.
+Meine Frau war auch der Meinung, man dürfe ihn nicht drängen.«
+
+»Hat der Angeklagte Sie zuweilen mit Hinblick auf etwaige Schenkungen
+oder eine etwaige Erbschaft von seiten seiner geschiedenen Frau
+vertröstet?«
+
+»Zu vertrösten brauchte er mich nicht,« sagte Verzielli ein wenig
+gereizt. »Aber natürlich hat er zuweilen von seiner geschiedenen Frau
+und seinem verstorbenen Kinde gesprochen. Er hat das arme Kind sehr
+geliebt. Meine Frau und ich haben oft geweint, wenn er davon sprach.«
+
+Er zog bei diesen Worten ein großes, buntes Taschentuch hervor und fuhr
+sich damit über Stirn und Augen, sei es um sich Tränen oder Schweiß
+damit zu trocknen.
+
+»Ich bitte Sie,« sagte =Dr.= Zeunemann freundlich, »genau auf meine
+Fragen zu achten und sie kurz und deutlich zu beantworten. Hat der
+Angeklagte Ihnen zuweilen von einer Aussicht gesprochen, Geld von seiner
+geschiedenen Frau zu erhalten, sei es bei ihren Lebzeiten oder nach
+ihrem Tode?«
+
+»Ich glaube,« sagte Verzielli, sein Taschentuch quetschend, »er sagte
+gelegentlich einmal, seine geschiedene Frau sei reich, und er sei
+überzeugt, sie würde ihm geben, was er brauchte, wenn er sie darum
+bäte.«
+
+»Erinnern Sie sich, wann er Ihnen das gesagt hat?«
+
+»Ich glaube,« sagte Verzielli, »daß es in der letzten Zeit nicht gewesen
+ist.«
+
+»Wir kommen jetzt,« sagte der Vorsitzende, nach einem leichten Räuspern
+die Stimme hebend, »zu einem sehr wichtigen Punkt, und ich fordere Sie
+auf, Herr Verzielli, Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Gedächtnis energisch
+zusammenzufassen. Denken Sie vor allen Dingen nicht daran, welche Folgen
+Ihre Aussagen für den Angeklagten haben könnten, sondern nur daran, daß
+Sie einen Eid geschworen haben, die Wahrheit zu sagen!«
+
+Verzielli richtete sich stramm auf, blickte dem Vorsitzenden fest ins
+Auge und umfaßte krampfhaft sein Taschentuch.
+
+»Erzählen Sie uns genau mit allen Einzelheiten, wie es sich begab, daß
+Sie von dem Gerücht, =Dr.= Deruga habe seine Frau ermordet,
+erfuhren, und daß Sie ihn davon in Kenntnis setzten!«
+
+Verzielli schwieg und starrte angelegentlich in einen Winkel,
+augenscheinlich bemüht, seine Gedanken zu sammeln.
+
+»Ich will Ihnen zu Hilfe kommen,« sagte =Dr.= Zeunemann
+nachsichtig. »Am Abend des 25. November kam Cavaliere Faramengo, der
+italienische Konsul, in Ihr Restaurant, um ein Glas Wein zu trinken, wie
+er zuweilen tat. Er fragte Sie nach dem Angeklagten aus, und Sie
+erfuhren von ihm, daß von München aus Erkundigungen über ihn eingezogen
+wären, und daß er im Verdacht stehe, seine geschiedene Frau, die Anfang
+Oktober gestorben war und ihn zum Erben ihres Vermögens eingesetzt
+hatte, ermordet zu haben. Außer sich vor Entrüstung liefen Sie sofort zu
+dem Angeklagten, erzählten ihm alles und sagten, wenn Sie nur wüßten,
+wer der Verleumder wäre, Sie würden ihn töten. Der Angeklagte sagte
+lachend: 'Dummkopf, ich habe es ja getan.' Das ist, was der
+Untersuchungsrichter nicht ohne Mühe aus Ihnen herausgebracht hat.
+Bestätigen Sie es jetzt vor dem versammelten Gericht und vor den
+Geschworenen?«
+
+»Es ist wahr, daß =Dr.= Deruga sagte: 'Dummkopf, ich habe es ja
+getan,' aber er hatte nur insofern recht, als er mich einen Dummkopf
+nannte, denn er meinte ...«
+
+»Bleiben Sie bei der Sache!« sagte =Dr.= Zeunemann. »Was
+antworteten Sie darauf?«
+
+»Ich sagte, das wäre nicht möglich, und davon war ich auch überzeugt,
+daß es unmöglich wäre; aber in dem Zustand von Aufgeregtheit, in dem ich
+mich befand, bat ich ihn, augenblicklich nach Amerika zu fliehen, und
+bot ihm mein ganzes Vermögen an, damit er sich dort weiter helfen
+könnte.«
+
+»Guter Mann,« sagte plötzlich Deruga laut.
+
+Verzielli, der es bisher vermieden hatte, nach der Anklagebank
+hinüberzusehen, wandte jetzt den Kopf herum und warf Deruga einen
+verzweifelten Blick zu.
+
+Auch =Dr.= Zeunemann sah ihn an. »Wie erklären Sie es,« sagte er,
+»daß Sie im ersten Augenblick der Überraschung Verzielli gegenüber die
+Tat zugaben?«
+
+»Ich wollte sehen, was für ein Gesicht er machte,« sagte Deruga
+leichthin, »das ist alles.«
+
+»Ja, natürlich,« fiel Verzielli rasch ein. »So war er. Das ist ganz er.
+O Gott, er hatte recht, mich einen Dummkopf zu nennen. Ja, ein Esel, ein
+verwünschter Tölpel war ich, es nicht sofort klar zu durchschauen.«
+
+»Bei der Sache bleiben,« unterbrach =Dr.= Zeunemann. »Die Stimmung
+des Angeklagten schlug unvermittelt um, er geriet in Wut und wollte
+sofort zum italienischen Konsul laufen, um zu erfahren, wer ihn
+verleumdet hätte. 'Sie haben es also nicht getan,' riefen Sie und
+beschworen den Angeklagten, keinen übereilten Schritt zu tun und mit dem
+Besuch beim Konsul bis zum folgenden Morgen zu warten. Fürchteten Sie
+vielleicht, er würde sich in seiner Wut am Konsul vergreifen?«
+
+»Gott bewahre!« rief Verzielli entrüstet. »Der Konsul sollte nur nicht
+erfahren, daß ich Deruga alles ausgeplaudert hatte. Auch fürchtete ich,
+daß =Dr.= Deruga in seinem gerechten Zorne sich allzu heftig äußern
+und dadurch den Konsul gegen sich einnehmen würde. Kurz, ich war ein
+Dummkopf und war maßlos aufgeregt. Ich wußte nicht, was ich sagte und
+was ich tat.«
+
+Der Staatsanwalt war im Laufe des Verhörs aufgestanden und begleitete
+die Antworten des Italieners mit unwillkürlichen Gebärden und hier und
+da mit einem höhnischen Lachen oder entrüsteten Ausruf.
+
+»In Ihrer Aufgeregtheit,« sagte er jetzt, sich vorbeugend, »hatten Sie
+jedenfalls den Eindruck, daß der Angeklagte im Ernst sprach, als er
+sagte: 'Ich habe es ja getan.' Sonst hätten Sie hernach nicht
+ausgerufen: 'Sie haben es also nicht getan!'«
+
+Verzielli warf einen zornigen und verächtlichen Blick auf den Sprecher
+und sagte entschlossen: »Was ich auch gesagt und gedacht habe, ich war
+im Unrecht, und der Doktor war im Recht, und wenn er seine Frau getötet
+hätte, was er aber nicht getan hat, so hätte er auch recht gehabt.«
+
+Eine Bewegung, mit Gelächter vermischt, ging durch den Saal.
+
+»Eigentümliche Auffassung,« sagte der Staatsanwalt, beide Arme in die
+Seite stemmend.
+
+»Ich denke,« nahm der Vorsitzende das Wort, als es wieder still
+geworden war, »wir lassen die Auffassungen beiseite und halten uns an
+Tatsachen. Wünscht einer der Herren Kollegen oder der Herren
+Geschworenen noch eine Frage an den Zeugen zu stellen? Nein? So können
+wir zu Fräulein Klinkhart, der Haushälterin oder Empfangsdame des
+Angeklagten, übergehen.«
+
+ * * * * *
+
+Ein Fräulein von etwa fünfunddreißig Jahren trat vor, einfach, aber gut
+gekleidet, schwarzhaarig, mit gerader Nase und ruhigen, braunen Augen.
+Sie kam mit raschen, sicheren Schritten und sah sich um, als suche sie,
+wo es etwas für sie zu tun gäbe; als ihr Blick dabei auf Deruga fiel,
+nickte sie ihm freundlich und ermunternd zu. Den Eid leistete sie frisch
+und freudig; sie schien zu denken, nun habe sie den Faden in der Hand
+und werde den Wust schon entwirren.
+
+Das Verhör begann folgendermaßen:
+
+»Wie lange sind Sie in Stellung bei dem Angeklagten?«
+
+»Zehn Jahre.« Ich kenne ihn also etwas besser als Sie alle, meine
+Herren, lag in diesen Worten.
+
+»Worin besteht Ihre Beschäftigung?«
+
+»Ich führe das Haus; koche das Essen, mache die Zimmer, empfange die
+Patienten, schreibe die Rechnungen und so weiter.«
+
+»Das ist sehr viel. Standen oder stehen Sie in freundschaftlichen, ich
+wollte sagen, in mehr als freundschaftlichen Beziehungen zu dem
+Angeklagten?« Sie runzelte die Brauen und schien eine rasche Antwort
+geben zu wollen, besann sich aber und sagte kurz: »Nein.«
+
+»Wieviel Lohn erhielten Sie?«
+
+»Achtzig Kronen.«
+
+»Hatten Sie Nebeneinkünfte?«
+
+»Nein.«
+
+»Die Stelle muß offenbar ideelle Annehmlichkeiten haben. Sie waren
+vermutlich sehr selbständig? Der Doktor behandelte Sie gut?«
+
+»Er mich und ich ihn. Wir passen gut zusammen. Übrigens ist es leicht,
+mit =Dr.= Deruga gut auszukommen, wer es nicht tut, trägt selbst
+die Schuld.«
+
+»Gut. Erinnern Sie sich an den 1. Oktober des vorigen Jahres? Der
+Angeklagte verließ die Wohnung etwa um sechs Uhr. Sagte er Ihnen, wohin
+er ginge, und wann er wiederkomme?«
+
+»=Dr.= Deruga sagte, er käme vielleicht nachts nicht nach Hause und
+wisse auch noch nicht, ob er am folgenden Tage zur Sprechstunde wieder
+da sein würde. Wenn Patienten kämen, sollte ich sie vertrösten.«
+
+»Glaubten Sie, daß er verreise?«
+
+»Ich glaubte gar nichts -- weil es mich nichts anging. Ich pflegte nie zu
+fragen, wohin er ginge, nur neckte ich ihn zuweilen, weil ich wußte, daß
+ihm die Frauenzimmer nachliefen. Vielleicht habe ich das auch an jenem
+Abend getan.«
+
+»Was hatte der Angeklagte bei sich, als er fortging?«
+
+»Ein Paket.«
+
+»Wissen Sie, was der Inhalt des Paketes war?«
+
+»Nein.«
+
+»Sie wissen es nicht, aber Sie ahnten es doch vielleicht. Haben Sie ihn
+etwas einwickeln sehen? Hat er in Schränken oder Kommoden gekramt?«
+
+»Ja, ich sah, daß er etwas suchte, und fragte ihn, was es sei. Da sagte
+er ärgerlich: 'Wo, zum Teufel, haben Sie den alten Faschingströdel
+versteckt?' Ich sagte, es sei alles in der Truhe auf dem Vorplatz, was
+überhaupt noch vorhanden sei. Er hatte nämlich verschiedenes verliehen
+oder verschenkt.«
+
+»Was verstehen Sie unter altem Faschingströdel?«
+
+»Kostüme, die er früher beim Fasching getragen hatte. In den letzten
+Jahren hatte er nichts mehr mitgemacht.«
+
+»Was für Kostüme waren das?«
+
+»O, das kann ich so genau nicht sagen, was sie bedeuteten. Bauernkleider
+und ein Bajazzo und ein Mönch, glaub' ich. Ich kenne mich nicht aus
+damit.«
+
+»Vermutlich boten Sie ihm Ihre Hilfe an?«
+
+»Ja, aber er sagte: 'Gehen Sie zum Teufel!' Das war nicht böse gemeint,
+es war so eine Redensart von ihm. Mir war es ganz recht, denn es war
+nach Tisch und ich hatte in der Küche zu tun.«
+
+Inzwischen war der Staatsanwalt aufgestanden, gestikulierte mit seinen
+langen Armen und machte Grimassen. »Mein liebes Fräulein,« sagte er,
+»hatte der Angeklagte keine Reisetasche?«
+
+»Ja, wenn er verreiste, nahm er eine Reisetasche,« sagte Fräulein
+Klinkhart.
+
+»Nun, mein liebes Fräulein,« fuhr der Staatsanwalt mit süßlicher
+Liebenswürdigkeit fort, »sollten Sie als Dame und als Haushälterin,
+teils aus Neugier und teils aus Ordnungsliebe, nachdem Ihr Brotherr fort
+war, nicht nachgesehen haben, was er mitgenommen hatte? Wenn ich mich in
+Ihre Lage versetze, so scheint mir, Sie mußten sich Gewißheit zu
+schaffen versuchen, wie lange Ihr Brotherr fortbleiben würde. Aus dem,
+was er mitgenommen hatte, ließ sich doch manches schließen.«
+
+Fräulein Klinkhart faltete finster die Brauen und warf einen Blick
+unverhohlener Abneigung auf den Staatsanwalt. »Ich sah,« antwortete sie,
+»daß in der Truhe alles durcheinandergeworfen war, und machte wieder
+Ordnung. Ob etwas fehlte, weiß ich nicht, ich habe nicht darauf
+geachtet. Ein Nachthemd hatte er, wie mir schien, nicht mitgenommen.«
+
+»Sehen Sie, sehen Sie,« rief der Staatsanwalt triumphierend und mit dem
+langen Zeigefinger auf sie deutend, »dahin wollte ich Sie bringen! Also
+ein Nachthemd hatte er nicht mitgenommen?«
+
+»Nun, und?« sagte Fräulein Klinkhart finster, »wenn er doch gar nicht
+verreiste!«
+
+»Sehr wohl, mein liebes Fräulein,« sagte der Staatsanwalt mit entzücktem
+Lächeln, »wenn nun aber kein Nachtkleid in dem Paket war, was war Ihrer
+Meinung nach dann darin?« Fräulein Klinkhart zuckte ärgerlich und
+ungeduldig die Achseln und sagte: »Wahrscheinlich war irgendein
+Kostümstück zum Verkleiden darin, das er jemandem leihen wollte.«
+
+»Wollen Sie uns das Rätsel lösen?« wandte sich der Vorsitzende an
+Deruga.
+
+»Es war ein Kimono darin,« sagte Deruga, »den mir einmal ein Patient aus
+China mitgebracht hatte, und den ich der Dame, die ich besuchte, leihen
+wollte.«
+
+»Sie sagten ja vorhin, es wäre Wäsche darin gewesen,« sagte =Dr.=
+Zeunemann, den Arm auf die Lehne seines Sessels stemmend und sich nach
+dem Angeklagten herumwendend.
+
+»Ja, können Sie sich nicht denken, daß ich das Breittreten der albernen
+Kleinigkeiten satt habe?« erwiderte dieser mit einem so wütenden
+Ausdruck, daß der Fragende unwillkürlich zurückfuhr. »Ich habe gesagt,
+was mir gerade einfiel, und nächstens werde ich überhaupt nichts mehr
+sagen. Es war ein Kimono, ein Nachthemd, eine Zahnbürste, ein Revolver
+und eine Flasche Gift darin. Das ganze Paket wächst mir zum Halse
+heraus.«
+
+=Dr.= Zeunemann wartete eine Weile und sagte dann ruhig: »Ich frage
+Sie nicht aus, weil es mir Vergnügen macht, sondern weil es meine
+Pflicht ist. Ich hoffe, Sie sehen das ein und entscheiden sich, was Sie
+endgültig als den Inhalt des Pakets angeben wollen.«
+
+Derugas Züge glätteten sich. »Wahrhaftig,« sagte er mit einem
+liebenswürdigen Lächeln, »ich bin ein grober Kerl, entschuldigen Sie
+mich. Es war also ein Kimono in dem verwünschten Paket.«
+
+»Den Sie der bewußten Dame leihen wollten,« fügte =Dr.= Zeunemann
+hinzu.
+
+»Der Fasching beginnt meines Wissens erst im Januar,« bemerkte der
+Staatsanwalt.
+
+Deruga lachte. »Die Dame machte entweder ihre Vorbereitungen sehr früh
+oder sie brauchte ihn für einen anderen Anlaß. Ich werde sie
+gelegentlich fragen und es Ihnen dann mitteilen.«
+
+Der Staatsanwalt bebte vor Ärger, um so mehr als er auf dem Gesicht des
+Justizrats und auf dem des Vorsitzenden ein belustigtes Lächeln sah, das
+der letztere aber schnell unterdrückte. »Gehen wir nun,« sagte er, »zu
+der Rückkehr des Angeklagten am 3. Oktober über. Was ging dabei vor?
+Besinnen Sie sich noch, Fräulein Klinkhart, was =Dr.= Deruga
+sagte?«
+
+»O ja,« antwortete sie. »Ich sagte: 'Gut, daß Sie kommen, Doktor. Es
+warten einige Patienten über zwei Stunden auf Sie.' Der Doktor sagte:
+'Desto schlimmer für sie, ich bin sehr müde und will mich sofort zu
+Bett legen.' Ich fragte, ob er nicht wenigstens einen Augenblick selbst
+mit ihnen sprechen und sie wieder bestellen wollte. Da machte er eine
+abwehrende Bewegung mit der Hand und sagte: 'Ich kann nicht,' und da
+wußte ich, daß ich nicht weiter in ihn dringen dürfte.«
+
+»Fiel Ihnen denn dieses Benehmen nicht auf?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Durchaus nicht,« sagte Fräulein Klinkhart. »Er leidet an Migräne, und
+wenn ein Anfall kommt, hat er solche Kopfschmerzen, daß ihm alles
+einerlei ist. Er legt sich dann hin, und ich muß ihn in Ruhe lassen.
+Gewöhnlich ist es am anderen Morgen vorbei. Er sah auch so fahl aus, wie
+er immer tut, wenn er die Migräne hat.«
+
+»Er ging also in sein Schlafzimmer, und Sie haben ihn bis zum folgenden
+Morgen nicht gesehen? Hatte er das Paket bei sich, das er mitgenommen
+hatte?«
+
+»Darauf habe ich nicht geachtet.«
+
+»Ich erinnere Sie, Fräulein Klinkhart,« sagte =Dr.= Zeunemann
+streng, »daß Sie unter Eid aussagen. Es ist glaublich, daß Sie im
+ersten Augenblick nicht an das Paket dachten; aber da Sie am anderen
+Tage das Zimmer aufräumten, wird es Ihnen doch eingefallen sein?«
+
+»Das denken Sie, Herr Präsident,« sagte Fräulein Klinkhart mit einem
+lebhafteren Feuer ihrer stillen, braunen Augen, »weil Sie einen Argwohn
+haben und sich womöglich einbilden, es wäre irgendein Mordinstrument in
+dem Paket gewesen. Ich war aber unbefangen, und deshalb fand ich das
+Paket gar nicht wichtig, was es auch gewiß nicht war. Aber wenn ein
+Kostüm darin gewesen war, das er jemandem geliehen hatte, so konnte er
+es ja auch gar nicht wieder mitbringen.«
+
+»Ja, wenn,« sagte =Dr.= Zeunemann, »das stimmt. Besaß denn der
+Angeklagte einen chinesischen Kimono?«
+
+»Chinesisches Zeug habe ich einmal gesehen,« sagte Fräulein Klinkhart.
+»Nebenbei kenne ich aber nicht alles, was der Doktor besitzt. Ich bin
+kein Spion.«
+
+=Dr.= Zeunemann blätterte eine Weile in den Akten und fragte dann:
+»Hat der Angeklagte Ihnen sofort Mitteilung davon gemacht, als er die
+Nachricht von der Erbschaft bekam, die ihm zugefallen war?«
+
+»Ja, er rief mich herein,« erzählte Fräulein Klinkhart, »denn ich war
+gerade in der Küche, und er war sehr erregt und machte allerlei
+Zukunftspläne und fragte mich, was ich mir wünschte, aber etwas Schönes
+und Kostbares sollte es sein. Ich sagte, ich hätte nur einen einzigen
+Wunsch, nämlich ein paar Brillantohrringe. Die versprach er mir, aber er
+neckte mich damit, wie es so seine Art war. Wir haben sehr gelacht.«
+
+»Er freute sich also sehr?«
+
+»Gewiß,« sagte Fräulein Klinkhart ruhig, »er war geradezu toll vor
+Freude. Er litt immer unter der Beschränktheit seiner Mittel und liebte
+es, sich auszumalen, daß er reich wäre. Er war wie ein Kind, wenn er in
+solchen Vorstellungen schwelgte. Aber oft sagte er schon eine Stunde
+nachher, daß er den ganzen Bettel verachte.«
+
+Zum Beschluß wurden noch ein Schneider und ein Friseur vernommen,
+welchen Deruga größere Beträge schuldig war. Die Eleganz des Schneiders
+war nicht einschmeichelnd wie die des Hofrats von Mäulchen, sondern
+vernichtend, und zwar zermalmte sie weniger die ganz armen Teufel, für
+welche sie überhaupt nicht in Betracht kam, als diejenigen, die zwar
+Geld hatten, aber nicht genug, oder nicht Geschmack und Erziehung genug,
+um sich ihm oder einem ihm ebenbürtigen Kleiderkünstler anzuvertrauen.
+Er sagte aus, er habe sehr bald Mißtrauen geschöpft, weil er =Dr.=
+Deruga nicht für einen wahrhaft feinen Gentleman hätte halten können.
+Er, der Schneider, habe nur hochfeine Kundschaft und sei deshalb in
+diesem Punkte nicht leicht zu täuschen. Deruga sei viel zu kordial im
+Verkehr mit seinen Angestellten gewesen und habe zuweilen mit ihm, dem
+Schneider, Späße gemacht, die er in Gegenwart seiner Angestellten, des
+Respekts wegen, nicht gerne angehört hätte. Seine diesbezüglichen
+Andeutungen habe Deruga nicht verstanden. Er habe Deruga daher auch
+halbjährliche Rechnungen geschickt, während er den feinen Kunden nur
+jährliche schickte. Deruga sei ihm seit zweieinhalb Jahren eintausend
+Mark schuldig, das sei nicht viel, und er würde einem feinen Kunden
+gegenüber kein Aufheben davon machen; es könne ihm aber natürlich nicht
+gleichgültig sein, wenn es sich um einen Mann mit zweifelhaftem
+Charakter handle.
+
+Auf die Frage, ob Deruga ihm gegenüber von einer zu erwartenden
+Erbschaft oder sonst von Geldquellen gesprochen hätte, die ihm zur
+Verfügung ständen, sagte der Schneider mit vornehmer Zurückhaltung,
+Deruga habe sehr viel geschwatzt, es könnten auch derartige Worte
+gefallen sein; er befolge aber seit Jahren den Grundsatz, die privaten
+Mitteilungen, die seine Kunden ihm machten, weder zu wiederholen noch zu
+behalten, und sei deshalb gar nicht mehr imstande, sie sich zu merken.
+Vollends wären ihm die Redereien Derugas viel zu belanglos vorgekommen,
+als daß er sein Gedächtnis damit belastet hätte.
+
+Der Friseur betonte mit Feuer, daß Deruga ohne Zweifel die ihm
+ausstehende Schuld bezahlt haben würde, wenn er ihn jemals gemahnt
+hätte. Deruga sei ihm aber viel zu teuer gewesen, ein Mann nach seinem
+Herzen, genial und edel, den zu bedienen er sich immer zur Ehre
+angerechnet habe. Sein Auge dringe den Menschen bis ins Innerste, er
+lasse sich nie durch Scheingrößen blenden, und das Geringste mißachte er
+nicht. »Und wenn er mir nie einen Pfennig bezahlte, meine Herren,« rief
+der Friseur mit Schwung aus, »ich würde ihm stets meine ganze Kraft
+weihen und nie aufhören zu sagen, das ist ein großer Mann.«
+
+»War Deruga bei Ihnen,« fragte der Vorsitzende, »nachdem er von der
+Erbschaft in Kenntnis gesetzt worden war?«
+
+»Ich darf mir schmeicheln, der erste gewesen zu sein,« sagte der
+Friseur, »dem der Herr Doktor sein Herz über dieses Ereignis
+ausschüttete. 'Nun werde ich dich königlich belohnen,' sagte er zu mir,
+'denn du verdienst es sowohl wegen deiner Kunst wie wegen deiner
+anständigen Gesinnung.' Herr Doktor pflegte mir nämlich zuweilen, wenn
+er stark in Stimmung war, das trauliche Du zu geben. Ich erwiderte, mit
+der Bezahlung solle er es halten, wie er wolle, nur seine Kundschaft
+solle er mir nicht entziehen. 'Da kennst du Deruga schlecht!' rief er
+aus, 'meinst du, ich unterschätze dein Kabinett, weil es in einem
+Seitengäßchen liegt und keine goldenen Spiegel und von denkenden
+Künstlern entworfene Stühle darin sind? Und wenn ich Kaiser von China
+würde, auf diesem schäbigen, aber bequemen Sessel, von deiner
+Meisterhand würde ich mich rasieren lassen. Ich hasse und verabscheue
+das Geld, und wenn ich es nicht brauchte, um das Ungeziefer, Menschen
+genannt, mir vom Leibe zu halten, würfe ich die ganze Erbschaft in den
+nächsten Straßengraben.'«
+
+Der Staatsanwalt schüttelte mit verzweifeltem Hohnlachen den Kopf.
+=Quousque tandem?= stand auf seinem Gesicht geschrieben; schreit
+sein Lästern noch nicht genug zum Himmel?
+
+»Kam der Angeklagte täglich zu Ihnen?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Ich darf wohl sagen, im allgemeinen täglich,« erwiderte der Friseur.
+»Sowohl ich selbst wie meine Kunden vermißten ihn aufs schmerzlichste,
+wenn er einmal ausblieb.«
+
+»Erinnern Sie sich, ob er am 2. und 3. Oktober des vorigen Jahres
+ausblieb?«
+
+»Ich erinnere mich,« sagte der Friseur, »daß ich ihn im Spätsommer oder
+Herbst einmal ein paar Tage lang nicht sah. Das Datum habe ich mir aber
+nicht gemerkt.«
+
+»Sie erinnern sich auch nicht, was er, als er wiederkam, als Grund
+seines Ausbleibens angab? Wie Sie mit ihm standen,« setzte =Dr.=
+Zeunemann in etwas strengerem Ton hinzu, »ist anzunehmen, daß Sie ihn
+danach fragten?«
+
+»Ich erinnere mich allerdings,« erwiderte der Gefragte, »daß ich es
+unterließ ihn zu fragen, weil er schweigsam und in sich gekehrt war. Ich
+bin nach meinem Beruf nur Friseur,« setzte er mit Hoheit hinzu, »aber
+mir ist so viel Takt angeboren, daß das Vertrauen eines edlen Menschen
+mich nicht zudringlich macht, und daß ich fühle, wann Heiterkeit und
+wann Ernst am Platze ist. Gerade den Herrn Doktor habe ich nie
+ausgehorcht und zum Reden anzustacheln versucht, wenn er in sich
+versunken oder umwölkten Mutes zu sein schien.«
+
+»Was für Vermutungen,« fragte der Vorsitzende weiter, »hatten Sie denn
+bei sich über das Ausbleiben des Angeklagten und über seine ungewöhnlich
+ernste Stimmung?«
+
+»Gar keine,« sagte der Friseur, milde Mißbilligung und Belehrung im Ton,
+»ich erlaubte mir gar keine.«
+
+=Dr.= Zeunemann gab es auf und wollte den Zeugen eben entlassen,
+als der Staatsanwalt noch eine Frage an ihn richten zu wollen erklärte.
+
+»Hat der Angeklagte im Spätsommer des vorigen Jahres oder noch früher
+eine Perücke oder einen falschen Bart oder beides bei Ihnen gekauft oder
+geliehen?«
+
+»Ich bedaure,« sagte der Friseur mit höflich schadenfrohem Lächeln,
+»aber dergleichen Artikel führe ich nicht. In einem kleinen,
+bescheidenen, abgelegenen Geschäft, wie das meinige ist, lohnt sich das
+nicht aus.«
+
+Es war schon eine vorgerückte Abendstunde, und der Vorsitzende hob die
+Sitzung auf. Als der Justizrat die Hand auf die Schulter Derugas legte,
+der mit aufgestütztem Kopfe dasaß, fuhr dieser herum und sah den anderen
+mit blinzelnden Augen unsicher an.
+
+»Ich glaube, weiß Gott, Sie haben geschlafen?« fragte der Justizrat
+zwischen Staunen und Entrüstung. »Ich glaube auch,« sagte Deruga; »das
+letzte, was ich sah, war der Kerl, der Schneider. Der ekelte und
+langweilte mich so, daß ich die Augen zumachte, und da war ich sofort
+weg. Ich habe mir das in meiner Universitätszeit angewöhnt, wo ich oft
+sehr müde war. Ich konnte stundenlang während der Vorlesungen schlafen,
+ohne daß es jemand merkte, ausgenommen mein Freund Carlo Gabussi, der
+neben mir saß. O traurige Jugend und süße Erinnerung!«
+
+
+
+
+=II.=
+
+
+Die Sitzung des nächsten Tages eröffnete =Dr.= Zeunemann mit der
+Erklärung, eine Zeugin, die aus Ragusa gekommen sei, habe gebeten,
+sofort vernommen zu werden, damit sie möglichst bald zu ihrer Familie
+zurückreisen könne. Er habe um so weniger Anstoß genommen, ihrer Bitte
+zu willfahren, als er sie nicht für wichtig halte und sie nur auf
+Ansuchen des Verteidigers zulasse. Immerhin werde man von ihr
+Aufschlüsse über die Beziehungen des Angeklagten zu seiner geschiedenen
+Frau während der ersten Zeit seiner Ehe erhalten.
+
+Auf seinen Wink trat eine mittelgroße Dame ein, die mit einer
+ziegelroten Schabracke behängt war und auf ihrem brandroten, in vielen
+Tollen und Puffen aufgesteckten Haar einen großen, von einem Niagarafall
+weißer und blauer Straußenfedern überstürzten Hut trug. Sie trat ein
+paar Schritte vorwärts, blieb dann stehen und sah mit suchenden Blicken
+um sich, ein erwartungsvolles Lächeln auf den Lippen. Augenscheinlich
+hatte sie sich den Platz des Angeklagten beschreiben lassen, denn dort
+blieb der Blick hängen, ohne zunächst durch das Ergebnis seiner
+Forschung befriedigt zu werden.
+
+Plötzlich indessen stieß sie einen Schrei aus, rief mit kreischender
+Stimme: »Dodo!« und lief mit ausgestreckten Armen auf Deruga zu. Sie
+hatte ihn jedoch nicht erreicht, als der Gerichtsdiener, der sie
+hereingeführt hatte, ihrer habhaft wurde und sie vor den kleinen Tisch
+im Angesicht der versammelten Richter stellte, wo sie den Eid zu leisten
+hatte.
+
+»Entschuldigen Sie,« sagte sie schluchzend, indem sie ihr Taschentuch
+hervorzog, »aber das war zu viel für mich. Dies Wiedersehen nach so viel
+Jahren! Die Veränderung! Und im Grunde doch dasselbe liebe, närrische
+Gesicht! Wenn Sie mir eine Pfanne mit glühenden Kohlen herstellen, Herr
+Präsident, so schwöre ich Ihnen, ich halte die Hand hinein, um seine
+Unschuld zu beweisen!«
+
+»Die Sache ist leider nicht so einfach,« sagte =Dr.= Zeunemann mit
+wohlwollender Überlegenheit. »Hingegen können Sie uns unsere Arbeit sehr
+erleichtern und dem Angeklagten nützen, wenn Sie, was Sie zu sagen
+haben, kurz, klar und folgerichtig sagen. Sie heißen Rosine Schmid
+geborene Vogelfrei, sind Hauptmannsgattin und vierundvierzig Jahre alt?«
+
+»Jawohl,« sagte die Dame, »ich gehöre nicht zu denjenigen Frauen, die
+sich ihres Alters schämen. Übrigens tun die Männer auch, was sie können,
+um jung zu erscheinen, besonders beim Militär, und würden es noch mehr
+tun, wenn so viel für sie davon abhinge wie für uns Frauen.«
+
+»Frau Hauptmann,« sagte der Vorsitzende, »Sie kennen den Angeklagten
+Sigismondo Enea Deruga, sind aber nicht mit ihm verwandt. Wollen Sie so
+gut sein und mit Vermeidung alles Überflüssigen erzählen, wann und unter
+welchen Umständen Sie ihn kennenlernten?«
+
+»Mit Vergnügen will ich das,« sagte Frau Hauptmann Schmid lebhaft.
+»Alles will ich sagen, was ich weiß, denn dazu bin ich ja hergekommen.
+Und wenn ich ans Ende der Welt reisen müßte, sagte ich zu meinem Mann,
+ich täte es, um dem Dodo aus der Patsche zu helfen. Das hat er um mich
+verdient, so lieb und gut wie er immer war. Und getan hat er es auch
+nicht, denn wenn er auch etwas toll und originell war, der Topf voll
+Mäuse, gemordet hat er sicherlich keinen Christenmenschen und am
+wenigsten die gute Seele, seine Frau.«
+
+»Wie kommt es, daß Sie den Angeklagten einen Topf voll Mäuse nennen?«
+fragte =Dr.= Zeunemann.
+
+»So nennt man doch,« erklärte Frau Schmid, »die Figur, die bei den
+Feuerwerken gewöhnlich zuletzt kommt, wo es so kracht und prasselt, daß
+man glaubt, einen feuerspeienden Berg vor sich zu haben. Es war eine Art
+Kosenamen, den seine Frau ihm gegeben hatte, weil er zuweilen Anfälle
+von Wut bekam, wo er Rauch und Feuer spuckte, so daß sie sich vor ihm
+fürchtete.«
+
+»Sonderbarer Kosename,« meinte der Vorsitzende.
+
+»Ach, Herr Präsident,« sagte die Frau Hauptmann lachend, »er meinte es
+ja im Grunde nicht böse, so wenig wie ein Topf voll Mäuse gefährlich
+ist. Darum paßte der Name gerade so gut, und wir nannten ihn alle so,
+obgleich es sich für mich, so ein junges Mädchen wie ich war, kaum recht
+schickte.«
+
+»Ich bitte zu beachten,« sagte der Staatsanwalt, »daß nach Aussage der
+Zeugin die damalige Frau Deruga sich vor ihrem Mann fürchtete.«
+
+Frau Hauptmann Schmid drehte sich schnell nach dem Sprecher herum und
+sagte, während ihr das Blut ins Gesicht stieg: »Wenn Sie glauben, Sie
+hätten damit einen Vorteil über den Herrn Doktor gewonnen, daß ich
+gesagt habe, er sei aufbrausend, so sind Sie gewaltig im Irrtum. Die
+Aufbrausenden sind die Schlimmsten nicht, und das sagt ja auch das
+Sprichwort: Hunde, die bellen, beißen nicht. Ich habe oft zu meinem
+Manne gesagt: 'Meinetwegen möchtest du schimpfen und fluchen, ja, sogar
+in Gottes Namen zuschlagen, nur das Maulen und Scheelblicken, das
+Brummen und Nachtragen, das ist mir zuwider, und ich glaube, daß einer,
+dem es nie überläuft, das Herz nicht auf dem rechten Flecke hat.'«
+
+Der Vorsitzende machte eine abschließende Handbewegung und sagte: »Ihre
+Mitteilungen, Frau Hauptmann, sind uns sehr wertvoll. Vielleicht
+erzählen Sie uns zunächst, auf welche Weise Sie die Bekanntschaft des
+Angeklagten machten!«
+
+»Sehr gern, sehr gern,« sagte Frau Hauptmann, »ich habe auf der langen
+Reise immer an jene Zeit gedacht, darum ist mir alles gegenwärtig,
+obschon es jetzt zweiundzwanzig Jahre her sind. Ja, zweiundzwanzig Jahre
+ist es her, und einundzwanzig Jahre war ich damals alt. Die Großmutter
+hatte gerade viel Geld bei der Lotterie verloren. Denn, obwohl sie sich
+einbildete, ein Muster von Vernunft zu sein, konnte sie doch nicht
+leben, ohne zu spielen. Und wenn sie sich das Geld hätte zusammenbetteln
+müssen, gespielt mußte werden. Weil nun der Großvater ärgerlich war, was
+er zwar nicht aussprach, denn das traute er sich nicht, aber er machte
+ein langes Gesicht und manchmal eine spöttische Bemerkung, wollte die
+Großmutter es wieder einbringen und richtete das alte Lusthäuschen am
+Gartenzaun zum Vermieten ein, und es wurde eine Anzeige für die Zeitung
+gemacht. Ich weiß noch wie heute, wie wir abends spät um den Tisch unter
+der Lampe saßen und uns abrackerten, um die Sache in richtiges Deutsch
+zu bringen. Denn der Großmutter war das Schriftliche nicht geläufig, und
+der Großvater wollte nichts damit zu tun haben. Erstens, sagte er,
+schicke es sich für den Offiziersstand nicht, Zimmer zu vermieten -- er
+war nämlich Hauptmann, aber schon lange nicht mehr im Dienst --, zweitens
+möchte er keine Fremden im Hause leiden, und drittens sei es eine
+Schande, arglosen Leuten die alte Baracke als Wohnung aufzuschwatzen.«
+
+»Ihre Großmutter war offenbar keine Deutsche,« schaltete der Vorsitzende
+ein, »da ihr das Deutsche nicht geläufig war?«
+
+»Nein, natürlich nicht,« antwortete Frau Schmid, »sie war ja aus
+Bosnien; aber sie war eine sehr schöne Frau und übrigens auch gebildet,
+nur nicht in den Wissenschaften.«
+
+»Und Ihre Eltern?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Ja, meine Eltern waren auch von dorther,« sagte die Frau Hauptmann ein
+wenig errötend; »aber sie waren zu früh gestorben, als daß ich mich
+ihrer hätte erinnern können, und ich sah eigentlich den Großvater und
+die Großmutter als meine Eltern an. Also, um in meiner Erzählung
+fortzufahren, als der Großvater das sagte, geriet die Großmutter in eine
+Furie und sagte, das Lusthaus hätte der Kaiser Joseph oder Ferdinand
+oder Maximilian, das weiß ich nicht mehr, für seine Geliebte gebaut, da
+in dieser Gegend noch lauter Wald und Heide gewesen wäre, und es wäre
+noch etwas Malerei an der Decke und eine steinerne Vase, wenn auch
+zerbrochen, an der Treppe. Außerdem wolle sie es den Leuten gar nicht
+aufschwatzen, nur zeigen; sie könnten ja die Augen auftun und mit Gott
+wieder heimgehen, wenn es ihnen nicht paßte. Wenn die Großmutter in der
+Furie war, sah sie sehr majestätisch aus; sie hatte eine gebogene Nase,
+wie ein Papagei, aber schöner, Augen wie Diamanten und dickes weißes
+Haar, das wie ein Schneeberg über ihrem Kopfe stand. Um sie zu
+begütigen, half der Großvater doch mit bei der Anzeige, und sie lautete
+schließlich so: 'Hier ist ein fesches Sommerhaus zu vermieten, auch
+winters brauchbar, wenn es beliebt. Es liegt im Grünen und hat einige
+Möbel. Besonders geeignet für ein junges Ehepaar.' Die Großmutter wollte
+nämlich zuerst schreiben: 'für ein Liebespaar.' Da wurde aber der
+Großvater beinahe böse und sagte, die Großmutter würde ihn noch um Ehre
+und guten Namen bringen, und sie wäre ärger als eine Zigeunerin. Da gab
+die Großmutter nach, denn sie hatte eine große Hochachtung für des
+Großvaters Vornehmheit und Weltkenntnis, und es wurde statt dessen das
+'junge Ehepaar' gesetzt.«
+
+»Und auf diese Anzeige hin kamen Herr =Dr.= Deruga und seine Frau?«
+fragte der Vorsitzende. »Wann war das?«
+
+»Vor zweiundzwanzig Jahren, wie ich schon sagte,« antwortete Frau
+Schmid; »es mag im Mai gewesen sein.«
+
+»Juli war es,« sagte Deruga, »denn die Linde, unter der wir abends
+saßen, duftete, und der Rosentriumphbogen über der Gartenpforte blühte,
+als wir das erstemal hindurchgingen.«
+
+Alle blickten erstaunt nach dem Angeklagten, dessen wohllautende Stimme
+und melodischer Tonfall jetzt erst auffielen; was er sagte, hatte fast
+wie ein kleines Lied geklungen.
+
+Die farbenprächtige Frau zeigte wieder eine Neigung auf ihn zuzulaufen,
+unterdrückte sie aber und sagte nur: »Recht haben Sie, es war Juli! Sie
+wissen es am besten und könnten überhaupt alles viel besser und schöner
+erzählen als ich.«
+
+»Schräg über unserem Pavillon stand das Sternbild des Wagens,« sagte
+Deruga, »und wenn wir nachts Hand in Hand nach Hause kamen, Mingo und
+ich, sah ich ihn an und dachte: Wie bald, fliegender Wagen der Zeit,
+wirst du uns von diesen schnellen, törichten Augenblicken fortführen in
+das namenlose Dunkel.«
+
+»Ja, etwas Ähnliches muß ich wohl mal von Ihnen gehört haben,« fiel Frau
+Schmid lebhaft ein; »denn im folgenden Sommer, wenn der Wagen am Himmel
+stand, sah er mir immer so leer aus, und doch hatte ich sonst auch
+niemand darin sitzen sehen, natürlich.«
+
+»Sie haben also noch zuweilen an uns gedacht, Brutta?« fragte Deruga.
+
+Frau Hauptmann Schmid zog ihr Taschentuch und brach in Tränen aus.
+
+»Ach,« schluchzte sie, »das greift mir ans Herz, wenn Sie mich bei dem
+Namen anreden. Es nennt mich ja seit Jahren niemand mehr so, denn der
+Großvater und die Großmutter sind lange tot, und ich möchte gar nicht
+wieder hin nach dem alten Hause. Wer weiß, ob der Wagen noch
+darübersteht!«
+
+Der Vorsitzende nahm jetzt den Faden des Verhörs wieder auf, indem er
+Frau Schmid bat, sich zu beruhigen, und sie fragte, ob die Eheleute
+Deruga den Eindruck eines glücklichen Paares gemacht und ob sie ihren
+Großeltern gefallen hätten.
+
+»Und wie!« sagte Frau Schmid, »besonders der Doktor. Das heißt, dem
+Großvater gefiel die Frau besser, aber er hielt sich zurück. Dagegen,
+wenn die Großmutter einen leiden mochte, dann merkte man's. Und vom
+ersten Augenblick an sagte sie, das wäre ein Mann für mich gewesen.«
+
+»Wie kam sie darauf?« fragte =Dr.= Zeunemann. »Erwies er Ihnen
+Aufmerksamkeiten?«
+
+»Keine Spur!« sagte Frau Schmid. »Er spaßte nur mit mir, wie das so
+seine Art war. Zum Beispiel sagte er mir immer, ich wäre so häßlich, daß
+man mich nur mit einem Auge ansehen könnte, sonst hielte man es nicht
+aus; und wenn ich ihm in den Weg kam, kniff er ein Auge zu, bald das
+eine, bald das andere. Um sie zu schonen, wie er sagte. Die Grimassen,
+die er dabei schnitt, waren zu komisch, daß ich nicht aufhören konnte zu
+lachen, und die Großmutter lachte auch; aber sie ärgerte sich doch ein
+bißchen. Das ließ sie übrigens nie an ihm aus, sondern an mir, wie ich
+denn überhaupt, um die Wahrheit zu sagen, viel von ihr ausgestanden
+habe; denn sie war rasch und zornig, obwohl sonst eine herrliche Frau,
+die ich bis an mein Lebensende lieben und verehren werde.«
+
+»Empfanden Sie das Benehmen des Angeklagten nicht als unzart?«
+erkundigte sich der Vorsitzende.
+
+»Bewahre!« sagte Frau Schmid. »Wenn einem auf solche Weise gesagt wird,
+daß man häßlich ist, glaubt man hübsch zu sein. An Heiraten habe ich nie
+gedacht, er hatte ja eine Frau, und noch dazu eine, die ich
+schwärmerisch verehrte. Die Großmutter gewann sie erst allmählich lieb,
+dann aber war sie fast mehr in sie als in den Doktor verliebt. Anfangs
+hatte sie allerlei an ihr auszusetzen: sie wäre zu alt für den
+Doktor -- tatsächlich zählte sie ein paar Jahre mehr --, und namentlich
+wäre sie nicht feurig genug für einen so hübschen und reizenden Mann.
+Ihr Gesicht wäre nicht übel, wenn man genau zusähe, aber ihre Augen
+wären zu sanft und dadurch langweilig. Immer gleiche Freundlichkeit wäre
+wie Milchbrei; müßte man den täglich essen, würde einem übel. Dagegen
+ein gut gepfeffertes und gezwiebeltes Gulasch würde einem nie zuwider.
+Nur eins ließ meine Großmutter an ihr gelten; das war ihr Nacken. Die
+arme Frau trug nämlich immer den Hals frei, obschon das damals nicht so
+in der Mode war wie heutzutage, und wenn sie durch den Garten ging,
+leicht, wie wenn sie Flügel an den Füßen hätte, sagte meine Großmutter:
+'Übrigens gefällt sie mir nicht, aber ich möchte sie einmal auf den
+Nacken küssen.'
+
+Eines Tages, es muß im Oktober gewesen sein, weil wir die Trauben
+abgenommen hatten, war die Großmutter besonders schlechter Laune wie
+jedes Jahr bei der Traubenernte. In der Zwischenzeit bildete sie sich
+nämlich ein, daß sie süß wären, und kam die Zeit heran, waren sie doch
+wieder sauer. Morgens beim Frühstück gab sie mir eine Ohrfeige, weil ich
+die Kaffeetasse umgeworfen hatte. Das heißt, sie hatte mir einen Stoß
+gegeben, aber sie sagte, das wäre keine Entschuldigung, denn ich hätte
+sie dumm angeglotzt. Bei der Gelegenheit sagte sie mir auch, wenn ich
+wenigstens gescheit wäre, so möchte es hingehen, aber häßlich und dumm,
+da könne es einen nicht wundern, daß der Doktor mich nicht genommen
+habe; daß er mich als unverheirateter Mann gar nicht gekannt hatte und
+mich aus dem Grunde gar nicht hätte heiraten können, leuchtete ihr
+niemals ein. In der Küche stellte ich mich auch an wie ein Tölpel, sagte
+sie, und doch hinge vom Kochen das Glück der Ehe ab, und daß sie große
+Stücke darauf hielt, danke ich ihr noch tagtäglich, wenn mein Mann sagt,
+in den feinsten Hotels von Wien und Prag schmecke es ihm nicht so gut
+wie zu Hause, und doch ist er weit herumgekommen und versteht sich
+darauf.
+
+An dem Tage nun wollte ich einen Risotto machen, und weil ich schon
+einmal einen unter der Aufsicht der Großmutter gemacht hatte, dachte
+ich, dabei würde es mir gewiß nicht fehlen. Ich schnitt also meine
+Zwiebeln und Leber und alles und richtete das Zeug an, und plötzlich
+fiel mir ein, daß ich Hunger hätte, und daß gewiß noch eine Traube
+hängen geblieben wäre, die ich mir holen könnte, ohne daß die Großmutter
+es merkte. Ich schüttete noch ein wenig Fleischbrühe nach und dachte,
+auf die Art könnte ich es ruhig eine Weile gehen lassen. Eigentlich
+nämlich muß der Risotto fortwährend gerührt werden, und das wußte ich
+gut genug; aber ein bißchen keck und leichtsinnig war ich schon. Jetzt
+kann ich das nicht mehr begreifen, aber in der Jugend kommt man
+unversehens von einem aufs andere, wenn man sich die Zukunft ausmalt:
+Verehrer, Körbe, Hochzeit und so weiter, und ich vergaß über solchen
+Träumereien wahrhaftig das Mittagessen. Auf einmal steht die Großmutter
+vor mir, in der Nachtjacke, das Gesicht rot wie ein glühender Ofen, und
+schreit: 'Da steht sie und maust, die Dirne, die mir den ganzen Risotto
+verbrannt hat!' Wahrhaftig, ich roch es selbst durch das offene
+Küchenfenster, unter dem wir standen, und unbegreiflich ist es, daß ich
+es nicht vorher bemerkt hatte. Und dann fiel sie über mich her, griff
+mit der einen Hand in meine Haare und schlug mit der anderen so auf mich
+los, daß mir zumute war, als hätte mich ein Wirbelwind gefaßt, und
+drehte sich mit mir im Kreise herum. Weh tat es mir nicht, dazu war ich
+zu erstaunt. Aber noch viel mehr erstaunte ich, als plötzlich die
+Großmutter ihrerseits von einem Sturmwind erfaßt und zurückgerissen
+wurde, und Frau =Dr.= Deruga zwischen uns stand, wie der Engel mit
+dem feurigen Schwerte, der Adam und Eva aus dem Paradiese trieb, mit
+Augen, die nicht blau wie sonst, sondern schwarz waren und knisterten,
+so kam es mir nämlich vor in meiner Erregung.
+
+'Lassen Sie das Kind los, Sie abscheuliche, gottlose Hyäne!' rief sie so
+laut und hart, wie sie mit ihrer weichen Stimme konnte; und nach einer
+kleinen Pause sagte sie ein wenig weicher und gelinder: 'Megäre, wollte
+ich sagen.' Wie sie das gesagt hatte, kam es ihr wohl selbst ein wenig
+komisch vor, daß sie in den Mundwinkeln zu lachen anfing, und dann
+lachte die Großmutter geradeheraus, und wie ich das hörte, lachte ich
+dermaßen, daß ich ordentlich kreischte, und fiel der Frau Doktor um den
+Hals, der die Tränen aus den Augen sprangen vor Lachen.«
+
+Während dieser Erzählung beobachteten sowohl die Richter wie =Dr.=
+Bernburger in unauffälliger Weise den Angeklagten, in dessen Mienen sich
+deutlich ausprägte, wie er die wiedererstehende Vergangenheit
+miterlebte, seine länglichen, schöngeschnittenen Augen erglänzten wie
+die Schuppen eines silbernen Fisches. Er schien seine Lage und Umgebung
+vollständig vergessen zu haben und sagte unbefangen zu der alten
+Freundin: »Arme Marmotte,« (so nannte er seine Frau) »arme, gute, feige
+Person! So hatte sie später ihr Junges gegen mich verteidigt, das
+natürlich seine Prügel ebenso verdiente, wie Sie damals, Brutta. Aber
+erzählen Sie weiter, erzählen Sie: was tat die Großmutter?«
+
+»Der Großmutter,« fuhr die Frau Hauptmann fort, »waren die Augen auch
+feucht, aber nicht nur vom Lachen, sondern gerührt war sie, gerührt über
+die Frau Doktor, und machte kein Hehl daraus; denn obwohl sie, wie schon
+gesagt, eher scharf und zornig war, so war sie doch ohne Falsch und
+zögerte nicht, ein Unrecht zuzugestehen, wenn sie es nämlich eingesehen
+hatte. Sie stemmte die Arme in die Seite und sagte: 'Also so sieht das
+stille Wasser aus! Eine richtige Feuerflamme kann herausschlagen! Da bin
+ich freilich so dumm wie alt gewesen. Und wenn ich heute unser Herr
+Doktor wäre, würde ich Sie morgen vom Fleck weg heiraten, so gut haben
+Sie mir eben gefallen. Und nun muß ich Sie auf den Nacken küssen!' Damit
+umarmte sie die Frau Doktor und küßte sie nicht nur auf den Nacken,
+sondern auch auf beide Backen, und dann sagte sie, der Risotto solle nun
+vergeben und vergessen sein, und sie wolle für das Mittagessen sorgen,
+denn kochen könne sie besser, als man es von einer gottlosen Hyäne
+erwarten würde. In der Tat brachte sie in einer Stunde das feinste Essen
+zusammen, nämlich Fleischpastete und Marillenknödel, und ich begreife
+heute noch nicht, wie sie es machte, denn das sind Gerichte, zu denen
+man seine Zeit braucht. Helfen mußte ich allerdings doch und bekam Püffe
+und Kniffe, aber das schadete nicht, weil sie ein vergnügtes Gesicht
+dazu machte. Nachher beim Mittagessen, an dem die arme Marmotte, ich
+meine die Frau Doktor, auch teilnehmen mußte, sprach die Großmutter viel
+über Erziehung, und daß namentlich die Mädchen lernen müßten, nicht so
+heikel und empfindlich zu sein, denn bei den Männern wären sie nicht auf
+Daunen gebettet, und wenn eine nicht einen Puff vertrüge und sich ihrer
+Haut wehren könnte, ginge es ihr schlecht; die Wehleidigen und
+Nachgiebigen würden nur verachtet. Eine Frau, die ihnen keinen Vorteil
+brächte, sähen die Männer nur als eine Last an, deshalb müßte ein
+Mädchen entweder Geld haben oder kochen können. Die arme Marmotte rühmte
+ihren Mann, daß er nicht so wäre, aber die Großmutter, die doch bisher
+so viel Wesens von ihm gemacht hatte, sagte, da gäbe es keine Ausnahmen.
+In diesem Punkte wäre einer wie der andere, und wenn die Liebe einmal
+einen uneigennützig machte, haßte er die Frau nachher doppelt, die ihn
+so verblendet hätte.«
+
+»Warum sagen Sie immer 'arme Marmotte'?« fragte der Vorsitzende, der mit
+außerordentlicher Geduld zugehört hatte.
+
+»Nun, weil sie tot ist,« antwortete die Frau Hauptmann nach einer Pause
+etwas verblüfft.
+
+»Ach so,« sagte =Dr.= Zeunemann, »bei ihren Lebzeiten haben Sie
+nicht so von ihr gesprochen?«
+
+»Bewahre,« sagte Frau Schmid, »sie kam mir im Gegenteil beneidenswert
+vor. Nun ja, etwas Hilfloses hatte sie an sich, und zuweilen war sie
+auch traurig und sah ängstlich aus, und da mag ich sie wohl einmal 'arme
+Marmotte' genannt haben.«
+
+»Wissen Sie, warum sie zuweilen traurig war?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Warum?« fiel Deruga höhnisch ein. »Das kann ich Ihnen sagen. Weil sie
+ihren Mann nicht so liebte, wie sie sollte, weil sie an einen anderen
+dachte, der besser zu ihr passen würde, und weil sie Angst vor meiner
+Eifersucht hatte. Denn wir Italiener haben nicht Milch oder Wasser in
+den Adern, sondern Blut, und dann werden unsere Augen blutrot, wenn wir
+zornig werden.«
+
+Frau Hauptmann warf einen erschrockenen und tadelnden Blick auf Deruga
+und sagte, zu den Richtern gewendet:
+
+»Er macht nur Spaß! Er war immer ein Spaßmacher und liebte es, die Leute
+zu foppen und zu erschrecken.« Dann wieder zu ihm herüber: »Warum hätte
+die arme Marmotte Sie denn geheiratet? Ein Kind konnte ja sehen, wie
+lieb sie Sie hatte.«
+
+Deruga hatte bereits den Kopf wieder auf die Hand gestützt, so daß man
+sein Gesicht nicht sah, und gab kein Zeichen des Anteils mehr.
+
+»Wenn sie sich vor ihm fürchtete,« fuhr Frau Schmid, zu den Richtern
+gewendet, fort, »so war das sicherlich nicht seine Schuld, sondern es
+kam von ihrer außerordentlichen Furchtsamkeit. Einmal in der Nacht fiel
+etwas mit einem Betrunkenen vor. Ich erinnere mich nicht mehr genau
+daran, aber ich weiß, wie sie von uns allen damit geneckt wurde.«
+
+Der Vorsitzende ermunterte Frau Schmid, sich zu besinnen oder zu
+erzählen, was sie noch davon wisse. Dann, da ihr nichts einfiel, fragte
+er Deruga, ob er sich vielleicht noch daran erinnere.
+
+Deruga hob den Kopf und sah aus, als habe er keine Ahnung, wovon die
+Rede sei.
+
+»Ach, Sie wissen doch, Doktorchen,« redete ihm Frau Schmid zu. »Es kam
+nachts ein Betrunkener am Pavillon vorbei und grölte so laut, daß Ihre
+Frau davon aufwachte und dachte, es wäre unter dem Fenster. Es wird im
+November gewesen sein, denn es war eine stürmische und regnerische
+Nacht, und Sie hatten keine Lust aufzustehen und stellten sich
+schlafend, während Ihre Frau fast verging vor Angst. So ungefähr war es,
+erinnern Sie sich denn nicht mehr daran?«
+
+»O ja,« sagte Deruga, »es stellte sich eine ungewöhnliche Zärtlichkeit
+bei meiner Frau ein. Ich wachte auf, weil sie sich an mich schmiegte und
+ihren Kopf dicht an meinen Hals drückte, und als ich mich noch in dem
+Traum wiegte, es habe sie plötzlich eine Leidenschaft für mich
+überkommen, flehte sie mich an, ich solle sie vor dem Betrunkenen
+schützen. 'Er ist unter dem Fenster,' sagte sie, 'im nächsten Augenblick
+wird er hereinkommen. Was fangen wir an, o, was fangen wir an! Schließe
+wenigstens das Fenster.' Ich rief: 'Ich werde mich hüten, das zu tun; so
+bist du doch einmal zärtlich gegen mich' -- und ich habe es ausdrücklich
+ziemlich bösartig gesagt, denn sie ließ mich los und drehte ihr Gesicht
+nach der anderen Seite und weinte. Ich sagte noch viel beißender als
+vorher, sie solle nicht so dumm sein zu weinen, und übrigens, wenn sie
+sich so unglücklich fühle, brauchte sie nicht für das Leben zu zittern.
+Und wenn sie zum Sterben unglücklich sei, sagte sie, sie möchte doch
+nicht, daß ein ekelhafter, betrunkener Mensch sie anfaßte und erwürgte.
+Daß sie gar nicht unglücklich wäre, sagte sie nicht. 'Der Kerl liegt
+draußen im Straßengraben und wird singen, bis er einschläft,' sagte ich,
+und dann stellte ich mich schlafend, um sie durch die Furcht zu quälen.
+Nach einer halben Stunde verstummte das Geheul, und gleich darauf
+schlief sie fest und ruhig, während ich wachend neben ihr lag und ihren
+hübschen weißen Hals betrachtete und darüber nachdachte, wie leicht ich
+ihre Kehle zudrücken könnte, fast ohne daß sie es merkte.«
+
+Der Staatsanwalt zuckte triumphierend seine geschwänzten Augenbrauen und
+streckte, den Mund schon zum Reden geöffnet, den Zeigefinger aus, als
+der Justizrat die Hand gegen ihn erhob und gleichgültig, wie man einen
+nichtigen Einwand beseitigt, sagte: »Er hat es ja nicht getan. Hunde,
+die bellen, beißen nicht, wie unsere Zeugin schon sagte.«
+
+Ehe noch der Staatsanwalt einen Laut hervorbringen konnte, erklärte
+=Dr.= Zeunemann, nachdem er durch einen verbindlichen Blick nach
+rechts und links die Zustimmung erbeten, aber nicht abgewartet hatte,
+die Sitzung der Mittagspause wegen für geschlossen. Er wollte um drei
+Uhr noch einige Fragen an Frau Hauptmann Schmid richten, und wenn seine
+Kollegen einverstanden wären, könne sie dann abreisen. Der Nachtzug nach
+Wien gehe um acht Uhr.
+
+
+
+
+=III.=
+
+
+=Dr.= Bernburger hatte der Sitzung in Gesellschaft eines ihm
+befreundeten jungen Nervenarztes, des =Dr.= von Wydenbruck,
+beigewohnt und verließ mit ihm zusammen das Justizgebäude.
+
+Die beiden Herren waren außerordentlich verschieden, aber durch das
+gemeinsame Interesse für Psychologie, und was damit zusammenhängt,
+ziemlich vertraut geworden, besonders seit Bernburger, als er infolge
+von Überarbeitung an nervösen Depressionen litt, sich von =Dr.= von
+Wydenbruck nach einer eignen Methode hatte behandeln lassen. Während
+Bernburger klein war, von verkümmertem Wuchs, mit schwächlichen
+Gliedmaßen, dabei aber ein ausdrucksvolles Gesicht und unermüdlich
+kluge, aufmerksame Augen hatte, war =Dr.= von Wydenbruck von
+großer, schmaler und eleganter Figur und hatte so verfeinerte Züge, daß
+sie sich bei scharfer Beobachtung ganz zu verflüchtigen schienen. Sein
+Gang hatte etwas Elastisches und Biegsames, als sei er stets bereit,
+auszuweichen oder sich anzupassen, aber in Wirklichkeit streckte er nur
+höchst bewegliche Fühler aus und blieb auf dem Grunde seines Wesens von
+schwerer, glatter Unveränderlichkeit.
+
+»Da sind wieder einmal ein paar Hysterische zusammengekommen,« sagte er,
+als sie die breite, zum Mittelpunkt der Stadt führende Straße
+hinuntergingen.
+
+»Sie halten Deruga doch nicht für hysterisch?« sagte =Dr.=
+Bernburger eifrig, an seinem Begleiter hinaufsehend. »Ich beurteile ihn
+ganz anders. Daß er den Mord begangen hat, steht mir fest, und zwar hat
+er ihn ohne Erregung, mit einer Ruhe ohnegleichen, ja mit einer
+Selbstverständlichkeit begangen, die es ihm ermöglicht hat, keinen
+Schnitzer zu begehen, der ihn verraten könnte. Die Verbrecher, die mit
+sorgfältiger Überlegung zu Werke gehen, machen bekanntlich immer
+irgendeinen Fehler, der ihnen zum Verhängnis wird. Deruga hat gemordet,
+wie ein anderer seine Suppe auslöffelt, beiläufig, beinah mechanisch,
+und darum hat er keine Spur hinterlassen.«
+
+»Sehr fein bemerkt,« lobte =Dr.= von Wydenbruck. »Nur die
+unbewußten Handlungen sind lebendig und fruchtbar und in ihrer Art
+fehlerlos und unfehlbar. Ich möchte hinzusetzen, auch tadellos.«
+
+»An sich meinetwegen, in bezug auf die Zweckmäßigkeit,« entgegnete
+Bernburger; »aber das ist jetzt nicht unser Standpunkt. Sonst wäre ja
+jeder unmoralische Mensch in seinen unmoralischen Handlungen tadellos.«
+
+»Ist er denn das nicht?« fragte Wydenbruck. »Aber Deruga,« fuhr er fort,
+»gehört nach meinem Dafürhalten nicht dahin. Ich halte ihn und nicht
+minder seine Frau für moralisch zurechnungsfähig, aber für hysterisch.
+Mord ist in unserer Zeit ein nur den untersten Schichten des Volkes
+angemessenes Verbrechen; tritt er in gebildeten Kreisen auf, so deutet
+er auf Hysterie oder Perversität.«
+
+»Das stimmt für uns,« sagte Bernburger, »aber nicht für die Italiener.
+Übrigens gibt es auch bei uns Umstände und Leidenschaften, die einen
+Gebildeten auf natürlicher Grundlage zum Mörder machen können, zum
+Beispiel Eifersucht.«
+
+»Ich möchte die Eifersucht selbst für das Dämonische erklären,« sagte
+der andere. »Jedenfalls glaube ich, daß wir es hier mit einer
+hysterischen Mordlust zu tun haben, die nichts als verdrängter
+Liebestrieb ist. Obwohl Derugas Frau ihn nach Aussage dieser guten,
+komischen Brutta liebte, findet er keine Befriedigung. Um mehr
+herauszupressen, erregt er Furcht, ihre Angst verdoppelt seinen Genuß,
+aber seine Gier bleibt ungesättigt und wird auch über ihrem Leichnam
+nicht erlöschen. Diese Unglücklichen sind die eigentlichen Vampire der
+Sage.«
+
+»Daß es das gibt, bezweifle ich nicht,« sagte =Dr.= Bernburger,
+»vielleicht hat sogar jeder Mensch etwas vom Vampir in sich; doch kann
+ich Ihre Methode, die äußeren Beweggründe gar nicht in Betracht zu
+ziehen, nicht billigen. Sie sind vorhanden und üben ihre Wirkung aus,
+so oder so.«
+
+»Auf Gesunde, ja,« antwortete Wydenbruck, »auf Kranke kaum oder nur, um
+willkürlich verwertet zu werden. Auf Hysterie deutet bei Deruga schon
+seine höchst merkwürdige Fähigkeit, sich auszuschalten, wann es ihm
+paßt. Er ist überaus reizbar, leicht bis zu Tränen ergriffen, und im
+nächsten Augenblick ist er wie von Stein. Er ist dann gewissermaßen
+nicht mehr da. Wenn er sich darauf legte, könnte er es vielleicht dahin
+bringen, sich tatsächlich zu spalten, und wir hätten dann die
+Erscheinung der Doppelgängerei.«
+
+»Und die Frau?« forschte Bernburger; »warum halten Sie die Frau für
+hysterisch?«
+
+»Ihre Furchtsamkeit ist ein hinreichendes Smyptom,« sagte =Dr.= von
+Wydenbruck. »Beachten Sie doch, wie Mordlust und Furchtsamkeit
+aufeinander eingestellt sind. Es ist höchst merkwürdig, wie solche
+Naturen magnetisch zueinander hingezogen werden, um ihre
+Wesenseigentümlichkeiten durcheinander aufs höchste zu steigern und ihr
+Los zu erfüllen. Alle Schranken durchbrechend offenbart sich der
+Selbstvernichtungstrieb als rätselhafte Leidenschaft.«
+
+ * * * * *
+
+Es war, als hätten sich diese Gedanken dem Justizrat Fein mitgeteilt.
+Denn als er seinen Klienten nach beendigter Sitzung traf, sagte er zu
+ihm:
+
+»Hören Sie, Doktor, wenn wir Sie als geisteskrank hinzustellen
+versuchten, hätten wir, glaube ich, Aussicht.«
+
+»Machen Sie das, wie Sie wollen,« sagte Deruga, »ich überlasse ja
+ohnehin alles Ihnen. Da ich ein sehr guter Mensch bin und die Dinge sehe
+und benenne, wie sie sind, ist es leicht möglich, daß man mich für
+verrückt hält.«
+
+Der Justizrat sprach seine Absicht aus, Deruga zum Mittagessen zu
+begleiten. Meister Reichardt werde schon etwas Eßbares haben, soviel er
+wisse, führe der Alte sogar einen ganz guten Wein. Ohne einen Schluck
+Wein, eine gute Zigarre und eine Tasse guten Kaffee könne er allerdings
+um drei Uhr nicht weiterarbeiten.
+
+»Das ist recht, daß Sie mitkommen,« sagte Deruga, »so können wir noch
+ein bißchen miteinander tratschen. Aber hören Sie,« unterbrach er sich
+plötzlich, »kommen Sie wirklich aus Teilnahme für mich, oder wollen Sie
+mich aushorchen?«
+
+»Ja, mein Freund,« lachte der Justizrat, »wozu bin ich denn eigentlich
+da? Ich vertrete ja Ihre Interessen, und wenn Sie vernünftig wären,
+erzählten Sie von vornherein alles mir, anstatt zur Unzeit und zu Ihrem
+Schaden damit herauszuplatzen. Mensch, Sie machen einem, weiß Gott, das
+Handwerk schwer.«
+
+»Wenn ich eine alte Freundin nach zwanzig Jahren unverhofft wiedersehe,«
+entschuldigte sich Deruga, »komme ich natürlich ins Schwatzen. Sie
+hätten mich warnen sollen. Übrigens ist es mir ja gleichgültig.«
+
+In Derugas kleinem, altmodisch eingerichtetem Stübchen war der Tisch
+schon bereit, und es brauchte nur ein zweites Gedeck aufgelegt zu
+werden. Nachdem der Justizrat seinen ersten Hunger gestillt hatte,
+lehnte er sich behaglich zurück und sagte: »Sie scheinen Ihre Frau aber
+doch mordsmäßig geliebt zu haben?«
+
+»Wieso?« fragte Deruga kühl. »In den Flitterwochen ist das doch
+selbstverständlich. Seitdem habe ich Gott weiß wie viele andere
+geliebt.«
+
+»Nun ja,« meinte der Justizrat, »aber man muß doch jedenfalls eine Frau
+sehr lieben, um sich ihretwegen in eine solche Klemme zu bringen.«
+
+»Erstens konnte ich das nicht voraussehen,« sagte Deruga, »und zweitens
+täte ich das für jeden Menschen, und es ist schlimm genug, daß das nicht
+alle tun. Wenn ein Jäger ein angeschossenes Tier nicht möglichst schnell
+vollends tötete, würde man ihn mit Recht einen rohen Kerl nennen.
+Menschen dagegen sieht man wochenlang, monatelang Qualen leiden, bevor
+sie sterben können, und hilft ihnen nicht. Schöne Nächstenliebe! Als ob
+man einem überhaupt ein kostbareres Geschenk machen könnte als den Tod!
+Ich wäre dem, der mir das Leben abkürzt, wenn ich nicht mehr dazu tauge,
+bedeutend dankbarer als denen, die es mir gegeben.«
+
+»Das hat denn doch seine zwei Seiten, mein Lieber,« sagte der
+Justizrat. »Da könnte schließlich jeder Neffe seinen reichen Erbonkel
+umbringen und behaupten, er habe es aus Nächstenliebe getan.«
+
+Deruga schoß das Blut ins Gesicht. »Was meinen Sie damit?« sagte er.
+»Das ist eine gemeine Anspielung, die ich mir verbitte.«
+
+»Erlauben Sie,« sagte der Justizrat besänftigend, »das war ganz sachlich
+geredet, und wenn Sie empfindlich sind, kommen wir nicht weiter. Der
+Mensch ist einmal ein Kentaur, und außer guten Antrieben gibt es auch
+schlechte. Und wenn einer eine Person tötet, deren Tod ihm Vorteil
+bringt, so muß man wenigstens mit der Möglichkeit rechnen, er habe es
+mindestens zum Teil des Vorteils wegen getan.«
+
+»Sie wissen,« sagte Deruga, »daß ich von dem Testament meiner Frau keine
+Ahnung hatte.«
+
+»Das heißt, Sie haben es mir gesagt!« berichtigte der Justizrat
+gelassen.
+
+»Wenn Sie meinen Worten nicht glauben,« rief Deruga außer sich, »so
+spreche ich überhaupt nicht mehr mit Ihnen. Was fällt Ihnen ein, meine
+Verteidigung zu übernehmen, wenn Sie mich für einen gemeinen Raubmörder
+halten? Das ist unanständig gehandelt, ebenso unanständig, wie wenn ich
+meine Frau umgebracht hätte, um sie zu beerben. Und unanständig ist es,
+unter der Maske des Wohlwollens und der Zuneigung mit mir zu verkehren.«
+Er war graubleich im Gesicht geworden und hatte unwillkürlich mit der
+schlanken, braunen Hand den Griff seines Messers erfaßt.
+
+»Ja, hören Sie mal,« sagte der Justizrat gutmütig, »wollen Sie mir
+eigentlich zwischen Käse und Kaffee die Kehle durchschneiden? Sie sind
+ein rabiater Italiener, und ich sollte mir jedesmal einen Blechpanzer
+unterschnallen, bevor ich zu Ihnen gehe.«
+
+»Bevor Sie mich beleidigen, allerdings,« gab Deruga zurück; »nur würde
+Ihnen das wenig nützen.«
+
+»Ist das eine Beleidigung,« fuhr der Justizrat fort, »wenn ich sage, ich
+halte es für möglich, daß Sie von dem Testament Ihrer Frau Bescheid
+wußten? Sage ich denn, daß dieser Umstand Sie zur Tat bewog? Ich sage
+nur, man muß die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß dieser Umstand
+mitwirkte.«
+
+Deruga ließ das Messer auf den Tisch fallen und lehnte sich müde in
+seinen Stuhl zurück. »Die Möglichkeit ist deshalb ausgeschlossen,« sagte
+er, »weil die Voraussetzung fehlt. Sie wissen, daß das Testament mich
+nicht beeinflussen konnte, weil ich keine Ahnung davon hatte. Sie wissen
+das, weil ich es Ihnen sagte und Sie mir glauben müssen. Das sogenannte
+Publikum, das dumm ist und mich nicht kennt, braucht mir nicht zu
+glauben, aber von Ihnen verlange ich es.«
+
+Der Justizrat schwieg eine Weile und sagte dann: »Versuchen Sie, mein
+Bester, einmal einen Teil der Gerechtigkeit selbst zu üben, die Sie von
+anderen in so reichem Maße verlangen! Ich habe erst seit kurzem das
+Vergnügen, Sie zu kennen, und zwar lernte ich Sie unter sehr
+zweideutigen Umständen kennen. Viel Gutes hört man nicht von Ihnen. Sie
+führen ein Lotterleben, arbeiten nur, wenn Sie keinen Pfennig mehr in
+der Tasche haben, obwohl Sie einen einträglichen Beruf und viel Verstand
+haben. Sie haben sich absichtlich verkommen lassen, sind sozusagen ein
+mutwilliger Vagabund. Wäre es nicht leichtfertig oder dumm von mir, wenn
+ich Ihnen durch dick und dünn glaubte, auch wo etwa Tatsachen oder
+berechtigte Mutmaßungen dagegen sprechen? Wären Sie nicht der erste,
+mich allenfalls auszulachen und zu sagen: Der Fein ist ein echter
+Deutscher, dumm wie eine Kartoffel?«
+
+Deruga wandte dem Justizrat mit einem liebenswürdigen Lächeln das
+Gesicht wieder zu. »Für einen Deutschen sind Sie wirklich ziemlich
+gescheit,« sagte er, »und dabei ein ganz guter Kerl. Aber ich sehe nicht
+ein, warum Sie mich nicht die Wahrheit sagen ließen. Dann wäre diese
+langweilige und ekelhafte Geschichte schon zu Ende.«
+
+Der Justizrat sah gedankenvoll in den Rauch seiner Zigarre und
+schüttelte den Kopf. »Ich habe Ihnen nach bester Überzeugung geraten,«
+sagte er. »Daß Sie die Tat aus reinen, edlen Motiven begangen haben,
+hätten Sie nicht beweisen können; umgekehrt kann man Ihnen nicht
+beweisen, daß Sie sie überhaupt begangen haben, es müßten sonst noch
+ganz unvorhergesehene Indizien herauskommen. Ich denke also, wenn Sie
+konsequent leugnen, bringe ich Sie durch. Und das ist doch besser als
+ein paar Jahre Gefängnis, wenn Sie vielleicht auch einen ganz
+gemütlichen Diogenes darin vorgestellt hätten. So wagen wir einen hohen
+Einsatz, können aber auch einen hohen Gewinn davontragen; im anderen
+Falle bekämen wir auch im besten Falle nur Stückwerk!«
+
+»Und Sie sind kein Flickschneider, sondern ein Kleiderkünstler,« sagte
+Deruga. »Ich gehöre aber eigentlich in die Bude des Flickschneiders.«
+
+»Ein echter Italiener kann ebensogut den Lazzarone wie den Edelmann
+spielen,« sagte der Justizrat. »Wenn Sie erst frei und im Besitze Ihres
+Vermögens sind, werden Sie diesen kurzen Schmerz vergessen und womöglich
+ein neues Leben anfangen.«
+
+»Ein neues Leben anfangen?« lachte Deruga. »Mit sechsundvierzig Jahren!
+Als ob ich nicht längst genug und übergenug davon hätte!«
+
+»Na, da will ich Ihnen weiter nicht hineinreden,« sagte der Justizrat.
+»Sie können ja auch weiter lumpen. Jedenfalls leuchtete Ihnen mein Rat
+damals ein, und Sie haben ihn aus freien Stücken angenommen.«
+
+»Ich tue alles, was Sie wollen, damit die Baronin Truschkowitz, diese
+niederträchtige Person, das Vermögen nicht bekommt,« sagte Deruga. »Wäre
+das nicht, ich ließe mich ruhig köpfen oder ins Zuchthaus sperren. Das
+Leben ist einen solchen Kampf nicht wert.«
+
+
+
+
+=IV.=
+
+
+Auf der von unsicheren Frühlingssonnenstrahlen durchflackerten, breiten
+Straße, die auf die Front des Justizgebäudes führte, stieß =Dr.= von
+Wydenbruck auf den Oberlandesgerichtsrat Zeunemann, stellte sich vor und
+sprach seine Bewunderung über die Art aus, wie der Oberlandesgerichtsrat
+die Verhandlung führte. Er sei für den Einblick in eine komplizierte
+Psyche, der ihm da gewährt würde, sehr erkenntlich, und er sei
+überzeugt, =Dr.= Zeunemann werde noch immer mehr in ihre Tiefen und
+Untiefen hineinleuchten.
+
+»Ich pflege meine Fragen so zu stellen,« sagte der
+Oberlandesgerichtsrat, »daß alles auf den Fall Bezügliche an äußeren und
+inneren Tatsachen von selbst hervorkommt. Nicht mit Hebeln und
+Schrauben, wissen Sie, sondern unwillkürlich, wie sich ein Blatt
+entrollt.«
+
+»Ja, ich habe das bemerkt,« sagte =Dr.= von Wydenbruck entzückt,
+»es ist wundervoll. Sie schaffen gewissermaßen nur die geeignete
+Atmosphäre, und das Spiel des Lebens entfaltet sich. Bisher haben Sie
+die Bestrahlung des Tages vorwalten lassen, vielleicht lassen Sie es
+auch einmal Nacht werden, lassen die Schatten aus dem Hades der Seele
+aufsteigen.«
+
+»Sie sind Psycholog und wollen Ihre Studien machen?« sagte =Dr.=
+Zeunemann.
+
+»Von Ihrer reichbesetzten Tafel fällt vieles ab,« erwiderte =Dr.=
+von Wydenbruck verbindlich.
+
+Sie blieben auf der breiten Freitreppe stehen, um das Gespräch zu
+beenden, während es drei Uhr schlug. »Ich kann dazu nicht so viel tun,
+wie Sie glauben,« erklärte der Oberlandesgerichtsrat. »Ohne Seelenkunde
+kann allerdings heutzutage kein Kriminalist auskommen, aber ich sage mit
+Absicht 'Seelenkunde', um auszudrücken, daß es sich nach meiner Meinung
+um keine eigentliche Wissenschaft handelt, sondern um ein angeborenes
+Gefühl, man könnte es Genialität nennen. Ich lasse mich weit mehr von
+meinem Gefühl als von Berechnung leiten; Sie werden sich wundern, eine
+solche Ansicht von einem Juristen zu hören.«
+
+Während Herr =Dr.= von Wydenbruck Verwunderung und Bewunderung
+ausdrückte, hatte sich der Schwurgerichtssaal gefüllt, und einer von den
+Geschworenen, Geflügelzüchter Köcherle, fragte den Obmann der
+Geschworenen, Kommerzienrat Winkler, neben dem er saß, wer die feine
+Dame mit der langgestielten, goldenen Lorgnette in der ersten Reihe des
+Zuschauerraums sei.
+
+»Das ist doch die Baronin Truschkowitz, die die ganze Geschichte in Gang
+gebracht hat,« sagte der Kommerzienrat. »Kennen Sie denn die nicht?«
+
+»So sieht die aus?« rief der andere erstaunt aus. »Die hätte ich mir
+sehr schäbig und unterernährt vorgestellt, weil sie von der dürftigen
+Lage ihrer Kinder redet, und wie sie sich durchs Leben kämpfen müßten.«
+
+»Der Adel,« sagte der Kommerzienrat, die Achsel zuckend, »hat eben
+andere Begriffe von dem, was man braucht und beanspruchen darf.
+Übrigens, wenn einer, der viel hat, noch mehr haben kann, sagt er nie
+Nein.«
+
+Der Geflügelhändler gab das zu, aber er fand es doch geschmacklos, sich
+so kostbar zu tragen, wenn man so redete, als wimmerten seine Kinder
+nach dem täglichen Brot.
+
+»Ihre Toilette ist aber geschmackvoll,« bemerkte ein anderer.
+
+»Und teuer,« setzte der Kommerzienrat hinzu, indem er einen schätzenden
+Blick über die Dame gleiten ließ.
+
+»Der Reiherbusch auf dem Hut etwa hundert Mark, die Brillanten im Stiel
+der Lorgnette vielleicht tausend Mark.«
+
+»Sind es echte Brillanten?« fragte der Geflügelzüchter mit großen Augen.
+
+»Ja, das Feuer haben nachgeahmte Steine nicht,« sagte der Kommerzienrat
+beinahe hitzig. »Wenn man auch dahin kommt, Brillanten künstlich
+herzustellen, so stimmt es meinetwegen nach der chemischen Formel, aber
+das Feuer der natürlichen Steine ist anders. Das lasse ich mir nicht
+abstreiten. Die Natur ist eben doch unerreichbar.«
+
+»Sind das denn auch Brillanten, die sie auf dem Hut hat?« fragte der
+Geflügelzüchter.
+
+»Bewahre,« antwortete der Kommerzienrat mißbilligend, »dazu weiß eine
+solche Dame zu gut Bescheid in Geschmacksfragen. Das ist eine moderne
+Phantasieagraffe, die etwa fünfzig Mark gekostet hat. Aber Sie sind ja
+das reine Kind in solchen Sachen!«
+
+»Stimmt,« gab der Geflügelzüchter zu, »wenn meine Frau nicht ein bißchen
+nach mir schaute, wäre ich von einem Bauernknecht nicht zu
+unterscheiden. Und ich will Ihnen ganz offen sagen, was man so eine
+elegante Frau von Welt nennt und eine sogenannte Demimonde-Dame, kenne
+ich nicht auseinander.«
+
+»Was Sie sagen,« rief der Kommerzienrat. »Aber das gibt es ja gar nicht!
+Da muß man sich doch auskennen.«
+
+»Was ist denn zum Beispiel die Truschkowitz für ein Typus?« fragte der
+Geflügelzüchter. »Steht das nicht ungefähr auf der Grenze?«
+
+»Ich bitte Sie,« sagte der Kommerzienrat, vor Schreck und Ärger
+errötend, »das ist eine ganz feine Frau von Welt! Der Anzug ist der gute
+Ton und die Diskretion selbst.«
+
+»Na, wissen Sie,« wandte der andere ein, »eine gescheite Demimonde-Dame
+sollte das doch nachmachen können. So etwas lernt sich doch bald.«
+
+»Nein,« beharrte der Kommerzienrat, noch immer rot und erregt. »Ein
+gewisses Etwas lernt sich eben nicht. Es läßt sich nicht lernen, weil es
+sich nur fühlen läßt. Da gibt ein Atom den Ausschlag.«
+
+Der eintretende Gerichtshof unterbrach das Zwiegespräch, Frau Hauptmann
+Schmid wurde wieder vorgeführt, und nachdem der Vorsitzende sie nochmals
+ermahnt hatte, die Wahrheit zu sagen und nichts zurückzuhalten, faßte er
+das Ergebnis ihrer bisherigen Aussage zusammen:
+
+»Bald nach seiner Verheiratung mit seiner um einige Jahre älteren Frau
+bezog der Angeklagte eine Sommerwohnung bei Ihren Großeltern in Laibach.
+Die Derugas machten den Eindruck eines glücklichen Paares, dessen Glück
+immerhin getrübt wurde durch gewisse Eigenheiten des Mannes, namentlich
+seine an Jähzorn streifende Heftigkeit und seine Neigung zur Eifersucht.
+Soweit Sie wissen, war eine Eifersucht unbegründet. Nicht wahr, ich habe
+Sie recht verstanden.«
+
+»Darüber kann ich doch unmöglich etwas wissen,« sagte Frau Schmid. »Denn
+es handelte sich ja um Vergangenes. Daß die arme Marmotte einen anderen
+gern gehabt hat, kann ja leicht sein, sie war ja gewiß schon dreißig
+Jahre alt, und ich glaube es sogar; denn der Doktor wäre doch närrisch
+gewesen, wenn er die Geschichte erfunden hätte, um sie und sich damit zu
+plagen.«
+
+»Sie sagten doch aber heute morgen einmal,« hielt ihr =Dr.=
+Zeunemann vor, »Sie hielten es für ausgeschlossen, daß Frau =Dr.=
+Deruga sich jemals hätte etwas zuschulden kommen lassen.«
+
+»Zuschulden kommen lassen,« wiederholte Frau Schmid, »davon ist doch
+keine Rede. Mein Gott, man wird doch einmal einen gern haben dürfen,
+ohne daß einem gleich daraus der Strick gedreht wird. Ich habe doch
+auch unser Doktorchen gern gehabt -- nun, das Gefühl ist im Keime
+steckengeblieben --, aber wenn es auch einmal einen Kuß gegeben hätte,
+was wäre dabei? Den Allzuzimperlichen traue ich am wenigsten.«
+
+»Sie haben aber keinen Anhaltspunkt dafür,« sagte =Dr.= Zeunemann,
+»daß die damalige Frau Deruga etwaige frühere Beziehungen derzeit noch
+fortgesetzt hätte?«
+
+»Bewahre!« rief Frau Hauptmann Schmid fast schreiend, »was meinen Sie
+denn, dann wäre sie ja eine ganz infame Kröte gewesen! Da brauchen Sie
+nur Herrn Doktor selbst zu fragen, der wird es Ihnen schon sagen. Ich
+glaube, er spränge Ihnen gleich an die Kehle, wenn Sie ihn so etwas
+fragten!«
+
+=Dr.= Zeunemann konnte nicht umhin zu lächeln. »Darum halte ich
+mich lieber an Sie,« sagte er. »Sie halten also für möglich, daß Frau
+Deruga vor ihrer Verheiratung einmal eine Neigung hatte, sind aber
+überzeugt, daß derzeit jede etwaige Beziehung gelöst war. In Anbetracht
+des Umstandes, daß der Angeklagte sich als Arzt zuerst in Linz
+niederließ, gab er im Dezember die Sommerwohnung bei Ihren Großeltern
+auf. Haben Sie später noch im Verkehr mit ihm und seiner Frau
+gestanden?«
+
+»Sie schickten eine Anzeige von der Geburt des kleinen Mädchens,« sagte
+Frau Schmid, »das nachher starb. Die Anzeige ließ ich mir von der
+Großmutter schenken und habe sie noch. Ich hatte immer das Gefühl, daß
+es besondere Menschen wären, und wartete lange darauf, daß sich etwas
+Besonderes mit ihnen begeben würde. Daß es so käme, dachte ich freilich
+nicht.«
+
+Nachdem noch einige Fragen über die Besuche, die Derugas empfingen, und
+über ihren Geldverbrauch gestellt waren, wurde Frau Hauptmann Schmid
+entlassen, und ein eleganter Herr von etwa sechsunddreißig Jahren folgte
+ihr. Er sah so überaus tadellos aus, daß er an eine Figur aus dem
+Modeblatt erinnerte, und auch sein Gesicht hatte einen dementsprechenden
+regelmäßigen Zuschnitt; nur war es nicht glatt und rosig, sondern
+blaßgrau, müde und etwas eingefallen.
+
+Er machte eine Verbeugung, durch welche er dem Gerichtshof den Respekt
+zuteilte, den er jeder staatlichen Einrichtung, wie weit er persönlich
+auch darüber stehen mochte, zugestand, und ließ unter anderen
+Personalien feststellen, daß er Peter Hase heiße und in München wohnhaft
+sei. Dann wurde er aufgefordert mitzuteilen, wie er die Bekanntschaft
+des Angeklagten gemacht habe.
+
+»Wir wurden einander im Kavalier-Café, wo er verkehrte, vorgestellt. Es
+ist kein Café ersten Ranges, aber ein sehr behagliches Lokal und
+ziemlich viel von Künstlern besucht, weil es eigentlich für
+Nichtkünstler gegründet wurde. Deruga ist dort sehr bekannt, und ich
+hatte öfters von ihm als von einer eigentümlichen Persönlichkeit und
+einem guten Gesellschafter sprechen hören, so daß ich mich freute, ihn
+kennenzulernen. Er hatte einen bestimmten Platz an einem bestimmten
+Tisch, wo sich ein ziemlich gemischter Kreis um ihn zu versammeln
+pflegte.«
+
+»Waren Herren aus der Gesellschaft darunter?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Sowohl solche wie andere,« antwortete Peter Hase, »hauptsächlich aus
+der Bohème.« Er sprach das Wort so unbetont aus, daß es unmöglich
+gewesen wäre, herauszufühlen, ob er Verachtung oder Sympathie oder sonst
+was für den Begriff empfand. Überhaupt hatte er etwas vollkommen
+Beziehungsloses; er schien keine Umwelt als leere, weiße Mauern zu
+haben.
+
+»Traten Sie in ein intimeres Verhältnis zu Deruga?« sagte =Dr.=
+Zeunemann.
+
+»Das nicht,« sagte Herr Hase, ohne die Zumutung, er könne zu irgend
+jemandem in intimere Verhältnisse treten, im allermindesten zu rügen,
+»aber er interessierte mich immer, wenn ich ihn sah.«
+
+»Darf ich Sie bitten,« sagte der Vorsitzende, »jetzt den Auftritt zu
+schildern, der zwischen Ihnen und Deruga in dem erwähnten Café
+stattfand?«
+
+Herr Hase verbeugte sich zustimmend. »Erlauben Sie mir die
+Richtigstellung,« begann er, »daß von einem Auftritt zwischen =Dr.=
+Deruga und mir insofern nicht die Rede sein kann, als ich mich in keiner
+Weise aktiv dabei beteiligt habe. Es hatte damals ein Grubenunglück
+stattgefunden, bei welchem eine Anzahl Arbeiter verunglückt waren, und
+es wurde für die Hinterbliebenen gesammelt. An jenem Nachmittag kam eine
+Dame mit einer Liste für Unterschriften und Beiträge in das Café.«
+
+»Eine Dame?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Eine Frau, wenn Sie lieber wollen,« sagte Herr Hase, »sie war sehr
+dürftig gekleidet. Sie näherte sich unserem Tisch, und da ich zunächst
+saß, gab ich ihr durch eine Handbewegung oder ein Kopfschütteln zu
+verstehen, sie solle sich nicht bemühen; denn ich finde Sammlungen jeder
+Art in Vergnügungslokalen unpassend. =Dr.= Deruga, der im Besitz
+einer außerordentlichen Beobachtungsgabe ist, hatte den kleinen Vorgang
+bemerkt und rief die Dame oder Frau, die im Begriffe war weiterzugehen,
+zurück. 'Warum kommen Sie nicht zu uns, liebes Kind?' sagte er. 'Kommen
+Sie, wir möchten auch etwas zeichnen.' Dann überhäufte er mich mit
+Vorwürfen, daß ich die Dame eigenmächtig, ohne die Absicht der
+Gesellschaft zu kennen, verscheucht hätte. Um der Sache ein Ende zu
+machen, griff ich schnell nach der Liste, zeichnete einen Betrag und gab
+sie weiter. Als sie an Deruga kam, überlas er die Einträge und ärgerte
+sich, wie ich sofort an seinem Gesicht sehen konnte, über ihre
+Geringfügigkeit. 'Sehen Sie, liebes Kind,' sagte er zu der Dame, 'diese
+Herren hier sind reich und haben infolgedessen, da sie sich Häuser
+bauen, Autos halten und Sekt trinken müssen, kein Geld für
+Arbeiterfrauen und Arbeiterkinder übrig, deren es ohnehin zu viele gibt.
+Ich dagegen bin arm, sollte mich eigentlich aufhängen und brauche
+infolgedessen nur einen Strick, der wenig kostet; daher bin ich in der
+Lage, dreihundert Mark zu zeichnen, die ich Sie in meiner hier
+angegebenen Wohnung abzuholen bitte. Übrigens können Sie einstweilen als
+Pfand diese Nadel hier mitnehmen.' Er zog dabei eine eigentümliche,
+augenscheinlich sehr wertvolle Nadel aus seiner Krawatte und händigte
+sie der Dame ein, die, ohnehin durch sein Benehmen in Verlegenheit
+gesetzt, sich weigerte, sie anzunehmen, aber endlich nachgeben mußte.
+Ein paar von den Herren, die =Dr.= Deruga besser kannten als ich,
+sagten zu ihm, wenn jeder etwa fünf Mark zeichnete, käme genug zusammen;
+es sei doch nicht die Absicht, die hinterbliebenen Arbeiterfrauen
+reicher zu machen, als man selbst sei. Er solle Vernunft annehmen und
+eine seinen Verhältnissen angemessene Summe geben. Dadurch reizten sie
+=Dr.= Deruga noch mehr, er wurde wütend und sprudelte im Zorne
+allerlei Äußerungen hervor, die ich natürlich nur ganz ungefähr
+wiedergeben könnte.«
+
+Der Vorsitzende bat dies zu tun, soweit es sein Gedächtnis erlaubte.
+
+Herr Hase verbeugte sich zustimmend. »Er sagte also ungefähr so: 'Meine
+Verhältnisse? Was wissen Sie von meinen Verhältnissen? In Ihren Augen
+bin ich ein armer Teufel, und Sie glauben deshalb sich über mich zu
+amüsieren und mich bevormunden zu können. Sie sehen eine Art Hofnarren
+in mir, der dazu da ist, Sie zu unterhalten, übrigens aber keine
+Ansprüche zu stellen hat. Ich könnte ebenso wie Sie eine reiche Frau
+heiraten und wäre dann in denselben Verhältnissen wie Sie. Übrigens habe
+ich das nicht einmal nötig, denn ich kann jederzeit über das Vermögen
+meiner geschiedenen Frau verfügen. Nach ihrem Tode werde ich ein reicher
+Mann und wahrscheinlich ebenso geizig und habgierig wie Sie jetzt; also
+nehmen Sie mein Geld, solange ich noch arm bin, liebes Kind!' Ich bitte
+übrigens nochmals zu bedenken,« setzte Herr Hase hinzu, »daß ich
+erzähle, was die Erinnerung mir aufbewahrt hat oder mir vorspiegelt. Das
+beste wird sein, wenn Sie =Dr.= Deruga selbst befragen, ob er die
+von mir wiedergegebenen Worte als die seinigen anerkennt.«
+
+Der Vorsitzende hatte kaum den Kopf nach Deruga gewendet, als dieser
+vergnügt ausrief: »Vorzüglich war die ganze Schilderung und eines so
+ausgezeichneten Schriftstellers würdig. Ich mache einen viel besseren
+Eindruck darin, als ich für möglich gehalten hätte. Wahrscheinlich habe
+ich alles das gesagt, nur hat Herr Hase, anständig wie er ist, alle die
+Beschimpfungen weggelassen, die ich ihm persönlich an den Kopf geworfen
+habe, über seine Herzlosigkeit, Verlogenheit, Nichtigkeit und so
+weiter.«
+
+»Ich habe weggelassen, was nicht unbedingt zur Sache gehört,« sagte
+Herr Hase gegen den Präsidenten gewendet, »allerdings hätte ich seine
+Ausfälle gegen mich vielleicht nicht ganz unterdrücken sollen, weil
+daraus deutlich wird, wie sehr er im Augenblick der Erregung unter der
+Herrschaft seines Temperaments steht, und man nur sehr bedingterweise
+Schlüsse aus den Äußerungen ziehen darf, die er in solchen Augenblicken
+tut.«
+
+»Ich bitte um die Erlaubnis,« sagte Justizrat Fein, aufstehend, »dieser
+sehr richtigen Bemerkung des Zeugen eine ähnliche hinzuzufügen. Das
+Ergebnis der eben vernommenen Aussage ist hauptsächlich, daß man Deruga
+überhaupt nicht zu ernst nehmen darf. Man muß in Italien gewesen sein
+und die Italiener kennen, um ihn richtig zu beurteilen. Seine Reden
+erinnern zuweilen an das Pathos, mit dem ein italienischer Quacksalber
+auf dem Markte seine Hühneraugenpflaster anpreist: 'Meine Damen und
+Herren, und wenn Ihr leiblicher Bruder hier stünde, er könnte Sie nicht
+ehrlicher bedienen, als ich es tue. Nicht um meinetwillen, um
+Ihretwillen stehe ich hier, denn was bedeuten die paar Pfennige, die
+Sie mir geben, gegen das, was ich Ihnen verschaffe, ein schmerzloses
+Dasein, einen sieghaften Gang, die Gunst der Frauen, die Bewunderung der
+Männer!'«
+
+Während im Publikum gelacht wurde, legte =Dr.= Zeunemann seine
+Stirn in leichte Falten und sagte: »Man darf immerhin nicht vergessen,
+daß die Italiener als schlaue Leute von ihren nationalen
+Eigentümlichkeiten sehr guten Gebrauch zu machen wissen, und daß, wer
+häufig Masken trägt, deshalb doch ein Gesicht hat, wenn auch mitunter
+schwer zu entscheiden sein mag, welches das echte ist. Ich will aber
+jetzt nicht Philosophie treiben, sondern Tatsachen feststellen, und da
+möchte ich darauf hinweisen, daß uns von dem Angeklagten noch ähnliche
+Aussprüche bekannt geworden sind, die er in vollständigem seelischem
+Gleichgewicht machte. Ferner möchte ich wissen, ob der Angeklagte damals
+die gezeichnete Summe gezahlt hat?«
+
+Herr Hase bedauerte, darüber keine Auskunft geben zu können. Auf der
+vordersten Reihe der Geschworenensitze erhob sich Kommerzienrat Winkler
+und sagte: »Die gewünschte Auskunft gibt uns vielleicht die Nadel in der
+Krawatte des Angeklagten. Es dürfte die verpfändete sein, die er also
+augenscheinlich ausgelöst hat!«
+
+Deruga bestätigte, daß es die Nadel sei, die er gegen Bezahlung der
+genannten Summe zurückerhalten habe, zog sie heraus und bot sie zur
+Besichtigung an.
+
+»Haben Sie denn wirklich die dreihundert Mark gegeben?« fragte der
+Justizrat Fein. »Wie hatten Sie denn gleich soviel Geld übrig?« Deruga
+zuckte etwas ungeduldig die Schultern. »Glauben Sie denn,« sagte er,
+»ich hätte mir nicht jeden Augenblick dreihundert Mark verschaffen
+können? Ich brauchte mir zum Beispiel nur einen Vorschuß vom
+italienischen Konsulat geben zu lassen für Übersetzungen, Untersuchungen
+oder dergleichen. Deruga hat Gehirn im Schädel und keine Kartoffeln.«
+
+Inzwischen hatte der Vorsitzende die Nadel betrachtet und fragte Herrn
+Hase, ob es dieselbe sei, die der Angeklagte an jenem Abend als Pfand
+gegeben habe, was Peter Hase, nachdem er einen diskreten Blick darauf
+geworfen hatte, bejahte.
+
+»Es ist ein auffallend schönes Stück,« sagte =Dr.= Zeunemann, in
+den Anblick der Nadel versunken, die einen Mohrenkopf mit Turban
+darstellte; der Kopf bestand aus einer schwarzen, der Turban aus einer
+weißen Perle, und der letztere war reich mit Rubinen und Smaragden
+besetzt.
+
+»Ein Geschenk meiner verstorbenen Frau,« sagte Deruga, indem er die
+Nadel wieder in Empfang nahm. »Sie meinte, sie sei wie gemacht für einen
+Othello wie mich.«
+
+Nach diesem Zwischenfall fragte der Vorsitzende den Zeugen, ob er noch
+irgend etwas hinzuzufügen habe. Über Herrn Hases unbewegliches Gesicht
+ging zum ersten Male ein schwaches Erröten; seine Aufmerksamkeit war
+nämlich durch die Baronin Truschkowitz abgelenkt worden, die, in der
+ersten Reihe der Zuschauer sitzend, sich weit vorgebeugt und die von dem
+Präsidenten gehaltene Nadel mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit
+betrachtet hatte. Angeredet, drehte er sich erschreckt um und sagte,
+daß er nichts mehr zur Sache mitzuteilen wisse, aber bereit sei, auf
+fernere Fragen zu antworten.
+
+Peter Hase verließ nach Schluß der Sitzung das Gerichtsgebäude nicht,
+sondern wartete auf =Dr.= Zeunemann, stellte sich ihm vor und bat, ein
+paar Fragen an ihn richten zu dürfen, worauf der Oberlandesgerichtsrat
+ihn in sein Zimmer mitnahm. Hauptsächlich wünschte Herr Hase zu wissen,
+welche Strafe den Angeklagten etwa treffen könnte, falls er wider
+Erwarten verurteilt würde.
+
+»Ja, sehen Sie, Verehrtester,« antwortete =Dr.= Zeunemann, während
+er seinen Talar mit dem Gehrock vertauschte, »bis jetzt geht die Anklage
+nur auf Totschlag, und dabei würde er mit ein paar Jahren Zuchthaus
+davonkommen. Aber unser Staatsanwalt sieht es eigentlich als Mord an,
+und wenn noch irgendein dahinzielendes Indizium auftaucht, kann die
+Geschichte bedenklich werden. Wenn zum Beispiel festgestellt würde, daß
+der Mann mit dem Inhalt des Testaments bekannt war, ja, dann würde die
+Meinung des Staatsanwalts wahrscheinlich durchdringen, und in dem Falle
+würden wir auch sofort, so leid es mir tut, zur Verhaftung schreiten
+müssen.«
+
+»Darf ich fragen,« erkundigte sich Herr Hase, »wie Sie persönlich die
+Sache beurteilen?«
+
+»Ich bin zu sehr Psychologe,« sagte =Dr.= Zeunemann, »um nicht
+einen gewissen Anteil an problematischen Charakteren zu nehmen. Was für
+eine Grundfarbe dieses Chamäleon eigentlich hat, darüber bin ich, um die
+Wahrheit zu sagen, noch nicht ins klare gekommen.«
+
+»Warum sollte er überhaupt eine Grundfarbe haben?« sagte Herr Hase
+verhältnismäßig lebhaft. »Der schimmernde Wechsel ist die Natur dieses
+fabelhaften Geschöpfes. Ich habe eine große Sympathie für Chamäleons,«
+fügte er nach einer Pause hinzu.
+
+»Ich verstehe, ich verstehe,« erwiderte =Dr.= Zeunemann, »schön,
+aber schlüpfrig. Die ästhetische Betrachtungsweise ist sehr verschieden
+von der moralischen und diese nicht immer identisch mit der
+juristischen.«
+
+Er war im Begriff, einen breitrandigen Filzhut vom Gestell zu nehmen,
+als es klopfte und auf sein unwirsches Herein die Baronin Truschkowitz
+auf der Schwelle erschien, der der Staatsanwalt die Tür öffnete.
+
+»Lieber Präsident,« sagte sie rasch, indem sie ihm ihre in einem weißen,
+festanliegenden Lederhandschuh steckende Hand reichte, »ich weiß, daß es
+im höchsten Grade zudringlich ist, Sie in Ihrem Heiligtum und noch dazu
+um diese Zeit zu überfallen, aber Sie sind zu ritterlich, um mich
+hinauszuwerfen, und ich bin zu unedel, um Ihre Höflichkeit nicht
+auszunutzen.«
+
+=Dr.= Zeunemann stieß einen komischen Seufzer aus. »Machen Sie es
+wenigstens kurz, Frau Baronin,« sagte er.
+
+Sie lachte ein helles, jugendliches Lachen, in dem ein girrender Ton
+war, der etwas Verführerisches hatte. »Ich mache es schon kurz,« sagte
+sie, »wenn nur Sie, Herr Präsident, es nicht in die Länge ziehen. Es
+betrifft die Nadel, die Sie heute in der Hand hatten und jenem Menschen
+zurückgaben. Ich erkannte sie sofort wieder als ein Erbstück meiner
+Urgroßmutter, das heißt, meiner und meiner verstorbenen Kusine
+Urgroßmutter. Es ist mir unleidlich, dies kostbare Andenken in den
+Händen jenes Menschen zu wissen, und ich möchte Sie bitten zu bewirken,
+daß sie mir eingehändigt wird.«
+
+»Ihnen, Frau Baronin,« sagte =Dr.= Zeunemann erstaunt, »ja, gehört
+sie denn Ihnen?«
+
+»Natürlich,« sagte die Baronin, »ich bin bekanntlich die nächste
+Verwandte der Verstorbenen.«
+
+=Dr.= Zeunemann war so betroffen, daß er sich unwillkürlich setzte,
+nicht ohne auch der Baronin durch eine Gebärde einen Stuhl anzubieten.
+»Aber die Nadel gehörte ja gar nicht Ihrer Kusine,« sagte er, »sie hatte
+für gut befunden, sie zu verschenken.«
+
+»Leider,« sagte die Baronin, »aber hernach hat sie sich scheiden lassen,
+und in solcher Lage geben sich anständige Menschen ihre Geschenke
+zurück. Außerdem hat er sie doch umgebracht! Da kann man ihn doch nicht
+ihre Nadel tragen lassen.«
+
+Die ratlosen Blicke, die der Oberlandesgerichtsrat mit dem Staatsanwalt
+wechselte, brachten sie durchaus nicht aus der Fassung. »Nun?« fragte
+sie mit einem energisch aufmunternden Nicken. »Sie sehen, daß Sie es
+sind, der die Sache in die Länge zieht.«
+
+»Da Sie mir befehlen kurz zu sein,« sagte =Dr.= Zeunemann, der sich
+inzwischen gesammelt hatte, »so sage ich Ihnen rund heraus, daß Ihr
+Wunsch unerfüllbar ist. Selbst wenn =Dr.= Deruga verurteilt würde,
+könnten wir ihm nicht nehmen, was ihm gehört; aber noch ist er nicht
+verurteilt und hat einstweilen Ihre verstorbene Frau Kusine so wenig
+umgebracht wie -- verzeihen Sie -- wie Sie und ich.«
+
+»Herr Präsident,« rief die Dame mit einem vorwurfsvollen Blick ihrer
+graublauen Augen aus, »verlieren denn wirklich gerade die
+Rechtsgelehrten allen Sinn für das natürliche und menschliche Recht?«
+
+»Ihr Recht wird Ihnen werden, Frau Baronin,« beeilte sich jetzt der
+Staatsanwalt zu versichern. »Ich bin überzeugt, daß, wenn es unserer
+Einsicht und Arbeit nicht gelingen sollte, die Vorsehung selbst die
+Wahrheit ans Licht bringen wird.«
+
+»Und die Nadel?« fragte die Baronin. »Ich sammle solche Sachen, und das
+schönste Stück, auf das ich Erbansprüche habe, soll in den Händen eines
+solchen Menschen bleiben?«
+
+»Dafür machen Sie Ihre Urgroßmutter, aber nicht uns verantwortlich,«
+sagte =Dr.= Zeunemann lachend, indem er aufstand und wieder nach
+seinem Hute griff.
+
+»Sie sind ein steinharter, gepanzerter, undurchdringlicher Jurist,«
+schmollte die Baronin.
+
+»Aber ein weicher, für die Reize schöner Damen sehr empfänglicher
+Mensch,« fügte =Dr.= Zeunemann versöhnlich hinzu.
+
+Als sie alle zusammen aufbrachen, bat die Baronin, mit Peter Hase
+bekannt gemacht zu werden. »Sie sind mir kein Fremder,« sagte sie
+liebenswürdig zu ihm, »da ich Ihre Bücher kenne und bewundere. Es
+tröstet mich über den abscheulichen Prozeß, daß ich ihm eine so
+wertvolle Begegnung verdanke.«
+
+Sie forderte ihn auf, sie und ihren Mann im Hotel zu besuchen, falls er
+noch einige Zeit hierbleibe, und als sie ihren Wagen warten sah,
+verabschiedete sie sich von den beiden anderen Herren, indem sie
+lächelnd sagte: »Ich bekomme die Nadel doch noch, das weissagt mir mein
+Gefühl.«
+
+Die Herren gingen noch ein paar Schritte miteinander. »Wie reizend und
+anziehend,« sagte =Dr.= Zeunemann, »ist doch der gänzliche Mangel
+an Logik und Objektivität an Frauen. Wenigstens für uns Männer.«
+
+»Und ihre Grausamkeit!« setzte Herr Hase anerkennend hinzu.
+
+»Ich halte sie mehr für gedankenlos,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Wie
+alt schätzen Sie übrigens diese Frau? Sie hat eine erwachsene Tochter,
+da muß sie doch schon zweiundvierzig Jahre alt sein.«
+
+»Eher älter,« sagte Peter Hase, »sie ist sehr gepflegt und sehr
+geschickt angezogen.«
+
+»Natürlich, natürlich,« sagte =Dr.= Zeunemann, »keine Arbeit, keine
+Sorgen, das erhält jung.«
+
+Auch den Kommerzienrat Winkler beschäftigte die Baronin Truschkowitz,
+und er suchte eine Gelegenheit, =Dr.= Bernburger ein wenig nach ihr
+auszufragen. »Sie hat Charme, Schick, Grazie,« sagte er zu ihm, »aber
+gefährlich viel Temperament.«
+
+»Dazu bin ich ja da, um das zu kontrollieren,« sagte =Dr.=
+Bernburger.
+
+»Ich habe beobachtet,« fuhr der Kommerzienrat fort, »daß sie es
+vermeidet, Deruga anzusehen, obschon sie sonst scharf aufpaßt. Sie setzt
+sich so, daß er nicht in ihr Gesichtsfeld kommt. Haben früher
+irgendwelche Beziehungen zwischen ihnen stattgefunden?«
+
+»Sie kennt ihn gar nicht,« sagte =Dr.= Bernburger, »aber sie hat
+ihn von jeher gehaßt.«
+
+»Also blinde Voreingenommenheit?« meinte Herr Winkler.
+
+»Nun ja,« sagte =Dr.= Bernburger, »aber das macht ihn nicht
+besser.«
+
+Der Kommerzienrat lachte. »Wie verhält sich denn ihr Mann dazu?« fragte
+er.
+
+»O, er gibt ihr den Arm und ist neben ihr,« sagte =Dr.= Bernburger.
+Ȇbrigens ist er ein feiner Mensch. Selbst seine Dummheit hat etwas an
+sich, daß man unwillkürlich den Hut vor ihr abnimmt.«
+
+»Dumm sein, mit der Frau!« sagte der Kommerzienrat, »na, ich
+gratuliere!«
+
+»Da können Sie sich täuschen,« entgegnete der Anwalt. »Ob sie Respekt
+vor ihm oder Grundsätze hat, weiß ich nicht. Vielleicht ist sie eine
+kalte Kokette.«
+
+Der Kommerzienrat schüttelte sich. »Das wäre nichts für mich,« sagte er.
+»Ich glaube, da möchte ich noch lieber betrogen werden.«
+
+
+
+
+=V.=
+
+
+Der Präsident eröffnete die Sitzung mit den Worten, daß die nächsten
+Zeugenverhöre sich mit der letzten Lebenszeit der verstorbenen Frau
+Swieter beschäftigen würden, und daß er hoffe, es würde von dieser Seite
+aus mehr Licht auf die noch nicht völlig aufgeklärten Vorgänge fallen.
+Man sei bis jetzt davon ausgegangen, daß der Angeklagte von dem Inhalt
+des Testaments keine Kenntnis gehabt habe. Die einzige Person, die darum
+gewußt habe, sei die nächste Freundin der Verstorbenen, Fräulein
+Kunigunde Schwertfeger. Es sei nicht unmöglich, daß durch deren Aussage,
+falls sie nämlich die bisher beobachtete Zurückhaltung aufgäbe, das Bild
+erheblich verändert würde.
+
+Es war für jedermann sichtbar, daß es Fräulein Schwertfeger
+Selbstüberwindung kostete, den Saal zu betreten. Sie war einfach und
+nicht nach der Mode gekleidet, eine unauffällige Erscheinung, die nur,
+wenn man sie eingehend betrachtete, Besonderheit und Reiz verriet.
+Beides fand man dann reichlich in den fast zu großen, offenen, grauen
+Augen, in der zu kurzen Nase, in dem kleinen, stets etwas geöffneten
+Munde und in dem Mienenspiel, das das ohnehin unregelmäßige Gesicht
+beständig bewegte. Wahrscheinlich, weil sie sich einer kindlichen
+Unfähigkeit zur Verstellung und einer Neigung unbedacht herauszuplaudern
+bewußt war, wappnete sie sich unter Fremden gern mit Vorsicht und
+Verschwiegenheit, was ihr, verbunden mit der Scheu vor der
+Öffentlichkeit, den Ausdruck eines kleinen Tieres im Käfig gab, das
+gewohnt ist, geneckt zu werden und sich zur Wehr setzen zu müssen.
+
+Nachdem =Dr.= Zeunemann ihr den Eid abgenommen hatte, forderte er
+sie auf, das zur Aufklärung des Falles Dienliche ohne Vorbehalt zu
+sagen. Es gebe Leute, fügte er hinzu, die sich für wahrheitsliebend
+hielten und doch unter Umständen ein Verschweigen, eine Lüge für
+erlaubt, ja sogar für verdienstlich ansähen. »Gehören Sie zu denen?«
+fragte er.
+
+Sie zögerte einen Augenblick und sagte dann, indem sie die großen Augen
+fest auf ihn richtete: »Ja, das tue ich.«
+
+Ihre kleinen, verarbeiteten und nicht schön geformten Hände schlangen
+sich dabei fest ineinander.
+
+»Das sind ja gute Aussichten,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Haben Sie,
+wenn ich fragen darf, von vornherein die Absicht, uns die Wahrheit nur
+in Auszügen und Bearbeitungen zuzuteilen?«
+
+Sie schüttelte den Kopf und lächelte, ein lustiges Lächeln, das im Nu
+ihr ganzes Gesicht überrieselte. »Nein, nein,« sagte sie treuherzig,
+»ich habe die Absicht, die Fragen, die Sie an mich richten werden, nach
+bestem Wissen und Vermögen wahrheitsgemäß zu beantworten. Es ist ja
+nicht gesagt, daß die vorhin erwähnten Umstände hier vorliegen.«
+
+»Nun das ist brav,« sagte der Vorsitzende. »An die schweren Folgen eines
+Meineides brauche ich Sie wohl nicht zu erinnern. Nur das will ich
+sagen, daß wir kurzsichtigen Menschen allemal am besten tun, jede Lüge
+schlechthin für Lüge, im häßlichsten und abscheulichsten Sinne,
+anzusehen und uns an die Wahrheit zu halten. Die Folgen liegen in Gottes
+Hand. Jene Sophismen oder Trugschlüsse, die uns eine Lüge für geboten
+erscheinen lassen wollen, können gefährliche Irrlichter sein.«
+
+Fräulein Schwertfeger nickte ernsthaft.
+
+»Wollen Sie uns und den Herren Geschworenen zunächst ausführlich
+erzählen, was Sie von der Entstehung des Testamentes der verstorbenen
+Frau Swieter wissen! Da Sie von früher Jugend an miteinander befreundet
+waren, wird sie vor der Aufsetzung des Testamentes mit Ihnen davon
+gesprochen, vielleicht Sie um Ihren Rat gefragt haben?«
+
+»O nein,« antwortete Fräulein Schwertfeger schnell, »sie sagte wohl
+immer: 'Was meinst du dazu, Gundel? Soll ich das tun, Gundel?' Aber das
+war nur eine Form der Höflichkeit oder Herzlichkeit. In wichtigen Dingen
+beanspruchte sie nie Rat und hätte ihn nie angenommen.«
+
+»Um Rat also hat sie nicht gefragt?« sagte =Dr.= Zeunemann. »Aber
+die Beweggründe ihres Willens wird sie doch angegeben haben?«
+
+»Ja, das hat sie getan,« antwortete Fräulein Schwertfeger.
+
+»Die Verstorbene war schon seit acht Jahren krebsleidend,« sagte
+=Dr.= Zeunemann. »Hat ihr das nicht schon früher, bevor sie das
+Testament aufsetzte, Anlaß gegeben, über ihre letztwilligen Verfügungen
+zu sprechen?«
+
+»Mit mir nie,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Und ich glaube, überhaupt
+nicht. Die Ärzte suchten sie doch immer über den wahren Charakter ihres
+Leidens zu täuschen, und sie kam ihnen darin entgegen, erstens, weil ihr
+überhaupt leicht etwas weiszumachen war, und dann, weil sie in diesem
+Falle das Bedürfnis hatte, getäuscht zu werden. Sie wollte leben und
+hoffen. Dazu kommt, daß sie sich nach einer Operation immer wieder
+vollkommen gesund fühlte.«
+
+»Wie kam es denn,« sagte =Dr.= Zeunemann, »daß sie doch zuletzt an
+das Testament dachte?«
+
+»Nun, das ist klar,« sagte Fräulein Schwertfeger, »weil es damals
+wirklich dem Ende zuging und sie das fühlte. Als ihr vor einem Jahre der
+schreckliche Anfall kam, nach welchem sie nicht wieder aufgestanden ist,
+war sie sehr betroffen und wußte, daß sie nicht wieder gesund werden
+würde. Sie sprach es nicht aus, aber ich fühlte oft, daß sie es dachte.«
+
+Aufgefordert, den Vorgang ausführlich zu schildern, erzählte Fräulein
+Schwertfeger:
+
+»Eines Nachmittags, da ich sie wie gewöhnlich besuchte, empfing sie mich
+mit den Worten, ich käme im rechten Augenblick. Sie habe eben
+beschlossen, ihr Testament zu machen, und ich müsse ihr dabei behilflich
+sein. Wenn sie wieder gesund würde, so mache es ja nichts, aber sie
+müsse doch auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß sie diesmal
+nicht davonkäme, und ohnehin sei es leichtfertig von ihr, so alt wie sie
+sei, es noch nicht getan zu haben. Es wäre doch zu sinnlos, wenn die
+Verwandten ihr Geld bekämen, die ihr fast ganz fremd und die außerdem
+reich wären. Ich sagte, sterben würde sie noch lange nicht. Ich sähe sie
+schon im Geiste vor mir, frisch und stark und leichtfüßig wie früher.
+Darauf antwortete sie nichts, aber in ihren Augen sah ich, was sie
+dachte, und sie las wohl dasselbe in meinen.«
+
+»War sie aufgeregt?« fragte =Dr.= Zeunemann.
+
+»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger, indem sie mit einer heldenmütigen
+Anstrengung die bei der Erinnerung aufsteigenden Tränen verschluckte,
+»nicht besonders, nur im Anfang zitterte die Stimme ein wenig. Dann
+sagte ich, daß ich nicht gern mit Testamenten und solchen Sachen zu tun
+hätte, besonders wenn es sie anginge. Aber sie hätte ganz recht. Wenn
+man Vermögen besäße, müsse man ein Testament machen, und sie hätte es
+schon längst tun sollen. Was sie denn mit ihrem Gelde vorhätte, wenn
+ihre Verwandten es nicht bekommen sollten? Sie wurde darauf sehr
+verlegen und machte eine lange Vorrede, ich würde gewiß erstaunt sein
+und sie auslachen und sie schelten, bis sie mir endlich sagte, daß sie
+=Dr.= Deruga zu ihrem Erben einsetzen wollte.«
+
+»Bitte, einen Augenblick,« unterbrach =Dr.= Zeunemann. »Ihre
+Freundin setzte voraus, daß der Entschluß Sie überraschen würde. Hatte
+sie früher einmal andere Pläne geäußert? Wenn man Sie vorher nach den
+Absichten Ihrer Freundin gefragt hätte, hätten Sie gar keine Ahnung oder
+Meinung gehabt?«
+
+»Doch, das hätte ich,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Ich hatte immer
+geglaubt, sie würde eine Stiftung für arme Kinder machen, zum Andenken
+an ihr eigenes verstorbenes Kind, und weil sie überhaupt Kinder so sehr
+liebte. Sie pflegte zu sagen, schlecht ernährte, traurige Kinder wären
+ein Schandfleck der Gesellschaft. Sie ging darin so weit, daß sie jedes
+Kind, das sie zufällig schreien hörte, für ein mißhandeltes hielt. Ich
+sagte oft zu ihr, um sie zu trösten: 'Weißt du, das ist wirklich ein
+eigensinniger Balg.' Aber im Grunde glaubte sie mir nicht. Wir hatten
+auch von Einrichtungen gesprochen, die man zugunsten armer Kinder machen
+könnte.«
+
+»Erinnerten Sie sie denn nicht daran?« fragte =Dr.= Zeunemann,
+»oder hielt sie es nicht von selbst für nötig, ihre Sinnesänderung zu
+erklären?«
+
+»Sie sagte, sie hätte bei Stiftungen immer den Verdacht, das Geld käme
+gar nicht denen zugute, für die man es bestimmt hätte.«
+
+Fräulein Schwertfeger stockte, nachdem sie dies erklärt hatte, und war
+augenscheinlich ungewiß, ob sie noch was hinzufügen müsse oder
+fortfahren dürfe.
+
+»Und irgendeinen Weg, diese Gefahr zu vermeiden, hatte ihre Freundin nie
+ins Auge gefaßt?« ermunterte der Vorsitzende.
+
+Das Fräulein faßte nach kurzem Kampfe augenscheinlich Mut und sagte:
+
+»Sie hatte die Absicht gehabt, ihr Vermögen mir zu vermachen, sowohl,
+damit ich mein Leben bequemer einrichten könnte -- meine Freundin stellte
+sich das Leben einer Zeichenlehrerin nämlich sehr mühsam vor -- und dann,
+weil sie wußte, ich würde in ihrem Sinne damit für arme Kinder wirken.«
+
+»Ja so!« sagte =Dr.= Zeunemann, »Ihnen hatte sie ihr Vermögen
+vermachen wollen. Das ist doch aber keine Kleinigkeit, wenn man in einer
+solchen Sache plötzlich umschwenkt. Das muß sie Ihnen doch erklärt und
+entschuldigt haben?«
+
+Fräulein Schwertfeger machte ein stolz abwehrendes Gesicht. »Das mußte
+sie gar nicht,« sagte sie, »wir waren doch befreundet. Allerdings
+bedrückte es sie, und sie wollte mir weitläufig auseinandersetzen, warum
+sie so handelte. Sie hätte einmal gehört, daß es =Dr.= Deruga
+schlecht ginge, und daß er sehr heruntergekommen wäre, und daran müsse
+sie fortwährend denken. Er sei der Vater ihres geliebten Kindes und
+hätte sie liebgehabt, und sie könne sich noch immer nicht von dem
+Gedanken entwöhnen, daß, was ihr gehöre, eigentlich auch sein sei. Kurz,
+sie würde nicht ruhig sterben können, wenn sie ihn nicht durch ihr
+Vermögen vor Not geschützt wisse. Natürlich ließ ich sie gar nicht
+ausreden, sondern tröstete sie und versicherte sie, daß das Geld mich
+nur in Verlegenheit setzen würde, weil ich denken würde, ich müsse es
+irgendwie ausgeben und wisse nicht wie, und daß ich mein Leben nicht
+anders einrichten möchte, weil ich es einmal so gewöhnt wäre und ich
+mich wohl dabei fühlte. Das Geld würde mich nur an ihren Verlust
+erinnern und mir dadurch verhaßt werden.«
+
+»Es ist doch aber sonderbar,« sagte der Vorsitzende, »daß Ihre Freundin
+Ihnen nicht wenigstens ein Legat ausgesetzt hat wie ihrem
+Dienstmädchen.«
+
+»Das unterließ sie auf meinen Wunsch,« sagte Fräulein Schwertfeger kurz.
+
+»Ich bitte einen Augenblick ums Wort,« schaltete plötzlich der
+Staatsanwalt ein. »Nach der Darstellung der Zeugin hatte ich den
+Eindruck, als habe die von ihr mitgeteilte Unterredung, der sich die
+Abfassung des Testamentes anschloß, gleich nach der letzten, schweren
+Erkrankung ihrer Freundin, also im März oder April, stattgefunden.
+Dagegen ist das vorliegende Testament vom 19. September, also vierzehn
+Tage vor dem Tode derselben, datiert.«
+
+Fräulein Schwertfeger entgegnete nichts, sondern warf nur einen langen,
+feindseligen Blick auf den Fragesteller, wie auf einen unberufenerweise
+sich Einmischenden, und sah dann wieder den Vorsitzenden an.
+
+»Wollen Sie uns darüber aufklären, mein Fräulein,« bat dieser
+freundlich.
+
+»Meine Freundin schrieb das Testament zuerst im Frühling,« sagte
+Fräulein Schwertfeger, »und am 19. September schrieb sie es noch einmal
+ab.«
+
+»Es blieb also unverändert?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Meine Freundin erhöhte die Summe, die sie der Ursula, ihrem
+Dienstmädchen, ausgesetzt hatte,« sagte Fräulein Schwertfeger.
+
+»Vermutlich,« sagte =Dr.= Zeunemann, »hatte das Mädchen sie während
+ihrer schweren Krankheit so gut verpflegt, daß sie ihre Dankbarkeit mehr
+zum Ausdruck bringen wollte.«
+
+Fräulein Schwertfeger nickte und sah den Vorsitzenden herzlich an.
+»Dafür,« setzte sie hinzu, »fiel jetzt auf meinen Wunsch das Legat fort,
+das in der ersten Fassung mir ausgesetzt war.«
+
+»Wenn es so weiter geht, wird unvermerkt noch ein ganz neues Testament
+aus der unveränderten Abschrift,« bemerkte der Staatsanwalt mit
+diabolischem Kichern.
+
+»Sie hatten also anfänglich nichts gegen das Legat einzuwenden gehabt,«
+sagte der Vorsitzende. »Aus welchem Grunde lehnten Sie es jetzt ab? Es
+war doch nichts zwischen Sie und Ihre Freundin getreten?«
+
+»O nein, nein,« beteuerte Fräulein Schwertfeger lebhaft. »Ich gab nur
+damals nach, um sie nicht aufzuregen; aber ich beschloß von Anfang an,
+das Legat gelegentlich rückgängig zu machen, weil es mir nicht paßte.«
+Da sie das spöttisch-ungläubige Lächeln des Staatsanwalts bemerkte, warf
+sie mit einer kleinen, trotzigen Gebärde den Kopf zurück und preßte die
+Lippen zusammen.
+
+Nach einer Pause nahm der Vorsitzende das Verhör wieder auf, indem er
+fragte: »Ist die Verstorbene in der Folge, ich meine nach der ersten
+Abfassung, noch öfters auf das Testament zurückgekommen?«
+
+»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger entschieden. »Es war kein
+angenehmer Gesprächsgegenstand für uns beide.«
+
+Der Staatsanwalt lachte hörbar, als wolle er sagen, es scheine auch
+jetzt keiner für sie zu sein, worauf sie einen vernichtenden Blick nach
+der Richtung seines Platzes warf.
+
+»Hat Frau Swieter Ihnen nie erzählt oder Andeutungen gemacht,« fragte
+der Vorsitzende mit freundlicher Dringlichkeit, »ob irgendein besonderer
+Anlaß vorlag, der sie bewog, ihr Testament zugunsten des Angeklagten zu
+machen? Sie sprach, wie Sie erzählten, davon, daß es ihm schlecht ginge,
+daß er heruntergekommen sei. Wie war ihr das zu Ohren gekommen? Hatten
+sich vielleicht Gläubiger von ihm an sie gewendet? Oder sollte er selbst
+sie um Geld angegangen haben?«
+
+»Das weiß ich nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger, »aber ich glaube es
+nicht, weil sie es mir gewiß erzählt haben würde. Sie hätte mir dadurch
+ihr Testament ja viel leichter erklären können. Daß es Herrn =Dr.=
+Deruga nicht gut ging, wußte sie schon lange; es gibt unzählige Wege,
+auf denen einem solche Gerüchte zu Ohren kommen.«
+
+»Sprach Ihre Freundin zuweilen mit Ihnen über den Angeklagten?« fragte
+=Dr.= Zeunemann.
+
+»Nein, fast nie,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Sie glaubte, daß ich
+kein Verständnis für ihn hätte.«
+
+»Also,« fiel der Staatsanwalt ein, »konnten sehr wohl Beziehungen
+zwischen Ihrer Freundin und ihrem geschiedenen Gatten bestehen, ohne daß
+Sie Kenntnis davon hatten.«
+
+Fräulein Schwertfeger warf den Kopf zurück und kräuselte verächtlich
+ihre kurze Oberlippe.
+
+»Es soll selbstverständlich nichts Nachteiliges über Ihre Freundin
+geäußert werden,« sagte der Vorsitzende vermittelnd. »Immerhin könnte
+sie Ihnen etwas verschwiegen haben, um nicht ein tadelndes Urteil von
+Ihnen hören zu müssen.«
+
+»Möglich wäre das,« sagte Fräulein Schwertfeger, »aber sehr
+unwahrscheinlich. Es liegt jedenfalls kein Grund vor, so etwas
+anzunehmen. Ihr Vermögen vermachte sie ihm einfach, weil er der Vater
+ihres Kindes war und sie, ihrer Meinung nach, geliebt hatte. Ich
+erinnere mich, daß sie früher einmal sagte, die Ehe wäre ihrem Wesen
+nach unauflöslich, wenn sie durch Kinder befestigt wäre, und als jemand
+widersprach, sagte sie, vielleicht wäre das nicht allgemein gültig, aber
+sie hätte die Erfahrung an sich gemacht. Meine Freundin war ihrer
+anschmiegenden Natur nach nicht geeignet, alleinzustehen, und vielleicht
+hatte sie sich unbewußt diese Theorie gebildet, um sich wenigstens
+seelisch noch gebunden zu fühlen.«
+
+»Wenn ich Sie nicht schon über Gebühr angestrengt habe,« sagte
+=Dr.= Zeunemann höflich, »möchte ich Sie bitten, uns zu erklären,
+wie es kommt, daß Sie und Frau Swieter, so vertraut sie miteinander
+waren, in der Beurteilung des Angeklagten so sehr voneinander abwichen.«
+
+Fräulein Schwertfeger lachte ein wenig. »Warum ein Mensch einen anderen
+liebt, versteht der Dritte selten. Außerdem kann man wohl selbst einem
+Menschen das Unrecht verzeihen, das er einem getan hat; die Freunde
+aber werden am wenigsten dazu geneigt sein.«
+
+»Danach sind Sie der Meinung,« sagte der Vorsitzende, »daß der
+Angeklagte an dem ehelichen Zerwürfnis schuld war?«
+
+»Er quälte sie durch sein launisches, maßloses Wesen,« sagte Fräulein
+Schwertfeger mit Zurückhaltung.
+
+»Trotzdem, und da Frau Swieter seinerzeit selbst auf der Scheidung
+bestand,« sagte der Vorsitzende, »scheint es, daß sie fortfuhr, an ihrem
+geschiedenen Manne zu hängen. Können Sie, als ihre Freundin, uns
+vielleicht zum Verstehen dieses Widerspruches helfen?«
+
+Fräulein Schwertfeger dachte eine Weile nach und sagte dann:
+
+»Widersprüche gibt es in jedem einzelnen Menschen und um so mehr in den
+Beziehungen zwischen zweien. Als meine Freundin noch verheiratet war,
+schenkte sie ihrem Manne einmal ein Buch zum Geburtstage; und als er
+eine Widmung darin haben wollte, schrieb sie auf das erste Blatt:
+
+ 'Deruga, du bist eben
+ So schön als wunderlich.
+ Man kann nicht ohne dich
+ Und auch nicht mit dir leben.'
+
+Es ist ein Epigramm, das Lessing auf eine gewisse Klothilde gemacht
+hat.«
+
+Die Zuhörer lachten, aber =Dr.= Zeunemann blieb ganz ernst. »Noch
+mit einer Frage möchte ich Sie belästigen,« sagte er. »Frau Swieter soll
+außerordentlich furchtsam gewesen sein. Die Furcht vor dem hitzigen
+Temperament ihres Gatten soll sie mit zur Scheidung bewogen haben.
+Glauben Sie, daß sie sich auch nach der Scheidung noch vor ihm
+gefürchtet hat?«
+
+»O nein, vor Deruga nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger mit Überzeugung.
+»Vor ein paar Jahren las sie einmal in der Zeitung, daß ein Mann seiner
+von ihm geschiedenen Frau aufgelauert und sie erstochen habe. Mit Bezug
+darauf sagte sie, das käme häufig vor, und Frauen, die sich von ihren
+Männern trennen wollten oder getrennt hätten, müßten eigentlich
+irgendwie geschützt werden. Ich sagte, sie solle doch die dummen
+Zeitungen nicht lesen, die Hälfte von allem, was darin stünde, wäre
+erlogen. Da lachte sie und sagte, ich meinte wohl, sie fürchtete sich?
+Und dann erklärte sie mir, Deruga sei zwar bei den kleinen Reibungen,
+die im Zusammenleben unvermeidlich wären, maßlos heftig gewesen und auch
+nicht frei von Rachsucht, aber von langer Dauer sei das nie gewesen, und
+sie sei gewiß, daß er gegen sie keinen Groll hege. Daher weiß ich
+bestimmt, daß sie keinerlei Furcht vor ihm hatte. Im allgemeinen
+allerdings war sie sehr furchtsam und bevorzugte zum Beispiel zum Wohnen
+den dritten Stock, weil sie da vor Einbrechern am geschütztesten zu sein
+glaubte. Sie fürchtete sich auch sehr vor dem Tode, obwohl sie ihn
+andererseits als eine Wiedervereinigung mit ihrem Kinde ersehnte.«
+
+»Vermutlich fürchtete sie nicht den Tod, sondern das Sterben,« sagte der
+Vorsitzende, »das sie sich als qualvoll vorstellte.«
+
+»Ja,« stimmte Fräulein Schwertfeger zu, »sie hatte große Angst vor
+Schmerzen und mußte doch so schrecklich aushalten.«
+
+Der Staatsanwalt fragte, ob die Kranke infolge der Schmerzen jemals
+Störungen oder Trübungen des Bewußtseins gehabt hätte.
+
+»O nein,« sagte Fräulein Schwertfeger mit einem Lächeln, den Blick auf
+=Dr.= Zeunemann gerichtet, »sie klagte im Gegenteil zuweilen
+darüber, daß ihr Kopf bei den größten Qualen stets klar bleibe. Einmal
+fragte sie mich, ob ich sie lieb genug hätte, um ihr ein Gift zu geben,
+das sie von ihrem Leiden erlöste. Ich war sehr erschrocken und sagte,
+ich hätte sie zu lieb dazu, ich könnte so etwas nicht denken, geschweige
+denn es tun. Dann erinnerte ich sie daran, wie sie sich doch des Lebens
+wieder freuen könne, sobald ihr besser sei, und daß sie vielleicht
+wieder ganz gesund würde, und wie bald dann die Schmerzen vergessen sein
+würden, so wie ich sie kennte. Da lachte sie und tröstete mich und
+sagte, ich hätte ganz recht, sie hoffe noch einmal zu prahlen mit dem,
+was sie so tapfer ausgehalten hätte. Es gab jedenfalls keinen
+Augenblick, in dem sie nicht genau gewußt hätte, was sie tat.«
+
+»Es erübrigt nun noch eine Frage, deren Antwort im verneinenden Sinne
+mir zwar schon in Ihren übrigen Aussagen inbegriffen scheint, die ich
+aber doch ausdrücklich stellen muß: Hat Frau Swieter ihren geschiedenen
+Mann von dem Inhalt ihres Testamentes in Kenntnis gesetzt?«
+
+»Das weiß ich nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Ich glaube es auch
+nicht. Wozu sollte sie es getan haben?«
+
+»Das wollen wir zunächst dahingestellt sein lassen,« sagte der
+Vorsitzende. »Gesetzt den Fall, sie hätte es ihm mitteilen wollen, so
+hätte sie ihm schreiben müssen. Da sie in jener Zeit nicht mehr
+aufstand, geschweige denn ausging, mußte sie den Brief irgend jemandem
+zur Besorgung geben. Durch Sie hat sie es also nicht getan?«
+
+»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger.
+
+»Hat sie Ihnen überhaupt nie Briefe zur Besorgung mitgegeben?«
+
+»Vielleicht,« sagte Fräulein Schwertfeger, »ich erinnere mich nicht;
+aber keinen an =Dr.= Deruga.«
+
+»Er konnte vielleicht anders adressiert sein, um Sie irrezuführen?«
+
+»O nein,« sagte Fräulein Schwertfeger, die Stirn faltend, »das hätte
+sie vorher mit ihm verabreden müssen. Solche Schleichwege hätte sie
+nicht gewählt, dafür stehe ich ein.«
+
+»Ich glaube Ihnen, Fräulein Schwertfeger,« sagte der Vorsitzende nach
+einer kleinen Pause. »Ich verlasse mich auf Ihre Wahrheitsliebe. Sie
+sind Lehrerin, die Jugend ist Ihrem Einfluß anvertraut, Sie genießen die
+Liebe und Verehrung Ihrer Schülerinnen sowohl wie der Eltern derselben
+und werden das nicht um eines Hirngespinstes willen verschweigen wollen.
+Sie haben also weder dem Angeklagten im Auftrage Ihrer Freundin von dem
+Inhalte ihres Testamentes Mitteilung gemacht, noch haben Sie einen Brief
+Ihrer Freundin besorgt, in welchem diese Mitteilung enthalten war oder
+allenfalls hätte enthalten sein können?«
+
+»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger.
+
+»Sie sind also überzeugt, daß der Angeklagte von dem Testamente keine
+Kenntnis hatte?«
+
+»Ich bin überzeugt davon,« antwortete sie.
+
+=Dr.= Zeunemann bedachte sich und sagte, er wolle das Verhör damit
+abschließen, sie würde ohnehin ermüdet sein. In der Tat sah sie sehr
+blaß aus, so daß ihre großen Augen beinah schwarz schienen.
+
+»O ja, ich bin sehr müde,« sagte sie, »darf ich gehen?«
+
+=Dr.= Zeunemann erklärte ihr, daß sie zwar jetzt, da Mittagspause
+sei, wie alle anderen gehen dürfe, daß er aber für die Dauer des
+Prozesses um ihre Anwesenheit bitten müsse, worauf sie sich durch eine
+kurze Neigung des Kopfes verabschiedete.
+
+»Ein wackeres Altjüngferchen,« sagte Justizrat Fein zu Deruga, »obwohl
+sie nicht die beste Meinung von Ihnen hat.«
+
+»Gute, dumme Gans,« antwortete dieser kurz. Er hatte mit aufgestütztem
+Kopf und verdecktem Gesicht dagesessen und richtete sich jetzt auf wie
+jemand, der in dem Labyrinth einer dunklen Musik versunken war, wenn sie
+plötzlich abreißt. Der stechende Blick, den er durch den Saal gleiten
+ließ, blieb zufällig an der Baronin Truschkowitz hängen, die, eben im
+Aufstehen begriffen, ihrem einige Plätze von ihr entfernt sitzenden
+Anwalt ein Zeichen mit den Augen gab, und er sagte: »Unausstehliche
+Person; paßt ganz zu der schmutzigen Sache, die sie vertritt.«
+
+»Na, wissen Sie,« entgegnete der Justizrat. »Daß die Baronin sich ungern
+ein Vermögen entwinden läßt, auf das sie gerechnet hatte, ist
+menschlich, und daß sie Ihnen allerhand Böses zutraut, um so eher zu
+entschuldigen, als sie Sie nicht kennt.«
+
+»Halten Sie das für eine Entschuldigung?« sagte Deruga scharf. »Weil sie
+selbst gierig ist, kann sie sich auch bei anderen kein anderes Motiv
+vorstellen; das ist ihre Menschenkenntnis. Ekelhaft!«
+
+Die Besprochene war unterdessen auf die Freitreppe des Gerichtsgebäudes
+gelangt und blickte durch die Lorgnette ungeduldig um sich. »Ich bin
+ganz erregt«, sagte sie zu =Dr.= Bernburger, »über die Art und
+Weise, wie man mit diesem Fräulein umgeht. Sie mag ja übrigens ein
+anständiges Mädchen sein. Aber es ist klar, daß sie nicht die Wahrheit
+sagt, und ich begreife nicht, daß man das so gehen läßt.«
+
+»Ja, das ist eine heikle Sache, Gnädigste,« sagte =Dr.=
+Bernburger, »die Folter ist längst abgeschafft.«
+
+»Das war eben sehr voreilig,« sagte die Baronin. »Die Alten waren in
+vieler Hinsicht klüger als wir und wußten recht gut, warum sie sie
+anwendeten. Aber wir müssen doch auch Mittel haben, um die Wahrheit aus
+den Leuten herauszubringen. Ich würde ganz anders vorgehen, wenn ich der
+Präsident wäre. Aber Sie kommen mir zerstreut vor, Herr Doktor.«
+
+»Im Gegenteil,« sagte =Dr.= Bernburger, »ich bin vertieft in unser
+Problem.«
+
+»Und haben Sie bemerkt,« fuhr die Baronin fort, »daß sie gerade das
+zugab, was sie bestreiten wollte, nämlich daß meine Kusine sich vor
+ihrem geschiedenen Mann fürchtete? Und wie interessant, daß die Männer
+eine Neigung haben, ihre geschiedene Frau umzubringen! Man muß es sich
+doch sehr überlegen, ehe man den Schritt tut.«
+
+»Ich hoffe, Kind,« sagte der neben ihr stehende Baron gutmütig, »das ist
+nicht der einzige Grund, der dich abhält, dich scheiden zu lassen.«
+
+Sie sah ihn mit einem Lächeln an, in dem ein leichter Spott lag, und
+sagte: »Nein, mein Teurer, du bist viel zu ritterlich, als daß ich mich
+vor dir fürchten könnte.«
+
+Gleichzeitig winkte sie dem wartenden Schofför, das Auto näher
+heranzulenken, und entließ ihren Anwalt mit flüchtigem Gruß.
+
+Der Staatsanwalt hatte sich beim Verlassen des Saales an =Dr.=
+Zeunemann gehängt und begleitete ihn unter vorwurfsvollen Reden in sein
+Zimmer. Es sei klar, sonnenklar, sagte er, daß dies Muster -- er meinte
+Fräulein Schwertfeger -- den Brief besorgt habe. Das Muster habe keine
+Übung im Lügen. Er wolle gerecht sein, aber gelogen habe sie. Da müsse
+eingeschritten werden! Oder ob wieder einmal durch die Gunst der Frauen
+ein Elender der verdienten Strafe entzogen werden solle? Dieser Mensch
+besitze die Gunst der Frauen, und im Leben wie im Salon hänge ja
+heutzutage der Mann von der Gunst der Frauen ab. Ob es denn aber nicht
+zum Himmel schreie, wenn auch das Recht durch Weiberlaunen gemacht
+würde!
+
+Der Staatsanwalt rang während dieser Reden die Hände und fuhr sich
+durch die langen, dünnen Haare, die verwildert nach allen Seiten hingen.
+
+»Beruhigen Sie sich, Herr Kollege,« sagte =Dr.= Zeunemann
+mißbilligend, »bei Fräulein Schwertfeger trifft Ihre Zwangsvorstellung
+von der Gunst der Frauen nicht zu, sie hat offenbar eine Abneigung gegen
+ihn.«
+
+»Worte!« rief der Staatsanwalt verzweifelt. »Worte, Worte! In der Tat
+begünstigt sie ihn. Wahrscheinlich hat sie selbst an ihn geschrieben.
+Ist es nicht sonnenklar?« wendete er sich an die beiden Beisitzer.
+
+Diese bestätigten, daß ihnen das Verhalten von Fräulein Schwertfeger
+auffallend vorgekommen sei; aber es ließe sich auch anders, zum Beispiel
+durch die den Frauen eigentümliche Scheu vor der Öffentlichkeit,
+erklären.
+
+»Ach Gott,« jammerte der Staatsanwalt, »wohin soll das führen, wenn ein
+so schäbiges altes Muster schon den Scharfblick bewährter Juristen
+trüben kann!«
+
+»Lieber Herr Kollege,« sagte =Dr.= Zeunemann, nach der Uhr sehend,
+»Sie bedürfen ebenso wie wir des Mittagessens und der Mittagsruhe.
+Schlafen Sie ein Viertelstündchen! Und künftig bitte ich Sie die Fragen
+zu stellen, die Sie für zweckmäßig halten.«
+
+»Was hilft es, Fragen zu stellen, wenn man mit Lügen abgespeist wird?«
+sagte der Staatsanwalt bitter. »Ich weiß jetzt, was ich wissen wollte,
+nämlich daß es sich so verhält, wie ich von Anfang sagte: es war kein
+Totschlag, sondern vorbedachter Mord. Als er erfuhr, daß sie ihm ihr
+Vermögen vermacht hatte, beschloß er sie zu töten, ehe sie etwa, durch
+ihre Verwandten beeinflußt, anderen Sinnes werden und das Testament
+umstoßen könnte.«
+
+»Soll ich Ihnen Ihre Insinuationen zurückgeben,« sagte =Dr.=
+Zeunemann, »und den Argwohn äußern, daß Sie die Dinge durch eine von der
+Baronin Truschkowitz aufgesetzte Brille ansehen? Vergleicht man ihre
+Reize mit denen des Fräuleins Schwertfeger, so erscheint dieser Verdacht
+beinahe begründet.«
+
+Der Staatsanwalt, dem die Neckerei augenscheinlich schmeichelte, mußte
+lachen. Indessen, fügte er brummend hinzu, ein Prozeß, bei dem Weiber
+beteiligt wären, arte immer in Tratsch aus, es müßten ihm aber alle
+bezeugen, daß er von Anfang an der Überzeugung gewesen sei, es handele
+sich um Mord.
+
+Ja, sagte =Dr.= Zeunemann, und er bezeuge freiwillig noch dazu, daß
+der Staatsanwalt in seine ersten Überzeugungen verliebt zu sein pflege,
+wie eine Mutter in ihr Kind, bis das zweite käme und jenes verdrängte.
+
+
+
+
+=VI.=
+
+
+»Ursula Züger, achtunddreißig Jahre alt, seit neunzehn Jahren im Dienst
+der verstorbenen Frau Swieter,« begann der Präsident.
+
+Ursula Züger blickte mit überlegenem Lächeln in die Runde. Ihr dampft
+vor Gier nach den Tatsachen, die nur ich berichten kann, schien ihre
+Miene zu sagen; fallt nur her über die Beute und sättigt euch, ich
+denke, sie soll euch schmecken.
+
+»Sie müssen bei so langem Zusammenleben mit allen Verhältnissen der Frau
+Swieter sehr vertraut gewesen sein.«
+
+»Das will ich meinen,« sagte Ursula, »was meine Gnädige angeht, das weiß
+ich von Anfang bis zu Ende, das gibt es nicht anders.«
+
+»Hat die Verstorbene zuweilen von der Vergangenheit, ich meine, von der
+Zeit ihrer Ehe mit dem Angeklagten, mit Ihnen gesprochen?«
+
+»Hui!« Ursula stieß einen pfeifenden Ton aus, welcher sagen zu wollen
+schien, daß dies unzählige Male der Fall gewesen sei. »Namentlich seit
+der Zeit, wo sie krank lag, das arme Wurm. Wenn ich dann abends bei ihr
+saß, ging das immer: 'Wissen Sie noch dies und das, Urschel? Wissen Sie
+noch die Geschichte mit dem Bettler?' Nämlich in der ersten Zeit, als
+unser Herr Doktor noch keine Patienten hatte, da kamen ausgerechnet alle
+Bettler, die es in der Stadt gab, und einmal ging der Herr Doktor selbst
+an die Tür und sagte: 'Sie, guter Freund, ich soll Ihnen was geben?
+Also, was haben Sie heute verdient? Na, sagen Sie die Wahrheit:
+mindestens eine Mark, mindestens! Sie gehen an der Krücke, haben nur ein
+Auge -- schön, sagen wir eine Mark. Ich dagegen nichts. In vier Wochen
+habe ich nicht zehn Mark verdient! Aber wenn Sie eine Zigarette wollen
+und mir ein bißchen Gesellschaft leisten' -- und da hat er wahrhaftig
+einmal einem mit eigener Hand eine Zigarette gedreht, der sah aus, als
+ob er geradeswegs aus dem Kehrichtkübel käme, aber sonst ein
+verschmitzter, lustiger Kerl, der kam dann alle paar Tage und sagte
+gleich, wenn ich die Tür aufmachte, er wolle nichts haben, wolle nur dem
+Herrn Doktor ein bißchen Gesellschaft leisten.«
+
+»So,« sagte der Vorsitzende, »Sie tischten der Kranken also lustige
+Erinnerungen auf, um sie zu erheitern.«
+
+»Versteht sich,« sagte Ursula. »Schmerzen und Kummer hatte sie ohnehin
+genug.«
+
+»Wenn Frau Swieter dem Herrn Doktor nichts nachtrug,« fuhr der
+Vorsitzende fort, »sich seiner sogar gern erinnerte, wechselte sie wohl
+auch zuweilen Briefe mit ihm?«
+
+»Das dachte ich doch, daß Sie wieder davon anfingen,« sagte Ursula
+triumphierend. »Damit ist es aber ein für allemal nichts. Wo wird sie
+denn mit ihrem geschiedenen Mann Briefe gewechselt haben? Da hätten sie
+ja ebenso gut zusammenbleiben können.«
+
+»Das ist doch ein Unterschied,« setzte der Präsident auseinander. »Es
+kann vorkommen, daß man sich entfernt sehr gut verträgt, während man
+sich unter einem Dach beständig in den Haaren liegt.«
+
+»Dazu war meine Gnädige eine viel zu feine Dame,« sagte Ursula streng.
+»Von In-den-Haaren-liegen war da gar keine Rede und auch nicht von
+heimlichen Tuscheleien, nachdem sie einmal auseinander waren. Wenn ich
+früher wohl einmal sagte, der Herr Doktor sei doch im Grunde gar kein
+schlechter Mensch gewesen, und es sei doch eigentlich schade, wenn er
+nun auf eine schiefe Bahn geriete, und auch für uns, weil immer etwas
+ging, solange er da war, dann schüttelte meine Gnädige den Kopf und
+sagte: 'Wenn wir uns auch heute versöhnten, würden wir doch übers Jahr
+wieder auseinandergehen.' Und recht hatte sie, so ein Mann wie der
+konnte einmal keine Ruhe geben.«
+
+»Sie sind also der Meinung,« fragte der Vorsitzende, »daß Frau Swieter
+weder an den Angeklagten geschrieben, noch von ihm Briefe empfangen
+hat?«
+
+»Der Meinung!« wiederholte Ursula mit blitzenden Augen. »Von Meinung
+brauchen Sie da gar nicht zu reden, Herr Präsident, denn das weiß ich.
+Deswegen bilde ich mir nicht zu viel ein, wenn ich sage, daß der liebe
+Gott es nicht besser wissen kann. Erstens kenne ich die Handschrift vom
+Herrn Doktor, und weil sie vor einem Jahre krank wurde, hat sie keinen
+Brief mehr bekommen, der nicht durch meine Hand ging, und geschrieben
+hat sie auch nicht mehr, außer was sie mir oder Fräulein Schwertfeger,
+aber meistens Fräulein Schwertfeger, diktierte. Wir haben auch ihre
+Briefe auf die Post gebracht.«
+
+»Nun, mein liebes Kind,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Ihre Gnädige war
+doch nicht lahm! Wenn sie durchaus wollte, konnte sie auch aufstehen und
+sich Schreibzeug holen und schreiben, ohne daß Sie es wußten, und sie
+konnte auch zum Beispiel Herrn =Dr.= Kirchner, ihren Arzt, um die
+Besorgung eines Briefes bitten.«
+
+»Ja, das scheint Ihnen so, Herr Präsident,« sagte Ursula nachsichtig,
+»weil Sie es nicht besser wissen. Aber daß meine Gnädige hinter meinem
+Rücken Briefe schrieb und abschickte, das ist ausgeschlossen. Wenn Sie
+die Verhältnisse kennten, würde Ihnen so etwas gar nicht in den Sinn
+kommen. Nein, und wenn sie auch nicht lahm war, und das war sie
+allerdings nicht, so hätte sie doch solche Zeremonien nicht mit mir
+gemacht, wo gar keine Veranlassung dazu da war; denn sie hätte ja nur zu
+sagen brauchen: 'Ursula, von dem Brief soll niemand etwas wissen, und
+Sie sollen es auch nicht wissen.' Und dem Herrn =Dr.= Kirchner
+einen Brief mitgeben, darüber muß man wirklich lachen, wenn man die
+Verhältnisse kennt. Da hätte sie ja nicht gewußt, ob er ihn nicht ein
+halbes Jahr in der Tasche behielte oder auf der Treppe schon verloren
+hätte. Und warum hätte sie denn ihre Geheimnisse fremden Leuten
+anvertrauen sollen, wo sie doch Fräulein Schwertfeger und mich hatte,
+auf die sie sich verlassen konnte? Also das schlagen Sie sich nur aus
+dem Kopfe, Herr Präsident, mit den heimlichen Briefen! Was in unserem
+Hause vorgegangen ist, das weiß ich, und da konnte nichts vorgehen, was
+ich nicht wußte.«
+
+»Sie werden doch zuweilen Besorgungen gemacht haben, liebes Fräulein,«
+sagte der Präsident, der sich noch nicht für geschlagen erklären
+mochte. »Wissen Sie auch, was in der Wohnung vorfiel, wenn Sie nicht da
+waren?«
+
+»Wenn Sie mich damit hereinzulegen denken, wie man so sagt, Herr
+Präsident,« antwortete Ursula unerschüttert, »dann sind Sie
+ausgerutscht, mit Erlaubnis zu sagen. Wenn ich fort war, konnte am
+allerwenigsten etwas vorfallen, weil ich dann nämlich die Wohnungstür
+hinter mir abschloß. Meine Gnädige hatte das selbst angeordnet und
+gesagt: 'Wissen Sie, Ursula, weil ich doch nicht aufstehen soll, nach
+dem, was der Herr Doktor sagt, so ist es am einfachsten, Sie schließen
+die Tür ab, damit ich sicher bin, daß niemand hinein kann. Kommt jemand,
+so mag er läuten und wiederkommen. Brennen wird es ja nicht gerade,
+während Sie fort sind.' Na, was das betrifft, darüber war ich ganz
+ruhig, denn wo sollte es brennen, wo ich immer nur in der Frühe oder
+nachmittags ausging, wenn kein Feuer im Hause war. Fräulein Schwertfeger
+hatte eigens den Wohnungsschlüssel, damit sie zu jeder Zeit hinein
+konnte. Also, Herr Präsident, das müssen Sie nun doch einsehen, daß in
+meiner Abwesenheit nichts vorfallen konnte.«
+
+»Nur ist in Ihrer Abwesenheit Ihre Herrschaft ermordet worden,« erhob
+sich die kreischende Stimme des Staatsanwalts.
+
+Ursula verstummte; aber, wie es schien, mehr erstarrt über die
+Dreistigkeit, diese Tatsache anzuführen, als von ihrer Beweiskraft
+überwunden. »So weit sind wir noch nicht,« sagte sie endlich, sich
+aufraffend. »Ich glaube überhaupt nicht an den Mord, weil es unmöglich
+ist, daß etwas in der Wohnung vorfiel, solange ich fort war.«
+
+»Außer wenn Frau Swieter selbst wollte,« warf der Vorsitzende ein.
+
+»Ja, das werden Sie doch aber selbst nicht glauben, Herr Präsident,«
+sagte Ursula, wieder in den früheren Gedankengang einlenkend, »daß die
+todkranke Frau aufstand und womöglich drei Treppen herunter auf die
+Straße lief, nur um unserem Herrn Doktor einen Brief zu schicken, den
+ich ihr jeden Augenblick mit dem größten Vergnügen besorgt hätte.«
+
+=Dr.= Zeunemann seufzte. »Verreist sind Sie niemals,« begann er
+von neuem, »seit Frau Swieter im vorigen Jahre krank wurde und zu Bette
+lag?«
+
+»Nein,« sagte Ursula, »obwohl sie es mir oft angeboten hat und ich ja
+auch wußte, daß Fräulein Schwertfeger gerne solange bei ihr gewohnt
+hätte, und daß sie ja auch eine Krankenschwester hätte nehmen können.
+Aber die hätte doch die Verhältnisse nicht so gekannt wie ich, und wenn
+es mir auch leid tat, meine Mutter so lange nicht zu sehen, so habe ich
+mir doch gesagt: die Frau hat dich seit neunzehn Jahren nicht verlassen,
+so verlasse ich sie auch nicht. Ruhe hätte ich zu Hause auch nicht
+gehabt, und ich glaube, ich fände im Grabe keine Ruhe, wenn ich das
+arme, kranke Wurm allein gelassen hätte.«
+
+Ursulas laute Stimme wurde unsicher, und sie fuhr sich mit dem
+Taschentuch über das Gesicht.
+
+Der Vorsitzende wartete ein wenig und forderte sie dann auf, den
+Todestag der Frau Swieter, soweit sie sich erinnern könne, vom Anfang
+bis zum Ende zu schildern.
+
+»Gerade an dem Tage,« begann Ursula, »hatte ich gar nichts Böses
+vermutet. Die Nacht war nämlich sehr schlecht gewesen, ich hörte sie
+stöhnen, lief wohl fünfmal hin und fragte, ob ich den Doktor holen
+sollte, aber sie sagte: 'Nein, der hilft mir doch nicht,' und mich
+schickte sie auch fort, weil ich es ihr nur schwerer machte. Denn wenn
+ich da wäre, sagte sie, müßte sie sich beherrschen.
+
+Gegen Morgen bin ich wirklich eingeschlafen, denn vier Uhr habe ich es
+schlagen hören, aber fünf nicht mehr, und um sieben weckte mich der
+Kaminkehrer, der anläutete. Ich war wütend, daß er so laut schellte, und
+lief an die Tür und sagte, das sei keine Art, so unversehens
+daherzukommen, er habe sich den Tag vorher anzumelden, und jetzt nähme
+ich ihn schon gar nicht an; ich mochte den unverschämten Kerl nämlich
+ohnehin nicht leiden. Ich dachte, meine Gnädige wäre vielleicht auch
+erst vor kurzem eingeschlafen und nun wieder geweckt, und da klingelte
+sie mir auch schon und fragte, wer draußen wäre. Ich sagte, der
+Kaminfeger, und daß ich ihn geschimpft und wieder weggeschickt hätte,
+und da lachte sie und sagte, es habe nichts zu sagen, sie würde schon
+wieder einschlafen, es sei ihr jetzt ganz wohl. Aussehen tat sie
+freilich, als wenn sie Fieber hätte, aber es blieb ganz ruhig bei ihr,
+und da ich um zehn Uhr wieder hereinschaute, lag sie ganz still da, und
+die Haare fielen ihr halb übers Gesicht. Ich ging leise heraus und
+beeilte mich, so gut ich konnte, und wie ich wieder da war, guckte ich
+wieder leise herein, und da lag sie mit offenen Augen und lächelte so
+friedlich und sagte: 'Sind Sie da, Urselchen, mir ist ganz wohl, ich
+habe gar keine Schmerzen mehr.' Sie sah auch wirklich ganz gut aus,
+obgleich sie tiefe Schatten wie breite, schwarze Bänder unter den Augen
+hatte, und wie ich sie so betrachtete, kam sie mir sonderbar vor und ich
+sagte: 'Gnädige Frau sehen so geheimnisvoll aus.' Meine Seele dachte
+aber nicht daran, daß das Geheimnis der Tod war, denn sonst hätte ich es
+ja nicht gesagt.«
+
+»Was antwortete sie darauf?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Sie lächelte noch glücklicher als vorher und sagte: 'Das Geheimnis ist,
+daß unser Mingo mich besucht hat.' Mingo hieß unser Kind, das gestorben
+ist, und wir nannten es _der_ Mingo, weil wir eigentlich bestimmt
+auf einen Buben gerechnet hatten.«
+
+»Sie hatte also von ihrem verstorbenen Kinde geträumt,« sagte der
+Vorsitzende. »Erzählte sie Ihnen davon?«
+
+»Natürlich,« sagte Ursula, »wenn sie von unserem Mingo geträumt hatte,
+sprach sie den ganzen Tag davon. Es war in einem offenen Wagen mit
+schönen schwarzen Pferden gekommen und hatte auf dem Rücksitz gesessen,
+so wie es sonst zwischen seinen Eltern saß. Ganz gerade und stolz hatte
+es dagesessen und ihr mit der kleinen Hand gewinkt, daß sie sich zu ihm
+setzen sollte, und plötzlich war es dann kein Wagen mehr gewesen,
+sondern eine Art Karussell oder Schaukel, und war nach einer
+wunderschönen Musik immer höher und höher geflogen. Es kam ihr so vor,
+als ob die Schaukel abgerissen wäre, und wie ihr bange wurde, sagte
+unser Mingo ganz ernsthaft: 'Halte dich nur an mir!' Darüber mußte sie
+lachen, daß das winzige Geschöpf seiner Mutter eine Stütze sein wollte,
+und wachte auf.
+
+Zwischen dem Kochen ging ich immer wieder herein und schwatzte mit ihr
+von unserem Mingo, und dann brachte ich ihr das Mittagessen und setzte
+mich zu ihr und redete ihr zu, ordentlich zu essen, weil sie nämlich
+immer nur an allem nippte. 'Ach, Urselchen, lassen Sie mich nur, ich
+habe heute keinen Hunger,' sagte sie, 'gewiß kommt unser Bettler, der
+wird froh sein, wenn er so viel bekommt.' Es war nämlich Donnerstag, und
+am Donnerstag kam meistens ein alter Mann, der sagte, in der ganzen
+Straße gäbe es keine so gute Köchin, wie ich wäre, und so hatten wir
+immer allerlei Spaß miteinander. Indem sie das sagte, läutete es auch
+schon an der Tür, es war aber nicht unser Bettler, sondern ein anderer,
+so wie ein Slowak sah er aus, die Mausefallen verkaufen. Ich hatte ihm
+kaum aufgemacht, da klingelte meine Gnädige so stark, daß es mir
+ordentlich durch die Knochen fuhr, und wie ich hinlief, sagte sie, ob es
+der Doktor sei. 'Bewahre,' sagte ich, 'um die Zeit kommt der Doktor
+nicht, es ist ein Bettler.' 'Dann ist es gut,' sagte sie, 'ich wollte
+Ihnen nur sagen, daß Sie den Doktor heute nicht zu mir hereinlassen. Ich
+bin zu müde, um mich quälen zu lassen. Sie können ihm sagen, ich hätte
+eine schlechte Nacht gehabt und schliefe.'«
+
+»Ist Ihnen das nicht aufgefallen?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Nein,« sagte Ursula erstaunt, »es ist auch gar nichts Auffallendes
+daran. Ich mußte manchmal den Doktor unter irgendeinem Vorwand
+fortschicken, zum Beispiel, wenn ich ihr gerade etwas Spannendes
+vorlas.«
+
+»Haben Sie ihr auch an diesem Tage vorgelesen?« fragte der Vorsitzende.
+
+Ursula schüttelte traurig den Kopf. »Dazu ist es nicht mehr gekommen,«
+sagte sie. »Nachdem ich meine Küche gemacht hatte wie alle Tage, fragte
+ich sie, ob ich ihr vorlesen sollte, oder ob sie möchte, daß Fräulein
+Schwertfeger käme. 'Nein,' sagte sie, 'Gundel kommt gewiß von selbst,
+wenn sie Zeit hat, und ich glaube auch, daß ich wieder einschlafen
+werde. Da können Sie zur Bank gehen und die Miete bezahlen, weil Sie
+gestern nicht dazu gekommen sind,' -- es war ja der 2. Oktober -- 'und auf
+dem Rückweg könnten Sie mir eine Flasche griechischen Wein mitbringen,
+ich habe solche Lust darauf, und der Doktor hat mir Wein erlaubt.' Dann
+trug sie mir noch auf, dem Hausmeister zu sagen, daß er auf den Abend
+heizte, damit ich nicht im Kalten säße, weil der Wind so stark auf
+meinem Fenster stand. Er hätte nämlich eigentlich schon am Ersten heizen
+müssen, aber der Mensch war ja so faul, daß er kaum die trockenen
+Blätter im Vorgarten zusammenfegte, und in den Keller gehen und heizen,
+das paßte ihm erst recht nicht. Wenn man ihn mahnte, hatte er immer
+einen Vorwand, weswegen er nicht dazu gekommen wäre. Er möchte lieber
+Heizer in der Hölle sein, als ein Hausmeister mit drei Häusern und
+achtzehn Parteien, von denen jede verschieden warm haben wollte; das
+war eine beliebte Redensart von ihm. Ich sagte also zu meiner Gnädigen,
+lieber wolle ich frieren, als daß ich mich mit dem Mehlwurm von
+Hausmeister einließe. Da lachte sie und sagte, nein, ich solle es ihm
+nur recht gefährlich ausmalen, wie kalt ich es hätte und wie böse sie
+auf ihn wäre. Und das waren die letzten Worte, die ich von ihr gehört
+habe.«
+
+»Als Sie nach Hause kamen,« sagte der Vorsitzende, »war sie tot. Sie
+hatten die Tür abgeschlossen und fanden sie geschlossen wieder vor?«
+
+»Abgeschlossen war die Tür nicht, und das kam daher, weil, kurz bevor
+ich kam, Fräulein Schwertfeger dagewesen war, und die dachte gewöhnlich
+nicht ans Abschließen.«
+
+Fräulein Schwertfeger wurde gefragt, ob sie die Tür verschlossen
+gefunden habe, und erklärte, daß sie nicht darauf geachtet habe und
+deshalb nichts darüber sagen könne. Sie sei auf dem Wege in die
+Abendschule und in Eile gewesen, habe eben nur fragen wollen, wie es
+ginge. Da es totenstill in der Wohnung gewesen sei, habe sie
+angenommen, daß ihre Freundin schliefe, habe leise in das Schlafzimmer
+hineingeguckt und sei dann wieder gegangen. Die Tür, die vom
+Schlafzimmer ihrer Freundin ins Wohnzimmer geführt habe, sei wie immer
+weit offen gewesen. Sie habe beim Fortgehen die Wohnungstür keinesfalls
+abgeschlossen, denn sie habe das nie getan. Es sei etwa fünf Minuten vor
+sechs Uhr gewesen.
+
+»Wieviel Uhr war es, als Sie nach Hause kamen?« wendete der Vorsitzende
+sich wieder an Ursula.
+
+»Als ich um die Ecke von unserer Straße bog,« sagte Ursula, »hörte ich
+es von der Schloßkirche sechs Uhr schlagen, und von da sind es keine
+fünf Minuten mehr, besonders weil ich schnell ging. Ich hatte mich
+nämlich mit dem Warten auf der Bank, und weil ich nach dem Wein hatte
+laufen müssen, verspätet. Ich ging zuerst in die Küche und legte meine
+Pakete ab -- ich hatte sonst noch einiges für den Haushalt eingekauft --
+und meinen Mantel. Dann ging ich leise ins Schlafzimmer; denn daß meine
+Gnädige schliefe, nahm ich an, weil sie mich sonst sofort rief, sowie
+ich die Tür aufmachte. 'Sind Sie's, Urselchen?' rief sie mit ihrer
+weichen Stimme. Sie hatte so eine helle, unschuldige Stimme wie ein
+Kind. Durch die offene Türe sah ich, wie sie ganz still dalag, den Kopf
+auf der Seite und die Arme über der Decke, und kehrte gleich wieder um,
+froh, daß sie so gut schlief. Aber als ich im Wohnzimmer war, fiel mir
+auf einmal ein, daß sie sonst ganz anders lag, wenn sie schlief, nämlich
+nie flach auf dem Rücken, sondern etwas zur Seite geneigt, und die eine
+Hand hatte sie unter dem Gesicht. Wie mir das plötzlich einfiel, wurde
+mir so sonderbar zumute, daß mir wahrhaftig die Knie zitterten, und ich
+mußte mir ordentlich Mut machen, eh ich wieder hineinging. Und wie ich
+ihr leise, leise die Haare vom Gesicht nahm, sah ich, daß sie tot war,
+denn so still liegt ja kein lebendiger Mensch.«
+
+»Trug sie die Haare immer offen?« erkundigte sich =Dr.= Zeunemann.
+
+»O nein,« antwortete Ursula, mit einem kurzen, geringschätzigen
+Lächeln. »Ich frisierte sie jeden Morgen sehr schön und ordentlich, da
+fehlte gar nichts, aber in der letzten Nacht hatte es sich aufgelöst bei
+dem Herumwälzen wegen der Schmerzen, und weil sie so müde war, hatte ich
+sie nicht damit plagen wollen.«
+
+»Wir wissen durch den Arzt, den das Mädchen sofort rufen ließ,« sagte
+der Vorsitzende, »daß der Tod eine bis zwei Stunden vorher eingetreten
+war, und zwar, wie der Arzt damals annahm, durch Herzlähmung. Der
+Zustand der Kranken hatte durchaus mit einer solchen rechnen lassen,
+weshalb von keiner Seite irgendein Argwohn geschöpft wurde.«
+
+»Zählen Sie, Fräulein Züger, noch einmal im Zusammenhang auf, was für
+Personen im Laufe des Tages in der Wohnung gewesen waren!«
+
+»In der Wohnung war überhaupt niemand,« sagte Ursula mit nachdrücklicher
+Mißbilligung. »Angeläutet hatte zuerst in der Frühe der Kaminfeger, den
+ich wieder fortschickte. Er kam dann noch einmal wieder, der
+zudringliche Mensch, und da sagte ich ihm, in einem ordentlichen
+Haushalt ließe man um zehn Uhr keinen Herd mehr putzen, er solle sich
+das merken. Nachher war der Postbote da; der warf gewöhnlich die Briefe
+nur herein, aber diesmal läutete er an, weil er einen ungenügend
+frankierten Brief hatte.«
+
+»Was für ein Brief war das?« fragte der Vorsitzende hastig.
+
+»Der Brief war für mich,« antwortete Ursula schnippisch triumphierend,
+»von einer Freundin, die eine Stelle in Frankreich angenommen hatte.«
+
+»Und weiter?« fragte =Dr.= Zeunemann.
+
+»Danach läutete noch einmal die Gemüsefrau, der ich aber nichts abnahm,
+weil der Spinat letztes Mal bitter gewesen war, und am Mittag der
+Slowak. Sonst war niemand da, und in der Wohnung ist überhaupt niemand
+gewesen.«
+
+Der Staatsanwalt bat ums Wort.
+
+»Ich möchte bemerken, daß die Wohnung doch nicht so festungsmäßig
+verwahrt war, wie das gute Mädchen es darstellen möchte. Sie hat selbst
+erzählt, daß sie, als sie dem sogenannten Slowaken die Tür aufgemacht
+hatte, von Frau Swieter durch die Klingel abgerufen wurde. Er hätte also
+die Gelegenheit benutzen und eindringen können.«
+
+Ursula drehte sich ganz nach dem großen, mageren Angreifer um und
+stemmte den Arm in die Seite, während sie ihn mit sprühenden Augen von
+oben bis unten maß.
+
+»Hätte er das?« fragte sie höhnend. »Ja, wenn ich ihm nicht die Tür vor
+der Nase zugeworfen hätte. Ich schlug die Tür fest zu, ehe ich zu meiner
+Gnädigen hineinlief, und sie war auch zu, als ich wiederkam. Den
+Slowaken hörte ich noch auf der untersten Treppe. Ich hatte ihm nämlich
+einen Teller Suppe gegeben und wollte den leeren Teller wieder
+hereinnehmen, aber er hatte sie nicht angerührt. Um Suppe ist es diesen
+Vagabunden ja gewöhnlich gar nicht zu tun. Übrigens war es ein ganz
+harmloser Mensch und sah auch gar nicht so zerrissen und schmutzig aus
+wie die richtigen Strolche.«
+
+»Glauben Sie bestimmt,« fragte der Vorsitzende, »daß Sie den
+Angeklagten in irgendeiner Verkleidung erkannt hätten?«
+
+Ursula brauchte einige Zeit, um den Sinn dieser Frage zu fassen.
+
+»Unseren Herrn Doktor?« fragte sie endlich mit immer größer werdenden
+Augen. »Meinen Sie, ob unser Herr Doktor der Slowak gewesen sein könnte?
+Ja, wissen Sie, Herr Präsident, da könnten Sie mich ebensogut fragen, ob
+Sie unser Herr Doktor sein könnten! Unser Herr Doktor! Und der hätte
+nicht mit den Augen gezwinkert und gesagt: 'Ursula, kennen Sie mich
+nicht, dumme Person?' Überhaupt! Ja, so etwas meinen Sie, Herr
+Präsident, weil Sie die Verhältnisse nicht kennen!«
+
+=Dr.= Zeunemann schnitt die immer schneller strömende Rede durch
+eine verzweifelte Handbewegung und einen Seufzer ab. »Bleiben wir bei
+der Sache,« sagte er. »Sie halten es für unmöglich, daß jemand in die
+Wohnung eindringen konnte?«
+
+»Ausgeschlossen, einfach ausgeschlossen,« antwortete Ursula.
+
+»Außer wenn Frau Swieter selbst es wollte,« sagte =Dr.= Zeunemann.
+
+»Ja, die wird gerade Räuber und Mörder eingelassen haben,« sagte Ursula
+mit zorniger Verachtung.
+
+»Offensichtliche Räuber und Mörder nicht,« rief der Staatsanwalt
+dazwischen, »vielleicht aber ihren einstigen Gatten, für den sie leider
+noch immer, wie das Testament beweist, ein liebevolles Interesse hatte.«
+
+»Und sie wird gerade nach siebzehn Jahren,« sagte Ursula fast schreiend,
+»am Läuten erkannt haben, daß er es war.«
+
+»Wenn sie ihn erwartete, mein gutes Kind, war das nicht nötig,« sagte
+der Staatsanwalt mit dem beißenden Tone eines schadenfrohen Teufels.
+
+=Dr.= Zeunemann machte eine warnende Handbewegung gegen Ursula, die
+aussah, als ob sie ihrem Gegner an die Kehle springen wollte. »Ich
+glaube,« sagte er, die Stimme erhebend, »wir fangen an, uns im Kreise
+zu drehen. Der Herr Staatsanwalt geht davon aus, daß eine Verständigung
+irgendwelcher Art zwischen den geschiedenen Eheleuten bestanden haben
+könnte, was aber noch ganz unbewiesen ist, ja wovon eher die
+Unmöglichkeit nachgewiesen ist. Nach meiner Meinung hat die Zeugin
+nichts Sachdienliches mehr vorzubringen, und wir könnten zur Vernehmung
+des Hausmeisters übergehen, wenn die Herren Kollegen und die Herren
+Geschworenen einverstanden sind.«
+
+Den Kopf steif im Nacken und ein verächtliches Lächeln auf den Lippen,
+das dem angekündigten Hausmeister galt, begab sich Ursula auf ihren
+Platz neben Fräulein Schwertfeger.
+
+Der Erwartete glich insofern einem Mehlwurm durchaus nicht, als er rot
+im Gesicht mit einem bläulichen Anflug über der Nase war. Er schlenderte
+in der bequemen Haltung eines Menschen herein, der dem Leben zu sehr als
+Liebhaber gegenübersteht, um jemals Eile zu haben, sah sich gemächlich
+um und unterzog zuletzt den langen, grünen Tisch, vor dem er zu stehen
+hatte, samt allen darauf befindlichen Gegenständen einer beiläufigen
+Untersuchung. Der Vorsitzende vereidigte ihn und forderte ihn auf, die
+an ihn gerichteten Fragen nicht nur der Wahrheit gemäß, sondern auch
+ohne Zweideutigkeit und Weitschweifigkeit zu beantworten.
+
+»I warum nicht,« sagte der Hausmeister, »da liegt ja gar nichts dran.«
+
+»Wo pflegen Sie sich tagsüber aufzuhalten?« lautete die erste Frage.
+
+»Ja,« sagte der Hausmeister lachend, »da läßt sich freilich nicht so
+eins, zwei, drei darauf antworten. Das ist nämlich je nachdem, was ich
+gerade zu tun habe. Aber wenn ich sage, daß ich entweder in einem von
+meinen drei Häusern bin, weil in einer Wohnung etwas zu richten ist,
+oder weil eine Partei mit mir dies oder das reden möchte, oder denn im
+Keller bei der Heizung oder im Garten, wo ich so auf und ab spaziere, so
+wird das schon ungefähr stimmen. In meiner eigenen Wohnung bin ich am
+wenigsten und habe da ja auch nichts zu tun, denn für die Familie
+interessiere ich mich nicht so wie für den Beruf.«
+
+»Sind die Häuser untertags abgeschlossen?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Gott bewahre,« sagte der Hausmeister, »da kann jedermann aus und ein
+gehen, wie er will. Nichts Unrechtes kommt ja bei uns sowieso nicht vor,
+und für alle Fälle ist vor jeder Wohnung eine besondere Wohnungstür.
+Nein, von Abschließen ist bei uns keine Rede. Des Morgens um sechs
+schließe ich alle Türen auf, vielmehr meine Frau tut das, und abends um
+neun Uhr schließe ich zu, und bei der Methode haben wir uns immer gut
+gestanden.«
+
+»Aber die Keller sind doch abgeschlossen?« fragte =Dr.= Zeunemann.
+
+»Ja, sehen Sie, Herr Präsident,« antwortete der Hausmeister, »das läßt
+sich wieder nicht so eins, zwei, drei beantworten. Bei Nacht sollten sie
+wohl eigentlich geschlossen sein, denn am Tage ginge das ja gar nicht
+an, schon wegen dem Heizen, und wo die Fräuleins so oft Kohlen und
+Kartoffeln und dergleichen heraufholen. Das würde ja ein ewiges Auf-
+und Zuschließen. Es geht sowieso den ganzen Tag: 'Herr Hausmeister, ach
+helfen Sie mir doch!' 'Herr Hausmeister, bitte, nur einen Augenblick.'
+Ich sollte immer an hundert Orten zugleich sein. Nein, es ist für alle
+Teile am besten, wenn die Keller ein für allemal offen sind, und daran
+hat auch noch niemand etwas auszusetzen gehabt.«
+
+»Sie sollen aber selbst einmal,« erinnerte der Vorsitzende, »einen Mann
+ertappt haben, der sich im Keller eingeschlichen hatte.«
+
+»So,« sagte der Hausmeister nachdenkend. »Ach so, das hat wohl die
+Urschel erzählt?« rief er nach einer Pause belustigt aus. »Ja, vor dem
+brauchte niemand Angst zu haben, der sah so grün im Gesicht aus, als ob
+er die ganze Nacht unreife Äpfel gegessen hätte. Das war so ein
+Obdachloser, oder es kann ihn auch eins von den Mädels versteckt haben,
+denn die Jungfern haben doch alle ihre Liebhaber, wenn sie sich auch
+noch so zimperlich anstellen.«
+
+=Dr.= Zeunemann machte ein ernstes Gesicht und fragte streng:
+
+»Entsinnen Sie sich, wer am 2. Oktober des vergangenen Jahres aus und
+ein gegangen ist?«
+
+»Du lieber Himmel,« seufzte der Hausmeister, »wie soll ich das behalten,
+was bei uns täglich ein und aus geht! Stellen Sie sich vor, Herr
+Präsident, drei Häuser mit achtzehn Parteien, wobei ich mich noch gar
+nicht mal gerechnet habe; in dem einen sind vier Parteien, in den beiden
+anderen je sieben. Und wie geht es vollends Anfang Oktober zu, wo die
+eine Partei auszieht und die andere einzieht, und die Handwerker, die
+das mit sich bringt!«
+
+»Gerade weil es besondere Tage sind,« beharrte der Präsident, »haben Sie
+sie doch vielleicht im Gedächtnis behalten. Auch der plötzliche Tod der
+Frau Swieter, die das am meisten zurückliegende Haus bewohnte, hat den
+Tag unter den anderen hervorgehoben. Als später der Ihnen bekannte
+Verdacht entstand, haben Sie doch sicher in Ihrem Gedächtnis
+nachgeforscht, wen Sie an jenem Tag aus und ein gehen gesehen haben.«
+
+»Ich will tun, was ich kann, um Ihnen gefällig zu sein, Herr
+Präsident,« sagte der Hausmeister. »Der Kaminkehrer, der in der Frühe da
+war, wird Sie ja wohl nicht interessieren, und der Postbote ebensowenig,
+und die Handwerker ging das Haus von der Frau Swieter nichts an, weil
+nämlich in dem Hause kein Umzug stattgefunden hatte. An Bettlern hat es
+auch nicht gefehlt, und was das betrifft, so war die Frau Swieter selbst
+schuld daran. Die anderen Parteien beklagten sich über sie, daß sie die
+Bettler herzöge, weil sie ihnen immer etwas gäbe. Übrigens, mir hat sie
+auch immer jede Kleinigkeit ordentlich bezahlt, sie gehörte nicht zu
+denen, die meinen, unsereiner wäre dazu da, allen alles umsonst zu
+machen. Also konnte sie es mit den Bettlern schließlich auch halten, wie
+sie wollte. Sie sind ja auch einmal da und müssen in Gottes Namen zu
+ihrer Sache kommen.«
+
+»Denken Sie gut nach,« sagte der Vorsitzende, »ob Sie zwischen vier und
+sechs Uhr nachmittags einen Bettler gesehen haben, einen, der Ihnen
+unbekannt war, der Ihnen auffiel!«
+
+»Zwischen vier und sechs Uhr?« sagte der Hausmeister tiefsinnig. »Da
+schickte ich gerade meinen Jungen um eine Maß Bier in die Wirtschaft an
+der Ecke und wartete an der Gartentür, bis er wiederkam, und dann
+stellte ich die Maß auf die Treppe, um ab und zu einen Schluck zu
+nehmen. Indem kam gerade die Frau Hofrat im Parterre vom zweiten Hause
+und schimpfte, was sie wußte, daß ich nicht geheizt hatte, und ich
+sagte: 'Aber Frau Hofrat, bei dem schönen Wetter! Solches Wetter haben
+wir ja den ganzen Sommer über nicht gehabt, und das bißchen Wind wird
+Ihnen doch nichts machen, es ist ja Südwind,' und so weiter, bis sie es
+denn wahrscheinlich einsah und wieder fortging. Ja, und dann kam einer,
+der hatte wohl etwas gebracht, einen Hut oder Mantille oder dergleichen,
+denn er hatte eine Schachtel, wahrscheinlich für die Pension, da war
+damals so eine Modesüchtige; und dann kam der Ulkige. Der hatte mich
+erst gar nicht gesehen und wollte an mir vorbeilaufen, als ob ich ein
+Laternenpfahl wäre, und ich wich ihm absichtlich nicht aus, weil ich
+dachte, ich wollte doch sehen, ob er gegen mich anrennte. Da blieb er
+plötzlich dicht vor mir stehen und sagte: 'Haben Sie Feuer, Euer
+Gnaden?' und hielt mir eine Zigarette hin. Ich mußte lachen und zog
+meine Schwedischen heraus und machte ihm Feuer, und zum Dank nickte er
+ein bißchen und faßte an die Mütze. Ein Bettler war das aber nicht, er
+hatte allerlei zu verkaufen, Löffel und Quirle, die trug er an einem
+Strick an der Hand. Wie er eben aus der Türe gegangen war, warf er die
+Zigarette in das Fliedergebüsch an der Pforte, ob sie nun nicht brannte
+oder sonst nicht schmeckte, das weiß ich ja nicht, und ich wollte sie
+erst auflesen, aber dann dachte ich: Ach laß sie liegen, eine feine wird
+es doch nicht sein.«
+
+»Können Sie eine genaue, zuverlässige Beschreibung dieses Mannes geben?«
+fragte der Vorsitzende.
+
+»Nein, Herr Präsident,« sagte der Hausmeister, indem er lächelnd den
+Kopf schüttelte, als wollte er sagen, um in die Falle zu gehen, dazu
+wäre er doch zu schlau. »So gern ich Ihnen den Gefallen täte, damit will
+ich nichts zu tun haben. Ich glaube, daß er ziemlich lange, schwarze
+Haare hatte, und daß er sozusagen träumerisch dahergeschlendert kam. Und
+wenn Sie ihn da vor mich hinstellen würden, würde ich ihn ja auch wohl
+wiedererkennen. Aber ob nun sein Kittel grau oder grün oder braun war,
+und was er für Stiefel anhatte, und ob er Löcher in den Strümpfen hatte,
+und was dergleichen mehr ist, das könnte ich wahrhaftig nicht sagen.«
+
+»Haben Sie gar nicht darüber nachgedacht, was für ein Mann das sein
+könnte?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Na, das sah ich ja, Herr Präsident, daß er Löffel verkaufte,« sagte der
+Hausmeister, »dabei war nichts nachzudenken. Das nähme meine Zeit doch
+viel zu sehr in Anspruch, wenn ich mir über jeden Hausierer Gedanken
+machen wollte. Sie müssen sich nur vorstellen, was für Leute bei uns aus
+und ein gehen! Da ist zum Beispiel im dritten Hause im zweiten Stock der
+Herr Rübsamen, Komponist und Musikschriftsteller, ein schrecklich
+nervöser Mensch, und wenn ich nicht so viel Geduld mit ihm hätte, wäre
+er längst ausgezogen. Sie müssen nur sehen, was für Leute zu dem
+kommen, da stößt man sich nachher an nichts mehr. Herren und Damen
+kommen, die ihm was vorsingen oder vorspielen, die reine Zigeunerbande,
+und nachher sind es Künstler und feine Leute gewesen. An dem Tage ist
+übrigens auch der Klavierstimmer bei ihm gewesen, den hat er
+weggeschickt, weil er von der Ursula, dem Mädel, gewußt hat, daß ihre
+Gnädige eine schlechte Nacht gehabt hatte und schlafen sollte. Gutmütig
+ist er ja, der Herr Rübsamen. Der Klavierstimmer ist aber der mit der
+Zigarette nicht gewesen. Denn der hat ein rotes Gesicht und blonde
+Haare, den kenne ich, weil er alle Vierteljahre zum Herrn Rübsamen
+kommt.«
+
+»Der Mann ist also aus dem dritten Hause gekommen,« fragte der
+Präsident.
+
+»Aus dem zweiten könnte er auch gekommen sein, wo die Pension drin ist,«
+sagte der Hausmeister, »ich sah ihn erst, als er an das vordere
+herankam, wo ich stand.«
+
+»Ich bitte den Hausmeister zu fragen, ob der Angeklagte dem Mann mit der
+Zigarette ähnlich sieht,« sagte der Staatsanwalt, indem er mit
+imperatorischer Gebärde den Arm ausstreckte.
+
+»Wollen Sie den Angeklagten daraufhin ansehen!« forderte =Dr.=
+Zeunemann den Hausmeister auf.
+
+Der Hausmeister drehte sich langsam um und betrachtete Deruga, den die
+Untersuchung zu belustigen schien, aufmerksam und erstaunt.
+
+»Da bin ich überfragt, Herr Präsident,« sagte er endlich. »Ich möchte
+schwören, daß ich den Herrn da noch nie gesehen habe.«
+
+»Sie müssen sich ihn mit schwarzer Perücke und mit falschem Bart
+vorstellen,« sagte der Vorsitzende.
+
+»Ausgeschlossen,« rief der Hausmeister mit ungewöhnlicher
+Entschiedenheit. »Wenn ich mit solchen Vorstellungen anfange, kenne ich
+schließlich keinen mehr vom anderen, und hernach soll ich für das
+aufkommen, was ich mir vorgestellt habe, und habe unversehens einen
+Meineid auf dem Halse. Denn sehen Sie, Herr Präsident, wenn man anfängt
+nachzudenken, wie einer ausgesehen hat, und ihn mit dem und jenem
+vergleicht, so hält man zuletzt alles für möglich, und am Ende ist es
+doch nur die pure Einbildung gewesen.«
+
+»Sie haben also«, sagte der Vorsitzende, »kein genaues Erinnerungsbild
+von dem Manne, der Sie um Feuer bat. Besinnen Sie sich noch auf andere
+Personen, die am 2. Oktober zwischen vier und sechs Uhr in Ihren Häusern
+verkehrten?«
+
+»Ja,« antwortete der Hausmeister. »Ich hatte eben meinem Buben
+aufgetragen, den Maßkrug wieder in die Wirtschaft zu tragen, und sah ihm
+nach, wie er über die Straße ging, da rief mich einer von rückwärts an
+und fragte nach der nächsten Haltestelle für Autodroschken. Der war so
+in Eile, daß er kaum abwartete, bis ich ihm ordentlich Bescheid gegeben
+hatte, und gab mir einen Puff in die Seite, als er an mir vorbeilief.
+Gleich darauf rief mich meine Frau, weil das Leitungsrohr in der Pension
+im zweiten Hause wieder einmal verstopft war -- da stecken sie nämlich
+immer ihre Knochen und ausgekämmten Haare hinein, als ob der Ausguß die
+Drecktonne wäre -- na, und als ich da nachgesehen hatte und wieder in den
+Garten kam, sah ich gerade den Doktor ins dritte Haus hineingehen wegen
+der Frau Swieter, die unterdessen gestorben war.«
+
+»Was für einen Eindruck machte der Herr auf Sie?« fragte der
+Vorsitzende, »der in so großer Eile war?«
+
+»Das weiß ich noch,« sagte der Hausmeister, »daß er einen langen,
+breiten Mantel trug. Denn ich dachte bei mir, in der jetzigen Mode
+tragen die Weiber Männerröcke und die Männer Weiberzeug. Von hinten hat
+er wie ein eingemummtes Frauenzimmer ausgesehen. Sonst ist es aber ein
+feiner Herr gewesen.«
+
+Der Staatsanwalt bat, noch einmal auf den Mann mit der Zigarette
+zurückkommen zu dürfen. Er wünsche zu wissen, ob er reines Deutsch oder
+wie ein Ausländer gesprochen habe.
+
+»Ja, wissen Sie«, sagte der Hausmeister, »geradeso wie unsereiner reden
+ja die wenigsten. Ich habe schon oft gedacht, was redet der für ein
+Kauderwelsch daher? und nachher war es doch ein Deutscher und nichts
+weiter. 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?'« Er wiederholte sich den Satz,
+wie um durch die Worte an Klang und Tonfall erinnert zu werden. »Eigen
+hat es ja geklungen, aber ganz lieb, ganz spaßig, und gutes Deutsch ist
+es doch auch gewesen. Der mit dem Auto dagegen, der hat so geschnauft,
+daß ich ihn kaum verstehen konnte, und mich hat er, glaub' ich, auch
+nicht gut verstanden, wenigstens lief er zuerst nach der falschen Seite,
+obwohl ich es ihm klar auseinandergesetzt hatte. Es kann aber natürlich
+auch wegen der großen Eile gewesen sein.«
+
+»Dieser Herr,« sagte der Vorsitzende, »ist wahrscheinlich derselbe, der
+in der Pension nach Zimmern fragte und abschlägig beschieden werden
+mußte. Es ist keine Spur von ihm aufzutreiben gewesen, und wir nehmen
+an, daß er sich nur vorübergehend hier aufgehalten hat.«
+
+ * * * * *
+
+Beim Schluß dieser Sitzung waren alle Beteiligten mit Ausnahme von
+Deruga abgespannt, gereizt und aufgeregt. Herrn von Wydenbrucks Gedanken
+weilten bei dem Traume der verstorbenen Frau, den Ursula geschildert
+hatte, und er sprach sich darüber gegen =Dr.= Bernburger aus, als
+er neben ihm durch die breiten Gänge des Justizgebäudes ging.
+
+»Das Kind,« sagte er, »das sie besuchte, war natürlich ein Bild für den
+Vater, das Schaukeln deutet auf sinnliche Regungen. Es ist zweifellos,
+daß sie ihn erwartete.«
+
+=Dr.= Bernburger, der sehr blaß aussah, hatte sich eben eine
+Zigarre angezündet und begann sich etwas zu erholen.
+
+»Das ist wahr,« sagte er hastig. »Die Schlüsse von zwei
+entgegengesetzten Richtungen treffen sich wie die Bohrer in einem
+Tunnel. Er hatte sie um Geld gebeten, das hatte ihre Erinnerungen
+belebt. Sie erwartete ihn in einer verliebten oder sentimentalen
+Stimmung. Er kam in der Verkleidung eines Hausierers, der hölzerne
+Löffel verkauft. Entweder ließ ihn die ins Geheimnis gezogene Ursula
+ein, oder er wußte ihre Aufmerksamkeit zu hintergehen, oder Frau Swieter
+selbst öffnete ihm. Wäre mir das Ergebnis der Voruntersuchung bekannt
+und hätte ich Fragen stellen können, so hätte ich den Tatbestand auf
+der Stelle herausgebracht. Ich lag auf der Folter, während dieser
+schwerfällige Apparat arbeitete.« =Dr.= Bernburger trocknete seine
+Hand mit dem Taschentuch ab, wobei seine dünnen Finger zitterten.
+
+»Sie glauben also,« fragte =Dr.= von Wydenbruck, »daß der Wunsch
+des Wiedersehens von Deruga ausging und seinen Grund in der Geldsorge
+hatte?«
+
+»Das halte ich für wahrscheinlich,« sagte =Dr.= Bernburger.
+»Jedenfalls hat der Slowak sie getötet, und der Slowak war Deruga.«
+
+»Meiner Ansicht nach,« sagte =Dr.= von Wydenbruck, »lag die
+magnetische Anziehung zugrunde, die Hysterische verhängnisvoll
+zueinander zieht. Wie sich auch der Wunsch eingekleidet haben mag, dies
+muß der Kern gewesen sein.«
+
+»Ob es möglich wäre, daß die weggeworfene Zigarette noch in dem Gebüsche
+läge?« sagte Bernburger, seine Gedanken verfolgend. »Aber wieviel Schnee
+und Regen ist schon darauf gefallen.«
+
+»Warum könnte es nicht auch der mit dem Auto gewesen sein?« wandte
+=Dr.= von Wydenbruck ein.
+
+»Er zeigte unbefangen, daß er es eilig hatte. Der andere verlangte
+Feuer, um unbefangen zu erscheinen, und warf die Zigarette gleich darauf
+fort, weil er gar nicht rauchen wollte. Übrigens haben Raucher meistens
+auch Zündhölzer bei sich. Außerdem fühlte ich es, sowie das Mädchen den
+Slowaken anführte. Ich sah es wie mit dem zweiten Gesicht.«
+
+Herr von Wydenbruck betrachtete seinen Freund mit einem neuen Interesse
+von der Seite. »Das wäre allerdings ausschlaggebend,« sagte er und
+erkundigte sich, ob sein Freund schon öfter solche Erscheinungen an sich
+beobachtet hätte.
+
+In demselben Gange, den die beiden eben durchschritten, stand Deruga mit
+dem Justizrat Fein in einer Fensternische im Gespräch, beiläufig die
+Vorübergehenden beobachtend.
+
+»Wenn ich der Präsident wäre,« sagte Deruga, »würde ich einen geladenen
+Revolver mit in die Sitzung nehmen und den Zeugen vors Gesicht halten,
+und wenn sie sich dann noch nicht entschlössen, vernünftig zu antworten,
+schösse ich sie nieder. Der Mann hat eine unbegreifliche Geduld.«
+
+In diesem Augenblick sah er =Dr.= Bernburger mit seinem Begleiter
+herankommen, nahm rasch eine Zigarette aus seinem Etui, trat ein paar
+Schritte vor und sagte zu =Dr.= Bernburger: »Haben Sie Feuer, Euer
+Gnaden?« Dann, nachdem er seine Zigarette angezündet hatte, stellte er
+sich wieder neben den Justizrat, indem er ihm aus ernstem Gesicht
+zublinzelte.
+
+=Dr.= Bernburger war vor Erregung bleich geworden, während er
+Deruga schweigend die brennende Zigarre hinhielt. Es ist klar, dachte
+er, daß er sich über mich lustig macht. Über wieviel Scharfblick,
+Geistesgegenwart, Frechheit und Kaltblütigkeit verfügt dieser Mensch; es
+ist ihm alles zuzutrauen. Allerdings, wenn er nicht schuldig wäre,
+zeugte sein Benehmen nur von der Sicherheit des Unbeteiligten. Aber die
+seine war die Sicherheit des gewiegten zynischen Täters; es war die
+Herausforderung eines geistvollen Verbrechers, der sich für
+unüberführbar hält.
+
+=Dr.= Bernburger war zu erregt und zu vertieft, um seine Gedanken
+laut zu äußern, er ging hastig, seinem Freund um einige Schritte voraus.
+
+»Er hat Ihre Gedanken erraten,« sagte dieser. »Das ist wieder ein
+Symptom von Hysterie, ebenso wie die Kaltblütigkeit. Man wird doch
+zuletzt einsehen müssen, daß es sich um etwas Krankhaftes, um eine Art
+Lustmord handelt.«
+
+»Aber die Frau, die er tötete, war zweiundfünfzig Jahre alt,« sagte
+=Dr.= Bernburger ärgerlich.
+
+»Das ist eben die Perversität,« sagte =Dr.= von Wydenbruck.
+»Vielleicht verschmolz sie ihm auch dadurch mit dem Erinnerungsbild
+seiner Mutter, wodurch der aus Leidenschaft und Vernichtungslust
+zusammengesetzte Hang verhängnisvoll verstärkt wurde.«
+
+Unterdessen machte der Justizrat seinem Klienten Vorwürfe. »Sie sind
+wirklich ein Topf voll Mäuse,« sagte er. »Ich müßte Ihnen ein Schloß
+vor den Mund hängen. Was war nun das wieder für eine Eruption?«
+
+»Ach,« sagte Deruga, »warum sollte ich den beiden jungen Haifischen
+nicht einen Knochen zwischen die schiefen Zähne werfen? Sahen Sie nicht,
+wie ihm die Augen aus dem Kopfe quollen vor Gier? Es tut mir nur leid,
+daß ich nicht zusehen kann, wie sie ihn abnagen.«
+
+»Mit Haifischen ist nicht zu spaßen,« sagte der Justizrat, »und obwohl
+Sie ein nichtsnutziger Italiener sind, möchte ich doch nicht gerade, daß
+er Sie zwischen die Zähne bekäme.«
+
+
+
+
+=VII.=
+
+
+Die Baronin hatte kaum am Arme ihres Mannes den Saal verlassen, als ein
+Gerichtsdiener ihr in den Weg trat und sie im Namen des
+Oberlandesgerichtsrats Zeunemann bat, ihn zu einer kurzen Unterredung in
+seinem Zimmer aufzusuchen. Er sei bereit, setzte der Gerichtsdiener
+hinzu, sie sofort hinzuführen.
+
+»Du begleitest mich doch,« sagte sie, zu ihrem Manne hingewendet, der
+sich willig anschloß. Er müsse zwar gestehen, sagte er, daß er Hunger
+habe; aber die Herren vom Gericht wären sicher im gleichen Fall, und so
+würde es nicht lange dauern.
+
+Der Oberlandesgerichtsrat, sagte sie in französischer Sprache, wäre ein
+ganz angenehmer Mann, etwas kleinbürgerlich eitel, aber gefällig und im
+Grunde, glaubte sie, ganz auf ihrer Seite.
+
+=Dr.= Zeunemann hatte sich bereits umgekleidet und knabberte an
+einem Stückchen Schokolade zur Stärkung. »Ich würde die Herrschaften
+nicht in diesem Augenblick zurückgehalten haben,« sagte er, ihnen Stühle
+anbietend, »wenn es nicht in ihrem eigenen Interesse wäre; mein Wunsch
+ist, Ihnen einen Schreck oder eine unangenehme Überraschung, wenn nicht
+ganz zu ersparen, so doch zu mildern.«
+
+»Einen Schreck, Herr Oberlandesgerichtsrat,« rief die Baronin aus,
+»jetzt, wo meine Nerven durch den gräßlichen Prozeß ohnehin erregt sind!
+Nein, so grausam können Sie nicht sein!«
+
+»Ich hoffe, das Unangenehme dadurch abzuschwächen,« sagte =Dr.=
+Zeunemann, »daß ich Sie persönlich vorbereite. Ich erhielt heute früh
+einen Brief Ihres Fräuleins Tochter, in dem sie schreibt, sie habe aus
+der Zeitung von dem Prozeß erfahren. Sie sei außer sich, protestiere
+dagegen und verlange, daß ihr Protest veröffentlicht werde.«
+
+»Aber das werden Sie doch nicht tun, Herr Oberlandesgerichtsrat,« rief
+die Baronin, der das Blut ins Gesicht stieg. »Sie mag unter der Hand
+protestieren, so viel sie will, aber das geht doch die Öffentlichkeit
+nichts an. Als ob der Prozeß nicht schon Skandal genug wäre!«
+
+»Vielleicht ist Ihr Fräulein Tochter aus dem Grunde dagegen gewesen,«
+meinte =Dr.= Zeunemann, »daß Sie sich damit befassen?«
+
+»Aber, lieber Oberlandesgerichtsrat,« sagte die Baronin, »Sie werden
+nicht erwarten, daß ich auf die törichten Einwände eines jungen
+Mädchens, eines Kindes, achte, wenn es sich um so wichtige Entschlüsse
+handelt. Würden Sie das tun?«
+
+»Jedenfalls,« sagte =Dr.= Zeunemann, »würde ich an Ihrer Stelle
+jetzt zu verhindern suchen, daß Ihr Fräulein Tochter irgend etwas in
+Szene setzt. Sie scheint in großer Entrüstung und Erregung zu sein, und
+zwar zum Teil deshalb, weil Sie, gnädige Frau, den Prozeß in ihrem
+Interesse angeregt zu haben behaupten.«
+
+»O, die Undankbarkeit der Kinder,« seufzte die Baronin. »Hätte ich all
+dies Entsetzliche und Skandalöse auf mich genommen, wenn ich es nicht
+für meine Pflicht gehalten hätte, meiner Tochter die materiellen
+Vorteile zu erkämpfen, die ihr gebühren? Warum sagst du gar nichts,
+Botho?« wendete sie sich an ihren Mann. »Ich hoffe, du wirst deine
+Autorität gegen Mingo in Anwendung bringen.«
+
+»Ich werde versuchen, sie von auffallenden Schritten zurückzuhalten,«
+sagte der Baron. »Übrigens weißt du ja, liebes Kind, daß Mingo nicht
+leicht zu beeinflussen ist.«
+
+»Sehr leicht sogar,« entgegnete die Baronin, ihre Nasenflügel dehnend,
+»man muß nur verstehen, ihr zu imponieren.«
+
+»Dazu ist sie wohl zu sehr an uns gewöhnt,« entgegnete der Baron ruhig,
+»und zu sehr von uns verwöhnt.«
+
+»Von dir!« berichtigte seine Frau. »Gottlob, daß sie zu weit entfernt
+ist, um uns wesentliche Unannehmlichkeiten zu bereiten.«
+
+»Der Brief, den ich heute erhielt,« sagte =Dr.= Zeunemann, »trägt
+den Poststempel Ostende.«
+
+»Ostende!« rief die Baronin, indem sie von ihrem Stuhl aufstand. »Sie
+ist aus England abgereist, ohne uns um Erlaubnis zu fragen! Das darfst
+du nicht hingehen lassen, Botho!«
+
+»Sie hat die Absicht hierherzukommen,« fuhr =Dr.= Zeunemann fort.
+
+»Ich danke Ihnen, Herr Oberlandesgerichtsrat,« sagte der Baron, sich
+gleichfalls erhebend, »daß Sie uns in so rücksichtsvoller Weise gewarnt
+haben. Wir wollen Ihre kostbare Zeit nicht eine Minute länger in
+Anspruch nehmen!«
+
+Auch die Baronin bedankte sich mit liebenswürdigen Worten und knüpfte
+die Bitte daran, von den barocken Einfällen ihrer Tochter nichts bekannt
+werden zu lassen.
+
+In dem großen Vorsaal zu ebener Erde drängte sich das Publikum noch, so
+daß das Ehepaar nicht so schnell vorwärts kommen konnte, wie es
+wünschte.
+
+Halb ärgerlich auf ihren Mann, der ihr nicht so oder so die Bahn frei
+machte, halb beleidigt durch die Menschen, die nicht von selbst vor ihr
+zurückwichen, stand die Baronin still, als plötzlich etwas sie bewog,
+den Blick zur Seite zu wenden, und sie ganz in ihrer Nähe das Gesicht
+eines Mannes sah, der sie, wie es ihr schien, mit zudringlichem Spott
+betrachtete. Indem sie sich zornig abwendete,[TN1] sah sie eine
+auffallende Nadel in seiner Krawatte, und es wurde ihr mit einem Male
+klar, daß der Mann Deruga war.
+
+Ein Gefühl von Schwäche und Übelkeit überkam sie. »Warum gehen wir nicht
+weiter?« sagte sie heftig zu ihrem Manne, ihn am Arm vorwärts drängend.
+Er bemerkte ihre Gereiztheit, verdoppelte seine Anstrengungen, sich
+einen Weg durch die Menge zu bahnen, und brachte sie in wenigen Minuten
+an das wartende Auto. Mit dem Ausdruck äußerster Erschöpfung warf sie
+sich in die Ecke des Rücksitzes.
+
+»Hast du Deruga gesehen,« sagte sie zu ihrem Manne, der besorgt nach
+ihrem Befinden fragte, »und wie frech er mich anstarrte? Es ist
+unbegreiflich, daß man diesen Menschen frei herumgehen läßt. So
+schrecklich hatte ich ihn mir nicht vorgestellt.«
+
+»Du hast ihn doch heute nicht zum erstenmal gesehen!« sagte der Baron
+verwundert.
+
+»Ich erkenne niemand ohne Glas,« sagte sie gereizt, »das weißt du doch.
+Ich weiß nicht, wie ich mich von diesem Eindruck erholen soll. Ist es
+nicht unerhört, daß ich schutzlos der Rache dieses Mannes ausgesetzt
+bin? Ich werde mich keinen Augenblick mehr meines Lebens sicher fühlen.«
+
+Was das anbelangt, meinte der Baron, könne sie ruhig sein; ein
+Angeklagter oder Verdächtiger sei immer vorsichtig.
+
+»Und gewisse Menschen glauben immer das, was am bequemsten ist,« setzte
+sie hinzu.
+
+Sie werde selbst ruhiger denken, wenn sie gegessen hätte, prophezeite
+der Baron gutmütig. Sie sei überhungrig, übermüde und durch die
+schlechte Luft angegriffen. Dazu sei noch der durch Mingo verursachte
+Schreck gekommen. Sie solle sich am Nachmittag ausruhen, anstatt sich
+wieder stundenlang in den dumpfen Gerichtssaal einzusperren und sich
+widerwärtigen aufregenden Eindrücken auszusetzen. Er sei bereit,
+hinzugehen und ihr ausführlichen Bericht zu erstatten; ohnehin würden
+die nächsten Vernehmungen nichts Neues bringen.
+
+Dies verhielt sich in der Tat so. Frau von Liebenburg, die Inhaberin der
+Pension im zweiten Hause, erklärte vornehm ablehnend, daß sie nur feines
+Publikum habe, daß noch nie etwas mit ihren Pensionären vorgekommen sei,
+daß sie nichts den Prozeß Betreffendes aussagen könne. Sie könne
+natürlich nicht für jeden einstehen, der bei ihr nach Zimmern frage, und
+Buch führen könne sie auch nicht über jeden, der käme, aber sie weigere
+sich entschieden, irgend etwas über die bei ihr verkehrenden
+Herrschaften zu sagen. Sie bäte dringend, daß die bei ihr wohnenden
+feinen Herrschaften nicht mit Fragen und Nachforschungen inkommodiert
+würden, die zu keinem Ergebnis führen könnten.
+
+Nach dieser empfindlichen Dame erschien Frau Rübsamen, die Frau des
+Komponisten und Musikschriftstellers im zweiten Stock des dritten
+Hauses, und entschuldigte ihren Mann, der leidend sei und überhaupt viel
+zu nervös, um als Zeuge auftreten zu können, da schon die Vorstellung,
+in einen solchen Prozeß verflochten zu sein, ihn in krankhafte Erregung
+versetzt habe. Er habe nun einmal ein künstlerisches Temperament, man
+könne mit ihm nicht umgehen wie mit gewöhnlichen Menschen. Er hätte doch
+auch nichts nützen können, denn sein Gedächtnis sei schwach, und wenn er
+Anstrengungen mache, um sich zu besinnen, bekäme er nervöse Zustände.
+
+Sie selbst hingegen besänne sich noch wohl auf den 2. Oktober, weil die
+Ursula sie am Morgen gebeten habe, wenn möglich, ein wenig Rücksicht zu
+nehmen; Frau Swieter habe eine so schlechte Nacht gehabt und könne
+vielleicht am Tage ein wenig schlafen. Natürlich nähmen ihr Mann und sie
+gern Rücksicht. Frau Swieter wäre ja auch eine angenehme Partei gewesen,
+und ihr Mann habe immer gesagt, er könne sie nicht genug schätzen, weil
+sie nicht Klavier spielte und auch sonst kein Instrument ausübte; nur
+die Krankheit sei ihm peinlich gewesen. Die Vorstellung, einen
+Sterbenden oder Toten im Hause zu haben, sei nämlich ganz unerträglich
+für ihren Mann. Jetzt wohne eine Familie über ihnen, die turnten alle
+miteinander morgens und abends, und ihr Mann sage fast täglich, er würde
+noch so gern auf die arme Frau Swieter Rücksicht nehmen, wenn er nur die
+Turner nicht über dem Kopfe hätte. Sie hätten also das ihrige getan und
+den Klavierstimmer fortgeschickt. Es sei ohnehin die Zeit gewesen, wo
+ihr Mann Mittagsruhe zu halten pflegte.
+
+Eine Stunde später sei dann ein Herr dagewesen, sie hätte ihn aber
+eigentlich nicht für einen feinen Herrn angesehen. Der hätte gebeten,
+Herr Rübsamen möchte doch seine Stimme prüfen, ob es der Mühe wert sei,
+sie ausbilden zu lassen. Sie hätte den Herrn in den Salon geführt und es
+ihrem Manne gesagt; der hätte gefragt, was für ein Mann es wäre, worauf
+sie gesagt hätte, ihr käme er vor wie ein Kutscher oder höchstens ein
+Tapezierer. Solche Leute hörten nämlich oft, daß irgendein armer Teufel
+durch seine schöne Stimme sein Glück gemacht hätte, und wenn sie dann so
+recht brüllen könnten, daß die Wände zitterten, bildeten sie sich ein,
+sie wären für die Kunst geboren. Nun, daraufhin hätte ihr Mann gar
+keine Lust dazu gehabt, das Prüfen von Stimmen wäre ohnehin ein
+undankbares Geschäft. Wenn man es den Leuten ausreden wollte, würden sie
+oft recht grob, und für einen nervösen Mann wie Herrn Rübsamen sei das
+Gift.
+
+Ihre Aufgabe wäre es denn in solchen Fällen, so einen Menschen mit guter
+Manier herauszureden, und das hätte sie auch diesmal getan, indem sie
+gesagt hätte, ihr Mann sei nicht zu Hause, er möchte ein andermal
+wiederkommen. Sie müsse aber sagen, er hätte sich nie wieder blicken
+lassen.
+
+Ob sie den Herrn nach seinem Namen gefragt habe, erkundigte sich
+=Dr.= Zeunemann.
+
+»Nein, nein,« sagte Frau Rübsamen, »ich wollte mich möglichst wenig
+einlassen. Nun, nach ein paar Jahren heißt er vielleicht schon Mirabilio
+oder Birbanti.«
+
+»Das führt zu nichts,« sagte =Dr.= Zeunemann leise zu seinem
+Nachbarn, der hinter der Hand gähnte. »Ich wußte es vorher.«
+
+»Schluß, Schluß,« antwortete der Beisitzer ebenso.
+
+Ob um die Mittagszeit ein Bettler oder Hausierer bei ihr angeläutet
+habe, fragte =Dr.= Zeunemann noch, unterbrach aber die Zeugin, da
+sie eine Reihe von Möglichkeiten zu erörtern begann, mit der
+Aufforderung, nur das mitzuteilen, was sie bestimmt wisse. Etwas
+Bestimmtes in bezug darauf zu wissen, wies jedoch Frau Rübsamen mit
+Entschiedenheit von der Hand, worauf die Untersuchung über verdächtige
+Besucher des Hauses an dem verhängnisvollen Tage einstweilen
+abgeschlossen wurde.
+
+
+
+
+=VIII.=
+
+
+»Das war schön von Ihnen, daß Sie die Kaution für mich hinterlegt
+haben,« sagte Deruga zu Peter Hase, indem er ihm die Hand reichte. »Ganz
+wie Sie, Gentleman durch und durch. Ich bin Ihr ergebener Diener.«
+
+Ein Anflug von Röte färbte das blasse Gesicht des Schriftstellers.
+
+»Man hatte mir fest versprochen, daß mein Name nicht genannt werden
+sollte,« sagte er, die Augenbrauen zusammenziehend. »Ich verstehe nicht,
+wie man davon abgehen konnte.«
+
+Deruga lachte.
+
+»Ich habe Ihnen nur eine Falle gestellt, und Sie sind hineingegangen,«
+sagte er. »Also Sie sind es wirklich. Geben Sie zu, daß ich ein
+Menschenkenner bin! Wenn ich stillsitzen könnte wie ihr Deutschen, wäre
+ich vielleicht auch ein Dichter.«
+
+»Ein besserer als ich,« sagte Peter Hase ernsthaft. »Sie verstehen es
+jedenfalls besser, Ihr Leben zu dichten.«
+
+»Das fällt bei Ihnen wohl eher trocken aus,« meinte Deruga.
+»Gesellschaftslöwe, reiche Frau, Liebling des Publikums, Geheimrat, etwa
+noch der persönliche Adel. Etwas schematisch, aber doch ganz behaglich.
+Wie? Immer in einer so leicht parfümierten Atmosphäre.«
+
+»Ich möchte den Abend mit Ihnen zubringen,« sagte Peter Hase ablenkend.
+»Wenn Sie nichts Besseres vorhaben?«
+
+»Das wäre Bett und Schlaf,« sagte Deruga. »Beides wundervoll, aber ich
+kann es immer haben, Sie dagegen vielleicht nur heute. Machen Sie mit,
+Justizrat?« wendete er sich an seinen Anwalt.
+
+Dieser sagte, er müsse sich nach seiner Familie umsehen, ein halbes
+Stündchen habe er aber noch Zeit. Er freue sich, sagte er, als sie in
+dem abgeseilten Raum einer Restauration beim Essen saßen, Peter Hase
+kennenzulernen. Er sei zwar nur ein einfältiger Fachmensch, habe keine
+Zeit für die schöne Literatur übrig, doch sei der Ruf von Hases Namen
+zu ihm gedrungen. In seiner Jugend habe er sich für einen Kenner und
+Feinschmecker in den Künsten gehalten, das sei aber wohl jugendliche
+Selbstüberhebung gewesen.
+
+»Das glaube ich auch,« sagte Deruga. »Ein feines Beefsteak, etwas
+blutig, am Rost gebraten, darauf verstehen Sie sich besser.«
+
+Der Justizrat lächelte gutmütig. »Nun ja,« sagte er, »das zu studieren
+hat man auch täglich Gelegenheit, ein gutes Buch ist selten. Und wissen
+Sie, wahre Geschichten, die würde ich lesen. Dabei kann man etwas
+lernen. Aber mich von fremder Leute Phantasien an der Nase führen zu
+lassen, dazu ist mir meine Zeit zu kostbar.«
+
+»Das Leben ist leider im allgemeinen alltäglich und fade,« sagte Peter
+Hase, »und die Dichtung soll ein schöner, bunter Teppich sein.«
+
+»Ja,« sagte Deruga, »ein purpurnes Meer voller Ungeheuer, Wunder,
+Kostbarkeiten und Seltenheiten. Grün wie Glas, süß wie Opal, schwarz wie
+Sturm, unerschöpflich, unergründlich, immer von zauberhaften Geburten
+gärend und gefräßig nach allem Lebendigen. Aber gerade so ist doch das
+Leben.«
+
+Peter Hase betrachtete Deruga aufmerksam, in dessen schmalen Augen sich
+die Vorstellungen zu spiegeln schienen. »Sie sind eben ein Dichter dem
+Gefühle nach,« sagte er. »Ihr Gefühl macht es so.«
+
+»Und im Grunde ist es alles derselbe gemeine Straßendreck,« sagte Deruga
+in verändertem Ton.
+
+»Nun, da gehen Sie wieder zu weit,« sagte der Justizrat. »Betrachten wir
+einmal unseren Prozeß! Sie sind mir gerade originell genug, und die
+Baronin Truschkowitz ist jedenfalls auch keine gewöhnliche Nummer.«
+
+»Ich hasse diese Art Weiber,« fiel Deruga schnell ein. »Selbstsüchtig,
+habsüchtig, beschränkt, kalt und ewig nach neuen Sensationen lüstern.
+Ohne Geld wäre sie eine Dirne.«
+
+»Aber, aber, Verehrtester,« sagte der Justizrat, gelinde scheltend, »da
+scheinen Sie mir doch ein bißchen parteiisch zu sein.«
+
+»So,« sagte Deruga, sich erhitzend, »finden Sie es anständig, aus
+Geldgier einen Unbekannten des Mordes zu verdächtigen? Einen Menschen,
+der ihr nichts zuleide getan hat? Was für eine Gesinnung! Ich sollte
+eine alternde Frau, die mein Weib war, die Mutter meines einzigen,
+meines teuren, heiligen Kindes, töten, weil sie mir kein Geld, oder
+nicht genug Geld geben wollte, womöglich, um ein paar Monate früher in
+den Besitz ihres Vermögens zu kommen? Ich, das schwöre ich Ihnen, wäre
+nie auf einen solchen Gedanken gekommen.«
+
+»Herrgott,« sagte der Justizrat, »solche Sachen kommen doch aber vor.
+Man kann das Leben nicht immer in rosa Beleuchtung sehen. Es sind schon
+Menschen um ein paar Taler umgebracht worden. Außerdem vergessen Sie
+oder wollen Sie vergessen, daß die Baronin Ihnen dies Motiv nicht
+ausdrücklich untergelegt hat, und wenn man Sie für rachsüchtig, hitzig
+und tollköpfig hält, tut man Ihnen eigentlich nicht so unrecht.«
+
+Deruga stützte den Kopf in die Hand und antwortete nicht.
+
+»Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen zu sagen,« hub Peter Hase nach einer
+Pause an, »daß ich der Baronin auf ihre Aufforderung hin einen Besuch
+gemacht habe. Sie machte mir den Eindruck einer Dame.«
+
+»Was für einen Eindruck sollte sie auch sonst machen?« sagte Deruga
+scharf. »Einer Straßenputzerin oder eines Stallknechtes? Übrigens ist es
+ja einerlei. Sie will vermutlich mit dem berühmten Schriftsteller
+kokettieren.«
+
+»Sie kokettiert nicht mehr, als es jede Dame tut,« sagte Peter Hase.
+»Sogar in einer besonders geschmackvollen, ihrem Alter angemessenen Art
+und Weise. Es kommt mir eher so vor, als wäre der Wunsch in ihr
+aufgetaucht, ich sollte ihre Tochter heiraten. Sie sprach mir immer
+wieder von ihrer Tochter.«
+
+»Nun ja,« sagte Deruga, höhnisch lachend, »Dirne und Kupplerin, das ist
+ja fast dasselbe. Nur ist es besonders gemein, die eigene Tochter zu
+verkuppeln. Eine Frau, die die Männer kennen muß. Sie werden mir doch
+zugeben, meine Herren, wir haben uns alle gehörig im Schlamme gewälzt.«
+
+»Wir sind allerdings nicht so rein wie ein Mädchen aus guter Familie,«
+sagte Peter Hase unverändert ruhig und höflich, »aber ich weiß nicht, ob
+das überhaupt zu wünschen wäre. Die Frauen selbst wünschen es
+augenscheinlich nicht.«
+
+»Nein, sie lieben augenscheinlich den Schmutz,« sagte Deruga. »Basta,
+wie denken Sie über die kleine Baronesse?«
+
+»Bevor ich sie gesehen und gesprochen habe,« sagte Peter Hase, »enthalte
+ich mich jeder Entscheidung. Da ihr Vermögen nicht außerordentlich ist,
+muß sie ungewöhnliche Qualitäten haben, um für eine Heirat in Betracht
+zu kommen.«
+
+»Auf mein Vermögen rechnen Sie also nicht,« sagte Deruga. »Das ist
+anständig und auch sehr verständig. Die Deutschen sind zwar gute Hunde,
+doch ein italienischer Hirsch, wenn er vielleicht auch nicht so schnell
+läuft, ist gewandter und läßt sich nicht fangen.«
+
+»Sie sind heute verdrießlich, Deruga,« sagte der Justizrat, indem er
+aufstand, um sich zu empfehlen, »und in Ihrer Lage wäre ich es
+vielleicht auch. Was die deutschen Hunde betrifft, so kann ich zwar
+nicht besonders gut laufen, aber leidlich bellen und beißen, und stelle
+mich Ihnen in dieser Hinsicht zur Verfügung. Auf Wiedersehen!«
+
+»Gott sei Dank, erst übermorgen,« sagte Deruga, dem ein Versuch,
+liebenswürdig zu lächeln, mißlang. »Morgen ist Sonntag.«
+
+Er werde doch vielleicht zum Zweck einer kurzen Unterredung vorsprechen,
+sagte Fein.
+
+»Auch gut,« erwiderte Deruga, »ohnehin ist der Sonntag der
+Selbstmörderwagen am Zuge des Lebens, Montag ist Totengräber.«
+
+
+
+
+=IX.=
+
+
+Der Sonntag zeigte sich indessen Deruga unverhofft wohltätig, indem ein
+Freund seiner Kindheit und Jugend eintraf, =Dr.= Carlo Gabussi,
+Landarzt in einem Dorfe oberhalb Belluno, den Zeitungsberichte über den
+Prozeß veranlaßt hatten, nach München zu kommen, um Deruga allenfalls
+beizustehen. Die Freunde umarmten und küßten sich wieder und wieder, und
+es dauerte eine Weile, bis sie ein zusammenhängendes Gespräch zu führen
+imstande waren.
+
+»Kommst du wirklich meinetwegen, Carlo, lieber Junge?« sagte Deruga.
+»Das ist doch der Mühe nicht wert, die Reise, die Kosten und alles das.«
+
+»Unsinn,« sagte Gabussi, »ich war froh, Gelegenheit zu einer Reise zu
+haben. Ich bin ja seit zehn Jahren nicht von meinem gesegneten Dorfe
+heruntergekommen. Wenn ich aber etwas für dich tun könnte, wäre ich
+allerdings glücklich. Denke dir von den vielen Opfern, die du mir
+gebracht hast, einmal etwas wiederzugeben!«
+
+»Ich dir?« lachte Deruga. »Meinst du, daß du monatelang Tag für Tag bei
+mir saßest, als ich krank im Spital lag?«
+
+»Nun ja,« sagte Gabussi, »du bist zwar nicht mir zuliebe krank geworden,
+aber ich konnte doch zu dir kommen und brauchte nicht immer zu Hause zu
+sein, wo es so wenig Unterhaltung für mich gab. Du hörtest mir zu, wenn
+ich von meiner Angebeteten erzählte, und machtest mir Gedichte für sie.«
+
+Deruga fragte, wie es ihr gehe, und ob sie noch immer nicht geheiratet
+hätten.
+
+»Nein,« sagte Gabussi mit einem Anflug von Wehmut. »Dadurch, daß meine
+Mutter bei mir wohnt, und daß meine arme Schwester lahm ist, kann ich
+nicht gut noch eine Frau unterbringen. Geld verdienen könnte sie auf
+meinem Dorfe auch nicht, denn eine verheiratete Lehrerin wird nicht
+angestellt. Aber ich bin ja so glücklich, daß ich meine Mutter noch
+habe! Sie ist jetzt so leicht, daß ich sie auf einem Arme tragen kann,
+und ich trage sie jeden Abend ins Bett, obwohl sie sich fürchtet; aber
+ich kann es nicht lassen, und im Grunde hat sie es auch gern. Natürlich,
+meine Lisa hat jetzt einige weiße Haare in ihren schönen schwarzen
+Haaren. Sie sehen mir so aus wie eine Silberspur, die Gottes liebkosende
+Hand zurückgelassen hat. Kannst du dir das denken? Und wenn ich sie so
+gut und fröhlich zwischen ihren Schulkindern sehe, dann wird mir wohl
+das Herz eng, und ich denke: Wenn ihr so unsere Kinder an der Hand
+hingen! Aber das ist ja selbstsüchtig und unrecht, wenn ich bedenke, wie
+gut es mir geht, zum Beispiel mit dir verglichen, mein Dodo, mein alter,
+lieber Junge! Wie konntest du aber nur in solchen höllischen Wirrwarr
+verwickelt werden! Nein, sprich jetzt nicht davon, wenn du nicht magst!
+Wir haben Zeit, ich bleibe bei dir, solange du mich brauchst.«
+
+»Die Schweinerei soll mir gesegnet sein,« sagte Deruga, »denn ohne sie
+hätte ich dich so bald nicht gesehen, Gabussi! Ein bißchen magerer bist
+du geworden, aber sonst ganz das liebe, alte, ehrbare, erschrockene
+Gesicht!«
+
+»Aber du bist mein bronzener David nicht mehr,« entgegnete Gabussi. »Du
+siehst grau aus, das kommt vom Mangel an Luft und Bewegung. Laß uns
+spazierengehen -- oder, noch besser, ich nehme einen Wagen, und du zeigst
+mir die Stadt und die Umgegend.«
+
+Der Tag war grau und weich, und der offene Wagen fuhr langsam durch die
+tauenden Straßen, vom Geriesel der Tropfen wie von einem musikalischen
+Geleit begleitet. Deruga saß behaglich zurückgelehnt und gab Antwort auf
+die Fragen Gabussis, den die stattlichen Plätze und Gebäude entzückten.
+In einer stillen Straße, in die der Kutscher, dessen Gutdünken sie die
+Führung überließen, einlenkte, erkannte Deruga plötzlich ein
+schmiedeeisernes Tor. Der gepflasterte Weg, der an den Häusern entlang
+führte, lag verlassen, und das Fliedergebüsch war noch unbelaubt, nur
+eine Weide spannte keimende Zweige in einem feinen Strahlenbogen
+hinüber.
+
+»Was ist dir?« fragte Gabussi, seinen Arm in den des Freundes schiebend,
+der sich aufgerichtet hatte.
+
+»Wir fuhren eben an dem Hause vorüber, wo die arme Marmotte wohnte,«
+sagte Deruga.
+
+Gabussi schwieg. Erst nach einer langen Pause sagte er: »Du warst doch
+einmal glücklich, Dodo.«
+
+»Nein, damals nicht,« erwiderte dieser. »Mein Gemüt war zu ruhelos, mein
+Herz zu empfindlich und mein Verstand zu scharf. Ich glaube, ich müßte
+ein Gott sein, um mit meinen Gaben glücklich zu sein.«
+
+»Es ist doch aber auch schön, so begabt zu sein, wie du bist,« sagte
+Gabussi. »Weißt du noch, wie oft unser Religionslehrer zu dir sagte:
+'Sigismondo, Verstand hast du, Verstand genug. Aber der Verstand ist ein
+höllisches Feuer, die Vernunft ist ein göttliches Licht. Und Vernunft
+hat mancher alte Besenbinder mehr als du.'«
+
+Deruga lachte. »Ja, auf den Verstand war er schlecht zu sprechen,« sagte
+er. »Und weißt du, wie er dich vor mir warnte und prophezeite, es würde
+ein Freimaurer und Atheist aus mir werden, wenn ich nicht etwa gar ein
+Heiliger würde.«
+
+Der Wagen hatte inzwischen die städtischen Anlagen erreicht, und sie
+sahen einen schnellen, starken Fluß unter den dicken Stämmen alter
+Weiden und Pappeln durch weite Wiesen fließen. Eine schwere Erinnerung
+aus naher Vergangenheit vermischte sich in Deruga wunderbar mit den
+Erinnerungen der Kindheit und stimmte ihn weich und träumerisch.
+
+»Damals, als wir Buben waren,« sagte Gabussi, »da warst du doch
+glücklich.«
+
+»Wenn ich nicht tief unter dem Glück immer gefühlt hätte, wie häßlich,
+armselig, falsch und ungerecht alles um mich her war,« sagte Deruga.
+
+»Du, der einen solchen Engel zur Mutter hatte!« rief Gabussi aus. »Und
+weißt du, wie gern du bei uns warst, und wie du stillhieltest, wenn
+meine Mutter dich auf die Stirn küßte und 'kleiner Fremdling' nannte?
+Und wie wir unter dem Dache saßen und unsere Aufgaben lernten und uns
+vor jedem Schatten fürchteten?«
+
+Als die Freunde von der Fahrt zurückkehrten, war eine wohlige
+Zufriedenheit über Deruga gekommen.
+
+»Wenn diese dumme Geschichte vorbei ist,« sagte er zu Gabussi, »werde
+ich ein neues Leben anfangen. Was meinst du, wenn ich zu dir in die
+Berge käme?«
+
+»Aber, Dodo,« sagte Gabussi außer sich vor Freude, »das wäre ein
+Paradies für mich. Und wie würden meine Mutter und meine Schwester sich
+freuen! Und meine Lisa für mich! Das größte Glück für meine Lisa ist,
+wenn mir etwas Glückliches begegnet. Zu denken, daß du mich zuzeiten auf
+meinen Gängen begleitest und wir plaudern und schwatzen und Erinnerungen
+austauschen wie heute!«
+
+Sie wurden durch ein feines Klopfen unterbrochen, das schon einige Male
+ungehört in das laute Gespräch geklungen hatte. Als Gabussi zur Tür ging
+und öffnete, sah er ein kleines, zierliches, blondhaariges Mädchen mit
+großen, dunkelbraunen Augen, die ihn ängstlich, doch mit Feuer, ansahen.
+
+»Ich wünsche Herrn =Dr.= Deruga zu sprechen,« sagte eine helle, von
+der Erregung etwas gedämpfte und zitternde Stimme. »Sind Sie es?«
+
+Gabussi schüttelte den Kopf und wies auf seinen Freund, indem er ihn
+zugleich mit den Augen fragte, ob er gehen solle.
+
+»Nein, bleibe,« bat Deruga, die Hand auf seinen Arm legend; und er
+fragte das Fräulein, mit wem er die Ehre habe zu sprechen.
+
+»Ich bin Mingo von Truschkowitz,« sagte die kleine Dame, »und komme, um
+Ihnen zu sagen, daß es mir sehr leid tut, daß meine Mutter den Prozeß
+gegen Sie angefangen hat, und daß ich nichts, gar nichts damit zu tun
+habe. Da meine Tante Ihnen das Vermögen vermacht hat, kommt es Ihnen zu.
+Überhaupt hat meine Mutter nicht das mindeste Recht darauf, da sie sich
+nie um Frau Swieter bekümmert hat.«
+
+»Armes Kind,« sagte Deruga, »es muß Ihnen schwer geworden sein, so
+allein zu mir zu kommen. So alt wie Sie würde meine kleine Mingo jetzt
+auch sein,« setzte er nach einer Pause hinzu, während welcher seine
+Augen liebevoll auf ihr geruht hatten.
+
+»Dasselbe,« sagte Mingo und zögerte einen Augenblick, »sagte Ihre
+verstorbene Frau, als sie mich sah.«
+
+»Haben Sie meine Frau einmal besucht?« fragte Deruga. »Wann war es?
+Erzählen Sie mir davon.«
+
+»Es war vor acht Jahren,« berichtete Mingo. »Ich besuchte sie, weil ich
+so vieles von ihr gehört hatte, was mich anzog. Bei uns fand ich alles
+herkömmlich und alltäglich und unbedeutend. Ich liebte mir vorzustellen,
+daß irgendein Zusammenhang zwischen mir und ihr bestünde, weil ich so
+heiße wie sie. Sie gefiel mir so gut, sie war mir wie ein
+geheimnisvolles Märchen; aber sie sagte, ich solle nicht wiederkommen,
+wenn es ohne Wissen meiner Eltern geschehen mußte. Vielleicht hatte mein
+Besuch sie auch traurig gemacht, weil ich sie an ihr verlorenes Kind
+erinnerte.«
+
+»So lebt doch wenigstens ein kleiner Mingo,« sagte Deruga warm. »Nach
+Ihrer Meinung,« fragte er nach einer Pause, »bin ich also mit Unrecht
+angeklagt?«
+
+»Nach dem, was Ihre Frau mir damals von Ihnen erzählte,« sagte sie mit
+Nachdruck, »bin ich überzeugt, daß Sie ihr absichtlich nie etwas zuleide
+getan haben.«
+
+»Ich habe ihr viel zuleide getan,« sagte Deruga, »aber aus Liebe.«
+
+»Das zählt nicht,« sagte Mingo entschieden und fuhr zögernd fort: »Ihre
+Frau zeigte mir auch ein Bild von Ihnen.«
+
+»Es scheint aber nicht, daß es ähnlich war,« sagte Deruga lachend, »oder
+ich habe mich seitdem sehr verändert.«
+
+»Nicht so sehr, wie es mir zuerst schien,« sagte sie.
+
+Gabussi beteuerte, daß sein Freund sich nur zu seinem Vorteil verändert
+habe, und forderte das kleine Fräulein dringend auf, dies Urteil zu
+bestätigen.
+
+»Das weiß ich nicht,« sagte sie, tief errötend, »aber wie ein alter Mann
+sieht Herr Deruga nicht aus.«
+
+»Ihnen gegenüber bin ich sehr alt und weise,« sagte Deruga gütig, »und
+vermöge dieser Weisheit gebe ich Ihnen den Rat: Entzweien Sie sich
+meinetwegen nicht mit Ihrer Mutter, wenn sie mir auch unrecht tut! Ein
+Kind schuldet seiner Mutter zu viel, um ihr jemals zum Gläubiger werden
+zu können. Sprechen Sie es aus, wenn Sie anderer Meinung als sie sind,
+aber nicht ohne den Ton zärtlicher Liebe! Versprechen Sie mir das?«
+
+Er streckte ihr die Hand hin, in die Mingo völlig überwunden ihre kleine
+legte.
+
+Carlo Gabussi umarmte, als das Fräulein gegangen war, seinen Freund mit
+Begeisterung, lobte die Kleine und erkundigte sich nach der Mutter, die
+eine Teufelin sein müsse.
+
+»Wenn sie das noch wäre,« sagte Deruga. »Sie ist nur eine glatte, hohle,
+genußsüchtige Frau, zu oberflächlich selbst, um lasterhaft zu sein. Ein
+Bild unserer Gesellschaft, wo die großen Räuber geehrt und die kleinen
+gehangen werden. Äußerlich ist sie nicht unangenehm.«
+
+»Und warum haßt sie dich so?« fragte Gabussi.
+
+»Weil ich das Geld bekommen habe, worüber sie bereits zu ihren Gunsten
+verfügt hatte,« sagte Deruga. »Übrigens scheine ich ihr gar nicht zu
+mißfallen.«
+
+»Wie meinst du das?« fragte Gabussi. »Hast du denn mit ihr gesprochen?«
+
+»Bis jetzt nur durch die Augen,« sagte Deruga. »Aber ich verstehe mich
+ja gut auf Weiber. Wenn ich darauf einginge, wäre sie sehr geneigt,
+eine Liebelei mit mir anzufangen.«
+
+»Aber, Dodo,« rief Gabussi entrüstet aus, »das ist ja eine abscheuliche
+Entartung! Mit einem Manne kokettieren, den man ins Zuchthaus oder etwa
+gar auf das Schafott zu bringen im Begriffe ist. Ich verstehe solche
+Sachen nicht. Könnte ich dich nur aus den Weibergeschichten
+herauswickeln, die die letzte Ursache deines Unglücks sind! Du solltest
+wieder heiraten, eine einfache, brave, liebe Frau, und dann zu mir
+hinauf in die Berge kommen. Was hast du von dieser heillosen
+Schlamperei? Luft, Licht, Sauberkeit, das sind die wichtigsten
+Verordnungen der modernen Gesundheitslehre.«
+
+»Für gesunde Seelen ausgezeichnet,« sagte Deruga. »Aber Kranke brauchen
+warmen Dreck und mollige Fäulnis.«
+
+»Unsinn,« sagte Gabussi in großer Erregung, »der Satz ist Unsinn, und
+die Voraussetzung, daß du krank bist, auch. Du bist nur bequem und zu
+gutmütig. Versprich mir, daß du nichts Neues anzettelst! Auch nicht aus
+Mitleid. Schließlich geraten die Frauen durch die Liebe nur noch tiefer
+in den Sumpf. Und versprich mir, sollte diese Baronin wirklich mit dir
+kokettieren wollen, daß du ihr die verdiente Abfertigung zuteil werden
+läßt!«
+
+Deruga wollte sich ausschütten vor Lachen über seinen Freund, der, mit
+den langen Armen gestikulierend, wie ein Bußprediger vor ihm stand. »Ich
+habe höchstens Lust,« sagte er endlich, als er wieder sprechen konnte,
+»sie noch mehr zu reizen, um sie hernach desto empfindlicher kränken und
+beschämen zu können. Ich verabscheue diese Person.«
+
+»Ach, Dodo!« seufzte Gabussi, »das ist schlüpfrig und gefährlich. Laß
+sie doch gehen, wenn du sie verabscheust! Tu es um der entzückenden
+Kleinen willen, wenn du es nicht aus Selbstachtung tust!«
+
+In Derugas Gesicht kam ein weicher Ausdruck. »Kleine Mingo,« sagte er.
+»Ihr möchte ich wirklich nichts zuleide tun.«
+
+»Siehst du,« sagte Gabussi eifrig. »Es war ein Unglück, daß du deine
+Tochter verlieren mußtest. An ihrer Hand wärest du gewiß nur reine,
+schöne Wege gegangen.«
+
+»Oder ich hätte sie mit mir in den Schlamm gezogen,« sagte Deruga,
+plötzlich verdüstert.
+
+»Mensch, führe nicht so verzweifelte Reden!« schalt Gabussi, »sonst
+könnte sogar ich an dir irre werden.«
+
+Deruga umarmte und küßte seinen Freund. »Immer der alte,« lachte er.
+»Hast du vergessen, daß man mich nicht so ernst nehmen muß? Ich bin kein
+am Spalier gezogener Pfirsich. Man kann meine Worte nicht so ohne
+weiteres genießen, es muß erst etwas Schmutz herausgekocht und
+abgeschäumt werden. Hast du das vergessen?«
+
+Auch Gabussi lachte nun. »Du hast recht, ich bin ein schwerfälliger
+Dummkopf,« sagte er. »Es ist kein Wunder, wenn dich in deiner
+unglücklichen Lage manchmal tolle Launen überkommen. Der muß vor allen
+Dingen ein Ende gemacht werden.«
+
+Der Justizrat, den er befragte, sprach sich ziemlich hoffnungsvoll aus.
+Deruga habe zwar nicht durchaus einen guten Eindruck gemacht, und es
+bleibe zu vieles im Dunkeln, als daß jeder Verdacht aufgehoben würde,
+aber die vorhandenen Indizien genügten seiner Ansicht nach durchaus
+nicht, daß gewissenhafte Geschworene daraufhin ein Schuldig aussprechen
+könnten. Gabussis freundschaftliche Gefühle waren davon nicht
+befriedigt; er bestand darauf, als Zeuge aufzutreten, damit die Menschen
+Deruga mit seinen Augen, das heißt, wie er wirklich wäre, sähen und ihn
+freisprächen, nicht, weil er nicht überführt werden könnte, sondern von
+seiner Schuldlosigkeit überzeugt.
+
+»Sie sind mit Vorurteilen an dich herangetreten,« sagte er. »Sie haben
+nur einen Ausschnitt von dir kennengelernt. Könnte man ein Gemälde
+richtig beurteilen, wenn man nur ein millimetergroßes Stückchen davon
+betrachtet? Ich will ihnen von deiner Kindheit und deinen Jugendjahren
+erzählen, so wie du bist, ohne Übertreibung und künstliche Beleuchtung.
+Das ist eine induktive Methode, die den wissenschaftlichen Deutschen
+zusagen muß.«
+
+ * * * * *
+
+Gabussis Erscheinung machte einen günstigen Eindruck. Man fand, daß
+seine ehrlichen braunen Augen, sein schlichtes Auftreten und freimütiges
+Reden eines Deutschen würdig wären. Da er ein paar Semester in Wien
+studiert hatte, sprach er ziemlich gut Deutsch, wenn er langsam und
+vorsichtig vorging. Er sei, erzählte er, mit dem Angeklagten seit früher
+Kindheit bekannt, sie hätten dieselbe Schule und später dasselbe
+Gymnasium besucht. Dodo, wie er genannt wurde, sei in seinem, Gabussis,
+elterlichen Hause gern gesehen worden. Man habe bewundert, wie viel er
+geleistet, unter wie schwierigen Verhältnissen er sich durchgearbeitet
+habe.
+
+»Worin bestanden die schwierigen Verhältnisse?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Seine Familienverhältnisse waren ungünstig,« erklärte Gabussi. »Er
+wurde zu Hause viel beschäftigt, so daß er oft die Nacht zu Hilfe nehmen
+mußte, um mit den Schularbeiten fertig zu werden.«
+
+»Wie kam das?« fragte der Vorsitzende, »was war sein Vater?«
+
+»Sein Vater war damals Obstverkäufer,« antwortete Gabussi. »Er hatte
+ein kleines Gewölbe hinter dem alten Rathause.«
+
+»So,« sagte der Vorsitzende, in den Akten blätternd. »Nach Derugas
+Angabe war sein Vater Kaufmann.«
+
+»Nun ja,« sagte Gabussi, »ein Obstverkäufer ist doch ein Kaufmann.«
+
+»Übrigens,« setzte er hinzu, indem er einen beunruhigten Blick auf
+seinen Freund warf, »hat er nicht immer dieselbe Beschäftigung gehabt.
+Er war ein guter, aber ruheloser Mann.«
+
+Der Vorsitzende bat den Zeugen, Derugas Vater etwas ausführlicher zu
+charakterisieren.
+
+Er habe ihn zu wenig gesehen und gesprochen, um ein maßgebendes Urteil
+fällen zu können, sagte Gabussi. Wenn er dagewesen wäre, habe er meist
+schwermütig und ohne Anteil zu nehmen in einem Winkel gesessen, nur
+selten einmal sei er mutwillig gewesen und habe dann laut gelacht und
+gescherzt.
+
+»Er war also nicht immer da?« sagte =Dr.= Zeunemann.
+
+»Nein,« sagte Gabussi, »er bekam zuweilen einen Anfall, der ihn zwang,
+die Familie zu verlassen und sich irgendwo herumzutreiben. Er blieb dann
+oft wochenlang, ja monatelang aus.«
+
+»Trank er?« fragte der Vorsitzende.
+
+»O nicht besonders viel,« sagte Gabussi; »er war nur sehr eigentümlich.
+Er bekam von Zeit zu Zeit eine unwiderstehliche Sehnsucht, etwas zu
+erleben, einen Drang nach Abenteuern. Für das Familienleben war er nicht
+geschaffen, und das war für seine Frau und seine Kinder ein Unglück.
+Glücklicherweise war seine Frau ein Engel, einfach ein Engel, und Dodo,
+der älteste Sohn, nicht weniger. Er war ihr Ebenbild innen und außen.«
+
+»Es waren also noch mehr Geschwister da?« schaltete der Vorsitzende ein.
+»Was ist aus ihnen geworden?«
+
+»O nichts besonders Gutes,« sagte Gabussi zögernd. »Sie haben des Vaters
+unglückliche Sucht nach Abenteuern geerbt.«
+
+»Und der Älteste hatte nichts davon?« fragte =Dr.= Zeunemann.
+
+»Im Gegenteil,« sagte Gabussi mit Feuer. »Er war schon als Kind die
+Stütze seiner Mutter. Er pflegte die kleinen Geschwister, er half in der
+Küche, im Hause und im Geschäft, und sang dazu wie eine Lerche. Auch
+seine Mutter war stets heiter und von Dank gegen Gott erfüllt, daß er
+ihr einen solchen Sohn gegeben hatte. 'Den holdseligsten seiner Engel
+hat er mir geschickt,' pflegte sie zu sagen, 'so daß ich schon auf Erden
+in der himmlischen Seligkeit bin.' Verursachte es ihr Kummer, daß er so
+angestrengt arbeiten mußte, tröstete sie sich dadurch, daß Gott seinem
+Liebling die Kraft geben werde. Während er nachts seine Schularbeiten
+machte oder später den Studien oblag, saß sie neben ihm und nähte oder
+flickte. So lebten sie in Wahrheit im Paradies, solange der Vater fort
+war.«
+
+»Mißhandelte er Frau und Kinder?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Darüber kann ich nicht viel sagen,« antwortete Gabussi, indem er wieder
+einen beunruhigten Blick nach seinem Freunde warf, »denn weder Dodo noch
+seine Mutter äußerten sich darüber. Nach ihrem Tode gab es allerdings
+zuweilen Auftritte zwischen Vater und Sohn; denn die Arme hatte ihn
+stets etwas in Schranken gehalten.«
+
+»Geschäft und Haushalt kamen vermutlich herunter?« fragte der
+Vorsitzende.
+
+»Mein Freund tat, was möglich war,« erzählte Gabussi. »Er war Vater und
+Mutter für seine unerwachsenen Geschwister, obwohl er damals selbst ein
+zarter Jüngling war. Er fuhr sogar zuweilen abends, wenn es dunkelte,
+Waren auf seinem Karren in die Häuser. Der Vater wurde allerdings mehr
+und mehr unzurechnungsfähig. Namentlich reizte er selbst die jüngeren
+Kinder zu Unarten und bösen Streichen. Er würde unermeßliches Unheil
+angerichtet haben, wenn er sich nicht vor Dodo gefürchtet hätte.«
+
+»War er hinfällig und gebrechlich geworden?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Durchaus nicht,« sagte Gabussi lebhaft, »er war ein großer, muskulöser
+Mann, viel stärker als Dodo. Aber im Zorne schienen sich Dodos Kräfte
+zu verhundertfachen. Seine arme Mutter würde gesagt haben, daß Gott ihn
+mit seinem Atem erfüllte, um seinen Liebling zu schützen. Ich habe
+seinen Vater vor ihm davonschleichen sehen wie einen Hund, der weiß, daß
+er Prügel verdient.«
+
+Langsam richtete sich der Justizrat zu seiner vollen Höhe auf. »Meine
+Herren,« sagte er, »ich glaube zu wissen, was viele von Ihnen jetzt
+denken: Da sehen wir wieder das unbezähmbare, gefährliche Temperament
+dieses Menschen! Wer sich an seinem Vater vergreift, warum sollte der
+sich nicht an seiner Frau vergreifen -- und so weiter. Ich, meine Herren,
+habe im Gegenteil gedacht: Wieder bricht diese beinahe krankhafte
+Heftigkeit hervor, wenn es sich darum handelt, Böses zu verhüten oder zu
+bestrafen. Wir haben in Deruga einen ungewöhnlich reizbaren Menschen,
+aber was ihn reizt, ist das Schlechte, Häßliche, Unharmonische. Daß er
+sich aus selbstsüchtigen Gründen an jemandem vergriffen oder jemandem
+unrecht getan habe, dafür liegt bis jetzt kein Beispiel vor.«
+
+»Eifersucht ist denn doch wohl Selbstsucht,« entgegnete der
+Staatsanwalt, »besonders wenn keine Ursache dazu gegeben wird. Auch geht
+es nicht an, besonders bei Menschen, die krankhaft veranlagt sind, oder,
+richtiger ausgedrückt, die sich nicht im Gleichgewicht befinden, das
+reifere und höhere Alter der Kindheit und Jugend gleichzustellen. Wir
+sehen bei dem Vater des Angeklagten, wie seine verhängnisvollen Anlagen
+mit dem Alter mehr hervortreten, und wie verderblich ihm das Wegfallen
+der Hemmung wurde, die die Gegenwart seiner frommen Frau für ihn
+bedeutete. Etwas Ähnliches liegt bei dem Angeklagten vor: Mit der
+Trennung von seiner durchaus anständigen, guten Frau beginnt sein Fall.«
+
+»Sein Fall!« sagte der Justizrat gelassen, »da muß ich protestieren,
+oder den Ausdruck dahin präzisieren, daß es sich um ein Abweichen von
+der herkömmlichen, ausgetretenen Laufbahn handelt. Es ist allerdings bei
+Deruga eine gewisse Vernachlässigung der äußeren Stellung, äußerer
+Würden, äußerer Ehren eingetreten. Damit braucht aber der Verfall des
+sittlichen Menschen nicht Hand in Hand zu gehen. Es kann sogar eine
+größere Verinnerlichung damit zusammenhängen. Als Staatsangehöriger bin
+ich allerdings für die bürgerliche Ordnung. Wir dürfen aber doch nicht
+vergessen, daß auch der Staat und jede von Menschen geschaffene Form von
+Kräften lebt, die ihm von außen, sagen wir meinetwegen aus dem Chaos,
+zuströmen.«
+
+Ein ironisches Lächeln verzerrte das Gesicht des Staatsanwalts. »Das ist
+Philosophie,« sagte er, »und mit Philosophie läßt man sich auch die
+Notwendigkeit von Massenmördern und Giftmischern beweisen. Wir dagegen
+haben es ganz schlechtweg und einfältig mit strafbaren Handlungen zu
+tun. Christus durfte sich erlauben, die Zöllner und Sünder zu lieben,
+wir müssen uns bescheiden, sie zu strafen.«
+
+Der Vorsitzende machte die Handbewegung, mit der man Kreidestriche von
+einer Tafel löscht. »Das führt zu weit,« sagte er, und dann zum Zeugen
+gewendet: »Haben Sie selbst jemals Auftritte mit Ihrem Freunde gehabt?«
+
+»Ich? Niemals, niemals!« sagte Gabussi lebhaft, »und doch ist gewiß
+nicht leicht mit mir auszukommen. Mein phlegmatisches Temperament, das
+mir die Natur nun einmal gegeben hat, muß eine feurige Natur, wie mein
+Freund ist, schon an sich reizen. Meine Langsamkeit im Auffassen hätte
+ihn oft ungeduldig machen können. Anstatt dessen war er stets
+opferwillig und hilfsbereit.«
+
+»Ein Engel,« setzte der Staatsanwalt grinsend hinzu.
+
+»Hatte der Angeklagte noch viele Freunde außer Ihnen?« fragte =Dr.=
+Zeunemann.
+
+»Er stand mit fast allen gut,« sagte Gabussi, »aber befreundet war er
+nur mit mir. Ich bin überzeugt, daß kein einziger sein Inneres so gut
+kannte wie ich.«
+
+»Das ist eigentlich sonderbar,« meinte der Vorsitzende, »bei einem
+Menschen, dessen feuriges, geselliges Temperament Sie selbst
+hervorheben.«
+
+»Ja, so möchte man denken,« sagte Gabussi, »und wenn man ihn unter
+seinen Schulgefährten und später unter seinen Studiengenossen sah, so
+mußte man meinen, er sei mit allen verbrüdert. Ich erinnere mich, daß
+ich mich zuerst nicht an ihn heranwagte, weil ich dachte, ich mit meiner
+Schwerfälligkeit könne ihm nichts sein, der von so vielen wie von einer
+Familie umringt war. Aber diese Umgänglichkeit, die er an sich hatte,
+und die jeden anzog, war nur der Schleier, in den er seine Seele hüllte,
+um sie unzugänglich zu machen. Niemand ist schwerer zu kennen, als er,
+der das Herz auf der Zunge zu haben scheint. Es gibt zurückhaltende
+Menschen, die durch Schweigsamkeit oder unnahbares Wesen die anderen von
+sich abwehren. Das war seine Art nicht. Er richtete durch Gesprächigkeit
+und Vertraulichkeit eine Mauer um sich auf.«
+
+In dem Maße, wie Gabussi eifriger wurde, um dem Präsidenten seines
+Freundes Eigenart zu erklären, wuchs das verständnisvolle Interesse des
+Vorsitzenden. »Ich begreife Sie, ich begreife Sie,« sagte er, »das kommt
+bei leidenschaftlichen, übermäßig reizbaren Naturen vor. Sie müssen
+immer auf der Hut sein, daß sie nicht zu viel von sich verausgaben, und
+schaffen doch ihrer Lebhaftigkeit einen gewissen Ausweg.«
+
+»Ja, ja, so ist es,« bestätigte Gabussi. »Er war im Grunde weich und
+leicht verletzlich, schämte sich, das den anderen zu zeigen, die so viel
+gleichgültiger und härter waren, und verhüllte sich auf seine Art. Er
+war kein Tier, das zu seinem Schutze Stacheln oder Schuppen
+hervorbringt, er konnte nur bunte Fäden spinnen und mit solchem
+Blendwerk sich unkenntlich machen. Das bewahrte ihn wohl vor der
+allzunahen Berührung wesensfremder Menschen, nicht aber vor allen
+schmerzhaften Zusammenstößen mit der Außenwelt, die sein Herz bluten
+machten. Ach, was für eine Tragik, daß er so oft beschuldigt wurde,
+anderen Leid zugefügt zu haben, der immerfort durch andere litt!«
+
+»Sehr interessant,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Aber worunter litt er
+denn so sehr? Nun ja, unter seinem Vater. Dafür hatte er doch aber eine
+gute, liebevolle Mutter, er hatte Sie und den Verkehr mit Ihrer
+Familie.«
+
+»Seine Mutter liebte er allerdings unendlich,« erklärte Gabussi, »und
+durch sie litt er gewiß nicht, wohl aber durch die Lage, in der er sie
+sah. Seine Seele fühlte sich nie heimisch in der Umgebung, in die sie
+gepflanzt war. Er hatte einen lebhaften Schönheitssinn, und alles
+Geschmacklose, sowohl an den Gegenständen wie an den Menschen, stieß ihn
+ab. Da er in ärmlichen oder wenigstens sehr beschränkten Verhältnissen
+geboren war und aufwuchs, kam es mir immer wunderbar vor, daß er gegen
+alles Kleinliche und Häßliche, und was sie mitbringen, so überaus
+empfindlich war. Ich selbst habe das erst allmählich verstehen lernen,
+anfangs klangen mir seine darauf bezüglichen Klagen wie Dichtungen in
+arabischer oder persischer Sprache. Es bildete oft den Gegenstand
+unseres Gesprächs und war ein Punkt, wo wir nie zusammenkamen. Da ich
+ihn nicht begriff, war ich oft ungerecht gegen ihn, wenn er zum Beispiel
+Reichtum als das Allererstrebenswerteste hinstellte. Ich predigte dann
+wie ein rechter Moralphilosoph auf ihn ein, vielmehr an ihm vorüber.
+Denn von den Bedürfnissen, die ihn Reichtum ersehnen ließen, hatte ich
+keine Ahnung. Meine einfachere, derbere Seele fand sich in jeder
+Umgebung zurecht, sie ist gewissermaßen ein Naturlaut, und wenn man sie
+nur nicht in einen glänzenden Salon versetzt, so kann sie harmonisch
+einstimmen. Mit einer reichen Symphonie ist es anders. Mein Freund
+brauchte Schönheit um sich herum, in der sich die unendlich vielen,
+daher oft einander widerstrebenden Töne auflösten.«
+
+»Hier ist also doch ein Punkt, wo Sie voneinander abwichen,« sagte
+=Dr.= Zeunemann.
+
+»Allerdings,« gab Gabussi zu, »aber über freundschaftliche
+Meinungsverschiedenheit ging das nie hinaus. Wir ließen uns beide
+gelten, und er beneidete mich wohl sogar manchmal, weil ich so viel
+leichter zufriedenzustellen bin.«
+
+»Es wundert mich,« fuhr =Dr.= Zeunemann gemütlich fort, »daß Ihr
+Freund bei seinem leichtverletzlichen Schönheitssinn das Studium der
+Medizin ergriff, bei dem es so viel Abstoßendes zu überwinden gibt.«
+
+»O,« sagte Gabussi, »da kam ihm wieder seine Hilfsbereitschaft und
+Liebe für alle Kranken und Leidenden zugute. Er hatte insofern eine
+geradezu geniale Begabung für seinen Beruf. Dazu kam, daß er auf diesem
+Wege am ehesten zu Gelde zu kommen dachte, was sowohl wegen seiner
+Familie wünschenswert war, wie er es auch aus den erwähnten Rücksichten
+für sich erstrebte.«
+
+»Und woran liegt es denn Ihrer Ansicht nach,« fragte der Vorsitzende,
+»daß es ihm damit doch nicht geglückt ist?«
+
+»Jedenfalls nicht daran,« sagte Gabussi, »daß er untüchtig gewesen wäre.
+Aber ich sagte schon, daß seine Seele reich und vielstimmig war. Er
+sehnte sich nach Geld und verachtete es andererseits; er warf zwei Hände
+voll weg für eine Handvoll, die er eingenommen hatte. Er arbeitete flink
+und gut; aber er träumte noch besser. Er war geboren mit allen Tugenden,
+Reichtum auf edle Art zu genießen, mit keiner von denen, die Reichtum
+machen. Beim Reichwerden kommt es ebensosehr wie auf die Fähigkeit des
+Erwerbens auf die des Festhaltens an, und die hatte er nicht. Es war
+jener tragische Zwiespalt in ihm, der meiner Ansicht nach nur dadurch
+auszugleichen ist, daß man die Nichtigkeit des Reichtums einsieht und
+alles dessen, was der Reichtum verschafft. Auch der Ärmste kann
+Schönheit im Überfluß genießen, wenn er sich in die Natur zurückzieht.
+Es war der einzige Fehler, den Deruga beging, daß er das nicht von
+Anfang an getan hat. In der großen Welt konnten die Konflikte seiner
+Seele keine Lösung finden.«
+
+»Wir haben Ihnen ein sehr feines Bild Ihres Freundes zu verdanken,«
+sagte =Dr.= Zeunemann freundlich. »Nicht minder brauchbar, weil von
+Freundeshand entworfen.« Dann schloß er das Verhör ab, nachdem er noch
+einige belanglose Fragen gestellt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Als der Justizrat mit den beiden Freunden das Haus verließ, war die Zeit
+des Feierabends. Die Straßen füllten sich mit Menschen, aber in den
+Anlagen hinter dem Gerichtsgebäude war es still wie immer. Mit dem
+Lichte schienen die Gegenstände ihr buntes Kleid abgeworfen zu haben
+und in sanft schimmernder Nacktheit am Ufer der unendlichen Nacht zu
+feiern, bevor sie in das tiefe Bad hinuntertauchten. Gabussi erklärte
+sich mit dem Ergebnis seiner Aussagen nicht ganz zufrieden. Es sei alles
+anders herausgekommen, sagte er, als er beabsichtigt hatte. Man werde
+da, ohne zu wissen wie, von einer Strömung ergriffen, die einen von der
+eingeschlagenen Richtung abbrächte.
+
+»Was du sagtest, war alles schön und gut,« tröstete Deruga. »Es kam mir
+nur überflüssig vor, wie wenn man einem Deutschen einen feinen Mailänder
+Risotto vorsetzt, der doch nur die Nase dazu rümpft und nach seinen
+Kartoffeln verlangt. Was macht das aber? Für mich war es schön, mit dir
+von der Vergangenheit zu träumen.«
+
+»Ja,« sagte der Justizrat, »das vergangene Leiden dient, wie Shakespeare
+sagt, zu desto süßerem Geschwätz.«
+
+»Während umgekehrt nichts weher tut, wie unser Dante sagt, als sich im
+Unglück vergangenen Glückes zu erinnern,« fügte Gabussi hinzu.
+
+Bei dem Abhange, wo jetzt ein erstes Schneeglöckchen die gelbliche
+Spitze herausstreckte, blieb Deruga stehen.
+
+»Da ist eins von den kleinen Geschöpfen,« sagte er, »es guckt wie eine
+Maus aus ihrem Loch hervor.«
+
+»Sehen Sie,« triumphierte der Justizrat. »Sie lachten mich damals aus,
+als ich ihm die trockenen Blätter vom Kopf wegstocherte.«
+
+»Sie hatten auch unrecht,« entgegnete Deruga, »denn nun holt es
+wahrscheinlich die Katze.«
+
+»Meinen Sie den Nachtfrost?« fragte der Justizrat. »Diese frühen
+Pflanzen können viel vertragen, sie sind darauf eingerichtet. Hören Sie,
+mein Lieber,« setzte er hinzu, indem er seinen Klienten fortzuziehen
+suchte, »Sie werden sentimental, das gefällt mir nicht.«
+
+Deruga rührte sich nicht von der Stelle und starrte versunken auf die
+feuchte Erde. Eine Zeile aus einem alten Gedicht lag ihm im Sinn, und er
+führte sie an, als er sich darauf besonnen hatte:
+
+»=La doglia mia cresoe coll' ombra.=«
+
+»Das klingt wie ein Ton von einer Amati,« sagte der Justizrat, die
+Musik des Verses mit sichtlichem Genusse schlürfend. »Was heißt das?«
+
+»Mein Weh wächst mit den Schatten,« übersetzte Deruga. »Das will also
+sagen, mit der wiederaufgehenden Sonne verschwindet es und bedeutet
+nicht mehr als eine Abendstimmung.« Er schüttelte sich, als werfe er die
+trübe Laune von sich, und wandte sich rasch dem Ausgange zu.
+
+»Wenn du erst bei mir in meinem Bergdorfe bist,« sagte Gabussi, »werden
+dich solche Stimmungen bald ganz verlassen. Das ist der Kohlenstaub der
+großen Stadt, den der reine Himmel der Höhen verzehrt.«
+
+»Ob mir diese Luft wirklich so gut anschlagen würde, wie du meinst?«
+sagte Deruga. »Ich bin nun einmal kein Bauer.«
+
+»Du wirst einer werden,« rief Gabussi lebhaft aus. »Wenn du erst gelernt
+hast, dich für nichts als unsere paar Kühe und Ziegen zu interessieren,
+dann wirst du gesund sein.« Er forderte den Justizrat zur Bestätigung
+seiner Meinung auf.
+
+»Ein bißchen zu verbauern, täte Ihnen gewiß gut,« sagte dieser
+vorsichtig.
+
+»Sie meinen,« sagte Deruga, »wenn man den verzwickten Kerl in seine
+Bestandteile auflösen und einen ganz neuen daraus machen könnte, dann
+wäre ihm allenfalls geholfen.«
+
+Der Justizrat lachte.
+
+»Aber wenn man den alten Deruga gar nicht mehr herauskennte,« meinte er,
+»das wäre doch schade.«
+
+Als Gabussi mit Deruga allein auf seinem Zimmer war, fuhr er fort, ihm
+das Leben auf seinem Dorfe auszumalen. Deruga könne ihn auf seinen
+Gängen begleiten, er verstehe ja mit einfachen Leuten umzugehen und
+werde bald der Gott der ganzen Gegend sein. Übrigens würden seine Frauen
+genug mit ihm zu schwatzen haben, und wenn er außerdem noch eine
+Beschäftigung haben müsse, so könne er ja diese oder jene medizinische
+Frage bearbeiten. Auch zu handwerklicher Beschäftigung gebe es
+Gelegenheit. Die Leute dort oben wären um mehr als hundert Jahre zurück,
+hätten Werkzeuge aus der Urwelt. Da wäre ein Feld für seine
+Erfindungsgabe und Geschicklichkeit.
+
+»Ach,« sagte Deruga, »wie wenig du mich kennst! Begreifst du nicht, daß
+ich mich nach acht Tagen langweilen und nach vierzehn Tagen dich oder
+mich umbringen würde?«
+
+»Langweilen?« wiederholte Gabussi erstaunt, seine großen Augen noch
+weiter öffnend. »Langweilst du dich denn in der Stadt?«
+
+»Nein, hier geht es an,« sagte Deruga, »dies Gewimmel von Würmern auf
+der Fäulnis unterhält mich. Ich verabscheue es, aber ich gebrauche es.
+Es ist die Form des Lebens, die ich aufnehmen kann. Deine Berge wirken
+wie nasse Knödel auf meinen Magen.«
+
+»Ich verstehe dich nicht,« sagte Gabussi, sich ereifernd, »das kann dein
+Ernst nicht sein. Einem guten Menschen muß das Große und Einfache wohl
+tun.«
+
+»Ach, Gabussi,« erwiderte Deruga ungeduldig, »der Mensch ist kein
+Dreieck, worauf man den Pythagoräischen Lehrsatz anwenden kann. Glaube
+mir, daß ich schließlich deine gute, alte Schwester verführen würde,
+nur um die klare Atmosphäre ein bißchen zu trüben!«
+
+»Dodo, wenn deine arme Mutter dich so reden hörte!« klagte Gabussi. »Es
+sind nur Reden, nur Worte; doch die Worte schon zerreißen mir das Herz.«
+
+Die Unterredung setzte sich bis tief in die Nacht fort, ohne daß die
+Freunde zu einem Verständnis gekommen wären. Gabussi bestand darauf, in
+München zu bleiben, bis der Prozeß beendigt wäre, und dann, falls er
+nach Wunsch erledigt wäre, Deruga sofort mitzunehmen, wogegen dieser
+eine stets wachsende Abneigung ausdrückte. Vielmehr redete er Gabussi
+zu, ohne Zeitverlust abzureisen, da er zu Hause von Mutter und Schwester
+und von seinen Kranken ungeduldig erwartet würde, hier aber jetzt nichts
+nützen könne. Gabussi gab endlich nach, aber er war traurig und
+enttäuscht.
+
+Im Augenblick der Trennung umarmte Deruga ihn mit der alten Herzlichkeit
+und mit Tränen in den Augen. »Vergiß das verzweifelte Zeug, das ich
+geredet habe,« sagte er, »und glaube nur das eine, daß mein Herz immer
+dasselbe ist. Und wenn dich morgen der Schlag trifft und zu einem
+schlottrigen Idioten machte, der seinen Mund nicht mehr finden kann, so
+würde ich dich zu mir nehmen und dich eigenhändig füttern, solange du
+lebtest. Dasselbe laß mich von dir glauben! Was für ein Strudel von
+Dreck wäre das Leben, wenn es nicht unwandelbare Herzen gäbe!«
+
+»Gott sei Dank,« sagte Gabussi, dessen große braune Augen glänzten, »ich
+glaube, ich hätte dem Himmel über meinem Kopfe mißtraut, wenn ich den
+Glauben an dich verlieren müßte!«
+
+
+
+
+=X.=
+
+
+Die Baronin saß mit ihrer Tochter vor dem mit Gas geheizten Kamin und
+betrachtete ihre auf das Gitter gestützten schmalen Füße, während sie
+sagte:
+
+»Was meinst du, Mingo, wenn ich dir die Erlaubnis zum Studieren gäbe?«
+
+Mingo stand im Rücken ihrer Mutter am Fensterrand und starrte auf das
+nach einem raschen, starken Frühlingsregen schwarzblanke Pflaster, in
+dem die eben angezündeten Lichter sich spiegelten. Ihre Stimme klang
+schwach und müde zu der Fragenden hinüber, wie sie die Gegenfrage
+stellte: »Hast du denn die Absicht, es mir zu erlauben?«
+
+»Ich habe gedacht,« antwortete die Baronin, »daß ich es doch nie übers
+Herz bringen werde, dich zu einer dir unsympathischen Heirat zu zwingen,
+und daß also daran gedacht werden muß, was aus dir werden soll, wenn du
+spät oder gar nicht heiratest. Glaubst du denn, daß das Studium dich
+glücklich machen wird?«
+
+»Glücklich?« sagte die schwache Stimme vom Fenster her. »Ach, Mama! Aber
+es wird mich doch auf eine interessante und nützliche Art beschäftigen.«
+
+»Früher,« sagte die Baronin erstaunt und fast ein wenig unwillig, »als
+du mich mit diesem Wunsche so sehr quältest, tatest du, als ob deine
+Seligkeit davon abhinge.«
+
+Mingo trat vom Fenster weg und kauerte sich in einen Sessel, den sie
+neben den ihrer Mutter gerückt hatte.
+
+»Ob wohl alle Wünsche verblassen?« sagte sie, »wenn sie ihrer
+Verwirklichung nahekommen? Aber, Mama, vielleicht kann ich mich nur
+heute abend nicht so recht freuen, weil ich müde bin. Wenn du mir jetzt
+die Erlaubnis mit ins Bett gibst, werde ich morgen früh ganz glücklich
+damit erwachen.«
+
+Die Baronin warf einen nachdenklichen, freundlichen Blick auf ihre
+Tochter.
+
+»Nein, geh' noch nicht zu Bett, Kleines,« sagte sie. »Ich finde es so
+hübsch, mit dir allein zu plaudern. Weißt du, das Heiraten steht dir ja
+immer noch frei, aber es ist lange nicht so unterhaltend, wie du es dir
+jetzt wohl vorstellst, besonders wenn man nur um des Geldes willen
+heiratet.«
+
+»Hast du Papa um des Geldes willen geheiratet?« fragte Mingo.
+
+»Nun, nicht in dem Sinne, daß er mir ohne Geld unannehmbar gewesen
+wäre,« sagte die Baronin, »im Gegenteil, er gefiel mir gut und zog mich
+an. Nur hätte das vielleicht nicht zu einer Heirat geführt, wenn er
+nicht so vermögend gewesen wäre.«
+
+»Gefiel er dir später nicht mehr so gut?« fragte Mingo zaghaft.
+
+»O, gefallen,« sagte die Baronin, »muß er einem doch. Er ist so
+außerordentlich vornehm, nie aufdringlich, nie geschmacklos. Nur
+langweilig ist er, kannst du dir das denken?«
+
+»Ja,« nickte Mingo, »ich kann es mir vorstellen. Aber ich dachte, wenn
+man sich liebt!«
+
+»Ach, kleine Torheit,« lachte die Baronin. »Liebe allein füllt nicht
+einen einzigen Abend aus, wenn man einmal verheiratet ist.«
+
+»Ach,« sagte Mingo und träumte mit ihren großen, dunklen Augen auf die
+rotwogende Kupferplatte des Kamins. »Aber man hat doch Kinder,« fuhr sie
+nach einer Weile fort.
+
+Die Baronin lachte ihr junges, anmutiges Lachen. »Du Kind bist mir bald
+genug davongelaufen.«
+
+Mingo fühlte plötzlich eine große Welle von Liebe und Mitleid für die
+Mutter in sich aufsteigen, setzte sich mit einem Sprung auf ihren Schoß,
+schlang die Arme um sie und küßte sie. »Du, meine Frisur und meine
+Spitzen,« rief die Baronin erschreckt; doch war ihr anzumerken, daß sie
+sich der Erschütterung dieses Zärtlichkeitsausbruchs nicht ungern
+hingab.
+
+»Siehst du,« sagte Mingo fröhlicher als vorher, »daß es doch besser ist
+zu studieren! Das ist nicht langweilig und läuft nicht fort.«
+
+»Für mich ist es zu spät,« meinte die Baronin; »aber für dich mag es das
+Richtige sein!«
+
+Mingo tröstete, ihre Mutter sei so klug; wenn sie wolle, könne sie es
+auch.
+
+Die Baronin schüttelte den Kopf. »Mein Verstand hat nie geturnt,« sagte
+sie, »er kann mit Grazie über einen Bach hüpfen und eine Blume pflücken
+und dergleichen, aber nichts, wozu man Muskeln braucht. Anstrengen kann
+ich mich in gar keiner Weise mehr. Vielleicht hätte ich es früher
+gekonnt, wenn die Notwendigkeit oder sonst ein starker Antrieb dagewesen
+wäre.«
+
+»Mama,« sagte Mingo, die noch immer auf dem Schoße ihrer Mutter saß,
+»warst du nie verliebt? Vor deiner Heirat oder nachher?«
+
+»Nein, so eigentlich verliebt nie,« antwortete die Baronin. »Weißt du,
+früher, als ich in deinem Alter war, hielt ich für Liebe das
+schmeichlerische Gefühl, das man hat, wenn man angebetet wird. Je besser
+einem der gefiel, der einen anbetete, desto angenehmer war es; selbst zu
+lieben, hatte ich gar kein Talent oder Bedürfnis. Und als ich
+verheiratet war, hatte ich mir vorgenommen, mir nichts Ernstliches
+zuschulden kommen zu lassen, und das stand mir immer im Wege.«
+
+Mingo hatte sich inzwischen zu Füßen ihrer Mutter auf den Boden gekauert
+und starrte wieder in den geheimnisvoll wogenden, kupfernen Feuerkessel.
+»Dann weißt du gar nicht, wie es ist, von einer Leidenschaft hingerissen
+zu sein?« fragte sie.
+
+»Du scheinst es mir fast vorzuwerfen,« sagte die Baronin mit einem
+Anflug von Schärfe im Ton, aber nach einer Weile fuhr sie milder fort:
+»Es mag sein, daß ich deswegen nicht schlechter wäre. Übrigens nahm ich
+mich nicht eigentlich um deines Vaters willen zusammen, sondern es war
+ein Ausfluß meiner Natur. Große Aufregungen und Umwälzungen lagen mir
+nicht, und das, was ich einmal gewählt hatte, wollte ich durchführen.
+Ich halte das für ein Erfordernis des guten Geschmacks.«
+
+»Ja, Mama,« sagte Mingo, indem sie auf die gepflegte, mit vielen
+kostbaren Ringen allzu belastete Hand ihrer Mutter einen Kuß drückte,
+»und Papa und ich haben Ursache, dir dankbar zu sein. Nur für dich
+macht es mich fast traurig.«
+
+»Mach' dir darüber keine Gedanken, mein Kleines,« sagte die Baronin.
+»Was einem nicht ansteht, das würde einen auch nicht glücklich machen.
+Ich habe mir einen anderen Weg zu meinem Glücke ausgedacht.«
+
+»Was meinst du, Mama?« fragte Mingo erschreckt.
+
+Die Baronin errötete, ohne daß es im roten Widerschein der Kaminglut
+sichtbar geworden wäre. »Das erzähle ich dir ein andermal, Liebling,«
+sagte sie. »Ich höre eben ein Auto vorfahren. Das wird dein Vater sein.«
+
+»Mama,« sagte Mingo rasch. »Du hast mir noch nicht versprochen, daß du
+von dem Prozeß zurücktreten willst. Ohne das kann mich nichts, nichts
+glücklich machen. Ich will gern auf das Studium verzichten und immer, so
+lange ich lebe, bei dir bleiben, damit du dich nicht langweilst, wenn du
+mir nur das zuliebe tust.«
+
+»Rege dich nicht auf, Mingo,« sagte die Baronin abwehrend, »du weißt,
+daß ich das nicht liebe. Nichts in der Welt ist wert, daß man sich
+darüber aufregt. Ich habe dir gesagt, daß ich es mit dem Anwalt
+besprechen will!«
+
+»Ach, dein Anwalt,« sagte Mingo, »der hat dich ja gerade hineingehetzt.
+Er ist ein widerwärtiger Mensch! Er hat etwas Kriechendes, Schleimiges,
+Saugendes, als ob er zum Spion geboren wäre. Ich begreife nicht, daß du
+mit einem solchen Menschen verkehren magst.«
+
+»Das ist doch kein Verkehr,« entgegnete die Baronin. »Ich bediene mich
+seiner Gaben, die ihn für diese Arbeit geeignet machen. Wenn er ein
+Edelmann wäre, würde er mir vermutlich weniger nützen können. Es mag
+sein, daß er auch mich ausnützt, aber er könnte das ja gar nicht, wenn
+er nicht meinte, daß ich recht habe, und daß meine Sache Erfolg haben
+kann. Du tust, als handle es sich um eine Privatangelegenheit, aber es
+handelt sich um ein Verbrechen, an dem die Öffentlichkeit Interesse
+hat.«
+
+»Du sollst die Hand nicht darin haben,« drängte Mingo. »Du hast mir
+selbst zugegeben, daß du an deiner Überzeugung von seiner Schuld irre
+geworden bist.«
+
+»Meine Überzeugung ist nicht maßgebend,« sagte die Baronin. »Die
+Geschworenen sind dazu da, das Recht zu finden. Es handelt sich einfach
+um das Recht. Ich will nichts für mich erzwingen, was nicht dem Rechte
+gemäß ist.«
+
+»O Mama, Mama,« rief Mingo. »Der Schein ist aber auf dir, als wolltest
+du dir das Vermögen erzwingen, das dir nun einmal nicht bestimmt war.«
+
+Die Baronin war sichtlich verletzt. »Ein Kind, das im Überfluß
+aufgewachsen ist, pflegt nicht nachzudenken, woher er fließt,« sagte
+sie. »Du hast es leicht, das Geld gering zu schätzen. Habe ich ein Recht
+darauf, so wäre es lächerlich von mir, darauf zu verzichten. Ob ich das
+Recht darauf habe, das heißt, ob Deruga es nicht hat und ich meine
+Ansprüche mit einiger Aussicht auf Erfolg werde geltend machen können,
+das wird dieser Prozeß ergeben. Dann ist es immer noch Zeit, zu erwägen,
+ob ich es mit einer Klage wegen des Vermögens versuchen soll.«
+
+»Einstweilen könntest du aber doch deinem Anwalt sagen, daß er seine
+Nachforschungen aufgibt,« bat Mingo.
+
+»Ich werde mich mit ihm besprechen,« sagte die Baronin ausweichend, »und
+seine Auffassung hören. Hält er Deruga jetzt für unschuldig, so bin ich
+die erste, mich darüber zu freuen. Persönliche Wünsche in diesen
+Angelegenheiten kommen weder dir noch mir zu.«
+
+
+
+
+=XI.=
+
+
+Einen Tag nach der Abreise Gabussis besuchte der Justizrat seinen
+Klienten, der allein im kalten Zimmer saß. Er hatte das Fenster
+geöffnet, weil der kleine eiserne Ofen zu stark heizte, und hatte
+vergessen, es wieder zu schließen, nachdem es längst kalt geworden war.
+
+Zuweilen trieb der Wind einen Regenguß hinein, ohne daß der Einsame, der
+verdrossen vor sich hinstarrte, es bemerkte.
+
+»Ihr Freund ist also abgereist,« sagte der Justizrat. »Das ist schade,
+da werden Sie sehr niedergeschlagen sein!«
+
+»Ich bin froh, daß er fort ist,« entgegnete Deruga. »Gabussi ist mir der
+liebste Mensch auf Erden, aber es gibt Zeiten, wo er mir im Wege ist. Er
+kann sein Leben lang nüchtern sein, aber ich muß mich zuweilen
+betrinken.«
+
+»So,« sagte der Justizrat, der inzwischen das Fenster geschlossen und
+sich gesetzt hatte, »und jetzt ist der Zeitpunkt für Ihre Saturnalien?
+Passend gewählt.«
+
+Deruga zuckte die Achseln. »Ich richte mich dabei nach dem Kalender,
+dessen System jeder in seinem Körper trägt.«
+
+»Wie Sie wollen,« sagte der Justizrat. »Mich hat etwas ganz anderes
+hergeführt. Kennen Sie eine Frau Valeska Durich aus Prag?«
+
+»Ja,« sagte dieser, »ein aus Dummheit und Verliebtheit zusammengesetztes
+Wesen. Formel =D_{2} V.=«
+
+»Sie müssen es wissen,« sagte der Justizrat, »denn sie scheint eben in
+Sie verliebt zu sein.«
+
+»Ich kann wirklich nichts dafür,« sagte Deruga. »Wenn Sie eine halbe
+Stunde mit ihr zusammen wären und sie womöglich etwas grob behandelten,
+würde sie sich auch in Sie verlieben.«
+
+»Nun, wir werden sehen,« sagte der Justizrat. »Sie will nämlich
+herkommen.«
+
+Deruga lachte auf und zeigte sich dann geärgert. Was die dumme Person
+wolle? Der Justizrat solle ihr schreiben, daß er, Deruga, in
+Untersuchungshaft sei und nichts mit ihr zu tun haben könne und wolle.
+
+»Das käme wohl zu spät,« sagte der Justizrat. »Sie will durchaus
+bezeugen, daß Sie vom Abend des 1. Oktober bis zum Nachmittag des
+dritten bei ihr gewesen seien. Da hätten wir denn ein Alibi.«
+
+»Im Ernst?« sagte Deruga aufhorchend. »Das will die dumme Person? Nun,
+das ist ja eigentlich sehr angenehm. Besser könnte der Knoten gar nicht
+gelöst werden.«
+
+»Das will ich denn doch nicht gerade sagen,« meinte der Justizrat
+bedächtig. »Es ist doch keine Kleinigkeit, wenn einer einen Meineid auf
+sich nimmt.«
+
+»Das ist ihre Sache,« sagte Deruga heftig. »Herrgott, dieser kleinliche
+Wortkram! Es gibt Lügen, die einen anständigeren Ursprung haben als
+manche Wahrheit. Überhaupt ist das ihre Sache. Ich habe so viele
+Belästigungen von ihr ertragen, warum sollte ich nicht auch den Vorteil
+annehmen?«
+
+»Natürlich,« sagte der Justizrat, »wenn es ohne ernstlichen Schaden
+ihrerseits geschehen kann.«
+
+»Es ist merkwürdig, daß Sie auf einmal so bedenklich geworden sind,«
+sagte Deruga scharf. »Durch Sie bin ich in diese Lage gekommen. Wäre ich
+meiner Regung gefolgt, so wäre es längst so oder so zu Ende. Nun sich
+ein Mittel findet, mir den Prozeß in Ihrem Sinne vom Halse zu schaffen,
+machen Sie moralische Ausflüchte.« Er war vor Erregung rot geworden und
+warf einen wütenden Blick auf den Justizrat, der ihn nachdenklich
+betrachtete.
+
+»Ich mußte mir doch erst Klarheit verschaffen,« sagte dieser, »und
+wissen, wie Sie zu der neuen Wendung stehen. Schließlich, wenn Sie
+einverstanden sind! Hatten Sie denn wirklich etwas mit der Dame?«
+
+»Ich mit ihr?« sagte Deruga. »Sie hatte etwas mit mir. Sie quälte mich
+mit ihrer Verliebtheit. Übrigens irren Sie sich, wenn Sie sie als
+opfermütige Heldin auffassen. Sie ist zu dumm, um die Folgen ihrer
+Handlungen zu übersehen, und so verliebt, daß ihr jedes Mittel recht
+ist, um mich zu gewinnen.«
+
+»Worin sie sich aber verrechnet?« setzte der Justizrat hinzu.
+
+»Natürlich,« sagte Deruga scharf, »dachten Sie, ich solle sie aus
+Dankbarkeit heiraten?«
+
+»O nein,« entgegnete der Justizrat, »Sie wollen jetzt viel höher
+hinaus.«
+
+»Jetzt?« wiederholte Deruga auffahrend, »was meinen Sie damit? Was
+erlauben Sie sich? Meinen Sie, Sie können mich als dummen Jungen
+behandeln, weil ich angeklagt und vogelfrei bin? Ich halte mich
+allerdings für zu gut, mich an eine solche dumme und ungebildete Person
+wegzuwerfen. Die Weiber sind mir überhaupt widerlich.«
+
+»Mit Ausnahmen,« sagte der Justizrat kühl.
+
+»Das stimmt,« fuhr Deruga in hitzigem Tone fort. »Zum Beispiel mit
+Ausnahme der Baronin Truschkowitz. Sie ist habgierig, eitel,
+selbstsüchtig; aber dafür klug, elegant und ganz und gar unmoralisch. So
+müssen Frauenzimmer sein, damit man sich gut mit ihnen unterhalten
+kann.«
+
+»Geschmackssache,« sagte der Justizrat. »Einen Meineid würde sie
+jedenfalls nicht für Sie schwören.«
+
+»Nein, sie ist weder einfältig noch hündisch,« sagte Deruga, »und ich
+mag die Hunde nicht. Was kümmert Sie die Valeska? Lassen Sie sie
+zugrunde gehen, wenn sie will! Sie haben für mich zu sorgen.«
+
+»Das tue ich,« sagte der Justizrat, »und ich zweifle eben, ob es
+ehrenhaft von Ihnen wäre, wenn Sie ein solches Opfer annähmen.«
+
+Deruga lachte höhnisch. »Eins von diesen pompösen Worten,« sagte er,
+»die in eurer Gesellschaft üblich sind. Ehre, Moral, Ideal, Gott,
+Unsterblichkeit, lauter gemalte Säulen auf Sackleinewand. Man braucht
+euch keine dreißig Silberlinge zu bieten, damit ihr Gott verratet.
+Übrigens, wer sagt denn, daß die Valeska einen Meineid schwört? Woher
+wissen Sie, daß ich nicht vom 1. bis 3. Oktober bei ihr war?«
+
+Der Justizrat stand auf, um zu gehen. »Genug für heute,« sagte er; »aber
+ich nehme an, daß das nicht Ihr letztes Wort ist.«
+
+»Und ich bitte Sie,« sagte Deruga, »fangen Sie nicht wieder davon an,
+wenn Sie wollen, daß wir gute Freunde bleiben! Weder Sie noch ich sind
+Valeskas Hüter. Sie tun am besten, sich an die Tatsache zu gewöhnen, daß
+sie leichtsinnig genug war, mich vom 1. bis zum 3. Oktober vorigen
+Jahres bei sich zu beherbergen.«
+
+
+
+
+=XII.=
+
+
+Die Baronin hatte Peter Hase zum Mittagessen eingeladen, damit er ihre
+Tochter kennenlerne. Das Diner fand in einem kleinen, behaglichen Salon
+ihres Hotels statt, dessen in Weiß, Schwarz und Gold gehaltene Wände mit
+Blumenbüschen von ausschweifender Pracht geflammt waren.
+
+Die Baronin teilte ihrem Gaste lächelnd mit, daß er ihrer Tochter noch
+in jeder Beziehung unbekannt sei.
+
+»Meine Tochter,« sagte sie, »hat von ihrem Vater eine gewisse
+Gleichgültigkeit gegen die Literatur geerbt; vielleicht darf ich
+gleichbedeutend sagen, einen gewissen Mangel an Phantasie.«
+
+»Ich möchte es guten Geschmack nennen,« sagte Peter Hase, »denn Jugend
+und Bücher gehören nicht zusammen. Auch steht Herr Baron vielleicht auf
+dem Standpunkt der Alten, welche die Dichter als Lügner verachteten.«
+
+»Ich bin zu wenig belesen, um darüber urteilen zu können,« sagte der
+Baron, »aber so viel ist richtig, daß ich Zeitungen gerne lese, weil sie
+Wahres berichten.«
+
+»Ach Papa, Zeitungen,« lachte Mingo, »die sollen ja gerade am meisten
+lügen.«
+
+»Die Zeitungen sind vielleicht das interessanteste moderne Epos,« sagte
+Peter Hase, »und jedenfalls ist das Leben die schönste Dichtung.«
+
+Die Baronin wiegte zweifelnd den Kopf. »Ich glaube,« sagte sie, »auch in
+bezug auf das Leben sind die großen Talente unter den Menschen selten.
+Wenige leben ein großes, schön geschwungenes Leben. Bei den meisten
+fällt es zerfahren, kleinlich, alltäglich und sehr langweilig aus.«
+
+»Für flüchtige Leser,« sagte Peter Hase, »man muß sich hinein
+vertiefen.«
+
+»Ach, es lohnt nicht,« sagte die Baronin, »und wo es vielleicht lohnte,
+ekelt es einen. Die Erfahrung haben Sie vielleicht auch bei der
+geheimnisvollen Dame gemacht, die unserem Prozeß plötzlich eine neue
+Wendung zu geben scheint.«
+
+»Die Dame stellte sich allerdings zunächst mehr alltäglich als
+geheimnisvoll dar,« sagte Peter Hase. »Ein vegetatives Wesen, gutmütig,
+schwach, träge, aber mit einer Anlage zum Heroismus, wie primitive
+Frauen sie manchmal haben.«
+
+Mingo, die bis dahin mit fast unhöflicher Teilnahmlosigkeit dagesessen
+hatte, blickte tief errötend auf und sagte hastig: »Wer ist die Dame,
+warum war sie da?«
+
+»Es ist eine Dame, die aussagte, daß Herr Deruga während der
+verhängnisvollen Oktobertage bei ihr gewesen sei, also die Tat, der man
+ihn verdächtigt, nicht begangen haben könnte,« erklärte Peter Hase. Er
+sprach mit Zurückhaltung, da er den Gegenstand für gesellige
+Unterhaltung nicht geeignet, ganz besonders aber für eine junge Dame
+nicht für passend hielt.
+
+»Siehst du, Mama,« rief Mingo triumphierend. »Aber wer ist die Dame, daß
+er so lange bei ihr war? Ist er mit ihr befreundet?«
+
+»Nun, unverheiratete Männer haben eben Beziehungen zu gewissen Frauen,
+Frauen der unteren Stände,« erklärte die Baronin. »Das ersetzt ihnen das
+Familienleben. Und sie bevorzugen ungebildete, anspruchslose Frauen,
+weil sie sich ihnen gegenüber gehen lassen können. Sich gehen zu lassen,
+ist Männern ein wesentliches Bedürfnis.«
+
+»Ich möchte es eine Schutzvorrichtung der Natur nennen,« sagte Peter
+Hase, »die gerade dem Kulturmenschen als eine Entspannung seiner stets
+gespannten Kräfte notwendig ist. Aber es ist eine tragische Verkettung,
+daß gerade der Kulturmensch es mehr und mehr verlernt, sich gehen zu
+lassen, bis die unterdrückten Triebe sich zuletzt im Wahnsinn Luft
+machen.«
+
+In Mingos Gesicht war zu lesen, daß sie diese Untersuchung weder
+verstand noch Interesse dafür hatte. »Wie war die Frau?« fragte sie,
+angelegentlich zu Peter Hase hingewendet. »War sie ganz ungebildet? War
+sie eine arme Frau?«
+
+»Nein, das doch nicht,« sagte Peter Hase ernst und schonend. »Sie ist
+die Tochter eines Hausmeisters an einem Knabengymnasium, und es
+scheint, daß sie dadurch früh bedenklichen Einflüssen ausgesetzt war.
+Offenbar sucht sie in rührender Art an dem, was sie für Bildung ansieht,
+festzuhalten; sie betonte, wenn immer es möglich war, die Liebe zur
+Natur, zu allem Guten, Schönen und Wahren, wie man zu sagen pflegt, und
+sie sprach geflissentlich von der Freundschaft, die sie mit Deruga
+verbände. Das Wort Liebe oder Liebesverhältnis ließ sie nicht gern
+gelten. Ich hatte den Eindruck, daß sie das Bedürfnis hatte, ihrem Leben
+einen Hintergrund von Schönheit und Besonderheit zu geben, soweit sie es
+versteht.«
+
+Die Baronin zuckte ungeduldig die Schultern, und der Baron suchte das
+Gespräch in eine andere Bahn zu lenken, indem er sagte, ähnliche Züge
+fänden sich viel bei den leichtfertigen Frauen der meisten Völker, und
+allerlei aus Japan, China, Indien und anderen Ländern erzählte, die er
+bereist hatte. Er sei in seiner Jugend weit herumgekommen, sagte er,
+aber schließlich habe er gefunden, daß sich in Paris am besten leben
+lasse.
+
+»O, ja, Paris ist stets das mehr oder weniger Gegebene,« sagte die
+Baronin mit einem unterdrückten Seufzer und einem verschmitzten
+Ausdruck, der sie allerliebst kleidete.
+
+Er liebe auch Paris, sagte Peter Hase, und sei im Begriff gewesen, zu
+einem mehrwöchigen Aufenthalt hinzureisen, als Derugas Prozeß ihn
+abgehalten hätte.
+
+»Dieser Mensch scheint eine ungemeine Anziehungskraft zu besitzen,«
+sagte die Baronin.
+
+Peter Hase warf einen unauffälligen Blick zu Mingo herüber, um zu sehen,
+wie das Besprochene sie berührte. Ihre großen Augen hingen mit Spannung
+und Anteil an seinem Gesicht. »Man begegnet so selten,« sagte er,
+»innerhalb der Kultur einem ganz natürlichen Menschen, wie Deruga ist;
+ein Kind, von der Beschaffenheit und in den Verhältnissen eines Mannes.«
+
+»Sie wollen ihn vielleicht in einem Roman verwerten,« spottete die
+Baronin.
+
+»Kaum,« erwiderte Peter Hase ernsthaft. »Er ist doch wohl
+zusammenhanglos für den Bau der Dichtung, wo alles Zweck sein muß und
+nirgends eine Fuge klaffen darf.«
+
+»Unschuldig verurteilt,« fuhr die Baronin fort. »Das wäre doch ein
+Titel, der ziehen würde.«
+
+»Es wird nicht dahin kommen,« sagte Peter Hase, ruhig feststellend. »Die
+Sache wird irgendwie im Sande verlaufen. Ich schließe aus Derugas
+Charakter, daß er bunte Erlebnisse, aber keine großen, tragischen,
+erschütternden haben wird.«
+
+»Hörst du, Mama?« rief Mingo. »Auch Herr Hase ist von seiner Unschuld
+überzeugt. Jeder ist es. Du bist es dir selbst schuldig, nichts mehr
+gegen ihn zu unternehmen.«
+
+»Ich sagte dir schon,« fiel die Baronin ein, »daß ich mit dem Anwalt
+sprechen werde. Seine Sache ist eigentlich nicht meine. In der Tat
+bedaure ich jetzt, daß ich so schwach war, mich von ihm in diese Sache
+hineinziehen zu lassen. Ich kam nicht auf den Gedanken, daß es ihm in
+erster Linie daran lag, sich durch einen aufsehenerregenden Prozeß
+bekannt zu machen. Er spiegelte mir vor, daß ich berufen sei, ein
+Verbrechen ans Licht zu ziehen, und benützte mich als Mittel, um
+berühmt zu werden.«
+
+Die Baronin hatte kaum ausgesprochen, als der Kellner den =Dr.=
+Bernburger anmeldete, den sie zu einer Besprechung ins Hotel gebeten
+hatte.
+
+»Das ist ungeschickt,« sagte die Baronin zögernd, und Peter Hase erhob
+sich, um nicht zu stören. Nein, sagte sie, er dürfe auf keinen Fall
+schon gehen, sie hätten ja noch nicht einmal den Kaffee genommen. Im
+Grunde sei es ihr lieb, wenn sie die Unterhaltung nicht allein zu führen
+brauche, Geschäftliches sei ihr ohnehin zuwider, diese Angelegenheit
+aber vollends verhaßt.
+
+Den nun eintretenden Anwalt begrüßte sie mit einem hochmütigen
+Kopfneigen, dem sie nachträglich eine etwas höflichere Wendung gab, als
+sie bemerkte, daß er sie durchschaute und belächelte. Sie erklärte ihm,
+daß die Anwesenden von allem unterrichtet wären, und daß ihre Gegenwart
+nicht störe, und sagte dann mit einem kalten Blick:
+
+»Die Sache entwickelt sich anders, Herr Doktor, als Sie mir anfänglich
+einredeten.«
+
+»Ich schätze den selbständigen Charakter der Frau Baronin zu hoch,«
+entgegnete =Dr.= Bernburger, »als daß ich wagen möchte, ihr etwas
+einzureden.«
+
+»Nun gut,« sagte die Baronin unwillig, »Sie schilderten mir die Vorgänge
+jedenfalls so überzeugend, wie ...«
+
+»Wie Sie sich nur wünschen konnten,« fiel =Dr.= Bernburger lächelnd
+ein. »Ich bin von der Wahrscheinlichkeit der Vorgänge, wie ich sie
+damals darstellte, heute noch ebenso überzeugt wie damals.«
+
+»Und die neue Zeugin?« fragte die Baronin.
+
+»Eine verliebte Person,« sagte =Dr.= Bernburger wegwerfend, »die
+sich ein Verdienst um ihren Angebeteten erwerben möchte. Sie ist
+durchaus nicht wichtig und wurde nicht einmal vereidigt, weil der
+Gerichtshof sie wegen ihrer Beziehungen zum Angeklagten von vornherein
+nicht für glaubwürdig hielt. Übrigens würden sich wohl Zeugen auftreiben
+lassen, um die Unwahrheit ihrer Aussage darzutun.«
+
+»Nein, Mama,« rief Mingo, in lichter Entrüstung aufspringend, »damit
+sollst du nichts zu tun haben. Dies Spionieren und Hetzen ist unwürdig.
+Ich leide es nicht, daß du dich dazu hergibst.«
+
+=Dr.= Bernburger betrachtete das junge Mädchen lächelnd durch seine
+Brille. »Ginge der Verbrecher nicht dunkle Wege,« sagte er, »brauchte
+man ihm nicht auf dunklen Wegen nachzuschleichen. Die Methode des
+Verbrechers bestimmt die Methode dessen, der ihn entlarven soll. Wenn
+ein Dieb mit Ihrer Börse davonläuft, und Sie wollen ihn wieder haben,
+müssen Sie ihm nachspringen; oder einen anderen für sich springen
+lassen.«
+
+»Ich verlange von niemandem, wozu ich mir selbst zu gut bin,« sagte
+Mingo feindlich. »Übrigens hat uns niemand unsere Börse genommen.«
+
+»Mische dich nicht in Dinge, Kind,« sagte die Baronin verweisend, »die
+du zu wenig kennst, um sie beurteilen zu können. Ich habe indessen doch
+das Gefühl,« wandte sie sich an =Dr.= Bernburger, »daß wir keine
+glückliche Rolle in dieser Angelegenheit spielen.«
+
+»Es kommt auf den schließlichen Erfolg an,« sagte =Dr.= Bernburger,
+»und wie ich Ihnen schon sagte, hat sich meine Überzeugung bisher nur
+gefestigt. Mir ist es, als hätte ich den Vorgang mit erlebt. Ich könnte
+ihn in einem Drama vorführen.«
+
+»Und warum tun Sie es nicht?« rief die Baronin gereizt aus. »Ich glaube,
+die Stimmung wendet sich allgemein dem Angeklagten zu.«
+
+»Herr =Dr.= Deruga hat augenscheinlich viel Glück bei Frauen,«
+sagte =Dr.= Bernburger, »in deren Augen ein Mann überhaupt durch
+den Verdacht eines Verbrechens zu gewinnen pflegt. Ferner begehen viele
+Menschen den Fehler, zu glauben, ein Verbrecher müsse von der Natur mit
+einem besonderen Stempel gezeichnet sein. Müsse roh, brutal, gemein,
+entstellt aussehen. Man bedenkt nicht, daß der Grund der meisten
+Verbrechen die Schwäche des Täters ist, indem er einem Antriebe nicht
+genug Widerstand entgegenzusetzen vermochte, und was für eine große
+Rolle der Zufall dabei spielt. Es ist nicht ohne Ursache, daß in
+früheren Zeiten viele Verbrecher selbst glaubten, der Teufel habe es
+ihnen eingeblasen.«
+
+Der Baron meinte, solche Vorstellungen wären gefährlich, indem sie
+einem fast den Mut raubten, den Verbrecher zu verfolgen und zu
+bestrafen.
+
+Der Anwalt zuckte die Schultern. »Hörte man damit auf,« sagte er, »so
+gäbe es ja nur noch Antriebe zum Bösen beziehungsweise Verbotenen, und
+alle Hemmungen fielen fort. Es ist wohl das beste, daß jeder schlechtweg
+das tut, was ihm sein Amt vorschreibt, ohne sich Skrupel über die Folgen
+und innersten Gründe zu machen. Justizrat Fein bringt unentwegt neue
+Entlastungszeugen vor; er hat jetzt wieder einen Professor ausgespielt,
+der eine Zeitlang mit Deruga und seiner Frau dasselbe Haus bewohnte, und
+der, wie es scheint, bestätigen soll, was wir längst wissen, daß Deruga
+ein sogenannter guter Kerl ist, dem man zwar Übereilungen, aber nicht
+überlegte Schlechtigkeiten zutraut. Ich würde meine Pflicht nicht tun,
+wenn ich mich nicht bemühte, Beweise für unsere Überzeugung
+aufzutreiben, und ich hoffe noch immer, daß es mir gelingen wird, etwas
+Abschließendes zu finden. Ich verfolge eine Spur, von der ich aber
+schweigen möchte, bis ich selbst vollkommene Klarheit gewonnen habe.«
+
+Mingo betrachtete =Dr.= Bernburger mit unverhohlenem Abscheu. »Das
+geschieht aber nicht für dich, Mama,« sagte sie in flehend befehlendem
+Tone, »nicht in deinem Auftrage.«
+
+»Bitte, mische dich nicht ein,« sagte die Baronin gereizt, »verlasse uns
+lieber, wenn du dich nicht beherrschen kannst! Weder du noch ich haben
+ein persönliches Interesse an der Angelegenheit, sondern einzig ein
+sachliches. Es kann uns nur angenehm sein, wenn die Wahrheit
+festgestellt wird.«
+
+»Ja, ich habe ein persönliches Interesse,« rief Mingo leidenschaftlich
+aus. »Ich weiß, daß er schuldlos ist. Allen Beweisen zum Trotz, die etwa
+ausspioniert werden, ist er schuldlos und besser als wir alle.« Ihre
+Stimme zitterte, die Tränen waren ihr nahe.
+
+Der Baron und Peter Hase waren gleichzeitig aufgestanden, wie um die
+Kleine zu beschützen. Der Baron stellte sich neben sie und schlug einen
+Spaziergang vor: man müsse bei den immer noch kurzen Tagen die
+Helligkeit benützen. =Dr.= Bernburger hatte das Gefühl, in Ungnade
+und mit Verachtung beladen entlassen zu sein. Die Bitterkeit, die in
+seinem Innern kochte, verdichtete sich mehr und mehr zum rachsüchtigen
+Haß gegen Deruga, während er der Baronin gegenüber nur den inständigen
+Wunsch hatte, ihr zu beweisen, daß er recht gehabt habe.
+
+
+
+
+=XIII.=
+
+
+»Wir wurden mit Deruga dadurch bekannt,« erzählte Professor Vondermühl,
+»daß wir im gleichen Hause wohnten. Kurze Zeit nachdem sie eingezogen
+waren, bekam meine Frau in der Nacht einen Magenkrampf, und um ihr
+möglichst schnell Hilfe zu schaffen, ging ich hinauf und bat Deruga zu
+kommen. Er zeigte die liebenswürdigste Bereitwilligkeit, und auch seine
+Frau bot ihren Beistand an. Seit der Zeit sahen wir uns häufig und haben
+in enger Freundschaft verkehrt, bis Derugas ihr Kind verloren und sich
+bald hernach scheiden ließen.«
+
+»Haben Sie jemals etwas von Mißhelligkeiten zwischen den Ehegatten
+bemerkt?« fragte der Vorsitzende.
+
+»Meine Frau hatte den Eindruck,« sagte der Professor, »daß sie sich zwar
+liebhatten, aber nicht zueinander paßten. Deruga hatte trotz seiner
+Verträglichkeit ein unstetes, unberechenbares Temperament und hätte
+straffer Leitung bedurft; seine Frau vermochte solche nicht auszuüben,
+sondern war zärtlich, anschmiegsam, gleichsam eine Pflanze, die im
+Schutze einer Mauer hätte wachsen sollen. Die Verschiedenheit trat wohl
+nach dem Tode des Kindes, das ein Band zwischen ihnen bildete, schärfer
+zutage.«
+
+»Kam es zuweilen zwischen ihnen zu heftigen Ausbrüchen?« fragte der
+Vorsitzende.
+
+»Eines Abends,« erzählte der Professor, »saßen meine Frau und ich nach
+dem Abendessen auf unserem kleinen Balkon, der vom Wohnzimmer nach dem
+Garten hinausging. In Derugas Wohnzimmer, das über dem unsrigen lag,
+mußte die Tür offenstehen, denn wir konnten ihre Stimmen hören, und wie
+ihr Gespräch allmählich in einen Wortwechsel ausartete. Wir lachten
+darüber, und meine Frau sagte: 'Der schreckliche Mensch, sein Teufel ist
+wieder los' -- was ein Ausdruck von ihr war, um gewisse Launen, denen
+Deruga unterworfen war, zu bezeichnen. Sie schlug vor, wir wollten
+hineingehen, um der Frau willen den Auftritt zu unterbrechen. Ich
+jedoch war dagegen, da mir eine Einmischung in solchem Augenblick
+zudringlich erschien, vielleicht auch aus Bequemlichkeit oder sonst
+einer egoistischen Regung. Wir waren noch in der Auseinandersetzung
+darüber begriffen, als wir Frau Deruga einen unterdrückten Schrei
+ausstoßen hörten, einen Schrei des Schreckens, des Schmerzes, der Angst,
+wie es schien. Da sprang meine Frau auf und lief, ohne meine Zustimmung
+abzuwarten, in das obere Stockwerk hinauf, so daß ich Mühe hatte, mit
+ihr Schritt zu halten. Als ich atemlos oben ankam, hatte Ursula, das
+Mädchen, meiner Frau schon die Tür geöffnet und begrüßte uns mit
+strahlenden Augen. Sie mochte froh sein, daß ihre Herrschaft in diesem
+Augenblick nicht allein blieb.
+
+Deruga empfing uns mit gewohnter Herzlichkeit, von Verlegenheit oder
+Mißstimmung war ihm nichts anzumerken, außer daß er ein paar Redensarten
+wiederholte wie: 'Ach, die Ehe!' 'Man sollte sich das Heiraten
+gründlicher überlegen als das Aufhängen!' und dergleichen. Meine Frau,
+die sehr temperamentvoll war und keine Menschenfurcht kannte, sagte
+scheltend, indem sie sich vor ihn hinstellte: 'Wir Frauen sollten
+allerdings vorsichtiger sein, und zumal die Ihrige hat unüberlegt
+gehandelt, als sie sich einem solchen Wüterich anvertraute. Weil Ihre
+Frau allzu gut ist, darum machen Sie Radau! Sie haben einen kleinen
+Teufel in sich, der Glück und Frieden nicht verträgt, sondern immer
+Schwefelgestank und Höllenspektakel um sich haben muß.' Deruga nahm
+solche Strafpredigten von meiner Frau gern an, weil er fühlte, daß sie
+wahrer Freundschaft entsprangen, und sie ihrerseits lieh auch seinen
+Rechtfertigungen Gehör, in welcher Form immer sie gegeben wurden.
+Diesmal schien er seine Heftigkeit zu bereuen und sagte in
+verhältnismäßig ruhigem Tone: 'Ich gebe zu, daß meine Frau lieb und
+sanft ist, aber ich verwünsche, verfluche und hasse dieses Sanftsein.
+Wenn sie mich liebte, wie sie sollte und könnte, würde sie mich einmal
+anzischen wie eine Schlange und mir sagen, daß ich ein Scheusal wäre,
+mich in Haß oder Liebe umschlingen und erwürgen. Wenn ich eine
+aussätzige alte Frau oder ein verendender Hund wäre, würde sie mich mit
+derselben Liebe und Sanftheit behandeln, die mich zur Wut reizt.' Die
+arme Frau sah ihn, wie ich mich gut erinnere, mit großen Augen an und
+sagte in ihrer Art zornig: 'Ich sagte dir doch eben, daß du ein Scheusal
+wärest,' worüber wir alle lachen mußten. Er umarmte sie und behielt ihre
+Hand in der seinen, während er ihr erklärte, daß das doch nicht das
+Richtige gewesen sei.«
+
+»Sie erwähnten vorhin,« unterbrach der Vorsitzende, »daß Frau Deruga
+einen Schrei ausgestoßen habe. Erfuhren Sie, ob sie nur aus Angst
+geschrien oder ob ihr Mann sie tätlich angegriffen hatte?«
+
+»Das kam nicht zur Sprache,« sagte der Professor. »Vermutlich hatte er
+sie unsanft angepackt. Sie sah bleich und verstört aus. Als wir nach
+einer Stunde aufbrechen wollten, fragte meine Frau sie, ob wir sie nun
+auch mit dem Unhold allein lassen könnten. Worauf sie lachend erwiderte:
+'Für heute hat der Vulkan ausgespien.' Das sagte sie laut und
+unbefangen, und auch Deruga lachte. Meine Frau konnte lange nicht
+einschlafen, weil es ihr unheimlich war, doch gelang es mir, sie zu
+beruhigen, indem ich ihr sagte, sie nähme die Sache zu ernst, Derugas
+Liebe zu seiner Frau habe sich gerade eben deutlich gezeigt.«
+
+»Haben Sie jemals,« fragte der Vorsitzende, »klaren Aufschluß erhalten
+über den Grund der Aufwallungen des Angeklagten gegen seine Frau? Oder
+lag derselbe nach Ihrer Meinung nur in seinem Temperament und in der
+Verschiedenheit der Gatten?«
+
+»Deruga deutete gelegentlich an,« sagte der Professor, »daß er Ursache
+zur Eifersucht habe, und zwar bezog sich dieselbe auf einen Mann, zu dem
+seine Frau, bevor sie Deruga heiratete, eine Zuneigung gehabt hatte, den
+sie aber, weil er gebunden war, nicht hatte heiraten können. Der
+Umstand, daß die alte Frau dieses Mannes starb, scheint seine Eifersucht
+und seinen Argwohn so sehr gesteigert zu haben, daß ihr Leben an seiner
+Seite unbehaglich wurde. Man war vielfach der Ansicht, sie habe die
+Scheidung betrieben, um jenen anderen zu heiraten, was aber die
+folgenden Ereignisse nicht bestätigten, denn sie ist bekanntlich ledig
+geblieben.«
+
+»Halten Sie für möglich,« fragte der Vorsitzende, »daß die Furcht vor
+dem Angeklagten dabei den Ausschlag gab? Er könnte Drohungen gegen sie
+und den Mann ausgestoßen haben, falls sie ihn heiratete?«
+
+»Für möglich muß ich das halten,« sagte der Professor nach einigem
+Besinnen, »aber etwas Bestimmtes kann ich nicht darüber sagen. Meine
+Frau würde besser unterrichtet sein, da sie sehr mit Frau Deruga
+befreundet und gerade damals viel mit ihr zusammen war. Zwar pflegte sie
+mir alles genau zu erzählen; aber ich habe nicht alles genau genug
+behalten, um es unter solchen Umständen wiedererzählen zu können. Das
+weiß ich sicher, daß Frau Deruga, nachdem sie geschieden war, sich eine
+Zeitlang mit der Absicht trug, jenen Mann zu heiraten, daß sie aber
+davon abstand. Der Betreffende hat sich dann anderweitig verheiratet,
+soll aber unglücklich geworden sein und ist vor einigen Jahren
+gestorben.«
+
+=Dr.= Zeunemann bemerkte, aus den Schilderungen des Professors
+scheine hervorzugehen, daß seine Frau diesen Verkehr mehr als er
+gepflegt habe; ob etwa zwischen ihm und Deruga keine Sympathie bestanden
+habe.
+
+»Nein, nein,« sagte der Professor, »das wäre kein zutreffender Ausdruck.
+Er teilte meine wissenschaftlichen Interessen nicht, und mir ist das
+Schweben und Gaukeln über den Tiefen, das Ausspielen von Hypothesen und
+Paradoxen, das Phantasieren im Unmöglichen nicht gegeben. Ich war zu
+schwerfällig für die oft grotesken Sprünge seines Geistes. Sie
+belustigten mich wohl, aber im Grunde wußte ich nichts damit anzufangen.
+So kam es, und auch weil ich sehr beschäftigt war, daß meine Frau die
+Beziehungen mehr pflegte, wozu sie schon durch ihre Jugend besser paßte.
+Sie war bedeutend jünger als ich und mußte doch vor mir sterben.«
+
+Ob seine Frau nach dem Wegzuge von Frau Deruga mit dieser im
+Briefwechsel gestanden habe, fragte der Vorsitzende.
+
+Es wären allerdings Briefe der Frau Deruga vorhanden gewesen, sagte der
+Professor, er hätte sie aber nach dem Tode seiner Frau verbrannt, damit
+sie nicht später Unberufenen in die Hände fielen. Er habe darin
+geblättert, bevor er sie zerstört hätte, und erinnere sich einer Stelle,
+wo sie geschrieben hätte, der Frieden und die Freudigkeit, die sie sich
+von der Auflösung ihrer Ehe erwartet hätte, ließe noch immer auf sich
+warten.
+
+»'Ich ertappe mich jetzt oft darauf,' so etwa schrieb sie, 'daß ich
+anstatt wie sonst vorwärts, in die Zukunft zu blicken, stehenbleibe und
+mich zurückwende. Sollte das die Besinnung des Alters sein? Ach nein,
+wie konnte ich auch erwarten, daß ich jemals anderswohin sollte blicken
+können als dahin, wo mein Kind war, in die Vergangenheit! Für mich gibt
+es keine Zukunft auf Erden mehr.' Diese Stelle ergriff mich, weil ich
+damals, nach dem Tode meiner Frau, selbst anfing, nach rückwärts, statt
+nach vorwärts zu leben, und sie hat sich mir aus diesem Grunde
+eingeprägt.«
+
+Diese Briefstelle, sagte der Vorsitzende, deute nicht darauf, daß die
+Verstorbene eine zweite Heirat ersehnt hätte und nur durch Furcht vor
+dem Angeklagten davon zurückgehalten wäre.
+
+»Dazu möchte ich folgendes bemerken,« sagte der Professor. »Aus anderen
+mündlichen oder schriftlichen Äußerungen der Verstorbenen wäre
+vielleicht auf jenen Wunsch und jene Furcht zu schließen. Hätte man aber
+noch so viele Beweise von Derugas damaligem Geladensein, so scheint es
+mir doch fraglich, ob das mit einem so viele Jahre später begangenen
+Mord in Verbindung gebracht werden könne. Es ist wahr, daß die
+menschlichen Handlungen Ketten sind, deren Glieder ein Götterauge ins
+Unendliche muß verfolgen können; aber ob wir Menschen uns in den
+labyrinthischen Verzweigungen nicht verirren müssen?«
+
+Der Vorsitzende blickte schweigend vor sich nieder, während der
+Staatsanwalt unter kritischen Grimassen den Kopf wiegte. Dann stellte
+=Dr.= Zeunemann die Schlußfrage an den Professor, ob ihm noch
+andere Gründe bekannt wären, mit denen die Scheidung der Derugas damals
+erklärt worden wäre oder erklärt werden könnte.
+
+»Meine Frau wußte,« sagte der Professor, »daß Frau Deruga ihren Mann bis
+zu einem gewissen Grade für den Tod ihres Kindes verantwortlich machte
+und deshalb einen krankhaften Haß auf ihn warf. Es ist das so zu
+verstehen, daß Deruga für Abhärtung und Rücksichtslosigkeit in der
+körperlichen Erziehung des Kindes war, während seine Frau es eher
+verzärtelte. Dieser Gegensatz bildete öfters Anlaß zu Streitigkeiten.
+Auf die Dauer konnte die verständige Frau sich aber doch nicht dagegen
+verblenden, daß Deruga das Kind, auf seine Art, ebenso wie sie geliebt
+hatte und den Verlust ebenso wie sie betrauerte, und sie suchte die
+ungerechte Abneigung zu überwinden, worauf auch meine Frau mit der
+ganzen Lebhaftigkeit ihres Temperamentes drang. Ich kann also nicht
+glauben, daß diese durch den übermäßigen Schmerz zu erklärende
+Gefühlsverkehrung den Entschluß zur Scheidung bewirkt habe, wenn auch
+vielleicht das Verhältnis dadurch gelockert wurde.«
+
+Es entspann sich nun zwischen den Juristen ein Wortwechsel über den vom
+Staatsanwalt gestellten Antrag, Fräulein Schwertfeger noch einmal zu
+vernehmen, ob sie etwas Aufklärendes über Frau Swieters geplante und
+nicht vollzogene Ehe aussagen könne. Justizrat Fein verwarf es als
+zeitraubend und überflüssig, welcher Meinung sich =Dr.= Zeunemann
+anschloß, der sagte, noch mehr Einzelheiten, wie sie auch ausfielen,
+würden den Prozeß nicht weiterbringen. Für die Eigenart Derugas, die
+darin bestehe, daß er sich im labilen Gleichgewicht befinde, ließen sich
+vermutlich noch zahlreiche Beispiele aufbringen. Es handle sich aber
+nicht hier darum, die Geschichte seiner Seele zu erforschen, sondern die
+Geschichte seines Lebens vom 1. bis zum 3. Oktober festzustellen. Darauf
+bezüglich habe Fräulein Schwertfeger nichts mehr zu sagen.
+
+»Ich bitte die Herren dringend,« sagte der Justizrat, »sich auf
+Tatsachen zu beschränken, damit wir den Knoten nicht noch mehr
+verwirren, anstatt ihn aufzulösen.«
+
+»Was für Tatsachen?« fragte der Staatsanwalt, so plötzlich von seinem
+Sitz aufschnellend, daß der Justizrat die Antwort nicht gleich bereit
+hatte.
+
+»Tatsachen, die sich auf den angeblichen Mord beziehen,« entgegnete er
+nach einer Pause. »Aus Mangel an Tatsachen werden Alltäglichkeiten
+hervorgezerrt und aufgebauscht. Verliebte pflegen den Gegenstand ihrer
+Liebe im Falle der Untreue mit dem Tode zu bedrohen, ohne daß der
+Gegenstand selbst oder jemand anders darauf Gewicht legt. Dergleichen
+hat nicht mehr Bedeutung als die Schwüre der Liebe.«
+
+»Es kommt darauf an, was nachfolgt,« sagte der Staatsanwalt. »Übrigens
+wären uns allen Tatsachen auf der Handfläche lieber; da der Angeklagte,
+der es könnte, sie uns aber nicht liefert, so bleibt uns nichts übrig,
+als den Grund zu untersuchen, aus dem die Handlungen wachsen, nämlich
+das menschliche Gemüt.«
+
+»Der Angeklagte lieferte sie uns nicht?« begann der Justizrat. Allein
+=Dr.= Zeunemann bat, den fruchtlosen Streit zu beenden, und
+forderte Fräulein Schwertfeger auf, dem erhobenen Wunsche genug zu tun
+und noch einige wenige Fragen zu beantworten.
+
+Fräulein Schwertfeger, die blasser und elender aussah als am ersten
+Tage, ließ das unsichtbare Visier über ihr Gesicht herab und fragte,
+indem sie zögernd vortrat, ob sie dazu verpflichtet sei, durchaus
+private Angelegenheiten hier an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie könne
+sich das nicht denken.
+
+»Im Staate ist das Private durchgehend mit dem Öffentlichen verknüpft,«
+sagte =Dr.= Zeunemann sanft belehrend. »Nur soweit die Öffentlichkeit
+Interesse daran hat, bitte ich Sie noch um einige Aufschlüsse über die
+Verhältnisse Ihrer verstorbenen Freundin. Frau Swieter hatte vor ihrer
+Heirat mit dem Angeklagten freundschaftliche Beziehungen zu einem Manne,
+die sie abbrach, da sie zu einer Ehe nicht führen konnten, und die
+vermutlich, solange die Ehe mit dem Angeklagten bestand, nicht wieder
+angeknüpft wurden.«
+
+»Natürlich nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger hochmütig. »Sie sahen
+sich erst wieder, als Frau Swieter hierher übersiedelte.«
+
+»Dabei lebte die beiderseitige Neigung auf, und die Wiedervereinigten
+beschlossen, sich zu heiraten. Ist es nicht so?« fragte =Dr.=
+Zeunemann.
+
+»Ja,« antwortete das Fräulein trocken.
+
+»Was war die Ursache, daß dieser Beschluß nicht ausgeführt wurde?«
+fragte =Dr.= Zeunemann weiter. »Es ist unmöglich, daß Sie, als
+nächste Freundin der Verstorbenen, nicht davon unterrichtet sein
+sollten.«
+
+»Es lag nicht in der Natur meiner Freundin, sich bis aufs letzte
+auszusprechen,« sagte Fräulein Schwertfeger, »und es liegt nicht in
+meiner, Verschwiegenes zu erpressen. Meine Freundin war damals sehr
+aufgeregt und äußerte sich ungleich. Einmal sagte sie mir unter Tränen,
+ihre alte Liebe sei so stark wie je, wolle sie sich aber an die Brust
+des Geliebten werfen, so stehe ihr Mann, das Kind an der Hand
+dazwischen, und dieser Schatten ihrer Einbildung sei undurchdringlicher
+als eine Mauer.«
+
+»Haben Sie das so aufgefaßt,« fragte =Dr.= Zeunemann, »als fürchte
+sie sich vor ihres Mannes Rache, oder als dränge sich die Erinnerung
+zwischen sie und ein neues Glück?«
+
+»Ich habe es damals so aufgefaßt,« lautete die Antwort, »als sei
+=Dr.= Deruga schuld daran, daß meine Freundin den Mann nicht
+heiratete, den sie liebte. Es tat mir sehr, sehr leid, daß diese Heirat
+nicht zustande kam. Ich kannte diesen Mann viel besser als =Dr.=
+Deruga und hatte viel mehr Sympathie für ihn, schon deshalb, weil ich
+glaubte, meine Freundin würde es gut bei ihm haben.«
+
+»Wenn Sie jenen Herrn gut kannten,« sagte =Dr.= Zeunemann, »so
+haben Sie vielleicht mit ihm darüber gesprochen und wissen, wie er es
+auffaßte?«
+
+»Er faßte es so auf,« sagte Fräulein Schwertfeger mit sehr bösem
+Gesicht, »als fürchte Frau Swieter, Deruga würde ihn töten, wenn er sie
+heiratete. Es ist unmöglich, daß sie ihm das gesagt hat, weil ihn das
+weniger traurig machen mußte, als wenn er gewußt hätte, welchen Anteil
+Deruga an ihrem Gemütsleben hatte. Es kann auch sein, daß er das glauben
+wollte, weil es seinen Stolz am wenigsten verletzte. Er war stolz und
+herrschsüchtig.«
+
+»Wenn Ihre Freundin ihn so sehr liebte,« sagte =Dr.= Zeunemann, »so
+muß ein starkes Motiv sie abgehalten haben, ihn zu heiraten.«
+
+»Natürlich,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Sie hat damals auch sehr
+gelitten. Sie überwand es aber verhältnismäßig bald und sagte später
+stets, sie glaube, richtig gehandelt zu haben.«
+
+
+
+
+=XIV.=
+
+
+Es war Abend, als =Dr.= Bernburger müde in seine Wohnung kam. Er
+warf sich auf den schäbigen Diwan, den er alt gekauft hatte, und sah
+sich fröstelnd nach irgend etwas um, womit er sich zudecken könnte.
+Drinnen war es kälter als draußen, aber abgesehen davon, daß er aus
+Sparsamkeit am Abend womöglich nicht mehr einheizte, fühlte er sich auch
+zu erschöpft und unlustig dazu. Mißvergnügt sah er sich in dem kahlen,
+an ein Zimmer in einem Hotel zweiten Ranges erinnernden Raum um und
+dachte darüber nach, woher und wozu er diesen Hang nach einer schönen,
+behaglichen Umgebung habe, den er vielleicht nie würde befriedigen
+können. Um seiner Verstimmung zu entrinnen und sich zu erwärmen,
+beschloß er, in ein Café zu gehen. Da fand er vor der Glastür, die seine
+Wohnung abschloß, eine kleine, verhutzelte Frau stehen, die schon eine
+Weile nach der Klingel gesucht hatte und ihn fragte, ob hier ein Herr
+Rechtsanwalt wohne. Der sei er, sagte =Dr.= Bernburger; aber jetzt
+werde nicht mehr gearbeitet, sie solle am folgenden Tage in seine
+Sprechstunde kommen. Die kleine Frau setzte auseinander, daß sie das
+nicht könne, weil sie tagsüber bei den Herrschaften sei, um zu waschen;
+ihr Mann habe sie ja verlassen, und sie müsse die Kinder allein
+durchbringen. Sie komme auch jetzt von der Arbeit, und zwar komme sie,
+weil der Herr Tönepöhl vom Vorderen Anger sie geschickt habe.
+
+Bei der Nennung dieses Namens durchfuhr den Anwalt ein Gedanke, der ihm
+das Blut ins Gesicht trieb und ihn bewog, mit der kleinen Frau in sein
+Zimmer zurückzukehren. Während er Licht machte, bat er sie, sich zu
+setzen und zu erzählen, was sie herführe, und da sie, als er damit
+fertig war, noch immer bescheiden an der Tür stand, nötigte er sie
+selbst auf einen Stuhl und nahm ihr den großen Deckelkorb ab, den sie in
+der Hand trug. Sie lächelte verlegen und dankbar und begann ihre
+Erzählung:
+
+Vorgestern sei sie zu Herrn Tönepöhl, dem Tändler im Vorderen Anger,
+gekommen, um ein Paar Schuhe für ihren Ältesten zu kaufen, und da habe
+ihr ein Paar besonders gut gefallen, weil es ungefähr die rechte Größe
+gehabt hätte; aber es sei zu teuer gewesen. Da habe sie zu Herrn
+Tönepöhl gesagt, sie habe einen Arbeitskittel von ihrem seligen
+Mann -- sie sage nämlich immer 'ihr seliger Mann', seit er auf und davon
+gegangen sei -- der sähe wie neu aus, ob er den nicht dagegen annehmen
+wolle. Herr Tönepöhl habe barsch gesagt, wie er überhaupt sehr
+hochfahrend gegen die armen Leute sei, für solches Lumpenzeug habe er
+keine Kunden. Da habe seine Frau, die in einem alten Koffer gekramt
+habe, dazwischen geschrien, er solle nicht ein solcher Tölpel sein, der
+Herr Rechtsanwalt habe ihm doch viel Geld für einen alten Kittel
+versprochen, und er, der Mann, habe dem Herrn Rechtsanwalt fest
+zugesagt, sich danach umzusehen, und nun sähe man, was für ein
+Windbeutel er sei. Darauf habe Herr Tönepöhl seinerseits geschimpft, sie
+sei dümmer als ein Hering. Der Herr Rechtsanwalt würde ihm den Kittel
+an den Kopf werfen, denn er wolle einen, der auf der Straße gefunden
+sei. Nun sei nämlich der alte Anzug, den sie gemeint habe, gar nicht von
+ihrem seligen Manne gewesen, sondern sie habe ihn gefunden, aber wegen
+der Grobheit des Herrn Tönepöhl habe sie sich nicht getraut, das zu
+sagen, damit er nicht eine große Angelegenheit daraus mache und
+behaupte, sie habe ihn gestohlen.
+
+Sie sei also fortgegangen, habe aber an der Türe noch mit Frau Tönepöhl
+geschwatzt und sie gefragt, was für ein Herr Rechtsanwalt das sei, und
+sie habe ihr alles erzählt und auch, daß es sich um einen großen Prozeß
+handle, und daß man ein gutes Stück Geld verdienen könnte, wenn man den
+rechten Anzug brächte. Darauf habe sie gedacht, sie wolle den Kittel in
+Gottes Namen dem Herrn Rechtsanwalt bringen, er werde ihr ja nichts
+Böses antun und sie ins Unglück stürzen, wo sie ja nur komme, weil ihm
+so viel daran gelegen sei.
+
+Nun freilich, sagte =Dr.= Bernburger, er sei ihr sehr dankbar, und
+ob er den Anzug brauchen könne oder nicht, er wolle sie für die Mühe
+entschädigen. Sie sei eine brave, kleine Frau und solle recht gründlich
+erzählen, wie sie zu diesem Kittel gekommen sei.
+
+Es sei der 3. Oktober gewesen, erzählte die Frau. Sie erinnere sich
+deswegen so gut daran, weil sie an dem Tage schon vor fünf Uhr aus dem
+Hause gegangen sei. Die Frau Kommerzienrat Steinhäger habe sie nämlich
+ersucht, eine Stunde früher zu kommen und eine oder zwei Stunden länger
+zu bleiben, damit sie womöglich an einem Tage mit der Wäsche fertig
+würde; es habe sich ein auswärtiger Besuch auf den folgenden Tag bei ihr
+angemeldet, und das passe so schlecht, wenn Wäsche sei. Weil nun die
+Frau Kommerzienrat sonst eine gute Frau wäre, habe sie es ihr zugesagt,
+und so sei sie denn schon vor fünf Uhr durch die Bahnhofsanlagen
+gekommen, als noch kein Mensch unterwegs gewesen sei. Ein starker Wind
+habe geweht, so daß die hohen Bäume sich gebogen hätten, und die dürren
+Blätter wären ihr wie Fledermäuse um den Kopf geflogen.
+
+Auf der Brücke habe sie einen Augenblick stillstehen müssen, so habe
+der Wind gegen sie angeblasen, und da habe sie etwa hundert Schritt
+weiter am Ufer etwas Schwarzes gesehen. Zuerst habe sie gemeint, es sei
+ein Kind oder ein Hund, weil es scheinbar Arme oder Beine ausgestreckt
+hätte, und sie sei schnell hingelaufen, anstatt dessen sei es ein mit
+Bindfaden umschnürter Anzug gewesen. Offenbar sei er in Papier
+eingewickelt gewesen, das habe aber das Wasser größtenteils aufgelöst
+und weggerissen. Sie habe den Anzug losgemacht und ausgerungen und
+beschlossen, ihn mitzunehmen. Denn der, dem er gehört habe, müsse ihn
+doch weggeworfen haben, also sei es kein Unrecht, und vielleicht könne
+ihr seliger Mann ihn gebrauchen, wenn er etwa einmal wiederkäme, oder
+sonst ihr Ältester, wenn er erwachsen sei. Ob der Herr Rechtsanwalt
+meine, daß sie unrecht getan hätte?
+
+Sie betrachtete ihn ängstlich gespannt aus ihren braunen Augen, die wie
+zwei kleine, fleißige Nachtlämpchen aus dem verschrumpften Gesicht
+herausleuchteten.
+
+Aber nein, sagte =Dr.= Bernburger, da könne mancher reiche und
+angesehene Mann froh sein, wenn er nicht mehr als das auf dem Gewissen
+hätte. Das sei ja herrenloses Gut gewesen. Sie habe recht getan, sie sei
+ein wackeres Frauchen. Gewiß habe sie den Kittel in ihrem Henkelkorbe?
+
+Ja, sagte die kleine Frau erleichtert, sie habe ihn gleich mitgebracht,
+um nicht noch einmal kommen zu müssen. Denn es sei ein großer Umweg für
+sie, und ihre Kinder pflegten sie abends ungeduldig zu erwarten.
+
+Sie nahm ein Paket aus dem Korb, und =Dr.= Bernburger faltete den
+Anzug auseinander.
+
+»Wissen Sie,« sagte er, »ich kaufe Ihnen den Anzug ab, ob es nun der
+rechte ist oder nicht. Sind Sie zufrieden, wenn ich Ihnen vorderhand
+zehn Mark gebe? Sie sollen aber noch mehr bekommen, wenn es sich
+herausstellt, daß es der ist, den ich suche.«
+
+Die kleine Frau wurde rot vor schreckhafter Freude. Nun könne sie ihrem
+Ältesten die schönen Schuhe kaufen, sagte sie.
+
+Aber sie solle Herrn Tönepöhl nichts von dem Geschäft sagen, das sie
+miteinander gemacht hätten, rief =Dr.= Bernburger ihr die Treppe
+herunter nach. Der brauche nichts davon zu wissen.
+
+Heiß, fast blind vor Triumph trat =Dr.= Bernburger in das Zimmer
+zurück, dessen Kälte und Leere er nicht mehr fühlte. Sein Gedankengang
+war also richtig gewesen! Einmal kreuzte doch der Weg des Glückes den
+seines Verstandes. Wie würden sie staunen, wenn er ihnen das Rätsel
+löste und zugleich das Beweisstück vorlegte! Würde man angesichts dessen
+noch zweifeln können? Vielleicht war irgendein Abzeichen an dem Anzuge,
+welches die Ermittlung des Geschäftes, wo er gekauft war, erlaubte. Eine
+genaue Untersuchung des Anzuges ergab nichts Derartiges, dagegen war
+deutlich zu erkennen, daß ein neues gutes Stück vorlag, dem durch
+absichtlich eingesetzte Flicken der Schein eines dürftigen, oft
+getragenen Arbeitergewandes zu geben versucht worden war.
+
+Indem =Dr.= Bernburger den Rock hin und her wendete, entdeckte er
+eine zugeknöpfte Seitentasche, öffnete sie, griff hinein und zog einen
+Briefumschlag heraus, der eine von der Nässe verwischte, aber lesbare
+Aufschrift trug. Er las: »Herrn =Dr.= S.E. Deruga,« dann die Stadt
+und die Straße.
+
+Trotzdem dieser Brief ihm nur bestätigte, was er erwartet hatte, war er
+nicht nur überrascht, sondern fast erschrocken. Versteinert starrte er
+auf den Brief, der da lag wie die Gaukelei erregter Einbildungskraft und
+doch Wirklichkeit war, der Zauberschlüssel, der ihm die Pforte zu
+Ansehen und Reichtum öffnen würde. Daß der Umschlag einen Brief
+enthielt, hatte er gefühlt, aber noch zögerte er ihn herauszunehmen und
+zu lesen. Ihm selbst zum Ärger klopfte ihm das Herz. Wozu die Aufregung?
+Er zwang sich, die peinliche Spannung zu beendigen, indem er las. Der
+Brief lautete:
+
+ »Dodo, lieber Dodo, ich bin todkrank und muß sterben,
+ aber vorher muß ich schrecklich leiden und habe
+ niemand, der mir hilft. Du bist der einzige, der mich
+ lieb genug hat, um mich zu töten. Komm und befreie
+ Deine arme Marmotte, von der Du weißt, wie sie sich
+ vor Schmerzen fürchtet. Dies ist das erste Wort, das
+ ich nach siebzehn Jahren an Dich richte, und es ist
+ eine Bitte. Ach, Dodo, an kein anderes Herz als an
+ Deines würde ich eine solche Bitte zu richten wagen.
+ Komme bald, Du wirst wissen, wie es geschehen kann. Daß
+ ich Dir geschrieben habe, wird kein Mensch erfahren.
+
+ Deine Marmotte.«
+
+=Dr.= Bernburger las und las wieder. Es war ihm ernüchtert und
+ermüdet zumute. War dieser Brief vielleicht eine List, ein nachträglich
+angefertigtes Machwerk, das Deruga oder seine Freunde ihm in die Hände
+gespielt hatten? Nachdem er ihn sorgfältig untersucht und eingesehen
+hatte, daß ein Betrug ausgeschlossen war, schob er ihn in den Umschlag
+und steckte ihn in seine Brusttasche. Dann nahm er Hut und Mantel, um
+ins Café zu gehen. Als er nur wenige Schritte von dem Restaurant
+entfernt war, wo er zu Abend zu essen pflegte, kehrte er um und suchte
+ein anderes Lokal auf, um nicht von Bekannten angesprochen zu werden;
+er hatte das Bewußtsein zerstreut zu sein und wollte nicht auffallen.
+
+Während er aß, mußte er denken, daß ihn nichts abhielte, den Brief in
+den kleinen eisernen Ofen zu werfen, der ein paar Schritt von ihm
+brannte. In einem Nu würden die hastigen Flammen das verhängnisvolle
+Zeugnis vernichtet haben. Er hatte nicht die Absicht es zu tun, aber die
+Vorstellung war so lebhaft in ihm, daß ihm angst wurde, er müsse es
+dennoch, wie man unter dem Eindruck des Schwindels wohl fürchtet, man
+würde sich wider Willen von einer Höhe in den Abgrund werfen.
+
+Wie dumm, dachte er, daß er der alten Frau, durch die er in eine so
+peinliche Lage versetzt war, zehn Mark gegeben hatte! Würde er es über
+sich bringen, von dem Mantel Gebrauch zu machen und den Brief zu
+verschweigen? Wenn er es tat, so war er der Bewunderung und Dankbarkeit
+der Baronin sicher. Welche Genugtuung würde es ihm geben, sie von seinem
+Scharfsinn, von der Richtigkeit seiner Auffassung, die er von Anfang an
+gehabt hatte, zu überzeugen! Was würde sie dagegen sagen, wenn er ihr
+den Brief zeigte: »Sie versprachen mir, Deruga als Verbrecher zu
+entlarven, und sie verschaffen ihm einen Heiligenschein! Sie verstehen
+es, Wort zu halten!« Wahrscheinlich würde sie ihm verbieten, von dem
+Brief Gebrauch zu machen; und das war schließlich für ihn die
+glücklichste Lösung, indem sie ihm zur Pflicht machte, was er aus
+eigener Verantwortung ungern getan hätte. Und wie würde Deruga sich
+verhalten? =Dr.= Bernburger begriff nicht, warum er den wahren
+Hergang verschwiegen hatte. Sollte er auch seinem Anwalt nichts davon
+gesagt haben?
+
+Plötzlich überkam ihn der Wunsch, in die Anlagen zu gehen und die Stelle
+aufzusuchen, wo die Waschfrau den Anzug gefunden haben wollte; in der
+Restauration mochte er ohnehin nicht bleiben, und schlafen hätte er
+ebensowenig können. Er hatte fast eine Stunde zu gehen, bis er an die
+Brücke kam, die über den Kanal führte. Der Schnee, der in der letzten
+Nacht gefallen war, hatte sich aufgelöst und in Schmutz verwandelt, und
+er hörte in der Dunkelheit die Nässe unter seinen Füßen klatschen. Die
+hölzerne Brücke war schlüpfrig, und das Wasser stand sehr hoch; schwarz
+und heimlich-hastig floß es unter ihm fort. Nach einer Weile unterschied
+er etwas weiter unten die wild sich bäumenden Wurzeln einer alten Ulme,
+die das Ufer umklammerte; dort mochte das Bündel Kleider, das der Fluß
+trieb, sich festgehängt haben.
+
+Lange starrte der späte Wanderer auf die Stelle und ging dann weiter,
+bis er nach einigen Schritten vor einer halbkreisförmigen Steinbank
+stand, von der aus man in der schönen Jahreszeit einen angenehmen Blick
+auf die Wiesen hatte, die sich weithin zwischen dunklen Gebüschen
+erstreckten. Vielleicht, dachte er, hatte in der stürmischen
+Oktobernacht Deruga dort gesessen und, nachdem er sich umgekleidet, die
+Stunde erwartet, wo der Zug abging, mit dem er heimfahren wollte.
+Vielleicht war er sehr bewegt und zugleich sehr erschöpft gewesen und
+hatte hier ausgeruht, wo niemand ihn beobachtete. Unwillkürlich
+durchwatete auch =Dr.= Bernburger die aufgeweichte Erde und setzte
+sich auf die steinerne Bank, ohne zu beachten, wie naß sie war. Was
+mochte Deruga gefühlt und gedacht haben, nachdem er die Frau, die er
+einst geliebt und gehaßt hatte, wiedergesehen und für immer verlassen
+hatte? Was für Erinnerungen mochten ihn zusammen mit den raschelnden
+Blättern umschwirrt haben?
+
+Indes er so sann, troff es kalt auf ihn herunter, und plötzlich überlief
+ihn ein Schauer, und er stand auf und ging schnell, ohne sich umzusehen,
+der Stadt zu.
+
+
+
+
+=XV.=
+
+
+Am anderen Morgen fühlte =Dr.= Bernburger sich so abgespannt, daß
+es ihm erlaubt schien, sich als krank zu entschuldigen, und nachdem er
+das telephonisch besorgt hatte, legte er sich wieder zu Bett in der
+Hoffnung, noch einmal einschlafen zu können.
+
+Das Klingeln des Telephons weckte ihn, und mit einem lebhaften Gefühl
+des Überdrusses beschloß er zu tun, als gehe es ihn nichts an. Aber als
+es von neuem begann, stand er mit einem Seufzer auf, um zu hören, was es
+gebe. Er erkannte sofort die Stimme der Baronin, der der Apparat eine
+schrille Färbung gab.
+
+»Sie sind krank?« sagte sie. Das sei allerdings im höchsten Grade
+ungeschickt. Sie sei im Begriff abzureisen, und es sei darum gerade
+jetzt notwendig, daß er persönlich am Platze sei.
+
+Er sei nicht zum Vergnügen krank, antwortete Bernburger. Die Krankheit
+sei wohl nicht so arg, sagte die Baronin, daß er nicht auf eine
+Viertelstunde ins Hotel kommen könne. Sie müsse ihn durchaus vor der
+Abreise sprechen.
+
+Er bedauere, antwortete Bernburger, er läge zu Bett.
+
+»Aber Herr Doktor, Sie sind ja am Telephon,« sagte die Baronin mit dem
+Lachen, von dem er wußte, wie verführerisch es klang, wenn es ihr darauf
+ankam.
+
+»So komme ich in Gottes Namen,« rief er ärgerlich auf sich und sie.
+
+»Das ist recht, Doktor,« antwortete ihre Stimme, »Sie können sich ja
+einen Wagen nehmen.«
+
+»Sie sehen gar nicht krank aus, Doktor,« so empfing ihn die Baronin.
+»Mein Mann und ich haben uns plötzlich entschlossen nach Paris zu
+reisen,« fuhr sie fort, »da mich der schreckliche Prozeß, wie ich Ihnen
+schon sagte, so sehr angegriffen hat.«
+
+»Die Stellungnahme Ihres Fräuleins Tochter,« sagte =Dr.=
+Bernburger mit absichtlicher Dreistigkeit, »muß sehr erschwerend für Sie
+sein.«
+
+Die Baronin errötete. »Sie wissen,« sagte sie, »daß ich meine Handlungen
+durch das Urteil der Jugend nicht beeinflussen lasse. Meine Tochter wird
+uns begleiten.«
+
+»Sie sind um den Aufenthaltswechsel sehr zu beneiden,« sagte =Dr.=
+Bernburger.
+
+»Ja, der Frühling ist in Deutschland unerträglich,« sagte die Baronin.
+»Vielleicht wird er gerade deshalb von deutschen Dichtern so besonders
+viel besungen; man rühmt ja das, was man nicht kennt.«
+
+»Sich niemals kennenzulernen wäre also das Geheimnis der glücklichen
+Ehe,« erwiderte =Dr.= Bernburger und setzte, sich selbst
+verweisend, hinzu: »Aber ich sehe, meine Schwäche macht mich zerstreut
+und geschwätzig. Was wünschen Frau Baronin mir zu sagen?«
+
+»Ich wollte Ihnen den Prozeß auf Herz und Gewissen legen,« sagte sie.
+»Als wir uns das letztemal sahen, war ich schwankend geworden; eine
+Folge meiner Unklugheit, persönlich anwesend zu sein, wie ich jetzt
+eingesehen habe. Die vielen Einzelheiten, die wechselnden Aussagen, alle
+die starken Eindrücke machen einen nervös, wenn man nicht daran gewöhnt
+ist. Ich will nun, ohne mich persönlich darum zu kümmern, dem Prozeß
+seinen Lauf lassen und das Ergebnis erwarten. Daß es gerecht ausfällt,
+dafür sind die Anwälte und Richter da.«
+
+»Jawohl,« sagte =Dr.= Bernburger.
+
+»Ich kann mich doch auf Sie verlassen?« fragte sie. »Ihre Krankheit wird
+doch nicht lange dauern? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir
+zuweilen Bericht erstatten wollten. Sie sagten das letztemal, daß Sie
+eine entscheidende Entdeckung zu machen hofften.«
+
+=Dr.= Bernburger hatte die Baronin starr angesehen und fuhr bei
+ihren letzten Worten zusammen. »Leider,« stieß er etwas gewaltsam
+hervor, »muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mich gezwungen sehe, die
+Vertretung Ihrer Angelegenheit niederzulegen.«
+
+Die erste Regung der Baronin bei diesen unerwarteten Worten war
+gekränkte Entrüstung, die sie so stark erfüllte, daß sie kaum Fassung
+gewinnen konnte, sich zu äußern.
+
+»Das ist unerhört, das ist unmöglich,« rief sie endlich aus, während ein
+kalter, stechender Ausdruck in ihre grauen Augen trat. »Sie wollen sich
+aus der Verlegenheit zurückziehen, in die Sie mich verwickelt haben.
+Aber ich entlasse Sie nicht. Und diese Krankheit haben Sie nur
+vorgeschützt, ich durchschaue es gleich. Es ist der erste Schritt, uns,
+mich ehrlos im Stiche zu lassen.«
+
+=Dr.= Bernburger wurde bleich, aber er blieb bei wachsender
+Entschlossenheit ruhig. »Ich fühle mich in der Tat krank,« sagte er,
+»und der Aufgabe nicht mehr gewachsen. Es ist um Ihretwillen, daß ich
+zurücktreten will.«
+
+»Ich danke für Ihr rücksichtsvolles Opfer,« sagte die Baronin spöttisch.
+»Aber ich nehme es nicht an. Ich vertraue Ihnen trotz Ihrer Krankheit.«
+
+Inzwischen hatte die aufgeregte und scharfe Stimme ihrer Mutter Mingos
+Aufmerksamkeit erregt, die sich im Nebenzimmer befand. Sie trat ein und
+betrachtete die Streitenden mit verwundert fragenden Blicken. Ohne daß
+er sich dessen bewußt wurde, flößte ihre Anwesenheit dem jungen
+Rechtsanwalt Mut ein.
+
+»Wenn ich Ihnen den Namen und die Art meiner Krankheit nenne, Frau
+Baronin,« sagte er, »werden Sie mich besser begreifen. Sie besteht
+darin, daß ich anderer Überzeugung geworden bin.«
+
+»So plötzlich?« fragte die Baronin. »Noch vor zwei oder drei Tagen
+sprachen Sie sich ganz anders aus.«
+
+»Es kommt vor, daß einem die Augen ganz plötzlich geöffnet werden,«
+sagte =Dr.= Bernburger.
+
+Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Mingo seine heiße, feuchte Hand
+ergriff, deren Berührung sie sonst vermieden hatte, und ausrief: »O,
+Herr Doktor, sagen Sie uns alles! Ich danke Ihnen, Mama freut sich
+ebenso wie ich, wenn Sie es auch nicht gleich zugibt! Wie gut von Ihnen,
+daß Sie Ihren Irrtum eingestehen!«
+
+Sie hielt seine Hand noch immer mit leidenschaftlichem Druck fest, und
+ihre Augen standen voll Tränen, während ihre Lippen zitterten. Auch in
+dem Gesicht der Baronin lösten sich die gespannten Mienen, obwohl sie
+Zurückhaltung und Überlegenheit zu bewahren suchte.
+
+»Seien Sie aufrichtig gegen mich, Herr Doktor,« sagte sie mit gemäßigter
+Strenge. »Das wenigstens darf ich von Ihnen verlangen. Beruht Ihre
+Sinnesänderung auf psychischen Eindrücken oder auf neuen Tatsachen, die
+Sie erfahren haben?«
+
+Erst jetzt forderte sie ihn durch eine Handbewegung auf, sich zu setzen,
+und da er einen Stuhl nehmen wollte, bot sie ihm mit lächelnder
+Anspielung auf seine Krankheit einen Sessel an. »Auch ein Glas Wein
+müssen Sie trinken,« fügte sie hinzu, indem sie Mingo durch einen Blick
+bedeutete zu klingeln. »Sie sehen wirklich angegriffen aus. Ich glaube,
+ich war vorhin zu hart gegen Sie, aber Sie haben es selbst durch Ihre
+Unaufrichtigkeit und vor allem durch Ihre Zweifel verschuldet. Ich
+glaube, wenn Sie die schlechte Meinung in Rechnung ziehen, die Sie von
+mir hatten, bin ich Ihnen nichts mehr schuldig.«
+
+Als =Dr.= Bernburger seine Erzählung beendet hatte, war Mingos
+blasses Gesicht von Tränen überströmt, die zu verbergen sie keinen
+Versuch machte; zu sprechen war sie nicht imstande. Ihrer Mutter war es
+nicht anzusehen, daß sie bewegt war.
+
+»Erklären Sie mir nun, Herr Doktor, in welcher Weise sich durch Ihren
+Fund die Lage verändert hat,« sagte sie. »Was werden die Folgen sein?«
+
+»Die Lage hat sich nur verändert, wenn Sie wollen,« sagte =Dr.=
+Bernburger. »Wenn Sie es verlangen, habe ich die Pflicht, meinen Fund zu
+verschweigen.«
+
+»Das kommt natürlich nicht in Frage,« rief die Baronin schnell aus. »Ich
+habe nie etwas anderes gewollt, als daß ein Verbrechen gesühnt würde.
+Was Herr Deruga getan hat, halte ich eher für eine großmütige Tat. Ich
+weiß aber nicht, wie die Justiz sich dazu stellt.«
+
+»Durch den Brief,« erklärte der Anwalt, »ist einwandfrei festgestellt,
+daß =Dr.= Deruga seine geschiedene Frau auf ihre Bitte getötet hat,
+und seine Tat fällt demnach unter eine Rubrik, die 'Tötung auf
+Verlangen' betitelt ist. Vermutlich wird er zu einigen Jahren Gefängnis
+verurteilt. Wird er aber auch freigesprochen, so haben Sie, Frau
+Baronin, mit einem Versuch, ihm die Erbschaft streitig zu machen, doch
+kaum noch Aussicht auf Erfolg.«
+
+Ein schnelles, tiefes Rot flog über das Gesicht der Baronin. »Davon ist
+nicht mehr die Rede,« sagte sie mit einer abwehrenden Handbewegung.
+»Jetzt begreife ich die Verfügung meiner verstorbenen Kusine vollkommen.
+Alles, was ich getan habe, ging aus vollkommener Verkennung der
+Verhältnisse hervor. Ihrem Eifer, lieber Herr Doktor, habe ich es zu
+verdanken, daß ich noch rechtzeitig meinen Irrtum einsehen konnte.« Sie
+reichte ihm die Hand, die er an seine Lippen führte.
+
+Mingo vermochte immer noch nicht zu sprechen. Erst als =Dr.=
+Bernburger fortgegangen war, rief sie, indem sie ihrer Mutter um den
+Hals fiel: »Was für ein guter Mensch, dieser unscheinbare Bernburger!
+Wie unrecht habe ich ihm getan! Und was für schöne traurige Augen hat er
+hinter der Brille!«
+
+Die Baronin küßte Mingo auf die Stirn und sagte: »Süßliche Augen, gut,
+daß die Brille davor ist.«
+
+
+
+
+=XVI.=
+
+
+=Dr.= Zeunemann eröffnete die nächste Sitzung durch eine
+überraschende Mitteilung: =Dr.= Bernburger, der von der Baronin
+Truschkowitz mit Nachforschungen über den Tod ihrer Kusine betraut
+gewesen sei, habe einige Tatsachen gesammelt, die geeignet wären, dem
+Prozeß eine andere Wendung zu geben. Nachdem er die Genehmigung der
+Baronin erhalten habe, bitte er dieselben dem Gericht vorlegen zu
+dürfen.
+
+Das unvorhergesehene Ereignis schreckte selbst Deruga aus seiner bisher
+beobachteten schläfrigen Haltung. Unwillkürlich spannten seine Muskeln
+sich wie zu einem Kampfe, als =Dr.= Bernburger vortrat, von dem er
+sich eines tückischen Angriffs aus dem Hinterhalt versah.
+
+»Meine Herren Richter und Geschworenen,« begann =Dr.= Bernburger,
+»ich habe einen wichtigen Fund gemacht, den ich Ihnen keine Stunde
+vorenthalten zu sollen glaube, da er den dunklen Fall, der Sie
+beschäftigt, mit einem Schlage ins klare Licht setzt. Meine Herren, ich
+ging von der Überzeugung aus, daß Deruga den Mord an Frau Swieter
+begangen haben müsse, weil er erstens der einzige war, der ein Interesse
+an ihrem Tode hatte, und zweitens der einzige, dessen Schicksal mit dem
+ihrigen eng und in tragischster Weise verflochten gewesen war; sodann,
+weil es mir schien, daß ohne den Willen der Frau Swieter oder ihres
+Dienstmädchens oder beider niemand ihre Wohnung hätte betreten können.
+Diese meine Ansicht wurde durch die Zeugenaussagen bestärkt und darin
+verändert, daß ich von Frau Swieters Dienstmädchen absah und sie allein
+für diejenige ansah, die den Mörder eingelassen hatte.
+
+Ich stellte mir den Vorgang so vor, daß entweder Frau Swieter ihren
+geschiedenen Gatten zu sich gerufen habe, um von ihm Abschied zu nehmen,
+oder aber, was ich für wahrscheinlicher hielt, daß er sie aufgesucht
+habe, um Geld von ihr zu erbitten; und daß irgendeine unvorhergesehene
+Wendung des Gesprächs ihn zum Mörder gemacht habe. In beiden Fällen ließ
+sich das durch die besonderen Beziehungen, die zwischen ihnen bestanden
+hatten, sowie durch Derugas unbezähmbares Temperament erklären. Ich nahm
+an, daß er sich angemeldet oder sich durch irgendein ihnen beiden aus
+früherer Zeit bekanntes Zeichen bemerkbar gemacht habe. Er brauchte ja
+nur unter ihrem Fenster ihren Namen zu rufen, eine Melodie zu singen
+oder zu pfeifen, um von ihr erkannt zu werden.
+
+Als die wackere Ursula von dem Slowaken erzählte, der um die Mittagszeit
+angeläutet hatte und nachher verschwunden war, stand es bei mir fest,
+daß dies Deruga gewesen sei. Ich stellte mir vor, daß er irgendwo im
+Hause, vermutlich im Keller, die Zeit erwartet hatte, wo Ursula ausging,
+dann von Frau Swieter eingelassen wurde und das Haus verließ, kurz bevor
+Ursula zurückzuerwarten war. Auf dem Wege zum Gartentor begegnete er dem
+Hausmeister, der ihn neugierig betrachtete und dadurch, oder nur durch
+seine Anwesenheit, das Bewußtsein des begangenen Frevels und die Gefahr
+der Entdeckung in ihm rege machte. Er wollte sich unbefangen stellen,
+und es fiel ihm nichts Besseres ein, als eine Zigarette aus der Tasche
+zu ziehen und zu fragen: 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?' Da er aber
+nicht in der Stimmung war, zu rauchen, und zu aufgeregt, um folgerichtig
+zu handeln, beging er eine Unvorsichtigkeit und warf die eben
+angezündete Zigarette in das Gebüsch am Gartentor.«
+
+Die Zuhörer folgten der Erzählung mit einer Spannung, als ob sie die
+angeführten Ereignisse zum ersten Male hörten. Die Aufmerksamkeit war
+zwischen =Dr.= Bernburger und Deruga geteilt, der nicht daran
+dachte, sein Gesicht wie sonst den Blicken zu entziehen, indem er es in
+der Hand verbarg.
+
+»Meine Überzeugung, daß der Slowak Deruga gewesen sein müsse,« fuhr
+=Dr.= Bernburger fort, »war so stark, daß ich sagen kann, ich wußte
+es. Ich verfolgte nun alle seine Schritte von dem Augenblick an, wo er
+am Bahnhof in Prag die Fahrkarte, wie ja festgestellt war, löste. Er
+trug damals einen gewöhnlichen Anzug, vermutlich einen Gehrock, denn
+wenn er im Kittel seine Wohnung verlassen hätte, wäre es aufgefallen und
+gemerkt worden; den Kittel hatte er im Paket bei sich. Die Frage war
+nun, wo er sich umgekleidet hatte. Geschah es im Eisenbahnzuge? Irgendwo
+in den Bahnhofsräumen? Oder etwa des Nachts im Freien? Er mußte einen
+solchen Ort wählen, wo er sich nicht nur umkleiden, sondern auch den
+gewöhnlichen Anzug zurücklassen, später wiederfinden und gegen den
+Kittel vertauschen konnte. Den Kittel hatte er entweder im Paket mit
+nach Hause genommen oder, wahrscheinlicher, unterwegs weggeworfen oder
+versteckt. War das letztere der Fall, so konnte er gefunden und an einen
+Trödler verkauft worden sein, und trotz der schwachen Aussicht auf
+Erfolg, die eine darauf gerichtete Nachforschung haben konnte, machte
+ich mir die Mühe, in einer großen Reihe derartiger Geschäfte
+nachzufragen.
+
+Ich erhielt keine irgendwie brauchbare Auskunft und hatte bereits die
+Hoffnung, auf diesem Wege eine Spur zu finden, aufgegeben, als sich eine
+alte Frau bei mir meldete, die zufällig in dem Laden eines Trödlers von
+meinem Wunsche Kunde erhalten hatte. Diese Frau, eine Wäscherin, war am
+Morgen des 3. Oktober bald nach fünf Uhr morgens durch die
+Bahnhofsanlagen gegangen und hatte von der Brücke herunter, die über den
+Kanal führt, etwas Dunkles im Wasser gesehen, das sie zuerst für etwas
+Lebendiges hielt. Als sie es näher untersuchte, ergab sich, daß es ein
+Anzug war, in der Art, wie Arbeiter ihn tragen, der sich an der Wurzel
+eines Baumes festgehängt hatte, und nachdem sie ihn ausgerungen hatte,
+nahm sie ihn als herrenloses Gut mit.«
+
+Bei diesen Worten trat =Dr.= Bernburger an den Tisch, legte das
+Paket, das er unter dem Arm gehalten hatte, auf den Tisch, wickelte es
+auf und breitete den Anzug auseinander, über den die Richter und der
+Rechtsanwalt, von ihren Sitzen aufstehend, sich beugten.
+
+»Der Anzug,« fuhr =Dr.= Bernburger fort, »würde nur eben eine Spur
+gewesen sein. Den Beweis, daß er dem Angeklagten gehörte, erbrachte mir
+ein Brief, den ich in einer zugeknöpften Seitentasche des Kittels fand.
+Er ist trotz der stellenweise verwischten Schrift vollkommen lesbar, und
+ich bitte um die Erlaubnis, ihn vorlesen zu dürfen.«
+
+Im Laufe seines Berichtes hatte sich die Erregung des Erzählers mehr und
+mehr verraten. Beim Lesen des Briefes überschlug sich seine Stimme
+mehrere Male, und als er ihn zum Schlusse auf den Tisch legte, zitterte
+seine Hand.
+
+»Donnerwetter!«
+
+Mit diesem Ausdruck des Erstaunens unterbrach Justizrat Fein zuerst die
+eingetretene Stille.
+
+=Dr.= Zeunemann hatte inzwischen den Brief ergriffen, hielt ihn
+dicht vor die Augen, prüfte sorgfältig die Schrift, den Poststempel und
+das Papier und fragte: »Wie mag er denn befördert worden sein?«
+
+»Darüber wird uns wohl Fräulein Schwertfeger Auskunft geben können,«
+sagte =Dr.= Bernburger.
+
+Nach einer neuen Pause wendete sich der Vorsitzende langsam zu Deruga
+mit der Frage, ob er etwas zu der Mitteilung des =Dr.= Bernburger
+zu bemerken habe.
+
+Deruga schüttelte stumm den Kopf, ohne aufzublicken.
+
+»Wir möchten gern eine Bestätigung von Ihnen hören,« begann =Dr.=
+Zeunemann von neuem, »daß die Darstellung des =Dr.= Bernburger
+zutreffend ist, oder eine Richtigstellung.«
+
+Bevor er jedoch den Satz vollendet hatte, unterbrach ihn der
+Staatsanwalt, mit seinen langen Armen gestikulierend und auf Deruga
+deutend. »Sehen Sie denn nicht, Herr Kollege,« sagte er, »daß der Mann
+krank geworden ist? Lassen Sie ihm doch jetzt Ruhe, das muß ja den
+stärksten Magen angreifen! Ein Glas Wasser! Schnell!« winkte er dem
+nächsten Gerichtsdiener, ihn mit drohenden Blicken zur Eile antreibend.
+
+Justizrat Fein hatte inzwischen seinen Arm um Derugas Schulter gelegt
+und auf ihn eingeredet. Dann wandte er sich gegen den Richtertisch und
+sagte: »Mein Klient fühlt sich nicht wohl und bittet um die Erlaubnis,
+sich zurückziehen zu dürfen. Er wird morgen alle wünschbaren Erklärungen
+geben.«
+
+Die beiden verließen zusammen den Saal, und als sie draußen waren, sagte
+der Justizrat: »Hören Sie, Doktor, ich komme mir zum erstenmal in meinem
+Leben wie ein gemeiner Kerl vor.«
+
+»Da seien Sie froh,« erwiderte Deruga mit seinem gewinnenden Lächeln.
+»In Ihrem Alter könnte es leicht das zehnte oder hundertste Mal sein.
+Übrigens hatten Sie ganz recht, die Menschen sind dumme, schwache Tiere.
+Warum hätten Sie mir glauben sollen?«
+
+Der Justizrat schüttelte den Kopf. »Ein alter Praktiker wie ich«, sagte
+er, »müßte unterscheiden können. Aber, daß ich Sie von Anfang an gern
+leiden mochte, Deruga, das haben Sie hoffentlich bemerkt.«
+
+»Ja, obwohl Sie mich nebenbei für einen Hundsfott hielten,« sagte
+Deruga.
+
+Der Justizrat musterte ihn mit liebevollen Blicken.
+
+»Sie sehen schlecht aus. Trinken wir eine Flasche Wein zusammen!«
+
+Deruga entschuldigte sich mit starken Kopfschmerzen.
+
+»Ich weiß nicht, was mich so mitgenommen hat,« sagte er. »Ich glaube, es
+war das Gefühl, wie dieser Herr mir Schritt für Schritt nachgeschlichen
+ist.«
+
+»Eigentlich,« sagte der Justizrat, sich besinnend, »habe ich der
+Kanaille unrecht getan. Er hat sich wie ein anständiger Mensch
+benommen.«
+
+»Schade, nicht?« sagte Deruga, worauf sie sich trennten.
+
+Im Gerichtsgebäude standen die am Prozeß beteiligten Juristen noch
+zusammen, um =Dr.= Bernburger geschart, den sie nach verschiedenen
+Einzelheiten ausfragten. Der Staatsanwalt schüttelte ihm zum dritten
+Male beide Hände und lobte seinen Eifer. Seine dünnen Haare waren
+zerzaust, und seine hellen Augen blinkten feucht unter den
+fuchsschwänzigen Augenbrauen.
+
+»Ich gelte für scharf,« sagte er, »und das bin ich auch und will es
+bleiben. Aber diesem Italiener gegenüber mag man gern einmal Mensch
+sein. Der ist durch und durch Mensch, ohne gemein zu sein, das gefällt
+mir an ihm.«
+
+»Sie sind durch und durch Staatsanwalt, ohne gemein zu sein,« sagte
+=Dr.= Zeunemann. »Das ist vielleicht noch schwerer.«
+
+»Was ist seltener, Schönheit im Kostüm oder Schönheit bei nacktem
+Leibe?« sagte der Staatsanwalt gedankenvoll. »Nun, ich will jedenfalls
+das Kostüm nicht ganz abreißen, sondern juristisch-menschlich sein,
+indem ich alle die von =Dr.= Bernburger beigebrachten Tatsachen
+ignoriere und, als wäre nichts geschehen, die Anklage auf Totschlag
+aufrechterhalte.«
+
+»Vorzüglich, vorzüglich,« sagte =Dr.= Bernburger. »Sonst hätte ich
+ihm am Ende einen schlechten Dienst geleistet.«
+
+»Auf die Art ginge Feins Plan durch,« sagte =Dr.= Zeunemann.
+»Etwas willkürlich finde ich es aber bei der Lage der Dinge.«
+
+»Wieso, mein Bester?« rief der Staatsanwalt lebhaft aus. »Wie ist denn
+die Lage der Dinge eigentlich? Allerdings, wir wissen jetzt, daß die
+gute Frau Swieter ihre Leiden durch den Tod abzukürzen wünschte, daß sie
+ihren geschiedenen Mann bat, ihr diesen Dienst zu leisten, und daß
+Deruga sie daraufhin tötete. Aber wissen wir denn, ob er es wirklich aus
+Mitleid getan hat? Ob er nicht eigennützige Nebenabsichten hatte? Wissen
+wir, ob er ihren Tod nicht längst herbeiwünschte? Ob er nicht über den
+Brief frohlockte, der ihm die gewünschte Handhabe bot? Dergleichen wäre
+nicht zum ersten Male vorgekommen. Vergegenwärtigen Sie sich nur die
+Geschwindigkeit, mit der er den heiklen Auftrag übernahm! Das Gift hatte
+er augenscheinlich schon bereit.«
+
+»Hören Sie auf,« unterbrach =Dr.= Zeunemann lachend. »Wenn das so
+weiter geht, erheben Sie die Anklage auf Mord.«
+
+»Juristisch wäre es vielleicht richtiger,« meinte der Staatsanwalt
+nachdenklich, »aber ich habe mir vorgenommen, menschlich zu urteilen,
+und außerdem liefe ich, glaub' ich, Gefahr, von den Mänaden zerrissen zu
+werden, wenn ich ihren Liebling angreife.«
+
+»Im anderen Falle werden sie Sie aus Dankbarkeit zerreißen,« sagte
+=Dr.= Zeunemann. »Ein Opfer der Frauen zu sein, ist nun einmal Ihr
+Los!«
+
+
+
+
+=XVII.=
+
+
+Nachmittags ließ sich die Baronin bei Deruga melden. Er erhob sich aus
+dem unbequemen Sofa, auf dem er gelegen und geschlafen hatte, und
+blinzelte verdrossen gegen das Licht. »Lieber Doktor,« sagte sie, indem
+sie ihm die Hand entgegenstreckte, »ich komme, mir Ihre Verzeihung zu
+holen. Dem reuigen Sünder vergibt selbst Gott. Sie werden nicht
+unerbittlicher sein.«
+
+»Ich maße mir nicht an, mit Gott vergleichbar zu sein,« sagte Deruga,
+»aber es kommt nichts darauf an, da ich Ihnen nichts zu verzeihen habe.
+Sie verfolgten ja nicht mich, sondern traten für das vermeintliche Recht
+ein.«
+
+»Sie weichen einer Versöhnung aus,« sagte die Baronin. »Ich verstehe Sie
+wohl; aber ich lasse mich nicht so leicht abweisen. Von einem Manne, der
+so lieben kann wie Sie, erträgt man wohl auch Haß und noch Schlimmeres.
+Welche Frau gäbe nicht alles hin, was sie hat, um einmal so geliebt zu
+werden, wie Sie geliebt haben!«
+
+»Wahrhaftig!« rief Deruga, »von Ihnen will das, glaub' ich, etwas
+sagen.«
+
+»Das klingt boshaft,« sagte die Baronin, »und doch kränkt es mich nicht,
+weil ich fühle, daß Sie es nicht böse meinen. Es ist wahr, ich wüßte
+nicht, wie ich ohne Geld und sogar ohne ziemlich viel Geld sollte leben
+können. Mein Gott, jeder hat seine Gewohnheiten. Aber habsüchtig bin ich
+nicht, am Gelde an und für sich liegt mir nichts. Und wissen Sie, warum
+ich so außer mir war, daß die Erbschaft mir entging? Ich war sehr
+erpicht auf das Geld gewesen, das leugne ich nicht, und Ihnen, nur Ihnen
+will ich sagen, warum. Ich habe mich in meiner Ehe unbeschreiblich
+gelangweilt.«
+
+»Ja, die Langeweile ist das größte Problem und die größte Gefahr des
+Lebens,« sagte Deruga. »Aber Ihr Mann scheint eine liebe, feine Person
+zu sein.«
+
+»Natürlich,« stimmte die Baronin zu, »man kann sich nichts Angenehmeres
+denken. Er ist wie reine Luft, man spürt ihn gar nicht, und ich bildete
+mir auch fast ein, ihn ein wenig zu lieben, als ich ihn heiratete. Aber
+ich habe mich in seiner Gesellschaft so gelangweilt, daß ich ihm
+wahrscheinlich untreu geworden wäre, wenn sich das mit meinen
+Grundsätzen vertragen hätte. Da es sich aber um den einzigen Grundsatz
+handelt, zu dem ich mich bekenne, habe ich daran festgehalten.«
+
+»Sie hatten doch eine Tochter,« wandte Deruga ein.
+
+»Sie fand es vermutlich bei uns ebenso langweilig wie ich,« sagte die
+Baronin, »denn seit sie herangewachsen war und mir eine Gesellschafterin
+hätte sein können, ergriff sie jede Gelegenheit, um von Hause fort zu
+sein. Inzwischen verkürzte ich mir die Zeit mit einem Zukunftsplane:
+dem, mich von meinem Manne freizumachen, sobald meine Tochter versorgt,
+das heißt, verheiratet wäre.«
+
+In Derugas Mienen malte sich aufrichtiges Erstaunen.
+
+»Sie denken wirklich daran, sich jetzt noch scheiden zu lassen?« sagte
+er.
+
+Ein reizendes Lächeln, das sie jung machte, glitt über das Gesicht der
+Baronin.
+
+»In meinem Alter, wollen Sie sagen? Solange ich den Wunsch habe, bin ich
+offenbar jung genug dazu,« entgegnete sie.
+
+»Und dann wollen Sie einen amüsanteren Mann heiraten?« fragte Deruga.
+
+»O, heiraten!« wiederholte sie. »Darauf kommt es mir nicht an, auch
+nicht auf förmliche Scheidung, nur darauf, frei zu sein und die
+Atmosphäre der Langenweile zu verlassen.«
+
+Deruga zuckte die Schultern. »Im Grunde herrscht auf der ganzen Erde
+dasselbe Klima,« sagte er.
+
+»Nein, nein,« rief sie lebhaft, »ich kann mir zum Beispiel nicht denken,
+wie man sich in Ihrer Gesellschaft je langweilen sollte!« Sie hatte so
+eine freie Art, die Dinge naiv wie ein Kind herauszusagen, daß selbst
+Deruga, der sich für einen Kenner der Frauen hielt, nicht unterscheiden
+konnte, ob die Blüte echt oder künstlich war.
+
+»Das hat auch seine Kehrseite,« antwortete er gutmütig. »Erinnern Sie
+sich nicht an den Vers, den mir die arme Marmotte in ein Buch schrieb:
+
+ 'Deruga, du bist eben
+ So schön als wunderlich;
+ Man kann nicht ohne dich
+ Und auch nicht mit dir leben.'«
+
+Die Baronin errötete ein wenig, vermochte aber noch mit leidlicher
+Unbefangenheit zu sagen: »Nun ja, das tägliche Sich-an-einander-Reiben,
+das die Ehe mit sich bringt, das würde ich freilich wohl nicht wieder
+auf mich nehmen, und ich halte es auch für verderblich und gemein. Aber
+nun,« setzte sie hinzu, indem sie aufstand, »geben Sie mir zum Abschied
+einen Versöhnungshändedruck!«
+
+»Gern, Baronin,« sagte er, indem er ihr die Hand reichte. »Ihre Strafe
+haben Sie ja ohnehin, indem das Geld Ihnen entgangen ist.«
+
+»Ja, das Geld,« sagte sie wehmütig, »das mir den Käfig öffnen sollte.
+Wir waren vorhin davon abgekommen: Einzig der Umstand, daß ich kein
+eigenes Vermögen habe und nicht wußte, wovon ich leben sollte, wenn ich
+meinen Mann verließe, stand vor der Erfüllung meines Wunsches. Das Erbe
+meiner armen, kranken Kusine sollte mir das neue Leben geben! Nun aber
+genug von mir! Erlauben Sie mir, Ihnen dies Zimmer, für die Zeit, wo Sie
+es noch bewohnen werden, ein wenig zu erheitern? Mit Blumen?«
+
+»Wenn es Ihnen Freude macht,« sagte er.
+
+Während sie zögernd auf der Schwelle stand, ruhten ihre Augen auf seiner
+wohlgeformten braunen Hand, die sie immer noch hielt, und dann ging sie
+mit einem Lächeln.
+
+Ihr war zumute, wie sie die etwas abgelegene, düstere Straße entlang
+ging, als habe sie sich noch nie, in ihrem ganzen Leben nie, in einer
+solchen das ganze Leben durchglühenden Aufregung befunden. Es war eine
+prickelnde, zugleich ängstigende und wohltuende Empfindung, in der sich,
+so schien es ihr, alle ihre Kräfte steigerten und veredelten. Freilich,
+noch ein wenig mehr, so könnte es unbehaglich werden, ja, schon jetzt
+lief ein leises Angstgefühl mit unter, das jedoch die Wonne des
+allgemeinen Aufruhrs noch übertönte.
+
+Die Baronin beschloß, einen Spaziergang zu machen. Es war noch nicht
+spät, die Lichter auf den Straßen und in den Schaufenstern wurden
+allmählich entzündet und loderten wie feuergelbe Tupfen in das
+Durcheinander der dämmerblassen Farben. Langsam und lächelnd ging sie
+ziellos weiter. Wie reizend war es, sich so jung zu fühlen und wie ein
+verliebtes Mädchen verbotene Wege zu gehen! Ja, es war fast, als ginge
+sie zu einem Stelldichein. Als sie an einem Blumengeschäft vorbeikam,
+das das Aussehen eines pompösen Urwaldes hatte, fiel es ihr ein, etwas
+für Derugas Zimmer auszusuchen. Sie wählte lange und fragte kaum nach
+den Preisen, die sie sonst, besonders wenn es sich um Geschenke
+handelte, durchaus nicht unberücksichtigt ließ. Zufällig erblickte sie
+in einem Spiegel ihre Gestalt: schlank, tadellos, voll natürlicher
+Eleganz. Ein frohes Gefühl von Glück und Stolz durchzuckte sie. War sie
+auch keine frische, im Morgentau glitzernde Blume, so ersetzte den
+fehlenden Schmelz und das Farbenprangen die sichtbar gewordene Form und
+ein Parfüm, das erst die Dämmerung entwickelt. Sie fühlte, daß sie noch
+anziehen, noch bezaubern konnte; und hätte sie selbst nicht lieben
+können sollen? Sie hatte ja noch nie geliebt.
+
+Sie kämpfte mit sich, ob sie am folgenden Morgen zur Sitzung gehen
+sollte, denn es war ihr, als könne es Deruga mißfallen, und als liege
+überhaupt etwas Geschmackloses und Gefühlswidriges darin, wenn sie sich
+jetzt auf dem Platze zeigte, den sie früher aus Neugier und dem
+ungeduldigen Wunsche eingenommen hatte, ihre Sache triumphieren zu
+sehen. Doch war es ihr unmöglich, dem Drange zu widerstehen, der sie in
+Derugas Nähe trieb, sei es auch nur, um sich Gewißheit über sein
+Befinden zu verschaffen.
+
+»Hat man unrecht gehabt,« sagte sie beim Frühstück zu ihrem Mann und
+ihrer Tochter, »so muß man es dadurch wieder gutmachen, daß man es
+eingesteht. Ich möchte nicht nach Paris reisen, ehe ich weiß, was aus
+Deruga wird, und was wir etwa für ihn tun können.«
+
+Der Baron war derselben Meinung, und Mingo errötete vor Freude.
+
+»Liebe Mama,« sagte sie, »ich bin froh, daß du doch ein guter Mensch
+bist.«
+
+»Aber Mingo,« sagte die Baronin verweisend, indem sie sich doch nicht
+enthalten konnte, zu lachen.
+
+»Darf ich mitgehen, Mama?« bat sie, die aufgesprungen war und ihre
+Mutter umarmt hatte. »Du weißt, wie ich darunter gelitten habe, nun
+möchte ich auch dabei sein, nachdem es sich so schön gewendet hat. Er
+wird doch sicher freigesprochen?«
+
+»Daran ist wohl nicht zu zweifeln,« sagte der Baron, indes die Baronin
+sich von Mingos Umarmung freimachte und ein peinliches Gefühl von
+Eifersucht, das plötzlich in ihr aufstieg, zu unterdrücken suchte. Ihr
+Blick glitt schnell prüfend über Mingo hin, deren Dasein sie plötzlich
+als Einengung und Hemmung empfand. Aber sie wollte ja studieren, sagte
+sie sich, und das war ja ein gutes, richtiges Gefühl von ihr, daß sie
+noch an sich arbeiten und sich entwickeln wollte. Die Berührung der
+frischen Lippen war doch unsäglich lieblich. Die Baronin legte ihre Hand
+liebkosend unter das noch kinderrunde Gesicht ihrer Tochter und sagte:
+
+»Ich werde Deruga gelegentlich erzählen, daß du von Anfang an sein
+tapferer, kleiner Ritter gewesen bist.«
+
+Mingo leuchtete vor Stolz. »Und ich stecke mein Schwert nicht ein, bis
+er frei ist,« sagte sie.
+
+
+
+
+=XVIII.=
+
+
+Die Ungeduld des auf die Aussage Derugas gespannten Publikums wurde
+nicht sofort befriedigt, da als erste Zeugin Fräulein Gundel
+Schwertfeger vernommen wurde. Der Vorsitzende legte ihr den Brief der
+verstorbenen Frau Swieter an Deruga vor und fragte sie, ob er ihr
+bekannt sei.
+
+»Ja,« sagte Fräulein Schwertfeger, kaum einen flüchtigen Blick darauf
+werfend, »es ist derselbe, den ich einige Tage vor Mingos Tode zur Post
+gegeben habe.«
+
+=Dr.= Zeunemann räusperte sich ein wenig und sah vor sich auf den
+Tisch. »Sie haben uns das im Beginn des Prozesses verschwiegen,« sagte
+er.
+
+»Nein, ich habe gelogen,« sagte Fräulein Schwertfeger mit trotziger
+Tapferkeit, während ihre großen, grauen Augen sich verdunkelten. »Es war
+das erstemal in meinem Leben, und ich mußte es tun, weil ich sonst
+meiner verstorbenen Freundin das Wort gebrochen hätte. Dazu konnte ich
+mich nicht entschließen, gerade weil sie tot ist.«
+
+»Wollen Sie uns jetzt vielleicht,« sagte =Dr.= Zeunemann sanft,
+»kurz erzählen, was sich wegen des Briefes zwischen Ihnen begab?«
+
+»Meine Freundin fragte mich, ob ich ihr etwas zuliebe tun wolle. Ich
+sagte, ich würde alles tun, was in meinen Kräften stände, die leider
+gering wären. Sie küßte mich und sagte, es wäre nicht viel an sich, aber
+für mich bedeutete es vielleicht viel: ich sollte nämlich einen Brief an
+Deruga besorgen, ohne daß es jetzt oder später jemand erführe. Ich
+versprach zu tun, was sie wünschte, und fragte, ob sie mir sagen könnte,
+was sie ihm schriebe, und warum es niemand erfahren dürfte. Sie sagte,
+sie habe das Bedürfnis, ihm für den Fall, daß sie nicht lange mehr leben
+sollte, Lebewohl zu sagen, und daß sie das heimlich halten wolle,
+entspringe nur der vielleicht törichten Furcht, man würde sie nicht
+verstehen und lächerlich finden.«
+
+»Haben Sie sich damals,« fragte der Vorsitzende, »gar keine Gedanken
+gemacht, ob es sich wirklich so verhalte?«
+
+»Damals dachte ich,« sagte Fräulein Schwertfeger, »sie habe ihm
+vielleicht geschrieben, sie wünsche ihn noch einmal zu sehen, bevor sie
+stürbe, und habe sich gescheut, mir das zu sagen. Als dann die Anklage
+gegen Deruga erhoben wurde, sah ich ein, wie gefährlich der Brief für
+ihn werden könne, sei es, daß sie ihn gebeten hatte zu kommen, oder daß
+sie ihn von dem Inhalt des Testamentes in Kenntnis gesetzt hatte; und
+ich nahm mir vor, lieber zu lügen, als ihn ins Unglück zu bringen, da
+ich wußte, welchen Schmerz das meiner Freundin bereitet hätte.«
+
+»Steht vielleicht damit im Zusammenhang,« sagte =Dr.= Zeunemann,
+»daß Sie das Vermächtnis Ihrer Freundin ausschlugen und später sogar die
+Ihnen vermachten Wertsachen verschenkten?«
+
+Fräulein Schwertfeger wurde dunkelrot.
+
+»Es schien mir allerdings nun so auszusehen,« sagte sie, »als wolle
+meine Freundin mich für mein Stillschweigen belohnen. Später vollends,
+als der Verdacht gegen Deruga aufkam, den ich teilte, wäre ich mir
+selbst vorgekommen wie eine Bestochene und wie eine Helfershelferin bei
+der abscheulichen Tat, wenn ich das Geringste von den Kostbarkeiten
+meiner Freundin behalten hätte.«
+
+»Es ist Ihnen also niemals,« fragte der Vorsitzende, »die Möglichkeit
+des Zusammenhangs aufgetaucht, so wie sie sich jetzt dargestellt hat?
+Ihre Freundin hat Ihnen doch selbst einmal gesagt, wie Sie gelegentlich
+erwähnten, daß sie demjenigen dankbar sein würde, der ihrem Leiden ein
+Ende bereitete, indem er sie tötete?«
+
+»Ich hielt das nur für eine augenblickliche Regung,« sagte Fräulein
+Schwertfeger. »Jetzt erst habe ich eingesehen, wie sehr sich meine
+Freundin im allgemeinen beherrschte, wenn ich bei ihr war. Dazu kommt,
+daß ich Deruga nichts Gutes, aber wohl Schlechtes zutraute. Ich habe ihm
+sehr unrecht getan.«
+
+»Aber das bedachten Sie nie,« sagte =Dr.= Zeunemann mit mildem
+Vorwurf, »daß der Gerechtigkeit dadurch Abbruch geschähe, wenn Deruga
+seine geschiedene Frau gemordet hätte und unbestraft bliebe?«
+
+»Ich dachte,« sagte Fräulein Schwertfeger trotzig, »ich wollte tun, was
+mein Gewissen mich hieße, und das übrige Gott überlassen.«
+
+»Als Mensch,« sagte =Dr.= Zeunemann nach einer Pause, »kann ich
+Ihre Handlungsweise nicht tadeln, obwohl sie nicht als Muster für andere
+Fälle gelten dürfte.«
+
+Nachdem Fräulein Schwertfeger entlassen war, kam Derugas Vernehmung. Um
+von den Geschworenen besser verstanden zu werden, wurde er aufgefordert,
+die Anklagebank zu verlassen und sich auf den für die Zeugen bestimmten
+Platz zu begeben.
+
+Er sah blaß, gleichgültig, verdrossen und verschlossen aus, fast als
+habe er es auf eine abstoßende Wirkung abgesehen und empfinde Genugtuung
+darüber.
+
+»Sie haben zugestanden,« begann der Vorsitzende ernst, »Ihre geschiedene
+Gattin getötet zu haben, was Sie bis jetzt leugneten. Sie reisten zu
+diesem Zwecke und mit dahinzielender Absicht von Prag ab?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte Deruga unmutig, »warum Sie mich noch einmal mit
+Fragen behelligen. Sie wissen, daß meine Frau sich sehnte, von
+unerträglichen Leiden befreit zu werden, und daß sie sich an mich
+wendete, weil sie das Zutrauen zu mir hatte. Ich fühlte menschlich
+genug, um ihre Bitte zu erhören. Die Ärzte im allgemeinen haben den Mut
+zu einer so vernünftigen Tat nicht. Ich reiste sofort hin und tat es.
+Das sollte genügen.«
+
+»Es kommt uns nicht nur darauf an, die Tat zu wissen,« sagte =Dr.=
+Zeunemann, »sondern auch die Absichten kennenzulernen, die den Täter
+leiteten.«
+
+»Was wollen Sie damit sagen?« fuhr Deruga heftig auf. »Was für Absichten
+könnte ich gehabt haben, außer der armen Person zu helfen? Daß ich von
+der Erbschaft nichts wußte, geht aus ihrem Briefe hervor.«
+
+»Aus dem Brief geht allerdings hervor,« sagte der Vorsitzende mit
+gelassener Würde, »daß Sie mit Ihrer geschiedenen Frau seit Ihrer
+Scheidung in keiner Verbindung standen, daß Sie also damals von der
+Erbschaft nichts wußten.«
+
+»Damals!« rief Deruga. »Wollen Sie damit sagen, daß ich hingereist wäre,
+um meiner Frau anzubieten, ich wolle ihr den Gefallen tun, wenn sie mir
+soundso viel Geld dafür gäbe? Und um den Preis ihres Vermögens hätte ich
+mich kaufen lassen? Ich weiß nicht, nach was für einem Maßstab Sie die
+Menschen beurteilen. Ekelhafte Welt, wo Menschen richten, die nur
+gemeine Triebe zu kennen scheinen!«
+
+»Ich muß Sie bitten,« sagte der Vorsitzende, »Ihre Ausdrücke zu mäßigen.
+Die gefallenen Worte lasse ich deshalb hingehen, weil ich eine
+krankhafte Erregung bei Ihnen voraussetze. Nachdem ich Sie aber gewarnt
+habe, würde ich mich im Wiederholungsfalle zu ernsten Maßregeln
+gezwungen sehen.«
+
+Inzwischen war Justizrat Fein aufgestanden und bat, ein paar Worte mit
+seinem Klienten reden zu dürfen.
+
+»Aber, liebster Doktor,« sagte er halblaut, indem er ihn am Rock faßte,
+»was für Geschichten machen Sie? Es hängt jetzt alles davon ab, daß Sie
+einen guten Eindruck machen. Nachher ist alles vorüber. Nehmen Sie sich
+doch zusammen, tun Sie es mir zuliebe! Bilden Sie sich ein, Sie
+erzählten die ganze Begebenheit mir! Der arme Teufel tut am Ende nur
+seine Pflicht, wenn er alle Möglichkeiten ins Auge faßt. Sie könnten ja
+auch ein Schweinehund sein, wie es viele gibt.«
+
+»Ich weiß nicht, warum sich mein Blut empört,« entgegnete Deruga, »wenn
+ich diesen Areopag von Stallhammeln sehe, die über hungrige Wölfe zu
+Gericht sitzen. Wäre ich doch ein Raubmörder oder Brandstifter! Hier
+schäme ich mich, ein anständiger Mensch zu sein.«
+
+»Das sind Sie ja gar nicht,« sagte der Justizrat beruhigend, »das heißt,
+nicht in dem Sinne, wie Sie es eben meinten. Und haben Sie denn gar kein
+Gefühl für das wackere alte Jüngferchen auf der Zeugenbank? Erzählen Sie
+der die Geschichte! Denken Sie, wie froh sie sein wird, wenn sie Sie
+für keinen Bösewicht mehr zu halten braucht.«
+
+»Dumme, eigensinnige Gans,« brummte Deruga, aber sein Blick war
+freundlicher geworden, und er erklärte sich bereit, die Fragen, die man
+an ihn richten würde, zu beantworten.
+
+»Als Sie den Brief Ihrer geschiedenen Frau erhielten,« begann =Dr.=
+Zeunemann von neuem, »faßten Sie da sofort den Beschluß, ihren Wunsch zu
+erfüllen?«
+
+»Als ich ihre Handschrift sah,« sagte Deruga in ruhig erzählendem Tone,
+»die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, und die ganz unverändert
+war, so daß ich sie sofort erkannte, da erfaßte mich sofort das Gefühl
+von Unruhe, Wut und Haß, das mich immer überkommen hatte, wenn ich
+zufällig einmal an sie erinnert wurde, was aber in den letzten Jahren
+nur sehr selten geschehen war. Was kann sie von mir wollen? dachte ich.
+Will sie mir sagen, es tue ihr leid, daß sie mein Leben zerstört habe?
+Bildet sie sich ein, es bestehe noch irgendein Band zwischen uns? Bildet
+sie sich ein, ich könne je vergessen, was ich durch sie gelitten habe?
+So ungefähr. Als ich den Brief gelesen hatte, war das alles
+verschwunden, und ich empfand nur Mitleid und Liebe. Ich empfand, was
+ich noch nie zuvor empfunden hatte: reine, große, ungetrübte Liebe für
+das leidende Geschöpf, das ich soviel gequält hatte, eine Liebe, die nur
+in dem Wunsche bestand, sie zu trösten und ihr zu helfen. Ich erinnerte
+mich an ihre Angst vor Schmerzen, und wie oft sie mich gefragt hatte, ob
+ich sie lieb genug haben würde, sie zu töten, wenn sie einmal von einer
+sehr schmerzhaften Krankheit befallen werden sollte, wie dankbar sie mir
+war, wenn ich es versprach, und wie dann ihre Sicherheit und
+Überlegenheit verschwand und sie wie ein Kind sich an mich schmiegte. Es
+war alles ausgelöscht, was mich einst an Eifersucht, Empfindlichkeit und
+Rachsucht gegen sie verbittert hatte, vor dem einen Gefühl, daß sie mich
+nicht vergeblich angerufen haben sollte, und daß ich sie von ihren
+Leiden befreien wollte, wenn ich sie nicht etwa heilen könnte.«
+
+Die Pause, die Deruga machte, benützte der Staatsanwalt, um durch
+weitausholende Gestikulationen und im Flüsterton gezischte Anweisungen
+einen Diener zu beauftragen, daß er dem Angeklagten, der angegriffen zu
+sein scheine, einen Sessel brächte.
+
+Nachdem er sich bedankt hatte, fuhr Deruga fort:
+
+»Meine Regung war, sofort abzureisen, aber ich überlegte mir, was für
+höchst bedenkliche Folgen die Tat für mich haben könnte, und ich
+beschloß, dieselben, wenn möglich, abzuwenden. Die Art und Weise
+betreffend, wie ich Mingo töten wollte, beschloß ich, es durch Curare zu
+tun, wovon ich zufällig eine genügende Dosis besaß. Chloroform, das in
+gewisser Beziehung vorzuziehen gewesen wäre, schloß ich deshalb aus,
+weil der Geruch es sofort verraten hätte. Allerdings hätte man gerade
+dabei am ersten auf Selbstmord geschlossen, außer wenn sich feststellen
+ließ, daß kein Chloroform im Hause gewesen war; sicherer erschien es
+mir, auf alle Fälle ein Gift zu wählen, das im Augenblick keine Spur
+hinterließ, damit der Verdacht eines gewaltsamen Endes überhaupt nicht
+aufkam.
+
+Da meine Frau nicht geschrieben hatte, wie ich zu ihr gelangen könnte,
+dachte ich, zuerst deswegen bei ihr anzufragen, unterließ es jedoch,
+weil ich mir sagte, der Brief würde vielleicht einer Dienerin oder
+Pflegerin in die Hände fallen, die voraussichtlich nicht in das
+Geheimnis gezogen werden durfte. Nachdem ich vielerlei geplant und
+verworfen hatte, entschloß ich mich, als Vagabund oder Hausierer
+verkleidet in ihrer Wohnung vorzusprechen und die Gelegenheit
+auszukundschaften; ich traute mir zu, daß ich auf diese Art irgendeinen
+Weg ausfindig machen würde, und rechnete auf die glücklichen Einfälle,
+die dem Unternehmenden gewöhnlich zu Hilfe kommen. Darauf brachte mich
+auch der Umstand, daß ich vor Jahren einmal auf einem Maskenballe als
+Mausefallenverkäufer aufgetreten und nicht nur von niemandem erkannt,
+sondern von verschiedenen sogar für einen echten, zum Spaß
+eingeschmuggelten Slowaken gehalten worden war. Ich wickelte den Anzug,
+den ich aufgehoben hatte, in ein Papier ein und nahm ihn als einziges
+Gepäck mit, um mich entweder in der Eisenbahn oder im Bahnhof
+umzukleiden.
+
+Unterwegs überlegte ich mir, daß der Kleiderwechsel im Zuge bemerkt
+werden und Verdacht erregen könnte, wodurch ich vielleicht aufgehalten
+würde, und im Bahnhof fand ich keine Gelegenheit. Da es noch sehr früh,
+etwa halb sechs Uhr war, nahm ich an, daß ich in den Bahnhofsanlagen
+vollkommen unbeobachtet sein würde. In der Tat war es rings öde und
+still, und als ich die halbrunde, steinerne Bank sah, die uns Herr
+=Dr.= Bernburger beschrieben hat, schien mir das der geeignete Ort
+zu sein, wo ich mich umkleiden und meinen bürgerlichen Anzug, den ich ja
+zur Heimreise brauchte, verbergen könnte. Nachdem ich den
+Vagabundenkittel angezogen hatte, wickelte ich den anderen Anzug ein und
+verbarg ihn unter der Bank. Zum Überfluß häufte ich noch welkes Laub
+darüber, das überall verstreut war.
+
+Zunächst ging ich in ein kleines Café in der äußeren Stadt und
+frühstückte, weniger um mich zu erfrischen, als um den Eindruck zu
+prüfen, den ich machte, und ich stellte fest, daß ich durchaus für das
+genommen wurde, was ich vorstellen wollte. Bis zum Mittag trieb ich mich
+herum, dann begab ich mich in die Gartenstraße. Ich war durchaus nicht
+aufgeregt, außer daß ich mich sehnte, die Marmotte wiederzusehen. An den
+Zweck, der mich hergeführt hatte, dachte ich kaum noch, nur daran,
+wieviel wir uns zu erzählen haben würden.
+
+Als Ursula mir die Tür öffnete, wurde es mir schwer, mich nicht zu
+verraten, denn ich freute mich, sie wiederzusehen; ich hätte sie gern
+begrüßt und gefragt, ob sie mich denn nicht erkennte. Als Mingo läutete
+und Ursula im Weglaufen die Tür zuschlug, steckte ich rasch einen der
+hölzernen Löffel, die ich als Verkaufsgegenstände bei mir hatte,
+dazwischen. Es war eine Eingebung des Augenblicks, der ich vielleicht
+nicht gefolgt wäre, wenn ich Zeit zur Überlegung gehabt hätte, denn das
+Wagnis konnte leicht mißglücken. Immerhin traute ich mir zu, mich mit
+Ursula, wenn sie mir auf die Spur käme, auf irgendeine Weise zu
+verständigen. Ich stellte den Teller Suppe, den Ursula mir gebracht
+hatte, auf die Treppe und ging aufs Geratewohl in die nächste Zimmertür;
+sie führte in das Fremdenzimmer, das unbenutzt war. Von dort aus hörte
+ich, wie Ursula wiederkam, die Wohnungstür öffnete und brummte, als sie
+draußen den vollen Teller fand. Nachdem sie in der Küche verschwunden
+war, ging ich vorsichtig weiter und erblickte durch die offenstehende
+Tür des Nebenzimmers Mingos Bett. Ich sagte leise: 'Marmotte, da ist
+Dodo!' und sie antwortete ebenso: 'Dodo! Warte, bis Ursula fort ist.'
+
+Während ich allein in dem Fremdenzimmer saß und wartete, habe ich die
+Seligkeit des Himmels genossen. Mehrere Stunden lang fühlte ich die mit
+nichts auf Erden vergleichbare Wonne, die vielleicht gemarterte Heilige
+empfunden haben, wenn der Schmerz aufhörte und Engel mit der Krone des
+ewigen Lebens sich aus den Wolken auf sie niederließen. Mein Herz war
+ganz und gar voll von der göttlichen Liebe, die nichts will als das
+Glück des Geliebten. Ich hatte sie nun wiedergesehen, die Frau, deren
+bloßer Name früher einen Ausbruch von Leidenschaften, Liebe, Haß,
+Rachsucht in mir entfesselt hatte. Was ist noch an uns von dem Kinde,
+das wir vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren einmal waren? Unser ganzer
+Körper hat sich seitdem erneuert, wir haben vielleicht keinen Gedanken
+und keine Empfindung mehr von denen, die wir damals hatten, und doch,
+daß wir es sind, ist das Sicherste, was wir wissen. Ach, von der
+Marmotte, die ich einmal mein genannt hatte, war nichts mehr da, und
+doch hatte ich in dem einzigen Augenblick in ihrem von den Jahren und
+der Krankheit zerstörten Gesicht dasselbe Gesicht gesehen, das ihr als
+Kind schon eigen gewesen sein mochte: aus Unschuld, Liebe und Güte
+zusammengezaubert. Es war nur als eine geistige Erscheinung da, und ich
+weiß nicht, mit was für Augen ich es gesehen habe. Das Körperliche war
+das einer alternden, todkranken Frau, einer Pflanze ähnlich, die, vom
+Nachtfrost überrascht, mumienhaft im Sonnenschein steht. Es war nichts
+mehr an meiner armen Marmotte, was die Leidenschaft irgendeines Mannes
+hätte erregen können, aber sie war mir so teuer, so kostbar und heilig,
+daß ich nicht gezögert hätte, mein Leben hinzugeben, wenn ich ihr Glück
+damit hätte erkaufen können. Armes, ohnmächtiges Geschöpf, dachte ich,
+du sollst nicht mehr leiden! Was es mich auch kosten mag, wie hart die
+Folgen für mich sein mögen, ich will dir Frieden bringen. Und wenn alle
+deine Qualen auf mich übergingen, so wollte ich sie annehmen und mich
+freuen, daß du statt dessen ruhen könntest.
+
+Vorher hatte ich gedacht, ich müsse mir erst Gewißheit über den
+Charakter und Grad ihrer Krankheit verschaffen, aber ihr Anblick zeigte
+mir überflüssig, wie fortgeschritten sie war. Sowie ich Ursula die Tür
+hinter sich schließen und die Treppe hinuntergehen hörte, erhob ich
+mich, und gleichzeitig rief mich auch die Marmotte. Ich setzte mich auf
+den Rand ihres Bettes und sagte, wie ich mich gefreut hätte, daß Ursula
+noch bei ihr wäre, und wie ich kaum hätte unterlassen können, sie
+auszulachen, weil sie mich nicht erkannt hätte. 'Ich hätte dich gleich
+erkannt,' sagte sie, und dann schwatzten wir von der Vergangenheit und
+tauschten kleine Erinnerungen aus. Auch von ihrer Krankheit, ihren
+Operationen, und wie sie behandelt wurde, erzählte sie mir auf mein
+Befragen. Ihre Stimme war unverändert, nur fast süßer als früher. Sie
+klang so, wie man wohl des Abends im Gebirge ein entferntes Alphorn
+hört, in dem die rosigen, grünen und grauen Farben des dämmernden
+Horizontes mitzutönen scheinen. Während wir sprachen, hielt sie eine
+meiner Hände fest zwischen den ihren, und einmal küßte sie sie und
+sagte: 'Du liebe, gute, schöne Hand, ich habe oft an dich gedacht, und
+daß du mich erlösen würdest!'
+
+Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, da sah ich in ihrem Gesicht,
+daß ein Anfall von Schmerzen im Anzuge war, Und ich dachte, nun sei der
+Augenblick gekommen. Ich hätte etwas mitgebracht, um ihr die Schmerzen
+zu vertreiben, sagte ich, und wolle es jetzt in der Küche
+zurechtmachen, damit wir ungestört weiterplaudern könnten. 'Wird es weh
+tun?' fragte sie, indem sie mich ängstlich ansah, und ihre Mundwinkel
+zitterten. Arme, kleine, furchtsame Marmotte! Trotzdem sie den Tod
+herbeiwünschte, fürchtete sie sich vor ihm. Ich lachte und sagte: 'Was
+denkst du, so schnell geht es nicht. Erst will ich dich ein wenig
+beobachten, denn vielleicht kannst du durch verständige Behandlung noch
+einmal gesund gemacht werden.' Mit den Worten ging ich in die Küche,
+suchte mir ein Glas und mischte das Gift so mit Limonade und Zucker, daß
+man seine Bitterkeit nicht schmeckte. Als ich zurückkam, hatte sie
+starke Schmerzen, und während ich sie aufrichtete, um sie trinken zu
+lassen, erzählte sie mir, daß sie in der letzten Nacht von unserm Mingo
+geträumt hatte. 'Wie sehne ich mich danach, sie wiederzusehen,' sagte
+sie, 'und später, wenn du auch kommst, stehen wir Hand in Hand und
+warten auf dich.' Ich nickte, stützte sie mit meinem Arm und setzte das
+Glas an die Lippen. Sie sah mich dankbar an und trank begierig.
+
+Ich wartete, bis sie gestorben war, dann legte ich sie nieder, küßte
+sie auf die Stirn und sagte: 'Adieu, liebe, süße Marmotte.' Dann stellte
+ich in den beiden Zimmern alles so, wie es vorher gewesen war, ging in
+die Küche, reinigte das Glas, vertilgte überhaupt jede Spur meiner
+Anwesenheit und ging fort. Im Hause begegnete mir niemand, aber auf dem
+gepflasterten Wege, der zum Gartentor führte, sah ich den Hausmeister
+stehen. Bis dahin war ich vollkommen ruhig gewesen oder hatte geglaubt,
+es zu sein. Aber als ich den Hausmeister sah, kam es mir vor, als müsse
+ich ihm auffallen und müsse irgend etwas tun, um unbefangen zu
+erscheinen. Unwillkürlich faßte ich in die Tasche und zog eine Zigarette
+heraus, stellte mich vor ihn hin und sagte: 'Haben Sie Feuer, Euer
+Gnaden?' Als ich einen Zug getan hatte, ekelte es mich, und ich warf die
+Zigarette ins Gebüsch, ohne in dem Augenblick daran zu denken, daß das
+auffallen könnte.
+
+Der nächste Zug nach Prag ging in der Frühe, und es war erst halb sechs
+Uhr nachmittags. Ich schlenderte wieder in die äußeren Stadtteile und
+setzte mich dort in ein Café. Als es Nacht wurde, begab ich mich in die
+Bahnhofsanlagen. Es schien mir noch zu früh zu sein, um mich
+umzukleiden. Da ich jedoch nicht mehr gehen mochte, setzte ich mich auf
+die steinerne Bank, unter der ich meinen Anzug verborgen hatte, um die
+Dunkelheit zu erwarten. Die himmlischen Gefühle, die mich bei Marmotte
+gehoben hatten, waren verschwunden, ich war schrecklich ernüchtert, und
+mich fror. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu mir genommen als etwas
+schwarzen Kaffee, und ich war so schwach und abgespannt, daß ich kaum
+wußte, wozu ich eigentlich dasaß. Ich kam mir abgeschmackt und
+lächerlich vor.
+
+Gegen Mitternacht erhob sich ein starker Wind, der mich bis in die
+Knochen schaudern machte und die trübe Erstarrung, in die ich versunken
+war, durchbrach. Da weit und breit Totenstille herrschte, stand ich auf,
+zog das Paket unter den welken Blättern hervor, mit denen ich es bedeckt
+hatte, und kleidete mich um. Den Arbeitskittel wollte ich nicht
+mitnehmen und dachte erst daran, ihn wieder unter die Bank zu legen. Da
+fiel mir plötzlich ein, daß ich ihn, um ihn aus der Welt zu schaffen,
+noch besser in den Kanal werfen könnte.
+
+Ich stand schon auf der Brücke, als ich an mein Geld dachte, das noch in
+dem Kittel war. Auf dem Wege zum Bahnhof malte ich mir aus, wie
+verhängnisvoll es für mich hätte werden können, wenn ich ohne Geld
+geblieben wäre, und dabei fiel mir endlich ein, daß ich auch Mingos
+Brief bei mir gehabt hatte für den Fall, daß ich ihre Wohnung vergäße.
+Es tat mir leid, den Brief verloren zu haben, aber ich war zu müde und
+zu gleichgültig, um umzukehren und einen Versuch zu machen, ob ich das
+Paket noch aus dem Wasser fischen könnte, was ohnehin unwahrscheinlich
+war. Auch graute mir, obwohl ich solchen Stimmungen sonst nicht
+unterworfen bin, vor der verlassenen Stelle, und es war mir zumute, als
+würde ich mich selbst auf der weißen Bank vor dem schwarzen Wasser
+sitzen sehen, wenn ich zurückkehrte. Im Eisenbahnwagen schlief ich
+sofort ein und schlief fest, bis ich zu Hause ankam. Ich hatte den
+Eindruck, daß niemand mich kommen sah und niemandem meine Abwesenheit
+aufgefallen war.«
+
+»Warum haben Sie den Sachverhalt nicht sofort der Wahrheit gemäß
+dargestellt?« fragte der Vorsitzende, der während der langen Erzählung
+mit seinem Bleistift gespielt hatte und in den Anblick desselben
+versunken schien. »Das hätte Ihnen von vornherein eine andere Stellung
+gesichert.«
+
+»Ja, wenn man mir geglaubt hätte!« sagte Deruga. »Den einzigen Beweis,
+den ich beibringen konnte, den Brief meiner Frau, hatte ich verloren,
+und ich dachte nicht an die Möglichkeit, ihn wiederzufinden. Freilich
+war ich überzeugt, selbst wenn sich der Kittel herbeischaffen ließe,
+würde das Wasser den Brief zerstört haben.«
+
+»Sonderbare Geschichte das!« sagte =Dr.= Zeunemann nach der Sitzung
+zu den übrigen Herren. »Ich gestehe, der Mensch hat mich beinahe
+gerührt. Ein derartiges gegenseitiges Wohlwollen findet man selten bei
+Eheleuten.«
+
+»Die waren ja auch geschieden,« sagte der Staatsanwalt listig.
+
+Alle Herren lachten. »Übrigens,« sagte =Dr.= Zeunemann, »für ein
+bißchen nervös und empfindsam halte ich unseren Italiener doch. Ich
+hatte nicht unrecht, wenn ich ihn mit einem Chamäleon verglich.«
+
+Das wurde zugegeben. Aber es sei schließlich kein Verbrechen, ein
+Chamäleon zu sein. Viele fänden es sogar reizvoll.
+
+»Ein Spielzeug für Damen,« sagte der Staatsanwalt vergnügt, »und um der
+Damen willen muß er freigesprochen werden. Ich hoffe, unsere
+Geschworenen vergessen nicht, daß es die Damen sind, die im öffentlichen
+wie im privaten Leben den Ausschlag geben.«
+
+»Besonders vergessen Sie hoffentlich nicht,« sagte =Dr.= Zeunemann,
+»daß es Frauen gibt, die weder im öffentlichen noch im privaten Leben
+hervortreten und doch tapferer sind als unser starkes Geschlecht.«
+
+Man wollte allerseits an dem Vorsitzenden eine Vorliebe für Fräulein
+Gundel Schwertfeger bemerkt haben und neckte ihn damit.
+
+Ja, er sähe auf den Kern, rechtfertigte sich =Dr.= Zeunemann, lasse
+sich nicht durch Schein und Schimmer verblenden wie der ewig junge
+Staatsanwalt.
+
+»Sie hat gelogen wie eine Heilige,« sagte dieser, »und mir ist es recht,
+wenn das Gericht ihr eine Aureole statt der Strafe zuerkennt, denn das
+Martyrium hat sie schon hinter sich. Hernach werde ich aber mit
+verdoppelter Kraft den Buchstaben des Gesetzes schwingen.«
+
+
+
+
+=XIX.=
+
+
+Es dämmerte schon, als Mingo ins Hotel kam, wo ihre Mutter am Kamin saß
+und in einem Buch blätterte.
+
+»Wo warst du denn?« fragte sie mißbilligend, indem sie das Buch in den
+Schoß legte. »Ich habe mich deinetwegen beunruhigt.«
+
+»Aber Mama,« sagte Mingo erstaunt, »das habe ich nicht vorausgesetzt.
+Wenn wir getrennt sind, hast du doch keine Ahnung, wann ich nach Hause
+komme, und sorgst dich nie um mich.«
+
+»Das ist etwas anderes, Mingo,« antwortete die Baronin gereizt. »Ich
+wäre nicht mehr am Leben, wollte ich mir Gedanken um dich machen, wenn
+du anderswo bist. Hier mußt du dich nach mir und den herrschenden Sitten
+richten. Ein junges Mädchen aus guter Familie darf in der Dunkelheit
+nicht allein durch die Straßen laufen.«
+
+»Daran dachte ich nicht,« entschuldigte sich Mingo kleinlaut, »weil ich
+es so gewöhnt bin. Ich war so glücklich, Mama.«
+
+»Glücklich? Warum?« fragte die Baronin. »Weil wir nach Paris reisen,
+oder weil Peter Hase uns begleitet? Oder weil du studieren darfst?«
+
+»Ach nein, Mama,« antwortete Mingo, »weil der schreckliche Prozeß nun
+bald zu Ende ist, und weil er freigesprochen wird. Er wird doch
+freigesprochen?«
+
+»Ich glaube bestimmt,« sagte die Baronin.
+
+Mingo, die sich inzwischen auf ein Kissen zu Füßen ihrer Mutter gekauert
+hatte, rief aus: »Aber seine Unschuld ist doch sonnenklar!«
+
+»Nach dem Buchstaben des Gesetzes ist er doch nicht unschuldig,« sagte
+die Baronin.
+
+Mingos Gesicht drückte ängstlichen Zweifel aus, allmählich verzog es
+sich, so daß es kläglich und hilflos wie das eines kleinen Kindes
+aussah, und in Tränen ausbrechend umklammerte sie mit beiden Armen die
+Knie ihrer Mutter. »O Mama, das ertrüg' ich nicht, das ertrüg' ich
+nicht,« schluchzte sie.
+
+Die Baronin schob sie sacht mit den Händen zurück und fragte befremdet,
+fast tadelnd: »Was ist dir? Was hast du, Kind?« während sie sich eines
+stechenden Schmerzes zu erwehren suchte, der ihr Herz zusammenzog.
+
+»Stoß' mich doch nicht fort, Mama,« schluchzte Mingo, ihre Mutter fest
+umklammernd, »ich kann ja nichts dafür, daß es so ist! Hilf mir doch,
+ich habe ja nur dich! Ich kann nicht ohne ihn leben.«
+
+Die Baronin beugte sich herab, zog die kleine Gestalt auf ihren Schoß
+und preßte das tränenüberströmte Gesicht an ihres. »Meine kleine Mingo,«
+sagte sie zärtlich, »so sehr liebst du ihn?«
+
+Noch schluchzend drängte sich das Mädchen dicht an ihre Mutter. »Ich
+wollte gern sterben, wenn ich ihn damit glücklich machen könnte,« sagte
+sie leise.
+
+Die Baronin streichelte sie und drückte sie fest an sich. »Meine liebe
+Kleine,« sagte sie besänftigend, »es ist natürlich, daß er in dieser
+Lage einen starken Eindruck auf dein liebevolles, phantastisches Gemüt
+gemacht hat. Er übt einen großen Zauber aus, das ist wahr. Aber glaube
+mir, das ist nicht der Mann, der dich beglücken könnte, ganz abgesehen
+davon, daß sein Alter und seine Stellung im Leben den Gedanken an eine
+Heirat mit dir von vornherein ausschließen.«
+
+»Seine Stellung im Leben,« rief Mingo, sich entrüstet aufrichtend. »O
+Mama, und wenn er ein Straßenkehrer wäre, er stände hoch, hoch über mir
+und allen Männern, die ich kenne. O Mama, ich kann es nicht ertragen,
+daß du so kleinlich denkst oder sprichst. Und was frage ich nach seinem
+Alter? Will ich denn etwas von ihm? Wenn meine Jugend sein Herz einen
+Augenblick erfreuen könnte, wie man sich an einer Blume erfreut, so wäre
+ich glücklich, sie ihm hingeben zu dürfen.«
+
+Plötzlich brach sie ab, da sie sah, daß die schönen grauen,
+schwarzumsäumten Augen ihrer Mutter feucht und daß auf ihren blassen
+Wangen Tränenspuren waren. Sie nahm das kleine, spitzenbesetzte
+Taschentuch, das die Baronin in der Hand hielt, trocknete damit behutsam
+ihr Gesicht und fragte nachdenklich: »Sind das meine Tränen?«
+
+»Wessen wohl sonst?« fragte die Baronin lächelnd.
+
+»Aber du hast ja auch Tränen in den Augen,« fuhr Mingo fort. »Ach Mama,
+was für ein böses Kind bin ich, dir solchen Kummer zu machen! Aber ich
+kann ja nichts dafür, es ist ganz gewiß stärker als ich! Alles, alles,
+was ich habe, wollte ich geben, wenn er mich nur ein bißchen liebhaben
+könnte! Wenn er mich wenigstens um sich leiden möchte! Ich weiß nicht,
+was aus mir werden soll ohne ihn.«
+
+»Meine süße, kleine Mingo,« begann die Baronin.
+
+»Sage: mein süßer, kleiner Mingo,« bat Mingo.
+
+»Mein süßer, kleiner Mingo,« wiederholte die Baronin, »kühle vor allen
+Dingen dein Gesicht, denn du möchtest gewiß nicht gern, daß dein Vater,
+der jeden Augenblick kommen kann, dich so überraschte. Ich fürchte, er
+würde wenig Verständnis für deine Gefühle haben. Und dann laß uns
+zunächst ruhig das Urteil erwarten! Sollte er nicht freigesprochen
+werden, so kann er weitergehen; wir brauchen also selbst im schlimmsten
+Falle die Hoffnung nicht aufzugeben. Was dann wird, hängt nicht von uns
+ab. Dich zu lieben, können wir ihn nicht zwingen, aber ich glaube, daß
+er schon um seiner verstorbenen Tochter willen Sympathie für dich hat.«
+
+»Glaubst du?« fragte Mingo, während sie sich das erhitzte Gesicht mit
+einem nassen Tuche betupfen ließ. Die ungewohnte mütterliche
+Zärtlichkeit hatte etwas lieblich Einwiegendes, und sie hielt
+unwillkürlich die Mutter fest umarmt, als wolle sie die wohltätige
+Anwandlung verhindern, einem Traume gleich zu verschwinden.
+
+»Du scheinst plötzlich wieder ein kleines Kind geworden zu sein,« sagte
+die Baronin, »und zu denken, wie kleine Kinder tun: Mama wird mir Sonne
+und Mond geben, wenn ich will.«
+
+Mingo sah die Baronin mit großen, wundergläubigen Augen an und nickte.
+»Das kommt, weil du so gut zu mir bist,« sagte sie.
+
+Erst gegen Morgen schlief die Baronin ein und erwachte mit müdem,
+unfrohem Herzen. Mingos zärtliche Begrüßung, kleine Aufmerksamkeiten
+und verstohlene Blicke ermunterten sie doch allmählich.
+
+»Nun, Mingo,« sagte sie, »ich nehme dich heute nur mit in die Sitzung,
+wenn du brav sein willst. Auftritte sind mir verhaßt, besonders in der
+Öffentlichkeit.« Mingo versprach es und wurde auf keine zu schwere Probe
+gestellt. Denn die Reden waren kurz, und die Geschworenen lehnten nach
+kaum halbstündiger Beratung die Schuldfrage ab.
+
+ * * * * *
+
+In der allgemeinen Bewegung, die entstand, erschien nur Deruga
+gleichgültig; einzig als er, nachdem die Baronin ihn beglückwünscht
+hatte, Mingos Auge voll Sorge und Liebe auf sich gerichtet sah, wurden
+seine Mienen weich.
+
+»Kleiner Mingo,« sagte er, indem er ihr zunickte, »sind Sie nun
+zufrieden? Sehen Sie, die Menschen sind gar nicht so böse!«
+
+Im ersten Augenblick überwältigte sie das Glück dieser Anrede; aber als
+sie neben ihrer Mutter im Wagen saß und alles Erlebte wieder
+durchträumte, schien es, als habe der bewunderte Mann sie doch recht
+karg abgespeist. Mit wem mochte er seinen Triumph jetzt so recht
+ausgiebig feiern? War er überhaupt froh? Es hatte so viel Widerwillen
+und Verachtung in dem Gesicht gelegen, das doch so innig lächeln konnte.
+Ob er glücklicher sein würde, wenn er wüßte, wie ganz und gar sie ihm
+ergeben war?
+
+»Mingo,« sagte die Baronin am Nachmittag, als sie allein miteinander
+waren, »ich werde jetzt Deruga aufsuchen, um zu erfahren, welches seine
+Absichten für die nächste Zukunft sind, und ihn bitten, daß er mich als
+seine Verwandte betrachtet. Dich nehme ich nicht mit, weil du sehr wenig
+imstande bist, deine Empfindungen zu beherrschen, und es nicht
+schicklich ist, wie du auch finden wirst, wenn ein Mädchen sich einem
+Manne anträgt.«
+
+Mingo war nicht der Meinung. Sich diesem einzigen Manne gegenüber hinter
+Schicklichkeitsregeln zu verschanzen, schien ihr unwürdig, das einzig
+Natürliche und Richtige vielmehr, ihm zu sagen: Ich bin dein, nimm mich
+hin. Da sie aber wußte, daß sie ihre Mutter für diese Auffassung nicht
+würde gewinnen können, und da sie sich außerdem vor einer Begegnung mit
+Deruga ebensosehr fürchtete, wie sie sie herbeisehnte, erklärte sie sich
+dankbar einverstanden.
+
+»Aber ich darf ihn doch grüßen lassen,« fragte sie. Die Baronin lächelte
+und küßte sie. »Geh' inzwischen mit deinem Vater spazieren,« sagte sie,
+»daß dir die Zeit nicht lang wird.«
+
+
+
+
+=XX.=
+
+
+Als die Baronin bei Deruga eingetreten war, der an einem Tische saß und
+schrieb, blieb sie einen Augenblick stehen und sagte dann: »Sie sehen
+nicht aus wie ein Sieger. Mir entfällt der Mut, Ihnen Glück zu
+wünschen.«
+
+»Sie irren sich,« antwortete Deruga, »ich habe soeben einen Entschluß
+gefaßt, um dessentwillen ich zu beglückwünschen bin: Ich will den
+Schauplatz, der mir nicht gefällt, verlassen.«
+
+»Das habe ich vorausgesetzt,« sagte die Baronin. »Hätten Sie nicht Lust,
+uns nach Paris zu begleiten?«
+
+»Nein, ich will weiter, viel weiter fort,« sagte Deruga.
+
+»Nun, das ist auch gut,« meinte die Baronin. »In der Ferne werden Sie
+die häßlichen Eindrücke, die Sie hier gehabt haben, vergessen, und wenn
+Sie wissen, daß Sie in dem trüben Wust einen kostbaren Schatz gewonnen
+haben, nämlich ein reines, warmes, treues Herz, so wird Sie das
+allmählich zurückziehen.«
+
+»Ich bin nicht so verwegen, mir einzubilden, ich hätte Ihr Herz
+gewonnen, Frau Baronin,« sagte Deruga, gutmütig spottend, »auf das Ihre
+Schilderung auch wohl so ganz nicht paßt.«
+
+»Nein, nicht so ganz,« sagte die Baronin, indem sie mit wehmütiger
+Koketterie den Kopf wiegte, »immerhin dachte ich an eines, das dem
+meinigen nah, sehr nah verwandt ist.«
+
+»Kleiner Mingo,« sagte Deruga träumerisch, und dann rascher, zu seinem
+Gast gewendet: »Ach, glauben Sie denn, Baronin, ich könnte es ertragen,
+ein Wesen an meiner Seite zu haben, das mich immer an meinen kleinen
+Mingo erinnerte, den ich verloren habe? Wenn Sie das für möglich halten,
+so wissen Sie nicht, was Elternliebe ist.«
+
+»O doch, ich habe es erfahren,« sagte die Baronin, indem sie langsam den
+verschleierten Blick auf ihn richtete.
+
+»Ich glaube Ihnen,« sagte Deruga, »aber vielleicht können Sie sich
+nicht in meine Lage denken.«
+
+»Es ist natürlich,« sagte die Baronin, »daß ich zunächst die meine und
+die meines Kindes empfinde. Daß eine Mutter ihre Tochter nicht gern
+einem um so viel älteren Manne gibt, das versteht sich doch wohl von
+selbst. Wenn ich trotzdem mich entschlossen habe, Ihnen von dieser
+Neigung zu sprechen, so geschah es, weil ihre Stärke und unschuldige
+Zuversicht mich rührten und mir den Glauben erweckten, es könne doch
+vielleicht -- wie man so sagt -- Gottes Wille sein. Dazu kommt freilich,
+daß ich mich davor fürchte, das Kind leiden zu sehen.«
+
+»Wirkliches Leiden,« sagte Deruga, »würde ihr die Erfüllung ihres
+Wunsches bringen. Sie kennt mich nicht. Und auch Sie, Baronin, kennen
+mich offenbar nicht genügend.«
+
+»Die Natur will nicht, daß wir Frauen die Männer ganz kennen,« sagte die
+Baronin leicht errötend. »Hat sie uns nicht blind gemacht, so müssen wir
+uns wohl oder übel die Augen verbinden. Aber von Ihnen, gerade von
+Ihnen glaubte ich, daß es nur von Ihrem Willen abhinge, wenn nicht ein
+großer, so doch ein sehr guter Mensch zu sein.«
+
+»Wenn das wahr wäre,« sagte Deruga, »so wäre ich es ja. Mein Wille hängt
+aber nicht von mir ab, sondern von meinem Blut, von meinen Nerven, von
+den Eindrücken, die ich empfange, von tausenderlei Strömungen und
+Stockungen, über die ich nicht Herr bin. Ich habe Augenblicke gehabt, wo
+es mir vor mir selbst ekelte, und ich will verhindern, daß sie
+wiederkommen, nachdem ich einmal hoch über allen irdischen Niedrigkeiten
+war.«
+
+»Und könnten Sie das nicht am besten dadurch verhindern,« sagte die
+Baronin, liebevoll dringend, »daß Sie Ihr Leben mit einem jungen,
+reinen, vertrauenden verbänden?«
+
+»Wenn ich stark wäre, ja,« sagte Deruga. »Aber da ich schwach bin,
+bleibt mir doch nur der andere Weg, daß ich fortgehe.«
+
+Etwas in seinen Mienen oder im Ton seiner Worte machte, daß die Baronin
+ihn plötzlich richtig verstand. Ihre Hand, die auf der Lehne seines
+Stuhles lag, zitterte, und sie wurde bleich. Eine schreckliche Angst, er
+könne jetzt gleich, ihr gegenüber Hand an sich legen, befiel sie, und
+zugleich durchzitterte sie der Gedanke, daß dies die beste Lösung für
+sie wäre.
+
+»Es ist entsetzlich, mir das zu sagen,« stöhnte sie, die Augen
+schließend und den Kopf zurücklehnend.
+
+»Nicht so sehr,« sagte Deruga, »ich hätte es nicht gesagt, wenn ich
+nicht wüßte, wie verständig Sie sind. Ich will Ihnen gestehen, als mich
+Ihre Augen zum ersten Male mit einem Blick trafen, der aus Abneigung und
+plötzlich erregter Zuneigung gemischt war, wurde eine starke Begierde zu
+leben in mir wach, wie ich sie jahrelang nicht empfunden hatte. Denn
+eigentlich lebte ich nur so hin, weil ich einmal da war, ohne daß etwas
+mich sonderlich reizte. Der Trieb, den Sie in mir entzündeten, war
+nichts Hohes oder Schönes, es war ein Durcheinander von Genußsucht,
+Eitelkeit und Selbstliebe, was eben bei uns Männern der Leidenschaft
+hauptsächlich zugrunde liegt. Der Reichtum, der mir in den Schoß
+gefallen war, bekam plötzlich doppelten Wert für mich. Von ihm getragen,
+wollte ich leben um jeden Preis, was für Opfer es auch kosten möchte,
+leben, um ungeschränkt zu genießen. Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn
+der gute =Dr.= Bernburger nicht den Brief von meiner armen Marmotte
+gefunden hätte!«
+
+»Da verblaßte die neue vor der alten Liebe,« sagte die Baronin leise.
+
+»Sie mögen es immerhin so ausdrücken,« sagte Deruga. »Vom Finger der
+Erinnerung berührt, stieg die göttliche Zeit vor mir auf, die mir einmal
+geschenkt war. Ich sah, wie flach, zerbrechlich, alltäglich und ekelhaft
+alles das war, was mich glänzend und genußreich umgaukelt hatte,
+verglichen mit der Seligkeit, die ich empfand, als ich meiner armen,
+kranken Marmotte den Tod gab. Ja, ich würde reicher und angesehener
+sein, es würden mir feinere, höher gestellte Frauen zu Verfügung stehen
+als früher, aber ich würde mit jedem Schritt tiefer in den Schlamm der
+Alltäglichkeit versinken und mich weiter von jenem Götterglück
+entfernen, bis ich meine Fähigkeit dazu endlich vergessen und verloren
+hätte.«
+
+»Man kann nicht immer auf den Höhen verweilen,« wandte die Baronin
+zaghaft ein.
+
+»Ich wenigstens kann es nicht,« sagte Deruga. »Aber ich war doch einmal
+begnadet, in ätherischer Luft zu atmen. Mir schmeckt eure Zeit nicht
+mehr nach jenen ewigen Augenblicken.«
+
+»Vielleicht,« sagte die Baronin zögernd, »könnte Mingo Sie umstimmen,
+wenn sie zu Ihnen käme.«
+
+»Das wäre zum Unglück für uns beide,« sagte Deruga. »Lassen Sie dem
+Kinde eine schöne, heilige Erinnerung, die vielleicht einmal dunkle
+Stellen des Lebens verklären kann. Mich beglückt der Gedanke, daß sie
+ein unbeflecktes Bild von mir in liebevollem Herzen festhält.
+Versprechen Sie mir, es nicht zu zerstören, Baronin!«
+
+»Es ist ja mir so teuer wie ihr,« sagte sie mit erstickter Stimme. Sie
+drückte das Taschentuch an die Augen und saß ihm lange stumm gegenüber.
+Plötzlich kam ihr inmitten verworrener Gefühle und Gedanken ein
+Einfall, dem nachgebend sie sich schnell aufrichtete und fragte: »Und
+die verhängnisvolle Erbschaft? Was wird aus der, wenn Sie -- fortgehen?«
+
+Deruga lachte. »Wahrhaftig, Baronin,« sagte er, »wenn Gundel
+Schwertfeger nicht wäre, würde ich sie Ihnen von Herzen gönnen. Aber,
+sehen Sie, Gundel Schwertfeger kommt das Geld eigentlich zu, weil die
+Marmotte es ihr zugedacht hatte, und weil sie es in ihrem Sinne anwenden
+wird. Und um mich hat sie es verdient, das treue, tapfere Herz, obwohl
+ich ihr einmal böse war, weil sie mich zu hart beurteilte. Im Grunde
+galt mein Zorn nur ihrer Unbestechlichkeit.«
+
+»Ach,« sagte die Baronin schmollend, »Sie und das Fräulein Schwertfeger
+gehören zu den Leuten, die nur ein Herz für die Leiden der Armen haben.
+Glauben Sie mir, verhältnismäßig bin ich ärmer als die ärmste
+Taglöhnersfrau.«
+
+»Ja, aber nur verhältnismäßig,« lachte Deruga.
+
+»Nun, lassen wir das,« sagte die Baronin, »nur um eines bitte ich Sie:
+Lassen Sie die Nadel, den Mohrenkopf, den Sie in der Krawatte tragen,
+nicht in fremde Hände fallen!«
+
+»Sie sollen ihn als Andenken erhalten,« sagte Deruga, »wenn ich meine
+Reise antrete. Machen Sie sich aber niemals Gedanken, Baronin, als
+hätten Sie den Aufbruch verschuldet! Schon oft, lange vor diesem Prozeß,
+habe ich die Absicht gehabt, diese öde Station zu verlassen, wo ich mich
+ebenso langweilte wie Sie in Ihrer Ehe. Vielleicht erinnern Sie sich,
+daß ich einmal im Anfang der Verhandlungen erzählte, wie ich fortgereist
+und aufs Geratewohl querfeldein gegangen sei, um irgendwo draußen in der
+Einsamkeit wie ein Tier zu sterben. Das war keine Erfindung, wenn es
+auch nicht gerade an dem Tag vorgefallen war.«
+
+Die Baronin war aufgestanden und hielt ihm zögernd die Hand hin. »Lieber
+Doktor,« sagte sie, »alles, was Sie nur eben sagten, war der Ausdruck
+einer Stimmung, die nach den vorausgegangenen Eindrücken erklärlich ist,
+die aber vorübergehen wird. Ihre zahlreichen Freunde werden darauf
+hinzuwirken suchen, und ich bin überzeugt, schon morgen werden Sie
+irdischer, menschlicher empfinden. Ich wäre nicht imstande Ihnen
+Lebewohl zu sagen, wenn ich nicht fest darauf rechnete.«
+
+»Küß die Hand, Baronin, und grüßen Sie Mingo!«
+
+Auf der Treppe zog die Baronin einen Spitzenschleier aus der kleinen
+Handtasche, die sie in der Hand trug, und band ihn vor ihr Gesicht, über
+das unaufhaltsame Tränen flossen. Erst nachdem sie eine Zeitlang in den
+entlegenen, einsamen Straßen dieser Gegend auf und ab gegangen war,
+versiegten sie und vermochte sie sich zu fassen. Nach Hause zu gehen,
+fühlte sie sich immerhin noch nicht fähig und beschloß, auf Umwegen in
+die innere Stadt, wo die eleganten Geschäfte waren, zurückzukehren und
+einige für die Abreise notwendige Einkäufe zu machen.
+
+Der Gedanke an Paris hatte etwas Befreiendes für sie. Auf der neuen
+Szene, dachte sie, würden neue Auftritte mit neuen Eindrücken kommen und
+sie heilen; denn sie bedürfte es doch mehr als Mingo. Ja, für Mingo war
+es gut so, das fühlte sie mit jedem Augenblick deutlicher. Eine kurze
+Zeit leidenschaftlicher Wonne hätte sie vermutlich, wenn sie Deruga
+geheiratet hätte, mit einem Leben voll Enttäuschungen und mannigfacher
+Bitterkeit erkauft; denn was für Schätze sein Herz auch bergen mochte,
+ihr gegenüber wäre er bald der alternde, launenhafte, überdrüssige,
+erloschene Mann geworden. Der Schmerz hingegen, den sie jetzt erfuhr,
+würde sich bald, wie Deruga vorausgesagt hatte, in eine heilig behütete
+Erinnerung verwandeln, bei der man gern in Träumen verweilt. Vielleicht
+war sie infolge der Erregungen, die sie durchgemacht hatte, gerade in
+der rechten Verfassung, um für Peter Hases Werbung empfänglich zu sein,
+der sie begleitete, oder es würde einem anderen gelingen, sie zu
+interessieren. Dies Erlebnis hatte den Boden ihrer Seele erst lockern
+müssen, der sich bisher vor der Liebe verschlossen hatte. Es lag jetzt
+nur an ihr, sich eine reiche Ernte für die Zukunft zu sichern.
+
+Sie dagegen, so dachte die Baronin, hatte einen dürren Herbst und einen
+öden Winter zu erwarten. Es schauderte sie, und sie zog das
+Pelzgehänge, das sie an den kühlen Frühlingstagen noch trug, dicht um
+sich zusammen. Gab es denn irgendwo auf Erden die göttliche Zeit, das
+himmliche Klima, wovon Deruga gefabelt hatte? Ach, mit was für
+fremdartigen Gedanken hatte er sie gestört! Nein, das Verstiegene und
+Überschwängliche hatte sie sich immer fern gehalten und wollte es auch
+ferner tun, das ihrem guten Geschmack widerstrebte. Das Leben war reich
+an heiteren, reizenden Augenblicken; die Kunst, diese Schmetterlinge
+einzufangen, sich an ihrem Schmelz zu erfreuen, ohne sie zu betasten,
+wollte sie sich immer mehr zu eigen machen. Konnte sie dazu eine bessere
+Gelegenheit finden als in Paris, in Gesellschaft ihrer Tochter und Peter
+Hasens? War nicht endlich auch ihr Mann ein schätzbarer Begleiter?
+Ansehnlich, elegant, zuvorkommend, eben durch seine langweilige
+Farblosigkeit bequem? Ihr Schritt wurde immer elastischer und ihre
+Mienen heiterer. Als sie im Hotel ankam, strömte ihr Wesen einen so
+frischen Reisemut aus, daß ein wenig davon auf Mingo überging.
+
+Ein paar Tage später erhielt sie in Paris ein Paketchen, in dem Derugas
+Nadel mit dem Mohrenkopf war. Ihre Augen wurden feucht, aber sie verbarg
+das Kleinod schnell in einer Schatulle, wo sie ihre Kostbarkeiten zu
+verschließen pflegte, um es erst dann wieder hervorzunehmen, wenn ihr
+Herz ganz still und sicher geworden wäre.
+
+ * * * * *
+
+Die Ankündigungen auf den folgenden Seiten werden freundlicher Beachtung
+empfohlen
+
+ * * * * *
+
+ +----------------------------------------------------------+
+ | _Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | Der Stein der Weisen |
+ | |
+ | von Max Geißler |
+ | |
+ | Die letzten fünfundzwanzig Jahre deutschen Lebens |
+ | umfaßt Max Geißlers neuer Roman, der ganz eingesponnen |
+ | ist in den Frieden des Bergwaldes. Durchs Wettertal |
+ | fährt im Juli 1890 der Doktor Valerius Degenhart aus |
+ | Frankfurt am Main, der Träumer, der aus der |
+ | zerrüttenden Berufsarbeit sich nach der großen Stille |
+ | sehnt. Im Wettertal läßt er, als seine unmoderne |
+ | Reisekutsche verunglückt, zu dauernder Rast sich |
+ | nieder. Zwischen Himmel und Erde, vor einer Natur von |
+ | unsagbarer Schönheit baut er sich sein Haus, die |
+ | Streitburg. Wenig Äußeres geschieht in diesem Buch. |
+ | Doch es hat eine Melodie tiefinnerster Seligkeit, die |
+ | im Herzen nachklingt wie der Glanz endloser Sommertage. |
+ | |
+ | |
+ | Die Arche |
+ | |
+ | von Werner Scheff |
+ | |
+ | In diesem utopischen Roman eines neuen Autors ist die |
+ | stolzeste Tat vorhergeahnt, die im Weltkrieg der Geist |
+ | der deutschen Technik verwirklichte, und mit |
+ | schöpferischer Phantasie übertragen auf ferne Zukunft. |
+ | Noch wußten nur die Eingeweihten vom Bau der |
+ | »Deutschland«, als Werner Scheff seine »Arche« schrieb, |
+ | die mit der Taufe des großen Untersee-Passagierbotes, |
+ | der »Gloria«, im August 1947 beginnt. Hammerhart, voll |
+ | nüchternen Zweckbewußtseins, bis in die letzten Dinge |
+ | der Konstruktion durchdacht ist seine Gestaltung des |
+ | kühnen Ingenieurtraums. Mit ungeheuersten Möglichkeiten |
+ | des Weltenschicksals, mit einem Weltuntergang, ist sie |
+ | verbunden. Aber rein und trostvoll in ihrem milden |
+ | Glauben an die Ewigkeit der Kultur ist die Stimmung des |
+ | Schlusses. |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | _Jeder Band 3 Mark_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+
+ * * * * *
+
+ +----------------------------------------------------------+
+ | _Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | Lotte Hagedorn |
+ | |
+ | von Felix Philipp. |
+ | |
+ | In das Erleben einer früheren Generation trägt Felix |
+ | Philipps neues Werk zurück. Mit einem Spaziergang nach |
+ | den Linden, den am Himmelfahrtstag 1869 der |
+ | Kommissionsrat Schlegel unternimmt, setzt die |
+ | Geschichte der Lotte Hagedorn ein. An jenem Junitage |
+ | des Jahres 1871 endet sie, an dem durch das |
+ | Brandenburger Tor die aus Frankreich heimkehrenden, |
+ | kranzgeschmückten Truppen umjubelt einzogen. Stimmungen |
+ | von altväterischem Reiz begleiten diesen zarten und |
+ | rührenden Roman eines Frauenherzens. Den Zusammenbruch |
+ | eines Bankhauses in der Jägerstraße, dessen Inhaber |
+ | elegant und frivol ist wie die Bankiers des |
+ | napoleonischen Paris, schildern die stärksten Kapitel. |
+ | Sie bringen in diese Welt der bürgerlichen Sparsamkeit |
+ | etwas wie eine erste Vorahnung der Gründerjahre. |
+ | |
+ | |
+ | Candida |
+ | |
+ | von Albert von Trentini |
+ | |
+ | Das neue Werk Trentinis hat ein Motiv von großer |
+ | Kühnheit: die Zerstörung einer glühenden Leidenschaft |
+ | durch einen Unfall, der das Antlitz der Geliebten jäh |
+ | entstellt. In einer Sprache voll feierlichen Glanzes |
+ | gibt der junge österreichische Dichter den Kampf zweier |
+ | Menschen wieder, des Mannes, dessen Gefühl erstarrt, |
+ | der Frau, die stolz und einsam dem selbstgewollten |
+ | Schicksal entgegenschreitet, bis über Stolz und |
+ | Einsamkeit die zitternde Liebe der Seelen triumphiert. |
+ | Rom, seine Gärten und Tempel, die nachtdunkle |
+ | Steinwüste des Kolosseums sind der Schauplatz des |
+ | ersten Teils; in der unberührten Natur der Tiroler |
+ | Alpen, in Berlin und München geht die Handlung zu Ende. |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | _Jeder Band 3 Mark_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+
+ * * * * *
+
+ +----------------------------------------------------------+
+ | _Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | Schüsse vor Warschau |
+ | |
+ | von Christian Bouchholtz |
+ | |
+ | Der weiße polnische Winter ist in diesem Roman eines |
+ | jungen Berliner Schriftstellers, der als Kanonier an |
+ | der Bzura lag, einen Tagemarsch vor Warschau, und bei |
+ | Brochow, Chopins Geburtsort. In kecken Skizzen malt er |
+ | die Straßen von Lowicz, die Typen des polnischen |
+ | Bauernvolks, die rohgezimmerten Panjehütten, die |
+ | dumpfen Stuben mit der goldglänzenden, schwarzen |
+ | Madonna von Czenstochau, Bäuerinnen und Burschen, die |
+ | den Krakowiak tanzen, den Brand einer zerschossenen |
+ | Zuckerfabrik. Ein Spionagefall ist das erregende Moment |
+ | der Handlung und trägt in sie die Gegenwart von Verrat |
+ | und Tod. Eine Mädchenfigur, schön, künstlich, |
+ | lasterhaft, steht mitten in dieser romantischen |
+ | Atmosphäre des Werkes. |
+ | |
+ | |
+ | Variété |
+ | |
+ | von Joachim Delbrück |
+ | |
+ | Ein Kenner des Variétés, seines Glanzes und seiner |
+ | Not, seines internationalen Marktes, seiner |
+ | unerbittlich harten Auslese, seiner tragischen und |
+ | seiner grotesken Züge, hat diesen Roman verfaßt. Doch |
+ | nicht die überraschend wahre Darstellung des |
+ | Artistentums ist das Entscheidende, sondern die |
+ | künstlerische Note des Werkes. Ein impressionistisches |
+ | Gemälde von starkem Farbenreiz wird alles, was Joachim |
+ | Delbrück schildert: die lichtstrotzende Rampe der |
+ | Skala, eine goldflimmernde Akrobatentruppe, dänische |
+ | Garde in Scharlachrot, Kopenhagens Freiluftstimmungen |
+ | aus silbergrauer Herbstzeit. Die Seele vieler Städte |
+ | ist in Delbrücks feinem und buntem Roman, mit dem eine |
+ | neue, persönliche Begabung sich durchsetzt. |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | _Jeder Band 3 Mark_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+
+ * * * * *
+
+ +----------------------------------------------------------+
+ | _Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | Das Reich von morgen |
+ | |
+ | von Karl Figdor |
+ | |
+ | Der Roman von Karl Figdor ist ein farbiges und |
+ | spannendes Werk, das der erzählenden Literatur Neuland |
+ | erobert. Nach Mesopotamien führt er, dem zukunftsvollen |
+ | Gebiet zwischen den beiden Riesenströmen, und an die |
+ | Strecke der deutschen Bagdadbahn. Ein deutscher |
+ | Ingenieur, Sektionsleiter beim Bau der Brücke von |
+ | Dscherablus, und ein blondes deutsches Mädchen, deren |
+ | Schicksal nach einer großen Lebenskrise vereinigt wird, |
+ | stehen im Vordergrund des Romans. Der Höhepunkt des |
+ | ersten Teiles ist die dramatische Schilderung einer |
+ | Meuterei arabischer und kurdischer Arbeiter. Dann trägt |
+ | die Handlung mitten hinein in die Tage des Krieges, |
+ | zurück nach Berlin, zurück in die deutsche Heimat. |
+ | |
+ | |
+ | Die neuen Weiber von Weinsberg |
+ | |
+ | von Karin Michaelis |
+ | |
+ | Aus inniger Liebe zu unserem Volke ist dieses Werk der |
+ | Dänin Karin Michaelis geboren. Deutschlands und |
+ | Österreichs Antlitz im Frieden läßt es uns schauen, in |
+ | den Jahren des Glückes, und zeigt es uns verwandelt in |
+ | schwerer Kriegszeit. Mit einem Wahrheitsmut, der ihr |
+ | tiefe Dankbarkeit sichert, stellt Karin Michaelis |
+ | unsere und unserer Bundesgenossen Leistung dar. Mit |
+ | schwesterlichem Gefühl, jubelnd und klagend, |
+ | verherrlicht sie die Willensmacht, die duldende und |
+ | hoffende Größe der deutschen Frauen. Voll zarter und |
+ | gewaltiger Stimmungen ist dieser Roman, der als ein |
+ | dichterisches Zeugnis für die Reinheit des deutschen |
+ | Wesens über unsere Tage hinaus dauern wird. |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | _Jeder Band 3 Mark_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+
+ * * * * *
+
+ +----------------------------------------------------------+
+ | Romane aus dem Verlag Ullstein & Co |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | Auf eigener Erde von _Max Dreyer_ |
+ | * |
+ | Die Spur des Ersten von _Fedor von Zobeltitz_ |
+ | * |
+ | Fasching von _Paul Oskar Höcker_ |
+ | * |
+ | Der Eid des Stephan Huller von _Felix Hollaender_ |
+ | * |
+ | Ein Augenblick im Paradies von _Ida Boy-Ed_ |
+ | * |
+ | Die Streiche der schlimmen Paulette |
+ | von _Karl Hans Strobl_ |
+ | * |
+ | Pantherkätzchen von _Marie Madeleine_ |
+ | * |
+ | Das Bataillon Sporck von _Richard Skowronnek_ |
+ | * |
+ | Kleine Mama von _Paul Oskar Höcker_ |
+ | * |
+ | Zu Befehl! von _Heinz Tovote_ |
+ | * |
+ | Eine Frau wie du! von _Ida Boy-Ed_ |
+ | * |
+ | Peter Voß, der Millionendieb |
+ | von _Ewald Gerhard Seeliger_ |
+ | * |
+ | Der Katzentisch von _Viktor von Kohlenegg_ |
+ | * |
+ | Die Glücksfalle von _Fedor von Zobeltitz_ |
+ | * |
+ | Die Meisterin von Europa von _Paul Oskar Höcker_ |
+ | * |
+ | Die Belowsche Ecke von _Georg Hirschfeld_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | _Jeder Band 3 Mark_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+
+ * * * * *
+
+ +----------------------------------------------------------+
+ | Romane aus dem Verlag Ullstein & Co |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | Tschun von _Elisabeth von Heyking_ |
+ | * |
+ | Das Geschlecht der Schelme von _Fedor von Zobeltitz_ |
+ | * |
+ | Die Sieger von _Felix Philippi_ |
+ | * |
+ | Moj von Hans von _Hoffensthal_ |
+ | * |
+ | Der Rächer von _Stefan Zeromski_ |
+ | * |
+ | Vor der Ehe von _Ida Boy-Ed_ |
+ | * |
+ | Der heilige Haß von _Richard Voß_ |
+ | * |
+ | Die klingende Schelle von _Felix Salten_ |
+ | * |
+ | Die junge Exzellenz von _Paul Oskar Höcker_ |
+ | * |
+ | Die Treppe von _Viktor von Kohlenegg_ |
+ | * |
+ | Blockade von _Meta Schoepp_ |
+ | * |
+ | Der gewürzige Hund von _Helene Böhlau_ |
+ | * |
+ | Ein Kriegsurlaub |
+ | von _Friedrich Werner van Destéren_ |
+ | * |
+ | Das Buch der Liebe von _Marie Eugenie delle Grazie_ |
+ | * |
+ | Das Tor der Wünsche von _Friedel Merzenich_ |
+ | * |
+ | Frauenschneider Gutschmidt von _Otto von Gottberg_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+ | _Jeder Band 3 Mark_ |
+ +----------------------------------------------------------+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION:
+
+Stellen im Text, die nicht in Fraktur, sonder in Antigua gedruckt sind,
+sind mit = (=Antigua=) gekennzeichnet.
+
+[ANMERKUNG TN1: Korrektur des Originals, im Original ist hier
+abwendetete zu finden]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Fall Deruga, by Ricarda Huch
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL DERUGA ***
+
+***** This file should be named 17169-8.txt or 17169-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/7/1/6/17169/
+
+Produced by Ralph Janke, Markus Brenner and the Online
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+
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+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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