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+The Project Gutenberg EBook of Die griechische Tänzerin, by Arthur Schnitzler
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Die griechische Tänzerin
+ und andere Novellen
+
+Author: Arthur Schnitzler
+
+Release Date: November 23, 2005 [EBook #17142]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Die griechische Tänzerin ***
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+
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+
+Produced by Markus Brenner and Distributed Proofreaders
+Europe at at http://dp.rastko.net
+
+
+
+
+
+
+ Die griechische Tänzerin
+
+ und andere Novellen
+ von
+ Arthur Schnitzler
+
+
+S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung
+Copyright S. Fischer, Verlag
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Der blinde Geronimo und sein Bruder ....... 7
+
+Die Toten schweigen ...................... 53
+
+Die Weissagung ........................... 85
+
+Das neue Lied ........................... 128
+
+Die griechische Tänzerin ................ 157
+
+
+
+
+Der blinde Geronimo und sein Bruder
+
+
+Der blinde Geronimo stand von der Bank auf und nahm die Gitarre zur
+Hand, die auf dem Tisch neben dem Weinglase bereit gelegen war. Er hatte
+das ferne Rollen der ersten Wagen vernommen. Nun tastete er sich den
+wohlbekannten Weg bis zur offenen Türe hin, und dann ging er die
+schmalen Holzstufen hinab, die frei in den gedeckten Hofraum
+hinunterliefen. Sein Bruder folgte ihm, und beide stellten sich gleich
+neben der Treppe auf, den Rücken zur Wand gekehrt, um gegen den
+naßkalten Wind geschützt zu sein, der über den feuchtschmutzigen Boden
+durch die offenen Tore strich.
+
+Unter dem düsteren Bogen des alten Wirtshauses mußten alle Wagen
+passieren, die den Weg über das Stilfserjoch nahmen. Für die Reisenden,
+welche von Italien her nach Tirol wollten, war es die letzte Rast vor
+der Höhe. Zu langem Aufenthalte lud es nicht ein, denn gerade hier lief
+die Straße ziemlich eben, ohne Ausblicke, zwischen kahlen Erhebungen
+hin. Der blinde Italiener und sein Bruder Carlo waren in den
+Sommermonaten hier so gut wie zu Hause.
+
+Die Post fuhr ein, bald darauf kamen andere Wagen. Die meisten
+Reisenden blieben sitzen, in Plaids und Mäntel wohl eingehüllt, andere
+stiegen aus und spazierten zwischen den Toren ungeduldig hin und her.
+Das Wetter wurde immer schlechter, ein kalter Regen klatschte herab.
+Nach einer Reihe schöner Tage schien der Herbst plötzlich und allzu früh
+hereinzubrechen.
+
+Der Blinde sang und begleitete sich dazu auf der Gitarre; er sang mit
+einer ungleichmäßigen, manchmal plötzlich aufkreischenden Stimme, wie
+immer, wenn er getrunken hatte. Zuweilen wandte er den Kopf wie mit
+einem Ausdruck vergeblichen Flehens nach oben. Aber die Züge seines
+Gesichtes mit den schwarzen Bartstoppeln und den bläulichen Lippen
+blieben vollkommen unbeweglich. Der ältere Bruder stand neben ihm,
+beinahe regungslos. Wenn ihm jemand eine Münze in den Hut fallen ließ,
+nickte er Dank und sah dem Spender mit einem raschen, wie irren Blick
+ins Gesicht. Aber gleich, beinahe ängstlich, wandte er den Blick wieder
+fort und starrte gleich dem Bruder ins Leere. Es war, als schämten sich
+seine Augen des Lichts, das ihnen gewährt war, und von dem sie dem
+blinden Bruder keinen Strahl schenken konnten.
+
+»Bring mir Wein,« sagte Geronimo, und Carlo ging, gehorsam wie immer.
+Während er die Stufen aufwärts schritt, begann Geronimo wieder zu
+singen. Er hörte längst nicht mehr auf seine eigene Stimme, und so
+konnte er auf das merken, was in seiner Nähe vorging. Jetzt vernahm er
+ganz nahe zwei flüsternde Stimmen, die eines jungen Mannes und einer
+jungen Frau. Er dachte, wie oft diese beiden schon den gleichen Weg hin
+und her gegangen sein mochten; denn in seiner Blindheit und in seinem
+Rausch war ihm manchmal, als kämen Tag für Tag dieselben Menschen über
+das Joch gewandert, bald von Norden gegen Süden, bald von Süden gegen
+Norden. Und so kannte er auch dieses junge Paar seit langer Zeit.
+
+Carlo kam herab und reichte Geronimo ein Glas Wein. Der Blinde schwenkte
+es dem jungen Paare zu und sagte: »Ihr Wohl, meine Herrschaften!«
+
+»Danke,« sagte der junge Mann; aber die junge Frau zog ihn fort, denn
+ihr war dieser Blinde unheimlich.
+
+Jetzt fuhr ein Wagen mit einer ziemlich lärmenden Gesellschaft ein:
+Vater, Mutter, drei Kinder, eine Bonne.
+
+»Deutsche Familie,« sagte Geronimo leise zu Carlo.
+
+Der Vater gab jedem der Kinder ein Geldstück, und jedes durfte das seine
+in den Hut des Bettlers werfen. Geronimo neigte jedesmal den Kopf zum
+Dank. Der älteste Knabe sah dem Blinden mit ängstlicher Neugier ins
+Gesicht. Carlo betrachtete den Knaben. Er mußte, wie immer beim Anblick
+solcher Kinder, daran denken, daß Geronimo gerade so alt gewesen war,
+als das Unglück geschah, durch das er das Augenlicht verloren hatte.
+Denn er erinnerte sich jenes Tages auch heute noch, nach beinahe zwanzig
+Jahren, mit vollkommener Deutlichkeit. Noch heute klang ihm der grelle
+Kinderschrei ins Ohr, mit dem der kleine Geronimo auf den Rasen
+hingesunken war, noch heute sah er die Sonne auf der weißen Gartenmauer
+spielen und kringeln und hörte die Sonntagsglocken wieder, die gerade in
+jenem Augenblick getönt hatten. Er hatte wie oftmals mit dem Bolzen nach
+der Esche an der Mauer geschossen, und als er den Schrei hörte, dachte
+er gleich, daß er den kleinen Bruder verletzt haben mußte, der eben
+vorbeigelaufen war. Er ließ das Blasrohr aus den Händen gleiten, sprang
+durchs Fenster in den Garten und stürzte zu dem kleinen Bruder hin, der
+auf dem Grase lag, die Hände vors Gesicht geschlagen und jammerte. Über
+die rechte Wange und den Hals floß ihm Blut herunter. In derselben
+Minute kam der Vater vom Felde heim, durch die kleine Gartentür, und nun
+knieten beide ratlos neben dem jammernden Kinde. Nachbarn eilten herbei;
+die alte Vanetti war die erste, der es gelang, dem Kleinen die Hände
+vom Gesicht zu entfernen. Dann kam auch der Schmied, bei dem Carlo
+damals in der Lehre war und der sich ein bißchen aufs Kurieren verstand;
+und der sah gleich, daß das rechte Auge verloren war. Der Arzt, der
+abends aus Poschiavo kam, konnte auch nicht mehr helfen. Ja, er deutete
+schon die Gefahr an, in der das andere Auge schwebte. Und er behielt
+recht. Ein Jahr später war die Welt für Geronimo in Nacht versunken.
+Anfangs versuchte man ihm einzureden, daß er später geheilt werden
+könnte, und er schien es zu glauben. Carlo, der die Wahrheit wußte,
+irrte damals tage- und nächtelang auf der Landstraße, zwischen den
+Weinbergen und in den Wäldern umher, und war nahe daran, sich
+umzubringen. Aber der geistliche Herr, dem er sich anvertraute, klärte
+ihn auf, daß es seine Pflicht war, zu leben und sein Leben dem Bruder zu
+widmen. Carlo sah es ein. Ein ungeheures Mitleid ergriff ihn. Nur wenn
+er bei dem blinden Jungen war, wenn er ihm die Haare streicheln, seine
+Stirne küssen durfte, ihm Geschichten erzählte, ihn auf den Feldern
+hinter dem Hause und zwischen den Rebengeländen spazieren führte,
+milderte sich seine Pein. Er hatte gleich anfangs die Lehrstunden in der
+Schmiede vernachlässigt, weil er sich von dem Bruder gar nicht trennen
+mochte, und konnte sich nachher nicht mehr entschließen, sein Handwerk
+wieder aufzunehmen, trotzdem der Vater mahnte und in Sorge war. Eines
+Tages fiel es Carlo auf, daß Geronimo vollkommen aufgehört hatte, von
+seinem Unglück zu reden. Bald wußte er, warum: der Blinde war zur
+Einsicht gekommen, daß er nie den Himmel, die Hügel, die Straßen, die
+Menschen, das Licht wieder sehen würde. Nun litt Carlo noch mehr als
+früher, so sehr er sich auch selbst damit zu beruhigen suchte, daß er
+ohne jede Absicht das Unglück herbeigeführt hatte. Und manchmal, wenn er
+am frühen Morgen den Bruder betrachtete, der neben ihm ruhte, ward er
+von einer solchen Angst erfaßt, ihn erwachen zu sehen, daß er in den
+Garten hinauslief, nur um nicht dabei sein zu müssen, wie die toten
+Augen jeden Tag von neuem das Licht zu suchen schienen, das ihnen für
+immer erloschen war. Zu jener Zeit war es, daß Carlo auf den Einfall
+kam, Geronimo, der eine angenehme Stimme hatte, in der Musik weiter
+ausbilden zu lassen. Der Schullehrer von Tola, der manchmal Sonntags
+herüberkam, lehrte ihn die Gitarre spielen. Damals ahnte der Blinde
+freilich noch nicht, daß die neuerlernte Kunst einmal zu seinem
+Lebensunterhalt dienen würde.
+
+Mit jenem traurigen Sommertag schien das Unglück für immer in das Haus
+des alten Lagardi eingezogen zu sein. Die Ernte mißriet ein Jahr nach
+dem anderen; um eine kleine Geldsumme, die der Alte erspart hatte, wurde
+er von einem Verwandten betrogen; und als er an einem schwülen Augusttag
+auf freiem Felde vom Schlag getroffen hinsank und starb, hinterließ er
+nichts als Schulden. Das kleine Anwesen wurde verkauft, die beiden
+Brüder waren obdachlos und arm und verließen das Dorf.
+
+Carlo war zwanzig, Geronimo fünfzehn Jahre alt. Damals begann das
+Bettel- und Wanderleben, das sie bis heute führten. Anfangs hatte Carlo
+daran gedacht, irgendeinen Verdienst zu finden, der zugleich ihn und den
+Bruder ernähren könnte; aber es wollte nicht gelingen. Auch hatte
+Geronimo nirgend Ruhe; er wollte immer auf dem Wege sein.
+
+Zwanzig Jahre war es nun, daß sie auf Straßen und Pässen herumzogen, im
+nördlichen Italien und im südlichen Tirol, immer dort, wo eben der
+dichtere Zug der Reisenden vorüberströmte.
+
+Und wenn auch Carlo nach so vielen Jahren nicht mehr die brennende Qual
+verspürte, mit der ihn früher jedes Leuchten der Sonne, der Anblick
+jeder freundlichen Landschaft erfüllt hatte, es war doch ein stetes
+nagendes Mitleid in ihm, beständig und ihm unbewußt, wie der Schlag
+seines Herzens und sein Atem. Und er war froh, wenn Geronimo sich
+betrank.
+
+Der Wagen mit der deutschen Familie war davongefahren. Carlo setzte
+sich, wie er gern tat, auf die untersten Stufen der Treppe, Geronimo
+aber blieb stehen, ließ die Arme schlaff herabhängen und hielt den Kopf
+nach oben gewandt.
+
+Maria, die Magd, kam aus der Wirtsstube.
+
+»Habt’s viel verdient heut?« rief sie herunter.
+
+Carlo wandte sich gar nicht um. Der Blinde bückte sich nach seinem Glas,
+hob es vom Boden auf und trank es Maria zu. Sie saß manchmal abends in
+der Wirtsstube neben ihm; er wußte auch, daß sie schön war.
+
+Carlo beugte sich vor und blickte gegen die Straße hinaus. Der Wind
+blies, und der Regen prasselte, so daß das Rollen des nahenden Wagens in
+den heftigen Geräuschen unterging. Carlo stand auf und nahm wieder
+seinen Platz an des Bruders Seite ein.
+
+Geronimo begann zu singen, schon während der Wagen einfuhr, in dem nur
+ein Passagier saß. Der Kutscher spannte die Pferde eilig aus, dann eilte
+er hinauf in die Wirtsstube. Der Reisende blieb eine Weile in seiner
+Ecke sitzen, ganz eingewickelt in einen grauen Regenmantel; er schien
+auf den Gesang gar nicht zu hören. Nach einer Weile aber sprang er aus
+dem Wagen und lief mit großer Hast hin und her, ohne sich weit vom Wagen
+zu entfernen. Er rieb immerfort die Hände aneinander, um sich zu
+erwärmen. Jetzt erst schien er die Bettler zu bemerken. Er stellte sich
+ihnen gegenüber und sah sie lange wie prüfend an. Carlo neigte leicht
+den Kopf, wie zum Gruße. Der Reisende war ein sehr junger Mensch mit
+einem hübschen, bartlosen Gesicht und unruhigen Augen. Nachdem er eine
+ganze Weile vor den Bettlern gestanden, eilte er wieder zu dem Tore,
+durch das er weiterfahren sollte, und schüttelte bei dem trostlosen
+Ausblick in Regen und Nebel verdrießlich den Kopf.
+
+»Nun?« fragte Geronimo.
+
+»Noch nichts,« erwiderte Carlo. »Er wird wohl geben, wenn er fortfährt.«
+
+Der Reisende kam wieder zurück und lehnte sich an die Deichsel des
+Wagens. Der Blinde begann zu singen. Nun schien der junge Mann plötzlich
+mit großem Interesse zuzuhören. Der Knecht erschien und spannte die
+Pferde wieder ein. Und jetzt erst, als besänne er sich eben, griff der
+junge Mann in die Tasche und gab Carlo einen Frank.
+
+»O danke, danke,« sagte dieser.
+
+Der Reisende setzte sich in den Wagen und wickelte sich wieder in
+seinen Mantel. Carlo nahm das Glas vom Boden auf und ging die Holzstufen
+hinauf. Geronimo sang weiter. Der Reisende beugte sich zum Wagen heraus
+und schüttelte den Kopf mit einem Ausdruck von Überlegenheit und
+Traurigkeit zugleich. Plötzlich schien ihm ein Einfall zu kommen, und er
+lächelte. Dann sagte er zu dem Blinden, der kaum zwei Schritte weit von
+ihm stand: »Wie heißt du?«
+
+»Geronimo.«
+
+»Nun, Geronimo, laß dich nur nicht betrügen.« In diesem Augenblick
+erschien der Kutscher auf der obersten Stufe der Treppe.
+
+»Wieso, gnädiger Herr, betrügen?«
+
+»Ich habe deinem Begleiter ein Zwanzig-Frankstück gegeben.«
+
+»O Herr, Dank, Dank!«
+
+»Ja; also paß auf.«
+
+»Er ist mein Bruder, Herr; er betrügt mich nicht.«
+
+Der junge Mann stutzte eine Weile, aber während er noch überlegte, war
+der Kutscher auf den Bock gestiegen und hatte die Pferde angetrieben.
+Der junge Mann lehnte sich zurück mit einer Bewegung des Kopfes, als
+wolle er sagen: Schicksal, nimm deinen Lauf! und der Wagen fuhr davon.
+
+Der Blinde winkte mit beiden Händen lebhafte Gebärden des Dankes nach.
+Jetzt hörte er Carlo, der eben aus der Wirtsstube kam. Der rief
+herunter: »Komm, Geronimo, es ist warm heroben, Maria hat Feuer
+gemacht!«
+
+Geronimo nickte, nahm die Gitarre unter den Arm und tastete sich am
+Geländer die Stufen hinauf. Auf der Treppe schon rief er: »Laß es mich
+anfühlen! Wie lang hab ich schon kein Goldstück angefühlt!«
+
+»Was gibt’s?« fragte Carlo. »Was redest du da?«
+
+Geronimo war oben und griff mit beiden Händen nach dem Kopf seines
+Bruders, ein Zeichen, mit dem er stets Freude oder Zärtlichkeit
+auszudrücken pflegte. »Carlo, mein lieber Bruder, es gibt doch gute
+Menschen!«
+
+»Gewiß,« sagte Carlo. »Bis jetzt sind es zwei Lire und dreißig
+Zentesimi; und hier ist noch österreichisches Geld, vielleicht eine
+halbe Lira.«
+
+»Und zwanzig Franken – und zwanzig Franken!« rief Geronimo. »Ich weiß es
+ja!« Er torkelte in die Stube und setzte sich schwer auf die Bank.
+
+»Was weißt du?« fragte Carlo.
+
+»So laß doch die Späße! Gib es mir in die Hand! Wie lang hab ich schon
+kein Goldstück in der Hand gehabt!«
+
+»Was willst du denn? Woher soll ich ein Goldstück nehmen? Es sind zwei
+Lire oder drei.«
+
+Der Blinde schlug auf den Tisch. »Jetzt ist es aber genug, genug! Willst
+du es etwa vor mir verstecken?«
+
+Carlo blickte den Bruder besorgt und verwundert an. Er setzte sich neben
+ihn, rückte ganz nahe und faßte wie begütigend seinen Arm: »Ich
+verstecke nichts vor dir. Wie kannst du das glauben? Niemandem ist es
+eingefallen, mir ein Goldstück zu geben.«
+
+»Aber er hat mir’s doch gesagt!«
+
+»Wer?«
+
+»Nun, der junge Mensch, der hin und her lief.«
+
+»Wie? Ich versteh dich nicht!«
+
+»So hat er zu mir gesagt: ›Wie heißt du?‹ und dann: ›Gib acht, gib acht,
+laß dich nicht betrügen!‹«
+
+»Du mußt geträumt haben, Geronimo – das ist ja Unsinn!«
+
+»Unsinn? Ich hab es doch gehört, und ich höre gut. ›Laß dich nicht
+betrügen; ich habe ihm ein Goldstück ...‹ – nein, so sagte er: ›Ich habe
+ihm ein Zwanzig-Frankstück gegeben.‹«
+
+Der Wirt kam herein. »Nun, was ist’s mit euch? Habt ihr das Geschäft
+aufgegeben? Ein Vierspänner ist gerade angefahren.«
+
+»Komm!« rief Carlo, »komm!«
+
+Geronimo blieb sitzen. »Warum denn? Warum soll ich kommen? Was hilft’s
+mir denn? Du stehst ja dabei und –«
+
+Carlo berührte ihn am Arm. »Still, komm jetzt hinunter!«
+
+Geronimo schwieg und gehorchte dem Bruder. Aber auf den Stufen sagte er:
+»Wir reden noch, wir reden noch!«
+
+Carlo begriff nicht, was geschehen war. War Geronimo plötzlich verrückt
+geworden? Denn, wenn er auch leicht in Zorn geriet, in dieser Weise
+hatte er noch nie gesprochen.
+
+In dem eben angekommenen Wagen saßen zwei Engländer; Carlo lüftete den
+Hut vor ihnen, und der Blinde sang. Der eine Engländer war ausgestiegen
+und warf einige Münzen in Carlos Hut. Carlo sagte: »Danke« und dann, wie
+vor sich hin: »Zwanzig Zentesimi.« Das Gesicht Geronimos blieb unbewegt;
+er begann ein neues Lied. Der Wagen mit den zwei Engländern fuhr davon.
+
+Die Brüder gingen schweigend die Stufen hinauf. Geronimo setzte sich auf
+die Bank, Carlo blieb beim Ofen stehen.
+
+»Warum sprichst du nicht?« fragte Geronimo.
+
+»Nun,« erwiderte Carlo, »es kann nur so sein, wie ich dir gesagt habe.«
+Seine Stimme zitterte ein wenig.
+
+»Was hast du gesagt?« fragte Geronimo.
+
+»Es war vielleicht ein Wahnsinniger.«
+
+»Ein Wahnsinniger? Das wäre ja vortrefflich! Wenn einer sagt: ›Ich habe
+deinem Bruder zwanzig Franken gegeben,‹ so ist er wahnsinnig! – Eh, und
+warum hat er gesagt: ›Laß dich nicht betrügen‹ – eh?«
+
+»Vielleicht war er auch nicht wahnsinnig ... aber es gibt Menschen, die
+mit uns armen Leuten Späße machen ...«
+
+»Eh!« schrie Geronimo, »Späße? – Ja, das hast du noch sagen müssen –
+darauf habe ich gewartet!« Er trank das Glas Wein aus, das vor ihm
+stand.
+
+»Aber, Geronimo!« rief Carlo, und er fühlte, daß er vor Bestürzung kaum
+sprechen konnte, »warum sollte ich ... wie kannst du glauben ...?«
+
+»Warum zittert deine Stimme ... eh ... warum ...?«
+
+»Geronimo, ich versichere dir, ich –«
+
+»Eh – und ich glaube dir nicht! Jetzt lachst du ... ich weiß ja, daß du
+jetzt lachst!«
+
+Der Knecht rief von unten: »He, blinder Mann, Leut’ sind da!«
+
+Ganz mechanisch standen die Brüder auf und schritten die Stufen hinab.
+Zwei Wagen waren zugleich gekommen, einer mit drei Herren, ein anderer
+mit einem alten Ehepaar. Geronimo sang; Carlo stand neben ihm,
+fassungslos. Was sollte er nur tun? Der Bruder glaubte ihm nicht! Wie
+war das nur möglich? – Und er betrachtete Geronimo, der mit zerbrochener
+Stimme seine Lieder sang, angstvoll von der Seite. Es war ihm, als sähe
+er über diese Stirne Gedanken fliehen, die er früher dort niemals
+gewahrt hatte.
+
+Die Wagen waren schon fort, aber Geronimo sang weiter. Carlo wagte
+nicht, ihn zu unterbrechen. Er wußte nicht, was er sagen sollte, er
+fürchtete, daß seine Stimme wieder zittern würde. Da tönte Lachen von
+oben, und Maria rief: »Was singst denn noch immer? Von mir kriegst du ja
+doch nichts!«
+
+Geronimo hielt inne, mitten in einer Melodie; es klang, als wäre seine
+Stimme und die Saiten zugleich abgerissen. Dann ging er wieder die
+Stufen hinauf, und Carlo folgte ihm. In der Wirtsstube setzte er sich
+neben ihn. Was sollte er tun? Es blieb ihm nichts anderes übrig: er
+mußte noch einmal versuchen, den Bruder aufzuklären.
+
+»Geronimo,« sagte er, »ich schwöre dir ... bedenk doch, Geronimo, wie
+kannst du glauben, daß ich –«
+
+Geronimo schwieg, seine toten Augen schienen durch das Fenster in den
+grauen Nebel hinauszublicken. Carlo redete weiter: »Nun, er braucht ja
+nicht wahnsinnig gewesen zu sein, er wird sich geirrt haben ... ja er
+hat sich geirrt ...« Aber er fühlte wohl, daß er selbst nicht glaubte,
+was er sagte.
+
+Geronimo rückte ungeduldig fort. Aber Carlo redete weiter, mit
+plötzlicher Lebhaftigkeit: »Wozu sollte ich denn – du weißt doch, ich
+esse und trinke nicht mehr als du, und wenn ich mir einen neuen Rock
+kaufe, so weißt du’s doch ... wofür brauch ich denn so viel Geld? Was
+soll ich denn damit tun?«
+
+Da stieß Geronimo zwischen den Zähnen hervor: »Lüg nicht, ich höre, wie
+du lügst!«
+
+»Ich lüge nicht, Geronimo, ich lüge nicht!« sagte Carlo erschrocken.
+
+»Eh! hast du ihr’s schon gegeben, ja? Oder bekommt sie’s erst nachher?«
+schrie Geronimo.
+
+»Maria?«
+
+»Wer denn, als Maria? Eh, du Lügner, du Dieb!« Und als wollte er nicht
+mehr neben ihm am Tische sitzen, stieß er mit dem Ellbogen den Bruder in
+die Seite.
+
+Carlo stand auf. Zuerst starrte er den Bruder an, dann verließ er das
+Zimmer und ging über die Stiege in den Hof. Er schaute mit weit offenen
+Augen auf die Straße hinaus, die vor ihm in bräunlichen Nebel versank.
+Der Regen hatte nachgelassen. Carlo steckte die Hände in die
+Hosentaschen und ging ins Freie. Es war ihm, als hätte ihn sein Bruder
+davongejagt. Was war denn nur geschehen?... Er konnte es noch immer
+nicht fassen. Was für ein Mensch mochte das gewesen sein? Einen Franken
+schenkt er her und sagt, es waren zwanzig! Er mußte doch irgendeinen
+Grund dazu gehabt haben?... Und Carlo suchte in seiner Erinnerung, ob er
+sich nicht irgendwo jemanden zum Feind gemacht, der nun einen anderen
+hergeschickt hatte, um sich zu rächen ... Aber soweit er zurückdenken
+mochte, nie hatte er jemanden beleidigt, nie irgendeinen ernsten Streit
+mit jemandem vorgehabt. Er hatte ja seit zwanzig Jahren nichts anderes
+getan, als daß er in Höfen oder an Straßenrändern gestanden war mit dem
+Hut in der Hand ... War ihm vielleicht einer wegen eines Frauenzimmers
+böse?... Aber wie lange hatte er schon mit keiner was zu tun gehabt ...
+die Kellnerin in La Rosa war die letzte gewesen, im vorigen Frühjahr ...
+aber um die war ihm gewiß niemand neidisch ... Es war nicht zu
+begreifen!... Was mochte es da draußen in der Welt, die er nicht kannte,
+für Menschen geben?... Von überallher kamen sie ... was wußte er von
+ihnen?... Für diesen Fremden hatte es wohl irgendeinen Sinn gehabt, daß
+er zu Geronimo sagte: Ich habe deinem Bruder zwanzig Franken gegeben ...
+Nun ja ... Aber was war nun zu tun?... Mit einem Male war es offenbar
+geworden, daß Geronimo ihm mißtraute!... Das konnte er nicht ertragen!
+Irgend etwas mußte er dagegen unternehmen ... Und er eilte zurück.
+
+Als er wieder in die Wirtsstube trat, lag Geronimo auf der Bank
+ausgestreckt und schien das Eintreten Carlos nicht zu bemerken. Maria
+brachte den beiden Essen und Trinken. Sie sprachen während der Mahlzeit
+kein Wort. Als Maria die Teller abräumte, lachte Geronimo plötzlich auf
+und sagte zu ihr: »Was wirst du dir denn dafür kaufen?«
+
+»Wofür denn?!«
+
+»Nun, was? Einen neuen Rock oder Ohrringe?«
+
+»Was will er denn von mir?« wandte sie sich an Carlo.
+
+Indes dröhnte unten der Hof von lastenbeladenen Fuhrwerken, laute
+Stimmen tönten herauf und Maria eilte hinunter. Nach ein paar Minuten
+kamen drei Fuhrleute und nahmen an einem Tische Platz; der Wirt trat zu
+ihnen und begrüßte sie. Sie schimpften über das schlechte Wetter.
+
+»Heute nacht werdet ihr Schnee haben,« sagte der eine.
+
+Der zweite erzählte, wie er vor zehn Jahren Mitte August auf dem Joch
+eingeschneit und beinahe erfroren war. Maria setzte sich zu ihnen. Auch
+der Knecht kam herbei und erkundigte sich nach seinen Eltern, die unten
+in Bormio wohnten.
+
+Jetzt kam wieder ein Wagen mit Reisenden. Geronimo und Carlo gingen
+hinunter, Geronimo sang, Carlo hielt den Hut hin, und die Reisenden
+gaben ihr Almosen. Geronimo schien jetzt ganz ruhig. Er fragte manchmal:
+»Wieviel?« und nickte zu den Antworten Carlos leicht mit dem Kopfe.
+Indes versuchte Carlo selbst seine Gedanken zu fassen. Aber er hatte
+immer nur das dumpfe Gefühl, daß etwas Schreckliches geschehen und daß
+er ganz wehrlos war.
+
+Als die Brüder wieder die Stufen hinaufschritten, hörten sie die
+Fuhrleute oben wirr durcheinanderreden und lachen. Der jüngste rief dem
+Geronimo entgegen: »Sing uns doch auch was vor, wir zahlen schon! –
+Nicht wahr?« wandte er sich an die anderen.
+
+Maria, die eben mit einer Flasche rotem Wein kam, sagte: »Fangt heut
+nichts mit ihm an, er ist schlechter Laune.«
+
+Statt jeder Antwort stellte sich Geronimo mitten ins Zimmer hin und
+fing an zu singen. Als er geendet, klatschten die Fuhrleute in die
+Hände.
+
+»Komm her, Carlo!« rief einer, »wir wollen dir unser Geld auch in den
+Hut werfen wie die Leute unten!« Und er nahm eine kleine Münze und hielt
+die Hand hoch, als wollte er sie in den Hut fallen lassen, den ihm Carlo
+entgegenstreckte. Da griff der Blinde nach dem Arm des Fuhrmannes und
+sagte: »Lieber mir, lieber mir! Es könnte daneben fallen – daneben!«
+
+»Wieso daneben?«
+
+»Eh, nun! Zwischen die Beine Marias!«
+
+Alle lachten, der Wirt und Maria auch, nur Carlo stand regungslos da.
+Nie hatte Geronimo solche Späße gemacht!...
+
+»Setz dich zu uns!« riefen die Fuhrleute. »Du bist ein lustiger Kerl!«
+Und sie rückten zusammen, um Geronimo Platz zu machen. Immer lauter und
+wirrer war das Durcheinanderreden; Geronimo redete mit, lauter und
+lustiger als sonst, und hörte nicht auf zu trinken. Als Maria eben
+wieder hereinkam, wollte er sie an sich ziehen; da sagte der eine von
+den Fuhrleuten lachend: »Meinst du vielleicht, sie ist schön? Sie ist ja
+ein altes häßliches Weib!«
+
+Aber der Blinde zog Maria auf seinen Schoß. »Ihr seid alle Dummköpfe,«
+sagte er. »Glaubt ihr, ich brauche meine Augen, um zu sehen? Ich weiß
+auch, wo Carlo jetzt ist – eh! – dort am Ofen steht er, hat die Hände in
+den Hosentaschen und lacht.«
+
+Alle schauten auf Carlo, der mit offenem Munde am Ofen lehnte und nun
+wirklich das Gesicht zu einem Grinsen verzog, als dürfte er seinen
+Bruder nicht Lügen strafen.
+
+Der Knecht kam herein; wenn die Fuhrleute noch vor Dunkelheit in Bormio
+sein wollten, mußten sie sich beeilen. Sie standen auf und
+verabschiedeten sich lärmend. Die beiden Brüder waren wieder allein in
+der Wirtsstube. Es war die Stunde, um die sie sonst manchmal zu schlafen
+pflegten. Das ganze Wirtshaus versank in Ruhe wie immer um diese Zeit
+der ersten Nachmittagsstunden. Geronimo, den Kopf auf dem Tisch, schien
+zu schlafen. Carlo ging anfangs hin und her, dann setzte er sich auf die
+Bank. Er war sehr müde. Es schien ihm, als wäre er in einem schweren
+Traum befangen. Er mußte an allerlei denken, an gestern, vorgestern und
+alle Tage, die früher waren, und besonders an warme Sommertage und an
+weiße Landstraßen, über die er mit seinem Bruder zu wandern pflegte, und
+alles war so weit und unbegreiflich, als wenn es nie wieder so sein
+könnte.
+
+Am späten Nachmittage kam die Post aus Tirol und bald darauf in kleinen
+Zwischenpausen Wagen, die den gleichen Weg nach dem Süden nahmen. Noch
+viermal mußten die Brüder in den Hof hinab. Als sie das letztemal
+heraufgingen, war die Dämmerung hereingebrochen, und das Öllämpchen, das
+von der Holzdecke herunterhing, fauchte. Arbeiter kamen, die in einem
+nahen Steinbruche beschäftigt waren und ein paar hundert Schritte
+unterhalb des Wirtshauses ihre Holzhütten aufgeschlagen hatten. Geronimo
+setzte sich zu ihnen; Carlo blieb allein an seinem Tische. Es war ihm,
+als dauerte seine Einsamkeit schon sehr lange. Er hörte, wie Geronimo
+drüben laut, beinahe schreiend, von seiner Kindheit erzählte: daß er
+sich noch ganz gut an allerlei erinnerte, was er mit seinen Augen
+gesehen, Personen und Dinge: an den Vater, wie er auf dem Felde
+arbeitete, an den kleinen Garten mit der Esche an der Mauer, an das
+niedrige Häuschen, das ihnen gehörte, an die zwei kleinen Töchter des
+Schusters, an den Weinberg hinter der Kirche, ja an sein eigenes
+Kindergesicht, wie es ihm aus dem Spiegel entgegengeblickt hatte. Wie
+oft hatte Carlo das alles gehört. Heute ertrug er es nicht. Es klang
+anders als sonst: jedes Wort, das Geronimo sprach, bekam einen neuen
+Sinn und schien sich gegen ihn zu richten. Er schlich hinaus und ging
+wieder auf die Landstraße, die nun ganz im Dunkel lag. Der Regen hatte
+aufgehört, die Luft war sehr kalt, und der Gedanke erschien Carlo
+beinahe verlockend, weiterzugehen, immer weiter, tief in die Finsternis
+hinein, sich am Ende irgendwohin in den Straßengraben zu legen,
+einzuschlafen, nicht mehr zu erwachen. – Plötzlich hörte er das Rollen
+eines Wagens und erblickte den Lichtschimmer von zwei Laternen, die
+immer näher kamen. In dem Wagen, der vorüberfuhr, saßen zwei Herren.
+Einer von ihnen mit einem schmalen, bartlosen Gesichte fuhr erschrocken
+zusammen, als Carlos Gestalt im Lichte der Laternen aus dem Dunkel
+hervortauchte. Carlo, der stehen geblieben war, lüftete den Hut. Der
+Wagen und die Lichter verschwanden. Carlo stand wieder in tiefer
+Finsternis. Plötzlich schrak er zusammen. Das erstemal in seinem Leben
+machte ihm das Dunkel Angst. Es war ihm, als könnte er es keine Minute
+länger ertragen. In einer sonderbaren Art vermengten sich in seinem
+dumpfen Sinnen die Schauer, die er für sich selbst empfand, mit einem
+quälenden Mitleid für den blinden Bruder und jagten ihn nach Hause.
+
+Als er in die Wirtsstube trat, sah er die beiden Reisenden, die vorher
+an ihm vorbeigefahren waren, bei einer Flasche Rotwein an einem Tische
+sitzen und sehr angelegentlich miteinander reden. Sie blickten kaum
+auf, als er eintrat.
+
+An dem anderen Tische saß Geronimo wie früher unter den Arbeitern.
+
+»Wo steckst du denn, Carlo?« sagte ihm der Wirt schon an der Tür. »Warum
+läßt du deinen Bruder allein?«
+
+»Was gibt’s denn?« fragte Carlo erschrocken.
+
+»Geronimo traktiert die Leute. Mir kann’s ja egal sein, aber ihr solltet
+doch denken, daß bald wieder schlechtere Zeiten kommen.«
+
+Carlo trat rasch zu dem Bruder und faßte ihn am Arme. »Komm!« sagte er.
+
+»Was willst du?« schrie Geronimo.
+
+»Komm zu Bett,« sagte Carlo.
+
+»Laß mich, laß mich! Ich verdiene das Geld, ich kann mit meinem Gelde
+tun, was ich will – eh! – alles kannst du ja doch nicht einstecken! Ihr
+meint wohl, er gibt mir alles! O nein! Ich bin ja ein blinder Mann! Aber
+es gibt Leute – es gibt gute Leute, die sagen mir: ›Ich habe deinem
+Bruder zwanzig Franken gegeben!‹«
+
+Die Arbeiter lachten auf.
+
+»Es ist genug,« sagte Carlo, »komm!« Und er zog den Bruder mit sich,
+schleppte ihn beinah die Treppe hinauf bis in den kahlen Bodenraum, wo
+sie ihr Lager hatten. Auf dem ganzen Wege schrie Geronimo: »Ja, nun ist
+es an den Tag gekommen, ja, nun weiß ich’s! Ah, wartet nur. Wo ist sie?
+Wo ist Maria? Oder legst du’s ihr in die Sparkassa? – Eh, ich singe für
+dich, ich spiele Gitarre, von mir lebst du – und du bist ein Dieb!« Er
+fiel auf den Strohsack hin.
+
+Vom Gang her schimmerte ein schwaches Licht herein; drüben stand die Tür
+zu dem einzigen Fremdenzimmer des Wirtshauses offen, und Maria richtete
+die Betten für die Nachtruhe her. Carlo stand vor seinem Bruder und sah
+ihn daliegen mit dem gedunsenen Gesicht, mit den bläulichen Lippen, das
+feuchte Haar an der Stirne klebend, um viele Jahre älter aussehend, als
+er war. Und langsam begann er zu verstehen. Nicht von heute konnte das
+Mißtrauen des Blinden sein, längst mußte es in ihm geschlummert haben,
+und nur der Anlaß, vielleicht der Mut hatte ihm gefehlt, es
+auszusprechen. Und alles, was Carlo für ihn getan, war vergeblich
+gewesen; vergeblich die Reue, vergeblich das Opfer seines ganzen Lebens.
+Was sollte er nun tun? – Sollte er noch weiterhin Tag für Tag, wer weiß
+wie lange noch, ihn durch die ewige Nacht führen, ihn betreuen, für ihn
+betteln und keinen anderen Lohn dafür haben als Mißtrauen und Schimpf?
+Wenn ihn der Bruder für einen Dieb hielt, so konnte ihm ja jeder Fremde
+dasselbe oder Besseres leisten als er. Wahrhaftig, ihn allein lassen,
+sich für immer von ihm trennen, das wäre das klügste. Dann mußte
+Geronimo wohl sein Unrecht einsehen, denn dann erst würde er erfahren,
+was es heißt, betrogen und bestohlen werden, einsam und elend sein. Und
+er selbst, was sollte er beginnen? Nun, er war ja noch nicht alt; wenn
+er für sich allein war, konnte er noch mancherlei anfangen. Als Knecht
+zum mindesten fand er überall sein Unterkommen. Aber während diese
+Gedanken durch seinen Kopf zogen, blieben seine Augen immer auf den
+Bruder geheftet. Und er sah ihn plötzlich vor sich, allein am Rande
+einer sonnbeglänzten Straße auf einem Stein sitzen, mit den weit
+offenen, weißen Augen zum Himmel starrend, der ihn nicht blenden konnte,
+und mit den Händen in die Nacht greifend, die immer um ihn war. Und er
+fühlte, so wie der Blinde niemand anderen auf der Welt hatte als ihn, so
+hatte auch er niemand anderen als diesen Bruder. Er verstand, daß die
+Liebe zu diesem Bruder der ganze Inhalt seines Lebens war, und wußte zum
+ersten Male mit völliger Deutlichkeit, nur der Glaube, daß der Blinde
+diese Liebe erwiderte und ihm verziehen, hatte ihn alles Elend so
+geduldig tragen lassen. Er konnte auf diese Hoffnung nicht mit einem
+Male verzichten. Er fühlte, daß er den Bruder gerade so notwendig
+brauchte als der Bruder ihn. Er konnte nicht, er wollte ihn nicht
+verlassen. Er mußte entweder das Mißtrauen erdulden oder ein Mittel
+finden, um den Blinden von der Grundlosigkeit seines Verdachtes zu
+überzeugen ... Ja, wenn er sich irgendwie das Goldstück verschaffen
+könnte! Wenn er dem Blinden morgen früh sagen könnte: »Ich habe es nur
+aufbewahrt, damit du’s nicht mit den Arbeitern vertrinkst, damit es dir
+die Leute nicht stehlen« ... oder sonst irgend etwas ...
+
+Schritte näherten sich auf der Holztreppe; die Reisenden gingen zur
+Ruhe. Plötzlich durchzuckte seinen Kopf der Einfall, drüben anzuklopfen,
+den Fremden wahrheitsgetreu den heutigen Vorfall zu erzählen und sie um
+die zwanzig Franken zu bitten. Aber er wußte auch gleich: das war
+vollkommen aussichtslos! Sie würden ihm die ganze Geschichte nicht
+einmal glauben. Und er erinnerte sich jetzt, wie erschrocken der eine
+blasse zusammengefahren war, als er, Carlo, plötzlich im Dunkel vor dem
+Wagen aufgetaucht war.
+
+Er streckte sich auf den Strohsack hin. Es war ganz finster im Zimmer.
+Jetzt hörte er, wie die Arbeiter laut redend und mit schweren Schritten
+über die Holzstufen hinabgingen. Bald darauf wurden beide Tore
+geschlossen. Der Knecht ging noch einmal die Treppe auf und ab, dann war
+es ganz still. Carlo hörte nur mehr das Schnarchen Geronimos. Bald
+verwirrten sich seine Gedanken in beginnenden Träumen. Als er erwachte,
+war noch tiefe Dunkelheit um ihn. Er sah nach der Stelle, wo das Fenster
+war; wenn er die Augen anstrengte, gewahrte er dort mitten in dem
+undurchdringlichen Schwarz ein tiefgraues Viereck. Geronimo schlief noch
+immer den schweren Schlaf des Betrunkenen. Und Carlo dachte an den Tag,
+der morgen war; und ihn schauderte. Er dachte an die Nacht nach diesem
+Tage, an den Tag nach dieser Nacht, an die Zukunft, die vor ihm lag, und
+Grauen erfüllte ihn vor der Einsamkeit, die ihm bevorstand. Warum war er
+abends nicht mutiger gewesen? Warum war er nicht zu den Fremden gegangen
+und hatte sie um die zwanzig Franken gebeten? Vielleicht hätten sie doch
+Erbarmen mit ihm gehabt. Und doch – vielleicht war es gut, daß er sie
+nicht gebeten hatte. Ja, warum war es gut?... Er setzte sich jäh auf und
+fühlte sein Herz klopfen. Er wußte, warum es gut war: Wenn sie ihn
+abgewiesen hätten, so wäre er ihnen jedenfalls verdächtig geblieben –
+so aber ... Er starrte auf den grauen Fleck, der matt zu leuchten begann
+... Das, was ihm gegen seinen eigenen Willen durch den Kopf gefahren,
+war ja unmöglich, vollkommen unmöglich!... Die Tür drüben war versperrt
+– und überdies: sie konnten aufwachen ... Ja, dort – der graue
+leuchtende Fleck mitten im Dunkel war der neue Tag – – –
+
+Carlo stand auf, als zöge es ihn dorthin, und berührte mit der Stirn die
+kalte Scheibe. Warum war er denn aufgestanden? Um zu überlegen?... Um es
+zu versuchen?... Was denn?... Es war ja unmöglich – und überdies war es
+ein Verbrechen. Ein Verbrechen? Was bedeuten zwanzig Franken für solche
+Leute, die zum Vergnügen tausend Meilen weit reisen? Sie würden ja gar
+nicht merken, daß sie ihnen fehlten ... Er ging zur Türe und öffnete sie
+leise. Gegenüber war die andere, mit zwei Schritten zu erreichen,
+geschlossen. An einem Nagel im Pfosten hingen Kleidungsstücke. Carlo
+fuhr mit der Hand über sie ... Ja, wenn die Leute ihre Börsen in der
+Tasche ließen, dann wäre das Leben sehr einfach, dann brauchte bald
+niemand mehr betteln zu gehen ... Aber die Taschen waren leer. Nun, was
+blieb übrig? Wieder zurück ins Zimmer, auf den Strohsack. Es gab
+vielleicht doch eine bessere Art, sich zwanzig Franken zu verschaffen –
+eine weniger gefährliche und rechtlichere. Wenn er wirklich jedesmal
+einige Zentesimi von den Almosen zurückbehielte, bis er zwanzig Franken
+zusammengespart, und dann das Goldstück kaufte ... Aber wie lang konnte
+das dauern – Monate, vielleicht ein Jahr. Ah, wenn er nur Mut hätte!
+Noch immer stand er auf dem Gang. Er blickte zur Tür hinüber ... Was war
+das für ein Streif, der senkrecht von oben auf den Fußboden fiel? War es
+möglich? Die Tür war nur angelehnt, nicht versperrt?... Warum staunte er
+denn darüber? Seit Monaten schon schloß die Tür nicht. Wozu auch? Er
+erinnerte sich: nur dreimal hatten hier in diesem Sommer Leute
+geschlafen, zweimal Handwerksburschen und einmal ein Tourist, der sich
+den Fuß verletzt hatte. Die Tür schließt nicht – er braucht jetzt nur
+Mut – ja, und Glück! Mut? Das Schlimmste, was ihm geschehen kann, ist,
+daß die beiden aufwachen, und da kann er noch immer eine Ausrede finden.
+Er lugt durch den Spalt ins Zimmer. Es ist noch so dunkel, daß er eben
+nur die Umrisse von zwei auf den Betten lagernden Gestalten gewahren
+kann. Er horcht auf: sie atmen ruhig und gleichmäßig. Carlo öffnet die
+Tür leicht und tritt mit seinen nackten Füßen völlig geräuschlos ins
+Zimmer. Die beiden Betten stehen der Länge nach an der gleichen Wand dem
+Fenster gegenüber. In der Mitte des Zimmers ist ein Tisch; Carlo
+schleicht bis hin. Er fährt mit der Hand über die Fläche und fühlt ein
+Schlüsselbund, ein Federmesser, ein kleines Buch – weiter nichts ... Nun
+natürlich!... Daß er nur daran denken konnte, sie würden ihr Geld auf
+den Tisch legen! Ah, nun kann er gleich wieder fort!... Und doch,
+vielleicht braucht es nur einen guten Griff und es ist geglückt ... Und
+er nähert sich dem Bett neben der Tür; hier auf dem Sessel liegt etwas –
+er fühlt danach – es ist ein Revolver ... Carlo zuckt zusammen ... Ob er
+ihn nicht lieber gleich behalten sollte? Denn warum hat dieser Mensch
+den Revolver bereitliegen? Wenn er erwacht und ihn bemerkt ... Doch
+nein, er würde ja sagen: Es ist drei Uhr, gnädiger Herr, aufstehn!...
+Und er läßt den Revolver liegen.
+
+Und er schleicht tiefer ins Zimmer. Hier auf dem anderen Sessel unter
+den Wäschestücken ... Himmel! das ist sie ... das ist eine Börse – er
+hält sie in der Hand!... In diesem Moment hört er ein leises Krachen.
+Mit einer raschen Bewegung streckt er sich der Länge nach zu Füßen des
+Bettes hin ... Noch einmal dieses Krachen – ein schweres Aufatmen – ein
+Räuspern – dann wieder Stille, tiefe Stille. Carlo bleibt auf dem Boden
+liegen, die Börse in der Hand, und wartet. Es rührt sich nichts mehr.
+Schon fällt der Dämmer blaß ins Zimmer herein. Carlo wagt nicht
+aufzustehen, sondern kriecht auf dem Boden vorwärts bis zur Tür, die
+weit genug offen steht, um ihn durchzulassen, kriecht weiter bis auf den
+Gang hinaus, und hier erst erhebt er sich langsam, mit einem tiefen
+Atemzug. Er öffnet die Börse; sie ist dreifach geteilt: links und rechts
+nur kleine Silberstücke. Nun öffnet Carlo den mittleren Teil, der durch
+einen Schieber nochmals verschlossen ist, und fühlt drei
+Zwanzigfrankenstücke. Einen Augenblick denkt er daran, zwei davon zu
+nehmen, aber rasch weist er diese Versuchung von sich, nimmt nur ein
+Goldstück heraus und schließt die Börse zu. Dann kniet er nieder, blickt
+durch die Spalte in die Kammer, in der es wieder völlig still ist, und
+dann gibt er der Börse einen Stoß, so daß sie bis unter das zweite Bett
+gleitet. Wenn der Fremde aufwacht, wird er glauben müssen, daß sie vom
+Sessel heruntergefallen ist. Carlo erhebt sich langsam. Da knarrt der
+Boden leise, und im gleichen Augenblick hört er eine Stimme von drinnen:
+»Was ist’s? Was gibt’s denn?« Carlo macht rasch zwei Schritte rückwärts,
+mit verhaltenem Atem, und gleitet in seine eigene Kammer. Er ist in
+Sicherheit und lauscht ... Noch einmal kracht drüben das Bett, und dann
+ist alles still. Zwischen seinen Fingern hält er das Goldstück. Es ist
+gelungen – gelungen! Er hat die zwanzig Franken, und er kann seinem
+Bruder sagen: ›Siehst du nun, daß ich kein Dieb bin!‹ Und sie werden
+sich noch heute auf die Wanderschaft machen – gegen den Süden zu, nach
+Bormio, dann weiter durchs Veltlin ... dann nach Tirano ... nach Edole
+... nach Breno ... an den See von Iseo wie voriges Jahr ... Das wird
+durchaus nicht verdächtig sein, denn schon vorgestern hat er selbst zum
+Wirt gesagt: »In ein paar Tagen gehen wir hinunter.«
+
+Immer lichter wird es, das ganze Zimmer liegt in grauem Dämmer da. Ah,
+wenn Geronimo nur bald aufwachte! Es wandert sich so gut in der Frühe!
+Noch vor Sonnenaufgang werden sie fortgehen. Einen guten Morgen dem
+Wirt, dem Knecht und Maria auch, und dann fort, fort ... Und erst wenn
+sie zwei Stunden weit sind, schon nahe dem Tale, wird er es Geronimo
+sagen.
+
+Geronimo reckt und dehnt sich. Carlo ruft ihn an: »Geronimo!«
+
+»Nun, was gibt’s?« Und er stützt sich mit beiden Händen und setzt sich
+auf.
+
+»Geronimo, wir wollen aufstehen.«
+
+»Warum?« Und er richtet die toten Augen auf den Bruder. Carlo weiß, daß
+Geronimo sich jetzt des gestrigen Vorfalles besinnt, aber er weiß auch,
+daß der keine Silbe darüber reden wird, ehe er wieder betrunken ist.
+
+»Es ist kalt, Geronimo, wir wollen fort. Es wird heuer nicht mehr
+besser; ich denke, wir gehen. Zu Mittag können wir in Boladore sein.«
+
+Geronimo erhob sich. Die Geräusche des erwachenden Hauses wurden
+vernehmbar. Unten im Hof sprach der Wirt mit dem Knecht. Carlo stand auf
+und begab sich hinunter. Er war immer früh wach und ging oft schon in
+der Dämmerung auf die Straße hinaus. Er trat zum Wirt hin und sagte:
+»Wir wollen Abschied nehmen.«
+
+»Ah, geht ihr schon heut?« fragte der Wirt.
+
+»Ja. Es friert schon zu arg, wenn man jetzt im Hof steht, und der Wind
+zieht durch.«
+
+»Nun, grüß mir den Baldetti, wenn du nach Bormio hinunterkommst, und er
+soll nicht vergessen, mir das Öl zu schicken.«
+
+»Ja, ich will ihn grüßen. Im übrigen – das Nachtlager von heut.« Er
+griff in den Sack.
+
+»Laß sein, Carlo,« sagte der Wirt. »Die zwanzig Zentesimi schenk ich
+deinem Bruder; ich hab ihm ja auch zugehört. Guten Morgen.«
+
+»Dank,« sagte Carlo. »Im übrigen, so eilig haben wir’s nicht. Wir sehen
+dich noch, wenn du von den Hütten zurückkommst; Bormio bleibt am selben
+Fleck stehen, nicht wahr?« Er lachte und ging die Holzstufen hinauf.
+
+Geronimo stand mitten im Zimmer und sagte: »Nun, ich bin bereit zu
+gehen.«
+
+»Gleich,« sagte Carlo.
+
+Aus einer alten Kommode, die in einem Winkel des Raumes stand, nahm er
+ihre wenigen Habseligkeiten und packte sie in ein Bündel. Dann sagte er:
+»Ein schöner Tag, aber sehr kalt.«
+
+»Ich weiß,« sagte Geronimo. Beide verließen die Kammer.
+
+»Geh leise,« sagte Carlo, »hier schlafen die zwei, die gestern abend
+gekommen sind.« Behutsam schritten sie hinunter. »Der Wirt läßt dich
+grüßen,« sagte Carlo; »er hat uns die zwanzig Zentesimi für heut nacht
+geschenkt. Nun ist er bei den Hütten draußen und kommt erst in zwei
+Stunden wieder. Wir werden ihn ja im nächsten Jahre wiedersehen.«
+
+Geronimo antwortete nicht. Sie traten auf die Landstraße, die im
+Dämmerschein vor ihnen lag. Carlo ergriff den linken Arm seines
+Bruders, und beide schritten schweigend talabwärts. Schon nach kurzer
+Wanderung waren sie an der Stelle, wo die Straße in langgezogenen Kehren
+weiterzulaufen beginnt. Nebel stiegen nach aufwärts, ihnen entgegen, und
+über ihnen die Höhen schienen von den Wolken wie eingeschlungen. Und
+Carlo dachte: Nun will ich’s ihm sagen.
+
+Carlo sprach aber kein Wort, sondern nahm das Goldstück aus der Tasche
+und reichte es dem Bruder; dieser nahm es zwischen die Finger der
+rechten Hand, dann führte er es an die Wange und an die Stirn, endlich
+nickte er. »Ich hab’s ja gewußt,« sagte er.
+
+»Nun ja,« erwiderte Carlo und sah Geronimo befremdet an.
+
+»Auch wenn der Fremde mir nichts gesagt hätte, ich hätte es doch
+gewußt.«
+
+»Nun ja,« sagte Carlo ratlos. »Aber du verstehst doch, warum ich da oben
+vor den anderen – ich habe gefürchtet, daß du das Ganze auf einmal – –
+Und sieh, Geronimo, es wäre doch an der Zeit, hab ich mir gedacht, daß
+du dir einen neuen Rock kaufst und ein Hemd und Schuhe auch, glaube ich;
+darum habe ich ...«
+
+Der Blinde schüttelte heftig den Kopf. »Wozu?« Und er strich mit der
+einen Hand über seinen Rock. »Gut genug, warm genug; jetzt kommen wir
+nach dem Süden.«
+
+Carlo begriff nicht, daß Geronimo sich gar nicht zu freuen schien, daß
+er sich nicht entschuldigte. Und er redete weiter: »Geronimo, war es
+denn nicht recht von mir? Warum freust du dich denn nicht? Nun haben wir
+es doch, nicht wahr? Nun haben wir es ganz. Wenn ich dir’s oben gesagt
+hätte, wer weiß ... Oh, es ist gut, daß ich dir’s nicht gesagt habe –
+gewiß!«
+
+Da schrie Geronimo: »Hör auf zu lügen, Carlo, ich habe genug davon!«
+
+Carlo blieb stehen und ließ den Arm des Bruders los. »Ich lüge nicht.«
+
+»Ich weiß doch, daß du lügst!... Immer lügst du!... Schon hundertmal
+hast du gelogen!... Auch das hast du für dich behalten wollen, aber
+Angst hast du bekommen, das ist es!«
+
+Carlo senkte den Kopf und antwortete nichts. Er faßte wieder den Arm des
+Blinden und ging mit ihm weiter. Es tat ihm weh, daß Geronimo so sprach;
+aber er war eigentlich erstaunt, daß er nicht trauriger war.
+
+Die Nebel zerteilten sich. Nach langem Schweigen sprach Geronimo: »Es
+wird warm.« Er sagte es gleichgültig, selbstverständlich, wie er es
+schon hundertmal gesagt, und Carlo fühlte in diesem Augenblick: für
+Geronimo hatte sich nichts geändert. Für Geronimo war er immer ein Dieb
+gewesen.
+
+»Hast du schon Hunger?« fragte er.
+
+Geronimo nickte, zugleich nahm er ein Stück Käse und Brot aus der
+Rocktasche und aß davon. Und sie gingen weiter.
+
+Die Post von Bormio begegnete ihnen; der Kutscher rief sie an: »Schon
+hinunter?« Dann kamen noch andere Wagen, die alle aufwärts fuhren.
+
+»Luft aus dem Tal,« sagte Geronimo, und im gleichen Augenblick, nach
+einer raschen Wendung, lag das Veltlin zu ihren Füßen.
+
+Wahrhaftig – nichts hat sich geändert, dachte Carlo ... Nun hab ich gar
+für ihn gestohlen – und auch das ist umsonst gewesen.
+
+Die Nebel unter ihnen wurden immer dünner, der Glanz der Sonne riß
+Löcher hinein. Und Carlo dachte: ›Vielleicht war es doch nicht klug, so
+rasch das Wirtshaus zu verlassen ... Die Börse liegt unter dem Bett, das
+ist jedenfalls verdächtig ...‹ Aber wie gleichgültig war das alles! Was
+konnte ihm noch Schlimmes geschehen? Sein Bruder, dem er das Licht der
+Augen zerstört, glaubte sich von ihm bestohlen und glaubte es schon
+jahrelang und wird es immer glauben – was konnte ihm noch Schlimmes
+geschehen?
+
+Da unter ihnen lag das große weiße Hotel wie in Morgenglanz gebadet, und
+tiefer unten, wo das Tal sich zu weiten beginnt, lang hingestreckt, das
+Dorf. Schweigend gingen die beiden weiter, und immer lag Carlos Hand auf
+dem Arm des Blinden. Sie gingen an dem Park des Hotels vorüber, und
+Carlo sah auf der Terrasse Gäste in lichten Sommergewändern sitzen und
+frühstücken. »Wo willst du rasten?« fragte Carlo.
+
+»Nun, im ›Adler‹, wie immer.«
+
+Als sie bei dem kleinen Wirtshause am Ende des Dorfes angelangt waren,
+kehrten sie ein. Sie setzten sich in die Schenke und ließen sich Wein
+geben.
+
+»Was macht ihr so früh bei uns?« fragte der Wirt.
+
+Carlo erschrak ein wenig bei dieser Frage. »Ist’s denn so früh? Der
+zehnte oder elfte September – nicht?«
+
+»Im vergangenen Jahr war es gewiß viel später, als ihr herunterkamt.«
+
+»Es ist so kalt oben,« sagte Carlo. »Heut nacht haben wir gefroren. Ja
+richtig, ich soll dir bestellen, du möchtest nicht vergessen, das Öl
+hinaufzuschicken.«
+
+Die Luft in der Schenke war dumpf und schwül. Eine sonderbare Unruhe
+befiel Carlo; er wollte gern wieder im Freien sein, auf der großen
+Straße, die nach Tirano, nach Edole, nach dem See von Iseo, überallhin,
+in die Ferne führt! Plötzlich stand er auf.
+
+»Gehen wir schon?« fragte Geronimo.
+
+»Wir wollen doch heut mittag in Boladore sein, im ›Hirschen‹ halten die
+Wagen Mittagsrast; es ist ein guter Ort.«
+
+Und sie gingen. Der Friseur Benozzi stand rauchend vor seinem Laden.
+»Guten Morgen,« rief er. »Nun, wie sieht’s da oben aus? Heut nacht hat
+es wohl geschneit?«
+
+»Ja, ja,« sagte Carlo und beschleunigte seine Schritte.
+
+Das Dorf lag hinter ihnen, weiß dehnte sich die Straße zwischen Wiesen
+und Weinbergen, dem rauschenden Fluß entlang. Der Himmel war blau und
+still. ›Warum hab ich’s getan?‹ dachte Carlo. Er blickte den Blinden von
+der Seite an. ›Sieht sein Gesicht denn anders aus als sonst? Immer hat
+er es geglaubt – immer bin ich allein gewesen – und immer hat er mich
+gehaßt.‹ Und ihm war, als schritte er unter einer schweren Last weiter,
+die er doch niemals von den Schultern werfen dürfte, und als könnte er
+die Nacht sehen, durch die Geronimo an seiner Seite schritt, während die
+Sonne leuchtend auf allen Wegen lag.
+
+Und sie gingen weiter, gingen, gingen stundenlang. Von Zeit zu Zeit
+setzte sich Geronimo auf einen Meilenstein, oder sie lehnten beide an
+einem Brückengeländer, um zu rasten. Wieder kamen sie durch ein Dorf.
+Vor dem Wirtshause standen Wagen, Reisende waren ausgestiegen und gingen
+hin und her; aber die beiden Bettler blieben nicht. Wieder hinaus auf
+die offene Straße. Die Sonne stieg immer höher; Mittag mußte nahe sein.
+Es war ein Tag wie tausend andere.
+
+»Der Turm von Boladore,« sagte Geronimo. Carlo blickte auf. Er wunderte
+sich, wie genau Geronimo die Entfernungen berechnen konnte: wirklich war
+der Turm von Boladore am Horizont erschienen. Noch von ziemlich weither
+kam ihnen jemand entgegen. Es schien Carlo, als sei er am Wege gesessen
+und plötzlich aufgestanden. Die Gestalt kam näher. Jetzt sah Carlo, daß
+es ein Gendarm war, wie er ihnen so oft auf der Landstraße begegnete.
+Trotzdem schrak Carlo leicht zusammen. Aber als der Mann näher kam,
+erkannte er ihn und war beruhigt. Es war Pietro Tenelli; erst im Mai
+waren die beiden Bettler im Wirtshaus des Raggazzi in Morignone mit ihm
+zusammen gesessen, und er hatte ihnen eine schauerliche Geschichte
+erzählt, wie er von einem Strolch einmal beinahe erdolcht worden war.
+
+»Es ist einer stehen geblieben,« sagte Geronimo.
+
+»Tenelli, der Gendarm,« sagte Carlo.
+
+Nun waren sie an ihn herangekommen.
+
+»Guten Morgen, Herr Tenelli,« sagte Carlo und blieb vor ihm stehen.
+
+»Es ist nun einmal so,« sagte der Gendarm, »ich muß euch vorläufig beide
+auf den Posten nach Boladore führen.«
+
+»Eh!« rief der Blinde.
+
+Carlo wurde blaß. ›Wie ist das nur möglich?‹ dachte er. ›Aber es kann
+sich nicht darauf beziehen. Man kann es ja hier unten noch nicht
+wissen.‹
+
+»Es scheint ja euer Weg zu sein,« sagte der Gendarm lachend, »es macht
+euch wohl nichts, wenn ihr mitgeht.«
+
+»Warum redest du nichts, Carlo?« fragte Geronimo.
+
+»O ja, ich rede ... Ich bitte, Herr Gendarm, wie ist es denn möglich ...
+was sollen wir denn ... oder vielmehr, was soll ich ... wahrhaftig, ich
+weiß nicht ...«
+
+»Es ist nun einmal so. Vielleicht bist du auch unschuldig. Was weiß ich.
+Jedenfalls haben wir die telegraphische Anzeige ans Kommando bekommen,
+daß wir euch aufhalten sollen, weil ihr verdächtig seid, dringend
+verdächtig, da oben den Leuten Geld gestohlen zu haben. Nun, es ist auch
+möglich, daß ihr unschuldig seid. Also vorwärts!«
+
+»Warum sprichst du nichts, Carlo?« fragte Geronimo.
+
+»Ich rede – o ja, ich rede ...«
+
+»Nun geht endlich! Was hat es für einen Sinn, auf der Straße
+stehenzubleiben! Die Sonne brennt. In einer Stunde sind wir an Ort und
+Stelle. Vorwärts!«
+
+Carlo berührte den Arm Geronimos wie immer, und so gingen sie langsam
+weiter, der Gendarm hinter ihnen.
+
+»Carlo, warum redest du nicht?« fragte Geronimo wieder.
+
+»Aber was willst du, Geronimo, was soll ich sagen? Es wird sich alles
+herausstellen; ich weiß selber nicht ...«
+
+Und es ging ihm durch den Kopf: Soll ich’s ihm erklären, eh wir vor
+Gericht stehen?... Es geht wohl nicht. Der Gendarm hört uns zu ... Nun,
+was tut’s. Vor Gericht werd ich ja doch die Wahrheit sagen. »Herr
+Richter,« werd ich sagen, »es ist doch kein Diebstahl wie ein anderer.
+Es war nämlich so: ...« Und nun mühte er sich, die Worte zu finden, um
+vor Gericht die Sache klar und verständlich darzustellen. »Da fuhr
+gestern ein Herr über den Paß ... es mag ein Irrsinniger gewesen sein –
+oder am End hat er sich nur geirrt ... und dieser Mann ...«
+
+Aber was für ein Unsinn! Wer wird es glauben? ... Man wird ihn gar nicht
+so lange reden lassen. – Niemand kann diese dumme Geschichte glauben ...
+nicht einmal Geronimo glaubt sie ... – Und er sah ihn von der Seite an.
+Der Kopf des Blinden bewegte sich nach alter Gewohnheit während des
+Gehens wie im Takte auf und ab, aber das Gesicht war regungslos, und die
+leeren Augen stierten in die Luft. – Und Carlo wußte plötzlich, was für
+Gedanken hinter dieser Stirne liefen ... ›So also stehen die Dinge,‹
+mußte Geronimo wohl denken. – ›Carlo bestiehlt nicht nur mich, auch die
+anderen Leute bestiehlt er ... Nun, er hat es gut, er hat Augen, die
+sehen, und er nützt sie aus ...‹ – Ja, das denkt Geronimo, ganz gewiß
+... Und auch, daß man kein Geld bei mir finden wird, kann mir nicht
+helfen, – nicht vor Gericht, nicht vor Geronimo. Sie werden mich
+einsperren und ihn ... Ja, ihn geradeso wie mich, denn er hat ja das
+Geldstück. – Und er konnte nicht mehr weiter denken, er fühlte sich so
+sehr verwirrt. Es schien ihm, als verstünde er überhaupt nichts mehr von
+der ganzen Sache, und wußte nur eines: daß er sich gern auf ein Jahr in
+den Arrest setzen ließe ... oder auf zehn, wenn nur Geronimo wüßte, daß
+er für ihn allein zum Dieb geworden war.
+
+Und plötzlich blieb Geronimo stehen, so daß auch Carlo innehalten mußte.
+
+»Nun, was ist denn?« sagte der Gendarm ärgerlich. »Vorwärts, vorwärts!«
+Aber da sah er mit Verwunderung, daß der Blinde die Gitarre auf den
+Boden fallen ließ, seine Arme erhob und mit beiden Händen nach den
+Wangen des Bruders tastete. Dann näherte er seine Lippen dem Munde
+Carlos, der zuerst nicht wußte, wie ihm geschah, und küßte ihn.
+
+»Seid ihr verrückt?« fragte der Gendarm. »Vorwärts! vorwärts! Ich habe
+keine Lust zu braten.«
+
+Geronimo hob die Gitarre vom Boden auf, ohne ein Wort zu sprechen. Carlo
+atmete tief auf und legte die Hand wieder auf den Arm des Blinden. War
+es denn möglich? Der Bruder zürnte ihm nicht mehr? Er begriff am Ende –?
+Und zweifelnd sah er ihn von der Seite an.
+
+»Vorwärts!« schrie der Gendarm. »Wollt ihr endlich –!« Und er gab Carlo
+eins zwischen die Rippen.
+
+Und Carlo, mit festem Druck den Arm des Blinden leitend, ging wieder
+vorwärts. Er schlug einen viel rascheren Schritt ein als früher. Denn er
+sah Geronimo lächeln in einer milden glückseligen Art, wie er es seit
+den Kinderjahren nicht mehr an ihm gesehen hatte. Und Carlo lächelte
+auch. Ihm war, als könnte ihm jetzt nichts Schlimmes mehr geschehen, –
+weder vor Gericht, noch sonst irgendwo auf der Welt. – Er hatte seinen
+Bruder wieder ... Nein, er hatte ihn zum erstenmal ...
+
+
+
+
+Die Toten schweigen
+
+
+Er ertrug es nicht länger, ruhig im Wagen zu sitzen; er stieg aus und
+ging auf und ab. Es war schon dunkel; die wenigen Laternenlichter in
+dieser stillen, abseits liegenden Straße flackerten, vom Winde bewegt,
+hin und her. Es hatte aufgehört zu regnen; die Trottoire waren beinahe
+trocken; aber die ungepflasterten Fahrstraßen waren noch feucht, und an
+einzelnen Stellen hatten sich kleine Tümpel gebildet.
+
+Es ist sonderbar, dachte Franz, wie man sich hier, hundert Schritt von
+der Praterstraße, in irgendeine ungarische Kleinstadt versetzt glauben
+kann. Immerhin – sicher dürfte man hier wenigstens sein; hier wird sie
+keinen ihrer gefürchteten Bekannten treffen.
+
+Er sah auf die Uhr ... Sieben – und schon völlige Nacht. Der Herbst ist
+diesmal früh da. Und der verdammte Sturm.
+
+Er stellte den Kragen in die Höhe und ging rascher auf und ab. Die
+Laternenfenster klirrten. »Noch eine halbe Stunde,« sagte er zu sich,
+»dann kann ich gehen. Ah – ich wollte beinahe, es wäre so weit.« Er
+blieb an der Ecke stehen; hier hatte er einen Ausblick auf beide
+Straßen, von denen aus sie kommen könnte.
+
+Ja, heute wird sie kommen, dachte er, während er seinen Hut festhielt,
+der wegzufliegen drohte. – Freitag – Sitzung des Professorenkollegiums –
+da wagt sie sich fort und kann sogar länger ausbleiben ... Er hörte das
+Geklingel der Pferdebahn; jetzt begann auch die Glocke von der nahen
+Nepomukkirche zu läuten. Die Straße wurde belebter. Es kamen mehr
+Menschen an ihm vorüber: meist, wie ihm schien, Bedienstete aus den
+Geschäften, die um sieben geschlossen wurden. Alle gingen rasch und
+waren mit dem Sturm, der das Gehen erschwerte, in einer Art von Kampf
+begriffen. Niemand beachtete ihn; nur ein paar Ladenmädel blickten mit
+leichter Neugier zu ihm auf. – Plötzlich sah er eine bekannte Gestalt
+rasch herankommen. Er eilte ihr entgegen. Ohne Wagen? dachte er. Ist
+sie’s?
+
+Sie war es; als sie seiner gewahr wurde, beschleunigte sie ihre
+Schritte.
+
+»Du kommst zu Fuß?« sagte er.
+
+»Ich hab den Wagen schon beim Karltheater fortgeschickt. Ich glaube, ich
+bin schon einmal mit demselben Kutscher gefahren.«
+
+Ein Herr ging an ihnen vorüber und betrachtete die Dame flüchtig. Der
+junge Mann fixierte ihn scharf, beinahe drohend; der Herr ging rasch
+weiter. Die Dame sah ihm nach. »Wer war’s?!« fragte sie ängstlich.
+
+»Ich kenne ihn nicht. Hier gibt es keine Bekannten, sei ganz ruhig. –
+Aber jetzt komm rasch; wir wollen einsteigen.«
+
+»Ist das dein Wagen?«
+
+»Ja.«
+
+»Ein offener?«
+
+»Vor einer Stunde war es noch so schön.«
+
+Sie eilten hin; die junge Frau stieg ein.
+
+»Kutscher,« rief der junge Mann.
+
+»Wo ist er denn?« fragte die junge Frau.
+
+Franz schaute ringsumher. »Das ist unglaublich,« rief er, »der Kerl ist
+nicht zu sehen.«
+
+»Um Gotteswillen!« rief sie leise.
+
+»Wart einen Augenblick, Kind; er ist sicher da.«
+
+Der junge Mann öffnete die Tür zu dem kleinen Wirtshause; an einem Tisch
+mit ein paar anderen Leuten saß der Kutscher; jetzt stand er rasch auf.
+
+»Gleich, gnä’ Herr,« sagte er und trank stehend sein Glas Wein aus.
+
+»Was fällt Ihnen denn ein?«
+
+»Bitt schön, Euer Gnaden; i bin schon wieder da.«
+
+Er eilte ein wenig schwankend zu den Pferden. »Wohin fahr’n mer denn,
+Euer Gnaden?«
+
+»Prater – Lusthaus.«
+
+Der junge Mann stieg ein. Die junge Frau lehnte ganz versteckt, beinahe
+zusammengekauert, in der Ecke unter dem aufgestellten Dach.
+
+Franz faßte ihre beiden Hände. Sie blieb regungslos. – »Willst du mir
+nicht wenigstens guten Abend sagen?«
+
+»Ich bitt dich; laß mich nur einen Moment, ich bin noch ganz atemlos.«
+
+Der junge Mann lehnte sich in seine Ecke. Beide schwiegen eine Weile.
+Der Wagen war in die Praterstraße eingebogen, fuhr an dem
+Tegethoff-Monument vorüber, und nach wenigen Sekunden flog er die
+breite, dunkle Praterallee hin. Jetzt umschlang Emma plötzlich mit
+beiden Armen den Geliebten. Er schob leise den Schleier zurück, der ihn
+noch von ihren Lippen trennte, und küßte sie.
+
+»Bin ich endlich bei dir!« sagte sie.
+
+»Weißt du denn, wie lang wir uns nicht gesehen haben?« rief er aus.
+
+»Seit Sonntag.«
+
+»Ja, und da auch nur von weitem.«
+
+»Wieso? Du warst ja bei uns.«
+
+»Nun ja ... bei euch. Ah, das geht so nicht fort. Zu euch komm ich
+überhaupt nie wieder. Aber was hast du denn?«
+
+»Es ist ein Wagen an uns vorbeigefahren.«
+
+»Liebes Kind, die Leute, die heute im Prater spazieren fahren, kümmern
+sich wahrhaftig nicht um uns.«
+
+»Das glaub ich schon. Aber zufällig kann einer hereinschaun.«
+
+»Es ist unmöglich, jemanden zu erkennen.«
+
+»Ich bitt dich, fahren wir wo anders hin.«
+
+»Wie du willst.«
+
+Er rief dem Kutscher, der aber nicht zu hören schien. Da beugte er sich
+vor und berührte ihn mit der Hand. Der Kutscher wandte sich um.
+
+»Sie sollen umkehren. Und warum hauen Sie denn so auf die Pferde ein?
+Wir haben ja gar keine Eile, hören Sie! Wir fahren in die ... wissen
+Sie, die Allee, die zur Reichsbrücke führt.«
+
+»Auf die Reichsstraßen?«
+
+»Ja, aber rasen Sie nicht so, das hat ja gar keinen Sinn.«
+
+»Bitt schön, gnä’ Herr, der Sturm, der macht die Rösser so wild.«
+
+»Ah freilich, der Sturm.« Franz setzte sich wieder.
+
+Der Kutscher wandte die Pferde. Sie fuhren zurück.
+
+»Warum habe ich dich gestern nicht gesehen?« fragte sie.
+
+»Wie hätt’ ich denn können?«
+
+»Ich dachte, du warst auch bei meiner Schwester geladen.«
+
+»Ach so.«
+
+»Warum warst du nicht dort?«
+
+»Weil ich es nicht vertragen kann, mit dir unter anderen Leuten zusammen
+zu sein. Nein, nie wieder.«
+
+Sie zuckte die Achseln.
+
+»Wo sind wir denn?« fragte sie dann.
+
+Sie fuhren unter der Eisenbahnbrücke in die Reichsstraße ein.
+
+»Da geht’s zur großen Donau,« sagte Franz, »wir sind auf dem Weg zur
+Reichsbrücke. Hier gibt es keine Bekannten!« setzte er spöttisch hinzu.
+
+»Der Wagen schüttelt entsetzlich.«
+
+»Ja, jetzt sind wir wieder auf Pflaster.«
+
+»Warum fährt er so im Zickzack?«
+
+»Es scheint dir so.«
+
+Aber er fand selbst, daß der Wagen sie heftiger als nötig hin und her
+warf. Er wollte nichts davon sagen, um sie nicht noch ängstlicher zu
+machen.
+
+»Ich habe heute viel und ernst mit dir zu reden, Emma.«
+
+»Da mußt du bald anfangen, denn um neun muß ich zu Hause sein.«
+
+»In zwei Worten kann alles entschieden sein.«
+
+»Gott, was ist denn das?« ... schrie sie auf. Der Wagen war in ein
+Pferdebahngeleise geraten und machte jetzt, als der Kutscher
+herauswenden wollte, eine so scharfe Biegung, daß er fast zu stürzen
+drohte. Franz packte den Kutscher beim Mantel. »Halten Sie,« rief er ihm
+zu. »Sie sind ja betrunken.«
+
+Der Kutscher brachte die Pferde mühsam zum Stehen. »Aber gnä’ Herr ...«
+
+»Komm, Emma, steigen wir hier aus.«
+
+»Wo sind wir?«
+
+»Schon an der Brücke. Es ist auch jetzt nicht mehr gar so stürmisch.
+Gehen wir ein Stückchen. Man kann während des Fahrens nicht ordentlich
+reden.«
+
+Emma zog den Schleier herunter und folgte.
+
+»Nicht stürmisch nennst du das?« rief sie aus, als ihr gleich beim
+Aussteigen ein Windstoß entgegenfuhr.
+
+Er nahm ihren Arm. »Nachfahren,« rief er dem Kutscher zu.
+
+Sie spazierten vorwärts. Solang die Brücke allmählich anstieg, sprachen
+sie nichts; und als sie beide das Wasser unter sich rauschen hörten,
+blieben sie eine Weile stehen. Tiefes Dunkel war um sie. Der breite
+Strom dehnte sich grau und in unbestimmten Grenzen hin, in der Ferne
+sahen sie rote Lichter, die über dem Wasser zu schweben schienen und
+sich darin spiegelten. Von dem Ufer her, das die beiden eben verlassen
+hatten, senkten sich zitternde Lichtstreifen ins Wasser; jenseits war
+es, als verlöre sich der Strom in die schwarzen Auen. Jetzt schien ein
+ferneres Donnern zu ertönen, das immer näher kam; unwillkürlich sahen
+sie beide nach der Stelle, wo die roten Lichter schimmerten; Bahnzüge
+mit hellen Fenstern rollten zwischen eisernen Bogen hin, die plötzlich
+aus der Nacht hervorzuwachsen und gleich wieder zu versinken schienen.
+Der Donner verlor sich allmählich, es wurde still; nur der Wind kam in
+plötzlichen Stößen.
+
+Nach langem Schweigen sagte Franz: »Wir sollten fort.«
+
+»Freilich,« erwiderte Emma leise.
+
+»Wir sollten fort,« sagte Franz lebhaft, »ganz fort, mein ich ...«
+
+»Es geht ja nicht.«
+
+»Weil wir feig sind, Emma; darum geht es nicht.«
+
+»Und mein Kind?«
+
+»Er würde es dir lassen, ich bin fest überzeugt.«
+
+»Und wie?« fragte sie leise ... »Davonlaufen bei Nacht und Nebel?«
+
+»Nein, durchaus nicht. Du hast nichts zu tun, als ihm einfach zu sagen,
+daß du nicht länger bei ihm leben kannst, weil du einem andern gehörst.«
+
+»Bist du bei Sinnen, Franz?«
+
+»Wenn du willst, erspar ich dir auch das, – ich sag es ihm selber.«
+
+»Das wirst du nicht tun, Franz.«
+
+Er versuchte, sie anzusehen; aber in der Dunkelheit konnte er nicht mehr
+bemerken, als daß sie den Kopf erhoben und zu ihm gewandt hatte.
+
+Er schwieg eine Weile. Dann sagte er ruhig: »Hab keine Angst, ich werde
+es nicht tun.«
+
+Sie näherten sich dem anderen Ufer.
+
+»Hörst du nichts?« sagte sie. »Was ist das?«
+
+»Es kommt von drüben,« sagte er.
+
+Langsam rasselte es aus dem Dunkel hervor; ein kleines rotes Licht
+schwebte ihnen entgegen; bald sahen sie, daß es von einer kleinen
+Laterne kam, die an der vorderen Deichsel eines Landwagens befestigt
+war; aber sie konnten nicht sehen, ob der Wagen beladen war und ob
+Menschen mitfuhren. Gleich dahinter kamen noch zwei gleiche Wagen. Auf
+dem letzten konnten sie einen Mann in Bauerntracht gewahren, der eben
+seine Pfeife anzündete. Die Wagen fuhren vorbei. Dann hörten sie wieder
+nichts als das dumpfe Geräusch des Fiakers, der zwanzig Schritte hinter
+ihnen langsam weiterrollte. Jetzt senkte sich die Brücke leicht gegen
+das andere Ufer. Sie sahen, wie die Straße vor ihnen zwischen Bäumen ins
+Finstere weiter lief. Rechts und links von ihnen lagen in der Tiefe die
+Auen; sie sahen wie in Abgründe hinein.
+
+Nach langem Schweigen sagte Franz plötzlich: »Also das letztemal ...«
+
+»Was?« fragte Emma in besorgtem Ton.
+
+»– Daß wir zusammen sind. Bleib bei ihm. Ich sag dir adieu.«
+
+»Sprichst du im Ernst?«
+
+»Vollkommen.«
+
+»Siehst du, daß du es bist, der uns immer die paar Stunden verdirbt, die
+wir haben; nicht ich!«
+
+»Ja, ja, du hast recht,« sagte Franz. »Komm, fahren wir zurück.«
+
+Sie nahm seinen Arm fester. »Nein,« sagte sie zärtlich, »jetzt will ich
+nicht. Ich laß mich nicht so fortschicken.«
+
+Sie zog ihn zu sich herab und küßte ihn lang. »Wohin kämen wir,« fragte
+sie dann, »wenn wir hier immer weiter führen?«
+
+»Da geht’s direkt nach Prag, mein Kind.«
+
+»So weit nicht,« sagte sie lächelnd, »aber noch ein bißchen weiter da
+hinaus, wenn du willst.« Sie wies ins Dunkle.
+
+»He, Kutscher!« rief Franz. Der hörte nichts.
+
+Franz schrie: »Halten Sie doch!«
+
+Der Wagen fuhr immer weiter. Franz lief ihm nach. Jetzt sah er, daß der
+Kutscher schlief. Durch heftiges Anschreien weckte ihn Franz auf. »Wir
+fahren noch ein kleines Stück weiter – die gerade Straße – verstehen Sie
+mich?«
+
+»Is’ schon gut, gnä’ Herr ...«
+
+Emma stieg ein; nach ihr Franz. Der Kutscher hieb mit der Peitsche
+drein; wie rasend flogen die Pferde über die aufgeweichte Straße hin.
+Aber die beiden im Wagen hielten einander fest umarmt, während der Wagen
+sie hin und her warf.
+
+»Ist das nicht auch ganz schön,« flüsterte Emma ganz nahe an seinem
+Munde.
+
+In diesem Augenblick war ihr, als flöge der Wagen plötzlich in die Höhe
+– sie fühlte sich fortgeschleudert, wollte sich an etwas klammern, griff
+ins Leere; es schien ihr, als drehe sie sich mit rasender
+Geschwindigkeit im Kreise herum, so daß sie die Augen schließen mußte –
+und plötzlich fühlte sie sich auf dem Boden liegen, und eine ungeheure
+schwere Stille brach herein, als wenn sie fern von aller Welt und völlig
+einsam wäre. Dann hörte sie verschiedenes durcheinander: Geräusch von
+Pferdehufen, die ganz in ihrer Nähe auf den Boden schlugen, ein leises
+Wimmern; aber sehen konnte sie nichts. Jetzt faßte sie eine tolle Angst;
+sie schrie; ihre Angst ward noch größer, denn sie hörte ihr Schreien
+nicht. Sie wußte plötzlich ganz genau, was geschehen war: der Wagen war
+an irgend etwas gestoßen, wohl an einen der Meilensteine, hatte
+umgeworfen, und sie waren herausgestürzt. Wo ist _er?_ war ihr nächster
+Gedanke. Sie rief seinen Namen. Und sie hörte sich rufen, ganz leise
+zwar, aber sie hörte sich. Es kam keine Antwort. Sie versuchte, sich zu
+erheben. Es gelang ihr so weit, daß sie auf den Boden zu sitzen kam, und
+als sie mit den Händen ausgriff, fühlte sie einen menschlichen Körper
+neben sich. Und nun konnte sie auch die Dunkelheit mit ihrem Auge
+durchdringen. Franz lag neben ihr, völlig regungslos. Sie berührte mit
+der ausgestreckten Hand sein Gesicht; sie fühlte etwas Feuchtes und
+Warmes darüber fließen. Ihr Atem stockte. Blut ...? Was war da
+geschehen? Franz war verwundet und bewußtlos. Und der Kutscher – wo war
+er denn? Sie rief nach ihm. Keine Antwort. Noch immer saß sie auf dem
+Boden. Mir ist nichts geschehen, dachte sie, obwohl sie Schmerzen in
+allen Gliedern fühlte. Was tu ich nur, was tu ich nur ... es ist doch
+nicht möglich, daß mir gar nichts geschehen ist. »Franz!« rief sie. Eine
+Stimme antwortete ganz in der Nähe: »Wo sind S’ denn, gnä’ Fräul’n, wo
+ist der gnä’ Herr? Es ist doch nix g’schehn? Warten S’, Fräulein, – i
+zünd nur die Latern an, daß wir was sehn; i weiß net, was die Krampen
+heut hab’n. Ich bin net Schuld, meiner Seel ... in ein Schoderhaufen
+sein s’ hinein, die verflixten Rösser.«
+
+Emma hatte sich, trotzdem ihr alle Glieder weh taten, vollkommen
+aufgerichtet, und daß dem Kutscher nichts geschehen war, machte sie ein
+wenig ruhiger. Sie hörte, wie der Mann die Laternenklappe öffnete und
+Streichhölzchen anrieb. Angstvoll wartete sie auf das Licht. Sie wagte
+es nicht, Franz noch einmal zu berühren, der vor ihr auf dem Boden lag;
+sie dachte: wenn man nichts sieht, scheint alles furchtbarer; er hat
+gewiß die Augen offen ... es wird nichts sein.
+
+Ein Lichtschimmer kam von der Seite. Sie sah plötzlich den Wagen, der
+aber zu ihrer Verwunderung nicht auf dem Boden lag, sondern nur schief
+gegen den Straßengraben zu gestellt war, als wäre ein Rad gebrochen.
+Die Pferde standen vollkommen still. Das Licht näherte sich; sie sah den
+Schein allmählich über einen Meilenstein, über den Schotterhaufen in den
+Graben gleiten; dann kroch er auf die Füße Franzens, glitt über seinen
+Körper, beleuchtete sein Gesicht und blieb darauf ruhen. Der Kutscher
+hatte die Laterne auf den Boden gestellt; gerade neben den Kopf des
+Liegenden. Emma ließ sich auf die Knie nieder, und es war ihr, als hörte
+ihr Herz zu schlagen auf, wie sie das Gesicht erblickte. Es war blaß;
+die Augen halb offen, so daß sie nur das Weiße von ihnen sah. Von der
+rechten Schläfe rieselte langsam ein Streifen Blut über die Wange und
+verlor sich unter dem Kragen am Halse. In die Unterlippe waren die Zähne
+gebissen. »Es ist ja nicht möglich!« sagte Emma vor sich hin.
+
+Auch der Kutscher war niedergekniet und starrte das Gesicht an. Dann
+packte er mit beiden Händen den Kopf und hob ihn in die Höhe. »Was
+machen Sie?« schrie Emma mit erstickter Stimme und erschrak vor diesem
+Kopf, der sich selbständig aufzurichten schien.
+
+»Gnä’ Fräul’n, mir scheint, da ist ein großes Malheur geschehn.«
+
+»Es ist nicht wahr,« sagte Emma. »Es kann nicht sein. Ist denn Ihnen
+was geschehen? Und mir ...«
+
+Der Kutscher ließ den Kopf des Regungslosen wieder langsam sinken; – in
+den Schoß Emmas, die zitterte. »Wenn nur wer käm ... wenn nur die
+Bauersleut eine Viertelstund’ später daherkommen wären ...«
+
+»Was sollen wir denn machen?« sagte Emma mit bebenden Lippen.
+
+»Ja, Fräul’n, wenn der Wagen net brochen wär ... aber so, wie er jetzt
+zug’richt ist ... Wir müssen halt warten, bis wer kommt.« Er redete noch
+weiter, ohne daß Emma seine Worte auffaßte; aber während dem war es ihr,
+als käme sie zur Besinnung, und sie wußte, was zu tun war.
+
+»Wie weit ist’s bis zu den nächsten Häusern?« fragte sie.
+
+»Das ist nimmer weit, Fräul’n, da ist ja gleich das Franz Josefsland ...
+Wir müßten die Häuser sehen, wenn’s licht wär, in fünf Minuten müßte man
+dort sein.«
+
+»Gehen Sie hin. Ich bleibe da, holen Sie Leute.«
+
+»Ja, Fräul’n, ich glaub schier, es ist g’scheiter, ich bleib mit Ihnen
+da – es kann ja nicht so lang dauern, bis wer kommt, es ist ja
+schließlich die Reichsstraße, und –«
+
+»Da wird’s zu spät, da kann’s zu spät werden. Wir brauchen einen
+Doktor.«
+
+Der Kutscher sah auf das Gesicht des Regungslosen, dann schaute er
+kopfschüttelnd Emma an.
+
+»Das können Sie nicht wissen,« – rief Emma, »und ich auch nicht.«
+
+»Ja, Fräul’n ... aber wo find’ i denn ein’ Doktor im Franz Josefsland?«
+
+»So soll von dort jemand in die Stadt und –«
+
+»Fräul’n, wissen’s was! I denk mir, die werden dort vielleicht ein
+Telephon haben. Da könnten wir um die Rettungsgesellschaft
+telephonieren.«
+
+»Ja, das ist das beste! Gehen Sie nur, laufen Sie, um Himmels willen!
+Und Leute bringen Sie mit ... Und ... bitt’ Sie, gehen Sie nur, was tun
+Sie denn noch da?«
+
+Der Kutscher schaute in das blasse Gesicht, das nun auf Emmas Schoß
+ruhte. »Rettungsgesellschaft, Doktor, wird nimmer viel nützen.«
+
+»Gehen Sie! Um Gottes willen! Gehen Sie!«
+
+»I geh schon – daß S’ nur nicht Angst kriegen, Fräul’n, da in der
+Finstern.« Und er eilte rasch über die Straße fort. »I kann nix dafür,
+meiner Seel,« murmelte er vor sich hin. »Ist auch eine Idee, mitten in
+der Nacht auf die Reichsstraßen ...«
+
+Emma war mit dem Regungslosen allein auf der dunklen Straße. »Was
+jetzt?« dachte sie. Es ist doch nicht möglich ... das ging ihr immer
+wieder durch den Kopf ... es ist ja nicht möglich. – Es war ihr
+plötzlich, als hörte sie neben sich atmen. Sie beugte sich herab zu den
+blassen Lippen. Nein, von da kam kein Hauch. Das Blut an Schläfe und
+Wangen schien getrocknet zu sein. Sie starrte die Augen an; die
+gebrochenen Augen, und bebte zusammen. Ja warum glaube ich es denn nicht
+– es ist ja gewiß ... das ist der Tod! Und es durchschauerte sie. Sie
+fühlte nur mehr: ein Toter. Ich und ein Toter, der Tote auf meinem
+Schoß. Und mit zitternden Händen rückte sie den Kopf weg, so daß er
+wieder auf den Boden zu liegen kam. Und jetzt erst kam ein Gefühl
+entsetzlicher Verlassenheit über sie. Warum hatte sie den Kutscher
+weggeschickt? Was für ein Unsinn! Was soll sie denn da auf der
+Landstraße mit dem toten Manne allein anfangen? Wenn Leute kommen ...
+Ja, was soll sie denn tun, wenn Leute kommen? Wie lang wird sie hier
+warten müssen? Und sie sah wieder den Toten an. Ich bin nicht allein mit
+ihm, fiel ihr ein. Das Licht ist ja da. Und es kam ihr vor, als wäre
+dieses Licht etwas Liebes und Freundliches, dem sie danken müßte. Es war
+mehr Leben in dieser kleinen Flamme, als in der ganzen weiten Nacht um
+sie; ja, es war ihr fast, als sei ihr dieses Licht ein Schutz gegen den
+blassen fürchterlichen Mann, der neben ihr auf dem Boden lag ... Und sie
+sah in das Licht so lang, bis ihr die Augen flimmerten, bis es zu tanzen
+begann. Und plötzlich hatte sie das Gefühl, als wenn sie erwachte. Sie
+sprang auf! Das geht ja nicht, das ist ja unmöglich, man darf mich doch
+nicht hier mit ihm finden ... Es war ihr, als sähe sie sich jetzt selbst
+auf der Straße stehen, zu ihren Füßen den Toten und das Licht; und sie
+sah sich, als ragte sie in sonderbarer Größe in die Dunkelheit hinein.
+Worauf wart ich, dachte sie, und ihre Gedanken jagten ... Worauf wart
+ich? Auf die Leute? – Was brauchen mich denn die? Die Leute werden
+kommen und fragen ... und ich ... was tu ich denn hier? Alle werden
+fragen, wer ich bin. Was soll ich ihnen antworten? Nichts. Kein Wort
+werd ich reden, wenn sie kommen, schweigen werd ich. Kein Wort ... sie
+können mich ja nicht zwingen.
+
+Stimmen kamen von weitem.
+
+Schon? dachte sie. Sie lauschte angstvoll. Die Stimmen kamen von der
+Brücke her. Das konnten also nicht die Leute sein, die der Kutscher
+geholt hatte. Aber wer immer sie waren – jedenfalls werden sie das
+Licht bemerken – und das durfte nicht sein, dann war sie entdeckt.
+
+Und sie stieß mit dem Fuß die Laterne um. Die verlöschte. Nun stand sie
+in tiefer Finsternis. Nichts sah sie. Auch ihn sah sie nicht mehr. Nur
+der weiße Schotterhaufen glänzte ein wenig. Die Stimmen kamen näher. Sie
+begann am ganzen Körper zu zittern. Nur hier nicht entdeckt werden. Um
+Himmels willen, das ist ja das einzige Wichtige, nur auf das und auf gar
+nichts anderes kommt es an – sie ist ja verloren, wenn ein Mensch
+erfährt, daß sie die Geliebte von ... Sie faltet die Hände krampfhaft.
+Sie betet, daß die Leute auf der anderen Seite der Straße vorübergehen
+mögen, ohne sie zu bemerken. Sie lauscht. Ja von drüben ... Was reden
+sie doch?... Es sind zwei Frauen oder drei. Sie haben den Wagen bemerkt,
+denn sie reden etwas davon, sie kann Wörter unterscheiden. Ein Wagen ...
+umgefallen ... was sagen sie sonst? Sie kann es nicht verstehen. Sie
+gehen weiter ... sie sind vorüber ... Gott sei Dank! Und jetzt, was
+jetzt? O, warum ist sie nicht tot wie er? Er ist zu beneiden, für ihn
+ist alles vorüber ... für ihn gibt es keine Gefahr mehr und keine
+Furcht. Sie aber zittert vor vielem. Sie fürchtet, daß man sie hier
+finden, daß man sie fragen wird: wer sind Sie?... Daß sie mit auf die
+Polizei muß, daß alle Menschen es erfahren werden, daß ihr Mann – daß
+ihr Kind –
+
+Und sie begreift nicht, daß sie so lange schon dagestanden ist wie
+angewurzelt ... Sie kann ja fort, sie nützt ja keinem hier, und sich
+selbst bringt sie ins Unglück. Und sie macht einen Schritt ...
+Vorsichtig ... sie muß durch den Straßengraben ... hinüber ... einen
+Schritt hinauf – o, er ist so seicht! – und noch zwei Schritte, bis sie
+in der Mitte der Straße ist ... und dann steht sie einen Augenblick
+still, sieht vor sich hin und kann den grauen Weg ins Dunkle hinein
+verfolgen. Dort – dort ist die Stadt. Sie kann nichts von ihr sehen ...
+aber die Richtung ist ihr klar. Noch einmal wendet sie sich um. Es ist
+ja gar nicht so dunkel. Sie kann den Wagen ganz gut sehn; auch die
+Pferde ... und wenn sie sich sehr anstrengt, merkt sie auch etwas wie
+die Umrisse eines menschlichen Körpers, der auf dem Boden liegt. Sie
+reißt die Augen weit auf, es ist ihr, als hielte sie etwas hier zurück
+... der Tote ist es, der sie hier behalten will, und es graut sie vor
+seiner Macht ... Aber gewaltsam macht sie sich frei, und jetzt merkt
+sie: der Boden ist zu feucht; sie steht auf der glitschigen Straße, und
+der nasse Staub hat sie nicht fortgelassen. Nun aber geht sie ... geht
+rascher ... läuft ... und fort von da ... zurück ... in das Licht, in
+den Lärm, zu den Menschen! Die Straße läuft sie entlang, hält das Kleid
+hoch, um nicht zu fallen. Der Wind ist ihr im Rücken, es ist, als wenn
+er sie vorwärts triebe. Sie weiß nicht mehr recht, wovor sie flieht. Es
+ist ihr, als ob sie vor dem bleichen Manne fliehen müßte, der dort, weit
+hinter ihr, neben dem Straßengraben liegt ... dann fällt ihr ein, daß
+sie ja den Lebendigen entkommen will, die gleich dort sein und sie
+suchen werden. Was werden die denken? Wird man ihr nicht nach? Aber man
+kann sie nicht mehr einholen, sie ist ja gleich bei der Brücke, sie hat
+einen großen Vorsprung, und dann ist die Gefahr vorbei. Man kann ja
+nicht ahnen, wer sie ist, keine Seele kann ahnen, wer die Frau war, die
+mit jenem Mann über die Reichsstraße gefahren ist. Der Kutscher kennt
+sie nicht, er wird sie auch nicht erkennen, wenn er sie später einmal
+sieht. Man wird sich auch nicht darum kümmern, wer sie war. Wen geht es
+an? – Es ist sehr klug, daß sie nicht dort geblieben ist, es ist auch
+nicht gemein. Franz selbst hätte ihr recht gegeben. Sie muß ja nach
+Haus, sie hat ein Kind, sie hat einen Mann, sie wäre ja verloren, wenn
+man sie dort bei ihrem toten Geliebten gefunden hätte. Da ist die
+Brücke, die Straße scheint heller ... ja schon hört sie das Wasser
+rauschen wie früher; sie ist da, wo sie mit ihm Arm in Arm gegangen –
+wann – wann? Vor wieviel Stunden? Es kann noch nicht lange sein. Nicht
+lang? Vielleicht doch! Vielleicht war sie lange bewußtlos, vielleicht
+ist es längst Mitternacht, vielleicht ist der Morgen schon nahe, und sie
+wird daheim schon vermißt. Nein, nein, das ist ja nicht möglich, sie
+weiß, daß sie gar nicht bewußtlos war; sie erinnert sich jetzt genauer
+als im ersten Augenblick, wie sie aus dem Wagen gestürzt und gleich über
+alles im klaren gewesen ist. Sie läuft über die Brücke und hört ihre
+Schritte hallen. Sie sieht nicht nach rechts und links. Jetzt bemerkt
+sie, wie eine Gestalt ihr entgegenkommt. Sie mäßigt ihre Schritte. Wer
+kann das sein, der ihr entgegenkommt? Es ist jemand in Uniform. Sie geht
+ganz langsam. Sie darf nicht auffallen. Sie glaubt zu merken, daß der
+Mann den Blick fest auf sie gerichtet hält. Wenn er sie fragt? Sie ist
+neben ihm, erkennt die Uniform; es ist ein Sicherheitswachmann; sie geht
+an ihm vorüber. Sie hört, daß er hinter ihr stehen geblieben ist. Mit
+Mühe hält sie sich davon zurück, wieder zu laufen; es wäre verdächtig.
+Sie geht noch immer so langsam wie früher. Sie hört das Geklingel der
+Pferdeeisenbahn. Es kann noch lang nicht Mitternacht sein. Jetzt geht
+sie wieder schneller; sie eilt der Stadt entgegen, deren Lichter sie
+schon unter dem Eisenbahnviadukt am Ausgang der Straße entgegenschimmern
+sieht, deren gedämpften Lärm sie schon zu vernehmen glaubt. Noch diese
+einsame Straße, und dann ist die Erlösung da. Jetzt hört sie von weitem
+schrille Pfiffe, immer schriller, immer näher; ein Wagen saust an ihr
+vorüber. Unwillkürlich bleibt sie stehen und sieht ihm nach. Es ist der
+Wagen der Rettungsgesellschaft. Sie weiß, wohin er fährt. Wie schnell!
+denkt sie ... Es ist wie Zauberei. Einen Moment lang ist ihr, als müßte
+sie den Leuten nachrufen, als müßte sie mit, als müßte sie wieder dahin
+zurück, woher sie gekommen – einen Moment lang packt sie eine ungeheure
+Scham, wie sie sie nie empfunden; und sie weiß, daß sie feig und
+schlecht gewesen ist. Aber wie sie das Rollen und Pfeifen immer ferner
+verklingen hört, kommt eine wilde Freude über sie, und wie eine
+Gerettete eilt sie vorwärts. Leute kommen ihr entgegen; sie hat keine
+Angst mehr vor ihnen – das Schwerste ist überstanden. Der Lärm der Stadt
+wird deutlich, immer lichter wird es vor ihr; schon sieht sie die
+Häuserzeile der Praterstraße, und es ist ihr, als werde sie dort von
+einer Flut von Menschen erwartet, in der sie spurlos verschwinden darf.
+Wie sie jetzt zu einer Straßenlaterne kommt, hat sie schon die Ruhe,
+auf ihre Uhr zu sehen. Es ist zehn Minuten vor neun. Sie hält die Uhr
+ans Ohr – sie ist nicht stehen geblieben. Und sie denkt: ich bin
+lebendig, gesund ... sogar meine Uhr geht ... und er ... er ... tot ...
+Schicksal ... Es ist ihr, als wäre ihr alles verziehen ... als wäre nie
+irgendeine Schuld auf ihrer Seite gewesen. Es hat sich erwiesen, ja es
+hat sich erwiesen. Sie hört, wie sie diese Worte laut spricht. Und wenn
+es das Schicksal anders bestimmt hätte? – Und wenn sie jetzt dort im
+Graben läge und er am Leben geblieben wäre? Er wäre nicht geflohen, nein
+... er nicht. Nun ja, er ist ein Mann. Sie ist ein Weib – und sie hat
+ein Kind und einen Gatten. – Sie hat recht gehabt, – es ist ihre Pflicht
+– ja ihre Pflicht. Sie weiß ganz gut, daß sie nicht aus Pflichtgefühl so
+gehandelt ... Aber sie hat doch das Rechte getan. Unwillkürlich ... wie
+... gute Menschen immer. Jetzt wäre sie schon entdeckt. Jetzt würden die
+Ärzte sie fragen. Und Ihr Mann, gnädige Frau? O Gott!... Und die
+Zeitungen morgen – und die Familie – sie wäre für alle Zeit vernichtet
+gewesen und hätte ihn doch nicht zum Leben erwecken können. Ja, das war
+die Hauptsache; für nichts hätte sie sich zugrunde gerichtet. – Sie ist
+unter der Eisenbahnbrücke. – Weiter ... weiter ... Hier ist die
+Tegethoffsäule, wo die vielen Straßen ineinander laufen. Es sind heute,
+an dem regnerischen, windigen Herbstabend wenig Leute mehr im Freien,
+aber ihr ist es, als brause das Leben der Stadt mächtig um sie, denn
+woher sie kommt, dort war die fürchterlichste Stille. Sie hat Zeit. Sie
+weiß, daß ihr Mann heute erst gegen zehn nach Hause kommen wird. – sie
+kann sich sogar noch umkleiden. Jetzt fällt es ihr ein, ihr Kleid zu
+betrachten. Mit Schrecken merkt sie, daß es über und über beschmutzt
+ist. Was wird sie dem Stubenmädchen sagen? Es fährt ihr durch den Kopf,
+daß morgen die Geschichte von dem Unglücksfall in allen Zeitungen zu
+lesen sein wird. Auch von einer Frau, die mit im Wagen war, und die dann
+nicht mehr zu finden war, wird überall zu lesen stehen, und bei diesem
+Gedanken bebt sie von neuem – _eine_ Unvorsichtigkeit, und all ihre
+Feigheit war umsonst. Aber sie hat den Wohnungsschlüssel bei sich; sie
+kann ja selbst aufsperren; – sie wird sich nicht hören lassen. Sie
+steigt rasch in einen Fiaker. Schon will sie ihm ihre Adresse angeben,
+da fällt ihr ein, daß das vielleicht unklug wäre, und sie ruft ihm
+irgendeinen Straßennamen zu, der ihr eben einfällt. Wie sie durch die
+Praterstraße fährt, möchte sie gern irgend etwas empfinden, aber sie
+kann es nicht; sie fühlt, daß sie nur einen Wunsch hat: zu Hause, in
+Sicherheit sein. Alles andere ist ihr gleichgültig. Im Augenblick, da
+sie sich entschlossen hat, den Toten allein auf der Straße liegen zu
+lassen, hat alles in ihr verstummen müssen, was um ihn klagen und
+jammern wollte. Sie kann jetzt nichts mehr empfinden als Sorge um sich.
+Sie ist ja nicht herzlos ... o nein!... sie weiß ganz gewiß, es werden
+Tage kommen, wo sie verzweifeln wird; vielleicht wird sie daran zugrunde
+gehen; aber jetzt ist nichts in ihr als die Sehnsucht, mit trockenen
+Augen und ruhig zu Hause am selben Tisch mit ihrem Gatten und ihrem
+Kinde zu sitzen. Sie sieht durchs Fenster hinaus. Der Wagen fährt durch
+die innere Stadt; hier ist es hell erleuchtet, und ziemlich viele
+Menschen eilen vorbei. Da ist ihr plötzlich, als könne alles, was sie in
+den letzten Stunden durchlebt, gar nicht wahr sein. Wie ein böser Traum
+erscheint es ihr ... unfaßbar als Wirkliches, Unabänderliches. In einer
+Seitengasse nach dem Ring läßt sie den Wagen halten, steigt aus, biegt
+rasch um die Ecke und nimmt dort einen andern Wagen, dem sie ihre
+richtige Adresse angibt. Es kommt ihr vor, als wäre sie jetzt überhaupt
+nicht mehr fähig, einen Gedanken zu fassen. Wo ist er jetzt, fährt es
+ihr durch den Sinn. Sie schließt die Augen, und sie sieht ihn vor sich
+auf einer Bahre liegen, im Krankenwagen – und plötzlich ist ihr, als
+sitze sie neben ihm und fahre mit ihm. Und der Wagen beginnt zu
+schwanken, und sie hat Angst, daß sie herausgeschleudert werde, wie
+damals – und sie schreit auf. Da hält der Wagen. Sie fährt zusammen; sie
+ist vor ihrem Haustor. – Rasch steigt sie aus, eilt durch den Flur, mit
+leisen Schritten, so daß der Portier hinter seinem Fenster gar nicht
+aufschaut, die Treppen hinauf, sperrt leise die Tür auf, um nicht gehört
+zu werden ... durchs Vorzimmer in ihr Zimmer – es ist gelungen! Sie
+macht Licht, wirft eilig ihre Kleider ab und verbirgt sie wohl im
+Schrank. Über Nacht sollen sie trocknen – morgen will sie sie selber
+bürsten und reinigen. Dann wäscht sie sich Gesicht und Hände und nimmt
+einen Schlafrock um.
+
+Jetzt klingelt es draußen. Sie hört das Stubenmädchen an die Wohnungstür
+kommen und öffnen. Sie hört die Stimme ihres Mannes; sie hört, wie er
+den Stock hinstellt. Sie fühlt, daß sie jetzt stark sein müsse, sonst
+kann noch immer alles vergeblich gewesen sein. Sie eilt ins
+Speisezimmer, so daß sie im selben Augenblick eintritt wie ihr Gatte.
+
+»Ah, du bist schon zu Haus?« sagt er.
+
+»Gewiß,« antwortet sie, »schon lang.«
+
+»Man hat dich offenbar nicht kommen gesehn.« Sie lächelt, ohne sich dazu
+zwingen zu müssen. Es macht sie nur sehr müde, daß sie auch lächeln muß.
+Er küßt sie auf die Stirn.
+
+Der Kleine sitzt schon bei Tisch; er hat lang warten müssen, ist
+eingeschlafen. Auf dem Teller hat er sein Buch liegen, auf dem offenen
+Buch ruht sein Gesicht. Sie setzt sich neben ihn, der Gatte ihr
+gegenüber, nimmt eine Zeitung und wirft einen flüchtigen Blick hinein.
+Dann legt er sie weg und sagt: »Die anderen sitzen noch zusammen und
+beraten weiter.«
+
+»Worüber?« fragt sie.
+
+Und er beginnt zu erzählen, von der heutigen Sitzung, sehr lang, sehr
+viel. Emma tut, als höre sie zu, nickt zuweilen.
+
+Aber sie hört nichts, sie weiß nicht, was er spricht, es ist ihr zumute
+wie einem, der furchtbaren Gefahren auf wunderbare Weise entronnen ...
+sie fühlt nichts als: Ich bin gerettet, ich bin daheim. Und während ihr
+Mann immer weiter erzählt, rückt sie ihren Sessel näher zu ihrem Jungen,
+nimmt seinen Kopf und drückt ihn an ihre Brust. Eine unsägliche
+Müdigkeit überkommt sie – sie kann sich nicht beherrschen, sie fühlt,
+daß der Schlummer über sie kommt; sie schließt die Augen.
+
+Plötzlich fährt ihr eine Möglichkeit durch den Sinn, an die sie seit
+dem Augenblick, da sie sich aus dem Graben erhoben hat, nicht mehr
+gedacht. Wenn er nicht tot wäre! Wenn er ... Ach nein, es war kein
+Zweifel möglich ... Diese Augen ... dieser Mund – und dann ... kein
+Hauch von seinen Lippen. – Aber es gibt ja den Scheintod. Es gibt Fälle,
+wo sich geübte Blicke irren. Und sie hat gewiß keinen geübten Blick.
+Wenn er lebt, wenn er schon wieder zu Bewußtsein gekommen ist, wenn er
+sich plötzlich mitten in der Nacht auf der Landstraße allein gefunden
+... wenn er nach ihr ruft ... ihren Namen ... wenn er am Ende fürchtet,
+sie sei verletzt ... wenn er den Ärzten sagt, hier war eine Frau, sie
+muß weiter weggeschleudert worden sein. Und ... und ... ja, was dann?
+Man wird sie suchen. Der Kutscher wird zurückkommen vom Franz Josefsland
+mit Leuten ... er wird erzählen ... die Frau war ja da, wie ich
+fortgegangen bin – und Franz wird ahnen. Franz wird wissen ... er kennt
+sie ja so gut ... er wird wissen, daß sie davongelaufen ist, und ein
+gräßlicher Zorn wird ihn erfassen, und er wird ihren Namen nennen, um
+sich zu rächen. Denn er ist ja verloren ... und es wird ihn so tief
+erschüttern, daß sie ihn in seiner letzten Stunde allein gelassen, daß
+er rücksichtslos sagen wird: Es war Frau Emma, meine Geliebte ... feig
+und dumm zugleich, denn nicht wahr, meine Herren Ärzte, Sie hätten sie
+gewiß nicht um ihren Namen gefragt, wenn man Sie um Diskretion ersucht
+hätte. Sie hätten sie ruhig gehen lassen, und ich auch, o ja – nur hätte
+sie dableiben müssen, bis Sie gekommen sind. Aber da sie so schlecht
+gewesen ist, sag ich Ihnen, wer sie ist ... es ist ... Ah!
+
+»Was hast du?« sagt der Professor sehr ernst, indem er aufsteht.
+
+»Was ... wie?... Was ist?«
+
+»Ja, was ist dir denn?«
+
+»Nichts.« Sie drückt den Jungen fester an sich.
+
+Der Professor sieht sie lang an. »Weißt du, daß du begonnen hast,
+einzuschlummern und –«
+
+»Und?«
+
+»Dann hast du plötzlich aufgeschrien.«
+
+»... So?«
+
+»Wie man im Traum schreit, wenn man Alpdrücken hat. Hast du geträumt?«
+
+»Ich weiß nicht. Ich weiß gar nichts.«
+
+Und sich selbst gegenüber im Wandspiegel sieht sie ein Gesicht, das
+lächelt, grausam, und mit verzerrten Zügen. Sie weiß, daß es ihr eigenes
+ist, und doch schaudert ihr davor ... Und sie merkt, daß es starr wird,
+sie kann den Mund nicht bewegen, sie weiß es: dieses Lächeln wird,
+solange sie lebt, um ihre Lippen spielen. Und sie versucht zu schreien.
+Da fühlt sie, wie sich zwei Hände auf ihre Schultern legen, und sie
+sieht, wie sich zwischen ihr eigenes Gesicht und das im Spiegel das
+Antlitz ihres Gatten drängt; seine Augen, fragend und drohend, senken
+sich in die ihren. Sie weiß: übersteht sie diese letzte Prüfung nicht,
+so ist alles verloren. Und sie fühlt, wie sie wieder stark wird, sie hat
+ihre Züge, ihre Glieder in der Gewalt; sie kann in diesem Augenblick mit
+ihnen anfangen, was sie will; aber sie muß ihn benützen, sonst ist es
+vorbei, und sie greift mit ihren beiden Händen nach denen ihres Gatten,
+die noch auf ihren Schultern liegen, zieht ihn zu sich; sieht ihn heiter
+und zärtlich an.
+
+Und während sie die Lippen ihres Mannes auf ihrer Stirn fühlt, denkt
+sie: freilich ... ein böser Traum. Er wird es niemandem sagen, wird sich
+nie rächen, nie ... er ist tot ... er ist ganz gewiß tot ... und die
+Toten schweigen.
+
+»Warum sagst du das?« hört sie plötzlich die Stimme ihres Mannes. Sie
+erschrickt tief. »Was hab ich denn gesagt?« Und es ist ihr, als habe sie
+plötzlich alles ganz laut erzählt ... als habe sie die ganze Geschichte
+dieses Abends hier bei Tisch mitgeteilt ... und noch einmal fragt sie,
+während sie vor seinem entsetzten Blick zusammenbricht: »Was hab ich
+denn gesagt?«
+
+»Die Toten schweigen,« wiederholt ihr Mann sehr langsam.
+
+»Ja ...« sagt sie, »ja ...«
+
+Und in seinen Augen liest sie, daß sie ihm nichts mehr verbergen kann,
+und lange sehn die beiden einander an. »Bring den Buben zu Bett,« sagt
+er dann zu ihr; »ich glaube, du hast mir noch etwas zu erzählen ...«
+
+»Ja,« sagt sie.
+
+Und sie weiß, daß sie diesem Manne, den sie durch Jahre betrogen hat, im
+nächsten Augenblick die ganze Wahrheit sagen wird.
+
+Und während sie mit ihrem Jungen langsam durch die Tür schreitet, immer
+die Augen ihres Gatten auf sich gerichtet fühlend, kommt eine große Ruhe
+über sie, als würde vieles wieder gut ................
+
+
+
+
+Die Weissagung
+
+
+1
+
+Unweit von Bozen, auf einer mäßigen Höhe, im Walde wie versunken und von
+der Landstraße aus kaum sichtbar, liegt die kleine Besitzung des
+Freiherrn von Schottenegg. Ein Freund, der seit zehn Jahren als Arzt in
+Meran lebt und dem ich im Herbste dort wieder begegnete, hatte mich mit
+dem Freiherrn bekannt gemacht. Dieser war damals fünfzig Jahre alt und
+dilettierte in mancherlei Künsten. Er komponierte ein wenig, war tüchtig
+auf Violine und Klavier, auch zeichnete er nicht übel. Am ernstesten
+aber hatte er in früherer Zeit die Schauspielerei getrieben. Wie es
+hieß, war er als ganz junger Mensch unter angenommenem Namen ein paar
+Jahre lang auf kleinen Bühnen draußen im Reiche umhergezogen. Ob nun der
+dauernde Widerstand des Vaters, unzureichende Begabung oder mangelndes
+Glück der Anlaß war, jedenfalls hatte der Freiherr diese Laufbahn früh
+genug aufgegeben, um noch ohne erhebliche Verspätung in den Staatsdienst
+treten zu können und damit dem Beruf seiner Vorfahren zu folgen, den er
+dann auch zwei Jahrzehnte hindurch treu, wenn auch ohne Begeisterung
+erfüllte. Aber als er, kaum über vierzig Jahre alt, gleich nach dem Tode
+des Vaters, das Amt verließ, sollte sich erst zeigen, mit welcher Liebe
+er an dem Gegenstand seiner jugendlichen Träume noch immer hing. Er ließ
+die Villa auf dem Abhang des Guntschnaberges instand setzen und
+versammelte dort, insbesondere zur Sommers- und Herbstzeit, einen
+allmählich immer größer werdenden Kreis von Herren und Damen, die
+allerlei leicht zu agierende Schauspiele oder lebende Bilder vorführten.
+Seine Frau, aus einer alten Tiroler Bürgerfamilie, ohne wirkliche
+Anteilnahme an künstlerischen Dingen, aber klug und ihrem Gatten mit
+kameradschaftlicher Zärtlichkeit zugetan, sah seiner Liebhaberei mit
+einigem Spotte zu, der sich aber um so gutmütiger anließ, als das
+Interesse des Freiherrn ihren eigenen geselligen Neigungen entgegenkam.
+Die Gesellschaft, die man im Schlosse antraf, mochte strengen
+Beurteilern nicht gewählt genug erscheinen, aber auch Gäste, die sonst
+nach Geburt und Erziehung zu Standesvorurteilen geneigt waren, nahmen
+keinerlei Anstoß an der zwanglosen Zusammensetzung eines Kreises, die
+durch die dort geübte Kunst genügend gerechtfertigt schien und von dem
+überdies der Name und Ruf des freiherrlichen Paares jeden Verdacht
+freierer Sitten durchaus fernhielt. Unter manchen anderen, deren ich
+mich nicht mehr entsinne, begegnete ich auf dem Schlosse einem jungen
+Grafen von der Innsbrucker Bezirkshauptmannschaft, einem Jägeroffizier
+aus Riva, einem Generalstabshauptmann mit Frau und Tochter, einer
+Operettensängerin aus Berlin, einem Bozener Likörfabrikanten mit zwei
+Söhnen, dem Baron Meudolt, der damals eben von seiner Weltreise
+zurückgekommen war, einem pensionierten Hofschauspieler aus Bückeburg,
+einer verwitweten Gräfin Saima, die als junges Mädchen Schauspielerin
+gewesen war, mit ihrer Tochter, und dem dänischen Maler Petersen.
+
+Im Schlosse selbst wohnten nur die wenigsten Gäste. Einige nahmen in
+Bozen Quartier, andere in einem bescheidenen Gasthof, der unten an der
+Wegscheide lag, wo eine schmälere Straße nach dem Gute abzweigte. Aber
+meist in den ersten Nachmittagsstunden war der ganze Kreis oben
+versammelt, und dann wurden, manchmal unter der Leitung des ehemaligen
+Hofschauspielers, zuweilen unter der des Freiherrn, der selbst niemals
+mitwirkte, bis in die späten Abendstunden Proben abgehalten, anfangs
+unter Scherzen und Lachen, allmählich aber mit immer größerem Ernste,
+bis der Tag der Vorstellung herannahte, und je nach Witterung, Laune,
+Vorbereitung, möglichst mit Rücksicht auf den Schauplatz der Handlung,
+entweder auf dem an den Wald grenzenden Wiesenplatz hinter dem
+Schloßgärtchen oder in dem ebenerdigen Saal mit den drei großen
+Bogenfenstern die Aufführung stattfand.
+
+Als ich das erstemal den Freiherrn besuchte, hatte ich keinen anderen
+Vorsatz, als an einem neuen Ort unter neuen Menschen einen heiteren Tag
+zu verbringen. Aber wie das so kommt, wenn man ohne Ziel und in
+vollkommener Freiheit umherstreift, und überdies bei allmählich
+schwindender Jugend keinerlei Beziehungen bestehen, die lebhafter in die
+Heimat zurückrufen, ließ ich mich vom Freiherrn zu längerem Bleiben
+bereden. Aus dem einen Tag wurden zwei, drei und mehr, und so, zu meiner
+eignen Verwunderung wohnte ich bis tief in den Herbst oben auf dem
+Schlößchen, wo mir in einem kleinen Turm ein sehr wohnlich
+ausgestattetes Zimmer mit dem Blick ins Tal eingeräumt war. Dieser erste
+Aufenthalt auf dem Guntschnaberg wird für mich stets eine angenehme und,
+trotz aller Lustigkeit und alles Lärms um mich herum, sehr stille
+Erinnerung bleiben, da ich mit keinem der Gäste anders als flüchtig
+verkehrte und überdies einen großen Teil meiner Zeit, zu Nachdenken und
+Arbeit gleichermaßen angeregt, auf einsamen Waldspaziergängen
+verbrachte. Auch der Umstand, daß der Freiherr aus Höflichkeit einmal
+eines meiner kleinen Stücke darstellen ließ, störte die Ruhe meines
+Aufenthaltes nicht, da niemand von meiner Eigenschaft als Verfasser
+Notiz nahm. Vielmehr bedeutete mir dieser Abend ein höchst anmutiges
+Erlebnis, da mit dieser Aufführung auf grünem Rasen, unter freiem Himmel
+ein bescheidener Traum meiner Jugendjahre so spät als unerwartet in
+Erfüllung ging.
+
+Die lebhafte Bewegung im Schlosse ließ allmählich nach, der Urlaub der
+Herren, die in einem Berufe standen, war großenteils abgelaufen, und nur
+manchmal kam Besuch von Freunden, die in der Nähe ansässig waren. Erst
+jetzt gewann ich selbst zu dem Freiherrn ein näheres Verhältnis und fand
+bei ihm zu einiger Überraschung mehr Selbstbescheidung, als sie
+Dilettanten sonst eigen zu sein pflegt. Er täuschte sich keineswegs
+darüber, daß das, was auf seinem Schlosse getrieben wurde, nichts
+anderes war, als eine höhere Art von Gesellschaftsspiel. Aber da es ihm
+im Gange seines Lebens versagt geblieben war, in eine dauernde und
+ernsthafte Beziehung zu seiner geliebten Kunst zu treten, so ließ er
+sich an dem Schimmer genügen, der wie aus entlegenen Fernen über das
+harmlose Theaterwesen im Schlosse geglänzt kam, und freute sich
+überdies, daß hier von mancher Erbärmlichkeit, die das Berufliche doch
+überall mit sich bringt, kein Hauch zu spüren war.
+
+Auf einem unserer Spaziergänge sprach er ohne jede Zudringlichkeit den
+Einfall aus, einmal auf seiner Bühne im Freien ein Stück dargestellt zu
+sehen, das schon in Hinblick auf den unbegrenzten Raum und auf die
+natürliche Umgebung geschaffen wäre. Diese Bemerkung kam einem Plan, den
+ich seit einiger Zeit in mir trug, so ungezwungen entgegen, daß ich dem
+Freiherrn versprach, seinen Wunsch zu erfüllen.
+
+Bald darauf verließ ich das Schloß.
+
+In den ersten Tagen des nächsten Frühlings schon sandte ich mit
+freundlichen Worten der Erinnerung an die schönen Tage des vergangenen
+Herbstes dem Freiherrn ein Stück, wie es den Forderungen der Gelegenheit
+wohl entsprechen mochte. Bald darauf traf die Antwort ein, die den Dank
+des Freiherrn und eine herzliche Einladung für den kommenden Herbst
+enthielt. Ich verbrachte den Sommer im Gebirge, und in den ersten
+Septembertagen bei einbrechender kühler Witterung reiste ich an den
+Gardasee, ohne daran zu denken, daß ich nun dem Schlosse des Freiherrn
+von Schottenegg recht nahe war. Ja mir ist heute, als hätte ich zu
+dieser Zeit das kleine Schloß und alles dortige Treiben völlig vergessen
+gehabt. Da erhielt ich am 8. September aus Wien ein Schreiben des
+Freiherrn nachgesandt. Dieses sprach ein gelindes Erstaunen aus, daß ich
+nichts von mir hören ließe, und enthielt die Mitteilung, daß am 9.
+September die Aufführung des kleinen Stückes stattfände, das ich ihm im
+Frühling übersandt hatte und bei der ich keineswegs fehlen dürfte.
+Besonderes Vergnügen versprach mir der Freiherr von den Kindern, die in
+dem Stück beschäftigt waren und die es sich jetzt schon nicht nehmen
+ließen, auch außerhalb der Probezeit in ihren zierlichen Kostümen
+umherzulaufen und auf dem Rasen zu spielen. Die Hauptrolle – so schrieb
+er weiter – sei nach einer Reihe von Zufälligkeiten an seinen Neffen,
+Herrn Franz von Umprecht, übergegangen, der – wie ich mich gewiß noch
+erinnere – im vorigen Jahre nur zweimal in lebenden Bildern mitgewirkt
+habe, der aber nun auch als Schauspieler ein überraschendes Talent
+erweise.
+
+Ich reiste ab, war abends in Bozen und kam am Tage der Vorstellung im
+Schlosse an, wo mich der Freiherr und seine Frau freundlich empfingen.
+Auch andere Bekannte hatte ich zu begrüßen: den pensionierten
+Hofschauspieler, die Gräfin Saima mit Tochter, Herrn von Umprecht und
+seine schöne Frau; sowie die vierzehnjährige Tochter des Försters, die
+zu meinem Stücke den Prolog sprechen sollte. Für den Nachmittag wurde
+große Gesellschaft erwartet und abends bei der Vorstellung sollten mehr
+als hundert Zuschauer anwesend sein, nicht nur persönliche Gäste des
+Freiherrn, sondern auch Leute aus der Gegend ringsum, denen heute, wie
+schon öfter, der Zugang zu dem Bühnenplatz freistand. Überdies war
+diesmal auch ein kleines Orchester engagiert, aus Berufsmusikern einer
+Bozener Kapelle und einigen Dilettanten bestehend, die eine Ouvertüre
+von Weber und überdies eine Zwischenaktsmusik exekutieren sollten, welch
+letztere der Freiherr selbst komponiert hatte.
+
+Man war bei Tisch sehr heiter, nur Herr von Umprecht schien mir etwas
+stiller als die anderen. Anfangs hatte ich mich seiner kaum entsinnen
+können, und es fiel mir auf, daß er mich sehr oft, manchmal mit
+Sympathie, dann wieder etwas scheu ansah, ohne je das Wort an mich zu
+richten. Allmählich wurde mir der Ausdruck seines Gesichtes bekannter,
+und plötzlich erinnerte ich mich, daß er voriges Jahr in einem der
+lebenden Bilder mit aufgestützten Armen in Mönchstracht vor einem
+Schachbrett gesessen war. Ich fragte ihn, ob ich mich nicht irrte. Er
+wurde beinahe verlegen, als ich ihn ansprach; der Freiherr antwortete
+für ihn und machte dann eine lächelnde Bemerkung über das neuentdeckte
+schauspielerische Talent seines Neffen. Da lachte Herr von Umprecht in
+einer ziemlich sonderbaren Weise vor sich hin, dann warf er rasch einen
+Blick zu mir herüber, der eine Art von Einverständnis zwischen uns
+beiden auszudrücken schien und den ich mir durchaus nicht erklären
+konnte. Aber von diesem Augenblick an vermied er es wieder, mich
+anzusehen.
+
+
+2
+
+Bald nach Tisch hatte ich mich auf mein Zimmer zurückgezogen. Da stand
+ich wieder am offenen Fenster, wie ich so oft im vorigen Jahre getan,
+und freute mich des anmutigen Blickes hinunter in das sonnenglänzende
+Tal, das, eng zu meinen Füßen, allmählich sich dehnte und in der Ferne
+sich völlig aufschloß, um Stadt und Fluren in sich aufzunehmen.
+
+Nach einer kurzen Weile klopfte es. Herr von Umprecht trat ein, blieb an
+der Tür stehen und sagte mit einiger Befangenheit: »Ich bitte um
+Verzeihung, wenn ich Sie störe.« Dann trat er näher und fuhr fort: »Aber
+sobald Sie mir eine Viertelstunde Gehör geschenkt haben, davon bin ich
+überzeugt, werden Sie meinen Besuch für genügend entschuldigt halten.«
+
+Ich lud Herrn von Umprecht zum Sitzen ein, er achtete nicht darauf,
+sondern fuhr mit Lebhaftigkeit fort: »Ich bin nämlich in der seltsamsten
+Art Ihr Schuldner geworden und fühle mich verpflichtet, Ihnen zu
+danken.«
+
+Da mir natürlich nichts anderes beifallen konnte, als daß sich diese
+Worte des Herrn von Umprecht auf seine Rolle bezögen und sie mir
+allzuhöflich schienen, so versuchte ich abzuwehren. Doch Umprecht
+unterbrach mich sofort: »Sie können nicht wissen, wie meine Worte
+gemeint sind. Darf ich Sie bitten, mich anzuhören?« Er setzte sich auf
+das Fensterbrett, kreuzte die Beine, und, mit offenbarer Absichtlichkeit
+so ruhig als möglich scheinend, begann er: »Ich bin jetzt Gutsbesitzer,
+wie Sie vielleicht wissen, bin aber früher Offizier gewesen. Und zu
+jener Zeit, vor zehn Jahren – _heute_ vor zehn Jahren – begegnete mir
+das unbegreifliche Abenteuer, unter dessen Schatten ich gewissermaßen
+bis heute gelebt habe und das heute durch Sie ohne Ihr Wissen und Zutun
+seinen Abschluß findet. Zwischen uns beiden besteht nämlich ein
+dämonischer Zusammenhang, den Sie wahrscheinlich so wenig werden
+aufklären können wie ich; aber Sie sollen wenigstens von seinem
+Vorhandensein erfahren. – Mein Regiment lag damals in einem öden
+polnischen Nest. An Zerstreuungen gab es außer dem Dienst, der nicht
+immer anstrengend genug war, nur Trunk und Spiel. Überdies hatte man die
+Möglichkeit vor Augen, jahrelang hier festsitzen zu müssen, und nicht
+alle von uns verstanden es, ein Leben in dieser trostlosen Aussicht mit
+Fassung zu tragen. Einer meiner besten Freunde hat sich im dritten Monat
+unseres dortigen Aufenthalts erschossen. Ein anderer Kamerad, früher der
+liebenswürdigste Offizier, fing plötzlich an, ein arger Trinker zu
+werden, wurde unmanierlich, aufbrausend, nahezu unzurechnungsfähig und
+hatte irgendeinen Auftritt mit einem Advokaten, der ihn seine Charge
+kostete. Der Hauptmann meiner Kompanie war verheiratet und, ich weiß
+nicht, ob mit oder ohne Grund, so eifersüchtig, daß er seine Frau eines
+Tages zum Fenster hinunterwarf. Sie blieb rätselhafterweise heil und
+gesund; der Mann starb im Irrenhause. Einer unserer Kadetten, bis dahin
+ein sehr lieber, aber ausnehmend dummer Junge, bildete sich plötzlich
+ein, Philosophie zu verstehen, studierte Kant und Hegel und lernte ganze
+Partien aus deren Werken auswendig, wie Kinder die Fibel. Was mich
+anbelangt, so tat ich nichts als mich langweilen, und zwar in einer so
+ungeheuerlichen Weise, daß ich an manchen Nachmittagen, wenn ich auf
+meinem Bette lag, fürchtete, verrückt zu werden. Unsere Kaserne lag
+außerhalb des Dorfes, das aus höchstens dreißig verstreuten Hütten
+bestand; die nächste Stadt, eine gute Reitstunde entfernt, war
+schmierig, widerwärtig, stinkend und voll von Juden. Notgedrungen hatten
+wir manchmal mit ihnen zu tun – der Hotelier war ein Jude, der Cafetier,
+der Schuster desgleichen. Daß wir uns möglichst beleidigend gegen sie
+benahmen, das können Sie sich denken. Wir waren besonders gereizt gegen
+dieses Volk, weil ein Prinz, der unserem Regiment als Major zugeteilt
+war, den Gruß der Juden – ob nun aus Scherz oder aus Vorliebe, weiß ich
+nicht – mit ausgesuchter Höflichkeit erwiderte und überdies mit
+auffallender Absichtlichkeit unseren Regimentsarzt protegierte, der ganz
+offenbar von Juden abstammte. Das würde ich Ihnen natürlich nicht
+erzählen, wenn nicht gerade diese Laune des Prinzen mich mit demjenigen
+Menschen zusammengeführt hätte, der in so geheimnisvoller Weise die
+Verbindung zwischen Ihnen und mir herzustellen berufen war. Es war ein
+Taschenspieler, und zwar der Sohn eines Branntweinjuden aus dem
+benachbarten polnischen Städtchen. Er war als junger Bursche in ein
+Geschäft nach Lemberg, dann nach Wien gekommen und hatte einmal irgend
+jemandem einige Kartenkunststücke abgelernt. Er bildete sich auf eigene
+Faust weiter aus, eignete sich allerlei andere Taschenspielereien an und
+brachte es allmählich so weit, daß er in der Welt umherziehen und sich
+auf Varietébühnen oder in Vereinen mit Erfolg produzieren konnte. Im
+Sommer kam er immer in seine Vaterstadt, um die Eltern zu besuchen. Dort
+trat er nie öffentlich auf, und so sah ich ihn zuerst auf der Straße, wo
+er mir durch seine Erscheinung augenblicklich auffiel. Er war ein
+kleiner, magerer, bartloser Mensch, der damals etwa dreißig Jahre alt
+sein mochte, mit einer vollkommen lächerlichen Eleganz gekleidet, die
+zur Jahreszeit gar nicht paßte: er spazierte in einem schwarzen Gehrock
+und mit gebügeltem Zylinder herum und trug Westen vom herrlichsten
+Brokat; bei starkem Sonnenschein hatte er einen dunklen Zwicker auf der
+Nase.
+
+Einmal saßen wir unser fünfzehn oder sechzehn nach dem Abendessen im
+Kasino an unserem langen Tisch wie gewöhnlich. Es war eine schwüle
+Nacht, und die Fenster standen offen. Einige Kameraden hatten zu spielen
+begonnen, andere lehnten am Fenster und plauderten, wieder andere
+tranken und rauchten schweigend. Da trat der Korporal vom Tage ein und
+meldete die Ankunft des Taschenspielers. Wir waren zuerst einigermaßen
+erstaunt. Aber ohne weiteres abzuwarten, trat der Gemeldete in guter
+Haltung ein und sprach in leichtem Jargon einige einleitende Worte, mit
+denen er sich für die an ihn ergangene Einladung bedankte. Er wandte
+sich dabei an den Prinzen, der auf ihn zutrat und ihm – natürlich
+ausschließlich, um uns zu ärgern – die Hand schüttelte. Der
+Taschenspieler nahm das wie selbstverständlich hin und bemerkte dann, er
+werde zuerst einige Kartenkunststücke zeigen, um sich hierauf im
+Magnetismus und in der Chiromantie zu produzieren. Er hatte kaum zu Ende
+gesprochen, als einige unserer Herren, die in einer Ecke beim
+Kartenspiel saßen, merkten, daß ihnen die Figuren fehlten: auf einen
+Wink des Zauberers kamen sie aber durch das geöffnete Fenster
+hereingeflogen. Auch die Kunststücke, die er folgen ließ, unterhielten
+uns sehr und übertrafen so ziemlich alles, was ich auf diesem Gebiete
+gesehen hatte. Noch sonderbarer erschienen mir die magnetischen
+Experimente, die er dann vollführte. Nicht ohne Grauen sahen wir alle
+zu, wie der philosophische Kadett, in Schlaf versetzt, den Befehlen des
+Zauberers gehorchend, zuerst durchs offene Fenster sprang, die glatte
+Mauer bis zum Dach hinaufkletterte, oben knapp am Rand um das ganze
+Viereck herumeilte und sich dann in den Hof hinabgleiten ließ. Als er
+wieder unten stand, noch immer im schlafenden Zustand, sagte der Oberst
+zu dem Zauberer: »Sie, wenn er sich den Hals gebrochen hätte, ich
+versichere Sie, Sie wären nicht lebendig aus der Kaserne gekommen.« Nie
+werde ich den Blick voll Verachtung vergessen, mit dem der Jude diese
+Bemerkung wortlos erwiderte. Dann sagte er langsam: »Soll ich Ihnen aus
+der Hand lesen, Herr Oberst, wann Sie tot oder lebendig diese Kaserne
+verlassen werden?« Ich weiß nicht, was der Oberst oder wir anderen ihm
+auf diese verwegene Bemerkung sonst entgegnet hätten – aber die
+allgemeine Stimmung war schon so wirr und erregt, daß sich keiner
+wunderte, als der Oberst dem Taschenspieler die Hand hinreichte und,
+dessen Jargon nachahmend, sagte: »Nu, lesen Sie.« Dies alles ging im Hof
+vor sich, und der Kadett stand noch immer schlafend mit ausgestreckten
+Armen wie ein Gekreuzigter an der Wand. Der Zauberer hatte die Hand des
+Obersten ergriffen und studierte aufmerksam die Linien. »Siehst du
+genug, Jud?« fragte ein Oberleutnant, der ziemlich betrunken war. Der
+Gefragte sah sich flüchtig um und sagte ernst: »Mein Künstlername ist
+Marco Polo.« Der Prinz legte dem Juden die Hand auf die Schulter und
+sagte: »Mein Freund Marco Polo hat scharfe Augen.« – »Nun, was sehen
+Sie?« fragte der Oberst höflicher. »Muß ich reden?« fragte Marco Polo.
+»Wir können Sie nicht zwingen,« sagte der Prinz. »Reden Sie!« rief der
+Oberst. »Ich möcht lieber nicht reden,« erwiderte Marco Polo. Der Oberst
+lachte laut. »Nur heraus, es wird nicht so arg sein. Und wenn es arg
+ist, muß es auch noch nicht wahr sein.« – »Es ist sehr arg,« sagte der
+Zauberer, »und wahr ist es auch.« Alle schwiegen. »Nun?« fragte der
+Oberst. »Von Kälte werden Sie nichts mehr zu leiden haben,« erwiderte
+Marco Polo. »Wie?« rief der Oberst aus, »kommt unser Regiment also
+endlich nach Riva?« – »Vom Regiment les’ ich nichts, Herr Oberst. Ich
+seh nur, daß sie im Herbst sein werden ein toter Mann.« Der Oberst
+lachte, aber alle anderen schwiegen; ich versichere Sie, uns allen war,
+als ob der Oberst in diesem Augenblick gezeichnet worden wäre. Plötzlich
+lachte irgendeiner absichtlich sehr laut, andere taten ihm nach, und
+lärmend und lustig ging es zurück ins Kasino. »Nun,« rief der Oberst,
+»mit mir wär’s in Ordnung. Ist keiner von den anderen Herren neugierig?«
+Einer rief wie zum Scherz: »Nein, wir wünschen nichts zu erfahren.« Ein
+anderer fand plötzlich, daß man gegen diese Art, sich das Schicksal
+vorhersagen zu lassen, aus religiösen Gründen eingenommen sein müßte,
+und ein junger Leutnant erklärte heftig, man sollte Leute wie Marco Polo
+auf Lebenszeit einsperren. Den Prinzen sah ich mit einem unserer älteren
+Herren rauchend in einer Ecke stehen und hörte ihn sagen: »Wo fängt das
+Wunder an?« Indessen trat ich zu Marco Polo hin, der sich eben zum
+Fortgehen bereitete, und sagte zu ihm, ohne daß es jemand hörte.
+»Prophezeien Sie mir.« Er griff wie mechanisch nach meiner Hand. Dann
+sagte er: »Hier sieht man schlecht.« Ich merkte, daß die Öllampen zu
+flackern begonnen hatten und daß die Linien meiner Hand zu zittern
+schienen. »Kommen Sie hinaus, Herr Leutnant, in den Hof. Mir is lieber
+bei Mondschein.« Er hielt mich an der Hand, und ich folgte ihm durch die
+offene Tür ins Freie.
+
+Mir kam plötzlich ein sonderbarer Gedanke. »Hören Sie, Marco Polo,«
+sagte ich, »wenn Sie nichts anderes können als das, was Sie eben an
+unserem Herrn Oberst gezeigt haben, dann lassen wir’s lieber.« Ohne
+weiteres ließ der Zauberer meine Hand los und lächelte. »Der Herr
+Leutnant haben Angst.« Ich wandte mich rasch um, ob uns niemand gehört
+hätte; aber wir waren schon durch das Kasernentor geschritten und
+befanden uns auf der Landstraße, die der Stadt zuführte. »Ich wünsche
+etwas Bestimmteres zu wissen,« sagte ich, »das ist es. Worte lassen sich
+immer in verschiedener Weise auslegen.« Marco Polo sah mich an. »Was
+wünschen der Herr Leutnant?... Vielleicht das Bild von der künftigen
+Frau Gemahlin?« – »Könnten Sie das?« Marco Polo zuckte die Achseln. »Es
+könnte sein ... es wär möglich ...« – »Aber das will ich nicht,«
+unterbrach ich ihn. »Ich möchte wissen, was später einmal, zum Beispiel
+in zehn Jahren, mit mir los sein wird.« Marco Polo schüttelte den Kopf.
+»Das kann ich nicht sagen ... aber was anderes kann ich vielleicht.« –
+»Was?« – »Irgendeinen Augenblick, Herr Leutnant, aus Ihrem künftigen
+Leben könnte ich Ihnen zeigen wie ein Bild.« Ich verstand ihn nicht
+gleich. »Wie meinen Sie das?« – »So mein ich das: ich kann einen Moment
+aus Ihrem künftigen Leben hineinzaubern in die Welt, mitten in die
+Gegend, wo wir gerade stehen.« – »Wie?« – »Der Herr Leutnant müssen mir
+nur sagen, was für einen.« Ich begriff ihn nicht ganz, aber ich war
+höchst gespannt. »Gut,« sagte ich, »wenn Sie das können, so will ich
+sehen, was heut in zehn Jahren in derselben Sekunde mit mir geschehen
+wird ... Verstehen Sie mich, Marco Polo?« – »Gewiß, Herr Leutnant,«
+sagte Marco Polo und sah mich starr an. Und schon war er fort ... aber
+auch die Kaserne war fort, die ich eben noch im Mondschein hatte glänzen
+sehen – fort die armen Hütten, die in der Ebene verstreut und
+mondbeglänzt gelegen waren – und ich sah mich selbst, wie man sich
+manchmal im Traume selber sieht ... sah mich um zehn Jahre gealtert, mit
+einem braunen Vollbart, eine Narbe auf der Stirn, auf einer Bahre
+hingestreckt, mitten auf einer Wiese – an meiner Seite kniend eine
+schöne Frau mit rotem Haar, die Hand vor dem Antlitz, einen Knaben und
+ein Mädchen neben mir, dunklen Wald im Hintergrund und zwei Jagdleute
+mit Fackeln in der Nähe ... Sie staunen – nicht wahr, Sie staunen?«
+
+Ich staunte in der Tat, denn das, was er mir hier schilderte, war genau
+das Bild, mit welchem mein Stück heute abend um zehn Uhr schließen und
+in dem er den sterbenden Helden spielen sollte. »Sie zweifeln,« fuhr
+Herr von Umprecht fort, »und ich bin fern davon, es Ihnen übel zu
+nehmen. Aber mit Ihrem Zweifel soll es gleich ein Ende haben.«
+
+Herr von Umprecht griff in seine Rocktasche und zog ein verschlossenes
+Kuwert heraus. »Bitte, sehen Sie, was auf der Rückseite steht.« Ich las
+laut: »Notariell verschlossen am 14. Januar 1859, zu eröffnen am 9.
+September 1868.« Darunter stand die Namenszeichnung des mir persönlich
+wohlbekannten Notars Doktor Artiner in Wien.
+
+»Das ist heute,« sagte Herr von Umprecht. »Und heute sind es eben zehn
+Jahre, daß mir das rätselhafte Abenteuer mit Marco Polo begegnete, das
+sich nun auf diese Weise löst, ohne sich aufzuklären. Denn von Jahr zu
+Jahr, als triebe ein launisches Schicksal sein Spiel mit mir, schwankten
+die Erfüllungsmöglichkeiten für jene Prophezeiung in der seltsamsten
+Weise, schienen manchmal zu drohender Wahrscheinlichkeit zu werden,
+verschwanden in nichts, wurden zu unerbittlicher Gewißheit,
+verflatterten, kamen wieder ... Aber lassen Sie mich nun zu meinem
+Berichte zurückkommen. Die Erscheinung selbst hatte gewiß nicht länger
+gedauert als einen Augenblick; denn noch klang von der Kaserne her das
+gleiche laute Auflachen des Oberleutnants an mein Ohr, das ich gehört
+hatte, ehe die Erscheinung aufgestiegen war. Und nun stand auch Marco
+Polo wieder vor mir, mit einem Lächeln um die Lippen, von dem ich nicht
+sagen kann, ob es schmerzlich oder höhnisch sein sollte, nahm den
+Zylinder ab, sagte: »Guten Abend, Herr Leutnant, ich hoffe, Sie sind
+zufrieden gewesen,« wandte sich um und ging langsam auf der Landstraße
+vorwärts in der Richtung der Stadt. Er ist übrigens am nächsten Tage
+abgereist.
+
+Mein erster Gedanke, als ich der Kaserne wieder zuging, war, daß es sich
+um eine Geistererscheinung gehandelt haben mußte, die Marco Polo,
+vielleicht von einem unbekannten Gehilfen unterstützt, mittels
+irgendwelcher Spiegelungen hervorzubringen imstande gewesen war. Als ich
+durch den Hof kam, sah ich zu meinem Entsetzen den Kadetten noch immer
+in der Stellung eines Gekreuzigten an der Mauer lehnen. Man hatte seiner
+offenbar vollkommen vergessen. Die anderen hörte ich drin in der
+höchsten Erregung reden und streiten. Ich packte den Kadetten beim Arm,
+er wachte sofort auf, war nicht im geringsten verwundert und konnte sich
+nur die Erregung nicht erklären, in welcher sich alle Herren des
+Regiments befanden. Ich selbst mischte mich gleich mit einer Art von
+Grimm in die aufgeregte, aber hohle Unterhaltung, die sich über die
+Seltsamkeiten, deren Zeugen wir gewesen, entwickelt hatte, und redete
+wohl nicht klüger als die anderen. Plötzlich schrie der Oberst: »Nun,
+meine Herren, ich wette, daß ich noch das nächste Frühjahr erlebe!
+Fünfundvierzig zu eins!« Und er wandte sich zu einem unserer Herren,
+einem Oberleutnant, der eines gewissen Rufes als Spieler und Wetter
+genoß. »Nichts zu machen?« Obzwar es klar war, daß der Angeredete der
+Versuchung schwer widerstand, so schien er es doch unziemlich zu finden,
+eine Wette auf den Tod seines Obersten mit diesem selbst abzuschließen,
+und so schwieg er lächelnd. Wahrscheinlich hat er es bedauert. Denn
+schon nach vierzehn Tagen, am zweiten Morgen der großen Kaisermanöver,
+stürzte unser Oberst vom Pferde und blieb auf der Stelle tot. Und bei
+dieser Gelegenheit merkten wir alle, daß wir es gar nicht anders
+erwartet hatten. Ich aber begann erst von jetzt an mit einer gewissen
+Unruhe an die nächtliche Prophezeiung zu denken, von der ich in einer
+sonderbaren Scheu niemandem Mitteilung gemacht hatte. Erst zu
+Weihnachten, anläßlich einer Urlaubsreise nach Wien, eröffnete ich mich
+einem Kameraden, einem gewissen Friedrich von Gulant – Sie haben
+vielleicht von ihm gehört, er hat hübsche Verse gemacht und ist sehr
+jung gestorben ... Nun, der war es, der mit mir zusammen das Schema
+entwarf, das Sie in diesem Umschlag eingeschlossen finden werden. Er war
+nämlich der Ansicht, daß solche Vorfälle für die Wissenschaft nicht
+verloren gehen dürften, ob sich nun am Ende ihre Voraussetzungen als
+wahr oder falsch herausstellten. Mit ihm bin ich bei Doktor Artiner
+gewesen, vor dessen Augen das Schema in diesem Kuwert verschlossen
+wurde. In der Kanzlei des Notars war es bisher aufbewahrt, und gestern
+erst ist es, meinem Wunsche gemäß, mir zugestellt worden. Ich will es
+gestehen: der Ernst, mit dem Gulant die Sache behandelte, hatte mich
+anfangs ein wenig verstimmt; aber als ich ihn nicht mehr sah und
+besonders, als er kurz darauf starb, fing die ganze Geschichte an, mir
+sehr lächerlich vorzukommen. Vor allem war es mir klar, daß ich mein
+Schicksal vollkommen in der Hand hatte. Nichts in der Welt konnte mich
+dazu zwingen, am 9. September 1868, abends zehn Uhr, mit einem braunen
+Vollbart auf einer Bahre zu liegen; Wald- und Wiesenlandschaft konnte
+ich vermeiden, auch brauchte ich nicht eine Frau mit roten Haaren zu
+heiraten und Kinder zu bekommen. Das einzige, dem ich vielleicht nicht
+ausweichen konnte, war ein Unfall, etwa ein Duell, von dem mir die Narbe
+auf der Stirn zurückbleiben konnte. Ich war also fürs erste beruhigt. –
+Ein Jahr nach jener Weissagung heiratete ich Fräulein von Heimsal, meine
+jetzige Gattin; bald darauf quittierte ich den Dienst und widmete mich
+der Landwirtschaft. Ich besichtigte verschiedene kleinere Güter und – so
+komisch es klingen mag – ich achtete darauf, daß sich womöglich
+innerhalb dieser Besitzungen keine Partie zeigte, die dem Rasenplatz
+jenes Traumes (wie ich den Inhalt jener Erscheinung bei mir zu nennen
+liebte) gleichen könnte. Ich war schon daran, einen Kauf abzuschließen,
+als meine Frau eine Erbschaft machte, und uns dadurch eine Besitzung in
+Kärnten mit einer schönen Jagd zufiel. Beim ersten Durchwandern des
+neuen Gebietes gelangte ich zu einer Wiesenpartie, die, von Wald
+begrenzt und leicht gesenkt, mir in eigentümlicher Art der Örtlichkeit
+zu gleichen schien, vor der mich zu hüten ich vielleicht allen Anlaß
+hatte. Ich erschrak ein wenig. Meiner Frau hatte ich von der
+Prophezeiung nichts erzählt; sie ist so abergläubisch, daß ich ihr mit
+meinem Geständnis gewiß das ganze Leben bis zum heutigen Tage« – er
+lächelte wie befreit – »vergiftet hätte. So konnte ich ihr natürlich
+auch meine Bedenken nicht mitteilen. Aber mich selbst beruhigte ich mit
+der Überlegung, daß ich ja keineswegs den September 1868 auf meinem Gute
+zubringen müßte. – Im Jahre 1860 wurde mir ein Knabe geboren. Schon in
+seinen ersten Lebensjahren glaubte ich, in seinen Zügen Ähnlichkeit mit
+den Zügen des Knaben aus dem Traume zu entdecken; bald schien sie sich
+zu verwischen, bald wieder sprach sie sich deutlicher aus – und heute
+darf ich mir ja selbst gestehen, daß der Knabe, der heute abends um zehn
+an meiner Bahre stehen wird, dem Knaben der Erscheinung aufs Haar
+gleicht. – Eine Tochter habe ich nicht. Da ereignete es sich vor drei
+Jahren, daß die verwitwete Schwester meiner Frau, die bisher in Amerika
+gelebt hatte, starb und ein Töchterchen hinterließ. Auf Bitten meiner
+Frau fuhr ich über das Meer, holte das Mädchen ab, um es bei uns im
+Hause aufzunehmen. Als ich es zum erstenmal erblickte, glaubte ich zu
+merken, daß es dem Mädchen aus dem Traume vollkommen gliche. Der Gedanke
+fuhr mir durch den Kopf, das Kind in dem fremden Lande bei fremden
+Leuten zu lassen. Natürlich wies ich diesen unedlen Einfall gleich
+wieder von mir, und wir nahmen das Kind in unserem Hause auf. Wieder
+beruhigte ich mich vollkommen, trotz der zunehmenden Ähnlichkeit der
+Kinder mit den Kindern jener prophetischen Erscheinung, denn ich bildete
+mir ein, daß die Erinnerung an die Kindergesichter des Traumes mich doch
+vielleicht trügen mochte. Mein Leben floß eine Zeitlang in vollkommener
+Ruhe hin. Ja ich hatte beinahe aufgehört, an jenen sonderbaren Abend in
+dem polnischen Nest zu denken, als ich vor zwei Jahren durch eine neue
+Warnung des Schicksals in begreiflicher Weise erschüttert wurde. Ich
+hatte auf ein paar Monate verreisen müssen; als ich zurückkam, trat mir
+meine Frau mit roten Haaren entgegen, und ihre Ähnlichkeit mit der Frau
+des Traumes, deren Antlitz ich ja nicht gesehen hatte, schien mir
+vollständig. Ich fand es für gut, meinen Schrecken unter dem Ausdruck
+des Zornes zu verbergen; ja ich wurde mit Absicht immer heftiger, denn
+plötzlich kam mir ein an Wahnsinn grenzender Einfall: wenn ich mich von
+meiner Frau und den Kindern trennte, so müßte ja all die Gefahr
+schwinden, und ich hätte das Schicksal zum Narren gehalten. Meine Frau
+weinte, sank wie gebrochen zu Boden, bat mich um Verzeihung und erklärte
+mir den Grund ihrer Veränderung. Vor einem Jahre, anläßlich einer Reise
+nach München, war ich in der Kunstausstellung von dem Bildnis einer
+rothaarigen Frau besonders entzückt gewesen, und meine Frau hatte schon
+damals den Plan gefaßt, sich bei irgendeiner Gelegenheit diesem Bildnis
+dadurch ähnlich zu machen, daß sie sich die Haare färben ließ. Ich
+beschwor sie natürlich, ihrem Haar möglichst bald die natürliche dunkle
+Farbe wieder zu verleihen, und als es geschehen war, schien alles wieder
+gut zu sein. Sah ich nicht deutlich, daß ich mein Schicksal nach wie vor
+in meiner Gewalt hatte?... War nicht alles, was bisher geschehen, auf
+natürliche Weise zu erklären?... Hatten nicht tausend andere Güter mit
+Wiesen und Wald und Frau und Kinder?... Und das einzige, was vielleicht
+Abergläubische schrecken durfte, stand noch aus – bis zum heurigen
+Winter: die Narbe, die Sie nun doch auf meiner Stirne prangen sehen. Ich
+bin nicht mutlos – erlauben Sie mir, daß ich Ihnen das sage; ich habe
+mich als Offizier zweimal geschlagen und unter recht gefährlichen
+Bedingungen – auch vor acht Jahren, kurz nach meiner Verheiratung, als
+ich schon den Dienst verlassen hatte. Aber als ich im vorigen Jahre aus
+irgendeinem lächerlichen Grund – wegen eines nicht ganz höflichen Grußes
+– von einem Herrn zur Rede gestellt wurde, habe ich es vorgezogen« –
+Herr von Umprecht errötete leicht – »mich zu entschuldigen. Die Sache
+wurde natürlich in ganz korrekter Weise erledigt, aber ich weiß ja doch
+ganz bestimmt, daß ich mich auch damals geschlagen hätte, wäre nicht
+plötzlich eine wahnwitzige Angst über mich gekommen, daß mein Gegner mir
+eine Wunde an der Stirne beibringen und dem Schicksal damit einen neuen
+Trumpf in die Hand spielen könnte ... Aber Sie sehen, es half mir
+nichts: die Narbe ist da. Und der Augenblick, in dem ich hier verwundet
+wurde, war vielleicht derjenige innerhalb der ganzen zehn Jahre, der
+mich am tiefsten zum Bewußtsein meiner Wehrlosigkeit brachte. Es war
+heuer im Winter gegen Abend; ich fuhr mit zwei oder drei anderen
+Personen, die mir vollkommen unbekannt waren, in der Eisenbahn zwischen
+Klagenfurt und Villach. Plötzlich klirren die Fensterscheiben, und ich
+fühle einen Schmerz an der Stirn; zugleich höre ich, daß etwas Hartes zu
+Boden fällt; ich greife zuerst nach der schmerzenden Stelle – sie
+blutet; dann bücke ich mich rasch und hebe einen spitzen Stein vom
+Fußboden auf. Die Leute im Kupee sind aufgefahren. »Ist was geschehen?«
+ruft einer. Man merkt, daß ich blute, und bemüht sich um mich. Ein Herr
+aber – ich seh es ganz deutlich – ist in die Ecke wie zurückgesunken. In
+der nächsten Haltestelle bringt man Wasser, der Bahnarzt legt mir einen
+notdürftigen Verband an, aber ich fürchte natürlich nicht, daß ich an
+der Wunde sterben könnte: ich weiß ja, daß es eine Narbe werden muß. Ein
+Gespräch im Waggon hat sich entsponnen, man fragt sich, ob ein Attentat
+beabsichtigt war, ob es sich um einen gemeinen Bubenstreich handle; der
+Herr in der Ecke schweigt und starrt vor sich hin. In Villach steige ich
+aus. Plötzlich ist der Mann an meiner Seite und sagt: »Es galt mir.« Eh
+ich antworten, ja nur mich besinnen kann, ist er verschwunden; ich habe
+nie erfahren können, wer es war. Ein Verfolgungswahnsinniger vielleicht
+... vielleicht auch einer, der sich mit Recht verfolgt glaubte von
+einem beleidigten Gatten oder Bruder, und den ich möglicherweise
+gerettet habe, da eben mir die Narbe bestimmt war ... wer kann es
+wissen?... Nach ein paar Wochen leuchtete sie auf meiner Stirn an
+derselben Stelle, wo ich sie in jenem Traume gesehen hatte. Und mir ward
+es immer klarer, daß ich mit irgendeiner unbekannten höhnischen Macht in
+einem ungleichen Kampf begriffen war, und ich sah dem Tag, wo das letzte
+in Erfüllung gehen sollte, mit wachsender Unruhe entgegen.
+
+Im Frühling erhielten wir die Einladung meines Onkels. Ich war fest
+entschlossen, ihr nicht zu folgen, denn ohne daß mir ein deutliches Bild
+in Erinnerung gekommen wäre, schien es mir doch möglich, daß gerade auf
+seinem Gut hier die verruchte Stelle zu finden wäre. Meine Frau hätte
+aber eine Ablehnung nicht verstanden, und so entschloß ich mich doch,
+mit ihr und den Kindern schon Anfang Juli herzureisen, in der bestimmten
+Absicht, sobald als möglich das Schloß wieder zu verlassen und weiter in
+den Süden, nach Venedig oder an den Lido, zu gehen. An einem der ersten
+Tage unseres Aufenthaltes kam das Gespräch auf Ihr Stück, mein Onkel
+sprach von den kleinen Kinderrollen, die darin enthalten wären, und bat
+mich, meine Kleinen mitspielen zu lassen. Ich hatte nichts dagegen. Es
+war damals bestimmt, daß der Held von einem Berufsschauspieler
+dargestellt werden sollte. Nach einigen Tagen packte mich die Angst, daß
+ich gefährlich erkranken und nicht würde abreisen können. So erklärte
+ich denn eines Abends, daß ich am nächsten Tage das Schloß auf einige
+Zeit zu verlassen und Seebäder zu nehmen gedächte. Ich mußte
+versprechen, Anfang September wieder zurück zu sein. Am selben Abend kam
+ein Brief des Schauspielers, der aus irgendwelchen gleichgültigen
+Gründen dem Freiherrn seine Rolle zurückstellte. Mein Onkel war sehr
+ärgerlich. Er bat mich, das Stück zu lesen – vielleicht könnte ich ihm
+unter unseren Bekannten einen nennen, der geeignet wäre, die Rolle
+darzustellen. So nahm ich denn das Stück auf mein Zimmer mit und las es.
+Nun versuchen Sie sich vorzustellen, was in mir vorging, als ich zu dem
+Schlusse kam und hier Wort für Wort die Situation aufgezeichnet fand,
+die mir für den 9. September dieses Jahres prophezeit worden war. Ich
+konnte den Morgen nicht erwarten, um meinem Onkel zu sagen, daß ich die
+Rolle spielen wollte. Ich fürchtete, daß er Einwendungen machen könnte;
+denn seit ich das Stück gelesen, kam ich mir vor wie in sicherer Hut,
+und wenn mir die Möglichkeit entging, in Ihrem Stück zu spielen, so war
+ich wieder jener unbekannten Macht preisgegeben. Mein Onkel war gleich
+einverstanden, und von nun an nahm alles seinen einfachen und guten
+Gang. Wir probieren seit einigen Wochen Tag für Tag, ich habe die
+Situation, die mir heute bevorsteht, schon fünfzehn- oder zwanzigmal
+durchgemacht: ich liege auf der Bahre, die junge Komtesse Saima mit
+ihren schönen roten Haaren, die Hände vor dem Antlitz, kniet vor mir,
+und die Kinder stehen an meiner Seite.«
+
+Während Herr von Umprecht diese Worte sprach, fielen meine Augen wieder
+auf das Kuwert, das noch immer versiegelt auf dem Tische lag. Herr von
+Umprecht lächelte. »Wahrhaftig, den Beweis bin ich Ihnen noch schuldig,«
+sagte er und öffnete die Siegel. Ein zusammengefaltetes Papier lag
+zutage. Umprecht entfaltete es und breitete es auf dem Tische aus. Vor
+mir lag ein vollkommener, wie von mir selbst entworfener Situationsplan
+zu der Schlußszene des Stückes, Hintergrund und Seiten waren schematisch
+aufgezeichnet und mit der Bezeichnung »Wald« versehen; ein Strich mit
+einer männlichen Figur war etwa in der Mitte des Planes eingetragen,
+darüber stand: »Bahre« ... Bei den anderen schematischen Figuren stand
+in kleinen Buchstaben mit roter Tinte zugeschrieben: »Frau mit rotem
+Haar«, »Knabe«, »Mädchen«, »Fackelträger«, »Mann mit erhobenen Händen«.
+Ich wandte mich zu Herrn von Umprecht: »Was bedeutet das: ›Mann mit
+erhobenen Händen?‹«
+
+»Daran,« sagte Herr von Umprecht zögernd, »hätt ich nun beinahe
+vergessen. Mit dieser Figur verhält es sich folgendermaßen: In jener
+Erscheinung gab es nämlich auch, von den Fackeln grell beleuchtet, einen
+alten, ganz kahlen Mann, glatt rasiert, mit einer Brille, einen
+dunkelgrünen Schal um den Hals, mit erhobenen Händen und weit
+aufgerissenen Augen.«
+
+Diesmal stutzte ich.
+
+Wir schwiegen eine Weile, dann fragte ich, seltsam beunruhigt: »Was
+vermuten Sie eigentlich? Wer sollte das sein?«
+
+»Ich nehme an,« sagte Umprecht ruhig, »daß irgendeiner von den
+Zuschauern, vielleicht aus der Dienerschaft des Onkels ... oder einer
+von den Bauern am Schluß des Stückes in besondere Bewegung geraten und
+auf unsere Bühne stürzen könnte ... vielleicht aber will es das
+Schicksal, daß ein aus dem Irrenhause Entsprungener durch einen jener
+Zufälle, die mich wirklich nicht mehr überraschen, gerade in dem
+Augenblick, wo ich auf der Bahre liege, über die Bühne gerannt käme.«
+
+Ich schüttelte den Kopf.
+
+»Wie sagten Sie?... Kahl – Brille – ein grüner Schal?... – Nun
+erscheint mir die Sache noch seltsamer als früher. Die Gestalt des
+Mannes, den Sie damals gesehen, ist tatsächlich von mir in meinem Stück
+beabsichtigt gewesen, und ich habe darauf verzichtet. Es war der
+wahnsinnige Vater der Frau, von dem im ersten Akt die Rede ist, und der
+zum Schluß auf die Szene stürmen sollte.«
+
+»Aber Schal und Brille?«
+
+»Das hätte wohl der Schauspieler aus Eigenem getan – glauben Sie nicht?«
+
+»Es ist möglich.«
+
+Wir wurden unterbrochen. Frau von Umprecht ließ ihren Gatten zu sich
+bitten, da sie ihn gerne vor der Vorstellung sprechen möchte, und er
+empfahl sich. Ich blieb noch eine Weile und betrachtete aufmerksam den
+Situationsplan, den Herr von Umprecht auf dem Tisch hatte liegen lassen.
+
+
+3
+
+Bald trieb es mich zu dem Orte hin, an dem die Vorstellung stattfinden
+sollte. Er lag hinter dem Schlößchen, durch eine anmutige Gartenanlage
+davon geschieden. Dort, wo diese mit niederen Hecken abschloß, waren
+etwa zehn lange Bankreihen aus einfachem Holz aufgestellt; die vorderen
+Reihen waren mit dunkelrotem Teppichstoff bedeckt. Vor der ersten
+standen einige Notenpulte und Stühle; einen Vorhang gab es nicht. Die
+Trennung der Bühne von dem Zuschauerraum war durch zwei seitlich ragende
+hohe Tannenbäume angedeutet; rechts schloß sich wildes Gesträuch an,
+hinter dem ein bequemer Lehnstuhl, dem Zuschauer unsichtbar, für den
+Souffleur bestimmt, stand. Zur Linken lag der Platz frei und ließ den
+Blick ins Tal offen. Der Hintergrund der Szene war von hohen Bäumen
+gebildet; sie standen dicht aneinandergedrängt nur in der Mitte, und
+links schlichen schmale Wege aus dem Schatten hervor. Weiter drin im
+Wald, innerhalb einer kleinen künstlichen Lichtung, waren Tisch und
+Stühle aufgestellt, wo die Schauspieler ihrer Stichworte harren mochten.
+Für die Beleuchtung war gesorgt, indem man zur Seite der Bühne und des
+Zuschauerraumes kulissenartig hohe alte Kirchenleuchter mit riesigen
+Kerzen aufgerichtet hatte. Hinter dem Gesträuch zur Rechten war eine Art
+Requisitenraum im Freien; hier sah ich nebst anderem kleinern Gerät, das
+im Stück notwendig war, die Bahre stehen, auf der Herr von Umprecht am
+Schlusse des Stückes sterben sollte. – Als ich jetzt über die Wiese
+schritt, war sie von der Abendsonne mild überglänzt ... Ich hatte
+natürlich über die Erzählung des Herrn von Umprecht nachgedacht. Nicht
+für unmöglich hielt ich es anfangs, daß Herr von Umprecht zu der Art von
+phantastischen Lügnern gehörte, die eine Mystifikation unter
+Schwierigkeiten von langer Hand vorbereiten, um sich interessant zu
+machen. Ich hielt es selbst für denkbar, daß die Unterschrift des Notars
+gefälscht war und daß Herr von Umprecht andre Leute eingeweiht hatte, um
+die Sache folgerecht durchzuführen. Besondere Bedenken stiegen mir über
+den vorläufig unbekannten Mann mit den erhobenen Händen auf, mit dem
+sich Umprecht wohl ins Einvernehmen gesetzt haben konnte. Aber meinen
+Zweifeln widersprach vor allem die Rolle, die dieser Mann in meinem
+ersten Plane gespielt, der niemandem bekannt sein konnte – und besonders
+der günstige Eindruck, den ich von der Person des Herrn von Umprecht
+gewonnen hatte. Und so unwahrscheinlich, ja so ungeheuerlich sein ganzer
+Bericht mir erschien – irgend etwas in mir verlangte sogar danach, ihm
+glauben zu dürfen; es mochte die törichte Eitelkeit sein, mich als
+Vollstrecker eines über uns waltenden Willens zu empfinden. – Indes
+hatte einige Bewegung in meiner Nähe angehoben; Diener kamen aus dem
+Schloß, Kerzen wurden angezündet, Leute aus der Umgebung, manche auch in
+bäurischer Kleidung, stiegen langsam den Hügel herauf und stellten sich
+bescheiden zu seiten der Bänke auf. Bald erschien die Frau des Hauses
+mit einigen Herren und Damen, die zwanglos Platz nahmen. Ich gesellte
+mich zu ihnen und plauderte mit Bekannten vom vorigen Jahr. Die
+Mitglieder des Orchesters waren erschienen und begaben sich auf ihre
+Plätze; die Zusammenstellung war ungewöhnlich genug; es waren zwei
+Violinen, ein Cello, eine Viola, ein Kontrabaß, eine Flöte und eine
+Oboe. Sie begannen sofort, offenbar verfrüht, eine Ouvertüre von Weber
+zu spielen. Ganz vorne, in der Nähe des Orchesters, stand ein alter
+Bauer, der glatzköpfig war und eine Art von dunklem Tuch um den Hals
+geschlungen hatte. Vielleicht war der vom Schicksal dazu bestimmt, dacht
+ich, später eine Brille herauszunehmen, irrsinnig zu werden und auf die
+Szene zu laufen. Das Tageslicht war völlig dahin, die hohen Kerzen
+flackerten ein wenig, da sich ein leichter Wind erhoben hatte. Hinter
+dem Gesträuch wurde es lebendig, auf verborgenen Wegen waren die
+Mitwirkenden in die Nähe der Bühne gelangt. Jetzt erst dachte ich wieder
+an die anderen, die mitzuspielen hatten, und es fiel mir ein, daß ich
+noch niemanden außer Herrn von Umprecht, seinen Kindern und der
+Försterstochter gesehen hatte. Nun hörte ich die laute Stimme des
+Regisseurs und das Lachen der jungen Komtessa Saima. Die Bänke waren
+alle besetzt, der Freiherr saß in einer der vordersten Reihen und sprach
+mit der Gräfin Saima. Das Orchester fing an zu spielen, dann trat die
+Försterstochter vor und sprach den Prolog, der das Stück einleitete. Den
+Inhalt des Ganzen bildete das Schicksal eines Mannes, der, ergriffen von
+einer plötzlichen Sehnsucht nach Abenteuern und Fernen, die Seinen ohne
+Abschied verläßt und im Verlaufe eines Tages so viel Schmerzliches und
+Widriges erlebt, daß er wieder zurückzukehren gedenkt, ehe Frau und
+Kinder ihn vermißt haben; aber ein letztes Abenteuer auf dem Rückweg,
+nahe der Tür seines Hauses, hat seine Ermordung zur Folge, und nur mehr
+sterbend kann er die Verlassenen begrüßen, die seiner Flucht und seinem
+Tod als den unlösbarsten Rätseln gegenüberstehen.
+
+Das Spiel hatte begonnen, Herren und Damen sprachen ihre Rollen
+angenehm; ich erfreute mich an der einfachen Darstellung der einfachen
+Vorgänge und dachte im Anfang nicht mehr an die Erzählung des Herrn von
+Umprecht. Nach dem ersten Akt spielte das Orchester wieder, aber
+niemand hörte darauf, so lebhaft war das Geplauder auf den Bänken. Ich
+selbst saß nicht, sondern stand, ungesehen von den anderen, der Bühne
+ziemlich nahe, auf der linken Seite, wo der Weg sich frei dem Tale zu
+senkte. Der zweite Akt begann; der Wind war etwas stärker geworden, und
+die flackernde Beleuchtung trug zu der Wirkung des Stückes nicht wenig
+bei. Wieder verschwanden die Darsteller im Wald, und das Orchester
+setzte ein. Da fiel mein Blick ganz zufällig auf den Flötisten, der eine
+Brille trug und glatt rasiert war; aber er hatte lange weiße Haare, und
+von einem Schal war nichts zu sehen. Das Orchesterspiel schloß, die
+Darsteller traten wieder auf die Szene. Da merkte ich, daß der
+Flötenspieler, der sein Instrument vor sich hin auf das Pult gelegt
+hatte, in seine Tasche griff, einen großen grünen Schal hervorzog und
+ihn um den Hals wickelte. Ich war im allerhöchsten Grade befremdet. In
+der nächsten Sekunde trat Herr von Umprecht auf; ich sah, wie sein Blick
+plötzlich auf dem Flötisten haften blieb, wie er den grünen Schal
+bemerkte und einen Augenblick stockte; aber rasch hatte er sich wieder
+gefaßt und sprach seine Rolle unbeirrt weiter. Ich fragte einen jungen,
+einfach gekleideten Burschen neben mir, ob er den Flötisten kenne, und
+erfuhr von ihm, daß jener ein Schullehrer aus Kaltern war. Das Spiel
+ging weiter, der Schluß nahte heran. Die zwei Kinder irrten, wie es
+vorgeschrieben war, über die Bühne, Lärm im Walde drang näher und näher,
+man hörte schreien und rufen; es machte sich nicht übel, daß der Wind
+stärker wurde und die Zweige sich bewegten; endlich trug man Herrn von
+Umprecht als sterbenden Abenteurer auf der Bahre herein. Die beiden
+Kinder stürzten herbei, die Fackelträger standen regungslos zur Seite.
+Die Frau trat später auf als die anderen, und mit angstvoll verzerrtem
+Blick sinkt sie an der Seite des Gemordeten nieder; dieser will die
+Lippen noch einmal öffnen, versucht, sich zu erheben, aber – wie es in
+der Rolle vorgeschrieben – es gelingt ihm nicht mehr. Da kommt mit einem
+Mal ein ungeheurer Windstoß, daß die Fackeln zu verlöschen drohen; ich
+sehe, wie einer im Orchester aufspringt – es ist der Flötenspieler – zu
+meinem Erstaunen ist er kahl, seine Perücke ist ihm davongeflogen; mit
+erhobenen Händen, den grünen flatternden Schal um den Hals, stürzt er
+der Bühne zu. Unwillkürlich richte ich mein Auge auf Umprecht; seine
+Blicke sind starr, wie verzückt auf den Mann gerichtet; er will etwas
+reden – er vermag es offenbar nicht – er sinkt zurück ... Noch meinen
+viele, daß dies alles zum Stücke gehöre; ich selbst bin nicht sicher,
+wie dieses erneute Niedersinken zu deuten ist; indes ist der Mann an der
+Bahre vorüber, immer noch seiner Perücke nach, und verschwindet im Wald.
+Umprecht erhebt sich nicht; ein neuer Windstoß läßt eine der beiden
+Fackeln verlöschen; einige Menschen ganz vorne werden unruhig – ich höre
+die Stimme des Freiherrn: »Ruhe! Ruhe!« – es wird wieder stille – auch
+der Wind regt sich nicht mehr ... aber Umprecht bleibt ausgestreckt
+liegen, rührt sich nicht und bewegt nicht die Lippen. Die Komtesse Saima
+schreit auf – natürlich glauben die Leute, auch dies sei im Stück so
+vorgeschrieben. Ich aber dränge mich durch die Menschen, stürze auf die
+Bühne, höre, wie es hinter mir unruhig wird – die Leute erheben sich,
+andere folgen mir, die Bahre ist umringt ... »Was gibt’s, was ist
+geschehen?« ... Ich reiße einem Fackelträger seine Fackel aus der Hand,
+beleuchte das Antlitz des Liegenden ... Ich rüttle ihn, reiße ihm das
+Wams auf; indes ist der Arzt an meine Seite gelangt, er fühlt nach dem
+Herzen Umprechts, er greift seinen Puls, er wünscht, daß alles zur Seite
+trete, er flüstert dem Freiherrn ein paar Worte zu ... die Frau des
+Aufgebahrten hat sich hinaufgedrängt, sie schreit auf, wirft sich über
+ihren Mann, die Kinder stehen wie vernichtet da und können es nicht
+fassen ... Niemand will es glauben, was geschehen, und doch teilt es
+einer dem andern mit; – und eine Minute später weiß man es rings in der
+Runde, daß Herr von Umprecht auf der Bahre, auf der man ihn
+hineingetragen, plötzlich gestorben ist ...
+
+Ich selbst bin am selben Abend noch ins Tal hinuntergeeilt, von
+Entsetzen geschüttelt. In einem sonderbaren Grauen habe ich mich nicht
+entschließen können, das Schloß wieder zu betreten. Den Freiherrn sprach
+ich am Tag darauf in Bozen; dort erzählte ich ihm die Geschichte
+Umprechts, wie sie mir von ihm selbst mitgeteilt worden war. Der
+Freiherr wollte sie nicht glauben, ich griff in meine Brieftasche und
+zeigte ihm das geheimnisvolle Blatt; er sah mich befremdet, ja angstvoll
+an und gab mir das Blatt zurück – es war weiß, unbeschrieben,
+unbezeichnet ...
+
+Ich habe Versuche gemacht, Marco Polo aufzufinden; aber das einzige, was
+ich von ihm erfahren konnte, war, daß er vor drei Jahren zum letztenmal
+in einem Hamburger Vergnügungsetablissement niederen Ranges aufgetreten
+ist.
+
+Was aber unter allem diesem Unbegreiflichen das unbegreiflichste bleibt,
+ist der Umstand, daß der Schullehrer, der damals seiner Perücke mit
+erhobenen Händen nachlief und im Walde verschwand, niemals
+wiedergesehen, ja daß nicht einmal sein Leichnam aufgefunden wurde.
+
+ * * * * *
+
+
+Nachwort des Herausgebers
+
+Den Verfasser des vorstehenden Berichtes habe ich persönlich nicht
+gekannt. Er war zu seiner Zeit ein ziemlich bekannter Schriftsteller,
+aber so gut wie verschollen, als er, kaum sechzig Jahre alt, vor etwa
+zehn Jahren starb. Sein gesamter Nachlaß ging, ohne besondere
+Bestimmung, an den in diesen Blättern genannten Meraner Jugendfreund
+über. Von diesem wieder, einem Arzt, mit dem ich mich anläßlich eines
+Aufenthaltes in Meran im vorigen Winter zuweilen über allerlei dunkle
+Fragen, insbesondere über Geisterseherei, Wirkung in die Ferne und
+Weissagekunst unterhalten hatte, wurde mir das hier abgedruckte
+Manuskript zur Veröffentlichung übergeben. Gern möchte ich dessen Inhalt
+für eine frei erfundene Erzählung halten, wenn nicht der Arzt, wie auch
+aus dem Bericht hervorgeht, der am Schluß geschilderten
+Theatervorstellung mit ihrem seltsamen Ausgang beigewohnt und den in so
+rätselhafter Weise verschwundenen Schullehrer persönlich gekannt hätte.
+Was aber den Zauberer Marco Polo anlangt, so erinnere ich mich noch sehr
+wohl, als ganz junger Mensch in einer Sommerfrische am Wörther See
+seinen Namen auf einem Plakat gedruckt gesehen zu haben; er blieb mir im
+Gedächtnis, weil ich gerade zu dieser Zeit im Begriffe war, die
+Reisebeschreibung des berühmten Weltfahrers gleichen Namens zu lesen.
+
+
+
+
+Das neue Lied
+
+
+»Ich bin nicht schuld daran, Herr von Breiteneder ... bitte sehr, das
+kann keiner sagen!« Karl Breiteneder hörte diese Worte wie von fern an
+sein Ohr schlagen und wußte doch ganz genau, daß der, der sie sprach,
+neben ihm einherging – ja er spürte sogar den Weindunst, in den diese
+Worte gehüllt waren. Aber er erwiderte nichts. Es war ihm unmöglich,
+sich in Auseinandersetzungen einzulassen; er war zu müde und zerrüttet
+von dem furchtbaren Erlebnis dieser Nacht, und es verlangte ihn nur nach
+Alleinsein und frischer Luft. Darum war er auch nicht nach Hause
+gegangen, sondern lieber im Morgenwind die menschenleere Straße
+weiterspaziert, ins Freie hinaus, den bewaldeten Hügeln entgegen, die
+drüben aus leichten Mainebeln hervorstiegen. Aber ein Schauer nach dem
+anderen durchlief ihn vom Kopf bis zu den Füßen, und er spürte nichts
+von der wohligen Frische, die ihn sonst nach durchwachten Nächten in der
+Frühluft zu durchrieseln pflegte. Er hatte immer das entsetzliche Bild
+vor Augen, dem er entflohen war.
+
+Der Mann neben ihm mußte ihn eben erst eingeholt haben. Was wollte denn
+der von ihm?... warum verteidigte er sich?... und warum gerade vor
+ihm?... Er hatte doch nicht daran gedacht, dem alten Rebay einen lauten
+Vorwurf zu machen, wenn er auch sehr gut wußte, daß der die Hauptschuld
+trug an dem, was geschehen war. Jetzt sah er ihn von der Seite an. Wie
+schaute der Mensch aus! Der schwarze Gehrock war zerdrückt und fleckig,
+ein Knopf fehlte, die andern waren an den Rändern ausgefranst; in einem
+Knopfloch steckte ein Stengel mit einer abgestorbenen Blüte. Gestern
+abend hatte Karl die Blume noch frisch gesehen. Mit dieser selben Nelke
+geschmückt, war der Kapellmeister Rebay an einem klappernden Pianino
+gesessen und hatte die Musik zu sämtlichen Produktionen der Gesellschaft
+Ladenbauer besorgt, wie er es seit bald dreißig Jahren tat. Das kleine
+Wirtshaus war ganz voll gewesen, bis in den Garten hinaus standen die
+Tische und Stühle, denn heute war, wie es mit schwarzen und roten
+Buchstaben auf großen, gelben Zetteln zu lesen stand: »Erstes
+Wiederauftreten des Fräulein Maria Ladenbauer, genannt die ›weiße
+Amsel‹, nach ihrer Genesung von schwerem Leiden.«
+
+Karl atmete tief auf. Es war ganz licht geworden, er und der
+Kapellmeister waren längst nicht mehr die einzigen auf der Straße.
+Hinter ihnen, auch von Seitenwegen, ja sogar von oben aus dem Walde,
+ihnen entgegen, kamen Spaziergänger. Jetzt erst fiel es Karl ein, daß
+heute Sonntag war. Er war froh, daß er keinerlei Verpflichtung hatte, in
+die Stadt zu gehen, obzwar ihm ja sein Vater auch diesmal einen
+versäumten Wochentag nachgesehen hätte, wie er es schon oft getan. Das
+alte Drechslergeschäft in der Alserstraße ging vorläufig auch ohne ihn,
+und der Vater wußte aus Erfahrung, daß sich die Breiteneders bisher noch
+immer zur rechten Zeit zu einem soliden Lebenswandel entschlossen
+hatten. Die Geschichte mit Marie Ladenbauer war ihm allerdings nie ganz
+recht gewesen. »Du kannst ja machen, was du willst,« hatte er einmal
+milde zu Karl gesagt, »ich bin auch einmal jung gewesen ... aber in den
+Familien von meine Mädeln hab ich doch nie verkehrt! Da hab ich doch
+immer zuviel auf mich gehalten.«
+
+Hätte er auf den Vater gehört – dachte Karl jetzt – so wäre ihm
+mancherlei erspart geblieben. Aber er hatte die Marie sehr gern gehabt.
+Sie war ein gutmütiges Geschöpf, hing an ihm, ohne viel Worte zu machen,
+und wenn sie Arm in Arm mit ihm spazieren ging, hätte sie keiner für
+eine gehalten, die schon so manches erlebt hatte. Übrigens ging es bei
+ihren Eltern so anständig zu wie in einem bürgerlichen Hause. Die
+Wohnung war nett gehalten, auf der Etagere standen Bücher; öfters kam
+der Bruder des alten Ladenbauer zu Besuch, der als Beamter beim
+Magistrat angestellt war, und dann wurde über sehr ernste Dinge geredet:
+Politik, Wahlen und Gemeindewesen. Am Sonntag spielte Karl oben manchmal
+Tarock; mit dem alten Ladenbauer und mit dem verrückten Jedek,
+demselben, der abends im Klownkostüm auf Gläser- und Tellerrändern
+Walzer und Märsche exekutierte; und wenn er gewann, bekam er sein Geld
+ohne weiteres ausbezahlt, was ihm in seinem Kaffeehaus durchaus nicht so
+regelmäßig passierte. In der Nische am Fenster, vor dem Glasbilder mit
+Schweizer Landschaften hingen, saß die blasse lange Frau Jedek, die
+abends in der Vorstellung langweilige Gedichte vortrug, plauderte mit
+der Marie und nickte dazu beinahe ununterbrochen. Marie sah aber zu Karl
+herüber, grüßte ihn scherzend mit der Hand oder setzte sich zu ihm und
+schaute ihm in die Karten. Ihr Bruder war in einem großen Geschäft
+angestellt, und wenn ihm Karl eine Zigarre gab, so revanchierte er sich
+sofort. Auch brachte er seiner Schwester, die er sehr verehrte, zuweilen
+von einem Stadtzuckerbäcker etwas zum Naschen mit. Und wenn er sich
+empfahl, sagte er mit halbgeschlossenen Augen: »Leider daß ich
+anderweitig versagt bin ...« – Freilich, am liebsten war Karl mit Marie
+allein. Und er dachte an einen Morgen, an dem er mit ihr denselben Weg
+gegangen war, den er jetzt ging, dem leise rauschenden Wald entgegen,
+der dort oben auf dem Hügel anfing. Sie waren beide müde gewesen, denn
+sie kamen geradeswegs aus dem Kaffeehaus, wo sie bis zum Morgengrauen
+mit der ganzen Volkssängergesellschaft zusammengesessen waren; nun
+legten sie sich unter eine Buche am Rand eines Wiesenhanges und
+schliefen ein. Erst in der heißen Stille des Sommermittags wachten sie
+auf, gingen noch weiter hinein in den Wald, plauderten und lachten den
+ganzen Tag, ohne zu wissen warum, und erst spät abends zur Vorstellung
+brachte er sie wieder in die Stadt ... So schöne Erinnerungen gab es
+manche, und die beiden lebten sehr vergnügt, ohne an die Zukunft zu
+denken. Zu Beginn des Winters erkrankte Marie plötzlich. Der Doktor
+hatte jeden Besuch strenge verboten, denn die Krankheit war eine
+Gehirnentzündung oder so etwas ähnliches, und jede Aufregung sollte
+vermieden werden. Karl ging anfangs täglich zu den Ladenbauers, sich
+erkundigen; später aber, als die Sache sich länger hinzog, nur jeden
+zweiten und dritten Tag. Einmal sagte ihm Frau Ladenbauer an der Türe:
+»Also heut dürfen Sie schon hineinkommen, Herr von Breiteneder. Aber
+bitt schön, daß Sie sich nicht verraten.« – »Warum soll denn ich mich
+verraten?« fragte Karl, »was ist denn g’schehn?« – »Ja, mit den Augen
+ist leider keine Hilfe mehr.« – »Wieso denn?« – »Sie sieht halt nichts
+mehr ..., das ist ihr leider Gottes von der Krankheit zurückgeblieben.
+Aber sie weiß noch nicht, daß es unheilbar ist ... Nehmen Sie sich
+zusammen, daß sie nichts merkt.« Da stammelte Karl nur ein paar Worte
+und ging. Er hatte plötzlich Angst, Marie wiederzusehen. Es war ihm, als
+hätte er nichts an ihr so gern gehabt, als ihre Augen, die so hell
+gewesen waren und mit denen sie immer gelacht hatte. Er wollte morgen
+kommen. Aber er kam nicht, nicht am nächsten und nicht am übernächsten
+Tage. Und immer weiter schob er den Besuch hinaus. Er wollte sie erst
+wiedersehen, nahm er sich vor, bis sie sich selbst in ihr Schicksal
+gefunden haben konnte. Dann fügte es sich, daß er eine Geschäftsreise
+antreten mußte, auf die der Vater schon lange gedrungen hatte. Er kam
+weit herum, war in Berlin, Dresden, Köln, Leipzig, Prag. Einmal schrieb
+er an die alte Frau Ladenbauer eine Karte, in der stand: Gleich nach
+seiner Rückkehr würde er hinaufkommen, und er ließe die Marie schön
+grüßen. – Im Frühjahr kam er zurück; aber zu den Ladenbauers ging er
+nicht. Er konnte sich nicht entschließen ... Natürlich dachte er auch
+von Tag zu Tag weniger an sie und nahm sich vor, sie ganz zu vergessen.
+Er war ja nicht der erste und nicht der einzige gewesen. Er hörte auch
+gar nichts von ihr, beruhigte sich mehr und mehr, und aus irgendeinem
+Grunde bildete er sich manchmal ein, daß Marie auf dem Land bei
+Verwandten lebte, von denen er sie manchmal sprechen gehört hatte.
+
+Da führte ihn gestern abends – er wollte Bekannte besuchen, die in der
+Nähe wohnten – der Zufall an dem Wirtshaus vorüber, wo die Vorstellungen
+der Gesellschaft Ladenbauer stattzufinden pflegten. Ganz in Gedanken
+wollte er schon vorübergehen, da fiel ihm das gelbe Plakat ins Auge, er
+wußte, wo er war, und ein Stich ging ihm durchs Herz, bevor er ein Wort
+gelesen hatte. Aber dann, wie er es mit schwarzen und roten Buchstaben
+vor sich sah: »Erstes Auftreten der Maria Ladenbauer, genannt die ›weiße
+Amsel‹, nach ihrer Genesung,« da blieb er wie gelähmt stehen. Und in
+diesem Augenblick stand der Rebay neben ihm, wie aus dem Boden
+gewachsen: den weißen Strubbelkopf unbedeckt, den schäbigen schwarzen
+Zylinder in der Hand und mit einer frischen Blume im Knopfloch. Er
+begrüßte Karl: »Der Herr Breiteneder – nein, so was! Nicht wahr,
+beehren uns heute wieder! Die Fräul’n Marie wird ja ganz weg sein vor
+Freud, wenn sie hört, daß sich die frühern Freund’ doch noch um sie
+umschaun. Das arme Ding! Viel haben wir mit ihr ausg’standen, Herr von
+Breiteneder; aber jetzt hat sie sich verfangt.« Er redete noch eine
+ganze Menge, und Karl rührte sich nicht, obwohl er am liebsten weit
+fortgewesen wäre. Aber plötzlich regte sich eine Hoffnung in ihm, und er
+fragte den Rebay, ob denn die Marie gar nichts sehe – ob sie nicht doch
+wenigstens einen Schein habe. »Einen Schein?« erwiderte der andere. »Was
+fällt Ihnen denn ein, Herr von Breiteneder!... Nichts sieht sie, gar
+nichts!« Er rief es mit seltsamer Fröhlichkeit. »Alles kohlrabenschwarz
+vor ihr ... Aber werden sich schon überzeugen, Herr von Breiteneder, hat
+alles seine guten Seiten, wenn man so sagen darf – und eine Stimme hat
+das Mädel, schöner als je!... Na, Sie werden ja sehn, Herr von
+Breiteneder. – Und gut is sie – seelengut! Noch viel freundlicher, als
+sie eh schon war. Na, Sie kennen sie ja – haha! – Ah, es kommen heut
+mehrere, die sie kennen ... natürlich nicht so gut wie Sie, Herr von
+Breiteneder; denn jetzt ist es natürlich vorbei mit die gewissen
+G’schichten. Aber das wird auch schon wieder kommen! Ich hab eine
+gekannt, die war blind und hat Zwillinge gekriegt – haha! – Schauen S’,
+wer da is,« sagte er plötzlich, und Karl stand mit ihm vor der Kassa, an
+der Frau Ladenbauer saß. Sie war aufgedunsen und bleich und sah ihn an,
+ohne ein Wort zu sagen. Sie gab ihm ein Billett, er zahlte, wußte kaum,
+was mit ihm geschah. Plötzlich aber stieß er hervor: »Nicht der Marie
+sagen, um Gottes willen, Frau Ladenbauer ... nichts der Marie sagen, daß
+ich da bin!... Herr Rebay, nichts ihr sagen!«
+
+»Is schon gut,« sagte Frau Ladenbauer und beschäftigte sich mit anderen
+Leuten, die Billette verlangten.
+
+»Von mir kein Wörterl,« sagte Rebay. »Aber nachher, das wird eine
+Überraschung sein! Da kommen S’ doch mit? Großes Fest – hoho! Habe die
+Ehre, Herr von Breiteneder.« Und er war verschwunden. Karl durchschritt
+den gefüllten Saal, und im Garten, der sich ohne weiteres anschloß,
+setzte er sich ganz hinten an einen Tisch, wo vor ihm schon zwei alte
+Leute Platz genommen hatten, eine Frau und ein Mann. Sie sprachen nichts
+miteinander, betrachteten stumm den neuen Gast, und nickten einander
+traurig zu. Karl saß da und wartete. Die Vorstellung begann, und Karl
+hörte die altbekannten Sachen wieder. Nur schien ihm alles eigentümlich
+verändert, weil er noch nie so weit vom Podium gesessen war. Zuerst
+spielte der Kapellmeister Rebay eine sogenannte Ouvertüre, von der zu
+Karl nur vereinzelte harte Akkorde drangen, dann trat als erste die
+Ungarin Ilka auf, in hellrotem Kleid, mit gespornten Stiefeln, sang
+ungarische Lieder und tanzte Tschardas. Hierauf folgte ein
+humoristischer Vortrag des Komikers Wiegel-Wagel; er trat im
+zeisiggrünen Frack auf, teilte mit, daß er soeben aus Afrika angekommen
+wäre, und berichtete allerlei unsinnige Abenteuer, deren Abschluß seine
+Hochzeit mit einer alten Witwe bildete. Dann kam ein Duett zwischen
+Herrn und Frau Ladenbauer; beide trugen Tiroler Kostüm. Nach ihnen, in
+schmutziger weißer Klowntracht, folgte der närrische kleine Jedek,
+zeigte zuerst seine Jongleurkünste, irrte mit riesigen Augen unter den
+Leuten umher, als wenn er jemanden suchte; dann stellte er Teller in
+Reihen vor sich auf, hämmerte mit einem Holzstab einen Marsch darauf,
+ordnete Gläser und spielte auf den Rändern mit feuchten Fingern eine
+wehmütige Walzermelodie. Dabei sah er zur Decke auf und lächelte selig.
+Er trat ab, und Rebay hieb wieder auf die Tasten ein, in festlichen
+Klängen. Ein Flüstern drang vom Saal in den Garten, die Leute steckten
+die Köpfe zusammen, und plötzlich stand Marie auf dem Podium. Der
+Vater, der sie hinaufgeführt hatte, war gleich wieder wie hinabgetaucht;
+und sie stand allein. Und Karl sah sie oben stehen, mit den erloschenen
+Augen in dem süßen blassen Gesicht; er sah ganz deutlich, wie sie zuerst
+nur die Lippen bewegte und ein bißchen lächelte. Ohne es selbst zu
+merken war er vom Sessel aufgesprungen, lehnte an der grünen Laterne und
+hätte beinah aufgeschrien vor Mitleid und Angst. – Und nun fing sie an
+zu singen. Mit einer ganz fremden Stimme, leise, viel leiser als früher.
+Es war ein Lied, das sie immer gesungen, und das Karl mindestens
+fünfzigmal gehört hatte, aber die Stimme blieb ihm seltsam fremd, und
+erst als der Refrain kam »Mich heißens’ die weiße Amsel, im G’schäft und
+auch zu Haus,« glaubte er, den Klang der Stimme wiederzuerkennen. Sie
+sang alle drei Strophen, Rebay begleitete sie, und nach seiner
+Gewohnheit blickte er öfters streng zu ihr auf. Als sie zu Ende war,
+setzte Applaus ein, laut und donnernd. Marie lächelte und verbeugte
+sich. Die Mutter kam die drei Stufen aufs Podium hinauf, Marie griff mit
+den Armen in die Luft, als suchte sie die Hände der Mutter, aber der
+Applaus war so stark, daß sie gleich ihr zweites Lied singen mußte, das
+Karl auch schon an die fünfzigmal gehört hatte. Es fing an: »Heut geh
+ich mit mein Schatz aufs Land ...,« und Marie warf den Kopf so vergnügt
+in die Höhe, wiegte sich so leicht hin und her, als wenn sie wirklich
+mit ihrem Schatz aufs Land gehen, den blauen Himmel, die grünen Wiesen
+sehen und im Freien tanzen könnte, wie sie’s in dem Lied erzählte. Und
+dann sang sie das dritte, das neue Lied. –
+
+»Hier wäre ein kleines Garterl,« sagte Herr Rebay, und Karl fuhr
+zusammen. Es war heller Sonnenschein; weit erglänzte die Straße, ringsum
+war es licht und lebendig. »Da könnt’ man sich hineinsetzen,« fuhr Rebay
+fort, »auf ein Glas Wein; ich hab schon einen argen Durst – es wird ein
+heißer Tag.«
+
+»Ob’s heiß wird!« sagte irgendwer hinter ihnen. Breiteneder wandte sich
+um ... Wie, der war ihm auch nachgelaufen?... Was wollte denn der von
+ihm?... Es war der närrische Jedek; man hatte ihn nie anders geheißen,
+aber es war zweifellos, daß er in der nächsten Zeit ernstlich und
+vollkommen verrückt werden mußte. Vor ein paar Tagen hatte er seine
+lange blasse Frau am Leben bedroht, und es war rätselhaft, daß man ihn
+frei herumlaufen ließ. Jetzt schlich er in seiner zwerghaften Kleinheit
+neben Karl einher; aus dem gelblichen Gesichte glotzten aufgerissene,
+unerklärlich lustige Augen ins Weite, auf dem Kopf saß ihm das
+stadtbekannte, graue weiche Hütel mit der verschlissenen Feder, in der
+Hand hielt er ein dünnes Spazierstaberl. Und nun, den andern plötzlich
+voraus, war er in das kleine Gasthausgärtchen hineingehüpft, hatte auf
+einer Holzbank, die an dem niederen Häuschen lehnte, Platz genommen,
+schlug mit dem Spazierstock heftig auf den grüngestrichnen Tisch und
+rief nach dem Kellner. Die beiden anderen folgten ihm. Längs des grünen
+Holzgitters zog die weiße Straße weiter nach oben, an kleinen, traurigen
+Villen vorbei, und verlor sich in den Wald.
+
+Der Kellner brachte Wein. Rebay legte den Zylinder auf den Tisch, fuhr
+sich durch das weiße Haar, rieb sich dann mit beiden Händen nach seiner
+Gewohnheit die glatten Wangen, schob Jedeks Glas beiseite, und beugte
+sich über den Tisch zu Karl hin. »Ich bin doch nicht auf’n Kopf
+g’fallen, Herr von Breiteneder! Ich weiß doch, was ich tu!... Warum soll
+denn ich schuld sein?... Wissen S’, für wen ich Couplets geschrieben hab
+in meinen jüngeren Jahren?... Für’n Matras! Das ist keine Kleinigkeit!
+Und haben Aufsehen gemacht! Text und Musik von mir! Und viele sind in
+andere Stück’ eingelegt worden!«
+
+»Lassen S’ das Glas stehn,« sagte Jedek und kicherte in sich hinein.
+
+»Ich bitte, Herr von Breiteneder,« fuhr Rebay fort und schob das Glas
+wieder von sich. »Sie kennen mich doch, und Sie wissen, daß ich ein
+anständiger Mensch bin! Auch gibt’s in meinen Couplets niemals eine
+Unanständigkeit, niemals eine Zote!... Und das Couplet, wegen dem der
+alte Ladenbauer damals is verurteilt worden, war von einem andern!...
+Und heut bin ich achtundsechzig, Herr von Breiteneder – das ist ein
+Numero! Und wissen S’, wie lang ich bei der G’sellschaft Ladenbauer
+bin?... Da hat der Eduard Ladenbauer noch gelebt, der die G’sellschaft
+gegründet hat. Und die Marie kenn ich von ihrer Geburt an.
+Neunundzwanzig Jahr bin ich bei die Ladenbauers – im nächsten März hab
+ich Jubiläum ... Und ich hab meine Melodien nicht g’stohlen – sie sind
+von mir, alles von mir! Und wissen Sie, wieviel man in der Zeit auf die
+Werkeln g’spielt hat?... Achtzehn! Net wahr, Jedek?...«
+
+Jedek lachte immerfort lautlos, mit aufgerissenen Augen. Jetzt hatte er
+alle drei Gläser vor seinen Platz hingeschoben und begann mit seinen
+Fingern leicht über die Ränder zu streichen. Es klang fein, ein bißchen
+rührend, wie ferne Oboen- und Klarinettentöne. Breiteneder hatte diese
+Kunstfertigkeit immer sehr bewundert, aber in diesem Augenblick vertrug
+er die Klänge durchaus nicht. An den andern Tischen hörte man zu; einige
+Leute nickten befriedigt, ein dicker Herr patschte in die Hände.
+Plötzlich schob Jedek alle drei Gläser wieder fort, kreuzte die Arme und
+starrte auf die weiße Straße, über die immer mehr und mehr Menschen
+aufwärts dem Wald entgegenwanderten. Karl flimmerte es vor den Augen,
+und es war ihm, als wenn die Leute hinter Spinneweben tänzelten und
+schwebten. Er rieb sich die Stirn und die Lider, er wollte zu sich
+kommen. Er konnte ja nichts dafür! Es war ein schreckliches Unglück –
+aber er hatte doch nicht schuld daran! Und plötzlich stand er auf, denn
+als er an das Ende dachte, wollte es ihm die Brust zersprengen. »Gehen
+wir,« sagte er.
+
+»Ja, frische Luft ist die Hauptsache,« entgegnete Rebay.
+
+Jedek war plötzlich böse geworden, kein Mensch wußte, warum. Er stellte
+sich vor einen Tisch hin, an dem ein friedliches Paar saß, fuchtelte mit
+seinem Spazierstaberl herum und schrie mit hoher Stimme: »Da soll der
+Teufel ein Glaserer werden – Himmelsackerment!« Die beiden friedlichen
+Leute wurden verlegen und wollten ihn beschwichtigen; die übrigen
+lachten und hielten ihn für betrunken.
+
+Breiteneder und Rebay waren schon auf der weißen Straße, und Jedek,
+wieder ganz ruhig geworden, kam ihnen nachgetänzelt. Er nahm sein graues
+Hütel ab, hing es an seinen Spazierstock und hielt den Stock mit dem Hut
+über die Schultern wie ein Gewehr, während er mit der anderen Hand
+gewaltige grüßende Bewegungen zum Himmel empor vollführte.
+
+»Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich mich entschuldigen will,« sagte
+Rebay mit klappernden Zähnen. »Oho, hab gar keine Ursache! Durchaus
+nicht! Ich hab die beste Absicht gehabt, und jedermann wird es mir
+zugestehen. Hab ich denn das Lied nicht selber mit ihr einstudiert?...
+Bitte sehr, jawohl! Ja, noch wie sie mit den verbundenen Augen im Zimmer
+gesessen is, hab ich’s einstudiert mit ihr ... Und wissen S’, wie ich
+auf die Idee kommen bin? Es ist ein Unglück, hab ich mir gedacht, aber
+es ist doch nicht alles verloren. Ihre Stimme hat sie noch, und ihr
+schönes Gesicht ... Auch der Mutter hab ich’s g’sagt, die ganz
+verzweifelt war. Frau Ladenbauer, hab ich ihr gesagt, da ist noch nichts
+verloren – passen S’ nur auf! Und dann, heutzutage, wo es diese
+Blindeninstitute gibt, wo sie sogar mit der Zeit wieder lesen und
+schreiben lernen ... Und dann hab ich einen gekannt – einen jungen
+Menschen, der ist mit zwanzig Jahren blind worden. Der hat jede Nacht
+von die schönsten Feuerwerk geträumt, von alle möglichen Beleuchtungen
+...«
+
+Breiteneder lachte auf. »Reden S’ im Ernst?« fragte er ihn.
+
+»Ach was!« entgegnete Rebay grob, »was wollen Sie denn? Soll ich mich
+umbringen, ich?... Warum denn? – Meiner Seel, ich hab Unglück genug
+gehabt auf der Welt! – Oder meinen Sie, das ist ein Leben, Herr von
+Breiteneder, wenn man einmal Theaterstück geschrieben hat, wie ich als
+junger Mensch, und man ist mit achtundsechzig schließlich so weit, daß
+man auf einem elenden Klimperkasten für schäbige paar Kreuzer die
+heisern Ludern begleiten muß, und ihnen die Couplets schreiben ...
+Wissen S’, was ich für ein Couplet krieg’?... Sie möchten sich wundern,
+Herr von Breiteneder!«
+
+»Aber man spielt sie auf dem Werkel,« sagte Jedek, der jetzt ganz ernst
+und manierlich, ja elegant neben ihnen herging.
+
+»Was wollen denn Sie von mir?« sagte Breiteneder. Es war ihm plötzlich,
+als verfolgten ihn die beiden, und er wußte nicht, warum. Was hatte er
+mit den Leuten zu tun?... Rebay aber sprach weiter: »Eine Existenz hab
+ich dem Mädel gründen wollen!... Verstehen S’, eine neue Existenz!...
+Grad mit dem neuen Lied!... Grad mit dem!... Und ist es vielleicht nicht
+schön?... Ist es nicht rührend?...«
+
+Der kleine Jedek hielt plötzlich Breiteneder am Rockärmel zurück, erhob
+den Zeigefinger der linken Hand, Aufmerksamkeit gebietend, spitzte die
+Lippen und pfiff. Er pfiff die Melodie des neuen Liedes, das Marie
+Ladenbauer, genannt die »weiße Amsel«, heute nachts gesungen hatte. Er
+pfiff sie geradezu vollendet; denn auch das gehörte zu seinen
+Kunstfertigkeiten.
+
+»Die Melodie hat’s nicht gemacht,« sagte Breiteneder.
+
+»Wieso?« schrie Rebay. – Sie gingen alle rasch, liefen beinahe, trotzdem
+der Weg beträchtlich anstieg. »Wieso denn, Herr von Breiteneder?... Der
+Text ist schuld, glauben S’?... Ja, um Gottes willen, steht denn in dem
+Text was anderes, als was die Marie selbst gewußt hat?... Und in ihrem
+Zimmer, wie ich’s ihr einstudiert hab, hat sie nicht ein einziges Mal
+geweint. Sie hat g’sagt: »Das ist ein trauriges Lied, Herr Rebay, aber
+schön ist’s!...« »Schön ist’s,« hat sie gesagt ... Ja freilich ist es
+ein trauriges Lied, Herr von Breiteneder – es ist ja auch ein trauriges
+Los, was ihr zugestoßen ist. Da kann ich ihr doch kein lustiges Lied
+schreiben?...«
+
+Die Straße verlor sich in den Wald. Durch die Äste schimmerte die
+Sonne; aus den Büschen tönte Lachen, klangen Rufe. Sie gingen alle drei
+nebeneinander, so schnell, als wollte einer dem andern davonlaufen.
+Plötzlich fing Rebay wieder an: »Und die Leut – Kreuzdonnerwetter! –
+haben sie nicht applaudiert wie verrückt?... Ich hab’s ja im voraus
+gewußt, mit dem Lied wird sie einen Riesenerfolg haben! – Und es hat ihr
+auch eine Freud gemacht ... förmlich gelacht hat sie übers ganze
+Gesicht, und die letzte Strophe hat sie wiederholen müssen. Und es ist
+auch eine rührende Strophe! wie sie mir eingefallen ist, sind mir selber
+die Tränen ins Aug gekommen – wissen S’ wegen der Anspielung auf das
+andere Lied, das sie immer singt...« Und er sang, oder er sprach
+vielmehr, nur daß er die Reimworte immer herausstieß wie einen Orgelton:
+»Wie wunderschön war es doch früher _auf der Welt_, – Wo die Sonn’ mir
+hat g’schienen auf Wald und _auf Feld_, – Wo i Sonntag mit mein’ Schatz
+spaziert bin aufs _Land_ – Und er hat mich aus Lieb nur geführt bei der
+_Hand_. – Jetzt geht mir die Sonn’ nimmer auf und die _Stern’_, – Und
+das Glück und die Liebe, die sind mir so _fern!_«
+
+»Genug!« schrie Breiteneder, »ich hab’s ja gehört!«
+
+»Ist’s vielleicht nicht schön?« sagte Rebay und schwang den Zylinder.
+»Es gibt nicht viele, die solche Couplets machen heutzutag. Fünf Gulden
+hat mir der alte Ladenbauer gegeben ... das sind meine Honorare, Herr
+von Breiteneder. Dabei hab ich’s noch einstudiert mit ihr.«
+
+Und Jedek hob wieder den Zeigefinger und sang sehr leise den Refrain: »O
+Gott, wie bitter ist mir das geschehn – Daß ich nimmer soll den Frühling
+sehn ...«
+
+»Also _warum_, frag ich!...« rief Rebay. »Warum?... Gleich nachher war
+ich doch bei ihr drin ... Ist nicht wahr, Jedek?... Und sie ist mit
+einem glückseligen Lächeln dag’sessen, hat ihr Viertel Wein getrunken,
+und ich hab ihr die Haar’ gestreichelt und hab ihr g’sagt: »Na, siehst
+du, Marie, wie’s den Leuten g’fallen hat? Jetzt werden gewiß auch Leut’
+aus der Stadt zu uns herauskommen; das Lied wird Aufsehen machen ... Und
+singen tust du’s prachtvoll ...« Und so weiter, was man halt so red’t,
+bei solchen Gelegenheiten ... Und der Wirt ist auch hereingekommen und
+hat ihr gratuliert. Und Blumen hat sie bekommen – von Ihnen waren s’
+nicht, Herr von Breiteneder ... Und alles war in bester Ordnung ...
+Also, warum soll da mein Couplet schuld sein? Das ist ja ein Blödsinn!«
+
+Plötzlich blieb Breiteneder stehen und packte den Rebay bei den
+Schultern. »Warum haben S’ ihr denn gesagt, daß ich da bin?... Warum
+denn?... Hab ich Sie nicht gebeten, daß Sie’s ihr nicht sagen sollen?«
+
+»Lassen S’ mich aus! Ich hab ihr nichts gesagt! Von der Alten wird sie’s
+gehört haben!«
+
+»Nein,« sagte Jedek verbindlich und verbeugte sich, »ich war so frei,
+Herr von Breiteneder – ich war so frei. Weil ich g’wußt hab, Sie sein
+da, hab ich ihr g’sagt, daß Sie da sein. Und weil sie so oft nach Ihnen
+g’fragt hat, während sie krank war, hab ich ihr g’sagt: ›Der Herr
+Breiteneder is da ... hinten bei der Latern is er g’standen,‹ hab ich
+ihr g’sagt, ›und hat sich großartig unterhalten!‹«
+
+»So?« sagte Breiteneder. Es schnürte ihm die Kehle zu, und er mußte die
+Augen fortwenden von dem starren Blick, den Jedek auf ihn gerichtet
+hielt. Ermattet ließ er sich auf eine Bank nieder, an der sie eben
+vorbeikamen, und schloß die Augen. Er sah sich plötzlich wieder im
+Garten sitzen, und die Stimme der alten Frau Ladenbauer klang ihm im
+Ohr: »Die Marie laßt Ihnen schön grüßen: ob Sie nicht mit uns mitkommen
+möchten nach der Vorstellung?« Er erinnerte sich, wie ihm da mit einem
+Male zumute geworden war, so wunderbar wohl, als hätte ihm die Marie
+alles verziehen. Er trank seinen Wein aus und ließ sich einen besseren
+geben. Er trank so viel, daß ihm das ganze Leben leichter vorkam.
+Geradezu vergnügt sah und hörte er den folgenden Produktionen zu,
+klatschte wie die anderen Leute, und als die Vorstellung aus war, ging
+er wohlgelaunt durch den Garten und den Saal ins Extrazimmer des
+Wirtshauses, an den runden Ecktisch, wo sich die Gesellschaft nach der
+Vorstellung gewöhnlich versammelte. Einige saßen schon da: der
+Wiegel-Wagel, Jedek mit seiner Frau, irgendein Herr mit einer Brille,
+den Karl gar nicht kannte – alle begrüßten ihn und waren gar nicht
+besonders erstaunt, ihn wiederzusehen. Plötzlich hörte er die Stimme der
+Marie hinter sich: »Ich find schon hin, Mutter, ich kenn’ ja den Weg.«
+Er wagte nicht, sich umzuwenden, aber da saß sie schon neben ihm und
+sagte: »Guten Abend, Herr Breiteneder – wie geht’s Ihnen denn?« Und in
+diesem Augenblick erinnerte er sich auch, daß sie seinerzeit zu
+irgendeinem jungen Menschen, der früher einmal ihr Liebhaber gewesen
+war, später immer »Sie« und »Herr« gesagt hatte. Und dann aß sie ihr
+Nachtmahl; man hatte ihr alles vorgeschnitten hingesetzt, und die ganze
+Gesellschaft war heiter und vergnügt, als hätte sich gar nichts
+geändert. »Gut is’ gangen,« sagte der alte Ladenbauer. »Jetzt kommen
+wieder bessere Zeiten.« Frau Jedek erzählte, daß alle die Stimme der
+Marie viel schöner gefunden hatten als früher, und Herr Wiegel-Wagel
+erhob sein Glas und rief: »Auf das Wohl der Wiedergenesenen!« Marie
+hielt ihr Glas in die Luft, alle stießen mit ihr an, auch Karl rührte
+mit seinem Glas an das ihre. Da war ihm, als ob sie ihre toten Augen in
+die seinen versenken wollte, und als könnte sie tief in ihn
+hineinschauen. Auch der Bruder war da, sehr elegant gekleidet, und
+offerierte Karl eine Zigarre. Am lustigsten war Ilka; ihr Verehrer, ein
+junger dicker Mann mit angstvoller Stirn, saß ihr gegenüber und
+unterhielt sich lebhaft mit Herrn Ladenbauer. Frau Jedek aber hatte
+ihren gelben Regenmantel nicht abgelegt und schaute in irgendeine Ecke,
+wo nichts zu sehen war. Zwei oder dreimal kamen Leute von einem
+benachbarten Tisch herüber und gratulierten Marie; sie antwortete in
+ihrer stillen Weise wie früher, als hätte sich nicht das Allergeringste
+verändert. Und plötzlich sagte sie zu Karl: »Aber warum denn gar so
+stumm?« Jetzt erst merkte er, daß er die ganze Zeit dagesessen war, ohne
+den Mund aufzutun. Aber nun wurde er lebhafter als alle, beteiligte sich
+an der Unterhaltung; nur an Marie richtete er kein Wort. Rebay erzählte
+von der schönen Zeit, da er Couplets für Matras geschrieben hatte, trug
+den Inhalt einer Posse vor, die er vor fünfunddreißig Jahren verfertigt
+hatte, und spielte die Rollen selbst gewissermaßen vor. Insbesondere als
+böhmischer Musikant erregte er große Heiterkeit. Um eins brach man auf.
+Frau Ladenbauer nahm den Arm ihrer Tochter. Alle lachten, schrien ... es
+war ganz sonderbar; keiner fand mehr etwas Besonderes daran, daß um
+Marie die Welt nun ganz finster war. Karl ging neben ihr. Die Mutter
+fragte ihn harmlos nach allerlei: wie’s zu Hause ginge, wie er sich auf
+der Reise unterhalten hätte, und Karl erzählte hastig von allerlei
+Dingen, die er gesehen, insbesondere von den Theatern und
+Singspielhallen, die er besucht hatte, und wunderte sich nur immer, wie
+sicher Marie ihren Weg ging, von der Mutter geführt, und wie ruhig und
+heiter sie zuhörte. Dann saßen sie alle im Kaffeehaus, einem alten,
+rauchigen Lokal, das um diese Zeit schon ganz leer war; und der dicke
+Freund der ungarischen Ilka hielt die Gesellschaft frei. Und nun, im
+Lärm und Trubel ringsum, war Marie ganz nah an Karl gerückt, geradeso
+wie manchmal in früherer Zeit, so daß er die Wärme ihres Körpers spürte.
+Und plötzlich fühlte er gar, wie sie seine Hand berührte und
+streichelte, ohne daß sie ein Wort dazu sprach. Nun hätte er so gern
+etwas zu ihr gesagt ... irgend was Liebes, Tröstendes – aber er konnte
+nicht ... Er schaute sie von der Seite an, und wieder war ihm, als sähe
+ihn aus ihren Augen etwas an; aber nicht ein Menschenblick, sondern
+etwas Unheimliches, Fremdes, das er früher nicht gekannt – und es
+erfaßte ihn ein Grauen, als wenn ein Gespenst neben ihm säße ... Ihre
+Hand bebte und entfernte sich sachte von der seinen, und sie sagte
+leise: »Warum hast du denn Angst? Ich bin ja dieselbe.« Er vermochte
+wieder nicht zu antworten und redete gleich mit den anderen. Nach
+einiger Zeit rief plötzlich eine Stimme: »Wo ist denn die Marie?« Es war
+die Frau Ladenbauer. Nun fiel allen auf, daß Marie verschwunden war. »Wo
+ist denn die Marie?« riefen andere. Einige standen auf, der alte
+Ladenbauer stand an der Tür des Kaffeehauses und rief auf die Straße
+hinaus: »Marie!« Alle waren aufgeregt, redeten durcheinander. Einer
+sagte: »Aber wie kann man denn so ein Geschöpf überhaupt allein
+aufstehen und fortgehen lassen?« Plötzlich drang ein Ruf aus dem Hof des
+Hauses herein: »Bringt’s Kerzen!... Bringt’s Laternen!« Und eine schrie:
+»Jesus Maria!« Das war wieder die Stimme der alten Frau Ladenbauer.
+Alle stürzten durch die kleine Kaffeehausküche in den Hof. Die
+Dämmerung kam schon über die Dächer geschlichen. Um den Hof des
+einstöckigen alten Hauses lief ein Holzgang, an der Brüstung oben lehnte
+ein Mann in Hemdärmeln, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand,
+und schaute herunter. Zwei Weiber im Nachtkleid erschienen hinter ihm,
+ein anderer Mann rannte über die knarrende Stiege herunter. Das war es,
+was Karl zuerst sah. Dann sah er irgend etwas vor seinen Augen
+schimmern, jemand hielt einen weißen Spitzenschal in die Höhe und ließ
+ihn wieder fallen. Er hörte Worte neben sich: »Es hilft ja nichts mehr
+... sie rührt sich nimmer ... Holt’s doch einen Doktor!... Was ist denn
+mit der Rettungsgesellschaft?... Ein Wachmann! Ein Wachmann!...« Alle
+flüsterten durcheinander, einige eilten auf die Straße hinaus, der einen
+Gestalt folgte Karl unwillkürlich mit den Augen; es war die lange Frau
+Jedek in dem gelben Mantel, sie hielt beide Hände verzweifelt an die
+Stirn, lief davon und kam nicht zurück ... Hinter Karl drängten Leute.
+Er mußte mit den Ellbogen nach rückwärts stoßen, um nicht über die Frau
+Ladenbauer zu stürzen, die auf der Erde kniete, Mariens beide Hände in
+ihrer Hand hielt, sie hin und her bewegte und dazu schrie: »So red
+doch!... so red doch!...« Jetzt kam endlich einer mit einer Laterne, der
+Hausbesorger, in einem braunen Schlafrock und in Schlappschuhen; er
+leuchtete der Liegenden ins Gesicht. Dann sagte er: »Aber so ein
+Malheur! Und grad da am Brunnen muß sie mit’m Kopf aufg’fallen sein.«
+Und nun sah Karl, daß Marie neben der steinernen Umfassung des Brunnens
+ausgestreckt lag. Plötzlich meldete sich der Mann in Hemdärmeln auf dem
+Gange: »Ich hab was poltern gehört, es ist noch keine fünf Minuten!« Und
+alle sahen zu ihm hinauf, aber er wiederholte nur immer: »Es sind noch
+keine fünf Minuten, da hab ich’s poltern gehört ...« – »Wie hat sie denn
+nur heraufg’funden?« flüsterte jemand hinter Karl. »Aber bitt’ Sie,«
+erwiderte ein anderer, »das Haus ist ihr doch bekannt; da hat sie sich
+durch die Küche halt herausgetastet, dann hinauf über die Holzstiegen,
+und dann über die Brüstung hinunter – is ja net so schwer!« So flüsterte
+es rings um Karl, aber er kannte nicht einmal die Stimmen, obwohl es
+sicher lauter Bekannte waren, die redeten; und er wandte sich auch nicht
+um. Irgendwo in der Nachbarschaft krähte ein Hahn. Karl war es zumut wie
+in einem Traum. Der Hausmeister stellte die Laterne auf die Umfassung
+des Brunnens; die Mutter schrie: »Kommt denn nicht bald ein Doktor?«
+Der alte Ladenbauer hob den Kopf der Marie in die Höhe, so daß das Licht
+der Laterne ihr gerade ins Gesicht schien. Nun sah Karl deutlich, wie
+die Nasenflügel sich regten, die Lippen zuckten und wie die offenen
+toten Augen ihn geradeso anschauten, wie früher. Er sah jetzt auch, daß
+es an der Stelle, von der man den Kopf der Marie emporgehoben hatte, rot
+und feucht war. Er rief: »Marie! Marie!« Aber es hörte ihn niemand, und
+er hörte sich selber nicht. Der Mann oben im Gang stand noch immer da,
+lehnte über die Brüstung, die zwei Frauen neben ihm, als wohnten sie
+einer Vorstellung bei. Die Kerze war ausgelöscht. Violetter Frühdämmer
+lag über dem Hof. Frau Ladenbauer hatte den Kopf der Marie auf das
+zusammengefaltete weiße Spitzentuch gebettet; Karl blieb regungslos
+stehen und starrte hinab. Es war hell genug mit einem Mal. Er sah jetzt,
+daß alles in Mariens Gesicht vollkommen ruhig war und daß sich nichts
+bewegte als die Blutstropfen, die von der Stirne, aus den Haaren über
+die Wangen, über den Hals langsam auf das feuchte Steinpflaster
+hinabrannen; und er wußte nun, daß Marie tot war ...
+
+Karl öffnete die Augen, wie um einen bösen Traum zu verscheuchen. Er saß
+allein auf der Bank am Wegrande, und er sah, wie der Kapellmeister
+Rebay und der verrückte Jedek dieselbe Straße hinuntereilten, die sie
+alle miteinander heraufgegangen waren. Die beiden schienen heftig
+miteinander zu reden, mit fuchtelnden Händen und gewaltigen Gebärden,
+der Spazierstock Jedeks zeichnete sich wie eine feine Linie am Horizont
+ab; immer rascher gingen sie, von einer leichten Staubwolke begleitet,
+aber ihre Worte verklangen im Wind. Ringsherum glänzte die Landschaft,
+und tief unten in der Glut des Mittags schwamm und zitterte die Stadt.
+
+
+
+
+Die griechische Tänzerin
+
+
+Die Leute mögen sagen, was sie wollen, ich glaube nicht daran, daß Frau
+Mathilde Samodeski an Herzschlag gestorben ist. Ich weiß es besser. Ich
+gehe auch nicht in das Haus, aus dem man sie heute zur ersehnten Ruhe
+hinausträgt; ich habe keine Lust, den Mann zu sehen, der es ebensogut
+weiß als ich, warum sie gestorben ist; ihm die Hand zu drücken und zu
+schweigen.
+
+Einen anderen Weg schlag ich ein; er ist allerdings etwas weit, aber der
+Herbsttag ist schön und still, und es tut mir wohl, allein zu sein. Bald
+werde ich hinter dem Gartengitter stehen, hinter dem ich im vergangenen
+Frühjahr Mathilde zum letztenmal gesehen habe. Die Fensterladen der
+Villa werden alle geschlossen sein, auf dem Kiesweg werden rötliche
+Blätter liegen, und an irgendeiner Stelle werde ich wohl den weißen
+Marmor durch die Bäume schimmern sehen, aus dem die griechische Tänzerin
+gemeißelt ist.
+
+An jenen Abend muß ich heute viel denken. Es kommt mir fast wie eine
+Fügung vor, daß ich mich damals noch im letzten Augenblick entschlossen
+hatte, die Einladung von Wartenheimers anzunehmen, da ich doch im Laufe
+der Jahre die Freude an allem geselligen Treiben so ganz verloren habe.
+Vielleicht war der laue Wind schuld, der abends von den Hügeln in die
+Stadt geweht kam und mich aufs Land hinauslockte. Überdies sollte es ja
+ein Gartenfest sein, mit dem die Wartenheimers ihre Villa einweihen
+wollten, und man brauchte keinerlei besonderen Zwang zu fürchten.
+Sonderbar ist es auch, daß ich im Hinausfahren kaum an die Möglichkeit
+dachte, Frau Mathilde draußen zu begegnen. Und dabei war mir doch
+bekannt, daß Herr Wartenheimer die griechische Tänzerin von Samodeski
+für seine Villa gekauft hatte; – und daß Frau von Wartenheimer in den
+Bildhauer verliebt war, wie alle übrigen Frauen, das wußt’ ich nicht
+minder. Aber selbst davon abgesehen hätte ich wohl an Mathilde denken
+können, denn zur Zeit, da sie noch Mädchen war, hatte ich manche schöne
+Stunde mit ihr verbracht. Insbesondere gab es einen Sommer am Genfer See
+vor sieben Jahren, gerade ein Jahr vor ihrer Verlobung, den ich nicht so
+leicht vergessen werde. Es scheint sogar, daß ich mir damals trotz
+meiner grauen Haare mancherlei eingebildet hatte, denn als sie im Jahre
+darauf Samodeskis Gattin wurde, empfand ich einige Enttäuschung und war
+vollkommen überzeugt – oder hoffte sogar –, daß sie mit ihm nicht
+glücklich werden könnte. Erst auf dem Fest, das Gregor Samodeski kurz
+nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise in seinem Atelier in der
+Gußhausgasse gab, wo alle Geladenen lächerlicherweise in japanischen
+oder chinesischen Kostümen erscheinen mußten, habe ich Mathilde
+wiedergesehen. Ganz unbefangen begrüßte sie mich; ihr ganzes Wesen
+machte den Eindruck der Ruhe und Heiterkeit. Aber später, während sie im
+Gespräch mit anderen war, traf mich manchmal ein seltsamer Blick aus
+ihren Augen, und nach einiger Bemühung habe ich deutlich verstanden, was
+er zu bedeuten hatte. Er sagte: ›Lieber Freund, Sie glauben, daß er mich
+um des Geldes willen geheiratet hat; Sie glauben, daß er mich nicht
+liebt; Sie glauben, daß ich nicht glücklich bin – aber Sie irren sich
+... Sie irren sich ganz bestimmt. Sehen Sie doch, wie gut gelaunt ich
+bin, wie meine Augen leuchten.‹
+
+Ich bin ihr auch später noch einige Male begegnet, aber immer nur ganz
+flüchtig. Einmal auf einer Reise kreuzten sich unsere Züge; ich speiste
+mit ihr und ihrem Gatten in einem Bahnhofsrestaurant, und er erzählte
+allerhand Witze, die mich nicht sonderlich amüsierten. Auch im Theater
+sprach ich sie einmal, sie war mit ihrer Mutter dort, die eigentlich
+noch immer schöner ist als sie ... der Teufel weiß, wo Herr Samodeski
+damals gewesen ist. Und im letzten Winter hab ich sie im Prater
+gesehen; an einem klaren, kalten Tage. Sie ging mit ihrem kleinen Mäderl
+unter den kahlen Kastanien über den Schnee. Der Wagen fuhr langsam nach.
+Ich befand mich auf der anderen Seite der Fahrbahn und ging nicht einmal
+hinüber. Wahrscheinlich war ich innerlich mit ganz anderen Dingen
+beschäftigt; auch interessierte mich Mathilde schließlich nicht mehr
+besonders. So würde ich mir heute vielleicht gar keine weiteren Gedanken
+über sie und über ihren plötzlichen Tod machen, wenn nicht jenes letzte
+Wiedersehen bei Wartenheimers stattgefunden hätte. Dieses Abends
+erinnere ich mich heute mit einer merkwürdigen, geradezu peinlichen
+Deutlichkeit, etwa so wie manchen Tags am Genfer See. Es war schon
+ziemlich dämmerig, als ich hinauskam. Die Gäste gingen in den Alleen
+spazieren, ich begrüßte den Hausherrn und einige Bekannte. Irgendwoher
+tönte die Musik einer kleinen Salonkapelle, die in einem Boskett
+versteckt war. Bald kam ich zu dem kleinen Teich, der im Halbkreis von
+hohen Bäumen umgeben ist; in der Mitte auf einem dunklen Postament, so
+daß sie über dem Wasser zu schweben schien, leuchtete die griechische
+Tänzerin; durch elektrische Flammen vom Hause her war sie übrigens etwas
+theatralisch beleuchtet. Ich erinnere mich des Aufsehens, das sie im
+Jahre vorher in der Sezession erregt hatte; ich muß gestehen, auch auf
+mich machte sie einigen Eindruck, obwohl mir Samodeski ausnehmend
+zuwider ist, und trotzdem ich die sonderbare Empfindung habe, daß
+eigentlich nicht er es ist, der die schönen Sachen macht, die ihm
+zuweilen gelingen, sondern irgend etwas anderes in ihm, irgend etwas
+Unbegreifliches, Glühendes, Dämonisches meinethalben, das ganz bestimmt
+erlöschen wird, wenn er einmal aufhören wird, jung und geliebt zu sein.
+Ich glaube, es gibt mancherlei Künstler dieser Art, und dieser Umstand
+erfüllt mich seit jeher mit einer gewissen Genugtuung.
+
+In der Nähe des Teiches begegnete ich Mathilden. Sie schritt am Arm
+eines jungen Mannes, der aussah wie ein Korpsstudent und sich mir als
+Verwandter des Hauses vorstellte. Wir spazierten zu dritt sehr vergnügt
+plaudernd im Garten hin und her, in dem jetzt überall Lichter
+aufgeflackert waren. Die Frau des Hauses mit Samodeski kam uns entgegen.
+Wir blieben alle eine Weile stehen, und zu meiner eigenen Verwunderung
+sagte ich dem Bildhauer einige höchst anerkennende Worte über die
+griechische Tänzerin. Ich war eigentlich ganz unschuldig daran; offenbar
+lag in der Luft eine friedliche, heitere Stimmung, wie das an solchen
+Frühlingsabenden manchmal vorkommt: Leute, die einander sonst
+gleichgültig sind, begrüßen sich herzlich, andere, die schon eine
+gewisse Sympathie verbindet, fühlen sich zu allerlei Herzensergießungen
+angeregt. Als ich beispielsweise eine Weile später auf einer Bank saß
+und eine Zigarette rauchte, gesellte sich ein Herr zu mir, den ich nur
+oberflächlich kannte und der plötzlich die Leute zu preisen begann, die
+von ihrem Reichtum einen so vornehmen Gebrauch machen wie unser
+Gastgeber. Ich war vollkommen seiner Meinung, obwohl ich Herrn von
+Wartenheimer sonst für einen ganz einfältigen Snob halte. Dann teilte
+ich wieder dem Herrn ganz ohne Grund meine Ansichten über moderne
+Skulptur mit, von der ich nicht sonderlich viel verstehe, Ansichten, die
+für ihn sonst gewiß ohne jedes Interesse gewesen wären; aber unter dem
+Einflusse dieses verführerischen Frühlingsabends stimmte er mir
+begeistert zu. Später traf ich die Nichten des Hausherrn, die das Fest
+äußerst romantisch fanden, hauptsächlich, weil die Lichter zwischen den
+Blättern hervorglänzten und Musik in der Ferne ertönte. Dabei standen
+wir gerade neben der Kapelle: aber trotzdem fand ich die Bemerkung nicht
+unsinnig. So sehr stand auch ich unter dem Banne der allgemeinen
+Stimmung.
+
+Das Abendessen wurde an kleinen Tischen eingenommen, die, soweit es der
+Platz erlaubte, auf der großen Terrasse, zum andern Teil im anstoßenden
+Salon aufgestellt waren. Die drei großen Glastüren standen weit offen.
+Ich saß an einem Tisch im Freien mit einer der Nichten; an meiner
+anderen Seite hatte Mathilde Platz genommen mit dem Herrn, der aussah
+wie ein Korpsstudent, übrigens aber Bankbeamter und Reserveoffizier war.
+Gegenüber von uns, aber schon im Saal, saß Samodeski zwischen der Frau
+des Hauses und irgendeiner anderen schönen Dame, die ich nicht kannte.
+Er warf seiner Gattin eine scherzhaft verwegene Kußhand zu; sie nickte
+ihm zu und lächelte. Ohne weitere Absicht beobachtete ich ihn ziemlich
+genau. Er war wirklich schön mit seinen stahlblauen Augen und dem langen
+schwarzen Spitzbarte, den er manchmal mit zwei Fingern der linken Hand
+am Kinn zurechtstrich. Ich glaube aber auch, daß ich nie in meinem Leben
+einen Mann so sehr von Worten, Blicken, Gebärden gewissermaßen umglüht
+gesehen habe als ihn an diesem Abend. Anfangs schien es, als ließe er
+sich das eben nur gefallen. Aber bald sah ich an seiner Art, den Frauen
+leise zuzuflüstern, an seinen unerträglichen Siegerblicken und besonders
+an der erregten Munterkeit seiner Nachbarinnen, daß die scheinbar
+harmlose Unterhaltung von irgendeinem geheimen Feuer genährt wurde.
+Natürlich mußte Mathilde das alles geradeso gut bemerken als ich; aber
+sie plauderte anscheinend unbewegt bald mit ihrem Nachbarn, bald mit
+mir. Allmählich wandte sie sich zu mir allein, erkundigte sich nach
+verschiedenen äußeren Umständen meines Lebens und ließ sich von meiner
+vorjährigen Reise nach Athen berichten. Dann sprach sie von ihrer
+Kleinen, die merkwürdigerweise schon heute Lieder von Schumann nach dem
+Gehör singen konnte, von ihren Eltern, die sich nun auch auf ihre alten
+Tage ein Häuschen in Hietzing gekauft, von alten Kirchenstoffen, die sie
+selbst im vorigen Jahr in Salzburg angeschafft hatte, und von hundert
+anderen Dingen. Aber unter der Oberfläche dieses Gespräches ging etwas
+ganz anderes zwischen uns vor; ein stummer erbitterter Kampf: sie
+versuchte mich durch ihre Ruhe von der Ungetrübtheit ihres Glückes zu
+überzeugen – und ich wehrte mich dagegen, ihr zu glauben. Ich mußte
+wieder an jenen japanisch-chinesischen Abend in Samodeskis Atelier
+denken, wo sie sich in gleicher Weise bemüht hatte. Diesmal fühlte sie
+wohl, daß sie gegen meine Bedenken wenig ausrichtete und daß sie irgend
+etwas ganz Besonderes ausdenken mußte, um sie zu zerstreuen. Und so kam
+sie auf den Einfall, mich selbst auf das zutunliche und verliebte
+Benehmen der zwei schönen Frauen ihrem Gatten gegenüber aufmerksam zu
+machen und begann von seinem Glück bei Frauen zu sprechen, als wenn sie
+sich auch daran geradeso wie an seiner Schönheit und an seinem Genie
+ohne jede Unruhe und jedes Mißtrauen als gute Kameradin freuen dürfte.
+Aber je mehr sie sich bemühte, vergnügt und ruhig zu scheinen, um so
+tiefere Schatten flogen über ihre Stirne hin. Als sie einmal das Glas
+erhob, um Samodeski zuzutrinken, zitterte ihre Hand. Das wollte sie
+verbergen, unterdrücken; dadurch verfiel aber nicht nur ihre Hand,
+sondern der Arm, ihre ganze Gestalt für einige Sekunden in eine solche
+Starrheit, daß mir beinahe bange wurde. Sie faßte sich wieder, sah mich
+rasch von der Seite an, merkte offenbar, daß sie daran war, ihr Spiel
+endgültig zu verlieren, und sagte plötzlich, wie mit einem letzten
+verzweifelten Versuch: »Ich wette, Sie halten mich für eifersüchtig.«
+Und ehe ich Zeit hatte, etwas zu erwidern, setzte sie rasch hinzu: »Oh,
+das glauben viele. Im Anfang hat es Gregor selbst geglaubt.« Sie sprach
+absichtlich ganz laut, man hätte drüben jedes Wort hören können. »Nun
+ja,« sagte sie mit einem Blick hinüber, »wenn man einen solchen Mann
+hat: schön und berühmt ... und selber den Ruf, nicht sonderlich hübsch
+zu sein ... Oh, Sie brauchen mir nichts zu erwidern ... ich weiß ja,
+daß ich seit meinem Mäderl ein bißchen hübscher geworden bin.« Sie hatte
+möglicherweise recht, aber für ihren Gemahl – davon war ich völlig
+überzeugt – hatte der Adel ihrer Züge nie sonderlich viel bedeutet, und
+was ihre Gestalt anlangt, so hatte sie mit der mädchenhaften Schlankheit
+für ihn wahrscheinlich ihren einzigen Reiz verloren. Doch ich stimmte
+ihr natürlich mit übertriebenen Worten bei; sie schien erfreut und fuhr
+mit wachsendem Mute fort: »Aber ich habe nicht das geringste Talent zur
+Eifersucht. Das habe ich selbst nicht gleich gewußt; ich bin erst
+allmählich darauf gekommen, und zwar hauptsächlich vor ein paar Jahren
+in Paris ... Sie wissen ja, daß wir dort waren?«
+
+Ich erinnerte mich.
+
+»Gregor hat dort die Büsten der Fürstin La Hire und des Ministers
+Chocquet gemacht und mancherlei anderes. Wir haben dort so angenehm
+gelebt wie junge Leute ... das heißt, jung sind wir ja noch beide ...
+ich meine, wie ein Liebespaar, wenn wir auch gelegentlich in die große
+Welt gingen ... Wir waren ein paarmal beim österreichischen Botschafter,
+die La Hires haben wir besucht und andere. Im ganzen aber machten wir
+uns nicht viel aus dem eleganten Leben. Wir wohnten sogar draußen auf
+Montmartre, in einem ziemlich schäbigen Haus, wo übrigens Gregor auch
+sein Atelier hatte. Ich versichere Sie, unter den jungen Künstlern, mit
+denen wir dort verkehrten, hatten manche keine Ahnung, daß wir
+verheiratet waren. Ich bin überall mit ihm herumgestiefelt. Oft bin ich
+in der Nacht mit ihm im Café Athenés gesessen, mit Léandre, Carabin und
+vielen anderen. Auch allerlei Frauen waren zuweilen in unserer
+Gesellschaft, mit denen ich wahrscheinlich in Wien nicht verkehren
+möchte ... obzwar schließlich – –« Sie warf einen hastigen Blick hinüber
+auf Frau Wartenheimer und fuhr rasch wieder fort: »Und manche war sehr
+hübsch. Ein paarmal war auch die letzte Geliebte von Henri Chabran dort,
+die seit seinem Tode immer ganz in Schwarz ging und jede Woche einen
+anderen Liebhaber hatte, die aber in dieser Zeit auch alle Trauer tragen
+mußten, das verlangte sie ... Sonderbare Leute lernt man kennen. Sie
+können sich denken, daß die Frauen meinem Manne dort nicht weniger
+nachgelaufen sind als anderswo; es war zum Lachen. Aber da ich doch
+immer mit ihm war – oder meistens, so wagten sie sich nicht recht an ihn
+heran, um so weniger, als ich für seine Geliebte galt ... Ja, wenn sie
+gewußt hätten, daß ich nur seine Frau war –! Und da bin ich einmal auf
+einen sonderbaren Einfall gekommen, den Sie mir gewiß nie zugetraut
+hätten – und aufrichtig gestanden, ich wundere mich heute selbst über
+meinen Mut.« Sie sah vor sich hin und sprach leiser als früher: »Es ist
+übrigens auch möglich, daß es schon mit etwas im Zusammenhang stand –
+nun, Sie können sich’s ja denken. Seit ein paar Wochen wußte ich, daß
+ich ein Kind zu erwarten hatte. Das machte mich unerhört glücklich. Im
+Anfang war ich nicht nur heiterer, sondern merkwürdigerweise auch viel
+beweglicher als jemals früher ... Also denken Sie, eines schönen Abends
+habe ich mir Männerkleider angezogen und bin so mit Gregor auf Abenteuer
+aus. Natürlich hab ich ihm vor allem das Versprechen abgenommen, daß er
+sich keinerlei Zwang antun dürfte ... nun ja, sonst hätte die ganze
+Geschichte keinen Sinn gehabt. Ich habe übrigens famos ausgesehen – Sie
+hätten mich nicht erkannt ... niemand hätte mich erkannt. Ein Freund von
+Gregor, ein gewisser Léonce Albert, ein junger Maler, ein buckliger
+Mensch, holte uns an diesem Abend ab. Es war wunderschön ... Mai ...
+ganz warm ... und ich war frech, davon machen Sie sich keinen Begriff.
+Denken Sie sich, ich hab meinen Überzieher – einen sehr eleganten gelben
+Überzieher – einfach abgelegt und ihn auf dem Arm getragen ... so wie
+das eben Herren zu tun pflegen ... Es war allerdings schon ziemlich
+dunkel ... In einem kleinen Restaurant auf dem äußeren Boulevard haben
+wir diniert, dann sind wir in die Roulotte gegangen, wo damals Legay
+sang und Montoya ... »Tu t’en iras les pieds devant« ... Sie
+haben es ja neulich hier gehört im Wiedener Theater – nicht wahr?« Jetzt
+warf Mathilde einen raschen Blick zu ihrem Mann hinüber, der nicht
+darauf achtete. Es war, als wenn sie nun auf längere Zeit von ihm
+Abschied nähme. Und nun erzählte sie drauflos, immer heftiger, stürzte
+sozusagen vorwärts. »In der Roulotte,« sagte sie, »war eine sehr
+elegante Dame, die ganz nahe vor uns saß; die kokettierte mit Gregor,
+aber in einer Weise ... nun, ich versichere Sie, man kann sich nichts
+Unanständigeres vorstellen. Ich werde nie begreifen, daß ihr Gatte sie
+nicht auf der Stelle erwürgt hat. Ich hätte es getan. Ich glaube, es war
+eine Herzogin ... Nun, Sie müssen nicht lachen, es war gewiß eine Dame
+der großen Welt, trotz ihres Benehmens ... das kann man schon beurteilen
+... Und ich wollte eigentlich, daß Gregor auf die Sache einginge ...
+natürlich! – ich hätte gern gesehen, wie man so etwas anfängt ... ich
+wünschte, daß er ihr einen Brief zusteckte – oder sonst was täte – was
+er eben in solchen Fällen getan haben wird, bevor ich seine Frau wurde
+... Ja, das wollte ich, trotzdem es nicht ohne Gefahr für ihn gewesen
+wäre. Offenbar steckt in uns Frauen so eine grausame Neugier ... Aber
+Gregor hatte, Gott sei Dank, keine Lust. Wir gingen sogar recht bald
+fort, wieder hinaus in die schöne Mainacht, Léonce blieb immer mit uns.
+Der hat sich übrigens an diesem Abend in mich verliebt und wurde gegen
+seine Gewohnheit geradezu galant. Es war sonst ein sehr verschüchterter
+Mensch – wegen seines Aussehens ... Ich sagte ihm noch: »Man muß wohl
+einen gelben Überzieher haben, damit Sie einem den Hof machen.« Wir sind
+so vergnügt weiterspaziert wie drei Studenten. Und jetzt kam das
+Interessante: wir gingen nämlich ins Moulin Rouge. Das gehörte zum
+Programm. Es war auch notwendig, daß endlich irgend etwas geschah.
+Bisher hatten wir ja noch gar nichts erlebt ... nur mich – denken Sie:
+mich selbst – hatte ein Frauenzimmer auf der Straße angeredet. Aber das
+war ja nicht die Absicht gewesen ... Um ein Uhr waren wir im Moulin
+Rouge. Wie es da zugeht, wissen Sie ja wahrscheinlich; eigentlich hatte
+ich mir’s ärger vorgestellt ... Es passierte auch anfangs dort nicht das
+Geringste, und es sah ganz danach aus, als sollte der ganze Scherz zu
+nichts führen. Ich war ein bißchen ärgerlich. »Du bist ein Kind,« sagte
+Gregor. »Wie denkst du dir das eigentlich? Wir kommen, und sie fallen
+uns zu Füßen –?« Er sagte »uns« aus Höflichkeit für Léonce; es war keine
+Rede davon, daß man Léonce zu Füßen fallen konnte. Aber wie wir nun
+schon alle ernstlich daran dachten, nach Hause zu gehen, nahm die Sache
+eine Wendung. Mir fiel nämlich eine Person auf ... mir, wirklich mir ...
+die schon ein paarmal ganz zufällig an uns vorübergegangen war ... Sie
+war ganz ernst und sah ziemlich anders aus als die meisten anwesenden
+Damen. Sie war gar nicht auffallend gekleidet – in Weiß, vollkommen in
+Weiß ... Ich hatte bemerkt, wie sie zwei oder drei Herren, die sie
+ansprachen, überhaupt gar keine Antwort gab, einfach weiterging, ohne
+sie eines Blickes zu würdigen. Sie schaute nur dem Tanze zu, sehr ruhig,
+interessiert, sachlich möchte ich sagen ... Léonce fragte – ich hatte
+ihn darum gebeten – ein paar Bekannte, ob ihnen das hübsche Wesen schon
+irgendwo begegnet wäre, und einer erinnerte sich, daß er sie im vorigen
+Winter auf einem der Donnerstagsbälle im Quartier Latin gesehen hatte.
+Léonce sprach sie dann in einiger Entfernung von uns an, und ihm gab sie
+Antwort. Dann kam er mit ihr näher, wir setzten uns alle an einen
+kleinen Tisch und tranken Champagner. Gregor kümmerte sich gar nicht um
+sie – als wenn sie überhaupt nicht dagewesen wäre ... Er plauderte mit
+mir, immer nur mit mir ... Das schien sie nun besonders zu reizen. Sie
+wurde immer heiterer, gesprächiger, ungenierter, und wie das so kommt,
+allmählich hatte sie ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Was so ein
+armes Ding alles erleben kann – oder erleben muß, möglicherweise! Man
+liest ja so oft davon, aber wenn man es einmal als etwas ganz Wirkliches
+hört, von einer, die daneben sitzt, da ist es doch ganz sonderbar. Ich
+erinnere mich noch an mancherlei. Wie sie fünfzehn Jahre alt war, hat
+sie irgendeiner verführt und sitzen lassen. Dann war sie Modell. Auch
+Statistin an einem kleinen Theater ist sie gewesen. – Was sie uns vom
+Direktor für Dinge erzählte!... Ich wäre auf und davon gelaufen, wenn
+ich nicht vom Champagner schon ein wenig angeheitert gewesen wäre ...
+Dann hatte sie sich in einen Studenten der Medizin verliebt, der in der
+Anatomie arbeitete, den holte sie manchmal aus der Leichenkammer ab ...
+oder blieb vielmehr mit ihm dort ... nein, es ist nicht möglich, zu
+wiederholen, was sie uns erzählt hat! – Der Mediziner verließ sie
+natürlich auch. Und das wollte sie nicht überleben – gerade das! Und sie
+brachte sich um, das heißt, sie versuchte es. Sie machte sich selbst
+darüber lustig ... in Ausdrücken! Ich höre noch ihre Stimme ... es
+klang gar nicht so gemein, als es war. Und sie lüftete ihr Kleid ein
+wenig und zeigte über der linken Brust eine kleine rötliche Narbe. Und
+wie wir alle diese kleine Narbe ganz ernsthaft betrachten, sagte sie –
+nein, schreit sie plötzlich meinen Mann an: »Küssen!« Ich sagte Ihnen
+schon, Gregor kümmerte sich gar nicht um sie. Auch während sie ihre
+Geschichten erzählte, hörte er kaum zu, sah in den Saal hinein, rauchte
+Zigaretten, und jetzt, wie sie ihn so anrief, lächelte er kaum. Ich hab
+ihn aber gestoßen, gezwickt, ich war ja wirklich etwas beduselt ...
+jedenfalls war es die sonderbarste Stimmung meines Lebens. Und ob er nun
+wollte oder nicht, er mußte die Narbe ... das heißt, er mußte so tun,
+als berührte er die Stelle mit den Lippen. Ja, und dann wurde es immer
+lustiger und toller. Nie hab ich so viel gelacht wie an diesem Abend –
+und gar nicht gewußt, warum. Und nie hätte ich es für möglich gehalten,
+daß sich ein weibliches Wesen – und noch dazu solch eines – im Verlauf
+einer Stunde so wahnsinnig in einen Mann verlieben könnte, wie dieses
+Geschöpf in Gregor. Sie hieß Madeleine.«
+
+Ich weiß nicht, ob Frau Mathilde den Namen absichtlich lauter aussprach
+– jedenfalls schien es mir, als hörte ihn ihr Gatte, denn er sah zu uns
+herüber; seine Frau sah er sonderbarerweise nicht an, aber unsere Blicke
+begegneten sich und blieben eine ganze Weile ineinander ruhen, nicht
+eben mit besonderer Sympathie. Dann plötzlich lächelte er seiner Gattin
+zu, sie nickte zurück, er sprach mit seinen Nachbarinnen weiter, und sie
+wandte sich wieder zu mir.
+
+»Ich kann mich natürlich nicht mehr an alles erinnern, was Madeleine
+später gesprochen hat,« sagte sie, »es war ja alles so wirr. Aber ich
+will aufrichtig sein: es gab eine Sekunde, in der ich ein bißchen
+verstimmt wurde. Das war, als Madeleine die Hand meines Mannes nahm und
+küßte. Aber gleich war es wieder vorbei. Denn, sehen Sie, in diesem
+Augenblick mußte ich an unser Kind denken. Und da hab ich gefühlt, wie
+unauflöslich ich und Gregor miteinander verbunden waren, und wie alles
+andere nichts sein konnte, als Schatten, Nichtigkeiten oder Komödie, wie
+heute abend. Und da war alles wieder gut. Wir sind dann noch alle bis
+zum Morgengrauen auf dem Boulevard in einem Kaffeehause gesessen. Da
+hörte ich, wie Madeleine meinen Gatten bat, er solle sie nach Hause
+begleiten. Er lachte sie aus. Und dann, um den Spaß zu einem guten und
+in gewissem Sinne vorteilhaften Ende zu führen – Sie wissen ja, was die
+Künstler alle für Egoisten sind ... insofern es sich nämlich um ihre
+Kunst handelt ... – kurz, er sagte ihr, daß er Bildhauer sei, und
+forderte sie auf, nächstens zu ihm zu kommen, er wollte sie modellieren.
+Sie antwortete: »Wenn du ein Bildhauer bist, lasse ich mich hängen! Aber
+ich komm’ doch.«
+
+Mathilde schwieg. Aber nie habe ich die Augen eines weiblichen Wesens so
+viel Leid ausdrücken – oder verbergen sehen. Dann, nachdem sie sich
+gefaßt zu dem letzten, was sie mir noch zu sagen hatte, fuhr sie fort:
+»Gregor wollte durchaus, ich sollte am nächsten Tag im Atelier sein. Ja,
+er machte mir sogar den Vorschlag, hinter dem Vorhang verborgen zu
+bleiben, wenn sie käme. Nun, es gibt Frauen, viele Frauen, ich weiß es,
+die darauf eingegangen wären. Ich aber finde: entweder man glaubt oder
+man glaubt nicht ... Und ich habe mich entschlossen, zu glauben. Hab ich
+nicht recht?« Und sie sah mich mit großen, fragenden Augen an. Ich
+nickte nur, und sie sprach weiter: »Madeleine kam natürlich am Tag
+darauf und dann sehr oft ... wie manche andere vorher und nachher
+gekommen ist ... und daß sie eine der schönsten war, können Sie mir
+glauben. Sie selbst sind erst heute vor ihr in Bewunderung gestanden,
+draußen am Teich.«
+
+»Die Tänzerin?«
+
+»Ja, Madeleine hat zu ihr Modell gestanden. Und nun denken Sie, daß ich
+in einem solchen oder in einem anderen Falle mißtrauisch gewesen wäre!
+Würde ich nicht ihm und mir das Dasein zur Qual gemacht haben? Ich bin
+sehr froh, daß ich keine Anlage zur Eifersucht habe.«
+
+Irgend jemand stand in der offenen Mitteltür und hatte begonnen, einen
+wahrscheinlich sehr witzigen Toast auf den Hausherrn zu sprechen, denn
+die Leute lachten von ganzem Herzen. Ich aber betrachtete Mathilde, die
+ebensowenig zuhörte wie ich. Und ich sah, wie sie zu ihrem Gatten
+hinüberschaute und ihm einen Blick zuwarf, der nicht nur eine unendliche
+Liebe verriet, sondern auch ein unerschütterliches Vertrauen heuchelte,
+als wäre es wahrhaftig ihre höchste Pflicht, ihn im Genuß des Daseins
+auf keine Weise zu stören. Und er empfing auch diesen Blick – lächelnd,
+unbeirrt, obwohl er natürlich ebensogut wußte als ich, daß sie litt und
+ihr Leben lang gelitten hat wie ein Tier.
+
+Und darum glaub ich nicht an die Fabel von dem Herzschlag. Ich habe an
+jenem Abend Mathilde zu gut kennen gelernt, und für mich steht es fest:
+so wie sie vor ihrem Gatten die glückliche Frau gespielt hat vom ersten
+Augenblick bis zum letzten, während er sie belogen und zum Wahnsinn
+getrieben hat, so hat sie ihm auch schließlich einen natürlichen Tod
+vorgespielt, als sie das Leben hinwarf, weil sie es nicht mehr ertragen
+konnte. Und er hatte auch dieses letzte Opfer hingenommen, als käme es
+ihm zu.
+
+Da stehe ich vor dem Gitter ... Die Läden sind fest geschlossen. Weiß
+und wie verzaubert liegt die kleine Villa im Dämmerschein, und dort
+schimmert der Marmor zwischen den roten Zweigen ...
+
+Vielleicht bin ich übrigens ungerecht gegen Samodeski. Am Ende ist er so
+dumm, daß er die Wahrheit wirklich nicht ahnt. Aber es ist traurig, zu
+denken, daß es für Mathilde im Tode keine größere Wonne gäbe, als zu
+wissen, daß ihr letzter himmlischer Betrug gelungen ist.
+
+Oder irre ich mich gar? Und es war ein natürlicher Tod?... Nein, ich
+lasse mir nicht das Recht nehmen, den Mann zu hassen, den Mathilde so
+sehr geliebt hat. Das wird ja wahrscheinlich für lange Zeit mein
+einziges Vergnügen sein ...
+
+_Ende_
+
+
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+Die in vorliegendem Band abgedruckten Novellen sind den »Gesammelten
+Werken« entnommen.
+
+
+
+
+Gesammelte Werke von Arthur Schnitzler
+
+
+I. Die erzählenden Schriften in drei Bänden
+
+In Leinen 10 M, in Halbleder 13 M, in Ganzleder 17 M
+
+Inhalt: Sterben. Blumen. Ein Abschied. Die Frau des Weisen. Der
+Ehrentag. Die Toten schweigen. Andreas Thameyers letzter Brief. Der
+blinde Geronimo und sein Bruder. Leutnant Gustl. Die griechische
+Tänzerin. Frau Berta Garlan. Das Schicksal des Freiherrn von Leisenbohg.
+Die Fremde. Die Weissagung. Das neue Lied. Der Tod des Junggesellen. Der
+tote Gabriel. Das Tagebuch der Redegonda. Der Mörder. Die dreifache
+Warnung. Die Hirtenflöte. Der Weg ins Freie.
+
+
+II. Die Theaterstücke in vier Bänden
+
+In Leinen 12 M, in Halbleder 16 M, in Ganzleder 21 M
+
+Inhalt: Anatol. Das Märchen. Liebelei. Freiwild. Das Vermächtnis.
+Paracelsus. Die Gefährtin. Der grüne Kakadu. Der Schleier der Beatrice.
+Lebendige Stunden. Die Frau mit dem Dolche. Die letzten Masken.
+Literatur. Der einsame Weg. Zwischenspiel. Der Puppenspieler. Der
+tapfere Cassian. Zum großen Wurstel. Der Ruf des Lebens. Komtesse Mizzi
+oder Der Familientag. Der junge Medardus. Das weite Land.
+
+
+
+
+Werke von Arthur Schnitzler
+
+
+Sterben
+
+Novelle. 8. Auflage. Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark
+
+Der Dichter und der Arzt haben sich in dieser Erzählung zu gemeinsamer
+Tat vereint, und was sie vollbracht haben, verdient die größte
+Anerkennung, um so mehr, als das Sujet an Handlung sehr arm ist und sich
+nur auf zwei Haupt- und eine Nebenperson beschränkt. Die deutsche
+Literatur könnte sich glücklich preisen, wenn sie viele solche Bücher
+hätte wie diese einfache Erzählung. (Deutsche Revue)
+
+
+Die Frau des Weisen
+
+Novelletten. 8. Auflage. Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark
+
+Die Poesie des Vergehens lockt Schnitzler immer und lohnt seine
+liebevolle Hingabe an die Schatten, die auf den Lebensweg fallen, mit
+dichterischen Erfolgen. Die Gestalten, die er zeichnet, sind der
+Reflexion verfallen, aus der Reflexion heraus erstehen die Konflikte.
+Eine weichgestimmte Natur, hegt er edle Instinkte. Frauen, die Chopin
+gerne spielen, müssen Schnitzler gerne lesen. (Neues Wiener Tagblatt)
+
+
+Leutnant Gustl
+
+Novelle. 18. Auflage. Geheftet 1 Mark, gebunden 2 Mark
+
+Eine bittere Satire vom militärischen Standpunkt aus, aber als Erzählung
+von prachtvoller Geschlossenheit, in jedem Zuge lebendig, und wie
+virtuos dabei in der Ausführung! Selten ist das Innere eines in engen
+Vorurteilen befangenen Menschen, der durch ein Ungefähr in fieberhafte
+Aufregung gerät, meisterhafter durchleuchtet und dargestellt worden als
+in dieser auch stofflich höchst spannenden, aus einem einzigen Monolog
+bestehenden Novelle. (Dresdner Anzeiger)
+
+
+Dämmerseelen
+
+Novellen. 12. Auflage. Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark
+
+Schnitzler beweist auch in seinem neuesten Werkchen jene
+außerordentliche Treffsicherheit des Tones, die im Konzert der
+zahlreichen europäischen Musikanten leicht an ihren Sonderakkorden
+erkannt wird. Von jener weltmännischen Gewandtheit, die nur irrtümlich
+als oberflächlich gilt, weil sie schamhaft genug ist, heiße Tränen
+hinter dem heimlichen Wappenschilde des Lächelns zu verbergen, läßt er
+durch die Maske des spielerisch tändelnden Dandys das wahre Antlitz des
+sinnenden ernsten Dichters lugen. (Breslauer Morgenzeitung)
+
+
+Der Weg ins Freie
+
+Roman. 25. Auflage. Geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark
+
+Je länger dieses Buch in mir nachklingt, desto stärker wird der
+menschliche Eindruck, den es hinterläßt. Hier ist diese wundervolle
+Vereinigung, daß man überall spürt, wie stark in dem Dichter Schnitzler
+der Mensch ist; hier hat der Dichter den Menschen und der Mensch den
+Dichter beleuchtet, hier ist Leben und Schaffen, künstlerisches, und
+beinahe möchte man sagen privates Fühlen so vollkommene Einheit, daß man
+über das Buch hinaus den Eindruck der reinen Individualität empfängt,
+die es geschrieben hat. (Die Zeit, Wien)
+
+
+Masken und Wunder
+
+Novellen, 11. Auflage. Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark
+
+Ein geheimnisreicher Name für ein rätselvolles, ernstes und tiefes Buch!
+Von den Seelen merkwürdiger Menschen, zumal von Frauen, ist darin
+gehandelt – skeptisch und mit verhaltener Ironie, aber auch mit der
+seelischen Tiefe, die wunderliche Menschenschicksale in ihrem Wesen
+erfaßt und in den feinsten Gründen ihrer Existenz darlegt.
+(Generalanzeiger, Mannheim)
+
+
+Frau Beate und ihr Sohn
+
+Novelle. 12. Auflage. Geheftet Mark 2.50, gebunden Mark 3.50
+
+Aus der Welt weicher Sinnlichkeit und unbewachten Genußtriebs, die uns
+Schnitzler so oft mit überlegener Ironie geschildert hat, arbeitet er in
+dieser Meisternovelle eine erschütternde Tragik heraus. Schnitzler hat
+in dieser novellistischen Tragödie der entweihten Mutterschaft sein
+Stärkstes geboten. (Vossische Zeitung, Berlin)
+
+
+
+
+Gustaf af Geijerstam
+
+Gesammelte Romane in fünf Bänden
+
+
+Fünf Bände in schöner, gediegener Ausstattung mit einem Porträt des
+Dichters. Geheftet 12 Mark, in Leinen gebunden 15 Mark
+
+
+1. Bd.: Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes /
+Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.
+
+2. Bd.: Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.
+
+3. Bd.: Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.
+
+4. Bd.: Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.
+
+5. Bd.: Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee.
+
+
+Mit dieser neuen Ausgabe seiner Werke wohnt Geijerstam mitten unter uns.
+Man hat ihn in Deutschland verstanden. Diese Sammlung seiner Werke –
+rein äußerlich, bei schöner Ausstattung und sehr billigem Preise, die
+denkbar beste Vereinigung von Volks- und Bibliotheksausgabe – ist Beweis
+dafür. Den Geijerstam, den man braucht, hat man in dieser Auswahl ganz.
+Sie findet ihre literarische Rechtfertigung zudem in einer Einleitung
+von Friedrich Düsel, und diese Einführung gibt eine seelisch
+eindringliche, man könnte beinahe sagen erschöpfende Analyse von
+Geijerstams künstlerischer Persönlichkeit ... In Geijerstam kündigt sich
+eine neue Weltanschauung an, noch viel zu unentwickelt, um in den Rahmen
+von zehn Geboten gefaßt zu werden, doch aber recht eigentlich die
+Weltanschauung des Menschen, der nicht die Kraft, dafür aber die
+Zartheit seiner eigenen Empfindungen besitzt. – Eine neue Frucht der
+Erkenntnis gleißt aus der grünen Blätterpracht dieser Erzählungen! Aus
+dem Stamm des sozialen Mitleidens ist sie erwachsen. Menschen mit
+verfeinerten Empfindungsorganen werden danach greifen und werden – wie
+das immer war – beides daraus schmecken: Tod und Leben. (Frankfurter
+Zeitung)
+
+
+
+
+Otto Erich Hartleben
+
+Ausgewählte Werke in drei Bänden
+
+
+Auswahl und Einleitung von Franz Ferdinand Heitmüller. Mit dem Bilde des
+Dichters. Preis geheftet 8 Mark, in drei Pappbänden gebunden 10 Mark, in
+drei Ganzpergamentbänden 15 Mark.
+
+
+1. Bd.: Gedichte: Einleitung / Die Gedichte vollständig.
+
+2. Bd.: Prosa: Die Serenyi / Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe /
+Wie der Kleine zum Teufel wurde / Vom gastfreien Pastor / Der
+Einhornapotheker / Der römische Maler / Der bunte Vogel.
+
+3. Bd.: Dramen: Angele / Hanna Jagert / Die Erziehung zur Ehe / Die
+sittliche Forderung / Rosenmontag.
+
+
+Ein schönes Werk der Pietät. In wundervoller Ausstattung ist hier ein
+Überblick über des toten Poeten Lebenswerk gegeben. Den ersten Band
+ziert ein schönes Bild Hartlebens. Druck, Papier, Einband – alles ist zu
+jener vornehmen Harmonie abgetönt, die des Dichters eigene Person
+ausströmte und mit der er jeden gefangen nahm, der die Freude hatte, ihm
+im Leben zu begegnen. Diese drei Bände stellen eine Zierde für jede
+Bibliothek dar. (Universum, Leipzig)
+
+Dieses Werk faßt als Rahmen noch ein ganz apartes Schmuckstück, nämlich
+das Bildnis einer reinen, edlen Frauengestalt, wenn es in seiner
+Einleitung Bruchstücke aus den Tagebuchaufzeichnungen wiedergibt, mit
+denen Hartlebens Mutter die erste Jugend ihres Ältesten geleitete. Diese
+Tagebuchnotizen geben sogar in doppeltem Sinne Biographisches. Denn sie
+kennzeichnen ihre Verfasserin, diese stille Frau, die nicht Frau Ajas
+Humor, aber Frau Ajas Geduld und ihre Liebe hat. (Hamburger Fremdenblatt)
+
+
+
+
+Peter Nansen
+
+Werke in drei Bänden
+
+
+Mit dem Bilde des Dichters. Drei Leinenbände in elegantem Futteral 12
+Mark. Jeder Band einzeln geheftet 3 Mark 50 Pf., in Leinen gebunden 4
+Mark 50 Pf.
+
+
+1. Band: _Jugend und Liebe._ Eine glückliche Ehe / Aus dem ersten
+Universitätsjahr / Die Feuerprobe / Das erleuchtete Fenster / Des
+Bürgermeisters Winterüberzieher / Der Simulant / Aus dem Tagebuch eines
+Verliebten / Ein Weihnachtsmärchen / Der Weihnachtsbaum / Fräulein Mimi
+/ Eine Ballunterhaltung.
+
+2. Band: _Theater._ Judiths Ehe / Eine glückliche Ehe / Kameraden / Ein
+Hochzeitsabend / Die gestörte Verbindung.
+
+3. Band: _Die Romane des Herzens._ Julies Tagebuch / Maria /
+Gottesfriede.
+
+
+Nansens freie Selbständigkeit und seine künstlerische Unbefangenheit,
+die manchen als Rücksichtslosigkeit erscheinen mag, weisen ihm eine hohe
+Stellung unter seinen Landsleuten an, denen so vielfach über der Tendenz
+die Gabe abhanden gekommen ist, die Welt zu schildern, wie sie ist.
+Nansen will ein neues Frauenideal der nordischen Literatur zu Ehren
+bringen, indem er in erster Linie die »Weibheit« der Frau – wie Laura
+Marholm sagen würde – berücksichtigt; aber diese Absicht ist nicht die
+Hauptsache. Seine Bücher haben dagegen einen eigenen poetischen Wert.
+(Norddeutsche Allgemeine Zeitung)
+
+Peter Nansen stammt aus der elegischen, graziösen Hauptstadt des
+Nordens, die architektonisch mit Dresden, seelisch mit Wien, geistig mit
+Paris verwandt ist. Er gehört zu denen, die das Klima der nordischen
+Literatur wärmer, sinnlicher, verführerischer gemacht haben, so daß wir
+die Franzosen bald ganz entbehren können. (Das Literarische Echo)
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1914 in der Reihe »Fischers Bibliothek zeitgenössischer
+Romane« erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen.
+
+p 001: Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane -> (entfernt)
+p 024: Anführungszeichen ergänzt: »Wofür denn?! ->»Wofür denn?!«
+p 026: Anführungszeichen ergänzt: »Lieber mir, ... daneben! -> daneben!«
+p 102: Anführungszeichen ergänzt: »Wie?– -> »Wie?«–
+p 128: Anführungszeichen ergänzt: »Ich bin nicht schuld daran,
+p 139: an die fünfzigmal gehört hätte. -> hatte.
+p 148: Die Marie laßt Ihnen schon grüßen -> schön ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of an
+original copy, published in 1914 as part of the series "Fischers
+Bibliothek zeitgenössischer Romane". The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p 001: Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane -> (deleted)
+p 024: added missing quotes: »Wofür denn?! ->»Wofür denn?!«
+p 026: added missing quotes: »Lieber mir, ... daneben! -> daneben!«
+p 102: added missing quotes: »Wie?– -> »Wie?«–
+p 128: added missing quotes: »Ich bin nicht schuld daran,
+p 139: an die fünfzigmal gehört hätte. -> hatte.
+p 148: Die Marie laßt Ihnen schon grüßen -> schön ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die griechische Tänzerin, by Arthur Schnitzler
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Die griechische Tänzerin ***
+
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+Produced by Markus Brenner and Distributed Proofreaders
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+collection are in the public domain in the United States. If an
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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