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diff --git a/17142-0.txt b/17142-0.txt new file mode 100644 index 0000000..c4930a5 --- /dev/null +++ b/17142-0.txt @@ -0,0 +1,4304 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die griechische Tänzerin, by Arthur Schnitzler + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die griechische Tänzerin + und andere Novellen + +Author: Arthur Schnitzler + +Release Date: November 23, 2005 [EBook #17142] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Die griechische Tänzerin *** + + + + +Produced by Markus Brenner and Distributed Proofreaders +Europe at at http://dp.rastko.net + + + + + + + Die griechische Tänzerin + + und andere Novellen + von + Arthur Schnitzler + + +S. Fischer, Verlag, Berlin + + +Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung +Copyright S. Fischer, Verlag + + + +Inhalt + + +Der blinde Geronimo und sein Bruder ....... 7 + +Die Toten schweigen ...................... 53 + +Die Weissagung ........................... 85 + +Das neue Lied ........................... 128 + +Die griechische Tänzerin ................ 157 + + + + +Der blinde Geronimo und sein Bruder + + +Der blinde Geronimo stand von der Bank auf und nahm die Gitarre zur +Hand, die auf dem Tisch neben dem Weinglase bereit gelegen war. Er hatte +das ferne Rollen der ersten Wagen vernommen. Nun tastete er sich den +wohlbekannten Weg bis zur offenen Türe hin, und dann ging er die +schmalen Holzstufen hinab, die frei in den gedeckten Hofraum +hinunterliefen. Sein Bruder folgte ihm, und beide stellten sich gleich +neben der Treppe auf, den Rücken zur Wand gekehrt, um gegen den +naßkalten Wind geschützt zu sein, der über den feuchtschmutzigen Boden +durch die offenen Tore strich. + +Unter dem düsteren Bogen des alten Wirtshauses mußten alle Wagen +passieren, die den Weg über das Stilfserjoch nahmen. Für die Reisenden, +welche von Italien her nach Tirol wollten, war es die letzte Rast vor +der Höhe. Zu langem Aufenthalte lud es nicht ein, denn gerade hier lief +die Straße ziemlich eben, ohne Ausblicke, zwischen kahlen Erhebungen +hin. Der blinde Italiener und sein Bruder Carlo waren in den +Sommermonaten hier so gut wie zu Hause. + +Die Post fuhr ein, bald darauf kamen andere Wagen. Die meisten +Reisenden blieben sitzen, in Plaids und Mäntel wohl eingehüllt, andere +stiegen aus und spazierten zwischen den Toren ungeduldig hin und her. +Das Wetter wurde immer schlechter, ein kalter Regen klatschte herab. +Nach einer Reihe schöner Tage schien der Herbst plötzlich und allzu früh +hereinzubrechen. + +Der Blinde sang und begleitete sich dazu auf der Gitarre; er sang mit +einer ungleichmäßigen, manchmal plötzlich aufkreischenden Stimme, wie +immer, wenn er getrunken hatte. Zuweilen wandte er den Kopf wie mit +einem Ausdruck vergeblichen Flehens nach oben. Aber die Züge seines +Gesichtes mit den schwarzen Bartstoppeln und den bläulichen Lippen +blieben vollkommen unbeweglich. Der ältere Bruder stand neben ihm, +beinahe regungslos. Wenn ihm jemand eine Münze in den Hut fallen ließ, +nickte er Dank und sah dem Spender mit einem raschen, wie irren Blick +ins Gesicht. Aber gleich, beinahe ängstlich, wandte er den Blick wieder +fort und starrte gleich dem Bruder ins Leere. Es war, als schämten sich +seine Augen des Lichts, das ihnen gewährt war, und von dem sie dem +blinden Bruder keinen Strahl schenken konnten. + +»Bring mir Wein,« sagte Geronimo, und Carlo ging, gehorsam wie immer. +Während er die Stufen aufwärts schritt, begann Geronimo wieder zu +singen. Er hörte längst nicht mehr auf seine eigene Stimme, und so +konnte er auf das merken, was in seiner Nähe vorging. Jetzt vernahm er +ganz nahe zwei flüsternde Stimmen, die eines jungen Mannes und einer +jungen Frau. Er dachte, wie oft diese beiden schon den gleichen Weg hin +und her gegangen sein mochten; denn in seiner Blindheit und in seinem +Rausch war ihm manchmal, als kämen Tag für Tag dieselben Menschen über +das Joch gewandert, bald von Norden gegen Süden, bald von Süden gegen +Norden. Und so kannte er auch dieses junge Paar seit langer Zeit. + +Carlo kam herab und reichte Geronimo ein Glas Wein. Der Blinde schwenkte +es dem jungen Paare zu und sagte: »Ihr Wohl, meine Herrschaften!« + +»Danke,« sagte der junge Mann; aber die junge Frau zog ihn fort, denn +ihr war dieser Blinde unheimlich. + +Jetzt fuhr ein Wagen mit einer ziemlich lärmenden Gesellschaft ein: +Vater, Mutter, drei Kinder, eine Bonne. + +»Deutsche Familie,« sagte Geronimo leise zu Carlo. + +Der Vater gab jedem der Kinder ein Geldstück, und jedes durfte das seine +in den Hut des Bettlers werfen. Geronimo neigte jedesmal den Kopf zum +Dank. Der älteste Knabe sah dem Blinden mit ängstlicher Neugier ins +Gesicht. Carlo betrachtete den Knaben. Er mußte, wie immer beim Anblick +solcher Kinder, daran denken, daß Geronimo gerade so alt gewesen war, +als das Unglück geschah, durch das er das Augenlicht verloren hatte. +Denn er erinnerte sich jenes Tages auch heute noch, nach beinahe zwanzig +Jahren, mit vollkommener Deutlichkeit. Noch heute klang ihm der grelle +Kinderschrei ins Ohr, mit dem der kleine Geronimo auf den Rasen +hingesunken war, noch heute sah er die Sonne auf der weißen Gartenmauer +spielen und kringeln und hörte die Sonntagsglocken wieder, die gerade in +jenem Augenblick getönt hatten. Er hatte wie oftmals mit dem Bolzen nach +der Esche an der Mauer geschossen, und als er den Schrei hörte, dachte +er gleich, daß er den kleinen Bruder verletzt haben mußte, der eben +vorbeigelaufen war. Er ließ das Blasrohr aus den Händen gleiten, sprang +durchs Fenster in den Garten und stürzte zu dem kleinen Bruder hin, der +auf dem Grase lag, die Hände vors Gesicht geschlagen und jammerte. Über +die rechte Wange und den Hals floß ihm Blut herunter. In derselben +Minute kam der Vater vom Felde heim, durch die kleine Gartentür, und nun +knieten beide ratlos neben dem jammernden Kinde. Nachbarn eilten herbei; +die alte Vanetti war die erste, der es gelang, dem Kleinen die Hände +vom Gesicht zu entfernen. Dann kam auch der Schmied, bei dem Carlo +damals in der Lehre war und der sich ein bißchen aufs Kurieren verstand; +und der sah gleich, daß das rechte Auge verloren war. Der Arzt, der +abends aus Poschiavo kam, konnte auch nicht mehr helfen. Ja, er deutete +schon die Gefahr an, in der das andere Auge schwebte. Und er behielt +recht. Ein Jahr später war die Welt für Geronimo in Nacht versunken. +Anfangs versuchte man ihm einzureden, daß er später geheilt werden +könnte, und er schien es zu glauben. Carlo, der die Wahrheit wußte, +irrte damals tage- und nächtelang auf der Landstraße, zwischen den +Weinbergen und in den Wäldern umher, und war nahe daran, sich +umzubringen. Aber der geistliche Herr, dem er sich anvertraute, klärte +ihn auf, daß es seine Pflicht war, zu leben und sein Leben dem Bruder zu +widmen. Carlo sah es ein. Ein ungeheures Mitleid ergriff ihn. Nur wenn +er bei dem blinden Jungen war, wenn er ihm die Haare streicheln, seine +Stirne küssen durfte, ihm Geschichten erzählte, ihn auf den Feldern +hinter dem Hause und zwischen den Rebengeländen spazieren führte, +milderte sich seine Pein. Er hatte gleich anfangs die Lehrstunden in der +Schmiede vernachlässigt, weil er sich von dem Bruder gar nicht trennen +mochte, und konnte sich nachher nicht mehr entschließen, sein Handwerk +wieder aufzunehmen, trotzdem der Vater mahnte und in Sorge war. Eines +Tages fiel es Carlo auf, daß Geronimo vollkommen aufgehört hatte, von +seinem Unglück zu reden. Bald wußte er, warum: der Blinde war zur +Einsicht gekommen, daß er nie den Himmel, die Hügel, die Straßen, die +Menschen, das Licht wieder sehen würde. Nun litt Carlo noch mehr als +früher, so sehr er sich auch selbst damit zu beruhigen suchte, daß er +ohne jede Absicht das Unglück herbeigeführt hatte. Und manchmal, wenn er +am frühen Morgen den Bruder betrachtete, der neben ihm ruhte, ward er +von einer solchen Angst erfaßt, ihn erwachen zu sehen, daß er in den +Garten hinauslief, nur um nicht dabei sein zu müssen, wie die toten +Augen jeden Tag von neuem das Licht zu suchen schienen, das ihnen für +immer erloschen war. Zu jener Zeit war es, daß Carlo auf den Einfall +kam, Geronimo, der eine angenehme Stimme hatte, in der Musik weiter +ausbilden zu lassen. Der Schullehrer von Tola, der manchmal Sonntags +herüberkam, lehrte ihn die Gitarre spielen. Damals ahnte der Blinde +freilich noch nicht, daß die neuerlernte Kunst einmal zu seinem +Lebensunterhalt dienen würde. + +Mit jenem traurigen Sommertag schien das Unglück für immer in das Haus +des alten Lagardi eingezogen zu sein. Die Ernte mißriet ein Jahr nach +dem anderen; um eine kleine Geldsumme, die der Alte erspart hatte, wurde +er von einem Verwandten betrogen; und als er an einem schwülen Augusttag +auf freiem Felde vom Schlag getroffen hinsank und starb, hinterließ er +nichts als Schulden. Das kleine Anwesen wurde verkauft, die beiden +Brüder waren obdachlos und arm und verließen das Dorf. + +Carlo war zwanzig, Geronimo fünfzehn Jahre alt. Damals begann das +Bettel- und Wanderleben, das sie bis heute führten. Anfangs hatte Carlo +daran gedacht, irgendeinen Verdienst zu finden, der zugleich ihn und den +Bruder ernähren könnte; aber es wollte nicht gelingen. Auch hatte +Geronimo nirgend Ruhe; er wollte immer auf dem Wege sein. + +Zwanzig Jahre war es nun, daß sie auf Straßen und Pässen herumzogen, im +nördlichen Italien und im südlichen Tirol, immer dort, wo eben der +dichtere Zug der Reisenden vorüberströmte. + +Und wenn auch Carlo nach so vielen Jahren nicht mehr die brennende Qual +verspürte, mit der ihn früher jedes Leuchten der Sonne, der Anblick +jeder freundlichen Landschaft erfüllt hatte, es war doch ein stetes +nagendes Mitleid in ihm, beständig und ihm unbewußt, wie der Schlag +seines Herzens und sein Atem. Und er war froh, wenn Geronimo sich +betrank. + +Der Wagen mit der deutschen Familie war davongefahren. Carlo setzte +sich, wie er gern tat, auf die untersten Stufen der Treppe, Geronimo +aber blieb stehen, ließ die Arme schlaff herabhängen und hielt den Kopf +nach oben gewandt. + +Maria, die Magd, kam aus der Wirtsstube. + +»Habt’s viel verdient heut?« rief sie herunter. + +Carlo wandte sich gar nicht um. Der Blinde bückte sich nach seinem Glas, +hob es vom Boden auf und trank es Maria zu. Sie saß manchmal abends in +der Wirtsstube neben ihm; er wußte auch, daß sie schön war. + +Carlo beugte sich vor und blickte gegen die Straße hinaus. Der Wind +blies, und der Regen prasselte, so daß das Rollen des nahenden Wagens in +den heftigen Geräuschen unterging. Carlo stand auf und nahm wieder +seinen Platz an des Bruders Seite ein. + +Geronimo begann zu singen, schon während der Wagen einfuhr, in dem nur +ein Passagier saß. Der Kutscher spannte die Pferde eilig aus, dann eilte +er hinauf in die Wirtsstube. Der Reisende blieb eine Weile in seiner +Ecke sitzen, ganz eingewickelt in einen grauen Regenmantel; er schien +auf den Gesang gar nicht zu hören. Nach einer Weile aber sprang er aus +dem Wagen und lief mit großer Hast hin und her, ohne sich weit vom Wagen +zu entfernen. Er rieb immerfort die Hände aneinander, um sich zu +erwärmen. Jetzt erst schien er die Bettler zu bemerken. Er stellte sich +ihnen gegenüber und sah sie lange wie prüfend an. Carlo neigte leicht +den Kopf, wie zum Gruße. Der Reisende war ein sehr junger Mensch mit +einem hübschen, bartlosen Gesicht und unruhigen Augen. Nachdem er eine +ganze Weile vor den Bettlern gestanden, eilte er wieder zu dem Tore, +durch das er weiterfahren sollte, und schüttelte bei dem trostlosen +Ausblick in Regen und Nebel verdrießlich den Kopf. + +»Nun?« fragte Geronimo. + +»Noch nichts,« erwiderte Carlo. »Er wird wohl geben, wenn er fortfährt.« + +Der Reisende kam wieder zurück und lehnte sich an die Deichsel des +Wagens. Der Blinde begann zu singen. Nun schien der junge Mann plötzlich +mit großem Interesse zuzuhören. Der Knecht erschien und spannte die +Pferde wieder ein. Und jetzt erst, als besänne er sich eben, griff der +junge Mann in die Tasche und gab Carlo einen Frank. + +»O danke, danke,« sagte dieser. + +Der Reisende setzte sich in den Wagen und wickelte sich wieder in +seinen Mantel. Carlo nahm das Glas vom Boden auf und ging die Holzstufen +hinauf. Geronimo sang weiter. Der Reisende beugte sich zum Wagen heraus +und schüttelte den Kopf mit einem Ausdruck von Überlegenheit und +Traurigkeit zugleich. Plötzlich schien ihm ein Einfall zu kommen, und er +lächelte. Dann sagte er zu dem Blinden, der kaum zwei Schritte weit von +ihm stand: »Wie heißt du?« + +»Geronimo.« + +»Nun, Geronimo, laß dich nur nicht betrügen.« In diesem Augenblick +erschien der Kutscher auf der obersten Stufe der Treppe. + +»Wieso, gnädiger Herr, betrügen?« + +»Ich habe deinem Begleiter ein Zwanzig-Frankstück gegeben.« + +»O Herr, Dank, Dank!« + +»Ja; also paß auf.« + +»Er ist mein Bruder, Herr; er betrügt mich nicht.« + +Der junge Mann stutzte eine Weile, aber während er noch überlegte, war +der Kutscher auf den Bock gestiegen und hatte die Pferde angetrieben. +Der junge Mann lehnte sich zurück mit einer Bewegung des Kopfes, als +wolle er sagen: Schicksal, nimm deinen Lauf! und der Wagen fuhr davon. + +Der Blinde winkte mit beiden Händen lebhafte Gebärden des Dankes nach. +Jetzt hörte er Carlo, der eben aus der Wirtsstube kam. Der rief +herunter: »Komm, Geronimo, es ist warm heroben, Maria hat Feuer +gemacht!« + +Geronimo nickte, nahm die Gitarre unter den Arm und tastete sich am +Geländer die Stufen hinauf. Auf der Treppe schon rief er: »Laß es mich +anfühlen! Wie lang hab ich schon kein Goldstück angefühlt!« + +»Was gibt’s?« fragte Carlo. »Was redest du da?« + +Geronimo war oben und griff mit beiden Händen nach dem Kopf seines +Bruders, ein Zeichen, mit dem er stets Freude oder Zärtlichkeit +auszudrücken pflegte. »Carlo, mein lieber Bruder, es gibt doch gute +Menschen!« + +»Gewiß,« sagte Carlo. »Bis jetzt sind es zwei Lire und dreißig +Zentesimi; und hier ist noch österreichisches Geld, vielleicht eine +halbe Lira.« + +»Und zwanzig Franken – und zwanzig Franken!« rief Geronimo. »Ich weiß es +ja!« Er torkelte in die Stube und setzte sich schwer auf die Bank. + +»Was weißt du?« fragte Carlo. + +»So laß doch die Späße! Gib es mir in die Hand! Wie lang hab ich schon +kein Goldstück in der Hand gehabt!« + +»Was willst du denn? Woher soll ich ein Goldstück nehmen? Es sind zwei +Lire oder drei.« + +Der Blinde schlug auf den Tisch. »Jetzt ist es aber genug, genug! Willst +du es etwa vor mir verstecken?« + +Carlo blickte den Bruder besorgt und verwundert an. Er setzte sich neben +ihn, rückte ganz nahe und faßte wie begütigend seinen Arm: »Ich +verstecke nichts vor dir. Wie kannst du das glauben? Niemandem ist es +eingefallen, mir ein Goldstück zu geben.« + +»Aber er hat mir’s doch gesagt!« + +»Wer?« + +»Nun, der junge Mensch, der hin und her lief.« + +»Wie? Ich versteh dich nicht!« + +»So hat er zu mir gesagt: ›Wie heißt du?‹ und dann: ›Gib acht, gib acht, +laß dich nicht betrügen!‹« + +»Du mußt geträumt haben, Geronimo – das ist ja Unsinn!« + +»Unsinn? Ich hab es doch gehört, und ich höre gut. ›Laß dich nicht +betrügen; ich habe ihm ein Goldstück ...‹ – nein, so sagte er: ›Ich habe +ihm ein Zwanzig-Frankstück gegeben.‹« + +Der Wirt kam herein. »Nun, was ist’s mit euch? Habt ihr das Geschäft +aufgegeben? Ein Vierspänner ist gerade angefahren.« + +»Komm!« rief Carlo, »komm!« + +Geronimo blieb sitzen. »Warum denn? Warum soll ich kommen? Was hilft’s +mir denn? Du stehst ja dabei und –« + +Carlo berührte ihn am Arm. »Still, komm jetzt hinunter!« + +Geronimo schwieg und gehorchte dem Bruder. Aber auf den Stufen sagte er: +»Wir reden noch, wir reden noch!« + +Carlo begriff nicht, was geschehen war. War Geronimo plötzlich verrückt +geworden? Denn, wenn er auch leicht in Zorn geriet, in dieser Weise +hatte er noch nie gesprochen. + +In dem eben angekommenen Wagen saßen zwei Engländer; Carlo lüftete den +Hut vor ihnen, und der Blinde sang. Der eine Engländer war ausgestiegen +und warf einige Münzen in Carlos Hut. Carlo sagte: »Danke« und dann, wie +vor sich hin: »Zwanzig Zentesimi.« Das Gesicht Geronimos blieb unbewegt; +er begann ein neues Lied. Der Wagen mit den zwei Engländern fuhr davon. + +Die Brüder gingen schweigend die Stufen hinauf. Geronimo setzte sich auf +die Bank, Carlo blieb beim Ofen stehen. + +»Warum sprichst du nicht?« fragte Geronimo. + +»Nun,« erwiderte Carlo, »es kann nur so sein, wie ich dir gesagt habe.« +Seine Stimme zitterte ein wenig. + +»Was hast du gesagt?« fragte Geronimo. + +»Es war vielleicht ein Wahnsinniger.« + +»Ein Wahnsinniger? Das wäre ja vortrefflich! Wenn einer sagt: ›Ich habe +deinem Bruder zwanzig Franken gegeben,‹ so ist er wahnsinnig! – Eh, und +warum hat er gesagt: ›Laß dich nicht betrügen‹ – eh?« + +»Vielleicht war er auch nicht wahnsinnig ... aber es gibt Menschen, die +mit uns armen Leuten Späße machen ...« + +»Eh!« schrie Geronimo, »Späße? – Ja, das hast du noch sagen müssen – +darauf habe ich gewartet!« Er trank das Glas Wein aus, das vor ihm +stand. + +»Aber, Geronimo!« rief Carlo, und er fühlte, daß er vor Bestürzung kaum +sprechen konnte, »warum sollte ich ... wie kannst du glauben ...?« + +»Warum zittert deine Stimme ... eh ... warum ...?« + +»Geronimo, ich versichere dir, ich –« + +»Eh – und ich glaube dir nicht! Jetzt lachst du ... ich weiß ja, daß du +jetzt lachst!« + +Der Knecht rief von unten: »He, blinder Mann, Leut’ sind da!« + +Ganz mechanisch standen die Brüder auf und schritten die Stufen hinab. +Zwei Wagen waren zugleich gekommen, einer mit drei Herren, ein anderer +mit einem alten Ehepaar. Geronimo sang; Carlo stand neben ihm, +fassungslos. Was sollte er nur tun? Der Bruder glaubte ihm nicht! Wie +war das nur möglich? – Und er betrachtete Geronimo, der mit zerbrochener +Stimme seine Lieder sang, angstvoll von der Seite. Es war ihm, als sähe +er über diese Stirne Gedanken fliehen, die er früher dort niemals +gewahrt hatte. + +Die Wagen waren schon fort, aber Geronimo sang weiter. Carlo wagte +nicht, ihn zu unterbrechen. Er wußte nicht, was er sagen sollte, er +fürchtete, daß seine Stimme wieder zittern würde. Da tönte Lachen von +oben, und Maria rief: »Was singst denn noch immer? Von mir kriegst du ja +doch nichts!« + +Geronimo hielt inne, mitten in einer Melodie; es klang, als wäre seine +Stimme und die Saiten zugleich abgerissen. Dann ging er wieder die +Stufen hinauf, und Carlo folgte ihm. In der Wirtsstube setzte er sich +neben ihn. Was sollte er tun? Es blieb ihm nichts anderes übrig: er +mußte noch einmal versuchen, den Bruder aufzuklären. + +»Geronimo,« sagte er, »ich schwöre dir ... bedenk doch, Geronimo, wie +kannst du glauben, daß ich –« + +Geronimo schwieg, seine toten Augen schienen durch das Fenster in den +grauen Nebel hinauszublicken. Carlo redete weiter: »Nun, er braucht ja +nicht wahnsinnig gewesen zu sein, er wird sich geirrt haben ... ja er +hat sich geirrt ...« Aber er fühlte wohl, daß er selbst nicht glaubte, +was er sagte. + +Geronimo rückte ungeduldig fort. Aber Carlo redete weiter, mit +plötzlicher Lebhaftigkeit: »Wozu sollte ich denn – du weißt doch, ich +esse und trinke nicht mehr als du, und wenn ich mir einen neuen Rock +kaufe, so weißt du’s doch ... wofür brauch ich denn so viel Geld? Was +soll ich denn damit tun?« + +Da stieß Geronimo zwischen den Zähnen hervor: »Lüg nicht, ich höre, wie +du lügst!« + +»Ich lüge nicht, Geronimo, ich lüge nicht!« sagte Carlo erschrocken. + +»Eh! hast du ihr’s schon gegeben, ja? Oder bekommt sie’s erst nachher?« +schrie Geronimo. + +»Maria?« + +»Wer denn, als Maria? Eh, du Lügner, du Dieb!« Und als wollte er nicht +mehr neben ihm am Tische sitzen, stieß er mit dem Ellbogen den Bruder in +die Seite. + +Carlo stand auf. Zuerst starrte er den Bruder an, dann verließ er das +Zimmer und ging über die Stiege in den Hof. Er schaute mit weit offenen +Augen auf die Straße hinaus, die vor ihm in bräunlichen Nebel versank. +Der Regen hatte nachgelassen. Carlo steckte die Hände in die +Hosentaschen und ging ins Freie. Es war ihm, als hätte ihn sein Bruder +davongejagt. Was war denn nur geschehen?... Er konnte es noch immer +nicht fassen. Was für ein Mensch mochte das gewesen sein? Einen Franken +schenkt er her und sagt, es waren zwanzig! Er mußte doch irgendeinen +Grund dazu gehabt haben?... Und Carlo suchte in seiner Erinnerung, ob er +sich nicht irgendwo jemanden zum Feind gemacht, der nun einen anderen +hergeschickt hatte, um sich zu rächen ... Aber soweit er zurückdenken +mochte, nie hatte er jemanden beleidigt, nie irgendeinen ernsten Streit +mit jemandem vorgehabt. Er hatte ja seit zwanzig Jahren nichts anderes +getan, als daß er in Höfen oder an Straßenrändern gestanden war mit dem +Hut in der Hand ... War ihm vielleicht einer wegen eines Frauenzimmers +böse?... Aber wie lange hatte er schon mit keiner was zu tun gehabt ... +die Kellnerin in La Rosa war die letzte gewesen, im vorigen Frühjahr ... +aber um die war ihm gewiß niemand neidisch ... Es war nicht zu +begreifen!... Was mochte es da draußen in der Welt, die er nicht kannte, +für Menschen geben?... Von überallher kamen sie ... was wußte er von +ihnen?... Für diesen Fremden hatte es wohl irgendeinen Sinn gehabt, daß +er zu Geronimo sagte: Ich habe deinem Bruder zwanzig Franken gegeben ... +Nun ja ... Aber was war nun zu tun?... Mit einem Male war es offenbar +geworden, daß Geronimo ihm mißtraute!... Das konnte er nicht ertragen! +Irgend etwas mußte er dagegen unternehmen ... Und er eilte zurück. + +Als er wieder in die Wirtsstube trat, lag Geronimo auf der Bank +ausgestreckt und schien das Eintreten Carlos nicht zu bemerken. Maria +brachte den beiden Essen und Trinken. Sie sprachen während der Mahlzeit +kein Wort. Als Maria die Teller abräumte, lachte Geronimo plötzlich auf +und sagte zu ihr: »Was wirst du dir denn dafür kaufen?« + +»Wofür denn?!« + +»Nun, was? Einen neuen Rock oder Ohrringe?« + +»Was will er denn von mir?« wandte sie sich an Carlo. + +Indes dröhnte unten der Hof von lastenbeladenen Fuhrwerken, laute +Stimmen tönten herauf und Maria eilte hinunter. Nach ein paar Minuten +kamen drei Fuhrleute und nahmen an einem Tische Platz; der Wirt trat zu +ihnen und begrüßte sie. Sie schimpften über das schlechte Wetter. + +»Heute nacht werdet ihr Schnee haben,« sagte der eine. + +Der zweite erzählte, wie er vor zehn Jahren Mitte August auf dem Joch +eingeschneit und beinahe erfroren war. Maria setzte sich zu ihnen. Auch +der Knecht kam herbei und erkundigte sich nach seinen Eltern, die unten +in Bormio wohnten. + +Jetzt kam wieder ein Wagen mit Reisenden. Geronimo und Carlo gingen +hinunter, Geronimo sang, Carlo hielt den Hut hin, und die Reisenden +gaben ihr Almosen. Geronimo schien jetzt ganz ruhig. Er fragte manchmal: +»Wieviel?« und nickte zu den Antworten Carlos leicht mit dem Kopfe. +Indes versuchte Carlo selbst seine Gedanken zu fassen. Aber er hatte +immer nur das dumpfe Gefühl, daß etwas Schreckliches geschehen und daß +er ganz wehrlos war. + +Als die Brüder wieder die Stufen hinaufschritten, hörten sie die +Fuhrleute oben wirr durcheinanderreden und lachen. Der jüngste rief dem +Geronimo entgegen: »Sing uns doch auch was vor, wir zahlen schon! – +Nicht wahr?« wandte er sich an die anderen. + +Maria, die eben mit einer Flasche rotem Wein kam, sagte: »Fangt heut +nichts mit ihm an, er ist schlechter Laune.« + +Statt jeder Antwort stellte sich Geronimo mitten ins Zimmer hin und +fing an zu singen. Als er geendet, klatschten die Fuhrleute in die +Hände. + +»Komm her, Carlo!« rief einer, »wir wollen dir unser Geld auch in den +Hut werfen wie die Leute unten!« Und er nahm eine kleine Münze und hielt +die Hand hoch, als wollte er sie in den Hut fallen lassen, den ihm Carlo +entgegenstreckte. Da griff der Blinde nach dem Arm des Fuhrmannes und +sagte: »Lieber mir, lieber mir! Es könnte daneben fallen – daneben!« + +»Wieso daneben?« + +»Eh, nun! Zwischen die Beine Marias!« + +Alle lachten, der Wirt und Maria auch, nur Carlo stand regungslos da. +Nie hatte Geronimo solche Späße gemacht!... + +»Setz dich zu uns!« riefen die Fuhrleute. »Du bist ein lustiger Kerl!« +Und sie rückten zusammen, um Geronimo Platz zu machen. Immer lauter und +wirrer war das Durcheinanderreden; Geronimo redete mit, lauter und +lustiger als sonst, und hörte nicht auf zu trinken. Als Maria eben +wieder hereinkam, wollte er sie an sich ziehen; da sagte der eine von +den Fuhrleuten lachend: »Meinst du vielleicht, sie ist schön? Sie ist ja +ein altes häßliches Weib!« + +Aber der Blinde zog Maria auf seinen Schoß. »Ihr seid alle Dummköpfe,« +sagte er. »Glaubt ihr, ich brauche meine Augen, um zu sehen? Ich weiß +auch, wo Carlo jetzt ist – eh! – dort am Ofen steht er, hat die Hände in +den Hosentaschen und lacht.« + +Alle schauten auf Carlo, der mit offenem Munde am Ofen lehnte und nun +wirklich das Gesicht zu einem Grinsen verzog, als dürfte er seinen +Bruder nicht Lügen strafen. + +Der Knecht kam herein; wenn die Fuhrleute noch vor Dunkelheit in Bormio +sein wollten, mußten sie sich beeilen. Sie standen auf und +verabschiedeten sich lärmend. Die beiden Brüder waren wieder allein in +der Wirtsstube. Es war die Stunde, um die sie sonst manchmal zu schlafen +pflegten. Das ganze Wirtshaus versank in Ruhe wie immer um diese Zeit +der ersten Nachmittagsstunden. Geronimo, den Kopf auf dem Tisch, schien +zu schlafen. Carlo ging anfangs hin und her, dann setzte er sich auf die +Bank. Er war sehr müde. Es schien ihm, als wäre er in einem schweren +Traum befangen. Er mußte an allerlei denken, an gestern, vorgestern und +alle Tage, die früher waren, und besonders an warme Sommertage und an +weiße Landstraßen, über die er mit seinem Bruder zu wandern pflegte, und +alles war so weit und unbegreiflich, als wenn es nie wieder so sein +könnte. + +Am späten Nachmittage kam die Post aus Tirol und bald darauf in kleinen +Zwischenpausen Wagen, die den gleichen Weg nach dem Süden nahmen. Noch +viermal mußten die Brüder in den Hof hinab. Als sie das letztemal +heraufgingen, war die Dämmerung hereingebrochen, und das Öllämpchen, das +von der Holzdecke herunterhing, fauchte. Arbeiter kamen, die in einem +nahen Steinbruche beschäftigt waren und ein paar hundert Schritte +unterhalb des Wirtshauses ihre Holzhütten aufgeschlagen hatten. Geronimo +setzte sich zu ihnen; Carlo blieb allein an seinem Tische. Es war ihm, +als dauerte seine Einsamkeit schon sehr lange. Er hörte, wie Geronimo +drüben laut, beinahe schreiend, von seiner Kindheit erzählte: daß er +sich noch ganz gut an allerlei erinnerte, was er mit seinen Augen +gesehen, Personen und Dinge: an den Vater, wie er auf dem Felde +arbeitete, an den kleinen Garten mit der Esche an der Mauer, an das +niedrige Häuschen, das ihnen gehörte, an die zwei kleinen Töchter des +Schusters, an den Weinberg hinter der Kirche, ja an sein eigenes +Kindergesicht, wie es ihm aus dem Spiegel entgegengeblickt hatte. Wie +oft hatte Carlo das alles gehört. Heute ertrug er es nicht. Es klang +anders als sonst: jedes Wort, das Geronimo sprach, bekam einen neuen +Sinn und schien sich gegen ihn zu richten. Er schlich hinaus und ging +wieder auf die Landstraße, die nun ganz im Dunkel lag. Der Regen hatte +aufgehört, die Luft war sehr kalt, und der Gedanke erschien Carlo +beinahe verlockend, weiterzugehen, immer weiter, tief in die Finsternis +hinein, sich am Ende irgendwohin in den Straßengraben zu legen, +einzuschlafen, nicht mehr zu erwachen. – Plötzlich hörte er das Rollen +eines Wagens und erblickte den Lichtschimmer von zwei Laternen, die +immer näher kamen. In dem Wagen, der vorüberfuhr, saßen zwei Herren. +Einer von ihnen mit einem schmalen, bartlosen Gesichte fuhr erschrocken +zusammen, als Carlos Gestalt im Lichte der Laternen aus dem Dunkel +hervortauchte. Carlo, der stehen geblieben war, lüftete den Hut. Der +Wagen und die Lichter verschwanden. Carlo stand wieder in tiefer +Finsternis. Plötzlich schrak er zusammen. Das erstemal in seinem Leben +machte ihm das Dunkel Angst. Es war ihm, als könnte er es keine Minute +länger ertragen. In einer sonderbaren Art vermengten sich in seinem +dumpfen Sinnen die Schauer, die er für sich selbst empfand, mit einem +quälenden Mitleid für den blinden Bruder und jagten ihn nach Hause. + +Als er in die Wirtsstube trat, sah er die beiden Reisenden, die vorher +an ihm vorbeigefahren waren, bei einer Flasche Rotwein an einem Tische +sitzen und sehr angelegentlich miteinander reden. Sie blickten kaum +auf, als er eintrat. + +An dem anderen Tische saß Geronimo wie früher unter den Arbeitern. + +»Wo steckst du denn, Carlo?« sagte ihm der Wirt schon an der Tür. »Warum +läßt du deinen Bruder allein?« + +»Was gibt’s denn?« fragte Carlo erschrocken. + +»Geronimo traktiert die Leute. Mir kann’s ja egal sein, aber ihr solltet +doch denken, daß bald wieder schlechtere Zeiten kommen.« + +Carlo trat rasch zu dem Bruder und faßte ihn am Arme. »Komm!« sagte er. + +»Was willst du?« schrie Geronimo. + +»Komm zu Bett,« sagte Carlo. + +»Laß mich, laß mich! Ich verdiene das Geld, ich kann mit meinem Gelde +tun, was ich will – eh! – alles kannst du ja doch nicht einstecken! Ihr +meint wohl, er gibt mir alles! O nein! Ich bin ja ein blinder Mann! Aber +es gibt Leute – es gibt gute Leute, die sagen mir: ›Ich habe deinem +Bruder zwanzig Franken gegeben!‹« + +Die Arbeiter lachten auf. + +»Es ist genug,« sagte Carlo, »komm!« Und er zog den Bruder mit sich, +schleppte ihn beinah die Treppe hinauf bis in den kahlen Bodenraum, wo +sie ihr Lager hatten. Auf dem ganzen Wege schrie Geronimo: »Ja, nun ist +es an den Tag gekommen, ja, nun weiß ich’s! Ah, wartet nur. Wo ist sie? +Wo ist Maria? Oder legst du’s ihr in die Sparkassa? – Eh, ich singe für +dich, ich spiele Gitarre, von mir lebst du – und du bist ein Dieb!« Er +fiel auf den Strohsack hin. + +Vom Gang her schimmerte ein schwaches Licht herein; drüben stand die Tür +zu dem einzigen Fremdenzimmer des Wirtshauses offen, und Maria richtete +die Betten für die Nachtruhe her. Carlo stand vor seinem Bruder und sah +ihn daliegen mit dem gedunsenen Gesicht, mit den bläulichen Lippen, das +feuchte Haar an der Stirne klebend, um viele Jahre älter aussehend, als +er war. Und langsam begann er zu verstehen. Nicht von heute konnte das +Mißtrauen des Blinden sein, längst mußte es in ihm geschlummert haben, +und nur der Anlaß, vielleicht der Mut hatte ihm gefehlt, es +auszusprechen. Und alles, was Carlo für ihn getan, war vergeblich +gewesen; vergeblich die Reue, vergeblich das Opfer seines ganzen Lebens. +Was sollte er nun tun? – Sollte er noch weiterhin Tag für Tag, wer weiß +wie lange noch, ihn durch die ewige Nacht führen, ihn betreuen, für ihn +betteln und keinen anderen Lohn dafür haben als Mißtrauen und Schimpf? +Wenn ihn der Bruder für einen Dieb hielt, so konnte ihm ja jeder Fremde +dasselbe oder Besseres leisten als er. Wahrhaftig, ihn allein lassen, +sich für immer von ihm trennen, das wäre das klügste. Dann mußte +Geronimo wohl sein Unrecht einsehen, denn dann erst würde er erfahren, +was es heißt, betrogen und bestohlen werden, einsam und elend sein. Und +er selbst, was sollte er beginnen? Nun, er war ja noch nicht alt; wenn +er für sich allein war, konnte er noch mancherlei anfangen. Als Knecht +zum mindesten fand er überall sein Unterkommen. Aber während diese +Gedanken durch seinen Kopf zogen, blieben seine Augen immer auf den +Bruder geheftet. Und er sah ihn plötzlich vor sich, allein am Rande +einer sonnbeglänzten Straße auf einem Stein sitzen, mit den weit +offenen, weißen Augen zum Himmel starrend, der ihn nicht blenden konnte, +und mit den Händen in die Nacht greifend, die immer um ihn war. Und er +fühlte, so wie der Blinde niemand anderen auf der Welt hatte als ihn, so +hatte auch er niemand anderen als diesen Bruder. Er verstand, daß die +Liebe zu diesem Bruder der ganze Inhalt seines Lebens war, und wußte zum +ersten Male mit völliger Deutlichkeit, nur der Glaube, daß der Blinde +diese Liebe erwiderte und ihm verziehen, hatte ihn alles Elend so +geduldig tragen lassen. Er konnte auf diese Hoffnung nicht mit einem +Male verzichten. Er fühlte, daß er den Bruder gerade so notwendig +brauchte als der Bruder ihn. Er konnte nicht, er wollte ihn nicht +verlassen. Er mußte entweder das Mißtrauen erdulden oder ein Mittel +finden, um den Blinden von der Grundlosigkeit seines Verdachtes zu +überzeugen ... Ja, wenn er sich irgendwie das Goldstück verschaffen +könnte! Wenn er dem Blinden morgen früh sagen könnte: »Ich habe es nur +aufbewahrt, damit du’s nicht mit den Arbeitern vertrinkst, damit es dir +die Leute nicht stehlen« ... oder sonst irgend etwas ... + +Schritte näherten sich auf der Holztreppe; die Reisenden gingen zur +Ruhe. Plötzlich durchzuckte seinen Kopf der Einfall, drüben anzuklopfen, +den Fremden wahrheitsgetreu den heutigen Vorfall zu erzählen und sie um +die zwanzig Franken zu bitten. Aber er wußte auch gleich: das war +vollkommen aussichtslos! Sie würden ihm die ganze Geschichte nicht +einmal glauben. Und er erinnerte sich jetzt, wie erschrocken der eine +blasse zusammengefahren war, als er, Carlo, plötzlich im Dunkel vor dem +Wagen aufgetaucht war. + +Er streckte sich auf den Strohsack hin. Es war ganz finster im Zimmer. +Jetzt hörte er, wie die Arbeiter laut redend und mit schweren Schritten +über die Holzstufen hinabgingen. Bald darauf wurden beide Tore +geschlossen. Der Knecht ging noch einmal die Treppe auf und ab, dann war +es ganz still. Carlo hörte nur mehr das Schnarchen Geronimos. Bald +verwirrten sich seine Gedanken in beginnenden Träumen. Als er erwachte, +war noch tiefe Dunkelheit um ihn. Er sah nach der Stelle, wo das Fenster +war; wenn er die Augen anstrengte, gewahrte er dort mitten in dem +undurchdringlichen Schwarz ein tiefgraues Viereck. Geronimo schlief noch +immer den schweren Schlaf des Betrunkenen. Und Carlo dachte an den Tag, +der morgen war; und ihn schauderte. Er dachte an die Nacht nach diesem +Tage, an den Tag nach dieser Nacht, an die Zukunft, die vor ihm lag, und +Grauen erfüllte ihn vor der Einsamkeit, die ihm bevorstand. Warum war er +abends nicht mutiger gewesen? Warum war er nicht zu den Fremden gegangen +und hatte sie um die zwanzig Franken gebeten? Vielleicht hätten sie doch +Erbarmen mit ihm gehabt. Und doch – vielleicht war es gut, daß er sie +nicht gebeten hatte. Ja, warum war es gut?... Er setzte sich jäh auf und +fühlte sein Herz klopfen. Er wußte, warum es gut war: Wenn sie ihn +abgewiesen hätten, so wäre er ihnen jedenfalls verdächtig geblieben – +so aber ... Er starrte auf den grauen Fleck, der matt zu leuchten begann +... Das, was ihm gegen seinen eigenen Willen durch den Kopf gefahren, +war ja unmöglich, vollkommen unmöglich!... Die Tür drüben war versperrt +– und überdies: sie konnten aufwachen ... Ja, dort – der graue +leuchtende Fleck mitten im Dunkel war der neue Tag – – – + +Carlo stand auf, als zöge es ihn dorthin, und berührte mit der Stirn die +kalte Scheibe. Warum war er denn aufgestanden? Um zu überlegen?... Um es +zu versuchen?... Was denn?... Es war ja unmöglich – und überdies war es +ein Verbrechen. Ein Verbrechen? Was bedeuten zwanzig Franken für solche +Leute, die zum Vergnügen tausend Meilen weit reisen? Sie würden ja gar +nicht merken, daß sie ihnen fehlten ... Er ging zur Türe und öffnete sie +leise. Gegenüber war die andere, mit zwei Schritten zu erreichen, +geschlossen. An einem Nagel im Pfosten hingen Kleidungsstücke. Carlo +fuhr mit der Hand über sie ... Ja, wenn die Leute ihre Börsen in der +Tasche ließen, dann wäre das Leben sehr einfach, dann brauchte bald +niemand mehr betteln zu gehen ... Aber die Taschen waren leer. Nun, was +blieb übrig? Wieder zurück ins Zimmer, auf den Strohsack. Es gab +vielleicht doch eine bessere Art, sich zwanzig Franken zu verschaffen – +eine weniger gefährliche und rechtlichere. Wenn er wirklich jedesmal +einige Zentesimi von den Almosen zurückbehielte, bis er zwanzig Franken +zusammengespart, und dann das Goldstück kaufte ... Aber wie lang konnte +das dauern – Monate, vielleicht ein Jahr. Ah, wenn er nur Mut hätte! +Noch immer stand er auf dem Gang. Er blickte zur Tür hinüber ... Was war +das für ein Streif, der senkrecht von oben auf den Fußboden fiel? War es +möglich? Die Tür war nur angelehnt, nicht versperrt?... Warum staunte er +denn darüber? Seit Monaten schon schloß die Tür nicht. Wozu auch? Er +erinnerte sich: nur dreimal hatten hier in diesem Sommer Leute +geschlafen, zweimal Handwerksburschen und einmal ein Tourist, der sich +den Fuß verletzt hatte. Die Tür schließt nicht – er braucht jetzt nur +Mut – ja, und Glück! Mut? Das Schlimmste, was ihm geschehen kann, ist, +daß die beiden aufwachen, und da kann er noch immer eine Ausrede finden. +Er lugt durch den Spalt ins Zimmer. Es ist noch so dunkel, daß er eben +nur die Umrisse von zwei auf den Betten lagernden Gestalten gewahren +kann. Er horcht auf: sie atmen ruhig und gleichmäßig. Carlo öffnet die +Tür leicht und tritt mit seinen nackten Füßen völlig geräuschlos ins +Zimmer. Die beiden Betten stehen der Länge nach an der gleichen Wand dem +Fenster gegenüber. In der Mitte des Zimmers ist ein Tisch; Carlo +schleicht bis hin. Er fährt mit der Hand über die Fläche und fühlt ein +Schlüsselbund, ein Federmesser, ein kleines Buch – weiter nichts ... Nun +natürlich!... Daß er nur daran denken konnte, sie würden ihr Geld auf +den Tisch legen! Ah, nun kann er gleich wieder fort!... Und doch, +vielleicht braucht es nur einen guten Griff und es ist geglückt ... Und +er nähert sich dem Bett neben der Tür; hier auf dem Sessel liegt etwas – +er fühlt danach – es ist ein Revolver ... Carlo zuckt zusammen ... Ob er +ihn nicht lieber gleich behalten sollte? Denn warum hat dieser Mensch +den Revolver bereitliegen? Wenn er erwacht und ihn bemerkt ... Doch +nein, er würde ja sagen: Es ist drei Uhr, gnädiger Herr, aufstehn!... +Und er läßt den Revolver liegen. + +Und er schleicht tiefer ins Zimmer. Hier auf dem anderen Sessel unter +den Wäschestücken ... Himmel! das ist sie ... das ist eine Börse – er +hält sie in der Hand!... In diesem Moment hört er ein leises Krachen. +Mit einer raschen Bewegung streckt er sich der Länge nach zu Füßen des +Bettes hin ... Noch einmal dieses Krachen – ein schweres Aufatmen – ein +Räuspern – dann wieder Stille, tiefe Stille. Carlo bleibt auf dem Boden +liegen, die Börse in der Hand, und wartet. Es rührt sich nichts mehr. +Schon fällt der Dämmer blaß ins Zimmer herein. Carlo wagt nicht +aufzustehen, sondern kriecht auf dem Boden vorwärts bis zur Tür, die +weit genug offen steht, um ihn durchzulassen, kriecht weiter bis auf den +Gang hinaus, und hier erst erhebt er sich langsam, mit einem tiefen +Atemzug. Er öffnet die Börse; sie ist dreifach geteilt: links und rechts +nur kleine Silberstücke. Nun öffnet Carlo den mittleren Teil, der durch +einen Schieber nochmals verschlossen ist, und fühlt drei +Zwanzigfrankenstücke. Einen Augenblick denkt er daran, zwei davon zu +nehmen, aber rasch weist er diese Versuchung von sich, nimmt nur ein +Goldstück heraus und schließt die Börse zu. Dann kniet er nieder, blickt +durch die Spalte in die Kammer, in der es wieder völlig still ist, und +dann gibt er der Börse einen Stoß, so daß sie bis unter das zweite Bett +gleitet. Wenn der Fremde aufwacht, wird er glauben müssen, daß sie vom +Sessel heruntergefallen ist. Carlo erhebt sich langsam. Da knarrt der +Boden leise, und im gleichen Augenblick hört er eine Stimme von drinnen: +»Was ist’s? Was gibt’s denn?« Carlo macht rasch zwei Schritte rückwärts, +mit verhaltenem Atem, und gleitet in seine eigene Kammer. Er ist in +Sicherheit und lauscht ... Noch einmal kracht drüben das Bett, und dann +ist alles still. Zwischen seinen Fingern hält er das Goldstück. Es ist +gelungen – gelungen! Er hat die zwanzig Franken, und er kann seinem +Bruder sagen: ›Siehst du nun, daß ich kein Dieb bin!‹ Und sie werden +sich noch heute auf die Wanderschaft machen – gegen den Süden zu, nach +Bormio, dann weiter durchs Veltlin ... dann nach Tirano ... nach Edole +... nach Breno ... an den See von Iseo wie voriges Jahr ... Das wird +durchaus nicht verdächtig sein, denn schon vorgestern hat er selbst zum +Wirt gesagt: »In ein paar Tagen gehen wir hinunter.« + +Immer lichter wird es, das ganze Zimmer liegt in grauem Dämmer da. Ah, +wenn Geronimo nur bald aufwachte! Es wandert sich so gut in der Frühe! +Noch vor Sonnenaufgang werden sie fortgehen. Einen guten Morgen dem +Wirt, dem Knecht und Maria auch, und dann fort, fort ... Und erst wenn +sie zwei Stunden weit sind, schon nahe dem Tale, wird er es Geronimo +sagen. + +Geronimo reckt und dehnt sich. Carlo ruft ihn an: »Geronimo!« + +»Nun, was gibt’s?« Und er stützt sich mit beiden Händen und setzt sich +auf. + +»Geronimo, wir wollen aufstehen.« + +»Warum?« Und er richtet die toten Augen auf den Bruder. Carlo weiß, daß +Geronimo sich jetzt des gestrigen Vorfalles besinnt, aber er weiß auch, +daß der keine Silbe darüber reden wird, ehe er wieder betrunken ist. + +»Es ist kalt, Geronimo, wir wollen fort. Es wird heuer nicht mehr +besser; ich denke, wir gehen. Zu Mittag können wir in Boladore sein.« + +Geronimo erhob sich. Die Geräusche des erwachenden Hauses wurden +vernehmbar. Unten im Hof sprach der Wirt mit dem Knecht. Carlo stand auf +und begab sich hinunter. Er war immer früh wach und ging oft schon in +der Dämmerung auf die Straße hinaus. Er trat zum Wirt hin und sagte: +»Wir wollen Abschied nehmen.« + +»Ah, geht ihr schon heut?« fragte der Wirt. + +»Ja. Es friert schon zu arg, wenn man jetzt im Hof steht, und der Wind +zieht durch.« + +»Nun, grüß mir den Baldetti, wenn du nach Bormio hinunterkommst, und er +soll nicht vergessen, mir das Öl zu schicken.« + +»Ja, ich will ihn grüßen. Im übrigen – das Nachtlager von heut.« Er +griff in den Sack. + +»Laß sein, Carlo,« sagte der Wirt. »Die zwanzig Zentesimi schenk ich +deinem Bruder; ich hab ihm ja auch zugehört. Guten Morgen.« + +»Dank,« sagte Carlo. »Im übrigen, so eilig haben wir’s nicht. Wir sehen +dich noch, wenn du von den Hütten zurückkommst; Bormio bleibt am selben +Fleck stehen, nicht wahr?« Er lachte und ging die Holzstufen hinauf. + +Geronimo stand mitten im Zimmer und sagte: »Nun, ich bin bereit zu +gehen.« + +»Gleich,« sagte Carlo. + +Aus einer alten Kommode, die in einem Winkel des Raumes stand, nahm er +ihre wenigen Habseligkeiten und packte sie in ein Bündel. Dann sagte er: +»Ein schöner Tag, aber sehr kalt.« + +»Ich weiß,« sagte Geronimo. Beide verließen die Kammer. + +»Geh leise,« sagte Carlo, »hier schlafen die zwei, die gestern abend +gekommen sind.« Behutsam schritten sie hinunter. »Der Wirt läßt dich +grüßen,« sagte Carlo; »er hat uns die zwanzig Zentesimi für heut nacht +geschenkt. Nun ist er bei den Hütten draußen und kommt erst in zwei +Stunden wieder. Wir werden ihn ja im nächsten Jahre wiedersehen.« + +Geronimo antwortete nicht. Sie traten auf die Landstraße, die im +Dämmerschein vor ihnen lag. Carlo ergriff den linken Arm seines +Bruders, und beide schritten schweigend talabwärts. Schon nach kurzer +Wanderung waren sie an der Stelle, wo die Straße in langgezogenen Kehren +weiterzulaufen beginnt. Nebel stiegen nach aufwärts, ihnen entgegen, und +über ihnen die Höhen schienen von den Wolken wie eingeschlungen. Und +Carlo dachte: Nun will ich’s ihm sagen. + +Carlo sprach aber kein Wort, sondern nahm das Goldstück aus der Tasche +und reichte es dem Bruder; dieser nahm es zwischen die Finger der +rechten Hand, dann führte er es an die Wange und an die Stirn, endlich +nickte er. »Ich hab’s ja gewußt,« sagte er. + +»Nun ja,« erwiderte Carlo und sah Geronimo befremdet an. + +»Auch wenn der Fremde mir nichts gesagt hätte, ich hätte es doch +gewußt.« + +»Nun ja,« sagte Carlo ratlos. »Aber du verstehst doch, warum ich da oben +vor den anderen – ich habe gefürchtet, daß du das Ganze auf einmal – – +Und sieh, Geronimo, es wäre doch an der Zeit, hab ich mir gedacht, daß +du dir einen neuen Rock kaufst und ein Hemd und Schuhe auch, glaube ich; +darum habe ich ...« + +Der Blinde schüttelte heftig den Kopf. »Wozu?« Und er strich mit der +einen Hand über seinen Rock. »Gut genug, warm genug; jetzt kommen wir +nach dem Süden.« + +Carlo begriff nicht, daß Geronimo sich gar nicht zu freuen schien, daß +er sich nicht entschuldigte. Und er redete weiter: »Geronimo, war es +denn nicht recht von mir? Warum freust du dich denn nicht? Nun haben wir +es doch, nicht wahr? Nun haben wir es ganz. Wenn ich dir’s oben gesagt +hätte, wer weiß ... Oh, es ist gut, daß ich dir’s nicht gesagt habe – +gewiß!« + +Da schrie Geronimo: »Hör auf zu lügen, Carlo, ich habe genug davon!« + +Carlo blieb stehen und ließ den Arm des Bruders los. »Ich lüge nicht.« + +»Ich weiß doch, daß du lügst!... Immer lügst du!... Schon hundertmal +hast du gelogen!... Auch das hast du für dich behalten wollen, aber +Angst hast du bekommen, das ist es!« + +Carlo senkte den Kopf und antwortete nichts. Er faßte wieder den Arm des +Blinden und ging mit ihm weiter. Es tat ihm weh, daß Geronimo so sprach; +aber er war eigentlich erstaunt, daß er nicht trauriger war. + +Die Nebel zerteilten sich. Nach langem Schweigen sprach Geronimo: »Es +wird warm.« Er sagte es gleichgültig, selbstverständlich, wie er es +schon hundertmal gesagt, und Carlo fühlte in diesem Augenblick: für +Geronimo hatte sich nichts geändert. Für Geronimo war er immer ein Dieb +gewesen. + +»Hast du schon Hunger?« fragte er. + +Geronimo nickte, zugleich nahm er ein Stück Käse und Brot aus der +Rocktasche und aß davon. Und sie gingen weiter. + +Die Post von Bormio begegnete ihnen; der Kutscher rief sie an: »Schon +hinunter?« Dann kamen noch andere Wagen, die alle aufwärts fuhren. + +»Luft aus dem Tal,« sagte Geronimo, und im gleichen Augenblick, nach +einer raschen Wendung, lag das Veltlin zu ihren Füßen. + +Wahrhaftig – nichts hat sich geändert, dachte Carlo ... Nun hab ich gar +für ihn gestohlen – und auch das ist umsonst gewesen. + +Die Nebel unter ihnen wurden immer dünner, der Glanz der Sonne riß +Löcher hinein. Und Carlo dachte: ›Vielleicht war es doch nicht klug, so +rasch das Wirtshaus zu verlassen ... Die Börse liegt unter dem Bett, das +ist jedenfalls verdächtig ...‹ Aber wie gleichgültig war das alles! Was +konnte ihm noch Schlimmes geschehen? Sein Bruder, dem er das Licht der +Augen zerstört, glaubte sich von ihm bestohlen und glaubte es schon +jahrelang und wird es immer glauben – was konnte ihm noch Schlimmes +geschehen? + +Da unter ihnen lag das große weiße Hotel wie in Morgenglanz gebadet, und +tiefer unten, wo das Tal sich zu weiten beginnt, lang hingestreckt, das +Dorf. Schweigend gingen die beiden weiter, und immer lag Carlos Hand auf +dem Arm des Blinden. Sie gingen an dem Park des Hotels vorüber, und +Carlo sah auf der Terrasse Gäste in lichten Sommergewändern sitzen und +frühstücken. »Wo willst du rasten?« fragte Carlo. + +»Nun, im ›Adler‹, wie immer.« + +Als sie bei dem kleinen Wirtshause am Ende des Dorfes angelangt waren, +kehrten sie ein. Sie setzten sich in die Schenke und ließen sich Wein +geben. + +»Was macht ihr so früh bei uns?« fragte der Wirt. + +Carlo erschrak ein wenig bei dieser Frage. »Ist’s denn so früh? Der +zehnte oder elfte September – nicht?« + +»Im vergangenen Jahr war es gewiß viel später, als ihr herunterkamt.« + +»Es ist so kalt oben,« sagte Carlo. »Heut nacht haben wir gefroren. Ja +richtig, ich soll dir bestellen, du möchtest nicht vergessen, das Öl +hinaufzuschicken.« + +Die Luft in der Schenke war dumpf und schwül. Eine sonderbare Unruhe +befiel Carlo; er wollte gern wieder im Freien sein, auf der großen +Straße, die nach Tirano, nach Edole, nach dem See von Iseo, überallhin, +in die Ferne führt! Plötzlich stand er auf. + +»Gehen wir schon?« fragte Geronimo. + +»Wir wollen doch heut mittag in Boladore sein, im ›Hirschen‹ halten die +Wagen Mittagsrast; es ist ein guter Ort.« + +Und sie gingen. Der Friseur Benozzi stand rauchend vor seinem Laden. +»Guten Morgen,« rief er. »Nun, wie sieht’s da oben aus? Heut nacht hat +es wohl geschneit?« + +»Ja, ja,« sagte Carlo und beschleunigte seine Schritte. + +Das Dorf lag hinter ihnen, weiß dehnte sich die Straße zwischen Wiesen +und Weinbergen, dem rauschenden Fluß entlang. Der Himmel war blau und +still. ›Warum hab ich’s getan?‹ dachte Carlo. Er blickte den Blinden von +der Seite an. ›Sieht sein Gesicht denn anders aus als sonst? Immer hat +er es geglaubt – immer bin ich allein gewesen – und immer hat er mich +gehaßt.‹ Und ihm war, als schritte er unter einer schweren Last weiter, +die er doch niemals von den Schultern werfen dürfte, und als könnte er +die Nacht sehen, durch die Geronimo an seiner Seite schritt, während die +Sonne leuchtend auf allen Wegen lag. + +Und sie gingen weiter, gingen, gingen stundenlang. Von Zeit zu Zeit +setzte sich Geronimo auf einen Meilenstein, oder sie lehnten beide an +einem Brückengeländer, um zu rasten. Wieder kamen sie durch ein Dorf. +Vor dem Wirtshause standen Wagen, Reisende waren ausgestiegen und gingen +hin und her; aber die beiden Bettler blieben nicht. Wieder hinaus auf +die offene Straße. Die Sonne stieg immer höher; Mittag mußte nahe sein. +Es war ein Tag wie tausend andere. + +»Der Turm von Boladore,« sagte Geronimo. Carlo blickte auf. Er wunderte +sich, wie genau Geronimo die Entfernungen berechnen konnte: wirklich war +der Turm von Boladore am Horizont erschienen. Noch von ziemlich weither +kam ihnen jemand entgegen. Es schien Carlo, als sei er am Wege gesessen +und plötzlich aufgestanden. Die Gestalt kam näher. Jetzt sah Carlo, daß +es ein Gendarm war, wie er ihnen so oft auf der Landstraße begegnete. +Trotzdem schrak Carlo leicht zusammen. Aber als der Mann näher kam, +erkannte er ihn und war beruhigt. Es war Pietro Tenelli; erst im Mai +waren die beiden Bettler im Wirtshaus des Raggazzi in Morignone mit ihm +zusammen gesessen, und er hatte ihnen eine schauerliche Geschichte +erzählt, wie er von einem Strolch einmal beinahe erdolcht worden war. + +»Es ist einer stehen geblieben,« sagte Geronimo. + +»Tenelli, der Gendarm,« sagte Carlo. + +Nun waren sie an ihn herangekommen. + +»Guten Morgen, Herr Tenelli,« sagte Carlo und blieb vor ihm stehen. + +»Es ist nun einmal so,« sagte der Gendarm, »ich muß euch vorläufig beide +auf den Posten nach Boladore führen.« + +»Eh!« rief der Blinde. + +Carlo wurde blaß. ›Wie ist das nur möglich?‹ dachte er. ›Aber es kann +sich nicht darauf beziehen. Man kann es ja hier unten noch nicht +wissen.‹ + +»Es scheint ja euer Weg zu sein,« sagte der Gendarm lachend, »es macht +euch wohl nichts, wenn ihr mitgeht.« + +»Warum redest du nichts, Carlo?« fragte Geronimo. + +»O ja, ich rede ... Ich bitte, Herr Gendarm, wie ist es denn möglich ... +was sollen wir denn ... oder vielmehr, was soll ich ... wahrhaftig, ich +weiß nicht ...« + +»Es ist nun einmal so. Vielleicht bist du auch unschuldig. Was weiß ich. +Jedenfalls haben wir die telegraphische Anzeige ans Kommando bekommen, +daß wir euch aufhalten sollen, weil ihr verdächtig seid, dringend +verdächtig, da oben den Leuten Geld gestohlen zu haben. Nun, es ist auch +möglich, daß ihr unschuldig seid. Also vorwärts!« + +»Warum sprichst du nichts, Carlo?« fragte Geronimo. + +»Ich rede – o ja, ich rede ...« + +»Nun geht endlich! Was hat es für einen Sinn, auf der Straße +stehenzubleiben! Die Sonne brennt. In einer Stunde sind wir an Ort und +Stelle. Vorwärts!« + +Carlo berührte den Arm Geronimos wie immer, und so gingen sie langsam +weiter, der Gendarm hinter ihnen. + +»Carlo, warum redest du nicht?« fragte Geronimo wieder. + +»Aber was willst du, Geronimo, was soll ich sagen? Es wird sich alles +herausstellen; ich weiß selber nicht ...« + +Und es ging ihm durch den Kopf: Soll ich’s ihm erklären, eh wir vor +Gericht stehen?... Es geht wohl nicht. Der Gendarm hört uns zu ... Nun, +was tut’s. Vor Gericht werd ich ja doch die Wahrheit sagen. »Herr +Richter,« werd ich sagen, »es ist doch kein Diebstahl wie ein anderer. +Es war nämlich so: ...« Und nun mühte er sich, die Worte zu finden, um +vor Gericht die Sache klar und verständlich darzustellen. »Da fuhr +gestern ein Herr über den Paß ... es mag ein Irrsinniger gewesen sein – +oder am End hat er sich nur geirrt ... und dieser Mann ...« + +Aber was für ein Unsinn! Wer wird es glauben? ... Man wird ihn gar nicht +so lange reden lassen. – Niemand kann diese dumme Geschichte glauben ... +nicht einmal Geronimo glaubt sie ... – Und er sah ihn von der Seite an. +Der Kopf des Blinden bewegte sich nach alter Gewohnheit während des +Gehens wie im Takte auf und ab, aber das Gesicht war regungslos, und die +leeren Augen stierten in die Luft. – Und Carlo wußte plötzlich, was für +Gedanken hinter dieser Stirne liefen ... ›So also stehen die Dinge,‹ +mußte Geronimo wohl denken. – ›Carlo bestiehlt nicht nur mich, auch die +anderen Leute bestiehlt er ... Nun, er hat es gut, er hat Augen, die +sehen, und er nützt sie aus ...‹ – Ja, das denkt Geronimo, ganz gewiß +... Und auch, daß man kein Geld bei mir finden wird, kann mir nicht +helfen, – nicht vor Gericht, nicht vor Geronimo. Sie werden mich +einsperren und ihn ... Ja, ihn geradeso wie mich, denn er hat ja das +Geldstück. – Und er konnte nicht mehr weiter denken, er fühlte sich so +sehr verwirrt. Es schien ihm, als verstünde er überhaupt nichts mehr von +der ganzen Sache, und wußte nur eines: daß er sich gern auf ein Jahr in +den Arrest setzen ließe ... oder auf zehn, wenn nur Geronimo wüßte, daß +er für ihn allein zum Dieb geworden war. + +Und plötzlich blieb Geronimo stehen, so daß auch Carlo innehalten mußte. + +»Nun, was ist denn?« sagte der Gendarm ärgerlich. »Vorwärts, vorwärts!« +Aber da sah er mit Verwunderung, daß der Blinde die Gitarre auf den +Boden fallen ließ, seine Arme erhob und mit beiden Händen nach den +Wangen des Bruders tastete. Dann näherte er seine Lippen dem Munde +Carlos, der zuerst nicht wußte, wie ihm geschah, und küßte ihn. + +»Seid ihr verrückt?« fragte der Gendarm. »Vorwärts! vorwärts! Ich habe +keine Lust zu braten.« + +Geronimo hob die Gitarre vom Boden auf, ohne ein Wort zu sprechen. Carlo +atmete tief auf und legte die Hand wieder auf den Arm des Blinden. War +es denn möglich? Der Bruder zürnte ihm nicht mehr? Er begriff am Ende –? +Und zweifelnd sah er ihn von der Seite an. + +»Vorwärts!« schrie der Gendarm. »Wollt ihr endlich –!« Und er gab Carlo +eins zwischen die Rippen. + +Und Carlo, mit festem Druck den Arm des Blinden leitend, ging wieder +vorwärts. Er schlug einen viel rascheren Schritt ein als früher. Denn er +sah Geronimo lächeln in einer milden glückseligen Art, wie er es seit +den Kinderjahren nicht mehr an ihm gesehen hatte. Und Carlo lächelte +auch. Ihm war, als könnte ihm jetzt nichts Schlimmes mehr geschehen, – +weder vor Gericht, noch sonst irgendwo auf der Welt. – Er hatte seinen +Bruder wieder ... Nein, er hatte ihn zum erstenmal ... + + + + +Die Toten schweigen + + +Er ertrug es nicht länger, ruhig im Wagen zu sitzen; er stieg aus und +ging auf und ab. Es war schon dunkel; die wenigen Laternenlichter in +dieser stillen, abseits liegenden Straße flackerten, vom Winde bewegt, +hin und her. Es hatte aufgehört zu regnen; die Trottoire waren beinahe +trocken; aber die ungepflasterten Fahrstraßen waren noch feucht, und an +einzelnen Stellen hatten sich kleine Tümpel gebildet. + +Es ist sonderbar, dachte Franz, wie man sich hier, hundert Schritt von +der Praterstraße, in irgendeine ungarische Kleinstadt versetzt glauben +kann. Immerhin – sicher dürfte man hier wenigstens sein; hier wird sie +keinen ihrer gefürchteten Bekannten treffen. + +Er sah auf die Uhr ... Sieben – und schon völlige Nacht. Der Herbst ist +diesmal früh da. Und der verdammte Sturm. + +Er stellte den Kragen in die Höhe und ging rascher auf und ab. Die +Laternenfenster klirrten. »Noch eine halbe Stunde,« sagte er zu sich, +»dann kann ich gehen. Ah – ich wollte beinahe, es wäre so weit.« Er +blieb an der Ecke stehen; hier hatte er einen Ausblick auf beide +Straßen, von denen aus sie kommen könnte. + +Ja, heute wird sie kommen, dachte er, während er seinen Hut festhielt, +der wegzufliegen drohte. – Freitag – Sitzung des Professorenkollegiums – +da wagt sie sich fort und kann sogar länger ausbleiben ... Er hörte das +Geklingel der Pferdebahn; jetzt begann auch die Glocke von der nahen +Nepomukkirche zu läuten. Die Straße wurde belebter. Es kamen mehr +Menschen an ihm vorüber: meist, wie ihm schien, Bedienstete aus den +Geschäften, die um sieben geschlossen wurden. Alle gingen rasch und +waren mit dem Sturm, der das Gehen erschwerte, in einer Art von Kampf +begriffen. Niemand beachtete ihn; nur ein paar Ladenmädel blickten mit +leichter Neugier zu ihm auf. – Plötzlich sah er eine bekannte Gestalt +rasch herankommen. Er eilte ihr entgegen. Ohne Wagen? dachte er. Ist +sie’s? + +Sie war es; als sie seiner gewahr wurde, beschleunigte sie ihre +Schritte. + +»Du kommst zu Fuß?« sagte er. + +»Ich hab den Wagen schon beim Karltheater fortgeschickt. Ich glaube, ich +bin schon einmal mit demselben Kutscher gefahren.« + +Ein Herr ging an ihnen vorüber und betrachtete die Dame flüchtig. Der +junge Mann fixierte ihn scharf, beinahe drohend; der Herr ging rasch +weiter. Die Dame sah ihm nach. »Wer war’s?!« fragte sie ängstlich. + +»Ich kenne ihn nicht. Hier gibt es keine Bekannten, sei ganz ruhig. – +Aber jetzt komm rasch; wir wollen einsteigen.« + +»Ist das dein Wagen?« + +»Ja.« + +»Ein offener?« + +»Vor einer Stunde war es noch so schön.« + +Sie eilten hin; die junge Frau stieg ein. + +»Kutscher,« rief der junge Mann. + +»Wo ist er denn?« fragte die junge Frau. + +Franz schaute ringsumher. »Das ist unglaublich,« rief er, »der Kerl ist +nicht zu sehen.« + +»Um Gotteswillen!« rief sie leise. + +»Wart einen Augenblick, Kind; er ist sicher da.« + +Der junge Mann öffnete die Tür zu dem kleinen Wirtshause; an einem Tisch +mit ein paar anderen Leuten saß der Kutscher; jetzt stand er rasch auf. + +»Gleich, gnä’ Herr,« sagte er und trank stehend sein Glas Wein aus. + +»Was fällt Ihnen denn ein?« + +»Bitt schön, Euer Gnaden; i bin schon wieder da.« + +Er eilte ein wenig schwankend zu den Pferden. »Wohin fahr’n mer denn, +Euer Gnaden?« + +»Prater – Lusthaus.« + +Der junge Mann stieg ein. Die junge Frau lehnte ganz versteckt, beinahe +zusammengekauert, in der Ecke unter dem aufgestellten Dach. + +Franz faßte ihre beiden Hände. Sie blieb regungslos. – »Willst du mir +nicht wenigstens guten Abend sagen?« + +»Ich bitt dich; laß mich nur einen Moment, ich bin noch ganz atemlos.« + +Der junge Mann lehnte sich in seine Ecke. Beide schwiegen eine Weile. +Der Wagen war in die Praterstraße eingebogen, fuhr an dem +Tegethoff-Monument vorüber, und nach wenigen Sekunden flog er die +breite, dunkle Praterallee hin. Jetzt umschlang Emma plötzlich mit +beiden Armen den Geliebten. Er schob leise den Schleier zurück, der ihn +noch von ihren Lippen trennte, und küßte sie. + +»Bin ich endlich bei dir!« sagte sie. + +»Weißt du denn, wie lang wir uns nicht gesehen haben?« rief er aus. + +»Seit Sonntag.« + +»Ja, und da auch nur von weitem.« + +»Wieso? Du warst ja bei uns.« + +»Nun ja ... bei euch. Ah, das geht so nicht fort. Zu euch komm ich +überhaupt nie wieder. Aber was hast du denn?« + +»Es ist ein Wagen an uns vorbeigefahren.« + +»Liebes Kind, die Leute, die heute im Prater spazieren fahren, kümmern +sich wahrhaftig nicht um uns.« + +»Das glaub ich schon. Aber zufällig kann einer hereinschaun.« + +»Es ist unmöglich, jemanden zu erkennen.« + +»Ich bitt dich, fahren wir wo anders hin.« + +»Wie du willst.« + +Er rief dem Kutscher, der aber nicht zu hören schien. Da beugte er sich +vor und berührte ihn mit der Hand. Der Kutscher wandte sich um. + +»Sie sollen umkehren. Und warum hauen Sie denn so auf die Pferde ein? +Wir haben ja gar keine Eile, hören Sie! Wir fahren in die ... wissen +Sie, die Allee, die zur Reichsbrücke führt.« + +»Auf die Reichsstraßen?« + +»Ja, aber rasen Sie nicht so, das hat ja gar keinen Sinn.« + +»Bitt schön, gnä’ Herr, der Sturm, der macht die Rösser so wild.« + +»Ah freilich, der Sturm.« Franz setzte sich wieder. + +Der Kutscher wandte die Pferde. Sie fuhren zurück. + +»Warum habe ich dich gestern nicht gesehen?« fragte sie. + +»Wie hätt’ ich denn können?« + +»Ich dachte, du warst auch bei meiner Schwester geladen.« + +»Ach so.« + +»Warum warst du nicht dort?« + +»Weil ich es nicht vertragen kann, mit dir unter anderen Leuten zusammen +zu sein. Nein, nie wieder.« + +Sie zuckte die Achseln. + +»Wo sind wir denn?« fragte sie dann. + +Sie fuhren unter der Eisenbahnbrücke in die Reichsstraße ein. + +»Da geht’s zur großen Donau,« sagte Franz, »wir sind auf dem Weg zur +Reichsbrücke. Hier gibt es keine Bekannten!« setzte er spöttisch hinzu. + +»Der Wagen schüttelt entsetzlich.« + +»Ja, jetzt sind wir wieder auf Pflaster.« + +»Warum fährt er so im Zickzack?« + +»Es scheint dir so.« + +Aber er fand selbst, daß der Wagen sie heftiger als nötig hin und her +warf. Er wollte nichts davon sagen, um sie nicht noch ängstlicher zu +machen. + +»Ich habe heute viel und ernst mit dir zu reden, Emma.« + +»Da mußt du bald anfangen, denn um neun muß ich zu Hause sein.« + +»In zwei Worten kann alles entschieden sein.« + +»Gott, was ist denn das?« ... schrie sie auf. Der Wagen war in ein +Pferdebahngeleise geraten und machte jetzt, als der Kutscher +herauswenden wollte, eine so scharfe Biegung, daß er fast zu stürzen +drohte. Franz packte den Kutscher beim Mantel. »Halten Sie,« rief er ihm +zu. »Sie sind ja betrunken.« + +Der Kutscher brachte die Pferde mühsam zum Stehen. »Aber gnä’ Herr ...« + +»Komm, Emma, steigen wir hier aus.« + +»Wo sind wir?« + +»Schon an der Brücke. Es ist auch jetzt nicht mehr gar so stürmisch. +Gehen wir ein Stückchen. Man kann während des Fahrens nicht ordentlich +reden.« + +Emma zog den Schleier herunter und folgte. + +»Nicht stürmisch nennst du das?« rief sie aus, als ihr gleich beim +Aussteigen ein Windstoß entgegenfuhr. + +Er nahm ihren Arm. »Nachfahren,« rief er dem Kutscher zu. + +Sie spazierten vorwärts. Solang die Brücke allmählich anstieg, sprachen +sie nichts; und als sie beide das Wasser unter sich rauschen hörten, +blieben sie eine Weile stehen. Tiefes Dunkel war um sie. Der breite +Strom dehnte sich grau und in unbestimmten Grenzen hin, in der Ferne +sahen sie rote Lichter, die über dem Wasser zu schweben schienen und +sich darin spiegelten. Von dem Ufer her, das die beiden eben verlassen +hatten, senkten sich zitternde Lichtstreifen ins Wasser; jenseits war +es, als verlöre sich der Strom in die schwarzen Auen. Jetzt schien ein +ferneres Donnern zu ertönen, das immer näher kam; unwillkürlich sahen +sie beide nach der Stelle, wo die roten Lichter schimmerten; Bahnzüge +mit hellen Fenstern rollten zwischen eisernen Bogen hin, die plötzlich +aus der Nacht hervorzuwachsen und gleich wieder zu versinken schienen. +Der Donner verlor sich allmählich, es wurde still; nur der Wind kam in +plötzlichen Stößen. + +Nach langem Schweigen sagte Franz: »Wir sollten fort.« + +»Freilich,« erwiderte Emma leise. + +»Wir sollten fort,« sagte Franz lebhaft, »ganz fort, mein ich ...« + +»Es geht ja nicht.« + +»Weil wir feig sind, Emma; darum geht es nicht.« + +»Und mein Kind?« + +»Er würde es dir lassen, ich bin fest überzeugt.« + +»Und wie?« fragte sie leise ... »Davonlaufen bei Nacht und Nebel?« + +»Nein, durchaus nicht. Du hast nichts zu tun, als ihm einfach zu sagen, +daß du nicht länger bei ihm leben kannst, weil du einem andern gehörst.« + +»Bist du bei Sinnen, Franz?« + +»Wenn du willst, erspar ich dir auch das, – ich sag es ihm selber.« + +»Das wirst du nicht tun, Franz.« + +Er versuchte, sie anzusehen; aber in der Dunkelheit konnte er nicht mehr +bemerken, als daß sie den Kopf erhoben und zu ihm gewandt hatte. + +Er schwieg eine Weile. Dann sagte er ruhig: »Hab keine Angst, ich werde +es nicht tun.« + +Sie näherten sich dem anderen Ufer. + +»Hörst du nichts?« sagte sie. »Was ist das?« + +»Es kommt von drüben,« sagte er. + +Langsam rasselte es aus dem Dunkel hervor; ein kleines rotes Licht +schwebte ihnen entgegen; bald sahen sie, daß es von einer kleinen +Laterne kam, die an der vorderen Deichsel eines Landwagens befestigt +war; aber sie konnten nicht sehen, ob der Wagen beladen war und ob +Menschen mitfuhren. Gleich dahinter kamen noch zwei gleiche Wagen. Auf +dem letzten konnten sie einen Mann in Bauerntracht gewahren, der eben +seine Pfeife anzündete. Die Wagen fuhren vorbei. Dann hörten sie wieder +nichts als das dumpfe Geräusch des Fiakers, der zwanzig Schritte hinter +ihnen langsam weiterrollte. Jetzt senkte sich die Brücke leicht gegen +das andere Ufer. Sie sahen, wie die Straße vor ihnen zwischen Bäumen ins +Finstere weiter lief. Rechts und links von ihnen lagen in der Tiefe die +Auen; sie sahen wie in Abgründe hinein. + +Nach langem Schweigen sagte Franz plötzlich: »Also das letztemal ...« + +»Was?« fragte Emma in besorgtem Ton. + +»– Daß wir zusammen sind. Bleib bei ihm. Ich sag dir adieu.« + +»Sprichst du im Ernst?« + +»Vollkommen.« + +»Siehst du, daß du es bist, der uns immer die paar Stunden verdirbt, die +wir haben; nicht ich!« + +»Ja, ja, du hast recht,« sagte Franz. »Komm, fahren wir zurück.« + +Sie nahm seinen Arm fester. »Nein,« sagte sie zärtlich, »jetzt will ich +nicht. Ich laß mich nicht so fortschicken.« + +Sie zog ihn zu sich herab und küßte ihn lang. »Wohin kämen wir,« fragte +sie dann, »wenn wir hier immer weiter führen?« + +»Da geht’s direkt nach Prag, mein Kind.« + +»So weit nicht,« sagte sie lächelnd, »aber noch ein bißchen weiter da +hinaus, wenn du willst.« Sie wies ins Dunkle. + +»He, Kutscher!« rief Franz. Der hörte nichts. + +Franz schrie: »Halten Sie doch!« + +Der Wagen fuhr immer weiter. Franz lief ihm nach. Jetzt sah er, daß der +Kutscher schlief. Durch heftiges Anschreien weckte ihn Franz auf. »Wir +fahren noch ein kleines Stück weiter – die gerade Straße – verstehen Sie +mich?« + +»Is’ schon gut, gnä’ Herr ...« + +Emma stieg ein; nach ihr Franz. Der Kutscher hieb mit der Peitsche +drein; wie rasend flogen die Pferde über die aufgeweichte Straße hin. +Aber die beiden im Wagen hielten einander fest umarmt, während der Wagen +sie hin und her warf. + +»Ist das nicht auch ganz schön,« flüsterte Emma ganz nahe an seinem +Munde. + +In diesem Augenblick war ihr, als flöge der Wagen plötzlich in die Höhe +– sie fühlte sich fortgeschleudert, wollte sich an etwas klammern, griff +ins Leere; es schien ihr, als drehe sie sich mit rasender +Geschwindigkeit im Kreise herum, so daß sie die Augen schließen mußte – +und plötzlich fühlte sie sich auf dem Boden liegen, und eine ungeheure +schwere Stille brach herein, als wenn sie fern von aller Welt und völlig +einsam wäre. Dann hörte sie verschiedenes durcheinander: Geräusch von +Pferdehufen, die ganz in ihrer Nähe auf den Boden schlugen, ein leises +Wimmern; aber sehen konnte sie nichts. Jetzt faßte sie eine tolle Angst; +sie schrie; ihre Angst ward noch größer, denn sie hörte ihr Schreien +nicht. Sie wußte plötzlich ganz genau, was geschehen war: der Wagen war +an irgend etwas gestoßen, wohl an einen der Meilensteine, hatte +umgeworfen, und sie waren herausgestürzt. Wo ist _er?_ war ihr nächster +Gedanke. Sie rief seinen Namen. Und sie hörte sich rufen, ganz leise +zwar, aber sie hörte sich. Es kam keine Antwort. Sie versuchte, sich zu +erheben. Es gelang ihr so weit, daß sie auf den Boden zu sitzen kam, und +als sie mit den Händen ausgriff, fühlte sie einen menschlichen Körper +neben sich. Und nun konnte sie auch die Dunkelheit mit ihrem Auge +durchdringen. Franz lag neben ihr, völlig regungslos. Sie berührte mit +der ausgestreckten Hand sein Gesicht; sie fühlte etwas Feuchtes und +Warmes darüber fließen. Ihr Atem stockte. Blut ...? Was war da +geschehen? Franz war verwundet und bewußtlos. Und der Kutscher – wo war +er denn? Sie rief nach ihm. Keine Antwort. Noch immer saß sie auf dem +Boden. Mir ist nichts geschehen, dachte sie, obwohl sie Schmerzen in +allen Gliedern fühlte. Was tu ich nur, was tu ich nur ... es ist doch +nicht möglich, daß mir gar nichts geschehen ist. »Franz!« rief sie. Eine +Stimme antwortete ganz in der Nähe: »Wo sind S’ denn, gnä’ Fräul’n, wo +ist der gnä’ Herr? Es ist doch nix g’schehn? Warten S’, Fräulein, – i +zünd nur die Latern an, daß wir was sehn; i weiß net, was die Krampen +heut hab’n. Ich bin net Schuld, meiner Seel ... in ein Schoderhaufen +sein s’ hinein, die verflixten Rösser.« + +Emma hatte sich, trotzdem ihr alle Glieder weh taten, vollkommen +aufgerichtet, und daß dem Kutscher nichts geschehen war, machte sie ein +wenig ruhiger. Sie hörte, wie der Mann die Laternenklappe öffnete und +Streichhölzchen anrieb. Angstvoll wartete sie auf das Licht. Sie wagte +es nicht, Franz noch einmal zu berühren, der vor ihr auf dem Boden lag; +sie dachte: wenn man nichts sieht, scheint alles furchtbarer; er hat +gewiß die Augen offen ... es wird nichts sein. + +Ein Lichtschimmer kam von der Seite. Sie sah plötzlich den Wagen, der +aber zu ihrer Verwunderung nicht auf dem Boden lag, sondern nur schief +gegen den Straßengraben zu gestellt war, als wäre ein Rad gebrochen. +Die Pferde standen vollkommen still. Das Licht näherte sich; sie sah den +Schein allmählich über einen Meilenstein, über den Schotterhaufen in den +Graben gleiten; dann kroch er auf die Füße Franzens, glitt über seinen +Körper, beleuchtete sein Gesicht und blieb darauf ruhen. Der Kutscher +hatte die Laterne auf den Boden gestellt; gerade neben den Kopf des +Liegenden. Emma ließ sich auf die Knie nieder, und es war ihr, als hörte +ihr Herz zu schlagen auf, wie sie das Gesicht erblickte. Es war blaß; +die Augen halb offen, so daß sie nur das Weiße von ihnen sah. Von der +rechten Schläfe rieselte langsam ein Streifen Blut über die Wange und +verlor sich unter dem Kragen am Halse. In die Unterlippe waren die Zähne +gebissen. »Es ist ja nicht möglich!« sagte Emma vor sich hin. + +Auch der Kutscher war niedergekniet und starrte das Gesicht an. Dann +packte er mit beiden Händen den Kopf und hob ihn in die Höhe. »Was +machen Sie?« schrie Emma mit erstickter Stimme und erschrak vor diesem +Kopf, der sich selbständig aufzurichten schien. + +»Gnä’ Fräul’n, mir scheint, da ist ein großes Malheur geschehn.« + +»Es ist nicht wahr,« sagte Emma. »Es kann nicht sein. Ist denn Ihnen +was geschehen? Und mir ...« + +Der Kutscher ließ den Kopf des Regungslosen wieder langsam sinken; – in +den Schoß Emmas, die zitterte. »Wenn nur wer käm ... wenn nur die +Bauersleut eine Viertelstund’ später daherkommen wären ...« + +»Was sollen wir denn machen?« sagte Emma mit bebenden Lippen. + +»Ja, Fräul’n, wenn der Wagen net brochen wär ... aber so, wie er jetzt +zug’richt ist ... Wir müssen halt warten, bis wer kommt.« Er redete noch +weiter, ohne daß Emma seine Worte auffaßte; aber während dem war es ihr, +als käme sie zur Besinnung, und sie wußte, was zu tun war. + +»Wie weit ist’s bis zu den nächsten Häusern?« fragte sie. + +»Das ist nimmer weit, Fräul’n, da ist ja gleich das Franz Josefsland ... +Wir müßten die Häuser sehen, wenn’s licht wär, in fünf Minuten müßte man +dort sein.« + +»Gehen Sie hin. Ich bleibe da, holen Sie Leute.« + +»Ja, Fräul’n, ich glaub schier, es ist g’scheiter, ich bleib mit Ihnen +da – es kann ja nicht so lang dauern, bis wer kommt, es ist ja +schließlich die Reichsstraße, und –« + +»Da wird’s zu spät, da kann’s zu spät werden. Wir brauchen einen +Doktor.« + +Der Kutscher sah auf das Gesicht des Regungslosen, dann schaute er +kopfschüttelnd Emma an. + +»Das können Sie nicht wissen,« – rief Emma, »und ich auch nicht.« + +»Ja, Fräul’n ... aber wo find’ i denn ein’ Doktor im Franz Josefsland?« + +»So soll von dort jemand in die Stadt und –« + +»Fräul’n, wissen’s was! I denk mir, die werden dort vielleicht ein +Telephon haben. Da könnten wir um die Rettungsgesellschaft +telephonieren.« + +»Ja, das ist das beste! Gehen Sie nur, laufen Sie, um Himmels willen! +Und Leute bringen Sie mit ... Und ... bitt’ Sie, gehen Sie nur, was tun +Sie denn noch da?« + +Der Kutscher schaute in das blasse Gesicht, das nun auf Emmas Schoß +ruhte. »Rettungsgesellschaft, Doktor, wird nimmer viel nützen.« + +»Gehen Sie! Um Gottes willen! Gehen Sie!« + +»I geh schon – daß S’ nur nicht Angst kriegen, Fräul’n, da in der +Finstern.« Und er eilte rasch über die Straße fort. »I kann nix dafür, +meiner Seel,« murmelte er vor sich hin. »Ist auch eine Idee, mitten in +der Nacht auf die Reichsstraßen ...« + +Emma war mit dem Regungslosen allein auf der dunklen Straße. »Was +jetzt?« dachte sie. Es ist doch nicht möglich ... das ging ihr immer +wieder durch den Kopf ... es ist ja nicht möglich. – Es war ihr +plötzlich, als hörte sie neben sich atmen. Sie beugte sich herab zu den +blassen Lippen. Nein, von da kam kein Hauch. Das Blut an Schläfe und +Wangen schien getrocknet zu sein. Sie starrte die Augen an; die +gebrochenen Augen, und bebte zusammen. Ja warum glaube ich es denn nicht +– es ist ja gewiß ... das ist der Tod! Und es durchschauerte sie. Sie +fühlte nur mehr: ein Toter. Ich und ein Toter, der Tote auf meinem +Schoß. Und mit zitternden Händen rückte sie den Kopf weg, so daß er +wieder auf den Boden zu liegen kam. Und jetzt erst kam ein Gefühl +entsetzlicher Verlassenheit über sie. Warum hatte sie den Kutscher +weggeschickt? Was für ein Unsinn! Was soll sie denn da auf der +Landstraße mit dem toten Manne allein anfangen? Wenn Leute kommen ... +Ja, was soll sie denn tun, wenn Leute kommen? Wie lang wird sie hier +warten müssen? Und sie sah wieder den Toten an. Ich bin nicht allein mit +ihm, fiel ihr ein. Das Licht ist ja da. Und es kam ihr vor, als wäre +dieses Licht etwas Liebes und Freundliches, dem sie danken müßte. Es war +mehr Leben in dieser kleinen Flamme, als in der ganzen weiten Nacht um +sie; ja, es war ihr fast, als sei ihr dieses Licht ein Schutz gegen den +blassen fürchterlichen Mann, der neben ihr auf dem Boden lag ... Und sie +sah in das Licht so lang, bis ihr die Augen flimmerten, bis es zu tanzen +begann. Und plötzlich hatte sie das Gefühl, als wenn sie erwachte. Sie +sprang auf! Das geht ja nicht, das ist ja unmöglich, man darf mich doch +nicht hier mit ihm finden ... Es war ihr, als sähe sie sich jetzt selbst +auf der Straße stehen, zu ihren Füßen den Toten und das Licht; und sie +sah sich, als ragte sie in sonderbarer Größe in die Dunkelheit hinein. +Worauf wart ich, dachte sie, und ihre Gedanken jagten ... Worauf wart +ich? Auf die Leute? – Was brauchen mich denn die? Die Leute werden +kommen und fragen ... und ich ... was tu ich denn hier? Alle werden +fragen, wer ich bin. Was soll ich ihnen antworten? Nichts. Kein Wort +werd ich reden, wenn sie kommen, schweigen werd ich. Kein Wort ... sie +können mich ja nicht zwingen. + +Stimmen kamen von weitem. + +Schon? dachte sie. Sie lauschte angstvoll. Die Stimmen kamen von der +Brücke her. Das konnten also nicht die Leute sein, die der Kutscher +geholt hatte. Aber wer immer sie waren – jedenfalls werden sie das +Licht bemerken – und das durfte nicht sein, dann war sie entdeckt. + +Und sie stieß mit dem Fuß die Laterne um. Die verlöschte. Nun stand sie +in tiefer Finsternis. Nichts sah sie. Auch ihn sah sie nicht mehr. Nur +der weiße Schotterhaufen glänzte ein wenig. Die Stimmen kamen näher. Sie +begann am ganzen Körper zu zittern. Nur hier nicht entdeckt werden. Um +Himmels willen, das ist ja das einzige Wichtige, nur auf das und auf gar +nichts anderes kommt es an – sie ist ja verloren, wenn ein Mensch +erfährt, daß sie die Geliebte von ... Sie faltet die Hände krampfhaft. +Sie betet, daß die Leute auf der anderen Seite der Straße vorübergehen +mögen, ohne sie zu bemerken. Sie lauscht. Ja von drüben ... Was reden +sie doch?... Es sind zwei Frauen oder drei. Sie haben den Wagen bemerkt, +denn sie reden etwas davon, sie kann Wörter unterscheiden. Ein Wagen ... +umgefallen ... was sagen sie sonst? Sie kann es nicht verstehen. Sie +gehen weiter ... sie sind vorüber ... Gott sei Dank! Und jetzt, was +jetzt? O, warum ist sie nicht tot wie er? Er ist zu beneiden, für ihn +ist alles vorüber ... für ihn gibt es keine Gefahr mehr und keine +Furcht. Sie aber zittert vor vielem. Sie fürchtet, daß man sie hier +finden, daß man sie fragen wird: wer sind Sie?... Daß sie mit auf die +Polizei muß, daß alle Menschen es erfahren werden, daß ihr Mann – daß +ihr Kind – + +Und sie begreift nicht, daß sie so lange schon dagestanden ist wie +angewurzelt ... Sie kann ja fort, sie nützt ja keinem hier, und sich +selbst bringt sie ins Unglück. Und sie macht einen Schritt ... +Vorsichtig ... sie muß durch den Straßengraben ... hinüber ... einen +Schritt hinauf – o, er ist so seicht! – und noch zwei Schritte, bis sie +in der Mitte der Straße ist ... und dann steht sie einen Augenblick +still, sieht vor sich hin und kann den grauen Weg ins Dunkle hinein +verfolgen. Dort – dort ist die Stadt. Sie kann nichts von ihr sehen ... +aber die Richtung ist ihr klar. Noch einmal wendet sie sich um. Es ist +ja gar nicht so dunkel. Sie kann den Wagen ganz gut sehn; auch die +Pferde ... und wenn sie sich sehr anstrengt, merkt sie auch etwas wie +die Umrisse eines menschlichen Körpers, der auf dem Boden liegt. Sie +reißt die Augen weit auf, es ist ihr, als hielte sie etwas hier zurück +... der Tote ist es, der sie hier behalten will, und es graut sie vor +seiner Macht ... Aber gewaltsam macht sie sich frei, und jetzt merkt +sie: der Boden ist zu feucht; sie steht auf der glitschigen Straße, und +der nasse Staub hat sie nicht fortgelassen. Nun aber geht sie ... geht +rascher ... läuft ... und fort von da ... zurück ... in das Licht, in +den Lärm, zu den Menschen! Die Straße läuft sie entlang, hält das Kleid +hoch, um nicht zu fallen. Der Wind ist ihr im Rücken, es ist, als wenn +er sie vorwärts triebe. Sie weiß nicht mehr recht, wovor sie flieht. Es +ist ihr, als ob sie vor dem bleichen Manne fliehen müßte, der dort, weit +hinter ihr, neben dem Straßengraben liegt ... dann fällt ihr ein, daß +sie ja den Lebendigen entkommen will, die gleich dort sein und sie +suchen werden. Was werden die denken? Wird man ihr nicht nach? Aber man +kann sie nicht mehr einholen, sie ist ja gleich bei der Brücke, sie hat +einen großen Vorsprung, und dann ist die Gefahr vorbei. Man kann ja +nicht ahnen, wer sie ist, keine Seele kann ahnen, wer die Frau war, die +mit jenem Mann über die Reichsstraße gefahren ist. Der Kutscher kennt +sie nicht, er wird sie auch nicht erkennen, wenn er sie später einmal +sieht. Man wird sich auch nicht darum kümmern, wer sie war. Wen geht es +an? – Es ist sehr klug, daß sie nicht dort geblieben ist, es ist auch +nicht gemein. Franz selbst hätte ihr recht gegeben. Sie muß ja nach +Haus, sie hat ein Kind, sie hat einen Mann, sie wäre ja verloren, wenn +man sie dort bei ihrem toten Geliebten gefunden hätte. Da ist die +Brücke, die Straße scheint heller ... ja schon hört sie das Wasser +rauschen wie früher; sie ist da, wo sie mit ihm Arm in Arm gegangen – +wann – wann? Vor wieviel Stunden? Es kann noch nicht lange sein. Nicht +lang? Vielleicht doch! Vielleicht war sie lange bewußtlos, vielleicht +ist es längst Mitternacht, vielleicht ist der Morgen schon nahe, und sie +wird daheim schon vermißt. Nein, nein, das ist ja nicht möglich, sie +weiß, daß sie gar nicht bewußtlos war; sie erinnert sich jetzt genauer +als im ersten Augenblick, wie sie aus dem Wagen gestürzt und gleich über +alles im klaren gewesen ist. Sie läuft über die Brücke und hört ihre +Schritte hallen. Sie sieht nicht nach rechts und links. Jetzt bemerkt +sie, wie eine Gestalt ihr entgegenkommt. Sie mäßigt ihre Schritte. Wer +kann das sein, der ihr entgegenkommt? Es ist jemand in Uniform. Sie geht +ganz langsam. Sie darf nicht auffallen. Sie glaubt zu merken, daß der +Mann den Blick fest auf sie gerichtet hält. Wenn er sie fragt? Sie ist +neben ihm, erkennt die Uniform; es ist ein Sicherheitswachmann; sie geht +an ihm vorüber. Sie hört, daß er hinter ihr stehen geblieben ist. Mit +Mühe hält sie sich davon zurück, wieder zu laufen; es wäre verdächtig. +Sie geht noch immer so langsam wie früher. Sie hört das Geklingel der +Pferdeeisenbahn. Es kann noch lang nicht Mitternacht sein. Jetzt geht +sie wieder schneller; sie eilt der Stadt entgegen, deren Lichter sie +schon unter dem Eisenbahnviadukt am Ausgang der Straße entgegenschimmern +sieht, deren gedämpften Lärm sie schon zu vernehmen glaubt. Noch diese +einsame Straße, und dann ist die Erlösung da. Jetzt hört sie von weitem +schrille Pfiffe, immer schriller, immer näher; ein Wagen saust an ihr +vorüber. Unwillkürlich bleibt sie stehen und sieht ihm nach. Es ist der +Wagen der Rettungsgesellschaft. Sie weiß, wohin er fährt. Wie schnell! +denkt sie ... Es ist wie Zauberei. Einen Moment lang ist ihr, als müßte +sie den Leuten nachrufen, als müßte sie mit, als müßte sie wieder dahin +zurück, woher sie gekommen – einen Moment lang packt sie eine ungeheure +Scham, wie sie sie nie empfunden; und sie weiß, daß sie feig und +schlecht gewesen ist. Aber wie sie das Rollen und Pfeifen immer ferner +verklingen hört, kommt eine wilde Freude über sie, und wie eine +Gerettete eilt sie vorwärts. Leute kommen ihr entgegen; sie hat keine +Angst mehr vor ihnen – das Schwerste ist überstanden. Der Lärm der Stadt +wird deutlich, immer lichter wird es vor ihr; schon sieht sie die +Häuserzeile der Praterstraße, und es ist ihr, als werde sie dort von +einer Flut von Menschen erwartet, in der sie spurlos verschwinden darf. +Wie sie jetzt zu einer Straßenlaterne kommt, hat sie schon die Ruhe, +auf ihre Uhr zu sehen. Es ist zehn Minuten vor neun. Sie hält die Uhr +ans Ohr – sie ist nicht stehen geblieben. Und sie denkt: ich bin +lebendig, gesund ... sogar meine Uhr geht ... und er ... er ... tot ... +Schicksal ... Es ist ihr, als wäre ihr alles verziehen ... als wäre nie +irgendeine Schuld auf ihrer Seite gewesen. Es hat sich erwiesen, ja es +hat sich erwiesen. Sie hört, wie sie diese Worte laut spricht. Und wenn +es das Schicksal anders bestimmt hätte? – Und wenn sie jetzt dort im +Graben läge und er am Leben geblieben wäre? Er wäre nicht geflohen, nein +... er nicht. Nun ja, er ist ein Mann. Sie ist ein Weib – und sie hat +ein Kind und einen Gatten. – Sie hat recht gehabt, – es ist ihre Pflicht +– ja ihre Pflicht. Sie weiß ganz gut, daß sie nicht aus Pflichtgefühl so +gehandelt ... Aber sie hat doch das Rechte getan. Unwillkürlich ... wie +... gute Menschen immer. Jetzt wäre sie schon entdeckt. Jetzt würden die +Ärzte sie fragen. Und Ihr Mann, gnädige Frau? O Gott!... Und die +Zeitungen morgen – und die Familie – sie wäre für alle Zeit vernichtet +gewesen und hätte ihn doch nicht zum Leben erwecken können. Ja, das war +die Hauptsache; für nichts hätte sie sich zugrunde gerichtet. – Sie ist +unter der Eisenbahnbrücke. – Weiter ... weiter ... Hier ist die +Tegethoffsäule, wo die vielen Straßen ineinander laufen. Es sind heute, +an dem regnerischen, windigen Herbstabend wenig Leute mehr im Freien, +aber ihr ist es, als brause das Leben der Stadt mächtig um sie, denn +woher sie kommt, dort war die fürchterlichste Stille. Sie hat Zeit. Sie +weiß, daß ihr Mann heute erst gegen zehn nach Hause kommen wird. – sie +kann sich sogar noch umkleiden. Jetzt fällt es ihr ein, ihr Kleid zu +betrachten. Mit Schrecken merkt sie, daß es über und über beschmutzt +ist. Was wird sie dem Stubenmädchen sagen? Es fährt ihr durch den Kopf, +daß morgen die Geschichte von dem Unglücksfall in allen Zeitungen zu +lesen sein wird. Auch von einer Frau, die mit im Wagen war, und die dann +nicht mehr zu finden war, wird überall zu lesen stehen, und bei diesem +Gedanken bebt sie von neuem – _eine_ Unvorsichtigkeit, und all ihre +Feigheit war umsonst. Aber sie hat den Wohnungsschlüssel bei sich; sie +kann ja selbst aufsperren; – sie wird sich nicht hören lassen. Sie +steigt rasch in einen Fiaker. Schon will sie ihm ihre Adresse angeben, +da fällt ihr ein, daß das vielleicht unklug wäre, und sie ruft ihm +irgendeinen Straßennamen zu, der ihr eben einfällt. Wie sie durch die +Praterstraße fährt, möchte sie gern irgend etwas empfinden, aber sie +kann es nicht; sie fühlt, daß sie nur einen Wunsch hat: zu Hause, in +Sicherheit sein. Alles andere ist ihr gleichgültig. Im Augenblick, da +sie sich entschlossen hat, den Toten allein auf der Straße liegen zu +lassen, hat alles in ihr verstummen müssen, was um ihn klagen und +jammern wollte. Sie kann jetzt nichts mehr empfinden als Sorge um sich. +Sie ist ja nicht herzlos ... o nein!... sie weiß ganz gewiß, es werden +Tage kommen, wo sie verzweifeln wird; vielleicht wird sie daran zugrunde +gehen; aber jetzt ist nichts in ihr als die Sehnsucht, mit trockenen +Augen und ruhig zu Hause am selben Tisch mit ihrem Gatten und ihrem +Kinde zu sitzen. Sie sieht durchs Fenster hinaus. Der Wagen fährt durch +die innere Stadt; hier ist es hell erleuchtet, und ziemlich viele +Menschen eilen vorbei. Da ist ihr plötzlich, als könne alles, was sie in +den letzten Stunden durchlebt, gar nicht wahr sein. Wie ein böser Traum +erscheint es ihr ... unfaßbar als Wirkliches, Unabänderliches. In einer +Seitengasse nach dem Ring läßt sie den Wagen halten, steigt aus, biegt +rasch um die Ecke und nimmt dort einen andern Wagen, dem sie ihre +richtige Adresse angibt. Es kommt ihr vor, als wäre sie jetzt überhaupt +nicht mehr fähig, einen Gedanken zu fassen. Wo ist er jetzt, fährt es +ihr durch den Sinn. Sie schließt die Augen, und sie sieht ihn vor sich +auf einer Bahre liegen, im Krankenwagen – und plötzlich ist ihr, als +sitze sie neben ihm und fahre mit ihm. Und der Wagen beginnt zu +schwanken, und sie hat Angst, daß sie herausgeschleudert werde, wie +damals – und sie schreit auf. Da hält der Wagen. Sie fährt zusammen; sie +ist vor ihrem Haustor. – Rasch steigt sie aus, eilt durch den Flur, mit +leisen Schritten, so daß der Portier hinter seinem Fenster gar nicht +aufschaut, die Treppen hinauf, sperrt leise die Tür auf, um nicht gehört +zu werden ... durchs Vorzimmer in ihr Zimmer – es ist gelungen! Sie +macht Licht, wirft eilig ihre Kleider ab und verbirgt sie wohl im +Schrank. Über Nacht sollen sie trocknen – morgen will sie sie selber +bürsten und reinigen. Dann wäscht sie sich Gesicht und Hände und nimmt +einen Schlafrock um. + +Jetzt klingelt es draußen. Sie hört das Stubenmädchen an die Wohnungstür +kommen und öffnen. Sie hört die Stimme ihres Mannes; sie hört, wie er +den Stock hinstellt. Sie fühlt, daß sie jetzt stark sein müsse, sonst +kann noch immer alles vergeblich gewesen sein. Sie eilt ins +Speisezimmer, so daß sie im selben Augenblick eintritt wie ihr Gatte. + +»Ah, du bist schon zu Haus?« sagt er. + +»Gewiß,« antwortet sie, »schon lang.« + +»Man hat dich offenbar nicht kommen gesehn.« Sie lächelt, ohne sich dazu +zwingen zu müssen. Es macht sie nur sehr müde, daß sie auch lächeln muß. +Er küßt sie auf die Stirn. + +Der Kleine sitzt schon bei Tisch; er hat lang warten müssen, ist +eingeschlafen. Auf dem Teller hat er sein Buch liegen, auf dem offenen +Buch ruht sein Gesicht. Sie setzt sich neben ihn, der Gatte ihr +gegenüber, nimmt eine Zeitung und wirft einen flüchtigen Blick hinein. +Dann legt er sie weg und sagt: »Die anderen sitzen noch zusammen und +beraten weiter.« + +»Worüber?« fragt sie. + +Und er beginnt zu erzählen, von der heutigen Sitzung, sehr lang, sehr +viel. Emma tut, als höre sie zu, nickt zuweilen. + +Aber sie hört nichts, sie weiß nicht, was er spricht, es ist ihr zumute +wie einem, der furchtbaren Gefahren auf wunderbare Weise entronnen ... +sie fühlt nichts als: Ich bin gerettet, ich bin daheim. Und während ihr +Mann immer weiter erzählt, rückt sie ihren Sessel näher zu ihrem Jungen, +nimmt seinen Kopf und drückt ihn an ihre Brust. Eine unsägliche +Müdigkeit überkommt sie – sie kann sich nicht beherrschen, sie fühlt, +daß der Schlummer über sie kommt; sie schließt die Augen. + +Plötzlich fährt ihr eine Möglichkeit durch den Sinn, an die sie seit +dem Augenblick, da sie sich aus dem Graben erhoben hat, nicht mehr +gedacht. Wenn er nicht tot wäre! Wenn er ... Ach nein, es war kein +Zweifel möglich ... Diese Augen ... dieser Mund – und dann ... kein +Hauch von seinen Lippen. – Aber es gibt ja den Scheintod. Es gibt Fälle, +wo sich geübte Blicke irren. Und sie hat gewiß keinen geübten Blick. +Wenn er lebt, wenn er schon wieder zu Bewußtsein gekommen ist, wenn er +sich plötzlich mitten in der Nacht auf der Landstraße allein gefunden +... wenn er nach ihr ruft ... ihren Namen ... wenn er am Ende fürchtet, +sie sei verletzt ... wenn er den Ärzten sagt, hier war eine Frau, sie +muß weiter weggeschleudert worden sein. Und ... und ... ja, was dann? +Man wird sie suchen. Der Kutscher wird zurückkommen vom Franz Josefsland +mit Leuten ... er wird erzählen ... die Frau war ja da, wie ich +fortgegangen bin – und Franz wird ahnen. Franz wird wissen ... er kennt +sie ja so gut ... er wird wissen, daß sie davongelaufen ist, und ein +gräßlicher Zorn wird ihn erfassen, und er wird ihren Namen nennen, um +sich zu rächen. Denn er ist ja verloren ... und es wird ihn so tief +erschüttern, daß sie ihn in seiner letzten Stunde allein gelassen, daß +er rücksichtslos sagen wird: Es war Frau Emma, meine Geliebte ... feig +und dumm zugleich, denn nicht wahr, meine Herren Ärzte, Sie hätten sie +gewiß nicht um ihren Namen gefragt, wenn man Sie um Diskretion ersucht +hätte. Sie hätten sie ruhig gehen lassen, und ich auch, o ja – nur hätte +sie dableiben müssen, bis Sie gekommen sind. Aber da sie so schlecht +gewesen ist, sag ich Ihnen, wer sie ist ... es ist ... Ah! + +»Was hast du?« sagt der Professor sehr ernst, indem er aufsteht. + +»Was ... wie?... Was ist?« + +»Ja, was ist dir denn?« + +»Nichts.« Sie drückt den Jungen fester an sich. + +Der Professor sieht sie lang an. »Weißt du, daß du begonnen hast, +einzuschlummern und –« + +»Und?« + +»Dann hast du plötzlich aufgeschrien.« + +»... So?« + +»Wie man im Traum schreit, wenn man Alpdrücken hat. Hast du geträumt?« + +»Ich weiß nicht. Ich weiß gar nichts.« + +Und sich selbst gegenüber im Wandspiegel sieht sie ein Gesicht, das +lächelt, grausam, und mit verzerrten Zügen. Sie weiß, daß es ihr eigenes +ist, und doch schaudert ihr davor ... Und sie merkt, daß es starr wird, +sie kann den Mund nicht bewegen, sie weiß es: dieses Lächeln wird, +solange sie lebt, um ihre Lippen spielen. Und sie versucht zu schreien. +Da fühlt sie, wie sich zwei Hände auf ihre Schultern legen, und sie +sieht, wie sich zwischen ihr eigenes Gesicht und das im Spiegel das +Antlitz ihres Gatten drängt; seine Augen, fragend und drohend, senken +sich in die ihren. Sie weiß: übersteht sie diese letzte Prüfung nicht, +so ist alles verloren. Und sie fühlt, wie sie wieder stark wird, sie hat +ihre Züge, ihre Glieder in der Gewalt; sie kann in diesem Augenblick mit +ihnen anfangen, was sie will; aber sie muß ihn benützen, sonst ist es +vorbei, und sie greift mit ihren beiden Händen nach denen ihres Gatten, +die noch auf ihren Schultern liegen, zieht ihn zu sich; sieht ihn heiter +und zärtlich an. + +Und während sie die Lippen ihres Mannes auf ihrer Stirn fühlt, denkt +sie: freilich ... ein böser Traum. Er wird es niemandem sagen, wird sich +nie rächen, nie ... er ist tot ... er ist ganz gewiß tot ... und die +Toten schweigen. + +»Warum sagst du das?« hört sie plötzlich die Stimme ihres Mannes. Sie +erschrickt tief. »Was hab ich denn gesagt?« Und es ist ihr, als habe sie +plötzlich alles ganz laut erzählt ... als habe sie die ganze Geschichte +dieses Abends hier bei Tisch mitgeteilt ... und noch einmal fragt sie, +während sie vor seinem entsetzten Blick zusammenbricht: »Was hab ich +denn gesagt?« + +»Die Toten schweigen,« wiederholt ihr Mann sehr langsam. + +»Ja ...« sagt sie, »ja ...« + +Und in seinen Augen liest sie, daß sie ihm nichts mehr verbergen kann, +und lange sehn die beiden einander an. »Bring den Buben zu Bett,« sagt +er dann zu ihr; »ich glaube, du hast mir noch etwas zu erzählen ...« + +»Ja,« sagt sie. + +Und sie weiß, daß sie diesem Manne, den sie durch Jahre betrogen hat, im +nächsten Augenblick die ganze Wahrheit sagen wird. + +Und während sie mit ihrem Jungen langsam durch die Tür schreitet, immer +die Augen ihres Gatten auf sich gerichtet fühlend, kommt eine große Ruhe +über sie, als würde vieles wieder gut ................ + + + + +Die Weissagung + + +1 + +Unweit von Bozen, auf einer mäßigen Höhe, im Walde wie versunken und von +der Landstraße aus kaum sichtbar, liegt die kleine Besitzung des +Freiherrn von Schottenegg. Ein Freund, der seit zehn Jahren als Arzt in +Meran lebt und dem ich im Herbste dort wieder begegnete, hatte mich mit +dem Freiherrn bekannt gemacht. Dieser war damals fünfzig Jahre alt und +dilettierte in mancherlei Künsten. Er komponierte ein wenig, war tüchtig +auf Violine und Klavier, auch zeichnete er nicht übel. Am ernstesten +aber hatte er in früherer Zeit die Schauspielerei getrieben. Wie es +hieß, war er als ganz junger Mensch unter angenommenem Namen ein paar +Jahre lang auf kleinen Bühnen draußen im Reiche umhergezogen. Ob nun der +dauernde Widerstand des Vaters, unzureichende Begabung oder mangelndes +Glück der Anlaß war, jedenfalls hatte der Freiherr diese Laufbahn früh +genug aufgegeben, um noch ohne erhebliche Verspätung in den Staatsdienst +treten zu können und damit dem Beruf seiner Vorfahren zu folgen, den er +dann auch zwei Jahrzehnte hindurch treu, wenn auch ohne Begeisterung +erfüllte. Aber als er, kaum über vierzig Jahre alt, gleich nach dem Tode +des Vaters, das Amt verließ, sollte sich erst zeigen, mit welcher Liebe +er an dem Gegenstand seiner jugendlichen Träume noch immer hing. Er ließ +die Villa auf dem Abhang des Guntschnaberges instand setzen und +versammelte dort, insbesondere zur Sommers- und Herbstzeit, einen +allmählich immer größer werdenden Kreis von Herren und Damen, die +allerlei leicht zu agierende Schauspiele oder lebende Bilder vorführten. +Seine Frau, aus einer alten Tiroler Bürgerfamilie, ohne wirkliche +Anteilnahme an künstlerischen Dingen, aber klug und ihrem Gatten mit +kameradschaftlicher Zärtlichkeit zugetan, sah seiner Liebhaberei mit +einigem Spotte zu, der sich aber um so gutmütiger anließ, als das +Interesse des Freiherrn ihren eigenen geselligen Neigungen entgegenkam. +Die Gesellschaft, die man im Schlosse antraf, mochte strengen +Beurteilern nicht gewählt genug erscheinen, aber auch Gäste, die sonst +nach Geburt und Erziehung zu Standesvorurteilen geneigt waren, nahmen +keinerlei Anstoß an der zwanglosen Zusammensetzung eines Kreises, die +durch die dort geübte Kunst genügend gerechtfertigt schien und von dem +überdies der Name und Ruf des freiherrlichen Paares jeden Verdacht +freierer Sitten durchaus fernhielt. Unter manchen anderen, deren ich +mich nicht mehr entsinne, begegnete ich auf dem Schlosse einem jungen +Grafen von der Innsbrucker Bezirkshauptmannschaft, einem Jägeroffizier +aus Riva, einem Generalstabshauptmann mit Frau und Tochter, einer +Operettensängerin aus Berlin, einem Bozener Likörfabrikanten mit zwei +Söhnen, dem Baron Meudolt, der damals eben von seiner Weltreise +zurückgekommen war, einem pensionierten Hofschauspieler aus Bückeburg, +einer verwitweten Gräfin Saima, die als junges Mädchen Schauspielerin +gewesen war, mit ihrer Tochter, und dem dänischen Maler Petersen. + +Im Schlosse selbst wohnten nur die wenigsten Gäste. Einige nahmen in +Bozen Quartier, andere in einem bescheidenen Gasthof, der unten an der +Wegscheide lag, wo eine schmälere Straße nach dem Gute abzweigte. Aber +meist in den ersten Nachmittagsstunden war der ganze Kreis oben +versammelt, und dann wurden, manchmal unter der Leitung des ehemaligen +Hofschauspielers, zuweilen unter der des Freiherrn, der selbst niemals +mitwirkte, bis in die späten Abendstunden Proben abgehalten, anfangs +unter Scherzen und Lachen, allmählich aber mit immer größerem Ernste, +bis der Tag der Vorstellung herannahte, und je nach Witterung, Laune, +Vorbereitung, möglichst mit Rücksicht auf den Schauplatz der Handlung, +entweder auf dem an den Wald grenzenden Wiesenplatz hinter dem +Schloßgärtchen oder in dem ebenerdigen Saal mit den drei großen +Bogenfenstern die Aufführung stattfand. + +Als ich das erstemal den Freiherrn besuchte, hatte ich keinen anderen +Vorsatz, als an einem neuen Ort unter neuen Menschen einen heiteren Tag +zu verbringen. Aber wie das so kommt, wenn man ohne Ziel und in +vollkommener Freiheit umherstreift, und überdies bei allmählich +schwindender Jugend keinerlei Beziehungen bestehen, die lebhafter in die +Heimat zurückrufen, ließ ich mich vom Freiherrn zu längerem Bleiben +bereden. Aus dem einen Tag wurden zwei, drei und mehr, und so, zu meiner +eignen Verwunderung wohnte ich bis tief in den Herbst oben auf dem +Schlößchen, wo mir in einem kleinen Turm ein sehr wohnlich +ausgestattetes Zimmer mit dem Blick ins Tal eingeräumt war. Dieser erste +Aufenthalt auf dem Guntschnaberg wird für mich stets eine angenehme und, +trotz aller Lustigkeit und alles Lärms um mich herum, sehr stille +Erinnerung bleiben, da ich mit keinem der Gäste anders als flüchtig +verkehrte und überdies einen großen Teil meiner Zeit, zu Nachdenken und +Arbeit gleichermaßen angeregt, auf einsamen Waldspaziergängen +verbrachte. Auch der Umstand, daß der Freiherr aus Höflichkeit einmal +eines meiner kleinen Stücke darstellen ließ, störte die Ruhe meines +Aufenthaltes nicht, da niemand von meiner Eigenschaft als Verfasser +Notiz nahm. Vielmehr bedeutete mir dieser Abend ein höchst anmutiges +Erlebnis, da mit dieser Aufführung auf grünem Rasen, unter freiem Himmel +ein bescheidener Traum meiner Jugendjahre so spät als unerwartet in +Erfüllung ging. + +Die lebhafte Bewegung im Schlosse ließ allmählich nach, der Urlaub der +Herren, die in einem Berufe standen, war großenteils abgelaufen, und nur +manchmal kam Besuch von Freunden, die in der Nähe ansässig waren. Erst +jetzt gewann ich selbst zu dem Freiherrn ein näheres Verhältnis und fand +bei ihm zu einiger Überraschung mehr Selbstbescheidung, als sie +Dilettanten sonst eigen zu sein pflegt. Er täuschte sich keineswegs +darüber, daß das, was auf seinem Schlosse getrieben wurde, nichts +anderes war, als eine höhere Art von Gesellschaftsspiel. Aber da es ihm +im Gange seines Lebens versagt geblieben war, in eine dauernde und +ernsthafte Beziehung zu seiner geliebten Kunst zu treten, so ließ er +sich an dem Schimmer genügen, der wie aus entlegenen Fernen über das +harmlose Theaterwesen im Schlosse geglänzt kam, und freute sich +überdies, daß hier von mancher Erbärmlichkeit, die das Berufliche doch +überall mit sich bringt, kein Hauch zu spüren war. + +Auf einem unserer Spaziergänge sprach er ohne jede Zudringlichkeit den +Einfall aus, einmal auf seiner Bühne im Freien ein Stück dargestellt zu +sehen, das schon in Hinblick auf den unbegrenzten Raum und auf die +natürliche Umgebung geschaffen wäre. Diese Bemerkung kam einem Plan, den +ich seit einiger Zeit in mir trug, so ungezwungen entgegen, daß ich dem +Freiherrn versprach, seinen Wunsch zu erfüllen. + +Bald darauf verließ ich das Schloß. + +In den ersten Tagen des nächsten Frühlings schon sandte ich mit +freundlichen Worten der Erinnerung an die schönen Tage des vergangenen +Herbstes dem Freiherrn ein Stück, wie es den Forderungen der Gelegenheit +wohl entsprechen mochte. Bald darauf traf die Antwort ein, die den Dank +des Freiherrn und eine herzliche Einladung für den kommenden Herbst +enthielt. Ich verbrachte den Sommer im Gebirge, und in den ersten +Septembertagen bei einbrechender kühler Witterung reiste ich an den +Gardasee, ohne daran zu denken, daß ich nun dem Schlosse des Freiherrn +von Schottenegg recht nahe war. Ja mir ist heute, als hätte ich zu +dieser Zeit das kleine Schloß und alles dortige Treiben völlig vergessen +gehabt. Da erhielt ich am 8. September aus Wien ein Schreiben des +Freiherrn nachgesandt. Dieses sprach ein gelindes Erstaunen aus, daß ich +nichts von mir hören ließe, und enthielt die Mitteilung, daß am 9. +September die Aufführung des kleinen Stückes stattfände, das ich ihm im +Frühling übersandt hatte und bei der ich keineswegs fehlen dürfte. +Besonderes Vergnügen versprach mir der Freiherr von den Kindern, die in +dem Stück beschäftigt waren und die es sich jetzt schon nicht nehmen +ließen, auch außerhalb der Probezeit in ihren zierlichen Kostümen +umherzulaufen und auf dem Rasen zu spielen. Die Hauptrolle – so schrieb +er weiter – sei nach einer Reihe von Zufälligkeiten an seinen Neffen, +Herrn Franz von Umprecht, übergegangen, der – wie ich mich gewiß noch +erinnere – im vorigen Jahre nur zweimal in lebenden Bildern mitgewirkt +habe, der aber nun auch als Schauspieler ein überraschendes Talent +erweise. + +Ich reiste ab, war abends in Bozen und kam am Tage der Vorstellung im +Schlosse an, wo mich der Freiherr und seine Frau freundlich empfingen. +Auch andere Bekannte hatte ich zu begrüßen: den pensionierten +Hofschauspieler, die Gräfin Saima mit Tochter, Herrn von Umprecht und +seine schöne Frau; sowie die vierzehnjährige Tochter des Försters, die +zu meinem Stücke den Prolog sprechen sollte. Für den Nachmittag wurde +große Gesellschaft erwartet und abends bei der Vorstellung sollten mehr +als hundert Zuschauer anwesend sein, nicht nur persönliche Gäste des +Freiherrn, sondern auch Leute aus der Gegend ringsum, denen heute, wie +schon öfter, der Zugang zu dem Bühnenplatz freistand. Überdies war +diesmal auch ein kleines Orchester engagiert, aus Berufsmusikern einer +Bozener Kapelle und einigen Dilettanten bestehend, die eine Ouvertüre +von Weber und überdies eine Zwischenaktsmusik exekutieren sollten, welch +letztere der Freiherr selbst komponiert hatte. + +Man war bei Tisch sehr heiter, nur Herr von Umprecht schien mir etwas +stiller als die anderen. Anfangs hatte ich mich seiner kaum entsinnen +können, und es fiel mir auf, daß er mich sehr oft, manchmal mit +Sympathie, dann wieder etwas scheu ansah, ohne je das Wort an mich zu +richten. Allmählich wurde mir der Ausdruck seines Gesichtes bekannter, +und plötzlich erinnerte ich mich, daß er voriges Jahr in einem der +lebenden Bilder mit aufgestützten Armen in Mönchstracht vor einem +Schachbrett gesessen war. Ich fragte ihn, ob ich mich nicht irrte. Er +wurde beinahe verlegen, als ich ihn ansprach; der Freiherr antwortete +für ihn und machte dann eine lächelnde Bemerkung über das neuentdeckte +schauspielerische Talent seines Neffen. Da lachte Herr von Umprecht in +einer ziemlich sonderbaren Weise vor sich hin, dann warf er rasch einen +Blick zu mir herüber, der eine Art von Einverständnis zwischen uns +beiden auszudrücken schien und den ich mir durchaus nicht erklären +konnte. Aber von diesem Augenblick an vermied er es wieder, mich +anzusehen. + + +2 + +Bald nach Tisch hatte ich mich auf mein Zimmer zurückgezogen. Da stand +ich wieder am offenen Fenster, wie ich so oft im vorigen Jahre getan, +und freute mich des anmutigen Blickes hinunter in das sonnenglänzende +Tal, das, eng zu meinen Füßen, allmählich sich dehnte und in der Ferne +sich völlig aufschloß, um Stadt und Fluren in sich aufzunehmen. + +Nach einer kurzen Weile klopfte es. Herr von Umprecht trat ein, blieb an +der Tür stehen und sagte mit einiger Befangenheit: »Ich bitte um +Verzeihung, wenn ich Sie störe.« Dann trat er näher und fuhr fort: »Aber +sobald Sie mir eine Viertelstunde Gehör geschenkt haben, davon bin ich +überzeugt, werden Sie meinen Besuch für genügend entschuldigt halten.« + +Ich lud Herrn von Umprecht zum Sitzen ein, er achtete nicht darauf, +sondern fuhr mit Lebhaftigkeit fort: »Ich bin nämlich in der seltsamsten +Art Ihr Schuldner geworden und fühle mich verpflichtet, Ihnen zu +danken.« + +Da mir natürlich nichts anderes beifallen konnte, als daß sich diese +Worte des Herrn von Umprecht auf seine Rolle bezögen und sie mir +allzuhöflich schienen, so versuchte ich abzuwehren. Doch Umprecht +unterbrach mich sofort: »Sie können nicht wissen, wie meine Worte +gemeint sind. Darf ich Sie bitten, mich anzuhören?« Er setzte sich auf +das Fensterbrett, kreuzte die Beine, und, mit offenbarer Absichtlichkeit +so ruhig als möglich scheinend, begann er: »Ich bin jetzt Gutsbesitzer, +wie Sie vielleicht wissen, bin aber früher Offizier gewesen. Und zu +jener Zeit, vor zehn Jahren – _heute_ vor zehn Jahren – begegnete mir +das unbegreifliche Abenteuer, unter dessen Schatten ich gewissermaßen +bis heute gelebt habe und das heute durch Sie ohne Ihr Wissen und Zutun +seinen Abschluß findet. Zwischen uns beiden besteht nämlich ein +dämonischer Zusammenhang, den Sie wahrscheinlich so wenig werden +aufklären können wie ich; aber Sie sollen wenigstens von seinem +Vorhandensein erfahren. – Mein Regiment lag damals in einem öden +polnischen Nest. An Zerstreuungen gab es außer dem Dienst, der nicht +immer anstrengend genug war, nur Trunk und Spiel. Überdies hatte man die +Möglichkeit vor Augen, jahrelang hier festsitzen zu müssen, und nicht +alle von uns verstanden es, ein Leben in dieser trostlosen Aussicht mit +Fassung zu tragen. Einer meiner besten Freunde hat sich im dritten Monat +unseres dortigen Aufenthalts erschossen. Ein anderer Kamerad, früher der +liebenswürdigste Offizier, fing plötzlich an, ein arger Trinker zu +werden, wurde unmanierlich, aufbrausend, nahezu unzurechnungsfähig und +hatte irgendeinen Auftritt mit einem Advokaten, der ihn seine Charge +kostete. Der Hauptmann meiner Kompanie war verheiratet und, ich weiß +nicht, ob mit oder ohne Grund, so eifersüchtig, daß er seine Frau eines +Tages zum Fenster hinunterwarf. Sie blieb rätselhafterweise heil und +gesund; der Mann starb im Irrenhause. Einer unserer Kadetten, bis dahin +ein sehr lieber, aber ausnehmend dummer Junge, bildete sich plötzlich +ein, Philosophie zu verstehen, studierte Kant und Hegel und lernte ganze +Partien aus deren Werken auswendig, wie Kinder die Fibel. Was mich +anbelangt, so tat ich nichts als mich langweilen, und zwar in einer so +ungeheuerlichen Weise, daß ich an manchen Nachmittagen, wenn ich auf +meinem Bette lag, fürchtete, verrückt zu werden. Unsere Kaserne lag +außerhalb des Dorfes, das aus höchstens dreißig verstreuten Hütten +bestand; die nächste Stadt, eine gute Reitstunde entfernt, war +schmierig, widerwärtig, stinkend und voll von Juden. Notgedrungen hatten +wir manchmal mit ihnen zu tun – der Hotelier war ein Jude, der Cafetier, +der Schuster desgleichen. Daß wir uns möglichst beleidigend gegen sie +benahmen, das können Sie sich denken. Wir waren besonders gereizt gegen +dieses Volk, weil ein Prinz, der unserem Regiment als Major zugeteilt +war, den Gruß der Juden – ob nun aus Scherz oder aus Vorliebe, weiß ich +nicht – mit ausgesuchter Höflichkeit erwiderte und überdies mit +auffallender Absichtlichkeit unseren Regimentsarzt protegierte, der ganz +offenbar von Juden abstammte. Das würde ich Ihnen natürlich nicht +erzählen, wenn nicht gerade diese Laune des Prinzen mich mit demjenigen +Menschen zusammengeführt hätte, der in so geheimnisvoller Weise die +Verbindung zwischen Ihnen und mir herzustellen berufen war. Es war ein +Taschenspieler, und zwar der Sohn eines Branntweinjuden aus dem +benachbarten polnischen Städtchen. Er war als junger Bursche in ein +Geschäft nach Lemberg, dann nach Wien gekommen und hatte einmal irgend +jemandem einige Kartenkunststücke abgelernt. Er bildete sich auf eigene +Faust weiter aus, eignete sich allerlei andere Taschenspielereien an und +brachte es allmählich so weit, daß er in der Welt umherziehen und sich +auf Varietébühnen oder in Vereinen mit Erfolg produzieren konnte. Im +Sommer kam er immer in seine Vaterstadt, um die Eltern zu besuchen. Dort +trat er nie öffentlich auf, und so sah ich ihn zuerst auf der Straße, wo +er mir durch seine Erscheinung augenblicklich auffiel. Er war ein +kleiner, magerer, bartloser Mensch, der damals etwa dreißig Jahre alt +sein mochte, mit einer vollkommen lächerlichen Eleganz gekleidet, die +zur Jahreszeit gar nicht paßte: er spazierte in einem schwarzen Gehrock +und mit gebügeltem Zylinder herum und trug Westen vom herrlichsten +Brokat; bei starkem Sonnenschein hatte er einen dunklen Zwicker auf der +Nase. + +Einmal saßen wir unser fünfzehn oder sechzehn nach dem Abendessen im +Kasino an unserem langen Tisch wie gewöhnlich. Es war eine schwüle +Nacht, und die Fenster standen offen. Einige Kameraden hatten zu spielen +begonnen, andere lehnten am Fenster und plauderten, wieder andere +tranken und rauchten schweigend. Da trat der Korporal vom Tage ein und +meldete die Ankunft des Taschenspielers. Wir waren zuerst einigermaßen +erstaunt. Aber ohne weiteres abzuwarten, trat der Gemeldete in guter +Haltung ein und sprach in leichtem Jargon einige einleitende Worte, mit +denen er sich für die an ihn ergangene Einladung bedankte. Er wandte +sich dabei an den Prinzen, der auf ihn zutrat und ihm – natürlich +ausschließlich, um uns zu ärgern – die Hand schüttelte. Der +Taschenspieler nahm das wie selbstverständlich hin und bemerkte dann, er +werde zuerst einige Kartenkunststücke zeigen, um sich hierauf im +Magnetismus und in der Chiromantie zu produzieren. Er hatte kaum zu Ende +gesprochen, als einige unserer Herren, die in einer Ecke beim +Kartenspiel saßen, merkten, daß ihnen die Figuren fehlten: auf einen +Wink des Zauberers kamen sie aber durch das geöffnete Fenster +hereingeflogen. Auch die Kunststücke, die er folgen ließ, unterhielten +uns sehr und übertrafen so ziemlich alles, was ich auf diesem Gebiete +gesehen hatte. Noch sonderbarer erschienen mir die magnetischen +Experimente, die er dann vollführte. Nicht ohne Grauen sahen wir alle +zu, wie der philosophische Kadett, in Schlaf versetzt, den Befehlen des +Zauberers gehorchend, zuerst durchs offene Fenster sprang, die glatte +Mauer bis zum Dach hinaufkletterte, oben knapp am Rand um das ganze +Viereck herumeilte und sich dann in den Hof hinabgleiten ließ. Als er +wieder unten stand, noch immer im schlafenden Zustand, sagte der Oberst +zu dem Zauberer: »Sie, wenn er sich den Hals gebrochen hätte, ich +versichere Sie, Sie wären nicht lebendig aus der Kaserne gekommen.« Nie +werde ich den Blick voll Verachtung vergessen, mit dem der Jude diese +Bemerkung wortlos erwiderte. Dann sagte er langsam: »Soll ich Ihnen aus +der Hand lesen, Herr Oberst, wann Sie tot oder lebendig diese Kaserne +verlassen werden?« Ich weiß nicht, was der Oberst oder wir anderen ihm +auf diese verwegene Bemerkung sonst entgegnet hätten – aber die +allgemeine Stimmung war schon so wirr und erregt, daß sich keiner +wunderte, als der Oberst dem Taschenspieler die Hand hinreichte und, +dessen Jargon nachahmend, sagte: »Nu, lesen Sie.« Dies alles ging im Hof +vor sich, und der Kadett stand noch immer schlafend mit ausgestreckten +Armen wie ein Gekreuzigter an der Wand. Der Zauberer hatte die Hand des +Obersten ergriffen und studierte aufmerksam die Linien. »Siehst du +genug, Jud?« fragte ein Oberleutnant, der ziemlich betrunken war. Der +Gefragte sah sich flüchtig um und sagte ernst: »Mein Künstlername ist +Marco Polo.« Der Prinz legte dem Juden die Hand auf die Schulter und +sagte: »Mein Freund Marco Polo hat scharfe Augen.« – »Nun, was sehen +Sie?« fragte der Oberst höflicher. »Muß ich reden?« fragte Marco Polo. +»Wir können Sie nicht zwingen,« sagte der Prinz. »Reden Sie!« rief der +Oberst. »Ich möcht lieber nicht reden,« erwiderte Marco Polo. Der Oberst +lachte laut. »Nur heraus, es wird nicht so arg sein. Und wenn es arg +ist, muß es auch noch nicht wahr sein.« – »Es ist sehr arg,« sagte der +Zauberer, »und wahr ist es auch.« Alle schwiegen. »Nun?« fragte der +Oberst. »Von Kälte werden Sie nichts mehr zu leiden haben,« erwiderte +Marco Polo. »Wie?« rief der Oberst aus, »kommt unser Regiment also +endlich nach Riva?« – »Vom Regiment les’ ich nichts, Herr Oberst. Ich +seh nur, daß sie im Herbst sein werden ein toter Mann.« Der Oberst +lachte, aber alle anderen schwiegen; ich versichere Sie, uns allen war, +als ob der Oberst in diesem Augenblick gezeichnet worden wäre. Plötzlich +lachte irgendeiner absichtlich sehr laut, andere taten ihm nach, und +lärmend und lustig ging es zurück ins Kasino. »Nun,« rief der Oberst, +»mit mir wär’s in Ordnung. Ist keiner von den anderen Herren neugierig?« +Einer rief wie zum Scherz: »Nein, wir wünschen nichts zu erfahren.« Ein +anderer fand plötzlich, daß man gegen diese Art, sich das Schicksal +vorhersagen zu lassen, aus religiösen Gründen eingenommen sein müßte, +und ein junger Leutnant erklärte heftig, man sollte Leute wie Marco Polo +auf Lebenszeit einsperren. Den Prinzen sah ich mit einem unserer älteren +Herren rauchend in einer Ecke stehen und hörte ihn sagen: »Wo fängt das +Wunder an?« Indessen trat ich zu Marco Polo hin, der sich eben zum +Fortgehen bereitete, und sagte zu ihm, ohne daß es jemand hörte. +»Prophezeien Sie mir.« Er griff wie mechanisch nach meiner Hand. Dann +sagte er: »Hier sieht man schlecht.« Ich merkte, daß die Öllampen zu +flackern begonnen hatten und daß die Linien meiner Hand zu zittern +schienen. »Kommen Sie hinaus, Herr Leutnant, in den Hof. Mir is lieber +bei Mondschein.« Er hielt mich an der Hand, und ich folgte ihm durch die +offene Tür ins Freie. + +Mir kam plötzlich ein sonderbarer Gedanke. »Hören Sie, Marco Polo,« +sagte ich, »wenn Sie nichts anderes können als das, was Sie eben an +unserem Herrn Oberst gezeigt haben, dann lassen wir’s lieber.« Ohne +weiteres ließ der Zauberer meine Hand los und lächelte. »Der Herr +Leutnant haben Angst.« Ich wandte mich rasch um, ob uns niemand gehört +hätte; aber wir waren schon durch das Kasernentor geschritten und +befanden uns auf der Landstraße, die der Stadt zuführte. »Ich wünsche +etwas Bestimmteres zu wissen,« sagte ich, »das ist es. Worte lassen sich +immer in verschiedener Weise auslegen.« Marco Polo sah mich an. »Was +wünschen der Herr Leutnant?... Vielleicht das Bild von der künftigen +Frau Gemahlin?« – »Könnten Sie das?« Marco Polo zuckte die Achseln. »Es +könnte sein ... es wär möglich ...« – »Aber das will ich nicht,« +unterbrach ich ihn. »Ich möchte wissen, was später einmal, zum Beispiel +in zehn Jahren, mit mir los sein wird.« Marco Polo schüttelte den Kopf. +»Das kann ich nicht sagen ... aber was anderes kann ich vielleicht.« – +»Was?« – »Irgendeinen Augenblick, Herr Leutnant, aus Ihrem künftigen +Leben könnte ich Ihnen zeigen wie ein Bild.« Ich verstand ihn nicht +gleich. »Wie meinen Sie das?« – »So mein ich das: ich kann einen Moment +aus Ihrem künftigen Leben hineinzaubern in die Welt, mitten in die +Gegend, wo wir gerade stehen.« – »Wie?« – »Der Herr Leutnant müssen mir +nur sagen, was für einen.« Ich begriff ihn nicht ganz, aber ich war +höchst gespannt. »Gut,« sagte ich, »wenn Sie das können, so will ich +sehen, was heut in zehn Jahren in derselben Sekunde mit mir geschehen +wird ... Verstehen Sie mich, Marco Polo?« – »Gewiß, Herr Leutnant,« +sagte Marco Polo und sah mich starr an. Und schon war er fort ... aber +auch die Kaserne war fort, die ich eben noch im Mondschein hatte glänzen +sehen – fort die armen Hütten, die in der Ebene verstreut und +mondbeglänzt gelegen waren – und ich sah mich selbst, wie man sich +manchmal im Traume selber sieht ... sah mich um zehn Jahre gealtert, mit +einem braunen Vollbart, eine Narbe auf der Stirn, auf einer Bahre +hingestreckt, mitten auf einer Wiese – an meiner Seite kniend eine +schöne Frau mit rotem Haar, die Hand vor dem Antlitz, einen Knaben und +ein Mädchen neben mir, dunklen Wald im Hintergrund und zwei Jagdleute +mit Fackeln in der Nähe ... Sie staunen – nicht wahr, Sie staunen?« + +Ich staunte in der Tat, denn das, was er mir hier schilderte, war genau +das Bild, mit welchem mein Stück heute abend um zehn Uhr schließen und +in dem er den sterbenden Helden spielen sollte. »Sie zweifeln,« fuhr +Herr von Umprecht fort, »und ich bin fern davon, es Ihnen übel zu +nehmen. Aber mit Ihrem Zweifel soll es gleich ein Ende haben.« + +Herr von Umprecht griff in seine Rocktasche und zog ein verschlossenes +Kuwert heraus. »Bitte, sehen Sie, was auf der Rückseite steht.« Ich las +laut: »Notariell verschlossen am 14. Januar 1859, zu eröffnen am 9. +September 1868.« Darunter stand die Namenszeichnung des mir persönlich +wohlbekannten Notars Doktor Artiner in Wien. + +»Das ist heute,« sagte Herr von Umprecht. »Und heute sind es eben zehn +Jahre, daß mir das rätselhafte Abenteuer mit Marco Polo begegnete, das +sich nun auf diese Weise löst, ohne sich aufzuklären. Denn von Jahr zu +Jahr, als triebe ein launisches Schicksal sein Spiel mit mir, schwankten +die Erfüllungsmöglichkeiten für jene Prophezeiung in der seltsamsten +Weise, schienen manchmal zu drohender Wahrscheinlichkeit zu werden, +verschwanden in nichts, wurden zu unerbittlicher Gewißheit, +verflatterten, kamen wieder ... Aber lassen Sie mich nun zu meinem +Berichte zurückkommen. Die Erscheinung selbst hatte gewiß nicht länger +gedauert als einen Augenblick; denn noch klang von der Kaserne her das +gleiche laute Auflachen des Oberleutnants an mein Ohr, das ich gehört +hatte, ehe die Erscheinung aufgestiegen war. Und nun stand auch Marco +Polo wieder vor mir, mit einem Lächeln um die Lippen, von dem ich nicht +sagen kann, ob es schmerzlich oder höhnisch sein sollte, nahm den +Zylinder ab, sagte: »Guten Abend, Herr Leutnant, ich hoffe, Sie sind +zufrieden gewesen,« wandte sich um und ging langsam auf der Landstraße +vorwärts in der Richtung der Stadt. Er ist übrigens am nächsten Tage +abgereist. + +Mein erster Gedanke, als ich der Kaserne wieder zuging, war, daß es sich +um eine Geistererscheinung gehandelt haben mußte, die Marco Polo, +vielleicht von einem unbekannten Gehilfen unterstützt, mittels +irgendwelcher Spiegelungen hervorzubringen imstande gewesen war. Als ich +durch den Hof kam, sah ich zu meinem Entsetzen den Kadetten noch immer +in der Stellung eines Gekreuzigten an der Mauer lehnen. Man hatte seiner +offenbar vollkommen vergessen. Die anderen hörte ich drin in der +höchsten Erregung reden und streiten. Ich packte den Kadetten beim Arm, +er wachte sofort auf, war nicht im geringsten verwundert und konnte sich +nur die Erregung nicht erklären, in welcher sich alle Herren des +Regiments befanden. Ich selbst mischte mich gleich mit einer Art von +Grimm in die aufgeregte, aber hohle Unterhaltung, die sich über die +Seltsamkeiten, deren Zeugen wir gewesen, entwickelt hatte, und redete +wohl nicht klüger als die anderen. Plötzlich schrie der Oberst: »Nun, +meine Herren, ich wette, daß ich noch das nächste Frühjahr erlebe! +Fünfundvierzig zu eins!« Und er wandte sich zu einem unserer Herren, +einem Oberleutnant, der eines gewissen Rufes als Spieler und Wetter +genoß. »Nichts zu machen?« Obzwar es klar war, daß der Angeredete der +Versuchung schwer widerstand, so schien er es doch unziemlich zu finden, +eine Wette auf den Tod seines Obersten mit diesem selbst abzuschließen, +und so schwieg er lächelnd. Wahrscheinlich hat er es bedauert. Denn +schon nach vierzehn Tagen, am zweiten Morgen der großen Kaisermanöver, +stürzte unser Oberst vom Pferde und blieb auf der Stelle tot. Und bei +dieser Gelegenheit merkten wir alle, daß wir es gar nicht anders +erwartet hatten. Ich aber begann erst von jetzt an mit einer gewissen +Unruhe an die nächtliche Prophezeiung zu denken, von der ich in einer +sonderbaren Scheu niemandem Mitteilung gemacht hatte. Erst zu +Weihnachten, anläßlich einer Urlaubsreise nach Wien, eröffnete ich mich +einem Kameraden, einem gewissen Friedrich von Gulant – Sie haben +vielleicht von ihm gehört, er hat hübsche Verse gemacht und ist sehr +jung gestorben ... Nun, der war es, der mit mir zusammen das Schema +entwarf, das Sie in diesem Umschlag eingeschlossen finden werden. Er war +nämlich der Ansicht, daß solche Vorfälle für die Wissenschaft nicht +verloren gehen dürften, ob sich nun am Ende ihre Voraussetzungen als +wahr oder falsch herausstellten. Mit ihm bin ich bei Doktor Artiner +gewesen, vor dessen Augen das Schema in diesem Kuwert verschlossen +wurde. In der Kanzlei des Notars war es bisher aufbewahrt, und gestern +erst ist es, meinem Wunsche gemäß, mir zugestellt worden. Ich will es +gestehen: der Ernst, mit dem Gulant die Sache behandelte, hatte mich +anfangs ein wenig verstimmt; aber als ich ihn nicht mehr sah und +besonders, als er kurz darauf starb, fing die ganze Geschichte an, mir +sehr lächerlich vorzukommen. Vor allem war es mir klar, daß ich mein +Schicksal vollkommen in der Hand hatte. Nichts in der Welt konnte mich +dazu zwingen, am 9. September 1868, abends zehn Uhr, mit einem braunen +Vollbart auf einer Bahre zu liegen; Wald- und Wiesenlandschaft konnte +ich vermeiden, auch brauchte ich nicht eine Frau mit roten Haaren zu +heiraten und Kinder zu bekommen. Das einzige, dem ich vielleicht nicht +ausweichen konnte, war ein Unfall, etwa ein Duell, von dem mir die Narbe +auf der Stirn zurückbleiben konnte. Ich war also fürs erste beruhigt. – +Ein Jahr nach jener Weissagung heiratete ich Fräulein von Heimsal, meine +jetzige Gattin; bald darauf quittierte ich den Dienst und widmete mich +der Landwirtschaft. Ich besichtigte verschiedene kleinere Güter und – so +komisch es klingen mag – ich achtete darauf, daß sich womöglich +innerhalb dieser Besitzungen keine Partie zeigte, die dem Rasenplatz +jenes Traumes (wie ich den Inhalt jener Erscheinung bei mir zu nennen +liebte) gleichen könnte. Ich war schon daran, einen Kauf abzuschließen, +als meine Frau eine Erbschaft machte, und uns dadurch eine Besitzung in +Kärnten mit einer schönen Jagd zufiel. Beim ersten Durchwandern des +neuen Gebietes gelangte ich zu einer Wiesenpartie, die, von Wald +begrenzt und leicht gesenkt, mir in eigentümlicher Art der Örtlichkeit +zu gleichen schien, vor der mich zu hüten ich vielleicht allen Anlaß +hatte. Ich erschrak ein wenig. Meiner Frau hatte ich von der +Prophezeiung nichts erzählt; sie ist so abergläubisch, daß ich ihr mit +meinem Geständnis gewiß das ganze Leben bis zum heutigen Tage« – er +lächelte wie befreit – »vergiftet hätte. So konnte ich ihr natürlich +auch meine Bedenken nicht mitteilen. Aber mich selbst beruhigte ich mit +der Überlegung, daß ich ja keineswegs den September 1868 auf meinem Gute +zubringen müßte. – Im Jahre 1860 wurde mir ein Knabe geboren. Schon in +seinen ersten Lebensjahren glaubte ich, in seinen Zügen Ähnlichkeit mit +den Zügen des Knaben aus dem Traume zu entdecken; bald schien sie sich +zu verwischen, bald wieder sprach sie sich deutlicher aus – und heute +darf ich mir ja selbst gestehen, daß der Knabe, der heute abends um zehn +an meiner Bahre stehen wird, dem Knaben der Erscheinung aufs Haar +gleicht. – Eine Tochter habe ich nicht. Da ereignete es sich vor drei +Jahren, daß die verwitwete Schwester meiner Frau, die bisher in Amerika +gelebt hatte, starb und ein Töchterchen hinterließ. Auf Bitten meiner +Frau fuhr ich über das Meer, holte das Mädchen ab, um es bei uns im +Hause aufzunehmen. Als ich es zum erstenmal erblickte, glaubte ich zu +merken, daß es dem Mädchen aus dem Traume vollkommen gliche. Der Gedanke +fuhr mir durch den Kopf, das Kind in dem fremden Lande bei fremden +Leuten zu lassen. Natürlich wies ich diesen unedlen Einfall gleich +wieder von mir, und wir nahmen das Kind in unserem Hause auf. Wieder +beruhigte ich mich vollkommen, trotz der zunehmenden Ähnlichkeit der +Kinder mit den Kindern jener prophetischen Erscheinung, denn ich bildete +mir ein, daß die Erinnerung an die Kindergesichter des Traumes mich doch +vielleicht trügen mochte. Mein Leben floß eine Zeitlang in vollkommener +Ruhe hin. Ja ich hatte beinahe aufgehört, an jenen sonderbaren Abend in +dem polnischen Nest zu denken, als ich vor zwei Jahren durch eine neue +Warnung des Schicksals in begreiflicher Weise erschüttert wurde. Ich +hatte auf ein paar Monate verreisen müssen; als ich zurückkam, trat mir +meine Frau mit roten Haaren entgegen, und ihre Ähnlichkeit mit der Frau +des Traumes, deren Antlitz ich ja nicht gesehen hatte, schien mir +vollständig. Ich fand es für gut, meinen Schrecken unter dem Ausdruck +des Zornes zu verbergen; ja ich wurde mit Absicht immer heftiger, denn +plötzlich kam mir ein an Wahnsinn grenzender Einfall: wenn ich mich von +meiner Frau und den Kindern trennte, so müßte ja all die Gefahr +schwinden, und ich hätte das Schicksal zum Narren gehalten. Meine Frau +weinte, sank wie gebrochen zu Boden, bat mich um Verzeihung und erklärte +mir den Grund ihrer Veränderung. Vor einem Jahre, anläßlich einer Reise +nach München, war ich in der Kunstausstellung von dem Bildnis einer +rothaarigen Frau besonders entzückt gewesen, und meine Frau hatte schon +damals den Plan gefaßt, sich bei irgendeiner Gelegenheit diesem Bildnis +dadurch ähnlich zu machen, daß sie sich die Haare färben ließ. Ich +beschwor sie natürlich, ihrem Haar möglichst bald die natürliche dunkle +Farbe wieder zu verleihen, und als es geschehen war, schien alles wieder +gut zu sein. Sah ich nicht deutlich, daß ich mein Schicksal nach wie vor +in meiner Gewalt hatte?... War nicht alles, was bisher geschehen, auf +natürliche Weise zu erklären?... Hatten nicht tausend andere Güter mit +Wiesen und Wald und Frau und Kinder?... Und das einzige, was vielleicht +Abergläubische schrecken durfte, stand noch aus – bis zum heurigen +Winter: die Narbe, die Sie nun doch auf meiner Stirne prangen sehen. Ich +bin nicht mutlos – erlauben Sie mir, daß ich Ihnen das sage; ich habe +mich als Offizier zweimal geschlagen und unter recht gefährlichen +Bedingungen – auch vor acht Jahren, kurz nach meiner Verheiratung, als +ich schon den Dienst verlassen hatte. Aber als ich im vorigen Jahre aus +irgendeinem lächerlichen Grund – wegen eines nicht ganz höflichen Grußes +– von einem Herrn zur Rede gestellt wurde, habe ich es vorgezogen« – +Herr von Umprecht errötete leicht – »mich zu entschuldigen. Die Sache +wurde natürlich in ganz korrekter Weise erledigt, aber ich weiß ja doch +ganz bestimmt, daß ich mich auch damals geschlagen hätte, wäre nicht +plötzlich eine wahnwitzige Angst über mich gekommen, daß mein Gegner mir +eine Wunde an der Stirne beibringen und dem Schicksal damit einen neuen +Trumpf in die Hand spielen könnte ... Aber Sie sehen, es half mir +nichts: die Narbe ist da. Und der Augenblick, in dem ich hier verwundet +wurde, war vielleicht derjenige innerhalb der ganzen zehn Jahre, der +mich am tiefsten zum Bewußtsein meiner Wehrlosigkeit brachte. Es war +heuer im Winter gegen Abend; ich fuhr mit zwei oder drei anderen +Personen, die mir vollkommen unbekannt waren, in der Eisenbahn zwischen +Klagenfurt und Villach. Plötzlich klirren die Fensterscheiben, und ich +fühle einen Schmerz an der Stirn; zugleich höre ich, daß etwas Hartes zu +Boden fällt; ich greife zuerst nach der schmerzenden Stelle – sie +blutet; dann bücke ich mich rasch und hebe einen spitzen Stein vom +Fußboden auf. Die Leute im Kupee sind aufgefahren. »Ist was geschehen?« +ruft einer. Man merkt, daß ich blute, und bemüht sich um mich. Ein Herr +aber – ich seh es ganz deutlich – ist in die Ecke wie zurückgesunken. In +der nächsten Haltestelle bringt man Wasser, der Bahnarzt legt mir einen +notdürftigen Verband an, aber ich fürchte natürlich nicht, daß ich an +der Wunde sterben könnte: ich weiß ja, daß es eine Narbe werden muß. Ein +Gespräch im Waggon hat sich entsponnen, man fragt sich, ob ein Attentat +beabsichtigt war, ob es sich um einen gemeinen Bubenstreich handle; der +Herr in der Ecke schweigt und starrt vor sich hin. In Villach steige ich +aus. Plötzlich ist der Mann an meiner Seite und sagt: »Es galt mir.« Eh +ich antworten, ja nur mich besinnen kann, ist er verschwunden; ich habe +nie erfahren können, wer es war. Ein Verfolgungswahnsinniger vielleicht +... vielleicht auch einer, der sich mit Recht verfolgt glaubte von +einem beleidigten Gatten oder Bruder, und den ich möglicherweise +gerettet habe, da eben mir die Narbe bestimmt war ... wer kann es +wissen?... Nach ein paar Wochen leuchtete sie auf meiner Stirn an +derselben Stelle, wo ich sie in jenem Traume gesehen hatte. Und mir ward +es immer klarer, daß ich mit irgendeiner unbekannten höhnischen Macht in +einem ungleichen Kampf begriffen war, und ich sah dem Tag, wo das letzte +in Erfüllung gehen sollte, mit wachsender Unruhe entgegen. + +Im Frühling erhielten wir die Einladung meines Onkels. Ich war fest +entschlossen, ihr nicht zu folgen, denn ohne daß mir ein deutliches Bild +in Erinnerung gekommen wäre, schien es mir doch möglich, daß gerade auf +seinem Gut hier die verruchte Stelle zu finden wäre. Meine Frau hätte +aber eine Ablehnung nicht verstanden, und so entschloß ich mich doch, +mit ihr und den Kindern schon Anfang Juli herzureisen, in der bestimmten +Absicht, sobald als möglich das Schloß wieder zu verlassen und weiter in +den Süden, nach Venedig oder an den Lido, zu gehen. An einem der ersten +Tage unseres Aufenthaltes kam das Gespräch auf Ihr Stück, mein Onkel +sprach von den kleinen Kinderrollen, die darin enthalten wären, und bat +mich, meine Kleinen mitspielen zu lassen. Ich hatte nichts dagegen. Es +war damals bestimmt, daß der Held von einem Berufsschauspieler +dargestellt werden sollte. Nach einigen Tagen packte mich die Angst, daß +ich gefährlich erkranken und nicht würde abreisen können. So erklärte +ich denn eines Abends, daß ich am nächsten Tage das Schloß auf einige +Zeit zu verlassen und Seebäder zu nehmen gedächte. Ich mußte +versprechen, Anfang September wieder zurück zu sein. Am selben Abend kam +ein Brief des Schauspielers, der aus irgendwelchen gleichgültigen +Gründen dem Freiherrn seine Rolle zurückstellte. Mein Onkel war sehr +ärgerlich. Er bat mich, das Stück zu lesen – vielleicht könnte ich ihm +unter unseren Bekannten einen nennen, der geeignet wäre, die Rolle +darzustellen. So nahm ich denn das Stück auf mein Zimmer mit und las es. +Nun versuchen Sie sich vorzustellen, was in mir vorging, als ich zu dem +Schlusse kam und hier Wort für Wort die Situation aufgezeichnet fand, +die mir für den 9. September dieses Jahres prophezeit worden war. Ich +konnte den Morgen nicht erwarten, um meinem Onkel zu sagen, daß ich die +Rolle spielen wollte. Ich fürchtete, daß er Einwendungen machen könnte; +denn seit ich das Stück gelesen, kam ich mir vor wie in sicherer Hut, +und wenn mir die Möglichkeit entging, in Ihrem Stück zu spielen, so war +ich wieder jener unbekannten Macht preisgegeben. Mein Onkel war gleich +einverstanden, und von nun an nahm alles seinen einfachen und guten +Gang. Wir probieren seit einigen Wochen Tag für Tag, ich habe die +Situation, die mir heute bevorsteht, schon fünfzehn- oder zwanzigmal +durchgemacht: ich liege auf der Bahre, die junge Komtesse Saima mit +ihren schönen roten Haaren, die Hände vor dem Antlitz, kniet vor mir, +und die Kinder stehen an meiner Seite.« + +Während Herr von Umprecht diese Worte sprach, fielen meine Augen wieder +auf das Kuwert, das noch immer versiegelt auf dem Tische lag. Herr von +Umprecht lächelte. »Wahrhaftig, den Beweis bin ich Ihnen noch schuldig,« +sagte er und öffnete die Siegel. Ein zusammengefaltetes Papier lag +zutage. Umprecht entfaltete es und breitete es auf dem Tische aus. Vor +mir lag ein vollkommener, wie von mir selbst entworfener Situationsplan +zu der Schlußszene des Stückes, Hintergrund und Seiten waren schematisch +aufgezeichnet und mit der Bezeichnung »Wald« versehen; ein Strich mit +einer männlichen Figur war etwa in der Mitte des Planes eingetragen, +darüber stand: »Bahre« ... Bei den anderen schematischen Figuren stand +in kleinen Buchstaben mit roter Tinte zugeschrieben: »Frau mit rotem +Haar«, »Knabe«, »Mädchen«, »Fackelträger«, »Mann mit erhobenen Händen«. +Ich wandte mich zu Herrn von Umprecht: »Was bedeutet das: ›Mann mit +erhobenen Händen?‹« + +»Daran,« sagte Herr von Umprecht zögernd, »hätt ich nun beinahe +vergessen. Mit dieser Figur verhält es sich folgendermaßen: In jener +Erscheinung gab es nämlich auch, von den Fackeln grell beleuchtet, einen +alten, ganz kahlen Mann, glatt rasiert, mit einer Brille, einen +dunkelgrünen Schal um den Hals, mit erhobenen Händen und weit +aufgerissenen Augen.« + +Diesmal stutzte ich. + +Wir schwiegen eine Weile, dann fragte ich, seltsam beunruhigt: »Was +vermuten Sie eigentlich? Wer sollte das sein?« + +»Ich nehme an,« sagte Umprecht ruhig, »daß irgendeiner von den +Zuschauern, vielleicht aus der Dienerschaft des Onkels ... oder einer +von den Bauern am Schluß des Stückes in besondere Bewegung geraten und +auf unsere Bühne stürzen könnte ... vielleicht aber will es das +Schicksal, daß ein aus dem Irrenhause Entsprungener durch einen jener +Zufälle, die mich wirklich nicht mehr überraschen, gerade in dem +Augenblick, wo ich auf der Bahre liege, über die Bühne gerannt käme.« + +Ich schüttelte den Kopf. + +»Wie sagten Sie?... Kahl – Brille – ein grüner Schal?... – Nun +erscheint mir die Sache noch seltsamer als früher. Die Gestalt des +Mannes, den Sie damals gesehen, ist tatsächlich von mir in meinem Stück +beabsichtigt gewesen, und ich habe darauf verzichtet. Es war der +wahnsinnige Vater der Frau, von dem im ersten Akt die Rede ist, und der +zum Schluß auf die Szene stürmen sollte.« + +»Aber Schal und Brille?« + +»Das hätte wohl der Schauspieler aus Eigenem getan – glauben Sie nicht?« + +»Es ist möglich.« + +Wir wurden unterbrochen. Frau von Umprecht ließ ihren Gatten zu sich +bitten, da sie ihn gerne vor der Vorstellung sprechen möchte, und er +empfahl sich. Ich blieb noch eine Weile und betrachtete aufmerksam den +Situationsplan, den Herr von Umprecht auf dem Tisch hatte liegen lassen. + + +3 + +Bald trieb es mich zu dem Orte hin, an dem die Vorstellung stattfinden +sollte. Er lag hinter dem Schlößchen, durch eine anmutige Gartenanlage +davon geschieden. Dort, wo diese mit niederen Hecken abschloß, waren +etwa zehn lange Bankreihen aus einfachem Holz aufgestellt; die vorderen +Reihen waren mit dunkelrotem Teppichstoff bedeckt. Vor der ersten +standen einige Notenpulte und Stühle; einen Vorhang gab es nicht. Die +Trennung der Bühne von dem Zuschauerraum war durch zwei seitlich ragende +hohe Tannenbäume angedeutet; rechts schloß sich wildes Gesträuch an, +hinter dem ein bequemer Lehnstuhl, dem Zuschauer unsichtbar, für den +Souffleur bestimmt, stand. Zur Linken lag der Platz frei und ließ den +Blick ins Tal offen. Der Hintergrund der Szene war von hohen Bäumen +gebildet; sie standen dicht aneinandergedrängt nur in der Mitte, und +links schlichen schmale Wege aus dem Schatten hervor. Weiter drin im +Wald, innerhalb einer kleinen künstlichen Lichtung, waren Tisch und +Stühle aufgestellt, wo die Schauspieler ihrer Stichworte harren mochten. +Für die Beleuchtung war gesorgt, indem man zur Seite der Bühne und des +Zuschauerraumes kulissenartig hohe alte Kirchenleuchter mit riesigen +Kerzen aufgerichtet hatte. Hinter dem Gesträuch zur Rechten war eine Art +Requisitenraum im Freien; hier sah ich nebst anderem kleinern Gerät, das +im Stück notwendig war, die Bahre stehen, auf der Herr von Umprecht am +Schlusse des Stückes sterben sollte. – Als ich jetzt über die Wiese +schritt, war sie von der Abendsonne mild überglänzt ... Ich hatte +natürlich über die Erzählung des Herrn von Umprecht nachgedacht. Nicht +für unmöglich hielt ich es anfangs, daß Herr von Umprecht zu der Art von +phantastischen Lügnern gehörte, die eine Mystifikation unter +Schwierigkeiten von langer Hand vorbereiten, um sich interessant zu +machen. Ich hielt es selbst für denkbar, daß die Unterschrift des Notars +gefälscht war und daß Herr von Umprecht andre Leute eingeweiht hatte, um +die Sache folgerecht durchzuführen. Besondere Bedenken stiegen mir über +den vorläufig unbekannten Mann mit den erhobenen Händen auf, mit dem +sich Umprecht wohl ins Einvernehmen gesetzt haben konnte. Aber meinen +Zweifeln widersprach vor allem die Rolle, die dieser Mann in meinem +ersten Plane gespielt, der niemandem bekannt sein konnte – und besonders +der günstige Eindruck, den ich von der Person des Herrn von Umprecht +gewonnen hatte. Und so unwahrscheinlich, ja so ungeheuerlich sein ganzer +Bericht mir erschien – irgend etwas in mir verlangte sogar danach, ihm +glauben zu dürfen; es mochte die törichte Eitelkeit sein, mich als +Vollstrecker eines über uns waltenden Willens zu empfinden. – Indes +hatte einige Bewegung in meiner Nähe angehoben; Diener kamen aus dem +Schloß, Kerzen wurden angezündet, Leute aus der Umgebung, manche auch in +bäurischer Kleidung, stiegen langsam den Hügel herauf und stellten sich +bescheiden zu seiten der Bänke auf. Bald erschien die Frau des Hauses +mit einigen Herren und Damen, die zwanglos Platz nahmen. Ich gesellte +mich zu ihnen und plauderte mit Bekannten vom vorigen Jahr. Die +Mitglieder des Orchesters waren erschienen und begaben sich auf ihre +Plätze; die Zusammenstellung war ungewöhnlich genug; es waren zwei +Violinen, ein Cello, eine Viola, ein Kontrabaß, eine Flöte und eine +Oboe. Sie begannen sofort, offenbar verfrüht, eine Ouvertüre von Weber +zu spielen. Ganz vorne, in der Nähe des Orchesters, stand ein alter +Bauer, der glatzköpfig war und eine Art von dunklem Tuch um den Hals +geschlungen hatte. Vielleicht war der vom Schicksal dazu bestimmt, dacht +ich, später eine Brille herauszunehmen, irrsinnig zu werden und auf die +Szene zu laufen. Das Tageslicht war völlig dahin, die hohen Kerzen +flackerten ein wenig, da sich ein leichter Wind erhoben hatte. Hinter +dem Gesträuch wurde es lebendig, auf verborgenen Wegen waren die +Mitwirkenden in die Nähe der Bühne gelangt. Jetzt erst dachte ich wieder +an die anderen, die mitzuspielen hatten, und es fiel mir ein, daß ich +noch niemanden außer Herrn von Umprecht, seinen Kindern und der +Försterstochter gesehen hatte. Nun hörte ich die laute Stimme des +Regisseurs und das Lachen der jungen Komtessa Saima. Die Bänke waren +alle besetzt, der Freiherr saß in einer der vordersten Reihen und sprach +mit der Gräfin Saima. Das Orchester fing an zu spielen, dann trat die +Försterstochter vor und sprach den Prolog, der das Stück einleitete. Den +Inhalt des Ganzen bildete das Schicksal eines Mannes, der, ergriffen von +einer plötzlichen Sehnsucht nach Abenteuern und Fernen, die Seinen ohne +Abschied verläßt und im Verlaufe eines Tages so viel Schmerzliches und +Widriges erlebt, daß er wieder zurückzukehren gedenkt, ehe Frau und +Kinder ihn vermißt haben; aber ein letztes Abenteuer auf dem Rückweg, +nahe der Tür seines Hauses, hat seine Ermordung zur Folge, und nur mehr +sterbend kann er die Verlassenen begrüßen, die seiner Flucht und seinem +Tod als den unlösbarsten Rätseln gegenüberstehen. + +Das Spiel hatte begonnen, Herren und Damen sprachen ihre Rollen +angenehm; ich erfreute mich an der einfachen Darstellung der einfachen +Vorgänge und dachte im Anfang nicht mehr an die Erzählung des Herrn von +Umprecht. Nach dem ersten Akt spielte das Orchester wieder, aber +niemand hörte darauf, so lebhaft war das Geplauder auf den Bänken. Ich +selbst saß nicht, sondern stand, ungesehen von den anderen, der Bühne +ziemlich nahe, auf der linken Seite, wo der Weg sich frei dem Tale zu +senkte. Der zweite Akt begann; der Wind war etwas stärker geworden, und +die flackernde Beleuchtung trug zu der Wirkung des Stückes nicht wenig +bei. Wieder verschwanden die Darsteller im Wald, und das Orchester +setzte ein. Da fiel mein Blick ganz zufällig auf den Flötisten, der eine +Brille trug und glatt rasiert war; aber er hatte lange weiße Haare, und +von einem Schal war nichts zu sehen. Das Orchesterspiel schloß, die +Darsteller traten wieder auf die Szene. Da merkte ich, daß der +Flötenspieler, der sein Instrument vor sich hin auf das Pult gelegt +hatte, in seine Tasche griff, einen großen grünen Schal hervorzog und +ihn um den Hals wickelte. Ich war im allerhöchsten Grade befremdet. In +der nächsten Sekunde trat Herr von Umprecht auf; ich sah, wie sein Blick +plötzlich auf dem Flötisten haften blieb, wie er den grünen Schal +bemerkte und einen Augenblick stockte; aber rasch hatte er sich wieder +gefaßt und sprach seine Rolle unbeirrt weiter. Ich fragte einen jungen, +einfach gekleideten Burschen neben mir, ob er den Flötisten kenne, und +erfuhr von ihm, daß jener ein Schullehrer aus Kaltern war. Das Spiel +ging weiter, der Schluß nahte heran. Die zwei Kinder irrten, wie es +vorgeschrieben war, über die Bühne, Lärm im Walde drang näher und näher, +man hörte schreien und rufen; es machte sich nicht übel, daß der Wind +stärker wurde und die Zweige sich bewegten; endlich trug man Herrn von +Umprecht als sterbenden Abenteurer auf der Bahre herein. Die beiden +Kinder stürzten herbei, die Fackelträger standen regungslos zur Seite. +Die Frau trat später auf als die anderen, und mit angstvoll verzerrtem +Blick sinkt sie an der Seite des Gemordeten nieder; dieser will die +Lippen noch einmal öffnen, versucht, sich zu erheben, aber – wie es in +der Rolle vorgeschrieben – es gelingt ihm nicht mehr. Da kommt mit einem +Mal ein ungeheurer Windstoß, daß die Fackeln zu verlöschen drohen; ich +sehe, wie einer im Orchester aufspringt – es ist der Flötenspieler – zu +meinem Erstaunen ist er kahl, seine Perücke ist ihm davongeflogen; mit +erhobenen Händen, den grünen flatternden Schal um den Hals, stürzt er +der Bühne zu. Unwillkürlich richte ich mein Auge auf Umprecht; seine +Blicke sind starr, wie verzückt auf den Mann gerichtet; er will etwas +reden – er vermag es offenbar nicht – er sinkt zurück ... Noch meinen +viele, daß dies alles zum Stücke gehöre; ich selbst bin nicht sicher, +wie dieses erneute Niedersinken zu deuten ist; indes ist der Mann an der +Bahre vorüber, immer noch seiner Perücke nach, und verschwindet im Wald. +Umprecht erhebt sich nicht; ein neuer Windstoß läßt eine der beiden +Fackeln verlöschen; einige Menschen ganz vorne werden unruhig – ich höre +die Stimme des Freiherrn: »Ruhe! Ruhe!« – es wird wieder stille – auch +der Wind regt sich nicht mehr ... aber Umprecht bleibt ausgestreckt +liegen, rührt sich nicht und bewegt nicht die Lippen. Die Komtesse Saima +schreit auf – natürlich glauben die Leute, auch dies sei im Stück so +vorgeschrieben. Ich aber dränge mich durch die Menschen, stürze auf die +Bühne, höre, wie es hinter mir unruhig wird – die Leute erheben sich, +andere folgen mir, die Bahre ist umringt ... »Was gibt’s, was ist +geschehen?« ... Ich reiße einem Fackelträger seine Fackel aus der Hand, +beleuchte das Antlitz des Liegenden ... Ich rüttle ihn, reiße ihm das +Wams auf; indes ist der Arzt an meine Seite gelangt, er fühlt nach dem +Herzen Umprechts, er greift seinen Puls, er wünscht, daß alles zur Seite +trete, er flüstert dem Freiherrn ein paar Worte zu ... die Frau des +Aufgebahrten hat sich hinaufgedrängt, sie schreit auf, wirft sich über +ihren Mann, die Kinder stehen wie vernichtet da und können es nicht +fassen ... Niemand will es glauben, was geschehen, und doch teilt es +einer dem andern mit; – und eine Minute später weiß man es rings in der +Runde, daß Herr von Umprecht auf der Bahre, auf der man ihn +hineingetragen, plötzlich gestorben ist ... + +Ich selbst bin am selben Abend noch ins Tal hinuntergeeilt, von +Entsetzen geschüttelt. In einem sonderbaren Grauen habe ich mich nicht +entschließen können, das Schloß wieder zu betreten. Den Freiherrn sprach +ich am Tag darauf in Bozen; dort erzählte ich ihm die Geschichte +Umprechts, wie sie mir von ihm selbst mitgeteilt worden war. Der +Freiherr wollte sie nicht glauben, ich griff in meine Brieftasche und +zeigte ihm das geheimnisvolle Blatt; er sah mich befremdet, ja angstvoll +an und gab mir das Blatt zurück – es war weiß, unbeschrieben, +unbezeichnet ... + +Ich habe Versuche gemacht, Marco Polo aufzufinden; aber das einzige, was +ich von ihm erfahren konnte, war, daß er vor drei Jahren zum letztenmal +in einem Hamburger Vergnügungsetablissement niederen Ranges aufgetreten +ist. + +Was aber unter allem diesem Unbegreiflichen das unbegreiflichste bleibt, +ist der Umstand, daß der Schullehrer, der damals seiner Perücke mit +erhobenen Händen nachlief und im Walde verschwand, niemals +wiedergesehen, ja daß nicht einmal sein Leichnam aufgefunden wurde. + + * * * * * + + +Nachwort des Herausgebers + +Den Verfasser des vorstehenden Berichtes habe ich persönlich nicht +gekannt. Er war zu seiner Zeit ein ziemlich bekannter Schriftsteller, +aber so gut wie verschollen, als er, kaum sechzig Jahre alt, vor etwa +zehn Jahren starb. Sein gesamter Nachlaß ging, ohne besondere +Bestimmung, an den in diesen Blättern genannten Meraner Jugendfreund +über. Von diesem wieder, einem Arzt, mit dem ich mich anläßlich eines +Aufenthaltes in Meran im vorigen Winter zuweilen über allerlei dunkle +Fragen, insbesondere über Geisterseherei, Wirkung in die Ferne und +Weissagekunst unterhalten hatte, wurde mir das hier abgedruckte +Manuskript zur Veröffentlichung übergeben. Gern möchte ich dessen Inhalt +für eine frei erfundene Erzählung halten, wenn nicht der Arzt, wie auch +aus dem Bericht hervorgeht, der am Schluß geschilderten +Theatervorstellung mit ihrem seltsamen Ausgang beigewohnt und den in so +rätselhafter Weise verschwundenen Schullehrer persönlich gekannt hätte. +Was aber den Zauberer Marco Polo anlangt, so erinnere ich mich noch sehr +wohl, als ganz junger Mensch in einer Sommerfrische am Wörther See +seinen Namen auf einem Plakat gedruckt gesehen zu haben; er blieb mir im +Gedächtnis, weil ich gerade zu dieser Zeit im Begriffe war, die +Reisebeschreibung des berühmten Weltfahrers gleichen Namens zu lesen. + + + + +Das neue Lied + + +»Ich bin nicht schuld daran, Herr von Breiteneder ... bitte sehr, das +kann keiner sagen!« Karl Breiteneder hörte diese Worte wie von fern an +sein Ohr schlagen und wußte doch ganz genau, daß der, der sie sprach, +neben ihm einherging – ja er spürte sogar den Weindunst, in den diese +Worte gehüllt waren. Aber er erwiderte nichts. Es war ihm unmöglich, +sich in Auseinandersetzungen einzulassen; er war zu müde und zerrüttet +von dem furchtbaren Erlebnis dieser Nacht, und es verlangte ihn nur nach +Alleinsein und frischer Luft. Darum war er auch nicht nach Hause +gegangen, sondern lieber im Morgenwind die menschenleere Straße +weiterspaziert, ins Freie hinaus, den bewaldeten Hügeln entgegen, die +drüben aus leichten Mainebeln hervorstiegen. Aber ein Schauer nach dem +anderen durchlief ihn vom Kopf bis zu den Füßen, und er spürte nichts +von der wohligen Frische, die ihn sonst nach durchwachten Nächten in der +Frühluft zu durchrieseln pflegte. Er hatte immer das entsetzliche Bild +vor Augen, dem er entflohen war. + +Der Mann neben ihm mußte ihn eben erst eingeholt haben. Was wollte denn +der von ihm?... warum verteidigte er sich?... und warum gerade vor +ihm?... Er hatte doch nicht daran gedacht, dem alten Rebay einen lauten +Vorwurf zu machen, wenn er auch sehr gut wußte, daß der die Hauptschuld +trug an dem, was geschehen war. Jetzt sah er ihn von der Seite an. Wie +schaute der Mensch aus! Der schwarze Gehrock war zerdrückt und fleckig, +ein Knopf fehlte, die andern waren an den Rändern ausgefranst; in einem +Knopfloch steckte ein Stengel mit einer abgestorbenen Blüte. Gestern +abend hatte Karl die Blume noch frisch gesehen. Mit dieser selben Nelke +geschmückt, war der Kapellmeister Rebay an einem klappernden Pianino +gesessen und hatte die Musik zu sämtlichen Produktionen der Gesellschaft +Ladenbauer besorgt, wie er es seit bald dreißig Jahren tat. Das kleine +Wirtshaus war ganz voll gewesen, bis in den Garten hinaus standen die +Tische und Stühle, denn heute war, wie es mit schwarzen und roten +Buchstaben auf großen, gelben Zetteln zu lesen stand: »Erstes +Wiederauftreten des Fräulein Maria Ladenbauer, genannt die ›weiße +Amsel‹, nach ihrer Genesung von schwerem Leiden.« + +Karl atmete tief auf. Es war ganz licht geworden, er und der +Kapellmeister waren längst nicht mehr die einzigen auf der Straße. +Hinter ihnen, auch von Seitenwegen, ja sogar von oben aus dem Walde, +ihnen entgegen, kamen Spaziergänger. Jetzt erst fiel es Karl ein, daß +heute Sonntag war. Er war froh, daß er keinerlei Verpflichtung hatte, in +die Stadt zu gehen, obzwar ihm ja sein Vater auch diesmal einen +versäumten Wochentag nachgesehen hätte, wie er es schon oft getan. Das +alte Drechslergeschäft in der Alserstraße ging vorläufig auch ohne ihn, +und der Vater wußte aus Erfahrung, daß sich die Breiteneders bisher noch +immer zur rechten Zeit zu einem soliden Lebenswandel entschlossen +hatten. Die Geschichte mit Marie Ladenbauer war ihm allerdings nie ganz +recht gewesen. »Du kannst ja machen, was du willst,« hatte er einmal +milde zu Karl gesagt, »ich bin auch einmal jung gewesen ... aber in den +Familien von meine Mädeln hab ich doch nie verkehrt! Da hab ich doch +immer zuviel auf mich gehalten.« + +Hätte er auf den Vater gehört – dachte Karl jetzt – so wäre ihm +mancherlei erspart geblieben. Aber er hatte die Marie sehr gern gehabt. +Sie war ein gutmütiges Geschöpf, hing an ihm, ohne viel Worte zu machen, +und wenn sie Arm in Arm mit ihm spazieren ging, hätte sie keiner für +eine gehalten, die schon so manches erlebt hatte. Übrigens ging es bei +ihren Eltern so anständig zu wie in einem bürgerlichen Hause. Die +Wohnung war nett gehalten, auf der Etagere standen Bücher; öfters kam +der Bruder des alten Ladenbauer zu Besuch, der als Beamter beim +Magistrat angestellt war, und dann wurde über sehr ernste Dinge geredet: +Politik, Wahlen und Gemeindewesen. Am Sonntag spielte Karl oben manchmal +Tarock; mit dem alten Ladenbauer und mit dem verrückten Jedek, +demselben, der abends im Klownkostüm auf Gläser- und Tellerrändern +Walzer und Märsche exekutierte; und wenn er gewann, bekam er sein Geld +ohne weiteres ausbezahlt, was ihm in seinem Kaffeehaus durchaus nicht so +regelmäßig passierte. In der Nische am Fenster, vor dem Glasbilder mit +Schweizer Landschaften hingen, saß die blasse lange Frau Jedek, die +abends in der Vorstellung langweilige Gedichte vortrug, plauderte mit +der Marie und nickte dazu beinahe ununterbrochen. Marie sah aber zu Karl +herüber, grüßte ihn scherzend mit der Hand oder setzte sich zu ihm und +schaute ihm in die Karten. Ihr Bruder war in einem großen Geschäft +angestellt, und wenn ihm Karl eine Zigarre gab, so revanchierte er sich +sofort. Auch brachte er seiner Schwester, die er sehr verehrte, zuweilen +von einem Stadtzuckerbäcker etwas zum Naschen mit. Und wenn er sich +empfahl, sagte er mit halbgeschlossenen Augen: »Leider daß ich +anderweitig versagt bin ...« – Freilich, am liebsten war Karl mit Marie +allein. Und er dachte an einen Morgen, an dem er mit ihr denselben Weg +gegangen war, den er jetzt ging, dem leise rauschenden Wald entgegen, +der dort oben auf dem Hügel anfing. Sie waren beide müde gewesen, denn +sie kamen geradeswegs aus dem Kaffeehaus, wo sie bis zum Morgengrauen +mit der ganzen Volkssängergesellschaft zusammengesessen waren; nun +legten sie sich unter eine Buche am Rand eines Wiesenhanges und +schliefen ein. Erst in der heißen Stille des Sommermittags wachten sie +auf, gingen noch weiter hinein in den Wald, plauderten und lachten den +ganzen Tag, ohne zu wissen warum, und erst spät abends zur Vorstellung +brachte er sie wieder in die Stadt ... So schöne Erinnerungen gab es +manche, und die beiden lebten sehr vergnügt, ohne an die Zukunft zu +denken. Zu Beginn des Winters erkrankte Marie plötzlich. Der Doktor +hatte jeden Besuch strenge verboten, denn die Krankheit war eine +Gehirnentzündung oder so etwas ähnliches, und jede Aufregung sollte +vermieden werden. Karl ging anfangs täglich zu den Ladenbauers, sich +erkundigen; später aber, als die Sache sich länger hinzog, nur jeden +zweiten und dritten Tag. Einmal sagte ihm Frau Ladenbauer an der Türe: +»Also heut dürfen Sie schon hineinkommen, Herr von Breiteneder. Aber +bitt schön, daß Sie sich nicht verraten.« – »Warum soll denn ich mich +verraten?« fragte Karl, »was ist denn g’schehn?« – »Ja, mit den Augen +ist leider keine Hilfe mehr.« – »Wieso denn?« – »Sie sieht halt nichts +mehr ..., das ist ihr leider Gottes von der Krankheit zurückgeblieben. +Aber sie weiß noch nicht, daß es unheilbar ist ... Nehmen Sie sich +zusammen, daß sie nichts merkt.« Da stammelte Karl nur ein paar Worte +und ging. Er hatte plötzlich Angst, Marie wiederzusehen. Es war ihm, als +hätte er nichts an ihr so gern gehabt, als ihre Augen, die so hell +gewesen waren und mit denen sie immer gelacht hatte. Er wollte morgen +kommen. Aber er kam nicht, nicht am nächsten und nicht am übernächsten +Tage. Und immer weiter schob er den Besuch hinaus. Er wollte sie erst +wiedersehen, nahm er sich vor, bis sie sich selbst in ihr Schicksal +gefunden haben konnte. Dann fügte es sich, daß er eine Geschäftsreise +antreten mußte, auf die der Vater schon lange gedrungen hatte. Er kam +weit herum, war in Berlin, Dresden, Köln, Leipzig, Prag. Einmal schrieb +er an die alte Frau Ladenbauer eine Karte, in der stand: Gleich nach +seiner Rückkehr würde er hinaufkommen, und er ließe die Marie schön +grüßen. – Im Frühjahr kam er zurück; aber zu den Ladenbauers ging er +nicht. Er konnte sich nicht entschließen ... Natürlich dachte er auch +von Tag zu Tag weniger an sie und nahm sich vor, sie ganz zu vergessen. +Er war ja nicht der erste und nicht der einzige gewesen. Er hörte auch +gar nichts von ihr, beruhigte sich mehr und mehr, und aus irgendeinem +Grunde bildete er sich manchmal ein, daß Marie auf dem Land bei +Verwandten lebte, von denen er sie manchmal sprechen gehört hatte. + +Da führte ihn gestern abends – er wollte Bekannte besuchen, die in der +Nähe wohnten – der Zufall an dem Wirtshaus vorüber, wo die Vorstellungen +der Gesellschaft Ladenbauer stattzufinden pflegten. Ganz in Gedanken +wollte er schon vorübergehen, da fiel ihm das gelbe Plakat ins Auge, er +wußte, wo er war, und ein Stich ging ihm durchs Herz, bevor er ein Wort +gelesen hatte. Aber dann, wie er es mit schwarzen und roten Buchstaben +vor sich sah: »Erstes Auftreten der Maria Ladenbauer, genannt die ›weiße +Amsel‹, nach ihrer Genesung,« da blieb er wie gelähmt stehen. Und in +diesem Augenblick stand der Rebay neben ihm, wie aus dem Boden +gewachsen: den weißen Strubbelkopf unbedeckt, den schäbigen schwarzen +Zylinder in der Hand und mit einer frischen Blume im Knopfloch. Er +begrüßte Karl: »Der Herr Breiteneder – nein, so was! Nicht wahr, +beehren uns heute wieder! Die Fräul’n Marie wird ja ganz weg sein vor +Freud, wenn sie hört, daß sich die frühern Freund’ doch noch um sie +umschaun. Das arme Ding! Viel haben wir mit ihr ausg’standen, Herr von +Breiteneder; aber jetzt hat sie sich verfangt.« Er redete noch eine +ganze Menge, und Karl rührte sich nicht, obwohl er am liebsten weit +fortgewesen wäre. Aber plötzlich regte sich eine Hoffnung in ihm, und er +fragte den Rebay, ob denn die Marie gar nichts sehe – ob sie nicht doch +wenigstens einen Schein habe. »Einen Schein?« erwiderte der andere. »Was +fällt Ihnen denn ein, Herr von Breiteneder!... Nichts sieht sie, gar +nichts!« Er rief es mit seltsamer Fröhlichkeit. »Alles kohlrabenschwarz +vor ihr ... Aber werden sich schon überzeugen, Herr von Breiteneder, hat +alles seine guten Seiten, wenn man so sagen darf – und eine Stimme hat +das Mädel, schöner als je!... Na, Sie werden ja sehn, Herr von +Breiteneder. – Und gut is sie – seelengut! Noch viel freundlicher, als +sie eh schon war. Na, Sie kennen sie ja – haha! – Ah, es kommen heut +mehrere, die sie kennen ... natürlich nicht so gut wie Sie, Herr von +Breiteneder; denn jetzt ist es natürlich vorbei mit die gewissen +G’schichten. Aber das wird auch schon wieder kommen! Ich hab eine +gekannt, die war blind und hat Zwillinge gekriegt – haha! – Schauen S’, +wer da is,« sagte er plötzlich, und Karl stand mit ihm vor der Kassa, an +der Frau Ladenbauer saß. Sie war aufgedunsen und bleich und sah ihn an, +ohne ein Wort zu sagen. Sie gab ihm ein Billett, er zahlte, wußte kaum, +was mit ihm geschah. Plötzlich aber stieß er hervor: »Nicht der Marie +sagen, um Gottes willen, Frau Ladenbauer ... nichts der Marie sagen, daß +ich da bin!... Herr Rebay, nichts ihr sagen!« + +»Is schon gut,« sagte Frau Ladenbauer und beschäftigte sich mit anderen +Leuten, die Billette verlangten. + +»Von mir kein Wörterl,« sagte Rebay. »Aber nachher, das wird eine +Überraschung sein! Da kommen S’ doch mit? Großes Fest – hoho! Habe die +Ehre, Herr von Breiteneder.« Und er war verschwunden. Karl durchschritt +den gefüllten Saal, und im Garten, der sich ohne weiteres anschloß, +setzte er sich ganz hinten an einen Tisch, wo vor ihm schon zwei alte +Leute Platz genommen hatten, eine Frau und ein Mann. Sie sprachen nichts +miteinander, betrachteten stumm den neuen Gast, und nickten einander +traurig zu. Karl saß da und wartete. Die Vorstellung begann, und Karl +hörte die altbekannten Sachen wieder. Nur schien ihm alles eigentümlich +verändert, weil er noch nie so weit vom Podium gesessen war. Zuerst +spielte der Kapellmeister Rebay eine sogenannte Ouvertüre, von der zu +Karl nur vereinzelte harte Akkorde drangen, dann trat als erste die +Ungarin Ilka auf, in hellrotem Kleid, mit gespornten Stiefeln, sang +ungarische Lieder und tanzte Tschardas. Hierauf folgte ein +humoristischer Vortrag des Komikers Wiegel-Wagel; er trat im +zeisiggrünen Frack auf, teilte mit, daß er soeben aus Afrika angekommen +wäre, und berichtete allerlei unsinnige Abenteuer, deren Abschluß seine +Hochzeit mit einer alten Witwe bildete. Dann kam ein Duett zwischen +Herrn und Frau Ladenbauer; beide trugen Tiroler Kostüm. Nach ihnen, in +schmutziger weißer Klowntracht, folgte der närrische kleine Jedek, +zeigte zuerst seine Jongleurkünste, irrte mit riesigen Augen unter den +Leuten umher, als wenn er jemanden suchte; dann stellte er Teller in +Reihen vor sich auf, hämmerte mit einem Holzstab einen Marsch darauf, +ordnete Gläser und spielte auf den Rändern mit feuchten Fingern eine +wehmütige Walzermelodie. Dabei sah er zur Decke auf und lächelte selig. +Er trat ab, und Rebay hieb wieder auf die Tasten ein, in festlichen +Klängen. Ein Flüstern drang vom Saal in den Garten, die Leute steckten +die Köpfe zusammen, und plötzlich stand Marie auf dem Podium. Der +Vater, der sie hinaufgeführt hatte, war gleich wieder wie hinabgetaucht; +und sie stand allein. Und Karl sah sie oben stehen, mit den erloschenen +Augen in dem süßen blassen Gesicht; er sah ganz deutlich, wie sie zuerst +nur die Lippen bewegte und ein bißchen lächelte. Ohne es selbst zu +merken war er vom Sessel aufgesprungen, lehnte an der grünen Laterne und +hätte beinah aufgeschrien vor Mitleid und Angst. – Und nun fing sie an +zu singen. Mit einer ganz fremden Stimme, leise, viel leiser als früher. +Es war ein Lied, das sie immer gesungen, und das Karl mindestens +fünfzigmal gehört hatte, aber die Stimme blieb ihm seltsam fremd, und +erst als der Refrain kam »Mich heißens’ die weiße Amsel, im G’schäft und +auch zu Haus,« glaubte er, den Klang der Stimme wiederzuerkennen. Sie +sang alle drei Strophen, Rebay begleitete sie, und nach seiner +Gewohnheit blickte er öfters streng zu ihr auf. Als sie zu Ende war, +setzte Applaus ein, laut und donnernd. Marie lächelte und verbeugte +sich. Die Mutter kam die drei Stufen aufs Podium hinauf, Marie griff mit +den Armen in die Luft, als suchte sie die Hände der Mutter, aber der +Applaus war so stark, daß sie gleich ihr zweites Lied singen mußte, das +Karl auch schon an die fünfzigmal gehört hatte. Es fing an: »Heut geh +ich mit mein Schatz aufs Land ...,« und Marie warf den Kopf so vergnügt +in die Höhe, wiegte sich so leicht hin und her, als wenn sie wirklich +mit ihrem Schatz aufs Land gehen, den blauen Himmel, die grünen Wiesen +sehen und im Freien tanzen könnte, wie sie’s in dem Lied erzählte. Und +dann sang sie das dritte, das neue Lied. – + +»Hier wäre ein kleines Garterl,« sagte Herr Rebay, und Karl fuhr +zusammen. Es war heller Sonnenschein; weit erglänzte die Straße, ringsum +war es licht und lebendig. »Da könnt’ man sich hineinsetzen,« fuhr Rebay +fort, »auf ein Glas Wein; ich hab schon einen argen Durst – es wird ein +heißer Tag.« + +»Ob’s heiß wird!« sagte irgendwer hinter ihnen. Breiteneder wandte sich +um ... Wie, der war ihm auch nachgelaufen?... Was wollte denn der von +ihm?... Es war der närrische Jedek; man hatte ihn nie anders geheißen, +aber es war zweifellos, daß er in der nächsten Zeit ernstlich und +vollkommen verrückt werden mußte. Vor ein paar Tagen hatte er seine +lange blasse Frau am Leben bedroht, und es war rätselhaft, daß man ihn +frei herumlaufen ließ. Jetzt schlich er in seiner zwerghaften Kleinheit +neben Karl einher; aus dem gelblichen Gesichte glotzten aufgerissene, +unerklärlich lustige Augen ins Weite, auf dem Kopf saß ihm das +stadtbekannte, graue weiche Hütel mit der verschlissenen Feder, in der +Hand hielt er ein dünnes Spazierstaberl. Und nun, den andern plötzlich +voraus, war er in das kleine Gasthausgärtchen hineingehüpft, hatte auf +einer Holzbank, die an dem niederen Häuschen lehnte, Platz genommen, +schlug mit dem Spazierstock heftig auf den grüngestrichnen Tisch und +rief nach dem Kellner. Die beiden anderen folgten ihm. Längs des grünen +Holzgitters zog die weiße Straße weiter nach oben, an kleinen, traurigen +Villen vorbei, und verlor sich in den Wald. + +Der Kellner brachte Wein. Rebay legte den Zylinder auf den Tisch, fuhr +sich durch das weiße Haar, rieb sich dann mit beiden Händen nach seiner +Gewohnheit die glatten Wangen, schob Jedeks Glas beiseite, und beugte +sich über den Tisch zu Karl hin. »Ich bin doch nicht auf’n Kopf +g’fallen, Herr von Breiteneder! Ich weiß doch, was ich tu!... Warum soll +denn ich schuld sein?... Wissen S’, für wen ich Couplets geschrieben hab +in meinen jüngeren Jahren?... Für’n Matras! Das ist keine Kleinigkeit! +Und haben Aufsehen gemacht! Text und Musik von mir! Und viele sind in +andere Stück’ eingelegt worden!« + +»Lassen S’ das Glas stehn,« sagte Jedek und kicherte in sich hinein. + +»Ich bitte, Herr von Breiteneder,« fuhr Rebay fort und schob das Glas +wieder von sich. »Sie kennen mich doch, und Sie wissen, daß ich ein +anständiger Mensch bin! Auch gibt’s in meinen Couplets niemals eine +Unanständigkeit, niemals eine Zote!... Und das Couplet, wegen dem der +alte Ladenbauer damals is verurteilt worden, war von einem andern!... +Und heut bin ich achtundsechzig, Herr von Breiteneder – das ist ein +Numero! Und wissen S’, wie lang ich bei der G’sellschaft Ladenbauer +bin?... Da hat der Eduard Ladenbauer noch gelebt, der die G’sellschaft +gegründet hat. Und die Marie kenn ich von ihrer Geburt an. +Neunundzwanzig Jahr bin ich bei die Ladenbauers – im nächsten März hab +ich Jubiläum ... Und ich hab meine Melodien nicht g’stohlen – sie sind +von mir, alles von mir! Und wissen Sie, wieviel man in der Zeit auf die +Werkeln g’spielt hat?... Achtzehn! Net wahr, Jedek?...« + +Jedek lachte immerfort lautlos, mit aufgerissenen Augen. Jetzt hatte er +alle drei Gläser vor seinen Platz hingeschoben und begann mit seinen +Fingern leicht über die Ränder zu streichen. Es klang fein, ein bißchen +rührend, wie ferne Oboen- und Klarinettentöne. Breiteneder hatte diese +Kunstfertigkeit immer sehr bewundert, aber in diesem Augenblick vertrug +er die Klänge durchaus nicht. An den andern Tischen hörte man zu; einige +Leute nickten befriedigt, ein dicker Herr patschte in die Hände. +Plötzlich schob Jedek alle drei Gläser wieder fort, kreuzte die Arme und +starrte auf die weiße Straße, über die immer mehr und mehr Menschen +aufwärts dem Wald entgegenwanderten. Karl flimmerte es vor den Augen, +und es war ihm, als wenn die Leute hinter Spinneweben tänzelten und +schwebten. Er rieb sich die Stirn und die Lider, er wollte zu sich +kommen. Er konnte ja nichts dafür! Es war ein schreckliches Unglück – +aber er hatte doch nicht schuld daran! Und plötzlich stand er auf, denn +als er an das Ende dachte, wollte es ihm die Brust zersprengen. »Gehen +wir,« sagte er. + +»Ja, frische Luft ist die Hauptsache,« entgegnete Rebay. + +Jedek war plötzlich böse geworden, kein Mensch wußte, warum. Er stellte +sich vor einen Tisch hin, an dem ein friedliches Paar saß, fuchtelte mit +seinem Spazierstaberl herum und schrie mit hoher Stimme: »Da soll der +Teufel ein Glaserer werden – Himmelsackerment!« Die beiden friedlichen +Leute wurden verlegen und wollten ihn beschwichtigen; die übrigen +lachten und hielten ihn für betrunken. + +Breiteneder und Rebay waren schon auf der weißen Straße, und Jedek, +wieder ganz ruhig geworden, kam ihnen nachgetänzelt. Er nahm sein graues +Hütel ab, hing es an seinen Spazierstock und hielt den Stock mit dem Hut +über die Schultern wie ein Gewehr, während er mit der anderen Hand +gewaltige grüßende Bewegungen zum Himmel empor vollführte. + +»Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich mich entschuldigen will,« sagte +Rebay mit klappernden Zähnen. »Oho, hab gar keine Ursache! Durchaus +nicht! Ich hab die beste Absicht gehabt, und jedermann wird es mir +zugestehen. Hab ich denn das Lied nicht selber mit ihr einstudiert?... +Bitte sehr, jawohl! Ja, noch wie sie mit den verbundenen Augen im Zimmer +gesessen is, hab ich’s einstudiert mit ihr ... Und wissen S’, wie ich +auf die Idee kommen bin? Es ist ein Unglück, hab ich mir gedacht, aber +es ist doch nicht alles verloren. Ihre Stimme hat sie noch, und ihr +schönes Gesicht ... Auch der Mutter hab ich’s g’sagt, die ganz +verzweifelt war. Frau Ladenbauer, hab ich ihr gesagt, da ist noch nichts +verloren – passen S’ nur auf! Und dann, heutzutage, wo es diese +Blindeninstitute gibt, wo sie sogar mit der Zeit wieder lesen und +schreiben lernen ... Und dann hab ich einen gekannt – einen jungen +Menschen, der ist mit zwanzig Jahren blind worden. Der hat jede Nacht +von die schönsten Feuerwerk geträumt, von alle möglichen Beleuchtungen +...« + +Breiteneder lachte auf. »Reden S’ im Ernst?« fragte er ihn. + +»Ach was!« entgegnete Rebay grob, »was wollen Sie denn? Soll ich mich +umbringen, ich?... Warum denn? – Meiner Seel, ich hab Unglück genug +gehabt auf der Welt! – Oder meinen Sie, das ist ein Leben, Herr von +Breiteneder, wenn man einmal Theaterstück geschrieben hat, wie ich als +junger Mensch, und man ist mit achtundsechzig schließlich so weit, daß +man auf einem elenden Klimperkasten für schäbige paar Kreuzer die +heisern Ludern begleiten muß, und ihnen die Couplets schreiben ... +Wissen S’, was ich für ein Couplet krieg’?... Sie möchten sich wundern, +Herr von Breiteneder!« + +»Aber man spielt sie auf dem Werkel,« sagte Jedek, der jetzt ganz ernst +und manierlich, ja elegant neben ihnen herging. + +»Was wollen denn Sie von mir?« sagte Breiteneder. Es war ihm plötzlich, +als verfolgten ihn die beiden, und er wußte nicht, warum. Was hatte er +mit den Leuten zu tun?... Rebay aber sprach weiter: »Eine Existenz hab +ich dem Mädel gründen wollen!... Verstehen S’, eine neue Existenz!... +Grad mit dem neuen Lied!... Grad mit dem!... Und ist es vielleicht nicht +schön?... Ist es nicht rührend?...« + +Der kleine Jedek hielt plötzlich Breiteneder am Rockärmel zurück, erhob +den Zeigefinger der linken Hand, Aufmerksamkeit gebietend, spitzte die +Lippen und pfiff. Er pfiff die Melodie des neuen Liedes, das Marie +Ladenbauer, genannt die »weiße Amsel«, heute nachts gesungen hatte. Er +pfiff sie geradezu vollendet; denn auch das gehörte zu seinen +Kunstfertigkeiten. + +»Die Melodie hat’s nicht gemacht,« sagte Breiteneder. + +»Wieso?« schrie Rebay. – Sie gingen alle rasch, liefen beinahe, trotzdem +der Weg beträchtlich anstieg. »Wieso denn, Herr von Breiteneder?... Der +Text ist schuld, glauben S’?... Ja, um Gottes willen, steht denn in dem +Text was anderes, als was die Marie selbst gewußt hat?... Und in ihrem +Zimmer, wie ich’s ihr einstudiert hab, hat sie nicht ein einziges Mal +geweint. Sie hat g’sagt: »Das ist ein trauriges Lied, Herr Rebay, aber +schön ist’s!...« »Schön ist’s,« hat sie gesagt ... Ja freilich ist es +ein trauriges Lied, Herr von Breiteneder – es ist ja auch ein trauriges +Los, was ihr zugestoßen ist. Da kann ich ihr doch kein lustiges Lied +schreiben?...« + +Die Straße verlor sich in den Wald. Durch die Äste schimmerte die +Sonne; aus den Büschen tönte Lachen, klangen Rufe. Sie gingen alle drei +nebeneinander, so schnell, als wollte einer dem andern davonlaufen. +Plötzlich fing Rebay wieder an: »Und die Leut – Kreuzdonnerwetter! – +haben sie nicht applaudiert wie verrückt?... Ich hab’s ja im voraus +gewußt, mit dem Lied wird sie einen Riesenerfolg haben! – Und es hat ihr +auch eine Freud gemacht ... förmlich gelacht hat sie übers ganze +Gesicht, und die letzte Strophe hat sie wiederholen müssen. Und es ist +auch eine rührende Strophe! wie sie mir eingefallen ist, sind mir selber +die Tränen ins Aug gekommen – wissen S’ wegen der Anspielung auf das +andere Lied, das sie immer singt...« Und er sang, oder er sprach +vielmehr, nur daß er die Reimworte immer herausstieß wie einen Orgelton: +»Wie wunderschön war es doch früher _auf der Welt_, – Wo die Sonn’ mir +hat g’schienen auf Wald und _auf Feld_, – Wo i Sonntag mit mein’ Schatz +spaziert bin aufs _Land_ – Und er hat mich aus Lieb nur geführt bei der +_Hand_. – Jetzt geht mir die Sonn’ nimmer auf und die _Stern’_, – Und +das Glück und die Liebe, die sind mir so _fern!_« + +»Genug!« schrie Breiteneder, »ich hab’s ja gehört!« + +»Ist’s vielleicht nicht schön?« sagte Rebay und schwang den Zylinder. +»Es gibt nicht viele, die solche Couplets machen heutzutag. Fünf Gulden +hat mir der alte Ladenbauer gegeben ... das sind meine Honorare, Herr +von Breiteneder. Dabei hab ich’s noch einstudiert mit ihr.« + +Und Jedek hob wieder den Zeigefinger und sang sehr leise den Refrain: »O +Gott, wie bitter ist mir das geschehn – Daß ich nimmer soll den Frühling +sehn ...« + +»Also _warum_, frag ich!...« rief Rebay. »Warum?... Gleich nachher war +ich doch bei ihr drin ... Ist nicht wahr, Jedek?... Und sie ist mit +einem glückseligen Lächeln dag’sessen, hat ihr Viertel Wein getrunken, +und ich hab ihr die Haar’ gestreichelt und hab ihr g’sagt: »Na, siehst +du, Marie, wie’s den Leuten g’fallen hat? Jetzt werden gewiß auch Leut’ +aus der Stadt zu uns herauskommen; das Lied wird Aufsehen machen ... Und +singen tust du’s prachtvoll ...« Und so weiter, was man halt so red’t, +bei solchen Gelegenheiten ... Und der Wirt ist auch hereingekommen und +hat ihr gratuliert. Und Blumen hat sie bekommen – von Ihnen waren s’ +nicht, Herr von Breiteneder ... Und alles war in bester Ordnung ... +Also, warum soll da mein Couplet schuld sein? Das ist ja ein Blödsinn!« + +Plötzlich blieb Breiteneder stehen und packte den Rebay bei den +Schultern. »Warum haben S’ ihr denn gesagt, daß ich da bin?... Warum +denn?... Hab ich Sie nicht gebeten, daß Sie’s ihr nicht sagen sollen?« + +»Lassen S’ mich aus! Ich hab ihr nichts gesagt! Von der Alten wird sie’s +gehört haben!« + +»Nein,« sagte Jedek verbindlich und verbeugte sich, »ich war so frei, +Herr von Breiteneder – ich war so frei. Weil ich g’wußt hab, Sie sein +da, hab ich ihr g’sagt, daß Sie da sein. Und weil sie so oft nach Ihnen +g’fragt hat, während sie krank war, hab ich ihr g’sagt: ›Der Herr +Breiteneder is da ... hinten bei der Latern is er g’standen,‹ hab ich +ihr g’sagt, ›und hat sich großartig unterhalten!‹« + +»So?« sagte Breiteneder. Es schnürte ihm die Kehle zu, und er mußte die +Augen fortwenden von dem starren Blick, den Jedek auf ihn gerichtet +hielt. Ermattet ließ er sich auf eine Bank nieder, an der sie eben +vorbeikamen, und schloß die Augen. Er sah sich plötzlich wieder im +Garten sitzen, und die Stimme der alten Frau Ladenbauer klang ihm im +Ohr: »Die Marie laßt Ihnen schön grüßen: ob Sie nicht mit uns mitkommen +möchten nach der Vorstellung?« Er erinnerte sich, wie ihm da mit einem +Male zumute geworden war, so wunderbar wohl, als hätte ihm die Marie +alles verziehen. Er trank seinen Wein aus und ließ sich einen besseren +geben. Er trank so viel, daß ihm das ganze Leben leichter vorkam. +Geradezu vergnügt sah und hörte er den folgenden Produktionen zu, +klatschte wie die anderen Leute, und als die Vorstellung aus war, ging +er wohlgelaunt durch den Garten und den Saal ins Extrazimmer des +Wirtshauses, an den runden Ecktisch, wo sich die Gesellschaft nach der +Vorstellung gewöhnlich versammelte. Einige saßen schon da: der +Wiegel-Wagel, Jedek mit seiner Frau, irgendein Herr mit einer Brille, +den Karl gar nicht kannte – alle begrüßten ihn und waren gar nicht +besonders erstaunt, ihn wiederzusehen. Plötzlich hörte er die Stimme der +Marie hinter sich: »Ich find schon hin, Mutter, ich kenn’ ja den Weg.« +Er wagte nicht, sich umzuwenden, aber da saß sie schon neben ihm und +sagte: »Guten Abend, Herr Breiteneder – wie geht’s Ihnen denn?« Und in +diesem Augenblick erinnerte er sich auch, daß sie seinerzeit zu +irgendeinem jungen Menschen, der früher einmal ihr Liebhaber gewesen +war, später immer »Sie« und »Herr« gesagt hatte. Und dann aß sie ihr +Nachtmahl; man hatte ihr alles vorgeschnitten hingesetzt, und die ganze +Gesellschaft war heiter und vergnügt, als hätte sich gar nichts +geändert. »Gut is’ gangen,« sagte der alte Ladenbauer. »Jetzt kommen +wieder bessere Zeiten.« Frau Jedek erzählte, daß alle die Stimme der +Marie viel schöner gefunden hatten als früher, und Herr Wiegel-Wagel +erhob sein Glas und rief: »Auf das Wohl der Wiedergenesenen!« Marie +hielt ihr Glas in die Luft, alle stießen mit ihr an, auch Karl rührte +mit seinem Glas an das ihre. Da war ihm, als ob sie ihre toten Augen in +die seinen versenken wollte, und als könnte sie tief in ihn +hineinschauen. Auch der Bruder war da, sehr elegant gekleidet, und +offerierte Karl eine Zigarre. Am lustigsten war Ilka; ihr Verehrer, ein +junger dicker Mann mit angstvoller Stirn, saß ihr gegenüber und +unterhielt sich lebhaft mit Herrn Ladenbauer. Frau Jedek aber hatte +ihren gelben Regenmantel nicht abgelegt und schaute in irgendeine Ecke, +wo nichts zu sehen war. Zwei oder dreimal kamen Leute von einem +benachbarten Tisch herüber und gratulierten Marie; sie antwortete in +ihrer stillen Weise wie früher, als hätte sich nicht das Allergeringste +verändert. Und plötzlich sagte sie zu Karl: »Aber warum denn gar so +stumm?« Jetzt erst merkte er, daß er die ganze Zeit dagesessen war, ohne +den Mund aufzutun. Aber nun wurde er lebhafter als alle, beteiligte sich +an der Unterhaltung; nur an Marie richtete er kein Wort. Rebay erzählte +von der schönen Zeit, da er Couplets für Matras geschrieben hatte, trug +den Inhalt einer Posse vor, die er vor fünfunddreißig Jahren verfertigt +hatte, und spielte die Rollen selbst gewissermaßen vor. Insbesondere als +böhmischer Musikant erregte er große Heiterkeit. Um eins brach man auf. +Frau Ladenbauer nahm den Arm ihrer Tochter. Alle lachten, schrien ... es +war ganz sonderbar; keiner fand mehr etwas Besonderes daran, daß um +Marie die Welt nun ganz finster war. Karl ging neben ihr. Die Mutter +fragte ihn harmlos nach allerlei: wie’s zu Hause ginge, wie er sich auf +der Reise unterhalten hätte, und Karl erzählte hastig von allerlei +Dingen, die er gesehen, insbesondere von den Theatern und +Singspielhallen, die er besucht hatte, und wunderte sich nur immer, wie +sicher Marie ihren Weg ging, von der Mutter geführt, und wie ruhig und +heiter sie zuhörte. Dann saßen sie alle im Kaffeehaus, einem alten, +rauchigen Lokal, das um diese Zeit schon ganz leer war; und der dicke +Freund der ungarischen Ilka hielt die Gesellschaft frei. Und nun, im +Lärm und Trubel ringsum, war Marie ganz nah an Karl gerückt, geradeso +wie manchmal in früherer Zeit, so daß er die Wärme ihres Körpers spürte. +Und plötzlich fühlte er gar, wie sie seine Hand berührte und +streichelte, ohne daß sie ein Wort dazu sprach. Nun hätte er so gern +etwas zu ihr gesagt ... irgend was Liebes, Tröstendes – aber er konnte +nicht ... Er schaute sie von der Seite an, und wieder war ihm, als sähe +ihn aus ihren Augen etwas an; aber nicht ein Menschenblick, sondern +etwas Unheimliches, Fremdes, das er früher nicht gekannt – und es +erfaßte ihn ein Grauen, als wenn ein Gespenst neben ihm säße ... Ihre +Hand bebte und entfernte sich sachte von der seinen, und sie sagte +leise: »Warum hast du denn Angst? Ich bin ja dieselbe.« Er vermochte +wieder nicht zu antworten und redete gleich mit den anderen. Nach +einiger Zeit rief plötzlich eine Stimme: »Wo ist denn die Marie?« Es war +die Frau Ladenbauer. Nun fiel allen auf, daß Marie verschwunden war. »Wo +ist denn die Marie?« riefen andere. Einige standen auf, der alte +Ladenbauer stand an der Tür des Kaffeehauses und rief auf die Straße +hinaus: »Marie!« Alle waren aufgeregt, redeten durcheinander. Einer +sagte: »Aber wie kann man denn so ein Geschöpf überhaupt allein +aufstehen und fortgehen lassen?« Plötzlich drang ein Ruf aus dem Hof des +Hauses herein: »Bringt’s Kerzen!... Bringt’s Laternen!« Und eine schrie: +»Jesus Maria!« Das war wieder die Stimme der alten Frau Ladenbauer. +Alle stürzten durch die kleine Kaffeehausküche in den Hof. Die +Dämmerung kam schon über die Dächer geschlichen. Um den Hof des +einstöckigen alten Hauses lief ein Holzgang, an der Brüstung oben lehnte +ein Mann in Hemdärmeln, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand, +und schaute herunter. Zwei Weiber im Nachtkleid erschienen hinter ihm, +ein anderer Mann rannte über die knarrende Stiege herunter. Das war es, +was Karl zuerst sah. Dann sah er irgend etwas vor seinen Augen +schimmern, jemand hielt einen weißen Spitzenschal in die Höhe und ließ +ihn wieder fallen. Er hörte Worte neben sich: »Es hilft ja nichts mehr +... sie rührt sich nimmer ... Holt’s doch einen Doktor!... Was ist denn +mit der Rettungsgesellschaft?... Ein Wachmann! Ein Wachmann!...« Alle +flüsterten durcheinander, einige eilten auf die Straße hinaus, der einen +Gestalt folgte Karl unwillkürlich mit den Augen; es war die lange Frau +Jedek in dem gelben Mantel, sie hielt beide Hände verzweifelt an die +Stirn, lief davon und kam nicht zurück ... Hinter Karl drängten Leute. +Er mußte mit den Ellbogen nach rückwärts stoßen, um nicht über die Frau +Ladenbauer zu stürzen, die auf der Erde kniete, Mariens beide Hände in +ihrer Hand hielt, sie hin und her bewegte und dazu schrie: »So red +doch!... so red doch!...« Jetzt kam endlich einer mit einer Laterne, der +Hausbesorger, in einem braunen Schlafrock und in Schlappschuhen; er +leuchtete der Liegenden ins Gesicht. Dann sagte er: »Aber so ein +Malheur! Und grad da am Brunnen muß sie mit’m Kopf aufg’fallen sein.« +Und nun sah Karl, daß Marie neben der steinernen Umfassung des Brunnens +ausgestreckt lag. Plötzlich meldete sich der Mann in Hemdärmeln auf dem +Gange: »Ich hab was poltern gehört, es ist noch keine fünf Minuten!« Und +alle sahen zu ihm hinauf, aber er wiederholte nur immer: »Es sind noch +keine fünf Minuten, da hab ich’s poltern gehört ...« – »Wie hat sie denn +nur heraufg’funden?« flüsterte jemand hinter Karl. »Aber bitt’ Sie,« +erwiderte ein anderer, »das Haus ist ihr doch bekannt; da hat sie sich +durch die Küche halt herausgetastet, dann hinauf über die Holzstiegen, +und dann über die Brüstung hinunter – is ja net so schwer!« So flüsterte +es rings um Karl, aber er kannte nicht einmal die Stimmen, obwohl es +sicher lauter Bekannte waren, die redeten; und er wandte sich auch nicht +um. Irgendwo in der Nachbarschaft krähte ein Hahn. Karl war es zumut wie +in einem Traum. Der Hausmeister stellte die Laterne auf die Umfassung +des Brunnens; die Mutter schrie: »Kommt denn nicht bald ein Doktor?« +Der alte Ladenbauer hob den Kopf der Marie in die Höhe, so daß das Licht +der Laterne ihr gerade ins Gesicht schien. Nun sah Karl deutlich, wie +die Nasenflügel sich regten, die Lippen zuckten und wie die offenen +toten Augen ihn geradeso anschauten, wie früher. Er sah jetzt auch, daß +es an der Stelle, von der man den Kopf der Marie emporgehoben hatte, rot +und feucht war. Er rief: »Marie! Marie!« Aber es hörte ihn niemand, und +er hörte sich selber nicht. Der Mann oben im Gang stand noch immer da, +lehnte über die Brüstung, die zwei Frauen neben ihm, als wohnten sie +einer Vorstellung bei. Die Kerze war ausgelöscht. Violetter Frühdämmer +lag über dem Hof. Frau Ladenbauer hatte den Kopf der Marie auf das +zusammengefaltete weiße Spitzentuch gebettet; Karl blieb regungslos +stehen und starrte hinab. Es war hell genug mit einem Mal. Er sah jetzt, +daß alles in Mariens Gesicht vollkommen ruhig war und daß sich nichts +bewegte als die Blutstropfen, die von der Stirne, aus den Haaren über +die Wangen, über den Hals langsam auf das feuchte Steinpflaster +hinabrannen; und er wußte nun, daß Marie tot war ... + +Karl öffnete die Augen, wie um einen bösen Traum zu verscheuchen. Er saß +allein auf der Bank am Wegrande, und er sah, wie der Kapellmeister +Rebay und der verrückte Jedek dieselbe Straße hinuntereilten, die sie +alle miteinander heraufgegangen waren. Die beiden schienen heftig +miteinander zu reden, mit fuchtelnden Händen und gewaltigen Gebärden, +der Spazierstock Jedeks zeichnete sich wie eine feine Linie am Horizont +ab; immer rascher gingen sie, von einer leichten Staubwolke begleitet, +aber ihre Worte verklangen im Wind. Ringsherum glänzte die Landschaft, +und tief unten in der Glut des Mittags schwamm und zitterte die Stadt. + + + + +Die griechische Tänzerin + + +Die Leute mögen sagen, was sie wollen, ich glaube nicht daran, daß Frau +Mathilde Samodeski an Herzschlag gestorben ist. Ich weiß es besser. Ich +gehe auch nicht in das Haus, aus dem man sie heute zur ersehnten Ruhe +hinausträgt; ich habe keine Lust, den Mann zu sehen, der es ebensogut +weiß als ich, warum sie gestorben ist; ihm die Hand zu drücken und zu +schweigen. + +Einen anderen Weg schlag ich ein; er ist allerdings etwas weit, aber der +Herbsttag ist schön und still, und es tut mir wohl, allein zu sein. Bald +werde ich hinter dem Gartengitter stehen, hinter dem ich im vergangenen +Frühjahr Mathilde zum letztenmal gesehen habe. Die Fensterladen der +Villa werden alle geschlossen sein, auf dem Kiesweg werden rötliche +Blätter liegen, und an irgendeiner Stelle werde ich wohl den weißen +Marmor durch die Bäume schimmern sehen, aus dem die griechische Tänzerin +gemeißelt ist. + +An jenen Abend muß ich heute viel denken. Es kommt mir fast wie eine +Fügung vor, daß ich mich damals noch im letzten Augenblick entschlossen +hatte, die Einladung von Wartenheimers anzunehmen, da ich doch im Laufe +der Jahre die Freude an allem geselligen Treiben so ganz verloren habe. +Vielleicht war der laue Wind schuld, der abends von den Hügeln in die +Stadt geweht kam und mich aufs Land hinauslockte. Überdies sollte es ja +ein Gartenfest sein, mit dem die Wartenheimers ihre Villa einweihen +wollten, und man brauchte keinerlei besonderen Zwang zu fürchten. +Sonderbar ist es auch, daß ich im Hinausfahren kaum an die Möglichkeit +dachte, Frau Mathilde draußen zu begegnen. Und dabei war mir doch +bekannt, daß Herr Wartenheimer die griechische Tänzerin von Samodeski +für seine Villa gekauft hatte; – und daß Frau von Wartenheimer in den +Bildhauer verliebt war, wie alle übrigen Frauen, das wußt’ ich nicht +minder. Aber selbst davon abgesehen hätte ich wohl an Mathilde denken +können, denn zur Zeit, da sie noch Mädchen war, hatte ich manche schöne +Stunde mit ihr verbracht. Insbesondere gab es einen Sommer am Genfer See +vor sieben Jahren, gerade ein Jahr vor ihrer Verlobung, den ich nicht so +leicht vergessen werde. Es scheint sogar, daß ich mir damals trotz +meiner grauen Haare mancherlei eingebildet hatte, denn als sie im Jahre +darauf Samodeskis Gattin wurde, empfand ich einige Enttäuschung und war +vollkommen überzeugt – oder hoffte sogar –, daß sie mit ihm nicht +glücklich werden könnte. Erst auf dem Fest, das Gregor Samodeski kurz +nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise in seinem Atelier in der +Gußhausgasse gab, wo alle Geladenen lächerlicherweise in japanischen +oder chinesischen Kostümen erscheinen mußten, habe ich Mathilde +wiedergesehen. Ganz unbefangen begrüßte sie mich; ihr ganzes Wesen +machte den Eindruck der Ruhe und Heiterkeit. Aber später, während sie im +Gespräch mit anderen war, traf mich manchmal ein seltsamer Blick aus +ihren Augen, und nach einiger Bemühung habe ich deutlich verstanden, was +er zu bedeuten hatte. Er sagte: ›Lieber Freund, Sie glauben, daß er mich +um des Geldes willen geheiratet hat; Sie glauben, daß er mich nicht +liebt; Sie glauben, daß ich nicht glücklich bin – aber Sie irren sich +... Sie irren sich ganz bestimmt. Sehen Sie doch, wie gut gelaunt ich +bin, wie meine Augen leuchten.‹ + +Ich bin ihr auch später noch einige Male begegnet, aber immer nur ganz +flüchtig. Einmal auf einer Reise kreuzten sich unsere Züge; ich speiste +mit ihr und ihrem Gatten in einem Bahnhofsrestaurant, und er erzählte +allerhand Witze, die mich nicht sonderlich amüsierten. Auch im Theater +sprach ich sie einmal, sie war mit ihrer Mutter dort, die eigentlich +noch immer schöner ist als sie ... der Teufel weiß, wo Herr Samodeski +damals gewesen ist. Und im letzten Winter hab ich sie im Prater +gesehen; an einem klaren, kalten Tage. Sie ging mit ihrem kleinen Mäderl +unter den kahlen Kastanien über den Schnee. Der Wagen fuhr langsam nach. +Ich befand mich auf der anderen Seite der Fahrbahn und ging nicht einmal +hinüber. Wahrscheinlich war ich innerlich mit ganz anderen Dingen +beschäftigt; auch interessierte mich Mathilde schließlich nicht mehr +besonders. So würde ich mir heute vielleicht gar keine weiteren Gedanken +über sie und über ihren plötzlichen Tod machen, wenn nicht jenes letzte +Wiedersehen bei Wartenheimers stattgefunden hätte. Dieses Abends +erinnere ich mich heute mit einer merkwürdigen, geradezu peinlichen +Deutlichkeit, etwa so wie manchen Tags am Genfer See. Es war schon +ziemlich dämmerig, als ich hinauskam. Die Gäste gingen in den Alleen +spazieren, ich begrüßte den Hausherrn und einige Bekannte. Irgendwoher +tönte die Musik einer kleinen Salonkapelle, die in einem Boskett +versteckt war. Bald kam ich zu dem kleinen Teich, der im Halbkreis von +hohen Bäumen umgeben ist; in der Mitte auf einem dunklen Postament, so +daß sie über dem Wasser zu schweben schien, leuchtete die griechische +Tänzerin; durch elektrische Flammen vom Hause her war sie übrigens etwas +theatralisch beleuchtet. Ich erinnere mich des Aufsehens, das sie im +Jahre vorher in der Sezession erregt hatte; ich muß gestehen, auch auf +mich machte sie einigen Eindruck, obwohl mir Samodeski ausnehmend +zuwider ist, und trotzdem ich die sonderbare Empfindung habe, daß +eigentlich nicht er es ist, der die schönen Sachen macht, die ihm +zuweilen gelingen, sondern irgend etwas anderes in ihm, irgend etwas +Unbegreifliches, Glühendes, Dämonisches meinethalben, das ganz bestimmt +erlöschen wird, wenn er einmal aufhören wird, jung und geliebt zu sein. +Ich glaube, es gibt mancherlei Künstler dieser Art, und dieser Umstand +erfüllt mich seit jeher mit einer gewissen Genugtuung. + +In der Nähe des Teiches begegnete ich Mathilden. Sie schritt am Arm +eines jungen Mannes, der aussah wie ein Korpsstudent und sich mir als +Verwandter des Hauses vorstellte. Wir spazierten zu dritt sehr vergnügt +plaudernd im Garten hin und her, in dem jetzt überall Lichter +aufgeflackert waren. Die Frau des Hauses mit Samodeski kam uns entgegen. +Wir blieben alle eine Weile stehen, und zu meiner eigenen Verwunderung +sagte ich dem Bildhauer einige höchst anerkennende Worte über die +griechische Tänzerin. Ich war eigentlich ganz unschuldig daran; offenbar +lag in der Luft eine friedliche, heitere Stimmung, wie das an solchen +Frühlingsabenden manchmal vorkommt: Leute, die einander sonst +gleichgültig sind, begrüßen sich herzlich, andere, die schon eine +gewisse Sympathie verbindet, fühlen sich zu allerlei Herzensergießungen +angeregt. Als ich beispielsweise eine Weile später auf einer Bank saß +und eine Zigarette rauchte, gesellte sich ein Herr zu mir, den ich nur +oberflächlich kannte und der plötzlich die Leute zu preisen begann, die +von ihrem Reichtum einen so vornehmen Gebrauch machen wie unser +Gastgeber. Ich war vollkommen seiner Meinung, obwohl ich Herrn von +Wartenheimer sonst für einen ganz einfältigen Snob halte. Dann teilte +ich wieder dem Herrn ganz ohne Grund meine Ansichten über moderne +Skulptur mit, von der ich nicht sonderlich viel verstehe, Ansichten, die +für ihn sonst gewiß ohne jedes Interesse gewesen wären; aber unter dem +Einflusse dieses verführerischen Frühlingsabends stimmte er mir +begeistert zu. Später traf ich die Nichten des Hausherrn, die das Fest +äußerst romantisch fanden, hauptsächlich, weil die Lichter zwischen den +Blättern hervorglänzten und Musik in der Ferne ertönte. Dabei standen +wir gerade neben der Kapelle: aber trotzdem fand ich die Bemerkung nicht +unsinnig. So sehr stand auch ich unter dem Banne der allgemeinen +Stimmung. + +Das Abendessen wurde an kleinen Tischen eingenommen, die, soweit es der +Platz erlaubte, auf der großen Terrasse, zum andern Teil im anstoßenden +Salon aufgestellt waren. Die drei großen Glastüren standen weit offen. +Ich saß an einem Tisch im Freien mit einer der Nichten; an meiner +anderen Seite hatte Mathilde Platz genommen mit dem Herrn, der aussah +wie ein Korpsstudent, übrigens aber Bankbeamter und Reserveoffizier war. +Gegenüber von uns, aber schon im Saal, saß Samodeski zwischen der Frau +des Hauses und irgendeiner anderen schönen Dame, die ich nicht kannte. +Er warf seiner Gattin eine scherzhaft verwegene Kußhand zu; sie nickte +ihm zu und lächelte. Ohne weitere Absicht beobachtete ich ihn ziemlich +genau. Er war wirklich schön mit seinen stahlblauen Augen und dem langen +schwarzen Spitzbarte, den er manchmal mit zwei Fingern der linken Hand +am Kinn zurechtstrich. Ich glaube aber auch, daß ich nie in meinem Leben +einen Mann so sehr von Worten, Blicken, Gebärden gewissermaßen umglüht +gesehen habe als ihn an diesem Abend. Anfangs schien es, als ließe er +sich das eben nur gefallen. Aber bald sah ich an seiner Art, den Frauen +leise zuzuflüstern, an seinen unerträglichen Siegerblicken und besonders +an der erregten Munterkeit seiner Nachbarinnen, daß die scheinbar +harmlose Unterhaltung von irgendeinem geheimen Feuer genährt wurde. +Natürlich mußte Mathilde das alles geradeso gut bemerken als ich; aber +sie plauderte anscheinend unbewegt bald mit ihrem Nachbarn, bald mit +mir. Allmählich wandte sie sich zu mir allein, erkundigte sich nach +verschiedenen äußeren Umständen meines Lebens und ließ sich von meiner +vorjährigen Reise nach Athen berichten. Dann sprach sie von ihrer +Kleinen, die merkwürdigerweise schon heute Lieder von Schumann nach dem +Gehör singen konnte, von ihren Eltern, die sich nun auch auf ihre alten +Tage ein Häuschen in Hietzing gekauft, von alten Kirchenstoffen, die sie +selbst im vorigen Jahr in Salzburg angeschafft hatte, und von hundert +anderen Dingen. Aber unter der Oberfläche dieses Gespräches ging etwas +ganz anderes zwischen uns vor; ein stummer erbitterter Kampf: sie +versuchte mich durch ihre Ruhe von der Ungetrübtheit ihres Glückes zu +überzeugen – und ich wehrte mich dagegen, ihr zu glauben. Ich mußte +wieder an jenen japanisch-chinesischen Abend in Samodeskis Atelier +denken, wo sie sich in gleicher Weise bemüht hatte. Diesmal fühlte sie +wohl, daß sie gegen meine Bedenken wenig ausrichtete und daß sie irgend +etwas ganz Besonderes ausdenken mußte, um sie zu zerstreuen. Und so kam +sie auf den Einfall, mich selbst auf das zutunliche und verliebte +Benehmen der zwei schönen Frauen ihrem Gatten gegenüber aufmerksam zu +machen und begann von seinem Glück bei Frauen zu sprechen, als wenn sie +sich auch daran geradeso wie an seiner Schönheit und an seinem Genie +ohne jede Unruhe und jedes Mißtrauen als gute Kameradin freuen dürfte. +Aber je mehr sie sich bemühte, vergnügt und ruhig zu scheinen, um so +tiefere Schatten flogen über ihre Stirne hin. Als sie einmal das Glas +erhob, um Samodeski zuzutrinken, zitterte ihre Hand. Das wollte sie +verbergen, unterdrücken; dadurch verfiel aber nicht nur ihre Hand, +sondern der Arm, ihre ganze Gestalt für einige Sekunden in eine solche +Starrheit, daß mir beinahe bange wurde. Sie faßte sich wieder, sah mich +rasch von der Seite an, merkte offenbar, daß sie daran war, ihr Spiel +endgültig zu verlieren, und sagte plötzlich, wie mit einem letzten +verzweifelten Versuch: »Ich wette, Sie halten mich für eifersüchtig.« +Und ehe ich Zeit hatte, etwas zu erwidern, setzte sie rasch hinzu: »Oh, +das glauben viele. Im Anfang hat es Gregor selbst geglaubt.« Sie sprach +absichtlich ganz laut, man hätte drüben jedes Wort hören können. »Nun +ja,« sagte sie mit einem Blick hinüber, »wenn man einen solchen Mann +hat: schön und berühmt ... und selber den Ruf, nicht sonderlich hübsch +zu sein ... Oh, Sie brauchen mir nichts zu erwidern ... ich weiß ja, +daß ich seit meinem Mäderl ein bißchen hübscher geworden bin.« Sie hatte +möglicherweise recht, aber für ihren Gemahl – davon war ich völlig +überzeugt – hatte der Adel ihrer Züge nie sonderlich viel bedeutet, und +was ihre Gestalt anlangt, so hatte sie mit der mädchenhaften Schlankheit +für ihn wahrscheinlich ihren einzigen Reiz verloren. Doch ich stimmte +ihr natürlich mit übertriebenen Worten bei; sie schien erfreut und fuhr +mit wachsendem Mute fort: »Aber ich habe nicht das geringste Talent zur +Eifersucht. Das habe ich selbst nicht gleich gewußt; ich bin erst +allmählich darauf gekommen, und zwar hauptsächlich vor ein paar Jahren +in Paris ... Sie wissen ja, daß wir dort waren?« + +Ich erinnerte mich. + +»Gregor hat dort die Büsten der Fürstin La Hire und des Ministers +Chocquet gemacht und mancherlei anderes. Wir haben dort so angenehm +gelebt wie junge Leute ... das heißt, jung sind wir ja noch beide ... +ich meine, wie ein Liebespaar, wenn wir auch gelegentlich in die große +Welt gingen ... Wir waren ein paarmal beim österreichischen Botschafter, +die La Hires haben wir besucht und andere. Im ganzen aber machten wir +uns nicht viel aus dem eleganten Leben. Wir wohnten sogar draußen auf +Montmartre, in einem ziemlich schäbigen Haus, wo übrigens Gregor auch +sein Atelier hatte. Ich versichere Sie, unter den jungen Künstlern, mit +denen wir dort verkehrten, hatten manche keine Ahnung, daß wir +verheiratet waren. Ich bin überall mit ihm herumgestiefelt. Oft bin ich +in der Nacht mit ihm im Café Athenés gesessen, mit Léandre, Carabin und +vielen anderen. Auch allerlei Frauen waren zuweilen in unserer +Gesellschaft, mit denen ich wahrscheinlich in Wien nicht verkehren +möchte ... obzwar schließlich – –« Sie warf einen hastigen Blick hinüber +auf Frau Wartenheimer und fuhr rasch wieder fort: »Und manche war sehr +hübsch. Ein paarmal war auch die letzte Geliebte von Henri Chabran dort, +die seit seinem Tode immer ganz in Schwarz ging und jede Woche einen +anderen Liebhaber hatte, die aber in dieser Zeit auch alle Trauer tragen +mußten, das verlangte sie ... Sonderbare Leute lernt man kennen. Sie +können sich denken, daß die Frauen meinem Manne dort nicht weniger +nachgelaufen sind als anderswo; es war zum Lachen. Aber da ich doch +immer mit ihm war – oder meistens, so wagten sie sich nicht recht an ihn +heran, um so weniger, als ich für seine Geliebte galt ... Ja, wenn sie +gewußt hätten, daß ich nur seine Frau war –! Und da bin ich einmal auf +einen sonderbaren Einfall gekommen, den Sie mir gewiß nie zugetraut +hätten – und aufrichtig gestanden, ich wundere mich heute selbst über +meinen Mut.« Sie sah vor sich hin und sprach leiser als früher: »Es ist +übrigens auch möglich, daß es schon mit etwas im Zusammenhang stand – +nun, Sie können sich’s ja denken. Seit ein paar Wochen wußte ich, daß +ich ein Kind zu erwarten hatte. Das machte mich unerhört glücklich. Im +Anfang war ich nicht nur heiterer, sondern merkwürdigerweise auch viel +beweglicher als jemals früher ... Also denken Sie, eines schönen Abends +habe ich mir Männerkleider angezogen und bin so mit Gregor auf Abenteuer +aus. Natürlich hab ich ihm vor allem das Versprechen abgenommen, daß er +sich keinerlei Zwang antun dürfte ... nun ja, sonst hätte die ganze +Geschichte keinen Sinn gehabt. Ich habe übrigens famos ausgesehen – Sie +hätten mich nicht erkannt ... niemand hätte mich erkannt. Ein Freund von +Gregor, ein gewisser Léonce Albert, ein junger Maler, ein buckliger +Mensch, holte uns an diesem Abend ab. Es war wunderschön ... Mai ... +ganz warm ... und ich war frech, davon machen Sie sich keinen Begriff. +Denken Sie sich, ich hab meinen Überzieher – einen sehr eleganten gelben +Überzieher – einfach abgelegt und ihn auf dem Arm getragen ... so wie +das eben Herren zu tun pflegen ... Es war allerdings schon ziemlich +dunkel ... In einem kleinen Restaurant auf dem äußeren Boulevard haben +wir diniert, dann sind wir in die Roulotte gegangen, wo damals Legay +sang und Montoya ... »Tu t’en iras les pieds devant« ... Sie +haben es ja neulich hier gehört im Wiedener Theater – nicht wahr?« Jetzt +warf Mathilde einen raschen Blick zu ihrem Mann hinüber, der nicht +darauf achtete. Es war, als wenn sie nun auf längere Zeit von ihm +Abschied nähme. Und nun erzählte sie drauflos, immer heftiger, stürzte +sozusagen vorwärts. »In der Roulotte,« sagte sie, »war eine sehr +elegante Dame, die ganz nahe vor uns saß; die kokettierte mit Gregor, +aber in einer Weise ... nun, ich versichere Sie, man kann sich nichts +Unanständigeres vorstellen. Ich werde nie begreifen, daß ihr Gatte sie +nicht auf der Stelle erwürgt hat. Ich hätte es getan. Ich glaube, es war +eine Herzogin ... Nun, Sie müssen nicht lachen, es war gewiß eine Dame +der großen Welt, trotz ihres Benehmens ... das kann man schon beurteilen +... Und ich wollte eigentlich, daß Gregor auf die Sache einginge ... +natürlich! – ich hätte gern gesehen, wie man so etwas anfängt ... ich +wünschte, daß er ihr einen Brief zusteckte – oder sonst was täte – was +er eben in solchen Fällen getan haben wird, bevor ich seine Frau wurde +... Ja, das wollte ich, trotzdem es nicht ohne Gefahr für ihn gewesen +wäre. Offenbar steckt in uns Frauen so eine grausame Neugier ... Aber +Gregor hatte, Gott sei Dank, keine Lust. Wir gingen sogar recht bald +fort, wieder hinaus in die schöne Mainacht, Léonce blieb immer mit uns. +Der hat sich übrigens an diesem Abend in mich verliebt und wurde gegen +seine Gewohnheit geradezu galant. Es war sonst ein sehr verschüchterter +Mensch – wegen seines Aussehens ... Ich sagte ihm noch: »Man muß wohl +einen gelben Überzieher haben, damit Sie einem den Hof machen.« Wir sind +so vergnügt weiterspaziert wie drei Studenten. Und jetzt kam das +Interessante: wir gingen nämlich ins Moulin Rouge. Das gehörte zum +Programm. Es war auch notwendig, daß endlich irgend etwas geschah. +Bisher hatten wir ja noch gar nichts erlebt ... nur mich – denken Sie: +mich selbst – hatte ein Frauenzimmer auf der Straße angeredet. Aber das +war ja nicht die Absicht gewesen ... Um ein Uhr waren wir im Moulin +Rouge. Wie es da zugeht, wissen Sie ja wahrscheinlich; eigentlich hatte +ich mir’s ärger vorgestellt ... Es passierte auch anfangs dort nicht das +Geringste, und es sah ganz danach aus, als sollte der ganze Scherz zu +nichts führen. Ich war ein bißchen ärgerlich. »Du bist ein Kind,« sagte +Gregor. »Wie denkst du dir das eigentlich? Wir kommen, und sie fallen +uns zu Füßen –?« Er sagte »uns« aus Höflichkeit für Léonce; es war keine +Rede davon, daß man Léonce zu Füßen fallen konnte. Aber wie wir nun +schon alle ernstlich daran dachten, nach Hause zu gehen, nahm die Sache +eine Wendung. Mir fiel nämlich eine Person auf ... mir, wirklich mir ... +die schon ein paarmal ganz zufällig an uns vorübergegangen war ... Sie +war ganz ernst und sah ziemlich anders aus als die meisten anwesenden +Damen. Sie war gar nicht auffallend gekleidet – in Weiß, vollkommen in +Weiß ... Ich hatte bemerkt, wie sie zwei oder drei Herren, die sie +ansprachen, überhaupt gar keine Antwort gab, einfach weiterging, ohne +sie eines Blickes zu würdigen. Sie schaute nur dem Tanze zu, sehr ruhig, +interessiert, sachlich möchte ich sagen ... Léonce fragte – ich hatte +ihn darum gebeten – ein paar Bekannte, ob ihnen das hübsche Wesen schon +irgendwo begegnet wäre, und einer erinnerte sich, daß er sie im vorigen +Winter auf einem der Donnerstagsbälle im Quartier Latin gesehen hatte. +Léonce sprach sie dann in einiger Entfernung von uns an, und ihm gab sie +Antwort. Dann kam er mit ihr näher, wir setzten uns alle an einen +kleinen Tisch und tranken Champagner. Gregor kümmerte sich gar nicht um +sie – als wenn sie überhaupt nicht dagewesen wäre ... Er plauderte mit +mir, immer nur mit mir ... Das schien sie nun besonders zu reizen. Sie +wurde immer heiterer, gesprächiger, ungenierter, und wie das so kommt, +allmählich hatte sie ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Was so ein +armes Ding alles erleben kann – oder erleben muß, möglicherweise! Man +liest ja so oft davon, aber wenn man es einmal als etwas ganz Wirkliches +hört, von einer, die daneben sitzt, da ist es doch ganz sonderbar. Ich +erinnere mich noch an mancherlei. Wie sie fünfzehn Jahre alt war, hat +sie irgendeiner verführt und sitzen lassen. Dann war sie Modell. Auch +Statistin an einem kleinen Theater ist sie gewesen. – Was sie uns vom +Direktor für Dinge erzählte!... Ich wäre auf und davon gelaufen, wenn +ich nicht vom Champagner schon ein wenig angeheitert gewesen wäre ... +Dann hatte sie sich in einen Studenten der Medizin verliebt, der in der +Anatomie arbeitete, den holte sie manchmal aus der Leichenkammer ab ... +oder blieb vielmehr mit ihm dort ... nein, es ist nicht möglich, zu +wiederholen, was sie uns erzählt hat! – Der Mediziner verließ sie +natürlich auch. Und das wollte sie nicht überleben – gerade das! Und sie +brachte sich um, das heißt, sie versuchte es. Sie machte sich selbst +darüber lustig ... in Ausdrücken! Ich höre noch ihre Stimme ... es +klang gar nicht so gemein, als es war. Und sie lüftete ihr Kleid ein +wenig und zeigte über der linken Brust eine kleine rötliche Narbe. Und +wie wir alle diese kleine Narbe ganz ernsthaft betrachten, sagte sie – +nein, schreit sie plötzlich meinen Mann an: »Küssen!« Ich sagte Ihnen +schon, Gregor kümmerte sich gar nicht um sie. Auch während sie ihre +Geschichten erzählte, hörte er kaum zu, sah in den Saal hinein, rauchte +Zigaretten, und jetzt, wie sie ihn so anrief, lächelte er kaum. Ich hab +ihn aber gestoßen, gezwickt, ich war ja wirklich etwas beduselt ... +jedenfalls war es die sonderbarste Stimmung meines Lebens. Und ob er nun +wollte oder nicht, er mußte die Narbe ... das heißt, er mußte so tun, +als berührte er die Stelle mit den Lippen. Ja, und dann wurde es immer +lustiger und toller. Nie hab ich so viel gelacht wie an diesem Abend – +und gar nicht gewußt, warum. Und nie hätte ich es für möglich gehalten, +daß sich ein weibliches Wesen – und noch dazu solch eines – im Verlauf +einer Stunde so wahnsinnig in einen Mann verlieben könnte, wie dieses +Geschöpf in Gregor. Sie hieß Madeleine.« + +Ich weiß nicht, ob Frau Mathilde den Namen absichtlich lauter aussprach +– jedenfalls schien es mir, als hörte ihn ihr Gatte, denn er sah zu uns +herüber; seine Frau sah er sonderbarerweise nicht an, aber unsere Blicke +begegneten sich und blieben eine ganze Weile ineinander ruhen, nicht +eben mit besonderer Sympathie. Dann plötzlich lächelte er seiner Gattin +zu, sie nickte zurück, er sprach mit seinen Nachbarinnen weiter, und sie +wandte sich wieder zu mir. + +»Ich kann mich natürlich nicht mehr an alles erinnern, was Madeleine +später gesprochen hat,« sagte sie, »es war ja alles so wirr. Aber ich +will aufrichtig sein: es gab eine Sekunde, in der ich ein bißchen +verstimmt wurde. Das war, als Madeleine die Hand meines Mannes nahm und +küßte. Aber gleich war es wieder vorbei. Denn, sehen Sie, in diesem +Augenblick mußte ich an unser Kind denken. Und da hab ich gefühlt, wie +unauflöslich ich und Gregor miteinander verbunden waren, und wie alles +andere nichts sein konnte, als Schatten, Nichtigkeiten oder Komödie, wie +heute abend. Und da war alles wieder gut. Wir sind dann noch alle bis +zum Morgengrauen auf dem Boulevard in einem Kaffeehause gesessen. Da +hörte ich, wie Madeleine meinen Gatten bat, er solle sie nach Hause +begleiten. Er lachte sie aus. Und dann, um den Spaß zu einem guten und +in gewissem Sinne vorteilhaften Ende zu führen – Sie wissen ja, was die +Künstler alle für Egoisten sind ... insofern es sich nämlich um ihre +Kunst handelt ... – kurz, er sagte ihr, daß er Bildhauer sei, und +forderte sie auf, nächstens zu ihm zu kommen, er wollte sie modellieren. +Sie antwortete: »Wenn du ein Bildhauer bist, lasse ich mich hängen! Aber +ich komm’ doch.« + +Mathilde schwieg. Aber nie habe ich die Augen eines weiblichen Wesens so +viel Leid ausdrücken – oder verbergen sehen. Dann, nachdem sie sich +gefaßt zu dem letzten, was sie mir noch zu sagen hatte, fuhr sie fort: +»Gregor wollte durchaus, ich sollte am nächsten Tag im Atelier sein. Ja, +er machte mir sogar den Vorschlag, hinter dem Vorhang verborgen zu +bleiben, wenn sie käme. Nun, es gibt Frauen, viele Frauen, ich weiß es, +die darauf eingegangen wären. Ich aber finde: entweder man glaubt oder +man glaubt nicht ... Und ich habe mich entschlossen, zu glauben. Hab ich +nicht recht?« Und sie sah mich mit großen, fragenden Augen an. Ich +nickte nur, und sie sprach weiter: »Madeleine kam natürlich am Tag +darauf und dann sehr oft ... wie manche andere vorher und nachher +gekommen ist ... und daß sie eine der schönsten war, können Sie mir +glauben. Sie selbst sind erst heute vor ihr in Bewunderung gestanden, +draußen am Teich.« + +»Die Tänzerin?« + +»Ja, Madeleine hat zu ihr Modell gestanden. Und nun denken Sie, daß ich +in einem solchen oder in einem anderen Falle mißtrauisch gewesen wäre! +Würde ich nicht ihm und mir das Dasein zur Qual gemacht haben? Ich bin +sehr froh, daß ich keine Anlage zur Eifersucht habe.« + +Irgend jemand stand in der offenen Mitteltür und hatte begonnen, einen +wahrscheinlich sehr witzigen Toast auf den Hausherrn zu sprechen, denn +die Leute lachten von ganzem Herzen. Ich aber betrachtete Mathilde, die +ebensowenig zuhörte wie ich. Und ich sah, wie sie zu ihrem Gatten +hinüberschaute und ihm einen Blick zuwarf, der nicht nur eine unendliche +Liebe verriet, sondern auch ein unerschütterliches Vertrauen heuchelte, +als wäre es wahrhaftig ihre höchste Pflicht, ihn im Genuß des Daseins +auf keine Weise zu stören. Und er empfing auch diesen Blick – lächelnd, +unbeirrt, obwohl er natürlich ebensogut wußte als ich, daß sie litt und +ihr Leben lang gelitten hat wie ein Tier. + +Und darum glaub ich nicht an die Fabel von dem Herzschlag. Ich habe an +jenem Abend Mathilde zu gut kennen gelernt, und für mich steht es fest: +so wie sie vor ihrem Gatten die glückliche Frau gespielt hat vom ersten +Augenblick bis zum letzten, während er sie belogen und zum Wahnsinn +getrieben hat, so hat sie ihm auch schließlich einen natürlichen Tod +vorgespielt, als sie das Leben hinwarf, weil sie es nicht mehr ertragen +konnte. Und er hatte auch dieses letzte Opfer hingenommen, als käme es +ihm zu. + +Da stehe ich vor dem Gitter ... Die Läden sind fest geschlossen. Weiß +und wie verzaubert liegt die kleine Villa im Dämmerschein, und dort +schimmert der Marmor zwischen den roten Zweigen ... + +Vielleicht bin ich übrigens ungerecht gegen Samodeski. Am Ende ist er so +dumm, daß er die Wahrheit wirklich nicht ahnt. Aber es ist traurig, zu +denken, daß es für Mathilde im Tode keine größere Wonne gäbe, als zu +wissen, daß ihr letzter himmlischer Betrug gelungen ist. + +Oder irre ich mich gar? Und es war ein natürlicher Tod?... Nein, ich +lasse mir nicht das Recht nehmen, den Mann zu hassen, den Mathilde so +sehr geliebt hat. Das wird ja wahrscheinlich für lange Zeit mein +einziges Vergnügen sein ... + +_Ende_ + + + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + +Die in vorliegendem Band abgedruckten Novellen sind den »Gesammelten +Werken« entnommen. + + + + +Gesammelte Werke von Arthur Schnitzler + + +I. Die erzählenden Schriften in drei Bänden + +In Leinen 10 M, in Halbleder 13 M, in Ganzleder 17 M + +Inhalt: Sterben. Blumen. Ein Abschied. Die Frau des Weisen. Der +Ehrentag. Die Toten schweigen. Andreas Thameyers letzter Brief. Der +blinde Geronimo und sein Bruder. Leutnant Gustl. Die griechische +Tänzerin. Frau Berta Garlan. Das Schicksal des Freiherrn von Leisenbohg. +Die Fremde. Die Weissagung. Das neue Lied. Der Tod des Junggesellen. Der +tote Gabriel. Das Tagebuch der Redegonda. Der Mörder. Die dreifache +Warnung. Die Hirtenflöte. Der Weg ins Freie. + + +II. Die Theaterstücke in vier Bänden + +In Leinen 12 M, in Halbleder 16 M, in Ganzleder 21 M + +Inhalt: Anatol. Das Märchen. Liebelei. Freiwild. Das Vermächtnis. +Paracelsus. Die Gefährtin. Der grüne Kakadu. Der Schleier der Beatrice. +Lebendige Stunden. Die Frau mit dem Dolche. Die letzten Masken. +Literatur. Der einsame Weg. Zwischenspiel. Der Puppenspieler. Der +tapfere Cassian. Zum großen Wurstel. Der Ruf des Lebens. Komtesse Mizzi +oder Der Familientag. Der junge Medardus. Das weite Land. + + + + +Werke von Arthur Schnitzler + + +Sterben + +Novelle. 8. Auflage. Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark + +Der Dichter und der Arzt haben sich in dieser Erzählung zu gemeinsamer +Tat vereint, und was sie vollbracht haben, verdient die größte +Anerkennung, um so mehr, als das Sujet an Handlung sehr arm ist und sich +nur auf zwei Haupt- und eine Nebenperson beschränkt. Die deutsche +Literatur könnte sich glücklich preisen, wenn sie viele solche Bücher +hätte wie diese einfache Erzählung. (Deutsche Revue) + + +Die Frau des Weisen + +Novelletten. 8. Auflage. Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark + +Die Poesie des Vergehens lockt Schnitzler immer und lohnt seine +liebevolle Hingabe an die Schatten, die auf den Lebensweg fallen, mit +dichterischen Erfolgen. Die Gestalten, die er zeichnet, sind der +Reflexion verfallen, aus der Reflexion heraus erstehen die Konflikte. +Eine weichgestimmte Natur, hegt er edle Instinkte. Frauen, die Chopin +gerne spielen, müssen Schnitzler gerne lesen. (Neues Wiener Tagblatt) + + +Leutnant Gustl + +Novelle. 18. Auflage. Geheftet 1 Mark, gebunden 2 Mark + +Eine bittere Satire vom militärischen Standpunkt aus, aber als Erzählung +von prachtvoller Geschlossenheit, in jedem Zuge lebendig, und wie +virtuos dabei in der Ausführung! Selten ist das Innere eines in engen +Vorurteilen befangenen Menschen, der durch ein Ungefähr in fieberhafte +Aufregung gerät, meisterhafter durchleuchtet und dargestellt worden als +in dieser auch stofflich höchst spannenden, aus einem einzigen Monolog +bestehenden Novelle. (Dresdner Anzeiger) + + +Dämmerseelen + +Novellen. 12. Auflage. Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark + +Schnitzler beweist auch in seinem neuesten Werkchen jene +außerordentliche Treffsicherheit des Tones, die im Konzert der +zahlreichen europäischen Musikanten leicht an ihren Sonderakkorden +erkannt wird. Von jener weltmännischen Gewandtheit, die nur irrtümlich +als oberflächlich gilt, weil sie schamhaft genug ist, heiße Tränen +hinter dem heimlichen Wappenschilde des Lächelns zu verbergen, läßt er +durch die Maske des spielerisch tändelnden Dandys das wahre Antlitz des +sinnenden ernsten Dichters lugen. (Breslauer Morgenzeitung) + + +Der Weg ins Freie + +Roman. 25. Auflage. Geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark + +Je länger dieses Buch in mir nachklingt, desto stärker wird der +menschliche Eindruck, den es hinterläßt. Hier ist diese wundervolle +Vereinigung, daß man überall spürt, wie stark in dem Dichter Schnitzler +der Mensch ist; hier hat der Dichter den Menschen und der Mensch den +Dichter beleuchtet, hier ist Leben und Schaffen, künstlerisches, und +beinahe möchte man sagen privates Fühlen so vollkommene Einheit, daß man +über das Buch hinaus den Eindruck der reinen Individualität empfängt, +die es geschrieben hat. (Die Zeit, Wien) + + +Masken und Wunder + +Novellen, 11. Auflage. Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark + +Ein geheimnisreicher Name für ein rätselvolles, ernstes und tiefes Buch! +Von den Seelen merkwürdiger Menschen, zumal von Frauen, ist darin +gehandelt – skeptisch und mit verhaltener Ironie, aber auch mit der +seelischen Tiefe, die wunderliche Menschenschicksale in ihrem Wesen +erfaßt und in den feinsten Gründen ihrer Existenz darlegt. +(Generalanzeiger, Mannheim) + + +Frau Beate und ihr Sohn + +Novelle. 12. Auflage. Geheftet Mark 2.50, gebunden Mark 3.50 + +Aus der Welt weicher Sinnlichkeit und unbewachten Genußtriebs, die uns +Schnitzler so oft mit überlegener Ironie geschildert hat, arbeitet er in +dieser Meisternovelle eine erschütternde Tragik heraus. Schnitzler hat +in dieser novellistischen Tragödie der entweihten Mutterschaft sein +Stärkstes geboten. (Vossische Zeitung, Berlin) + + + + +Gustaf af Geijerstam + +Gesammelte Romane in fünf Bänden + + +Fünf Bände in schöner, gediegener Ausstattung mit einem Porträt des +Dichters. Geheftet 12 Mark, in Leinen gebunden 15 Mark + + +1. Bd.: Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes / +Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis. + +2. Bd.: Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe. + +3. Bd.: Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht. + +4. Bd.: Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte. + +5. Bd.: Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee. + + +Mit dieser neuen Ausgabe seiner Werke wohnt Geijerstam mitten unter uns. +Man hat ihn in Deutschland verstanden. Diese Sammlung seiner Werke – +rein äußerlich, bei schöner Ausstattung und sehr billigem Preise, die +denkbar beste Vereinigung von Volks- und Bibliotheksausgabe – ist Beweis +dafür. Den Geijerstam, den man braucht, hat man in dieser Auswahl ganz. +Sie findet ihre literarische Rechtfertigung zudem in einer Einleitung +von Friedrich Düsel, und diese Einführung gibt eine seelisch +eindringliche, man könnte beinahe sagen erschöpfende Analyse von +Geijerstams künstlerischer Persönlichkeit ... In Geijerstam kündigt sich +eine neue Weltanschauung an, noch viel zu unentwickelt, um in den Rahmen +von zehn Geboten gefaßt zu werden, doch aber recht eigentlich die +Weltanschauung des Menschen, der nicht die Kraft, dafür aber die +Zartheit seiner eigenen Empfindungen besitzt. – Eine neue Frucht der +Erkenntnis gleißt aus der grünen Blätterpracht dieser Erzählungen! Aus +dem Stamm des sozialen Mitleidens ist sie erwachsen. Menschen mit +verfeinerten Empfindungsorganen werden danach greifen und werden – wie +das immer war – beides daraus schmecken: Tod und Leben. (Frankfurter +Zeitung) + + + + +Otto Erich Hartleben + +Ausgewählte Werke in drei Bänden + + +Auswahl und Einleitung von Franz Ferdinand Heitmüller. Mit dem Bilde des +Dichters. Preis geheftet 8 Mark, in drei Pappbänden gebunden 10 Mark, in +drei Ganzpergamentbänden 15 Mark. + + +1. Bd.: Gedichte: Einleitung / Die Gedichte vollständig. + +2. Bd.: Prosa: Die Serenyi / Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe / +Wie der Kleine zum Teufel wurde / Vom gastfreien Pastor / Der +Einhornapotheker / Der römische Maler / Der bunte Vogel. + +3. Bd.: Dramen: Angele / Hanna Jagert / Die Erziehung zur Ehe / Die +sittliche Forderung / Rosenmontag. + + +Ein schönes Werk der Pietät. In wundervoller Ausstattung ist hier ein +Überblick über des toten Poeten Lebenswerk gegeben. Den ersten Band +ziert ein schönes Bild Hartlebens. Druck, Papier, Einband – alles ist zu +jener vornehmen Harmonie abgetönt, die des Dichters eigene Person +ausströmte und mit der er jeden gefangen nahm, der die Freude hatte, ihm +im Leben zu begegnen. Diese drei Bände stellen eine Zierde für jede +Bibliothek dar. (Universum, Leipzig) + +Dieses Werk faßt als Rahmen noch ein ganz apartes Schmuckstück, nämlich +das Bildnis einer reinen, edlen Frauengestalt, wenn es in seiner +Einleitung Bruchstücke aus den Tagebuchaufzeichnungen wiedergibt, mit +denen Hartlebens Mutter die erste Jugend ihres Ältesten geleitete. Diese +Tagebuchnotizen geben sogar in doppeltem Sinne Biographisches. Denn sie +kennzeichnen ihre Verfasserin, diese stille Frau, die nicht Frau Ajas +Humor, aber Frau Ajas Geduld und ihre Liebe hat. (Hamburger Fremdenblatt) + + + + +Peter Nansen + +Werke in drei Bänden + + +Mit dem Bilde des Dichters. Drei Leinenbände in elegantem Futteral 12 +Mark. Jeder Band einzeln geheftet 3 Mark 50 Pf., in Leinen gebunden 4 +Mark 50 Pf. + + +1. Band: _Jugend und Liebe._ Eine glückliche Ehe / Aus dem ersten +Universitätsjahr / Die Feuerprobe / Das erleuchtete Fenster / Des +Bürgermeisters Winterüberzieher / Der Simulant / Aus dem Tagebuch eines +Verliebten / Ein Weihnachtsmärchen / Der Weihnachtsbaum / Fräulein Mimi +/ Eine Ballunterhaltung. + +2. Band: _Theater._ Judiths Ehe / Eine glückliche Ehe / Kameraden / Ein +Hochzeitsabend / Die gestörte Verbindung. + +3. Band: _Die Romane des Herzens._ Julies Tagebuch / Maria / +Gottesfriede. + + +Nansens freie Selbständigkeit und seine künstlerische Unbefangenheit, +die manchen als Rücksichtslosigkeit erscheinen mag, weisen ihm eine hohe +Stellung unter seinen Landsleuten an, denen so vielfach über der Tendenz +die Gabe abhanden gekommen ist, die Welt zu schildern, wie sie ist. +Nansen will ein neues Frauenideal der nordischen Literatur zu Ehren +bringen, indem er in erster Linie die »Weibheit« der Frau – wie Laura +Marholm sagen würde – berücksichtigt; aber diese Absicht ist nicht die +Hauptsache. Seine Bücher haben dagegen einen eigenen poetischen Wert. +(Norddeutsche Allgemeine Zeitung) + +Peter Nansen stammt aus der elegischen, graziösen Hauptstadt des +Nordens, die architektonisch mit Dresden, seelisch mit Wien, geistig mit +Paris verwandt ist. Er gehört zu denen, die das Klima der nordischen +Literatur wärmer, sinnlicher, verführerischer gemacht haben, so daß wir +die Franzosen bald ganz entbehren können. (Das Literarische Echo) + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1914 in der Reihe »Fischers Bibliothek zeitgenössischer +Romane« erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. + +p 001: Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane -> (entfernt) +p 024: Anführungszeichen ergänzt: »Wofür denn?! ->»Wofür denn?!« +p 026: Anführungszeichen ergänzt: »Lieber mir, ... daneben! -> daneben!« +p 102: Anführungszeichen ergänzt: »Wie?– -> »Wie?«– +p 128: Anführungszeichen ergänzt: »Ich bin nicht schuld daran, +p 139: an die fünfzigmal gehört hätte. -> hatte. +p 148: Die Marie laßt Ihnen schon grüßen -> schön ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of an +original copy, published in 1914 as part of the series "Fischers +Bibliothek zeitgenössischer Romane". The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p 001: Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane -> (deleted) +p 024: added missing quotes: »Wofür denn?! ->»Wofür denn?!« +p 026: added missing quotes: »Lieber mir, ... daneben! -> daneben!« +p 102: added missing quotes: »Wie?– -> »Wie?«– +p 128: added missing quotes: »Ich bin nicht schuld daran, +p 139: an die fünfzigmal gehört hätte. -> hatte. +p 148: Die Marie laßt Ihnen schon grüßen -> schön ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Die griechische Tänzerin, by Arthur Schnitzler + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Die griechische Tänzerin *** + +***** This file should be named 17142-0.txt or 17142-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/7/1/4/17142/ + +Produced by Markus Brenner and Distributed Proofreaders +Europe at at http://dp.rastko.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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