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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:50:22 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das blaue Fenster
+ Novellen
+
+Author: Hugo Salus
+
+Release Date: November 22, 2005 [EBook #17130]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
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+
+
+
+Das blaue Fenster
+
+
+ Novellen
+
+ von
+
+ Hugo Salus
+
+
+
+Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1906
+
+
+
+Alle Rechte
+vorbehalten
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Seite
+Pietà ..................... 1
+Der Rächer ................ 57
+Das Meerweibchen .......... 115
+Der Spiegel ............... 173
+
+
+
+
+Pietà
+
+
+Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Verträumtes; es
+ist so, als hätten die Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das
+Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben ist, bis
+die Bäume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es,
+einsamkeitssüchtig und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, um
+fürder recht als ein Einsiedel hoch oben im grünen, stillen Forste zu
+träumen.
+
+In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit und der
+Märchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem
+Heiligtume ehrlich und wundergläubig wie ein Kind.
+
+Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im
+Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich
+aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so daß es
+gleich den Anschein weckte, als wäre an einen alten Wartturm später die
+Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer in dem
+Gefühle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so daß ich lächelnd
+nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes
+gewahrte. Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das Innere des
+Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der
+wenigen Bänke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand
+sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen
+Fräuleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so
+daß sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag.
+Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der
+gegenüberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich
+schimmernd, so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurückverfolgte
+und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von
+einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da
+schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte
+mich darüber, aber so, daß der bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde,
+und blickte nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer solchen
+Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkämpften Frieden, daß
+ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar
+umrahmte die eingesunkenen Schläfen, die Augen wölbten die zarten Lider
+wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den
+eingefallenen, verhärmten Wangen umso ausgeprägter empor, aber das
+Wunder war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, um den ein
+Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen
+läßt, die viel, unendlich viel gelitten haben.
+
+Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl träumend die
+blauen Strahlen mit meinen Händen auf und goß sie dann wieder über das
+bleiche Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre Geschichte.
+
+Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer
+wie ein Wunder, daß weit von hier, hoch in den Wäldern droben, ein
+Kirchlein steht und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die
+Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl
+noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkämpftem Frieden.
+
+ * * * * *
+
+Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um das weiße Schloß. Die Täler
+hinab bis an die Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan und
+über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller Forst mit
+sturmerprobten Bäumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit
+seinem spitzigen Dachhütlein schweift der Blick wie über ein
+großwelliges Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, über die
+schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, über das bläuliche Grün der
+Forste am Horizonte, die wie breite Moosflächen sich an den runden
+Himmelsrand schmiegen. Und drüber über dem besonnten und doch so dunklen
+Grün schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein
+Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein,
+der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig in seinem Schlosse
+sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige
+hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar
+lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten sitzen durfte und
+dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr
+schäumte, wenn sie prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine
+edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten ein glückliches
+Jahr in dem weißen Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu
+gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches Ereignis
+und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine
+schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt
+verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen
+sollte.
+
+Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig auf ihrem Lager,
+auf ihre entstellten, schlaffen Brüste niederstarrend oder im Spiegel
+die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit
+unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt
+und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht
+geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem
+Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis
+zeigen: so häßlich schien sie sich, so zerstört deuchte sie ihr
+Liebesglück, so abscheulich ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer
+wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei
+schöneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme überrascht,
+da sie sich eben über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden,
+rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling in die Höhe hob,
+wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke
+Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind
+gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des
+Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde
+kommen konnte.
+
+Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der
+Wärterin und späterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr
+bedurfte, trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen
+jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, daraus sie noch elender
+und siecher hervorging.
+
+So daß die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit
+verträumte.
+
+Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher
+Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von
+neuem gehofft hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt gelegt
+hatte, müsse sich endlich heben und die Augen der Gräfin wieder klar,
+heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche
+verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes
+Nichterkennen, eine böse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst
+so schönen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren
+düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß der Jammer mit knochigen
+Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos,
+gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte
+und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte.
+
+Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schloß berufen, die in
+Trauerkleidern das verschüchterte Kind leitete und die auch das
+Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und
+zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war
+es für das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam und
+mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht,
+eines Kindes Seele zu eröffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein
+Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und
+ihre Flügel zu lösen vermag.
+
+So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und
+verträumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und
+sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern,
+seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne daß
+sie wußte was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten lassen.
+Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr
+abergläubische und wunderbare Märchen erzählt bis in die Dämmerung.
+Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und
+ihr immer wieder verstohlen zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis
+einer der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei wieder schlimm
+geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen.
+Und hatte nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und die Märchen
+verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme
+nachdrängte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder fürchtete in
+seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm
+verbarg, und das es entdecken wollte.
+
+So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tür
+schlüpfte und plötzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin
+eine große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und händeringend
+umherirrte und sich dann erschöpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf
+jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt
+wieder empor und starrte plötzlich mit dem weit offenen Munde einer
+Maske und mit entsetzten Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand,
+und dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte
+die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der
+Tür gedrängt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt.
+
+Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie
+jene Frau drüben, nur daß es nicht schreien konnte, und endlich in den
+Armen seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des Kindes, ein
+heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes Gemüt. Und so lag Berta die
+ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und
+die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drückte, als wolle sie
+alle bösen Geister davon abhalten.
+
+Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele Jahre älter machte, wurde
+die kranke Gräfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde
+gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom
+Schlosse emporklomm; so daß in den folgenden Nächten denen im Schlosse
+unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen
+Schlafgemach der Gräfin.
+
+Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr
+nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und
+verzerrte das Gesicht wie in einer großen Angst und stöhnte aus seinen
+Träumen. Da wußte sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes
+unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer
+keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den
+Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten
+und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb
+Berta durch viele Monate.
+
+ * * * * *
+
+Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. Dann aber fuhr sie
+von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Güte der
+Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen,
+denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa
+vierzehn Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die
+Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu dürfen; was
+ihnen in ihrer bedrängten Lage gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie
+waren einst selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden,
+allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, so daß sie gern ein
+Lehen des Grafen empfingen.
+
+Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit
+all der überschüssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern
+zugedacht war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, das
+anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau
+wußte wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand
+es in ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, daß sie es nun
+pflegen und ihm die Mutter ersetzen dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in
+einer jener fürs ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu Herzen
+spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums
+sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als
+Antwort und Beweis, daß er sie verstanden habe, die Mutter weinend und
+wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrückt und ihr dann
+geschworen, er wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen.
+
+Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet
+und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen
+Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen
+lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen
+herumträumen, als das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind
+mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie
+des Grafen Kind war. Und er freute sich, daß sie in seinen Märchen so
+gut die traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen konnte,
+die auf ihren Ritter wartet.
+
+Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen,
+gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wußte gar
+manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten
+sitzend, erzählten sie einander von ihrem Leben.
+
+»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, »der Vater möchte mich zu
+einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder
+ein berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter,
+meine liebe Mutter« ..... da unterbrach er sich aber, denn er hatte
+einen flüchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen
+still. Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid,
+sie waren so traurig, und plötzlich schlang er den Arm um die Schultern
+seiner Gespielin: »Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns ist es schön
+und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mußt du an meiner Statt
+bei der – bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann
+immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald
+gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte er in
+der eindringlichen Art von Kindern.
+
+»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch einmal zu uns aufs Schloß
+kommen.« Dabei rückte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte
+ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann mußt du über den
+dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist,
+und mußt ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit uns
+kommen! Willst du, willst du?«
+
+»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und stolz, daß er um das
+Geheimnis wußte. »Ist das meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen
+Bertas mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist,
+die arme, erschrockene Frau drüben, warum lassen sie mich nicht zu ihr?
+Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich
+erblickte?« Und sie streckte die Hände weit von sich und machte das
+entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war.
+
+Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, und sie saßen eng umschlungen
+unter dem alten Baume, und sie weinte, während der Knabe die von Tränen
+Erschütterte nur immer an sich hielt und streichelte.
+
+»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da sie allein miteinander waren,
+»Mutter, sprich, warum weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem
+großen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt,
+daß sie keine Mutter habe?«
+
+Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft,
+daß jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe
+Mutter, nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen
+gesenkt, so daß sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes
+Kind sehen könne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche.
+Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube
+sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen können. Aber einmal
+werde gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und heilen werde!
+
+»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe.
+
+»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken die Mutter, »an dich
+habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele
+gnädig und behüte dich!« Und sie bekreuzte den Knaben.
+
+»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glücklich,«
+trotzte der Knabe. »Und darum will ich im Kloster fleißig lernen und
+dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt sein
+werde. Und dann will ich die Frau Gräfin gesund machen und Berta soll
+sich freuen und lachen!« Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt
+wissen, Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist,
+und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzählt,
+über die du selbst immer lachen mußt!«
+
+»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte die Mutter. »In der
+Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt,
+und da hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, aus dem
+Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr
+Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schönes Märchen
+geträumt!« »Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem Pferde und
+es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Füßen!«
+
+Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit.
+
+ * * * * *
+
+Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen
+sollte, da führte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem
+Lieblingsplätzchen und sie waren beide beklommen und traurig.
+
+»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst den Winter über bei uns
+bleiben, ich aber muß fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder
+zurück.«
+
+»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken.
+
+»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß ich auch über den Sommer
+im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre
+noch heim und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.«
+
+»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte Berta fast zornig, »und
+wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten
+verbieten!«
+
+»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte der Knabe, »was liegt
+dir denn an mir!«
+
+Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an
+und es mußte ihr sehr nahe gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen
+mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, die groß und schwer
+über ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein,
+weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und
+wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen
+die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause.
+
+»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon.
+
+»Daß nur die Mutter nichts merkt!« schluchzte Berta. Und es war ihnen,
+als ob nun ein schweres Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide
+noch enger aneinander kette, und wußten doch nicht, was sie getan
+hatten. Und als Leon am nächsten Tage davonfuhr, da hob er, als die
+Mutter unter dem Tore just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hände
+gegen Berta und sie nickte ihm voll Einverständnisses zu, obgleich sie
+beide nicht wußten, was Geheimnisvolles sie damit ausdrücken wollten.
+
+Und der Wagen verschwand im Walde.
+
+ * * * * *
+
+Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt hatten. Als Leon im
+nächsten Jahre nach Hause fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale
+unten friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast schmerzlich bei
+dem Gedanken, daß er nun Berta wiedersehen werde, nach der er sich das
+ganze Jahr so sehr gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die
+Worte: »Liebe, liebe Mutter, wie sehn’ ich mich nach dir! Du liebe,
+liebe ....« und schon sprachen die Lippen auch weiter – »liebe, kleine
+Berta, wie wirst du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!«
+
+Dann aber erschrak er über den Verrat seiner Lippen und schloß die
+Augen, um recht innig an die Mutter zu denken und jeden andern Gedanken
+zu verscheuchen. Aber er mußte zwischendurch manchmal Berta sagen, oder
+er kehrte das Wort um und sagte Atreb vor sich hin in spielerischer
+Knabenart, Atreb und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen
+Geschichte wären!
+
+Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher hatte durch Peitschenknall
+die Hofleute benachrichtigt, und da stand der Vater und lachte in den
+Sonnenschein und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. Nur Berta fehlte.
+
+Und dann lag Leon in den Armen der Mutter und bekam vom Vater den Kuß,
+der ihn von dem ernsten, zärtlichkeitskargen Manne immer so erregte, und
+mußte viel erzählen und berichten, und dann ging er an Mutters Hand
+durch die Zimmer und Ställe und Wirtschaftsräume und erfuhr alles Neue,
+das sich auf dem Hofe begeben hatte.
+
+In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm er sich ein Herz und fragte:
+»Was ist denn auf dem Schlosse Neues? Lebt die Gräfin noch?«
+
+Da huschte ein Lächeln über Mutters Gesicht und sie antwortete mild und
+legte dabei ihre Hand auf Leons Haupt: »Berta kommt heuer nicht zu uns,
+sie ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo sie einige Jahre
+bleiben soll, um Sitte und höfische Art zu lernen. Und die Gräfin lebt
+in dem Turme im Walde und ist nicht gesund geworden.«
+
+Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und die Mutter merkte wohl,
+daß eine Hoffnung in seinem Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine
+zuckenden Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drückte des Knaben
+Haupt wärmer an sich und sprach: »Die arme Gräfin!« Als glaubte sie, daß
+den Knaben das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte.
+
+Und dann kam Leon wieder ins Kloster und wurde Chorknabe und im Jahre
+darauf verfiel er in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam
+erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, als er das Kloster verließ,
+um nach Italien zu ziehen und dort in den tiefen Schacht der
+Wissenschaft hinabzusteigen.
+
+Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause und die Augen seiner
+Eltern blickten besorgt auf das bleiche Gesicht des schlanken Jünglings
+und fürchteten sich vor der Trennung.
+
+Die Pflicht erforderte es, daß Leon sich erst dem Förderer seiner
+Studien, dem Grafen, vorstelle und ihn um weitere Gnade anflehe.
+
+Und so ritt er denn eines Morgens langsam den Talweg dahin, nicht wie
+ein Soldat, der er hätte werden sollen, sondern recht als ein Scholare,
+müde auf dem Pferde sitzend und dem Rößlein ganz die Wahl der Gangart
+überlassend; so daß die Sonne schon recht im Sinken war, als er das
+weiße Schloß Eberstein erreichte.
+
+»Ist der gnädige Herr Graf daheim?« fragte er den Pförtner am Burgtore.
+
+»Der komme abends heim! Aber die Gräfin Berta sei zu Hause, ob der
+Ritter nicht der sein Anliegen vorbringen wolle?«
+
+»Wenn mich die Gräfin gnädig anhören mag?« sagten da seine Lippen. Aber
+sein Herz war wieder ganz kindisch geworden und eine demütige Angst
+quälte es. Denn er hatte doch oft in den letzten Jahren an jenen Sommer
+gedacht, und die Erinnerung war ihm lieb und innigwert geblieben. »Und
+meldet einen ehrerbietigen Gruß des Ritters Leon Feldegg von der Meierei
+im Tale, ob sich die Gräfin seiner noch erinnern mag?«
+
+Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen hätte! Das tat es
+seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch
+wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die
+Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt.
+Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken möchte! Und er sah
+Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren
+war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam
+aber auch schon der Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die junge
+Gräfin erwarte.
+
+ * * * * *
+
+Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers entgegen, darin sonst
+ihr Vater seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem
+Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt
+hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des
+Zimmers eine große Mädchengestalt und hörte eine holde Stimme: »Tretet
+ein zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele
+ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick
+verwundert und ungläubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete,
+da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wölbung streifte,
+weil es ihm ein Wunder schien, daß die Jungfrau das Kind von damals sein
+sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken.
+
+Dann standen sie einander gegenüber und sahen einander an. Er stammelte
+einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie
+ihm die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. Sie erinnerte
+sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch
+ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an
+jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so
+vollendet und überlegen, daß Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte
+nicht mächtig war und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte
+entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er
+bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., aber da stockte er, denn er hatte
+sagen wollen, daß er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe
+sich vorgenommen habe, beim Worte ›Mutter‹ im Vaterunser immer an Bertas
+Mutter zu denken, und daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit
+beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis entfliehen
+wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, daß er
+tief atmen mußte, um es zu meistern.
+
+Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne daß
+sie es wußte, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er
+auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob
+die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und
+freudig berichten, wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas
+Mutter im Turme oben fragen solle.
+
+Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir jetzt von Eurem gnädigen
+Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu
+gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.«
+
+»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« sagte Berta. Dann
+schwiegen sie eine Weile still, plötzlich füllten schwere Tränen Bertas
+Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!«
+
+Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele
+brächten, fuhr sie fort: »Leon, Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich
+bin!«
+
+»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! Und ich denke Euch
+in Stolz und Glück! Was quält euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir,
+was macht Euch unglücklich?«
+
+Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: »Wenn
+ich Euch helfen könnte! Meine arme, liebe ...«
+
+Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen
+hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich
+schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man gibt mir
+kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglücklich!« Und
+die Augen mit den Händen bedeckend: »Unglücklich!«
+
+Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrängten Körpern wie
+in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten,
+und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie
+fühlten, daß sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er
+sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berührten, immer die
+gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, liebes Liebes!«
+
+Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, und suchte ein Wort
+und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen hätte, so fest
+drückte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort
+gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! Nur ein
+Tränentröpflein Mitleid!«
+
+Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz,
+wenn er die Verwalter oder Bauern verhörte, und ließ sie sanft
+niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie
+ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich die Stimme seiner
+Mutter nach langen Jahren hörte und daß ihr Herz sich beruhigte.
+
+»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß ich über Eure Rettung
+sinne?« fragte er. »Wann kann ich Euch wiedersehen?«
+
+»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« sagte sie.
+
+Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenüber Hand in Hand
+und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen
+und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt hatten......
+
+Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete,
+als ob die Wände ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und
+er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt auf diese einfache
+Melodie.
+
+Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schüchterne Scholare,
+er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß
+ihm auch fürder Schutz und Unterstützung.
+
+Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt,
+wie sich der Ritter so verändert hatte. Und wenn es auch nicht verstand,
+was er mit den Worten ›mein Rößlein in Pelzstiefeln!‹ meinte, so mußte
+es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar
+zärtlich den Hals. Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille.
+
+ * * * * *
+
+Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung,
+weil das holde, schlanke Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß
+der jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln
+machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher,
+Leid über das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele
+erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß er die Stunde
+des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner
+Erwählten herbeiwünschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen,
+ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr
+beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer
+sein, was sie so schmerzlich erregte.
+
+Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan,
+der über die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel,
+wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem
+Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte.
+
+»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut vor sich hin, »Elend für
+deine Bewohnerin und tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig
+wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von deiner Höhe über
+ihres Vaters Land schweifen zu lassen.«
+
+Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und setzte sich auf die
+Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit
+Moos überwachsen war. Dort unten sah er das weiße Schloß und in jenem
+Tale drüben mußte seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht
+finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die
+Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als er »Ave Maria, Mutter
+....« sagte, da hörte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und
+half Berta aus dem Sattel.
+
+»Bist du so allein durch den Forst geritten?« fragte er besorgt. Und
+sie fühlten gar nicht, daß sie einander von jetzt ab wieder du sagten;
+so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so
+ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen.
+
+»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der
+sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte sie den Wert jedes Augenblickes,
+als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie
+sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den Laut ihrer
+Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd entgegen: »Meine Mutter ist mir
+mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein
+Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, ich bin ihm zu viel, ich
+hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern läßt. Du guter
+Leon, wenn du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden
+muß, wie oft ich mich in meiner Mutter früheres Krankengemach flüchte
+vor den Blicken der, der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen –
+»der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an
+seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte
+heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor Leid
+vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht!
+Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie
+könnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!«
+
+Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnsüchtig
+und hoffend zu ihm empor. Da hörte sie von seinen stummen, zuckenden
+Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des
+Mitleids, und sie lächelte glückselig, da sein Mund sich auf den ihren
+senkte.
+
+Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre
+Rede war immer das eine Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und
+in ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, bis sie scheiden
+mußten.
+
+ * * * * *
+
+Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob er der Mutter von seiner
+Liebe erzählen solle; denn er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge
+erwachsen würde. Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, eine
+Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den süßen
+Augenblicken des Glückes beim Turme fast störend der eine Gedanke
+gequält, daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte beglücken und
+entzücken sollen, sein Blut zum Sieden hätte bringen müssen, das
+beunruhigte ihn, das störte ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der
+Haß und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach für seine Eltern
+und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele
+Unterdrücktes: eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen
+drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. »Ich kann doch
+nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!«
+wiederholte er. Und so kam er zu Hause an.
+
+Vater war noch im Forsthause draußen und so saß er mit der Mutter allein
+in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen,
+die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen.
+
+Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon seiner Kinderträume nicht
+ledig geworden sei, nun hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne.
+Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, dann ließ sie die
+Hände in den Schoß fallen.
+
+»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, »so müßt ihr auch den
+Mut für eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel
+Ausdauer brauchen!«
+
+»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte Leon hastig.
+
+»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug!« sagte die kluge
+Frau. »Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr
+Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht für längere
+Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen!
+Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie
+wohl ein Brieflein dabei finden!«
+
+Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hände küßte,
+gefühlt, daß er ihrer würdig werden müsse und daß ihn diese edle Frau
+nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte
+sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich stark und sicher.
+
+Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte
+recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten
+Zusammentreffen zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte
+im Herzen Leon, der so feinfühlig war, sie nicht beschämen zu wollen.
+Sie umarmten und küßten einander beim tränenvollen Abschied und
+gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr von seiner
+Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen einander, den Abendglocken
+ihre Grüße mitzugeben, daß die sie einander entgegen schwängen. Und dann
+wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes
+Schleierwinken in seiner übervollen Seele mit nach Italien.
+
+ * * * * *
+
+Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universität bleiben
+wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut,
+wie er sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, aufrecht
+erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das
+Leiden der kranken Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken
+und gründliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen
+Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn
+endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen und dabei den
+einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen
+Puls lange geprüft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn
+Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Süden zu, indes
+wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren
+mochten.
+
+Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frühling werden
+wollte, da kam ein unstillbares Drängen über ihn, daß er seinem
+gelehrten Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, ihm sei,
+als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; ob der verehrte Lehrer ihm
+nun das Mittel für die kranke Gräfin schon jetzt geben könne.
+
+Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen
+allerlei seltsamen Kolben und Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases
+hervor, die in einem Bleirahmen gefaßt war.
+
+»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm mit nach deiner Heimat.
+Und hänge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke
+dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir,
+es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das
+die übergroße und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende
+Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange
+genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht
+Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein!
+Vergiß aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses
+künstliche und außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die
+Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das könnte sich an
+der zarten Komplexion seines Aufbaues sündhaft rächen, sondern mußt es
+in Händen nach Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es immer
+an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst
+der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und möge das
+heiltüchtige Fenster auch deinen schwachen Körper stärken und
+kräftigen!«
+
+Leon dankte seinem Meister in heißen Worten und versprach ihm, so ihn
+hoffentlich bald wieder ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu
+berichten und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres Bild vor
+Augen hatte.
+
+So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden.
+Er hielt die Glasscheibe in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs
+Knie, wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch stieg er auf den
+beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zügel um den Arm
+geschlungen, und ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie
+eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele Wochen vergingen so, ehe
+er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat
+näherte. Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler sein Gesicht, je
+öfter er Halt machen mußte, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um
+so heißer ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und
+schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm
+das Bild seiner Geliebten verloren ging also, daß er Tage und Nächte
+lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und
+krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast
+zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit
+am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Täler seiner Heimat.
+
+ * * * * *
+
+Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, seine geliebte
+Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und
+dem wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu erfahren, was
+auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang
+keinen Brief von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben je in
+die Hände seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem
+Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem
+Schlosse abzweigten, da war ein auffällig großes Leben auf der Straße,
+viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als ob
+gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. Da stieg er, immer von
+seiner großen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg,
+jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom
+langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem
+Bäuerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Straße habe. Der
+schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn nicht wisse, daß morgen die
+Hochzeit sei.
+
+»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen Leons.
+
+»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen,« sagte
+gleichmütig der Bauer und wollte weitererzählen. Aber er blieb mit
+offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die
+verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild vor sich hielt.
+
+»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so verändert und nicht von
+dieser Erde aus, daß dem Bauer angst und bange wurde und er mit großen
+Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer
+entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe.
+Und er hatte kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern entgegen,
+die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm
+gar nicht erst und hielten ihn für trunken, weil er so seltsam
+schwankte, und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem Schlosse
+fließen werde; da möge er sich nur für morgen seinen Saufsack ordentlich
+ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine Braut,
+meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht möglich!« und dann stieg er
+mühselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen;
+wozu das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war.
+
+So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Händen und
+ritt auf dem Waldpfade gegen das Schloß, indes die andern auf der
+breiten Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen seit
+Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hörte nicht das
+Rauschen seiner Bäume, darnach ihn so heiß verlangt hatte, und schaute
+abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen.
+
+»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, und die nickten dazu, »das
+also ist der Schluß!« Als er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen
+den Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und
+da Leons Augen die weißen Mauern erschauten, da war das Weh zu groß in
+ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er
+weinte, daß das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der
+stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte
+in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein beschnupperte seinen Herrn und
+verstand ihn nicht.
+
+ * * * * *
+
+Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lächeln war um
+seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist
+doch nicht möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am
+Abend in den Dörfern singen:
+
+ Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
+ Kam just der Hochzeitszug heraus,
+ Feinsliebchen unter dem Schleier.«
+
+Er sang die Strophe leise und schwermütig vor sich hin und dann lachte
+er laut auf. »Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das
+ist die Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. Gott im
+Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie
+hintreten, daß sie mich höhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei,
+der es wagt, die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? Und soll
+ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen läßt?
+Ich Narr, der ich ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber
+ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, ich muß es ihr
+sagen, daß ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wäre, daß ich ihre
+Hochzeit störe, ich muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an
+sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und
+Hochzeitsgeschmeiden für mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief
+schicken!« rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr einen
+Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie
+zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich
+ihr ins Gesicht ...«
+
+Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel
+und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rückkunft, wie er sich
+freue – Tränen liefen ihm in seine Zeilen –, wie er sich freue, daß er
+noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß er für die Frau Gräfin
+das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fügte bei: denn
+ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das
+Arkanum übergeben; er werde bis zum Abend dort warten.
+
+Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück funkelte ihm
+entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis
+zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn,
+ob er das Gold verdienen wolle. Er müsse nur sogleich dies Brieflein zur
+Gräfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim
+bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam und sein Goldstück
+empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über
+seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte
+die Glastafel in Händen, ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu
+halten.
+
+»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch zur rechten Zeit gekommen
+bin, wie würde sie mich in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir
+weinen!« Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle
+Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in
+seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch unglücklich sein könnte, daß
+auch sie viel großes Leid erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen
+konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung des
+verschmähten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tölpel
+und leichtgläubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen
+und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, daß ihr ja
+nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied:
+
+ »Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
+ Kam just der Hochzeitszug heraus,
+ Feinsliebchen unterm Schleier.«
+
+Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim
+Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die
+Bank beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder und stützte seinen
+schweren Kopf in die Hände. »Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen
+wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« – Er hatte in
+der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn
+er fühlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit
+lähmte ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte er. Sein Kopf
+fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin.........
+
+›Nur jetzt nicht sterben!‹ dachte er, ›nur jetzt nicht! Ich muß erst mit
+Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie
+mich elend gemacht hat!‹
+
+So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch ein wenig empor und
+krampfte die Hände zusammen, denn er dachte, daß er Berta bei den
+Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht
+schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen
+Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in
+seiner grenzenlosen, heißen Erregung bewundern und lieben müsse. Und
+dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr überreichen. Mit den
+Worten des Meisters: ›Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll
+Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas
+schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas
+übergehen und die Seele rein werden!‹ Und er wollte dann Berta sagen,
+sie möge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er
+versprochen, ob er gleich selber ....
+
+»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, »daß sie den Triumph
+nicht erlebe, mich gedemütigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren
+Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz
+zerbrochen!«
+
+Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, müde und mit zerrendem
+Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm.
+
+»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf Erden, meine Hoffnung
+und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten,« und sie
+weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch an
+sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine letzte Zuversicht, du mein
+einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!«
+
+Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine Beine unter ihm
+schwanden, er fühlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust füllte, um die
+Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das ist zu
+viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« .....
+
+Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schweiß bedeckt, da
+ließ sie seinen Körper auf die Bank niedergleiten: »Um des Himmels
+willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht ......,
+meine Hoffnung, mein Glück, Leon, mein Leon!«
+
+Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm
+leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr:
+
+»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe
+Braut, ich bin unwürdig, erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan?
+Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es
+zu spät ist!«
+
+Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst,
+denn er keuchte wie im Fieber, erzählte sie ihm, wie ihr Vater den
+einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor
+den Dienern und seiner ...., vor ›ihr‹ mit einem häßlichen Schimpfwort
+geschmäht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf
+andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie
+dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugeführt worden
+sei und wie sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer noch
+auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt bist du da, mein lieber,
+lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!«
+
+»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig aufsetzen, aber er
+glitt fast von der Bank, da faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er
+an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der
+Hand auf das Glasfenster und erzählte ihr mit stockenden Worten, was für
+eine Bewandtnis es mit dem Glase habe.
+
+»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er dann mit klarer Stimme,
+»ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht,
+dafür muß ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« – Und mit der letzten
+Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, vergib mir!« Dann griff er
+nach seinem Herzen, »Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« und
+dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da streckte der Tod schon
+seinen Körper, es war ihm, als ob er noch aufstehen könne, ihm zu
+entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß Bertas
+nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war tot ...
+
+Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag über ihren Knieen, ihre
+Rechte stützte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie
+beugte ihr Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes
+Gesicht ...
+
+Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden
+und heilige Stille. Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur saß
+Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre
+Augen sahen verständnislos in sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines
+Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie sie
+den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, »Leon!« aber
+er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und
+lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, ihr Leon,
+ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jäh in ihrer
+Brust empor, plötzlich löste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete
+tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet hätte, und
+dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein gequältes Tier, schrie mit
+entsetzlicher, ihre Kraft höhnender Stimme, einer Stimme, davor die
+Vögel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein
+Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschütterte und die in ihrer
+furchtbaren Stärke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drüben an die
+Felsen anprallte und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte
+nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie mußte schreien, auf
+Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben
+Ohren, nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, wie ihre
+Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer
+getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel
+schreiend, emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, ihrer
+zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie
+schrie und wußte nicht, daß die Amme aus dem Turme getreten war,
+emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und daß hinter ihr, der
+Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Gräfin sich zur
+Tür geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem
+Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und
+gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und
+schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen,
+und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam heran und sprangen von den
+Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und
+waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, daß
+sie hier die Gesuchte finden müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als
+er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht
+kannte.
+
+»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen Zorne, »hintergehst du
+mich so?« und er stürzte sich durch den Kreis der Fackelträger zu der
+Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße liegen hatte,
+daß er schwer zu Boden fiel, und da sah er, daß der Mann tot war, und
+schlug eine fürchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und
+lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! Herr Landgraf,
+Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der gibt kalte Küsse, der tut Euch
+nichts mehr in diesem Leben!«
+
+Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn
+mit ihrem Körper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen
+Rechten.
+
+»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!«
+
+Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf
+die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand
+merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich
+wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe
+anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand ....
+
+Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf
+die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und
+verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute
+glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und
+konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann
+beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann
+die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich
+zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten
+nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom
+anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der
+bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und
+bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und
+sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren
+Teil haben!«
+
+Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war
+finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten,
+warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort
+fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr
+ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie
+beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und
+zogen zu Tale.
+
+ * * * * *
+
+Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder
+schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen
+hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die
+Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und
+Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter.
+Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und
+wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als
+vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe
+ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr
+Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer
+Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter
+Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne
+streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt
+durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.
+
+Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß
+Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß
+und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert
+hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen
+gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre
+erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen
+waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider
+über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich
+vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und
+der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der
+Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie
+ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber.
+Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer
+wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die
+Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust
+sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das
+Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße
+Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der
+Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern
+verborgen.
+
+Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte
+sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote,
+indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen.
+
+Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod
+Bertas zu melden.
+
+Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten.
+
+ * * * * *
+
+Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie
+ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale
+träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein
+an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der
+Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt.
+
+Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in
+den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem
+blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe
+und Güte der Mutter Leons passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein
+oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die
+nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der
+Schlummernden zaubert....
+
+
+
+
+Der Rächer
+
+
+I.
+
+Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in einem jener schmalen Täler,
+über welche jetzt auf kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur
+Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehöft derer von
+Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum ›das
+Schloß‹ genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von
+ihren großen und weitläufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus
+gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre
+schlechten Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten.
+
+Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage ein
+junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt,
+der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken das Gepäck des
+Herrn führte. Der hieß Riccardo Fabbri und war ein
+sechsundzwanzigjähriger, schlanker Mann, der eben von einem jener kühnen
+Seezüge zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften zu so
+großem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als
+Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit
+den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen
+Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre
+ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen
+Seufzer freilich, daß sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren
+vergrämt über seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glück
+mitgenießen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll
+heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester
+umschloß. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der
+ganzen Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames
+Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glückliche
+Genua seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er denn zwei
+Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen
+gewissen Glanz nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen
+Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen glanzvollen Träumen
+von Glück und Reichtum die Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben
+fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er
+gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und
+freute sich die ganze Zeit über auf die Szene, die sein Erscheinen und
+die Bewunderung der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß er
+eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er bei seiner Heimkunft ein
+so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit
+Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als daß er
+sich dadurch hätte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr
+fröhlich vor sich hin oder streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes,
+das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen
+dankte.
+
+»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« sagte der Offizier dann
+zu dem Pferde, »greife nur tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg
+acht! Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, »scheint auch
+lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen,
+wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen läßt!«
+
+»Vielleicht liegt’s an mir, Signor,« lachte der Diener, »ich bin seit
+meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine
+Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande
+bringen; ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen
+Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!«
+
+Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte
+seinem Herrn näher zu kommen.
+
+So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich
+sahen sie das einsame Schloß auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte
+das Herz, er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rührung zu
+verbeißen; für so weichmütig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber,
+als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe
+hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem
+ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem
+»Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt hatte, ritten sie in den
+Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden.
+
+Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nächten, da er die Wache
+auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude
+ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch
+mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglücken sollte!
+Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine
+Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß auch nur
+er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer
+harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das nun
+ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt war, da fühlte er wirklich
+eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig
+machte, da er es sich doch so groß und herrlich vorgestellt hatte. Als
+aber dann – endlich – die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo,
+mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, da verschwand
+jegliches andere Gefühl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder
+die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Tränen
+flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschütterte ihre schmächtige
+Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er
+wiederholte nur immer wieder die Worte »Mutter, meine liebe Mutter«,
+wobei auch ihm große Tropfen über die Wangen liefen.
+
+Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der
+Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, die sie erbeben ließ, sondern auch
+ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich
+niedergekämpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren
+sollte; so daß sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie
+in einer großen Angst nur um so inniger umarmte und an sich preßte, als
+könnte sie dadurch die Beantwortung dieser quälenden Frage weit, weit
+hinausschieben.
+
+Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen und er die Mutter
+beschworen hatte, ihm alles zu erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die
+geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit
+gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas noch Schlimmeres sich ereignet
+habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete,
+so daß er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der
+Zukunft starren mußte.
+
+Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verführt! Er hörte
+nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich
+zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen
+Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglücklich
+sei: er wußte gar nicht, daß nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des
+Jammers und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem Herzen
+weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor
+sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde
+sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe kein Leben,
+keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann
+aber durchtobte ihn ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte
+sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos in die Arme
+seiner Mutter.
+
+So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mühen
+der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein
+Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten
+Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstörte, seinen
+Stolz beugte, sein Glück höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft
+geschmiedet hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die seine Mutter
+und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schloßgemächer in Glanz
+und Glück hätten schreiten sollen.
+
+Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche ohne Frieden starrte,
+schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren,
+in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt:
+Rache an dem Verführer ....
+
+
+II.
+
+Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag,
+und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und
+Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche
+Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem
+vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein
+Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen
+Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so
+sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte
+schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die
+prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben
+nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken;
+dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem
+Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier
+bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino
+hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und
+dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in
+die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der
+Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr.
+
+Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um
+Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten
+Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude
+aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren
+Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht
+gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren
+Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein
+junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders,
+zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias
+entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine
+Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen
+wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser
+Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten
+und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie
+ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in
+der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines
+edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und
+aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu
+liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil
+schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer
+jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine
+Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen
+geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden
+waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter,
+rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles
+gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches
+Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne
+auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und
+nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten
+Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma
+gewendet habe.
+
+»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß
+dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur
+keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!«
+
+Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet
+hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua
+zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein
+bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn
+erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen
+wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in
+die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres
+schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die
+Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um
+aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte.
+Dann ritten sie abends in Genua ein.
+
+
+III.
+
+Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen
+Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald
+schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten
+die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt
+ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder
+mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den
+Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete
+Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und
+Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine
+überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos
+Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von
+Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie
+gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der
+junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem
+der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er
+plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem
+Kriegszuge teilzunehmen.
+
+Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand
+seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung
+seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus
+und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen
+seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte.
+
+Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick
+wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen,
+seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte,
+als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte.
+
+Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in
+der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer
+Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen,
+vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der
+Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den
+Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren
+in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem
+alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise
+verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in
+seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben
+hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als
+wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige
+Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach
+erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer
+Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von
+ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht
+viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin
+liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus
+Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem
+Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude
+des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener
+Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse
+sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten.
+
+Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten
+Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt,
+da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem
+ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in
+eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des
+Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn
+über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der
+einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich
+nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen
+ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers
+gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender
+in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine
+brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines
+verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß
+entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das
+ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah
+die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine
+entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert
+hielt, weil _er_ sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo
+umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause,
+durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt
+entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu
+sprechen, niederstoßen.
+
+Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er
+den Grafen Palma sprechen könne?«
+
+»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.«
+Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen.
+
+»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht
+zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach
+Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres
+heimkehren!«
+
+»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine
+Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn
+dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere,
+daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie
+vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar
+nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?«
+wiederholte er.
+
+»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei
+unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze
+römische Adel versammelt ist.«
+
+»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast
+mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch
+die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und
+zerschmettert.
+
+
+IV.
+
+Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm
+zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu
+Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah
+sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und
+ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie
+seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr
+verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und
+zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort,
+von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort
+stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das
+Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm
+seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als
+ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn
+er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann
+müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl
+einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem
+Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua
+heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen
+Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so
+lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er
+eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der
+gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und
+Verwandten des Papstes, in Rom weilte.
+
+Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller
+Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte
+auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch.
+Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn
+Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe,
+daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal
+aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der
+Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon
+am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus
+der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat.
+
+»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du’s oder ist es
+dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt?
+Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen
+Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!«
+
+Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der
+wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd
+tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich,
+er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden,
+auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne.
+Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer
+aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude
+des Wiedersehens zu deutlich leuchtete.
+
+»Freilich bin ich’s, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf
+den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit
+meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.«
+
+Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem
+Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg
+müsse.
+
+»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer
+gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du
+meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat
+gesehen hast!«
+
+Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge
+stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter
+den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo
+schon im Palaste der Spada.
+
+
+V.
+
+Der große Palast seines Gastfreundes war wie ausgestorben, denn der
+Vater Emilios war nur für einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach
+Rom gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim Papste vorgeführt
+und war dann wieder auf sein Sommerschloß zurückgekehrt, indes Emilio
+noch in Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr Riccardo am
+Abend, da die beiden Kameraden, von einem aufmerksamen Kammerdiener
+trefflich bedient, bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl hielten
+und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen über gemeinsame Bekannte,
+über die Aussichten des nächsten Frühjahrs und seiner Unternehmungen,
+und Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute Offizier, wie ihn
+seine Kameraden liebten und schätzten. Er war angeregt und fast heiter,
+und als gar da Spada den Namen Palma erwähnte, der Riccardo plötzlich
+still gemacht hatte, und davon sprach, daß die Palma die Nachbarn seiner
+Eltern in Bosco rado seien, da wurde Riccardo fast übermütig in seiner
+Freude, er erhob das Glas und leerte es, er ließ sich von dem gern
+bereiten Emilio immer wieder von der Schönheit Francescas, der jungen
+Gräfin und Schwester Ermetes, vorschwärmen und war schon ganz bereit,
+mit seinem Kameraden und lieben Freunde Emilio gleich am zweitnächsten
+Tage in die Berge zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie Feuer
+durch seine Adern.
+
+»Schade, daß Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!« sagte Emilio,
+»jeder Tag wäre zu einem Feste geworden!«
+
+»Ja, bitterschade!« wiederholte Riccardo; er war ernst geworden. »Den
+hätte ich gern gesehen! Sie haben in Genua viel von ihm gesprochen!«
+
+»Und sicher nur Gutes!« rühmte Emilio. »Die Männer lieben ihn und mit
+den Weibern versteht es keiner wie er! Den müßtest du kennen lernen,
+Riccardo, und wenn das Glück es gut meint, kommt er früher heim, als
+seine Eltern glauben. Mit dem würdest du bald Freund sein, ihr paßt
+zusammen!«
+
+Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, er glaubte seinen
+Schwertgriff in den Händen zu halten und schwang doch das Weinglas, daß
+der rote Wein blutig über seine Hand spritzte. Er wollte etwas
+Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber es gelang ihm nicht, und
+er sank hilflos und verloren lachend in seinen Sessel zurück.
+
+Da brachte ihn Beppino zu Bette.
+
+
+VI.
+
+Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen
+und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da
+wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war
+verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und
+Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für
+den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald
+erledigt hatte.
+
+Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen
+Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm
+ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch
+sein Hirn geschossen war.
+
+»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst
+übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen,
+der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen,
+um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die
+Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor
+Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist
+auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen
+absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die
+Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden
+Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich
+machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da
+ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an
+den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor
+mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend
+nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich
+immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner
+Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß
+ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt
+die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht
+mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu
+machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und
+wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den
+letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und
+ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben
+und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!«
+
+Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe
+ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es
+einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte
+nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende
+Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum
+erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein
+kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger
+hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den
+herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je.
+
+»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler
+werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie
+einen Liebsten?«
+
+Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den
+Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr
+begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen:
+
+»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz
+schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich
+sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da
+Emilio schwieg.
+
+Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann
+klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem
+großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im
+Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte
+Antwort war:
+
+»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist
+nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!«
+
+»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber
+er hemmte sich.
+
+»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine
+Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie
+schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann
+munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!«
+
+Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand
+die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den
+Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er
+biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem
+Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel.
+
+Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so
+närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse,
+Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom
+blauen Himmel heben.«
+
+Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und
+fast zärtlich:
+
+»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob
+du Geschwister hast?«
+
+»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist
+vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine,
+liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.«
+
+Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen
+Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener
+Waldlichtung, sitzen die Palma.«
+
+Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine
+Antwort von vorhin verstehen!«
+
+»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo.
+
+Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen.
+
+
+VII.
+
+Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe
+die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde
+verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die
+Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses
+daraus erzeichnen konnten.
+
+Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht
+sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen
+Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem
+fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.
+
+»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die
+Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich
+kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für
+meine unerwartete Heimkunft!«
+
+Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit
+einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten
+sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für
+kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen
+und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu.
+
+»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter
+Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann
+überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann
+im Lichte erkennen lassen.«
+
+Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend,
+seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die
+Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann
+traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten
+zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und
+seltsam genug darbot.
+
+Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen
+Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften
+Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen
+und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln,
+indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten.
+Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den
+Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die
+weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden
+Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu
+der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken,
+riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten
+Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert,
+aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und
+die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber
+große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von
+Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft
+begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne.
+
+»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und
+machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine
+Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu
+dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht
+Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das
+Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.«
+
+Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein
+phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche
+Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten
+hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem
+Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen
+sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu
+erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor,
+den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden
+berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald
+schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war
+dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste
+belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele.
+
+Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes
+sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe
+hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei
+Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend
+und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst,
+welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte
+sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht
+irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die
+Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse.
+
+»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut
+flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er
+dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine
+Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das
+ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so,
+du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm
+nicht wehren konntest!«
+
+Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in
+strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser
+Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie
+etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des
+anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht
+lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und
+glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem
+lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er,
+als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und
+zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein
+Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der
+eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem
+Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere
+herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein
+lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach
+verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang
+nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen
+nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden
+Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen
+Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende.
+
+Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen
+Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele
+noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und
+zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger
+kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den
+Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch
+mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich
+gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo
+unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und
+atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht
+ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie
+ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und
+plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter
+bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und
+hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und
+ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und
+während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr
+dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin
+Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der
+Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch
+die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und
+Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die
+weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische
+zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch
+ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise
+gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das
+Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten
+mußte.
+
+So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde
+von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf
+seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne
+gedacht zu haben.
+
+
+VIII.
+
+Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab
+er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am
+vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur
+gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen
+und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz
+in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt
+ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust
+bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre
+liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er
+und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht
+Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in
+einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere
+Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht
+er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das
+begehrenswerte Wesen _lieben_ lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen
+sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der
+Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er
+schämt sich vor sich selber.
+
+So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres
+Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen
+Worte: ›Sie ist eine Palma!‹ beantwortet hatte. Sein heiteres
+Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins,
+an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache.
+
+»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist
+so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das
+Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so
+rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden
+Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz
+erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie
+sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt
+nicht auch sie vielleicht eine Schuld?
+
+Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine
+Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er
+machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins
+Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo
+in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken
+seiner Einsamkeit zu entfliehen.
+
+
+IX.
+
+Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten
+Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein
+Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den
+andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im
+Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch
+an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft
+vermisse.
+
+»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh
+aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind
+mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa
+weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.«
+
+»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als
+Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie
+nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber
+sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili,
+der dessen acht hatte, sagte spottend:
+
+»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den
+Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in
+dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!«
+
+»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr
+möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht
+zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges
+begegnen.«
+
+»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur
+mein Pferd satteln lassen.«
+
+»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr
+verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.«
+
+Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier
+heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und
+sprengte davon.
+
+»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch
+fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat
+es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer –
+bei aller Liebe zu Emilio – heute wohl nicht so leicht aufs Pferd
+gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut
+hätte!«
+
+Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so
+schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios
+getroffen war.
+
+›Ich muß sie einholen,‹ sagte er sich, ›ich muß sie noch einmal sehen!‹
+
+Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber
+auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er
+werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der
+Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte.
+
+›Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,‹ dachte er, ›und doch
+hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den
+Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der
+Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.‹
+
+Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den
+steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte.
+
+Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und,
+vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten
+des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen
+Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen
+Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen.
+
+Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der
+er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie
+hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in
+ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein,
+weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen
+brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein
+Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den
+Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie
+nur noch lauter lachen mußte.
+
+»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« – um mich zu erwarten,
+wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm
+entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht
+hinübergehuscht.
+
+»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?«
+
+»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch
+mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen
+Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...«
+
+»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria
+den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht
+ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum,
+daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt,
+Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt
+Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet
+und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht
+bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist.
+Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten
+lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge
+Enttäuschung bereiten müssen!«
+
+Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres
+Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte.
+
+Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das
+gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes
+Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner
+Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte
+Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine
+Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner
+Rache vorgelogen hast.
+
+Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser
+Reinen angetan hatte, war so groß, daß er – als müßte die Heitere da vor
+ihm seine ganze Schuld kennen – vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres
+Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte:
+
+»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je
+verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch
+schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur
+seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er
+aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den
+Irrtum begangen habe.
+
+Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre
+Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie
+nicht, und darum sagte sie:
+
+»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei
+heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich
+schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn
+Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen
+gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet,
+verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich
+beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und
+sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder
+halten würde?«
+
+Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur
+verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur:
+»Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich
+getan habe oder tun wollte!«
+
+Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor:
+»Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie
+unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so
+unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen,
+wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin
+unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie
+allein mich retten könnte!«
+
+Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und
+hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte,
+so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden
+verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie
+sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres
+Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm:
+
+»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich
+nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause
+reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort
+auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch
+so recht?«
+
+Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr
+mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den
+Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber
+blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen
+solle. Und er begann ihr zu erzählen:
+
+»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie
+lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese
+beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein
+Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben
+inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich
+hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun
+nach Hause kam ...«
+
+Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite
+an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach
+einer langen Unterbrechung:
+
+»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu
+kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch
+wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua
+hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber
+beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer
+Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,«
+wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte
+Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl
+kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd
+aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein
+Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist – und
+zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das
+Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester
+nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine
+Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach
+meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld,
+wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will
+hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei
+Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener
+wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!«
+
+Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie
+seine Rechte in ihrer Hand hielt:
+
+»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das
+hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß,
+denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures
+Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine
+Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid
+erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt.
+Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde
+wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer
+Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen.
+Lebet wohl!«
+
+Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn
+zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand.
+Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück,
+Emilio zu erwarten.
+
+
+X.
+
+Es war spät am Nachmittage, als Emilio des Weges daherkam. Beppino hatte
+indessen das Pferd Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen
+Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt hatte; und der Bursch, der
+ihn geleitet hatte, war mit dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten.
+Beppino saß unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco rado gut
+gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich ordentlich ausfaulenzen
+zu können. Sein Herr aber saß schwermütig an der Straße, seufzte oft,
+ballte die Fäuste oder fuhr mit der Rechten durch die Luft und schaute
+dann wieder sehnsüchtig in der Richtung von Selva nera, ob Emilio noch
+nicht kommen wolle.
+
+»Endlich, endlich!« rief er nun, als sein Freund heiter dahergesprengt
+kam, »du hast lange auf dich warten lassen!«
+
+Emilio sah erstaunt in das verstörte Gesicht Riccardos, er sah
+verwundert Beppino mit den bepackten Pferden und sprang neugierig aus
+dem Sattel.
+
+»Hast du lange auf mich gewartet?« fragte er. »Hast du denn Maria nicht
+getroffen, die doch schon Mittag zurückgeritten ist?«
+
+Er übergab Beppino auch sein Pferd und trat zu Riccardo, der ihn bei der
+Hand nahm und seinem Diener winkte, sich zurückzuziehen.
+
+»Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; sie weiß, daß ich
+hier auf dich warte, um mich von dir zu verabschieden; denn ich muß noch
+heute fort von hier.«
+
+Er sagte dies so seltsam, daß Emilio auffuhr:
+
+»Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist geschehen?«
+
+»Man hat mich nicht beleidigt,« lächelte Riccardo trüb, »aber ich habe
+mich schuldig gemacht, Emilio!«
+
+»So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit und wen hast du
+gekränkt? Es ist ja nicht möglich! Foltere mich doch nicht, gerade heute
+nicht!«
+
+Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter Stimme: »Emilio,
+hast du in deinem Leben schon ein reines Mädchen verführt? Wir sind jung
+und heiß, und ich bin nicht anders als du und die anderen jungen Nobili.
+Hast du ein Mädchen verführt und dabei jemals an den Jammer der
+Betörten, an das Elend ihrer Mutter, an das Unglück ihrer Geschwister
+gedacht? Niemals kam dir der Gedanke daran, das weiß ich. Ich kenne uns.
+Aber was würdest du sagen, Emilio« – in den Augen Riccardos war ein
+Lauern, und seine kalte Stimme bewies, daß er diese Worte den ganzen
+Nachmittag über vorbereitet hatte – »was würdest du sagen, was würdest
+du tun, wenn du erführest, daß deine – Schwester verführt worden ist?«
+
+Da faßte ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen Degen gezogen und
+hielt ihn stoßbereit erhoben: »Du bist wahnsinnig, Riccardo, was
+sprichst du für rasende Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du
+erlebst den nächsten Augenblick nicht!«
+
+Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge alles nach Wunsch, und
+dann schrie er Emilio in die Ohren: »Stoß zu, Emilio, stoß zu, ich habe
+deine Schwester verführt, aus Irrtum verführt, denn ich hatte es auf
+Francesca abgesehen, die Schwester Ermetes! Du weißt ja, wie ich mich
+schon gestern auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!«
+
+Er lachte grausam und höhnend und schrie noch einmal: »Stoß zu!«
+
+Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen sinken lassen, er sah entsetzt
+in das verzerrte Antlitz Riccardos und warf den Degen beiseite:
+
+»Du bist von Sinnen, Riccardo,« sagte er schwer aufatmend, »du bist
+toll!« Und dann stand er aufrecht und stolz vor Riccardo, der ihn
+hilflos anblickte, und sagte mit verachtendem Munde: »Und meiner
+Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!«
+
+»Deiner Braut?« schrie Riccardo.
+
+»Meiner Braut,« erwiderte Emilio ruhig.
+
+Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem Körper herunter, er
+knickte zusammen, daß ihn die Hand seines Freundes, der immer noch sein
+Wams festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und sagte mit
+bleichen Lippen: »Deiner Schwester bist du sicher! Das sagt jeder
+Bruder! Dann ist ja alles gut,« lispelte er vor sich hin, »alles gut.«
+
+So sank er in den Staub des Weges.
+
+Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das lang ersehnte Glück
+gebracht hatten, beugte sich über ihn, ein inniges Mitleid mit dem
+Kameraden erfüllte ihn, er trocknete ihm den kalten Schweiß von der
+Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino, er möge Wein
+bringen. Den flößten sie dem Kraftlosen ein, und langsam, langsam kehrte
+das Blut wieder in seine Wangen zurück. Er stützte sich auf seinen
+rechten Arm, er blickte Emilio lange an und dann schickte er Beppino
+wieder weg. Er schüttelte das Haupt, als müsse er sich erst langsam auf
+etwas besinnen, dann drückte er Emilio die Hand und sagte leise:
+»Francesca.« Dann umarmte er Emilio und ein schwergeborenes Schluchzen
+erschütterte seinen Körper: »Maria,« sagte er innig, »die reine, heilige
+Maria! Man muß auch zum Frevelnkönnen stark sein, Emilio, und ich bin
+ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr und ich bin ein Held! Und doch
+bin ich ein Feigling! Ich wollte sterben, von dir wollte ich den
+Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir nicht; weil du ein
+guter Mensch bist und ich ein schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine
+entehrte Schwester zu rächen, an ihrem Verführer ...«
+
+Er wollte ›Ermete‹ sagen, da besann er sich, daß Emilio die Schwester
+seines Todfeindes liebe und sie ihn, er fühlte eine unendliche Rücksicht
+für seinen Freund, für den Bruder Marias, die er liebte, und da schwieg
+er.
+
+Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos gehört, er erinnerte sich
+eines Gespräches mit einem Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da
+er sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um vielleicht über
+Francesca etwas zu hören. Und er entsann sich einer Äußerung des
+Genuesen, daß Ermete in den Banden von Riccardos Schwester schmachte.
+Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis seiner Gedanken, er
+umarmte Riccardo und küßte ihn auf das feuchte Haar:
+
+»Was mußt du gelitten haben, armer Freund! Was mußt du für furchtbare
+Tage erlebt haben!«
+
+Da löste sich in den Armen Emilios auch der Schmerz Riccardos und er
+sagte: »Ich schäme mich meiner Tränen nicht, sie tun mir wohl wie deine
+Güte. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft handeln wollen, aus
+Schwäche und aus Verzweiflung, und ich bin um eine Erkenntnis reicher
+geworden. Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur
+Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unwürdig einen Menschen zu
+lieben! Und wenn dein Schwager Ermete heimkehrt, Emilio, dann erzähle
+ihm von dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne! Und nun laß
+uns scheiden!«
+
+Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm schweigend das Pferd
+besteigen. Er fühlte, daß Worte Worte bleiben müßten und so drückte er
+seinem Freunde, der bleich und ernst im Sattel saß, nur stumm die Hand.
+
+»Grüße mir Maria!« sagte Riccardo zum Abschied, »grüß sie mir, wenn du
+mich noch für würdig hältst, die Reine grüßen zu dürfen. Und sei
+glücklich, Emilio, lebe wohl!«
+
+›Lebe wohl!‹ wollte Emilio antworten, aber da fühlte er den Hohn dieses
+Abschiedsgrußes und er drückte dem Davonreitenden nur noch einmal fest
+und innig die Hand.
+
+Der Wald schloß sich hinter Riccardo, nun verschwand auch Beppino
+seinen Blicken, und Emilio stand noch lange auf dem Wege und starrte
+seinem verschwundenen Freunde nach.
+
+Er wußte, daß er ihn nie wiedersehen werde ...
+
+
+
+
+Das Meerweibchen
+
+
+I.
+
+Diese Geschichte könnte also beginnen: Es war einmal ein wunderschönes
+Meerweibchen, das an der Küste von Grönland lebte und das von
+Schiffsleuten in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen
+ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen sein Lied begleitete,
+gefangen ward und das dann in die Welt geschickt und allerorten als ein
+Wunder angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag ....
+
+Aber dann würde jeder glauben daß diese Geschichte von einem Lügner und
+Aufschneider erfunden worden sei, und ernste Menschen würden sie
+überhaupt nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte und
+beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, damit jeder ruhige
+und nachdenkliche Mensch sie unbesorgt lesen könne, denn es ist eine
+durchaus verbürgte Geschichte und ist in den alten Büchern der
+königlichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und jeder Zweifler kann sie
+dort suchen. Und in der Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus,
+das zu dieser Geschichte gehört; ein steinernes Meerweibchen, dem
+leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf abgefallen, ist sein Schmuck
+und es ist als das Haus zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was
+aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, zeugt dafür, daß es
+eine wunderschöne Seejungfrau gewesen sein muß, die dem Steinmetz als
+Vorbild gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, und nur der
+schuppige, etwas schematisch gemeißelte Fischschwanz, der – in dem Lande
+des zweischwänzigen Löwen nicht auffällig – in zwei schön geringelten,
+stilisierten Teilen endigt, beweist, daß Nacken und Brust einem
+Wunderwesen angehört haben. Das Haus selbst ist jetzt ein wenig
+verfallen und sieht altersschwach und engbrüstig genug aus. Aber es paßt
+gut in die altertümliche Karlsgasse und in diesen Teil des herrlichen
+Alt-Prag, in dem man weniger zufügender als abblendender Phantasie
+bedarf, um sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fühlen; man
+muß nur die Gaslaternen und Telephondrähte, die Fahrräder und
+elektrischen Glühlichter in den Schaufenstern vergessen, um sich, wie in
+einem Traum, im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten
+Häusern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen Verzierungen und
+verwegenen Dächern dahinzuwandeln und verwundert zum Frühlingshimmel
+emporzuschauen, der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame Bild nach
+oben abschließt.
+
+Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, sondern im Beginn des
+siebzehnten Jahrhunderts. Da es aber eine, sozusagen, historische
+Erzählung ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung
+gestattet, daß gar bald ohnehin die Notwendigkeit sich einstellen wird,
+das Ende des Mittelalters weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die
+Neuzeit gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es so herrlich weit
+gebracht haben, gehören schon längst nicht mehr in die Neuzeit des
+sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu
+aufgeklärt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug der Einleitung!
+Also mag diese Geschichte immerhin als eine mittelalterliche gelten,
+umsomehr als sie in der altertümlichen Karlsgasse anhebt und endigt.
+
+Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, das vorhin geschildert wurde.
+Es war noch nicht unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet
+sein. Es gehörte dem zu Ansehen und Reichtum gelangten Prager Bürger und
+Kaufmann Wenzel Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein Billiges
+gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, für seinen Sohn und dessen
+einstige Ehefrau ein eigenes Haus zu bauen, auf daß er als ein
+bodenständiger Bürger und Kaufmann hier lebe und dem Namen Werkmeister
+zu Bedeutung und immer größerer Würde verhelfe. Denn er selbst war aus
+bescheidenen Anfängen zu einem begüterten Kaufmann geworden und liebte
+auf Erden niemanden inniger als seinen Sohn Karolus, der die einzige
+Hinterlassenschaft seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er hatte
+ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar mit ihm einmal in Wien
+gewesen, um ihm die Welt zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen
+zu einem tüchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. So war Karolus
+vierundzwanzig Jahre alt geworden und war ein gesitteter, stiller,
+bescheidener Jüngling, schlank, mit sanften, etwas schüchternen Augen,
+wie sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus denen eine
+empfindsame und träumerische Seele in die Welt schaute. Dem Vater war
+Karolus sogar zu bescheiden, zu sanft und schüchtern, denn er wußte, was
+sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was das Geschäft anlangt,
+sondern auch von den freien Wissenschaften und Künsten, und er hätte
+wohl seinen Sohn ein weniges stolzer und selbstbewußter gewünscht.
+Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner Altersgenossen nicht
+sonderlich, er war ein Leser und Träumer und freute sich tagsüber auf
+den Abend, da er zu seinen Büchern zurückkehren konnte. Das wehrte ihm
+der Vater auch nicht, da Karolus im Geschäfte still und sicher seine
+Arbeit tat und bei den Kunden beliebt und geachtet war.
+
+Eine tüchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu sanftes Geblüt
+auffrischen! dachte der Vater und schaute darum fleißig unter den
+Bürgertöchtern um, welche ihm wohl am besten für seinen Einzigen
+tauglich schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, hoffte er
+eine bestimmte Wahl getroffen zu haben.
+
+Nun waren aber Karolus’ Beziehungen zum weiblichen Geschlechte bisher
+mehr theoretischer Natur gewesen; er hatte den Dichtern ihre
+Lobpreisungen der Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewöhnt, die Frauen
+mit den Augen der schreibenden, nicht der liebenden Dichter anzusehen,
+ohne doch je eine innere Nötigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane
+am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm etwas Hohes und Hehres,
+über dem Alltag Stehendes und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen;
+ihre Wänglein waren Pfirsichblüten, ihre Lippen Kirschen, ihre Augen
+leuchtende Kohlen oder liebliche Vergißmeinnichtblümlein, ihr Gang war
+wie das Hüpfen der Sonnenstrahlen über blumige Auen, aber, daß man die
+Wangen streicheln, die Lippen küssen könne, daß man die zierliche
+Gestalt umarmen dürfe, fiel ihm gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu,
+aus seiner literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und einmal
+einem lebenswarmen, blühenden Kinde herzhaft ans Kinn zu greifen.
+
+Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von Verliebtheit gefühlt; das
+war an einem Sonntag nachmittag, als er auf der Kleinseite drüben unter
+der Königsburg, dem Hradschin, durch die schattigen Gassen lustwandelte
+und plötzlich vor einem herrlichen, schmiedeeisernen Gittertor stand und
+in einen wundervollen, adeligen Garten geschaut hatte: große
+Rasenflächen dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein rundes
+Wasserbecken erglänzte im Sommerlichte und ein feiner Springbrunnen
+plätscherte in das bewegte Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich
+weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des Hradschin, und die
+grandiose Königsburg mit dem herrlichen Dome war wie eine phantastische
+Krönung des grünen, blühenden, weit ausgestreckten Gartens. In dem
+Garten aber wandelte in einem weißen Sommerkleide eine schlanke,
+biegsame Frau, und die Sonne schien selbst in sie verliebt zu sein, so
+jubelnd sammelte sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, so
+golden ließ sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es war, als ob eine der
+Marmorgöttinnen, die im Garten in den grünen Gebüschen standen, von
+ihrem Postamente herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte sich
+zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen Augen schaute Karolus ihr
+lange nach, er hatte den Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als
+ob die Dame ihm zulächle. Er stand noch auf dem Flecke vor dem
+Eisengitter lange, nachdem das Wunder in den Büschen verschwunden war,
+und starrte in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mußte. Erst als
+er Stimmen neben sich hörte, wachte er auf und schaute erstaunt um sich.
+Und er glaubte sich’s später selbst nicht mehr, daß er eine lebende Dame
+im Garten gesehen habe, er war überzeugt, daß er nur ein wunderschönes
+Märchen von einer lieblichen Prinzessin geträumt habe, etwa das Märchen
+von der weißen Frau Medulina, die mit Blumen und Früchten in den Händen
+durch die Auen schreitet. Einige Tage träumte er noch davon und war
+glücklich darüber, daß er auch bei Tage nach eigenem Willen den schönen
+Traum erneuern konnte; er errötete, wenn er sich immer wieder dabei
+ertappte, wie er gleich einem Puppenspieler die schöne, fürstliche Dame
+immer von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem Gitter
+liebreich zuwinken ließ. Es hatten sich aber auch zu liebliche, blonde
+Ringellöckchen über ihrem blühweißen Nacken gekräuselt.
+
+In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens fiel nun die Ankunft des
+grönländischen Meerweibchens in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte
+Trommler hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch mehrere Tage
+auf allen Plätzen und allen Straßenecken gestanden und hatten nach einem
+aufrührerischen Trommelwirbel den p. t. Adel und Bürgerschaft der
+königlichen Hauptstadt Prag auf das große Wunder aufmerksam gemacht, das
+in den nächsten Tagen eintreffen werde. Lalanda, die grönländische
+Meerjungfrau, das schönste Seeweibchen, das je gefangen worden, die Dame
+mit dem Fischschwanze, von allen Gelehrten der Welt bewundert und als
+neues Weltwunder angestaunt und gepriesen, werde in den nächsten Tagen
+in Prag zu sehen sein. Große Bilder wurden in den Straßen herumgetragen,
+darauf Lalanda, die grönländische Seekönigin, abgeschildert war, und
+überall folgte eine Menge Neugieriger den Trommlern, die eine
+beträchtliche Aufregung in der Stadt verursachten. Auch verteilten sie
+ein fliegendes Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau berichtet
+und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt war, so die Schönheit der
+Dame mit dem Fischschweife in lieblichen Versen pries. Sie werde auf dem
+Altstädter Ring in einem der großen Verkaufsgewölbe unter den Lauben zu
+sehen sein und in ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie
+ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, deutsch zu ihnen,
+da sie eine erstaunliche Klugheit und ein unerhörtes Gedächtnis besitze.
+Und sei schöner, als je ein Mädchen auf dem Festlande gewesen.
+
+Nun waren gerade damals ruhige Zeitläufte, und Prag, die Stadt, die von
+Zeit zu Zeit wie ein Kind ihr Fieber durchmachen muß, um sich ihrer
+schädlichen Gärungsstoffe zu entledigen und ihr Blut für einige Jahre zu
+reinigen, erfreute sich eben einer behaglichen Erholung nach Kämpfen
+und Bürgerzwisten, so daß Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen
+hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die Laufburschen und
+Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen Geschäfte, die ihre überschüssige
+Lebhaftigkeit sonst bei den Straßenaufläufen ausgetobt hatten, benützten
+jetzt jeden freien Augenblick, hinter den Trommlern einherzulaufen und
+immer frische Zettel mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die
+älteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter in der Schreibstube
+führten die ausgiebigsten Gespräche über das Meerweibchen, und es gab
+keine Lebensäußerung eines erwachsenen Menschen, die sie nicht in ernst-
+und in scherzhafte Beziehung zu dem wunderbaren Körperbau des
+Grönländischen Mirakels gebracht hätten. Sie übertrafen sich gegenseitig
+in der Erfindung neuer Fragen: ›ob sie wohl auch‹ und ›wie mag bei ihr‹,
+nur mußten sie sich vor Herrn Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefühl
+zu schonen eine schweigende Übereinkunft im Hause Werkmeister war. Der
+hatte natürlich auch die Trommler gehört und ihren Zettel gelesen. Aber
+er hatte noch keinen richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden,
+nur die Tatsache, daß ein Wunder zu sehen sein werde, beschäftigte ihn
+und er hatte beschlossen, sich gleich am nächsten Sonntage, dem ersten
+Tage, da Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein zu
+überzeugen, wie weit den Ankündigungen zu glauben sei.
+
+
+II.
+
+Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an Schönheit mit dem
+Altstädter Ring in Prag messen können, herrliche Paläste umrahmen ihn,
+seltsame Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie
+anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht
+eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen,
+das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose
+Teinkirche mit ihren beiden ragenden Türmen, die ernst gen Himmel
+weisen, schaut über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen Häuser
+der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel große und
+inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles
+Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf den Ring
+hernieder und wundert sich über die winzigen Menschlein, die über den
+Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit
+nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Türme
+bedeutungsvoll gegen den Himmel.
+
+Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn da sie immer gleichmäßig
+in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie längst keinen
+Eindruck mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur _das_ wunderbar
+erscheint, was von der Gleichmäßigkeit abweicht, was anders ist, als
+ihre trägen Vorstellungen.
+
+Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie
+war schön und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strömten die Prager
+Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstädter Ring, um das nie
+Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern,
+Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre
+Meinungen über das Meerweibchen aus oder lauschten den Glücklichen, die
+Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen hatten.
+
+Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewölbes, und alle
+Viertelstunden dröhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen,
+daß frischen Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die
+erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus und ein neuer
+Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten,
+wurde eingelassen.
+
+»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, und selbst ein
+berühmter Professor der Universität, der unter den ersten Besuchern
+gewesen war, ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht,
+schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch die Reihen der
+ehrfürchtig Grüßenden.
+
+»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« sagte er dann zu einem
+Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über
+Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mißtrauen
+gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, muß ich wohl daran
+glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir
+die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig
+seltsame oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und
+staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae
+nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie
+berichtet.«
+
+Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von
+dannen.
+
+In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich die Neugierigen, um
+Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hören. Da war ein großer
+Wasserbottich aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand des
+geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in das nächste Zimmer zu
+erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in
+ein Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf waren die Wände der
+großen Kufe verkleidet, also daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch
+waren große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches herangelegt, so daß
+ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grüner Rasen lag. In
+der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine
+seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die
+Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung
+gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, der Teich schien
+auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda
+hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare und mit anmutigen, schön
+geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches
+entlang, mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. Sie war jung
+und schön, Seerosen lagen in einem blühenden Kranze auf ihrem Haupte,
+ihre Augen waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen Busens
+hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten
+Mieders. Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker Leib in
+einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz,
+der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu
+lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser peitschte. So
+schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl
+auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches
+festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger aus dem Wasser
+hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den
+schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte
+lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar neugierige Hände ihren
+kühlen Fischleib berührten. Nur, wenn die Berührungen etwas kühner
+werden wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn
+die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm
+sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die
+sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den
+Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre
+Augen wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser
+Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames,
+unverständliches Lied. »Lalanda, Lalanda« verklang es. Sie legte die
+Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen Kinderaugen im
+Kreise umher und ließ sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tür im
+Hintergrunde des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und runden
+Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken.
+
+Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schön
+in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu
+spotten und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und ging gläubigen
+Herzens von dannen.
+
+»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener Bürger, der ganz
+vorne am Ufer des Teiches stand.
+
+»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein Wunder an Anmut und
+Schönheit, wenn sie den Fischschwanz nicht hätte!«
+
+»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer und wischte sich dabei
+mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es
+leid, daß ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede
+ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.«
+
+»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so gründlich
+betasten dürfen!« spottete einer. »Wischt Euch nur erst Euren
+Sonntagsrock gehörig ab, daß sie nichts merke!«
+
+Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewölbes
+zu.
+
+An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung;
+er starrte immer noch nach der Tür, durch welche das blonde Wunder
+verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht,
+seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hüpfte das Herz
+in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht
+schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, er wußte gar nicht, daß
+Menschen um ihn gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring in
+einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm
+gesagt hätte, daß Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so
+unermeßliches Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß er
+ihm einen Namen hätte geben können.
+
+Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel und eine näselnde Stimme
+weckte ihn aus seinen Träumen:
+
+»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem
+Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!«
+
+Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren träumerischen Glanz,
+seine Wangen wurden glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu
+erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewölbe. Und ohne
+aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter
+Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen.
+
+Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wußte nichts davon, ihm
+war, als wären seine Augen geblendet, und so kam er unbewußt auf die
+Kleinseite und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter dem
+Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau Medulina erschienen war.
+Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte
+melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte er, Lalanda; es
+war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hörte ganz
+deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie
+selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm
+liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weiße Frau ihm
+zugewinkt hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn zurück, er
+mußte ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstädter Ring, er
+drängte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des
+Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder
+öffnen würde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten
+waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an
+diesem Tage ging der betörte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem
+Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von
+neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, daß sich die Tür
+im Hintergrunde des Teiches öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare,
+hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Märchenaugen zuwende. Und sie
+bemerkte ihn, bei jedem neuen Öffnen der Tür suchten ihre dankenden
+Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein
+im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen.
+Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr
+betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer
+des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte
+ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen
+Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!«
+
+Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus nicht zur Zeit nach
+Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den
+Feldern vor der Stadt ruhelos umher........
+
+
+III.
+
+So war denn endlich für Karolus das große Wunder gekommen, es mußte ein
+wirkliches, wunderbares Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht
+zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen Norden, eine Seekönigin mußte
+nach Prag kommen, um das Lämpchen in seiner Brust zu entzünden; und
+Lalanda, Lalanda mußte sie heißen, damit seine Träume in den Tag hinein
+dauern konnten, damit endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den
+kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser Schlummer seine
+Lider schloß, träumte er davon, wie er auf einer fernen Insel säße und
+auf den Mondschein warte, mit dem auch seine Meergöttin aus den Wellen
+auf sein Eiland zugeschwommen komme.
+
+Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, eine zweite Aphrodite,
+schwang sich die Lichte, Liebliche auf seinen Felsen und hielt ihre
+Harfe in Händen; und schon erklang ihr Lied: ›Lalanda, Lalanda.‹ Aber er
+schmiegte sich an sie, ihr Körper ward warm vom Mondenscheine, und ihr
+Busen, weißer als die Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem
+Gesange. Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr als ›Lalanda‹, und doch
+verstand sie ganz genau, was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm
+liebreich zu und ihre Hände lagen still in den seinen. Und als die Sonne
+fern-fernher ihre Strahlen über die Wellen schickte, da glitt sie sanft
+vom Felsen ins Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber ließ sie
+ihm zurück und die duftete milder und süßer, als je eine Rose aus dem
+Garten geduftet hatte. Er wachte auf und hielt die Seerose in Händen
+und mußte in staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob er
+wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose in seine Hand gekommen
+sei. Dann aber erinnerte er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen
+Abend, da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drückte sie
+leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens duftete ihm aus
+der Seerose entgegen und glückselig lächelte er vor sich hin.
+
+»Lalanda,« sagte er fast feierlich. Da bemerkte er erst seinen Vater,
+der zu Häupten seines Bettes stand und verwundert und besorgt auf ihn
+blickte, der gestern abend so spät nach Hause gekommen war. O, wie
+errötete Karolus vor seinen Blicken, er hätte am liebsten geweint, denn
+er wußte nicht, was er dem Vater sagen sollte. Der aber grüßte ihn mild
+und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von den Geschäften, die
+heute zu erledigen waren. So stand denn Karolus auf und machte sich
+rasch fertig. Er ging ins Geschäft und arbeitete eifrig und angestrengt
+bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick leer haben, er ging aus der
+Schreibstube, als die beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu
+sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die Kommis von dem Wunder
+zu reden begannen, und half lieber dem Hausknecht, der im Keller
+arbeitete. Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er einen
+Gärtner wußte, von dem kaufte er Blumen, Rosen und Lilien, denn Seerosen
+waren keine da, und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstädter
+Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen eingetreten, aber er
+durfte eintreten, da er die Blumen vorwies, und so trat er in das
+Gewölbe.
+
+Das Gewölbe war leer und eine angenehme Kühle empfing ihn und eine
+Dunkelheit, in der er sich erst langsam zurechtfand. Da sah er auf den
+Bänken an der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten ihre Trommeln
+auf den Boden gestellt und lagen nun schlafend in ihren bunten Wämsern
+ausgestreckt und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im Munde
+hätten. Der kleine Mann, der ihn gestern mit seiner näselnden Stimme
+angesprochen und aus den ersten Träumen gestört hatte, kam aus dem
+Nebengemache, er schaute Karolus mit argwöhnischen, lauernden Blicken
+an, ein häßliches Lächeln war um seine Lippen, da er die Blumen in der
+Hand des Jünglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an der
+Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg einige Augenblicke
+lang, da er gehofft hatte, Lalanda zu sehen und ihr mit einer stummen
+Verbeugung die Blumen zu überreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung
+an eine Erzählung vor Augen, in der ein Prinz Erik aus dem Dänenreiche
+vor einer sagenhaften Königin des Nordens stand, deren Sprache er nicht
+verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der beugte stumm die
+Kniee und senkte das Haupt, wie es in der Geschichte hieß, ›als ob er
+erst durch sie den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.‹ Nun störte
+ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien ihm der kleine, höhnische
+Mann, der ihm gegenüber stand, wie ein häßlicher Zwerg, der den Zugang
+zur Grotte seiner Meergöttin neidisch bewacht, und verwirrte ihn.
+Endlich aber besann er sich und übergab ihm die Blumen.
+
+»Sind die für mich?« fragte der Zwerg spöttelnd.
+
+»Für Lalanda,« sagte Karolus errötend, »von dem, der ihre Seerose
+bewahrt.«
+
+Da machte der Zwerg eine übertrieben-höfliche Verbeugung, es lag viel
+Spott und Hohn in der Bewegung seines großen Kopfes, und dann ging er
+ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um aus dem Gewölbe zu
+treten, niedergeschlagen, weil er sich den Besuch bei seiner Meerkönigin
+schöner und poetischer gedacht hatte, da öffnete sich rasch die Tür im
+Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda hereingeschwommen.
+
+Sie sprach einige unverständliche und doch wie ein seltsames Deutsch
+klingende Worte zu ihrem Behüter, der ihr demütig die Blumen übergab und
+dann aus dem Gewölbe trat. Und mit den Blumen in der Hand wartete
+Lalanda am Ufer des Teiches, daß Karolus sich ihr nähere.
+
+Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er trat langsam zu ihr hin,
+denn das Herz hämmerte in seiner Brust und die Kehle war ihm wie
+zugeschnürt. Wie eine schwere Last lag der Gedanke auf seinem Herzen,
+daß er nun mit der Wunderbaren allein sei, daß er mit dieser
+Auserlesenen, Königlichen sprechen solle; er fühlte, wie klein, wie
+nichtig er war, er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr so gar
+nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so durchaus gewöhnlich war,
+indes sie, eine Königin des Meeres, ihm wie eine Halbgöttin, wie aus
+einer anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, dem bei
+seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem Jagdzuge erscheint, um mit
+ihm zu sprechen, oder wie ein einsamer Schiffer, vor dem plötzlich
+Poseidon aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens die Blumen
+noch in Händen gehabt hätte, daß er sie ihr mit einer stummen Verbeugung
+hätte darreichen können! So trat er zögernd an den Rand des Teiches,
+seine Augen hatten sich schüchtern und doch voll Sehnsucht zu Lalanda
+emporgewagt, und ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte sagen können. Da
+blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte ihm die Rechte hin,
+indes sie sich mit der linken Hand am Rande des Teiches festhielt, und,
+da er ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit ihrer
+freundlichsten, sanftesten Stimme:
+
+»Ihr fürchtet Euch wohl, meine Finger zu berühren, weil sie naß und kühl
+vom Wasser sind? Sie werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren
+Händen haltet!«
+
+Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre Hand nieder, ihm war, als
+ob er jetzt ›den Ritterschlag der Liebe‹ empfangen solle, und seine
+Seele ward frei, da er die Königin so liebreich sprechen hörte. Und es
+schien ihm ein neues Wunder zu sein, daß die Herrliche, die wohl seit
+ewigen Zeiten in ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres
+gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch zu ihm sprach, er
+küßte ihr nochmals die Hand und sprach dann, wie erleichtert:
+
+»Ich danke Euch, daß Ihr so freundlich zu mir sprecht! Ich hätte nie
+geglaubt, daß ich Worte finden würde, um Euch für Eure Schönheit zu
+danken, und nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht nur, daß
+ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die Euch besser zugesagt hätten,
+und nehmet heute diese schlichten Blumen gnädig an. Morgen will ich,
+wenn Ihr mir diese Gunst gewährt, die schönsten Seerosen bringen, die zu
+finden sind!«
+
+Lalanda schaute Karolus lange prüfend an, als ob sie sich erst darüber
+klar werden müßte, ob sein seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder
+nicht. Dann aber lächelte sie kaum merkbar, schwang sich aus dem Wasser
+auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll
+zurückwich und begann die Rosen und Lilien zu einem Kränzlein zu winden.
+Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch auf ihren blonden
+Scheitel, schaute Karolus siegreich und doch flehend von der Seite an
+und fragte:
+
+»Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus Rosen und Lilien, Ihr
+Anspruchsvoller? Gefall ich Euch?«
+
+Da war es Karolus, als ob eine weiche und kühle Hand sein Herz presse,
+ihm ward ganz eng in der Brust und er wußte keine andere Antwort auf
+ihre Frage, als die, daß er diese Hand küßte, die noch eben sein Herz
+fast schmerzlich bedrängt hatte. Sie aber blitzte ihn verführerisch aus
+den Augenwinkeln an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu
+schließen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung seine Augen senken
+mußte. Dann sprach sie – und legte dabei den triefenden Fischschweif
+näher an Karolus heran, aber ohne ihn zu berühren:
+
+»Noch weiß ich nicht, wie Ihr Euch nennet und von wem ich träumen soll,
+wenn ich nachts auf dem Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder
+wenn ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. Denn hier in
+der Nähe muß ein großer, gewaltiger Dom stehen, mit mächtigen Glocken,
+das fühle ich, und um Mitternacht dröhnt der Boden hier von dem Klange
+ihrer sehnsüchtigen Träume. Dann steige ich aus dem Wasser und nehme
+mein Spiel zur Hand und singe. Ich möchte dann Euren Namen in meinem
+Liede haben!«
+
+O, das war der richtige Ton für Karolus! Er schnappte nur so nach Luft
+bei ihren poetischen Worten, nun war er ganz besiegt, die flatternde
+Seele in seiner Brust legte die Flügel zusammen und ward feierlich und
+zufrieden still in ihrer Haft, wie ein Vöglein im warmen Käfig. Er sagte
+ihr mit geschwollenen Worten, wer er sei und wie er heiße, wie er sich
+in all den Jahren nach einer Lalanda gesehnt habe, und sagte dies alles
+trotz des Pathos in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, daß
+Lalanda vor Vergnügen jauchzte und daß ihr Karolus wirkliche Freude
+bereitete. Und als er ihr nun von seinem Glücke sprach, daß er sie nun
+endlich gefunden habe, daß sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen
+sei, da lehnte sie ihr schönes, blondes Haupt zärtlich an seine Schulter
+und sah ihn von unten her so verheißend und gewährend an, daß er sich
+beinahe ein Herz gefaßt und sie geküßt hätte. Aber er tat es nicht, er
+vergaß nicht, daß sie die Meerkönigin war und er nur der einfache,
+nichtssagende Kaufmannssohn, und küßte sie nicht. Er schaute sie nur
+dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken und seine
+Lippen wurden trocken. Und er fühlte es wie eine Erleichterung, als ihm
+die Frage einfiel, woher sie so schön deutsch spreche. Sie ließ ihr
+Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend seine Finger in die
+ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll und dann erzählte sie, wie sie
+oft an deutschen Küsten geschwommen sei und deutschen Schiffern
+gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren Kuttern sich ihre Mären
+erzählten oder ihre schwermütigen Lieder sangen.
+
+»Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, ich verstand ihre
+Sprache und lernte sie gebrauchen. Und oft, wenn ich auf dem Grunde des
+Meeres vor meinem Palaste saß und ein deutsches Lied nachsang, so klang
+es den Schiffern oben wie ein fernes, fernes Echo ihrer Gesänge, ich sah
+sie droben sich über den Rand ihrer Boote neigen und in den wundersamen
+Spiegel niederschauen; und manch einen faßte das Heimweh so mächtig,
+wenn er mein Lied hörte, daß es ihn am Bord seines Schiffes nicht länger
+litt und er ins Wasser stieg, dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie,
+das schwöre ich, nie Männer zu mir ins Meer locken wollen! Wer zu mir
+kommen will, der muß freiwillig kommen. Und wenn ich wüßte, daß Ihr,
+lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem Boote meinem Liede
+lauschtet, und wenn Euer liebes Antlitz sich über den Rand des Bootes
+neigte, ich würde nicht weiter singen, würde verstummen, damit Euch kein
+Leids geschehe!«
+
+Sie schaute ihn wieder mit ihren schönen, glänzenden Augen an, innig und
+lang, bis er ganz sinnlos von ihren Worten und wie aus einem Traume
+heraus sagte:
+
+»Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, und Ihr müßtet mich
+in Euren weißen Armen auffangen; und ich möchte mein Leben lang neben
+Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!«
+
+»Wie lieb, wie gut Ihr seid!« hauchte Lalanda, ein Schauer des Glücks
+schien ihren Leib zu erschüttern und sie senkte verwirrt die Blicke. Da
+trat aber der häßliche Zwerg ins Gewölbe, er ging mit lauten Schritten,
+die seiner kleinen Gestalt gar nicht entsprachen, auf die Trommler zu
+und weckte sie.
+
+»Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist um! Macht fertig!« Da
+glitt Lalanda hastig ins Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die
+Hand und sagte ihm mit einem langen Blick: »Auf Wiedersehen! Auf
+Wiedersehen heute abend!«
+
+Und langsam mit rückgewandtem Haupte schwamm sie aus dem Zimmer. Die
+Tür schloß sich hinter ihr, und zwischen den Trommlern, die ihre
+Instrumente umgehängt hatten, verließ Karolus betäubt und fassungslos
+den Raum. Und der harte Trommelwirbel verfolgte ihn über den Altstädter
+Ring und höhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese
+entfernt war.
+
+
+IV.
+
+Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem Märchen; die Stunden im
+Geschäfte zählten für ihn nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach
+dem Mittag und den kurzen Stunden am Abend, wenn die letzten Gäste aus
+dem Gewölbe auf dem Altstädter Ring geschieden waren und Lalanda nur für
+ihn noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen kam. Und es war
+Mittwoch und Donnerstag geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in
+Prag, dann mußten die Liebenden scheiden. Denn es war kein Zweifel,
+Karolus mußte sich’s in seinem zitternden Herzen selbst gestehen,
+Lalanda, die Meerkönigin, die Göttliche, die Wunderbare, liebte ihn und
+neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es ihm heute abend
+selbst gesagt, daß sie die Minuten zähle, bis er wieder zu ihr kommen
+könne, daß ihr das Leben schal und unerträglich scheine, wenn er nicht
+mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen könne.
+
+»Schau, bin ich nicht warm wie eure Mädchen,« sagte sie, »pocht mein
+Herz nicht ebenso stark in meiner Brust? Fühlst du es, fühlst du es
+schlagen, Karolus? Und nun muß ich Unglückliche wieder von dannen
+ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, und den häßlichen Menschen mich
+darbieten! Ich bin unglücklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine
+Gefangene und möchte so gerne in Freiheit leben, lieben und lachen und
+weinen, wie ihr Menschen, mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in
+die Augen schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich erlösen!«
+
+Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter ihrem weißen schimmernden
+Busen das Herz klopfen gefühlt, gleichmäßig und ruhig, denn sie war ja
+trotz ihrer Erregung ein kühlerblütiges Meerweibchen und ein unendliches
+Mitleid mit der armen, gefangenen Seekönigin füllte seine Augen.
+
+»Flieh mit mir,« rief er ihr zu, wie Kandalus im Romane, »flieh mit
+mir, ich will dich gegen eine Welt verteidigen!«
+
+Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz und seine
+Hoffnungen zerrannen.
+
+»Ich will irgendwo an einem Meere oder See ein Häuschen für uns bauen,
+dann sollst du in deinem Wasser leben können und doch in meiner Nähe
+sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und des Nachts –« Er schwieg,
+er errötete.
+
+»Küsse mich,« sagte Lalanda, »küsse mich recht vom Herzen!«
+
+Und er preßte die Lippen auf ihren Mund und fühlte, wie auch ihre Lippen
+heiß wurden, heißer als er es geahnt hätte; denn es glühte ihm bis ins
+Herz hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend heiß von ihrem
+Kusse. Und als sie gar ihre weißen, nackten Arme um seinen Hals schlang
+und ihn an sich preßte und nicht loslassen wollte, da schloß er die
+Augen, er umarmte sie und drückte sie noch fester an sich und vermeinte
+sterben zu müssen.
+
+»Ich muß dich retten, du mußt mein werden!« sagte er, tief Atem
+schöpfend, »mein für immer!«
+
+Da huschte ein Lächeln, ein siegreiches Lächeln über ihr Gesicht, sie
+wiederholte ihre heißen Umarmungen, dann schlüpfte sie rasch ins
+Wasser, denn der Zwerg war ins Gewölbe getreten, um die Tore zu
+schließen.
+
+»Denk an dein Versprechen!« rief sie dem Scheidenden nach. Er aber stand
+auf dem Altstädter Ring, er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den
+sternenbesäeten Himmel und sprach feierlich in den Abend hinein: »Ich
+schwöre!«
+
+In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer seine Augen schloß,
+träumte Karolus wieder, er stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in
+einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig bewegten Wellen und
+mitten in dem breiten Streifen Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes
+Lalanda auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich in der Ferne ihr
+blondes, weiches Haar, ihr Kopf hob sich wie eine große, phantastische
+Blume aus dem bläulich-flimmernden Wasser. Sie kam näher und näher und
+nun streckte sie ihm die Arme entgegen und winkte ihm. Und ganz deutlich
+hörte er ihre Stimme angstvoll rufen: »Karolus, Karolus, rette mich!« Er
+aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd auf die Geliebte, die
+mit den Wogen rang, er wollte sich ins Meer stürzen, aber ein
+schrecklicher Gedanke hielt ihn zurück. »Ich kann nicht schwimmen!«
+sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte er es lauter und immer
+lauter, er schrie es Lalanda zu: »Ich kann nicht schwimmen!«
+
+Da schallte ein höhnendes, entsetzliches Lachen aus dem Meere zu ihm
+hin, Lalanda hob sich noch einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins
+Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen hilflos und armselig
+auf den Wellen und bezeichneten die Stelle, an der Lalanda verschwunden
+war.
+
+Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschweiß stand auf seiner
+Stirn. Der Vater war an sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus
+hatte ihn geweckt.
+
+»Was hast du nur für böse Träume, Karolus?« fragte er.
+
+»Gottlob, daß es nur Träume sind,« sagte sein Sohn. »Ich habe einen
+schrecklichen Traum gehabt!«
+
+Als er mit dem Vater beim Frühstück saß, da übermannte ihn plötzlich
+sein Herz und er wollte dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu
+sprechen an und sagte: »Vater!...«
+
+Aber mehr brachte er nicht über die Lippen; er wußte nicht, wie er dem
+Vater auch hätte sagen sollen, daß ein Wunder geschehen sei, daß ihn
+eine Meerkönigin erwählt habe!
+
+»Vater,« sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll ihn anschaute,
+da schlossen sich seine Lippen, eine dunkle Röte färbte seine Wangen und
+seine Lider senkten sich.
+
+»Was willst du von mir?« fragte der Vater und alle Güte seines Herzens,
+alle Liebe zu seinem Einzigen war in seinen Worten: »Was gäbe es, was
+ich dir nicht gewähren könnte?«
+
+Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, er schaute für Sekunden
+ängstlich den Vater an, aber er fand keine Worte.
+
+»Brauchst du Geld?« fragte ihn der Vater.
+
+Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde er brauchen, aber der
+Vater möge ihm verzeihen, wenn er noch nicht sagen könne, wofür.
+
+Da gab ihm der Vater, der gewöhnt war, seinem Sohne unbedingt zu
+vertrauen, da er dessen Bravheit und Tugend kannte, Geld, mehr, als
+Karolus erwartet hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, er hatte das
+dunkle Gefühl, er werde zu Lalandas Entführung Geld, viel Geld
+brauchen, und damit wollte er nicht sparen. ›Ich will arbeiten wie ein
+Knecht,‹ sagte er zu sich, ›ich will mir die Hände blutig arbeiten; aber
+erst muß ich sie erretten!‹
+
+Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegönnt war, brachte er Lalanden
+nebst den Seerosen ein schmales Ringlein, ein Herz hing an einem
+Kettchen daran, und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken
+Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und küßte ihn stürmisch,
+noch heißer als gestern und sah ihm noch tiefer in die Augen, und mit
+einer Stimme, die zärtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher
+als früher klang, sagte sie zu ihm:
+
+»Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, ich will dein sein für
+immer, nur errette mich von diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser
+hier, ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen in der Welt,
+bei diesem Ausgestelltsein, ich sehne mich nach Frieden und Glück, ich
+beneide die anderen Mädchen, ich sehne mich nach einer ......«
+Häuslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus dem dunklen Norden,
+und sie dachte dabei wohl an ihren schimmernden, herrlichen
+Kristallpalast auf dem Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie
+bei diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus rasch von der Seite
+an, forschend und fast ungeduldig. Er aber blickte sie voll Mitleids an
+und nickte langsam mit dem Kopfe. »Du weißt nicht,« sagte sie traurig,
+»was ich schon alles erdulden mußte, wieviel Schande und Elend, wie satt
+ich dieses Leben habe!«
+
+Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefühl die Arme, er
+streichelte ihr die Wangen und er seufzte bei dem melancholischen
+Gedanken, daß dieser herrlichen, edlen, königlichen Seejungfrau das
+Elend des Irdischen nicht erspart geblieben sei, daß sie leiden müsse
+und gewiß das Elend schmerzlicher fühle als ein Menschenkind. Und sein
+Finger glitt mitleidig und doch ehrfurchtsvoll über die Schuppen ihres
+Fischschweifes, der zierlich auf dem Rande des Teiches lag.
+
+»Hast du mich denn wirklich lieb?« fragte Lalanda.
+
+»Ich verehre dich!« antwortete Karolus, und als wäre dieses ›ich verehre
+dich‹ noch zu kühn, setzte er die Worte hinzu, die Baronzo im
+›Unvergeßlichen Liebhaber‹ zu Graziosa sagt: »Meine Nacht ist voll von
+deiner Sonne und mein Tag voll von deinem Mondlicht, du Königin!«
+
+Da erscholl plötzlich vor der Tür der Trommelwirbel der beiden
+Spielleute, grausam und empörend nahe, und schon stand auch der Zwerg im
+Laden. Karolus wandte sich zum Gehen; er drückte nur rasch dem Zwerg ein
+Goldstück in die Hand. Als er sich dann noch einmal umkehrte, hob
+Lalanda die Hand aus dem Wasser, das Ringlein glänzte an ihrem Finger
+wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand sie. Und schon traten die
+ersten Besucher in das Gewölbe.
+
+
+V.
+
+Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten des Geschäftes mußte
+Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Pläne und
+Entführungsgedanken kamen nicht über die Worte: ›heute abend‹ hinaus, er
+wußte nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit
+sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein,
+er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals
+schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen,
+um sie dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte dann in einem
+Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo außerhalb Prags eine ruhige
+Zuflucht finden würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die
+Stadtsoldaten würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die
+Schiffer an der Moldau drunten würden ihn ergreifen und auf die
+Wachstube führen. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das süße, holde
+Geschöpf bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte jedenfalls gegen
+neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstädter Ring warten lassen, er
+dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen,
+aber auch das würde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das
+mußte er dem Schicksal überlassen, der Gott der Liebenden würde sie
+sicher beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag nach Hause,
+um seinen großen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen
+wollte, wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld zu sich,
+zählte eine runde Summe ab, um nötigen Falles den Zwerg damit zu
+bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten
+Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie
+wach wären. ›Das ist das beste Mittel!‹ sagte er zu sich und dachte an
+eine Stelle in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein den
+Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen
+Händedruck von seinem Vater, der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und
+ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust
+gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter Ring anlangte.
+
+Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel
+da, nur aus einigen Geschäften und Wirtsstuben drang ein matter
+Lampenschein fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten
+verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein
+kleines schmales Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes
+gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit
+welcher der Wind spielt.
+
+Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter
+der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer
+Tür stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel
+durch die Stille, dann hörte Karolus, der im Schatten der Häuser
+umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß
+noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch
+einmal zu sehen wünsche, müsse jetzt eintreten, dann schließe sich die
+Türe für immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge
+Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd und sehnsuchtsvoll, wie
+auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die
+Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige,
+Wunderbare in einer kurzen halben Stunde über die Schwelle tragen werde,
+hier bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen warten und rasch mit
+ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch
+nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, wohin, ach,
+jedenfalls in eine glückliche Zukunft.
+
+»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel ihm ein, und seine Finger
+ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten
+und zustoßen müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches
+Abenteuer gilt’s zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!«
+Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg nicht zu
+bestechen ist!«
+
+In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu Lalandas Laden und der
+Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen
+lärmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, sie standen
+noch in Gruppen beieinander, ein säumiger Nachzügler kam als Letzter
+über die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, sie
+nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges
+aufgehängt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie
+noch einmal mit ihren Trommeln und gingen über den Altstädter Ring nach
+Hause.
+
+»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht wachen!« Und dann, er
+traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tür, er
+schaute sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann öffnete
+er noch einmal die Tür und sprach einige Worte ins Gewölbe hinein. Und
+dann – Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen – dann
+ging auch der von dannen.
+
+›Allein!‹ jubelte es in Karolus Seele, ›sie ist allein, sie wartet auf
+mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!‹ Er
+schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter
+Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg könnte die Tür hinter sich
+gesperrt haben! Er lief eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft
+drückte er die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er stürzte
+in das Gewölbe.
+
+Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der
+Lampe leuchtete ihr weißer Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre
+Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte.
+
+»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du
+kämest nicht!«
+
+Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf und übersäte seinen Mund
+mit heißen Küssen. »Liebst du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen
+den glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?«
+
+Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren Hals und den feinen
+Ansatz ihres Busens küssen mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak
+bei der Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als müsse er sich
+entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt habe. Dann legte er den
+Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und
+sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls sie uns gestört hätten,
+oder für den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen hätte.
+Gottlob, sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie ich dich
+errette. Ein Wagen harrt draußen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich
+dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen
+aushalten? Wirst du es überleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau
+kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser
+zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein
+ruhiges Plätzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer
+zurückzieht, will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte
+wandern, bis wir ans Meer gelangen!«
+
+Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf
+Karolus’ nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast
+geheimnisvoll noch einmal:
+
+»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwöre mir, daß du
+mich liebst!«
+
+Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die
+beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Höhe und sagte ernst:
+
+»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glücklich, daß du mich
+erhöht hast durch deine Liebe. Ich wünsche nichts anderes, als daß du
+mich liebst!«
+
+»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« sagte Lalanda traurig,
+»daß du gerade mich lieben mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb
+Mensch bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes Menschenkind
+liebte und glücklich machte!«
+
+»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« jubelte Karolus, »ich
+liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so über alle Maßen schön und
+wunderbar, so königlich und erhaben!«
+
+»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich weiß, daß du mir das Leid
+geringer machen willst, das ich empfinden müßte, wenn ich« – ihre Stimme
+wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten –
+»wenn ich dich nicht jetzt im nächsten Augenblicke zum glücklichen,
+glücklichen Menschen machen könnte! Schraube den Docht der Lampe zurück,
+ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich
+habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir’s verraten soll, ob du
+würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus
+diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glücklich
+werden!«
+
+Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht
+zurückschraubte, so seltsam, wie eine Beschwörung klangen die Worte
+Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom
+Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward fast dunkel im Gemach.
+
+»Verschließe die Tür!« befahl sie.
+
+Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die Tür fest verschlossen
+sei. Dann sprach Lalanda: »Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich
+dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen
+Augenblick lang! Dann aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht
+sterbe!«
+
+»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster Erregung, »was soll ich
+erfahren?« Und er dachte nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen
+und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf
+dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als
+wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke.
+
+»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und nun, Karolus, Karolus,
+sieh mich an!«
+
+Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des
+Teiches und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorwärts. Aber er
+taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurück.
+Auf dem breiten Rande des Bottichs – stand Lalanda aufrecht, aufrecht
+auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an,
+aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend,
+mit einem siegesgewissen Lächeln schwang sie die schillernde Fischhaut
+in der Hand, aus der sie geschlüpft war.
+
+»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich liebe! Bist du jetzt
+glücklich?«
+
+Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich,
+um den Fischschweif unterm Wasser – zum letzten Male – anzulegen.
+
+Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fühlte ganz deutlich
+den Stoß, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die
+Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel
+umfaßt und schien ihn erwürgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die
+Lüfte.
+
+»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er
+hörte mit donnerndem Getöse den Kristallpalast seiner Träume
+zusammenkrachen, »eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui,
+nackt« .....
+
+Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfüllte sein Herz,
+seine Augen waren trocken.
+
+»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine Stimme überschlug sich.
+
+Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus
+lachend an, ihre Perlenzähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen;
+denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein
+seltsames Gehaben für die Äußerungen seines freudigen Staunens. Und mit
+herausforderndem Lachen fragte sie:
+
+»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich dir die Rettung so
+leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!«
+
+Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er
+stürzte zum Teiche.
+
+»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in ihre Worte und in ihr
+Lächeln hinein, er faßte Lalanda und hätte sie geschlagen, so sinnlos,
+so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fühlte er sich.
+»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er.
+
+Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon
+überzeugt, daß sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen
+Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie
+gewöhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den
+Armen und rief neckend und schelmisch:
+
+»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!«
+
+Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle war ihm zu Kopfe
+gestiegen und verwirrte ihn, er umfaßte ihren Hals und zerrte die
+Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner
+sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose Betrügerin!«,
+ohne es zu wissen, und hätte die Hände nicht vom Halse Lalandas
+gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis,
+wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Empörung über seine
+Dummheit nicht ihre Nägel in seine Hände gebohrt und endlich seine
+Finger von ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell tief
+in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tür hindurch in
+das zweite Gemach.
+
+Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine
+Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe.
+Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick
+gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und öffnete rasch den
+Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und
+so fuhr er von dannen, der Moldau zu.
+
+Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd über das schlechte
+Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen
+geworfen und geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose
+Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein unsäglicher Ekel
+schnürte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn,
+daß es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein
+Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume nicht erfüllt worden sind und
+das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen in den Augen
+steht und nur daran denken muß, wie ganz anders es sich den
+Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham,
+daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser
+Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefühle
+des größten Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen
+hatte, die ihm winkten.
+
+»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. »Und das war
+Lalanda, die Meerkönigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich
+das überleben!«
+
+In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine
+glitzernd da und der Kutscher öffnete den Schlag und, wie hätte er den
+Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer
+höflichen Verbeugung:
+
+»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir über die
+Brücke hinüber?«
+
+Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin Ihr wollt,« sagte er, und
+sich besinnend, fügte er bei: »bis ich Euch rufen werde, daß ich
+aussteigen will.«
+
+Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den Bock und der Wagen
+holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie
+auf der einsamen Landstraße.
+
+Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er
+sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide
+zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, kühle,
+königliche, ferne Meerkönigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif
+war Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das
+Gewöhnliche, Schamlose – ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn
+schüttelte – das Dirnenhafte! »Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren
+Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine
+Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O,
+ich hätte sie erwürgen sollen, diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!«
+
+Große Tränen rollten über seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner
+Enttäuschung, mit seiner Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter
+und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust
+werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines
+aus der Flasche, dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, die
+Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Tränen und er rief dem
+Kutscher zu, er möge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der
+Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag entgegen.
+
+ * * * * *
+
+Über die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht
+gehabt, wie der Vater zuerst über das verstörte Gesicht, über die Wunde
+an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich sein
+Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung beichtete, darüber steht
+nichts mehr – in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber,
+daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und geküßt
+hat und daß er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mußte über seinen
+verträumten Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch tat, daß
+im Leben jedes Mannes der Tag kommen müsse, an dem sein Ideal den
+glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht
+sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen
+Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik,
+daß Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr
+verlautete.
+
+Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet haben; er wird wohl auch
+ein anderer geworden sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem
+fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas
+angebracht und das Haus ›Zum Meerweibchen‹ genannt werde. In den alten
+Büchern ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht in den
+Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt Prag der Name Karolus
+Werkmeister, Prager Bürger und Besitzer des Hauses ›Zum Meerweibchen‹
+und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und
+gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch,
+Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem
+Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in zärtlichen
+Augenblicken Medulina nannte. Und in den Büchern folgt auf diese beiden
+Namen eine Menge Kinder.
+
+So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso historisch, wie sie
+begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der möge ruhig in der Chronik
+der Königlichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin
+aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen,
+das den gleichen Namen trägt wie diese Geschichte. Dann mag er
+kopfschüttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis
+zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit öffnen und auf den
+Hradschin hinüberschauen, die Königliche Burg, die herrlich und
+majestätisch von der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man aus
+dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur historische Geschichten
+erzählen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom
+Meerweibchen.
+
+
+
+
+Der Spiegel
+
+Eine Legende
+
+
+I.
+
+Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem Recht und Fug ihre
+Legenden verlegen dürfen, weil dazumal der Heiland und die Mutter Gottes
+noch ein Vergnügen hatten, die Menschen zu lenken – jungen Eltern
+gleich, denen die Kindererziehung noch Freude und Lust bereitet –, zu
+jener Zeit also stand abseits von der Heerstraße mitten im Walde ein
+weitläufiges, schönes Nonnenkloster von strengen Sitten, in welchem,
+fern vom Lärm und Hasten der Welt, die Nonnen ein beschauliches und
+ihrem himmlischen Bräutigam ergebenes Leben führten. Die Stille in
+diesem Kloster war eine so große und die einschläfernde Macht der
+Gewohnheit, unterstützt durch das gleichmäßige Rauschen des Waldes, eine
+so überwältigende, daß die Geißel an der Wand verstaubte und die frommen
+Frauen alt wurden und ehrwürdig dahinlebten, und daß eine Wolke der
+Heiligkeit über dem Kloster schwebte.
+
+So ist es begreiflich, daß der Böse ein unabweisliches Verlangen fühlte,
+in diesem Kloster seine Künste zu probieren, und daß er der Madonna,
+als er sie einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner
+Keckheit zurief, diese Burg der Frömmigkeit sei wohl auch nicht so
+uneinnehmbar, wie sie glaube.
+
+Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen – wie sie der göttliche
+Raffael uns überliefert hat – durchdringend an und sprach: »An der
+Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und so sicher bin ich
+meiner Sache, daß ich dir erlaube so lange darin zu verweilen, als ich
+hier ein Vaterunser sage.«
+
+Der Böse erschauerte, da er den Namen ›Vaterunser‹ sprechen hörte, aber
+er faßte sich gar bald und entgegnete:
+
+»Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile hier, und, ehe du
+dein Sprüchlein geendigt hast, will ich wieder bei dir sein und mich
+meiner Tat erfreuen.«
+
+Und kaum, daß er es ausgesprochen, war er in ein altes, runzeliges
+Weiblein verwandelt, das an der Klosterglocke zog und hüstelnd im Tore
+verschwand.
+
+Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und ausnehmend schöne Nonne
+Pförtnerin geworden, Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des
+Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Säugling an der
+Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden und erbarmungsvoll in
+den Schutz des heiligen Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr
+Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten so selbstverständlich
+und ohne Zweifel nachgekommen, daß die Oberin ihr den schweren Posten
+einer Pförtnerin übertragen hatte. Sie hieß also Schwester Clarissa und
+war blühender als je eine Nonne gewesen.
+
+Nun, da es läutete, öffnete sie dem hüstelnden Weibe ihr Schiebfenster
+und fragte nach seinem Begehr.
+
+»Die Oberin Berthilde vom nächsten Nonnenkloster schickt dies
+Gebetbüchlein der Pförtnerin Clarissa,« sprach das Weiblein, »daß sie es
+als Geschenk annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres Postens nicht
+abzulenken und als Erprobung ihrer Stärke gegen die Anfechtung der
+Neubegier wünscht sie, daß die fromme Schwester Clarissa das Tüchlein,
+drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem Buche wegziehe, als
+bis der Mondschein durch ihr Fenster falle.« Sprach’s, und ehe die
+Pförtnerin noch ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden.
+
+Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter
+Gottes, als diese ihren schönen Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er
+machte eine höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr
+mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige Erlaubnis. Sein Werk sei
+vollendet. Die Madonna aber lächelte milde und sprach ihr Amen und
+schlug drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. Sie aber
+machte sich auf und wandelte still ihres Weges.
+
+Als nun das Abendglöcklein geläutet und das Tor des Klosters
+verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges
+Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben
+der Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze
+Stube flimmerte in weißem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem
+Abende der Mond vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk der
+Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, »aber sie hätte
+es, fürchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte
+geöffnet! Ja, geöffnet! Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches
+Gewissen, »und ich will es der Oberin gleich bringen!« Doch dabei
+nestelte sie schon an dem Tüchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch
+vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig
+ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt gewesen. Es war aber gar kein
+Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre
+Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen
+Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem
+Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stück
+leuchtenden Glases auch zuerst für den silbernen Beschlag eines
+wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; als sie
+aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll Neugierde darüber beugte,
+sah sie darin ein menschliches Gesicht, blühend schön und mit lachenden
+Augen, mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden Lippen, wie
+sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und
+schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen
+gesponnen wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen an,
+da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel
+hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie
+ganz, daß sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich
+plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu
+ergötzen, und deckte schnell das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie
+nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schön
+gewesen, als daß sie dem Zauber hätte widerstehen können. Sie lüftete
+das Tüchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses
+Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr
+gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! »Morgen früh geb ich es der
+Oberin,« sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit
+glücklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel
+freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr
+Haar mit einem kleinen Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit
+den Händen über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung,
+als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie
+sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte
+passen müsse. Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die
+Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die
+Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem
+blendenden Scheine ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor
+sich hin!
+
+So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Bräutigam
+vergessen! Eine unbestimmte, drängende Sehnsucht war in ihr erwacht, daß
+sie lange mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich nicht satt
+schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas unternimmt, das muß man ihm
+lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn
+das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem
+Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm,
+das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Bräutigam zu
+schmücken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; daß sie den
+schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken,
+und ihn um den weißen Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um
+nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schönheit zu übersehen.
+
+Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher Menschenspiegel, und
+ein so starker Zauber ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, das
+Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig
+gemacht und, ohne die Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet
+hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber
+hatte sie in das Tüchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz
+an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zöge, so
+lustig und glücklich hüpften ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und
+sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen.
+
+
+II.
+
+Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das
+prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich
+geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf
+Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch
+schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen
+wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig
+und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der
+weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die
+Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner
+und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in
+diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen
+getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit
+verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig
+hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich
+gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste
+Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er
+als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war
+seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er
+fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht
+unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten
+seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner
+Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete,
+so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte
+immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und
+im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der
+heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß
+er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest
+überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr
+ein neues Reis ansetzen werde.
+
+Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen
+Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen
+Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem
+melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu
+probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und
+Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen,
+trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß
+kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an
+denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte,
+und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich
+neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg
+geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen
+lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken
+müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht
+schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen
+wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei
+war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit
+und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er
+freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er
+sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit
+scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber
+umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen
+Grafen eigentlich recht genügend waren.
+
+Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem
+Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf
+Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht
+wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern
+der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und
+wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den
+bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem
+Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast
+erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten
+Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so
+gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel
+gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte,
+war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte,
+einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um
+über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach
+vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger
+empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine
+Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar
+auseinander: daß nur _ein_ Mensch auf dieser Erde den armen
+melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in
+Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach
+und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich
+eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn
+an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß
+er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan
+habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig
+zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen
+zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel
+gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es
+nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von
+seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich,
+während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine
+philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst
+bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was
+vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit
+so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem
+Schlosse geschieden.
+
+Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem
+melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen
+Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht
+angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von
+dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines
+Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen
+fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt,
+und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang
+brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz
+Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß
+dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das
+Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer
+sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium
+auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der
+selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken
+sollte, kein großes Vertrauen empfand.
+
+
+III.
+
+Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Händen
+zurückgekehrt waren, (weil jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft
+beschwören sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte –
+mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa
+auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand
+war bestaubt und von Dornen zerrissen, so daß es gar nicht mehr als
+heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war länger geworden und
+ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr das Wandern in der
+frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot
+weichen mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem
+Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr
+glückseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an
+ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in ihrer glorreichen
+Dummheit noch nicht, daß der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr
+Sehnen zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies Geheimnis,
+als sie ihren schneeweißen Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn
+nun mit dem Tüchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da
+sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Körper leuchten und merkte
+zu ihrer großen Freude, daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser
+Beleuchtung noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber freute
+sich das arme betörte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott
+für das schöne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen
+Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter,
+sondern aus ihrer reinen Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht,
+daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte.
+
+Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau mit dem Spiegel in der
+Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr
+immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurückwich,
+holdselig lachend und winkend; sie schmückte sich das Haar mit den
+Blumen, die sie auf den Wiesen pflückte, und sah so mit den roten
+Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzückende
+Prinzessin aus dem Märchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein
+phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller
+Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne Gesicht im Spiegel,
+daß sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege
+begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem
+Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so über alle Maßen
+schön, daß keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, weil er
+ihr so lange nachschauen mußte mit offenen Augen, bis diese ihm
+übergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange
+verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu haben; und wenn er ein
+Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich
+einen Reim auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen eine ganze
+Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen:
+›Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!‹
+
+Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne
+eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen
+einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß jene unbeschreiblich
+schöne Dämmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und
+Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat
+um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der
+Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die
+von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, und, ohne die holdselige
+Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schloß, so über
+jeden Zweifel sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst
+gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig erwarteten. Als
+er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob
+sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel und Glückslärm,
+der fast den schnarchenden Ritter geweckt hätte, wenn er sich nicht
+einen so gesegneten Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das
+ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa
+mit dem Spiegel beim Fenster saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete.
+Und ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie schon die ganze
+Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie
+vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls
+ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich
+doch, für ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu
+können, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken
+Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein großer und
+aufrichtiger Jubel darüber in Schwarzenburg.
+
+Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse mit großem Geräusch die
+Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff
+genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so
+rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun für den Grafen,
+da alle eigentlich im innersten Herzen glücklich waren, den
+launenkranken Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine Zeit los zu
+werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer
+verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt
+hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett täglich
+aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich eine behagliche Grube
+in den Strohsack gedrückt zu haben. Er seufzte und schimpfte ärger als
+ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so
+beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei überwachte er doch
+genau jegliches Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines
+Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte,
+ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rüstete sich überhaupt aufs
+allerbeste für die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für die
+Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und
+Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit für
+Regenwetter und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine Reisedecke,
+bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn ja leider kein Diener auf dem
+Pilgerzuge begleiten könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm
+wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den
+der Graf für sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide,
+und einen Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen
+Italiens schütze. Dann geschah eines Tages das Unerhörte, daß der dicke
+Ritter, auf die Schulter seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem
+Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im
+Schloßsaale landete.
+
+Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß sie den Grafen in Empfang
+nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung,
+hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das
+Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der
+unglückliche Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die
+Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, daß vor einem großen
+Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und
+ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend,
+so daß sie sich auch von rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren
+Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen
+Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur daß er groß war und fest
+an der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte ihr gleich den Saal
+vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so
+stand sie still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da sie nun der
+Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich
+derb mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle
+Kanne Weins überlief.
+
+»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er dann, »mit einem solchen
+eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!«
+
+Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an,
+die jetzt, seit sie ihren Spiegel besaß, immer einen glücklichen Glanz
+hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte,
+die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu großen Hut in den
+Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein
+Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser
+zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mußte einen
+ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann
+seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer
+Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor
+Bewunderung über ihren Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den
+steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. Und als sie im Tale
+angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine
+Trompetenfanfare ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war es, als ob in
+diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer zusammenflössen, die
+Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstieß.
+
+Weil er ja geheilt zurückkehren würde ....
+
+
+IV.
+
+So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit seiner schönen Begleiterin,
+des Weges.
+
+Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger Mann, als daß er die
+Begleitung der Jungfrau als ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm
+sie vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht Dankenswertes
+hin, indem er den Arm des Mädchens weidlich als Stütze ausnützte, jede
+Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger Geselle
+blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute
+Ursache eines tiefen Seufzers für ihn, jede Speise, die ihm in den
+schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten
+Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den ersten Tagen gar
+nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust
+zu frönen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune
+ihre müden Glieder auf das Lager streckte, während ihr dicker Herr und
+Gebieter das beste Bett des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es
+ihr zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit herzlicher Lust
+zu sehen, wie ihr Blondhaar länger wurde und sich zärtlich um ihre
+Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden
+und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war überall,
+wo sie hinkamen, ein großes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der
+melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hören, was für ein
+herrliches Mädchen er sich auf die Reise mitgenommen habe.
+
+Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, ohne daß er sie einer
+Überlegung für wert hielt, da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe
+geschwunden war und er nur immer an sein Unglück und sein Leid denken
+mußte; höchstens, daß er ein pfiffiges Gesicht machte, wenn ihn die
+Leute ob seines Geschmackes einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm
+wohltat, als ein so überaus feiner und geschmackvoller Pilger angesehen
+zu werden. Denn so sehr er auch seufzte und jammerte, tat ihm die
+reichliche Bewegung im Freien doch wohl, und die Kräfte kehrten mit
+jedem Tage mehr in das Gebäude seines stattlichen Körpers wieder. Seine
+bleiche Farbe wich einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag
+immer leichter auf der runden Schulter seiner Stützerin, da er bald
+selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn er auch nicht unterließ über
+jeden Stein am Wege oder jeden Regentropfen, der ihn näßte, einen
+ordentlichen Fluch loszulassen. Die blühende Clarissa pflegte und
+betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines Glücksgefühl
+durchströmte sie dabei, daß sie einen kranken Menschen so warten dürfe
+und dieser große und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie angewiesen
+war.
+
+So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, nur daß die Flüche des
+Ritters und seine Verwünschungen ihre Schritte begleiteten. Denn er war
+gar nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu fragen oder
+nach ihren Wünschen zu forschen. Aber nach einigen Tagen hielt es
+Clarissa nicht mehr aus, so stumm neben dem traurigen Ritter
+einherzugehen, und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach
+war, zu berichten an, und der Graf ließ sie gewähren, weil ihm der Weg
+auf diese Weise minder eintönig wurde. Er vergaß dabei wohl auch etliche
+Male zu jammern und stellte sogar nach einigen Tagen, da der Redestrom
+seiner Begleiterin zu versanden anfing, Fragen, die sie in ihrer
+munteren und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam es so weit, daß
+er dem Mädchen zögernd und unwirsch sein Leben erzählte, ohne viel
+Rücksicht auf ihr Jungfrauentum, also daß sie manches hören mußte, was
+ihr die verdiente Nachtruhe mit bösen Träumen störte und sie
+nachdenklich und schreckhaft machte. Dann tröstete sie nur ein Blick in
+den Spiegel, der ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot paßte, das
+plötzlich ihre Wangen durchglühte, und wie seltsam ihre Augen
+aufleuchteten und die Lippen sich schürzten, wenn sie an die Reden des
+kranken Ritters dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr über
+den Rücken herabflutete, in goldschimmernde Flechten drehen und
+vergnügte sich nun lange damit, sie in verschiedenen Windungen um den
+Kopf zu legen, Bänder und Blumen hineinzuordnen und ihrem breitrandigen
+Pilgerhute alle erdenklichen abenteuerlichen Formen zu geben, je nach
+ihrer Stimmung, hoffnungsvoll geschwungen oder kühn auf die Seite
+gedrückt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer war sie von neuem von
+ihrem Anblick entzückt. Bei Tage aber wanderten sie tapfer dem Süden zu
+und waren schon mitten in den Tälern der Alpen angelangt, als ihr eines
+Tages der Ritter erkrankte.
+
+
+V.
+
+Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel,
+sondern bloß die Ausbrüche seines Schmerzes und seiner Verstimmung über
+sein Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen Schreck
+darüber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen
+Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein
+wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also daß er sie
+in der Nacht an sein Lager rufen ließ. Er lag stöhnend und jammernd in
+seinem Bette und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß dies
+nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben
+müsse. Er zerriß das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor
+Wut und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt habe, um ihn
+elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn
+sicher vergiftet, so brenne es in den Gedärmen und so rasende Schmerzen
+empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die
+erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung
+hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener Märtyrer er
+sei.
+
+Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte
+nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brüllenden
+Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich über
+ihn, leise mit ihren Fingern über seine Stirn streichelnd, und der
+Mantel war ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. So
+stand sie da in ihrer Schönheit, die Fluten ihres goldenen Haares
+jauchzten über ihren schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden
+Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das groblinnene Hemde.
+
+So beugte sie sich über den Grafen, der zum ersten Male seit langen,
+langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes
+Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als
+daß er darum weniger gestöhnt hätte, er wälzte sich vielmehr nur um so
+ungebärdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und
+Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens von seinem
+Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte,
+weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid
+neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer
+Seelenangst inbrünstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe,
+herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit
+sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich in den Sinn, und
+weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkräftiges
+erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter
+ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile.
+
+Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurückkehren sah und sie
+ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und
+Herzensreinheit, da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er
+glaubte, daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit
+aller Wucht auf den Boden, daß er in hundert Stücke zersplitterte; dann
+aber, als ob er seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf sein
+Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein.
+
+Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war
+ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche.
+Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien
+es ihr, als stünde draußen die Mutter Gottes, genau so schön und
+lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten
+Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen
+Blicke ansähe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das
+Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still
+und zufrieden schlafen sah, auf den Fußboden neben sein Lager hin und
+schlummerte bis in den Morgen.
+
+
+VI.
+
+Am nächsten Tage, als der Ritter morgens früher als seine schöne
+Begleiterin aufwachte, war ihm viel, viel wohler, als er sich
+eingestehen wollte. Und das erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel,
+war nicht sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, wie
+sie sich über ihn gebeugt und seine Stirn gestreichelt hatte. Er sah das
+volle Blondhaar um ihren schönen Nacken fluten und die milden Hügel des
+Busenansatzes über dem sittsam geknüpften Hemde und schloß gleich
+wiederum als ein Schlemmer und Feinschmecker aus früheren Zeiten die
+Lider, um sich in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er dann
+die Augen wieder öffnete und die Maid auf dem Boden daliegen sah, den
+rechten Arm unter dem schönen Haupte, wie sie mit halb geöffneten Lippen
+friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen auf die
+Schläferin und ward nicht satt, sie zu betrachten. Kaum aber, daß
+Clarissa die Augen aufschlug, als hätten die Blicke des Grafen sie
+geweckt, da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, beiseite,
+die Augen schließend und Schlaf heuchelnd, bis er endlich mit einem
+tiefen Seufzer erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen Tag
+begrüßte. Nicht ein Auge habe er die ganze Nacht geschlossen, log er
+gleich in seiner alten Weise, wenn er auch vielleicht scheinbar den
+Eindruck eines Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich eben zu
+fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, wenn nur die Schmerzen ein
+wenig erträglich seien. Clarissa natürlich, sagte er giftig, sei da auf
+der Erde gelegen und habe geschnarcht wie eine Säge durch Querholz, daß
+er schon deshalb nicht hätte einschlummern können; und schon schrie er
+nach seinem Morgenimbiß, da ihm sonst sein Magen verbrenne.
+
+Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel um sich gezogen, dann
+brachte sie dem Ritter sein Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben
+zusammen und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie barg sie dort in ihr
+armes Tüchlein wie eine kostbare Habe, ohne auch nur die geringste Lust
+zu verspüren, in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. Denn es war ihr
+so seltsam im Herzen seit dieser Nacht, daß sie immerfort an den Grafen
+und seinen Schmerz denken mußte, mit einem tiefen, herzinnigen Mitleid
+und einem traurigen Gefühle darüber, daß er so barsch ihre Hand
+weggestoßen hatte; und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder
+ihre Hand auf seine Stirn legen zu dürfen. So machte sie sich rasch
+fertig und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, um ihn
+zu pflegen, wenn er ihrer bedürfe.
+
+Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre Handreichungen hin wie
+etwas Selbstverständliches und war um so rauher, als er eine seltsame
+innere Nötigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen und hätscheln zu
+lassen. Und je inniger und liebevoller sie sich seiner annahm, desto
+unebener und schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die nur dann
+glücklich sind, wenn sie quälen können. Im Herzen aber hatte er nur den
+einen Wunsch, daß bald wieder Nacht werden möge, damit er wieder
+Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern und die
+Lieblichkeit ihres Leibes beschauen könne. Indessen lag er im Bette, aß
+und trank wie ein Gesunder, freilich, wie er sagte, ohne Hunger und
+Bedürfnis, nur um recht bald wieder aufbrechen zu können.
+
+So war langsam Abend geworden und Clarissa hatte gefragt, ob sie sich
+neben ihn auf den Boden legen solle. Da war sie aber schlecht
+angekommen. Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer trollen,
+er wolle heute schlafen und da könne er ihr Schnarchen nicht brauchen.
+Er drehte sich der Wand zu und schwieg hartnäckig auf alle ihre Fragen,
+so daß sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und sich leise aus dem
+Zimmer davonschlich.
+
+Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte und seufzte und konnte
+lange keinen Schlummer finden.
+
+
+VII.
+
+Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tür
+gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter
+wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht
+ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll
+herzlichen Mitleids in das Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser
+Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens
+schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wütender
+im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes
+Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in uneingestandener
+Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen können und
+nur wünschte, sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, mit
+aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich über sein Lager beugen.
+Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das
+Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und
+er war ordentlich wütend darüber, daß sie seinem geheimen Wunsche nicht
+nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den
+ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an
+die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu
+streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen.
+
+Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun über
+den Armen, ihm die Stirn berührend. Er ließ sich das auch heute
+gefallen, nur daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des Schmerzes
+sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor
+Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil
+sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm sein Leiden so gar nicht
+abnehmen konnte. Sie strich ihm milde über das Haar und sprach zu ihm
+mit zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, das sie in den
+Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufstöhnte und mit klappernden
+Zähnen jammerte, daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu
+ihm und breitete ihren Mantel über seine Bettdecke. Er aber umarmte sie
+wie in schrecklicher Angst und drückte sie heiß und fest an seine
+wogende Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie in ihrer
+jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er
+auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte
+und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und großes Glück und
+das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in
+diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war,
+durchströmte sie, daß sie die Augen schließen mußte und sich den
+Umarmungen des Ritters willenlos ergab.
+
+Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer
+schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der
+Arm des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte der Pilgerin.
+
+Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst über die
+Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr
+zumute, dann aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen stürzten
+aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie war
+glücklich, daß der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in
+die Augen schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in
+ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee,
+versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser
+Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglöcklein
+des Glückes herüberläutete, und im Gefühle der glühendsten Scham, aber
+ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem
+Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie
+sich und betete, daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen
+und zugunsten des Ritters verwenden möge, damit er endlich von seinem
+schweren Siechtum und seiner Melancholie erlöst werde.
+
+Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer Ermattung aufgewacht und
+dämmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem
+Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem großen Stolze
+hin, daß er sein Stücklein so gut durchgeführt hatte, und träumte schon
+wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen
+Jahre nur ein böser Schabernack gewesen wären und alle Damen noch
+dasäßen und warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebesnot
+erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner
+Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen
+Morgenimbiß zu bringen.
+
+Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wäre, so hätte er vor
+Glückseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun
+mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengruß über die
+bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen
+und sie war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, daß die
+Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten
+und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich
+aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt
+geworden, daß er ein großes Jammern anhob und ein über das andere Mal
+ausrief, daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte
+gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen
+sollen. Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das habe der
+verfluchte Medikus so fein eingefädelt und der Teufel habe ihm dabei
+geholfen.
+
+Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus
+gesund fühlte, wirklich schlecht und empörend in seiner Selbstsucht und
+Lust, andere zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese
+Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert und verlor völlig
+ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glückseligkeit hatte sie den ganzen
+Morgen über vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf das
+Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit dem Grafen vor den Papst
+zu treten. Sie fiel ihm zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß
+ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. Der traurige Ritter
+aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das
+Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört und
+unglücklich aus dem Zimmer davonwankte.
+
+
+VIII.
+
+Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie
+sich unter ihr Bett und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben
+ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter
+und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande
+gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß sie vor dem
+Altar kniete und heiß und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem
+Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, mit
+seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, die aus einem kindlich
+geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte
+tröstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu
+ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters
+Heilung verwirkt hätte.
+
+»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd
+und Mutter, neige dich meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen
+Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile den armen Grafen, nimm
+mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich
+armselig und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen
+könnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die
+ich dir weihe, denn sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.«
+
+Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu
+Füßen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten
+aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor
+Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie
+verhüllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden
+Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den
+Tränen erschüttert, endete sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige
+mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich stürbe so
+gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!«
+
+»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter
+Gottes. Denn sie lächelte mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und
+sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne
+emporzuschauen, aus der Kapelle.
+
+Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem
+Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fügte es die
+trostreiche Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel,
+in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gütige Madonna selbst saß
+bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen
+Sünderin und hatte das Tüchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht,
+vielleicht weil sie den Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die
+gute Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als der Ritter
+wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus
+schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der
+schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging
+mit dem Päcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter
+aufzusuchen.
+
+Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer
+eintrat, donnerte er ihr schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie
+sich schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein Mitleid mit seinem
+Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lästerworte hinzu, da ihn
+schon wieder die Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna
+vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen
+angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also:
+
+»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du mich in der
+selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise gekränkt und beleidigt hast,
+bist du wirklich also verstockt und böse, daß dir die Scham nicht die
+Stimme verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich
+stützte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest,
+nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um
+meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du
+mich von dir jagen, anstatt mir die Füße zu küssen und um meine Gnade zu
+bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, daß ich
+dir beistehe in deiner unmännlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du
+Abscheulicher!«
+
+Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos
+über diese Kühnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur
+untertänig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wütend war
+er, als er sie so dreist sprechen hörte. Dann aber lachte er böse auf
+und wollte aus dem Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr
+Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken,
+das den Ritter bedeckte, aufhob, schüttete sie die hundert Scherben auf
+sein Lager, daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper verstreut
+waren und er wie in einer Dornenhecke lag, daß ihn jegliche Bewegung
+verletzen mußte, so daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte
+sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen hätte und rührte
+sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze
+Maid, die ihn gebändigt hatte.
+
+So gern nun diese auch gelacht hätte, da der verdutzte melancholische
+Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen
+Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng
+und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise
+ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager
+gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, falls er ihren
+Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war für diesen
+selbstherrischen und gewalttätigen Mann, der durch Jahre hindurch seine
+Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, daß die anderen vielleicht
+auch einen Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem
+Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rühren zu
+dürfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor
+ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz aus seinen Augen wich
+allmählich der Verwunderung, dann einem ängstlichen Staunen und
+wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm wurde
+und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der
+Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern ihn gleich rüttelte, wenn er ihr
+unachtsam schien.
+
+So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je
+gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich
+geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten
+Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz
+elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem
+Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich
+eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung
+aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei
+der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr
+schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das
+ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen,
+da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er
+die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er
+nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er
+verbrochen hatte.
+
+So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse
+Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er
+ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette
+auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen
+ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie
+ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und
+achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen
+Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein
+Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen
+rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung
+erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!«
+
+Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer
+zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die
+Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke,
+da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat.
+So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und
+wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten
+Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen
+wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie
+erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen
+Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und
+seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde
+liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen
+Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du
+wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch
+meine reine und echte Liebe verschönt sein!«
+
+Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und
+erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe.
+
+Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das
+Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die
+Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager
+zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar
+ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat.
+
+Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen
+Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, – nachdem sie sich
+in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt
+hatten, – um nach Schwarzenburg heimzuwandern.
+
+»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf
+sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.
+
+»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, und, da eine Lerche
+sich vor ihnen tirillierend in die Lüfte schwang, da war es ihm, als ob
+seine Seele auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten
+Sängerin seinen Gruß zu:
+
+ »Tandarada, Tandarada!
+ Welch ein Wunder mir doch geschah!«
+
+Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen!
+
+ * * * * *
+
+Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu
+und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht böse:
+ich weiß keinen Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der – Gott sei bei
+uns! –, wie sich der Böse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat!
+Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch
+gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, daß ich, nur um
+euch einen Schluß zu dieser Legende berichten zu können, mit ihm hätte
+sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gnädig!
+
+Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Gräfin Clarissa von
+Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen
+Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes
+weihte, hängen zwei Bilder, von _einer_ Künstlerhand gemalt und beide
+berühmt ob ihrer Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute:
+die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hält und sich holdselig und
+lächelnd in dem Glase betrachtet....
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Von =Hugo Salus= erschienen bisher:
+
+
+=Novellen des Lyrikers.= Dritte Auflage. Egon Fleischel & Co., Berlin.
+
+=Gedichte.= Zweite Auflage. Albert Langen, München.
+
+=Neue Gedichte.= Albert Langen, München.
+
+=Reigen.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.
+
+=Ehefrühling.= Fünftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck von Heinrich
+Vogeler-Worpswede. Eugen Diederichs, Leipzig.
+
+=Susanna im Bade.= Buchschmuck von Wilhelm Scholz. Albert Langen,
+München.
+
+=Christa.= Ein Evangelium der Schönheit. Buchschmuck von Emil Orlik.
+Zweite Auflage. Wiener Verlag.
+
+=Ernte.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.
+
+=Neue Garben.= Gedichte. Albert Langen, München.
+
+ * * * * *
+
+
+Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 35
+
+
+Novellen des Lyrikers
+
+von
+
+Hugo Salus
+
+Preis geh. M. 2.—; geb. M. 3.—
+
+
+=Aus den Besprechungen=
+
+=Dresdner Anzeiger:= Mit dem Begriff Novelle im klassischen Sinne, im
+Geiste Maupassants etwa, darf man freilich nicht an diese überaus zarten
+Stimmungsbilder herantreten. Das Improvisierte, bisweilen Skizzenhafte
+des Rahmens, in dem uns ein Eindruck, subjektiv empfunden, lyrisch
+ausgesponnen, entgegentritt, ist von dem Greifbaren, ja Plastischen, das
+der Epiker geben will, himmelweit verschieden. Das aber gerade macht das
+ganze Freie, Urpersönliche des Verfassers aus, der ja nirgends den
+Lyriker verleugnen will, und dem epische Versuche im herkömmlichen Sinne
+gar nicht gelingen. Durch die lyrische Stimmung, die er in den besten
+Stücken ganz einheitlich festzuhalten weiß, durch eigenen Ton, der so
+gar nichts literarisch Gewolltes, oder gar Konventionelles hat, schlägt
+er uns in Bann. Es kommt Salus gar nicht auf die äußeren Geschehnisse,
+sondern auf das innere Erleben an. Ganz wundervoll ist das einem echten
+Dichtergemüt entsprungene Märchen: »Wo kommen die Kinder her?«
+
+=Hamburger Nachrichten:= Einen besseren Titel hätte der Dichter seiner
+Novellen-Sammlung nicht geben können, denn aus jeder seiner Erzählungen
+spricht so unverkennbar der Lyriker, der zartbesaitete Gefühlsmensch,
+dem alles, was er sieht, viel weniger in realer Gestalt als vom Hauch
+der Poesie verklärt erscheint, daß man oft Verse und nicht Prosa zu
+lesen glaubt. Wenn man auch in manchen Dingen anders – nüchterner und
+deshalb vielleicht klarer – urteilt als Hugo Salus, immer achtet und
+schätzt man den feinsinnigen Poeten, dessen Bilder in wohltuender
+Reinheit vor uns erstehn, dessen Sprache den Stoff meistert und ihn
+beschwingt.
+
+=Heimgarten, Graz:= Seltsame kleine Geschichten eines wahren Dichters
+in der feinen rhythmischen Sprache, an die uns Salus in seiner Lyrik
+bereits gewöhnt hat. Aus unscheinbaren, den profanen Blicken meist
+wertlosen Dingen und Geschehnissen erträumt sich seine Muse ihre
+wunderlichen Abenteuer und gestaltet sie zu kleinen Novellen, die man
+allerdings nicht »spannende Geschichten« nennen kann im landläufigen
+Sinn, die aber feineren Lesern ein willkommener Genuß sein werden in
+ihrer tiefen Symbolik und ihrem demütigen Gefühl für die Wunder des
+Lebens.
+
+=Das Literarische Echo:= Der Lyriker, der uns diesmal Novellen
+darbietet, hat einmal in seinem ersten Versbuche ein sehr sinniges und
+schönes Sonett geschrieben, das nunmehr verleugnet ist. Damals sagt er:
+
+ Zu schmal ist meines Dichterhauses Schwelle,
+ Die Tür zu niedrig. Des Gewandes Falten
+ Muß selbst die Lyrik eng zusammenhalten
+ Will sie besuchen mich, die sonnighelle.
+
+ Doch für mein Ideal, für die Novelle,
+ Ist schon die Tür zu eng. – – –
+
+Nun hat sie dennoch Eingang gefunden. Wenn man will, durch ein
+Hinterpförtchen, denn unter den schematischen Begriff der Epik lassen
+sich die zarten, duftigen Geschichten nicht so leicht einfügen, weil sie
+Bilder und Träume, spinnwebfeine Fabeleien und verlockende Plaudereien
+sind – Novellen des Lyrikers und nicht Novellen schlechthin. Der epische
+Kothurn fehlt; Salus sitzt nicht am Vorlesetisch, sondern näher, viel
+näher. Ein anheimelndes Gefühl, eine liebliche und vertrauliche Art
+liegt in der persönlichen Diktion – gleichsam als säße man
+freundschaftlich mit zusammengerückten Stühlen um einen Tisch, und
+einer, irgend einer, aber ein Kluger und Feiner, begänne mit einem Male
+eine Geschichte zu erzählen mitten in eine Plauderei hinein oder in ein
+Schweigen.
+
+Jene schöne Mühelosigkeit, die das leichte und doch so geschickt
+gesponnene Gefüge von Salus Weisen uns lieb und wert macht, verleiht
+diesen Geschichten eine unliterarische, würzige Frische, eine
+Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das Absichtsvolle, das ja in jeder
+belletristischen Schöpfung fühlbar wird, möglichst unterdrückt.... Nicht
+einen Neuen gewinnt man mit diesem Buche lieb, sondern den lyrischen
+Fabulanten, den klugen, geschmackvollen und feinsinnigen Dichter des
+Lebens, Hugo Salus, der selbst in der kleinsten Facette das Bild der
+großen Kräfte zu spiegeln weiß.
+
+=Die Zeit:= In dem neuen Buche von Hugo Salus haben mich die
+Titelnovelle und »Das Register« entzückt. Die erste Novelle sollte die
+dramatisch bewegte Geschichte einer verratenen Frauenseele werden. Salus
+hatte die feste Absicht, es auf der »ehrenwerten Landstraße der Sprache,
+die auch einmal zwischen Kornfeldern und Kartoffeläckern dahinführt,« zu
+versuchen. Doch er ist Lyriker, und – »man ist nicht ungestraft zwanzig
+Jahre seines Lebens Lyriker, bloß Lyriker!« Er schweift von der
+ehrenwerten Landstraße immer ab, in »Blumengärten und feierlich
+rauschende Haine«, die Stimmungen lenken ihn ab, das Singen der Worte
+verführt ihn. Eine »echte, epische Novelle«, eine ordentliche Geschichte
+wird’s eben nicht. Aber in diesem Bekenntnis liegt so viel Feinheit und
+eine so liebenswürdige Ironie, in diesem spielerischen Vortrag ein so
+lebendiger und biegsamer Geist, daß ich die »Novellen des Lyrikers« für
+ein Kabinettstückchen der Prosa halte. Über den Titel freilich und
+besonders über den bestimmten Artikel darin ließe sich streiten. Die
+Storm, Keller und Meyer waren bekanntlich auch Lyriker, und auf der
+»ehrenwerten Landstraße« der Sprache haben sie dennoch mit viel
+Vergnügen und großem Erfolg getrabt. Es mag ihnen ja manchmal schwer
+geworden sein, die Zügel etwas straffer anzuziehen, aber sie haben es
+verstanden. Und schließlich versteht es auch – Hugo Salus selbst, wie
+»Der Handschuh«, »Der Becher der Mensane« und »Der Toast« beweisen. Nur
+weiß er, daß ihn alle Welt als den Sänger kennt, durch dessen Lieder die
+Sehnsucht mit prinzessinnenhafter Grandezza schreitet und aus dessen
+Versen Amoretten kichern. Darum glaube ich, daß er den Titel aus einer
+gewissen Koketterie hingeschrieben hat, wenn diese auch nicht frei von
+Wehmut ist. Als künstlerisches Eingeständnis kommt mir die erste Novelle
+jedenfalls ungemein interessant vor. Und nun möchte ich schnell über all
+die hübschen Stücke, die jedem etwas bringen, über all die ergreifenden
+Liebesgeschichten, phantastischen und sinnigen Erklärungen, übermütigen
+Nordseebilder und glückseligen Italienfahrten, zu der kleinen reizenden
+Novelle »Das Register« eilen. (Folgt Inhalt.) – Es ist ja nur ein
+zierlicher Einfall, dieses Geschichtchen. Aber mit der Kunst eines
+echten – Lyrikers erzählt. Bei dem närrischen, sentimentalen und
+liebreizenden Dialog der beiden Mädchen mußte ich an die
+Mädchengestalten denken, die Klimt auf seinem Schubert-Bild gemalt hat.
+
+=Die Zukunft:= Die Leute, die zu tun haben, wenn andere dichten,
+streiten sich jetzt weidlich herum, ob diese »Novellen des Lyrikers«
+auch wirklich »Novellen« sind oder nicht. Sollte man’s heutzutage noch
+für möglich halten? So hängt uns also noch immer das Zöpfchen hinten und
+Schablonisieren und Kategorisieren ist noch immer die Seele von Tantchen
+Kritik? Salus hat doch deutlich gesagt, daß er »Novellen eines Lyrikers«
+geschrieben hat, und dieser famose Titel kann wohl allenfalls eine neue
+Richtung für Prosawerke schaffen, schließt aber doch von vornherein jede
+Taxierung und jeden Vergleich aus. Zum Glück ist man bei Bezopften und
+Unbezopften so ziemlich darüber einig, daß es sich hier um wahrhaftige
+Kunstwerke handelt, ob sie nun das Novellenpatent besitzen oder nicht.
+Eigentümlich ist diesen seinen Ich-Geschichten, die so persönlich
+anmuten, daß sie wie aus einem großangelegten Tagebuch herausgeschnitten
+scheinen, ihre Entwickelung aus dem Symbol. Dichterseelen sind
+hellsehend und für Salus sind die seltsamen Zusammenhänge zwischen den
+Dingen und ihren Wirkungen, zwischen dem Stoff und dem Geist eine
+märchenreiche Domäne, in der seine starke Phantasie sich – fast möchte
+man sagen: »mit Behagen« – ergeht. Das ist es auch, was diesen
+Dichtungen in Prosa ihre besondere Tiefe und Nachwirkung verleiht: Salus
+fabuliert in einem Lande, das nicht auf der Oberfläche der Empfindungen
+liegt; man muß gewillt sein, ihm ins Symbolische und oft auch bis ins
+Mystische zu folgen. Das gilt allerdings nicht von allen Stücken seines
+Buches; bei manchen herrscht scharfe Deutlichkeit und die Erzählung
+fließt sicher dahin wie ein wohleingedämmtes Bächlein. Bei anderen
+Stücken aber tritt die Symbolik in ihr Recht, der Phantasie des Lesers
+(wenn er eine hat) ist dann ein wohltuender Spielraum geboten, und er
+kann auch gewissermaßen (wenn er’s kann) ein bißchen mitdichten. In
+dieser intensiven Mitbeschäftigung des Lesers liegt dann die dauernde
+künstlerische Nachwirkung.
+
+Eine Schwalbe, die in den Rachen eines hölzernen Todes fliegt, als
+dieser eben, als Spielzeug einer Turmuhr, zum Stundenschlag die
+Kinnladen öffnet, und die nun im Innern des Todes gefangen bleibt, bis
+die nächste Stunde sie wieder befreit: ein prächtiges Gleichnis für eine
+am Leben irrgewordene, verzweifelte Jünglingsseele, die eine Stunde lang
+den Schauern der Vernichtung preisgegeben ist, bis sie, mit
+neugewonnenem Lebensmut, wieder dem Licht und der Freiheit
+entgegenfliegt. In dieser Erzählung von der Schwalbe (und nicht in
+dieser allein) kommt Salus unserem lieben Meister Gottfried Keller in
+wunderliche Nähe. Noch bezeichnender für den Erzähler Salus ist wohl
+aber die feine und seltsame Geschichte »Hände«, in der sich uns ganz
+neue Empfindungsgebiete erschließen. Zu einem Sterbenden wird in der
+Nacht der Arzt und der Priester gerufen; und nun stehen beide an seinem
+Lager und jeder tut das Seine. Da bricht der Mond mit gespenstischem
+Leuchten durch das Fenster und nun reden die salbenden Hände des
+Priesters, die forschenden Hände des Arztes und die stillen, vergehenden
+Hände des Sterbenden im fahlen Mondlicht eine tief ergreifende Sprache.
+Drei einander fremde und ferne Welten, drei ungeheure Reiche aus dem
+Weltall der menschlichen Seele berühren sich in diesen Händen. Solches
+Hervorzaubern großer Ausklänge aus alltäglichen Geschehnissen ist für
+Salus sehr charakteristisch. Die tiefen Wirkungen dieser von der
+Frömmigkeit eines wahren Dichters verklärten Erzählungen entschleiern
+sich freilich eher einem naiv empfänglichen Gemüt als einem kritischen
+Kopf.
+
+=Leipziger Tageblatt:= Mag er der großen und kleinen Kinder Frage: _»Wo
+kommen die Kinder her?«_ beantworten oder von der jungen _»Schwalbe«_
+erzählen, die im Rachen der Turmuhr verschwindet und dabei zur
+Offenbarung für ihn wird, oder in _»Der Becher der Mensane«_ ein Märlein
+aus der Landsknechtszeit dichten, in _»Toast«_ tiefstes Frauenleid
+offenbaren, in _»Hände«_ eine sinnige Betrachtung über der Menschen
+Sterben geben und in _»Das Symbol des Lebens«_ ein Bild von hinreißender
+Schönheit und Tiefe, immer überwiegt das Lyrische, immer taucht der
+Erzähler seine Figuren und Geschehnisse in den Glanz und den Schimmer
+der Poesie. Aber der Leser darf dessen schon zufrieden sein, denn der
+auf diese Weise von dem Buche ausgehende Stimmungsreiz ist ein ganz
+außerordentlicher, und einen ebenso großen Genuß gewährt die
+künstlerisch ausgearbeitete, vornehme Sprache. Und als Drittes kommen
+das Licht und die Wärme der Darstellung in Betracht: die jauchzende
+Frohlaune in _»Seebad«_, die tiefe Innigkeit in den schon erwähnten
+Novellen »Wo kommen die Kinder her?« und »Das Symbol des Lebens«;
+empfängliche Gemüter werden davon bis in die Tiefe der Seele gepackt
+werden und sich nur schwer von dem Buche losreißen können.
+
+=Nord und Süd= (Breslau): (Inhalt.) Wir dürfen nach solchem Wurf mit
+hohen Erwartungen den weiteren Prosaschöpfungen des Prager Poeten
+entgegensehen, dessen Persönlichkeit in ihrer echten Vornehmheit,
+sympathischen Liebenswürdigkeit und inneren Reinheit eine doppelt
+erfreuliche Erscheinung ist in einer Zeit, da selbst begabte Frauen –
+bei denen wir Männer anfragen müßten, was sich ziemt – wüste
+Dirnenlieder zu singen keine Scheu tragen.
+
+=Westermanns Monatshefte= (Berlin): Manchmal sagt ein einziger Buchtitel
+zur Charakteristik einer Literatur- oder Geschmacksrichtung mehr als
+lange Untersuchungen und Abhandlungen. Wie mit Zauberschlag erleuchtet
+er ein ganzes Gebiet, das für das kritische Auge bisher im Dunkeln
+schwamm, das weder rechte Form noch rechte Farbe zu haben schien. Das
+war der Fall, als der Prager Schriftsteller _Hugo Salus_ vor kurzem eine
+Sammlung kürzerer Erzählungen unter dem Titel: Novellen des Lyrikers
+erscheinen ließ. – Auf einmal wußte man, was eins der entscheidendsten,
+wenn nicht _das_ Kennzeichen der jungösterreichischen Novellistik ist:
+der starke lyrische Einschlag, der allen ihren Geweben eigen. Arthur
+Schnitzler, J. J. David, Hugo Salus, Felix Salten, Karl Federn, Emil
+Ertl – sie alle verleugnen selbst da, wo sie, wie David in seinem
+»Übergang«, modern-naturalistische Stoffe ergreifen, die starke lyrische
+Ader nicht, die ihrem künstlerischen Organismus erst das Blut zuführt.
+Fast überall taucht Salus seine kleinen und großen Handlungen in Glanz
+und Schimmer, gibt in Prosa aufgelöste Rhythmen und hebt die Welt seiner
+Menschen mit zärtlichen Armen über das Alltägliche hinaus. Stoffe und
+Schauplätze der Salusschen Novellen sind so verschieden wie möglich: ein
+zartes, sinniges Märchen, das Kindern den Ursprung der Kinder mit
+naturwissenschaftlicher Wahrheitsliebe und doch feinem Herzenstakt
+deutet, steht neben einer geschehnisfrohen, in toller, überschäumender
+Lebenslust schwelgenden Landsknechtgeschichte; eine Landschaftsstudie
+vom Strande von Westerland steht neben einer kleinen Novelle, die ganz
+durchglüht ist von der sehnsuchtsvollen Freude an Italien, neben einem
+Stück Selbstbiographie, das ein Bild aus dem modernen Prag zeichnet,
+damit zugleich aber tief in die Geschehnisse einer menschlichen Seele
+hinableuchtet. Doch nirgends ist es eigentlich das Was, fast überall ist
+es das künstlerische Wie, das den Leser anzieht und fesselt, wie der
+Dichter selbst sich augenscheinlich weit mehr von den Worten und Tönen,
+von den Farben und Formen, von den Bildern und Symbolen als von der
+sachlichen Handlung und dem Fluß des äußeren Geschehens hat ergreifen
+lassen. Freunden romanhafter Ereignisse sind die »Novellen des Lyrikers«
+deshalb weniger zu empfehlen als artistischen Feinschmeckern und
+Liebhabern erlesener Kleinkünste.
+
+_Dr. Friedrich Düsel._
+
+ * * * * *
+
+Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen. Die Liste der bisher vom Autor erschienenen Bücher wurde
+zur Verlagswerbung ans Buchende verschoben.
+
+p 059: Kapitelnummer hinzugefügt: I
+p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse
+p 084: Anführungszeichen ergänzt: ... sie ist eine Palma!«
+p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers
+p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen
+p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem
+p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter
+p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt
+p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen
+p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken
+p 228: von dem Bildern -> den
+p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a first
+edition copy. The table below lists all corrections applied to the
+original text. The list of other books published by the author was moved
+to the end of the book next to the other advertisements.
+
+p 059: added chapter number: I
+p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse
+p 084: added closing quotes: ... sie ist eine Palma!«
+p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers
+p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen
+p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem
+p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter
+p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt
+p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen
+p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken
+p 228: von dem Bildern -> den
+p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
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+The Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das blaue Fenster
+ Novellen
+
+Author: Hugo Salus
+
+Release Date: November 22, 2005 [EBook #17130]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
+
+
+
+
+
+Das blaue Fenster
+
+
+ Novellen
+
+ von
+
+ Hugo Salus
+
+
+
+Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1906
+
+
+
+Alle Rechte
+vorbehalten
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Seite
+Pietà ..................... 1
+Der Rächer ................ 57
+Das Meerweibchen .......... 115
+Der Spiegel ............... 173
+
+
+
+
+Pietà
+
+
+Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Verträumtes; es
+ist so, als hätten die Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das
+Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben ist, bis
+die Bäume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es,
+einsamkeitssüchtig und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, um
+fürder recht als ein Einsiedel hoch oben im grünen, stillen Forste zu
+träumen.
+
+In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit und der
+Märchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem
+Heiligtume ehrlich und wundergläubig wie ein Kind.
+
+Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im
+Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich
+aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so daß es
+gleich den Anschein weckte, als wäre an einen alten Wartturm später die
+Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer in dem
+Gefühle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so daß ich lächelnd
+nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes
+gewahrte. Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das Innere des
+Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der
+wenigen Bänke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand
+sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen
+Fräuleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so
+daß sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag.
+Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der
+gegenüberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich
+schimmernd, so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurückverfolgte
+und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von
+einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da
+schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte
+mich darüber, aber so, daß der bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde,
+und blickte nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer solchen
+Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkämpften Frieden, daß
+ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar
+umrahmte die eingesunkenen Schläfen, die Augen wölbten die zarten Lider
+wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den
+eingefallenen, verhärmten Wangen umso ausgeprägter empor, aber das
+Wunder war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, um den ein
+Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen
+läßt, die viel, unendlich viel gelitten haben.
+
+Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl träumend die
+blauen Strahlen mit meinen Händen auf und goß sie dann wieder über das
+bleiche Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre Geschichte.
+
+Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer
+wie ein Wunder, daß weit von hier, hoch in den Wäldern droben, ein
+Kirchlein steht und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die
+Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl
+noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkämpftem Frieden.
+
+ * * * * *
+
+Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um das weiße Schloß. Die Täler
+hinab bis an die Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan und
+über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller Forst mit
+sturmerprobten Bäumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit
+seinem spitzigen Dachhütlein schweift der Blick wie über ein
+großwelliges Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, über die
+schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, über das bläuliche Grün der
+Forste am Horizonte, die wie breite Moosflächen sich an den runden
+Himmelsrand schmiegen. Und drüber über dem besonnten und doch so dunklen
+Grün schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein
+Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein,
+der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig in seinem Schlosse
+sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige
+hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar
+lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten sitzen durfte und
+dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr
+schäumte, wenn sie prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine
+edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten ein glückliches
+Jahr in dem weißen Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu
+gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches Ereignis
+und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine
+schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt
+verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen
+sollte.
+
+Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig auf ihrem Lager,
+auf ihre entstellten, schlaffen Brüste niederstarrend oder im Spiegel
+die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit
+unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt
+und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht
+geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem
+Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis
+zeigen: so häßlich schien sie sich, so zerstört deuchte sie ihr
+Liebesglück, so abscheulich ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer
+wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei
+schöneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme überrascht,
+da sie sich eben über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden,
+rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling in die Höhe hob,
+wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke
+Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind
+gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des
+Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde
+kommen konnte.
+
+Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der
+Wärterin und späterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr
+bedurfte, trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen
+jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, daraus sie noch elender
+und siecher hervorging.
+
+So daß die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit
+verträumte.
+
+Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher
+Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von
+neuem gehofft hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt gelegt
+hatte, müsse sich endlich heben und die Augen der Gräfin wieder klar,
+heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche
+verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes
+Nichterkennen, eine böse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst
+so schönen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren
+düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß der Jammer mit knochigen
+Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos,
+gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte
+und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte.
+
+Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schloß berufen, die in
+Trauerkleidern das verschüchterte Kind leitete und die auch das
+Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und
+zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war
+es für das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam und
+mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht,
+eines Kindes Seele zu eröffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein
+Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und
+ihre Flügel zu lösen vermag.
+
+So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und
+verträumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und
+sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern,
+seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne daß
+sie wußte was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten lassen.
+Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr
+abergläubische und wunderbare Märchen erzählt bis in die Dämmerung.
+Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und
+ihr immer wieder verstohlen zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis
+einer der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei wieder schlimm
+geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen.
+Und hatte nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und die Märchen
+verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme
+nachdrängte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder fürchtete in
+seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm
+verbarg, und das es entdecken wollte.
+
+So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tür
+schlüpfte und plötzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin
+eine große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und händeringend
+umherirrte und sich dann erschöpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf
+jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt
+wieder empor und starrte plötzlich mit dem weit offenen Munde einer
+Maske und mit entsetzten Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand,
+und dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte
+die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der
+Tür gedrängt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt.
+
+Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie
+jene Frau drüben, nur daß es nicht schreien konnte, und endlich in den
+Armen seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des Kindes, ein
+heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes Gemüt. Und so lag Berta die
+ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und
+die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drückte, als wolle sie
+alle bösen Geister davon abhalten.
+
+Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele Jahre älter machte, wurde
+die kranke Gräfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde
+gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom
+Schlosse emporklomm; so daß in den folgenden Nächten denen im Schlosse
+unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen
+Schlafgemach der Gräfin.
+
+Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr
+nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und
+verzerrte das Gesicht wie in einer großen Angst und stöhnte aus seinen
+Träumen. Da wußte sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes
+unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer
+keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den
+Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten
+und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb
+Berta durch viele Monate.
+
+ * * * * *
+
+Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. Dann aber fuhr sie
+von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Güte der
+Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen,
+denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa
+vierzehn Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die
+Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu dürfen; was
+ihnen in ihrer bedrängten Lage gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie
+waren einst selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden,
+allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, so daß sie gern ein
+Lehen des Grafen empfingen.
+
+Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit
+all der überschüssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern
+zugedacht war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, das
+anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau
+wußte wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand
+es in ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, daß sie es nun
+pflegen und ihm die Mutter ersetzen dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in
+einer jener fürs ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu Herzen
+spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums
+sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als
+Antwort und Beweis, daß er sie verstanden habe, die Mutter weinend und
+wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrückt und ihr dann
+geschworen, er wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen.
+
+Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet
+und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen
+Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen
+lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen
+herumträumen, als das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind
+mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie
+des Grafen Kind war. Und er freute sich, daß sie in seinen Märchen so
+gut die traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen konnte,
+die auf ihren Ritter wartet.
+
+Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen,
+gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wußte gar
+manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten
+sitzend, erzählten sie einander von ihrem Leben.
+
+»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, »der Vater möchte mich zu
+einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder
+ein berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter,
+meine liebe Mutter« ..... da unterbrach er sich aber, denn er hatte
+einen flüchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen
+still. Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid,
+sie waren so traurig, und plötzlich schlang er den Arm um die Schultern
+seiner Gespielin: »Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns ist es schön
+und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mußt du an meiner Statt
+bei der -- bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann
+immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald
+gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte er in
+der eindringlichen Art von Kindern.
+
+»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch einmal zu uns aufs Schloß
+kommen.« Dabei rückte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte
+ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann mußt du über den
+dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist,
+und mußt ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit uns
+kommen! Willst du, willst du?«
+
+»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und stolz, daß er um das
+Geheimnis wußte. »Ist das meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen
+Bertas mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist,
+die arme, erschrockene Frau drüben, warum lassen sie mich nicht zu ihr?
+Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich
+erblickte?« Und sie streckte die Hände weit von sich und machte das
+entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war.
+
+Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, und sie saßen eng umschlungen
+unter dem alten Baume, und sie weinte, während der Knabe die von Tränen
+Erschütterte nur immer an sich hielt und streichelte.
+
+»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da sie allein miteinander waren,
+»Mutter, sprich, warum weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem
+großen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt,
+daß sie keine Mutter habe?«
+
+Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft,
+daß jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe
+Mutter, nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen
+gesenkt, so daß sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes
+Kind sehen könne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche.
+Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube
+sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen können. Aber einmal
+werde gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und heilen werde!
+
+»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe.
+
+»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken die Mutter, »an dich
+habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele
+gnädig und behüte dich!« Und sie bekreuzte den Knaben.
+
+»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glücklich,«
+trotzte der Knabe. »Und darum will ich im Kloster fleißig lernen und
+dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt sein
+werde. Und dann will ich die Frau Gräfin gesund machen und Berta soll
+sich freuen und lachen!« Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt
+wissen, Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist,
+und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzählt,
+über die du selbst immer lachen mußt!«
+
+»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte die Mutter. »In der
+Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt,
+und da hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, aus dem
+Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr
+Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schönes Märchen
+geträumt!« »Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem Pferde und
+es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Füßen!«
+
+Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit.
+
+ * * * * *
+
+Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen
+sollte, da führte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem
+Lieblingsplätzchen und sie waren beide beklommen und traurig.
+
+»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst den Winter über bei uns
+bleiben, ich aber muß fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder
+zurück.«
+
+»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken.
+
+»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß ich auch über den Sommer
+im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre
+noch heim und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.«
+
+»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte Berta fast zornig, »und
+wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten
+verbieten!«
+
+»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte der Knabe, »was liegt
+dir denn an mir!«
+
+Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an
+und es mußte ihr sehr nahe gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen
+mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, die groß und schwer
+über ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein,
+weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und
+wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen
+die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause.
+
+»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon.
+
+»Daß nur die Mutter nichts merkt!« schluchzte Berta. Und es war ihnen,
+als ob nun ein schweres Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide
+noch enger aneinander kette, und wußten doch nicht, was sie getan
+hatten. Und als Leon am nächsten Tage davonfuhr, da hob er, als die
+Mutter unter dem Tore just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hände
+gegen Berta und sie nickte ihm voll Einverständnisses zu, obgleich sie
+beide nicht wußten, was Geheimnisvolles sie damit ausdrücken wollten.
+
+Und der Wagen verschwand im Walde.
+
+ * * * * *
+
+Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt hatten. Als Leon im
+nächsten Jahre nach Hause fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale
+unten friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast schmerzlich bei
+dem Gedanken, daß er nun Berta wiedersehen werde, nach der er sich das
+ganze Jahr so sehr gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die
+Worte: »Liebe, liebe Mutter, wie sehn' ich mich nach dir! Du liebe,
+liebe ....« und schon sprachen die Lippen auch weiter -- »liebe, kleine
+Berta, wie wirst du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!«
+
+Dann aber erschrak er über den Verrat seiner Lippen und schloß die
+Augen, um recht innig an die Mutter zu denken und jeden andern Gedanken
+zu verscheuchen. Aber er mußte zwischendurch manchmal Berta sagen, oder
+er kehrte das Wort um und sagte Atreb vor sich hin in spielerischer
+Knabenart, Atreb und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen
+Geschichte wären!
+
+Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher hatte durch Peitschenknall
+die Hofleute benachrichtigt, und da stand der Vater und lachte in den
+Sonnenschein und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. Nur Berta fehlte.
+
+Und dann lag Leon in den Armen der Mutter und bekam vom Vater den Kuß,
+der ihn von dem ernsten, zärtlichkeitskargen Manne immer so erregte, und
+mußte viel erzählen und berichten, und dann ging er an Mutters Hand
+durch die Zimmer und Ställe und Wirtschaftsräume und erfuhr alles Neue,
+das sich auf dem Hofe begeben hatte.
+
+In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm er sich ein Herz und fragte:
+»Was ist denn auf dem Schlosse Neues? Lebt die Gräfin noch?«
+
+Da huschte ein Lächeln über Mutters Gesicht und sie antwortete mild und
+legte dabei ihre Hand auf Leons Haupt: »Berta kommt heuer nicht zu uns,
+sie ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo sie einige Jahre
+bleiben soll, um Sitte und höfische Art zu lernen. Und die Gräfin lebt
+in dem Turme im Walde und ist nicht gesund geworden.«
+
+Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und die Mutter merkte wohl,
+daß eine Hoffnung in seinem Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine
+zuckenden Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drückte des Knaben
+Haupt wärmer an sich und sprach: »Die arme Gräfin!« Als glaubte sie, daß
+den Knaben das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte.
+
+Und dann kam Leon wieder ins Kloster und wurde Chorknabe und im Jahre
+darauf verfiel er in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam
+erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, als er das Kloster verließ,
+um nach Italien zu ziehen und dort in den tiefen Schacht der
+Wissenschaft hinabzusteigen.
+
+Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause und die Augen seiner
+Eltern blickten besorgt auf das bleiche Gesicht des schlanken Jünglings
+und fürchteten sich vor der Trennung.
+
+Die Pflicht erforderte es, daß Leon sich erst dem Förderer seiner
+Studien, dem Grafen, vorstelle und ihn um weitere Gnade anflehe.
+
+Und so ritt er denn eines Morgens langsam den Talweg dahin, nicht wie
+ein Soldat, der er hätte werden sollen, sondern recht als ein Scholare,
+müde auf dem Pferde sitzend und dem Rößlein ganz die Wahl der Gangart
+überlassend; so daß die Sonne schon recht im Sinken war, als er das
+weiße Schloß Eberstein erreichte.
+
+»Ist der gnädige Herr Graf daheim?« fragte er den Pförtner am Burgtore.
+
+»Der komme abends heim! Aber die Gräfin Berta sei zu Hause, ob der
+Ritter nicht der sein Anliegen vorbringen wolle?«
+
+»Wenn mich die Gräfin gnädig anhören mag?« sagten da seine Lippen. Aber
+sein Herz war wieder ganz kindisch geworden und eine demütige Angst
+quälte es. Denn er hatte doch oft in den letzten Jahren an jenen Sommer
+gedacht, und die Erinnerung war ihm lieb und innigwert geblieben. »Und
+meldet einen ehrerbietigen Gruß des Ritters Leon Feldegg von der Meierei
+im Tale, ob sich die Gräfin seiner noch erinnern mag?«
+
+Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen hätte! Das tat es
+seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch
+wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die
+Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt.
+Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken möchte! Und er sah
+Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren
+war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam
+aber auch schon der Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die junge
+Gräfin erwarte.
+
+ * * * * *
+
+Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers entgegen, darin sonst
+ihr Vater seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem
+Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt
+hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des
+Zimmers eine große Mädchengestalt und hörte eine holde Stimme: »Tretet
+ein zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele
+ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick
+verwundert und ungläubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete,
+da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wölbung streifte,
+weil es ihm ein Wunder schien, daß die Jungfrau das Kind von damals sein
+sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken.
+
+Dann standen sie einander gegenüber und sahen einander an. Er stammelte
+einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie
+ihm die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. Sie erinnerte
+sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch
+ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an
+jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so
+vollendet und überlegen, daß Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte
+nicht mächtig war und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte
+entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er
+bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., aber da stockte er, denn er hatte
+sagen wollen, daß er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe
+sich vorgenommen habe, beim Worte 'Mutter' im Vaterunser immer an Bertas
+Mutter zu denken, und daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit
+beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis entfliehen
+wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, daß er
+tief atmen mußte, um es zu meistern.
+
+Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne daß
+sie es wußte, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er
+auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob
+die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und
+freudig berichten, wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas
+Mutter im Turme oben fragen solle.
+
+Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir jetzt von Eurem gnädigen
+Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu
+gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.«
+
+»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« sagte Berta. Dann
+schwiegen sie eine Weile still, plötzlich füllten schwere Tränen Bertas
+Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!«
+
+Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele
+brächten, fuhr sie fort: »Leon, Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich
+bin!«
+
+»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! Und ich denke Euch
+in Stolz und Glück! Was quält euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir,
+was macht Euch unglücklich?«
+
+Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: »Wenn
+ich Euch helfen könnte! Meine arme, liebe ...«
+
+Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen
+hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich
+schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man gibt mir
+kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglücklich!« Und
+die Augen mit den Händen bedeckend: »Unglücklich!«
+
+Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrängten Körpern wie
+in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten,
+und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie
+fühlten, daß sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er
+sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berührten, immer die
+gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, liebes Liebes!«
+
+Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, und suchte ein Wort
+und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen hätte, so fest
+drückte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort
+gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! Nur ein
+Tränentröpflein Mitleid!«
+
+Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz,
+wenn er die Verwalter oder Bauern verhörte, und ließ sie sanft
+niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie
+ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich die Stimme seiner
+Mutter nach langen Jahren hörte und daß ihr Herz sich beruhigte.
+
+»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß ich über Eure Rettung
+sinne?« fragte er. »Wann kann ich Euch wiedersehen?«
+
+»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« sagte sie.
+
+Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenüber Hand in Hand
+und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen
+und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt hatten......
+
+Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete,
+als ob die Wände ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und
+er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt auf diese einfache
+Melodie.
+
+Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schüchterne Scholare,
+er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß
+ihm auch fürder Schutz und Unterstützung.
+
+Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt,
+wie sich der Ritter so verändert hatte. Und wenn es auch nicht verstand,
+was er mit den Worten 'mein Rößlein in Pelzstiefeln!' meinte, so mußte
+es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar
+zärtlich den Hals. Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille.
+
+ * * * * *
+
+Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung,
+weil das holde, schlanke Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß
+der jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln
+machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher,
+Leid über das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele
+erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß er die Stunde
+des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner
+Erwählten herbeiwünschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen,
+ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr
+beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer
+sein, was sie so schmerzlich erregte.
+
+Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan,
+der über die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel,
+wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem
+Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte.
+
+»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut vor sich hin, »Elend für
+deine Bewohnerin und tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig
+wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von deiner Höhe über
+ihres Vaters Land schweifen zu lassen.«
+
+Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und setzte sich auf die
+Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit
+Moos überwachsen war. Dort unten sah er das weiße Schloß und in jenem
+Tale drüben mußte seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht
+finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die
+Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als er »Ave Maria, Mutter
+....« sagte, da hörte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und
+half Berta aus dem Sattel.
+
+»Bist du so allein durch den Forst geritten?« fragte er besorgt. Und
+sie fühlten gar nicht, daß sie einander von jetzt ab wieder du sagten;
+so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so
+ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen.
+
+»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der
+sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte sie den Wert jedes Augenblickes,
+als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie
+sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den Laut ihrer
+Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd entgegen: »Meine Mutter ist mir
+mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein
+Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, ich bin ihm zu viel, ich
+hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern läßt. Du guter
+Leon, wenn du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden
+muß, wie oft ich mich in meiner Mutter früheres Krankengemach flüchte
+vor den Blicken der, der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen --
+»der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an
+seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte
+heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor Leid
+vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht!
+Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie
+könnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!«
+
+Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnsüchtig
+und hoffend zu ihm empor. Da hörte sie von seinen stummen, zuckenden
+Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des
+Mitleids, und sie lächelte glückselig, da sein Mund sich auf den ihren
+senkte.
+
+Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre
+Rede war immer das eine Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und
+in ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, bis sie scheiden
+mußten.
+
+ * * * * *
+
+Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob er der Mutter von seiner
+Liebe erzählen solle; denn er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge
+erwachsen würde. Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, eine
+Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den süßen
+Augenblicken des Glückes beim Turme fast störend der eine Gedanke
+gequält, daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte beglücken und
+entzücken sollen, sein Blut zum Sieden hätte bringen müssen, das
+beunruhigte ihn, das störte ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der
+Haß und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach für seine Eltern
+und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele
+Unterdrücktes: eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen
+drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. »Ich kann doch
+nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!«
+wiederholte er. Und so kam er zu Hause an.
+
+Vater war noch im Forsthause draußen und so saß er mit der Mutter allein
+in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen,
+die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen.
+
+Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon seiner Kinderträume nicht
+ledig geworden sei, nun hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne.
+Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, dann ließ sie die
+Hände in den Schoß fallen.
+
+»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, »so müßt ihr auch den
+Mut für eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel
+Ausdauer brauchen!«
+
+»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte Leon hastig.
+
+»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug!« sagte die kluge
+Frau. »Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr
+Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht für längere
+Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen!
+Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie
+wohl ein Brieflein dabei finden!«
+
+Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hände küßte,
+gefühlt, daß er ihrer würdig werden müsse und daß ihn diese edle Frau
+nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte
+sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich stark und sicher.
+
+Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte
+recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten
+Zusammentreffen zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte
+im Herzen Leon, der so feinfühlig war, sie nicht beschämen zu wollen.
+Sie umarmten und küßten einander beim tränenvollen Abschied und
+gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr von seiner
+Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen einander, den Abendglocken
+ihre Grüße mitzugeben, daß die sie einander entgegen schwängen. Und dann
+wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes
+Schleierwinken in seiner übervollen Seele mit nach Italien.
+
+ * * * * *
+
+Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universität bleiben
+wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut,
+wie er sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, aufrecht
+erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das
+Leiden der kranken Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken
+und gründliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen
+Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn
+endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen und dabei den
+einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen
+Puls lange geprüft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn
+Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Süden zu, indes
+wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren
+mochten.
+
+Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frühling werden
+wollte, da kam ein unstillbares Drängen über ihn, daß er seinem
+gelehrten Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, ihm sei,
+als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; ob der verehrte Lehrer ihm
+nun das Mittel für die kranke Gräfin schon jetzt geben könne.
+
+Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen
+allerlei seltsamen Kolben und Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases
+hervor, die in einem Bleirahmen gefaßt war.
+
+»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm mit nach deiner Heimat.
+Und hänge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke
+dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir,
+es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das
+die übergroße und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende
+Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange
+genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht
+Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein!
+Vergiß aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses
+künstliche und außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die
+Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das könnte sich an
+der zarten Komplexion seines Aufbaues sündhaft rächen, sondern mußt es
+in Händen nach Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es immer
+an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst
+der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und möge das
+heiltüchtige Fenster auch deinen schwachen Körper stärken und
+kräftigen!«
+
+Leon dankte seinem Meister in heißen Worten und versprach ihm, so ihn
+hoffentlich bald wieder ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu
+berichten und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres Bild vor
+Augen hatte.
+
+So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden.
+Er hielt die Glasscheibe in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs
+Knie, wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch stieg er auf den
+beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zügel um den Arm
+geschlungen, und ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie
+eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele Wochen vergingen so, ehe
+er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat
+näherte. Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler sein Gesicht, je
+öfter er Halt machen mußte, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um
+so heißer ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und
+schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm
+das Bild seiner Geliebten verloren ging also, daß er Tage und Nächte
+lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und
+krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast
+zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit
+am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Täler seiner Heimat.
+
+ * * * * *
+
+Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, seine geliebte
+Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und
+dem wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu erfahren, was
+auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang
+keinen Brief von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben je in
+die Hände seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem
+Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem
+Schlosse abzweigten, da war ein auffällig großes Leben auf der Straße,
+viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als ob
+gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. Da stieg er, immer von
+seiner großen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg,
+jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom
+langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem
+Bäuerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Straße habe. Der
+schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn nicht wisse, daß morgen die
+Hochzeit sei.
+
+»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen Leons.
+
+»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen,« sagte
+gleichmütig der Bauer und wollte weitererzählen. Aber er blieb mit
+offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die
+verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild vor sich hielt.
+
+»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so verändert und nicht von
+dieser Erde aus, daß dem Bauer angst und bange wurde und er mit großen
+Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer
+entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe.
+Und er hatte kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern entgegen,
+die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm
+gar nicht erst und hielten ihn für trunken, weil er so seltsam
+schwankte, und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem Schlosse
+fließen werde; da möge er sich nur für morgen seinen Saufsack ordentlich
+ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine Braut,
+meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht möglich!« und dann stieg er
+mühselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen;
+wozu das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war.
+
+So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Händen und
+ritt auf dem Waldpfade gegen das Schloß, indes die andern auf der
+breiten Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen seit
+Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hörte nicht das
+Rauschen seiner Bäume, darnach ihn so heiß verlangt hatte, und schaute
+abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen.
+
+»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, und die nickten dazu, »das
+also ist der Schluß!« Als er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen
+den Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und
+da Leons Augen die weißen Mauern erschauten, da war das Weh zu groß in
+ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er
+weinte, daß das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der
+stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte
+in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein beschnupperte seinen Herrn und
+verstand ihn nicht.
+
+ * * * * *
+
+Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lächeln war um
+seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist
+doch nicht möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am
+Abend in den Dörfern singen:
+
+ Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
+ Kam just der Hochzeitszug heraus,
+ Feinsliebchen unter dem Schleier.«
+
+Er sang die Strophe leise und schwermütig vor sich hin und dann lachte
+er laut auf. »Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das
+ist die Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. Gott im
+Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie
+hintreten, daß sie mich höhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei,
+der es wagt, die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? Und soll
+ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen läßt?
+Ich Narr, der ich ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber
+ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, ich muß es ihr
+sagen, daß ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wäre, daß ich ihre
+Hochzeit störe, ich muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an
+sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und
+Hochzeitsgeschmeiden für mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief
+schicken!« rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr einen
+Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie
+zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich
+ihr ins Gesicht ...«
+
+Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel
+und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rückkunft, wie er sich
+freue -- Tränen liefen ihm in seine Zeilen --, wie er sich freue, daß er
+noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß er für die Frau Gräfin
+das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fügte bei: denn
+ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das
+Arkanum übergeben; er werde bis zum Abend dort warten.
+
+Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück funkelte ihm
+entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis
+zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn,
+ob er das Gold verdienen wolle. Er müsse nur sogleich dies Brieflein zur
+Gräfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim
+bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam und sein Goldstück
+empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über
+seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte
+die Glastafel in Händen, ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu
+halten.
+
+»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch zur rechten Zeit gekommen
+bin, wie würde sie mich in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir
+weinen!« Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle
+Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in
+seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch unglücklich sein könnte, daß
+auch sie viel großes Leid erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen
+konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung des
+verschmähten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tölpel
+und leichtgläubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen
+und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, daß ihr ja
+nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied:
+
+ »Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
+ Kam just der Hochzeitszug heraus,
+ Feinsliebchen unterm Schleier.«
+
+Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim
+Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die
+Bank beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder und stützte seinen
+schweren Kopf in die Hände. »Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen
+wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« -- Er hatte in
+der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn
+er fühlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit
+lähmte ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte er. Sein Kopf
+fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin.........
+
+'Nur jetzt nicht sterben!' dachte er, 'nur jetzt nicht! Ich muß erst mit
+Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie
+mich elend gemacht hat!'
+
+So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch ein wenig empor und
+krampfte die Hände zusammen, denn er dachte, daß er Berta bei den
+Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht
+schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen
+Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in
+seiner grenzenlosen, heißen Erregung bewundern und lieben müsse. Und
+dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr überreichen. Mit den
+Worten des Meisters: 'Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll
+Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas
+schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas
+übergehen und die Seele rein werden!' Und er wollte dann Berta sagen,
+sie möge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er
+versprochen, ob er gleich selber ....
+
+»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, »daß sie den Triumph
+nicht erlebe, mich gedemütigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren
+Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz
+zerbrochen!«
+
+Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, müde und mit zerrendem
+Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm.
+
+»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf Erden, meine Hoffnung
+und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten,« und sie
+weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch an
+sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine letzte Zuversicht, du mein
+einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!«
+
+Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine Beine unter ihm
+schwanden, er fühlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust füllte, um die
+Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das ist zu
+viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« .....
+
+Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schweiß bedeckt, da
+ließ sie seinen Körper auf die Bank niedergleiten: »Um des Himmels
+willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht ......,
+meine Hoffnung, mein Glück, Leon, mein Leon!«
+
+Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm
+leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr:
+
+»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe
+Braut, ich bin unwürdig, erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan?
+Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es
+zu spät ist!«
+
+Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst,
+denn er keuchte wie im Fieber, erzählte sie ihm, wie ihr Vater den
+einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor
+den Dienern und seiner ...., vor 'ihr' mit einem häßlichen Schimpfwort
+geschmäht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf
+andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie
+dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugeführt worden
+sei und wie sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer noch
+auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt bist du da, mein lieber,
+lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!«
+
+»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig aufsetzen, aber er
+glitt fast von der Bank, da faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er
+an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der
+Hand auf das Glasfenster und erzählte ihr mit stockenden Worten, was für
+eine Bewandtnis es mit dem Glase habe.
+
+»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er dann mit klarer Stimme,
+»ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht,
+dafür muß ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« -- Und mit der letzten
+Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, vergib mir!« Dann griff er
+nach seinem Herzen, »Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« und
+dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da streckte der Tod schon
+seinen Körper, es war ihm, als ob er noch aufstehen könne, ihm zu
+entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß Bertas
+nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war tot ...
+
+Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag über ihren Knieen, ihre
+Rechte stützte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie
+beugte ihr Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes
+Gesicht ...
+
+Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden
+und heilige Stille. Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur saß
+Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre
+Augen sahen verständnislos in sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines
+Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie sie
+den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, »Leon!« aber
+er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und
+lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, ihr Leon,
+ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jäh in ihrer
+Brust empor, plötzlich löste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete
+tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet hätte, und
+dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein gequältes Tier, schrie mit
+entsetzlicher, ihre Kraft höhnender Stimme, einer Stimme, davor die
+Vögel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein
+Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschütterte und die in ihrer
+furchtbaren Stärke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drüben an die
+Felsen anprallte und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte
+nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie mußte schreien, auf
+Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben
+Ohren, nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, wie ihre
+Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer
+getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel
+schreiend, emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, ihrer
+zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie
+schrie und wußte nicht, daß die Amme aus dem Turme getreten war,
+emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und daß hinter ihr, der
+Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Gräfin sich zur
+Tür geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem
+Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und
+gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und
+schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen,
+und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam heran und sprangen von den
+Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und
+waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, daß
+sie hier die Gesuchte finden müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als
+er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht
+kannte.
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+»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen Zorne, »hintergehst du
+mich so?« und er stürzte sich durch den Kreis der Fackelträger zu der
+Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße liegen hatte,
+daß er schwer zu Boden fiel, und da sah er, daß der Mann tot war, und
+schlug eine fürchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und
+lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! Herr Landgraf,
+Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der gibt kalte Küsse, der tut Euch
+nichts mehr in diesem Leben!«
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+Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn
+mit ihrem Körper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen
+Rechten.
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+»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!«
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+Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf
+die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand
+merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich
+wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe
+anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand ....
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+Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf
+die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und
+verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute
+glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und
+konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann
+beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann
+die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich
+zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten
+nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom
+anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der
+bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und
+bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und
+sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren
+Teil haben!«
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+Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war
+finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten,
+warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort
+fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr
+ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie
+beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und
+zogen zu Tale.
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+ * * * * *
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+Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder
+schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen
+hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die
+Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und
+Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter.
+Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und
+wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als
+vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe
+ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr
+Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer
+Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter
+Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne
+streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt
+durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.
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+Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß
+Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß
+und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert
+hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen
+gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre
+erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen
+waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider
+über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich
+vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und
+der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der
+Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie
+ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber.
+Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer
+wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die
+Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust
+sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das
+Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße
+Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der
+Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern
+verborgen.
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+Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte
+sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote,
+indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen.
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+Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod
+Bertas zu melden.
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+Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten.
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+Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie
+ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale
+träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein
+an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der
+Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt.
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+Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in
+den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem
+blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe
+und Güte der Mutter Leons passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein
+oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die
+nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der
+Schlummernden zaubert....
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+Der Rächer
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+I.
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+Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in einem jener schmalen Täler,
+über welche jetzt auf kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur
+Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehöft derer von
+Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum 'das
+Schloß' genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von
+ihren großen und weitläufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus
+gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre
+schlechten Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten.
+
+Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage ein
+junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt,
+der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken das Gepäck des
+Herrn führte. Der hieß Riccardo Fabbri und war ein
+sechsundzwanzigjähriger, schlanker Mann, der eben von einem jener kühnen
+Seezüge zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften zu so
+großem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als
+Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit
+den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen
+Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre
+ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen
+Seufzer freilich, daß sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren
+vergrämt über seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glück
+mitgenießen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll
+heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester
+umschloß. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der
+ganzen Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames
+Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glückliche
+Genua seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er denn zwei
+Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen
+gewissen Glanz nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen
+Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen glanzvollen Träumen
+von Glück und Reichtum die Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben
+fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er
+gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und
+freute sich die ganze Zeit über auf die Szene, die sein Erscheinen und
+die Bewunderung der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß er
+eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er bei seiner Heimkunft ein
+so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit
+Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als daß er
+sich dadurch hätte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr
+fröhlich vor sich hin oder streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes,
+das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen
+dankte.
+
+»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« sagte der Offizier dann
+zu dem Pferde, »greife nur tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg
+acht! Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, »scheint auch
+lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen,
+wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen läßt!«
+
+»Vielleicht liegt's an mir, Signor,« lachte der Diener, »ich bin seit
+meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine
+Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande
+bringen; ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen
+Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!«
+
+Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte
+seinem Herrn näher zu kommen.
+
+So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich
+sahen sie das einsame Schloß auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte
+das Herz, er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rührung zu
+verbeißen; für so weichmütig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber,
+als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe
+hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem
+ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem
+»Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt hatte, ritten sie in den
+Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden.
+
+Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nächten, da er die Wache
+auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude
+ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch
+mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglücken sollte!
+Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine
+Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß auch nur
+er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer
+harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das nun
+ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt war, da fühlte er wirklich
+eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig
+machte, da er es sich doch so groß und herrlich vorgestellt hatte. Als
+aber dann -- endlich -- die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo,
+mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, da verschwand
+jegliches andere Gefühl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder
+die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Tränen
+flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschütterte ihre schmächtige
+Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er
+wiederholte nur immer wieder die Worte »Mutter, meine liebe Mutter«,
+wobei auch ihm große Tropfen über die Wangen liefen.
+
+Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der
+Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, die sie erbeben ließ, sondern auch
+ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich
+niedergekämpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren
+sollte; so daß sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie
+in einer großen Angst nur um so inniger umarmte und an sich preßte, als
+könnte sie dadurch die Beantwortung dieser quälenden Frage weit, weit
+hinausschieben.
+
+Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen und er die Mutter
+beschworen hatte, ihm alles zu erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die
+geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit
+gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas noch Schlimmeres sich ereignet
+habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete,
+so daß er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der
+Zukunft starren mußte.
+
+Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verführt! Er hörte
+nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich
+zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen
+Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglücklich
+sei: er wußte gar nicht, daß nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des
+Jammers und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem Herzen
+weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor
+sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde
+sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe kein Leben,
+keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann
+aber durchtobte ihn ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte
+sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos in die Arme
+seiner Mutter.
+
+So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mühen
+der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein
+Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten
+Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstörte, seinen
+Stolz beugte, sein Glück höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft
+geschmiedet hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die seine Mutter
+und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schloßgemächer in Glanz
+und Glück hätten schreiten sollen.
+
+Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche ohne Frieden starrte,
+schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren,
+in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt:
+Rache an dem Verführer ....
+
+
+II.
+
+Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag,
+und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und
+Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche
+Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem
+vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein
+Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen
+Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so
+sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte
+schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die
+prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben
+nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken;
+dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem
+Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier
+bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino
+hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und
+dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in
+die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der
+Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr.
+
+Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um
+Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten
+Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude
+aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren
+Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht
+gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren
+Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein
+junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders,
+zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias
+entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine
+Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen
+wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser
+Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten
+und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie
+ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in
+der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines
+edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und
+aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu
+liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil
+schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer
+jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine
+Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen
+geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden
+waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter,
+rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles
+gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches
+Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne
+auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und
+nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten
+Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma
+gewendet habe.
+
+»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß
+dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur
+keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!«
+
+Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet
+hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua
+zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein
+bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn
+erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen
+wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in
+die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres
+schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die
+Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um
+aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte.
+Dann ritten sie abends in Genua ein.
+
+
+III.
+
+Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen
+Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald
+schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten
+die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt
+ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder
+mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den
+Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete
+Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und
+Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine
+überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos
+Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von
+Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie
+gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der
+junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem
+der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er
+plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem
+Kriegszuge teilzunehmen.
+
+Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand
+seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung
+seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus
+und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen
+seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte.
+
+Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick
+wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen,
+seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte,
+als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte.
+
+Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in
+der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer
+Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen,
+vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der
+Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den
+Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren
+in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem
+alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise
+verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in
+seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben
+hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als
+wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige
+Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach
+erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer
+Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von
+ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht
+viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin
+liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus
+Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem
+Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude
+des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener
+Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse
+sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten.
+
+Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten
+Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt,
+da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem
+ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in
+eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des
+Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn
+über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der
+einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich
+nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen
+ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers
+gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender
+in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine
+brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines
+verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß
+entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das
+ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah
+die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine
+entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert
+hielt, weil _er_ sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo
+umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause,
+durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt
+entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu
+sprechen, niederstoßen.
+
+Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er
+den Grafen Palma sprechen könne?«
+
+»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.«
+Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen.
+
+»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht
+zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach
+Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres
+heimkehren!«
+
+»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine
+Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn
+dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere,
+daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie
+vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar
+nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?«
+wiederholte er.
+
+»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei
+unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze
+römische Adel versammelt ist.«
+
+»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast
+mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch
+die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und
+zerschmettert.
+
+
+IV.
+
+Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm
+zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu
+Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah
+sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und
+ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie
+seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr
+verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und
+zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort,
+von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort
+stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das
+Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm
+seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als
+ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn
+er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann
+müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl
+einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem
+Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua
+heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen
+Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so
+lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er
+eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der
+gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und
+Verwandten des Papstes, in Rom weilte.
+
+Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller
+Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte
+auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch.
+Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn
+Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe,
+daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal
+aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der
+Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon
+am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus
+der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat.
+
+»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du's oder ist es
+dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt?
+Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen
+Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!«
+
+Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der
+wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd
+tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich,
+er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden,
+auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne.
+Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer
+aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude
+des Wiedersehens zu deutlich leuchtete.
+
+»Freilich bin ich's, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf
+den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit
+meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.«
+
+Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem
+Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg
+müsse.
+
+»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer
+gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du
+meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat
+gesehen hast!«
+
+Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge
+stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter
+den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo
+schon im Palaste der Spada.
+
+
+V.
+
+Der große Palast seines Gastfreundes war wie ausgestorben, denn der
+Vater Emilios war nur für einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach
+Rom gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim Papste vorgeführt
+und war dann wieder auf sein Sommerschloß zurückgekehrt, indes Emilio
+noch in Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr Riccardo am
+Abend, da die beiden Kameraden, von einem aufmerksamen Kammerdiener
+trefflich bedient, bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl hielten
+und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen über gemeinsame Bekannte,
+über die Aussichten des nächsten Frühjahrs und seiner Unternehmungen,
+und Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute Offizier, wie ihn
+seine Kameraden liebten und schätzten. Er war angeregt und fast heiter,
+und als gar da Spada den Namen Palma erwähnte, der Riccardo plötzlich
+still gemacht hatte, und davon sprach, daß die Palma die Nachbarn seiner
+Eltern in Bosco rado seien, da wurde Riccardo fast übermütig in seiner
+Freude, er erhob das Glas und leerte es, er ließ sich von dem gern
+bereiten Emilio immer wieder von der Schönheit Francescas, der jungen
+Gräfin und Schwester Ermetes, vorschwärmen und war schon ganz bereit,
+mit seinem Kameraden und lieben Freunde Emilio gleich am zweitnächsten
+Tage in die Berge zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie Feuer
+durch seine Adern.
+
+»Schade, daß Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!« sagte Emilio,
+»jeder Tag wäre zu einem Feste geworden!«
+
+»Ja, bitterschade!« wiederholte Riccardo; er war ernst geworden. »Den
+hätte ich gern gesehen! Sie haben in Genua viel von ihm gesprochen!«
+
+»Und sicher nur Gutes!« rühmte Emilio. »Die Männer lieben ihn und mit
+den Weibern versteht es keiner wie er! Den müßtest du kennen lernen,
+Riccardo, und wenn das Glück es gut meint, kommt er früher heim, als
+seine Eltern glauben. Mit dem würdest du bald Freund sein, ihr paßt
+zusammen!«
+
+Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, er glaubte seinen
+Schwertgriff in den Händen zu halten und schwang doch das Weinglas, daß
+der rote Wein blutig über seine Hand spritzte. Er wollte etwas
+Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber es gelang ihm nicht, und
+er sank hilflos und verloren lachend in seinen Sessel zurück.
+
+Da brachte ihn Beppino zu Bette.
+
+
+VI.
+
+Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen
+und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da
+wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war
+verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und
+Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für
+den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald
+erledigt hatte.
+
+Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen
+Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm
+ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch
+sein Hirn geschossen war.
+
+»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst
+übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen,
+der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen,
+um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die
+Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor
+Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist
+auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen
+absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die
+Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden
+Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich
+machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da
+ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an
+den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor
+mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend
+nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich
+immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner
+Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß
+ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt
+die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht
+mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu
+machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und
+wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den
+letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und
+ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben
+und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!«
+
+Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe
+ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es
+einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte
+nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende
+Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum
+erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein
+kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger
+hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den
+herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je.
+
+»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler
+werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie
+einen Liebsten?«
+
+Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den
+Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr
+begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen:
+
+»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz
+schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich
+sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da
+Emilio schwieg.
+
+Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann
+klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem
+großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im
+Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte
+Antwort war:
+
+»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist
+nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!«
+
+»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber
+er hemmte sich.
+
+»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine
+Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie
+schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann
+munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!«
+
+Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand
+die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den
+Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er
+biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem
+Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel.
+
+Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so
+närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse,
+Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom
+blauen Himmel heben.«
+
+Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und
+fast zärtlich:
+
+»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob
+du Geschwister hast?«
+
+»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist
+vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine,
+liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.«
+
+Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen
+Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener
+Waldlichtung, sitzen die Palma.«
+
+Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine
+Antwort von vorhin verstehen!«
+
+»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo.
+
+Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen.
+
+
+VII.
+
+Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe
+die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde
+verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die
+Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses
+daraus erzeichnen konnten.
+
+Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht
+sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen
+Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem
+fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.
+
+»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die
+Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich
+kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für
+meine unerwartete Heimkunft!«
+
+Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit
+einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten
+sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für
+kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen
+und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu.
+
+»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter
+Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann
+überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann
+im Lichte erkennen lassen.«
+
+Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend,
+seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die
+Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann
+traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten
+zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und
+seltsam genug darbot.
+
+Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen
+Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften
+Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen
+und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln,
+indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten.
+Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den
+Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die
+weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden
+Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu
+der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken,
+riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten
+Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert,
+aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und
+die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber
+große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von
+Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft
+begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne.
+
+»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und
+machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine
+Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu
+dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht
+Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das
+Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.«
+
+Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein
+phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche
+Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten
+hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem
+Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen
+sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu
+erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor,
+den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden
+berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald
+schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war
+dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste
+belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele.
+
+Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes
+sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe
+hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei
+Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend
+und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst,
+welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte
+sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht
+irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die
+Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse.
+
+»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut
+flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er
+dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine
+Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das
+ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so,
+du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm
+nicht wehren konntest!«
+
+Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in
+strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser
+Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie
+etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des
+anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht
+lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und
+glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem
+lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er,
+als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und
+zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein
+Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der
+eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem
+Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere
+herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein
+lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach
+verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang
+nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen
+nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden
+Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen
+Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende.
+
+Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen
+Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele
+noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und
+zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger
+kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den
+Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch
+mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich
+gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo
+unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und
+atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht
+ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie
+ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und
+plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter
+bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und
+hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und
+ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und
+während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr
+dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin
+Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der
+Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch
+die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und
+Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die
+weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische
+zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch
+ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise
+gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das
+Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten
+mußte.
+
+So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde
+von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf
+seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne
+gedacht zu haben.
+
+
+VIII.
+
+Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab
+er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am
+vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur
+gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen
+und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz
+in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt
+ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust
+bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre
+liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er
+und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht
+Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in
+einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere
+Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht
+er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das
+begehrenswerte Wesen _lieben_ lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen
+sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der
+Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er
+schämt sich vor sich selber.
+
+So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres
+Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen
+Worte: 'Sie ist eine Palma!' beantwortet hatte. Sein heiteres
+Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins,
+an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache.
+
+»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist
+so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das
+Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so
+rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden
+Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz
+erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie
+sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt
+nicht auch sie vielleicht eine Schuld?
+
+Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine
+Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er
+machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins
+Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo
+in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken
+seiner Einsamkeit zu entfliehen.
+
+
+IX.
+
+Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten
+Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein
+Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den
+andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im
+Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch
+an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft
+vermisse.
+
+»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh
+aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind
+mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa
+weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.«
+
+»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als
+Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie
+nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber
+sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili,
+der dessen acht hatte, sagte spottend:
+
+»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den
+Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in
+dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!«
+
+»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr
+möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht
+zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges
+begegnen.«
+
+»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur
+mein Pferd satteln lassen.«
+
+»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr
+verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.«
+
+Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier
+heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und
+sprengte davon.
+
+»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch
+fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat
+es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer --
+bei aller Liebe zu Emilio -- heute wohl nicht so leicht aufs Pferd
+gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut
+hätte!«
+
+Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so
+schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios
+getroffen war.
+
+'Ich muß sie einholen,' sagte er sich, 'ich muß sie noch einmal sehen!'
+
+Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber
+auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er
+werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der
+Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte.
+
+'Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,' dachte er, 'und doch
+hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den
+Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der
+Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.'
+
+Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den
+steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte.
+
+Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und,
+vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten
+des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen
+Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen
+Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen.
+
+Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der
+er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie
+hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in
+ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein,
+weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen
+brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein
+Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den
+Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie
+nur noch lauter lachen mußte.
+
+»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« -- um mich zu erwarten,
+wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm
+entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht
+hinübergehuscht.
+
+»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?«
+
+»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch
+mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen
+Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...«
+
+»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria
+den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht
+ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum,
+daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt,
+Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt
+Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet
+und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht
+bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist.
+Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten
+lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge
+Enttäuschung bereiten müssen!«
+
+Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres
+Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte.
+
+Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das
+gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes
+Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner
+Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte
+Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine
+Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner
+Rache vorgelogen hast.
+
+Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser
+Reinen angetan hatte, war so groß, daß er -- als müßte die Heitere da vor
+ihm seine ganze Schuld kennen -- vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres
+Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte:
+
+»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je
+verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch
+schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur
+seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er
+aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den
+Irrtum begangen habe.
+
+Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre
+Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie
+nicht, und darum sagte sie:
+
+»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei
+heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich
+schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn
+Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen
+gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet,
+verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich
+beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und
+sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder
+halten würde?«
+
+Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur
+verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur:
+»Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich
+getan habe oder tun wollte!«
+
+Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor:
+»Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie
+unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so
+unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen,
+wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin
+unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie
+allein mich retten könnte!«
+
+Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und
+hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte,
+so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden
+verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie
+sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres
+Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm:
+
+»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich
+nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause
+reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort
+auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch
+so recht?«
+
+Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr
+mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den
+Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber
+blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen
+solle. Und er begann ihr zu erzählen:
+
+»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie
+lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese
+beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein
+Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben
+inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich
+hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun
+nach Hause kam ...«
+
+Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite
+an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach
+einer langen Unterbrechung:
+
+»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu
+kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch
+wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua
+hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber
+beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer
+Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,«
+wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte
+Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl
+kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd
+aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein
+Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist -- und
+zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das
+Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester
+nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine
+Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach
+meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld,
+wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will
+hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei
+Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener
+wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!«
+
+Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie
+seine Rechte in ihrer Hand hielt:
+
+»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das
+hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß,
+denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures
+Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine
+Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid
+erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt.
+Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde
+wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer
+Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen.
+Lebet wohl!«
+
+Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn
+zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand.
+Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück,
+Emilio zu erwarten.
+
+
+X.
+
+Es war spät am Nachmittage, als Emilio des Weges daherkam. Beppino hatte
+indessen das Pferd Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen
+Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt hatte; und der Bursch, der
+ihn geleitet hatte, war mit dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten.
+Beppino saß unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco rado gut
+gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich ordentlich ausfaulenzen
+zu können. Sein Herr aber saß schwermütig an der Straße, seufzte oft,
+ballte die Fäuste oder fuhr mit der Rechten durch die Luft und schaute
+dann wieder sehnsüchtig in der Richtung von Selva nera, ob Emilio noch
+nicht kommen wolle.
+
+»Endlich, endlich!« rief er nun, als sein Freund heiter dahergesprengt
+kam, »du hast lange auf dich warten lassen!«
+
+Emilio sah erstaunt in das verstörte Gesicht Riccardos, er sah
+verwundert Beppino mit den bepackten Pferden und sprang neugierig aus
+dem Sattel.
+
+»Hast du lange auf mich gewartet?« fragte er. »Hast du denn Maria nicht
+getroffen, die doch schon Mittag zurückgeritten ist?«
+
+Er übergab Beppino auch sein Pferd und trat zu Riccardo, der ihn bei der
+Hand nahm und seinem Diener winkte, sich zurückzuziehen.
+
+»Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; sie weiß, daß ich
+hier auf dich warte, um mich von dir zu verabschieden; denn ich muß noch
+heute fort von hier.«
+
+Er sagte dies so seltsam, daß Emilio auffuhr:
+
+»Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist geschehen?«
+
+»Man hat mich nicht beleidigt,« lächelte Riccardo trüb, »aber ich habe
+mich schuldig gemacht, Emilio!«
+
+»So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit und wen hast du
+gekränkt? Es ist ja nicht möglich! Foltere mich doch nicht, gerade heute
+nicht!«
+
+Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter Stimme: »Emilio,
+hast du in deinem Leben schon ein reines Mädchen verführt? Wir sind jung
+und heiß, und ich bin nicht anders als du und die anderen jungen Nobili.
+Hast du ein Mädchen verführt und dabei jemals an den Jammer der
+Betörten, an das Elend ihrer Mutter, an das Unglück ihrer Geschwister
+gedacht? Niemals kam dir der Gedanke daran, das weiß ich. Ich kenne uns.
+Aber was würdest du sagen, Emilio« -- in den Augen Riccardos war ein
+Lauern, und seine kalte Stimme bewies, daß er diese Worte den ganzen
+Nachmittag über vorbereitet hatte -- »was würdest du sagen, was würdest
+du tun, wenn du erführest, daß deine -- Schwester verführt worden ist?«
+
+Da faßte ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen Degen gezogen und
+hielt ihn stoßbereit erhoben: »Du bist wahnsinnig, Riccardo, was
+sprichst du für rasende Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du
+erlebst den nächsten Augenblick nicht!«
+
+Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge alles nach Wunsch, und
+dann schrie er Emilio in die Ohren: »Stoß zu, Emilio, stoß zu, ich habe
+deine Schwester verführt, aus Irrtum verführt, denn ich hatte es auf
+Francesca abgesehen, die Schwester Ermetes! Du weißt ja, wie ich mich
+schon gestern auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!«
+
+Er lachte grausam und höhnend und schrie noch einmal: »Stoß zu!«
+
+Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen sinken lassen, er sah entsetzt
+in das verzerrte Antlitz Riccardos und warf den Degen beiseite:
+
+»Du bist von Sinnen, Riccardo,« sagte er schwer aufatmend, »du bist
+toll!« Und dann stand er aufrecht und stolz vor Riccardo, der ihn
+hilflos anblickte, und sagte mit verachtendem Munde: »Und meiner
+Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!«
+
+»Deiner Braut?« schrie Riccardo.
+
+»Meiner Braut,« erwiderte Emilio ruhig.
+
+Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem Körper herunter, er
+knickte zusammen, daß ihn die Hand seines Freundes, der immer noch sein
+Wams festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und sagte mit
+bleichen Lippen: »Deiner Schwester bist du sicher! Das sagt jeder
+Bruder! Dann ist ja alles gut,« lispelte er vor sich hin, »alles gut.«
+
+So sank er in den Staub des Weges.
+
+Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das lang ersehnte Glück
+gebracht hatten, beugte sich über ihn, ein inniges Mitleid mit dem
+Kameraden erfüllte ihn, er trocknete ihm den kalten Schweiß von der
+Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino, er möge Wein
+bringen. Den flößten sie dem Kraftlosen ein, und langsam, langsam kehrte
+das Blut wieder in seine Wangen zurück. Er stützte sich auf seinen
+rechten Arm, er blickte Emilio lange an und dann schickte er Beppino
+wieder weg. Er schüttelte das Haupt, als müsse er sich erst langsam auf
+etwas besinnen, dann drückte er Emilio die Hand und sagte leise:
+»Francesca.« Dann umarmte er Emilio und ein schwergeborenes Schluchzen
+erschütterte seinen Körper: »Maria,« sagte er innig, »die reine, heilige
+Maria! Man muß auch zum Frevelnkönnen stark sein, Emilio, und ich bin
+ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr und ich bin ein Held! Und doch
+bin ich ein Feigling! Ich wollte sterben, von dir wollte ich den
+Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir nicht; weil du ein
+guter Mensch bist und ich ein schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine
+entehrte Schwester zu rächen, an ihrem Verführer ...«
+
+Er wollte 'Ermete' sagen, da besann er sich, daß Emilio die Schwester
+seines Todfeindes liebe und sie ihn, er fühlte eine unendliche Rücksicht
+für seinen Freund, für den Bruder Marias, die er liebte, und da schwieg
+er.
+
+Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos gehört, er erinnerte sich
+eines Gespräches mit einem Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da
+er sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um vielleicht über
+Francesca etwas zu hören. Und er entsann sich einer Äußerung des
+Genuesen, daß Ermete in den Banden von Riccardos Schwester schmachte.
+Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis seiner Gedanken, er
+umarmte Riccardo und küßte ihn auf das feuchte Haar:
+
+»Was mußt du gelitten haben, armer Freund! Was mußt du für furchtbare
+Tage erlebt haben!«
+
+Da löste sich in den Armen Emilios auch der Schmerz Riccardos und er
+sagte: »Ich schäme mich meiner Tränen nicht, sie tun mir wohl wie deine
+Güte. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft handeln wollen, aus
+Schwäche und aus Verzweiflung, und ich bin um eine Erkenntnis reicher
+geworden. Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur
+Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unwürdig einen Menschen zu
+lieben! Und wenn dein Schwager Ermete heimkehrt, Emilio, dann erzähle
+ihm von dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne! Und nun laß
+uns scheiden!«
+
+Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm schweigend das Pferd
+besteigen. Er fühlte, daß Worte Worte bleiben müßten und so drückte er
+seinem Freunde, der bleich und ernst im Sattel saß, nur stumm die Hand.
+
+»Grüße mir Maria!« sagte Riccardo zum Abschied, »grüß sie mir, wenn du
+mich noch für würdig hältst, die Reine grüßen zu dürfen. Und sei
+glücklich, Emilio, lebe wohl!«
+
+'Lebe wohl!' wollte Emilio antworten, aber da fühlte er den Hohn dieses
+Abschiedsgrußes und er drückte dem Davonreitenden nur noch einmal fest
+und innig die Hand.
+
+Der Wald schloß sich hinter Riccardo, nun verschwand auch Beppino
+seinen Blicken, und Emilio stand noch lange auf dem Wege und starrte
+seinem verschwundenen Freunde nach.
+
+Er wußte, daß er ihn nie wiedersehen werde ...
+
+
+
+
+Das Meerweibchen
+
+
+I.
+
+Diese Geschichte könnte also beginnen: Es war einmal ein wunderschönes
+Meerweibchen, das an der Küste von Grönland lebte und das von
+Schiffsleuten in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen
+ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen sein Lied begleitete,
+gefangen ward und das dann in die Welt geschickt und allerorten als ein
+Wunder angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag ....
+
+Aber dann würde jeder glauben daß diese Geschichte von einem Lügner und
+Aufschneider erfunden worden sei, und ernste Menschen würden sie
+überhaupt nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte und
+beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, damit jeder ruhige
+und nachdenkliche Mensch sie unbesorgt lesen könne, denn es ist eine
+durchaus verbürgte Geschichte und ist in den alten Büchern der
+königlichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und jeder Zweifler kann sie
+dort suchen. Und in der Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus,
+das zu dieser Geschichte gehört; ein steinernes Meerweibchen, dem
+leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf abgefallen, ist sein Schmuck
+und es ist als das Haus zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was
+aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, zeugt dafür, daß es
+eine wunderschöne Seejungfrau gewesen sein muß, die dem Steinmetz als
+Vorbild gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, und nur der
+schuppige, etwas schematisch gemeißelte Fischschwanz, der -- in dem Lande
+des zweischwänzigen Löwen nicht auffällig -- in zwei schön geringelten,
+stilisierten Teilen endigt, beweist, daß Nacken und Brust einem
+Wunderwesen angehört haben. Das Haus selbst ist jetzt ein wenig
+verfallen und sieht altersschwach und engbrüstig genug aus. Aber es paßt
+gut in die altertümliche Karlsgasse und in diesen Teil des herrlichen
+Alt-Prag, in dem man weniger zufügender als abblendender Phantasie
+bedarf, um sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fühlen; man
+muß nur die Gaslaternen und Telephondrähte, die Fahrräder und
+elektrischen Glühlichter in den Schaufenstern vergessen, um sich, wie in
+einem Traum, im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten
+Häusern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen Verzierungen und
+verwegenen Dächern dahinzuwandeln und verwundert zum Frühlingshimmel
+emporzuschauen, der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame Bild nach
+oben abschließt.
+
+Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, sondern im Beginn des
+siebzehnten Jahrhunderts. Da es aber eine, sozusagen, historische
+Erzählung ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung
+gestattet, daß gar bald ohnehin die Notwendigkeit sich einstellen wird,
+das Ende des Mittelalters weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die
+Neuzeit gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es so herrlich weit
+gebracht haben, gehören schon längst nicht mehr in die Neuzeit des
+sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu
+aufgeklärt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug der Einleitung!
+Also mag diese Geschichte immerhin als eine mittelalterliche gelten,
+umsomehr als sie in der altertümlichen Karlsgasse anhebt und endigt.
+
+Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, das vorhin geschildert wurde.
+Es war noch nicht unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet
+sein. Es gehörte dem zu Ansehen und Reichtum gelangten Prager Bürger und
+Kaufmann Wenzel Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein Billiges
+gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, für seinen Sohn und dessen
+einstige Ehefrau ein eigenes Haus zu bauen, auf daß er als ein
+bodenständiger Bürger und Kaufmann hier lebe und dem Namen Werkmeister
+zu Bedeutung und immer größerer Würde verhelfe. Denn er selbst war aus
+bescheidenen Anfängen zu einem begüterten Kaufmann geworden und liebte
+auf Erden niemanden inniger als seinen Sohn Karolus, der die einzige
+Hinterlassenschaft seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er hatte
+ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar mit ihm einmal in Wien
+gewesen, um ihm die Welt zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen
+zu einem tüchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. So war Karolus
+vierundzwanzig Jahre alt geworden und war ein gesitteter, stiller,
+bescheidener Jüngling, schlank, mit sanften, etwas schüchternen Augen,
+wie sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus denen eine
+empfindsame und träumerische Seele in die Welt schaute. Dem Vater war
+Karolus sogar zu bescheiden, zu sanft und schüchtern, denn er wußte, was
+sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was das Geschäft anlangt,
+sondern auch von den freien Wissenschaften und Künsten, und er hätte
+wohl seinen Sohn ein weniges stolzer und selbstbewußter gewünscht.
+Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner Altersgenossen nicht
+sonderlich, er war ein Leser und Träumer und freute sich tagsüber auf
+den Abend, da er zu seinen Büchern zurückkehren konnte. Das wehrte ihm
+der Vater auch nicht, da Karolus im Geschäfte still und sicher seine
+Arbeit tat und bei den Kunden beliebt und geachtet war.
+
+Eine tüchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu sanftes Geblüt
+auffrischen! dachte der Vater und schaute darum fleißig unter den
+Bürgertöchtern um, welche ihm wohl am besten für seinen Einzigen
+tauglich schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, hoffte er
+eine bestimmte Wahl getroffen zu haben.
+
+Nun waren aber Karolus' Beziehungen zum weiblichen Geschlechte bisher
+mehr theoretischer Natur gewesen; er hatte den Dichtern ihre
+Lobpreisungen der Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewöhnt, die Frauen
+mit den Augen der schreibenden, nicht der liebenden Dichter anzusehen,
+ohne doch je eine innere Nötigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane
+am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm etwas Hohes und Hehres,
+über dem Alltag Stehendes und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen;
+ihre Wänglein waren Pfirsichblüten, ihre Lippen Kirschen, ihre Augen
+leuchtende Kohlen oder liebliche Vergißmeinnichtblümlein, ihr Gang war
+wie das Hüpfen der Sonnenstrahlen über blumige Auen, aber, daß man die
+Wangen streicheln, die Lippen küssen könne, daß man die zierliche
+Gestalt umarmen dürfe, fiel ihm gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu,
+aus seiner literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und einmal
+einem lebenswarmen, blühenden Kinde herzhaft ans Kinn zu greifen.
+
+Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von Verliebtheit gefühlt; das
+war an einem Sonntag nachmittag, als er auf der Kleinseite drüben unter
+der Königsburg, dem Hradschin, durch die schattigen Gassen lustwandelte
+und plötzlich vor einem herrlichen, schmiedeeisernen Gittertor stand und
+in einen wundervollen, adeligen Garten geschaut hatte: große
+Rasenflächen dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein rundes
+Wasserbecken erglänzte im Sommerlichte und ein feiner Springbrunnen
+plätscherte in das bewegte Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich
+weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des Hradschin, und die
+grandiose Königsburg mit dem herrlichen Dome war wie eine phantastische
+Krönung des grünen, blühenden, weit ausgestreckten Gartens. In dem
+Garten aber wandelte in einem weißen Sommerkleide eine schlanke,
+biegsame Frau, und die Sonne schien selbst in sie verliebt zu sein, so
+jubelnd sammelte sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, so
+golden ließ sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es war, als ob eine der
+Marmorgöttinnen, die im Garten in den grünen Gebüschen standen, von
+ihrem Postamente herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte sich
+zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen Augen schaute Karolus ihr
+lange nach, er hatte den Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als
+ob die Dame ihm zulächle. Er stand noch auf dem Flecke vor dem
+Eisengitter lange, nachdem das Wunder in den Büschen verschwunden war,
+und starrte in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mußte. Erst als
+er Stimmen neben sich hörte, wachte er auf und schaute erstaunt um sich.
+Und er glaubte sich's später selbst nicht mehr, daß er eine lebende Dame
+im Garten gesehen habe, er war überzeugt, daß er nur ein wunderschönes
+Märchen von einer lieblichen Prinzessin geträumt habe, etwa das Märchen
+von der weißen Frau Medulina, die mit Blumen und Früchten in den Händen
+durch die Auen schreitet. Einige Tage träumte er noch davon und war
+glücklich darüber, daß er auch bei Tage nach eigenem Willen den schönen
+Traum erneuern konnte; er errötete, wenn er sich immer wieder dabei
+ertappte, wie er gleich einem Puppenspieler die schöne, fürstliche Dame
+immer von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem Gitter
+liebreich zuwinken ließ. Es hatten sich aber auch zu liebliche, blonde
+Ringellöckchen über ihrem blühweißen Nacken gekräuselt.
+
+In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens fiel nun die Ankunft des
+grönländischen Meerweibchens in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte
+Trommler hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch mehrere Tage
+auf allen Plätzen und allen Straßenecken gestanden und hatten nach einem
+aufrührerischen Trommelwirbel den p. t. Adel und Bürgerschaft der
+königlichen Hauptstadt Prag auf das große Wunder aufmerksam gemacht, das
+in den nächsten Tagen eintreffen werde. Lalanda, die grönländische
+Meerjungfrau, das schönste Seeweibchen, das je gefangen worden, die Dame
+mit dem Fischschwanze, von allen Gelehrten der Welt bewundert und als
+neues Weltwunder angestaunt und gepriesen, werde in den nächsten Tagen
+in Prag zu sehen sein. Große Bilder wurden in den Straßen herumgetragen,
+darauf Lalanda, die grönländische Seekönigin, abgeschildert war, und
+überall folgte eine Menge Neugieriger den Trommlern, die eine
+beträchtliche Aufregung in der Stadt verursachten. Auch verteilten sie
+ein fliegendes Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau berichtet
+und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt war, so die Schönheit der
+Dame mit dem Fischschweife in lieblichen Versen pries. Sie werde auf dem
+Altstädter Ring in einem der großen Verkaufsgewölbe unter den Lauben zu
+sehen sein und in ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie
+ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, deutsch zu ihnen,
+da sie eine erstaunliche Klugheit und ein unerhörtes Gedächtnis besitze.
+Und sei schöner, als je ein Mädchen auf dem Festlande gewesen.
+
+Nun waren gerade damals ruhige Zeitläufte, und Prag, die Stadt, die von
+Zeit zu Zeit wie ein Kind ihr Fieber durchmachen muß, um sich ihrer
+schädlichen Gärungsstoffe zu entledigen und ihr Blut für einige Jahre zu
+reinigen, erfreute sich eben einer behaglichen Erholung nach Kämpfen
+und Bürgerzwisten, so daß Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen
+hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die Laufburschen und
+Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen Geschäfte, die ihre überschüssige
+Lebhaftigkeit sonst bei den Straßenaufläufen ausgetobt hatten, benützten
+jetzt jeden freien Augenblick, hinter den Trommlern einherzulaufen und
+immer frische Zettel mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die
+älteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter in der Schreibstube
+führten die ausgiebigsten Gespräche über das Meerweibchen, und es gab
+keine Lebensäußerung eines erwachsenen Menschen, die sie nicht in ernst-
+und in scherzhafte Beziehung zu dem wunderbaren Körperbau des
+Grönländischen Mirakels gebracht hätten. Sie übertrafen sich gegenseitig
+in der Erfindung neuer Fragen: 'ob sie wohl auch' und 'wie mag bei ihr',
+nur mußten sie sich vor Herrn Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefühl
+zu schonen eine schweigende Übereinkunft im Hause Werkmeister war. Der
+hatte natürlich auch die Trommler gehört und ihren Zettel gelesen. Aber
+er hatte noch keinen richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden,
+nur die Tatsache, daß ein Wunder zu sehen sein werde, beschäftigte ihn
+und er hatte beschlossen, sich gleich am nächsten Sonntage, dem ersten
+Tage, da Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein zu
+überzeugen, wie weit den Ankündigungen zu glauben sei.
+
+
+II.
+
+Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an Schönheit mit dem
+Altstädter Ring in Prag messen können, herrliche Paläste umrahmen ihn,
+seltsame Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie
+anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht
+eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen,
+das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose
+Teinkirche mit ihren beiden ragenden Türmen, die ernst gen Himmel
+weisen, schaut über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen Häuser
+der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel große und
+inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles
+Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf den Ring
+hernieder und wundert sich über die winzigen Menschlein, die über den
+Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit
+nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Türme
+bedeutungsvoll gegen den Himmel.
+
+Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn da sie immer gleichmäßig
+in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie längst keinen
+Eindruck mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur _das_ wunderbar
+erscheint, was von der Gleichmäßigkeit abweicht, was anders ist, als
+ihre trägen Vorstellungen.
+
+Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie
+war schön und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strömten die Prager
+Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstädter Ring, um das nie
+Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern,
+Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre
+Meinungen über das Meerweibchen aus oder lauschten den Glücklichen, die
+Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen hatten.
+
+Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewölbes, und alle
+Viertelstunden dröhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen,
+daß frischen Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die
+erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus und ein neuer
+Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten,
+wurde eingelassen.
+
+»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, und selbst ein
+berühmter Professor der Universität, der unter den ersten Besuchern
+gewesen war, ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht,
+schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch die Reihen der
+ehrfürchtig Grüßenden.
+
+»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« sagte er dann zu einem
+Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über
+Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mißtrauen
+gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, muß ich wohl daran
+glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir
+die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig
+seltsame oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und
+staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae
+nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie
+berichtet.«
+
+Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von
+dannen.
+
+In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich die Neugierigen, um
+Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hören. Da war ein großer
+Wasserbottich aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand des
+geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in das nächste Zimmer zu
+erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in
+ein Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf waren die Wände der
+großen Kufe verkleidet, also daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch
+waren große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches herangelegt, so daß
+ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grüner Rasen lag. In
+der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine
+seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die
+Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung
+gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, der Teich schien
+auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda
+hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare und mit anmutigen, schön
+geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches
+entlang, mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. Sie war jung
+und schön, Seerosen lagen in einem blühenden Kranze auf ihrem Haupte,
+ihre Augen waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen Busens
+hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten
+Mieders. Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker Leib in
+einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz,
+der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu
+lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser peitschte. So
+schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl
+auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches
+festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger aus dem Wasser
+hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den
+schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte
+lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar neugierige Hände ihren
+kühlen Fischleib berührten. Nur, wenn die Berührungen etwas kühner
+werden wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn
+die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm
+sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die
+sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den
+Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre
+Augen wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser
+Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames,
+unverständliches Lied. »Lalanda, Lalanda« verklang es. Sie legte die
+Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen Kinderaugen im
+Kreise umher und ließ sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tür im
+Hintergrunde des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und runden
+Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken.
+
+Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schön
+in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu
+spotten und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und ging gläubigen
+Herzens von dannen.
+
+»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener Bürger, der ganz
+vorne am Ufer des Teiches stand.
+
+»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein Wunder an Anmut und
+Schönheit, wenn sie den Fischschwanz nicht hätte!«
+
+»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer und wischte sich dabei
+mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es
+leid, daß ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede
+ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.«
+
+»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so gründlich
+betasten dürfen!« spottete einer. »Wischt Euch nur erst Euren
+Sonntagsrock gehörig ab, daß sie nichts merke!«
+
+Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewölbes
+zu.
+
+An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung;
+er starrte immer noch nach der Tür, durch welche das blonde Wunder
+verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht,
+seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hüpfte das Herz
+in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht
+schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, er wußte gar nicht, daß
+Menschen um ihn gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring in
+einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm
+gesagt hätte, daß Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so
+unermeßliches Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß er
+ihm einen Namen hätte geben können.
+
+Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel und eine näselnde Stimme
+weckte ihn aus seinen Träumen:
+
+»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem
+Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!«
+
+Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren träumerischen Glanz,
+seine Wangen wurden glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu
+erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewölbe. Und ohne
+aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter
+Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen.
+
+Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wußte nichts davon, ihm
+war, als wären seine Augen geblendet, und so kam er unbewußt auf die
+Kleinseite und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter dem
+Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau Medulina erschienen war.
+Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte
+melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte er, Lalanda; es
+war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hörte ganz
+deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie
+selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm
+liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weiße Frau ihm
+zugewinkt hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn zurück, er
+mußte ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstädter Ring, er
+drängte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des
+Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder
+öffnen würde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten
+waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an
+diesem Tage ging der betörte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem
+Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von
+neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, daß sich die Tür
+im Hintergrunde des Teiches öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare,
+hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Märchenaugen zuwende. Und sie
+bemerkte ihn, bei jedem neuen Öffnen der Tür suchten ihre dankenden
+Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein
+im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen.
+Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr
+betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer
+des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte
+ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen
+Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!«
+
+Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus nicht zur Zeit nach
+Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den
+Feldern vor der Stadt ruhelos umher........
+
+
+III.
+
+So war denn endlich für Karolus das große Wunder gekommen, es mußte ein
+wirkliches, wunderbares Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht
+zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen Norden, eine Seekönigin mußte
+nach Prag kommen, um das Lämpchen in seiner Brust zu entzünden; und
+Lalanda, Lalanda mußte sie heißen, damit seine Träume in den Tag hinein
+dauern konnten, damit endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den
+kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser Schlummer seine
+Lider schloß, träumte er davon, wie er auf einer fernen Insel säße und
+auf den Mondschein warte, mit dem auch seine Meergöttin aus den Wellen
+auf sein Eiland zugeschwommen komme.
+
+Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, eine zweite Aphrodite,
+schwang sich die Lichte, Liebliche auf seinen Felsen und hielt ihre
+Harfe in Händen; und schon erklang ihr Lied: 'Lalanda, Lalanda.' Aber er
+schmiegte sich an sie, ihr Körper ward warm vom Mondenscheine, und ihr
+Busen, weißer als die Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem
+Gesange. Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr als 'Lalanda', und doch
+verstand sie ganz genau, was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm
+liebreich zu und ihre Hände lagen still in den seinen. Und als die Sonne
+fern-fernher ihre Strahlen über die Wellen schickte, da glitt sie sanft
+vom Felsen ins Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber ließ sie
+ihm zurück und die duftete milder und süßer, als je eine Rose aus dem
+Garten geduftet hatte. Er wachte auf und hielt die Seerose in Händen
+und mußte in staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob er
+wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose in seine Hand gekommen
+sei. Dann aber erinnerte er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen
+Abend, da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drückte sie
+leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens duftete ihm aus
+der Seerose entgegen und glückselig lächelte er vor sich hin.
+
+»Lalanda,« sagte er fast feierlich. Da bemerkte er erst seinen Vater,
+der zu Häupten seines Bettes stand und verwundert und besorgt auf ihn
+blickte, der gestern abend so spät nach Hause gekommen war. O, wie
+errötete Karolus vor seinen Blicken, er hätte am liebsten geweint, denn
+er wußte nicht, was er dem Vater sagen sollte. Der aber grüßte ihn mild
+und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von den Geschäften, die
+heute zu erledigen waren. So stand denn Karolus auf und machte sich
+rasch fertig. Er ging ins Geschäft und arbeitete eifrig und angestrengt
+bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick leer haben, er ging aus der
+Schreibstube, als die beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu
+sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die Kommis von dem Wunder
+zu reden begannen, und half lieber dem Hausknecht, der im Keller
+arbeitete. Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er einen
+Gärtner wußte, von dem kaufte er Blumen, Rosen und Lilien, denn Seerosen
+waren keine da, und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstädter
+Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen eingetreten, aber er
+durfte eintreten, da er die Blumen vorwies, und so trat er in das
+Gewölbe.
+
+Das Gewölbe war leer und eine angenehme Kühle empfing ihn und eine
+Dunkelheit, in der er sich erst langsam zurechtfand. Da sah er auf den
+Bänken an der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten ihre Trommeln
+auf den Boden gestellt und lagen nun schlafend in ihren bunten Wämsern
+ausgestreckt und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im Munde
+hätten. Der kleine Mann, der ihn gestern mit seiner näselnden Stimme
+angesprochen und aus den ersten Träumen gestört hatte, kam aus dem
+Nebengemache, er schaute Karolus mit argwöhnischen, lauernden Blicken
+an, ein häßliches Lächeln war um seine Lippen, da er die Blumen in der
+Hand des Jünglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an der
+Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg einige Augenblicke
+lang, da er gehofft hatte, Lalanda zu sehen und ihr mit einer stummen
+Verbeugung die Blumen zu überreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung
+an eine Erzählung vor Augen, in der ein Prinz Erik aus dem Dänenreiche
+vor einer sagenhaften Königin des Nordens stand, deren Sprache er nicht
+verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der beugte stumm die
+Kniee und senkte das Haupt, wie es in der Geschichte hieß, 'als ob er
+erst durch sie den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.' Nun störte
+ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien ihm der kleine, höhnische
+Mann, der ihm gegenüber stand, wie ein häßlicher Zwerg, der den Zugang
+zur Grotte seiner Meergöttin neidisch bewacht, und verwirrte ihn.
+Endlich aber besann er sich und übergab ihm die Blumen.
+
+»Sind die für mich?« fragte der Zwerg spöttelnd.
+
+»Für Lalanda,« sagte Karolus errötend, »von dem, der ihre Seerose
+bewahrt.«
+
+Da machte der Zwerg eine übertrieben-höfliche Verbeugung, es lag viel
+Spott und Hohn in der Bewegung seines großen Kopfes, und dann ging er
+ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um aus dem Gewölbe zu
+treten, niedergeschlagen, weil er sich den Besuch bei seiner Meerkönigin
+schöner und poetischer gedacht hatte, da öffnete sich rasch die Tür im
+Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda hereingeschwommen.
+
+Sie sprach einige unverständliche und doch wie ein seltsames Deutsch
+klingende Worte zu ihrem Behüter, der ihr demütig die Blumen übergab und
+dann aus dem Gewölbe trat. Und mit den Blumen in der Hand wartete
+Lalanda am Ufer des Teiches, daß Karolus sich ihr nähere.
+
+Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er trat langsam zu ihr hin,
+denn das Herz hämmerte in seiner Brust und die Kehle war ihm wie
+zugeschnürt. Wie eine schwere Last lag der Gedanke auf seinem Herzen,
+daß er nun mit der Wunderbaren allein sei, daß er mit dieser
+Auserlesenen, Königlichen sprechen solle; er fühlte, wie klein, wie
+nichtig er war, er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr so gar
+nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so durchaus gewöhnlich war,
+indes sie, eine Königin des Meeres, ihm wie eine Halbgöttin, wie aus
+einer anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, dem bei
+seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem Jagdzuge erscheint, um mit
+ihm zu sprechen, oder wie ein einsamer Schiffer, vor dem plötzlich
+Poseidon aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens die Blumen
+noch in Händen gehabt hätte, daß er sie ihr mit einer stummen Verbeugung
+hätte darreichen können! So trat er zögernd an den Rand des Teiches,
+seine Augen hatten sich schüchtern und doch voll Sehnsucht zu Lalanda
+emporgewagt, und ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte sagen können. Da
+blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte ihm die Rechte hin,
+indes sie sich mit der linken Hand am Rande des Teiches festhielt, und,
+da er ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit ihrer
+freundlichsten, sanftesten Stimme:
+
+»Ihr fürchtet Euch wohl, meine Finger zu berühren, weil sie naß und kühl
+vom Wasser sind? Sie werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren
+Händen haltet!«
+
+Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre Hand nieder, ihm war, als
+ob er jetzt 'den Ritterschlag der Liebe' empfangen solle, und seine
+Seele ward frei, da er die Königin so liebreich sprechen hörte. Und es
+schien ihm ein neues Wunder zu sein, daß die Herrliche, die wohl seit
+ewigen Zeiten in ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres
+gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch zu ihm sprach, er
+küßte ihr nochmals die Hand und sprach dann, wie erleichtert:
+
+»Ich danke Euch, daß Ihr so freundlich zu mir sprecht! Ich hätte nie
+geglaubt, daß ich Worte finden würde, um Euch für Eure Schönheit zu
+danken, und nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht nur, daß
+ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die Euch besser zugesagt hätten,
+und nehmet heute diese schlichten Blumen gnädig an. Morgen will ich,
+wenn Ihr mir diese Gunst gewährt, die schönsten Seerosen bringen, die zu
+finden sind!«
+
+Lalanda schaute Karolus lange prüfend an, als ob sie sich erst darüber
+klar werden müßte, ob sein seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder
+nicht. Dann aber lächelte sie kaum merkbar, schwang sich aus dem Wasser
+auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll
+zurückwich und begann die Rosen und Lilien zu einem Kränzlein zu winden.
+Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch auf ihren blonden
+Scheitel, schaute Karolus siegreich und doch flehend von der Seite an
+und fragte:
+
+»Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus Rosen und Lilien, Ihr
+Anspruchsvoller? Gefall ich Euch?«
+
+Da war es Karolus, als ob eine weiche und kühle Hand sein Herz presse,
+ihm ward ganz eng in der Brust und er wußte keine andere Antwort auf
+ihre Frage, als die, daß er diese Hand küßte, die noch eben sein Herz
+fast schmerzlich bedrängt hatte. Sie aber blitzte ihn verführerisch aus
+den Augenwinkeln an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu
+schließen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung seine Augen senken
+mußte. Dann sprach sie -- und legte dabei den triefenden Fischschweif
+näher an Karolus heran, aber ohne ihn zu berühren:
+
+»Noch weiß ich nicht, wie Ihr Euch nennet und von wem ich träumen soll,
+wenn ich nachts auf dem Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder
+wenn ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. Denn hier in
+der Nähe muß ein großer, gewaltiger Dom stehen, mit mächtigen Glocken,
+das fühle ich, und um Mitternacht dröhnt der Boden hier von dem Klange
+ihrer sehnsüchtigen Träume. Dann steige ich aus dem Wasser und nehme
+mein Spiel zur Hand und singe. Ich möchte dann Euren Namen in meinem
+Liede haben!«
+
+O, das war der richtige Ton für Karolus! Er schnappte nur so nach Luft
+bei ihren poetischen Worten, nun war er ganz besiegt, die flatternde
+Seele in seiner Brust legte die Flügel zusammen und ward feierlich und
+zufrieden still in ihrer Haft, wie ein Vöglein im warmen Käfig. Er sagte
+ihr mit geschwollenen Worten, wer er sei und wie er heiße, wie er sich
+in all den Jahren nach einer Lalanda gesehnt habe, und sagte dies alles
+trotz des Pathos in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, daß
+Lalanda vor Vergnügen jauchzte und daß ihr Karolus wirkliche Freude
+bereitete. Und als er ihr nun von seinem Glücke sprach, daß er sie nun
+endlich gefunden habe, daß sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen
+sei, da lehnte sie ihr schönes, blondes Haupt zärtlich an seine Schulter
+und sah ihn von unten her so verheißend und gewährend an, daß er sich
+beinahe ein Herz gefaßt und sie geküßt hätte. Aber er tat es nicht, er
+vergaß nicht, daß sie die Meerkönigin war und er nur der einfache,
+nichtssagende Kaufmannssohn, und küßte sie nicht. Er schaute sie nur
+dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken und seine
+Lippen wurden trocken. Und er fühlte es wie eine Erleichterung, als ihm
+die Frage einfiel, woher sie so schön deutsch spreche. Sie ließ ihr
+Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend seine Finger in die
+ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll und dann erzählte sie, wie sie
+oft an deutschen Küsten geschwommen sei und deutschen Schiffern
+gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren Kuttern sich ihre Mären
+erzählten oder ihre schwermütigen Lieder sangen.
+
+»Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, ich verstand ihre
+Sprache und lernte sie gebrauchen. Und oft, wenn ich auf dem Grunde des
+Meeres vor meinem Palaste saß und ein deutsches Lied nachsang, so klang
+es den Schiffern oben wie ein fernes, fernes Echo ihrer Gesänge, ich sah
+sie droben sich über den Rand ihrer Boote neigen und in den wundersamen
+Spiegel niederschauen; und manch einen faßte das Heimweh so mächtig,
+wenn er mein Lied hörte, daß es ihn am Bord seines Schiffes nicht länger
+litt und er ins Wasser stieg, dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie,
+das schwöre ich, nie Männer zu mir ins Meer locken wollen! Wer zu mir
+kommen will, der muß freiwillig kommen. Und wenn ich wüßte, daß Ihr,
+lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem Boote meinem Liede
+lauschtet, und wenn Euer liebes Antlitz sich über den Rand des Bootes
+neigte, ich würde nicht weiter singen, würde verstummen, damit Euch kein
+Leids geschehe!«
+
+Sie schaute ihn wieder mit ihren schönen, glänzenden Augen an, innig und
+lang, bis er ganz sinnlos von ihren Worten und wie aus einem Traume
+heraus sagte:
+
+»Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, und Ihr müßtet mich
+in Euren weißen Armen auffangen; und ich möchte mein Leben lang neben
+Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!«
+
+»Wie lieb, wie gut Ihr seid!« hauchte Lalanda, ein Schauer des Glücks
+schien ihren Leib zu erschüttern und sie senkte verwirrt die Blicke. Da
+trat aber der häßliche Zwerg ins Gewölbe, er ging mit lauten Schritten,
+die seiner kleinen Gestalt gar nicht entsprachen, auf die Trommler zu
+und weckte sie.
+
+»Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist um! Macht fertig!« Da
+glitt Lalanda hastig ins Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die
+Hand und sagte ihm mit einem langen Blick: »Auf Wiedersehen! Auf
+Wiedersehen heute abend!«
+
+Und langsam mit rückgewandtem Haupte schwamm sie aus dem Zimmer. Die
+Tür schloß sich hinter ihr, und zwischen den Trommlern, die ihre
+Instrumente umgehängt hatten, verließ Karolus betäubt und fassungslos
+den Raum. Und der harte Trommelwirbel verfolgte ihn über den Altstädter
+Ring und höhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese
+entfernt war.
+
+
+IV.
+
+Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem Märchen; die Stunden im
+Geschäfte zählten für ihn nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach
+dem Mittag und den kurzen Stunden am Abend, wenn die letzten Gäste aus
+dem Gewölbe auf dem Altstädter Ring geschieden waren und Lalanda nur für
+ihn noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen kam. Und es war
+Mittwoch und Donnerstag geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in
+Prag, dann mußten die Liebenden scheiden. Denn es war kein Zweifel,
+Karolus mußte sich's in seinem zitternden Herzen selbst gestehen,
+Lalanda, die Meerkönigin, die Göttliche, die Wunderbare, liebte ihn und
+neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es ihm heute abend
+selbst gesagt, daß sie die Minuten zähle, bis er wieder zu ihr kommen
+könne, daß ihr das Leben schal und unerträglich scheine, wenn er nicht
+mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen könne.
+
+»Schau, bin ich nicht warm wie eure Mädchen,« sagte sie, »pocht mein
+Herz nicht ebenso stark in meiner Brust? Fühlst du es, fühlst du es
+schlagen, Karolus? Und nun muß ich Unglückliche wieder von dannen
+ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, und den häßlichen Menschen mich
+darbieten! Ich bin unglücklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine
+Gefangene und möchte so gerne in Freiheit leben, lieben und lachen und
+weinen, wie ihr Menschen, mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in
+die Augen schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich erlösen!«
+
+Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter ihrem weißen schimmernden
+Busen das Herz klopfen gefühlt, gleichmäßig und ruhig, denn sie war ja
+trotz ihrer Erregung ein kühlerblütiges Meerweibchen und ein unendliches
+Mitleid mit der armen, gefangenen Seekönigin füllte seine Augen.
+
+»Flieh mit mir,« rief er ihr zu, wie Kandalus im Romane, »flieh mit
+mir, ich will dich gegen eine Welt verteidigen!«
+
+Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz und seine
+Hoffnungen zerrannen.
+
+»Ich will irgendwo an einem Meere oder See ein Häuschen für uns bauen,
+dann sollst du in deinem Wasser leben können und doch in meiner Nähe
+sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und des Nachts --« Er schwieg,
+er errötete.
+
+»Küsse mich,« sagte Lalanda, »küsse mich recht vom Herzen!«
+
+Und er preßte die Lippen auf ihren Mund und fühlte, wie auch ihre Lippen
+heiß wurden, heißer als er es geahnt hätte; denn es glühte ihm bis ins
+Herz hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend heiß von ihrem
+Kusse. Und als sie gar ihre weißen, nackten Arme um seinen Hals schlang
+und ihn an sich preßte und nicht loslassen wollte, da schloß er die
+Augen, er umarmte sie und drückte sie noch fester an sich und vermeinte
+sterben zu müssen.
+
+»Ich muß dich retten, du mußt mein werden!« sagte er, tief Atem
+schöpfend, »mein für immer!«
+
+Da huschte ein Lächeln, ein siegreiches Lächeln über ihr Gesicht, sie
+wiederholte ihre heißen Umarmungen, dann schlüpfte sie rasch ins
+Wasser, denn der Zwerg war ins Gewölbe getreten, um die Tore zu
+schließen.
+
+»Denk an dein Versprechen!« rief sie dem Scheidenden nach. Er aber stand
+auf dem Altstädter Ring, er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den
+sternenbesäeten Himmel und sprach feierlich in den Abend hinein: »Ich
+schwöre!«
+
+In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer seine Augen schloß,
+träumte Karolus wieder, er stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in
+einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig bewegten Wellen und
+mitten in dem breiten Streifen Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes
+Lalanda auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich in der Ferne ihr
+blondes, weiches Haar, ihr Kopf hob sich wie eine große, phantastische
+Blume aus dem bläulich-flimmernden Wasser. Sie kam näher und näher und
+nun streckte sie ihm die Arme entgegen und winkte ihm. Und ganz deutlich
+hörte er ihre Stimme angstvoll rufen: »Karolus, Karolus, rette mich!« Er
+aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd auf die Geliebte, die
+mit den Wogen rang, er wollte sich ins Meer stürzen, aber ein
+schrecklicher Gedanke hielt ihn zurück. »Ich kann nicht schwimmen!«
+sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte er es lauter und immer
+lauter, er schrie es Lalanda zu: »Ich kann nicht schwimmen!«
+
+Da schallte ein höhnendes, entsetzliches Lachen aus dem Meere zu ihm
+hin, Lalanda hob sich noch einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins
+Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen hilflos und armselig
+auf den Wellen und bezeichneten die Stelle, an der Lalanda verschwunden
+war.
+
+Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschweiß stand auf seiner
+Stirn. Der Vater war an sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus
+hatte ihn geweckt.
+
+»Was hast du nur für böse Träume, Karolus?« fragte er.
+
+»Gottlob, daß es nur Träume sind,« sagte sein Sohn. »Ich habe einen
+schrecklichen Traum gehabt!«
+
+Als er mit dem Vater beim Frühstück saß, da übermannte ihn plötzlich
+sein Herz und er wollte dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu
+sprechen an und sagte: »Vater!...«
+
+Aber mehr brachte er nicht über die Lippen; er wußte nicht, wie er dem
+Vater auch hätte sagen sollen, daß ein Wunder geschehen sei, daß ihn
+eine Meerkönigin erwählt habe!
+
+»Vater,« sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll ihn anschaute,
+da schlossen sich seine Lippen, eine dunkle Röte färbte seine Wangen und
+seine Lider senkten sich.
+
+»Was willst du von mir?« fragte der Vater und alle Güte seines Herzens,
+alle Liebe zu seinem Einzigen war in seinen Worten: »Was gäbe es, was
+ich dir nicht gewähren könnte?«
+
+Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, er schaute für Sekunden
+ängstlich den Vater an, aber er fand keine Worte.
+
+»Brauchst du Geld?« fragte ihn der Vater.
+
+Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde er brauchen, aber der
+Vater möge ihm verzeihen, wenn er noch nicht sagen könne, wofür.
+
+Da gab ihm der Vater, der gewöhnt war, seinem Sohne unbedingt zu
+vertrauen, da er dessen Bravheit und Tugend kannte, Geld, mehr, als
+Karolus erwartet hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, er hatte das
+dunkle Gefühl, er werde zu Lalandas Entführung Geld, viel Geld
+brauchen, und damit wollte er nicht sparen. 'Ich will arbeiten wie ein
+Knecht,' sagte er zu sich, 'ich will mir die Hände blutig arbeiten; aber
+erst muß ich sie erretten!'
+
+Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegönnt war, brachte er Lalanden
+nebst den Seerosen ein schmales Ringlein, ein Herz hing an einem
+Kettchen daran, und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken
+Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und küßte ihn stürmisch,
+noch heißer als gestern und sah ihm noch tiefer in die Augen, und mit
+einer Stimme, die zärtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher
+als früher klang, sagte sie zu ihm:
+
+»Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, ich will dein sein für
+immer, nur errette mich von diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser
+hier, ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen in der Welt,
+bei diesem Ausgestelltsein, ich sehne mich nach Frieden und Glück, ich
+beneide die anderen Mädchen, ich sehne mich nach einer ......«
+Häuslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus dem dunklen Norden,
+und sie dachte dabei wohl an ihren schimmernden, herrlichen
+Kristallpalast auf dem Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie
+bei diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus rasch von der Seite
+an, forschend und fast ungeduldig. Er aber blickte sie voll Mitleids an
+und nickte langsam mit dem Kopfe. »Du weißt nicht,« sagte sie traurig,
+»was ich schon alles erdulden mußte, wieviel Schande und Elend, wie satt
+ich dieses Leben habe!«
+
+Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefühl die Arme, er
+streichelte ihr die Wangen und er seufzte bei dem melancholischen
+Gedanken, daß dieser herrlichen, edlen, königlichen Seejungfrau das
+Elend des Irdischen nicht erspart geblieben sei, daß sie leiden müsse
+und gewiß das Elend schmerzlicher fühle als ein Menschenkind. Und sein
+Finger glitt mitleidig und doch ehrfurchtsvoll über die Schuppen ihres
+Fischschweifes, der zierlich auf dem Rande des Teiches lag.
+
+»Hast du mich denn wirklich lieb?« fragte Lalanda.
+
+»Ich verehre dich!« antwortete Karolus, und als wäre dieses 'ich verehre
+dich' noch zu kühn, setzte er die Worte hinzu, die Baronzo im
+'Unvergeßlichen Liebhaber' zu Graziosa sagt: »Meine Nacht ist voll von
+deiner Sonne und mein Tag voll von deinem Mondlicht, du Königin!«
+
+Da erscholl plötzlich vor der Tür der Trommelwirbel der beiden
+Spielleute, grausam und empörend nahe, und schon stand auch der Zwerg im
+Laden. Karolus wandte sich zum Gehen; er drückte nur rasch dem Zwerg ein
+Goldstück in die Hand. Als er sich dann noch einmal umkehrte, hob
+Lalanda die Hand aus dem Wasser, das Ringlein glänzte an ihrem Finger
+wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand sie. Und schon traten die
+ersten Besucher in das Gewölbe.
+
+
+V.
+
+Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten des Geschäftes mußte
+Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Pläne und
+Entführungsgedanken kamen nicht über die Worte: 'heute abend' hinaus, er
+wußte nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit
+sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein,
+er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals
+schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen,
+um sie dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte dann in einem
+Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo außerhalb Prags eine ruhige
+Zuflucht finden würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die
+Stadtsoldaten würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die
+Schiffer an der Moldau drunten würden ihn ergreifen und auf die
+Wachstube führen. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das süße, holde
+Geschöpf bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte jedenfalls gegen
+neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstädter Ring warten lassen, er
+dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen,
+aber auch das würde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das
+mußte er dem Schicksal überlassen, der Gott der Liebenden würde sie
+sicher beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag nach Hause,
+um seinen großen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen
+wollte, wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld zu sich,
+zählte eine runde Summe ab, um nötigen Falles den Zwerg damit zu
+bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten
+Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie
+wach wären. 'Das ist das beste Mittel!' sagte er zu sich und dachte an
+eine Stelle in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein den
+Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen
+Händedruck von seinem Vater, der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und
+ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust
+gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter Ring anlangte.
+
+Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel
+da, nur aus einigen Geschäften und Wirtsstuben drang ein matter
+Lampenschein fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten
+verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein
+kleines schmales Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes
+gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit
+welcher der Wind spielt.
+
+Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter
+der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer
+Tür stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel
+durch die Stille, dann hörte Karolus, der im Schatten der Häuser
+umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß
+noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch
+einmal zu sehen wünsche, müsse jetzt eintreten, dann schließe sich die
+Türe für immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge
+Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd und sehnsuchtsvoll, wie
+auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die
+Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige,
+Wunderbare in einer kurzen halben Stunde über die Schwelle tragen werde,
+hier bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen warten und rasch mit
+ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch
+nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, wohin, ach,
+jedenfalls in eine glückliche Zukunft.
+
+»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel ihm ein, und seine Finger
+ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten
+und zustoßen müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches
+Abenteuer gilt's zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!«
+Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg nicht zu
+bestechen ist!«
+
+In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu Lalandas Laden und der
+Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen
+lärmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, sie standen
+noch in Gruppen beieinander, ein säumiger Nachzügler kam als Letzter
+über die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, sie
+nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges
+aufgehängt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie
+noch einmal mit ihren Trommeln und gingen über den Altstädter Ring nach
+Hause.
+
+»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht wachen!« Und dann, er
+traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tür, er
+schaute sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann öffnete
+er noch einmal die Tür und sprach einige Worte ins Gewölbe hinein. Und
+dann -- Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen -- dann
+ging auch der von dannen.
+
+'Allein!' jubelte es in Karolus Seele, 'sie ist allein, sie wartet auf
+mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!' Er
+schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter
+Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg könnte die Tür hinter sich
+gesperrt haben! Er lief eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft
+drückte er die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er stürzte
+in das Gewölbe.
+
+Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der
+Lampe leuchtete ihr weißer Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre
+Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte.
+
+»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du
+kämest nicht!«
+
+Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf und übersäte seinen Mund
+mit heißen Küssen. »Liebst du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen
+den glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?«
+
+Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren Hals und den feinen
+Ansatz ihres Busens küssen mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak
+bei der Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als müsse er sich
+entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt habe. Dann legte er den
+Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und
+sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls sie uns gestört hätten,
+oder für den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen hätte.
+Gottlob, sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie ich dich
+errette. Ein Wagen harrt draußen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich
+dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen
+aushalten? Wirst du es überleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau
+kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser
+zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein
+ruhiges Plätzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer
+zurückzieht, will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte
+wandern, bis wir ans Meer gelangen!«
+
+Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf
+Karolus' nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast
+geheimnisvoll noch einmal:
+
+»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwöre mir, daß du
+mich liebst!«
+
+Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die
+beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Höhe und sagte ernst:
+
+»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glücklich, daß du mich
+erhöht hast durch deine Liebe. Ich wünsche nichts anderes, als daß du
+mich liebst!«
+
+»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« sagte Lalanda traurig,
+»daß du gerade mich lieben mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb
+Mensch bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes Menschenkind
+liebte und glücklich machte!«
+
+»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« jubelte Karolus, »ich
+liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so über alle Maßen schön und
+wunderbar, so königlich und erhaben!«
+
+»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich weiß, daß du mir das Leid
+geringer machen willst, das ich empfinden müßte, wenn ich« -- ihre Stimme
+wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten --
+»wenn ich dich nicht jetzt im nächsten Augenblicke zum glücklichen,
+glücklichen Menschen machen könnte! Schraube den Docht der Lampe zurück,
+ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich
+habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir's verraten soll, ob du
+würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus
+diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glücklich
+werden!«
+
+Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht
+zurückschraubte, so seltsam, wie eine Beschwörung klangen die Worte
+Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom
+Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward fast dunkel im Gemach.
+
+»Verschließe die Tür!« befahl sie.
+
+Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die Tür fest verschlossen
+sei. Dann sprach Lalanda: »Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich
+dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen
+Augenblick lang! Dann aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht
+sterbe!«
+
+»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster Erregung, »was soll ich
+erfahren?« Und er dachte nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen
+und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf
+dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als
+wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke.
+
+»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und nun, Karolus, Karolus,
+sieh mich an!«
+
+Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des
+Teiches und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorwärts. Aber er
+taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurück.
+Auf dem breiten Rande des Bottichs -- stand Lalanda aufrecht, aufrecht
+auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an,
+aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend,
+mit einem siegesgewissen Lächeln schwang sie die schillernde Fischhaut
+in der Hand, aus der sie geschlüpft war.
+
+»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich liebe! Bist du jetzt
+glücklich?«
+
+Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich,
+um den Fischschweif unterm Wasser -- zum letzten Male -- anzulegen.
+
+Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fühlte ganz deutlich
+den Stoß, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die
+Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel
+umfaßt und schien ihn erwürgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die
+Lüfte.
+
+»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er
+hörte mit donnerndem Getöse den Kristallpalast seiner Träume
+zusammenkrachen, »eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui,
+nackt« .....
+
+Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfüllte sein Herz,
+seine Augen waren trocken.
+
+»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine Stimme überschlug sich.
+
+Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus
+lachend an, ihre Perlenzähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen;
+denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein
+seltsames Gehaben für die Äußerungen seines freudigen Staunens. Und mit
+herausforderndem Lachen fragte sie:
+
+»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich dir die Rettung so
+leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!«
+
+Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er
+stürzte zum Teiche.
+
+»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in ihre Worte und in ihr
+Lächeln hinein, er faßte Lalanda und hätte sie geschlagen, so sinnlos,
+so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fühlte er sich.
+»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er.
+
+Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon
+überzeugt, daß sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen
+Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie
+gewöhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den
+Armen und rief neckend und schelmisch:
+
+»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!«
+
+Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle war ihm zu Kopfe
+gestiegen und verwirrte ihn, er umfaßte ihren Hals und zerrte die
+Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner
+sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose Betrügerin!«,
+ohne es zu wissen, und hätte die Hände nicht vom Halse Lalandas
+gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis,
+wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Empörung über seine
+Dummheit nicht ihre Nägel in seine Hände gebohrt und endlich seine
+Finger von ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell tief
+in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tür hindurch in
+das zweite Gemach.
+
+Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine
+Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe.
+Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick
+gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und öffnete rasch den
+Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und
+so fuhr er von dannen, der Moldau zu.
+
+Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd über das schlechte
+Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen
+geworfen und geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose
+Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein unsäglicher Ekel
+schnürte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn,
+daß es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein
+Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume nicht erfüllt worden sind und
+das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen in den Augen
+steht und nur daran denken muß, wie ganz anders es sich den
+Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham,
+daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser
+Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefühle
+des größten Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen
+hatte, die ihm winkten.
+
+»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. »Und das war
+Lalanda, die Meerkönigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich
+das überleben!«
+
+In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine
+glitzernd da und der Kutscher öffnete den Schlag und, wie hätte er den
+Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer
+höflichen Verbeugung:
+
+»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir über die
+Brücke hinüber?«
+
+Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin Ihr wollt,« sagte er, und
+sich besinnend, fügte er bei: »bis ich Euch rufen werde, daß ich
+aussteigen will.«
+
+Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den Bock und der Wagen
+holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie
+auf der einsamen Landstraße.
+
+Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er
+sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide
+zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, kühle,
+königliche, ferne Meerkönigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif
+war Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das
+Gewöhnliche, Schamlose -- ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn
+schüttelte -- das Dirnenhafte! »Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren
+Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine
+Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O,
+ich hätte sie erwürgen sollen, diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!«
+
+Große Tränen rollten über seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner
+Enttäuschung, mit seiner Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter
+und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust
+werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines
+aus der Flasche, dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, die
+Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Tränen und er rief dem
+Kutscher zu, er möge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der
+Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag entgegen.
+
+ * * * * *
+
+Über die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht
+gehabt, wie der Vater zuerst über das verstörte Gesicht, über die Wunde
+an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich sein
+Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung beichtete, darüber steht
+nichts mehr -- in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber,
+daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und geküßt
+hat und daß er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mußte über seinen
+verträumten Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch tat, daß
+im Leben jedes Mannes der Tag kommen müsse, an dem sein Ideal den
+glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht
+sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen
+Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik,
+daß Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr
+verlautete.
+
+Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet haben; er wird wohl auch
+ein anderer geworden sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem
+fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas
+angebracht und das Haus 'Zum Meerweibchen' genannt werde. In den alten
+Büchern ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht in den
+Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt Prag der Name Karolus
+Werkmeister, Prager Bürger und Besitzer des Hauses 'Zum Meerweibchen'
+und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und
+gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch,
+Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem
+Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in zärtlichen
+Augenblicken Medulina nannte. Und in den Büchern folgt auf diese beiden
+Namen eine Menge Kinder.
+
+So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso historisch, wie sie
+begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der möge ruhig in der Chronik
+der Königlichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin
+aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen,
+das den gleichen Namen trägt wie diese Geschichte. Dann mag er
+kopfschüttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis
+zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit öffnen und auf den
+Hradschin hinüberschauen, die Königliche Burg, die herrlich und
+majestätisch von der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man aus
+dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur historische Geschichten
+erzählen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom
+Meerweibchen.
+
+
+
+
+Der Spiegel
+
+Eine Legende
+
+
+I.
+
+Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem Recht und Fug ihre
+Legenden verlegen dürfen, weil dazumal der Heiland und die Mutter Gottes
+noch ein Vergnügen hatten, die Menschen zu lenken -- jungen Eltern
+gleich, denen die Kindererziehung noch Freude und Lust bereitet --, zu
+jener Zeit also stand abseits von der Heerstraße mitten im Walde ein
+weitläufiges, schönes Nonnenkloster von strengen Sitten, in welchem,
+fern vom Lärm und Hasten der Welt, die Nonnen ein beschauliches und
+ihrem himmlischen Bräutigam ergebenes Leben führten. Die Stille in
+diesem Kloster war eine so große und die einschläfernde Macht der
+Gewohnheit, unterstützt durch das gleichmäßige Rauschen des Waldes, eine
+so überwältigende, daß die Geißel an der Wand verstaubte und die frommen
+Frauen alt wurden und ehrwürdig dahinlebten, und daß eine Wolke der
+Heiligkeit über dem Kloster schwebte.
+
+So ist es begreiflich, daß der Böse ein unabweisliches Verlangen fühlte,
+in diesem Kloster seine Künste zu probieren, und daß er der Madonna,
+als er sie einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner
+Keckheit zurief, diese Burg der Frömmigkeit sei wohl auch nicht so
+uneinnehmbar, wie sie glaube.
+
+Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen -- wie sie der göttliche
+Raffael uns überliefert hat -- durchdringend an und sprach: »An der
+Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und so sicher bin ich
+meiner Sache, daß ich dir erlaube so lange darin zu verweilen, als ich
+hier ein Vaterunser sage.«
+
+Der Böse erschauerte, da er den Namen 'Vaterunser' sprechen hörte, aber
+er faßte sich gar bald und entgegnete:
+
+»Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile hier, und, ehe du
+dein Sprüchlein geendigt hast, will ich wieder bei dir sein und mich
+meiner Tat erfreuen.«
+
+Und kaum, daß er es ausgesprochen, war er in ein altes, runzeliges
+Weiblein verwandelt, das an der Klosterglocke zog und hüstelnd im Tore
+verschwand.
+
+Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und ausnehmend schöne Nonne
+Pförtnerin geworden, Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des
+Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Säugling an der
+Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden und erbarmungsvoll in
+den Schutz des heiligen Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr
+Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten so selbstverständlich
+und ohne Zweifel nachgekommen, daß die Oberin ihr den schweren Posten
+einer Pförtnerin übertragen hatte. Sie hieß also Schwester Clarissa und
+war blühender als je eine Nonne gewesen.
+
+Nun, da es läutete, öffnete sie dem hüstelnden Weibe ihr Schiebfenster
+und fragte nach seinem Begehr.
+
+»Die Oberin Berthilde vom nächsten Nonnenkloster schickt dies
+Gebetbüchlein der Pförtnerin Clarissa,« sprach das Weiblein, »daß sie es
+als Geschenk annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres Postens nicht
+abzulenken und als Erprobung ihrer Stärke gegen die Anfechtung der
+Neubegier wünscht sie, daß die fromme Schwester Clarissa das Tüchlein,
+drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem Buche wegziehe, als
+bis der Mondschein durch ihr Fenster falle.« Sprach's, und ehe die
+Pförtnerin noch ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden.
+
+Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter
+Gottes, als diese ihren schönen Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er
+machte eine höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr
+mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige Erlaubnis. Sein Werk sei
+vollendet. Die Madonna aber lächelte milde und sprach ihr Amen und
+schlug drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. Sie aber
+machte sich auf und wandelte still ihres Weges.
+
+Als nun das Abendglöcklein geläutet und das Tor des Klosters
+verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges
+Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben
+der Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze
+Stube flimmerte in weißem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem
+Abende der Mond vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk der
+Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, »aber sie hätte
+es, fürchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte
+geöffnet! Ja, geöffnet! Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches
+Gewissen, »und ich will es der Oberin gleich bringen!« Doch dabei
+nestelte sie schon an dem Tüchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch
+vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig
+ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt gewesen. Es war aber gar kein
+Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre
+Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen
+Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem
+Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stück
+leuchtenden Glases auch zuerst für den silbernen Beschlag eines
+wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; als sie
+aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll Neugierde darüber beugte,
+sah sie darin ein menschliches Gesicht, blühend schön und mit lachenden
+Augen, mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden Lippen, wie
+sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und
+schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen
+gesponnen wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen an,
+da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel
+hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie
+ganz, daß sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich
+plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu
+ergötzen, und deckte schnell das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie
+nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schön
+gewesen, als daß sie dem Zauber hätte widerstehen können. Sie lüftete
+das Tüchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses
+Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr
+gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! »Morgen früh geb ich es der
+Oberin,« sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit
+glücklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel
+freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr
+Haar mit einem kleinen Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit
+den Händen über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung,
+als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie
+sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte
+passen müsse. Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die
+Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die
+Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem
+blendenden Scheine ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor
+sich hin!
+
+So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Bräutigam
+vergessen! Eine unbestimmte, drängende Sehnsucht war in ihr erwacht, daß
+sie lange mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich nicht satt
+schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas unternimmt, das muß man ihm
+lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn
+das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem
+Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm,
+das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Bräutigam zu
+schmücken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; daß sie den
+schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken,
+und ihn um den weißen Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um
+nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schönheit zu übersehen.
+
+Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher Menschenspiegel, und
+ein so starker Zauber ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, das
+Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig
+gemacht und, ohne die Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet
+hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber
+hatte sie in das Tüchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz
+an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zöge, so
+lustig und glücklich hüpften ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und
+sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen.
+
+
+II.
+
+Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das
+prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich
+geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf
+Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch
+schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen
+wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig
+und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der
+weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die
+Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner
+und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in
+diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen
+getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit
+verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig
+hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich
+gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste
+Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er
+als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war
+seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er
+fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht
+unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten
+seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner
+Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete,
+so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte
+immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und
+im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der
+heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß
+er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest
+überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr
+ein neues Reis ansetzen werde.
+
+Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen
+Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen
+Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem
+melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu
+probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und
+Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen,
+trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß
+kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an
+denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte,
+und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich
+neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg
+geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen
+lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken
+müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht
+schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen
+wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei
+war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit
+und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er
+freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er
+sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit
+scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber
+umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen
+Grafen eigentlich recht genügend waren.
+
+Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem
+Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf
+Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht
+wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern
+der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und
+wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den
+bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem
+Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast
+erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten
+Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so
+gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel
+gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte,
+war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte,
+einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um
+über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach
+vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger
+empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine
+Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar
+auseinander: daß nur _ein_ Mensch auf dieser Erde den armen
+melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in
+Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach
+und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich
+eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn
+an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß
+er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan
+habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig
+zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen
+zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel
+gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es
+nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von
+seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich,
+während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine
+philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst
+bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was
+vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit
+so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem
+Schlosse geschieden.
+
+Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem
+melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen
+Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht
+angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von
+dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines
+Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen
+fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt,
+und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang
+brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz
+Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß
+dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das
+Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer
+sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium
+auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der
+selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken
+sollte, kein großes Vertrauen empfand.
+
+
+III.
+
+Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Händen
+zurückgekehrt waren, (weil jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft
+beschwören sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte --
+mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa
+auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand
+war bestaubt und von Dornen zerrissen, so daß es gar nicht mehr als
+heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war länger geworden und
+ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr das Wandern in der
+frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot
+weichen mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem
+Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr
+glückseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an
+ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in ihrer glorreichen
+Dummheit noch nicht, daß der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr
+Sehnen zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies Geheimnis,
+als sie ihren schneeweißen Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn
+nun mit dem Tüchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da
+sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Körper leuchten und merkte
+zu ihrer großen Freude, daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser
+Beleuchtung noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber freute
+sich das arme betörte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott
+für das schöne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen
+Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter,
+sondern aus ihrer reinen Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht,
+daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte.
+
+Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau mit dem Spiegel in der
+Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr
+immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurückwich,
+holdselig lachend und winkend; sie schmückte sich das Haar mit den
+Blumen, die sie auf den Wiesen pflückte, und sah so mit den roten
+Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzückende
+Prinzessin aus dem Märchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein
+phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller
+Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne Gesicht im Spiegel,
+daß sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege
+begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem
+Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so über alle Maßen
+schön, daß keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, weil er
+ihr so lange nachschauen mußte mit offenen Augen, bis diese ihm
+übergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange
+verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu haben; und wenn er ein
+Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich
+einen Reim auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen eine ganze
+Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen:
+'Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!'
+
+Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne
+eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen
+einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß jene unbeschreiblich
+schöne Dämmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und
+Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat
+um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der
+Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die
+von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, und, ohne die holdselige
+Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schloß, so über
+jeden Zweifel sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst
+gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig erwarteten. Als
+er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob
+sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel und Glückslärm,
+der fast den schnarchenden Ritter geweckt hätte, wenn er sich nicht
+einen so gesegneten Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das
+ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa
+mit dem Spiegel beim Fenster saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete.
+Und ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie schon die ganze
+Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie
+vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls
+ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich
+doch, für ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu
+können, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken
+Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein großer und
+aufrichtiger Jubel darüber in Schwarzenburg.
+
+Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse mit großem Geräusch die
+Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff
+genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so
+rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun für den Grafen,
+da alle eigentlich im innersten Herzen glücklich waren, den
+launenkranken Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine Zeit los zu
+werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer
+verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt
+hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett täglich
+aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich eine behagliche Grube
+in den Strohsack gedrückt zu haben. Er seufzte und schimpfte ärger als
+ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so
+beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei überwachte er doch
+genau jegliches Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines
+Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte,
+ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rüstete sich überhaupt aufs
+allerbeste für die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für die
+Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und
+Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit für
+Regenwetter und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine Reisedecke,
+bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn ja leider kein Diener auf dem
+Pilgerzuge begleiten könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm
+wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den
+der Graf für sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide,
+und einen Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen
+Italiens schütze. Dann geschah eines Tages das Unerhörte, daß der dicke
+Ritter, auf die Schulter seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem
+Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im
+Schloßsaale landete.
+
+Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß sie den Grafen in Empfang
+nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung,
+hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das
+Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der
+unglückliche Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die
+Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, daß vor einem großen
+Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und
+ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend,
+so daß sie sich auch von rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren
+Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen
+Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur daß er groß war und fest
+an der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte ihr gleich den Saal
+vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so
+stand sie still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da sie nun der
+Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich
+derb mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle
+Kanne Weins überlief.
+
+»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er dann, »mit einem solchen
+eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!«
+
+Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an,
+die jetzt, seit sie ihren Spiegel besaß, immer einen glücklichen Glanz
+hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte,
+die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu großen Hut in den
+Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein
+Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser
+zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mußte einen
+ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann
+seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer
+Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor
+Bewunderung über ihren Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den
+steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. Und als sie im Tale
+angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine
+Trompetenfanfare ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war es, als ob in
+diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer zusammenflössen, die
+Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstieß.
+
+Weil er ja geheilt zurückkehren würde ....
+
+
+IV.
+
+So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit seiner schönen Begleiterin,
+des Weges.
+
+Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger Mann, als daß er die
+Begleitung der Jungfrau als ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm
+sie vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht Dankenswertes
+hin, indem er den Arm des Mädchens weidlich als Stütze ausnützte, jede
+Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger Geselle
+blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute
+Ursache eines tiefen Seufzers für ihn, jede Speise, die ihm in den
+schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten
+Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den ersten Tagen gar
+nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust
+zu frönen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune
+ihre müden Glieder auf das Lager streckte, während ihr dicker Herr und
+Gebieter das beste Bett des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es
+ihr zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit herzlicher Lust
+zu sehen, wie ihr Blondhaar länger wurde und sich zärtlich um ihre
+Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden
+und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war überall,
+wo sie hinkamen, ein großes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der
+melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hören, was für ein
+herrliches Mädchen er sich auf die Reise mitgenommen habe.
+
+Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, ohne daß er sie einer
+Überlegung für wert hielt, da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe
+geschwunden war und er nur immer an sein Unglück und sein Leid denken
+mußte; höchstens, daß er ein pfiffiges Gesicht machte, wenn ihn die
+Leute ob seines Geschmackes einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm
+wohltat, als ein so überaus feiner und geschmackvoller Pilger angesehen
+zu werden. Denn so sehr er auch seufzte und jammerte, tat ihm die
+reichliche Bewegung im Freien doch wohl, und die Kräfte kehrten mit
+jedem Tage mehr in das Gebäude seines stattlichen Körpers wieder. Seine
+bleiche Farbe wich einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag
+immer leichter auf der runden Schulter seiner Stützerin, da er bald
+selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn er auch nicht unterließ über
+jeden Stein am Wege oder jeden Regentropfen, der ihn näßte, einen
+ordentlichen Fluch loszulassen. Die blühende Clarissa pflegte und
+betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines Glücksgefühl
+durchströmte sie dabei, daß sie einen kranken Menschen so warten dürfe
+und dieser große und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie angewiesen
+war.
+
+So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, nur daß die Flüche des
+Ritters und seine Verwünschungen ihre Schritte begleiteten. Denn er war
+gar nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu fragen oder
+nach ihren Wünschen zu forschen. Aber nach einigen Tagen hielt es
+Clarissa nicht mehr aus, so stumm neben dem traurigen Ritter
+einherzugehen, und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach
+war, zu berichten an, und der Graf ließ sie gewähren, weil ihm der Weg
+auf diese Weise minder eintönig wurde. Er vergaß dabei wohl auch etliche
+Male zu jammern und stellte sogar nach einigen Tagen, da der Redestrom
+seiner Begleiterin zu versanden anfing, Fragen, die sie in ihrer
+munteren und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam es so weit, daß
+er dem Mädchen zögernd und unwirsch sein Leben erzählte, ohne viel
+Rücksicht auf ihr Jungfrauentum, also daß sie manches hören mußte, was
+ihr die verdiente Nachtruhe mit bösen Träumen störte und sie
+nachdenklich und schreckhaft machte. Dann tröstete sie nur ein Blick in
+den Spiegel, der ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot paßte, das
+plötzlich ihre Wangen durchglühte, und wie seltsam ihre Augen
+aufleuchteten und die Lippen sich schürzten, wenn sie an die Reden des
+kranken Ritters dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr über
+den Rücken herabflutete, in goldschimmernde Flechten drehen und
+vergnügte sich nun lange damit, sie in verschiedenen Windungen um den
+Kopf zu legen, Bänder und Blumen hineinzuordnen und ihrem breitrandigen
+Pilgerhute alle erdenklichen abenteuerlichen Formen zu geben, je nach
+ihrer Stimmung, hoffnungsvoll geschwungen oder kühn auf die Seite
+gedrückt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer war sie von neuem von
+ihrem Anblick entzückt. Bei Tage aber wanderten sie tapfer dem Süden zu
+und waren schon mitten in den Tälern der Alpen angelangt, als ihr eines
+Tages der Ritter erkrankte.
+
+
+V.
+
+Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel,
+sondern bloß die Ausbrüche seines Schmerzes und seiner Verstimmung über
+sein Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen Schreck
+darüber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen
+Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein
+wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also daß er sie
+in der Nacht an sein Lager rufen ließ. Er lag stöhnend und jammernd in
+seinem Bette und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß dies
+nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben
+müsse. Er zerriß das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor
+Wut und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt habe, um ihn
+elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn
+sicher vergiftet, so brenne es in den Gedärmen und so rasende Schmerzen
+empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die
+erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung
+hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener Märtyrer er
+sei.
+
+Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte
+nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brüllenden
+Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich über
+ihn, leise mit ihren Fingern über seine Stirn streichelnd, und der
+Mantel war ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. So
+stand sie da in ihrer Schönheit, die Fluten ihres goldenen Haares
+jauchzten über ihren schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden
+Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das groblinnene Hemde.
+
+So beugte sie sich über den Grafen, der zum ersten Male seit langen,
+langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes
+Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als
+daß er darum weniger gestöhnt hätte, er wälzte sich vielmehr nur um so
+ungebärdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und
+Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens von seinem
+Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte,
+weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid
+neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer
+Seelenangst inbrünstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe,
+herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit
+sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich in den Sinn, und
+weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkräftiges
+erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter
+ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile.
+
+Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurückkehren sah und sie
+ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und
+Herzensreinheit, da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er
+glaubte, daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit
+aller Wucht auf den Boden, daß er in hundert Stücke zersplitterte; dann
+aber, als ob er seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf sein
+Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein.
+
+Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war
+ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche.
+Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien
+es ihr, als stünde draußen die Mutter Gottes, genau so schön und
+lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten
+Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen
+Blicke ansähe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das
+Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still
+und zufrieden schlafen sah, auf den Fußboden neben sein Lager hin und
+schlummerte bis in den Morgen.
+
+
+VI.
+
+Am nächsten Tage, als der Ritter morgens früher als seine schöne
+Begleiterin aufwachte, war ihm viel, viel wohler, als er sich
+eingestehen wollte. Und das erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel,
+war nicht sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, wie
+sie sich über ihn gebeugt und seine Stirn gestreichelt hatte. Er sah das
+volle Blondhaar um ihren schönen Nacken fluten und die milden Hügel des
+Busenansatzes über dem sittsam geknüpften Hemde und schloß gleich
+wiederum als ein Schlemmer und Feinschmecker aus früheren Zeiten die
+Lider, um sich in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er dann
+die Augen wieder öffnete und die Maid auf dem Boden daliegen sah, den
+rechten Arm unter dem schönen Haupte, wie sie mit halb geöffneten Lippen
+friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen auf die
+Schläferin und ward nicht satt, sie zu betrachten. Kaum aber, daß
+Clarissa die Augen aufschlug, als hätten die Blicke des Grafen sie
+geweckt, da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, beiseite,
+die Augen schließend und Schlaf heuchelnd, bis er endlich mit einem
+tiefen Seufzer erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen Tag
+begrüßte. Nicht ein Auge habe er die ganze Nacht geschlossen, log er
+gleich in seiner alten Weise, wenn er auch vielleicht scheinbar den
+Eindruck eines Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich eben zu
+fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, wenn nur die Schmerzen ein
+wenig erträglich seien. Clarissa natürlich, sagte er giftig, sei da auf
+der Erde gelegen und habe geschnarcht wie eine Säge durch Querholz, daß
+er schon deshalb nicht hätte einschlummern können; und schon schrie er
+nach seinem Morgenimbiß, da ihm sonst sein Magen verbrenne.
+
+Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel um sich gezogen, dann
+brachte sie dem Ritter sein Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben
+zusammen und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie barg sie dort in ihr
+armes Tüchlein wie eine kostbare Habe, ohne auch nur die geringste Lust
+zu verspüren, in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. Denn es war ihr
+so seltsam im Herzen seit dieser Nacht, daß sie immerfort an den Grafen
+und seinen Schmerz denken mußte, mit einem tiefen, herzinnigen Mitleid
+und einem traurigen Gefühle darüber, daß er so barsch ihre Hand
+weggestoßen hatte; und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder
+ihre Hand auf seine Stirn legen zu dürfen. So machte sie sich rasch
+fertig und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, um ihn
+zu pflegen, wenn er ihrer bedürfe.
+
+Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre Handreichungen hin wie
+etwas Selbstverständliches und war um so rauher, als er eine seltsame
+innere Nötigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen und hätscheln zu
+lassen. Und je inniger und liebevoller sie sich seiner annahm, desto
+unebener und schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die nur dann
+glücklich sind, wenn sie quälen können. Im Herzen aber hatte er nur den
+einen Wunsch, daß bald wieder Nacht werden möge, damit er wieder
+Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern und die
+Lieblichkeit ihres Leibes beschauen könne. Indessen lag er im Bette, aß
+und trank wie ein Gesunder, freilich, wie er sagte, ohne Hunger und
+Bedürfnis, nur um recht bald wieder aufbrechen zu können.
+
+So war langsam Abend geworden und Clarissa hatte gefragt, ob sie sich
+neben ihn auf den Boden legen solle. Da war sie aber schlecht
+angekommen. Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer trollen,
+er wolle heute schlafen und da könne er ihr Schnarchen nicht brauchen.
+Er drehte sich der Wand zu und schwieg hartnäckig auf alle ihre Fragen,
+so daß sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und sich leise aus dem
+Zimmer davonschlich.
+
+Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte und seufzte und konnte
+lange keinen Schlummer finden.
+
+
+VII.
+
+Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tür
+gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter
+wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht
+ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll
+herzlichen Mitleids in das Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser
+Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens
+schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wütender
+im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes
+Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in uneingestandener
+Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen können und
+nur wünschte, sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, mit
+aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich über sein Lager beugen.
+Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das
+Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und
+er war ordentlich wütend darüber, daß sie seinem geheimen Wunsche nicht
+nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den
+ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an
+die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu
+streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen.
+
+Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun über
+den Armen, ihm die Stirn berührend. Er ließ sich das auch heute
+gefallen, nur daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des Schmerzes
+sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor
+Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil
+sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm sein Leiden so gar nicht
+abnehmen konnte. Sie strich ihm milde über das Haar und sprach zu ihm
+mit zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, das sie in den
+Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufstöhnte und mit klappernden
+Zähnen jammerte, daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu
+ihm und breitete ihren Mantel über seine Bettdecke. Er aber umarmte sie
+wie in schrecklicher Angst und drückte sie heiß und fest an seine
+wogende Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie in ihrer
+jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er
+auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte
+und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und großes Glück und
+das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in
+diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war,
+durchströmte sie, daß sie die Augen schließen mußte und sich den
+Umarmungen des Ritters willenlos ergab.
+
+Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer
+schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der
+Arm des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte der Pilgerin.
+
+Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst über die
+Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr
+zumute, dann aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen stürzten
+aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie war
+glücklich, daß der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in
+die Augen schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in
+ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee,
+versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser
+Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglöcklein
+des Glückes herüberläutete, und im Gefühle der glühendsten Scham, aber
+ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem
+Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie
+sich und betete, daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen
+und zugunsten des Ritters verwenden möge, damit er endlich von seinem
+schweren Siechtum und seiner Melancholie erlöst werde.
+
+Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer Ermattung aufgewacht und
+dämmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem
+Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem großen Stolze
+hin, daß er sein Stücklein so gut durchgeführt hatte, und träumte schon
+wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen
+Jahre nur ein böser Schabernack gewesen wären und alle Damen noch
+dasäßen und warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebesnot
+erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner
+Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen
+Morgenimbiß zu bringen.
+
+Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wäre, so hätte er vor
+Glückseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun
+mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengruß über die
+bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen
+und sie war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, daß die
+Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten
+und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich
+aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt
+geworden, daß er ein großes Jammern anhob und ein über das andere Mal
+ausrief, daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte
+gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen
+sollen. Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das habe der
+verfluchte Medikus so fein eingefädelt und der Teufel habe ihm dabei
+geholfen.
+
+Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus
+gesund fühlte, wirklich schlecht und empörend in seiner Selbstsucht und
+Lust, andere zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese
+Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert und verlor völlig
+ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glückseligkeit hatte sie den ganzen
+Morgen über vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf das
+Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit dem Grafen vor den Papst
+zu treten. Sie fiel ihm zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß
+ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. Der traurige Ritter
+aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das
+Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört und
+unglücklich aus dem Zimmer davonwankte.
+
+
+VIII.
+
+Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie
+sich unter ihr Bett und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben
+ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter
+und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande
+gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß sie vor dem
+Altar kniete und heiß und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem
+Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, mit
+seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, die aus einem kindlich
+geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte
+tröstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu
+ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters
+Heilung verwirkt hätte.
+
+»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd
+und Mutter, neige dich meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen
+Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile den armen Grafen, nimm
+mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich
+armselig und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen
+könnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die
+ich dir weihe, denn sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.«
+
+Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu
+Füßen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten
+aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor
+Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie
+verhüllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden
+Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den
+Tränen erschüttert, endete sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige
+mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich stürbe so
+gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!«
+
+»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter
+Gottes. Denn sie lächelte mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und
+sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne
+emporzuschauen, aus der Kapelle.
+
+Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem
+Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fügte es die
+trostreiche Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel,
+in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gütige Madonna selbst saß
+bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen
+Sünderin und hatte das Tüchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht,
+vielleicht weil sie den Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die
+gute Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als der Ritter
+wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus
+schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der
+schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging
+mit dem Päcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter
+aufzusuchen.
+
+Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer
+eintrat, donnerte er ihr schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie
+sich schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein Mitleid mit seinem
+Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lästerworte hinzu, da ihn
+schon wieder die Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna
+vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen
+angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also:
+
+»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du mich in der
+selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise gekränkt und beleidigt hast,
+bist du wirklich also verstockt und böse, daß dir die Scham nicht die
+Stimme verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich
+stützte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest,
+nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um
+meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du
+mich von dir jagen, anstatt mir die Füße zu küssen und um meine Gnade zu
+bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, daß ich
+dir beistehe in deiner unmännlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du
+Abscheulicher!«
+
+Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos
+über diese Kühnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur
+untertänig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wütend war
+er, als er sie so dreist sprechen hörte. Dann aber lachte er böse auf
+und wollte aus dem Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr
+Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken,
+das den Ritter bedeckte, aufhob, schüttete sie die hundert Scherben auf
+sein Lager, daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper verstreut
+waren und er wie in einer Dornenhecke lag, daß ihn jegliche Bewegung
+verletzen mußte, so daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte
+sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen hätte und rührte
+sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze
+Maid, die ihn gebändigt hatte.
+
+So gern nun diese auch gelacht hätte, da der verdutzte melancholische
+Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen
+Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng
+und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise
+ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager
+gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, falls er ihren
+Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war für diesen
+selbstherrischen und gewalttätigen Mann, der durch Jahre hindurch seine
+Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, daß die anderen vielleicht
+auch einen Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem
+Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rühren zu
+dürfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor
+ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz aus seinen Augen wich
+allmählich der Verwunderung, dann einem ängstlichen Staunen und
+wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm wurde
+und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der
+Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern ihn gleich rüttelte, wenn er ihr
+unachtsam schien.
+
+So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je
+gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich
+geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten
+Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz
+elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem
+Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich
+eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung
+aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei
+der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr
+schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das
+ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen,
+da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er
+die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er
+nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er
+verbrochen hatte.
+
+So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse
+Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er
+ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette
+auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen
+ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie
+ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und
+achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen
+Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein
+Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen
+rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung
+erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!«
+
+Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer
+zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die
+Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke,
+da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat.
+So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und
+wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten
+Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen
+wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie
+erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen
+Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und
+seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde
+liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen
+Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du
+wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch
+meine reine und echte Liebe verschönt sein!«
+
+Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und
+erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe.
+
+Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das
+Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die
+Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager
+zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar
+ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat.
+
+Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen
+Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, -- nachdem sie sich
+in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt
+hatten, -- um nach Schwarzenburg heimzuwandern.
+
+»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf
+sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.
+
+»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, und, da eine Lerche
+sich vor ihnen tirillierend in die Lüfte schwang, da war es ihm, als ob
+seine Seele auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten
+Sängerin seinen Gruß zu:
+
+ »Tandarada, Tandarada!
+ Welch ein Wunder mir doch geschah!«
+
+Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen!
+
+ * * * * *
+
+Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu
+und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht böse:
+ich weiß keinen Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der -- Gott sei bei
+uns! --, wie sich der Böse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat!
+Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch
+gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, daß ich, nur um
+euch einen Schluß zu dieser Legende berichten zu können, mit ihm hätte
+sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gnädig!
+
+Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Gräfin Clarissa von
+Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen
+Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes
+weihte, hängen zwei Bilder, von _einer_ Künstlerhand gemalt und beide
+berühmt ob ihrer Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute:
+die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hält und sich holdselig und
+lächelnd in dem Glase betrachtet....
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Von =Hugo Salus= erschienen bisher:
+
+
+=Novellen des Lyrikers.= Dritte Auflage. Egon Fleischel & Co., Berlin.
+
+=Gedichte.= Zweite Auflage. Albert Langen, München.
+
+=Neue Gedichte.= Albert Langen, München.
+
+=Reigen.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.
+
+=Ehefrühling.= Fünftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck von Heinrich
+Vogeler-Worpswede. Eugen Diederichs, Leipzig.
+
+=Susanna im Bade.= Buchschmuck von Wilhelm Scholz. Albert Langen,
+München.
+
+=Christa.= Ein Evangelium der Schönheit. Buchschmuck von Emil Orlik.
+Zweite Auflage. Wiener Verlag.
+
+=Ernte.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.
+
+=Neue Garben.= Gedichte. Albert Langen, München.
+
+ * * * * *
+
+
+Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 35
+
+
+Novellen des Lyrikers
+
+von
+
+Hugo Salus
+
+Preis geh. M. 2.--; geb. M. 3.--
+
+
+=Aus den Besprechungen=
+
+=Dresdner Anzeiger:= Mit dem Begriff Novelle im klassischen Sinne, im
+Geiste Maupassants etwa, darf man freilich nicht an diese überaus zarten
+Stimmungsbilder herantreten. Das Improvisierte, bisweilen Skizzenhafte
+des Rahmens, in dem uns ein Eindruck, subjektiv empfunden, lyrisch
+ausgesponnen, entgegentritt, ist von dem Greifbaren, ja Plastischen, das
+der Epiker geben will, himmelweit verschieden. Das aber gerade macht das
+ganze Freie, Urpersönliche des Verfassers aus, der ja nirgends den
+Lyriker verleugnen will, und dem epische Versuche im herkömmlichen Sinne
+gar nicht gelingen. Durch die lyrische Stimmung, die er in den besten
+Stücken ganz einheitlich festzuhalten weiß, durch eigenen Ton, der so
+gar nichts literarisch Gewolltes, oder gar Konventionelles hat, schlägt
+er uns in Bann. Es kommt Salus gar nicht auf die äußeren Geschehnisse,
+sondern auf das innere Erleben an. Ganz wundervoll ist das einem echten
+Dichtergemüt entsprungene Märchen: »Wo kommen die Kinder her?«
+
+=Hamburger Nachrichten:= Einen besseren Titel hätte der Dichter seiner
+Novellen-Sammlung nicht geben können, denn aus jeder seiner Erzählungen
+spricht so unverkennbar der Lyriker, der zartbesaitete Gefühlsmensch,
+dem alles, was er sieht, viel weniger in realer Gestalt als vom Hauch
+der Poesie verklärt erscheint, daß man oft Verse und nicht Prosa zu
+lesen glaubt. Wenn man auch in manchen Dingen anders -- nüchterner und
+deshalb vielleicht klarer -- urteilt als Hugo Salus, immer achtet und
+schätzt man den feinsinnigen Poeten, dessen Bilder in wohltuender
+Reinheit vor uns erstehn, dessen Sprache den Stoff meistert und ihn
+beschwingt.
+
+=Heimgarten, Graz:= Seltsame kleine Geschichten eines wahren Dichters
+in der feinen rhythmischen Sprache, an die uns Salus in seiner Lyrik
+bereits gewöhnt hat. Aus unscheinbaren, den profanen Blicken meist
+wertlosen Dingen und Geschehnissen erträumt sich seine Muse ihre
+wunderlichen Abenteuer und gestaltet sie zu kleinen Novellen, die man
+allerdings nicht »spannende Geschichten« nennen kann im landläufigen
+Sinn, die aber feineren Lesern ein willkommener Genuß sein werden in
+ihrer tiefen Symbolik und ihrem demütigen Gefühl für die Wunder des
+Lebens.
+
+=Das Literarische Echo:= Der Lyriker, der uns diesmal Novellen
+darbietet, hat einmal in seinem ersten Versbuche ein sehr sinniges und
+schönes Sonett geschrieben, das nunmehr verleugnet ist. Damals sagt er:
+
+ Zu schmal ist meines Dichterhauses Schwelle,
+ Die Tür zu niedrig. Des Gewandes Falten
+ Muß selbst die Lyrik eng zusammenhalten
+ Will sie besuchen mich, die sonnighelle.
+
+ Doch für mein Ideal, für die Novelle,
+ Ist schon die Tür zu eng. -- -- --
+
+Nun hat sie dennoch Eingang gefunden. Wenn man will, durch ein
+Hinterpförtchen, denn unter den schematischen Begriff der Epik lassen
+sich die zarten, duftigen Geschichten nicht so leicht einfügen, weil sie
+Bilder und Träume, spinnwebfeine Fabeleien und verlockende Plaudereien
+sind -- Novellen des Lyrikers und nicht Novellen schlechthin. Der epische
+Kothurn fehlt; Salus sitzt nicht am Vorlesetisch, sondern näher, viel
+näher. Ein anheimelndes Gefühl, eine liebliche und vertrauliche Art
+liegt in der persönlichen Diktion -- gleichsam als säße man
+freundschaftlich mit zusammengerückten Stühlen um einen Tisch, und
+einer, irgend einer, aber ein Kluger und Feiner, begänne mit einem Male
+eine Geschichte zu erzählen mitten in eine Plauderei hinein oder in ein
+Schweigen.
+
+Jene schöne Mühelosigkeit, die das leichte und doch so geschickt
+gesponnene Gefüge von Salus Weisen uns lieb und wert macht, verleiht
+diesen Geschichten eine unliterarische, würzige Frische, eine
+Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das Absichtsvolle, das ja in jeder
+belletristischen Schöpfung fühlbar wird, möglichst unterdrückt.... Nicht
+einen Neuen gewinnt man mit diesem Buche lieb, sondern den lyrischen
+Fabulanten, den klugen, geschmackvollen und feinsinnigen Dichter des
+Lebens, Hugo Salus, der selbst in der kleinsten Facette das Bild der
+großen Kräfte zu spiegeln weiß.
+
+=Die Zeit:= In dem neuen Buche von Hugo Salus haben mich die
+Titelnovelle und »Das Register« entzückt. Die erste Novelle sollte die
+dramatisch bewegte Geschichte einer verratenen Frauenseele werden. Salus
+hatte die feste Absicht, es auf der »ehrenwerten Landstraße der Sprache,
+die auch einmal zwischen Kornfeldern und Kartoffeläckern dahinführt,« zu
+versuchen. Doch er ist Lyriker, und -- »man ist nicht ungestraft zwanzig
+Jahre seines Lebens Lyriker, bloß Lyriker!« Er schweift von der
+ehrenwerten Landstraße immer ab, in »Blumengärten und feierlich
+rauschende Haine«, die Stimmungen lenken ihn ab, das Singen der Worte
+verführt ihn. Eine »echte, epische Novelle«, eine ordentliche Geschichte
+wird's eben nicht. Aber in diesem Bekenntnis liegt so viel Feinheit und
+eine so liebenswürdige Ironie, in diesem spielerischen Vortrag ein so
+lebendiger und biegsamer Geist, daß ich die »Novellen des Lyrikers« für
+ein Kabinettstückchen der Prosa halte. Über den Titel freilich und
+besonders über den bestimmten Artikel darin ließe sich streiten. Die
+Storm, Keller und Meyer waren bekanntlich auch Lyriker, und auf der
+»ehrenwerten Landstraße« der Sprache haben sie dennoch mit viel
+Vergnügen und großem Erfolg getrabt. Es mag ihnen ja manchmal schwer
+geworden sein, die Zügel etwas straffer anzuziehen, aber sie haben es
+verstanden. Und schließlich versteht es auch -- Hugo Salus selbst, wie
+»Der Handschuh«, »Der Becher der Mensane« und »Der Toast« beweisen. Nur
+weiß er, daß ihn alle Welt als den Sänger kennt, durch dessen Lieder die
+Sehnsucht mit prinzessinnenhafter Grandezza schreitet und aus dessen
+Versen Amoretten kichern. Darum glaube ich, daß er den Titel aus einer
+gewissen Koketterie hingeschrieben hat, wenn diese auch nicht frei von
+Wehmut ist. Als künstlerisches Eingeständnis kommt mir die erste Novelle
+jedenfalls ungemein interessant vor. Und nun möchte ich schnell über all
+die hübschen Stücke, die jedem etwas bringen, über all die ergreifenden
+Liebesgeschichten, phantastischen und sinnigen Erklärungen, übermütigen
+Nordseebilder und glückseligen Italienfahrten, zu der kleinen reizenden
+Novelle »Das Register« eilen. (Folgt Inhalt.) -- Es ist ja nur ein
+zierlicher Einfall, dieses Geschichtchen. Aber mit der Kunst eines
+echten -- Lyrikers erzählt. Bei dem närrischen, sentimentalen und
+liebreizenden Dialog der beiden Mädchen mußte ich an die
+Mädchengestalten denken, die Klimt auf seinem Schubert-Bild gemalt hat.
+
+=Die Zukunft:= Die Leute, die zu tun haben, wenn andere dichten,
+streiten sich jetzt weidlich herum, ob diese »Novellen des Lyrikers«
+auch wirklich »Novellen« sind oder nicht. Sollte man's heutzutage noch
+für möglich halten? So hängt uns also noch immer das Zöpfchen hinten und
+Schablonisieren und Kategorisieren ist noch immer die Seele von Tantchen
+Kritik? Salus hat doch deutlich gesagt, daß er »Novellen eines Lyrikers«
+geschrieben hat, und dieser famose Titel kann wohl allenfalls eine neue
+Richtung für Prosawerke schaffen, schließt aber doch von vornherein jede
+Taxierung und jeden Vergleich aus. Zum Glück ist man bei Bezopften und
+Unbezopften so ziemlich darüber einig, daß es sich hier um wahrhaftige
+Kunstwerke handelt, ob sie nun das Novellenpatent besitzen oder nicht.
+Eigentümlich ist diesen seinen Ich-Geschichten, die so persönlich
+anmuten, daß sie wie aus einem großangelegten Tagebuch herausgeschnitten
+scheinen, ihre Entwickelung aus dem Symbol. Dichterseelen sind
+hellsehend und für Salus sind die seltsamen Zusammenhänge zwischen den
+Dingen und ihren Wirkungen, zwischen dem Stoff und dem Geist eine
+märchenreiche Domäne, in der seine starke Phantasie sich -- fast möchte
+man sagen: »mit Behagen« -- ergeht. Das ist es auch, was diesen
+Dichtungen in Prosa ihre besondere Tiefe und Nachwirkung verleiht: Salus
+fabuliert in einem Lande, das nicht auf der Oberfläche der Empfindungen
+liegt; man muß gewillt sein, ihm ins Symbolische und oft auch bis ins
+Mystische zu folgen. Das gilt allerdings nicht von allen Stücken seines
+Buches; bei manchen herrscht scharfe Deutlichkeit und die Erzählung
+fließt sicher dahin wie ein wohleingedämmtes Bächlein. Bei anderen
+Stücken aber tritt die Symbolik in ihr Recht, der Phantasie des Lesers
+(wenn er eine hat) ist dann ein wohltuender Spielraum geboten, und er
+kann auch gewissermaßen (wenn er's kann) ein bißchen mitdichten. In
+dieser intensiven Mitbeschäftigung des Lesers liegt dann die dauernde
+künstlerische Nachwirkung.
+
+Eine Schwalbe, die in den Rachen eines hölzernen Todes fliegt, als
+dieser eben, als Spielzeug einer Turmuhr, zum Stundenschlag die
+Kinnladen öffnet, und die nun im Innern des Todes gefangen bleibt, bis
+die nächste Stunde sie wieder befreit: ein prächtiges Gleichnis für eine
+am Leben irrgewordene, verzweifelte Jünglingsseele, die eine Stunde lang
+den Schauern der Vernichtung preisgegeben ist, bis sie, mit
+neugewonnenem Lebensmut, wieder dem Licht und der Freiheit
+entgegenfliegt. In dieser Erzählung von der Schwalbe (und nicht in
+dieser allein) kommt Salus unserem lieben Meister Gottfried Keller in
+wunderliche Nähe. Noch bezeichnender für den Erzähler Salus ist wohl
+aber die feine und seltsame Geschichte »Hände«, in der sich uns ganz
+neue Empfindungsgebiete erschließen. Zu einem Sterbenden wird in der
+Nacht der Arzt und der Priester gerufen; und nun stehen beide an seinem
+Lager und jeder tut das Seine. Da bricht der Mond mit gespenstischem
+Leuchten durch das Fenster und nun reden die salbenden Hände des
+Priesters, die forschenden Hände des Arztes und die stillen, vergehenden
+Hände des Sterbenden im fahlen Mondlicht eine tief ergreifende Sprache.
+Drei einander fremde und ferne Welten, drei ungeheure Reiche aus dem
+Weltall der menschlichen Seele berühren sich in diesen Händen. Solches
+Hervorzaubern großer Ausklänge aus alltäglichen Geschehnissen ist für
+Salus sehr charakteristisch. Die tiefen Wirkungen dieser von der
+Frömmigkeit eines wahren Dichters verklärten Erzählungen entschleiern
+sich freilich eher einem naiv empfänglichen Gemüt als einem kritischen
+Kopf.
+
+=Leipziger Tageblatt:= Mag er der großen und kleinen Kinder Frage: _»Wo
+kommen die Kinder her?«_ beantworten oder von der jungen _»Schwalbe«_
+erzählen, die im Rachen der Turmuhr verschwindet und dabei zur
+Offenbarung für ihn wird, oder in _»Der Becher der Mensane«_ ein Märlein
+aus der Landsknechtszeit dichten, in _»Toast«_ tiefstes Frauenleid
+offenbaren, in _»Hände«_ eine sinnige Betrachtung über der Menschen
+Sterben geben und in _»Das Symbol des Lebens«_ ein Bild von hinreißender
+Schönheit und Tiefe, immer überwiegt das Lyrische, immer taucht der
+Erzähler seine Figuren und Geschehnisse in den Glanz und den Schimmer
+der Poesie. Aber der Leser darf dessen schon zufrieden sein, denn der
+auf diese Weise von dem Buche ausgehende Stimmungsreiz ist ein ganz
+außerordentlicher, und einen ebenso großen Genuß gewährt die
+künstlerisch ausgearbeitete, vornehme Sprache. Und als Drittes kommen
+das Licht und die Wärme der Darstellung in Betracht: die jauchzende
+Frohlaune in _»Seebad«_, die tiefe Innigkeit in den schon erwähnten
+Novellen »Wo kommen die Kinder her?« und »Das Symbol des Lebens«;
+empfängliche Gemüter werden davon bis in die Tiefe der Seele gepackt
+werden und sich nur schwer von dem Buche losreißen können.
+
+=Nord und Süd= (Breslau): (Inhalt.) Wir dürfen nach solchem Wurf mit
+hohen Erwartungen den weiteren Prosaschöpfungen des Prager Poeten
+entgegensehen, dessen Persönlichkeit in ihrer echten Vornehmheit,
+sympathischen Liebenswürdigkeit und inneren Reinheit eine doppelt
+erfreuliche Erscheinung ist in einer Zeit, da selbst begabte Frauen --
+bei denen wir Männer anfragen müßten, was sich ziemt -- wüste
+Dirnenlieder zu singen keine Scheu tragen.
+
+=Westermanns Monatshefte= (Berlin): Manchmal sagt ein einziger Buchtitel
+zur Charakteristik einer Literatur- oder Geschmacksrichtung mehr als
+lange Untersuchungen und Abhandlungen. Wie mit Zauberschlag erleuchtet
+er ein ganzes Gebiet, das für das kritische Auge bisher im Dunkeln
+schwamm, das weder rechte Form noch rechte Farbe zu haben schien. Das
+war der Fall, als der Prager Schriftsteller _Hugo Salus_ vor kurzem eine
+Sammlung kürzerer Erzählungen unter dem Titel: Novellen des Lyrikers
+erscheinen ließ. -- Auf einmal wußte man, was eins der entscheidendsten,
+wenn nicht _das_ Kennzeichen der jungösterreichischen Novellistik ist:
+der starke lyrische Einschlag, der allen ihren Geweben eigen. Arthur
+Schnitzler, J. J. David, Hugo Salus, Felix Salten, Karl Federn, Emil
+Ertl -- sie alle verleugnen selbst da, wo sie, wie David in seinem
+»Übergang«, modern-naturalistische Stoffe ergreifen, die starke lyrische
+Ader nicht, die ihrem künstlerischen Organismus erst das Blut zuführt.
+Fast überall taucht Salus seine kleinen und großen Handlungen in Glanz
+und Schimmer, gibt in Prosa aufgelöste Rhythmen und hebt die Welt seiner
+Menschen mit zärtlichen Armen über das Alltägliche hinaus. Stoffe und
+Schauplätze der Salusschen Novellen sind so verschieden wie möglich: ein
+zartes, sinniges Märchen, das Kindern den Ursprung der Kinder mit
+naturwissenschaftlicher Wahrheitsliebe und doch feinem Herzenstakt
+deutet, steht neben einer geschehnisfrohen, in toller, überschäumender
+Lebenslust schwelgenden Landsknechtgeschichte; eine Landschaftsstudie
+vom Strande von Westerland steht neben einer kleinen Novelle, die ganz
+durchglüht ist von der sehnsuchtsvollen Freude an Italien, neben einem
+Stück Selbstbiographie, das ein Bild aus dem modernen Prag zeichnet,
+damit zugleich aber tief in die Geschehnisse einer menschlichen Seele
+hinableuchtet. Doch nirgends ist es eigentlich das Was, fast überall ist
+es das künstlerische Wie, das den Leser anzieht und fesselt, wie der
+Dichter selbst sich augenscheinlich weit mehr von den Worten und Tönen,
+von den Farben und Formen, von den Bildern und Symbolen als von der
+sachlichen Handlung und dem Fluß des äußeren Geschehens hat ergreifen
+lassen. Freunden romanhafter Ereignisse sind die »Novellen des Lyrikers«
+deshalb weniger zu empfehlen als artistischen Feinschmeckern und
+Liebhabern erlesener Kleinkünste.
+
+_Dr. Friedrich Düsel._
+
+ * * * * *
+
+Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen. Die Liste der bisher vom Autor erschienenen Bücher wurde
+zur Verlagswerbung ans Buchende verschoben.
+
+p 059: Kapitelnummer hinzugefügt: I
+p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse
+p 084: Anführungszeichen ergänzt: ... sie ist eine Palma!«
+p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers
+p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen
+p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem
+p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter
+p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt
+p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen
+p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken
+p 228: von dem Bildern -> den
+p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first
+edition copy. The table below lists all corrections applied to the
+original text. The list of other books published by the author was moved
+to the end of the book next to the other advertisements.
+
+p 059: added chapter number: I
+p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse
+p 084: added closing quotes: ... sie ist eine Palma!«
+p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers
+p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen
+p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem
+p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter
+p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt
+p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen
+p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken
+p 228: von dem Bildern -> den
+p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER ***
+
+***** This file should be named 17130-8.txt or 17130-8.zip *****
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+ The Project Gutenberg eBook of Das Blaue Fenster, by Hugo Salus.
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+The Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Das blaue Fenster
+ Novellen
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+Author: Hugo Salus
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+Release Date: November 22, 2005 [EBook #17130]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
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+<caption>Inhalt</caption>
+<tr><td /><td align="right">Seite</td></tr>
+<tr><td><a href="#Pieta">Piet&agrave;</a></td>
+<td align="right">1</td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Raecher">Der R&auml;cher</a></td>
+<td align="right">57</td></tr>
+<tr><td><a href="#Das_Meerweibchen">Das Meerweibchen</a></td>
+<td align="right">115</td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Spiegel">Der Spiegel</a></td>
+<td align="right">173</td></tr>
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+<h2 class="novelle"><a name="Pieta" id="Pieta"></a>Piet&agrave;</h2>
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+
+<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a>
+Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer
+etwas Vertr&auml;umtes; es ist so, als h&auml;tten die
+H&auml;user der Menschen, deren Heiligtum es war, das
+Kirchlein verlassen, so da&szlig; es nun ganz allein zur&uuml;ckgeblieben
+ist, bis die B&auml;ume des Waldes an seine
+Mauern hinanwuchsen; oder als w&auml;re es, einsamkeitss&uuml;chtig
+und der Welt &uuml;berdr&uuml;ssig vom Tale heraufgeflogen,
+um f&uuml;rder recht als ein Einsiedel hoch
+oben im gr&uuml;nen, stillen Forste zu tr&auml;umen.</p>
+
+<p>In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfr&ouml;mmigkeit
+und der M&auml;rchenzauber des Wanderers
+etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem Heiligtume
+ehrlich und wundergl&auml;ubig wie ein Kind.</p>
+
+<p>Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames
+Kirchlein mitten im Hochwalde gefunden; es sah etwa
+wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich aber seltsam
+genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte:
+so da&szlig; es gleich den Anschein weckte, als w&auml;re an
+einen alten Wartturm sp&auml;ter die Kapelle angebaut
+worden. Ich war durch den sch&ouml;nen Wald wie immer
+in dem Gef&uuml;hle gegangen, durch einen Dom zu
+<a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a>
+schreiten, so da&szlig; ich l&auml;chelnd nunmehr das kleine Gotteshaus
+mitten in der Heiligkeit des Domes gewahrte.
+Die T&uuml;r der Kapelle war leicht ge&ouml;ffnet und das
+Innere des Kirchleins hell und freundlich. Ich legte
+meinen Wanderhut auf eine der wenigen B&auml;nke und
+ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand
+sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte
+Grabmal eines adeligen Fr&auml;uleins, und ihre Gestalt
+war aus dem Sandstein herausgemei&szlig;elt, so da&szlig;
+sie mit gefalteten H&auml;nden wie in ihrem Sarge da auf
+der Erde lag. Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein,
+der durch das Fenster der gegen&uuml;berliegenden
+Wand hereinleuchtete, aber seltsam bl&auml;ulich schimmernd,
+so da&szlig; ich den Strahl gleich zu dem Fenster
+zur&uuml;ckverfolgte und dort mitten in dem Fenster eine
+blaue Glasscheibe gewahrte, von einem so tiefen und
+satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da
+schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch
+einmal an, ich beugte mich dar&uuml;ber, aber so, da&szlig; der
+bl&auml;uliche Schimmer nicht verdeckt wurde, und blickte
+nun in ein zartes, leidverkl&auml;rtes Antlitz von einer
+solchen Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich
+erk&auml;mpften Frieden, da&szlig; ich auf das innigste ergriffen
+ward. Schlicht gescheiteltes Haar umrahmte die ein<a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a>gesunkenen
+Schl&auml;fen, die Augen w&ouml;lbten die zarten
+Lider wie gro&szlig;e Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte
+Nase ragte zwischen den eingefallenen, verh&auml;rmten
+Wangen umso ausgepr&auml;gter empor, aber das Wunder
+war doch der schmale und beinahe l&auml;chelnde Mund,
+um den ein Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie
+sie der Tod nur solchen Lippen l&auml;&szlig;t, die viel, unendlich
+viel gelitten haben.</p>
+
+<p>Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing
+wohl tr&auml;umend die blauen Strahlen mit meinen H&auml;nden
+auf und go&szlig; sie dann wieder &uuml;ber das bleiche
+Totengesicht und las aus den s&uuml;&szlig;herben Z&uuml;gen ihre
+Geschichte.</p>
+
+<p>Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier
+in meinem Zimmer wie ein Wunder, da&szlig; weit von
+hier, hoch in den W&auml;ldern droben, ein Kirchlein steht
+und da&szlig; dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die
+Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten
+und wohl noch jahrhundertelang, ein Angesicht
+voll Leid und erk&auml;mpftem Frieden.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Meilenweit, h&uuml;gelauf, h&uuml;gelab Tannenwald um
+das wei&szlig;e Schlo&szlig;. Die T&auml;ler hinab bis an die
+<a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>Meierh&ouml;fe und kleinen D&ouml;rfer, die Berglehnen hinan
+und &uuml;ber die Bergr&uuml;cken rauschender oder heiligstiller
+Forst mit sturmerprobten B&auml;umen bestanden; oben
+von dem einsamen Rundturme mit seinem spitzigen
+Dachh&uuml;tlein schweift der Blick wie &uuml;ber ein gro&szlig;welliges
+Meer &uuml;ber die hellgr&uuml;nen Baumkronen in der N&auml;he,
+&uuml;ber die schon ferneren dunkelgr&uuml;nen Wipfelfelder,
+&uuml;ber das bl&auml;uliche Gr&uuml;n der Forste am Horizonte,
+die wie breite Moosfl&auml;chen sich an den runden Himmelsrand
+schmiegen. Und dr&uuml;ber &uuml;ber dem besonnten
+und doch so dunklen Gr&uuml;n schwebt auf breiten Schwingen
+ein Adler oder wiegt sich wohlig ein Edelfalke.
+Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein,
+der mit seinen f&uuml;nfzig Jahren m&auml;chtig und eigensinnig
+in seinem Schlosse sitzt und doch schon ein Greis
+sein sollte, so viele Pfade und Steige hat die Sorge
+und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein
+gar lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem F&uuml;rsten
+sitzen durfte und dessen Schimmel gleich hinter des
+Kaisers Rappen in das Geschirr sch&auml;umte, wenn sie
+pr&auml;chtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine
+edle F&uuml;rstentochter zum Gatten erw&auml;hlt, und sie hatten
+ein gl&uuml;ckliches Jahr in dem wei&szlig;en Schlosse verlebt
+und der Forst hatte Ja und Amen dazu gerauscht:
+<a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>bis die Tochter Berta geboren ward, ein gl&uuml;ckliches
+Ereignis und doch allen Elends Anfang. Denn die
+junge Mutter verfiel in eine schwere, hitzige Krankheit,
+aus der ihr Leib genas, indes ihr Gem&uuml;t verwirrt
+blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder
+genesen sollte.</p>
+
+<p>Sie sa&szlig; die erste Zeit nach ihrer Krankheit tr&uuml;bselig
+auf ihrem Lager, auf ihre entstellten, schlaffen
+Br&uuml;ste niederstarrend oder im Spiegel die verlorene
+Frische ihrer Wangen suchend, als k&ouml;nnte ihre Sch&ouml;nheit
+unm&ouml;glich wiederkehren: so tiefe Runen hatten
+die Schmerzen der Geburt und die Leiden ihres Siechtums
+in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht geschrieben.
+Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter
+dem Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und
+wollte sich um keinen Preis zeigen: so h&auml;&szlig;lich schien
+sie sich, so zerst&ouml;rt deuchte sie ihr Liebesgl&uuml;ck, so abscheulich
+ihr K&ouml;rper und ihr Antlitz, da&szlig; sie immer
+wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen
+bei sch&ouml;neren Frauen stillen. Und einmal
+ward sie von der Amme &uuml;berrascht, da sie sich eben
+&uuml;ber die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden,
+rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den S&auml;ugling
+in die H&ouml;he hob, wohl um ihn an der Wand
+<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>zu zerschmettern. Da war ihr die starke Bauernmagd
+noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das
+Kind gerettet. Die Gr&auml;fin aber wurde von dem
+Tage an in einen fernen Teil des Schlosses gebracht
+und dort wohl bewacht, da&szlig; sie nicht mehr zum Kinde
+kommen konnte.</p>
+
+<p>Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre
+ihres Lebens dahin mit der W&auml;rterin und sp&auml;terhin
+mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr bedurfte,
+tr&uuml;bselig vor sich hinstarrend und immer seltener
+in einen jener f&uuml;rchterlichen Wutausbr&uuml;che verfallend,
+daraus sie noch elender und siecher hervorging.</p>
+
+<p>So da&szlig; die mutterlose Berta eine traurige und
+liebeleere Kindheit vertr&auml;umte.</p>
+
+<p>Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate
+in inniger, liebreicher Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl
+betreut, da er jeden Morgen von neuem gehofft
+hatte, der b&ouml;se Schleier, der sich um ihr Gem&uuml;t
+gelegt hatte, m&uuml;sse sich endlich heben und die
+Augen der Gr&auml;fin wieder klar, heiter und warm zu
+ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um
+Woche verging, aus den Augen der Kranken starrte
+ihn ein schreckhaftes Nichterkennen, eine b&ouml;se Angst
+<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst so sch&ouml;nen,
+blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er
+aus ihren d&uuml;steren Augensternen zur&uuml;ckkehrte; so da&szlig;
+der Jammer mit knochigen Fingern immer fester des
+Grafen Herz umkrallte, bis da&szlig; er hoffnungslos,
+gleichg&uuml;ltig und endlich fast feindselig sich gegen sein
+Weib auflehnte und immer seltener das Gemach der
+Kranken aufsuchte.</p>
+
+<p>Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte
+ins Schlo&szlig; berufen, die in Trauerkleidern das versch&uuml;chterte
+Kind leitete und die auch das Trauerkleid
+von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll
+und zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in
+den ersten Jugendjahren war es f&uuml;r das Kind immer
+noch ein Fest, wenn die Amme einmal her&uuml;berkam
+und mit ihr sch&ouml;n tat. Denn der Vater verstand
+die holde Kunst schlecht, eines Kindes Seele zu er&ouml;ffnen
+und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein Jauchzen
+zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu
+machen und ihre Fl&uuml;gel zu l&ouml;sen vermag.</p>
+
+<p>So war das Kind zehn Jahre alt geworden und
+ein kluges, stilles und vertr&auml;umtes Kind mit den
+tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und sah
+versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr
+<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>aus Zimmern, seltsamen Menschen und Waldesrauschen
+bestand und darin ihr, ohne da&szlig; sie wu&szlig;te
+was, etwas fehlte, das ihre Augen h&auml;tte aufleuchten
+lassen. Und es war wieder einmal die Amme bei
+ihr gewesen und hatte ihr abergl&auml;ubische und wunderbare
+M&auml;rchen erz&auml;hlt bis in die D&auml;mmerung.
+Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie
+hundertmal umarmt und ihr immer wieder verstohlen
+zugefl&uuml;stert: &raquo;Ach, Amme, du bist gut!&laquo; Bis einer
+der Diener von der Gr&auml;fin dr&uuml;ben sie holte; die sei
+wieder schlimm geworden. Da war die Amme davongeeilt,
+um nach ihrer Kranken zu schauen. Und hatte
+nicht gemerkt, da&szlig; das Kind, durch das Dunkel und
+die M&auml;rchen verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine
+Liebe es der guten Amme nachdr&auml;ngte, vielleicht auch,
+weil es etwas ahnte oder f&uuml;rchtete in seinem erwachten
+Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man
+ihm verbarg, und das es entdecken wollte.</p>
+
+<p>So geschah es, da&szlig; Berta auf dem dunklen Gange
+durch die verbotene T&uuml;r schl&uuml;pfte und pl&ouml;tzlich in
+einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin eine
+gro&szlig;e Frau mit aufgel&ouml;sten Haaren schreiend und
+h&auml;nderingend umherirrte und sich dann ersch&ouml;pft auf
+die Erde hinkauerte, den Kopf jammernd zwischen
+<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr
+Haupt wieder empor und starrte pl&ouml;tzlich mit dem
+weit offenen Munde einer Maske und mit entsetzten
+Blicken zur T&uuml;re, wo das Kind zitternd stand, und
+dann stie&szlig; der starre Mund einen furchtbaren Schrei
+aus. Da hatte die Amme aber auch schon das
+Kind erblickt und hatte es schnell aus der T&uuml;r gedr&auml;ngt
+und mit einem der Diener in sein Zimmer
+geschickt.</p>
+
+<p>Es zitterte und war ganz bleich geworden, es
+hatte den Mund offen wie jene Frau dr&uuml;ben, nur
+da&szlig; es nicht schreien konnte, und endlich in den Armen
+seiner Pflegemutter l&ouml;ste sich das Entsetzen des
+Kindes, ein hei&szlig;er Tr&auml;nenquell s&auml;nftigte sein verwirrtes
+Gem&uuml;t. Und so lag Berta die ganze Nacht in
+den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach
+und die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen
+dr&uuml;ckte, als wolle sie alle b&ouml;sen Geister davon
+abhalten.</p>
+
+<p>Nach diesem Abend, der das M&auml;dchen um viele
+Jahre &auml;lter machte, wurde die kranke Gr&auml;fin mit der
+Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde
+gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine
+Stunde lang vom Schlosse emporklomm; so da&szlig; in
+<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>den folgenden N&auml;chten denen im Schlosse unten ein
+neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen
+Schlafgemach der Gr&auml;fin.</p>
+
+<p>Das Kind aber verblieb noch einige Monate im
+Schlosse. Es war sehr nachdenklich und schreckhaft
+geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und verzerrte
+das Gesicht wie in einer gro&szlig;en Angst und
+st&ouml;hnte aus seinen Tr&auml;umen. Da wu&szlig;te sich der
+Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes unheimlich
+war, nach langer Beratung mit seiner Base und
+dem Pfarrer keinen andern Rat, als sie aus dem
+Hause zu geben. Und Berta kam zu den Feldegg,
+armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei
+verwalteten und die stundenweit vom Schlosse in
+einem Tale hausten; hier verblieb Berta durch viele
+Monate.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die ersten Wochen weilte die Base bei dem M&auml;dchen.
+Dann aber fuhr sie von dannen, da sie sah,
+wie wohl die neue Umgebung und die G&uuml;te der
+Meiersleute auf das Gem&uuml;t des Kindes wirkten. Die
+waren brave Menschen, denen von ihren Kindern nur
+ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa vierzehn
+<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>Jahre z&auml;hlen mochte, und sie freuten sich &uuml;ber die
+Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen
+zu d&uuml;rfen; was ihnen in ihrer bedr&auml;ngten Lage
+gewi&szlig; zum Vorteile gereichen mu&szlig;te. Sie waren einst
+selbst wohlbeg&uuml;tert gewesen, aber durch Wettersch&auml;den,
+allerlei Krankheiten und Ungl&uuml;ck heruntergekommen,
+so da&szlig; sie gern ein Lehen des Grafen empfingen.</p>
+
+<p>Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter,
+des armen Grafenkindes mit all der &uuml;bersch&uuml;ssigen
+Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern zugedacht
+war; und sie verh&auml;tschelte und verz&auml;rtelte das Kind,
+das anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn
+die brave Rittersfrau wu&szlig;te wohl um das traurige
+Geschick des mutterlosen Kindes und empfand es in
+ihrem frommen Gem&uuml;te als eine himmlische Gnade,
+da&szlig; sie es nun pflegen und ihm die Mutter ersetzen
+d&uuml;rfe. Und ihrem Leon hatte sie in einer jener f&uuml;rs
+ganze Leben unverge&szlig;lichen Stunden, da Herz zu
+Herzen spricht, erkl&auml;rt, wie ungl&uuml;cklich Berta trotz
+ihres Ranges und Reichtums sei, da sie ohne Mutter
+lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als Antwort
+und Beweis, da&szlig; er sie verstanden habe, die
+Mutter weinend und wortlos umarmt und immer
+<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>wieder an sich gedr&uuml;ckt und ihr dann geschworen, er
+wolle die junge Gr&auml;fin wie ein Ritter sch&uuml;tzen.</p>
+
+<p>Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war
+schlank und wohlgebildet und hatte jene pagenhafte
+Art, die Knaben von seiner Art die gr&ouml;beren Altersgenossen
+fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen
+und Raunen lieben l&auml;&szlig;t; so da&szlig; mit vierzehn Jahren
+viel mehr Dichter in den Landen herumtr&auml;umen, als
+das Leben sp&auml;ter zul&auml;&szlig;t. Er betrachtete das Grafenkind
+mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt
+hatte und weil sie des Grafen Kind war. Und
+er freute sich, da&szlig; sie in seinen M&auml;rchen so gut die
+traurige Prinzessin oder verlassene K&ouml;nigin vorstellen
+konnte, die auf ihren Ritter wartet.</p>
+
+<p>Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn
+sie in den Wald gingen, gesittet wie bei Hofe, und
+lauschte seinen Worten, denn er wu&szlig;te gar manches,
+was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten
+Waldesschatten sitzend, erz&auml;hlten sie einander von
+ihrem Leben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will einmal was Gro&szlig;es werden,&laquo; sagte er,
+&raquo;der Vater m&ouml;chte mich zu einem Soldaten machen,
+aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder ein
+ber&uuml;hmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt.
+<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>Und die Mutter, meine liebe Mutter&laquo; ..... da unterbrach
+er sich aber, denn er hatte einen fl&uuml;chtigen Blick
+auf Berta getan und nun schwieg er betroffen still.
+Die zwei gro&szlig;en, blauen Augen neben den seinigen
+taten ihm leid, sie waren so traurig, und pl&ouml;tzlich
+schlang er den Arm um die Schultern seiner Gespielin:
+&raquo;Du mu&szlig;t immer bei uns bleiben, bei uns
+ist es sch&ouml;n und, wenn ich ins Kloster komme, um
+zu lernen, mu&szlig;t du an meiner Statt bei der &#8211; bei
+dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer
+kehre ich dann immer wieder zu euch heim und dann
+wollen wir mitsammen in den Wald gehen und ich
+will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?&laquo; fragte
+er in der eindringlichen Art von Kindern.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich will,&laquo; sagte sie. &raquo;Aber du mu&szlig;t auch
+einmal zu uns aufs Schlo&szlig; kommen.&laquo; Dabei r&uuml;ckte
+sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte
+ihre Stimme und fl&uuml;sterte ihm ins Ohr: &raquo;Und dann
+mu&szlig;t du &uuml;ber den dunklen Gang in das hohe Zimmer
+gehen, wo die arme traurige Frau ist, und mu&szlig;t
+ihr sagen, sie d&uuml;rfe nicht so traurig sein und solle mit
+uns kommen! Willst du, willst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine Mutter,&laquo; sagte Leon geheimnisvoll und
+stolz, da&szlig; er um das Geheimnis wu&szlig;te. &raquo;Ist das
+<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>meine Mutter?&laquo; brachten die bleichen Lippen Bertas
+m&uuml;hsam hervor. &raquo;Ich habe keine Mutter! Wenn sie
+meine Mutter ist, die arme, erschrockene Frau dr&uuml;ben,
+warum lassen sie mich nicht zu ihr? Warum hat sie
+die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich erblickte?&laquo;
+Und sie streckte die H&auml;nde weit von sich
+und machte das entsetzte Larvengesicht wie damals,
+da sie bei der Kranken gewesen war.</p>
+
+<p>Darauf wu&szlig;te der Knabe aber keine Antwort,
+und sie sa&szlig;en eng umschlungen unter dem alten
+Baume, und sie weinte, w&auml;hrend der Knabe die von
+Tr&auml;nen Ersch&uuml;tterte nur immer an sich hielt und
+streichelte.</p>
+
+<p>&raquo;Mutter,&laquo; fragte Leon in der D&auml;mmerung, da
+sie allein miteinander waren, &raquo;Mutter, sprich, warum
+wei&szlig; Berta nicht, da&szlig; die kranke Frau in dem gro&szlig;en
+Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint
+sie und glaubt, da&szlig; sie keine Mutter habe?&laquo;</p>
+
+<p>Da stand die Mutter auf und holte Berta und
+sagte ihr mild und sanft, da&szlig; jene bleiche Frau im
+Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe Mutter,
+nur da&szlig; sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor
+ihre Augen gesenkt, so da&szlig; sie weder den Grafen,
+noch auch ihr eigenes geliebtes Kind sehen k&ouml;nne und
+<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>immer nach ihnen begehre und sie herbei w&uuml;nsche.
+Wenn dann der Graf zu ihr k&auml;me und liebreich zu
+ihr spreche, dann glaube sie ihm nicht, und kein Arzt
+habe sie bisher heilen k&ouml;nnen. Aber einmal werde
+gewi&szlig; der gro&szlig;e Arzt kommen, der sie erl&ouml;sen und
+heilen werde!</p>
+
+<p>&raquo;Und der werde ich sein,&laquo; sagte der Knabe.</p>
+
+<p>&raquo;Du nicht, du wahrhaftig nicht,&laquo; sprach erschrocken
+die Mutter, &raquo;an dich habe ich bei diesen Worten nicht
+gedacht, so sei Gott meiner Seele gn&auml;dig und beh&uuml;te
+dich!&laquo; Und sie bekreuzte den Knaben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen
+und Berta gl&uuml;cklich,&laquo; trotzte der Knabe. &raquo;Und darum
+will ich im Kloster flei&szlig;ig lernen und dann noch
+lernen und immer lernen, bis ich ein ber&uuml;hmter Arzt
+sein werde. Und dann will ich die Frau Gr&auml;fin
+gesund machen und Berta soll sich freuen und lachen!&laquo;
+Und er f&uuml;gte tiefsinnig hinzu: &raquo;Denn du mu&szlig;t wissen,
+Mutter, da&szlig; Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei
+uns ist, und ich habe ihr doch schon die Geschichte
+vom dummen Peter erz&auml;hlt, &uuml;ber die du selbst immer
+lachen mu&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich aber habe sie schon lachen gesehen,&laquo; sagte
+die Mutter. &raquo;In der Nacht habe ich mich mit dem
+<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt, und da
+hat sie immer, wenn das Licht &uuml;ber ihr Gesicht huschte,
+aus dem Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie
+jetzt, nicht laut, aber ihr Gesicht hat gelacht. Und
+da hat sie sicher ein sch&ouml;nes M&auml;rchen getr&auml;umt!&laquo;
+&raquo;Ja,&laquo; sagte Berta eifrig, &raquo;und Leon ritt auf einem
+Pferde und es war Winter und das Pferd hatte
+Pelzschuhe an den F&uuml;&szlig;en!&laquo;</p>
+
+<p>Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme
+lachte laut mit.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Als der Herbst gekommen war und der Knabe
+von Berta Abschied nehmen sollte, da f&uuml;hrte er sie
+noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem Lieblingspl&auml;tzchen
+und sie waren beide beklommen und traurig.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast es gut, Berta,&laquo; sagte Leon, &raquo;du wirst
+den Winter &uuml;ber bei uns bleiben, ich aber mu&szlig; fort
+und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum in zwei Jahren?&laquo; fragte Berta erschrocken.</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da mu&szlig;
+ich auch &uuml;ber den Sommer im Kloster bleiben. Aber
+<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>vielleicht lassen sie mich im n&auml;chsten Jahre noch heim
+und behalten mich erst &uuml;bers Jahr im Kloster.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will aber nicht, da&szlig; du wegbleibst!&laquo; sagte
+Berta fast zornig, &raquo;und wenn ich es meinem Vater
+sage, so wird er es den Klosterleuten verbieten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis dahin hast du mich l&auml;ngst vergessen,&laquo; meinte
+der Knabe, &raquo;was liegt dir denn an mir!&laquo;</p>
+
+<p>Da schaute ihn das M&auml;dchen mit einem langen,
+vorwurfsvollen Blicke an und es mu&szlig;te ihr sehr nahe
+gehen, denn langsam &uuml;berzogen sich ihre Augen mit
+einem feuchten Schimmer und der ward zu Tr&auml;nen,
+die gro&szlig; und schwer &uuml;ber ihre Lider sickerten. Und
+sie konnte nichts sagen, kein W&ouml;rtlein, weil ihre Lippen
+so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben
+ihr und wu&szlig;te auch nichts Gescheiteres zu tun und
+weinte auch. Und dann gingen die beiden Hand in
+Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; nur die Mutter nichts sieht!&laquo; sagte Leon.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; nur die Mutter nichts merkt!&laquo; schluchzte
+Berta. Und es war ihnen, als ob nun ein schweres
+Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide noch
+enger aneinander kette, und wu&szlig;ten doch nicht, was
+sie getan hatten. Und als Leon am n&auml;chsten Tage
+davonfuhr, da hob er, als die Mutter unter dem Tore
+<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>just wegschaute, die zum Beten gefalteten H&auml;nde gegen
+Berta und sie nickte ihm voll Einverst&auml;ndnisses zu,
+obgleich sie beide nicht wu&szlig;ten, was Geheimnisvolles
+sie damit ausdr&uuml;cken wollten.</p>
+
+<p>Und der Wagen verschwand im Walde.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt
+hatten. Als Leon im n&auml;chsten Jahre nach Hause
+fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale unten
+friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast
+schmerzlich bei dem Gedanken, da&szlig; er nun Berta wiedersehen
+werde, nach der er sich das ganze Jahr so sehr
+gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die
+Worte: &raquo;Liebe, liebe Mutter, wie sehn&#8217; ich mich nach
+dir! Du liebe, liebe ....&laquo; und schon sprachen die
+Lippen auch weiter &#8211; &raquo;liebe, kleine Berta, wie wirst
+du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!&laquo;</p>
+
+<p>Dann aber erschrak er &uuml;ber den Verrat seiner
+Lippen und schlo&szlig; die Augen, um recht innig an die
+Mutter zu denken und jeden andern Gedanken zu
+verscheuchen. Aber er mu&szlig;te zwischendurch manchmal
+Berta sagen, oder er kehrte das Wort um und sagte
+Atreb vor sich hin in spielerischer Knabenart, Atreb
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen Geschichte
+w&auml;ren!</p>
+
+<p>Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher
+hatte durch Peitschenknall die Hofleute benachrichtigt,
+und da stand der Vater und lachte in den Sonnenschein
+und die Mutter lief ihrem Buben entgegen.
+Nur Berta fehlte.</p>
+
+<p>Und dann lag Leon in den Armen der Mutter
+und bekam vom Vater den Ku&szlig;, der ihn von dem
+ernsten, z&auml;rtlichkeitskargen Manne immer so erregte,
+und mu&szlig;te viel erz&auml;hlen und berichten, und dann
+ging er an Mutters Hand durch die Zimmer und
+St&auml;lle und Wirtschaftsr&auml;ume und erfuhr alles Neue,
+das sich auf dem Hofe begeben hatte.</p>
+
+<p>In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm
+er sich ein Herz und fragte: &raquo;Was ist denn auf dem
+Schlosse Neues? Lebt die Gr&auml;fin noch?&laquo;</p>
+
+<p>Da huschte ein L&auml;cheln &uuml;ber Mutters Gesicht und
+sie antwortete mild und legte dabei ihre Hand auf
+Leons Haupt: &raquo;Berta kommt heuer nicht zu uns, sie
+ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo
+sie einige Jahre bleiben soll, um Sitte und h&ouml;fische
+Art zu lernen. Und die Gr&auml;fin lebt in dem Turme
+im Walde und ist nicht gesund geworden.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und
+die Mutter merkte wohl, da&szlig; eine Hoffnung in seinem
+Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine zuckenden
+Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie dr&uuml;ckte
+des Knaben Haupt w&auml;rmer an sich und sprach: &raquo;Die
+arme Gr&auml;fin!&laquo; Als glaubte sie, da&szlig; den Knaben
+das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte.</p>
+
+<p>Und dann kam Leon wieder ins Kloster und
+wurde Chorknabe und im Jahre darauf verfiel er
+in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam
+erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt,
+als er das Kloster verlie&szlig;, um nach Italien zu ziehen
+und dort in den tiefen Schacht der Wissenschaft
+hinabzusteigen.</p>
+
+<p>Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause
+und die Augen seiner Eltern blickten besorgt auf das
+bleiche Gesicht des schlanken J&uuml;nglings und f&uuml;rchteten
+sich vor der Trennung.</p>
+
+<p>Die Pflicht erforderte es, da&szlig; Leon sich erst dem
+F&ouml;rderer seiner Studien, dem Grafen, vorstelle und
+ihn um weitere Gnade anflehe.</p>
+
+<p>Und so ritt er denn eines Morgens langsam den
+Talweg dahin, nicht wie ein Soldat, der er h&auml;tte
+werden sollen, sondern recht als ein Scholare, m&uuml;de
+<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>auf dem Pferde sitzend und dem R&ouml;&szlig;lein ganz die
+Wahl der Gangart &uuml;berlassend; so da&szlig; die Sonne
+schon recht im Sinken war, als er das wei&szlig;e Schlo&szlig;
+Eberstein erreichte.</p>
+
+<p>&raquo;Ist der gn&auml;dige Herr Graf daheim?&laquo; fragte er
+den Pf&ouml;rtner am Burgtore.</p>
+
+<p>&raquo;Der komme abends heim! Aber die Gr&auml;fin
+Berta sei zu Hause, ob der Ritter nicht der sein Anliegen
+vorbringen wolle?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn mich die Gr&auml;fin gn&auml;dig anh&ouml;ren mag?&laquo;
+sagten da seine Lippen. Aber sein Herz war wieder
+ganz kindisch geworden und eine dem&uuml;tige Angst
+qu&auml;lte es. Denn er hatte doch oft in den letzten
+Jahren an jenen Sommer gedacht, und die Erinnerung
+war ihm lieb und innigwert geblieben.
+&raquo;Und meldet einen ehrerbietigen Gru&szlig; des Ritters
+Leon Feldegg von der Meierei im Tale, ob sich die
+Gr&auml;fin seiner noch erinnern mag?&laquo;</p>
+
+<p>Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen
+h&auml;tte! Das tat es seit der Krankheit immer, wenn
+er erregt war. Und jetzt hatte es doch wirklich keine
+Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war.
+Die Kindertr&auml;ume pa&szlig;ten doch wahrhaftig nicht mehr
+in sein gelehrtes Haupt. Ob sie wohl noch der Wochen
+<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>in der Meierei gedenken m&ouml;chte! Und er sah Berta
+neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster
+gefahren war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht
+ihm zuwinken. Da kam aber auch schon der
+Pf&ouml;rtner und f&uuml;hrte ihn ins Schlo&szlig;, wo ihn die
+junge Gr&auml;fin erwarte.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Sie trat ihm an der Schwelle des gro&szlig;en Zimmers
+entgegen, darin sonst ihr Vater seine Gesch&auml;fte
+zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem Gange
+und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich
+tief verneigt hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber
+sah er gegen die Helle des Zimmers eine gro&szlig;e M&auml;dchengestalt
+und h&ouml;rte eine holde Stimme: &raquo;Tretet ein
+zu mir, Ritter Leon!&laquo;, die ihm wie ein Orgelton durch
+die Seele ging. Und nun er hinter ihr in den hohen
+Saal eintrat, umfing sein Blick verwundert und ungl&auml;ubig
+ihre schlanke, edle Gestalt, und er err&ouml;tete,
+da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte
+W&ouml;lbung streifte, weil es ihm ein Wunder schien, da&szlig;
+die Jungfrau das Kind von damals sein sollte. Und
+ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken.</p>
+
+<p>Dann standen sie einander gegen&uuml;ber und sahen
+<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>einander an. Er stammelte einige verlorene Worte
+von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie ihm
+die H&auml;nde entgegenstreckte und ihn herzlich begr&uuml;&szlig;te.
+Sie erinnerte sich seiner so gut aus jener Kinderzeit,
+wenn er freilich indessen auch ein Gelehrter geworden
+sei, der an ernstere Dinge denken m&uuml;sse als an jene
+Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen
+Stimme und so vollendet und &uuml;berlegen, da&szlig; Leon,
+verwirrt und erstaunt, seiner Worte nicht m&auml;chtig war
+und endlich mit w&auml;rmerer Betonung, als der Sitte
+entsprechen mochte, erz&auml;hlte, wie oft er jener Zeit gedacht
+und wie er bei jedem: Ave Maria, Mutter ....,
+aber da stockte er, denn er hatte sagen wollen, da&szlig;
+er bei seiner R&uuml;ckkehr ins Kloster damals als Knabe
+sich vorgenommen habe, beim Worte &#8250;Mutter&#8249; im
+Vaterunser immer an Bertas Mutter zu denken, und
+da&szlig; er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit beibehalten
+habe. Nun erschrak er, da ihm dies Gest&auml;ndnis
+entfliehen wollte, er wurde rot und sein Herz
+fing wiederum zu zerren an, da&szlig; er tief atmen mu&szlig;te,
+um es zu meistern.</p>
+
+<p>Gr&auml;fin Berta hatte ihn rot und bleich werden
+sehen, und, fast ohne da&szlig; sie es wu&szlig;te, trat sie ganz
+nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er auch im<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>mer
+wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater
+ergehe, und ob die liebe Frau Anna noch so munter
+sei. Da konnte er denn viel und freudig berichten,
+wenngleich es ihn bedr&auml;ngte, da&szlig; er nicht nach Bertas
+Mutter im Turme oben fragen solle.</p>
+
+<p>Und dann sagte er unvermittelt: &raquo;Ich will mir
+jetzt von Eurem gn&auml;digen Herrn Vater die Erlaubnis
+erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu gehen,
+die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt
+zu werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,&laquo;
+sagte Berta. Dann schwiegen sie eine Weile still,
+pl&ouml;tzlich f&uuml;llten schwere Tr&auml;nen Bertas Augen und
+mit zuckenden Lippen sprach sie: &raquo;Ich danke Euch!&laquo;</p>
+
+<p>Und als ob die Tr&auml;nen auch gleich ihr ganzes
+Leid vor ihre Seele br&auml;chten, fuhr sie fort: &raquo;Leon,
+Ihr wi&szlig;t ja nicht, wie ungl&uuml;cklich ich bin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gr&auml;fin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr ungl&uuml;cklich?!
+Und ich denke Euch in Stolz und Gl&uuml;ck! Was qu&auml;lt
+euch, Berta, liebe Gr&auml;fin Berta, sagt mir, was macht
+Euch ungl&uuml;cklich?&laquo;</p>
+
+<p>Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing
+die Bebende auf: &raquo;Wenn ich Euch helfen k&ouml;nnte!
+Meine arme, liebe ...&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll
+Angst und sahen hilflos und hilfesuchend in die Augen
+Leons: &raquo;Wer k&ouml;nnte mir helfen! Ich schreie nach
+Mitleid, nach ein wenig Mitleid und G&uuml;te und man
+gibt mir kaltes Geschmeide und leere Worte und
+Kleider. Ich bin ungl&uuml;cklich!&laquo; Und die Augen mit
+den H&auml;nden bedeckend: &raquo;Ungl&uuml;cklich!&laquo;</p>
+
+<p>Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander
+gedr&auml;ngten K&ouml;rpern wie in einer Versenkung
+die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten, und
+das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben
+Leon, sie f&uuml;hlten, da&szlig; sie aufeinander all die
+Jahre gewartet hatten. Und er sprach in ihr abenddunkles
+Haar, das seine Lippen ber&uuml;hrten, immer die
+gleichen Worte des Mitleids: &raquo;O du mein armes,
+liebes Liebes!&laquo;</p>
+
+<p>Sie k&auml;mpfte mit den Tr&auml;nen, die sie ersch&uuml;tterten,
+und suchte ein Wort und konnte keines finden, das
+ihre Lippen erschlossen h&auml;tte, so fest dr&uuml;ckte das Leid
+sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort gefunden
+und schrie es aus ihrer Seele empor: &raquo;Mitleid!
+Nur ein Tr&auml;nentr&ouml;pflein Mitleid!&laquo;</p>
+
+<p>Da f&uuml;hrte er die Erregte zu dem breiten Stuhle,
+wohl des Grafen Sitz, wenn er die Verwalter oder
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>Bauern verh&ouml;rte, und lie&szlig; sie sanft niedergleiten. Er
+kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf
+sie ein. Und sprach so still und sanft, da&szlig; sie pl&ouml;tzlich
+die Stimme seiner Mutter nach langen Jahren
+h&ouml;rte und da&szlig; ihr Herz sich beruhigte.</p>
+
+<p>&raquo;Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, da&szlig;
+ich &uuml;ber Eure Rettung sinne?&laquo; fragte er. &raquo;Wann
+kann ich Euch wiedersehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenl&auml;uten!&laquo;
+sagte sie.</p>
+
+<p>Und dann erhoben sie sich, sie standen einander
+gegen&uuml;ber Hand in Hand und ihre Augen ruhten
+lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen
+und wu&szlig;ten doch, da&szlig; sie einander alles, alles gesagt
+hatten......</p>
+
+<p>Und Leon war es, als er dann allein in dem
+Saale auf den Grafen wartete, als ob die W&auml;nde
+ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen,
+und er hatte keinen andern Gedanken und h&ouml;rte entz&uuml;ckt
+auf diese einfache Melodie.</p>
+
+<p>Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als
+der sch&uuml;chterne Scholare, er sprach offen und frei
+mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhie&szlig; ihm
+auch f&uuml;rder Schutz und Unterst&uuml;tzung.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>Das R&ouml;&szlig;lein aber wunderte sich, als Leon in den
+Abend hinein heimritt, wie sich der Ritter so ver&auml;ndert
+hatte. Und wenn es auch nicht verstand, was
+er mit den Worten &#8250;mein R&ouml;&szlig;lein in Pelzstiefeln!&#8249;
+meinte, so mu&szlig;te es doch etwas Liebes sein, denn
+dann streichelte der Ritter ihm gar z&auml;rtlich den Hals.
+Und seine Gl&ouml;cklein klangen hell durch die Stille.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Als Leon nachts heimgekommen war, da war
+sein Herz so voll Hoffnung, weil das holde, schlanke
+M&auml;dchen sich ihm so warm vertraut hatte, da&szlig; der
+jugendliche Stolz &uuml;ber den Empfang ihrer Liebe ihn
+fast jubeln machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf
+Tropfen, Leid in seinen Becher, Leid &uuml;ber das unbekannte
+Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele
+erzittern lie&szlig;, innigstes Mitleid mit der Geliebten, da&szlig;
+er die Stunde des Wiedersehens nicht so sehr aus
+Sehnsucht nach dem Angesicht seiner Erw&auml;hlten herbeiw&uuml;nschte,
+als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu
+sagen, ihre H&auml;nde zu streicheln und ihres Leides Ursache
+zu erfahren, um ihr beizustehen. Denn der
+Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer
+sein, was sie so schmerzlich erregte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen
+Weg zum runden Turm hinan, der &uuml;ber die Tannen
+emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel,
+wand die Z&uuml;gel um einen Stamm und schaute zum
+Turm empor, der auf dem Gipfel des Berges Wache
+stand und weit ins Land hinausblickte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel Elend du birgst,&laquo; sagte Leon halblaut
+vor sich hin, &raquo;Elend f&uuml;r deine Bewohnerin und
+tieferes Leid f&uuml;r das arme M&auml;dchen, das so w&uuml;rdig
+w&auml;re, gl&uuml;cklich zu sein und ihre sch&ouml;nen Augen von
+deiner H&ouml;he &uuml;ber ihres Vaters Land schweifen zu
+lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Dann trat er zwischen den B&auml;umen hervor und
+setzte sich auf die Steinbank, die, aus seinen Quadern
+gebildet, den Turm umgriff und mit Moos &uuml;berwachsen
+war. Dort unten sah er das wei&szlig;e Schlo&szlig;
+und in jenem Tale dr&uuml;ben mu&szlig;te seiner Eltern Haus
+stehen; aber er konnte es nicht finden. Und von
+fernher schwang sich der Abendglocke Klang &uuml;ber die
+Wipfel, da&szlig; er fromm seine H&auml;nde faltete. Und als
+er &raquo;Ave Maria, Mutter ....&laquo; sagte, da h&ouml;rte er
+den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und half
+Berta aus dem Sattel.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du so allein durch den Forst geritten?&laquo;
+<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>fragte er besorgt. Und sie f&uuml;hlten gar nicht, da&szlig; sie
+einander von jetzt ab wieder du sagten; so innig
+hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht
+und so ununterbrochen im Herzen zueinander
+gesprochen.</p>
+
+<p>&raquo;Wen sollte ich f&uuml;rchten? Wer viel innerlich Leids
+erlebt, lacht der sichtbaren Gefahren!&laquo; Und als f&uuml;hlte
+sie den Wert jedes Augenblickes, als fahre sie in einer
+oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie sich
+jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie d&auml;mpfte den
+Laut ihrer Stimme nicht, sie loderte ihm z&uuml;ngelnd
+entgegen: &raquo;Meine Mutter ist mir mehr als gestorben,
+wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet!
+Und mein Vater, h&ouml;re, Leon, mein Vater ha&szlig;t mich,
+ich bin ihm zu viel, ich hindere ihn, wenn er sich auch
+durch mich wenig hindern l&auml;&szlig;t. Du guter Leon, wenn
+du w&uuml;&szlig;test, wie unendlich viel Schmach und Schimpf
+ich dulden mu&szlig;, wie oft ich mich in meiner Mutter
+fr&uuml;heres Krankengemach fl&uuml;chte vor den Blicken der,
+der ..&laquo; ihr Mund str&auml;ubte sich, das Wort zu sagen
+&#8211; &raquo;der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat,
+die im Tore stand an seiner Seite, da ich mit meiner
+Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte heimkehrte, die
+von meiner Mutter in Worten spricht, da&szlig; ich vor
+<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>Leid vergehen m&ouml;chte, indes der Vater seinen Humpen
+schwingt und ihr zulacht! Leon, ich ziehe mit dir, ich
+ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie k&ouml;nnte ich denn
+jetzt allein hier weiter leben!&laquo;</p>
+
+<p>Sie schwieg ersch&ouml;pft und ihre tiefen, blauen Augen
+blickten sehns&uuml;chtig und hoffend zu ihm empor. Da
+h&ouml;rte sie von seinen stummen, zuckenden Lippen ungesprochene
+Worte in ihr Ohr klingen, Worte der
+Liebe und des Mitleids, und sie l&auml;chelte gl&uuml;ckselig,
+da sein Mund sich auf den ihren senkte.</p>
+
+<p>Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt
+auf die Bank und ihre Rede war immer das eine
+Wort &raquo;ich liebe dich&laquo; und &raquo;ich liebe dich&laquo;, und in
+ihren K&uuml;ssen war Sehnsucht und Dank und Erf&uuml;llung,
+bis sie scheiden mu&szlig;ten.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Leon hatte beim Heimreiten lange &uuml;berlegt, ob
+er der Mutter von seiner Liebe erz&auml;hlen solle; denn
+er f&uuml;hlte, da&szlig; ihr daraus viel Sorge erwachsen w&uuml;rde.
+Aber er wu&szlig;te auch, da&szlig; er allein zu schwach sei,
+eine Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon
+eben in allen den s&uuml;&szlig;en Augenblicken des Gl&uuml;ckes
+beim Turme fast st&ouml;rend der eine Gedanke gequ&auml;lt,
+<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>da&szlig; Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn h&auml;tte
+begl&uuml;cken und entz&uuml;cken sollen, sein Blut zum Sieden
+h&auml;tte bringen m&uuml;ssen, das beunruhigte ihn, das st&ouml;rte
+ihm sein Gl&uuml;ck. Die Gefahren der Reise, der Ha&szlig;
+und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach
+f&uuml;r seine Eltern und viel Unausgedachtes und
+rasch beim Aufkeimen in seiner Seele Unterdr&uuml;cktes:
+eine F&uuml;lle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen
+dr&auml;ngte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte.
+&raquo;Ich kann doch nicht wie mit einer Vagantin mit
+der Grafentochter herumziehen!&laquo; wiederholte er. Und
+so kam er zu Hause an.</p>
+
+<p>Vater war noch im Forsthause drau&szlig;en und so
+sa&szlig; er mit der Mutter allein in der Stube; und
+langsam, langsam kamen ihm die Worte von den
+Lippen, die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen
+und Sorgen.</p>
+
+<p>Die Mutter hatte sich wohl gedacht, da&szlig; Leon
+seiner Kindertr&auml;ume nicht ledig geworden sei, nun
+h&ouml;rte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne.
+Sie sann dem Geh&ouml;rten eine Weile schweigend nach,
+dann lie&szlig; sie die H&auml;nde in den Scho&szlig; fallen.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid jung und liebet euch,&laquo; sagte sie dann,
+&raquo;so m&uuml;&szlig;t ihr auch den Mut f&uuml;r eine Liebe haben!
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel Ausdauer
+brauchen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?&laquo; fragte
+Leon hastig.</p>
+
+<p>&raquo;Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort
+genug!&laquo; sagte die kluge Frau. &raquo;Sie wird nicht
+mehr davon sprechen! Aber vielleicht l&auml;&szlig;t sie ihr
+Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn
+sie nicht f&uuml;r l&auml;ngere Zeit bei uns leben kann, sie
+wird schon Wege finden, zu mir zu kommen! Und
+wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden,
+dann wird sie wohl ein Brieflein dabei finden!&laquo;</p>
+
+<p>Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre
+H&auml;nde k&uuml;&szlig;te, gef&uuml;hlt, da&szlig; er ihrer w&uuml;rdig werden
+m&uuml;sse und da&szlig; ihn diese edle Frau nicht mehr als
+Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er
+reckte sich empor, er dachte an Berta und f&uuml;hlte sich
+stark und sicher.</p>
+
+<p>Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen
+und die Mutter hatte recht gehabt. Berta
+scheute sich, auf ihre Worte beim ersten Zusammentreffen
+zur&uuml;ckzukommen, sie sprach nicht mehr davon
+und dankte im Herzen Leon, der so feinf&uuml;hlig war,
+sie nicht besch&auml;men zu wollen. Sie umarmten und
+<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>k&uuml;&szlig;ten einander beim tr&auml;nenvollen Abschied und gelobten
+sich ewige Liebe und Treue; er erz&auml;hlte ihr
+von seiner Gewohnheit beim Avel&auml;uten und sie versprachen
+einander, den Abendglocken ihre Gr&uuml;&szlig;e mitzugeben,
+da&szlig; die sie einander entgegen schw&auml;ngen.
+Und dann wandte sich Leon zum letzten Male auf
+dem Pferde um und nahm ihr letztes Schleierwinken
+in seiner &uuml;bervollen Seele mit nach Italien.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen
+Universit&auml;t bleiben wollen. Die ersten Monate hatte
+ihn die wache Erinnerung an seine Braut, wie er
+sie in seinen Zwiegespr&auml;chen mit seinem Herzen nannte,
+aufrecht erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten
+Lehrer gefunden, dem er das Leiden der kranken
+Gr&auml;fin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken
+und gr&uuml;ndliches Meditieren verursacht hatte.
+Denn er hatte den deutschen Studenten lieb gewonnen
+und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn
+endlich auch ein Arkanum f&uuml;r die Gr&auml;fin versprochen
+und dabei den einsilbigen Scholaren selbst in seine
+Kur genommen, nachdem er seinen Puls lange gepr&uuml;ft
+und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte.
+<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>Denn Leon f&uuml;hlte sich matt und schrieb dies dem
+schlaffen S&uuml;den zu, indes wohl sein Heimweh nach
+dem Norden und sein altes Herz&uuml;bel an ihm zehren
+mochten.</p>
+
+<p>Als es denn nach ein und einem halben Jahre
+wieder Fr&uuml;hling werden wollte, da kam ein unstillbares
+Dr&auml;ngen &uuml;ber ihn, da&szlig; er seinem gelehrten
+Meister erkl&auml;rte, er m&uuml;sse wieder nordw&auml;rts ziehen,
+ihm sei, als ob ein geheimer Zauber ihn heimdr&auml;nge;
+ob der verehrte Lehrer ihm nun das Mittel f&uuml;r die
+kranke Gr&auml;fin schon jetzt geben k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Da f&uuml;hrte ihn der Gelehrte in seine Studierstube
+und brachte zwischen allerlei seltsamen Kolben und
+Gef&auml;&szlig;en eine Tafel hellen Fensterglases hervor, die
+in einem Bleirahmen gefa&szlig;t war.</p>
+
+<p>&raquo;Dies Glas, das dich so unscheinbar d&uuml;nkt, nimm
+mit nach deiner Heimat. Und h&auml;nge es vor das
+Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke
+dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen,
+und ich verrate dir, es ist ein wunderbares Glas mit
+geheimen und tiefen Tugenden begabt, das die &uuml;bergro&szlig;e
+und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft
+scheinende Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden
+ziehet, und so sie lange genug durch
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und
+vielleicht Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und
+sie wird geheilt sein! Vergi&szlig; aber eines nicht, wenn
+du jetzt heimreitest. Du darfst dieses k&uuml;nstliche und
+au&szlig;erordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die
+Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das
+k&ouml;nnte sich an der zarten Komplexion seines Aufbaues
+s&uuml;ndhaft r&auml;chen, sondern mu&szlig;t es in H&auml;nden nach
+Hause bringen, da&szlig; ihm kein Leids geschehe und es
+immer an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht,
+dann wird das Glas selbst der Herold sein durch
+seine Farbe! Und nun reite heim und m&ouml;ge das heilt&uuml;chtige
+Fenster auch deinen schwachen K&ouml;rper st&auml;rken
+und kr&auml;ftigen!&laquo;</p>
+
+<p>Leon dankte seinem Meister in hei&szlig;en Worten
+und versprach ihm, so ihn hoffentlich bald wieder
+ein begl&uuml;ckteres Ziel hierher f&uuml;hre, ihm zu berichten
+und w&uuml;rdiger zu danken; wobei er ein &uuml;beraus heiteres
+Bild vor Augen hatte.</p>
+
+<p>So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer
+Reiter nach Norden. Er hielt die Glasscheibe
+in H&auml;nden vor sich hin oder st&uuml;tzte sie aufs Knie,
+wenn eine Hand den Z&uuml;gel ergreifen mu&szlig;te. Auch
+stieg er auf den beschwerlichen Alpensteigen vom
+<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>Pferde, den Z&uuml;gel um den Arm geschlungen, und
+lie&szlig; das R&ouml;&szlig;lein hinter sich hertraben, indem er wie
+eine Monstranz das Glas in H&auml;nden trug. Viele
+Wochen vergingen so, ehe er jenseits der Alpen war,
+und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat n&auml;herte.
+Und je m&uuml;der er wurde, je schm&auml;ler und dunkler
+sein Gesicht, je &ouml;fter er Halt machen mu&szlig;te, um sein
+fast versagend Herz zu beruhigen, um so hei&szlig;er ward
+seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine gro&szlig;e und
+schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht
+und Angst ihm das Bild seiner Geliebten verloren
+ging also, da&szlig; er Tage und N&auml;chte lang versuchte,
+sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande
+zu sein. Und krank und elend, mit Armen, die vom
+ewigen Halten des Heilfensters fast zu Holz verdorrt
+waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere M&uuml;digkeit
+am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens
+vor die T&auml;ler seiner Heimat.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begr&uuml;&szlig;en,
+seine geliebte Mutter zu umarmen und seinem
+lauschenden Vater von seinen Studien und dem
+wunderseltsamen Italien zu erz&auml;hlen; und gleich zu
+<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>erfahren, was auf dem Schlosse Neues sich begeben;
+denn er hatte nun viele Monde lang keinen Brief
+von Hause bekommen und wu&szlig;te nicht, ob sein Schreiben
+je in die H&auml;nde seiner Mutter und seiner Braut
+gelangt war. Als er aber in dem Tale dahinritt,
+von dem aus die Wege nach seinem Elternhause
+und dem Schlosse abzweigten, da war ein auff&auml;llig
+gro&szlig;es Leben auf der Stra&szlig;e, viele Wagen fuhren
+dahin und Edelknechte ritten an ihm vor&uuml;ber, als
+ob gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse w&auml;re.
+Da stieg er, immer von seiner gro&szlig;en Angst gepeinigt,
+vom Pferde und setzte sich an den Weg, jemanden
+zu fragen. An einen Ritter wagte er sich
+nicht, da er vom langen Reiten verstaubt und gering
+aussah, und so erbat er von einem B&auml;uerlein Bescheid,
+was Ursach das Leben auf der Stra&szlig;e habe.
+Der schaute ihn schier ungl&auml;ubig an, ob er denn
+nicht wisse, da&szlig; morgen die Hochzeit sei.</p>
+
+<p>&raquo;Die Hochzeit?&laquo; zitterten die bleichen Lippen
+Leons.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter
+unseres Grafen,&laquo; sagte gleichm&uuml;tig der Bauer und
+wollte weitererz&auml;hlen. Aber er blieb mit offenem
+Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und
+<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>die verstaubte Tafel in seinen H&auml;nden als einen Schild
+vor sich hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Berta? Berta?&laquo; schrie er dabei; und er sah so
+ver&auml;ndert und nicht von dieser Erde aus, da&szlig; dem
+Bauer angst und bange wurde und er mit gro&szlig;en
+Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem
+anderen Wanderer entgegengelaufen, er fragte auch
+ihn, was auf dem Schlosse sich begebe. Und er hatte
+kaum die Antwort geh&ouml;rt, so lief er drei Weibern
+entgegen, die mit schweren K&ouml;rben bepackt, daherhumpelten,
+und die antworteten ihm gar nicht erst und
+hielten ihn f&uuml;r trunken, weil er so seltsam schwankte,
+und riefen ihm zu, da&szlig; morgen erst Freibier auf dem
+Schlosse flie&szlig;en werde; da m&ouml;ge er sich nur f&uuml;r
+morgen seinen Saufsack ordentlich ausleeren! Leon
+aber sagte ganz geistesabwesend immer nur &raquo;meine
+Braut, meine Braut!&laquo; und &raquo;so etwas ist doch nicht
+m&ouml;glich!&laquo; und dann stieg er m&uuml;hselig auf sein Pferd
+und wollte es in einen rascheren Trab bringen; wozu
+das arme, m&uuml;de Tier aber nicht zu bewegen war.</p>
+
+<p>So sa&szlig; er auf dem Gaule, hielt das Glas in
+seinen steifen H&auml;nden und ritt auf dem Waldpfade
+gegen das Schlo&szlig;, indes die andern auf der breiten
+Stra&szlig;e blieben. Er sah nicht, da&szlig; er endlich seinen
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>seit Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte,
+er h&ouml;rte nicht das Rauschen seiner B&auml;ume, darnach
+ihn so hei&szlig; verlangt hatte, und schaute abwesend den
+Lerchen nach, die sich jubelnd in den &Auml;ther warfen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der Schlu&szlig;!&laquo; sagte er den B&auml;umen,
+und die nickten dazu, &raquo;das also ist der Schlu&szlig;!&laquo; Als
+er aber gegen Mittag das wei&szlig;e Schlo&szlig; zwischen den
+B&auml;umen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von
+selbst stehen, und da Leons Augen die wei&szlig;en Mauern
+erschauten, da war das Weh zu gro&szlig; in ihm, da
+blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark
+und er weinte, da&szlig; das Pferd sich immer wieder
+nach seinem Herrn umschaute. Der stieg denn aus
+dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und
+schluchzte in das Moos auf der Erde. Und das R&ouml;&szlig;lein
+beschnupperte seinen Herrn und verstand ihn
+nicht.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes
+L&auml;cheln war um seine Lippen, und immer wieder
+sagte er kopfsch&uuml;ttelnd: &raquo;So etwas ist doch nicht
+m&ouml;glich, das gibt es doch nur in Liedern, so die
+Burschen am Abend in den D&ouml;rfern singen:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a></p>
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,<br /></span>
+<span class="i0">Kam just der Hochzeitszug heraus,<br /></span>
+<span class="i0">Feinsliebchen unter dem Schleier.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Er sang die Strophe leise und schwerm&uuml;tig vor
+sich hin und dann lachte er laut auf. &raquo;Das also ist
+die ewige Treue, die sie mir geschworen, das ist die
+Liebe, die mich Narren st&uuml;ndlich ihrer gedenken lie&szlig;.
+Gott im Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch
+tun? Soll ich vor sie hintreten, da&szlig; sie mich h&ouml;hnt
+und fragt, wer der schmutzige Knecht sei, der es wagt,
+die Landgr&auml;fin mit sinnlosen Worten zu bel&auml;stigen?
+Und soll ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater
+mich vom Hofe peitschen l&auml;&szlig;t? Ich Narr, der ich
+ihre Augen f&uuml;r wahr nahm, ihre K&uuml;sse f&uuml;r rein! Aber
+ich mu&szlig; ihr doch sagen, da&szlig; sie eine Gauklerin ist,
+ich mu&szlig; es ihr sagen, da&szlig; ich sie erkannt habe! Und
+wenn es nur w&auml;re, da&szlig; ich ihre Hochzeit st&ouml;re, ich
+mu&szlig;, ich mu&szlig; mit ihr sprechen! Aber wie kann ich
+an sie herankommen? Wie wird sie heute unter
+ihren Brautkleidern und Hochzeitsgeschmeiden f&uuml;r mich
+zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief schicken!&laquo;
+rief er vom Boden sich erhebend, &raquo;ich schreibe ihr
+einen Brief! Da&szlig; ich das Heilmittel f&uuml;r ihre Mutter
+bringe. Ich bestelle sie zum Turme, dort will
+<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich ihr
+ins Gesicht ...&laquo;</p>
+
+<p>Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm
+er seine Schreibtafel und schrieb ihr in hastigen Worten
+von seiner R&uuml;ckkunft, wie er sich freue &#8211; Tr&auml;nen
+liefen ihm in seine Zeilen &#8211;, wie er sich freue, da&szlig;
+er noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und da&szlig;
+er f&uuml;r die Frau Gr&auml;fin das versprochene Gesundmittel
+heimgebracht habe; und er f&uuml;gte bei: denn
+ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme
+wolle er ihr das Arkanum &uuml;bergeben; er werde bis
+zum Abend dort warten.</p>
+
+<p>Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldst&uuml;ck
+funkelte ihm entgegen, das nahm er mit dem
+zusammengefalteten Briefe und schlich bis zum Tore
+des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah,
+fragte er ihn, ob er das Gold verdienen wolle. Er
+m&uuml;sse nur sogleich dies Brieflein zur Gr&auml;fin Braut
+bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft
+geheim bestellt habe. Dann, als der Diener zur&uuml;ckkam
+und sein Goldst&uuml;ck empfangen hatte, bestieg
+Leon sein Pferd, nun f&uuml;hlte er fast Freude &uuml;ber seine
+Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum
+Turme. Und er hatte die Glastafel in H&auml;nden,
+<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>ohne sie zu f&uuml;hlen, so gewohnt war er, sie zu
+halten.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn meine Mutter w&uuml;&szlig;te, da&szlig; ich nun doch
+zur rechten Zeit gekommen bin, wie w&uuml;rde sie mich
+in die Arme nehmen, wie w&uuml;rde sie mit mir weinen!&laquo;
+Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle Leidensstationen,
+die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke
+war in seinem Herzen, da&szlig; vielleicht Berta auch
+ungl&uuml;cklich sein k&ouml;nnte, da&szlig; auch sie viel gro&szlig;es Leid
+erfahren, vielleicht gr&ouml;&szlig;eres, als er ahnen konnte!
+Eine ungeheure Bitterkeit erf&uuml;llte ihn, die Besch&auml;mung
+des verschm&auml;hten Liebhabers und betrogenen
+Geliebten, er nannte sich T&ouml;lpel und leichtgl&auml;ubiger
+Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in H&auml;nden
+und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines
+Pferdes, da&szlig; ihr ja nichts geschehe. Und er sang
+mit zuckenden Lippen das Burschenlied:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,<br /></span>
+<span class="i0">Kam just der Hochzeitszug heraus,<br /></span>
+<span class="i0">Feinsliebchen unterm Schleier.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen
+Berge, als er oben beim Turme ankam. Er versorgte
+seinen Gaul und legte die Scheibe neben die Bank
+beim Turme. Er selbst sa&szlig; auf der Erde nieder
+<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>und st&uuml;tzte seinen schweren Kopf in die H&auml;nde. &raquo;Hier
+will ich warten. Ob sie wohl kommen wird? Wenn
+nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!&laquo; &#8211;
+Er hatte in der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden,
+daran kaute er nun, denn er f&uuml;hlte sich schwach
+zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit l&auml;hmte
+ihm die Glieder. &raquo;Mir ist zum Sterben,&laquo; hauchte
+er. Sein Kopf fiel auf die Bank nieder, so lag er
+da und starrte vor sich hin.........</p>
+
+<p>&#8250;Nur jetzt nicht sterben!&#8249; dachte er, &#8250;nur jetzt
+nicht! Ich mu&szlig; erst mit Berta gesprochen haben,
+o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie mich
+elend gemacht hat!&#8249;</p>
+
+<p>So sterbensmatt er sich f&uuml;hlte, so hob er sich doch
+ein wenig empor und krampfte die H&auml;nde zusammen,
+denn er dachte, da&szlig; er Berta bei den Schultern fassen,
+ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht
+schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich,
+die erschreckten, blauen Augen, die entsetzt zu ihm
+aufblickten, und er f&uuml;hlte, da&szlig; sie ihn in seiner grenzenlosen,
+hei&szlig;en Erregung bewundern und lieben
+m&uuml;sse. Und dann wollte er die Glasscheibe emporheben
+und ihr &uuml;berreichen. Mit den Worten des
+Meisters: &#8250;Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>und voll Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann
+solle er durch das Glas schauen, Monde, Monde
+lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas &uuml;bergehen
+und die Seele rein werden!&#8249; Und er wollte
+dann Berta sagen, sie m&ouml;ge das Glas ihrer Mutter
+bringen, er gebe es ihr, wie er versprochen, ob er
+gleich selber ....</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das will ich ihr nicht sagen,&laquo; st&ouml;hnte er,
+&raquo;da&szlig; sie den Triumph nicht erlebe, mich gedem&uuml;tigt
+zu sehen! Da will ich lieber vor ihren Augen die
+Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein
+Herz zerbrochen!&laquo;</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte er Pferdegewieher; er erhob sich m&uuml;de,
+m&uuml;de und mit zerrendem Herzen und da, er hob
+abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Leon,&laquo; schrie sie, &raquo;Leon, mein einziges Gl&uuml;ck auf
+Erden, meine Hoffnung und Zuversicht, Leon, mein
+Geliebter, du kommst mich retten,&laquo; und sie weinte,
+sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie dr&uuml;ckte ihn st&uuml;rmisch
+an sich, sie k&uuml;&szlig;te und liebkoste ihn, &raquo;du meine
+letzte Zuversicht, du mein einzig Geliebter, Leon, Leon,
+mein Retter!&laquo;</p>
+
+<p>Leon hing an ihrem Halse, er f&uuml;hlte, wie seine
+Beine unter ihm schwanden, er f&uuml;hlte, wie sein Herz
+<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>ihm die ganze Brust f&uuml;llte, um die Rippen zu zersprengen,
+seine Rechte schwamm durch die Luft: &raquo;Das
+ist zu viel, das verdiene ich nicht, meine Braut&laquo; .....</p>
+
+<p>Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und
+mit Schwei&szlig; bedeckt, da lie&szlig; sie seinen K&ouml;rper auf
+die Bank niedergleiten: &raquo;Um des Himmels willen,
+Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt
+nicht ......, meine Hoffnung, mein Gl&uuml;ck, Leon,
+mein Leon!&laquo;</p>
+
+<p>Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein
+Gesicht, da ward ihm leichter und endlich lispelte er
+ihr ins Ohr:</p>
+
+<p>&raquo;Das Gl&uuml;ck hat mich so schwach gemacht! O
+Berta, meine arme, liebe Braut, ich bin unw&uuml;rdig,
+erz&auml;hle mir nur rasch, was haben sie dir getan? Um
+Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih
+mir, eh es zu sp&auml;t ist!&laquo;</p>
+
+<p>Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und
+in wahnsinniger Angst, denn er keuchte wie im Fieber,
+erz&auml;hlte sie ihm, wie ihr Vater den einzigen Brief
+Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor
+den Dienern und seiner ...., vor &#8250;ihr&#8249; mit einem
+h&auml;&szlig;lichen Schimpfwort geschm&auml;ht, wie er sie verflucht
+und geschworen habe, sie solle bald auf andere Ge<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>danken
+kommen; wie sie dann gefangen gehalten
+wurde, wie sie dann in die Stadt geschleppt und dem
+jungen Landgrafen zugef&uuml;hrt worden sei und wie
+sie sicher Gift genommen h&auml;tte, wenn sie nicht immer
+noch auf seine Wiederkunft gehofft h&auml;tte: &raquo;Und jetzt
+bist du da, mein lieber, lieber Leon, und jetzt wird
+alles gut werden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles gut,&laquo; hauchte Leon. Er wollte sich m&uuml;hselig
+aufsetzen, aber er glitt fast von der Bank, da
+fa&szlig;te ihn Berta und unterst&uuml;tzte ihn, da&szlig; er an ihrer
+Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er
+wies mit der Hand auf das Glasfenster und erz&auml;hlte
+ihr mit stockenden Worten, was f&uuml;r eine Bewandtnis
+es mit dem Glase habe.</p>
+
+<p>&raquo;Mein einzig Geliebtes, meine Braut!&laquo; sagte er
+dann mit klarer Stimme, &raquo;ich habe an dir gezweifelt,
+ich habe dich ob deiner Untreue verflucht, daf&uuml;r mu&szlig;
+ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!&laquo; &#8211; Und mit
+der letzten Kraft, die er fand, sagte er: &raquo;K&uuml;sse mich,
+vergib mir!&laquo; Dann griff er nach seinem Herzen,
+&raquo;Mutter,&laquo; schrie er gequ&auml;lt und wund, &raquo;Mutter,&laquo;
+und dabei wollte er Berta noch zul&auml;cheln, aber da
+streckte der Tod schon seinen K&ouml;rper, es war ihm,
+als ob er noch aufstehen k&ouml;nne, ihm zu entfliehen,
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Scho&szlig;
+Bertas nieder, sein Kopf sank hinten&uuml;ber, er war
+tot ...</p>
+
+<p>Und Berta sa&szlig; da, der K&ouml;rper des Geliebten lag
+&uuml;ber ihren Knieen, ihre Rechte st&uuml;tzte seinen Kopf,
+auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie beugte ihr
+Antlitz &uuml;ber sein Gesicht, &uuml;ber sein totes, entstelltes
+Gesicht ...</p>
+
+<p>Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer
+Abend im Walde, Waldfrieden und heilige Stille.
+Und in diesem unendlich s&uuml;&szlig;en Veratmen der Natur
+sa&szlig; Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam
+auf den Knieen, ihre Augen sahen verst&auml;ndnislos in
+sein Gesicht, &auml;ngstliche Seufzer eines Kindes im Dunkel
+wimmerten von ihren Lippen. &raquo;Leon,&laquo; sagte sie, wie
+sie den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend
+gesagt hatte, &raquo;Leon!&laquo; aber er antwortete nicht, obgleich
+er doch da auf ihren Knieen, schwer und lastend,
+lag, und auf einmal wurde ihr klar, da&szlig; dieser Leon,
+ihr Leon, ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender
+Schmerz lohte j&auml;h in ihrer Brust empor, pl&ouml;tzlich l&ouml;ste
+sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete tief auf,
+tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet
+h&auml;tte, und dann stie&szlig; sie einen Schrei aus, wie ein
+<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>gequ&auml;ltes Tier, schrie mit entsetzlicher, ihre Kraft h&ouml;hnender
+Stimme, einer Stimme, davor die V&ouml;gel des
+Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein Gewittersturm,
+einer Stimme, die den Turm ersch&uuml;tterte
+und die in ihrer furchtbaren St&auml;rke nicht erlahmte,
+die jenseits des Tales dr&uuml;ben an die Felsen anprallte
+und von dort zur&uuml;ckgellte; und sie schrie und wu&szlig;te
+nicht, da&szlig; sie schrie, es war ihre Erl&ouml;sung und sie
+mu&szlig;te schreien, auf Leben und Tod schreien, jetzt das
+Haupt neigend, dem Toten in die tauben Ohren,
+nicht Worte oder S&auml;tze, nur ihren f&uuml;rchterlichen Schrei,
+wie ihre Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum
+ersten Male in ihr Zimmer getreten war, jetzt den
+Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel schreiend,
+emporsto&szlig;end den Schrei ihrer gequ&auml;lten Jugend,
+ihrer zerst&ouml;rten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham
+und ihrer Angst. Sie schrie und wu&szlig;te nicht, da&szlig;
+die Amme aus dem Turme getreten war, emporgeschreckt
+durch die furchtbare Stimme, und da&szlig; hinter
+ihr, der Amme unbewu&szlig;t, die wahnsinnige, zum
+Skelett abgemagerte Gr&auml;fin sich zur T&uuml;r geschlichen
+hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz
+vor dem Turme sich mit Menschen f&uuml;llen, sah Fackeln
+erschrockene Lichter und gespenstige Schatten auf den
+<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>Waldboden werfen und sah doch nichts und schrie;
+ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren
+geschwollen, und jetzt ritt ihr Vater und ihr Br&auml;utigam
+heran und sprangen von den Rossen, denn sie
+waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt
+und waren nun in das gr&auml;&szlig;liche Schreien hereingeritten,
+als ahnten sie, da&szlig; sie hier die Gesuchte finden
+m&uuml;&szlig;ten. Der Graf war zur&uuml;ckgetaumelt, als er seine
+Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann,
+den er nicht kannte.</p>
+
+<p>&raquo;O, du elende Dirne!&laquo; schrie er in seinem j&auml;hen
+Zorne, &raquo;hintergehst du mich so?&laquo; und er st&uuml;rzte sich
+durch den Kreis der Fackeltr&auml;ger zu der Schreienden
+vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Scho&szlig;e
+liegen hatte, da&szlig; er schwer zu Boden fiel, und da
+sah er, da&szlig; der Mann tot war, und schlug eine f&uuml;rchterliche
+Lache auf und schlug sich den Schenkel und
+lachte: &raquo;So hab ich dich mit deinem Liebsten gest&ouml;rt!
+Herr Landgraf, Euren Nebenbuhler f&uuml;rchtet nicht, der
+gibt kalte K&uuml;sse, der tut Euch nichts mehr in diesem
+Leben!&laquo;</p>
+
+<p>Da hatte sich Berta schon &uuml;ber ihren Geliebten
+geworfen, sie deckte ihn mit ihrem K&ouml;rper zu und
+wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen Rechten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>&raquo;R&uuml;hrt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzur&uuml;hren!&laquo;</p>
+
+<p>Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen,
+alle Blicke starrten auf die drei, den Vater, die Tochter,
+und ihren toten Geliebten, und niemand merkte, wie
+aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin
+sich wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt
+die beleuchtete Gruppe anstarrend, und dann im
+dunklen Walde verschwand ....</p>
+
+<p>Jetzt aber warf sich Berta &uuml;ber den Leichnam,
+sie pre&szlig;te ihren Mund auf die bleichen Lippen des
+Toten und trank, trank, trank gierig und verz&uuml;ckt
+von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom
+Boden, sie schaute gl&uuml;cklich und trunken um sich, ihre
+Lippen schrieen nicht mehr und konnten auch nicht
+sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann
+beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie
+ergriff dann die Glastafel bei der Bank und st&uuml;rmte
+in den Turm, das Tor hinter sich zuschlagend. Die
+Menschen drau&szlig;en aber standen unbeweglich und wu&szlig;ten
+nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf
+ein Stichwort vom anderen, und alle schauten auf
+den Grafen, ob er das Schweigen l&ouml;se. Der b&uuml;ckte
+sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam
+und best&auml;tigend, er tat seinen hart geschlossenen
+<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>Lippen Gewalt an und sagte: &raquo;Bringet den Meiersleuten
+im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren Teil
+haben!&laquo;</p>
+
+<p>Dann winkte er dem jungen Landgrafen und
+sie bestiegen die Rosse. Es war finster im Walde
+und sie wu&szlig;ten nicht, da sie schweigend heimritten,
+warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde
+sich b&auml;umten. Dort fanden die Fackeltr&auml;ger kurz darnach
+die tote alte Gr&auml;fin und bei ihr ein mageres
+R&ouml;&szlig;lein, das einen zerrissenen Z&uuml;gel schleifte und sie
+beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam
+auf den Sattel und zogen zu Tale.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Drin in dem runden Turme, von wo der Blick
+weit, weit &uuml;ber die W&auml;lder schweifen konnte, sa&szlig;
+Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr &uuml;berlassen
+hatte. Sie sa&szlig; still und mild mit einem gl&uuml;cklichen
+L&auml;cheln um die Lippen da, sie hielt die Glasscheibe
+Leons in H&auml;nden und schaute Tag und Nacht durch
+das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter.
+Ihre blauen, unergr&uuml;ndlich dunkelblauen Augen
+waren weit ge&ouml;ffnet und wie in tiefes Tr&auml;umen versunken,
+sie horchte oft gespannt auf, als vernehme
+<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder
+ganz nahe ans Fenster und l&auml;chelte es an und k&uuml;&szlig;te
+es, und die Amme, die nun ihr Pflegekind wieder
+hatte, weinte gar oft &uuml;ber die sanfte G&uuml;te ihrer Schutzbefohlenen
+und erz&auml;hlte immer neue Beispiele davon
+der Mutter Leons, wenn die sie besuchen kam. Von
+ihr lie&szlig; sich Berta auch gerne streicheln, aber sie sprach
+kein Wort mehr und schaute nur unverwandt durch
+das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.</p>
+
+<p>Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und
+es begab sich das Wunder, da&szlig; Berta eines Morgens
+mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster sa&szlig;
+und das Glas, das schon in den letzten Monden
+bl&auml;ulich geschimmert hatte, tief dunkelblau geworden
+war, so tief blau, wie Bertas Augen gewesen waren.
+Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und
+ihre erloschenen Augen &ouml;ffnete, da war das Blau
+darin geschwunden, die Augen waren farblos wie
+Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die
+Lider &uuml;ber die Augen, die wie zwei gro&szlig;e Kugeln
+durch die d&uuml;nnen Lider sich vorw&ouml;lbten. Sie legte
+den K&ouml;rper der Entschlummerten auf ihr Bett, und
+der Leichnam war so gef&uuml;gig und sanft, als ob noch
+die gute Seele der Gestorbenen darin wohne. Dann
+<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie ein Heiliges
+und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gr&auml;fin dr&uuml;ber.
+Sie z&ouml;gerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging,
+sie mu&szlig;te immer wieder zum Lager hinschauen,
+als m&uuml;&szlig;te die still dort Schlummernde die Lider noch
+einmal &uuml;ber den gro&szlig;en Augen &ouml;ffnen, als m&uuml;&szlig;te
+ihre Brust sich nach einem schweren Seufzer wieder
+heben und senken, jetzt, da das Wunder mit dem
+Glase geschehen war. Aber das gl&uuml;ckselige, uns&auml;glich
+s&uuml;&szlig;e L&auml;cheln um die friedlichen, schmalen Lippen l&ouml;ste
+sich nicht, der Seufzer blieb aus und die gro&szlig;en
+Augen blieben hinter den Lidern verborgen.</p>
+
+<p>Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der
+Toten nieder, da seufzte sie recht aus tiefstem Herzensgrunde
+auf und bekreuzte dann die Tote, indes gro&szlig;e
+Tropfen &uuml;ber ihre Wangen herabrannen.</p>
+
+<p>Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins
+Schlo&szlig; hinab, den Tod Bertas zu melden.</p>
+
+<p>Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen
+Tage den Meiersleuten.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Das ist die Geschichte von der Grafentochter und
+dem blauen Fenster, wie ich sie oben in dem ein<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>samen
+Waldkirchlein an dem sch&ouml;nen Grabmale
+tr&auml;umte. Und ich denke mir, da&szlig; dieses stille und
+friedliche Kirchlein an dem runden Wartturm an der
+gleichen Stelle angebaut wurde, an der Berta ihren
+geliebten Toten auf den Knieen hielt.</p>
+
+<p>Und als ich mich damals im Sommer von dem
+Grabmale erhob, um wieder in den rauschenden
+Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem
+blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so
+vollkommen zu der Liebe und G&uuml;te der Mutter Leons
+passe, da&szlig; sie in das neuerbaute Kirchlein oben am
+runden Turme die wundersame Glastafel gespendet
+hat, durch die nun der Sonnenstrahl so freundliche
+Lichter auf das Angesicht der Schlummernden zaubert....</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a></p>
+<h2 class="novelle"><a name="Der_Raecher" id="Der_Raecher"></a>Der R&auml;cher</h2>
+
+<!-- [Blank Page] <a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a> -->
+
+<p><a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a></p>
+
+
+<h3 class="subsection">I.</h3>
+
+<p>Etwa sechs Wegstunden n&ouml;rdlich von Genua, in
+einem jener schmalen T&auml;ler, &uuml;ber welche jetzt auf
+k&uuml;hnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur
+Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames
+Geh&ouml;ft derer von Fabbri, eine Art Landhaus, welches
+aber von den Leuten ringsum &#8250;das Schlo&szlig;&#8249; genannt
+wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute,
+die von ihren gro&szlig;en und weitl&auml;ufigen Besitzungen
+nur dieses unansehnliche Haus gerettet hatten
+und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre schlechten
+Verh&auml;ltnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten.</p>
+
+<p>Diesem Schlosse nun ritt an einem tr&uuml;ben Sp&auml;tsommernachmittage
+ein junger und vornehm aussehender
+Offizier zu, von einem Diener gefolgt, der
+auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantels&auml;cken
+das Gep&auml;ck des Herrn f&uuml;hrte. Der hie&szlig; Riccardo
+Fabbri und war ein sechsundzwanzigj&auml;hriger, schlanker
+Mann, der eben von einem jener k&uuml;hnen Seez&uuml;ge
+zur&uuml;ckkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitl&auml;uften
+zu so gro&szlig;em und verdientem Ansehen auf<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>geschwungen
+hatte. Er hatte als Seeoffizier das
+Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit
+den Ruf eines t&uuml;chtigen, aussichtsreichen Edlen
+erworben, der allen Grund hatte, das Wiedersehen
+mit seiner Familie, die durch zwei Jahre ohne Nachricht
+von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit
+einem geheimen Seufzer freilich, da&szlig; sein herrlicher
+Vater, der vor mehreren Jahren vergr&auml;mt &uuml;ber seine
+Armut gestorben war, nicht mehr das Gl&uuml;ck mitgenie&szlig;en
+durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll
+heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht
+denn Mutter und Schwester umschlo&szlig;. Er war auch
+kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der ganzen
+Liebe seines z&auml;rtlichen Herzens danach verlangte,
+in ihr einsames Haus zu kommen, ungeachtet der
+Feste und Huldigungen, die das gl&uuml;ckliche Genua
+seinen heimkehrenden S&ouml;hnen bereitete. So hatte er
+denn zwei Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen,
+weil er nicht ohne einen gewissen Glanz
+nach Hause zur&uuml;ckkommen wollte, in einer verzeihlichen
+Regung der Eitelkeit, und weil er wu&szlig;te, in welchen
+glanzvollen Tr&auml;umen von Gl&uuml;ck und Reichtum die
+Frauen zu Hause ihr k&auml;rgliches Leben fristeten. Er
+brachte ihnen aus den fernen L&auml;ndern, in denen er
+<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe
+mit und freute sich die ganze Zeit &uuml;ber auf die
+Szene, die sein Erscheinen und die Bewunderung
+der mitgebrachten Sch&auml;tze hervorrufen w&uuml;rde, so da&szlig;
+er eigentlich dem Himmel ein wenig z&uuml;rnte, da&szlig; er
+bei seiner Heimkunft ein so unfreundliches Gesicht
+machte und seinen Triumph nicht mit Sonnenglanz
+und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung,
+als da&szlig; er sich dadurch h&auml;tte seine Laune verderben
+lassen; er sang vielmehr fr&ouml;hlich vor sich hin oder
+streichelte z&auml;rtlich den Hals seines Pferdes, das dann
+freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit
+ernsten Augen dankte.</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,&laquo;
+sagte der Offizier dann zu dem Pferde, &raquo;greife nur
+t&uuml;chtig aus und gib mir h&uuml;bsch auf den Weg acht!
+Dein Pferd, Beppino,&laquo; wandte er sich zu dem Diener,
+&raquo;scheint auch lieber auf dem Strande Lasten zu
+ziehen, als so einen braven Matrosen, wie du einer
+bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf h&auml;ngen
+l&auml;&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht liegt&#8217;s an mir, Signor,&laquo; lachte der
+Diener, &raquo;ich bin seit meinen Kinderjahren nicht mehr
+im Sattel gesessen und meine Matrosenbeine wollen
+<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande bringen;
+ich k&ouml;nnte ordentlich seekrank werden bei diesem
+langweiligen Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde
+sind wir wohl im Hafen!&laquo;</p>
+
+<p>Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten
+Schlag und suchte seinem Herrn n&auml;her zu kommen.</p>
+
+<p>So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden,
+und endlich, endlich sahen sie das einsame Schlo&szlig;
+auf dem H&uuml;gel daliegen. Riccardo klopfte das Herz,
+er mu&szlig;te zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die
+R&uuml;hrung zu verbei&szlig;en; f&uuml;r so weichm&uuml;tig hatte er
+sich nicht gehalten! Dann aber, als auch die Pferde
+den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anh&ouml;he
+hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore.
+Und endlich, nachdem ein paar Stimmen laut geworden
+und Riccardo die alte Marietta an ihrem
+&raquo;Heiligste Madonna, unser junger Herr!&laquo; erkannt
+hatte, ritten sie in den Hof ein und schwangen sich
+lachend von den Pferden.</p>
+
+<p>Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen
+N&auml;chten, da er die Wache auf seinem Schiffe hatte,
+die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude ausgemalt,
+jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als
+<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>Ausbruch m&uuml;tterlicher Z&auml;rtlichkeit und schwesterlicher
+Liebe begl&uuml;cken sollte! Denn er hatte noch nie die
+wahre, echte Liebe erlebt, so da&szlig; seine Sehnsucht nur
+den beiden Frauen galt, von denen er wu&szlig;te, da&szlig;
+auch nur er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als
+er nun in dem Familienzimmer harrend auf und
+nieder ging, in dem er jedes Ger&auml;t kannte und das
+nun ganz mit den Schleiern der D&auml;mmerung verh&uuml;llt
+war, da f&uuml;hlte er wirklich eine Bitterkeit gegen
+das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und
+modrig machte, da er es sich doch so gro&szlig; und herrlich
+vorgestellt hatte. Als aber dann &#8211; endlich &#8211;
+die Mutter die T&uuml;r aufri&szlig; und mit einem &raquo;Riccardo,
+mein lieber, lieber Riccardo!&laquo; in seine Arme eilte,
+da verschwand jegliches andere Gef&uuml;hl in seinem
+Herzen, er umarmte nur immer wieder die zitternde
+Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen.
+Tr&auml;nen flossen aus ihren Augen und ein Krampf
+ersch&uuml;tterte ihre schm&auml;chtige Gestalt. Da konnte auch
+Riccardo sein Gef&uuml;hl nicht mehr bemeistern, er wiederholte
+nur immer wieder die Worte &raquo;Mutter, meine
+liebe Mutter&laquo;, wobei auch ihm gro&szlig;e Tropfen &uuml;ber
+die Wangen liefen.</p>
+
+<p>Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der
+<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Mutter nicht nur der Ausbruch der innigen Z&auml;rtlichkeit,
+die sie erbeben lie&szlig;, sondern auch ein tiefer,
+zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch
+in sich niedergek&auml;mpft hatte und dessen Ursache der
+arme Riccardo bald erfahren sollte; so da&szlig; sie ihn,
+da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie in
+einer gro&szlig;en Angst nur um so inniger umarmte und
+an sich pre&szlig;te, als k&ouml;nnte sie dadurch die Beantwortung
+dieser qu&auml;lenden Frage weit, weit hinausschieben.</p>
+
+<p>Aber endlich, da ihn eine gro&szlig;e Unruhe ergriffen
+und er die Mutter beschworen hatte, ihm alles zu
+erz&auml;hlen, aufs Argste gefa&szlig;t, da&szlig; die geliebte Emilia
+krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit
+gestorben sei, da erfuhr er, da&szlig; etwas
+noch Schlimmeres sich ereignet habe, etwas Entsetzliches,
+das ihm unfa&szlig;bar war und das ihn vernichtete,
+so da&szlig; er lange mit leeren Augen in die
+Dunkelheit des Zimmers und der Zukunft starren
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt,
+verf&uuml;hrt! Er h&ouml;rte nicht mehr die Worte seiner
+Mutter, die ihn unter Tr&auml;nen anflehte, sich zu fassen,
+um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia
+<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>diesen Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin
+gestraft und ungl&uuml;cklich sei: er wu&szlig;te gar nicht, da&szlig;
+nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des Jammers
+und der schrecklichsten Zerst&ouml;rung, da&szlig; sie an seinem
+Herzen weinte und st&ouml;hnte, er starrte nur fassungslos
+und ohne Besinnung vor sich ins Leere, ohne
+Gedanken, ja ohne Gef&uuml;hl. Es war ihm, als st&uuml;nde
+sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es g&auml;be
+kein Leben, keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis,
+grenzenlose Finsternis. Dann aber durchtobte ihn
+ein gl&uuml;hender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte
+sich empor, er griff um sich und st&uuml;rzte besinnungslos
+in die Arme seiner Mutter.</p>
+
+<p>So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die
+Entbehrungen und M&uuml;hen der vergangenen Jahre
+so freudig ertragen hatte und die ihm als ein Leuchtturm
+mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum
+traurigsten Ereignisse seines Lebens, das alle seine
+Hoffnungen zerst&ouml;rte, seinen Stolz beugte, sein Gl&uuml;ck
+h&ouml;hnte und alle Pl&auml;ne, die er f&uuml;r die Zukunft geschmiedet
+hatte, vernichtete, f&uuml;r die Zukunft, durch die
+seine Mutter und seine geliebte Emilia wie durch
+herrliche Schlo&szlig;gem&auml;cher in Glanz und Gl&uuml;ck h&auml;tten
+schreiten sollen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>Und die dunkle Nacht, darein der Ungl&uuml;ckliche
+ohne Frieden starrte, schien ihm nur der Beginn einer
+dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren, in denen
+er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt:
+Rache an dem Verf&uuml;hrer ....</p>
+
+
+<h3 class="subsection">II.</h3>
+
+<p>Der Tag, der diese b&ouml;se Nacht abl&ouml;ste, war ein
+strahlender Sommertag, und die Sonne leuchtete vom
+Himmel, als w&auml;re die Welt voll Gl&uuml;cks und Jubels.
+Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine
+ungl&uuml;ckliche Schwester nur noch zerst&ouml;rter zeigte und
+ihm keine Runzel in dem vergr&auml;mten Antlitz seiner
+Mutter ersparte. Ein tiefes Weh f&uuml;llte sein Herz,
+als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah
+in einer ewigen Unrast, als trauten sie sich nicht,
+laut aufzutreten oder bei dem so sehns&uuml;chtig Erwarteten
+zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen.
+Er hatte schon fr&uuml;h am Morgen Beppino zu sich
+gerufen und ihm befohlen, die prunkenden Stoffe
+und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine
+Lieben nicht durch die freudigen Gew&auml;nder in ihrem
+dunklen Leid zu kr&auml;nken; dann hatte er in kurzen
+<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Worten dem Diener, der wohl schon von dem Unheil
+geh&ouml;rt hatte, auseinandergesetzt, da&szlig; sie nicht
+lange hier bleiben w&uuml;rden, da er bald eine gro&szlig;e
+Reise antreten m&uuml;sse. Beppino hatte stumm das
+Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen,
+und dachte sich wohl, was f&uuml;r ein Ziel seinen ungl&uuml;cklichen
+Herrn wieder in die Fremde trieb. Dann
+hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der
+Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit
+erfuhr.</p>
+
+<p>Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia
+in Genua gewesen, um Nachrichten &uuml;ber ihren Sohn
+zu sammeln. Man hatte in den alten Adelsgeschlechtern
+die beiden Damen mit gro&szlig;er Herzlichkeit und
+Freude aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht
+und mit mehreren Patrizierfamilien verschw&auml;gert
+waren; so lie&szlig; man die Frauen denn nicht gleich
+wieder in ihre Einsamkeit zur&uuml;ck, obgleich sie nichts
+&uuml;ber ihren Sohn hatten erfahren k&ouml;nnen; und auf
+einem Feste hatte sich ihnen ein junger r&ouml;mischer
+Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders, zugesellt,
+ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Sch&ouml;nheit
+Emilias entz&uuml;ckt hatte und der gleich bei ihrem
+ersten Anblicke seine Bewunderung nicht hatte unter<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>dr&uuml;cken
+k&ouml;nnen. Und als dann die Frauen wieder
+heimgekehrt waren, war er &ouml;fter mit den jungen
+Genueser Kavalieren herausgeritten und hatte die
+Mutter durch seine guten Sitten und Emilia durch
+seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so da&szlig; auch sie
+ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch
+allein zu ihnen, und in der Mutter waren fr&ouml;hliche
+Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines edlen
+und t&uuml;chtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe
+und aufrichtiger Neigung erf&uuml;llt schien. Er war aber
+einer jener allzu liebensw&uuml;rdigen J&uuml;nglinge, denen
+das Leben nur einen Wert hat, weil sch&ouml;ne Frauen
+auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer
+jungfr&auml;ulichen Reinheit wohl ein w&uuml;rdiges Ziel erschienen,
+um seine Bet&ouml;rungsk&uuml;nste an ihr zu erproben,
+was ihm auch leider vollkommen gegl&uuml;ckt war. Aber
+so ungl&uuml;cklich sie nun alle durch den Grafen geworden
+waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so
+schwur die Mutter, rein und m&auml;dchenhaft geblieben,
+da sie wie unter einem Zwange alles gelitten habe,
+wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches
+Erwachen gefolgt war; denn im Fr&uuml;hjahr sei
+der Graf verschwunden, ohne auch nur einen Abschiedsbrief
+an die Ungl&uuml;ckliche zu hinterlassen, und nicht
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig
+hatten Umfrage halten lassen, habe niemand
+gewu&szlig;t, wohin sich Graf Palma gewendet habe.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde ihn schon zu finden wissen!&laquo; hatte
+Riccardo gesagt, &raquo;verla&szlig; dich auf mich, Mutter, ich
+werde ihn finden, den Buben! La&szlig; mich nur keine
+Zeit verlieren, Emilia wird ger&auml;cht werden!&laquo;</p>
+
+<p>Und ohne da&szlig; er der Mutter Vorw&uuml;rfe gemacht
+oder die Schwester getr&ouml;stet h&auml;tte, ritt er am n&auml;chsten
+Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua zur&uuml;ck,
+um die Spur des Verf&uuml;hrers zu verfolgen; er hatte
+kein bestimmtes Gef&uuml;hl, was er mit dem Verf&uuml;hrer
+beginnen w&uuml;rde, wenn er ihn erst f&auml;nde, ob er ihn
+t&ouml;ten oder zu seiner Schwester zur&uuml;ckbringen wolle;
+er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten
+und ihm in die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich
+zu r&auml;chen. Und w&auml;hrend ihres schweigsamen Rittes,
+da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die Falten
+seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere,
+um aufzublitzen, wenn er leise das s&uuml;&szlig;e Wort Rache
+vor sich hinmurmelte. Dann ritten sie abends in
+Genua ein.</p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a></p>
+<h3 class="subsection">III.</h3>
+
+<p>Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr;
+er erschien zum gro&szlig;en Jubel der jungen Kavaliere
+an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald schien er
+der &Uuml;berm&uuml;tigste und Tollste von ihnen zu sein; sie
+schw&auml;rmten die ganze Nacht durch und hatten keine
+Ahnung, wie vernichtet das Gem&uuml;t ihres guten Kameraden
+war, der munter bei der Tafel sa&szlig; und immer
+wieder mit ihnen anstie&szlig;. In den Zwiegespr&auml;chen,
+die er dabei mit den Patriziers&ouml;hnen hatte, erfuhr er
+nur, welch pr&auml;chtiger Kumpan Ermete Palma gewesen
+sei, ein Held im Trinken, ein tollk&uuml;hner Fechter und
+Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen
+in seine &uuml;bersch&auml;umende Jugend gewesen seien.
+Ja, sie w&auml;ren fast auf Riccardos Schwester eifers&uuml;chtig
+geworden, da er diese immer als ein Muster von
+Sch&ouml;nheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft
+verliebt in sie gewesen sei. Aber niemand konnte ihm
+bestimmt sagen, wohin sich der junge R&ouml;mer gewendet
+habe. Die einen wollten wissen, da&szlig; er auf einem der
+Schl&ouml;sser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten,
+da&szlig; er pl&ouml;tzlich abberufen worden sei, um auf einem
+r&ouml;mischen Schiffe an einem Kriegszuge teilzunehmen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>Dar&uuml;ber erschrak Riccardo sehr, da er f&uuml;rchten
+mu&szlig;te, so den Gegenstand seiner Rache zu verfehlen;
+doch hoffte er, da&szlig; die andere Mitteilung seiner Kameraden
+die richtige sei, und ritt schon am n&auml;chsten
+Morgen aus und gegen Rom, zum gro&szlig;en Erstaunen
+und &Auml;rger der jungen Genueser, denen seine
+Anwesenheit eine Reihe von fr&ouml;hlichen Festen versprochen
+hatte.</p>
+
+<p>Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum
+ein Wort; aber sein Blick wurde freier, als sie endlich
+Rom zu ihren F&uuml;&szlig;en sich ausbreiten sahen, seine
+Wangen r&ouml;teten sich, als ob er einen gro&szlig;en Sieg
+erk&auml;mpft h&auml;tte, als ob nun nichts mehr seine Rache
+hemmen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener
+Zeit eines der besten in der r&ouml;mischen Aristokratie,
+das unerme&szlig;lichen Reichtum mit gro&szlig;er Kunstliebe
+und einer gro&szlig;z&uuml;gigen Freude, das Leben sch&ouml;n zu
+verbringen, vereinte. Die Palma bewohnten einen
+gro&szlig;en und herrlichen Palast in der Stadt; alle
+Merkw&uuml;rdigkeiten fremder L&auml;nder, die gerade damals
+von den Seefahrern heimgebracht wurden, alle Sch&auml;tze
+alter und neuer Kunst waren in diesem im edelsten
+Ebenma&szlig;e gebauten Palast versammelt, in welchem alle
+<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>hervorragenden M&auml;nner Roms gern und in wahrhaft
+festlicher Weise verkehrten; denn der alte Graf
+Palma war ein echter Aristokrat, der in seinen jungen
+Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter
+erworben hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen
+wohlgebildeten Geist als wahrhaftes K&uuml;nstlertum bezeugten.
+Immerhin hatte diese t&auml;tige Besch&auml;ftigung
+mit der Poesie sein reges Gef&uuml;hl f&uuml;r die K&uuml;nste wach
+erhalten, so da&szlig; der noch ganz jugendlich empfindende
+Graf ein wahrer Freund der K&uuml;nstler und ihr Schirmherr
+blieb und als solcher auch von ihnen warm verehrt
+wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude
+nicht viel &uuml;bergegangen, obgleich auch er die
+Kunst als Lebensschm&uuml;ckerin liebte und gern mit den
+freidenkenden K&uuml;nstlern verkehrte, aber mehr aus Lust
+an Unterhaltung und witzigen Gespr&auml;chen, als aus
+wirklichem Bed&uuml;rfnis; wohl aber auf die Tochter
+Francesca, den Stolz und die Freude des Hauses,
+die mit warmem Gef&uuml;hl und sch&ouml;ner Stimme die
+Romanzen jener Tage sang und die mit seinem Geist
+mit den Dichtern &uuml;ber ihre Verse sprach, die sie als
+ihre Schutzg&ouml;ttin besangen und feierten.</p>
+
+<p>Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und
+durch die geschm&uuml;ckten Hallen, die eines K&ouml;nigs w&uuml;rdig
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>waren, erregten Herzens dahinschritt, da war es ihm, als
+ob sein Rachegef&uuml;hl vor dieser Pracht und diesem ungemeinen
+Reichtum schwankend w&uuml;rde, als w&auml;re er mit
+seinem Hasse in eine Welt geraten, die, heiter und f&uuml;rstlich,
+weit von jeder Not des Lebens entfernt l&auml;ge, und
+eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn &uuml;ber sein
+schwankendes Gef&uuml;hl. Er kam sich wie ein Bettler vor,
+der einem reichen Manne sein Elend klarlegen will
+und merkt, da&szlig; der sich nicht einmal eine Vorstellung
+davon machen kann, wie j&auml;mmerlich Menschen ihr Dasein
+fristen k&ouml;nnen. Dann aber stieg auch der Groll
+des Bettlers gegen den Reichen doppelt in ihm auf,
+sein Ha&szlig; flammte um so gl&uuml;hender in die H&ouml;he, er
+umfa&szlig;te den Griff seines Degens und f&uuml;hlte eine
+brennende Befriedigung bei dem Gedanken, da&szlig; er,
+der Sohn eines verarmten Edelmannes, dieses
+verw&ouml;hnte B&uuml;rschchen seinem &Uuml;berflu&szlig; entrei&szlig;en
+und sich an diesem Buben r&auml;chen werde. Er sah
+im Geiste das &auml;rmliche Haus seiner Mutter in dem
+unwirtlichen Tale bei Genua und sah die beiden zerst&ouml;rten
+Frauen durch die &ouml;den R&auml;ume schleichen, seine
+entehrte Schwester, die dieser L&uuml;stling wohl gar f&uuml;r
+beneidenswert hielt, weil <em class="gesperrt">er</em> sie seiner Umarmung
+gew&uuml;rdigt hatte! Und Riccardo umklammerte den
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause,
+durch dieses Tor, diese Halle, diese G&auml;nge, und wenn er
+ihm jetzt entgegentreten w&uuml;rde, das f&uuml;hlte er, dann
+w&uuml;rde er ihn, ohne ein Wort zu sprechen, niedersto&szlig;en.</p>
+
+<p>Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach
+seinen W&uuml;nschen. &raquo;Ob er den Grafen Palma sprechen
+k&ouml;nne?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, die Herrschaften sind f&uuml;r einige Wochen
+auf ihren Schl&ouml;ssern.&laquo; Riccardo aber sagte ungeduldig,
+er wolle den jungen Grafen sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;O,&laquo; sagte der Diener, &raquo;unser junger Herr, der
+ist &uuml;berhaupt jetzt nicht zu sprechen! Der ist vor
+etwa vier Monaten mit der Flotte nach Kleinasien
+gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres
+heimkehren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen Ende des Jahres?! Mensch, wei&szlig;t du
+das wirklich? Ist das keine Ausflucht?&laquo; fuhr Riccardo
+empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn dieser
+Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser
+Offiziere, da&szlig; Ermete vielleicht gar nicht in Rom
+sei, ganz vergessen, weil er sie vergessen wollte; er
+hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar nahe
+schien ihm der Augenblick seiner Rache. &raquo;Wei&szlig;t du
+das sicher?&laquo; wiederholte er.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>&raquo;Ganz sicher, Herr! &Uuml;brigens kann Euer Gnaden
+noch n&auml;here Auskunft bei unserer Herrschaft erfahren,
+drau&szlig;en in Selva nera, wo jetzt der ganze r&ouml;mische
+Adel versammelt ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, das will ich tun,&laquo; sagte Riccardo; und
+er verlie&szlig; den Palast mit glanzlosem Blick, entt&auml;uscht
+und hoffnungslos, und irrte lang durch die Stra&szlig;en
+Roms, unf&auml;hig, einen Plan zu entwerfen, ungl&uuml;cklich
+und zerschmettert.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">IV.</h3>
+
+<p>Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein
+b&ouml;ses Gift, das an ihm zehrte. Er legte sich mit
+dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu Bette,
+er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte,
+und sah sie klagend durch das Elternhaus irren, mit
+gesenktem Blick und &auml;ngstlich, den Augen der geliebten
+Mutter zu begegnen. Er tr&auml;umte, wie seine
+Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg
+zimmerte, ihr verlorenes Leben hineinzulegen, und er
+erwachte ungl&uuml;cklich und zerqu&auml;lt. Dann irrte er in
+der Umgebung Roms umher und fand einen Ort,
+von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres
+<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>aufleuchten sah. Dort stand er in der Sonnenglut,
+mit angestrengtem Blicke, ob nicht das Geschwader
+dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und
+wenn ihm seine erhitzten Augen ein Schiff vort&auml;uschten,
+dann hob er die Arme, als ob er ihm entgegenfliegen
+wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn
+er den Irrtum einsah. Beppino erschrak &uuml;ber seinen
+Herrn, wenn er dann m&uuml;de und verst&ouml;rt heimkehrte
+in ihre armselige Herberge, und wagte wohl einmal
+eine sch&uuml;chterne Bemerkung, der gn&auml;dige Herr m&ouml;ge
+sich vor dem Fieber in acht nehmen und ob sie nicht
+wieder lieber nach Genua heimkehren wollten. Da
+traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen
+Riccardos, da&szlig; er f&uuml;rderhin schwieg und sich seufzend
+zur&uuml;ckzog. Und so lungerte Beppo in den Gassen
+Roms und auf den Pl&auml;tzen herum, bis er eines
+Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen
+Flotte traf, der gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebensw&uuml;rdigen
+Offizier und Verwandten des Papstes,
+in Rom weilte.</p>
+
+<p>Dem erz&auml;hlte er seine Sorgen um seinen Herrn
+und es stieg ein stiller Plan in ihm auf, die beiden
+Offiziere zusammenzubringen, und er f&uuml;hrte auch mit
+Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben treff<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>lich
+durch. Der erz&auml;hlte seinem Herrn, dem Nobile
+da Spada, da&szlig; er dem edlen Herrn Fabbri begegnet
+sei, wie elend er aussehe, und da&szlig; er ausgeforscht
+habe, da&szlig; er in der Via angusta wohne; ob der
+Herr ihn nicht dort einmal aufsuchen wolle, denn es
+m&uuml;sse schlecht um ihn stehen. Das sagte der Offizier
+gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete
+er schon am n&auml;chsten Tage auf seinen Kriegsgef&auml;hrten
+und traf ihn auch, da er aus der kleinen Herberge
+in der Via angusta heraustrat.</p>
+
+<p>&raquo;Riccardo Fabbri,&laquo; rief er scheinbar &uuml;berrascht,
+&raquo;bist du&#8217;s oder ist es dein Schatten, der hier durch
+diese vermaledeit enge Gasse wandelt? Sprich rasch,
+denn schon scheint es mir, mein Herr, als h&auml;tte ich
+einen Fremden f&uuml;r meinen Kameraden Fabbri angesprochen!&laquo;</p>
+
+<p>Er zog den Hut und machte eine h&ouml;fliche Verbeugung
+vor Riccardo, der wirklich erst einen Augenblick
+z&ouml;gerte, ob er sich verstellen und fremd tun solle.
+Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung
+peinlich, er wollte hier, in dieser schmutzigen
+Gasse, nicht gern erkannt werden, auch f&uuml;rchtete er
+gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pl&auml;ne.
+Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als
+<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>er mit Emilio immer aufs beste ausgekommen war
+und auf dessen lachendem Gesichte die Freude des
+Wiedersehens zu deutlich leuchtete.</p>
+
+<p>&raquo;Freilich bin ich&#8217;s, mein lieber da Spada!&laquo; sagte
+er also und trat auf den Kameraden zu, ihm die
+Hand zu reichen. &raquo;Ich bin in Angelegenheit meiner
+Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.&laquo;</p>
+
+<p>Und er log mit diesen Worten nicht, denn er
+glaubte in diesem Augenblicke des Sichentdecktf&uuml;hlens
+selbst daran, da&szlig; er nun aus Rom weg m&uuml;sse.</p>
+
+<p>&raquo;Das wirst du gewi&szlig; nicht tun,&laquo; sagte Emilio
+herzlich; &raquo;wir waren immer gute Kameraden, Riccardo,
+und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du meine
+Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner
+Heimat gesehen hast!&laquo;</p>
+
+<p>Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino
+im Tore der Herberge stand, und sagte ihm einige
+rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter
+den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in
+dieser Nacht schlief Riccardo schon im Palaste der
+Spada.</p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a></p>
+<h3 class="subsection">V.</h3>
+
+<p>Der gro&szlig;e Palast seines Gastfreundes war wie
+ausgestorben, denn der Vater Emilios war nur f&uuml;r
+einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach Rom
+gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim
+Papste vorgef&uuml;hrt und war dann wieder auf sein
+Sommerschlo&szlig; zur&uuml;ckgekehrt, indes Emilio noch in
+Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr
+Riccardo am Abend, da die beiden Kameraden,
+von einem aufmerksamen Kammerdiener trefflich bedient,
+bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl
+hielten und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen
+&uuml;ber gemeinsame Bekannte, &uuml;ber die Aussichten des
+n&auml;chsten Fr&uuml;hjahrs und seiner Unternehmungen, und
+Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute
+Offizier, wie ihn seine Kameraden liebten und sch&auml;tzten.
+Er war angeregt und fast heiter, und als gar da
+Spada den Namen Palma erw&auml;hnte, der Riccardo
+pl&ouml;tzlich still gemacht hatte, und davon sprach, da&szlig;
+die Palma die Nachbarn seiner Eltern in Bosco rado
+seien, da wurde Riccardo fast &uuml;berm&uuml;tig in seiner
+Freude, er erhob das Glas und leerte es, er lie&szlig; sich
+von dem gern bereiten Emilio immer wieder von der
+<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>Sch&ouml;nheit Francescas, der jungen Gr&auml;fin und Schwester
+Ermetes, vorschw&auml;rmen und war schon ganz bereit,
+mit seinem Kameraden und lieben Freunde
+Emilio gleich am zweitn&auml;chsten Tage in die Berge
+zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie
+Feuer durch seine Adern.</p>
+
+<p>&raquo;Schade, da&szlig; Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!&laquo;
+sagte Emilio, &raquo;jeder Tag w&auml;re zu einem
+Feste geworden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, bitterschade!&laquo; wiederholte Riccardo; er war
+ernst geworden. &raquo;Den h&auml;tte ich gern gesehen! Sie
+haben in Genua viel von ihm gesprochen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sicher nur Gutes!&laquo; r&uuml;hmte Emilio. &raquo;Die
+M&auml;nner lieben ihn und mit den Weibern versteht es
+keiner wie er! Den m&uuml;&szlig;test du kennen lernen, Riccardo,
+und wenn das Gl&uuml;ck es gut meint, kommt
+er fr&uuml;her heim, als seine Eltern glauben. Mit
+dem w&uuml;rdest du bald Freund sein, ihr pa&szlig;t zusammen!&laquo;</p>
+
+<p>Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen,
+er glaubte seinen Schwertgriff in den H&auml;nden
+zu halten und schwang doch das Weinglas, da&szlig; der
+rote Wein blutig &uuml;ber seine Hand spritzte. Er wollte
+etwas Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber
+<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>es gelang ihm nicht, und er sank hilflos und verloren
+lachend in seinen Sessel zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Da brachte ihn Beppino zu Bette.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">VI.</h3>
+
+<p>Als die beiden Offiziere sich am n&auml;chsten Tage
+beim Morgenimbi&szlig; trafen und Emilio lachend von
+ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da wurde
+es Riccardo erst klar, da&szlig; er dies nicht getr&auml;umt
+habe; er war verstimmt &uuml;ber seine Schw&auml;che und
+hatte Angst von seinen Pl&auml;nen und Absichten etwas
+verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden,
+um f&uuml;r den n&auml;chsten Reisetag ihre Eink&auml;ufe zu besorgen,
+die Riccardo bald erledigt hatte.</p>
+
+<p>Dann irrte er wieder wie fr&uuml;her durch Rom
+und in einer verschwiegenen Schenke unter dem Monte
+Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm
+ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten
+Male blitzartig durch sein Hirn geschossen war.</p>
+
+<p>&raquo;Du reitest morgen nach Bosco rado,&laquo; sprach er
+zu sich, &raquo;und kannst &uuml;bermorgen vielleicht vor den
+Eltern und der Schwester dessen stehen, der dein und
+deiner Lieben Gl&uuml;ck zerst&ouml;rt hat. Und du bist aus<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>gezogen,
+um die Schmach, die er deinem Hause angetan,
+zu r&auml;chen. Ist nicht die Lage, darin du und
+die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor
+Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter
+betrat? Der Bruder ist auf dem Meere und
+die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen
+absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache,
+eine Rache, die Gleiches mit Gleichem besser vergilt,
+als wenn du den heimkehrenden Bruder, der jetzt
+deinem Schwerte sich entzieht, ebenso ungl&uuml;cklich machst,
+wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerst&ouml;rt
+hat? Da ist die Mutter, da die Schwester
+und da bin ich&laquo;, so berechnete er an den Fingern die
+Lage. &raquo;W&auml;re jener Schuft, jener Feigling, der sich
+vor mir aufs Meer gefl&uuml;chtet hat, zur Stelle, er d&uuml;rfte
+den heutigen Abend nicht erleben. Aber er ist vor
+mir geflohen,&laquo; der Gedanke fra&szlig; sich immer tiefer in
+sein Hirn, &raquo;er hat sich feige davongemacht, um meiner
+Rache zu entfliehen, da er doch wissen mu&szlig;te, da&szlig;
+ich bald kommen, da&szlig; ich bald erscheinen werde, um
+die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt die beiden
+Frauen: was bleibt mir anderes &uuml;brig, als gleiches
+Unrecht mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine
+Schwester so ungl&uuml;cklich zu machen, als er meine
+<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>Schwester f&uuml;rs ganze Leben elend gemacht hat! Und
+wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchf&uuml;hlen,
+die ich in den letzten Wochen gelitten, und dann will ich
+vor ihn hintreten, offen und ehrlich, wie es einem
+Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben und
+ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!&laquo;</p>
+
+<p>Damit machte er den Strich unter seine Rechnung,
+damit zog er die Summe ihrer einzelnen Zahlen,
+damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es einschlief.
+Ein hei&szlig;es Gef&uuml;hl der Zufriedenheit durchflo&szlig; ihn,
+er konnte nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins
+Freie und eine gl&uuml;hende Ungeduld jagte ihn durch
+die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum
+erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse
+wie ein kraftstrotzender J&uuml;ngling auf ein Turnier, daraus
+er als Sieger hervorgehen mu&szlig;. Und er war auf
+dem Ritte nach Bosco rado durch den herrlichen, klaren
+Fr&uuml;hherbstmorgen &uuml;berm&uuml;tig und gl&uuml;cklich wie nur je.</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hle mir von Francesca, Emilio,&laquo; sagte er,
+da sie einen steiler werdenden Pfad emporritten, &raquo;ist
+sie sch&ouml;n, ist sie liebenswert, hat sie einen Liebsten?&laquo;</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te von Francesca sprechen, er dr&auml;ngte sein
+Pferd ganz nahe an den Schimmel Emilios, er f&uuml;hlte,
+da&szlig; er sich mit seiner Frage in die Gefahr begab,
+<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er
+mu&szlig;te fragen:</p>
+
+<p>&raquo;Ist sie wirklich so sch&ouml;n, wie alle Welt sagt?
+Und hat sie ihr Herz schon jemandem vergeben? Mich
+gel&uuml;stet nach Abenteuern, wei&szlig;t du, ich sehne mich
+nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!&laquo; wiederholte
+er, da Emilio schwieg.</p>
+
+<p>Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen
+erst abgewendet; dann klopfte er seinem Rosse den
+Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem gro&szlig;en
+und ernsten Blicke an, er sa&szlig; steil und wie aus Erz
+gegossen im Sattel und sprach dann mit einer Stimme,
+die zu schwer f&uuml;r die schlichte Antwort war:</p>
+
+<p>&raquo;Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine
+r&ouml;mische Adelige, sie ist nicht f&uuml;r Abenteuer geboren,
+sie ist eine Palma!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und meine Schwester ist eine Fabbri!&laquo; wollte
+Riccardo antworten. Aber er hemmte sich.</p>
+
+<p>&raquo;Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!&laquo;
+versuchte er seine Frage abzuschw&auml;chen. &raquo;Und ich habe
+nichts anderes gefragt, als ob sie sch&ouml;n sei. Du willst
+meine Frage nicht beantworten,&laquo; setzte er dann munter
+hinzu, &raquo;du willst mich &uuml;berraschen! Ich danke dir!&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war
+<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>verschwunden, er empfand die Dem&uuml;tigung in den
+Worten Emilios, er f&uuml;hlte, wie ihn Spada an den
+Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der
+Gr&auml;fin Palma trennte, er bi&szlig; sich auf die Lippe und
+gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem Pferde
+die Sporen, da&szlig; es in eine rasche Gangart fiel.</p>
+
+<p>Dann aber m&auml;&szlig;igte er den Trab seines Pferdes
+und sagte: &raquo;Siehst du, so n&auml;rrisch macht mich die
+W&uuml;rze dieses Herbstrittes! Sei nicht b&ouml;se, Emilio,
+wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge
+vom blauen Himmel heben.&laquo;</p>
+
+<p>Und nach einigem Z&ouml;gern f&uuml;gte er hinzu, und seine
+Stimme war weich und fast z&auml;rtlich:</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe
+es vergessen, Emilio, ob du Geschwister hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Riccardo,&laquo; sagte Spada, &raquo;ich habe zwei
+Schwestern, eine ist verm&auml;hlt und wohnt im Toskanischen,
+und zu Hause habe ich meine kleine, liebe Maria,
+die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.&laquo;</p>
+
+<p>Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im
+h&uuml;geligen Walde einen hellen Fleck. &raquo;Dort ist Bosco
+rado und dort dr&uuml;ben, nicht weit von jener Waldlichtung,
+sitzen die Palma.&laquo;</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte und reichte Riccardo die Hand hin<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>&uuml;ber.
+&raquo;Dort wirst du meine Antwort von vorhin
+verstehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!&laquo;
+erwiderte Riccardo.</p>
+
+<p>Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach
+Bosco rado zu kommen.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">VII.</h3>
+
+<p>Da sie dann durch tiefe D&auml;mmerung ritten, blitzten
+auf einmal ganz nahe die Lichter von Bosco rado
+auf, das ihnen w&auml;hrend der letzten Stunde verdeckt
+gewesen war, und es w&auml;hrte auch gar nicht lange,
+da&szlig; sie die Lichter ordnen und die Fensterreihen und
+den ganzen Aufbau des Schlosses daraus erzeichnen
+konnten.</p>
+
+<p>Aber in der N&auml;he des Schlosses ward jetzt ein
+helles, breites Licht sichtbar, von Schatten unterbrochen,
+und das Licht loderte manchen Augenblick pl&ouml;tzlich
+in die H&ouml;he, so da&szlig; Emilio &auml;ngstlich wurde und dem
+fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.</p>
+
+<p>&raquo;Dort auf dem leichten H&uuml;gel neben dem Schlosse
+sind die Wirtschaftsgeb&auml;ude,&laquo; sagte er wie zu sich,
+&raquo;es wird doch hoffentlich kein Feuer entstanden sein,
+<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>das w&auml;re eine schlechte Illumination f&uuml;r meine unerwartete
+Heimkunft!&laquo;</p>
+
+<p>Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon,
+da&szlig; die Schatten mit einer gewissen Regelm&auml;&szlig;igkeit
+durch das Licht huschten, und bald h&ouml;rten sie laute
+Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die
+Reitenden f&uuml;r kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind
+wehte ihnen jubelnde Stimmen und auch die rasch
+verstummenden T&ouml;ne einer tollen Musik zu.</p>
+
+<p>&raquo;Oh, die feiern ein l&auml;ndliches Fest!&laquo; sagte Emilio
+mit erleichterter Brust. &raquo;Wir wollen uns erst die
+Festlichen anschauen und sie dann &uuml;berraschen. Wir
+wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns
+dann im Lichte erkennen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen,
+vom Pferde steigend, seine kurzen Befehle. Die beiden
+Diener sollten auf einem Umwege die Pferde in den
+Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann
+traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand
+und schauten zwischen den B&auml;umen dem
+Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und seltsam
+genug darbot.</p>
+
+<p>Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von
+dem stattlichen wei&szlig;en Schlosse auf dem H&uuml;gel eine
+<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>Scheuer und unten am Fu&szlig;e des sanften Abhanges
+war eine vornehme und fr&ouml;hliche Gesellschaft vereinigt,
+Damen und Herren, jung und alt, die w&uuml;rdigen
+Damen auf B&auml;nken und Sesseln, indes die
+Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart
+hatten. Auf dem rundlichen Abhange aber,
+etwa in der Mitte zwischen den Herrschaften und der
+Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die
+wei&szlig;get&uuml;nchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete.
+Und von beiden Seiten des H&uuml;gels ritten
+nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu der
+Scheuer empor, und pl&ouml;tzlich zeichneten sich ihre grotesken,
+riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend,
+auf der grell erleuchteten Wand ab, n&auml;rrisch verzerrt
+und bis an das Dach des Geb&auml;udes vergr&ouml;&szlig;ert, aufeinander
+zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerh&ouml;rten
+Tieren, und die Schatten hatten Dreschflegel
+in den H&auml;nden, an deren Stangen aber gro&szlig;e
+Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte
+dazu, von Fl&ouml;ten verlacht, und die laute Heiterkeit
+der vornehmen Gesellschaft begleitete die seltsamen
+Schatten und n&auml;rrischen T&ouml;ne.</p>
+
+<p>&raquo;Das sind unsere Knechte,&laquo; erl&auml;uterte Emilio,
+&raquo;sie unterhalten sich und machen den Herrschaften
+<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>ihre h&uuml;bschen Sp&auml;&szlig;e vor. Dort sitzt meine Mutter
+neben der Gr&auml;fin Palma, die, wie ich zu meiner
+Freude sehe, zu dem Abend herbeigekommen ist, und
+dort bei den drei Kavalieren steht Francesca Palma
+mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das
+Schauspiel, das eben seinen H&ouml;hepunkt erreicht hat.&laquo;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich war mitten auf dem wei&szlig;en Hintergrunde
+der Wand ein phantastisch aufgeputztes Weibsbild
+aufgetaucht, der unglaubliche Schatten eines &uuml;bertrieben
+&uuml;ppigen Weibes, das nach den beiden Seiten
+hin den Maultierreitern plumpe Ku&szlig;h&auml;nde zuwarf.
+Die waren just in ihrem Ritte fast unten bei den
+vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen sie,
+durch die Musik aufmerksam gemacht, pl&ouml;tzlich das
+Frauenzimmer zu erblicken, sie wandten ihre Tiere
+und ritten wie rasend den H&uuml;gel empor, den Ritt
+pl&ouml;tzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der
+Holden ber&uuml;hrte. Sie ward st&uuml;rmischer in ihren verlockenden
+Bewegungen, bald schien sie den einen, bald
+den andern zu beg&uuml;nstigen, der Dudelsack war dabei
+ganz toll geworden, die Fl&ouml;ten jammerten und die
+aufs beste belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem
+sonderbaren Schauspiele.</p>
+
+<p>Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht
+<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>l&auml;chelte weiter, indes sein Herz m&auml;chtig pochte und
+sein Blick unverwandt auf die Gruppe hinstarrte, die
+ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei
+Kavaliere, zwei j&uuml;ngere und ein &auml;lterer, und die beiden
+M&auml;dchen, lachend und frohe Bemerkungen tauschend.
+Aber Riccardo fragte gar nicht erst, welches
+der beiden M&auml;dchen Francesca sei, er wu&szlig;te es gleich,
+er konnte sich nicht t&auml;uschen, er dachte gar nicht daran,
+da&szlig; er sich vielleicht irren k&ouml;nnte; denn seine Augen
+und sein Herz sagten es ihm, da&szlig; die Kleinere, die
+Fr&ouml;hliche, Francesca sein m&uuml;sse.</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist wundersch&ouml;n!&laquo; jubelte es in ihm, und
+seine jugendliche Glut fl&uuml;sterte ihm gleich in die
+Ohren: &raquo;Da wird deine Rache ....&laquo; Aber er dachte
+den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang
+sich, an seine Schwester zu denken und pre&szlig;te die
+H&auml;nde zu F&auml;usten zusammen. &raquo;Ja, das ist Francesca,
+so reizend, so liebensw&uuml;rdig, so unwiderstehlich! Und
+so, du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder
+erschienen sein, da&szlig; du ihm nicht wehren konntest!&laquo;</p>
+
+<p>Er sah jetzt auch die andere an, sie war gro&szlig;,
+hatte ein ernstes, in strengen, aber ungemein edlen
+Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser Ernst blieb auf
+ihren reinen Z&uuml;gen, auch wenn sie l&auml;chelte, so da&szlig;
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>sie etwa wie die Muse der Historie neben der Muse
+des Liebesliedes oder des anmutigen Tanzes bei ihrer
+Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht lange
+im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es
+warm und gl&uuml;ckverhei&szlig;end zur kleineren und heiteren
+anderen, die ihm in ihrem lichten Gewande wie die
+Verk&ouml;rperung aller Anmut erschien, so da&szlig; er, als
+Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stie&szlig;,
+herzlich und zukunftsicher mitlachte, aber aus einem
+ganz anderen Grunde, als sein Freund, der mit leuchtenden
+Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der
+eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels
+auf dem Kopfe des anderen zum Platzen gebracht,
+der taumelte vom Maultiere herab, der schauderhafte
+Schatten des Liebchens schwang sich auf sein
+lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis &uuml;ber
+das Scheunendach verzerrten Schatten des Siegers
+und seiner willigen Beute den Abhang nieder, indes
+der Besiegte mit t&auml;ppischer Bewegung sich erhob, ihnen
+nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum
+Hohne der jubelnden Gesellschaft mitten in den Fackelbrand
+hineinsprang und ihn mit raschen Tritten ausl&ouml;schte.
+Das Schattenspiel war zu Ende.</p>
+
+<p>W&auml;hrend die heiteren Zuschauer lachend Beifall
+<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>klatschen und noch einen Augenblick in ihren Gruppen
+verharrten, als sollte dem n&auml;rrischen Spiele noch ein
+Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos
+ergriffen und zog ihn nun mitten in das Gew&uuml;hl der
+Gesellschaft hinein. Fackeltr&auml;ger kamen rasch aus
+dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben
+den M&auml;dchen standen und Emilio pl&ouml;tzlich seine Stimme
+in das Gespr&auml;ch mischte, als w&auml;re er all die Zeit
+&uuml;ber anwesend gewesen, da erhob sich gleich ein neuer
+Jubel und neues Lachen, w&auml;hrend dessen Riccardo
+unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene
+gestellt und atmete den Duft ihres bl&uuml;henden,
+entbl&ouml;&szlig;ten Halses. Eine hei&szlig;e Sehnsucht lie&szlig;
+ihn ergl&uuml;hen und doch f&uuml;hlte er sich einen Augenblick
+traurig, wie ein Kind, das an einem fernen Orte
+einer rauschenden Musik lauscht und pl&ouml;tzlich Heimweh
+nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter
+bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas
+zu ihnen getreten und hatten ihren Sohn begr&uuml;&szlig;t,
+der nun artig seinen Freund vorstellte und ihn ihrer
+Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund
+empfahl. Und w&auml;hrend sich Riccardo &uuml;ber die Hand
+der Mutter Emilios beugte, fuhr dieser fort, ihn auch
+den M&auml;dchen bekannt zu machen, der jungen Gr&auml;fin
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor
+denen sich der Offizier verbeugte, ohne ein Wort
+sagen zu k&ouml;nnen, denn schon waren auch die &uuml;brigen
+Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen
+und H&auml;ndedr&uuml;cke die Menge, bis sich endlich
+die ganze Gesellschaft in die weite Halle vor dem
+Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische
+zu beenden. Riccardo sa&szlig; an der Seite der Mutter
+Emilios und war durch ihren freundlichen Zuspruch
+und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise gefesselt,
+indes das junge Volk unten an der Tafel sich
+&uuml;ber das Schattenspiel unterhielt und Emilio den
+M&auml;dchen &uuml;ber den Gast berichten mu&szlig;te.</p>
+
+<p>So da&szlig; Riccardo endlich, von dem Freunde in
+sein Zimmer geleitet, m&uuml;de von dem ausgiebigen
+Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf
+seinem Lager einschlief, ohne Tr&auml;ume und ohne weiter
+an seine Pl&auml;ne gedacht zu haben.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">VIII.</h3>
+
+<p>Als die leuchtende Sonne den Schl&auml;fer am anderen
+Morgen weckte, da gab er sich erst den angenehmen
+Gef&uuml;hlen eines J&uuml;nglings hin, der am ver<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>gangenen
+Abend ein M&auml;dchen kennen gelernt oder
+eigentlich nur gesehen hat, das ihn entz&uuml;ckt und das
+ihm der Inbegriff alles Sch&ouml;nen und Begehrenswerten
+scheint, wovon er je getr&auml;umt hat: sie ist ihm
+ganz in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich
+und heiter und d&uuml;nkt ihn das verlockendste Spielzeug,
+das er gern wie ein Kind an der Brust bergen und
+streicheln m&ouml;chte. Er sucht sich recht genau an ihre
+liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, da&szlig; sie
+kleiner ist als er und da&szlig; er sich zu ihrem rosigen
+Ohr herabbeugen mu&szlig;, um ihr was recht Holdseliges
+zu sagen. Er schlie&szlig;t die Lider noch einmal, um
+sich wie in einem lauen Bade wohlig zu strecken.
+Und wenn in seinem Denken finstere Vorstellungen
+ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann
+scheucht er sie unwillig fort, er f&uuml;hlt, da&szlig; seine Sehnsucht
+ihn langsam das begehrenswerte Wesen <em class="gesperrt">lieben</em>
+lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen sich immer
+dichter, immer undurchdringlicher, und pl&ouml;tzlich strafft
+der Tr&auml;umer sich empor, er spricht zu sich wie zu
+einem anderen Menschen, er sch&auml;mt sich vor sich selber.</p>
+
+<p>So ging es Riccardo jetzt; er mu&szlig;te des Zwischenfalles
+w&auml;hrend ihres Rittes gestern gedenken, da
+Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen Worte:
+<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>&#8250;Sie ist eine Palma!&#8249; beantwortet hatte. Sein
+heiteres Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an
+den Zweck seines Hierseins, an seinen Entschlu&szlig; und
+den neuen Plan f&uuml;r seine Rache.</p>
+
+<p>&raquo;O, das wird viel schwieriger durchf&uuml;hrbar sein,
+als ich dachte! Sie ist so sch&ouml;n, so rein!&laquo;, tr&auml;umte
+er vor sich hin. Da stand aber wieder das Bild
+seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch
+so sch&ouml;n, so rein getr&auml;umt hatte, wenn er auf dem
+Schiffe seinen holden Heimatsgedanken nachhing, und
+ein frischer, ungleich tieferer Schmerz erf&uuml;llte sein Herz.
+War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie
+sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig
+hingegeben? Tr&auml;gt nicht auch sie vielleicht eine Schuld?</p>
+
+<p>Seine erregte Phantasie zeigte ihm k&ouml;rperlich deutlich
+Ermete und seine Schwester, das konnte er nicht
+ertragen, er sprang vom Lager auf, er machte sich
+rasch fertig und rief seinen Diener. Der f&uuml;hrte ihn
+ins Nebengemach, wo der Morgenimbi&szlig; seiner harrte.
+Und dann eilte Riccardo in den Garten hinab, nur
+von dem Wunsche erf&uuml;llt, sich und den Gedanken
+seiner Einsamkeit zu entfliehen.</p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a></p>
+<h3 class="subsection">IX.</h3>
+
+<p>Als Riccardo in den flimmernden, gr&uuml;nen Garten
+trat, unter dessen alten B&auml;umen die Gesellschaft heiter
+versammelt war, da verwandelte sich sein Tr&uuml;bsinn
+gleich in die gl&uuml;cklichste Fr&ouml;hlichkeit. Er lachte mit
+den andern, die den Langschl&auml;fer mit frohem Zuruf
+begr&uuml;&szlig;ten, die Betten im Hause Spada seien doch
+besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch an
+Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der
+Gesellschaft vermisse.</p>
+
+<p>&raquo;Da seid Ihr irre,&laquo; sagte Emilios Vater, &raquo;der ist
+heute gar zeitig fr&uuml;h aus den Federn gekrochen und
+l&auml;&szlig;t sich entschuldigen. Er und Maria sind mit den
+Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde
+etwa weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, das tut mir leid,&laquo; stammelte Riccardo, und
+seine Worte konnten als Entschuldigung daf&uuml;r gelten,
+da&szlig; er sich von der gr&auml;flichen Familie nicht verabschiedet
+habe. Es war keine Wolke an dem blauen
+Himmel, aber sein Gesicht war pl&ouml;tzlich ganz dunkel
+geworden und einer der Nobili, der dessen acht hatte,
+sagte spottend:</p>
+
+<p>&raquo;So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet,
+<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>k&ouml;nnt Ihr gewi&szlig; den Schleier der sch&ouml;nen Francesca
+noch im Winde flattern sehen, ehe sie in dem dichten
+Schatten von Selva nera verschwinden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; meinte der Vater da Spadas, &raquo;darum
+bittet auch Emilio, Ihr m&ouml;chtet, falls es Euch beliebt,
+ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht zu verfehlen,
+und unsere Kinder werden Euch in der Mitte
+des Weges begegnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das will ich sehr gerne tun,&laquo; erwiderte Riccardo
+leise. &raquo;Ich will nur mein Pferd satteln lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem g&ouml;nnt heute seine verdiente Ruhe,&laquo; sagte
+der freundliche Hausherr verbindlich, &raquo;mein Pferd steht
+gesattelt zu Euren Diensten.&laquo;</p>
+
+<p>Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein
+sch&ouml;nes, feuriges Tier heranf&uuml;hrte. Das bestieg Riccardo,
+nachdem ihm der Weg gewiesen war, und
+sprengte davon.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&uuml;&szlig;et uns die sch&ouml;ne Gr&auml;fin Francesca!&laquo; rief
+der Nobile ihm noch fr&ouml;hlich nach; und er sagte
+dann lachend zu den &uuml;brigen G&auml;sten: &raquo;Dem hat es
+nat&uuml;rlich wieder die Gr&auml;fin angetan, sonst w&auml;re der
+Siebenschl&auml;fer &#8211; bei aller Liebe zu Emilio &#8211; heute
+wohl nicht so leicht aufs Pferd gestiegen. Aber er
+reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut h&auml;tte!&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>Auch Riccardo f&uuml;hlte, da&szlig; er heute leichter als je
+im Sattel sa&szlig;, so schwer auch sein Herz von der
+Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios getroffen
+war.</p>
+
+<p>&#8250;Ich mu&szlig; sie einholen,&#8249; sagte er sich, &#8250;ich mu&szlig;
+sie noch einmal sehen!&#8249;</p>
+
+<p>Der Weg f&uuml;hrte hinter dem Schlosse durch den
+Wald empor, verlie&szlig; aber auch auf der H&ouml;he den
+Wald nicht, so da&szlig; die Hoffnung Riccardos, er werde,
+nach einem scharfen Ritt auf der H&ouml;he angelangt,
+den Wagen der Palma und seine Begleiter sehen,
+sich nicht erf&uuml;llte.</p>
+
+<p>&#8250;Ich bin doch gewi&szlig; nicht auf einem falschen Wege,&#8249;
+dachte er, &#8250;und doch hat der sp&ouml;ttische Nobile davon
+gesprochen, da&szlig; ich in der Ferne den Schleier Francescas
+werde wehen sehen. Vielleicht &ouml;ffnet sich sp&auml;ter
+der Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde
+geritten sein.&#8249;</p>
+
+<p>Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich
+es wahrhaftig den steilen Weg wie eine Landstra&szlig;e
+genommen hatte.</p>
+
+<p>Da, als Riccardo eben aus den B&auml;umen auf eine
+sonnige Waldwiese kam und, vom hellen Lichte geblendet,
+die Augen geschlossen hatte, dem Schatten
+<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>des gegen&uuml;berliegenden Waldes zustrebend, h&ouml;rte er
+pl&ouml;tzlich seinen Namen rufen; er schaute sich um und
+brachte schon durch den freudigen Schreck, der seinen
+K&ouml;rper r&uuml;ckw&auml;rts ri&szlig;, das Pferd zum Stehen.</p>
+
+<p>Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen
+Steine, sa&szlig; sie, nach der er sich sehnte, und hielt die
+Z&uuml;gel ihres Pferdes lose in H&auml;nden. Sie hatte einen
+verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare,
+sie sah in ihrem Reitkleide heute schlanker aus und
+lachte hell in den Tag hinein, weil wohl der ungest&uuml;me
+Reiter, der so pl&ouml;tzlich sein Pferd zum Stehen
+brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte;
+und weil sein Gesicht und seine Haltung, da er vom
+Rosse stieg, so &uuml;berdeutlich den Ausdruck der &Uuml;berraschung,
+ja des freudigsten Schreckens darbot, da&szlig;
+sie nur noch lauter lachen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&auml;fin,&laquo; sagte er, &raquo;Ihr seid zur&uuml;ckgeblieben&laquo; &#8211;
+um mich zu erwarten, wollte er sagen, aber er
+vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm entgegengekommen,
+und das Erstaunen war nun auf ihr
+helles Gesicht hin&uuml;bergehuscht.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&auml;fin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn f&uuml;r
+Francesca?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, seid Ihr denn nicht die Gr&auml;fin Palma?&laquo;
+<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>kam es unsicher und doch mit der ganzen Sicherheit
+einer schon beantworteten Frage von den Lippen
+Riccardos. &raquo;So hat Euer Bruder mich gestern genarrt,
+als er mich ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meiner Freundin Francesca und mir zusammen
+vorf&uuml;hrte?&laquo; vollendete Maria den Satz. &raquo;Und Ihr
+habt mich f&uuml;r meine Freundin genommen? Aber
+Ihr macht ein so best&uuml;rztes Gesicht, Ihr scheint so
+ungl&uuml;cklich &uuml;ber den Irrtum, da&szlig; ich wohl um Verzeihung
+bitten mu&szlig;, da&szlig; Ihr Euch so get&auml;uscht habt,
+Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die
+Schwester Emilios, k&ouml;nnt Ihr mir das vergeben?
+Ich habe unsere lieben G&auml;ste bis hieher geleitet und
+mein Bruder ist noch ein St&uuml;ck mit ihnen weitergeritten,
+vielleicht bis Selva nera, weil der Tag so
+herrlich und der Ritt so angenehm ist. Ich will jetzt
+wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch
+warten lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine
+Schuld, eine so arge Entt&auml;uschung bereiten m&uuml;ssen!&laquo;</p>
+
+<p>Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft
+und klopfte den Hals ihres Pferdes, das seine Herrin
+mit gl&auml;nzenden Augen anblickte.</p>
+
+<p>Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme
+in ihm sang immer das gleiche Lied: Nun ist alles
+<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>gut, nun mu&szlig; ich dir, du liebes, s&uuml;&szlig;es M&auml;dchen,
+kein Leids antun! Aber eine andere Stimme h&ouml;hnte
+ihn: Du k&uuml;hner Ritter, denkst du an deine Rache?
+Und hast verliebte Augen und verliebte Ohren und
+stehst hier vor einem liebenswerten Gesch&ouml;pf, das
+deine Z&auml;rtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir
+stolz als Ziel deiner Rache vorgelogen hast.</p>
+
+<p>Und seine Scham und das Gef&uuml;hl des schweren
+Unrechtes, das er dieser Reinen angetan hatte, war
+so gro&szlig;, da&szlig; er &#8211; als m&uuml;&szlig;te die Heitere da vor
+ihm seine ganze Schuld kennen &#8211; vor ihr ins Gras
+sank, den Saum ihres Kleides zu k&uuml;ssen, und mit
+gepre&szlig;ter Stimme zu ihr sagte:</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnt Ihr mir verzeihen, Maria, k&ouml;nnt Ihr mir
+das alles im Leben je verzeihen?&laquo; Er flehte sie voll
+tiefer Innigkeit an, er wu&szlig;te jetzt auch schon ganz
+bestimmt, da&szlig; seine Verwechslung der beiden M&auml;dchen
+nur seinem Entz&uuml;cken &uuml;ber dieses helle Gesch&ouml;pf
+entsprungen sei, und da&szlig; er aus Bewunderung f&uuml;r
+sie und aus dem Gef&uuml;hle seiner keimenden Liebe den
+Irrtum begangen habe.</p>
+
+<p>Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das L&auml;cheln lag
+noch um ihre Lippen, aber nun sah sie in seine ungl&uuml;cklichen
+Augen und verstand sie nicht, und darum sagte sie:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>&raquo;Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und
+wei&szlig; nicht, ob Ihr bei heiterem Spiel, wie dieser
+Kniefall wohl eines ist, immer so ungl&uuml;cklich schaut
+wie jetzt. Und wei&szlig; auch nicht, was ich Euch verzeihen
+soll, wenn Ihr dies Wort ernst gemeint habt!
+Ihr habt uns beide Freundinnen gestern, da Ihr als
+Fremder in eine gro&szlig;e Gesellschaft tratet, verwechselt,
+aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich
+beleidigt zu f&uuml;hlen, wenn jemand uns verwechselt.
+Steht auf, Signor, und sagt mir, ob es Euch kr&auml;nken
+w&uuml;rde, wenn Euch jemand f&uuml;r meinen Bruder halten
+w&uuml;rde?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sagte diese Worte so nat&uuml;rlich und doch so
+mild, da&szlig; Riccardo nur verwirrter wurde. Er brachte
+keine Antwort zuwege, er stammelte nur: &raquo;Ihr k&ouml;nnt
+ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was
+ich getan habe oder tun wollte!&laquo;</p>
+
+<p>Und pl&ouml;tzlich umfa&szlig;te er st&uuml;rmisch ihre Kniee und
+rief zu ihr empor: &raquo;Ihr wi&szlig;t ja nicht, wie verworfen,
+wie elend ich bin und wie ungl&uuml;cklich! Und
+ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so ungl&uuml;cklich
+macht! Die Verwechslung hat damit gar
+nichts zu schaffen, wahrhaftig nicht, jedoch Ihr m&uuml;&szlig;t
+Mitleid mit mir haben, denn ich bin ungl&uuml;cklich; aber
+<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie allein
+mich retten k&ouml;nnte!&laquo;</p>
+
+<p>Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen
+sahen so traurig und hoffnungslos zu der erschrockenen
+Maria empor, da&szlig; sie ihm nicht wehrte, so &auml;ngstlich
+sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden
+verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen
+Abend so ver&auml;ndert, da&szlig; sie sich fragte, ob er wirklich
+der weltkundige Offizier und Freund ihres Bruders
+sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten
+zu ihm:</p>
+
+<p>&raquo;Wie k&ouml;nnte ich Euch etwas verzeihen, was ich
+nicht kenne und was mich nicht beleidigt hat? Steht
+auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause reiten, vielleicht
+s&auml;nftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen
+dort auf Emilio warten, dem Ihr sagen k&ouml;nnt, was
+Euch so bewegt! Ist es Euch so recht?&laquo;</p>
+
+<p>Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos,
+und dankte ihr mit stummem Blicke; und
+sie gingen eine Strecke weit zwischen den Pferden,
+die sie an den Z&uuml;geln f&uuml;hrten, in den Wald hinein.
+Dann aber blieb er stehen, er k&auml;mpfte mit sich, ob
+er Maria sein Herz er&ouml;ffnen solle. Und er begann
+ihr zu erz&auml;hlen:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>&raquo;Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in
+Eurem Alter sein, und sie lebt mit unserer Mutter
+einsam in den Bergen &uuml;ber Genua. Und diese beiden
+Frauen waren mein Traum in den N&auml;chten auf
+dem Meere und mein Gl&uuml;ck und Stolz in der Ferne.
+Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben inhaltsreich,
+ich wu&szlig;te, da&szlig; ich leben durfte und leben mu&szlig;te,
+denn ich hatte jemanden, f&uuml;r den es sich zu leben
+verlohnte. Aber als ich nun nach Hause kam ...&laquo;</p>
+
+<p>Er wollte weitererz&auml;hlen, aber er sah das reine
+M&auml;dchen an seiner Seite an, das ihn mitleidig betrachtete,
+da stockte er und sagte dann nach einer
+langen Unterbrechung:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr k&ouml;nnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf
+freut, nach Hause zu kommen, wie ihn die Sehnsucht
+erf&uuml;llt, Eure Eltern und Euch wiederzusehen! Und
+was k&ouml;nnte ihn auch Schlimmes &uuml;berraschen? In
+Genua hat er geh&ouml;rt, da&szlig; Ihr gesund seid, Eure
+Briefe haben ihn dar&uuml;ber beruhigt. Ihr k&ouml;nntet
+vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer Liebe
+begl&uuml;ckt haben, mit Eurer reinen Neigung begl&uuml;ckt
+haben,&laquo; wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen,
+&raquo;und diese Ver&auml;nderung k&ouml;nnte Emilio vielleicht einige
+Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>kennen gelernt hat. Ach, Maria!&laquo; rief er pl&ouml;tzlich
+wie verzweifelnd aus, &raquo;ich kann Euch meine Heimkunft
+nicht schildern, ich bin um all mein Gl&uuml;ck, um meine
+ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist &#8211;
+und zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick
+gebracht, das Niederschmetternde ist das sichere
+Bewu&szlig;tsein, da&szlig; ich meine Schwester nicht mehr
+lieben kann, da&szlig; ich nunmehr meine Heimat, da&szlig; ich
+meine Berechtigung zum Leben verloren habe! O,
+Maria, forschet nicht nach meinem Geschick, aber
+habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld,
+wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen
+k&ouml;nnt! Ich will hier im Walde warten, bis
+Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei Euren
+Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zur&uuml;ckkehren kann.
+Mein Diener wird mir mein Pferd bringen und ich
+will f&uuml;rderreiten. Lebet wohl!&laquo;</p>
+
+<p>Er blieb stehen und reichte Maria die Hand.
+Da sprach sie, indes sie seine Rechte in ihrer Hand
+hielt:</p>
+
+<p>&raquo;Sprecht mit Emilio, er wird Euch tr&ouml;sten k&ouml;nnen,
+er wird Euch, das hoffe ich, zu uns zur&uuml;ckbringen.
+Seid meines innigen Mitleids gewi&szlig;, denn ich sehe,
+da&szlig; Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures
+<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos
+und heiter meine Jugend dahin, und Ihr seid
+der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid ersch&uuml;ttert
+sehe, von einem Leid, das sich gewi&szlig; nicht
+verbergen l&auml;&szlig;t. Daran werde ich wohl mein Leben
+lang denken m&uuml;ssen! Und ich w&uuml;rde wahrhaft gl&uuml;cklich
+sein, wenn ich durch Emilio erf&uuml;hre, da&szlig; sich
+Euer Geschick zum Guten gewendet hat. Das w&uuml;nsche
+ich Euch von ganzem Herzen. Lebet wohl!&laquo;</p>
+
+<p>Da wallte noch einmal ein hei&szlig;es Gef&uuml;hl in
+Riccardo auf, es dr&auml;ngte ihn zu Maria hin, aber
+er bezwang sich und so k&uuml;&szlig;te er ihr stumm die Hand.
+Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und
+ging den Waldweg zur&uuml;ck, Emilio zu erwarten.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">X.</h3>
+
+<p>Es war sp&auml;t am Nachmittage, als Emilio des
+Weges daherkam. Beppino hatte indessen das Pferd
+Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen
+Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt
+hatte; und der Bursch, der ihn geleitet hatte, war mit
+dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten. Beppino
+sa&szlig; unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco
+<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>rado gut gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich
+ordentlich ausfaulenzen zu k&ouml;nnen. Sein Herr
+aber sa&szlig; schwerm&uuml;tig an der Stra&szlig;e, seufzte oft,
+ballte die F&auml;uste oder fuhr mit der Rechten durch
+die Luft und schaute dann wieder sehns&uuml;chtig in der
+Richtung von Selva nera, ob Emilio noch nicht
+kommen wolle.</p>
+
+<p>&raquo;Endlich, endlich!&laquo; rief er nun, als sein Freund
+heiter dahergesprengt kam, &raquo;du hast lange auf dich
+warten lassen!&laquo;</p>
+
+<p>Emilio sah erstaunt in das verst&ouml;rte Gesicht Riccardos,
+er sah verwundert Beppino mit den bepackten
+Pferden und sprang neugierig aus dem Sattel.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du lange auf mich gewartet?&laquo; fragte er.
+&raquo;Hast du denn Maria nicht getroffen, die doch schon
+Mittag zur&uuml;ckgeritten ist?&laquo;</p>
+
+<p>Er &uuml;bergab Beppino auch sein Pferd und trat
+zu Riccardo, der ihn bei der Hand nahm und seinem
+Diener winkte, sich zur&uuml;ckzuziehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio;
+sie wei&szlig;, da&szlig; ich hier auf dich warte, um mich von
+dir zu verabschieden; denn ich mu&szlig; noch heute fort
+von hier.&laquo;</p>
+
+<p>Er sagte dies so seltsam, da&szlig; Emilio auffuhr:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>&raquo;Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist
+geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man hat mich nicht beleidigt,&laquo; l&auml;chelte Riccardo
+tr&uuml;b, &raquo;aber ich habe mich schuldig gemacht, Emilio!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit
+und wen hast du gekr&auml;nkt? Es ist ja nicht m&ouml;glich!
+Foltere mich doch nicht, gerade heute nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter
+Stimme: &raquo;Emilio, hast du in deinem Leben
+schon ein reines M&auml;dchen verf&uuml;hrt? Wir sind jung
+und hei&szlig;, und ich bin nicht anders als du und die
+anderen jungen Nobili. Hast du ein M&auml;dchen verf&uuml;hrt
+und dabei jemals an den Jammer der Bet&ouml;rten,
+an das Elend ihrer Mutter, an das Ungl&uuml;ck
+ihrer Geschwister gedacht? Niemals kam dir der Gedanke
+daran, das wei&szlig; ich. Ich kenne uns. Aber
+was w&uuml;rdest du sagen, Emilio&laquo; &#8211; in den Augen
+Riccardos war ein Lauern, und seine kalte Stimme
+bewies, da&szlig; er diese Worte den ganzen Nachmittag
+&uuml;ber vorbereitet hatte &#8211; &raquo;was w&uuml;rdest du sagen,
+was w&uuml;rdest du tun, wenn du erf&uuml;hrest, da&szlig; deine &#8211;
+Schwester verf&uuml;hrt worden ist?&laquo;</p>
+
+<p>Da fa&szlig;te ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen
+Degen gezogen und hielt ihn sto&szlig;bereit erhoben: &raquo;Du
+<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>bist wahnsinnig, Riccardo, was sprichst du f&uuml;r rasende
+Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du
+erlebst den n&auml;chsten Augenblick nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge
+alles nach Wunsch, und dann schrie er Emilio in die
+Ohren: &raquo;Sto&szlig; zu, Emilio, sto&szlig; zu, ich habe deine
+Schwester verf&uuml;hrt, aus Irrtum verf&uuml;hrt, denn ich
+hatte es auf Francesca abgesehen, die Schwester
+Ermetes! Du wei&szlig;t ja, wie ich mich schon gestern
+auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte grausam und h&ouml;hnend und schrie noch
+einmal: &raquo;Sto&szlig; zu!&laquo;</p>
+
+<p>Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen
+sinken lassen, er sah entsetzt in das verzerrte Antlitz
+Riccardos und warf den Degen beiseite:</p>
+
+<p>&raquo;Du bist von Sinnen, Riccardo,&laquo; sagte er schwer
+aufatmend, &raquo;du bist toll!&laquo; Und dann stand er aufrecht
+und stolz vor Riccardo, der ihn hilflos anblickte,
+und sagte mit verachtendem Munde: &raquo;Und meiner
+Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deiner Braut?&laquo; schrie Riccardo.</p>
+
+<p>&raquo;Meiner Braut,&laquo; erwiderte Emilio ruhig.</p>
+
+<p>Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem
+K&ouml;rper herunter, er knickte zusammen, da&szlig; ihn die
+<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>Hand seines Freundes, der immer noch sein Wams
+festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und
+sagte mit bleichen Lippen: &raquo;Deiner Schwester bist du
+sicher! Das sagt jeder Bruder! Dann ist ja alles
+gut,&laquo; lispelte er vor sich hin, &raquo;alles gut.&laquo;</p>
+
+<p>So sank er in den Staub des Weges.</p>
+
+<p>Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das
+lang ersehnte Gl&uuml;ck gebracht hatten, beugte sich &uuml;ber
+ihn, ein inniges Mitleid mit dem Kameraden erf&uuml;llte
+ihn, er trocknete ihm den kalten Schwei&szlig; von der
+Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino,
+er m&ouml;ge Wein bringen. Den fl&ouml;&szlig;ten sie dem Kraftlosen
+ein, und langsam, langsam kehrte das Blut
+wieder in seine Wangen zur&uuml;ck. Er st&uuml;tzte sich auf
+seinen rechten Arm, er blickte Emilio lange an und
+dann schickte er Beppino wieder weg. Er sch&uuml;ttelte
+das Haupt, als m&uuml;sse er sich erst langsam auf etwas
+besinnen, dann dr&uuml;ckte er Emilio die Hand und sagte
+leise: &raquo;Francesca.&laquo; Dann umarmte er Emilio und ein
+schwergeborenes Schluchzen ersch&uuml;tterte seinen K&ouml;rper:
+&raquo;Maria,&laquo; sagte er innig, &raquo;die reine, heilige Maria!
+Man mu&szlig; auch zum Frevelnk&ouml;nnen stark sein, Emilio,
+und ich bin ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr
+und ich bin ein Held! Und doch bin ich ein Feig<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>ling!
+Ich wollte sterben, von dir wollte ich den
+Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir
+nicht; weil du ein guter Mensch bist und ich ein
+schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine entehrte
+Schwester zu r&auml;chen, an ihrem Verf&uuml;hrer ...&laquo;</p>
+
+<p>Er wollte &#8250;Ermete&#8249; sagen, da besann er sich, da&szlig;
+Emilio die Schwester seines Todfeindes liebe und sie
+ihn, er f&uuml;hlte eine unendliche R&uuml;cksicht f&uuml;r seinen
+Freund, f&uuml;r den Bruder Marias, die er liebte, und
+da schwieg er.</p>
+
+<p>Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos
+geh&ouml;rt, er erinnerte sich eines Gespr&auml;ches mit einem
+Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da er
+sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um
+vielleicht &uuml;ber Francesca etwas zu h&ouml;ren. Und er
+entsann sich einer &Auml;u&szlig;erung des Genuesen, da&szlig; Ermete
+in den Banden von Riccardos Schwester schmachte.
+Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis
+seiner Gedanken, er umarmte Riccardo und k&uuml;&szlig;te
+ihn auf das feuchte Haar:</p>
+
+<p>&raquo;Was mu&szlig;t du gelitten haben, armer Freund!
+Was mu&szlig;t du f&uuml;r furchtbare Tage erlebt haben!&laquo;</p>
+
+<p>Da l&ouml;ste sich in den Armen Emilios auch der
+Schmerz Riccardos und er sagte: &raquo;Ich sch&auml;me mich
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>meiner Tr&auml;nen nicht, sie tun mir wohl wie deine
+G&uuml;te. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft
+handeln wollen, aus Schw&auml;che und aus Verzweiflung,
+und ich bin um eine Erkenntnis reicher geworden.
+Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur
+Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unw&uuml;rdig
+einen Menschen zu lieben! Und wenn dein Schwager
+Ermete heimkehrt, Emilio, dann erz&auml;hle ihm von
+dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne!
+Und nun la&szlig; uns scheiden!&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm
+schweigend das Pferd besteigen. Er f&uuml;hlte, da&szlig; Worte
+Worte bleiben m&uuml;&szlig;ten und so dr&uuml;ckte er seinem
+Freunde, der bleich und ernst im Sattel sa&szlig;, nur
+stumm die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&uuml;&szlig;e mir Maria!&laquo; sagte Riccardo zum Abschied,
+&raquo;gr&uuml;&szlig; sie mir, wenn du mich noch f&uuml;r w&uuml;rdig
+h&auml;ltst, die Reine gr&uuml;&szlig;en zu d&uuml;rfen. Und sei gl&uuml;cklich,
+Emilio, lebe wohl!&laquo;</p>
+
+<p>&#8250;Lebe wohl!&#8249; wollte Emilio antworten, aber da
+f&uuml;hlte er den Hohn dieses Abschiedsgru&szlig;es und er
+dr&uuml;ckte dem Davonreitenden nur noch einmal fest
+und innig die Hand.</p>
+
+<p>Der Wald schlo&szlig; sich hinter Riccardo, nun ver<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>schwand
+auch Beppino seinen Blicken, und Emilio
+stand noch lange auf dem Wege und starrte seinem
+verschwundenen Freunde nach.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te, da&szlig; er ihn nie wiedersehen werde ...</p>
+
+<!-- [Blank Page] <a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a> -->
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a></p>
+<h2 class="novelle"><a name="Das_Meerweibchen" id="Das_Meerweibchen"></a><strong>Das Meerweibchen</strong></h2>
+
+<!-- [Blank Page] <a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a> -->
+
+
+<p><a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a></p>
+<h3 class="subsection">I.</h3>
+
+<p>Diese Geschichte k&ouml;nnte also beginnen: Es war
+einmal ein wundersch&ouml;nes Meerweibchen, das an der
+K&uuml;ste von Gr&ouml;nland lebte und das von Schiffsleuten
+in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen
+ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen
+sein Lied begleitete, gefangen ward und das dann
+in die Welt geschickt und allerorten als ein Wunder
+angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag ....</p>
+
+<p>Aber dann w&uuml;rde jeder glauben da&szlig; diese Geschichte
+von einem L&uuml;gner und Aufschneider erfunden
+worden sei, und ernste Menschen w&uuml;rden sie &uuml;berhaupt
+nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte
+und beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen,
+damit jeder ruhige und nachdenkliche Mensch
+sie unbesorgt lesen k&ouml;nne, denn es ist eine durchaus
+verb&uuml;rgte Geschichte und ist in den alten B&uuml;chern
+der k&ouml;niglichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und
+jeder Zweifler kann sie dort suchen. Und in der
+Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus, das
+zu dieser Geschichte geh&ouml;rt; ein steinernes Meerweib<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>chen,
+dem leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf
+abgefallen, ist sein Schmuck und es ist als das Haus
+zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was
+aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb,
+zeugt daf&uuml;r, da&szlig; es eine wundersch&ouml;ne Seejungfrau
+gewesen sein mu&szlig;, die dem Steinmetz als Vorbild
+gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel,
+und nur der schuppige, etwas schematisch gemei&szlig;elte
+Fischschwanz, der &#8211; in dem Lande des zweischw&auml;nzigen
+L&ouml;wen nicht auff&auml;llig &#8211; in zwei sch&ouml;n geringelten,
+stilisierten Teilen endigt, beweist, da&szlig; Nacken
+und Brust einem Wunderwesen angeh&ouml;rt haben. Das
+Haus selbst ist jetzt ein wenig verfallen und sieht
+altersschwach und engbr&uuml;stig genug aus. Aber es
+pa&szlig;t gut in die altert&uuml;mliche Karlsgasse und in diesen
+Teil des herrlichen Alt-Prag, in dem man weniger
+zuf&uuml;gender als abblendender Phantasie bedarf, um
+sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu f&uuml;hlen;
+man mu&szlig; nur die Gaslaternen und Telephondr&auml;hte,
+die Fahrr&auml;der und elektrischen Gl&uuml;hlichter in den
+Schaufenstern vergessen, um sich, wie in einem Traum,
+im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten
+H&auml;usern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen
+Verzierungen und verwegenen D&auml;chern dahinzuwandeln
+<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>und verwundert zum Fr&uuml;hlingshimmel emporzuschauen,
+der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame
+Bild nach oben abschlie&szlig;t.</p>
+
+<p>Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht,
+sondern im Beginn des siebzehnten Jahrhunderts.
+Da es aber eine, sozusagen, historische Erz&auml;hlung
+ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung
+gestattet, da&szlig; gar bald ohnehin die Notwendigkeit
+sich einstellen wird, das Ende des Mittelalters
+weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die Neuzeit
+gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es
+so herrlich weit gebracht haben, geh&ouml;ren schon l&auml;ngst
+nicht mehr in die Neuzeit des sechszehnten und siebzehnten
+Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu
+aufgekl&auml;rt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug
+der Einleitung! Also mag diese Geschichte immerhin
+als eine mittelalterliche gelten, umsomehr
+als sie in der altert&uuml;mlichen Karlsgasse anhebt und
+endigt.</p>
+
+<p>Dort ward damals eben das Haus aufgebaut,
+das vorhin geschildert wurde. Es war noch nicht
+unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet
+sein. Es geh&ouml;rte dem zu Ansehen und Reichtum
+gelangten Prager B&uuml;rger und Kaufmann Wenzel
+<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein
+Billiges gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war,
+f&uuml;r seinen Sohn und dessen einstige Ehefrau ein
+eigenes Haus zu bauen, auf da&szlig; er als ein bodenst&auml;ndiger
+B&uuml;rger und Kaufmann hier lebe und dem
+Namen Werkmeister zu Bedeutung und immer gr&ouml;&szlig;erer
+W&uuml;rde verhelfe. Denn er selbst war aus bescheidenen
+Anf&auml;ngen zu einem beg&uuml;terten Kaufmann
+geworden und liebte auf Erden niemanden inniger
+als seinen Sohn Karolus, der die einzige Hinterlassenschaft
+seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er
+hatte ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar
+mit ihm einmal in Wien gewesen, um ihm die Welt
+zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen zu
+einem t&uuml;chtigen und ehrsamen Manne emporwachsen.
+So war Karolus vierundzwanzig Jahre alt geworden
+und war ein gesitteter, stiller, bescheidener J&uuml;ngling,
+schlank, mit sanften, etwas sch&uuml;chternen Augen, wie
+sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus
+denen eine empfindsame und tr&auml;umerische Seele in
+die Welt schaute. Dem Vater war Karolus sogar
+zu bescheiden, zu sanft und sch&uuml;chtern, denn er wu&szlig;te,
+was sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was
+das Gesch&auml;ft anlangt, sondern auch von den freien
+<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>Wissenschaften und K&uuml;nsten, und er h&auml;tte wohl seinen
+Sohn ein weniges stolzer und selbstbewu&szlig;ter gew&uuml;nscht.
+Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner
+Altersgenossen nicht sonderlich, er war ein Leser und
+Tr&auml;umer und freute sich tags&uuml;ber auf den Abend,
+da er zu seinen B&uuml;chern zur&uuml;ckkehren konnte. Das
+wehrte ihm der Vater auch nicht, da Karolus im
+Gesch&auml;fte still und sicher seine Arbeit tat und bei
+den Kunden beliebt und geachtet war.</p>
+
+<p>Eine t&uuml;chtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu
+sanftes Gebl&uuml;t auffrischen! dachte der Vater und
+schaute darum flei&szlig;ig unter den B&uuml;rgert&ouml;chtern um,
+welche ihm wohl am besten f&uuml;r seinen Einzigen tauglich
+schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche,
+hoffte er eine bestimmte Wahl getroffen zu
+haben.</p>
+
+<p>Nun waren aber Karolus&#8217; Beziehungen zum weiblichen
+Geschlechte bisher mehr theoretischer Natur gewesen;
+er hatte den Dichtern ihre Lobpreisungen der
+Frauen aufs Wort geglaubt und sich gew&ouml;hnt, die
+Frauen mit den Augen der schreibenden, nicht der
+liebenden Dichter anzusehen, ohne doch je eine innere
+N&ouml;tigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane
+am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm
+<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>etwas Hohes und Hehres, &uuml;ber dem Alltag Stehendes
+und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen; ihre
+W&auml;nglein waren Pfirsichbl&uuml;ten, ihre Lippen Kirschen,
+ihre Augen leuchtende Kohlen oder liebliche Vergi&szlig;meinnichtbl&uuml;mlein,
+ihr Gang war wie das H&uuml;pfen
+der Sonnenstrahlen &uuml;ber blumige Auen, aber, da&szlig;
+man die Wangen streicheln, die Lippen k&uuml;ssen k&ouml;nne,
+da&szlig; man die zierliche Gestalt umarmen d&uuml;rfe, fiel ihm
+gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu, aus seiner
+literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und
+einmal einem lebenswarmen, bl&uuml;henden Kinde herzhaft
+ans Kinn zu greifen.</p>
+
+<p>Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von
+Verliebtheit gef&uuml;hlt; das war an einem Sonntag
+nachmittag, als er auf der Kleinseite dr&uuml;ben unter
+der K&ouml;nigsburg, dem Hradschin, durch die schattigen
+Gassen lustwandelte und pl&ouml;tzlich vor einem herrlichen,
+schmiedeeisernen Gittertor stand und in einen wundervollen,
+adeligen Garten geschaut hatte: gro&szlig;e Rasenfl&auml;chen
+dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein
+rundes Wasserbecken ergl&auml;nzte im Sommerlichte und
+ein feiner Springbrunnen pl&auml;tscherte in das bewegte
+Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich
+weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des
+<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>Hradschin, und die grandiose K&ouml;nigsburg mit dem
+herrlichen Dome war wie eine phantastische Kr&ouml;nung
+des gr&uuml;nen, bl&uuml;henden, weit ausgestreckten Gartens.
+In dem Garten aber wandelte in einem wei&szlig;en Sommerkleide
+eine schlanke, biegsame Frau, und die Sonne
+schien selbst in sie verliebt zu sein, so jubelnd sammelte
+sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame,
+so golden lie&szlig; sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es
+war, als ob eine der Marmorg&ouml;ttinnen, die im Garten
+in den gr&uuml;nen Geb&uuml;schen standen, von ihrem Postamente
+herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte
+sich zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen
+Augen schaute Karolus ihr lange nach, er hatte den
+Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als
+ob die Dame ihm zul&auml;chle. Er stand noch auf dem
+Flecke vor dem Eisengitter lange, nachdem das Wunder
+in den B&uuml;schen verschwunden war, und starrte
+in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mu&szlig;te.
+Erst als er Stimmen neben sich h&ouml;rte, wachte er auf
+und schaute erstaunt um sich. Und er glaubte sich&#8217;s
+sp&auml;ter selbst nicht mehr, da&szlig; er eine lebende Dame
+im Garten gesehen habe, er war &uuml;berzeugt, da&szlig; er
+nur ein wundersch&ouml;nes M&auml;rchen von einer lieblichen
+Prinzessin getr&auml;umt habe, etwa das M&auml;rchen von der
+<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>wei&szlig;en Frau Medulina, die mit Blumen und Fr&uuml;chten
+in den H&auml;nden durch die Auen schreitet. Einige
+Tage tr&auml;umte er noch davon und war gl&uuml;cklich dar&uuml;ber,
+da&szlig; er auch bei Tage nach eigenem Willen den
+sch&ouml;nen Traum erneuern konnte; er err&ouml;tete, wenn
+er sich immer wieder dabei ertappte, wie er gleich
+einem Puppenspieler die sch&ouml;ne, f&uuml;rstliche Dame immer
+von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem
+Gitter liebreich zuwinken lie&szlig;. Es hatten sich aber
+auch zu liebliche, blonde Ringell&ouml;ckchen &uuml;ber ihrem
+bl&uuml;hwei&szlig;en Nacken gekr&auml;uselt.</p>
+
+<p>In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens
+fiel nun die Ankunft des gr&ouml;nl&auml;ndischen Meerweibchens
+in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte Trommler
+hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch
+mehrere Tage auf allen Pl&auml;tzen und allen Stra&szlig;enecken
+gestanden und hatten nach einem aufr&uuml;hrerischen
+Trommelwirbel den <em class="antiqua">p.&nbsp;t.</em> Adel und B&uuml;rgerschaft der
+k&ouml;niglichen Hauptstadt Prag auf das gro&szlig;e Wunder
+aufmerksam gemacht, das in den n&auml;chsten Tagen eintreffen
+werde. Lalanda, die gr&ouml;nl&auml;ndische Meerjungfrau,
+das sch&ouml;nste Seeweibchen, das je gefangen worden,
+die Dame mit dem Fischschwanze, von allen
+Gelehrten der Welt bewundert und als neues Welt<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>wunder
+angestaunt und gepriesen, werde in den n&auml;chsten
+Tagen in Prag zu sehen sein. Gro&szlig;e Bilder
+wurden in den Stra&szlig;en herumgetragen, darauf Lalanda,
+die gr&ouml;nl&auml;ndische Seek&ouml;nigin, abgeschildert war,
+und &uuml;berall folgte eine Menge Neugieriger den
+Trommlern, die eine betr&auml;chtliche Aufregung in der
+Stadt verursachten. Auch verteilten sie ein fliegendes
+Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau
+berichtet und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt
+war, so die Sch&ouml;nheit der Dame mit dem Fischschweife
+in lieblichen Versen pries. Sie werde auf
+dem Altst&auml;dter Ring in einem der gro&szlig;en Verkaufsgew&ouml;lbe
+unter den Lauben zu sehen sein und in
+ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie
+ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe,
+deutsch zu ihnen, da sie eine erstaunliche Klugheit
+und ein unerh&ouml;rtes Ged&auml;chtnis besitze. Und sei
+sch&ouml;ner, als je ein M&auml;dchen auf dem Festlande gewesen.</p>
+
+<p>Nun waren gerade damals ruhige Zeitl&auml;ufte, und
+Prag, die Stadt, die von Zeit zu Zeit wie ein Kind
+ihr Fieber durchmachen mu&szlig;, um sich ihrer sch&auml;dlichen
+G&auml;rungsstoffe zu entledigen und ihr Blut f&uuml;r
+einige Jahre zu reinigen, erfreute sich eben einer be<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>haglichen
+Erholung nach K&auml;mpfen und B&uuml;rgerzwisten,
+so da&szlig; Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen
+hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die
+Laufburschen und Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen
+Gesch&auml;fte, die ihre &uuml;bersch&uuml;ssige Lebhaftigkeit
+sonst bei den Stra&szlig;enaufl&auml;ufen ausgetobt hatten,
+ben&uuml;tzten jetzt jeden freien Augenblick, hinter den
+Trommlern einherzulaufen und immer frische Zettel
+mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die
+&auml;lteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter
+in der Schreibstube f&uuml;hrten die ausgiebigsten Gespr&auml;che
+&uuml;ber das Meerweibchen, und es gab keine
+Lebens&auml;u&szlig;erung eines erwachsenen Menschen, die sie
+nicht in ernst- und in scherzhafte Beziehung zu dem
+wunderbaren K&ouml;rperbau des Gr&ouml;nl&auml;ndischen Mirakels
+gebracht h&auml;tten. Sie &uuml;bertrafen sich gegenseitig in der
+Erfindung neuer Fragen: &#8250;ob sie wohl auch&#8249; und
+&#8250;wie mag bei ihr&#8249;, nur mu&szlig;ten sie sich vor Herrn
+Karolus in acht nehmen, dessen Zartgef&uuml;hl zu schonen
+eine schweigende &Uuml;bereinkunft im Hause Werkmeister
+war. Der hatte nat&uuml;rlich auch die Trommler geh&ouml;rt
+und ihren Zettel gelesen. Aber er hatte noch keinen
+richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden,
+nur die Tatsache, da&szlig; ein Wunder zu sehen sein
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>werde, besch&auml;ftigte ihn und er hatte beschlossen, sich
+gleich am n&auml;chsten Sonntage, dem ersten Tage, da
+Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein
+zu &uuml;berzeugen, wie weit den Ank&uuml;ndigungen
+zu glauben sei.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">II.</h3>
+
+<p>Es gibt wenige Pl&auml;tze auf Erden, die sich an
+Sch&ouml;nheit mit dem Altst&auml;dter Ring in Prag messen
+k&ouml;nnen, herrliche Pal&auml;ste umrahmen ihn, seltsame
+H&auml;user, denen man die Freude der Erbauer an ihrer
+Phantasie anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder,
+das alte Rathaus beherrscht eine Seite mit seiner
+ernstheiteren Loggia und dem zierlichen T&uuml;rmchen,
+das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt,
+und die grandiose Teinkirche mit ihren beiden ragenden
+T&uuml;rmen, die ernst gen Himmel weisen, schaut
+&uuml;ber die giebeligen, mit Laubeng&auml;ngen versehenen
+H&auml;user der anderen Seite stolz auf den Platz herab,
+auf dem sich viel gro&szlig;e und inhaltreiche Historia abgespielt
+und dessen Boden edles und unedles Menschenblut
+getrunken hat. Sie schaut gleichm&uuml;tig auf
+den Ring hernieder und wundert sich &uuml;ber die win<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>zigen
+Menschlein, die &uuml;ber den Platz wimmeln, sie
+kann immer noch ihre Hast und irdische Gesch&auml;ftigkeit
+nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger
+ihre T&uuml;rme bedeutungsvoll gegen den Himmel.</p>
+
+<p>Aber die Menschen achten der T&uuml;rme kaum; denn
+da sie immer gleichm&auml;&szlig;ig in steinerner Ruhe in ihrer
+Stellung verharren, machen sie l&auml;ngst keinen Eindruck
+mehr auf der Menschen Gem&uuml;t, da diesen nur <em class="gesperrt">das</em>
+wunderbar erscheint, was von der Gleichm&auml;&szlig;igkeit
+abweicht, was anders ist, als ihre tr&auml;gen Vorstellungen.</p>
+
+<p>Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war
+noch nicht dagewesen, denn sie war sch&ouml;n und seltsam
+zugleich, und an jenem Sonntag str&ouml;mten die
+Prager B&uuml;rger zu Hunderten in den Laden auf dem
+Altst&auml;dter Ring, um das nie Dagewesene, Unglaubliche
+anzustaunen. Und tausend B&uuml;rger und Bauern,
+Neugierige und Befriedigte standen auf dem
+Platze und tauschten ihre Meinungen &uuml;ber das Meerweibchen
+aus oder lauschten den Gl&uuml;cklichen, die
+Lalanda, die sch&ouml;ne Gr&ouml;nl&auml;nderin, schon gesehen
+hatten.</p>
+
+<p>Die Trommler aber standen vor dem Eingange
+des Gew&ouml;lbes, und alle Viertelstunden dr&ouml;hnte ihr
+<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen, da&szlig; frischen
+Besuchern der Einla&szlig; gew&auml;hrt werde; dann str&ouml;mten die
+erledigten Zuschauer aus der Ladent&uuml;r auf den Ring heraus
+und ein neuer Schwarm von Neugierigen, die geduldig
+auf ihrem Posten gewartet hatten, wurde eingelassen.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wirklich ein Wunder,&laquo; sagten die Heraustretenden,
+und selbst ein ber&uuml;hmter Professor der Universit&auml;t,
+der unter den ersten Besuchern gewesen war,
+ging kopfsch&uuml;ttelnd und scheinbar aufs h&ouml;chste &uuml;berrascht,
+schweigend und auf seinen Stock gest&uuml;tzt, durch
+die Reihen der ehrf&uuml;rchtig Gr&uuml;&szlig;enden.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wunderbar, f&uuml;rwahr h&ouml;chst wunderbar,&laquo;
+sagte er dann zu einem Bekannten, der begierig zu
+ihm getreten war. &raquo;Gar manchen Bericht &uuml;ber Meerweibchen
+(Sirenen) habe ich mit Verwunderung und
+einigem Mi&szlig;trauen gelesen, aber, nun ich diese Lalanda
+gesehen, mu&szlig; ich wohl daran glauben. Hat
+doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott
+verzeihe mir die S&uuml;nde, wie ein &uuml;berm&uuml;tig, spielerisch
+Kind, das aus Wachs oder Teig seltsame
+oder unm&ouml;gliche Formen bildet! Nun aber gehet
+selbst und staunet! Ich will in mein Museum, in
+<em class="antiqua">Eusebii miraculis naturae</em> nachzulesen, was dieser
+unterrichtete Autor bei dieser Materie berichtet.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Und er ging, kopfsch&uuml;ttelnd und in tiefes Nachdenken
+versunken, von dannen.</p>
+
+<p>In dem matterhellten Gew&ouml;lbe aber dr&auml;ngten sich
+die Neugierigen, um Lalanda deutlicher zu sehen und
+besser zu h&ouml;ren. Da war ein gro&szlig;er Wasserbottich
+aufgestellt, so da&szlig; er bis an die r&uuml;ckw&auml;rtige Wand
+des ger&auml;umigen Gew&ouml;lbes reichte und sich noch in
+das n&auml;chste Zimmer zu erstrecken schien; denn vom
+Wasserspiegel aufw&auml;rts sah man eine T&uuml;r in ein
+Nebengemach, Schilf ums&auml;umte sie, und mit Schilf
+waren die W&auml;nde der gro&szlig;en Kufe verkleidet, also
+da&szlig; sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch waren
+gro&szlig;e Steinbl&ouml;cke bis an die W&auml;nde des Teiches
+herangelegt, so da&szlig; ein breiteres Ufer gebildet war,
+auf dem Moos und gr&uuml;ner Rasen lag. In der Mitte
+des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut
+und eine seltsam geformte Harfe lag auf dieser
+klippigen Insel. Und nun, da die Besucher einen
+Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung
+gewartet hatten, &ouml;ffnete sich die T&uuml;r an der R&uuml;ckwand,
+der Teich schien auch ins Nebengemach sich
+zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda
+hereingeschwommen, blond, mit aufgel&ouml;stem Haare
+und mit anmutigen, sch&ouml;n geschwungenen Bewegungen
+<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>schwamm sie einmal die Ufer des Teiches entlang,
+mit gro&szlig;en, erstaunten Augen die Menschen gr&uuml;&szlig;end.
+Sie war jung und sch&ouml;n, Seerosen lagen in einem
+bl&uuml;henden Kranze auf ihrem Haupte, ihre Augen
+waren rund und die wei&szlig;en H&uuml;gel ihres jungfr&auml;ulichen
+Busens hoben sich aus dem Ausschnitte
+ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten Mieders.
+Von den H&uuml;ften nach abw&auml;rts aber verlief ihr schlanker
+Leib in einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte
+schimmernden Fischschwanz, der anmutig, wie ein
+goldenes Steuer, die Bewegungen ihres K&ouml;rpers zu
+lenken schien und manchmal wie &uuml;berm&uuml;tig das Wasser
+peitschte. So schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe
+um den Teich herum, ruhte wohl auch einen Augenblick
+aus, indem sie sich an den Borden des Teiches
+festhielt und ein paar weiche, ringgeschm&uuml;ckte Finger
+aus dem Wasser hob. Sie schwang sich dann auch
+ein wenig aus dem Wasser und legte den schuppigen
+Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte
+l&auml;chelnd mit blitzenden Z&auml;hnchen, da&szlig; ein paar
+neugierige H&auml;nde ihren k&uuml;hlen Fischleib ber&uuml;hrten.
+Nur, wenn die Ber&uuml;hrungen etwas k&uuml;hner werden
+wollten, lie&szlig; sie sich rasch ins Wasser gleiten und
+lachte, wenn die aufspritzenden Tropfen den allzu
+<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>Kecken schreckten. Dann schwamm sie ruhig weiter
+und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe,
+auf die sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu
+veratmen. Sie griff auf den Saiten der Harfe einige
+verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre Augen
+wurden vertr&auml;umt und sehns&uuml;chtig und, wie aus dieser
+Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend
+ihr seltsames, unverst&auml;ndliches Lied. &raquo;Lalanda,
+Lalanda&laquo; verklang es. Sie legte die Harfe
+aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren gro&szlig;en
+Kinderaugen im Kreise umher und lie&szlig; sich dann
+still ins Wasser gleiten. Die T&uuml;r im Hintergrunde
+des Zimmers &ouml;ffnete sich und mit anmutigen und
+runden Armbewegungen teilte sie das Wasser und
+entschwand den Blicken.</p>
+
+<p>Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn
+sie war wirklich sch&ouml;n in ihrer Ruhe und Jugend,
+und mancher, der hereingekommen war, zu spotten
+und zu h&ouml;hnen, sch&uuml;ttelte bewundernd den Kopf und
+ging gl&auml;ubigen Herzens von dannen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein wirkliches Wunder,&laquo; sagte ein angesehener
+B&uuml;rger, der ganz vorne am Ufer des
+Teiches stand.</p>
+
+<p>&raquo;Und w&auml;re es auch,&laquo; sagte ein Nachbar, &raquo;ein
+<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>Wunder an Anmut und Sch&ouml;nheit, wenn sie den
+Fischschwanz nicht h&auml;tte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir tut es wahrhaftig leid,&laquo; sagte ein anderer
+und wischte sich dabei mit dem Sacktuche seinen arg
+bespritzten Rock vorsichtig ab, &raquo;mir tut es leid, da&szlig;
+ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die
+hier kann jede ehrsame Frau ohne Err&ouml;ten sich anschauen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur w&uuml;rdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau
+nicht so gr&uuml;ndlich betasten d&uuml;rfen!&laquo; spottete einer.
+&raquo;Wischt Euch nur erst Euren Sonntagsrock geh&ouml;rig
+ab, da&szlig; sie nichts merke!&laquo;</p>
+
+<p>Die anderen lachten und schoben sich langsam
+dem Ausgange des Gew&ouml;lbes zu.</p>
+
+<p>An der Wand aber stand Karolus Werkmeister,
+sprachlos, ohne Besinnung; er starrte immer noch
+nach der T&uuml;r, durch welche das blonde Wunder verschwunden
+war, seine Augen waren weit offen und
+sahen doch nicht, seine Lippen zuckten, als ob er
+weinen wollte, und doch h&uuml;pfte das Herz in seiner
+Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das
+Sonnenlicht schaut. So stand er allein in dem Gew&ouml;lbe,
+er wu&szlig;te gar nicht, da&szlig; Menschen um ihn
+gewesen waren, da&szlig; er hier auf dem Altst&auml;dter Ring
+<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>in einem Laden stand, er h&auml;tte seinem Vater nicht
+geglaubt, wenn er ihm gesagt h&auml;tte, da&szlig; Lalanda
+ein herumreisendes Wunder sei, ein so unerme&szlig;liches
+Gl&uuml;cksgef&uuml;hl, ein solcher Jubel erf&uuml;llte ihn, ohne da&szlig;
+er ihm einen Namen h&auml;tte geben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Da fa&szlig;te ihn eine Hand etwas unsanft am &Auml;rmel
+und eine n&auml;selnde Stimme weckte ihn aus seinen
+Tr&auml;umen:</p>
+
+<p>&raquo;Herr, die n&auml;chste Vorstellung wird eben beginnen,
+mit einem Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!&laquo;</p>
+
+<p>Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren
+ihren tr&auml;umerischen Glanz, seine Wangen wurden
+gl&uuml;hendrot, er wagte nicht, dem St&ouml;rer etwas zu
+erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem
+Gew&ouml;lbe. Und ohne aufzuschauen, ohne sich an die
+Zurufe der Neugierigen auf dem Altst&auml;dter Ring zu
+kehren, eilte er wie im Traume von dannen.</p>
+
+<p>Er war berauscht, er ging durch die Gassen und
+wu&szlig;te nichts davon, ihm war, als w&auml;ren seine Augen
+geblendet, und so kam er unbewu&szlig;t auf die Kleinseite
+und stand pl&ouml;tzlich vor dem sch&ouml;nen Gitter unter
+dem Hradschin, darin ihm unl&auml;ngst die wei&szlig;e Frau
+Medulina erschienen war. Aber der Garten war
+<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>heute leer und nur der Springbrunnen pl&auml;tscherte
+melancholisch durch die Stille. Lalanda, so pl&auml;tscherte
+er, Lalanda; es war das Lied, das die Herrliche
+vorhin gesungen hatte, er h&ouml;rte ganz deutlich ihre
+Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun
+auch sie selbst auf dem Rande des Marmorbeckens
+sitzen zu sehen, sie winkte ihm liebreich und anmutig,
+wie einst die holdselige, wei&szlig;e Frau ihm zugewinkt
+hatte. Da ri&szlig; er sich los, die Stimme lockte ihn
+zur&uuml;ck, er mu&szlig;te ihr folgen und bald stand er wieder
+auf dem Altst&auml;dter Ring, er dr&auml;ngte sich durch die
+Menge und stand tiefatmend dicht an der T&uuml;r des
+Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend,
+bis sie sich wieder &ouml;ffnen w&uuml;rde. Er wartete gar
+nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten waren,
+und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches.
+Ach, und an diesem Tage ging der bet&ouml;rte Karolus
+Werkmeister nicht mehr aus dem Laden, er stand wie
+festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von
+neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen
+darauf, da&szlig; sich die T&uuml;r im Hintergrunde des Teiches
+&ouml;ffne, da&szlig; sie, die Helle, die Wunderbare, hereinschwimme
+und ihm ihre freundlichen M&auml;rchenaugen
+zuwende. Und sie bemerkte ihn, bei jedem neuen
+<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>&Ouml;ffnen der T&uuml;r suchten ihre dankenden Blicke immer
+wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze
+wie ein im Sonnenscheine leuchtender Baum und
+seine Aste loderten ihr entgegen. Und als der Abend
+kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage
+ihr bet&ouml;rendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie
+noch einmal an das Ufer des Teiches heran, gerade
+zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte ihm
+eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer
+klangvollen Stimme: &raquo;Auf Wiedersehen morgen!&laquo;</p>
+
+<p>Und es war seit Jahren das erste Mal, da&szlig; Karolus
+nicht zur Zeit nach Hause kam, er konnte heute
+nicht nach Hause, sondern irrte in den Feldern vor
+der Stadt ruhelos umher........</p>
+
+
+<h3 class="subsection">III.</h3>
+
+<p>So war denn endlich f&uuml;r Karolus das gro&szlig;e
+Wunder gekommen, es mu&szlig;te ein wirkliches, wunderbares
+Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht
+zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen
+Norden, eine Seek&ouml;nigin mu&szlig;te nach Prag kommen,
+um das L&auml;mpchen in seiner Brust zu entz&uuml;nden; und
+Lalanda, Lalanda mu&szlig;te sie hei&szlig;en, damit seine
+<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Tr&auml;ume in den Tag hinein dauern konnten, damit
+endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den
+kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser
+Schlummer seine Lider schlo&szlig;, tr&auml;umte er davon,
+wie er auf einer fernen Insel s&auml;&szlig;e und auf den
+Mondschein warte, mit dem auch seine Meerg&ouml;ttin
+aus den Wellen auf sein Eiland zugeschwommen
+komme.</p>
+
+<p>Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume,
+eine zweite Aphrodite, schwang sich die Lichte, Liebliche
+auf seinen Felsen und hielt ihre Harfe in H&auml;nden;
+und schon erklang ihr Lied: &#8250;Lalanda, Lalanda.&#8249;
+Aber er schmiegte sich an sie, ihr K&ouml;rper ward warm
+vom Mondenscheine, und ihr Busen, wei&szlig;er als die
+Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem Gesange.
+Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr
+als &#8250;Lalanda&#8249;, und doch verstand sie ganz genau,
+was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm liebreich
+zu und ihre H&auml;nde lagen still in den seinen.
+Und als die Sonne fern-fernher ihre Strahlen &uuml;ber
+die Wellen schickte, da glitt sie sanft vom Felsen ins
+Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber lie&szlig; sie
+ihm zur&uuml;ck und die duftete milder und s&uuml;&szlig;er, als je
+eine Rose aus dem Garten geduftet hatte. Er wachte
+<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>auf und hielt die Seerose in H&auml;nden und mu&szlig;te in
+staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob
+er wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose
+in seine Hand gekommen sei. Dann aber erinnerte
+er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen Abend,
+da sie ihm die Blume gereicht hatte, er dr&uuml;ckte sie
+leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens
+duftete ihm aus der Seerose entgegen und gl&uuml;ckselig
+l&auml;chelte er vor sich hin.</p>
+
+<p>&raquo;Lalanda,&laquo; sagte er fast feierlich. Da bemerkte
+er erst seinen Vater, der zu H&auml;upten seines Bettes
+stand und verwundert und besorgt auf ihn blickte,
+der gestern abend so sp&auml;t nach Hause gekommen war.
+O, wie err&ouml;tete Karolus vor seinen Blicken, er h&auml;tte
+am liebsten geweint, denn er wu&szlig;te nicht, was er
+dem Vater sagen sollte. Der aber gr&uuml;&szlig;te ihn mild
+und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von
+den Gesch&auml;ften, die heute zu erledigen waren. So
+stand denn Karolus auf und machte sich rasch fertig.
+Er ging ins Gesch&auml;ft und arbeitete eifrig und angestrengt
+bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick
+leer haben, er ging aus der Schreibstube, als die
+beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu
+sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die
+<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>Kommis von dem Wunder zu reden begannen, und
+half lieber dem Hausknecht, der im Keller arbeitete.
+Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er
+einen G&auml;rtner wu&szlig;te, von dem kaufte er Blumen,
+Rosen und Lilien, denn Seerosen waren keine da,
+und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altst&auml;dter
+Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen
+eingetreten, aber er durfte eintreten, da
+er die Blumen vorwies, und so trat er in das Gew&ouml;lbe.</p>
+
+<p>Das Gew&ouml;lbe war leer und eine angenehme K&uuml;hle
+empfing ihn und eine Dunkelheit, in der er sich erst
+langsam zurechtfand. Da sah er auf den B&auml;nken an
+der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten
+ihre Trommeln auf den Boden gestellt und lagen
+nun schlafend in ihren bunten W&auml;msern ausgestreckt
+und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im
+Munde h&auml;tten. Der kleine Mann, der ihn gestern
+mit seiner n&auml;selnden Stimme angesprochen und aus
+den ersten Tr&auml;umen gest&ouml;rt hatte, kam aus dem
+Nebengemache, er schaute Karolus mit argw&ouml;hnischen,
+lauernden Blicken an, ein h&auml;&szlig;liches L&auml;cheln war um
+seine Lippen, da er die Blumen in der Hand des
+J&uuml;nglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an
+<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>der Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg
+einige Augenblicke lang, da er gehofft hatte, Lalanda
+zu sehen und ihr mit einer stummen Verbeugung die
+Blumen zu &uuml;berreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung
+an eine Erz&auml;hlung vor Augen, in der ein
+Prinz Erik aus dem D&auml;nenreiche vor einer sagenhaften
+K&ouml;nigin des Nordens stand, deren Sprache er nicht
+verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der
+beugte stumm die Kniee und senkte das Haupt, wie
+es in der Geschichte hie&szlig;, &#8250;als ob er erst durch sie
+den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.&#8249; Nun
+st&ouml;rte ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien
+ihm der kleine, h&ouml;hnische Mann, der ihm gegen&uuml;ber
+stand, wie ein h&auml;&szlig;licher Zwerg, der den Zugang zur
+Grotte seiner Meerg&ouml;ttin neidisch bewacht, und verwirrte
+ihn. Endlich aber besann er sich und &uuml;bergab
+ihm die Blumen.</p>
+
+<p>&raquo;Sind die f&uuml;r mich?&laquo; fragte der Zwerg sp&ouml;ttelnd.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r Lalanda,&laquo; sagte Karolus err&ouml;tend, &raquo;von
+dem, der ihre Seerose bewahrt.&laquo;</p>
+
+<p>Da machte der Zwerg eine &uuml;bertrieben-h&ouml;fliche
+Verbeugung, es lag viel Spott und Hohn in der
+Bewegung seines gro&szlig;en Kopfes, und dann ging er
+ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um
+<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>aus dem Gew&ouml;lbe zu treten, niedergeschlagen, weil
+er sich den Besuch bei seiner Meerk&ouml;nigin sch&ouml;ner und
+poetischer gedacht hatte, da &ouml;ffnete sich rasch die T&uuml;r
+im Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda
+hereingeschwommen.</p>
+
+<p>Sie sprach einige unverst&auml;ndliche und doch wie
+ein seltsames Deutsch klingende Worte zu ihrem Beh&uuml;ter,
+der ihr dem&uuml;tig die Blumen &uuml;bergab und dann
+aus dem Gew&ouml;lbe trat. Und mit den Blumen in
+der Hand wartete Lalanda am Ufer des Teiches,
+da&szlig; Karolus sich ihr n&auml;here.</p>
+
+<p>Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er
+trat langsam zu ihr hin, denn das Herz h&auml;mmerte
+in seiner Brust und die Kehle war ihm wie zugeschn&uuml;rt.
+Wie eine schwere Last lag der Gedanke
+auf seinem Herzen, da&szlig; er nun mit der Wunderbaren
+allein sei, da&szlig; er mit dieser Auserlesenen, K&ouml;niglichen
+sprechen solle; er f&uuml;hlte, wie klein, wie nichtig er war,
+er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr
+so gar nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so
+durchaus gew&ouml;hnlich war, indes sie, eine K&ouml;nigin des
+Meeres, ihm wie eine Halbg&ouml;ttin, wie aus einer
+anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag,
+dem bei seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem
+<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>Jagdzuge erscheint, um mit ihm zu sprechen, oder
+wie ein einsamer Schiffer, vor dem pl&ouml;tzlich Poseidon
+aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens
+die Blumen noch in H&auml;nden gehabt h&auml;tte, da&szlig; er
+sie ihr mit einer stummen Verbeugung h&auml;tte darreichen
+k&ouml;nnen! So trat er z&ouml;gernd an den Rand
+des Teiches, seine Augen hatten sich sch&uuml;chtern und
+doch voll Sehnsucht zu Lalanda emporgewagt, und
+ihm fiel nichts ein, was er ihr h&auml;tte sagen k&ouml;nnen.
+Da blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte
+ihm die Rechte hin, indes sie sich mit der linken
+Hand am Rande des Teiches festhielt, und, da er
+ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit
+ihrer freundlichsten, sanftesten Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr f&uuml;rchtet Euch wohl, meine Finger zu ber&uuml;hren,
+weil sie na&szlig; und k&uuml;hl vom Wasser sind? Sie
+werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren
+H&auml;nden haltet!&laquo;</p>
+
+<p>Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre
+Hand nieder, ihm war, als ob er jetzt &#8250;den Ritterschlag
+der Liebe&#8249; empfangen solle, und seine Seele
+ward frei, da er die K&ouml;nigin so liebreich sprechen
+h&ouml;rte. Und es schien ihm ein neues Wunder zu sein,
+da&szlig; die Herrliche, die wohl seit ewigen Zeiten in
+<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres
+gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch
+zu ihm sprach, er k&uuml;&szlig;te ihr nochmals die Hand und
+sprach dann, wie erleichtert:</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Euch, da&szlig; Ihr so freundlich zu mir
+sprecht! Ich h&auml;tte nie geglaubt, da&szlig; ich Worte finden
+w&uuml;rde, um Euch f&uuml;r Eure Sch&ouml;nheit zu danken, und
+nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht
+nur, da&szlig; ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die
+Euch besser zugesagt h&auml;tten, und nehmet heute diese
+schlichten Blumen gn&auml;dig an. Morgen will ich, wenn
+Ihr mir diese Gunst gew&auml;hrt, die sch&ouml;nsten Seerosen
+bringen, die zu finden sind!&laquo;</p>
+
+<p>Lalanda schaute Karolus lange pr&uuml;fend an, als
+ob sie sich erst dar&uuml;ber klar werden m&uuml;&szlig;te, ob sein
+seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder nicht.
+Dann aber l&auml;chelte sie kaum merkbar, schwang sich
+aus dem Wasser auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz
+nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll zur&uuml;ckwich und begann
+die Rosen und Lilien zu einem Kr&auml;nzlein zu
+winden. Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch
+auf ihren blonden Scheitel, schaute Karolus siegreich
+und doch flehend von der Seite an und fragte:</p>
+
+<p>&raquo;Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus
+<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>Rosen und Lilien, Ihr Anspruchsvoller? Gefall ich
+Euch?&laquo;</p>
+
+<p>Da war es Karolus, als ob eine weiche und k&uuml;hle
+Hand sein Herz presse, ihm ward ganz eng in der
+Brust und er wu&szlig;te keine andere Antwort auf ihre
+Frage, als die, da&szlig; er diese Hand k&uuml;&szlig;te, die noch
+eben sein Herz fast schmerzlich bedr&auml;ngt hatte. Sie
+aber blitzte ihn verf&uuml;hrerisch aus den Augenwinkeln
+an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu
+schlie&szlig;en, als bis er fassungslos und ohne Besinnung
+seine Augen senken mu&szlig;te. Dann sprach sie &#8211; und
+legte dabei den triefenden Fischschweif n&auml;her an Karolus
+heran, aber ohne ihn zu ber&uuml;hren:</p>
+
+<p>&raquo;Noch wei&szlig; ich nicht, wie Ihr Euch nennet und
+von wem ich tr&auml;umen soll, wenn ich nachts auf dem
+Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder wenn
+ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen.
+Denn hier in der N&auml;he mu&szlig; ein gro&szlig;er, gewaltiger
+Dom stehen, mit m&auml;chtigen Glocken, das f&uuml;hle ich,
+und um Mitternacht dr&ouml;hnt der Boden hier von dem
+Klange ihrer sehns&uuml;chtigen Tr&auml;ume. Dann steige ich
+aus dem Wasser und nehme mein Spiel zur Hand
+und singe. Ich m&ouml;chte dann Euren Namen in meinem
+Liede haben!&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>O, das war der richtige Ton f&uuml;r Karolus! Er
+schnappte nur so nach Luft bei ihren poetischen Worten,
+nun war er ganz besiegt, die flatternde Seele in
+seiner Brust legte die Fl&uuml;gel zusammen und ward
+feierlich und zufrieden still in ihrer Haft, wie ein
+V&ouml;glein im warmen K&auml;fig. Er sagte ihr mit geschwollenen
+Worten, wer er sei und wie er hei&szlig;e,
+wie er sich in all den Jahren nach einer Lalanda
+gesehnt habe, und sagte dies alles trotz des Pathos
+in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, da&szlig;
+Lalanda vor Vergn&uuml;gen jauchzte und da&szlig; ihr Karolus
+wirkliche Freude bereitete. Und als er ihr nun von
+seinem Gl&uuml;cke sprach, da&szlig; er sie nun endlich gefunden
+habe, da&szlig; sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen
+sei, da lehnte sie ihr sch&ouml;nes, blondes Haupt z&auml;rtlich
+an seine Schulter und sah ihn von unten her so
+verhei&szlig;end und gew&auml;hrend an, da&szlig; er sich beinahe
+ein Herz gefa&szlig;t und sie gek&uuml;&szlig;t h&auml;tte. Aber er tat
+es nicht, er verga&szlig; nicht, da&szlig; sie die Meerk&ouml;nigin
+war und er nur der einfache, nichtssagende Kaufmannssohn,
+und k&uuml;&szlig;te sie nicht. Er schaute sie nur
+dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm &uuml;ber den
+R&uuml;cken und seine Lippen wurden trocken. Und er
+f&uuml;hlte es wie eine Erleichterung, als ihm die Frage
+<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>einfiel, woher sie so sch&ouml;n deutsch spreche. Sie lie&szlig;
+ihr Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend
+seine Finger in die ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll
+und dann erz&auml;hlte sie, wie sie oft an
+deutschen K&uuml;sten geschwommen sei und deutschen
+Schiffern gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren
+Kuttern sich ihre M&auml;ren erz&auml;hlten oder ihre schwerm&uuml;tigen
+Lieder sangen.</p>
+
+<p>&raquo;Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange,
+ich verstand ihre Sprache und lernte sie gebrauchen.
+Und oft, wenn ich auf dem Grunde des
+Meeres vor meinem Palaste sa&szlig; und ein deutsches
+Lied nachsang, so klang es den Schiffern oben wie
+ein fernes, fernes Echo ihrer Ges&auml;nge, ich sah sie
+droben sich &uuml;ber den Rand ihrer Boote neigen und
+in den wundersamen Spiegel niederschauen; und
+manch einen fa&szlig;te das Heimweh so m&auml;chtig, wenn
+er mein Lied h&ouml;rte, da&szlig; es ihn am Bord seines
+Schiffes nicht l&auml;nger litt und er ins Wasser stieg,
+dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie, das
+schw&ouml;re ich, nie M&auml;nner zu mir ins Meer locken
+wollen! Wer zu mir kommen will, der mu&szlig; freiwillig
+kommen. Und wenn ich w&uuml;&szlig;te, da&szlig; Ihr,
+lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem
+<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>Boote meinem Liede lauschtet, und wenn Euer liebes
+Antlitz sich &uuml;ber den Rand des Bootes neigte, ich
+w&uuml;rde nicht weiter singen, w&uuml;rde verstummen, damit
+Euch kein Leids geschehe!&laquo;</p>
+
+<p>Sie schaute ihn wieder mit ihren sch&ouml;nen, gl&auml;nzenden
+Augen an, innig und lang, bis er ganz sinnlos
+von ihren Worten und wie aus einem Traume
+heraus sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda,
+und Ihr m&uuml;&szlig;tet mich in Euren wei&szlig;en Armen
+auffangen; und ich m&ouml;chte mein Leben lang neben
+Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lieb, wie gut Ihr seid!&laquo; hauchte Lalanda,
+ein Schauer des Gl&uuml;cks schien ihren Leib zu ersch&uuml;ttern
+und sie senkte verwirrt die Blicke. Da trat
+aber der h&auml;&szlig;liche Zwerg ins Gew&ouml;lbe, er ging mit
+lauten Schritten, die seiner kleinen Gestalt gar nicht
+entsprachen, auf die Trommler zu und weckte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist
+um! Macht fertig!&laquo; Da glitt Lalanda hastig ins
+Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die Hand
+und sagte ihm mit einem langen Blick: &raquo;Auf Wiedersehen!
+Auf Wiedersehen heute abend!&laquo;</p>
+
+<p>Und langsam mit r&uuml;ckgewandtem Haupte schwamm
+<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>sie aus dem Zimmer. Die T&uuml;r schlo&szlig; sich hinter ihr,
+und zwischen den Trommlern, die ihre Instrumente
+umgeh&auml;ngt hatten, verlie&szlig; Karolus bet&auml;ubt und
+fassungslos den Raum. Und der harte Trommelwirbel
+verfolgte ihn &uuml;ber den Altst&auml;dter Ring und
+h&ouml;hnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese
+entfernt war.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">IV.</h3>
+
+<p>Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem
+M&auml;rchen; die Stunden im Gesch&auml;fte z&auml;hlten f&uuml;r ihn
+nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach dem Mittag
+und den kurzen Stunden am Abend, wenn die
+letzten G&auml;ste aus dem Gew&ouml;lbe auf dem Altst&auml;dter
+Ring geschieden waren und Lalanda nur f&uuml;r ihn
+noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen
+kam. Und es war Mittwoch und Donnerstag
+geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in
+Prag, dann mu&szlig;ten die Liebenden scheiden. Denn
+es war kein Zweifel, Karolus mu&szlig;te sich&#8217;s in seinem
+zitternden Herzen selbst gestehen, Lalanda, die Meerk&ouml;nigin,
+die G&ouml;ttliche, die Wunderbare, liebte ihn und
+neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es
+<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>ihm heute abend selbst gesagt, da&szlig; sie die Minuten
+z&auml;hle, bis er wieder zu ihr kommen k&ouml;nne, da&szlig; ihr
+das Leben schal und unertr&auml;glich scheine, wenn er
+nicht mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&raquo;Schau, bin ich nicht warm wie eure M&auml;dchen,&laquo;
+sagte sie, &raquo;pocht mein Herz nicht ebenso stark in
+meiner Brust? F&uuml;hlst du es, f&uuml;hlst du es schlagen,
+Karolus? Und nun mu&szlig; ich Ungl&uuml;ckliche wieder
+von dannen ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt,
+und den h&auml;&szlig;lichen Menschen mich darbieten! Ich
+bin ungl&uuml;cklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine
+Gefangene und m&ouml;chte so gerne in Freiheit leben,
+lieben und lachen und weinen, wie ihr Menschen,
+mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in die Augen
+schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich
+erl&ouml;sen!&laquo;</p>
+
+<p>Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter
+ihrem wei&szlig;en schimmernden Busen das Herz klopfen
+gef&uuml;hlt, gleichm&auml;&szlig;ig und ruhig, denn sie war ja trotz
+ihrer Erregung ein k&uuml;hlerbl&uuml;tiges Meerweibchen und
+ein unendliches Mitleid mit der armen, gefangenen
+Seek&ouml;nigin f&uuml;llte seine Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Flieh mit mir,&laquo; rief er ihr zu, wie Kandalus
+<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>im Romane, &raquo;flieh mit mir, ich will dich gegen eine
+Welt verteidigen!&laquo;</p>
+
+<p>Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz
+und seine Hoffnungen zerrannen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will irgendwo an einem Meere oder See
+ein H&auml;uschen f&uuml;r uns bauen, dann sollst du in
+deinem Wasser leben k&ouml;nnen und doch in meiner
+N&auml;he sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und
+des Nachts &#8211;&laquo; Er schwieg, er err&ouml;tete.</p>
+
+<p>&raquo;K&uuml;sse mich,&laquo; sagte Lalanda, &raquo;k&uuml;sse mich recht
+vom Herzen!&laquo;</p>
+
+<p>Und er pre&szlig;te die Lippen auf ihren Mund und
+f&uuml;hlte, wie auch ihre Lippen hei&szlig; wurden, hei&szlig;er als
+er es geahnt h&auml;tte; denn es gl&uuml;hte ihm bis ins Herz
+hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend
+hei&szlig; von ihrem Kusse. Und als sie gar ihre
+wei&szlig;en, nackten Arme um seinen Hals schlang und
+ihn an sich pre&szlig;te und nicht loslassen wollte, da
+schlo&szlig; er die Augen, er umarmte sie und dr&uuml;ckte sie
+noch fester an sich und vermeinte sterben zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; dich retten, du mu&szlig;t mein werden!&laquo;
+sagte er, tief Atem sch&ouml;pfend, &raquo;mein f&uuml;r immer!&laquo;</p>
+
+<p>Da huschte ein L&auml;cheln, ein siegreiches L&auml;cheln
+&uuml;ber ihr Gesicht, sie wiederholte ihre hei&szlig;en Um<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>armungen,
+dann schl&uuml;pfte sie rasch ins Wasser, denn
+der Zwerg war ins Gew&ouml;lbe getreten, um die Tore
+zu schlie&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Denk an dein Versprechen!&laquo; rief sie dem Scheidenden
+nach. Er aber stand auf dem Altst&auml;dter Ring,
+er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den sternenbes&auml;eten
+Himmel und sprach feierlich in den Abend
+hinein: &raquo;Ich schw&ouml;re!&laquo;</p>
+
+<p>In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer
+seine Augen schlo&szlig;, tr&auml;umte Karolus wieder, er
+stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in
+einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig
+bewegten Wellen und mitten in dem breiten Streifen
+Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes Lalanda
+auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich
+in der Ferne ihr blondes, weiches Haar, ihr Kopf
+hob sich wie eine gro&szlig;e, phantastische Blume aus dem
+bl&auml;ulich-flimmernden Wasser. Sie kam n&auml;her und
+n&auml;her und nun streckte sie ihm die Arme entgegen
+und winkte ihm. Und ganz deutlich h&ouml;rte er ihre
+Stimme angstvoll rufen: &raquo;Karolus, Karolus, rette
+mich!&laquo; Er aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd
+auf die Geliebte, die mit den Wogen rang,
+er wollte sich ins Meer st&uuml;rzen, aber ein schrecklicher
+<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>Gedanke hielt ihn zur&uuml;ck. &raquo;Ich kann nicht schwimmen!&laquo;
+sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte
+er es lauter und immer lauter, er schrie es Lalanda
+zu: &raquo;Ich kann nicht schwimmen!&laquo;</p>
+
+<p>Da schallte ein h&ouml;hnendes, entsetzliches Lachen
+aus dem Meere zu ihm hin, Lalanda hob sich noch
+einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins
+Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen
+hilflos und armselig auf den Wellen und bezeichneten
+die Stelle, an der Lalanda verschwunden
+war.</p>
+
+<p>Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschwei&szlig;
+stand auf seiner Stirn. Der Vater war an
+sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus hatte
+ihn geweckt.</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du nur f&uuml;r b&ouml;se Tr&auml;ume, Karolus?&laquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Gottlob, da&szlig; es nur Tr&auml;ume sind,&laquo; sagte sein
+Sohn. &raquo;Ich habe einen schrecklichen Traum gehabt!&laquo;</p>
+
+<p>Als er mit dem Vater beim Fr&uuml;hst&uuml;ck sa&szlig;, da
+&uuml;bermannte ihn pl&ouml;tzlich sein Herz und er wollte
+dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu sprechen
+an und sagte: &raquo;Vater!...&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>Aber mehr brachte er nicht &uuml;ber die Lippen; er
+wu&szlig;te nicht, wie er dem Vater auch h&auml;tte sagen
+sollen, da&szlig; ein Wunder geschehen sei, da&szlig; ihn eine
+Meerk&ouml;nigin erw&auml;hlt habe!</p>
+
+<p>&raquo;Vater,&laquo; sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll
+ihn anschaute, da schlossen sich seine Lippen,
+eine dunkle R&ouml;te f&auml;rbte seine Wangen und seine
+Lider senkten sich.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du von mir?&laquo; fragte der Vater und
+alle G&uuml;te seines Herzens, alle Liebe zu seinem Einzigen
+war in seinen Worten: &raquo;Was g&auml;be es, was
+ich dir nicht gew&auml;hren k&ouml;nnte?&laquo;</p>
+
+<p>Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher,
+er schaute f&uuml;r Sekunden &auml;ngstlich den Vater an, aber
+er fand keine Worte.</p>
+
+<p>&raquo;Brauchst du Geld?&laquo; fragte ihn der Vater.</p>
+
+<p>Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde
+er brauchen, aber der Vater m&ouml;ge ihm verzeihen,
+wenn er noch nicht sagen k&ouml;nne, wof&uuml;r.</p>
+
+<p>Da gab ihm der Vater, der gew&ouml;hnt war, seinem
+Sohne unbedingt zu vertrauen, da er dessen Bravheit
+und Tugend kannte, Geld, mehr, als Karolus erwartet
+hatte. Er nahm es mit innigem Danke an,
+er hatte das dunkle Gef&uuml;hl, er werde zu Lalandas
+<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>Entf&uuml;hrung Geld, viel Geld brauchen, und damit
+wollte er nicht sparen. &#8250;Ich will arbeiten wie ein
+Knecht,&#8249; sagte er zu sich, &#8250;ich will mir die H&auml;nde
+blutig arbeiten; aber erst mu&szlig; ich sie erretten!&#8249;</p>
+
+<p>Mittag, den letzten Mittag, der ihm geg&ouml;nnt war,
+brachte er Lalanden nebst den Seerosen ein schmales
+Ringlein, ein Herz hing an einem Kettchen daran,
+und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken
+Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und
+k&uuml;&szlig;te ihn st&uuml;rmisch, noch hei&szlig;er als gestern und sah
+ihm noch tiefer in die Augen, und mit einer Stimme,
+die z&auml;rtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher
+als fr&uuml;her klang, sagte sie zu ihm:</p>
+
+<p>&raquo;Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir,
+ich will dein sein f&uuml;r immer, nur errette mich von
+diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser hier,
+ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen
+in der Welt, bei diesem Ausgestelltsein, ich
+sehne mich nach Frieden und Gl&uuml;ck, ich beneide die
+anderen M&auml;dchen, ich sehne mich nach einer ......&laquo;
+H&auml;uslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus
+dem dunklen Norden, und sie dachte dabei wohl an
+ihren schimmernden, herrlichen Kristallpalast auf dem
+Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie bei
+<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus
+rasch von der Seite an, forschend und fast ungeduldig.
+Er aber blickte sie voll Mitleids an und nickte langsam
+mit dem Kopfe. &raquo;Du wei&szlig;t nicht,&laquo; sagte sie
+traurig, &raquo;was ich schon alles erdulden mu&szlig;te, wieviel
+Schande und Elend, wie satt ich dieses Leben
+habe!&laquo;</p>
+
+<p>Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgef&uuml;hl
+die Arme, er streichelte ihr die Wangen und er seufzte
+bei dem melancholischen Gedanken, da&szlig; dieser herrlichen,
+edlen, k&ouml;niglichen Seejungfrau das Elend des
+Irdischen nicht erspart geblieben sei, da&szlig; sie leiden
+m&uuml;sse und gewi&szlig; das Elend schmerzlicher f&uuml;hle als
+ein Menschenkind. Und sein Finger glitt mitleidig
+und doch ehrfurchtsvoll &uuml;ber die Schuppen ihres Fischschweifes,
+der zierlich auf dem Rande des Teiches
+lag.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mich denn wirklich lieb?&laquo; fragte Lalanda.</p>
+
+<p>&raquo;Ich verehre dich!&laquo; antwortete Karolus, und als
+w&auml;re dieses &#8250;ich verehre dich&#8249; noch zu k&uuml;hn, setzte er
+die Worte hinzu, die Baronzo im &#8250;Unverge&szlig;lichen
+Liebhaber&#8249; zu Graziosa sagt: &raquo;Meine Nacht ist voll
+von deiner Sonne und mein Tag voll von deinem
+Mondlicht, du K&ouml;nigin!&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>Da erscholl pl&ouml;tzlich vor der T&uuml;r der Trommelwirbel
+der beiden Spielleute, grausam und emp&ouml;rend
+nahe, und schon stand auch der Zwerg im Laden.
+Karolus wandte sich zum Gehen; er dr&uuml;ckte nur
+rasch dem Zwerg ein Goldst&uuml;ck in die Hand. Als
+er sich dann noch einmal umkehrte, hob Lalanda die
+Hand aus dem Wasser, das Ringlein gl&auml;nzte an
+ihrem Finger wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand
+sie. Und schon traten die ersten Besucher
+in das Gew&ouml;lbe.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">V.</h3>
+
+<p>Am Nachmittag, in all den kleinen Gesch&auml;ftigkeiten
+des Gesch&auml;ftes mu&szlig;te Karolus immer wieder an den
+Abend denken. Aber seine Pl&auml;ne und Entf&uuml;hrungsgedanken
+kamen nicht &uuml;ber die Worte: &#8250;heute abend&#8249;
+hinaus, er wu&szlig;te nicht, was dann geschehen werde,
+er konnte sich nicht so weit sammeln, um einen bestimmten
+Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein,
+er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten
+Arme um seinen Hals schlingen, und so wollte er sie
+bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen, um sie
+dort ihrem Elemente zu &uuml;bergeben; er selbst wollte
+<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>dann in einem Kahne neben ihr herfahren, bis sie
+irgendwo au&szlig;erhalb Prags eine ruhige Zuflucht finden
+w&uuml;rden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die Stadtsoldaten
+w&uuml;rden ihn sicher auf dem Wege festnehmen,
+oder die Schiffer an der Moldau drunten w&uuml;rden ihn
+ergreifen und auf die Wachstube f&uuml;hren. Auch verzweifelte
+er an seiner Kraft, das s&uuml;&szlig;e, holde Gesch&ouml;pf
+bis an die Moldau tragen zu k&ouml;nnen. Er wollte
+jedenfalls gegen neun Uhr abends einen Wagen auf
+dem Altst&auml;dter Ring warten lassen, er dachte einen
+Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu
+stellen, aber auch das w&uuml;rde auffallen. Was dann
+weiter geschehen solle, das mu&szlig;te er dem Schicksal
+&uuml;berlassen, der Gott der Liebenden w&uuml;rde sie sicher
+beschirmen und ihnen gn&auml;dig sein. Er ging Nachmittag
+nach Hause, um seinen gro&szlig;en Radmantel
+zu holen, den er Lalanda um den Leib legen wollte,
+wenn er sie zum Wasser tr&uuml;ge. Er steckte das Geld
+zu sich, z&auml;hlte eine runde Summe ab, um n&ouml;tigen
+Falles den Zwerg damit zu bestechen und nahm dann
+gegen Abend zwei Flaschen des schwersten Ungarweines
+in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen,
+falls sie wach w&auml;ren. &#8250;Das ist das beste
+Mittel!&#8249; sagte er zu sich und dachte an eine Stelle
+<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>in einem R&auml;uberroman, wo des Kerkermeisters T&ouml;chterlein
+den Ritter befreit. Er verabschiedete sich still,
+aber mit einem langen H&auml;ndedruck von seinem Vater,
+der ihm kopfsch&uuml;ttelnd nachschaute, und ging, eilte,
+lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die
+Brust gedr&uuml;ckt, bis er fast atemlos auf dem Altst&auml;dter
+Ring anlangte.</p>
+
+<p>Er kam noch zu fr&uuml;h, und doch lag der Platz
+wie in einem ersten Dunkel da, nur aus einigen Gesch&auml;ften
+und Wirtsstuben drang ein matter Lampenschein
+fahl in die D&auml;mmerung. Der Himmel hatte
+sein Leuchten verloren, er war blaugrau, aber ohne
+Farbe, fast wolkenlos. Nur ein kleines schmales
+W&ouml;lkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes
+gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische
+Fahne, mit welcher der Wind spielt.</p>
+
+<p>Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl
+ins Dunkel unter der Laube, aber es schien,
+als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer T&uuml;r
+stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher
+Trommelwirbel durch die Stille, dann h&ouml;rte Karolus,
+der im Schatten der H&auml;user umherschlich, wie die
+Stimme des Zwerges sich erhob und verk&uuml;ndete, da&szlig;
+noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer
+<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>das Wunder noch einmal zu sehen w&uuml;nsche, m&uuml;sse
+jetzt eintreten, dann schlie&szlig;e sich die T&uuml;re f&uuml;r immer.
+Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine
+Menge Leute in das Gew&ouml;lbe treten und stand fr&ouml;stelnd
+und sehnsuchtsvoll, wie auf sein Stichwort
+harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die
+T&uuml;r an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die
+Geliebte, Einzige, Wunderbare in einer kurzen halben
+Stunde &uuml;ber die Schwelle tragen werde, hier
+bei dem schmalen Teing&auml;&szlig;chen werde der Wagen
+warten und rasch mit ihnen von dannen fahren.
+Wohin? Das wu&szlig;te Karolus jetzt selbst noch nicht,
+die Unterredung mit Lalanda werde Gewi&szlig;heit bringen,
+wohin, ach, jedenfalls in eine gl&uuml;ckliche Zukunft.</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&auml;tte einen Dolch mitnehmen sollen!&laquo; fiel
+ihm ein, und seine Finger ballten sich zusammen, als
+ob sie schon den Griff eines Dolches hielten und zusto&szlig;en
+m&uuml;&szlig;ten. &raquo;Denn viel Gefahr wartet auf mich
+und manches Abenteuer gilt&#8217;s zu bestehen! Wenn
+die Trommler nicht weichen wollen!&laquo; Er griff nach
+den Flaschen in seinem Mantel, &raquo;wenn der Zwerg
+nicht zu bestechen ist!&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke &ouml;ffnete sich die T&uuml;r zu
+Lalandas Laden und der Streifen des Lichtes fiel
+<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen l&auml;rmend
+die befriedigten Neugierigen aus dem Gew&ouml;lbe heraus,
+sie standen noch in Gruppen beieinander, ein s&auml;umiger
+Nachz&uuml;gler kam als Letzter &uuml;ber die Schwelle.
+Dann traten auch die beiden Trommler vor die T&uuml;r,
+sie nahmen die gro&szlig;en Bilder Lalandas, die zu beiden
+Seiten des Einganges aufgeh&auml;ngt waren, herunter
+und trugen sie in den Laden, dann kamen sie noch
+einmal mit ihren Trommeln und gingen &uuml;ber den
+Altst&auml;dter Ring nach Hause.</p>
+
+<p>&raquo;Gott sei Dank,&laquo; sagte Karolus, &raquo;die werden nicht
+wachen!&laquo; Und dann, er traute seinen Augen kaum,
+dann trat auch der Zwerg in die T&uuml;r, er schaute
+sich mi&szlig;trauisch um, als ob er auf jemanden warte,
+dann &ouml;ffnete er noch einmal die T&uuml;r und sprach
+einige Worte ins Gew&ouml;lbe hinein. Und dann &#8211;
+Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zur&uuml;ckgezogen
+&#8211; dann ging auch der von dannen.</p>
+
+<p>&#8250;Allein!&#8249; jubelte es in Karolus Seele, &#8250;sie ist
+allein, sie wartet auf mich, sie liebt mich, ich werde
+sie erretten, sie wird mein sein!&#8249; Er schaute dem
+Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein
+letzter Verdacht stieg l&auml;hmend in ihm auf, der Zwerg
+k&ouml;nnte die T&uuml;r hinter sich gesperrt haben! Er lief
+<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>eilig der T&uuml;r zu, mit verschwendeter Kraft dr&uuml;ckte er
+die Klinke nieder, die T&uuml;r &ouml;ffnete sich weit und er
+st&uuml;rzte in das Gew&ouml;lbe.</p>
+
+<p>Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag
+Lalanda, im Scheine der Lampe leuchtete ihr wei&szlig;er
+Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre
+Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte.</p>
+
+<p>&raquo;Endlich,&laquo; sagte sie, &raquo;endlich kommst du! Ich
+hatte schon Angst, du k&auml;mest nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Er st&uuml;rzte in ihre Arme, sie fa&szlig;te seinen Kopf
+und &uuml;bers&auml;te seinen Mund mit hei&szlig;en K&uuml;ssen. &raquo;Liebst
+du mich?&laquo; fragte sie immer von neuem zwischen den
+gl&uuml;henden K&uuml;ssen. &raquo;Liebst du mich wirklich?&laquo;</p>
+
+<p>Und sie reckte sich empor, da&szlig; sein Mund ihren
+Hals und den feinen Ansatz ihres Busens k&uuml;ssen
+mu&szlig;te. Er bog den Kopf zur&uuml;ck, er erschrak bei der
+Ber&uuml;hrung der weichen, warmen Sammethaut, als
+m&uuml;sse er sich entschuldigen, da&szlig; er ein Heiligtum ber&uuml;hrt
+habe. Dann legte er den Radmantel ab, wies
+auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und
+sagte: &raquo;Die waren f&uuml;r die beiden Trommler, falls
+sie uns gest&ouml;rt h&auml;tten, oder f&uuml;r den Zwerg, wenn
+sein Neid uns nicht allein gelassen h&auml;tte. Gottlob,
+<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>sie sind fort, und nun la&szlig; uns beraten, Lalanda, wie
+ich dich errette. Ein Wagen harrt drau&szlig;en auf
+unsere Flucht, wie aber bekomme ich dich in den
+Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem
+Trocknen aushalten? Wirst du es &uuml;berleben? Denn
+ehe wir vor die Stadt zur Moldau kommen, vergeht
+wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins
+Wasser zur&uuml;ckgleiten lassen und auf dem Ufer stehen
+und dir folgen, bis wir ein ruhiges Pl&auml;tzchen finden,
+oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer zur&uuml;ckzieht,
+will ich auf dem Ufer der Fl&uuml;sse, dich im Angesichte
+wandern, bis wir ans Meer gelangen!&laquo;</p>
+
+<p>Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches
+auf, sie zog den Kopf Karolus&#8217; nahe, ganz nahe an
+ihren Mund heran und fragte fast geheimnisvoll noch
+einmal:</p>
+
+<p>&raquo;Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach
+mir? Schw&ouml;re mir, da&szlig; du mich liebst!&laquo;</p>
+
+<p>Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war
+die Frage, er hob die beiden Finger seiner Rechten
+zum Schwure in die H&ouml;he und sagte ernst:</p>
+
+<p>&raquo;Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin
+gl&uuml;cklich, da&szlig; du mich erh&ouml;ht hast durch deine Liebe.
+Ich w&uuml;nsche nichts anderes, als da&szlig; du mich liebst!&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>&raquo;O du ungl&uuml;ckseliger, armer, armer Karolus,&laquo;
+sagte Lalanda traurig, &raquo;da&szlig; du gerade mich lieben
+mu&szlig;t, gerade mich, die ich halb Fisch, halb Mensch
+bin! Indes du wert w&auml;rest, da&szlig; dich ein sch&ouml;nes
+Menschenkind liebte und gl&uuml;cklich machte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,&laquo;
+jubelte Karolus, &raquo;ich liebe dich, weil du so bist, so
+herrlich, so &uuml;ber alle Ma&szlig;en sch&ouml;n und wunderbar,
+so k&ouml;niglich und erhaben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du guter Karolus,&laquo; antwortete sie ihm, &raquo;ich
+wei&szlig;, da&szlig; du mir das Leid geringer machen willst,
+das ich empfinden m&uuml;&szlig;te, wenn ich&laquo; &#8211; ihre Stimme
+wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein
+Jubel in ihren Worten &#8211; &raquo;wenn ich dich nicht jetzt
+im n&auml;chsten Augenblicke zum gl&uuml;cklichen, gl&uuml;cklichen
+Menschen machen k&ouml;nnte! Schraube den Docht der
+Lampe zur&uuml;ck, ich will dir ein Geheimnis verraten,
+ich will deine Sorgen enden. Ich habe den ganzen
+Tag nachgedacht, ob ich dir&#8217;s verraten soll, ob du
+w&uuml;rdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich,
+du willst mich aus diesem Elende befreien, du sehnst
+dich nach mir, wir wollen gl&uuml;cklich werden!&laquo;</p>
+
+<p>Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten,
+da er den Docht zur&uuml;ckschraubte, so seltsam, wie
+<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>eine Beschw&ouml;rung klangen die Worte Lalandas; wie
+Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer
+vom Moore, ihn in seine H&ouml;hle l&auml;dt. Und es ward
+fast dunkel im Gemach.</p>
+
+<p>&raquo;Verschlie&szlig;e die T&uuml;r!&laquo; befahl sie.</p>
+
+<p>Er drehte den Schl&uuml;ssel um, er versuchte, ob die
+T&uuml;r fest verschlossen sei. Dann sprach Lalanda:
+&raquo;Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich
+dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich
+rasch an! Aber nur einen Augenblick lang! Dann
+aber schlie&szlig;e die Augen, da&szlig; ich vor dir nicht sterbe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was beginnst du?&laquo; fragte Karolus in tiefster
+Erregung, &raquo;was soll ich erfahren?&laquo; Und er dachte
+nicht anders, als da&szlig; nun der Boden sich &ouml;ffnen und
+er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken
+werde, um auf dem Grunde des Meeres vor ihrem
+Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als wolle er
+noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er vers&auml;nke.</p>
+
+<p>&raquo;So denke an unsere Liebe!&laquo; sagte Lalanda. &raquo;Und
+nun, Karolus, Karolus, sieh mich an!&laquo;</p>
+
+<p>Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die
+Augen zum Rande des Teiches und machte unwillk&uuml;rlich
+einen Schritt nach vorw&auml;rts. Aber er taumelte
+im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen,
+<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>zur&uuml;ck. Auf dem breiten Rande des Bottichs &#8211;
+stand Lalanda aufrecht, aufrecht auf zwei Beinen
+wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder
+an, aber die Beine, &uuml;ppige, pralle Beine, waren nackt!
+Und triumphierend, mit einem siegesgewissen L&auml;cheln
+schwang sie die schillernde Fischhaut in der Hand,
+aus der sie geschl&uuml;pft war.</p>
+
+<p>&raquo;Das tat ich f&uuml;r dich!&laquo; rief sie, &raquo;weil ich dich
+liebe! Bist du jetzt gl&uuml;cklich?&laquo;</p>
+
+<p>Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind,
+lachend in den Teich, um den Fischschweif unterm
+Wasser &#8211; zum letzten Male &#8211; anzulegen.</p>
+
+<p>Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da,
+er f&uuml;hlte ganz deutlich den Sto&szlig;, den er vor die
+Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die
+Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand
+hatte seine Gurgel umfa&szlig;t und schien ihn erw&uuml;rgen
+zu wollen, seine Arme ruderten durch die L&uuml;fte.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Menschenweib!&laquo; schrie er mit furchtbarer
+Anstrengung; er h&ouml;rte mit donnerndem Get&ouml;se
+den Kristallpalast seiner Tr&auml;ume zusammenkrachen, &raquo;eine
+schamlose Person, nackt, pfui, o pfui, nackt&laquo; .....</p>
+
+<p>Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel
+erf&uuml;llte sein Herz, seine Augen waren trocken.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>&raquo;Du hast mich betrogen!&laquo; schrie er, und seine
+Stimme &uuml;berschlug sich.</p>
+
+<p>Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom
+Wasser und schaute Karolus lachend an, ihre Perlenz&auml;hne
+schimmerten zwischen den ge&ouml;ffneten Lippen;
+denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden
+und hielt sein seltsames Gehaben f&uuml;r die &Auml;u&szlig;erungen
+seines freudigen Staunens. Und mit herausforderndem
+Lachen fragte sie:</p>
+
+<p>&raquo;Nun sprich, Karolus, bist du gl&uuml;cklich, da&szlig; ich
+dir die Rettung so leicht gestalte? Gleich will ich
+mich fertig machen!&laquo;</p>
+
+<p>Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine
+Brust keuchte noch, er st&uuml;rzte zum Teiche.</p>
+
+<p>&raquo;Betr&uuml;gerin, schamlose Betr&uuml;gerin!&laquo; schrie er in
+ihre Worte und in ihr L&auml;cheln hinein, er fa&szlig;te Lalanda
+und h&auml;tte sie geschlagen, so sinnlos, so entsetzt,
+so betrogen und um sein Wunder beraubt
+f&uuml;hlte er sich. &raquo;Betr&uuml;gerin, schamlose Betr&uuml;gerin!&laquo;
+schrie er.</p>
+
+<p>Lalanda aber begriff seine Worte immer noch
+nicht, sie war zu fest davon &uuml;berzeugt, da&szlig; sie klug
+gehandelt habe, sie sah ihn mit verst&auml;ndnislosen
+Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus
+<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>dem Wasser, wie sie gew&ouml;hnt war, und lachte dazu
+und machte eine Schwimmbewegung mit den Armen
+und rief neckend und schelmisch:</p>
+
+<p>&raquo;So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!&laquo;</p>
+
+<p>Da griff Karolus nach ihr, eine hei&szlig;e Blutwelle
+war ihm zu Kopfe gestiegen und verwirrte ihn, er
+umfa&szlig;te ihren Hals und zerrte die Erschrockene an
+den Rand des Bottichs; und er w&uuml;rgte sie in seiner
+sinnlosen Entt&auml;uschung und schrie &raquo;Betr&uuml;gerin, schamlose
+Betr&uuml;gerin!&laquo;, ohne es zu wissen, und h&auml;tte die
+H&auml;nde nicht vom Halse Lalandas gelassen, wenn sie
+in ihrer Todesangst und der pl&ouml;tzlichen Erkenntnis,
+wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und
+Emp&ouml;rung &uuml;ber seine Dummheit nicht ihre N&auml;gel
+in seine H&auml;nde gebohrt und endlich seine Finger von
+ihrem Halse gezerrt h&auml;tte. Dann bi&szlig; sie ihn blitzschnell
+tief in die Finger, tauchte unter und verschwand
+unter der T&uuml;r hindurch in das zweite Gemach.</p>
+
+<p>Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er
+seinen Mantel, aus dem eine Flasche herausgefallen
+und zerbrochen war, und st&uuml;rzte aus dem Gew&ouml;lbe.
+Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf
+diesen Augenblick gewartet zu haben, er fuhr aus
+dem Dunkel heran und &ouml;ffnete rasch den Wagen<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>schlag.
+Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos
+lachend; und so fuhr er von dannen, der Moldau
+zu.</p>
+
+<p>Karolus lag ersch&ouml;pft in dem Wagen, der stolpernd
+&uuml;ber das schlechte Pflaster der Judenstadt holperte,
+er wurde von einer Seite zur anderen geworfen und
+gesch&uuml;ttelt und wu&szlig;te nichts davon. Eine trostlose
+Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bem&auml;chtigt, ein
+uns&auml;glicher Ekel schn&uuml;rte ihm die Kehle zu, und nur
+die Wunde an seiner Hand lehrte ihn, da&szlig; es Wirklichkeit
+war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen,
+wie ein Kind, dem seine sch&ouml;nsten Weihnachtstr&auml;ume
+nicht erf&uuml;llt worden sind und das unter dem
+schimmernden Weihnachtsbaum mit gro&szlig;en Tr&auml;nen
+in den Augen steht und nur daran denken mu&szlig;,
+wie ganz anders es sich den Weihnachtsjubel vorgestellt
+hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham,
+da&szlig; Lalanda sich ihm entbl&ouml;&szlig;t gezeigt hatte, wie
+eine Dirne in dieser Judenstadt, durch die sie fuhren,
+in der er manch einmal mit dem Gef&uuml;hle des gr&ouml;&szlig;ten
+Ekels M&auml;dchen mit nackten Busen an den Fenstern
+gesehen hatte, die ihm winkten.</p>
+
+<p>&raquo;Wie eine Dirne,&laquo; sagte er laut vor sich in das
+Dunkel hin. &raquo;Und das war Lalanda, die Meer<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>k&ouml;nigin,
+das war mein Traum! Gott, Gott, wie
+werde ich das &uuml;berleben!&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom
+lag im Mondesscheine glitzernd da und der Kutscher
+&ouml;ffnete den Schlag und, wie h&auml;tte er den Sohn des
+reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit
+einer h&ouml;flichen Verbeugung:</p>
+
+<p>&raquo;Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben
+oder sollen wir &uuml;ber die Br&uuml;cke hin&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>Da schrak Karolus zusammen. &raquo;Fahrt zu, wohin
+Ihr wollt,&laquo; sagte er, und sich besinnend, f&uuml;gte er bei:
+&raquo;bis ich Euch rufen werde, da&szlig; ich aussteigen will.&laquo;</p>
+
+<p>Da stieg der Kutscher kopfsch&uuml;ttelnd wieder auf den
+Bock und der Wagen holperte weiter. Die Laternen
+wurden immer seltener und schon waren sie auf der
+einsamen Landstra&szlig;e.</p>
+
+<p>Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten
+sich seine Gedanken. Dirne! Er sprach das Wort
+laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn
+Seide zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte
+das Wunder, die reine, k&uuml;hle, k&ouml;nigliche, ferne Meerk&ouml;nigin
+geliebt, aber der schillernde Fischschweif war
+L&uuml;ge, T&auml;uschung, schamloser Betrug, darunter steckte
+das Gew&ouml;hnliche, Schamlose &#8211; ihn schauderte, als
+<a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>wenn ein Frost ihn sch&uuml;ttelte &#8211; das Dirnenhafte!
+&raquo;Und diese Dirne sch&auml;mt sich nicht, ihren Betrug zu
+entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine
+Troph&auml;e in die H&ouml;he zu heben, mit nackten Beinen
+vor mir zu stehen! O, ich h&auml;tte sie erw&uuml;rgen sollen,
+diese L&uuml;gnerin, diese schamlose Dirne!&laquo;</p>
+
+<p>Gro&szlig;e Tr&auml;nen rollten &uuml;ber seine Wangen, ein
+tiefes Mitleid mit seiner Entt&auml;uschung, mit seiner
+Jugend erf&uuml;llte ihn, sein Herz ward leichter und eine
+warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich
+an die Brust werfen k&ouml;nnte, ergriff ihn. Er nahm
+einen ordentlichen Schluck Weines aus der Flasche,
+dann schaute er tr&auml;nenden Auges zum Himmel empor,
+die Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine
+Tr&auml;nen und er rief dem Kutscher zu, er m&ouml;ge ihn
+rasch nach Hause fahren. Da wendete der Kutscher
+die Rosse und der Wagen rollte dem n&auml;chtlichen Prag
+entgegen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&Uuml;ber die Unterredung, die Karolus mit seinem
+Vater in dieser Nacht gehabt, wie der Vater zuerst
+&uuml;ber das verst&ouml;rte Gesicht, &uuml;ber die Wunde an der
+Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allm&auml;hlich
+sein Erlebnis, sein Gl&uuml;ck und seine Entt&auml;uschung
+<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>beichtete, dar&uuml;ber steht nichts mehr &#8211; in der alten
+Chronik von Prag. Es steht kein Wort dar&uuml;ber,
+da&szlig; der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz
+geschlossen und gek&uuml;&szlig;t hat und da&szlig; er doch bei allem
+Mitleid lachen, lachen mu&szlig;te &uuml;ber seinen vertr&auml;umten
+Karolus und da&szlig; er dann den r&auml;tselhaften Ausspruch
+tat, da&szlig; im Leben jedes Mannes der Tag kommen
+m&uuml;sse, an dem sein Ideal den glitzernden Fischschwanz
+von sich tue! Denn Chroniken sind nicht sentimental,
+und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen
+Erz&auml;hlung hinzudichten. Es steht nur ein
+kurzer Nachsatz in der Chronik, da&szlig; Lalanda von da
+an aus Prag verschwunden war und nichts mehr
+von ihr verlautete.</p>
+
+<p>Karolus mu&szlig; sich wohl mit der Zeit getr&ouml;stet
+haben; er wird wohl auch ein anderer geworden
+sein, sonst h&auml;tte er nicht verlangt, da&szlig; an dem fertigen,
+neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne
+Konterfei Lalandas angebracht und das Haus &#8250;Zum
+Meerweibchen&#8249; genannt werde. In den alten B&uuml;chern
+ist nichts weiter dar&uuml;ber berichtet. Wohl aber steht
+in den Kirchenb&uuml;chern der alten K&ouml;niglichen Hauptstadt
+Prag der Name Karolus Werkmeister, Prager
+B&uuml;rger und Besitzer des Hauses &#8250;Zum Meerweibchen&#8249;
+<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda
+und ganz und gar nicht romantisch klingt, Barbara
+Werkmeister, geborene Knobloch, Tochter eines
+Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter
+dem Hradschin, und es ist verb&uuml;rgt, da&szlig; Karolus sie in
+z&auml;rtlichen Augenblicken Medulina nannte. Und in den
+B&uuml;chern folgt auf diese beiden Namen eine Menge Kinder.</p>
+
+<p>So schlie&szlig;t diese merkw&uuml;rdige Geschichte ebenso
+historisch, wie sie begonnen hat, und wer sie nicht
+glaubt, der m&ouml;ge ruhig in der Chronik der K&ouml;niglichen
+Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin
+aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute
+das Haus sehen, das den gleichen Namen tr&auml;gt wie
+diese Geschichte. Dann mag er kopfsch&uuml;ttelnd und
+nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis
+zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit
+&ouml;ffnen und auf den Hradschin hin&uuml;berschauen, die
+K&ouml;nigliche Burg, die herrlich und majest&auml;tisch von
+der H&ouml;he her&uuml;bergr&uuml;&szlig;t, und er wird f&uuml;hlen, da&szlig; man
+aus dieser Stadt, dar&uuml;ber der Hradschin thront, nur
+historische Geschichten erz&auml;hlen kann, seltsame und
+wunderbare Historien, wie diese vom Meerweibchen.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a></p>
+<div class="hasSubtitle">
+<h2 class="novelle"><a name="Der_Spiegel" id="Der_Spiegel"></a>Der Spiegel</h2>
+</div>
+
+<h3 class="novelle">Eine Legende</h3>
+
+
+<!-- [Blank Page] <a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a> -->
+
+<p><a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a></p>
+
+<h3 class="subsection">I.</h3>
+
+<p>Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem
+Recht und Fug ihre Legenden verlegen d&uuml;rfen, weil
+dazumal der Heiland und die Mutter Gottes noch
+ein Vergn&uuml;gen hatten, die Menschen zu lenken &#8211;
+jungen Eltern gleich, denen die Kindererziehung noch
+Freude und Lust bereitet &#8211;, zu jener Zeit also
+stand abseits von der Heerstra&szlig;e mitten im Walde
+ein weitl&auml;ufiges, sch&ouml;nes Nonnenkloster von strengen
+Sitten, in welchem, fern vom L&auml;rm und Hasten der
+Welt, die Nonnen ein beschauliches und ihrem himmlischen
+Br&auml;utigam ergebenes Leben f&uuml;hrten. Die
+Stille in diesem Kloster war eine so gro&szlig;e und die
+einschl&auml;fernde Macht der Gewohnheit, unterst&uuml;tzt durch
+das gleichm&auml;&szlig;ige Rauschen des Waldes, eine so &uuml;berw&auml;ltigende,
+da&szlig; die Gei&szlig;el an der Wand verstaubte und
+die frommen Frauen alt wurden und ehrw&uuml;rdig dahinlebten,
+und da&szlig; eine Wolke der Heiligkeit &uuml;ber
+dem Kloster schwebte.</p>
+
+<p>So ist es begreiflich, da&szlig; der B&ouml;se ein unabweisliches
+Verlangen f&uuml;hlte, in diesem Kloster seine K&uuml;nste
+<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>zu probieren, und da&szlig; er der Madonna, als er sie
+einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner
+Keckheit zurief, diese Burg der Fr&ouml;mmigkeit sei wohl
+auch nicht so uneinnehmbar, wie sie glaube.</p>
+
+<p>Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen
+&#8211; wie sie der g&ouml;ttliche Raffael uns &uuml;berliefert
+hat &#8211; durchdringend an und sprach: &raquo;An der
+Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und
+so sicher bin ich meiner Sache, da&szlig; ich dir erlaube
+so lange darin zu verweilen, als ich hier ein Vaterunser
+sage.&laquo;</p>
+
+<p>Der B&ouml;se erschauerte, da er den Namen &#8250;Vaterunser&#8249;
+sprechen h&ouml;rte, aber er fa&szlig;te sich gar bald
+und entgegnete:</p>
+
+<p>&raquo;Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile
+hier, und, ehe du dein Spr&uuml;chlein geendigt hast,
+will ich wieder bei dir sein und mich meiner Tat erfreuen.&laquo;</p>
+
+<p>Und kaum, da&szlig; er es ausgesprochen, war er in
+ein altes, runzeliges Weiblein verwandelt, das an der
+Klosterglocke zog und h&uuml;stelnd im Tore verschwand.</p>
+
+<p>Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und
+ausnehmend sch&ouml;ne Nonne Pf&ouml;rtnerin geworden,
+Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des
+<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>Nonnenklosters war; denn man hatte sie als S&auml;ugling
+an der Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden
+und erbarmungsvoll in den Schutz des heiligen
+Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr
+Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten
+so selbstverst&auml;ndlich und ohne Zweifel nachgekommen,
+da&szlig; die Oberin ihr den schweren Posten einer Pf&ouml;rtnerin
+&uuml;bertragen hatte. Sie hie&szlig; also Schwester
+Clarissa und war bl&uuml;hender als je eine Nonne gewesen.</p>
+
+<p>Nun, da es l&auml;utete, &ouml;ffnete sie dem h&uuml;stelnden
+Weibe ihr Schiebfenster und fragte nach seinem
+Begehr.</p>
+
+<p>&raquo;Die Oberin Berthilde vom n&auml;chsten Nonnenkloster
+schickt dies Gebetb&uuml;chlein der Pf&ouml;rtnerin Clarissa,&laquo;
+sprach das Weiblein, &raquo;da&szlig; sie es als Geschenk
+annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres
+Postens nicht abzulenken und als Erprobung ihrer
+St&auml;rke gegen die Anfechtung der Neubegier w&uuml;nscht
+sie, da&szlig; die fromme Schwester Clarissa das T&uuml;chlein,
+drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem
+Buche wegziehe, als bis der Mondschein durch ihr
+Fenster falle.&laquo; Sprach&#8217;s, und ehe die Pf&ouml;rtnerin noch
+ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden.</p>
+
+<p>Der B&ouml;se stand aber gerade in dem Augenblicke
+<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>wieder bei der Mutter Gottes, als diese ihren sch&ouml;nen
+Mund &ouml;ffnete, um Amen zu sagen. Er machte eine
+h&ouml;fliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und
+dankte ihr mit einem h&ouml;fischen Kratzfu&szlig; f&uuml;r die g&uuml;tige
+Erlaubnis. Sein Werk sei vollendet. Die Madonna
+aber l&auml;chelte milde und sprach ihr Amen und schlug
+drei Kreuze. Da entlief der B&ouml;se mit lautem Geschrei.
+Sie aber machte sich auf und wandelte still
+ihres Weges.</p>
+
+<p>Als nun das Abendgl&ouml;cklein gel&auml;utet und das
+Tor des Klosters verschlossen war, bereitete die Schwester
+Clarissa ihr armseliges Nachtlager, entkleidete sich
+und nahm dann das Geschenk vor, als eben der
+Mond hell und tr&auml;umerisch durch ihr Fenster leuchtete.
+Die ganze Stube flimmerte in wei&szlig;em Silberlicht,
+so herrlich strahlte an diesem Abende der Mond
+vom gestirnten Himmel. &raquo;Ich h&auml;tte das Geschenk
+der Oberin zeigen sollen,&laquo; fl&uuml;sterte sie in den Mondschein,
+&raquo;aber sie h&auml;tte es, f&uuml;rchte ich, gegen den Wunsch
+der Spenderin im Sonnenlichte ge&ouml;ffnet! Ja, ge&ouml;ffnet!
+Ja gewi&szlig;,&laquo; beruhigte sie ihr &auml;ngstliches Gewissen,
+&raquo;und ich will es der Oberin gleich bringen!&laquo;
+Doch dabei nestelte sie schon an dem T&uuml;chlein und
+da, o Wunder! lag das Gebetbuch vor ihr und leuch<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>tete
+und schimmerte ihr entgegen, als w&auml;re wahrhaftig
+ein St&uuml;ck Mondes in das Tuch eingeh&uuml;llt
+gewesen. Es war aber gar kein Gebetbuch, sondern
+ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre Nonnenklause
+geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals
+einen Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der
+Eitelkeit in einem Nonnenkloster unbekannt ist. Darum
+hielt sie das viereckige St&uuml;ck leuchtenden Glases auch
+zuerst f&uuml;r den silbernen Beschlag eines wertvollen
+Buches, das sie morgen der Oberin &uuml;bergeben m&uuml;sse;
+als sie aber versuchte, es zu &ouml;ffnen, und sich voll
+Neugierde dar&uuml;ber beugte, sah sie darin ein menschliches
+Gesicht, bl&uuml;hend sch&ouml;n und mit lachenden Augen,
+mit einem wi&szlig;begierig ge&ouml;ffneten Mund und bebenden
+Lippen, wie sie nie ein sch&ouml;neres gesehen hatte. Das
+kurze Blondhaar flimmerte und schimmerte im Mondschein,
+als wenn es selbst aus Mondesstrahlen gesponnen
+w&auml;re, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergn&uuml;gen
+an, da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht,
+und lachte in den Spiegel hinein, zu sehen, ob es in
+dem Glase auch lache, und dabei verga&szlig; sie ganz, da&szlig;
+sie damit etwas Str&auml;fliches tue. Dann aber erinnerte
+sie sich pl&ouml;tzlich daran, wie s&uuml;ndhaft es sei, sich
+so am eigenen Gesichte zu erg&ouml;tzen, und deckte schnell
+<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>das T&uuml;chlein dar&uuml;ber. Aber es lie&szlig; sie nicht in
+Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war
+zu sch&ouml;n gewesen, als da&szlig; sie dem Zauber h&auml;tte
+widerstehen k&ouml;nnen. Sie l&uuml;ftete das T&uuml;chlein wieder,
+indem sie ganz laut vor sich hinsprach, da&szlig; dieses
+Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde
+stamme, die ihr gewi&szlig; nichts Unlauteres geschickt h&auml;tte!
+&raquo;Morgen fr&uuml;h geb ich es der Oberin,&laquo; sprach sie
+feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit gl&uuml;cklichen
+Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im
+Spiegel freundlich entgegen und bewegte den Kopf
+hin und her und ordnete ihr Haar mit einem kleinen
+Seufzer, da&szlig; es so kurz sei. Und sie machte mit den H&auml;nden
+&uuml;ber den sch&ouml;nen, wei&szlig;en Nacken eine streichelnde Bewegung,
+als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes
+Haar, als stelle sie sich vor, wie herrlich ein langes
+blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte passen m&uuml;sse.
+Dann &ouml;ffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die
+Herrlichkeit ihres wei&szlig;en Busens im Spiegel und es
+war ihr, als ob die Mondesstrahlen jetzt noch heller
+leuchteten, weil sie sich mit dem blendenden Scheine
+ihrer Brust verm&auml;hlten; und lachte, lachte laut vor
+sich hin!</p>
+
+<p>So hatte sie an die ganze Welt und ihren himm<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>lischen
+Br&auml;utigam vergessen! Eine unbestimmte, dr&auml;ngende
+Sehnsucht war in ihr erwacht, da&szlig; sie lange
+mit d&uuml;rstenden Lippen vor dem Spiegel sa&szlig; und sich
+nicht satt schauen konnte. Denn wenn der B&ouml;se etwas
+unternimmt, das mu&szlig; man ihm lassen, so tut
+er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so da&szlig; denn
+das fromme Gem&uuml;t der lieblichen Clarissa ganz verwirrt
+ward an diesem Abend und sie vom plumpen
+Kruzifix an der Wand das Kr&auml;nzlein herabnahm, das
+sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren
+Br&auml;utigam zu schm&uuml;cken, und sich die schlichten Blumen
+in das Haar legte; da&szlig; sie den schwarzen Rosenkranz
+vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu
+denken, und ihn um den wei&szlig;en Hals legte, den
+Spiegel hin und her drehend, um nur ja keinen neuen
+Reiz ihrer Sch&ouml;nheit zu &uuml;bersehen.</p>
+
+<p>Es war eben ein teuflischer und kein gew&ouml;hnlicher
+Menschenspiegel, und ein so starker Zauber
+ging von ihm aus, da&szlig;, als der Morgen graute,
+das Gem&uuml;t der armen Nonne schon ganz verwandelt
+war und sie sich reisefertig gemacht und, ohne die
+Schwere ihrer S&uuml;nde zu empfinden, das Tor ge&ouml;ffnet
+hatte und da&szlig; sie einfach aus dem Kloster davonlief.
+Den Spiegel aber hatte sie in das T&uuml;chlein
+<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz an
+ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie
+in die Welt z&ouml;ge, so lustig und gl&uuml;cklich h&uuml;pften
+ihre F&uuml;&szlig;e den Weg in das Leben hinaus. Und sie
+eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">II.</h3>
+
+<p>Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse
+Schwarzenburg, das pr&auml;chtig und drohend auf einem
+waldigen Berge &uuml;ber ein &auml;ngstlich geducktes D&ouml;rflein
+gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf
+Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von
+drei&szlig;ig Jahren doch schon seit vielen, vielen schwarzen
+Tagen sein Leben abgeschlossen w&auml;hnte und in einer
+beklagenswerten D&uuml;rre des Gem&uuml;tes sich f&uuml;r fertig
+und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren
+noch einer der weltfreudigsten Ritter gewesen, der
+sich in Turnieren tummelte und die Farbe seiner
+Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg &uuml;ber den
+Gegner und das Herz der Erkorenen ausgegangen
+war; aber da er es vielleicht in diesen Jahren seiner
+strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen getrieben
+hatte, so war er bald in eine schwere und
+<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>traurige Tr&uuml;bheit verfallen, in der er sich f&uuml;r ausgedorrt
+und jeder Erregung unf&auml;hig hielt, f&uuml;r einen
+Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte
+sich gekr&auml;nkt und unhold auf seine Burg zur&uuml;ckgezogen,
+in das h&ouml;chste Turmgemach, das er ganz
+schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier sa&szlig; er als
+ein Unn&uuml;tz und Grillenf&auml;nger seine traurigen Jahre
+ab; doch war seine Melancholie nicht von der Art,
+die seufzt und betet, sondern er fluchte und war
+immerfort verdrie&szlig;lich, so da&szlig; er eigentlich ein recht
+unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der
+seinen alten seufzenden Diener qu&auml;lte, da&szlig; es ein
+Jammer war. Wenn der ihn ob seiner Krankheit
+bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete,
+so schimpfte er erst recht &uuml;ber Vernachl&auml;ssigung,
+denn er hatte immerfort das Bed&uuml;rfnis
+nach Martyrium, im Sommer, da&szlig; er schwitzen, und
+im Winter, da&szlig; er so frieren m&uuml;sse, obgleich das
+Turmgemach w&auml;hrend der hei&szlig;en Monate recht angenehm
+k&uuml;hl und im Winter so gut geheizt war, da&szlig;
+er wohl h&auml;tte zufrieden sein k&ouml;nnen. Hier oben sa&szlig;
+er nun und war fest &uuml;berzeugt, da&szlig; sein d&uuml;rrer
+Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr ein
+neues Reis ansetzen werde.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>Oder war doch nicht so ganz &uuml;berzeugt; darum
+wurden auch alle weisen &Auml;rzte und Heilk&uuml;nstler,
+deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen
+Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich
+nacheinander mit dem melancholischen Grafen eingeschlossen,
+um ihre Wunder an ihm zu probieren.
+Er war geschr&ouml;pft worden, hatte allerlei Pillen und
+P&uuml;lverchen geschluckt, Kr&ouml;ten- und Eidechsenaugen
+zu Hunderten gegessen, trug Amulette auf der Brust
+in Lederbeutelchen und Leinwands&auml;ckchen, da&szlig; kaum
+Platz f&uuml;r sie war und um seinen Hals von den
+hundert Schn&uuml;ren, an denen sie hingen, sich mit der
+Zeit ein breites Halsband gebildet hatte, und alles
+dies, ohne da&szlig; seine verlorene Jugendkraft und
+Weltfreude sich neu eingestellt h&auml;tte. Und immer
+wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg geblieben war,
+tobte er, da&szlig; man ihn hier oben verdorren und verfaulen
+lasse, da&szlig; kein Mensch sich um ihn k&uuml;mmere
+und er elendiglich verrecken m&uuml;sse als ein Auswurf
+der Menschheit, so da&szlig; sein alter Diener nur recht
+schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus
+den Grafen wieder ein wenig aufheitere und
+neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei war der
+melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem
+<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>Appetit und war mit der Zeit da oben dick und
+schwammig geworden, was er freilich als Wassersucht
+aufgefa&szlig;t wissen wollte. Zu jedem Essen lie&szlig;
+er sich n&ouml;tigen und dr&auml;ngen, und jeden Schluck
+Weins nahm er mit scheinbarem Widerwillen und
+schimpfend, da&szlig; man ihn verfolge, dann aber umso
+ordentlicher, so da&szlig; seine Mahlzeiten f&uuml;r einen melancholischen
+Grafen eigentlich recht gen&uuml;gend waren.</p>
+
+<p>Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester
+Clarissa mit ihrem Spiegel aus dem Kloster
+entwich, war ein gro&szlig;er, ber&uuml;hmter Medikus auf
+Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter
+Mann, der nicht wie die anderen mit Latwergen
+und Kr&auml;utern sein Heil versuchte, sondern
+der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz
+anderen und wirksameren Mitteln auf den Leib r&uuml;ckte.
+Er hatte erst versucht, den b&ouml;sen Verfolger durch
+Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem Turmst&uuml;bchen
+einen Qualm gemacht hatte, da&szlig; ihm sein
+Patient fast erstickt w&auml;re. Dann hatte er drei Tage
+und N&auml;chte lang die wirksamsten Gebete um den
+gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn
+so gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben,
+in dem es der Teufel gewi&szlig; nicht aushalten
+<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte, war
+er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl
+verdient hatte, einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen
+und Br&uuml;ten versenkt, dagesessen, um &uuml;ber den schwierigen
+Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich
+nach vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder
+einen ordentlichen Hunger empfand, war ihm pl&ouml;tzlich
+die gro&szlig;e L&ouml;sung der Frage wie eine Erleuchtung
+aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht
+klar auseinander: da&szlig; nur <em class="gesperrt">ein</em> Mensch auf
+dieser Erde den armen melancholischen Grafen heilen
+k&ouml;nne, und dies sei der heilige Vater in Rom. Zu
+dem m&uuml;sse er pilgern, aber nicht allein, denn das
+sei zu einfach und k&ouml;nne daher die heilende Wirkung
+nicht haben, sondern es m&uuml;sse sich eine reine Jungfrau
+finden, die in ihrer jungfr&auml;ulichen Keuschheit ihn
+an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum
+gleichsam, da&szlig; er sein fr&uuml;heres unchristliches
+und geradezu heidnisches Leben abgetan habe und
+nun wert geworden sei, wieder der g&ouml;ttlichen Gnade
+teilhaftig zu werden: denn es war gerade damals
+die Zeit, wo man gerne Jungfrauen zur Heilung
+aller m&ouml;glichen Leiden ben&uuml;tzte. Da nun der Arzt
+ein viel gewanderter und sehr gelehrter Heilk&uuml;nstler
+<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>war, so unterlie&szlig; er es nicht, darauf hinzuweisen,
+da&szlig; auch ein anderer Ritter Heinrich von seinem Gebreste
+durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei
+er sich, w&auml;hrend der Diener ihm das Essen zutrug,
+kauend und trinkend in eine philosophische Auseinandersetzung
+&uuml;ber den verwunderlichen und h&ouml;chst bemerkenswerten
+Umstand einlie&szlig;, da&szlig; beide Ritter
+Heinriche waren, was vielleicht ein Zeichen Gottes
+sei und auf eine immanente Leiderw&auml;hltheit so benannter
+Menschen hinweise. Dann war er mit gro&szlig;em
+Aufsehen aus dem Schlosse geschieden.</p>
+
+<p>Nun war es aber nach dem Abgange des ber&uuml;hmten
+Arztes mit dem melancholischen Heinrich
+rein nicht mehr auszuhalten. Die anf&auml;nglichen Heilmethoden
+des Doktors hatten den tr&auml;ge gewordenen
+Grafen recht angestrengt und in Schwei&szlig; gebracht,
+und seine Kehle war beleidigt von dem abscheulichen
+Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines
+Zimmers hatte &ouml;ffnen lassen, von den dreit&auml;gigen
+Gebetumkreisungen f&uuml;hlte er eine Art von Drehkrankheit,
+wie sie manchmal Schafe &uuml;berf&auml;llt, und sein
+Magen war ausged&ouml;rrt wie ein Lederbeutel. Eine
+Woche lang br&uuml;llte er nun durch den Turm wie ein
+gereizter Eber, und ganz Schwarzenburg, Schlo&szlig; und
+<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, da&szlig; dem
+armen gn&auml;digen Herrn nur das Essen gut behagen
+und der Wein und das Bier gut munden m&ouml;ge.
+Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer
+sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche
+Martyrium auf sich nehmen wollte, mit
+dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der selbstverst&auml;ndlich
+zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild
+mitwirken sollte, kein gro&szlig;es Vertrauen empfand.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">III.</h3>
+
+<p>Indessen kam, da schon von allen Seiten die
+Boten mit leeren H&auml;nden zur&uuml;ckgekehrt waren, (weil
+jedes M&auml;dchen, das seine Jungfrauenschaft beschw&ouml;ren
+sollte, entr&uuml;stet die Zumutung von sich abgewiesen
+hatte &#8211; mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu
+pilgern) die holdselige Clarissa auf ihrer Wanderung
+bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand
+war bestaubt und von Dornen zerrissen, so
+da&szlig; es gar nicht mehr als heiliges Gewand zu erkennen
+war, ihr Blondhaar war l&auml;nger geworden und
+ihre Lippen wenn m&ouml;glich noch bl&uuml;hender, weil ihr
+das Wandern in der frischen Luft wohlbekam und
+<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot weichen
+mu&szlig;te. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft
+wie in einem Rausche verbracht, nur auf den
+Abend wartend, an dem sie ihr gl&uuml;ckseliges Spieglein
+hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an
+ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wu&szlig;te in
+ihrer glorreichen Dummheit noch nicht, da&szlig; der
+Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr Sehnen
+zu stillen, und kam erst am f&uuml;nften Tage hinter dies
+Geheimnis, als sie ihren schneewei&szlig;en Leib in einem
+Waldbache gebadet hatte und ihn nun mit dem T&uuml;chlein
+trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte.
+Da sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren
+K&ouml;rper leuchten und merkte zu ihrer gro&szlig;en Freude,
+da&szlig; er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser Beleuchtung
+noch viel sch&ouml;ner war als beim Mondenschein. Dar&uuml;ber
+freute sich das arme bet&ouml;rte Wesen nun umso
+inniger und dankte dem lieben Gott f&uuml;r das sch&ouml;ne
+und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen
+Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben
+nicht aus dem Psalter, sondern aus ihrer reinen
+M&auml;dchenseele hervorholte. Denn sie wu&szlig;te nicht,
+da&szlig; der B&ouml;se ihr das freudenreiche Glas geschenkt
+hatte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>Und so wanderte sie als eine t&ouml;richte Jungfrau
+mit dem Spiegel in der Hand durch die Auen, gleichsam
+ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr immer
+freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder
+zur&uuml;ckwich, holdselig lachend und winkend; sie schm&uuml;ckte
+sich das Haar mit den Blumen, die sie auf den
+Wiesen pfl&uuml;ckte, und sah so mit den roten Mohnblumen
+und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine
+entz&uuml;ckende Prinzessin aus dem M&auml;rchen, die zum
+Reigen antreten will und dazu ein phantastisches Gewand
+angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller
+Herzensreinheit und kindlichen Freude in das sch&ouml;ne
+Gesicht im Spiegel, da&szlig; sie ihn auch nicht senkte,
+wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege begegneten
+oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam,
+um mit offenem Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen.
+Sie war so &uuml;ber alle Ma&szlig;en sch&ouml;n, da&szlig;
+keiner der M&auml;nner es gewagt h&auml;tte ihr nachzustellen,
+weil er ihr so lange nachschauen mu&szlig;te mit offenen
+Augen, bis diese ihm &uuml;bergingen und er die Lider
+senkte. Dann aber war das Wunder schon lange
+verschwunden, und er glaubte sicher getr&auml;umt zu
+haben; und wenn er ein Fabulant und Liedermacher
+war, setzte er sich hin und ersann gleich einen Reim
+<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>auf den holdseligen Traum; so da&szlig; aus jenen Tagen
+eine ganze Zahl von Liedern stammen, die dieses
+wandelnde Wunder besingen: &#8250;Tandarada, welches
+Wunder mir heute geschah!&#8249;</p>
+
+<p>Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt
+kam, hatte sich die Sonne eben zur Ruhe gelegt und
+der Mond war noch nicht aus dem Abendm&auml;ntelchen
+einer silberrandigen Wolke hervorgeschl&uuml;pft, so da&szlig;
+jene unbeschreiblich sch&ouml;ne D&auml;mmerung herrschte, die
+ohne Schatten und ohne Glanz ist, und Clarissa
+endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus
+ein und bat um einen Bissen Brot und einen Schluck
+Milch vor dem Schlafengehen. Der Bauer aber, bei
+dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen,
+die von der Jungfernsuche eben zur&uuml;ckgekehrt waren,
+und, ohne die holdselige Clarissa auch nur zu fragen,
+lief er spornstreichs aufs Schlo&szlig;, so &uuml;ber jeden Zweifel
+sicher war er, da&szlig; jetzt die gesuchte Jungfrau von
+selbst gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehns&uuml;chtig
+erwarteten. Als er atemlos seine Botschaft
+auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob sich in
+dem abendlichen Schwarzenburg ein gro&szlig;er Jubel
+und Gl&uuml;cksl&auml;rm, der fast den schnarchenden Ritter
+geweckt h&auml;tte, wenn er sich nicht einen so gesegneten
+<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>Schlaf in seiner b&ouml;sen Krankheit bewahrt h&auml;tte. Das
+ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das
+Haus, in dem Clarissa mit dem Spiegel beim Fenster
+sa&szlig; und im Mondscheine ihr Haar ordnete. Und
+ehe sie noch ein Wort h&auml;tte sagen k&ouml;nnen, wu&szlig;te sie
+schon die ganze Geschichte von dem armen melancholischen
+Grafen, zu dessen Retterin sie vom Schicksale
+ausersehen war. Und, ohne da&szlig; sie sich dieses Gef&uuml;hls
+ordentlich bewu&szlig;t wurde, so rein und ohne
+Fehl war sie, freute sie sich doch, f&uuml;r ihre Flucht aus
+dem Kloster eine Art Bu&szlig;e auf sich nehmen zu k&ouml;nnen,
+und willigte ohne viel Fragen und Reden ein,
+mit dem kranken Ritter nach dem heiligen Rom zu
+pilgern. Und es war ein gro&szlig;er und aufrichtiger
+Jubel dar&uuml;ber in Schwarzenburg.</p>
+
+<p>Schon am n&auml;chsten Tage wurden auf dem Schlosse
+mit gro&szlig;em Ger&auml;usch die Vorbereitungen zur Pilgerfahrt
+des melancholischen Heinrich in Angriff genommen. Und
+noch niemals haben Schneider und Schuster ihre
+Arbeit so rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert,
+wie nun f&uuml;r den Grafen, da alle eigentlich
+im innersten Herzen gl&uuml;cklich waren, den launenkranken
+Herrn auf so sch&ouml;ne und heilige Weise f&uuml;r eine
+Zeit los zu werden. Der aber jammerte jetzt um so
+<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>mehr, da er sein Turmzimmer verlassen sollte, in dem
+er sich uneingestanden doch sehr wohlgef&uuml;hlt hatte,
+etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, da&szlig; sein Bett
+t&auml;glich aufgesch&uuml;ttelt werde, weil er gl&uuml;cklich ist, sich
+eine behagliche Grube in den Strohsack gedr&uuml;ckt zu
+haben. Er seufzte und schimpfte &auml;rger als ein Fuhrknecht
+und verfluchte hundertmal den Medikus, der
+ihm eine so beschwerliche Heilung vorgeschrieben
+hatte. Dabei &uuml;berwachte er doch genau jegliches
+St&uuml;ck seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt
+seines Reisemantels sorgf&auml;ltig an, puffte den Schuster,
+der es gewagt hatte, ihm ein Paar Bauernstiefel zu
+bauen, und r&uuml;stete sich &uuml;berhaupt aufs allerbeste f&uuml;r
+die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken f&uuml;r
+die Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen
+des Wetters und Beschwerlichkeiten der Wege aushalten
+sollte. Er bestellte ein Habit f&uuml;r Regenwetter
+und eins f&uuml;r Sonnenschein, Wetterm&auml;ntel und eine
+Reisedecke, bis man ihm endlich bedeutete, da&szlig; ihn
+ja leider kein Diener auf dem Pilgerzuge begleiten
+k&ouml;nne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete
+ihm wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen
+einen Reisemantel, den der Graf f&uuml;r sich hatte
+fertigen lassen, damit sie sich darein kleide, und einen
+<a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>Pilgerhut, da&szlig; sie sich gegen die hei&szlig;en Sonnenstrahlen
+Italiens sch&uuml;tze. Dann geschah eines Tages
+das Unerh&ouml;rte, da&szlig; der dicke Ritter, auf die Schulter
+seines Dieners gest&uuml;tzt, die Treppen von seinem Turme
+herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand
+im Schlo&szlig;saale landete.</p>
+
+<p>Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, da&szlig;
+sie den Grafen in Empfang nehme und mit ihm
+nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung,
+hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet,
+die das Auserlesenste vereinigte, was je ein
+Rompilger geschmaust haben mag. Der ungl&uuml;ckliche
+Heinrich sa&szlig; nun in seinem Lehnstuhle und stopfte
+sich die Backen voll wie ein Hamster und merkte gar
+nicht, da&szlig; vor einem gro&szlig;en Wandspiegel seine Begleiterin
+stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und
+ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel
+hinter ihr Haupt haltend, so da&szlig; sie sich auch von
+r&uuml;ckw&auml;rts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren
+Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales
+an der Wand einen Spiegel gesehen, wahrhaftig
+einen Spiegel, nur da&szlig; er gro&szlig; war und fest an
+der Wand hing. Und dieser gro&szlig;e Spiegel machte
+ihr gleich den Saal vertraut, den Grafen wert und
+<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>ihren Pilgerzug erfolgverhei&szlig;end. Und so stand sie
+still vor dem sch&ouml;nen Spiegel und freute sich. Da
+sie nun der Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam,
+erblickte, schlug er gleich derb mit der Faust auf
+den Tisch, da&szlig; die Teller tanzten und eine volle
+Kanne Weins &uuml;berlief.</p>
+
+<p>&raquo;Das kann eine sch&ouml;ne Reise werden,&laquo; fluchte er
+dann, &raquo;mit einem solchen eitlen Weibsbild zu wandern;
+verfluchter Medikus!&laquo;</p>
+
+<p>Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit
+ihren holden Augen an, die jetzt, seit sie ihren Spiegel
+besa&szlig;, immer einen gl&uuml;cklichen Glanz hatten und vor
+Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die
+Kutte, die ihren Leib umwallte, etwas hob und den
+viel zu gro&szlig;en Hut in den Nacken schob, auf den
+Ritter zugegangen, sch&ouml;n und neckisch, wie ein Fastnachtstraum,
+und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob
+dieser zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals
+stecken. Er mu&szlig;te einen ordentlichen Schluck Weins
+zu sich nehmen, um ihn hinabzusp&uuml;len. Dann seufzte
+er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger
+zu ihrer Wanderschaft. Und durch das Spalier der
+glotzenden Bauern, die vor Bewunderung &uuml;ber ihren
+Herrn fast das Gr&uuml;&szlig;en verga&szlig;en, wandelten sie den
+<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>steilen Schlo&szlig;weg hinab dem k&uuml;hlen Tale entgegen.
+Und als sie im Tale angelangt waren und vom
+Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine Trompetenfanfare
+ihnen den Reisegru&szlig; nachschmetterte, war
+es, als ob in diesen Trompetent&ouml;nen alle Erl&ouml;sungsjauchzer
+zusammenfl&ouml;ssen, die Schwarzenburg heute
+ob des Auszuges seines Herrn ausstie&szlig;.</p>
+
+<p>Weil er ja geheilt zur&uuml;ckkehren w&uuml;rde ....</p>
+
+
+<h3 class="subsection">IV.</h3>
+
+<p>So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit
+seiner sch&ouml;nen Begleiterin, des Weges.</p>
+
+<p>Der Ritter aber war ein viel zu selbsts&uuml;chtiger
+Mann, als da&szlig; er die Begleitung der Jungfrau als
+ein gro&szlig;es Opfer angesehen h&auml;tte, und nahm sie
+vielmehr als etwas Selbstverst&auml;ndliches und gar nicht
+Dankenswertes hin, indem er den Arm des M&auml;dchens
+weidlich als St&uuml;tze ausn&uuml;tzte, jede Handreichung
+von ihr forderte und so ein unwirscher und l&auml;stiger
+Geselle blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder
+Schritt war die erneute Ursache eines tiefen Seufzers
+f&uuml;r ihn, jede Speise, die ihm in den schlechten Herbergen
+geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten
+<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>Unzufriedenheit, so da&szlig; das arme Clari&szlig;chen in den
+ersten Tagen gar nicht dazu kam, ihren Schatz aus
+dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust zu fr&ouml;nen.
+Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder
+Scheune ihre m&uuml;den Glieder auf das Lager streckte,
+w&auml;hrend ihr dicker Herr und Gebieter das beste Bett
+des Wirts f&uuml;r sich in Anspruch nahm, gl&uuml;ckte es ihr
+zuweilen, sich an ihrer Sch&ouml;nheit zu freuen und mit
+herzlicher Lust zu sehen, wie ihr Blondhaar l&auml;nger
+wurde und sich z&auml;rtlich um ihre Schultern ringelte,
+oder wie ihre Wangen sich r&ouml;teten in einem gesunden
+und br&auml;unlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand.
+Und es war &uuml;berall, wo sie hinkamen, ein gro&szlig;es
+Aufsehen mit ihr, und immer wieder mu&szlig;te der
+melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen
+h&ouml;ren, was f&uuml;r ein herrliches M&auml;dchen er sich auf
+die Reise mitgenommen habe.</p>
+
+<p>Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder,
+ohne da&szlig; er sie einer &Uuml;berlegung f&uuml;r wert hielt,
+da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe geschwunden
+war und er nur immer an sein Ungl&uuml;ck und
+sein Leid denken mu&szlig;te; h&ouml;chstens, da&szlig; er ein pfiffiges
+Gesicht machte, wenn ihn die Leute ob seines Geschmackes
+einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm
+<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>wohltat, als ein so &uuml;beraus feiner und geschmackvoller
+Pilger angesehen zu werden. Denn so sehr
+er auch seufzte und jammerte, tat ihm die reichliche
+Bewegung im Freien doch wohl, und die Kr&auml;fte
+kehrten mit jedem Tage mehr in das Geb&auml;ude seines
+stattlichen K&ouml;rpers wieder. Seine bleiche Farbe wich
+einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag
+immer leichter auf der runden Schulter seiner St&uuml;tzerin,
+da er bald selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn
+er auch nicht unterlie&szlig; &uuml;ber jeden Stein am Wege
+oder jeden Regentropfen, der ihn n&auml;&szlig;te, einen ordentlichen
+Fluch loszulassen. Die bl&uuml;hende Clarissa pflegte
+und betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines
+Gl&uuml;cksgef&uuml;hl durchstr&ouml;mte sie dabei, da&szlig; sie
+einen kranken Menschen so warten d&uuml;rfe und dieser
+gro&szlig;e und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie
+angewiesen war.</p>
+
+<p>So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande,
+nur da&szlig; die Fl&uuml;che des Ritters und seine Verw&uuml;nschungen
+ihre Schritte begleiteten. Denn er war gar
+nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu
+fragen oder nach ihren W&uuml;nschen zu forschen. Aber
+nach einigen Tagen hielt es Clarissa nicht mehr aus,
+so stumm neben dem traurigen Ritter einherzugehen,
+<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach
+war, zu berichten an, und der Graf lie&szlig; sie gew&auml;hren,
+weil ihm der Weg auf diese Weise minder
+eint&ouml;nig wurde. Er verga&szlig; dabei wohl auch etliche
+Male zu jammern und stellte sogar nach einigen
+Tagen, da der Redestrom seiner Begleiterin zu versanden
+anfing, Fragen, die sie in ihrer munteren
+und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam
+es so weit, da&szlig; er dem M&auml;dchen z&ouml;gernd und unwirsch
+sein Leben erz&auml;hlte, ohne viel R&uuml;cksicht auf ihr
+Jungfrauentum, also da&szlig; sie manches h&ouml;ren mu&szlig;te,
+was ihr die verdiente Nachtruhe mit b&ouml;sen Tr&auml;umen
+st&ouml;rte und sie nachdenklich und schreckhaft machte.
+Dann tr&ouml;stete sie nur ein Blick in den Spiegel, der
+ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot pa&szlig;te, das
+pl&ouml;tzlich ihre Wangen durchgl&uuml;hte, und wie seltsam
+ihre Augen aufleuchteten und die Lippen sich sch&uuml;rzten,
+wenn sie an die Reden des kranken Ritters
+dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr
+&uuml;ber den R&uuml;cken herabflutete, in goldschimmernde
+Flechten drehen und vergn&uuml;gte sich nun lange damit,
+sie in verschiedenen Windungen um den Kopf zu
+legen, B&auml;nder und Blumen hineinzuordnen und ihrem
+breitrandigen Pilgerhute alle erdenklichen abenteuer<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>lichen
+Formen zu geben, je nach ihrer Stimmung,
+hoffnungsvoll geschwungen oder k&uuml;hn auf die Seite
+gedr&uuml;ckt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer
+war sie von neuem von ihrem Anblick entz&uuml;ckt. Bei
+Tage aber wanderten sie tapfer dem S&uuml;den zu und
+waren schon mitten in den T&auml;lern der Alpen angelangt,
+als ihr eines Tages der Ritter erkrankte.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">V.</h3>
+
+<p>Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit,
+in die der Graf verfiel, sondern blo&szlig; die Ausbr&uuml;che
+seines Schmerzes und seiner Verstimmung &uuml;ber sein
+Leiden waren so gewaltige, da&szlig; Clarissa einen gro&szlig;en
+Schreck dar&uuml;ber empfand. Er mochte gestern abend
+in dem lieblich gelegenen Alpenhause etwas zu viel
+von dem saueren Landwein getrunken und ein wenig
+zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben,
+also da&szlig; er sie in der Nacht an sein Lager rufen
+lie&szlig;. Er lag st&ouml;hnend und jammernd in seinem Bette
+und w&auml;lzte sich unruhig hin und her, ausrufend, da&szlig;
+dies nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam
+und verlassen sterben m&uuml;sse. Er zerri&szlig; das Bettlaken
+und kratzte den Bewurf von der Wand vor Wut
+<a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>und Schmerz und schrie, da&szlig; man ihn hierher gelockt
+habe, um ihn elendiglich verrecken zu lassen.
+Der Schuft von einem Bauer habe ihn sicher vergiftet,
+so brenne es in den Ged&auml;rmen und so rasende
+Schmerzen empfinde er. Dabei warf er von
+Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die erschrockene
+Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung
+hervorrufe und sie begreife, was f&uuml;r ein gottverlassener
+M&auml;rtyrer er sei.</p>
+
+<p>Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man
+sie wecken kam, und hatte nur eilig den Mantel umgeworfen,
+da sie zu dem durch das Haus br&uuml;llenden
+Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager
+und beugte sich &uuml;ber ihn, leise mit ihren Fingern
+&uuml;ber seine Stirn streichelnd, und der Mantel war
+ihr, ohne da&szlig; sie es merkte, von den Schultern geglitten.
+So stand sie da in ihrer Sch&ouml;nheit, die
+Fluten ihres goldenen Haares jauchzten &uuml;ber ihren
+schneewei&szlig;en Nacken und ihre vollen schimmernden
+Schultern, und ihr jungfr&auml;ulicher Busen hob das
+groblinnene Hemde.</p>
+
+<p>So beugte sie sich &uuml;ber den Grafen, der zum
+ersten Male seit langen, langen Jahren wieder mit
+Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes
+<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter
+Selbstling, als da&szlig; er darum weniger gest&ouml;hnt h&auml;tte,
+er w&auml;lzte sich vielmehr nur um so ungeb&auml;rdiger auf
+seinem Lager und sparte nicht mit Fl&uuml;chen und
+Schimpfworten, stie&szlig; die streichelnde Hand Clarissens
+von seinem Gesichte und warf das kalte Tuch, das
+sie ihm auf den Kopf legen wollte, weit in die Ecke.
+Da kniete das erschrockene M&auml;dchen in tiefstem Mitleid
+neben dem Lager des kranken Grafen nieder und
+betete in ihrer Seelenangst inbr&uuml;nstig zu Gott und
+rief die Mutter Gottes zu Hilfe, herzlich und innig,
+und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit
+sich herumf&uuml;hrt. Ihr Spiegel fiel ihr aber pl&ouml;tzlich
+in den Sinn, und weil er ihr wie ein Wunder und
+etwas Segensreiches und Heilkr&auml;ftiges erschienen war
+erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem
+Ritter ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran
+sein Herz heile.</p>
+
+<p>Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand
+zur&uuml;ckkehren sah und sie ihm das Glas vor sein Gesicht
+hielt in ihrer Keuschheit und Herzensreinheit,
+da stie&szlig; er einen gr&auml;&szlig;lichen Fluch aus, weil er glaubte,
+da&szlig; sie ihn verspotten wolle, und warf dann den
+Spiegel mit aller Wucht auf den Boden, da&szlig; er in
+<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>hundert St&uuml;cke zersplitterte; dann aber, als ob er
+seine letzten Kr&auml;fte ausgegeben h&auml;tte, sank er auf
+sein Kissen zur&uuml;ck, streckte sich und schlief ruhig und
+schmerzlos ein.</p>
+
+<p>Clarissa war mit einem lauten Schrei in die
+Kniee gesunken und es war ihr, als ob mit ihrem
+geliebten Spiegel auch ihr Herz in St&uuml;cke br&auml;che.
+Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete
+Fenster sah, erschien es ihr, als st&uuml;nde drau&szlig;en die
+Mutter Gottes, genau so sch&ouml;n und lieblich wie auf
+dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum
+ersten Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie
+mit einem ernsten und langen Blicke ans&auml;he. Da
+neigte sie die Stirn und betete lange, lange f&uuml;r das
+Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den
+Kranken so still und zufrieden schlafen sah, auf den
+Fu&szlig;boden neben sein Lager hin und schlummerte
+bis in den Morgen.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">VI.</h3>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage, als der Ritter morgens fr&uuml;her
+als seine sch&ouml;ne Begleiterin aufwachte, war ihm viel,
+viel wohler, als er sich eingestehen wollte. Und das
+<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel, war nicht
+sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin,
+wie sie sich &uuml;ber ihn gebeugt und seine Stirn
+gestreichelt hatte. Er sah das volle Blondhaar um
+ihren sch&ouml;nen Nacken fluten und die milden H&uuml;gel
+des Busenansatzes &uuml;ber dem sittsam gekn&uuml;pften Hemde
+und schlo&szlig; gleich wiederum als ein Schlemmer und
+Feinschmecker aus fr&uuml;heren Zeiten die Lider, um sich
+in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er
+dann die Augen wieder &ouml;ffnete und die Maid auf
+dem Boden daliegen sah, den rechten Arm unter dem
+sch&ouml;nen Haupte, wie sie mit halb ge&ouml;ffneten Lippen
+friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen
+auf die Schl&auml;ferin und ward nicht satt, sie
+zu betrachten. Kaum aber, da&szlig; Clarissa die Augen
+aufschlug, als h&auml;tten die Blicke des Grafen sie geweckt,
+da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge,
+beiseite, die Augen schlie&szlig;end und Schlaf
+heuchelnd, bis er endlich mit einem tiefen Seufzer
+erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen
+Tag begr&uuml;&szlig;te. Nicht ein Auge habe er die ganze
+Nacht geschlossen, log er gleich in seiner alten Weise,
+wenn er auch vielleicht scheinbar den Eindruck eines
+Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich
+<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>eben zu fassen und winsele nicht herum wie ein Weib,
+wenn nur die Schmerzen ein wenig ertr&auml;glich seien.
+Clarissa nat&uuml;rlich, sagte er giftig, sei da auf der Erde
+gelegen und habe geschnarcht wie eine S&auml;ge durch
+Querholz, da&szlig; er schon deshalb nicht h&auml;tte einschlummern
+k&ouml;nnen; und schon schrie er nach seinem
+Morgenimbi&szlig;, da ihm sonst sein Magen verbrenne.</p>
+
+<p>Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel
+um sich gezogen, dann brachte sie dem Ritter sein
+Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben zusammen
+und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie
+barg sie dort in ihr armes T&uuml;chlein wie eine kostbare
+Habe, ohne auch nur die geringste Lust zu versp&uuml;ren,
+in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen.
+Denn es war ihr so seltsam im Herzen seit dieser
+Nacht, da&szlig; sie immerfort an den Grafen und seinen
+Schmerz denken mu&szlig;te, mit einem tiefen, herzinnigen
+Mitleid und einem traurigen Gef&uuml;hle dar&uuml;ber, da&szlig; er
+so barsch ihre Hand weggesto&szlig;en hatte; und sie w&uuml;nschte
+sich nichts sehnlicher, als wieder ihre Hand auf seine
+Stirn legen zu d&uuml;rfen. So machte sie sich rasch fertig
+und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters,
+um ihn zu pflegen, wenn er ihrer bed&uuml;rfe.</p>
+
+<p>Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre
+<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>Handreichungen hin wie etwas Selbstverst&auml;ndliches
+und war um so rauher, als er eine seltsame innere
+N&ouml;tigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen
+und h&auml;tscheln zu lassen. Und je inniger und liebevoller
+sie sich seiner annahm, desto unebener und
+schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die
+nur dann gl&uuml;cklich sind, wenn sie qu&auml;len k&ouml;nnen.
+Im Herzen aber hatte er nur den einen Wunsch,
+da&szlig; bald wieder Nacht werden m&ouml;ge, damit er wieder
+Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern
+und die Lieblichkeit ihres Leibes beschauen k&ouml;nne.
+Indessen lag er im Bette, a&szlig; und trank wie ein Gesunder,
+freilich, wie er sagte, ohne Hunger und Bed&uuml;rfnis,
+nur um recht bald wieder aufbrechen zu
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>So war langsam Abend geworden und Clarissa
+hatte gefragt, ob sie sich neben ihn auf den Boden
+legen solle. Da war sie aber schlecht angekommen.
+Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer
+trollen, er wolle heute schlafen und da k&ouml;nne er ihr
+Schnarchen nicht brauchen. Er drehte sich der Wand
+zu und schwieg hartn&auml;ckig auf alle ihre Fragen, so
+da&szlig; sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und
+sich leise aus dem Zimmer davonschlich.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte
+und seufzte und konnte lange keinen Schlummer
+finden.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">VII.</h3>
+
+<p>Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon
+wieder an der T&uuml;r gepocht wurde und die Wirtsleute
+sie holten, da der arme kranke Ritter wieder seinen Anfall
+habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht
+ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und
+eilte erschrocken und voll herzlichen Mitleids in das
+Zimmer des M&auml;rtyrers. Es schien in dieser Nacht
+noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden,
+wenigstens schrie der traurige Heinrich noch rasender
+und warf sich noch w&uuml;tender im Bette hin und her.
+Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgef&uuml;hrtes
+Schauspiel, das er sich selbst auff&uuml;hrte, weil er in
+uneingestandener Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin
+nicht hatte schlafen k&ouml;nnen und nur w&uuml;nschte,
+sie m&ouml;ge ihm wieder wie gestern im blo&szlig;en Hemde,
+mit aufgel&ouml;stem Haare beistehen und sich liebreich
+&uuml;ber sein Lager beugen. Als er sie daher im Mantel
+und Kleid mit aufgesteckten Z&ouml;pfen in das Zim<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>mer
+treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem
+grauen Habit und er war ordentlich w&uuml;tend dar&uuml;ber,
+da&szlig; sie seinem geheimen Wunsche nicht nachkam.
+Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit
+den ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch
+geplagt, sich recht innig an die Brust der holdseligen
+Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu streicheln
+und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen.</p>
+
+<p>Sie hatte ihr L&auml;mplein auf den Tisch gestellt und
+beugte sich nun &uuml;ber den Armen, ihm die Stirn ber&uuml;hrend.
+Er lie&szlig; sich das auch heute gefallen, nur
+da&szlig; er wie in einem pl&ouml;tzlichen Tollwerden des
+Schmerzes sich in ihren Mantel krallte und zerrte.
+Clarissa bebte und zitterte vor Mitleid mit seinem
+Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil
+sie ganz unt&auml;tig neben ihm stehen mu&szlig;te und ihm
+sein Leiden so gar nicht abnehmen konnte. Sie strich
+ihm milde &uuml;ber das Haar und sprach zu ihm mit
+z&auml;rtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind w&auml;re,
+das sie in den Schlaf wiegen wollte. Und als der
+Ritter aufst&ouml;hnte und mit klappernden Z&auml;hnen jammerte,
+da&szlig; ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand
+zu ihm und breitete ihren Mantel &uuml;ber seine
+Bettdecke. Er aber umarmte sie wie in schrecklicher
+<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>Angst und dr&uuml;ckte sie hei&szlig; und fest an seine wogende
+Brust, da&szlig; ihr H&ouml;ren und Sehen verging und sie
+in ihrer jungfr&auml;ulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm
+alles hinzuopfern, was er auch verlangte. Sie wehrte
+ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte und sie zu
+sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und
+gro&szlig;es Gl&uuml;ck und das heiligste Mitleid mit dem
+armen melancholischen Grafen, der aber in diesem
+Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch
+war, durchstr&ouml;mte sie, da&szlig; sie die Augen schlie&szlig;en
+mu&szlig;te und sich den Umarmungen des Ritters willenlos
+ergab.</p>
+
+<p>Und als die Lampe fr&uuml;h erlosch und die Sonnenstrahlen
+in das Zimmer schauten, lagen die beiden
+in stillem Schlummer nebeneinander und der Arm
+des Ritters lag z&auml;rtlich unter dem sch&ouml;nen Haupte
+der Pilgerin.</p>
+
+<p>Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie
+strich sich erst &uuml;ber die Stirn, als wolle sie sich auf
+etwas besinnen, so traumhaft war ihr zumute, dann
+aber &uuml;bergo&szlig; eine tiefe R&ouml;te ihre Wangen, Tr&auml;nen
+st&uuml;rzten aus ihren Augen und ein Zittern durchlief
+ihren K&ouml;rper. Sie war gl&uuml;cklich, da&szlig; der arme Graf
+neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in die Augen
+<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>schauen mu&szlig;te, erhob sich rasch aus dem Bette und
+entkam in ihre Kammer. Dort warf sie sich vor
+ihrem &auml;rmlichen Lager auf die Kniee, versteckte ihr
+Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser
+Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne
+ein feines Silbergl&ouml;cklein des Gl&uuml;ckes her&uuml;berl&auml;utete,
+und im Gef&uuml;hle der gl&uuml;hendsten Scham, aber ohne
+die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter
+in aufrichtigem Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben
+hatte. Dann aber erhob sie sich und betete,
+da&szlig; die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gn&auml;dig annehmen
+und zugunsten des Ritters verwenden m&ouml;ge,
+damit er endlich von seinem schweren Siechtum und
+seiner Melancholie erl&ouml;st werde.</p>
+
+<p>Der Ritter war indessen mit dem Gef&uuml;hle s&uuml;&szlig;er
+Ermattung aufgewacht und d&auml;mmerte in seinem Bette
+vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem Gedanken
+an das Opfer der Jungfrau, sondern gab
+sich einem gro&szlig;en Stolze hin, da&szlig; er sein St&uuml;cklein
+so gut durchgef&uuml;hrt hatte, und tr&auml;umte schon wieder
+von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob
+die vergangenen Jahre nur ein b&ouml;ser Schabernack gewesen
+w&auml;ren und alle Damen noch das&auml;&szlig;en und
+warteten, da&szlig; der sch&ouml;ne Heinrich sich ihrer Liebes<a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>not
+erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete,
+rief er nach seiner Pflegerin, die denn auch mit
+niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen Morgenimbi&szlig;
+zu bringen.</p>
+
+<p>Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen
+w&auml;re, so h&auml;tte er vor Gl&uuml;ckseligkeit bei ihrem
+Anblicke aufjauchzen m&uuml;ssen. Denn als sie nun mit
+gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den
+Morgengru&szlig; &uuml;ber die bebenden Lippen brachte, da
+flackerte das feinste Rot in ihren Wangen und sie
+war so uns&auml;glich sch&ouml;n in ihrer Scham und Verwirrung,
+da&szlig; die Sonnenstrahlen vor Bewunderung
+ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten und ihr
+Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige
+Heinrich aber war durch sein jahrelanges Martyrium
+so verderbt und verstockt geworden, da&szlig; er ein gro&szlig;es
+Jammern anhob und ein &uuml;ber das andere Mal ausrief,
+da&szlig; diese Nacht seinen Pilgerzug und seine
+Heilung zunichte gemacht habe, da er ja mit einer
+reinen Jungfrau h&auml;tte nach Rom kommen sollen.
+Nun m&uuml;sse er ewig krank und elend bleiben; das
+habe der verfluchte Medikus so fein eingef&auml;delt und
+der Teufel habe ihm dabei geholfen.</p>
+
+<p>Und er war in diesem Augenblicke, da er sich
+<a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>ja heil und durchaus gesund f&uuml;hlte, wirklich schlecht
+und emp&ouml;rend in seiner Selbstsucht und Lust, andere
+zu qu&auml;len; und das erreichte er auch. Denn durch diese
+Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste ersch&uuml;ttert
+und verlor v&ouml;llig ihre Besinnung. In ihrer Scham
+und Gl&uuml;ckseligkeit hatte sie den ganzen Morgen &uuml;ber
+vor sich hingetr&auml;umt, so da&szlig; es ihr jetzt schwer auf
+das Herz fiel, wie sie nun nicht mehr f&auml;hig sei mit
+dem Grafen vor den Papst zu treten. Sie fiel ihm
+zu F&uuml;&szlig;en, keines Wortes m&auml;chtig, und weinte, da&szlig;
+ihr K&ouml;rper durch das Schluchzen ersch&uuml;ttert ward.
+Der traurige Ritter aber blieb verstockt und hart
+und legte nicht einmal die Hand auf das Haupt
+der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verst&ouml;rt
+und ungl&uuml;cklich aus dem Zimmer davonwankte.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">VIII.</h3>
+
+<p>Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre
+Kammer zog. Dort beugte sie sich unter ihr Bett
+und zog das T&uuml;chlein hervor, in dem die Scherben
+ihres zerschlagenen Gl&uuml;ckes lagen. Dann ging sie
+die Treppen hinunter und der einsamen Kapelle zu,
+die sie von ihrem Fenster am Waldesrande gesehen
+<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, da&szlig;
+sie vor dem Altar kniete und hei&szlig; und aus tiefster
+Seele zur Mutter Gottes in ihrem Hause betete.
+Es war in dieser Kapelle eine h&ouml;lzerne Mutter Gottes,
+mit seltsamer Krone und allerhand Flitter geschm&uuml;ckt,
+die aus einem kindlich geschnitzten Angesicht
+freundlich in die Welt schaute und die Rechte tr&ouml;stend
+und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend
+und betend zu ihren F&uuml;&szlig;en und erz&auml;hlte ihr ihr Leid
+und wie sie nun des Ritters Heilung verwirkt h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau,
+du herrliche, reine Magd und Mutter, neige dich
+meinen Schmerzen,&laquo; flehte sie mit hoch erhobenen
+H&auml;nden zu der stummen Heiligen empor, &raquo;und heile
+den armen Grafen, nimm mich statt seiner zum
+Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich armselig
+und unw&uuml;rdig bin. Ich habe gar nichts, was dich
+erfreuen k&ouml;nnte, du reine Himmelsmagd, als diese
+Scherben eines Spiegleins, die ich dir weihe, denn
+sie haben mich uns&auml;glich gl&uuml;cklich gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>Dabei legte sie ihr T&uuml;chlein mit den Scherben
+der Mutter Gottes zu F&uuml;&szlig;en. Sie schluchzte aus
+tiefstem Herzen auf, und hei&szlig;e Tr&auml;nen rollten aus
+ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick
+<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>senkte und rot vor Scham und fassungslos der Jungfrau
+Maria ihr Vergehen berichtete. Sie verh&uuml;llte
+ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich l&auml;chelnden
+Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob
+sie sich, und von den Tr&auml;nen ersch&uuml;ttert, endete
+sie ihr Gebet: &raquo;Nimm mich zu dir und reinige mich,
+denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe,
+ich st&uuml;rbe so gern, wenn nur mein Ritter, mein armer,
+kranker Ritter leben bliebe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Liebe! Liebe! Liebe!&laquo; sagte der Widerhall im
+Kirchlein oder die Mutter Gottes. Denn sie l&auml;chelte
+mild und hielt ihre feine Rechte tr&ouml;stend und sanft
+der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte,
+ohne emporzuschauen, aus der Kapelle.</p>
+
+<p>Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch
+einige Stunden bei dem Ritter gewesen, in ihrer
+Kammer auf das Lager warf, da f&uuml;gte es die trostreiche
+Mutter Gottes, da&szlig; die Arme in einen tiefen
+Schlaf verfiel, in welchem sie Ruhe und Frieden
+fand. Und die g&uuml;tige Madonna selbst sa&szlig; bei dem
+Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der
+reuigen S&uuml;nderin und hatte das T&uuml;chlein mit den
+Spiegelscherben mitgebracht, vielleicht weil sie den
+B&ouml;sen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die gute
+<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>Clarissa aber schlief fest und h&ouml;rte nicht einmal, als
+der Ritter wieder in seiner unwirschen Weise um sie
+schickte und durch das Haus schrie. Da erhob sich
+die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt
+der schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel
+um die Schultern und ging mit dem P&auml;cklein, darin
+die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter
+aufzusuchen.</p>
+
+<p>Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche
+Clarissa in sein Zimmer eintrat, donnerte er ihr
+schon seine h&auml;&szlig;lichen Fl&uuml;che entgegen, da&szlig; sie sich
+schon gar nicht mehr um ihn k&uuml;mmere und gar kein
+Mitleid mit seinem Leide habe, und setzte einige abscheuliche
+L&auml;sterworte hinzu, da ihn schon wieder die
+Leidenschaft erfa&szlig;t hatte. Da stellte sich die Madonna
+vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und
+ruhig mit ihren tiefen Augen angesehen hatte, sprach
+sie zu dem erstaunten Ritter also:</p>
+
+<p>&raquo;Du eigenn&uuml;tziger und h&auml;&szlig;licher Schelm, der du
+mich in der selbsts&uuml;chtigsten und abscheulichsten Weise
+gekr&auml;nkt und beleidigt hast, bist du wirklich also verstockt
+und b&ouml;se, da&szlig; dir die Scham nicht die Stimme
+verschl&auml;gt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir
+aus, ich st&uuml;tzte und pflegte dich und war dir zu
+<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>Willen, weil du mich dauertest, nicht deiner eingebildeten
+Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um meiner
+Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und
+nun willst du mich von dir jagen, anstatt mir die
+F&uuml;&szlig;e zu k&uuml;ssen und um meine Gnade zu bitten.
+Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und
+winseln, da&szlig; ich dir beistehe in deiner unm&auml;nnlichen
+und verachtenswerten Selbstsucht, du Abscheulicher!&laquo;</p>
+
+<p>Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt
+und schaute, sprachlos &uuml;ber diese K&uuml;hnheit, die Jungfrau
+Maria an, da er Clarissa bisher nur untert&auml;nig
+und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem,
+so w&uuml;tend war er, als er sie so dreist sprechen h&ouml;rte.
+Dann aber lachte er b&ouml;se auf und wollte aus dem
+Bette, die K&uuml;hne zu z&uuml;chtigen. Die aber hatte ihr
+T&uuml;chlein ge&ouml;ffnet, darin die Scherben lagen, und,
+indem sie das Laken, das den Ritter bedeckte, aufhob,
+sch&uuml;ttete sie die hundert Scherben auf sein Lager,
+da&szlig; sie wie spitze Dornen rings um seinen K&ouml;rper
+verstreut waren und er wie in einer Dornenhecke
+lag, da&szlig; ihn jegliche Bewegung verletzen mu&szlig;te, so
+da&szlig; er jetzt ein wirklicher M&auml;rtyrer war. Er hatte
+sich aber viel zu lieb, als da&szlig; er sich etwa gestochen
+h&auml;tte und r&uuml;hrte sich nicht, sondern schaute ganz
+<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>verwirrt und hilflos auf die stolze Maid, die ihn
+geb&auml;ndigt hatte.</p>
+
+<p>So gern nun diese auch gelacht h&auml;tte, da der
+verdutzte melancholische Heinrich in seiner Angst
+zwischen den Stacheln einen wahrhaft kl&auml;glichen Eindruck
+machte, so beherrschte sie sich doch und blieb
+ernst und streng und sprach auf den Ritter in ihrer
+hoheitsvollen und gebietenden Weise ein, und er war
+gezwungen, ihr zuzuh&ouml;ren, da sie sich &uuml;ber sein Lager
+gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufr&uuml;ttelte,
+falls er ihren Ermahnungen durch Einschlafen
+sich entziehen wollte. Es war f&uuml;r diesen selbstherrischen
+und gewaltt&auml;tigen Mann, der durch Jahre
+hindurch seine Umgebung gepeinigt und ganz vergessen
+hatte, da&szlig; die anderen vielleicht auch einen
+Willen h&auml;tten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in
+einem Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen,
+ohne sich r&uuml;hren zu d&uuml;rfen, und ihren salbungsreichen
+Worten, die nun sein ganzes Leben
+vor ihm aufrollten, zuh&ouml;ren zu m&uuml;ssen. Der Trotz
+aus seinen Augen wich allm&auml;hlich der Verwunderung,
+dann einem &auml;ngstlichen Staunen und wirklicher Furcht,
+da ihm die gezwungene Lage h&ouml;chst unangenehm
+wurde und die sch&ouml;ne Predigerin ihm auch nicht einen
+<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>Augenblick der Unaufmerksamkeit verg&ouml;nnte, sondern
+ihn gleich r&uuml;ttelte, wenn er ihr unachtsam schien.</p>
+
+<p>So wurde diese Rede die eindringlichste und
+l&auml;ngste Predigt, die je gehalten wurde, und als der
+Morgen graute, war der Ritter so windelweich geworden
+in seinem verh&auml;rteten und verstockten Gem&uuml;t,
+da&szlig; ihm zum ersten Male aufrichtige Tr&auml;nen in die
+Augen traten und ihm j&auml;mmerlich und ganz elend
+zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in
+ihrer Rede bei dem Augenblicke angelangt, da Clarissa
+in das Leben des traurigen Heinrich eingetreten
+war. Und sie f&uuml;llte die Morgenstunde mit der Aufz&auml;hlung
+aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt
+angetan hatte, wobei der Ritter nur leise mit
+dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr schon
+selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen
+sei, das ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er
+weinte recht aus tiefstem Herzen, da ihn jetzt jedes
+rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die
+er die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte
+und peinigte und er nur den einen Wunsch hegte,
+alles wieder gut zu machen, was er verbrochen hatte.</p>
+
+<p>So kam denn die predigende Jungfrau zu dem
+Augenblicke, da der b&ouml;se Heinrich Clarissa zu sich ins
+<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>Bett gezogen hatte: aber nun verga&szlig; er ganz der
+Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete
+sich im Bette auf und flehte inbr&uuml;nstig um Vergebung,
+und sie solle um Himmels willen ihm nicht
+auch noch diese Schandtat noch einmal erz&auml;hlen, er
+liebe sie ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit
+einer so hei&szlig;en Verehrung und achtungsvollen Liebe,
+da&szlig; er sich selbst eines so reinen und heiligen Gef&uuml;hles
+nie f&uuml;r f&auml;hig gehalten h&auml;tte. Er schluchzte
+und verbarg sein Gesicht in den H&auml;nden, so sch&auml;mte
+er sich, und zwischen echten Tr&auml;nen rief er immer
+wieder: &raquo;Wenn ich nur w&uuml;&szlig;te, wie ich deine Verzeihung
+erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so hei&szlig;
+und innig!&laquo;</p>
+
+<p>Diesen Augenblick aber ben&uuml;tzte die heilige Jungfrau,
+um aus dem Zimmer zu verschwinden, und
+dies um so mehr, als sie schon vor der T&uuml;r die
+Schritte der wahren Clarissa h&ouml;rte, die denn auch
+im selben Augenblicke, da die Madonna ihr Platz
+gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat. So
+h&ouml;rte denn die verwunderte, gl&uuml;ckliche Clarissa seine
+reinen und wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem
+Herzen an, in der sch&ouml;nsten Verwirrung des
+Gem&uuml;tes, das sich vor Gl&uuml;ckseligkeit gar nicht zu
+<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>fassen wu&szlig;te. Sie legte ihre Hand sanft auf das
+Haupt des Ritters, der sie erfa&szlig;te und mit gl&uuml;henden
+und innigen K&uuml;ssen bedeckte und mit seinen
+Tr&auml;nen netzte. &raquo;Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,&laquo;
+sagte er da und seine Lippen wurden weich
+und sanft, so da&szlig; die Worte aus seinem Munde
+liebreich und hold zitterten, &raquo;aber was brauchst du
+jetzt auch einen Spiegel, da du dich nur immerfort
+in meinen Augen anschauen sollst; du wirst dich
+darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch
+durch meine reine und echte Liebe versch&ouml;nt sein!&laquo;</p>
+
+<p>Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute
+sich darin und erschaute sich doch nicht, so
+erf&uuml;llt waren die Augen von Liebe.</p>
+
+<p>Und auf einmal war es den beiden, als ob ein
+wundervoller Duft das Zimmer erf&uuml;lle, und da der
+Ritter sein Bettuch verschob, so waren die Splitter
+verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen
+Rosenlager zwischen wei&szlig;en und roten duftenden
+Rosen; also, da&szlig; nie ein Brautpaar ein sch&ouml;neres
+und lieblicheres Brautbett gehabt hat.</p>
+
+<p>Sie umarmten und k&uuml;&szlig;ten sich lange und mit
+dankbaren und gl&uuml;cklichen Lippen und noch am selben
+Tage machten sie sich auf, &#8211; nachdem sie sich in der
+<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>Kapelle der gnadenreichen Madonna f&uuml;r ewige Zeiten
+vereinigt hatten, &#8211; um nach Schwarzenburg heimzuwandern.</p>
+
+<p>&raquo;Denn,&laquo; fl&uuml;sterte er ihr ins Ohr, &raquo;nach Rom zu
+pilgern ......&laquo; worauf sie glutrot wurde und ihr
+Gesicht an seiner Brust verbarg.</p>
+
+<p>&raquo;Mein liebes, holdes, einziges Weib!&laquo; jubelte er,
+und, da eine Lerche sich vor ihnen tirillierend in die
+L&uuml;fte schwang, da war es ihm, als ob seine Seele
+auch Fl&uuml;gel h&auml;tte, und pl&ouml;tzlich sang er der beschwingten
+S&auml;ngerin seinen Gru&szlig; zu:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Tandarada, Tandarada!<br /></span>
+<span class="i0">Welch ein Wunder mir doch geschah!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis
+hierher wahrheitsgetreu und zu Gefallen diese Legende
+berichtet habe, nun seid mir nicht b&ouml;se: ich wei&szlig; keinen
+Schlu&szlig; dazu. Ich wei&szlig; nicht, wie sich der &#8211; Gott
+sei bei uns! &#8211;, wie sich der B&ouml;se mit der Mutter
+Gottes auseinander gesetzt hat! Und ob er auf seine
+gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet
+doch gewi&szlig;, ihr guten und lieben Menschen, nicht ver<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>langen,
+da&szlig; ich, nur um euch einen Schlu&szlig; zu dieser
+Legende berichten zu k&ouml;nnen, mit ihm h&auml;tte sprechen
+sollen! Gott sei meiner Seele gn&auml;dig!</p>
+
+<p>Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus
+die Gr&auml;fin Clarissa von Schwarzenburg als Nonne
+entwichen, und fern, fern in der hohen Alpenkapelle,
+wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter
+Gottes weihte, h&auml;ngen zwei Bilder, von <em class="gesperrt">einer</em>
+K&uuml;nstlerhand gemalt und beide ber&uuml;hmt ob ihrer
+Sch&ouml;nheit und Wunderkraft f&uuml;r ungl&uuml;ckliche Liebesleute:
+die Madonna, die in der Hand ein Spieglein
+h&auml;lt und sich holdselig und l&auml;chelnd in dem Glase
+betrachtet....</p>
+
+
+
+
+<div class="advertisements">
+
+<hr style="width: 65%;" />
+
+<p>Von <strong>Hugo Salus</strong> erschienen bisher:</p>
+
+<p><strong>Novellen des Lyrikers.</strong> Dritte Auflage. Egon
+Fleischel &amp; Co., Berlin.</p>
+
+<p><strong>Gedichte.</strong> Zweite Auflage. Albert Langen, M&uuml;nchen.</p>
+
+<p><strong>Neue Gedichte.</strong> Albert Langen, M&uuml;nchen.</p>
+
+<p><strong>Reigen.</strong> Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen,
+M&uuml;nchen.</p>
+
+<p><strong>Ehefr&uuml;hling.</strong> F&uuml;nftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck
+von Heinrich Vogeler-Worpswede. Eugen
+Diederichs, Leipzig.</p>
+
+<p><strong>Susanna im Bade.</strong> Buchschmuck von Wilhelm Scholz.
+Albert Langen, M&uuml;nchen.</p>
+
+<p><strong>Christa.</strong> Ein Evangelium der Sch&ouml;nheit. Buchschmuck
+von Emil Orlik. Zweite Auflage. Wiener Verlag.</p>
+
+<p><strong>Ernte.</strong> Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, M&uuml;nchen.</p>
+
+<p><strong>Neue Garben.</strong> Gedichte. Albert Langen, M&uuml;nchen.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+
+<p><a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a></p>
+
+
+<p class="center">Verlag von Egon Fleischel &amp; Co. / Berlin W 35</p>
+
+<h1><strong>Novellen des Lyrikers</strong></h1>
+
+<h3>von</h3>
+
+<h2>Hugo Salus</h2>
+
+<p class="center">Preis geh. M. 2.&#8212;; geb. M. 3.&#8212;</p>
+
+
+<p class="center"><strong>Aus den Besprechungen</strong></p>
+
+<p><strong>Dresdner Anzeiger:</strong> Mit dem Begriff Novelle im klassischen
+Sinne, im Geiste Maupassants etwa, darf man freilich nicht
+an diese &uuml;beraus zarten Stimmungsbilder herantreten. Das
+Improvisierte, bisweilen Skizzenhafte des Rahmens, in dem
+uns ein Eindruck, subjektiv empfunden, lyrisch ausgesponnen,
+entgegentritt, ist von dem Greifbaren, ja Plastischen, das
+der Epiker geben will, himmelweit verschieden. Das aber
+gerade macht das ganze Freie, Urpers&ouml;nliche des Verfassers
+aus, der ja nirgends den Lyriker verleugnen will, und dem
+epische Versuche im herk&ouml;mmlichen Sinne gar nicht gelingen.
+Durch die lyrische Stimmung, die er in den besten St&uuml;cken
+ganz einheitlich festzuhalten wei&szlig;, durch eigenen Ton, der so
+gar nichts literarisch Gewolltes, oder gar Konventionelles hat,
+schl&auml;gt er uns in Bann. Es kommt Salus gar nicht auf
+die &auml;u&szlig;eren Geschehnisse, sondern auf das innere Erleben an.
+Ganz wundervoll ist das einem echten Dichtergem&uuml;t entsprungene
+M&auml;rchen: &raquo;Wo kommen die Kinder her?&laquo;</p>
+
+<p><strong>Hamburger Nachrichten:</strong> Einen besseren Titel h&auml;tte der
+Dichter seiner Novellen-Sammlung nicht geben k&ouml;nnen, denn
+aus jeder seiner Erz&auml;hlungen spricht so unverkennbar der
+Lyriker, der zartbesaitete Gef&uuml;hlsmensch, dem alles, was er
+sieht, viel weniger in realer Gestalt als vom Hauch der Poesie
+verkl&auml;rt erscheint, da&szlig; man oft Verse und nicht Prosa zu lesen
+glaubt. Wenn man auch in manchen Dingen anders &#8211;
+n&uuml;chterner und deshalb vielleicht klarer &#8211; urteilt als Hugo
+Salus, immer achtet und sch&auml;tzt man den feinsinnigen Poeten,
+dessen Bilder in wohltuender Reinheit vor uns erstehn, dessen
+Sprache den Stoff meistert und ihn beschwingt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a><strong>Heimgarten, Graz:</strong> Seltsame kleine Geschichten eines
+wahren Dichters in der feinen rhythmischen Sprache, an die
+uns Salus in seiner Lyrik bereits gew&ouml;hnt hat. Aus unscheinbaren,
+den profanen Blicken meist wertlosen Dingen
+und Geschehnissen ertr&auml;umt sich seine Muse ihre wunderlichen
+Abenteuer und gestaltet sie zu kleinen Novellen, die man allerdings
+nicht &raquo;spannende Geschichten&laquo; nennen kann im landl&auml;ufigen
+Sinn, die aber feineren Lesern ein willkommener Genu&szlig;
+sein werden in ihrer tiefen Symbolik und ihrem dem&uuml;tigen
+Gef&uuml;hl f&uuml;r die Wunder des Lebens.</p>
+
+<p><strong>Das Literarische Echo:</strong> Der Lyriker, der uns diesmal
+Novellen darbietet, hat einmal in seinem ersten Versbuche
+ein sehr sinniges und sch&ouml;nes Sonett geschrieben, das nunmehr
+verleugnet ist. Damals sagt er:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Zu schmal ist meines Dichterhauses Schwelle,<br /></span>
+<span class="i0">Die T&uuml;r zu niedrig. Des Gewandes Falten<br /></span>
+<span class="i0">Mu&szlig; selbst die Lyrik eng zusammenhalten<br /></span>
+<span class="i0">Will sie besuchen mich, die sonnighelle.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch f&uuml;r mein Ideal, f&uuml;r die Novelle,<br /></span>
+<span class="i0">Ist schon die T&uuml;r zu eng. &#8211; &#8211; &#8211;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Nun hat sie dennoch Eingang gefunden. Wenn man
+will, durch ein Hinterpf&ouml;rtchen, denn unter den schematischen
+Begriff der Epik lassen sich die zarten, duftigen Geschichten
+nicht so leicht einf&uuml;gen, weil sie Bilder und Tr&auml;ume, spinnwebfeine
+Fabeleien und verlockende Plaudereien sind &#8211; Novellen
+des Lyrikers und nicht Novellen schlechthin. Der epische
+Kothurn fehlt; Salus sitzt nicht am Vorlesetisch, sondern n&auml;her,
+viel n&auml;her. Ein anheimelndes Gef&uuml;hl, eine liebliche und vertrauliche
+Art liegt in der pers&ouml;nlichen Diktion &#8211; gleichsam
+als s&auml;&szlig;e man freundschaftlich mit zusammenger&uuml;ckten St&uuml;hlen
+um einen Tisch, und einer, irgend einer, aber ein Kluger und
+Feiner, beg&auml;nne mit einem Male eine Geschichte zu erz&auml;hlen
+mitten in eine Plauderei hinein oder in ein Schweigen.</p>
+
+<p>Jene sch&ouml;ne M&uuml;helosigkeit, die das leichte und doch so
+geschickt gesponnene Gef&uuml;ge von Salus Weisen uns lieb und
+wert macht, verleiht diesen Geschichten eine unliterarische,
+w&uuml;rzige Frische, eine Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das
+Absichtsvolle, das ja in jeder belletristischen Sch&ouml;pfung f&uuml;hlbar
+wird, m&ouml;glichst unterdr&uuml;ckt.... Nicht einen Neuen gewinnt
+man mit diesem Buche lieb, sondern den lyrischen
+Fabulanten, den klugen, geschmackvollen und feinsinnigen Dichter
+des Lebens, Hugo Salus, der selbst in der kleinsten Facette
+das Bild der gro&szlig;en Kr&auml;fte zu spiegeln wei&szlig;.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a><strong>Die Zeit:</strong> In dem neuen Buche von Hugo Salus haben
+mich die Titelnovelle und &raquo;Das Register&laquo; entz&uuml;ckt. Die
+erste Novelle sollte die dramatisch bewegte Geschichte einer
+verratenen Frauenseele werden. Salus hatte die feste Absicht,
+es auf der &raquo;ehrenwerten Landstra&szlig;e der Sprache, die auch
+einmal zwischen Kornfeldern und Kartoffel&auml;ckern dahinf&uuml;hrt,&laquo;
+zu versuchen. Doch er ist Lyriker, und &#8211; &raquo;man ist nicht
+ungestraft zwanzig Jahre seines Lebens Lyriker, blo&szlig; Lyriker!&laquo;
+Er schweift von der ehrenwerten Landstra&szlig;e immer ab, in
+&raquo;Blumeng&auml;rten und feierlich rauschende Haine&laquo;, die Stimmungen
+lenken ihn ab, das Singen der Worte verf&uuml;hrt ihn.
+Eine &raquo;echte, epische Novelle&laquo;, eine ordentliche Geschichte wird&#8217;s
+eben nicht. Aber in diesem Bekenntnis liegt so viel Feinheit
+und eine so liebensw&uuml;rdige Ironie, in diesem spielerischen
+Vortrag ein so lebendiger und biegsamer Geist, da&szlig; ich die
+&raquo;Novellen des Lyrikers&laquo; f&uuml;r ein Kabinettst&uuml;ckchen der Prosa
+halte. &Uuml;ber den Titel freilich und besonders &uuml;ber den bestimmten
+Artikel darin lie&szlig;e sich streiten. Die Storm, Keller
+und Meyer waren bekanntlich auch Lyriker, und auf der
+&raquo;ehrenwerten Landstra&szlig;e&laquo; der Sprache haben sie dennoch mit
+viel Vergn&uuml;gen und gro&szlig;em Erfolg getrabt. Es mag ihnen
+ja manchmal schwer geworden sein, die Z&uuml;gel etwas straffer
+anzuziehen, aber sie haben es verstanden. Und schlie&szlig;lich versteht
+es auch &#8211; Hugo Salus selbst, wie &raquo;Der Handschuh&laquo;,
+&raquo;Der Becher der Mensane&laquo; und &raquo;Der Toast&laquo; beweisen. Nur
+wei&szlig; er, da&szlig; ihn alle Welt als den S&auml;nger kennt, durch dessen
+Lieder die Sehnsucht mit prinzessinnenhafter Grandezza schreitet
+und aus dessen Versen Amoretten kichern. Darum glaube ich,
+da&szlig; er den Titel aus einer gewissen Koketterie hingeschrieben
+hat, wenn diese auch nicht frei von Wehmut ist. Als k&uuml;nstlerisches
+Eingest&auml;ndnis kommt mir die erste Novelle jedenfalls
+ungemein interessant vor. Und nun m&ouml;chte ich schnell &uuml;ber
+all die h&uuml;bschen St&uuml;cke, die jedem etwas bringen, &uuml;ber all
+die ergreifenden Liebesgeschichten, phantastischen und sinnigen
+Erkl&auml;rungen, &uuml;berm&uuml;tigen Nordseebilder und gl&uuml;ckseligen Italienfahrten,
+zu der kleinen reizenden Novelle &raquo;Das Register&laquo;
+eilen. (Folgt Inhalt.) &#8211; Es ist ja nur ein zierlicher Einfall,
+dieses Geschichtchen. Aber mit der Kunst eines echten &#8211;
+Lyrikers erz&auml;hlt. Bei dem n&auml;rrischen, sentimentalen und liebreizenden
+Dialog der beiden M&auml;dchen mu&szlig;te ich an die M&auml;dchengestalten
+denken, die Klimt auf seinem Schubert-Bild gemalt
+hat.</p>
+
+<p><strong>Die Zukunft:</strong> Die Leute, die zu tun haben, wenn
+andere dichten, streiten sich jetzt weidlich herum, ob diese
+<a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>&raquo;Novellen des Lyrikers&laquo; auch wirklich &raquo;Novellen&laquo; sind oder
+nicht. Sollte man&#8217;s heutzutage noch f&uuml;r m&ouml;glich halten?
+So h&auml;ngt uns also noch immer das Z&ouml;pfchen hinten und
+Schablonisieren und Kategorisieren ist noch immer die Seele
+von Tantchen Kritik? Salus hat doch deutlich gesagt, da&szlig;
+er &raquo;Novellen eines Lyrikers&laquo; geschrieben hat, und dieser famose
+Titel kann wohl allenfalls eine neue Richtung f&uuml;r Prosawerke
+schaffen, schlie&szlig;t aber doch von vornherein jede Taxierung
+und jeden Vergleich aus. Zum Gl&uuml;ck ist man bei Bezopften
+und Unbezopften so ziemlich dar&uuml;ber einig, da&szlig; es sich hier
+um wahrhaftige Kunstwerke handelt, ob sie nun das Novellenpatent
+besitzen oder nicht. Eigent&uuml;mlich ist diesen seinen Ich-Geschichten,
+die so pers&ouml;nlich anmuten, da&szlig; sie wie aus einem
+gro&szlig;angelegten Tagebuch herausgeschnitten scheinen, ihre Entwickelung
+aus dem Symbol. Dichterseelen sind hellsehend und
+f&uuml;r Salus sind die seltsamen Zusammenh&auml;nge zwischen den
+Dingen und ihren Wirkungen, zwischen dem Stoff und dem
+Geist eine m&auml;rchenreiche Dom&auml;ne, in der seine starke Phantasie
+sich &#8211; fast m&ouml;chte man sagen: &raquo;mit Behagen&laquo; &#8211; ergeht.
+Das ist es auch, was diesen Dichtungen in Prosa ihre besondere
+Tiefe und Nachwirkung verleiht: Salus fabuliert in
+einem Lande, das nicht auf der Oberfl&auml;che der Empfindungen
+liegt; man mu&szlig; gewillt sein, ihm ins Symbolische und oft
+auch bis ins Mystische zu folgen. Das gilt allerdings nicht
+von allen St&uuml;cken seines Buches; bei manchen herrscht scharfe
+Deutlichkeit und die Erz&auml;hlung flie&szlig;t sicher dahin wie ein
+wohleinged&auml;mmtes B&auml;chlein. Bei anderen St&uuml;cken aber tritt
+die Symbolik in ihr Recht, der Phantasie des Lesers (wenn
+er eine hat) ist dann ein wohltuender Spielraum geboten, und
+er kann auch gewisserma&szlig;en (wenn er&#8217;s kann) ein bi&szlig;chen mitdichten.
+In dieser intensiven Mitbesch&auml;ftigung des Lesers
+liegt dann die dauernde k&uuml;nstlerische Nachwirkung.</p>
+
+<p>Eine Schwalbe, die in den Rachen eines h&ouml;lzernen Todes
+fliegt, als dieser eben, als Spielzeug einer Turmuhr, zum
+Stundenschlag die Kinnladen &ouml;ffnet, und die nun im Innern
+des Todes gefangen bleibt, bis die n&auml;chste Stunde sie wieder
+befreit: ein pr&auml;chtiges Gleichnis f&uuml;r eine am Leben irrgewordene,
+verzweifelte J&uuml;nglingsseele, die eine Stunde lang
+den Schauern der Vernichtung preisgegeben ist, bis sie, mit
+neugewonnenem Lebensmut, wieder dem Licht und der Freiheit
+entgegenfliegt. In dieser Erz&auml;hlung von der Schwalbe
+(und nicht in dieser allein) kommt Salus unserem lieben Meister
+Gottfried Keller in wunderliche N&auml;he. Noch bezeichnender
+f&uuml;r den Erz&auml;hler Salus ist wohl aber die feine und seltsame
+<a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>Geschichte &raquo;H&auml;nde&laquo;, in der sich uns ganz neue Empfindungsgebiete
+erschlie&szlig;en. Zu einem Sterbenden wird in der Nacht
+der Arzt und der Priester gerufen; und nun stehen beide an
+seinem Lager und jeder tut das Seine. Da bricht der Mond
+mit gespenstischem Leuchten durch das Fenster und nun reden
+die salbenden H&auml;nde des Priesters, die forschenden H&auml;nde des
+Arztes und die stillen, vergehenden H&auml;nde des Sterbenden
+im fahlen Mondlicht eine tief ergreifende Sprache. Drei
+einander fremde und ferne Welten, drei ungeheure Reiche aus
+dem Weltall der menschlichen Seele ber&uuml;hren sich in diesen
+H&auml;nden. Solches Hervorzaubern gro&szlig;er Auskl&auml;nge aus allt&auml;glichen
+Geschehnissen ist f&uuml;r Salus sehr charakteristisch. Die
+tiefen Wirkungen dieser von der Fr&ouml;mmigkeit eines wahren
+Dichters verkl&auml;rten Erz&auml;hlungen entschleiern sich freilich eher
+einem naiv empf&auml;nglichen Gem&uuml;t als einem kritischen Kopf.</p>
+
+<p><strong>Leipziger Tageblatt:</strong> Mag er der gro&szlig;en und kleinen
+Kinder Frage: &raquo;<em class="gesperrt">Wo kommen die Kinder her?</em>&laquo; beantworten
+oder von der jungen &raquo;<em class="gesperrt">Schwalbe</em>&laquo; erz&auml;hlen, die
+im Rachen der Turmuhr verschwindet und dabei zur Offenbarung
+f&uuml;r ihn wird, oder in &raquo;<em class="gesperrt">Der Becher der Mensane</em>&laquo;
+ein M&auml;rlein aus der Landsknechtszeit dichten, in &raquo;<em class="gesperrt">Toast</em>&laquo;
+tiefstes Frauenleid offenbaren, in &raquo;<em class="gesperrt">H&auml;nde</em>&laquo; eine sinnige Betrachtung
+&uuml;ber der Menschen Sterben geben und in &raquo;<em class="gesperrt">Das
+Symbol des Lebens</em>&laquo; ein Bild von hinrei&szlig;ender Sch&ouml;nheit
+und Tiefe, immer &uuml;berwiegt das Lyrische, immer taucht
+der Erz&auml;hler seine Figuren und Geschehnisse in den Glanz und
+den Schimmer der Poesie. Aber der Leser darf dessen schon
+zufrieden sein, denn der auf diese Weise von dem Buche
+ausgehende Stimmungsreiz ist ein ganz au&szlig;erordentlicher, und
+einen ebenso gro&szlig;en Genu&szlig; gew&auml;hrt die k&uuml;nstlerisch ausgearbeitete,
+vornehme Sprache. Und als Drittes kommen das
+Licht und die W&auml;rme der Darstellung in Betracht: die jauchzende
+Frohlaune in &raquo;<em class="gesperrt">Seebad</em>&laquo;, die tiefe Innigkeit in den
+schon erw&auml;hnten Novellen &raquo;Wo kommen die Kinder her?&laquo;
+und &raquo;Das Symbol des Lebens&laquo;; empf&auml;ngliche Gem&uuml;ter werden
+davon bis in die Tiefe der Seele gepackt werden und sich nur
+schwer von dem Buche losrei&szlig;en k&ouml;nnen.</p>
+
+<p><strong>Nord und S&uuml;d</strong> (Breslau): (Inhalt.) Wir d&uuml;rfen nach
+solchem Wurf mit hohen Erwartungen den weiteren Prosasch&ouml;pfungen
+des Prager Poeten entgegensehen, dessen Pers&ouml;nlichkeit
+in ihrer echten Vornehmheit, sympathischen Liebensw&uuml;rdigkeit
+und inneren Reinheit eine doppelt erfreuliche Erscheinung
+ist in einer Zeit, da selbst begabte Frauen &#8211; bei denen
+<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>wir M&auml;nner anfragen m&uuml;&szlig;ten, was sich ziemt &#8211; w&uuml;ste
+Dirnenlieder zu singen keine Scheu tragen.</p>
+
+<p><strong>Westermanns Monatshefte</strong> (Berlin): Manchmal sagt ein
+einziger Buchtitel zur Charakteristik einer Literatur- oder Geschmacksrichtung
+mehr als lange Untersuchungen und Abhandlungen.
+Wie mit Zauberschlag erleuchtet er ein ganzes Gebiet,
+das f&uuml;r das kritische Auge bisher im Dunkeln schwamm,
+das weder rechte Form noch rechte Farbe zu haben schien.
+Das war der Fall, als der Prager Schriftsteller <em class="gesperrt">Hugo
+Salus</em> vor kurzem eine Sammlung k&uuml;rzerer Erz&auml;hlungen unter
+dem Titel: Novellen des Lyrikers erscheinen lie&szlig;. &#8211; Auf einmal
+wu&szlig;te man, was eins der entscheidendsten, wenn nicht
+<em class="gesperrt">das</em> Kennzeichen der jung&ouml;sterreichischen Novellistik ist: der
+starke lyrische Einschlag, der allen ihren Geweben eigen.
+Arthur Schnitzler, J.&nbsp;J. David, Hugo Salus, Felix Salten,
+Karl Federn, Emil Ertl &#8211; sie alle verleugnen selbst da, wo
+sie, wie David in seinem &raquo;&Uuml;bergang&laquo;, modern-naturalistische
+Stoffe ergreifen, die starke lyrische Ader nicht, die ihrem k&uuml;nstlerischen
+Organismus erst das Blut zuf&uuml;hrt. Fast &uuml;berall taucht
+Salus seine kleinen und gro&szlig;en Handlungen in Glanz und
+Schimmer, gibt in Prosa aufgel&ouml;ste Rhythmen und hebt
+die Welt seiner Menschen mit z&auml;rtlichen Armen &uuml;ber das Allt&auml;gliche
+hinaus. Stoffe und Schaupl&auml;tze der Salusschen
+Novellen sind so verschieden wie m&ouml;glich: ein zartes, sinniges
+M&auml;rchen, das Kindern den Ursprung der Kinder mit naturwissenschaftlicher
+Wahrheitsliebe und doch feinem Herzenstakt
+deutet, steht neben einer geschehnisfrohen, in toller, &uuml;bersch&auml;umender
+Lebenslust schwelgenden Landsknechtgeschichte; eine
+Landschaftsstudie vom Strande von Westerland steht neben
+einer kleinen Novelle, die ganz durchgl&uuml;ht ist von der sehnsuchtsvollen
+Freude an Italien, neben einem St&uuml;ck Selbstbiographie,
+das ein Bild aus dem modernen Prag zeichnet,
+damit zugleich aber tief in die Geschehnisse einer menschlichen
+Seele hinableuchtet. Doch nirgends ist es eigentlich das Was,
+fast &uuml;berall ist es das k&uuml;nstlerische Wie, das den Leser anzieht
+und fesselt, wie der Dichter selbst sich augenscheinlich
+weit mehr von den Worten und T&ouml;nen, von den Farben und
+Formen, von den Bildern und Symbolen als von der sachlichen
+Handlung und dem Flu&szlig; des &auml;u&szlig;eren Geschehens hat
+ergreifen lassen. Freunden romanhafter Ereignisse sind die
+&raquo;Novellen des Lyrikers&laquo; deshalb weniger zu empfehlen als
+artistischen Feinschmeckern und Liebhabern erlesener Kleink&uuml;nste.</p>
+
+<p class="right"><em class="gesperrt"><em class="antiqua">Dr.</em> Friedrich D&uuml;sel.</em></p>
+</div>
+
+<p class="printer">Buchdruckerei Roitzsch, G.&nbsp;m.&nbsp;b.&nbsp;H., Roitzsch.</p>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt
+eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen. Die Liste der bisher vom Autor erschienenen B&uuml;cher wurde
+zur Verlagswerbung ans Buchende verschoben.</p>
+
+<p>
+p 059: Kapitelnummer hinzugef&uuml;gt: I<br />
+p 059: durch ihre schlechten Verh&auml;lnisse -> Verh&auml;ltnisse<br />
+p 084: Anf&uuml;hrungszeichen erg&auml;nzt: ... sie ist eine Palma!&laquo;<br />
+p 132: Die T&uuml;r im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers<br />
+p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen<br />
+p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem<br />
+p 186: sehr gelahrter Heilk&uuml;nstler -> gelehrter<br />
+p 193: Bett t&auml;glich aufgesch&uuml;ttet-> aufgesch&uuml;ttelt<br />
+p 193: den der Graf f&uuml;r sich hatte fertigen lasse -> lassen<br />
+p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken<br />
+p 228: von dem Bildern -> den<br />
+p 228: von der sachlichen Handlung und den Flu&szlig; -> dem Flu&szlig; ]<br />
+</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>[Transcriber&#8217;s Note: This ebook has been prepared from scans of a first
+edition copy. The table below lists all corrections applied to the
+original text. The list of other books published by the author was moved
+to the end of the book next to the other advertisements.</p>
+
+<p>
+p 059: added chapter number: I<br />
+p 059: durch ihre schlechten Verh&auml;lnisse -> Verh&auml;ltnisse<br />
+p 084: added closing quotes: ... sie ist eine Palma!&laquo;<br />
+p 132: Die T&uuml;r im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers<br />
+p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen<br />
+p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem<br />
+p 186: sehr gelahrter Heilk&uuml;nstler -> gelehrter<br />
+p 193: Bett t&auml;glich aufgesch&uuml;ttet-> aufgesch&uuml;ttelt<br />
+p 193: den der Graf f&uuml;r sich hatte fertigen lasse -> lassen<br />
+p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken<br />
+p 228: von dem Bildern -> den<br />
+p 228: von der sachlichen Handlung und den Flu&szlig; -> dem Flu&szlig; ]<br />
+</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER ***
+
+***** This file should be named 17130-h.htm or 17130-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/7/1/3/17130/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
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+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+creating derivative works based on this work or any other Project
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+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
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+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
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+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
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+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
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+that
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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