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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:50:22 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das blaue Fenster + Novellen + +Author: Hugo Salus + +Release Date: November 22, 2005 [EBook #17130] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + + + + + +Das blaue Fenster + + + Novellen + + von + + Hugo Salus + + + +Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1906 + + + +Alle Rechte +vorbehalten + + + + Inhalt + + Seite +Pietà ..................... 1 +Der Rächer ................ 57 +Das Meerweibchen .......... 115 +Der Spiegel ............... 173 + + + + +Pietà + + +Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Verträumtes; es +ist so, als hätten die Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das +Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben ist, bis +die Bäume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es, +einsamkeitssüchtig und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, um +fürder recht als ein Einsiedel hoch oben im grünen, stillen Forste zu +träumen. + +In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit und der +Märchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem +Heiligtume ehrlich und wundergläubig wie ein Kind. + +Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im +Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich +aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so daß es +gleich den Anschein weckte, als wäre an einen alten Wartturm später die +Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer in dem +Gefühle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so daß ich lächelnd +nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes +gewahrte. Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das Innere des +Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der +wenigen Bänke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand +sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen +Fräuleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so +daß sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag. +Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der +gegenüberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich +schimmernd, so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurückverfolgte +und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von +einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da +schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte +mich darüber, aber so, daß der bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde, +und blickte nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer solchen +Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkämpften Frieden, daß +ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar +umrahmte die eingesunkenen Schläfen, die Augen wölbten die zarten Lider +wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den +eingefallenen, verhärmten Wangen umso ausgeprägter empor, aber das +Wunder war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, um den ein +Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen +läßt, die viel, unendlich viel gelitten haben. + +Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl träumend die +blauen Strahlen mit meinen Händen auf und goß sie dann wieder über das +bleiche Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre Geschichte. + +Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer +wie ein Wunder, daß weit von hier, hoch in den Wäldern droben, ein +Kirchlein steht und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die +Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl +noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkämpftem Frieden. + + * * * * * + +Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um das weiße Schloß. Die Täler +hinab bis an die Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan und +über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller Forst mit +sturmerprobten Bäumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit +seinem spitzigen Dachhütlein schweift der Blick wie über ein +großwelliges Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, über die +schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, über das bläuliche Grün der +Forste am Horizonte, die wie breite Moosflächen sich an den runden +Himmelsrand schmiegen. Und drüber über dem besonnten und doch so dunklen +Grün schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein +Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein, +der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig in seinem Schlosse +sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige +hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar +lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten sitzen durfte und +dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr +schäumte, wenn sie prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine +edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten ein glückliches +Jahr in dem weißen Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu +gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches Ereignis +und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine +schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt +verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen +sollte. + +Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig auf ihrem Lager, +auf ihre entstellten, schlaffen Brüste niederstarrend oder im Spiegel +die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit +unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt +und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht +geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem +Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis +zeigen: so häßlich schien sie sich, so zerstört deuchte sie ihr +Liebesglück, so abscheulich ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer +wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei +schöneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme überrascht, +da sie sich eben über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden, +rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling in die Höhe hob, +wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke +Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind +gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des +Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde +kommen konnte. + +Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der +Wärterin und späterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr +bedurfte, trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen +jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, daraus sie noch elender +und siecher hervorging. + +So daß die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit +verträumte. + +Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher +Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von +neuem gehofft hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt gelegt +hatte, müsse sich endlich heben und die Augen der Gräfin wieder klar, +heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche +verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes +Nichterkennen, eine böse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst +so schönen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren +düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß der Jammer mit knochigen +Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos, +gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte +und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte. + +Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schloß berufen, die in +Trauerkleidern das verschüchterte Kind leitete und die auch das +Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und +zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war +es für das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam und +mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht, +eines Kindes Seele zu eröffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein +Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und +ihre Flügel zu lösen vermag. + +So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und +verträumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und +sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern, +seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne daß +sie wußte was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten lassen. +Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr +abergläubische und wunderbare Märchen erzählt bis in die Dämmerung. +Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und +ihr immer wieder verstohlen zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis +einer der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei wieder schlimm +geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen. +Und hatte nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und die Märchen +verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme +nachdrängte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder fürchtete in +seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm +verbarg, und das es entdecken wollte. + +So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tür +schlüpfte und plötzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin +eine große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und händeringend +umherirrte und sich dann erschöpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf +jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt +wieder empor und starrte plötzlich mit dem weit offenen Munde einer +Maske und mit entsetzten Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand, +und dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte +die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der +Tür gedrängt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt. + +Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie +jene Frau drüben, nur daß es nicht schreien konnte, und endlich in den +Armen seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des Kindes, ein +heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes Gemüt. Und so lag Berta die +ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und +die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drückte, als wolle sie +alle bösen Geister davon abhalten. + +Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele Jahre älter machte, wurde +die kranke Gräfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde +gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom +Schlosse emporklomm; so daß in den folgenden Nächten denen im Schlosse +unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen +Schlafgemach der Gräfin. + +Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr +nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und +verzerrte das Gesicht wie in einer großen Angst und stöhnte aus seinen +Träumen. Da wußte sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes +unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer +keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den +Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten +und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb +Berta durch viele Monate. + + * * * * * + +Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. Dann aber fuhr sie +von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Güte der +Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen, +denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa +vierzehn Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die +Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu dürfen; was +ihnen in ihrer bedrängten Lage gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie +waren einst selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden, +allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, so daß sie gern ein +Lehen des Grafen empfingen. + +Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit +all der überschüssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern +zugedacht war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, das +anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau +wußte wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand +es in ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, daß sie es nun +pflegen und ihm die Mutter ersetzen dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in +einer jener fürs ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu Herzen +spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums +sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als +Antwort und Beweis, daß er sie verstanden habe, die Mutter weinend und +wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrückt und ihr dann +geschworen, er wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen. + +Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet +und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen +Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen +lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen +herumträumen, als das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind +mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie +des Grafen Kind war. Und er freute sich, daß sie in seinen Märchen so +gut die traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen konnte, +die auf ihren Ritter wartet. + +Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen, +gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wußte gar +manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten +sitzend, erzählten sie einander von ihrem Leben. + +»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, »der Vater möchte mich zu +einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder +ein berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter, +meine liebe Mutter« ..... da unterbrach er sich aber, denn er hatte +einen flüchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen +still. Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid, +sie waren so traurig, und plötzlich schlang er den Arm um die Schultern +seiner Gespielin: »Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns ist es schön +und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mußt du an meiner Statt +bei der – bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann +immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald +gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte er in +der eindringlichen Art von Kindern. + +»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch einmal zu uns aufs Schloß +kommen.« Dabei rückte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte +ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann mußt du über den +dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist, +und mußt ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit uns +kommen! Willst du, willst du?« + +»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und stolz, daß er um das +Geheimnis wußte. »Ist das meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen +Bertas mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist, +die arme, erschrockene Frau drüben, warum lassen sie mich nicht zu ihr? +Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich +erblickte?« Und sie streckte die Hände weit von sich und machte das +entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war. + +Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, und sie saßen eng umschlungen +unter dem alten Baume, und sie weinte, während der Knabe die von Tränen +Erschütterte nur immer an sich hielt und streichelte. + +»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da sie allein miteinander waren, +»Mutter, sprich, warum weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem +großen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt, +daß sie keine Mutter habe?« + +Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft, +daß jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe +Mutter, nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen +gesenkt, so daß sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes +Kind sehen könne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche. +Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube +sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen können. Aber einmal +werde gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und heilen werde! + +»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe. + +»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken die Mutter, »an dich +habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele +gnädig und behüte dich!« Und sie bekreuzte den Knaben. + +»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glücklich,« +trotzte der Knabe. »Und darum will ich im Kloster fleißig lernen und +dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt sein +werde. Und dann will ich die Frau Gräfin gesund machen und Berta soll +sich freuen und lachen!« Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt +wissen, Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist, +und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzählt, +über die du selbst immer lachen mußt!« + +»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte die Mutter. »In der +Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt, +und da hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, aus dem +Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr +Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schönes Märchen +geträumt!« »Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem Pferde und +es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Füßen!« + +Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit. + + * * * * * + +Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen +sollte, da führte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem +Lieblingsplätzchen und sie waren beide beklommen und traurig. + +»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst den Winter über bei uns +bleiben, ich aber muß fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder +zurück.« + +»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken. + +»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß ich auch über den Sommer +im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre +noch heim und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.« + +»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte Berta fast zornig, »und +wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten +verbieten!« + +»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte der Knabe, »was liegt +dir denn an mir!« + +Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an +und es mußte ihr sehr nahe gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen +mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, die groß und schwer +über ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein, +weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und +wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen +die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause. + +»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon. + +»Daß nur die Mutter nichts merkt!« schluchzte Berta. Und es war ihnen, +als ob nun ein schweres Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide +noch enger aneinander kette, und wußten doch nicht, was sie getan +hatten. Und als Leon am nächsten Tage davonfuhr, da hob er, als die +Mutter unter dem Tore just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hände +gegen Berta und sie nickte ihm voll Einverständnisses zu, obgleich sie +beide nicht wußten, was Geheimnisvolles sie damit ausdrücken wollten. + +Und der Wagen verschwand im Walde. + + * * * * * + +Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt hatten. Als Leon im +nächsten Jahre nach Hause fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale +unten friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast schmerzlich bei +dem Gedanken, daß er nun Berta wiedersehen werde, nach der er sich das +ganze Jahr so sehr gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die +Worte: »Liebe, liebe Mutter, wie sehn’ ich mich nach dir! Du liebe, +liebe ....« und schon sprachen die Lippen auch weiter – »liebe, kleine +Berta, wie wirst du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!« + +Dann aber erschrak er über den Verrat seiner Lippen und schloß die +Augen, um recht innig an die Mutter zu denken und jeden andern Gedanken +zu verscheuchen. Aber er mußte zwischendurch manchmal Berta sagen, oder +er kehrte das Wort um und sagte Atreb vor sich hin in spielerischer +Knabenart, Atreb und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen +Geschichte wären! + +Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher hatte durch Peitschenknall +die Hofleute benachrichtigt, und da stand der Vater und lachte in den +Sonnenschein und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. Nur Berta fehlte. + +Und dann lag Leon in den Armen der Mutter und bekam vom Vater den Kuß, +der ihn von dem ernsten, zärtlichkeitskargen Manne immer so erregte, und +mußte viel erzählen und berichten, und dann ging er an Mutters Hand +durch die Zimmer und Ställe und Wirtschaftsräume und erfuhr alles Neue, +das sich auf dem Hofe begeben hatte. + +In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm er sich ein Herz und fragte: +»Was ist denn auf dem Schlosse Neues? Lebt die Gräfin noch?« + +Da huschte ein Lächeln über Mutters Gesicht und sie antwortete mild und +legte dabei ihre Hand auf Leons Haupt: »Berta kommt heuer nicht zu uns, +sie ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo sie einige Jahre +bleiben soll, um Sitte und höfische Art zu lernen. Und die Gräfin lebt +in dem Turme im Walde und ist nicht gesund geworden.« + +Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und die Mutter merkte wohl, +daß eine Hoffnung in seinem Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine +zuckenden Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drückte des Knaben +Haupt wärmer an sich und sprach: »Die arme Gräfin!« Als glaubte sie, daß +den Knaben das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte. + +Und dann kam Leon wieder ins Kloster und wurde Chorknabe und im Jahre +darauf verfiel er in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam +erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, als er das Kloster verließ, +um nach Italien zu ziehen und dort in den tiefen Schacht der +Wissenschaft hinabzusteigen. + +Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause und die Augen seiner +Eltern blickten besorgt auf das bleiche Gesicht des schlanken Jünglings +und fürchteten sich vor der Trennung. + +Die Pflicht erforderte es, daß Leon sich erst dem Förderer seiner +Studien, dem Grafen, vorstelle und ihn um weitere Gnade anflehe. + +Und so ritt er denn eines Morgens langsam den Talweg dahin, nicht wie +ein Soldat, der er hätte werden sollen, sondern recht als ein Scholare, +müde auf dem Pferde sitzend und dem Rößlein ganz die Wahl der Gangart +überlassend; so daß die Sonne schon recht im Sinken war, als er das +weiße Schloß Eberstein erreichte. + +»Ist der gnädige Herr Graf daheim?« fragte er den Pförtner am Burgtore. + +»Der komme abends heim! Aber die Gräfin Berta sei zu Hause, ob der +Ritter nicht der sein Anliegen vorbringen wolle?« + +»Wenn mich die Gräfin gnädig anhören mag?« sagten da seine Lippen. Aber +sein Herz war wieder ganz kindisch geworden und eine demütige Angst +quälte es. Denn er hatte doch oft in den letzten Jahren an jenen Sommer +gedacht, und die Erinnerung war ihm lieb und innigwert geblieben. »Und +meldet einen ehrerbietigen Gruß des Ritters Leon Feldegg von der Meierei +im Tale, ob sich die Gräfin seiner noch erinnern mag?« + +Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen hätte! Das tat es +seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch +wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die +Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt. +Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken möchte! Und er sah +Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren +war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam +aber auch schon der Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die junge +Gräfin erwarte. + + * * * * * + +Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers entgegen, darin sonst +ihr Vater seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem +Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt +hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des +Zimmers eine große Mädchengestalt und hörte eine holde Stimme: »Tretet +ein zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele +ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick +verwundert und ungläubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete, +da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wölbung streifte, +weil es ihm ein Wunder schien, daß die Jungfrau das Kind von damals sein +sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken. + +Dann standen sie einander gegenüber und sahen einander an. Er stammelte +einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie +ihm die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. Sie erinnerte +sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch +ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an +jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so +vollendet und überlegen, daß Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte +nicht mächtig war und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte +entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er +bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., aber da stockte er, denn er hatte +sagen wollen, daß er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe +sich vorgenommen habe, beim Worte ›Mutter‹ im Vaterunser immer an Bertas +Mutter zu denken, und daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit +beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis entfliehen +wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, daß er +tief atmen mußte, um es zu meistern. + +Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne daß +sie es wußte, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er +auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob +die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und +freudig berichten, wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas +Mutter im Turme oben fragen solle. + +Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir jetzt von Eurem gnädigen +Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu +gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.« + +»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« sagte Berta. Dann +schwiegen sie eine Weile still, plötzlich füllten schwere Tränen Bertas +Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!« + +Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele +brächten, fuhr sie fort: »Leon, Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich +bin!« + +»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! Und ich denke Euch +in Stolz und Glück! Was quält euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir, +was macht Euch unglücklich?« + +Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: »Wenn +ich Euch helfen könnte! Meine arme, liebe ...« + +Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen +hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich +schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man gibt mir +kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglücklich!« Und +die Augen mit den Händen bedeckend: »Unglücklich!« + +Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrängten Körpern wie +in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten, +und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie +fühlten, daß sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er +sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berührten, immer die +gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, liebes Liebes!« + +Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, und suchte ein Wort +und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen hätte, so fest +drückte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort +gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! Nur ein +Tränentröpflein Mitleid!« + +Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz, +wenn er die Verwalter oder Bauern verhörte, und ließ sie sanft +niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie +ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich die Stimme seiner +Mutter nach langen Jahren hörte und daß ihr Herz sich beruhigte. + +»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß ich über Eure Rettung +sinne?« fragte er. »Wann kann ich Euch wiedersehen?« + +»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« sagte sie. + +Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenüber Hand in Hand +und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen +und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt hatten...... + +Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete, +als ob die Wände ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und +er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt auf diese einfache +Melodie. + +Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schüchterne Scholare, +er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß +ihm auch fürder Schutz und Unterstützung. + +Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt, +wie sich der Ritter so verändert hatte. Und wenn es auch nicht verstand, +was er mit den Worten ›mein Rößlein in Pelzstiefeln!‹ meinte, so mußte +es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar +zärtlich den Hals. Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille. + + * * * * * + +Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung, +weil das holde, schlanke Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß +der jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln +machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher, +Leid über das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele +erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß er die Stunde +des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner +Erwählten herbeiwünschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen, +ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr +beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer +sein, was sie so schmerzlich erregte. + +Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan, +der über die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel, +wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem +Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte. + +»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut vor sich hin, »Elend für +deine Bewohnerin und tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig +wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von deiner Höhe über +ihres Vaters Land schweifen zu lassen.« + +Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und setzte sich auf die +Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit +Moos überwachsen war. Dort unten sah er das weiße Schloß und in jenem +Tale drüben mußte seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht +finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die +Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als er »Ave Maria, Mutter +....« sagte, da hörte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und +half Berta aus dem Sattel. + +»Bist du so allein durch den Forst geritten?« fragte er besorgt. Und +sie fühlten gar nicht, daß sie einander von jetzt ab wieder du sagten; +so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so +ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen. + +»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der +sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte sie den Wert jedes Augenblickes, +als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie +sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den Laut ihrer +Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd entgegen: »Meine Mutter ist mir +mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein +Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, ich bin ihm zu viel, ich +hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern läßt. Du guter +Leon, wenn du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden +muß, wie oft ich mich in meiner Mutter früheres Krankengemach flüchte +vor den Blicken der, der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen – +»der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an +seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte +heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor Leid +vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht! +Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie +könnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!« + +Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnsüchtig +und hoffend zu ihm empor. Da hörte sie von seinen stummen, zuckenden +Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des +Mitleids, und sie lächelte glückselig, da sein Mund sich auf den ihren +senkte. + +Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre +Rede war immer das eine Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und +in ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, bis sie scheiden +mußten. + + * * * * * + +Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob er der Mutter von seiner +Liebe erzählen solle; denn er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge +erwachsen würde. Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, eine +Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den süßen +Augenblicken des Glückes beim Turme fast störend der eine Gedanke +gequält, daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte beglücken und +entzücken sollen, sein Blut zum Sieden hätte bringen müssen, das +beunruhigte ihn, das störte ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der +Haß und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach für seine Eltern +und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele +Unterdrücktes: eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen +drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. »Ich kann doch +nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!« +wiederholte er. Und so kam er zu Hause an. + +Vater war noch im Forsthause draußen und so saß er mit der Mutter allein +in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen, +die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen. + +Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon seiner Kinderträume nicht +ledig geworden sei, nun hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne. +Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, dann ließ sie die +Hände in den Schoß fallen. + +»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, »so müßt ihr auch den +Mut für eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel +Ausdauer brauchen!« + +»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte Leon hastig. + +»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug!« sagte die kluge +Frau. »Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr +Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht für längere +Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen! +Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie +wohl ein Brieflein dabei finden!« + +Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hände küßte, +gefühlt, daß er ihrer würdig werden müsse und daß ihn diese edle Frau +nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte +sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich stark und sicher. + +Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte +recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten +Zusammentreffen zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte +im Herzen Leon, der so feinfühlig war, sie nicht beschämen zu wollen. +Sie umarmten und küßten einander beim tränenvollen Abschied und +gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr von seiner +Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen einander, den Abendglocken +ihre Grüße mitzugeben, daß die sie einander entgegen schwängen. Und dann +wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes +Schleierwinken in seiner übervollen Seele mit nach Italien. + + * * * * * + +Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universität bleiben +wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut, +wie er sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, aufrecht +erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das +Leiden der kranken Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken +und gründliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen +Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn +endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen und dabei den +einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen +Puls lange geprüft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn +Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Süden zu, indes +wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren +mochten. + +Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frühling werden +wollte, da kam ein unstillbares Drängen über ihn, daß er seinem +gelehrten Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, ihm sei, +als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; ob der verehrte Lehrer ihm +nun das Mittel für die kranke Gräfin schon jetzt geben könne. + +Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen +allerlei seltsamen Kolben und Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases +hervor, die in einem Bleirahmen gefaßt war. + +»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm mit nach deiner Heimat. +Und hänge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke +dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir, +es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das +die übergroße und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende +Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange +genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht +Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein! +Vergiß aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses +künstliche und außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die +Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das könnte sich an +der zarten Komplexion seines Aufbaues sündhaft rächen, sondern mußt es +in Händen nach Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es immer +an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst +der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und möge das +heiltüchtige Fenster auch deinen schwachen Körper stärken und +kräftigen!« + +Leon dankte seinem Meister in heißen Worten und versprach ihm, so ihn +hoffentlich bald wieder ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu +berichten und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres Bild vor +Augen hatte. + +So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden. +Er hielt die Glasscheibe in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs +Knie, wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch stieg er auf den +beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zügel um den Arm +geschlungen, und ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie +eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele Wochen vergingen so, ehe +er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat +näherte. Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler sein Gesicht, je +öfter er Halt machen mußte, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um +so heißer ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und +schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm +das Bild seiner Geliebten verloren ging also, daß er Tage und Nächte +lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und +krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast +zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit +am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Täler seiner Heimat. + + * * * * * + +Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, seine geliebte +Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und +dem wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu erfahren, was +auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang +keinen Brief von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben je in +die Hände seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem +Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem +Schlosse abzweigten, da war ein auffällig großes Leben auf der Straße, +viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als ob +gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. Da stieg er, immer von +seiner großen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg, +jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom +langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem +Bäuerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Straße habe. Der +schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn nicht wisse, daß morgen die +Hochzeit sei. + +»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen Leons. + +»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen,« sagte +gleichmütig der Bauer und wollte weitererzählen. Aber er blieb mit +offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die +verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild vor sich hielt. + +»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so verändert und nicht von +dieser Erde aus, daß dem Bauer angst und bange wurde und er mit großen +Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer +entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe. +Und er hatte kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern entgegen, +die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm +gar nicht erst und hielten ihn für trunken, weil er so seltsam +schwankte, und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem Schlosse +fließen werde; da möge er sich nur für morgen seinen Saufsack ordentlich +ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine Braut, +meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht möglich!« und dann stieg er +mühselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen; +wozu das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war. + +So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Händen und +ritt auf dem Waldpfade gegen das Schloß, indes die andern auf der +breiten Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen seit +Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hörte nicht das +Rauschen seiner Bäume, darnach ihn so heiß verlangt hatte, und schaute +abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen. + +»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, und die nickten dazu, »das +also ist der Schluß!« Als er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen +den Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und +da Leons Augen die weißen Mauern erschauten, da war das Weh zu groß in +ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er +weinte, daß das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der +stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte +in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein beschnupperte seinen Herrn und +verstand ihn nicht. + + * * * * * + +Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lächeln war um +seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist +doch nicht möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am +Abend in den Dörfern singen: + + Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus, + Kam just der Hochzeitszug heraus, + Feinsliebchen unter dem Schleier.« + +Er sang die Strophe leise und schwermütig vor sich hin und dann lachte +er laut auf. »Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das +ist die Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. Gott im +Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie +hintreten, daß sie mich höhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei, +der es wagt, die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? Und soll +ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen läßt? +Ich Narr, der ich ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber +ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, ich muß es ihr +sagen, daß ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wäre, daß ich ihre +Hochzeit störe, ich muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an +sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und +Hochzeitsgeschmeiden für mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief +schicken!« rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr einen +Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie +zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich +ihr ins Gesicht ...« + +Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel +und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rückkunft, wie er sich +freue – Tränen liefen ihm in seine Zeilen –, wie er sich freue, daß er +noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß er für die Frau Gräfin +das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fügte bei: denn +ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das +Arkanum übergeben; er werde bis zum Abend dort warten. + +Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück funkelte ihm +entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis +zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn, +ob er das Gold verdienen wolle. Er müsse nur sogleich dies Brieflein zur +Gräfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim +bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam und sein Goldstück +empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über +seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte +die Glastafel in Händen, ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu +halten. + +»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch zur rechten Zeit gekommen +bin, wie würde sie mich in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir +weinen!« Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle +Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in +seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch unglücklich sein könnte, daß +auch sie viel großes Leid erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen +konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung des +verschmähten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tölpel +und leichtgläubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen +und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, daß ihr ja +nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied: + + »Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus, + Kam just der Hochzeitszug heraus, + Feinsliebchen unterm Schleier.« + +Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim +Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die +Bank beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder und stützte seinen +schweren Kopf in die Hände. »Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen +wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« – Er hatte in +der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn +er fühlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit +lähmte ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte er. Sein Kopf +fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin......... + +›Nur jetzt nicht sterben!‹ dachte er, ›nur jetzt nicht! Ich muß erst mit +Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie +mich elend gemacht hat!‹ + +So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch ein wenig empor und +krampfte die Hände zusammen, denn er dachte, daß er Berta bei den +Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht +schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen +Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in +seiner grenzenlosen, heißen Erregung bewundern und lieben müsse. Und +dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr überreichen. Mit den +Worten des Meisters: ›Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll +Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas +schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas +übergehen und die Seele rein werden!‹ Und er wollte dann Berta sagen, +sie möge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er +versprochen, ob er gleich selber .... + +»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, »daß sie den Triumph +nicht erlebe, mich gedemütigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren +Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz +zerbrochen!« + +Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, müde und mit zerrendem +Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm. + +»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf Erden, meine Hoffnung +und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten,« und sie +weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch an +sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine letzte Zuversicht, du mein +einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!« + +Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine Beine unter ihm +schwanden, er fühlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust füllte, um die +Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das ist zu +viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« ..... + +Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schweiß bedeckt, da +ließ sie seinen Körper auf die Bank niedergleiten: »Um des Himmels +willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht ......, +meine Hoffnung, mein Glück, Leon, mein Leon!« + +Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm +leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr: + +»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe +Braut, ich bin unwürdig, erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan? +Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es +zu spät ist!« + +Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst, +denn er keuchte wie im Fieber, erzählte sie ihm, wie ihr Vater den +einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor +den Dienern und seiner ...., vor ›ihr‹ mit einem häßlichen Schimpfwort +geschmäht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf +andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie +dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugeführt worden +sei und wie sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer noch +auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt bist du da, mein lieber, +lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!« + +»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig aufsetzen, aber er +glitt fast von der Bank, da faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er +an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der +Hand auf das Glasfenster und erzählte ihr mit stockenden Worten, was für +eine Bewandtnis es mit dem Glase habe. + +»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er dann mit klarer Stimme, +»ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht, +dafür muß ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« – Und mit der letzten +Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, vergib mir!« Dann griff er +nach seinem Herzen, »Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« und +dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da streckte der Tod schon +seinen Körper, es war ihm, als ob er noch aufstehen könne, ihm zu +entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß Bertas +nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war tot ... + +Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag über ihren Knieen, ihre +Rechte stützte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie +beugte ihr Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes +Gesicht ... + +Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden +und heilige Stille. Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur saß +Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre +Augen sahen verständnislos in sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines +Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie sie +den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, »Leon!« aber +er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und +lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, ihr Leon, +ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jäh in ihrer +Brust empor, plötzlich löste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete +tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet hätte, und +dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein gequältes Tier, schrie mit +entsetzlicher, ihre Kraft höhnender Stimme, einer Stimme, davor die +Vögel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein +Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschütterte und die in ihrer +furchtbaren Stärke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drüben an die +Felsen anprallte und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte +nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie mußte schreien, auf +Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben +Ohren, nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, wie ihre +Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer +getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel +schreiend, emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, ihrer +zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie +schrie und wußte nicht, daß die Amme aus dem Turme getreten war, +emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und daß hinter ihr, der +Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Gräfin sich zur +Tür geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem +Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und +gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und +schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen, +und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam heran und sprangen von den +Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und +waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, daß +sie hier die Gesuchte finden müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als +er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht +kannte. + +»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen Zorne, »hintergehst du +mich so?« und er stürzte sich durch den Kreis der Fackelträger zu der +Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße liegen hatte, +daß er schwer zu Boden fiel, und da sah er, daß der Mann tot war, und +schlug eine fürchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und +lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! Herr Landgraf, +Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der gibt kalte Küsse, der tut Euch +nichts mehr in diesem Leben!« + +Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn +mit ihrem Körper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen +Rechten. + +»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!« + +Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf +die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand +merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich +wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe +anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand .... + +Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf +die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und +verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute +glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und +konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann +beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann +die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich +zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten +nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom +anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der +bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und +bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und +sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren +Teil haben!« + +Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war +finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten, +warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort +fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr +ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie +beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und +zogen zu Tale. + + * * * * * + +Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder +schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen +hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die +Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und +Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter. +Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und +wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als +vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe +ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr +Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer +Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter +Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne +streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt +durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte. + +Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß +Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß +und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert +hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen +gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre +erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen +waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider +über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich +vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und +der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der +Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie +ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber. +Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer +wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die +Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust +sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das +Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße +Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der +Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern +verborgen. + +Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte +sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote, +indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen. + +Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod +Bertas zu melden. + +Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten. + + * * * * * + +Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie +ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale +träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein +an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der +Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt. + +Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in +den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem +blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe +und Güte der Mutter Leons passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein +oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die +nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der +Schlummernden zaubert.... + + + + +Der Rächer + + +I. + +Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in einem jener schmalen Täler, +über welche jetzt auf kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur +Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehöft derer von +Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum ›das +Schloß‹ genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von +ihren großen und weitläufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus +gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre +schlechten Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten. + +Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage ein +junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt, +der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken das Gepäck des +Herrn führte. Der hieß Riccardo Fabbri und war ein +sechsundzwanzigjähriger, schlanker Mann, der eben von einem jener kühnen +Seezüge zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften zu so +großem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als +Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit +den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen +Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre +ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen +Seufzer freilich, daß sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren +vergrämt über seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glück +mitgenießen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll +heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester +umschloß. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der +ganzen Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames +Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glückliche +Genua seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er denn zwei +Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen +gewissen Glanz nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen +Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen glanzvollen Träumen +von Glück und Reichtum die Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben +fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er +gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und +freute sich die ganze Zeit über auf die Szene, die sein Erscheinen und +die Bewunderung der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß er +eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er bei seiner Heimkunft ein +so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit +Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als daß er +sich dadurch hätte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr +fröhlich vor sich hin oder streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes, +das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen +dankte. + +»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« sagte der Offizier dann +zu dem Pferde, »greife nur tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg +acht! Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, »scheint auch +lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen, +wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen läßt!« + +»Vielleicht liegt’s an mir, Signor,« lachte der Diener, »ich bin seit +meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine +Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande +bringen; ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen +Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!« + +Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte +seinem Herrn näher zu kommen. + +So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich +sahen sie das einsame Schloß auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte +das Herz, er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rührung zu +verbeißen; für so weichmütig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber, +als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe +hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem +ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem +»Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt hatte, ritten sie in den +Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden. + +Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nächten, da er die Wache +auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude +ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch +mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglücken sollte! +Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine +Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß auch nur +er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer +harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das nun +ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt war, da fühlte er wirklich +eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig +machte, da er es sich doch so groß und herrlich vorgestellt hatte. Als +aber dann – endlich – die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo, +mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, da verschwand +jegliches andere Gefühl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder +die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Tränen +flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschütterte ihre schmächtige +Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er +wiederholte nur immer wieder die Worte »Mutter, meine liebe Mutter«, +wobei auch ihm große Tropfen über die Wangen liefen. + +Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der +Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, die sie erbeben ließ, sondern auch +ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich +niedergekämpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren +sollte; so daß sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie +in einer großen Angst nur um so inniger umarmte und an sich preßte, als +könnte sie dadurch die Beantwortung dieser quälenden Frage weit, weit +hinausschieben. + +Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen und er die Mutter +beschworen hatte, ihm alles zu erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die +geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit +gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas noch Schlimmeres sich ereignet +habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete, +so daß er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der +Zukunft starren mußte. + +Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verführt! Er hörte +nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich +zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen +Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglücklich +sei: er wußte gar nicht, daß nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des +Jammers und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem Herzen +weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor +sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde +sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe kein Leben, +keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann +aber durchtobte ihn ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte +sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos in die Arme +seiner Mutter. + +So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mühen +der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein +Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten +Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstörte, seinen +Stolz beugte, sein Glück höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft +geschmiedet hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die seine Mutter +und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schloßgemächer in Glanz +und Glück hätten schreiten sollen. + +Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche ohne Frieden starrte, +schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren, +in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt: +Rache an dem Verführer .... + + +II. + +Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag, +und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und +Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche +Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem +vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein +Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen +Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so +sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte +schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die +prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben +nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken; +dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem +Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier +bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino +hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und +dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in +die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der +Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr. + +Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um +Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten +Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude +aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren +Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht +gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren +Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein +junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders, +zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias +entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine +Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen +wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser +Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten +und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie +ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in +der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines +edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und +aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu +liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil +schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer +jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine +Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen +geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden +waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter, +rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles +gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches +Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne +auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und +nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten +Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma +gewendet habe. + +»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß +dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur +keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!« + +Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet +hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua +zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein +bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn +erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen +wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in +die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres +schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die +Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um +aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte. +Dann ritten sie abends in Genua ein. + + +III. + +Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen +Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald +schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten +die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt +ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder +mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den +Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete +Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und +Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine +überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos +Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von +Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie +gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der +junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem +der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er +plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem +Kriegszuge teilzunehmen. + +Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand +seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung +seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus +und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen +seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte. + +Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick +wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen, +seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte, +als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte. + +Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in +der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer +Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen, +vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der +Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den +Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren +in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem +alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise +verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in +seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben +hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als +wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige +Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach +erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer +Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von +ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht +viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin +liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus +Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem +Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude +des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener +Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse +sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten. + +Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten +Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt, +da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem +ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in +eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des +Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn +über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der +einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich +nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen +ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers +gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender +in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine +brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines +verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß +entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das +ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah +die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine +entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert +hielt, weil _er_ sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo +umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause, +durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt +entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu +sprechen, niederstoßen. + +Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er +den Grafen Palma sprechen könne?« + +»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.« +Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen. + +»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht +zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach +Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres +heimkehren!« + +»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine +Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn +dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere, +daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie +vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar +nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?« +wiederholte er. + +»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei +unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze +römische Adel versammelt ist.« + +»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast +mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch +die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und +zerschmettert. + + +IV. + +Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm +zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu +Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah +sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und +ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie +seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr +verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und +zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort, +von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort +stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das +Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm +seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als +ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn +er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann +müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl +einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem +Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua +heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen +Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so +lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er +eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der +gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und +Verwandten des Papstes, in Rom weilte. + +Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller +Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte +auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch. +Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn +Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe, +daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal +aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der +Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon +am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus +der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat. + +»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du’s oder ist es +dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt? +Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen +Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!« + +Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der +wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd +tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich, +er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden, +auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne. +Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer +aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude +des Wiedersehens zu deutlich leuchtete. + +»Freilich bin ich’s, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf +den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit +meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.« + +Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem +Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg +müsse. + +»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer +gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du +meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat +gesehen hast!« + +Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge +stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter +den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo +schon im Palaste der Spada. + + +V. + +Der große Palast seines Gastfreundes war wie ausgestorben, denn der +Vater Emilios war nur für einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach +Rom gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim Papste vorgeführt +und war dann wieder auf sein Sommerschloß zurückgekehrt, indes Emilio +noch in Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr Riccardo am +Abend, da die beiden Kameraden, von einem aufmerksamen Kammerdiener +trefflich bedient, bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl hielten +und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen über gemeinsame Bekannte, +über die Aussichten des nächsten Frühjahrs und seiner Unternehmungen, +und Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute Offizier, wie ihn +seine Kameraden liebten und schätzten. Er war angeregt und fast heiter, +und als gar da Spada den Namen Palma erwähnte, der Riccardo plötzlich +still gemacht hatte, und davon sprach, daß die Palma die Nachbarn seiner +Eltern in Bosco rado seien, da wurde Riccardo fast übermütig in seiner +Freude, er erhob das Glas und leerte es, er ließ sich von dem gern +bereiten Emilio immer wieder von der Schönheit Francescas, der jungen +Gräfin und Schwester Ermetes, vorschwärmen und war schon ganz bereit, +mit seinem Kameraden und lieben Freunde Emilio gleich am zweitnächsten +Tage in die Berge zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie Feuer +durch seine Adern. + +»Schade, daß Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!« sagte Emilio, +»jeder Tag wäre zu einem Feste geworden!« + +»Ja, bitterschade!« wiederholte Riccardo; er war ernst geworden. »Den +hätte ich gern gesehen! Sie haben in Genua viel von ihm gesprochen!« + +»Und sicher nur Gutes!« rühmte Emilio. »Die Männer lieben ihn und mit +den Weibern versteht es keiner wie er! Den müßtest du kennen lernen, +Riccardo, und wenn das Glück es gut meint, kommt er früher heim, als +seine Eltern glauben. Mit dem würdest du bald Freund sein, ihr paßt +zusammen!« + +Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, er glaubte seinen +Schwertgriff in den Händen zu halten und schwang doch das Weinglas, daß +der rote Wein blutig über seine Hand spritzte. Er wollte etwas +Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber es gelang ihm nicht, und +er sank hilflos und verloren lachend in seinen Sessel zurück. + +Da brachte ihn Beppino zu Bette. + + +VI. + +Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen +und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da +wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war +verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und +Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für +den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald +erledigt hatte. + +Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen +Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm +ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch +sein Hirn geschossen war. + +»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst +übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen, +der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen, +um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die +Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor +Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist +auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen +absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die +Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden +Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich +machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da +ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an +den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor +mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend +nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich +immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner +Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß +ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt +die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht +mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu +machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und +wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den +letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und +ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben +und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!« + +Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe +ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es +einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte +nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende +Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum +erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein +kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger +hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den +herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je. + +»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler +werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie +einen Liebsten?« + +Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den +Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr +begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen: + +»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz +schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich +sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da +Emilio schwieg. + +Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann +klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem +großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im +Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte +Antwort war: + +»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist +nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!« + +»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber +er hemmte sich. + +»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine +Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie +schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann +munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!« + +Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand +die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den +Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er +biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem +Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel. + +Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so +närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse, +Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom +blauen Himmel heben.« + +Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und +fast zärtlich: + +»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob +du Geschwister hast?« + +»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist +vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine, +liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.« + +Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen +Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener +Waldlichtung, sitzen die Palma.« + +Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine +Antwort von vorhin verstehen!« + +»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo. + +Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen. + + +VII. + +Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe +die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde +verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die +Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses +daraus erzeichnen konnten. + +Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht +sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen +Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem +fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb. + +»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die +Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich +kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für +meine unerwartete Heimkunft!« + +Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit +einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten +sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für +kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen +und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu. + +»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter +Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann +überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann +im Lichte erkennen lassen.« + +Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend, +seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die +Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann +traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten +zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und +seltsam genug darbot. + +Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen +Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften +Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen +und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln, +indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten. +Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den +Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die +weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden +Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu +der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken, +riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten +Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert, +aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und +die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber +große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von +Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft +begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne. + +»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und +machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine +Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu +dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht +Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das +Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.« + +Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein +phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche +Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten +hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem +Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen +sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu +erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor, +den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden +berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald +schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war +dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste +belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele. + +Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes +sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe +hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei +Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend +und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst, +welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte +sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht +irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die +Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse. + +»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut +flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er +dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine +Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das +ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so, +du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm +nicht wehren konntest!« + +Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in +strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser +Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie +etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des +anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht +lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und +glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem +lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er, +als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und +zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein +Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der +eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem +Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere +herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein +lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach +verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang +nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen +nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden +Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen +Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende. + +Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen +Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele +noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und +zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger +kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den +Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch +mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich +gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo +unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und +atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht +ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie +ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und +plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter +bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und +hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und +ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und +während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr +dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin +Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der +Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch +die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und +Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die +weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische +zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch +ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise +gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das +Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten +mußte. + +So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde +von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf +seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne +gedacht zu haben. + + +VIII. + +Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab +er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am +vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur +gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen +und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz +in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt +ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust +bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre +liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er +und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht +Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in +einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere +Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht +er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das +begehrenswerte Wesen _lieben_ lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen +sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der +Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er +schämt sich vor sich selber. + +So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres +Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen +Worte: ›Sie ist eine Palma!‹ beantwortet hatte. Sein heiteres +Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins, +an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache. + +»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist +so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das +Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so +rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden +Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz +erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie +sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt +nicht auch sie vielleicht eine Schuld? + +Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine +Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er +machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins +Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo +in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken +seiner Einsamkeit zu entfliehen. + + +IX. + +Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten +Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein +Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den +andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im +Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch +an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft +vermisse. + +»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh +aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind +mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa +weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.« + +»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als +Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie +nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber +sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili, +der dessen acht hatte, sagte spottend: + +»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den +Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in +dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!« + +»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr +möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht +zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges +begegnen.« + +»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur +mein Pferd satteln lassen.« + +»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr +verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.« + +Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier +heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und +sprengte davon. + +»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch +fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat +es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer – +bei aller Liebe zu Emilio – heute wohl nicht so leicht aufs Pferd +gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut +hätte!« + +Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so +schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios +getroffen war. + +›Ich muß sie einholen,‹ sagte er sich, ›ich muß sie noch einmal sehen!‹ + +Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber +auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er +werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der +Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte. + +›Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,‹ dachte er, ›und doch +hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den +Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der +Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.‹ + +Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den +steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte. + +Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und, +vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten +des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen +Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen +Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen. + +Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der +er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie +hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in +ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein, +weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen +brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein +Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den +Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie +nur noch lauter lachen mußte. + +»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« – um mich zu erwarten, +wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm +entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht +hinübergehuscht. + +»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?« + +»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch +mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen +Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...« + +»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria +den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht +ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum, +daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt, +Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt +Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet +und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht +bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist. +Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten +lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge +Enttäuschung bereiten müssen!« + +Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres +Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte. + +Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das +gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes +Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner +Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte +Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine +Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner +Rache vorgelogen hast. + +Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser +Reinen angetan hatte, war so groß, daß er – als müßte die Heitere da vor +ihm seine ganze Schuld kennen – vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres +Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte: + +»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je +verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch +schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur +seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er +aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den +Irrtum begangen habe. + +Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre +Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie +nicht, und darum sagte sie: + +»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei +heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich +schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn +Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen +gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet, +verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich +beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und +sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder +halten würde?« + +Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur +verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur: +»Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich +getan habe oder tun wollte!« + +Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor: +»Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie +unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so +unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen, +wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin +unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie +allein mich retten könnte!« + +Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und +hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte, +so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden +verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie +sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres +Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm: + +»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich +nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause +reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort +auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch +so recht?« + +Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr +mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den +Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber +blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen +solle. Und er begann ihr zu erzählen: + +»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie +lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese +beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein +Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben +inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich +hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun +nach Hause kam ...« + +Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite +an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach +einer langen Unterbrechung: + +»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu +kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch +wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua +hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber +beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer +Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,« +wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte +Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl +kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd +aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein +Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist – und +zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das +Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester +nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine +Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach +meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld, +wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will +hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei +Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener +wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!« + +Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie +seine Rechte in ihrer Hand hielt: + +»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das +hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß, +denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures +Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine +Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid +erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt. +Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde +wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer +Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen. +Lebet wohl!« + +Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn +zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand. +Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück, +Emilio zu erwarten. + + +X. + +Es war spät am Nachmittage, als Emilio des Weges daherkam. Beppino hatte +indessen das Pferd Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen +Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt hatte; und der Bursch, der +ihn geleitet hatte, war mit dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten. +Beppino saß unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco rado gut +gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich ordentlich ausfaulenzen +zu können. Sein Herr aber saß schwermütig an der Straße, seufzte oft, +ballte die Fäuste oder fuhr mit der Rechten durch die Luft und schaute +dann wieder sehnsüchtig in der Richtung von Selva nera, ob Emilio noch +nicht kommen wolle. + +»Endlich, endlich!« rief er nun, als sein Freund heiter dahergesprengt +kam, »du hast lange auf dich warten lassen!« + +Emilio sah erstaunt in das verstörte Gesicht Riccardos, er sah +verwundert Beppino mit den bepackten Pferden und sprang neugierig aus +dem Sattel. + +»Hast du lange auf mich gewartet?« fragte er. »Hast du denn Maria nicht +getroffen, die doch schon Mittag zurückgeritten ist?« + +Er übergab Beppino auch sein Pferd und trat zu Riccardo, der ihn bei der +Hand nahm und seinem Diener winkte, sich zurückzuziehen. + +»Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; sie weiß, daß ich +hier auf dich warte, um mich von dir zu verabschieden; denn ich muß noch +heute fort von hier.« + +Er sagte dies so seltsam, daß Emilio auffuhr: + +»Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist geschehen?« + +»Man hat mich nicht beleidigt,« lächelte Riccardo trüb, »aber ich habe +mich schuldig gemacht, Emilio!« + +»So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit und wen hast du +gekränkt? Es ist ja nicht möglich! Foltere mich doch nicht, gerade heute +nicht!« + +Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter Stimme: »Emilio, +hast du in deinem Leben schon ein reines Mädchen verführt? Wir sind jung +und heiß, und ich bin nicht anders als du und die anderen jungen Nobili. +Hast du ein Mädchen verführt und dabei jemals an den Jammer der +Betörten, an das Elend ihrer Mutter, an das Unglück ihrer Geschwister +gedacht? Niemals kam dir der Gedanke daran, das weiß ich. Ich kenne uns. +Aber was würdest du sagen, Emilio« – in den Augen Riccardos war ein +Lauern, und seine kalte Stimme bewies, daß er diese Worte den ganzen +Nachmittag über vorbereitet hatte – »was würdest du sagen, was würdest +du tun, wenn du erführest, daß deine – Schwester verführt worden ist?« + +Da faßte ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen Degen gezogen und +hielt ihn stoßbereit erhoben: »Du bist wahnsinnig, Riccardo, was +sprichst du für rasende Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du +erlebst den nächsten Augenblick nicht!« + +Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge alles nach Wunsch, und +dann schrie er Emilio in die Ohren: »Stoß zu, Emilio, stoß zu, ich habe +deine Schwester verführt, aus Irrtum verführt, denn ich hatte es auf +Francesca abgesehen, die Schwester Ermetes! Du weißt ja, wie ich mich +schon gestern auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!« + +Er lachte grausam und höhnend und schrie noch einmal: »Stoß zu!« + +Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen sinken lassen, er sah entsetzt +in das verzerrte Antlitz Riccardos und warf den Degen beiseite: + +»Du bist von Sinnen, Riccardo,« sagte er schwer aufatmend, »du bist +toll!« Und dann stand er aufrecht und stolz vor Riccardo, der ihn +hilflos anblickte, und sagte mit verachtendem Munde: »Und meiner +Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!« + +»Deiner Braut?« schrie Riccardo. + +»Meiner Braut,« erwiderte Emilio ruhig. + +Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem Körper herunter, er +knickte zusammen, daß ihn die Hand seines Freundes, der immer noch sein +Wams festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und sagte mit +bleichen Lippen: »Deiner Schwester bist du sicher! Das sagt jeder +Bruder! Dann ist ja alles gut,« lispelte er vor sich hin, »alles gut.« + +So sank er in den Staub des Weges. + +Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das lang ersehnte Glück +gebracht hatten, beugte sich über ihn, ein inniges Mitleid mit dem +Kameraden erfüllte ihn, er trocknete ihm den kalten Schweiß von der +Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino, er möge Wein +bringen. Den flößten sie dem Kraftlosen ein, und langsam, langsam kehrte +das Blut wieder in seine Wangen zurück. Er stützte sich auf seinen +rechten Arm, er blickte Emilio lange an und dann schickte er Beppino +wieder weg. Er schüttelte das Haupt, als müsse er sich erst langsam auf +etwas besinnen, dann drückte er Emilio die Hand und sagte leise: +»Francesca.« Dann umarmte er Emilio und ein schwergeborenes Schluchzen +erschütterte seinen Körper: »Maria,« sagte er innig, »die reine, heilige +Maria! Man muß auch zum Frevelnkönnen stark sein, Emilio, und ich bin +ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr und ich bin ein Held! Und doch +bin ich ein Feigling! Ich wollte sterben, von dir wollte ich den +Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir nicht; weil du ein +guter Mensch bist und ich ein schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine +entehrte Schwester zu rächen, an ihrem Verführer ...« + +Er wollte ›Ermete‹ sagen, da besann er sich, daß Emilio die Schwester +seines Todfeindes liebe und sie ihn, er fühlte eine unendliche Rücksicht +für seinen Freund, für den Bruder Marias, die er liebte, und da schwieg +er. + +Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos gehört, er erinnerte sich +eines Gespräches mit einem Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da +er sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um vielleicht über +Francesca etwas zu hören. Und er entsann sich einer Äußerung des +Genuesen, daß Ermete in den Banden von Riccardos Schwester schmachte. +Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis seiner Gedanken, er +umarmte Riccardo und küßte ihn auf das feuchte Haar: + +»Was mußt du gelitten haben, armer Freund! Was mußt du für furchtbare +Tage erlebt haben!« + +Da löste sich in den Armen Emilios auch der Schmerz Riccardos und er +sagte: »Ich schäme mich meiner Tränen nicht, sie tun mir wohl wie deine +Güte. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft handeln wollen, aus +Schwäche und aus Verzweiflung, und ich bin um eine Erkenntnis reicher +geworden. Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur +Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unwürdig einen Menschen zu +lieben! Und wenn dein Schwager Ermete heimkehrt, Emilio, dann erzähle +ihm von dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne! Und nun laß +uns scheiden!« + +Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm schweigend das Pferd +besteigen. Er fühlte, daß Worte Worte bleiben müßten und so drückte er +seinem Freunde, der bleich und ernst im Sattel saß, nur stumm die Hand. + +»Grüße mir Maria!« sagte Riccardo zum Abschied, »grüß sie mir, wenn du +mich noch für würdig hältst, die Reine grüßen zu dürfen. Und sei +glücklich, Emilio, lebe wohl!« + +›Lebe wohl!‹ wollte Emilio antworten, aber da fühlte er den Hohn dieses +Abschiedsgrußes und er drückte dem Davonreitenden nur noch einmal fest +und innig die Hand. + +Der Wald schloß sich hinter Riccardo, nun verschwand auch Beppino +seinen Blicken, und Emilio stand noch lange auf dem Wege und starrte +seinem verschwundenen Freunde nach. + +Er wußte, daß er ihn nie wiedersehen werde ... + + + + +Das Meerweibchen + + +I. + +Diese Geschichte könnte also beginnen: Es war einmal ein wunderschönes +Meerweibchen, das an der Küste von Grönland lebte und das von +Schiffsleuten in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen +ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen sein Lied begleitete, +gefangen ward und das dann in die Welt geschickt und allerorten als ein +Wunder angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag .... + +Aber dann würde jeder glauben daß diese Geschichte von einem Lügner und +Aufschneider erfunden worden sei, und ernste Menschen würden sie +überhaupt nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte und +beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, damit jeder ruhige +und nachdenkliche Mensch sie unbesorgt lesen könne, denn es ist eine +durchaus verbürgte Geschichte und ist in den alten Büchern der +königlichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und jeder Zweifler kann sie +dort suchen. Und in der Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus, +das zu dieser Geschichte gehört; ein steinernes Meerweibchen, dem +leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf abgefallen, ist sein Schmuck +und es ist als das Haus zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was +aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, zeugt dafür, daß es +eine wunderschöne Seejungfrau gewesen sein muß, die dem Steinmetz als +Vorbild gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, und nur der +schuppige, etwas schematisch gemeißelte Fischschwanz, der – in dem Lande +des zweischwänzigen Löwen nicht auffällig – in zwei schön geringelten, +stilisierten Teilen endigt, beweist, daß Nacken und Brust einem +Wunderwesen angehört haben. Das Haus selbst ist jetzt ein wenig +verfallen und sieht altersschwach und engbrüstig genug aus. Aber es paßt +gut in die altertümliche Karlsgasse und in diesen Teil des herrlichen +Alt-Prag, in dem man weniger zufügender als abblendender Phantasie +bedarf, um sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fühlen; man +muß nur die Gaslaternen und Telephondrähte, die Fahrräder und +elektrischen Glühlichter in den Schaufenstern vergessen, um sich, wie in +einem Traum, im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten +Häusern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen Verzierungen und +verwegenen Dächern dahinzuwandeln und verwundert zum Frühlingshimmel +emporzuschauen, der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame Bild nach +oben abschließt. + +Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, sondern im Beginn des +siebzehnten Jahrhunderts. Da es aber eine, sozusagen, historische +Erzählung ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung +gestattet, daß gar bald ohnehin die Notwendigkeit sich einstellen wird, +das Ende des Mittelalters weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die +Neuzeit gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es so herrlich weit +gebracht haben, gehören schon längst nicht mehr in die Neuzeit des +sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu +aufgeklärt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug der Einleitung! +Also mag diese Geschichte immerhin als eine mittelalterliche gelten, +umsomehr als sie in der altertümlichen Karlsgasse anhebt und endigt. + +Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, das vorhin geschildert wurde. +Es war noch nicht unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet +sein. Es gehörte dem zu Ansehen und Reichtum gelangten Prager Bürger und +Kaufmann Wenzel Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein Billiges +gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, für seinen Sohn und dessen +einstige Ehefrau ein eigenes Haus zu bauen, auf daß er als ein +bodenständiger Bürger und Kaufmann hier lebe und dem Namen Werkmeister +zu Bedeutung und immer größerer Würde verhelfe. Denn er selbst war aus +bescheidenen Anfängen zu einem begüterten Kaufmann geworden und liebte +auf Erden niemanden inniger als seinen Sohn Karolus, der die einzige +Hinterlassenschaft seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er hatte +ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar mit ihm einmal in Wien +gewesen, um ihm die Welt zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen +zu einem tüchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. So war Karolus +vierundzwanzig Jahre alt geworden und war ein gesitteter, stiller, +bescheidener Jüngling, schlank, mit sanften, etwas schüchternen Augen, +wie sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus denen eine +empfindsame und träumerische Seele in die Welt schaute. Dem Vater war +Karolus sogar zu bescheiden, zu sanft und schüchtern, denn er wußte, was +sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was das Geschäft anlangt, +sondern auch von den freien Wissenschaften und Künsten, und er hätte +wohl seinen Sohn ein weniges stolzer und selbstbewußter gewünscht. +Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner Altersgenossen nicht +sonderlich, er war ein Leser und Träumer und freute sich tagsüber auf +den Abend, da er zu seinen Büchern zurückkehren konnte. Das wehrte ihm +der Vater auch nicht, da Karolus im Geschäfte still und sicher seine +Arbeit tat und bei den Kunden beliebt und geachtet war. + +Eine tüchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu sanftes Geblüt +auffrischen! dachte der Vater und schaute darum fleißig unter den +Bürgertöchtern um, welche ihm wohl am besten für seinen Einzigen +tauglich schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, hoffte er +eine bestimmte Wahl getroffen zu haben. + +Nun waren aber Karolus’ Beziehungen zum weiblichen Geschlechte bisher +mehr theoretischer Natur gewesen; er hatte den Dichtern ihre +Lobpreisungen der Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewöhnt, die Frauen +mit den Augen der schreibenden, nicht der liebenden Dichter anzusehen, +ohne doch je eine innere Nötigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane +am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm etwas Hohes und Hehres, +über dem Alltag Stehendes und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen; +ihre Wänglein waren Pfirsichblüten, ihre Lippen Kirschen, ihre Augen +leuchtende Kohlen oder liebliche Vergißmeinnichtblümlein, ihr Gang war +wie das Hüpfen der Sonnenstrahlen über blumige Auen, aber, daß man die +Wangen streicheln, die Lippen küssen könne, daß man die zierliche +Gestalt umarmen dürfe, fiel ihm gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu, +aus seiner literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und einmal +einem lebenswarmen, blühenden Kinde herzhaft ans Kinn zu greifen. + +Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von Verliebtheit gefühlt; das +war an einem Sonntag nachmittag, als er auf der Kleinseite drüben unter +der Königsburg, dem Hradschin, durch die schattigen Gassen lustwandelte +und plötzlich vor einem herrlichen, schmiedeeisernen Gittertor stand und +in einen wundervollen, adeligen Garten geschaut hatte: große +Rasenflächen dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein rundes +Wasserbecken erglänzte im Sommerlichte und ein feiner Springbrunnen +plätscherte in das bewegte Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich +weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des Hradschin, und die +grandiose Königsburg mit dem herrlichen Dome war wie eine phantastische +Krönung des grünen, blühenden, weit ausgestreckten Gartens. In dem +Garten aber wandelte in einem weißen Sommerkleide eine schlanke, +biegsame Frau, und die Sonne schien selbst in sie verliebt zu sein, so +jubelnd sammelte sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, so +golden ließ sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es war, als ob eine der +Marmorgöttinnen, die im Garten in den grünen Gebüschen standen, von +ihrem Postamente herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte sich +zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen Augen schaute Karolus ihr +lange nach, er hatte den Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als +ob die Dame ihm zulächle. Er stand noch auf dem Flecke vor dem +Eisengitter lange, nachdem das Wunder in den Büschen verschwunden war, +und starrte in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mußte. Erst als +er Stimmen neben sich hörte, wachte er auf und schaute erstaunt um sich. +Und er glaubte sich’s später selbst nicht mehr, daß er eine lebende Dame +im Garten gesehen habe, er war überzeugt, daß er nur ein wunderschönes +Märchen von einer lieblichen Prinzessin geträumt habe, etwa das Märchen +von der weißen Frau Medulina, die mit Blumen und Früchten in den Händen +durch die Auen schreitet. Einige Tage träumte er noch davon und war +glücklich darüber, daß er auch bei Tage nach eigenem Willen den schönen +Traum erneuern konnte; er errötete, wenn er sich immer wieder dabei +ertappte, wie er gleich einem Puppenspieler die schöne, fürstliche Dame +immer von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem Gitter +liebreich zuwinken ließ. Es hatten sich aber auch zu liebliche, blonde +Ringellöckchen über ihrem blühweißen Nacken gekräuselt. + +In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens fiel nun die Ankunft des +grönländischen Meerweibchens in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte +Trommler hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch mehrere Tage +auf allen Plätzen und allen Straßenecken gestanden und hatten nach einem +aufrührerischen Trommelwirbel den p. t. Adel und Bürgerschaft der +königlichen Hauptstadt Prag auf das große Wunder aufmerksam gemacht, das +in den nächsten Tagen eintreffen werde. Lalanda, die grönländische +Meerjungfrau, das schönste Seeweibchen, das je gefangen worden, die Dame +mit dem Fischschwanze, von allen Gelehrten der Welt bewundert und als +neues Weltwunder angestaunt und gepriesen, werde in den nächsten Tagen +in Prag zu sehen sein. Große Bilder wurden in den Straßen herumgetragen, +darauf Lalanda, die grönländische Seekönigin, abgeschildert war, und +überall folgte eine Menge Neugieriger den Trommlern, die eine +beträchtliche Aufregung in der Stadt verursachten. Auch verteilten sie +ein fliegendes Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau berichtet +und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt war, so die Schönheit der +Dame mit dem Fischschweife in lieblichen Versen pries. Sie werde auf dem +Altstädter Ring in einem der großen Verkaufsgewölbe unter den Lauben zu +sehen sein und in ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie +ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, deutsch zu ihnen, +da sie eine erstaunliche Klugheit und ein unerhörtes Gedächtnis besitze. +Und sei schöner, als je ein Mädchen auf dem Festlande gewesen. + +Nun waren gerade damals ruhige Zeitläufte, und Prag, die Stadt, die von +Zeit zu Zeit wie ein Kind ihr Fieber durchmachen muß, um sich ihrer +schädlichen Gärungsstoffe zu entledigen und ihr Blut für einige Jahre zu +reinigen, erfreute sich eben einer behaglichen Erholung nach Kämpfen +und Bürgerzwisten, so daß Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen +hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die Laufburschen und +Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen Geschäfte, die ihre überschüssige +Lebhaftigkeit sonst bei den Straßenaufläufen ausgetobt hatten, benützten +jetzt jeden freien Augenblick, hinter den Trommlern einherzulaufen und +immer frische Zettel mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die +älteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter in der Schreibstube +führten die ausgiebigsten Gespräche über das Meerweibchen, und es gab +keine Lebensäußerung eines erwachsenen Menschen, die sie nicht in ernst- +und in scherzhafte Beziehung zu dem wunderbaren Körperbau des +Grönländischen Mirakels gebracht hätten. Sie übertrafen sich gegenseitig +in der Erfindung neuer Fragen: ›ob sie wohl auch‹ und ›wie mag bei ihr‹, +nur mußten sie sich vor Herrn Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefühl +zu schonen eine schweigende Übereinkunft im Hause Werkmeister war. Der +hatte natürlich auch die Trommler gehört und ihren Zettel gelesen. Aber +er hatte noch keinen richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden, +nur die Tatsache, daß ein Wunder zu sehen sein werde, beschäftigte ihn +und er hatte beschlossen, sich gleich am nächsten Sonntage, dem ersten +Tage, da Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein zu +überzeugen, wie weit den Ankündigungen zu glauben sei. + + +II. + +Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an Schönheit mit dem +Altstädter Ring in Prag messen können, herrliche Paläste umrahmen ihn, +seltsame Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie +anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht +eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen, +das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose +Teinkirche mit ihren beiden ragenden Türmen, die ernst gen Himmel +weisen, schaut über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen Häuser +der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel große und +inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles +Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf den Ring +hernieder und wundert sich über die winzigen Menschlein, die über den +Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit +nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Türme +bedeutungsvoll gegen den Himmel. + +Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn da sie immer gleichmäßig +in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie längst keinen +Eindruck mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur _das_ wunderbar +erscheint, was von der Gleichmäßigkeit abweicht, was anders ist, als +ihre trägen Vorstellungen. + +Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie +war schön und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strömten die Prager +Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstädter Ring, um das nie +Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern, +Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre +Meinungen über das Meerweibchen aus oder lauschten den Glücklichen, die +Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen hatten. + +Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewölbes, und alle +Viertelstunden dröhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen, +daß frischen Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die +erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus und ein neuer +Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten, +wurde eingelassen. + +»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, und selbst ein +berühmter Professor der Universität, der unter den ersten Besuchern +gewesen war, ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht, +schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch die Reihen der +ehrfürchtig Grüßenden. + +»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« sagte er dann zu einem +Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über +Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mißtrauen +gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, muß ich wohl daran +glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir +die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig +seltsame oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und +staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae +nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie +berichtet.« + +Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von +dannen. + +In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich die Neugierigen, um +Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hören. Da war ein großer +Wasserbottich aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand des +geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in das nächste Zimmer zu +erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in +ein Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf waren die Wände der +großen Kufe verkleidet, also daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch +waren große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches herangelegt, so daß +ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grüner Rasen lag. In +der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine +seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die +Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung +gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, der Teich schien +auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda +hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare und mit anmutigen, schön +geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches +entlang, mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. Sie war jung +und schön, Seerosen lagen in einem blühenden Kranze auf ihrem Haupte, +ihre Augen waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen Busens +hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten +Mieders. Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker Leib in +einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz, +der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu +lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser peitschte. So +schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl +auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches +festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger aus dem Wasser +hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den +schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte +lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar neugierige Hände ihren +kühlen Fischleib berührten. Nur, wenn die Berührungen etwas kühner +werden wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn +die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm +sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die +sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den +Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre +Augen wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser +Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames, +unverständliches Lied. »Lalanda, Lalanda« verklang es. Sie legte die +Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen Kinderaugen im +Kreise umher und ließ sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tür im +Hintergrunde des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und runden +Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken. + +Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schön +in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu +spotten und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und ging gläubigen +Herzens von dannen. + +»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener Bürger, der ganz +vorne am Ufer des Teiches stand. + +»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein Wunder an Anmut und +Schönheit, wenn sie den Fischschwanz nicht hätte!« + +»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer und wischte sich dabei +mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es +leid, daß ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede +ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.« + +»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so gründlich +betasten dürfen!« spottete einer. »Wischt Euch nur erst Euren +Sonntagsrock gehörig ab, daß sie nichts merke!« + +Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewölbes +zu. + +An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung; +er starrte immer noch nach der Tür, durch welche das blonde Wunder +verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht, +seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hüpfte das Herz +in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht +schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, er wußte gar nicht, daß +Menschen um ihn gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring in +einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm +gesagt hätte, daß Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so +unermeßliches Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß er +ihm einen Namen hätte geben können. + +Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel und eine näselnde Stimme +weckte ihn aus seinen Träumen: + +»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem +Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!« + +Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren träumerischen Glanz, +seine Wangen wurden glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu +erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewölbe. Und ohne +aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter +Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen. + +Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wußte nichts davon, ihm +war, als wären seine Augen geblendet, und so kam er unbewußt auf die +Kleinseite und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter dem +Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau Medulina erschienen war. +Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte +melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte er, Lalanda; es +war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hörte ganz +deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie +selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm +liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weiße Frau ihm +zugewinkt hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn zurück, er +mußte ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstädter Ring, er +drängte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des +Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder +öffnen würde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten +waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an +diesem Tage ging der betörte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem +Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von +neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, daß sich die Tür +im Hintergrunde des Teiches öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare, +hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Märchenaugen zuwende. Und sie +bemerkte ihn, bei jedem neuen Öffnen der Tür suchten ihre dankenden +Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein +im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen. +Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr +betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer +des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte +ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen +Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!« + +Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus nicht zur Zeit nach +Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den +Feldern vor der Stadt ruhelos umher........ + + +III. + +So war denn endlich für Karolus das große Wunder gekommen, es mußte ein +wirkliches, wunderbares Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht +zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen Norden, eine Seekönigin mußte +nach Prag kommen, um das Lämpchen in seiner Brust zu entzünden; und +Lalanda, Lalanda mußte sie heißen, damit seine Träume in den Tag hinein +dauern konnten, damit endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den +kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser Schlummer seine +Lider schloß, träumte er davon, wie er auf einer fernen Insel säße und +auf den Mondschein warte, mit dem auch seine Meergöttin aus den Wellen +auf sein Eiland zugeschwommen komme. + +Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, eine zweite Aphrodite, +schwang sich die Lichte, Liebliche auf seinen Felsen und hielt ihre +Harfe in Händen; und schon erklang ihr Lied: ›Lalanda, Lalanda.‹ Aber er +schmiegte sich an sie, ihr Körper ward warm vom Mondenscheine, und ihr +Busen, weißer als die Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem +Gesange. Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr als ›Lalanda‹, und doch +verstand sie ganz genau, was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm +liebreich zu und ihre Hände lagen still in den seinen. Und als die Sonne +fern-fernher ihre Strahlen über die Wellen schickte, da glitt sie sanft +vom Felsen ins Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber ließ sie +ihm zurück und die duftete milder und süßer, als je eine Rose aus dem +Garten geduftet hatte. Er wachte auf und hielt die Seerose in Händen +und mußte in staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob er +wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose in seine Hand gekommen +sei. Dann aber erinnerte er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen +Abend, da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drückte sie +leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens duftete ihm aus +der Seerose entgegen und glückselig lächelte er vor sich hin. + +»Lalanda,« sagte er fast feierlich. Da bemerkte er erst seinen Vater, +der zu Häupten seines Bettes stand und verwundert und besorgt auf ihn +blickte, der gestern abend so spät nach Hause gekommen war. O, wie +errötete Karolus vor seinen Blicken, er hätte am liebsten geweint, denn +er wußte nicht, was er dem Vater sagen sollte. Der aber grüßte ihn mild +und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von den Geschäften, die +heute zu erledigen waren. So stand denn Karolus auf und machte sich +rasch fertig. Er ging ins Geschäft und arbeitete eifrig und angestrengt +bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick leer haben, er ging aus der +Schreibstube, als die beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu +sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die Kommis von dem Wunder +zu reden begannen, und half lieber dem Hausknecht, der im Keller +arbeitete. Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er einen +Gärtner wußte, von dem kaufte er Blumen, Rosen und Lilien, denn Seerosen +waren keine da, und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstädter +Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen eingetreten, aber er +durfte eintreten, da er die Blumen vorwies, und so trat er in das +Gewölbe. + +Das Gewölbe war leer und eine angenehme Kühle empfing ihn und eine +Dunkelheit, in der er sich erst langsam zurechtfand. Da sah er auf den +Bänken an der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten ihre Trommeln +auf den Boden gestellt und lagen nun schlafend in ihren bunten Wämsern +ausgestreckt und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im Munde +hätten. Der kleine Mann, der ihn gestern mit seiner näselnden Stimme +angesprochen und aus den ersten Träumen gestört hatte, kam aus dem +Nebengemache, er schaute Karolus mit argwöhnischen, lauernden Blicken +an, ein häßliches Lächeln war um seine Lippen, da er die Blumen in der +Hand des Jünglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an der +Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg einige Augenblicke +lang, da er gehofft hatte, Lalanda zu sehen und ihr mit einer stummen +Verbeugung die Blumen zu überreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung +an eine Erzählung vor Augen, in der ein Prinz Erik aus dem Dänenreiche +vor einer sagenhaften Königin des Nordens stand, deren Sprache er nicht +verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der beugte stumm die +Kniee und senkte das Haupt, wie es in der Geschichte hieß, ›als ob er +erst durch sie den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.‹ Nun störte +ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien ihm der kleine, höhnische +Mann, der ihm gegenüber stand, wie ein häßlicher Zwerg, der den Zugang +zur Grotte seiner Meergöttin neidisch bewacht, und verwirrte ihn. +Endlich aber besann er sich und übergab ihm die Blumen. + +»Sind die für mich?« fragte der Zwerg spöttelnd. + +»Für Lalanda,« sagte Karolus errötend, »von dem, der ihre Seerose +bewahrt.« + +Da machte der Zwerg eine übertrieben-höfliche Verbeugung, es lag viel +Spott und Hohn in der Bewegung seines großen Kopfes, und dann ging er +ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um aus dem Gewölbe zu +treten, niedergeschlagen, weil er sich den Besuch bei seiner Meerkönigin +schöner und poetischer gedacht hatte, da öffnete sich rasch die Tür im +Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda hereingeschwommen. + +Sie sprach einige unverständliche und doch wie ein seltsames Deutsch +klingende Worte zu ihrem Behüter, der ihr demütig die Blumen übergab und +dann aus dem Gewölbe trat. Und mit den Blumen in der Hand wartete +Lalanda am Ufer des Teiches, daß Karolus sich ihr nähere. + +Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er trat langsam zu ihr hin, +denn das Herz hämmerte in seiner Brust und die Kehle war ihm wie +zugeschnürt. Wie eine schwere Last lag der Gedanke auf seinem Herzen, +daß er nun mit der Wunderbaren allein sei, daß er mit dieser +Auserlesenen, Königlichen sprechen solle; er fühlte, wie klein, wie +nichtig er war, er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr so gar +nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so durchaus gewöhnlich war, +indes sie, eine Königin des Meeres, ihm wie eine Halbgöttin, wie aus +einer anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, dem bei +seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem Jagdzuge erscheint, um mit +ihm zu sprechen, oder wie ein einsamer Schiffer, vor dem plötzlich +Poseidon aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens die Blumen +noch in Händen gehabt hätte, daß er sie ihr mit einer stummen Verbeugung +hätte darreichen können! So trat er zögernd an den Rand des Teiches, +seine Augen hatten sich schüchtern und doch voll Sehnsucht zu Lalanda +emporgewagt, und ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte sagen können. Da +blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte ihm die Rechte hin, +indes sie sich mit der linken Hand am Rande des Teiches festhielt, und, +da er ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit ihrer +freundlichsten, sanftesten Stimme: + +»Ihr fürchtet Euch wohl, meine Finger zu berühren, weil sie naß und kühl +vom Wasser sind? Sie werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren +Händen haltet!« + +Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre Hand nieder, ihm war, als +ob er jetzt ›den Ritterschlag der Liebe‹ empfangen solle, und seine +Seele ward frei, da er die Königin so liebreich sprechen hörte. Und es +schien ihm ein neues Wunder zu sein, daß die Herrliche, die wohl seit +ewigen Zeiten in ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres +gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch zu ihm sprach, er +küßte ihr nochmals die Hand und sprach dann, wie erleichtert: + +»Ich danke Euch, daß Ihr so freundlich zu mir sprecht! Ich hätte nie +geglaubt, daß ich Worte finden würde, um Euch für Eure Schönheit zu +danken, und nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht nur, daß +ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die Euch besser zugesagt hätten, +und nehmet heute diese schlichten Blumen gnädig an. Morgen will ich, +wenn Ihr mir diese Gunst gewährt, die schönsten Seerosen bringen, die zu +finden sind!« + +Lalanda schaute Karolus lange prüfend an, als ob sie sich erst darüber +klar werden müßte, ob sein seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder +nicht. Dann aber lächelte sie kaum merkbar, schwang sich aus dem Wasser +auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll +zurückwich und begann die Rosen und Lilien zu einem Kränzlein zu winden. +Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch auf ihren blonden +Scheitel, schaute Karolus siegreich und doch flehend von der Seite an +und fragte: + +»Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus Rosen und Lilien, Ihr +Anspruchsvoller? Gefall ich Euch?« + +Da war es Karolus, als ob eine weiche und kühle Hand sein Herz presse, +ihm ward ganz eng in der Brust und er wußte keine andere Antwort auf +ihre Frage, als die, daß er diese Hand küßte, die noch eben sein Herz +fast schmerzlich bedrängt hatte. Sie aber blitzte ihn verführerisch aus +den Augenwinkeln an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu +schließen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung seine Augen senken +mußte. Dann sprach sie – und legte dabei den triefenden Fischschweif +näher an Karolus heran, aber ohne ihn zu berühren: + +»Noch weiß ich nicht, wie Ihr Euch nennet und von wem ich träumen soll, +wenn ich nachts auf dem Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder +wenn ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. Denn hier in +der Nähe muß ein großer, gewaltiger Dom stehen, mit mächtigen Glocken, +das fühle ich, und um Mitternacht dröhnt der Boden hier von dem Klange +ihrer sehnsüchtigen Träume. Dann steige ich aus dem Wasser und nehme +mein Spiel zur Hand und singe. Ich möchte dann Euren Namen in meinem +Liede haben!« + +O, das war der richtige Ton für Karolus! Er schnappte nur so nach Luft +bei ihren poetischen Worten, nun war er ganz besiegt, die flatternde +Seele in seiner Brust legte die Flügel zusammen und ward feierlich und +zufrieden still in ihrer Haft, wie ein Vöglein im warmen Käfig. Er sagte +ihr mit geschwollenen Worten, wer er sei und wie er heiße, wie er sich +in all den Jahren nach einer Lalanda gesehnt habe, und sagte dies alles +trotz des Pathos in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, daß +Lalanda vor Vergnügen jauchzte und daß ihr Karolus wirkliche Freude +bereitete. Und als er ihr nun von seinem Glücke sprach, daß er sie nun +endlich gefunden habe, daß sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen +sei, da lehnte sie ihr schönes, blondes Haupt zärtlich an seine Schulter +und sah ihn von unten her so verheißend und gewährend an, daß er sich +beinahe ein Herz gefaßt und sie geküßt hätte. Aber er tat es nicht, er +vergaß nicht, daß sie die Meerkönigin war und er nur der einfache, +nichtssagende Kaufmannssohn, und küßte sie nicht. Er schaute sie nur +dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken und seine +Lippen wurden trocken. Und er fühlte es wie eine Erleichterung, als ihm +die Frage einfiel, woher sie so schön deutsch spreche. Sie ließ ihr +Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend seine Finger in die +ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll und dann erzählte sie, wie sie +oft an deutschen Küsten geschwommen sei und deutschen Schiffern +gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren Kuttern sich ihre Mären +erzählten oder ihre schwermütigen Lieder sangen. + +»Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, ich verstand ihre +Sprache und lernte sie gebrauchen. Und oft, wenn ich auf dem Grunde des +Meeres vor meinem Palaste saß und ein deutsches Lied nachsang, so klang +es den Schiffern oben wie ein fernes, fernes Echo ihrer Gesänge, ich sah +sie droben sich über den Rand ihrer Boote neigen und in den wundersamen +Spiegel niederschauen; und manch einen faßte das Heimweh so mächtig, +wenn er mein Lied hörte, daß es ihn am Bord seines Schiffes nicht länger +litt und er ins Wasser stieg, dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie, +das schwöre ich, nie Männer zu mir ins Meer locken wollen! Wer zu mir +kommen will, der muß freiwillig kommen. Und wenn ich wüßte, daß Ihr, +lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem Boote meinem Liede +lauschtet, und wenn Euer liebes Antlitz sich über den Rand des Bootes +neigte, ich würde nicht weiter singen, würde verstummen, damit Euch kein +Leids geschehe!« + +Sie schaute ihn wieder mit ihren schönen, glänzenden Augen an, innig und +lang, bis er ganz sinnlos von ihren Worten und wie aus einem Traume +heraus sagte: + +»Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, und Ihr müßtet mich +in Euren weißen Armen auffangen; und ich möchte mein Leben lang neben +Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!« + +»Wie lieb, wie gut Ihr seid!« hauchte Lalanda, ein Schauer des Glücks +schien ihren Leib zu erschüttern und sie senkte verwirrt die Blicke. Da +trat aber der häßliche Zwerg ins Gewölbe, er ging mit lauten Schritten, +die seiner kleinen Gestalt gar nicht entsprachen, auf die Trommler zu +und weckte sie. + +»Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist um! Macht fertig!« Da +glitt Lalanda hastig ins Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die +Hand und sagte ihm mit einem langen Blick: »Auf Wiedersehen! Auf +Wiedersehen heute abend!« + +Und langsam mit rückgewandtem Haupte schwamm sie aus dem Zimmer. Die +Tür schloß sich hinter ihr, und zwischen den Trommlern, die ihre +Instrumente umgehängt hatten, verließ Karolus betäubt und fassungslos +den Raum. Und der harte Trommelwirbel verfolgte ihn über den Altstädter +Ring und höhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese +entfernt war. + + +IV. + +Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem Märchen; die Stunden im +Geschäfte zählten für ihn nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach +dem Mittag und den kurzen Stunden am Abend, wenn die letzten Gäste aus +dem Gewölbe auf dem Altstädter Ring geschieden waren und Lalanda nur für +ihn noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen kam. Und es war +Mittwoch und Donnerstag geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in +Prag, dann mußten die Liebenden scheiden. Denn es war kein Zweifel, +Karolus mußte sich’s in seinem zitternden Herzen selbst gestehen, +Lalanda, die Meerkönigin, die Göttliche, die Wunderbare, liebte ihn und +neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es ihm heute abend +selbst gesagt, daß sie die Minuten zähle, bis er wieder zu ihr kommen +könne, daß ihr das Leben schal und unerträglich scheine, wenn er nicht +mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen könne. + +»Schau, bin ich nicht warm wie eure Mädchen,« sagte sie, »pocht mein +Herz nicht ebenso stark in meiner Brust? Fühlst du es, fühlst du es +schlagen, Karolus? Und nun muß ich Unglückliche wieder von dannen +ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, und den häßlichen Menschen mich +darbieten! Ich bin unglücklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine +Gefangene und möchte so gerne in Freiheit leben, lieben und lachen und +weinen, wie ihr Menschen, mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in +die Augen schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich erlösen!« + +Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter ihrem weißen schimmernden +Busen das Herz klopfen gefühlt, gleichmäßig und ruhig, denn sie war ja +trotz ihrer Erregung ein kühlerblütiges Meerweibchen und ein unendliches +Mitleid mit der armen, gefangenen Seekönigin füllte seine Augen. + +»Flieh mit mir,« rief er ihr zu, wie Kandalus im Romane, »flieh mit +mir, ich will dich gegen eine Welt verteidigen!« + +Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz und seine +Hoffnungen zerrannen. + +»Ich will irgendwo an einem Meere oder See ein Häuschen für uns bauen, +dann sollst du in deinem Wasser leben können und doch in meiner Nähe +sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und des Nachts –« Er schwieg, +er errötete. + +»Küsse mich,« sagte Lalanda, »küsse mich recht vom Herzen!« + +Und er preßte die Lippen auf ihren Mund und fühlte, wie auch ihre Lippen +heiß wurden, heißer als er es geahnt hätte; denn es glühte ihm bis ins +Herz hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend heiß von ihrem +Kusse. Und als sie gar ihre weißen, nackten Arme um seinen Hals schlang +und ihn an sich preßte und nicht loslassen wollte, da schloß er die +Augen, er umarmte sie und drückte sie noch fester an sich und vermeinte +sterben zu müssen. + +»Ich muß dich retten, du mußt mein werden!« sagte er, tief Atem +schöpfend, »mein für immer!« + +Da huschte ein Lächeln, ein siegreiches Lächeln über ihr Gesicht, sie +wiederholte ihre heißen Umarmungen, dann schlüpfte sie rasch ins +Wasser, denn der Zwerg war ins Gewölbe getreten, um die Tore zu +schließen. + +»Denk an dein Versprechen!« rief sie dem Scheidenden nach. Er aber stand +auf dem Altstädter Ring, er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den +sternenbesäeten Himmel und sprach feierlich in den Abend hinein: »Ich +schwöre!« + +In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer seine Augen schloß, +träumte Karolus wieder, er stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in +einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig bewegten Wellen und +mitten in dem breiten Streifen Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes +Lalanda auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich in der Ferne ihr +blondes, weiches Haar, ihr Kopf hob sich wie eine große, phantastische +Blume aus dem bläulich-flimmernden Wasser. Sie kam näher und näher und +nun streckte sie ihm die Arme entgegen und winkte ihm. Und ganz deutlich +hörte er ihre Stimme angstvoll rufen: »Karolus, Karolus, rette mich!« Er +aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd auf die Geliebte, die +mit den Wogen rang, er wollte sich ins Meer stürzen, aber ein +schrecklicher Gedanke hielt ihn zurück. »Ich kann nicht schwimmen!« +sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte er es lauter und immer +lauter, er schrie es Lalanda zu: »Ich kann nicht schwimmen!« + +Da schallte ein höhnendes, entsetzliches Lachen aus dem Meere zu ihm +hin, Lalanda hob sich noch einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins +Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen hilflos und armselig +auf den Wellen und bezeichneten die Stelle, an der Lalanda verschwunden +war. + +Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschweiß stand auf seiner +Stirn. Der Vater war an sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus +hatte ihn geweckt. + +»Was hast du nur für böse Träume, Karolus?« fragte er. + +»Gottlob, daß es nur Träume sind,« sagte sein Sohn. »Ich habe einen +schrecklichen Traum gehabt!« + +Als er mit dem Vater beim Frühstück saß, da übermannte ihn plötzlich +sein Herz und er wollte dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu +sprechen an und sagte: »Vater!...« + +Aber mehr brachte er nicht über die Lippen; er wußte nicht, wie er dem +Vater auch hätte sagen sollen, daß ein Wunder geschehen sei, daß ihn +eine Meerkönigin erwählt habe! + +»Vater,« sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll ihn anschaute, +da schlossen sich seine Lippen, eine dunkle Röte färbte seine Wangen und +seine Lider senkten sich. + +»Was willst du von mir?« fragte der Vater und alle Güte seines Herzens, +alle Liebe zu seinem Einzigen war in seinen Worten: »Was gäbe es, was +ich dir nicht gewähren könnte?« + +Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, er schaute für Sekunden +ängstlich den Vater an, aber er fand keine Worte. + +»Brauchst du Geld?« fragte ihn der Vater. + +Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde er brauchen, aber der +Vater möge ihm verzeihen, wenn er noch nicht sagen könne, wofür. + +Da gab ihm der Vater, der gewöhnt war, seinem Sohne unbedingt zu +vertrauen, da er dessen Bravheit und Tugend kannte, Geld, mehr, als +Karolus erwartet hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, er hatte das +dunkle Gefühl, er werde zu Lalandas Entführung Geld, viel Geld +brauchen, und damit wollte er nicht sparen. ›Ich will arbeiten wie ein +Knecht,‹ sagte er zu sich, ›ich will mir die Hände blutig arbeiten; aber +erst muß ich sie erretten!‹ + +Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegönnt war, brachte er Lalanden +nebst den Seerosen ein schmales Ringlein, ein Herz hing an einem +Kettchen daran, und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken +Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und küßte ihn stürmisch, +noch heißer als gestern und sah ihm noch tiefer in die Augen, und mit +einer Stimme, die zärtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher +als früher klang, sagte sie zu ihm: + +»Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, ich will dein sein für +immer, nur errette mich von diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser +hier, ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen in der Welt, +bei diesem Ausgestelltsein, ich sehne mich nach Frieden und Glück, ich +beneide die anderen Mädchen, ich sehne mich nach einer ......« +Häuslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus dem dunklen Norden, +und sie dachte dabei wohl an ihren schimmernden, herrlichen +Kristallpalast auf dem Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie +bei diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus rasch von der Seite +an, forschend und fast ungeduldig. Er aber blickte sie voll Mitleids an +und nickte langsam mit dem Kopfe. »Du weißt nicht,« sagte sie traurig, +»was ich schon alles erdulden mußte, wieviel Schande und Elend, wie satt +ich dieses Leben habe!« + +Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefühl die Arme, er +streichelte ihr die Wangen und er seufzte bei dem melancholischen +Gedanken, daß dieser herrlichen, edlen, königlichen Seejungfrau das +Elend des Irdischen nicht erspart geblieben sei, daß sie leiden müsse +und gewiß das Elend schmerzlicher fühle als ein Menschenkind. Und sein +Finger glitt mitleidig und doch ehrfurchtsvoll über die Schuppen ihres +Fischschweifes, der zierlich auf dem Rande des Teiches lag. + +»Hast du mich denn wirklich lieb?« fragte Lalanda. + +»Ich verehre dich!« antwortete Karolus, und als wäre dieses ›ich verehre +dich‹ noch zu kühn, setzte er die Worte hinzu, die Baronzo im +›Unvergeßlichen Liebhaber‹ zu Graziosa sagt: »Meine Nacht ist voll von +deiner Sonne und mein Tag voll von deinem Mondlicht, du Königin!« + +Da erscholl plötzlich vor der Tür der Trommelwirbel der beiden +Spielleute, grausam und empörend nahe, und schon stand auch der Zwerg im +Laden. Karolus wandte sich zum Gehen; er drückte nur rasch dem Zwerg ein +Goldstück in die Hand. Als er sich dann noch einmal umkehrte, hob +Lalanda die Hand aus dem Wasser, das Ringlein glänzte an ihrem Finger +wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand sie. Und schon traten die +ersten Besucher in das Gewölbe. + + +V. + +Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten des Geschäftes mußte +Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Pläne und +Entführungsgedanken kamen nicht über die Worte: ›heute abend‹ hinaus, er +wußte nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit +sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein, +er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals +schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen, +um sie dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte dann in einem +Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo außerhalb Prags eine ruhige +Zuflucht finden würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die +Stadtsoldaten würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die +Schiffer an der Moldau drunten würden ihn ergreifen und auf die +Wachstube führen. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das süße, holde +Geschöpf bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte jedenfalls gegen +neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstädter Ring warten lassen, er +dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen, +aber auch das würde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das +mußte er dem Schicksal überlassen, der Gott der Liebenden würde sie +sicher beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag nach Hause, +um seinen großen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen +wollte, wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld zu sich, +zählte eine runde Summe ab, um nötigen Falles den Zwerg damit zu +bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten +Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie +wach wären. ›Das ist das beste Mittel!‹ sagte er zu sich und dachte an +eine Stelle in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein den +Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen +Händedruck von seinem Vater, der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und +ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust +gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter Ring anlangte. + +Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel +da, nur aus einigen Geschäften und Wirtsstuben drang ein matter +Lampenschein fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten +verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein +kleines schmales Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes +gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit +welcher der Wind spielt. + +Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter +der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer +Tür stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel +durch die Stille, dann hörte Karolus, der im Schatten der Häuser +umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß +noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch +einmal zu sehen wünsche, müsse jetzt eintreten, dann schließe sich die +Türe für immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge +Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd und sehnsuchtsvoll, wie +auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die +Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige, +Wunderbare in einer kurzen halben Stunde über die Schwelle tragen werde, +hier bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen warten und rasch mit +ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch +nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, wohin, ach, +jedenfalls in eine glückliche Zukunft. + +»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel ihm ein, und seine Finger +ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten +und zustoßen müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches +Abenteuer gilt’s zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!« +Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg nicht zu +bestechen ist!« + +In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu Lalandas Laden und der +Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen +lärmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, sie standen +noch in Gruppen beieinander, ein säumiger Nachzügler kam als Letzter +über die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, sie +nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges +aufgehängt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie +noch einmal mit ihren Trommeln und gingen über den Altstädter Ring nach +Hause. + +»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht wachen!« Und dann, er +traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tür, er +schaute sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann öffnete +er noch einmal die Tür und sprach einige Worte ins Gewölbe hinein. Und +dann – Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen – dann +ging auch der von dannen. + +›Allein!‹ jubelte es in Karolus Seele, ›sie ist allein, sie wartet auf +mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!‹ Er +schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter +Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg könnte die Tür hinter sich +gesperrt haben! Er lief eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft +drückte er die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er stürzte +in das Gewölbe. + +Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der +Lampe leuchtete ihr weißer Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre +Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte. + +»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du +kämest nicht!« + +Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf und übersäte seinen Mund +mit heißen Küssen. »Liebst du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen +den glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?« + +Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren Hals und den feinen +Ansatz ihres Busens küssen mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak +bei der Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als müsse er sich +entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt habe. Dann legte er den +Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und +sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls sie uns gestört hätten, +oder für den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen hätte. +Gottlob, sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie ich dich +errette. Ein Wagen harrt draußen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich +dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen +aushalten? Wirst du es überleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau +kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser +zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein +ruhiges Plätzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer +zurückzieht, will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte +wandern, bis wir ans Meer gelangen!« + +Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf +Karolus’ nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast +geheimnisvoll noch einmal: + +»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwöre mir, daß du +mich liebst!« + +Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die +beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Höhe und sagte ernst: + +»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glücklich, daß du mich +erhöht hast durch deine Liebe. Ich wünsche nichts anderes, als daß du +mich liebst!« + +»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« sagte Lalanda traurig, +»daß du gerade mich lieben mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb +Mensch bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes Menschenkind +liebte und glücklich machte!« + +»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« jubelte Karolus, »ich +liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so über alle Maßen schön und +wunderbar, so königlich und erhaben!« + +»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich weiß, daß du mir das Leid +geringer machen willst, das ich empfinden müßte, wenn ich« – ihre Stimme +wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten – +»wenn ich dich nicht jetzt im nächsten Augenblicke zum glücklichen, +glücklichen Menschen machen könnte! Schraube den Docht der Lampe zurück, +ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich +habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir’s verraten soll, ob du +würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus +diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glücklich +werden!« + +Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht +zurückschraubte, so seltsam, wie eine Beschwörung klangen die Worte +Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom +Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward fast dunkel im Gemach. + +»Verschließe die Tür!« befahl sie. + +Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die Tür fest verschlossen +sei. Dann sprach Lalanda: »Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich +dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen +Augenblick lang! Dann aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht +sterbe!« + +»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster Erregung, »was soll ich +erfahren?« Und er dachte nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen +und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf +dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als +wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke. + +»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und nun, Karolus, Karolus, +sieh mich an!« + +Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des +Teiches und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorwärts. Aber er +taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurück. +Auf dem breiten Rande des Bottichs – stand Lalanda aufrecht, aufrecht +auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an, +aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend, +mit einem siegesgewissen Lächeln schwang sie die schillernde Fischhaut +in der Hand, aus der sie geschlüpft war. + +»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich liebe! Bist du jetzt +glücklich?« + +Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich, +um den Fischschweif unterm Wasser – zum letzten Male – anzulegen. + +Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fühlte ganz deutlich +den Stoß, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die +Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel +umfaßt und schien ihn erwürgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die +Lüfte. + +»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er +hörte mit donnerndem Getöse den Kristallpalast seiner Träume +zusammenkrachen, »eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui, +nackt« ..... + +Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfüllte sein Herz, +seine Augen waren trocken. + +»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine Stimme überschlug sich. + +Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus +lachend an, ihre Perlenzähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen; +denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein +seltsames Gehaben für die Äußerungen seines freudigen Staunens. Und mit +herausforderndem Lachen fragte sie: + +»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich dir die Rettung so +leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!« + +Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er +stürzte zum Teiche. + +»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in ihre Worte und in ihr +Lächeln hinein, er faßte Lalanda und hätte sie geschlagen, so sinnlos, +so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fühlte er sich. +»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er. + +Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon +überzeugt, daß sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen +Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie +gewöhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den +Armen und rief neckend und schelmisch: + +»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!« + +Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle war ihm zu Kopfe +gestiegen und verwirrte ihn, er umfaßte ihren Hals und zerrte die +Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner +sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose Betrügerin!«, +ohne es zu wissen, und hätte die Hände nicht vom Halse Lalandas +gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis, +wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Empörung über seine +Dummheit nicht ihre Nägel in seine Hände gebohrt und endlich seine +Finger von ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell tief +in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tür hindurch in +das zweite Gemach. + +Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine +Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe. +Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick +gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und öffnete rasch den +Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und +so fuhr er von dannen, der Moldau zu. + +Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd über das schlechte +Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen +geworfen und geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose +Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein unsäglicher Ekel +schnürte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn, +daß es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein +Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume nicht erfüllt worden sind und +das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen in den Augen +steht und nur daran denken muß, wie ganz anders es sich den +Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham, +daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser +Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefühle +des größten Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen +hatte, die ihm winkten. + +»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. »Und das war +Lalanda, die Meerkönigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich +das überleben!« + +In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine +glitzernd da und der Kutscher öffnete den Schlag und, wie hätte er den +Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer +höflichen Verbeugung: + +»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir über die +Brücke hinüber?« + +Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin Ihr wollt,« sagte er, und +sich besinnend, fügte er bei: »bis ich Euch rufen werde, daß ich +aussteigen will.« + +Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den Bock und der Wagen +holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie +auf der einsamen Landstraße. + +Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er +sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide +zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, kühle, +königliche, ferne Meerkönigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif +war Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das +Gewöhnliche, Schamlose – ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn +schüttelte – das Dirnenhafte! »Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren +Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine +Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O, +ich hätte sie erwürgen sollen, diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!« + +Große Tränen rollten über seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner +Enttäuschung, mit seiner Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter +und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust +werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines +aus der Flasche, dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, die +Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Tränen und er rief dem +Kutscher zu, er möge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der +Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag entgegen. + + * * * * * + +Über die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht +gehabt, wie der Vater zuerst über das verstörte Gesicht, über die Wunde +an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich sein +Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung beichtete, darüber steht +nichts mehr – in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber, +daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und geküßt +hat und daß er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mußte über seinen +verträumten Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch tat, daß +im Leben jedes Mannes der Tag kommen müsse, an dem sein Ideal den +glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht +sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen +Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik, +daß Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr +verlautete. + +Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet haben; er wird wohl auch +ein anderer geworden sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem +fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas +angebracht und das Haus ›Zum Meerweibchen‹ genannt werde. In den alten +Büchern ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht in den +Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt Prag der Name Karolus +Werkmeister, Prager Bürger und Besitzer des Hauses ›Zum Meerweibchen‹ +und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und +gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch, +Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem +Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in zärtlichen +Augenblicken Medulina nannte. Und in den Büchern folgt auf diese beiden +Namen eine Menge Kinder. + +So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso historisch, wie sie +begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der möge ruhig in der Chronik +der Königlichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin +aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen, +das den gleichen Namen trägt wie diese Geschichte. Dann mag er +kopfschüttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis +zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit öffnen und auf den +Hradschin hinüberschauen, die Königliche Burg, die herrlich und +majestätisch von der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man aus +dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur historische Geschichten +erzählen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom +Meerweibchen. + + + + +Der Spiegel + +Eine Legende + + +I. + +Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem Recht und Fug ihre +Legenden verlegen dürfen, weil dazumal der Heiland und die Mutter Gottes +noch ein Vergnügen hatten, die Menschen zu lenken – jungen Eltern +gleich, denen die Kindererziehung noch Freude und Lust bereitet –, zu +jener Zeit also stand abseits von der Heerstraße mitten im Walde ein +weitläufiges, schönes Nonnenkloster von strengen Sitten, in welchem, +fern vom Lärm und Hasten der Welt, die Nonnen ein beschauliches und +ihrem himmlischen Bräutigam ergebenes Leben führten. Die Stille in +diesem Kloster war eine so große und die einschläfernde Macht der +Gewohnheit, unterstützt durch das gleichmäßige Rauschen des Waldes, eine +so überwältigende, daß die Geißel an der Wand verstaubte und die frommen +Frauen alt wurden und ehrwürdig dahinlebten, und daß eine Wolke der +Heiligkeit über dem Kloster schwebte. + +So ist es begreiflich, daß der Böse ein unabweisliches Verlangen fühlte, +in diesem Kloster seine Künste zu probieren, und daß er der Madonna, +als er sie einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner +Keckheit zurief, diese Burg der Frömmigkeit sei wohl auch nicht so +uneinnehmbar, wie sie glaube. + +Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen – wie sie der göttliche +Raffael uns überliefert hat – durchdringend an und sprach: »An der +Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und so sicher bin ich +meiner Sache, daß ich dir erlaube so lange darin zu verweilen, als ich +hier ein Vaterunser sage.« + +Der Böse erschauerte, da er den Namen ›Vaterunser‹ sprechen hörte, aber +er faßte sich gar bald und entgegnete: + +»Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile hier, und, ehe du +dein Sprüchlein geendigt hast, will ich wieder bei dir sein und mich +meiner Tat erfreuen.« + +Und kaum, daß er es ausgesprochen, war er in ein altes, runzeliges +Weiblein verwandelt, das an der Klosterglocke zog und hüstelnd im Tore +verschwand. + +Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und ausnehmend schöne Nonne +Pförtnerin geworden, Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des +Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Säugling an der +Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden und erbarmungsvoll in +den Schutz des heiligen Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr +Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten so selbstverständlich +und ohne Zweifel nachgekommen, daß die Oberin ihr den schweren Posten +einer Pförtnerin übertragen hatte. Sie hieß also Schwester Clarissa und +war blühender als je eine Nonne gewesen. + +Nun, da es läutete, öffnete sie dem hüstelnden Weibe ihr Schiebfenster +und fragte nach seinem Begehr. + +»Die Oberin Berthilde vom nächsten Nonnenkloster schickt dies +Gebetbüchlein der Pförtnerin Clarissa,« sprach das Weiblein, »daß sie es +als Geschenk annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres Postens nicht +abzulenken und als Erprobung ihrer Stärke gegen die Anfechtung der +Neubegier wünscht sie, daß die fromme Schwester Clarissa das Tüchlein, +drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem Buche wegziehe, als +bis der Mondschein durch ihr Fenster falle.« Sprach’s, und ehe die +Pförtnerin noch ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden. + +Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter +Gottes, als diese ihren schönen Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er +machte eine höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr +mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige Erlaubnis. Sein Werk sei +vollendet. Die Madonna aber lächelte milde und sprach ihr Amen und +schlug drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. Sie aber +machte sich auf und wandelte still ihres Weges. + +Als nun das Abendglöcklein geläutet und das Tor des Klosters +verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges +Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben +der Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze +Stube flimmerte in weißem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem +Abende der Mond vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk der +Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, »aber sie hätte +es, fürchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte +geöffnet! Ja, geöffnet! Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches +Gewissen, »und ich will es der Oberin gleich bringen!« Doch dabei +nestelte sie schon an dem Tüchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch +vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig +ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt gewesen. Es war aber gar kein +Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre +Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen +Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem +Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stück +leuchtenden Glases auch zuerst für den silbernen Beschlag eines +wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; als sie +aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll Neugierde darüber beugte, +sah sie darin ein menschliches Gesicht, blühend schön und mit lachenden +Augen, mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden Lippen, wie +sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und +schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen +gesponnen wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen an, +da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel +hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie +ganz, daß sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich +plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu +ergötzen, und deckte schnell das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie +nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schön +gewesen, als daß sie dem Zauber hätte widerstehen können. Sie lüftete +das Tüchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses +Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr +gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! »Morgen früh geb ich es der +Oberin,« sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit +glücklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel +freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr +Haar mit einem kleinen Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit +den Händen über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung, +als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie +sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte +passen müsse. Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die +Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die +Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem +blendenden Scheine ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor +sich hin! + +So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Bräutigam +vergessen! Eine unbestimmte, drängende Sehnsucht war in ihr erwacht, daß +sie lange mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich nicht satt +schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas unternimmt, das muß man ihm +lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn +das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem +Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm, +das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Bräutigam zu +schmücken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; daß sie den +schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken, +und ihn um den weißen Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um +nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schönheit zu übersehen. + +Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher Menschenspiegel, und +ein so starker Zauber ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, das +Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig +gemacht und, ohne die Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet +hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber +hatte sie in das Tüchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz +an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zöge, so +lustig und glücklich hüpften ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und +sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen. + + +II. + +Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das +prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich +geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf +Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch +schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen +wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig +und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der +weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die +Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner +und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in +diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen +getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit +verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig +hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich +gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste +Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er +als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war +seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er +fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht +unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten +seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner +Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete, +so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte +immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und +im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der +heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß +er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest +überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr +ein neues Reis ansetzen werde. + +Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen +Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen +Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem +melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu +probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und +Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen, +trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß +kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an +denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte, +und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich +neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg +geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen +lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken +müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht +schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen +wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei +war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit +und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er +freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er +sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit +scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber +umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen +Grafen eigentlich recht genügend waren. + +Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem +Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf +Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht +wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern +der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und +wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den +bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem +Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast +erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten +Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so +gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel +gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte, +war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte, +einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um +über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach +vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger +empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine +Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar +auseinander: daß nur _ein_ Mensch auf dieser Erde den armen +melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in +Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach +und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich +eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn +an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß +er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan +habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig +zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen +zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel +gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es +nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von +seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich, +während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine +philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst +bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was +vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit +so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem +Schlosse geschieden. + +Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem +melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen +Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht +angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von +dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines +Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen +fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt, +und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang +brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz +Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß +dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das +Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer +sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium +auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der +selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken +sollte, kein großes Vertrauen empfand. + + +III. + +Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Händen +zurückgekehrt waren, (weil jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft +beschwören sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte – +mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa +auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand +war bestaubt und von Dornen zerrissen, so daß es gar nicht mehr als +heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war länger geworden und +ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr das Wandern in der +frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot +weichen mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem +Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr +glückseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an +ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in ihrer glorreichen +Dummheit noch nicht, daß der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr +Sehnen zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies Geheimnis, +als sie ihren schneeweißen Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn +nun mit dem Tüchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da +sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Körper leuchten und merkte +zu ihrer großen Freude, daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser +Beleuchtung noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber freute +sich das arme betörte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott +für das schöne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen +Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter, +sondern aus ihrer reinen Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht, +daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte. + +Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau mit dem Spiegel in der +Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr +immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurückwich, +holdselig lachend und winkend; sie schmückte sich das Haar mit den +Blumen, die sie auf den Wiesen pflückte, und sah so mit den roten +Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzückende +Prinzessin aus dem Märchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein +phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller +Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne Gesicht im Spiegel, +daß sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege +begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem +Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so über alle Maßen +schön, daß keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, weil er +ihr so lange nachschauen mußte mit offenen Augen, bis diese ihm +übergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange +verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu haben; und wenn er ein +Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich +einen Reim auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen eine ganze +Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen: +›Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!‹ + +Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne +eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen +einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß jene unbeschreiblich +schöne Dämmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und +Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat +um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der +Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die +von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, und, ohne die holdselige +Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schloß, so über +jeden Zweifel sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst +gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig erwarteten. Als +er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob +sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel und Glückslärm, +der fast den schnarchenden Ritter geweckt hätte, wenn er sich nicht +einen so gesegneten Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das +ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa +mit dem Spiegel beim Fenster saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete. +Und ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie schon die ganze +Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie +vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls +ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich +doch, für ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu +können, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken +Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein großer und +aufrichtiger Jubel darüber in Schwarzenburg. + +Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse mit großem Geräusch die +Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff +genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so +rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun für den Grafen, +da alle eigentlich im innersten Herzen glücklich waren, den +launenkranken Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine Zeit los zu +werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer +verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt +hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett täglich +aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich eine behagliche Grube +in den Strohsack gedrückt zu haben. Er seufzte und schimpfte ärger als +ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so +beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei überwachte er doch +genau jegliches Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines +Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte, +ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rüstete sich überhaupt aufs +allerbeste für die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für die +Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und +Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit für +Regenwetter und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine Reisedecke, +bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn ja leider kein Diener auf dem +Pilgerzuge begleiten könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm +wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den +der Graf für sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide, +und einen Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen +Italiens schütze. Dann geschah eines Tages das Unerhörte, daß der dicke +Ritter, auf die Schulter seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem +Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im +Schloßsaale landete. + +Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß sie den Grafen in Empfang +nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung, +hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das +Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der +unglückliche Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die +Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, daß vor einem großen +Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und +ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend, +so daß sie sich auch von rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren +Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen +Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur daß er groß war und fest +an der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte ihr gleich den Saal +vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so +stand sie still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da sie nun der +Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich +derb mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle +Kanne Weins überlief. + +»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er dann, »mit einem solchen +eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!« + +Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an, +die jetzt, seit sie ihren Spiegel besaß, immer einen glücklichen Glanz +hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte, +die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu großen Hut in den +Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein +Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser +zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mußte einen +ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann +seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer +Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor +Bewunderung über ihren Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den +steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. Und als sie im Tale +angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine +Trompetenfanfare ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war es, als ob in +diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer zusammenflössen, die +Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstieß. + +Weil er ja geheilt zurückkehren würde .... + + +IV. + +So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit seiner schönen Begleiterin, +des Weges. + +Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger Mann, als daß er die +Begleitung der Jungfrau als ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm +sie vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht Dankenswertes +hin, indem er den Arm des Mädchens weidlich als Stütze ausnützte, jede +Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger Geselle +blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute +Ursache eines tiefen Seufzers für ihn, jede Speise, die ihm in den +schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten +Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den ersten Tagen gar +nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust +zu frönen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune +ihre müden Glieder auf das Lager streckte, während ihr dicker Herr und +Gebieter das beste Bett des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es +ihr zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit herzlicher Lust +zu sehen, wie ihr Blondhaar länger wurde und sich zärtlich um ihre +Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden +und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war überall, +wo sie hinkamen, ein großes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der +melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hören, was für ein +herrliches Mädchen er sich auf die Reise mitgenommen habe. + +Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, ohne daß er sie einer +Überlegung für wert hielt, da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe +geschwunden war und er nur immer an sein Unglück und sein Leid denken +mußte; höchstens, daß er ein pfiffiges Gesicht machte, wenn ihn die +Leute ob seines Geschmackes einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm +wohltat, als ein so überaus feiner und geschmackvoller Pilger angesehen +zu werden. Denn so sehr er auch seufzte und jammerte, tat ihm die +reichliche Bewegung im Freien doch wohl, und die Kräfte kehrten mit +jedem Tage mehr in das Gebäude seines stattlichen Körpers wieder. Seine +bleiche Farbe wich einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag +immer leichter auf der runden Schulter seiner Stützerin, da er bald +selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn er auch nicht unterließ über +jeden Stein am Wege oder jeden Regentropfen, der ihn näßte, einen +ordentlichen Fluch loszulassen. Die blühende Clarissa pflegte und +betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines Glücksgefühl +durchströmte sie dabei, daß sie einen kranken Menschen so warten dürfe +und dieser große und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie angewiesen +war. + +So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, nur daß die Flüche des +Ritters und seine Verwünschungen ihre Schritte begleiteten. Denn er war +gar nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu fragen oder +nach ihren Wünschen zu forschen. Aber nach einigen Tagen hielt es +Clarissa nicht mehr aus, so stumm neben dem traurigen Ritter +einherzugehen, und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach +war, zu berichten an, und der Graf ließ sie gewähren, weil ihm der Weg +auf diese Weise minder eintönig wurde. Er vergaß dabei wohl auch etliche +Male zu jammern und stellte sogar nach einigen Tagen, da der Redestrom +seiner Begleiterin zu versanden anfing, Fragen, die sie in ihrer +munteren und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam es so weit, daß +er dem Mädchen zögernd und unwirsch sein Leben erzählte, ohne viel +Rücksicht auf ihr Jungfrauentum, also daß sie manches hören mußte, was +ihr die verdiente Nachtruhe mit bösen Träumen störte und sie +nachdenklich und schreckhaft machte. Dann tröstete sie nur ein Blick in +den Spiegel, der ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot paßte, das +plötzlich ihre Wangen durchglühte, und wie seltsam ihre Augen +aufleuchteten und die Lippen sich schürzten, wenn sie an die Reden des +kranken Ritters dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr über +den Rücken herabflutete, in goldschimmernde Flechten drehen und +vergnügte sich nun lange damit, sie in verschiedenen Windungen um den +Kopf zu legen, Bänder und Blumen hineinzuordnen und ihrem breitrandigen +Pilgerhute alle erdenklichen abenteuerlichen Formen zu geben, je nach +ihrer Stimmung, hoffnungsvoll geschwungen oder kühn auf die Seite +gedrückt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer war sie von neuem von +ihrem Anblick entzückt. Bei Tage aber wanderten sie tapfer dem Süden zu +und waren schon mitten in den Tälern der Alpen angelangt, als ihr eines +Tages der Ritter erkrankte. + + +V. + +Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel, +sondern bloß die Ausbrüche seines Schmerzes und seiner Verstimmung über +sein Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen Schreck +darüber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen +Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein +wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also daß er sie +in der Nacht an sein Lager rufen ließ. Er lag stöhnend und jammernd in +seinem Bette und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß dies +nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben +müsse. Er zerriß das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor +Wut und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt habe, um ihn +elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn +sicher vergiftet, so brenne es in den Gedärmen und so rasende Schmerzen +empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die +erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung +hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener Märtyrer er +sei. + +Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte +nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brüllenden +Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich über +ihn, leise mit ihren Fingern über seine Stirn streichelnd, und der +Mantel war ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. So +stand sie da in ihrer Schönheit, die Fluten ihres goldenen Haares +jauchzten über ihren schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden +Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das groblinnene Hemde. + +So beugte sie sich über den Grafen, der zum ersten Male seit langen, +langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes +Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als +daß er darum weniger gestöhnt hätte, er wälzte sich vielmehr nur um so +ungebärdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und +Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens von seinem +Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte, +weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid +neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer +Seelenangst inbrünstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe, +herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit +sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich in den Sinn, und +weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkräftiges +erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter +ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile. + +Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurückkehren sah und sie +ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und +Herzensreinheit, da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er +glaubte, daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit +aller Wucht auf den Boden, daß er in hundert Stücke zersplitterte; dann +aber, als ob er seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf sein +Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein. + +Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war +ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche. +Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien +es ihr, als stünde draußen die Mutter Gottes, genau so schön und +lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten +Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen +Blicke ansähe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das +Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still +und zufrieden schlafen sah, auf den Fußboden neben sein Lager hin und +schlummerte bis in den Morgen. + + +VI. + +Am nächsten Tage, als der Ritter morgens früher als seine schöne +Begleiterin aufwachte, war ihm viel, viel wohler, als er sich +eingestehen wollte. Und das erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel, +war nicht sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, wie +sie sich über ihn gebeugt und seine Stirn gestreichelt hatte. Er sah das +volle Blondhaar um ihren schönen Nacken fluten und die milden Hügel des +Busenansatzes über dem sittsam geknüpften Hemde und schloß gleich +wiederum als ein Schlemmer und Feinschmecker aus früheren Zeiten die +Lider, um sich in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er dann +die Augen wieder öffnete und die Maid auf dem Boden daliegen sah, den +rechten Arm unter dem schönen Haupte, wie sie mit halb geöffneten Lippen +friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen auf die +Schläferin und ward nicht satt, sie zu betrachten. Kaum aber, daß +Clarissa die Augen aufschlug, als hätten die Blicke des Grafen sie +geweckt, da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, beiseite, +die Augen schließend und Schlaf heuchelnd, bis er endlich mit einem +tiefen Seufzer erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen Tag +begrüßte. Nicht ein Auge habe er die ganze Nacht geschlossen, log er +gleich in seiner alten Weise, wenn er auch vielleicht scheinbar den +Eindruck eines Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich eben zu +fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, wenn nur die Schmerzen ein +wenig erträglich seien. Clarissa natürlich, sagte er giftig, sei da auf +der Erde gelegen und habe geschnarcht wie eine Säge durch Querholz, daß +er schon deshalb nicht hätte einschlummern können; und schon schrie er +nach seinem Morgenimbiß, da ihm sonst sein Magen verbrenne. + +Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel um sich gezogen, dann +brachte sie dem Ritter sein Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben +zusammen und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie barg sie dort in ihr +armes Tüchlein wie eine kostbare Habe, ohne auch nur die geringste Lust +zu verspüren, in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. Denn es war ihr +so seltsam im Herzen seit dieser Nacht, daß sie immerfort an den Grafen +und seinen Schmerz denken mußte, mit einem tiefen, herzinnigen Mitleid +und einem traurigen Gefühle darüber, daß er so barsch ihre Hand +weggestoßen hatte; und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder +ihre Hand auf seine Stirn legen zu dürfen. So machte sie sich rasch +fertig und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, um ihn +zu pflegen, wenn er ihrer bedürfe. + +Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre Handreichungen hin wie +etwas Selbstverständliches und war um so rauher, als er eine seltsame +innere Nötigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen und hätscheln zu +lassen. Und je inniger und liebevoller sie sich seiner annahm, desto +unebener und schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die nur dann +glücklich sind, wenn sie quälen können. Im Herzen aber hatte er nur den +einen Wunsch, daß bald wieder Nacht werden möge, damit er wieder +Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern und die +Lieblichkeit ihres Leibes beschauen könne. Indessen lag er im Bette, aß +und trank wie ein Gesunder, freilich, wie er sagte, ohne Hunger und +Bedürfnis, nur um recht bald wieder aufbrechen zu können. + +So war langsam Abend geworden und Clarissa hatte gefragt, ob sie sich +neben ihn auf den Boden legen solle. Da war sie aber schlecht +angekommen. Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer trollen, +er wolle heute schlafen und da könne er ihr Schnarchen nicht brauchen. +Er drehte sich der Wand zu und schwieg hartnäckig auf alle ihre Fragen, +so daß sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und sich leise aus dem +Zimmer davonschlich. + +Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte und seufzte und konnte +lange keinen Schlummer finden. + + +VII. + +Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tür +gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter +wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht +ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll +herzlichen Mitleids in das Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser +Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens +schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wütender +im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes +Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in uneingestandener +Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen können und +nur wünschte, sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, mit +aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich über sein Lager beugen. +Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das +Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und +er war ordentlich wütend darüber, daß sie seinem geheimen Wunsche nicht +nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den +ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an +die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu +streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen. + +Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun über +den Armen, ihm die Stirn berührend. Er ließ sich das auch heute +gefallen, nur daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des Schmerzes +sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor +Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil +sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm sein Leiden so gar nicht +abnehmen konnte. Sie strich ihm milde über das Haar und sprach zu ihm +mit zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, das sie in den +Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufstöhnte und mit klappernden +Zähnen jammerte, daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu +ihm und breitete ihren Mantel über seine Bettdecke. Er aber umarmte sie +wie in schrecklicher Angst und drückte sie heiß und fest an seine +wogende Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie in ihrer +jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er +auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte +und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und großes Glück und +das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in +diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war, +durchströmte sie, daß sie die Augen schließen mußte und sich den +Umarmungen des Ritters willenlos ergab. + +Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer +schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der +Arm des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte der Pilgerin. + +Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst über die +Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr +zumute, dann aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen stürzten +aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie war +glücklich, daß der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in +die Augen schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in +ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee, +versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser +Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglöcklein +des Glückes herüberläutete, und im Gefühle der glühendsten Scham, aber +ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem +Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie +sich und betete, daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen +und zugunsten des Ritters verwenden möge, damit er endlich von seinem +schweren Siechtum und seiner Melancholie erlöst werde. + +Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer Ermattung aufgewacht und +dämmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem +Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem großen Stolze +hin, daß er sein Stücklein so gut durchgeführt hatte, und träumte schon +wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen +Jahre nur ein böser Schabernack gewesen wären und alle Damen noch +dasäßen und warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebesnot +erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner +Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen +Morgenimbiß zu bringen. + +Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wäre, so hätte er vor +Glückseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun +mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengruß über die +bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen +und sie war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, daß die +Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten +und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich +aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt +geworden, daß er ein großes Jammern anhob und ein über das andere Mal +ausrief, daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte +gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen +sollen. Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das habe der +verfluchte Medikus so fein eingefädelt und der Teufel habe ihm dabei +geholfen. + +Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus +gesund fühlte, wirklich schlecht und empörend in seiner Selbstsucht und +Lust, andere zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese +Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert und verlor völlig +ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glückseligkeit hatte sie den ganzen +Morgen über vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf das +Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit dem Grafen vor den Papst +zu treten. Sie fiel ihm zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß +ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. Der traurige Ritter +aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das +Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört und +unglücklich aus dem Zimmer davonwankte. + + +VIII. + +Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie +sich unter ihr Bett und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben +ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter +und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande +gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß sie vor dem +Altar kniete und heiß und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem +Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, mit +seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, die aus einem kindlich +geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte +tröstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu +ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters +Heilung verwirkt hätte. + +»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd +und Mutter, neige dich meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen +Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile den armen Grafen, nimm +mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich +armselig und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen +könnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die +ich dir weihe, denn sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.« + +Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu +Füßen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten +aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor +Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie +verhüllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden +Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den +Tränen erschüttert, endete sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige +mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich stürbe so +gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!« + +»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter +Gottes. Denn sie lächelte mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und +sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne +emporzuschauen, aus der Kapelle. + +Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem +Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fügte es die +trostreiche Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel, +in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gütige Madonna selbst saß +bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen +Sünderin und hatte das Tüchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht, +vielleicht weil sie den Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die +gute Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als der Ritter +wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus +schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der +schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging +mit dem Päcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter +aufzusuchen. + +Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer +eintrat, donnerte er ihr schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie +sich schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein Mitleid mit seinem +Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lästerworte hinzu, da ihn +schon wieder die Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna +vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen +angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also: + +»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du mich in der +selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise gekränkt und beleidigt hast, +bist du wirklich also verstockt und böse, daß dir die Scham nicht die +Stimme verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich +stützte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest, +nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um +meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du +mich von dir jagen, anstatt mir die Füße zu küssen und um meine Gnade zu +bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, daß ich +dir beistehe in deiner unmännlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du +Abscheulicher!« + +Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos +über diese Kühnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur +untertänig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wütend war +er, als er sie so dreist sprechen hörte. Dann aber lachte er böse auf +und wollte aus dem Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr +Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken, +das den Ritter bedeckte, aufhob, schüttete sie die hundert Scherben auf +sein Lager, daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper verstreut +waren und er wie in einer Dornenhecke lag, daß ihn jegliche Bewegung +verletzen mußte, so daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte +sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen hätte und rührte +sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze +Maid, die ihn gebändigt hatte. + +So gern nun diese auch gelacht hätte, da der verdutzte melancholische +Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen +Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng +und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise +ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager +gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, falls er ihren +Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war für diesen +selbstherrischen und gewalttätigen Mann, der durch Jahre hindurch seine +Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, daß die anderen vielleicht +auch einen Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem +Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rühren zu +dürfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor +ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz aus seinen Augen wich +allmählich der Verwunderung, dann einem ängstlichen Staunen und +wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm wurde +und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der +Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern ihn gleich rüttelte, wenn er ihr +unachtsam schien. + +So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je +gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich +geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten +Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz +elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem +Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich +eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung +aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei +der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr +schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das +ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen, +da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er +die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er +nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er +verbrochen hatte. + +So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse +Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er +ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette +auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen +ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie +ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und +achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen +Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein +Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen +rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung +erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!« + +Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer +zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die +Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke, +da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat. +So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und +wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten +Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen +wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie +erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen +Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und +seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde +liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen +Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du +wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch +meine reine und echte Liebe verschönt sein!« + +Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und +erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe. + +Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das +Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die +Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager +zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar +ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat. + +Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen +Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, – nachdem sie sich +in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt +hatten, – um nach Schwarzenburg heimzuwandern. + +»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf +sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg. + +»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, und, da eine Lerche +sich vor ihnen tirillierend in die Lüfte schwang, da war es ihm, als ob +seine Seele auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten +Sängerin seinen Gruß zu: + + »Tandarada, Tandarada! + Welch ein Wunder mir doch geschah!« + +Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen! + + * * * * * + +Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu +und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht böse: +ich weiß keinen Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der – Gott sei bei +uns! –, wie sich der Böse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat! +Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch +gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, daß ich, nur um +euch einen Schluß zu dieser Legende berichten zu können, mit ihm hätte +sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gnädig! + +Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Gräfin Clarissa von +Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen +Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes +weihte, hängen zwei Bilder, von _einer_ Künstlerhand gemalt und beide +berühmt ob ihrer Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute: +die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hält und sich holdselig und +lächelnd in dem Glase betrachtet.... + + * * * * * + + + + +Von =Hugo Salus= erschienen bisher: + + +=Novellen des Lyrikers.= Dritte Auflage. Egon Fleischel & Co., Berlin. + +=Gedichte.= Zweite Auflage. Albert Langen, München. + +=Neue Gedichte.= Albert Langen, München. + +=Reigen.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München. + +=Ehefrühling.= Fünftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck von Heinrich +Vogeler-Worpswede. Eugen Diederichs, Leipzig. + +=Susanna im Bade.= Buchschmuck von Wilhelm Scholz. Albert Langen, +München. + +=Christa.= Ein Evangelium der Schönheit. Buchschmuck von Emil Orlik. +Zweite Auflage. Wiener Verlag. + +=Ernte.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München. + +=Neue Garben.= Gedichte. Albert Langen, München. + + * * * * * + + +Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 35 + + +Novellen des Lyrikers + +von + +Hugo Salus + +Preis geh. M. 2.—; geb. M. 3.— + + +=Aus den Besprechungen= + +=Dresdner Anzeiger:= Mit dem Begriff Novelle im klassischen Sinne, im +Geiste Maupassants etwa, darf man freilich nicht an diese überaus zarten +Stimmungsbilder herantreten. Das Improvisierte, bisweilen Skizzenhafte +des Rahmens, in dem uns ein Eindruck, subjektiv empfunden, lyrisch +ausgesponnen, entgegentritt, ist von dem Greifbaren, ja Plastischen, das +der Epiker geben will, himmelweit verschieden. Das aber gerade macht das +ganze Freie, Urpersönliche des Verfassers aus, der ja nirgends den +Lyriker verleugnen will, und dem epische Versuche im herkömmlichen Sinne +gar nicht gelingen. Durch die lyrische Stimmung, die er in den besten +Stücken ganz einheitlich festzuhalten weiß, durch eigenen Ton, der so +gar nichts literarisch Gewolltes, oder gar Konventionelles hat, schlägt +er uns in Bann. Es kommt Salus gar nicht auf die äußeren Geschehnisse, +sondern auf das innere Erleben an. Ganz wundervoll ist das einem echten +Dichtergemüt entsprungene Märchen: »Wo kommen die Kinder her?« + +=Hamburger Nachrichten:= Einen besseren Titel hätte der Dichter seiner +Novellen-Sammlung nicht geben können, denn aus jeder seiner Erzählungen +spricht so unverkennbar der Lyriker, der zartbesaitete Gefühlsmensch, +dem alles, was er sieht, viel weniger in realer Gestalt als vom Hauch +der Poesie verklärt erscheint, daß man oft Verse und nicht Prosa zu +lesen glaubt. Wenn man auch in manchen Dingen anders – nüchterner und +deshalb vielleicht klarer – urteilt als Hugo Salus, immer achtet und +schätzt man den feinsinnigen Poeten, dessen Bilder in wohltuender +Reinheit vor uns erstehn, dessen Sprache den Stoff meistert und ihn +beschwingt. + +=Heimgarten, Graz:= Seltsame kleine Geschichten eines wahren Dichters +in der feinen rhythmischen Sprache, an die uns Salus in seiner Lyrik +bereits gewöhnt hat. Aus unscheinbaren, den profanen Blicken meist +wertlosen Dingen und Geschehnissen erträumt sich seine Muse ihre +wunderlichen Abenteuer und gestaltet sie zu kleinen Novellen, die man +allerdings nicht »spannende Geschichten« nennen kann im landläufigen +Sinn, die aber feineren Lesern ein willkommener Genuß sein werden in +ihrer tiefen Symbolik und ihrem demütigen Gefühl für die Wunder des +Lebens. + +=Das Literarische Echo:= Der Lyriker, der uns diesmal Novellen +darbietet, hat einmal in seinem ersten Versbuche ein sehr sinniges und +schönes Sonett geschrieben, das nunmehr verleugnet ist. Damals sagt er: + + Zu schmal ist meines Dichterhauses Schwelle, + Die Tür zu niedrig. Des Gewandes Falten + Muß selbst die Lyrik eng zusammenhalten + Will sie besuchen mich, die sonnighelle. + + Doch für mein Ideal, für die Novelle, + Ist schon die Tür zu eng. – – – + +Nun hat sie dennoch Eingang gefunden. Wenn man will, durch ein +Hinterpförtchen, denn unter den schematischen Begriff der Epik lassen +sich die zarten, duftigen Geschichten nicht so leicht einfügen, weil sie +Bilder und Träume, spinnwebfeine Fabeleien und verlockende Plaudereien +sind – Novellen des Lyrikers und nicht Novellen schlechthin. Der epische +Kothurn fehlt; Salus sitzt nicht am Vorlesetisch, sondern näher, viel +näher. Ein anheimelndes Gefühl, eine liebliche und vertrauliche Art +liegt in der persönlichen Diktion – gleichsam als säße man +freundschaftlich mit zusammengerückten Stühlen um einen Tisch, und +einer, irgend einer, aber ein Kluger und Feiner, begänne mit einem Male +eine Geschichte zu erzählen mitten in eine Plauderei hinein oder in ein +Schweigen. + +Jene schöne Mühelosigkeit, die das leichte und doch so geschickt +gesponnene Gefüge von Salus Weisen uns lieb und wert macht, verleiht +diesen Geschichten eine unliterarische, würzige Frische, eine +Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das Absichtsvolle, das ja in jeder +belletristischen Schöpfung fühlbar wird, möglichst unterdrückt.... Nicht +einen Neuen gewinnt man mit diesem Buche lieb, sondern den lyrischen +Fabulanten, den klugen, geschmackvollen und feinsinnigen Dichter des +Lebens, Hugo Salus, der selbst in der kleinsten Facette das Bild der +großen Kräfte zu spiegeln weiß. + +=Die Zeit:= In dem neuen Buche von Hugo Salus haben mich die +Titelnovelle und »Das Register« entzückt. Die erste Novelle sollte die +dramatisch bewegte Geschichte einer verratenen Frauenseele werden. Salus +hatte die feste Absicht, es auf der »ehrenwerten Landstraße der Sprache, +die auch einmal zwischen Kornfeldern und Kartoffeläckern dahinführt,« zu +versuchen. Doch er ist Lyriker, und – »man ist nicht ungestraft zwanzig +Jahre seines Lebens Lyriker, bloß Lyriker!« Er schweift von der +ehrenwerten Landstraße immer ab, in »Blumengärten und feierlich +rauschende Haine«, die Stimmungen lenken ihn ab, das Singen der Worte +verführt ihn. Eine »echte, epische Novelle«, eine ordentliche Geschichte +wird’s eben nicht. Aber in diesem Bekenntnis liegt so viel Feinheit und +eine so liebenswürdige Ironie, in diesem spielerischen Vortrag ein so +lebendiger und biegsamer Geist, daß ich die »Novellen des Lyrikers« für +ein Kabinettstückchen der Prosa halte. Über den Titel freilich und +besonders über den bestimmten Artikel darin ließe sich streiten. Die +Storm, Keller und Meyer waren bekanntlich auch Lyriker, und auf der +»ehrenwerten Landstraße« der Sprache haben sie dennoch mit viel +Vergnügen und großem Erfolg getrabt. Es mag ihnen ja manchmal schwer +geworden sein, die Zügel etwas straffer anzuziehen, aber sie haben es +verstanden. Und schließlich versteht es auch – Hugo Salus selbst, wie +»Der Handschuh«, »Der Becher der Mensane« und »Der Toast« beweisen. Nur +weiß er, daß ihn alle Welt als den Sänger kennt, durch dessen Lieder die +Sehnsucht mit prinzessinnenhafter Grandezza schreitet und aus dessen +Versen Amoretten kichern. Darum glaube ich, daß er den Titel aus einer +gewissen Koketterie hingeschrieben hat, wenn diese auch nicht frei von +Wehmut ist. Als künstlerisches Eingeständnis kommt mir die erste Novelle +jedenfalls ungemein interessant vor. Und nun möchte ich schnell über all +die hübschen Stücke, die jedem etwas bringen, über all die ergreifenden +Liebesgeschichten, phantastischen und sinnigen Erklärungen, übermütigen +Nordseebilder und glückseligen Italienfahrten, zu der kleinen reizenden +Novelle »Das Register« eilen. (Folgt Inhalt.) – Es ist ja nur ein +zierlicher Einfall, dieses Geschichtchen. Aber mit der Kunst eines +echten – Lyrikers erzählt. Bei dem närrischen, sentimentalen und +liebreizenden Dialog der beiden Mädchen mußte ich an die +Mädchengestalten denken, die Klimt auf seinem Schubert-Bild gemalt hat. + +=Die Zukunft:= Die Leute, die zu tun haben, wenn andere dichten, +streiten sich jetzt weidlich herum, ob diese »Novellen des Lyrikers« +auch wirklich »Novellen« sind oder nicht. Sollte man’s heutzutage noch +für möglich halten? So hängt uns also noch immer das Zöpfchen hinten und +Schablonisieren und Kategorisieren ist noch immer die Seele von Tantchen +Kritik? Salus hat doch deutlich gesagt, daß er »Novellen eines Lyrikers« +geschrieben hat, und dieser famose Titel kann wohl allenfalls eine neue +Richtung für Prosawerke schaffen, schließt aber doch von vornherein jede +Taxierung und jeden Vergleich aus. Zum Glück ist man bei Bezopften und +Unbezopften so ziemlich darüber einig, daß es sich hier um wahrhaftige +Kunstwerke handelt, ob sie nun das Novellenpatent besitzen oder nicht. +Eigentümlich ist diesen seinen Ich-Geschichten, die so persönlich +anmuten, daß sie wie aus einem großangelegten Tagebuch herausgeschnitten +scheinen, ihre Entwickelung aus dem Symbol. Dichterseelen sind +hellsehend und für Salus sind die seltsamen Zusammenhänge zwischen den +Dingen und ihren Wirkungen, zwischen dem Stoff und dem Geist eine +märchenreiche Domäne, in der seine starke Phantasie sich – fast möchte +man sagen: »mit Behagen« – ergeht. Das ist es auch, was diesen +Dichtungen in Prosa ihre besondere Tiefe und Nachwirkung verleiht: Salus +fabuliert in einem Lande, das nicht auf der Oberfläche der Empfindungen +liegt; man muß gewillt sein, ihm ins Symbolische und oft auch bis ins +Mystische zu folgen. Das gilt allerdings nicht von allen Stücken seines +Buches; bei manchen herrscht scharfe Deutlichkeit und die Erzählung +fließt sicher dahin wie ein wohleingedämmtes Bächlein. Bei anderen +Stücken aber tritt die Symbolik in ihr Recht, der Phantasie des Lesers +(wenn er eine hat) ist dann ein wohltuender Spielraum geboten, und er +kann auch gewissermaßen (wenn er’s kann) ein bißchen mitdichten. In +dieser intensiven Mitbeschäftigung des Lesers liegt dann die dauernde +künstlerische Nachwirkung. + +Eine Schwalbe, die in den Rachen eines hölzernen Todes fliegt, als +dieser eben, als Spielzeug einer Turmuhr, zum Stundenschlag die +Kinnladen öffnet, und die nun im Innern des Todes gefangen bleibt, bis +die nächste Stunde sie wieder befreit: ein prächtiges Gleichnis für eine +am Leben irrgewordene, verzweifelte Jünglingsseele, die eine Stunde lang +den Schauern der Vernichtung preisgegeben ist, bis sie, mit +neugewonnenem Lebensmut, wieder dem Licht und der Freiheit +entgegenfliegt. In dieser Erzählung von der Schwalbe (und nicht in +dieser allein) kommt Salus unserem lieben Meister Gottfried Keller in +wunderliche Nähe. Noch bezeichnender für den Erzähler Salus ist wohl +aber die feine und seltsame Geschichte »Hände«, in der sich uns ganz +neue Empfindungsgebiete erschließen. Zu einem Sterbenden wird in der +Nacht der Arzt und der Priester gerufen; und nun stehen beide an seinem +Lager und jeder tut das Seine. Da bricht der Mond mit gespenstischem +Leuchten durch das Fenster und nun reden die salbenden Hände des +Priesters, die forschenden Hände des Arztes und die stillen, vergehenden +Hände des Sterbenden im fahlen Mondlicht eine tief ergreifende Sprache. +Drei einander fremde und ferne Welten, drei ungeheure Reiche aus dem +Weltall der menschlichen Seele berühren sich in diesen Händen. Solches +Hervorzaubern großer Ausklänge aus alltäglichen Geschehnissen ist für +Salus sehr charakteristisch. Die tiefen Wirkungen dieser von der +Frömmigkeit eines wahren Dichters verklärten Erzählungen entschleiern +sich freilich eher einem naiv empfänglichen Gemüt als einem kritischen +Kopf. + +=Leipziger Tageblatt:= Mag er der großen und kleinen Kinder Frage: _»Wo +kommen die Kinder her?«_ beantworten oder von der jungen _»Schwalbe«_ +erzählen, die im Rachen der Turmuhr verschwindet und dabei zur +Offenbarung für ihn wird, oder in _»Der Becher der Mensane«_ ein Märlein +aus der Landsknechtszeit dichten, in _»Toast«_ tiefstes Frauenleid +offenbaren, in _»Hände«_ eine sinnige Betrachtung über der Menschen +Sterben geben und in _»Das Symbol des Lebens«_ ein Bild von hinreißender +Schönheit und Tiefe, immer überwiegt das Lyrische, immer taucht der +Erzähler seine Figuren und Geschehnisse in den Glanz und den Schimmer +der Poesie. Aber der Leser darf dessen schon zufrieden sein, denn der +auf diese Weise von dem Buche ausgehende Stimmungsreiz ist ein ganz +außerordentlicher, und einen ebenso großen Genuß gewährt die +künstlerisch ausgearbeitete, vornehme Sprache. Und als Drittes kommen +das Licht und die Wärme der Darstellung in Betracht: die jauchzende +Frohlaune in _»Seebad«_, die tiefe Innigkeit in den schon erwähnten +Novellen »Wo kommen die Kinder her?« und »Das Symbol des Lebens«; +empfängliche Gemüter werden davon bis in die Tiefe der Seele gepackt +werden und sich nur schwer von dem Buche losreißen können. + +=Nord und Süd= (Breslau): (Inhalt.) Wir dürfen nach solchem Wurf mit +hohen Erwartungen den weiteren Prosaschöpfungen des Prager Poeten +entgegensehen, dessen Persönlichkeit in ihrer echten Vornehmheit, +sympathischen Liebenswürdigkeit und inneren Reinheit eine doppelt +erfreuliche Erscheinung ist in einer Zeit, da selbst begabte Frauen – +bei denen wir Männer anfragen müßten, was sich ziemt – wüste +Dirnenlieder zu singen keine Scheu tragen. + +=Westermanns Monatshefte= (Berlin): Manchmal sagt ein einziger Buchtitel +zur Charakteristik einer Literatur- oder Geschmacksrichtung mehr als +lange Untersuchungen und Abhandlungen. Wie mit Zauberschlag erleuchtet +er ein ganzes Gebiet, das für das kritische Auge bisher im Dunkeln +schwamm, das weder rechte Form noch rechte Farbe zu haben schien. Das +war der Fall, als der Prager Schriftsteller _Hugo Salus_ vor kurzem eine +Sammlung kürzerer Erzählungen unter dem Titel: Novellen des Lyrikers +erscheinen ließ. – Auf einmal wußte man, was eins der entscheidendsten, +wenn nicht _das_ Kennzeichen der jungösterreichischen Novellistik ist: +der starke lyrische Einschlag, der allen ihren Geweben eigen. Arthur +Schnitzler, J. J. David, Hugo Salus, Felix Salten, Karl Federn, Emil +Ertl – sie alle verleugnen selbst da, wo sie, wie David in seinem +Ȇbergang«, modern-naturalistische Stoffe ergreifen, die starke lyrische +Ader nicht, die ihrem künstlerischen Organismus erst das Blut zuführt. +Fast überall taucht Salus seine kleinen und großen Handlungen in Glanz +und Schimmer, gibt in Prosa aufgelöste Rhythmen und hebt die Welt seiner +Menschen mit zärtlichen Armen über das Alltägliche hinaus. Stoffe und +Schauplätze der Salusschen Novellen sind so verschieden wie möglich: ein +zartes, sinniges Märchen, das Kindern den Ursprung der Kinder mit +naturwissenschaftlicher Wahrheitsliebe und doch feinem Herzenstakt +deutet, steht neben einer geschehnisfrohen, in toller, überschäumender +Lebenslust schwelgenden Landsknechtgeschichte; eine Landschaftsstudie +vom Strande von Westerland steht neben einer kleinen Novelle, die ganz +durchglüht ist von der sehnsuchtsvollen Freude an Italien, neben einem +Stück Selbstbiographie, das ein Bild aus dem modernen Prag zeichnet, +damit zugleich aber tief in die Geschehnisse einer menschlichen Seele +hinableuchtet. Doch nirgends ist es eigentlich das Was, fast überall ist +es das künstlerische Wie, das den Leser anzieht und fesselt, wie der +Dichter selbst sich augenscheinlich weit mehr von den Worten und Tönen, +von den Farben und Formen, von den Bildern und Symbolen als von der +sachlichen Handlung und dem Fluß des äußeren Geschehens hat ergreifen +lassen. Freunden romanhafter Ereignisse sind die »Novellen des Lyrikers« +deshalb weniger zu empfehlen als artistischen Feinschmeckern und +Liebhabern erlesener Kleinkünste. + +_Dr. Friedrich Düsel._ + + * * * * * + +Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch. + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. Die Liste der bisher vom Autor erschienenen Bücher wurde +zur Verlagswerbung ans Buchende verschoben. + +p 059: Kapitelnummer hinzugefügt: I +p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse +p 084: Anführungszeichen ergänzt: ... sie ist eine Palma!« +p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers +p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen +p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem +p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter +p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt +p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen +p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken +p 228: von dem Bildern -> den +p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a first +edition copy. The table below lists all corrections applied to the +original text. The list of other books published by the author was moved +to the end of the book next to the other advertisements. + +p 059: added chapter number: I +p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse +p 084: added closing quotes: ... sie ist eine Palma!« +p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers +p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen +p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem +p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter +p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt +p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen +p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken +p 228: von dem Bildern -> den +p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER *** + +***** This file should be named 17130-0.txt or 17130-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/7/1/3/17130/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das blaue Fenster + Novellen + +Author: Hugo Salus + +Release Date: November 22, 2005 [EBook #17130] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + + + + + +Das blaue Fenster + + + Novellen + + von + + Hugo Salus + + + +Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1906 + + + +Alle Rechte +vorbehalten + + + + Inhalt + + Seite +Pietà ..................... 1 +Der Rächer ................ 57 +Das Meerweibchen .......... 115 +Der Spiegel ............... 173 + + + + +Pietà + + +Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Verträumtes; es +ist so, als hätten die Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das +Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben ist, bis +die Bäume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es, +einsamkeitssüchtig und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, um +fürder recht als ein Einsiedel hoch oben im grünen, stillen Forste zu +träumen. + +In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit und der +Märchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem +Heiligtume ehrlich und wundergläubig wie ein Kind. + +Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im +Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich +aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so daß es +gleich den Anschein weckte, als wäre an einen alten Wartturm später die +Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer in dem +Gefühle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so daß ich lächelnd +nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes +gewahrte. Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das Innere des +Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der +wenigen Bänke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand +sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen +Fräuleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so +daß sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag. +Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der +gegenüberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich +schimmernd, so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurückverfolgte +und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von +einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da +schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte +mich darüber, aber so, daß der bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde, +und blickte nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer solchen +Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkämpften Frieden, daß +ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar +umrahmte die eingesunkenen Schläfen, die Augen wölbten die zarten Lider +wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den +eingefallenen, verhärmten Wangen umso ausgeprägter empor, aber das +Wunder war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, um den ein +Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen +läßt, die viel, unendlich viel gelitten haben. + +Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl träumend die +blauen Strahlen mit meinen Händen auf und goß sie dann wieder über das +bleiche Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre Geschichte. + +Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer +wie ein Wunder, daß weit von hier, hoch in den Wäldern droben, ein +Kirchlein steht und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die +Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl +noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkämpftem Frieden. + + * * * * * + +Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um das weiße Schloß. Die Täler +hinab bis an die Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan und +über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller Forst mit +sturmerprobten Bäumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit +seinem spitzigen Dachhütlein schweift der Blick wie über ein +großwelliges Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, über die +schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, über das bläuliche Grün der +Forste am Horizonte, die wie breite Moosflächen sich an den runden +Himmelsrand schmiegen. Und drüber über dem besonnten und doch so dunklen +Grün schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein +Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein, +der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig in seinem Schlosse +sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige +hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar +lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten sitzen durfte und +dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr +schäumte, wenn sie prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine +edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten ein glückliches +Jahr in dem weißen Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu +gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches Ereignis +und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine +schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt +verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen +sollte. + +Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig auf ihrem Lager, +auf ihre entstellten, schlaffen Brüste niederstarrend oder im Spiegel +die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit +unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt +und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht +geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem +Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis +zeigen: so häßlich schien sie sich, so zerstört deuchte sie ihr +Liebesglück, so abscheulich ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer +wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei +schöneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme überrascht, +da sie sich eben über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden, +rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling in die Höhe hob, +wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke +Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind +gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des +Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde +kommen konnte. + +Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der +Wärterin und späterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr +bedurfte, trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen +jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, daraus sie noch elender +und siecher hervorging. + +So daß die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit +verträumte. + +Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher +Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von +neuem gehofft hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt gelegt +hatte, müsse sich endlich heben und die Augen der Gräfin wieder klar, +heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche +verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes +Nichterkennen, eine böse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst +so schönen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren +düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß der Jammer mit knochigen +Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos, +gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte +und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte. + +Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schloß berufen, die in +Trauerkleidern das verschüchterte Kind leitete und die auch das +Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und +zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war +es für das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam und +mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht, +eines Kindes Seele zu eröffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein +Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und +ihre Flügel zu lösen vermag. + +So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und +verträumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und +sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern, +seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne daß +sie wußte was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten lassen. +Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr +abergläubische und wunderbare Märchen erzählt bis in die Dämmerung. +Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und +ihr immer wieder verstohlen zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis +einer der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei wieder schlimm +geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen. +Und hatte nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und die Märchen +verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme +nachdrängte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder fürchtete in +seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm +verbarg, und das es entdecken wollte. + +So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tür +schlüpfte und plötzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin +eine große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und händeringend +umherirrte und sich dann erschöpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf +jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt +wieder empor und starrte plötzlich mit dem weit offenen Munde einer +Maske und mit entsetzten Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand, +und dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte +die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der +Tür gedrängt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt. + +Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie +jene Frau drüben, nur daß es nicht schreien konnte, und endlich in den +Armen seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des Kindes, ein +heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes Gemüt. Und so lag Berta die +ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und +die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drückte, als wolle sie +alle bösen Geister davon abhalten. + +Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele Jahre älter machte, wurde +die kranke Gräfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde +gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom +Schlosse emporklomm; so daß in den folgenden Nächten denen im Schlosse +unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen +Schlafgemach der Gräfin. + +Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr +nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und +verzerrte das Gesicht wie in einer großen Angst und stöhnte aus seinen +Träumen. Da wußte sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes +unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer +keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den +Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten +und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb +Berta durch viele Monate. + + * * * * * + +Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. Dann aber fuhr sie +von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Güte der +Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen, +denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa +vierzehn Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die +Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu dürfen; was +ihnen in ihrer bedrängten Lage gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie +waren einst selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden, +allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, so daß sie gern ein +Lehen des Grafen empfingen. + +Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit +all der überschüssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern +zugedacht war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, das +anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau +wußte wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand +es in ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, daß sie es nun +pflegen und ihm die Mutter ersetzen dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in +einer jener fürs ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu Herzen +spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums +sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als +Antwort und Beweis, daß er sie verstanden habe, die Mutter weinend und +wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrückt und ihr dann +geschworen, er wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen. + +Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet +und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen +Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen +lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen +herumträumen, als das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind +mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie +des Grafen Kind war. Und er freute sich, daß sie in seinen Märchen so +gut die traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen konnte, +die auf ihren Ritter wartet. + +Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen, +gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wußte gar +manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten +sitzend, erzählten sie einander von ihrem Leben. + +»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, »der Vater möchte mich zu +einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder +ein berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter, +meine liebe Mutter« ..... da unterbrach er sich aber, denn er hatte +einen flüchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen +still. Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid, +sie waren so traurig, und plötzlich schlang er den Arm um die Schultern +seiner Gespielin: »Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns ist es schön +und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mußt du an meiner Statt +bei der -- bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann +immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald +gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte er in +der eindringlichen Art von Kindern. + +»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch einmal zu uns aufs Schloß +kommen.« Dabei rückte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte +ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann mußt du über den +dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist, +und mußt ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit uns +kommen! Willst du, willst du?« + +»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und stolz, daß er um das +Geheimnis wußte. »Ist das meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen +Bertas mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist, +die arme, erschrockene Frau drüben, warum lassen sie mich nicht zu ihr? +Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich +erblickte?« Und sie streckte die Hände weit von sich und machte das +entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war. + +Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, und sie saßen eng umschlungen +unter dem alten Baume, und sie weinte, während der Knabe die von Tränen +Erschütterte nur immer an sich hielt und streichelte. + +»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da sie allein miteinander waren, +»Mutter, sprich, warum weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem +großen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt, +daß sie keine Mutter habe?« + +Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft, +daß jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe +Mutter, nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen +gesenkt, so daß sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes +Kind sehen könne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche. +Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube +sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen können. Aber einmal +werde gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und heilen werde! + +»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe. + +»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken die Mutter, »an dich +habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele +gnädig und behüte dich!« Und sie bekreuzte den Knaben. + +»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glücklich,« +trotzte der Knabe. »Und darum will ich im Kloster fleißig lernen und +dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt sein +werde. Und dann will ich die Frau Gräfin gesund machen und Berta soll +sich freuen und lachen!« Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt +wissen, Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist, +und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzählt, +über die du selbst immer lachen mußt!« + +»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte die Mutter. »In der +Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt, +und da hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, aus dem +Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr +Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schönes Märchen +geträumt!« »Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem Pferde und +es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Füßen!« + +Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit. + + * * * * * + +Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen +sollte, da führte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem +Lieblingsplätzchen und sie waren beide beklommen und traurig. + +»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst den Winter über bei uns +bleiben, ich aber muß fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder +zurück.« + +»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken. + +»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß ich auch über den Sommer +im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre +noch heim und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.« + +»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte Berta fast zornig, »und +wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten +verbieten!« + +»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte der Knabe, »was liegt +dir denn an mir!« + +Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an +und es mußte ihr sehr nahe gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen +mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, die groß und schwer +über ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein, +weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und +wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen +die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause. + +»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon. + +»Daß nur die Mutter nichts merkt!« schluchzte Berta. Und es war ihnen, +als ob nun ein schweres Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide +noch enger aneinander kette, und wußten doch nicht, was sie getan +hatten. Und als Leon am nächsten Tage davonfuhr, da hob er, als die +Mutter unter dem Tore just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hände +gegen Berta und sie nickte ihm voll Einverständnisses zu, obgleich sie +beide nicht wußten, was Geheimnisvolles sie damit ausdrücken wollten. + +Und der Wagen verschwand im Walde. + + * * * * * + +Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt hatten. Als Leon im +nächsten Jahre nach Hause fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale +unten friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast schmerzlich bei +dem Gedanken, daß er nun Berta wiedersehen werde, nach der er sich das +ganze Jahr so sehr gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die +Worte: »Liebe, liebe Mutter, wie sehn' ich mich nach dir! Du liebe, +liebe ....« und schon sprachen die Lippen auch weiter -- »liebe, kleine +Berta, wie wirst du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!« + +Dann aber erschrak er über den Verrat seiner Lippen und schloß die +Augen, um recht innig an die Mutter zu denken und jeden andern Gedanken +zu verscheuchen. Aber er mußte zwischendurch manchmal Berta sagen, oder +er kehrte das Wort um und sagte Atreb vor sich hin in spielerischer +Knabenart, Atreb und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen +Geschichte wären! + +Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher hatte durch Peitschenknall +die Hofleute benachrichtigt, und da stand der Vater und lachte in den +Sonnenschein und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. Nur Berta fehlte. + +Und dann lag Leon in den Armen der Mutter und bekam vom Vater den Kuß, +der ihn von dem ernsten, zärtlichkeitskargen Manne immer so erregte, und +mußte viel erzählen und berichten, und dann ging er an Mutters Hand +durch die Zimmer und Ställe und Wirtschaftsräume und erfuhr alles Neue, +das sich auf dem Hofe begeben hatte. + +In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm er sich ein Herz und fragte: +»Was ist denn auf dem Schlosse Neues? Lebt die Gräfin noch?« + +Da huschte ein Lächeln über Mutters Gesicht und sie antwortete mild und +legte dabei ihre Hand auf Leons Haupt: »Berta kommt heuer nicht zu uns, +sie ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo sie einige Jahre +bleiben soll, um Sitte und höfische Art zu lernen. Und die Gräfin lebt +in dem Turme im Walde und ist nicht gesund geworden.« + +Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und die Mutter merkte wohl, +daß eine Hoffnung in seinem Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine +zuckenden Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drückte des Knaben +Haupt wärmer an sich und sprach: »Die arme Gräfin!« Als glaubte sie, daß +den Knaben das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte. + +Und dann kam Leon wieder ins Kloster und wurde Chorknabe und im Jahre +darauf verfiel er in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam +erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, als er das Kloster verließ, +um nach Italien zu ziehen und dort in den tiefen Schacht der +Wissenschaft hinabzusteigen. + +Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause und die Augen seiner +Eltern blickten besorgt auf das bleiche Gesicht des schlanken Jünglings +und fürchteten sich vor der Trennung. + +Die Pflicht erforderte es, daß Leon sich erst dem Förderer seiner +Studien, dem Grafen, vorstelle und ihn um weitere Gnade anflehe. + +Und so ritt er denn eines Morgens langsam den Talweg dahin, nicht wie +ein Soldat, der er hätte werden sollen, sondern recht als ein Scholare, +müde auf dem Pferde sitzend und dem Rößlein ganz die Wahl der Gangart +überlassend; so daß die Sonne schon recht im Sinken war, als er das +weiße Schloß Eberstein erreichte. + +»Ist der gnädige Herr Graf daheim?« fragte er den Pförtner am Burgtore. + +»Der komme abends heim! Aber die Gräfin Berta sei zu Hause, ob der +Ritter nicht der sein Anliegen vorbringen wolle?« + +»Wenn mich die Gräfin gnädig anhören mag?« sagten da seine Lippen. Aber +sein Herz war wieder ganz kindisch geworden und eine demütige Angst +quälte es. Denn er hatte doch oft in den letzten Jahren an jenen Sommer +gedacht, und die Erinnerung war ihm lieb und innigwert geblieben. »Und +meldet einen ehrerbietigen Gruß des Ritters Leon Feldegg von der Meierei +im Tale, ob sich die Gräfin seiner noch erinnern mag?« + +Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen hätte! Das tat es +seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch +wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die +Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt. +Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken möchte! Und er sah +Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren +war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam +aber auch schon der Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die junge +Gräfin erwarte. + + * * * * * + +Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers entgegen, darin sonst +ihr Vater seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem +Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt +hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des +Zimmers eine große Mädchengestalt und hörte eine holde Stimme: »Tretet +ein zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele +ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick +verwundert und ungläubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete, +da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wölbung streifte, +weil es ihm ein Wunder schien, daß die Jungfrau das Kind von damals sein +sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken. + +Dann standen sie einander gegenüber und sahen einander an. Er stammelte +einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie +ihm die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. Sie erinnerte +sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch +ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an +jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so +vollendet und überlegen, daß Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte +nicht mächtig war und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte +entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er +bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., aber da stockte er, denn er hatte +sagen wollen, daß er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe +sich vorgenommen habe, beim Worte 'Mutter' im Vaterunser immer an Bertas +Mutter zu denken, und daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit +beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis entfliehen +wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, daß er +tief atmen mußte, um es zu meistern. + +Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne daß +sie es wußte, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er +auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob +die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und +freudig berichten, wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas +Mutter im Turme oben fragen solle. + +Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir jetzt von Eurem gnädigen +Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu +gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.« + +»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« sagte Berta. Dann +schwiegen sie eine Weile still, plötzlich füllten schwere Tränen Bertas +Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!« + +Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele +brächten, fuhr sie fort: »Leon, Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich +bin!« + +»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! Und ich denke Euch +in Stolz und Glück! Was quält euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir, +was macht Euch unglücklich?« + +Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: »Wenn +ich Euch helfen könnte! Meine arme, liebe ...« + +Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen +hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich +schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man gibt mir +kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglücklich!« Und +die Augen mit den Händen bedeckend: »Unglücklich!« + +Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrängten Körpern wie +in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten, +und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie +fühlten, daß sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er +sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berührten, immer die +gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, liebes Liebes!« + +Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, und suchte ein Wort +und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen hätte, so fest +drückte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort +gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! Nur ein +Tränentröpflein Mitleid!« + +Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz, +wenn er die Verwalter oder Bauern verhörte, und ließ sie sanft +niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie +ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich die Stimme seiner +Mutter nach langen Jahren hörte und daß ihr Herz sich beruhigte. + +»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß ich über Eure Rettung +sinne?« fragte er. »Wann kann ich Euch wiedersehen?« + +»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« sagte sie. + +Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenüber Hand in Hand +und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen +und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt hatten...... + +Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete, +als ob die Wände ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und +er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt auf diese einfache +Melodie. + +Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schüchterne Scholare, +er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß +ihm auch fürder Schutz und Unterstützung. + +Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt, +wie sich der Ritter so verändert hatte. Und wenn es auch nicht verstand, +was er mit den Worten 'mein Rößlein in Pelzstiefeln!' meinte, so mußte +es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar +zärtlich den Hals. Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille. + + * * * * * + +Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung, +weil das holde, schlanke Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß +der jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln +machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher, +Leid über das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele +erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß er die Stunde +des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner +Erwählten herbeiwünschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen, +ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr +beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer +sein, was sie so schmerzlich erregte. + +Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan, +der über die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel, +wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem +Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte. + +»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut vor sich hin, »Elend für +deine Bewohnerin und tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig +wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von deiner Höhe über +ihres Vaters Land schweifen zu lassen.« + +Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und setzte sich auf die +Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit +Moos überwachsen war. Dort unten sah er das weiße Schloß und in jenem +Tale drüben mußte seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht +finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die +Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als er »Ave Maria, Mutter +....« sagte, da hörte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und +half Berta aus dem Sattel. + +»Bist du so allein durch den Forst geritten?« fragte er besorgt. Und +sie fühlten gar nicht, daß sie einander von jetzt ab wieder du sagten; +so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so +ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen. + +»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der +sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte sie den Wert jedes Augenblickes, +als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie +sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den Laut ihrer +Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd entgegen: »Meine Mutter ist mir +mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein +Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, ich bin ihm zu viel, ich +hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern läßt. Du guter +Leon, wenn du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden +muß, wie oft ich mich in meiner Mutter früheres Krankengemach flüchte +vor den Blicken der, der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen -- +»der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an +seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte +heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor Leid +vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht! +Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie +könnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!« + +Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnsüchtig +und hoffend zu ihm empor. Da hörte sie von seinen stummen, zuckenden +Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des +Mitleids, und sie lächelte glückselig, da sein Mund sich auf den ihren +senkte. + +Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre +Rede war immer das eine Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und +in ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, bis sie scheiden +mußten. + + * * * * * + +Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob er der Mutter von seiner +Liebe erzählen solle; denn er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge +erwachsen würde. Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, eine +Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den süßen +Augenblicken des Glückes beim Turme fast störend der eine Gedanke +gequält, daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte beglücken und +entzücken sollen, sein Blut zum Sieden hätte bringen müssen, das +beunruhigte ihn, das störte ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der +Haß und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach für seine Eltern +und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele +Unterdrücktes: eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen +drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. »Ich kann doch +nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!« +wiederholte er. Und so kam er zu Hause an. + +Vater war noch im Forsthause draußen und so saß er mit der Mutter allein +in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen, +die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen. + +Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon seiner Kinderträume nicht +ledig geworden sei, nun hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne. +Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, dann ließ sie die +Hände in den Schoß fallen. + +»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, »so müßt ihr auch den +Mut für eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel +Ausdauer brauchen!« + +»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte Leon hastig. + +»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug!« sagte die kluge +Frau. »Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr +Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht für längere +Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen! +Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie +wohl ein Brieflein dabei finden!« + +Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hände küßte, +gefühlt, daß er ihrer würdig werden müsse und daß ihn diese edle Frau +nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte +sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich stark und sicher. + +Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte +recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten +Zusammentreffen zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte +im Herzen Leon, der so feinfühlig war, sie nicht beschämen zu wollen. +Sie umarmten und küßten einander beim tränenvollen Abschied und +gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr von seiner +Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen einander, den Abendglocken +ihre Grüße mitzugeben, daß die sie einander entgegen schwängen. Und dann +wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes +Schleierwinken in seiner übervollen Seele mit nach Italien. + + * * * * * + +Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universität bleiben +wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut, +wie er sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, aufrecht +erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das +Leiden der kranken Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken +und gründliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen +Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn +endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen und dabei den +einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen +Puls lange geprüft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn +Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Süden zu, indes +wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren +mochten. + +Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frühling werden +wollte, da kam ein unstillbares Drängen über ihn, daß er seinem +gelehrten Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, ihm sei, +als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; ob der verehrte Lehrer ihm +nun das Mittel für die kranke Gräfin schon jetzt geben könne. + +Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen +allerlei seltsamen Kolben und Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases +hervor, die in einem Bleirahmen gefaßt war. + +»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm mit nach deiner Heimat. +Und hänge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke +dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir, +es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das +die übergroße und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende +Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange +genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht +Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein! +Vergiß aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses +künstliche und außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die +Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das könnte sich an +der zarten Komplexion seines Aufbaues sündhaft rächen, sondern mußt es +in Händen nach Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es immer +an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst +der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und möge das +heiltüchtige Fenster auch deinen schwachen Körper stärken und +kräftigen!« + +Leon dankte seinem Meister in heißen Worten und versprach ihm, so ihn +hoffentlich bald wieder ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu +berichten und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres Bild vor +Augen hatte. + +So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden. +Er hielt die Glasscheibe in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs +Knie, wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch stieg er auf den +beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zügel um den Arm +geschlungen, und ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie +eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele Wochen vergingen so, ehe +er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat +näherte. Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler sein Gesicht, je +öfter er Halt machen mußte, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um +so heißer ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und +schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm +das Bild seiner Geliebten verloren ging also, daß er Tage und Nächte +lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und +krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast +zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit +am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Täler seiner Heimat. + + * * * * * + +Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, seine geliebte +Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und +dem wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu erfahren, was +auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang +keinen Brief von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben je in +die Hände seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem +Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem +Schlosse abzweigten, da war ein auffällig großes Leben auf der Straße, +viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als ob +gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. Da stieg er, immer von +seiner großen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg, +jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom +langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem +Bäuerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Straße habe. Der +schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn nicht wisse, daß morgen die +Hochzeit sei. + +»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen Leons. + +»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen,« sagte +gleichmütig der Bauer und wollte weitererzählen. Aber er blieb mit +offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die +verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild vor sich hielt. + +»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so verändert und nicht von +dieser Erde aus, daß dem Bauer angst und bange wurde und er mit großen +Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer +entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe. +Und er hatte kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern entgegen, +die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm +gar nicht erst und hielten ihn für trunken, weil er so seltsam +schwankte, und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem Schlosse +fließen werde; da möge er sich nur für morgen seinen Saufsack ordentlich +ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine Braut, +meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht möglich!« und dann stieg er +mühselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen; +wozu das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war. + +So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Händen und +ritt auf dem Waldpfade gegen das Schloß, indes die andern auf der +breiten Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen seit +Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hörte nicht das +Rauschen seiner Bäume, darnach ihn so heiß verlangt hatte, und schaute +abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen. + +»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, und die nickten dazu, »das +also ist der Schluß!« Als er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen +den Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und +da Leons Augen die weißen Mauern erschauten, da war das Weh zu groß in +ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er +weinte, daß das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der +stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte +in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein beschnupperte seinen Herrn und +verstand ihn nicht. + + * * * * * + +Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lächeln war um +seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist +doch nicht möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am +Abend in den Dörfern singen: + + Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus, + Kam just der Hochzeitszug heraus, + Feinsliebchen unter dem Schleier.« + +Er sang die Strophe leise und schwermütig vor sich hin und dann lachte +er laut auf. »Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das +ist die Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. Gott im +Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie +hintreten, daß sie mich höhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei, +der es wagt, die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? Und soll +ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen läßt? +Ich Narr, der ich ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber +ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, ich muß es ihr +sagen, daß ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wäre, daß ich ihre +Hochzeit störe, ich muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an +sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und +Hochzeitsgeschmeiden für mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief +schicken!« rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr einen +Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie +zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich +ihr ins Gesicht ...« + +Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel +und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rückkunft, wie er sich +freue -- Tränen liefen ihm in seine Zeilen --, wie er sich freue, daß er +noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß er für die Frau Gräfin +das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fügte bei: denn +ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das +Arkanum übergeben; er werde bis zum Abend dort warten. + +Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück funkelte ihm +entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis +zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn, +ob er das Gold verdienen wolle. Er müsse nur sogleich dies Brieflein zur +Gräfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim +bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam und sein Goldstück +empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über +seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte +die Glastafel in Händen, ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu +halten. + +»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch zur rechten Zeit gekommen +bin, wie würde sie mich in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir +weinen!« Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle +Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in +seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch unglücklich sein könnte, daß +auch sie viel großes Leid erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen +konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung des +verschmähten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tölpel +und leichtgläubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen +und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, daß ihr ja +nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied: + + »Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus, + Kam just der Hochzeitszug heraus, + Feinsliebchen unterm Schleier.« + +Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim +Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die +Bank beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder und stützte seinen +schweren Kopf in die Hände. »Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen +wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« -- Er hatte in +der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn +er fühlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit +lähmte ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte er. Sein Kopf +fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin......... + +'Nur jetzt nicht sterben!' dachte er, 'nur jetzt nicht! Ich muß erst mit +Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie +mich elend gemacht hat!' + +So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch ein wenig empor und +krampfte die Hände zusammen, denn er dachte, daß er Berta bei den +Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht +schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen +Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in +seiner grenzenlosen, heißen Erregung bewundern und lieben müsse. Und +dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr überreichen. Mit den +Worten des Meisters: 'Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll +Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas +schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas +übergehen und die Seele rein werden!' Und er wollte dann Berta sagen, +sie möge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er +versprochen, ob er gleich selber .... + +»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, »daß sie den Triumph +nicht erlebe, mich gedemütigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren +Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz +zerbrochen!« + +Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, müde und mit zerrendem +Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm. + +»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf Erden, meine Hoffnung +und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten,« und sie +weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch an +sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine letzte Zuversicht, du mein +einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!« + +Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine Beine unter ihm +schwanden, er fühlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust füllte, um die +Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das ist zu +viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« ..... + +Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schweiß bedeckt, da +ließ sie seinen Körper auf die Bank niedergleiten: »Um des Himmels +willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht ......, +meine Hoffnung, mein Glück, Leon, mein Leon!« + +Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm +leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr: + +»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe +Braut, ich bin unwürdig, erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan? +Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es +zu spät ist!« + +Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst, +denn er keuchte wie im Fieber, erzählte sie ihm, wie ihr Vater den +einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor +den Dienern und seiner ...., vor 'ihr' mit einem häßlichen Schimpfwort +geschmäht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf +andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie +dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugeführt worden +sei und wie sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer noch +auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt bist du da, mein lieber, +lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!« + +»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig aufsetzen, aber er +glitt fast von der Bank, da faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er +an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der +Hand auf das Glasfenster und erzählte ihr mit stockenden Worten, was für +eine Bewandtnis es mit dem Glase habe. + +»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er dann mit klarer Stimme, +»ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht, +dafür muß ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« -- Und mit der letzten +Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, vergib mir!« Dann griff er +nach seinem Herzen, »Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« und +dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da streckte der Tod schon +seinen Körper, es war ihm, als ob er noch aufstehen könne, ihm zu +entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß Bertas +nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war tot ... + +Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag über ihren Knieen, ihre +Rechte stützte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie +beugte ihr Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes +Gesicht ... + +Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden +und heilige Stille. Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur saß +Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre +Augen sahen verständnislos in sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines +Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie sie +den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, »Leon!« aber +er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und +lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, ihr Leon, +ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jäh in ihrer +Brust empor, plötzlich löste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete +tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet hätte, und +dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein gequältes Tier, schrie mit +entsetzlicher, ihre Kraft höhnender Stimme, einer Stimme, davor die +Vögel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein +Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschütterte und die in ihrer +furchtbaren Stärke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drüben an die +Felsen anprallte und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte +nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie mußte schreien, auf +Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben +Ohren, nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, wie ihre +Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer +getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel +schreiend, emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, ihrer +zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie +schrie und wußte nicht, daß die Amme aus dem Turme getreten war, +emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und daß hinter ihr, der +Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Gräfin sich zur +Tür geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem +Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und +gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und +schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen, +und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam heran und sprangen von den +Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und +waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, daß +sie hier die Gesuchte finden müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als +er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht +kannte. + +»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen Zorne, »hintergehst du +mich so?« und er stürzte sich durch den Kreis der Fackelträger zu der +Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße liegen hatte, +daß er schwer zu Boden fiel, und da sah er, daß der Mann tot war, und +schlug eine fürchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und +lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! Herr Landgraf, +Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der gibt kalte Küsse, der tut Euch +nichts mehr in diesem Leben!« + +Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn +mit ihrem Körper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen +Rechten. + +»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!« + +Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf +die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand +merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich +wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe +anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand .... + +Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf +die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und +verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute +glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und +konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann +beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann +die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich +zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten +nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom +anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der +bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und +bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und +sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren +Teil haben!« + +Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war +finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten, +warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort +fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr +ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie +beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und +zogen zu Tale. + + * * * * * + +Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder +schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen +hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die +Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und +Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter. +Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und +wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als +vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe +ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr +Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer +Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter +Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne +streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt +durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte. + +Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß +Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß +und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert +hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen +gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre +erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen +waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider +über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich +vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und +der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der +Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie +ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber. +Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer +wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die +Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust +sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das +Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße +Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der +Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern +verborgen. + +Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte +sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote, +indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen. + +Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod +Bertas zu melden. + +Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten. + + * * * * * + +Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie +ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale +träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein +an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der +Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt. + +Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in +den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem +blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe +und Güte der Mutter Leons passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein +oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die +nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der +Schlummernden zaubert.... + + + + +Der Rächer + + +I. + +Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in einem jener schmalen Täler, +über welche jetzt auf kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur +Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehöft derer von +Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum 'das +Schloß' genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von +ihren großen und weitläufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus +gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre +schlechten Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten. + +Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage ein +junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt, +der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken das Gepäck des +Herrn führte. Der hieß Riccardo Fabbri und war ein +sechsundzwanzigjähriger, schlanker Mann, der eben von einem jener kühnen +Seezüge zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften zu so +großem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als +Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit +den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen +Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre +ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen +Seufzer freilich, daß sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren +vergrämt über seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glück +mitgenießen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll +heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester +umschloß. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der +ganzen Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames +Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glückliche +Genua seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er denn zwei +Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen +gewissen Glanz nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen +Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen glanzvollen Träumen +von Glück und Reichtum die Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben +fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er +gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und +freute sich die ganze Zeit über auf die Szene, die sein Erscheinen und +die Bewunderung der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß er +eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er bei seiner Heimkunft ein +so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit +Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als daß er +sich dadurch hätte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr +fröhlich vor sich hin oder streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes, +das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen +dankte. + +»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« sagte der Offizier dann +zu dem Pferde, »greife nur tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg +acht! Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, »scheint auch +lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen, +wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen läßt!« + +»Vielleicht liegt's an mir, Signor,« lachte der Diener, »ich bin seit +meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine +Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande +bringen; ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen +Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!« + +Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte +seinem Herrn näher zu kommen. + +So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich +sahen sie das einsame Schloß auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte +das Herz, er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rührung zu +verbeißen; für so weichmütig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber, +als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe +hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem +ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem +»Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt hatte, ritten sie in den +Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden. + +Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nächten, da er die Wache +auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude +ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch +mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglücken sollte! +Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine +Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß auch nur +er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer +harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das nun +ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt war, da fühlte er wirklich +eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig +machte, da er es sich doch so groß und herrlich vorgestellt hatte. Als +aber dann -- endlich -- die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo, +mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, da verschwand +jegliches andere Gefühl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder +die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Tränen +flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschütterte ihre schmächtige +Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er +wiederholte nur immer wieder die Worte »Mutter, meine liebe Mutter«, +wobei auch ihm große Tropfen über die Wangen liefen. + +Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der +Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, die sie erbeben ließ, sondern auch +ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich +niedergekämpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren +sollte; so daß sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie +in einer großen Angst nur um so inniger umarmte und an sich preßte, als +könnte sie dadurch die Beantwortung dieser quälenden Frage weit, weit +hinausschieben. + +Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen und er die Mutter +beschworen hatte, ihm alles zu erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die +geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit +gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas noch Schlimmeres sich ereignet +habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete, +so daß er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der +Zukunft starren mußte. + +Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verführt! Er hörte +nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich +zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen +Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglücklich +sei: er wußte gar nicht, daß nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des +Jammers und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem Herzen +weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor +sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde +sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe kein Leben, +keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann +aber durchtobte ihn ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte +sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos in die Arme +seiner Mutter. + +So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mühen +der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein +Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten +Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstörte, seinen +Stolz beugte, sein Glück höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft +geschmiedet hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die seine Mutter +und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schloßgemächer in Glanz +und Glück hätten schreiten sollen. + +Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche ohne Frieden starrte, +schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren, +in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt: +Rache an dem Verführer .... + + +II. + +Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag, +und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und +Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche +Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem +vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein +Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen +Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so +sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte +schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die +prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben +nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken; +dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem +Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier +bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino +hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und +dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in +die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der +Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr. + +Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um +Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten +Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude +aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren +Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht +gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren +Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein +junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders, +zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias +entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine +Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen +wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser +Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten +und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie +ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in +der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines +edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und +aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu +liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil +schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer +jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine +Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen +geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden +waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter, +rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles +gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches +Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne +auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und +nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten +Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma +gewendet habe. + +»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß +dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur +keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!« + +Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet +hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua +zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein +bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn +erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen +wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in +die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres +schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die +Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um +aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte. +Dann ritten sie abends in Genua ein. + + +III. + +Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen +Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald +schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten +die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt +ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder +mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den +Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete +Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und +Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine +überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos +Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von +Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie +gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der +junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem +der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er +plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem +Kriegszuge teilzunehmen. + +Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand +seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung +seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus +und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen +seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte. + +Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick +wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen, +seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte, +als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte. + +Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in +der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer +Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen, +vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der +Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den +Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren +in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem +alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise +verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in +seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben +hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als +wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige +Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach +erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer +Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von +ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht +viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin +liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus +Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem +Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude +des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener +Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse +sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten. + +Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten +Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt, +da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem +ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in +eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des +Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn +über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der +einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich +nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen +ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers +gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender +in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine +brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines +verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß +entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das +ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah +die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine +entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert +hielt, weil _er_ sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo +umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause, +durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt +entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu +sprechen, niederstoßen. + +Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er +den Grafen Palma sprechen könne?« + +»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.« +Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen. + +»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht +zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach +Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres +heimkehren!« + +»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine +Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn +dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere, +daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie +vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar +nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?« +wiederholte er. + +»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei +unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze +römische Adel versammelt ist.« + +»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast +mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch +die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und +zerschmettert. + + +IV. + +Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm +zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu +Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah +sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und +ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie +seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr +verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und +zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort, +von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort +stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das +Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm +seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als +ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn +er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann +müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl +einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem +Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua +heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen +Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so +lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er +eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der +gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und +Verwandten des Papstes, in Rom weilte. + +Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller +Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte +auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch. +Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn +Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe, +daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal +aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der +Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon +am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus +der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat. + +»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du's oder ist es +dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt? +Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen +Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!« + +Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der +wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd +tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich, +er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden, +auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne. +Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer +aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude +des Wiedersehens zu deutlich leuchtete. + +»Freilich bin ich's, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf +den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit +meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.« + +Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem +Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg +müsse. + +»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer +gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du +meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat +gesehen hast!« + +Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge +stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter +den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo +schon im Palaste der Spada. + + +V. + +Der große Palast seines Gastfreundes war wie ausgestorben, denn der +Vater Emilios war nur für einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach +Rom gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim Papste vorgeführt +und war dann wieder auf sein Sommerschloß zurückgekehrt, indes Emilio +noch in Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr Riccardo am +Abend, da die beiden Kameraden, von einem aufmerksamen Kammerdiener +trefflich bedient, bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl hielten +und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen über gemeinsame Bekannte, +über die Aussichten des nächsten Frühjahrs und seiner Unternehmungen, +und Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute Offizier, wie ihn +seine Kameraden liebten und schätzten. Er war angeregt und fast heiter, +und als gar da Spada den Namen Palma erwähnte, der Riccardo plötzlich +still gemacht hatte, und davon sprach, daß die Palma die Nachbarn seiner +Eltern in Bosco rado seien, da wurde Riccardo fast übermütig in seiner +Freude, er erhob das Glas und leerte es, er ließ sich von dem gern +bereiten Emilio immer wieder von der Schönheit Francescas, der jungen +Gräfin und Schwester Ermetes, vorschwärmen und war schon ganz bereit, +mit seinem Kameraden und lieben Freunde Emilio gleich am zweitnächsten +Tage in die Berge zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie Feuer +durch seine Adern. + +»Schade, daß Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!« sagte Emilio, +»jeder Tag wäre zu einem Feste geworden!« + +»Ja, bitterschade!« wiederholte Riccardo; er war ernst geworden. »Den +hätte ich gern gesehen! Sie haben in Genua viel von ihm gesprochen!« + +»Und sicher nur Gutes!« rühmte Emilio. »Die Männer lieben ihn und mit +den Weibern versteht es keiner wie er! Den müßtest du kennen lernen, +Riccardo, und wenn das Glück es gut meint, kommt er früher heim, als +seine Eltern glauben. Mit dem würdest du bald Freund sein, ihr paßt +zusammen!« + +Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, er glaubte seinen +Schwertgriff in den Händen zu halten und schwang doch das Weinglas, daß +der rote Wein blutig über seine Hand spritzte. Er wollte etwas +Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber es gelang ihm nicht, und +er sank hilflos und verloren lachend in seinen Sessel zurück. + +Da brachte ihn Beppino zu Bette. + + +VI. + +Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen +und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da +wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war +verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und +Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für +den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald +erledigt hatte. + +Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen +Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm +ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch +sein Hirn geschossen war. + +»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst +übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen, +der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen, +um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die +Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor +Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist +auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen +absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die +Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden +Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich +machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da +ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an +den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor +mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend +nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich +immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner +Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß +ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt +die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht +mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu +machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und +wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den +letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und +ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben +und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!« + +Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe +ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es +einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte +nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende +Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum +erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein +kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger +hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den +herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je. + +»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler +werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie +einen Liebsten?« + +Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den +Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr +begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen: + +»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz +schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich +sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da +Emilio schwieg. + +Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann +klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem +großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im +Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte +Antwort war: + +»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist +nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!« + +»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber +er hemmte sich. + +»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine +Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie +schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann +munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!« + +Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand +die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den +Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er +biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem +Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel. + +Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so +närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse, +Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom +blauen Himmel heben.« + +Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und +fast zärtlich: + +»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob +du Geschwister hast?« + +»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist +vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine, +liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.« + +Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen +Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener +Waldlichtung, sitzen die Palma.« + +Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine +Antwort von vorhin verstehen!« + +»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo. + +Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen. + + +VII. + +Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe +die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde +verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die +Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses +daraus erzeichnen konnten. + +Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht +sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen +Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem +fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb. + +»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die +Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich +kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für +meine unerwartete Heimkunft!« + +Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit +einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten +sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für +kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen +und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu. + +»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter +Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann +überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann +im Lichte erkennen lassen.« + +Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend, +seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die +Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann +traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten +zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und +seltsam genug darbot. + +Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen +Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften +Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen +und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln, +indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten. +Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den +Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die +weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden +Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu +der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken, +riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten +Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert, +aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und +die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber +große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von +Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft +begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne. + +»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und +machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine +Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu +dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht +Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das +Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.« + +Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein +phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche +Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten +hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem +Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen +sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu +erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor, +den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden +berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald +schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war +dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste +belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele. + +Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes +sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe +hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei +Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend +und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst, +welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte +sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht +irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die +Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse. + +»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut +flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er +dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine +Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das +ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so, +du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm +nicht wehren konntest!« + +Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in +strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser +Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie +etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des +anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht +lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und +glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem +lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er, +als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und +zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein +Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der +eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem +Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere +herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein +lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach +verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang +nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen +nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden +Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen +Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende. + +Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen +Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele +noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und +zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger +kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den +Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch +mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich +gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo +unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und +atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht +ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie +ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und +plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter +bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und +hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und +ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und +während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr +dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin +Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der +Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch +die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und +Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die +weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische +zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch +ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise +gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das +Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten +mußte. + +So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde +von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf +seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne +gedacht zu haben. + + +VIII. + +Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab +er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am +vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur +gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen +und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz +in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt +ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust +bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre +liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er +und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht +Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in +einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere +Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht +er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das +begehrenswerte Wesen _lieben_ lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen +sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der +Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er +schämt sich vor sich selber. + +So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres +Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen +Worte: 'Sie ist eine Palma!' beantwortet hatte. Sein heiteres +Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins, +an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache. + +»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist +so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das +Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so +rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden +Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz +erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie +sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt +nicht auch sie vielleicht eine Schuld? + +Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine +Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er +machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins +Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo +in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken +seiner Einsamkeit zu entfliehen. + + +IX. + +Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten +Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein +Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den +andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im +Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch +an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft +vermisse. + +»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh +aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind +mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa +weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.« + +»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als +Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie +nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber +sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili, +der dessen acht hatte, sagte spottend: + +»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den +Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in +dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!« + +»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr +möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht +zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges +begegnen.« + +»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur +mein Pferd satteln lassen.« + +»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr +verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.« + +Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier +heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und +sprengte davon. + +»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch +fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat +es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer -- +bei aller Liebe zu Emilio -- heute wohl nicht so leicht aufs Pferd +gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut +hätte!« + +Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so +schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios +getroffen war. + +'Ich muß sie einholen,' sagte er sich, 'ich muß sie noch einmal sehen!' + +Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber +auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er +werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der +Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte. + +'Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,' dachte er, 'und doch +hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den +Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der +Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.' + +Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den +steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte. + +Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und, +vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten +des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen +Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen +Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen. + +Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der +er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie +hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in +ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein, +weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen +brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein +Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den +Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie +nur noch lauter lachen mußte. + +»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« -- um mich zu erwarten, +wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm +entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht +hinübergehuscht. + +»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?« + +»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch +mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen +Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...« + +»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria +den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht +ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum, +daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt, +Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt +Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet +und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht +bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist. +Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten +lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge +Enttäuschung bereiten müssen!« + +Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres +Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte. + +Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das +gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes +Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner +Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte +Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine +Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner +Rache vorgelogen hast. + +Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser +Reinen angetan hatte, war so groß, daß er -- als müßte die Heitere da vor +ihm seine ganze Schuld kennen -- vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres +Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte: + +»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je +verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch +schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur +seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er +aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den +Irrtum begangen habe. + +Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre +Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie +nicht, und darum sagte sie: + +»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei +heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich +schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn +Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen +gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet, +verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich +beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und +sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder +halten würde?« + +Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur +verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur: +»Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich +getan habe oder tun wollte!« + +Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor: +»Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie +unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so +unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen, +wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin +unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie +allein mich retten könnte!« + +Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und +hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte, +so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden +verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie +sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres +Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm: + +»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich +nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause +reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort +auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch +so recht?« + +Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr +mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den +Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber +blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen +solle. Und er begann ihr zu erzählen: + +»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie +lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese +beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein +Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben +inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich +hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun +nach Hause kam ...« + +Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite +an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach +einer langen Unterbrechung: + +»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu +kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch +wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua +hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber +beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer +Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,« +wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte +Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl +kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd +aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein +Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist -- und +zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das +Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester +nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine +Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach +meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld, +wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will +hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei +Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener +wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!« + +Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie +seine Rechte in ihrer Hand hielt: + +»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das +hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß, +denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures +Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine +Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid +erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt. +Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde +wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer +Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen. +Lebet wohl!« + +Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn +zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand. +Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück, +Emilio zu erwarten. + + +X. + +Es war spät am Nachmittage, als Emilio des Weges daherkam. Beppino hatte +indessen das Pferd Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen +Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt hatte; und der Bursch, der +ihn geleitet hatte, war mit dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten. +Beppino saß unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco rado gut +gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich ordentlich ausfaulenzen +zu können. Sein Herr aber saß schwermütig an der Straße, seufzte oft, +ballte die Fäuste oder fuhr mit der Rechten durch die Luft und schaute +dann wieder sehnsüchtig in der Richtung von Selva nera, ob Emilio noch +nicht kommen wolle. + +»Endlich, endlich!« rief er nun, als sein Freund heiter dahergesprengt +kam, »du hast lange auf dich warten lassen!« + +Emilio sah erstaunt in das verstörte Gesicht Riccardos, er sah +verwundert Beppino mit den bepackten Pferden und sprang neugierig aus +dem Sattel. + +»Hast du lange auf mich gewartet?« fragte er. »Hast du denn Maria nicht +getroffen, die doch schon Mittag zurückgeritten ist?« + +Er übergab Beppino auch sein Pferd und trat zu Riccardo, der ihn bei der +Hand nahm und seinem Diener winkte, sich zurückzuziehen. + +»Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; sie weiß, daß ich +hier auf dich warte, um mich von dir zu verabschieden; denn ich muß noch +heute fort von hier.« + +Er sagte dies so seltsam, daß Emilio auffuhr: + +»Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist geschehen?« + +»Man hat mich nicht beleidigt,« lächelte Riccardo trüb, »aber ich habe +mich schuldig gemacht, Emilio!« + +»So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit und wen hast du +gekränkt? Es ist ja nicht möglich! Foltere mich doch nicht, gerade heute +nicht!« + +Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter Stimme: »Emilio, +hast du in deinem Leben schon ein reines Mädchen verführt? Wir sind jung +und heiß, und ich bin nicht anders als du und die anderen jungen Nobili. +Hast du ein Mädchen verführt und dabei jemals an den Jammer der +Betörten, an das Elend ihrer Mutter, an das Unglück ihrer Geschwister +gedacht? Niemals kam dir der Gedanke daran, das weiß ich. Ich kenne uns. +Aber was würdest du sagen, Emilio« -- in den Augen Riccardos war ein +Lauern, und seine kalte Stimme bewies, daß er diese Worte den ganzen +Nachmittag über vorbereitet hatte -- »was würdest du sagen, was würdest +du tun, wenn du erführest, daß deine -- Schwester verführt worden ist?« + +Da faßte ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen Degen gezogen und +hielt ihn stoßbereit erhoben: »Du bist wahnsinnig, Riccardo, was +sprichst du für rasende Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du +erlebst den nächsten Augenblick nicht!« + +Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge alles nach Wunsch, und +dann schrie er Emilio in die Ohren: »Stoß zu, Emilio, stoß zu, ich habe +deine Schwester verführt, aus Irrtum verführt, denn ich hatte es auf +Francesca abgesehen, die Schwester Ermetes! Du weißt ja, wie ich mich +schon gestern auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!« + +Er lachte grausam und höhnend und schrie noch einmal: »Stoß zu!« + +Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen sinken lassen, er sah entsetzt +in das verzerrte Antlitz Riccardos und warf den Degen beiseite: + +»Du bist von Sinnen, Riccardo,« sagte er schwer aufatmend, »du bist +toll!« Und dann stand er aufrecht und stolz vor Riccardo, der ihn +hilflos anblickte, und sagte mit verachtendem Munde: »Und meiner +Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!« + +»Deiner Braut?« schrie Riccardo. + +»Meiner Braut,« erwiderte Emilio ruhig. + +Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem Körper herunter, er +knickte zusammen, daß ihn die Hand seines Freundes, der immer noch sein +Wams festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und sagte mit +bleichen Lippen: »Deiner Schwester bist du sicher! Das sagt jeder +Bruder! Dann ist ja alles gut,« lispelte er vor sich hin, »alles gut.« + +So sank er in den Staub des Weges. + +Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das lang ersehnte Glück +gebracht hatten, beugte sich über ihn, ein inniges Mitleid mit dem +Kameraden erfüllte ihn, er trocknete ihm den kalten Schweiß von der +Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino, er möge Wein +bringen. Den flößten sie dem Kraftlosen ein, und langsam, langsam kehrte +das Blut wieder in seine Wangen zurück. Er stützte sich auf seinen +rechten Arm, er blickte Emilio lange an und dann schickte er Beppino +wieder weg. Er schüttelte das Haupt, als müsse er sich erst langsam auf +etwas besinnen, dann drückte er Emilio die Hand und sagte leise: +»Francesca.« Dann umarmte er Emilio und ein schwergeborenes Schluchzen +erschütterte seinen Körper: »Maria,« sagte er innig, »die reine, heilige +Maria! Man muß auch zum Frevelnkönnen stark sein, Emilio, und ich bin +ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr und ich bin ein Held! Und doch +bin ich ein Feigling! Ich wollte sterben, von dir wollte ich den +Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir nicht; weil du ein +guter Mensch bist und ich ein schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine +entehrte Schwester zu rächen, an ihrem Verführer ...« + +Er wollte 'Ermete' sagen, da besann er sich, daß Emilio die Schwester +seines Todfeindes liebe und sie ihn, er fühlte eine unendliche Rücksicht +für seinen Freund, für den Bruder Marias, die er liebte, und da schwieg +er. + +Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos gehört, er erinnerte sich +eines Gespräches mit einem Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da +er sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um vielleicht über +Francesca etwas zu hören. Und er entsann sich einer Äußerung des +Genuesen, daß Ermete in den Banden von Riccardos Schwester schmachte. +Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis seiner Gedanken, er +umarmte Riccardo und küßte ihn auf das feuchte Haar: + +»Was mußt du gelitten haben, armer Freund! Was mußt du für furchtbare +Tage erlebt haben!« + +Da löste sich in den Armen Emilios auch der Schmerz Riccardos und er +sagte: »Ich schäme mich meiner Tränen nicht, sie tun mir wohl wie deine +Güte. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft handeln wollen, aus +Schwäche und aus Verzweiflung, und ich bin um eine Erkenntnis reicher +geworden. Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur +Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unwürdig einen Menschen zu +lieben! Und wenn dein Schwager Ermete heimkehrt, Emilio, dann erzähle +ihm von dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne! Und nun laß +uns scheiden!« + +Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm schweigend das Pferd +besteigen. Er fühlte, daß Worte Worte bleiben müßten und so drückte er +seinem Freunde, der bleich und ernst im Sattel saß, nur stumm die Hand. + +»Grüße mir Maria!« sagte Riccardo zum Abschied, »grüß sie mir, wenn du +mich noch für würdig hältst, die Reine grüßen zu dürfen. Und sei +glücklich, Emilio, lebe wohl!« + +'Lebe wohl!' wollte Emilio antworten, aber da fühlte er den Hohn dieses +Abschiedsgrußes und er drückte dem Davonreitenden nur noch einmal fest +und innig die Hand. + +Der Wald schloß sich hinter Riccardo, nun verschwand auch Beppino +seinen Blicken, und Emilio stand noch lange auf dem Wege und starrte +seinem verschwundenen Freunde nach. + +Er wußte, daß er ihn nie wiedersehen werde ... + + + + +Das Meerweibchen + + +I. + +Diese Geschichte könnte also beginnen: Es war einmal ein wunderschönes +Meerweibchen, das an der Küste von Grönland lebte und das von +Schiffsleuten in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen +ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen sein Lied begleitete, +gefangen ward und das dann in die Welt geschickt und allerorten als ein +Wunder angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag .... + +Aber dann würde jeder glauben daß diese Geschichte von einem Lügner und +Aufschneider erfunden worden sei, und ernste Menschen würden sie +überhaupt nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte und +beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, damit jeder ruhige +und nachdenkliche Mensch sie unbesorgt lesen könne, denn es ist eine +durchaus verbürgte Geschichte und ist in den alten Büchern der +königlichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und jeder Zweifler kann sie +dort suchen. Und in der Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus, +das zu dieser Geschichte gehört; ein steinernes Meerweibchen, dem +leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf abgefallen, ist sein Schmuck +und es ist als das Haus zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was +aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, zeugt dafür, daß es +eine wunderschöne Seejungfrau gewesen sein muß, die dem Steinmetz als +Vorbild gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, und nur der +schuppige, etwas schematisch gemeißelte Fischschwanz, der -- in dem Lande +des zweischwänzigen Löwen nicht auffällig -- in zwei schön geringelten, +stilisierten Teilen endigt, beweist, daß Nacken und Brust einem +Wunderwesen angehört haben. Das Haus selbst ist jetzt ein wenig +verfallen und sieht altersschwach und engbrüstig genug aus. Aber es paßt +gut in die altertümliche Karlsgasse und in diesen Teil des herrlichen +Alt-Prag, in dem man weniger zufügender als abblendender Phantasie +bedarf, um sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fühlen; man +muß nur die Gaslaternen und Telephondrähte, die Fahrräder und +elektrischen Glühlichter in den Schaufenstern vergessen, um sich, wie in +einem Traum, im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten +Häusern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen Verzierungen und +verwegenen Dächern dahinzuwandeln und verwundert zum Frühlingshimmel +emporzuschauen, der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame Bild nach +oben abschließt. + +Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, sondern im Beginn des +siebzehnten Jahrhunderts. Da es aber eine, sozusagen, historische +Erzählung ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung +gestattet, daß gar bald ohnehin die Notwendigkeit sich einstellen wird, +das Ende des Mittelalters weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die +Neuzeit gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es so herrlich weit +gebracht haben, gehören schon längst nicht mehr in die Neuzeit des +sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu +aufgeklärt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug der Einleitung! +Also mag diese Geschichte immerhin als eine mittelalterliche gelten, +umsomehr als sie in der altertümlichen Karlsgasse anhebt und endigt. + +Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, das vorhin geschildert wurde. +Es war noch nicht unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet +sein. Es gehörte dem zu Ansehen und Reichtum gelangten Prager Bürger und +Kaufmann Wenzel Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein Billiges +gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, für seinen Sohn und dessen +einstige Ehefrau ein eigenes Haus zu bauen, auf daß er als ein +bodenständiger Bürger und Kaufmann hier lebe und dem Namen Werkmeister +zu Bedeutung und immer größerer Würde verhelfe. Denn er selbst war aus +bescheidenen Anfängen zu einem begüterten Kaufmann geworden und liebte +auf Erden niemanden inniger als seinen Sohn Karolus, der die einzige +Hinterlassenschaft seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er hatte +ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar mit ihm einmal in Wien +gewesen, um ihm die Welt zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen +zu einem tüchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. So war Karolus +vierundzwanzig Jahre alt geworden und war ein gesitteter, stiller, +bescheidener Jüngling, schlank, mit sanften, etwas schüchternen Augen, +wie sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus denen eine +empfindsame und träumerische Seele in die Welt schaute. Dem Vater war +Karolus sogar zu bescheiden, zu sanft und schüchtern, denn er wußte, was +sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was das Geschäft anlangt, +sondern auch von den freien Wissenschaften und Künsten, und er hätte +wohl seinen Sohn ein weniges stolzer und selbstbewußter gewünscht. +Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner Altersgenossen nicht +sonderlich, er war ein Leser und Träumer und freute sich tagsüber auf +den Abend, da er zu seinen Büchern zurückkehren konnte. Das wehrte ihm +der Vater auch nicht, da Karolus im Geschäfte still und sicher seine +Arbeit tat und bei den Kunden beliebt und geachtet war. + +Eine tüchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu sanftes Geblüt +auffrischen! dachte der Vater und schaute darum fleißig unter den +Bürgertöchtern um, welche ihm wohl am besten für seinen Einzigen +tauglich schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, hoffte er +eine bestimmte Wahl getroffen zu haben. + +Nun waren aber Karolus' Beziehungen zum weiblichen Geschlechte bisher +mehr theoretischer Natur gewesen; er hatte den Dichtern ihre +Lobpreisungen der Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewöhnt, die Frauen +mit den Augen der schreibenden, nicht der liebenden Dichter anzusehen, +ohne doch je eine innere Nötigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane +am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm etwas Hohes und Hehres, +über dem Alltag Stehendes und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen; +ihre Wänglein waren Pfirsichblüten, ihre Lippen Kirschen, ihre Augen +leuchtende Kohlen oder liebliche Vergißmeinnichtblümlein, ihr Gang war +wie das Hüpfen der Sonnenstrahlen über blumige Auen, aber, daß man die +Wangen streicheln, die Lippen küssen könne, daß man die zierliche +Gestalt umarmen dürfe, fiel ihm gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu, +aus seiner literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und einmal +einem lebenswarmen, blühenden Kinde herzhaft ans Kinn zu greifen. + +Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von Verliebtheit gefühlt; das +war an einem Sonntag nachmittag, als er auf der Kleinseite drüben unter +der Königsburg, dem Hradschin, durch die schattigen Gassen lustwandelte +und plötzlich vor einem herrlichen, schmiedeeisernen Gittertor stand und +in einen wundervollen, adeligen Garten geschaut hatte: große +Rasenflächen dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein rundes +Wasserbecken erglänzte im Sommerlichte und ein feiner Springbrunnen +plätscherte in das bewegte Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich +weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des Hradschin, und die +grandiose Königsburg mit dem herrlichen Dome war wie eine phantastische +Krönung des grünen, blühenden, weit ausgestreckten Gartens. In dem +Garten aber wandelte in einem weißen Sommerkleide eine schlanke, +biegsame Frau, und die Sonne schien selbst in sie verliebt zu sein, so +jubelnd sammelte sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, so +golden ließ sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es war, als ob eine der +Marmorgöttinnen, die im Garten in den grünen Gebüschen standen, von +ihrem Postamente herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte sich +zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen Augen schaute Karolus ihr +lange nach, er hatte den Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als +ob die Dame ihm zulächle. Er stand noch auf dem Flecke vor dem +Eisengitter lange, nachdem das Wunder in den Büschen verschwunden war, +und starrte in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mußte. Erst als +er Stimmen neben sich hörte, wachte er auf und schaute erstaunt um sich. +Und er glaubte sich's später selbst nicht mehr, daß er eine lebende Dame +im Garten gesehen habe, er war überzeugt, daß er nur ein wunderschönes +Märchen von einer lieblichen Prinzessin geträumt habe, etwa das Märchen +von der weißen Frau Medulina, die mit Blumen und Früchten in den Händen +durch die Auen schreitet. Einige Tage träumte er noch davon und war +glücklich darüber, daß er auch bei Tage nach eigenem Willen den schönen +Traum erneuern konnte; er errötete, wenn er sich immer wieder dabei +ertappte, wie er gleich einem Puppenspieler die schöne, fürstliche Dame +immer von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem Gitter +liebreich zuwinken ließ. Es hatten sich aber auch zu liebliche, blonde +Ringellöckchen über ihrem blühweißen Nacken gekräuselt. + +In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens fiel nun die Ankunft des +grönländischen Meerweibchens in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte +Trommler hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch mehrere Tage +auf allen Plätzen und allen Straßenecken gestanden und hatten nach einem +aufrührerischen Trommelwirbel den p. t. Adel und Bürgerschaft der +königlichen Hauptstadt Prag auf das große Wunder aufmerksam gemacht, das +in den nächsten Tagen eintreffen werde. Lalanda, die grönländische +Meerjungfrau, das schönste Seeweibchen, das je gefangen worden, die Dame +mit dem Fischschwanze, von allen Gelehrten der Welt bewundert und als +neues Weltwunder angestaunt und gepriesen, werde in den nächsten Tagen +in Prag zu sehen sein. Große Bilder wurden in den Straßen herumgetragen, +darauf Lalanda, die grönländische Seekönigin, abgeschildert war, und +überall folgte eine Menge Neugieriger den Trommlern, die eine +beträchtliche Aufregung in der Stadt verursachten. Auch verteilten sie +ein fliegendes Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau berichtet +und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt war, so die Schönheit der +Dame mit dem Fischschweife in lieblichen Versen pries. Sie werde auf dem +Altstädter Ring in einem der großen Verkaufsgewölbe unter den Lauben zu +sehen sein und in ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie +ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, deutsch zu ihnen, +da sie eine erstaunliche Klugheit und ein unerhörtes Gedächtnis besitze. +Und sei schöner, als je ein Mädchen auf dem Festlande gewesen. + +Nun waren gerade damals ruhige Zeitläufte, und Prag, die Stadt, die von +Zeit zu Zeit wie ein Kind ihr Fieber durchmachen muß, um sich ihrer +schädlichen Gärungsstoffe zu entledigen und ihr Blut für einige Jahre zu +reinigen, erfreute sich eben einer behaglichen Erholung nach Kämpfen +und Bürgerzwisten, so daß Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen +hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die Laufburschen und +Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen Geschäfte, die ihre überschüssige +Lebhaftigkeit sonst bei den Straßenaufläufen ausgetobt hatten, benützten +jetzt jeden freien Augenblick, hinter den Trommlern einherzulaufen und +immer frische Zettel mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die +älteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter in der Schreibstube +führten die ausgiebigsten Gespräche über das Meerweibchen, und es gab +keine Lebensäußerung eines erwachsenen Menschen, die sie nicht in ernst- +und in scherzhafte Beziehung zu dem wunderbaren Körperbau des +Grönländischen Mirakels gebracht hätten. Sie übertrafen sich gegenseitig +in der Erfindung neuer Fragen: 'ob sie wohl auch' und 'wie mag bei ihr', +nur mußten sie sich vor Herrn Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefühl +zu schonen eine schweigende Übereinkunft im Hause Werkmeister war. Der +hatte natürlich auch die Trommler gehört und ihren Zettel gelesen. Aber +er hatte noch keinen richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden, +nur die Tatsache, daß ein Wunder zu sehen sein werde, beschäftigte ihn +und er hatte beschlossen, sich gleich am nächsten Sonntage, dem ersten +Tage, da Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein zu +überzeugen, wie weit den Ankündigungen zu glauben sei. + + +II. + +Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an Schönheit mit dem +Altstädter Ring in Prag messen können, herrliche Paläste umrahmen ihn, +seltsame Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie +anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht +eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen, +das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose +Teinkirche mit ihren beiden ragenden Türmen, die ernst gen Himmel +weisen, schaut über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen Häuser +der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel große und +inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles +Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf den Ring +hernieder und wundert sich über die winzigen Menschlein, die über den +Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit +nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Türme +bedeutungsvoll gegen den Himmel. + +Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn da sie immer gleichmäßig +in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie längst keinen +Eindruck mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur _das_ wunderbar +erscheint, was von der Gleichmäßigkeit abweicht, was anders ist, als +ihre trägen Vorstellungen. + +Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie +war schön und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strömten die Prager +Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstädter Ring, um das nie +Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern, +Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre +Meinungen über das Meerweibchen aus oder lauschten den Glücklichen, die +Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen hatten. + +Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewölbes, und alle +Viertelstunden dröhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen, +daß frischen Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die +erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus und ein neuer +Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten, +wurde eingelassen. + +»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, und selbst ein +berühmter Professor der Universität, der unter den ersten Besuchern +gewesen war, ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht, +schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch die Reihen der +ehrfürchtig Grüßenden. + +»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« sagte er dann zu einem +Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über +Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mißtrauen +gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, muß ich wohl daran +glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir +die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig +seltsame oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und +staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae +nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie +berichtet.« + +Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von +dannen. + +In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich die Neugierigen, um +Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hören. Da war ein großer +Wasserbottich aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand des +geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in das nächste Zimmer zu +erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in +ein Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf waren die Wände der +großen Kufe verkleidet, also daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch +waren große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches herangelegt, so daß +ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grüner Rasen lag. In +der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine +seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die +Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung +gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, der Teich schien +auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda +hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare und mit anmutigen, schön +geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches +entlang, mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. Sie war jung +und schön, Seerosen lagen in einem blühenden Kranze auf ihrem Haupte, +ihre Augen waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen Busens +hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten +Mieders. Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker Leib in +einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz, +der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu +lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser peitschte. So +schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl +auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches +festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger aus dem Wasser +hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den +schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte +lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar neugierige Hände ihren +kühlen Fischleib berührten. Nur, wenn die Berührungen etwas kühner +werden wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn +die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm +sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die +sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den +Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre +Augen wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser +Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames, +unverständliches Lied. »Lalanda, Lalanda« verklang es. Sie legte die +Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen Kinderaugen im +Kreise umher und ließ sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tür im +Hintergrunde des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und runden +Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken. + +Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schön +in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu +spotten und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und ging gläubigen +Herzens von dannen. + +»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener Bürger, der ganz +vorne am Ufer des Teiches stand. + +»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein Wunder an Anmut und +Schönheit, wenn sie den Fischschwanz nicht hätte!« + +»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer und wischte sich dabei +mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es +leid, daß ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede +ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.« + +»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so gründlich +betasten dürfen!« spottete einer. »Wischt Euch nur erst Euren +Sonntagsrock gehörig ab, daß sie nichts merke!« + +Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewölbes +zu. + +An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung; +er starrte immer noch nach der Tür, durch welche das blonde Wunder +verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht, +seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hüpfte das Herz +in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht +schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, er wußte gar nicht, daß +Menschen um ihn gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring in +einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm +gesagt hätte, daß Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so +unermeßliches Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß er +ihm einen Namen hätte geben können. + +Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel und eine näselnde Stimme +weckte ihn aus seinen Träumen: + +»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem +Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!« + +Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren träumerischen Glanz, +seine Wangen wurden glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu +erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewölbe. Und ohne +aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter +Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen. + +Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wußte nichts davon, ihm +war, als wären seine Augen geblendet, und so kam er unbewußt auf die +Kleinseite und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter dem +Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau Medulina erschienen war. +Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte +melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte er, Lalanda; es +war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hörte ganz +deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie +selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm +liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weiße Frau ihm +zugewinkt hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn zurück, er +mußte ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstädter Ring, er +drängte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des +Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder +öffnen würde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten +waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an +diesem Tage ging der betörte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem +Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von +neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, daß sich die Tür +im Hintergrunde des Teiches öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare, +hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Märchenaugen zuwende. Und sie +bemerkte ihn, bei jedem neuen Öffnen der Tür suchten ihre dankenden +Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein +im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen. +Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr +betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer +des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte +ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen +Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!« + +Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus nicht zur Zeit nach +Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den +Feldern vor der Stadt ruhelos umher........ + + +III. + +So war denn endlich für Karolus das große Wunder gekommen, es mußte ein +wirkliches, wunderbares Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht +zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen Norden, eine Seekönigin mußte +nach Prag kommen, um das Lämpchen in seiner Brust zu entzünden; und +Lalanda, Lalanda mußte sie heißen, damit seine Träume in den Tag hinein +dauern konnten, damit endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den +kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser Schlummer seine +Lider schloß, träumte er davon, wie er auf einer fernen Insel säße und +auf den Mondschein warte, mit dem auch seine Meergöttin aus den Wellen +auf sein Eiland zugeschwommen komme. + +Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, eine zweite Aphrodite, +schwang sich die Lichte, Liebliche auf seinen Felsen und hielt ihre +Harfe in Händen; und schon erklang ihr Lied: 'Lalanda, Lalanda.' Aber er +schmiegte sich an sie, ihr Körper ward warm vom Mondenscheine, und ihr +Busen, weißer als die Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem +Gesange. Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr als 'Lalanda', und doch +verstand sie ganz genau, was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm +liebreich zu und ihre Hände lagen still in den seinen. Und als die Sonne +fern-fernher ihre Strahlen über die Wellen schickte, da glitt sie sanft +vom Felsen ins Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber ließ sie +ihm zurück und die duftete milder und süßer, als je eine Rose aus dem +Garten geduftet hatte. Er wachte auf und hielt die Seerose in Händen +und mußte in staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob er +wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose in seine Hand gekommen +sei. Dann aber erinnerte er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen +Abend, da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drückte sie +leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens duftete ihm aus +der Seerose entgegen und glückselig lächelte er vor sich hin. + +»Lalanda,« sagte er fast feierlich. Da bemerkte er erst seinen Vater, +der zu Häupten seines Bettes stand und verwundert und besorgt auf ihn +blickte, der gestern abend so spät nach Hause gekommen war. O, wie +errötete Karolus vor seinen Blicken, er hätte am liebsten geweint, denn +er wußte nicht, was er dem Vater sagen sollte. Der aber grüßte ihn mild +und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von den Geschäften, die +heute zu erledigen waren. So stand denn Karolus auf und machte sich +rasch fertig. Er ging ins Geschäft und arbeitete eifrig und angestrengt +bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick leer haben, er ging aus der +Schreibstube, als die beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu +sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die Kommis von dem Wunder +zu reden begannen, und half lieber dem Hausknecht, der im Keller +arbeitete. Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er einen +Gärtner wußte, von dem kaufte er Blumen, Rosen und Lilien, denn Seerosen +waren keine da, und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstädter +Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen eingetreten, aber er +durfte eintreten, da er die Blumen vorwies, und so trat er in das +Gewölbe. + +Das Gewölbe war leer und eine angenehme Kühle empfing ihn und eine +Dunkelheit, in der er sich erst langsam zurechtfand. Da sah er auf den +Bänken an der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten ihre Trommeln +auf den Boden gestellt und lagen nun schlafend in ihren bunten Wämsern +ausgestreckt und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im Munde +hätten. Der kleine Mann, der ihn gestern mit seiner näselnden Stimme +angesprochen und aus den ersten Träumen gestört hatte, kam aus dem +Nebengemache, er schaute Karolus mit argwöhnischen, lauernden Blicken +an, ein häßliches Lächeln war um seine Lippen, da er die Blumen in der +Hand des Jünglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an der +Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg einige Augenblicke +lang, da er gehofft hatte, Lalanda zu sehen und ihr mit einer stummen +Verbeugung die Blumen zu überreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung +an eine Erzählung vor Augen, in der ein Prinz Erik aus dem Dänenreiche +vor einer sagenhaften Königin des Nordens stand, deren Sprache er nicht +verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der beugte stumm die +Kniee und senkte das Haupt, wie es in der Geschichte hieß, 'als ob er +erst durch sie den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.' Nun störte +ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien ihm der kleine, höhnische +Mann, der ihm gegenüber stand, wie ein häßlicher Zwerg, der den Zugang +zur Grotte seiner Meergöttin neidisch bewacht, und verwirrte ihn. +Endlich aber besann er sich und übergab ihm die Blumen. + +»Sind die für mich?« fragte der Zwerg spöttelnd. + +»Für Lalanda,« sagte Karolus errötend, »von dem, der ihre Seerose +bewahrt.« + +Da machte der Zwerg eine übertrieben-höfliche Verbeugung, es lag viel +Spott und Hohn in der Bewegung seines großen Kopfes, und dann ging er +ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um aus dem Gewölbe zu +treten, niedergeschlagen, weil er sich den Besuch bei seiner Meerkönigin +schöner und poetischer gedacht hatte, da öffnete sich rasch die Tür im +Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda hereingeschwommen. + +Sie sprach einige unverständliche und doch wie ein seltsames Deutsch +klingende Worte zu ihrem Behüter, der ihr demütig die Blumen übergab und +dann aus dem Gewölbe trat. Und mit den Blumen in der Hand wartete +Lalanda am Ufer des Teiches, daß Karolus sich ihr nähere. + +Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er trat langsam zu ihr hin, +denn das Herz hämmerte in seiner Brust und die Kehle war ihm wie +zugeschnürt. Wie eine schwere Last lag der Gedanke auf seinem Herzen, +daß er nun mit der Wunderbaren allein sei, daß er mit dieser +Auserlesenen, Königlichen sprechen solle; er fühlte, wie klein, wie +nichtig er war, er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr so gar +nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so durchaus gewöhnlich war, +indes sie, eine Königin des Meeres, ihm wie eine Halbgöttin, wie aus +einer anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, dem bei +seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem Jagdzuge erscheint, um mit +ihm zu sprechen, oder wie ein einsamer Schiffer, vor dem plötzlich +Poseidon aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens die Blumen +noch in Händen gehabt hätte, daß er sie ihr mit einer stummen Verbeugung +hätte darreichen können! So trat er zögernd an den Rand des Teiches, +seine Augen hatten sich schüchtern und doch voll Sehnsucht zu Lalanda +emporgewagt, und ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte sagen können. Da +blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte ihm die Rechte hin, +indes sie sich mit der linken Hand am Rande des Teiches festhielt, und, +da er ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit ihrer +freundlichsten, sanftesten Stimme: + +»Ihr fürchtet Euch wohl, meine Finger zu berühren, weil sie naß und kühl +vom Wasser sind? Sie werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren +Händen haltet!« + +Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre Hand nieder, ihm war, als +ob er jetzt 'den Ritterschlag der Liebe' empfangen solle, und seine +Seele ward frei, da er die Königin so liebreich sprechen hörte. Und es +schien ihm ein neues Wunder zu sein, daß die Herrliche, die wohl seit +ewigen Zeiten in ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres +gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch zu ihm sprach, er +küßte ihr nochmals die Hand und sprach dann, wie erleichtert: + +»Ich danke Euch, daß Ihr so freundlich zu mir sprecht! Ich hätte nie +geglaubt, daß ich Worte finden würde, um Euch für Eure Schönheit zu +danken, und nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht nur, daß +ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die Euch besser zugesagt hätten, +und nehmet heute diese schlichten Blumen gnädig an. Morgen will ich, +wenn Ihr mir diese Gunst gewährt, die schönsten Seerosen bringen, die zu +finden sind!« + +Lalanda schaute Karolus lange prüfend an, als ob sie sich erst darüber +klar werden müßte, ob sein seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder +nicht. Dann aber lächelte sie kaum merkbar, schwang sich aus dem Wasser +auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll +zurückwich und begann die Rosen und Lilien zu einem Kränzlein zu winden. +Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch auf ihren blonden +Scheitel, schaute Karolus siegreich und doch flehend von der Seite an +und fragte: + +»Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus Rosen und Lilien, Ihr +Anspruchsvoller? Gefall ich Euch?« + +Da war es Karolus, als ob eine weiche und kühle Hand sein Herz presse, +ihm ward ganz eng in der Brust und er wußte keine andere Antwort auf +ihre Frage, als die, daß er diese Hand küßte, die noch eben sein Herz +fast schmerzlich bedrängt hatte. Sie aber blitzte ihn verführerisch aus +den Augenwinkeln an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu +schließen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung seine Augen senken +mußte. Dann sprach sie -- und legte dabei den triefenden Fischschweif +näher an Karolus heran, aber ohne ihn zu berühren: + +»Noch weiß ich nicht, wie Ihr Euch nennet und von wem ich träumen soll, +wenn ich nachts auf dem Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder +wenn ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. Denn hier in +der Nähe muß ein großer, gewaltiger Dom stehen, mit mächtigen Glocken, +das fühle ich, und um Mitternacht dröhnt der Boden hier von dem Klange +ihrer sehnsüchtigen Träume. Dann steige ich aus dem Wasser und nehme +mein Spiel zur Hand und singe. Ich möchte dann Euren Namen in meinem +Liede haben!« + +O, das war der richtige Ton für Karolus! Er schnappte nur so nach Luft +bei ihren poetischen Worten, nun war er ganz besiegt, die flatternde +Seele in seiner Brust legte die Flügel zusammen und ward feierlich und +zufrieden still in ihrer Haft, wie ein Vöglein im warmen Käfig. Er sagte +ihr mit geschwollenen Worten, wer er sei und wie er heiße, wie er sich +in all den Jahren nach einer Lalanda gesehnt habe, und sagte dies alles +trotz des Pathos in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, daß +Lalanda vor Vergnügen jauchzte und daß ihr Karolus wirkliche Freude +bereitete. Und als er ihr nun von seinem Glücke sprach, daß er sie nun +endlich gefunden habe, daß sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen +sei, da lehnte sie ihr schönes, blondes Haupt zärtlich an seine Schulter +und sah ihn von unten her so verheißend und gewährend an, daß er sich +beinahe ein Herz gefaßt und sie geküßt hätte. Aber er tat es nicht, er +vergaß nicht, daß sie die Meerkönigin war und er nur der einfache, +nichtssagende Kaufmannssohn, und küßte sie nicht. Er schaute sie nur +dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken und seine +Lippen wurden trocken. Und er fühlte es wie eine Erleichterung, als ihm +die Frage einfiel, woher sie so schön deutsch spreche. Sie ließ ihr +Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend seine Finger in die +ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll und dann erzählte sie, wie sie +oft an deutschen Küsten geschwommen sei und deutschen Schiffern +gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren Kuttern sich ihre Mären +erzählten oder ihre schwermütigen Lieder sangen. + +»Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, ich verstand ihre +Sprache und lernte sie gebrauchen. Und oft, wenn ich auf dem Grunde des +Meeres vor meinem Palaste saß und ein deutsches Lied nachsang, so klang +es den Schiffern oben wie ein fernes, fernes Echo ihrer Gesänge, ich sah +sie droben sich über den Rand ihrer Boote neigen und in den wundersamen +Spiegel niederschauen; und manch einen faßte das Heimweh so mächtig, +wenn er mein Lied hörte, daß es ihn am Bord seines Schiffes nicht länger +litt und er ins Wasser stieg, dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie, +das schwöre ich, nie Männer zu mir ins Meer locken wollen! Wer zu mir +kommen will, der muß freiwillig kommen. Und wenn ich wüßte, daß Ihr, +lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem Boote meinem Liede +lauschtet, und wenn Euer liebes Antlitz sich über den Rand des Bootes +neigte, ich würde nicht weiter singen, würde verstummen, damit Euch kein +Leids geschehe!« + +Sie schaute ihn wieder mit ihren schönen, glänzenden Augen an, innig und +lang, bis er ganz sinnlos von ihren Worten und wie aus einem Traume +heraus sagte: + +»Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, und Ihr müßtet mich +in Euren weißen Armen auffangen; und ich möchte mein Leben lang neben +Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!« + +»Wie lieb, wie gut Ihr seid!« hauchte Lalanda, ein Schauer des Glücks +schien ihren Leib zu erschüttern und sie senkte verwirrt die Blicke. Da +trat aber der häßliche Zwerg ins Gewölbe, er ging mit lauten Schritten, +die seiner kleinen Gestalt gar nicht entsprachen, auf die Trommler zu +und weckte sie. + +»Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist um! Macht fertig!« Da +glitt Lalanda hastig ins Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die +Hand und sagte ihm mit einem langen Blick: »Auf Wiedersehen! Auf +Wiedersehen heute abend!« + +Und langsam mit rückgewandtem Haupte schwamm sie aus dem Zimmer. Die +Tür schloß sich hinter ihr, und zwischen den Trommlern, die ihre +Instrumente umgehängt hatten, verließ Karolus betäubt und fassungslos +den Raum. Und der harte Trommelwirbel verfolgte ihn über den Altstädter +Ring und höhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese +entfernt war. + + +IV. + +Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem Märchen; die Stunden im +Geschäfte zählten für ihn nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach +dem Mittag und den kurzen Stunden am Abend, wenn die letzten Gäste aus +dem Gewölbe auf dem Altstädter Ring geschieden waren und Lalanda nur für +ihn noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen kam. Und es war +Mittwoch und Donnerstag geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in +Prag, dann mußten die Liebenden scheiden. Denn es war kein Zweifel, +Karolus mußte sich's in seinem zitternden Herzen selbst gestehen, +Lalanda, die Meerkönigin, die Göttliche, die Wunderbare, liebte ihn und +neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es ihm heute abend +selbst gesagt, daß sie die Minuten zähle, bis er wieder zu ihr kommen +könne, daß ihr das Leben schal und unerträglich scheine, wenn er nicht +mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen könne. + +»Schau, bin ich nicht warm wie eure Mädchen,« sagte sie, »pocht mein +Herz nicht ebenso stark in meiner Brust? Fühlst du es, fühlst du es +schlagen, Karolus? Und nun muß ich Unglückliche wieder von dannen +ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, und den häßlichen Menschen mich +darbieten! Ich bin unglücklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine +Gefangene und möchte so gerne in Freiheit leben, lieben und lachen und +weinen, wie ihr Menschen, mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in +die Augen schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich erlösen!« + +Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter ihrem weißen schimmernden +Busen das Herz klopfen gefühlt, gleichmäßig und ruhig, denn sie war ja +trotz ihrer Erregung ein kühlerblütiges Meerweibchen und ein unendliches +Mitleid mit der armen, gefangenen Seekönigin füllte seine Augen. + +»Flieh mit mir,« rief er ihr zu, wie Kandalus im Romane, »flieh mit +mir, ich will dich gegen eine Welt verteidigen!« + +Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz und seine +Hoffnungen zerrannen. + +»Ich will irgendwo an einem Meere oder See ein Häuschen für uns bauen, +dann sollst du in deinem Wasser leben können und doch in meiner Nähe +sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und des Nachts --« Er schwieg, +er errötete. + +»Küsse mich,« sagte Lalanda, »küsse mich recht vom Herzen!« + +Und er preßte die Lippen auf ihren Mund und fühlte, wie auch ihre Lippen +heiß wurden, heißer als er es geahnt hätte; denn es glühte ihm bis ins +Herz hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend heiß von ihrem +Kusse. Und als sie gar ihre weißen, nackten Arme um seinen Hals schlang +und ihn an sich preßte und nicht loslassen wollte, da schloß er die +Augen, er umarmte sie und drückte sie noch fester an sich und vermeinte +sterben zu müssen. + +»Ich muß dich retten, du mußt mein werden!« sagte er, tief Atem +schöpfend, »mein für immer!« + +Da huschte ein Lächeln, ein siegreiches Lächeln über ihr Gesicht, sie +wiederholte ihre heißen Umarmungen, dann schlüpfte sie rasch ins +Wasser, denn der Zwerg war ins Gewölbe getreten, um die Tore zu +schließen. + +»Denk an dein Versprechen!« rief sie dem Scheidenden nach. Er aber stand +auf dem Altstädter Ring, er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den +sternenbesäeten Himmel und sprach feierlich in den Abend hinein: »Ich +schwöre!« + +In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer seine Augen schloß, +träumte Karolus wieder, er stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in +einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig bewegten Wellen und +mitten in dem breiten Streifen Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes +Lalanda auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich in der Ferne ihr +blondes, weiches Haar, ihr Kopf hob sich wie eine große, phantastische +Blume aus dem bläulich-flimmernden Wasser. Sie kam näher und näher und +nun streckte sie ihm die Arme entgegen und winkte ihm. Und ganz deutlich +hörte er ihre Stimme angstvoll rufen: »Karolus, Karolus, rette mich!« Er +aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd auf die Geliebte, die +mit den Wogen rang, er wollte sich ins Meer stürzen, aber ein +schrecklicher Gedanke hielt ihn zurück. »Ich kann nicht schwimmen!« +sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte er es lauter und immer +lauter, er schrie es Lalanda zu: »Ich kann nicht schwimmen!« + +Da schallte ein höhnendes, entsetzliches Lachen aus dem Meere zu ihm +hin, Lalanda hob sich noch einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins +Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen hilflos und armselig +auf den Wellen und bezeichneten die Stelle, an der Lalanda verschwunden +war. + +Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschweiß stand auf seiner +Stirn. Der Vater war an sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus +hatte ihn geweckt. + +»Was hast du nur für böse Träume, Karolus?« fragte er. + +»Gottlob, daß es nur Träume sind,« sagte sein Sohn. »Ich habe einen +schrecklichen Traum gehabt!« + +Als er mit dem Vater beim Frühstück saß, da übermannte ihn plötzlich +sein Herz und er wollte dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu +sprechen an und sagte: »Vater!...« + +Aber mehr brachte er nicht über die Lippen; er wußte nicht, wie er dem +Vater auch hätte sagen sollen, daß ein Wunder geschehen sei, daß ihn +eine Meerkönigin erwählt habe! + +»Vater,« sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll ihn anschaute, +da schlossen sich seine Lippen, eine dunkle Röte färbte seine Wangen und +seine Lider senkten sich. + +»Was willst du von mir?« fragte der Vater und alle Güte seines Herzens, +alle Liebe zu seinem Einzigen war in seinen Worten: »Was gäbe es, was +ich dir nicht gewähren könnte?« + +Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, er schaute für Sekunden +ängstlich den Vater an, aber er fand keine Worte. + +»Brauchst du Geld?« fragte ihn der Vater. + +Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde er brauchen, aber der +Vater möge ihm verzeihen, wenn er noch nicht sagen könne, wofür. + +Da gab ihm der Vater, der gewöhnt war, seinem Sohne unbedingt zu +vertrauen, da er dessen Bravheit und Tugend kannte, Geld, mehr, als +Karolus erwartet hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, er hatte das +dunkle Gefühl, er werde zu Lalandas Entführung Geld, viel Geld +brauchen, und damit wollte er nicht sparen. 'Ich will arbeiten wie ein +Knecht,' sagte er zu sich, 'ich will mir die Hände blutig arbeiten; aber +erst muß ich sie erretten!' + +Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegönnt war, brachte er Lalanden +nebst den Seerosen ein schmales Ringlein, ein Herz hing an einem +Kettchen daran, und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken +Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und küßte ihn stürmisch, +noch heißer als gestern und sah ihm noch tiefer in die Augen, und mit +einer Stimme, die zärtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher +als früher klang, sagte sie zu ihm: + +»Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, ich will dein sein für +immer, nur errette mich von diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser +hier, ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen in der Welt, +bei diesem Ausgestelltsein, ich sehne mich nach Frieden und Glück, ich +beneide die anderen Mädchen, ich sehne mich nach einer ......« +Häuslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus dem dunklen Norden, +und sie dachte dabei wohl an ihren schimmernden, herrlichen +Kristallpalast auf dem Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie +bei diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus rasch von der Seite +an, forschend und fast ungeduldig. Er aber blickte sie voll Mitleids an +und nickte langsam mit dem Kopfe. »Du weißt nicht,« sagte sie traurig, +»was ich schon alles erdulden mußte, wieviel Schande und Elend, wie satt +ich dieses Leben habe!« + +Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefühl die Arme, er +streichelte ihr die Wangen und er seufzte bei dem melancholischen +Gedanken, daß dieser herrlichen, edlen, königlichen Seejungfrau das +Elend des Irdischen nicht erspart geblieben sei, daß sie leiden müsse +und gewiß das Elend schmerzlicher fühle als ein Menschenkind. Und sein +Finger glitt mitleidig und doch ehrfurchtsvoll über die Schuppen ihres +Fischschweifes, der zierlich auf dem Rande des Teiches lag. + +»Hast du mich denn wirklich lieb?« fragte Lalanda. + +»Ich verehre dich!« antwortete Karolus, und als wäre dieses 'ich verehre +dich' noch zu kühn, setzte er die Worte hinzu, die Baronzo im +'Unvergeßlichen Liebhaber' zu Graziosa sagt: »Meine Nacht ist voll von +deiner Sonne und mein Tag voll von deinem Mondlicht, du Königin!« + +Da erscholl plötzlich vor der Tür der Trommelwirbel der beiden +Spielleute, grausam und empörend nahe, und schon stand auch der Zwerg im +Laden. Karolus wandte sich zum Gehen; er drückte nur rasch dem Zwerg ein +Goldstück in die Hand. Als er sich dann noch einmal umkehrte, hob +Lalanda die Hand aus dem Wasser, das Ringlein glänzte an ihrem Finger +wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand sie. Und schon traten die +ersten Besucher in das Gewölbe. + + +V. + +Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten des Geschäftes mußte +Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Pläne und +Entführungsgedanken kamen nicht über die Worte: 'heute abend' hinaus, er +wußte nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit +sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein, +er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals +schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen, +um sie dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte dann in einem +Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo außerhalb Prags eine ruhige +Zuflucht finden würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die +Stadtsoldaten würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die +Schiffer an der Moldau drunten würden ihn ergreifen und auf die +Wachstube führen. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das süße, holde +Geschöpf bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte jedenfalls gegen +neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstädter Ring warten lassen, er +dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen, +aber auch das würde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das +mußte er dem Schicksal überlassen, der Gott der Liebenden würde sie +sicher beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag nach Hause, +um seinen großen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen +wollte, wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld zu sich, +zählte eine runde Summe ab, um nötigen Falles den Zwerg damit zu +bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten +Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie +wach wären. 'Das ist das beste Mittel!' sagte er zu sich und dachte an +eine Stelle in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein den +Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen +Händedruck von seinem Vater, der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und +ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust +gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter Ring anlangte. + +Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel +da, nur aus einigen Geschäften und Wirtsstuben drang ein matter +Lampenschein fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten +verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein +kleines schmales Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes +gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit +welcher der Wind spielt. + +Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter +der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer +Tür stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel +durch die Stille, dann hörte Karolus, der im Schatten der Häuser +umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß +noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch +einmal zu sehen wünsche, müsse jetzt eintreten, dann schließe sich die +Türe für immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge +Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd und sehnsuchtsvoll, wie +auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die +Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige, +Wunderbare in einer kurzen halben Stunde über die Schwelle tragen werde, +hier bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen warten und rasch mit +ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch +nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, wohin, ach, +jedenfalls in eine glückliche Zukunft. + +»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel ihm ein, und seine Finger +ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten +und zustoßen müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches +Abenteuer gilt's zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!« +Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg nicht zu +bestechen ist!« + +In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu Lalandas Laden und der +Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen +lärmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, sie standen +noch in Gruppen beieinander, ein säumiger Nachzügler kam als Letzter +über die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, sie +nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges +aufgehängt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie +noch einmal mit ihren Trommeln und gingen über den Altstädter Ring nach +Hause. + +»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht wachen!« Und dann, er +traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tür, er +schaute sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann öffnete +er noch einmal die Tür und sprach einige Worte ins Gewölbe hinein. Und +dann -- Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen -- dann +ging auch der von dannen. + +'Allein!' jubelte es in Karolus Seele, 'sie ist allein, sie wartet auf +mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!' Er +schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter +Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg könnte die Tür hinter sich +gesperrt haben! Er lief eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft +drückte er die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er stürzte +in das Gewölbe. + +Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der +Lampe leuchtete ihr weißer Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre +Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte. + +»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du +kämest nicht!« + +Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf und übersäte seinen Mund +mit heißen Küssen. »Liebst du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen +den glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?« + +Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren Hals und den feinen +Ansatz ihres Busens küssen mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak +bei der Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als müsse er sich +entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt habe. Dann legte er den +Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und +sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls sie uns gestört hätten, +oder für den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen hätte. +Gottlob, sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie ich dich +errette. Ein Wagen harrt draußen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich +dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen +aushalten? Wirst du es überleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau +kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser +zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein +ruhiges Plätzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer +zurückzieht, will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte +wandern, bis wir ans Meer gelangen!« + +Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf +Karolus' nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast +geheimnisvoll noch einmal: + +»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwöre mir, daß du +mich liebst!« + +Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die +beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Höhe und sagte ernst: + +»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glücklich, daß du mich +erhöht hast durch deine Liebe. Ich wünsche nichts anderes, als daß du +mich liebst!« + +»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« sagte Lalanda traurig, +»daß du gerade mich lieben mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb +Mensch bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes Menschenkind +liebte und glücklich machte!« + +»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« jubelte Karolus, »ich +liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so über alle Maßen schön und +wunderbar, so königlich und erhaben!« + +»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich weiß, daß du mir das Leid +geringer machen willst, das ich empfinden müßte, wenn ich« -- ihre Stimme +wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten -- +»wenn ich dich nicht jetzt im nächsten Augenblicke zum glücklichen, +glücklichen Menschen machen könnte! Schraube den Docht der Lampe zurück, +ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich +habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir's verraten soll, ob du +würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus +diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glücklich +werden!« + +Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht +zurückschraubte, so seltsam, wie eine Beschwörung klangen die Worte +Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom +Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward fast dunkel im Gemach. + +»Verschließe die Tür!« befahl sie. + +Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die Tür fest verschlossen +sei. Dann sprach Lalanda: »Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich +dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen +Augenblick lang! Dann aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht +sterbe!« + +»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster Erregung, »was soll ich +erfahren?« Und er dachte nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen +und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf +dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als +wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke. + +»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und nun, Karolus, Karolus, +sieh mich an!« + +Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des +Teiches und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorwärts. Aber er +taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurück. +Auf dem breiten Rande des Bottichs -- stand Lalanda aufrecht, aufrecht +auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an, +aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend, +mit einem siegesgewissen Lächeln schwang sie die schillernde Fischhaut +in der Hand, aus der sie geschlüpft war. + +»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich liebe! Bist du jetzt +glücklich?« + +Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich, +um den Fischschweif unterm Wasser -- zum letzten Male -- anzulegen. + +Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fühlte ganz deutlich +den Stoß, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die +Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel +umfaßt und schien ihn erwürgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die +Lüfte. + +»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er +hörte mit donnerndem Getöse den Kristallpalast seiner Träume +zusammenkrachen, »eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui, +nackt« ..... + +Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfüllte sein Herz, +seine Augen waren trocken. + +»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine Stimme überschlug sich. + +Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus +lachend an, ihre Perlenzähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen; +denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein +seltsames Gehaben für die Äußerungen seines freudigen Staunens. Und mit +herausforderndem Lachen fragte sie: + +»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich dir die Rettung so +leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!« + +Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er +stürzte zum Teiche. + +»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in ihre Worte und in ihr +Lächeln hinein, er faßte Lalanda und hätte sie geschlagen, so sinnlos, +so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fühlte er sich. +»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er. + +Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon +überzeugt, daß sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen +Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie +gewöhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den +Armen und rief neckend und schelmisch: + +»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!« + +Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle war ihm zu Kopfe +gestiegen und verwirrte ihn, er umfaßte ihren Hals und zerrte die +Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner +sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose Betrügerin!«, +ohne es zu wissen, und hätte die Hände nicht vom Halse Lalandas +gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis, +wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Empörung über seine +Dummheit nicht ihre Nägel in seine Hände gebohrt und endlich seine +Finger von ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell tief +in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tür hindurch in +das zweite Gemach. + +Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine +Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe. +Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick +gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und öffnete rasch den +Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und +so fuhr er von dannen, der Moldau zu. + +Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd über das schlechte +Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen +geworfen und geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose +Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein unsäglicher Ekel +schnürte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn, +daß es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein +Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume nicht erfüllt worden sind und +das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen in den Augen +steht und nur daran denken muß, wie ganz anders es sich den +Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham, +daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser +Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefühle +des größten Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen +hatte, die ihm winkten. + +»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. »Und das war +Lalanda, die Meerkönigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich +das überleben!« + +In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine +glitzernd da und der Kutscher öffnete den Schlag und, wie hätte er den +Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer +höflichen Verbeugung: + +»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir über die +Brücke hinüber?« + +Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin Ihr wollt,« sagte er, und +sich besinnend, fügte er bei: »bis ich Euch rufen werde, daß ich +aussteigen will.« + +Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den Bock und der Wagen +holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie +auf der einsamen Landstraße. + +Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er +sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide +zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, kühle, +königliche, ferne Meerkönigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif +war Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das +Gewöhnliche, Schamlose -- ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn +schüttelte -- das Dirnenhafte! »Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren +Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine +Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O, +ich hätte sie erwürgen sollen, diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!« + +Große Tränen rollten über seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner +Enttäuschung, mit seiner Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter +und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust +werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines +aus der Flasche, dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, die +Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Tränen und er rief dem +Kutscher zu, er möge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der +Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag entgegen. + + * * * * * + +Über die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht +gehabt, wie der Vater zuerst über das verstörte Gesicht, über die Wunde +an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich sein +Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung beichtete, darüber steht +nichts mehr -- in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber, +daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und geküßt +hat und daß er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mußte über seinen +verträumten Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch tat, daß +im Leben jedes Mannes der Tag kommen müsse, an dem sein Ideal den +glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht +sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen +Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik, +daß Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr +verlautete. + +Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet haben; er wird wohl auch +ein anderer geworden sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem +fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas +angebracht und das Haus 'Zum Meerweibchen' genannt werde. In den alten +Büchern ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht in den +Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt Prag der Name Karolus +Werkmeister, Prager Bürger und Besitzer des Hauses 'Zum Meerweibchen' +und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und +gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch, +Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem +Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in zärtlichen +Augenblicken Medulina nannte. Und in den Büchern folgt auf diese beiden +Namen eine Menge Kinder. + +So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso historisch, wie sie +begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der möge ruhig in der Chronik +der Königlichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin +aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen, +das den gleichen Namen trägt wie diese Geschichte. Dann mag er +kopfschüttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis +zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit öffnen und auf den +Hradschin hinüberschauen, die Königliche Burg, die herrlich und +majestätisch von der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man aus +dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur historische Geschichten +erzählen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom +Meerweibchen. + + + + +Der Spiegel + +Eine Legende + + +I. + +Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem Recht und Fug ihre +Legenden verlegen dürfen, weil dazumal der Heiland und die Mutter Gottes +noch ein Vergnügen hatten, die Menschen zu lenken -- jungen Eltern +gleich, denen die Kindererziehung noch Freude und Lust bereitet --, zu +jener Zeit also stand abseits von der Heerstraße mitten im Walde ein +weitläufiges, schönes Nonnenkloster von strengen Sitten, in welchem, +fern vom Lärm und Hasten der Welt, die Nonnen ein beschauliches und +ihrem himmlischen Bräutigam ergebenes Leben führten. Die Stille in +diesem Kloster war eine so große und die einschläfernde Macht der +Gewohnheit, unterstützt durch das gleichmäßige Rauschen des Waldes, eine +so überwältigende, daß die Geißel an der Wand verstaubte und die frommen +Frauen alt wurden und ehrwürdig dahinlebten, und daß eine Wolke der +Heiligkeit über dem Kloster schwebte. + +So ist es begreiflich, daß der Böse ein unabweisliches Verlangen fühlte, +in diesem Kloster seine Künste zu probieren, und daß er der Madonna, +als er sie einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner +Keckheit zurief, diese Burg der Frömmigkeit sei wohl auch nicht so +uneinnehmbar, wie sie glaube. + +Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen -- wie sie der göttliche +Raffael uns überliefert hat -- durchdringend an und sprach: »An der +Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und so sicher bin ich +meiner Sache, daß ich dir erlaube so lange darin zu verweilen, als ich +hier ein Vaterunser sage.« + +Der Böse erschauerte, da er den Namen 'Vaterunser' sprechen hörte, aber +er faßte sich gar bald und entgegnete: + +»Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile hier, und, ehe du +dein Sprüchlein geendigt hast, will ich wieder bei dir sein und mich +meiner Tat erfreuen.« + +Und kaum, daß er es ausgesprochen, war er in ein altes, runzeliges +Weiblein verwandelt, das an der Klosterglocke zog und hüstelnd im Tore +verschwand. + +Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und ausnehmend schöne Nonne +Pförtnerin geworden, Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des +Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Säugling an der +Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden und erbarmungsvoll in +den Schutz des heiligen Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr +Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten so selbstverständlich +und ohne Zweifel nachgekommen, daß die Oberin ihr den schweren Posten +einer Pförtnerin übertragen hatte. Sie hieß also Schwester Clarissa und +war blühender als je eine Nonne gewesen. + +Nun, da es läutete, öffnete sie dem hüstelnden Weibe ihr Schiebfenster +und fragte nach seinem Begehr. + +»Die Oberin Berthilde vom nächsten Nonnenkloster schickt dies +Gebetbüchlein der Pförtnerin Clarissa,« sprach das Weiblein, »daß sie es +als Geschenk annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres Postens nicht +abzulenken und als Erprobung ihrer Stärke gegen die Anfechtung der +Neubegier wünscht sie, daß die fromme Schwester Clarissa das Tüchlein, +drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem Buche wegziehe, als +bis der Mondschein durch ihr Fenster falle.« Sprach's, und ehe die +Pförtnerin noch ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden. + +Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter +Gottes, als diese ihren schönen Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er +machte eine höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr +mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige Erlaubnis. Sein Werk sei +vollendet. Die Madonna aber lächelte milde und sprach ihr Amen und +schlug drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. Sie aber +machte sich auf und wandelte still ihres Weges. + +Als nun das Abendglöcklein geläutet und das Tor des Klosters +verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges +Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben +der Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze +Stube flimmerte in weißem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem +Abende der Mond vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk der +Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, »aber sie hätte +es, fürchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte +geöffnet! Ja, geöffnet! Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches +Gewissen, »und ich will es der Oberin gleich bringen!« Doch dabei +nestelte sie schon an dem Tüchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch +vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig +ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt gewesen. Es war aber gar kein +Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre +Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen +Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem +Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stück +leuchtenden Glases auch zuerst für den silbernen Beschlag eines +wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; als sie +aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll Neugierde darüber beugte, +sah sie darin ein menschliches Gesicht, blühend schön und mit lachenden +Augen, mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden Lippen, wie +sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und +schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen +gesponnen wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen an, +da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel +hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie +ganz, daß sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich +plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu +ergötzen, und deckte schnell das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie +nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schön +gewesen, als daß sie dem Zauber hätte widerstehen können. Sie lüftete +das Tüchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses +Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr +gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! »Morgen früh geb ich es der +Oberin,« sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit +glücklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel +freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr +Haar mit einem kleinen Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit +den Händen über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung, +als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie +sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte +passen müsse. Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die +Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die +Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem +blendenden Scheine ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor +sich hin! + +So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Bräutigam +vergessen! Eine unbestimmte, drängende Sehnsucht war in ihr erwacht, daß +sie lange mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich nicht satt +schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas unternimmt, das muß man ihm +lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn +das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem +Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm, +das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Bräutigam zu +schmücken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; daß sie den +schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken, +und ihn um den weißen Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um +nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schönheit zu übersehen. + +Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher Menschenspiegel, und +ein so starker Zauber ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, das +Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig +gemacht und, ohne die Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet +hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber +hatte sie in das Tüchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz +an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zöge, so +lustig und glücklich hüpften ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und +sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen. + + +II. + +Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das +prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich +geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf +Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch +schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen +wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig +und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der +weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die +Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner +und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in +diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen +getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit +verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig +hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich +gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste +Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er +als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war +seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er +fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht +unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten +seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner +Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete, +so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte +immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und +im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der +heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß +er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest +überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr +ein neues Reis ansetzen werde. + +Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen +Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen +Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem +melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu +probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und +Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen, +trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß +kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an +denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte, +und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich +neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg +geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen +lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken +müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht +schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen +wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei +war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit +und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er +freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er +sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit +scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber +umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen +Grafen eigentlich recht genügend waren. + +Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem +Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf +Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht +wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern +der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und +wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den +bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem +Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast +erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten +Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so +gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel +gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte, +war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte, +einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um +über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach +vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger +empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine +Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar +auseinander: daß nur _ein_ Mensch auf dieser Erde den armen +melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in +Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach +und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich +eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn +an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß +er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan +habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig +zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen +zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel +gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es +nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von +seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich, +während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine +philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst +bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was +vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit +so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem +Schlosse geschieden. + +Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem +melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen +Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht +angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von +dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines +Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen +fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt, +und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang +brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz +Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß +dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das +Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer +sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium +auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der +selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken +sollte, kein großes Vertrauen empfand. + + +III. + +Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Händen +zurückgekehrt waren, (weil jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft +beschwören sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte -- +mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa +auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand +war bestaubt und von Dornen zerrissen, so daß es gar nicht mehr als +heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war länger geworden und +ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr das Wandern in der +frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot +weichen mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem +Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr +glückseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an +ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in ihrer glorreichen +Dummheit noch nicht, daß der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr +Sehnen zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies Geheimnis, +als sie ihren schneeweißen Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn +nun mit dem Tüchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da +sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Körper leuchten und merkte +zu ihrer großen Freude, daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser +Beleuchtung noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber freute +sich das arme betörte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott +für das schöne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen +Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter, +sondern aus ihrer reinen Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht, +daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte. + +Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau mit dem Spiegel in der +Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr +immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurückwich, +holdselig lachend und winkend; sie schmückte sich das Haar mit den +Blumen, die sie auf den Wiesen pflückte, und sah so mit den roten +Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzückende +Prinzessin aus dem Märchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein +phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller +Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne Gesicht im Spiegel, +daß sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege +begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem +Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so über alle Maßen +schön, daß keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, weil er +ihr so lange nachschauen mußte mit offenen Augen, bis diese ihm +übergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange +verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu haben; und wenn er ein +Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich +einen Reim auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen eine ganze +Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen: +'Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!' + +Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne +eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen +einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß jene unbeschreiblich +schöne Dämmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und +Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat +um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der +Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die +von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, und, ohne die holdselige +Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schloß, so über +jeden Zweifel sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst +gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig erwarteten. Als +er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob +sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel und Glückslärm, +der fast den schnarchenden Ritter geweckt hätte, wenn er sich nicht +einen so gesegneten Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das +ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa +mit dem Spiegel beim Fenster saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete. +Und ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie schon die ganze +Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie +vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls +ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich +doch, für ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu +können, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken +Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein großer und +aufrichtiger Jubel darüber in Schwarzenburg. + +Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse mit großem Geräusch die +Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff +genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so +rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun für den Grafen, +da alle eigentlich im innersten Herzen glücklich waren, den +launenkranken Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine Zeit los zu +werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer +verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt +hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett täglich +aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich eine behagliche Grube +in den Strohsack gedrückt zu haben. Er seufzte und schimpfte ärger als +ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so +beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei überwachte er doch +genau jegliches Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines +Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte, +ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rüstete sich überhaupt aufs +allerbeste für die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für die +Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und +Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit für +Regenwetter und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine Reisedecke, +bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn ja leider kein Diener auf dem +Pilgerzuge begleiten könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm +wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den +der Graf für sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide, +und einen Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen +Italiens schütze. Dann geschah eines Tages das Unerhörte, daß der dicke +Ritter, auf die Schulter seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem +Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im +Schloßsaale landete. + +Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß sie den Grafen in Empfang +nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung, +hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das +Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der +unglückliche Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die +Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, daß vor einem großen +Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und +ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend, +so daß sie sich auch von rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren +Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen +Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur daß er groß war und fest +an der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte ihr gleich den Saal +vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so +stand sie still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da sie nun der +Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich +derb mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle +Kanne Weins überlief. + +»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er dann, »mit einem solchen +eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!« + +Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an, +die jetzt, seit sie ihren Spiegel besaß, immer einen glücklichen Glanz +hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte, +die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu großen Hut in den +Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein +Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser +zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mußte einen +ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann +seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer +Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor +Bewunderung über ihren Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den +steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. Und als sie im Tale +angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine +Trompetenfanfare ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war es, als ob in +diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer zusammenflössen, die +Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstieß. + +Weil er ja geheilt zurückkehren würde .... + + +IV. + +So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit seiner schönen Begleiterin, +des Weges. + +Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger Mann, als daß er die +Begleitung der Jungfrau als ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm +sie vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht Dankenswertes +hin, indem er den Arm des Mädchens weidlich als Stütze ausnützte, jede +Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger Geselle +blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute +Ursache eines tiefen Seufzers für ihn, jede Speise, die ihm in den +schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten +Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den ersten Tagen gar +nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust +zu frönen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune +ihre müden Glieder auf das Lager streckte, während ihr dicker Herr und +Gebieter das beste Bett des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es +ihr zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit herzlicher Lust +zu sehen, wie ihr Blondhaar länger wurde und sich zärtlich um ihre +Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden +und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war überall, +wo sie hinkamen, ein großes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der +melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hören, was für ein +herrliches Mädchen er sich auf die Reise mitgenommen habe. + +Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, ohne daß er sie einer +Überlegung für wert hielt, da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe +geschwunden war und er nur immer an sein Unglück und sein Leid denken +mußte; höchstens, daß er ein pfiffiges Gesicht machte, wenn ihn die +Leute ob seines Geschmackes einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm +wohltat, als ein so überaus feiner und geschmackvoller Pilger angesehen +zu werden. Denn so sehr er auch seufzte und jammerte, tat ihm die +reichliche Bewegung im Freien doch wohl, und die Kräfte kehrten mit +jedem Tage mehr in das Gebäude seines stattlichen Körpers wieder. Seine +bleiche Farbe wich einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag +immer leichter auf der runden Schulter seiner Stützerin, da er bald +selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn er auch nicht unterließ über +jeden Stein am Wege oder jeden Regentropfen, der ihn näßte, einen +ordentlichen Fluch loszulassen. Die blühende Clarissa pflegte und +betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines Glücksgefühl +durchströmte sie dabei, daß sie einen kranken Menschen so warten dürfe +und dieser große und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie angewiesen +war. + +So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, nur daß die Flüche des +Ritters und seine Verwünschungen ihre Schritte begleiteten. Denn er war +gar nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu fragen oder +nach ihren Wünschen zu forschen. Aber nach einigen Tagen hielt es +Clarissa nicht mehr aus, so stumm neben dem traurigen Ritter +einherzugehen, und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach +war, zu berichten an, und der Graf ließ sie gewähren, weil ihm der Weg +auf diese Weise minder eintönig wurde. Er vergaß dabei wohl auch etliche +Male zu jammern und stellte sogar nach einigen Tagen, da der Redestrom +seiner Begleiterin zu versanden anfing, Fragen, die sie in ihrer +munteren und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam es so weit, daß +er dem Mädchen zögernd und unwirsch sein Leben erzählte, ohne viel +Rücksicht auf ihr Jungfrauentum, also daß sie manches hören mußte, was +ihr die verdiente Nachtruhe mit bösen Träumen störte und sie +nachdenklich und schreckhaft machte. Dann tröstete sie nur ein Blick in +den Spiegel, der ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot paßte, das +plötzlich ihre Wangen durchglühte, und wie seltsam ihre Augen +aufleuchteten und die Lippen sich schürzten, wenn sie an die Reden des +kranken Ritters dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr über +den Rücken herabflutete, in goldschimmernde Flechten drehen und +vergnügte sich nun lange damit, sie in verschiedenen Windungen um den +Kopf zu legen, Bänder und Blumen hineinzuordnen und ihrem breitrandigen +Pilgerhute alle erdenklichen abenteuerlichen Formen zu geben, je nach +ihrer Stimmung, hoffnungsvoll geschwungen oder kühn auf die Seite +gedrückt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer war sie von neuem von +ihrem Anblick entzückt. Bei Tage aber wanderten sie tapfer dem Süden zu +und waren schon mitten in den Tälern der Alpen angelangt, als ihr eines +Tages der Ritter erkrankte. + + +V. + +Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel, +sondern bloß die Ausbrüche seines Schmerzes und seiner Verstimmung über +sein Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen Schreck +darüber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen +Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein +wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also daß er sie +in der Nacht an sein Lager rufen ließ. Er lag stöhnend und jammernd in +seinem Bette und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß dies +nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben +müsse. Er zerriß das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor +Wut und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt habe, um ihn +elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn +sicher vergiftet, so brenne es in den Gedärmen und so rasende Schmerzen +empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die +erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung +hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener Märtyrer er +sei. + +Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte +nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brüllenden +Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich über +ihn, leise mit ihren Fingern über seine Stirn streichelnd, und der +Mantel war ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. So +stand sie da in ihrer Schönheit, die Fluten ihres goldenen Haares +jauchzten über ihren schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden +Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das groblinnene Hemde. + +So beugte sie sich über den Grafen, der zum ersten Male seit langen, +langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes +Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als +daß er darum weniger gestöhnt hätte, er wälzte sich vielmehr nur um so +ungebärdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und +Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens von seinem +Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte, +weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid +neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer +Seelenangst inbrünstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe, +herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit +sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich in den Sinn, und +weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkräftiges +erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter +ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile. + +Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurückkehren sah und sie +ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und +Herzensreinheit, da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er +glaubte, daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit +aller Wucht auf den Boden, daß er in hundert Stücke zersplitterte; dann +aber, als ob er seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf sein +Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein. + +Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war +ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche. +Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien +es ihr, als stünde draußen die Mutter Gottes, genau so schön und +lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten +Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen +Blicke ansähe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das +Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still +und zufrieden schlafen sah, auf den Fußboden neben sein Lager hin und +schlummerte bis in den Morgen. + + +VI. + +Am nächsten Tage, als der Ritter morgens früher als seine schöne +Begleiterin aufwachte, war ihm viel, viel wohler, als er sich +eingestehen wollte. Und das erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel, +war nicht sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, wie +sie sich über ihn gebeugt und seine Stirn gestreichelt hatte. Er sah das +volle Blondhaar um ihren schönen Nacken fluten und die milden Hügel des +Busenansatzes über dem sittsam geknüpften Hemde und schloß gleich +wiederum als ein Schlemmer und Feinschmecker aus früheren Zeiten die +Lider, um sich in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er dann +die Augen wieder öffnete und die Maid auf dem Boden daliegen sah, den +rechten Arm unter dem schönen Haupte, wie sie mit halb geöffneten Lippen +friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen auf die +Schläferin und ward nicht satt, sie zu betrachten. Kaum aber, daß +Clarissa die Augen aufschlug, als hätten die Blicke des Grafen sie +geweckt, da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, beiseite, +die Augen schließend und Schlaf heuchelnd, bis er endlich mit einem +tiefen Seufzer erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen Tag +begrüßte. Nicht ein Auge habe er die ganze Nacht geschlossen, log er +gleich in seiner alten Weise, wenn er auch vielleicht scheinbar den +Eindruck eines Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich eben zu +fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, wenn nur die Schmerzen ein +wenig erträglich seien. Clarissa natürlich, sagte er giftig, sei da auf +der Erde gelegen und habe geschnarcht wie eine Säge durch Querholz, daß +er schon deshalb nicht hätte einschlummern können; und schon schrie er +nach seinem Morgenimbiß, da ihm sonst sein Magen verbrenne. + +Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel um sich gezogen, dann +brachte sie dem Ritter sein Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben +zusammen und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie barg sie dort in ihr +armes Tüchlein wie eine kostbare Habe, ohne auch nur die geringste Lust +zu verspüren, in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. Denn es war ihr +so seltsam im Herzen seit dieser Nacht, daß sie immerfort an den Grafen +und seinen Schmerz denken mußte, mit einem tiefen, herzinnigen Mitleid +und einem traurigen Gefühle darüber, daß er so barsch ihre Hand +weggestoßen hatte; und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder +ihre Hand auf seine Stirn legen zu dürfen. So machte sie sich rasch +fertig und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, um ihn +zu pflegen, wenn er ihrer bedürfe. + +Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre Handreichungen hin wie +etwas Selbstverständliches und war um so rauher, als er eine seltsame +innere Nötigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen und hätscheln zu +lassen. Und je inniger und liebevoller sie sich seiner annahm, desto +unebener und schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die nur dann +glücklich sind, wenn sie quälen können. Im Herzen aber hatte er nur den +einen Wunsch, daß bald wieder Nacht werden möge, damit er wieder +Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern und die +Lieblichkeit ihres Leibes beschauen könne. Indessen lag er im Bette, aß +und trank wie ein Gesunder, freilich, wie er sagte, ohne Hunger und +Bedürfnis, nur um recht bald wieder aufbrechen zu können. + +So war langsam Abend geworden und Clarissa hatte gefragt, ob sie sich +neben ihn auf den Boden legen solle. Da war sie aber schlecht +angekommen. Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer trollen, +er wolle heute schlafen und da könne er ihr Schnarchen nicht brauchen. +Er drehte sich der Wand zu und schwieg hartnäckig auf alle ihre Fragen, +so daß sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und sich leise aus dem +Zimmer davonschlich. + +Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte und seufzte und konnte +lange keinen Schlummer finden. + + +VII. + +Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tür +gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter +wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht +ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll +herzlichen Mitleids in das Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser +Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens +schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wütender +im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes +Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in uneingestandener +Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen können und +nur wünschte, sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, mit +aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich über sein Lager beugen. +Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das +Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und +er war ordentlich wütend darüber, daß sie seinem geheimen Wunsche nicht +nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den +ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an +die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu +streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen. + +Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun über +den Armen, ihm die Stirn berührend. Er ließ sich das auch heute +gefallen, nur daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des Schmerzes +sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor +Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil +sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm sein Leiden so gar nicht +abnehmen konnte. Sie strich ihm milde über das Haar und sprach zu ihm +mit zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, das sie in den +Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufstöhnte und mit klappernden +Zähnen jammerte, daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu +ihm und breitete ihren Mantel über seine Bettdecke. Er aber umarmte sie +wie in schrecklicher Angst und drückte sie heiß und fest an seine +wogende Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie in ihrer +jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er +auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte +und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und großes Glück und +das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in +diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war, +durchströmte sie, daß sie die Augen schließen mußte und sich den +Umarmungen des Ritters willenlos ergab. + +Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer +schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der +Arm des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte der Pilgerin. + +Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst über die +Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr +zumute, dann aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen stürzten +aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie war +glücklich, daß der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in +die Augen schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in +ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee, +versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser +Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglöcklein +des Glückes herüberläutete, und im Gefühle der glühendsten Scham, aber +ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem +Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie +sich und betete, daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen +und zugunsten des Ritters verwenden möge, damit er endlich von seinem +schweren Siechtum und seiner Melancholie erlöst werde. + +Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer Ermattung aufgewacht und +dämmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem +Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem großen Stolze +hin, daß er sein Stücklein so gut durchgeführt hatte, und träumte schon +wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen +Jahre nur ein böser Schabernack gewesen wären und alle Damen noch +dasäßen und warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebesnot +erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner +Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen +Morgenimbiß zu bringen. + +Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wäre, so hätte er vor +Glückseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun +mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengruß über die +bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen +und sie war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, daß die +Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten +und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich +aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt +geworden, daß er ein großes Jammern anhob und ein über das andere Mal +ausrief, daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte +gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen +sollen. Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das habe der +verfluchte Medikus so fein eingefädelt und der Teufel habe ihm dabei +geholfen. + +Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus +gesund fühlte, wirklich schlecht und empörend in seiner Selbstsucht und +Lust, andere zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese +Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert und verlor völlig +ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glückseligkeit hatte sie den ganzen +Morgen über vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf das +Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit dem Grafen vor den Papst +zu treten. Sie fiel ihm zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß +ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. Der traurige Ritter +aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das +Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört und +unglücklich aus dem Zimmer davonwankte. + + +VIII. + +Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie +sich unter ihr Bett und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben +ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter +und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande +gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß sie vor dem +Altar kniete und heiß und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem +Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, mit +seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, die aus einem kindlich +geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte +tröstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu +ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters +Heilung verwirkt hätte. + +»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd +und Mutter, neige dich meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen +Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile den armen Grafen, nimm +mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich +armselig und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen +könnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die +ich dir weihe, denn sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.« + +Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu +Füßen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten +aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor +Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie +verhüllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden +Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den +Tränen erschüttert, endete sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige +mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich stürbe so +gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!« + +»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter +Gottes. Denn sie lächelte mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und +sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne +emporzuschauen, aus der Kapelle. + +Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem +Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fügte es die +trostreiche Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel, +in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gütige Madonna selbst saß +bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen +Sünderin und hatte das Tüchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht, +vielleicht weil sie den Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die +gute Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als der Ritter +wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus +schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der +schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging +mit dem Päcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter +aufzusuchen. + +Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer +eintrat, donnerte er ihr schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie +sich schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein Mitleid mit seinem +Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lästerworte hinzu, da ihn +schon wieder die Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna +vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen +angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also: + +»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du mich in der +selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise gekränkt und beleidigt hast, +bist du wirklich also verstockt und böse, daß dir die Scham nicht die +Stimme verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich +stützte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest, +nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um +meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du +mich von dir jagen, anstatt mir die Füße zu küssen und um meine Gnade zu +bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, daß ich +dir beistehe in deiner unmännlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du +Abscheulicher!« + +Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos +über diese Kühnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur +untertänig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wütend war +er, als er sie so dreist sprechen hörte. Dann aber lachte er böse auf +und wollte aus dem Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr +Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken, +das den Ritter bedeckte, aufhob, schüttete sie die hundert Scherben auf +sein Lager, daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper verstreut +waren und er wie in einer Dornenhecke lag, daß ihn jegliche Bewegung +verletzen mußte, so daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte +sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen hätte und rührte +sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze +Maid, die ihn gebändigt hatte. + +So gern nun diese auch gelacht hätte, da der verdutzte melancholische +Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen +Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng +und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise +ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager +gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, falls er ihren +Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war für diesen +selbstherrischen und gewalttätigen Mann, der durch Jahre hindurch seine +Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, daß die anderen vielleicht +auch einen Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem +Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rühren zu +dürfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor +ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz aus seinen Augen wich +allmählich der Verwunderung, dann einem ängstlichen Staunen und +wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm wurde +und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der +Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern ihn gleich rüttelte, wenn er ihr +unachtsam schien. + +So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je +gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich +geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten +Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz +elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem +Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich +eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung +aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei +der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr +schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das +ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen, +da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er +die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er +nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er +verbrochen hatte. + +So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse +Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er +ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette +auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen +ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie +ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und +achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen +Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein +Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen +rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung +erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!« + +Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer +zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die +Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke, +da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat. +So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und +wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten +Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen +wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie +erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen +Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und +seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde +liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen +Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du +wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch +meine reine und echte Liebe verschönt sein!« + +Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und +erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe. + +Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das +Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die +Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager +zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar +ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat. + +Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen +Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, -- nachdem sie sich +in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt +hatten, -- um nach Schwarzenburg heimzuwandern. + +»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf +sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg. + +»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, und, da eine Lerche +sich vor ihnen tirillierend in die Lüfte schwang, da war es ihm, als ob +seine Seele auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten +Sängerin seinen Gruß zu: + + »Tandarada, Tandarada! + Welch ein Wunder mir doch geschah!« + +Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen! + + * * * * * + +Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu +und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht böse: +ich weiß keinen Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der -- Gott sei bei +uns! --, wie sich der Böse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat! +Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch +gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, daß ich, nur um +euch einen Schluß zu dieser Legende berichten zu können, mit ihm hätte +sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gnädig! + +Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Gräfin Clarissa von +Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen +Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes +weihte, hängen zwei Bilder, von _einer_ Künstlerhand gemalt und beide +berühmt ob ihrer Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute: +die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hält und sich holdselig und +lächelnd in dem Glase betrachtet.... + + * * * * * + + + + +Von =Hugo Salus= erschienen bisher: + + +=Novellen des Lyrikers.= Dritte Auflage. Egon Fleischel & Co., Berlin. + +=Gedichte.= Zweite Auflage. Albert Langen, München. + +=Neue Gedichte.= Albert Langen, München. + +=Reigen.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München. + +=Ehefrühling.= Fünftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck von Heinrich +Vogeler-Worpswede. Eugen Diederichs, Leipzig. + +=Susanna im Bade.= Buchschmuck von Wilhelm Scholz. Albert Langen, +München. + +=Christa.= Ein Evangelium der Schönheit. Buchschmuck von Emil Orlik. +Zweite Auflage. Wiener Verlag. + +=Ernte.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München. + +=Neue Garben.= Gedichte. Albert Langen, München. + + * * * * * + + +Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 35 + + +Novellen des Lyrikers + +von + +Hugo Salus + +Preis geh. M. 2.--; geb. M. 3.-- + + +=Aus den Besprechungen= + +=Dresdner Anzeiger:= Mit dem Begriff Novelle im klassischen Sinne, im +Geiste Maupassants etwa, darf man freilich nicht an diese überaus zarten +Stimmungsbilder herantreten. Das Improvisierte, bisweilen Skizzenhafte +des Rahmens, in dem uns ein Eindruck, subjektiv empfunden, lyrisch +ausgesponnen, entgegentritt, ist von dem Greifbaren, ja Plastischen, das +der Epiker geben will, himmelweit verschieden. Das aber gerade macht das +ganze Freie, Urpersönliche des Verfassers aus, der ja nirgends den +Lyriker verleugnen will, und dem epische Versuche im herkömmlichen Sinne +gar nicht gelingen. Durch die lyrische Stimmung, die er in den besten +Stücken ganz einheitlich festzuhalten weiß, durch eigenen Ton, der so +gar nichts literarisch Gewolltes, oder gar Konventionelles hat, schlägt +er uns in Bann. Es kommt Salus gar nicht auf die äußeren Geschehnisse, +sondern auf das innere Erleben an. Ganz wundervoll ist das einem echten +Dichtergemüt entsprungene Märchen: »Wo kommen die Kinder her?« + +=Hamburger Nachrichten:= Einen besseren Titel hätte der Dichter seiner +Novellen-Sammlung nicht geben können, denn aus jeder seiner Erzählungen +spricht so unverkennbar der Lyriker, der zartbesaitete Gefühlsmensch, +dem alles, was er sieht, viel weniger in realer Gestalt als vom Hauch +der Poesie verklärt erscheint, daß man oft Verse und nicht Prosa zu +lesen glaubt. Wenn man auch in manchen Dingen anders -- nüchterner und +deshalb vielleicht klarer -- urteilt als Hugo Salus, immer achtet und +schätzt man den feinsinnigen Poeten, dessen Bilder in wohltuender +Reinheit vor uns erstehn, dessen Sprache den Stoff meistert und ihn +beschwingt. + +=Heimgarten, Graz:= Seltsame kleine Geschichten eines wahren Dichters +in der feinen rhythmischen Sprache, an die uns Salus in seiner Lyrik +bereits gewöhnt hat. Aus unscheinbaren, den profanen Blicken meist +wertlosen Dingen und Geschehnissen erträumt sich seine Muse ihre +wunderlichen Abenteuer und gestaltet sie zu kleinen Novellen, die man +allerdings nicht »spannende Geschichten« nennen kann im landläufigen +Sinn, die aber feineren Lesern ein willkommener Genuß sein werden in +ihrer tiefen Symbolik und ihrem demütigen Gefühl für die Wunder des +Lebens. + +=Das Literarische Echo:= Der Lyriker, der uns diesmal Novellen +darbietet, hat einmal in seinem ersten Versbuche ein sehr sinniges und +schönes Sonett geschrieben, das nunmehr verleugnet ist. Damals sagt er: + + Zu schmal ist meines Dichterhauses Schwelle, + Die Tür zu niedrig. Des Gewandes Falten + Muß selbst die Lyrik eng zusammenhalten + Will sie besuchen mich, die sonnighelle. + + Doch für mein Ideal, für die Novelle, + Ist schon die Tür zu eng. -- -- -- + +Nun hat sie dennoch Eingang gefunden. Wenn man will, durch ein +Hinterpförtchen, denn unter den schematischen Begriff der Epik lassen +sich die zarten, duftigen Geschichten nicht so leicht einfügen, weil sie +Bilder und Träume, spinnwebfeine Fabeleien und verlockende Plaudereien +sind -- Novellen des Lyrikers und nicht Novellen schlechthin. Der epische +Kothurn fehlt; Salus sitzt nicht am Vorlesetisch, sondern näher, viel +näher. Ein anheimelndes Gefühl, eine liebliche und vertrauliche Art +liegt in der persönlichen Diktion -- gleichsam als säße man +freundschaftlich mit zusammengerückten Stühlen um einen Tisch, und +einer, irgend einer, aber ein Kluger und Feiner, begänne mit einem Male +eine Geschichte zu erzählen mitten in eine Plauderei hinein oder in ein +Schweigen. + +Jene schöne Mühelosigkeit, die das leichte und doch so geschickt +gesponnene Gefüge von Salus Weisen uns lieb und wert macht, verleiht +diesen Geschichten eine unliterarische, würzige Frische, eine +Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das Absichtsvolle, das ja in jeder +belletristischen Schöpfung fühlbar wird, möglichst unterdrückt.... Nicht +einen Neuen gewinnt man mit diesem Buche lieb, sondern den lyrischen +Fabulanten, den klugen, geschmackvollen und feinsinnigen Dichter des +Lebens, Hugo Salus, der selbst in der kleinsten Facette das Bild der +großen Kräfte zu spiegeln weiß. + +=Die Zeit:= In dem neuen Buche von Hugo Salus haben mich die +Titelnovelle und »Das Register« entzückt. Die erste Novelle sollte die +dramatisch bewegte Geschichte einer verratenen Frauenseele werden. Salus +hatte die feste Absicht, es auf der »ehrenwerten Landstraße der Sprache, +die auch einmal zwischen Kornfeldern und Kartoffeläckern dahinführt,« zu +versuchen. Doch er ist Lyriker, und -- »man ist nicht ungestraft zwanzig +Jahre seines Lebens Lyriker, bloß Lyriker!« Er schweift von der +ehrenwerten Landstraße immer ab, in »Blumengärten und feierlich +rauschende Haine«, die Stimmungen lenken ihn ab, das Singen der Worte +verführt ihn. Eine »echte, epische Novelle«, eine ordentliche Geschichte +wird's eben nicht. Aber in diesem Bekenntnis liegt so viel Feinheit und +eine so liebenswürdige Ironie, in diesem spielerischen Vortrag ein so +lebendiger und biegsamer Geist, daß ich die »Novellen des Lyrikers« für +ein Kabinettstückchen der Prosa halte. Über den Titel freilich und +besonders über den bestimmten Artikel darin ließe sich streiten. Die +Storm, Keller und Meyer waren bekanntlich auch Lyriker, und auf der +»ehrenwerten Landstraße« der Sprache haben sie dennoch mit viel +Vergnügen und großem Erfolg getrabt. Es mag ihnen ja manchmal schwer +geworden sein, die Zügel etwas straffer anzuziehen, aber sie haben es +verstanden. Und schließlich versteht es auch -- Hugo Salus selbst, wie +»Der Handschuh«, »Der Becher der Mensane« und »Der Toast« beweisen. Nur +weiß er, daß ihn alle Welt als den Sänger kennt, durch dessen Lieder die +Sehnsucht mit prinzessinnenhafter Grandezza schreitet und aus dessen +Versen Amoretten kichern. Darum glaube ich, daß er den Titel aus einer +gewissen Koketterie hingeschrieben hat, wenn diese auch nicht frei von +Wehmut ist. Als künstlerisches Eingeständnis kommt mir die erste Novelle +jedenfalls ungemein interessant vor. Und nun möchte ich schnell über all +die hübschen Stücke, die jedem etwas bringen, über all die ergreifenden +Liebesgeschichten, phantastischen und sinnigen Erklärungen, übermütigen +Nordseebilder und glückseligen Italienfahrten, zu der kleinen reizenden +Novelle »Das Register« eilen. (Folgt Inhalt.) -- Es ist ja nur ein +zierlicher Einfall, dieses Geschichtchen. Aber mit der Kunst eines +echten -- Lyrikers erzählt. Bei dem närrischen, sentimentalen und +liebreizenden Dialog der beiden Mädchen mußte ich an die +Mädchengestalten denken, die Klimt auf seinem Schubert-Bild gemalt hat. + +=Die Zukunft:= Die Leute, die zu tun haben, wenn andere dichten, +streiten sich jetzt weidlich herum, ob diese »Novellen des Lyrikers« +auch wirklich »Novellen« sind oder nicht. Sollte man's heutzutage noch +für möglich halten? So hängt uns also noch immer das Zöpfchen hinten und +Schablonisieren und Kategorisieren ist noch immer die Seele von Tantchen +Kritik? Salus hat doch deutlich gesagt, daß er »Novellen eines Lyrikers« +geschrieben hat, und dieser famose Titel kann wohl allenfalls eine neue +Richtung für Prosawerke schaffen, schließt aber doch von vornherein jede +Taxierung und jeden Vergleich aus. Zum Glück ist man bei Bezopften und +Unbezopften so ziemlich darüber einig, daß es sich hier um wahrhaftige +Kunstwerke handelt, ob sie nun das Novellenpatent besitzen oder nicht. +Eigentümlich ist diesen seinen Ich-Geschichten, die so persönlich +anmuten, daß sie wie aus einem großangelegten Tagebuch herausgeschnitten +scheinen, ihre Entwickelung aus dem Symbol. Dichterseelen sind +hellsehend und für Salus sind die seltsamen Zusammenhänge zwischen den +Dingen und ihren Wirkungen, zwischen dem Stoff und dem Geist eine +märchenreiche Domäne, in der seine starke Phantasie sich -- fast möchte +man sagen: »mit Behagen« -- ergeht. Das ist es auch, was diesen +Dichtungen in Prosa ihre besondere Tiefe und Nachwirkung verleiht: Salus +fabuliert in einem Lande, das nicht auf der Oberfläche der Empfindungen +liegt; man muß gewillt sein, ihm ins Symbolische und oft auch bis ins +Mystische zu folgen. Das gilt allerdings nicht von allen Stücken seines +Buches; bei manchen herrscht scharfe Deutlichkeit und die Erzählung +fließt sicher dahin wie ein wohleingedämmtes Bächlein. Bei anderen +Stücken aber tritt die Symbolik in ihr Recht, der Phantasie des Lesers +(wenn er eine hat) ist dann ein wohltuender Spielraum geboten, und er +kann auch gewissermaßen (wenn er's kann) ein bißchen mitdichten. In +dieser intensiven Mitbeschäftigung des Lesers liegt dann die dauernde +künstlerische Nachwirkung. + +Eine Schwalbe, die in den Rachen eines hölzernen Todes fliegt, als +dieser eben, als Spielzeug einer Turmuhr, zum Stundenschlag die +Kinnladen öffnet, und die nun im Innern des Todes gefangen bleibt, bis +die nächste Stunde sie wieder befreit: ein prächtiges Gleichnis für eine +am Leben irrgewordene, verzweifelte Jünglingsseele, die eine Stunde lang +den Schauern der Vernichtung preisgegeben ist, bis sie, mit +neugewonnenem Lebensmut, wieder dem Licht und der Freiheit +entgegenfliegt. In dieser Erzählung von der Schwalbe (und nicht in +dieser allein) kommt Salus unserem lieben Meister Gottfried Keller in +wunderliche Nähe. Noch bezeichnender für den Erzähler Salus ist wohl +aber die feine und seltsame Geschichte »Hände«, in der sich uns ganz +neue Empfindungsgebiete erschließen. Zu einem Sterbenden wird in der +Nacht der Arzt und der Priester gerufen; und nun stehen beide an seinem +Lager und jeder tut das Seine. Da bricht der Mond mit gespenstischem +Leuchten durch das Fenster und nun reden die salbenden Hände des +Priesters, die forschenden Hände des Arztes und die stillen, vergehenden +Hände des Sterbenden im fahlen Mondlicht eine tief ergreifende Sprache. +Drei einander fremde und ferne Welten, drei ungeheure Reiche aus dem +Weltall der menschlichen Seele berühren sich in diesen Händen. Solches +Hervorzaubern großer Ausklänge aus alltäglichen Geschehnissen ist für +Salus sehr charakteristisch. Die tiefen Wirkungen dieser von der +Frömmigkeit eines wahren Dichters verklärten Erzählungen entschleiern +sich freilich eher einem naiv empfänglichen Gemüt als einem kritischen +Kopf. + +=Leipziger Tageblatt:= Mag er der großen und kleinen Kinder Frage: _»Wo +kommen die Kinder her?«_ beantworten oder von der jungen _»Schwalbe«_ +erzählen, die im Rachen der Turmuhr verschwindet und dabei zur +Offenbarung für ihn wird, oder in _»Der Becher der Mensane«_ ein Märlein +aus der Landsknechtszeit dichten, in _»Toast«_ tiefstes Frauenleid +offenbaren, in _»Hände«_ eine sinnige Betrachtung über der Menschen +Sterben geben und in _»Das Symbol des Lebens«_ ein Bild von hinreißender +Schönheit und Tiefe, immer überwiegt das Lyrische, immer taucht der +Erzähler seine Figuren und Geschehnisse in den Glanz und den Schimmer +der Poesie. Aber der Leser darf dessen schon zufrieden sein, denn der +auf diese Weise von dem Buche ausgehende Stimmungsreiz ist ein ganz +außerordentlicher, und einen ebenso großen Genuß gewährt die +künstlerisch ausgearbeitete, vornehme Sprache. Und als Drittes kommen +das Licht und die Wärme der Darstellung in Betracht: die jauchzende +Frohlaune in _»Seebad«_, die tiefe Innigkeit in den schon erwähnten +Novellen »Wo kommen die Kinder her?« und »Das Symbol des Lebens«; +empfängliche Gemüter werden davon bis in die Tiefe der Seele gepackt +werden und sich nur schwer von dem Buche losreißen können. + +=Nord und Süd= (Breslau): (Inhalt.) Wir dürfen nach solchem Wurf mit +hohen Erwartungen den weiteren Prosaschöpfungen des Prager Poeten +entgegensehen, dessen Persönlichkeit in ihrer echten Vornehmheit, +sympathischen Liebenswürdigkeit und inneren Reinheit eine doppelt +erfreuliche Erscheinung ist in einer Zeit, da selbst begabte Frauen -- +bei denen wir Männer anfragen müßten, was sich ziemt -- wüste +Dirnenlieder zu singen keine Scheu tragen. + +=Westermanns Monatshefte= (Berlin): Manchmal sagt ein einziger Buchtitel +zur Charakteristik einer Literatur- oder Geschmacksrichtung mehr als +lange Untersuchungen und Abhandlungen. Wie mit Zauberschlag erleuchtet +er ein ganzes Gebiet, das für das kritische Auge bisher im Dunkeln +schwamm, das weder rechte Form noch rechte Farbe zu haben schien. Das +war der Fall, als der Prager Schriftsteller _Hugo Salus_ vor kurzem eine +Sammlung kürzerer Erzählungen unter dem Titel: Novellen des Lyrikers +erscheinen ließ. -- Auf einmal wußte man, was eins der entscheidendsten, +wenn nicht _das_ Kennzeichen der jungösterreichischen Novellistik ist: +der starke lyrische Einschlag, der allen ihren Geweben eigen. Arthur +Schnitzler, J. J. David, Hugo Salus, Felix Salten, Karl Federn, Emil +Ertl -- sie alle verleugnen selbst da, wo sie, wie David in seinem +»Übergang«, modern-naturalistische Stoffe ergreifen, die starke lyrische +Ader nicht, die ihrem künstlerischen Organismus erst das Blut zuführt. +Fast überall taucht Salus seine kleinen und großen Handlungen in Glanz +und Schimmer, gibt in Prosa aufgelöste Rhythmen und hebt die Welt seiner +Menschen mit zärtlichen Armen über das Alltägliche hinaus. Stoffe und +Schauplätze der Salusschen Novellen sind so verschieden wie möglich: ein +zartes, sinniges Märchen, das Kindern den Ursprung der Kinder mit +naturwissenschaftlicher Wahrheitsliebe und doch feinem Herzenstakt +deutet, steht neben einer geschehnisfrohen, in toller, überschäumender +Lebenslust schwelgenden Landsknechtgeschichte; eine Landschaftsstudie +vom Strande von Westerland steht neben einer kleinen Novelle, die ganz +durchglüht ist von der sehnsuchtsvollen Freude an Italien, neben einem +Stück Selbstbiographie, das ein Bild aus dem modernen Prag zeichnet, +damit zugleich aber tief in die Geschehnisse einer menschlichen Seele +hinableuchtet. Doch nirgends ist es eigentlich das Was, fast überall ist +es das künstlerische Wie, das den Leser anzieht und fesselt, wie der +Dichter selbst sich augenscheinlich weit mehr von den Worten und Tönen, +von den Farben und Formen, von den Bildern und Symbolen als von der +sachlichen Handlung und dem Fluß des äußeren Geschehens hat ergreifen +lassen. Freunden romanhafter Ereignisse sind die »Novellen des Lyrikers« +deshalb weniger zu empfehlen als artistischen Feinschmeckern und +Liebhabern erlesener Kleinkünste. + +_Dr. Friedrich Düsel._ + + * * * * * + +Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch. + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. Die Liste der bisher vom Autor erschienenen Bücher wurde +zur Verlagswerbung ans Buchende verschoben. + +p 059: Kapitelnummer hinzugefügt: I +p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse +p 084: Anführungszeichen ergänzt: ... sie ist eine Palma!« +p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers +p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen +p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem +p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter +p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt +p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen +p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken +p 228: von dem Bildern -> den +p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first +edition copy. The table below lists all corrections applied to the +original text. The list of other books published by the author was moved +to the end of the book next to the other advertisements. + +p 059: added chapter number: I +p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse +p 084: added closing quotes: ... sie ist eine Palma!« +p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers +p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen +p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem +p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter +p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt +p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen +p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken +p 228: von dem Bildern -> den +p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER *** + +***** This file should be named 17130-8.txt or 17130-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/7/1/3/17130/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das blaue Fenster + Novellen + +Author: Hugo Salus + +Release Date: November 22, 2005 [EBook #17130] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + + + + + +</pre> + + + + + + + + +<h1 class="title">Das blaue Fenster</h1> + +<h3 class="title">Novellen</h3> + +<h4 class="title">von</h4> + +<h2 class="title">Hugo Salus</h2> + +<h5 class="title"><em class="gesperrt">Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1906</em></h5> + + + +<h5 class="title"> +Alle Rechte<br /> +vorbehalten<br /> +</h5> + +<hr style="width: 65%;" /> + +<table class="toc"> +<caption>Inhalt</caption> +<tr><td /><td align="right">Seite</td></tr> +<tr><td><a href="#Pieta">Pietà</a></td> +<td align="right">1</td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Raecher">Der Rächer</a></td> +<td align="right">57</td></tr> +<tr><td><a href="#Das_Meerweibchen">Das Meerweibchen</a></td> +<td align="right">115</td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Spiegel">Der Spiegel</a></td> +<td align="right">173</td></tr> +</table> + +<!-- <p>[Blank Page] --> + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a></p> +<h2 class="novelle"><a name="Pieta" id="Pieta"></a>Pietà</h2> + +<!-- [Blank Page] <p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a></p> --> + +<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a> +Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer +etwas Verträumtes; es ist so, als hätten die +Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das +Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben +ist, bis die Bäume des Waldes an seine +Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es, einsamkeitssüchtig +und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, +um fürder recht als ein Einsiedel hoch +oben im grünen, stillen Forste zu träumen.</p> + +<p>In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit +und der Märchenzauber des Wanderers +etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem Heiligtume +ehrlich und wundergläubig wie ein Kind.</p> + +<p>Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames +Kirchlein mitten im Hochwalde gefunden; es sah etwa +wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich aber seltsam +genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: +so daß es gleich den Anschein weckte, als wäre an +einen alten Wartturm später die Kapelle angebaut +worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer +in dem Gefühle gegangen, durch einen Dom zu +<a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a> +schreiten, so daß ich lächelnd nunmehr das kleine Gotteshaus +mitten in der Heiligkeit des Domes gewahrte. +Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das +Innere des Kirchleins hell und freundlich. Ich legte +meinen Wanderhut auf eine der wenigen Bänke und +ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand +sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte +Grabmal eines adeligen Fräuleins, und ihre Gestalt +war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so daß +sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf +der Erde lag. Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, +der durch das Fenster der gegenüberliegenden +Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich schimmernd, +so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster +zurückverfolgte und dort mitten in dem Fenster eine +blaue Glasscheibe gewahrte, von einem so tiefen und +satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da +schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch +einmal an, ich beugte mich darüber, aber so, daß der +bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde, und blickte +nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer +solchen Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich +erkämpften Frieden, daß ich auf das innigste ergriffen +ward. Schlicht gescheiteltes Haar umrahmte die ein<a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a>gesunkenen +Schläfen, die Augen wölbten die zarten +Lider wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte +Nase ragte zwischen den eingefallenen, verhärmten +Wangen umso ausgeprägter empor, aber das Wunder +war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, +um den ein Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie +sie der Tod nur solchen Lippen läßt, die viel, unendlich +viel gelitten haben.</p> + +<p>Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing +wohl träumend die blauen Strahlen mit meinen Händen +auf und goß sie dann wieder über das bleiche +Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre +Geschichte.</p> + +<p>Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier +in meinem Zimmer wie ein Wunder, daß weit von +hier, hoch in den Wäldern droben, ein Kirchlein steht +und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die +Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten +und wohl noch jahrhundertelang, ein Angesicht +voll Leid und erkämpftem Frieden.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um +das weiße Schloß. Die Täler hinab bis an die +<a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan +und über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller +Forst mit sturmerprobten Bäumen bestanden; oben +von dem einsamen Rundturme mit seinem spitzigen +Dachhütlein schweift der Blick wie über ein großwelliges +Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, +über die schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, +über das bläuliche Grün der Forste am Horizonte, +die wie breite Moosflächen sich an den runden Himmelsrand +schmiegen. Und drüber über dem besonnten +und doch so dunklen Grün schwebt auf breiten Schwingen +ein Adler oder wiegt sich wohlig ein Edelfalke. +Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein, +der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig +in seinem Schlosse sitzt und doch schon ein Greis +sein sollte, so viele Pfade und Steige hat die Sorge +und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein +gar lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten +sitzen durfte und dessen Schimmel gleich hinter des +Kaisers Rappen in das Geschirr schäumte, wenn sie +prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine +edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten +ein glückliches Jahr in dem weißen Schlosse verlebt +und der Forst hatte Ja und Amen dazu gerauscht: +<a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches +Ereignis und doch allen Elends Anfang. Denn die +junge Mutter verfiel in eine schwere, hitzige Krankheit, +aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt verwirrt +blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder +genesen sollte.</p> + +<p>Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig +auf ihrem Lager, auf ihre entstellten, schlaffen +Brüste niederstarrend oder im Spiegel die verlorene +Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit +unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten +die Schmerzen der Geburt und die Leiden ihres Siechtums +in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht geschrieben. +Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter +dem Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und +wollte sich um keinen Preis zeigen: so häßlich schien +sie sich, so zerstört deuchte sie ihr Liebesglück, so abscheulich +ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer +wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen +bei schöneren Frauen stillen. Und einmal +ward sie von der Amme überrascht, da sie sich eben +über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden, +rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling +in die Höhe hob, wohl um ihn an der Wand +<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>zu zerschmettern. Da war ihr die starke Bauernmagd +noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das +Kind gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem +Tage an in einen fernen Teil des Schlosses gebracht +und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde +kommen konnte.</p> + +<p>Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre +ihres Lebens dahin mit der Wärterin und späterhin +mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr bedurfte, +trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener +in einen jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, +daraus sie noch elender und siecher hervorging.</p> + +<p>So daß die mutterlose Berta eine traurige und +liebeleere Kindheit verträumte.</p> + +<p>Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate +in inniger, liebreicher Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl +betreut, da er jeden Morgen von neuem gehofft +hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt +gelegt hatte, müsse sich endlich heben und die +Augen der Gräfin wieder klar, heiter und warm zu +ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um +Woche verging, aus den Augen der Kranken starrte +ihn ein schreckhaftes Nichterkennen, eine böse Angst +<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst so schönen, +blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er +aus ihren düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß +der Jammer mit knochigen Fingern immer fester des +Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos, +gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein +Weib auflehnte und immer seltener das Gemach der +Kranken aufsuchte.</p> + +<p>Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte +ins Schloß berufen, die in Trauerkleidern das verschüchterte +Kind leitete und die auch das Trauerkleid +von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll +und zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in +den ersten Jugendjahren war es für das Kind immer +noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam +und mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand +die holde Kunst schlecht, eines Kindes Seele zu eröffnen +und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein Jauchzen +zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu +machen und ihre Flügel zu lösen vermag.</p> + +<p>So war das Kind zehn Jahre alt geworden und +ein kluges, stilles und verträumtes Kind mit den +tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und sah +versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr +<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>aus Zimmern, seltsamen Menschen und Waldesrauschen +bestand und darin ihr, ohne daß sie wußte +was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten +lassen. Und es war wieder einmal die Amme bei +ihr gewesen und hatte ihr abergläubische und wunderbare +Märchen erzählt bis in die Dämmerung. +Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie +hundertmal umarmt und ihr immer wieder verstohlen +zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis einer +der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei +wieder schlimm geworden. Da war die Amme davongeeilt, +um nach ihrer Kranken zu schauen. Und hatte +nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und +die Märchen verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine +Liebe es der guten Amme nachdrängte, vielleicht auch, +weil es etwas ahnte oder fürchtete in seinem erwachten +Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man +ihm verbarg, und das es entdecken wollte.</p> + +<p>So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange +durch die verbotene Tür schlüpfte und plötzlich in +einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin eine +große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und +händeringend umherirrte und sich dann erschöpft auf +die Erde hinkauerte, den Kopf jammernd zwischen +<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr +Haupt wieder empor und starrte plötzlich mit dem +weit offenen Munde einer Maske und mit entsetzten +Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand, und +dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei +aus. Da hatte die Amme aber auch schon das +Kind erblickt und hatte es schnell aus der Tür gedrängt +und mit einem der Diener in sein Zimmer +geschickt.</p> + +<p>Es zitterte und war ganz bleich geworden, es +hatte den Mund offen wie jene Frau drüben, nur +daß es nicht schreien konnte, und endlich in den Armen +seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des +Kindes, ein heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes +Gemüt. Und so lag Berta die ganze Nacht in +den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach +und die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen +drückte, als wolle sie alle bösen Geister davon +abhalten.</p> + +<p>Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele +Jahre älter machte, wurde die kranke Gräfin mit der +Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde +gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine +Stunde lang vom Schlosse emporklomm; so daß in +<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>den folgenden Nächten denen im Schlosse unten ein +neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen +Schlafgemach der Gräfin.</p> + +<p>Das Kind aber verblieb noch einige Monate im +Schlosse. Es war sehr nachdenklich und schreckhaft +geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und verzerrte +das Gesicht wie in einer großen Angst und +stöhnte aus seinen Träumen. Da wußte sich der +Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes unheimlich +war, nach langer Beratung mit seiner Base und +dem Pfarrer keinen andern Rat, als sie aus dem +Hause zu geben. Und Berta kam zu den Feldegg, +armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei +verwalteten und die stundenweit vom Schlosse in +einem Tale hausten; hier verblieb Berta durch viele +Monate.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. +Dann aber fuhr sie von dannen, da sie sah, +wie wohl die neue Umgebung und die Güte der +Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die +waren brave Menschen, denen von ihren Kindern nur +ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa vierzehn +<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die +Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen +zu dürfen; was ihnen in ihrer bedrängten Lage +gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie waren einst +selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden, +allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, +so daß sie gern ein Lehen des Grafen empfingen.</p> + +<p>Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, +des armen Grafenkindes mit all der überschüssigen +Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern zugedacht +war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, +das anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn +die brave Rittersfrau wußte wohl um das traurige +Geschick des mutterlosen Kindes und empfand es in +ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, +daß sie es nun pflegen und ihm die Mutter ersetzen +dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in einer jener fürs +ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu +Herzen spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz +ihres Ranges und Reichtums sei, da sie ohne Mutter +lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als Antwort +und Beweis, daß er sie verstanden habe, die +Mutter weinend und wortlos umarmt und immer +<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>wieder an sich gedrückt und ihr dann geschworen, er +wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen.</p> + +<p>Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war +schlank und wohlgebildet und hatte jene pagenhafte +Art, die Knaben von seiner Art die gröberen Altersgenossen +fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen +und Raunen lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren +viel mehr Dichter in den Landen herumträumen, als +das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind +mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt +hatte und weil sie des Grafen Kind war. Und +er freute sich, daß sie in seinen Märchen so gut die +traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen +konnte, die auf ihren Ritter wartet.</p> + +<p>Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn +sie in den Wald gingen, gesittet wie bei Hofe, und +lauschte seinen Worten, denn er wußte gar manches, +was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten +Waldesschatten sitzend, erzählten sie einander von +ihrem Leben.</p> + +<p>»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, +»der Vater möchte mich zu einem Soldaten machen, +aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder ein +berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. +<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>Und die Mutter, meine liebe Mutter« ..... da unterbrach +er sich aber, denn er hatte einen flüchtigen Blick +auf Berta getan und nun schwieg er betroffen still. +Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen +taten ihm leid, sie waren so traurig, und plötzlich +schlang er den Arm um die Schultern seiner Gespielin: +»Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns +ist es schön und, wenn ich ins Kloster komme, um +zu lernen, mußt du an meiner Statt bei der – bei +dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer +kehre ich dann immer wieder zu euch heim und dann +wollen wir mitsammen in den Wald gehen und ich +will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte +er in der eindringlichen Art von Kindern.</p> + +<p>»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch +einmal zu uns aufs Schloß kommen.« Dabei rückte +sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte +ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann +mußt du über den dunklen Gang in das hohe Zimmer +gehen, wo die arme traurige Frau ist, und mußt +ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit +uns kommen! Willst du, willst du?«</p> + +<p>»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und +stolz, daß er um das Geheimnis wußte. »Ist das +<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen Bertas +mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie +meine Mutter ist, die arme, erschrockene Frau drüben, +warum lassen sie mich nicht zu ihr? Warum hat sie +die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich erblickte?« +Und sie streckte die Hände weit von sich +und machte das entsetzte Larvengesicht wie damals, +da sie bei der Kranken gewesen war.</p> + +<p>Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, +und sie saßen eng umschlungen unter dem alten +Baume, und sie weinte, während der Knabe die von +Tränen Erschütterte nur immer an sich hielt und +streichelte.</p> + +<p>»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da +sie allein miteinander waren, »Mutter, sprich, warum +weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem großen +Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint +sie und glaubt, daß sie keine Mutter habe?«</p> + +<p>Da stand die Mutter auf und holte Berta und +sagte ihr mild und sanft, daß jene bleiche Frau im +Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe Mutter, +nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor +ihre Augen gesenkt, so daß sie weder den Grafen, +noch auch ihr eigenes geliebtes Kind sehen könne und +<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche. +Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu +ihr spreche, dann glaube sie ihm nicht, und kein Arzt +habe sie bisher heilen können. Aber einmal werde +gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und +heilen werde!</p> + +<p>»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe.</p> + +<p>»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken +die Mutter, »an dich habe ich bei diesen Worten nicht +gedacht, so sei Gott meiner Seele gnädig und behüte +dich!« Und sie bekreuzte den Knaben.</p> + +<p>»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen +und Berta glücklich,« trotzte der Knabe. »Und darum +will ich im Kloster fleißig lernen und dann noch +lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt +sein werde. Und dann will ich die Frau Gräfin +gesund machen und Berta soll sich freuen und lachen!« +Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt wissen, +Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei +uns ist, und ich habe ihr doch schon die Geschichte +vom dummen Peter erzählt, über die du selbst immer +lachen mußt!«</p> + +<p>»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte +die Mutter. »In der Nacht habe ich mich mit dem +<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt, und da +hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, +aus dem Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie +jetzt, nicht laut, aber ihr Gesicht hat gelacht. Und +da hat sie sicher ein schönes Märchen geträumt!« +»Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem +Pferde und es war Winter und das Pferd hatte +Pelzschuhe an den Füßen!«</p> + +<p>Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme +lachte laut mit.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Als der Herbst gekommen war und der Knabe +von Berta Abschied nehmen sollte, da führte er sie +noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem Lieblingsplätzchen +und sie waren beide beklommen und traurig.</p> + +<p>»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst +den Winter über bei uns bleiben, ich aber muß fort +und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder zurück.«</p> + +<p>»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken.</p> + +<p>»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß +ich auch über den Sommer im Kloster bleiben. Aber +<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre noch heim +und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.«</p> + +<p>»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte +Berta fast zornig, »und wenn ich es meinem Vater +sage, so wird er es den Klosterleuten verbieten!«</p> + +<p>»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte +der Knabe, »was liegt dir denn an mir!«</p> + +<p>Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, +vorwurfsvollen Blicke an und es mußte ihr sehr nahe +gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen mit +einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, +die groß und schwer über ihre Lider sickerten. Und +sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein, weil ihre Lippen +so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben +ihr und wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und +weinte auch. Und dann gingen die beiden Hand in +Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause.</p> + +<p>»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon.</p> + +<p>»Daß nur die Mutter nichts merkt!« schluchzte +Berta. Und es war ihnen, als ob nun ein schweres +Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide noch +enger aneinander kette, und wußten doch nicht, was +sie getan hatten. Und als Leon am nächsten Tage +davonfuhr, da hob er, als die Mutter unter dem Tore +<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hände gegen +Berta und sie nickte ihm voll Einverständnisses zu, +obgleich sie beide nicht wußten, was Geheimnisvolles +sie damit ausdrücken wollten.</p> + +<p>Und der Wagen verschwand im Walde.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt +hatten. Als Leon im nächsten Jahre nach Hause +fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale unten +friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast +schmerzlich bei dem Gedanken, daß er nun Berta wiedersehen +werde, nach der er sich das ganze Jahr so sehr +gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die +Worte: »Liebe, liebe Mutter, wie sehn’ ich mich nach +dir! Du liebe, liebe ....« und schon sprachen die +Lippen auch weiter – »liebe, kleine Berta, wie wirst +du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!«</p> + +<p>Dann aber erschrak er über den Verrat seiner +Lippen und schloß die Augen, um recht innig an die +Mutter zu denken und jeden andern Gedanken zu +verscheuchen. Aber er mußte zwischendurch manchmal +Berta sagen, oder er kehrte das Wort um und sagte +Atreb vor sich hin in spielerischer Knabenart, Atreb +<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen Geschichte +wären!</p> + +<p>Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher +hatte durch Peitschenknall die Hofleute benachrichtigt, +und da stand der Vater und lachte in den Sonnenschein +und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. +Nur Berta fehlte.</p> + +<p>Und dann lag Leon in den Armen der Mutter +und bekam vom Vater den Kuß, der ihn von dem +ernsten, zärtlichkeitskargen Manne immer so erregte, +und mußte viel erzählen und berichten, und dann +ging er an Mutters Hand durch die Zimmer und +Ställe und Wirtschaftsräume und erfuhr alles Neue, +das sich auf dem Hofe begeben hatte.</p> + +<p>In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm +er sich ein Herz und fragte: »Was ist denn auf dem +Schlosse Neues? Lebt die Gräfin noch?«</p> + +<p>Da huschte ein Lächeln über Mutters Gesicht und +sie antwortete mild und legte dabei ihre Hand auf +Leons Haupt: »Berta kommt heuer nicht zu uns, sie +ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo +sie einige Jahre bleiben soll, um Sitte und höfische +Art zu lernen. Und die Gräfin lebt in dem Turme +im Walde und ist nicht gesund geworden.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und +die Mutter merkte wohl, daß eine Hoffnung in seinem +Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine zuckenden +Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drückte +des Knaben Haupt wärmer an sich und sprach: »Die +arme Gräfin!« Als glaubte sie, daß den Knaben +das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte.</p> + +<p>Und dann kam Leon wieder ins Kloster und +wurde Chorknabe und im Jahre darauf verfiel er +in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam +erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, +als er das Kloster verließ, um nach Italien zu ziehen +und dort in den tiefen Schacht der Wissenschaft +hinabzusteigen.</p> + +<p>Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause +und die Augen seiner Eltern blickten besorgt auf das +bleiche Gesicht des schlanken Jünglings und fürchteten +sich vor der Trennung.</p> + +<p>Die Pflicht erforderte es, daß Leon sich erst dem +Förderer seiner Studien, dem Grafen, vorstelle und +ihn um weitere Gnade anflehe.</p> + +<p>Und so ritt er denn eines Morgens langsam den +Talweg dahin, nicht wie ein Soldat, der er hätte +werden sollen, sondern recht als ein Scholare, müde +<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>auf dem Pferde sitzend und dem Rößlein ganz die +Wahl der Gangart überlassend; so daß die Sonne +schon recht im Sinken war, als er das weiße Schloß +Eberstein erreichte.</p> + +<p>»Ist der gnädige Herr Graf daheim?« fragte er +den Pförtner am Burgtore.</p> + +<p>»Der komme abends heim! Aber die Gräfin +Berta sei zu Hause, ob der Ritter nicht der sein Anliegen +vorbringen wolle?«</p> + +<p>»Wenn mich die Gräfin gnädig anhören mag?« +sagten da seine Lippen. Aber sein Herz war wieder +ganz kindisch geworden und eine demütige Angst +quälte es. Denn er hatte doch oft in den letzten +Jahren an jenen Sommer gedacht, und die Erinnerung +war ihm lieb und innigwert geblieben. +»Und meldet einen ehrerbietigen Gruß des Ritters +Leon Feldegg von der Meierei im Tale, ob sich die +Gräfin seiner noch erinnern mag?«</p> + +<p>Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen +hätte! Das tat es seit der Krankheit immer, wenn +er erregt war. Und jetzt hatte es doch wirklich keine +Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. +Die Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr +in sein gelehrtes Haupt. Ob sie wohl noch der Wochen +<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>in der Meierei gedenken möchte! Und er sah Berta +neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster +gefahren war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht +ihm zuwinken. Da kam aber auch schon der +Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die +junge Gräfin erwarte.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers +entgegen, darin sonst ihr Vater seine Geschäfte +zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem Gange +und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich +tief verneigt hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber +sah er gegen die Helle des Zimmers eine große Mädchengestalt +und hörte eine holde Stimme: »Tretet ein +zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch +die Seele ging. Und nun er hinter ihr in den hohen +Saal eintrat, umfing sein Blick verwundert und ungläubig +ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete, +da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte +Wölbung streifte, weil es ihm ein Wunder schien, daß +die Jungfrau das Kind von damals sein sollte. Und +ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken.</p> + +<p>Dann standen sie einander gegenüber und sahen +<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>einander an. Er stammelte einige verlorene Worte +von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie ihm +die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. +Sie erinnerte sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, +wenn er freilich indessen auch ein Gelehrter geworden +sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an jene +Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen +Stimme und so vollendet und überlegen, daß Leon, +verwirrt und erstaunt, seiner Worte nicht mächtig war +und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte +entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht +und wie er bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., +aber da stockte er, denn er hatte sagen wollen, daß +er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe +sich vorgenommen habe, beim Worte ›Mutter‹ im +Vaterunser immer an Bertas Mutter zu denken, und +daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit beibehalten +habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis +entfliehen wollte, er wurde rot und sein Herz +fing wiederum zu zerren an, daß er tief atmen mußte, +um es zu meistern.</p> + +<p>Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden +sehen, und, fast ohne daß sie es wußte, trat sie ganz +nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er auch im<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>mer +wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater +ergehe, und ob die liebe Frau Anna noch so munter +sei. Da konnte er denn viel und freudig berichten, +wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas +Mutter im Turme oben fragen solle.</p> + +<p>Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir +jetzt von Eurem gnädigen Herrn Vater die Erlaubnis +erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu gehen, +die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt +zu werden.«</p> + +<p>»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« +sagte Berta. Dann schwiegen sie eine Weile still, +plötzlich füllten schwere Tränen Bertas Augen und +mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!«</p> + +<p>Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes +Leid vor ihre Seele brächten, fuhr sie fort: »Leon, +Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich bin!«</p> + +<p>»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! +Und ich denke Euch in Stolz und Glück! Was quält +euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir, was macht +Euch unglücklich?«</p> + +<p>Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing +die Bebende auf: »Wenn ich Euch helfen könnte! +Meine arme, liebe ...«</p> + +<p><a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll +Angst und sahen hilflos und hilfesuchend in die Augen +Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich schreie nach +Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man +gibt mir kaltes Geschmeide und leere Worte und +Kleider. Ich bin unglücklich!« Und die Augen mit +den Händen bedeckend: »Unglücklich!«</p> + +<p>Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander +gedrängten Körpern wie in einer Versenkung +die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten, und +das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben +Leon, sie fühlten, daß sie aufeinander all die +Jahre gewartet hatten. Und er sprach in ihr abenddunkles +Haar, das seine Lippen berührten, immer die +gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, +liebes Liebes!«</p> + +<p>Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, +und suchte ein Wort und konnte keines finden, das +ihre Lippen erschlossen hätte, so fest drückte das Leid +sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort gefunden +und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! +Nur ein Tränentröpflein Mitleid!«</p> + +<p>Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, +wohl des Grafen Sitz, wenn er die Verwalter oder +<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>Bauern verhörte, und ließ sie sanft niedergleiten. Er +kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf +sie ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich +die Stimme seiner Mutter nach langen Jahren +hörte und daß ihr Herz sich beruhigte.</p> + +<p>»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß +ich über Eure Rettung sinne?« fragte er. »Wann +kann ich Euch wiedersehen?«</p> + +<p>»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« +sagte sie.</p> + +<p>Und dann erhoben sie sich, sie standen einander +gegenüber Hand in Hand und ihre Augen ruhten +lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen +und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt +hatten......</p> + +<p>Und Leon war es, als er dann allein in dem +Saale auf den Grafen wartete, als ob die Wände +ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, +und er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt +auf diese einfache Melodie.</p> + +<p>Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als +der schüchterne Scholare, er sprach offen und frei +mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß ihm +auch fürder Schutz und Unterstützung.</p> + +<p><a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den +Abend hinein heimritt, wie sich der Ritter so verändert +hatte. Und wenn es auch nicht verstand, was +er mit den Worten ›mein Rößlein in Pelzstiefeln!‹ +meinte, so mußte es doch etwas Liebes sein, denn +dann streichelte der Ritter ihm gar zärtlich den Hals. +Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Als Leon nachts heimgekommen war, da war +sein Herz so voll Hoffnung, weil das holde, schlanke +Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß der +jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn +fast jubeln machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf +Tropfen, Leid in seinen Becher, Leid über das unbekannte +Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele +erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß +er die Stunde des Wiedersehens nicht so sehr aus +Sehnsucht nach dem Angesicht seiner Erwählten herbeiwünschte, +als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu +sagen, ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache +zu erfahren, um ihr beizustehen. Denn der +Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer +sein, was sie so schmerzlich erregte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen +Weg zum runden Turm hinan, der über die Tannen +emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel, +wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum +Turm empor, der auf dem Gipfel des Berges Wache +stand und weit ins Land hinausblickte.</p> + +<p>»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut +vor sich hin, »Elend für deine Bewohnerin und +tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig +wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von +deiner Höhe über ihres Vaters Land schweifen zu +lassen.«</p> + +<p>Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und +setzte sich auf die Steinbank, die, aus seinen Quadern +gebildet, den Turm umgriff und mit Moos überwachsen +war. Dort unten sah er das weiße Schloß +und in jenem Tale drüben mußte seiner Eltern Haus +stehen; aber er konnte es nicht finden. Und von +fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die +Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als +er »Ave Maria, Mutter ....« sagte, da hörte er +den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und half +Berta aus dem Sattel.</p> + +<p>»Bist du so allein durch den Forst geritten?« +<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>fragte er besorgt. Und sie fühlten gar nicht, daß sie +einander von jetzt ab wieder du sagten; so innig +hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht +und so ununterbrochen im Herzen zueinander +gesprochen.</p> + +<p>»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids +erlebt, lacht der sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte +sie den Wert jedes Augenblickes, als fahre sie in einer +oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie sich +jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den +Laut ihrer Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd +entgegen: »Meine Mutter ist mir mehr als gestorben, +wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! +Und mein Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, +ich bin ihm zu viel, ich hindere ihn, wenn er sich auch +durch mich wenig hindern läßt. Du guter Leon, wenn +du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf +ich dulden muß, wie oft ich mich in meiner Mutter +früheres Krankengemach flüchte vor den Blicken der, +der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen +– »der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, +die im Tore stand an seiner Seite, da ich mit meiner +Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte heimkehrte, die +von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor +<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>Leid vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen +schwingt und ihr zulacht! Leon, ich ziehe mit dir, ich +ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie könnte ich denn +jetzt allein hier weiter leben!«</p> + +<p>Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen +blickten sehnsüchtig und hoffend zu ihm empor. Da +hörte sie von seinen stummen, zuckenden Lippen ungesprochene +Worte in ihr Ohr klingen, Worte der +Liebe und des Mitleids, und sie lächelte glückselig, +da sein Mund sich auf den ihren senkte.</p> + +<p>Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt +auf die Bank und ihre Rede war immer das eine +Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und in +ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, +bis sie scheiden mußten.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob +er der Mutter von seiner Liebe erzählen solle; denn +er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge erwachsen würde. +Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, +eine Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon +eben in allen den süßen Augenblicken des Glückes +beim Turme fast störend der eine Gedanke gequält, +<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte +beglücken und entzücken sollen, sein Blut zum Sieden +hätte bringen müssen, das beunruhigte ihn, das störte +ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der Haß +und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach +für seine Eltern und viel Unausgedachtes und +rasch beim Aufkeimen in seiner Seele Unterdrücktes: +eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen +drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. +»Ich kann doch nicht wie mit einer Vagantin mit +der Grafentochter herumziehen!« wiederholte er. Und +so kam er zu Hause an.</p> + +<p>Vater war noch im Forsthause draußen und so +saß er mit der Mutter allein in der Stube; und +langsam, langsam kamen ihm die Worte von den +Lippen, die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen +und Sorgen.</p> + +<p>Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon +seiner Kinderträume nicht ledig geworden sei, nun +hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne. +Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, +dann ließ sie die Hände in den Schoß fallen.</p> + +<p>»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, +»so müßt ihr auch den Mut für eine Liebe haben! +<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel Ausdauer +brauchen!«</p> + +<p>»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte +Leon hastig.</p> + +<p>»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort +genug!« sagte die kluge Frau. »Sie wird nicht +mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr +Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn +sie nicht für längere Zeit bei uns leben kann, sie +wird schon Wege finden, zu mir zu kommen! Und +wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, +dann wird sie wohl ein Brieflein dabei finden!«</p> + +<p>Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre +Hände küßte, gefühlt, daß er ihrer würdig werden +müsse und daß ihn diese edle Frau nicht mehr als +Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er +reckte sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich +stark und sicher.</p> + +<p>Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen +und die Mutter hatte recht gehabt. Berta +scheute sich, auf ihre Worte beim ersten Zusammentreffen +zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon +und dankte im Herzen Leon, der so feinfühlig war, +sie nicht beschämen zu wollen. Sie umarmten und +<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>küßten einander beim tränenvollen Abschied und gelobten +sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr +von seiner Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen +einander, den Abendglocken ihre Grüße mitzugeben, +daß die sie einander entgegen schwängen. +Und dann wandte sich Leon zum letzten Male auf +dem Pferde um und nahm ihr letztes Schleierwinken +in seiner übervollen Seele mit nach Italien.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen +Universität bleiben wollen. Die ersten Monate hatte +ihn die wache Erinnerung an seine Braut, wie er +sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, +aufrecht erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten +Lehrer gefunden, dem er das Leiden der kranken +Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken +und gründliches Meditieren verursacht hatte. +Denn er hatte den deutschen Studenten lieb gewonnen +und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn +endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen +und dabei den einsilbigen Scholaren selbst in seine +Kur genommen, nachdem er seinen Puls lange geprüft +und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. +<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>Denn Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem +schlaffen Süden zu, indes wohl sein Heimweh nach +dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren +mochten.</p> + +<p>Als es denn nach ein und einem halben Jahre +wieder Frühling werden wollte, da kam ein unstillbares +Drängen über ihn, daß er seinem gelehrten +Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, +ihm sei, als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; +ob der verehrte Lehrer ihm nun das Mittel für die +kranke Gräfin schon jetzt geben könne.</p> + +<p>Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube +und brachte zwischen allerlei seltsamen Kolben und +Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases hervor, die +in einem Bleirahmen gefaßt war.</p> + +<p>»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm +mit nach deiner Heimat. Und hänge es vor das +Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke +dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, +und ich verrate dir, es ist ein wunderbares Glas mit +geheimen und tiefen Tugenden begabt, das die übergroße +und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft +scheinende Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden +ziehet, und so sie lange genug durch +<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und +vielleicht Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und +sie wird geheilt sein! Vergiß aber eines nicht, wenn +du jetzt heimreitest. Du darfst dieses künstliche und +außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die +Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das +könnte sich an der zarten Komplexion seines Aufbaues +sündhaft rächen, sondern mußt es in Händen nach +Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es +immer an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, +dann wird das Glas selbst der Herold sein durch +seine Farbe! Und nun reite heim und möge das heiltüchtige +Fenster auch deinen schwachen Körper stärken +und kräftigen!«</p> + +<p>Leon dankte seinem Meister in heißen Worten +und versprach ihm, so ihn hoffentlich bald wieder +ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu berichten +und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres +Bild vor Augen hatte.</p> + +<p>So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer +Reiter nach Norden. Er hielt die Glasscheibe +in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs Knie, +wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch +stieg er auf den beschwerlichen Alpensteigen vom +<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>Pferde, den Zügel um den Arm geschlungen, und +ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie +eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele +Wochen vergingen so, ehe er jenseits der Alpen war, +und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat näherte. +Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler +sein Gesicht, je öfter er Halt machen mußte, um sein +fast versagend Herz zu beruhigen, um so heißer ward +seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und +schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht +und Angst ihm das Bild seiner Geliebten verloren +ging also, daß er Tage und Nächte lang versuchte, +sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande +zu sein. Und krank und elend, mit Armen, die vom +ewigen Halten des Heilfensters fast zu Holz verdorrt +waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit +am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens +vor die Täler seiner Heimat.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, +seine geliebte Mutter zu umarmen und seinem +lauschenden Vater von seinen Studien und dem +wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu +<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>erfahren, was auf dem Schlosse Neues sich begeben; +denn er hatte nun viele Monde lang keinen Brief +von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben +je in die Hände seiner Mutter und seiner Braut +gelangt war. Als er aber in dem Tale dahinritt, +von dem aus die Wege nach seinem Elternhause +und dem Schlosse abzweigten, da war ein auffällig +großes Leben auf der Straße, viele Wagen fuhren +dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als +ob gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. +Da stieg er, immer von seiner großen Angst gepeinigt, +vom Pferde und setzte sich an den Weg, jemanden +zu fragen. An einen Ritter wagte er sich +nicht, da er vom langen Reiten verstaubt und gering +aussah, und so erbat er von einem Bäuerlein Bescheid, +was Ursach das Leben auf der Straße habe. +Der schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn +nicht wisse, daß morgen die Hochzeit sei.</p> + +<p>»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen +Leons.</p> + +<p>»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter +unseres Grafen,« sagte gleichmütig der Bauer und +wollte weitererzählen. Aber er blieb mit offenem +Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und +<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>die verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild +vor sich hielt.</p> + +<p>»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so +verändert und nicht von dieser Erde aus, daß dem +Bauer angst und bange wurde und er mit großen +Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem +anderen Wanderer entgegengelaufen, er fragte auch +ihn, was auf dem Schlosse sich begebe. Und er hatte +kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern +entgegen, die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, +und die antworteten ihm gar nicht erst und +hielten ihn für trunken, weil er so seltsam schwankte, +und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem +Schlosse fließen werde; da möge er sich nur für +morgen seinen Saufsack ordentlich ausleeren! Leon +aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine +Braut, meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht +möglich!« und dann stieg er mühselig auf sein Pferd +und wollte es in einen rascheren Trab bringen; wozu +das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war.</p> + +<p>So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in +seinen steifen Händen und ritt auf dem Waldpfade +gegen das Schloß, indes die andern auf der breiten +Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen +<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>seit Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, +er hörte nicht das Rauschen seiner Bäume, darnach +ihn so heiß verlangt hatte, und schaute abwesend den +Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen.</p> + +<p>»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, +und die nickten dazu, »das also ist der Schluß!« Als +er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen den +Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von +selbst stehen, und da Leons Augen die weißen Mauern +erschauten, da war das Weh zu groß in ihm, da +blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark +und er weinte, daß das Pferd sich immer wieder +nach seinem Herrn umschaute. Der stieg denn aus +dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und +schluchzte in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein +beschnupperte seinen Herrn und verstand ihn +nicht.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes +Lächeln war um seine Lippen, und immer wieder +sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist doch nicht +möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die +Burschen am Abend in den Dörfern singen:</p> + +<p><a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a></p> +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,<br /></span> +<span class="i0">Kam just der Hochzeitszug heraus,<br /></span> +<span class="i0">Feinsliebchen unter dem Schleier.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Er sang die Strophe leise und schwermütig vor +sich hin und dann lachte er laut auf. »Das also ist +die ewige Treue, die sie mir geschworen, das ist die +Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. +Gott im Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch +tun? Soll ich vor sie hintreten, daß sie mich höhnt +und fragt, wer der schmutzige Knecht sei, der es wagt, +die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? +Und soll ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater +mich vom Hofe peitschen läßt? Ich Narr, der ich +ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber +ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, +ich muß es ihr sagen, daß ich sie erkannt habe! Und +wenn es nur wäre, daß ich ihre Hochzeit störe, ich +muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich +an sie herankommen? Wie wird sie heute unter +ihren Brautkleidern und Hochzeitsgeschmeiden für mich +zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief schicken!« +rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr +einen Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter +bringe. Ich bestelle sie zum Turme, dort will +<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich ihr +ins Gesicht ...«</p> + +<p>Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm +er seine Schreibtafel und schrieb ihr in hastigen Worten +von seiner Rückkunft, wie er sich freue – Tränen +liefen ihm in seine Zeilen –, wie er sich freue, daß +er noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß +er für die Frau Gräfin das versprochene Gesundmittel +heimgebracht habe; und er fügte bei: denn +ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme +wolle er ihr das Arkanum übergeben; er werde bis +zum Abend dort warten.</p> + +<p>Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück +funkelte ihm entgegen, das nahm er mit dem +zusammengefalteten Briefe und schlich bis zum Tore +des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, +fragte er ihn, ob er das Gold verdienen wolle. Er +müsse nur sogleich dies Brieflein zur Gräfin Braut +bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft +geheim bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam +und sein Goldstück empfangen hatte, bestieg +Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über seine +Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum +Turme. Und er hatte die Glastafel in Händen, +<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu +halten.</p> + +<p>»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch +zur rechten Zeit gekommen bin, wie würde sie mich +in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir weinen!« +Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle Leidensstationen, +die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke +war in seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch +unglücklich sein könnte, daß auch sie viel großes Leid +erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen konnte! +Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung +des verschmähten Liebhabers und betrogenen +Geliebten, er nannte sich Tölpel und leichtgläubiger +Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen +und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines +Pferdes, daß ihr ja nichts geschehe. Und er sang +mit zuckenden Lippen das Burschenlied:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,<br /></span> +<span class="i0">Kam just der Hochzeitszug heraus,<br /></span> +<span class="i0">Feinsliebchen unterm Schleier.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen +Berge, als er oben beim Turme ankam. Er versorgte +seinen Gaul und legte die Scheibe neben die Bank +beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder +<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>und stützte seinen schweren Kopf in die Hände. »Hier +will ich warten. Ob sie wohl kommen wird? Wenn +nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« – +Er hatte in der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, +daran kaute er nun, denn er fühlte sich schwach +zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit lähmte +ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte +er. Sein Kopf fiel auf die Bank nieder, so lag er +da und starrte vor sich hin.........</p> + +<p>›Nur jetzt nicht sterben!‹ dachte er, ›nur jetzt +nicht! Ich muß erst mit Berta gesprochen haben, +o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie mich +elend gemacht hat!‹</p> + +<p>So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch +ein wenig empor und krampfte die Hände zusammen, +denn er dachte, daß er Berta bei den Schultern fassen, +ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht +schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, +die erschreckten, blauen Augen, die entsetzt zu ihm +aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in seiner grenzenlosen, +heißen Erregung bewundern und lieben +müsse. Und dann wollte er die Glasscheibe emporheben +und ihr überreichen. Mit den Worten des +Meisters: ›Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren +<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>und voll Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann +solle er durch das Glas schauen, Monde, Monde +lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas übergehen +und die Seele rein werden!‹ Und er wollte +dann Berta sagen, sie möge das Glas ihrer Mutter +bringen, er gebe es ihr, wie er versprochen, ob er +gleich selber ....</p> + +<p>»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, +»daß sie den Triumph nicht erlebe, mich gedemütigt +zu sehen! Da will ich lieber vor ihren Augen die +Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein +Herz zerbrochen!«</p> + +<p>Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, +müde und mit zerrendem Herzen und da, er hob +abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm.</p> + +<p>»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf +Erden, meine Hoffnung und Zuversicht, Leon, mein +Geliebter, du kommst mich retten,« und sie weinte, +sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch +an sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine +letzte Zuversicht, du mein einzig Geliebter, Leon, Leon, +mein Retter!«</p> + +<p>Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine +Beine unter ihm schwanden, er fühlte, wie sein Herz +<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>ihm die ganze Brust füllte, um die Rippen zu zersprengen, +seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das +ist zu viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« .....</p> + +<p>Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und +mit Schweiß bedeckt, da ließ sie seinen Körper auf +die Bank niedergleiten: »Um des Himmels willen, +Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt +nicht ......, meine Hoffnung, mein Glück, Leon, +mein Leon!«</p> + +<p>Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein +Gesicht, da ward ihm leichter und endlich lispelte er +ihr ins Ohr:</p> + +<p>»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O +Berta, meine arme, liebe Braut, ich bin unwürdig, +erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan? Um +Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih +mir, eh es zu spät ist!«</p> + +<p>Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und +in wahnsinniger Angst, denn er keuchte wie im Fieber, +erzählte sie ihm, wie ihr Vater den einzigen Brief +Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor +den Dienern und seiner ...., vor ›ihr‹ mit einem +häßlichen Schimpfwort geschmäht, wie er sie verflucht +und geschworen habe, sie solle bald auf andere Ge<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>danken +kommen; wie sie dann gefangen gehalten +wurde, wie sie dann in die Stadt geschleppt und dem +jungen Landgrafen zugeführt worden sei und wie +sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer +noch auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt +bist du da, mein lieber, lieber Leon, und jetzt wird +alles gut werden!«</p> + +<p>»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig +aufsetzen, aber er glitt fast von der Bank, da +faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er an ihrer +Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er +wies mit der Hand auf das Glasfenster und erzählte +ihr mit stockenden Worten, was für eine Bewandtnis +es mit dem Glase habe.</p> + +<p>»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er +dann mit klarer Stimme, »ich habe an dir gezweifelt, +ich habe dich ob deiner Untreue verflucht, dafür muß +ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« – Und mit +der letzten Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, +vergib mir!« Dann griff er nach seinem Herzen, +»Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« +und dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da +streckte der Tod schon seinen Körper, es war ihm, +als ob er noch aufstehen könne, ihm zu entfliehen, +<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß +Bertas nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war +tot ...</p> + +<p>Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag +über ihren Knieen, ihre Rechte stützte seinen Kopf, +auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie beugte ihr +Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes +Gesicht ...</p> + +<p>Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer +Abend im Walde, Waldfrieden und heilige Stille. +Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur +saß Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam +auf den Knieen, ihre Augen sahen verständnislos in +sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines Kindes im Dunkel +wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie +sie den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend +gesagt hatte, »Leon!« aber er antwortete nicht, obgleich +er doch da auf ihren Knieen, schwer und lastend, +lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, +ihr Leon, ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender +Schmerz lohte jäh in ihrer Brust empor, plötzlich löste +sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete tief auf, +tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet +hätte, und dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein +<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>gequältes Tier, schrie mit entsetzlicher, ihre Kraft höhnender +Stimme, einer Stimme, davor die Vögel des +Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein Gewittersturm, +einer Stimme, die den Turm erschütterte +und die in ihrer furchtbaren Stärke nicht erlahmte, +die jenseits des Tales drüben an die Felsen anprallte +und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte +nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie +mußte schreien, auf Leben und Tod schreien, jetzt das +Haupt neigend, dem Toten in die tauben Ohren, +nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, +wie ihre Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum +ersten Male in ihr Zimmer getreten war, jetzt den +Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel schreiend, +emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, +ihrer zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham +und ihrer Angst. Sie schrie und wußte nicht, daß +die Amme aus dem Turme getreten war, emporgeschreckt +durch die furchtbare Stimme, und daß hinter +ihr, der Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum +Skelett abgemagerte Gräfin sich zur Tür geschlichen +hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz +vor dem Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln +erschrockene Lichter und gespenstige Schatten auf den +<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>Waldboden werfen und sah doch nichts und schrie; +ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren +geschwollen, und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam +heran und sprangen von den Rossen, denn sie +waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt +und waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, +als ahnten sie, daß sie hier die Gesuchte finden +müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als er seine +Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, +den er nicht kannte.</p> + +<p>»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen +Zorne, »hintergehst du mich so?« und er stürzte sich +durch den Kreis der Fackelträger zu der Schreienden +vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße +liegen hatte, daß er schwer zu Boden fiel, und da +sah er, daß der Mann tot war, und schlug eine fürchterliche +Lache auf und schlug sich den Schenkel und +lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! +Herr Landgraf, Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der +gibt kalte Küsse, der tut Euch nichts mehr in diesem +Leben!«</p> + +<p>Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten +geworfen, sie deckte ihn mit ihrem Körper zu und +wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen Rechten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!«</p> + +<p>Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, +alle Blicke starrten auf die drei, den Vater, die Tochter, +und ihren toten Geliebten, und niemand merkte, wie +aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin +sich wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt +die beleuchtete Gruppe anstarrend, und dann im +dunklen Walde verschwand ....</p> + +<p>Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, +sie preßte ihren Mund auf die bleichen Lippen des +Toten und trank, trank, trank gierig und verzückt +von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom +Boden, sie schaute glücklich und trunken um sich, ihre +Lippen schrieen nicht mehr und konnten auch nicht +sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann +beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie +ergriff dann die Glastafel bei der Bank und stürmte +in den Turm, das Tor hinter sich zuschlagend. Die +Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten +nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf +ein Stichwort vom anderen, und alle schauten auf +den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der bückte +sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam +und bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen +<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>Lippen Gewalt an und sagte: »Bringet den Meiersleuten +im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren Teil +haben!«</p> + +<p>Dann winkte er dem jungen Landgrafen und +sie bestiegen die Rosse. Es war finster im Walde +und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten, +warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde +sich bäumten. Dort fanden die Fackelträger kurz darnach +die tote alte Gräfin und bei ihr ein mageres +Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie +beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam +auf den Sattel und zogen zu Tale.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Drin in dem runden Turme, von wo der Blick +weit, weit über die Wälder schweifen konnte, saß +Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen +hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen +Lächeln um die Lippen da, sie hielt die Glasscheibe +Leons in Händen und schaute Tag und Nacht durch +das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter. +Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen +waren weit geöffnet und wie in tiefes Träumen versunken, +sie horchte oft gespannt auf, als vernehme +<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder +ganz nahe ans Fenster und lächelte es an und küßte +es, und die Amme, die nun ihr Pflegekind wieder +hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer Schutzbefohlenen +und erzählte immer neue Beispiele davon +der Mutter Leons, wenn die sie besuchen kam. Von +ihr ließ sich Berta auch gerne streicheln, aber sie sprach +kein Wort mehr und schaute nur unverwandt durch +das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.</p> + +<p>Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und +es begab sich das Wunder, daß Berta eines Morgens +mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß +und das Glas, das schon in den letzten Monden +bläulich geschimmert hatte, tief dunkelblau geworden +war, so tief blau, wie Bertas Augen gewesen waren. +Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und +ihre erloschenen Augen öffnete, da war das Blau +darin geschwunden, die Augen waren farblos wie +Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die +Lider über die Augen, die wie zwei große Kugeln +durch die dünnen Lider sich vorwölbten. Sie legte +den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und +der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch +die gute Seele der Gestorbenen darin wohne. Dann +<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie ein Heiliges +und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber. +Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, +sie mußte immer wieder zum Lager hinschauen, +als müßte die still dort Schlummernde die Lider noch +einmal über den großen Augen öffnen, als müßte +ihre Brust sich nach einem schweren Seufzer wieder +heben und senken, jetzt, da das Wunder mit dem +Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich +süße Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste +sich nicht, der Seufzer blieb aus und die großen +Augen blieben hinter den Lidern verborgen.</p> + +<p>Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der +Toten nieder, da seufzte sie recht aus tiefstem Herzensgrunde +auf und bekreuzte dann die Tote, indes große +Tropfen über ihre Wangen herabrannen.</p> + +<p>Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins +Schloß hinab, den Tod Bertas zu melden.</p> + +<p>Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen +Tage den Meiersleuten.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Das ist die Geschichte von der Grafentochter und +dem blauen Fenster, wie ich sie oben in dem ein<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>samen +Waldkirchlein an dem schönen Grabmale +träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und +friedliche Kirchlein an dem runden Wartturm an der +gleichen Stelle angebaut wurde, an der Berta ihren +geliebten Toten auf den Knieen hielt.</p> + +<p>Und als ich mich damals im Sommer von dem +Grabmale erhob, um wieder in den rauschenden +Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem +blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so +vollkommen zu der Liebe und Güte der Mutter Leons +passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein oben am +runden Turme die wundersame Glastafel gespendet +hat, durch die nun der Sonnenstrahl so freundliche +Lichter auf das Angesicht der Schlummernden zaubert....</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a></p> +<h2 class="novelle"><a name="Der_Raecher" id="Der_Raecher"></a>Der Rächer</h2> + +<!-- [Blank Page] <a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a> --> + +<p><a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a></p> + + +<h3 class="subsection">I.</h3> + +<p>Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in +einem jener schmalen Täler, über welche jetzt auf +kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur +Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames +Gehöft derer von Fabbri, eine Art Landhaus, welches +aber von den Leuten ringsum ›das Schloß‹ genannt +wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, +die von ihren großen und weitläufigen Besitzungen +nur dieses unansehnliche Haus gerettet hatten +und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre schlechten +Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten.</p> + +<p>Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage +ein junger und vornehm aussehender +Offizier zu, von einem Diener gefolgt, der +auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken +das Gepäck des Herrn führte. Der hieß Riccardo +Fabbri und war ein sechsundzwanzigjähriger, schlanker +Mann, der eben von einem jener kühnen Seezüge +zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften +zu so großem und verdientem Ansehen auf<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>geschwungen +hatte. Er hatte als Seeoffizier das +Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit +den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen +erworben, der allen Grund hatte, das Wiedersehen +mit seiner Familie, die durch zwei Jahre ohne Nachricht +von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit +einem geheimen Seufzer freilich, daß sein herrlicher +Vater, der vor mehreren Jahren vergrämt über seine +Armut gestorben war, nicht mehr das Glück mitgenießen +durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll +heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht +denn Mutter und Schwester umschloß. Er war auch +kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der ganzen +Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, +in ihr einsames Haus zu kommen, ungeachtet der +Feste und Huldigungen, die das glückliche Genua +seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er +denn zwei Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, +weil er nicht ohne einen gewissen Glanz +nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen +Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen +glanzvollen Träumen von Glück und Reichtum die +Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben fristeten. Er +brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er +<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe +mit und freute sich die ganze Zeit über auf die +Szene, die sein Erscheinen und die Bewunderung +der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß +er eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er +bei seiner Heimkunft ein so unfreundliches Gesicht +machte und seinen Triumph nicht mit Sonnenglanz +und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, +als daß er sich dadurch hätte seine Laune verderben +lassen; er sang vielmehr fröhlich vor sich hin oder +streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes, das dann +freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit +ernsten Augen dankte.</p> + +<p>»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« +sagte der Offizier dann zu dem Pferde, »greife nur +tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg acht! +Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, +»scheint auch lieber auf dem Strande Lasten zu +ziehen, als so einen braven Matrosen, wie du einer +bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen +läßt!«</p> + +<p>»Vielleicht liegt’s an mir, Signor,« lachte der +Diener, »ich bin seit meinen Kinderjahren nicht mehr +im Sattel gesessen und meine Matrosenbeine wollen +<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande bringen; +ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem +langweiligen Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde +sind wir wohl im Hafen!«</p> + +<p>Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten +Schlag und suchte seinem Herrn näher zu kommen.</p> + +<p>So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, +und endlich, endlich sahen sie das einsame Schloß +auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte das Herz, +er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die +Rührung zu verbeißen; für so weichmütig hatte er +sich nicht gehalten! Dann aber, als auch die Pferde +den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe +hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. +Und endlich, nachdem ein paar Stimmen laut geworden +und Riccardo die alte Marietta an ihrem +»Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt +hatte, ritten sie in den Hof ein und schwangen sich +lachend von den Pferden.</p> + +<p>Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen +Nächten, da er die Wache auf seinem Schiffe hatte, +die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude ausgemalt, +jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als +<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>Ausbruch mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher +Liebe beglücken sollte! Denn er hatte noch nie die +wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine Sehnsucht nur +den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß +auch nur er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als +er nun in dem Familienzimmer harrend auf und +nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das +nun ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt +war, da fühlte er wirklich eine Bitterkeit gegen +das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und +modrig machte, da er es sich doch so groß und herrlich +vorgestellt hatte. Als aber dann – endlich – +die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo, +mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, +da verschwand jegliches andere Gefühl in seinem +Herzen, er umarmte nur immer wieder die zitternde +Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. +Tränen flossen aus ihren Augen und ein Krampf +erschütterte ihre schmächtige Gestalt. Da konnte auch +Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er wiederholte +nur immer wieder die Worte »Mutter, meine +liebe Mutter«, wobei auch ihm große Tropfen über +die Wangen liefen.</p> + +<p>Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der +<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Mutter nicht nur der Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, +die sie erbeben ließ, sondern auch ein tiefer, +zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch +in sich niedergekämpft hatte und dessen Ursache der +arme Riccardo bald erfahren sollte; so daß sie ihn, +da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie in +einer großen Angst nur um so inniger umarmte und +an sich preßte, als könnte sie dadurch die Beantwortung +dieser quälenden Frage weit, weit hinausschieben.</p> + +<p>Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen +und er die Mutter beschworen hatte, ihm alles zu +erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die geliebte Emilia +krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit +gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas +noch Schlimmeres sich ereignet habe, etwas Entsetzliches, +das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete, +so daß er lange mit leeren Augen in die +Dunkelheit des Zimmers und der Zukunft starren +mußte.</p> + +<p>Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, +verführt! Er hörte nicht mehr die Worte seiner +Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich zu fassen, +um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia +<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>diesen Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin +gestraft und unglücklich sei: er wußte gar nicht, daß +nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des Jammers +und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem +Herzen weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos +und ohne Besinnung vor sich ins Leere, ohne +Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde +sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe +kein Leben, keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, +grenzenlose Finsternis. Dann aber durchtobte ihn +ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte +sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos +in die Arme seiner Mutter.</p> + +<p>So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die +Entbehrungen und Mühen der vergangenen Jahre +so freudig ertragen hatte und die ihm als ein Leuchtturm +mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum +traurigsten Ereignisse seines Lebens, das alle seine +Hoffnungen zerstörte, seinen Stolz beugte, sein Glück +höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft geschmiedet +hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die +seine Mutter und seine geliebte Emilia wie durch +herrliche Schloßgemächer in Glanz und Glück hätten +schreiten sollen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche +ohne Frieden starrte, schien ihm nur der Beginn einer +dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren, in denen +er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt: +Rache an dem Verführer ....</p> + + +<h3 class="subsection">II.</h3> + +<p>Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein +strahlender Sommertag, und die Sonne leuchtete vom +Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und Jubels. +Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine +unglückliche Schwester nur noch zerstörter zeigte und +ihm keine Runzel in dem vergrämten Antlitz seiner +Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein Herz, +als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah +in einer ewigen Unrast, als trauten sie sich nicht, +laut aufzutreten oder bei dem so sehnsüchtig Erwarteten +zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. +Er hatte schon früh am Morgen Beppino zu sich +gerufen und ihm befohlen, die prunkenden Stoffe +und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine +Lieben nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem +dunklen Leid zu kränken; dann hatte er in kurzen +<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Worten dem Diener, der wohl schon von dem Unheil +gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht +lange hier bleiben würden, da er bald eine große +Reise antreten müsse. Beppino hatte stumm das +Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, +und dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen +Herrn wieder in die Fremde trieb. Dann +hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der +Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit +erfuhr.</p> + +<p>Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia +in Genua gewesen, um Nachrichten über ihren Sohn +zu sammeln. Man hatte in den alten Adelsgeschlechtern +die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und +Freude aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht +und mit mehreren Patrizierfamilien verschwägert +waren; so ließ man die Frauen denn nicht gleich +wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts +über ihren Sohn hatten erfahren können; und auf +einem Feste hatte sich ihnen ein junger römischer +Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders, zugesellt, +ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit +Emilias entzückt hatte und der gleich bei ihrem +ersten Anblicke seine Bewunderung nicht hatte unter<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>drücken +können. Und als dann die Frauen wieder +heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen +Genueser Kavalieren herausgeritten und hatte die +Mutter durch seine guten Sitten und Emilia durch +seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie +ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch +allein zu ihnen, und in der Mutter waren fröhliche +Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines edlen +und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe +und aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber +einer jener allzu liebenswürdigen Jünglinge, denen +das Leben nur einen Wert hat, weil schöne Frauen +auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer +jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, +um seine Betörungskünste an ihr zu erproben, +was ihm auch leider vollkommen geglückt war. Aber +so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden +waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so +schwur die Mutter, rein und mädchenhaft geblieben, +da sie wie unter einem Zwange alles gelitten habe, +wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches +Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei +der Graf verschwunden, ohne auch nur einen Abschiedsbrief +an die Unglückliche zu hinterlassen, und nicht +<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig +hatten Umfrage halten lassen, habe niemand +gewußt, wohin sich Graf Palma gewendet habe.</p> + +<p>»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte +Riccardo gesagt, »verlaß dich auf mich, Mutter, ich +werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur keine +Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!«</p> + +<p>Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht +oder die Schwester getröstet hätte, ritt er am nächsten +Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua zurück, +um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte +kein bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer +beginnen würde, wenn er ihn erst fände, ob er ihn +töten oder zu seiner Schwester zurückbringen wolle; +er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten +und ihm in die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich +zu rächen. Und während ihres schweigsamen Rittes, +da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die Falten +seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, +um aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache +vor sich hinmurmelte. Dann ritten sie abends in +Genua ein.</p> + + +<p><a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a></p> +<h3 class="subsection">III.</h3> + +<p>Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; +er erschien zum großen Jubel der jungen Kavaliere +an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald schien er +der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie +schwärmten die ganze Nacht durch und hatten keine +Ahnung, wie vernichtet das Gemüt ihres guten Kameraden +war, der munter bei der Tafel saß und immer +wieder mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, +die er dabei mit den Patriziersöhnen hatte, erfuhr er +nur, welch prächtiger Kumpan Ermete Palma gewesen +sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und +Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen +in seine überschäumende Jugend gewesen seien. +Ja, sie wären fast auf Riccardos Schwester eifersüchtig +geworden, da er diese immer als ein Muster von +Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft +verliebt in sie gewesen sei. Aber niemand konnte ihm +bestimmt sagen, wohin sich der junge Römer gewendet +habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem der +Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, +daß er plötzlich abberufen worden sei, um auf einem +römischen Schiffe an einem Kriegszuge teilzunehmen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten +mußte, so den Gegenstand seiner Rache zu verfehlen; +doch hoffte er, daß die andere Mitteilung seiner Kameraden +die richtige sei, und ritt schon am nächsten +Morgen aus und gegen Rom, zum großen Erstaunen +und Ärger der jungen Genueser, denen seine +Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen +hatte.</p> + +<p>Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum +ein Wort; aber sein Blick wurde freier, als sie endlich +Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen, seine +Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg +erkämpft hätte, als ob nun nichts mehr seine Rache +hemmen könnte.</p> + +<p>Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener +Zeit eines der besten in der römischen Aristokratie, +das unermeßlichen Reichtum mit großer Kunstliebe +und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu +verbringen, vereinte. Die Palma bewohnten einen +großen und herrlichen Palast in der Stadt; alle +Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals +von den Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze +alter und neuer Kunst waren in diesem im edelsten +Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem alle +<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft +festlicher Weise verkehrten; denn der alte Graf +Palma war ein echter Aristokrat, der in seinen jungen +Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter +erworben hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen +wohlgebildeten Geist als wahrhaftes Künstlertum bezeugten. +Immerhin hatte diese tätige Beschäftigung +mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach +erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende +Graf ein wahrer Freund der Künstler und ihr Schirmherr +blieb und als solcher auch von ihnen warm verehrt +wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude +nicht viel übergegangen, obgleich auch er die +Kunst als Lebensschmückerin liebte und gern mit den +freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus Lust +an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus +wirklichem Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter +Francesca, den Stolz und die Freude des Hauses, +die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die +Romanzen jener Tage sang und die mit seinem Geist +mit den Dichtern über ihre Verse sprach, die sie als +ihre Schutzgöttin besangen und feierten.</p> + +<p>Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und +durch die geschmückten Hallen, die eines Königs würdig +<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>waren, erregten Herzens dahinschritt, da war es ihm, als +ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem ungemeinen +Reichtum schwankend würde, als wäre er mit +seinem Hasse in eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, +weit von jeder Not des Lebens entfernt läge, und +eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn über sein +schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, +der einem reichen Manne sein Elend klarlegen will +und merkt, daß der sich nicht einmal eine Vorstellung +davon machen kann, wie jämmerlich Menschen ihr Dasein +fristen können. Dann aber stieg auch der Groll +des Bettlers gegen den Reichen doppelt in ihm auf, +sein Haß flammte um so glühender in die Höhe, er +umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine +brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, +der Sohn eines verarmten Edelmannes, dieses +verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß entreißen +und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah +im Geiste das ärmliche Haus seiner Mutter in dem +unwirtlichen Tale bei Genua und sah die beiden zerstörten +Frauen durch die öden Räume schleichen, seine +entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für +beneidenswert hielt, weil <em class="gesperrt">er</em> sie seiner Umarmung +gewürdigt hatte! Und Riccardo umklammerte den +<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause, +durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er +ihm jetzt entgegentreten würde, das fühlte er, dann +würde er ihn, ohne ein Wort zu sprechen, niederstoßen.</p> + +<p>Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach +seinen Wünschen. »Ob er den Grafen Palma sprechen +könne?«</p> + +<p>»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen +auf ihren Schlössern.« Riccardo aber sagte ungeduldig, +er wolle den jungen Grafen sprechen.</p> + +<p>»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der +ist überhaupt jetzt nicht zu sprechen! Der ist vor +etwa vier Monaten mit der Flotte nach Kleinasien +gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres +heimkehren!«</p> + +<p>»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du +das wirklich? Ist das keine Ausflucht?« fuhr Riccardo +empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn dieser +Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser +Offiziere, daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom +sei, ganz vergessen, weil er sie vergessen wollte; er +hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar nahe +schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du +das sicher?« wiederholte er.</p> + +<p><a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden +noch nähere Auskunft bei unserer Herrschaft erfahren, +draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze römische +Adel versammelt ist.«</p> + +<p>»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und +er verließ den Palast mit glanzlosem Blick, enttäuscht +und hoffnungslos, und irrte lang durch die Straßen +Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich +und zerschmettert.</p> + + +<h3 class="subsection">IV.</h3> + +<p>Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein +böses Gift, das an ihm zehrte. Er legte sich mit +dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu Bette, +er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, +und sah sie klagend durch das Elternhaus irren, mit +gesenktem Blick und ängstlich, den Augen der geliebten +Mutter zu begegnen. Er träumte, wie seine +Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg +zimmerte, ihr verlorenes Leben hineinzulegen, und er +erwachte unglücklich und zerquält. Dann irrte er in +der Umgebung Roms umher und fand einen Ort, +von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres +<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>aufleuchten sah. Dort stand er in der Sonnenglut, +mit angestrengtem Blicke, ob nicht das Geschwader +dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und +wenn ihm seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, +dann hob er die Arme, als ob er ihm entgegenfliegen +wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn +er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen +Herrn, wenn er dann müde und verstört heimkehrte +in ihre armselige Herberge, und wagte wohl einmal +eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge +sich vor dem Fieber in acht nehmen und ob sie nicht +wieder lieber nach Genua heimkehren wollten. Da +traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen +Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend +zurückzog. Und so lungerte Beppo in den Gassen +Roms und auf den Plätzen herum, bis er eines +Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen +Flotte traf, der gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen +Offizier und Verwandten des Papstes, +in Rom weilte.</p> + +<p>Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn +und es stieg ein stiller Plan in ihm auf, die beiden +Offiziere zusammenzubringen, und er führte auch mit +Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben treff<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>lich +durch. Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile +da Spada, daß er dem edlen Herrn Fabbri begegnet +sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht +habe, daß er in der Via angusta wohne; ob der +Herr ihn nicht dort einmal aufsuchen wolle, denn es +müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der Offizier +gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete +er schon am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten +und traf ihn auch, da er aus der kleinen Herberge +in der Via angusta heraustrat.</p> + +<p>»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, +»bist du’s oder ist es dein Schatten, der hier durch +diese vermaledeit enge Gasse wandelt? Sprich rasch, +denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich +einen Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!«</p> + +<p>Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung +vor Riccardo, der wirklich erst einen Augenblick +zögerte, ob er sich verstellen und fremd tun solle. +Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung +peinlich, er wollte hier, in dieser schmutzigen +Gasse, nicht gern erkannt werden, auch fürchtete er +gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne. +Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als +<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>er mit Emilio immer aufs beste ausgekommen war +und auf dessen lachendem Gesichte die Freude des +Wiedersehens zu deutlich leuchtete.</p> + +<p>»Freilich bin ich’s, mein lieber da Spada!« sagte +er also und trat auf den Kameraden zu, ihm die +Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit meiner +Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.«</p> + +<p>Und er log mit diesen Worten nicht, denn er +glaubte in diesem Augenblicke des Sichentdecktfühlens +selbst daran, daß er nun aus Rom weg müsse.</p> + +<p>»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio +herzlich; »wir waren immer gute Kameraden, Riccardo, +und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du meine +Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner +Heimat gesehen hast!«</p> + +<p>Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino +im Tore der Herberge stand, und sagte ihm einige +rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter +den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in +dieser Nacht schlief Riccardo schon im Palaste der +Spada.</p> + + +<p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a></p> +<h3 class="subsection">V.</h3> + +<p>Der große Palast seines Gastfreundes war wie +ausgestorben, denn der Vater Emilios war nur für +einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach Rom +gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim +Papste vorgeführt und war dann wieder auf sein +Sommerschloß zurückgekehrt, indes Emilio noch in +Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr +Riccardo am Abend, da die beiden Kameraden, +von einem aufmerksamen Kammerdiener trefflich bedient, +bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl +hielten und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen +über gemeinsame Bekannte, über die Aussichten des +nächsten Frühjahrs und seiner Unternehmungen, und +Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute +Offizier, wie ihn seine Kameraden liebten und schätzten. +Er war angeregt und fast heiter, und als gar da +Spada den Namen Palma erwähnte, der Riccardo +plötzlich still gemacht hatte, und davon sprach, daß +die Palma die Nachbarn seiner Eltern in Bosco rado +seien, da wurde Riccardo fast übermütig in seiner +Freude, er erhob das Glas und leerte es, er ließ sich +von dem gern bereiten Emilio immer wieder von der +<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>Schönheit Francescas, der jungen Gräfin und Schwester +Ermetes, vorschwärmen und war schon ganz bereit, +mit seinem Kameraden und lieben Freunde +Emilio gleich am zweitnächsten Tage in die Berge +zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie +Feuer durch seine Adern.</p> + +<p>»Schade, daß Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!« +sagte Emilio, »jeder Tag wäre zu einem +Feste geworden!«</p> + +<p>»Ja, bitterschade!« wiederholte Riccardo; er war +ernst geworden. »Den hätte ich gern gesehen! Sie +haben in Genua viel von ihm gesprochen!«</p> + +<p>»Und sicher nur Gutes!« rühmte Emilio. »Die +Männer lieben ihn und mit den Weibern versteht es +keiner wie er! Den müßtest du kennen lernen, Riccardo, +und wenn das Glück es gut meint, kommt +er früher heim, als seine Eltern glauben. Mit +dem würdest du bald Freund sein, ihr paßt zusammen!«</p> + +<p>Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, +er glaubte seinen Schwertgriff in den Händen +zu halten und schwang doch das Weinglas, daß der +rote Wein blutig über seine Hand spritzte. Er wollte +etwas Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber +<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>es gelang ihm nicht, und er sank hilflos und verloren +lachend in seinen Sessel zurück.</p> + +<p>Da brachte ihn Beppino zu Bette.</p> + + +<h3 class="subsection">VI.</h3> + +<p>Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage +beim Morgenimbiß trafen und Emilio lachend von +ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da wurde +es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt +habe; er war verstimmt über seine Schwäche und +hatte Angst von seinen Plänen und Absichten etwas +verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, +um für den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, +die Riccardo bald erledigt hatte.</p> + +<p>Dann irrte er wieder wie früher durch Rom +und in einer verschwiegenen Schenke unter dem Monte +Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm +ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten +Male blitzartig durch sein Hirn geschossen war.</p> + +<p>»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er +zu sich, »und kannst übermorgen vielleicht vor den +Eltern und der Schwester dessen stehen, der dein und +deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist aus<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>gezogen, +um die Schmach, die er deinem Hause angetan, +zu rächen. Ist nicht die Lage, darin du und +die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor +Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter +betrat? Der Bruder ist auf dem Meere und +die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen +absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, +eine Rache, die Gleiches mit Gleichem besser vergilt, +als wenn du den heimkehrenden Bruder, der jetzt +deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich machst, +wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört +hat? Da ist die Mutter, da die Schwester +und da bin ich«, so berechnete er an den Fingern die +Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich +vor mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte +den heutigen Abend nicht erleben. Aber er ist vor +mir geflohen,« der Gedanke fraß sich immer tiefer in +sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner +Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß +ich bald kommen, daß ich bald erscheinen werde, um +die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt die beiden +Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches +Unrecht mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine +Schwester so unglücklich zu machen, als er meine +<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und +wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, +die ich in den letzten Wochen gelitten, und dann will ich +vor ihn hintreten, offen und ehrlich, wie es einem +Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben und +ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!«</p> + +<p>Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, +damit zog er die Summe ihrer einzelnen Zahlen, +damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es einschlief. +Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, +er konnte nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins +Freie und eine glühende Ungeduld jagte ihn durch +die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum +erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse +wie ein kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus +er als Sieger hervorgehen muß. Und er war auf +dem Ritte nach Bosco rado durch den herrlichen, klaren +Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je.</p> + +<p>»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, +da sie einen steiler werdenden Pfad emporritten, »ist +sie schön, ist sie liebenswert, hat sie einen Liebsten?«</p> + +<p>Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein +Pferd ganz nahe an den Schimmel Emilios, er fühlte, +daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr begab, +<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er +mußte fragen:</p> + +<p>»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? +Und hat sie ihr Herz schon jemandem vergeben? Mich +gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich sehne mich +nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte +er, da Emilio schwieg.</p> + +<p>Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen +erst abgewendet; dann klopfte er seinem Rosse den +Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem großen +und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz +gegossen im Sattel und sprach dann mit einer Stimme, +die zu schwer für die schlichte Antwort war:</p> + +<p>»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine +römische Adelige, sie ist nicht für Abenteuer geboren, +sie ist eine Palma!«</p> + +<p>»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte +Riccardo antworten. Aber er hemmte sich.</p> + +<p>»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« +versuchte er seine Frage abzuschwächen. »Und ich habe +nichts anderes gefragt, als ob sie schön sei. Du willst +meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann munter +hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!«</p> + +<p>Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war +<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>verschwunden, er empfand die Demütigung in den +Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den +Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der +Gräfin Palma trennte, er biß sich auf die Lippe und +gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem Pferde +die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel.</p> + +<p>Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes +und sagte: »Siehst du, so närrisch macht mich die +Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse, Emilio, +wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge +vom blauen Himmel heben.«</p> + +<p>Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine +Stimme war weich und fast zärtlich:</p> + +<p>»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe +es vergessen, Emilio, ob du Geschwister hast?«</p> + +<p>»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei +Schwestern, eine ist vermählt und wohnt im Toskanischen, +und zu Hause habe ich meine kleine, liebe Maria, +die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.«</p> + +<p>Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im +hügeligen Walde einen hellen Fleck. »Dort ist Bosco +rado und dort drüben, nicht weit von jener Waldlichtung, +sitzen die Palma.«</p> + +<p>Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hin<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>über. +»Dort wirst du meine Antwort von vorhin +verstehen!«</p> + +<p>»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« +erwiderte Riccardo.</p> + +<p>Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach +Bosco rado zu kommen.</p> + + +<h3 class="subsection">VII.</h3> + +<p>Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten +auf einmal ganz nahe die Lichter von Bosco rado +auf, das ihnen während der letzten Stunde verdeckt +gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, +daß sie die Lichter ordnen und die Fensterreihen und +den ganzen Aufbau des Schlosses daraus erzeichnen +konnten.</p> + +<p>Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein +helles, breites Licht sichtbar, von Schatten unterbrochen, +und das Licht loderte manchen Augenblick plötzlich +in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem +fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.</p> + +<p>»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse +sind die Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, +»es wird doch hoffentlich kein Feuer entstanden sein, +<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>das wäre eine schlechte Illumination für meine unerwartete +Heimkunft!«</p> + +<p>Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, +daß die Schatten mit einer gewissen Regelmäßigkeit +durch das Licht huschten, und bald hörten sie laute +Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die +Reitenden für kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind +wehte ihnen jubelnde Stimmen und auch die rasch +verstummenden Töne einer tollen Musik zu.</p> + +<p>»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio +mit erleichterter Brust. »Wir wollen uns erst die +Festlichen anschauen und sie dann überraschen. Wir +wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns +dann im Lichte erkennen lassen.«</p> + +<p>Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, +vom Pferde steigend, seine kurzen Befehle. Die beiden +Diener sollten auf einem Umwege die Pferde in den +Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann +traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand +und schauten zwischen den Bäumen dem +Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und seltsam +genug darbot.</p> + +<p>Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von +dem stattlichen weißen Schlosse auf dem Hügel eine +<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>Scheuer und unten am Fuße des sanften Abhanges +war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, +Damen und Herren, jung und alt, die würdigen +Damen auf Bänken und Sesseln, indes die +Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart +hatten. Auf dem rundlichen Abhange aber, +etwa in der Mitte zwischen den Herrschaften und der +Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die +weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. +Und von beiden Seiten des Hügels ritten +nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu der +Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken, +riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, +auf der grell erleuchteten Wand ab, närrisch verzerrt +und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert, aufeinander +zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten +Tieren, und die Schatten hatten Dreschflegel +in den Händen, an deren Stangen aber große +Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte +dazu, von Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit +der vornehmen Gesellschaft begleitete die seltsamen +Schatten und närrischen Töne.</p> + +<p>»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, +»sie unterhalten sich und machen den Herrschaften +<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine Mutter +neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner +Freude sehe, zu dem Abend herbeigekommen ist, und +dort bei den drei Kavalieren steht Francesca Palma +mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das +Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.«</p> + +<p>Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde +der Wand ein phantastisch aufgeputztes Weibsbild +aufgetaucht, der unglaubliche Schatten eines übertrieben +üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten +hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. +Die waren just in ihrem Ritte fast unten bei den +vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen sie, +durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das +Frauenzimmer zu erblicken, sie wandten ihre Tiere +und ritten wie rasend den Hügel empor, den Ritt +plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der +Holden berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden +Bewegungen, bald schien sie den einen, bald +den andern zu begünstigen, der Dudelsack war dabei +ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die +aufs beste belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem +sonderbaren Schauspiele.</p> + +<p>Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht +<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>lächelte weiter, indes sein Herz mächtig pochte und +sein Blick unverwandt auf die Gruppe hinstarrte, die +ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei +Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden +Mädchen, lachend und frohe Bemerkungen tauschend. +Aber Riccardo fragte gar nicht erst, welches +der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, +er konnte sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, +daß er sich vielleicht irren könnte; denn seine Augen +und sein Herz sagten es ihm, daß die Kleinere, die +Fröhliche, Francesca sein müsse.</p> + +<p>»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und +seine jugendliche Glut flüsterte ihm gleich in die +Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er dachte +den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang +sich, an seine Schwester zu denken und preßte die +Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das ist Francesca, +so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und +so, du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder +erschienen sein, daß du ihm nicht wehren konntest!«</p> + +<p>Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, +hatte ein ernstes, in strengen, aber ungemein edlen +Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser Ernst blieb auf +ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß +<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>sie etwa wie die Muse der Historie neben der Muse +des Liebesliedes oder des anmutigen Tanzes bei ihrer +Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht lange +im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es +warm und glückverheißend zur kleineren und heiteren +anderen, die ihm in ihrem lichten Gewande wie die +Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er, als +Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, +herzlich und zukunftsicher mitlachte, aber aus einem +ganz anderen Grunde, als sein Freund, der mit leuchtenden +Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der +eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels +auf dem Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, +der taumelte vom Maultiere herab, der schauderhafte +Schatten des Liebchens schwang sich auf sein +lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über +das Scheunendach verzerrten Schatten des Siegers +und seiner willigen Beute den Abhang nieder, indes +der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen +nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum +Hohne der jubelnden Gesellschaft mitten in den Fackelbrand +hineinsprang und ihn mit raschen Tritten auslöschte. +Das Schattenspiel war zu Ende.</p> + +<p>Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall +<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>klatschen und noch einen Augenblick in ihren Gruppen +verharrten, als sollte dem närrischen Spiele noch ein +Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos +ergriffen und zog ihn nun mitten in das Gewühl der +Gesellschaft hinein. Fackelträger kamen rasch aus +dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben +den Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme +in das Gespräch mischte, als wäre er all die Zeit +über anwesend gewesen, da erhob sich gleich ein neuer +Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo +unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene +gestellt und atmete den Duft ihres blühenden, +entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht ließ +ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick +traurig, wie ein Kind, das an einem fernen Orte +einer rauschenden Musik lauscht und plötzlich Heimweh +nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter +bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas +zu ihnen getreten und hatten ihren Sohn begrüßt, +der nun artig seinen Freund vorstellte und ihn ihrer +Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund +empfahl. Und während sich Riccardo über die Hand +der Mutter Emilios beugte, fuhr dieser fort, ihn auch +den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin +<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor +denen sich der Offizier verbeugte, ohne ein Wort +sagen zu können, denn schon waren auch die übrigen +Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen +und Händedrücke die Menge, bis sich endlich +die ganze Gesellschaft in die weite Halle vor dem +Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische +zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter +Emilios und war durch ihren freundlichen Zuspruch +und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise gefesselt, +indes das junge Volk unten an der Tafel sich +über das Schattenspiel unterhielt und Emilio den +Mädchen über den Gast berichten mußte.</p> + +<p>So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in +sein Zimmer geleitet, müde von dem ausgiebigen +Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf +seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter +an seine Pläne gedacht zu haben.</p> + + +<h3 class="subsection">VIII.</h3> + +<p>Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen +Morgen weckte, da gab er sich erst den angenehmen +Gefühlen eines Jünglings hin, der am ver<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>gangenen +Abend ein Mädchen kennen gelernt oder +eigentlich nur gesehen hat, das ihn entzückt und das +ihm der Inbegriff alles Schönen und Begehrenswerten +scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm +ganz in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich +und heiter und dünkt ihn das verlockendste Spielzeug, +das er gern wie ein Kind an der Brust bergen und +streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre +liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie +kleiner ist als er und daß er sich zu ihrem rosigen +Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht Holdseliges +zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um +sich wie in einem lauen Bade wohlig zu strecken. +Und wenn in seinem Denken finstere Vorstellungen +ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann +scheucht er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht +ihn langsam das begehrenswerte Wesen <em class="gesperrt">lieben</em> +lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen sich immer +dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft +der Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu +einem anderen Menschen, er schämt sich vor sich selber.</p> + +<p>So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles +während ihres Rittes gestern gedenken, da +Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen Worte: +<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>›Sie ist eine Palma!‹ beantwortet hatte. Sein +heiteres Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an +den Zweck seines Hierseins, an seinen Entschluß und +den neuen Plan für seine Rache.</p> + +<p>»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, +als ich dachte! Sie ist so schön, so rein!«, träumte +er vor sich hin. Da stand aber wieder das Bild +seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch +so schön, so rein geträumt hatte, wenn er auf dem +Schiffe seinen holden Heimatsgedanken nachhing, und +ein frischer, ungleich tieferer Schmerz erfüllte sein Herz. +War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie +sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig +hingegeben? Trägt nicht auch sie vielleicht eine Schuld?</p> + +<p>Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich +Ermete und seine Schwester, das konnte er nicht +ertragen, er sprang vom Lager auf, er machte sich +rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn +ins Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. +Und dann eilte Riccardo in den Garten hinab, nur +von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken +seiner Einsamkeit zu entfliehen.</p> + + +<p><a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a></p> +<h3 class="subsection">IX.</h3> + +<p>Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten +trat, unter dessen alten Bäumen die Gesellschaft heiter +versammelt war, da verwandelte sich sein Trübsinn +gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit +den andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf +begrüßten, die Betten im Hause Spada seien doch +besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch an +Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der +Gesellschaft vermisse.</p> + +<p>»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist +heute gar zeitig früh aus den Federn gekrochen und +läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind mit den +Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde +etwa weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.«</p> + +<p>»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und +seine Worte konnten als Entschuldigung dafür gelten, +daß er sich von der gräflichen Familie nicht verabschiedet +habe. Es war keine Wolke an dem blauen +Himmel, aber sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel +geworden und einer der Nobili, der dessen acht hatte, +sagte spottend:</p> + +<p>»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, +<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>könnt Ihr gewiß den Schleier der schönen Francesca +noch im Winde flattern sehen, ehe sie in dem dichten +Schatten von Selva nera verschwinden!«</p> + +<p>»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum +bittet auch Emilio, Ihr möchtet, falls es Euch beliebt, +ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht zu verfehlen, +und unsere Kinder werden Euch in der Mitte +des Weges begegnen.«</p> + +<p>»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo +leise. »Ich will nur mein Pferd satteln lassen.«</p> + +<p>»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte +der freundliche Hausherr verbindlich, »mein Pferd steht +gesattelt zu Euren Diensten.«</p> + +<p>Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein +schönes, feuriges Tier heranführte. Das bestieg Riccardo, +nachdem ihm der Weg gewiesen war, und +sprengte davon.</p> + +<p>»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief +der Nobile ihm noch fröhlich nach; und er sagte +dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat es +natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der +Siebenschläfer – bei aller Liebe zu Emilio – heute +wohl nicht so leicht aufs Pferd gestiegen. Aber er +reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut hätte!«</p> + +<p><a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je +im Sattel saß, so schwer auch sein Herz von der +Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios getroffen +war.</p> + +<p>›Ich muß sie einholen,‹ sagte er sich, ›ich muß +sie noch einmal sehen!‹</p> + +<p>Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den +Wald empor, verließ aber auch auf der Höhe den +Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er werde, +nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, +den Wagen der Palma und seine Begleiter sehen, +sich nicht erfüllte.</p> + +<p>›Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,‹ +dachte er, ›und doch hat der spöttische Nobile davon +gesprochen, daß ich in der Ferne den Schleier Francescas +werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später +der Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde +geritten sein.‹</p> + +<p>Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich +es wahrhaftig den steilen Weg wie eine Landstraße +genommen hatte.</p> + +<p>Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine +sonnige Waldwiese kam und, vom hellen Lichte geblendet, +die Augen geschlossen hatte, dem Schatten +<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er +plötzlich seinen Namen rufen; er schaute sich um und +brachte schon durch den freudigen Schreck, der seinen +Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen.</p> + +<p>Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen +Steine, saß sie, nach der er sich sehnte, und hielt die +Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie hatte einen +verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, +sie sah in ihrem Reitkleide heute schlanker aus und +lachte hell in den Tag hinein, weil wohl der ungestüme +Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen +brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; +und weil sein Gesicht und seine Haltung, da er vom +Rosse stieg, so überdeutlich den Ausdruck der Überraschung, +ja des freudigsten Schreckens darbot, daß +sie nur noch lauter lachen mußte.</p> + +<p>»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« – +um mich zu erwarten, wollte er sagen, aber er +vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm entgegengekommen, +und das Erstaunen war nun auf ihr +helles Gesicht hinübergehuscht.</p> + +<p>»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für +Francesca?«</p> + +<p>»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« +<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>kam es unsicher und doch mit der ganzen Sicherheit +einer schon beantworteten Frage von den Lippen +Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, +als er mich ...«</p> + +<p>»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen +vorführte?« vollendete Maria den Satz. »Und Ihr +habt mich für meine Freundin genommen? Aber +Ihr macht ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so +unglücklich über den Irrtum, daß ich wohl um Verzeihung +bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt, +Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die +Schwester Emilios, könnt Ihr mir das vergeben? +Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet und +mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, +vielleicht bis Selva nera, weil der Tag so +herrlich und der Ritt so angenehm ist. Ich will jetzt +wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch +warten lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine +Schuld, eine so arge Enttäuschung bereiten müssen!«</p> + +<p>Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft +und klopfte den Hals ihres Pferdes, das seine Herrin +mit glänzenden Augen anblickte.</p> + +<p>Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme +in ihm sang immer das gleiche Lied: Nun ist alles +<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes Mädchen, +kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte +ihn: Du kühner Ritter, denkst du an deine Rache? +Und hast verliebte Augen und verliebte Ohren und +stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das +deine Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir +stolz als Ziel deiner Rache vorgelogen hast.</p> + +<p>Und seine Scham und das Gefühl des schweren +Unrechtes, das er dieser Reinen angetan hatte, war +so groß, daß er – als müßte die Heitere da vor +ihm seine ganze Schuld kennen – vor ihr ins Gras +sank, den Saum ihres Kleides zu küssen, und mit +gepreßter Stimme zu ihr sagte:</p> + +<p>»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir +das alles im Leben je verzeihen?« Er flehte sie voll +tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch schon ganz +bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen +nur seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf +entsprungen sei, und daß er aus Bewunderung für +sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den +Irrtum begangen habe.</p> + +<p>Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag +noch um ihre Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen +Augen und verstand sie nicht, und darum sagte sie:</p> + +<p><a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und +weiß nicht, ob Ihr bei heiterem Spiel, wie dieser +Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich schaut +wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen +soll, wenn Ihr dies Wort ernst gemeint habt! +Ihr habt uns beide Freundinnen gestern, da Ihr als +Fremder in eine große Gesellschaft tratet, verwechselt, +aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich +beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. +Steht auf, Signor, und sagt mir, ob es Euch kränken +würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder halten +würde?«</p> + +<p>Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so +mild, daß Riccardo nur verwirrter wurde. Er brachte +keine Antwort zuwege, er stammelte nur: »Ihr könnt +ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was +ich getan habe oder tun wollte!«</p> + +<p>Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und +rief zu ihr empor: »Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, +wie elend ich bin und wie unglücklich! Und +ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so unglücklich +macht! Die Verwechslung hat damit gar +nichts zu schaffen, wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt +Mitleid mit mir haben, denn ich bin unglücklich; aber +<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie allein +mich retten könnte!«</p> + +<p>Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen +sahen so traurig und hoffnungslos zu der erschrockenen +Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte, so ängstlich +sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden +verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen +Abend so verändert, daß sie sich fragte, ob er wirklich +der weltkundige Offizier und Freund ihres Bruders +sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten +zu ihm:</p> + +<p>»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich +nicht kenne und was mich nicht beleidigt hat? Steht +auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause reiten, vielleicht +sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen +dort auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was +Euch so bewegt! Ist es Euch so recht?«</p> + +<p>Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, +und dankte ihr mit stummem Blicke; und +sie gingen eine Strecke weit zwischen den Pferden, +die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. +Dann aber blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob +er Maria sein Herz eröffnen solle. Und er begann +ihr zu erzählen:</p> + +<p><a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in +Eurem Alter sein, und sie lebt mit unserer Mutter +einsam in den Bergen über Genua. Und diese beiden +Frauen waren mein Traum in den Nächten auf +dem Meere und mein Glück und Stolz in der Ferne. +Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben inhaltsreich, +ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, +denn ich hatte jemanden, für den es sich zu leben +verlohnte. Aber als ich nun nach Hause kam ...«</p> + +<p>Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine +Mädchen an seiner Seite an, das ihn mitleidig betrachtete, +da stockte er und sagte dann nach einer +langen Unterbrechung:</p> + +<p>»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf +freut, nach Hause zu kommen, wie ihn die Sehnsucht +erfüllt, Eure Eltern und Euch wiederzusehen! Und +was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In +Genua hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure +Briefe haben ihn darüber beruhigt. Ihr könntet +vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer Liebe +beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt +haben,« wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, +»und diese Veränderung könnte Emilio vielleicht einige +Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl +<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich +wie verzweifelnd aus, »ich kann Euch meine Heimkunft +nicht schildern, ich bin um all mein Glück, um meine +ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist – +und zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick +gebracht, das Niederschmetternde ist das sichere +Bewußtsein, daß ich meine Schwester nicht mehr +lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich +meine Berechtigung zum Leben verloren habe! O, +Maria, forschet nicht nach meinem Geschick, aber +habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld, +wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen +könnt! Ich will hier im Walde warten, bis +Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei Euren +Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. +Mein Diener wird mir mein Pferd bringen und ich +will fürderreiten. Lebet wohl!«</p> + +<p>Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. +Da sprach sie, indes sie seine Rechte in ihrer Hand +hielt:</p> + +<p>»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, +er wird Euch, das hoffe ich, zu uns zurückbringen. +Seid meines innigen Mitleids gewiß, denn ich sehe, +daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures +<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos +und heiter meine Jugend dahin, und Ihr seid +der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid erschüttert +sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht +verbergen läßt. Daran werde ich wohl mein Leben +lang denken müssen! Und ich würde wahrhaft glücklich +sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich +Euer Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche +ich Euch von ganzem Herzen. Lebet wohl!«</p> + +<p>Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in +Riccardo auf, es drängte ihn zu Maria hin, aber +er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand. +Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und +ging den Waldweg zurück, Emilio zu erwarten.</p> + + +<h3 class="subsection">X.</h3> + +<p>Es war spät am Nachmittage, als Emilio des +Weges daherkam. Beppino hatte indessen das Pferd +Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen +Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt +hatte; und der Bursch, der ihn geleitet hatte, war mit +dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten. Beppino +saß unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco +<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>rado gut gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich +ordentlich ausfaulenzen zu können. Sein Herr +aber saß schwermütig an der Straße, seufzte oft, +ballte die Fäuste oder fuhr mit der Rechten durch +die Luft und schaute dann wieder sehnsüchtig in der +Richtung von Selva nera, ob Emilio noch nicht +kommen wolle.</p> + +<p>»Endlich, endlich!« rief er nun, als sein Freund +heiter dahergesprengt kam, »du hast lange auf dich +warten lassen!«</p> + +<p>Emilio sah erstaunt in das verstörte Gesicht Riccardos, +er sah verwundert Beppino mit den bepackten +Pferden und sprang neugierig aus dem Sattel.</p> + +<p>»Hast du lange auf mich gewartet?« fragte er. +»Hast du denn Maria nicht getroffen, die doch schon +Mittag zurückgeritten ist?«</p> + +<p>Er übergab Beppino auch sein Pferd und trat +zu Riccardo, der ihn bei der Hand nahm und seinem +Diener winkte, sich zurückzuziehen.</p> + +<p>»Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; +sie weiß, daß ich hier auf dich warte, um mich von +dir zu verabschieden; denn ich muß noch heute fort +von hier.«</p> + +<p>Er sagte dies so seltsam, daß Emilio auffuhr:</p> + +<p><a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>»Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist +geschehen?«</p> + +<p>»Man hat mich nicht beleidigt,« lächelte Riccardo +trüb, »aber ich habe mich schuldig gemacht, Emilio!«</p> + +<p>»So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit +und wen hast du gekränkt? Es ist ja nicht möglich! +Foltere mich doch nicht, gerade heute nicht!«</p> + +<p>Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter +Stimme: »Emilio, hast du in deinem Leben +schon ein reines Mädchen verführt? Wir sind jung +und heiß, und ich bin nicht anders als du und die +anderen jungen Nobili. Hast du ein Mädchen verführt +und dabei jemals an den Jammer der Betörten, +an das Elend ihrer Mutter, an das Unglück +ihrer Geschwister gedacht? Niemals kam dir der Gedanke +daran, das weiß ich. Ich kenne uns. Aber +was würdest du sagen, Emilio« – in den Augen +Riccardos war ein Lauern, und seine kalte Stimme +bewies, daß er diese Worte den ganzen Nachmittag +über vorbereitet hatte – »was würdest du sagen, +was würdest du tun, wenn du erführest, daß deine – +Schwester verführt worden ist?«</p> + +<p>Da faßte ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen +Degen gezogen und hielt ihn stoßbereit erhoben: »Du +<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>bist wahnsinnig, Riccardo, was sprichst du für rasende +Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du +erlebst den nächsten Augenblick nicht!«</p> + +<p>Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge +alles nach Wunsch, und dann schrie er Emilio in die +Ohren: »Stoß zu, Emilio, stoß zu, ich habe deine +Schwester verführt, aus Irrtum verführt, denn ich +hatte es auf Francesca abgesehen, die Schwester +Ermetes! Du weißt ja, wie ich mich schon gestern +auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!«</p> + +<p>Er lachte grausam und höhnend und schrie noch +einmal: »Stoß zu!«</p> + +<p>Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen +sinken lassen, er sah entsetzt in das verzerrte Antlitz +Riccardos und warf den Degen beiseite:</p> + +<p>»Du bist von Sinnen, Riccardo,« sagte er schwer +aufatmend, »du bist toll!« Und dann stand er aufrecht +und stolz vor Riccardo, der ihn hilflos anblickte, +und sagte mit verachtendem Munde: »Und meiner +Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!«</p> + +<p>»Deiner Braut?« schrie Riccardo.</p> + +<p>»Meiner Braut,« erwiderte Emilio ruhig.</p> + +<p>Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem +Körper herunter, er knickte zusammen, daß ihn die +<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>Hand seines Freundes, der immer noch sein Wams +festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und +sagte mit bleichen Lippen: »Deiner Schwester bist du +sicher! Das sagt jeder Bruder! Dann ist ja alles +gut,« lispelte er vor sich hin, »alles gut.«</p> + +<p>So sank er in den Staub des Weges.</p> + +<p>Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das +lang ersehnte Glück gebracht hatten, beugte sich über +ihn, ein inniges Mitleid mit dem Kameraden erfüllte +ihn, er trocknete ihm den kalten Schweiß von der +Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino, +er möge Wein bringen. Den flößten sie dem Kraftlosen +ein, und langsam, langsam kehrte das Blut +wieder in seine Wangen zurück. Er stützte sich auf +seinen rechten Arm, er blickte Emilio lange an und +dann schickte er Beppino wieder weg. Er schüttelte +das Haupt, als müsse er sich erst langsam auf etwas +besinnen, dann drückte er Emilio die Hand und sagte +leise: »Francesca.« Dann umarmte er Emilio und ein +schwergeborenes Schluchzen erschütterte seinen Körper: +»Maria,« sagte er innig, »die reine, heilige Maria! +Man muß auch zum Frevelnkönnen stark sein, Emilio, +und ich bin ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr +und ich bin ein Held! Und doch bin ich ein Feig<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>ling! +Ich wollte sterben, von dir wollte ich den +Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir +nicht; weil du ein guter Mensch bist und ich ein +schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine entehrte +Schwester zu rächen, an ihrem Verführer ...«</p> + +<p>Er wollte ›Ermete‹ sagen, da besann er sich, daß +Emilio die Schwester seines Todfeindes liebe und sie +ihn, er fühlte eine unendliche Rücksicht für seinen +Freund, für den Bruder Marias, die er liebte, und +da schwieg er.</p> + +<p>Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos +gehört, er erinnerte sich eines Gespräches mit einem +Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da er +sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um +vielleicht über Francesca etwas zu hören. Und er +entsann sich einer Äußerung des Genuesen, daß Ermete +in den Banden von Riccardos Schwester schmachte. +Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis +seiner Gedanken, er umarmte Riccardo und küßte +ihn auf das feuchte Haar:</p> + +<p>»Was mußt du gelitten haben, armer Freund! +Was mußt du für furchtbare Tage erlebt haben!«</p> + +<p>Da löste sich in den Armen Emilios auch der +Schmerz Riccardos und er sagte: »Ich schäme mich +<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>meiner Tränen nicht, sie tun mir wohl wie deine +Güte. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft +handeln wollen, aus Schwäche und aus Verzweiflung, +und ich bin um eine Erkenntnis reicher geworden. +Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur +Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unwürdig +einen Menschen zu lieben! Und wenn dein Schwager +Ermete heimkehrt, Emilio, dann erzähle ihm von +dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne! +Und nun laß uns scheiden!«</p> + +<p>Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm +schweigend das Pferd besteigen. Er fühlte, daß Worte +Worte bleiben müßten und so drückte er seinem +Freunde, der bleich und ernst im Sattel saß, nur +stumm die Hand.</p> + +<p>»Grüße mir Maria!« sagte Riccardo zum Abschied, +»grüß sie mir, wenn du mich noch für würdig +hältst, die Reine grüßen zu dürfen. Und sei glücklich, +Emilio, lebe wohl!«</p> + +<p>›Lebe wohl!‹ wollte Emilio antworten, aber da +fühlte er den Hohn dieses Abschiedsgrußes und er +drückte dem Davonreitenden nur noch einmal fest +und innig die Hand.</p> + +<p>Der Wald schloß sich hinter Riccardo, nun ver<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>schwand +auch Beppino seinen Blicken, und Emilio +stand noch lange auf dem Wege und starrte seinem +verschwundenen Freunde nach.</p> + +<p>Er wußte, daß er ihn nie wiedersehen werde ...</p> + +<!-- [Blank Page] <a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a> --> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a></p> +<h2 class="novelle"><a name="Das_Meerweibchen" id="Das_Meerweibchen"></a><strong>Das Meerweibchen</strong></h2> + +<!-- [Blank Page] <a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a> --> + + +<p><a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a></p> +<h3 class="subsection">I.</h3> + +<p>Diese Geschichte könnte also beginnen: Es war +einmal ein wunderschönes Meerweibchen, das an der +Küste von Grönland lebte und das von Schiffsleuten +in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen +ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen +sein Lied begleitete, gefangen ward und das dann +in die Welt geschickt und allerorten als ein Wunder +angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag ....</p> + +<p>Aber dann würde jeder glauben daß diese Geschichte +von einem Lügner und Aufschneider erfunden +worden sei, und ernste Menschen würden sie überhaupt +nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte +und beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, +damit jeder ruhige und nachdenkliche Mensch +sie unbesorgt lesen könne, denn es ist eine durchaus +verbürgte Geschichte und ist in den alten Büchern +der königlichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und +jeder Zweifler kann sie dort suchen. Und in der +Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus, das +zu dieser Geschichte gehört; ein steinernes Meerweib<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>chen, +dem leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf +abgefallen, ist sein Schmuck und es ist als das Haus +zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was +aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, +zeugt dafür, daß es eine wunderschöne Seejungfrau +gewesen sein muß, die dem Steinmetz als Vorbild +gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, +und nur der schuppige, etwas schematisch gemeißelte +Fischschwanz, der – in dem Lande des zweischwänzigen +Löwen nicht auffällig – in zwei schön geringelten, +stilisierten Teilen endigt, beweist, daß Nacken +und Brust einem Wunderwesen angehört haben. Das +Haus selbst ist jetzt ein wenig verfallen und sieht +altersschwach und engbrüstig genug aus. Aber es +paßt gut in die altertümliche Karlsgasse und in diesen +Teil des herrlichen Alt-Prag, in dem man weniger +zufügender als abblendender Phantasie bedarf, um +sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fühlen; +man muß nur die Gaslaternen und Telephondrähte, +die Fahrräder und elektrischen Glühlichter in den +Schaufenstern vergessen, um sich, wie in einem Traum, +im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten +Häusern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen +Verzierungen und verwegenen Dächern dahinzuwandeln +<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>und verwundert zum Frühlingshimmel emporzuschauen, +der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame +Bild nach oben abschließt.</p> + +<p>Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, +sondern im Beginn des siebzehnten Jahrhunderts. +Da es aber eine, sozusagen, historische Erzählung +ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung +gestattet, daß gar bald ohnehin die Notwendigkeit +sich einstellen wird, das Ende des Mittelalters +weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die Neuzeit +gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es +so herrlich weit gebracht haben, gehören schon längst +nicht mehr in die Neuzeit des sechszehnten und siebzehnten +Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu +aufgeklärt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug +der Einleitung! Also mag diese Geschichte immerhin +als eine mittelalterliche gelten, umsomehr +als sie in der altertümlichen Karlsgasse anhebt und +endigt.</p> + +<p>Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, +das vorhin geschildert wurde. Es war noch nicht +unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet +sein. Es gehörte dem zu Ansehen und Reichtum +gelangten Prager Bürger und Kaufmann Wenzel +<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein +Billiges gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, +für seinen Sohn und dessen einstige Ehefrau ein +eigenes Haus zu bauen, auf daß er als ein bodenständiger +Bürger und Kaufmann hier lebe und dem +Namen Werkmeister zu Bedeutung und immer größerer +Würde verhelfe. Denn er selbst war aus bescheidenen +Anfängen zu einem begüterten Kaufmann +geworden und liebte auf Erden niemanden inniger +als seinen Sohn Karolus, der die einzige Hinterlassenschaft +seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er +hatte ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar +mit ihm einmal in Wien gewesen, um ihm die Welt +zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen zu +einem tüchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. +So war Karolus vierundzwanzig Jahre alt geworden +und war ein gesitteter, stiller, bescheidener Jüngling, +schlank, mit sanften, etwas schüchternen Augen, wie +sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus +denen eine empfindsame und träumerische Seele in +die Welt schaute. Dem Vater war Karolus sogar +zu bescheiden, zu sanft und schüchtern, denn er wußte, +was sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was +das Geschäft anlangt, sondern auch von den freien +<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>Wissenschaften und Künsten, und er hätte wohl seinen +Sohn ein weniges stolzer und selbstbewußter gewünscht. +Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner +Altersgenossen nicht sonderlich, er war ein Leser und +Träumer und freute sich tagsüber auf den Abend, +da er zu seinen Büchern zurückkehren konnte. Das +wehrte ihm der Vater auch nicht, da Karolus im +Geschäfte still und sicher seine Arbeit tat und bei +den Kunden beliebt und geachtet war.</p> + +<p>Eine tüchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu +sanftes Geblüt auffrischen! dachte der Vater und +schaute darum fleißig unter den Bürgertöchtern um, +welche ihm wohl am besten für seinen Einzigen tauglich +schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, +hoffte er eine bestimmte Wahl getroffen zu +haben.</p> + +<p>Nun waren aber Karolus’ Beziehungen zum weiblichen +Geschlechte bisher mehr theoretischer Natur gewesen; +er hatte den Dichtern ihre Lobpreisungen der +Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewöhnt, die +Frauen mit den Augen der schreibenden, nicht der +liebenden Dichter anzusehen, ohne doch je eine innere +Nötigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane +am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm +<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>etwas Hohes und Hehres, über dem Alltag Stehendes +und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen; ihre +Wänglein waren Pfirsichblüten, ihre Lippen Kirschen, +ihre Augen leuchtende Kohlen oder liebliche Vergißmeinnichtblümlein, +ihr Gang war wie das Hüpfen +der Sonnenstrahlen über blumige Auen, aber, daß +man die Wangen streicheln, die Lippen küssen könne, +daß man die zierliche Gestalt umarmen dürfe, fiel ihm +gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu, aus seiner +literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und +einmal einem lebenswarmen, blühenden Kinde herzhaft +ans Kinn zu greifen.</p> + +<p>Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von +Verliebtheit gefühlt; das war an einem Sonntag +nachmittag, als er auf der Kleinseite drüben unter +der Königsburg, dem Hradschin, durch die schattigen +Gassen lustwandelte und plötzlich vor einem herrlichen, +schmiedeeisernen Gittertor stand und in einen wundervollen, +adeligen Garten geschaut hatte: große Rasenflächen +dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein +rundes Wasserbecken erglänzte im Sommerlichte und +ein feiner Springbrunnen plätscherte in das bewegte +Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich +weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des +<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>Hradschin, und die grandiose Königsburg mit dem +herrlichen Dome war wie eine phantastische Krönung +des grünen, blühenden, weit ausgestreckten Gartens. +In dem Garten aber wandelte in einem weißen Sommerkleide +eine schlanke, biegsame Frau, und die Sonne +schien selbst in sie verliebt zu sein, so jubelnd sammelte +sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, +so golden ließ sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es +war, als ob eine der Marmorgöttinnen, die im Garten +in den grünen Gebüschen standen, von ihrem Postamente +herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte +sich zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen +Augen schaute Karolus ihr lange nach, er hatte den +Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als +ob die Dame ihm zulächle. Er stand noch auf dem +Flecke vor dem Eisengitter lange, nachdem das Wunder +in den Büschen verschwunden war, und starrte +in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mußte. +Erst als er Stimmen neben sich hörte, wachte er auf +und schaute erstaunt um sich. Und er glaubte sich’s +später selbst nicht mehr, daß er eine lebende Dame +im Garten gesehen habe, er war überzeugt, daß er +nur ein wunderschönes Märchen von einer lieblichen +Prinzessin geträumt habe, etwa das Märchen von der +<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>weißen Frau Medulina, die mit Blumen und Früchten +in den Händen durch die Auen schreitet. Einige +Tage träumte er noch davon und war glücklich darüber, +daß er auch bei Tage nach eigenem Willen den +schönen Traum erneuern konnte; er errötete, wenn +er sich immer wieder dabei ertappte, wie er gleich +einem Puppenspieler die schöne, fürstliche Dame immer +von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem +Gitter liebreich zuwinken ließ. Es hatten sich aber +auch zu liebliche, blonde Ringellöckchen über ihrem +blühweißen Nacken gekräuselt.</p> + +<p>In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens +fiel nun die Ankunft des grönländischen Meerweibchens +in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte Trommler +hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch +mehrere Tage auf allen Plätzen und allen Straßenecken +gestanden und hatten nach einem aufrührerischen +Trommelwirbel den <em class="antiqua">p. t.</em> Adel und Bürgerschaft der +königlichen Hauptstadt Prag auf das große Wunder +aufmerksam gemacht, das in den nächsten Tagen eintreffen +werde. Lalanda, die grönländische Meerjungfrau, +das schönste Seeweibchen, das je gefangen worden, +die Dame mit dem Fischschwanze, von allen +Gelehrten der Welt bewundert und als neues Welt<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>wunder +angestaunt und gepriesen, werde in den nächsten +Tagen in Prag zu sehen sein. Große Bilder +wurden in den Straßen herumgetragen, darauf Lalanda, +die grönländische Seekönigin, abgeschildert war, +und überall folgte eine Menge Neugieriger den +Trommlern, die eine beträchtliche Aufregung in der +Stadt verursachten. Auch verteilten sie ein fliegendes +Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau +berichtet und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt +war, so die Schönheit der Dame mit dem Fischschweife +in lieblichen Versen pries. Sie werde auf +dem Altstädter Ring in einem der großen Verkaufsgewölbe +unter den Lauben zu sehen sein und in +ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie +ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, +deutsch zu ihnen, da sie eine erstaunliche Klugheit +und ein unerhörtes Gedächtnis besitze. Und sei +schöner, als je ein Mädchen auf dem Festlande gewesen.</p> + +<p>Nun waren gerade damals ruhige Zeitläufte, und +Prag, die Stadt, die von Zeit zu Zeit wie ein Kind +ihr Fieber durchmachen muß, um sich ihrer schädlichen +Gärungsstoffe zu entledigen und ihr Blut für +einige Jahre zu reinigen, erfreute sich eben einer be<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>haglichen +Erholung nach Kämpfen und Bürgerzwisten, +so daß Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen +hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die +Laufburschen und Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen +Geschäfte, die ihre überschüssige Lebhaftigkeit +sonst bei den Straßenaufläufen ausgetobt hatten, +benützten jetzt jeden freien Augenblick, hinter den +Trommlern einherzulaufen und immer frische Zettel +mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die +älteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter +in der Schreibstube führten die ausgiebigsten Gespräche +über das Meerweibchen, und es gab keine +Lebensäußerung eines erwachsenen Menschen, die sie +nicht in ernst- und in scherzhafte Beziehung zu dem +wunderbaren Körperbau des Grönländischen Mirakels +gebracht hätten. Sie übertrafen sich gegenseitig in der +Erfindung neuer Fragen: ›ob sie wohl auch‹ und +›wie mag bei ihr‹, nur mußten sie sich vor Herrn +Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefühl zu schonen +eine schweigende Übereinkunft im Hause Werkmeister +war. Der hatte natürlich auch die Trommler gehört +und ihren Zettel gelesen. Aber er hatte noch keinen +richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden, +nur die Tatsache, daß ein Wunder zu sehen sein +<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>werde, beschäftigte ihn und er hatte beschlossen, sich +gleich am nächsten Sonntage, dem ersten Tage, da +Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein +zu überzeugen, wie weit den Ankündigungen +zu glauben sei.</p> + + +<h3 class="subsection">II.</h3> + +<p>Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an +Schönheit mit dem Altstädter Ring in Prag messen +können, herrliche Paläste umrahmen ihn, seltsame +Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer +Phantasie anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, +das alte Rathaus beherrscht eine Seite mit seiner +ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen, +das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, +und die grandiose Teinkirche mit ihren beiden ragenden +Türmen, die ernst gen Himmel weisen, schaut +über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen +Häuser der anderen Seite stolz auf den Platz herab, +auf dem sich viel große und inhaltreiche Historia abgespielt +und dessen Boden edles und unedles Menschenblut +getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf +den Ring hernieder und wundert sich über die win<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>zigen +Menschlein, die über den Platz wimmeln, sie +kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit +nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger +ihre Türme bedeutungsvoll gegen den Himmel.</p> + +<p>Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn +da sie immer gleichmäßig in steinerner Ruhe in ihrer +Stellung verharren, machen sie längst keinen Eindruck +mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur <em class="gesperrt">das</em> +wunderbar erscheint, was von der Gleichmäßigkeit +abweicht, was anders ist, als ihre trägen Vorstellungen.</p> + +<p>Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war +noch nicht dagewesen, denn sie war schön und seltsam +zugleich, und an jenem Sonntag strömten die +Prager Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem +Altstädter Ring, um das nie Dagewesene, Unglaubliche +anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern, +Neugierige und Befriedigte standen auf dem +Platze und tauschten ihre Meinungen über das Meerweibchen +aus oder lauschten den Glücklichen, die +Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen +hatten.</p> + +<p>Die Trommler aber standen vor dem Eingange +des Gewölbes, und alle Viertelstunden dröhnte ihr +<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen, daß frischen +Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die +erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus +und ein neuer Schwarm von Neugierigen, die geduldig +auf ihrem Posten gewartet hatten, wurde eingelassen.</p> + +<p>»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, +und selbst ein berühmter Professor der Universität, +der unter den ersten Besuchern gewesen war, +ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht, +schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch +die Reihen der ehrfürchtig Grüßenden.</p> + +<p>»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« +sagte er dann zu einem Bekannten, der begierig zu +ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über Meerweibchen +(Sirenen) habe ich mit Verwunderung und +einigem Mißtrauen gelesen, aber, nun ich diese Lalanda +gesehen, muß ich wohl daran glauben. Hat +doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott +verzeihe mir die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch +Kind, das aus Wachs oder Teig seltsame +oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet +selbst und staunet! Ich will in mein Museum, in +<em class="antiqua">Eusebii miraculis naturae</em> nachzulesen, was dieser +unterrichtete Autor bei dieser Materie berichtet.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken +versunken, von dannen.</p> + +<p>In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich +die Neugierigen, um Lalanda deutlicher zu sehen und +besser zu hören. Da war ein großer Wasserbottich +aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand +des geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in +das nächste Zimmer zu erstrecken schien; denn vom +Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in ein +Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf +waren die Wände der großen Kufe verkleidet, also +daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch waren +große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches +herangelegt, so daß ein breiteres Ufer gebildet war, +auf dem Moos und grüner Rasen lag. In der Mitte +des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut +und eine seltsam geformte Harfe lag auf dieser +klippigen Insel. Und nun, da die Besucher einen +Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung +gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, +der Teich schien auch ins Nebengemach sich +zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda +hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare +und mit anmutigen, schön geschwungenen Bewegungen +<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>schwamm sie einmal die Ufer des Teiches entlang, +mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. +Sie war jung und schön, Seerosen lagen in einem +blühenden Kranze auf ihrem Haupte, ihre Augen +waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen +Busens hoben sich aus dem Ausschnitte +ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten Mieders. +Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker +Leib in einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte +schimmernden Fischschwanz, der anmutig, wie ein +goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu +lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser +peitschte. So schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe +um den Teich herum, ruhte wohl auch einen Augenblick +aus, indem sie sich an den Borden des Teiches +festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger +aus dem Wasser hob. Sie schwang sich dann auch +ein wenig aus dem Wasser und legte den schuppigen +Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte +lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar +neugierige Hände ihren kühlen Fischleib berührten. +Nur, wenn die Berührungen etwas kühner werden +wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und +lachte, wenn die aufspritzenden Tropfen den allzu +<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>Kecken schreckten. Dann schwamm sie ruhig weiter +und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, +auf die sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu +veratmen. Sie griff auf den Saiten der Harfe einige +verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre Augen +wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser +Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend +ihr seltsames, unverständliches Lied. »Lalanda, +Lalanda« verklang es. Sie legte die Harfe +aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen +Kinderaugen im Kreise umher und ließ sich dann +still ins Wasser gleiten. Die Tür im Hintergrunde +des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und +runden Armbewegungen teilte sie das Wasser und +entschwand den Blicken.</p> + +<p>Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn +sie war wirklich schön in ihrer Ruhe und Jugend, +und mancher, der hereingekommen war, zu spotten +und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und +ging gläubigen Herzens von dannen.</p> + +<p>»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener +Bürger, der ganz vorne am Ufer des +Teiches stand.</p> + +<p>»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein +<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>Wunder an Anmut und Schönheit, wenn sie den +Fischschwanz nicht hätte!«</p> + +<p>»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer +und wischte sich dabei mit dem Sacktuche seinen arg +bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es leid, daß +ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die +hier kann jede ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.«</p> + +<p>»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau +nicht so gründlich betasten dürfen!« spottete einer. +»Wischt Euch nur erst Euren Sonntagsrock gehörig +ab, daß sie nichts merke!«</p> + +<p>Die anderen lachten und schoben sich langsam +dem Ausgange des Gewölbes zu.</p> + +<p>An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, +sprachlos, ohne Besinnung; er starrte immer noch +nach der Tür, durch welche das blonde Wunder verschwunden +war, seine Augen waren weit offen und +sahen doch nicht, seine Lippen zuckten, als ob er +weinen wollte, und doch hüpfte das Herz in seiner +Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das +Sonnenlicht schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, +er wußte gar nicht, daß Menschen um ihn +gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring +<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>in einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht +geglaubt, wenn er ihm gesagt hätte, daß Lalanda +ein herumreisendes Wunder sei, ein so unermeßliches +Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß +er ihm einen Namen hätte geben können.</p> + +<p>Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel +und eine näselnde Stimme weckte ihn aus seinen +Träumen:</p> + +<p>»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, +mit einem Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!«</p> + +<p>Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren +ihren träumerischen Glanz, seine Wangen wurden +glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu +erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem +Gewölbe. Und ohne aufzuschauen, ohne sich an die +Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter Ring zu +kehren, eilte er wie im Traume von dannen.</p> + +<p>Er war berauscht, er ging durch die Gassen und +wußte nichts davon, ihm war, als wären seine Augen +geblendet, und so kam er unbewußt auf die Kleinseite +und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter +dem Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau +Medulina erschienen war. Aber der Garten war +<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte +melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte +er, Lalanda; es war das Lied, das die Herrliche +vorhin gesungen hatte, er hörte ganz deutlich ihre +Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun +auch sie selbst auf dem Rande des Marmorbeckens +sitzen zu sehen, sie winkte ihm liebreich und anmutig, +wie einst die holdselige, weiße Frau ihm zugewinkt +hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn +zurück, er mußte ihr folgen und bald stand er wieder +auf dem Altstädter Ring, er drängte sich durch die +Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des +Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, +bis sie sich wieder öffnen würde. Er wartete gar +nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten waren, +und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. +Ach, und an diesem Tage ging der betörte Karolus +Werkmeister nicht mehr aus dem Laden, er stand wie +festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von +neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen +darauf, daß sich die Tür im Hintergrunde des Teiches +öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare, hereinschwimme +und ihm ihre freundlichen Märchenaugen +zuwende. Und sie bemerkte ihn, bei jedem neuen +<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>Öffnen der Tür suchten ihre dankenden Blicke immer +wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze +wie ein im Sonnenscheine leuchtender Baum und +seine Aste loderten ihr entgegen. Und als der Abend +kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage +ihr betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie +noch einmal an das Ufer des Teiches heran, gerade +zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte ihm +eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer +klangvollen Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!«</p> + +<p>Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus +nicht zur Zeit nach Hause kam, er konnte heute +nicht nach Hause, sondern irrte in den Feldern vor +der Stadt ruhelos umher........</p> + + +<h3 class="subsection">III.</h3> + +<p>So war denn endlich für Karolus das große +Wunder gekommen, es mußte ein wirkliches, wunderbares +Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht +zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen +Norden, eine Seekönigin mußte nach Prag kommen, +um das Lämpchen in seiner Brust zu entzünden; und +Lalanda, Lalanda mußte sie heißen, damit seine +<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Träume in den Tag hinein dauern konnten, damit +endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den +kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser +Schlummer seine Lider schloß, träumte er davon, +wie er auf einer fernen Insel säße und auf den +Mondschein warte, mit dem auch seine Meergöttin +aus den Wellen auf sein Eiland zugeschwommen +komme.</p> + +<p>Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, +eine zweite Aphrodite, schwang sich die Lichte, Liebliche +auf seinen Felsen und hielt ihre Harfe in Händen; +und schon erklang ihr Lied: ›Lalanda, Lalanda.‹ +Aber er schmiegte sich an sie, ihr Körper ward warm +vom Mondenscheine, und ihr Busen, weißer als die +Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem Gesange. +Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr +als ›Lalanda‹, und doch verstand sie ganz genau, +was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm liebreich +zu und ihre Hände lagen still in den seinen. +Und als die Sonne fern-fernher ihre Strahlen über +die Wellen schickte, da glitt sie sanft vom Felsen ins +Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber ließ sie +ihm zurück und die duftete milder und süßer, als je +eine Rose aus dem Garten geduftet hatte. Er wachte +<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>auf und hielt die Seerose in Händen und mußte in +staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob +er wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose +in seine Hand gekommen sei. Dann aber erinnerte +er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen Abend, +da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drückte sie +leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens +duftete ihm aus der Seerose entgegen und glückselig +lächelte er vor sich hin.</p> + +<p>»Lalanda,« sagte er fast feierlich. Da bemerkte +er erst seinen Vater, der zu Häupten seines Bettes +stand und verwundert und besorgt auf ihn blickte, +der gestern abend so spät nach Hause gekommen war. +O, wie errötete Karolus vor seinen Blicken, er hätte +am liebsten geweint, denn er wußte nicht, was er +dem Vater sagen sollte. Der aber grüßte ihn mild +und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von +den Geschäften, die heute zu erledigen waren. So +stand denn Karolus auf und machte sich rasch fertig. +Er ging ins Geschäft und arbeitete eifrig und angestrengt +bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick +leer haben, er ging aus der Schreibstube, als die +beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu +sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die +<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>Kommis von dem Wunder zu reden begannen, und +half lieber dem Hausknecht, der im Keller arbeitete. +Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er +einen Gärtner wußte, von dem kaufte er Blumen, +Rosen und Lilien, denn Seerosen waren keine da, +und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstädter +Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen +eingetreten, aber er durfte eintreten, da +er die Blumen vorwies, und so trat er in das Gewölbe.</p> + +<p>Das Gewölbe war leer und eine angenehme Kühle +empfing ihn und eine Dunkelheit, in der er sich erst +langsam zurechtfand. Da sah er auf den Bänken an +der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten +ihre Trommeln auf den Boden gestellt und lagen +nun schlafend in ihren bunten Wämsern ausgestreckt +und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im +Munde hätten. Der kleine Mann, der ihn gestern +mit seiner näselnden Stimme angesprochen und aus +den ersten Träumen gestört hatte, kam aus dem +Nebengemache, er schaute Karolus mit argwöhnischen, +lauernden Blicken an, ein häßliches Lächeln war um +seine Lippen, da er die Blumen in der Hand des +Jünglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an +<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>der Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg +einige Augenblicke lang, da er gehofft hatte, Lalanda +zu sehen und ihr mit einer stummen Verbeugung die +Blumen zu überreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung +an eine Erzählung vor Augen, in der ein +Prinz Erik aus dem Dänenreiche vor einer sagenhaften +Königin des Nordens stand, deren Sprache er nicht +verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der +beugte stumm die Kniee und senkte das Haupt, wie +es in der Geschichte hieß, ›als ob er erst durch sie +den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.‹ Nun +störte ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien +ihm der kleine, höhnische Mann, der ihm gegenüber +stand, wie ein häßlicher Zwerg, der den Zugang zur +Grotte seiner Meergöttin neidisch bewacht, und verwirrte +ihn. Endlich aber besann er sich und übergab +ihm die Blumen.</p> + +<p>»Sind die für mich?« fragte der Zwerg spöttelnd.</p> + +<p>»Für Lalanda,« sagte Karolus errötend, »von +dem, der ihre Seerose bewahrt.«</p> + +<p>Da machte der Zwerg eine übertrieben-höfliche +Verbeugung, es lag viel Spott und Hohn in der +Bewegung seines großen Kopfes, und dann ging er +ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um +<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>aus dem Gewölbe zu treten, niedergeschlagen, weil +er sich den Besuch bei seiner Meerkönigin schöner und +poetischer gedacht hatte, da öffnete sich rasch die Tür +im Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda +hereingeschwommen.</p> + +<p>Sie sprach einige unverständliche und doch wie +ein seltsames Deutsch klingende Worte zu ihrem Behüter, +der ihr demütig die Blumen übergab und dann +aus dem Gewölbe trat. Und mit den Blumen in +der Hand wartete Lalanda am Ufer des Teiches, +daß Karolus sich ihr nähere.</p> + +<p>Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er +trat langsam zu ihr hin, denn das Herz hämmerte +in seiner Brust und die Kehle war ihm wie zugeschnürt. +Wie eine schwere Last lag der Gedanke +auf seinem Herzen, daß er nun mit der Wunderbaren +allein sei, daß er mit dieser Auserlesenen, Königlichen +sprechen solle; er fühlte, wie klein, wie nichtig er war, +er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr +so gar nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so +durchaus gewöhnlich war, indes sie, eine Königin des +Meeres, ihm wie eine Halbgöttin, wie aus einer +anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, +dem bei seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem +<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>Jagdzuge erscheint, um mit ihm zu sprechen, oder +wie ein einsamer Schiffer, vor dem plötzlich Poseidon +aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens +die Blumen noch in Händen gehabt hätte, daß er +sie ihr mit einer stummen Verbeugung hätte darreichen +können! So trat er zögernd an den Rand +des Teiches, seine Augen hatten sich schüchtern und +doch voll Sehnsucht zu Lalanda emporgewagt, und +ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte sagen können. +Da blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte +ihm die Rechte hin, indes sie sich mit der linken +Hand am Rande des Teiches festhielt, und, da er +ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit +ihrer freundlichsten, sanftesten Stimme:</p> + +<p>»Ihr fürchtet Euch wohl, meine Finger zu berühren, +weil sie naß und kühl vom Wasser sind? Sie +werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren +Händen haltet!«</p> + +<p>Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre +Hand nieder, ihm war, als ob er jetzt ›den Ritterschlag +der Liebe‹ empfangen solle, und seine Seele +ward frei, da er die Königin so liebreich sprechen +hörte. Und es schien ihm ein neues Wunder zu sein, +daß die Herrliche, die wohl seit ewigen Zeiten in +<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres +gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch +zu ihm sprach, er küßte ihr nochmals die Hand und +sprach dann, wie erleichtert:</p> + +<p>»Ich danke Euch, daß Ihr so freundlich zu mir +sprecht! Ich hätte nie geglaubt, daß ich Worte finden +würde, um Euch für Eure Schönheit zu danken, und +nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht +nur, daß ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die +Euch besser zugesagt hätten, und nehmet heute diese +schlichten Blumen gnädig an. Morgen will ich, wenn +Ihr mir diese Gunst gewährt, die schönsten Seerosen +bringen, die zu finden sind!«</p> + +<p>Lalanda schaute Karolus lange prüfend an, als +ob sie sich erst darüber klar werden müßte, ob sein +seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder nicht. +Dann aber lächelte sie kaum merkbar, schwang sich +aus dem Wasser auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz +nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll zurückwich und begann +die Rosen und Lilien zu einem Kränzlein zu +winden. Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch +auf ihren blonden Scheitel, schaute Karolus siegreich +und doch flehend von der Seite an und fragte:</p> + +<p>»Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus +<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>Rosen und Lilien, Ihr Anspruchsvoller? Gefall ich +Euch?«</p> + +<p>Da war es Karolus, als ob eine weiche und kühle +Hand sein Herz presse, ihm ward ganz eng in der +Brust und er wußte keine andere Antwort auf ihre +Frage, als die, daß er diese Hand küßte, die noch +eben sein Herz fast schmerzlich bedrängt hatte. Sie +aber blitzte ihn verführerisch aus den Augenwinkeln +an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu +schließen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung +seine Augen senken mußte. Dann sprach sie – und +legte dabei den triefenden Fischschweif näher an Karolus +heran, aber ohne ihn zu berühren:</p> + +<p>»Noch weiß ich nicht, wie Ihr Euch nennet und +von wem ich träumen soll, wenn ich nachts auf dem +Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder wenn +ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. +Denn hier in der Nähe muß ein großer, gewaltiger +Dom stehen, mit mächtigen Glocken, das fühle ich, +und um Mitternacht dröhnt der Boden hier von dem +Klange ihrer sehnsüchtigen Träume. Dann steige ich +aus dem Wasser und nehme mein Spiel zur Hand +und singe. Ich möchte dann Euren Namen in meinem +Liede haben!«</p> + +<p><a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>O, das war der richtige Ton für Karolus! Er +schnappte nur so nach Luft bei ihren poetischen Worten, +nun war er ganz besiegt, die flatternde Seele in +seiner Brust legte die Flügel zusammen und ward +feierlich und zufrieden still in ihrer Haft, wie ein +Vöglein im warmen Käfig. Er sagte ihr mit geschwollenen +Worten, wer er sei und wie er heiße, +wie er sich in all den Jahren nach einer Lalanda +gesehnt habe, und sagte dies alles trotz des Pathos +in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, daß +Lalanda vor Vergnügen jauchzte und daß ihr Karolus +wirkliche Freude bereitete. Und als er ihr nun von +seinem Glücke sprach, daß er sie nun endlich gefunden +habe, daß sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen +sei, da lehnte sie ihr schönes, blondes Haupt zärtlich +an seine Schulter und sah ihn von unten her so +verheißend und gewährend an, daß er sich beinahe +ein Herz gefaßt und sie geküßt hätte. Aber er tat +es nicht, er vergaß nicht, daß sie die Meerkönigin +war und er nur der einfache, nichtssagende Kaufmannssohn, +und küßte sie nicht. Er schaute sie nur +dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm über den +Rücken und seine Lippen wurden trocken. Und er +fühlte es wie eine Erleichterung, als ihm die Frage +<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>einfiel, woher sie so schön deutsch spreche. Sie ließ +ihr Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend +seine Finger in die ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll +und dann erzählte sie, wie sie oft an +deutschen Küsten geschwommen sei und deutschen +Schiffern gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren +Kuttern sich ihre Mären erzählten oder ihre schwermütigen +Lieder sangen.</p> + +<p>»Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, +ich verstand ihre Sprache und lernte sie gebrauchen. +Und oft, wenn ich auf dem Grunde des +Meeres vor meinem Palaste saß und ein deutsches +Lied nachsang, so klang es den Schiffern oben wie +ein fernes, fernes Echo ihrer Gesänge, ich sah sie +droben sich über den Rand ihrer Boote neigen und +in den wundersamen Spiegel niederschauen; und +manch einen faßte das Heimweh so mächtig, wenn +er mein Lied hörte, daß es ihn am Bord seines +Schiffes nicht länger litt und er ins Wasser stieg, +dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie, das +schwöre ich, nie Männer zu mir ins Meer locken +wollen! Wer zu mir kommen will, der muß freiwillig +kommen. Und wenn ich wüßte, daß Ihr, +lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem +<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>Boote meinem Liede lauschtet, und wenn Euer liebes +Antlitz sich über den Rand des Bootes neigte, ich +würde nicht weiter singen, würde verstummen, damit +Euch kein Leids geschehe!«</p> + +<p>Sie schaute ihn wieder mit ihren schönen, glänzenden +Augen an, innig und lang, bis er ganz sinnlos +von ihren Worten und wie aus einem Traume +heraus sagte:</p> + +<p>»Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, +und Ihr müßtet mich in Euren weißen Armen +auffangen; und ich möchte mein Leben lang neben +Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!«</p> + +<p>»Wie lieb, wie gut Ihr seid!« hauchte Lalanda, +ein Schauer des Glücks schien ihren Leib zu erschüttern +und sie senkte verwirrt die Blicke. Da trat +aber der häßliche Zwerg ins Gewölbe, er ging mit +lauten Schritten, die seiner kleinen Gestalt gar nicht +entsprachen, auf die Trommler zu und weckte sie.</p> + +<p>»Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist +um! Macht fertig!« Da glitt Lalanda hastig ins +Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die Hand +und sagte ihm mit einem langen Blick: »Auf Wiedersehen! +Auf Wiedersehen heute abend!«</p> + +<p>Und langsam mit rückgewandtem Haupte schwamm +<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>sie aus dem Zimmer. Die Tür schloß sich hinter ihr, +und zwischen den Trommlern, die ihre Instrumente +umgehängt hatten, verließ Karolus betäubt und +fassungslos den Raum. Und der harte Trommelwirbel +verfolgte ihn über den Altstädter Ring und +höhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese +entfernt war.</p> + + +<h3 class="subsection">IV.</h3> + +<p>Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem +Märchen; die Stunden im Geschäfte zählten für ihn +nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach dem Mittag +und den kurzen Stunden am Abend, wenn die +letzten Gäste aus dem Gewölbe auf dem Altstädter +Ring geschieden waren und Lalanda nur für ihn +noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen +kam. Und es war Mittwoch und Donnerstag +geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in +Prag, dann mußten die Liebenden scheiden. Denn +es war kein Zweifel, Karolus mußte sich’s in seinem +zitternden Herzen selbst gestehen, Lalanda, die Meerkönigin, +die Göttliche, die Wunderbare, liebte ihn und +neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es +<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>ihm heute abend selbst gesagt, daß sie die Minuten +zähle, bis er wieder zu ihr kommen könne, daß ihr +das Leben schal und unerträglich scheine, wenn er +nicht mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen +könne.</p> + +<p>»Schau, bin ich nicht warm wie eure Mädchen,« +sagte sie, »pocht mein Herz nicht ebenso stark in +meiner Brust? Fühlst du es, fühlst du es schlagen, +Karolus? Und nun muß ich Unglückliche wieder +von dannen ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, +und den häßlichen Menschen mich darbieten! Ich +bin unglücklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine +Gefangene und möchte so gerne in Freiheit leben, +lieben und lachen und weinen, wie ihr Menschen, +mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in die Augen +schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich +erlösen!«</p> + +<p>Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter +ihrem weißen schimmernden Busen das Herz klopfen +gefühlt, gleichmäßig und ruhig, denn sie war ja trotz +ihrer Erregung ein kühlerblütiges Meerweibchen und +ein unendliches Mitleid mit der armen, gefangenen +Seekönigin füllte seine Augen.</p> + +<p>»Flieh mit mir,« rief er ihr zu, wie Kandalus +<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>im Romane, »flieh mit mir, ich will dich gegen eine +Welt verteidigen!«</p> + +<p>Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz +und seine Hoffnungen zerrannen.</p> + +<p>»Ich will irgendwo an einem Meere oder See +ein Häuschen für uns bauen, dann sollst du in +deinem Wasser leben können und doch in meiner +Nähe sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und +des Nachts –« Er schwieg, er errötete.</p> + +<p>»Küsse mich,« sagte Lalanda, »küsse mich recht +vom Herzen!«</p> + +<p>Und er preßte die Lippen auf ihren Mund und +fühlte, wie auch ihre Lippen heiß wurden, heißer als +er es geahnt hätte; denn es glühte ihm bis ins Herz +hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend +heiß von ihrem Kusse. Und als sie gar ihre +weißen, nackten Arme um seinen Hals schlang und +ihn an sich preßte und nicht loslassen wollte, da +schloß er die Augen, er umarmte sie und drückte sie +noch fester an sich und vermeinte sterben zu müssen.</p> + +<p>»Ich muß dich retten, du mußt mein werden!« +sagte er, tief Atem schöpfend, »mein für immer!«</p> + +<p>Da huschte ein Lächeln, ein siegreiches Lächeln +über ihr Gesicht, sie wiederholte ihre heißen Um<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>armungen, +dann schlüpfte sie rasch ins Wasser, denn +der Zwerg war ins Gewölbe getreten, um die Tore +zu schließen.</p> + +<p>»Denk an dein Versprechen!« rief sie dem Scheidenden +nach. Er aber stand auf dem Altstädter Ring, +er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den sternenbesäeten +Himmel und sprach feierlich in den Abend +hinein: »Ich schwöre!«</p> + +<p>In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer +seine Augen schloß, träumte Karolus wieder, er +stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in +einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig +bewegten Wellen und mitten in dem breiten Streifen +Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes Lalanda +auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich +in der Ferne ihr blondes, weiches Haar, ihr Kopf +hob sich wie eine große, phantastische Blume aus dem +bläulich-flimmernden Wasser. Sie kam näher und +näher und nun streckte sie ihm die Arme entgegen +und winkte ihm. Und ganz deutlich hörte er ihre +Stimme angstvoll rufen: »Karolus, Karolus, rette +mich!« Er aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd +auf die Geliebte, die mit den Wogen rang, +er wollte sich ins Meer stürzen, aber ein schrecklicher +<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>Gedanke hielt ihn zurück. »Ich kann nicht schwimmen!« +sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte +er es lauter und immer lauter, er schrie es Lalanda +zu: »Ich kann nicht schwimmen!«</p> + +<p>Da schallte ein höhnendes, entsetzliches Lachen +aus dem Meere zu ihm hin, Lalanda hob sich noch +einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins +Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen +hilflos und armselig auf den Wellen und bezeichneten +die Stelle, an der Lalanda verschwunden +war.</p> + +<p>Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschweiß +stand auf seiner Stirn. Der Vater war an +sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus hatte +ihn geweckt.</p> + +<p>»Was hast du nur für böse Träume, Karolus?« +fragte er.</p> + +<p>»Gottlob, daß es nur Träume sind,« sagte sein +Sohn. »Ich habe einen schrecklichen Traum gehabt!«</p> + +<p>Als er mit dem Vater beim Frühstück saß, da +übermannte ihn plötzlich sein Herz und er wollte +dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu sprechen +an und sagte: »Vater!...«</p> + +<p><a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>Aber mehr brachte er nicht über die Lippen; er +wußte nicht, wie er dem Vater auch hätte sagen +sollen, daß ein Wunder geschehen sei, daß ihn eine +Meerkönigin erwählt habe!</p> + +<p>»Vater,« sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll +ihn anschaute, da schlossen sich seine Lippen, +eine dunkle Röte färbte seine Wangen und seine +Lider senkten sich.</p> + +<p>»Was willst du von mir?« fragte der Vater und +alle Güte seines Herzens, alle Liebe zu seinem Einzigen +war in seinen Worten: »Was gäbe es, was +ich dir nicht gewähren könnte?«</p> + +<p>Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, +er schaute für Sekunden ängstlich den Vater an, aber +er fand keine Worte.</p> + +<p>»Brauchst du Geld?« fragte ihn der Vater.</p> + +<p>Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde +er brauchen, aber der Vater möge ihm verzeihen, +wenn er noch nicht sagen könne, wofür.</p> + +<p>Da gab ihm der Vater, der gewöhnt war, seinem +Sohne unbedingt zu vertrauen, da er dessen Bravheit +und Tugend kannte, Geld, mehr, als Karolus erwartet +hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, +er hatte das dunkle Gefühl, er werde zu Lalandas +<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>Entführung Geld, viel Geld brauchen, und damit +wollte er nicht sparen. ›Ich will arbeiten wie ein +Knecht,‹ sagte er zu sich, ›ich will mir die Hände +blutig arbeiten; aber erst muß ich sie erretten!‹</p> + +<p>Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegönnt war, +brachte er Lalanden nebst den Seerosen ein schmales +Ringlein, ein Herz hing an einem Kettchen daran, +und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken +Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und +küßte ihn stürmisch, noch heißer als gestern und sah +ihm noch tiefer in die Augen, und mit einer Stimme, +die zärtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher +als früher klang, sagte sie zu ihm:</p> + +<p>»Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, +ich will dein sein für immer, nur errette mich von +diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser hier, +ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen +in der Welt, bei diesem Ausgestelltsein, ich +sehne mich nach Frieden und Glück, ich beneide die +anderen Mädchen, ich sehne mich nach einer ......« +Häuslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus +dem dunklen Norden, und sie dachte dabei wohl an +ihren schimmernden, herrlichen Kristallpalast auf dem +Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie bei +<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus +rasch von der Seite an, forschend und fast ungeduldig. +Er aber blickte sie voll Mitleids an und nickte langsam +mit dem Kopfe. »Du weißt nicht,« sagte sie +traurig, »was ich schon alles erdulden mußte, wieviel +Schande und Elend, wie satt ich dieses Leben +habe!«</p> + +<p>Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefühl +die Arme, er streichelte ihr die Wangen und er seufzte +bei dem melancholischen Gedanken, daß dieser herrlichen, +edlen, königlichen Seejungfrau das Elend des +Irdischen nicht erspart geblieben sei, daß sie leiden +müsse und gewiß das Elend schmerzlicher fühle als +ein Menschenkind. Und sein Finger glitt mitleidig +und doch ehrfurchtsvoll über die Schuppen ihres Fischschweifes, +der zierlich auf dem Rande des Teiches +lag.</p> + +<p>»Hast du mich denn wirklich lieb?« fragte Lalanda.</p> + +<p>»Ich verehre dich!« antwortete Karolus, und als +wäre dieses ›ich verehre dich‹ noch zu kühn, setzte er +die Worte hinzu, die Baronzo im ›Unvergeßlichen +Liebhaber‹ zu Graziosa sagt: »Meine Nacht ist voll +von deiner Sonne und mein Tag voll von deinem +Mondlicht, du Königin!«</p> + +<p><a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>Da erscholl plötzlich vor der Tür der Trommelwirbel +der beiden Spielleute, grausam und empörend +nahe, und schon stand auch der Zwerg im Laden. +Karolus wandte sich zum Gehen; er drückte nur +rasch dem Zwerg ein Goldstück in die Hand. Als +er sich dann noch einmal umkehrte, hob Lalanda die +Hand aus dem Wasser, das Ringlein glänzte an +ihrem Finger wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand +sie. Und schon traten die ersten Besucher +in das Gewölbe.</p> + + +<h3 class="subsection">V.</h3> + +<p>Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten +des Geschäftes mußte Karolus immer wieder an den +Abend denken. Aber seine Pläne und Entführungsgedanken +kamen nicht über die Worte: ›heute abend‹ +hinaus, er wußte nicht, was dann geschehen werde, +er konnte sich nicht so weit sammeln, um einen bestimmten +Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein, +er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten +Arme um seinen Hals schlingen, und so wollte er sie +bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen, um sie +dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte +<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>dann in einem Kahne neben ihr herfahren, bis sie +irgendwo außerhalb Prags eine ruhige Zuflucht finden +würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die Stadtsoldaten +würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, +oder die Schiffer an der Moldau drunten würden ihn +ergreifen und auf die Wachstube führen. Auch verzweifelte +er an seiner Kraft, das süße, holde Geschöpf +bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte +jedenfalls gegen neun Uhr abends einen Wagen auf +dem Altstädter Ring warten lassen, er dachte einen +Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu +stellen, aber auch das würde auffallen. Was dann +weiter geschehen solle, das mußte er dem Schicksal +überlassen, der Gott der Liebenden würde sie sicher +beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag +nach Hause, um seinen großen Radmantel +zu holen, den er Lalanda um den Leib legen wollte, +wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld +zu sich, zählte eine runde Summe ab, um nötigen +Falles den Zwerg damit zu bestechen und nahm dann +gegen Abend zwei Flaschen des schwersten Ungarweines +in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, +falls sie wach wären. ›Das ist das beste +Mittel!‹ sagte er zu sich und dachte an eine Stelle +<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein +den Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, +aber mit einem langen Händedruck von seinem Vater, +der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und ging, eilte, +lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die +Brust gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter +Ring anlangte.</p> + +<p>Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz +wie in einem ersten Dunkel da, nur aus einigen Geschäften +und Wirtsstuben drang ein matter Lampenschein +fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte +sein Leuchten verloren, er war blaugrau, aber ohne +Farbe, fast wolkenlos. Nur ein kleines schmales +Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes +gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische +Fahne, mit welcher der Wind spielt.</p> + +<p>Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl +ins Dunkel unter der Laube, aber es schien, +als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer Tür +stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher +Trommelwirbel durch die Stille, dann hörte Karolus, +der im Schatten der Häuser umherschlich, wie die +Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß +noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer +<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>das Wunder noch einmal zu sehen wünsche, müsse +jetzt eintreten, dann schließe sich die Türe für immer. +Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine +Menge Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd +und sehnsuchtsvoll, wie auf sein Stichwort +harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die +Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die +Geliebte, Einzige, Wunderbare in einer kurzen halben +Stunde über die Schwelle tragen werde, hier +bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen +warten und rasch mit ihnen von dannen fahren. +Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch nicht, +die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, +wohin, ach, jedenfalls in eine glückliche Zukunft.</p> + +<p>»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel +ihm ein, und seine Finger ballten sich zusammen, als +ob sie schon den Griff eines Dolches hielten und zustoßen +müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich +und manches Abenteuer gilt’s zu bestehen! Wenn +die Trommler nicht weichen wollen!« Er griff nach +den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg +nicht zu bestechen ist!«</p> + +<p>In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu +Lalandas Laden und der Streifen des Lichtes fiel +<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen lärmend +die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, +sie standen noch in Gruppen beieinander, ein säumiger +Nachzügler kam als Letzter über die Schwelle. +Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, +sie nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden +Seiten des Einganges aufgehängt waren, herunter +und trugen sie in den Laden, dann kamen sie noch +einmal mit ihren Trommeln und gingen über den +Altstädter Ring nach Hause.</p> + +<p>»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht +wachen!« Und dann, er traute seinen Augen kaum, +dann trat auch der Zwerg in die Tür, er schaute +sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, +dann öffnete er noch einmal die Tür und sprach +einige Worte ins Gewölbe hinein. Und dann – +Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen +– dann ging auch der von dannen.</p> + +<p>›Allein!‹ jubelte es in Karolus Seele, ›sie ist +allein, sie wartet auf mich, sie liebt mich, ich werde +sie erretten, sie wird mein sein!‹ Er schaute dem +Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein +letzter Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg +könnte die Tür hinter sich gesperrt haben! Er lief +<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft drückte er +die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er +stürzte in das Gewölbe.</p> + +<p>Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag +Lalanda, im Scheine der Lampe leuchtete ihr weißer +Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre +Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte.</p> + +<p>»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich +hatte schon Angst, du kämest nicht!«</p> + +<p>Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf +und übersäte seinen Mund mit heißen Küssen. »Liebst +du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen den +glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?«</p> + +<p>Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren +Hals und den feinen Ansatz ihres Busens küssen +mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak bei der +Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als +müsse er sich entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt +habe. Dann legte er den Radmantel ab, wies +auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und +sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls +sie uns gestört hätten, oder für den Zwerg, wenn +sein Neid uns nicht allein gelassen hätte. Gottlob, +<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie +ich dich errette. Ein Wagen harrt draußen auf +unsere Flucht, wie aber bekomme ich dich in den +Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem +Trocknen aushalten? Wirst du es überleben? Denn +ehe wir vor die Stadt zur Moldau kommen, vergeht +wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins +Wasser zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen +und dir folgen, bis wir ein ruhiges Plätzchen finden, +oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer zurückzieht, +will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte +wandern, bis wir ans Meer gelangen!«</p> + +<p>Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches +auf, sie zog den Kopf Karolus’ nahe, ganz nahe an +ihren Mund heran und fragte fast geheimnisvoll noch +einmal:</p> + +<p>»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach +mir? Schwöre mir, daß du mich liebst!«</p> + +<p>Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war +die Frage, er hob die beiden Finger seiner Rechten +zum Schwure in die Höhe und sagte ernst:</p> + +<p>»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin +glücklich, daß du mich erhöht hast durch deine Liebe. +Ich wünsche nichts anderes, als daß du mich liebst!«</p> + +<p><a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« +sagte Lalanda traurig, »daß du gerade mich lieben +mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb Mensch +bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes +Menschenkind liebte und glücklich machte!«</p> + +<p>»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« +jubelte Karolus, »ich liebe dich, weil du so bist, so +herrlich, so über alle Maßen schön und wunderbar, +so königlich und erhaben!«</p> + +<p>»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich +weiß, daß du mir das Leid geringer machen willst, +das ich empfinden müßte, wenn ich« – ihre Stimme +wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein +Jubel in ihren Worten – »wenn ich dich nicht jetzt +im nächsten Augenblicke zum glücklichen, glücklichen +Menschen machen könnte! Schraube den Docht der +Lampe zurück, ich will dir ein Geheimnis verraten, +ich will deine Sorgen enden. Ich habe den ganzen +Tag nachgedacht, ob ich dir’s verraten soll, ob du +würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, +du willst mich aus diesem Elende befreien, du sehnst +dich nach mir, wir wollen glücklich werden!«</p> + +<p>Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, +da er den Docht zurückschraubte, so seltsam, wie +<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>eine Beschwörung klangen die Worte Lalandas; wie +Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer +vom Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward +fast dunkel im Gemach.</p> + +<p>»Verschließe die Tür!« befahl sie.</p> + +<p>Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die +Tür fest verschlossen sei. Dann sprach Lalanda: +»Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich +dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich +rasch an! Aber nur einen Augenblick lang! Dann +aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht sterbe!«</p> + +<p>»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster +Erregung, »was soll ich erfahren?« Und er dachte +nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen und +er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken +werde, um auf dem Grunde des Meeres vor ihrem +Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als wolle er +noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke.</p> + +<p>»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und +nun, Karolus, Karolus, sieh mich an!«</p> + +<p>Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die +Augen zum Rande des Teiches und machte unwillkürlich +einen Schritt nach vorwärts. Aber er taumelte +im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, +<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>zurück. Auf dem breiten Rande des Bottichs – +stand Lalanda aufrecht, aufrecht auf zwei Beinen +wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder +an, aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! +Und triumphierend, mit einem siegesgewissen Lächeln +schwang sie die schillernde Fischhaut in der Hand, +aus der sie geschlüpft war.</p> + +<p>»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich +liebe! Bist du jetzt glücklich?«</p> + +<p>Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, +lachend in den Teich, um den Fischschweif unterm +Wasser – zum letzten Male – anzulegen.</p> + +<p>Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, +er fühlte ganz deutlich den Stoß, den er vor die +Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die +Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand +hatte seine Gurgel umfaßt und schien ihn erwürgen +zu wollen, seine Arme ruderten durch die Lüfte.</p> + +<p>»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer +Anstrengung; er hörte mit donnerndem Getöse +den Kristallpalast seiner Träume zusammenkrachen, »eine +schamlose Person, nackt, pfui, o pfui, nackt« .....</p> + +<p>Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel +erfüllte sein Herz, seine Augen waren trocken.</p> + +<p><a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine +Stimme überschlug sich.</p> + +<p>Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom +Wasser und schaute Karolus lachend an, ihre Perlenzähne +schimmerten zwischen den geöffneten Lippen; +denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden +und hielt sein seltsames Gehaben für die Äußerungen +seines freudigen Staunens. Und mit herausforderndem +Lachen fragte sie:</p> + +<p>»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich +dir die Rettung so leicht gestalte? Gleich will ich +mich fertig machen!«</p> + +<p>Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine +Brust keuchte noch, er stürzte zum Teiche.</p> + +<p>»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in +ihre Worte und in ihr Lächeln hinein, er faßte Lalanda +und hätte sie geschlagen, so sinnlos, so entsetzt, +so betrogen und um sein Wunder beraubt +fühlte er sich. »Betrügerin, schamlose Betrügerin!« +schrie er.</p> + +<p>Lalanda aber begriff seine Worte immer noch +nicht, sie war zu fest davon überzeugt, daß sie klug +gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen +Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus +<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>dem Wasser, wie sie gewöhnt war, und lachte dazu +und machte eine Schwimmbewegung mit den Armen +und rief neckend und schelmisch:</p> + +<p>»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!«</p> + +<p>Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle +war ihm zu Kopfe gestiegen und verwirrte ihn, er +umfaßte ihren Hals und zerrte die Erschrockene an +den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner +sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose +Betrügerin!«, ohne es zu wissen, und hätte die +Hände nicht vom Halse Lalandas gelassen, wenn sie +in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis, +wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und +Empörung über seine Dummheit nicht ihre Nägel +in seine Hände gebohrt und endlich seine Finger von +ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell +tief in die Finger, tauchte unter und verschwand +unter der Tür hindurch in das zweite Gemach.</p> + +<p>Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er +seinen Mantel, aus dem eine Flasche herausgefallen +und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe. +Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf +diesen Augenblick gewartet zu haben, er fuhr aus +dem Dunkel heran und öffnete rasch den Wagen<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>schlag. +Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos +lachend; und so fuhr er von dannen, der Moldau +zu.</p> + +<p>Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd +über das schlechte Pflaster der Judenstadt holperte, +er wurde von einer Seite zur anderen geworfen und +geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose +Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein +unsäglicher Ekel schnürte ihm die Kehle zu, und nur +die Wunde an seiner Hand lehrte ihn, daß es Wirklichkeit +war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, +wie ein Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume +nicht erfüllt worden sind und das unter dem +schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen +in den Augen steht und nur daran denken muß, +wie ganz anders es sich den Weihnachtsjubel vorgestellt +hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham, +daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie +eine Dirne in dieser Judenstadt, durch die sie fuhren, +in der er manch einmal mit dem Gefühle des größten +Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern +gesehen hatte, die ihm winkten.</p> + +<p>»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das +Dunkel hin. »Und das war Lalanda, die Meer<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>königin, +das war mein Traum! Gott, Gott, wie +werde ich das überleben!«</p> + +<p>In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom +lag im Mondesscheine glitzernd da und der Kutscher +öffnete den Schlag und, wie hätte er den Sohn des +reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit +einer höflichen Verbeugung:</p> + +<p>»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben +oder sollen wir über die Brücke hinüber?«</p> + +<p>Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin +Ihr wollt,« sagte er, und sich besinnend, fügte er bei: +»bis ich Euch rufen werde, daß ich aussteigen will.«</p> + +<p>Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den +Bock und der Wagen holperte weiter. Die Laternen +wurden immer seltener und schon waren sie auf der +einsamen Landstraße.</p> + +<p>Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten +sich seine Gedanken. Dirne! Er sprach das Wort +laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn +Seide zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte +das Wunder, die reine, kühle, königliche, ferne Meerkönigin +geliebt, aber der schillernde Fischschweif war +Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte +das Gewöhnliche, Schamlose – ihn schauderte, als +<a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>wenn ein Frost ihn schüttelte – das Dirnenhafte! +»Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren Betrug zu +entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine +Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen +vor mir zu stehen! O, ich hätte sie erwürgen sollen, +diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!«</p> + +<p>Große Tränen rollten über seine Wangen, ein +tiefes Mitleid mit seiner Enttäuschung, mit seiner +Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter und eine +warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich +an die Brust werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm +einen ordentlichen Schluck Weines aus der Flasche, +dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, +die Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine +Tränen und er rief dem Kutscher zu, er möge ihn +rasch nach Hause fahren. Da wendete der Kutscher +die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag +entgegen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Über die Unterredung, die Karolus mit seinem +Vater in dieser Nacht gehabt, wie der Vater zuerst +über das verstörte Gesicht, über die Wunde an der +Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich +sein Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung +<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>beichtete, darüber steht nichts mehr – in der alten +Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber, +daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz +geschlossen und geküßt hat und daß er doch bei allem +Mitleid lachen, lachen mußte über seinen verträumten +Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch +tat, daß im Leben jedes Mannes der Tag kommen +müsse, an dem sein Ideal den glitzernden Fischschwanz +von sich tue! Denn Chroniken sind nicht sentimental, +und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen +Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein +kurzer Nachsatz in der Chronik, daß Lalanda von da +an aus Prag verschwunden war und nichts mehr +von ihr verlautete.</p> + +<p>Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet +haben; er wird wohl auch ein anderer geworden +sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem fertigen, +neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne +Konterfei Lalandas angebracht und das Haus ›Zum +Meerweibchen‹ genannt werde. In den alten Büchern +ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht +in den Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt +Prag der Name Karolus Werkmeister, Prager +Bürger und Besitzer des Hauses ›Zum Meerweibchen‹ +<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda +und ganz und gar nicht romantisch klingt, Barbara +Werkmeister, geborene Knobloch, Tochter eines +Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter +dem Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in +zärtlichen Augenblicken Medulina nannte. Und in den +Büchern folgt auf diese beiden Namen eine Menge Kinder.</p> + +<p>So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso +historisch, wie sie begonnen hat, und wer sie nicht +glaubt, der möge ruhig in der Chronik der Königlichen +Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin +aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute +das Haus sehen, das den gleichen Namen trägt wie +diese Geschichte. Dann mag er kopfschüttelnd und +nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis +zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit +öffnen und auf den Hradschin hinüberschauen, die +Königliche Burg, die herrlich und majestätisch von +der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man +aus dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur +historische Geschichten erzählen kann, seltsame und +wunderbare Historien, wie diese vom Meerweibchen.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a></p> +<div class="hasSubtitle"> +<h2 class="novelle"><a name="Der_Spiegel" id="Der_Spiegel"></a>Der Spiegel</h2> +</div> + +<h3 class="novelle">Eine Legende</h3> + + +<!-- [Blank Page] <a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a> --> + +<p><a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a></p> + +<h3 class="subsection">I.</h3> + +<p>Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem +Recht und Fug ihre Legenden verlegen dürfen, weil +dazumal der Heiland und die Mutter Gottes noch +ein Vergnügen hatten, die Menschen zu lenken – +jungen Eltern gleich, denen die Kindererziehung noch +Freude und Lust bereitet –, zu jener Zeit also +stand abseits von der Heerstraße mitten im Walde +ein weitläufiges, schönes Nonnenkloster von strengen +Sitten, in welchem, fern vom Lärm und Hasten der +Welt, die Nonnen ein beschauliches und ihrem himmlischen +Bräutigam ergebenes Leben führten. Die +Stille in diesem Kloster war eine so große und die +einschläfernde Macht der Gewohnheit, unterstützt durch +das gleichmäßige Rauschen des Waldes, eine so überwältigende, +daß die Geißel an der Wand verstaubte und +die frommen Frauen alt wurden und ehrwürdig dahinlebten, +und daß eine Wolke der Heiligkeit über +dem Kloster schwebte.</p> + +<p>So ist es begreiflich, daß der Böse ein unabweisliches +Verlangen fühlte, in diesem Kloster seine Künste +<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>zu probieren, und daß er der Madonna, als er sie +einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner +Keckheit zurief, diese Burg der Frömmigkeit sei wohl +auch nicht so uneinnehmbar, wie sie glaube.</p> + +<p>Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen +– wie sie der göttliche Raffael uns überliefert +hat – durchdringend an und sprach: »An der +Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und +so sicher bin ich meiner Sache, daß ich dir erlaube +so lange darin zu verweilen, als ich hier ein Vaterunser +sage.«</p> + +<p>Der Böse erschauerte, da er den Namen ›Vaterunser‹ +sprechen hörte, aber er faßte sich gar bald +und entgegnete:</p> + +<p>»Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile +hier, und, ehe du dein Sprüchlein geendigt hast, +will ich wieder bei dir sein und mich meiner Tat erfreuen.«</p> + +<p>Und kaum, daß er es ausgesprochen, war er in +ein altes, runzeliges Weiblein verwandelt, das an der +Klosterglocke zog und hüstelnd im Tore verschwand.</p> + +<p>Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und +ausnehmend schöne Nonne Pförtnerin geworden, +Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des +<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Säugling +an der Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden +und erbarmungsvoll in den Schutz des heiligen +Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr +Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten +so selbstverständlich und ohne Zweifel nachgekommen, +daß die Oberin ihr den schweren Posten einer Pförtnerin +übertragen hatte. Sie hieß also Schwester +Clarissa und war blühender als je eine Nonne gewesen.</p> + +<p>Nun, da es läutete, öffnete sie dem hüstelnden +Weibe ihr Schiebfenster und fragte nach seinem +Begehr.</p> + +<p>»Die Oberin Berthilde vom nächsten Nonnenkloster +schickt dies Gebetbüchlein der Pförtnerin Clarissa,« +sprach das Weiblein, »daß sie es als Geschenk +annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres +Postens nicht abzulenken und als Erprobung ihrer +Stärke gegen die Anfechtung der Neubegier wünscht +sie, daß die fromme Schwester Clarissa das Tüchlein, +drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem +Buche wegziehe, als bis der Mondschein durch ihr +Fenster falle.« Sprach’s, und ehe die Pförtnerin noch +ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden.</p> + +<p>Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke +<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>wieder bei der Mutter Gottes, als diese ihren schönen +Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er machte eine +höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und +dankte ihr mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige +Erlaubnis. Sein Werk sei vollendet. Die Madonna +aber lächelte milde und sprach ihr Amen und schlug +drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. +Sie aber machte sich auf und wandelte still +ihres Weges.</p> + +<p>Als nun das Abendglöcklein geläutet und das +Tor des Klosters verschlossen war, bereitete die Schwester +Clarissa ihr armseliges Nachtlager, entkleidete sich +und nahm dann das Geschenk vor, als eben der +Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. +Die ganze Stube flimmerte in weißem Silberlicht, +so herrlich strahlte an diesem Abende der Mond +vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk +der Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, +»aber sie hätte es, fürchte ich, gegen den Wunsch +der Spenderin im Sonnenlichte geöffnet! Ja, geöffnet! +Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches Gewissen, +»und ich will es der Oberin gleich bringen!« +Doch dabei nestelte sie schon an dem Tüchlein und +da, o Wunder! lag das Gebetbuch vor ihr und leuch<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>tete +und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig +ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt +gewesen. Es war aber gar kein Gebetbuch, sondern +ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre Nonnenklause +geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals +einen Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der +Eitelkeit in einem Nonnenkloster unbekannt ist. Darum +hielt sie das viereckige Stück leuchtenden Glases auch +zuerst für den silbernen Beschlag eines wertvollen +Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; +als sie aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll +Neugierde darüber beugte, sah sie darin ein menschliches +Gesicht, blühend schön und mit lachenden Augen, +mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden +Lippen, wie sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das +kurze Blondhaar flimmerte und schimmerte im Mondschein, +als wenn es selbst aus Mondesstrahlen gesponnen +wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen +an, da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, +und lachte in den Spiegel hinein, zu sehen, ob es in +dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie ganz, daß +sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte +sie sich plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich +so am eigenen Gesichte zu ergötzen, und deckte schnell +<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie nicht in +Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war +zu schön gewesen, als daß sie dem Zauber hätte +widerstehen können. Sie lüftete das Tüchlein wieder, +indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses +Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde +stamme, die ihr gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! +»Morgen früh geb ich es der Oberin,« sprach sie +feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit glücklichen +Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im +Spiegel freundlich entgegen und bewegte den Kopf +hin und her und ordnete ihr Haar mit einem kleinen +Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit den Händen +über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung, +als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes +Haar, als stelle sie sich vor, wie herrlich ein langes +blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte passen müsse. +Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die +Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es +war ihr, als ob die Mondesstrahlen jetzt noch heller +leuchteten, weil sie sich mit dem blendenden Scheine +ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor +sich hin!</p> + +<p>So hatte sie an die ganze Welt und ihren himm<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>lischen +Bräutigam vergessen! Eine unbestimmte, drängende +Sehnsucht war in ihr erwacht, daß sie lange +mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich +nicht satt schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas +unternimmt, das muß man ihm lassen, so tut +er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn +das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt +ward an diesem Abend und sie vom plumpen +Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm, das +sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren +Bräutigam zu schmücken, und sich die schlichten Blumen +in das Haar legte; daß sie den schwarzen Rosenkranz +vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu +denken, und ihn um den weißen Hals legte, den +Spiegel hin und her drehend, um nur ja keinen neuen +Reiz ihrer Schönheit zu übersehen.</p> + +<p>Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher +Menschenspiegel, und ein so starker Zauber +ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, +das Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt +war und sie sich reisefertig gemacht und, ohne die +Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet +hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. +Den Spiegel aber hatte sie in das Tüchlein +<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz an +ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie +in die Welt zöge, so lustig und glücklich hüpften +ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und sie +eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen.</p> + + +<h3 class="subsection">II.</h3> + +<p>Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse +Schwarzenburg, das prächtig und drohend auf einem +waldigen Berge über ein ängstlich geducktes Dörflein +gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf +Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von +dreißig Jahren doch schon seit vielen, vielen schwarzen +Tagen sein Leben abgeschlossen wähnte und in einer +beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig +und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren +noch einer der weltfreudigsten Ritter gewesen, der +sich in Turnieren tummelte und die Farbe seiner +Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den +Gegner und das Herz der Erkorenen ausgegangen +war; aber da er es vielleicht in diesen Jahren seiner +strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen getrieben +hatte, so war er bald in eine schwere und +<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>traurige Trübheit verfallen, in der er sich für ausgedorrt +und jeder Erregung unfähig hielt, für einen +Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte +sich gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, +in das höchste Turmgemach, das er ganz +schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er als +ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre +ab; doch war seine Melancholie nicht von der Art, +die seufzt und betet, sondern er fluchte und war +immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht +unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der +seinen alten seufzenden Diener quälte, daß es ein +Jammer war. Wenn der ihn ob seiner Krankheit +bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete, +so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, +denn er hatte immerfort das Bedürfnis +nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und +im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das +Turmgemach während der heißen Monate recht angenehm +kühl und im Winter so gut geheizt war, daß +er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß +er nun und war fest überzeugt, daß sein dürrer +Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr ein +neues Reis ansetzen werde.</p> + +<p><a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum +wurden auch alle weisen Ärzte und Heilkünstler, +deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen +Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich +nacheinander mit dem melancholischen Grafen eingeschlossen, +um ihre Wunder an ihm zu probieren. +Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und +Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen +zu Hunderten gegessen, trug Amulette auf der Brust +in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß kaum +Platz für sie war und um seinen Hals von den +hundert Schnüren, an denen sie hingen, sich mit der +Zeit ein breites Halsband gebildet hatte, und alles +dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und +Weltfreude sich neu eingestellt hätte. Und immer +wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg geblieben war, +tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen +lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere +und er elendiglich verrecken müsse als ein Auswurf +der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht +schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus +den Grafen wieder ein wenig aufheitere und +neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei war der +melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem +<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>Appetit und war mit der Zeit da oben dick und +schwammig geworden, was er freilich als Wassersucht +aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ +er sich nötigen und drängen, und jeden Schluck +Weins nahm er mit scheinbarem Widerwillen und +schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber umso +ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen +Grafen eigentlich recht genügend waren.</p> + +<p>Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester +Clarissa mit ihrem Spiegel aus dem Kloster +entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf +Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter +Mann, der nicht wie die anderen mit Latwergen +und Kräutern sein Heil versuchte, sondern +der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz +anderen und wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. +Er hatte erst versucht, den bösen Verfolger durch +Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem Turmstübchen +einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein +Patient fast erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage +und Nächte lang die wirksamsten Gebete um den +gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn +so gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, +in dem es der Teufel gewiß nicht aushalten +<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte, war +er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl +verdient hatte, einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen +und Brüten versenkt, dagesessen, um über den schwierigen +Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich +nach vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder +einen ordentlichen Hunger empfand, war ihm plötzlich +die große Lösung der Frage wie eine Erleuchtung +aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht +klar auseinander: daß nur <em class="gesperrt">ein</em> Mensch auf +dieser Erde den armen melancholischen Grafen heilen +könne, und dies sei der heilige Vater in Rom. Zu +dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das +sei zu einfach und könne daher die heilende Wirkung +nicht haben, sondern es müsse sich eine reine Jungfrau +finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn +an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum +gleichsam, daß er sein früheres unchristliches +und geradezu heidnisches Leben abgetan habe und +nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade +teilhaftig zu werden: denn es war gerade damals +die Zeit, wo man gerne Jungfrauen zur Heilung +aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt +ein viel gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler +<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>war, so unterließ er es nicht, darauf hinzuweisen, +daß auch ein anderer Ritter Heinrich von seinem Gebreste +durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei +er sich, während der Diener ihm das Essen zutrug, +kauend und trinkend in eine philosophische Auseinandersetzung +über den verwunderlichen und höchst bemerkenswerten +Umstand einließ, daß beide Ritter +Heinriche waren, was vielleicht ein Zeichen Gottes +sei und auf eine immanente Leiderwähltheit so benannter +Menschen hinweise. Dann war er mit großem +Aufsehen aus dem Schlosse geschieden.</p> + +<p>Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten +Arztes mit dem melancholischen Heinrich +rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen Heilmethoden +des Doktors hatten den träge gewordenen +Grafen recht angestrengt und in Schweiß gebracht, +und seine Kehle war beleidigt von dem abscheulichen +Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines +Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen +Gebetumkreisungen fühlte er eine Art von Drehkrankheit, +wie sie manchmal Schafe überfällt, und sein +Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine +Woche lang brüllte er nun durch den Turm wie ein +gereizter Eber, und ganz Schwarzenburg, Schloß und +<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß dem +armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen +und der Wein und das Bier gut munden möge. +Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer +sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche +Martyrium auf sich nehmen wollte, mit +dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der selbstverständlich +zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild +mitwirken sollte, kein großes Vertrauen empfand.</p> + + +<h3 class="subsection">III.</h3> + +<p>Indessen kam, da schon von allen Seiten die +Boten mit leeren Händen zurückgekehrt waren, (weil +jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft beschwören +sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen +hatte – mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu +pilgern) die holdselige Clarissa auf ihrer Wanderung +bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand +war bestaubt und von Dornen zerrissen, so +daß es gar nicht mehr als heiliges Gewand zu erkennen +war, ihr Blondhaar war länger geworden und +ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr +das Wandern in der frischen Luft wohlbekam und +<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot weichen +mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft +wie in einem Rausche verbracht, nur auf den +Abend wartend, an dem sie ihr glückseliges Spieglein +hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an +ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in +ihrer glorreichen Dummheit noch nicht, daß der +Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr Sehnen +zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies +Geheimnis, als sie ihren schneeweißen Leib in einem +Waldbache gebadet hatte und ihn nun mit dem Tüchlein +trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. +Da sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren +Körper leuchten und merkte zu ihrer großen Freude, +daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser Beleuchtung +noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber +freute sich das arme betörte Wesen nun umso +inniger und dankte dem lieben Gott für das schöne +und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen +Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben +nicht aus dem Psalter, sondern aus ihrer reinen +Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht, +daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt +hatte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau +mit dem Spiegel in der Hand durch die Auen, gleichsam +ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr immer +freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder +zurückwich, holdselig lachend und winkend; sie schmückte +sich das Haar mit den Blumen, die sie auf den +Wiesen pflückte, und sah so mit den roten Mohnblumen +und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine +entzückende Prinzessin aus dem Märchen, die zum +Reigen antreten will und dazu ein phantastisches Gewand +angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller +Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne +Gesicht im Spiegel, daß sie ihn auch nicht senkte, +wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege begegneten +oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, +um mit offenem Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. +Sie war so über alle Maßen schön, daß +keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, +weil er ihr so lange nachschauen mußte mit offenen +Augen, bis diese ihm übergingen und er die Lider +senkte. Dann aber war das Wunder schon lange +verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu +haben; und wenn er ein Fabulant und Liedermacher +war, setzte er sich hin und ersann gleich einen Reim +<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen +eine ganze Zahl von Liedern stammen, die dieses +wandelnde Wunder besingen: ›Tandarada, welches +Wunder mir heute geschah!‹</p> + +<p>Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt +kam, hatte sich die Sonne eben zur Ruhe gelegt und +der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen +einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß +jene unbeschreiblich schöne Dämmerung herrschte, die +ohne Schatten und ohne Glanz ist, und Clarissa +endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus +ein und bat um einen Bissen Brot und einen Schluck +Milch vor dem Schlafengehen. Der Bauer aber, bei +dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, +die von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, +und, ohne die holdselige Clarissa auch nur zu fragen, +lief er spornstreichs aufs Schloß, so über jeden Zweifel +sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von +selbst gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig +erwarteten. Als er atemlos seine Botschaft +auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob sich in +dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel +und Glückslärm, der fast den schnarchenden Ritter +geweckt hätte, wenn er sich nicht einen so gesegneten +<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das +ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das +Haus, in dem Clarissa mit dem Spiegel beim Fenster +saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete. Und +ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie +schon die ganze Geschichte von dem armen melancholischen +Grafen, zu dessen Retterin sie vom Schicksale +ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls +ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne +Fehl war sie, freute sie sich doch, für ihre Flucht aus +dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu können, +und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, +mit dem kranken Ritter nach dem heiligen Rom zu +pilgern. Und es war ein großer und aufrichtiger +Jubel darüber in Schwarzenburg.</p> + +<p>Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse +mit großem Geräusch die Vorbereitungen zur Pilgerfahrt +des melancholischen Heinrich in Angriff genommen. Und +noch niemals haben Schneider und Schuster ihre +Arbeit so rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, +wie nun für den Grafen, da alle eigentlich +im innersten Herzen glücklich waren, den launenkranken +Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine +Zeit los zu werden. Der aber jammerte jetzt um so +<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>mehr, da er sein Turmzimmer verlassen sollte, in dem +er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt hatte, +etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett +täglich aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich +eine behagliche Grube in den Strohsack gedrückt zu +haben. Er seufzte und schimpfte ärger als ein Fuhrknecht +und verfluchte hundertmal den Medikus, der +ihm eine so beschwerliche Heilung vorgeschrieben +hatte. Dabei überwachte er doch genau jegliches +Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt +seines Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, +der es gewagt hatte, ihm ein Paar Bauernstiefel zu +bauen, und rüstete sich überhaupt aufs allerbeste für +die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für +die Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen +des Wetters und Beschwerlichkeiten der Wege aushalten +sollte. Er bestellte ein Habit für Regenwetter +und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine +Reisedecke, bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn +ja leider kein Diener auf dem Pilgerzuge begleiten +könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete +ihm wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen +einen Reisemantel, den der Graf für sich hatte +fertigen lassen, damit sie sich darein kleide, und einen +<a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen +Italiens schütze. Dann geschah eines Tages +das Unerhörte, daß der dicke Ritter, auf die Schulter +seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem Turme +herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand +im Schloßsaale landete.</p> + +<p>Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß +sie den Grafen in Empfang nehme und mit ihm +nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung, +hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, +die das Auserlesenste vereinigte, was je ein +Rompilger geschmaust haben mag. Der unglückliche +Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte +sich die Backen voll wie ein Hamster und merkte gar +nicht, daß vor einem großen Wandspiegel seine Begleiterin +stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und +ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel +hinter ihr Haupt haltend, so daß sie sich auch von +rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren +Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales +an der Wand einen Spiegel gesehen, wahrhaftig +einen Spiegel, nur daß er groß war und fest an +der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte +ihr gleich den Saal vertraut, den Grafen wert und +<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so stand sie +still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da +sie nun der Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, +erblickte, schlug er gleich derb mit der Faust auf +den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle +Kanne Weins überlief.</p> + +<p>»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er +dann, »mit einem solchen eitlen Weibsbild zu wandern; +verfluchter Medikus!«</p> + +<p>Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit +ihren holden Augen an, die jetzt, seit sie ihren Spiegel +besaß, immer einen glücklichen Glanz hatten und vor +Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die +Kutte, die ihren Leib umwallte, etwas hob und den +viel zu großen Hut in den Nacken schob, auf den +Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein Fastnachtstraum, +und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob +dieser zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals +stecken. Er mußte einen ordentlichen Schluck Weins +zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann seufzte +er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger +zu ihrer Wanderschaft. Und durch das Spalier der +glotzenden Bauern, die vor Bewunderung über ihren +Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den +<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. +Und als sie im Tale angelangt waren und vom +Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine Trompetenfanfare +ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war +es, als ob in diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer +zusammenflössen, die Schwarzenburg heute +ob des Auszuges seines Herrn ausstieß.</p> + +<p>Weil er ja geheilt zurückkehren würde ....</p> + + +<h3 class="subsection">IV.</h3> + +<p>So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit +seiner schönen Begleiterin, des Weges.</p> + +<p>Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger +Mann, als daß er die Begleitung der Jungfrau als +ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm sie +vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht +Dankenswertes hin, indem er den Arm des Mädchens +weidlich als Stütze ausnützte, jede Handreichung +von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger +Geselle blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder +Schritt war die erneute Ursache eines tiefen Seufzers +für ihn, jede Speise, die ihm in den schlechten Herbergen +geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten +<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den +ersten Tagen gar nicht dazu kam, ihren Schatz aus +dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust zu frönen. +Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder +Scheune ihre müden Glieder auf das Lager streckte, +während ihr dicker Herr und Gebieter das beste Bett +des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es ihr +zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit +herzlicher Lust zu sehen, wie ihr Blondhaar länger +wurde und sich zärtlich um ihre Schultern ringelte, +oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden +und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. +Und es war überall, wo sie hinkamen, ein großes +Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der +melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen +hören, was für ein herrliches Mädchen er sich auf +die Reise mitgenommen habe.</p> + +<p>Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, +ohne daß er sie einer Überlegung für wert hielt, +da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe geschwunden +war und er nur immer an sein Unglück und +sein Leid denken mußte; höchstens, daß er ein pfiffiges +Gesicht machte, wenn ihn die Leute ob seines Geschmackes +einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm +<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>wohltat, als ein so überaus feiner und geschmackvoller +Pilger angesehen zu werden. Denn so sehr +er auch seufzte und jammerte, tat ihm die reichliche +Bewegung im Freien doch wohl, und die Kräfte +kehrten mit jedem Tage mehr in das Gebäude seines +stattlichen Körpers wieder. Seine bleiche Farbe wich +einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag +immer leichter auf der runden Schulter seiner Stützerin, +da er bald selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn +er auch nicht unterließ über jeden Stein am Wege +oder jeden Regentropfen, der ihn näßte, einen ordentlichen +Fluch loszulassen. Die blühende Clarissa pflegte +und betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines +Glücksgefühl durchströmte sie dabei, daß sie +einen kranken Menschen so warten dürfe und dieser +große und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie +angewiesen war.</p> + +<p>So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, +nur daß die Flüche des Ritters und seine Verwünschungen +ihre Schritte begleiteten. Denn er war gar +nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu +fragen oder nach ihren Wünschen zu forschen. Aber +nach einigen Tagen hielt es Clarissa nicht mehr aus, +so stumm neben dem traurigen Ritter einherzugehen, +<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach +war, zu berichten an, und der Graf ließ sie gewähren, +weil ihm der Weg auf diese Weise minder +eintönig wurde. Er vergaß dabei wohl auch etliche +Male zu jammern und stellte sogar nach einigen +Tagen, da der Redestrom seiner Begleiterin zu versanden +anfing, Fragen, die sie in ihrer munteren +und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam +es so weit, daß er dem Mädchen zögernd und unwirsch +sein Leben erzählte, ohne viel Rücksicht auf ihr +Jungfrauentum, also daß sie manches hören mußte, +was ihr die verdiente Nachtruhe mit bösen Träumen +störte und sie nachdenklich und schreckhaft machte. +Dann tröstete sie nur ein Blick in den Spiegel, der +ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot paßte, das +plötzlich ihre Wangen durchglühte, und wie seltsam +ihre Augen aufleuchteten und die Lippen sich schürzten, +wenn sie an die Reden des kranken Ritters +dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr +über den Rücken herabflutete, in goldschimmernde +Flechten drehen und vergnügte sich nun lange damit, +sie in verschiedenen Windungen um den Kopf zu +legen, Bänder und Blumen hineinzuordnen und ihrem +breitrandigen Pilgerhute alle erdenklichen abenteuer<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>lichen +Formen zu geben, je nach ihrer Stimmung, +hoffnungsvoll geschwungen oder kühn auf die Seite +gedrückt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer +war sie von neuem von ihrem Anblick entzückt. Bei +Tage aber wanderten sie tapfer dem Süden zu und +waren schon mitten in den Tälern der Alpen angelangt, +als ihr eines Tages der Ritter erkrankte.</p> + + +<h3 class="subsection">V.</h3> + +<p>Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, +in die der Graf verfiel, sondern bloß die Ausbrüche +seines Schmerzes und seiner Verstimmung über sein +Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen +Schreck darüber empfand. Er mochte gestern abend +in dem lieblich gelegenen Alpenhause etwas zu viel +von dem saueren Landwein getrunken und ein wenig +zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, +also daß er sie in der Nacht an sein Lager rufen +ließ. Er lag stöhnend und jammernd in seinem Bette +und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß +dies nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam +und verlassen sterben müsse. Er zerriß das Bettlaken +und kratzte den Bewurf von der Wand vor Wut +<a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt +habe, um ihn elendiglich verrecken zu lassen. +Der Schuft von einem Bauer habe ihn sicher vergiftet, +so brenne es in den Gedärmen und so rasende +Schmerzen empfinde er. Dabei warf er von +Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die erschrockene +Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung +hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener +Märtyrer er sei.</p> + +<p>Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man +sie wecken kam, und hatte nur eilig den Mantel umgeworfen, +da sie zu dem durch das Haus brüllenden +Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager +und beugte sich über ihn, leise mit ihren Fingern +über seine Stirn streichelnd, und der Mantel war +ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. +So stand sie da in ihrer Schönheit, die +Fluten ihres goldenen Haares jauchzten über ihren +schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden +Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das +groblinnene Hemde.</p> + +<p>So beugte sie sich über den Grafen, der zum +ersten Male seit langen, langen Jahren wieder mit +Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes +<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter +Selbstling, als daß er darum weniger gestöhnt hätte, +er wälzte sich vielmehr nur um so ungebärdiger auf +seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und +Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens +von seinem Gesichte und warf das kalte Tuch, das +sie ihm auf den Kopf legen wollte, weit in die Ecke. +Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid +neben dem Lager des kranken Grafen nieder und +betete in ihrer Seelenangst inbrünstig zu Gott und +rief die Mutter Gottes zu Hilfe, herzlich und innig, +und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit +sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich +in den Sinn, und weil er ihr wie ein Wunder und +etwas Segensreiches und Heilkräftiges erschienen war +erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem +Ritter ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran +sein Herz heile.</p> + +<p>Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand +zurückkehren sah und sie ihm das Glas vor sein Gesicht +hielt in ihrer Keuschheit und Herzensreinheit, +da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er glaubte, +daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den +Spiegel mit aller Wucht auf den Boden, daß er in +<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>hundert Stücke zersplitterte; dann aber, als ob er +seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf +sein Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und +schmerzlos ein.</p> + +<p>Clarissa war mit einem lauten Schrei in die +Kniee gesunken und es war ihr, als ob mit ihrem +geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche. +Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete +Fenster sah, erschien es ihr, als stünde draußen die +Mutter Gottes, genau so schön und lieblich wie auf +dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum +ersten Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie +mit einem ernsten und langen Blicke ansähe. Da +neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das +Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den +Kranken so still und zufrieden schlafen sah, auf den +Fußboden neben sein Lager hin und schlummerte +bis in den Morgen.</p> + + +<h3 class="subsection">VI.</h3> + +<p>Am nächsten Tage, als der Ritter morgens früher +als seine schöne Begleiterin aufwachte, war ihm viel, +viel wohler, als er sich eingestehen wollte. Und das +<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel, war nicht +sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, +wie sie sich über ihn gebeugt und seine Stirn +gestreichelt hatte. Er sah das volle Blondhaar um +ihren schönen Nacken fluten und die milden Hügel +des Busenansatzes über dem sittsam geknüpften Hemde +und schloß gleich wiederum als ein Schlemmer und +Feinschmecker aus früheren Zeiten die Lider, um sich +in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er +dann die Augen wieder öffnete und die Maid auf +dem Boden daliegen sah, den rechten Arm unter dem +schönen Haupte, wie sie mit halb geöffneten Lippen +friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen +auf die Schläferin und ward nicht satt, sie +zu betrachten. Kaum aber, daß Clarissa die Augen +aufschlug, als hätten die Blicke des Grafen sie geweckt, +da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, +beiseite, die Augen schließend und Schlaf +heuchelnd, bis er endlich mit einem tiefen Seufzer +erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen +Tag begrüßte. Nicht ein Auge habe er die ganze +Nacht geschlossen, log er gleich in seiner alten Weise, +wenn er auch vielleicht scheinbar den Eindruck eines +Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich +<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>eben zu fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, +wenn nur die Schmerzen ein wenig erträglich seien. +Clarissa natürlich, sagte er giftig, sei da auf der Erde +gelegen und habe geschnarcht wie eine Säge durch +Querholz, daß er schon deshalb nicht hätte einschlummern +können; und schon schrie er nach seinem +Morgenimbiß, da ihm sonst sein Magen verbrenne.</p> + +<p>Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel +um sich gezogen, dann brachte sie dem Ritter sein +Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben zusammen +und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie +barg sie dort in ihr armes Tüchlein wie eine kostbare +Habe, ohne auch nur die geringste Lust zu verspüren, +in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. +Denn es war ihr so seltsam im Herzen seit dieser +Nacht, daß sie immerfort an den Grafen und seinen +Schmerz denken mußte, mit einem tiefen, herzinnigen +Mitleid und einem traurigen Gefühle darüber, daß er +so barsch ihre Hand weggestoßen hatte; und sie wünschte +sich nichts sehnlicher, als wieder ihre Hand auf seine +Stirn legen zu dürfen. So machte sie sich rasch fertig +und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, +um ihn zu pflegen, wenn er ihrer bedürfe.</p> + +<p>Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre +<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>Handreichungen hin wie etwas Selbstverständliches +und war um so rauher, als er eine seltsame innere +Nötigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen +und hätscheln zu lassen. Und je inniger und liebevoller +sie sich seiner annahm, desto unebener und +schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die +nur dann glücklich sind, wenn sie quälen können. +Im Herzen aber hatte er nur den einen Wunsch, +daß bald wieder Nacht werden möge, damit er wieder +Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern +und die Lieblichkeit ihres Leibes beschauen könne. +Indessen lag er im Bette, aß und trank wie ein Gesunder, +freilich, wie er sagte, ohne Hunger und Bedürfnis, +nur um recht bald wieder aufbrechen zu +können.</p> + +<p>So war langsam Abend geworden und Clarissa +hatte gefragt, ob sie sich neben ihn auf den Boden +legen solle. Da war sie aber schlecht angekommen. +Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer +trollen, er wolle heute schlafen und da könne er ihr +Schnarchen nicht brauchen. Er drehte sich der Wand +zu und schwieg hartnäckig auf alle ihre Fragen, so +daß sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und +sich leise aus dem Zimmer davonschlich.</p> + +<p><a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte +und seufzte und konnte lange keinen Schlummer +finden.</p> + + +<h3 class="subsection">VII.</h3> + +<p>Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon +wieder an der Tür gepocht wurde und die Wirtsleute +sie holten, da der arme kranke Ritter wieder seinen Anfall +habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht +ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und +eilte erschrocken und voll herzlichen Mitleids in das +Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser Nacht +noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, +wenigstens schrie der traurige Heinrich noch rasender +und warf sich noch wütender im Bette hin und her. +Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes +Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in +uneingestandener Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin +nicht hatte schlafen können und nur wünschte, +sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, +mit aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich +über sein Lager beugen. Als er sie daher im Mantel +und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das Zim<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>mer +treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem +grauen Habit und er war ordentlich wütend darüber, +daß sie seinem geheimen Wunsche nicht nachkam. +Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit +den ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch +geplagt, sich recht innig an die Brust der holdseligen +Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu streicheln +und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen.</p> + +<p>Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und +beugte sich nun über den Armen, ihm die Stirn berührend. +Er ließ sich das auch heute gefallen, nur +daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des +Schmerzes sich in ihren Mantel krallte und zerrte. +Clarissa bebte und zitterte vor Mitleid mit seinem +Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil +sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm +sein Leiden so gar nicht abnehmen konnte. Sie strich +ihm milde über das Haar und sprach zu ihm mit +zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, +das sie in den Schlaf wiegen wollte. Und als der +Ritter aufstöhnte und mit klappernden Zähnen jammerte, +daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand +zu ihm und breitete ihren Mantel über seine +Bettdecke. Er aber umarmte sie wie in schrecklicher +<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>Angst und drückte sie heiß und fest an seine wogende +Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie +in ihrer jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm +alles hinzuopfern, was er auch verlangte. Sie wehrte +ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte und sie zu +sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und +großes Glück und das heiligste Mitleid mit dem +armen melancholischen Grafen, der aber in diesem +Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch +war, durchströmte sie, daß sie die Augen schließen +mußte und sich den Umarmungen des Ritters willenlos +ergab.</p> + +<p>Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen +in das Zimmer schauten, lagen die beiden +in stillem Schlummer nebeneinander und der Arm +des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte +der Pilgerin.</p> + +<p>Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie +strich sich erst über die Stirn, als wolle sie sich auf +etwas besinnen, so traumhaft war ihr zumute, dann +aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen +stürzten aus ihren Augen und ein Zittern durchlief +ihren Körper. Sie war glücklich, daß der arme Graf +neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in die Augen +<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und +entkam in ihre Kammer. Dort warf sie sich vor +ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee, versteckte ihr +Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser +Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne +ein feines Silberglöcklein des Glückes herüberläutete, +und im Gefühle der glühendsten Scham, aber ohne +die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter +in aufrichtigem Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben +hatte. Dann aber erhob sie sich und betete, +daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen +und zugunsten des Ritters verwenden möge, +damit er endlich von seinem schweren Siechtum und +seiner Melancholie erlöst werde.</p> + +<p>Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer +Ermattung aufgewacht und dämmerte in seinem Bette +vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem Gedanken +an das Opfer der Jungfrau, sondern gab +sich einem großen Stolze hin, daß er sein Stücklein +so gut durchgeführt hatte, und träumte schon wieder +von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob +die vergangenen Jahre nur ein böser Schabernack gewesen +wären und alle Damen noch dasäßen und +warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebes<a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>not +erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, +rief er nach seiner Pflegerin, die denn auch mit +niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen Morgenimbiß +zu bringen.</p> + +<p>Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen +wäre, so hätte er vor Glückseligkeit bei ihrem +Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun mit +gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den +Morgengruß über die bebenden Lippen brachte, da +flackerte das feinste Rot in ihren Wangen und sie +war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, +daß die Sonnenstrahlen vor Bewunderung +ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten und ihr +Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige +Heinrich aber war durch sein jahrelanges Martyrium +so verderbt und verstockt geworden, daß er ein großes +Jammern anhob und ein über das andere Mal ausrief, +daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine +Heilung zunichte gemacht habe, da er ja mit einer +reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen sollen. +Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das +habe der verfluchte Medikus so fein eingefädelt und +der Teufel habe ihm dabei geholfen.</p> + +<p>Und er war in diesem Augenblicke, da er sich +<a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>ja heil und durchaus gesund fühlte, wirklich schlecht +und empörend in seiner Selbstsucht und Lust, andere +zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese +Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert +und verlor völlig ihre Besinnung. In ihrer Scham +und Glückseligkeit hatte sie den ganzen Morgen über +vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf +das Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit +dem Grafen vor den Papst zu treten. Sie fiel ihm +zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß +ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. +Der traurige Ritter aber blieb verstockt und hart +und legte nicht einmal die Hand auf das Haupt +der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört +und unglücklich aus dem Zimmer davonwankte.</p> + + +<h3 class="subsection">VIII.</h3> + +<p>Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre +Kammer zog. Dort beugte sie sich unter ihr Bett +und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben +ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie +die Treppen hinunter und der einsamen Kapelle zu, +die sie von ihrem Fenster am Waldesrande gesehen +<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß +sie vor dem Altar kniete und heiß und aus tiefster +Seele zur Mutter Gottes in ihrem Hause betete. +Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, +mit seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, +die aus einem kindlich geschnitzten Angesicht +freundlich in die Welt schaute und die Rechte tröstend +und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend +und betend zu ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid +und wie sie nun des Ritters Heilung verwirkt hätte.</p> + +<p>»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, +du herrliche, reine Magd und Mutter, neige dich +meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen +Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile +den armen Grafen, nimm mich statt seiner zum +Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich armselig +und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich +erfreuen könnte, du reine Himmelsmagd, als diese +Scherben eines Spiegleins, die ich dir weihe, denn +sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.«</p> + +<p>Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben +der Mutter Gottes zu Füßen. Sie schluchzte aus +tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten aus +ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick +<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>senkte und rot vor Scham und fassungslos der Jungfrau +Maria ihr Vergehen berichtete. Sie verhüllte +ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden +Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob +sie sich, und von den Tränen erschüttert, endete +sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige mich, +denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, +ich stürbe so gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, +kranker Ritter leben bliebe!«</p> + +<p>»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im +Kirchlein oder die Mutter Gottes. Denn sie lächelte +mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und sanft +der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, +ohne emporzuschauen, aus der Kapelle.</p> + +<p>Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch +einige Stunden bei dem Ritter gewesen, in ihrer +Kammer auf das Lager warf, da fügte es die trostreiche +Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen +Schlaf verfiel, in welchem sie Ruhe und Frieden +fand. Und die gütige Madonna selbst saß bei dem +Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der +reuigen Sünderin und hatte das Tüchlein mit den +Spiegelscherben mitgebracht, vielleicht weil sie den +Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die gute +<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als +der Ritter wieder in seiner unwirschen Weise um sie +schickte und durch das Haus schrie. Da erhob sich +die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt +der schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel +um die Schultern und ging mit dem Päcklein, darin +die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter +aufzusuchen.</p> + +<p>Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche +Clarissa in sein Zimmer eintrat, donnerte er ihr +schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie sich +schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein +Mitleid mit seinem Leide habe, und setzte einige abscheuliche +Lästerworte hinzu, da ihn schon wieder die +Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna +vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und +ruhig mit ihren tiefen Augen angesehen hatte, sprach +sie zu dem erstaunten Ritter also:</p> + +<p>»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du +mich in der selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise +gekränkt und beleidigt hast, bist du wirklich also verstockt +und böse, daß dir die Scham nicht die Stimme +verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir +aus, ich stützte und pflegte dich und war dir zu +<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>Willen, weil du mich dauertest, nicht deiner eingebildeten +Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um meiner +Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und +nun willst du mich von dir jagen, anstatt mir die +Füße zu küssen und um meine Gnade zu bitten. +Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und +winseln, daß ich dir beistehe in deiner unmännlichen +und verachtenswerten Selbstsucht, du Abscheulicher!«</p> + +<p>Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt +und schaute, sprachlos über diese Kühnheit, die Jungfrau +Maria an, da er Clarissa bisher nur untertänig +und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, +so wütend war er, als er sie so dreist sprechen hörte. +Dann aber lachte er böse auf und wollte aus dem +Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr +Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, +indem sie das Laken, das den Ritter bedeckte, aufhob, +schüttete sie die hundert Scherben auf sein Lager, +daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper +verstreut waren und er wie in einer Dornenhecke +lag, daß ihn jegliche Bewegung verletzen mußte, so +daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte +sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen +hätte und rührte sich nicht, sondern schaute ganz +<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>verwirrt und hilflos auf die stolze Maid, die ihn +gebändigt hatte.</p> + +<p>So gern nun diese auch gelacht hätte, da der +verdutzte melancholische Heinrich in seiner Angst +zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen Eindruck +machte, so beherrschte sie sich doch und blieb +ernst und streng und sprach auf den Ritter in ihrer +hoheitsvollen und gebietenden Weise ein, und er war +gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager +gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, +falls er ihren Ermahnungen durch Einschlafen +sich entziehen wollte. Es war für diesen selbstherrischen +und gewalttätigen Mann, der durch Jahre +hindurch seine Umgebung gepeinigt und ganz vergessen +hatte, daß die anderen vielleicht auch einen +Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in +einem Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, +ohne sich rühren zu dürfen, und ihren salbungsreichen +Worten, die nun sein ganzes Leben +vor ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz +aus seinen Augen wich allmählich der Verwunderung, +dann einem ängstlichen Staunen und wirklicher Furcht, +da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm +wurde und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen +<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>Augenblick der Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern +ihn gleich rüttelte, wenn er ihr unachtsam schien.</p> + +<p>So wurde diese Rede die eindringlichste und +längste Predigt, die je gehalten wurde, und als der +Morgen graute, war der Ritter so windelweich geworden +in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, +daß ihm zum ersten Male aufrichtige Tränen in die +Augen traten und ihm jämmerlich und ganz elend +zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in +ihrer Rede bei dem Augenblicke angelangt, da Clarissa +in das Leben des traurigen Heinrich eingetreten +war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung +aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt +angetan hatte, wobei der Ritter nur leise mit +dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr schon +selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen +sei, das ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er +weinte recht aus tiefstem Herzen, da ihn jetzt jedes +rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die +er die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte +und peinigte und er nur den einen Wunsch hegte, +alles wieder gut zu machen, was er verbrochen hatte.</p> + +<p>So kam denn die predigende Jungfrau zu dem +Augenblicke, da der böse Heinrich Clarissa zu sich ins +<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er ganz der +Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete +sich im Bette auf und flehte inbrünstig um Vergebung, +und sie solle um Himmels willen ihm nicht +auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er +liebe sie ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit +einer so heißen Verehrung und achtungsvollen Liebe, +daß er sich selbst eines so reinen und heiligen Gefühles +nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte +und verbarg sein Gesicht in den Händen, so schämte +er sich, und zwischen echten Tränen rief er immer +wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung +erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß +und innig!«</p> + +<p>Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, +um aus dem Zimmer zu verschwinden, und +dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die +Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch +im selben Augenblicke, da die Madonna ihr Platz +gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat. So +hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine +reinen und wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem +Herzen an, in der schönsten Verwirrung des +Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu +<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>fassen wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das +Haupt des Ritters, der sie erfaßte und mit glühenden +und innigen Küssen bedeckte und mit seinen +Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« +sagte er da und seine Lippen wurden weich +und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde +liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du +jetzt auch einen Spiegel, da du dich nur immerfort +in meinen Augen anschauen sollst; du wirst dich +darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch +durch meine reine und echte Liebe verschönt sein!«</p> + +<p>Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute +sich darin und erschaute sich doch nicht, so +erfüllt waren die Augen von Liebe.</p> + +<p>Und auf einmal war es den beiden, als ob ein +wundervoller Duft das Zimmer erfülle, und da der +Ritter sein Bettuch verschob, so waren die Splitter +verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen +Rosenlager zwischen weißen und roten duftenden +Rosen; also, daß nie ein Brautpaar ein schöneres +und lieblicheres Brautbett gehabt hat.</p> + +<p>Sie umarmten und küßten sich lange und mit +dankbaren und glücklichen Lippen und noch am selben +Tage machten sie sich auf, – nachdem sie sich in der +<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten +vereinigt hatten, – um nach Schwarzenburg heimzuwandern.</p> + +<p>»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu +pilgern ......« worauf sie glutrot wurde und ihr +Gesicht an seiner Brust verbarg.</p> + +<p>»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, +und, da eine Lerche sich vor ihnen tirillierend in die +Lüfte schwang, da war es ihm, als ob seine Seele +auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten +Sängerin seinen Gruß zu:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Tandarada, Tandarada!<br /></span> +<span class="i0">Welch ein Wunder mir doch geschah!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis +hierher wahrheitsgetreu und zu Gefallen diese Legende +berichtet habe, nun seid mir nicht böse: ich weiß keinen +Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der – Gott +sei bei uns! –, wie sich der Böse mit der Mutter +Gottes auseinander gesetzt hat! Und ob er auf seine +gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet +doch gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht ver<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>langen, +daß ich, nur um euch einen Schluß zu dieser +Legende berichten zu können, mit ihm hätte sprechen +sollen! Gott sei meiner Seele gnädig!</p> + +<p>Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus +die Gräfin Clarissa von Schwarzenburg als Nonne +entwichen, und fern, fern in der hohen Alpenkapelle, +wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter +Gottes weihte, hängen zwei Bilder, von <em class="gesperrt">einer</em> +Künstlerhand gemalt und beide berühmt ob ihrer +Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute: +die Madonna, die in der Hand ein Spieglein +hält und sich holdselig und lächelnd in dem Glase +betrachtet....</p> + + + + +<div class="advertisements"> + +<hr style="width: 65%;" /> + +<p>Von <strong>Hugo Salus</strong> erschienen bisher:</p> + +<p><strong>Novellen des Lyrikers.</strong> Dritte Auflage. Egon +Fleischel & Co., Berlin.</p> + +<p><strong>Gedichte.</strong> Zweite Auflage. Albert Langen, München.</p> + +<p><strong>Neue Gedichte.</strong> Albert Langen, München.</p> + +<p><strong>Reigen.</strong> Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, +München.</p> + +<p><strong>Ehefrühling.</strong> Fünftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck +von Heinrich Vogeler-Worpswede. Eugen +Diederichs, Leipzig.</p> + +<p><strong>Susanna im Bade.</strong> Buchschmuck von Wilhelm Scholz. +Albert Langen, München.</p> + +<p><strong>Christa.</strong> Ein Evangelium der Schönheit. Buchschmuck +von Emil Orlik. Zweite Auflage. Wiener Verlag.</p> + +<p><strong>Ernte.</strong> Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.</p> + +<p><strong>Neue Garben.</strong> Gedichte. Albert Langen, München.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> + +<p><a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a></p> + + +<p class="center">Verlag von Egon Fleischel & Co. / Berlin W 35</p> + +<h1><strong>Novellen des Lyrikers</strong></h1> + +<h3>von</h3> + +<h2>Hugo Salus</h2> + +<p class="center">Preis geh. M. 2.—; geb. M. 3.—</p> + + +<p class="center"><strong>Aus den Besprechungen</strong></p> + +<p><strong>Dresdner Anzeiger:</strong> Mit dem Begriff Novelle im klassischen +Sinne, im Geiste Maupassants etwa, darf man freilich nicht +an diese überaus zarten Stimmungsbilder herantreten. Das +Improvisierte, bisweilen Skizzenhafte des Rahmens, in dem +uns ein Eindruck, subjektiv empfunden, lyrisch ausgesponnen, +entgegentritt, ist von dem Greifbaren, ja Plastischen, das +der Epiker geben will, himmelweit verschieden. Das aber +gerade macht das ganze Freie, Urpersönliche des Verfassers +aus, der ja nirgends den Lyriker verleugnen will, und dem +epische Versuche im herkömmlichen Sinne gar nicht gelingen. +Durch die lyrische Stimmung, die er in den besten Stücken +ganz einheitlich festzuhalten weiß, durch eigenen Ton, der so +gar nichts literarisch Gewolltes, oder gar Konventionelles hat, +schlägt er uns in Bann. Es kommt Salus gar nicht auf +die äußeren Geschehnisse, sondern auf das innere Erleben an. +Ganz wundervoll ist das einem echten Dichtergemüt entsprungene +Märchen: »Wo kommen die Kinder her?«</p> + +<p><strong>Hamburger Nachrichten:</strong> Einen besseren Titel hätte der +Dichter seiner Novellen-Sammlung nicht geben können, denn +aus jeder seiner Erzählungen spricht so unverkennbar der +Lyriker, der zartbesaitete Gefühlsmensch, dem alles, was er +sieht, viel weniger in realer Gestalt als vom Hauch der Poesie +verklärt erscheint, daß man oft Verse und nicht Prosa zu lesen +glaubt. Wenn man auch in manchen Dingen anders – +nüchterner und deshalb vielleicht klarer – urteilt als Hugo +Salus, immer achtet und schätzt man den feinsinnigen Poeten, +dessen Bilder in wohltuender Reinheit vor uns erstehn, dessen +Sprache den Stoff meistert und ihn beschwingt.</p> + +<p><a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a><strong>Heimgarten, Graz:</strong> Seltsame kleine Geschichten eines +wahren Dichters in der feinen rhythmischen Sprache, an die +uns Salus in seiner Lyrik bereits gewöhnt hat. Aus unscheinbaren, +den profanen Blicken meist wertlosen Dingen +und Geschehnissen erträumt sich seine Muse ihre wunderlichen +Abenteuer und gestaltet sie zu kleinen Novellen, die man allerdings +nicht »spannende Geschichten« nennen kann im landläufigen +Sinn, die aber feineren Lesern ein willkommener Genuß +sein werden in ihrer tiefen Symbolik und ihrem demütigen +Gefühl für die Wunder des Lebens.</p> + +<p><strong>Das Literarische Echo:</strong> Der Lyriker, der uns diesmal +Novellen darbietet, hat einmal in seinem ersten Versbuche +ein sehr sinniges und schönes Sonett geschrieben, das nunmehr +verleugnet ist. Damals sagt er:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Zu schmal ist meines Dichterhauses Schwelle,<br /></span> +<span class="i0">Die Tür zu niedrig. Des Gewandes Falten<br /></span> +<span class="i0">Muß selbst die Lyrik eng zusammenhalten<br /></span> +<span class="i0">Will sie besuchen mich, die sonnighelle.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Doch für mein Ideal, für die Novelle,<br /></span> +<span class="i0">Ist schon die Tür zu eng. – – –<br /></span> +</div></div> + +<p>Nun hat sie dennoch Eingang gefunden. Wenn man +will, durch ein Hinterpförtchen, denn unter den schematischen +Begriff der Epik lassen sich die zarten, duftigen Geschichten +nicht so leicht einfügen, weil sie Bilder und Träume, spinnwebfeine +Fabeleien und verlockende Plaudereien sind – Novellen +des Lyrikers und nicht Novellen schlechthin. Der epische +Kothurn fehlt; Salus sitzt nicht am Vorlesetisch, sondern näher, +viel näher. Ein anheimelndes Gefühl, eine liebliche und vertrauliche +Art liegt in der persönlichen Diktion – gleichsam +als säße man freundschaftlich mit zusammengerückten Stühlen +um einen Tisch, und einer, irgend einer, aber ein Kluger und +Feiner, begänne mit einem Male eine Geschichte zu erzählen +mitten in eine Plauderei hinein oder in ein Schweigen.</p> + +<p>Jene schöne Mühelosigkeit, die das leichte und doch so +geschickt gesponnene Gefüge von Salus Weisen uns lieb und +wert macht, verleiht diesen Geschichten eine unliterarische, +würzige Frische, eine Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das +Absichtsvolle, das ja in jeder belletristischen Schöpfung fühlbar +wird, möglichst unterdrückt.... Nicht einen Neuen gewinnt +man mit diesem Buche lieb, sondern den lyrischen +Fabulanten, den klugen, geschmackvollen und feinsinnigen Dichter +des Lebens, Hugo Salus, der selbst in der kleinsten Facette +das Bild der großen Kräfte zu spiegeln weiß.</p> + +<p><a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a><strong>Die Zeit:</strong> In dem neuen Buche von Hugo Salus haben +mich die Titelnovelle und »Das Register« entzückt. Die +erste Novelle sollte die dramatisch bewegte Geschichte einer +verratenen Frauenseele werden. Salus hatte die feste Absicht, +es auf der »ehrenwerten Landstraße der Sprache, die auch +einmal zwischen Kornfeldern und Kartoffeläckern dahinführt,« +zu versuchen. Doch er ist Lyriker, und – »man ist nicht +ungestraft zwanzig Jahre seines Lebens Lyriker, bloß Lyriker!« +Er schweift von der ehrenwerten Landstraße immer ab, in +»Blumengärten und feierlich rauschende Haine«, die Stimmungen +lenken ihn ab, das Singen der Worte verführt ihn. +Eine »echte, epische Novelle«, eine ordentliche Geschichte wird’s +eben nicht. Aber in diesem Bekenntnis liegt so viel Feinheit +und eine so liebenswürdige Ironie, in diesem spielerischen +Vortrag ein so lebendiger und biegsamer Geist, daß ich die +»Novellen des Lyrikers« für ein Kabinettstückchen der Prosa +halte. Über den Titel freilich und besonders über den bestimmten +Artikel darin ließe sich streiten. Die Storm, Keller +und Meyer waren bekanntlich auch Lyriker, und auf der +»ehrenwerten Landstraße« der Sprache haben sie dennoch mit +viel Vergnügen und großem Erfolg getrabt. Es mag ihnen +ja manchmal schwer geworden sein, die Zügel etwas straffer +anzuziehen, aber sie haben es verstanden. Und schließlich versteht +es auch – Hugo Salus selbst, wie »Der Handschuh«, +»Der Becher der Mensane« und »Der Toast« beweisen. Nur +weiß er, daß ihn alle Welt als den Sänger kennt, durch dessen +Lieder die Sehnsucht mit prinzessinnenhafter Grandezza schreitet +und aus dessen Versen Amoretten kichern. Darum glaube ich, +daß er den Titel aus einer gewissen Koketterie hingeschrieben +hat, wenn diese auch nicht frei von Wehmut ist. Als künstlerisches +Eingeständnis kommt mir die erste Novelle jedenfalls +ungemein interessant vor. Und nun möchte ich schnell über +all die hübschen Stücke, die jedem etwas bringen, über all +die ergreifenden Liebesgeschichten, phantastischen und sinnigen +Erklärungen, übermütigen Nordseebilder und glückseligen Italienfahrten, +zu der kleinen reizenden Novelle »Das Register« +eilen. (Folgt Inhalt.) – Es ist ja nur ein zierlicher Einfall, +dieses Geschichtchen. Aber mit der Kunst eines echten – +Lyrikers erzählt. Bei dem närrischen, sentimentalen und liebreizenden +Dialog der beiden Mädchen mußte ich an die Mädchengestalten +denken, die Klimt auf seinem Schubert-Bild gemalt +hat.</p> + +<p><strong>Die Zukunft:</strong> Die Leute, die zu tun haben, wenn +andere dichten, streiten sich jetzt weidlich herum, ob diese +<a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>»Novellen des Lyrikers« auch wirklich »Novellen« sind oder +nicht. Sollte man’s heutzutage noch für möglich halten? +So hängt uns also noch immer das Zöpfchen hinten und +Schablonisieren und Kategorisieren ist noch immer die Seele +von Tantchen Kritik? Salus hat doch deutlich gesagt, daß +er »Novellen eines Lyrikers« geschrieben hat, und dieser famose +Titel kann wohl allenfalls eine neue Richtung für Prosawerke +schaffen, schließt aber doch von vornherein jede Taxierung +und jeden Vergleich aus. Zum Glück ist man bei Bezopften +und Unbezopften so ziemlich darüber einig, daß es sich hier +um wahrhaftige Kunstwerke handelt, ob sie nun das Novellenpatent +besitzen oder nicht. Eigentümlich ist diesen seinen Ich-Geschichten, +die so persönlich anmuten, daß sie wie aus einem +großangelegten Tagebuch herausgeschnitten scheinen, ihre Entwickelung +aus dem Symbol. Dichterseelen sind hellsehend und +für Salus sind die seltsamen Zusammenhänge zwischen den +Dingen und ihren Wirkungen, zwischen dem Stoff und dem +Geist eine märchenreiche Domäne, in der seine starke Phantasie +sich – fast möchte man sagen: »mit Behagen« – ergeht. +Das ist es auch, was diesen Dichtungen in Prosa ihre besondere +Tiefe und Nachwirkung verleiht: Salus fabuliert in +einem Lande, das nicht auf der Oberfläche der Empfindungen +liegt; man muß gewillt sein, ihm ins Symbolische und oft +auch bis ins Mystische zu folgen. Das gilt allerdings nicht +von allen Stücken seines Buches; bei manchen herrscht scharfe +Deutlichkeit und die Erzählung fließt sicher dahin wie ein +wohleingedämmtes Bächlein. Bei anderen Stücken aber tritt +die Symbolik in ihr Recht, der Phantasie des Lesers (wenn +er eine hat) ist dann ein wohltuender Spielraum geboten, und +er kann auch gewissermaßen (wenn er’s kann) ein bißchen mitdichten. +In dieser intensiven Mitbeschäftigung des Lesers +liegt dann die dauernde künstlerische Nachwirkung.</p> + +<p>Eine Schwalbe, die in den Rachen eines hölzernen Todes +fliegt, als dieser eben, als Spielzeug einer Turmuhr, zum +Stundenschlag die Kinnladen öffnet, und die nun im Innern +des Todes gefangen bleibt, bis die nächste Stunde sie wieder +befreit: ein prächtiges Gleichnis für eine am Leben irrgewordene, +verzweifelte Jünglingsseele, die eine Stunde lang +den Schauern der Vernichtung preisgegeben ist, bis sie, mit +neugewonnenem Lebensmut, wieder dem Licht und der Freiheit +entgegenfliegt. In dieser Erzählung von der Schwalbe +(und nicht in dieser allein) kommt Salus unserem lieben Meister +Gottfried Keller in wunderliche Nähe. Noch bezeichnender +für den Erzähler Salus ist wohl aber die feine und seltsame +<a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>Geschichte »Hände«, in der sich uns ganz neue Empfindungsgebiete +erschließen. Zu einem Sterbenden wird in der Nacht +der Arzt und der Priester gerufen; und nun stehen beide an +seinem Lager und jeder tut das Seine. Da bricht der Mond +mit gespenstischem Leuchten durch das Fenster und nun reden +die salbenden Hände des Priesters, die forschenden Hände des +Arztes und die stillen, vergehenden Hände des Sterbenden +im fahlen Mondlicht eine tief ergreifende Sprache. Drei +einander fremde und ferne Welten, drei ungeheure Reiche aus +dem Weltall der menschlichen Seele berühren sich in diesen +Händen. Solches Hervorzaubern großer Ausklänge aus alltäglichen +Geschehnissen ist für Salus sehr charakteristisch. Die +tiefen Wirkungen dieser von der Frömmigkeit eines wahren +Dichters verklärten Erzählungen entschleiern sich freilich eher +einem naiv empfänglichen Gemüt als einem kritischen Kopf.</p> + +<p><strong>Leipziger Tageblatt:</strong> Mag er der großen und kleinen +Kinder Frage: »<em class="gesperrt">Wo kommen die Kinder her?</em>« beantworten +oder von der jungen »<em class="gesperrt">Schwalbe</em>« erzählen, die +im Rachen der Turmuhr verschwindet und dabei zur Offenbarung +für ihn wird, oder in »<em class="gesperrt">Der Becher der Mensane</em>« +ein Märlein aus der Landsknechtszeit dichten, in »<em class="gesperrt">Toast</em>« +tiefstes Frauenleid offenbaren, in »<em class="gesperrt">Hände</em>« eine sinnige Betrachtung +über der Menschen Sterben geben und in »<em class="gesperrt">Das +Symbol des Lebens</em>« ein Bild von hinreißender Schönheit +und Tiefe, immer überwiegt das Lyrische, immer taucht +der Erzähler seine Figuren und Geschehnisse in den Glanz und +den Schimmer der Poesie. Aber der Leser darf dessen schon +zufrieden sein, denn der auf diese Weise von dem Buche +ausgehende Stimmungsreiz ist ein ganz außerordentlicher, und +einen ebenso großen Genuß gewährt die künstlerisch ausgearbeitete, +vornehme Sprache. Und als Drittes kommen das +Licht und die Wärme der Darstellung in Betracht: die jauchzende +Frohlaune in »<em class="gesperrt">Seebad</em>«, die tiefe Innigkeit in den +schon erwähnten Novellen »Wo kommen die Kinder her?« +und »Das Symbol des Lebens«; empfängliche Gemüter werden +davon bis in die Tiefe der Seele gepackt werden und sich nur +schwer von dem Buche losreißen können.</p> + +<p><strong>Nord und Süd</strong> (Breslau): (Inhalt.) Wir dürfen nach +solchem Wurf mit hohen Erwartungen den weiteren Prosaschöpfungen +des Prager Poeten entgegensehen, dessen Persönlichkeit +in ihrer echten Vornehmheit, sympathischen Liebenswürdigkeit +und inneren Reinheit eine doppelt erfreuliche Erscheinung +ist in einer Zeit, da selbst begabte Frauen – bei denen +<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>wir Männer anfragen müßten, was sich ziemt – wüste +Dirnenlieder zu singen keine Scheu tragen.</p> + +<p><strong>Westermanns Monatshefte</strong> (Berlin): Manchmal sagt ein +einziger Buchtitel zur Charakteristik einer Literatur- oder Geschmacksrichtung +mehr als lange Untersuchungen und Abhandlungen. +Wie mit Zauberschlag erleuchtet er ein ganzes Gebiet, +das für das kritische Auge bisher im Dunkeln schwamm, +das weder rechte Form noch rechte Farbe zu haben schien. +Das war der Fall, als der Prager Schriftsteller <em class="gesperrt">Hugo +Salus</em> vor kurzem eine Sammlung kürzerer Erzählungen unter +dem Titel: Novellen des Lyrikers erscheinen ließ. – Auf einmal +wußte man, was eins der entscheidendsten, wenn nicht +<em class="gesperrt">das</em> Kennzeichen der jungösterreichischen Novellistik ist: der +starke lyrische Einschlag, der allen ihren Geweben eigen. +Arthur Schnitzler, J. J. David, Hugo Salus, Felix Salten, +Karl Federn, Emil Ertl – sie alle verleugnen selbst da, wo +sie, wie David in seinem »Übergang«, modern-naturalistische +Stoffe ergreifen, die starke lyrische Ader nicht, die ihrem künstlerischen +Organismus erst das Blut zuführt. Fast überall taucht +Salus seine kleinen und großen Handlungen in Glanz und +Schimmer, gibt in Prosa aufgelöste Rhythmen und hebt +die Welt seiner Menschen mit zärtlichen Armen über das Alltägliche +hinaus. Stoffe und Schauplätze der Salusschen +Novellen sind so verschieden wie möglich: ein zartes, sinniges +Märchen, das Kindern den Ursprung der Kinder mit naturwissenschaftlicher +Wahrheitsliebe und doch feinem Herzenstakt +deutet, steht neben einer geschehnisfrohen, in toller, überschäumender +Lebenslust schwelgenden Landsknechtgeschichte; eine +Landschaftsstudie vom Strande von Westerland steht neben +einer kleinen Novelle, die ganz durchglüht ist von der sehnsuchtsvollen +Freude an Italien, neben einem Stück Selbstbiographie, +das ein Bild aus dem modernen Prag zeichnet, +damit zugleich aber tief in die Geschehnisse einer menschlichen +Seele hinableuchtet. Doch nirgends ist es eigentlich das Was, +fast überall ist es das künstlerische Wie, das den Leser anzieht +und fesselt, wie der Dichter selbst sich augenscheinlich +weit mehr von den Worten und Tönen, von den Farben und +Formen, von den Bildern und Symbolen als von der sachlichen +Handlung und dem Fluß des äußeren Geschehens hat +ergreifen lassen. Freunden romanhafter Ereignisse sind die +»Novellen des Lyrikers« deshalb weniger zu empfehlen als +artistischen Feinschmeckern und Liebhabern erlesener Kleinkünste.</p> + +<p class="right"><em class="gesperrt"><em class="antiqua">Dr.</em> Friedrich Düsel.</em></p> +</div> + +<p class="printer">Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.</p> + + + +<div class="note"> +<p>[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. Die Liste der bisher vom Autor erschienenen Bücher wurde +zur Verlagswerbung ans Buchende verschoben.</p> + +<p> +p 059: Kapitelnummer hinzugefügt: I<br /> +p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse<br /> +p 084: Anführungszeichen ergänzt: ... sie ist eine Palma!«<br /> +p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers<br /> +p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen<br /> +p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem<br /> +p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter<br /> +p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt<br /> +p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen<br /> +p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken<br /> +p 228: von dem Bildern -> den<br /> +p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ]<br /> +</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a first +edition copy. The table below lists all corrections applied to the +original text. The list of other books published by the author was moved +to the end of the book next to the other advertisements.</p> + +<p> +p 059: added chapter number: I<br /> +p 059: durch ihre schlechten Verhälnisse -> Verhältnisse<br /> +p 084: added closing quotes: ... sie ist eine Palma!«<br /> +p 132: Die Tür im Hintergrunde des Zimmer -> Zimmers<br /> +p 140: Ritterschlag der Liebe sollte empfahen -> empfangen<br /> +p 151: mitten in den breiten Streifen Mondlichtes -> dem<br /> +p 186: sehr gelahrter Heilkünstler -> gelehrter<br /> +p 193: Bett täglich aufgeschüttet-> aufgeschüttelt<br /> +p 193: den der Graf für sich hatte fertigen lasse -> lassen<br /> +p 216: indem sie die Laken, das den Ritter bedeckte -> das Laken<br /> +p 228: von dem Bildern -> den<br /> +p 228: von der sachlichen Handlung und den Fluß -> dem Fluß ]<br /> +</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das blaue Fenster, by Hugo Salus + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BLAUE FENSTER *** + +***** This file should be named 17130-h.htm or 17130-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/7/1/3/17130/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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