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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: IMAGINÄRE BRÜCKEN + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: November 5, 2005 [EBook #17007] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + +JAKOB WASSERMANN + +IMAGINÄRE BRÜCKEN + + + STUDIEN + UND AUFSÄTZE + + + +KURT WOLFF VERLAG / MÜNCHEN + + +Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München +Druck von Dietsch & Brückner, Weimar +Herbst 1921 + + +Inhaltsverzeichnis + + Seite +Was ist Besitz? ....................... 5 +Faustina .............................. 29 +Der Literat ........................... 85 + Der Literat als Dilettant ........... 87 + Der Literat als Psycholog ........... 95 + Der Literat als Tribun .............. 111 + Der Literat als Schöngeist .......... 124 + Der Literat als Apostel ............. 131 + Die Frau als Literat ................ 140 + Ergebnisse .......................... 145 +Die Kunst der Erzählung ............... 151 + + + + +Was ist Besitz? + +Geschrieben 1919 + + +Die Zeit erschüttert die Begriffe und wühlt den Boden auf, dem sie +entwachsen sind. + +Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor allem darum zu +handeln scheint, den Wert, das Ausmaß und die Rechtsgrundlagen von dem, +was bisher Eigentum hieß, zu revidieren und umzuformen. + +Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher mit +unwiderlegbaren Argumenten verteidigen konnte, ja der geradezu ein +Gesellschaftsgesetz war, wird ihm plötzlich streitig gemacht mit +Gründen, denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck +verliehen wird durch Drohung von Gewalt. Gewalt ist nicht zu widerlegen. + +So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private Existenz +gegriffen, daß der Bürger, das Mitglied einer Gemeinschaft, die nur zum +Schutz ihrer selbst besteht, von einem andern Teil dieser Gemeinschaft +in seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten +Lebensbedingungen entrechtet werden soll, und daß ihm zugemutet wird, +die anscheinende Willkür und Unbill nicht bloß geduldig zu ertragen, +sondern auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere Ordnung darin zu +erblicken. + +Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen die alte +wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; dazu fehlt mir die Befugnis +und die Kompetenz. Es soll auch nicht von Schlagworten des Tages die +Rede sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; sie +haben die Köpfe genug verwirrt, die Leidenschaften genug erregt. Ich +möchte das Wesen des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach +verschiedenen Seiten, auf das innere und auf das äußere Leben, das +soziale und das individuelle, seine Legitimität und seine Schädlichkeit, +seine Fruchtbarkeit und seine Unnatur. + + +I + +Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfüllt gegen den, der +Überfluß hat. Es gibt Verstoßene, die durch keine Anstrengung dahin +gelangen können, wo die Lieblinge des Glückes sich am ersten Tage +befinden. So entsteht in Hunderttausenden, Millionen Gemütern +Bitterkeit, Haß, Neid und Auflehnung. + +Für den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der andere hat, schon +Überfluß. Wer nur ein einziges Hemd besitzt, für den ist der Besitzer +von zwei Hemden ein mit Glücksgütern Gesegneter. Wer sich nicht +sattessen kann, für den ist der sorgenvollste Satte ein Krösus. Wer kein +Bett sein eigen nennt, in dem er schlafen kann, für den ist der auf dem +Strohsack Ruhende beneidenswert. + +Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich viele +Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen des Besitzes hat. Zwischen +dem in einer Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im +Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen Nabob in der +ersten Kajüte mit Bade- und Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf +der alle Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, alle +Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle ausdenkbaren Schicksale der +modernen Welt spielen. + +Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf trennende Linie. Sie +scheidet diejenigen, die ihre Lebensnotdurft nicht stillen können, von +denen, die in der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse eine +selbstverständliche Voraussetzung erblicken. An dieser Linie teilt sich +die moderne Welt in zwei Lager. An ihr wütet der soziale Kampf in seiner +ganzen Furchtbarkeit. + +Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, ein +Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes Gefüge ist, so muß man sich +fragen, weshalb das eine Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner +Bedrückung, seinem Leiden die bevorzugte Situation des andern so lange +erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, allgemeinen, gewaltsamen Eingriff +vorzunehmen. Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter der +Ungerechtigkeit an sich trägt, mußte doch umsomehr zum Umsturz +herausfordern, als die zahlenmäßige Übermacht zu allen Zeiten auf Seite +der Entrechteten lag. Waren sie nicht genug durchdrungen von ihrem +Recht, dem Recht auf Brot und Wärme, auf Luft und Licht? Hat man ihnen +Schaustellungen des Prunkes erspart? Wußten sie nicht, was erreichbar +war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem Übermut und ihrer Härte? +Warum also die Geduld? + +Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt auf Seite der Reichen +war; sie konnten die Gewalt bezahlen, und unter denen, die bezahlt +wurden, befanden sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre Brüder +verrieten, eben weil sie bezahlt wurden. + +Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, raffiniertes und +uraltes System von Einschüchterung, Betäubung und Verdummung die Masse +der Unterdrückten in Bann gehalten hat, und weil zudem die Sorge für den +Tag, die dringende Notwendigkeit, Obdach, Nahrung und Kleidung zu +beschaffen, den größten Teil der verfügbaren Kräfte absorbierte. + +Es ist ein Stück der Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es +ist die äußerliche Wahrheit, aber nicht die innere. + +Nehmen wir an, es fände heute eine vollkommen gerechte und gleichmäßige +Verteilung aller vorhandenen Güter statt, beweglichen und unbeweglichen; +jedem wäre so die Unabhängigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit, +die Möglichkeit, seinen Anteil nach seinen Gaben und Kräften nutzbar zu +machen. Dieser paradiesische Zustand würde genau so lange dauern wie +ein Tüchtiger braucht, um einen Trägen aus dem Feld zu schlagen, ein +Listiger, um einen Dummkopf zu betrügen, ein Glückspilz, um über einen +Pechvogel zu triumphieren, eine talentvolle und feurige Persönlichkeit, +um Anhänger für eine Sache oder Idee zu gewinnen, der sie sich +versprochen hat. + +Daß in der von Menschen (so wie Menschen einmal sind) bevölkerten Welt +eine Besitznivellierung stattfinden kann, halte ich für denkbar, +obgleich ich fürchte, daß sie ohne Raub, Bedrückung, Gewalt und +Ungerechtigkeit nicht durchzuführen ist. Daß sie aber auch nur auf kurze +Dauer rechnen kann, halte ich bei einer Gemeinschaft, die nicht +ausschließlich aus Ackerbauern, Fischern, Jägern und Viehzüchtern +besteht, für undenkbar. Und auch hier würden sich die Schlauen, die +Tätigen, die Erfinderischen bald absondern, und Herren würden Sklaven +finden. Eine Binsenweisheit im übrigen. + +Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste von allzulange +hörig Gewesenen erhebt, ist auf den katastrophalen Moment dieser Epoche +gestellt; sie lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit +hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer Hypertrophie +erreicht. Das über und über gehäufte Mehr auf jener Seite soll +abgetragen werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren. Ich weiß +nicht, wie das geschehen soll, ich weiß nicht, ob es geschehen kann, +auf eine vernünftige, ersprießliche, rettungversprechende Art nämlich. +Daß es wichtig, daß es würdig und menschlich wäre, wenn es geschähe, +weiß ich, auch wenn mir die Sachverständigen mit klugen und +wahrscheinlichen Berechnungen vor Augen führen, daß es den Zusammenbruch +der gegenwärtigen Gesellschaft bedeute, und sich dieser in Rußland ja +bereits vollzogen habe. Kein Bestand irgendeiner Ordnung vermag dafür zu +entschädigen, daß lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, daß sie +besteht. + +Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde gehen. Eine Wut der +Materie hat sich des Zeitalters bemächtigt, die gegen alle Einflüsse des +Geistes, der Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige +Nutzanwendung wirft überall die Logik der Dinge und der Geschehnisse aus +der Bahn. Forderung überschreit Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz +der Zahl ist im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide gleich +seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos zu sich selbst, in +einer durch die Materie getrübten Beziehung zum andern und zur Welt, +abgetrennt vom sittlichen Verlauf, weil völlig geblendet oder erschreckt +vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren sein, alle wollen +sich ihrer bemächtigen. + +Jede Tätigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbrüchliche +Legitimität. Diese Legitimität ruht nicht in der Materie, sondern im +Geiste. + +Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben und Andenken der +gierigen und unempfindlichen Raffer und Wächter toten Eigentums, die das +Blut schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul und +achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution beriefen, wenn die +Lohnsklaven im Dunst der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende +Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger sie zur +Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren gesicherten Asylen +verschanzten, beschützt von Polizei und Militär, wenn die Not zu ihnen +schrie, das tausendfältige Elend der Städte sich verzweifelnd erhob, der +tausendfältige Schmerz seine fahlen Züge zeigte. Wehe den +Aktienparasiten, den gelangweilten Müßiggängern, den Spielern mit +Menschenseelen und Wucherern mit Menschenkräften, den Petrefakten und +dem schillernden Geschmeiß einer untergehenden Welt! + +Aber diese Schädlichen und Hinderlichen haben und hatten von jeher im +Lager der Armen und Geknechteten ein unabsehbares Heer von Lakaien, +Agenten, Anwälten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen +Kreaturen, die, gefällig jedem Wink, auf das Erträgnis ihrer Dienste +angewiesen, in Schranken gehalten durch die Stimme des Eigennutzes, +zitternd vor der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber, durch die +Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam, die nach wirkende Zucht der +Kirche und der Schule zur Indolenz und Scheinüberzeugung gebracht, +stützendes Element auf der einen, hemmendes auf der andern Seite der +Linie waren. + +Daraus jedoch schließen zu wollen, als hätte die Stabilität der +bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in unreinen Gesinnungen und +niedrigen Interessen, in der Trägheit und Knechtseligkeit der Massen +ihre Ursache, hieße der billigen Demagogie das Wort reden, die heute die +Straße und die politische Schaubühne beherrscht und die die menschliche +Natur und das Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder sie +überhaupt nicht in den Bereich der Argumente zu ziehen vermag. Was +ebenfalls ein Merkmal geistigen Abstiegs ist. + + +II + +Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut oder böse, ist +Achtung vor dem Besitz des andern Menschen angeboren. + +Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits eine anarchische +Seelenstimmung, die unmittelbar in die Verzweiflung mündet. Ehe solcher +Zweifel Wurzel faßt, muß der Glaube an die eigene Kraft verschwunden +sein; es kann keine Idee mehr vorhanden sein, die der Brutalität der +Wirklichkeit entgegentritt und sie unter sich läßt; das persönliche +Wertgefühl ist ertötet. + +Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang Idee. Nicht das, was mir +vorenthalten wird, ist der fremde Besitz, sondern das, was mir +unerreichbar ist; nicht das, worum ich durch Fügung oder Tücke betrogen +worden bin, sondern das, was außerhalb meiner Sphäre liegt. + +Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die Norm der sittlichen +Verfassung vorausgesetzt, kommt es nicht in Frage, ob der Nachbar, der +Freund, der beliebige Andere Vorrat und Anhäufung von Dingen hat, an +denen ich Mangel leide. Auch seine Würdigkeit kommt nicht in Frage, sein +Wagnis nicht, seine Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den +Andern, sondern nur, was mich betrifft. + +Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich. Was ich von der Welt +erringe, um meinen leiblichen oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist +Besitz. Besitz ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Faßbares, +Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium meiner Person und +innerhalb ihres Wirkungskreises irgend Leben erhält. + +Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von Besitz, ein +Unschaubares, Unfaßbares, Unbrauchbares, das Unding schlechthin. Deshalb +entsteht Täuschung und Lüge, wo es für Besitz genommen wird, Haß und +Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt es sich nicht in das Ding, gibt +es seinen Charakter als Vorwand nicht auf, bleibt es als häßliche +Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz und gar Gespenst +von Besitz, so ist es verzeihlich und logisch, daß unter denen, die von +seinem widrig-geheimnisvollen Zauberring ausgeschlossen sind, die in Not +verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen, eines Schattens, einer Formel +nicht bemächtigen können, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht, eine +finstere Erbitterung, schließlich ein Wahnsinn, Massenwahnsinn, der +genau das Bild unserer Tage malt. + +Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das Unding ist eines mit +dem Ungeist. + +Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens die Würde seines +Seins. Am Ding kann ich mich messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann +es mir inkarnieren, es kann mich nähren, kleiden, schützen, tragen, +fördern; es ist, je nachdem, Schmuck oder Lehre, Lohn oder Geschenk, +Waffe oder Trophäe, Beute oder Erwerb. + +Die ursprüngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen dem Ding +gegenüber ist die Ehrfurcht vor seiner Bestimmung. Und davon ging ich +aus. Es knüpft sich hieran von selbst der Glaube an die persönliche +Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung. Das quälende +Mißverhältnis in der sozialen Wirtschaft, die unüberbrückbare Kluft +zwischen den aufs äußerste gesteigerten Extremen fällt allein dem Dämon +zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt, denen trotzdem +Tauschgeltung eignet, das den Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung +entwertet und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung der +sozialen Kräfte herbeiführt. + +Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges und +Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser ist für den, der besitzt, +kennzeichnet es auch die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es +sind dies, tiefer betrachtet, zwei völlig verschiedene Gattungen von +Menschen und demgemäß zwei völlig verschiedene Eigenschaftsgruppen, die +zu betrachten sind. + +Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Phänomen, daß zwischen dem +Verlangenden und dem verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung +herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinität, die auf die +Schnelligkeit der Erfüllung Einfluß hat, ein seelisches Fluidum, das mit +größerer oder geringerer Gewalt das Zueinandergehörige zueinander +bringt. Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch, kann man auch vom +Schicksal zwischen Mensch und Ding sprechen. + +Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist, das zu entscheiden, +ist nicht einfach. Das Erwägen solcher Möglichkeit freilich fordert +bereits die Entrüstung der Rationalisten heraus, und ich möchte in +diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und Wirkung eines +Magnetismus dürfte auch von Grobnervigen nicht geleugnet werden; er +kommt ja in alltäglichen und trivialen Vorgängen oft genug zur +Erscheinung. Bemerkbar ist natürlich das Verhalten des Menschen, der +zum Ding steht. + +Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen, Fähigkeit, +Überlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte Wert, der Wert im +Bewußtsein der andern und die Weite des trennenden Wegs bringen die +Summe des Müheaufwandes hervor und ergeben die moralische Schätzung für +ihn. Ehrgeiz entfaltet sich; Pläne werden erdacht; Anstrengungen +wiederholen sich beständig; der Geist wird gebunden und auf ein Ziel +gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt werden müssen; +Hindernisse erheben sich außen, Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der +Wunsch trübt sich, erglüht wieder; alles dies in niedriger wie in hoher +Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei dem Ringen um ein kostbares +Gut. Das Bild dessen, was errungen werden soll, ist das fortwährend +verjüngende und erneuernde Movens, der Kräftespeicher, der Feuerspender; +es diktiert den Rhythmus, die Flughöhe, schafft die Züge und die Gestalt +des Lebens, es ist das Leben geradezu. + +Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen Lebensgesetz +stehen, sind hiervon in gleicher Weise umschlossen. Wo das Unding nicht +die Herzen und Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Geschöpf +einerseits zur Maschine oder gar zum Teil einer Maschine erniedrigt hat, +andererseits die, die sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in +feige, stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende, nur +menschenähnliche Hüter und Zuchtmeister verwandelte, überall dort ist +Spiel freier Kräfte, Spannung und Ausgleich, Begehren und Befriedigung, +Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren Stufen auf obere, von +oberen auf untere, Aufstieg und Fall, edle Sucht und gemeine, +eigennütziger Trieb und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung in +der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des Besitzes die Deutung +und der Inbegriff der vitalen Bewegung. + +Sogar jene Unglücklichen, die Hingewürgten und ihre Würger, kennen sie +auch nicht den Besitz als schöpferisch treibendes Element, so kennen sie +ihn doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verhängnis des +Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden der Fetischismus, bei den +entseelt Besitzlosen die Rauschillusion und Aufpeitschung durch das +Stimulans. + +Die opfervolle Bemühung, das engverstrickte Maschenwerk von Interessen +und Leidenschaften, das erschütternde Theater des Empor und Hinab der +Existenzen nennt man sozialen Kampf. Es ist, näher besehen, der Kampf +des einzelnen um sich, um das, was er liebt, um den Boden, um die Luft, +um das, was er braucht, damit er sein kann, was er ist. + +Geprüft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt durch die Prämie. Je +spezifischer, persönlicher, einmaliger, einzigartiger die Leistung, +desto höher die Prämie, sei sie nun von materieller, moralischer oder +geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange vorenthalten, auf +lange Sicht gebucht, und wird, in ihrer letzten Entmaterialisation als +Ruhm, als Kult bezahlt; völlig unterschlagen kann sie nur in seltenen, +tragischen Fällen werden. + +Darum löst die Prämie, wenn sie im harmonischen oder wenigstens +annähernd harmonischen Verhältnis zur Leistung steht, das Gefühl +vollzogener Gerechtigkeit aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner +Betätigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf des ganzen +Gesellschaftsorganismus in ihr seinen Herzpunkt hat, ist auch jeder +irgendwie für sie in Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das +System befehden, mögen List, Betrug, Verbrechen die Prämie verdrängen, +verkleinern, abwendig machen, den natürlichen Gang beeinflußt es nicht. + +Der Fähige fordert und wird bezahlt. Im Unfähigen schlummert neben der +Traurigkeit des Unbelohnten auch ein heimliches Bewußtsein von Schuld. + + +III + +Das Buch, das ich erworben habe, ist mein Eigentum. Derjenige Teil +meiner Arbeit, der den Kaufpreis repräsentiert, ist die Leistung. + +Somit wäre der Prozeß ein- für allemal erledigt: ich kaufe ein Buch, +stelle es ins Regal und bin Besitzer. Ob ich es gelesen oder nicht +gelesen, benützt oder nicht benützt, verwertet oder nicht verwertet +habe, das ändert an meinem Besitzrecht nichts. + +In der Tat ist dies der Vorgang bei allem bürgerlichen Besitz: die +Leistung ist erledigt und bewiesen durch den Kauf, wobei ich nach dem +bisher Gesagten unerörtert lassen kann, ob sie legitim oder illegitim +ist. Es kommt das weiter nicht in Betracht. + +Nun leuchtet es ein, daß es keineswegs dasselbe ist, ob ich einen Sack +Mehl kaufe, um ihn zum Kochen und Backen zu verwenden, oder ob ich +Bücher kaufe, um sie ins Regal zu stellen. In dem einen Fall ist meine +Leistung zweckhaft, im andern anscheinend zwecklos. + +Man nehme jedoch an, ich sei Sammler von Büchern, es sei meine Passion +und mein Entzücken, seltene Ausgaben, kostbare Exemplare oder eine +möglichst vollständige Reihe der über eine Wissenschaft erschienenen +Werke zu besitzen, so tritt bereits eine Zweckhaftigkeit hervor, auch +dann, wenn ich mich niemals mit einem von ihnen beschäftige, ihren +Inhalt nicht kenne, nicht verstehe, nicht schätze. + +Oder man nehme an, ich hätte eine umfangreiche Bibliothek ererbt und +obwohl ich lieber faulenze oder Forellen fische oder Blumen züchte, sei +ich durch Pflicht der Pietät, stille Abmachung von Geschlechtern her +verbunden, sie unangetastet, unverwertet in meinem Hause zu verwahren, +selbst auf die Gefahr hin, daß sie mir zur Last falle. + +Und schließlich nehme man an, die Bücher seien mir unentbehrlich, weil +ich mir eine bestimmte Einsicht, eine Erkenntnis verschaffen will, weil +sie Hilfsmittel zu meiner Arbeit sind, weil ich zu jedem einzelnen in +einer besonderen Beziehung stehe, die beständig wechselt, beständig +fluktuiert und infolgedessen sich beständig erneut, meine +Persönlichkeitsgrenze erweitert und die Fähigkeit zur Leistung erhöht, +so liegt der Zweck offensichtlich am Tage. + +Demgemäß sind vier Kategorien des Besitzes zu unterscheiden: +Verbrauchsbesitz, Schmuckbesitz, Erb- und Anhäufungsbesitz und +Produktionsbesitz. + +Das Merkmal des Verbrauchsbesitzes ist der Abbruch der Leistung mit dem +Nutzgenuß; des Schmuckbesitzes: die Leistung zum Phantasiegenuß; des +Erb- und Anhäufungsbesitzes: die brachliegende Leistung; des +Produktionsbesitzes: die Verwandlung der Leistung in höherer Sphäre zu +höherer Gestalt. + + +IV + +In Bernard Shaws »Candida« sagt der Pastor Morell: Wir haben so wenig +das Recht, Glück zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu +verbrauchen, ohne ihn zu erwerben. + +Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den stärksten Nachdruck auf die +Begriffe: Glück erzeugen und Glück verbrauchen. Einen um so stärkeren +Nachdruck, als diese scheusälig entwürdigte und besudelte Welt um uns +so glücklos geworden ist, so zerfetzt und entstellt und in den Morast +geschleift, daß sie in unserm beleidigten Bewußtsein nicht mehr froh +gemacht werden kann, und wenn Gott die Heerscharen seiner Engel als +Gärtner und Baumeister schickte. + +Wer sind die, die mehr Glück erzeugen, als sie verbrauchen? Seltene +Menschen, die seltenen Weisen, seltenen Dichter, seltenen Lehrer und +Versöhner, Former der Herzen, die Ausjäter, Wahrheitskünder, +Gestaltenbildner, die oft im verborgenen stehen, ins verlorene gehen, in +der Tiefe hinschwinden, der sie entstammen. Und je mehr Glück sie +erzeugen, je weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu +verbrauchen. Sie produzieren den Überschuß, der der Menge der zur +Produktion minder Befähigten zugute kommt. + +Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel Glück der Sammler +von Büchern, Münzen, Teppichen, Gläsern, Waffen oder sonstigen Dingen +erzeugt. Zumeist ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer. Tiefes +Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem die Freiheit fehlt, den Besitz +hörig macht. Alles Segensreiche liegt aber in der Freiheit, in der +Mitteilung, in der schenkenden Kraft. + +Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen der Rechenschaft +entziehen, so auch die letzten Ziele. Selbst bei den primitivsten fließt +das Endliche an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich seiner +Motive und Absichten klar zu sein dünkt, wäre sonderbar getäuscht, wenn +er alle Folge im Schicksalsverlauf überblicken könnte. Wie das endlich +Gedachte unendlich, so wird das eigensüchtig Getane allgemein; in +irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg, zu irgendeiner Zeit. + +Die egoistisch beschränkte Leidenschaft eines Sammlers, die +gesellschaftsfeindliche Gier eines Güteranhäufers ruft Bewegung weit +über den Kreis dieser Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv +auf andere Individuen und verdichten sich außerdem im Objekt. Von da aus +schaffen sie neues: sie schaffen Werke, Anschauungen, Spannungen, +Wetteifer, Erkenntnis, Freude und Schönheit. Das Individuum und seine +Motive sind überwunden. Die Dinge und die in ihnen verdichtete, von +ihnen wieder ausströmende Bewegung überwinden die Niedrigkeit und die +Endlichkeit des Individuums. + +Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken stehen, welche einst +Eigentum der Borgias waren, haben keine Erinnerung daran und brauchen +sich nicht an der Tatsache zu stoßen, daß diese Leute infame Giftmörder +und Banditen waren, die nebstbei die modische Herrenlaune hatten, Bilder +und Statuen zu sammeln. + +Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten, auch auf den +Sammler, der als Figur erklärt hat, was zu erklären war. Wichtig ist die +Erzeugung von Glück, von Freude, von Schönheit. Sie ist keineswegs nur +von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abhängig; sie umfaßt das ganze +Gebiet des realen Lebens, das Angenehme, das nutzlos, das Spielhafte, +das brotlos, das Glänzende, das zwecklos ist, den Überschwang und +Überfluß, die heitere Fülle, Fest und Illumination, den Perlenschmuck am +Hals einer Frau, den Pomp des Fürsten, den Luxus des Millionärs, die +Puppe in der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht, die +Marmorsäule des Tempels, die bunte Tracht des Wilden, den goldenen +Rahmen eines Spiegels, die Blumen auf einem Grab. + +Dies alles ist Frucht des Besitzes, und würde nach der unmittelbaren +Nützlichkeit gefragt, so müßte geantwortet werden: es ist verschwendeter +Besitz. Die Frage nach Nützlichkeit und Notdurft steht der nach Glück +und Schönheit schroff gegenüber. Wäre es den Menschen versagt, für ein +anderes Ziel zu arbeiten als für die Befriedigung ihrer leiblichen +Bedürfnisse, mehr anzustreben als höchstenfalls das persönliche Behagen +auf Grund der Erfüllung der gemeinen Sinnengelüste; wären diese +gewährleistet und der Pakt würde geschlossen um den Preis der Abkehr von +Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und Überflüssigem, so verwandelte +sich die Erde in ein düsteres Gefängnis, wo zweckbeladene, vom Zweck +kastrierte Sklaven langsam zu Idioten würden, in einen Stall satter, +verdauender Tiere, von denen eine Anzahl von Zeit zu Zeit die übrigen +in geheimnisvoller Tollwut überfallen und zerfleischen würde. Diese +Tollwut wäre die Rache der verstörten, vergifteten, medusisch gewordenen +Phantasie; denn Phantasie kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins +mörderische verkehrt werden. + +Leben wir denn nicht in einer Welt, ähnlich der? Nur daß der Pakt +unzulänglich ist, daß die gemarterten Tiere, weit entfernt, satt zu sein +und zu verdauen, hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande +gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die Kreatur winselt. +Nutzzweck heißt der Tiger, der uns in den Klauen hält, daß das edelste +Blut der Menschheit ausrinnt und sie sich nur noch müht um das, was ihre +Blöße bedeckt und ihren Magen füllt. O angstvoll starre Blicke, auf den +Trog geheftete Blicke, ihr kennt kein geläutertes Verlangen mehr; o +Freunde, zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach gejagte Vögel, ihr +wißt nichts mehr von Aufschwung und Jubel, der Enthusiasmus ist +gestorben in euern Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem +Büttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von der Maschine, von der +Materie, vom Zweck Besiegte und Entherzte! + + +V + +Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so verschieden wie Ich +und Welt. Wer ein Ding besitzt, unternimmt es, ein Stück Welt seinem Ich +einzuverleiben. Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt im Problem +der Identität. + +Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind äußerliche +Regelungen und Festsetzungen, soziale Dringlichkeiten. In Wahrheit +erringe ich den Besitz einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe. +Es gibt kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe. + +So wäre also auch die Liebe ein Problem der Identität? In der Tat +scheint es mir so zu sein. Setze ich an die Stelle des Begriffes »Welt« +den Begriff »Du«, so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles +Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du machen. Es ist die +höchste erreichbare Stufe des Besitzes, und deshalb hat auch die +Dichtung kein anderes Wort dafür als: einander besitzen. + +Um aber das Alltägliche des Gegenstandes nicht zu früh aus dem Auge zu +verlieren, so wird man einwenden, es heiße doch viel gefordert von der +Spannweite und dem Liebesvermögen der menschlichen Psyche, wenn man ihr +zumutet, daß sie sich mit allen den Dingen erotisch verschmelzen soll, +die unentbehrlich sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz, all +den Krücken und Behelfen, den Bindungen und Füllseln, deren Bestimmung +es ist, aufgenommen und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt +zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren schließlich, das bei besserer +Einsicht und vermehrter Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren +weichen oder bei herabgedrückten Umständen abermals dem Geringeren Raum +geben muß. + +Darauf ist zu erwidern, daß das durchaus eine Angelegenheit des +subjektiven Kräfteverhältnisses und der individuellen Phantasiefähigkeit +ist. Ich kenne Leute, denen es, bei offenbarer Wohlhäbigkeit, eine +gewisse Überwindung kostet, sich von einem Paar abgetragener Stiefel zu +trennen, wie es andere Leute gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen +teuern Menschen von sich stoßen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Es kann +sogar ein und dieselbe Person sein, die beides zu tun imstande ist. An +Dingen Haftende sind gewöhnlich nicht solche, die für Menschen glühen +oder für Menschliches sich einsetzen, und andererseits hat die +Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare Liebe für das Ding zur +Folge. Die universalen Seelen, wie Goethe eine war, vermögen mit ihrer +Liebe ein ganzes Universum zu umschließen, den Stein, die Blume, die +Sterne, die Werke der Künstler, die Menschheit, den Teufel und Gott; die +engen Herzen müssen mit ihrem beschränkten Platz wirtschaften, und wenn +es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung fehlt, geht alles +drunter und drüber, und das Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften, +zum Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik. Man ist geneigt, +darin Lüge und Verlogenheit zu sehen, es ist aber meist nur Enge und +wegen der Enge Verwechslung und Verwirrung. + +In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte alle Dinge, die mir +in sinnvoller Beziehung zu denen zu stehen schienen, welche sie besaßen. +Ich liebte sie fast ebenso, als hätte ich selbst sie besessen. In dem +Maß, als mir Besitz zuwuchs, so kärglich dieses Maß auch war, erlahmte +die Fähigkeit zu solcher Phantasieliebe, denn die von mir besessenen +Dinge standen fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie +entkräfteten die Flügel, die im Fluge alles bedecken, sie ernüchterten +die Augen, die im Traum alles an sich reißen konnten, im Traum der +Identität. + +Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos. Nur der ist es, der +wissend auf Besitz verzichtet. Aber es ist dies kein gesellschaftliches +Ideal, sondern ein religiöses, kein europäisches, sondern ein +orientalisches, kein sentimental-humanitäres, sondern ein +unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung, sofern man überhaupt +von der Verwirklichung eines Ideals reden kann, führt nicht das +modern-kommunistische Diktat der Enteignung, sondern das +mythisch-buddhistische der Entäußerung. + +»Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und zwar: durch Auflösung +von Bild und Begriff wird Bewußtsein aufgelöst, durch Auflösung des +Bewußtseins wird Bild und Begriff aufgelöst, durch Auflösung von Bild +und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst, durch Auflösung des +sechsfachen Reiches wird Berührung aufgelöst, durch Auflösung der +Berührung wird Gefühl aufgelöst, durch Auflösung des Gefühls wird Durst +aufgelöst, durch Auflösung des Durstes wird Anhangen aufgelöst, durch +Auflösung des Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösen des +Werdens wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter und +Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung gehn +zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensstückes Auflösung zustande. +Auflösung, Auflösung!«[1] + +[Fußnote 1: Reden Gotamo Buddhos, übersetzt von Neumann.] + + + + +Faustina + +Ein Gespräch. Geschrieben 1907 + + +Vor Jahren hatte in einem geselligen Kreis, in dem ich damals verkehrte, +die junge C. viel Aufsehen gemacht. Abkömmling einer alten Adelsfamilie, +hatte sie sich, kaum zwanzig Jahre alt, von dem Zwang und Drill ihrer +Welt befreit, um, wie sie sich ausdrückte, »selbst« zu leben. Die +Ungebundenheit ihrer Lebensführung war in der Tat erstaunlich. Eine +Zeitlang kämpfte sie im größten Elend; plötzlich ging sie zum Theater, +dort heiratete sie einen Schauspieler, von dem sie sich nach +dreimonatlicher Ehe wieder trennte. Um Geld zu verdienen, übersetzte sie +mittelmäßige Romane aus dem Französischen. Eines Tages hieß es, sie sei +mit einem reichen Brasilianer verlobt und mit ihm in seine Heimat +gereist. Aber schon nach Jahresfrist kam sie zurück, – ohne Brasilianer, +leider genau so arm wie zuvor. + +In dieser Zeit näherte ich mich ihr. Wir hatten uns ziemlich viel zu +sagen. Faustina, so wurde sie meist kurzweg genannt, war geistreich, +und, was mehr ist, ihr Geist hatte Fundamente. Sie war schön und sie war +exzentrisch; nimmt man aber dies Wort in genauem Sinn, so hatte sie mehr +Mittelpunkt als diejenigen, in deren Bezirk sie sich fremd erschien. Ob +sie auch immer anziehend war, lasse ich dahingestellt; eine Fremde war +sie durchaus, stets fremd, nie bürgerlich vertraut, höchstens seelisch +verwandt. Zur Abenteuerin fehlte ihr die Skrupellosigkeit, und um eine +große Dame zu sein, war sie zu ruhelos und zu voll von Opposition. + +Wieder eines Tages war Faustina verschwunden. Sie verabschiedete sich +nicht einmal von mir. Niemand wußte, wohin sie gegangen war, und sie +blieb verschollen. Man vergaß sie, auch ich verlor sie beinahe aus dem +Gedächtnis. Da, wiederum nach Jahren, begegne ich ihr plötzlich auf der +Straße. Sie gewahrt mich, sie zögert, ich mache Miene, sie anzureden, +sie grüßt und geht weiter. Kurz darauf erhielt ich ein Billett von ihr +mit der Aufforderung, sie zu einer bestimmten Abendstunde zu besuchen. + +Sie wohnte in einer Vorstadtpension. Ich trat in ein Zimmer, das die +übliche Halbeleganz fliegender Quartiere aufwies. Faustina war noch +immer schön, aber wie von einem sich entlaubenden Baum kann man auch von +dem Herbst eines menschlichen Gesichts sprechen. Ohne Zweifel las sie in +meinem Gebaren, daß ihre lakonische Einladung eher geeignet war, Neugier +zu erregen als an freundliche Beziehungen zu erinnern. »Die Sache ist +die, daß ich ganz ausgehungert darnach bin, mit einem vernünftigen +Menschen zu reden«, sagte sie. »Ich habe berechnet, daß ich seit +siebzehn Monaten bloß mit Kellnern, Kutschern, Zimmervermieterinnen, +Hausmeistern und Ladenmamsellen gesprochen habe. Das heißt doch leben, +wie? Daß ich so viel Talent zur wandelnden Mumie besitze, wer hätte das +gedacht.« + +»Sie haben immer zu überraschen verstanden, Faustina«, versetzte ich +ablenkend. + +»Als ich Sie auf der Straße sah,« fuhr sie fort, »hatte ich ein Gefühl +just wie Robinson, als er das erste Schiff vor seiner Insel gewahrte.« + +»Und doch sind Sie davongelaufen, gar nicht wie Robinson, sondern wie +Freitag, der scheue Wilde.« + +»Ja; scheu bin ich geworden. Wenn ich wenigstens schreiben oder +musizieren könnte! Den Kunstdilettanten bietet die Welt immer noch +Lockungen, und von allem, was im Menschen abzutöten ist, stirbt die +Eitelkeit zuletzt. Aber leider, ich bin stumm geboren, und der bloße +Kunst_genuß_ quält den Stummen manchmal mehr, als er ihn beruhigt.« + +»Ich wundre mich, Faustina. Sie waren doch stets obenauf. Eine richtige, +tüchtige Schwimmerin waren Sie. Haben Sie denn keine Arbeit, keine +Betätigung mehr?« + +»Ich finde es langweilig, zu arbeiten. Was kommt dabei heraus? Eine Art +von Trunkenheit und Selbstbetrug bestenfalls. Arbeiten, wie das klingt! +Dem Leben mit Gewalt ein Versprechen abnötigen! Ich brauche keine +Versprechungen mehr, ich glaube an keine mehr. Vorläufig hab ich noch +ein bißchen Kapital, meine Eltern sind nämlich gestorben, und man hat +mir den Pflichtteil ausbezahlt. Aber von den Zinsen könnt ich nicht +leben, das würde höchstens für eine Büchse Kaviar im Monat reichen.« + +»Also ist am Ende Ihre Einsamkeit ein ökonomisches Prinzip?« + +»Um Gottes willen, wer wird so philisterhaft denken!« + +»Und da treiben Sie sich nun mutterseelenallein herum, ohne Genossin, +ohne Freundin –?« + +»Ach was, Freundin! Ich habe keine Freundin, habe nie eine gehabt. Eine +Frau hat niemals eine Freundin.« + +»Aber die Freunde, Faustina! Sie ließen mich einmal glauben, daß ich Ihr +Freund sei.« + +»So? Wirklich? Mag sein, doch ich ärgerte mich, daß Ihnen keinen +Augenblick lang der Einfall kam, etwas anderes sein zu wollen.« + +Sie lachte über mein verdutztes Gesicht und fuhr fort: »Spricht man +hingegen nicht vom Freund, sondern von den Freunden, so muß ich +gestehen, daß ich für solche Beziehungen nicht viel übrig habe. Die +Freunde, das sind Wesen von einer geradezu lächerlichen Gefräßigkeit. +Sie verdauen schneller als die Hühner, und sie bleiben immer mager, ihr +Herz bleibt immer mager.« + +»Dennoch, Faustina, mit Menschen verbunden zu sein, bleibt der schönste +Vorzug des Menschen. Einen isolierten Zustand schadlos zu ertragen, dazu +gehört schon eine ungewöhnliche Seelenstärke.« + +»Mag sein, mag sein«, erwiderte Faustina, und sie lächelte unbestimmt +vor sich hin. + +»Offen gestanden, hätte ich nicht erwartet, Sie so zu finden«, fuhr ich +fort. »Ich dachte Sie mir in großen Erlebnissen. Eine Gestrandete, oder +wie Sie sagen, einen Robinson, nein, das hatte ich nicht erwartet. +Faustina unentflammt, Faustina ohne Liebe, ohne Verliebtheit, Faustina +einsam, was hat das zu bedeuten?« + +Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete. »Was kann es +andres zu bedeuten haben, bester Freund, als daß für Faustina keine +Liebe mehr da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die Rahel +Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person war, hat es einmal als +besondere Genialität Goethes gepriesen, daß er im Wilhelm Meister die +drei Frauen, die lieben können, Marianne, Aurelie und Mignon, sterben +läßt; denn, sagte sie, es ist noch keine Anstalt für solche da. Sehr +tiefsinnig: es ist noch keine Anstalt für solche da! Sie schweigen? Sie +meinen, ich lebe ja. Gewiß, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch. +Ehemals, da spürte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt empfinde ich die +ganze Kälte des Zeitalters. Vielleicht ist es mein Mißgeschick, für eine +Epoche geboren zu sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff +ist.« + +»Verallgemeinerungen sind töricht. Man muß sich, Faustina, vor der +Manier der Malkontenten hüten. Der Malkontente nämlich, das ist ein +Mensch, der aus seiner persönlichen Unfähigkeit eine Weltanschauung +macht.« + +»Sie sind sehr deutlich, mein Lieber. Ich bin aber keine Malkontente. +Malkontente opfern sich nicht.« + +»Haben Sie sich denn geopfert?« + +»Wenn es opfern heißt, zu lieben, wahrhaft zu lieben, sich wegzuwerfen –« + +»Sich wegzuwerfen, das heißt nicht lieben und das heißt nicht sich +opfern. Doch wir verstimmen uns im Wesenlosen. Erzählen Sie mir. +Erzählen Sie mir von Ihrem bisherigen Leben. Es gibt nichts +Überzeugenderes als das Erlebnis, Faustina, nichts Unbedingteres als die +Art, wie ein Mensch von Erlebnissen sie vorzutragen weiß.« + +»Um keinen Preis. Ich kann nicht von mir sprechen, solang Sie argwöhnen, +daß ich meine persönlichen Enttäuschungen gewissermaßen an der Zeit +rächen möchte.« + +»Es ist schwer, liebe Freundin, und nicht einmal dem Glücklichen gelingt +es, Zeit und Schicksal auseinanderzuhalten.« + +»Was wäre auch zu erzählen«, versetzte Faustina. »Eine Geschichte wie +hundert andere. Wenn ich Ihre Erwartungen in bezug auf meine Person +betrüge, so ist das Ihre Schuld.« + +»Sie sagen, Sie hätten geliebt und sich weggeworfen. Darin liegt mehr +Schuld, als Sie glauben.« + +»Ich habe keine Schuld. Oder sind übertriebene Hoffnungen eine Schuld? +Bin ich dafür verantwortlich, daß eure Gesellschaft, wie sie nun einmal +ist, Liebe nicht mehr gewährt, daß für die Liebe kein Platz mehr in ihr +ist? Sie schütteln den Kopf, und doch ist es so. Gibt es heutzutage noch +eine Gestalt, in der Dichtung oder im Leben, deren Existenz in der Liebe +wurzelt? Der Politiker, der Staatsmann, der Forscher, der Erfinder, der +Soldat, der Fabrikant, der Börseaner, im Notfall sogar der Künstler, sie +alle können ein modernes Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man +bewundert eine Figur wie die des Casanova, man findet eine Frau wie +Julie de Lespinasse äußerst rührend, man erstaunt über Ninon de +l’Enclos, aber sie sind im Grunde nichts weiter als Legenden und +Raritäten, man hat für sie das Interesse des Orientalisten, der +babylonische Ruinen ausgräbt. Wenn Casanova heute erschiene, würde er +wahrscheinlich als Hochstapler ins Gefängnis gesteckt werden, und auch +bei Don Juan würde schließlich anstatt des steinernen Gastes ein +Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat, der Forscher, der +Künstler, sie sind heute nichts weiter; Staatsmann, Soldat, Forscher und +Künstler, basta; darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert. +Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie Voland oder die Briefe +Mirabeaus an Mademoiselle de Monnier, so zeigt sich, daß da über den +Geist hinaus, über ein allgemeines, ja welthistorisches Wirken hinaus +noch Leidenschaften blühten, zwecklos wie die Blumen in einem Garten. +Heutzutage ist die Liebe das Geschäft der Poeten, ob sie nun schreiben +oder bloß träumen, und nicht einmal der berufensten, denn die stellen +sich würdigere Aufgaben, sie müssen Probleme lösen. So sagt man doch: +Probleme lösen. Nußknacker der Zeit, die sie sind.« + +»Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, daß die menschliche Natur +immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen der Zeit bringen nur eine +oberflächliche Häutung mit sich. Es sind Wandlungen des Geschmacks, der +Mode, der Manier, der Gebärde. Herz und Blut verwandeln sich nicht. Die +Leute des achtzehnten Jahrhunderts gefielen sich in schwungvollen +Episteln; das war eben der Geist der Epoche. Sie mögen uns überlegen +gewesen sein in der Fähigkeit, über ihre Empfindungen zu reden und sich +darin zu spiegeln, darum aber waren die Empfindungen selbst nicht +tiefer. Sie hatten auch die Gabe, alltägliche wie besondere Ereignisse +ihres Daseins in der Konversation auf das anmutigste zu behandeln. Ich +gebe zu, daß damit eine Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren +Verlust wir beklagen müssen –« + +»Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte. Unsere Form der +Geselligkeit macht das Entstehen der Liebe fast unmöglich. Bringen Sie +einmal ein Dutzend Menschen aus derselben Bildungssphäre zusammen, die +einander halbwegs fremd sind. Abgesehen davon, daß Sie Gespräche hören +werden, bei denen Ihnen die Haut schaudert, wird auch der einzelne mit +dem Wunsch nach Annäherung die größten Schwierigkeiten finden.« + +»Wir sind eben schweigsam geworden.« + +»Nur schweigsam? nicht auch zerstreut, nicht auch müde? nicht auch +faul?« + +»Nur schweigsam. Unsere Altvordern, die hatten viele Heimlichkeiten, +aber Geheimnisse hatten sie eigentlich keine. Für uns spielen +Heimlichkeiten keine Rolle mehr, dagegen sind wir voll von Geheimnis. +Ehemals kannte man in der Chemie nur vier Elemente, heute hat sich alles +Elementare in Atome gelöst. Ähnlich ist es der Gesellschaft ergangen. +Wir haben keine Gesellschaft mehr, weil jedes Individuum als eine Welt +für sich und mit dem ganzen Geheimnis seiner Welt auftritt.« + +»Auch mit der ganzen Anmaßung seiner Welt.« + +»Gut. Natürlich war es bei geschlossenen Gesellschaftskomplexen, wo +jeder gleichsam das Abzeichen seiner Kaste trug, viel leichter, gewisse +Kulturideale, oder besser gesagt, modische Ideale durchzuführen und als +gang und gäbe festzuhalten. Modische Ideale haben wir nicht mehr, weil +wir von vornherein entschlossen sind, in nichts, was mit dem Ideal +zusammenhängt, Konzessionen zu machen. Deswegen kann die Liebe keine +gesellschaftliche Übereinkunft mehr sein, deswegen auch hat sie keine +gesellschaftliche Abgrenzung mehr. Es haben sich die Grenzen verschoben, +nach außen und nach innen. Nach außen und nach innen ist alles +komplizierter geworden; oder sagen wir: verfeinerter, oder: +verschwiegener. Ehemals begehrte man in einem Liebesverhältnis die +Person des Liebenden oder Geliebten, jetzt begehrt man mehr, nämlich die +Persönlichkeit.« + +»Modische Ideale oder andere Ideale, darnach frag ich nicht«, entgegnete +Faustina lebhaft. »Ideale aufzustellen, in dieser Beschäftigung habt ihr +es freilich zu einer gewissen Handfertigkeit gebracht. Aber die Sache +scheint mir die, daß zwischen Ideal und Wirklichkeit eine so ungeheure +Entfernung ist, daß die beiden schon gar nichts mehr miteinander gemein +haben. Da ist kein Weg, keine Brücke. Es ist, als riefe man mir zu: geh +nach dem Mond. Es war der Vorzug vergangener Zeiten, daß sie +realisierbare Ideale hatten.« + +»Heißt denn das schon ein Ideal realisieren, wenn man imstande ist, sich +gesellschaftlich mitzuteilen oder selbst hinzugeben?« erwiderte ich. +»Konversation fordert Leichtigkeit; die allerdings fehlt uns. Sie setzt +ein Interesse für vieles voraus, wofür Teilnahme zu heucheln uns gar +nicht mehr einfällt. Wir würden es abgeschmackt finden, über die Liebe +und ihre verschiedenen Arten zu philosophieren. Unsere Zeit ist nach +jeder Richtung hin monologisch gestimmt. Gesteigerte Anschauung und ein +erhöhter Respekt verhindern uns durchaus, über das Bedeutungsvolle +gewisser Lebensfragen zu sprechen. Wo wir uns sympathisch erfaßt sehen, +glauben wir eine Erörterung darüber entbehren zu können; ganz mit Recht. +Ich möchte sagen, wir verkehren unter tieferen Voraussetzungen +miteinander. Ist Ihnen denn nicht auch im Grunde jede Ankündigung eines +Gefühls ein Greuel? Finden Sie denn nicht auch die ganze Phraseologie +der Liebe von Anno dazumal lächerlich und aufdringlich? Kribbelt es +Ihnen nicht in den Fingern, wenn der Liebhaber auf dem Theater seine +Liebeserklärung vom Stapel läßt?« + +»Ach ja, das sind Geschmackssachen«, versetzte Faustina. »Geschmack, das +lasse ich gelten, Verfeinerung ist mir zuwider. Die Scham seiner Gefühle +haben, schön. Aber noch schöner ist es, dünkt mich, den Mut seiner +Gefühle haben. Wenn Sie mir den Punkt angeben können, wo eines aufhört +und das andere anfängt, ich meine, wo die Feigheit aufhört und die +Verantwortlichkeit anfängt, dann will ich mich zufrieden geben. Aber +dazu werden alle Waffen Ihrer Rabulistik nicht ausreichen.« + +»Möglich. Man kann ja überhaupt nicht streiten, wenn man nicht derselben +Meinung ist.« + +»Wie? kann man nur streiten, wenn man derselben Meinung ist?« + +»Gewiß; im Grunde gewiß.« + +»Großartig! Ein wildes Paradox!« Faustina lachte, was ihrem Gesicht +einen entzückenden Reiz verlieh. »Aber wir verstehen uns am Ende doch«, +fuhr sie fort. »Sie kennen sicherlich die arabische Erzählung vom +Sklaven der Liebe; ist es nicht ergreifend, wie der schöne Jüngling +unter der Gewalt seiner Sehnsucht hinsinkt, als ob ihn eine tödliche +Krankheit erfaßt hätte? Oder da las ich neulich die Geschichte von +Raimundus Lullus, der am Hof des Königs von Arragon ein ausschweifendes +Leben führte, bis ihn plötzlich eine glühende Leidenschaft zu der +schönen Ambrosia de Castello packte. Eines Tages läßt ihn die Dame in +ihr Gemach kommen, enthüllt sich ihm, und es zeigt sich, daß sie durch +einen furchtbaren Brustkrebs dem Tod verfallen ist. Raimundus, bis ins +Innerste erschüttert, weiht sich einem Leben völliger Keuschheit. Doch +wozu Beispiele; vielleicht beweisen Beispiele nichts. Ich sehe freilich +darin Kundgebungen edler Leidenschaft. Dieser Raimundus Lullus etwa, ich +nenne gerade ihn, obwohl es auf Namen hier nicht ankommt, er lebte in +seiner Liebe wie die atmende Kreatur in der Luft. Es gab für ihn nicht +anderes außer seiner Liebe. Er war in der Liebe, er war von Liebe +besessen, ein Besessener war er. Ich habe niemals einen von Liebe +Besessenen gefunden. Viele besaßen die Liebe, das wohl, aber von ihr +besessen waren sie nicht. Solche fand ich, die vom Spiel besessen waren, +vom Geld, vom Ehrgeiz, von Wollust, aber von Liebe Besessene fand ich +nicht.« + +»Wenn Sie Umschau halten, Faustina«, fiel ich ihr ins Wort, »können Sie +zu jeder Zeit und wo immer es auch wäre, Handlungen von der gleichen +Bedeutung und Intensität gewahren. Wir führen eine zu abgeschlossene +Existenz, als daß Sinn und Motiv ihrer einzelnen Vorgänge zu jeder +Stunde offenbar oder handgreiflich zu nehmen wären. Es ist nichts +einfältig genug, es ist alles zu vielfältig, zu weitschichtig, als daß +man durch anekdotische Belege imponieren könnte. Selten hat ein Ereignis +Anfang und Ende für uns, selten läßt es sich als Anekdote fassen, noch +seltener ein ganzes Leben. Ja, es ist alles unfaßbar, unendlich, alles +auch scheinbar ohne Stichhältigkeit oder ohne Konsequenz, und doch, wenn +man hinfühlt, wenn man im Nerv der Dinge lebt, von tiefstem Belang.« + +»Aha, Sie spielen schon wieder auf das Geheimnis an. Es läßt mich kalt, +Ihr Geheimnis, es ist mir zu pomphaft. Ich lobe mir dafür die +Heimlichkeit; sie ist heiter und beweglich.« + +»Lassen wir das Geheimnis. Ich sage nur: die Leidenschaften waren und +sind zu jeder Zeit und in jedem Jahrhundert dieselben. Ich will gar +nicht an die Tragödien erinnern, die sich in stillen Stuben ereignen, es +wird davon wenig Aufhebens gemacht und drei Zeilen in einer Zeitung sind +alles, was bisweilen ans Licht kommt. In meiner Heimat gab es ein junges +Paar, und sie liebten einander. Die Eltern des Mädchens setzten der +Verbindung hartnäckigen Widerstand entgegen. Als man sah, daß die Liebe +der beiden nur um desto größer wurde, je mehr Hindernisse man ihnen +bereitete, wurde dem jungen Mann gesagt, er solle das Mädchen haben, +doch müsse er sich zuvor drei Jahre lang nach Amerika begeben und +während dieser Zeit dürfe weder er der Geliebten schreiben, noch sie +ihm. Wenn er nach abgelaufener Frist seine Neigung unbesiegbar finde, +werde man gegen die Heirat nichts mehr einwenden. Und so geschah es, der +Jüngling reiste übers Meer. Etwa ein Jahr lang ging alles gut, das +Mädchen lebte in schöner Gewißheit. Auf einmal fing sie an zu kränkeln, +verlor ihre Munterkeit, und ohne daß ein Arzt den Sitz des Übels zu +entdecken vermochte, siechte sie hin. Die Eltern wurden besorgt, man +begann nach dem jungen Mann zu forschen, aber da er keine Angehörigen in +der Stadt hatte, verursachte dies viele Umstände, und das junge Mädchen +starb, ihr Leben erlosch wie ein Feuer, das keine Nahrung hat. Gleich +darauf stellte es sich heraus, daß der junge Mann dort drüben im fremden +Land ebenfalls den Tod erlitten hatte, und zwar beinahe an demselben +Tag, an welchem die Krankheit des Mädchens begonnen hatte.« + +»Eine hübsche Geschichte zwischen Menschen ohne Elan«, sagte Faustina. +»Warum waren sie gar so still und subaltern, die armen Liebesleutchen? +Ach, täuschen wir uns nicht darüber hinweg; man hat aufgehört, die Liebe +als eine herrschende Gewalt zu betrachten. Es ist deswegen auch ihr +Ritus und Zeremoniell, wenn ich mich so ausdrücken darf, verloren +gegangen. Und was ist schuld daran? Wer weiß es! Vielleicht der Beruf, +vielleicht die Bildung, vielleicht beides. Der eine Moloch verschlingt +die Zeit, die schöne Muse zweckloser Träume, der andere vernichtet die +Ursprünglichkeit der Gefühle. Es gibt zu wenig Leute, die sich +langweilen, oder besser gesagt, die das Talent haben, sich zu +langweilen. Man ist rationalistisch bis auf die alltäglichen Launen. Man +will immer einen Grund und immer einen Zweck. Man geht nicht mehr +spazieren, sondern man macht Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel +setzt, geschieht es für Dinge, die dessen nicht wert sind. Was mich +betrifft, ich sah Männer, ernsthafte Männer erschrecken bei dem bloßen +Gedanken an tieferes Attachement. Ich kannte andere, die auf Abenteuer +ausgingen und die schleunigst, wie vom Donner gejagt, die Flucht +ergriffen, wenn sie in Gefahr waren, einer Leidenschaft zu unterliegen, +deren Meister sie nicht sein konnten. Da ist ein Mann, fähig zur +Hingebung, ja, zur Aufopferung, der jeden Keim großer Empfindung durch +unablässiges Frage- und Antwortspiel mit sich selbst zerstört, wie wenn +ein verrückt gewordener Gärtner jeden Morgen die schönsten Knospen +abrisse und zwischen den Fingern zerriebe, und da sind andere die aus +purer Herrschsucht, aus purem Mutwillen, aus purer Eitelkeit, aus purem +Unverstand das Kostbarste, was sich ihnen anbietet, zu niedrig +einschätzen, nur weil es sich ihnen anbietet, und verwesen lassen, was +sie hegen sollten. Ich spreche jetzt nicht von dem, was mir widerfahren +ist, denn mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind solche, +die ihr halbes Leben darnach versehnen, sich in einem großen Gefühl +verlieren zu dürfen; wenn dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie +plötzlich voller Ausflüchte, voller Ausreden, voller Angst, den Geist +ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede Entschlossenheit in der Idee +und in der Sehnsucht verausgabt. Das, sehen Sie, ist Empfindsamkeit, und +diese Art Empfindsamkeit, sich in der Idee und in der Sehnsucht zu +verschwenden, ist uns so verderblich. Da stürzt man sich dann in den +Pfuhl einer charakterlosen Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen, +oder um den Zustand einer allgemeinen sinnlichen Unruhe zu beenden, oder +um Konflikten zu entgehen, denen sie nicht gewachsen sind, oder um +gewisser sozialer Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler +Gedankenlosigkeit schlechthin; die Männer, um ein Heim zu gründen, wie +sie mit heuchlerischer Poesie behaupten, in Wirklichkeit, um sich zur +Ruhe zu setzen, um sich von ihren Jugendsünden, Sünden des Geistes und +des Herzens, des Körpers und der Seele zu erholen. Wäre dabei die Ehe +bloß eine soziale Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie +gewisse Freiheiten eher fördert als verbietet, oder wie im Altertum ein +ungleiches Verhältnis von Tyrannei und Sklaverei zum Gesetz erhebt, so +wäre es noch gut; aber nein, sie ist sakrosankt, und damit schützt sich +die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, das ihr die +Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst erwecken müßte. Großer +Gott, was für ein Rattenkönig von Verlogenheiten! Alles muß herhalten, +um den Mangel wahrhafter Liebe, uneigennütziger und edler Gefühle zu +vertuschen: Wissenschaft und Kunst, Staatsinteresse und Humanität, +Christentum und Freigeisterei, lauter schöne Kulissen für ein +nichtswürdiges Schauspiel!« + +Faustina war außerordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid, ihr zerstörtes +Wesen rührte mich. Ich erkannte, wie das Schicksal in ihr gehaust, und +ein halb entschuldigendes, halb selbstverspottendes Lächeln, das alsbald +auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht täuschen. Ich schwieg; mein +langes Schweigen gab ihr wieder einige Haltung. Sie erhob sich und ging +mit verschränkten Armen auf und ab, wobei sie fortfuhr: »Es gibt eine +Novelle von Tschechow, sie handelt von einem alternden Mann, der ein +Liebesverhältnis mit einer verheirateten Frau hat. Sie treffen sich +heimlich, und einmal, gerade während er sie begrüßend umarmt, wird er +traurig und fragt sich, warum ihn diese so liebt. Er denkt an die +andern, er denkt daran, wie viele ihn geliebt haben, und daß keine von +ihnen, keine einzige mit ihm glücklich gewesen sei. Die Zeit verging, so +heißt es ungefähr, er machte Bekanntschaften, schloß Verhältnisse, +trennte sich wieder, aber niemals liebte er; es war alles, was man nur +wollte, gewesen, aber keine Liebe. Das Wort ist in mir haften geblieben. +Alles, was man nur wollte, war es gewesen, aber keine Liebe. Der Mann +war, wie viele sind, und die Frau liebt ihn, ja, sie liebt ihn, aber +nicht ihn selbst, sondern den Menschen, den ihre Phantasie geschaffen +hat, und wenn sie ihren Irrtum bemerkt, liebt sie ihn dennoch weiter. +Was sollte sie sonst tun? Darf ich Ihnen etwas verraten? Etwas recht +Lächerliches? Ich habe eine kleine Einteilung gemacht. Ich habe die +Frauen eingeteilt in Katzennaturen und in Hundenaturen, und die Männer +in Streber und Faulpelze. Katzen sind an den Ort gebunden, Hunde an den +Herrn, Katzen sind treulos, Hunde sind treu, Katzen haben Charakter, +Hunde nicht; wenn Sie den Finger ausstrecken, wird die Katze auf Ihre +Hand, der Hund aber gegen das Ziel blicken; und so weiter. Sie wissen +schon, was ich meine. Oder ist die Analogie nicht plausibel? Streber und +Faulpelze, darüber lassen sich amüsante Beobachtungen machen. Was dem +einen die Karriere, ist dem andern die Behaglichkeit. Der Streber ist +skrupellos, der Faulpelz satt; der Streber ist ein Glücksjäger, der +Faulpelz ein heimlicher Dieb, der seine Beute in Sicherheit gebracht +hat, denn der Faulpelz ist immer ein heimlicher Dieb. Der Streber ist +konservativ aus Grundsatz, der Faulpelz aus Stumpfsinn, der Streber ist +revolutionär aus Opportunismus, der Faulpelz aus Eigennutz; der eine ist +ein Wucherer, der andere ein Kuppler, und Philister sind alle beide. Ja, +es ist eine herrliche Welt, eine herrliche Zeit! Wenn man dieses ganze +Geschlecht in einen großen Sarg legen und auf einmal beerdigen könnte, +so wüßt’ ich eine wunderbare Grabschrift.« + +»Und die wäre?« + +»Verstorben an der weitverbreiteten schleichenden Seuche: Trägheit des +Herzens.« + +»Na, daran stirbt man nicht.« + +»Gewiß nicht, weil man ganz bequem davon leben kann.« + +»Verrannt, verrannt, Faustina, rettungslos verrannt.« + +»Freilich,« murmelte Faustina, »verrannt wie Theseus. Aber aus diesem +Labyrinth gibt’s kein Entkommen.« + +»Packen wir doch den Stier bei den Hörnern, Faustina. Was ist Liebe? Wer +hat Liebe? Wer ist der Liebe fähig? Wer darf sich vermessen zu reden: +Liebe ist so und so und nicht anders. Wer darf es wagen, über die +Relationen des Begriffs hinauszufliegen und seine Einheit, seine +pragmatische Gültigkeit, seine reinste Inkarnation zu verkündigen? Liebe +ist etwas ungeheuer Seltenes, Faustina. Machen wir uns das klar! Die +Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die aus aller Leute Mund, ist ein +Phänomen, genau so selten, genau so großartig, genau so +bewunderungswürdig wie das Genie. Ihre niedrigen oder minder niedrigen +Erscheinungsformen durch die Rangstufen der Kreaturen sind allerdings +so reich und wechselnd wie die Kreaturen selbst. Nehmen Sie aber ein +Individuum heraus, um es nach Ihrer Weise kurzerhand vor den Imperativ +der Liebe zu stellen, so ist das ungefähr so, wie wenn Sie ihm die +fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets vorsagen und ihm dann befehlen: +da hast du alles Notwendige, nun schaffe mir ein schönes Dichtwerk. Man +ist gewohnt, mit dem Wort Liebe umzuspringen wie mit einem Hausgerät. Es +hat gar keine Unberührtheit mehr, dies unglückselige Wort, es ist wie +eine Dirne zu jedermanns Diensten, und mir scheint, man müßte ein neues +erfinden, um das auszudrücken, was es ausdrücken sollte. Da ist eine +gewisse mittlere Literatur, die vorzugsweise von Liebe handelt, und zwar +von einer Liebe, die Distinktion haben soll, Bedeutung haben soll, +edelherzig und selbstlos sein soll, und ach, nichts von alledem besitzt +sie, eine Wachspuppe ist sie. Wollte man sich, was ja nahe liegt, durch +diese Produkte verführen lassen, an die Häufigkeit der Liebe zu glauben, +so ginge man sehr fehl. Unsere besten Dichter, denen eine untrügliche +Vision die Realität ihrer spezifischen Welt gibt, beziehen auch nur mit +einer höchst belehrenden Vorsicht die Liebe in das Bereich ihrer +Erfindungen.« + +»Weil sie nichts davon wissen und weil sie sich davor fürchten, genau +wie im Leben.« + +»O nein, Faustina, das wäre ein gar zu billiger Schluß. Weil sie ihre +Seltenheit erkannt haben. Halten wir uns an das Gleichnis mit dem Genie. +Das Genie tritt erst in Funktion, wenn es in eine Zeit geboren ist, die +für sein Wirken schon vorbereitet ist. Es ist zwischen dem Genie und der +Zeit sozusagen eine elektrische Spannung aufgespeichert. Mit der Liebe +ist es nicht anders. Der zur Liebe geborene Mann muß den für ihn +bestimmten höchsten Typus gewinnen und umgekehrt. Es genügt nicht, daß +in einem Einzelwesen die Fähigkeit und Möglichkeit der Liebe vorhanden +ist, sondern sie muß durch ein besonderes Walten günstiger Umstände +einen würdigen Gegenstand finden. Wer zur Liebe bestimmt ist, der muß +zugleich etwas vom Helden und etwas vom Märtyrer haben. Nehmen wir also +an, es entsteht in zwei bevorzugten Individuen die Liebe. Gehen wir ein +wenig anatomisch zu Werke. Zerlegen wir eine solche Liebe in ihre +Bestandteile. Da haben wir in erster Linie die Leidenschaft, die als +eine Art Entflammung des Blutes und des Geistes gelten muß; ferner: +vergöttlichende Kraft; durch sie wird das geliebte Wesen herausgehoben +aus der Schar der Mitlebenden und in ein Idol verwandelt. Ferner: +sinnliches und übersinnliches Verlangen; das sinnliche entspringt der +Leidenschaft, das übersinnliche der Vergöttlichung; sodann: unbegrenzte +Hingebung; ihr Merkmal ist jedoch, daß sie auch bei höchster Großmut des +Gewährens nie zu befriedigen vermag; ferner: eine Zartheit der +Empfindung, die abhängig ist von jedem Traum, von der leisesten Ahnung, +und endlich eine Ruhelosigkeit, die gleichwohl ein ganz bestimmtes Ziel +hat, so wie die zitternde Magnetnadel. Sie mokieren sich über meinen +professoralen Ton, wie ich sehe. Ich wähle ihn mit Absicht, da ich +zwischen Schwärmerei und Sachlichkeit keine Wahl habe, und wenn ich +nicht schwärmerisch erscheinen will, muß ich trocken sein.« + +»Ich mokiere mich nicht. Fahren Sie nur fort.« + +»Man braucht nur geringen Scharfblick, um daraus zu erkennen, daß die +Liebe zwei Hauptquellen hat; eine elementare und eine ethische, eine +sinnliche und eine sittliche. Betrachtet man nun die trivialeren Formen +der Liebe, so zeigt es sich, daß sie fast immer nur auf eine einzige +jener Eigenschaften gegründet ist. Wir haben dann die Liebe aus +Leidenschaft; oder die Liebe aus Sinnlichkeit; oder die +selbstentäußernde Liebe; oder die empfindsame Liebe; oder die ruhelos +unbefriedigte Liebe. Die Variationsmöglichkeiten sind natürlich zahllos; +zum Beispiel, wenn der Mann eine sinnliche und das Weib eine +vergöttlichende Liebe hegt oder umgekehrt; oder wenn der Mann ruhelos +unbefriedigt und das Weib selbstentäußernd liebt, und so weiter. Meist +wird es so sein, daß gerade die schroffsten Gegensätze zusammentreffen. +Mit der Variation beginnt auch schon der Konflikt, und wo Konflikte +sind, ist keine Beständigkeit. Die große Liebe kennt keine Konflikte; +bei ihr findet ein vollkommener Ausgleich statt. Alles Differenzierte +vereinigt sich zur Harmonie und zur Schönheit. Ein auszeichnender Vorzug +wird nie isoliert sein und nie ohne Widerspiel wirken; erst das +Widerspiel, in einem bejahenden Sinn, bringt eine Tugend zur +Entwicklung: Anmut wird zum Beispiel den Geist bedingen, Güte die Kraft, +Vornehmheit die Tapferkeit. In der großen Liebe und nur in ihr, +verwandelt sich der Mensch; er wird sozusagen nach seinen idealen +Grenzen erweitert. Er ist in einem Zustand von Dämonie, oder um Ihren +Ausdruck zu gebrauchen, von Besessenheit. Alles Sichtbare und alles +Fühlbare hat nur einen einzigen Bezug, er findet überall und in allen +Dingen das Gleichnis mit dem Objekt seiner Liebe, in der Musik und im +Gedicht, im Ziehen der Wolken, im Rauschen der Bäume, im Anschauen eines +Bildes, einer Flamme, eines Steines; Vogelflug und Menschenwege haben +für ihn dieselbe nebelhafte Ferne, und doch hat er alles in sich und +nichts außer sich, er ist nach allen Seiten gegen die Welt geöffnet und +doch von ihr nicht mehr berührbar, er ist der freundlichste Freund, der +teilnehmendste Gefährte und trotzdem mit der Geliebten im ganzen +Universum allein. Was ihn zuerst an ihr hingerissen hat, sagen wir eine +besondere Wölbung der Stirne, eine besondere Art, die Lider zu heben +oder die Hand zu reichen, ein Ton der Stimme, ein Rhythmus des +Schrittes, ein Lächeln, eine Gebärde, das alles wird Weltgesetz, das +heißt: so gehen ein für allemal die Menschen, so sprechen sie, so +blicken sie, so reichen sie die Hand, das ganze Bild des Daseins wird zu +einem fixierten Bild der Schönheit. In der großen Liebe nämlich ist +alles Positivität, und es ist alles in ihr unendlich und ewig. Sie kann +deshalb niemals aufhören, weder auf der einen, noch auf der andern +Seite. Nur der Tod kann ihr ein Ende bereiten, ein Ende, das freilich +dem tiefsten Sinne nach ein scheinbares ist und sein muß. Glück oder +Unglück kommen für sie nicht in Frage, ihre Tragik liegt anderswo, ja +sie ist die einzige Lebensform, die eine mitgeborene Tragik besitzt, und +diese Tragik ist für sie nicht nur in der Möglichkeit, sondern auch in +der Notwendigkeit des Untergangs, des Todes beschlossen. Die Liebe weiß +keine andere Gefahr und Bedrohung als den Tod. Vom ersten Augenblick der +Liebe steht der Tod als stummer Wächter förmlich sichtbar daneben. Sehr +schön ist das in Shakespeares Liebestrauerspiel zur Anschauung gebracht: +alles strebt von Beginn an dem Tode zu, die Unabweisbarkeit, mit der er +auftritt, regiert heimlich jedes Geschehen. Und um den Unterschied der +Gattungen zu bezeichnen, ist Romeo, bevor das große Entetement eintritt, +in eine Liebe von gewöhnlicher Beschaffenheit verstrickt.« + +»Wohin führen Sie mich da, mein Teurer«, seufzte Faustina. »Das gelobte +Land dieser Liebe ist für unsereinen nicht erreichbar. Dazu müßte man +unter einem besonderen Stern zur Welt kommen.« + +»Ja, wie zu allem Großen«, versetzte ich. + +»Glauben Sie denn im Ernst, daß es eine solche Liebe wirklich gibt?« + +Ich mußte lächeln, denn ihre Frage hatte etwas von der Naivität eines +Kindes. + +»Glauben Sie auch,« fuhr sie fort, »daß die Bestimmung dazu nur auf der +einen Seite, auf der Seite des Mannes oder des Weibes liegen kann, daß +der eine Teil vergeblich nach dem andern schmachtet und die ganze Erde +durchsucht, ohne ihn zu finden?« + +Faustina sah mich ängstlich an, sie wollte offenbar eine Beruhigung +gewinnen, sie merkte nicht, daß ich die Antwort auf diese Frage schon +gegeben hatte. »Ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Jeder denkbare Zustand +der Seele und des Gefühls kann und wird irgendwie und irgendwo zur +Erscheinung gelangen, sonst wären wir nicht imstande ihn uns +vorzustellen. Der Fall, den Sie fiktieren, hat aber mit der großen Liebe +nichts mehr gemein, vielleicht überhaupt nicht mit der Liebe.« + +»Sondern?« + +»Sondern mit der Sehnsucht. Sehnsucht kann produktiv sein, sie kann aber +auch unfruchtbar sein. Das hängt von dem ab, der sie nährt.« + +»Mich dünkt, Sehnsucht ist das erhabenste Gefühl in der menschlichen +Brust.« + +»Wenn sie produktiv ist, ja.« + +»Was nennen Sie produktive Sehnsucht?« + +»Produktive Sehnsucht nenn ich diejenige, die imstande ist, einer +Vorstellung Wirklichkeit, einem geträumten oder erwünschten Zustand +Gegenwart zu verleihen.« + +»Da setzen Sie ja, und wie ist das möglich bei der Sehnsucht, einen +Willensakt voraus?« + +»Ja, das tue ich allerdings; einen Willensakt, der vielleicht durch +geheimnisvolle telepathische Mächte begünstigt und unterstützt wird.« + +»Hm, ich sehe schon, Sie decken sich. Wenn man zum Unerforschlichen +seine Zuflucht nimmt, hören die Argumente auf. Dem Unerforschlichen +gegenüber gibt es ja keine Schuld und keinen Irrtum mehr.« + +»Warum auch von Schuld reden, Faustina? Aber Sie mögen recht haben, +vielleicht ist es wirklich eine Art von Schuld, wenn das Gefühl nicht +bis zum geliebten Gegenstand trägt, sondern unterwegs durch fremde +Einflüsse gebrochen wird. Nie beirrbaren Instinkt zu besitzen, das ist +schon eine große Sache; und eine seltene Sache. So wie unser Leben sich +heute abspielt, nicht wahr, wie jeder einzelne verwoben ist in ein +maschinenhaft bewegtes Ganzes, wie er gezwungen ist, sich an vieles +hinzugeben, was seinem Wesen fremd ist, wie sein geringster Fehltritt +ihn unrettbar hinunterreißt von dem Weg seines Willens, wie er +unverborgen dasteht, immer Kettenglied, wie all sein Tun und Handeln +eine weitaus nähere und schnellere Folge hat als er es wünscht, wie das +Elementare beständig in ihm ankämpfen muß gegen die Forderungen des +Tages und der Welt, wie er Ruhe und Selbstbestimmung hingeben muß, nur +um nicht erdrückt zu werden von den Gewalten, die um ihn toben, so wird +es natürlich immer schwerer, einer inneren Stimme zu gehorchen, ja bloß +überhaupt sie zu hören. Was vor wenigen Generationen noch einer Zahl von +fünfzig beschieden war, das wird heute infolge der strengeren Wahl und +härteren Erprobung nur an zwölfen oder fünfen oder dreien erfüllt. Wer +wird um des Ideals in der Liebe willen sein Leben aufs Spiel setzen? +Glücklicherweise ist das menschliche Herz immer zu Verträgen bereit. +Würde die Liebe plötzlich Gemeingut aller, so wäre in vierzig Jahren die +Erde ausgestorben. Wer nicht zur Liebe erwählt ist, dem hat das +Schicksal auch Stärke und Geduld versagt. Er bescheidet sich, weil er +sich bescheiden muß. Er liebt, was ihm Liebe entgegenbringt; sein Regent +ist der Zufall. Er erobert oder er läßt sich erobern, ein Anschein von +Schwierigkeit und Ferne erzeugt die ihm notwendige Poesie. Der eine +liebt einen Körper, der zweite ein Gesicht, der dritte einen Blick, ein +Hand. Ich meine das nicht gerade wörtlich, ich will damit nur sagen, daß +er den Teil für das Ganze nimmt. Den Teil für das Ganze zu nehmen, das +ist so Menschenart, und nicht einmal die schlechteste, sie bildet sogar +Charaktere. Der Liebende ist Augenmensch; seine Leiden sind wirklich, +seine Freuden sind dionysisch; der andere, der die Liebe nur ahnt wie +ein Nachtgänger das Morgenrot, ist ein tastender Mensch, seine Glut ist +ein Fieber, seine Leiden und Freuden sind imaginär, er sättigt sich von +Brot, indes seine Phantasie Himmelsspeise verzehrt, er sieht nicht, er +versteht gar nicht zu sehen, er will nur eingelullt sein, er will nur +träumen, er ist stets philosophisch aufgelegt oder ist argwöhnisch, +eifersüchtig, traurig, unersättlich, rasch übersättigt; er kann sich +nicht in der Liebe verlieren, so gern er es möchte, denn der Strom, der +ihn erfaßt hat, ist nicht tief genug. Manche lieben nur die Liebe oder +die Sehnsucht nach der Liebe oder die Maske der Liebe oder die Unruhe +der Liebe oder den Triumph der Liebe, und so können wir immer tiefer +heruntersteigen, bis von der Liebe nichts mehr übrig bleibt als der +Name. Unvermögen hat vielerlei Gestalten. Kannten Sie nicht damals auch +den jungen Baron B., der bei der deutschen Gesandtschaft war?« + +»Den großen Frauenverführer –?« + +»Jawohl. Nichts ist heute leichter als den Titel eines Verführers zu +erwerben, man braucht bloß ein wenig Methode in die Art zu bringen, wie +man sich amüsiert. Dieser Baron B. also war immer mit einem Dutzend +Frauen gleichzeitig intim. In jede einzelne war er eines bestimmten +Vorzugs wegen verliebt, und er setzte mir einmal allen Ernstes +auseinander, seine Vorstellung von Liebe sei eine so ungeheure, daß er +niemals hoffen könne, das was er suche, in der Totalität einer Person +anzutreffen.« + +»Ein Freibeuter«, erwiderte Faustina verächtlich. »Vor fünf Jahren hat +er eine ältliche Millionärin geheiratet.« + +»Ja, so enden unsere Verführer in der Regel.« + +»Von hundert sogenannten Frauenhelden wissen neunundneunzig überhaupt +nicht, wie eine Frau beschaffen ist«, sagte Faustina. + +»Nun ja, wo Sinnlichkeit den Blick verwirrt, kann von Liebe nicht mehr +die Rede sein. Es ist ein Unterschied wie zwischen dem Rauch und der +Flamme.« + +»Ist es so? Ist es wirklich so?« versetzte Faustina hastig. »Sinnliche +Leidenschaft trägt nicht, das gebe ich zu. Aber wenn wir die Liebe nur +in ihrer Vollkommenheit anerkennen wollen, was bleibt dann noch +bestehen? was darf dann noch Liebe heißen? Lassen Sie mir doch die Dinge +ein wenig einfacher. Der Mensch, so wie er eben ist, vermag sich nicht +auf der Höhe seines Gefühls zu halten. Der Gütigste, der Edelste hat +einen Teufel in der Brust, der ihn zwingt, sich am göttlichen Teil +seines Wesens zu vergreifen. Vielleicht ist in der Liebe die +Sinnlichkeit so ein Teufel, vielleicht ist sie ein boshaftes Tier, wie +die Heiligen sagen. Vielleicht ist sie aber die Erhalterin der Welt? Und +wenn sie die Erhalterin der Welt ist, warum ihr Übles nachreden? Läßt +sie sich denn von der Liebe trennen? Sie sagen: Liebe will den Tod. Ich +wage nicht daran zu rütteln, obwohl ein solcher Satz alle meine Gedanken +durcheinanderwirbelt. Aber angenommen, Sie haben recht, wie läßt sich +das mit der Absicht der Natur vereinigen, die doch durch Liebe die +Gattung fortpflanzen will?« + +»Das ist ein Irrtum, Faustina. Durch Liebe wird die Gattung eben nicht +fortgepflanzt, zum mindesten ist sie nicht darauf gestellt. Sie ist sich +selber Zweck.« + +»Oho! Wenn Sie das vor versammeltem Volk sagen, wird man Sie steinigen. +Ich dachte, ein heutiger Mensch dürfe gar nicht an Liebe denken, ohne +zugleich an das Kind zu denken. Mein Gott, sehen Sie nur unsere +gebildeten jungen Mädchen an! Welche Sachlichkeit! Welche +Wissenschaftlichkeit! Sie tun, als ob sie in der Liebe zugleich ein +Hebammenexamen bestehen müßten. Na gut, werde jeder selig wie er will. +Aber das muß ich schon sagen, ein Symptom liegt darin. Man ist nicht +ehrlich in diesen Dingen. Und weil man nicht ehrlich genug ist, der +Liebe oder der Sinnlichkeit ihre selbstverständlichen Rechte +zuzugestehen, nimmt man das Kind als Vorwand, sich zu decken. Man gibt +der Prüderie und der Entschleierung ein Pseudonym, das sie mehr +entwürdigt als beschönigt.« + +»Nicht so wild, Faustina! Sie haben eine Art mir beizupflichten, die +mich fast an meiner Meinung irre macht. Die Geschöpfe, von denen Sie +sprechen, sind ja nur Mißleitete. Und der Geist der Zeit selber ist es, +der sie betrügt. Aufklärung heißt heute das große Wort. Nur ist +allerdings diese Aufklärung etwas anderes als man sie vor hundert Jahren +verstand. Vor hundert Jahren wollte man einfach alles aufklären: Himmel +und Hölle, Märchen und Wunder, Kunst und Religion. Eine verhängnisvolle +Strömung, der das noch lange nicht genug, nicht dankbar genug gewürdigte +Emporwachsen der deutschen Romantik sich hilfreich entgegendämmte. +_Unsere_ Aufklärung hat sich verinnerlicht. Man will allem, was in der +Seele des Menschen vor sich geht, nicht so sehr verstandesmäßig als auf +Wegen des Gefühls, der Deutung, der Ahnung beikommen. Die Schriftsteller +haben sich in Seelenforscher verwandelt, die Erzieher in mehr oder +weniger eigensinnige Deterministen. Man legt dem Unbestimmtesten eine +Bestimmung unter, uralte Traditionen verlieren ihr Gewicht, +bedeutungsvoll Gestaltetes seine Kontur, Rangunterschiede werden +verwischt, Autorität erweckt Mißtrauen, und ich leugne es nicht, ich +kann es leider nicht leugnen, die allgemeine Demokratisierung, dem +kleinen Geist eine Wohltat, dem großen ein Horror, erstreckt sich bis in +die verborgensten Winkel des Herzens. Aber mein Trost ist, daß dies +alles ja nur ein Übergang ist. Mir ist oft zumut, als ob ein +unsichtbarer Riese unsere Welt in Stücke zerfetzte, um aus den +Bestandteilen eine neue, bessere, schönere zu machen, und als ob diese +Zerstückelung notwendig sei, um unser Dasein auf eine höhere Fläche zu +heben.« + +»Hirngespinste«, sagte Faustina kopfschüttelnd. »Was soll ich mit +Hirngespinsten? Um mich mit einem Gegebenen abzufinden, dazu bin ich. +Ist mir der gegebene Zustand unerträglich, nun, so empöre ich mich. +Demokratisierung, ja, ja, das ist es! Was heißt denn: Demokrat sein? +Demokrat sein heißt, etwas bedeuten wollen außerhalb einer organischen +Sozietät. Nicht wahr?« + +»Jawohl, oder als Persönlichkeit auftreten außerhalb der Sozietät und +sich ihr entziehen auf Grund singulärer Rechte oder selbstgeschaffener +Befugnisse.« + +»Ausgezeichnet. Was kann nun dabei zustande kommen? Da ist der Adel. Was +hat ihn zu allen Zeiten so mächtig werden lassen? Doch wohl nur der +eherne Zusammenhang seiner Mitglieder auf Grund einer ehernen +Überlieferung. Heute aber, heute ist jeder Ladendiener schon mit einer +Individualität versehen, und jede aufgeputzte Kuh faselt von ihrem +Selbstbestimmungsrecht. Was ist die Folge? Ehe noch die ärmlichsten +Menschenpflichten erfüllt sind, werden der Menschheit schon +Glücksforderungen gestellt, wie man einen Wechsel auf Sicht präsentiert. +Alle, die so im glücklichen Besitz einer Persönlichkeit sind, was eben +Persönlichkeit nach ihrer Ansicht ist, gleichen den schlechten +Kaufleuten, die sich bei einem großen Unternehmen mit einem kleinen +Kapital beteiligen und über Nacht Millionäre werden wollen. Diese +Persönlichkeitsritter üben ein neues Faustrecht aus und die +Gesetzlosigkeit, die sie begünstigt, erscheint ihnen als der Gipfel der +Freiheit und Kultur. Meine Überzeugung ist aber die, daß ein +demokratisches Zeitalter nun und nimmermehr ein Zeitalter der Liebe +sein kann. Gerade in der Liebe wird ja die Aufopferung der +Persönlichkeit verlangt. Hingabe! Ein herrliches Wort! Der Demokrat, der +individuelle Demokrat, er gibt sich nicht hin, er gibt sich nur auf. Und +liebt er, so muß er zweckvoll lieben. Und außerhalb der Sinnlichkeit, wo +wäre da für ihn noch Zweck? Also muß er sinnlich lieben.« + +»Man kann das formulieren, wie man will, Faustina, und ich streite nicht +dagegen, nur wundre ich mich, weil Sie vorhin doch selbst für die +Sinnlichkeit plädiert haben.« + +»Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, daß die Sinnlichkeit ihren +eigenen Thron aufgerichtet und die andern Kräfte der Liebe unterjocht +hat. Wenn das organische Ineinanderwirken der Kräfte aufhört, so +entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die sich auf Kosten des +übrigen Körpers nähren und ihn langsam vernichten.« + +»Dieser medizinische Vergleich ist mir zu – moralisch, liebe Freundin. +Wir dürfen hier um keinen Preis moralisch sein, wir untergraben uns +sonst die Möglichkeit der Verständigung. Es gibt eine Art von +Sinnlichkeit, die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn es in +klares Wasser fällt und das Wasser bis auf den Grund durchleuchtet, es +entmaterialisiert. Welche Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen +Sinnlichkeit entgegenstellen? Etwa die naive? Das gäbe ein Schema. Jedes +Schema bleibt hinter der Erfahrung zurück, von der Synthese ganz zu +schweigen. Statuieren wir also, beispielsweise, einen Unterschied +zwischen elementarer und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die +Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das Weibchen schlechthin +begehrt? Ist Werther differenziert, weil er sich um Lotte erschießt? Sie +sehen, man hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.« + +»Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie werden mir doch nicht +ausreden, daß es eine Sinnlichkeit gibt, die eine Ursache und eine +Sinnlichkeit, die eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere +eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere kommt aus der Seele +...« + +»Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit kommen wir zu +keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur dann Einsicht, wenn wir von der +Phantasie ausgehen, wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne +Phantasie, und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja, ich gehe so +weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit sind gleichsam die beiden +Flügel desselben Wesens, des Liebewesens nämlich, die beiden Flügel, +ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos lösen und von der Erde erheben +kann. Und das eine ist mir klar: daß das moderne Ideal von Liebe oder +von Sinnlichkeit viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie steht, als es +jemals der Fall war.« + +»Ist das Ihr Ernst?« + +»Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdrücklich: das Ideal. Ich will +die Erscheinungen selbst nicht betrachten; ich will gern zugeben, daß +wir vom Ideal weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber nicht in +der Inferiorität des Lebens, sondern in der Superiorität des Ideals. +Gerade durch die Persönlichwerdung unserer Existenz wird ja der Reichtum +der Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich gesteigert. +Was auf der einen Seite die Vereinzelung der Guten, die Vereinsamung der +Tüchtigen bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und das Gesetz +aus, unter dem sie überhaupt zur Geltung, zur Entfaltung ihrer Kräfte +gelangen. Es findet dadurch ein Zusammenfluß von vielen isolierten +Idealen, ein Ineinandergreifen erhöhter Lebensstimmungen der +heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und deren organische +Verschmelzung, wenn es einmal so weit gekommen sein wird, sich gar sehr +von den primitiven und deswegen von vornherein harmonischen Idealen +früherer Epochen unterscheiden wird. Und außerdem, was könnte ein +stärkerer Ansporn für die Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen +Ideal und Wirklichkeit?« + +»Ach so,« sagte Faustina stirnrunzelnd, »es soll also die Phantasie ein +Mittel des Verzichtes werden? Da sieht mans, mit Logik kommt man +herrlich weit!« + +»Zu einem Mittel des Verzichtes, – ja. Aber nicht im Geist der Askese, +sondern im Geist der Vollkommenheit und Vervollkommnung. Ein Liebender, +Faustina, was ist er denn anders als einer der gewählt hat, einer +dessen drängendes Gefühl sich für die intensivste ihm mögliche +Lustquelle entschieden hat. Denken wir uns die sinnlichste Natur; denken +wir sie zugleich liebefähig und zur Liebe bestimmt in der edelsten Art. +Indem sie wählt, vollzieht sie unwiderruflich ihr Schicksal; das weiß +sie, und weil sie es weiß, folgt sie einem hohen sittlichen Gebot, wenn +sie den Gegenstand der Liebe in die höchste Region der Vollkommenheit +erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel ist, je mehr kann die +Realität vergessen werden, und nicht in einer selbstsüchtigen Täuschung, +sondern in einer schönen, selbstlosen, idealen Täuschung, ja, schlankweg +gesagt, in einer Täuschung zugunsten des Vollkommenen. Oder nehmen wir +ein negatives Beispiel: nehmen wir unglücklich Liebende; ich meine +natürlich nicht solche, die aus äußerlichen Gründen, sondern solche, die +aus innerlichen Gründen verhindert sind, eins zu werden. Unglücklich +Liebende sind Wesen, die nicht die Geduld, das heißt, nicht die Kraft, +im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten zu wählen. Nun was heißt +aber das: geduldig sein und dabei leidenschaftlichen Gemüts? Es will +nichts anderes sagen als schöpferische Phantasie besitzen. Und daß der +wahrhaft Liebende schöpferische Phantasie besitzt, das zeigt sich eben +in demselben Augenblick, wo er zu lieben beginnt.« + +»Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht sehe ich ein, +inwiefern wir, wir Auserlesenen des zwanzigsten Jahrhunderts, darin +einen Vorzug haben. Ihre Argumente genügen mir nicht; ach, in Argumenten +bin ich so ungenügsam wie in allem andern. Es gab eine Zeit, da war die +Liebe ein Ereignis, ein Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie, +und heute? Ist für Sie oder für Ihre Altersgenossen, ist für Mann oder +Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies große Unbegreifliche, dies ... nun +dies Wunderbare –? Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich +nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen? Verwandeln sich +die Erlebnisse einer Frau nicht in ein Erkennen? In diesem Punkt ist +eure Gerechtigkeit, eure berühmte Männergerechtigkeit nichts wie +aufgeschmückte Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder nicht ist, was +soll da die Phantasie? Was sollen Flügel, wo keine Luft ist, die sie +trägt? Vom Adler erzählt man, daß er sterben muß, wenn er nicht mehr +fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also muß er sterben. Ihr gleicht +nicht den Adlern, ihr Männer, ihr könnt auch gehn und macht euch vor +jedem Jäger aus dem Staub.« + +»Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das klingt, Faustina! Wie aus +einem Roman der George Sand. Die Sache ist wirklich die, daß uns die +Liebe gar kein Wunder mehr bedeutet.« + +»So? Und warum, wenn man fragen darf? Lassen Sie mich den Grund hören; +ich bin neugierig und im voraus voller Widerspruch, denn daran hängt +mir ein Stück Herz.« + +»Nein, die Liebe als Phänomen ist für uns kein Wunder im Sinn von 1750 +oder 1820, wo der Liebende sich in der Erlesenheit seines Gefühls +spiegelte, an seinem Gefühl fast zum Narziß wurde. Der Grund, weshalb +dem nicht mehr so ist, besteht darin, daß wir einerseits zu +wissenschaftlich, andrerseits zu historisch dazu empfinden. So trocken +herausgesagt, schmeckt das nach Pedanterie, aber wir sind uns ja der +Ursachen nicht bewußt. Zu wissenschaftlich: nicht nur, weil wir es in +Büchern lesen oder weil wir es in der Natur beobachten oder weil uns +jeder Vorgang des Lebens darüber belehrt, sondern weil uns die +Überzeugung oder besser ausgedrückt die Anschauung in Mark und Knochen +sitzt, daß alles, was da atmet, wird und wächst, ein und demselben +Gesetz gehorcht, daß ein Band der Liebe sich um alle Wesen schlingt, ein +Trieb der Zeugung, ein Wille, Schöpfer zu sein, den Tod zu besiegen, +alle und alles bis ins Innerste durchdringt. Zu historisch darum, weil +unser Geist in keinem Fall berauscht und egoistisch am Augenblick hängt, +weil wir voll sind von Vergangenheit, von immanenter Erfahrung, weil das +Geschick einzelner sowohl wie ganzer Geschlechter, ja der ganzen Gattung +beständig und ohne daß wir dessen gewahr werden, zu uns redet und unsere +eigenen Wege deutet. So wenig uns ein Gewitter in abergläubische Furcht +versetzt, so wenig also wird uns das Ereignis großer Liebe wunderbar +dünken; beides kommt ja aus der Natur, beides ist im Entstehen und +Vergehen gegründet. Nun jedoch tritt das Seltsame ein: Im Großen, in +allem Katastrophalen der Existenz haben wir aufgehört, Wunder und +Begünstigung, Geheimnis und persönliche Verschuldung zu erblicken; im +Kleinen aber, im Alltäglichen des Tuns und Betrachtens wird uns ein +jedes Ding verwunderlich. Höchst bezeichnend ist es, dies Wort: sich +wundern. Wir verwundern uns eigentlich unaufhörlich. Es erstaunt uns der +Wurm, es erstaunt uns der Sternenhimmel, es erstaunt uns der Apfel, es +erstaunen uns Berg, Strom und Wasser. Es erstaunt uns der Bettler und es +erstaunt uns der reiche Mann, es erstaunt uns der Mörder und es erstaunt +uns der Dichter, es erstaunt uns der Tapfere und erstaunt uns der +Feigling. Das macht, weil wir in allen diesen die Notwendigkeit entdeckt +haben, das Gefühl für die Unbedingtheit ihres Seins und damit in letzter +Linie die Schönheit, die ihnen eigene Form der Schönheit. Wie ehedem von +einem Pantheismus könnten wir von einem Panhumanismus sprechen oder +besser von einer Allwesenheit. Es ist uns alles menschlich geworden, +kreatürlich geworden, – zugehörig. Daß sich dadurch die Quellen der +Freude um ein Unermeßliches vermehrt haben, ist klar, und das Reich der +Schönheit ist, wie Christus vom Reich Gottes sagte, in uns. Das Reich +der Liebe auch. Und wenn wir nun die ganze Welt dermaßen in uns haben, +wenn unsere Sinne sie unaufhörlich besitzen, so folgt daraus doch für +die Sinne selbst, daß sie auf ein Begrenztes, auf ein Gehaltvolles, auf +ein Zweck- und Zielvolles gewiesen sind, daß sie mutiger, sicherer und +stolzer geworden sind und daß ihr unentbehrlichster Verbündeter, weil +sie von Anschauung, von Ahnung, von Begreifen, von Andacht, von +Weltgefühl genährt werden, die Phantasie ist. So ist es auch in der +Liebe. Die Sinnlichkeit ist darum nicht mehr auf den Körper beschränkt, +sie will nicht erobern und nicht verführen; von galanten Künsten braucht +sie überhaupt nichts zu verstehen, denn sie sucht nichts weiter als +Übereinkunft. Sie überlistet nicht, weil sie wertet; sie enthüllt nicht +den Leib, sondern die Seele, ja, sie ist ganz und gar auf solche innere +Enthüllungen angewiesen, und eine Form gibt ihr nichts, wenn der Form +nicht ein Inhalt entspricht. Eifersucht ist ihr deshalb ein unfaßbarer +Begriff, denn gerade die Einmaligkeit, die unwandelbare Gesetzmäßigkeit, +darauf beruht sie. Es ist keine Regung in ihr, die nicht, mit einem Wort +gesagt, auf Verständigung beruhte. Damit sind wir wiederum bei der +Phantasie angelangt, denn Verständigung hat ja keine andere Wurzel als +die geistige Macht des Menschen, die Phantasie.« + +»Sie springen etwas willkürlich mit der Phantasie um, mein Bester«, +bemerkte Faustina kühl. + +»_Tu_ ich das? In der Tat, ich schreibe der Phantasie eine weitaus +größere Rolle zu als es sonst geschieht. Erst mit ihrer Hilfe sind wir +fähig, die Seelen anderer Menschen zu erfassen. Viele Eigenschaften, die +man nur zu leicht als Laster anzusprechen geneigt ist, sind lediglich in +einem Mangel an Einbildungskraft begründet. Der Geizhals, der +Hoffärtige, der Grausame, der Nörgler, der Denunziant, der +Selbstzufriedene, der Gottesleugner usw. was sind sie anders als +Phantasielose oder – Phantasten, was beinahe das selbe ist. Gewisse +Worte müßten uns töten, wenn nicht die Einbildungskraft wäre, die sie zu +Luft und Schall zerstieben läßt. Haben Sie das nie erfahren, Faustina?« + +»Ich hab’s erfahren, wahrlich.« + +»Und gäbe es Verzeihung für erlittene Beleidigungen ohne die Phantasie? +Nein. Der Mensch ist rachsüchtig, die Phantasie veredelt diesen Impuls. +Ein solcher Mensch ist nun nicht mehr lasterhaft. Man kann getrost +sagen: wer echte Phantasie besitzt, der ist tugendhaft. Wenn Sie nun der +Sinnlichkeit die Phantasie nehmen, was bleibt dann übrig? Wenn ich +liebe, und mein sinnliches Verlangen ist ohne Phantasie, so bin ich wie +einer, der in absoluter Finsternis gefangen ist, ja, es ist möglich, daß +ich dadurch dem Wahnsinn verfalle. Erst durch die Phantasie erhält meine +Begierde die Weihe, die Süßigkeit, die Schönheit, den Mondglanz der +Bezauberung und jenen Tropfen von Melancholie, ohne den eine +Leidenschaft nicht beseelt erscheint. Sinnlichkeit ohne Phantasie ist +nichts als der traurige Zweikampf zweier Wesen, die einander unbewußt +zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im Leben nicht bloß das eine +oder das andere; die Leiden und Irrungen, die ein unvollkommener Zustand +mit sich bringt, bleiben schließlich wenigen erspart. Wie oft sieht man +Eheleute oder Liebesleute im Streit! Wie manche Ehe, die durch die Liebe +getragen schien und nur noch durch Gewohnheit und bürgerliche +Rücksichten befestigt ist, schleppt sich mühselig hin unter Hader, Zank +und Mißverständnissen! Männer, sonst gerecht und vornehm, Frauen, sonst +zärtlich und nachsichtig, vergessen sich; sie werden zu Tieren, die auf +einander Jagd machen, sich einander Wunden zufügen, harte Worte wählen, +Worte wie geschliffene Messer, mit übertriebenen Beschuldigungen die +Achtung untergraben, die jeder vom andern billig verlangen muß, und ohne +die Haltung sind, die sie auch dem Gleichgültigen gegenüber zu wahren +wissen. Es sind das häßliche Szenen, und häßlich sind sie, weil solche +Menschen aller Phantasie bar sind, weil sie nicht vermögen, die +Armseligen, über den Augenblick hinauszudenken, weil der Augenblick in +ihnen stärker ist als das Herz, als das Schicksal, als Tod und Ewigkeit. +Ja, so sind die Phantasielosen, sie leben nur von Augenblick zu +Augenblick, sie schwingen nur in den Intervallen, der Augenblick selbst +ist ihnen nichts.« + +»Das alles ist mir zu allgemein«, sagte Faustina. »Teils zu allgemein, +teils zu kategorisch. Ich kenne Verhältnisse, deren Beschaffenheit mit +der Phantasie gar nichts zu tun hat, oder ich müßte den Begriff der +Phantasie zu weit ausdehnen. Nehmen Sie an, eine geistig bedeutende Frau +liebt einen Gimpel; oder ein Mann von Genie liebt eine gewöhnliche Gans. +Das kommt doch häufig genug vor, sollt ich denken. Und wie einfach sind +diese Beziehungen, mein Gott, wie einfach. Ihr A und O ist eine +natürliche Sinnlichkeit, und bieten sie nicht meist größere Gewähr für +ein dauerndes Glück als jene feinnervigen Bündnisse, in denen doch alles +auf Eigenschaften gestellt ist, und nicht auf das Ganze der Kreatur? Man +muß einander nicht gar zu gut verstehen in der Liebe; ein wenig +Fremdheit tut not. Wir Leute, wie wir da sind, wir verstehen einander zu +gut und mißverstehen uns deshalb so oft. Den Leibern, finde ich, ist die +allzugroße Vertrautheit der Seelen von Übel. Sie verletzt die +Schamhaftigkeit.« + +»Die Schamhaftigkeit? Inwiefern?« + +»Das leidet gar keinen Zweifel. Je größer die seelische Verfeinerung +wird, je größer wird auch die Schamhaftigkeit. Es ist ein heikles Thema, +und irgendein Schriftsteller meint mit Recht, daß es schon schamlos sei, +über die Schamhaftigkeit zu sprechen oder was jemand darüber sagt, +anzuhören. Je tiefer man in den andern hineinschaut, je mehr ist man +geneigt, das, was in ihm vorgeht, zu überschätzen, je mehr fürchtet man +den andern oder fürchtet sich selbst, je mehr versteckt man sich, ja +ich habe es erlebt, daß solche Menschen aus lauter Zartfühligkeit und +Hellseherei sich die Möglichkeit harmlosen Daseinsgenusses untergruben.« + +»Aber was hat das mit der Schamhaftigkeit zu tun?« + +»Sehr viel! Wenn die dunklen Zustände und Vorgänge in der Brust dermaßen +ans Licht gezerrt werden, daß der Mensch sozusagen in sich selber kein +Heim mehr hat, wo er sich mit seinem Verschwiegensten bergen kann, so +muß ihm doch allmählich dabei zumute werden, als ob man ihn entblöße und +an den Pranger stelle. Ich, ich für meinen Teil, fühle mich durch das +beständige, wachsame Verständnis eines andern, und sei er das +geliebteste Wesen, ganz und gar an den Pranger gestellt, und ich sage +Ihnen auch, daß mir jene Frauen, die man unverstandene zu nennen +beliebt, mir, mir für meinen Teil, immer nur schamlos erschienen sind. +Das wären die einen. Dann sind jene, bei welchen die Schamhaftigkeit +sich ins Krankhafte steigert und die in einer so dünnen Luft leben, daß +ihnen das gesund Sinnliche zum Ekel wird. Ich hatte einst eine solche +Unglückliche zur Freundin; sie war die schamhafteste Natur, wurde aber +bisweilen von einem förmlichen Enthüllungswahn verfolgt, und indem sie +sich preisgab, unterlag sie einem Zwang, der sie etwas ausüben hieß, was +ihrem wahren Wesen gerade entgegengesetzt war. Da war kein Halt, keine +Haltung, und als sie eines Tages liebte, versagte sie sich dem +betreffenden Mann, weil sie überzeugt war, daß er nur ihren Körper +liebte und nicht die Seele. Ist das nicht schauerlich? Ein einziges, +grobes Mißverständnis des Lebens?« + +»Freilich; es gibt Frauen genug, die in dieser Hinsicht einem +unheilvollen Irrtum und Unbegreifen verfallen sind«, erwiderte ich. »Der +unheilvollste Irrtum, den sie begehen können, ist aber, wenn sie aus +ihrer Art der Schamhaftigkeit und deren Überwindung einen Begriff der +Treue folgern, der für sie Gesetz und Notwendigkeit, für den Mann aber +eine Freiwilligkeit ist. Diese Freiwilligkeit wieder einer höheren +Notwendigkeit unterzuordnen, das ist die _Tat_ des liebenden Mannes, +eine Handlung, die von seiner Kultur, von seiner Selbstbeherrschung, von +seinem Schönheitsempfinden abhängt. Die Frauen besitzen nur die Scham +des Geschlechts; die Keuschheit einer Nonne und die Verderbtheit einer +Dirne sind nur verschiedene Wirkungen ein und derselben Kraft, ähnliche +Zustände mit verschiedenen Hemmungen. Dem Mann ist eine andere +Schamhaftigkeit eigen, eine übersinnliche, ich möchte sie die Scham vor +Gott nennen, und er kann sie nur verlieren, wenn er sich selber vor Gott +verliert. Wir haben demnach das Schauspiel eines beständigen Krieges +zweier dem Grund und der Beschaffenheit nach völlig unähnlicher Arten +der Schamhaftigkeit, und während eine Frau die ihre sozusagen wörtlich +nimmt, sie trägt oder abwirft wie man ein Kleid trägt oder abwirft, +verheimlicht der Mann die seine, denn ihm ist sie nur ein Symbol. +Niemals darf die Frau sich einfallen lassen, das Symbol in die +Wirklichkeit zu zerren, etwa eine Forderung daraus zu machen.« + +»Das sagt – ein Mann!« rief Faustina. »Ich muß Sie schon sehr hoch +einschätzen, lieber Freund, wenn ich das nicht anmaßend finden soll. +Klipp und klar gesprochen heißt das doch: die Liebe des Weibes ist eine +Realität, die des Mannes ein Symbol. Oder nicht?« + +»Ausgezeichnet formuliert, Faustina.« + +»Na, schön. Ich will dagegen nicht streiten, weil es ins Grenzenlose +führt. Ich sehe nur so viel, die tägliche Erfahrung beweist es mir, daß +diese Realität keinen Bestand und dieses Symbol keine Bedeutung hat. +Flausen, Flausen, nichts als Flausen! Bester Freund, sperren Sie mich +doch nicht ein für allemale in die Rumpelkammer der ›Realität‹! Denken +Sie daran, daß auch ich geliebt habe! Ja, wirklich, wirklich geliebt! +Beweisen kann ich nicht, daß es mehr war als ein Irdisches, +Erdgebundenes, an Zweck und Zeit und Augenschein Gebundenes, aber dafür +kann ich beweisen, daß der andere, der Partner im Spiel, keinen Einsatz +wagte, der die Mühe verlohnte zu kämpfen, beweisen kann ich, daß seine +Liebe – und er _liebte_ – nur unzulänglich war, also nicht bis zu dem +Punkt reichte, wo eine symbolische Kraft das Flüchtige des Lebens +festhält. Aber weshalb so hohe Worte? Napoleon tat auf Sankt Helena den +ungeheuerlichen Ausspruch: Ein solcher Schurke kann kein Mann sein als +ich von ihm glaube, daß er einer ist. Fast jede Frau kann dasselbe von +ihren Erfahrungen in der Liebe sagen, vorausgesetzt, daß sie nicht ein +blindes Tierchen ist. Ihrer Methode gemäß werden Sie mir wahrscheinlich +entgegenhalten: du hast eben nicht zu wählen verstanden. Ja, um Gottes +willen, wenn der sich nicht bewährt, den ich als den besten erkenne, +wozu schlägt dann mein Herz, warum denke und fühle ich dann? Entweder +muß ich demnach mein Leben in der Wurzel verneinen oder Ihre ganze +Weisheit wird mir zum Sophisma. Da ist ein Mann, der mich anbetet; es +erscheint mir zweifellos, daß ich ihm viel, daß ich ihm alles bin, ich +ergebe mich, verbünde mich ihm, und da muß ich entdecken, daß er nur zu +werben versteht, zu besitzen, den Besitz zu verteidigen, zu bilden, zu +erhöhen, dazu ist er nicht fähig. Oder ein anderer Fall: da ist ein Mann +von Geist, Gemüt, Talent, aber er lebt in tiefem Elend. Das Mitleid +nähert mich ihm, es gelingt mir einen wahren Sturm der Energie in ihm zu +entfesseln, die Liebe zu mir trägt ihn empor, das Schicksal begünstigt +ihn, aber er kann es nie verwinden, daß diejenige, die er liebt, auch +seine Helferin war, er selbst gesteht mir seine Scham und alles +scheitert an einer Grille.« + +»Und was taten Sie?« + +»Was sollt ich tun? Ich ließ ihn seiner Wege gehen. Ist es etwa diese +Scham, die Scham, nicht mehr der Mächtige zu sein, die Sie symbolisch +nennen?« + +»Der Mann hatte vielleicht nicht viel zuzusetzen, deshalb raubte diese +Scham seiner Liebe die Kraft«, antwortete ich. »Es kommt nur darauf an, +was einer zuzusetzen hat, und für den Mann ist in der Liebe tatsächlich +alles nur eine Frage der Macht. Mitleid ist ein Feind der Liebe, Mitleid +zerstört die Gleichberechtigung, geradeso wie ein ausschließliches +ästhetisches Wohlgefallen; jenes schafft eine zu große Nähe, dieses eine +zu große Ferne. Der Bemitleidete und der Bewunderte atmen nicht dieselbe +Atmosphäre mit demjenigen, der Mitleid oder Bewunderung hegt, und sie +sprechen nicht in derselben Sprache zueinander. Aber es gibt Mittel, den +Zwiespalt zu überbrücken, und die Frau ist es, die in dem einen wie im +andern Fall ausgleichend zu wirken vermag, und zwar durch die göttliche +Eigenschaft der Sanftmut. Sie, Faustina, sind nicht sanft genug.« + +»Nicht sanft genug! Das wurde mir schon einmal gesagt. Wenn ich sanft +wäre, wurde gesagt, hätte ich weniger Anlaß, mich über das Leben zu +beklagen.« + +»Oder über die Liebe. Das ist meine Meinung.« + +»Sanftmut! Die schätzbare Gabe, stumm zu bleiben, wenn man getreten +wird, und nur zu seufzen, wenn das Herz bricht, die nennt man Sanftmut, +die nennen die Männer Sanftmut. Und weil sie ihnen die bequemste +Eigenschaft am Weibe ist, darum wird sie gepriesen. Wer aber Augen hat +und sieht, und vieles sieht, und Blut, das sich erhitzt, und eine Faust, +die sich ballen muß, der kann nicht sanft sein.« + +»Gemach, Faustina. Sie erinnern mich ein wenig an den Knaben, den man +fragte, wer tapfer zu heißen sei, und der darauf entgegnete, tapfer sei, +wer nicht davonlaufe. Sanftmut ist nicht Nachgiebigkeit, nicht +Unterwürfigkeit, nicht Schweigsamkeit. Sanftmut ist der Ruhe des +Feldherrn zu vergleichen, oder der Besonnenheit des Künstlers. Sie ist +nicht eine Schwäche, sondern eine Kraft. Sie ist in der Liebe die +eigentliche Kraft des Weibes, ihre Waffe wie ihr Schutz. Sie ist nicht +an ein bestimmtes Temperament gebunden, dem cholerischen kann sie +gegeben, dem melancholischen kann sie versagt sein. In jedem Tun und +Lassen drückt sie sich aus: in der Freude, in der Angst, in der Trauer +und im Schmerz, im Blick und im Schritt. Sie ist geradezu ein Rhythmus +des Lebens. Das Lächeln der sanften Frau ist unwiderstehlich, die sanfte +Frau ist niemals häßlich. Nun ist freilich die echte Sanftmut beinahe +ebenso selten wie die Liebe, und leider muß man konstatieren, daß sie +immer seltener wird, je mehr die Erregbarkeit der Nerven wächst, je mehr +auch die Frauen von Liebe und über die Liebe wissen, und je weniger sie +Liebe fühlen. Denn die Liebe der Frau ist hauptsächlich auf ein +Elementares, auf ein Unbewußtes gestellt. Da gibt es Frauenrechte und +Frauenberufe, man bildet Körperschaften und veranstaltet Versammlungen. +Dabei mag viel Nützliches entstehen, aber für die Sanftmut ist alles zu +fürchten. Haben Sie nie den Unterschied bemerkt zwischen dem Geschmack +einer Birne, die frisch vom Baume kommt, und einer solchen, die schon +unter vielen andern Birnen auf dem Speicher gelegen war? Ein solcher +Unterschied herrscht zwischen der Frau als Einzelwesen und der Frau, die +sich sozial betätigt.« + +»Sie mögen ja recht haben«, antwortete Faustina. »Aber am Birnenbaum +hängen viele Birnen. Sollen die Birnen also warten, bis die Leckermäuler +anspazieren, um die schönsten zu verspeisen? Die übrigen können warten; +sie müssen verfaulen und ins Gras fallen, wie? Um der Sanftmut willen. +Danke schön. Wir haben nicht Konsumenten genug, wir armen Birnen, wir +müssen unterzukommen trachten. Ihr wollt uns rein, ihr wollt uns +engelhaft, ihr wollt, daß jede sich für einen Messias aufspare, aber +ihr, ihr wollt nichts entbehren, keinem Gelüst die Befriedigung +vorenthalten, keinem Appetit die Stillung. Und der Messias, der sich +schließlich bei uns einstellt, ist entweder ein alberner Fant, der nicht +weiß, was er in Händen hält und seinen blinden Jünglingsrausch austobt, +oder ein kritischer Herr, der sich wieder trollt, wenn das Birnchen +einen Flecken hat.« + +»Das ist wohl wahr, Faustina, praktisch genommen ist es wahr, und daß +ihr Grund habt, euch selbst zu schützen, kann nur einem Dummkopf +verborgen bleiben. Jedoch von einer höheren Zinne betrachtet, liegen +die Dinge anders. Die Natur will nicht, daß man ihr zuvorkomme. Sie will +nicht, daß ihr heiligstes Gesetz, das Gesetz der Auslese, umgestoßen +wird, und wenn es trotzdem geschieht, rächt sie sich durch die +Hervorbringung lebensuntüchtiger Geschöpfe. Ist Ihnen bekannt, daß zum +Beispiel unsere Jagdvorschriften der Rassigkeit und Widerstandsfähigkeit +des Wildes, besonders des Edelwildes, erheblichen Abbruch tun? Wir haben +Frauen, die gezwungen sind, einen Beruf zu ergreifen; ohne Pathos tun +sie es, verdienen ihr Brot; andere sind mit Intelligenz und Scharfsinn +am Werk, um soziales Elend zu mildern. Wer hätte dagegen etwas +einzuwenden? Das Schicksal des Individuums wird mir immer Teilnahme +einflößen, ob es eine Nähmamsell oder eine Fürstin ist; +Massenbestrebungen aber, wenn sie der unmittelbaren Leidenschaft des +Erlebnisses entbehren, lassen mich natürlich kalt. Das Wesen der Frau +deutet mehr als das des Mannes auf Vereinzelung; ich habe immer +gefunden, daß die edlere Art der Frau sich nur kraft dieser Vereinzelung +bewahrte, und daß sie sich zur Vervollkommnung der Rasse gar nicht teuer +genug bezahlen läßt.« + +»Und wenn dem so wäre,« versetzte Faustina, »was hülfe es? Ist denn die +Frau nicht immer willfährig zum Besten, wo der Mann das Beispiel edler +Initiative gibt? Was frommt aber der Natur, was hilft selbst Gott das +Gesetz der Auslese, wenn ihm das Gesetz der Trägheit entgegensteht?« + +»Der Trägheit ... Schon vorhin haben Sie das Wort gebraucht. Sie sagten +Trägheit des Herzens.« + +»Ja. Trägheit des Herzens.« + +»Trägheit des Herzens ist eine von den sieben Todsünden, soviel ich +weiß.« + +»Sie ist die einzige Todsünde, die es gibt.« + +»Sie verbergen also einen großen Sinn dahinter, so etwas wie eine Idee.« + +»Einen großen Sinn, da haben Sie recht, einen schmerzlichen Sinn. Das +Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht +will, das tue ich, heißt es in einem Brief des Paulus an die Römer. Da +ist ein Erkennen: das Gefühl trotzt dem Erkennen, beharrt auf dem +falschen Weg; oder da ist ein Gefühl, ein großes, ein wahres; und doch, +es läßt sich betrügen, es läßt sich verwirren durch Rede und durch +Denken. So entsteht Trägheit des Herzens, und ist selber noch ein +Tieferes, Schwereres, Dunkleres, Schuldigeres. Es gab Zeitläufte, wo die +Menschen mehr ihren Trieben untertan waren, barbarische, kriegerische, +im großen und ganzen auf eine Sache, auf ein Ziel gestellte Zeiten. Da +konnte Trägheit des Herzens für eine Sünde gleich andern gelten, gleich +Geiz oder Neid oder Habsucht. Heute ist der Mensch zur Rechenschaft +gezogen, heute ist jeder sich selbst verantwortlich. Sie sagen es +selbst, nicht die Religion, nicht Himmel und Hölle darf er zur Ausrede +und Ausflucht machen, in seiner Brust muß er sein Schicksal suchen. Da +wird Trägheit des Herzens zur Kardinalsünde, und wie es nun ist, diese +Sünde liegt auf uns allen wie Gewitterlast. Fordern Sie Beispiele? Wo +soll ich anfangen? wo enden? Vorübergehen, wenn die Stimme des Gemüts +zum Bleiben mahnt, bleiben, wenn sie verlangt, daß ich weitergehe; die +Augen schließen, wenn es gilt zu sehen, und schweigen, wenn es gilt, +Partei zu nehmen; urteilen und verdammen, wenn vieles davon abhängt, zu +schweigen und Milde zu üben; den reinen Sinn betäuben, den unreinen zu +falscher Tat stacheln; Zwecke wollen, wo keine sind; nach Gerechtigkeit +streben und der Liebe vergessen; Liebe beanspruchen, ohne sie zu geben; +genießen wollen und nicht bezahlen; von Gott reden und den Teufel im +Innern füttern; Ideale aufrichten und einen armen Schuldner vor Gericht +zitieren; in Musik und Dichtung schwelgen und vor den kleinen +Menschenpflichten die Flucht ergreifen; Freundschaft preisen und den +Freund verleugnen; Philosoph sein und den Dienenden mißhandeln; den +Genius herbeiwünschen und, wenn er sich zeigt, ihn schmähen und in den +Kot zerren, alles dies, all dies Vergessen, all dies _Wissen_ und +_Nicht-Tun_ ist Trägheit des Herzens. Ach, wie schön ist das Herz! zu +wie vielem fähig! wie viel vermag es! Und Liebe, das Herz des Herzens, +wie wird sie mißachtet, mißbraucht, vergewaltigt und zertreten! Wie +ummauert sind alle Herzen, wie wenig mag ein jedes sich verraten, und +wie schnell und bereitwillig das des anderen! Wir reden da von Liebe, +von Liebe, und wo ist sie, die Liebe? Ein Symbol soll sie sein, ein +seltenes Phänomen, ich aber möchte sie haben, sehen möchte ich sie! +Zeigen Sie mir einen Liebesbegeisterten, zeigen Sie mir einen +Verschwender der Liebe! Die Liebe, von der ich weiß, war immer nur ein +zartes Pflänzchen, es ertrug die Lebensstürme nicht, versteckte sich vor +der Sonne und kroch in labyrinthisch verschlungene Tiefen, +weltabgewandt, der Nacht zugewandt. Ich fragte einmal einen Mann, ob +seine Geliebte schön sei. Schön, das könne er nicht behaupten, sagte er, +aber alles an ihr sei charakteristisch. Ei, erwiderte ich ihm, Sie sind +ein ganz famoser Zeitgenosse. Charakteristisch! Ein niedliches Wort! Man +müßte es in eiserne Lettern gießen und auf den Schandpfahl des +Jahrhunderts nageln. Alles ist so charakteristisch, so individuell, so +besonders, so künstlich, so ins Kleine zerspalten, ins Geistige +verdünnt, so scheu, so furchtsam, so wissend und so unsicher in +jeglichem Gefühl. Was ist da um Gottes willen noch zu hoffen, Freund! +Was kann ein volles Herz noch für sich hoffen? Es gibt nur eines; nur +eines gibt es: sich bescheiden.« + +»Es gibt noch ein zweites, Faustina, ein größeres.« + +»Und das wäre?« + +»Die Freude an der Erscheinung. Beklagenswert ist allerdings der Druck, +unter dem wir leben, das seltsam fatalistische Dahinrasen. Das Dasein +wird immer scheinhafter, seine kurze Dauer wird uns immer schmerzlicher +bewußt, und wer Sinn und Liebe sucht, kann wohl in ungemessene +Verzweiflung stürzen, wenn ihn dies eine nicht rettet: zu schauen. Dem +Schauenden enträtselt sich die Welt; ihm entwirrt sich jedes Dunkel; er +legt seine Hand auf Gräber und sie werden zu Altären, er wandelt durch +Schneegestöber und er spürt den Frühling, er ist verlassen von den +Freunden und er lebt mit der Menschheit. Daß die Dinge da sind, daß ich +sie besitze, daß Schöpfer und Geschaffenes mein sind, daß das Leben, +soweit es denk- und fühlbar ist, in mir steckt, daß es nichts gibt, +nicht das kleinste Denk- und Fühlbare außerhalb des Lebenskreises, und +daß mir das Ungeheure wie das Unscheinbare, Hohes und Niedriges, der +Festzug des Kaisers und das Vorüberflattern eines Schmetterlings, daß +mir Schönheit und Häßlichkeit, Liebe und Haß, Selbstentäußerung und +Trägheit des Herzens, daß mir alles dies zur Erscheinung wird, das kann +mich retten.« + +»Mit einem solchen Quietismus will ich mich nicht beruhigen«, antwortete +Faustina düster. + +»Wenn das Quietismus wäre, dann wäre der Erdball nicht mehr imstande, +seine Bahn um die Sonne zu laufen. Glauben Sie doch nicht, Faustina, daß +ich mich damit freispreche von menschlichem Tun oder mich des +mitstrebenden Herzens entledigen wollte. Es ist kein künstlerisches, +kein ästhetisches Prinzip, sondern durchaus ein religiöses, durchaus ein +göttliches. Wie in der Liebe durch ein höchst instinktives und +beseligtes Erkennen Vorzüge und Fehler des andern zu einem +anbetungswürdigen Bild vereinigt werden, so und nicht anders ergeht es +dem Schauenden mit der Welt. Er hat alles innen; alles was außen ist, +hat er innen; ihm ist nichts verloren, ihm ist alles gegenwärtig. Er +gibt sich hin, er gibt sich aus, aber er wirft sich niemals weg, denn +wie er das Leben besitzt und wie er Gott besitzt, so besitzt er sich +selbst. Und das, Faustina, ist das Große: sich selber besitzen. Dann +besitzt man auch die Welt, dann besitzt man auch die Menschheit; die +andern, die sich zu jeder Stunde wegwerfen, die besitzen nichts und +niemanden. Nur die Erwartung der Liebe täuscht sie mit der Hoffnung auf +Besitz.« + +Faustina hatte den Kopf abgewandt und schwieg. Eine lange Zeit verging +im Schweigen und die Freundin hielt beständig den Kopf abgewandt. Die +gesprochenen Worte erzeugten eine doppelte Stille. Es war weit über +Mitternacht, als ich mich zu gehen anschickte. Mit starrer Miene reichte +mir Faustina die Hand. Sie sah mich an, und wundersam, ihr Auge war voll +Frage wie das eines kleinen Mädchens. + +Sehr gern hätte ich Faustina wiedergesehen, aber als ich zwei Tage +später in die Wohnung kam, wurde mir gesagt, daß sie abgereist sei. + + + + +Der Literat + +Geschrieben 1909 + + +Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen, hat der Kultur +unserer Zeit seinen unverwischbaren Stempel aufgeprägt. Ja, man könnte +sagen, daß alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel Kultur +begreift, ein Werk des Literaten ist. + +Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen wollen diese Frage +beantworten; sie wollen die Art und die Wirkung des Literaten, die +Bedingungen seines Lebens, die Fundamente und Ziele seines Geistes mit +Hilfe einiger typisierter Charaktere erforschen. + +Die damit aufgestellten repräsentativen Figuren werden sich natürlich in +der Wirklichkeit kaum so unterschieden und formelhaft finden lassen; das +Leben gibt Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun, im +Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel viel vom Schöngeist +nachweisen können. Auch ist es möglich, daß in einer einzigen Person die +Elemente von mehreren jener Typen stecken, daß Schöngeist und Psycholog, +oder Dilettant, Tribun und Apostel vereinigt sind. Sogar im +schöpferischen Menschen sind Züge des Literaten vorhanden, vielleicht +hat die moderne Zeit überhaupt keinen schöpferischen Menschen +hervorgebracht, der davon ganz frei wäre. Beim Literaten werden aber die +bezeichneten Eigenschaften von einem jener Repräsentanten immer in +bestimmter und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und die +Besonderheit und das wechselnde Ausmaß der Mischung sind dazu angetan, +ihm in seiner menschlichen und künstlerischen Wirkung das Interessante, +reizvoll Problematische und Unergründliche zu verleihen. + + + + +Der Literat als Dilettant + + +Eine Kunst aus Liebe zur Sache üben, das macht den Dilettanten in der +edlen Bedeutung des Wortes. Der Dilettant und der Künstler unterscheiden +sich vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden Zustandes, +welcher den Künstler im Bereich seiner Kunst gefesselt hält, während der +Dilettant frei bleibt. Der Künstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht, +das Vermögen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser Welt zu +identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim Dilettanten ist es +umgekehrt. Der Dilettant identifiziert sich wirklich mit den Dingen +dieser Welt, indes sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich +daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert, begriffen, +gedeutet werden soll, sondern gegen die Kunst, deren er sich bemächtigen +will. Der Künstler hat die Kunst innen und möchte sich gleichsam ihrer +entledigen im Austausch gegen Göttliches und gegen ein Stück Welt; der +Dilettant hat sie draußen und wünscht sie zu gewinnen, indem er Welt und +Gott in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie zu bringen +sucht. + +Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch Gott noch Kunst in +sich selbst. Ihm ist nicht nur die Kunst ein Äußeres, zu Erraffendes, +sondern auch Welt und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich +ist er ermüdet von Erlebnissen. Er ist nicht von stark organisierter +Seele, sonst würden geringe Kämpfe nicht imstande sein, ihn zu ermüden. +Er hat einer Schlacht beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den +Kanonendonner gehört und zugesehen, wie man Verwundete und Tote +vorübertrug. Das hat genügt, ihn mit Abscheu gegen den Krieg zu +erfüllen, ja, er ist der gründlichste Hasser alles Kriegswesens +geworden, ein Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit seines +Geistes zwingt, seine Schwäche wie eine Stärke zu behandeln. + +Schon daraus läßt sich schließen, daß er nicht aus innerer Notwendigkeit +am Kampf teilgenommen hat, sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust +am Soldatenleben oder aus Begierde nach Auszeichnung. Man hat ihn +einfach wie so viele andere Rekruten dazu ausgehoben, und er war von +vornherein ein skeptischer Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu +denken ist. Da man etwas treiben muß in der Welt, ist er Soldat +geworden; nimmt er den Abschied, so ist er, mit Ausnahme des gewonnenen +Ekels und Abscheus, wieder so leer wie er vorher war, und er weiß nicht +recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer, sondern auch +unentschieden auf den Plan, und weil ihn kein Muß befehligt, ist er +nicht hungrig. Nur Leute, die unter einem tyrannischen Muß knirschen, +sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt. + +Er merkt es wohl, daß Hunger dazu gehört, um sich zu entscheiden: +Hunger, Spannung, Sehnsucht, eine ideelle Begierde. Die Welt, die +Menschen, die Erscheinungen des Lebens erregen seine Teilnahme kaum oder +nur insoweit, als seine Person dadurch berührt wird. Auf einmal richtet +sich seine Begierde, seine ganze Spannung und Sehnsucht gegen die eigene +Person. Er entscheidet sich ganz und gar für seine eigene Person, deren +er sich bisher, in den hintersten Reihen der Kämpfenden, nur dumpf +bewußt geworden war. Seine eigene Person enthüllt sich ihm plötzlich als +ein Gegenstand von ungeahnter Wichtigkeit, als ein unentdeckter Bezirk, +von dessen Schönheit und Vorzügen die übrigen Menschen zu unterrichten +jetzt sein gebieterischster Trieb ist. Alles was er tut, denkt und +empfindet, erscheint ihm erstaunlich, besonders und in hohem Grade +mitteilenswert. Je unbeachteter und dunkler sein Dasein bis nun gewesen, +je mehr drängt es ihn, sich in einen Mittelpunkt zu stellen. Wie aber +fängt er dieses an? + +Er geht mit instinktiver Pfiffigkeit ans Werk. Er schmückt sich; und +zwar schmückt er sich mit seinen Leiden, mit seinen Erfahrungen, mit +einer in auffallender Weise zugespitzten, verschärften und +nachdrücklichen Meinung über Menschen und Schicksale. Damit reizt er die +Neugierde, und sein Instinkt hat ihn trefflich geführt, denn Neugierde, +in einem gemeinen wie in einem höheren Sinn, ist der hervorstechendste +Zug der Gesellschaft, aus der er kommt und deren Mittelpunkt er sein +möchte, deren Mittelpunkt der schöpferische Mensch wirklich ist. Auch +der schöpferische Mensch übertreibt das Bild der Welt, aber dadurch, +indem er es vergrößert, dadurch allein schon, indem er die eigene Person +aus seinem Werk ausschaltet und an dessen Stelle etwas setzt, was ich +fiktive Persönlichkeit nenne. Dem schöpferischen Menschen ist seine +Person nur ein Vorwand, ein Ausgangspunkt, der Literat als Dilettant +sieht in ihr die Essenz und das Ziel. Der schöpferische Mensch ist +einsam, von Natur und durch Bestimmung; dennoch lebt er unter den +Menschen, weil die Menschheit ihm ein unentbehrliches Element ist, durch +welches er leidet, weil er geboren ist, um zu leiden, weil das Leiden +derjenige Seelenzustand ist, der ihn befähigt zu schaffen. Der Literat +als Dilettant ist niemals einsam; je weniger, je mehr er bei sich und in +sich selber steckt. Er stellt sich abseits, um in der künstlichen +Einsamkeit einen Ersatz für die natürliche des schöpferischen Menschen +zu gewinnen; er schmückt sich mit Einsamkeit, und auch dies ist ein +Mittel, um Neugierde zu erwecken. Die Menschen sind ihm entbehrlich, +obgleich er sie sucht; er ist der Menschen überdrüssig und satt, nur +seiner eigenen Person wird er niemals satt, sie erscheint ihm stets +interessant, begehrenswert, wichtig und ausgezeichnet. Nicht durch die +Menschen leidet er, sondern durch sich selbst, und je nach Rang und Art +seines Geistes und Charakters in allen Graden und Möglichkeiten; +angefangen von unerfüllten Ansprüchen niedriger Sorte bis zum Durst nach +Stillung eines bedeutenden Ehrgeizes. + +Dieser Ehrgeiz ist sorgfältig zu trennen von dem, was die Griechen +Ruhmsucht genannt haben, als welche ein übersinnliches Verlangen und in +ihren Wurzeln mit dem Unsterblichkeitsgedanken identisch ist. Der +Ehrgeiz hat nichts mit Anonymität zu tun, der Ehrgeizige gibt sich nicht +grenzenlos und unbedingt hin wie der Ruhmsüchtige, er löst sich nicht +auf in der Idee; er leitet seine Sache, er steht vor seinem Werk, er ist +immer der Herr, immer sichtbar, und sein Name umflammt seine Tat wie ein +Programm. Die antik-heroische Eigenschaft der Ruhmsucht ist den modernen +Zeiten und Menschen fast abhanden gekommen. Vielleicht ist darum unsere +Kultur, oder was wir mit diesem Namen bezeichnen, so zerstückt, brüchig +und disharmonisch, weil sie völlig auf einzelnen, auf »namhaften« +Trägern ruht. Jede wahre Kultur setzt Anonymität voraus. + +Der Literat als Dilettant verabscheut die Anonymität, denn tritt er ohne +seinen Namen auf, so ist es, als wenn ein General ohne Uniform zu Hof +ginge. Durch seinen Willen getragen, von seinen Zwecken befehligt, +abhängig von der Gunst der Menschen und der Umstände und somit von dem, +was die Gesellschaft den Erfolg nennt, kann er in keinem Fall auf äußere +Bestätigungen verzichten, und die edle Selbstvergessenheit des +lediglich von der Sache erfüllten schöpferischen Menschen ist ihm fremd +bis zum Unbegreiflichen. + +Doch sehen wir von jener höchsten Selbstvergessenheit vorläufig ab, die +nur eine ideale Annahme sein mag. Der Ehrgeiz des Künstlers würde auch +dann in Kraft treten, wenn dieser Künstler auf einer einsamen Insel +lebte, denn sein Ehrgeiz ist der Ruhmbegierde insofern verwandt, als er +von dem Bestreben, das Werk zu möglichster Vollkommenheit zu führen, +nicht zu trennen ist. Der Literat als Dilettant hingegen ist besessen +von der Sucht nach der Prämie. Eines seiner untrüglichsten Kennzeichen +ist, daß er der Selbstkritik ermangelt. Selbstkritik ist das Vermögen zu +vergleichen. Der Literat als Dilettant kann sich nur mit sich +vergleichen, aus diesem Grunde erscheint er sich bald überklein, bald +übergroß, da sein einziger Spiegel nur das eigene, beständig +schwankende, beständig wechselnde, niemals ruhende, losgelöste und +isolierte Ich ist. Er kann seine Arbeit nicht allgemein an Arbeit und +Leistung messen; nur an sich selber kann er sie messen, an den +verbrachten Stunden, gefühlten Anstrengungen; seine Intensität zu sein +und zu schaffen dünkt ihm die stärkste überhaupt erreichbare, und ein +solches Bewußtsein genügt ihm, um alle Erinnerungen an Qualität +auszulöschen oder zu trüben. Im Grunde seiner Seele hält er die höhere +Geltung, welche die Meisterwerke genießen, für einen Zufall, wenn nicht +für Schlimmeres; auch jedes Gelingen hält er für einen Zufall, da ihm +entweder das Talent zu inspirieren oder das Talent zu administrieren im +Gegensatz zum elementaren Künstler fehlt. Wer ohne Selbstkritik ist, hat +zu keinem Ding eine wahrhafte Distanz; so betrachtet er alle Künstler +als seine Kollegen, und das unterscheidende Merkmal zwischen ihm und +ihnen besteht nur in der Tatsache der größeren oder geringeren Prämie. +Wohl vermag er zu bewundern, aber seine Bewunderung ist von persönlichen +Vorbehalten niemals frei; er gibt sich nicht hin, er will insgeheim +profitieren, er will denen, die die höhere Prämie erhalten haben, den +Handgriff absehen, und das scheint ihm ausführbar, weil er die Distanz +nicht kennt. Die Prämie, nach der er strebt, kann er nie erhalten – ein +Kater zeugt nicht Löwen. Er aber, der da wähnt, alles Vierbeinige sei +letztlich von gleichem Rang, dem die Art und die Natur der Löwen völlig +fremd sind, weil er in einem ganz anderen Klima lebt, muß +notwendigerweise zu der Überzeugung gelangen, daß er das Opfer einer +Ungerechtigkeit sei; die Vergeblichkeit seiner Forderungen erfüllt ihn +nach und nach mit Eifersucht und Neid, so daß er alle Menschen gegen +sich verschworen glaubt, vom niedrigsten Skribenten an, um dessen +Ermunterung er buhlt, bis hinauf zu Homer, der eine allzu reichliche +Menge des in der Welt vorhandenen Beifalls verzehrt hat. + +Eifersucht und Neid vermögen am Ende seine Fähigkeiten ungeahnt zu +steigern; fast allein durch Eifersucht und Neid ist er zuweilen +imstande, die Gebärde, die Rhythmik, die Melodik des Künstlers zu +treffen und wenn er sich auch nicht hingeben kann, so verliert er sich +doch manchmal, verliert sich in einer seltsamen Form übertragener +Nachahmung, in welcher die großen Werke wie abgeblaßt und +wiederempfunden, schattenhaft, stimmungshaft ein zweites, unwirkliches +Leben führen. Er übertreibt das schon Vergrößerte, verwickelt das schon +Vereinfachte, und die Welt, die ihr Bild in einer immer auffälligeren +egoistischen Verzerrung erblickt, wendet sich beleidigt und gequält ab, +auch wenn sie dem Urheber vorübergehend gehuldigt hat. + + + + +Der Literat als Psycholog + + +Die Psychologie des schöpferischen Menschen ist, mit einem Gleichnis aus +der Chemie gesprochen, ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die +Psychologie zur Idee, was ungefähr so viel sagen will, als ließe sich +jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen Kompaß besitzt. + +Der Psycholog hält alles für erlaubt, denn er kann alles erklären. Er +hat für jede Tat ein Für und Wider, für keine ein Entweder – Oder. + +Der schöpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, indes der +Psycholog die Menschheit und sich selbst verrät. Dieser Prozeß des +Verrats ist wichtig genug, um näher betrachtet zu werden. + +Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als Psycholog ein +isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich reichere und tiefere Natur. +Er ist auch die kompliziertere Natur, ja, im Gegensatz zum +schöpferischen, der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, daß +seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus einem einheitlichen +Gefühl, nicht aus einem elementaren Sein und Betrachten erwachsen, +sondern daß sie vielfache Wurzeln haben, daß kein reiner einfacher Strom +des Lebens ihn trägt, sondern daß er ein Spiel vieler, verschiedener, +oft einander entgegengesetzter Strömungen ist, wider die er sich zu +behaupten hat, woraus sich ergibt, daß er sich fortwährend im Zustand +der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes befindet. Er ist ein +wirklich Kämpfender, nicht bloß wie der Literat als Dilettant einer der +in den hintersten Reihen zuschaut. + +Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte Menschen; sie +sind unkompliziert geboren. Der schöpferische Mensch ist ebenfalls +unkompliziert, aber dort, wo sich der Ring wieder schließt, auf der +anderen Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene, +derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur durch eigenes +Streben und eigene Bestimmung, sondern auch durch unbewußte Mitwirkung +der Geschlechter, die ihn hervorgebracht haben und deren Aufgabe es war, +ihn hervorzubringen. Der Psycholog hat nun gleichsam diese Kette stummer +Vorbereitung selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelöst und tritt +mit dem ganzen Willen der »Kette«, mit Belastungen von rückwärts und +vorwärts, mit unerledigten Verantwortungen, eigentlich als ein +Deserteur, allein auf den Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige +Erlebnisse voraus, innerhalb des eigenen Gemüts wie gegen den Kreis der +Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich zu verantworten, ununterbrochen +sich zu verantworten, gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich +selbst. Der schöpferische Mensch hat nicht nötig, sich zu verantworten, +er ist eben da, er empfindet sich als notwendig und gesetzmäßig, seine +ganze Existenz heißt: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine +innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern aber ist immer +zumute, als ob er verneint würde, er fühlt sich als zufällig, er spürt +keine Sicherheit, in ihm selbst steckt eine glühende Verneinung, und +deshalb ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, Schatten- und +Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, und es gelingen ihm bisweilen +Werke dämonischer Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was +er zutage fördert, trägt den Fluch einer geheimen Lüge. + +So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag er nur eine +Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr als den Teil, er lebt nicht mehr +als den Teil, das ist sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des +Menschen und im Wesen der Kunst begründet, daß sein Werk ein Ganzes, ein +Gebilde von allgemeiner Gültigkeit und Glaubhaftigkeit vorzustellen +strebt. Da klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, desto +enger und bedingter, desto mehr persönlich gebunden stellt sich sein +Geschaffenes dar; je weniger er sich bescheidet, desto auffälliger und +schmerzlicher tritt die Kluft zwischen dem Persönlichen und dem +objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, keinen Ausgleich. Je +stärker Talent und Potenz sind, desto mehr verführt ihn die Sprache, das +Erlebnis, die Leidenschaft, die Intensität der Vision, sich auf sich +selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und Gott auszuspielen, +desto mehr verführt er die Menschen, an ihn zu glauben statt an seine +Welt und an Gott. Er ist immer zugleich Verführer und Verführter, +während der schöpferische Mensch Führer ist; er ist stets der Sklave +seiner Eingebungen, Ideen, Worte und Gestalten, indes der schöpferische +Mensch immer Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit, +Freiheit und Gültigkeit verleihen will, desto mehr muß er seine +Fähigkeit überspannen, die Empfänglichkeit seiner Sinne dem +Krampfhaften, also dem der Natur Feindlichen nähern, und niemals das +Göttliche, höchstens das Titanische ist sein Gipfel. + +Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die äußerste Wachsamkeit kaum zu +denken; in der Tat ist der Psycholog das wachsamste Geschöpf der Welt. +Wo der Dichter träumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit hat zur +Folge, daß er über alle Vorgänge seines Innern und zuletzt über die Art +und Wirkung des Zwiespalts, in dem er sich befindet, aufs genaueste +unterrichtet ist. Jener Kampf führt nie zu dauernder Entscheidung; in +jedem Augenblick fällt die Entscheidung anders, und er selbst darf die +Waffen nicht ablegen. Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im +Zustand der Unruhe und der Bewegung alles von sich selbst zu wissen; +sich von sich selbst loslösen wollen und doch einsehen müssen, daß man +unlösbar mit und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen +rechtfertigen zu müssen, gegen das Werk, gegen die Menschheit, gegen +Gott und gegen die eigene Seele; in einem derartigen Zustand ist das +dringendste Verlangen das nach einem Heilmittel oder einem +Betäubungsmittel, nach einem Stimulans; dieses Stimulans ist eben die +Psychologie. + +Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie kann sich bis zu +halluzinatorischer Kraft steigern. Sie ist beim schöpferischen Menschen +in den Phasen vor der Entscheidung, beim Literaten ist sie die +Entscheidung selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung bringt +eine Wandlung hervor, jedoch diese Fülle von Wandlungen führt keineswegs +zu einer Verwandlung; die Mittel sind auf dem Wege verausgabt worden, so +daß es ein Ziel darüber hinaus nicht mehr gibt. Der Literat hat den Weg, +der schöpferische Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, – auf +dem Weg, und das beständig; der schöpferische Mensch verwandelt sich, – +am Ziel. Ein Mann, der nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus +dem diesseitigen die ganze Summe von Genüssen hervorpressen, die nach +seiner Ansicht darin enthalten sind. Dermaßen ist das Verhältnis des +Literaten zur Psychologie beschaffen, und so kommt es auch, daß die +Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an Gott ist. + +Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets bemerken, daß das +schlechthin, das Nur-Psychologische immer den Verrat in sich birgt. Es +mag so erstaunlich wie möglich beobachtet sein, nie wird man es ohne die +Überwindung einer geheimen und tiefen Scham hinnehmen, als ob sich ein +Mensch vor uns entblößte. Der Psycholog verrät die Welt, indem er sich +selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen verrät. Dies ist ihm +die Brücke zur Welt, denn eine andere hat er nicht in seiner Isolierung. +Der Psycholog kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine Ekstase. +Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er in seiner Seele gemacht hat, +er reißt dich in seine Abgründe, begräbt dich in seinen Finsternissen, +schleift dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am Ausgang und +am Eingang steht er, nur er, Pförtner und Totengräber. Der +schöpferische, der handelnde Mensch übernimmt die Leiden der Welt und +reinigt die Menschheit davon, der Psycholog gießt seine Leiden über die +Welt, und die Psychologie ist ihm der Schlüssel zur Welt, das Mittel, um +dir zu sagen: Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses »du +bist wie ich«, mit Hilfe der Psychologie, des fortwährenden Belauerns +konstatiert, bringt etwas wie eine künstliche Sozialität bei ihm hervor, +indes ihm die natürliche von Anfang an fehlt. Wo er haßt, ist sein +Verrat ohne Hemmung, gewissermaßen sachlich; wo er liebt, glaubt er sich +zu opfern durch den Verrat, und er muß verraten, weil die einzige Form +seiner Produktivität darin besteht, das Ganze der Welt in Stücke zu +reißen und in dem Schmerz über die Zerstörung und Zertrümmerung die +Unvollkommenheit der Dinge zu gestalten. Während der schöpferische +Mensch in einem göttlichen Sinne grausam ist, ist der Psycholog in einem +menschlichen Sinne grausam, da er durch ein tragisch widerspruchsvolles +Gesetz trotz seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt bleibt +und sich so wenig wie von sich selbst richtend von ihr lösen kann. Er +richtet nicht, er klagt an; es geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch +nie um Gerechtigkeit. + +Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebärden mag, ist sie +der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur, +der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion. Sie +ist immer ein irdisch Erfülltes, rationalistisch Fertiges; sie ist das +Wörtliche, nicht das Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische, +der Weg und nicht das Ziel. + +Nun entsteht die Frage: Wie verhält sich die Welt, die Gesellschaft +hiezu, wie nehmen die Verratenen den Verrat auf? Sie werden ja beständig +in Anklagezustand versetzt, beständig ihrer Geheimnisse beraubt, +beständig in ihrer Scham beleidigt, wie können sie das ertragen? + +Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des Kniffs, daß er alles +Einzelne, Vereinzelte und Sonderliche zum Typus verdichtet (während der +schöpferische Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). Dadurch wird +allem Widerspruch die Spitze gebrochen, und es entsteht ein Werk von +großer Leidenschaftlichkeit, gegründeter Bewegtheit und seelischer +Durchführung, ein Werk von je stärkerer persönlicher Einheit zumeist, je +geringer eben die Objektivierung der Welt darinnen ist. Obwohl jene +Eigenschaften nur mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst +zur Erscheinung gelangen können, nenne ich doch das Verfahren des +Psychologen – in höherem Betracht – einen Kniff, denn er deckt sich +damit nach zwei Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er +einen Zerrspiegel vorhält und sie dabei durch seine Leidenschaft, sein +Gefühl, seine Kunst, seine Persönlichkeit verhindert, die Willkür in den +Zerrbildern zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, wenn +man will, gegen das schöpferische Prinzip, indem er sich als einen +leidenden, leidenschaftlich ergriffenen Menschen preisgibt, aufgibt und +zugleich darauf pocht, daß er in unabhängigen Gestaltungen zur +Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt. + +Ich spreche selbstverständlich nicht von der Psychologie als +Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und hat mit der Psychologie in +der Kunst wenig oder nichts gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine +analytische Methode, sondern eine Empirie höherer Ordnung, nicht mehr +eine Disziplin, die von Realitäten ausgeht, sondern eine Realität an +sich. Sie verpflichtet und verbindet das künstlerische Gebilde der Erde, +verleiht der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem schon +Zusammengefaßten, Verdichteten sein unverrückbares Gesetz, seelische +Anwendung, wechselvolles Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die +Erfahrung beruft. Der Literat als Psycholog will aber durch die +Psychologie die Vision, das Gleichnis, das Verdichtete, das Gedicht erst +erzeugen. Ihm ist der Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger +als die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt ist, erlahmt er +in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit vermag er zu erschöpfen, er weiß +sie immer neu, anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie +ist ja sein Persönliches, sein Erbe, während die Idee das Göttliche +vorstellt, von dem er abgeschnitten ist. + +Durch das außerordentliche, zauberhafte, verführerische Talent, die in +sich selbst beschlossene Realität zu gestalten, wird nun die Menschheit, +die Gesellschaft oder das, was man Publikum nennt, über den begangenen +Verrat hinweggetäuscht. Und zwar nicht erst seit gestern. + +Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die geistige und +sittliche Individualisierung der Menschheit begonnen. Der christliche +Kerngedanke ist eigentlich die vollständige und freiwillige +Selbstisolierung des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale +Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heißt: allein dastehen +gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlöst, wird die Menschheit erlöst. +Es konnte bei der Sublimität einer derart aufs äußerste getriebenen Idee +nicht ausbleiben, daß sie, um eine Wirkung zu üben, mißverstanden werden +mußte und das Christsein schließlich nur hieß: erlöst werden durch das +Leiden eines andern, dessen nämlich, der seiner Lehre das +welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das Christentum nach der +sozialen Seite hin nutzbar gemacht. + +Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstörende Idee ist die +der Kunst entgegengesetzte Idee schlechthin. Der christliche Mythos +konnte der Kunst nur dort Nahrung zuführen, wo entweder gläubige Gemüter +den gläubig Schaffenden umgaben, oder wo sein menschlicher Gehalt die +Strenge der Überlieferung sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der +Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, im ganzen +Marienkult, antikisierend und dem Erlösergedanken fremd waren. Es konnte +also nur das leidende, inbrünstige, ekstatische, lebenverzichtende +Gefühl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive Frömmigkeit +erforderlich war, oder es mußten übernommene Vorstellungskomplexe eine +immer wiederholte Darstellung finden, deren persönliche Beseelung aber +unmöglich wurde, als die Tradition ermattet und die Zahl ihrer Motive +verbraucht war. Die bildende Kunst und die Musik, deren Gehalt +ausschließlich in der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in +Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn auch meist nur +scheinbaren Zusammenhang mit dem Christentum am längsten bewahren; die +Literatur hingegen, Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch das Wesen +der Sprache und des Wortes auf eine stärkere geistige Existenz gestellt. +Dies bedingt einerseits eine größere Kälte, größere Ferne und geringere +Unmittelbarkeit der Gefühlswerte, andererseits wird aber dadurch jede +Verschleierung und Verdunkelung der Idee erschwert, da die Auflösung der +unerläßlichen Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur Wirkungslosigkeit +führen würde. + +Der Dichter mußte sich also um so eher und nachhaltiger vom Religiösen +befreien, je mehr dies Religiöse seines national-mythischen Gehalts +entkleidet und, was dem Geist des Christentums widerspricht, zu einer +staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. Das christliche Gebot der +Absonderung, der leben-, form- und freudezerstörenden Individualisierung +zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer Individualisierung +auf geistigem Weg, vor allem zu einer losgelösten, vom Volk +abgesonderten Existenz. Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus +dem Volk ihm zuströmenden, im seelischen Leben des Volks gewachsenen +Mythos beraubt, und dies bedeutet: daß er seinen Mythos selbst +erschaffen mußte, aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter +befanden sich im Kreise des religiösen Mythos ihres Volkes, der stets +identisch war mit dem nationalen Mythos. Das Christentum zerbrach diese +Einheit nicht nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles +Schöpferische verneinender Mythos entzog den Dichtern auch die +wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die wunderbar tiefe +Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, die jene Genien besaßen, die von +einem ununterbrochenen Strom mythisch vorhandener Gestalten schon +getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. Wie wäre denn sonst das +christliche Mittelalter, insonderheit das deutsche, so arm an großen +Dichterpersönlichkeiten? Die wenigen von Rang führten nur ein privates +Dasein, waren einsam, waren geduldet, oder auch wohlgelitten, »Sänger«, +Kostgänger, Mitläufer, nicht Führer, nicht Propheten. + +Der Dichter mußte seinen Mythos selbst erschaffen. Dabei ist es +geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, der Staaten, der Völker, +der geistigen und sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die +fortschreitende Dezentralisation und die beständige Verschiebung der +Kasten und Klassen beständig wachsende Fülle von Schicksalsmöglichkeiten, +alle diese Umstände haben die Tendenz zur Vereinzelung verstärkt. Kaum +daß noch Familien ein natürliches, auf dem Herkommen beruhendes Ganzes +bilden; die Gemeinde, die Polis, der Staat, die Nation sind schon +künstliche und zufällige Zusammensetzungen. Das seelische Erwachen von +Millionen Einzelnen bietet freilich ein großes Schauspiel; es ist nur +die Frage, ob es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht eben +ins Grenzenlose und Verhängnisvolle gesteigert wird. + +Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte Grundlage des +nationalen Mythos fehlt, muß er ihn aus seinem Innern ersetzen. An die +Stelle der lebendigen Überlieferung tritt diejenige des Schrifttums, und +statt der natürlichen Sprache, die der Mythos hat und in der er zu allen +spricht, ergibt sich der Stil. Sein Gedachtes, sein Geschautes, sein +Geträumtes, sein Werden, sein persönliches Erleben, seine Anschauung der +Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein Verhältnis zur Natur, dies +alles verdichtet, vereinfacht, verbildlicht und zur Schönheit +verwandelt, wird nun für den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn +er zugleich Künstler ist, wenn er alle Lebenselemente zu Kunstelementen +umgeschmolzen und das Persönliche in ein Göttliches verwandelt hat. + +Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen Ernst voraus, +eine Kraft zur Entsagung und einen Willen zur Einsamkeit und +Selbstvertiefung, die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe +machen müssen, damit er Herr des Werkes werde, sondern es fordert auch +bei den Empfangenden eine Eigenschaft, die fast Kongenialität zu nennen +ist und die sich natürlich nur bei erwählten Geistern findet, zunächst +wenigstens; später greift dann die Tradition von Bildung, Stil und +Kultur ein, dieselbe Tradition, deren sich der Nachfahr bedienen und die +er zugleich bekämpfen muß, um sich selbst zu finden. So vollzieht sich +nie ein harmonisches Kräftespiel; alles ist Kampf und Absonderung, und +das Mißverständnis zeugt, nicht das Einverständnis. + +In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das +Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und großartiger ist, je größer +eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es +gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch glühendes Welt-Erraffen, +selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persönliches gleichsam +auszutilgen und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. Dies ist dem +Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schöpft er ebenfalls +alle Nahrung aus sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt +tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt, +bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das +andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, und +er ist fern von den Menschen – wie der schöpferische Mensch, und fern +von Gott – wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das +Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die +ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, des vereinfachten +Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende, +Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von +ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine +Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes +Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, zu verraten. +Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an +Spiegelbildern, an Enthüllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstörten +Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein +Gleichnis für Göttliches nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine +Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht +sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie wach, seine Bewegtheit zerstreut +sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie, +seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein +Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres, +Glaubhafteres und Reizenderes als beim schöpferischen Menschen, wo sie +ein Gleichnis für das Göttliche finden, die Synthese. + +Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das Volk für sich hat, +die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der +Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die +an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein +Publikum? Es sind die »Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten, +eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, die Wahllosen, +Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und völlig Gottlosen. Darin beruht der +tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall +und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die +Gottlosen für sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er gottlos +ist? + +Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glück des Darüberstehens ist, +mag er auf den blicken, der geradeswegs für das »Publikum« erschaffen +wurde und der nicht mehr daran leidet, daß er gottlos ist. + +Das ist: + + + + +Der Literat als Tribun + + +Er stammt zumeist aus kleinen Verhältnissen und kennt die Not, die +leibliche wie die geistige. Zwei Dinge haben ihn emporgehoben: sein +Ehrgeiz und das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur äußerlich, er zielte +auf die Verbesserung der sozialen Stellung, wurde aber später durch +geistige Zuströme sowohl veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn +der Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenuß zerstört. +So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem +Wanderer. + +Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist nicht beschwingen, aber +sie gibt ihm die vehemente Stoßkraft des von eingepreßtem Dampf +getriebenen Hebels. + +Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tatsächlichen; er ist +Erklärer und Propagandist; Bannerträger alles Neuen; Beobachter, der +unfehlbare Schlüsse zieht; Alchimist der Überraschungen und Moralist der +Nutzanwendung; Übertreiber des Absurden, Verzerrer des Trivialen, +Widersacher des Selbstverständlichen; Leugner des Seltenen, wo Seltenes +anerkannt, und Verkündiger des Genius bis zu der Stunde, wo der Genius +sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der Anpassung, der Aufwiegler +der Stumpfen, die Polizei der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist +vieles in vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick +angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden zu denken, ohne +den gegenwärtigen halten zu können, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist +wie der Kapitän eines Passagierdampfers; bei jeder Fahrt sind andere +Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte, nie vorbereitete, nie solche, +die sich seiner Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er muß alle +Voraussetzungen seines Tuns und seiner Kräfte jedesmal von neuem +exponieren. Der Wechsel der Passagiere vollzieht sich unter beständigem +Bruch geschaffener Bündnisse und Übereinkünfte, beständiger Veränderung +der Formen und Normen. + +Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert man sich wohl. Im +Grund ist es der Name, der Gewicht und Klang hat, der eine Luft des +Schreckens, des Befehls, der Autorität, der Leidenschaft um sich trägt. +Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die Person schreitet über die +Leistung hinweg. + +Wer ist unglücklicher als er? Vertrauen erzwingen, Anerkennung, +Billigung und Freundschaft mit Aufwand aller Mittel des Geistes erobern, +um alles wieder zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie am +Anfang muß er seine Person einsetzen und bloßstellen, immer mit dem +ganzen Elan oder, was nicht minder aufreibend ist, mit der Gebärde des +ganzen Elans. Hätte er nicht die Gebärde, so würde er ausgeplündert, +ausgeschlürft und ausgeleert, da die Vielfältigkeit der Aufgaben, die +ihm gestellt werden, und die Zerstreutheit der Interessen, die zu +sammeln, zu befriedigen, zu beschäftigen seine wichtigste Mission ist, +ihn nötigen, alles was er empfängt, sogleich wieder zu veräußern. Der +schöpferische Mensch verarmt nicht, ihn nähren tiefe Wurzeln; seine +wirkliche Persönlichkeit wird genährt von seiner mythisch-fiktiven. Auch +seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die Gestalt, die ihm +verbunden ist, auch wenn kein Ohr ihn hörte, kein Auge ihn sähe. Die +Realität ist nur ein Gleichnis für ihn; er schafft ja die Welt zum +zweitenmal. + +Demgegenüber ist der Literat als Tribun der einsamste von allen +Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz gelöst von der Welt. Was ihn +schützt und tröstet, ihn unermüdlich, gewissermaßen verblendet macht, +was seinen Ehrgeiz in Glut erhält, ist das Wort. Er hat eine angeborene +Liebe zum Wort, und es wäre verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht +für einen Dichter hielte. Das Wort ist sein Gefährte, er geht mit ihm um +wie mit einem Freund, er tändelt mit ihm wie mit einem Kind, er betreut +es wie eine Geliebte und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste +durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er durch das Wort tapfer, +ja tollkühn; hinter dem Wort verschanzt er sich, verbirgt er seine +Armut, seine Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort gibt +ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert und verdeckt seine +Irrtümer und verleiht ihm genau die Gestalt, die er vorzustellen +wünscht. So wird er undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das +Wort ein Panzer wäre; unsichtbar und unauffindbar hinter dem Wort, ein +wunderliches Widerspiel zum schöpferischen Menschen, der unsichtbar ist +hinter der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt, nur +Handlungen, Bewegungen (des Körpers oder der Seele). Dann sind Worte von +ganz anderem Valeur, ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht +Gesagtes. Das Wort als solches verhüllt die Gestalt und macht sie +unsichtbar. + +In einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der ungeheuren Fülle der Dinge, +der Gesichte, der Vorgänge, der Meinungen, des Wissenswürdigen, des +Neuen, des schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergrößerung +geistigen Bestandes bei erschreckender Haltlosigkeit des Besitzes ist +der Literat als Tribun unentbehrlich. Er ist es, der wägt, der urteilt, +der vermittelt, der die Großmünze der geistigen Regierungen in die +Kleinmünze des Verkehrs umsetzt, der Bildung verbreitet, Kenntnisse +weckt, Einsichten fördert und in allen Angelegenheiten des öffentlichen +Lebens höchste und letzte Instanz ist. + +Das wäre nun eine sehr segensreiche Tätigkeit mit heilsamen Wirkungen, +müßte man glauben. Man müßte glauben, daß eine so stetige und heftige +Teilnahme am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur, an seelischem +Wachstum und geistigem Fortschritt ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn +und ohne wahre Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir näher zu. + +Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn, auch nur der +allergeringste Lohn in Aussicht steht? Kann von Selbstlosigkeit die Rede +sein, wo eine Handlung dazu dient, den Glanz eines Namens zu erhöhen? Es +mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache führen, und er besitzt doch +nicht die wahre Sachlichkeit, sobald es unter dem Schutz seiner Person +und unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn und +Selbstlosigkeit, das wäre Auflösung der Anonymität, – rein betrachtet, +meine ich, denn ich will ja keine Kompromisse mit den Begriffen und mit +den Erscheinungen schließen. Daß die Anonymität des Tribuns ja zuweilen +sogar seiner Ehre schaden kann und muß, gehört auf ein anderes Feld; es +ist dies ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur, nicht _das_ +anklagt, was ich unter Anonymität verstehe. + +Was aber verlangst du? hält man mir dawider. Ist der Opfersinn, die +Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit unzureichend, die der Literat als +Tribun in seinem edelsten Typus darstellt, was wäre dann zureichend? Was +geschähe ohne ihn? Wer würde seine Arbeit verrichten, die, wie gesagt, +unentbehrlich ist, schon weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten +Neigungen entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Auflösung und der +Anonymität fähig sind? Die wirken durch die Tat, durch die Gestalt, +nicht durch das Wort. Ist jedoch der schöpferische Mensch anonym? Er +erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den Mythos, in dem er +entschwindet wie Zeus in der Wolke. Wo läge aber der Mythos für den +Literaten als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort ist das dem +Mythos schlankweg Entgegengesetzte. + +Dafür wäre also abermals die Zeit zu beschuldigen, die eine Kultur +geschaffen hat aus einer Summe von Einzelkulturen, die auf den +Individualismus schwört und in ihren subtilsten Regungen, in ihren +ahnungsvollsten Stunden noch, sie weiß kaum wie sehr, der Materie +huldigt. Die Person, das ist eben die Materie in nuce. Man fragt, was +ohne die segensreiche Tätigkeit geschehen würde, die der Literat als +Tribun entfaltet. Die Wege der Bildung würden veröden; gewiß. Aber ist +es nicht schon genug der Bildung, die nur auf eine Vervollkommnung des +Persönlichen, persönlicher Macht, persönlicher Ausdrucksmöglichkeit, +persönlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn einmal ruhen, +um eine wohltuende Geistesdämmerung eintreten zu lassen, in der die +Seelen einander finden würden, der Streit der Meinungen, die Schlacht +der Worte zum Austrag gelangen könnte? Ich behaupte nicht, daß diese +Bildung nur ein Äußeres sei, sie kann auch ein Inneres sein, Kräftigerin +des Gemüts, Reinigerin des Herzens; aber ein Religiöses ist sie nicht, +niemals wird sie den Menschen zum Mythos führen, ihm die große Fülle, +die große Stille, die große Bescheidung, den großen Zusammenhang +schenken und sein Herz der Trägheit entledigen, die eine Folge der +individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn verpersönlichen, zum +Knecht des Wortes machen, zum Wörtlichen, zum Einzelnen. + +Dafür eben ist _das Wort_ ein Merkmal, das Merkmal geradezu. Es hat alle +Gebiete des Denkens und des Gefühls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt +erobert. Es ist der nützliche Kolonisator jeder Wildnis und der +voreilige Zerstörer des Geheimnisvollen. Es hat nur kurzen Atem, eine +flüchtige Existenz, aber es hat die Kraft, sich immer wieder aus sich +selbst zu erneuen. Was es berührt, bezeichnet hat, tritt unveräußerlich +in den Bezirk des Gewußten und Bewußten, in den Bannkreis der Meinungen +und Urteile, wird studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie +Raritäten in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung, wo sie +aufhören, ein freies, organisches und anonymes Dasein zu führen. Was +gestern noch Ahnung war, heute ist es Gewißheit, morgen ist es ein +Schall. Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet die Kürze +des Wegs vom Glauben zur Entgötterung, von der Gebundenheit zur +Anarchie. In der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von Glauben und +Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist Angst, Fatalismus; es ist nicht +Gesetz, es ist Trägheit, Rationalismus – Schranken vor dem Chaos. + +Will der Literat als Tribun über das Wort hinaus, so gelangt er in die +Sphäre des Dilettanten oder in die des Psychologen, wobei er Schatten +beschwört, die er für Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs +ist er unnachahmlich und wird seine Gaben zur Vollendung entwickeln. Da +er in der Luft der Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die über den +Dingen schweben, über den Menschen, über der Kunst und über der Natur. +Er vermag sie so zu binden, so zu schleifen, daß sie unter allen +Umständen seinen Charakter und die Farbe seiner Persönlichkeit annehmen. +Dies ist noch nicht Stil; zum Stil gehört Distanz und Ruhe, Bild und +Rhythmus; es ist das Wort in seiner Sinnlichkeit und Nähe, seiner +Einschichtigkeit und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende, werbende +und symbollose. Damit es an seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies +enthüllt sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten als +Tribun. Die Rede fordert Hörende, nicht Neugierige, Wißbegierige, nicht +Gelangweilte, die flüchtig aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag +sich wendet, deren Teilnahme für Gelesenes nur eine Maske der Müdigkeit +und der Überfütterung, deren Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch +von einer Verpflichtung loskaufen, nur eine künstliche Form von +Gleichgültigkeit oder sagen wir Objektivität ist; sondern die Rede +fordert eine von gemeinsamem Band vitaler Interessen umschlungene +Gemeinde. Der Literat als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen +zwei Stühlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage, eine +einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene Wort hat ganz +andere Resonnanzen und Ansprüche; an die Stelle des Willens zur Tat +tritt der Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden, ohne zu +spüren oder zuzugeben, daß dies nur ein Surrogat ist, und über die +Unmöglichkeit einer allgemeinen, politischen, besser: verwandelnden +Wirkung tröstet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen, mit dem +Enthusiasmus der Gleichgültigen, mit der Zustimmung der Fachgenossen und +einem Ruhm, der aus Papier besteht. + +Eine unausbleibliche Folge des Mangels an Hörenden ist die zunehmende +Zahl derer, die selbst etwas sagen wollen. Es beruht dies auf dem +seltsamen Irrtum der menschlichen Natur, daß sie das geben zu müssen +glaubt, was sie nicht empfängt. Die fortschreitende Individualisierung +wirkt auf den einzelnen verlockend, ein Phantom der Freiheit äfft ihn, +und er tritt selbsttätig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt ist, was +durch die stumme Arbeit der Geschlechter vollendet werden muß. Jeder +solche einzelne ist ein »Talent«. Das Talent ist ein Losgelöstes, vom +Mythos Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente sind +Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt, Sektierer, nicht +Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt, Unterhaltung, Zerstreuung, +Spannung, Anspannung (der die Abspannung wie eine Rache nachgeht), dafür +machen sie sich bezahlt durch eine geistige Tyrannei und eine +Vorherrschaft ihrer spezifischen Art, welche den innerlich Unsichern, +zufällig Erhobenen nicht verleugnen. Das Talent ist wie der Mond; es +zeigt immer nur eine Seite: die literarische; die menschliche ist +unsichtbar, – eine Entzweiung von verhängnisvoller Beschaffenheit, die +irgendwo und -wann zum Bankerott führen muß. + +Wie oft sehen wir, daß zugunsten des »Literarischen« das Menschliche +geopfert wird. Wir müssen auf ein Antlitz verzichten, um uns an +Verkleidungen zu ergötzen. Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt es +Fälle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erfüllt ist, daß er sich +gedrängt fühlt, es darzustellen. Es handelnd auszulösen, ist ihm aus +vielen Gründen versagt, unter welchen der Mangel eines echten +gesellschaftlichen Zusammenschlusses am schwersten wiegt; er greift zur +schriftlichen Mitteilung – als Beichte; zur übertragenen Form des +gestalteten Bildes – als Spiegelung. Mag es Klarheit für ihn, +Aufklärung, Bereicherung für die Freunde, für Gleichfühlende bringen, +Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und entlastet ihn. Anstatt es +aber dabei zu lassen, das Ungewöhnliche, Seltene, jedenfalls Einmalige +als solches zu bekräftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zerstört, +anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben, und was zuerst +Berufung war, wird Handwerk, dann Routine, dann ekler Absud und +Selbstplagiat. Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es wird immer +weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt, eine Tat wird verleugnet, +Freunde werden zu Kostgängern, ehedem Ergriffene zu höflichen Jasagern, +die Seele verarmt in der Gebärde, der Geist stellt sich im Wort bloß, +Erlebnis wird sogleich als Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum +lähmt das Erlebnis, dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den +Genießenden die Unschuld und Freudigkeit getrübt, und es entsteht – +Literatur. + +Das Notwendige sinngemäß vollbringen, kennzeichnet den Menschen von +Berufung. Infolge jener Entzweiung wird entweder das Notwendige nicht +sinngemäß, d. h. stilgemäß, angeborener Form entsprechend zum Ausdruck +gelangen, wenn das Menschliche prävaliert, oder das Sinngemäße wird +nicht immer das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte sein, wenn +das Literarische prävaliert. Entweder wird also das Literarische als dem +edleren Dilettantismus verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird +nur wie ein zufälliges Anhängsel erscheinen. + +Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist unterworfen. Von +Anbeginn an ist er der geschworene Feind des Dilettanten, da er +sozusagen auf Vorposten steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich +verkettet findet und, der Öffentlichkeit preisgegeben, eine öffentliche +Person ist, von der man bestimmte Leistungen zu erwarten sich mehr +bemüßigt als gezwungen fühlt. Schon die stete Verantwortung nötigt ihn +zur Gebärde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel mehr erst die +Gewohnheit, das Metier. Das Wort umpanzert ihn, kommandiert ihn, und +wollte er sich auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort +gesündigt hat, so fände er die Brücken abgebrochen und den Weg zu weit. +Er muß antworten, beständig antworten, als ob die Welt und das Leben +voll von Fragen wären; sie sind auch voll von Fragen, nur werden sie +nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt und das Leben, und die +Antwort geschieht um der Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort +muß ihm Maske bleiben. _Er darf sich nicht verraten_, niemals und unter +keinen Umständen. Er ist nur treu, solange das Wort ihm treu ist. Er +geht um die Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist ihm nur ein +Wort, und Worte werden vergessen (oder auch behalten), gesehen werden +sie nicht. Er kann nicht träumen, das Wort hängt mit Bleigewicht an den +Flügeln des Traums; er kann nicht genießen, das Wort verpflichtet ihn, +dem Genuß auszuweichen. Er fühlt nicht mit dir, außer mit seinem Ehrgeiz +für deinen Beifall, mit seiner Leistung für deine Schwäche, mit seiner +Virtuosität für deinen Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam +kränklich, sehr argwöhnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen, ohne +Traditionen, Emporkömmling, Autodidakt, überaus einsam und in +unruhvoller, ja atemloser Tätigkeit. + + + + +Der Literat als Schöngeist + + +Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies, so versteht er es +doch, sich die gemeinen Sorgen vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein +bequemer Herr wäre; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er hat nur +einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit, der ihm oft das Leben +so unbequem wie möglich macht. Schon das bloße Nachdenken, geschweige +denn die Beflissenheit, Bedürfnisse und Ansprüche zu befriedigen, die +einem gewöhnlichen Menschen keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, stürzt +ihn in Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt, den eigentlichen +Zwecken zu dienen, ist die Hälfte seiner Seelenkraft schon aufgebraucht. + +Seine Neigungen sind luxuriös in jedem Sinn. Er liebt die Fülle, die +Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt die Dinge dinglich, mit wahrer +Freude am Gegenstand, doch nur seltene und kostbare Dinge, oder solche, +die schon gleichsam eine Metapher bilden oder enthalten. Am Häufigen und +Niedrigen das Charakteristische zu schätzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja +die Möglichkeit, weil er sich zu weit nach der andern Seite entfernt +hat. Da aber das Leben mehr aus Häufigem und Niedrigem besteht als aus +Seltenem und Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens, sondern +ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit, denn er hat keine +Naivität. + +Man muß seine Bildung als profund bezeichnen und seinen Geschmack als +über jeden Zweifel erhaben. Dies läßt auf große Ausdauer schließen, auf +einen sicheren Blick und ein präzis abwägendes Urteil. Eine derartige +Vereinigung von Bildung und Geschmack kann ferner nicht ohne ernsthafte +Selbstzucht erreicht werden; ist sie noch dazu einem Temperament +abgerungen, das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine geistige +Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff Vornehmheit zu tiefer +Bedeutung gelangt. + +Warum ist aber der schöpferische Mensch nicht in derselben Bedeutung +vornehm? Weil er mit dem Niedrigen und Häufigen des Lebens ebenso +verbunden ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil sein Wesen nicht +darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren, sondern sich zu +identifizieren; weil er nicht Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein, +im Innern der Dinge und der Kreaturen Lebender. + +Wenn der schöpferische Mensch in sich selbst sein Werk objektiviert, so +distanziert es der Literat als Schöngeist. Das Mittel zur Distanz +verleiht ihm die Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so +ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und Häufige meidend, +durchaus das Unterscheidende suchend und unterschieden bis zum +Gesuchten. Keine Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Gefühl +besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich, eigenkräftig, sondern +sie werden durch den Stil hervorgebracht, anscheinend geläutert, in +Wirklichkeit getrübt. Denn dieser »Stil« ist nicht von der Hand und vom +Willen gelöst; er zwingt immer zur Aufnahme und Betrachtung eines +persönlichen Elements und verhindert, daß man sich hingibt und daß man +glaubt. Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen läßt, daß er +eine exquisite Rolle spielt, und der Literat als Schöngeist ist ein +solcher Schauspieler, ein Schauspieler, der sich nicht opfern und +vergessen kann, weil er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der +Schauspieler seiner selbst. + +Er kann ohne den Stil nicht denken, nicht träumen, nicht gestalten. +Seine Phantasie ist nicht wortgebunden. Im Wort ist er frei, durch +Bildung und Wissen sowohl wie durch einen imperatorischen Zug seines +Geistes, vermöge dessen er alles Detail der Erscheinung sammelt und +sublimiert. Aber rhythmisch gebunden ist seine Phantasie, in Schwingung, +Ton, Melodik, Absetzung und Steigerung so gebunden, daß die +Beschäftigung damit, die vorbereitende wie die ausführende, die ganze +Atmosphäre des Lebens füllt und das Leben selbst gewissermaßen zu einem +prädestinierten Verlauf zwingt. Das Formhafte wird ein Gesetzmäßiges, +und die Folge davon ist, daß das Ethische ein Zufälliges wird, zumindest +in Abhängigkeit gerät. Äußerlich wie innerlich findet beständig eine +Verdrängung der Hauptwerte, eine Verschiebung des Substantivischen +hinter das Attributivische statt, woraus sich ein ungesundes und +unklares Verhältnis zwischen der Anschauung und dem Bild, der sinnlichen +Wahrheit und der Metapher ergibt. Bild und Gleichnis werden isolierte +Faktoren, die sich eigenwillig aufdrängen; der Weg von der Anschauung +zum Bild ist oft so weit, daß der natürliche Wärmezufluß versickert und +an dessen Stelle eine künstliche Glut tritt, Überhitzung des Ausdrucks, +Überladung des Gehalts, Verzerrung der Form. Die beleidigte Ökonomie +läßt keine echte Schönheit mehr aufkommen; wir gewahren entweder ein +kaltes Gebilde, Ohr- oder Augenweide, aber im Grunde entseelt, oder +eines, das uns wie in willenlosem Trotz gegen die Überwucherung der +Metapher durch einen vergewaltigenden Subjektivismus ernüchtert und +zweckbewußt macht. + +Denn es ist nicht die Leidenschaft, die mich verwandelt, sondern die +Verwandlungen der Leidenschaft verwandeln mich mit, also letzten Endes +ein Moralisches. Auf dieses Moralische muß der Literat als Schöngeist +verzichten. Er scheint es zu verschmähen, aber er muß darauf verzichten, +weil er sich nicht verwandeln kann, weil er, wie der Psycholog und wie +der Tribun, an seine Person geschmiedet ist, weil auch er nur den Weg +hat, obschon es ein anderer Weg ist, und weil er am Ziel stets bei sich +selbst anlangt. _Er kann sich nicht verraten_; er steht zu fern. Das +Moralische beschwert sein Gewissen nicht mehr, er leidet nicht +darunter, es kommt nicht mehr in Frage für ihn. Er spielt. Seine Gebilde +können leicht und schwebend sein wie Seifenblasen, sie können schwer +oder flammend sein, aber sie werden niemals jene unbedingte +Eigenlebigkeit zeigen, die dem Werke des schöpferischen Menschen +innewohnt, sie bleiben an seine Person gebunden und haben gleichwohl +nicht das Höchst-Persönliche, das erst aus dem Mythischen strömt und das +daher identisch mit höchster Sachlichkeit ist. Insofern ist sein +Schaffen Spiel: weil es nicht höchste Sachlichkeit ist. Da gibt es nur +ein Entweder – Oder. + +Er mag Gemüt besitzen, doch ist es wie ein Fluch: während er seine Werke +hervorbringt, vielleicht schon in der Konzeption, verzehrt der Rhythmus +einen Teil der ursprünglichen Empfindung. Der Rhythmus herrscht; die +Einfachheit läßt ihn erlahmen, erst im Komplizierten und +Beziehungsvollen kann er sich entfalten, es sei denn, daß er das +Einfache so weit distanziert, daß es schon wieder metaphorisch wird, als +Stilisierung verblaßt, als Arabeske sich verkrümmt. Niemand kennt besser +denn der Literat als Schöngeist die ewig gültigen Werte schöpferischer +Kunst. Daß er sich an ihnen mißt, daß er immer wieder wähnt, nicht nur +mit ihnen wetteifern, sondern, wenn günstige Zufälle zusammentreffen, +sie auch erzeugen zu können, daß er sich darüber täuscht und doch +wieder, vermöge seines präzisen Urteils, die Täuschung nicht aufrecht +erhalten kann, das ist sein tiefstes Leiden. Schon dieses Leidens wegen +ist er kein Epigone zu heißen; er ist weit mehr, er ist Prätendent, der +niemals gekrönt wird, der zweitgeborene Bruder, und er versteht oft mehr +vom Regieren und von der Verwaltung als der Regent, der Erstgeborene. + +Möglich, daß er aus diesem Grund etwas von einem unruhigen Diplomaten +hat. Er muß immer ein wenig Politik treiben, um Proselyten zu machen. +Denn man wehrt sich gegen ihn; die Wahrheit ist in den Menschen wie das +Herz, sie wird nur verschleiert durch die Geschäfte des Lebens und durch +unreine Zwecke abgelenkt. Aber auch aus Liebe zur Schönheit wird er zum +Politiker, da er den Rhythmus, von dem er beseelt ist, in seiner +täglichen Existenz gleichfalls nicht missen will. Er meidet dich heute, +wie er dich gestern gesucht hat, denn heute störst du seinen Rhythmus, +wie du ihn gestern beschwingt hast. Der Rhythmus macht ihn treulos und +tyrannisch, liebenswürdig oder widerspenstig. Je unfruchtbarer er als +Künstler ist, je mehr Kunst verwendet er auf sein Leben, d. h. darauf, +den Rhythmus in seine tägliche Existenz zu bringen, wobei dann ein ganz +verwickelter Umweg zum Leiden entsteht, über die Kunst und über das +Leben hin, fern von Gott und fern von den Menschen, so daß die Schönheit +als Surrogat des Göttlichen zum Wahn- und Schattenbild wird und das +Leben eine von falschen Zwecken erfüllte kalte und unglückselige +Einsamkeit. In solcher Einsamkeit gestalten wollen heißt im luftleeren +Raum Lieder singen wollen. + +So wird der Literat als Schöngeist zum Sklaven der Zeit, indem er ihren +Rhythmus packt und ihre Seele nicht findet und zerrieben wird im Gefühl +einer ihm unbegreiflichen Ohnmacht; oder er ist ein Verbannter der mit +unlebendigen und eigenwilligen Formen sich für sozial und seelisch +fördernde scheinbar tröstet. + + + + +Der Literat als Apostel + + +Es ist das Wesen des Apostels, völlig hingegeben einer Idee zu dienen. +Das Wesen des Literaten ist es, sich selbst unterworfen zu sein. Der +Literat als Apostel: das wäre also der Widerspruch kat exochen, das +Paradox an sich, denn wie könnte man einer Idee dienen, wenn man nur der +eigenen Person dient? Wie könnte einer, dessen Schicksal es ist, vom +Mythos getrennt zu sein, sich berufen glauben, den Mythos zu erzeugen? + +Dieser Widerspruch löst sich nur in einer einzigen Weise: indem er seine +eigene Person zur Idee erhebt, in der er darauf ausgeht, aus sich selbst +einen Mythos zu machen, aus seinem stabilierten Ich; nicht aus +Anschauung und Erlebnis der Welt, nicht hingegeben, sondern verlangend, +wollend und in der Bezauberung des Willens. + +Der Literat als Apostel ist der fanatisch auf das Künstlertum gerichtete +Mensch. Genuß des Lebens, verweilende Ruhe sind ihm unbekannt. Man +könnte glauben, es sei der Ehrgeiz, der ihn befeuert, der Erfolg, der +ihn lockt, die Macht, die ihn reizt, und es ist wahr, etwas von alledem +gibt seinem Streben den Flug und die Ausdauer, seinem Geist die +Elastizität. Doch laßt seiner Ruhmsucht so viel Genüge geschehen, als +sie überhaupt begehrt, laßt seinen Namen an der Spitze von allen +stehen, laßt ihn den Einfluß eines Herrschers und den Reichtum eines +Großbankiers haben, – es ist ihm zu wenig; er kann es wünschen, glühend +darnach eifern, doch den Besitz solcher Güter spürt er kaum. Er ist ein +Besessener, ein von der Kunst Behexter. Es ist ihm nicht darum zu tun, +das Leben zu genießen. Sich selbst will er genießen, sich selbst +ausschöpfen, sich selbst in allen Menschen und Dingen erkennen, und das +ganze All, Gott und die Kreaturen, ist ihm eigentlich nur sein vielfach +zerteiltes Ich, gesehen durch das Medium Kunst, zu sammeln und zu +gestalten ihm anbefohlen durch das Idol Kunst. + +Der schöpferische Mensch ist von einer wunderbaren Bescheidenheit +durchdrungen. Immer bleibt er gleichsam Bürger der Welt; er findet sich +eingeordnet, nie bevorrechtet; gesteht man ihm höhere Rechte zu, so wird +er schon an sich zu zweifeln beginnen. Er hat das feinste Ohr für die +Musik des Lobes und setzt dem geringsten Zuviel seine Verachtung +entgegen. Er ist gelassenen Gemüts, weise und gehorsam, sich selbst +gehörig und der Welt und der Gottheit dienstbar, sein Künstlertum +wahrend, keineswegs aber es als Schild benutzend oder gar als Postament. +Vielleicht ist es der Mythos, der ihn so bescheiden macht, so +stolz-bescheiden, ähnlich wie der Abkömmling eines alten Geschlechts +stolz-bescheiden ist, indem er seine Fähigkeiten und das Vermögen zu +repräsentieren nicht allein seiner losgelösten Person zuschreibt, +sondern es der Kette der Ahnen mitverdanken will. So auch der +schöpferische Mensch. Es wirken in ihm Kräfte von oben, von den Toten +her, von der Erde, vom Volke her. + +Ganz anders der Literat als Apostel. Er ist der Rebell wider alle +Ordnung, es sei denn, die Ordnung habe keinen andern Bezug als auf ihn. +Ihm ist alles erlaubt, nicht weil er wie der Psycholog alles erklären +kann, sondern weil er es ist, durch den die Dinge und Einrichtungen +sind. Insoferne verhält er sich zum Psychologen wie ein Gesetzgeber zu +einem Winkeladvokaten. Ihm ist Lobes nie genug, obwohl er Lob verachtet; +es gibt keinen Beifall, der ihn beschämte, keinen Tadel, der ihm anderes +wäre als die Frechheit des Neides oder der Dünkel des Unverstands. Er +ist ausschweifenden Gemüts; seine Nerven sind der höchsten Schwingungen, +der tiefsten Ermattungen fähig, und die Menschen sind ihm nichts als +Futter; Futter für seinen Ruhm, seine Zwecke, seine Kunst. Er ist ein +Menschenjäger, ein Menschenfresser, keines Freundes Freund, kein +Geliebter, kein Gatte, kein Vater, nur Künstler. Ist der Literat als +Schöngeist der Schauspieler seiner selbst, so ist der Literat als +Apostel der Priester seiner selbst. + +Beachten wir jedoch, daß er ein großer Künstler ist und sein Werk von +hohem Belang, daß er unter Umständen ganzen Zeitabschnitten die +geistige Prägung verleiht, und es wäre zu fragen, ob dies nicht +Entschädigung genug sei für das Übermaß und die Selbstintronisation. + +Da ist denn zu erwidern, daß unsere Zeit ohnehin geneigt ist, sich mehr +an den Wirkenden als an das Werk zu wenden. Dem genialen Individuum ist +eine unbegrenzte Machtbefugnis fast von vornherein zugestanden. Die +Leistung, das ist die Person; der Effekt, das ist die Person; Glorie, +Dankbarkeit und Enthusiasmus knüpfen sich an die Person. Die Person ist +schon Partei, wo das Werk kaum noch die Geister erweckt hat; sie +gebietet den Unschlüssigen, schüchtert die Zweifler ein und bricht den +Widerstand der Stumpfen. Wohlgemerkt aber nicht die reale Person, nicht +der handelnde Mensch an sich; dieser hat wenig Spielraum, ist +eingezwängt in ein verwickeltes gesellschaftliches Gewebe, ein +engmaschiges Netz von Pflichten und Gesetzen und führt meist ein +privates, kleines Leben voller Hemmungen. Will er derjenige sein, als +der er gilt, so muß er den Kreis seines Wirkens durch die Fackel seines +Namens erleuchten, er muß das Zeugnis seiner Leistung vorweisen können. +Dann allerdings wird ihm die Ehrfurcht gezollt, deren die Kunst, als +Idee, sonst völlig verlustig geht. + +Man kann also sagen: Die reale Person wirkt erst durch das Medium der +Werke, die fiktive durch das Medium des Künstlers, was natürlich das +Verkehrte ist. Es liegt darin nichts Religiöses und Verwandelndes mehr, +sondern Aberglauben und Götzendienst. In einer religiösen, +mythisch-bewegten, sachlich, nicht individuell fixierten Zeit trennen +sich Schöpfer und Gestalt überhaupt nicht voneinander, führen nicht ein +von der Gemeinschaft der Menschen losgelöstes Dasein, der Schöpfer als +Literat, als »Schriftsteller«, die Gestalt im Buch oder höchstens als +ästhetische Metapher im Leben; nein, der Schöpfer, in seiner +Bescheidenheit, bleibt Teil der Gemeinschaft, und seine Gestalten +umgeben ihn wie Glieder einer Familie den Patriarchen; sie allein sind +die Träger seines Namens, nicht aber die literarische Idee, die er von +ihnen abstrahiert. + +Der große Künstler wird in seinem Persönlichkeitsbewußtsein leicht einem +Übermaß verfallen, da er es immer dort gefährdet findet, wo er von +seiner Gestaltenwelt gelöst auftritt, also in seiner privaten Existenz, +oder in seiner öffentlichen, wenn er keine Harmonie spürt zwischen +künstlerischer und persönlicher Wirkung, und die kann er nur selten +spüren bei der Zerstücktheit, Unverläßlichkeit und Zufälligkeit aller +Wirkungen. Es erscheint ihm notwendig, sich zu steigern, sich in Szene +zu setzen, sich geheimnisvoll zu machen, sich zu kommentieren und sich +selbst als Idee vor das Werk zu setzen. + +Davon hat die Zeit sich mehr und mehr täuschen lassen und sich gewöhnt, +Persönliches für Sachliches zu nehmen. Gierig greift sie nach +Persönlichem, wo das Sachliche fremd oder spröde ist, und sie tut es +schon deshalb mit instinktiver Vorliebe, weil das Sachliche stets in +irgendeiner Weise menschlich verpflichtet. Von solcher Verpflichtung +will man sich jedoch, wo es angeht, freihalten; man will reden und +urteilen, nicht aber durch handelndes Gefühl anteilvoll verkettet sein. +Nicht umsonst sind wir überschwemmt von Mitteilungen aus dem Privatleben +der Künstler. Nicht umsonst werden Briefe, Tagebücher, Aufzeichnungen, +Skizzen, Fragmente der Neugier verfrüht preisgegeben. Wird der Alkoven +geöffnet und die Werkstatt ausgekehrt, so mag der Wissensdurstige sicher +bisweilen befriedigt, der Forscher belehrt werden, doch vorzüglich wird +nur dem Hang der Gesellschaft nach Sachverschleierung gedient. Das +Göttliche wird beleidigt, indem man den Menschen vergöttert. So ist +z. B. der Mythos Goethe eine Beute der Persönlichkeit Goethe geworden, +und Goethe selbst hat durch einen Subjektivismus, der ihm anstand und +einen Teil seiner Genialität ausmachte, einen Kult des Redens über die +Dinge, der Meinungsäußerung, der persönlichen Ausholung und Zwecksetzung +und damit eine Armee von Literaten in die Welt gerufen, die sehr wohl +Bescheid wissen über alle Probleme des Lebens, die aber sehr wenig +vermögen, wo es gilt sich einzusetzen, sich hinzugeben, sich, d. h. die +Meinung zu vergessen, um einer Sache zu dienen. + +Der Literat als Apostel ist bis zu einem Grad Eroberer, Mensch des +Willens und der Sucht, daß er sogar seinem Werk einen Willen verleiht, +eine Sucht über die Kunst hinaus. Er will es gültiger haben, als es der +Kunst eigen ist zu gelten, und durch die Kraft seines Künstlertums +vermag er es in ungeheurer Weise so zu steigern, daß es dieses Ziel +wirklich zu erreichen scheint. Hier ist eine Schwäche, die mit +erstaunlicher Täuschungsmacht das Schauspiel einer Stärke bietet, um +später freilich, wenn die Gewalt der Persönlichkeit dem Walten des +Schicksals gewichen ist, sich wieder als Schwäche, als Irrtum zu zeigen. +Nur das Göttliche, das Schöpferische hat Bestand; das Menschliche ist +flüchtig, auch Vergötterung ist nur Finsternis. Haben wir es nicht +erlebt, wie die Idee des Gesamtkunstwerks als bizarre Laune eines Genies +in sich zusammenstürzte? Es war etwas anderes und tieferes als bizarre +Laune. Es war das Mißverständnis am Mythos. + +Denn es ist klar, daß der Literat als Apostel, da er keine +Selbstlosigkeit besitzt, keinen Mythos aus sich schaffen kann. Auch wo +er äußerlich zum Mythos greift, zu einem Mythos, der mehr Sage ist als +lebendig gebliebene Bildung, und ihn durch Kunst vergegenwärtigt, wird +er nur Allegorie geben, privates Leiden, persönliche Kämpfe, seine +egoistischen, wenn auch großartigen Entfaltungen und Wandlungen in +Umrissen, die vom Mythos nur erborgt sind. So wird auch die Menschheit +bloß den spezifizierten Schmerz darin erkennen; jeder einzelne wird in +diesem Schmerz doppelt allein mit sich sein, aufgereizt zu sich, +verlangend nach sich, behext, berauscht, aber nicht verwandelt, nicht +erlöst. + +Dieselbe Herrschsucht, die den modernen großen Künstler dazu verführt, +sein Werk über die Grenzen der Kunst hinauszutreiben, ihm gleichsam, +nach Hamlets Worten, die Bescheidenheit der Natur zu rauben, kann den +Philosophen, sofern er Literat ist, dazu überreden, sich zum Märtyrer +seiner Lehre zu machen. Daß diese Lehre eine lebenverneinende ist, +versteht sich nach allem Dargelegten von selbst; der Literat ist ja +wesensnotwendig ein Pessimist. Nun kann der Pessimismus allerdings in +einem freien System als Gestaltung auftreten, die sternhaft oder +kosmisch existent ist wie ein Kunstwerk; in diesem Fall stellt eben die +schöpferische Kraft des Bildners oder Architekten als lebensbejahendes +Element den Ausgleich her. Wenn aber der Pessimist den Beweisantrag auf +das eigene Ich stellt und durchführt, ist aus dem Symbol ein Wörtliches +geworden; da ist nicht mehr der Dualismus, der den schöpferischen +Menschen in die Mitte von Irdischem und Himmlischem führt, da ist die +Sackgasse, das Persönliche, persönlich Endliche, und das Prinzip und +Gesetz des Schaffens selbst wird verneint. + +Der Literat kommt aber nicht von der Psychologie los, von der +theoretischen nicht und von der angewandten nicht. Man möchte sagen, er +nimmt es mit der Wahrheit zu genau, – soweit er Künstler ist, und er +hütet sich, als Mensch, zu wenig vor der Verzerrung. Seine +Unabhängigkeit schenkt ihm keine Freiheit, sein Ichbewußtsein entfernt +ihn von der Liebe; er ist die tragische Figur der modernen Welt und, zum +Apostel berufen, bricht er auf dem höchsten Gipfel seiner +Persönlichkeit, seiner Einsamkeit und seines vergeblichen Gottverlangens +vor dem Unerreichbaren zusammen. + + + + +Die Frau als Literat + + +Dieses Kapitel ist eigentlich ein Einschiebsel, denn in bezug auf die +Frau als Literat ist nach allem bisher Ausgeführten nur noch +Selbstverständliches zu sagen. Immerhin gehört das Thema zur +Geistesgeschichte der Zeit, denn nie zuvor haben Frauen in solcher Zahl +und mit solcher Energie schriftstellerisch, künstlerisch produzierend +sich bemerkbar gemacht. + +Die Frau besitzt keine schöpferische Phantasie. Das ist kein Streitsatz, +sondern ein Erfahrungssatz; eine Tatsache, die einem Naturgesetz +entspricht. Es ist die Aufgabe der Frau, Mutter zu werden, Leben zu +empfangen, Leben zu gebären. Als Weib, als Mutter ist sie gewissermaßen +an sich selbst schon ein Stück Mythos, und Gott hat es deshalb für +überflüssig erachtet, sie mit einer mythosschaffenden Kraft zu begaben. +Ihr Künstlertum ruht in der Liebe, ihre Idee ist die Mutterschaft, ihr +Werk ist das Kind. Wenn also die Frau sich künstlerisch hingibt, so +entsagt sie dadurch ihrer wahren Bestimmung, verzichtet freiwillig auf +das Schöpferische und wird zum Literaten, und zwar zum Literaten +schlechthin, zum Literaten ohne schöpferische Phantasie, welche ja dem +Psychologen, dem Schöngeist, dem Apostel durchaus nicht mangelt; ganz im +Gegenteil, können diesen doch Werke gelingen, die den Werken des +schöpferischen Menschen nahezu ebenbürtig sind. + +Ich verkenne nicht die Arbeit der Frau; nicht den ehrlichen Willen, +nicht die Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, nicht die Fähigkeit zur +Anpassung und Ausführung, nicht die oft zutage tretende Besonderheit des +Schauens, nicht den sicheren Instinkt, nicht das vollgültige Empfinden, +nicht die Gabe des Traums und des poetischen Ausdrucks. Ich weiß, was +geleistet worden ist; ich erinnere mich zarter Gedichte, robuster +Erzählungen, anmutiger und starker Bildnisse, überzeugender Schriften; +einer Fülle von respektablen Hervorbringungen. Aber sie waren mir um so +respektabler, je weniger objektiv sie scheinen wollten, je weniger sie +zu Gestaltungen griffen, je mehr sie einem Gefühl, einem Erlebnis, einem +Unmittelbaren Stimme verliehen. Nicht Gestalt also; Stimme, das ist es, +Stimme oder Stimmung, etwas, das so fern vom Mythos liegt wie ein +Quellchen vom Meer. + +Das Vermögen, ein Weltbild zu objektivieren, ist nur der schöpferischen +Phantasie gegeben. Mit Hilfe des Fleißes, bewußter oder unbewußter +Nachahmung und der Aneignung erprobter Disziplinen gelangt die Frau +bisweilen zu Gebilden von scheinbarer und äußerlicher Objektivation, und +ihre Lust wie ihr Talent zur Beobachtung befähigt sie, eine niedere +Realität von Zuständen und Geschehnissen darzustellen, welche +unterhaltend, geistig und gesellschaftlich anziehend sein und, soweit +sie auf Erlebtem und Gefühltem beruhen, der Wahrheit und Glaubhaftigkeit +nicht ermangeln werden. Das Metaphorische, das Elementare, das +Schöpferische, die Synthese ist ihr jedoch versagt, und je mehr sie +darnach strebt, je unzulänglicher müssen sich ihre Produkte erweisen; +sie stehen dann in der Luft, wurzellos, ziellos und wollen durch Unruhe, +Leidenschaftlichkeit und Fieberhaftigkeit ersetzen, was ihnen an Natur +und Legitimität, – durch Linie und Schnörkel, Seltsamkeit und +Überhäufung, was ihnen an Antlitz und Naivität fehlt. + +Bisweilen fragt man sich: warum werden die Frauen zu Literaten? Ein +Buch, und noch ein Buch, und noch eine Meinung und noch ein Vers und +noch eine bemalte Leinwand, – darum handelt sichs doch schließlich +nicht. Ein Blick, ein echtes Wort, eine Wirkung von Mensch zu Mensch, +menschliches Aufmerken, Bereitschaft des Herzens können mehr, weit mehr +bedeuten. Das Übel ist auch hier in einer zerklüfteten, +anarchisch-gelösten Gesellschaft zu suchen, die keine lebendige +Organisation hat und in der deshalb jede Fülle zur Überfülle, jeder +Überfluß zur Last, jede Hemmung zu falscher Betätigung und jede +Abtrennung der einzelnen Mitglieder bei unzureichender individueller +Kraft und Bestimmung zur Katastrophe wird. Die Literatur gilt als ein +Gewerbe wie jedes andere; das sogenannte Talent genügt zum +Vorwärtskommen. Der Einfall wird überschätzt; zum Einfall gehört auch +das Detail; die Detailkrämerei beginnt schon, uns geistige +Verdauungsbeschwerden zu erregen; die Mache, die Gebärde, der fast von +selbst arbeitende sprachliche Mechanismus; die Gewohnheit, sich +meinungsmäßig zu äußern, sich einer seelischen Spannung zu entäußern, +indem man sie preisgibt und in einer quasi dichterischen Form, die meist +zur Schamlosigkeit kalter Psychologie führt, versteinert zur Schau +stellt; die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Mitteilung, dies alles +ermuntert den einzelnen immer wieder, sich literarisch zu isolieren und +sich politisch, sozial und menschlich damit abzutöten. Wenn man zur +Einsicht käme, daß das sogenannte Talent in den meisten Fällen nur ein +Wesen ist, das in freiwilliger Verbannung von einer Gemeinschaft lebt, +der es nicht nützlich sein kann, ein Parasit und Freibeuter, wäre schon +viel gewonnen, und die dreißigtausend Bücher, die jährlich in +Deutschland auf den Markt strömen, würden unter dem Druck eines weiseren +Urteils und einer sachlicheren Wahl auf eine notwendigere Anzahl +zusammenschrumpfen, die vielleicht mehr Gehalt in sich schlösse. + +Die Frau als das zur Liebe und Empfängnis bestimmte Geschöpf menschlich +und geistig isoliert, in sozialer Unfruchtbarkeit und egoistischer +Verpersönlichung ihres tieferen Schicksals, ihrer schönen anonymen +Wirkung (wie vieles verdankt doch ihrer Teilnahme der Ruhm unserer +großen Künstler), ja, ihres Lebensmythos beraubt zu sehen, gewährt ein +trauriges Bild weitgreifenden Mißverständnisses. Ich spreche natürlich +nicht von der Schauspielerin, der Sängerin, von rezeptiven Künsten; +diese harmonieren, solange nicht ein literarischer Einschlag durch +übertreibenden Ehrgeiz und individuelle Zwecksetzung stattfindet, sehr +wohl mit der weiblichen Seele, mit ihrer geistigen Wandlungsfähigkeit, +Anschmiegung des Gefühls und Poetisierung der Realität. Die Tänzerin, +die lediglich ihren Körper zur Kunstäußerung verwendet, bietet +vielleicht das edelste Bild weiblicher Genialität. Nur wo das +Schöpferische vorgetäuscht wird, zeigt sich die Frau (mit Ausnahme von +zwei oder drei Fällen innerhalb der ganzen Geistesgeschichte) sogleich +als Literat schlechthin. Die Natur läßt sich nicht betrügen; auch die +Menschheit nicht; nur die Menschen lassen sich betrügen. Sie tun, als +glaubten sie, auch wo ihr Inneres unbeteiligt ist; sie nehmen das +Wunderliche für das Wunder, den Notbehelf für das Notwendige, das +Phantom für das Phänomen. Die Frau als Literat braucht sich nicht mehr +zu verraten; es ist nichts zu verraten; es ist alles von einfachster +Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit und Durchschaubarkeit. Wir erblicken +einen tüchtigen, emsigen, klugen und nachdenklichen Arbeiter, dem weder +Wort, noch Rhythmus, noch Idee zur Maske werden können und der den +Schmerz der Einsamkeit nur gemütisch ahnt, nicht geistig steigert und +auflöst; keine tragische, sondern nur eine charakterisierte und +zufällige Gestalt. + + + + +Ergebnisse + + +Der Literat ist der vom Mythos losgelöste produktive Mensch. + +Er ist auch der von der Gesellschaft losgelöste Mensch, der einzelne, +innerhalb eines nur durch äußere Gesetze verkitteten Gemeinwesens. + +So wie er aber ohne das Vorbild des schöpferischen Menschen nicht zu +denken ist, bleibt er auch in seinem Tun und Lassen, durch sein +Persönlichkeitsbestreben, durch die Notwendigkeit der Spiegelung, durch +das Element des Ehrgeizes und durch das Element des Verrats der +Gesellschaft verbunden. + +Der Literat ist vergeßlich. Er ist lieblos, weil er allzusehr in sich +selbst verstrickt ist. Er anerkennt keine Konvention, weil nur seine +eigene Person ihm den Maßstab für die Welt und die Dinge gibt. Dieser +Mangel an Konvention verführt ihn zu einer künstlichen Originalität mit +Hilfe der seltenen Beobachtung, des seltenen Wortes, des seltenen +Rhythmus. + +Der Literat ist eitel und sehnsüchtig, eitel selbst, wo er sich +bloßstellt, und sehnsüchtig am meisten dort, wo er sich verliert. Er ist +friedlos, immer nach Veränderung begierig, versteht aber nicht zu +wandern. Sein Verhältnis zu Menschen ist selten dauernd; er stellt die +höchsten Ansprüche von seiner Seite, ohne die billigsten von der andern +Seite zu befriedigen. + +Er kontrolliert seine eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle sehr +scharf, ja grausam. Es mangelt ihm an jener Ehrfurcht vor sich selbst, +die den schöpferischen Menschen auszeichnet. Weil er so unbarmherzig und +rücksichtslos gegen sich selbst ist, glaubt er es auch gegen andere sein +zu dürfen, aber er vergißt, daß jenes Wüten gegen die eigene Seele nur +ein Vorwand zum Verrat ist, nicht aber ein Mittel zur Reinigung, +Steigerung und Befreiung. Selbstbeobachtung, Selbstzerfaserung ist ein +Unglück, wie es größer kaum zu denken ist; alle ursprüngliche Kraft des +Glaubens, alle Fähigkeit zur sittlichen Erhebung, zur Umwandlung, geht +daran zugrunde. Auch der religiöse oder der schöpferische Mensch +beobachtet sich selbst, aber er wird sich dabei zum Gleichnis; durch +diese Gleichniswerdung kann er sich korrigieren und bescheiden. + +Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große Zahl von Literaten +unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste +Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist +entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist +entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es +in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in +anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein +Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein +Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden +Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen +im Kampf gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der +Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines +Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen +dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und +Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu +einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne +wieder des großen Zusammenhangs bewußt wird, wo er im Schoß der +Geschichte, der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen, +urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles +Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den +Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als +Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im +ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die +_verwandelnde Kraft_ zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann +Schöpfer sein. + +Alle Berufe und alle Stände haben ihre Literaten. Man kann den Satz +aufstellen: Jeder Fachmann ist ein Literat, jeder Laie trägt noch etwas +von Mythos in sich. Denn alles Fachwesen und Spezialistentum ist nur ein +Merkmal des großen Individualisierungsprozesses der Zeit. Vertiefung +zwingt zur Absonderung, die Fülle zur Arbeitsteilung. Das ist gut und +unerläßlich. Nun ereignet sich aber das Seltsame, daß gerade bei dieser, +die Selbstbescheidung gebieterisch fordernden Tätigkeit der einzelne die +argwöhnische Wachsamkeit des Psychologen, die Herrschsucht des Tribuns +bekundet, daß er sich von allem, was nicht sein Fach betrifft, in +trotziger und gleichgültiger Entfernung hält und ein Leben außerhalb des +Fachs oft kaum mehr kennt. Der Literat ist der geborene Zünftler. + +Laien geben einem Literaten bisweilen den Rat, er möge, um in seinem +Erwerb nicht ausschließlich auf die Kunst angewiesen zu sein, daneben +ein Amt oder einen Brotberuf wählen. Das ist geradeso, als wollte man +einen ärztlichen Spezialisten dazu überreden, nebenbei die Tischlerei zu +betreiben, weil er zu wenig Patienten hat. Mit Recht würde er antworten: +Mein Fach fordert den Menschen ganz und gar, meine ganze Zeit, meine +ganze Anstrengung und alle Gedanken. Der Literat ist eben nur Literat, +er kann nichts anderes sein. Der Vorschlag des Laien ist freilich in +jedem Sinne töricht. Amt und Brotberuf taugen bloß dem Dilettanten; je +innerlicher sein Verhältnis zur Kunst ist, je mehr muß er unter +abziehender Beschäftigung leiden. Dem schöpferischen Menschen wird sie +vollends zur Qual; auch ihn fordert seine Sache ganz, wenn schon in +anderer Weise, nicht weil er Literat ist, der erobern will und muß, +sondern weil er Mensch ist, weil Mythos und Menschheit von ihm +verlangen, daß er sich unbedingt und ohne Vorbehalt hingebe. Erwerb oder +Nichterwerb irdischer Güter kommt dabei in höherem Betracht nicht mehr +in Frage; schlimm genug, wenn es in niederem Betracht zu erwägen ist. + +Indessen gehört die nackte und aufrichtige Gegenüberstellung der +ökonomischen und der geistigen Mächte zum Bild unserer Epoche. Kapital +will Leistung; Leistung will Nutznießung, Arbeitskraft und Lebensgefühl +steigern sich wechselseitig; Erfolg, Bestätigung und Lohn sind dem +einzelnen rascher und reichlicher zugemessen als je, und wenn auch der +Lockung oft nur gefolgt wird, weil eine Erfüllung so nahe scheint, der +Ruf nur deshalb so viele Hörer findet, weil in ihm die Befriedigung +ausschweifender Ansprüche verheißen wird, so kann doch kaum eine Prämie +ausbezahlt werden ohne den vollen, ja leidenschaftlichen Einsatz von +Tüchtigkeit und Intensität. + +Diese Leidenschaft, dieser Schwung, der unermüdliche Wetteifer, sie sind +vielleicht Zeichen für die Heraufkunft einer größeren Zeit; schüchterne +Zeichen, weil sie noch ganz am Persönlichen und Egoistischen haften. +Aber wie Eisenteile im Feuer des Hochofens zusammengeschmolzen werden, +so kann die Zerstücktheit und die Zersplitterung einer individualistischen +Gesellschaft durch einen alle Glieder ergreifenden, stetigen Strom von +Leidenschaft, gleichviel wo er entspringt, zu organischer Einheit +verwandelt werden. Leidenschaft ist ja die erste und letzte +Lebensgewalt; in ihr vereinen sich Element und Wille; sie kann eine +unproduktive Ordnung zum Chaos führen, aber aus dem Chaos wieder eine +neue Welt erzeugen, Sammlung aus der Diaspora. Dann mag sich ein Weg +auftun zum Mythos und zu Gott. + + + + +Die Kunst der Erzählung + +Geschrieben 1904 + + +DER JUNGE: + +Es ist wohl über ein Jahr her, daß wir uns nicht gesehen haben. Seit +meine Freundin gestorben ist, bin ich kaum mehr unter Menschen gekommen, +und ich verlasse mein Zimmer nur zu einsamen Spaziergängen. Mein +einziges Vergnügen sind die Bücher und das Nachdenken über den Eindruck, +den sie mir gemacht haben. Ich glaube, wenn ich jetzt wieder die Feder +in die Hand nähme, so könnte ich etwas Tüchtiges leisten. + +DER ALTE: + +Und wozu treibt es dich denn? Ein Künstler darf nicht wie ein Jäger +sein, der, unbekümmert was ihm vor den Schuß kommen mag, durchs Gelände +streift, sondern er muß wie ein Seemann sein, der den inneren Sinn, das +innere Auge unablässig auf ein vielleicht nicht sichtbares, doch tief +bewußtes Ziel richtet. Also wozu treibt es dich? Wozu glaubst du dich +geboren? Welche Insel des Geistes willst du dir entdecken? + +DER JUNGE: + +Ich fühle zu nichts anderem Lust und Freude als Geschichten zu erzählen. +In den Stunden der Einsamkeit und der Sammlung ist es mir, als ob mein +Inneres bis zum Rand angefüllt wäre mit Ereignissen und Schicksalen. Oft +ist mir zu Mut, als müsse der ganze Lauf der Welt, von Adams Zeiten an, +sich mir in einer besonderen Weise enthüllen, und ich spüre das +unbezwingliche Verlangen, wie soll ich es nur sagen?... zu erzählen, zu +erzählen. + +DER ALTE: + +Das ist schön, prächtig sogar. Wenn du dieses Verlangen wirklich hast +und es nicht darin mißverstehst, wie du es befolgst, dann wärest du +allerdings dazu geboren zu erzählen. + +DER JUNGE: + +Wie sollte ich es mißverstehen? Warum zweifelst du? Was gibt es denn +Einfacheres? + +DER ALTE: + +Daß es keineswegs einfach ist, keineswegs selbstverständlich, könnte +dich schon ein Blick auf die heutigen Erzeugnisse dieser Kunst lehren. +Die Meisten wissen ja gar nicht mehr, was es heißt: eine Geschichte +erzählen, und selbst die Begabtesten bringen lauter Zwitter- und +Mißformen hervor. + +DER JUNGE: + +Du bist sehr streng wie immer. Ich glaube nicht, daß du recht hast. +Niemals war so viel im Werk wie gerade jetzt. Auf allen Seiten wird es +Tag. + +DER ALTE: + +Der ewige Irrtum der Jugend. + +DER JUNGE: + +Dann muß ich fürchten, daß du auch, was ich selbst bisher geschaffen, +verwerfen wirst. + +DER ALTE: + +Darauf könnte ich erst antworten, wenn ich wüßte, wie es mit dir steht +und ob dich nichts anderes erfüllt als die Liebe zur Sache, ob dein +Geist nichts anderes erstrebt als die Vollendung in ihr, ob dir vor der +Wahrheit bangt oder ob leichtsinniges Lob dich nicht schon für immer +geblendet hat. Wenn du Angst vor einer bitteren Stunde hast, dann +verbirg es nicht, ich schweige gern. Du besinnst dich? + +DER JUNGE: + +Hältst du denn dein Urteil für unumstößlich, für das einzig mögliche? +Kann es nicht auf Täuschung, auf Unmilde, auf Eigensinn beruhen? + +DER ALTE: + +Ich will es dir zu begründen suchen, und wenn du meine Argumente +entkräften kannst, werde ich mich zufrieden geben. + +DER JUNGE: + +Also sprich. + +DER ALTE: + +Es gibt dreierlei Arten von Schriftstellern: solche, die einen eigenen +Stil haben und ihn zur höchsten Vollkommenheit auszubilden vermögen; +solche, die einen eigenen Stil suchen, und endlich solche, die einen +Allerweltsstil vorfinden und sich zu ihm verhalten wie die Gäste eines +Wirtshauses zu den Tischen und Krügen und Stühlen; sie können niemals +zum Herrn ihres Wortes, ihrer Gedanken, ihrer Phrase werden, das +glühendste Erlebnis muß ihnen erstarren, erhabene Stimmungen werden +trivial, jede Inspiration wird Absicht, jede Beeinflussung von außen +Nachahmung, alles, was kräftig ist, brutal, und was fein ist, +schwächlich. Aber von diesen Schriftstellern, die die Marktware für den +großen Haufen besorgen, wollen wir nicht sprechen. Du gehörst zur +zweiten Art. + +DER JUNGE: + +Das wäre ja weiter nicht schlimm. Suchende sind wir alle. Ja, man kann +sagen, daß der allergrößte Meister bis zu seinem Todestage nicht +aufgehört hat zu suchen. Warum lächelst du? + +DER ALTE: + +Weil ich an dieser Bemerkung sehe, wie wenig du mich noch verstanden +hast. Wenn die großen Meister suchen, so wollen sie den Einklang +schaffen zwischen Stoff und Form. Sie wissen, daß es ohne solche +Harmonie überhaupt kein Kunstwerk gibt. Und weil sie das wissen und auf +diesem Wege zur Vollkommenheit streben und sich wohl hüten werden, die +Fülle ihrer Mittel an den falschen Gegenstand oder am falschen Ort zu +verschwenden, so wird immer etwas entstehen, was der Kunst und ihrer +eigenen Schöpferpersönlichkeit gemäß ist. Sie suchen mit sehenden Augen, +ihr aber sucht als Blinde; sie gehen den geraden Weg und kommen an ein +Ziel, wenn auch nicht immer an das gewünschte; ihr aber taumelt im +Kreise herum. Die Suchenden, die nicht um das Wesen wissen, sind zum +Untergang verurteilt. + +DER JUNGE: + +Du machst mich wahrhaft unruhig. Ich könnte dich hassen, wenn ich nicht +wüßte, wie ernst du es meinst. Ich ahne, wo du hinaus willst. So rede +doch endlich von mir. + +DER ALTE: + +Gut. Zwei Dinge, ein scheinbar äußeres und ein scheinbar inneres, habe +ich zunächst an deinen Arbeiten auszusetzen: nämlich daß sie den Leser +nicht mit Behaglichkeit erfüllen und daß es dem Stoff selbst an +Daseinsnotwendigkeit gebricht. Beides hängt aber inniger zusammen, als +du glaubst; das werde ich dir bald beweisen. + +DER JUNGE: + +Was meinst du mit Behaglichkeit? Das Gegenteil bezwecken wir doch, wenn +wir Dichtungen ersinnen: Erregung, Spannung, Teilnahme, Erschütterung. +Ich glaube, du treibst deinen Spaß mit mir. + +DER ALTE: + +Geduld. Ich verstehe die Behaglichkeit hier in einem höheren, +künstlerischen Sinn. Ich verstehe darunter das unbegrenzte Vertrauen des +idealen Lesers zum Erzähler. Dieses Vertrauen entsteht durch +Glaubwürdigkeit, und die Glaubwürdigkeit nun entsteht aus der +Notwendigkeit des erzählten Gegenstandes. Du siehst nun, wie fest der +Zusammenhang zwischen den beiden Dingen ist, und noch untrennbarer wird +er für das Auge und für das Gefühl durch das, was der Laie, der +Dilettant, der Durchschnittskritiker die Technik nennt: durch die Art +des Erzählens; auch sie ist nur ein scheinbar Äußerliches, denn in +Wirklichkeit ist sie die Seele der epischen Kunst. + +DER JUNGE: + +Das wird zu weit und breit. Du wolltest doch von meinen Arbeiten reden. + +DER ALTE: + +Ich sage nun, daß deinen Produkten die Behaglichkeit fehlt, weil du +nicht die Mittel und das Wissen hast, sie hervorzubringen. Was du +schreibst, trägt unverkennbar den Stempel des direkten und indirekten +Erlebnisses, aber diese Erlebnisse sind nicht künstlerisch verklärt und +erhöht und bleiben daher ohne poetische Wirkungen. Du hast eine starke +und natürliche Empfindung, die aber nur selten in ihrer Reinheit wirkt, +weil sich der Stoff nicht ganz in ihr aufzulösen vermag. Merkst du nun, +wo es hinaus will, merkst du, wie alles Innerliche zugleich ein +Äußerliches ist und umgekehrt? + +DER JUNGE: + +Ich merke nichts als Pedanterie und höre nichts als Worte. Wenn eine +Kunstform nicht ausreicht für das, was ich zu sagen habe, nun dann +erweitere man mir diese Form. Wo stehen diese gelehrten Gesetze +geschrieben, denen ich mich fügen soll? Wer hat sie gemacht, und wie +käme ich dazu, mich vor ihnen zu beugen? + +DER ALTE: + +Wo sie geschrieben stehen? Im menschlichen Gefühl. Wer sie gemacht hat? +Das menschliche Gefühl. Warum du dich ihnen beugen sollst? Weil du sonst +nicht wirken wirst, weil dein Wort und dein Werk sonst von flüchtigerem +Bestand sind als ein Stück Eis in der Mittagssonne. Man hat nämlich im +Lauf der Jahrhunderte, der Jahrtausende herausgefunden, was die +Menschheit ergreift, tröstet und erfreut, was aus ihren Tiefen stammt +und zu ihren Tiefen strebt. Die es befolgten und solche hohe Wirkungen +erreichten, nicht blind, sondern durch klarstes Wissen, das waren die +Meister. Wer der Belehrung trotzt, kann nicht einmal Schüler werden. + +DER JUNGE: + +Also belehre mich. + +DER ALTE: + +Ich sagte vorhin, daß die Elemente sich in dir nicht mischen wollen; +Stoff und Empfindung bleiben feindlich und unaufgelöst einander +gegenüber. Die Folge davon ist eine immerwährende und überall +ersichtliche Dissonanz. Du erzählst eigentlich nicht Ereignisse, sondern +du schilderst Situationen. Gerade das erscheint dir wichtig, was bei der +Erzählung unwichtig ist und sein muß. Du hüpfest von Situation zu +Situation, das Dazwischenliegende ist dir ein Notbehelf, wird zum +gezwungenen Bericht und enttäuscht durch seine Nüchternheit. Da du dies +Schwanken als Schaffender selbst sehr deutlich empfindest, drängt es +dich, Ausgleiche zu bringen, und du mußt zu pathetisch-lyrischen +Schilderungen greifen, in denen die Handlung um keinen Schritt weiter +kommt. Denn daran liegt es, wohlgemerkt: Bewegung ist alles, alle Kunst +entsteht durch Bewegung. Damit hängt nun aufs Engste die Gestaltung +deiner Menschen zusammen. Deine Gestalten haben keine Ruhepunkte. Sie +sind geschickt und glaubhaft gezeichnet, soweit und solange sie mit der +Handlung verknüpft sind, aber davon losgelöst und als Eigenlebende +betrachtet, werden sie matt und hölzern. Sie wissen zu genau, was sie +sollen, nicht in ihrer Welt, sondern in deiner Welt. Es fehlt die höhere +Täuschungsabsicht und Täuschungsmacht. Eine Figur muß leben trotz der +Handlung, nicht durch die Handlung. Woher käme es sonst, daß bei allen +mittelmäßigen Schriftstellern gerade die Figuren am glaubhaftesten sind, +die am wenigsten mit der Handlung und ihren Spannungen verquickt sind, +die sogenannten Episodenfiguren? Nur sie verbreiten Behaglichkeit, das +heißt Glaubwürdigkeit, weil sie scheinbar keinen Zweck verfolgen. Wenn +man also sagen kann, Kunst entstehe durch Bewegung, so muß man +hinzufügen, sie wirke durch die scheinbare Zwecklosigkeit der Bewegung. + +DER JUNGE: + +Ich habe Zweifel über Zweifel. Hundert Fragen drängen sich mir auf, denn +ich sehe schon, wie tief du greifst. Und mir dämmert manches, von dem +ich früher nichts ahnen konnte. Aber laß mich fragen. Du sagtest, daß +ich nicht Ereignisse erzähle, sondern Situationen schildere, und ich muß +gestehen, dabei verwirren sich mir die Begriffe. Ist es nicht bloß ein +Wortspiel? Welcher Unterschied scheint dir denn zwischen Erzählung und +Schilderung zu bestehen? Ich meine, inwiefern die Wirkung eines Werkes +dadurch beeinträchtigt wird. Sind das nicht schulmäßige Begrenzungen? + +DER ALTE: + +Nehmen wir einmal an, du habest eine schwierige und gefahrvolle Reise +hinter dir, habest lebensgefährliche Abenteuer bestanden, habest +jahrelang als verschollen und verloren gegolten und seiest nun doch +zurückgekehrt. Alles ist gespannt zu hören, wie du das bewerkstelligt +hast und wie es dir ergangen ist. Du setzest dich in den Kreis der +Neugierigen und Teilnehmenden und erzählst, beginnst mit der Fahrt übers +Meer, der Aufzählung deiner Gefährten und kurzer Andeutung ihrer Art und +ihrer bisherigen Schicksale, fährst fort mit der Landung, dem Aufbruch +in die unbekannten Gebiete usw., usw. Wäre es nun angebracht, das +Interesse der Zuhörer durch Beschreibungen von Landschaften, von Tieren, +von Pflanzen zu ermüden? Wenn du dies tätest, würde in ihnen ein leises +Mißtrauen gegen den Ernst und die Schwere deiner überstandenen +Schicksale entstehen. Sie wollen wissen, wie es dir ergangen ist, nichts +weiter, und je einfacher und sachlicher du bist, je glaubhafter werden +deine Erlebnisse klingen. Nicht mit einem Wort brauchst du zu schildern. +Das Bild der Landschaft und des Landes wird ganz von selbst in der +Phantasie entstehen; je weniger du davon sprichst, je stärker wird die +Phantasie der Hörer es erblicken und zwar durch dein Erlebnis selbst. +Unwillkürlich gehen sie deinen Weg mit und sehen sie mit deinen Augen. +Es kommt ganz und gar nicht darauf an, daß das Bild der Wirklichkeit +entspricht, das sie sich davon machen, es handelt sich nur darum, daß +durch ihre seelische Bewegung ein Bild entsteht. Diese seelische +Bewegung bildet sich nun wieder durch die Bewegung der künstlerischen +Materie, und so siehst du abermals, wie Äußeres und Inneres verschmolzen +sind und sich verschmelzen müssen. + +DER JUNGE: + +Das Beispiel leuchtet mir ein. Es leuchtet mir ein, daß das Abschweifen +von einer Sache, die man sich vorgesetzt hat, in der Kunst ebenso +unwahrhaftig wirkt wie im Leben, und ich verstehe auch, daß man das +Vertrauen des Lesers auf diese Weise verlieren kann. Aber du sagtest +etwas von Verklärung und Erhöhung und poetischer Wirkung des Stoffes. +Das alles scheint mir nun überflüssig, sobald einmal die Wahrheit, die +Wahrhaftigkeit außer Zweifel steht. + +DER ALTE: + +Gewiß, wenn es ein und dasselbe wäre, mündlich zu erzählen oder +schriftlich. Dazwischen liegt ein so tiefer Abgrund, daß ihn nicht +Geist, nicht Wissen, nicht Wahrhaftigkeit zu überbrücken vermögen, +sondern lediglich künstlerische Genialität. Es ist der Abgrund zwischen +Wesen und Schein, zwischen dem Spiegel und der Person, die davorsteht, +zwischen Leben und Erinnerung, zwischen der Minute und der Ewigkeit. +Deine lebendigen Zuhörer sehen dich, sie sehen dich ergriffen, +begeistert, bedrückt, das lebendig gesprochene Wort hat eine ganz +unabweisbare Zeugniskraft durch sich selbst. Wenn du dieselbe wahre und +erschütternde Erzählung deiner Reise mit denselben Worten deines +mündlichen Berichtes niederschreibst, kann sie abgeschmackt, verlogen +und sozusagen grundlos klingen. Es ist also wieder das scheinbar +Äußerlichste, das die Kunstwirkung hervorbringt: der Stil. Um dieselbe +Einfachheit, die der Hörer ohne dein besonderes Hinzutun spürt, sofern +du nur eine einfache und wahre Natur bist, dem Leser eines Buches +glaubhaft zu machen, dazu gehört ein halbes Leben unablässiger Versuche, +aufreibender Mühe, qualvollsten Ringens. Im Leben ist das +Selbstverständliche, oder wenden wir ein Fachwort an, das Naive eine +Voraussetzung, in der Kunst ist es eine letzte Konsequenz, ein Gipfel. + +DER JUNGE: + +Die Aufgabe besteht also darin, den Anschein des Selbstverständlichen zu +erreichen, innerhalb der Kunst ein Gebilde zu schaffen, das die Züge der +Natur trägt. Darüber bin ich mir klar. Doch hat jedes Individuum seine +besondere Naivetät, jedes »Selbst« seine eigene Selbstverständlichkeit. +Gäbe es dennoch gewisse Gesetze, an die unbewußt alle gebunden sind, +Schöpfer wie Genießende? + +DER ALTE: + +Wollen wir einmal vom Engsten ausgehen, um ins Weite zu gelangen. Wer +sprachliches Gefühl und ein aufmerksames Ohr besitzt, wird wissen oder +unbewußt schon früh empfunden haben, daß die vorzüglichste Schönheit +unserer Sprache in ihrem Vermögen liegt, eine organisch gegliederte, +gleichsam lebende Periode zu bilden. Der Gedanke, die Vorstellung +entsteht und kommt zur Erscheinung durch Hauptwort und Zeitwort; das +Beiwort tritt heran, um zu verdeutlichen oder zu schmücken, eine zweite +Vorstellung oder Handlung will die erste begründen und weiterführen, und +der Nebensatz ist geboren, an dem sich dieselben Erscheinungen +vollziehen wie im Hauptsatz, nur abgetönt, verkleinert, gemildert. Darin +liegt der Rhythmus der Prosa: das An- und Abschwellen des Tones und der +Betonung, die gegenseitige Beziehung von Sätzen und Satzteilen +untereinander, die freie und eigenbewegliche Anpassung, die Fülle des +Ausdrucks bei größter Sparsamkeit mit dem Wort. Die eigentümlichste +Kraft der deutschen Sprache ruht im Zeitwort; dieses auszubilden, zu +formen, gewissermaßen zu isolieren, kennzeichnet den guten Prosaisten, +während der mittelmäßige sich mehr auf das schmückende Beiwort verlegt, +– ganz natürlich. Prüfe doch den Stil unserer guten Erzähler auf diesen +Umstand hin: wie das flutet und in majestätischer Ruhe hinfließt, immer +bewegt und immer gegen ein erreichenswertes Ziel bewegt. Das Beiwort +wirkt erstarrend und ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, und nur die +anschauende Phantasie kann es an den rechten Platz stellen; das Verbum +belebt und ist das eigentlich motorische Element im Satzbau. Es ist +stets interessant, den guten Erzählerstil lediglich auf seinen +sprachmelodischen Gehalt hin zu prüfen, sich zu überzeugen, wie die +Periode der Atmung entspricht, wie sinnvoll gegliedert Satz und +Nebensatz auftreten, und wie der Gesang abläuft, wenn der Absatz zu Ende +ist. Eigentlich müßte man ein gutes Prosabuch schon an der +typographischen Anordnung erkennen, die sozusagen seine Fassade +vorstellt. Dazu kommt nun beim epischen Künstler das geistige Erlebnis +des Bildes und die seltsame Empfindung für die plastische Nähe des +Wortes, die ihn vor Verflachung seines Ausdrucks bewahrt. Denn wie +könnte sonst eine Schriftsprache jahrhundertelang gesund und triebfähig +bleiben? Die Auserlesenheit der Wendungen tut es nicht, Geschmack und +Formensinn allein sind ebenfalls nicht zeugungskräftig, – nur das +Mitleben mit dem Wort als einem Organismus bewahrt die Sprache der Epik +vor dem Verwelken und Absterben. Das begreiflich zu machen, ist schwer, +wenn du es nicht fühlst. + +DER JUNGE: + +Ich fühle es. Ich fühlte es oft, wenn ich Gottfried Keller las. Ein ganz +gewöhnliches Wort, das in unserer Umgangssprache so platt klang und so +tot aussah wie eine abgegriffene Münze, stand plötzlich da wie in einen +Zaubermantel gehüllt, fremd und neu. + +DER ALTE: + +Und doch sind die meisten unter unsern jungen Dichtern Wortsucher, aber +was schlimmer ist, sie verstehen auch nicht in großem Atem zu erzählen. +Ich leugne nicht die Berechtigung des Schriftstellers, seine Sätze +auseinander zu haken und sie im stürmischen Tempo aufmarschieren zu +lassen, wenn ihn die Situation und seine Natur dazu auffordern. Aber so +wenig ein Mensch lange Zeit hindurch im Zustand der Atemlosigkeit +verweilen kann, so wenig verträgt dies ein Buch, ohne daß es Unbehagen +und Widerwillen erregt. Ich habe Bücher in der Hand gehabt, in denen +lauter enge und engbrüstige Sätzchen nebeneinander standen, stumpf und +traurig wie Soldaten bei der Parade. Einzelne Satzglieder schwammen wie +abgeschnittene Hände und Füße in einer Brühe überflüssiger +Interpunktionen, und jeder Rhythmus war zerfetzt, weil eine anständige +Mittelmäßigkeit des Schreibens weniger geachtet wird als ein gequälter +Unsinn, oder weil das Gefühl erweckt werden sollte, der Verfasser sei +tief ergriffen gewesen von dem, was er geschrieben. Von dem Verfasser +wird gar keine Ergriffenheit verlangt; Gott hat nicht jedem Baum und +jedem Berg einen Zettel umgehängt, auf dem zu lesen steht: wie schön, +wie gewaltig, wie charakteristisch bin ich. Gott ist bescheiden, er ist +unsichtbar in seiner Welt versteckt, und mit den großen Künstlern ist es +ebenso. Vom Erzähler wird Unsichtbarkeit verlangt, von dem, was er +erzählt, höchste Sichtbarkeit. + +DER JUNGE: + +Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist aber keineswegs zu leugnen, daß +etwa in einem dickbändigen Roman die strenge Form der Erzählung schwer, +wenn nicht unmöglich festzuhalten ist. Ein solches Buch müßte durch +seine Eintönigkeit langweilen, glaube ich, und man kann dem Autor nicht +Unrecht geben, wenn er dies Schicksal durch dramatische Gespräche und +aufregende Schilderungen von seinem Buche abzuwenden sucht. + +DER ALTE: + +Das ist ein Thema für sich. Man kann von einem Kochbuch nicht verlangen, +daß es wissenschaftliche Aufgaben löst. Wenn es einem Dichter zu schwer +fällt, ein Kunstwerk zu schaffen, so begnüge er sich mit dem Machwerk, +aber er soll dann nicht beanspruchen, ein Künstler genannt zu werden. +Müssen denn die dickbändigen Ungeheuer geschrieben werden, von denen du +sprichst? Und wenn sie geschrieben werden müssen, bin ich etwa +verpflichtet, mich mit ihnen zu beschäftigen? Wollten wir unsere +Erörterungen in diesen niedern Kreis stellen, was wäre da nicht alles zu +sagen, worüber zu klagen: über die Frauenschreiberei, das Zeitungswesen, +die elenden Übersetzungen aus andern Sprachen usw. Doch wir wollen das +künstlerischste aller Gesetze auch auf unsere Unterhaltung anwenden und +bei der Sache bleiben. + +DER JUNGE: + +Du hast recht. Dennoch gibt es Mischprodukte, die man nicht verwerfen +darf und die eine tiefere Wirkung und ein gewaltigeres Entstehungsmotiv +haben als die reinen Kunstwerke. Das darf man nicht vergessen. + +DER ALTE: + +Ich halte das für einen Irrtum. Diejenigen Werke der Kunst, die an +Wirkung und Dauer hinter den Erzeugnissen zurückstehen, die du erwähnst, +sind eben dann nicht wahrhaft lebendig, und ihr Untergang ist nur eine +Frage der Zeit. + +DER JUNGE: + +Alles, alles ist dem Untergang geweiht. Selbst Homer und Shakespeare. + +DER ALTE: + +Eine törichte Phrase. Sie werden untergehen, wenn der Erdball versinkt +und das Licht sich in Finsternis verwandelt. Sie gehören eben der +Menschheit an, und von einer Unsterblichkeit über die Menschheit hinaus +zu reden, hat keinen Sinn. + +DER JUNGE: + +Folgendes ist mir nicht ganz klar. Es handelt sich doch bei der +Erzählung um das Darstellen eines Vorganges und innerhalb des Vorganges +wieder um das Ausmalen einzelner Bilder oder Situationen, denn ohne +solche Bilder würde ich doch mehr Geschichtsschreibung treiben als +Kunst. Wie bringe ich nun die Situation, ohne gegen das Gesetz des +epischen Weiterströmens zu verstoßen? Mit einem Wort, wie kann ich +erzählerisch und plastisch zugleich sein? + +DER ALTE: + +Zur Beantwortung dieser Frage will ich dir eine Stelle aus Wilhelm +Meisters Lehrjahren vorlesen. Es heißt da: »Zwei bis drei Häuser standen +in vollen Flammen. In den Garten hatte sich niemand retten können wegen +des Brandes im Gartengewölbe. Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde, +weniger wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht, die Kinder zu +verlassen, und sah das Unglück sich immer vergrößern. Er brachte einige +Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf seinem Schoße +eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich +hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die +ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam herbei, die +Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten +Kleidung der fallende Tau fast unerträglich. Er führte sie zu den +Trümmern des zusammengestürzten Gebäudes, und sie fanden neben einem +Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme. Der anbrechende Tag +brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen, usw.« Du +siehst hier deutlich, wie keusch und zurückhaltend das außerordentliche +Ereignis in der allgemeinen erzählerischen Stimmung sich auflöst. Ruhig +schließt sich an die sparsame Ausmalung der überaus schönen Situation +von den am Aschenhaufen liegenden Personen der neue Vorgang, und im +Satzgefüge herrscht nicht die mindeste Erregtheit. Vergleiche damit +einmal die Darstellung einer Feuersbrunst bei Zola; Einzelheit drängt +sich an Einzelheit. Die ungeheure Flut der Einzelheiten vernichtet das +Bild und überschwemmt die Phantasie. Aus fünfzig Seiten eines +Schilderers macht der Epiker zehn Zeilen. Der erzählende Stil beruht +keineswegs auf der Ausmalung der Situationen, sondern er ruft die +Situation nur zu höherem Zweck hervor, um sie in vollkommener Ruhe +vorübergleiten zu lassen. Geradezu musterhaft ist darin Kleist, der +vielleicht das größte erzählerische Genie ist, das wir besitzen. Wie im +Volksmärchen, mit einer erhabenen Knappheit erzeugt er Bewegung um +Bewegung. Nur dadurch entsteht zugleich die Lebendigkeit der Periode, es +wird ihr das Papierene genommen, das sie auch beim vollendetsten +Schilderer hat; sie besitzt plötzlich innere Kraft, das Blut des +atmenden Geschöpfes, und wie das Werk im Ganzen, ist sie für sich allein +ein Organismus mit Fleisch und Seele. Der Baum setzt sich aus winzigen +Zellen zusammen; die Gesundheit seiner Früchte hängt ab von der +Gesundheit jener unscheinbaren Gewebe. Die Breite und Fülle der Periode +bedingt die Breite und Fülle des Ganzen; nicht Abenteuerlichkeit der +Vorgänge, nicht Weitspurigkeit der Anlage, nicht die ausgesuchteste +psychologische Tüftelei, keine Neuartigkeit des Themas, keine äußere +Spannung, nicht Geist, nicht Witz, nicht philosophische Tiefe kann ein +Werk, dem jene Eigenschaften wahrer epischer Breite und Ruhe mangeln, +zum Rang eines Kunstwerkes erheben. + +DER JUNGE: + +Jetzt ist es auf einmal wieder die Ruhe. Wir haben doch festgestellt, +daß es die Bewegung ist, die der Kunst das Leben gibt, wir haben es sehr +schön gefunden, daß die Zwecklosigkeit der Bewegung den Kunsteindruck +hervorbringt, nun soll auf einmal die Ruhe das Allesbedingende sein. Das +ist sinnverwirrend. Ruhe? Das wäre ja gleichbedeutend mit Kälte, das +hieße ja, das ganze Wesen des Dichters verkennen, dem Artistentum das +Wort reden. + +DER ALTE: + +Beschwichtige deinen Eifer, du wirst gleich sehen, wie unbedacht er ist. +Die erzählende Kunst stellt Vergangenes dar. Es handelt sich um ein +Gelebt-Haben, Gesehen-Haben, Geschehen-Sein. Während das Drama auf der +Gegenwärtigkeit der Geschehnisse, der Leidenschaften beruht, ist das +Epos oder die Novelle ein Zurückgewandtes, Zurückschauendes, – ganz +natürlich, und so ist es durch seine Form zu einer größeren Ruhe und +Gemessenheit verurteilt, denn seine Wiedergabe setzt doch einen +Betrachter voraus, einen Beobachter, einen Urteilenden, Zusammenfasser. +Während das Drama ein scheinbar freistehendes, isoliertes Eigen-Produkt +ist, weist die Erzählung beständig und auf jeder Zeile auf den Erzähler +zurück, und von dessen Haltung hängt alles ab. Es handelt sich also nur +um eine scheinbare Kälte und Ruhe, um ein Zurückhalten des Feuers. Der +Schöpfer eines solchen Werkes ist umsomehr darauf angewiesen, seine +eigene Persönlichkeit zu verbergen, da er es doch selbst ist, der die +ganze Welt, die er hervorbringt, repräsentiert. Wenn er aufhört, +unsichtbar zu bleiben, leidet unsere Illusion Schaden, und die +scheinbare Ruhe enthält also für ihn alle Wirkungen seiner Kunst. Uns +dennoch aufs innigste mit dem Werk zu verknüpfen, uns alles mit seinem +eigenen Auge, seiner eigenen launigen oder tragischen Seelenstimmung +erleben zu lassen, das hängt von seiner Person und seinem Dichterwert +ab. Seine Weltanschauung und geistige Kraft einerseits und die Ruhe +andrerseits, die ihn befähigt, Licht und Schatten zu verteilen, Bilder +zu erzeugen, Zeitperspektiven zu bilden, können die beiden Pole genannt +werden, zwischen denen sich seine Kunst bewegt. Deswegen verlangt die +epische Kunst eine vollkommene Reife des Geistes. + +DER JUNGE: + +Es handelt sich also nicht um unterdrücktes Gefühl, sondern um +gebändigtes Gefühl, um verteilte Wärme. Dann leidet auch das Werk +Schaden, wenn zu viel Licht auf eine einzelne Gestalt fällt? Offenbar. +Wie verhält es sich also mit den Gestalten? Wie weit dürfen sie sich aus +der Fläche der Erzählung plastisch heben? + +DER ALTE: + +Das hängt von Stoff und Ton des Ganzen ab. Laß uns einmal den Gang +verschiedener Werke epischer Prosa auf diesen Umstand hin vergleichen: +Herodots Geschichten, den Don Quixote, den Wilhelm Meister und Tolstois +Krieg und Frieden. + +Herodot besitzt die natürliche, persönliche Naivität, die dem Zeitalter +und einer jungen, aufsteigenden Kultur entsprechen. Er hat weder +Vorbilder, noch bedarf er ihrer. Er ist nicht bemüht, eine Kunstform zu +prägen. Er vermeidet Schmuckworte. Er hält sich von allen Abstraktionen +fern. Er »erzählt«. Sein Ton ist der eines Mannes, der reich an +Erfahrungen und an Wissen unter den Seinen sitzt und ebenso einfach wie +wahrhaftig von allem Kunde gibt. Gleichwohl zeigt sein Werk eine feste +Stileinheit und das nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich: Die +Handlungen des Menschen stehen unter dem Walten der Nemesis. Von dieser +Weltanschauung durchdrungen, erhält seine Schöpfung nicht nur sittliche +Größe, sondern auch künstlerische Macht. + +Cervantes fußt natürlich bereits auf Traditionen. Aber er vernichtet +sie, indem er sich ihrer bedient. Die Sittenschilderung und die Aktion +ordnen sich äußerlich einem Plan und geistig einer Idee unter. Indem er +gegen den pathetischen Heros des Katholizismus zu Felde zieht, findet er +jene hohe Form der Darstellung, welche wir Humor nennen und welche +seinen Gestalten weitaus bedeutungsvollere Konturen gibt, als sie in der +Realität ihrer Existenz zu haben scheinen. Auch Cervantes ist ein (im +banalen Sinn) naiver Erzähler; aber an seiner Naivetät hat der +Kunstverstand schon wesentlichen Anteil. Es ist klar: das ist nicht mehr +der Berichterstatter wahrhafter Begebenheiten. Mit der Schöpfung einer +Phantasiewelt hat die unbefangene Freude am Ereignis und seiner +Wiedergabe ihr Ende erreicht. Dem Erzähler muß sich der Fabulist +beigesellen, und Fragen technischer Natur entstehen wie von selbst. Hier +ist alles schon _Kunst_: die Charaktere und ihre Gestaltung, die +planvoll geschürzten Fäden der Handlung, der Dialog und seine +motorische Bedeutung. Aber durch einen wunderbaren Instinkt hat all dies +wieder die Farbe der Natur erhalten, das täuschende Gewand der Wahrheit. + +Goethes Roman ist in erster Linie das Manifest einer großen +Persönlichkeit. Wenn der spanische Dichter Bilder entrollte, hinter +denen er wortlos verschwand, so bleibt der Deutsche vor dem Geschaffenen +stehen und bringt es durch sein Wesen, durch seine Gebärde, durch seine +begleitenden Worte erst ins rechte Licht und zur rechten Geltung. Seine +Darstellung ist kühl und überlegen, philosophisch gemessen, und nie +vergißt man über den Figuren den Zauberer, der sie in Bewegung zu setzen +vermag. Cervantes ist groß durch Don Quixote; Wilhelm Meister ist groß +durch Goethe. + +In der Dichtung des russischen Dichters endlich sind Stoff und +Darstellung in eine unauflösliche Verbindung getreten. Der Schöpfer +selbst wird hier zu einem wesenlosen Etwas, ähnlich der Naturkraft, die +einem Strom sein Bett anweist. Dieser Roman ist von homerischer Prägung. +Die Menschen darin sind so stark individuell und andererseits so sehr +von dem Schicksale ihres Temperaments getrieben, daß man die Illusion +hat, sie müßten, auch aus Milieu und Handlung losgelöst, doch zu +denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen gelangen, zu denen sie in der +Dichtung durch den Willen des Dichters kommen. Sittenschilderung, +nationale Besonderheit, menschliche Bedeutsamkeit, künstlerische Ruhe, +Einfachheit und Größe, alles verbindet sich zu klarster Wirkung. Der +Dialog hat keine motorischen Zwecke mehr, auch nicht philosophische oder +tendenziöse, sondern lediglich charakterisierende. + +DER JUNGE: + +»Stoff und Darstellung sind in eine unauflösliche Verbindung getreten,« +sagst du. Ich möchte lieber sagen: Stoff und Künstler. Aber was ist der +Stoff? Wann wird der Stoff »daseinsnotwendig«? Wann erhält er die +Unleugbarkeit eines von der Natur selbst Geschaffenen? Wahrscheinlich +muß der eine ihn erleben, der zweite erfinden, der dritte aus der +Geschichte nehmen. Dieser braucht eine regelrechte Fabel, jener webt +seine Gebilde wie aus einem Traum heraus, der die Bewegung und Stimmung +des Lebens und doch die Gesammeltheit der Dichtung hat. Das Wichtige ist +demnach nicht die Art des Stoffes selbst, sondern die Intensität der +Vision, die er erzeugt und die nicht auf einem Bild zu beruhen braucht, +sondern oft, dem Nebelball der Urwelten gleich, Feuer und Vegetation +noch in sich verborgen tragen kann. + +DER ALTE: + +Ohne Zweifel. Die Kraft der Vision im Dichter bestimmt die Kraft des +Werkes, ihre Dauer und Unvergeßlichkeit aber seine Harmonie. Alles +andere hat mit inspiratorischen Dingen nichts mehr zu tun, sondern +unterliegt den Gesetzen der Entwicklung. Wo die Vision aufhört, beginnt +die geistige Arbeit, das Reich des Geschmackes, des Urteiles, der Wahl. +Hier ist auch die Grenze zwischen dem Dichter und dem Schriftsteller. +Der Dichter und seine Stoffe verhalten sich zu einander wie der Baum zu +seinen Blättern, die Stoffe des Schriftstellers aber gleichen den +beliebig ausgewählten, ärmlichen oder luxuriösen Möbeln eines Zimmers. +Dort wird jeder Mangel die Kehrseite eines Vorzuges sein, hier wird +selbst jeder Vorzug auf einen einzigen Mangel zurückdeuten. Dort ein +lebendiger Organismus, gleichviel ob kränklich oder stark, hier eine +Maschinerie, stümperhaft oder in ihrer Art vollkommen. + +DER JUNGE: + +Demnach müßte also eigentlich der Dichter seine Stoffe erleben, der +Schriftsteller sie erfinden. + +DER ALTE: + +Das läßt sich nicht auseinanderhalten. Da müßten wir erst feststellen, +was es heißt, erleben. Es wäre doch recht ärmlich gedacht, wenn man nur +eine äußere Aktion darin sehen wollte, dann wäre es schlimm um jene +bestellt, die der Zufall oder soziale Stellung oder persönliche Eigenart +vom großen Getriebe fernhält. Das hieße dann: nur derjenige, der einen +Mord begangen, kann die Seele eines Mörders enthüllen, und die Frau als +eine Welt für sich wäre dem Dichter ein für immer verschlossenes Ding. +Ich stelle nicht in Abrede, daß ein gewisses Maß allgemeiner +Lebenserfahrung notwendig sei, aber dem, der nicht innerlich das Leiden +der Welt und ihrer Geschöpfe erlebt, dem wird es wenig frommen, wenn er +seine Tage mit Abenteuern füllt, wenn ihm auch hierdurch die seltsamsten +und tiefsten Seiten der menschlichen Natur offenbar werden. Das ist ja +eben die besondere Natur des Dichters, daß in ihm gleichsam die +Erfahrungen aller andern sich sammeln und zu einem hohen Bewußtsein +gelangen; es ist, als ob ihm Gott die Andeutungen und Stichworte gäbe, +aus denen er das Gewebe einer zweiten zur knappsten Folgerichtigkeit +verdichteten Welt formt. Er ist es, der im Mittelpunkt der Dinge wohnt, +er stellt das lebendige Gewissen der Völker dar, er lebt nicht nur in +der Gegenwart, nein, ihm ist alles Vergangene zugleich Gegenwart. Und +nun der Stoff. + +DER JUNGE: + +Ich glaube, daß es gleichgültig ist, ob er die Geschichte eines +Schneiders oder eines Welteroberers wählt. Und das Milieu kann immer nur +ein Mittel sein, Charaktere zu entfalten und Schicksale zu motivieren. + +DER ALTE: + +Sehr wahr. + +DER JUNGE: + +Und doch haben wir von einer Daseinsnotwendigkeit des Stoffes +gesprochen. + +DER ALTE: + +Es ist oft genug gesagt worden, daß der Dichter aus einem unbesiegbaren +inneren Drang heraus schaffe. Oft im Kampf mit den äußeren +Lebensumständen, oft, ja fast immer im Kampf mit sich selbst. Deswegen +ist es eine abgegriffene Phrase, von dem Glück des Schaffens zu +sprechen. Es gibt nur eine Verzweiflung des Schaffens und einen ganz +kurzen Glücksrausch des Geschaffenhabens. Und dann erst muß der Dichter +lernen, sein Werk zu hassen, damit er seine Gebrechen zu erkennen +vermag, und je stärker er sein Werk hassen wird, je tiefer wird er die +Kunst lieben. Es ist klar, daß das, was unter solchen Widerständen +Dasein und Form gewinnt, innere Lebensmöglichkeit und -notwendigkeit +haben muß, wenigstens für den Schöpfer. Die Frage ist nur, ob und in +welchem Maße das Werk zu den anderen Menschen spricht, wie viele +Lebenskreise es durch seine Existenz berührt, wie viel andern Wesen es +ebenfalls notwendig wird. Das hängt nun von seinem Stoff ab. Ich möchte +behaupten, ein Stoff ist um so größer und allgemeiner gültig, je mehr +Mythos er in sich trägt, das heißt, je tiefer er in dem Geheimnisvollen, +Unbewußten, Religiösen, Phantasiegemäßen eines Volkes und damit der +Menschheit wurzelt. Der Dichter ist ja der Mund der Schweigenden. Je +größer ein Dichter ist, je mehr Schweigende sprechen aus ihm. Nicht er +wählt seinen Stoff, sondern der Stoff wählt ihn. Er trifft ihn, wie der +Blitz zuckt er auf ihn herab. Deshalb wird man ebensowenig von Erfinden +wie von Erleben eines Stoffes reden können, im höchsten Sinne nämlich. +Dichter, die ihre Erlebnisse, sagen wir verwerten, sind immer in Gefahr, +diese Erlebnisse sehr zu überschätzen, wenn nicht ein großes typisches +Schicksal dahinter steht. Die Vision ist alles. Sie vermag einen +tausendmal behandelten Gegenstand so zu verklären und zu erhöhen, daß er +zum unerhörten Ereignis wird. Je mehr du durch dein enges kleines und in +jedem Fall bescheidenes Schicksal dich ins Weite, Menschliche, Mythische +hinausspürst und -lebst, je weniger brauchst du tatsächlich zu +»erleben«, je freieren Spielraum gewinnst du für die Kunst. + +DER JUNGE: + +Frühere Ästhetiker haben das, was du den Mythos nennst, als Idee +bezeichnet. + +DER ALTE: + +Nenn es, wie du willst. Man spricht immer davon, daß die Kunst keine +Tendenzen habe, keine Nützlichkeitsziele verfolgen soll. Aber in einem +anderen höheren Sinn muß doch mit jedem Kunstwerk etwas bewiesen werden, +wenn es nicht dem Fluch des Spielerischen verfallen soll. Gewiß muß es +um seiner selbst willen hervorgebracht werden. Aber es darf, wie das +lebendige Geschöpf, nicht um seiner selbst willen existieren. Weiter +können wir in unserer Erörterung kaum gelangen. Hier ist schon die +Grenze des Traumes und der Träumerei. + + +_Fünf Jahre später_ + + +DER ALTE: + +Daß uns der Zufall auf einer Reise zusammenführt! + +DER JUNGE: + +Man könnte glauben, du habest mich während all dieser Zeit +geflissentlich gemieden. + +DER ALTE: + +Wie könnte ich mich unterfangen! Du bist ein berühmter Mann geworden, +ich sinke mehr und mehr ins Dunkel zurück. + +DER JUNGE: + +Hoffentlich hat mir dieser sogenannte Ruhm nicht deine gute Meinung +geraubt. + +DER ALTE: + +Das wäre nur der Fall, wenn er dich zur Selbstgenügsamkeit verführte. +Solche Leute stehen als Leichname inmitten ihrer Werke, und ihre Werke +sind krankgeborene Kinder, zu frühem Tod bestimmt. + +DER JUNGE: + +Vor allem, es gibt doch zweierlei Arten von Ruhm. Der eine geht von dem +Zeitlichen, Zufälligen, Augenblicklichen, Problematischen unserer Taten +aus; er kann dem echten wie dem verlogenen Werk gleicherweise zu Teil +werden und hat wenig zu schaffen mit dem andern Ruhm, der durch unser +ganzes Wesen bedingt ist, sich an den Zusammenhang unsrer Werke knüpft. +Jener ist wie der kurze Erfolg eines Witzboldes oder guten Plauderers in +einem geselligen Kreis, dieser wie das tiefe, stille, langsame Wirken +eines Priesters oder Menschenfreundes; jener wird von anderen +hervorgebracht und entsteht oft zu unserer eigenen Überraschung, dieser +aber strahlt von unserm Innern, von unserer Persönlichkeit aus und kann +auf alle Fälle erst nach dem Tod eintreten oder nach dem Abschluß +unseres Lebenswerkes; jener muß um den Beifall jedes Zeitungsschreibers +besorgt sein, dieser hat keinen andern Richter als das eigene Herz. + +DER ALTE: + +Es freut mich, daß du so denkst. Aber hast du auch immer in solchem Sinn +gelebt, gedichtet? Du meinst, ich sei dir in all den Jahren mit Absicht +ferngeblieben; dein Gefühl trügt dich nicht ganz. Aufrichtig muß ich +gestehen, daß mich dein Erfolg beunruhigt hat. Er war mir zu schnell, zu +laut, er ging mir zu wenig von der Sache aus und konnte sich zu wenig +auf die Kunst berufen. Ich wollte warten, und ich wartete dein nächstes +Buch ab. Ich war enttäuscht. Nicht als ob du dir darin untreu geworden +wärst, aber du warst unruhig in dir selbst. Die Vision deiner Phantasie +war nicht rein, sondern du sahst darin gleichsam die neugierigen +Gesichter deiner Leser, deiner Freunde. Du trachtetest sie zu +befriedigen und nicht dich selbst. + +DER JUNGE: + +Wahr, wahr. Doch ich habe gebüßt. Ich habe gebüßt, indem ich verachten +lernte. Ich habe gebüßt, indem meine Seele immer schmerzlicher nach mir +selber schrie. Kennst du diesen geheimnisvollen Zustand, der jedes +Verweilen friedlos, jedes Nachdenken bitter macht? Es ist als ob man +nach der Heimat reisen wolle und scheugewordene Pferde stürmten mit +einem nach fernen wüsten Ländern. Was für ein rätselhaftes Ding ist es +doch, das im Innern der Brust wohnt. Es hat eine Stimme, die den +schrillsten Marktlärm übertönt, und bist du dann in der Einsamkeit, so +schweigt es unvermutet, als wolle es sich rächen dafür, daß du ihm nicht +früher gehorchtest. Immer aufmerksamer, immer stiller mußt du werden, um +die Stimme nicht zu verlieren, nicht Weib und Kind und Geld und Gut +darfst du festhalten, wenn sie es nicht will. + +DER ALTE: + +So viel Einsicht bei so viel Irren! + +DER JUNGE: + +Wie könnte man Einsicht gewinnen ohne geirrt zu haben? Erinnerst du dich +unseres Gesprächs von damals über Wesen und Gesetze der Erzählungskunst? +Ich habe viel, habe oft darüber nachgedacht. Ich habe daraus in den +entscheidenden Punkten eine nicht mehr zu trübende Klarheit gewonnen. +Und doch, so bald ich nur eins dieser Gesetze, und wenn es das +lapidarste war, auf meine Arbeit anwenden wollte, so zerfloß es in +eitel Dunst. Es geht wie mit den aufgeschriebenen Paragraphen-Sammlungen +der Justiz gegenüber der lebendigen Menschenwelt. An sich betrachtet: +wahr, gerecht und klar. Auf das Ereignis, auf die Tat, den Augenblick +angewandt: nichtssagend, absurd, tot. Daraus schloß ich allmählich, daß +es kein andres Gesetz gibt, als dasjenige, das wir selbst durch die +Kraft unseres Werkes exemplifizieren. Jeder darf, was er kann. + +DER ALTE: + +Willst du aber leugnen, daß dir unser damaliges Gespräch förderlich und +notwendig war? + +DER JUNGE: + +Durchaus nicht. + +DER ALTE: + +Es ist das Problem der Erziehung. Gut und Böse liegt im Menschen. +Beispiel weckt Kräfte. Belehrung zeigt die Wege, zeigt die Schranken. +Der Philister, der immer nur die Landstraße wählt und der Bohême, der im +Gestrüpp stecken bleibt, keiner von ihnen kann Führer werden, jener ist +überflüssig, dieser schädlich. So ist es auch mit der Kunst und ihren +Gesetzgebern. Ich habe freilich gesehen, mit Kummer habe ich beobachtet, +daß du alles was du damals so eifervoll, so leidenschaftlich zu +ergreifen schienst, verächtlich beiseite geworfen hast. Nun, du bist oft +genug im Gestrüpp stecken geblieben, und noch heute sehe ich weder Weg +noch Ziel für dich; so hart es klingt, ich muß es sagen. + +DER JUNGE: + +Es klingt mir nicht hart. Ich muß dir so erscheinen. Du schaust vom Ende +eines Wegs auf mich zurück. Du weißt natürlich wie du gegangen bist, +aber wie ich gehen muß, das glaubst du nur zu wissen. Jedem ist sein +Schmerz notwendig, jedem seine Sehnsucht, sein Suchen, und wo ich nach +deiner Meinung verderbe, da ist vielleicht mein Heil. Wollte man doch +alles Kritisieren lassen, das sich nicht aufs Engste beschränkt, aufs +Greifbare, Haltbare! Ein menschliches Dasein ist kein Brettergerüst, +kann nicht mit dem Richtscheit ausgemessen werden, kann nicht mit Nägeln +und Klammern vor dem Geschick in Schutz genommen werden. Wenn es doch +keine Schulmeister mehr gäbe! In jedem Lehrer steckt so viel Härte und +Verhärtetsein, und was soll man erst zu jenen sagen, die aus bloßer +verwerflicher Lust an Überlegenheit einem Organismus, den die Natur +geschaffen hat, die Berechtigung zur Existenz absprechen. + +DER ALTE: + +So redest du für dich. Wehrst du dich aber nicht selbst gegen die +Stümper, gegen die frivolen Eindringlinge in den Tempelbezirk der Kunst? +Und bist du immer gerecht in der Unterscheidung? Täuscht dich niemals +ein Vorurteil, und das deiner Natur Fremde, suchst du es auch zu +verstehen, oder verwirfst du es nicht oft, nur weil es eben fremd ist? + +DER JUNGE: + +Du hast Recht. Aber der Verdruß gegen die Schwätzer und Windbeutel +enthält oft das wünschenswerte Entgegenkommen den noch unerschlossenen +und ringenden Kräften vor. Bei uns in Deutschland ist es besonders +traurig. Unter hundert Betrachtern und Beurteilern eines Kunstwerks ist +kaum einer, der imstande ist nur gerade, sagen wir: das Postament zu +begreifen, auf dem es ruht. Eitelkeit und Nüchternheit diktieren ihnen +ihr begeistertes oder verwerfendes Urteil. Überall guckt der +Schulmeister heraus, und wenn sie wohlwollend sind, dann glauben sie +schon weit zu gehen. Verzeih, daß ich jäh und bitter werde, aber sogar +du ziehst es vor Diktator zu sein, anstatt Freund, Versteher, Billiger, +Mitdeuter. Warum willst du nicht die Notwendigkeit hinnehmen, die mich +erfüllt? Vielleicht ist das, was ich unter unbesieglichem Zwang schaffe, +gar nicht so verschieden wie du meinst von dem, was die Formeln wollen. +Und wer nie eine der anscheinend ehernen Regeln verletzt und selbst das +erlauchteste Kritikerhaupt zum Schütteln zu bringen vermag, der ist kein +Schöpfer, der bleibt stets ein Beckmesser. + +DER ALTE: + +An der hohen Meinung von dir selbst hat es dir nie so sehr gefehlt als +an der von den andern. Aber ich bin dir keineswegs böse. Im Gegenteil +muß ich gestehen, daß mich dein Feuer seltsam erwärmt und daß mir dabei +der Gedanke aufsteigt, wie gleichgültig, fern und matt all dies +eifervolle Mühen um Dinge ist, die doch, man könnte fast glauben mit +einem spöttischen Lächeln, ihre eigenen Wege gehen. Der Mensch ist +alles, das Lebendige ist alles, und eine Natur, mit Sehnsucht, Mut und +Schöpferwillen begabt, wird, sei sie noch so eng, stets den Nörgler +beschämen. Aber es würde mich nun interessieren, wie du dir die Zukunft +deiner Kunst denkst, denn aus deinen Reden atmen mir Revolutionen +entgegen. + +DER JUNGE: + +Liebster Freund, wie schnell werden wir uns verständigen, wenn du so +spricht. + +DER ALTE: + +Und wie erstaunt werden wir sein zu bemerken, daß jeder nicht den andern +bekämpft hat, sondern sein eigenes Mißverstehen, seine eigene Ungeduld, +seine eigene Unsicherheit. Lassen wir also alles Allgemeine für diesmal +beiseite und erzähle mir von dir selbst, von dir allein. Ich denke, daß +ich so am meisten auch über deine Kunst erfahre. + +DER JUNGE: + +Meine Kunst! Ich gestehe dir, daß dieses Possesivpronomen für mich etwas +Erstaunliches und Fremdes besitzt. Wenn ich mich ehrlich prüfe, so habe +ich eigentlich keine Kunst. Was mich zur Arbeit treibt, ist nicht der +Drang etwas zu vollenden, nicht der Wunsch von etwas außerhalb meiner +Sphäre Liegendem Besitz zu ergreifen, nicht oder doch nicht in erster +Linie die Sehnsucht nach farbigem Bild oder plastischer Gestalt oder +Deutung eines Schicksals, sondern es ist etwas anderes, seltsames. Es +ist eine tiefe, immer wachsende Unruhe in meinem Innern; es ist als ob +in meiner Brust ein Wesen verborgen wäre, das sich selbst kennen zu +lernen, über sich selbst Klarheit und Wahrheit zu erlangen wünscht und +für das die Arbeit meiner Hand, das Geschaffene, nichts ist als ein +Spiegel, in dem es sich betrachten kann und der es je mehr befriedigt +und beglückt, je ruhiger und ungetrübter er das Bild seiner vorigen +Verzweiflung um sich selbst wiedergibt. + +DER ALTE: + +Das haben viele Dichter von heute. Deshalb vermögen sie ihre innere Welt +nicht mehr genügend zu objektivieren. + +DER JUNGE: + +Schon wieder der Schulmeister. Dein Tadel trifft nur jene, die noch +nicht starke Menschen genug sind, oder starke Künstler (denn in meinem +Sinn bedeutet das dasselbe), um dem Dämon, dem Zwerg, dem unruhigen +Wesen genug zu tun. Ihr Spiegel ist nicht rein legiert. Dies ist eben +das Neue: immer wichtiger, bedeutungsvoller, ich möchte sagen, +göttlicher wird der Mensch und seine Seele. Alle Erlebnisse verdichten +sich nach innen, alle Verwicklungen betreffen nur das Herz, oder sie +sind wesenlos und für den Dichter unbrauchbar. Warum das alles so ist +und wie es gekommen ist, das zu entwickeln fühle ich mich nicht kühl und +begabt genug, aber daß es so ist beweisen tausend Zeichen. Den groben +Augen und groben Sinnen scheint das in solcher Luft Gestaltete und +Geschaffene noch schattenhaft, aber mit der Zeit werden sie schon sehen +und fühlen lernen. + +DER ALTE: + +Das alles klingt mir gar nicht so neu und überrumpelt mich nicht so sehr +wie du anzunehmen scheinst. Ich glaube sogar, deine etwas wortreiche +Tirade ist völlig zu ersetzen, wenn wir sagen, du habest dich ganz den +Forderungen der Gegenwart ergeben. + +DER JUNGE: + +Und damit glaubst du etwas gesagt zu haben? Gut. Ja. Meinetwegen. Wenn +es dich befriedigt, ein Wort dafür zu wissen, – meinetwegen. Glaubst du +denn, daß es Laune ist oder Trotz oder die eitle Lust zu verblüffen, was +unsre Besten in ihren besten Stunden bewegt? Sie sind nicht +Eigenwillige, sie sind Geschöpfe der Zeit, in ihnen kristallisiert sich +die Sehnsucht und das geistige Bedürfnis der Menschheit. + +DER ALTE: + +Von dir wollte ich etwas wissen, von _deiner_ Art etwas erfahren. + +DER JUNGE: + +Vielleicht bin ich dazu nicht imstande. Was nützte es, sofern du mein +Vermögen in Zweifel ziehst, wenn ich dir sagen wollte: ich will +Gestalten geben, deren Seele das reinste und empfindlichste Instrument +ist für das unbegreifliche Spiel des Schicksals? Ich will meine eigene +Furcht, mein eigenes Entzücken, meine eigenen Vorstellungen von Leben, +Gott und Tod zum Bilde machend, Wesen darstellen, die unter dem Druck +und Anhauch solcher Gefühle unvermittelter, vielfacher tönend reagieren; +die das Erstaunen des Kindes noch in sich tragen vereint mit der +Erfahrenheit des weisen Zuschauers und die unter dem Kleid des Alltags +dennoch wandeln wie wir alle wandeln, unwissend woher, unwissend wohin. +Ich will den einen zum Schatten machen, denn sein Dasein, seine +Leidenschaften, seine Triebe, seine Taten sind ihm und andern unbewußt +dunkel und nichtig wie Schatten, jenem aber, der zur Seite steht, nichts +will, nichts gibt, nichts vermag, nichts bedeutet, zur charakteristischen +Gestalt verhelfen. Ich will nicht die Verknüpfung äußerer Erlebnisse +geben, sondern die Wirrnis der inneren, ich setze keinen Ehrgeiz darein, +Fäden zu knüpfen und zu lösen. Ich möchte keine Gewitter geben, sondern +die Entwicklung des Gewitters, die schwülen Lüfte des ahnungsvollen +Tages, alles was vorher geht, was Verantwortung trägt. Ich will keine +prahlerischen Ereignisse, sondern ich suche den kleinen Schmerz, der in +tausendfachen Bildungen die Seele dem Verderben entgegenschleppt, und +dies alles will ich wieder einer großen Harmonie zuführen, die +mannigfach geteilten Motive dem Unendlichen vermählen. + +DER ALTE: + +Das geht weit, das hat Schwung, das klingt nicht übel. + +DER JUNGE: + +Wie es klingt, ist nicht so wichtig wie das wohin es zielt. Wir alle, +Kleine und Große, sind Glieder eines einzigen Körpers. Jeder hat teil an +jedem. Verworfen wird nur der Leugner. Lernen wir es, andächtig und +ehrfürchtig zu sein. + +DER ALTE: + +Und wenn wir alt sind, laßt uns nicht vergessen, zur rechten Zeit zu +sterben. + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand sich ursprünglich am +Buchende. + +p 009: auschließlich -> ausschließlich +p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt +p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen +p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo +p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren +p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung +p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als +p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a first +edition copy. The table below lists all corrections applied to the +original text. The Table of Contents was moved from the back of the book +to the front. + +p 009: auschließlich -> ausschließlich +p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt +p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen +p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo +p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren +p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung +p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als +p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of IMAGINÄRE BRÜCKEN, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN *** + +***** This file should be named 17007-0.txt or 17007-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/7/0/0/17007/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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