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+The Project Gutenberg EBook of IMAGINÄRE BRÜCKEN, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: IMAGINÄRE BRÜCKEN
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: November 5, 2005 [EBook #17007]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+JAKOB WASSERMANN
+
+IMAGINÄRE BRÜCKEN
+
+
+ STUDIEN
+ UND AUFSÄTZE
+
+
+
+KURT WOLFF VERLAG / MÜNCHEN
+
+
+Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München
+Druck von Dietsch & Brückner, Weimar
+Herbst 1921
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+ Seite
+Was ist Besitz? ....................... 5
+Faustina .............................. 29
+Der Literat ........................... 85
+ Der Literat als Dilettant ........... 87
+ Der Literat als Psycholog ........... 95
+ Der Literat als Tribun .............. 111
+ Der Literat als Schöngeist .......... 124
+ Der Literat als Apostel ............. 131
+ Die Frau als Literat ................ 140
+ Ergebnisse .......................... 145
+Die Kunst der Erzählung ............... 151
+
+
+
+
+Was ist Besitz?
+
+Geschrieben 1919
+
+
+Die Zeit erschüttert die Begriffe und wühlt den Boden auf, dem sie
+entwachsen sind.
+
+Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor allem darum zu
+handeln scheint, den Wert, das Ausmaß und die Rechtsgrundlagen von dem,
+was bisher Eigentum hieß, zu revidieren und umzuformen.
+
+Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher mit
+unwiderlegbaren Argumenten verteidigen konnte, ja der geradezu ein
+Gesellschaftsgesetz war, wird ihm plötzlich streitig gemacht mit
+Gründen, denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck
+verliehen wird durch Drohung von Gewalt. Gewalt ist nicht zu widerlegen.
+
+So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private Existenz
+gegriffen, daß der Bürger, das Mitglied einer Gemeinschaft, die nur zum
+Schutz ihrer selbst besteht, von einem andern Teil dieser Gemeinschaft
+in seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten
+Lebensbedingungen entrechtet werden soll, und daß ihm zugemutet wird,
+die anscheinende Willkür und Unbill nicht bloß geduldig zu ertragen,
+sondern auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere Ordnung darin zu
+erblicken.
+
+Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen die alte
+wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; dazu fehlt mir die Befugnis
+und die Kompetenz. Es soll auch nicht von Schlagworten des Tages die
+Rede sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; sie
+haben die Köpfe genug verwirrt, die Leidenschaften genug erregt. Ich
+möchte das Wesen des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach
+verschiedenen Seiten, auf das innere und auf das äußere Leben, das
+soziale und das individuelle, seine Legitimität und seine Schädlichkeit,
+seine Fruchtbarkeit und seine Unnatur.
+
+
+I
+
+Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfüllt gegen den, der
+Überfluß hat. Es gibt Verstoßene, die durch keine Anstrengung dahin
+gelangen können, wo die Lieblinge des Glückes sich am ersten Tage
+befinden. So entsteht in Hunderttausenden, Millionen Gemütern
+Bitterkeit, Haß, Neid und Auflehnung.
+
+Für den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der andere hat, schon
+Überfluß. Wer nur ein einziges Hemd besitzt, für den ist der Besitzer
+von zwei Hemden ein mit Glücksgütern Gesegneter. Wer sich nicht
+sattessen kann, für den ist der sorgenvollste Satte ein Krösus. Wer kein
+Bett sein eigen nennt, in dem er schlafen kann, für den ist der auf dem
+Strohsack Ruhende beneidenswert.
+
+Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich viele
+Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen des Besitzes hat. Zwischen
+dem in einer Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im
+Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen Nabob in der
+ersten Kajüte mit Bade- und Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf
+der alle Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, alle
+Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle ausdenkbaren Schicksale der
+modernen Welt spielen.
+
+Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf trennende Linie. Sie
+scheidet diejenigen, die ihre Lebensnotdurft nicht stillen können, von
+denen, die in der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse eine
+selbstverständliche Voraussetzung erblicken. An dieser Linie teilt sich
+die moderne Welt in zwei Lager. An ihr wütet der soziale Kampf in seiner
+ganzen Furchtbarkeit.
+
+Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, ein
+Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes Gefüge ist, so muß man sich
+fragen, weshalb das eine Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner
+Bedrückung, seinem Leiden die bevorzugte Situation des andern so lange
+erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, allgemeinen, gewaltsamen Eingriff
+vorzunehmen. Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter der
+Ungerechtigkeit an sich trägt, mußte doch umsomehr zum Umsturz
+herausfordern, als die zahlenmäßige Übermacht zu allen Zeiten auf Seite
+der Entrechteten lag. Waren sie nicht genug durchdrungen von ihrem
+Recht, dem Recht auf Brot und Wärme, auf Luft und Licht? Hat man ihnen
+Schaustellungen des Prunkes erspart? Wußten sie nicht, was erreichbar
+war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem Übermut und ihrer Härte?
+Warum also die Geduld?
+
+Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt auf Seite der Reichen
+war; sie konnten die Gewalt bezahlen, und unter denen, die bezahlt
+wurden, befanden sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre Brüder
+verrieten, eben weil sie bezahlt wurden.
+
+Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, raffiniertes und
+uraltes System von Einschüchterung, Betäubung und Verdummung die Masse
+der Unterdrückten in Bann gehalten hat, und weil zudem die Sorge für den
+Tag, die dringende Notwendigkeit, Obdach, Nahrung und Kleidung zu
+beschaffen, den größten Teil der verfügbaren Kräfte absorbierte.
+
+Es ist ein Stück der Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es
+ist die äußerliche Wahrheit, aber nicht die innere.
+
+Nehmen wir an, es fände heute eine vollkommen gerechte und gleichmäßige
+Verteilung aller vorhandenen Güter statt, beweglichen und unbeweglichen;
+jedem wäre so die Unabhängigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit,
+die Möglichkeit, seinen Anteil nach seinen Gaben und Kräften nutzbar zu
+machen. Dieser paradiesische Zustand würde genau so lange dauern wie
+ein Tüchtiger braucht, um einen Trägen aus dem Feld zu schlagen, ein
+Listiger, um einen Dummkopf zu betrügen, ein Glückspilz, um über einen
+Pechvogel zu triumphieren, eine talentvolle und feurige Persönlichkeit,
+um Anhänger für eine Sache oder Idee zu gewinnen, der sie sich
+versprochen hat.
+
+Daß in der von Menschen (so wie Menschen einmal sind) bevölkerten Welt
+eine Besitznivellierung stattfinden kann, halte ich für denkbar,
+obgleich ich fürchte, daß sie ohne Raub, Bedrückung, Gewalt und
+Ungerechtigkeit nicht durchzuführen ist. Daß sie aber auch nur auf kurze
+Dauer rechnen kann, halte ich bei einer Gemeinschaft, die nicht
+ausschließlich aus Ackerbauern, Fischern, Jägern und Viehzüchtern
+besteht, für undenkbar. Und auch hier würden sich die Schlauen, die
+Tätigen, die Erfinderischen bald absondern, und Herren würden Sklaven
+finden. Eine Binsenweisheit im übrigen.
+
+Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste von allzulange
+hörig Gewesenen erhebt, ist auf den katastrophalen Moment dieser Epoche
+gestellt; sie lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit
+hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer Hypertrophie
+erreicht. Das über und über gehäufte Mehr auf jener Seite soll
+abgetragen werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren. Ich weiß
+nicht, wie das geschehen soll, ich weiß nicht, ob es geschehen kann,
+auf eine vernünftige, ersprießliche, rettungversprechende Art nämlich.
+Daß es wichtig, daß es würdig und menschlich wäre, wenn es geschähe,
+weiß ich, auch wenn mir die Sachverständigen mit klugen und
+wahrscheinlichen Berechnungen vor Augen führen, daß es den Zusammenbruch
+der gegenwärtigen Gesellschaft bedeute, und sich dieser in Rußland ja
+bereits vollzogen habe. Kein Bestand irgendeiner Ordnung vermag dafür zu
+entschädigen, daß lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, daß sie
+besteht.
+
+Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde gehen. Eine Wut der
+Materie hat sich des Zeitalters bemächtigt, die gegen alle Einflüsse des
+Geistes, der Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige
+Nutzanwendung wirft überall die Logik der Dinge und der Geschehnisse aus
+der Bahn. Forderung überschreit Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz
+der Zahl ist im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide gleich
+seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos zu sich selbst, in
+einer durch die Materie getrübten Beziehung zum andern und zur Welt,
+abgetrennt vom sittlichen Verlauf, weil völlig geblendet oder erschreckt
+vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren sein, alle wollen
+sich ihrer bemächtigen.
+
+Jede Tätigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbrüchliche
+Legitimität. Diese Legitimität ruht nicht in der Materie, sondern im
+Geiste.
+
+Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben und Andenken der
+gierigen und unempfindlichen Raffer und Wächter toten Eigentums, die das
+Blut schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul und
+achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution beriefen, wenn die
+Lohnsklaven im Dunst der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende
+Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger sie zur
+Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren gesicherten Asylen
+verschanzten, beschützt von Polizei und Militär, wenn die Not zu ihnen
+schrie, das tausendfältige Elend der Städte sich verzweifelnd erhob, der
+tausendfältige Schmerz seine fahlen Züge zeigte. Wehe den
+Aktienparasiten, den gelangweilten Müßiggängern, den Spielern mit
+Menschenseelen und Wucherern mit Menschenkräften, den Petrefakten und
+dem schillernden Geschmeiß einer untergehenden Welt!
+
+Aber diese Schädlichen und Hinderlichen haben und hatten von jeher im
+Lager der Armen und Geknechteten ein unabsehbares Heer von Lakaien,
+Agenten, Anwälten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen
+Kreaturen, die, gefällig jedem Wink, auf das Erträgnis ihrer Dienste
+angewiesen, in Schranken gehalten durch die Stimme des Eigennutzes,
+zitternd vor der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber, durch die
+Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam, die nach wirkende Zucht der
+Kirche und der Schule zur Indolenz und Scheinüberzeugung gebracht,
+stützendes Element auf der einen, hemmendes auf der andern Seite der
+Linie waren.
+
+Daraus jedoch schließen zu wollen, als hätte die Stabilität der
+bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in unreinen Gesinnungen und
+niedrigen Interessen, in der Trägheit und Knechtseligkeit der Massen
+ihre Ursache, hieße der billigen Demagogie das Wort reden, die heute die
+Straße und die politische Schaubühne beherrscht und die die menschliche
+Natur und das Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder sie
+überhaupt nicht in den Bereich der Argumente zu ziehen vermag. Was
+ebenfalls ein Merkmal geistigen Abstiegs ist.
+
+
+II
+
+Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut oder böse, ist
+Achtung vor dem Besitz des andern Menschen angeboren.
+
+Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits eine anarchische
+Seelenstimmung, die unmittelbar in die Verzweiflung mündet. Ehe solcher
+Zweifel Wurzel faßt, muß der Glaube an die eigene Kraft verschwunden
+sein; es kann keine Idee mehr vorhanden sein, die der Brutalität der
+Wirklichkeit entgegentritt und sie unter sich läßt; das persönliche
+Wertgefühl ist ertötet.
+
+Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang Idee. Nicht das, was mir
+vorenthalten wird, ist der fremde Besitz, sondern das, was mir
+unerreichbar ist; nicht das, worum ich durch Fügung oder Tücke betrogen
+worden bin, sondern das, was außerhalb meiner Sphäre liegt.
+
+Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die Norm der sittlichen
+Verfassung vorausgesetzt, kommt es nicht in Frage, ob der Nachbar, der
+Freund, der beliebige Andere Vorrat und Anhäufung von Dingen hat, an
+denen ich Mangel leide. Auch seine Würdigkeit kommt nicht in Frage, sein
+Wagnis nicht, seine Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den
+Andern, sondern nur, was mich betrifft.
+
+Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich. Was ich von der Welt
+erringe, um meinen leiblichen oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist
+Besitz. Besitz ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Faßbares,
+Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium meiner Person und
+innerhalb ihres Wirkungskreises irgend Leben erhält.
+
+Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von Besitz, ein
+Unschaubares, Unfaßbares, Unbrauchbares, das Unding schlechthin. Deshalb
+entsteht Täuschung und Lüge, wo es für Besitz genommen wird, Haß und
+Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt es sich nicht in das Ding, gibt
+es seinen Charakter als Vorwand nicht auf, bleibt es als häßliche
+Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz und gar Gespenst
+von Besitz, so ist es verzeihlich und logisch, daß unter denen, die von
+seinem widrig-geheimnisvollen Zauberring ausgeschlossen sind, die in Not
+verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen, eines Schattens, einer Formel
+nicht bemächtigen können, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht, eine
+finstere Erbitterung, schließlich ein Wahnsinn, Massenwahnsinn, der
+genau das Bild unserer Tage malt.
+
+Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das Unding ist eines mit
+dem Ungeist.
+
+Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens die Würde seines
+Seins. Am Ding kann ich mich messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann
+es mir inkarnieren, es kann mich nähren, kleiden, schützen, tragen,
+fördern; es ist, je nachdem, Schmuck oder Lehre, Lohn oder Geschenk,
+Waffe oder Trophäe, Beute oder Erwerb.
+
+Die ursprüngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen dem Ding
+gegenüber ist die Ehrfurcht vor seiner Bestimmung. Und davon ging ich
+aus. Es knüpft sich hieran von selbst der Glaube an die persönliche
+Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung. Das quälende
+Mißverhältnis in der sozialen Wirtschaft, die unüberbrückbare Kluft
+zwischen den aufs äußerste gesteigerten Extremen fällt allein dem Dämon
+zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt, denen trotzdem
+Tauschgeltung eignet, das den Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung
+entwertet und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung der
+sozialen Kräfte herbeiführt.
+
+Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges und
+Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser ist für den, der besitzt,
+kennzeichnet es auch die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es
+sind dies, tiefer betrachtet, zwei völlig verschiedene Gattungen von
+Menschen und demgemäß zwei völlig verschiedene Eigenschaftsgruppen, die
+zu betrachten sind.
+
+Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Phänomen, daß zwischen dem
+Verlangenden und dem verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung
+herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinität, die auf die
+Schnelligkeit der Erfüllung Einfluß hat, ein seelisches Fluidum, das mit
+größerer oder geringerer Gewalt das Zueinandergehörige zueinander
+bringt. Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch, kann man auch vom
+Schicksal zwischen Mensch und Ding sprechen.
+
+Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist, das zu entscheiden,
+ist nicht einfach. Das Erwägen solcher Möglichkeit freilich fordert
+bereits die Entrüstung der Rationalisten heraus, und ich möchte in
+diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und Wirkung eines
+Magnetismus dürfte auch von Grobnervigen nicht geleugnet werden; er
+kommt ja in alltäglichen und trivialen Vorgängen oft genug zur
+Erscheinung. Bemerkbar ist natürlich das Verhalten des Menschen, der
+zum Ding steht.
+
+Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen, Fähigkeit,
+Überlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte Wert, der Wert im
+Bewußtsein der andern und die Weite des trennenden Wegs bringen die
+Summe des Müheaufwandes hervor und ergeben die moralische Schätzung für
+ihn. Ehrgeiz entfaltet sich; Pläne werden erdacht; Anstrengungen
+wiederholen sich beständig; der Geist wird gebunden und auf ein Ziel
+gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt werden müssen;
+Hindernisse erheben sich außen, Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der
+Wunsch trübt sich, erglüht wieder; alles dies in niedriger wie in hoher
+Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei dem Ringen um ein kostbares
+Gut. Das Bild dessen, was errungen werden soll, ist das fortwährend
+verjüngende und erneuernde Movens, der Kräftespeicher, der Feuerspender;
+es diktiert den Rhythmus, die Flughöhe, schafft die Züge und die Gestalt
+des Lebens, es ist das Leben geradezu.
+
+Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen Lebensgesetz
+stehen, sind hiervon in gleicher Weise umschlossen. Wo das Unding nicht
+die Herzen und Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Geschöpf
+einerseits zur Maschine oder gar zum Teil einer Maschine erniedrigt hat,
+andererseits die, die sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in
+feige, stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende, nur
+menschenähnliche Hüter und Zuchtmeister verwandelte, überall dort ist
+Spiel freier Kräfte, Spannung und Ausgleich, Begehren und Befriedigung,
+Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren Stufen auf obere, von
+oberen auf untere, Aufstieg und Fall, edle Sucht und gemeine,
+eigennütziger Trieb und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung in
+der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des Besitzes die Deutung
+und der Inbegriff der vitalen Bewegung.
+
+Sogar jene Unglücklichen, die Hingewürgten und ihre Würger, kennen sie
+auch nicht den Besitz als schöpferisch treibendes Element, so kennen sie
+ihn doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verhängnis des
+Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden der Fetischismus, bei den
+entseelt Besitzlosen die Rauschillusion und Aufpeitschung durch das
+Stimulans.
+
+Die opfervolle Bemühung, das engverstrickte Maschenwerk von Interessen
+und Leidenschaften, das erschütternde Theater des Empor und Hinab der
+Existenzen nennt man sozialen Kampf. Es ist, näher besehen, der Kampf
+des einzelnen um sich, um das, was er liebt, um den Boden, um die Luft,
+um das, was er braucht, damit er sein kann, was er ist.
+
+Geprüft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt durch die Prämie. Je
+spezifischer, persönlicher, einmaliger, einzigartiger die Leistung,
+desto höher die Prämie, sei sie nun von materieller, moralischer oder
+geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange vorenthalten, auf
+lange Sicht gebucht, und wird, in ihrer letzten Entmaterialisation als
+Ruhm, als Kult bezahlt; völlig unterschlagen kann sie nur in seltenen,
+tragischen Fällen werden.
+
+Darum löst die Prämie, wenn sie im harmonischen oder wenigstens
+annähernd harmonischen Verhältnis zur Leistung steht, das Gefühl
+vollzogener Gerechtigkeit aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner
+Betätigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf des ganzen
+Gesellschaftsorganismus in ihr seinen Herzpunkt hat, ist auch jeder
+irgendwie für sie in Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das
+System befehden, mögen List, Betrug, Verbrechen die Prämie verdrängen,
+verkleinern, abwendig machen, den natürlichen Gang beeinflußt es nicht.
+
+Der Fähige fordert und wird bezahlt. Im Unfähigen schlummert neben der
+Traurigkeit des Unbelohnten auch ein heimliches Bewußtsein von Schuld.
+
+
+III
+
+Das Buch, das ich erworben habe, ist mein Eigentum. Derjenige Teil
+meiner Arbeit, der den Kaufpreis repräsentiert, ist die Leistung.
+
+Somit wäre der Prozeß ein- für allemal erledigt: ich kaufe ein Buch,
+stelle es ins Regal und bin Besitzer. Ob ich es gelesen oder nicht
+gelesen, benützt oder nicht benützt, verwertet oder nicht verwertet
+habe, das ändert an meinem Besitzrecht nichts.
+
+In der Tat ist dies der Vorgang bei allem bürgerlichen Besitz: die
+Leistung ist erledigt und bewiesen durch den Kauf, wobei ich nach dem
+bisher Gesagten unerörtert lassen kann, ob sie legitim oder illegitim
+ist. Es kommt das weiter nicht in Betracht.
+
+Nun leuchtet es ein, daß es keineswegs dasselbe ist, ob ich einen Sack
+Mehl kaufe, um ihn zum Kochen und Backen zu verwenden, oder ob ich
+Bücher kaufe, um sie ins Regal zu stellen. In dem einen Fall ist meine
+Leistung zweckhaft, im andern anscheinend zwecklos.
+
+Man nehme jedoch an, ich sei Sammler von Büchern, es sei meine Passion
+und mein Entzücken, seltene Ausgaben, kostbare Exemplare oder eine
+möglichst vollständige Reihe der über eine Wissenschaft erschienenen
+Werke zu besitzen, so tritt bereits eine Zweckhaftigkeit hervor, auch
+dann, wenn ich mich niemals mit einem von ihnen beschäftige, ihren
+Inhalt nicht kenne, nicht verstehe, nicht schätze.
+
+Oder man nehme an, ich hätte eine umfangreiche Bibliothek ererbt und
+obwohl ich lieber faulenze oder Forellen fische oder Blumen züchte, sei
+ich durch Pflicht der Pietät, stille Abmachung von Geschlechtern her
+verbunden, sie unangetastet, unverwertet in meinem Hause zu verwahren,
+selbst auf die Gefahr hin, daß sie mir zur Last falle.
+
+Und schließlich nehme man an, die Bücher seien mir unentbehrlich, weil
+ich mir eine bestimmte Einsicht, eine Erkenntnis verschaffen will, weil
+sie Hilfsmittel zu meiner Arbeit sind, weil ich zu jedem einzelnen in
+einer besonderen Beziehung stehe, die beständig wechselt, beständig
+fluktuiert und infolgedessen sich beständig erneut, meine
+Persönlichkeitsgrenze erweitert und die Fähigkeit zur Leistung erhöht,
+so liegt der Zweck offensichtlich am Tage.
+
+Demgemäß sind vier Kategorien des Besitzes zu unterscheiden:
+Verbrauchsbesitz, Schmuckbesitz, Erb- und Anhäufungsbesitz und
+Produktionsbesitz.
+
+Das Merkmal des Verbrauchsbesitzes ist der Abbruch der Leistung mit dem
+Nutzgenuß; des Schmuckbesitzes: die Leistung zum Phantasiegenuß; des
+Erb- und Anhäufungsbesitzes: die brachliegende Leistung; des
+Produktionsbesitzes: die Verwandlung der Leistung in höherer Sphäre zu
+höherer Gestalt.
+
+
+IV
+
+In Bernard Shaws »Candida« sagt der Pastor Morell: Wir haben so wenig
+das Recht, Glück zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu
+verbrauchen, ohne ihn zu erwerben.
+
+Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den stärksten Nachdruck auf die
+Begriffe: Glück erzeugen und Glück verbrauchen. Einen um so stärkeren
+Nachdruck, als diese scheusälig entwürdigte und besudelte Welt um uns
+so glücklos geworden ist, so zerfetzt und entstellt und in den Morast
+geschleift, daß sie in unserm beleidigten Bewußtsein nicht mehr froh
+gemacht werden kann, und wenn Gott die Heerscharen seiner Engel als
+Gärtner und Baumeister schickte.
+
+Wer sind die, die mehr Glück erzeugen, als sie verbrauchen? Seltene
+Menschen, die seltenen Weisen, seltenen Dichter, seltenen Lehrer und
+Versöhner, Former der Herzen, die Ausjäter, Wahrheitskünder,
+Gestaltenbildner, die oft im verborgenen stehen, ins verlorene gehen, in
+der Tiefe hinschwinden, der sie entstammen. Und je mehr Glück sie
+erzeugen, je weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu
+verbrauchen. Sie produzieren den Überschuß, der der Menge der zur
+Produktion minder Befähigten zugute kommt.
+
+Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel Glück der Sammler
+von Büchern, Münzen, Teppichen, Gläsern, Waffen oder sonstigen Dingen
+erzeugt. Zumeist ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer. Tiefes
+Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem die Freiheit fehlt, den Besitz
+hörig macht. Alles Segensreiche liegt aber in der Freiheit, in der
+Mitteilung, in der schenkenden Kraft.
+
+Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen der Rechenschaft
+entziehen, so auch die letzten Ziele. Selbst bei den primitivsten fließt
+das Endliche an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich seiner
+Motive und Absichten klar zu sein dünkt, wäre sonderbar getäuscht, wenn
+er alle Folge im Schicksalsverlauf überblicken könnte. Wie das endlich
+Gedachte unendlich, so wird das eigensüchtig Getane allgemein; in
+irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg, zu irgendeiner Zeit.
+
+Die egoistisch beschränkte Leidenschaft eines Sammlers, die
+gesellschaftsfeindliche Gier eines Güteranhäufers ruft Bewegung weit
+über den Kreis dieser Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv
+auf andere Individuen und verdichten sich außerdem im Objekt. Von da aus
+schaffen sie neues: sie schaffen Werke, Anschauungen, Spannungen,
+Wetteifer, Erkenntnis, Freude und Schönheit. Das Individuum und seine
+Motive sind überwunden. Die Dinge und die in ihnen verdichtete, von
+ihnen wieder ausströmende Bewegung überwinden die Niedrigkeit und die
+Endlichkeit des Individuums.
+
+Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken stehen, welche einst
+Eigentum der Borgias waren, haben keine Erinnerung daran und brauchen
+sich nicht an der Tatsache zu stoßen, daß diese Leute infame Giftmörder
+und Banditen waren, die nebstbei die modische Herrenlaune hatten, Bilder
+und Statuen zu sammeln.
+
+Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten, auch auf den
+Sammler, der als Figur erklärt hat, was zu erklären war. Wichtig ist die
+Erzeugung von Glück, von Freude, von Schönheit. Sie ist keineswegs nur
+von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abhängig; sie umfaßt das ganze
+Gebiet des realen Lebens, das Angenehme, das nutzlos, das Spielhafte,
+das brotlos, das Glänzende, das zwecklos ist, den Überschwang und
+Überfluß, die heitere Fülle, Fest und Illumination, den Perlenschmuck am
+Hals einer Frau, den Pomp des Fürsten, den Luxus des Millionärs, die
+Puppe in der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht, die
+Marmorsäule des Tempels, die bunte Tracht des Wilden, den goldenen
+Rahmen eines Spiegels, die Blumen auf einem Grab.
+
+Dies alles ist Frucht des Besitzes, und würde nach der unmittelbaren
+Nützlichkeit gefragt, so müßte geantwortet werden: es ist verschwendeter
+Besitz. Die Frage nach Nützlichkeit und Notdurft steht der nach Glück
+und Schönheit schroff gegenüber. Wäre es den Menschen versagt, für ein
+anderes Ziel zu arbeiten als für die Befriedigung ihrer leiblichen
+Bedürfnisse, mehr anzustreben als höchstenfalls das persönliche Behagen
+auf Grund der Erfüllung der gemeinen Sinnengelüste; wären diese
+gewährleistet und der Pakt würde geschlossen um den Preis der Abkehr von
+Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und Überflüssigem, so verwandelte
+sich die Erde in ein düsteres Gefängnis, wo zweckbeladene, vom Zweck
+kastrierte Sklaven langsam zu Idioten würden, in einen Stall satter,
+verdauender Tiere, von denen eine Anzahl von Zeit zu Zeit die übrigen
+in geheimnisvoller Tollwut überfallen und zerfleischen würde. Diese
+Tollwut wäre die Rache der verstörten, vergifteten, medusisch gewordenen
+Phantasie; denn Phantasie kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins
+mörderische verkehrt werden.
+
+Leben wir denn nicht in einer Welt, ähnlich der? Nur daß der Pakt
+unzulänglich ist, daß die gemarterten Tiere, weit entfernt, satt zu sein
+und zu verdauen, hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande
+gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die Kreatur winselt.
+Nutzzweck heißt der Tiger, der uns in den Klauen hält, daß das edelste
+Blut der Menschheit ausrinnt und sie sich nur noch müht um das, was ihre
+Blöße bedeckt und ihren Magen füllt. O angstvoll starre Blicke, auf den
+Trog geheftete Blicke, ihr kennt kein geläutertes Verlangen mehr; o
+Freunde, zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach gejagte Vögel, ihr
+wißt nichts mehr von Aufschwung und Jubel, der Enthusiasmus ist
+gestorben in euern Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem
+Büttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von der Maschine, von der
+Materie, vom Zweck Besiegte und Entherzte!
+
+
+V
+
+Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so verschieden wie Ich
+und Welt. Wer ein Ding besitzt, unternimmt es, ein Stück Welt seinem Ich
+einzuverleiben. Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt im Problem
+der Identität.
+
+Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind äußerliche
+Regelungen und Festsetzungen, soziale Dringlichkeiten. In Wahrheit
+erringe ich den Besitz einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe.
+Es gibt kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe.
+
+So wäre also auch die Liebe ein Problem der Identität? In der Tat
+scheint es mir so zu sein. Setze ich an die Stelle des Begriffes »Welt«
+den Begriff »Du«, so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles
+Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du machen. Es ist die
+höchste erreichbare Stufe des Besitzes, und deshalb hat auch die
+Dichtung kein anderes Wort dafür als: einander besitzen.
+
+Um aber das Alltägliche des Gegenstandes nicht zu früh aus dem Auge zu
+verlieren, so wird man einwenden, es heiße doch viel gefordert von der
+Spannweite und dem Liebesvermögen der menschlichen Psyche, wenn man ihr
+zumutet, daß sie sich mit allen den Dingen erotisch verschmelzen soll,
+die unentbehrlich sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz, all
+den Krücken und Behelfen, den Bindungen und Füllseln, deren Bestimmung
+es ist, aufgenommen und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt
+zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren schließlich, das bei besserer
+Einsicht und vermehrter Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren
+weichen oder bei herabgedrückten Umständen abermals dem Geringeren Raum
+geben muß.
+
+Darauf ist zu erwidern, daß das durchaus eine Angelegenheit des
+subjektiven Kräfteverhältnisses und der individuellen Phantasiefähigkeit
+ist. Ich kenne Leute, denen es, bei offenbarer Wohlhäbigkeit, eine
+gewisse Überwindung kostet, sich von einem Paar abgetragener Stiefel zu
+trennen, wie es andere Leute gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen
+teuern Menschen von sich stoßen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Es kann
+sogar ein und dieselbe Person sein, die beides zu tun imstande ist. An
+Dingen Haftende sind gewöhnlich nicht solche, die für Menschen glühen
+oder für Menschliches sich einsetzen, und andererseits hat die
+Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare Liebe für das Ding zur
+Folge. Die universalen Seelen, wie Goethe eine war, vermögen mit ihrer
+Liebe ein ganzes Universum zu umschließen, den Stein, die Blume, die
+Sterne, die Werke der Künstler, die Menschheit, den Teufel und Gott; die
+engen Herzen müssen mit ihrem beschränkten Platz wirtschaften, und wenn
+es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung fehlt, geht alles
+drunter und drüber, und das Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften,
+zum Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik. Man ist geneigt,
+darin Lüge und Verlogenheit zu sehen, es ist aber meist nur Enge und
+wegen der Enge Verwechslung und Verwirrung.
+
+In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte alle Dinge, die mir
+in sinnvoller Beziehung zu denen zu stehen schienen, welche sie besaßen.
+Ich liebte sie fast ebenso, als hätte ich selbst sie besessen. In dem
+Maß, als mir Besitz zuwuchs, so kärglich dieses Maß auch war, erlahmte
+die Fähigkeit zu solcher Phantasieliebe, denn die von mir besessenen
+Dinge standen fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie
+entkräfteten die Flügel, die im Fluge alles bedecken, sie ernüchterten
+die Augen, die im Traum alles an sich reißen konnten, im Traum der
+Identität.
+
+Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos. Nur der ist es, der
+wissend auf Besitz verzichtet. Aber es ist dies kein gesellschaftliches
+Ideal, sondern ein religiöses, kein europäisches, sondern ein
+orientalisches, kein sentimental-humanitäres, sondern ein
+unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung, sofern man überhaupt
+von der Verwirklichung eines Ideals reden kann, führt nicht das
+modern-kommunistische Diktat der Enteignung, sondern das
+mythisch-buddhistische der Entäußerung.
+
+»Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und zwar: durch Auflösung
+von Bild und Begriff wird Bewußtsein aufgelöst, durch Auflösung des
+Bewußtseins wird Bild und Begriff aufgelöst, durch Auflösung von Bild
+und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst, durch Auflösung des
+sechsfachen Reiches wird Berührung aufgelöst, durch Auflösung der
+Berührung wird Gefühl aufgelöst, durch Auflösung des Gefühls wird Durst
+aufgelöst, durch Auflösung des Durstes wird Anhangen aufgelöst, durch
+Auflösung des Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösen des
+Werdens wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter und
+Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung gehn
+zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensstückes Auflösung zustande.
+Auflösung, Auflösung!«[1]
+
+[Fußnote 1: Reden Gotamo Buddhos, übersetzt von Neumann.]
+
+
+
+
+Faustina
+
+Ein Gespräch. Geschrieben 1907
+
+
+Vor Jahren hatte in einem geselligen Kreis, in dem ich damals verkehrte,
+die junge C. viel Aufsehen gemacht. Abkömmling einer alten Adelsfamilie,
+hatte sie sich, kaum zwanzig Jahre alt, von dem Zwang und Drill ihrer
+Welt befreit, um, wie sie sich ausdrückte, »selbst« zu leben. Die
+Ungebundenheit ihrer Lebensführung war in der Tat erstaunlich. Eine
+Zeitlang kämpfte sie im größten Elend; plötzlich ging sie zum Theater,
+dort heiratete sie einen Schauspieler, von dem sie sich nach
+dreimonatlicher Ehe wieder trennte. Um Geld zu verdienen, übersetzte sie
+mittelmäßige Romane aus dem Französischen. Eines Tages hieß es, sie sei
+mit einem reichen Brasilianer verlobt und mit ihm in seine Heimat
+gereist. Aber schon nach Jahresfrist kam sie zurück, – ohne Brasilianer,
+leider genau so arm wie zuvor.
+
+In dieser Zeit näherte ich mich ihr. Wir hatten uns ziemlich viel zu
+sagen. Faustina, so wurde sie meist kurzweg genannt, war geistreich,
+und, was mehr ist, ihr Geist hatte Fundamente. Sie war schön und sie war
+exzentrisch; nimmt man aber dies Wort in genauem Sinn, so hatte sie mehr
+Mittelpunkt als diejenigen, in deren Bezirk sie sich fremd erschien. Ob
+sie auch immer anziehend war, lasse ich dahingestellt; eine Fremde war
+sie durchaus, stets fremd, nie bürgerlich vertraut, höchstens seelisch
+verwandt. Zur Abenteuerin fehlte ihr die Skrupellosigkeit, und um eine
+große Dame zu sein, war sie zu ruhelos und zu voll von Opposition.
+
+Wieder eines Tages war Faustina verschwunden. Sie verabschiedete sich
+nicht einmal von mir. Niemand wußte, wohin sie gegangen war, und sie
+blieb verschollen. Man vergaß sie, auch ich verlor sie beinahe aus dem
+Gedächtnis. Da, wiederum nach Jahren, begegne ich ihr plötzlich auf der
+Straße. Sie gewahrt mich, sie zögert, ich mache Miene, sie anzureden,
+sie grüßt und geht weiter. Kurz darauf erhielt ich ein Billett von ihr
+mit der Aufforderung, sie zu einer bestimmten Abendstunde zu besuchen.
+
+Sie wohnte in einer Vorstadtpension. Ich trat in ein Zimmer, das die
+übliche Halbeleganz fliegender Quartiere aufwies. Faustina war noch
+immer schön, aber wie von einem sich entlaubenden Baum kann man auch von
+dem Herbst eines menschlichen Gesichts sprechen. Ohne Zweifel las sie in
+meinem Gebaren, daß ihre lakonische Einladung eher geeignet war, Neugier
+zu erregen als an freundliche Beziehungen zu erinnern. »Die Sache ist
+die, daß ich ganz ausgehungert darnach bin, mit einem vernünftigen
+Menschen zu reden«, sagte sie. »Ich habe berechnet, daß ich seit
+siebzehn Monaten bloß mit Kellnern, Kutschern, Zimmervermieterinnen,
+Hausmeistern und Ladenmamsellen gesprochen habe. Das heißt doch leben,
+wie? Daß ich so viel Talent zur wandelnden Mumie besitze, wer hätte das
+gedacht.«
+
+»Sie haben immer zu überraschen verstanden, Faustina«, versetzte ich
+ablenkend.
+
+»Als ich Sie auf der Straße sah,« fuhr sie fort, »hatte ich ein Gefühl
+just wie Robinson, als er das erste Schiff vor seiner Insel gewahrte.«
+
+»Und doch sind Sie davongelaufen, gar nicht wie Robinson, sondern wie
+Freitag, der scheue Wilde.«
+
+»Ja; scheu bin ich geworden. Wenn ich wenigstens schreiben oder
+musizieren könnte! Den Kunstdilettanten bietet die Welt immer noch
+Lockungen, und von allem, was im Menschen abzutöten ist, stirbt die
+Eitelkeit zuletzt. Aber leider, ich bin stumm geboren, und der bloße
+Kunst_genuß_ quält den Stummen manchmal mehr, als er ihn beruhigt.«
+
+»Ich wundre mich, Faustina. Sie waren doch stets obenauf. Eine richtige,
+tüchtige Schwimmerin waren Sie. Haben Sie denn keine Arbeit, keine
+Betätigung mehr?«
+
+»Ich finde es langweilig, zu arbeiten. Was kommt dabei heraus? Eine Art
+von Trunkenheit und Selbstbetrug bestenfalls. Arbeiten, wie das klingt!
+Dem Leben mit Gewalt ein Versprechen abnötigen! Ich brauche keine
+Versprechungen mehr, ich glaube an keine mehr. Vorläufig hab ich noch
+ein bißchen Kapital, meine Eltern sind nämlich gestorben, und man hat
+mir den Pflichtteil ausbezahlt. Aber von den Zinsen könnt ich nicht
+leben, das würde höchstens für eine Büchse Kaviar im Monat reichen.«
+
+»Also ist am Ende Ihre Einsamkeit ein ökonomisches Prinzip?«
+
+»Um Gottes willen, wer wird so philisterhaft denken!«
+
+»Und da treiben Sie sich nun mutterseelenallein herum, ohne Genossin,
+ohne Freundin –?«
+
+»Ach was, Freundin! Ich habe keine Freundin, habe nie eine gehabt. Eine
+Frau hat niemals eine Freundin.«
+
+»Aber die Freunde, Faustina! Sie ließen mich einmal glauben, daß ich Ihr
+Freund sei.«
+
+»So? Wirklich? Mag sein, doch ich ärgerte mich, daß Ihnen keinen
+Augenblick lang der Einfall kam, etwas anderes sein zu wollen.«
+
+Sie lachte über mein verdutztes Gesicht und fuhr fort: »Spricht man
+hingegen nicht vom Freund, sondern von den Freunden, so muß ich
+gestehen, daß ich für solche Beziehungen nicht viel übrig habe. Die
+Freunde, das sind Wesen von einer geradezu lächerlichen Gefräßigkeit.
+Sie verdauen schneller als die Hühner, und sie bleiben immer mager, ihr
+Herz bleibt immer mager.«
+
+»Dennoch, Faustina, mit Menschen verbunden zu sein, bleibt der schönste
+Vorzug des Menschen. Einen isolierten Zustand schadlos zu ertragen, dazu
+gehört schon eine ungewöhnliche Seelenstärke.«
+
+»Mag sein, mag sein«, erwiderte Faustina, und sie lächelte unbestimmt
+vor sich hin.
+
+»Offen gestanden, hätte ich nicht erwartet, Sie so zu finden«, fuhr ich
+fort. »Ich dachte Sie mir in großen Erlebnissen. Eine Gestrandete, oder
+wie Sie sagen, einen Robinson, nein, das hatte ich nicht erwartet.
+Faustina unentflammt, Faustina ohne Liebe, ohne Verliebtheit, Faustina
+einsam, was hat das zu bedeuten?«
+
+Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete. »Was kann es
+andres zu bedeuten haben, bester Freund, als daß für Faustina keine
+Liebe mehr da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die Rahel
+Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person war, hat es einmal als
+besondere Genialität Goethes gepriesen, daß er im Wilhelm Meister die
+drei Frauen, die lieben können, Marianne, Aurelie und Mignon, sterben
+läßt; denn, sagte sie, es ist noch keine Anstalt für solche da. Sehr
+tiefsinnig: es ist noch keine Anstalt für solche da! Sie schweigen? Sie
+meinen, ich lebe ja. Gewiß, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch.
+Ehemals, da spürte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt empfinde ich die
+ganze Kälte des Zeitalters. Vielleicht ist es mein Mißgeschick, für eine
+Epoche geboren zu sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff
+ist.«
+
+»Verallgemeinerungen sind töricht. Man muß sich, Faustina, vor der
+Manier der Malkontenten hüten. Der Malkontente nämlich, das ist ein
+Mensch, der aus seiner persönlichen Unfähigkeit eine Weltanschauung
+macht.«
+
+»Sie sind sehr deutlich, mein Lieber. Ich bin aber keine Malkontente.
+Malkontente opfern sich nicht.«
+
+»Haben Sie sich denn geopfert?«
+
+»Wenn es opfern heißt, zu lieben, wahrhaft zu lieben, sich wegzuwerfen –«
+
+»Sich wegzuwerfen, das heißt nicht lieben und das heißt nicht sich
+opfern. Doch wir verstimmen uns im Wesenlosen. Erzählen Sie mir.
+Erzählen Sie mir von Ihrem bisherigen Leben. Es gibt nichts
+Überzeugenderes als das Erlebnis, Faustina, nichts Unbedingteres als die
+Art, wie ein Mensch von Erlebnissen sie vorzutragen weiß.«
+
+»Um keinen Preis. Ich kann nicht von mir sprechen, solang Sie argwöhnen,
+daß ich meine persönlichen Enttäuschungen gewissermaßen an der Zeit
+rächen möchte.«
+
+»Es ist schwer, liebe Freundin, und nicht einmal dem Glücklichen gelingt
+es, Zeit und Schicksal auseinanderzuhalten.«
+
+»Was wäre auch zu erzählen«, versetzte Faustina. »Eine Geschichte wie
+hundert andere. Wenn ich Ihre Erwartungen in bezug auf meine Person
+betrüge, so ist das Ihre Schuld.«
+
+»Sie sagen, Sie hätten geliebt und sich weggeworfen. Darin liegt mehr
+Schuld, als Sie glauben.«
+
+»Ich habe keine Schuld. Oder sind übertriebene Hoffnungen eine Schuld?
+Bin ich dafür verantwortlich, daß eure Gesellschaft, wie sie nun einmal
+ist, Liebe nicht mehr gewährt, daß für die Liebe kein Platz mehr in ihr
+ist? Sie schütteln den Kopf, und doch ist es so. Gibt es heutzutage noch
+eine Gestalt, in der Dichtung oder im Leben, deren Existenz in der Liebe
+wurzelt? Der Politiker, der Staatsmann, der Forscher, der Erfinder, der
+Soldat, der Fabrikant, der Börseaner, im Notfall sogar der Künstler, sie
+alle können ein modernes Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man
+bewundert eine Figur wie die des Casanova, man findet eine Frau wie
+Julie de Lespinasse äußerst rührend, man erstaunt über Ninon de
+l’Enclos, aber sie sind im Grunde nichts weiter als Legenden und
+Raritäten, man hat für sie das Interesse des Orientalisten, der
+babylonische Ruinen ausgräbt. Wenn Casanova heute erschiene, würde er
+wahrscheinlich als Hochstapler ins Gefängnis gesteckt werden, und auch
+bei Don Juan würde schließlich anstatt des steinernen Gastes ein
+Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat, der Forscher, der
+Künstler, sie sind heute nichts weiter; Staatsmann, Soldat, Forscher und
+Künstler, basta; darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert.
+Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie Voland oder die Briefe
+Mirabeaus an Mademoiselle de Monnier, so zeigt sich, daß da über den
+Geist hinaus, über ein allgemeines, ja welthistorisches Wirken hinaus
+noch Leidenschaften blühten, zwecklos wie die Blumen in einem Garten.
+Heutzutage ist die Liebe das Geschäft der Poeten, ob sie nun schreiben
+oder bloß träumen, und nicht einmal der berufensten, denn die stellen
+sich würdigere Aufgaben, sie müssen Probleme lösen. So sagt man doch:
+Probleme lösen. Nußknacker der Zeit, die sie sind.«
+
+»Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, daß die menschliche Natur
+immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen der Zeit bringen nur eine
+oberflächliche Häutung mit sich. Es sind Wandlungen des Geschmacks, der
+Mode, der Manier, der Gebärde. Herz und Blut verwandeln sich nicht. Die
+Leute des achtzehnten Jahrhunderts gefielen sich in schwungvollen
+Episteln; das war eben der Geist der Epoche. Sie mögen uns überlegen
+gewesen sein in der Fähigkeit, über ihre Empfindungen zu reden und sich
+darin zu spiegeln, darum aber waren die Empfindungen selbst nicht
+tiefer. Sie hatten auch die Gabe, alltägliche wie besondere Ereignisse
+ihres Daseins in der Konversation auf das anmutigste zu behandeln. Ich
+gebe zu, daß damit eine Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren
+Verlust wir beklagen müssen –«
+
+»Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte. Unsere Form der
+Geselligkeit macht das Entstehen der Liebe fast unmöglich. Bringen Sie
+einmal ein Dutzend Menschen aus derselben Bildungssphäre zusammen, die
+einander halbwegs fremd sind. Abgesehen davon, daß Sie Gespräche hören
+werden, bei denen Ihnen die Haut schaudert, wird auch der einzelne mit
+dem Wunsch nach Annäherung die größten Schwierigkeiten finden.«
+
+»Wir sind eben schweigsam geworden.«
+
+»Nur schweigsam? nicht auch zerstreut, nicht auch müde? nicht auch
+faul?«
+
+»Nur schweigsam. Unsere Altvordern, die hatten viele Heimlichkeiten,
+aber Geheimnisse hatten sie eigentlich keine. Für uns spielen
+Heimlichkeiten keine Rolle mehr, dagegen sind wir voll von Geheimnis.
+Ehemals kannte man in der Chemie nur vier Elemente, heute hat sich alles
+Elementare in Atome gelöst. Ähnlich ist es der Gesellschaft ergangen.
+Wir haben keine Gesellschaft mehr, weil jedes Individuum als eine Welt
+für sich und mit dem ganzen Geheimnis seiner Welt auftritt.«
+
+»Auch mit der ganzen Anmaßung seiner Welt.«
+
+»Gut. Natürlich war es bei geschlossenen Gesellschaftskomplexen, wo
+jeder gleichsam das Abzeichen seiner Kaste trug, viel leichter, gewisse
+Kulturideale, oder besser gesagt, modische Ideale durchzuführen und als
+gang und gäbe festzuhalten. Modische Ideale haben wir nicht mehr, weil
+wir von vornherein entschlossen sind, in nichts, was mit dem Ideal
+zusammenhängt, Konzessionen zu machen. Deswegen kann die Liebe keine
+gesellschaftliche Übereinkunft mehr sein, deswegen auch hat sie keine
+gesellschaftliche Abgrenzung mehr. Es haben sich die Grenzen verschoben,
+nach außen und nach innen. Nach außen und nach innen ist alles
+komplizierter geworden; oder sagen wir: verfeinerter, oder:
+verschwiegener. Ehemals begehrte man in einem Liebesverhältnis die
+Person des Liebenden oder Geliebten, jetzt begehrt man mehr, nämlich die
+Persönlichkeit.«
+
+»Modische Ideale oder andere Ideale, darnach frag ich nicht«, entgegnete
+Faustina lebhaft. »Ideale aufzustellen, in dieser Beschäftigung habt ihr
+es freilich zu einer gewissen Handfertigkeit gebracht. Aber die Sache
+scheint mir die, daß zwischen Ideal und Wirklichkeit eine so ungeheure
+Entfernung ist, daß die beiden schon gar nichts mehr miteinander gemein
+haben. Da ist kein Weg, keine Brücke. Es ist, als riefe man mir zu: geh
+nach dem Mond. Es war der Vorzug vergangener Zeiten, daß sie
+realisierbare Ideale hatten.«
+
+»Heißt denn das schon ein Ideal realisieren, wenn man imstande ist, sich
+gesellschaftlich mitzuteilen oder selbst hinzugeben?« erwiderte ich.
+»Konversation fordert Leichtigkeit; die allerdings fehlt uns. Sie setzt
+ein Interesse für vieles voraus, wofür Teilnahme zu heucheln uns gar
+nicht mehr einfällt. Wir würden es abgeschmackt finden, über die Liebe
+und ihre verschiedenen Arten zu philosophieren. Unsere Zeit ist nach
+jeder Richtung hin monologisch gestimmt. Gesteigerte Anschauung und ein
+erhöhter Respekt verhindern uns durchaus, über das Bedeutungsvolle
+gewisser Lebensfragen zu sprechen. Wo wir uns sympathisch erfaßt sehen,
+glauben wir eine Erörterung darüber entbehren zu können; ganz mit Recht.
+Ich möchte sagen, wir verkehren unter tieferen Voraussetzungen
+miteinander. Ist Ihnen denn nicht auch im Grunde jede Ankündigung eines
+Gefühls ein Greuel? Finden Sie denn nicht auch die ganze Phraseologie
+der Liebe von Anno dazumal lächerlich und aufdringlich? Kribbelt es
+Ihnen nicht in den Fingern, wenn der Liebhaber auf dem Theater seine
+Liebeserklärung vom Stapel läßt?«
+
+»Ach ja, das sind Geschmackssachen«, versetzte Faustina. »Geschmack, das
+lasse ich gelten, Verfeinerung ist mir zuwider. Die Scham seiner Gefühle
+haben, schön. Aber noch schöner ist es, dünkt mich, den Mut seiner
+Gefühle haben. Wenn Sie mir den Punkt angeben können, wo eines aufhört
+und das andere anfängt, ich meine, wo die Feigheit aufhört und die
+Verantwortlichkeit anfängt, dann will ich mich zufrieden geben. Aber
+dazu werden alle Waffen Ihrer Rabulistik nicht ausreichen.«
+
+»Möglich. Man kann ja überhaupt nicht streiten, wenn man nicht derselben
+Meinung ist.«
+
+»Wie? kann man nur streiten, wenn man derselben Meinung ist?«
+
+»Gewiß; im Grunde gewiß.«
+
+»Großartig! Ein wildes Paradox!« Faustina lachte, was ihrem Gesicht
+einen entzückenden Reiz verlieh. »Aber wir verstehen uns am Ende doch«,
+fuhr sie fort. »Sie kennen sicherlich die arabische Erzählung vom
+Sklaven der Liebe; ist es nicht ergreifend, wie der schöne Jüngling
+unter der Gewalt seiner Sehnsucht hinsinkt, als ob ihn eine tödliche
+Krankheit erfaßt hätte? Oder da las ich neulich die Geschichte von
+Raimundus Lullus, der am Hof des Königs von Arragon ein ausschweifendes
+Leben führte, bis ihn plötzlich eine glühende Leidenschaft zu der
+schönen Ambrosia de Castello packte. Eines Tages läßt ihn die Dame in
+ihr Gemach kommen, enthüllt sich ihm, und es zeigt sich, daß sie durch
+einen furchtbaren Brustkrebs dem Tod verfallen ist. Raimundus, bis ins
+Innerste erschüttert, weiht sich einem Leben völliger Keuschheit. Doch
+wozu Beispiele; vielleicht beweisen Beispiele nichts. Ich sehe freilich
+darin Kundgebungen edler Leidenschaft. Dieser Raimundus Lullus etwa, ich
+nenne gerade ihn, obwohl es auf Namen hier nicht ankommt, er lebte in
+seiner Liebe wie die atmende Kreatur in der Luft. Es gab für ihn nicht
+anderes außer seiner Liebe. Er war in der Liebe, er war von Liebe
+besessen, ein Besessener war er. Ich habe niemals einen von Liebe
+Besessenen gefunden. Viele besaßen die Liebe, das wohl, aber von ihr
+besessen waren sie nicht. Solche fand ich, die vom Spiel besessen waren,
+vom Geld, vom Ehrgeiz, von Wollust, aber von Liebe Besessene fand ich
+nicht.«
+
+»Wenn Sie Umschau halten, Faustina«, fiel ich ihr ins Wort, »können Sie
+zu jeder Zeit und wo immer es auch wäre, Handlungen von der gleichen
+Bedeutung und Intensität gewahren. Wir führen eine zu abgeschlossene
+Existenz, als daß Sinn und Motiv ihrer einzelnen Vorgänge zu jeder
+Stunde offenbar oder handgreiflich zu nehmen wären. Es ist nichts
+einfältig genug, es ist alles zu vielfältig, zu weitschichtig, als daß
+man durch anekdotische Belege imponieren könnte. Selten hat ein Ereignis
+Anfang und Ende für uns, selten läßt es sich als Anekdote fassen, noch
+seltener ein ganzes Leben. Ja, es ist alles unfaßbar, unendlich, alles
+auch scheinbar ohne Stichhältigkeit oder ohne Konsequenz, und doch, wenn
+man hinfühlt, wenn man im Nerv der Dinge lebt, von tiefstem Belang.«
+
+»Aha, Sie spielen schon wieder auf das Geheimnis an. Es läßt mich kalt,
+Ihr Geheimnis, es ist mir zu pomphaft. Ich lobe mir dafür die
+Heimlichkeit; sie ist heiter und beweglich.«
+
+»Lassen wir das Geheimnis. Ich sage nur: die Leidenschaften waren und
+sind zu jeder Zeit und in jedem Jahrhundert dieselben. Ich will gar
+nicht an die Tragödien erinnern, die sich in stillen Stuben ereignen, es
+wird davon wenig Aufhebens gemacht und drei Zeilen in einer Zeitung sind
+alles, was bisweilen ans Licht kommt. In meiner Heimat gab es ein junges
+Paar, und sie liebten einander. Die Eltern des Mädchens setzten der
+Verbindung hartnäckigen Widerstand entgegen. Als man sah, daß die Liebe
+der beiden nur um desto größer wurde, je mehr Hindernisse man ihnen
+bereitete, wurde dem jungen Mann gesagt, er solle das Mädchen haben,
+doch müsse er sich zuvor drei Jahre lang nach Amerika begeben und
+während dieser Zeit dürfe weder er der Geliebten schreiben, noch sie
+ihm. Wenn er nach abgelaufener Frist seine Neigung unbesiegbar finde,
+werde man gegen die Heirat nichts mehr einwenden. Und so geschah es, der
+Jüngling reiste übers Meer. Etwa ein Jahr lang ging alles gut, das
+Mädchen lebte in schöner Gewißheit. Auf einmal fing sie an zu kränkeln,
+verlor ihre Munterkeit, und ohne daß ein Arzt den Sitz des Übels zu
+entdecken vermochte, siechte sie hin. Die Eltern wurden besorgt, man
+begann nach dem jungen Mann zu forschen, aber da er keine Angehörigen in
+der Stadt hatte, verursachte dies viele Umstände, und das junge Mädchen
+starb, ihr Leben erlosch wie ein Feuer, das keine Nahrung hat. Gleich
+darauf stellte es sich heraus, daß der junge Mann dort drüben im fremden
+Land ebenfalls den Tod erlitten hatte, und zwar beinahe an demselben
+Tag, an welchem die Krankheit des Mädchens begonnen hatte.«
+
+»Eine hübsche Geschichte zwischen Menschen ohne Elan«, sagte Faustina.
+»Warum waren sie gar so still und subaltern, die armen Liebesleutchen?
+Ach, täuschen wir uns nicht darüber hinweg; man hat aufgehört, die Liebe
+als eine herrschende Gewalt zu betrachten. Es ist deswegen auch ihr
+Ritus und Zeremoniell, wenn ich mich so ausdrücken darf, verloren
+gegangen. Und was ist schuld daran? Wer weiß es! Vielleicht der Beruf,
+vielleicht die Bildung, vielleicht beides. Der eine Moloch verschlingt
+die Zeit, die schöne Muse zweckloser Träume, der andere vernichtet die
+Ursprünglichkeit der Gefühle. Es gibt zu wenig Leute, die sich
+langweilen, oder besser gesagt, die das Talent haben, sich zu
+langweilen. Man ist rationalistisch bis auf die alltäglichen Launen. Man
+will immer einen Grund und immer einen Zweck. Man geht nicht mehr
+spazieren, sondern man macht Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel
+setzt, geschieht es für Dinge, die dessen nicht wert sind. Was mich
+betrifft, ich sah Männer, ernsthafte Männer erschrecken bei dem bloßen
+Gedanken an tieferes Attachement. Ich kannte andere, die auf Abenteuer
+ausgingen und die schleunigst, wie vom Donner gejagt, die Flucht
+ergriffen, wenn sie in Gefahr waren, einer Leidenschaft zu unterliegen,
+deren Meister sie nicht sein konnten. Da ist ein Mann, fähig zur
+Hingebung, ja, zur Aufopferung, der jeden Keim großer Empfindung durch
+unablässiges Frage- und Antwortspiel mit sich selbst zerstört, wie wenn
+ein verrückt gewordener Gärtner jeden Morgen die schönsten Knospen
+abrisse und zwischen den Fingern zerriebe, und da sind andere die aus
+purer Herrschsucht, aus purem Mutwillen, aus purer Eitelkeit, aus purem
+Unverstand das Kostbarste, was sich ihnen anbietet, zu niedrig
+einschätzen, nur weil es sich ihnen anbietet, und verwesen lassen, was
+sie hegen sollten. Ich spreche jetzt nicht von dem, was mir widerfahren
+ist, denn mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind solche,
+die ihr halbes Leben darnach versehnen, sich in einem großen Gefühl
+verlieren zu dürfen; wenn dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie
+plötzlich voller Ausflüchte, voller Ausreden, voller Angst, den Geist
+ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede Entschlossenheit in der Idee
+und in der Sehnsucht verausgabt. Das, sehen Sie, ist Empfindsamkeit, und
+diese Art Empfindsamkeit, sich in der Idee und in der Sehnsucht zu
+verschwenden, ist uns so verderblich. Da stürzt man sich dann in den
+Pfuhl einer charakterlosen Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen,
+oder um den Zustand einer allgemeinen sinnlichen Unruhe zu beenden, oder
+um Konflikten zu entgehen, denen sie nicht gewachsen sind, oder um
+gewisser sozialer Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler
+Gedankenlosigkeit schlechthin; die Männer, um ein Heim zu gründen, wie
+sie mit heuchlerischer Poesie behaupten, in Wirklichkeit, um sich zur
+Ruhe zu setzen, um sich von ihren Jugendsünden, Sünden des Geistes und
+des Herzens, des Körpers und der Seele zu erholen. Wäre dabei die Ehe
+bloß eine soziale Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie
+gewisse Freiheiten eher fördert als verbietet, oder wie im Altertum ein
+ungleiches Verhältnis von Tyrannei und Sklaverei zum Gesetz erhebt, so
+wäre es noch gut; aber nein, sie ist sakrosankt, und damit schützt sich
+die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, das ihr die
+Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst erwecken müßte. Großer
+Gott, was für ein Rattenkönig von Verlogenheiten! Alles muß herhalten,
+um den Mangel wahrhafter Liebe, uneigennütziger und edler Gefühle zu
+vertuschen: Wissenschaft und Kunst, Staatsinteresse und Humanität,
+Christentum und Freigeisterei, lauter schöne Kulissen für ein
+nichtswürdiges Schauspiel!«
+
+Faustina war außerordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid, ihr zerstörtes
+Wesen rührte mich. Ich erkannte, wie das Schicksal in ihr gehaust, und
+ein halb entschuldigendes, halb selbstverspottendes Lächeln, das alsbald
+auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht täuschen. Ich schwieg; mein
+langes Schweigen gab ihr wieder einige Haltung. Sie erhob sich und ging
+mit verschränkten Armen auf und ab, wobei sie fortfuhr: »Es gibt eine
+Novelle von Tschechow, sie handelt von einem alternden Mann, der ein
+Liebesverhältnis mit einer verheirateten Frau hat. Sie treffen sich
+heimlich, und einmal, gerade während er sie begrüßend umarmt, wird er
+traurig und fragt sich, warum ihn diese so liebt. Er denkt an die
+andern, er denkt daran, wie viele ihn geliebt haben, und daß keine von
+ihnen, keine einzige mit ihm glücklich gewesen sei. Die Zeit verging, so
+heißt es ungefähr, er machte Bekanntschaften, schloß Verhältnisse,
+trennte sich wieder, aber niemals liebte er; es war alles, was man nur
+wollte, gewesen, aber keine Liebe. Das Wort ist in mir haften geblieben.
+Alles, was man nur wollte, war es gewesen, aber keine Liebe. Der Mann
+war, wie viele sind, und die Frau liebt ihn, ja, sie liebt ihn, aber
+nicht ihn selbst, sondern den Menschen, den ihre Phantasie geschaffen
+hat, und wenn sie ihren Irrtum bemerkt, liebt sie ihn dennoch weiter.
+Was sollte sie sonst tun? Darf ich Ihnen etwas verraten? Etwas recht
+Lächerliches? Ich habe eine kleine Einteilung gemacht. Ich habe die
+Frauen eingeteilt in Katzennaturen und in Hundenaturen, und die Männer
+in Streber und Faulpelze. Katzen sind an den Ort gebunden, Hunde an den
+Herrn, Katzen sind treulos, Hunde sind treu, Katzen haben Charakter,
+Hunde nicht; wenn Sie den Finger ausstrecken, wird die Katze auf Ihre
+Hand, der Hund aber gegen das Ziel blicken; und so weiter. Sie wissen
+schon, was ich meine. Oder ist die Analogie nicht plausibel? Streber und
+Faulpelze, darüber lassen sich amüsante Beobachtungen machen. Was dem
+einen die Karriere, ist dem andern die Behaglichkeit. Der Streber ist
+skrupellos, der Faulpelz satt; der Streber ist ein Glücksjäger, der
+Faulpelz ein heimlicher Dieb, der seine Beute in Sicherheit gebracht
+hat, denn der Faulpelz ist immer ein heimlicher Dieb. Der Streber ist
+konservativ aus Grundsatz, der Faulpelz aus Stumpfsinn, der Streber ist
+revolutionär aus Opportunismus, der Faulpelz aus Eigennutz; der eine ist
+ein Wucherer, der andere ein Kuppler, und Philister sind alle beide. Ja,
+es ist eine herrliche Welt, eine herrliche Zeit! Wenn man dieses ganze
+Geschlecht in einen großen Sarg legen und auf einmal beerdigen könnte,
+so wüßt’ ich eine wunderbare Grabschrift.«
+
+»Und die wäre?«
+
+»Verstorben an der weitverbreiteten schleichenden Seuche: Trägheit des
+Herzens.«
+
+»Na, daran stirbt man nicht.«
+
+»Gewiß nicht, weil man ganz bequem davon leben kann.«
+
+»Verrannt, verrannt, Faustina, rettungslos verrannt.«
+
+»Freilich,« murmelte Faustina, »verrannt wie Theseus. Aber aus diesem
+Labyrinth gibt’s kein Entkommen.«
+
+»Packen wir doch den Stier bei den Hörnern, Faustina. Was ist Liebe? Wer
+hat Liebe? Wer ist der Liebe fähig? Wer darf sich vermessen zu reden:
+Liebe ist so und so und nicht anders. Wer darf es wagen, über die
+Relationen des Begriffs hinauszufliegen und seine Einheit, seine
+pragmatische Gültigkeit, seine reinste Inkarnation zu verkündigen? Liebe
+ist etwas ungeheuer Seltenes, Faustina. Machen wir uns das klar! Die
+Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die aus aller Leute Mund, ist ein
+Phänomen, genau so selten, genau so großartig, genau so
+bewunderungswürdig wie das Genie. Ihre niedrigen oder minder niedrigen
+Erscheinungsformen durch die Rangstufen der Kreaturen sind allerdings
+so reich und wechselnd wie die Kreaturen selbst. Nehmen Sie aber ein
+Individuum heraus, um es nach Ihrer Weise kurzerhand vor den Imperativ
+der Liebe zu stellen, so ist das ungefähr so, wie wenn Sie ihm die
+fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets vorsagen und ihm dann befehlen:
+da hast du alles Notwendige, nun schaffe mir ein schönes Dichtwerk. Man
+ist gewohnt, mit dem Wort Liebe umzuspringen wie mit einem Hausgerät. Es
+hat gar keine Unberührtheit mehr, dies unglückselige Wort, es ist wie
+eine Dirne zu jedermanns Diensten, und mir scheint, man müßte ein neues
+erfinden, um das auszudrücken, was es ausdrücken sollte. Da ist eine
+gewisse mittlere Literatur, die vorzugsweise von Liebe handelt, und zwar
+von einer Liebe, die Distinktion haben soll, Bedeutung haben soll,
+edelherzig und selbstlos sein soll, und ach, nichts von alledem besitzt
+sie, eine Wachspuppe ist sie. Wollte man sich, was ja nahe liegt, durch
+diese Produkte verführen lassen, an die Häufigkeit der Liebe zu glauben,
+so ginge man sehr fehl. Unsere besten Dichter, denen eine untrügliche
+Vision die Realität ihrer spezifischen Welt gibt, beziehen auch nur mit
+einer höchst belehrenden Vorsicht die Liebe in das Bereich ihrer
+Erfindungen.«
+
+»Weil sie nichts davon wissen und weil sie sich davor fürchten, genau
+wie im Leben.«
+
+»O nein, Faustina, das wäre ein gar zu billiger Schluß. Weil sie ihre
+Seltenheit erkannt haben. Halten wir uns an das Gleichnis mit dem Genie.
+Das Genie tritt erst in Funktion, wenn es in eine Zeit geboren ist, die
+für sein Wirken schon vorbereitet ist. Es ist zwischen dem Genie und der
+Zeit sozusagen eine elektrische Spannung aufgespeichert. Mit der Liebe
+ist es nicht anders. Der zur Liebe geborene Mann muß den für ihn
+bestimmten höchsten Typus gewinnen und umgekehrt. Es genügt nicht, daß
+in einem Einzelwesen die Fähigkeit und Möglichkeit der Liebe vorhanden
+ist, sondern sie muß durch ein besonderes Walten günstiger Umstände
+einen würdigen Gegenstand finden. Wer zur Liebe bestimmt ist, der muß
+zugleich etwas vom Helden und etwas vom Märtyrer haben. Nehmen wir also
+an, es entsteht in zwei bevorzugten Individuen die Liebe. Gehen wir ein
+wenig anatomisch zu Werke. Zerlegen wir eine solche Liebe in ihre
+Bestandteile. Da haben wir in erster Linie die Leidenschaft, die als
+eine Art Entflammung des Blutes und des Geistes gelten muß; ferner:
+vergöttlichende Kraft; durch sie wird das geliebte Wesen herausgehoben
+aus der Schar der Mitlebenden und in ein Idol verwandelt. Ferner:
+sinnliches und übersinnliches Verlangen; das sinnliche entspringt der
+Leidenschaft, das übersinnliche der Vergöttlichung; sodann: unbegrenzte
+Hingebung; ihr Merkmal ist jedoch, daß sie auch bei höchster Großmut des
+Gewährens nie zu befriedigen vermag; ferner: eine Zartheit der
+Empfindung, die abhängig ist von jedem Traum, von der leisesten Ahnung,
+und endlich eine Ruhelosigkeit, die gleichwohl ein ganz bestimmtes Ziel
+hat, so wie die zitternde Magnetnadel. Sie mokieren sich über meinen
+professoralen Ton, wie ich sehe. Ich wähle ihn mit Absicht, da ich
+zwischen Schwärmerei und Sachlichkeit keine Wahl habe, und wenn ich
+nicht schwärmerisch erscheinen will, muß ich trocken sein.«
+
+»Ich mokiere mich nicht. Fahren Sie nur fort.«
+
+»Man braucht nur geringen Scharfblick, um daraus zu erkennen, daß die
+Liebe zwei Hauptquellen hat; eine elementare und eine ethische, eine
+sinnliche und eine sittliche. Betrachtet man nun die trivialeren Formen
+der Liebe, so zeigt es sich, daß sie fast immer nur auf eine einzige
+jener Eigenschaften gegründet ist. Wir haben dann die Liebe aus
+Leidenschaft; oder die Liebe aus Sinnlichkeit; oder die
+selbstentäußernde Liebe; oder die empfindsame Liebe; oder die ruhelos
+unbefriedigte Liebe. Die Variationsmöglichkeiten sind natürlich zahllos;
+zum Beispiel, wenn der Mann eine sinnliche und das Weib eine
+vergöttlichende Liebe hegt oder umgekehrt; oder wenn der Mann ruhelos
+unbefriedigt und das Weib selbstentäußernd liebt, und so weiter. Meist
+wird es so sein, daß gerade die schroffsten Gegensätze zusammentreffen.
+Mit der Variation beginnt auch schon der Konflikt, und wo Konflikte
+sind, ist keine Beständigkeit. Die große Liebe kennt keine Konflikte;
+bei ihr findet ein vollkommener Ausgleich statt. Alles Differenzierte
+vereinigt sich zur Harmonie und zur Schönheit. Ein auszeichnender Vorzug
+wird nie isoliert sein und nie ohne Widerspiel wirken; erst das
+Widerspiel, in einem bejahenden Sinn, bringt eine Tugend zur
+Entwicklung: Anmut wird zum Beispiel den Geist bedingen, Güte die Kraft,
+Vornehmheit die Tapferkeit. In der großen Liebe und nur in ihr,
+verwandelt sich der Mensch; er wird sozusagen nach seinen idealen
+Grenzen erweitert. Er ist in einem Zustand von Dämonie, oder um Ihren
+Ausdruck zu gebrauchen, von Besessenheit. Alles Sichtbare und alles
+Fühlbare hat nur einen einzigen Bezug, er findet überall und in allen
+Dingen das Gleichnis mit dem Objekt seiner Liebe, in der Musik und im
+Gedicht, im Ziehen der Wolken, im Rauschen der Bäume, im Anschauen eines
+Bildes, einer Flamme, eines Steines; Vogelflug und Menschenwege haben
+für ihn dieselbe nebelhafte Ferne, und doch hat er alles in sich und
+nichts außer sich, er ist nach allen Seiten gegen die Welt geöffnet und
+doch von ihr nicht mehr berührbar, er ist der freundlichste Freund, der
+teilnehmendste Gefährte und trotzdem mit der Geliebten im ganzen
+Universum allein. Was ihn zuerst an ihr hingerissen hat, sagen wir eine
+besondere Wölbung der Stirne, eine besondere Art, die Lider zu heben
+oder die Hand zu reichen, ein Ton der Stimme, ein Rhythmus des
+Schrittes, ein Lächeln, eine Gebärde, das alles wird Weltgesetz, das
+heißt: so gehen ein für allemal die Menschen, so sprechen sie, so
+blicken sie, so reichen sie die Hand, das ganze Bild des Daseins wird zu
+einem fixierten Bild der Schönheit. In der großen Liebe nämlich ist
+alles Positivität, und es ist alles in ihr unendlich und ewig. Sie kann
+deshalb niemals aufhören, weder auf der einen, noch auf der andern
+Seite. Nur der Tod kann ihr ein Ende bereiten, ein Ende, das freilich
+dem tiefsten Sinne nach ein scheinbares ist und sein muß. Glück oder
+Unglück kommen für sie nicht in Frage, ihre Tragik liegt anderswo, ja
+sie ist die einzige Lebensform, die eine mitgeborene Tragik besitzt, und
+diese Tragik ist für sie nicht nur in der Möglichkeit, sondern auch in
+der Notwendigkeit des Untergangs, des Todes beschlossen. Die Liebe weiß
+keine andere Gefahr und Bedrohung als den Tod. Vom ersten Augenblick der
+Liebe steht der Tod als stummer Wächter förmlich sichtbar daneben. Sehr
+schön ist das in Shakespeares Liebestrauerspiel zur Anschauung gebracht:
+alles strebt von Beginn an dem Tode zu, die Unabweisbarkeit, mit der er
+auftritt, regiert heimlich jedes Geschehen. Und um den Unterschied der
+Gattungen zu bezeichnen, ist Romeo, bevor das große Entetement eintritt,
+in eine Liebe von gewöhnlicher Beschaffenheit verstrickt.«
+
+»Wohin führen Sie mich da, mein Teurer«, seufzte Faustina. »Das gelobte
+Land dieser Liebe ist für unsereinen nicht erreichbar. Dazu müßte man
+unter einem besonderen Stern zur Welt kommen.«
+
+»Ja, wie zu allem Großen«, versetzte ich.
+
+»Glauben Sie denn im Ernst, daß es eine solche Liebe wirklich gibt?«
+
+Ich mußte lächeln, denn ihre Frage hatte etwas von der Naivität eines
+Kindes.
+
+»Glauben Sie auch,« fuhr sie fort, »daß die Bestimmung dazu nur auf der
+einen Seite, auf der Seite des Mannes oder des Weibes liegen kann, daß
+der eine Teil vergeblich nach dem andern schmachtet und die ganze Erde
+durchsucht, ohne ihn zu finden?«
+
+Faustina sah mich ängstlich an, sie wollte offenbar eine Beruhigung
+gewinnen, sie merkte nicht, daß ich die Antwort auf diese Frage schon
+gegeben hatte. »Ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Jeder denkbare Zustand
+der Seele und des Gefühls kann und wird irgendwie und irgendwo zur
+Erscheinung gelangen, sonst wären wir nicht imstande ihn uns
+vorzustellen. Der Fall, den Sie fiktieren, hat aber mit der großen Liebe
+nichts mehr gemein, vielleicht überhaupt nicht mit der Liebe.«
+
+»Sondern?«
+
+»Sondern mit der Sehnsucht. Sehnsucht kann produktiv sein, sie kann aber
+auch unfruchtbar sein. Das hängt von dem ab, der sie nährt.«
+
+»Mich dünkt, Sehnsucht ist das erhabenste Gefühl in der menschlichen
+Brust.«
+
+»Wenn sie produktiv ist, ja.«
+
+»Was nennen Sie produktive Sehnsucht?«
+
+»Produktive Sehnsucht nenn ich diejenige, die imstande ist, einer
+Vorstellung Wirklichkeit, einem geträumten oder erwünschten Zustand
+Gegenwart zu verleihen.«
+
+»Da setzen Sie ja, und wie ist das möglich bei der Sehnsucht, einen
+Willensakt voraus?«
+
+»Ja, das tue ich allerdings; einen Willensakt, der vielleicht durch
+geheimnisvolle telepathische Mächte begünstigt und unterstützt wird.«
+
+»Hm, ich sehe schon, Sie decken sich. Wenn man zum Unerforschlichen
+seine Zuflucht nimmt, hören die Argumente auf. Dem Unerforschlichen
+gegenüber gibt es ja keine Schuld und keinen Irrtum mehr.«
+
+»Warum auch von Schuld reden, Faustina? Aber Sie mögen recht haben,
+vielleicht ist es wirklich eine Art von Schuld, wenn das Gefühl nicht
+bis zum geliebten Gegenstand trägt, sondern unterwegs durch fremde
+Einflüsse gebrochen wird. Nie beirrbaren Instinkt zu besitzen, das ist
+schon eine große Sache; und eine seltene Sache. So wie unser Leben sich
+heute abspielt, nicht wahr, wie jeder einzelne verwoben ist in ein
+maschinenhaft bewegtes Ganzes, wie er gezwungen ist, sich an vieles
+hinzugeben, was seinem Wesen fremd ist, wie sein geringster Fehltritt
+ihn unrettbar hinunterreißt von dem Weg seines Willens, wie er
+unverborgen dasteht, immer Kettenglied, wie all sein Tun und Handeln
+eine weitaus nähere und schnellere Folge hat als er es wünscht, wie das
+Elementare beständig in ihm ankämpfen muß gegen die Forderungen des
+Tages und der Welt, wie er Ruhe und Selbstbestimmung hingeben muß, nur
+um nicht erdrückt zu werden von den Gewalten, die um ihn toben, so wird
+es natürlich immer schwerer, einer inneren Stimme zu gehorchen, ja bloß
+überhaupt sie zu hören. Was vor wenigen Generationen noch einer Zahl von
+fünfzig beschieden war, das wird heute infolge der strengeren Wahl und
+härteren Erprobung nur an zwölfen oder fünfen oder dreien erfüllt. Wer
+wird um des Ideals in der Liebe willen sein Leben aufs Spiel setzen?
+Glücklicherweise ist das menschliche Herz immer zu Verträgen bereit.
+Würde die Liebe plötzlich Gemeingut aller, so wäre in vierzig Jahren die
+Erde ausgestorben. Wer nicht zur Liebe erwählt ist, dem hat das
+Schicksal auch Stärke und Geduld versagt. Er bescheidet sich, weil er
+sich bescheiden muß. Er liebt, was ihm Liebe entgegenbringt; sein Regent
+ist der Zufall. Er erobert oder er läßt sich erobern, ein Anschein von
+Schwierigkeit und Ferne erzeugt die ihm notwendige Poesie. Der eine
+liebt einen Körper, der zweite ein Gesicht, der dritte einen Blick, ein
+Hand. Ich meine das nicht gerade wörtlich, ich will damit nur sagen, daß
+er den Teil für das Ganze nimmt. Den Teil für das Ganze zu nehmen, das
+ist so Menschenart, und nicht einmal die schlechteste, sie bildet sogar
+Charaktere. Der Liebende ist Augenmensch; seine Leiden sind wirklich,
+seine Freuden sind dionysisch; der andere, der die Liebe nur ahnt wie
+ein Nachtgänger das Morgenrot, ist ein tastender Mensch, seine Glut ist
+ein Fieber, seine Leiden und Freuden sind imaginär, er sättigt sich von
+Brot, indes seine Phantasie Himmelsspeise verzehrt, er sieht nicht, er
+versteht gar nicht zu sehen, er will nur eingelullt sein, er will nur
+träumen, er ist stets philosophisch aufgelegt oder ist argwöhnisch,
+eifersüchtig, traurig, unersättlich, rasch übersättigt; er kann sich
+nicht in der Liebe verlieren, so gern er es möchte, denn der Strom, der
+ihn erfaßt hat, ist nicht tief genug. Manche lieben nur die Liebe oder
+die Sehnsucht nach der Liebe oder die Maske der Liebe oder die Unruhe
+der Liebe oder den Triumph der Liebe, und so können wir immer tiefer
+heruntersteigen, bis von der Liebe nichts mehr übrig bleibt als der
+Name. Unvermögen hat vielerlei Gestalten. Kannten Sie nicht damals auch
+den jungen Baron B., der bei der deutschen Gesandtschaft war?«
+
+»Den großen Frauenverführer –?«
+
+»Jawohl. Nichts ist heute leichter als den Titel eines Verführers zu
+erwerben, man braucht bloß ein wenig Methode in die Art zu bringen, wie
+man sich amüsiert. Dieser Baron B. also war immer mit einem Dutzend
+Frauen gleichzeitig intim. In jede einzelne war er eines bestimmten
+Vorzugs wegen verliebt, und er setzte mir einmal allen Ernstes
+auseinander, seine Vorstellung von Liebe sei eine so ungeheure, daß er
+niemals hoffen könne, das was er suche, in der Totalität einer Person
+anzutreffen.«
+
+»Ein Freibeuter«, erwiderte Faustina verächtlich. »Vor fünf Jahren hat
+er eine ältliche Millionärin geheiratet.«
+
+»Ja, so enden unsere Verführer in der Regel.«
+
+»Von hundert sogenannten Frauenhelden wissen neunundneunzig überhaupt
+nicht, wie eine Frau beschaffen ist«, sagte Faustina.
+
+»Nun ja, wo Sinnlichkeit den Blick verwirrt, kann von Liebe nicht mehr
+die Rede sein. Es ist ein Unterschied wie zwischen dem Rauch und der
+Flamme.«
+
+»Ist es so? Ist es wirklich so?« versetzte Faustina hastig. »Sinnliche
+Leidenschaft trägt nicht, das gebe ich zu. Aber wenn wir die Liebe nur
+in ihrer Vollkommenheit anerkennen wollen, was bleibt dann noch
+bestehen? was darf dann noch Liebe heißen? Lassen Sie mir doch die Dinge
+ein wenig einfacher. Der Mensch, so wie er eben ist, vermag sich nicht
+auf der Höhe seines Gefühls zu halten. Der Gütigste, der Edelste hat
+einen Teufel in der Brust, der ihn zwingt, sich am göttlichen Teil
+seines Wesens zu vergreifen. Vielleicht ist in der Liebe die
+Sinnlichkeit so ein Teufel, vielleicht ist sie ein boshaftes Tier, wie
+die Heiligen sagen. Vielleicht ist sie aber die Erhalterin der Welt? Und
+wenn sie die Erhalterin der Welt ist, warum ihr Übles nachreden? Läßt
+sie sich denn von der Liebe trennen? Sie sagen: Liebe will den Tod. Ich
+wage nicht daran zu rütteln, obwohl ein solcher Satz alle meine Gedanken
+durcheinanderwirbelt. Aber angenommen, Sie haben recht, wie läßt sich
+das mit der Absicht der Natur vereinigen, die doch durch Liebe die
+Gattung fortpflanzen will?«
+
+»Das ist ein Irrtum, Faustina. Durch Liebe wird die Gattung eben nicht
+fortgepflanzt, zum mindesten ist sie nicht darauf gestellt. Sie ist sich
+selber Zweck.«
+
+»Oho! Wenn Sie das vor versammeltem Volk sagen, wird man Sie steinigen.
+Ich dachte, ein heutiger Mensch dürfe gar nicht an Liebe denken, ohne
+zugleich an das Kind zu denken. Mein Gott, sehen Sie nur unsere
+gebildeten jungen Mädchen an! Welche Sachlichkeit! Welche
+Wissenschaftlichkeit! Sie tun, als ob sie in der Liebe zugleich ein
+Hebammenexamen bestehen müßten. Na gut, werde jeder selig wie er will.
+Aber das muß ich schon sagen, ein Symptom liegt darin. Man ist nicht
+ehrlich in diesen Dingen. Und weil man nicht ehrlich genug ist, der
+Liebe oder der Sinnlichkeit ihre selbstverständlichen Rechte
+zuzugestehen, nimmt man das Kind als Vorwand, sich zu decken. Man gibt
+der Prüderie und der Entschleierung ein Pseudonym, das sie mehr
+entwürdigt als beschönigt.«
+
+»Nicht so wild, Faustina! Sie haben eine Art mir beizupflichten, die
+mich fast an meiner Meinung irre macht. Die Geschöpfe, von denen Sie
+sprechen, sind ja nur Mißleitete. Und der Geist der Zeit selber ist es,
+der sie betrügt. Aufklärung heißt heute das große Wort. Nur ist
+allerdings diese Aufklärung etwas anderes als man sie vor hundert Jahren
+verstand. Vor hundert Jahren wollte man einfach alles aufklären: Himmel
+und Hölle, Märchen und Wunder, Kunst und Religion. Eine verhängnisvolle
+Strömung, der das noch lange nicht genug, nicht dankbar genug gewürdigte
+Emporwachsen der deutschen Romantik sich hilfreich entgegendämmte.
+_Unsere_ Aufklärung hat sich verinnerlicht. Man will allem, was in der
+Seele des Menschen vor sich geht, nicht so sehr verstandesmäßig als auf
+Wegen des Gefühls, der Deutung, der Ahnung beikommen. Die Schriftsteller
+haben sich in Seelenforscher verwandelt, die Erzieher in mehr oder
+weniger eigensinnige Deterministen. Man legt dem Unbestimmtesten eine
+Bestimmung unter, uralte Traditionen verlieren ihr Gewicht,
+bedeutungsvoll Gestaltetes seine Kontur, Rangunterschiede werden
+verwischt, Autorität erweckt Mißtrauen, und ich leugne es nicht, ich
+kann es leider nicht leugnen, die allgemeine Demokratisierung, dem
+kleinen Geist eine Wohltat, dem großen ein Horror, erstreckt sich bis in
+die verborgensten Winkel des Herzens. Aber mein Trost ist, daß dies
+alles ja nur ein Übergang ist. Mir ist oft zumut, als ob ein
+unsichtbarer Riese unsere Welt in Stücke zerfetzte, um aus den
+Bestandteilen eine neue, bessere, schönere zu machen, und als ob diese
+Zerstückelung notwendig sei, um unser Dasein auf eine höhere Fläche zu
+heben.«
+
+»Hirngespinste«, sagte Faustina kopfschüttelnd. »Was soll ich mit
+Hirngespinsten? Um mich mit einem Gegebenen abzufinden, dazu bin ich.
+Ist mir der gegebene Zustand unerträglich, nun, so empöre ich mich.
+Demokratisierung, ja, ja, das ist es! Was heißt denn: Demokrat sein?
+Demokrat sein heißt, etwas bedeuten wollen außerhalb einer organischen
+Sozietät. Nicht wahr?«
+
+»Jawohl, oder als Persönlichkeit auftreten außerhalb der Sozietät und
+sich ihr entziehen auf Grund singulärer Rechte oder selbstgeschaffener
+Befugnisse.«
+
+»Ausgezeichnet. Was kann nun dabei zustande kommen? Da ist der Adel. Was
+hat ihn zu allen Zeiten so mächtig werden lassen? Doch wohl nur der
+eherne Zusammenhang seiner Mitglieder auf Grund einer ehernen
+Überlieferung. Heute aber, heute ist jeder Ladendiener schon mit einer
+Individualität versehen, und jede aufgeputzte Kuh faselt von ihrem
+Selbstbestimmungsrecht. Was ist die Folge? Ehe noch die ärmlichsten
+Menschenpflichten erfüllt sind, werden der Menschheit schon
+Glücksforderungen gestellt, wie man einen Wechsel auf Sicht präsentiert.
+Alle, die so im glücklichen Besitz einer Persönlichkeit sind, was eben
+Persönlichkeit nach ihrer Ansicht ist, gleichen den schlechten
+Kaufleuten, die sich bei einem großen Unternehmen mit einem kleinen
+Kapital beteiligen und über Nacht Millionäre werden wollen. Diese
+Persönlichkeitsritter üben ein neues Faustrecht aus und die
+Gesetzlosigkeit, die sie begünstigt, erscheint ihnen als der Gipfel der
+Freiheit und Kultur. Meine Überzeugung ist aber die, daß ein
+demokratisches Zeitalter nun und nimmermehr ein Zeitalter der Liebe
+sein kann. Gerade in der Liebe wird ja die Aufopferung der
+Persönlichkeit verlangt. Hingabe! Ein herrliches Wort! Der Demokrat, der
+individuelle Demokrat, er gibt sich nicht hin, er gibt sich nur auf. Und
+liebt er, so muß er zweckvoll lieben. Und außerhalb der Sinnlichkeit, wo
+wäre da für ihn noch Zweck? Also muß er sinnlich lieben.«
+
+»Man kann das formulieren, wie man will, Faustina, und ich streite nicht
+dagegen, nur wundre ich mich, weil Sie vorhin doch selbst für die
+Sinnlichkeit plädiert haben.«
+
+»Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, daß die Sinnlichkeit ihren
+eigenen Thron aufgerichtet und die andern Kräfte der Liebe unterjocht
+hat. Wenn das organische Ineinanderwirken der Kräfte aufhört, so
+entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die sich auf Kosten des
+übrigen Körpers nähren und ihn langsam vernichten.«
+
+»Dieser medizinische Vergleich ist mir zu – moralisch, liebe Freundin.
+Wir dürfen hier um keinen Preis moralisch sein, wir untergraben uns
+sonst die Möglichkeit der Verständigung. Es gibt eine Art von
+Sinnlichkeit, die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn es in
+klares Wasser fällt und das Wasser bis auf den Grund durchleuchtet, es
+entmaterialisiert. Welche Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen
+Sinnlichkeit entgegenstellen? Etwa die naive? Das gäbe ein Schema. Jedes
+Schema bleibt hinter der Erfahrung zurück, von der Synthese ganz zu
+schweigen. Statuieren wir also, beispielsweise, einen Unterschied
+zwischen elementarer und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die
+Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das Weibchen schlechthin
+begehrt? Ist Werther differenziert, weil er sich um Lotte erschießt? Sie
+sehen, man hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.«
+
+»Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie werden mir doch nicht
+ausreden, daß es eine Sinnlichkeit gibt, die eine Ursache und eine
+Sinnlichkeit, die eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere
+eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere kommt aus der Seele
+...«
+
+»Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit kommen wir zu
+keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur dann Einsicht, wenn wir von der
+Phantasie ausgehen, wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne
+Phantasie, und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja, ich gehe so
+weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit sind gleichsam die beiden
+Flügel desselben Wesens, des Liebewesens nämlich, die beiden Flügel,
+ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos lösen und von der Erde erheben
+kann. Und das eine ist mir klar: daß das moderne Ideal von Liebe oder
+von Sinnlichkeit viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie steht, als es
+jemals der Fall war.«
+
+»Ist das Ihr Ernst?«
+
+»Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdrücklich: das Ideal. Ich will
+die Erscheinungen selbst nicht betrachten; ich will gern zugeben, daß
+wir vom Ideal weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber nicht in
+der Inferiorität des Lebens, sondern in der Superiorität des Ideals.
+Gerade durch die Persönlichwerdung unserer Existenz wird ja der Reichtum
+der Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich gesteigert.
+Was auf der einen Seite die Vereinzelung der Guten, die Vereinsamung der
+Tüchtigen bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und das Gesetz
+aus, unter dem sie überhaupt zur Geltung, zur Entfaltung ihrer Kräfte
+gelangen. Es findet dadurch ein Zusammenfluß von vielen isolierten
+Idealen, ein Ineinandergreifen erhöhter Lebensstimmungen der
+heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und deren organische
+Verschmelzung, wenn es einmal so weit gekommen sein wird, sich gar sehr
+von den primitiven und deswegen von vornherein harmonischen Idealen
+früherer Epochen unterscheiden wird. Und außerdem, was könnte ein
+stärkerer Ansporn für die Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen
+Ideal und Wirklichkeit?«
+
+»Ach so,« sagte Faustina stirnrunzelnd, »es soll also die Phantasie ein
+Mittel des Verzichtes werden? Da sieht mans, mit Logik kommt man
+herrlich weit!«
+
+»Zu einem Mittel des Verzichtes, – ja. Aber nicht im Geist der Askese,
+sondern im Geist der Vollkommenheit und Vervollkommnung. Ein Liebender,
+Faustina, was ist er denn anders als einer der gewählt hat, einer
+dessen drängendes Gefühl sich für die intensivste ihm mögliche
+Lustquelle entschieden hat. Denken wir uns die sinnlichste Natur; denken
+wir sie zugleich liebefähig und zur Liebe bestimmt in der edelsten Art.
+Indem sie wählt, vollzieht sie unwiderruflich ihr Schicksal; das weiß
+sie, und weil sie es weiß, folgt sie einem hohen sittlichen Gebot, wenn
+sie den Gegenstand der Liebe in die höchste Region der Vollkommenheit
+erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel ist, je mehr kann die
+Realität vergessen werden, und nicht in einer selbstsüchtigen Täuschung,
+sondern in einer schönen, selbstlosen, idealen Täuschung, ja, schlankweg
+gesagt, in einer Täuschung zugunsten des Vollkommenen. Oder nehmen wir
+ein negatives Beispiel: nehmen wir unglücklich Liebende; ich meine
+natürlich nicht solche, die aus äußerlichen Gründen, sondern solche, die
+aus innerlichen Gründen verhindert sind, eins zu werden. Unglücklich
+Liebende sind Wesen, die nicht die Geduld, das heißt, nicht die Kraft,
+im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten zu wählen. Nun was heißt
+aber das: geduldig sein und dabei leidenschaftlichen Gemüts? Es will
+nichts anderes sagen als schöpferische Phantasie besitzen. Und daß der
+wahrhaft Liebende schöpferische Phantasie besitzt, das zeigt sich eben
+in demselben Augenblick, wo er zu lieben beginnt.«
+
+»Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht sehe ich ein,
+inwiefern wir, wir Auserlesenen des zwanzigsten Jahrhunderts, darin
+einen Vorzug haben. Ihre Argumente genügen mir nicht; ach, in Argumenten
+bin ich so ungenügsam wie in allem andern. Es gab eine Zeit, da war die
+Liebe ein Ereignis, ein Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie,
+und heute? Ist für Sie oder für Ihre Altersgenossen, ist für Mann oder
+Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies große Unbegreifliche, dies ... nun
+dies Wunderbare –? Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich
+nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen? Verwandeln sich
+die Erlebnisse einer Frau nicht in ein Erkennen? In diesem Punkt ist
+eure Gerechtigkeit, eure berühmte Männergerechtigkeit nichts wie
+aufgeschmückte Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder nicht ist, was
+soll da die Phantasie? Was sollen Flügel, wo keine Luft ist, die sie
+trägt? Vom Adler erzählt man, daß er sterben muß, wenn er nicht mehr
+fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also muß er sterben. Ihr gleicht
+nicht den Adlern, ihr Männer, ihr könnt auch gehn und macht euch vor
+jedem Jäger aus dem Staub.«
+
+»Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das klingt, Faustina! Wie aus
+einem Roman der George Sand. Die Sache ist wirklich die, daß uns die
+Liebe gar kein Wunder mehr bedeutet.«
+
+»So? Und warum, wenn man fragen darf? Lassen Sie mich den Grund hören;
+ich bin neugierig und im voraus voller Widerspruch, denn daran hängt
+mir ein Stück Herz.«
+
+»Nein, die Liebe als Phänomen ist für uns kein Wunder im Sinn von 1750
+oder 1820, wo der Liebende sich in der Erlesenheit seines Gefühls
+spiegelte, an seinem Gefühl fast zum Narziß wurde. Der Grund, weshalb
+dem nicht mehr so ist, besteht darin, daß wir einerseits zu
+wissenschaftlich, andrerseits zu historisch dazu empfinden. So trocken
+herausgesagt, schmeckt das nach Pedanterie, aber wir sind uns ja der
+Ursachen nicht bewußt. Zu wissenschaftlich: nicht nur, weil wir es in
+Büchern lesen oder weil wir es in der Natur beobachten oder weil uns
+jeder Vorgang des Lebens darüber belehrt, sondern weil uns die
+Überzeugung oder besser ausgedrückt die Anschauung in Mark und Knochen
+sitzt, daß alles, was da atmet, wird und wächst, ein und demselben
+Gesetz gehorcht, daß ein Band der Liebe sich um alle Wesen schlingt, ein
+Trieb der Zeugung, ein Wille, Schöpfer zu sein, den Tod zu besiegen,
+alle und alles bis ins Innerste durchdringt. Zu historisch darum, weil
+unser Geist in keinem Fall berauscht und egoistisch am Augenblick hängt,
+weil wir voll sind von Vergangenheit, von immanenter Erfahrung, weil das
+Geschick einzelner sowohl wie ganzer Geschlechter, ja der ganzen Gattung
+beständig und ohne daß wir dessen gewahr werden, zu uns redet und unsere
+eigenen Wege deutet. So wenig uns ein Gewitter in abergläubische Furcht
+versetzt, so wenig also wird uns das Ereignis großer Liebe wunderbar
+dünken; beides kommt ja aus der Natur, beides ist im Entstehen und
+Vergehen gegründet. Nun jedoch tritt das Seltsame ein: Im Großen, in
+allem Katastrophalen der Existenz haben wir aufgehört, Wunder und
+Begünstigung, Geheimnis und persönliche Verschuldung zu erblicken; im
+Kleinen aber, im Alltäglichen des Tuns und Betrachtens wird uns ein
+jedes Ding verwunderlich. Höchst bezeichnend ist es, dies Wort: sich
+wundern. Wir verwundern uns eigentlich unaufhörlich. Es erstaunt uns der
+Wurm, es erstaunt uns der Sternenhimmel, es erstaunt uns der Apfel, es
+erstaunen uns Berg, Strom und Wasser. Es erstaunt uns der Bettler und es
+erstaunt uns der reiche Mann, es erstaunt uns der Mörder und es erstaunt
+uns der Dichter, es erstaunt uns der Tapfere und erstaunt uns der
+Feigling. Das macht, weil wir in allen diesen die Notwendigkeit entdeckt
+haben, das Gefühl für die Unbedingtheit ihres Seins und damit in letzter
+Linie die Schönheit, die ihnen eigene Form der Schönheit. Wie ehedem von
+einem Pantheismus könnten wir von einem Panhumanismus sprechen oder
+besser von einer Allwesenheit. Es ist uns alles menschlich geworden,
+kreatürlich geworden, – zugehörig. Daß sich dadurch die Quellen der
+Freude um ein Unermeßliches vermehrt haben, ist klar, und das Reich der
+Schönheit ist, wie Christus vom Reich Gottes sagte, in uns. Das Reich
+der Liebe auch. Und wenn wir nun die ganze Welt dermaßen in uns haben,
+wenn unsere Sinne sie unaufhörlich besitzen, so folgt daraus doch für
+die Sinne selbst, daß sie auf ein Begrenztes, auf ein Gehaltvolles, auf
+ein Zweck- und Zielvolles gewiesen sind, daß sie mutiger, sicherer und
+stolzer geworden sind und daß ihr unentbehrlichster Verbündeter, weil
+sie von Anschauung, von Ahnung, von Begreifen, von Andacht, von
+Weltgefühl genährt werden, die Phantasie ist. So ist es auch in der
+Liebe. Die Sinnlichkeit ist darum nicht mehr auf den Körper beschränkt,
+sie will nicht erobern und nicht verführen; von galanten Künsten braucht
+sie überhaupt nichts zu verstehen, denn sie sucht nichts weiter als
+Übereinkunft. Sie überlistet nicht, weil sie wertet; sie enthüllt nicht
+den Leib, sondern die Seele, ja, sie ist ganz und gar auf solche innere
+Enthüllungen angewiesen, und eine Form gibt ihr nichts, wenn der Form
+nicht ein Inhalt entspricht. Eifersucht ist ihr deshalb ein unfaßbarer
+Begriff, denn gerade die Einmaligkeit, die unwandelbare Gesetzmäßigkeit,
+darauf beruht sie. Es ist keine Regung in ihr, die nicht, mit einem Wort
+gesagt, auf Verständigung beruhte. Damit sind wir wiederum bei der
+Phantasie angelangt, denn Verständigung hat ja keine andere Wurzel als
+die geistige Macht des Menschen, die Phantasie.«
+
+»Sie springen etwas willkürlich mit der Phantasie um, mein Bester«,
+bemerkte Faustina kühl.
+
+»_Tu_ ich das? In der Tat, ich schreibe der Phantasie eine weitaus
+größere Rolle zu als es sonst geschieht. Erst mit ihrer Hilfe sind wir
+fähig, die Seelen anderer Menschen zu erfassen. Viele Eigenschaften, die
+man nur zu leicht als Laster anzusprechen geneigt ist, sind lediglich in
+einem Mangel an Einbildungskraft begründet. Der Geizhals, der
+Hoffärtige, der Grausame, der Nörgler, der Denunziant, der
+Selbstzufriedene, der Gottesleugner usw. was sind sie anders als
+Phantasielose oder – Phantasten, was beinahe das selbe ist. Gewisse
+Worte müßten uns töten, wenn nicht die Einbildungskraft wäre, die sie zu
+Luft und Schall zerstieben läßt. Haben Sie das nie erfahren, Faustina?«
+
+»Ich hab’s erfahren, wahrlich.«
+
+»Und gäbe es Verzeihung für erlittene Beleidigungen ohne die Phantasie?
+Nein. Der Mensch ist rachsüchtig, die Phantasie veredelt diesen Impuls.
+Ein solcher Mensch ist nun nicht mehr lasterhaft. Man kann getrost
+sagen: wer echte Phantasie besitzt, der ist tugendhaft. Wenn Sie nun der
+Sinnlichkeit die Phantasie nehmen, was bleibt dann übrig? Wenn ich
+liebe, und mein sinnliches Verlangen ist ohne Phantasie, so bin ich wie
+einer, der in absoluter Finsternis gefangen ist, ja, es ist möglich, daß
+ich dadurch dem Wahnsinn verfalle. Erst durch die Phantasie erhält meine
+Begierde die Weihe, die Süßigkeit, die Schönheit, den Mondglanz der
+Bezauberung und jenen Tropfen von Melancholie, ohne den eine
+Leidenschaft nicht beseelt erscheint. Sinnlichkeit ohne Phantasie ist
+nichts als der traurige Zweikampf zweier Wesen, die einander unbewußt
+zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im Leben nicht bloß das eine
+oder das andere; die Leiden und Irrungen, die ein unvollkommener Zustand
+mit sich bringt, bleiben schließlich wenigen erspart. Wie oft sieht man
+Eheleute oder Liebesleute im Streit! Wie manche Ehe, die durch die Liebe
+getragen schien und nur noch durch Gewohnheit und bürgerliche
+Rücksichten befestigt ist, schleppt sich mühselig hin unter Hader, Zank
+und Mißverständnissen! Männer, sonst gerecht und vornehm, Frauen, sonst
+zärtlich und nachsichtig, vergessen sich; sie werden zu Tieren, die auf
+einander Jagd machen, sich einander Wunden zufügen, harte Worte wählen,
+Worte wie geschliffene Messer, mit übertriebenen Beschuldigungen die
+Achtung untergraben, die jeder vom andern billig verlangen muß, und ohne
+die Haltung sind, die sie auch dem Gleichgültigen gegenüber zu wahren
+wissen. Es sind das häßliche Szenen, und häßlich sind sie, weil solche
+Menschen aller Phantasie bar sind, weil sie nicht vermögen, die
+Armseligen, über den Augenblick hinauszudenken, weil der Augenblick in
+ihnen stärker ist als das Herz, als das Schicksal, als Tod und Ewigkeit.
+Ja, so sind die Phantasielosen, sie leben nur von Augenblick zu
+Augenblick, sie schwingen nur in den Intervallen, der Augenblick selbst
+ist ihnen nichts.«
+
+»Das alles ist mir zu allgemein«, sagte Faustina. »Teils zu allgemein,
+teils zu kategorisch. Ich kenne Verhältnisse, deren Beschaffenheit mit
+der Phantasie gar nichts zu tun hat, oder ich müßte den Begriff der
+Phantasie zu weit ausdehnen. Nehmen Sie an, eine geistig bedeutende Frau
+liebt einen Gimpel; oder ein Mann von Genie liebt eine gewöhnliche Gans.
+Das kommt doch häufig genug vor, sollt ich denken. Und wie einfach sind
+diese Beziehungen, mein Gott, wie einfach. Ihr A und O ist eine
+natürliche Sinnlichkeit, und bieten sie nicht meist größere Gewähr für
+ein dauerndes Glück als jene feinnervigen Bündnisse, in denen doch alles
+auf Eigenschaften gestellt ist, und nicht auf das Ganze der Kreatur? Man
+muß einander nicht gar zu gut verstehen in der Liebe; ein wenig
+Fremdheit tut not. Wir Leute, wie wir da sind, wir verstehen einander zu
+gut und mißverstehen uns deshalb so oft. Den Leibern, finde ich, ist die
+allzugroße Vertrautheit der Seelen von Übel. Sie verletzt die
+Schamhaftigkeit.«
+
+»Die Schamhaftigkeit? Inwiefern?«
+
+»Das leidet gar keinen Zweifel. Je größer die seelische Verfeinerung
+wird, je größer wird auch die Schamhaftigkeit. Es ist ein heikles Thema,
+und irgendein Schriftsteller meint mit Recht, daß es schon schamlos sei,
+über die Schamhaftigkeit zu sprechen oder was jemand darüber sagt,
+anzuhören. Je tiefer man in den andern hineinschaut, je mehr ist man
+geneigt, das, was in ihm vorgeht, zu überschätzen, je mehr fürchtet man
+den andern oder fürchtet sich selbst, je mehr versteckt man sich, ja
+ich habe es erlebt, daß solche Menschen aus lauter Zartfühligkeit und
+Hellseherei sich die Möglichkeit harmlosen Daseinsgenusses untergruben.«
+
+»Aber was hat das mit der Schamhaftigkeit zu tun?«
+
+»Sehr viel! Wenn die dunklen Zustände und Vorgänge in der Brust dermaßen
+ans Licht gezerrt werden, daß der Mensch sozusagen in sich selber kein
+Heim mehr hat, wo er sich mit seinem Verschwiegensten bergen kann, so
+muß ihm doch allmählich dabei zumute werden, als ob man ihn entblöße und
+an den Pranger stelle. Ich, ich für meinen Teil, fühle mich durch das
+beständige, wachsame Verständnis eines andern, und sei er das
+geliebteste Wesen, ganz und gar an den Pranger gestellt, und ich sage
+Ihnen auch, daß mir jene Frauen, die man unverstandene zu nennen
+beliebt, mir, mir für meinen Teil, immer nur schamlos erschienen sind.
+Das wären die einen. Dann sind jene, bei welchen die Schamhaftigkeit
+sich ins Krankhafte steigert und die in einer so dünnen Luft leben, daß
+ihnen das gesund Sinnliche zum Ekel wird. Ich hatte einst eine solche
+Unglückliche zur Freundin; sie war die schamhafteste Natur, wurde aber
+bisweilen von einem förmlichen Enthüllungswahn verfolgt, und indem sie
+sich preisgab, unterlag sie einem Zwang, der sie etwas ausüben hieß, was
+ihrem wahren Wesen gerade entgegengesetzt war. Da war kein Halt, keine
+Haltung, und als sie eines Tages liebte, versagte sie sich dem
+betreffenden Mann, weil sie überzeugt war, daß er nur ihren Körper
+liebte und nicht die Seele. Ist das nicht schauerlich? Ein einziges,
+grobes Mißverständnis des Lebens?«
+
+»Freilich; es gibt Frauen genug, die in dieser Hinsicht einem
+unheilvollen Irrtum und Unbegreifen verfallen sind«, erwiderte ich. »Der
+unheilvollste Irrtum, den sie begehen können, ist aber, wenn sie aus
+ihrer Art der Schamhaftigkeit und deren Überwindung einen Begriff der
+Treue folgern, der für sie Gesetz und Notwendigkeit, für den Mann aber
+eine Freiwilligkeit ist. Diese Freiwilligkeit wieder einer höheren
+Notwendigkeit unterzuordnen, das ist die _Tat_ des liebenden Mannes,
+eine Handlung, die von seiner Kultur, von seiner Selbstbeherrschung, von
+seinem Schönheitsempfinden abhängt. Die Frauen besitzen nur die Scham
+des Geschlechts; die Keuschheit einer Nonne und die Verderbtheit einer
+Dirne sind nur verschiedene Wirkungen ein und derselben Kraft, ähnliche
+Zustände mit verschiedenen Hemmungen. Dem Mann ist eine andere
+Schamhaftigkeit eigen, eine übersinnliche, ich möchte sie die Scham vor
+Gott nennen, und er kann sie nur verlieren, wenn er sich selber vor Gott
+verliert. Wir haben demnach das Schauspiel eines beständigen Krieges
+zweier dem Grund und der Beschaffenheit nach völlig unähnlicher Arten
+der Schamhaftigkeit, und während eine Frau die ihre sozusagen wörtlich
+nimmt, sie trägt oder abwirft wie man ein Kleid trägt oder abwirft,
+verheimlicht der Mann die seine, denn ihm ist sie nur ein Symbol.
+Niemals darf die Frau sich einfallen lassen, das Symbol in die
+Wirklichkeit zu zerren, etwa eine Forderung daraus zu machen.«
+
+»Das sagt – ein Mann!« rief Faustina. »Ich muß Sie schon sehr hoch
+einschätzen, lieber Freund, wenn ich das nicht anmaßend finden soll.
+Klipp und klar gesprochen heißt das doch: die Liebe des Weibes ist eine
+Realität, die des Mannes ein Symbol. Oder nicht?«
+
+»Ausgezeichnet formuliert, Faustina.«
+
+»Na, schön. Ich will dagegen nicht streiten, weil es ins Grenzenlose
+führt. Ich sehe nur so viel, die tägliche Erfahrung beweist es mir, daß
+diese Realität keinen Bestand und dieses Symbol keine Bedeutung hat.
+Flausen, Flausen, nichts als Flausen! Bester Freund, sperren Sie mich
+doch nicht ein für allemale in die Rumpelkammer der ›Realität‹! Denken
+Sie daran, daß auch ich geliebt habe! Ja, wirklich, wirklich geliebt!
+Beweisen kann ich nicht, daß es mehr war als ein Irdisches,
+Erdgebundenes, an Zweck und Zeit und Augenschein Gebundenes, aber dafür
+kann ich beweisen, daß der andere, der Partner im Spiel, keinen Einsatz
+wagte, der die Mühe verlohnte zu kämpfen, beweisen kann ich, daß seine
+Liebe – und er _liebte_ – nur unzulänglich war, also nicht bis zu dem
+Punkt reichte, wo eine symbolische Kraft das Flüchtige des Lebens
+festhält. Aber weshalb so hohe Worte? Napoleon tat auf Sankt Helena den
+ungeheuerlichen Ausspruch: Ein solcher Schurke kann kein Mann sein als
+ich von ihm glaube, daß er einer ist. Fast jede Frau kann dasselbe von
+ihren Erfahrungen in der Liebe sagen, vorausgesetzt, daß sie nicht ein
+blindes Tierchen ist. Ihrer Methode gemäß werden Sie mir wahrscheinlich
+entgegenhalten: du hast eben nicht zu wählen verstanden. Ja, um Gottes
+willen, wenn der sich nicht bewährt, den ich als den besten erkenne,
+wozu schlägt dann mein Herz, warum denke und fühle ich dann? Entweder
+muß ich demnach mein Leben in der Wurzel verneinen oder Ihre ganze
+Weisheit wird mir zum Sophisma. Da ist ein Mann, der mich anbetet; es
+erscheint mir zweifellos, daß ich ihm viel, daß ich ihm alles bin, ich
+ergebe mich, verbünde mich ihm, und da muß ich entdecken, daß er nur zu
+werben versteht, zu besitzen, den Besitz zu verteidigen, zu bilden, zu
+erhöhen, dazu ist er nicht fähig. Oder ein anderer Fall: da ist ein Mann
+von Geist, Gemüt, Talent, aber er lebt in tiefem Elend. Das Mitleid
+nähert mich ihm, es gelingt mir einen wahren Sturm der Energie in ihm zu
+entfesseln, die Liebe zu mir trägt ihn empor, das Schicksal begünstigt
+ihn, aber er kann es nie verwinden, daß diejenige, die er liebt, auch
+seine Helferin war, er selbst gesteht mir seine Scham und alles
+scheitert an einer Grille.«
+
+»Und was taten Sie?«
+
+»Was sollt ich tun? Ich ließ ihn seiner Wege gehen. Ist es etwa diese
+Scham, die Scham, nicht mehr der Mächtige zu sein, die Sie symbolisch
+nennen?«
+
+»Der Mann hatte vielleicht nicht viel zuzusetzen, deshalb raubte diese
+Scham seiner Liebe die Kraft«, antwortete ich. »Es kommt nur darauf an,
+was einer zuzusetzen hat, und für den Mann ist in der Liebe tatsächlich
+alles nur eine Frage der Macht. Mitleid ist ein Feind der Liebe, Mitleid
+zerstört die Gleichberechtigung, geradeso wie ein ausschließliches
+ästhetisches Wohlgefallen; jenes schafft eine zu große Nähe, dieses eine
+zu große Ferne. Der Bemitleidete und der Bewunderte atmen nicht dieselbe
+Atmosphäre mit demjenigen, der Mitleid oder Bewunderung hegt, und sie
+sprechen nicht in derselben Sprache zueinander. Aber es gibt Mittel, den
+Zwiespalt zu überbrücken, und die Frau ist es, die in dem einen wie im
+andern Fall ausgleichend zu wirken vermag, und zwar durch die göttliche
+Eigenschaft der Sanftmut. Sie, Faustina, sind nicht sanft genug.«
+
+»Nicht sanft genug! Das wurde mir schon einmal gesagt. Wenn ich sanft
+wäre, wurde gesagt, hätte ich weniger Anlaß, mich über das Leben zu
+beklagen.«
+
+»Oder über die Liebe. Das ist meine Meinung.«
+
+»Sanftmut! Die schätzbare Gabe, stumm zu bleiben, wenn man getreten
+wird, und nur zu seufzen, wenn das Herz bricht, die nennt man Sanftmut,
+die nennen die Männer Sanftmut. Und weil sie ihnen die bequemste
+Eigenschaft am Weibe ist, darum wird sie gepriesen. Wer aber Augen hat
+und sieht, und vieles sieht, und Blut, das sich erhitzt, und eine Faust,
+die sich ballen muß, der kann nicht sanft sein.«
+
+»Gemach, Faustina. Sie erinnern mich ein wenig an den Knaben, den man
+fragte, wer tapfer zu heißen sei, und der darauf entgegnete, tapfer sei,
+wer nicht davonlaufe. Sanftmut ist nicht Nachgiebigkeit, nicht
+Unterwürfigkeit, nicht Schweigsamkeit. Sanftmut ist der Ruhe des
+Feldherrn zu vergleichen, oder der Besonnenheit des Künstlers. Sie ist
+nicht eine Schwäche, sondern eine Kraft. Sie ist in der Liebe die
+eigentliche Kraft des Weibes, ihre Waffe wie ihr Schutz. Sie ist nicht
+an ein bestimmtes Temperament gebunden, dem cholerischen kann sie
+gegeben, dem melancholischen kann sie versagt sein. In jedem Tun und
+Lassen drückt sie sich aus: in der Freude, in der Angst, in der Trauer
+und im Schmerz, im Blick und im Schritt. Sie ist geradezu ein Rhythmus
+des Lebens. Das Lächeln der sanften Frau ist unwiderstehlich, die sanfte
+Frau ist niemals häßlich. Nun ist freilich die echte Sanftmut beinahe
+ebenso selten wie die Liebe, und leider muß man konstatieren, daß sie
+immer seltener wird, je mehr die Erregbarkeit der Nerven wächst, je mehr
+auch die Frauen von Liebe und über die Liebe wissen, und je weniger sie
+Liebe fühlen. Denn die Liebe der Frau ist hauptsächlich auf ein
+Elementares, auf ein Unbewußtes gestellt. Da gibt es Frauenrechte und
+Frauenberufe, man bildet Körperschaften und veranstaltet Versammlungen.
+Dabei mag viel Nützliches entstehen, aber für die Sanftmut ist alles zu
+fürchten. Haben Sie nie den Unterschied bemerkt zwischen dem Geschmack
+einer Birne, die frisch vom Baume kommt, und einer solchen, die schon
+unter vielen andern Birnen auf dem Speicher gelegen war? Ein solcher
+Unterschied herrscht zwischen der Frau als Einzelwesen und der Frau, die
+sich sozial betätigt.«
+
+»Sie mögen ja recht haben«, antwortete Faustina. »Aber am Birnenbaum
+hängen viele Birnen. Sollen die Birnen also warten, bis die Leckermäuler
+anspazieren, um die schönsten zu verspeisen? Die übrigen können warten;
+sie müssen verfaulen und ins Gras fallen, wie? Um der Sanftmut willen.
+Danke schön. Wir haben nicht Konsumenten genug, wir armen Birnen, wir
+müssen unterzukommen trachten. Ihr wollt uns rein, ihr wollt uns
+engelhaft, ihr wollt, daß jede sich für einen Messias aufspare, aber
+ihr, ihr wollt nichts entbehren, keinem Gelüst die Befriedigung
+vorenthalten, keinem Appetit die Stillung. Und der Messias, der sich
+schließlich bei uns einstellt, ist entweder ein alberner Fant, der nicht
+weiß, was er in Händen hält und seinen blinden Jünglingsrausch austobt,
+oder ein kritischer Herr, der sich wieder trollt, wenn das Birnchen
+einen Flecken hat.«
+
+»Das ist wohl wahr, Faustina, praktisch genommen ist es wahr, und daß
+ihr Grund habt, euch selbst zu schützen, kann nur einem Dummkopf
+verborgen bleiben. Jedoch von einer höheren Zinne betrachtet, liegen
+die Dinge anders. Die Natur will nicht, daß man ihr zuvorkomme. Sie will
+nicht, daß ihr heiligstes Gesetz, das Gesetz der Auslese, umgestoßen
+wird, und wenn es trotzdem geschieht, rächt sie sich durch die
+Hervorbringung lebensuntüchtiger Geschöpfe. Ist Ihnen bekannt, daß zum
+Beispiel unsere Jagdvorschriften der Rassigkeit und Widerstandsfähigkeit
+des Wildes, besonders des Edelwildes, erheblichen Abbruch tun? Wir haben
+Frauen, die gezwungen sind, einen Beruf zu ergreifen; ohne Pathos tun
+sie es, verdienen ihr Brot; andere sind mit Intelligenz und Scharfsinn
+am Werk, um soziales Elend zu mildern. Wer hätte dagegen etwas
+einzuwenden? Das Schicksal des Individuums wird mir immer Teilnahme
+einflößen, ob es eine Nähmamsell oder eine Fürstin ist;
+Massenbestrebungen aber, wenn sie der unmittelbaren Leidenschaft des
+Erlebnisses entbehren, lassen mich natürlich kalt. Das Wesen der Frau
+deutet mehr als das des Mannes auf Vereinzelung; ich habe immer
+gefunden, daß die edlere Art der Frau sich nur kraft dieser Vereinzelung
+bewahrte, und daß sie sich zur Vervollkommnung der Rasse gar nicht teuer
+genug bezahlen läßt.«
+
+»Und wenn dem so wäre,« versetzte Faustina, »was hülfe es? Ist denn die
+Frau nicht immer willfährig zum Besten, wo der Mann das Beispiel edler
+Initiative gibt? Was frommt aber der Natur, was hilft selbst Gott das
+Gesetz der Auslese, wenn ihm das Gesetz der Trägheit entgegensteht?«
+
+»Der Trägheit ... Schon vorhin haben Sie das Wort gebraucht. Sie sagten
+Trägheit des Herzens.«
+
+»Ja. Trägheit des Herzens.«
+
+»Trägheit des Herzens ist eine von den sieben Todsünden, soviel ich
+weiß.«
+
+»Sie ist die einzige Todsünde, die es gibt.«
+
+»Sie verbergen also einen großen Sinn dahinter, so etwas wie eine Idee.«
+
+»Einen großen Sinn, da haben Sie recht, einen schmerzlichen Sinn. Das
+Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht
+will, das tue ich, heißt es in einem Brief des Paulus an die Römer. Da
+ist ein Erkennen: das Gefühl trotzt dem Erkennen, beharrt auf dem
+falschen Weg; oder da ist ein Gefühl, ein großes, ein wahres; und doch,
+es läßt sich betrügen, es läßt sich verwirren durch Rede und durch
+Denken. So entsteht Trägheit des Herzens, und ist selber noch ein
+Tieferes, Schwereres, Dunkleres, Schuldigeres. Es gab Zeitläufte, wo die
+Menschen mehr ihren Trieben untertan waren, barbarische, kriegerische,
+im großen und ganzen auf eine Sache, auf ein Ziel gestellte Zeiten. Da
+konnte Trägheit des Herzens für eine Sünde gleich andern gelten, gleich
+Geiz oder Neid oder Habsucht. Heute ist der Mensch zur Rechenschaft
+gezogen, heute ist jeder sich selbst verantwortlich. Sie sagen es
+selbst, nicht die Religion, nicht Himmel und Hölle darf er zur Ausrede
+und Ausflucht machen, in seiner Brust muß er sein Schicksal suchen. Da
+wird Trägheit des Herzens zur Kardinalsünde, und wie es nun ist, diese
+Sünde liegt auf uns allen wie Gewitterlast. Fordern Sie Beispiele? Wo
+soll ich anfangen? wo enden? Vorübergehen, wenn die Stimme des Gemüts
+zum Bleiben mahnt, bleiben, wenn sie verlangt, daß ich weitergehe; die
+Augen schließen, wenn es gilt zu sehen, und schweigen, wenn es gilt,
+Partei zu nehmen; urteilen und verdammen, wenn vieles davon abhängt, zu
+schweigen und Milde zu üben; den reinen Sinn betäuben, den unreinen zu
+falscher Tat stacheln; Zwecke wollen, wo keine sind; nach Gerechtigkeit
+streben und der Liebe vergessen; Liebe beanspruchen, ohne sie zu geben;
+genießen wollen und nicht bezahlen; von Gott reden und den Teufel im
+Innern füttern; Ideale aufrichten und einen armen Schuldner vor Gericht
+zitieren; in Musik und Dichtung schwelgen und vor den kleinen
+Menschenpflichten die Flucht ergreifen; Freundschaft preisen und den
+Freund verleugnen; Philosoph sein und den Dienenden mißhandeln; den
+Genius herbeiwünschen und, wenn er sich zeigt, ihn schmähen und in den
+Kot zerren, alles dies, all dies Vergessen, all dies _Wissen_ und
+_Nicht-Tun_ ist Trägheit des Herzens. Ach, wie schön ist das Herz! zu
+wie vielem fähig! wie viel vermag es! Und Liebe, das Herz des Herzens,
+wie wird sie mißachtet, mißbraucht, vergewaltigt und zertreten! Wie
+ummauert sind alle Herzen, wie wenig mag ein jedes sich verraten, und
+wie schnell und bereitwillig das des anderen! Wir reden da von Liebe,
+von Liebe, und wo ist sie, die Liebe? Ein Symbol soll sie sein, ein
+seltenes Phänomen, ich aber möchte sie haben, sehen möchte ich sie!
+Zeigen Sie mir einen Liebesbegeisterten, zeigen Sie mir einen
+Verschwender der Liebe! Die Liebe, von der ich weiß, war immer nur ein
+zartes Pflänzchen, es ertrug die Lebensstürme nicht, versteckte sich vor
+der Sonne und kroch in labyrinthisch verschlungene Tiefen,
+weltabgewandt, der Nacht zugewandt. Ich fragte einmal einen Mann, ob
+seine Geliebte schön sei. Schön, das könne er nicht behaupten, sagte er,
+aber alles an ihr sei charakteristisch. Ei, erwiderte ich ihm, Sie sind
+ein ganz famoser Zeitgenosse. Charakteristisch! Ein niedliches Wort! Man
+müßte es in eiserne Lettern gießen und auf den Schandpfahl des
+Jahrhunderts nageln. Alles ist so charakteristisch, so individuell, so
+besonders, so künstlich, so ins Kleine zerspalten, ins Geistige
+verdünnt, so scheu, so furchtsam, so wissend und so unsicher in
+jeglichem Gefühl. Was ist da um Gottes willen noch zu hoffen, Freund!
+Was kann ein volles Herz noch für sich hoffen? Es gibt nur eines; nur
+eines gibt es: sich bescheiden.«
+
+»Es gibt noch ein zweites, Faustina, ein größeres.«
+
+»Und das wäre?«
+
+»Die Freude an der Erscheinung. Beklagenswert ist allerdings der Druck,
+unter dem wir leben, das seltsam fatalistische Dahinrasen. Das Dasein
+wird immer scheinhafter, seine kurze Dauer wird uns immer schmerzlicher
+bewußt, und wer Sinn und Liebe sucht, kann wohl in ungemessene
+Verzweiflung stürzen, wenn ihn dies eine nicht rettet: zu schauen. Dem
+Schauenden enträtselt sich die Welt; ihm entwirrt sich jedes Dunkel; er
+legt seine Hand auf Gräber und sie werden zu Altären, er wandelt durch
+Schneegestöber und er spürt den Frühling, er ist verlassen von den
+Freunden und er lebt mit der Menschheit. Daß die Dinge da sind, daß ich
+sie besitze, daß Schöpfer und Geschaffenes mein sind, daß das Leben,
+soweit es denk- und fühlbar ist, in mir steckt, daß es nichts gibt,
+nicht das kleinste Denk- und Fühlbare außerhalb des Lebenskreises, und
+daß mir das Ungeheure wie das Unscheinbare, Hohes und Niedriges, der
+Festzug des Kaisers und das Vorüberflattern eines Schmetterlings, daß
+mir Schönheit und Häßlichkeit, Liebe und Haß, Selbstentäußerung und
+Trägheit des Herzens, daß mir alles dies zur Erscheinung wird, das kann
+mich retten.«
+
+»Mit einem solchen Quietismus will ich mich nicht beruhigen«, antwortete
+Faustina düster.
+
+»Wenn das Quietismus wäre, dann wäre der Erdball nicht mehr imstande,
+seine Bahn um die Sonne zu laufen. Glauben Sie doch nicht, Faustina, daß
+ich mich damit freispreche von menschlichem Tun oder mich des
+mitstrebenden Herzens entledigen wollte. Es ist kein künstlerisches,
+kein ästhetisches Prinzip, sondern durchaus ein religiöses, durchaus ein
+göttliches. Wie in der Liebe durch ein höchst instinktives und
+beseligtes Erkennen Vorzüge und Fehler des andern zu einem
+anbetungswürdigen Bild vereinigt werden, so und nicht anders ergeht es
+dem Schauenden mit der Welt. Er hat alles innen; alles was außen ist,
+hat er innen; ihm ist nichts verloren, ihm ist alles gegenwärtig. Er
+gibt sich hin, er gibt sich aus, aber er wirft sich niemals weg, denn
+wie er das Leben besitzt und wie er Gott besitzt, so besitzt er sich
+selbst. Und das, Faustina, ist das Große: sich selber besitzen. Dann
+besitzt man auch die Welt, dann besitzt man auch die Menschheit; die
+andern, die sich zu jeder Stunde wegwerfen, die besitzen nichts und
+niemanden. Nur die Erwartung der Liebe täuscht sie mit der Hoffnung auf
+Besitz.«
+
+Faustina hatte den Kopf abgewandt und schwieg. Eine lange Zeit verging
+im Schweigen und die Freundin hielt beständig den Kopf abgewandt. Die
+gesprochenen Worte erzeugten eine doppelte Stille. Es war weit über
+Mitternacht, als ich mich zu gehen anschickte. Mit starrer Miene reichte
+mir Faustina die Hand. Sie sah mich an, und wundersam, ihr Auge war voll
+Frage wie das eines kleinen Mädchens.
+
+Sehr gern hätte ich Faustina wiedergesehen, aber als ich zwei Tage
+später in die Wohnung kam, wurde mir gesagt, daß sie abgereist sei.
+
+
+
+
+Der Literat
+
+Geschrieben 1909
+
+
+Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen, hat der Kultur
+unserer Zeit seinen unverwischbaren Stempel aufgeprägt. Ja, man könnte
+sagen, daß alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel Kultur
+begreift, ein Werk des Literaten ist.
+
+Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen wollen diese Frage
+beantworten; sie wollen die Art und die Wirkung des Literaten, die
+Bedingungen seines Lebens, die Fundamente und Ziele seines Geistes mit
+Hilfe einiger typisierter Charaktere erforschen.
+
+Die damit aufgestellten repräsentativen Figuren werden sich natürlich in
+der Wirklichkeit kaum so unterschieden und formelhaft finden lassen; das
+Leben gibt Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun, im
+Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel viel vom Schöngeist
+nachweisen können. Auch ist es möglich, daß in einer einzigen Person die
+Elemente von mehreren jener Typen stecken, daß Schöngeist und Psycholog,
+oder Dilettant, Tribun und Apostel vereinigt sind. Sogar im
+schöpferischen Menschen sind Züge des Literaten vorhanden, vielleicht
+hat die moderne Zeit überhaupt keinen schöpferischen Menschen
+hervorgebracht, der davon ganz frei wäre. Beim Literaten werden aber die
+bezeichneten Eigenschaften von einem jener Repräsentanten immer in
+bestimmter und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und die
+Besonderheit und das wechselnde Ausmaß der Mischung sind dazu angetan,
+ihm in seiner menschlichen und künstlerischen Wirkung das Interessante,
+reizvoll Problematische und Unergründliche zu verleihen.
+
+
+
+
+Der Literat als Dilettant
+
+
+Eine Kunst aus Liebe zur Sache üben, das macht den Dilettanten in der
+edlen Bedeutung des Wortes. Der Dilettant und der Künstler unterscheiden
+sich vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden Zustandes,
+welcher den Künstler im Bereich seiner Kunst gefesselt hält, während der
+Dilettant frei bleibt. Der Künstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht,
+das Vermögen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser Welt zu
+identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim Dilettanten ist es
+umgekehrt. Der Dilettant identifiziert sich wirklich mit den Dingen
+dieser Welt, indes sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich
+daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert, begriffen,
+gedeutet werden soll, sondern gegen die Kunst, deren er sich bemächtigen
+will. Der Künstler hat die Kunst innen und möchte sich gleichsam ihrer
+entledigen im Austausch gegen Göttliches und gegen ein Stück Welt; der
+Dilettant hat sie draußen und wünscht sie zu gewinnen, indem er Welt und
+Gott in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie zu bringen
+sucht.
+
+Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch Gott noch Kunst in
+sich selbst. Ihm ist nicht nur die Kunst ein Äußeres, zu Erraffendes,
+sondern auch Welt und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich
+ist er ermüdet von Erlebnissen. Er ist nicht von stark organisierter
+Seele, sonst würden geringe Kämpfe nicht imstande sein, ihn zu ermüden.
+Er hat einer Schlacht beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den
+Kanonendonner gehört und zugesehen, wie man Verwundete und Tote
+vorübertrug. Das hat genügt, ihn mit Abscheu gegen den Krieg zu
+erfüllen, ja, er ist der gründlichste Hasser alles Kriegswesens
+geworden, ein Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit seines
+Geistes zwingt, seine Schwäche wie eine Stärke zu behandeln.
+
+Schon daraus läßt sich schließen, daß er nicht aus innerer Notwendigkeit
+am Kampf teilgenommen hat, sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust
+am Soldatenleben oder aus Begierde nach Auszeichnung. Man hat ihn
+einfach wie so viele andere Rekruten dazu ausgehoben, und er war von
+vornherein ein skeptischer Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu
+denken ist. Da man etwas treiben muß in der Welt, ist er Soldat
+geworden; nimmt er den Abschied, so ist er, mit Ausnahme des gewonnenen
+Ekels und Abscheus, wieder so leer wie er vorher war, und er weiß nicht
+recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer, sondern auch
+unentschieden auf den Plan, und weil ihn kein Muß befehligt, ist er
+nicht hungrig. Nur Leute, die unter einem tyrannischen Muß knirschen,
+sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt.
+
+Er merkt es wohl, daß Hunger dazu gehört, um sich zu entscheiden:
+Hunger, Spannung, Sehnsucht, eine ideelle Begierde. Die Welt, die
+Menschen, die Erscheinungen des Lebens erregen seine Teilnahme kaum oder
+nur insoweit, als seine Person dadurch berührt wird. Auf einmal richtet
+sich seine Begierde, seine ganze Spannung und Sehnsucht gegen die eigene
+Person. Er entscheidet sich ganz und gar für seine eigene Person, deren
+er sich bisher, in den hintersten Reihen der Kämpfenden, nur dumpf
+bewußt geworden war. Seine eigene Person enthüllt sich ihm plötzlich als
+ein Gegenstand von ungeahnter Wichtigkeit, als ein unentdeckter Bezirk,
+von dessen Schönheit und Vorzügen die übrigen Menschen zu unterrichten
+jetzt sein gebieterischster Trieb ist. Alles was er tut, denkt und
+empfindet, erscheint ihm erstaunlich, besonders und in hohem Grade
+mitteilenswert. Je unbeachteter und dunkler sein Dasein bis nun gewesen,
+je mehr drängt es ihn, sich in einen Mittelpunkt zu stellen. Wie aber
+fängt er dieses an?
+
+Er geht mit instinktiver Pfiffigkeit ans Werk. Er schmückt sich; und
+zwar schmückt er sich mit seinen Leiden, mit seinen Erfahrungen, mit
+einer in auffallender Weise zugespitzten, verschärften und
+nachdrücklichen Meinung über Menschen und Schicksale. Damit reizt er die
+Neugierde, und sein Instinkt hat ihn trefflich geführt, denn Neugierde,
+in einem gemeinen wie in einem höheren Sinn, ist der hervorstechendste
+Zug der Gesellschaft, aus der er kommt und deren Mittelpunkt er sein
+möchte, deren Mittelpunkt der schöpferische Mensch wirklich ist. Auch
+der schöpferische Mensch übertreibt das Bild der Welt, aber dadurch,
+indem er es vergrößert, dadurch allein schon, indem er die eigene Person
+aus seinem Werk ausschaltet und an dessen Stelle etwas setzt, was ich
+fiktive Persönlichkeit nenne. Dem schöpferischen Menschen ist seine
+Person nur ein Vorwand, ein Ausgangspunkt, der Literat als Dilettant
+sieht in ihr die Essenz und das Ziel. Der schöpferische Mensch ist
+einsam, von Natur und durch Bestimmung; dennoch lebt er unter den
+Menschen, weil die Menschheit ihm ein unentbehrliches Element ist, durch
+welches er leidet, weil er geboren ist, um zu leiden, weil das Leiden
+derjenige Seelenzustand ist, der ihn befähigt zu schaffen. Der Literat
+als Dilettant ist niemals einsam; je weniger, je mehr er bei sich und in
+sich selber steckt. Er stellt sich abseits, um in der künstlichen
+Einsamkeit einen Ersatz für die natürliche des schöpferischen Menschen
+zu gewinnen; er schmückt sich mit Einsamkeit, und auch dies ist ein
+Mittel, um Neugierde zu erwecken. Die Menschen sind ihm entbehrlich,
+obgleich er sie sucht; er ist der Menschen überdrüssig und satt, nur
+seiner eigenen Person wird er niemals satt, sie erscheint ihm stets
+interessant, begehrenswert, wichtig und ausgezeichnet. Nicht durch die
+Menschen leidet er, sondern durch sich selbst, und je nach Rang und Art
+seines Geistes und Charakters in allen Graden und Möglichkeiten;
+angefangen von unerfüllten Ansprüchen niedriger Sorte bis zum Durst nach
+Stillung eines bedeutenden Ehrgeizes.
+
+Dieser Ehrgeiz ist sorgfältig zu trennen von dem, was die Griechen
+Ruhmsucht genannt haben, als welche ein übersinnliches Verlangen und in
+ihren Wurzeln mit dem Unsterblichkeitsgedanken identisch ist. Der
+Ehrgeiz hat nichts mit Anonymität zu tun, der Ehrgeizige gibt sich nicht
+grenzenlos und unbedingt hin wie der Ruhmsüchtige, er löst sich nicht
+auf in der Idee; er leitet seine Sache, er steht vor seinem Werk, er ist
+immer der Herr, immer sichtbar, und sein Name umflammt seine Tat wie ein
+Programm. Die antik-heroische Eigenschaft der Ruhmsucht ist den modernen
+Zeiten und Menschen fast abhanden gekommen. Vielleicht ist darum unsere
+Kultur, oder was wir mit diesem Namen bezeichnen, so zerstückt, brüchig
+und disharmonisch, weil sie völlig auf einzelnen, auf »namhaften«
+Trägern ruht. Jede wahre Kultur setzt Anonymität voraus.
+
+Der Literat als Dilettant verabscheut die Anonymität, denn tritt er ohne
+seinen Namen auf, so ist es, als wenn ein General ohne Uniform zu Hof
+ginge. Durch seinen Willen getragen, von seinen Zwecken befehligt,
+abhängig von der Gunst der Menschen und der Umstände und somit von dem,
+was die Gesellschaft den Erfolg nennt, kann er in keinem Fall auf äußere
+Bestätigungen verzichten, und die edle Selbstvergessenheit des
+lediglich von der Sache erfüllten schöpferischen Menschen ist ihm fremd
+bis zum Unbegreiflichen.
+
+Doch sehen wir von jener höchsten Selbstvergessenheit vorläufig ab, die
+nur eine ideale Annahme sein mag. Der Ehrgeiz des Künstlers würde auch
+dann in Kraft treten, wenn dieser Künstler auf einer einsamen Insel
+lebte, denn sein Ehrgeiz ist der Ruhmbegierde insofern verwandt, als er
+von dem Bestreben, das Werk zu möglichster Vollkommenheit zu führen,
+nicht zu trennen ist. Der Literat als Dilettant hingegen ist besessen
+von der Sucht nach der Prämie. Eines seiner untrüglichsten Kennzeichen
+ist, daß er der Selbstkritik ermangelt. Selbstkritik ist das Vermögen zu
+vergleichen. Der Literat als Dilettant kann sich nur mit sich
+vergleichen, aus diesem Grunde erscheint er sich bald überklein, bald
+übergroß, da sein einziger Spiegel nur das eigene, beständig
+schwankende, beständig wechselnde, niemals ruhende, losgelöste und
+isolierte Ich ist. Er kann seine Arbeit nicht allgemein an Arbeit und
+Leistung messen; nur an sich selber kann er sie messen, an den
+verbrachten Stunden, gefühlten Anstrengungen; seine Intensität zu sein
+und zu schaffen dünkt ihm die stärkste überhaupt erreichbare, und ein
+solches Bewußtsein genügt ihm, um alle Erinnerungen an Qualität
+auszulöschen oder zu trüben. Im Grunde seiner Seele hält er die höhere
+Geltung, welche die Meisterwerke genießen, für einen Zufall, wenn nicht
+für Schlimmeres; auch jedes Gelingen hält er für einen Zufall, da ihm
+entweder das Talent zu inspirieren oder das Talent zu administrieren im
+Gegensatz zum elementaren Künstler fehlt. Wer ohne Selbstkritik ist, hat
+zu keinem Ding eine wahrhafte Distanz; so betrachtet er alle Künstler
+als seine Kollegen, und das unterscheidende Merkmal zwischen ihm und
+ihnen besteht nur in der Tatsache der größeren oder geringeren Prämie.
+Wohl vermag er zu bewundern, aber seine Bewunderung ist von persönlichen
+Vorbehalten niemals frei; er gibt sich nicht hin, er will insgeheim
+profitieren, er will denen, die die höhere Prämie erhalten haben, den
+Handgriff absehen, und das scheint ihm ausführbar, weil er die Distanz
+nicht kennt. Die Prämie, nach der er strebt, kann er nie erhalten – ein
+Kater zeugt nicht Löwen. Er aber, der da wähnt, alles Vierbeinige sei
+letztlich von gleichem Rang, dem die Art und die Natur der Löwen völlig
+fremd sind, weil er in einem ganz anderen Klima lebt, muß
+notwendigerweise zu der Überzeugung gelangen, daß er das Opfer einer
+Ungerechtigkeit sei; die Vergeblichkeit seiner Forderungen erfüllt ihn
+nach und nach mit Eifersucht und Neid, so daß er alle Menschen gegen
+sich verschworen glaubt, vom niedrigsten Skribenten an, um dessen
+Ermunterung er buhlt, bis hinauf zu Homer, der eine allzu reichliche
+Menge des in der Welt vorhandenen Beifalls verzehrt hat.
+
+Eifersucht und Neid vermögen am Ende seine Fähigkeiten ungeahnt zu
+steigern; fast allein durch Eifersucht und Neid ist er zuweilen
+imstande, die Gebärde, die Rhythmik, die Melodik des Künstlers zu
+treffen und wenn er sich auch nicht hingeben kann, so verliert er sich
+doch manchmal, verliert sich in einer seltsamen Form übertragener
+Nachahmung, in welcher die großen Werke wie abgeblaßt und
+wiederempfunden, schattenhaft, stimmungshaft ein zweites, unwirkliches
+Leben führen. Er übertreibt das schon Vergrößerte, verwickelt das schon
+Vereinfachte, und die Welt, die ihr Bild in einer immer auffälligeren
+egoistischen Verzerrung erblickt, wendet sich beleidigt und gequält ab,
+auch wenn sie dem Urheber vorübergehend gehuldigt hat.
+
+
+
+
+Der Literat als Psycholog
+
+
+Die Psychologie des schöpferischen Menschen ist, mit einem Gleichnis aus
+der Chemie gesprochen, ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die
+Psychologie zur Idee, was ungefähr so viel sagen will, als ließe sich
+jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen Kompaß besitzt.
+
+Der Psycholog hält alles für erlaubt, denn er kann alles erklären. Er
+hat für jede Tat ein Für und Wider, für keine ein Entweder – Oder.
+
+Der schöpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, indes der
+Psycholog die Menschheit und sich selbst verrät. Dieser Prozeß des
+Verrats ist wichtig genug, um näher betrachtet zu werden.
+
+Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als Psycholog ein
+isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich reichere und tiefere Natur.
+Er ist auch die kompliziertere Natur, ja, im Gegensatz zum
+schöpferischen, der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, daß
+seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus einem einheitlichen
+Gefühl, nicht aus einem elementaren Sein und Betrachten erwachsen,
+sondern daß sie vielfache Wurzeln haben, daß kein reiner einfacher Strom
+des Lebens ihn trägt, sondern daß er ein Spiel vieler, verschiedener,
+oft einander entgegengesetzter Strömungen ist, wider die er sich zu
+behaupten hat, woraus sich ergibt, daß er sich fortwährend im Zustand
+der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes befindet. Er ist ein
+wirklich Kämpfender, nicht bloß wie der Literat als Dilettant einer der
+in den hintersten Reihen zuschaut.
+
+Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte Menschen; sie
+sind unkompliziert geboren. Der schöpferische Mensch ist ebenfalls
+unkompliziert, aber dort, wo sich der Ring wieder schließt, auf der
+anderen Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene,
+derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur durch eigenes
+Streben und eigene Bestimmung, sondern auch durch unbewußte Mitwirkung
+der Geschlechter, die ihn hervorgebracht haben und deren Aufgabe es war,
+ihn hervorzubringen. Der Psycholog hat nun gleichsam diese Kette stummer
+Vorbereitung selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelöst und tritt
+mit dem ganzen Willen der »Kette«, mit Belastungen von rückwärts und
+vorwärts, mit unerledigten Verantwortungen, eigentlich als ein
+Deserteur, allein auf den Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige
+Erlebnisse voraus, innerhalb des eigenen Gemüts wie gegen den Kreis der
+Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich zu verantworten, ununterbrochen
+sich zu verantworten, gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich
+selbst. Der schöpferische Mensch hat nicht nötig, sich zu verantworten,
+er ist eben da, er empfindet sich als notwendig und gesetzmäßig, seine
+ganze Existenz heißt: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine
+innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern aber ist immer
+zumute, als ob er verneint würde, er fühlt sich als zufällig, er spürt
+keine Sicherheit, in ihm selbst steckt eine glühende Verneinung, und
+deshalb ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, Schatten- und
+Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, und es gelingen ihm bisweilen
+Werke dämonischer Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was
+er zutage fördert, trägt den Fluch einer geheimen Lüge.
+
+So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag er nur eine
+Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr als den Teil, er lebt nicht mehr
+als den Teil, das ist sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des
+Menschen und im Wesen der Kunst begründet, daß sein Werk ein Ganzes, ein
+Gebilde von allgemeiner Gültigkeit und Glaubhaftigkeit vorzustellen
+strebt. Da klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, desto
+enger und bedingter, desto mehr persönlich gebunden stellt sich sein
+Geschaffenes dar; je weniger er sich bescheidet, desto auffälliger und
+schmerzlicher tritt die Kluft zwischen dem Persönlichen und dem
+objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, keinen Ausgleich. Je
+stärker Talent und Potenz sind, desto mehr verführt ihn die Sprache, das
+Erlebnis, die Leidenschaft, die Intensität der Vision, sich auf sich
+selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und Gott auszuspielen,
+desto mehr verführt er die Menschen, an ihn zu glauben statt an seine
+Welt und an Gott. Er ist immer zugleich Verführer und Verführter,
+während der schöpferische Mensch Führer ist; er ist stets der Sklave
+seiner Eingebungen, Ideen, Worte und Gestalten, indes der schöpferische
+Mensch immer Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit,
+Freiheit und Gültigkeit verleihen will, desto mehr muß er seine
+Fähigkeit überspannen, die Empfänglichkeit seiner Sinne dem
+Krampfhaften, also dem der Natur Feindlichen nähern, und niemals das
+Göttliche, höchstens das Titanische ist sein Gipfel.
+
+Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die äußerste Wachsamkeit kaum zu
+denken; in der Tat ist der Psycholog das wachsamste Geschöpf der Welt.
+Wo der Dichter träumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit hat zur
+Folge, daß er über alle Vorgänge seines Innern und zuletzt über die Art
+und Wirkung des Zwiespalts, in dem er sich befindet, aufs genaueste
+unterrichtet ist. Jener Kampf führt nie zu dauernder Entscheidung; in
+jedem Augenblick fällt die Entscheidung anders, und er selbst darf die
+Waffen nicht ablegen. Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im
+Zustand der Unruhe und der Bewegung alles von sich selbst zu wissen;
+sich von sich selbst loslösen wollen und doch einsehen müssen, daß man
+unlösbar mit und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen
+rechtfertigen zu müssen, gegen das Werk, gegen die Menschheit, gegen
+Gott und gegen die eigene Seele; in einem derartigen Zustand ist das
+dringendste Verlangen das nach einem Heilmittel oder einem
+Betäubungsmittel, nach einem Stimulans; dieses Stimulans ist eben die
+Psychologie.
+
+Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie kann sich bis zu
+halluzinatorischer Kraft steigern. Sie ist beim schöpferischen Menschen
+in den Phasen vor der Entscheidung, beim Literaten ist sie die
+Entscheidung selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung bringt
+eine Wandlung hervor, jedoch diese Fülle von Wandlungen führt keineswegs
+zu einer Verwandlung; die Mittel sind auf dem Wege verausgabt worden, so
+daß es ein Ziel darüber hinaus nicht mehr gibt. Der Literat hat den Weg,
+der schöpferische Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, – auf
+dem Weg, und das beständig; der schöpferische Mensch verwandelt sich, –
+am Ziel. Ein Mann, der nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus
+dem diesseitigen die ganze Summe von Genüssen hervorpressen, die nach
+seiner Ansicht darin enthalten sind. Dermaßen ist das Verhältnis des
+Literaten zur Psychologie beschaffen, und so kommt es auch, daß die
+Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an Gott ist.
+
+Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets bemerken, daß das
+schlechthin, das Nur-Psychologische immer den Verrat in sich birgt. Es
+mag so erstaunlich wie möglich beobachtet sein, nie wird man es ohne die
+Überwindung einer geheimen und tiefen Scham hinnehmen, als ob sich ein
+Mensch vor uns entblößte. Der Psycholog verrät die Welt, indem er sich
+selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen verrät. Dies ist ihm
+die Brücke zur Welt, denn eine andere hat er nicht in seiner Isolierung.
+Der Psycholog kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine Ekstase.
+Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er in seiner Seele gemacht hat,
+er reißt dich in seine Abgründe, begräbt dich in seinen Finsternissen,
+schleift dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am Ausgang und
+am Eingang steht er, nur er, Pförtner und Totengräber. Der
+schöpferische, der handelnde Mensch übernimmt die Leiden der Welt und
+reinigt die Menschheit davon, der Psycholog gießt seine Leiden über die
+Welt, und die Psychologie ist ihm der Schlüssel zur Welt, das Mittel, um
+dir zu sagen: Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses »du
+bist wie ich«, mit Hilfe der Psychologie, des fortwährenden Belauerns
+konstatiert, bringt etwas wie eine künstliche Sozialität bei ihm hervor,
+indes ihm die natürliche von Anfang an fehlt. Wo er haßt, ist sein
+Verrat ohne Hemmung, gewissermaßen sachlich; wo er liebt, glaubt er sich
+zu opfern durch den Verrat, und er muß verraten, weil die einzige Form
+seiner Produktivität darin besteht, das Ganze der Welt in Stücke zu
+reißen und in dem Schmerz über die Zerstörung und Zertrümmerung die
+Unvollkommenheit der Dinge zu gestalten. Während der schöpferische
+Mensch in einem göttlichen Sinne grausam ist, ist der Psycholog in einem
+menschlichen Sinne grausam, da er durch ein tragisch widerspruchsvolles
+Gesetz trotz seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt bleibt
+und sich so wenig wie von sich selbst richtend von ihr lösen kann. Er
+richtet nicht, er klagt an; es geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch
+nie um Gerechtigkeit.
+
+Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebärden mag, ist sie
+der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur,
+der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion. Sie
+ist immer ein irdisch Erfülltes, rationalistisch Fertiges; sie ist das
+Wörtliche, nicht das Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische,
+der Weg und nicht das Ziel.
+
+Nun entsteht die Frage: Wie verhält sich die Welt, die Gesellschaft
+hiezu, wie nehmen die Verratenen den Verrat auf? Sie werden ja beständig
+in Anklagezustand versetzt, beständig ihrer Geheimnisse beraubt,
+beständig in ihrer Scham beleidigt, wie können sie das ertragen?
+
+Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des Kniffs, daß er alles
+Einzelne, Vereinzelte und Sonderliche zum Typus verdichtet (während der
+schöpferische Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). Dadurch wird
+allem Widerspruch die Spitze gebrochen, und es entsteht ein Werk von
+großer Leidenschaftlichkeit, gegründeter Bewegtheit und seelischer
+Durchführung, ein Werk von je stärkerer persönlicher Einheit zumeist, je
+geringer eben die Objektivierung der Welt darinnen ist. Obwohl jene
+Eigenschaften nur mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst
+zur Erscheinung gelangen können, nenne ich doch das Verfahren des
+Psychologen – in höherem Betracht – einen Kniff, denn er deckt sich
+damit nach zwei Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er
+einen Zerrspiegel vorhält und sie dabei durch seine Leidenschaft, sein
+Gefühl, seine Kunst, seine Persönlichkeit verhindert, die Willkür in den
+Zerrbildern zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, wenn
+man will, gegen das schöpferische Prinzip, indem er sich als einen
+leidenden, leidenschaftlich ergriffenen Menschen preisgibt, aufgibt und
+zugleich darauf pocht, daß er in unabhängigen Gestaltungen zur
+Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt.
+
+Ich spreche selbstverständlich nicht von der Psychologie als
+Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und hat mit der Psychologie in
+der Kunst wenig oder nichts gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine
+analytische Methode, sondern eine Empirie höherer Ordnung, nicht mehr
+eine Disziplin, die von Realitäten ausgeht, sondern eine Realität an
+sich. Sie verpflichtet und verbindet das künstlerische Gebilde der Erde,
+verleiht der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem schon
+Zusammengefaßten, Verdichteten sein unverrückbares Gesetz, seelische
+Anwendung, wechselvolles Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die
+Erfahrung beruft. Der Literat als Psycholog will aber durch die
+Psychologie die Vision, das Gleichnis, das Verdichtete, das Gedicht erst
+erzeugen. Ihm ist der Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger
+als die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt ist, erlahmt er
+in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit vermag er zu erschöpfen, er weiß
+sie immer neu, anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie
+ist ja sein Persönliches, sein Erbe, während die Idee das Göttliche
+vorstellt, von dem er abgeschnitten ist.
+
+Durch das außerordentliche, zauberhafte, verführerische Talent, die in
+sich selbst beschlossene Realität zu gestalten, wird nun die Menschheit,
+die Gesellschaft oder das, was man Publikum nennt, über den begangenen
+Verrat hinweggetäuscht. Und zwar nicht erst seit gestern.
+
+Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die geistige und
+sittliche Individualisierung der Menschheit begonnen. Der christliche
+Kerngedanke ist eigentlich die vollständige und freiwillige
+Selbstisolierung des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale
+Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heißt: allein dastehen
+gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlöst, wird die Menschheit erlöst.
+Es konnte bei der Sublimität einer derart aufs äußerste getriebenen Idee
+nicht ausbleiben, daß sie, um eine Wirkung zu üben, mißverstanden werden
+mußte und das Christsein schließlich nur hieß: erlöst werden durch das
+Leiden eines andern, dessen nämlich, der seiner Lehre das
+welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das Christentum nach der
+sozialen Seite hin nutzbar gemacht.
+
+Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstörende Idee ist die
+der Kunst entgegengesetzte Idee schlechthin. Der christliche Mythos
+konnte der Kunst nur dort Nahrung zuführen, wo entweder gläubige Gemüter
+den gläubig Schaffenden umgaben, oder wo sein menschlicher Gehalt die
+Strenge der Überlieferung sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der
+Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, im ganzen
+Marienkult, antikisierend und dem Erlösergedanken fremd waren. Es konnte
+also nur das leidende, inbrünstige, ekstatische, lebenverzichtende
+Gefühl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive Frömmigkeit
+erforderlich war, oder es mußten übernommene Vorstellungskomplexe eine
+immer wiederholte Darstellung finden, deren persönliche Beseelung aber
+unmöglich wurde, als die Tradition ermattet und die Zahl ihrer Motive
+verbraucht war. Die bildende Kunst und die Musik, deren Gehalt
+ausschließlich in der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in
+Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn auch meist nur
+scheinbaren Zusammenhang mit dem Christentum am längsten bewahren; die
+Literatur hingegen, Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch das Wesen
+der Sprache und des Wortes auf eine stärkere geistige Existenz gestellt.
+Dies bedingt einerseits eine größere Kälte, größere Ferne und geringere
+Unmittelbarkeit der Gefühlswerte, andererseits wird aber dadurch jede
+Verschleierung und Verdunkelung der Idee erschwert, da die Auflösung der
+unerläßlichen Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur Wirkungslosigkeit
+führen würde.
+
+Der Dichter mußte sich also um so eher und nachhaltiger vom Religiösen
+befreien, je mehr dies Religiöse seines national-mythischen Gehalts
+entkleidet und, was dem Geist des Christentums widerspricht, zu einer
+staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. Das christliche Gebot der
+Absonderung, der leben-, form- und freudezerstörenden Individualisierung
+zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer Individualisierung
+auf geistigem Weg, vor allem zu einer losgelösten, vom Volk
+abgesonderten Existenz. Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus
+dem Volk ihm zuströmenden, im seelischen Leben des Volks gewachsenen
+Mythos beraubt, und dies bedeutet: daß er seinen Mythos selbst
+erschaffen mußte, aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter
+befanden sich im Kreise des religiösen Mythos ihres Volkes, der stets
+identisch war mit dem nationalen Mythos. Das Christentum zerbrach diese
+Einheit nicht nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles
+Schöpferische verneinender Mythos entzog den Dichtern auch die
+wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die wunderbar tiefe
+Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, die jene Genien besaßen, die von
+einem ununterbrochenen Strom mythisch vorhandener Gestalten schon
+getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. Wie wäre denn sonst das
+christliche Mittelalter, insonderheit das deutsche, so arm an großen
+Dichterpersönlichkeiten? Die wenigen von Rang führten nur ein privates
+Dasein, waren einsam, waren geduldet, oder auch wohlgelitten, »Sänger«,
+Kostgänger, Mitläufer, nicht Führer, nicht Propheten.
+
+Der Dichter mußte seinen Mythos selbst erschaffen. Dabei ist es
+geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, der Staaten, der Völker,
+der geistigen und sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die
+fortschreitende Dezentralisation und die beständige Verschiebung der
+Kasten und Klassen beständig wachsende Fülle von Schicksalsmöglichkeiten,
+alle diese Umstände haben die Tendenz zur Vereinzelung verstärkt. Kaum
+daß noch Familien ein natürliches, auf dem Herkommen beruhendes Ganzes
+bilden; die Gemeinde, die Polis, der Staat, die Nation sind schon
+künstliche und zufällige Zusammensetzungen. Das seelische Erwachen von
+Millionen Einzelnen bietet freilich ein großes Schauspiel; es ist nur
+die Frage, ob es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht eben
+ins Grenzenlose und Verhängnisvolle gesteigert wird.
+
+Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte Grundlage des
+nationalen Mythos fehlt, muß er ihn aus seinem Innern ersetzen. An die
+Stelle der lebendigen Überlieferung tritt diejenige des Schrifttums, und
+statt der natürlichen Sprache, die der Mythos hat und in der er zu allen
+spricht, ergibt sich der Stil. Sein Gedachtes, sein Geschautes, sein
+Geträumtes, sein Werden, sein persönliches Erleben, seine Anschauung der
+Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein Verhältnis zur Natur, dies
+alles verdichtet, vereinfacht, verbildlicht und zur Schönheit
+verwandelt, wird nun für den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn
+er zugleich Künstler ist, wenn er alle Lebenselemente zu Kunstelementen
+umgeschmolzen und das Persönliche in ein Göttliches verwandelt hat.
+
+Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen Ernst voraus,
+eine Kraft zur Entsagung und einen Willen zur Einsamkeit und
+Selbstvertiefung, die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe
+machen müssen, damit er Herr des Werkes werde, sondern es fordert auch
+bei den Empfangenden eine Eigenschaft, die fast Kongenialität zu nennen
+ist und die sich natürlich nur bei erwählten Geistern findet, zunächst
+wenigstens; später greift dann die Tradition von Bildung, Stil und
+Kultur ein, dieselbe Tradition, deren sich der Nachfahr bedienen und die
+er zugleich bekämpfen muß, um sich selbst zu finden. So vollzieht sich
+nie ein harmonisches Kräftespiel; alles ist Kampf und Absonderung, und
+das Mißverständnis zeugt, nicht das Einverständnis.
+
+In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das
+Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und großartiger ist, je größer
+eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es
+gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch glühendes Welt-Erraffen,
+selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persönliches gleichsam
+auszutilgen und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. Dies ist dem
+Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schöpft er ebenfalls
+alle Nahrung aus sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt
+tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt,
+bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das
+andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, und
+er ist fern von den Menschen – wie der schöpferische Mensch, und fern
+von Gott – wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das
+Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die
+ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, des vereinfachten
+Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende,
+Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von
+ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine
+Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes
+Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, zu verraten.
+Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an
+Spiegelbildern, an Enthüllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstörten
+Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein
+Gleichnis für Göttliches nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine
+Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht
+sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie wach, seine Bewegtheit zerstreut
+sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie,
+seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein
+Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres,
+Glaubhafteres und Reizenderes als beim schöpferischen Menschen, wo sie
+ein Gleichnis für das Göttliche finden, die Synthese.
+
+Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das Volk für sich hat,
+die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der
+Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die
+an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein
+Publikum? Es sind die »Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten,
+eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, die Wahllosen,
+Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und völlig Gottlosen. Darin beruht der
+tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall
+und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die
+Gottlosen für sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er gottlos
+ist?
+
+Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glück des Darüberstehens ist,
+mag er auf den blicken, der geradeswegs für das »Publikum« erschaffen
+wurde und der nicht mehr daran leidet, daß er gottlos ist.
+
+Das ist:
+
+
+
+
+Der Literat als Tribun
+
+
+Er stammt zumeist aus kleinen Verhältnissen und kennt die Not, die
+leibliche wie die geistige. Zwei Dinge haben ihn emporgehoben: sein
+Ehrgeiz und das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur äußerlich, er zielte
+auf die Verbesserung der sozialen Stellung, wurde aber später durch
+geistige Zuströme sowohl veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn
+der Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenuß zerstört.
+So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem
+Wanderer.
+
+Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist nicht beschwingen, aber
+sie gibt ihm die vehemente Stoßkraft des von eingepreßtem Dampf
+getriebenen Hebels.
+
+Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tatsächlichen; er ist
+Erklärer und Propagandist; Bannerträger alles Neuen; Beobachter, der
+unfehlbare Schlüsse zieht; Alchimist der Überraschungen und Moralist der
+Nutzanwendung; Übertreiber des Absurden, Verzerrer des Trivialen,
+Widersacher des Selbstverständlichen; Leugner des Seltenen, wo Seltenes
+anerkannt, und Verkündiger des Genius bis zu der Stunde, wo der Genius
+sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der Anpassung, der Aufwiegler
+der Stumpfen, die Polizei der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist
+vieles in vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick
+angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden zu denken, ohne
+den gegenwärtigen halten zu können, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist
+wie der Kapitän eines Passagierdampfers; bei jeder Fahrt sind andere
+Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte, nie vorbereitete, nie solche,
+die sich seiner Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er muß alle
+Voraussetzungen seines Tuns und seiner Kräfte jedesmal von neuem
+exponieren. Der Wechsel der Passagiere vollzieht sich unter beständigem
+Bruch geschaffener Bündnisse und Übereinkünfte, beständiger Veränderung
+der Formen und Normen.
+
+Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert man sich wohl. Im
+Grund ist es der Name, der Gewicht und Klang hat, der eine Luft des
+Schreckens, des Befehls, der Autorität, der Leidenschaft um sich trägt.
+Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die Person schreitet über die
+Leistung hinweg.
+
+Wer ist unglücklicher als er? Vertrauen erzwingen, Anerkennung,
+Billigung und Freundschaft mit Aufwand aller Mittel des Geistes erobern,
+um alles wieder zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie am
+Anfang muß er seine Person einsetzen und bloßstellen, immer mit dem
+ganzen Elan oder, was nicht minder aufreibend ist, mit der Gebärde des
+ganzen Elans. Hätte er nicht die Gebärde, so würde er ausgeplündert,
+ausgeschlürft und ausgeleert, da die Vielfältigkeit der Aufgaben, die
+ihm gestellt werden, und die Zerstreutheit der Interessen, die zu
+sammeln, zu befriedigen, zu beschäftigen seine wichtigste Mission ist,
+ihn nötigen, alles was er empfängt, sogleich wieder zu veräußern. Der
+schöpferische Mensch verarmt nicht, ihn nähren tiefe Wurzeln; seine
+wirkliche Persönlichkeit wird genährt von seiner mythisch-fiktiven. Auch
+seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die Gestalt, die ihm
+verbunden ist, auch wenn kein Ohr ihn hörte, kein Auge ihn sähe. Die
+Realität ist nur ein Gleichnis für ihn; er schafft ja die Welt zum
+zweitenmal.
+
+Demgegenüber ist der Literat als Tribun der einsamste von allen
+Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz gelöst von der Welt. Was ihn
+schützt und tröstet, ihn unermüdlich, gewissermaßen verblendet macht,
+was seinen Ehrgeiz in Glut erhält, ist das Wort. Er hat eine angeborene
+Liebe zum Wort, und es wäre verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht
+für einen Dichter hielte. Das Wort ist sein Gefährte, er geht mit ihm um
+wie mit einem Freund, er tändelt mit ihm wie mit einem Kind, er betreut
+es wie eine Geliebte und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste
+durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er durch das Wort tapfer,
+ja tollkühn; hinter dem Wort verschanzt er sich, verbirgt er seine
+Armut, seine Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort gibt
+ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert und verdeckt seine
+Irrtümer und verleiht ihm genau die Gestalt, die er vorzustellen
+wünscht. So wird er undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das
+Wort ein Panzer wäre; unsichtbar und unauffindbar hinter dem Wort, ein
+wunderliches Widerspiel zum schöpferischen Menschen, der unsichtbar ist
+hinter der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt, nur
+Handlungen, Bewegungen (des Körpers oder der Seele). Dann sind Worte von
+ganz anderem Valeur, ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht
+Gesagtes. Das Wort als solches verhüllt die Gestalt und macht sie
+unsichtbar.
+
+In einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der ungeheuren Fülle der Dinge,
+der Gesichte, der Vorgänge, der Meinungen, des Wissenswürdigen, des
+Neuen, des schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergrößerung
+geistigen Bestandes bei erschreckender Haltlosigkeit des Besitzes ist
+der Literat als Tribun unentbehrlich. Er ist es, der wägt, der urteilt,
+der vermittelt, der die Großmünze der geistigen Regierungen in die
+Kleinmünze des Verkehrs umsetzt, der Bildung verbreitet, Kenntnisse
+weckt, Einsichten fördert und in allen Angelegenheiten des öffentlichen
+Lebens höchste und letzte Instanz ist.
+
+Das wäre nun eine sehr segensreiche Tätigkeit mit heilsamen Wirkungen,
+müßte man glauben. Man müßte glauben, daß eine so stetige und heftige
+Teilnahme am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur, an seelischem
+Wachstum und geistigem Fortschritt ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn
+und ohne wahre Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir näher zu.
+
+Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn, auch nur der
+allergeringste Lohn in Aussicht steht? Kann von Selbstlosigkeit die Rede
+sein, wo eine Handlung dazu dient, den Glanz eines Namens zu erhöhen? Es
+mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache führen, und er besitzt doch
+nicht die wahre Sachlichkeit, sobald es unter dem Schutz seiner Person
+und unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn und
+Selbstlosigkeit, das wäre Auflösung der Anonymität, – rein betrachtet,
+meine ich, denn ich will ja keine Kompromisse mit den Begriffen und mit
+den Erscheinungen schließen. Daß die Anonymität des Tribuns ja zuweilen
+sogar seiner Ehre schaden kann und muß, gehört auf ein anderes Feld; es
+ist dies ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur, nicht _das_
+anklagt, was ich unter Anonymität verstehe.
+
+Was aber verlangst du? hält man mir dawider. Ist der Opfersinn, die
+Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit unzureichend, die der Literat als
+Tribun in seinem edelsten Typus darstellt, was wäre dann zureichend? Was
+geschähe ohne ihn? Wer würde seine Arbeit verrichten, die, wie gesagt,
+unentbehrlich ist, schon weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten
+Neigungen entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Auflösung und der
+Anonymität fähig sind? Die wirken durch die Tat, durch die Gestalt,
+nicht durch das Wort. Ist jedoch der schöpferische Mensch anonym? Er
+erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den Mythos, in dem er
+entschwindet wie Zeus in der Wolke. Wo läge aber der Mythos für den
+Literaten als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort ist das dem
+Mythos schlankweg Entgegengesetzte.
+
+Dafür wäre also abermals die Zeit zu beschuldigen, die eine Kultur
+geschaffen hat aus einer Summe von Einzelkulturen, die auf den
+Individualismus schwört und in ihren subtilsten Regungen, in ihren
+ahnungsvollsten Stunden noch, sie weiß kaum wie sehr, der Materie
+huldigt. Die Person, das ist eben die Materie in nuce. Man fragt, was
+ohne die segensreiche Tätigkeit geschehen würde, die der Literat als
+Tribun entfaltet. Die Wege der Bildung würden veröden; gewiß. Aber ist
+es nicht schon genug der Bildung, die nur auf eine Vervollkommnung des
+Persönlichen, persönlicher Macht, persönlicher Ausdrucksmöglichkeit,
+persönlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn einmal ruhen,
+um eine wohltuende Geistesdämmerung eintreten zu lassen, in der die
+Seelen einander finden würden, der Streit der Meinungen, die Schlacht
+der Worte zum Austrag gelangen könnte? Ich behaupte nicht, daß diese
+Bildung nur ein Äußeres sei, sie kann auch ein Inneres sein, Kräftigerin
+des Gemüts, Reinigerin des Herzens; aber ein Religiöses ist sie nicht,
+niemals wird sie den Menschen zum Mythos führen, ihm die große Fülle,
+die große Stille, die große Bescheidung, den großen Zusammenhang
+schenken und sein Herz der Trägheit entledigen, die eine Folge der
+individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn verpersönlichen, zum
+Knecht des Wortes machen, zum Wörtlichen, zum Einzelnen.
+
+Dafür eben ist _das Wort_ ein Merkmal, das Merkmal geradezu. Es hat alle
+Gebiete des Denkens und des Gefühls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt
+erobert. Es ist der nützliche Kolonisator jeder Wildnis und der
+voreilige Zerstörer des Geheimnisvollen. Es hat nur kurzen Atem, eine
+flüchtige Existenz, aber es hat die Kraft, sich immer wieder aus sich
+selbst zu erneuen. Was es berührt, bezeichnet hat, tritt unveräußerlich
+in den Bezirk des Gewußten und Bewußten, in den Bannkreis der Meinungen
+und Urteile, wird studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie
+Raritäten in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung, wo sie
+aufhören, ein freies, organisches und anonymes Dasein zu führen. Was
+gestern noch Ahnung war, heute ist es Gewißheit, morgen ist es ein
+Schall. Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet die Kürze
+des Wegs vom Glauben zur Entgötterung, von der Gebundenheit zur
+Anarchie. In der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von Glauben und
+Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist Angst, Fatalismus; es ist nicht
+Gesetz, es ist Trägheit, Rationalismus – Schranken vor dem Chaos.
+
+Will der Literat als Tribun über das Wort hinaus, so gelangt er in die
+Sphäre des Dilettanten oder in die des Psychologen, wobei er Schatten
+beschwört, die er für Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs
+ist er unnachahmlich und wird seine Gaben zur Vollendung entwickeln. Da
+er in der Luft der Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die über den
+Dingen schweben, über den Menschen, über der Kunst und über der Natur.
+Er vermag sie so zu binden, so zu schleifen, daß sie unter allen
+Umständen seinen Charakter und die Farbe seiner Persönlichkeit annehmen.
+Dies ist noch nicht Stil; zum Stil gehört Distanz und Ruhe, Bild und
+Rhythmus; es ist das Wort in seiner Sinnlichkeit und Nähe, seiner
+Einschichtigkeit und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende, werbende
+und symbollose. Damit es an seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies
+enthüllt sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten als
+Tribun. Die Rede fordert Hörende, nicht Neugierige, Wißbegierige, nicht
+Gelangweilte, die flüchtig aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag
+sich wendet, deren Teilnahme für Gelesenes nur eine Maske der Müdigkeit
+und der Überfütterung, deren Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch
+von einer Verpflichtung loskaufen, nur eine künstliche Form von
+Gleichgültigkeit oder sagen wir Objektivität ist; sondern die Rede
+fordert eine von gemeinsamem Band vitaler Interessen umschlungene
+Gemeinde. Der Literat als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen
+zwei Stühlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage, eine
+einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene Wort hat ganz
+andere Resonnanzen und Ansprüche; an die Stelle des Willens zur Tat
+tritt der Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden, ohne zu
+spüren oder zuzugeben, daß dies nur ein Surrogat ist, und über die
+Unmöglichkeit einer allgemeinen, politischen, besser: verwandelnden
+Wirkung tröstet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen, mit dem
+Enthusiasmus der Gleichgültigen, mit der Zustimmung der Fachgenossen und
+einem Ruhm, der aus Papier besteht.
+
+Eine unausbleibliche Folge des Mangels an Hörenden ist die zunehmende
+Zahl derer, die selbst etwas sagen wollen. Es beruht dies auf dem
+seltsamen Irrtum der menschlichen Natur, daß sie das geben zu müssen
+glaubt, was sie nicht empfängt. Die fortschreitende Individualisierung
+wirkt auf den einzelnen verlockend, ein Phantom der Freiheit äfft ihn,
+und er tritt selbsttätig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt ist, was
+durch die stumme Arbeit der Geschlechter vollendet werden muß. Jeder
+solche einzelne ist ein »Talent«. Das Talent ist ein Losgelöstes, vom
+Mythos Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente sind
+Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt, Sektierer, nicht
+Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt, Unterhaltung, Zerstreuung,
+Spannung, Anspannung (der die Abspannung wie eine Rache nachgeht), dafür
+machen sie sich bezahlt durch eine geistige Tyrannei und eine
+Vorherrschaft ihrer spezifischen Art, welche den innerlich Unsichern,
+zufällig Erhobenen nicht verleugnen. Das Talent ist wie der Mond; es
+zeigt immer nur eine Seite: die literarische; die menschliche ist
+unsichtbar, – eine Entzweiung von verhängnisvoller Beschaffenheit, die
+irgendwo und -wann zum Bankerott führen muß.
+
+Wie oft sehen wir, daß zugunsten des »Literarischen« das Menschliche
+geopfert wird. Wir müssen auf ein Antlitz verzichten, um uns an
+Verkleidungen zu ergötzen. Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt es
+Fälle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erfüllt ist, daß er sich
+gedrängt fühlt, es darzustellen. Es handelnd auszulösen, ist ihm aus
+vielen Gründen versagt, unter welchen der Mangel eines echten
+gesellschaftlichen Zusammenschlusses am schwersten wiegt; er greift zur
+schriftlichen Mitteilung – als Beichte; zur übertragenen Form des
+gestalteten Bildes – als Spiegelung. Mag es Klarheit für ihn,
+Aufklärung, Bereicherung für die Freunde, für Gleichfühlende bringen,
+Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und entlastet ihn. Anstatt es
+aber dabei zu lassen, das Ungewöhnliche, Seltene, jedenfalls Einmalige
+als solches zu bekräftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zerstört,
+anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben, und was zuerst
+Berufung war, wird Handwerk, dann Routine, dann ekler Absud und
+Selbstplagiat. Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es wird immer
+weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt, eine Tat wird verleugnet,
+Freunde werden zu Kostgängern, ehedem Ergriffene zu höflichen Jasagern,
+die Seele verarmt in der Gebärde, der Geist stellt sich im Wort bloß,
+Erlebnis wird sogleich als Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum
+lähmt das Erlebnis, dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den
+Genießenden die Unschuld und Freudigkeit getrübt, und es entsteht –
+Literatur.
+
+Das Notwendige sinngemäß vollbringen, kennzeichnet den Menschen von
+Berufung. Infolge jener Entzweiung wird entweder das Notwendige nicht
+sinngemäß, d. h. stilgemäß, angeborener Form entsprechend zum Ausdruck
+gelangen, wenn das Menschliche prävaliert, oder das Sinngemäße wird
+nicht immer das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte sein, wenn
+das Literarische prävaliert. Entweder wird also das Literarische als dem
+edleren Dilettantismus verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird
+nur wie ein zufälliges Anhängsel erscheinen.
+
+Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist unterworfen. Von
+Anbeginn an ist er der geschworene Feind des Dilettanten, da er
+sozusagen auf Vorposten steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich
+verkettet findet und, der Öffentlichkeit preisgegeben, eine öffentliche
+Person ist, von der man bestimmte Leistungen zu erwarten sich mehr
+bemüßigt als gezwungen fühlt. Schon die stete Verantwortung nötigt ihn
+zur Gebärde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel mehr erst die
+Gewohnheit, das Metier. Das Wort umpanzert ihn, kommandiert ihn, und
+wollte er sich auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort
+gesündigt hat, so fände er die Brücken abgebrochen und den Weg zu weit.
+Er muß antworten, beständig antworten, als ob die Welt und das Leben
+voll von Fragen wären; sie sind auch voll von Fragen, nur werden sie
+nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt und das Leben, und die
+Antwort geschieht um der Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort
+muß ihm Maske bleiben. _Er darf sich nicht verraten_, niemals und unter
+keinen Umständen. Er ist nur treu, solange das Wort ihm treu ist. Er
+geht um die Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist ihm nur ein
+Wort, und Worte werden vergessen (oder auch behalten), gesehen werden
+sie nicht. Er kann nicht träumen, das Wort hängt mit Bleigewicht an den
+Flügeln des Traums; er kann nicht genießen, das Wort verpflichtet ihn,
+dem Genuß auszuweichen. Er fühlt nicht mit dir, außer mit seinem Ehrgeiz
+für deinen Beifall, mit seiner Leistung für deine Schwäche, mit seiner
+Virtuosität für deinen Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam
+kränklich, sehr argwöhnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen, ohne
+Traditionen, Emporkömmling, Autodidakt, überaus einsam und in
+unruhvoller, ja atemloser Tätigkeit.
+
+
+
+
+Der Literat als Schöngeist
+
+
+Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies, so versteht er es
+doch, sich die gemeinen Sorgen vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein
+bequemer Herr wäre; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er hat nur
+einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit, der ihm oft das Leben
+so unbequem wie möglich macht. Schon das bloße Nachdenken, geschweige
+denn die Beflissenheit, Bedürfnisse und Ansprüche zu befriedigen, die
+einem gewöhnlichen Menschen keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, stürzt
+ihn in Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt, den eigentlichen
+Zwecken zu dienen, ist die Hälfte seiner Seelenkraft schon aufgebraucht.
+
+Seine Neigungen sind luxuriös in jedem Sinn. Er liebt die Fülle, die
+Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt die Dinge dinglich, mit wahrer
+Freude am Gegenstand, doch nur seltene und kostbare Dinge, oder solche,
+die schon gleichsam eine Metapher bilden oder enthalten. Am Häufigen und
+Niedrigen das Charakteristische zu schätzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja
+die Möglichkeit, weil er sich zu weit nach der andern Seite entfernt
+hat. Da aber das Leben mehr aus Häufigem und Niedrigem besteht als aus
+Seltenem und Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens, sondern
+ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit, denn er hat keine
+Naivität.
+
+Man muß seine Bildung als profund bezeichnen und seinen Geschmack als
+über jeden Zweifel erhaben. Dies läßt auf große Ausdauer schließen, auf
+einen sicheren Blick und ein präzis abwägendes Urteil. Eine derartige
+Vereinigung von Bildung und Geschmack kann ferner nicht ohne ernsthafte
+Selbstzucht erreicht werden; ist sie noch dazu einem Temperament
+abgerungen, das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine geistige
+Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff Vornehmheit zu tiefer
+Bedeutung gelangt.
+
+Warum ist aber der schöpferische Mensch nicht in derselben Bedeutung
+vornehm? Weil er mit dem Niedrigen und Häufigen des Lebens ebenso
+verbunden ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil sein Wesen nicht
+darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren, sondern sich zu
+identifizieren; weil er nicht Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein,
+im Innern der Dinge und der Kreaturen Lebender.
+
+Wenn der schöpferische Mensch in sich selbst sein Werk objektiviert, so
+distanziert es der Literat als Schöngeist. Das Mittel zur Distanz
+verleiht ihm die Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so
+ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und Häufige meidend,
+durchaus das Unterscheidende suchend und unterschieden bis zum
+Gesuchten. Keine Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Gefühl
+besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich, eigenkräftig, sondern
+sie werden durch den Stil hervorgebracht, anscheinend geläutert, in
+Wirklichkeit getrübt. Denn dieser »Stil« ist nicht von der Hand und vom
+Willen gelöst; er zwingt immer zur Aufnahme und Betrachtung eines
+persönlichen Elements und verhindert, daß man sich hingibt und daß man
+glaubt. Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen läßt, daß er
+eine exquisite Rolle spielt, und der Literat als Schöngeist ist ein
+solcher Schauspieler, ein Schauspieler, der sich nicht opfern und
+vergessen kann, weil er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der
+Schauspieler seiner selbst.
+
+Er kann ohne den Stil nicht denken, nicht träumen, nicht gestalten.
+Seine Phantasie ist nicht wortgebunden. Im Wort ist er frei, durch
+Bildung und Wissen sowohl wie durch einen imperatorischen Zug seines
+Geistes, vermöge dessen er alles Detail der Erscheinung sammelt und
+sublimiert. Aber rhythmisch gebunden ist seine Phantasie, in Schwingung,
+Ton, Melodik, Absetzung und Steigerung so gebunden, daß die
+Beschäftigung damit, die vorbereitende wie die ausführende, die ganze
+Atmosphäre des Lebens füllt und das Leben selbst gewissermaßen zu einem
+prädestinierten Verlauf zwingt. Das Formhafte wird ein Gesetzmäßiges,
+und die Folge davon ist, daß das Ethische ein Zufälliges wird, zumindest
+in Abhängigkeit gerät. Äußerlich wie innerlich findet beständig eine
+Verdrängung der Hauptwerte, eine Verschiebung des Substantivischen
+hinter das Attributivische statt, woraus sich ein ungesundes und
+unklares Verhältnis zwischen der Anschauung und dem Bild, der sinnlichen
+Wahrheit und der Metapher ergibt. Bild und Gleichnis werden isolierte
+Faktoren, die sich eigenwillig aufdrängen; der Weg von der Anschauung
+zum Bild ist oft so weit, daß der natürliche Wärmezufluß versickert und
+an dessen Stelle eine künstliche Glut tritt, Überhitzung des Ausdrucks,
+Überladung des Gehalts, Verzerrung der Form. Die beleidigte Ökonomie
+läßt keine echte Schönheit mehr aufkommen; wir gewahren entweder ein
+kaltes Gebilde, Ohr- oder Augenweide, aber im Grunde entseelt, oder
+eines, das uns wie in willenlosem Trotz gegen die Überwucherung der
+Metapher durch einen vergewaltigenden Subjektivismus ernüchtert und
+zweckbewußt macht.
+
+Denn es ist nicht die Leidenschaft, die mich verwandelt, sondern die
+Verwandlungen der Leidenschaft verwandeln mich mit, also letzten Endes
+ein Moralisches. Auf dieses Moralische muß der Literat als Schöngeist
+verzichten. Er scheint es zu verschmähen, aber er muß darauf verzichten,
+weil er sich nicht verwandeln kann, weil er, wie der Psycholog und wie
+der Tribun, an seine Person geschmiedet ist, weil auch er nur den Weg
+hat, obschon es ein anderer Weg ist, und weil er am Ziel stets bei sich
+selbst anlangt. _Er kann sich nicht verraten_; er steht zu fern. Das
+Moralische beschwert sein Gewissen nicht mehr, er leidet nicht
+darunter, es kommt nicht mehr in Frage für ihn. Er spielt. Seine Gebilde
+können leicht und schwebend sein wie Seifenblasen, sie können schwer
+oder flammend sein, aber sie werden niemals jene unbedingte
+Eigenlebigkeit zeigen, die dem Werke des schöpferischen Menschen
+innewohnt, sie bleiben an seine Person gebunden und haben gleichwohl
+nicht das Höchst-Persönliche, das erst aus dem Mythischen strömt und das
+daher identisch mit höchster Sachlichkeit ist. Insofern ist sein
+Schaffen Spiel: weil es nicht höchste Sachlichkeit ist. Da gibt es nur
+ein Entweder – Oder.
+
+Er mag Gemüt besitzen, doch ist es wie ein Fluch: während er seine Werke
+hervorbringt, vielleicht schon in der Konzeption, verzehrt der Rhythmus
+einen Teil der ursprünglichen Empfindung. Der Rhythmus herrscht; die
+Einfachheit läßt ihn erlahmen, erst im Komplizierten und
+Beziehungsvollen kann er sich entfalten, es sei denn, daß er das
+Einfache so weit distanziert, daß es schon wieder metaphorisch wird, als
+Stilisierung verblaßt, als Arabeske sich verkrümmt. Niemand kennt besser
+denn der Literat als Schöngeist die ewig gültigen Werte schöpferischer
+Kunst. Daß er sich an ihnen mißt, daß er immer wieder wähnt, nicht nur
+mit ihnen wetteifern, sondern, wenn günstige Zufälle zusammentreffen,
+sie auch erzeugen zu können, daß er sich darüber täuscht und doch
+wieder, vermöge seines präzisen Urteils, die Täuschung nicht aufrecht
+erhalten kann, das ist sein tiefstes Leiden. Schon dieses Leidens wegen
+ist er kein Epigone zu heißen; er ist weit mehr, er ist Prätendent, der
+niemals gekrönt wird, der zweitgeborene Bruder, und er versteht oft mehr
+vom Regieren und von der Verwaltung als der Regent, der Erstgeborene.
+
+Möglich, daß er aus diesem Grund etwas von einem unruhigen Diplomaten
+hat. Er muß immer ein wenig Politik treiben, um Proselyten zu machen.
+Denn man wehrt sich gegen ihn; die Wahrheit ist in den Menschen wie das
+Herz, sie wird nur verschleiert durch die Geschäfte des Lebens und durch
+unreine Zwecke abgelenkt. Aber auch aus Liebe zur Schönheit wird er zum
+Politiker, da er den Rhythmus, von dem er beseelt ist, in seiner
+täglichen Existenz gleichfalls nicht missen will. Er meidet dich heute,
+wie er dich gestern gesucht hat, denn heute störst du seinen Rhythmus,
+wie du ihn gestern beschwingt hast. Der Rhythmus macht ihn treulos und
+tyrannisch, liebenswürdig oder widerspenstig. Je unfruchtbarer er als
+Künstler ist, je mehr Kunst verwendet er auf sein Leben, d. h. darauf,
+den Rhythmus in seine tägliche Existenz zu bringen, wobei dann ein ganz
+verwickelter Umweg zum Leiden entsteht, über die Kunst und über das
+Leben hin, fern von Gott und fern von den Menschen, so daß die Schönheit
+als Surrogat des Göttlichen zum Wahn- und Schattenbild wird und das
+Leben eine von falschen Zwecken erfüllte kalte und unglückselige
+Einsamkeit. In solcher Einsamkeit gestalten wollen heißt im luftleeren
+Raum Lieder singen wollen.
+
+So wird der Literat als Schöngeist zum Sklaven der Zeit, indem er ihren
+Rhythmus packt und ihre Seele nicht findet und zerrieben wird im Gefühl
+einer ihm unbegreiflichen Ohnmacht; oder er ist ein Verbannter der mit
+unlebendigen und eigenwilligen Formen sich für sozial und seelisch
+fördernde scheinbar tröstet.
+
+
+
+
+Der Literat als Apostel
+
+
+Es ist das Wesen des Apostels, völlig hingegeben einer Idee zu dienen.
+Das Wesen des Literaten ist es, sich selbst unterworfen zu sein. Der
+Literat als Apostel: das wäre also der Widerspruch kat exochen, das
+Paradox an sich, denn wie könnte man einer Idee dienen, wenn man nur der
+eigenen Person dient? Wie könnte einer, dessen Schicksal es ist, vom
+Mythos getrennt zu sein, sich berufen glauben, den Mythos zu erzeugen?
+
+Dieser Widerspruch löst sich nur in einer einzigen Weise: indem er seine
+eigene Person zur Idee erhebt, in der er darauf ausgeht, aus sich selbst
+einen Mythos zu machen, aus seinem stabilierten Ich; nicht aus
+Anschauung und Erlebnis der Welt, nicht hingegeben, sondern verlangend,
+wollend und in der Bezauberung des Willens.
+
+Der Literat als Apostel ist der fanatisch auf das Künstlertum gerichtete
+Mensch. Genuß des Lebens, verweilende Ruhe sind ihm unbekannt. Man
+könnte glauben, es sei der Ehrgeiz, der ihn befeuert, der Erfolg, der
+ihn lockt, die Macht, die ihn reizt, und es ist wahr, etwas von alledem
+gibt seinem Streben den Flug und die Ausdauer, seinem Geist die
+Elastizität. Doch laßt seiner Ruhmsucht so viel Genüge geschehen, als
+sie überhaupt begehrt, laßt seinen Namen an der Spitze von allen
+stehen, laßt ihn den Einfluß eines Herrschers und den Reichtum eines
+Großbankiers haben, – es ist ihm zu wenig; er kann es wünschen, glühend
+darnach eifern, doch den Besitz solcher Güter spürt er kaum. Er ist ein
+Besessener, ein von der Kunst Behexter. Es ist ihm nicht darum zu tun,
+das Leben zu genießen. Sich selbst will er genießen, sich selbst
+ausschöpfen, sich selbst in allen Menschen und Dingen erkennen, und das
+ganze All, Gott und die Kreaturen, ist ihm eigentlich nur sein vielfach
+zerteiltes Ich, gesehen durch das Medium Kunst, zu sammeln und zu
+gestalten ihm anbefohlen durch das Idol Kunst.
+
+Der schöpferische Mensch ist von einer wunderbaren Bescheidenheit
+durchdrungen. Immer bleibt er gleichsam Bürger der Welt; er findet sich
+eingeordnet, nie bevorrechtet; gesteht man ihm höhere Rechte zu, so wird
+er schon an sich zu zweifeln beginnen. Er hat das feinste Ohr für die
+Musik des Lobes und setzt dem geringsten Zuviel seine Verachtung
+entgegen. Er ist gelassenen Gemüts, weise und gehorsam, sich selbst
+gehörig und der Welt und der Gottheit dienstbar, sein Künstlertum
+wahrend, keineswegs aber es als Schild benutzend oder gar als Postament.
+Vielleicht ist es der Mythos, der ihn so bescheiden macht, so
+stolz-bescheiden, ähnlich wie der Abkömmling eines alten Geschlechts
+stolz-bescheiden ist, indem er seine Fähigkeiten und das Vermögen zu
+repräsentieren nicht allein seiner losgelösten Person zuschreibt,
+sondern es der Kette der Ahnen mitverdanken will. So auch der
+schöpferische Mensch. Es wirken in ihm Kräfte von oben, von den Toten
+her, von der Erde, vom Volke her.
+
+Ganz anders der Literat als Apostel. Er ist der Rebell wider alle
+Ordnung, es sei denn, die Ordnung habe keinen andern Bezug als auf ihn.
+Ihm ist alles erlaubt, nicht weil er wie der Psycholog alles erklären
+kann, sondern weil er es ist, durch den die Dinge und Einrichtungen
+sind. Insoferne verhält er sich zum Psychologen wie ein Gesetzgeber zu
+einem Winkeladvokaten. Ihm ist Lobes nie genug, obwohl er Lob verachtet;
+es gibt keinen Beifall, der ihn beschämte, keinen Tadel, der ihm anderes
+wäre als die Frechheit des Neides oder der Dünkel des Unverstands. Er
+ist ausschweifenden Gemüts; seine Nerven sind der höchsten Schwingungen,
+der tiefsten Ermattungen fähig, und die Menschen sind ihm nichts als
+Futter; Futter für seinen Ruhm, seine Zwecke, seine Kunst. Er ist ein
+Menschenjäger, ein Menschenfresser, keines Freundes Freund, kein
+Geliebter, kein Gatte, kein Vater, nur Künstler. Ist der Literat als
+Schöngeist der Schauspieler seiner selbst, so ist der Literat als
+Apostel der Priester seiner selbst.
+
+Beachten wir jedoch, daß er ein großer Künstler ist und sein Werk von
+hohem Belang, daß er unter Umständen ganzen Zeitabschnitten die
+geistige Prägung verleiht, und es wäre zu fragen, ob dies nicht
+Entschädigung genug sei für das Übermaß und die Selbstintronisation.
+
+Da ist denn zu erwidern, daß unsere Zeit ohnehin geneigt ist, sich mehr
+an den Wirkenden als an das Werk zu wenden. Dem genialen Individuum ist
+eine unbegrenzte Machtbefugnis fast von vornherein zugestanden. Die
+Leistung, das ist die Person; der Effekt, das ist die Person; Glorie,
+Dankbarkeit und Enthusiasmus knüpfen sich an die Person. Die Person ist
+schon Partei, wo das Werk kaum noch die Geister erweckt hat; sie
+gebietet den Unschlüssigen, schüchtert die Zweifler ein und bricht den
+Widerstand der Stumpfen. Wohlgemerkt aber nicht die reale Person, nicht
+der handelnde Mensch an sich; dieser hat wenig Spielraum, ist
+eingezwängt in ein verwickeltes gesellschaftliches Gewebe, ein
+engmaschiges Netz von Pflichten und Gesetzen und führt meist ein
+privates, kleines Leben voller Hemmungen. Will er derjenige sein, als
+der er gilt, so muß er den Kreis seines Wirkens durch die Fackel seines
+Namens erleuchten, er muß das Zeugnis seiner Leistung vorweisen können.
+Dann allerdings wird ihm die Ehrfurcht gezollt, deren die Kunst, als
+Idee, sonst völlig verlustig geht.
+
+Man kann also sagen: Die reale Person wirkt erst durch das Medium der
+Werke, die fiktive durch das Medium des Künstlers, was natürlich das
+Verkehrte ist. Es liegt darin nichts Religiöses und Verwandelndes mehr,
+sondern Aberglauben und Götzendienst. In einer religiösen,
+mythisch-bewegten, sachlich, nicht individuell fixierten Zeit trennen
+sich Schöpfer und Gestalt überhaupt nicht voneinander, führen nicht ein
+von der Gemeinschaft der Menschen losgelöstes Dasein, der Schöpfer als
+Literat, als »Schriftsteller«, die Gestalt im Buch oder höchstens als
+ästhetische Metapher im Leben; nein, der Schöpfer, in seiner
+Bescheidenheit, bleibt Teil der Gemeinschaft, und seine Gestalten
+umgeben ihn wie Glieder einer Familie den Patriarchen; sie allein sind
+die Träger seines Namens, nicht aber die literarische Idee, die er von
+ihnen abstrahiert.
+
+Der große Künstler wird in seinem Persönlichkeitsbewußtsein leicht einem
+Übermaß verfallen, da er es immer dort gefährdet findet, wo er von
+seiner Gestaltenwelt gelöst auftritt, also in seiner privaten Existenz,
+oder in seiner öffentlichen, wenn er keine Harmonie spürt zwischen
+künstlerischer und persönlicher Wirkung, und die kann er nur selten
+spüren bei der Zerstücktheit, Unverläßlichkeit und Zufälligkeit aller
+Wirkungen. Es erscheint ihm notwendig, sich zu steigern, sich in Szene
+zu setzen, sich geheimnisvoll zu machen, sich zu kommentieren und sich
+selbst als Idee vor das Werk zu setzen.
+
+Davon hat die Zeit sich mehr und mehr täuschen lassen und sich gewöhnt,
+Persönliches für Sachliches zu nehmen. Gierig greift sie nach
+Persönlichem, wo das Sachliche fremd oder spröde ist, und sie tut es
+schon deshalb mit instinktiver Vorliebe, weil das Sachliche stets in
+irgendeiner Weise menschlich verpflichtet. Von solcher Verpflichtung
+will man sich jedoch, wo es angeht, freihalten; man will reden und
+urteilen, nicht aber durch handelndes Gefühl anteilvoll verkettet sein.
+Nicht umsonst sind wir überschwemmt von Mitteilungen aus dem Privatleben
+der Künstler. Nicht umsonst werden Briefe, Tagebücher, Aufzeichnungen,
+Skizzen, Fragmente der Neugier verfrüht preisgegeben. Wird der Alkoven
+geöffnet und die Werkstatt ausgekehrt, so mag der Wissensdurstige sicher
+bisweilen befriedigt, der Forscher belehrt werden, doch vorzüglich wird
+nur dem Hang der Gesellschaft nach Sachverschleierung gedient. Das
+Göttliche wird beleidigt, indem man den Menschen vergöttert. So ist
+z. B. der Mythos Goethe eine Beute der Persönlichkeit Goethe geworden,
+und Goethe selbst hat durch einen Subjektivismus, der ihm anstand und
+einen Teil seiner Genialität ausmachte, einen Kult des Redens über die
+Dinge, der Meinungsäußerung, der persönlichen Ausholung und Zwecksetzung
+und damit eine Armee von Literaten in die Welt gerufen, die sehr wohl
+Bescheid wissen über alle Probleme des Lebens, die aber sehr wenig
+vermögen, wo es gilt sich einzusetzen, sich hinzugeben, sich, d. h. die
+Meinung zu vergessen, um einer Sache zu dienen.
+
+Der Literat als Apostel ist bis zu einem Grad Eroberer, Mensch des
+Willens und der Sucht, daß er sogar seinem Werk einen Willen verleiht,
+eine Sucht über die Kunst hinaus. Er will es gültiger haben, als es der
+Kunst eigen ist zu gelten, und durch die Kraft seines Künstlertums
+vermag er es in ungeheurer Weise so zu steigern, daß es dieses Ziel
+wirklich zu erreichen scheint. Hier ist eine Schwäche, die mit
+erstaunlicher Täuschungsmacht das Schauspiel einer Stärke bietet, um
+später freilich, wenn die Gewalt der Persönlichkeit dem Walten des
+Schicksals gewichen ist, sich wieder als Schwäche, als Irrtum zu zeigen.
+Nur das Göttliche, das Schöpferische hat Bestand; das Menschliche ist
+flüchtig, auch Vergötterung ist nur Finsternis. Haben wir es nicht
+erlebt, wie die Idee des Gesamtkunstwerks als bizarre Laune eines Genies
+in sich zusammenstürzte? Es war etwas anderes und tieferes als bizarre
+Laune. Es war das Mißverständnis am Mythos.
+
+Denn es ist klar, daß der Literat als Apostel, da er keine
+Selbstlosigkeit besitzt, keinen Mythos aus sich schaffen kann. Auch wo
+er äußerlich zum Mythos greift, zu einem Mythos, der mehr Sage ist als
+lebendig gebliebene Bildung, und ihn durch Kunst vergegenwärtigt, wird
+er nur Allegorie geben, privates Leiden, persönliche Kämpfe, seine
+egoistischen, wenn auch großartigen Entfaltungen und Wandlungen in
+Umrissen, die vom Mythos nur erborgt sind. So wird auch die Menschheit
+bloß den spezifizierten Schmerz darin erkennen; jeder einzelne wird in
+diesem Schmerz doppelt allein mit sich sein, aufgereizt zu sich,
+verlangend nach sich, behext, berauscht, aber nicht verwandelt, nicht
+erlöst.
+
+Dieselbe Herrschsucht, die den modernen großen Künstler dazu verführt,
+sein Werk über die Grenzen der Kunst hinauszutreiben, ihm gleichsam,
+nach Hamlets Worten, die Bescheidenheit der Natur zu rauben, kann den
+Philosophen, sofern er Literat ist, dazu überreden, sich zum Märtyrer
+seiner Lehre zu machen. Daß diese Lehre eine lebenverneinende ist,
+versteht sich nach allem Dargelegten von selbst; der Literat ist ja
+wesensnotwendig ein Pessimist. Nun kann der Pessimismus allerdings in
+einem freien System als Gestaltung auftreten, die sternhaft oder
+kosmisch existent ist wie ein Kunstwerk; in diesem Fall stellt eben die
+schöpferische Kraft des Bildners oder Architekten als lebensbejahendes
+Element den Ausgleich her. Wenn aber der Pessimist den Beweisantrag auf
+das eigene Ich stellt und durchführt, ist aus dem Symbol ein Wörtliches
+geworden; da ist nicht mehr der Dualismus, der den schöpferischen
+Menschen in die Mitte von Irdischem und Himmlischem führt, da ist die
+Sackgasse, das Persönliche, persönlich Endliche, und das Prinzip und
+Gesetz des Schaffens selbst wird verneint.
+
+Der Literat kommt aber nicht von der Psychologie los, von der
+theoretischen nicht und von der angewandten nicht. Man möchte sagen, er
+nimmt es mit der Wahrheit zu genau, – soweit er Künstler ist, und er
+hütet sich, als Mensch, zu wenig vor der Verzerrung. Seine
+Unabhängigkeit schenkt ihm keine Freiheit, sein Ichbewußtsein entfernt
+ihn von der Liebe; er ist die tragische Figur der modernen Welt und, zum
+Apostel berufen, bricht er auf dem höchsten Gipfel seiner
+Persönlichkeit, seiner Einsamkeit und seines vergeblichen Gottverlangens
+vor dem Unerreichbaren zusammen.
+
+
+
+
+Die Frau als Literat
+
+
+Dieses Kapitel ist eigentlich ein Einschiebsel, denn in bezug auf die
+Frau als Literat ist nach allem bisher Ausgeführten nur noch
+Selbstverständliches zu sagen. Immerhin gehört das Thema zur
+Geistesgeschichte der Zeit, denn nie zuvor haben Frauen in solcher Zahl
+und mit solcher Energie schriftstellerisch, künstlerisch produzierend
+sich bemerkbar gemacht.
+
+Die Frau besitzt keine schöpferische Phantasie. Das ist kein Streitsatz,
+sondern ein Erfahrungssatz; eine Tatsache, die einem Naturgesetz
+entspricht. Es ist die Aufgabe der Frau, Mutter zu werden, Leben zu
+empfangen, Leben zu gebären. Als Weib, als Mutter ist sie gewissermaßen
+an sich selbst schon ein Stück Mythos, und Gott hat es deshalb für
+überflüssig erachtet, sie mit einer mythosschaffenden Kraft zu begaben.
+Ihr Künstlertum ruht in der Liebe, ihre Idee ist die Mutterschaft, ihr
+Werk ist das Kind. Wenn also die Frau sich künstlerisch hingibt, so
+entsagt sie dadurch ihrer wahren Bestimmung, verzichtet freiwillig auf
+das Schöpferische und wird zum Literaten, und zwar zum Literaten
+schlechthin, zum Literaten ohne schöpferische Phantasie, welche ja dem
+Psychologen, dem Schöngeist, dem Apostel durchaus nicht mangelt; ganz im
+Gegenteil, können diesen doch Werke gelingen, die den Werken des
+schöpferischen Menschen nahezu ebenbürtig sind.
+
+Ich verkenne nicht die Arbeit der Frau; nicht den ehrlichen Willen,
+nicht die Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, nicht die Fähigkeit zur
+Anpassung und Ausführung, nicht die oft zutage tretende Besonderheit des
+Schauens, nicht den sicheren Instinkt, nicht das vollgültige Empfinden,
+nicht die Gabe des Traums und des poetischen Ausdrucks. Ich weiß, was
+geleistet worden ist; ich erinnere mich zarter Gedichte, robuster
+Erzählungen, anmutiger und starker Bildnisse, überzeugender Schriften;
+einer Fülle von respektablen Hervorbringungen. Aber sie waren mir um so
+respektabler, je weniger objektiv sie scheinen wollten, je weniger sie
+zu Gestaltungen griffen, je mehr sie einem Gefühl, einem Erlebnis, einem
+Unmittelbaren Stimme verliehen. Nicht Gestalt also; Stimme, das ist es,
+Stimme oder Stimmung, etwas, das so fern vom Mythos liegt wie ein
+Quellchen vom Meer.
+
+Das Vermögen, ein Weltbild zu objektivieren, ist nur der schöpferischen
+Phantasie gegeben. Mit Hilfe des Fleißes, bewußter oder unbewußter
+Nachahmung und der Aneignung erprobter Disziplinen gelangt die Frau
+bisweilen zu Gebilden von scheinbarer und äußerlicher Objektivation, und
+ihre Lust wie ihr Talent zur Beobachtung befähigt sie, eine niedere
+Realität von Zuständen und Geschehnissen darzustellen, welche
+unterhaltend, geistig und gesellschaftlich anziehend sein und, soweit
+sie auf Erlebtem und Gefühltem beruhen, der Wahrheit und Glaubhaftigkeit
+nicht ermangeln werden. Das Metaphorische, das Elementare, das
+Schöpferische, die Synthese ist ihr jedoch versagt, und je mehr sie
+darnach strebt, je unzulänglicher müssen sich ihre Produkte erweisen;
+sie stehen dann in der Luft, wurzellos, ziellos und wollen durch Unruhe,
+Leidenschaftlichkeit und Fieberhaftigkeit ersetzen, was ihnen an Natur
+und Legitimität, – durch Linie und Schnörkel, Seltsamkeit und
+Überhäufung, was ihnen an Antlitz und Naivität fehlt.
+
+Bisweilen fragt man sich: warum werden die Frauen zu Literaten? Ein
+Buch, und noch ein Buch, und noch eine Meinung und noch ein Vers und
+noch eine bemalte Leinwand, – darum handelt sichs doch schließlich
+nicht. Ein Blick, ein echtes Wort, eine Wirkung von Mensch zu Mensch,
+menschliches Aufmerken, Bereitschaft des Herzens können mehr, weit mehr
+bedeuten. Das Übel ist auch hier in einer zerklüfteten,
+anarchisch-gelösten Gesellschaft zu suchen, die keine lebendige
+Organisation hat und in der deshalb jede Fülle zur Überfülle, jeder
+Überfluß zur Last, jede Hemmung zu falscher Betätigung und jede
+Abtrennung der einzelnen Mitglieder bei unzureichender individueller
+Kraft und Bestimmung zur Katastrophe wird. Die Literatur gilt als ein
+Gewerbe wie jedes andere; das sogenannte Talent genügt zum
+Vorwärtskommen. Der Einfall wird überschätzt; zum Einfall gehört auch
+das Detail; die Detailkrämerei beginnt schon, uns geistige
+Verdauungsbeschwerden zu erregen; die Mache, die Gebärde, der fast von
+selbst arbeitende sprachliche Mechanismus; die Gewohnheit, sich
+meinungsmäßig zu äußern, sich einer seelischen Spannung zu entäußern,
+indem man sie preisgibt und in einer quasi dichterischen Form, die meist
+zur Schamlosigkeit kalter Psychologie führt, versteinert zur Schau
+stellt; die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Mitteilung, dies alles
+ermuntert den einzelnen immer wieder, sich literarisch zu isolieren und
+sich politisch, sozial und menschlich damit abzutöten. Wenn man zur
+Einsicht käme, daß das sogenannte Talent in den meisten Fällen nur ein
+Wesen ist, das in freiwilliger Verbannung von einer Gemeinschaft lebt,
+der es nicht nützlich sein kann, ein Parasit und Freibeuter, wäre schon
+viel gewonnen, und die dreißigtausend Bücher, die jährlich in
+Deutschland auf den Markt strömen, würden unter dem Druck eines weiseren
+Urteils und einer sachlicheren Wahl auf eine notwendigere Anzahl
+zusammenschrumpfen, die vielleicht mehr Gehalt in sich schlösse.
+
+Die Frau als das zur Liebe und Empfängnis bestimmte Geschöpf menschlich
+und geistig isoliert, in sozialer Unfruchtbarkeit und egoistischer
+Verpersönlichung ihres tieferen Schicksals, ihrer schönen anonymen
+Wirkung (wie vieles verdankt doch ihrer Teilnahme der Ruhm unserer
+großen Künstler), ja, ihres Lebensmythos beraubt zu sehen, gewährt ein
+trauriges Bild weitgreifenden Mißverständnisses. Ich spreche natürlich
+nicht von der Schauspielerin, der Sängerin, von rezeptiven Künsten;
+diese harmonieren, solange nicht ein literarischer Einschlag durch
+übertreibenden Ehrgeiz und individuelle Zwecksetzung stattfindet, sehr
+wohl mit der weiblichen Seele, mit ihrer geistigen Wandlungsfähigkeit,
+Anschmiegung des Gefühls und Poetisierung der Realität. Die Tänzerin,
+die lediglich ihren Körper zur Kunstäußerung verwendet, bietet
+vielleicht das edelste Bild weiblicher Genialität. Nur wo das
+Schöpferische vorgetäuscht wird, zeigt sich die Frau (mit Ausnahme von
+zwei oder drei Fällen innerhalb der ganzen Geistesgeschichte) sogleich
+als Literat schlechthin. Die Natur läßt sich nicht betrügen; auch die
+Menschheit nicht; nur die Menschen lassen sich betrügen. Sie tun, als
+glaubten sie, auch wo ihr Inneres unbeteiligt ist; sie nehmen das
+Wunderliche für das Wunder, den Notbehelf für das Notwendige, das
+Phantom für das Phänomen. Die Frau als Literat braucht sich nicht mehr
+zu verraten; es ist nichts zu verraten; es ist alles von einfachster
+Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit und Durchschaubarkeit. Wir erblicken
+einen tüchtigen, emsigen, klugen und nachdenklichen Arbeiter, dem weder
+Wort, noch Rhythmus, noch Idee zur Maske werden können und der den
+Schmerz der Einsamkeit nur gemütisch ahnt, nicht geistig steigert und
+auflöst; keine tragische, sondern nur eine charakterisierte und
+zufällige Gestalt.
+
+
+
+
+Ergebnisse
+
+
+Der Literat ist der vom Mythos losgelöste produktive Mensch.
+
+Er ist auch der von der Gesellschaft losgelöste Mensch, der einzelne,
+innerhalb eines nur durch äußere Gesetze verkitteten Gemeinwesens.
+
+So wie er aber ohne das Vorbild des schöpferischen Menschen nicht zu
+denken ist, bleibt er auch in seinem Tun und Lassen, durch sein
+Persönlichkeitsbestreben, durch die Notwendigkeit der Spiegelung, durch
+das Element des Ehrgeizes und durch das Element des Verrats der
+Gesellschaft verbunden.
+
+Der Literat ist vergeßlich. Er ist lieblos, weil er allzusehr in sich
+selbst verstrickt ist. Er anerkennt keine Konvention, weil nur seine
+eigene Person ihm den Maßstab für die Welt und die Dinge gibt. Dieser
+Mangel an Konvention verführt ihn zu einer künstlichen Originalität mit
+Hilfe der seltenen Beobachtung, des seltenen Wortes, des seltenen
+Rhythmus.
+
+Der Literat ist eitel und sehnsüchtig, eitel selbst, wo er sich
+bloßstellt, und sehnsüchtig am meisten dort, wo er sich verliert. Er ist
+friedlos, immer nach Veränderung begierig, versteht aber nicht zu
+wandern. Sein Verhältnis zu Menschen ist selten dauernd; er stellt die
+höchsten Ansprüche von seiner Seite, ohne die billigsten von der andern
+Seite zu befriedigen.
+
+Er kontrolliert seine eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle sehr
+scharf, ja grausam. Es mangelt ihm an jener Ehrfurcht vor sich selbst,
+die den schöpferischen Menschen auszeichnet. Weil er so unbarmherzig und
+rücksichtslos gegen sich selbst ist, glaubt er es auch gegen andere sein
+zu dürfen, aber er vergißt, daß jenes Wüten gegen die eigene Seele nur
+ein Vorwand zum Verrat ist, nicht aber ein Mittel zur Reinigung,
+Steigerung und Befreiung. Selbstbeobachtung, Selbstzerfaserung ist ein
+Unglück, wie es größer kaum zu denken ist; alle ursprüngliche Kraft des
+Glaubens, alle Fähigkeit zur sittlichen Erhebung, zur Umwandlung, geht
+daran zugrunde. Auch der religiöse oder der schöpferische Mensch
+beobachtet sich selbst, aber er wird sich dabei zum Gleichnis; durch
+diese Gleichniswerdung kann er sich korrigieren und bescheiden.
+
+Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große Zahl von Literaten
+unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste
+Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist
+entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist
+entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es
+in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in
+anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein
+Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein
+Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden
+Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen
+im Kampf gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der
+Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines
+Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen
+dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und
+Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu
+einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne
+wieder des großen Zusammenhangs bewußt wird, wo er im Schoß der
+Geschichte, der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen,
+urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles
+Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den
+Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als
+Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im
+ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die
+_verwandelnde Kraft_ zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann
+Schöpfer sein.
+
+Alle Berufe und alle Stände haben ihre Literaten. Man kann den Satz
+aufstellen: Jeder Fachmann ist ein Literat, jeder Laie trägt noch etwas
+von Mythos in sich. Denn alles Fachwesen und Spezialistentum ist nur ein
+Merkmal des großen Individualisierungsprozesses der Zeit. Vertiefung
+zwingt zur Absonderung, die Fülle zur Arbeitsteilung. Das ist gut und
+unerläßlich. Nun ereignet sich aber das Seltsame, daß gerade bei dieser,
+die Selbstbescheidung gebieterisch fordernden Tätigkeit der einzelne die
+argwöhnische Wachsamkeit des Psychologen, die Herrschsucht des Tribuns
+bekundet, daß er sich von allem, was nicht sein Fach betrifft, in
+trotziger und gleichgültiger Entfernung hält und ein Leben außerhalb des
+Fachs oft kaum mehr kennt. Der Literat ist der geborene Zünftler.
+
+Laien geben einem Literaten bisweilen den Rat, er möge, um in seinem
+Erwerb nicht ausschließlich auf die Kunst angewiesen zu sein, daneben
+ein Amt oder einen Brotberuf wählen. Das ist geradeso, als wollte man
+einen ärztlichen Spezialisten dazu überreden, nebenbei die Tischlerei zu
+betreiben, weil er zu wenig Patienten hat. Mit Recht würde er antworten:
+Mein Fach fordert den Menschen ganz und gar, meine ganze Zeit, meine
+ganze Anstrengung und alle Gedanken. Der Literat ist eben nur Literat,
+er kann nichts anderes sein. Der Vorschlag des Laien ist freilich in
+jedem Sinne töricht. Amt und Brotberuf taugen bloß dem Dilettanten; je
+innerlicher sein Verhältnis zur Kunst ist, je mehr muß er unter
+abziehender Beschäftigung leiden. Dem schöpferischen Menschen wird sie
+vollends zur Qual; auch ihn fordert seine Sache ganz, wenn schon in
+anderer Weise, nicht weil er Literat ist, der erobern will und muß,
+sondern weil er Mensch ist, weil Mythos und Menschheit von ihm
+verlangen, daß er sich unbedingt und ohne Vorbehalt hingebe. Erwerb oder
+Nichterwerb irdischer Güter kommt dabei in höherem Betracht nicht mehr
+in Frage; schlimm genug, wenn es in niederem Betracht zu erwägen ist.
+
+Indessen gehört die nackte und aufrichtige Gegenüberstellung der
+ökonomischen und der geistigen Mächte zum Bild unserer Epoche. Kapital
+will Leistung; Leistung will Nutznießung, Arbeitskraft und Lebensgefühl
+steigern sich wechselseitig; Erfolg, Bestätigung und Lohn sind dem
+einzelnen rascher und reichlicher zugemessen als je, und wenn auch der
+Lockung oft nur gefolgt wird, weil eine Erfüllung so nahe scheint, der
+Ruf nur deshalb so viele Hörer findet, weil in ihm die Befriedigung
+ausschweifender Ansprüche verheißen wird, so kann doch kaum eine Prämie
+ausbezahlt werden ohne den vollen, ja leidenschaftlichen Einsatz von
+Tüchtigkeit und Intensität.
+
+Diese Leidenschaft, dieser Schwung, der unermüdliche Wetteifer, sie sind
+vielleicht Zeichen für die Heraufkunft einer größeren Zeit; schüchterne
+Zeichen, weil sie noch ganz am Persönlichen und Egoistischen haften.
+Aber wie Eisenteile im Feuer des Hochofens zusammengeschmolzen werden,
+so kann die Zerstücktheit und die Zersplitterung einer individualistischen
+Gesellschaft durch einen alle Glieder ergreifenden, stetigen Strom von
+Leidenschaft, gleichviel wo er entspringt, zu organischer Einheit
+verwandelt werden. Leidenschaft ist ja die erste und letzte
+Lebensgewalt; in ihr vereinen sich Element und Wille; sie kann eine
+unproduktive Ordnung zum Chaos führen, aber aus dem Chaos wieder eine
+neue Welt erzeugen, Sammlung aus der Diaspora. Dann mag sich ein Weg
+auftun zum Mythos und zu Gott.
+
+
+
+
+Die Kunst der Erzählung
+
+Geschrieben 1904
+
+
+DER JUNGE:
+
+Es ist wohl über ein Jahr her, daß wir uns nicht gesehen haben. Seit
+meine Freundin gestorben ist, bin ich kaum mehr unter Menschen gekommen,
+und ich verlasse mein Zimmer nur zu einsamen Spaziergängen. Mein
+einziges Vergnügen sind die Bücher und das Nachdenken über den Eindruck,
+den sie mir gemacht haben. Ich glaube, wenn ich jetzt wieder die Feder
+in die Hand nähme, so könnte ich etwas Tüchtiges leisten.
+
+DER ALTE:
+
+Und wozu treibt es dich denn? Ein Künstler darf nicht wie ein Jäger
+sein, der, unbekümmert was ihm vor den Schuß kommen mag, durchs Gelände
+streift, sondern er muß wie ein Seemann sein, der den inneren Sinn, das
+innere Auge unablässig auf ein vielleicht nicht sichtbares, doch tief
+bewußtes Ziel richtet. Also wozu treibt es dich? Wozu glaubst du dich
+geboren? Welche Insel des Geistes willst du dir entdecken?
+
+DER JUNGE:
+
+Ich fühle zu nichts anderem Lust und Freude als Geschichten zu erzählen.
+In den Stunden der Einsamkeit und der Sammlung ist es mir, als ob mein
+Inneres bis zum Rand angefüllt wäre mit Ereignissen und Schicksalen. Oft
+ist mir zu Mut, als müsse der ganze Lauf der Welt, von Adams Zeiten an,
+sich mir in einer besonderen Weise enthüllen, und ich spüre das
+unbezwingliche Verlangen, wie soll ich es nur sagen?... zu erzählen, zu
+erzählen.
+
+DER ALTE:
+
+Das ist schön, prächtig sogar. Wenn du dieses Verlangen wirklich hast
+und es nicht darin mißverstehst, wie du es befolgst, dann wärest du
+allerdings dazu geboren zu erzählen.
+
+DER JUNGE:
+
+Wie sollte ich es mißverstehen? Warum zweifelst du? Was gibt es denn
+Einfacheres?
+
+DER ALTE:
+
+Daß es keineswegs einfach ist, keineswegs selbstverständlich, könnte
+dich schon ein Blick auf die heutigen Erzeugnisse dieser Kunst lehren.
+Die Meisten wissen ja gar nicht mehr, was es heißt: eine Geschichte
+erzählen, und selbst die Begabtesten bringen lauter Zwitter- und
+Mißformen hervor.
+
+DER JUNGE:
+
+Du bist sehr streng wie immer. Ich glaube nicht, daß du recht hast.
+Niemals war so viel im Werk wie gerade jetzt. Auf allen Seiten wird es
+Tag.
+
+DER ALTE:
+
+Der ewige Irrtum der Jugend.
+
+DER JUNGE:
+
+Dann muß ich fürchten, daß du auch, was ich selbst bisher geschaffen,
+verwerfen wirst.
+
+DER ALTE:
+
+Darauf könnte ich erst antworten, wenn ich wüßte, wie es mit dir steht
+und ob dich nichts anderes erfüllt als die Liebe zur Sache, ob dein
+Geist nichts anderes erstrebt als die Vollendung in ihr, ob dir vor der
+Wahrheit bangt oder ob leichtsinniges Lob dich nicht schon für immer
+geblendet hat. Wenn du Angst vor einer bitteren Stunde hast, dann
+verbirg es nicht, ich schweige gern. Du besinnst dich?
+
+DER JUNGE:
+
+Hältst du denn dein Urteil für unumstößlich, für das einzig mögliche?
+Kann es nicht auf Täuschung, auf Unmilde, auf Eigensinn beruhen?
+
+DER ALTE:
+
+Ich will es dir zu begründen suchen, und wenn du meine Argumente
+entkräften kannst, werde ich mich zufrieden geben.
+
+DER JUNGE:
+
+Also sprich.
+
+DER ALTE:
+
+Es gibt dreierlei Arten von Schriftstellern: solche, die einen eigenen
+Stil haben und ihn zur höchsten Vollkommenheit auszubilden vermögen;
+solche, die einen eigenen Stil suchen, und endlich solche, die einen
+Allerweltsstil vorfinden und sich zu ihm verhalten wie die Gäste eines
+Wirtshauses zu den Tischen und Krügen und Stühlen; sie können niemals
+zum Herrn ihres Wortes, ihrer Gedanken, ihrer Phrase werden, das
+glühendste Erlebnis muß ihnen erstarren, erhabene Stimmungen werden
+trivial, jede Inspiration wird Absicht, jede Beeinflussung von außen
+Nachahmung, alles, was kräftig ist, brutal, und was fein ist,
+schwächlich. Aber von diesen Schriftstellern, die die Marktware für den
+großen Haufen besorgen, wollen wir nicht sprechen. Du gehörst zur
+zweiten Art.
+
+DER JUNGE:
+
+Das wäre ja weiter nicht schlimm. Suchende sind wir alle. Ja, man kann
+sagen, daß der allergrößte Meister bis zu seinem Todestage nicht
+aufgehört hat zu suchen. Warum lächelst du?
+
+DER ALTE:
+
+Weil ich an dieser Bemerkung sehe, wie wenig du mich noch verstanden
+hast. Wenn die großen Meister suchen, so wollen sie den Einklang
+schaffen zwischen Stoff und Form. Sie wissen, daß es ohne solche
+Harmonie überhaupt kein Kunstwerk gibt. Und weil sie das wissen und auf
+diesem Wege zur Vollkommenheit streben und sich wohl hüten werden, die
+Fülle ihrer Mittel an den falschen Gegenstand oder am falschen Ort zu
+verschwenden, so wird immer etwas entstehen, was der Kunst und ihrer
+eigenen Schöpferpersönlichkeit gemäß ist. Sie suchen mit sehenden Augen,
+ihr aber sucht als Blinde; sie gehen den geraden Weg und kommen an ein
+Ziel, wenn auch nicht immer an das gewünschte; ihr aber taumelt im
+Kreise herum. Die Suchenden, die nicht um das Wesen wissen, sind zum
+Untergang verurteilt.
+
+DER JUNGE:
+
+Du machst mich wahrhaft unruhig. Ich könnte dich hassen, wenn ich nicht
+wüßte, wie ernst du es meinst. Ich ahne, wo du hinaus willst. So rede
+doch endlich von mir.
+
+DER ALTE:
+
+Gut. Zwei Dinge, ein scheinbar äußeres und ein scheinbar inneres, habe
+ich zunächst an deinen Arbeiten auszusetzen: nämlich daß sie den Leser
+nicht mit Behaglichkeit erfüllen und daß es dem Stoff selbst an
+Daseinsnotwendigkeit gebricht. Beides hängt aber inniger zusammen, als
+du glaubst; das werde ich dir bald beweisen.
+
+DER JUNGE:
+
+Was meinst du mit Behaglichkeit? Das Gegenteil bezwecken wir doch, wenn
+wir Dichtungen ersinnen: Erregung, Spannung, Teilnahme, Erschütterung.
+Ich glaube, du treibst deinen Spaß mit mir.
+
+DER ALTE:
+
+Geduld. Ich verstehe die Behaglichkeit hier in einem höheren,
+künstlerischen Sinn. Ich verstehe darunter das unbegrenzte Vertrauen des
+idealen Lesers zum Erzähler. Dieses Vertrauen entsteht durch
+Glaubwürdigkeit, und die Glaubwürdigkeit nun entsteht aus der
+Notwendigkeit des erzählten Gegenstandes. Du siehst nun, wie fest der
+Zusammenhang zwischen den beiden Dingen ist, und noch untrennbarer wird
+er für das Auge und für das Gefühl durch das, was der Laie, der
+Dilettant, der Durchschnittskritiker die Technik nennt: durch die Art
+des Erzählens; auch sie ist nur ein scheinbar Äußerliches, denn in
+Wirklichkeit ist sie die Seele der epischen Kunst.
+
+DER JUNGE:
+
+Das wird zu weit und breit. Du wolltest doch von meinen Arbeiten reden.
+
+DER ALTE:
+
+Ich sage nun, daß deinen Produkten die Behaglichkeit fehlt, weil du
+nicht die Mittel und das Wissen hast, sie hervorzubringen. Was du
+schreibst, trägt unverkennbar den Stempel des direkten und indirekten
+Erlebnisses, aber diese Erlebnisse sind nicht künstlerisch verklärt und
+erhöht und bleiben daher ohne poetische Wirkungen. Du hast eine starke
+und natürliche Empfindung, die aber nur selten in ihrer Reinheit wirkt,
+weil sich der Stoff nicht ganz in ihr aufzulösen vermag. Merkst du nun,
+wo es hinaus will, merkst du, wie alles Innerliche zugleich ein
+Äußerliches ist und umgekehrt?
+
+DER JUNGE:
+
+Ich merke nichts als Pedanterie und höre nichts als Worte. Wenn eine
+Kunstform nicht ausreicht für das, was ich zu sagen habe, nun dann
+erweitere man mir diese Form. Wo stehen diese gelehrten Gesetze
+geschrieben, denen ich mich fügen soll? Wer hat sie gemacht, und wie
+käme ich dazu, mich vor ihnen zu beugen?
+
+DER ALTE:
+
+Wo sie geschrieben stehen? Im menschlichen Gefühl. Wer sie gemacht hat?
+Das menschliche Gefühl. Warum du dich ihnen beugen sollst? Weil du sonst
+nicht wirken wirst, weil dein Wort und dein Werk sonst von flüchtigerem
+Bestand sind als ein Stück Eis in der Mittagssonne. Man hat nämlich im
+Lauf der Jahrhunderte, der Jahrtausende herausgefunden, was die
+Menschheit ergreift, tröstet und erfreut, was aus ihren Tiefen stammt
+und zu ihren Tiefen strebt. Die es befolgten und solche hohe Wirkungen
+erreichten, nicht blind, sondern durch klarstes Wissen, das waren die
+Meister. Wer der Belehrung trotzt, kann nicht einmal Schüler werden.
+
+DER JUNGE:
+
+Also belehre mich.
+
+DER ALTE:
+
+Ich sagte vorhin, daß die Elemente sich in dir nicht mischen wollen;
+Stoff und Empfindung bleiben feindlich und unaufgelöst einander
+gegenüber. Die Folge davon ist eine immerwährende und überall
+ersichtliche Dissonanz. Du erzählst eigentlich nicht Ereignisse, sondern
+du schilderst Situationen. Gerade das erscheint dir wichtig, was bei der
+Erzählung unwichtig ist und sein muß. Du hüpfest von Situation zu
+Situation, das Dazwischenliegende ist dir ein Notbehelf, wird zum
+gezwungenen Bericht und enttäuscht durch seine Nüchternheit. Da du dies
+Schwanken als Schaffender selbst sehr deutlich empfindest, drängt es
+dich, Ausgleiche zu bringen, und du mußt zu pathetisch-lyrischen
+Schilderungen greifen, in denen die Handlung um keinen Schritt weiter
+kommt. Denn daran liegt es, wohlgemerkt: Bewegung ist alles, alle Kunst
+entsteht durch Bewegung. Damit hängt nun aufs Engste die Gestaltung
+deiner Menschen zusammen. Deine Gestalten haben keine Ruhepunkte. Sie
+sind geschickt und glaubhaft gezeichnet, soweit und solange sie mit der
+Handlung verknüpft sind, aber davon losgelöst und als Eigenlebende
+betrachtet, werden sie matt und hölzern. Sie wissen zu genau, was sie
+sollen, nicht in ihrer Welt, sondern in deiner Welt. Es fehlt die höhere
+Täuschungsabsicht und Täuschungsmacht. Eine Figur muß leben trotz der
+Handlung, nicht durch die Handlung. Woher käme es sonst, daß bei allen
+mittelmäßigen Schriftstellern gerade die Figuren am glaubhaftesten sind,
+die am wenigsten mit der Handlung und ihren Spannungen verquickt sind,
+die sogenannten Episodenfiguren? Nur sie verbreiten Behaglichkeit, das
+heißt Glaubwürdigkeit, weil sie scheinbar keinen Zweck verfolgen. Wenn
+man also sagen kann, Kunst entstehe durch Bewegung, so muß man
+hinzufügen, sie wirke durch die scheinbare Zwecklosigkeit der Bewegung.
+
+DER JUNGE:
+
+Ich habe Zweifel über Zweifel. Hundert Fragen drängen sich mir auf, denn
+ich sehe schon, wie tief du greifst. Und mir dämmert manches, von dem
+ich früher nichts ahnen konnte. Aber laß mich fragen. Du sagtest, daß
+ich nicht Ereignisse erzähle, sondern Situationen schildere, und ich muß
+gestehen, dabei verwirren sich mir die Begriffe. Ist es nicht bloß ein
+Wortspiel? Welcher Unterschied scheint dir denn zwischen Erzählung und
+Schilderung zu bestehen? Ich meine, inwiefern die Wirkung eines Werkes
+dadurch beeinträchtigt wird. Sind das nicht schulmäßige Begrenzungen?
+
+DER ALTE:
+
+Nehmen wir einmal an, du habest eine schwierige und gefahrvolle Reise
+hinter dir, habest lebensgefährliche Abenteuer bestanden, habest
+jahrelang als verschollen und verloren gegolten und seiest nun doch
+zurückgekehrt. Alles ist gespannt zu hören, wie du das bewerkstelligt
+hast und wie es dir ergangen ist. Du setzest dich in den Kreis der
+Neugierigen und Teilnehmenden und erzählst, beginnst mit der Fahrt übers
+Meer, der Aufzählung deiner Gefährten und kurzer Andeutung ihrer Art und
+ihrer bisherigen Schicksale, fährst fort mit der Landung, dem Aufbruch
+in die unbekannten Gebiete usw., usw. Wäre es nun angebracht, das
+Interesse der Zuhörer durch Beschreibungen von Landschaften, von Tieren,
+von Pflanzen zu ermüden? Wenn du dies tätest, würde in ihnen ein leises
+Mißtrauen gegen den Ernst und die Schwere deiner überstandenen
+Schicksale entstehen. Sie wollen wissen, wie es dir ergangen ist, nichts
+weiter, und je einfacher und sachlicher du bist, je glaubhafter werden
+deine Erlebnisse klingen. Nicht mit einem Wort brauchst du zu schildern.
+Das Bild der Landschaft und des Landes wird ganz von selbst in der
+Phantasie entstehen; je weniger du davon sprichst, je stärker wird die
+Phantasie der Hörer es erblicken und zwar durch dein Erlebnis selbst.
+Unwillkürlich gehen sie deinen Weg mit und sehen sie mit deinen Augen.
+Es kommt ganz und gar nicht darauf an, daß das Bild der Wirklichkeit
+entspricht, das sie sich davon machen, es handelt sich nur darum, daß
+durch ihre seelische Bewegung ein Bild entsteht. Diese seelische
+Bewegung bildet sich nun wieder durch die Bewegung der künstlerischen
+Materie, und so siehst du abermals, wie Äußeres und Inneres verschmolzen
+sind und sich verschmelzen müssen.
+
+DER JUNGE:
+
+Das Beispiel leuchtet mir ein. Es leuchtet mir ein, daß das Abschweifen
+von einer Sache, die man sich vorgesetzt hat, in der Kunst ebenso
+unwahrhaftig wirkt wie im Leben, und ich verstehe auch, daß man das
+Vertrauen des Lesers auf diese Weise verlieren kann. Aber du sagtest
+etwas von Verklärung und Erhöhung und poetischer Wirkung des Stoffes.
+Das alles scheint mir nun überflüssig, sobald einmal die Wahrheit, die
+Wahrhaftigkeit außer Zweifel steht.
+
+DER ALTE:
+
+Gewiß, wenn es ein und dasselbe wäre, mündlich zu erzählen oder
+schriftlich. Dazwischen liegt ein so tiefer Abgrund, daß ihn nicht
+Geist, nicht Wissen, nicht Wahrhaftigkeit zu überbrücken vermögen,
+sondern lediglich künstlerische Genialität. Es ist der Abgrund zwischen
+Wesen und Schein, zwischen dem Spiegel und der Person, die davorsteht,
+zwischen Leben und Erinnerung, zwischen der Minute und der Ewigkeit.
+Deine lebendigen Zuhörer sehen dich, sie sehen dich ergriffen,
+begeistert, bedrückt, das lebendig gesprochene Wort hat eine ganz
+unabweisbare Zeugniskraft durch sich selbst. Wenn du dieselbe wahre und
+erschütternde Erzählung deiner Reise mit denselben Worten deines
+mündlichen Berichtes niederschreibst, kann sie abgeschmackt, verlogen
+und sozusagen grundlos klingen. Es ist also wieder das scheinbar
+Äußerlichste, das die Kunstwirkung hervorbringt: der Stil. Um dieselbe
+Einfachheit, die der Hörer ohne dein besonderes Hinzutun spürt, sofern
+du nur eine einfache und wahre Natur bist, dem Leser eines Buches
+glaubhaft zu machen, dazu gehört ein halbes Leben unablässiger Versuche,
+aufreibender Mühe, qualvollsten Ringens. Im Leben ist das
+Selbstverständliche, oder wenden wir ein Fachwort an, das Naive eine
+Voraussetzung, in der Kunst ist es eine letzte Konsequenz, ein Gipfel.
+
+DER JUNGE:
+
+Die Aufgabe besteht also darin, den Anschein des Selbstverständlichen zu
+erreichen, innerhalb der Kunst ein Gebilde zu schaffen, das die Züge der
+Natur trägt. Darüber bin ich mir klar. Doch hat jedes Individuum seine
+besondere Naivetät, jedes »Selbst« seine eigene Selbstverständlichkeit.
+Gäbe es dennoch gewisse Gesetze, an die unbewußt alle gebunden sind,
+Schöpfer wie Genießende?
+
+DER ALTE:
+
+Wollen wir einmal vom Engsten ausgehen, um ins Weite zu gelangen. Wer
+sprachliches Gefühl und ein aufmerksames Ohr besitzt, wird wissen oder
+unbewußt schon früh empfunden haben, daß die vorzüglichste Schönheit
+unserer Sprache in ihrem Vermögen liegt, eine organisch gegliederte,
+gleichsam lebende Periode zu bilden. Der Gedanke, die Vorstellung
+entsteht und kommt zur Erscheinung durch Hauptwort und Zeitwort; das
+Beiwort tritt heran, um zu verdeutlichen oder zu schmücken, eine zweite
+Vorstellung oder Handlung will die erste begründen und weiterführen, und
+der Nebensatz ist geboren, an dem sich dieselben Erscheinungen
+vollziehen wie im Hauptsatz, nur abgetönt, verkleinert, gemildert. Darin
+liegt der Rhythmus der Prosa: das An- und Abschwellen des Tones und der
+Betonung, die gegenseitige Beziehung von Sätzen und Satzteilen
+untereinander, die freie und eigenbewegliche Anpassung, die Fülle des
+Ausdrucks bei größter Sparsamkeit mit dem Wort. Die eigentümlichste
+Kraft der deutschen Sprache ruht im Zeitwort; dieses auszubilden, zu
+formen, gewissermaßen zu isolieren, kennzeichnet den guten Prosaisten,
+während der mittelmäßige sich mehr auf das schmückende Beiwort verlegt,
+– ganz natürlich. Prüfe doch den Stil unserer guten Erzähler auf diesen
+Umstand hin: wie das flutet und in majestätischer Ruhe hinfließt, immer
+bewegt und immer gegen ein erreichenswertes Ziel bewegt. Das Beiwort
+wirkt erstarrend und ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, und nur die
+anschauende Phantasie kann es an den rechten Platz stellen; das Verbum
+belebt und ist das eigentlich motorische Element im Satzbau. Es ist
+stets interessant, den guten Erzählerstil lediglich auf seinen
+sprachmelodischen Gehalt hin zu prüfen, sich zu überzeugen, wie die
+Periode der Atmung entspricht, wie sinnvoll gegliedert Satz und
+Nebensatz auftreten, und wie der Gesang abläuft, wenn der Absatz zu Ende
+ist. Eigentlich müßte man ein gutes Prosabuch schon an der
+typographischen Anordnung erkennen, die sozusagen seine Fassade
+vorstellt. Dazu kommt nun beim epischen Künstler das geistige Erlebnis
+des Bildes und die seltsame Empfindung für die plastische Nähe des
+Wortes, die ihn vor Verflachung seines Ausdrucks bewahrt. Denn wie
+könnte sonst eine Schriftsprache jahrhundertelang gesund und triebfähig
+bleiben? Die Auserlesenheit der Wendungen tut es nicht, Geschmack und
+Formensinn allein sind ebenfalls nicht zeugungskräftig, – nur das
+Mitleben mit dem Wort als einem Organismus bewahrt die Sprache der Epik
+vor dem Verwelken und Absterben. Das begreiflich zu machen, ist schwer,
+wenn du es nicht fühlst.
+
+DER JUNGE:
+
+Ich fühle es. Ich fühlte es oft, wenn ich Gottfried Keller las. Ein ganz
+gewöhnliches Wort, das in unserer Umgangssprache so platt klang und so
+tot aussah wie eine abgegriffene Münze, stand plötzlich da wie in einen
+Zaubermantel gehüllt, fremd und neu.
+
+DER ALTE:
+
+Und doch sind die meisten unter unsern jungen Dichtern Wortsucher, aber
+was schlimmer ist, sie verstehen auch nicht in großem Atem zu erzählen.
+Ich leugne nicht die Berechtigung des Schriftstellers, seine Sätze
+auseinander zu haken und sie im stürmischen Tempo aufmarschieren zu
+lassen, wenn ihn die Situation und seine Natur dazu auffordern. Aber so
+wenig ein Mensch lange Zeit hindurch im Zustand der Atemlosigkeit
+verweilen kann, so wenig verträgt dies ein Buch, ohne daß es Unbehagen
+und Widerwillen erregt. Ich habe Bücher in der Hand gehabt, in denen
+lauter enge und engbrüstige Sätzchen nebeneinander standen, stumpf und
+traurig wie Soldaten bei der Parade. Einzelne Satzglieder schwammen wie
+abgeschnittene Hände und Füße in einer Brühe überflüssiger
+Interpunktionen, und jeder Rhythmus war zerfetzt, weil eine anständige
+Mittelmäßigkeit des Schreibens weniger geachtet wird als ein gequälter
+Unsinn, oder weil das Gefühl erweckt werden sollte, der Verfasser sei
+tief ergriffen gewesen von dem, was er geschrieben. Von dem Verfasser
+wird gar keine Ergriffenheit verlangt; Gott hat nicht jedem Baum und
+jedem Berg einen Zettel umgehängt, auf dem zu lesen steht: wie schön,
+wie gewaltig, wie charakteristisch bin ich. Gott ist bescheiden, er ist
+unsichtbar in seiner Welt versteckt, und mit den großen Künstlern ist es
+ebenso. Vom Erzähler wird Unsichtbarkeit verlangt, von dem, was er
+erzählt, höchste Sichtbarkeit.
+
+DER JUNGE:
+
+Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist aber keineswegs zu leugnen, daß
+etwa in einem dickbändigen Roman die strenge Form der Erzählung schwer,
+wenn nicht unmöglich festzuhalten ist. Ein solches Buch müßte durch
+seine Eintönigkeit langweilen, glaube ich, und man kann dem Autor nicht
+Unrecht geben, wenn er dies Schicksal durch dramatische Gespräche und
+aufregende Schilderungen von seinem Buche abzuwenden sucht.
+
+DER ALTE:
+
+Das ist ein Thema für sich. Man kann von einem Kochbuch nicht verlangen,
+daß es wissenschaftliche Aufgaben löst. Wenn es einem Dichter zu schwer
+fällt, ein Kunstwerk zu schaffen, so begnüge er sich mit dem Machwerk,
+aber er soll dann nicht beanspruchen, ein Künstler genannt zu werden.
+Müssen denn die dickbändigen Ungeheuer geschrieben werden, von denen du
+sprichst? Und wenn sie geschrieben werden müssen, bin ich etwa
+verpflichtet, mich mit ihnen zu beschäftigen? Wollten wir unsere
+Erörterungen in diesen niedern Kreis stellen, was wäre da nicht alles zu
+sagen, worüber zu klagen: über die Frauenschreiberei, das Zeitungswesen,
+die elenden Übersetzungen aus andern Sprachen usw. Doch wir wollen das
+künstlerischste aller Gesetze auch auf unsere Unterhaltung anwenden und
+bei der Sache bleiben.
+
+DER JUNGE:
+
+Du hast recht. Dennoch gibt es Mischprodukte, die man nicht verwerfen
+darf und die eine tiefere Wirkung und ein gewaltigeres Entstehungsmotiv
+haben als die reinen Kunstwerke. Das darf man nicht vergessen.
+
+DER ALTE:
+
+Ich halte das für einen Irrtum. Diejenigen Werke der Kunst, die an
+Wirkung und Dauer hinter den Erzeugnissen zurückstehen, die du erwähnst,
+sind eben dann nicht wahrhaft lebendig, und ihr Untergang ist nur eine
+Frage der Zeit.
+
+DER JUNGE:
+
+Alles, alles ist dem Untergang geweiht. Selbst Homer und Shakespeare.
+
+DER ALTE:
+
+Eine törichte Phrase. Sie werden untergehen, wenn der Erdball versinkt
+und das Licht sich in Finsternis verwandelt. Sie gehören eben der
+Menschheit an, und von einer Unsterblichkeit über die Menschheit hinaus
+zu reden, hat keinen Sinn.
+
+DER JUNGE:
+
+Folgendes ist mir nicht ganz klar. Es handelt sich doch bei der
+Erzählung um das Darstellen eines Vorganges und innerhalb des Vorganges
+wieder um das Ausmalen einzelner Bilder oder Situationen, denn ohne
+solche Bilder würde ich doch mehr Geschichtsschreibung treiben als
+Kunst. Wie bringe ich nun die Situation, ohne gegen das Gesetz des
+epischen Weiterströmens zu verstoßen? Mit einem Wort, wie kann ich
+erzählerisch und plastisch zugleich sein?
+
+DER ALTE:
+
+Zur Beantwortung dieser Frage will ich dir eine Stelle aus Wilhelm
+Meisters Lehrjahren vorlesen. Es heißt da: »Zwei bis drei Häuser standen
+in vollen Flammen. In den Garten hatte sich niemand retten können wegen
+des Brandes im Gartengewölbe. Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde,
+weniger wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht, die Kinder zu
+verlassen, und sah das Unglück sich immer vergrößern. Er brachte einige
+Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf seinem Schoße
+eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich
+hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die
+ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam herbei, die
+Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten
+Kleidung der fallende Tau fast unerträglich. Er führte sie zu den
+Trümmern des zusammengestürzten Gebäudes, und sie fanden neben einem
+Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme. Der anbrechende Tag
+brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen, usw.« Du
+siehst hier deutlich, wie keusch und zurückhaltend das außerordentliche
+Ereignis in der allgemeinen erzählerischen Stimmung sich auflöst. Ruhig
+schließt sich an die sparsame Ausmalung der überaus schönen Situation
+von den am Aschenhaufen liegenden Personen der neue Vorgang, und im
+Satzgefüge herrscht nicht die mindeste Erregtheit. Vergleiche damit
+einmal die Darstellung einer Feuersbrunst bei Zola; Einzelheit drängt
+sich an Einzelheit. Die ungeheure Flut der Einzelheiten vernichtet das
+Bild und überschwemmt die Phantasie. Aus fünfzig Seiten eines
+Schilderers macht der Epiker zehn Zeilen. Der erzählende Stil beruht
+keineswegs auf der Ausmalung der Situationen, sondern er ruft die
+Situation nur zu höherem Zweck hervor, um sie in vollkommener Ruhe
+vorübergleiten zu lassen. Geradezu musterhaft ist darin Kleist, der
+vielleicht das größte erzählerische Genie ist, das wir besitzen. Wie im
+Volksmärchen, mit einer erhabenen Knappheit erzeugt er Bewegung um
+Bewegung. Nur dadurch entsteht zugleich die Lebendigkeit der Periode, es
+wird ihr das Papierene genommen, das sie auch beim vollendetsten
+Schilderer hat; sie besitzt plötzlich innere Kraft, das Blut des
+atmenden Geschöpfes, und wie das Werk im Ganzen, ist sie für sich allein
+ein Organismus mit Fleisch und Seele. Der Baum setzt sich aus winzigen
+Zellen zusammen; die Gesundheit seiner Früchte hängt ab von der
+Gesundheit jener unscheinbaren Gewebe. Die Breite und Fülle der Periode
+bedingt die Breite und Fülle des Ganzen; nicht Abenteuerlichkeit der
+Vorgänge, nicht Weitspurigkeit der Anlage, nicht die ausgesuchteste
+psychologische Tüftelei, keine Neuartigkeit des Themas, keine äußere
+Spannung, nicht Geist, nicht Witz, nicht philosophische Tiefe kann ein
+Werk, dem jene Eigenschaften wahrer epischer Breite und Ruhe mangeln,
+zum Rang eines Kunstwerkes erheben.
+
+DER JUNGE:
+
+Jetzt ist es auf einmal wieder die Ruhe. Wir haben doch festgestellt,
+daß es die Bewegung ist, die der Kunst das Leben gibt, wir haben es sehr
+schön gefunden, daß die Zwecklosigkeit der Bewegung den Kunsteindruck
+hervorbringt, nun soll auf einmal die Ruhe das Allesbedingende sein. Das
+ist sinnverwirrend. Ruhe? Das wäre ja gleichbedeutend mit Kälte, das
+hieße ja, das ganze Wesen des Dichters verkennen, dem Artistentum das
+Wort reden.
+
+DER ALTE:
+
+Beschwichtige deinen Eifer, du wirst gleich sehen, wie unbedacht er ist.
+Die erzählende Kunst stellt Vergangenes dar. Es handelt sich um ein
+Gelebt-Haben, Gesehen-Haben, Geschehen-Sein. Während das Drama auf der
+Gegenwärtigkeit der Geschehnisse, der Leidenschaften beruht, ist das
+Epos oder die Novelle ein Zurückgewandtes, Zurückschauendes, – ganz
+natürlich, und so ist es durch seine Form zu einer größeren Ruhe und
+Gemessenheit verurteilt, denn seine Wiedergabe setzt doch einen
+Betrachter voraus, einen Beobachter, einen Urteilenden, Zusammenfasser.
+Während das Drama ein scheinbar freistehendes, isoliertes Eigen-Produkt
+ist, weist die Erzählung beständig und auf jeder Zeile auf den Erzähler
+zurück, und von dessen Haltung hängt alles ab. Es handelt sich also nur
+um eine scheinbare Kälte und Ruhe, um ein Zurückhalten des Feuers. Der
+Schöpfer eines solchen Werkes ist umsomehr darauf angewiesen, seine
+eigene Persönlichkeit zu verbergen, da er es doch selbst ist, der die
+ganze Welt, die er hervorbringt, repräsentiert. Wenn er aufhört,
+unsichtbar zu bleiben, leidet unsere Illusion Schaden, und die
+scheinbare Ruhe enthält also für ihn alle Wirkungen seiner Kunst. Uns
+dennoch aufs innigste mit dem Werk zu verknüpfen, uns alles mit seinem
+eigenen Auge, seiner eigenen launigen oder tragischen Seelenstimmung
+erleben zu lassen, das hängt von seiner Person und seinem Dichterwert
+ab. Seine Weltanschauung und geistige Kraft einerseits und die Ruhe
+andrerseits, die ihn befähigt, Licht und Schatten zu verteilen, Bilder
+zu erzeugen, Zeitperspektiven zu bilden, können die beiden Pole genannt
+werden, zwischen denen sich seine Kunst bewegt. Deswegen verlangt die
+epische Kunst eine vollkommene Reife des Geistes.
+
+DER JUNGE:
+
+Es handelt sich also nicht um unterdrücktes Gefühl, sondern um
+gebändigtes Gefühl, um verteilte Wärme. Dann leidet auch das Werk
+Schaden, wenn zu viel Licht auf eine einzelne Gestalt fällt? Offenbar.
+Wie verhält es sich also mit den Gestalten? Wie weit dürfen sie sich aus
+der Fläche der Erzählung plastisch heben?
+
+DER ALTE:
+
+Das hängt von Stoff und Ton des Ganzen ab. Laß uns einmal den Gang
+verschiedener Werke epischer Prosa auf diesen Umstand hin vergleichen:
+Herodots Geschichten, den Don Quixote, den Wilhelm Meister und Tolstois
+Krieg und Frieden.
+
+Herodot besitzt die natürliche, persönliche Naivität, die dem Zeitalter
+und einer jungen, aufsteigenden Kultur entsprechen. Er hat weder
+Vorbilder, noch bedarf er ihrer. Er ist nicht bemüht, eine Kunstform zu
+prägen. Er vermeidet Schmuckworte. Er hält sich von allen Abstraktionen
+fern. Er »erzählt«. Sein Ton ist der eines Mannes, der reich an
+Erfahrungen und an Wissen unter den Seinen sitzt und ebenso einfach wie
+wahrhaftig von allem Kunde gibt. Gleichwohl zeigt sein Werk eine feste
+Stileinheit und das nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich: Die
+Handlungen des Menschen stehen unter dem Walten der Nemesis. Von dieser
+Weltanschauung durchdrungen, erhält seine Schöpfung nicht nur sittliche
+Größe, sondern auch künstlerische Macht.
+
+Cervantes fußt natürlich bereits auf Traditionen. Aber er vernichtet
+sie, indem er sich ihrer bedient. Die Sittenschilderung und die Aktion
+ordnen sich äußerlich einem Plan und geistig einer Idee unter. Indem er
+gegen den pathetischen Heros des Katholizismus zu Felde zieht, findet er
+jene hohe Form der Darstellung, welche wir Humor nennen und welche
+seinen Gestalten weitaus bedeutungsvollere Konturen gibt, als sie in der
+Realität ihrer Existenz zu haben scheinen. Auch Cervantes ist ein (im
+banalen Sinn) naiver Erzähler; aber an seiner Naivetät hat der
+Kunstverstand schon wesentlichen Anteil. Es ist klar: das ist nicht mehr
+der Berichterstatter wahrhafter Begebenheiten. Mit der Schöpfung einer
+Phantasiewelt hat die unbefangene Freude am Ereignis und seiner
+Wiedergabe ihr Ende erreicht. Dem Erzähler muß sich der Fabulist
+beigesellen, und Fragen technischer Natur entstehen wie von selbst. Hier
+ist alles schon _Kunst_: die Charaktere und ihre Gestaltung, die
+planvoll geschürzten Fäden der Handlung, der Dialog und seine
+motorische Bedeutung. Aber durch einen wunderbaren Instinkt hat all dies
+wieder die Farbe der Natur erhalten, das täuschende Gewand der Wahrheit.
+
+Goethes Roman ist in erster Linie das Manifest einer großen
+Persönlichkeit. Wenn der spanische Dichter Bilder entrollte, hinter
+denen er wortlos verschwand, so bleibt der Deutsche vor dem Geschaffenen
+stehen und bringt es durch sein Wesen, durch seine Gebärde, durch seine
+begleitenden Worte erst ins rechte Licht und zur rechten Geltung. Seine
+Darstellung ist kühl und überlegen, philosophisch gemessen, und nie
+vergißt man über den Figuren den Zauberer, der sie in Bewegung zu setzen
+vermag. Cervantes ist groß durch Don Quixote; Wilhelm Meister ist groß
+durch Goethe.
+
+In der Dichtung des russischen Dichters endlich sind Stoff und
+Darstellung in eine unauflösliche Verbindung getreten. Der Schöpfer
+selbst wird hier zu einem wesenlosen Etwas, ähnlich der Naturkraft, die
+einem Strom sein Bett anweist. Dieser Roman ist von homerischer Prägung.
+Die Menschen darin sind so stark individuell und andererseits so sehr
+von dem Schicksale ihres Temperaments getrieben, daß man die Illusion
+hat, sie müßten, auch aus Milieu und Handlung losgelöst, doch zu
+denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen gelangen, zu denen sie in der
+Dichtung durch den Willen des Dichters kommen. Sittenschilderung,
+nationale Besonderheit, menschliche Bedeutsamkeit, künstlerische Ruhe,
+Einfachheit und Größe, alles verbindet sich zu klarster Wirkung. Der
+Dialog hat keine motorischen Zwecke mehr, auch nicht philosophische oder
+tendenziöse, sondern lediglich charakterisierende.
+
+DER JUNGE:
+
+»Stoff und Darstellung sind in eine unauflösliche Verbindung getreten,«
+sagst du. Ich möchte lieber sagen: Stoff und Künstler. Aber was ist der
+Stoff? Wann wird der Stoff »daseinsnotwendig«? Wann erhält er die
+Unleugbarkeit eines von der Natur selbst Geschaffenen? Wahrscheinlich
+muß der eine ihn erleben, der zweite erfinden, der dritte aus der
+Geschichte nehmen. Dieser braucht eine regelrechte Fabel, jener webt
+seine Gebilde wie aus einem Traum heraus, der die Bewegung und Stimmung
+des Lebens und doch die Gesammeltheit der Dichtung hat. Das Wichtige ist
+demnach nicht die Art des Stoffes selbst, sondern die Intensität der
+Vision, die er erzeugt und die nicht auf einem Bild zu beruhen braucht,
+sondern oft, dem Nebelball der Urwelten gleich, Feuer und Vegetation
+noch in sich verborgen tragen kann.
+
+DER ALTE:
+
+Ohne Zweifel. Die Kraft der Vision im Dichter bestimmt die Kraft des
+Werkes, ihre Dauer und Unvergeßlichkeit aber seine Harmonie. Alles
+andere hat mit inspiratorischen Dingen nichts mehr zu tun, sondern
+unterliegt den Gesetzen der Entwicklung. Wo die Vision aufhört, beginnt
+die geistige Arbeit, das Reich des Geschmackes, des Urteiles, der Wahl.
+Hier ist auch die Grenze zwischen dem Dichter und dem Schriftsteller.
+Der Dichter und seine Stoffe verhalten sich zu einander wie der Baum zu
+seinen Blättern, die Stoffe des Schriftstellers aber gleichen den
+beliebig ausgewählten, ärmlichen oder luxuriösen Möbeln eines Zimmers.
+Dort wird jeder Mangel die Kehrseite eines Vorzuges sein, hier wird
+selbst jeder Vorzug auf einen einzigen Mangel zurückdeuten. Dort ein
+lebendiger Organismus, gleichviel ob kränklich oder stark, hier eine
+Maschinerie, stümperhaft oder in ihrer Art vollkommen.
+
+DER JUNGE:
+
+Demnach müßte also eigentlich der Dichter seine Stoffe erleben, der
+Schriftsteller sie erfinden.
+
+DER ALTE:
+
+Das läßt sich nicht auseinanderhalten. Da müßten wir erst feststellen,
+was es heißt, erleben. Es wäre doch recht ärmlich gedacht, wenn man nur
+eine äußere Aktion darin sehen wollte, dann wäre es schlimm um jene
+bestellt, die der Zufall oder soziale Stellung oder persönliche Eigenart
+vom großen Getriebe fernhält. Das hieße dann: nur derjenige, der einen
+Mord begangen, kann die Seele eines Mörders enthüllen, und die Frau als
+eine Welt für sich wäre dem Dichter ein für immer verschlossenes Ding.
+Ich stelle nicht in Abrede, daß ein gewisses Maß allgemeiner
+Lebenserfahrung notwendig sei, aber dem, der nicht innerlich das Leiden
+der Welt und ihrer Geschöpfe erlebt, dem wird es wenig frommen, wenn er
+seine Tage mit Abenteuern füllt, wenn ihm auch hierdurch die seltsamsten
+und tiefsten Seiten der menschlichen Natur offenbar werden. Das ist ja
+eben die besondere Natur des Dichters, daß in ihm gleichsam die
+Erfahrungen aller andern sich sammeln und zu einem hohen Bewußtsein
+gelangen; es ist, als ob ihm Gott die Andeutungen und Stichworte gäbe,
+aus denen er das Gewebe einer zweiten zur knappsten Folgerichtigkeit
+verdichteten Welt formt. Er ist es, der im Mittelpunkt der Dinge wohnt,
+er stellt das lebendige Gewissen der Völker dar, er lebt nicht nur in
+der Gegenwart, nein, ihm ist alles Vergangene zugleich Gegenwart. Und
+nun der Stoff.
+
+DER JUNGE:
+
+Ich glaube, daß es gleichgültig ist, ob er die Geschichte eines
+Schneiders oder eines Welteroberers wählt. Und das Milieu kann immer nur
+ein Mittel sein, Charaktere zu entfalten und Schicksale zu motivieren.
+
+DER ALTE:
+
+Sehr wahr.
+
+DER JUNGE:
+
+Und doch haben wir von einer Daseinsnotwendigkeit des Stoffes
+gesprochen.
+
+DER ALTE:
+
+Es ist oft genug gesagt worden, daß der Dichter aus einem unbesiegbaren
+inneren Drang heraus schaffe. Oft im Kampf mit den äußeren
+Lebensumständen, oft, ja fast immer im Kampf mit sich selbst. Deswegen
+ist es eine abgegriffene Phrase, von dem Glück des Schaffens zu
+sprechen. Es gibt nur eine Verzweiflung des Schaffens und einen ganz
+kurzen Glücksrausch des Geschaffenhabens. Und dann erst muß der Dichter
+lernen, sein Werk zu hassen, damit er seine Gebrechen zu erkennen
+vermag, und je stärker er sein Werk hassen wird, je tiefer wird er die
+Kunst lieben. Es ist klar, daß das, was unter solchen Widerständen
+Dasein und Form gewinnt, innere Lebensmöglichkeit und -notwendigkeit
+haben muß, wenigstens für den Schöpfer. Die Frage ist nur, ob und in
+welchem Maße das Werk zu den anderen Menschen spricht, wie viele
+Lebenskreise es durch seine Existenz berührt, wie viel andern Wesen es
+ebenfalls notwendig wird. Das hängt nun von seinem Stoff ab. Ich möchte
+behaupten, ein Stoff ist um so größer und allgemeiner gültig, je mehr
+Mythos er in sich trägt, das heißt, je tiefer er in dem Geheimnisvollen,
+Unbewußten, Religiösen, Phantasiegemäßen eines Volkes und damit der
+Menschheit wurzelt. Der Dichter ist ja der Mund der Schweigenden. Je
+größer ein Dichter ist, je mehr Schweigende sprechen aus ihm. Nicht er
+wählt seinen Stoff, sondern der Stoff wählt ihn. Er trifft ihn, wie der
+Blitz zuckt er auf ihn herab. Deshalb wird man ebensowenig von Erfinden
+wie von Erleben eines Stoffes reden können, im höchsten Sinne nämlich.
+Dichter, die ihre Erlebnisse, sagen wir verwerten, sind immer in Gefahr,
+diese Erlebnisse sehr zu überschätzen, wenn nicht ein großes typisches
+Schicksal dahinter steht. Die Vision ist alles. Sie vermag einen
+tausendmal behandelten Gegenstand so zu verklären und zu erhöhen, daß er
+zum unerhörten Ereignis wird. Je mehr du durch dein enges kleines und in
+jedem Fall bescheidenes Schicksal dich ins Weite, Menschliche, Mythische
+hinausspürst und -lebst, je weniger brauchst du tatsächlich zu
+»erleben«, je freieren Spielraum gewinnst du für die Kunst.
+
+DER JUNGE:
+
+Frühere Ästhetiker haben das, was du den Mythos nennst, als Idee
+bezeichnet.
+
+DER ALTE:
+
+Nenn es, wie du willst. Man spricht immer davon, daß die Kunst keine
+Tendenzen habe, keine Nützlichkeitsziele verfolgen soll. Aber in einem
+anderen höheren Sinn muß doch mit jedem Kunstwerk etwas bewiesen werden,
+wenn es nicht dem Fluch des Spielerischen verfallen soll. Gewiß muß es
+um seiner selbst willen hervorgebracht werden. Aber es darf, wie das
+lebendige Geschöpf, nicht um seiner selbst willen existieren. Weiter
+können wir in unserer Erörterung kaum gelangen. Hier ist schon die
+Grenze des Traumes und der Träumerei.
+
+
+_Fünf Jahre später_
+
+
+DER ALTE:
+
+Daß uns der Zufall auf einer Reise zusammenführt!
+
+DER JUNGE:
+
+Man könnte glauben, du habest mich während all dieser Zeit
+geflissentlich gemieden.
+
+DER ALTE:
+
+Wie könnte ich mich unterfangen! Du bist ein berühmter Mann geworden,
+ich sinke mehr und mehr ins Dunkel zurück.
+
+DER JUNGE:
+
+Hoffentlich hat mir dieser sogenannte Ruhm nicht deine gute Meinung
+geraubt.
+
+DER ALTE:
+
+Das wäre nur der Fall, wenn er dich zur Selbstgenügsamkeit verführte.
+Solche Leute stehen als Leichname inmitten ihrer Werke, und ihre Werke
+sind krankgeborene Kinder, zu frühem Tod bestimmt.
+
+DER JUNGE:
+
+Vor allem, es gibt doch zweierlei Arten von Ruhm. Der eine geht von dem
+Zeitlichen, Zufälligen, Augenblicklichen, Problematischen unserer Taten
+aus; er kann dem echten wie dem verlogenen Werk gleicherweise zu Teil
+werden und hat wenig zu schaffen mit dem andern Ruhm, der durch unser
+ganzes Wesen bedingt ist, sich an den Zusammenhang unsrer Werke knüpft.
+Jener ist wie der kurze Erfolg eines Witzboldes oder guten Plauderers in
+einem geselligen Kreis, dieser wie das tiefe, stille, langsame Wirken
+eines Priesters oder Menschenfreundes; jener wird von anderen
+hervorgebracht und entsteht oft zu unserer eigenen Überraschung, dieser
+aber strahlt von unserm Innern, von unserer Persönlichkeit aus und kann
+auf alle Fälle erst nach dem Tod eintreten oder nach dem Abschluß
+unseres Lebenswerkes; jener muß um den Beifall jedes Zeitungsschreibers
+besorgt sein, dieser hat keinen andern Richter als das eigene Herz.
+
+DER ALTE:
+
+Es freut mich, daß du so denkst. Aber hast du auch immer in solchem Sinn
+gelebt, gedichtet? Du meinst, ich sei dir in all den Jahren mit Absicht
+ferngeblieben; dein Gefühl trügt dich nicht ganz. Aufrichtig muß ich
+gestehen, daß mich dein Erfolg beunruhigt hat. Er war mir zu schnell, zu
+laut, er ging mir zu wenig von der Sache aus und konnte sich zu wenig
+auf die Kunst berufen. Ich wollte warten, und ich wartete dein nächstes
+Buch ab. Ich war enttäuscht. Nicht als ob du dir darin untreu geworden
+wärst, aber du warst unruhig in dir selbst. Die Vision deiner Phantasie
+war nicht rein, sondern du sahst darin gleichsam die neugierigen
+Gesichter deiner Leser, deiner Freunde. Du trachtetest sie zu
+befriedigen und nicht dich selbst.
+
+DER JUNGE:
+
+Wahr, wahr. Doch ich habe gebüßt. Ich habe gebüßt, indem ich verachten
+lernte. Ich habe gebüßt, indem meine Seele immer schmerzlicher nach mir
+selber schrie. Kennst du diesen geheimnisvollen Zustand, der jedes
+Verweilen friedlos, jedes Nachdenken bitter macht? Es ist als ob man
+nach der Heimat reisen wolle und scheugewordene Pferde stürmten mit
+einem nach fernen wüsten Ländern. Was für ein rätselhaftes Ding ist es
+doch, das im Innern der Brust wohnt. Es hat eine Stimme, die den
+schrillsten Marktlärm übertönt, und bist du dann in der Einsamkeit, so
+schweigt es unvermutet, als wolle es sich rächen dafür, daß du ihm nicht
+früher gehorchtest. Immer aufmerksamer, immer stiller mußt du werden, um
+die Stimme nicht zu verlieren, nicht Weib und Kind und Geld und Gut
+darfst du festhalten, wenn sie es nicht will.
+
+DER ALTE:
+
+So viel Einsicht bei so viel Irren!
+
+DER JUNGE:
+
+Wie könnte man Einsicht gewinnen ohne geirrt zu haben? Erinnerst du dich
+unseres Gesprächs von damals über Wesen und Gesetze der Erzählungskunst?
+Ich habe viel, habe oft darüber nachgedacht. Ich habe daraus in den
+entscheidenden Punkten eine nicht mehr zu trübende Klarheit gewonnen.
+Und doch, so bald ich nur eins dieser Gesetze, und wenn es das
+lapidarste war, auf meine Arbeit anwenden wollte, so zerfloß es in
+eitel Dunst. Es geht wie mit den aufgeschriebenen Paragraphen-Sammlungen
+der Justiz gegenüber der lebendigen Menschenwelt. An sich betrachtet:
+wahr, gerecht und klar. Auf das Ereignis, auf die Tat, den Augenblick
+angewandt: nichtssagend, absurd, tot. Daraus schloß ich allmählich, daß
+es kein andres Gesetz gibt, als dasjenige, das wir selbst durch die
+Kraft unseres Werkes exemplifizieren. Jeder darf, was er kann.
+
+DER ALTE:
+
+Willst du aber leugnen, daß dir unser damaliges Gespräch förderlich und
+notwendig war?
+
+DER JUNGE:
+
+Durchaus nicht.
+
+DER ALTE:
+
+Es ist das Problem der Erziehung. Gut und Böse liegt im Menschen.
+Beispiel weckt Kräfte. Belehrung zeigt die Wege, zeigt die Schranken.
+Der Philister, der immer nur die Landstraße wählt und der Bohême, der im
+Gestrüpp stecken bleibt, keiner von ihnen kann Führer werden, jener ist
+überflüssig, dieser schädlich. So ist es auch mit der Kunst und ihren
+Gesetzgebern. Ich habe freilich gesehen, mit Kummer habe ich beobachtet,
+daß du alles was du damals so eifervoll, so leidenschaftlich zu
+ergreifen schienst, verächtlich beiseite geworfen hast. Nun, du bist oft
+genug im Gestrüpp stecken geblieben, und noch heute sehe ich weder Weg
+noch Ziel für dich; so hart es klingt, ich muß es sagen.
+
+DER JUNGE:
+
+Es klingt mir nicht hart. Ich muß dir so erscheinen. Du schaust vom Ende
+eines Wegs auf mich zurück. Du weißt natürlich wie du gegangen bist,
+aber wie ich gehen muß, das glaubst du nur zu wissen. Jedem ist sein
+Schmerz notwendig, jedem seine Sehnsucht, sein Suchen, und wo ich nach
+deiner Meinung verderbe, da ist vielleicht mein Heil. Wollte man doch
+alles Kritisieren lassen, das sich nicht aufs Engste beschränkt, aufs
+Greifbare, Haltbare! Ein menschliches Dasein ist kein Brettergerüst,
+kann nicht mit dem Richtscheit ausgemessen werden, kann nicht mit Nägeln
+und Klammern vor dem Geschick in Schutz genommen werden. Wenn es doch
+keine Schulmeister mehr gäbe! In jedem Lehrer steckt so viel Härte und
+Verhärtetsein, und was soll man erst zu jenen sagen, die aus bloßer
+verwerflicher Lust an Überlegenheit einem Organismus, den die Natur
+geschaffen hat, die Berechtigung zur Existenz absprechen.
+
+DER ALTE:
+
+So redest du für dich. Wehrst du dich aber nicht selbst gegen die
+Stümper, gegen die frivolen Eindringlinge in den Tempelbezirk der Kunst?
+Und bist du immer gerecht in der Unterscheidung? Täuscht dich niemals
+ein Vorurteil, und das deiner Natur Fremde, suchst du es auch zu
+verstehen, oder verwirfst du es nicht oft, nur weil es eben fremd ist?
+
+DER JUNGE:
+
+Du hast Recht. Aber der Verdruß gegen die Schwätzer und Windbeutel
+enthält oft das wünschenswerte Entgegenkommen den noch unerschlossenen
+und ringenden Kräften vor. Bei uns in Deutschland ist es besonders
+traurig. Unter hundert Betrachtern und Beurteilern eines Kunstwerks ist
+kaum einer, der imstande ist nur gerade, sagen wir: das Postament zu
+begreifen, auf dem es ruht. Eitelkeit und Nüchternheit diktieren ihnen
+ihr begeistertes oder verwerfendes Urteil. Überall guckt der
+Schulmeister heraus, und wenn sie wohlwollend sind, dann glauben sie
+schon weit zu gehen. Verzeih, daß ich jäh und bitter werde, aber sogar
+du ziehst es vor Diktator zu sein, anstatt Freund, Versteher, Billiger,
+Mitdeuter. Warum willst du nicht die Notwendigkeit hinnehmen, die mich
+erfüllt? Vielleicht ist das, was ich unter unbesieglichem Zwang schaffe,
+gar nicht so verschieden wie du meinst von dem, was die Formeln wollen.
+Und wer nie eine der anscheinend ehernen Regeln verletzt und selbst das
+erlauchteste Kritikerhaupt zum Schütteln zu bringen vermag, der ist kein
+Schöpfer, der bleibt stets ein Beckmesser.
+
+DER ALTE:
+
+An der hohen Meinung von dir selbst hat es dir nie so sehr gefehlt als
+an der von den andern. Aber ich bin dir keineswegs böse. Im Gegenteil
+muß ich gestehen, daß mich dein Feuer seltsam erwärmt und daß mir dabei
+der Gedanke aufsteigt, wie gleichgültig, fern und matt all dies
+eifervolle Mühen um Dinge ist, die doch, man könnte fast glauben mit
+einem spöttischen Lächeln, ihre eigenen Wege gehen. Der Mensch ist
+alles, das Lebendige ist alles, und eine Natur, mit Sehnsucht, Mut und
+Schöpferwillen begabt, wird, sei sie noch so eng, stets den Nörgler
+beschämen. Aber es würde mich nun interessieren, wie du dir die Zukunft
+deiner Kunst denkst, denn aus deinen Reden atmen mir Revolutionen
+entgegen.
+
+DER JUNGE:
+
+Liebster Freund, wie schnell werden wir uns verständigen, wenn du so
+spricht.
+
+DER ALTE:
+
+Und wie erstaunt werden wir sein zu bemerken, daß jeder nicht den andern
+bekämpft hat, sondern sein eigenes Mißverstehen, seine eigene Ungeduld,
+seine eigene Unsicherheit. Lassen wir also alles Allgemeine für diesmal
+beiseite und erzähle mir von dir selbst, von dir allein. Ich denke, daß
+ich so am meisten auch über deine Kunst erfahre.
+
+DER JUNGE:
+
+Meine Kunst! Ich gestehe dir, daß dieses Possesivpronomen für mich etwas
+Erstaunliches und Fremdes besitzt. Wenn ich mich ehrlich prüfe, so habe
+ich eigentlich keine Kunst. Was mich zur Arbeit treibt, ist nicht der
+Drang etwas zu vollenden, nicht der Wunsch von etwas außerhalb meiner
+Sphäre Liegendem Besitz zu ergreifen, nicht oder doch nicht in erster
+Linie die Sehnsucht nach farbigem Bild oder plastischer Gestalt oder
+Deutung eines Schicksals, sondern es ist etwas anderes, seltsames. Es
+ist eine tiefe, immer wachsende Unruhe in meinem Innern; es ist als ob
+in meiner Brust ein Wesen verborgen wäre, das sich selbst kennen zu
+lernen, über sich selbst Klarheit und Wahrheit zu erlangen wünscht und
+für das die Arbeit meiner Hand, das Geschaffene, nichts ist als ein
+Spiegel, in dem es sich betrachten kann und der es je mehr befriedigt
+und beglückt, je ruhiger und ungetrübter er das Bild seiner vorigen
+Verzweiflung um sich selbst wiedergibt.
+
+DER ALTE:
+
+Das haben viele Dichter von heute. Deshalb vermögen sie ihre innere Welt
+nicht mehr genügend zu objektivieren.
+
+DER JUNGE:
+
+Schon wieder der Schulmeister. Dein Tadel trifft nur jene, die noch
+nicht starke Menschen genug sind, oder starke Künstler (denn in meinem
+Sinn bedeutet das dasselbe), um dem Dämon, dem Zwerg, dem unruhigen
+Wesen genug zu tun. Ihr Spiegel ist nicht rein legiert. Dies ist eben
+das Neue: immer wichtiger, bedeutungsvoller, ich möchte sagen,
+göttlicher wird der Mensch und seine Seele. Alle Erlebnisse verdichten
+sich nach innen, alle Verwicklungen betreffen nur das Herz, oder sie
+sind wesenlos und für den Dichter unbrauchbar. Warum das alles so ist
+und wie es gekommen ist, das zu entwickeln fühle ich mich nicht kühl und
+begabt genug, aber daß es so ist beweisen tausend Zeichen. Den groben
+Augen und groben Sinnen scheint das in solcher Luft Gestaltete und
+Geschaffene noch schattenhaft, aber mit der Zeit werden sie schon sehen
+und fühlen lernen.
+
+DER ALTE:
+
+Das alles klingt mir gar nicht so neu und überrumpelt mich nicht so sehr
+wie du anzunehmen scheinst. Ich glaube sogar, deine etwas wortreiche
+Tirade ist völlig zu ersetzen, wenn wir sagen, du habest dich ganz den
+Forderungen der Gegenwart ergeben.
+
+DER JUNGE:
+
+Und damit glaubst du etwas gesagt zu haben? Gut. Ja. Meinetwegen. Wenn
+es dich befriedigt, ein Wort dafür zu wissen, – meinetwegen. Glaubst du
+denn, daß es Laune ist oder Trotz oder die eitle Lust zu verblüffen, was
+unsre Besten in ihren besten Stunden bewegt? Sie sind nicht
+Eigenwillige, sie sind Geschöpfe der Zeit, in ihnen kristallisiert sich
+die Sehnsucht und das geistige Bedürfnis der Menschheit.
+
+DER ALTE:
+
+Von dir wollte ich etwas wissen, von _deiner_ Art etwas erfahren.
+
+DER JUNGE:
+
+Vielleicht bin ich dazu nicht imstande. Was nützte es, sofern du mein
+Vermögen in Zweifel ziehst, wenn ich dir sagen wollte: ich will
+Gestalten geben, deren Seele das reinste und empfindlichste Instrument
+ist für das unbegreifliche Spiel des Schicksals? Ich will meine eigene
+Furcht, mein eigenes Entzücken, meine eigenen Vorstellungen von Leben,
+Gott und Tod zum Bilde machend, Wesen darstellen, die unter dem Druck
+und Anhauch solcher Gefühle unvermittelter, vielfacher tönend reagieren;
+die das Erstaunen des Kindes noch in sich tragen vereint mit der
+Erfahrenheit des weisen Zuschauers und die unter dem Kleid des Alltags
+dennoch wandeln wie wir alle wandeln, unwissend woher, unwissend wohin.
+Ich will den einen zum Schatten machen, denn sein Dasein, seine
+Leidenschaften, seine Triebe, seine Taten sind ihm und andern unbewußt
+dunkel und nichtig wie Schatten, jenem aber, der zur Seite steht, nichts
+will, nichts gibt, nichts vermag, nichts bedeutet, zur charakteristischen
+Gestalt verhelfen. Ich will nicht die Verknüpfung äußerer Erlebnisse
+geben, sondern die Wirrnis der inneren, ich setze keinen Ehrgeiz darein,
+Fäden zu knüpfen und zu lösen. Ich möchte keine Gewitter geben, sondern
+die Entwicklung des Gewitters, die schwülen Lüfte des ahnungsvollen
+Tages, alles was vorher geht, was Verantwortung trägt. Ich will keine
+prahlerischen Ereignisse, sondern ich suche den kleinen Schmerz, der in
+tausendfachen Bildungen die Seele dem Verderben entgegenschleppt, und
+dies alles will ich wieder einer großen Harmonie zuführen, die
+mannigfach geteilten Motive dem Unendlichen vermählen.
+
+DER ALTE:
+
+Das geht weit, das hat Schwung, das klingt nicht übel.
+
+DER JUNGE:
+
+Wie es klingt, ist nicht so wichtig wie das wohin es zielt. Wir alle,
+Kleine und Große, sind Glieder eines einzigen Körpers. Jeder hat teil an
+jedem. Verworfen wird nur der Leugner. Lernen wir es, andächtig und
+ehrfürchtig zu sein.
+
+DER ALTE:
+
+Und wenn wir alt sind, laßt uns nicht vergessen, zur rechten Zeit zu
+sterben.
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand sich ursprünglich am
+Buchende.
+
+p 009: auschließlich -> ausschließlich
+p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt
+p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen
+p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo
+p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren
+p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung
+p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als
+p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a first
+edition copy. The table below lists all corrections applied to the
+original text. The Table of Contents was moved from the back of the book
+to the front.
+
+p 009: auschließlich -> ausschließlich
+p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt
+p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen
+p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo
+p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren
+p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung
+p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als
+p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of IMAGINÄRE BRÜCKEN, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN ***
+
+***** This file should be named 17007-0.txt or 17007-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ https://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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