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+The Project Gutenberg EBook of IMAGINÄRE BRÜCKEN, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: IMAGINÄRE BRÜCKEN
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: November 5, 2005 [EBook #17007]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+JAKOB WASSERMANN
+
+IMAGINÄRE BRÜCKEN
+
+
+ STUDIEN
+ UND AUFSÄTZE
+
+
+
+KURT WOLFF VERLAG / MÜNCHEN
+
+
+Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München
+Druck von Dietsch & Brückner, Weimar
+Herbst 1921
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+ Seite
+Was ist Besitz? ....................... 5
+Faustina .............................. 29
+Der Literat ........................... 85
+ Der Literat als Dilettant ........... 87
+ Der Literat als Psycholog ........... 95
+ Der Literat als Tribun .............. 111
+ Der Literat als Schöngeist .......... 124
+ Der Literat als Apostel ............. 131
+ Die Frau als Literat ................ 140
+ Ergebnisse .......................... 145
+Die Kunst der Erzählung ............... 151
+
+
+
+
+Was ist Besitz?
+
+Geschrieben 1919
+
+
+Die Zeit erschüttert die Begriffe und wühlt den Boden auf, dem sie
+entwachsen sind.
+
+Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor allem darum zu
+handeln scheint, den Wert, das Ausmaß und die Rechtsgrundlagen von dem,
+was bisher Eigentum hieß, zu revidieren und umzuformen.
+
+Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher mit
+unwiderlegbaren Argumenten verteidigen konnte, ja der geradezu ein
+Gesellschaftsgesetz war, wird ihm plötzlich streitig gemacht mit
+Gründen, denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck
+verliehen wird durch Drohung von Gewalt. Gewalt ist nicht zu widerlegen.
+
+So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private Existenz
+gegriffen, daß der Bürger, das Mitglied einer Gemeinschaft, die nur zum
+Schutz ihrer selbst besteht, von einem andern Teil dieser Gemeinschaft
+in seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten
+Lebensbedingungen entrechtet werden soll, und daß ihm zugemutet wird,
+die anscheinende Willkür und Unbill nicht bloß geduldig zu ertragen,
+sondern auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere Ordnung darin zu
+erblicken.
+
+Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen die alte
+wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; dazu fehlt mir die Befugnis
+und die Kompetenz. Es soll auch nicht von Schlagworten des Tages die
+Rede sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; sie
+haben die Köpfe genug verwirrt, die Leidenschaften genug erregt. Ich
+möchte das Wesen des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach
+verschiedenen Seiten, auf das innere und auf das äußere Leben, das
+soziale und das individuelle, seine Legitimität und seine Schädlichkeit,
+seine Fruchtbarkeit und seine Unnatur.
+
+
+I
+
+Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfüllt gegen den, der
+Überfluß hat. Es gibt Verstoßene, die durch keine Anstrengung dahin
+gelangen können, wo die Lieblinge des Glückes sich am ersten Tage
+befinden. So entsteht in Hunderttausenden, Millionen Gemütern
+Bitterkeit, Haß, Neid und Auflehnung.
+
+Für den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der andere hat, schon
+Überfluß. Wer nur ein einziges Hemd besitzt, für den ist der Besitzer
+von zwei Hemden ein mit Glücksgütern Gesegneter. Wer sich nicht
+sattessen kann, für den ist der sorgenvollste Satte ein Krösus. Wer kein
+Bett sein eigen nennt, in dem er schlafen kann, für den ist der auf dem
+Strohsack Ruhende beneidenswert.
+
+Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich viele
+Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen des Besitzes hat. Zwischen
+dem in einer Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im
+Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen Nabob in der
+ersten Kajüte mit Bade- und Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf
+der alle Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, alle
+Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle ausdenkbaren Schicksale der
+modernen Welt spielen.
+
+Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf trennende Linie. Sie
+scheidet diejenigen, die ihre Lebensnotdurft nicht stillen können, von
+denen, die in der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse eine
+selbstverständliche Voraussetzung erblicken. An dieser Linie teilt sich
+die moderne Welt in zwei Lager. An ihr wütet der soziale Kampf in seiner
+ganzen Furchtbarkeit.
+
+Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, ein
+Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes Gefüge ist, so muß man sich
+fragen, weshalb das eine Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner
+Bedrückung, seinem Leiden die bevorzugte Situation des andern so lange
+erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, allgemeinen, gewaltsamen Eingriff
+vorzunehmen. Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter der
+Ungerechtigkeit an sich trägt, mußte doch umsomehr zum Umsturz
+herausfordern, als die zahlenmäßige Übermacht zu allen Zeiten auf Seite
+der Entrechteten lag. Waren sie nicht genug durchdrungen von ihrem
+Recht, dem Recht auf Brot und Wärme, auf Luft und Licht? Hat man ihnen
+Schaustellungen des Prunkes erspart? Wußten sie nicht, was erreichbar
+war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem Übermut und ihrer Härte?
+Warum also die Geduld?
+
+Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt auf Seite der Reichen
+war; sie konnten die Gewalt bezahlen, und unter denen, die bezahlt
+wurden, befanden sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre Brüder
+verrieten, eben weil sie bezahlt wurden.
+
+Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, raffiniertes und
+uraltes System von Einschüchterung, Betäubung und Verdummung die Masse
+der Unterdrückten in Bann gehalten hat, und weil zudem die Sorge für den
+Tag, die dringende Notwendigkeit, Obdach, Nahrung und Kleidung zu
+beschaffen, den größten Teil der verfügbaren Kräfte absorbierte.
+
+Es ist ein Stück der Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es
+ist die äußerliche Wahrheit, aber nicht die innere.
+
+Nehmen wir an, es fände heute eine vollkommen gerechte und gleichmäßige
+Verteilung aller vorhandenen Güter statt, beweglichen und unbeweglichen;
+jedem wäre so die Unabhängigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit,
+die Möglichkeit, seinen Anteil nach seinen Gaben und Kräften nutzbar zu
+machen. Dieser paradiesische Zustand würde genau so lange dauern wie
+ein Tüchtiger braucht, um einen Trägen aus dem Feld zu schlagen, ein
+Listiger, um einen Dummkopf zu betrügen, ein Glückspilz, um über einen
+Pechvogel zu triumphieren, eine talentvolle und feurige Persönlichkeit,
+um Anhänger für eine Sache oder Idee zu gewinnen, der sie sich
+versprochen hat.
+
+Daß in der von Menschen (so wie Menschen einmal sind) bevölkerten Welt
+eine Besitznivellierung stattfinden kann, halte ich für denkbar,
+obgleich ich fürchte, daß sie ohne Raub, Bedrückung, Gewalt und
+Ungerechtigkeit nicht durchzuführen ist. Daß sie aber auch nur auf kurze
+Dauer rechnen kann, halte ich bei einer Gemeinschaft, die nicht
+ausschließlich aus Ackerbauern, Fischern, Jägern und Viehzüchtern
+besteht, für undenkbar. Und auch hier würden sich die Schlauen, die
+Tätigen, die Erfinderischen bald absondern, und Herren würden Sklaven
+finden. Eine Binsenweisheit im übrigen.
+
+Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste von allzulange
+hörig Gewesenen erhebt, ist auf den katastrophalen Moment dieser Epoche
+gestellt; sie lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit
+hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer Hypertrophie
+erreicht. Das über und über gehäufte Mehr auf jener Seite soll
+abgetragen werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren. Ich weiß
+nicht, wie das geschehen soll, ich weiß nicht, ob es geschehen kann,
+auf eine vernünftige, ersprießliche, rettungversprechende Art nämlich.
+Daß es wichtig, daß es würdig und menschlich wäre, wenn es geschähe,
+weiß ich, auch wenn mir die Sachverständigen mit klugen und
+wahrscheinlichen Berechnungen vor Augen führen, daß es den Zusammenbruch
+der gegenwärtigen Gesellschaft bedeute, und sich dieser in Rußland ja
+bereits vollzogen habe. Kein Bestand irgendeiner Ordnung vermag dafür zu
+entschädigen, daß lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, daß sie
+besteht.
+
+Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde gehen. Eine Wut der
+Materie hat sich des Zeitalters bemächtigt, die gegen alle Einflüsse des
+Geistes, der Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige
+Nutzanwendung wirft überall die Logik der Dinge und der Geschehnisse aus
+der Bahn. Forderung überschreit Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz
+der Zahl ist im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide gleich
+seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos zu sich selbst, in
+einer durch die Materie getrübten Beziehung zum andern und zur Welt,
+abgetrennt vom sittlichen Verlauf, weil völlig geblendet oder erschreckt
+vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren sein, alle wollen
+sich ihrer bemächtigen.
+
+Jede Tätigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbrüchliche
+Legitimität. Diese Legitimität ruht nicht in der Materie, sondern im
+Geiste.
+
+Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben und Andenken der
+gierigen und unempfindlichen Raffer und Wächter toten Eigentums, die das
+Blut schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul und
+achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution beriefen, wenn die
+Lohnsklaven im Dunst der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende
+Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger sie zur
+Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren gesicherten Asylen
+verschanzten, beschützt von Polizei und Militär, wenn die Not zu ihnen
+schrie, das tausendfältige Elend der Städte sich verzweifelnd erhob, der
+tausendfältige Schmerz seine fahlen Züge zeigte. Wehe den
+Aktienparasiten, den gelangweilten Müßiggängern, den Spielern mit
+Menschenseelen und Wucherern mit Menschenkräften, den Petrefakten und
+dem schillernden Geschmeiß einer untergehenden Welt!
+
+Aber diese Schädlichen und Hinderlichen haben und hatten von jeher im
+Lager der Armen und Geknechteten ein unabsehbares Heer von Lakaien,
+Agenten, Anwälten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen
+Kreaturen, die, gefällig jedem Wink, auf das Erträgnis ihrer Dienste
+angewiesen, in Schranken gehalten durch die Stimme des Eigennutzes,
+zitternd vor der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber, durch die
+Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam, die nach wirkende Zucht der
+Kirche und der Schule zur Indolenz und Scheinüberzeugung gebracht,
+stützendes Element auf der einen, hemmendes auf der andern Seite der
+Linie waren.
+
+Daraus jedoch schließen zu wollen, als hätte die Stabilität der
+bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in unreinen Gesinnungen und
+niedrigen Interessen, in der Trägheit und Knechtseligkeit der Massen
+ihre Ursache, hieße der billigen Demagogie das Wort reden, die heute die
+Straße und die politische Schaubühne beherrscht und die die menschliche
+Natur und das Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder sie
+überhaupt nicht in den Bereich der Argumente zu ziehen vermag. Was
+ebenfalls ein Merkmal geistigen Abstiegs ist.
+
+
+II
+
+Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut oder böse, ist
+Achtung vor dem Besitz des andern Menschen angeboren.
+
+Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits eine anarchische
+Seelenstimmung, die unmittelbar in die Verzweiflung mündet. Ehe solcher
+Zweifel Wurzel faßt, muß der Glaube an die eigene Kraft verschwunden
+sein; es kann keine Idee mehr vorhanden sein, die der Brutalität der
+Wirklichkeit entgegentritt und sie unter sich läßt; das persönliche
+Wertgefühl ist ertötet.
+
+Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang Idee. Nicht das, was mir
+vorenthalten wird, ist der fremde Besitz, sondern das, was mir
+unerreichbar ist; nicht das, worum ich durch Fügung oder Tücke betrogen
+worden bin, sondern das, was außerhalb meiner Sphäre liegt.
+
+Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die Norm der sittlichen
+Verfassung vorausgesetzt, kommt es nicht in Frage, ob der Nachbar, der
+Freund, der beliebige Andere Vorrat und Anhäufung von Dingen hat, an
+denen ich Mangel leide. Auch seine Würdigkeit kommt nicht in Frage, sein
+Wagnis nicht, seine Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den
+Andern, sondern nur, was mich betrifft.
+
+Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich. Was ich von der Welt
+erringe, um meinen leiblichen oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist
+Besitz. Besitz ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Faßbares,
+Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium meiner Person und
+innerhalb ihres Wirkungskreises irgend Leben erhält.
+
+Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von Besitz, ein
+Unschaubares, Unfaßbares, Unbrauchbares, das Unding schlechthin. Deshalb
+entsteht Täuschung und Lüge, wo es für Besitz genommen wird, Haß und
+Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt es sich nicht in das Ding, gibt
+es seinen Charakter als Vorwand nicht auf, bleibt es als häßliche
+Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz und gar Gespenst
+von Besitz, so ist es verzeihlich und logisch, daß unter denen, die von
+seinem widrig-geheimnisvollen Zauberring ausgeschlossen sind, die in Not
+verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen, eines Schattens, einer Formel
+nicht bemächtigen können, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht, eine
+finstere Erbitterung, schließlich ein Wahnsinn, Massenwahnsinn, der
+genau das Bild unserer Tage malt.
+
+Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das Unding ist eines mit
+dem Ungeist.
+
+Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens die Würde seines
+Seins. Am Ding kann ich mich messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann
+es mir inkarnieren, es kann mich nähren, kleiden, schützen, tragen,
+fördern; es ist, je nachdem, Schmuck oder Lehre, Lohn oder Geschenk,
+Waffe oder Trophäe, Beute oder Erwerb.
+
+Die ursprüngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen dem Ding
+gegenüber ist die Ehrfurcht vor seiner Bestimmung. Und davon ging ich
+aus. Es knüpft sich hieran von selbst der Glaube an die persönliche
+Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung. Das quälende
+Mißverhältnis in der sozialen Wirtschaft, die unüberbrückbare Kluft
+zwischen den aufs äußerste gesteigerten Extremen fällt allein dem Dämon
+zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt, denen trotzdem
+Tauschgeltung eignet, das den Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung
+entwertet und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung der
+sozialen Kräfte herbeiführt.
+
+Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges und
+Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser ist für den, der besitzt,
+kennzeichnet es auch die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es
+sind dies, tiefer betrachtet, zwei völlig verschiedene Gattungen von
+Menschen und demgemäß zwei völlig verschiedene Eigenschaftsgruppen, die
+zu betrachten sind.
+
+Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Phänomen, daß zwischen dem
+Verlangenden und dem verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung
+herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinität, die auf die
+Schnelligkeit der Erfüllung Einfluß hat, ein seelisches Fluidum, das mit
+größerer oder geringerer Gewalt das Zueinandergehörige zueinander
+bringt. Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch, kann man auch vom
+Schicksal zwischen Mensch und Ding sprechen.
+
+Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist, das zu entscheiden,
+ist nicht einfach. Das Erwägen solcher Möglichkeit freilich fordert
+bereits die Entrüstung der Rationalisten heraus, und ich möchte in
+diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und Wirkung eines
+Magnetismus dürfte auch von Grobnervigen nicht geleugnet werden; er
+kommt ja in alltäglichen und trivialen Vorgängen oft genug zur
+Erscheinung. Bemerkbar ist natürlich das Verhalten des Menschen, der
+zum Ding steht.
+
+Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen, Fähigkeit,
+Überlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte Wert, der Wert im
+Bewußtsein der andern und die Weite des trennenden Wegs bringen die
+Summe des Müheaufwandes hervor und ergeben die moralische Schätzung für
+ihn. Ehrgeiz entfaltet sich; Pläne werden erdacht; Anstrengungen
+wiederholen sich beständig; der Geist wird gebunden und auf ein Ziel
+gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt werden müssen;
+Hindernisse erheben sich außen, Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der
+Wunsch trübt sich, erglüht wieder; alles dies in niedriger wie in hoher
+Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei dem Ringen um ein kostbares
+Gut. Das Bild dessen, was errungen werden soll, ist das fortwährend
+verjüngende und erneuernde Movens, der Kräftespeicher, der Feuerspender;
+es diktiert den Rhythmus, die Flughöhe, schafft die Züge und die Gestalt
+des Lebens, es ist das Leben geradezu.
+
+Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen Lebensgesetz
+stehen, sind hiervon in gleicher Weise umschlossen. Wo das Unding nicht
+die Herzen und Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Geschöpf
+einerseits zur Maschine oder gar zum Teil einer Maschine erniedrigt hat,
+andererseits die, die sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in
+feige, stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende, nur
+menschenähnliche Hüter und Zuchtmeister verwandelte, überall dort ist
+Spiel freier Kräfte, Spannung und Ausgleich, Begehren und Befriedigung,
+Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren Stufen auf obere, von
+oberen auf untere, Aufstieg und Fall, edle Sucht und gemeine,
+eigennütziger Trieb und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung in
+der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des Besitzes die Deutung
+und der Inbegriff der vitalen Bewegung.
+
+Sogar jene Unglücklichen, die Hingewürgten und ihre Würger, kennen sie
+auch nicht den Besitz als schöpferisch treibendes Element, so kennen sie
+ihn doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verhängnis des
+Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden der Fetischismus, bei den
+entseelt Besitzlosen die Rauschillusion und Aufpeitschung durch das
+Stimulans.
+
+Die opfervolle Bemühung, das engverstrickte Maschenwerk von Interessen
+und Leidenschaften, das erschütternde Theater des Empor und Hinab der
+Existenzen nennt man sozialen Kampf. Es ist, näher besehen, der Kampf
+des einzelnen um sich, um das, was er liebt, um den Boden, um die Luft,
+um das, was er braucht, damit er sein kann, was er ist.
+
+Geprüft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt durch die Prämie. Je
+spezifischer, persönlicher, einmaliger, einzigartiger die Leistung,
+desto höher die Prämie, sei sie nun von materieller, moralischer oder
+geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange vorenthalten, auf
+lange Sicht gebucht, und wird, in ihrer letzten Entmaterialisation als
+Ruhm, als Kult bezahlt; völlig unterschlagen kann sie nur in seltenen,
+tragischen Fällen werden.
+
+Darum löst die Prämie, wenn sie im harmonischen oder wenigstens
+annähernd harmonischen Verhältnis zur Leistung steht, das Gefühl
+vollzogener Gerechtigkeit aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner
+Betätigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf des ganzen
+Gesellschaftsorganismus in ihr seinen Herzpunkt hat, ist auch jeder
+irgendwie für sie in Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das
+System befehden, mögen List, Betrug, Verbrechen die Prämie verdrängen,
+verkleinern, abwendig machen, den natürlichen Gang beeinflußt es nicht.
+
+Der Fähige fordert und wird bezahlt. Im Unfähigen schlummert neben der
+Traurigkeit des Unbelohnten auch ein heimliches Bewußtsein von Schuld.
+
+
+III
+
+Das Buch, das ich erworben habe, ist mein Eigentum. Derjenige Teil
+meiner Arbeit, der den Kaufpreis repräsentiert, ist die Leistung.
+
+Somit wäre der Prozeß ein- für allemal erledigt: ich kaufe ein Buch,
+stelle es ins Regal und bin Besitzer. Ob ich es gelesen oder nicht
+gelesen, benützt oder nicht benützt, verwertet oder nicht verwertet
+habe, das ändert an meinem Besitzrecht nichts.
+
+In der Tat ist dies der Vorgang bei allem bürgerlichen Besitz: die
+Leistung ist erledigt und bewiesen durch den Kauf, wobei ich nach dem
+bisher Gesagten unerörtert lassen kann, ob sie legitim oder illegitim
+ist. Es kommt das weiter nicht in Betracht.
+
+Nun leuchtet es ein, daß es keineswegs dasselbe ist, ob ich einen Sack
+Mehl kaufe, um ihn zum Kochen und Backen zu verwenden, oder ob ich
+Bücher kaufe, um sie ins Regal zu stellen. In dem einen Fall ist meine
+Leistung zweckhaft, im andern anscheinend zwecklos.
+
+Man nehme jedoch an, ich sei Sammler von Büchern, es sei meine Passion
+und mein Entzücken, seltene Ausgaben, kostbare Exemplare oder eine
+möglichst vollständige Reihe der über eine Wissenschaft erschienenen
+Werke zu besitzen, so tritt bereits eine Zweckhaftigkeit hervor, auch
+dann, wenn ich mich niemals mit einem von ihnen beschäftige, ihren
+Inhalt nicht kenne, nicht verstehe, nicht schätze.
+
+Oder man nehme an, ich hätte eine umfangreiche Bibliothek ererbt und
+obwohl ich lieber faulenze oder Forellen fische oder Blumen züchte, sei
+ich durch Pflicht der Pietät, stille Abmachung von Geschlechtern her
+verbunden, sie unangetastet, unverwertet in meinem Hause zu verwahren,
+selbst auf die Gefahr hin, daß sie mir zur Last falle.
+
+Und schließlich nehme man an, die Bücher seien mir unentbehrlich, weil
+ich mir eine bestimmte Einsicht, eine Erkenntnis verschaffen will, weil
+sie Hilfsmittel zu meiner Arbeit sind, weil ich zu jedem einzelnen in
+einer besonderen Beziehung stehe, die beständig wechselt, beständig
+fluktuiert und infolgedessen sich beständig erneut, meine
+Persönlichkeitsgrenze erweitert und die Fähigkeit zur Leistung erhöht,
+so liegt der Zweck offensichtlich am Tage.
+
+Demgemäß sind vier Kategorien des Besitzes zu unterscheiden:
+Verbrauchsbesitz, Schmuckbesitz, Erb- und Anhäufungsbesitz und
+Produktionsbesitz.
+
+Das Merkmal des Verbrauchsbesitzes ist der Abbruch der Leistung mit dem
+Nutzgenuß; des Schmuckbesitzes: die Leistung zum Phantasiegenuß; des
+Erb- und Anhäufungsbesitzes: die brachliegende Leistung; des
+Produktionsbesitzes: die Verwandlung der Leistung in höherer Sphäre zu
+höherer Gestalt.
+
+
+IV
+
+In Bernard Shaws »Candida« sagt der Pastor Morell: Wir haben so wenig
+das Recht, Glück zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu
+verbrauchen, ohne ihn zu erwerben.
+
+Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den stärksten Nachdruck auf die
+Begriffe: Glück erzeugen und Glück verbrauchen. Einen um so stärkeren
+Nachdruck, als diese scheusälig entwürdigte und besudelte Welt um uns
+so glücklos geworden ist, so zerfetzt und entstellt und in den Morast
+geschleift, daß sie in unserm beleidigten Bewußtsein nicht mehr froh
+gemacht werden kann, und wenn Gott die Heerscharen seiner Engel als
+Gärtner und Baumeister schickte.
+
+Wer sind die, die mehr Glück erzeugen, als sie verbrauchen? Seltene
+Menschen, die seltenen Weisen, seltenen Dichter, seltenen Lehrer und
+Versöhner, Former der Herzen, die Ausjäter, Wahrheitskünder,
+Gestaltenbildner, die oft im verborgenen stehen, ins verlorene gehen, in
+der Tiefe hinschwinden, der sie entstammen. Und je mehr Glück sie
+erzeugen, je weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu
+verbrauchen. Sie produzieren den Überschuß, der der Menge der zur
+Produktion minder Befähigten zugute kommt.
+
+Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel Glück der Sammler
+von Büchern, Münzen, Teppichen, Gläsern, Waffen oder sonstigen Dingen
+erzeugt. Zumeist ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer. Tiefes
+Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem die Freiheit fehlt, den Besitz
+hörig macht. Alles Segensreiche liegt aber in der Freiheit, in der
+Mitteilung, in der schenkenden Kraft.
+
+Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen der Rechenschaft
+entziehen, so auch die letzten Ziele. Selbst bei den primitivsten fließt
+das Endliche an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich seiner
+Motive und Absichten klar zu sein dünkt, wäre sonderbar getäuscht, wenn
+er alle Folge im Schicksalsverlauf überblicken könnte. Wie das endlich
+Gedachte unendlich, so wird das eigensüchtig Getane allgemein; in
+irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg, zu irgendeiner Zeit.
+
+Die egoistisch beschränkte Leidenschaft eines Sammlers, die
+gesellschaftsfeindliche Gier eines Güteranhäufers ruft Bewegung weit
+über den Kreis dieser Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv
+auf andere Individuen und verdichten sich außerdem im Objekt. Von da aus
+schaffen sie neues: sie schaffen Werke, Anschauungen, Spannungen,
+Wetteifer, Erkenntnis, Freude und Schönheit. Das Individuum und seine
+Motive sind überwunden. Die Dinge und die in ihnen verdichtete, von
+ihnen wieder ausströmende Bewegung überwinden die Niedrigkeit und die
+Endlichkeit des Individuums.
+
+Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken stehen, welche einst
+Eigentum der Borgias waren, haben keine Erinnerung daran und brauchen
+sich nicht an der Tatsache zu stoßen, daß diese Leute infame Giftmörder
+und Banditen waren, die nebstbei die modische Herrenlaune hatten, Bilder
+und Statuen zu sammeln.
+
+Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten, auch auf den
+Sammler, der als Figur erklärt hat, was zu erklären war. Wichtig ist die
+Erzeugung von Glück, von Freude, von Schönheit. Sie ist keineswegs nur
+von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abhängig; sie umfaßt das ganze
+Gebiet des realen Lebens, das Angenehme, das nutzlos, das Spielhafte,
+das brotlos, das Glänzende, das zwecklos ist, den Überschwang und
+Überfluß, die heitere Fülle, Fest und Illumination, den Perlenschmuck am
+Hals einer Frau, den Pomp des Fürsten, den Luxus des Millionärs, die
+Puppe in der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht, die
+Marmorsäule des Tempels, die bunte Tracht des Wilden, den goldenen
+Rahmen eines Spiegels, die Blumen auf einem Grab.
+
+Dies alles ist Frucht des Besitzes, und würde nach der unmittelbaren
+Nützlichkeit gefragt, so müßte geantwortet werden: es ist verschwendeter
+Besitz. Die Frage nach Nützlichkeit und Notdurft steht der nach Glück
+und Schönheit schroff gegenüber. Wäre es den Menschen versagt, für ein
+anderes Ziel zu arbeiten als für die Befriedigung ihrer leiblichen
+Bedürfnisse, mehr anzustreben als höchstenfalls das persönliche Behagen
+auf Grund der Erfüllung der gemeinen Sinnengelüste; wären diese
+gewährleistet und der Pakt würde geschlossen um den Preis der Abkehr von
+Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und Überflüssigem, so verwandelte
+sich die Erde in ein düsteres Gefängnis, wo zweckbeladene, vom Zweck
+kastrierte Sklaven langsam zu Idioten würden, in einen Stall satter,
+verdauender Tiere, von denen eine Anzahl von Zeit zu Zeit die übrigen
+in geheimnisvoller Tollwut überfallen und zerfleischen würde. Diese
+Tollwut wäre die Rache der verstörten, vergifteten, medusisch gewordenen
+Phantasie; denn Phantasie kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins
+mörderische verkehrt werden.
+
+Leben wir denn nicht in einer Welt, ähnlich der? Nur daß der Pakt
+unzulänglich ist, daß die gemarterten Tiere, weit entfernt, satt zu sein
+und zu verdauen, hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande
+gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die Kreatur winselt.
+Nutzzweck heißt der Tiger, der uns in den Klauen hält, daß das edelste
+Blut der Menschheit ausrinnt und sie sich nur noch müht um das, was ihre
+Blöße bedeckt und ihren Magen füllt. O angstvoll starre Blicke, auf den
+Trog geheftete Blicke, ihr kennt kein geläutertes Verlangen mehr; o
+Freunde, zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach gejagte Vögel, ihr
+wißt nichts mehr von Aufschwung und Jubel, der Enthusiasmus ist
+gestorben in euern Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem
+Büttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von der Maschine, von der
+Materie, vom Zweck Besiegte und Entherzte!
+
+
+V
+
+Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so verschieden wie Ich
+und Welt. Wer ein Ding besitzt, unternimmt es, ein Stück Welt seinem Ich
+einzuverleiben. Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt im Problem
+der Identität.
+
+Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind äußerliche
+Regelungen und Festsetzungen, soziale Dringlichkeiten. In Wahrheit
+erringe ich den Besitz einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe.
+Es gibt kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe.
+
+So wäre also auch die Liebe ein Problem der Identität? In der Tat
+scheint es mir so zu sein. Setze ich an die Stelle des Begriffes »Welt«
+den Begriff »Du«, so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles
+Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du machen. Es ist die
+höchste erreichbare Stufe des Besitzes, und deshalb hat auch die
+Dichtung kein anderes Wort dafür als: einander besitzen.
+
+Um aber das Alltägliche des Gegenstandes nicht zu früh aus dem Auge zu
+verlieren, so wird man einwenden, es heiße doch viel gefordert von der
+Spannweite und dem Liebesvermögen der menschlichen Psyche, wenn man ihr
+zumutet, daß sie sich mit allen den Dingen erotisch verschmelzen soll,
+die unentbehrlich sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz, all
+den Krücken und Behelfen, den Bindungen und Füllseln, deren Bestimmung
+es ist, aufgenommen und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt
+zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren schließlich, das bei besserer
+Einsicht und vermehrter Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren
+weichen oder bei herabgedrückten Umständen abermals dem Geringeren Raum
+geben muß.
+
+Darauf ist zu erwidern, daß das durchaus eine Angelegenheit des
+subjektiven Kräfteverhältnisses und der individuellen Phantasiefähigkeit
+ist. Ich kenne Leute, denen es, bei offenbarer Wohlhäbigkeit, eine
+gewisse Überwindung kostet, sich von einem Paar abgetragener Stiefel zu
+trennen, wie es andere Leute gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen
+teuern Menschen von sich stoßen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Es kann
+sogar ein und dieselbe Person sein, die beides zu tun imstande ist. An
+Dingen Haftende sind gewöhnlich nicht solche, die für Menschen glühen
+oder für Menschliches sich einsetzen, und andererseits hat die
+Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare Liebe für das Ding zur
+Folge. Die universalen Seelen, wie Goethe eine war, vermögen mit ihrer
+Liebe ein ganzes Universum zu umschließen, den Stein, die Blume, die
+Sterne, die Werke der Künstler, die Menschheit, den Teufel und Gott; die
+engen Herzen müssen mit ihrem beschränkten Platz wirtschaften, und wenn
+es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung fehlt, geht alles
+drunter und drüber, und das Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften,
+zum Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik. Man ist geneigt,
+darin Lüge und Verlogenheit zu sehen, es ist aber meist nur Enge und
+wegen der Enge Verwechslung und Verwirrung.
+
+In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte alle Dinge, die mir
+in sinnvoller Beziehung zu denen zu stehen schienen, welche sie besaßen.
+Ich liebte sie fast ebenso, als hätte ich selbst sie besessen. In dem
+Maß, als mir Besitz zuwuchs, so kärglich dieses Maß auch war, erlahmte
+die Fähigkeit zu solcher Phantasieliebe, denn die von mir besessenen
+Dinge standen fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie
+entkräfteten die Flügel, die im Fluge alles bedecken, sie ernüchterten
+die Augen, die im Traum alles an sich reißen konnten, im Traum der
+Identität.
+
+Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos. Nur der ist es, der
+wissend auf Besitz verzichtet. Aber es ist dies kein gesellschaftliches
+Ideal, sondern ein religiöses, kein europäisches, sondern ein
+orientalisches, kein sentimental-humanitäres, sondern ein
+unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung, sofern man überhaupt
+von der Verwirklichung eines Ideals reden kann, führt nicht das
+modern-kommunistische Diktat der Enteignung, sondern das
+mythisch-buddhistische der Entäußerung.
+
+»Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und zwar: durch Auflösung
+von Bild und Begriff wird Bewußtsein aufgelöst, durch Auflösung des
+Bewußtseins wird Bild und Begriff aufgelöst, durch Auflösung von Bild
+und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst, durch Auflösung des
+sechsfachen Reiches wird Berührung aufgelöst, durch Auflösung der
+Berührung wird Gefühl aufgelöst, durch Auflösung des Gefühls wird Durst
+aufgelöst, durch Auflösung des Durstes wird Anhangen aufgelöst, durch
+Auflösung des Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösen des
+Werdens wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter und
+Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung gehn
+zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensstückes Auflösung zustande.
+Auflösung, Auflösung!«[1]
+
+[Fußnote 1: Reden Gotamo Buddhos, übersetzt von Neumann.]
+
+
+
+
+Faustina
+
+Ein Gespräch. Geschrieben 1907
+
+
+Vor Jahren hatte in einem geselligen Kreis, in dem ich damals verkehrte,
+die junge C. viel Aufsehen gemacht. Abkömmling einer alten Adelsfamilie,
+hatte sie sich, kaum zwanzig Jahre alt, von dem Zwang und Drill ihrer
+Welt befreit, um, wie sie sich ausdrückte, »selbst« zu leben. Die
+Ungebundenheit ihrer Lebensführung war in der Tat erstaunlich. Eine
+Zeitlang kämpfte sie im größten Elend; plötzlich ging sie zum Theater,
+dort heiratete sie einen Schauspieler, von dem sie sich nach
+dreimonatlicher Ehe wieder trennte. Um Geld zu verdienen, übersetzte sie
+mittelmäßige Romane aus dem Französischen. Eines Tages hieß es, sie sei
+mit einem reichen Brasilianer verlobt und mit ihm in seine Heimat
+gereist. Aber schon nach Jahresfrist kam sie zurück, – ohne Brasilianer,
+leider genau so arm wie zuvor.
+
+In dieser Zeit näherte ich mich ihr. Wir hatten uns ziemlich viel zu
+sagen. Faustina, so wurde sie meist kurzweg genannt, war geistreich,
+und, was mehr ist, ihr Geist hatte Fundamente. Sie war schön und sie war
+exzentrisch; nimmt man aber dies Wort in genauem Sinn, so hatte sie mehr
+Mittelpunkt als diejenigen, in deren Bezirk sie sich fremd erschien. Ob
+sie auch immer anziehend war, lasse ich dahingestellt; eine Fremde war
+sie durchaus, stets fremd, nie bürgerlich vertraut, höchstens seelisch
+verwandt. Zur Abenteuerin fehlte ihr die Skrupellosigkeit, und um eine
+große Dame zu sein, war sie zu ruhelos und zu voll von Opposition.
+
+Wieder eines Tages war Faustina verschwunden. Sie verabschiedete sich
+nicht einmal von mir. Niemand wußte, wohin sie gegangen war, und sie
+blieb verschollen. Man vergaß sie, auch ich verlor sie beinahe aus dem
+Gedächtnis. Da, wiederum nach Jahren, begegne ich ihr plötzlich auf der
+Straße. Sie gewahrt mich, sie zögert, ich mache Miene, sie anzureden,
+sie grüßt und geht weiter. Kurz darauf erhielt ich ein Billett von ihr
+mit der Aufforderung, sie zu einer bestimmten Abendstunde zu besuchen.
+
+Sie wohnte in einer Vorstadtpension. Ich trat in ein Zimmer, das die
+übliche Halbeleganz fliegender Quartiere aufwies. Faustina war noch
+immer schön, aber wie von einem sich entlaubenden Baum kann man auch von
+dem Herbst eines menschlichen Gesichts sprechen. Ohne Zweifel las sie in
+meinem Gebaren, daß ihre lakonische Einladung eher geeignet war, Neugier
+zu erregen als an freundliche Beziehungen zu erinnern. »Die Sache ist
+die, daß ich ganz ausgehungert darnach bin, mit einem vernünftigen
+Menschen zu reden«, sagte sie. »Ich habe berechnet, daß ich seit
+siebzehn Monaten bloß mit Kellnern, Kutschern, Zimmervermieterinnen,
+Hausmeistern und Ladenmamsellen gesprochen habe. Das heißt doch leben,
+wie? Daß ich so viel Talent zur wandelnden Mumie besitze, wer hätte das
+gedacht.«
+
+»Sie haben immer zu überraschen verstanden, Faustina«, versetzte ich
+ablenkend.
+
+»Als ich Sie auf der Straße sah,« fuhr sie fort, »hatte ich ein Gefühl
+just wie Robinson, als er das erste Schiff vor seiner Insel gewahrte.«
+
+»Und doch sind Sie davongelaufen, gar nicht wie Robinson, sondern wie
+Freitag, der scheue Wilde.«
+
+»Ja; scheu bin ich geworden. Wenn ich wenigstens schreiben oder
+musizieren könnte! Den Kunstdilettanten bietet die Welt immer noch
+Lockungen, und von allem, was im Menschen abzutöten ist, stirbt die
+Eitelkeit zuletzt. Aber leider, ich bin stumm geboren, und der bloße
+Kunst_genuß_ quält den Stummen manchmal mehr, als er ihn beruhigt.«
+
+»Ich wundre mich, Faustina. Sie waren doch stets obenauf. Eine richtige,
+tüchtige Schwimmerin waren Sie. Haben Sie denn keine Arbeit, keine
+Betätigung mehr?«
+
+»Ich finde es langweilig, zu arbeiten. Was kommt dabei heraus? Eine Art
+von Trunkenheit und Selbstbetrug bestenfalls. Arbeiten, wie das klingt!
+Dem Leben mit Gewalt ein Versprechen abnötigen! Ich brauche keine
+Versprechungen mehr, ich glaube an keine mehr. Vorläufig hab ich noch
+ein bißchen Kapital, meine Eltern sind nämlich gestorben, und man hat
+mir den Pflichtteil ausbezahlt. Aber von den Zinsen könnt ich nicht
+leben, das würde höchstens für eine Büchse Kaviar im Monat reichen.«
+
+»Also ist am Ende Ihre Einsamkeit ein ökonomisches Prinzip?«
+
+»Um Gottes willen, wer wird so philisterhaft denken!«
+
+»Und da treiben Sie sich nun mutterseelenallein herum, ohne Genossin,
+ohne Freundin –?«
+
+»Ach was, Freundin! Ich habe keine Freundin, habe nie eine gehabt. Eine
+Frau hat niemals eine Freundin.«
+
+»Aber die Freunde, Faustina! Sie ließen mich einmal glauben, daß ich Ihr
+Freund sei.«
+
+»So? Wirklich? Mag sein, doch ich ärgerte mich, daß Ihnen keinen
+Augenblick lang der Einfall kam, etwas anderes sein zu wollen.«
+
+Sie lachte über mein verdutztes Gesicht und fuhr fort: »Spricht man
+hingegen nicht vom Freund, sondern von den Freunden, so muß ich
+gestehen, daß ich für solche Beziehungen nicht viel übrig habe. Die
+Freunde, das sind Wesen von einer geradezu lächerlichen Gefräßigkeit.
+Sie verdauen schneller als die Hühner, und sie bleiben immer mager, ihr
+Herz bleibt immer mager.«
+
+»Dennoch, Faustina, mit Menschen verbunden zu sein, bleibt der schönste
+Vorzug des Menschen. Einen isolierten Zustand schadlos zu ertragen, dazu
+gehört schon eine ungewöhnliche Seelenstärke.«
+
+»Mag sein, mag sein«, erwiderte Faustina, und sie lächelte unbestimmt
+vor sich hin.
+
+»Offen gestanden, hätte ich nicht erwartet, Sie so zu finden«, fuhr ich
+fort. »Ich dachte Sie mir in großen Erlebnissen. Eine Gestrandete, oder
+wie Sie sagen, einen Robinson, nein, das hatte ich nicht erwartet.
+Faustina unentflammt, Faustina ohne Liebe, ohne Verliebtheit, Faustina
+einsam, was hat das zu bedeuten?«
+
+Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete. »Was kann es
+andres zu bedeuten haben, bester Freund, als daß für Faustina keine
+Liebe mehr da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die Rahel
+Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person war, hat es einmal als
+besondere Genialität Goethes gepriesen, daß er im Wilhelm Meister die
+drei Frauen, die lieben können, Marianne, Aurelie und Mignon, sterben
+läßt; denn, sagte sie, es ist noch keine Anstalt für solche da. Sehr
+tiefsinnig: es ist noch keine Anstalt für solche da! Sie schweigen? Sie
+meinen, ich lebe ja. Gewiß, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch.
+Ehemals, da spürte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt empfinde ich die
+ganze Kälte des Zeitalters. Vielleicht ist es mein Mißgeschick, für eine
+Epoche geboren zu sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff
+ist.«
+
+»Verallgemeinerungen sind töricht. Man muß sich, Faustina, vor der
+Manier der Malkontenten hüten. Der Malkontente nämlich, das ist ein
+Mensch, der aus seiner persönlichen Unfähigkeit eine Weltanschauung
+macht.«
+
+»Sie sind sehr deutlich, mein Lieber. Ich bin aber keine Malkontente.
+Malkontente opfern sich nicht.«
+
+»Haben Sie sich denn geopfert?«
+
+»Wenn es opfern heißt, zu lieben, wahrhaft zu lieben, sich wegzuwerfen –«
+
+»Sich wegzuwerfen, das heißt nicht lieben und das heißt nicht sich
+opfern. Doch wir verstimmen uns im Wesenlosen. Erzählen Sie mir.
+Erzählen Sie mir von Ihrem bisherigen Leben. Es gibt nichts
+Überzeugenderes als das Erlebnis, Faustina, nichts Unbedingteres als die
+Art, wie ein Mensch von Erlebnissen sie vorzutragen weiß.«
+
+»Um keinen Preis. Ich kann nicht von mir sprechen, solang Sie argwöhnen,
+daß ich meine persönlichen Enttäuschungen gewissermaßen an der Zeit
+rächen möchte.«
+
+»Es ist schwer, liebe Freundin, und nicht einmal dem Glücklichen gelingt
+es, Zeit und Schicksal auseinanderzuhalten.«
+
+»Was wäre auch zu erzählen«, versetzte Faustina. »Eine Geschichte wie
+hundert andere. Wenn ich Ihre Erwartungen in bezug auf meine Person
+betrüge, so ist das Ihre Schuld.«
+
+»Sie sagen, Sie hätten geliebt und sich weggeworfen. Darin liegt mehr
+Schuld, als Sie glauben.«
+
+»Ich habe keine Schuld. Oder sind übertriebene Hoffnungen eine Schuld?
+Bin ich dafür verantwortlich, daß eure Gesellschaft, wie sie nun einmal
+ist, Liebe nicht mehr gewährt, daß für die Liebe kein Platz mehr in ihr
+ist? Sie schütteln den Kopf, und doch ist es so. Gibt es heutzutage noch
+eine Gestalt, in der Dichtung oder im Leben, deren Existenz in der Liebe
+wurzelt? Der Politiker, der Staatsmann, der Forscher, der Erfinder, der
+Soldat, der Fabrikant, der Börseaner, im Notfall sogar der Künstler, sie
+alle können ein modernes Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man
+bewundert eine Figur wie die des Casanova, man findet eine Frau wie
+Julie de Lespinasse äußerst rührend, man erstaunt über Ninon de
+l’Enclos, aber sie sind im Grunde nichts weiter als Legenden und
+Raritäten, man hat für sie das Interesse des Orientalisten, der
+babylonische Ruinen ausgräbt. Wenn Casanova heute erschiene, würde er
+wahrscheinlich als Hochstapler ins Gefängnis gesteckt werden, und auch
+bei Don Juan würde schließlich anstatt des steinernen Gastes ein
+Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat, der Forscher, der
+Künstler, sie sind heute nichts weiter; Staatsmann, Soldat, Forscher und
+Künstler, basta; darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert.
+Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie Voland oder die Briefe
+Mirabeaus an Mademoiselle de Monnier, so zeigt sich, daß da über den
+Geist hinaus, über ein allgemeines, ja welthistorisches Wirken hinaus
+noch Leidenschaften blühten, zwecklos wie die Blumen in einem Garten.
+Heutzutage ist die Liebe das Geschäft der Poeten, ob sie nun schreiben
+oder bloß träumen, und nicht einmal der berufensten, denn die stellen
+sich würdigere Aufgaben, sie müssen Probleme lösen. So sagt man doch:
+Probleme lösen. Nußknacker der Zeit, die sie sind.«
+
+»Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, daß die menschliche Natur
+immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen der Zeit bringen nur eine
+oberflächliche Häutung mit sich. Es sind Wandlungen des Geschmacks, der
+Mode, der Manier, der Gebärde. Herz und Blut verwandeln sich nicht. Die
+Leute des achtzehnten Jahrhunderts gefielen sich in schwungvollen
+Episteln; das war eben der Geist der Epoche. Sie mögen uns überlegen
+gewesen sein in der Fähigkeit, über ihre Empfindungen zu reden und sich
+darin zu spiegeln, darum aber waren die Empfindungen selbst nicht
+tiefer. Sie hatten auch die Gabe, alltägliche wie besondere Ereignisse
+ihres Daseins in der Konversation auf das anmutigste zu behandeln. Ich
+gebe zu, daß damit eine Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren
+Verlust wir beklagen müssen –«
+
+»Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte. Unsere Form der
+Geselligkeit macht das Entstehen der Liebe fast unmöglich. Bringen Sie
+einmal ein Dutzend Menschen aus derselben Bildungssphäre zusammen, die
+einander halbwegs fremd sind. Abgesehen davon, daß Sie Gespräche hören
+werden, bei denen Ihnen die Haut schaudert, wird auch der einzelne mit
+dem Wunsch nach Annäherung die größten Schwierigkeiten finden.«
+
+»Wir sind eben schweigsam geworden.«
+
+»Nur schweigsam? nicht auch zerstreut, nicht auch müde? nicht auch
+faul?«
+
+»Nur schweigsam. Unsere Altvordern, die hatten viele Heimlichkeiten,
+aber Geheimnisse hatten sie eigentlich keine. Für uns spielen
+Heimlichkeiten keine Rolle mehr, dagegen sind wir voll von Geheimnis.
+Ehemals kannte man in der Chemie nur vier Elemente, heute hat sich alles
+Elementare in Atome gelöst. Ähnlich ist es der Gesellschaft ergangen.
+Wir haben keine Gesellschaft mehr, weil jedes Individuum als eine Welt
+für sich und mit dem ganzen Geheimnis seiner Welt auftritt.«
+
+»Auch mit der ganzen Anmaßung seiner Welt.«
+
+»Gut. Natürlich war es bei geschlossenen Gesellschaftskomplexen, wo
+jeder gleichsam das Abzeichen seiner Kaste trug, viel leichter, gewisse
+Kulturideale, oder besser gesagt, modische Ideale durchzuführen und als
+gang und gäbe festzuhalten. Modische Ideale haben wir nicht mehr, weil
+wir von vornherein entschlossen sind, in nichts, was mit dem Ideal
+zusammenhängt, Konzessionen zu machen. Deswegen kann die Liebe keine
+gesellschaftliche Übereinkunft mehr sein, deswegen auch hat sie keine
+gesellschaftliche Abgrenzung mehr. Es haben sich die Grenzen verschoben,
+nach außen und nach innen. Nach außen und nach innen ist alles
+komplizierter geworden; oder sagen wir: verfeinerter, oder:
+verschwiegener. Ehemals begehrte man in einem Liebesverhältnis die
+Person des Liebenden oder Geliebten, jetzt begehrt man mehr, nämlich die
+Persönlichkeit.«
+
+»Modische Ideale oder andere Ideale, darnach frag ich nicht«, entgegnete
+Faustina lebhaft. »Ideale aufzustellen, in dieser Beschäftigung habt ihr
+es freilich zu einer gewissen Handfertigkeit gebracht. Aber die Sache
+scheint mir die, daß zwischen Ideal und Wirklichkeit eine so ungeheure
+Entfernung ist, daß die beiden schon gar nichts mehr miteinander gemein
+haben. Da ist kein Weg, keine Brücke. Es ist, als riefe man mir zu: geh
+nach dem Mond. Es war der Vorzug vergangener Zeiten, daß sie
+realisierbare Ideale hatten.«
+
+»Heißt denn das schon ein Ideal realisieren, wenn man imstande ist, sich
+gesellschaftlich mitzuteilen oder selbst hinzugeben?« erwiderte ich.
+»Konversation fordert Leichtigkeit; die allerdings fehlt uns. Sie setzt
+ein Interesse für vieles voraus, wofür Teilnahme zu heucheln uns gar
+nicht mehr einfällt. Wir würden es abgeschmackt finden, über die Liebe
+und ihre verschiedenen Arten zu philosophieren. Unsere Zeit ist nach
+jeder Richtung hin monologisch gestimmt. Gesteigerte Anschauung und ein
+erhöhter Respekt verhindern uns durchaus, über das Bedeutungsvolle
+gewisser Lebensfragen zu sprechen. Wo wir uns sympathisch erfaßt sehen,
+glauben wir eine Erörterung darüber entbehren zu können; ganz mit Recht.
+Ich möchte sagen, wir verkehren unter tieferen Voraussetzungen
+miteinander. Ist Ihnen denn nicht auch im Grunde jede Ankündigung eines
+Gefühls ein Greuel? Finden Sie denn nicht auch die ganze Phraseologie
+der Liebe von Anno dazumal lächerlich und aufdringlich? Kribbelt es
+Ihnen nicht in den Fingern, wenn der Liebhaber auf dem Theater seine
+Liebeserklärung vom Stapel läßt?«
+
+»Ach ja, das sind Geschmackssachen«, versetzte Faustina. »Geschmack, das
+lasse ich gelten, Verfeinerung ist mir zuwider. Die Scham seiner Gefühle
+haben, schön. Aber noch schöner ist es, dünkt mich, den Mut seiner
+Gefühle haben. Wenn Sie mir den Punkt angeben können, wo eines aufhört
+und das andere anfängt, ich meine, wo die Feigheit aufhört und die
+Verantwortlichkeit anfängt, dann will ich mich zufrieden geben. Aber
+dazu werden alle Waffen Ihrer Rabulistik nicht ausreichen.«
+
+»Möglich. Man kann ja überhaupt nicht streiten, wenn man nicht derselben
+Meinung ist.«
+
+»Wie? kann man nur streiten, wenn man derselben Meinung ist?«
+
+»Gewiß; im Grunde gewiß.«
+
+»Großartig! Ein wildes Paradox!« Faustina lachte, was ihrem Gesicht
+einen entzückenden Reiz verlieh. »Aber wir verstehen uns am Ende doch«,
+fuhr sie fort. »Sie kennen sicherlich die arabische Erzählung vom
+Sklaven der Liebe; ist es nicht ergreifend, wie der schöne Jüngling
+unter der Gewalt seiner Sehnsucht hinsinkt, als ob ihn eine tödliche
+Krankheit erfaßt hätte? Oder da las ich neulich die Geschichte von
+Raimundus Lullus, der am Hof des Königs von Arragon ein ausschweifendes
+Leben führte, bis ihn plötzlich eine glühende Leidenschaft zu der
+schönen Ambrosia de Castello packte. Eines Tages läßt ihn die Dame in
+ihr Gemach kommen, enthüllt sich ihm, und es zeigt sich, daß sie durch
+einen furchtbaren Brustkrebs dem Tod verfallen ist. Raimundus, bis ins
+Innerste erschüttert, weiht sich einem Leben völliger Keuschheit. Doch
+wozu Beispiele; vielleicht beweisen Beispiele nichts. Ich sehe freilich
+darin Kundgebungen edler Leidenschaft. Dieser Raimundus Lullus etwa, ich
+nenne gerade ihn, obwohl es auf Namen hier nicht ankommt, er lebte in
+seiner Liebe wie die atmende Kreatur in der Luft. Es gab für ihn nicht
+anderes außer seiner Liebe. Er war in der Liebe, er war von Liebe
+besessen, ein Besessener war er. Ich habe niemals einen von Liebe
+Besessenen gefunden. Viele besaßen die Liebe, das wohl, aber von ihr
+besessen waren sie nicht. Solche fand ich, die vom Spiel besessen waren,
+vom Geld, vom Ehrgeiz, von Wollust, aber von Liebe Besessene fand ich
+nicht.«
+
+»Wenn Sie Umschau halten, Faustina«, fiel ich ihr ins Wort, »können Sie
+zu jeder Zeit und wo immer es auch wäre, Handlungen von der gleichen
+Bedeutung und Intensität gewahren. Wir führen eine zu abgeschlossene
+Existenz, als daß Sinn und Motiv ihrer einzelnen Vorgänge zu jeder
+Stunde offenbar oder handgreiflich zu nehmen wären. Es ist nichts
+einfältig genug, es ist alles zu vielfältig, zu weitschichtig, als daß
+man durch anekdotische Belege imponieren könnte. Selten hat ein Ereignis
+Anfang und Ende für uns, selten läßt es sich als Anekdote fassen, noch
+seltener ein ganzes Leben. Ja, es ist alles unfaßbar, unendlich, alles
+auch scheinbar ohne Stichhältigkeit oder ohne Konsequenz, und doch, wenn
+man hinfühlt, wenn man im Nerv der Dinge lebt, von tiefstem Belang.«
+
+»Aha, Sie spielen schon wieder auf das Geheimnis an. Es läßt mich kalt,
+Ihr Geheimnis, es ist mir zu pomphaft. Ich lobe mir dafür die
+Heimlichkeit; sie ist heiter und beweglich.«
+
+»Lassen wir das Geheimnis. Ich sage nur: die Leidenschaften waren und
+sind zu jeder Zeit und in jedem Jahrhundert dieselben. Ich will gar
+nicht an die Tragödien erinnern, die sich in stillen Stuben ereignen, es
+wird davon wenig Aufhebens gemacht und drei Zeilen in einer Zeitung sind
+alles, was bisweilen ans Licht kommt. In meiner Heimat gab es ein junges
+Paar, und sie liebten einander. Die Eltern des Mädchens setzten der
+Verbindung hartnäckigen Widerstand entgegen. Als man sah, daß die Liebe
+der beiden nur um desto größer wurde, je mehr Hindernisse man ihnen
+bereitete, wurde dem jungen Mann gesagt, er solle das Mädchen haben,
+doch müsse er sich zuvor drei Jahre lang nach Amerika begeben und
+während dieser Zeit dürfe weder er der Geliebten schreiben, noch sie
+ihm. Wenn er nach abgelaufener Frist seine Neigung unbesiegbar finde,
+werde man gegen die Heirat nichts mehr einwenden. Und so geschah es, der
+Jüngling reiste übers Meer. Etwa ein Jahr lang ging alles gut, das
+Mädchen lebte in schöner Gewißheit. Auf einmal fing sie an zu kränkeln,
+verlor ihre Munterkeit, und ohne daß ein Arzt den Sitz des Übels zu
+entdecken vermochte, siechte sie hin. Die Eltern wurden besorgt, man
+begann nach dem jungen Mann zu forschen, aber da er keine Angehörigen in
+der Stadt hatte, verursachte dies viele Umstände, und das junge Mädchen
+starb, ihr Leben erlosch wie ein Feuer, das keine Nahrung hat. Gleich
+darauf stellte es sich heraus, daß der junge Mann dort drüben im fremden
+Land ebenfalls den Tod erlitten hatte, und zwar beinahe an demselben
+Tag, an welchem die Krankheit des Mädchens begonnen hatte.«
+
+»Eine hübsche Geschichte zwischen Menschen ohne Elan«, sagte Faustina.
+»Warum waren sie gar so still und subaltern, die armen Liebesleutchen?
+Ach, täuschen wir uns nicht darüber hinweg; man hat aufgehört, die Liebe
+als eine herrschende Gewalt zu betrachten. Es ist deswegen auch ihr
+Ritus und Zeremoniell, wenn ich mich so ausdrücken darf, verloren
+gegangen. Und was ist schuld daran? Wer weiß es! Vielleicht der Beruf,
+vielleicht die Bildung, vielleicht beides. Der eine Moloch verschlingt
+die Zeit, die schöne Muse zweckloser Träume, der andere vernichtet die
+Ursprünglichkeit der Gefühle. Es gibt zu wenig Leute, die sich
+langweilen, oder besser gesagt, die das Talent haben, sich zu
+langweilen. Man ist rationalistisch bis auf die alltäglichen Launen. Man
+will immer einen Grund und immer einen Zweck. Man geht nicht mehr
+spazieren, sondern man macht Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel
+setzt, geschieht es für Dinge, die dessen nicht wert sind. Was mich
+betrifft, ich sah Männer, ernsthafte Männer erschrecken bei dem bloßen
+Gedanken an tieferes Attachement. Ich kannte andere, die auf Abenteuer
+ausgingen und die schleunigst, wie vom Donner gejagt, die Flucht
+ergriffen, wenn sie in Gefahr waren, einer Leidenschaft zu unterliegen,
+deren Meister sie nicht sein konnten. Da ist ein Mann, fähig zur
+Hingebung, ja, zur Aufopferung, der jeden Keim großer Empfindung durch
+unablässiges Frage- und Antwortspiel mit sich selbst zerstört, wie wenn
+ein verrückt gewordener Gärtner jeden Morgen die schönsten Knospen
+abrisse und zwischen den Fingern zerriebe, und da sind andere die aus
+purer Herrschsucht, aus purem Mutwillen, aus purer Eitelkeit, aus purem
+Unverstand das Kostbarste, was sich ihnen anbietet, zu niedrig
+einschätzen, nur weil es sich ihnen anbietet, und verwesen lassen, was
+sie hegen sollten. Ich spreche jetzt nicht von dem, was mir widerfahren
+ist, denn mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind solche,
+die ihr halbes Leben darnach versehnen, sich in einem großen Gefühl
+verlieren zu dürfen; wenn dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie
+plötzlich voller Ausflüchte, voller Ausreden, voller Angst, den Geist
+ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede Entschlossenheit in der Idee
+und in der Sehnsucht verausgabt. Das, sehen Sie, ist Empfindsamkeit, und
+diese Art Empfindsamkeit, sich in der Idee und in der Sehnsucht zu
+verschwenden, ist uns so verderblich. Da stürzt man sich dann in den
+Pfuhl einer charakterlosen Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen,
+oder um den Zustand einer allgemeinen sinnlichen Unruhe zu beenden, oder
+um Konflikten zu entgehen, denen sie nicht gewachsen sind, oder um
+gewisser sozialer Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler
+Gedankenlosigkeit schlechthin; die Männer, um ein Heim zu gründen, wie
+sie mit heuchlerischer Poesie behaupten, in Wirklichkeit, um sich zur
+Ruhe zu setzen, um sich von ihren Jugendsünden, Sünden des Geistes und
+des Herzens, des Körpers und der Seele zu erholen. Wäre dabei die Ehe
+bloß eine soziale Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie
+gewisse Freiheiten eher fördert als verbietet, oder wie im Altertum ein
+ungleiches Verhältnis von Tyrannei und Sklaverei zum Gesetz erhebt, so
+wäre es noch gut; aber nein, sie ist sakrosankt, und damit schützt sich
+die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, das ihr die
+Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst erwecken müßte. Großer
+Gott, was für ein Rattenkönig von Verlogenheiten! Alles muß herhalten,
+um den Mangel wahrhafter Liebe, uneigennütziger und edler Gefühle zu
+vertuschen: Wissenschaft und Kunst, Staatsinteresse und Humanität,
+Christentum und Freigeisterei, lauter schöne Kulissen für ein
+nichtswürdiges Schauspiel!«
+
+Faustina war außerordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid, ihr zerstörtes
+Wesen rührte mich. Ich erkannte, wie das Schicksal in ihr gehaust, und
+ein halb entschuldigendes, halb selbstverspottendes Lächeln, das alsbald
+auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht täuschen. Ich schwieg; mein
+langes Schweigen gab ihr wieder einige Haltung. Sie erhob sich und ging
+mit verschränkten Armen auf und ab, wobei sie fortfuhr: »Es gibt eine
+Novelle von Tschechow, sie handelt von einem alternden Mann, der ein
+Liebesverhältnis mit einer verheirateten Frau hat. Sie treffen sich
+heimlich, und einmal, gerade während er sie begrüßend umarmt, wird er
+traurig und fragt sich, warum ihn diese so liebt. Er denkt an die
+andern, er denkt daran, wie viele ihn geliebt haben, und daß keine von
+ihnen, keine einzige mit ihm glücklich gewesen sei. Die Zeit verging, so
+heißt es ungefähr, er machte Bekanntschaften, schloß Verhältnisse,
+trennte sich wieder, aber niemals liebte er; es war alles, was man nur
+wollte, gewesen, aber keine Liebe. Das Wort ist in mir haften geblieben.
+Alles, was man nur wollte, war es gewesen, aber keine Liebe. Der Mann
+war, wie viele sind, und die Frau liebt ihn, ja, sie liebt ihn, aber
+nicht ihn selbst, sondern den Menschen, den ihre Phantasie geschaffen
+hat, und wenn sie ihren Irrtum bemerkt, liebt sie ihn dennoch weiter.
+Was sollte sie sonst tun? Darf ich Ihnen etwas verraten? Etwas recht
+Lächerliches? Ich habe eine kleine Einteilung gemacht. Ich habe die
+Frauen eingeteilt in Katzennaturen und in Hundenaturen, und die Männer
+in Streber und Faulpelze. Katzen sind an den Ort gebunden, Hunde an den
+Herrn, Katzen sind treulos, Hunde sind treu, Katzen haben Charakter,
+Hunde nicht; wenn Sie den Finger ausstrecken, wird die Katze auf Ihre
+Hand, der Hund aber gegen das Ziel blicken; und so weiter. Sie wissen
+schon, was ich meine. Oder ist die Analogie nicht plausibel? Streber und
+Faulpelze, darüber lassen sich amüsante Beobachtungen machen. Was dem
+einen die Karriere, ist dem andern die Behaglichkeit. Der Streber ist
+skrupellos, der Faulpelz satt; der Streber ist ein Glücksjäger, der
+Faulpelz ein heimlicher Dieb, der seine Beute in Sicherheit gebracht
+hat, denn der Faulpelz ist immer ein heimlicher Dieb. Der Streber ist
+konservativ aus Grundsatz, der Faulpelz aus Stumpfsinn, der Streber ist
+revolutionär aus Opportunismus, der Faulpelz aus Eigennutz; der eine ist
+ein Wucherer, der andere ein Kuppler, und Philister sind alle beide. Ja,
+es ist eine herrliche Welt, eine herrliche Zeit! Wenn man dieses ganze
+Geschlecht in einen großen Sarg legen und auf einmal beerdigen könnte,
+so wüßt’ ich eine wunderbare Grabschrift.«
+
+»Und die wäre?«
+
+»Verstorben an der weitverbreiteten schleichenden Seuche: Trägheit des
+Herzens.«
+
+»Na, daran stirbt man nicht.«
+
+»Gewiß nicht, weil man ganz bequem davon leben kann.«
+
+»Verrannt, verrannt, Faustina, rettungslos verrannt.«
+
+»Freilich,« murmelte Faustina, »verrannt wie Theseus. Aber aus diesem
+Labyrinth gibt’s kein Entkommen.«
+
+»Packen wir doch den Stier bei den Hörnern, Faustina. Was ist Liebe? Wer
+hat Liebe? Wer ist der Liebe fähig? Wer darf sich vermessen zu reden:
+Liebe ist so und so und nicht anders. Wer darf es wagen, über die
+Relationen des Begriffs hinauszufliegen und seine Einheit, seine
+pragmatische Gültigkeit, seine reinste Inkarnation zu verkündigen? Liebe
+ist etwas ungeheuer Seltenes, Faustina. Machen wir uns das klar! Die
+Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die aus aller Leute Mund, ist ein
+Phänomen, genau so selten, genau so großartig, genau so
+bewunderungswürdig wie das Genie. Ihre niedrigen oder minder niedrigen
+Erscheinungsformen durch die Rangstufen der Kreaturen sind allerdings
+so reich und wechselnd wie die Kreaturen selbst. Nehmen Sie aber ein
+Individuum heraus, um es nach Ihrer Weise kurzerhand vor den Imperativ
+der Liebe zu stellen, so ist das ungefähr so, wie wenn Sie ihm die
+fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets vorsagen und ihm dann befehlen:
+da hast du alles Notwendige, nun schaffe mir ein schönes Dichtwerk. Man
+ist gewohnt, mit dem Wort Liebe umzuspringen wie mit einem Hausgerät. Es
+hat gar keine Unberührtheit mehr, dies unglückselige Wort, es ist wie
+eine Dirne zu jedermanns Diensten, und mir scheint, man müßte ein neues
+erfinden, um das auszudrücken, was es ausdrücken sollte. Da ist eine
+gewisse mittlere Literatur, die vorzugsweise von Liebe handelt, und zwar
+von einer Liebe, die Distinktion haben soll, Bedeutung haben soll,
+edelherzig und selbstlos sein soll, und ach, nichts von alledem besitzt
+sie, eine Wachspuppe ist sie. Wollte man sich, was ja nahe liegt, durch
+diese Produkte verführen lassen, an die Häufigkeit der Liebe zu glauben,
+so ginge man sehr fehl. Unsere besten Dichter, denen eine untrügliche
+Vision die Realität ihrer spezifischen Welt gibt, beziehen auch nur mit
+einer höchst belehrenden Vorsicht die Liebe in das Bereich ihrer
+Erfindungen.«
+
+»Weil sie nichts davon wissen und weil sie sich davor fürchten, genau
+wie im Leben.«
+
+»O nein, Faustina, das wäre ein gar zu billiger Schluß. Weil sie ihre
+Seltenheit erkannt haben. Halten wir uns an das Gleichnis mit dem Genie.
+Das Genie tritt erst in Funktion, wenn es in eine Zeit geboren ist, die
+für sein Wirken schon vorbereitet ist. Es ist zwischen dem Genie und der
+Zeit sozusagen eine elektrische Spannung aufgespeichert. Mit der Liebe
+ist es nicht anders. Der zur Liebe geborene Mann muß den für ihn
+bestimmten höchsten Typus gewinnen und umgekehrt. Es genügt nicht, daß
+in einem Einzelwesen die Fähigkeit und Möglichkeit der Liebe vorhanden
+ist, sondern sie muß durch ein besonderes Walten günstiger Umstände
+einen würdigen Gegenstand finden. Wer zur Liebe bestimmt ist, der muß
+zugleich etwas vom Helden und etwas vom Märtyrer haben. Nehmen wir also
+an, es entsteht in zwei bevorzugten Individuen die Liebe. Gehen wir ein
+wenig anatomisch zu Werke. Zerlegen wir eine solche Liebe in ihre
+Bestandteile. Da haben wir in erster Linie die Leidenschaft, die als
+eine Art Entflammung des Blutes und des Geistes gelten muß; ferner:
+vergöttlichende Kraft; durch sie wird das geliebte Wesen herausgehoben
+aus der Schar der Mitlebenden und in ein Idol verwandelt. Ferner:
+sinnliches und übersinnliches Verlangen; das sinnliche entspringt der
+Leidenschaft, das übersinnliche der Vergöttlichung; sodann: unbegrenzte
+Hingebung; ihr Merkmal ist jedoch, daß sie auch bei höchster Großmut des
+Gewährens nie zu befriedigen vermag; ferner: eine Zartheit der
+Empfindung, die abhängig ist von jedem Traum, von der leisesten Ahnung,
+und endlich eine Ruhelosigkeit, die gleichwohl ein ganz bestimmtes Ziel
+hat, so wie die zitternde Magnetnadel. Sie mokieren sich über meinen
+professoralen Ton, wie ich sehe. Ich wähle ihn mit Absicht, da ich
+zwischen Schwärmerei und Sachlichkeit keine Wahl habe, und wenn ich
+nicht schwärmerisch erscheinen will, muß ich trocken sein.«
+
+»Ich mokiere mich nicht. Fahren Sie nur fort.«
+
+»Man braucht nur geringen Scharfblick, um daraus zu erkennen, daß die
+Liebe zwei Hauptquellen hat; eine elementare und eine ethische, eine
+sinnliche und eine sittliche. Betrachtet man nun die trivialeren Formen
+der Liebe, so zeigt es sich, daß sie fast immer nur auf eine einzige
+jener Eigenschaften gegründet ist. Wir haben dann die Liebe aus
+Leidenschaft; oder die Liebe aus Sinnlichkeit; oder die
+selbstentäußernde Liebe; oder die empfindsame Liebe; oder die ruhelos
+unbefriedigte Liebe. Die Variationsmöglichkeiten sind natürlich zahllos;
+zum Beispiel, wenn der Mann eine sinnliche und das Weib eine
+vergöttlichende Liebe hegt oder umgekehrt; oder wenn der Mann ruhelos
+unbefriedigt und das Weib selbstentäußernd liebt, und so weiter. Meist
+wird es so sein, daß gerade die schroffsten Gegensätze zusammentreffen.
+Mit der Variation beginnt auch schon der Konflikt, und wo Konflikte
+sind, ist keine Beständigkeit. Die große Liebe kennt keine Konflikte;
+bei ihr findet ein vollkommener Ausgleich statt. Alles Differenzierte
+vereinigt sich zur Harmonie und zur Schönheit. Ein auszeichnender Vorzug
+wird nie isoliert sein und nie ohne Widerspiel wirken; erst das
+Widerspiel, in einem bejahenden Sinn, bringt eine Tugend zur
+Entwicklung: Anmut wird zum Beispiel den Geist bedingen, Güte die Kraft,
+Vornehmheit die Tapferkeit. In der großen Liebe und nur in ihr,
+verwandelt sich der Mensch; er wird sozusagen nach seinen idealen
+Grenzen erweitert. Er ist in einem Zustand von Dämonie, oder um Ihren
+Ausdruck zu gebrauchen, von Besessenheit. Alles Sichtbare und alles
+Fühlbare hat nur einen einzigen Bezug, er findet überall und in allen
+Dingen das Gleichnis mit dem Objekt seiner Liebe, in der Musik und im
+Gedicht, im Ziehen der Wolken, im Rauschen der Bäume, im Anschauen eines
+Bildes, einer Flamme, eines Steines; Vogelflug und Menschenwege haben
+für ihn dieselbe nebelhafte Ferne, und doch hat er alles in sich und
+nichts außer sich, er ist nach allen Seiten gegen die Welt geöffnet und
+doch von ihr nicht mehr berührbar, er ist der freundlichste Freund, der
+teilnehmendste Gefährte und trotzdem mit der Geliebten im ganzen
+Universum allein. Was ihn zuerst an ihr hingerissen hat, sagen wir eine
+besondere Wölbung der Stirne, eine besondere Art, die Lider zu heben
+oder die Hand zu reichen, ein Ton der Stimme, ein Rhythmus des
+Schrittes, ein Lächeln, eine Gebärde, das alles wird Weltgesetz, das
+heißt: so gehen ein für allemal die Menschen, so sprechen sie, so
+blicken sie, so reichen sie die Hand, das ganze Bild des Daseins wird zu
+einem fixierten Bild der Schönheit. In der großen Liebe nämlich ist
+alles Positivität, und es ist alles in ihr unendlich und ewig. Sie kann
+deshalb niemals aufhören, weder auf der einen, noch auf der andern
+Seite. Nur der Tod kann ihr ein Ende bereiten, ein Ende, das freilich
+dem tiefsten Sinne nach ein scheinbares ist und sein muß. Glück oder
+Unglück kommen für sie nicht in Frage, ihre Tragik liegt anderswo, ja
+sie ist die einzige Lebensform, die eine mitgeborene Tragik besitzt, und
+diese Tragik ist für sie nicht nur in der Möglichkeit, sondern auch in
+der Notwendigkeit des Untergangs, des Todes beschlossen. Die Liebe weiß
+keine andere Gefahr und Bedrohung als den Tod. Vom ersten Augenblick der
+Liebe steht der Tod als stummer Wächter förmlich sichtbar daneben. Sehr
+schön ist das in Shakespeares Liebestrauerspiel zur Anschauung gebracht:
+alles strebt von Beginn an dem Tode zu, die Unabweisbarkeit, mit der er
+auftritt, regiert heimlich jedes Geschehen. Und um den Unterschied der
+Gattungen zu bezeichnen, ist Romeo, bevor das große Entetement eintritt,
+in eine Liebe von gewöhnlicher Beschaffenheit verstrickt.«
+
+»Wohin führen Sie mich da, mein Teurer«, seufzte Faustina. »Das gelobte
+Land dieser Liebe ist für unsereinen nicht erreichbar. Dazu müßte man
+unter einem besonderen Stern zur Welt kommen.«
+
+»Ja, wie zu allem Großen«, versetzte ich.
+
+»Glauben Sie denn im Ernst, daß es eine solche Liebe wirklich gibt?«
+
+Ich mußte lächeln, denn ihre Frage hatte etwas von der Naivität eines
+Kindes.
+
+»Glauben Sie auch,« fuhr sie fort, »daß die Bestimmung dazu nur auf der
+einen Seite, auf der Seite des Mannes oder des Weibes liegen kann, daß
+der eine Teil vergeblich nach dem andern schmachtet und die ganze Erde
+durchsucht, ohne ihn zu finden?«
+
+Faustina sah mich ängstlich an, sie wollte offenbar eine Beruhigung
+gewinnen, sie merkte nicht, daß ich die Antwort auf diese Frage schon
+gegeben hatte. »Ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Jeder denkbare Zustand
+der Seele und des Gefühls kann und wird irgendwie und irgendwo zur
+Erscheinung gelangen, sonst wären wir nicht imstande ihn uns
+vorzustellen. Der Fall, den Sie fiktieren, hat aber mit der großen Liebe
+nichts mehr gemein, vielleicht überhaupt nicht mit der Liebe.«
+
+»Sondern?«
+
+»Sondern mit der Sehnsucht. Sehnsucht kann produktiv sein, sie kann aber
+auch unfruchtbar sein. Das hängt von dem ab, der sie nährt.«
+
+»Mich dünkt, Sehnsucht ist das erhabenste Gefühl in der menschlichen
+Brust.«
+
+»Wenn sie produktiv ist, ja.«
+
+»Was nennen Sie produktive Sehnsucht?«
+
+»Produktive Sehnsucht nenn ich diejenige, die imstande ist, einer
+Vorstellung Wirklichkeit, einem geträumten oder erwünschten Zustand
+Gegenwart zu verleihen.«
+
+»Da setzen Sie ja, und wie ist das möglich bei der Sehnsucht, einen
+Willensakt voraus?«
+
+»Ja, das tue ich allerdings; einen Willensakt, der vielleicht durch
+geheimnisvolle telepathische Mächte begünstigt und unterstützt wird.«
+
+»Hm, ich sehe schon, Sie decken sich. Wenn man zum Unerforschlichen
+seine Zuflucht nimmt, hören die Argumente auf. Dem Unerforschlichen
+gegenüber gibt es ja keine Schuld und keinen Irrtum mehr.«
+
+»Warum auch von Schuld reden, Faustina? Aber Sie mögen recht haben,
+vielleicht ist es wirklich eine Art von Schuld, wenn das Gefühl nicht
+bis zum geliebten Gegenstand trägt, sondern unterwegs durch fremde
+Einflüsse gebrochen wird. Nie beirrbaren Instinkt zu besitzen, das ist
+schon eine große Sache; und eine seltene Sache. So wie unser Leben sich
+heute abspielt, nicht wahr, wie jeder einzelne verwoben ist in ein
+maschinenhaft bewegtes Ganzes, wie er gezwungen ist, sich an vieles
+hinzugeben, was seinem Wesen fremd ist, wie sein geringster Fehltritt
+ihn unrettbar hinunterreißt von dem Weg seines Willens, wie er
+unverborgen dasteht, immer Kettenglied, wie all sein Tun und Handeln
+eine weitaus nähere und schnellere Folge hat als er es wünscht, wie das
+Elementare beständig in ihm ankämpfen muß gegen die Forderungen des
+Tages und der Welt, wie er Ruhe und Selbstbestimmung hingeben muß, nur
+um nicht erdrückt zu werden von den Gewalten, die um ihn toben, so wird
+es natürlich immer schwerer, einer inneren Stimme zu gehorchen, ja bloß
+überhaupt sie zu hören. Was vor wenigen Generationen noch einer Zahl von
+fünfzig beschieden war, das wird heute infolge der strengeren Wahl und
+härteren Erprobung nur an zwölfen oder fünfen oder dreien erfüllt. Wer
+wird um des Ideals in der Liebe willen sein Leben aufs Spiel setzen?
+Glücklicherweise ist das menschliche Herz immer zu Verträgen bereit.
+Würde die Liebe plötzlich Gemeingut aller, so wäre in vierzig Jahren die
+Erde ausgestorben. Wer nicht zur Liebe erwählt ist, dem hat das
+Schicksal auch Stärke und Geduld versagt. Er bescheidet sich, weil er
+sich bescheiden muß. Er liebt, was ihm Liebe entgegenbringt; sein Regent
+ist der Zufall. Er erobert oder er läßt sich erobern, ein Anschein von
+Schwierigkeit und Ferne erzeugt die ihm notwendige Poesie. Der eine
+liebt einen Körper, der zweite ein Gesicht, der dritte einen Blick, ein
+Hand. Ich meine das nicht gerade wörtlich, ich will damit nur sagen, daß
+er den Teil für das Ganze nimmt. Den Teil für das Ganze zu nehmen, das
+ist so Menschenart, und nicht einmal die schlechteste, sie bildet sogar
+Charaktere. Der Liebende ist Augenmensch; seine Leiden sind wirklich,
+seine Freuden sind dionysisch; der andere, der die Liebe nur ahnt wie
+ein Nachtgänger das Morgenrot, ist ein tastender Mensch, seine Glut ist
+ein Fieber, seine Leiden und Freuden sind imaginär, er sättigt sich von
+Brot, indes seine Phantasie Himmelsspeise verzehrt, er sieht nicht, er
+versteht gar nicht zu sehen, er will nur eingelullt sein, er will nur
+träumen, er ist stets philosophisch aufgelegt oder ist argwöhnisch,
+eifersüchtig, traurig, unersättlich, rasch übersättigt; er kann sich
+nicht in der Liebe verlieren, so gern er es möchte, denn der Strom, der
+ihn erfaßt hat, ist nicht tief genug. Manche lieben nur die Liebe oder
+die Sehnsucht nach der Liebe oder die Maske der Liebe oder die Unruhe
+der Liebe oder den Triumph der Liebe, und so können wir immer tiefer
+heruntersteigen, bis von der Liebe nichts mehr übrig bleibt als der
+Name. Unvermögen hat vielerlei Gestalten. Kannten Sie nicht damals auch
+den jungen Baron B., der bei der deutschen Gesandtschaft war?«
+
+»Den großen Frauenverführer –?«
+
+»Jawohl. Nichts ist heute leichter als den Titel eines Verführers zu
+erwerben, man braucht bloß ein wenig Methode in die Art zu bringen, wie
+man sich amüsiert. Dieser Baron B. also war immer mit einem Dutzend
+Frauen gleichzeitig intim. In jede einzelne war er eines bestimmten
+Vorzugs wegen verliebt, und er setzte mir einmal allen Ernstes
+auseinander, seine Vorstellung von Liebe sei eine so ungeheure, daß er
+niemals hoffen könne, das was er suche, in der Totalität einer Person
+anzutreffen.«
+
+»Ein Freibeuter«, erwiderte Faustina verächtlich. »Vor fünf Jahren hat
+er eine ältliche Millionärin geheiratet.«
+
+»Ja, so enden unsere Verführer in der Regel.«
+
+»Von hundert sogenannten Frauenhelden wissen neunundneunzig überhaupt
+nicht, wie eine Frau beschaffen ist«, sagte Faustina.
+
+»Nun ja, wo Sinnlichkeit den Blick verwirrt, kann von Liebe nicht mehr
+die Rede sein. Es ist ein Unterschied wie zwischen dem Rauch und der
+Flamme.«
+
+»Ist es so? Ist es wirklich so?« versetzte Faustina hastig. »Sinnliche
+Leidenschaft trägt nicht, das gebe ich zu. Aber wenn wir die Liebe nur
+in ihrer Vollkommenheit anerkennen wollen, was bleibt dann noch
+bestehen? was darf dann noch Liebe heißen? Lassen Sie mir doch die Dinge
+ein wenig einfacher. Der Mensch, so wie er eben ist, vermag sich nicht
+auf der Höhe seines Gefühls zu halten. Der Gütigste, der Edelste hat
+einen Teufel in der Brust, der ihn zwingt, sich am göttlichen Teil
+seines Wesens zu vergreifen. Vielleicht ist in der Liebe die
+Sinnlichkeit so ein Teufel, vielleicht ist sie ein boshaftes Tier, wie
+die Heiligen sagen. Vielleicht ist sie aber die Erhalterin der Welt? Und
+wenn sie die Erhalterin der Welt ist, warum ihr Übles nachreden? Läßt
+sie sich denn von der Liebe trennen? Sie sagen: Liebe will den Tod. Ich
+wage nicht daran zu rütteln, obwohl ein solcher Satz alle meine Gedanken
+durcheinanderwirbelt. Aber angenommen, Sie haben recht, wie läßt sich
+das mit der Absicht der Natur vereinigen, die doch durch Liebe die
+Gattung fortpflanzen will?«
+
+»Das ist ein Irrtum, Faustina. Durch Liebe wird die Gattung eben nicht
+fortgepflanzt, zum mindesten ist sie nicht darauf gestellt. Sie ist sich
+selber Zweck.«
+
+»Oho! Wenn Sie das vor versammeltem Volk sagen, wird man Sie steinigen.
+Ich dachte, ein heutiger Mensch dürfe gar nicht an Liebe denken, ohne
+zugleich an das Kind zu denken. Mein Gott, sehen Sie nur unsere
+gebildeten jungen Mädchen an! Welche Sachlichkeit! Welche
+Wissenschaftlichkeit! Sie tun, als ob sie in der Liebe zugleich ein
+Hebammenexamen bestehen müßten. Na gut, werde jeder selig wie er will.
+Aber das muß ich schon sagen, ein Symptom liegt darin. Man ist nicht
+ehrlich in diesen Dingen. Und weil man nicht ehrlich genug ist, der
+Liebe oder der Sinnlichkeit ihre selbstverständlichen Rechte
+zuzugestehen, nimmt man das Kind als Vorwand, sich zu decken. Man gibt
+der Prüderie und der Entschleierung ein Pseudonym, das sie mehr
+entwürdigt als beschönigt.«
+
+»Nicht so wild, Faustina! Sie haben eine Art mir beizupflichten, die
+mich fast an meiner Meinung irre macht. Die Geschöpfe, von denen Sie
+sprechen, sind ja nur Mißleitete. Und der Geist der Zeit selber ist es,
+der sie betrügt. Aufklärung heißt heute das große Wort. Nur ist
+allerdings diese Aufklärung etwas anderes als man sie vor hundert Jahren
+verstand. Vor hundert Jahren wollte man einfach alles aufklären: Himmel
+und Hölle, Märchen und Wunder, Kunst und Religion. Eine verhängnisvolle
+Strömung, der das noch lange nicht genug, nicht dankbar genug gewürdigte
+Emporwachsen der deutschen Romantik sich hilfreich entgegendämmte.
+_Unsere_ Aufklärung hat sich verinnerlicht. Man will allem, was in der
+Seele des Menschen vor sich geht, nicht so sehr verstandesmäßig als auf
+Wegen des Gefühls, der Deutung, der Ahnung beikommen. Die Schriftsteller
+haben sich in Seelenforscher verwandelt, die Erzieher in mehr oder
+weniger eigensinnige Deterministen. Man legt dem Unbestimmtesten eine
+Bestimmung unter, uralte Traditionen verlieren ihr Gewicht,
+bedeutungsvoll Gestaltetes seine Kontur, Rangunterschiede werden
+verwischt, Autorität erweckt Mißtrauen, und ich leugne es nicht, ich
+kann es leider nicht leugnen, die allgemeine Demokratisierung, dem
+kleinen Geist eine Wohltat, dem großen ein Horror, erstreckt sich bis in
+die verborgensten Winkel des Herzens. Aber mein Trost ist, daß dies
+alles ja nur ein Übergang ist. Mir ist oft zumut, als ob ein
+unsichtbarer Riese unsere Welt in Stücke zerfetzte, um aus den
+Bestandteilen eine neue, bessere, schönere zu machen, und als ob diese
+Zerstückelung notwendig sei, um unser Dasein auf eine höhere Fläche zu
+heben.«
+
+»Hirngespinste«, sagte Faustina kopfschüttelnd. »Was soll ich mit
+Hirngespinsten? Um mich mit einem Gegebenen abzufinden, dazu bin ich.
+Ist mir der gegebene Zustand unerträglich, nun, so empöre ich mich.
+Demokratisierung, ja, ja, das ist es! Was heißt denn: Demokrat sein?
+Demokrat sein heißt, etwas bedeuten wollen außerhalb einer organischen
+Sozietät. Nicht wahr?«
+
+»Jawohl, oder als Persönlichkeit auftreten außerhalb der Sozietät und
+sich ihr entziehen auf Grund singulärer Rechte oder selbstgeschaffener
+Befugnisse.«
+
+»Ausgezeichnet. Was kann nun dabei zustande kommen? Da ist der Adel. Was
+hat ihn zu allen Zeiten so mächtig werden lassen? Doch wohl nur der
+eherne Zusammenhang seiner Mitglieder auf Grund einer ehernen
+Überlieferung. Heute aber, heute ist jeder Ladendiener schon mit einer
+Individualität versehen, und jede aufgeputzte Kuh faselt von ihrem
+Selbstbestimmungsrecht. Was ist die Folge? Ehe noch die ärmlichsten
+Menschenpflichten erfüllt sind, werden der Menschheit schon
+Glücksforderungen gestellt, wie man einen Wechsel auf Sicht präsentiert.
+Alle, die so im glücklichen Besitz einer Persönlichkeit sind, was eben
+Persönlichkeit nach ihrer Ansicht ist, gleichen den schlechten
+Kaufleuten, die sich bei einem großen Unternehmen mit einem kleinen
+Kapital beteiligen und über Nacht Millionäre werden wollen. Diese
+Persönlichkeitsritter üben ein neues Faustrecht aus und die
+Gesetzlosigkeit, die sie begünstigt, erscheint ihnen als der Gipfel der
+Freiheit und Kultur. Meine Überzeugung ist aber die, daß ein
+demokratisches Zeitalter nun und nimmermehr ein Zeitalter der Liebe
+sein kann. Gerade in der Liebe wird ja die Aufopferung der
+Persönlichkeit verlangt. Hingabe! Ein herrliches Wort! Der Demokrat, der
+individuelle Demokrat, er gibt sich nicht hin, er gibt sich nur auf. Und
+liebt er, so muß er zweckvoll lieben. Und außerhalb der Sinnlichkeit, wo
+wäre da für ihn noch Zweck? Also muß er sinnlich lieben.«
+
+»Man kann das formulieren, wie man will, Faustina, und ich streite nicht
+dagegen, nur wundre ich mich, weil Sie vorhin doch selbst für die
+Sinnlichkeit plädiert haben.«
+
+»Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, daß die Sinnlichkeit ihren
+eigenen Thron aufgerichtet und die andern Kräfte der Liebe unterjocht
+hat. Wenn das organische Ineinanderwirken der Kräfte aufhört, so
+entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die sich auf Kosten des
+übrigen Körpers nähren und ihn langsam vernichten.«
+
+»Dieser medizinische Vergleich ist mir zu – moralisch, liebe Freundin.
+Wir dürfen hier um keinen Preis moralisch sein, wir untergraben uns
+sonst die Möglichkeit der Verständigung. Es gibt eine Art von
+Sinnlichkeit, die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn es in
+klares Wasser fällt und das Wasser bis auf den Grund durchleuchtet, es
+entmaterialisiert. Welche Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen
+Sinnlichkeit entgegenstellen? Etwa die naive? Das gäbe ein Schema. Jedes
+Schema bleibt hinter der Erfahrung zurück, von der Synthese ganz zu
+schweigen. Statuieren wir also, beispielsweise, einen Unterschied
+zwischen elementarer und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die
+Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das Weibchen schlechthin
+begehrt? Ist Werther differenziert, weil er sich um Lotte erschießt? Sie
+sehen, man hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.«
+
+»Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie werden mir doch nicht
+ausreden, daß es eine Sinnlichkeit gibt, die eine Ursache und eine
+Sinnlichkeit, die eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere
+eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere kommt aus der Seele
+...«
+
+»Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit kommen wir zu
+keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur dann Einsicht, wenn wir von der
+Phantasie ausgehen, wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne
+Phantasie, und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja, ich gehe so
+weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit sind gleichsam die beiden
+Flügel desselben Wesens, des Liebewesens nämlich, die beiden Flügel,
+ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos lösen und von der Erde erheben
+kann. Und das eine ist mir klar: daß das moderne Ideal von Liebe oder
+von Sinnlichkeit viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie steht, als es
+jemals der Fall war.«
+
+»Ist das Ihr Ernst?«
+
+»Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdrücklich: das Ideal. Ich will
+die Erscheinungen selbst nicht betrachten; ich will gern zugeben, daß
+wir vom Ideal weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber nicht in
+der Inferiorität des Lebens, sondern in der Superiorität des Ideals.
+Gerade durch die Persönlichwerdung unserer Existenz wird ja der Reichtum
+der Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich gesteigert.
+Was auf der einen Seite die Vereinzelung der Guten, die Vereinsamung der
+Tüchtigen bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und das Gesetz
+aus, unter dem sie überhaupt zur Geltung, zur Entfaltung ihrer Kräfte
+gelangen. Es findet dadurch ein Zusammenfluß von vielen isolierten
+Idealen, ein Ineinandergreifen erhöhter Lebensstimmungen der
+heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und deren organische
+Verschmelzung, wenn es einmal so weit gekommen sein wird, sich gar sehr
+von den primitiven und deswegen von vornherein harmonischen Idealen
+früherer Epochen unterscheiden wird. Und außerdem, was könnte ein
+stärkerer Ansporn für die Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen
+Ideal und Wirklichkeit?«
+
+»Ach so,« sagte Faustina stirnrunzelnd, »es soll also die Phantasie ein
+Mittel des Verzichtes werden? Da sieht mans, mit Logik kommt man
+herrlich weit!«
+
+»Zu einem Mittel des Verzichtes, – ja. Aber nicht im Geist der Askese,
+sondern im Geist der Vollkommenheit und Vervollkommnung. Ein Liebender,
+Faustina, was ist er denn anders als einer der gewählt hat, einer
+dessen drängendes Gefühl sich für die intensivste ihm mögliche
+Lustquelle entschieden hat. Denken wir uns die sinnlichste Natur; denken
+wir sie zugleich liebefähig und zur Liebe bestimmt in der edelsten Art.
+Indem sie wählt, vollzieht sie unwiderruflich ihr Schicksal; das weiß
+sie, und weil sie es weiß, folgt sie einem hohen sittlichen Gebot, wenn
+sie den Gegenstand der Liebe in die höchste Region der Vollkommenheit
+erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel ist, je mehr kann die
+Realität vergessen werden, und nicht in einer selbstsüchtigen Täuschung,
+sondern in einer schönen, selbstlosen, idealen Täuschung, ja, schlankweg
+gesagt, in einer Täuschung zugunsten des Vollkommenen. Oder nehmen wir
+ein negatives Beispiel: nehmen wir unglücklich Liebende; ich meine
+natürlich nicht solche, die aus äußerlichen Gründen, sondern solche, die
+aus innerlichen Gründen verhindert sind, eins zu werden. Unglücklich
+Liebende sind Wesen, die nicht die Geduld, das heißt, nicht die Kraft,
+im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten zu wählen. Nun was heißt
+aber das: geduldig sein und dabei leidenschaftlichen Gemüts? Es will
+nichts anderes sagen als schöpferische Phantasie besitzen. Und daß der
+wahrhaft Liebende schöpferische Phantasie besitzt, das zeigt sich eben
+in demselben Augenblick, wo er zu lieben beginnt.«
+
+»Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht sehe ich ein,
+inwiefern wir, wir Auserlesenen des zwanzigsten Jahrhunderts, darin
+einen Vorzug haben. Ihre Argumente genügen mir nicht; ach, in Argumenten
+bin ich so ungenügsam wie in allem andern. Es gab eine Zeit, da war die
+Liebe ein Ereignis, ein Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie,
+und heute? Ist für Sie oder für Ihre Altersgenossen, ist für Mann oder
+Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies große Unbegreifliche, dies ... nun
+dies Wunderbare –? Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich
+nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen? Verwandeln sich
+die Erlebnisse einer Frau nicht in ein Erkennen? In diesem Punkt ist
+eure Gerechtigkeit, eure berühmte Männergerechtigkeit nichts wie
+aufgeschmückte Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder nicht ist, was
+soll da die Phantasie? Was sollen Flügel, wo keine Luft ist, die sie
+trägt? Vom Adler erzählt man, daß er sterben muß, wenn er nicht mehr
+fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also muß er sterben. Ihr gleicht
+nicht den Adlern, ihr Männer, ihr könnt auch gehn und macht euch vor
+jedem Jäger aus dem Staub.«
+
+»Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das klingt, Faustina! Wie aus
+einem Roman der George Sand. Die Sache ist wirklich die, daß uns die
+Liebe gar kein Wunder mehr bedeutet.«
+
+»So? Und warum, wenn man fragen darf? Lassen Sie mich den Grund hören;
+ich bin neugierig und im voraus voller Widerspruch, denn daran hängt
+mir ein Stück Herz.«
+
+»Nein, die Liebe als Phänomen ist für uns kein Wunder im Sinn von 1750
+oder 1820, wo der Liebende sich in der Erlesenheit seines Gefühls
+spiegelte, an seinem Gefühl fast zum Narziß wurde. Der Grund, weshalb
+dem nicht mehr so ist, besteht darin, daß wir einerseits zu
+wissenschaftlich, andrerseits zu historisch dazu empfinden. So trocken
+herausgesagt, schmeckt das nach Pedanterie, aber wir sind uns ja der
+Ursachen nicht bewußt. Zu wissenschaftlich: nicht nur, weil wir es in
+Büchern lesen oder weil wir es in der Natur beobachten oder weil uns
+jeder Vorgang des Lebens darüber belehrt, sondern weil uns die
+Überzeugung oder besser ausgedrückt die Anschauung in Mark und Knochen
+sitzt, daß alles, was da atmet, wird und wächst, ein und demselben
+Gesetz gehorcht, daß ein Band der Liebe sich um alle Wesen schlingt, ein
+Trieb der Zeugung, ein Wille, Schöpfer zu sein, den Tod zu besiegen,
+alle und alles bis ins Innerste durchdringt. Zu historisch darum, weil
+unser Geist in keinem Fall berauscht und egoistisch am Augenblick hängt,
+weil wir voll sind von Vergangenheit, von immanenter Erfahrung, weil das
+Geschick einzelner sowohl wie ganzer Geschlechter, ja der ganzen Gattung
+beständig und ohne daß wir dessen gewahr werden, zu uns redet und unsere
+eigenen Wege deutet. So wenig uns ein Gewitter in abergläubische Furcht
+versetzt, so wenig also wird uns das Ereignis großer Liebe wunderbar
+dünken; beides kommt ja aus der Natur, beides ist im Entstehen und
+Vergehen gegründet. Nun jedoch tritt das Seltsame ein: Im Großen, in
+allem Katastrophalen der Existenz haben wir aufgehört, Wunder und
+Begünstigung, Geheimnis und persönliche Verschuldung zu erblicken; im
+Kleinen aber, im Alltäglichen des Tuns und Betrachtens wird uns ein
+jedes Ding verwunderlich. Höchst bezeichnend ist es, dies Wort: sich
+wundern. Wir verwundern uns eigentlich unaufhörlich. Es erstaunt uns der
+Wurm, es erstaunt uns der Sternenhimmel, es erstaunt uns der Apfel, es
+erstaunen uns Berg, Strom und Wasser. Es erstaunt uns der Bettler und es
+erstaunt uns der reiche Mann, es erstaunt uns der Mörder und es erstaunt
+uns der Dichter, es erstaunt uns der Tapfere und erstaunt uns der
+Feigling. Das macht, weil wir in allen diesen die Notwendigkeit entdeckt
+haben, das Gefühl für die Unbedingtheit ihres Seins und damit in letzter
+Linie die Schönheit, die ihnen eigene Form der Schönheit. Wie ehedem von
+einem Pantheismus könnten wir von einem Panhumanismus sprechen oder
+besser von einer Allwesenheit. Es ist uns alles menschlich geworden,
+kreatürlich geworden, – zugehörig. Daß sich dadurch die Quellen der
+Freude um ein Unermeßliches vermehrt haben, ist klar, und das Reich der
+Schönheit ist, wie Christus vom Reich Gottes sagte, in uns. Das Reich
+der Liebe auch. Und wenn wir nun die ganze Welt dermaßen in uns haben,
+wenn unsere Sinne sie unaufhörlich besitzen, so folgt daraus doch für
+die Sinne selbst, daß sie auf ein Begrenztes, auf ein Gehaltvolles, auf
+ein Zweck- und Zielvolles gewiesen sind, daß sie mutiger, sicherer und
+stolzer geworden sind und daß ihr unentbehrlichster Verbündeter, weil
+sie von Anschauung, von Ahnung, von Begreifen, von Andacht, von
+Weltgefühl genährt werden, die Phantasie ist. So ist es auch in der
+Liebe. Die Sinnlichkeit ist darum nicht mehr auf den Körper beschränkt,
+sie will nicht erobern und nicht verführen; von galanten Künsten braucht
+sie überhaupt nichts zu verstehen, denn sie sucht nichts weiter als
+Übereinkunft. Sie überlistet nicht, weil sie wertet; sie enthüllt nicht
+den Leib, sondern die Seele, ja, sie ist ganz und gar auf solche innere
+Enthüllungen angewiesen, und eine Form gibt ihr nichts, wenn der Form
+nicht ein Inhalt entspricht. Eifersucht ist ihr deshalb ein unfaßbarer
+Begriff, denn gerade die Einmaligkeit, die unwandelbare Gesetzmäßigkeit,
+darauf beruht sie. Es ist keine Regung in ihr, die nicht, mit einem Wort
+gesagt, auf Verständigung beruhte. Damit sind wir wiederum bei der
+Phantasie angelangt, denn Verständigung hat ja keine andere Wurzel als
+die geistige Macht des Menschen, die Phantasie.«
+
+»Sie springen etwas willkürlich mit der Phantasie um, mein Bester«,
+bemerkte Faustina kühl.
+
+»_Tu_ ich das? In der Tat, ich schreibe der Phantasie eine weitaus
+größere Rolle zu als es sonst geschieht. Erst mit ihrer Hilfe sind wir
+fähig, die Seelen anderer Menschen zu erfassen. Viele Eigenschaften, die
+man nur zu leicht als Laster anzusprechen geneigt ist, sind lediglich in
+einem Mangel an Einbildungskraft begründet. Der Geizhals, der
+Hoffärtige, der Grausame, der Nörgler, der Denunziant, der
+Selbstzufriedene, der Gottesleugner usw. was sind sie anders als
+Phantasielose oder – Phantasten, was beinahe das selbe ist. Gewisse
+Worte müßten uns töten, wenn nicht die Einbildungskraft wäre, die sie zu
+Luft und Schall zerstieben läßt. Haben Sie das nie erfahren, Faustina?«
+
+»Ich hab’s erfahren, wahrlich.«
+
+»Und gäbe es Verzeihung für erlittene Beleidigungen ohne die Phantasie?
+Nein. Der Mensch ist rachsüchtig, die Phantasie veredelt diesen Impuls.
+Ein solcher Mensch ist nun nicht mehr lasterhaft. Man kann getrost
+sagen: wer echte Phantasie besitzt, der ist tugendhaft. Wenn Sie nun der
+Sinnlichkeit die Phantasie nehmen, was bleibt dann übrig? Wenn ich
+liebe, und mein sinnliches Verlangen ist ohne Phantasie, so bin ich wie
+einer, der in absoluter Finsternis gefangen ist, ja, es ist möglich, daß
+ich dadurch dem Wahnsinn verfalle. Erst durch die Phantasie erhält meine
+Begierde die Weihe, die Süßigkeit, die Schönheit, den Mondglanz der
+Bezauberung und jenen Tropfen von Melancholie, ohne den eine
+Leidenschaft nicht beseelt erscheint. Sinnlichkeit ohne Phantasie ist
+nichts als der traurige Zweikampf zweier Wesen, die einander unbewußt
+zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im Leben nicht bloß das eine
+oder das andere; die Leiden und Irrungen, die ein unvollkommener Zustand
+mit sich bringt, bleiben schließlich wenigen erspart. Wie oft sieht man
+Eheleute oder Liebesleute im Streit! Wie manche Ehe, die durch die Liebe
+getragen schien und nur noch durch Gewohnheit und bürgerliche
+Rücksichten befestigt ist, schleppt sich mühselig hin unter Hader, Zank
+und Mißverständnissen! Männer, sonst gerecht und vornehm, Frauen, sonst
+zärtlich und nachsichtig, vergessen sich; sie werden zu Tieren, die auf
+einander Jagd machen, sich einander Wunden zufügen, harte Worte wählen,
+Worte wie geschliffene Messer, mit übertriebenen Beschuldigungen die
+Achtung untergraben, die jeder vom andern billig verlangen muß, und ohne
+die Haltung sind, die sie auch dem Gleichgültigen gegenüber zu wahren
+wissen. Es sind das häßliche Szenen, und häßlich sind sie, weil solche
+Menschen aller Phantasie bar sind, weil sie nicht vermögen, die
+Armseligen, über den Augenblick hinauszudenken, weil der Augenblick in
+ihnen stärker ist als das Herz, als das Schicksal, als Tod und Ewigkeit.
+Ja, so sind die Phantasielosen, sie leben nur von Augenblick zu
+Augenblick, sie schwingen nur in den Intervallen, der Augenblick selbst
+ist ihnen nichts.«
+
+»Das alles ist mir zu allgemein«, sagte Faustina. »Teils zu allgemein,
+teils zu kategorisch. Ich kenne Verhältnisse, deren Beschaffenheit mit
+der Phantasie gar nichts zu tun hat, oder ich müßte den Begriff der
+Phantasie zu weit ausdehnen. Nehmen Sie an, eine geistig bedeutende Frau
+liebt einen Gimpel; oder ein Mann von Genie liebt eine gewöhnliche Gans.
+Das kommt doch häufig genug vor, sollt ich denken. Und wie einfach sind
+diese Beziehungen, mein Gott, wie einfach. Ihr A und O ist eine
+natürliche Sinnlichkeit, und bieten sie nicht meist größere Gewähr für
+ein dauerndes Glück als jene feinnervigen Bündnisse, in denen doch alles
+auf Eigenschaften gestellt ist, und nicht auf das Ganze der Kreatur? Man
+muß einander nicht gar zu gut verstehen in der Liebe; ein wenig
+Fremdheit tut not. Wir Leute, wie wir da sind, wir verstehen einander zu
+gut und mißverstehen uns deshalb so oft. Den Leibern, finde ich, ist die
+allzugroße Vertrautheit der Seelen von Übel. Sie verletzt die
+Schamhaftigkeit.«
+
+»Die Schamhaftigkeit? Inwiefern?«
+
+»Das leidet gar keinen Zweifel. Je größer die seelische Verfeinerung
+wird, je größer wird auch die Schamhaftigkeit. Es ist ein heikles Thema,
+und irgendein Schriftsteller meint mit Recht, daß es schon schamlos sei,
+über die Schamhaftigkeit zu sprechen oder was jemand darüber sagt,
+anzuhören. Je tiefer man in den andern hineinschaut, je mehr ist man
+geneigt, das, was in ihm vorgeht, zu überschätzen, je mehr fürchtet man
+den andern oder fürchtet sich selbst, je mehr versteckt man sich, ja
+ich habe es erlebt, daß solche Menschen aus lauter Zartfühligkeit und
+Hellseherei sich die Möglichkeit harmlosen Daseinsgenusses untergruben.«
+
+»Aber was hat das mit der Schamhaftigkeit zu tun?«
+
+»Sehr viel! Wenn die dunklen Zustände und Vorgänge in der Brust dermaßen
+ans Licht gezerrt werden, daß der Mensch sozusagen in sich selber kein
+Heim mehr hat, wo er sich mit seinem Verschwiegensten bergen kann, so
+muß ihm doch allmählich dabei zumute werden, als ob man ihn entblöße und
+an den Pranger stelle. Ich, ich für meinen Teil, fühle mich durch das
+beständige, wachsame Verständnis eines andern, und sei er das
+geliebteste Wesen, ganz und gar an den Pranger gestellt, und ich sage
+Ihnen auch, daß mir jene Frauen, die man unverstandene zu nennen
+beliebt, mir, mir für meinen Teil, immer nur schamlos erschienen sind.
+Das wären die einen. Dann sind jene, bei welchen die Schamhaftigkeit
+sich ins Krankhafte steigert und die in einer so dünnen Luft leben, daß
+ihnen das gesund Sinnliche zum Ekel wird. Ich hatte einst eine solche
+Unglückliche zur Freundin; sie war die schamhafteste Natur, wurde aber
+bisweilen von einem förmlichen Enthüllungswahn verfolgt, und indem sie
+sich preisgab, unterlag sie einem Zwang, der sie etwas ausüben hieß, was
+ihrem wahren Wesen gerade entgegengesetzt war. Da war kein Halt, keine
+Haltung, und als sie eines Tages liebte, versagte sie sich dem
+betreffenden Mann, weil sie überzeugt war, daß er nur ihren Körper
+liebte und nicht die Seele. Ist das nicht schauerlich? Ein einziges,
+grobes Mißverständnis des Lebens?«
+
+»Freilich; es gibt Frauen genug, die in dieser Hinsicht einem
+unheilvollen Irrtum und Unbegreifen verfallen sind«, erwiderte ich. »Der
+unheilvollste Irrtum, den sie begehen können, ist aber, wenn sie aus
+ihrer Art der Schamhaftigkeit und deren Überwindung einen Begriff der
+Treue folgern, der für sie Gesetz und Notwendigkeit, für den Mann aber
+eine Freiwilligkeit ist. Diese Freiwilligkeit wieder einer höheren
+Notwendigkeit unterzuordnen, das ist die _Tat_ des liebenden Mannes,
+eine Handlung, die von seiner Kultur, von seiner Selbstbeherrschung, von
+seinem Schönheitsempfinden abhängt. Die Frauen besitzen nur die Scham
+des Geschlechts; die Keuschheit einer Nonne und die Verderbtheit einer
+Dirne sind nur verschiedene Wirkungen ein und derselben Kraft, ähnliche
+Zustände mit verschiedenen Hemmungen. Dem Mann ist eine andere
+Schamhaftigkeit eigen, eine übersinnliche, ich möchte sie die Scham vor
+Gott nennen, und er kann sie nur verlieren, wenn er sich selber vor Gott
+verliert. Wir haben demnach das Schauspiel eines beständigen Krieges
+zweier dem Grund und der Beschaffenheit nach völlig unähnlicher Arten
+der Schamhaftigkeit, und während eine Frau die ihre sozusagen wörtlich
+nimmt, sie trägt oder abwirft wie man ein Kleid trägt oder abwirft,
+verheimlicht der Mann die seine, denn ihm ist sie nur ein Symbol.
+Niemals darf die Frau sich einfallen lassen, das Symbol in die
+Wirklichkeit zu zerren, etwa eine Forderung daraus zu machen.«
+
+»Das sagt – ein Mann!« rief Faustina. »Ich muß Sie schon sehr hoch
+einschätzen, lieber Freund, wenn ich das nicht anmaßend finden soll.
+Klipp und klar gesprochen heißt das doch: die Liebe des Weibes ist eine
+Realität, die des Mannes ein Symbol. Oder nicht?«
+
+»Ausgezeichnet formuliert, Faustina.«
+
+»Na, schön. Ich will dagegen nicht streiten, weil es ins Grenzenlose
+führt. Ich sehe nur so viel, die tägliche Erfahrung beweist es mir, daß
+diese Realität keinen Bestand und dieses Symbol keine Bedeutung hat.
+Flausen, Flausen, nichts als Flausen! Bester Freund, sperren Sie mich
+doch nicht ein für allemale in die Rumpelkammer der ›Realität‹! Denken
+Sie daran, daß auch ich geliebt habe! Ja, wirklich, wirklich geliebt!
+Beweisen kann ich nicht, daß es mehr war als ein Irdisches,
+Erdgebundenes, an Zweck und Zeit und Augenschein Gebundenes, aber dafür
+kann ich beweisen, daß der andere, der Partner im Spiel, keinen Einsatz
+wagte, der die Mühe verlohnte zu kämpfen, beweisen kann ich, daß seine
+Liebe – und er _liebte_ – nur unzulänglich war, also nicht bis zu dem
+Punkt reichte, wo eine symbolische Kraft das Flüchtige des Lebens
+festhält. Aber weshalb so hohe Worte? Napoleon tat auf Sankt Helena den
+ungeheuerlichen Ausspruch: Ein solcher Schurke kann kein Mann sein als
+ich von ihm glaube, daß er einer ist. Fast jede Frau kann dasselbe von
+ihren Erfahrungen in der Liebe sagen, vorausgesetzt, daß sie nicht ein
+blindes Tierchen ist. Ihrer Methode gemäß werden Sie mir wahrscheinlich
+entgegenhalten: du hast eben nicht zu wählen verstanden. Ja, um Gottes
+willen, wenn der sich nicht bewährt, den ich als den besten erkenne,
+wozu schlägt dann mein Herz, warum denke und fühle ich dann? Entweder
+muß ich demnach mein Leben in der Wurzel verneinen oder Ihre ganze
+Weisheit wird mir zum Sophisma. Da ist ein Mann, der mich anbetet; es
+erscheint mir zweifellos, daß ich ihm viel, daß ich ihm alles bin, ich
+ergebe mich, verbünde mich ihm, und da muß ich entdecken, daß er nur zu
+werben versteht, zu besitzen, den Besitz zu verteidigen, zu bilden, zu
+erhöhen, dazu ist er nicht fähig. Oder ein anderer Fall: da ist ein Mann
+von Geist, Gemüt, Talent, aber er lebt in tiefem Elend. Das Mitleid
+nähert mich ihm, es gelingt mir einen wahren Sturm der Energie in ihm zu
+entfesseln, die Liebe zu mir trägt ihn empor, das Schicksal begünstigt
+ihn, aber er kann es nie verwinden, daß diejenige, die er liebt, auch
+seine Helferin war, er selbst gesteht mir seine Scham und alles
+scheitert an einer Grille.«
+
+»Und was taten Sie?«
+
+»Was sollt ich tun? Ich ließ ihn seiner Wege gehen. Ist es etwa diese
+Scham, die Scham, nicht mehr der Mächtige zu sein, die Sie symbolisch
+nennen?«
+
+»Der Mann hatte vielleicht nicht viel zuzusetzen, deshalb raubte diese
+Scham seiner Liebe die Kraft«, antwortete ich. »Es kommt nur darauf an,
+was einer zuzusetzen hat, und für den Mann ist in der Liebe tatsächlich
+alles nur eine Frage der Macht. Mitleid ist ein Feind der Liebe, Mitleid
+zerstört die Gleichberechtigung, geradeso wie ein ausschließliches
+ästhetisches Wohlgefallen; jenes schafft eine zu große Nähe, dieses eine
+zu große Ferne. Der Bemitleidete und der Bewunderte atmen nicht dieselbe
+Atmosphäre mit demjenigen, der Mitleid oder Bewunderung hegt, und sie
+sprechen nicht in derselben Sprache zueinander. Aber es gibt Mittel, den
+Zwiespalt zu überbrücken, und die Frau ist es, die in dem einen wie im
+andern Fall ausgleichend zu wirken vermag, und zwar durch die göttliche
+Eigenschaft der Sanftmut. Sie, Faustina, sind nicht sanft genug.«
+
+»Nicht sanft genug! Das wurde mir schon einmal gesagt. Wenn ich sanft
+wäre, wurde gesagt, hätte ich weniger Anlaß, mich über das Leben zu
+beklagen.«
+
+»Oder über die Liebe. Das ist meine Meinung.«
+
+»Sanftmut! Die schätzbare Gabe, stumm zu bleiben, wenn man getreten
+wird, und nur zu seufzen, wenn das Herz bricht, die nennt man Sanftmut,
+die nennen die Männer Sanftmut. Und weil sie ihnen die bequemste
+Eigenschaft am Weibe ist, darum wird sie gepriesen. Wer aber Augen hat
+und sieht, und vieles sieht, und Blut, das sich erhitzt, und eine Faust,
+die sich ballen muß, der kann nicht sanft sein.«
+
+»Gemach, Faustina. Sie erinnern mich ein wenig an den Knaben, den man
+fragte, wer tapfer zu heißen sei, und der darauf entgegnete, tapfer sei,
+wer nicht davonlaufe. Sanftmut ist nicht Nachgiebigkeit, nicht
+Unterwürfigkeit, nicht Schweigsamkeit. Sanftmut ist der Ruhe des
+Feldherrn zu vergleichen, oder der Besonnenheit des Künstlers. Sie ist
+nicht eine Schwäche, sondern eine Kraft. Sie ist in der Liebe die
+eigentliche Kraft des Weibes, ihre Waffe wie ihr Schutz. Sie ist nicht
+an ein bestimmtes Temperament gebunden, dem cholerischen kann sie
+gegeben, dem melancholischen kann sie versagt sein. In jedem Tun und
+Lassen drückt sie sich aus: in der Freude, in der Angst, in der Trauer
+und im Schmerz, im Blick und im Schritt. Sie ist geradezu ein Rhythmus
+des Lebens. Das Lächeln der sanften Frau ist unwiderstehlich, die sanfte
+Frau ist niemals häßlich. Nun ist freilich die echte Sanftmut beinahe
+ebenso selten wie die Liebe, und leider muß man konstatieren, daß sie
+immer seltener wird, je mehr die Erregbarkeit der Nerven wächst, je mehr
+auch die Frauen von Liebe und über die Liebe wissen, und je weniger sie
+Liebe fühlen. Denn die Liebe der Frau ist hauptsächlich auf ein
+Elementares, auf ein Unbewußtes gestellt. Da gibt es Frauenrechte und
+Frauenberufe, man bildet Körperschaften und veranstaltet Versammlungen.
+Dabei mag viel Nützliches entstehen, aber für die Sanftmut ist alles zu
+fürchten. Haben Sie nie den Unterschied bemerkt zwischen dem Geschmack
+einer Birne, die frisch vom Baume kommt, und einer solchen, die schon
+unter vielen andern Birnen auf dem Speicher gelegen war? Ein solcher
+Unterschied herrscht zwischen der Frau als Einzelwesen und der Frau, die
+sich sozial betätigt.«
+
+»Sie mögen ja recht haben«, antwortete Faustina. »Aber am Birnenbaum
+hängen viele Birnen. Sollen die Birnen also warten, bis die Leckermäuler
+anspazieren, um die schönsten zu verspeisen? Die übrigen können warten;
+sie müssen verfaulen und ins Gras fallen, wie? Um der Sanftmut willen.
+Danke schön. Wir haben nicht Konsumenten genug, wir armen Birnen, wir
+müssen unterzukommen trachten. Ihr wollt uns rein, ihr wollt uns
+engelhaft, ihr wollt, daß jede sich für einen Messias aufspare, aber
+ihr, ihr wollt nichts entbehren, keinem Gelüst die Befriedigung
+vorenthalten, keinem Appetit die Stillung. Und der Messias, der sich
+schließlich bei uns einstellt, ist entweder ein alberner Fant, der nicht
+weiß, was er in Händen hält und seinen blinden Jünglingsrausch austobt,
+oder ein kritischer Herr, der sich wieder trollt, wenn das Birnchen
+einen Flecken hat.«
+
+»Das ist wohl wahr, Faustina, praktisch genommen ist es wahr, und daß
+ihr Grund habt, euch selbst zu schützen, kann nur einem Dummkopf
+verborgen bleiben. Jedoch von einer höheren Zinne betrachtet, liegen
+die Dinge anders. Die Natur will nicht, daß man ihr zuvorkomme. Sie will
+nicht, daß ihr heiligstes Gesetz, das Gesetz der Auslese, umgestoßen
+wird, und wenn es trotzdem geschieht, rächt sie sich durch die
+Hervorbringung lebensuntüchtiger Geschöpfe. Ist Ihnen bekannt, daß zum
+Beispiel unsere Jagdvorschriften der Rassigkeit und Widerstandsfähigkeit
+des Wildes, besonders des Edelwildes, erheblichen Abbruch tun? Wir haben
+Frauen, die gezwungen sind, einen Beruf zu ergreifen; ohne Pathos tun
+sie es, verdienen ihr Brot; andere sind mit Intelligenz und Scharfsinn
+am Werk, um soziales Elend zu mildern. Wer hätte dagegen etwas
+einzuwenden? Das Schicksal des Individuums wird mir immer Teilnahme
+einflößen, ob es eine Nähmamsell oder eine Fürstin ist;
+Massenbestrebungen aber, wenn sie der unmittelbaren Leidenschaft des
+Erlebnisses entbehren, lassen mich natürlich kalt. Das Wesen der Frau
+deutet mehr als das des Mannes auf Vereinzelung; ich habe immer
+gefunden, daß die edlere Art der Frau sich nur kraft dieser Vereinzelung
+bewahrte, und daß sie sich zur Vervollkommnung der Rasse gar nicht teuer
+genug bezahlen läßt.«
+
+»Und wenn dem so wäre,« versetzte Faustina, »was hülfe es? Ist denn die
+Frau nicht immer willfährig zum Besten, wo der Mann das Beispiel edler
+Initiative gibt? Was frommt aber der Natur, was hilft selbst Gott das
+Gesetz der Auslese, wenn ihm das Gesetz der Trägheit entgegensteht?«
+
+»Der Trägheit ... Schon vorhin haben Sie das Wort gebraucht. Sie sagten
+Trägheit des Herzens.«
+
+»Ja. Trägheit des Herzens.«
+
+»Trägheit des Herzens ist eine von den sieben Todsünden, soviel ich
+weiß.«
+
+»Sie ist die einzige Todsünde, die es gibt.«
+
+»Sie verbergen also einen großen Sinn dahinter, so etwas wie eine Idee.«
+
+»Einen großen Sinn, da haben Sie recht, einen schmerzlichen Sinn. Das
+Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht
+will, das tue ich, heißt es in einem Brief des Paulus an die Römer. Da
+ist ein Erkennen: das Gefühl trotzt dem Erkennen, beharrt auf dem
+falschen Weg; oder da ist ein Gefühl, ein großes, ein wahres; und doch,
+es läßt sich betrügen, es läßt sich verwirren durch Rede und durch
+Denken. So entsteht Trägheit des Herzens, und ist selber noch ein
+Tieferes, Schwereres, Dunkleres, Schuldigeres. Es gab Zeitläufte, wo die
+Menschen mehr ihren Trieben untertan waren, barbarische, kriegerische,
+im großen und ganzen auf eine Sache, auf ein Ziel gestellte Zeiten. Da
+konnte Trägheit des Herzens für eine Sünde gleich andern gelten, gleich
+Geiz oder Neid oder Habsucht. Heute ist der Mensch zur Rechenschaft
+gezogen, heute ist jeder sich selbst verantwortlich. Sie sagen es
+selbst, nicht die Religion, nicht Himmel und Hölle darf er zur Ausrede
+und Ausflucht machen, in seiner Brust muß er sein Schicksal suchen. Da
+wird Trägheit des Herzens zur Kardinalsünde, und wie es nun ist, diese
+Sünde liegt auf uns allen wie Gewitterlast. Fordern Sie Beispiele? Wo
+soll ich anfangen? wo enden? Vorübergehen, wenn die Stimme des Gemüts
+zum Bleiben mahnt, bleiben, wenn sie verlangt, daß ich weitergehe; die
+Augen schließen, wenn es gilt zu sehen, und schweigen, wenn es gilt,
+Partei zu nehmen; urteilen und verdammen, wenn vieles davon abhängt, zu
+schweigen und Milde zu üben; den reinen Sinn betäuben, den unreinen zu
+falscher Tat stacheln; Zwecke wollen, wo keine sind; nach Gerechtigkeit
+streben und der Liebe vergessen; Liebe beanspruchen, ohne sie zu geben;
+genießen wollen und nicht bezahlen; von Gott reden und den Teufel im
+Innern füttern; Ideale aufrichten und einen armen Schuldner vor Gericht
+zitieren; in Musik und Dichtung schwelgen und vor den kleinen
+Menschenpflichten die Flucht ergreifen; Freundschaft preisen und den
+Freund verleugnen; Philosoph sein und den Dienenden mißhandeln; den
+Genius herbeiwünschen und, wenn er sich zeigt, ihn schmähen und in den
+Kot zerren, alles dies, all dies Vergessen, all dies _Wissen_ und
+_Nicht-Tun_ ist Trägheit des Herzens. Ach, wie schön ist das Herz! zu
+wie vielem fähig! wie viel vermag es! Und Liebe, das Herz des Herzens,
+wie wird sie mißachtet, mißbraucht, vergewaltigt und zertreten! Wie
+ummauert sind alle Herzen, wie wenig mag ein jedes sich verraten, und
+wie schnell und bereitwillig das des anderen! Wir reden da von Liebe,
+von Liebe, und wo ist sie, die Liebe? Ein Symbol soll sie sein, ein
+seltenes Phänomen, ich aber möchte sie haben, sehen möchte ich sie!
+Zeigen Sie mir einen Liebesbegeisterten, zeigen Sie mir einen
+Verschwender der Liebe! Die Liebe, von der ich weiß, war immer nur ein
+zartes Pflänzchen, es ertrug die Lebensstürme nicht, versteckte sich vor
+der Sonne und kroch in labyrinthisch verschlungene Tiefen,
+weltabgewandt, der Nacht zugewandt. Ich fragte einmal einen Mann, ob
+seine Geliebte schön sei. Schön, das könne er nicht behaupten, sagte er,
+aber alles an ihr sei charakteristisch. Ei, erwiderte ich ihm, Sie sind
+ein ganz famoser Zeitgenosse. Charakteristisch! Ein niedliches Wort! Man
+müßte es in eiserne Lettern gießen und auf den Schandpfahl des
+Jahrhunderts nageln. Alles ist so charakteristisch, so individuell, so
+besonders, so künstlich, so ins Kleine zerspalten, ins Geistige
+verdünnt, so scheu, so furchtsam, so wissend und so unsicher in
+jeglichem Gefühl. Was ist da um Gottes willen noch zu hoffen, Freund!
+Was kann ein volles Herz noch für sich hoffen? Es gibt nur eines; nur
+eines gibt es: sich bescheiden.«
+
+»Es gibt noch ein zweites, Faustina, ein größeres.«
+
+»Und das wäre?«
+
+»Die Freude an der Erscheinung. Beklagenswert ist allerdings der Druck,
+unter dem wir leben, das seltsam fatalistische Dahinrasen. Das Dasein
+wird immer scheinhafter, seine kurze Dauer wird uns immer schmerzlicher
+bewußt, und wer Sinn und Liebe sucht, kann wohl in ungemessene
+Verzweiflung stürzen, wenn ihn dies eine nicht rettet: zu schauen. Dem
+Schauenden enträtselt sich die Welt; ihm entwirrt sich jedes Dunkel; er
+legt seine Hand auf Gräber und sie werden zu Altären, er wandelt durch
+Schneegestöber und er spürt den Frühling, er ist verlassen von den
+Freunden und er lebt mit der Menschheit. Daß die Dinge da sind, daß ich
+sie besitze, daß Schöpfer und Geschaffenes mein sind, daß das Leben,
+soweit es denk- und fühlbar ist, in mir steckt, daß es nichts gibt,
+nicht das kleinste Denk- und Fühlbare außerhalb des Lebenskreises, und
+daß mir das Ungeheure wie das Unscheinbare, Hohes und Niedriges, der
+Festzug des Kaisers und das Vorüberflattern eines Schmetterlings, daß
+mir Schönheit und Häßlichkeit, Liebe und Haß, Selbstentäußerung und
+Trägheit des Herzens, daß mir alles dies zur Erscheinung wird, das kann
+mich retten.«
+
+»Mit einem solchen Quietismus will ich mich nicht beruhigen«, antwortete
+Faustina düster.
+
+»Wenn das Quietismus wäre, dann wäre der Erdball nicht mehr imstande,
+seine Bahn um die Sonne zu laufen. Glauben Sie doch nicht, Faustina, daß
+ich mich damit freispreche von menschlichem Tun oder mich des
+mitstrebenden Herzens entledigen wollte. Es ist kein künstlerisches,
+kein ästhetisches Prinzip, sondern durchaus ein religiöses, durchaus ein
+göttliches. Wie in der Liebe durch ein höchst instinktives und
+beseligtes Erkennen Vorzüge und Fehler des andern zu einem
+anbetungswürdigen Bild vereinigt werden, so und nicht anders ergeht es
+dem Schauenden mit der Welt. Er hat alles innen; alles was außen ist,
+hat er innen; ihm ist nichts verloren, ihm ist alles gegenwärtig. Er
+gibt sich hin, er gibt sich aus, aber er wirft sich niemals weg, denn
+wie er das Leben besitzt und wie er Gott besitzt, so besitzt er sich
+selbst. Und das, Faustina, ist das Große: sich selber besitzen. Dann
+besitzt man auch die Welt, dann besitzt man auch die Menschheit; die
+andern, die sich zu jeder Stunde wegwerfen, die besitzen nichts und
+niemanden. Nur die Erwartung der Liebe täuscht sie mit der Hoffnung auf
+Besitz.«
+
+Faustina hatte den Kopf abgewandt und schwieg. Eine lange Zeit verging
+im Schweigen und die Freundin hielt beständig den Kopf abgewandt. Die
+gesprochenen Worte erzeugten eine doppelte Stille. Es war weit über
+Mitternacht, als ich mich zu gehen anschickte. Mit starrer Miene reichte
+mir Faustina die Hand. Sie sah mich an, und wundersam, ihr Auge war voll
+Frage wie das eines kleinen Mädchens.
+
+Sehr gern hätte ich Faustina wiedergesehen, aber als ich zwei Tage
+später in die Wohnung kam, wurde mir gesagt, daß sie abgereist sei.
+
+
+
+
+Der Literat
+
+Geschrieben 1909
+
+
+Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen, hat der Kultur
+unserer Zeit seinen unverwischbaren Stempel aufgeprägt. Ja, man könnte
+sagen, daß alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel Kultur
+begreift, ein Werk des Literaten ist.
+
+Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen wollen diese Frage
+beantworten; sie wollen die Art und die Wirkung des Literaten, die
+Bedingungen seines Lebens, die Fundamente und Ziele seines Geistes mit
+Hilfe einiger typisierter Charaktere erforschen.
+
+Die damit aufgestellten repräsentativen Figuren werden sich natürlich in
+der Wirklichkeit kaum so unterschieden und formelhaft finden lassen; das
+Leben gibt Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun, im
+Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel viel vom Schöngeist
+nachweisen können. Auch ist es möglich, daß in einer einzigen Person die
+Elemente von mehreren jener Typen stecken, daß Schöngeist und Psycholog,
+oder Dilettant, Tribun und Apostel vereinigt sind. Sogar im
+schöpferischen Menschen sind Züge des Literaten vorhanden, vielleicht
+hat die moderne Zeit überhaupt keinen schöpferischen Menschen
+hervorgebracht, der davon ganz frei wäre. Beim Literaten werden aber die
+bezeichneten Eigenschaften von einem jener Repräsentanten immer in
+bestimmter und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und die
+Besonderheit und das wechselnde Ausmaß der Mischung sind dazu angetan,
+ihm in seiner menschlichen und künstlerischen Wirkung das Interessante,
+reizvoll Problematische und Unergründliche zu verleihen.
+
+
+
+
+Der Literat als Dilettant
+
+
+Eine Kunst aus Liebe zur Sache üben, das macht den Dilettanten in der
+edlen Bedeutung des Wortes. Der Dilettant und der Künstler unterscheiden
+sich vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden Zustandes,
+welcher den Künstler im Bereich seiner Kunst gefesselt hält, während der
+Dilettant frei bleibt. Der Künstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht,
+das Vermögen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser Welt zu
+identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim Dilettanten ist es
+umgekehrt. Der Dilettant identifiziert sich wirklich mit den Dingen
+dieser Welt, indes sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich
+daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert, begriffen,
+gedeutet werden soll, sondern gegen die Kunst, deren er sich bemächtigen
+will. Der Künstler hat die Kunst innen und möchte sich gleichsam ihrer
+entledigen im Austausch gegen Göttliches und gegen ein Stück Welt; der
+Dilettant hat sie draußen und wünscht sie zu gewinnen, indem er Welt und
+Gott in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie zu bringen
+sucht.
+
+Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch Gott noch Kunst in
+sich selbst. Ihm ist nicht nur die Kunst ein Äußeres, zu Erraffendes,
+sondern auch Welt und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich
+ist er ermüdet von Erlebnissen. Er ist nicht von stark organisierter
+Seele, sonst würden geringe Kämpfe nicht imstande sein, ihn zu ermüden.
+Er hat einer Schlacht beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den
+Kanonendonner gehört und zugesehen, wie man Verwundete und Tote
+vorübertrug. Das hat genügt, ihn mit Abscheu gegen den Krieg zu
+erfüllen, ja, er ist der gründlichste Hasser alles Kriegswesens
+geworden, ein Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit seines
+Geistes zwingt, seine Schwäche wie eine Stärke zu behandeln.
+
+Schon daraus läßt sich schließen, daß er nicht aus innerer Notwendigkeit
+am Kampf teilgenommen hat, sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust
+am Soldatenleben oder aus Begierde nach Auszeichnung. Man hat ihn
+einfach wie so viele andere Rekruten dazu ausgehoben, und er war von
+vornherein ein skeptischer Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu
+denken ist. Da man etwas treiben muß in der Welt, ist er Soldat
+geworden; nimmt er den Abschied, so ist er, mit Ausnahme des gewonnenen
+Ekels und Abscheus, wieder so leer wie er vorher war, und er weiß nicht
+recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer, sondern auch
+unentschieden auf den Plan, und weil ihn kein Muß befehligt, ist er
+nicht hungrig. Nur Leute, die unter einem tyrannischen Muß knirschen,
+sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt.
+
+Er merkt es wohl, daß Hunger dazu gehört, um sich zu entscheiden:
+Hunger, Spannung, Sehnsucht, eine ideelle Begierde. Die Welt, die
+Menschen, die Erscheinungen des Lebens erregen seine Teilnahme kaum oder
+nur insoweit, als seine Person dadurch berührt wird. Auf einmal richtet
+sich seine Begierde, seine ganze Spannung und Sehnsucht gegen die eigene
+Person. Er entscheidet sich ganz und gar für seine eigene Person, deren
+er sich bisher, in den hintersten Reihen der Kämpfenden, nur dumpf
+bewußt geworden war. Seine eigene Person enthüllt sich ihm plötzlich als
+ein Gegenstand von ungeahnter Wichtigkeit, als ein unentdeckter Bezirk,
+von dessen Schönheit und Vorzügen die übrigen Menschen zu unterrichten
+jetzt sein gebieterischster Trieb ist. Alles was er tut, denkt und
+empfindet, erscheint ihm erstaunlich, besonders und in hohem Grade
+mitteilenswert. Je unbeachteter und dunkler sein Dasein bis nun gewesen,
+je mehr drängt es ihn, sich in einen Mittelpunkt zu stellen. Wie aber
+fängt er dieses an?
+
+Er geht mit instinktiver Pfiffigkeit ans Werk. Er schmückt sich; und
+zwar schmückt er sich mit seinen Leiden, mit seinen Erfahrungen, mit
+einer in auffallender Weise zugespitzten, verschärften und
+nachdrücklichen Meinung über Menschen und Schicksale. Damit reizt er die
+Neugierde, und sein Instinkt hat ihn trefflich geführt, denn Neugierde,
+in einem gemeinen wie in einem höheren Sinn, ist der hervorstechendste
+Zug der Gesellschaft, aus der er kommt und deren Mittelpunkt er sein
+möchte, deren Mittelpunkt der schöpferische Mensch wirklich ist. Auch
+der schöpferische Mensch übertreibt das Bild der Welt, aber dadurch,
+indem er es vergrößert, dadurch allein schon, indem er die eigene Person
+aus seinem Werk ausschaltet und an dessen Stelle etwas setzt, was ich
+fiktive Persönlichkeit nenne. Dem schöpferischen Menschen ist seine
+Person nur ein Vorwand, ein Ausgangspunkt, der Literat als Dilettant
+sieht in ihr die Essenz und das Ziel. Der schöpferische Mensch ist
+einsam, von Natur und durch Bestimmung; dennoch lebt er unter den
+Menschen, weil die Menschheit ihm ein unentbehrliches Element ist, durch
+welches er leidet, weil er geboren ist, um zu leiden, weil das Leiden
+derjenige Seelenzustand ist, der ihn befähigt zu schaffen. Der Literat
+als Dilettant ist niemals einsam; je weniger, je mehr er bei sich und in
+sich selber steckt. Er stellt sich abseits, um in der künstlichen
+Einsamkeit einen Ersatz für die natürliche des schöpferischen Menschen
+zu gewinnen; er schmückt sich mit Einsamkeit, und auch dies ist ein
+Mittel, um Neugierde zu erwecken. Die Menschen sind ihm entbehrlich,
+obgleich er sie sucht; er ist der Menschen überdrüssig und satt, nur
+seiner eigenen Person wird er niemals satt, sie erscheint ihm stets
+interessant, begehrenswert, wichtig und ausgezeichnet. Nicht durch die
+Menschen leidet er, sondern durch sich selbst, und je nach Rang und Art
+seines Geistes und Charakters in allen Graden und Möglichkeiten;
+angefangen von unerfüllten Ansprüchen niedriger Sorte bis zum Durst nach
+Stillung eines bedeutenden Ehrgeizes.
+
+Dieser Ehrgeiz ist sorgfältig zu trennen von dem, was die Griechen
+Ruhmsucht genannt haben, als welche ein übersinnliches Verlangen und in
+ihren Wurzeln mit dem Unsterblichkeitsgedanken identisch ist. Der
+Ehrgeiz hat nichts mit Anonymität zu tun, der Ehrgeizige gibt sich nicht
+grenzenlos und unbedingt hin wie der Ruhmsüchtige, er löst sich nicht
+auf in der Idee; er leitet seine Sache, er steht vor seinem Werk, er ist
+immer der Herr, immer sichtbar, und sein Name umflammt seine Tat wie ein
+Programm. Die antik-heroische Eigenschaft der Ruhmsucht ist den modernen
+Zeiten und Menschen fast abhanden gekommen. Vielleicht ist darum unsere
+Kultur, oder was wir mit diesem Namen bezeichnen, so zerstückt, brüchig
+und disharmonisch, weil sie völlig auf einzelnen, auf »namhaften«
+Trägern ruht. Jede wahre Kultur setzt Anonymität voraus.
+
+Der Literat als Dilettant verabscheut die Anonymität, denn tritt er ohne
+seinen Namen auf, so ist es, als wenn ein General ohne Uniform zu Hof
+ginge. Durch seinen Willen getragen, von seinen Zwecken befehligt,
+abhängig von der Gunst der Menschen und der Umstände und somit von dem,
+was die Gesellschaft den Erfolg nennt, kann er in keinem Fall auf äußere
+Bestätigungen verzichten, und die edle Selbstvergessenheit des
+lediglich von der Sache erfüllten schöpferischen Menschen ist ihm fremd
+bis zum Unbegreiflichen.
+
+Doch sehen wir von jener höchsten Selbstvergessenheit vorläufig ab, die
+nur eine ideale Annahme sein mag. Der Ehrgeiz des Künstlers würde auch
+dann in Kraft treten, wenn dieser Künstler auf einer einsamen Insel
+lebte, denn sein Ehrgeiz ist der Ruhmbegierde insofern verwandt, als er
+von dem Bestreben, das Werk zu möglichster Vollkommenheit zu führen,
+nicht zu trennen ist. Der Literat als Dilettant hingegen ist besessen
+von der Sucht nach der Prämie. Eines seiner untrüglichsten Kennzeichen
+ist, daß er der Selbstkritik ermangelt. Selbstkritik ist das Vermögen zu
+vergleichen. Der Literat als Dilettant kann sich nur mit sich
+vergleichen, aus diesem Grunde erscheint er sich bald überklein, bald
+übergroß, da sein einziger Spiegel nur das eigene, beständig
+schwankende, beständig wechselnde, niemals ruhende, losgelöste und
+isolierte Ich ist. Er kann seine Arbeit nicht allgemein an Arbeit und
+Leistung messen; nur an sich selber kann er sie messen, an den
+verbrachten Stunden, gefühlten Anstrengungen; seine Intensität zu sein
+und zu schaffen dünkt ihm die stärkste überhaupt erreichbare, und ein
+solches Bewußtsein genügt ihm, um alle Erinnerungen an Qualität
+auszulöschen oder zu trüben. Im Grunde seiner Seele hält er die höhere
+Geltung, welche die Meisterwerke genießen, für einen Zufall, wenn nicht
+für Schlimmeres; auch jedes Gelingen hält er für einen Zufall, da ihm
+entweder das Talent zu inspirieren oder das Talent zu administrieren im
+Gegensatz zum elementaren Künstler fehlt. Wer ohne Selbstkritik ist, hat
+zu keinem Ding eine wahrhafte Distanz; so betrachtet er alle Künstler
+als seine Kollegen, und das unterscheidende Merkmal zwischen ihm und
+ihnen besteht nur in der Tatsache der größeren oder geringeren Prämie.
+Wohl vermag er zu bewundern, aber seine Bewunderung ist von persönlichen
+Vorbehalten niemals frei; er gibt sich nicht hin, er will insgeheim
+profitieren, er will denen, die die höhere Prämie erhalten haben, den
+Handgriff absehen, und das scheint ihm ausführbar, weil er die Distanz
+nicht kennt. Die Prämie, nach der er strebt, kann er nie erhalten – ein
+Kater zeugt nicht Löwen. Er aber, der da wähnt, alles Vierbeinige sei
+letztlich von gleichem Rang, dem die Art und die Natur der Löwen völlig
+fremd sind, weil er in einem ganz anderen Klima lebt, muß
+notwendigerweise zu der Überzeugung gelangen, daß er das Opfer einer
+Ungerechtigkeit sei; die Vergeblichkeit seiner Forderungen erfüllt ihn
+nach und nach mit Eifersucht und Neid, so daß er alle Menschen gegen
+sich verschworen glaubt, vom niedrigsten Skribenten an, um dessen
+Ermunterung er buhlt, bis hinauf zu Homer, der eine allzu reichliche
+Menge des in der Welt vorhandenen Beifalls verzehrt hat.
+
+Eifersucht und Neid vermögen am Ende seine Fähigkeiten ungeahnt zu
+steigern; fast allein durch Eifersucht und Neid ist er zuweilen
+imstande, die Gebärde, die Rhythmik, die Melodik des Künstlers zu
+treffen und wenn er sich auch nicht hingeben kann, so verliert er sich
+doch manchmal, verliert sich in einer seltsamen Form übertragener
+Nachahmung, in welcher die großen Werke wie abgeblaßt und
+wiederempfunden, schattenhaft, stimmungshaft ein zweites, unwirkliches
+Leben führen. Er übertreibt das schon Vergrößerte, verwickelt das schon
+Vereinfachte, und die Welt, die ihr Bild in einer immer auffälligeren
+egoistischen Verzerrung erblickt, wendet sich beleidigt und gequält ab,
+auch wenn sie dem Urheber vorübergehend gehuldigt hat.
+
+
+
+
+Der Literat als Psycholog
+
+
+Die Psychologie des schöpferischen Menschen ist, mit einem Gleichnis aus
+der Chemie gesprochen, ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die
+Psychologie zur Idee, was ungefähr so viel sagen will, als ließe sich
+jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen Kompaß besitzt.
+
+Der Psycholog hält alles für erlaubt, denn er kann alles erklären. Er
+hat für jede Tat ein Für und Wider, für keine ein Entweder – Oder.
+
+Der schöpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, indes der
+Psycholog die Menschheit und sich selbst verrät. Dieser Prozeß des
+Verrats ist wichtig genug, um näher betrachtet zu werden.
+
+Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als Psycholog ein
+isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich reichere und tiefere Natur.
+Er ist auch die kompliziertere Natur, ja, im Gegensatz zum
+schöpferischen, der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, daß
+seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus einem einheitlichen
+Gefühl, nicht aus einem elementaren Sein und Betrachten erwachsen,
+sondern daß sie vielfache Wurzeln haben, daß kein reiner einfacher Strom
+des Lebens ihn trägt, sondern daß er ein Spiel vieler, verschiedener,
+oft einander entgegengesetzter Strömungen ist, wider die er sich zu
+behaupten hat, woraus sich ergibt, daß er sich fortwährend im Zustand
+der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes befindet. Er ist ein
+wirklich Kämpfender, nicht bloß wie der Literat als Dilettant einer der
+in den hintersten Reihen zuschaut.
+
+Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte Menschen; sie
+sind unkompliziert geboren. Der schöpferische Mensch ist ebenfalls
+unkompliziert, aber dort, wo sich der Ring wieder schließt, auf der
+anderen Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene,
+derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur durch eigenes
+Streben und eigene Bestimmung, sondern auch durch unbewußte Mitwirkung
+der Geschlechter, die ihn hervorgebracht haben und deren Aufgabe es war,
+ihn hervorzubringen. Der Psycholog hat nun gleichsam diese Kette stummer
+Vorbereitung selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelöst und tritt
+mit dem ganzen Willen der »Kette«, mit Belastungen von rückwärts und
+vorwärts, mit unerledigten Verantwortungen, eigentlich als ein
+Deserteur, allein auf den Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige
+Erlebnisse voraus, innerhalb des eigenen Gemüts wie gegen den Kreis der
+Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich zu verantworten, ununterbrochen
+sich zu verantworten, gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich
+selbst. Der schöpferische Mensch hat nicht nötig, sich zu verantworten,
+er ist eben da, er empfindet sich als notwendig und gesetzmäßig, seine
+ganze Existenz heißt: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine
+innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern aber ist immer
+zumute, als ob er verneint würde, er fühlt sich als zufällig, er spürt
+keine Sicherheit, in ihm selbst steckt eine glühende Verneinung, und
+deshalb ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, Schatten- und
+Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, und es gelingen ihm bisweilen
+Werke dämonischer Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was
+er zutage fördert, trägt den Fluch einer geheimen Lüge.
+
+So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag er nur eine
+Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr als den Teil, er lebt nicht mehr
+als den Teil, das ist sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des
+Menschen und im Wesen der Kunst begründet, daß sein Werk ein Ganzes, ein
+Gebilde von allgemeiner Gültigkeit und Glaubhaftigkeit vorzustellen
+strebt. Da klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, desto
+enger und bedingter, desto mehr persönlich gebunden stellt sich sein
+Geschaffenes dar; je weniger er sich bescheidet, desto auffälliger und
+schmerzlicher tritt die Kluft zwischen dem Persönlichen und dem
+objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, keinen Ausgleich. Je
+stärker Talent und Potenz sind, desto mehr verführt ihn die Sprache, das
+Erlebnis, die Leidenschaft, die Intensität der Vision, sich auf sich
+selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und Gott auszuspielen,
+desto mehr verführt er die Menschen, an ihn zu glauben statt an seine
+Welt und an Gott. Er ist immer zugleich Verführer und Verführter,
+während der schöpferische Mensch Führer ist; er ist stets der Sklave
+seiner Eingebungen, Ideen, Worte und Gestalten, indes der schöpferische
+Mensch immer Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit,
+Freiheit und Gültigkeit verleihen will, desto mehr muß er seine
+Fähigkeit überspannen, die Empfänglichkeit seiner Sinne dem
+Krampfhaften, also dem der Natur Feindlichen nähern, und niemals das
+Göttliche, höchstens das Titanische ist sein Gipfel.
+
+Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die äußerste Wachsamkeit kaum zu
+denken; in der Tat ist der Psycholog das wachsamste Geschöpf der Welt.
+Wo der Dichter träumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit hat zur
+Folge, daß er über alle Vorgänge seines Innern und zuletzt über die Art
+und Wirkung des Zwiespalts, in dem er sich befindet, aufs genaueste
+unterrichtet ist. Jener Kampf führt nie zu dauernder Entscheidung; in
+jedem Augenblick fällt die Entscheidung anders, und er selbst darf die
+Waffen nicht ablegen. Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im
+Zustand der Unruhe und der Bewegung alles von sich selbst zu wissen;
+sich von sich selbst loslösen wollen und doch einsehen müssen, daß man
+unlösbar mit und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen
+rechtfertigen zu müssen, gegen das Werk, gegen die Menschheit, gegen
+Gott und gegen die eigene Seele; in einem derartigen Zustand ist das
+dringendste Verlangen das nach einem Heilmittel oder einem
+Betäubungsmittel, nach einem Stimulans; dieses Stimulans ist eben die
+Psychologie.
+
+Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie kann sich bis zu
+halluzinatorischer Kraft steigern. Sie ist beim schöpferischen Menschen
+in den Phasen vor der Entscheidung, beim Literaten ist sie die
+Entscheidung selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung bringt
+eine Wandlung hervor, jedoch diese Fülle von Wandlungen führt keineswegs
+zu einer Verwandlung; die Mittel sind auf dem Wege verausgabt worden, so
+daß es ein Ziel darüber hinaus nicht mehr gibt. Der Literat hat den Weg,
+der schöpferische Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, – auf
+dem Weg, und das beständig; der schöpferische Mensch verwandelt sich, –
+am Ziel. Ein Mann, der nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus
+dem diesseitigen die ganze Summe von Genüssen hervorpressen, die nach
+seiner Ansicht darin enthalten sind. Dermaßen ist das Verhältnis des
+Literaten zur Psychologie beschaffen, und so kommt es auch, daß die
+Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an Gott ist.
+
+Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets bemerken, daß das
+schlechthin, das Nur-Psychologische immer den Verrat in sich birgt. Es
+mag so erstaunlich wie möglich beobachtet sein, nie wird man es ohne die
+Überwindung einer geheimen und tiefen Scham hinnehmen, als ob sich ein
+Mensch vor uns entblößte. Der Psycholog verrät die Welt, indem er sich
+selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen verrät. Dies ist ihm
+die Brücke zur Welt, denn eine andere hat er nicht in seiner Isolierung.
+Der Psycholog kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine Ekstase.
+Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er in seiner Seele gemacht hat,
+er reißt dich in seine Abgründe, begräbt dich in seinen Finsternissen,
+schleift dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am Ausgang und
+am Eingang steht er, nur er, Pförtner und Totengräber. Der
+schöpferische, der handelnde Mensch übernimmt die Leiden der Welt und
+reinigt die Menschheit davon, der Psycholog gießt seine Leiden über die
+Welt, und die Psychologie ist ihm der Schlüssel zur Welt, das Mittel, um
+dir zu sagen: Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses »du
+bist wie ich«, mit Hilfe der Psychologie, des fortwährenden Belauerns
+konstatiert, bringt etwas wie eine künstliche Sozialität bei ihm hervor,
+indes ihm die natürliche von Anfang an fehlt. Wo er haßt, ist sein
+Verrat ohne Hemmung, gewissermaßen sachlich; wo er liebt, glaubt er sich
+zu opfern durch den Verrat, und er muß verraten, weil die einzige Form
+seiner Produktivität darin besteht, das Ganze der Welt in Stücke zu
+reißen und in dem Schmerz über die Zerstörung und Zertrümmerung die
+Unvollkommenheit der Dinge zu gestalten. Während der schöpferische
+Mensch in einem göttlichen Sinne grausam ist, ist der Psycholog in einem
+menschlichen Sinne grausam, da er durch ein tragisch widerspruchsvolles
+Gesetz trotz seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt bleibt
+und sich so wenig wie von sich selbst richtend von ihr lösen kann. Er
+richtet nicht, er klagt an; es geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch
+nie um Gerechtigkeit.
+
+Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebärden mag, ist sie
+der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur,
+der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion. Sie
+ist immer ein irdisch Erfülltes, rationalistisch Fertiges; sie ist das
+Wörtliche, nicht das Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische,
+der Weg und nicht das Ziel.
+
+Nun entsteht die Frage: Wie verhält sich die Welt, die Gesellschaft
+hiezu, wie nehmen die Verratenen den Verrat auf? Sie werden ja beständig
+in Anklagezustand versetzt, beständig ihrer Geheimnisse beraubt,
+beständig in ihrer Scham beleidigt, wie können sie das ertragen?
+
+Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des Kniffs, daß er alles
+Einzelne, Vereinzelte und Sonderliche zum Typus verdichtet (während der
+schöpferische Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). Dadurch wird
+allem Widerspruch die Spitze gebrochen, und es entsteht ein Werk von
+großer Leidenschaftlichkeit, gegründeter Bewegtheit und seelischer
+Durchführung, ein Werk von je stärkerer persönlicher Einheit zumeist, je
+geringer eben die Objektivierung der Welt darinnen ist. Obwohl jene
+Eigenschaften nur mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst
+zur Erscheinung gelangen können, nenne ich doch das Verfahren des
+Psychologen – in höherem Betracht – einen Kniff, denn er deckt sich
+damit nach zwei Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er
+einen Zerrspiegel vorhält und sie dabei durch seine Leidenschaft, sein
+Gefühl, seine Kunst, seine Persönlichkeit verhindert, die Willkür in den
+Zerrbildern zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, wenn
+man will, gegen das schöpferische Prinzip, indem er sich als einen
+leidenden, leidenschaftlich ergriffenen Menschen preisgibt, aufgibt und
+zugleich darauf pocht, daß er in unabhängigen Gestaltungen zur
+Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt.
+
+Ich spreche selbstverständlich nicht von der Psychologie als
+Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und hat mit der Psychologie in
+der Kunst wenig oder nichts gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine
+analytische Methode, sondern eine Empirie höherer Ordnung, nicht mehr
+eine Disziplin, die von Realitäten ausgeht, sondern eine Realität an
+sich. Sie verpflichtet und verbindet das künstlerische Gebilde der Erde,
+verleiht der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem schon
+Zusammengefaßten, Verdichteten sein unverrückbares Gesetz, seelische
+Anwendung, wechselvolles Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die
+Erfahrung beruft. Der Literat als Psycholog will aber durch die
+Psychologie die Vision, das Gleichnis, das Verdichtete, das Gedicht erst
+erzeugen. Ihm ist der Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger
+als die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt ist, erlahmt er
+in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit vermag er zu erschöpfen, er weiß
+sie immer neu, anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie
+ist ja sein Persönliches, sein Erbe, während die Idee das Göttliche
+vorstellt, von dem er abgeschnitten ist.
+
+Durch das außerordentliche, zauberhafte, verführerische Talent, die in
+sich selbst beschlossene Realität zu gestalten, wird nun die Menschheit,
+die Gesellschaft oder das, was man Publikum nennt, über den begangenen
+Verrat hinweggetäuscht. Und zwar nicht erst seit gestern.
+
+Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die geistige und
+sittliche Individualisierung der Menschheit begonnen. Der christliche
+Kerngedanke ist eigentlich die vollständige und freiwillige
+Selbstisolierung des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale
+Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heißt: allein dastehen
+gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlöst, wird die Menschheit erlöst.
+Es konnte bei der Sublimität einer derart aufs äußerste getriebenen Idee
+nicht ausbleiben, daß sie, um eine Wirkung zu üben, mißverstanden werden
+mußte und das Christsein schließlich nur hieß: erlöst werden durch das
+Leiden eines andern, dessen nämlich, der seiner Lehre das
+welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das Christentum nach der
+sozialen Seite hin nutzbar gemacht.
+
+Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstörende Idee ist die
+der Kunst entgegengesetzte Idee schlechthin. Der christliche Mythos
+konnte der Kunst nur dort Nahrung zuführen, wo entweder gläubige Gemüter
+den gläubig Schaffenden umgaben, oder wo sein menschlicher Gehalt die
+Strenge der Überlieferung sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der
+Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, im ganzen
+Marienkult, antikisierend und dem Erlösergedanken fremd waren. Es konnte
+also nur das leidende, inbrünstige, ekstatische, lebenverzichtende
+Gefühl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive Frömmigkeit
+erforderlich war, oder es mußten übernommene Vorstellungskomplexe eine
+immer wiederholte Darstellung finden, deren persönliche Beseelung aber
+unmöglich wurde, als die Tradition ermattet und die Zahl ihrer Motive
+verbraucht war. Die bildende Kunst und die Musik, deren Gehalt
+ausschließlich in der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in
+Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn auch meist nur
+scheinbaren Zusammenhang mit dem Christentum am längsten bewahren; die
+Literatur hingegen, Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch das Wesen
+der Sprache und des Wortes auf eine stärkere geistige Existenz gestellt.
+Dies bedingt einerseits eine größere Kälte, größere Ferne und geringere
+Unmittelbarkeit der Gefühlswerte, andererseits wird aber dadurch jede
+Verschleierung und Verdunkelung der Idee erschwert, da die Auflösung der
+unerläßlichen Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur Wirkungslosigkeit
+führen würde.
+
+Der Dichter mußte sich also um so eher und nachhaltiger vom Religiösen
+befreien, je mehr dies Religiöse seines national-mythischen Gehalts
+entkleidet und, was dem Geist des Christentums widerspricht, zu einer
+staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. Das christliche Gebot der
+Absonderung, der leben-, form- und freudezerstörenden Individualisierung
+zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer Individualisierung
+auf geistigem Weg, vor allem zu einer losgelösten, vom Volk
+abgesonderten Existenz. Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus
+dem Volk ihm zuströmenden, im seelischen Leben des Volks gewachsenen
+Mythos beraubt, und dies bedeutet: daß er seinen Mythos selbst
+erschaffen mußte, aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter
+befanden sich im Kreise des religiösen Mythos ihres Volkes, der stets
+identisch war mit dem nationalen Mythos. Das Christentum zerbrach diese
+Einheit nicht nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles
+Schöpferische verneinender Mythos entzog den Dichtern auch die
+wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die wunderbar tiefe
+Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, die jene Genien besaßen, die von
+einem ununterbrochenen Strom mythisch vorhandener Gestalten schon
+getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. Wie wäre denn sonst das
+christliche Mittelalter, insonderheit das deutsche, so arm an großen
+Dichterpersönlichkeiten? Die wenigen von Rang führten nur ein privates
+Dasein, waren einsam, waren geduldet, oder auch wohlgelitten, »Sänger«,
+Kostgänger, Mitläufer, nicht Führer, nicht Propheten.
+
+Der Dichter mußte seinen Mythos selbst erschaffen. Dabei ist es
+geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, der Staaten, der Völker,
+der geistigen und sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die
+fortschreitende Dezentralisation und die beständige Verschiebung der
+Kasten und Klassen beständig wachsende Fülle von Schicksalsmöglichkeiten,
+alle diese Umstände haben die Tendenz zur Vereinzelung verstärkt. Kaum
+daß noch Familien ein natürliches, auf dem Herkommen beruhendes Ganzes
+bilden; die Gemeinde, die Polis, der Staat, die Nation sind schon
+künstliche und zufällige Zusammensetzungen. Das seelische Erwachen von
+Millionen Einzelnen bietet freilich ein großes Schauspiel; es ist nur
+die Frage, ob es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht eben
+ins Grenzenlose und Verhängnisvolle gesteigert wird.
+
+Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte Grundlage des
+nationalen Mythos fehlt, muß er ihn aus seinem Innern ersetzen. An die
+Stelle der lebendigen Überlieferung tritt diejenige des Schrifttums, und
+statt der natürlichen Sprache, die der Mythos hat und in der er zu allen
+spricht, ergibt sich der Stil. Sein Gedachtes, sein Geschautes, sein
+Geträumtes, sein Werden, sein persönliches Erleben, seine Anschauung der
+Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein Verhältnis zur Natur, dies
+alles verdichtet, vereinfacht, verbildlicht und zur Schönheit
+verwandelt, wird nun für den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn
+er zugleich Künstler ist, wenn er alle Lebenselemente zu Kunstelementen
+umgeschmolzen und das Persönliche in ein Göttliches verwandelt hat.
+
+Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen Ernst voraus,
+eine Kraft zur Entsagung und einen Willen zur Einsamkeit und
+Selbstvertiefung, die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe
+machen müssen, damit er Herr des Werkes werde, sondern es fordert auch
+bei den Empfangenden eine Eigenschaft, die fast Kongenialität zu nennen
+ist und die sich natürlich nur bei erwählten Geistern findet, zunächst
+wenigstens; später greift dann die Tradition von Bildung, Stil und
+Kultur ein, dieselbe Tradition, deren sich der Nachfahr bedienen und die
+er zugleich bekämpfen muß, um sich selbst zu finden. So vollzieht sich
+nie ein harmonisches Kräftespiel; alles ist Kampf und Absonderung, und
+das Mißverständnis zeugt, nicht das Einverständnis.
+
+In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das
+Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und großartiger ist, je größer
+eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es
+gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch glühendes Welt-Erraffen,
+selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persönliches gleichsam
+auszutilgen und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. Dies ist dem
+Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schöpft er ebenfalls
+alle Nahrung aus sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt
+tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt,
+bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das
+andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, und
+er ist fern von den Menschen – wie der schöpferische Mensch, und fern
+von Gott – wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das
+Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die
+ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, des vereinfachten
+Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende,
+Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von
+ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine
+Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes
+Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, zu verraten.
+Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an
+Spiegelbildern, an Enthüllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstörten
+Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein
+Gleichnis für Göttliches nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine
+Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht
+sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie wach, seine Bewegtheit zerstreut
+sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie,
+seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein
+Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres,
+Glaubhafteres und Reizenderes als beim schöpferischen Menschen, wo sie
+ein Gleichnis für das Göttliche finden, die Synthese.
+
+Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das Volk für sich hat,
+die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der
+Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die
+an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein
+Publikum? Es sind die »Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten,
+eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, die Wahllosen,
+Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und völlig Gottlosen. Darin beruht der
+tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall
+und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die
+Gottlosen für sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er gottlos
+ist?
+
+Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glück des Darüberstehens ist,
+mag er auf den blicken, der geradeswegs für das »Publikum« erschaffen
+wurde und der nicht mehr daran leidet, daß er gottlos ist.
+
+Das ist:
+
+
+
+
+Der Literat als Tribun
+
+
+Er stammt zumeist aus kleinen Verhältnissen und kennt die Not, die
+leibliche wie die geistige. Zwei Dinge haben ihn emporgehoben: sein
+Ehrgeiz und das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur äußerlich, er zielte
+auf die Verbesserung der sozialen Stellung, wurde aber später durch
+geistige Zuströme sowohl veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn
+der Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenuß zerstört.
+So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem
+Wanderer.
+
+Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist nicht beschwingen, aber
+sie gibt ihm die vehemente Stoßkraft des von eingepreßtem Dampf
+getriebenen Hebels.
+
+Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tatsächlichen; er ist
+Erklärer und Propagandist; Bannerträger alles Neuen; Beobachter, der
+unfehlbare Schlüsse zieht; Alchimist der Überraschungen und Moralist der
+Nutzanwendung; Übertreiber des Absurden, Verzerrer des Trivialen,
+Widersacher des Selbstverständlichen; Leugner des Seltenen, wo Seltenes
+anerkannt, und Verkündiger des Genius bis zu der Stunde, wo der Genius
+sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der Anpassung, der Aufwiegler
+der Stumpfen, die Polizei der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist
+vieles in vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick
+angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden zu denken, ohne
+den gegenwärtigen halten zu können, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist
+wie der Kapitän eines Passagierdampfers; bei jeder Fahrt sind andere
+Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte, nie vorbereitete, nie solche,
+die sich seiner Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er muß alle
+Voraussetzungen seines Tuns und seiner Kräfte jedesmal von neuem
+exponieren. Der Wechsel der Passagiere vollzieht sich unter beständigem
+Bruch geschaffener Bündnisse und Übereinkünfte, beständiger Veränderung
+der Formen und Normen.
+
+Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert man sich wohl. Im
+Grund ist es der Name, der Gewicht und Klang hat, der eine Luft des
+Schreckens, des Befehls, der Autorität, der Leidenschaft um sich trägt.
+Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die Person schreitet über die
+Leistung hinweg.
+
+Wer ist unglücklicher als er? Vertrauen erzwingen, Anerkennung,
+Billigung und Freundschaft mit Aufwand aller Mittel des Geistes erobern,
+um alles wieder zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie am
+Anfang muß er seine Person einsetzen und bloßstellen, immer mit dem
+ganzen Elan oder, was nicht minder aufreibend ist, mit der Gebärde des
+ganzen Elans. Hätte er nicht die Gebärde, so würde er ausgeplündert,
+ausgeschlürft und ausgeleert, da die Vielfältigkeit der Aufgaben, die
+ihm gestellt werden, und die Zerstreutheit der Interessen, die zu
+sammeln, zu befriedigen, zu beschäftigen seine wichtigste Mission ist,
+ihn nötigen, alles was er empfängt, sogleich wieder zu veräußern. Der
+schöpferische Mensch verarmt nicht, ihn nähren tiefe Wurzeln; seine
+wirkliche Persönlichkeit wird genährt von seiner mythisch-fiktiven. Auch
+seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die Gestalt, die ihm
+verbunden ist, auch wenn kein Ohr ihn hörte, kein Auge ihn sähe. Die
+Realität ist nur ein Gleichnis für ihn; er schafft ja die Welt zum
+zweitenmal.
+
+Demgegenüber ist der Literat als Tribun der einsamste von allen
+Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz gelöst von der Welt. Was ihn
+schützt und tröstet, ihn unermüdlich, gewissermaßen verblendet macht,
+was seinen Ehrgeiz in Glut erhält, ist das Wort. Er hat eine angeborene
+Liebe zum Wort, und es wäre verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht
+für einen Dichter hielte. Das Wort ist sein Gefährte, er geht mit ihm um
+wie mit einem Freund, er tändelt mit ihm wie mit einem Kind, er betreut
+es wie eine Geliebte und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste
+durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er durch das Wort tapfer,
+ja tollkühn; hinter dem Wort verschanzt er sich, verbirgt er seine
+Armut, seine Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort gibt
+ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert und verdeckt seine
+Irrtümer und verleiht ihm genau die Gestalt, die er vorzustellen
+wünscht. So wird er undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das
+Wort ein Panzer wäre; unsichtbar und unauffindbar hinter dem Wort, ein
+wunderliches Widerspiel zum schöpferischen Menschen, der unsichtbar ist
+hinter der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt, nur
+Handlungen, Bewegungen (des Körpers oder der Seele). Dann sind Worte von
+ganz anderem Valeur, ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht
+Gesagtes. Das Wort als solches verhüllt die Gestalt und macht sie
+unsichtbar.
+
+In einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der ungeheuren Fülle der Dinge,
+der Gesichte, der Vorgänge, der Meinungen, des Wissenswürdigen, des
+Neuen, des schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergrößerung
+geistigen Bestandes bei erschreckender Haltlosigkeit des Besitzes ist
+der Literat als Tribun unentbehrlich. Er ist es, der wägt, der urteilt,
+der vermittelt, der die Großmünze der geistigen Regierungen in die
+Kleinmünze des Verkehrs umsetzt, der Bildung verbreitet, Kenntnisse
+weckt, Einsichten fördert und in allen Angelegenheiten des öffentlichen
+Lebens höchste und letzte Instanz ist.
+
+Das wäre nun eine sehr segensreiche Tätigkeit mit heilsamen Wirkungen,
+müßte man glauben. Man müßte glauben, daß eine so stetige und heftige
+Teilnahme am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur, an seelischem
+Wachstum und geistigem Fortschritt ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn
+und ohne wahre Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir näher zu.
+
+Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn, auch nur der
+allergeringste Lohn in Aussicht steht? Kann von Selbstlosigkeit die Rede
+sein, wo eine Handlung dazu dient, den Glanz eines Namens zu erhöhen? Es
+mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache führen, und er besitzt doch
+nicht die wahre Sachlichkeit, sobald es unter dem Schutz seiner Person
+und unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn und
+Selbstlosigkeit, das wäre Auflösung der Anonymität, – rein betrachtet,
+meine ich, denn ich will ja keine Kompromisse mit den Begriffen und mit
+den Erscheinungen schließen. Daß die Anonymität des Tribuns ja zuweilen
+sogar seiner Ehre schaden kann und muß, gehört auf ein anderes Feld; es
+ist dies ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur, nicht _das_
+anklagt, was ich unter Anonymität verstehe.
+
+Was aber verlangst du? hält man mir dawider. Ist der Opfersinn, die
+Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit unzureichend, die der Literat als
+Tribun in seinem edelsten Typus darstellt, was wäre dann zureichend? Was
+geschähe ohne ihn? Wer würde seine Arbeit verrichten, die, wie gesagt,
+unentbehrlich ist, schon weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten
+Neigungen entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Auflösung und der
+Anonymität fähig sind? Die wirken durch die Tat, durch die Gestalt,
+nicht durch das Wort. Ist jedoch der schöpferische Mensch anonym? Er
+erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den Mythos, in dem er
+entschwindet wie Zeus in der Wolke. Wo läge aber der Mythos für den
+Literaten als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort ist das dem
+Mythos schlankweg Entgegengesetzte.
+
+Dafür wäre also abermals die Zeit zu beschuldigen, die eine Kultur
+geschaffen hat aus einer Summe von Einzelkulturen, die auf den
+Individualismus schwört und in ihren subtilsten Regungen, in ihren
+ahnungsvollsten Stunden noch, sie weiß kaum wie sehr, der Materie
+huldigt. Die Person, das ist eben die Materie in nuce. Man fragt, was
+ohne die segensreiche Tätigkeit geschehen würde, die der Literat als
+Tribun entfaltet. Die Wege der Bildung würden veröden; gewiß. Aber ist
+es nicht schon genug der Bildung, die nur auf eine Vervollkommnung des
+Persönlichen, persönlicher Macht, persönlicher Ausdrucksmöglichkeit,
+persönlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn einmal ruhen,
+um eine wohltuende Geistesdämmerung eintreten zu lassen, in der die
+Seelen einander finden würden, der Streit der Meinungen, die Schlacht
+der Worte zum Austrag gelangen könnte? Ich behaupte nicht, daß diese
+Bildung nur ein Äußeres sei, sie kann auch ein Inneres sein, Kräftigerin
+des Gemüts, Reinigerin des Herzens; aber ein Religiöses ist sie nicht,
+niemals wird sie den Menschen zum Mythos führen, ihm die große Fülle,
+die große Stille, die große Bescheidung, den großen Zusammenhang
+schenken und sein Herz der Trägheit entledigen, die eine Folge der
+individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn verpersönlichen, zum
+Knecht des Wortes machen, zum Wörtlichen, zum Einzelnen.
+
+Dafür eben ist _das Wort_ ein Merkmal, das Merkmal geradezu. Es hat alle
+Gebiete des Denkens und des Gefühls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt
+erobert. Es ist der nützliche Kolonisator jeder Wildnis und der
+voreilige Zerstörer des Geheimnisvollen. Es hat nur kurzen Atem, eine
+flüchtige Existenz, aber es hat die Kraft, sich immer wieder aus sich
+selbst zu erneuen. Was es berührt, bezeichnet hat, tritt unveräußerlich
+in den Bezirk des Gewußten und Bewußten, in den Bannkreis der Meinungen
+und Urteile, wird studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie
+Raritäten in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung, wo sie
+aufhören, ein freies, organisches und anonymes Dasein zu führen. Was
+gestern noch Ahnung war, heute ist es Gewißheit, morgen ist es ein
+Schall. Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet die Kürze
+des Wegs vom Glauben zur Entgötterung, von der Gebundenheit zur
+Anarchie. In der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von Glauben und
+Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist Angst, Fatalismus; es ist nicht
+Gesetz, es ist Trägheit, Rationalismus – Schranken vor dem Chaos.
+
+Will der Literat als Tribun über das Wort hinaus, so gelangt er in die
+Sphäre des Dilettanten oder in die des Psychologen, wobei er Schatten
+beschwört, die er für Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs
+ist er unnachahmlich und wird seine Gaben zur Vollendung entwickeln. Da
+er in der Luft der Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die über den
+Dingen schweben, über den Menschen, über der Kunst und über der Natur.
+Er vermag sie so zu binden, so zu schleifen, daß sie unter allen
+Umständen seinen Charakter und die Farbe seiner Persönlichkeit annehmen.
+Dies ist noch nicht Stil; zum Stil gehört Distanz und Ruhe, Bild und
+Rhythmus; es ist das Wort in seiner Sinnlichkeit und Nähe, seiner
+Einschichtigkeit und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende, werbende
+und symbollose. Damit es an seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies
+enthüllt sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten als
+Tribun. Die Rede fordert Hörende, nicht Neugierige, Wißbegierige, nicht
+Gelangweilte, die flüchtig aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag
+sich wendet, deren Teilnahme für Gelesenes nur eine Maske der Müdigkeit
+und der Überfütterung, deren Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch
+von einer Verpflichtung loskaufen, nur eine künstliche Form von
+Gleichgültigkeit oder sagen wir Objektivität ist; sondern die Rede
+fordert eine von gemeinsamem Band vitaler Interessen umschlungene
+Gemeinde. Der Literat als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen
+zwei Stühlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage, eine
+einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene Wort hat ganz
+andere Resonnanzen und Ansprüche; an die Stelle des Willens zur Tat
+tritt der Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden, ohne zu
+spüren oder zuzugeben, daß dies nur ein Surrogat ist, und über die
+Unmöglichkeit einer allgemeinen, politischen, besser: verwandelnden
+Wirkung tröstet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen, mit dem
+Enthusiasmus der Gleichgültigen, mit der Zustimmung der Fachgenossen und
+einem Ruhm, der aus Papier besteht.
+
+Eine unausbleibliche Folge des Mangels an Hörenden ist die zunehmende
+Zahl derer, die selbst etwas sagen wollen. Es beruht dies auf dem
+seltsamen Irrtum der menschlichen Natur, daß sie das geben zu müssen
+glaubt, was sie nicht empfängt. Die fortschreitende Individualisierung
+wirkt auf den einzelnen verlockend, ein Phantom der Freiheit äfft ihn,
+und er tritt selbsttätig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt ist, was
+durch die stumme Arbeit der Geschlechter vollendet werden muß. Jeder
+solche einzelne ist ein »Talent«. Das Talent ist ein Losgelöstes, vom
+Mythos Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente sind
+Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt, Sektierer, nicht
+Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt, Unterhaltung, Zerstreuung,
+Spannung, Anspannung (der die Abspannung wie eine Rache nachgeht), dafür
+machen sie sich bezahlt durch eine geistige Tyrannei und eine
+Vorherrschaft ihrer spezifischen Art, welche den innerlich Unsichern,
+zufällig Erhobenen nicht verleugnen. Das Talent ist wie der Mond; es
+zeigt immer nur eine Seite: die literarische; die menschliche ist
+unsichtbar, – eine Entzweiung von verhängnisvoller Beschaffenheit, die
+irgendwo und -wann zum Bankerott führen muß.
+
+Wie oft sehen wir, daß zugunsten des »Literarischen« das Menschliche
+geopfert wird. Wir müssen auf ein Antlitz verzichten, um uns an
+Verkleidungen zu ergötzen. Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt es
+Fälle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erfüllt ist, daß er sich
+gedrängt fühlt, es darzustellen. Es handelnd auszulösen, ist ihm aus
+vielen Gründen versagt, unter welchen der Mangel eines echten
+gesellschaftlichen Zusammenschlusses am schwersten wiegt; er greift zur
+schriftlichen Mitteilung – als Beichte; zur übertragenen Form des
+gestalteten Bildes – als Spiegelung. Mag es Klarheit für ihn,
+Aufklärung, Bereicherung für die Freunde, für Gleichfühlende bringen,
+Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und entlastet ihn. Anstatt es
+aber dabei zu lassen, das Ungewöhnliche, Seltene, jedenfalls Einmalige
+als solches zu bekräftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zerstört,
+anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben, und was zuerst
+Berufung war, wird Handwerk, dann Routine, dann ekler Absud und
+Selbstplagiat. Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es wird immer
+weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt, eine Tat wird verleugnet,
+Freunde werden zu Kostgängern, ehedem Ergriffene zu höflichen Jasagern,
+die Seele verarmt in der Gebärde, der Geist stellt sich im Wort bloß,
+Erlebnis wird sogleich als Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum
+lähmt das Erlebnis, dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den
+Genießenden die Unschuld und Freudigkeit getrübt, und es entsteht –
+Literatur.
+
+Das Notwendige sinngemäß vollbringen, kennzeichnet den Menschen von
+Berufung. Infolge jener Entzweiung wird entweder das Notwendige nicht
+sinngemäß, d. h. stilgemäß, angeborener Form entsprechend zum Ausdruck
+gelangen, wenn das Menschliche prävaliert, oder das Sinngemäße wird
+nicht immer das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte sein, wenn
+das Literarische prävaliert. Entweder wird also das Literarische als dem
+edleren Dilettantismus verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird
+nur wie ein zufälliges Anhängsel erscheinen.
+
+Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist unterworfen. Von
+Anbeginn an ist er der geschworene Feind des Dilettanten, da er
+sozusagen auf Vorposten steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich
+verkettet findet und, der Öffentlichkeit preisgegeben, eine öffentliche
+Person ist, von der man bestimmte Leistungen zu erwarten sich mehr
+bemüßigt als gezwungen fühlt. Schon die stete Verantwortung nötigt ihn
+zur Gebärde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel mehr erst die
+Gewohnheit, das Metier. Das Wort umpanzert ihn, kommandiert ihn, und
+wollte er sich auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort
+gesündigt hat, so fände er die Brücken abgebrochen und den Weg zu weit.
+Er muß antworten, beständig antworten, als ob die Welt und das Leben
+voll von Fragen wären; sie sind auch voll von Fragen, nur werden sie
+nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt und das Leben, und die
+Antwort geschieht um der Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort
+muß ihm Maske bleiben. _Er darf sich nicht verraten_, niemals und unter
+keinen Umständen. Er ist nur treu, solange das Wort ihm treu ist. Er
+geht um die Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist ihm nur ein
+Wort, und Worte werden vergessen (oder auch behalten), gesehen werden
+sie nicht. Er kann nicht träumen, das Wort hängt mit Bleigewicht an den
+Flügeln des Traums; er kann nicht genießen, das Wort verpflichtet ihn,
+dem Genuß auszuweichen. Er fühlt nicht mit dir, außer mit seinem Ehrgeiz
+für deinen Beifall, mit seiner Leistung für deine Schwäche, mit seiner
+Virtuosität für deinen Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam
+kränklich, sehr argwöhnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen, ohne
+Traditionen, Emporkömmling, Autodidakt, überaus einsam und in
+unruhvoller, ja atemloser Tätigkeit.
+
+
+
+
+Der Literat als Schöngeist
+
+
+Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies, so versteht er es
+doch, sich die gemeinen Sorgen vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein
+bequemer Herr wäre; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er hat nur
+einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit, der ihm oft das Leben
+so unbequem wie möglich macht. Schon das bloße Nachdenken, geschweige
+denn die Beflissenheit, Bedürfnisse und Ansprüche zu befriedigen, die
+einem gewöhnlichen Menschen keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, stürzt
+ihn in Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt, den eigentlichen
+Zwecken zu dienen, ist die Hälfte seiner Seelenkraft schon aufgebraucht.
+
+Seine Neigungen sind luxuriös in jedem Sinn. Er liebt die Fülle, die
+Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt die Dinge dinglich, mit wahrer
+Freude am Gegenstand, doch nur seltene und kostbare Dinge, oder solche,
+die schon gleichsam eine Metapher bilden oder enthalten. Am Häufigen und
+Niedrigen das Charakteristische zu schätzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja
+die Möglichkeit, weil er sich zu weit nach der andern Seite entfernt
+hat. Da aber das Leben mehr aus Häufigem und Niedrigem besteht als aus
+Seltenem und Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens, sondern
+ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit, denn er hat keine
+Naivität.
+
+Man muß seine Bildung als profund bezeichnen und seinen Geschmack als
+über jeden Zweifel erhaben. Dies läßt auf große Ausdauer schließen, auf
+einen sicheren Blick und ein präzis abwägendes Urteil. Eine derartige
+Vereinigung von Bildung und Geschmack kann ferner nicht ohne ernsthafte
+Selbstzucht erreicht werden; ist sie noch dazu einem Temperament
+abgerungen, das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine geistige
+Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff Vornehmheit zu tiefer
+Bedeutung gelangt.
+
+Warum ist aber der schöpferische Mensch nicht in derselben Bedeutung
+vornehm? Weil er mit dem Niedrigen und Häufigen des Lebens ebenso
+verbunden ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil sein Wesen nicht
+darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren, sondern sich zu
+identifizieren; weil er nicht Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein,
+im Innern der Dinge und der Kreaturen Lebender.
+
+Wenn der schöpferische Mensch in sich selbst sein Werk objektiviert, so
+distanziert es der Literat als Schöngeist. Das Mittel zur Distanz
+verleiht ihm die Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so
+ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und Häufige meidend,
+durchaus das Unterscheidende suchend und unterschieden bis zum
+Gesuchten. Keine Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Gefühl
+besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich, eigenkräftig, sondern
+sie werden durch den Stil hervorgebracht, anscheinend geläutert, in
+Wirklichkeit getrübt. Denn dieser »Stil« ist nicht von der Hand und vom
+Willen gelöst; er zwingt immer zur Aufnahme und Betrachtung eines
+persönlichen Elements und verhindert, daß man sich hingibt und daß man
+glaubt. Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen läßt, daß er
+eine exquisite Rolle spielt, und der Literat als Schöngeist ist ein
+solcher Schauspieler, ein Schauspieler, der sich nicht opfern und
+vergessen kann, weil er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der
+Schauspieler seiner selbst.
+
+Er kann ohne den Stil nicht denken, nicht träumen, nicht gestalten.
+Seine Phantasie ist nicht wortgebunden. Im Wort ist er frei, durch
+Bildung und Wissen sowohl wie durch einen imperatorischen Zug seines
+Geistes, vermöge dessen er alles Detail der Erscheinung sammelt und
+sublimiert. Aber rhythmisch gebunden ist seine Phantasie, in Schwingung,
+Ton, Melodik, Absetzung und Steigerung so gebunden, daß die
+Beschäftigung damit, die vorbereitende wie die ausführende, die ganze
+Atmosphäre des Lebens füllt und das Leben selbst gewissermaßen zu einem
+prädestinierten Verlauf zwingt. Das Formhafte wird ein Gesetzmäßiges,
+und die Folge davon ist, daß das Ethische ein Zufälliges wird, zumindest
+in Abhängigkeit gerät. Äußerlich wie innerlich findet beständig eine
+Verdrängung der Hauptwerte, eine Verschiebung des Substantivischen
+hinter das Attributivische statt, woraus sich ein ungesundes und
+unklares Verhältnis zwischen der Anschauung und dem Bild, der sinnlichen
+Wahrheit und der Metapher ergibt. Bild und Gleichnis werden isolierte
+Faktoren, die sich eigenwillig aufdrängen; der Weg von der Anschauung
+zum Bild ist oft so weit, daß der natürliche Wärmezufluß versickert und
+an dessen Stelle eine künstliche Glut tritt, Überhitzung des Ausdrucks,
+Überladung des Gehalts, Verzerrung der Form. Die beleidigte Ökonomie
+läßt keine echte Schönheit mehr aufkommen; wir gewahren entweder ein
+kaltes Gebilde, Ohr- oder Augenweide, aber im Grunde entseelt, oder
+eines, das uns wie in willenlosem Trotz gegen die Überwucherung der
+Metapher durch einen vergewaltigenden Subjektivismus ernüchtert und
+zweckbewußt macht.
+
+Denn es ist nicht die Leidenschaft, die mich verwandelt, sondern die
+Verwandlungen der Leidenschaft verwandeln mich mit, also letzten Endes
+ein Moralisches. Auf dieses Moralische muß der Literat als Schöngeist
+verzichten. Er scheint es zu verschmähen, aber er muß darauf verzichten,
+weil er sich nicht verwandeln kann, weil er, wie der Psycholog und wie
+der Tribun, an seine Person geschmiedet ist, weil auch er nur den Weg
+hat, obschon es ein anderer Weg ist, und weil er am Ziel stets bei sich
+selbst anlangt. _Er kann sich nicht verraten_; er steht zu fern. Das
+Moralische beschwert sein Gewissen nicht mehr, er leidet nicht
+darunter, es kommt nicht mehr in Frage für ihn. Er spielt. Seine Gebilde
+können leicht und schwebend sein wie Seifenblasen, sie können schwer
+oder flammend sein, aber sie werden niemals jene unbedingte
+Eigenlebigkeit zeigen, die dem Werke des schöpferischen Menschen
+innewohnt, sie bleiben an seine Person gebunden und haben gleichwohl
+nicht das Höchst-Persönliche, das erst aus dem Mythischen strömt und das
+daher identisch mit höchster Sachlichkeit ist. Insofern ist sein
+Schaffen Spiel: weil es nicht höchste Sachlichkeit ist. Da gibt es nur
+ein Entweder – Oder.
+
+Er mag Gemüt besitzen, doch ist es wie ein Fluch: während er seine Werke
+hervorbringt, vielleicht schon in der Konzeption, verzehrt der Rhythmus
+einen Teil der ursprünglichen Empfindung. Der Rhythmus herrscht; die
+Einfachheit läßt ihn erlahmen, erst im Komplizierten und
+Beziehungsvollen kann er sich entfalten, es sei denn, daß er das
+Einfache so weit distanziert, daß es schon wieder metaphorisch wird, als
+Stilisierung verblaßt, als Arabeske sich verkrümmt. Niemand kennt besser
+denn der Literat als Schöngeist die ewig gültigen Werte schöpferischer
+Kunst. Daß er sich an ihnen mißt, daß er immer wieder wähnt, nicht nur
+mit ihnen wetteifern, sondern, wenn günstige Zufälle zusammentreffen,
+sie auch erzeugen zu können, daß er sich darüber täuscht und doch
+wieder, vermöge seines präzisen Urteils, die Täuschung nicht aufrecht
+erhalten kann, das ist sein tiefstes Leiden. Schon dieses Leidens wegen
+ist er kein Epigone zu heißen; er ist weit mehr, er ist Prätendent, der
+niemals gekrönt wird, der zweitgeborene Bruder, und er versteht oft mehr
+vom Regieren und von der Verwaltung als der Regent, der Erstgeborene.
+
+Möglich, daß er aus diesem Grund etwas von einem unruhigen Diplomaten
+hat. Er muß immer ein wenig Politik treiben, um Proselyten zu machen.
+Denn man wehrt sich gegen ihn; die Wahrheit ist in den Menschen wie das
+Herz, sie wird nur verschleiert durch die Geschäfte des Lebens und durch
+unreine Zwecke abgelenkt. Aber auch aus Liebe zur Schönheit wird er zum
+Politiker, da er den Rhythmus, von dem er beseelt ist, in seiner
+täglichen Existenz gleichfalls nicht missen will. Er meidet dich heute,
+wie er dich gestern gesucht hat, denn heute störst du seinen Rhythmus,
+wie du ihn gestern beschwingt hast. Der Rhythmus macht ihn treulos und
+tyrannisch, liebenswürdig oder widerspenstig. Je unfruchtbarer er als
+Künstler ist, je mehr Kunst verwendet er auf sein Leben, d. h. darauf,
+den Rhythmus in seine tägliche Existenz zu bringen, wobei dann ein ganz
+verwickelter Umweg zum Leiden entsteht, über die Kunst und über das
+Leben hin, fern von Gott und fern von den Menschen, so daß die Schönheit
+als Surrogat des Göttlichen zum Wahn- und Schattenbild wird und das
+Leben eine von falschen Zwecken erfüllte kalte und unglückselige
+Einsamkeit. In solcher Einsamkeit gestalten wollen heißt im luftleeren
+Raum Lieder singen wollen.
+
+So wird der Literat als Schöngeist zum Sklaven der Zeit, indem er ihren
+Rhythmus packt und ihre Seele nicht findet und zerrieben wird im Gefühl
+einer ihm unbegreiflichen Ohnmacht; oder er ist ein Verbannter der mit
+unlebendigen und eigenwilligen Formen sich für sozial und seelisch
+fördernde scheinbar tröstet.
+
+
+
+
+Der Literat als Apostel
+
+
+Es ist das Wesen des Apostels, völlig hingegeben einer Idee zu dienen.
+Das Wesen des Literaten ist es, sich selbst unterworfen zu sein. Der
+Literat als Apostel: das wäre also der Widerspruch kat exochen, das
+Paradox an sich, denn wie könnte man einer Idee dienen, wenn man nur der
+eigenen Person dient? Wie könnte einer, dessen Schicksal es ist, vom
+Mythos getrennt zu sein, sich berufen glauben, den Mythos zu erzeugen?
+
+Dieser Widerspruch löst sich nur in einer einzigen Weise: indem er seine
+eigene Person zur Idee erhebt, in der er darauf ausgeht, aus sich selbst
+einen Mythos zu machen, aus seinem stabilierten Ich; nicht aus
+Anschauung und Erlebnis der Welt, nicht hingegeben, sondern verlangend,
+wollend und in der Bezauberung des Willens.
+
+Der Literat als Apostel ist der fanatisch auf das Künstlertum gerichtete
+Mensch. Genuß des Lebens, verweilende Ruhe sind ihm unbekannt. Man
+könnte glauben, es sei der Ehrgeiz, der ihn befeuert, der Erfolg, der
+ihn lockt, die Macht, die ihn reizt, und es ist wahr, etwas von alledem
+gibt seinem Streben den Flug und die Ausdauer, seinem Geist die
+Elastizität. Doch laßt seiner Ruhmsucht so viel Genüge geschehen, als
+sie überhaupt begehrt, laßt seinen Namen an der Spitze von allen
+stehen, laßt ihn den Einfluß eines Herrschers und den Reichtum eines
+Großbankiers haben, – es ist ihm zu wenig; er kann es wünschen, glühend
+darnach eifern, doch den Besitz solcher Güter spürt er kaum. Er ist ein
+Besessener, ein von der Kunst Behexter. Es ist ihm nicht darum zu tun,
+das Leben zu genießen. Sich selbst will er genießen, sich selbst
+ausschöpfen, sich selbst in allen Menschen und Dingen erkennen, und das
+ganze All, Gott und die Kreaturen, ist ihm eigentlich nur sein vielfach
+zerteiltes Ich, gesehen durch das Medium Kunst, zu sammeln und zu
+gestalten ihm anbefohlen durch das Idol Kunst.
+
+Der schöpferische Mensch ist von einer wunderbaren Bescheidenheit
+durchdrungen. Immer bleibt er gleichsam Bürger der Welt; er findet sich
+eingeordnet, nie bevorrechtet; gesteht man ihm höhere Rechte zu, so wird
+er schon an sich zu zweifeln beginnen. Er hat das feinste Ohr für die
+Musik des Lobes und setzt dem geringsten Zuviel seine Verachtung
+entgegen. Er ist gelassenen Gemüts, weise und gehorsam, sich selbst
+gehörig und der Welt und der Gottheit dienstbar, sein Künstlertum
+wahrend, keineswegs aber es als Schild benutzend oder gar als Postament.
+Vielleicht ist es der Mythos, der ihn so bescheiden macht, so
+stolz-bescheiden, ähnlich wie der Abkömmling eines alten Geschlechts
+stolz-bescheiden ist, indem er seine Fähigkeiten und das Vermögen zu
+repräsentieren nicht allein seiner losgelösten Person zuschreibt,
+sondern es der Kette der Ahnen mitverdanken will. So auch der
+schöpferische Mensch. Es wirken in ihm Kräfte von oben, von den Toten
+her, von der Erde, vom Volke her.
+
+Ganz anders der Literat als Apostel. Er ist der Rebell wider alle
+Ordnung, es sei denn, die Ordnung habe keinen andern Bezug als auf ihn.
+Ihm ist alles erlaubt, nicht weil er wie der Psycholog alles erklären
+kann, sondern weil er es ist, durch den die Dinge und Einrichtungen
+sind. Insoferne verhält er sich zum Psychologen wie ein Gesetzgeber zu
+einem Winkeladvokaten. Ihm ist Lobes nie genug, obwohl er Lob verachtet;
+es gibt keinen Beifall, der ihn beschämte, keinen Tadel, der ihm anderes
+wäre als die Frechheit des Neides oder der Dünkel des Unverstands. Er
+ist ausschweifenden Gemüts; seine Nerven sind der höchsten Schwingungen,
+der tiefsten Ermattungen fähig, und die Menschen sind ihm nichts als
+Futter; Futter für seinen Ruhm, seine Zwecke, seine Kunst. Er ist ein
+Menschenjäger, ein Menschenfresser, keines Freundes Freund, kein
+Geliebter, kein Gatte, kein Vater, nur Künstler. Ist der Literat als
+Schöngeist der Schauspieler seiner selbst, so ist der Literat als
+Apostel der Priester seiner selbst.
+
+Beachten wir jedoch, daß er ein großer Künstler ist und sein Werk von
+hohem Belang, daß er unter Umständen ganzen Zeitabschnitten die
+geistige Prägung verleiht, und es wäre zu fragen, ob dies nicht
+Entschädigung genug sei für das Übermaß und die Selbstintronisation.
+
+Da ist denn zu erwidern, daß unsere Zeit ohnehin geneigt ist, sich mehr
+an den Wirkenden als an das Werk zu wenden. Dem genialen Individuum ist
+eine unbegrenzte Machtbefugnis fast von vornherein zugestanden. Die
+Leistung, das ist die Person; der Effekt, das ist die Person; Glorie,
+Dankbarkeit und Enthusiasmus knüpfen sich an die Person. Die Person ist
+schon Partei, wo das Werk kaum noch die Geister erweckt hat; sie
+gebietet den Unschlüssigen, schüchtert die Zweifler ein und bricht den
+Widerstand der Stumpfen. Wohlgemerkt aber nicht die reale Person, nicht
+der handelnde Mensch an sich; dieser hat wenig Spielraum, ist
+eingezwängt in ein verwickeltes gesellschaftliches Gewebe, ein
+engmaschiges Netz von Pflichten und Gesetzen und führt meist ein
+privates, kleines Leben voller Hemmungen. Will er derjenige sein, als
+der er gilt, so muß er den Kreis seines Wirkens durch die Fackel seines
+Namens erleuchten, er muß das Zeugnis seiner Leistung vorweisen können.
+Dann allerdings wird ihm die Ehrfurcht gezollt, deren die Kunst, als
+Idee, sonst völlig verlustig geht.
+
+Man kann also sagen: Die reale Person wirkt erst durch das Medium der
+Werke, die fiktive durch das Medium des Künstlers, was natürlich das
+Verkehrte ist. Es liegt darin nichts Religiöses und Verwandelndes mehr,
+sondern Aberglauben und Götzendienst. In einer religiösen,
+mythisch-bewegten, sachlich, nicht individuell fixierten Zeit trennen
+sich Schöpfer und Gestalt überhaupt nicht voneinander, führen nicht ein
+von der Gemeinschaft der Menschen losgelöstes Dasein, der Schöpfer als
+Literat, als »Schriftsteller«, die Gestalt im Buch oder höchstens als
+ästhetische Metapher im Leben; nein, der Schöpfer, in seiner
+Bescheidenheit, bleibt Teil der Gemeinschaft, und seine Gestalten
+umgeben ihn wie Glieder einer Familie den Patriarchen; sie allein sind
+die Träger seines Namens, nicht aber die literarische Idee, die er von
+ihnen abstrahiert.
+
+Der große Künstler wird in seinem Persönlichkeitsbewußtsein leicht einem
+Übermaß verfallen, da er es immer dort gefährdet findet, wo er von
+seiner Gestaltenwelt gelöst auftritt, also in seiner privaten Existenz,
+oder in seiner öffentlichen, wenn er keine Harmonie spürt zwischen
+künstlerischer und persönlicher Wirkung, und die kann er nur selten
+spüren bei der Zerstücktheit, Unverläßlichkeit und Zufälligkeit aller
+Wirkungen. Es erscheint ihm notwendig, sich zu steigern, sich in Szene
+zu setzen, sich geheimnisvoll zu machen, sich zu kommentieren und sich
+selbst als Idee vor das Werk zu setzen.
+
+Davon hat die Zeit sich mehr und mehr täuschen lassen und sich gewöhnt,
+Persönliches für Sachliches zu nehmen. Gierig greift sie nach
+Persönlichem, wo das Sachliche fremd oder spröde ist, und sie tut es
+schon deshalb mit instinktiver Vorliebe, weil das Sachliche stets in
+irgendeiner Weise menschlich verpflichtet. Von solcher Verpflichtung
+will man sich jedoch, wo es angeht, freihalten; man will reden und
+urteilen, nicht aber durch handelndes Gefühl anteilvoll verkettet sein.
+Nicht umsonst sind wir überschwemmt von Mitteilungen aus dem Privatleben
+der Künstler. Nicht umsonst werden Briefe, Tagebücher, Aufzeichnungen,
+Skizzen, Fragmente der Neugier verfrüht preisgegeben. Wird der Alkoven
+geöffnet und die Werkstatt ausgekehrt, so mag der Wissensdurstige sicher
+bisweilen befriedigt, der Forscher belehrt werden, doch vorzüglich wird
+nur dem Hang der Gesellschaft nach Sachverschleierung gedient. Das
+Göttliche wird beleidigt, indem man den Menschen vergöttert. So ist
+z. B. der Mythos Goethe eine Beute der Persönlichkeit Goethe geworden,
+und Goethe selbst hat durch einen Subjektivismus, der ihm anstand und
+einen Teil seiner Genialität ausmachte, einen Kult des Redens über die
+Dinge, der Meinungsäußerung, der persönlichen Ausholung und Zwecksetzung
+und damit eine Armee von Literaten in die Welt gerufen, die sehr wohl
+Bescheid wissen über alle Probleme des Lebens, die aber sehr wenig
+vermögen, wo es gilt sich einzusetzen, sich hinzugeben, sich, d. h. die
+Meinung zu vergessen, um einer Sache zu dienen.
+
+Der Literat als Apostel ist bis zu einem Grad Eroberer, Mensch des
+Willens und der Sucht, daß er sogar seinem Werk einen Willen verleiht,
+eine Sucht über die Kunst hinaus. Er will es gültiger haben, als es der
+Kunst eigen ist zu gelten, und durch die Kraft seines Künstlertums
+vermag er es in ungeheurer Weise so zu steigern, daß es dieses Ziel
+wirklich zu erreichen scheint. Hier ist eine Schwäche, die mit
+erstaunlicher Täuschungsmacht das Schauspiel einer Stärke bietet, um
+später freilich, wenn die Gewalt der Persönlichkeit dem Walten des
+Schicksals gewichen ist, sich wieder als Schwäche, als Irrtum zu zeigen.
+Nur das Göttliche, das Schöpferische hat Bestand; das Menschliche ist
+flüchtig, auch Vergötterung ist nur Finsternis. Haben wir es nicht
+erlebt, wie die Idee des Gesamtkunstwerks als bizarre Laune eines Genies
+in sich zusammenstürzte? Es war etwas anderes und tieferes als bizarre
+Laune. Es war das Mißverständnis am Mythos.
+
+Denn es ist klar, daß der Literat als Apostel, da er keine
+Selbstlosigkeit besitzt, keinen Mythos aus sich schaffen kann. Auch wo
+er äußerlich zum Mythos greift, zu einem Mythos, der mehr Sage ist als
+lebendig gebliebene Bildung, und ihn durch Kunst vergegenwärtigt, wird
+er nur Allegorie geben, privates Leiden, persönliche Kämpfe, seine
+egoistischen, wenn auch großartigen Entfaltungen und Wandlungen in
+Umrissen, die vom Mythos nur erborgt sind. So wird auch die Menschheit
+bloß den spezifizierten Schmerz darin erkennen; jeder einzelne wird in
+diesem Schmerz doppelt allein mit sich sein, aufgereizt zu sich,
+verlangend nach sich, behext, berauscht, aber nicht verwandelt, nicht
+erlöst.
+
+Dieselbe Herrschsucht, die den modernen großen Künstler dazu verführt,
+sein Werk über die Grenzen der Kunst hinauszutreiben, ihm gleichsam,
+nach Hamlets Worten, die Bescheidenheit der Natur zu rauben, kann den
+Philosophen, sofern er Literat ist, dazu überreden, sich zum Märtyrer
+seiner Lehre zu machen. Daß diese Lehre eine lebenverneinende ist,
+versteht sich nach allem Dargelegten von selbst; der Literat ist ja
+wesensnotwendig ein Pessimist. Nun kann der Pessimismus allerdings in
+einem freien System als Gestaltung auftreten, die sternhaft oder
+kosmisch existent ist wie ein Kunstwerk; in diesem Fall stellt eben die
+schöpferische Kraft des Bildners oder Architekten als lebensbejahendes
+Element den Ausgleich her. Wenn aber der Pessimist den Beweisantrag auf
+das eigene Ich stellt und durchführt, ist aus dem Symbol ein Wörtliches
+geworden; da ist nicht mehr der Dualismus, der den schöpferischen
+Menschen in die Mitte von Irdischem und Himmlischem führt, da ist die
+Sackgasse, das Persönliche, persönlich Endliche, und das Prinzip und
+Gesetz des Schaffens selbst wird verneint.
+
+Der Literat kommt aber nicht von der Psychologie los, von der
+theoretischen nicht und von der angewandten nicht. Man möchte sagen, er
+nimmt es mit der Wahrheit zu genau, – soweit er Künstler ist, und er
+hütet sich, als Mensch, zu wenig vor der Verzerrung. Seine
+Unabhängigkeit schenkt ihm keine Freiheit, sein Ichbewußtsein entfernt
+ihn von der Liebe; er ist die tragische Figur der modernen Welt und, zum
+Apostel berufen, bricht er auf dem höchsten Gipfel seiner
+Persönlichkeit, seiner Einsamkeit und seines vergeblichen Gottverlangens
+vor dem Unerreichbaren zusammen.
+
+
+
+
+Die Frau als Literat
+
+
+Dieses Kapitel ist eigentlich ein Einschiebsel, denn in bezug auf die
+Frau als Literat ist nach allem bisher Ausgeführten nur noch
+Selbstverständliches zu sagen. Immerhin gehört das Thema zur
+Geistesgeschichte der Zeit, denn nie zuvor haben Frauen in solcher Zahl
+und mit solcher Energie schriftstellerisch, künstlerisch produzierend
+sich bemerkbar gemacht.
+
+Die Frau besitzt keine schöpferische Phantasie. Das ist kein Streitsatz,
+sondern ein Erfahrungssatz; eine Tatsache, die einem Naturgesetz
+entspricht. Es ist die Aufgabe der Frau, Mutter zu werden, Leben zu
+empfangen, Leben zu gebären. Als Weib, als Mutter ist sie gewissermaßen
+an sich selbst schon ein Stück Mythos, und Gott hat es deshalb für
+überflüssig erachtet, sie mit einer mythosschaffenden Kraft zu begaben.
+Ihr Künstlertum ruht in der Liebe, ihre Idee ist die Mutterschaft, ihr
+Werk ist das Kind. Wenn also die Frau sich künstlerisch hingibt, so
+entsagt sie dadurch ihrer wahren Bestimmung, verzichtet freiwillig auf
+das Schöpferische und wird zum Literaten, und zwar zum Literaten
+schlechthin, zum Literaten ohne schöpferische Phantasie, welche ja dem
+Psychologen, dem Schöngeist, dem Apostel durchaus nicht mangelt; ganz im
+Gegenteil, können diesen doch Werke gelingen, die den Werken des
+schöpferischen Menschen nahezu ebenbürtig sind.
+
+Ich verkenne nicht die Arbeit der Frau; nicht den ehrlichen Willen,
+nicht die Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, nicht die Fähigkeit zur
+Anpassung und Ausführung, nicht die oft zutage tretende Besonderheit des
+Schauens, nicht den sicheren Instinkt, nicht das vollgültige Empfinden,
+nicht die Gabe des Traums und des poetischen Ausdrucks. Ich weiß, was
+geleistet worden ist; ich erinnere mich zarter Gedichte, robuster
+Erzählungen, anmutiger und starker Bildnisse, überzeugender Schriften;
+einer Fülle von respektablen Hervorbringungen. Aber sie waren mir um so
+respektabler, je weniger objektiv sie scheinen wollten, je weniger sie
+zu Gestaltungen griffen, je mehr sie einem Gefühl, einem Erlebnis, einem
+Unmittelbaren Stimme verliehen. Nicht Gestalt also; Stimme, das ist es,
+Stimme oder Stimmung, etwas, das so fern vom Mythos liegt wie ein
+Quellchen vom Meer.
+
+Das Vermögen, ein Weltbild zu objektivieren, ist nur der schöpferischen
+Phantasie gegeben. Mit Hilfe des Fleißes, bewußter oder unbewußter
+Nachahmung und der Aneignung erprobter Disziplinen gelangt die Frau
+bisweilen zu Gebilden von scheinbarer und äußerlicher Objektivation, und
+ihre Lust wie ihr Talent zur Beobachtung befähigt sie, eine niedere
+Realität von Zuständen und Geschehnissen darzustellen, welche
+unterhaltend, geistig und gesellschaftlich anziehend sein und, soweit
+sie auf Erlebtem und Gefühltem beruhen, der Wahrheit und Glaubhaftigkeit
+nicht ermangeln werden. Das Metaphorische, das Elementare, das
+Schöpferische, die Synthese ist ihr jedoch versagt, und je mehr sie
+darnach strebt, je unzulänglicher müssen sich ihre Produkte erweisen;
+sie stehen dann in der Luft, wurzellos, ziellos und wollen durch Unruhe,
+Leidenschaftlichkeit und Fieberhaftigkeit ersetzen, was ihnen an Natur
+und Legitimität, – durch Linie und Schnörkel, Seltsamkeit und
+Überhäufung, was ihnen an Antlitz und Naivität fehlt.
+
+Bisweilen fragt man sich: warum werden die Frauen zu Literaten? Ein
+Buch, und noch ein Buch, und noch eine Meinung und noch ein Vers und
+noch eine bemalte Leinwand, – darum handelt sichs doch schließlich
+nicht. Ein Blick, ein echtes Wort, eine Wirkung von Mensch zu Mensch,
+menschliches Aufmerken, Bereitschaft des Herzens können mehr, weit mehr
+bedeuten. Das Übel ist auch hier in einer zerklüfteten,
+anarchisch-gelösten Gesellschaft zu suchen, die keine lebendige
+Organisation hat und in der deshalb jede Fülle zur Überfülle, jeder
+Überfluß zur Last, jede Hemmung zu falscher Betätigung und jede
+Abtrennung der einzelnen Mitglieder bei unzureichender individueller
+Kraft und Bestimmung zur Katastrophe wird. Die Literatur gilt als ein
+Gewerbe wie jedes andere; das sogenannte Talent genügt zum
+Vorwärtskommen. Der Einfall wird überschätzt; zum Einfall gehört auch
+das Detail; die Detailkrämerei beginnt schon, uns geistige
+Verdauungsbeschwerden zu erregen; die Mache, die Gebärde, der fast von
+selbst arbeitende sprachliche Mechanismus; die Gewohnheit, sich
+meinungsmäßig zu äußern, sich einer seelischen Spannung zu entäußern,
+indem man sie preisgibt und in einer quasi dichterischen Form, die meist
+zur Schamlosigkeit kalter Psychologie führt, versteinert zur Schau
+stellt; die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Mitteilung, dies alles
+ermuntert den einzelnen immer wieder, sich literarisch zu isolieren und
+sich politisch, sozial und menschlich damit abzutöten. Wenn man zur
+Einsicht käme, daß das sogenannte Talent in den meisten Fällen nur ein
+Wesen ist, das in freiwilliger Verbannung von einer Gemeinschaft lebt,
+der es nicht nützlich sein kann, ein Parasit und Freibeuter, wäre schon
+viel gewonnen, und die dreißigtausend Bücher, die jährlich in
+Deutschland auf den Markt strömen, würden unter dem Druck eines weiseren
+Urteils und einer sachlicheren Wahl auf eine notwendigere Anzahl
+zusammenschrumpfen, die vielleicht mehr Gehalt in sich schlösse.
+
+Die Frau als das zur Liebe und Empfängnis bestimmte Geschöpf menschlich
+und geistig isoliert, in sozialer Unfruchtbarkeit und egoistischer
+Verpersönlichung ihres tieferen Schicksals, ihrer schönen anonymen
+Wirkung (wie vieles verdankt doch ihrer Teilnahme der Ruhm unserer
+großen Künstler), ja, ihres Lebensmythos beraubt zu sehen, gewährt ein
+trauriges Bild weitgreifenden Mißverständnisses. Ich spreche natürlich
+nicht von der Schauspielerin, der Sängerin, von rezeptiven Künsten;
+diese harmonieren, solange nicht ein literarischer Einschlag durch
+übertreibenden Ehrgeiz und individuelle Zwecksetzung stattfindet, sehr
+wohl mit der weiblichen Seele, mit ihrer geistigen Wandlungsfähigkeit,
+Anschmiegung des Gefühls und Poetisierung der Realität. Die Tänzerin,
+die lediglich ihren Körper zur Kunstäußerung verwendet, bietet
+vielleicht das edelste Bild weiblicher Genialität. Nur wo das
+Schöpferische vorgetäuscht wird, zeigt sich die Frau (mit Ausnahme von
+zwei oder drei Fällen innerhalb der ganzen Geistesgeschichte) sogleich
+als Literat schlechthin. Die Natur läßt sich nicht betrügen; auch die
+Menschheit nicht; nur die Menschen lassen sich betrügen. Sie tun, als
+glaubten sie, auch wo ihr Inneres unbeteiligt ist; sie nehmen das
+Wunderliche für das Wunder, den Notbehelf für das Notwendige, das
+Phantom für das Phänomen. Die Frau als Literat braucht sich nicht mehr
+zu verraten; es ist nichts zu verraten; es ist alles von einfachster
+Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit und Durchschaubarkeit. Wir erblicken
+einen tüchtigen, emsigen, klugen und nachdenklichen Arbeiter, dem weder
+Wort, noch Rhythmus, noch Idee zur Maske werden können und der den
+Schmerz der Einsamkeit nur gemütisch ahnt, nicht geistig steigert und
+auflöst; keine tragische, sondern nur eine charakterisierte und
+zufällige Gestalt.
+
+
+
+
+Ergebnisse
+
+
+Der Literat ist der vom Mythos losgelöste produktive Mensch.
+
+Er ist auch der von der Gesellschaft losgelöste Mensch, der einzelne,
+innerhalb eines nur durch äußere Gesetze verkitteten Gemeinwesens.
+
+So wie er aber ohne das Vorbild des schöpferischen Menschen nicht zu
+denken ist, bleibt er auch in seinem Tun und Lassen, durch sein
+Persönlichkeitsbestreben, durch die Notwendigkeit der Spiegelung, durch
+das Element des Ehrgeizes und durch das Element des Verrats der
+Gesellschaft verbunden.
+
+Der Literat ist vergeßlich. Er ist lieblos, weil er allzusehr in sich
+selbst verstrickt ist. Er anerkennt keine Konvention, weil nur seine
+eigene Person ihm den Maßstab für die Welt und die Dinge gibt. Dieser
+Mangel an Konvention verführt ihn zu einer künstlichen Originalität mit
+Hilfe der seltenen Beobachtung, des seltenen Wortes, des seltenen
+Rhythmus.
+
+Der Literat ist eitel und sehnsüchtig, eitel selbst, wo er sich
+bloßstellt, und sehnsüchtig am meisten dort, wo er sich verliert. Er ist
+friedlos, immer nach Veränderung begierig, versteht aber nicht zu
+wandern. Sein Verhältnis zu Menschen ist selten dauernd; er stellt die
+höchsten Ansprüche von seiner Seite, ohne die billigsten von der andern
+Seite zu befriedigen.
+
+Er kontrolliert seine eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle sehr
+scharf, ja grausam. Es mangelt ihm an jener Ehrfurcht vor sich selbst,
+die den schöpferischen Menschen auszeichnet. Weil er so unbarmherzig und
+rücksichtslos gegen sich selbst ist, glaubt er es auch gegen andere sein
+zu dürfen, aber er vergißt, daß jenes Wüten gegen die eigene Seele nur
+ein Vorwand zum Verrat ist, nicht aber ein Mittel zur Reinigung,
+Steigerung und Befreiung. Selbstbeobachtung, Selbstzerfaserung ist ein
+Unglück, wie es größer kaum zu denken ist; alle ursprüngliche Kraft des
+Glaubens, alle Fähigkeit zur sittlichen Erhebung, zur Umwandlung, geht
+daran zugrunde. Auch der religiöse oder der schöpferische Mensch
+beobachtet sich selbst, aber er wird sich dabei zum Gleichnis; durch
+diese Gleichniswerdung kann er sich korrigieren und bescheiden.
+
+Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große Zahl von Literaten
+unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste
+Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist
+entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist
+entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es
+in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in
+anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein
+Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein
+Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden
+Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen
+im Kampf gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der
+Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines
+Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen
+dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und
+Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu
+einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne
+wieder des großen Zusammenhangs bewußt wird, wo er im Schoß der
+Geschichte, der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen,
+urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles
+Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den
+Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als
+Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im
+ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die
+_verwandelnde Kraft_ zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann
+Schöpfer sein.
+
+Alle Berufe und alle Stände haben ihre Literaten. Man kann den Satz
+aufstellen: Jeder Fachmann ist ein Literat, jeder Laie trägt noch etwas
+von Mythos in sich. Denn alles Fachwesen und Spezialistentum ist nur ein
+Merkmal des großen Individualisierungsprozesses der Zeit. Vertiefung
+zwingt zur Absonderung, die Fülle zur Arbeitsteilung. Das ist gut und
+unerläßlich. Nun ereignet sich aber das Seltsame, daß gerade bei dieser,
+die Selbstbescheidung gebieterisch fordernden Tätigkeit der einzelne die
+argwöhnische Wachsamkeit des Psychologen, die Herrschsucht des Tribuns
+bekundet, daß er sich von allem, was nicht sein Fach betrifft, in
+trotziger und gleichgültiger Entfernung hält und ein Leben außerhalb des
+Fachs oft kaum mehr kennt. Der Literat ist der geborene Zünftler.
+
+Laien geben einem Literaten bisweilen den Rat, er möge, um in seinem
+Erwerb nicht ausschließlich auf die Kunst angewiesen zu sein, daneben
+ein Amt oder einen Brotberuf wählen. Das ist geradeso, als wollte man
+einen ärztlichen Spezialisten dazu überreden, nebenbei die Tischlerei zu
+betreiben, weil er zu wenig Patienten hat. Mit Recht würde er antworten:
+Mein Fach fordert den Menschen ganz und gar, meine ganze Zeit, meine
+ganze Anstrengung und alle Gedanken. Der Literat ist eben nur Literat,
+er kann nichts anderes sein. Der Vorschlag des Laien ist freilich in
+jedem Sinne töricht. Amt und Brotberuf taugen bloß dem Dilettanten; je
+innerlicher sein Verhältnis zur Kunst ist, je mehr muß er unter
+abziehender Beschäftigung leiden. Dem schöpferischen Menschen wird sie
+vollends zur Qual; auch ihn fordert seine Sache ganz, wenn schon in
+anderer Weise, nicht weil er Literat ist, der erobern will und muß,
+sondern weil er Mensch ist, weil Mythos und Menschheit von ihm
+verlangen, daß er sich unbedingt und ohne Vorbehalt hingebe. Erwerb oder
+Nichterwerb irdischer Güter kommt dabei in höherem Betracht nicht mehr
+in Frage; schlimm genug, wenn es in niederem Betracht zu erwägen ist.
+
+Indessen gehört die nackte und aufrichtige Gegenüberstellung der
+ökonomischen und der geistigen Mächte zum Bild unserer Epoche. Kapital
+will Leistung; Leistung will Nutznießung, Arbeitskraft und Lebensgefühl
+steigern sich wechselseitig; Erfolg, Bestätigung und Lohn sind dem
+einzelnen rascher und reichlicher zugemessen als je, und wenn auch der
+Lockung oft nur gefolgt wird, weil eine Erfüllung so nahe scheint, der
+Ruf nur deshalb so viele Hörer findet, weil in ihm die Befriedigung
+ausschweifender Ansprüche verheißen wird, so kann doch kaum eine Prämie
+ausbezahlt werden ohne den vollen, ja leidenschaftlichen Einsatz von
+Tüchtigkeit und Intensität.
+
+Diese Leidenschaft, dieser Schwung, der unermüdliche Wetteifer, sie sind
+vielleicht Zeichen für die Heraufkunft einer größeren Zeit; schüchterne
+Zeichen, weil sie noch ganz am Persönlichen und Egoistischen haften.
+Aber wie Eisenteile im Feuer des Hochofens zusammengeschmolzen werden,
+so kann die Zerstücktheit und die Zersplitterung einer individualistischen
+Gesellschaft durch einen alle Glieder ergreifenden, stetigen Strom von
+Leidenschaft, gleichviel wo er entspringt, zu organischer Einheit
+verwandelt werden. Leidenschaft ist ja die erste und letzte
+Lebensgewalt; in ihr vereinen sich Element und Wille; sie kann eine
+unproduktive Ordnung zum Chaos führen, aber aus dem Chaos wieder eine
+neue Welt erzeugen, Sammlung aus der Diaspora. Dann mag sich ein Weg
+auftun zum Mythos und zu Gott.
+
+
+
+
+Die Kunst der Erzählung
+
+Geschrieben 1904
+
+
+DER JUNGE:
+
+Es ist wohl über ein Jahr her, daß wir uns nicht gesehen haben. Seit
+meine Freundin gestorben ist, bin ich kaum mehr unter Menschen gekommen,
+und ich verlasse mein Zimmer nur zu einsamen Spaziergängen. Mein
+einziges Vergnügen sind die Bücher und das Nachdenken über den Eindruck,
+den sie mir gemacht haben. Ich glaube, wenn ich jetzt wieder die Feder
+in die Hand nähme, so könnte ich etwas Tüchtiges leisten.
+
+DER ALTE:
+
+Und wozu treibt es dich denn? Ein Künstler darf nicht wie ein Jäger
+sein, der, unbekümmert was ihm vor den Schuß kommen mag, durchs Gelände
+streift, sondern er muß wie ein Seemann sein, der den inneren Sinn, das
+innere Auge unablässig auf ein vielleicht nicht sichtbares, doch tief
+bewußtes Ziel richtet. Also wozu treibt es dich? Wozu glaubst du dich
+geboren? Welche Insel des Geistes willst du dir entdecken?
+
+DER JUNGE:
+
+Ich fühle zu nichts anderem Lust und Freude als Geschichten zu erzählen.
+In den Stunden der Einsamkeit und der Sammlung ist es mir, als ob mein
+Inneres bis zum Rand angefüllt wäre mit Ereignissen und Schicksalen. Oft
+ist mir zu Mut, als müsse der ganze Lauf der Welt, von Adams Zeiten an,
+sich mir in einer besonderen Weise enthüllen, und ich spüre das
+unbezwingliche Verlangen, wie soll ich es nur sagen?... zu erzählen, zu
+erzählen.
+
+DER ALTE:
+
+Das ist schön, prächtig sogar. Wenn du dieses Verlangen wirklich hast
+und es nicht darin mißverstehst, wie du es befolgst, dann wärest du
+allerdings dazu geboren zu erzählen.
+
+DER JUNGE:
+
+Wie sollte ich es mißverstehen? Warum zweifelst du? Was gibt es denn
+Einfacheres?
+
+DER ALTE:
+
+Daß es keineswegs einfach ist, keineswegs selbstverständlich, könnte
+dich schon ein Blick auf die heutigen Erzeugnisse dieser Kunst lehren.
+Die Meisten wissen ja gar nicht mehr, was es heißt: eine Geschichte
+erzählen, und selbst die Begabtesten bringen lauter Zwitter- und
+Mißformen hervor.
+
+DER JUNGE:
+
+Du bist sehr streng wie immer. Ich glaube nicht, daß du recht hast.
+Niemals war so viel im Werk wie gerade jetzt. Auf allen Seiten wird es
+Tag.
+
+DER ALTE:
+
+Der ewige Irrtum der Jugend.
+
+DER JUNGE:
+
+Dann muß ich fürchten, daß du auch, was ich selbst bisher geschaffen,
+verwerfen wirst.
+
+DER ALTE:
+
+Darauf könnte ich erst antworten, wenn ich wüßte, wie es mit dir steht
+und ob dich nichts anderes erfüllt als die Liebe zur Sache, ob dein
+Geist nichts anderes erstrebt als die Vollendung in ihr, ob dir vor der
+Wahrheit bangt oder ob leichtsinniges Lob dich nicht schon für immer
+geblendet hat. Wenn du Angst vor einer bitteren Stunde hast, dann
+verbirg es nicht, ich schweige gern. Du besinnst dich?
+
+DER JUNGE:
+
+Hältst du denn dein Urteil für unumstößlich, für das einzig mögliche?
+Kann es nicht auf Täuschung, auf Unmilde, auf Eigensinn beruhen?
+
+DER ALTE:
+
+Ich will es dir zu begründen suchen, und wenn du meine Argumente
+entkräften kannst, werde ich mich zufrieden geben.
+
+DER JUNGE:
+
+Also sprich.
+
+DER ALTE:
+
+Es gibt dreierlei Arten von Schriftstellern: solche, die einen eigenen
+Stil haben und ihn zur höchsten Vollkommenheit auszubilden vermögen;
+solche, die einen eigenen Stil suchen, und endlich solche, die einen
+Allerweltsstil vorfinden und sich zu ihm verhalten wie die Gäste eines
+Wirtshauses zu den Tischen und Krügen und Stühlen; sie können niemals
+zum Herrn ihres Wortes, ihrer Gedanken, ihrer Phrase werden, das
+glühendste Erlebnis muß ihnen erstarren, erhabene Stimmungen werden
+trivial, jede Inspiration wird Absicht, jede Beeinflussung von außen
+Nachahmung, alles, was kräftig ist, brutal, und was fein ist,
+schwächlich. Aber von diesen Schriftstellern, die die Marktware für den
+großen Haufen besorgen, wollen wir nicht sprechen. Du gehörst zur
+zweiten Art.
+
+DER JUNGE:
+
+Das wäre ja weiter nicht schlimm. Suchende sind wir alle. Ja, man kann
+sagen, daß der allergrößte Meister bis zu seinem Todestage nicht
+aufgehört hat zu suchen. Warum lächelst du?
+
+DER ALTE:
+
+Weil ich an dieser Bemerkung sehe, wie wenig du mich noch verstanden
+hast. Wenn die großen Meister suchen, so wollen sie den Einklang
+schaffen zwischen Stoff und Form. Sie wissen, daß es ohne solche
+Harmonie überhaupt kein Kunstwerk gibt. Und weil sie das wissen und auf
+diesem Wege zur Vollkommenheit streben und sich wohl hüten werden, die
+Fülle ihrer Mittel an den falschen Gegenstand oder am falschen Ort zu
+verschwenden, so wird immer etwas entstehen, was der Kunst und ihrer
+eigenen Schöpferpersönlichkeit gemäß ist. Sie suchen mit sehenden Augen,
+ihr aber sucht als Blinde; sie gehen den geraden Weg und kommen an ein
+Ziel, wenn auch nicht immer an das gewünschte; ihr aber taumelt im
+Kreise herum. Die Suchenden, die nicht um das Wesen wissen, sind zum
+Untergang verurteilt.
+
+DER JUNGE:
+
+Du machst mich wahrhaft unruhig. Ich könnte dich hassen, wenn ich nicht
+wüßte, wie ernst du es meinst. Ich ahne, wo du hinaus willst. So rede
+doch endlich von mir.
+
+DER ALTE:
+
+Gut. Zwei Dinge, ein scheinbar äußeres und ein scheinbar inneres, habe
+ich zunächst an deinen Arbeiten auszusetzen: nämlich daß sie den Leser
+nicht mit Behaglichkeit erfüllen und daß es dem Stoff selbst an
+Daseinsnotwendigkeit gebricht. Beides hängt aber inniger zusammen, als
+du glaubst; das werde ich dir bald beweisen.
+
+DER JUNGE:
+
+Was meinst du mit Behaglichkeit? Das Gegenteil bezwecken wir doch, wenn
+wir Dichtungen ersinnen: Erregung, Spannung, Teilnahme, Erschütterung.
+Ich glaube, du treibst deinen Spaß mit mir.
+
+DER ALTE:
+
+Geduld. Ich verstehe die Behaglichkeit hier in einem höheren,
+künstlerischen Sinn. Ich verstehe darunter das unbegrenzte Vertrauen des
+idealen Lesers zum Erzähler. Dieses Vertrauen entsteht durch
+Glaubwürdigkeit, und die Glaubwürdigkeit nun entsteht aus der
+Notwendigkeit des erzählten Gegenstandes. Du siehst nun, wie fest der
+Zusammenhang zwischen den beiden Dingen ist, und noch untrennbarer wird
+er für das Auge und für das Gefühl durch das, was der Laie, der
+Dilettant, der Durchschnittskritiker die Technik nennt: durch die Art
+des Erzählens; auch sie ist nur ein scheinbar Äußerliches, denn in
+Wirklichkeit ist sie die Seele der epischen Kunst.
+
+DER JUNGE:
+
+Das wird zu weit und breit. Du wolltest doch von meinen Arbeiten reden.
+
+DER ALTE:
+
+Ich sage nun, daß deinen Produkten die Behaglichkeit fehlt, weil du
+nicht die Mittel und das Wissen hast, sie hervorzubringen. Was du
+schreibst, trägt unverkennbar den Stempel des direkten und indirekten
+Erlebnisses, aber diese Erlebnisse sind nicht künstlerisch verklärt und
+erhöht und bleiben daher ohne poetische Wirkungen. Du hast eine starke
+und natürliche Empfindung, die aber nur selten in ihrer Reinheit wirkt,
+weil sich der Stoff nicht ganz in ihr aufzulösen vermag. Merkst du nun,
+wo es hinaus will, merkst du, wie alles Innerliche zugleich ein
+Äußerliches ist und umgekehrt?
+
+DER JUNGE:
+
+Ich merke nichts als Pedanterie und höre nichts als Worte. Wenn eine
+Kunstform nicht ausreicht für das, was ich zu sagen habe, nun dann
+erweitere man mir diese Form. Wo stehen diese gelehrten Gesetze
+geschrieben, denen ich mich fügen soll? Wer hat sie gemacht, und wie
+käme ich dazu, mich vor ihnen zu beugen?
+
+DER ALTE:
+
+Wo sie geschrieben stehen? Im menschlichen Gefühl. Wer sie gemacht hat?
+Das menschliche Gefühl. Warum du dich ihnen beugen sollst? Weil du sonst
+nicht wirken wirst, weil dein Wort und dein Werk sonst von flüchtigerem
+Bestand sind als ein Stück Eis in der Mittagssonne. Man hat nämlich im
+Lauf der Jahrhunderte, der Jahrtausende herausgefunden, was die
+Menschheit ergreift, tröstet und erfreut, was aus ihren Tiefen stammt
+und zu ihren Tiefen strebt. Die es befolgten und solche hohe Wirkungen
+erreichten, nicht blind, sondern durch klarstes Wissen, das waren die
+Meister. Wer der Belehrung trotzt, kann nicht einmal Schüler werden.
+
+DER JUNGE:
+
+Also belehre mich.
+
+DER ALTE:
+
+Ich sagte vorhin, daß die Elemente sich in dir nicht mischen wollen;
+Stoff und Empfindung bleiben feindlich und unaufgelöst einander
+gegenüber. Die Folge davon ist eine immerwährende und überall
+ersichtliche Dissonanz. Du erzählst eigentlich nicht Ereignisse, sondern
+du schilderst Situationen. Gerade das erscheint dir wichtig, was bei der
+Erzählung unwichtig ist und sein muß. Du hüpfest von Situation zu
+Situation, das Dazwischenliegende ist dir ein Notbehelf, wird zum
+gezwungenen Bericht und enttäuscht durch seine Nüchternheit. Da du dies
+Schwanken als Schaffender selbst sehr deutlich empfindest, drängt es
+dich, Ausgleiche zu bringen, und du mußt zu pathetisch-lyrischen
+Schilderungen greifen, in denen die Handlung um keinen Schritt weiter
+kommt. Denn daran liegt es, wohlgemerkt: Bewegung ist alles, alle Kunst
+entsteht durch Bewegung. Damit hängt nun aufs Engste die Gestaltung
+deiner Menschen zusammen. Deine Gestalten haben keine Ruhepunkte. Sie
+sind geschickt und glaubhaft gezeichnet, soweit und solange sie mit der
+Handlung verknüpft sind, aber davon losgelöst und als Eigenlebende
+betrachtet, werden sie matt und hölzern. Sie wissen zu genau, was sie
+sollen, nicht in ihrer Welt, sondern in deiner Welt. Es fehlt die höhere
+Täuschungsabsicht und Täuschungsmacht. Eine Figur muß leben trotz der
+Handlung, nicht durch die Handlung. Woher käme es sonst, daß bei allen
+mittelmäßigen Schriftstellern gerade die Figuren am glaubhaftesten sind,
+die am wenigsten mit der Handlung und ihren Spannungen verquickt sind,
+die sogenannten Episodenfiguren? Nur sie verbreiten Behaglichkeit, das
+heißt Glaubwürdigkeit, weil sie scheinbar keinen Zweck verfolgen. Wenn
+man also sagen kann, Kunst entstehe durch Bewegung, so muß man
+hinzufügen, sie wirke durch die scheinbare Zwecklosigkeit der Bewegung.
+
+DER JUNGE:
+
+Ich habe Zweifel über Zweifel. Hundert Fragen drängen sich mir auf, denn
+ich sehe schon, wie tief du greifst. Und mir dämmert manches, von dem
+ich früher nichts ahnen konnte. Aber laß mich fragen. Du sagtest, daß
+ich nicht Ereignisse erzähle, sondern Situationen schildere, und ich muß
+gestehen, dabei verwirren sich mir die Begriffe. Ist es nicht bloß ein
+Wortspiel? Welcher Unterschied scheint dir denn zwischen Erzählung und
+Schilderung zu bestehen? Ich meine, inwiefern die Wirkung eines Werkes
+dadurch beeinträchtigt wird. Sind das nicht schulmäßige Begrenzungen?
+
+DER ALTE:
+
+Nehmen wir einmal an, du habest eine schwierige und gefahrvolle Reise
+hinter dir, habest lebensgefährliche Abenteuer bestanden, habest
+jahrelang als verschollen und verloren gegolten und seiest nun doch
+zurückgekehrt. Alles ist gespannt zu hören, wie du das bewerkstelligt
+hast und wie es dir ergangen ist. Du setzest dich in den Kreis der
+Neugierigen und Teilnehmenden und erzählst, beginnst mit der Fahrt übers
+Meer, der Aufzählung deiner Gefährten und kurzer Andeutung ihrer Art und
+ihrer bisherigen Schicksale, fährst fort mit der Landung, dem Aufbruch
+in die unbekannten Gebiete usw., usw. Wäre es nun angebracht, das
+Interesse der Zuhörer durch Beschreibungen von Landschaften, von Tieren,
+von Pflanzen zu ermüden? Wenn du dies tätest, würde in ihnen ein leises
+Mißtrauen gegen den Ernst und die Schwere deiner überstandenen
+Schicksale entstehen. Sie wollen wissen, wie es dir ergangen ist, nichts
+weiter, und je einfacher und sachlicher du bist, je glaubhafter werden
+deine Erlebnisse klingen. Nicht mit einem Wort brauchst du zu schildern.
+Das Bild der Landschaft und des Landes wird ganz von selbst in der
+Phantasie entstehen; je weniger du davon sprichst, je stärker wird die
+Phantasie der Hörer es erblicken und zwar durch dein Erlebnis selbst.
+Unwillkürlich gehen sie deinen Weg mit und sehen sie mit deinen Augen.
+Es kommt ganz und gar nicht darauf an, daß das Bild der Wirklichkeit
+entspricht, das sie sich davon machen, es handelt sich nur darum, daß
+durch ihre seelische Bewegung ein Bild entsteht. Diese seelische
+Bewegung bildet sich nun wieder durch die Bewegung der künstlerischen
+Materie, und so siehst du abermals, wie Äußeres und Inneres verschmolzen
+sind und sich verschmelzen müssen.
+
+DER JUNGE:
+
+Das Beispiel leuchtet mir ein. Es leuchtet mir ein, daß das Abschweifen
+von einer Sache, die man sich vorgesetzt hat, in der Kunst ebenso
+unwahrhaftig wirkt wie im Leben, und ich verstehe auch, daß man das
+Vertrauen des Lesers auf diese Weise verlieren kann. Aber du sagtest
+etwas von Verklärung und Erhöhung und poetischer Wirkung des Stoffes.
+Das alles scheint mir nun überflüssig, sobald einmal die Wahrheit, die
+Wahrhaftigkeit außer Zweifel steht.
+
+DER ALTE:
+
+Gewiß, wenn es ein und dasselbe wäre, mündlich zu erzählen oder
+schriftlich. Dazwischen liegt ein so tiefer Abgrund, daß ihn nicht
+Geist, nicht Wissen, nicht Wahrhaftigkeit zu überbrücken vermögen,
+sondern lediglich künstlerische Genialität. Es ist der Abgrund zwischen
+Wesen und Schein, zwischen dem Spiegel und der Person, die davorsteht,
+zwischen Leben und Erinnerung, zwischen der Minute und der Ewigkeit.
+Deine lebendigen Zuhörer sehen dich, sie sehen dich ergriffen,
+begeistert, bedrückt, das lebendig gesprochene Wort hat eine ganz
+unabweisbare Zeugniskraft durch sich selbst. Wenn du dieselbe wahre und
+erschütternde Erzählung deiner Reise mit denselben Worten deines
+mündlichen Berichtes niederschreibst, kann sie abgeschmackt, verlogen
+und sozusagen grundlos klingen. Es ist also wieder das scheinbar
+Äußerlichste, das die Kunstwirkung hervorbringt: der Stil. Um dieselbe
+Einfachheit, die der Hörer ohne dein besonderes Hinzutun spürt, sofern
+du nur eine einfache und wahre Natur bist, dem Leser eines Buches
+glaubhaft zu machen, dazu gehört ein halbes Leben unablässiger Versuche,
+aufreibender Mühe, qualvollsten Ringens. Im Leben ist das
+Selbstverständliche, oder wenden wir ein Fachwort an, das Naive eine
+Voraussetzung, in der Kunst ist es eine letzte Konsequenz, ein Gipfel.
+
+DER JUNGE:
+
+Die Aufgabe besteht also darin, den Anschein des Selbstverständlichen zu
+erreichen, innerhalb der Kunst ein Gebilde zu schaffen, das die Züge der
+Natur trägt. Darüber bin ich mir klar. Doch hat jedes Individuum seine
+besondere Naivetät, jedes »Selbst« seine eigene Selbstverständlichkeit.
+Gäbe es dennoch gewisse Gesetze, an die unbewußt alle gebunden sind,
+Schöpfer wie Genießende?
+
+DER ALTE:
+
+Wollen wir einmal vom Engsten ausgehen, um ins Weite zu gelangen. Wer
+sprachliches Gefühl und ein aufmerksames Ohr besitzt, wird wissen oder
+unbewußt schon früh empfunden haben, daß die vorzüglichste Schönheit
+unserer Sprache in ihrem Vermögen liegt, eine organisch gegliederte,
+gleichsam lebende Periode zu bilden. Der Gedanke, die Vorstellung
+entsteht und kommt zur Erscheinung durch Hauptwort und Zeitwort; das
+Beiwort tritt heran, um zu verdeutlichen oder zu schmücken, eine zweite
+Vorstellung oder Handlung will die erste begründen und weiterführen, und
+der Nebensatz ist geboren, an dem sich dieselben Erscheinungen
+vollziehen wie im Hauptsatz, nur abgetönt, verkleinert, gemildert. Darin
+liegt der Rhythmus der Prosa: das An- und Abschwellen des Tones und der
+Betonung, die gegenseitige Beziehung von Sätzen und Satzteilen
+untereinander, die freie und eigenbewegliche Anpassung, die Fülle des
+Ausdrucks bei größter Sparsamkeit mit dem Wort. Die eigentümlichste
+Kraft der deutschen Sprache ruht im Zeitwort; dieses auszubilden, zu
+formen, gewissermaßen zu isolieren, kennzeichnet den guten Prosaisten,
+während der mittelmäßige sich mehr auf das schmückende Beiwort verlegt,
+– ganz natürlich. Prüfe doch den Stil unserer guten Erzähler auf diesen
+Umstand hin: wie das flutet und in majestätischer Ruhe hinfließt, immer
+bewegt und immer gegen ein erreichenswertes Ziel bewegt. Das Beiwort
+wirkt erstarrend und ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, und nur die
+anschauende Phantasie kann es an den rechten Platz stellen; das Verbum
+belebt und ist das eigentlich motorische Element im Satzbau. Es ist
+stets interessant, den guten Erzählerstil lediglich auf seinen
+sprachmelodischen Gehalt hin zu prüfen, sich zu überzeugen, wie die
+Periode der Atmung entspricht, wie sinnvoll gegliedert Satz und
+Nebensatz auftreten, und wie der Gesang abläuft, wenn der Absatz zu Ende
+ist. Eigentlich müßte man ein gutes Prosabuch schon an der
+typographischen Anordnung erkennen, die sozusagen seine Fassade
+vorstellt. Dazu kommt nun beim epischen Künstler das geistige Erlebnis
+des Bildes und die seltsame Empfindung für die plastische Nähe des
+Wortes, die ihn vor Verflachung seines Ausdrucks bewahrt. Denn wie
+könnte sonst eine Schriftsprache jahrhundertelang gesund und triebfähig
+bleiben? Die Auserlesenheit der Wendungen tut es nicht, Geschmack und
+Formensinn allein sind ebenfalls nicht zeugungskräftig, – nur das
+Mitleben mit dem Wort als einem Organismus bewahrt die Sprache der Epik
+vor dem Verwelken und Absterben. Das begreiflich zu machen, ist schwer,
+wenn du es nicht fühlst.
+
+DER JUNGE:
+
+Ich fühle es. Ich fühlte es oft, wenn ich Gottfried Keller las. Ein ganz
+gewöhnliches Wort, das in unserer Umgangssprache so platt klang und so
+tot aussah wie eine abgegriffene Münze, stand plötzlich da wie in einen
+Zaubermantel gehüllt, fremd und neu.
+
+DER ALTE:
+
+Und doch sind die meisten unter unsern jungen Dichtern Wortsucher, aber
+was schlimmer ist, sie verstehen auch nicht in großem Atem zu erzählen.
+Ich leugne nicht die Berechtigung des Schriftstellers, seine Sätze
+auseinander zu haken und sie im stürmischen Tempo aufmarschieren zu
+lassen, wenn ihn die Situation und seine Natur dazu auffordern. Aber so
+wenig ein Mensch lange Zeit hindurch im Zustand der Atemlosigkeit
+verweilen kann, so wenig verträgt dies ein Buch, ohne daß es Unbehagen
+und Widerwillen erregt. Ich habe Bücher in der Hand gehabt, in denen
+lauter enge und engbrüstige Sätzchen nebeneinander standen, stumpf und
+traurig wie Soldaten bei der Parade. Einzelne Satzglieder schwammen wie
+abgeschnittene Hände und Füße in einer Brühe überflüssiger
+Interpunktionen, und jeder Rhythmus war zerfetzt, weil eine anständige
+Mittelmäßigkeit des Schreibens weniger geachtet wird als ein gequälter
+Unsinn, oder weil das Gefühl erweckt werden sollte, der Verfasser sei
+tief ergriffen gewesen von dem, was er geschrieben. Von dem Verfasser
+wird gar keine Ergriffenheit verlangt; Gott hat nicht jedem Baum und
+jedem Berg einen Zettel umgehängt, auf dem zu lesen steht: wie schön,
+wie gewaltig, wie charakteristisch bin ich. Gott ist bescheiden, er ist
+unsichtbar in seiner Welt versteckt, und mit den großen Künstlern ist es
+ebenso. Vom Erzähler wird Unsichtbarkeit verlangt, von dem, was er
+erzählt, höchste Sichtbarkeit.
+
+DER JUNGE:
+
+Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist aber keineswegs zu leugnen, daß
+etwa in einem dickbändigen Roman die strenge Form der Erzählung schwer,
+wenn nicht unmöglich festzuhalten ist. Ein solches Buch müßte durch
+seine Eintönigkeit langweilen, glaube ich, und man kann dem Autor nicht
+Unrecht geben, wenn er dies Schicksal durch dramatische Gespräche und
+aufregende Schilderungen von seinem Buche abzuwenden sucht.
+
+DER ALTE:
+
+Das ist ein Thema für sich. Man kann von einem Kochbuch nicht verlangen,
+daß es wissenschaftliche Aufgaben löst. Wenn es einem Dichter zu schwer
+fällt, ein Kunstwerk zu schaffen, so begnüge er sich mit dem Machwerk,
+aber er soll dann nicht beanspruchen, ein Künstler genannt zu werden.
+Müssen denn die dickbändigen Ungeheuer geschrieben werden, von denen du
+sprichst? Und wenn sie geschrieben werden müssen, bin ich etwa
+verpflichtet, mich mit ihnen zu beschäftigen? Wollten wir unsere
+Erörterungen in diesen niedern Kreis stellen, was wäre da nicht alles zu
+sagen, worüber zu klagen: über die Frauenschreiberei, das Zeitungswesen,
+die elenden Übersetzungen aus andern Sprachen usw. Doch wir wollen das
+künstlerischste aller Gesetze auch auf unsere Unterhaltung anwenden und
+bei der Sache bleiben.
+
+DER JUNGE:
+
+Du hast recht. Dennoch gibt es Mischprodukte, die man nicht verwerfen
+darf und die eine tiefere Wirkung und ein gewaltigeres Entstehungsmotiv
+haben als die reinen Kunstwerke. Das darf man nicht vergessen.
+
+DER ALTE:
+
+Ich halte das für einen Irrtum. Diejenigen Werke der Kunst, die an
+Wirkung und Dauer hinter den Erzeugnissen zurückstehen, die du erwähnst,
+sind eben dann nicht wahrhaft lebendig, und ihr Untergang ist nur eine
+Frage der Zeit.
+
+DER JUNGE:
+
+Alles, alles ist dem Untergang geweiht. Selbst Homer und Shakespeare.
+
+DER ALTE:
+
+Eine törichte Phrase. Sie werden untergehen, wenn der Erdball versinkt
+und das Licht sich in Finsternis verwandelt. Sie gehören eben der
+Menschheit an, und von einer Unsterblichkeit über die Menschheit hinaus
+zu reden, hat keinen Sinn.
+
+DER JUNGE:
+
+Folgendes ist mir nicht ganz klar. Es handelt sich doch bei der
+Erzählung um das Darstellen eines Vorganges und innerhalb des Vorganges
+wieder um das Ausmalen einzelner Bilder oder Situationen, denn ohne
+solche Bilder würde ich doch mehr Geschichtsschreibung treiben als
+Kunst. Wie bringe ich nun die Situation, ohne gegen das Gesetz des
+epischen Weiterströmens zu verstoßen? Mit einem Wort, wie kann ich
+erzählerisch und plastisch zugleich sein?
+
+DER ALTE:
+
+Zur Beantwortung dieser Frage will ich dir eine Stelle aus Wilhelm
+Meisters Lehrjahren vorlesen. Es heißt da: »Zwei bis drei Häuser standen
+in vollen Flammen. In den Garten hatte sich niemand retten können wegen
+des Brandes im Gartengewölbe. Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde,
+weniger wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht, die Kinder zu
+verlassen, und sah das Unglück sich immer vergrößern. Er brachte einige
+Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf seinem Schoße
+eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich
+hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die
+ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam herbei, die
+Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten
+Kleidung der fallende Tau fast unerträglich. Er führte sie zu den
+Trümmern des zusammengestürzten Gebäudes, und sie fanden neben einem
+Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme. Der anbrechende Tag
+brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen, usw.« Du
+siehst hier deutlich, wie keusch und zurückhaltend das außerordentliche
+Ereignis in der allgemeinen erzählerischen Stimmung sich auflöst. Ruhig
+schließt sich an die sparsame Ausmalung der überaus schönen Situation
+von den am Aschenhaufen liegenden Personen der neue Vorgang, und im
+Satzgefüge herrscht nicht die mindeste Erregtheit. Vergleiche damit
+einmal die Darstellung einer Feuersbrunst bei Zola; Einzelheit drängt
+sich an Einzelheit. Die ungeheure Flut der Einzelheiten vernichtet das
+Bild und überschwemmt die Phantasie. Aus fünfzig Seiten eines
+Schilderers macht der Epiker zehn Zeilen. Der erzählende Stil beruht
+keineswegs auf der Ausmalung der Situationen, sondern er ruft die
+Situation nur zu höherem Zweck hervor, um sie in vollkommener Ruhe
+vorübergleiten zu lassen. Geradezu musterhaft ist darin Kleist, der
+vielleicht das größte erzählerische Genie ist, das wir besitzen. Wie im
+Volksmärchen, mit einer erhabenen Knappheit erzeugt er Bewegung um
+Bewegung. Nur dadurch entsteht zugleich die Lebendigkeit der Periode, es
+wird ihr das Papierene genommen, das sie auch beim vollendetsten
+Schilderer hat; sie besitzt plötzlich innere Kraft, das Blut des
+atmenden Geschöpfes, und wie das Werk im Ganzen, ist sie für sich allein
+ein Organismus mit Fleisch und Seele. Der Baum setzt sich aus winzigen
+Zellen zusammen; die Gesundheit seiner Früchte hängt ab von der
+Gesundheit jener unscheinbaren Gewebe. Die Breite und Fülle der Periode
+bedingt die Breite und Fülle des Ganzen; nicht Abenteuerlichkeit der
+Vorgänge, nicht Weitspurigkeit der Anlage, nicht die ausgesuchteste
+psychologische Tüftelei, keine Neuartigkeit des Themas, keine äußere
+Spannung, nicht Geist, nicht Witz, nicht philosophische Tiefe kann ein
+Werk, dem jene Eigenschaften wahrer epischer Breite und Ruhe mangeln,
+zum Rang eines Kunstwerkes erheben.
+
+DER JUNGE:
+
+Jetzt ist es auf einmal wieder die Ruhe. Wir haben doch festgestellt,
+daß es die Bewegung ist, die der Kunst das Leben gibt, wir haben es sehr
+schön gefunden, daß die Zwecklosigkeit der Bewegung den Kunsteindruck
+hervorbringt, nun soll auf einmal die Ruhe das Allesbedingende sein. Das
+ist sinnverwirrend. Ruhe? Das wäre ja gleichbedeutend mit Kälte, das
+hieße ja, das ganze Wesen des Dichters verkennen, dem Artistentum das
+Wort reden.
+
+DER ALTE:
+
+Beschwichtige deinen Eifer, du wirst gleich sehen, wie unbedacht er ist.
+Die erzählende Kunst stellt Vergangenes dar. Es handelt sich um ein
+Gelebt-Haben, Gesehen-Haben, Geschehen-Sein. Während das Drama auf der
+Gegenwärtigkeit der Geschehnisse, der Leidenschaften beruht, ist das
+Epos oder die Novelle ein Zurückgewandtes, Zurückschauendes, – ganz
+natürlich, und so ist es durch seine Form zu einer größeren Ruhe und
+Gemessenheit verurteilt, denn seine Wiedergabe setzt doch einen
+Betrachter voraus, einen Beobachter, einen Urteilenden, Zusammenfasser.
+Während das Drama ein scheinbar freistehendes, isoliertes Eigen-Produkt
+ist, weist die Erzählung beständig und auf jeder Zeile auf den Erzähler
+zurück, und von dessen Haltung hängt alles ab. Es handelt sich also nur
+um eine scheinbare Kälte und Ruhe, um ein Zurückhalten des Feuers. Der
+Schöpfer eines solchen Werkes ist umsomehr darauf angewiesen, seine
+eigene Persönlichkeit zu verbergen, da er es doch selbst ist, der die
+ganze Welt, die er hervorbringt, repräsentiert. Wenn er aufhört,
+unsichtbar zu bleiben, leidet unsere Illusion Schaden, und die
+scheinbare Ruhe enthält also für ihn alle Wirkungen seiner Kunst. Uns
+dennoch aufs innigste mit dem Werk zu verknüpfen, uns alles mit seinem
+eigenen Auge, seiner eigenen launigen oder tragischen Seelenstimmung
+erleben zu lassen, das hängt von seiner Person und seinem Dichterwert
+ab. Seine Weltanschauung und geistige Kraft einerseits und die Ruhe
+andrerseits, die ihn befähigt, Licht und Schatten zu verteilen, Bilder
+zu erzeugen, Zeitperspektiven zu bilden, können die beiden Pole genannt
+werden, zwischen denen sich seine Kunst bewegt. Deswegen verlangt die
+epische Kunst eine vollkommene Reife des Geistes.
+
+DER JUNGE:
+
+Es handelt sich also nicht um unterdrücktes Gefühl, sondern um
+gebändigtes Gefühl, um verteilte Wärme. Dann leidet auch das Werk
+Schaden, wenn zu viel Licht auf eine einzelne Gestalt fällt? Offenbar.
+Wie verhält es sich also mit den Gestalten? Wie weit dürfen sie sich aus
+der Fläche der Erzählung plastisch heben?
+
+DER ALTE:
+
+Das hängt von Stoff und Ton des Ganzen ab. Laß uns einmal den Gang
+verschiedener Werke epischer Prosa auf diesen Umstand hin vergleichen:
+Herodots Geschichten, den Don Quixote, den Wilhelm Meister und Tolstois
+Krieg und Frieden.
+
+Herodot besitzt die natürliche, persönliche Naivität, die dem Zeitalter
+und einer jungen, aufsteigenden Kultur entsprechen. Er hat weder
+Vorbilder, noch bedarf er ihrer. Er ist nicht bemüht, eine Kunstform zu
+prägen. Er vermeidet Schmuckworte. Er hält sich von allen Abstraktionen
+fern. Er »erzählt«. Sein Ton ist der eines Mannes, der reich an
+Erfahrungen und an Wissen unter den Seinen sitzt und ebenso einfach wie
+wahrhaftig von allem Kunde gibt. Gleichwohl zeigt sein Werk eine feste
+Stileinheit und das nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich: Die
+Handlungen des Menschen stehen unter dem Walten der Nemesis. Von dieser
+Weltanschauung durchdrungen, erhält seine Schöpfung nicht nur sittliche
+Größe, sondern auch künstlerische Macht.
+
+Cervantes fußt natürlich bereits auf Traditionen. Aber er vernichtet
+sie, indem er sich ihrer bedient. Die Sittenschilderung und die Aktion
+ordnen sich äußerlich einem Plan und geistig einer Idee unter. Indem er
+gegen den pathetischen Heros des Katholizismus zu Felde zieht, findet er
+jene hohe Form der Darstellung, welche wir Humor nennen und welche
+seinen Gestalten weitaus bedeutungsvollere Konturen gibt, als sie in der
+Realität ihrer Existenz zu haben scheinen. Auch Cervantes ist ein (im
+banalen Sinn) naiver Erzähler; aber an seiner Naivetät hat der
+Kunstverstand schon wesentlichen Anteil. Es ist klar: das ist nicht mehr
+der Berichterstatter wahrhafter Begebenheiten. Mit der Schöpfung einer
+Phantasiewelt hat die unbefangene Freude am Ereignis und seiner
+Wiedergabe ihr Ende erreicht. Dem Erzähler muß sich der Fabulist
+beigesellen, und Fragen technischer Natur entstehen wie von selbst. Hier
+ist alles schon _Kunst_: die Charaktere und ihre Gestaltung, die
+planvoll geschürzten Fäden der Handlung, der Dialog und seine
+motorische Bedeutung. Aber durch einen wunderbaren Instinkt hat all dies
+wieder die Farbe der Natur erhalten, das täuschende Gewand der Wahrheit.
+
+Goethes Roman ist in erster Linie das Manifest einer großen
+Persönlichkeit. Wenn der spanische Dichter Bilder entrollte, hinter
+denen er wortlos verschwand, so bleibt der Deutsche vor dem Geschaffenen
+stehen und bringt es durch sein Wesen, durch seine Gebärde, durch seine
+begleitenden Worte erst ins rechte Licht und zur rechten Geltung. Seine
+Darstellung ist kühl und überlegen, philosophisch gemessen, und nie
+vergißt man über den Figuren den Zauberer, der sie in Bewegung zu setzen
+vermag. Cervantes ist groß durch Don Quixote; Wilhelm Meister ist groß
+durch Goethe.
+
+In der Dichtung des russischen Dichters endlich sind Stoff und
+Darstellung in eine unauflösliche Verbindung getreten. Der Schöpfer
+selbst wird hier zu einem wesenlosen Etwas, ähnlich der Naturkraft, die
+einem Strom sein Bett anweist. Dieser Roman ist von homerischer Prägung.
+Die Menschen darin sind so stark individuell und andererseits so sehr
+von dem Schicksale ihres Temperaments getrieben, daß man die Illusion
+hat, sie müßten, auch aus Milieu und Handlung losgelöst, doch zu
+denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen gelangen, zu denen sie in der
+Dichtung durch den Willen des Dichters kommen. Sittenschilderung,
+nationale Besonderheit, menschliche Bedeutsamkeit, künstlerische Ruhe,
+Einfachheit und Größe, alles verbindet sich zu klarster Wirkung. Der
+Dialog hat keine motorischen Zwecke mehr, auch nicht philosophische oder
+tendenziöse, sondern lediglich charakterisierende.
+
+DER JUNGE:
+
+»Stoff und Darstellung sind in eine unauflösliche Verbindung getreten,«
+sagst du. Ich möchte lieber sagen: Stoff und Künstler. Aber was ist der
+Stoff? Wann wird der Stoff »daseinsnotwendig«? Wann erhält er die
+Unleugbarkeit eines von der Natur selbst Geschaffenen? Wahrscheinlich
+muß der eine ihn erleben, der zweite erfinden, der dritte aus der
+Geschichte nehmen. Dieser braucht eine regelrechte Fabel, jener webt
+seine Gebilde wie aus einem Traum heraus, der die Bewegung und Stimmung
+des Lebens und doch die Gesammeltheit der Dichtung hat. Das Wichtige ist
+demnach nicht die Art des Stoffes selbst, sondern die Intensität der
+Vision, die er erzeugt und die nicht auf einem Bild zu beruhen braucht,
+sondern oft, dem Nebelball der Urwelten gleich, Feuer und Vegetation
+noch in sich verborgen tragen kann.
+
+DER ALTE:
+
+Ohne Zweifel. Die Kraft der Vision im Dichter bestimmt die Kraft des
+Werkes, ihre Dauer und Unvergeßlichkeit aber seine Harmonie. Alles
+andere hat mit inspiratorischen Dingen nichts mehr zu tun, sondern
+unterliegt den Gesetzen der Entwicklung. Wo die Vision aufhört, beginnt
+die geistige Arbeit, das Reich des Geschmackes, des Urteiles, der Wahl.
+Hier ist auch die Grenze zwischen dem Dichter und dem Schriftsteller.
+Der Dichter und seine Stoffe verhalten sich zu einander wie der Baum zu
+seinen Blättern, die Stoffe des Schriftstellers aber gleichen den
+beliebig ausgewählten, ärmlichen oder luxuriösen Möbeln eines Zimmers.
+Dort wird jeder Mangel die Kehrseite eines Vorzuges sein, hier wird
+selbst jeder Vorzug auf einen einzigen Mangel zurückdeuten. Dort ein
+lebendiger Organismus, gleichviel ob kränklich oder stark, hier eine
+Maschinerie, stümperhaft oder in ihrer Art vollkommen.
+
+DER JUNGE:
+
+Demnach müßte also eigentlich der Dichter seine Stoffe erleben, der
+Schriftsteller sie erfinden.
+
+DER ALTE:
+
+Das läßt sich nicht auseinanderhalten. Da müßten wir erst feststellen,
+was es heißt, erleben. Es wäre doch recht ärmlich gedacht, wenn man nur
+eine äußere Aktion darin sehen wollte, dann wäre es schlimm um jene
+bestellt, die der Zufall oder soziale Stellung oder persönliche Eigenart
+vom großen Getriebe fernhält. Das hieße dann: nur derjenige, der einen
+Mord begangen, kann die Seele eines Mörders enthüllen, und die Frau als
+eine Welt für sich wäre dem Dichter ein für immer verschlossenes Ding.
+Ich stelle nicht in Abrede, daß ein gewisses Maß allgemeiner
+Lebenserfahrung notwendig sei, aber dem, der nicht innerlich das Leiden
+der Welt und ihrer Geschöpfe erlebt, dem wird es wenig frommen, wenn er
+seine Tage mit Abenteuern füllt, wenn ihm auch hierdurch die seltsamsten
+und tiefsten Seiten der menschlichen Natur offenbar werden. Das ist ja
+eben die besondere Natur des Dichters, daß in ihm gleichsam die
+Erfahrungen aller andern sich sammeln und zu einem hohen Bewußtsein
+gelangen; es ist, als ob ihm Gott die Andeutungen und Stichworte gäbe,
+aus denen er das Gewebe einer zweiten zur knappsten Folgerichtigkeit
+verdichteten Welt formt. Er ist es, der im Mittelpunkt der Dinge wohnt,
+er stellt das lebendige Gewissen der Völker dar, er lebt nicht nur in
+der Gegenwart, nein, ihm ist alles Vergangene zugleich Gegenwart. Und
+nun der Stoff.
+
+DER JUNGE:
+
+Ich glaube, daß es gleichgültig ist, ob er die Geschichte eines
+Schneiders oder eines Welteroberers wählt. Und das Milieu kann immer nur
+ein Mittel sein, Charaktere zu entfalten und Schicksale zu motivieren.
+
+DER ALTE:
+
+Sehr wahr.
+
+DER JUNGE:
+
+Und doch haben wir von einer Daseinsnotwendigkeit des Stoffes
+gesprochen.
+
+DER ALTE:
+
+Es ist oft genug gesagt worden, daß der Dichter aus einem unbesiegbaren
+inneren Drang heraus schaffe. Oft im Kampf mit den äußeren
+Lebensumständen, oft, ja fast immer im Kampf mit sich selbst. Deswegen
+ist es eine abgegriffene Phrase, von dem Glück des Schaffens zu
+sprechen. Es gibt nur eine Verzweiflung des Schaffens und einen ganz
+kurzen Glücksrausch des Geschaffenhabens. Und dann erst muß der Dichter
+lernen, sein Werk zu hassen, damit er seine Gebrechen zu erkennen
+vermag, und je stärker er sein Werk hassen wird, je tiefer wird er die
+Kunst lieben. Es ist klar, daß das, was unter solchen Widerständen
+Dasein und Form gewinnt, innere Lebensmöglichkeit und -notwendigkeit
+haben muß, wenigstens für den Schöpfer. Die Frage ist nur, ob und in
+welchem Maße das Werk zu den anderen Menschen spricht, wie viele
+Lebenskreise es durch seine Existenz berührt, wie viel andern Wesen es
+ebenfalls notwendig wird. Das hängt nun von seinem Stoff ab. Ich möchte
+behaupten, ein Stoff ist um so größer und allgemeiner gültig, je mehr
+Mythos er in sich trägt, das heißt, je tiefer er in dem Geheimnisvollen,
+Unbewußten, Religiösen, Phantasiegemäßen eines Volkes und damit der
+Menschheit wurzelt. Der Dichter ist ja der Mund der Schweigenden. Je
+größer ein Dichter ist, je mehr Schweigende sprechen aus ihm. Nicht er
+wählt seinen Stoff, sondern der Stoff wählt ihn. Er trifft ihn, wie der
+Blitz zuckt er auf ihn herab. Deshalb wird man ebensowenig von Erfinden
+wie von Erleben eines Stoffes reden können, im höchsten Sinne nämlich.
+Dichter, die ihre Erlebnisse, sagen wir verwerten, sind immer in Gefahr,
+diese Erlebnisse sehr zu überschätzen, wenn nicht ein großes typisches
+Schicksal dahinter steht. Die Vision ist alles. Sie vermag einen
+tausendmal behandelten Gegenstand so zu verklären und zu erhöhen, daß er
+zum unerhörten Ereignis wird. Je mehr du durch dein enges kleines und in
+jedem Fall bescheidenes Schicksal dich ins Weite, Menschliche, Mythische
+hinausspürst und -lebst, je weniger brauchst du tatsächlich zu
+»erleben«, je freieren Spielraum gewinnst du für die Kunst.
+
+DER JUNGE:
+
+Frühere Ästhetiker haben das, was du den Mythos nennst, als Idee
+bezeichnet.
+
+DER ALTE:
+
+Nenn es, wie du willst. Man spricht immer davon, daß die Kunst keine
+Tendenzen habe, keine Nützlichkeitsziele verfolgen soll. Aber in einem
+anderen höheren Sinn muß doch mit jedem Kunstwerk etwas bewiesen werden,
+wenn es nicht dem Fluch des Spielerischen verfallen soll. Gewiß muß es
+um seiner selbst willen hervorgebracht werden. Aber es darf, wie das
+lebendige Geschöpf, nicht um seiner selbst willen existieren. Weiter
+können wir in unserer Erörterung kaum gelangen. Hier ist schon die
+Grenze des Traumes und der Träumerei.
+
+
+_Fünf Jahre später_
+
+
+DER ALTE:
+
+Daß uns der Zufall auf einer Reise zusammenführt!
+
+DER JUNGE:
+
+Man könnte glauben, du habest mich während all dieser Zeit
+geflissentlich gemieden.
+
+DER ALTE:
+
+Wie könnte ich mich unterfangen! Du bist ein berühmter Mann geworden,
+ich sinke mehr und mehr ins Dunkel zurück.
+
+DER JUNGE:
+
+Hoffentlich hat mir dieser sogenannte Ruhm nicht deine gute Meinung
+geraubt.
+
+DER ALTE:
+
+Das wäre nur der Fall, wenn er dich zur Selbstgenügsamkeit verführte.
+Solche Leute stehen als Leichname inmitten ihrer Werke, und ihre Werke
+sind krankgeborene Kinder, zu frühem Tod bestimmt.
+
+DER JUNGE:
+
+Vor allem, es gibt doch zweierlei Arten von Ruhm. Der eine geht von dem
+Zeitlichen, Zufälligen, Augenblicklichen, Problematischen unserer Taten
+aus; er kann dem echten wie dem verlogenen Werk gleicherweise zu Teil
+werden und hat wenig zu schaffen mit dem andern Ruhm, der durch unser
+ganzes Wesen bedingt ist, sich an den Zusammenhang unsrer Werke knüpft.
+Jener ist wie der kurze Erfolg eines Witzboldes oder guten Plauderers in
+einem geselligen Kreis, dieser wie das tiefe, stille, langsame Wirken
+eines Priesters oder Menschenfreundes; jener wird von anderen
+hervorgebracht und entsteht oft zu unserer eigenen Überraschung, dieser
+aber strahlt von unserm Innern, von unserer Persönlichkeit aus und kann
+auf alle Fälle erst nach dem Tod eintreten oder nach dem Abschluß
+unseres Lebenswerkes; jener muß um den Beifall jedes Zeitungsschreibers
+besorgt sein, dieser hat keinen andern Richter als das eigene Herz.
+
+DER ALTE:
+
+Es freut mich, daß du so denkst. Aber hast du auch immer in solchem Sinn
+gelebt, gedichtet? Du meinst, ich sei dir in all den Jahren mit Absicht
+ferngeblieben; dein Gefühl trügt dich nicht ganz. Aufrichtig muß ich
+gestehen, daß mich dein Erfolg beunruhigt hat. Er war mir zu schnell, zu
+laut, er ging mir zu wenig von der Sache aus und konnte sich zu wenig
+auf die Kunst berufen. Ich wollte warten, und ich wartete dein nächstes
+Buch ab. Ich war enttäuscht. Nicht als ob du dir darin untreu geworden
+wärst, aber du warst unruhig in dir selbst. Die Vision deiner Phantasie
+war nicht rein, sondern du sahst darin gleichsam die neugierigen
+Gesichter deiner Leser, deiner Freunde. Du trachtetest sie zu
+befriedigen und nicht dich selbst.
+
+DER JUNGE:
+
+Wahr, wahr. Doch ich habe gebüßt. Ich habe gebüßt, indem ich verachten
+lernte. Ich habe gebüßt, indem meine Seele immer schmerzlicher nach mir
+selber schrie. Kennst du diesen geheimnisvollen Zustand, der jedes
+Verweilen friedlos, jedes Nachdenken bitter macht? Es ist als ob man
+nach der Heimat reisen wolle und scheugewordene Pferde stürmten mit
+einem nach fernen wüsten Ländern. Was für ein rätselhaftes Ding ist es
+doch, das im Innern der Brust wohnt. Es hat eine Stimme, die den
+schrillsten Marktlärm übertönt, und bist du dann in der Einsamkeit, so
+schweigt es unvermutet, als wolle es sich rächen dafür, daß du ihm nicht
+früher gehorchtest. Immer aufmerksamer, immer stiller mußt du werden, um
+die Stimme nicht zu verlieren, nicht Weib und Kind und Geld und Gut
+darfst du festhalten, wenn sie es nicht will.
+
+DER ALTE:
+
+So viel Einsicht bei so viel Irren!
+
+DER JUNGE:
+
+Wie könnte man Einsicht gewinnen ohne geirrt zu haben? Erinnerst du dich
+unseres Gesprächs von damals über Wesen und Gesetze der Erzählungskunst?
+Ich habe viel, habe oft darüber nachgedacht. Ich habe daraus in den
+entscheidenden Punkten eine nicht mehr zu trübende Klarheit gewonnen.
+Und doch, so bald ich nur eins dieser Gesetze, und wenn es das
+lapidarste war, auf meine Arbeit anwenden wollte, so zerfloß es in
+eitel Dunst. Es geht wie mit den aufgeschriebenen Paragraphen-Sammlungen
+der Justiz gegenüber der lebendigen Menschenwelt. An sich betrachtet:
+wahr, gerecht und klar. Auf das Ereignis, auf die Tat, den Augenblick
+angewandt: nichtssagend, absurd, tot. Daraus schloß ich allmählich, daß
+es kein andres Gesetz gibt, als dasjenige, das wir selbst durch die
+Kraft unseres Werkes exemplifizieren. Jeder darf, was er kann.
+
+DER ALTE:
+
+Willst du aber leugnen, daß dir unser damaliges Gespräch förderlich und
+notwendig war?
+
+DER JUNGE:
+
+Durchaus nicht.
+
+DER ALTE:
+
+Es ist das Problem der Erziehung. Gut und Böse liegt im Menschen.
+Beispiel weckt Kräfte. Belehrung zeigt die Wege, zeigt die Schranken.
+Der Philister, der immer nur die Landstraße wählt und der Bohême, der im
+Gestrüpp stecken bleibt, keiner von ihnen kann Führer werden, jener ist
+überflüssig, dieser schädlich. So ist es auch mit der Kunst und ihren
+Gesetzgebern. Ich habe freilich gesehen, mit Kummer habe ich beobachtet,
+daß du alles was du damals so eifervoll, so leidenschaftlich zu
+ergreifen schienst, verächtlich beiseite geworfen hast. Nun, du bist oft
+genug im Gestrüpp stecken geblieben, und noch heute sehe ich weder Weg
+noch Ziel für dich; so hart es klingt, ich muß es sagen.
+
+DER JUNGE:
+
+Es klingt mir nicht hart. Ich muß dir so erscheinen. Du schaust vom Ende
+eines Wegs auf mich zurück. Du weißt natürlich wie du gegangen bist,
+aber wie ich gehen muß, das glaubst du nur zu wissen. Jedem ist sein
+Schmerz notwendig, jedem seine Sehnsucht, sein Suchen, und wo ich nach
+deiner Meinung verderbe, da ist vielleicht mein Heil. Wollte man doch
+alles Kritisieren lassen, das sich nicht aufs Engste beschränkt, aufs
+Greifbare, Haltbare! Ein menschliches Dasein ist kein Brettergerüst,
+kann nicht mit dem Richtscheit ausgemessen werden, kann nicht mit Nägeln
+und Klammern vor dem Geschick in Schutz genommen werden. Wenn es doch
+keine Schulmeister mehr gäbe! In jedem Lehrer steckt so viel Härte und
+Verhärtetsein, und was soll man erst zu jenen sagen, die aus bloßer
+verwerflicher Lust an Überlegenheit einem Organismus, den die Natur
+geschaffen hat, die Berechtigung zur Existenz absprechen.
+
+DER ALTE:
+
+So redest du für dich. Wehrst du dich aber nicht selbst gegen die
+Stümper, gegen die frivolen Eindringlinge in den Tempelbezirk der Kunst?
+Und bist du immer gerecht in der Unterscheidung? Täuscht dich niemals
+ein Vorurteil, und das deiner Natur Fremde, suchst du es auch zu
+verstehen, oder verwirfst du es nicht oft, nur weil es eben fremd ist?
+
+DER JUNGE:
+
+Du hast Recht. Aber der Verdruß gegen die Schwätzer und Windbeutel
+enthält oft das wünschenswerte Entgegenkommen den noch unerschlossenen
+und ringenden Kräften vor. Bei uns in Deutschland ist es besonders
+traurig. Unter hundert Betrachtern und Beurteilern eines Kunstwerks ist
+kaum einer, der imstande ist nur gerade, sagen wir: das Postament zu
+begreifen, auf dem es ruht. Eitelkeit und Nüchternheit diktieren ihnen
+ihr begeistertes oder verwerfendes Urteil. Überall guckt der
+Schulmeister heraus, und wenn sie wohlwollend sind, dann glauben sie
+schon weit zu gehen. Verzeih, daß ich jäh und bitter werde, aber sogar
+du ziehst es vor Diktator zu sein, anstatt Freund, Versteher, Billiger,
+Mitdeuter. Warum willst du nicht die Notwendigkeit hinnehmen, die mich
+erfüllt? Vielleicht ist das, was ich unter unbesieglichem Zwang schaffe,
+gar nicht so verschieden wie du meinst von dem, was die Formeln wollen.
+Und wer nie eine der anscheinend ehernen Regeln verletzt und selbst das
+erlauchteste Kritikerhaupt zum Schütteln zu bringen vermag, der ist kein
+Schöpfer, der bleibt stets ein Beckmesser.
+
+DER ALTE:
+
+An der hohen Meinung von dir selbst hat es dir nie so sehr gefehlt als
+an der von den andern. Aber ich bin dir keineswegs böse. Im Gegenteil
+muß ich gestehen, daß mich dein Feuer seltsam erwärmt und daß mir dabei
+der Gedanke aufsteigt, wie gleichgültig, fern und matt all dies
+eifervolle Mühen um Dinge ist, die doch, man könnte fast glauben mit
+einem spöttischen Lächeln, ihre eigenen Wege gehen. Der Mensch ist
+alles, das Lebendige ist alles, und eine Natur, mit Sehnsucht, Mut und
+Schöpferwillen begabt, wird, sei sie noch so eng, stets den Nörgler
+beschämen. Aber es würde mich nun interessieren, wie du dir die Zukunft
+deiner Kunst denkst, denn aus deinen Reden atmen mir Revolutionen
+entgegen.
+
+DER JUNGE:
+
+Liebster Freund, wie schnell werden wir uns verständigen, wenn du so
+spricht.
+
+DER ALTE:
+
+Und wie erstaunt werden wir sein zu bemerken, daß jeder nicht den andern
+bekämpft hat, sondern sein eigenes Mißverstehen, seine eigene Ungeduld,
+seine eigene Unsicherheit. Lassen wir also alles Allgemeine für diesmal
+beiseite und erzähle mir von dir selbst, von dir allein. Ich denke, daß
+ich so am meisten auch über deine Kunst erfahre.
+
+DER JUNGE:
+
+Meine Kunst! Ich gestehe dir, daß dieses Possesivpronomen für mich etwas
+Erstaunliches und Fremdes besitzt. Wenn ich mich ehrlich prüfe, so habe
+ich eigentlich keine Kunst. Was mich zur Arbeit treibt, ist nicht der
+Drang etwas zu vollenden, nicht der Wunsch von etwas außerhalb meiner
+Sphäre Liegendem Besitz zu ergreifen, nicht oder doch nicht in erster
+Linie die Sehnsucht nach farbigem Bild oder plastischer Gestalt oder
+Deutung eines Schicksals, sondern es ist etwas anderes, seltsames. Es
+ist eine tiefe, immer wachsende Unruhe in meinem Innern; es ist als ob
+in meiner Brust ein Wesen verborgen wäre, das sich selbst kennen zu
+lernen, über sich selbst Klarheit und Wahrheit zu erlangen wünscht und
+für das die Arbeit meiner Hand, das Geschaffene, nichts ist als ein
+Spiegel, in dem es sich betrachten kann und der es je mehr befriedigt
+und beglückt, je ruhiger und ungetrübter er das Bild seiner vorigen
+Verzweiflung um sich selbst wiedergibt.
+
+DER ALTE:
+
+Das haben viele Dichter von heute. Deshalb vermögen sie ihre innere Welt
+nicht mehr genügend zu objektivieren.
+
+DER JUNGE:
+
+Schon wieder der Schulmeister. Dein Tadel trifft nur jene, die noch
+nicht starke Menschen genug sind, oder starke Künstler (denn in meinem
+Sinn bedeutet das dasselbe), um dem Dämon, dem Zwerg, dem unruhigen
+Wesen genug zu tun. Ihr Spiegel ist nicht rein legiert. Dies ist eben
+das Neue: immer wichtiger, bedeutungsvoller, ich möchte sagen,
+göttlicher wird der Mensch und seine Seele. Alle Erlebnisse verdichten
+sich nach innen, alle Verwicklungen betreffen nur das Herz, oder sie
+sind wesenlos und für den Dichter unbrauchbar. Warum das alles so ist
+und wie es gekommen ist, das zu entwickeln fühle ich mich nicht kühl und
+begabt genug, aber daß es so ist beweisen tausend Zeichen. Den groben
+Augen und groben Sinnen scheint das in solcher Luft Gestaltete und
+Geschaffene noch schattenhaft, aber mit der Zeit werden sie schon sehen
+und fühlen lernen.
+
+DER ALTE:
+
+Das alles klingt mir gar nicht so neu und überrumpelt mich nicht so sehr
+wie du anzunehmen scheinst. Ich glaube sogar, deine etwas wortreiche
+Tirade ist völlig zu ersetzen, wenn wir sagen, du habest dich ganz den
+Forderungen der Gegenwart ergeben.
+
+DER JUNGE:
+
+Und damit glaubst du etwas gesagt zu haben? Gut. Ja. Meinetwegen. Wenn
+es dich befriedigt, ein Wort dafür zu wissen, – meinetwegen. Glaubst du
+denn, daß es Laune ist oder Trotz oder die eitle Lust zu verblüffen, was
+unsre Besten in ihren besten Stunden bewegt? Sie sind nicht
+Eigenwillige, sie sind Geschöpfe der Zeit, in ihnen kristallisiert sich
+die Sehnsucht und das geistige Bedürfnis der Menschheit.
+
+DER ALTE:
+
+Von dir wollte ich etwas wissen, von _deiner_ Art etwas erfahren.
+
+DER JUNGE:
+
+Vielleicht bin ich dazu nicht imstande. Was nützte es, sofern du mein
+Vermögen in Zweifel ziehst, wenn ich dir sagen wollte: ich will
+Gestalten geben, deren Seele das reinste und empfindlichste Instrument
+ist für das unbegreifliche Spiel des Schicksals? Ich will meine eigene
+Furcht, mein eigenes Entzücken, meine eigenen Vorstellungen von Leben,
+Gott und Tod zum Bilde machend, Wesen darstellen, die unter dem Druck
+und Anhauch solcher Gefühle unvermittelter, vielfacher tönend reagieren;
+die das Erstaunen des Kindes noch in sich tragen vereint mit der
+Erfahrenheit des weisen Zuschauers und die unter dem Kleid des Alltags
+dennoch wandeln wie wir alle wandeln, unwissend woher, unwissend wohin.
+Ich will den einen zum Schatten machen, denn sein Dasein, seine
+Leidenschaften, seine Triebe, seine Taten sind ihm und andern unbewußt
+dunkel und nichtig wie Schatten, jenem aber, der zur Seite steht, nichts
+will, nichts gibt, nichts vermag, nichts bedeutet, zur charakteristischen
+Gestalt verhelfen. Ich will nicht die Verknüpfung äußerer Erlebnisse
+geben, sondern die Wirrnis der inneren, ich setze keinen Ehrgeiz darein,
+Fäden zu knüpfen und zu lösen. Ich möchte keine Gewitter geben, sondern
+die Entwicklung des Gewitters, die schwülen Lüfte des ahnungsvollen
+Tages, alles was vorher geht, was Verantwortung trägt. Ich will keine
+prahlerischen Ereignisse, sondern ich suche den kleinen Schmerz, der in
+tausendfachen Bildungen die Seele dem Verderben entgegenschleppt, und
+dies alles will ich wieder einer großen Harmonie zuführen, die
+mannigfach geteilten Motive dem Unendlichen vermählen.
+
+DER ALTE:
+
+Das geht weit, das hat Schwung, das klingt nicht übel.
+
+DER JUNGE:
+
+Wie es klingt, ist nicht so wichtig wie das wohin es zielt. Wir alle,
+Kleine und Große, sind Glieder eines einzigen Körpers. Jeder hat teil an
+jedem. Verworfen wird nur der Leugner. Lernen wir es, andächtig und
+ehrfürchtig zu sein.
+
+DER ALTE:
+
+Und wenn wir alt sind, laßt uns nicht vergessen, zur rechten Zeit zu
+sterben.
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand sich ursprünglich am
+Buchende.
+
+p 009: auschließlich -> ausschließlich
+p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt
+p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen
+p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo
+p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren
+p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung
+p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als
+p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a first
+edition copy. The table below lists all corrections applied to the
+original text. The Table of Contents was moved from the back of the book
+to the front.
+
+p 009: auschließlich -> ausschließlich
+p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt
+p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen
+p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo
+p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren
+p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung
+p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als
+p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of IMAGINÄRE BRÜCKEN, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN ***
+
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+
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+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,4765 @@
+The Project Gutenberg EBook of Imaginäre Brücken, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Imaginäre Brücken
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: November 5, 2005 [EBook #17007]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+JAKOB WASSERMANN
+
+IMAGINÄRE BRÜCKEN
+
+
+ STUDIEN
+ UND AUFSÄTZE
+
+
+
+KURT WOLFF VERLAG / MÜNCHEN
+
+
+Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München
+Druck von Dietsch & Brückner, Weimar
+Herbst 1921
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+ Seite
+Was ist Besitz? ....................... 5
+Faustina .............................. 29
+Der Literat ........................... 85
+ Der Literat als Dilettant ........... 87
+ Der Literat als Psycholog ........... 95
+ Der Literat als Tribun .............. 111
+ Der Literat als Schöngeist .......... 124
+ Der Literat als Apostel ............. 131
+ Die Frau als Literat ................ 140
+ Ergebnisse .......................... 145
+Die Kunst der Erzählung ............... 151
+
+
+
+
+Was ist Besitz?
+
+Geschrieben 1919
+
+
+Die Zeit erschüttert die Begriffe und wühlt den Boden auf, dem sie
+entwachsen sind.
+
+Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor allem darum zu
+handeln scheint, den Wert, das Ausmaß und die Rechtsgrundlagen von dem,
+was bisher Eigentum hieß, zu revidieren und umzuformen.
+
+Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher mit
+unwiderlegbaren Argumenten verteidigen konnte, ja der geradezu ein
+Gesellschaftsgesetz war, wird ihm plötzlich streitig gemacht mit
+Gründen, denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck
+verliehen wird durch Drohung von Gewalt. Gewalt ist nicht zu widerlegen.
+
+So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private Existenz
+gegriffen, daß der Bürger, das Mitglied einer Gemeinschaft, die nur zum
+Schutz ihrer selbst besteht, von einem andern Teil dieser Gemeinschaft
+in seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten
+Lebensbedingungen entrechtet werden soll, und daß ihm zugemutet wird,
+die anscheinende Willkür und Unbill nicht bloß geduldig zu ertragen,
+sondern auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere Ordnung darin zu
+erblicken.
+
+Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen die alte
+wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; dazu fehlt mir die Befugnis
+und die Kompetenz. Es soll auch nicht von Schlagworten des Tages die
+Rede sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; sie
+haben die Köpfe genug verwirrt, die Leidenschaften genug erregt. Ich
+möchte das Wesen des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach
+verschiedenen Seiten, auf das innere und auf das äußere Leben, das
+soziale und das individuelle, seine Legitimität und seine Schädlichkeit,
+seine Fruchtbarkeit und seine Unnatur.
+
+
+I
+
+Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfüllt gegen den, der
+Überfluß hat. Es gibt Verstoßene, die durch keine Anstrengung dahin
+gelangen können, wo die Lieblinge des Glückes sich am ersten Tage
+befinden. So entsteht in Hunderttausenden, Millionen Gemütern
+Bitterkeit, Haß, Neid und Auflehnung.
+
+Für den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der andere hat, schon
+Überfluß. Wer nur ein einziges Hemd besitzt, für den ist der Besitzer
+von zwei Hemden ein mit Glücksgütern Gesegneter. Wer sich nicht
+sattessen kann, für den ist der sorgenvollste Satte ein Krösus. Wer kein
+Bett sein eigen nennt, in dem er schlafen kann, für den ist der auf dem
+Strohsack Ruhende beneidenswert.
+
+Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich viele
+Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen des Besitzes hat. Zwischen
+dem in einer Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im
+Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen Nabob in der
+ersten Kajüte mit Bade- und Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf
+der alle Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, alle
+Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle ausdenkbaren Schicksale der
+modernen Welt spielen.
+
+Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf trennende Linie. Sie
+scheidet diejenigen, die ihre Lebensnotdurft nicht stillen können, von
+denen, die in der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse eine
+selbstverständliche Voraussetzung erblicken. An dieser Linie teilt sich
+die moderne Welt in zwei Lager. An ihr wütet der soziale Kampf in seiner
+ganzen Furchtbarkeit.
+
+Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, ein
+Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes Gefüge ist, so muß man sich
+fragen, weshalb das eine Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner
+Bedrückung, seinem Leiden die bevorzugte Situation des andern so lange
+erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, allgemeinen, gewaltsamen Eingriff
+vorzunehmen. Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter der
+Ungerechtigkeit an sich trägt, mußte doch umsomehr zum Umsturz
+herausfordern, als die zahlenmäßige Übermacht zu allen Zeiten auf Seite
+der Entrechteten lag. Waren sie nicht genug durchdrungen von ihrem
+Recht, dem Recht auf Brot und Wärme, auf Luft und Licht? Hat man ihnen
+Schaustellungen des Prunkes erspart? Wußten sie nicht, was erreichbar
+war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem Übermut und ihrer Härte?
+Warum also die Geduld?
+
+Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt auf Seite der Reichen
+war; sie konnten die Gewalt bezahlen, und unter denen, die bezahlt
+wurden, befanden sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre Brüder
+verrieten, eben weil sie bezahlt wurden.
+
+Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, raffiniertes und
+uraltes System von Einschüchterung, Betäubung und Verdummung die Masse
+der Unterdrückten in Bann gehalten hat, und weil zudem die Sorge für den
+Tag, die dringende Notwendigkeit, Obdach, Nahrung und Kleidung zu
+beschaffen, den größten Teil der verfügbaren Kräfte absorbierte.
+
+Es ist ein Stück der Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es
+ist die äußerliche Wahrheit, aber nicht die innere.
+
+Nehmen wir an, es fände heute eine vollkommen gerechte und gleichmäßige
+Verteilung aller vorhandenen Güter statt, beweglichen und unbeweglichen;
+jedem wäre so die Unabhängigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit,
+die Möglichkeit, seinen Anteil nach seinen Gaben und Kräften nutzbar zu
+machen. Dieser paradiesische Zustand würde genau so lange dauern wie
+ein Tüchtiger braucht, um einen Trägen aus dem Feld zu schlagen, ein
+Listiger, um einen Dummkopf zu betrügen, ein Glückspilz, um über einen
+Pechvogel zu triumphieren, eine talentvolle und feurige Persönlichkeit,
+um Anhänger für eine Sache oder Idee zu gewinnen, der sie sich
+versprochen hat.
+
+Daß in der von Menschen (so wie Menschen einmal sind) bevölkerten Welt
+eine Besitznivellierung stattfinden kann, halte ich für denkbar,
+obgleich ich fürchte, daß sie ohne Raub, Bedrückung, Gewalt und
+Ungerechtigkeit nicht durchzuführen ist. Daß sie aber auch nur auf kurze
+Dauer rechnen kann, halte ich bei einer Gemeinschaft, die nicht
+ausschließlich aus Ackerbauern, Fischern, Jägern und Viehzüchtern
+besteht, für undenkbar. Und auch hier würden sich die Schlauen, die
+Tätigen, die Erfinderischen bald absondern, und Herren würden Sklaven
+finden. Eine Binsenweisheit im übrigen.
+
+Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste von allzulange
+hörig Gewesenen erhebt, ist auf den katastrophalen Moment dieser Epoche
+gestellt; sie lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit
+hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer Hypertrophie
+erreicht. Das über und über gehäufte Mehr auf jener Seite soll
+abgetragen werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren. Ich weiß
+nicht, wie das geschehen soll, ich weiß nicht, ob es geschehen kann,
+auf eine vernünftige, ersprießliche, rettungversprechende Art nämlich.
+Daß es wichtig, daß es würdig und menschlich wäre, wenn es geschähe,
+weiß ich, auch wenn mir die Sachverständigen mit klugen und
+wahrscheinlichen Berechnungen vor Augen führen, daß es den Zusammenbruch
+der gegenwärtigen Gesellschaft bedeute, und sich dieser in Rußland ja
+bereits vollzogen habe. Kein Bestand irgendeiner Ordnung vermag dafür zu
+entschädigen, daß lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, daß sie
+besteht.
+
+Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde gehen. Eine Wut der
+Materie hat sich des Zeitalters bemächtigt, die gegen alle Einflüsse des
+Geistes, der Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige
+Nutzanwendung wirft überall die Logik der Dinge und der Geschehnisse aus
+der Bahn. Forderung überschreit Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz
+der Zahl ist im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide gleich
+seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos zu sich selbst, in
+einer durch die Materie getrübten Beziehung zum andern und zur Welt,
+abgetrennt vom sittlichen Verlauf, weil völlig geblendet oder erschreckt
+vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren sein, alle wollen
+sich ihrer bemächtigen.
+
+Jede Tätigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbrüchliche
+Legitimität. Diese Legitimität ruht nicht in der Materie, sondern im
+Geiste.
+
+Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben und Andenken der
+gierigen und unempfindlichen Raffer und Wächter toten Eigentums, die das
+Blut schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul und
+achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution beriefen, wenn die
+Lohnsklaven im Dunst der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende
+Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger sie zur
+Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren gesicherten Asylen
+verschanzten, beschützt von Polizei und Militär, wenn die Not zu ihnen
+schrie, das tausendfältige Elend der Städte sich verzweifelnd erhob, der
+tausendfältige Schmerz seine fahlen Züge zeigte. Wehe den
+Aktienparasiten, den gelangweilten Müßiggängern, den Spielern mit
+Menschenseelen und Wucherern mit Menschenkräften, den Petrefakten und
+dem schillernden Geschmeiß einer untergehenden Welt!
+
+Aber diese Schädlichen und Hinderlichen haben und hatten von jeher im
+Lager der Armen und Geknechteten ein unabsehbares Heer von Lakaien,
+Agenten, Anwälten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen
+Kreaturen, die, gefällig jedem Wink, auf das Erträgnis ihrer Dienste
+angewiesen, in Schranken gehalten durch die Stimme des Eigennutzes,
+zitternd vor der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber, durch die
+Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam, die nach wirkende Zucht der
+Kirche und der Schule zur Indolenz und Scheinüberzeugung gebracht,
+stützendes Element auf der einen, hemmendes auf der andern Seite der
+Linie waren.
+
+Daraus jedoch schließen zu wollen, als hätte die Stabilität der
+bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in unreinen Gesinnungen und
+niedrigen Interessen, in der Trägheit und Knechtseligkeit der Massen
+ihre Ursache, hieße der billigen Demagogie das Wort reden, die heute die
+Straße und die politische Schaubühne beherrscht und die die menschliche
+Natur und das Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder sie
+überhaupt nicht in den Bereich der Argumente zu ziehen vermag. Was
+ebenfalls ein Merkmal geistigen Abstiegs ist.
+
+
+II
+
+Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut oder böse, ist
+Achtung vor dem Besitz des andern Menschen angeboren.
+
+Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits eine anarchische
+Seelenstimmung, die unmittelbar in die Verzweiflung mündet. Ehe solcher
+Zweifel Wurzel faßt, muß der Glaube an die eigene Kraft verschwunden
+sein; es kann keine Idee mehr vorhanden sein, die der Brutalität der
+Wirklichkeit entgegentritt und sie unter sich läßt; das persönliche
+Wertgefühl ist ertötet.
+
+Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang Idee. Nicht das, was mir
+vorenthalten wird, ist der fremde Besitz, sondern das, was mir
+unerreichbar ist; nicht das, worum ich durch Fügung oder Tücke betrogen
+worden bin, sondern das, was außerhalb meiner Sphäre liegt.
+
+Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die Norm der sittlichen
+Verfassung vorausgesetzt, kommt es nicht in Frage, ob der Nachbar, der
+Freund, der beliebige Andere Vorrat und Anhäufung von Dingen hat, an
+denen ich Mangel leide. Auch seine Würdigkeit kommt nicht in Frage, sein
+Wagnis nicht, seine Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den
+Andern, sondern nur, was mich betrifft.
+
+Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich. Was ich von der Welt
+erringe, um meinen leiblichen oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist
+Besitz. Besitz ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Faßbares,
+Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium meiner Person und
+innerhalb ihres Wirkungskreises irgend Leben erhält.
+
+Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von Besitz, ein
+Unschaubares, Unfaßbares, Unbrauchbares, das Unding schlechthin. Deshalb
+entsteht Täuschung und Lüge, wo es für Besitz genommen wird, Haß und
+Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt es sich nicht in das Ding, gibt
+es seinen Charakter als Vorwand nicht auf, bleibt es als häßliche
+Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz und gar Gespenst
+von Besitz, so ist es verzeihlich und logisch, daß unter denen, die von
+seinem widrig-geheimnisvollen Zauberring ausgeschlossen sind, die in Not
+verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen, eines Schattens, einer Formel
+nicht bemächtigen können, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht, eine
+finstere Erbitterung, schließlich ein Wahnsinn, Massenwahnsinn, der
+genau das Bild unserer Tage malt.
+
+Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das Unding ist eines mit
+dem Ungeist.
+
+Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens die Würde seines
+Seins. Am Ding kann ich mich messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann
+es mir inkarnieren, es kann mich nähren, kleiden, schützen, tragen,
+fördern; es ist, je nachdem, Schmuck oder Lehre, Lohn oder Geschenk,
+Waffe oder Trophäe, Beute oder Erwerb.
+
+Die ursprüngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen dem Ding
+gegenüber ist die Ehrfurcht vor seiner Bestimmung. Und davon ging ich
+aus. Es knüpft sich hieran von selbst der Glaube an die persönliche
+Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung. Das quälende
+Mißverhältnis in der sozialen Wirtschaft, die unüberbrückbare Kluft
+zwischen den aufs äußerste gesteigerten Extremen fällt allein dem Dämon
+zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt, denen trotzdem
+Tauschgeltung eignet, das den Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung
+entwertet und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung der
+sozialen Kräfte herbeiführt.
+
+Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges und
+Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser ist für den, der besitzt,
+kennzeichnet es auch die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es
+sind dies, tiefer betrachtet, zwei völlig verschiedene Gattungen von
+Menschen und demgemäß zwei völlig verschiedene Eigenschaftsgruppen, die
+zu betrachten sind.
+
+Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Phänomen, daß zwischen dem
+Verlangenden und dem verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung
+herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinität, die auf die
+Schnelligkeit der Erfüllung Einfluß hat, ein seelisches Fluidum, das mit
+größerer oder geringerer Gewalt das Zueinandergehörige zueinander
+bringt. Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch, kann man auch vom
+Schicksal zwischen Mensch und Ding sprechen.
+
+Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist, das zu entscheiden,
+ist nicht einfach. Das Erwägen solcher Möglichkeit freilich fordert
+bereits die Entrüstung der Rationalisten heraus, und ich möchte in
+diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und Wirkung eines
+Magnetismus dürfte auch von Grobnervigen nicht geleugnet werden; er
+kommt ja in alltäglichen und trivialen Vorgängen oft genug zur
+Erscheinung. Bemerkbar ist natürlich das Verhalten des Menschen, der
+zum Ding steht.
+
+Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen, Fähigkeit,
+Überlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte Wert, der Wert im
+Bewußtsein der andern und die Weite des trennenden Wegs bringen die
+Summe des Müheaufwandes hervor und ergeben die moralische Schätzung für
+ihn. Ehrgeiz entfaltet sich; Pläne werden erdacht; Anstrengungen
+wiederholen sich beständig; der Geist wird gebunden und auf ein Ziel
+gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt werden müssen;
+Hindernisse erheben sich außen, Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der
+Wunsch trübt sich, erglüht wieder; alles dies in niedriger wie in hoher
+Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei dem Ringen um ein kostbares
+Gut. Das Bild dessen, was errungen werden soll, ist das fortwährend
+verjüngende und erneuernde Movens, der Kräftespeicher, der Feuerspender;
+es diktiert den Rhythmus, die Flughöhe, schafft die Züge und die Gestalt
+des Lebens, es ist das Leben geradezu.
+
+Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen Lebensgesetz
+stehen, sind hiervon in gleicher Weise umschlossen. Wo das Unding nicht
+die Herzen und Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Geschöpf
+einerseits zur Maschine oder gar zum Teil einer Maschine erniedrigt hat,
+andererseits die, die sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in
+feige, stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende, nur
+menschenähnliche Hüter und Zuchtmeister verwandelte, überall dort ist
+Spiel freier Kräfte, Spannung und Ausgleich, Begehren und Befriedigung,
+Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren Stufen auf obere, von
+oberen auf untere, Aufstieg und Fall, edle Sucht und gemeine,
+eigennütziger Trieb und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung in
+der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des Besitzes die Deutung
+und der Inbegriff der vitalen Bewegung.
+
+Sogar jene Unglücklichen, die Hingewürgten und ihre Würger, kennen sie
+auch nicht den Besitz als schöpferisch treibendes Element, so kennen sie
+ihn doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verhängnis des
+Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden der Fetischismus, bei den
+entseelt Besitzlosen die Rauschillusion und Aufpeitschung durch das
+Stimulans.
+
+Die opfervolle Bemühung, das engverstrickte Maschenwerk von Interessen
+und Leidenschaften, das erschütternde Theater des Empor und Hinab der
+Existenzen nennt man sozialen Kampf. Es ist, näher besehen, der Kampf
+des einzelnen um sich, um das, was er liebt, um den Boden, um die Luft,
+um das, was er braucht, damit er sein kann, was er ist.
+
+Geprüft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt durch die Prämie. Je
+spezifischer, persönlicher, einmaliger, einzigartiger die Leistung,
+desto höher die Prämie, sei sie nun von materieller, moralischer oder
+geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange vorenthalten, auf
+lange Sicht gebucht, und wird, in ihrer letzten Entmaterialisation als
+Ruhm, als Kult bezahlt; völlig unterschlagen kann sie nur in seltenen,
+tragischen Fällen werden.
+
+Darum löst die Prämie, wenn sie im harmonischen oder wenigstens
+annähernd harmonischen Verhältnis zur Leistung steht, das Gefühl
+vollzogener Gerechtigkeit aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner
+Betätigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf des ganzen
+Gesellschaftsorganismus in ihr seinen Herzpunkt hat, ist auch jeder
+irgendwie für sie in Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das
+System befehden, mögen List, Betrug, Verbrechen die Prämie verdrängen,
+verkleinern, abwendig machen, den natürlichen Gang beeinflußt es nicht.
+
+Der Fähige fordert und wird bezahlt. Im Unfähigen schlummert neben der
+Traurigkeit des Unbelohnten auch ein heimliches Bewußtsein von Schuld.
+
+
+III
+
+Das Buch, das ich erworben habe, ist mein Eigentum. Derjenige Teil
+meiner Arbeit, der den Kaufpreis repräsentiert, ist die Leistung.
+
+Somit wäre der Prozeß ein- für allemal erledigt: ich kaufe ein Buch,
+stelle es ins Regal und bin Besitzer. Ob ich es gelesen oder nicht
+gelesen, benützt oder nicht benützt, verwertet oder nicht verwertet
+habe, das ändert an meinem Besitzrecht nichts.
+
+In der Tat ist dies der Vorgang bei allem bürgerlichen Besitz: die
+Leistung ist erledigt und bewiesen durch den Kauf, wobei ich nach dem
+bisher Gesagten unerörtert lassen kann, ob sie legitim oder illegitim
+ist. Es kommt das weiter nicht in Betracht.
+
+Nun leuchtet es ein, daß es keineswegs dasselbe ist, ob ich einen Sack
+Mehl kaufe, um ihn zum Kochen und Backen zu verwenden, oder ob ich
+Bücher kaufe, um sie ins Regal zu stellen. In dem einen Fall ist meine
+Leistung zweckhaft, im andern anscheinend zwecklos.
+
+Man nehme jedoch an, ich sei Sammler von Büchern, es sei meine Passion
+und mein Entzücken, seltene Ausgaben, kostbare Exemplare oder eine
+möglichst vollständige Reihe der über eine Wissenschaft erschienenen
+Werke zu besitzen, so tritt bereits eine Zweckhaftigkeit hervor, auch
+dann, wenn ich mich niemals mit einem von ihnen beschäftige, ihren
+Inhalt nicht kenne, nicht verstehe, nicht schätze.
+
+Oder man nehme an, ich hätte eine umfangreiche Bibliothek ererbt und
+obwohl ich lieber faulenze oder Forellen fische oder Blumen züchte, sei
+ich durch Pflicht der Pietät, stille Abmachung von Geschlechtern her
+verbunden, sie unangetastet, unverwertet in meinem Hause zu verwahren,
+selbst auf die Gefahr hin, daß sie mir zur Last falle.
+
+Und schließlich nehme man an, die Bücher seien mir unentbehrlich, weil
+ich mir eine bestimmte Einsicht, eine Erkenntnis verschaffen will, weil
+sie Hilfsmittel zu meiner Arbeit sind, weil ich zu jedem einzelnen in
+einer besonderen Beziehung stehe, die beständig wechselt, beständig
+fluktuiert und infolgedessen sich beständig erneut, meine
+Persönlichkeitsgrenze erweitert und die Fähigkeit zur Leistung erhöht,
+so liegt der Zweck offensichtlich am Tage.
+
+Demgemäß sind vier Kategorien des Besitzes zu unterscheiden:
+Verbrauchsbesitz, Schmuckbesitz, Erb- und Anhäufungsbesitz und
+Produktionsbesitz.
+
+Das Merkmal des Verbrauchsbesitzes ist der Abbruch der Leistung mit dem
+Nutzgenuß; des Schmuckbesitzes: die Leistung zum Phantasiegenuß; des
+Erb- und Anhäufungsbesitzes: die brachliegende Leistung; des
+Produktionsbesitzes: die Verwandlung der Leistung in höherer Sphäre zu
+höherer Gestalt.
+
+
+IV
+
+In Bernard Shaws »Candida« sagt der Pastor Morell: Wir haben so wenig
+das Recht, Glück zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu
+verbrauchen, ohne ihn zu erwerben.
+
+Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den stärksten Nachdruck auf die
+Begriffe: Glück erzeugen und Glück verbrauchen. Einen um so stärkeren
+Nachdruck, als diese scheusälig entwürdigte und besudelte Welt um uns
+so glücklos geworden ist, so zerfetzt und entstellt und in den Morast
+geschleift, daß sie in unserm beleidigten Bewußtsein nicht mehr froh
+gemacht werden kann, und wenn Gott die Heerscharen seiner Engel als
+Gärtner und Baumeister schickte.
+
+Wer sind die, die mehr Glück erzeugen, als sie verbrauchen? Seltene
+Menschen, die seltenen Weisen, seltenen Dichter, seltenen Lehrer und
+Versöhner, Former der Herzen, die Ausjäter, Wahrheitskünder,
+Gestaltenbildner, die oft im verborgenen stehen, ins verlorene gehen, in
+der Tiefe hinschwinden, der sie entstammen. Und je mehr Glück sie
+erzeugen, je weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu
+verbrauchen. Sie produzieren den Überschuß, der der Menge der zur
+Produktion minder Befähigten zugute kommt.
+
+Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel Glück der Sammler
+von Büchern, Münzen, Teppichen, Gläsern, Waffen oder sonstigen Dingen
+erzeugt. Zumeist ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer. Tiefes
+Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem die Freiheit fehlt, den Besitz
+hörig macht. Alles Segensreiche liegt aber in der Freiheit, in der
+Mitteilung, in der schenkenden Kraft.
+
+Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen der Rechenschaft
+entziehen, so auch die letzten Ziele. Selbst bei den primitivsten fließt
+das Endliche an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich seiner
+Motive und Absichten klar zu sein dünkt, wäre sonderbar getäuscht, wenn
+er alle Folge im Schicksalsverlauf überblicken könnte. Wie das endlich
+Gedachte unendlich, so wird das eigensüchtig Getane allgemein; in
+irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg, zu irgendeiner Zeit.
+
+Die egoistisch beschränkte Leidenschaft eines Sammlers, die
+gesellschaftsfeindliche Gier eines Güteranhäufers ruft Bewegung weit
+über den Kreis dieser Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv
+auf andere Individuen und verdichten sich außerdem im Objekt. Von da aus
+schaffen sie neues: sie schaffen Werke, Anschauungen, Spannungen,
+Wetteifer, Erkenntnis, Freude und Schönheit. Das Individuum und seine
+Motive sind überwunden. Die Dinge und die in ihnen verdichtete, von
+ihnen wieder ausströmende Bewegung überwinden die Niedrigkeit und die
+Endlichkeit des Individuums.
+
+Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken stehen, welche einst
+Eigentum der Borgias waren, haben keine Erinnerung daran und brauchen
+sich nicht an der Tatsache zu stoßen, daß diese Leute infame Giftmörder
+und Banditen waren, die nebstbei die modische Herrenlaune hatten, Bilder
+und Statuen zu sammeln.
+
+Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten, auch auf den
+Sammler, der als Figur erklärt hat, was zu erklären war. Wichtig ist die
+Erzeugung von Glück, von Freude, von Schönheit. Sie ist keineswegs nur
+von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abhängig; sie umfaßt das ganze
+Gebiet des realen Lebens, das Angenehme, das nutzlos, das Spielhafte,
+das brotlos, das Glänzende, das zwecklos ist, den Überschwang und
+Überfluß, die heitere Fülle, Fest und Illumination, den Perlenschmuck am
+Hals einer Frau, den Pomp des Fürsten, den Luxus des Millionärs, die
+Puppe in der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht, die
+Marmorsäule des Tempels, die bunte Tracht des Wilden, den goldenen
+Rahmen eines Spiegels, die Blumen auf einem Grab.
+
+Dies alles ist Frucht des Besitzes, und würde nach der unmittelbaren
+Nützlichkeit gefragt, so müßte geantwortet werden: es ist verschwendeter
+Besitz. Die Frage nach Nützlichkeit und Notdurft steht der nach Glück
+und Schönheit schroff gegenüber. Wäre es den Menschen versagt, für ein
+anderes Ziel zu arbeiten als für die Befriedigung ihrer leiblichen
+Bedürfnisse, mehr anzustreben als höchstenfalls das persönliche Behagen
+auf Grund der Erfüllung der gemeinen Sinnengelüste; wären diese
+gewährleistet und der Pakt würde geschlossen um den Preis der Abkehr von
+Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und Überflüssigem, so verwandelte
+sich die Erde in ein düsteres Gefängnis, wo zweckbeladene, vom Zweck
+kastrierte Sklaven langsam zu Idioten würden, in einen Stall satter,
+verdauender Tiere, von denen eine Anzahl von Zeit zu Zeit die übrigen
+in geheimnisvoller Tollwut überfallen und zerfleischen würde. Diese
+Tollwut wäre die Rache der verstörten, vergifteten, medusisch gewordenen
+Phantasie; denn Phantasie kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins
+mörderische verkehrt werden.
+
+Leben wir denn nicht in einer Welt, ähnlich der? Nur daß der Pakt
+unzulänglich ist, daß die gemarterten Tiere, weit entfernt, satt zu sein
+und zu verdauen, hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande
+gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die Kreatur winselt.
+Nutzzweck heißt der Tiger, der uns in den Klauen hält, daß das edelste
+Blut der Menschheit ausrinnt und sie sich nur noch müht um das, was ihre
+Blöße bedeckt und ihren Magen füllt. O angstvoll starre Blicke, auf den
+Trog geheftete Blicke, ihr kennt kein geläutertes Verlangen mehr; o
+Freunde, zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach gejagte Vögel, ihr
+wißt nichts mehr von Aufschwung und Jubel, der Enthusiasmus ist
+gestorben in euern Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem
+Büttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von der Maschine, von der
+Materie, vom Zweck Besiegte und Entherzte!
+
+
+V
+
+Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so verschieden wie Ich
+und Welt. Wer ein Ding besitzt, unternimmt es, ein Stück Welt seinem Ich
+einzuverleiben. Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt im Problem
+der Identität.
+
+Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind äußerliche
+Regelungen und Festsetzungen, soziale Dringlichkeiten. In Wahrheit
+erringe ich den Besitz einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe.
+Es gibt kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe.
+
+So wäre also auch die Liebe ein Problem der Identität? In der Tat
+scheint es mir so zu sein. Setze ich an die Stelle des Begriffes »Welt«
+den Begriff »Du«, so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles
+Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du machen. Es ist die
+höchste erreichbare Stufe des Besitzes, und deshalb hat auch die
+Dichtung kein anderes Wort dafür als: einander besitzen.
+
+Um aber das Alltägliche des Gegenstandes nicht zu früh aus dem Auge zu
+verlieren, so wird man einwenden, es heiße doch viel gefordert von der
+Spannweite und dem Liebesvermögen der menschlichen Psyche, wenn man ihr
+zumutet, daß sie sich mit allen den Dingen erotisch verschmelzen soll,
+die unentbehrlich sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz, all
+den Krücken und Behelfen, den Bindungen und Füllseln, deren Bestimmung
+es ist, aufgenommen und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt
+zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren schließlich, das bei besserer
+Einsicht und vermehrter Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren
+weichen oder bei herabgedrückten Umständen abermals dem Geringeren Raum
+geben muß.
+
+Darauf ist zu erwidern, daß das durchaus eine Angelegenheit des
+subjektiven Kräfteverhältnisses und der individuellen Phantasiefähigkeit
+ist. Ich kenne Leute, denen es, bei offenbarer Wohlhäbigkeit, eine
+gewisse Überwindung kostet, sich von einem Paar abgetragener Stiefel zu
+trennen, wie es andere Leute gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen
+teuern Menschen von sich stoßen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Es kann
+sogar ein und dieselbe Person sein, die beides zu tun imstande ist. An
+Dingen Haftende sind gewöhnlich nicht solche, die für Menschen glühen
+oder für Menschliches sich einsetzen, und andererseits hat die
+Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare Liebe für das Ding zur
+Folge. Die universalen Seelen, wie Goethe eine war, vermögen mit ihrer
+Liebe ein ganzes Universum zu umschließen, den Stein, die Blume, die
+Sterne, die Werke der Künstler, die Menschheit, den Teufel und Gott; die
+engen Herzen müssen mit ihrem beschränkten Platz wirtschaften, und wenn
+es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung fehlt, geht alles
+drunter und drüber, und das Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften,
+zum Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik. Man ist geneigt,
+darin Lüge und Verlogenheit zu sehen, es ist aber meist nur Enge und
+wegen der Enge Verwechslung und Verwirrung.
+
+In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte alle Dinge, die mir
+in sinnvoller Beziehung zu denen zu stehen schienen, welche sie besaßen.
+Ich liebte sie fast ebenso, als hätte ich selbst sie besessen. In dem
+Maß, als mir Besitz zuwuchs, so kärglich dieses Maß auch war, erlahmte
+die Fähigkeit zu solcher Phantasieliebe, denn die von mir besessenen
+Dinge standen fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie
+entkräfteten die Flügel, die im Fluge alles bedecken, sie ernüchterten
+die Augen, die im Traum alles an sich reißen konnten, im Traum der
+Identität.
+
+Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos. Nur der ist es, der
+wissend auf Besitz verzichtet. Aber es ist dies kein gesellschaftliches
+Ideal, sondern ein religiöses, kein europäisches, sondern ein
+orientalisches, kein sentimental-humanitäres, sondern ein
+unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung, sofern man überhaupt
+von der Verwirklichung eines Ideals reden kann, führt nicht das
+modern-kommunistische Diktat der Enteignung, sondern das
+mythisch-buddhistische der Entäußerung.
+
+»Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und zwar: durch Auflösung
+von Bild und Begriff wird Bewußtsein aufgelöst, durch Auflösung des
+Bewußtseins wird Bild und Begriff aufgelöst, durch Auflösung von Bild
+und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst, durch Auflösung des
+sechsfachen Reiches wird Berührung aufgelöst, durch Auflösung der
+Berührung wird Gefühl aufgelöst, durch Auflösung des Gefühls wird Durst
+aufgelöst, durch Auflösung des Durstes wird Anhangen aufgelöst, durch
+Auflösung des Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösen des
+Werdens wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter und
+Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung gehn
+zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensstückes Auflösung zustande.
+Auflösung, Auflösung!«[1]
+
+[Fußnote 1: Reden Gotamo Buddhos, übersetzt von Neumann.]
+
+
+
+
+Faustina
+
+Ein Gespräch. Geschrieben 1907
+
+
+Vor Jahren hatte in einem geselligen Kreis, in dem ich damals verkehrte,
+die junge C. viel Aufsehen gemacht. Abkömmling einer alten Adelsfamilie,
+hatte sie sich, kaum zwanzig Jahre alt, von dem Zwang und Drill ihrer
+Welt befreit, um, wie sie sich ausdrückte, »selbst« zu leben. Die
+Ungebundenheit ihrer Lebensführung war in der Tat erstaunlich. Eine
+Zeitlang kämpfte sie im größten Elend; plötzlich ging sie zum Theater,
+dort heiratete sie einen Schauspieler, von dem sie sich nach
+dreimonatlicher Ehe wieder trennte. Um Geld zu verdienen, übersetzte sie
+mittelmäßige Romane aus dem Französischen. Eines Tages hieß es, sie sei
+mit einem reichen Brasilianer verlobt und mit ihm in seine Heimat
+gereist. Aber schon nach Jahresfrist kam sie zurück, -- ohne Brasilianer,
+leider genau so arm wie zuvor.
+
+In dieser Zeit näherte ich mich ihr. Wir hatten uns ziemlich viel zu
+sagen. Faustina, so wurde sie meist kurzweg genannt, war geistreich,
+und, was mehr ist, ihr Geist hatte Fundamente. Sie war schön und sie war
+exzentrisch; nimmt man aber dies Wort in genauem Sinn, so hatte sie mehr
+Mittelpunkt als diejenigen, in deren Bezirk sie sich fremd erschien. Ob
+sie auch immer anziehend war, lasse ich dahingestellt; eine Fremde war
+sie durchaus, stets fremd, nie bürgerlich vertraut, höchstens seelisch
+verwandt. Zur Abenteuerin fehlte ihr die Skrupellosigkeit, und um eine
+große Dame zu sein, war sie zu ruhelos und zu voll von Opposition.
+
+Wieder eines Tages war Faustina verschwunden. Sie verabschiedete sich
+nicht einmal von mir. Niemand wußte, wohin sie gegangen war, und sie
+blieb verschollen. Man vergaß sie, auch ich verlor sie beinahe aus dem
+Gedächtnis. Da, wiederum nach Jahren, begegne ich ihr plötzlich auf der
+Straße. Sie gewahrt mich, sie zögert, ich mache Miene, sie anzureden,
+sie grüßt und geht weiter. Kurz darauf erhielt ich ein Billett von ihr
+mit der Aufforderung, sie zu einer bestimmten Abendstunde zu besuchen.
+
+Sie wohnte in einer Vorstadtpension. Ich trat in ein Zimmer, das die
+übliche Halbeleganz fliegender Quartiere aufwies. Faustina war noch
+immer schön, aber wie von einem sich entlaubenden Baum kann man auch von
+dem Herbst eines menschlichen Gesichts sprechen. Ohne Zweifel las sie in
+meinem Gebaren, daß ihre lakonische Einladung eher geeignet war, Neugier
+zu erregen als an freundliche Beziehungen zu erinnern. »Die Sache ist
+die, daß ich ganz ausgehungert darnach bin, mit einem vernünftigen
+Menschen zu reden«, sagte sie. »Ich habe berechnet, daß ich seit
+siebzehn Monaten bloß mit Kellnern, Kutschern, Zimmervermieterinnen,
+Hausmeistern und Ladenmamsellen gesprochen habe. Das heißt doch leben,
+wie? Daß ich so viel Talent zur wandelnden Mumie besitze, wer hätte das
+gedacht.«
+
+»Sie haben immer zu überraschen verstanden, Faustina«, versetzte ich
+ablenkend.
+
+»Als ich Sie auf der Straße sah,« fuhr sie fort, »hatte ich ein Gefühl
+just wie Robinson, als er das erste Schiff vor seiner Insel gewahrte.«
+
+»Und doch sind Sie davongelaufen, gar nicht wie Robinson, sondern wie
+Freitag, der scheue Wilde.«
+
+»Ja; scheu bin ich geworden. Wenn ich wenigstens schreiben oder
+musizieren könnte! Den Kunstdilettanten bietet die Welt immer noch
+Lockungen, und von allem, was im Menschen abzutöten ist, stirbt die
+Eitelkeit zuletzt. Aber leider, ich bin stumm geboren, und der bloße
+Kunst_genuß_ quält den Stummen manchmal mehr, als er ihn beruhigt.«
+
+»Ich wundre mich, Faustina. Sie waren doch stets obenauf. Eine richtige,
+tüchtige Schwimmerin waren Sie. Haben Sie denn keine Arbeit, keine
+Betätigung mehr?«
+
+»Ich finde es langweilig, zu arbeiten. Was kommt dabei heraus? Eine Art
+von Trunkenheit und Selbstbetrug bestenfalls. Arbeiten, wie das klingt!
+Dem Leben mit Gewalt ein Versprechen abnötigen! Ich brauche keine
+Versprechungen mehr, ich glaube an keine mehr. Vorläufig hab ich noch
+ein bißchen Kapital, meine Eltern sind nämlich gestorben, und man hat
+mir den Pflichtteil ausbezahlt. Aber von den Zinsen könnt ich nicht
+leben, das würde höchstens für eine Büchse Kaviar im Monat reichen.«
+
+»Also ist am Ende Ihre Einsamkeit ein ökonomisches Prinzip?«
+
+»Um Gottes willen, wer wird so philisterhaft denken!«
+
+»Und da treiben Sie sich nun mutterseelenallein herum, ohne Genossin,
+ohne Freundin --?«
+
+»Ach was, Freundin! Ich habe keine Freundin, habe nie eine gehabt. Eine
+Frau hat niemals eine Freundin.«
+
+»Aber die Freunde, Faustina! Sie ließen mich einmal glauben, daß ich Ihr
+Freund sei.«
+
+»So? Wirklich? Mag sein, doch ich ärgerte mich, daß Ihnen keinen
+Augenblick lang der Einfall kam, etwas anderes sein zu wollen.«
+
+Sie lachte über mein verdutztes Gesicht und fuhr fort: »Spricht man
+hingegen nicht vom Freund, sondern von den Freunden, so muß ich
+gestehen, daß ich für solche Beziehungen nicht viel übrig habe. Die
+Freunde, das sind Wesen von einer geradezu lächerlichen Gefräßigkeit.
+Sie verdauen schneller als die Hühner, und sie bleiben immer mager, ihr
+Herz bleibt immer mager.«
+
+»Dennoch, Faustina, mit Menschen verbunden zu sein, bleibt der schönste
+Vorzug des Menschen. Einen isolierten Zustand schadlos zu ertragen, dazu
+gehört schon eine ungewöhnliche Seelenstärke.«
+
+»Mag sein, mag sein«, erwiderte Faustina, und sie lächelte unbestimmt
+vor sich hin.
+
+»Offen gestanden, hätte ich nicht erwartet, Sie so zu finden«, fuhr ich
+fort. »Ich dachte Sie mir in großen Erlebnissen. Eine Gestrandete, oder
+wie Sie sagen, einen Robinson, nein, das hatte ich nicht erwartet.
+Faustina unentflammt, Faustina ohne Liebe, ohne Verliebtheit, Faustina
+einsam, was hat das zu bedeuten?«
+
+Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete. »Was kann es
+andres zu bedeuten haben, bester Freund, als daß für Faustina keine
+Liebe mehr da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die Rahel
+Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person war, hat es einmal als
+besondere Genialität Goethes gepriesen, daß er im Wilhelm Meister die
+drei Frauen, die lieben können, Marianne, Aurelie und Mignon, sterben
+läßt; denn, sagte sie, es ist noch keine Anstalt für solche da. Sehr
+tiefsinnig: es ist noch keine Anstalt für solche da! Sie schweigen? Sie
+meinen, ich lebe ja. Gewiß, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch.
+Ehemals, da spürte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt empfinde ich die
+ganze Kälte des Zeitalters. Vielleicht ist es mein Mißgeschick, für eine
+Epoche geboren zu sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff
+ist.«
+
+»Verallgemeinerungen sind töricht. Man muß sich, Faustina, vor der
+Manier der Malkontenten hüten. Der Malkontente nämlich, das ist ein
+Mensch, der aus seiner persönlichen Unfähigkeit eine Weltanschauung
+macht.«
+
+»Sie sind sehr deutlich, mein Lieber. Ich bin aber keine Malkontente.
+Malkontente opfern sich nicht.«
+
+»Haben Sie sich denn geopfert?«
+
+»Wenn es opfern heißt, zu lieben, wahrhaft zu lieben, sich wegzuwerfen --«
+
+»Sich wegzuwerfen, das heißt nicht lieben und das heißt nicht sich
+opfern. Doch wir verstimmen uns im Wesenlosen. Erzählen Sie mir.
+Erzählen Sie mir von Ihrem bisherigen Leben. Es gibt nichts
+Überzeugenderes als das Erlebnis, Faustina, nichts Unbedingteres als die
+Art, wie ein Mensch von Erlebnissen sie vorzutragen weiß.«
+
+»Um keinen Preis. Ich kann nicht von mir sprechen, solang Sie argwöhnen,
+daß ich meine persönlichen Enttäuschungen gewissermaßen an der Zeit
+rächen möchte.«
+
+»Es ist schwer, liebe Freundin, und nicht einmal dem Glücklichen gelingt
+es, Zeit und Schicksal auseinanderzuhalten.«
+
+»Was wäre auch zu erzählen«, versetzte Faustina. »Eine Geschichte wie
+hundert andere. Wenn ich Ihre Erwartungen in bezug auf meine Person
+betrüge, so ist das Ihre Schuld.«
+
+»Sie sagen, Sie hätten geliebt und sich weggeworfen. Darin liegt mehr
+Schuld, als Sie glauben.«
+
+»Ich habe keine Schuld. Oder sind übertriebene Hoffnungen eine Schuld?
+Bin ich dafür verantwortlich, daß eure Gesellschaft, wie sie nun einmal
+ist, Liebe nicht mehr gewährt, daß für die Liebe kein Platz mehr in ihr
+ist? Sie schütteln den Kopf, und doch ist es so. Gibt es heutzutage noch
+eine Gestalt, in der Dichtung oder im Leben, deren Existenz in der Liebe
+wurzelt? Der Politiker, der Staatsmann, der Forscher, der Erfinder, der
+Soldat, der Fabrikant, der Börseaner, im Notfall sogar der Künstler, sie
+alle können ein modernes Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man
+bewundert eine Figur wie die des Casanova, man findet eine Frau wie
+Julie de Lespinasse äußerst rührend, man erstaunt über Ninon de
+l'Enclos, aber sie sind im Grunde nichts weiter als Legenden und
+Raritäten, man hat für sie das Interesse des Orientalisten, der
+babylonische Ruinen ausgräbt. Wenn Casanova heute erschiene, würde er
+wahrscheinlich als Hochstapler ins Gefängnis gesteckt werden, und auch
+bei Don Juan würde schließlich anstatt des steinernen Gastes ein
+Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat, der Forscher, der
+Künstler, sie sind heute nichts weiter; Staatsmann, Soldat, Forscher und
+Künstler, basta; darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert.
+Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie Voland oder die Briefe
+Mirabeaus an Mademoiselle de Monnier, so zeigt sich, daß da über den
+Geist hinaus, über ein allgemeines, ja welthistorisches Wirken hinaus
+noch Leidenschaften blühten, zwecklos wie die Blumen in einem Garten.
+Heutzutage ist die Liebe das Geschäft der Poeten, ob sie nun schreiben
+oder bloß träumen, und nicht einmal der berufensten, denn die stellen
+sich würdigere Aufgaben, sie müssen Probleme lösen. So sagt man doch:
+Probleme lösen. Nußknacker der Zeit, die sie sind.«
+
+»Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, daß die menschliche Natur
+immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen der Zeit bringen nur eine
+oberflächliche Häutung mit sich. Es sind Wandlungen des Geschmacks, der
+Mode, der Manier, der Gebärde. Herz und Blut verwandeln sich nicht. Die
+Leute des achtzehnten Jahrhunderts gefielen sich in schwungvollen
+Episteln; das war eben der Geist der Epoche. Sie mögen uns überlegen
+gewesen sein in der Fähigkeit, über ihre Empfindungen zu reden und sich
+darin zu spiegeln, darum aber waren die Empfindungen selbst nicht
+tiefer. Sie hatten auch die Gabe, alltägliche wie besondere Ereignisse
+ihres Daseins in der Konversation auf das anmutigste zu behandeln. Ich
+gebe zu, daß damit eine Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren
+Verlust wir beklagen müssen --«
+
+»Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte. Unsere Form der
+Geselligkeit macht das Entstehen der Liebe fast unmöglich. Bringen Sie
+einmal ein Dutzend Menschen aus derselben Bildungssphäre zusammen, die
+einander halbwegs fremd sind. Abgesehen davon, daß Sie Gespräche hören
+werden, bei denen Ihnen die Haut schaudert, wird auch der einzelne mit
+dem Wunsch nach Annäherung die größten Schwierigkeiten finden.«
+
+»Wir sind eben schweigsam geworden.«
+
+»Nur schweigsam? nicht auch zerstreut, nicht auch müde? nicht auch
+faul?«
+
+»Nur schweigsam. Unsere Altvordern, die hatten viele Heimlichkeiten,
+aber Geheimnisse hatten sie eigentlich keine. Für uns spielen
+Heimlichkeiten keine Rolle mehr, dagegen sind wir voll von Geheimnis.
+Ehemals kannte man in der Chemie nur vier Elemente, heute hat sich alles
+Elementare in Atome gelöst. Ähnlich ist es der Gesellschaft ergangen.
+Wir haben keine Gesellschaft mehr, weil jedes Individuum als eine Welt
+für sich und mit dem ganzen Geheimnis seiner Welt auftritt.«
+
+»Auch mit der ganzen Anmaßung seiner Welt.«
+
+»Gut. Natürlich war es bei geschlossenen Gesellschaftskomplexen, wo
+jeder gleichsam das Abzeichen seiner Kaste trug, viel leichter, gewisse
+Kulturideale, oder besser gesagt, modische Ideale durchzuführen und als
+gang und gäbe festzuhalten. Modische Ideale haben wir nicht mehr, weil
+wir von vornherein entschlossen sind, in nichts, was mit dem Ideal
+zusammenhängt, Konzessionen zu machen. Deswegen kann die Liebe keine
+gesellschaftliche Übereinkunft mehr sein, deswegen auch hat sie keine
+gesellschaftliche Abgrenzung mehr. Es haben sich die Grenzen verschoben,
+nach außen und nach innen. Nach außen und nach innen ist alles
+komplizierter geworden; oder sagen wir: verfeinerter, oder:
+verschwiegener. Ehemals begehrte man in einem Liebesverhältnis die
+Person des Liebenden oder Geliebten, jetzt begehrt man mehr, nämlich die
+Persönlichkeit.«
+
+»Modische Ideale oder andere Ideale, darnach frag ich nicht«, entgegnete
+Faustina lebhaft. »Ideale aufzustellen, in dieser Beschäftigung habt ihr
+es freilich zu einer gewissen Handfertigkeit gebracht. Aber die Sache
+scheint mir die, daß zwischen Ideal und Wirklichkeit eine so ungeheure
+Entfernung ist, daß die beiden schon gar nichts mehr miteinander gemein
+haben. Da ist kein Weg, keine Brücke. Es ist, als riefe man mir zu: geh
+nach dem Mond. Es war der Vorzug vergangener Zeiten, daß sie
+realisierbare Ideale hatten.«
+
+»Heißt denn das schon ein Ideal realisieren, wenn man imstande ist, sich
+gesellschaftlich mitzuteilen oder selbst hinzugeben?« erwiderte ich.
+»Konversation fordert Leichtigkeit; die allerdings fehlt uns. Sie setzt
+ein Interesse für vieles voraus, wofür Teilnahme zu heucheln uns gar
+nicht mehr einfällt. Wir würden es abgeschmackt finden, über die Liebe
+und ihre verschiedenen Arten zu philosophieren. Unsere Zeit ist nach
+jeder Richtung hin monologisch gestimmt. Gesteigerte Anschauung und ein
+erhöhter Respekt verhindern uns durchaus, über das Bedeutungsvolle
+gewisser Lebensfragen zu sprechen. Wo wir uns sympathisch erfaßt sehen,
+glauben wir eine Erörterung darüber entbehren zu können; ganz mit Recht.
+Ich möchte sagen, wir verkehren unter tieferen Voraussetzungen
+miteinander. Ist Ihnen denn nicht auch im Grunde jede Ankündigung eines
+Gefühls ein Greuel? Finden Sie denn nicht auch die ganze Phraseologie
+der Liebe von Anno dazumal lächerlich und aufdringlich? Kribbelt es
+Ihnen nicht in den Fingern, wenn der Liebhaber auf dem Theater seine
+Liebeserklärung vom Stapel läßt?«
+
+»Ach ja, das sind Geschmackssachen«, versetzte Faustina. »Geschmack, das
+lasse ich gelten, Verfeinerung ist mir zuwider. Die Scham seiner Gefühle
+haben, schön. Aber noch schöner ist es, dünkt mich, den Mut seiner
+Gefühle haben. Wenn Sie mir den Punkt angeben können, wo eines aufhört
+und das andere anfängt, ich meine, wo die Feigheit aufhört und die
+Verantwortlichkeit anfängt, dann will ich mich zufrieden geben. Aber
+dazu werden alle Waffen Ihrer Rabulistik nicht ausreichen.«
+
+»Möglich. Man kann ja überhaupt nicht streiten, wenn man nicht derselben
+Meinung ist.«
+
+»Wie? kann man nur streiten, wenn man derselben Meinung ist?«
+
+»Gewiß; im Grunde gewiß.«
+
+»Großartig! Ein wildes Paradox!« Faustina lachte, was ihrem Gesicht
+einen entzückenden Reiz verlieh. »Aber wir verstehen uns am Ende doch«,
+fuhr sie fort. »Sie kennen sicherlich die arabische Erzählung vom
+Sklaven der Liebe; ist es nicht ergreifend, wie der schöne Jüngling
+unter der Gewalt seiner Sehnsucht hinsinkt, als ob ihn eine tödliche
+Krankheit erfaßt hätte? Oder da las ich neulich die Geschichte von
+Raimundus Lullus, der am Hof des Königs von Arragon ein ausschweifendes
+Leben führte, bis ihn plötzlich eine glühende Leidenschaft zu der
+schönen Ambrosia de Castello packte. Eines Tages läßt ihn die Dame in
+ihr Gemach kommen, enthüllt sich ihm, und es zeigt sich, daß sie durch
+einen furchtbaren Brustkrebs dem Tod verfallen ist. Raimundus, bis ins
+Innerste erschüttert, weiht sich einem Leben völliger Keuschheit. Doch
+wozu Beispiele; vielleicht beweisen Beispiele nichts. Ich sehe freilich
+darin Kundgebungen edler Leidenschaft. Dieser Raimundus Lullus etwa, ich
+nenne gerade ihn, obwohl es auf Namen hier nicht ankommt, er lebte in
+seiner Liebe wie die atmende Kreatur in der Luft. Es gab für ihn nicht
+anderes außer seiner Liebe. Er war in der Liebe, er war von Liebe
+besessen, ein Besessener war er. Ich habe niemals einen von Liebe
+Besessenen gefunden. Viele besaßen die Liebe, das wohl, aber von ihr
+besessen waren sie nicht. Solche fand ich, die vom Spiel besessen waren,
+vom Geld, vom Ehrgeiz, von Wollust, aber von Liebe Besessene fand ich
+nicht.«
+
+»Wenn Sie Umschau halten, Faustina«, fiel ich ihr ins Wort, »können Sie
+zu jeder Zeit und wo immer es auch wäre, Handlungen von der gleichen
+Bedeutung und Intensität gewahren. Wir führen eine zu abgeschlossene
+Existenz, als daß Sinn und Motiv ihrer einzelnen Vorgänge zu jeder
+Stunde offenbar oder handgreiflich zu nehmen wären. Es ist nichts
+einfältig genug, es ist alles zu vielfältig, zu weitschichtig, als daß
+man durch anekdotische Belege imponieren könnte. Selten hat ein Ereignis
+Anfang und Ende für uns, selten läßt es sich als Anekdote fassen, noch
+seltener ein ganzes Leben. Ja, es ist alles unfaßbar, unendlich, alles
+auch scheinbar ohne Stichhältigkeit oder ohne Konsequenz, und doch, wenn
+man hinfühlt, wenn man im Nerv der Dinge lebt, von tiefstem Belang.«
+
+»Aha, Sie spielen schon wieder auf das Geheimnis an. Es läßt mich kalt,
+Ihr Geheimnis, es ist mir zu pomphaft. Ich lobe mir dafür die
+Heimlichkeit; sie ist heiter und beweglich.«
+
+»Lassen wir das Geheimnis. Ich sage nur: die Leidenschaften waren und
+sind zu jeder Zeit und in jedem Jahrhundert dieselben. Ich will gar
+nicht an die Tragödien erinnern, die sich in stillen Stuben ereignen, es
+wird davon wenig Aufhebens gemacht und drei Zeilen in einer Zeitung sind
+alles, was bisweilen ans Licht kommt. In meiner Heimat gab es ein junges
+Paar, und sie liebten einander. Die Eltern des Mädchens setzten der
+Verbindung hartnäckigen Widerstand entgegen. Als man sah, daß die Liebe
+der beiden nur um desto größer wurde, je mehr Hindernisse man ihnen
+bereitete, wurde dem jungen Mann gesagt, er solle das Mädchen haben,
+doch müsse er sich zuvor drei Jahre lang nach Amerika begeben und
+während dieser Zeit dürfe weder er der Geliebten schreiben, noch sie
+ihm. Wenn er nach abgelaufener Frist seine Neigung unbesiegbar finde,
+werde man gegen die Heirat nichts mehr einwenden. Und so geschah es, der
+Jüngling reiste übers Meer. Etwa ein Jahr lang ging alles gut, das
+Mädchen lebte in schöner Gewißheit. Auf einmal fing sie an zu kränkeln,
+verlor ihre Munterkeit, und ohne daß ein Arzt den Sitz des Übels zu
+entdecken vermochte, siechte sie hin. Die Eltern wurden besorgt, man
+begann nach dem jungen Mann zu forschen, aber da er keine Angehörigen in
+der Stadt hatte, verursachte dies viele Umstände, und das junge Mädchen
+starb, ihr Leben erlosch wie ein Feuer, das keine Nahrung hat. Gleich
+darauf stellte es sich heraus, daß der junge Mann dort drüben im fremden
+Land ebenfalls den Tod erlitten hatte, und zwar beinahe an demselben
+Tag, an welchem die Krankheit des Mädchens begonnen hatte.«
+
+»Eine hübsche Geschichte zwischen Menschen ohne Elan«, sagte Faustina.
+»Warum waren sie gar so still und subaltern, die armen Liebesleutchen?
+Ach, täuschen wir uns nicht darüber hinweg; man hat aufgehört, die Liebe
+als eine herrschende Gewalt zu betrachten. Es ist deswegen auch ihr
+Ritus und Zeremoniell, wenn ich mich so ausdrücken darf, verloren
+gegangen. Und was ist schuld daran? Wer weiß es! Vielleicht der Beruf,
+vielleicht die Bildung, vielleicht beides. Der eine Moloch verschlingt
+die Zeit, die schöne Muse zweckloser Träume, der andere vernichtet die
+Ursprünglichkeit der Gefühle. Es gibt zu wenig Leute, die sich
+langweilen, oder besser gesagt, die das Talent haben, sich zu
+langweilen. Man ist rationalistisch bis auf die alltäglichen Launen. Man
+will immer einen Grund und immer einen Zweck. Man geht nicht mehr
+spazieren, sondern man macht Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel
+setzt, geschieht es für Dinge, die dessen nicht wert sind. Was mich
+betrifft, ich sah Männer, ernsthafte Männer erschrecken bei dem bloßen
+Gedanken an tieferes Attachement. Ich kannte andere, die auf Abenteuer
+ausgingen und die schleunigst, wie vom Donner gejagt, die Flucht
+ergriffen, wenn sie in Gefahr waren, einer Leidenschaft zu unterliegen,
+deren Meister sie nicht sein konnten. Da ist ein Mann, fähig zur
+Hingebung, ja, zur Aufopferung, der jeden Keim großer Empfindung durch
+unablässiges Frage- und Antwortspiel mit sich selbst zerstört, wie wenn
+ein verrückt gewordener Gärtner jeden Morgen die schönsten Knospen
+abrisse und zwischen den Fingern zerriebe, und da sind andere die aus
+purer Herrschsucht, aus purem Mutwillen, aus purer Eitelkeit, aus purem
+Unverstand das Kostbarste, was sich ihnen anbietet, zu niedrig
+einschätzen, nur weil es sich ihnen anbietet, und verwesen lassen, was
+sie hegen sollten. Ich spreche jetzt nicht von dem, was mir widerfahren
+ist, denn mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind solche,
+die ihr halbes Leben darnach versehnen, sich in einem großen Gefühl
+verlieren zu dürfen; wenn dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie
+plötzlich voller Ausflüchte, voller Ausreden, voller Angst, den Geist
+ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede Entschlossenheit in der Idee
+und in der Sehnsucht verausgabt. Das, sehen Sie, ist Empfindsamkeit, und
+diese Art Empfindsamkeit, sich in der Idee und in der Sehnsucht zu
+verschwenden, ist uns so verderblich. Da stürzt man sich dann in den
+Pfuhl einer charakterlosen Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen,
+oder um den Zustand einer allgemeinen sinnlichen Unruhe zu beenden, oder
+um Konflikten zu entgehen, denen sie nicht gewachsen sind, oder um
+gewisser sozialer Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler
+Gedankenlosigkeit schlechthin; die Männer, um ein Heim zu gründen, wie
+sie mit heuchlerischer Poesie behaupten, in Wirklichkeit, um sich zur
+Ruhe zu setzen, um sich von ihren Jugendsünden, Sünden des Geistes und
+des Herzens, des Körpers und der Seele zu erholen. Wäre dabei die Ehe
+bloß eine soziale Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie
+gewisse Freiheiten eher fördert als verbietet, oder wie im Altertum ein
+ungleiches Verhältnis von Tyrannei und Sklaverei zum Gesetz erhebt, so
+wäre es noch gut; aber nein, sie ist sakrosankt, und damit schützt sich
+die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, das ihr die
+Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst erwecken müßte. Großer
+Gott, was für ein Rattenkönig von Verlogenheiten! Alles muß herhalten,
+um den Mangel wahrhafter Liebe, uneigennütziger und edler Gefühle zu
+vertuschen: Wissenschaft und Kunst, Staatsinteresse und Humanität,
+Christentum und Freigeisterei, lauter schöne Kulissen für ein
+nichtswürdiges Schauspiel!«
+
+Faustina war außerordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid, ihr zerstörtes
+Wesen rührte mich. Ich erkannte, wie das Schicksal in ihr gehaust, und
+ein halb entschuldigendes, halb selbstverspottendes Lächeln, das alsbald
+auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht täuschen. Ich schwieg; mein
+langes Schweigen gab ihr wieder einige Haltung. Sie erhob sich und ging
+mit verschränkten Armen auf und ab, wobei sie fortfuhr: »Es gibt eine
+Novelle von Tschechow, sie handelt von einem alternden Mann, der ein
+Liebesverhältnis mit einer verheirateten Frau hat. Sie treffen sich
+heimlich, und einmal, gerade während er sie begrüßend umarmt, wird er
+traurig und fragt sich, warum ihn diese so liebt. Er denkt an die
+andern, er denkt daran, wie viele ihn geliebt haben, und daß keine von
+ihnen, keine einzige mit ihm glücklich gewesen sei. Die Zeit verging, so
+heißt es ungefähr, er machte Bekanntschaften, schloß Verhältnisse,
+trennte sich wieder, aber niemals liebte er; es war alles, was man nur
+wollte, gewesen, aber keine Liebe. Das Wort ist in mir haften geblieben.
+Alles, was man nur wollte, war es gewesen, aber keine Liebe. Der Mann
+war, wie viele sind, und die Frau liebt ihn, ja, sie liebt ihn, aber
+nicht ihn selbst, sondern den Menschen, den ihre Phantasie geschaffen
+hat, und wenn sie ihren Irrtum bemerkt, liebt sie ihn dennoch weiter.
+Was sollte sie sonst tun? Darf ich Ihnen etwas verraten? Etwas recht
+Lächerliches? Ich habe eine kleine Einteilung gemacht. Ich habe die
+Frauen eingeteilt in Katzennaturen und in Hundenaturen, und die Männer
+in Streber und Faulpelze. Katzen sind an den Ort gebunden, Hunde an den
+Herrn, Katzen sind treulos, Hunde sind treu, Katzen haben Charakter,
+Hunde nicht; wenn Sie den Finger ausstrecken, wird die Katze auf Ihre
+Hand, der Hund aber gegen das Ziel blicken; und so weiter. Sie wissen
+schon, was ich meine. Oder ist die Analogie nicht plausibel? Streber und
+Faulpelze, darüber lassen sich amüsante Beobachtungen machen. Was dem
+einen die Karriere, ist dem andern die Behaglichkeit. Der Streber ist
+skrupellos, der Faulpelz satt; der Streber ist ein Glücksjäger, der
+Faulpelz ein heimlicher Dieb, der seine Beute in Sicherheit gebracht
+hat, denn der Faulpelz ist immer ein heimlicher Dieb. Der Streber ist
+konservativ aus Grundsatz, der Faulpelz aus Stumpfsinn, der Streber ist
+revolutionär aus Opportunismus, der Faulpelz aus Eigennutz; der eine ist
+ein Wucherer, der andere ein Kuppler, und Philister sind alle beide. Ja,
+es ist eine herrliche Welt, eine herrliche Zeit! Wenn man dieses ganze
+Geschlecht in einen großen Sarg legen und auf einmal beerdigen könnte,
+so wüßt' ich eine wunderbare Grabschrift.«
+
+»Und die wäre?«
+
+»Verstorben an der weitverbreiteten schleichenden Seuche: Trägheit des
+Herzens.«
+
+»Na, daran stirbt man nicht.«
+
+»Gewiß nicht, weil man ganz bequem davon leben kann.«
+
+»Verrannt, verrannt, Faustina, rettungslos verrannt.«
+
+»Freilich,« murmelte Faustina, »verrannt wie Theseus. Aber aus diesem
+Labyrinth gibt's kein Entkommen.«
+
+»Packen wir doch den Stier bei den Hörnern, Faustina. Was ist Liebe? Wer
+hat Liebe? Wer ist der Liebe fähig? Wer darf sich vermessen zu reden:
+Liebe ist so und so und nicht anders. Wer darf es wagen, über die
+Relationen des Begriffs hinauszufliegen und seine Einheit, seine
+pragmatische Gültigkeit, seine reinste Inkarnation zu verkündigen? Liebe
+ist etwas ungeheuer Seltenes, Faustina. Machen wir uns das klar! Die
+Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die aus aller Leute Mund, ist ein
+Phänomen, genau so selten, genau so großartig, genau so
+bewunderungswürdig wie das Genie. Ihre niedrigen oder minder niedrigen
+Erscheinungsformen durch die Rangstufen der Kreaturen sind allerdings
+so reich und wechselnd wie die Kreaturen selbst. Nehmen Sie aber ein
+Individuum heraus, um es nach Ihrer Weise kurzerhand vor den Imperativ
+der Liebe zu stellen, so ist das ungefähr so, wie wenn Sie ihm die
+fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets vorsagen und ihm dann befehlen:
+da hast du alles Notwendige, nun schaffe mir ein schönes Dichtwerk. Man
+ist gewohnt, mit dem Wort Liebe umzuspringen wie mit einem Hausgerät. Es
+hat gar keine Unberührtheit mehr, dies unglückselige Wort, es ist wie
+eine Dirne zu jedermanns Diensten, und mir scheint, man müßte ein neues
+erfinden, um das auszudrücken, was es ausdrücken sollte. Da ist eine
+gewisse mittlere Literatur, die vorzugsweise von Liebe handelt, und zwar
+von einer Liebe, die Distinktion haben soll, Bedeutung haben soll,
+edelherzig und selbstlos sein soll, und ach, nichts von alledem besitzt
+sie, eine Wachspuppe ist sie. Wollte man sich, was ja nahe liegt, durch
+diese Produkte verführen lassen, an die Häufigkeit der Liebe zu glauben,
+so ginge man sehr fehl. Unsere besten Dichter, denen eine untrügliche
+Vision die Realität ihrer spezifischen Welt gibt, beziehen auch nur mit
+einer höchst belehrenden Vorsicht die Liebe in das Bereich ihrer
+Erfindungen.«
+
+»Weil sie nichts davon wissen und weil sie sich davor fürchten, genau
+wie im Leben.«
+
+»O nein, Faustina, das wäre ein gar zu billiger Schluß. Weil sie ihre
+Seltenheit erkannt haben. Halten wir uns an das Gleichnis mit dem Genie.
+Das Genie tritt erst in Funktion, wenn es in eine Zeit geboren ist, die
+für sein Wirken schon vorbereitet ist. Es ist zwischen dem Genie und der
+Zeit sozusagen eine elektrische Spannung aufgespeichert. Mit der Liebe
+ist es nicht anders. Der zur Liebe geborene Mann muß den für ihn
+bestimmten höchsten Typus gewinnen und umgekehrt. Es genügt nicht, daß
+in einem Einzelwesen die Fähigkeit und Möglichkeit der Liebe vorhanden
+ist, sondern sie muß durch ein besonderes Walten günstiger Umstände
+einen würdigen Gegenstand finden. Wer zur Liebe bestimmt ist, der muß
+zugleich etwas vom Helden und etwas vom Märtyrer haben. Nehmen wir also
+an, es entsteht in zwei bevorzugten Individuen die Liebe. Gehen wir ein
+wenig anatomisch zu Werke. Zerlegen wir eine solche Liebe in ihre
+Bestandteile. Da haben wir in erster Linie die Leidenschaft, die als
+eine Art Entflammung des Blutes und des Geistes gelten muß; ferner:
+vergöttlichende Kraft; durch sie wird das geliebte Wesen herausgehoben
+aus der Schar der Mitlebenden und in ein Idol verwandelt. Ferner:
+sinnliches und übersinnliches Verlangen; das sinnliche entspringt der
+Leidenschaft, das übersinnliche der Vergöttlichung; sodann: unbegrenzte
+Hingebung; ihr Merkmal ist jedoch, daß sie auch bei höchster Großmut des
+Gewährens nie zu befriedigen vermag; ferner: eine Zartheit der
+Empfindung, die abhängig ist von jedem Traum, von der leisesten Ahnung,
+und endlich eine Ruhelosigkeit, die gleichwohl ein ganz bestimmtes Ziel
+hat, so wie die zitternde Magnetnadel. Sie mokieren sich über meinen
+professoralen Ton, wie ich sehe. Ich wähle ihn mit Absicht, da ich
+zwischen Schwärmerei und Sachlichkeit keine Wahl habe, und wenn ich
+nicht schwärmerisch erscheinen will, muß ich trocken sein.«
+
+»Ich mokiere mich nicht. Fahren Sie nur fort.«
+
+»Man braucht nur geringen Scharfblick, um daraus zu erkennen, daß die
+Liebe zwei Hauptquellen hat; eine elementare und eine ethische, eine
+sinnliche und eine sittliche. Betrachtet man nun die trivialeren Formen
+der Liebe, so zeigt es sich, daß sie fast immer nur auf eine einzige
+jener Eigenschaften gegründet ist. Wir haben dann die Liebe aus
+Leidenschaft; oder die Liebe aus Sinnlichkeit; oder die
+selbstentäußernde Liebe; oder die empfindsame Liebe; oder die ruhelos
+unbefriedigte Liebe. Die Variationsmöglichkeiten sind natürlich zahllos;
+zum Beispiel, wenn der Mann eine sinnliche und das Weib eine
+vergöttlichende Liebe hegt oder umgekehrt; oder wenn der Mann ruhelos
+unbefriedigt und das Weib selbstentäußernd liebt, und so weiter. Meist
+wird es so sein, daß gerade die schroffsten Gegensätze zusammentreffen.
+Mit der Variation beginnt auch schon der Konflikt, und wo Konflikte
+sind, ist keine Beständigkeit. Die große Liebe kennt keine Konflikte;
+bei ihr findet ein vollkommener Ausgleich statt. Alles Differenzierte
+vereinigt sich zur Harmonie und zur Schönheit. Ein auszeichnender Vorzug
+wird nie isoliert sein und nie ohne Widerspiel wirken; erst das
+Widerspiel, in einem bejahenden Sinn, bringt eine Tugend zur
+Entwicklung: Anmut wird zum Beispiel den Geist bedingen, Güte die Kraft,
+Vornehmheit die Tapferkeit. In der großen Liebe und nur in ihr,
+verwandelt sich der Mensch; er wird sozusagen nach seinen idealen
+Grenzen erweitert. Er ist in einem Zustand von Dämonie, oder um Ihren
+Ausdruck zu gebrauchen, von Besessenheit. Alles Sichtbare und alles
+Fühlbare hat nur einen einzigen Bezug, er findet überall und in allen
+Dingen das Gleichnis mit dem Objekt seiner Liebe, in der Musik und im
+Gedicht, im Ziehen der Wolken, im Rauschen der Bäume, im Anschauen eines
+Bildes, einer Flamme, eines Steines; Vogelflug und Menschenwege haben
+für ihn dieselbe nebelhafte Ferne, und doch hat er alles in sich und
+nichts außer sich, er ist nach allen Seiten gegen die Welt geöffnet und
+doch von ihr nicht mehr berührbar, er ist der freundlichste Freund, der
+teilnehmendste Gefährte und trotzdem mit der Geliebten im ganzen
+Universum allein. Was ihn zuerst an ihr hingerissen hat, sagen wir eine
+besondere Wölbung der Stirne, eine besondere Art, die Lider zu heben
+oder die Hand zu reichen, ein Ton der Stimme, ein Rhythmus des
+Schrittes, ein Lächeln, eine Gebärde, das alles wird Weltgesetz, das
+heißt: so gehen ein für allemal die Menschen, so sprechen sie, so
+blicken sie, so reichen sie die Hand, das ganze Bild des Daseins wird zu
+einem fixierten Bild der Schönheit. In der großen Liebe nämlich ist
+alles Positivität, und es ist alles in ihr unendlich und ewig. Sie kann
+deshalb niemals aufhören, weder auf der einen, noch auf der andern
+Seite. Nur der Tod kann ihr ein Ende bereiten, ein Ende, das freilich
+dem tiefsten Sinne nach ein scheinbares ist und sein muß. Glück oder
+Unglück kommen für sie nicht in Frage, ihre Tragik liegt anderswo, ja
+sie ist die einzige Lebensform, die eine mitgeborene Tragik besitzt, und
+diese Tragik ist für sie nicht nur in der Möglichkeit, sondern auch in
+der Notwendigkeit des Untergangs, des Todes beschlossen. Die Liebe weiß
+keine andere Gefahr und Bedrohung als den Tod. Vom ersten Augenblick der
+Liebe steht der Tod als stummer Wächter förmlich sichtbar daneben. Sehr
+schön ist das in Shakespeares Liebestrauerspiel zur Anschauung gebracht:
+alles strebt von Beginn an dem Tode zu, die Unabweisbarkeit, mit der er
+auftritt, regiert heimlich jedes Geschehen. Und um den Unterschied der
+Gattungen zu bezeichnen, ist Romeo, bevor das große Entetement eintritt,
+in eine Liebe von gewöhnlicher Beschaffenheit verstrickt.«
+
+»Wohin führen Sie mich da, mein Teurer«, seufzte Faustina. »Das gelobte
+Land dieser Liebe ist für unsereinen nicht erreichbar. Dazu müßte man
+unter einem besonderen Stern zur Welt kommen.«
+
+»Ja, wie zu allem Großen«, versetzte ich.
+
+»Glauben Sie denn im Ernst, daß es eine solche Liebe wirklich gibt?«
+
+Ich mußte lächeln, denn ihre Frage hatte etwas von der Naivität eines
+Kindes.
+
+»Glauben Sie auch,« fuhr sie fort, »daß die Bestimmung dazu nur auf der
+einen Seite, auf der Seite des Mannes oder des Weibes liegen kann, daß
+der eine Teil vergeblich nach dem andern schmachtet und die ganze Erde
+durchsucht, ohne ihn zu finden?«
+
+Faustina sah mich ängstlich an, sie wollte offenbar eine Beruhigung
+gewinnen, sie merkte nicht, daß ich die Antwort auf diese Frage schon
+gegeben hatte. »Ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Jeder denkbare Zustand
+der Seele und des Gefühls kann und wird irgendwie und irgendwo zur
+Erscheinung gelangen, sonst wären wir nicht imstande ihn uns
+vorzustellen. Der Fall, den Sie fiktieren, hat aber mit der großen Liebe
+nichts mehr gemein, vielleicht überhaupt nicht mit der Liebe.«
+
+»Sondern?«
+
+»Sondern mit der Sehnsucht. Sehnsucht kann produktiv sein, sie kann aber
+auch unfruchtbar sein. Das hängt von dem ab, der sie nährt.«
+
+»Mich dünkt, Sehnsucht ist das erhabenste Gefühl in der menschlichen
+Brust.«
+
+»Wenn sie produktiv ist, ja.«
+
+»Was nennen Sie produktive Sehnsucht?«
+
+»Produktive Sehnsucht nenn ich diejenige, die imstande ist, einer
+Vorstellung Wirklichkeit, einem geträumten oder erwünschten Zustand
+Gegenwart zu verleihen.«
+
+»Da setzen Sie ja, und wie ist das möglich bei der Sehnsucht, einen
+Willensakt voraus?«
+
+»Ja, das tue ich allerdings; einen Willensakt, der vielleicht durch
+geheimnisvolle telepathische Mächte begünstigt und unterstützt wird.«
+
+»Hm, ich sehe schon, Sie decken sich. Wenn man zum Unerforschlichen
+seine Zuflucht nimmt, hören die Argumente auf. Dem Unerforschlichen
+gegenüber gibt es ja keine Schuld und keinen Irrtum mehr.«
+
+»Warum auch von Schuld reden, Faustina? Aber Sie mögen recht haben,
+vielleicht ist es wirklich eine Art von Schuld, wenn das Gefühl nicht
+bis zum geliebten Gegenstand trägt, sondern unterwegs durch fremde
+Einflüsse gebrochen wird. Nie beirrbaren Instinkt zu besitzen, das ist
+schon eine große Sache; und eine seltene Sache. So wie unser Leben sich
+heute abspielt, nicht wahr, wie jeder einzelne verwoben ist in ein
+maschinenhaft bewegtes Ganzes, wie er gezwungen ist, sich an vieles
+hinzugeben, was seinem Wesen fremd ist, wie sein geringster Fehltritt
+ihn unrettbar hinunterreißt von dem Weg seines Willens, wie er
+unverborgen dasteht, immer Kettenglied, wie all sein Tun und Handeln
+eine weitaus nähere und schnellere Folge hat als er es wünscht, wie das
+Elementare beständig in ihm ankämpfen muß gegen die Forderungen des
+Tages und der Welt, wie er Ruhe und Selbstbestimmung hingeben muß, nur
+um nicht erdrückt zu werden von den Gewalten, die um ihn toben, so wird
+es natürlich immer schwerer, einer inneren Stimme zu gehorchen, ja bloß
+überhaupt sie zu hören. Was vor wenigen Generationen noch einer Zahl von
+fünfzig beschieden war, das wird heute infolge der strengeren Wahl und
+härteren Erprobung nur an zwölfen oder fünfen oder dreien erfüllt. Wer
+wird um des Ideals in der Liebe willen sein Leben aufs Spiel setzen?
+Glücklicherweise ist das menschliche Herz immer zu Verträgen bereit.
+Würde die Liebe plötzlich Gemeingut aller, so wäre in vierzig Jahren die
+Erde ausgestorben. Wer nicht zur Liebe erwählt ist, dem hat das
+Schicksal auch Stärke und Geduld versagt. Er bescheidet sich, weil er
+sich bescheiden muß. Er liebt, was ihm Liebe entgegenbringt; sein Regent
+ist der Zufall. Er erobert oder er läßt sich erobern, ein Anschein von
+Schwierigkeit und Ferne erzeugt die ihm notwendige Poesie. Der eine
+liebt einen Körper, der zweite ein Gesicht, der dritte einen Blick, ein
+Hand. Ich meine das nicht gerade wörtlich, ich will damit nur sagen, daß
+er den Teil für das Ganze nimmt. Den Teil für das Ganze zu nehmen, das
+ist so Menschenart, und nicht einmal die schlechteste, sie bildet sogar
+Charaktere. Der Liebende ist Augenmensch; seine Leiden sind wirklich,
+seine Freuden sind dionysisch; der andere, der die Liebe nur ahnt wie
+ein Nachtgänger das Morgenrot, ist ein tastender Mensch, seine Glut ist
+ein Fieber, seine Leiden und Freuden sind imaginär, er sättigt sich von
+Brot, indes seine Phantasie Himmelsspeise verzehrt, er sieht nicht, er
+versteht gar nicht zu sehen, er will nur eingelullt sein, er will nur
+träumen, er ist stets philosophisch aufgelegt oder ist argwöhnisch,
+eifersüchtig, traurig, unersättlich, rasch übersättigt; er kann sich
+nicht in der Liebe verlieren, so gern er es möchte, denn der Strom, der
+ihn erfaßt hat, ist nicht tief genug. Manche lieben nur die Liebe oder
+die Sehnsucht nach der Liebe oder die Maske der Liebe oder die Unruhe
+der Liebe oder den Triumph der Liebe, und so können wir immer tiefer
+heruntersteigen, bis von der Liebe nichts mehr übrig bleibt als der
+Name. Unvermögen hat vielerlei Gestalten. Kannten Sie nicht damals auch
+den jungen Baron B., der bei der deutschen Gesandtschaft war?«
+
+»Den großen Frauenverführer --?«
+
+»Jawohl. Nichts ist heute leichter als den Titel eines Verführers zu
+erwerben, man braucht bloß ein wenig Methode in die Art zu bringen, wie
+man sich amüsiert. Dieser Baron B. also war immer mit einem Dutzend
+Frauen gleichzeitig intim. In jede einzelne war er eines bestimmten
+Vorzugs wegen verliebt, und er setzte mir einmal allen Ernstes
+auseinander, seine Vorstellung von Liebe sei eine so ungeheure, daß er
+niemals hoffen könne, das was er suche, in der Totalität einer Person
+anzutreffen.«
+
+»Ein Freibeuter«, erwiderte Faustina verächtlich. »Vor fünf Jahren hat
+er eine ältliche Millionärin geheiratet.«
+
+»Ja, so enden unsere Verführer in der Regel.«
+
+»Von hundert sogenannten Frauenhelden wissen neunundneunzig überhaupt
+nicht, wie eine Frau beschaffen ist«, sagte Faustina.
+
+»Nun ja, wo Sinnlichkeit den Blick verwirrt, kann von Liebe nicht mehr
+die Rede sein. Es ist ein Unterschied wie zwischen dem Rauch und der
+Flamme.«
+
+»Ist es so? Ist es wirklich so?« versetzte Faustina hastig. »Sinnliche
+Leidenschaft trägt nicht, das gebe ich zu. Aber wenn wir die Liebe nur
+in ihrer Vollkommenheit anerkennen wollen, was bleibt dann noch
+bestehen? was darf dann noch Liebe heißen? Lassen Sie mir doch die Dinge
+ein wenig einfacher. Der Mensch, so wie er eben ist, vermag sich nicht
+auf der Höhe seines Gefühls zu halten. Der Gütigste, der Edelste hat
+einen Teufel in der Brust, der ihn zwingt, sich am göttlichen Teil
+seines Wesens zu vergreifen. Vielleicht ist in der Liebe die
+Sinnlichkeit so ein Teufel, vielleicht ist sie ein boshaftes Tier, wie
+die Heiligen sagen. Vielleicht ist sie aber die Erhalterin der Welt? Und
+wenn sie die Erhalterin der Welt ist, warum ihr Übles nachreden? Läßt
+sie sich denn von der Liebe trennen? Sie sagen: Liebe will den Tod. Ich
+wage nicht daran zu rütteln, obwohl ein solcher Satz alle meine Gedanken
+durcheinanderwirbelt. Aber angenommen, Sie haben recht, wie läßt sich
+das mit der Absicht der Natur vereinigen, die doch durch Liebe die
+Gattung fortpflanzen will?«
+
+»Das ist ein Irrtum, Faustina. Durch Liebe wird die Gattung eben nicht
+fortgepflanzt, zum mindesten ist sie nicht darauf gestellt. Sie ist sich
+selber Zweck.«
+
+»Oho! Wenn Sie das vor versammeltem Volk sagen, wird man Sie steinigen.
+Ich dachte, ein heutiger Mensch dürfe gar nicht an Liebe denken, ohne
+zugleich an das Kind zu denken. Mein Gott, sehen Sie nur unsere
+gebildeten jungen Mädchen an! Welche Sachlichkeit! Welche
+Wissenschaftlichkeit! Sie tun, als ob sie in der Liebe zugleich ein
+Hebammenexamen bestehen müßten. Na gut, werde jeder selig wie er will.
+Aber das muß ich schon sagen, ein Symptom liegt darin. Man ist nicht
+ehrlich in diesen Dingen. Und weil man nicht ehrlich genug ist, der
+Liebe oder der Sinnlichkeit ihre selbstverständlichen Rechte
+zuzugestehen, nimmt man das Kind als Vorwand, sich zu decken. Man gibt
+der Prüderie und der Entschleierung ein Pseudonym, das sie mehr
+entwürdigt als beschönigt.«
+
+»Nicht so wild, Faustina! Sie haben eine Art mir beizupflichten, die
+mich fast an meiner Meinung irre macht. Die Geschöpfe, von denen Sie
+sprechen, sind ja nur Mißleitete. Und der Geist der Zeit selber ist es,
+der sie betrügt. Aufklärung heißt heute das große Wort. Nur ist
+allerdings diese Aufklärung etwas anderes als man sie vor hundert Jahren
+verstand. Vor hundert Jahren wollte man einfach alles aufklären: Himmel
+und Hölle, Märchen und Wunder, Kunst und Religion. Eine verhängnisvolle
+Strömung, der das noch lange nicht genug, nicht dankbar genug gewürdigte
+Emporwachsen der deutschen Romantik sich hilfreich entgegendämmte.
+_Unsere_ Aufklärung hat sich verinnerlicht. Man will allem, was in der
+Seele des Menschen vor sich geht, nicht so sehr verstandesmäßig als auf
+Wegen des Gefühls, der Deutung, der Ahnung beikommen. Die Schriftsteller
+haben sich in Seelenforscher verwandelt, die Erzieher in mehr oder
+weniger eigensinnige Deterministen. Man legt dem Unbestimmtesten eine
+Bestimmung unter, uralte Traditionen verlieren ihr Gewicht,
+bedeutungsvoll Gestaltetes seine Kontur, Rangunterschiede werden
+verwischt, Autorität erweckt Mißtrauen, und ich leugne es nicht, ich
+kann es leider nicht leugnen, die allgemeine Demokratisierung, dem
+kleinen Geist eine Wohltat, dem großen ein Horror, erstreckt sich bis in
+die verborgensten Winkel des Herzens. Aber mein Trost ist, daß dies
+alles ja nur ein Übergang ist. Mir ist oft zumut, als ob ein
+unsichtbarer Riese unsere Welt in Stücke zerfetzte, um aus den
+Bestandteilen eine neue, bessere, schönere zu machen, und als ob diese
+Zerstückelung notwendig sei, um unser Dasein auf eine höhere Fläche zu
+heben.«
+
+»Hirngespinste«, sagte Faustina kopfschüttelnd. »Was soll ich mit
+Hirngespinsten? Um mich mit einem Gegebenen abzufinden, dazu bin ich.
+Ist mir der gegebene Zustand unerträglich, nun, so empöre ich mich.
+Demokratisierung, ja, ja, das ist es! Was heißt denn: Demokrat sein?
+Demokrat sein heißt, etwas bedeuten wollen außerhalb einer organischen
+Sozietät. Nicht wahr?«
+
+»Jawohl, oder als Persönlichkeit auftreten außerhalb der Sozietät und
+sich ihr entziehen auf Grund singulärer Rechte oder selbstgeschaffener
+Befugnisse.«
+
+»Ausgezeichnet. Was kann nun dabei zustande kommen? Da ist der Adel. Was
+hat ihn zu allen Zeiten so mächtig werden lassen? Doch wohl nur der
+eherne Zusammenhang seiner Mitglieder auf Grund einer ehernen
+Überlieferung. Heute aber, heute ist jeder Ladendiener schon mit einer
+Individualität versehen, und jede aufgeputzte Kuh faselt von ihrem
+Selbstbestimmungsrecht. Was ist die Folge? Ehe noch die ärmlichsten
+Menschenpflichten erfüllt sind, werden der Menschheit schon
+Glücksforderungen gestellt, wie man einen Wechsel auf Sicht präsentiert.
+Alle, die so im glücklichen Besitz einer Persönlichkeit sind, was eben
+Persönlichkeit nach ihrer Ansicht ist, gleichen den schlechten
+Kaufleuten, die sich bei einem großen Unternehmen mit einem kleinen
+Kapital beteiligen und über Nacht Millionäre werden wollen. Diese
+Persönlichkeitsritter üben ein neues Faustrecht aus und die
+Gesetzlosigkeit, die sie begünstigt, erscheint ihnen als der Gipfel der
+Freiheit und Kultur. Meine Überzeugung ist aber die, daß ein
+demokratisches Zeitalter nun und nimmermehr ein Zeitalter der Liebe
+sein kann. Gerade in der Liebe wird ja die Aufopferung der
+Persönlichkeit verlangt. Hingabe! Ein herrliches Wort! Der Demokrat, der
+individuelle Demokrat, er gibt sich nicht hin, er gibt sich nur auf. Und
+liebt er, so muß er zweckvoll lieben. Und außerhalb der Sinnlichkeit, wo
+wäre da für ihn noch Zweck? Also muß er sinnlich lieben.«
+
+»Man kann das formulieren, wie man will, Faustina, und ich streite nicht
+dagegen, nur wundre ich mich, weil Sie vorhin doch selbst für die
+Sinnlichkeit plädiert haben.«
+
+»Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, daß die Sinnlichkeit ihren
+eigenen Thron aufgerichtet und die andern Kräfte der Liebe unterjocht
+hat. Wenn das organische Ineinanderwirken der Kräfte aufhört, so
+entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die sich auf Kosten des
+übrigen Körpers nähren und ihn langsam vernichten.«
+
+»Dieser medizinische Vergleich ist mir zu -- moralisch, liebe Freundin.
+Wir dürfen hier um keinen Preis moralisch sein, wir untergraben uns
+sonst die Möglichkeit der Verständigung. Es gibt eine Art von
+Sinnlichkeit, die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn es in
+klares Wasser fällt und das Wasser bis auf den Grund durchleuchtet, es
+entmaterialisiert. Welche Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen
+Sinnlichkeit entgegenstellen? Etwa die naive? Das gäbe ein Schema. Jedes
+Schema bleibt hinter der Erfahrung zurück, von der Synthese ganz zu
+schweigen. Statuieren wir also, beispielsweise, einen Unterschied
+zwischen elementarer und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die
+Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das Weibchen schlechthin
+begehrt? Ist Werther differenziert, weil er sich um Lotte erschießt? Sie
+sehen, man hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.«
+
+»Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie werden mir doch nicht
+ausreden, daß es eine Sinnlichkeit gibt, die eine Ursache und eine
+Sinnlichkeit, die eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere
+eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere kommt aus der Seele
+...«
+
+»Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit kommen wir zu
+keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur dann Einsicht, wenn wir von der
+Phantasie ausgehen, wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne
+Phantasie, und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja, ich gehe so
+weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit sind gleichsam die beiden
+Flügel desselben Wesens, des Liebewesens nämlich, die beiden Flügel,
+ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos lösen und von der Erde erheben
+kann. Und das eine ist mir klar: daß das moderne Ideal von Liebe oder
+von Sinnlichkeit viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie steht, als es
+jemals der Fall war.«
+
+»Ist das Ihr Ernst?«
+
+»Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdrücklich: das Ideal. Ich will
+die Erscheinungen selbst nicht betrachten; ich will gern zugeben, daß
+wir vom Ideal weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber nicht in
+der Inferiorität des Lebens, sondern in der Superiorität des Ideals.
+Gerade durch die Persönlichwerdung unserer Existenz wird ja der Reichtum
+der Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich gesteigert.
+Was auf der einen Seite die Vereinzelung der Guten, die Vereinsamung der
+Tüchtigen bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und das Gesetz
+aus, unter dem sie überhaupt zur Geltung, zur Entfaltung ihrer Kräfte
+gelangen. Es findet dadurch ein Zusammenfluß von vielen isolierten
+Idealen, ein Ineinandergreifen erhöhter Lebensstimmungen der
+heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und deren organische
+Verschmelzung, wenn es einmal so weit gekommen sein wird, sich gar sehr
+von den primitiven und deswegen von vornherein harmonischen Idealen
+früherer Epochen unterscheiden wird. Und außerdem, was könnte ein
+stärkerer Ansporn für die Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen
+Ideal und Wirklichkeit?«
+
+»Ach so,« sagte Faustina stirnrunzelnd, »es soll also die Phantasie ein
+Mittel des Verzichtes werden? Da sieht mans, mit Logik kommt man
+herrlich weit!«
+
+»Zu einem Mittel des Verzichtes, -- ja. Aber nicht im Geist der Askese,
+sondern im Geist der Vollkommenheit und Vervollkommnung. Ein Liebender,
+Faustina, was ist er denn anders als einer der gewählt hat, einer
+dessen drängendes Gefühl sich für die intensivste ihm mögliche
+Lustquelle entschieden hat. Denken wir uns die sinnlichste Natur; denken
+wir sie zugleich liebefähig und zur Liebe bestimmt in der edelsten Art.
+Indem sie wählt, vollzieht sie unwiderruflich ihr Schicksal; das weiß
+sie, und weil sie es weiß, folgt sie einem hohen sittlichen Gebot, wenn
+sie den Gegenstand der Liebe in die höchste Region der Vollkommenheit
+erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel ist, je mehr kann die
+Realität vergessen werden, und nicht in einer selbstsüchtigen Täuschung,
+sondern in einer schönen, selbstlosen, idealen Täuschung, ja, schlankweg
+gesagt, in einer Täuschung zugunsten des Vollkommenen. Oder nehmen wir
+ein negatives Beispiel: nehmen wir unglücklich Liebende; ich meine
+natürlich nicht solche, die aus äußerlichen Gründen, sondern solche, die
+aus innerlichen Gründen verhindert sind, eins zu werden. Unglücklich
+Liebende sind Wesen, die nicht die Geduld, das heißt, nicht die Kraft,
+im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten zu wählen. Nun was heißt
+aber das: geduldig sein und dabei leidenschaftlichen Gemüts? Es will
+nichts anderes sagen als schöpferische Phantasie besitzen. Und daß der
+wahrhaft Liebende schöpferische Phantasie besitzt, das zeigt sich eben
+in demselben Augenblick, wo er zu lieben beginnt.«
+
+»Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht sehe ich ein,
+inwiefern wir, wir Auserlesenen des zwanzigsten Jahrhunderts, darin
+einen Vorzug haben. Ihre Argumente genügen mir nicht; ach, in Argumenten
+bin ich so ungenügsam wie in allem andern. Es gab eine Zeit, da war die
+Liebe ein Ereignis, ein Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie,
+und heute? Ist für Sie oder für Ihre Altersgenossen, ist für Mann oder
+Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies große Unbegreifliche, dies ... nun
+dies Wunderbare --? Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich
+nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen? Verwandeln sich
+die Erlebnisse einer Frau nicht in ein Erkennen? In diesem Punkt ist
+eure Gerechtigkeit, eure berühmte Männergerechtigkeit nichts wie
+aufgeschmückte Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder nicht ist, was
+soll da die Phantasie? Was sollen Flügel, wo keine Luft ist, die sie
+trägt? Vom Adler erzählt man, daß er sterben muß, wenn er nicht mehr
+fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also muß er sterben. Ihr gleicht
+nicht den Adlern, ihr Männer, ihr könnt auch gehn und macht euch vor
+jedem Jäger aus dem Staub.«
+
+»Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das klingt, Faustina! Wie aus
+einem Roman der George Sand. Die Sache ist wirklich die, daß uns die
+Liebe gar kein Wunder mehr bedeutet.«
+
+»So? Und warum, wenn man fragen darf? Lassen Sie mich den Grund hören;
+ich bin neugierig und im voraus voller Widerspruch, denn daran hängt
+mir ein Stück Herz.«
+
+»Nein, die Liebe als Phänomen ist für uns kein Wunder im Sinn von 1750
+oder 1820, wo der Liebende sich in der Erlesenheit seines Gefühls
+spiegelte, an seinem Gefühl fast zum Narziß wurde. Der Grund, weshalb
+dem nicht mehr so ist, besteht darin, daß wir einerseits zu
+wissenschaftlich, andrerseits zu historisch dazu empfinden. So trocken
+herausgesagt, schmeckt das nach Pedanterie, aber wir sind uns ja der
+Ursachen nicht bewußt. Zu wissenschaftlich: nicht nur, weil wir es in
+Büchern lesen oder weil wir es in der Natur beobachten oder weil uns
+jeder Vorgang des Lebens darüber belehrt, sondern weil uns die
+Überzeugung oder besser ausgedrückt die Anschauung in Mark und Knochen
+sitzt, daß alles, was da atmet, wird und wächst, ein und demselben
+Gesetz gehorcht, daß ein Band der Liebe sich um alle Wesen schlingt, ein
+Trieb der Zeugung, ein Wille, Schöpfer zu sein, den Tod zu besiegen,
+alle und alles bis ins Innerste durchdringt. Zu historisch darum, weil
+unser Geist in keinem Fall berauscht und egoistisch am Augenblick hängt,
+weil wir voll sind von Vergangenheit, von immanenter Erfahrung, weil das
+Geschick einzelner sowohl wie ganzer Geschlechter, ja der ganzen Gattung
+beständig und ohne daß wir dessen gewahr werden, zu uns redet und unsere
+eigenen Wege deutet. So wenig uns ein Gewitter in abergläubische Furcht
+versetzt, so wenig also wird uns das Ereignis großer Liebe wunderbar
+dünken; beides kommt ja aus der Natur, beides ist im Entstehen und
+Vergehen gegründet. Nun jedoch tritt das Seltsame ein: Im Großen, in
+allem Katastrophalen der Existenz haben wir aufgehört, Wunder und
+Begünstigung, Geheimnis und persönliche Verschuldung zu erblicken; im
+Kleinen aber, im Alltäglichen des Tuns und Betrachtens wird uns ein
+jedes Ding verwunderlich. Höchst bezeichnend ist es, dies Wort: sich
+wundern. Wir verwundern uns eigentlich unaufhörlich. Es erstaunt uns der
+Wurm, es erstaunt uns der Sternenhimmel, es erstaunt uns der Apfel, es
+erstaunen uns Berg, Strom und Wasser. Es erstaunt uns der Bettler und es
+erstaunt uns der reiche Mann, es erstaunt uns der Mörder und es erstaunt
+uns der Dichter, es erstaunt uns der Tapfere und erstaunt uns der
+Feigling. Das macht, weil wir in allen diesen die Notwendigkeit entdeckt
+haben, das Gefühl für die Unbedingtheit ihres Seins und damit in letzter
+Linie die Schönheit, die ihnen eigene Form der Schönheit. Wie ehedem von
+einem Pantheismus könnten wir von einem Panhumanismus sprechen oder
+besser von einer Allwesenheit. Es ist uns alles menschlich geworden,
+kreatürlich geworden, -- zugehörig. Daß sich dadurch die Quellen der
+Freude um ein Unermeßliches vermehrt haben, ist klar, und das Reich der
+Schönheit ist, wie Christus vom Reich Gottes sagte, in uns. Das Reich
+der Liebe auch. Und wenn wir nun die ganze Welt dermaßen in uns haben,
+wenn unsere Sinne sie unaufhörlich besitzen, so folgt daraus doch für
+die Sinne selbst, daß sie auf ein Begrenztes, auf ein Gehaltvolles, auf
+ein Zweck- und Zielvolles gewiesen sind, daß sie mutiger, sicherer und
+stolzer geworden sind und daß ihr unentbehrlichster Verbündeter, weil
+sie von Anschauung, von Ahnung, von Begreifen, von Andacht, von
+Weltgefühl genährt werden, die Phantasie ist. So ist es auch in der
+Liebe. Die Sinnlichkeit ist darum nicht mehr auf den Körper beschränkt,
+sie will nicht erobern und nicht verführen; von galanten Künsten braucht
+sie überhaupt nichts zu verstehen, denn sie sucht nichts weiter als
+Übereinkunft. Sie überlistet nicht, weil sie wertet; sie enthüllt nicht
+den Leib, sondern die Seele, ja, sie ist ganz und gar auf solche innere
+Enthüllungen angewiesen, und eine Form gibt ihr nichts, wenn der Form
+nicht ein Inhalt entspricht. Eifersucht ist ihr deshalb ein unfaßbarer
+Begriff, denn gerade die Einmaligkeit, die unwandelbare Gesetzmäßigkeit,
+darauf beruht sie. Es ist keine Regung in ihr, die nicht, mit einem Wort
+gesagt, auf Verständigung beruhte. Damit sind wir wiederum bei der
+Phantasie angelangt, denn Verständigung hat ja keine andere Wurzel als
+die geistige Macht des Menschen, die Phantasie.«
+
+»Sie springen etwas willkürlich mit der Phantasie um, mein Bester«,
+bemerkte Faustina kühl.
+
+»_Tu_ ich das? In der Tat, ich schreibe der Phantasie eine weitaus
+größere Rolle zu als es sonst geschieht. Erst mit ihrer Hilfe sind wir
+fähig, die Seelen anderer Menschen zu erfassen. Viele Eigenschaften, die
+man nur zu leicht als Laster anzusprechen geneigt ist, sind lediglich in
+einem Mangel an Einbildungskraft begründet. Der Geizhals, der
+Hoffärtige, der Grausame, der Nörgler, der Denunziant, der
+Selbstzufriedene, der Gottesleugner usw. was sind sie anders als
+Phantasielose oder -- Phantasten, was beinahe das selbe ist. Gewisse
+Worte müßten uns töten, wenn nicht die Einbildungskraft wäre, die sie zu
+Luft und Schall zerstieben läßt. Haben Sie das nie erfahren, Faustina?«
+
+»Ich hab's erfahren, wahrlich.«
+
+»Und gäbe es Verzeihung für erlittene Beleidigungen ohne die Phantasie?
+Nein. Der Mensch ist rachsüchtig, die Phantasie veredelt diesen Impuls.
+Ein solcher Mensch ist nun nicht mehr lasterhaft. Man kann getrost
+sagen: wer echte Phantasie besitzt, der ist tugendhaft. Wenn Sie nun der
+Sinnlichkeit die Phantasie nehmen, was bleibt dann übrig? Wenn ich
+liebe, und mein sinnliches Verlangen ist ohne Phantasie, so bin ich wie
+einer, der in absoluter Finsternis gefangen ist, ja, es ist möglich, daß
+ich dadurch dem Wahnsinn verfalle. Erst durch die Phantasie erhält meine
+Begierde die Weihe, die Süßigkeit, die Schönheit, den Mondglanz der
+Bezauberung und jenen Tropfen von Melancholie, ohne den eine
+Leidenschaft nicht beseelt erscheint. Sinnlichkeit ohne Phantasie ist
+nichts als der traurige Zweikampf zweier Wesen, die einander unbewußt
+zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im Leben nicht bloß das eine
+oder das andere; die Leiden und Irrungen, die ein unvollkommener Zustand
+mit sich bringt, bleiben schließlich wenigen erspart. Wie oft sieht man
+Eheleute oder Liebesleute im Streit! Wie manche Ehe, die durch die Liebe
+getragen schien und nur noch durch Gewohnheit und bürgerliche
+Rücksichten befestigt ist, schleppt sich mühselig hin unter Hader, Zank
+und Mißverständnissen! Männer, sonst gerecht und vornehm, Frauen, sonst
+zärtlich und nachsichtig, vergessen sich; sie werden zu Tieren, die auf
+einander Jagd machen, sich einander Wunden zufügen, harte Worte wählen,
+Worte wie geschliffene Messer, mit übertriebenen Beschuldigungen die
+Achtung untergraben, die jeder vom andern billig verlangen muß, und ohne
+die Haltung sind, die sie auch dem Gleichgültigen gegenüber zu wahren
+wissen. Es sind das häßliche Szenen, und häßlich sind sie, weil solche
+Menschen aller Phantasie bar sind, weil sie nicht vermögen, die
+Armseligen, über den Augenblick hinauszudenken, weil der Augenblick in
+ihnen stärker ist als das Herz, als das Schicksal, als Tod und Ewigkeit.
+Ja, so sind die Phantasielosen, sie leben nur von Augenblick zu
+Augenblick, sie schwingen nur in den Intervallen, der Augenblick selbst
+ist ihnen nichts.«
+
+»Das alles ist mir zu allgemein«, sagte Faustina. »Teils zu allgemein,
+teils zu kategorisch. Ich kenne Verhältnisse, deren Beschaffenheit mit
+der Phantasie gar nichts zu tun hat, oder ich müßte den Begriff der
+Phantasie zu weit ausdehnen. Nehmen Sie an, eine geistig bedeutende Frau
+liebt einen Gimpel; oder ein Mann von Genie liebt eine gewöhnliche Gans.
+Das kommt doch häufig genug vor, sollt ich denken. Und wie einfach sind
+diese Beziehungen, mein Gott, wie einfach. Ihr A und O ist eine
+natürliche Sinnlichkeit, und bieten sie nicht meist größere Gewähr für
+ein dauerndes Glück als jene feinnervigen Bündnisse, in denen doch alles
+auf Eigenschaften gestellt ist, und nicht auf das Ganze der Kreatur? Man
+muß einander nicht gar zu gut verstehen in der Liebe; ein wenig
+Fremdheit tut not. Wir Leute, wie wir da sind, wir verstehen einander zu
+gut und mißverstehen uns deshalb so oft. Den Leibern, finde ich, ist die
+allzugroße Vertrautheit der Seelen von Übel. Sie verletzt die
+Schamhaftigkeit.«
+
+»Die Schamhaftigkeit? Inwiefern?«
+
+»Das leidet gar keinen Zweifel. Je größer die seelische Verfeinerung
+wird, je größer wird auch die Schamhaftigkeit. Es ist ein heikles Thema,
+und irgendein Schriftsteller meint mit Recht, daß es schon schamlos sei,
+über die Schamhaftigkeit zu sprechen oder was jemand darüber sagt,
+anzuhören. Je tiefer man in den andern hineinschaut, je mehr ist man
+geneigt, das, was in ihm vorgeht, zu überschätzen, je mehr fürchtet man
+den andern oder fürchtet sich selbst, je mehr versteckt man sich, ja
+ich habe es erlebt, daß solche Menschen aus lauter Zartfühligkeit und
+Hellseherei sich die Möglichkeit harmlosen Daseinsgenusses untergruben.«
+
+»Aber was hat das mit der Schamhaftigkeit zu tun?«
+
+»Sehr viel! Wenn die dunklen Zustände und Vorgänge in der Brust dermaßen
+ans Licht gezerrt werden, daß der Mensch sozusagen in sich selber kein
+Heim mehr hat, wo er sich mit seinem Verschwiegensten bergen kann, so
+muß ihm doch allmählich dabei zumute werden, als ob man ihn entblöße und
+an den Pranger stelle. Ich, ich für meinen Teil, fühle mich durch das
+beständige, wachsame Verständnis eines andern, und sei er das
+geliebteste Wesen, ganz und gar an den Pranger gestellt, und ich sage
+Ihnen auch, daß mir jene Frauen, die man unverstandene zu nennen
+beliebt, mir, mir für meinen Teil, immer nur schamlos erschienen sind.
+Das wären die einen. Dann sind jene, bei welchen die Schamhaftigkeit
+sich ins Krankhafte steigert und die in einer so dünnen Luft leben, daß
+ihnen das gesund Sinnliche zum Ekel wird. Ich hatte einst eine solche
+Unglückliche zur Freundin; sie war die schamhafteste Natur, wurde aber
+bisweilen von einem förmlichen Enthüllungswahn verfolgt, und indem sie
+sich preisgab, unterlag sie einem Zwang, der sie etwas ausüben hieß, was
+ihrem wahren Wesen gerade entgegengesetzt war. Da war kein Halt, keine
+Haltung, und als sie eines Tages liebte, versagte sie sich dem
+betreffenden Mann, weil sie überzeugt war, daß er nur ihren Körper
+liebte und nicht die Seele. Ist das nicht schauerlich? Ein einziges,
+grobes Mißverständnis des Lebens?«
+
+»Freilich; es gibt Frauen genug, die in dieser Hinsicht einem
+unheilvollen Irrtum und Unbegreifen verfallen sind«, erwiderte ich. »Der
+unheilvollste Irrtum, den sie begehen können, ist aber, wenn sie aus
+ihrer Art der Schamhaftigkeit und deren Überwindung einen Begriff der
+Treue folgern, der für sie Gesetz und Notwendigkeit, für den Mann aber
+eine Freiwilligkeit ist. Diese Freiwilligkeit wieder einer höheren
+Notwendigkeit unterzuordnen, das ist die _Tat_ des liebenden Mannes,
+eine Handlung, die von seiner Kultur, von seiner Selbstbeherrschung, von
+seinem Schönheitsempfinden abhängt. Die Frauen besitzen nur die Scham
+des Geschlechts; die Keuschheit einer Nonne und die Verderbtheit einer
+Dirne sind nur verschiedene Wirkungen ein und derselben Kraft, ähnliche
+Zustände mit verschiedenen Hemmungen. Dem Mann ist eine andere
+Schamhaftigkeit eigen, eine übersinnliche, ich möchte sie die Scham vor
+Gott nennen, und er kann sie nur verlieren, wenn er sich selber vor Gott
+verliert. Wir haben demnach das Schauspiel eines beständigen Krieges
+zweier dem Grund und der Beschaffenheit nach völlig unähnlicher Arten
+der Schamhaftigkeit, und während eine Frau die ihre sozusagen wörtlich
+nimmt, sie trägt oder abwirft wie man ein Kleid trägt oder abwirft,
+verheimlicht der Mann die seine, denn ihm ist sie nur ein Symbol.
+Niemals darf die Frau sich einfallen lassen, das Symbol in die
+Wirklichkeit zu zerren, etwa eine Forderung daraus zu machen.«
+
+»Das sagt -- ein Mann!« rief Faustina. »Ich muß Sie schon sehr hoch
+einschätzen, lieber Freund, wenn ich das nicht anmaßend finden soll.
+Klipp und klar gesprochen heißt das doch: die Liebe des Weibes ist eine
+Realität, die des Mannes ein Symbol. Oder nicht?«
+
+»Ausgezeichnet formuliert, Faustina.«
+
+»Na, schön. Ich will dagegen nicht streiten, weil es ins Grenzenlose
+führt. Ich sehe nur so viel, die tägliche Erfahrung beweist es mir, daß
+diese Realität keinen Bestand und dieses Symbol keine Bedeutung hat.
+Flausen, Flausen, nichts als Flausen! Bester Freund, sperren Sie mich
+doch nicht ein für allemale in die Rumpelkammer der 'Realität'! Denken
+Sie daran, daß auch ich geliebt habe! Ja, wirklich, wirklich geliebt!
+Beweisen kann ich nicht, daß es mehr war als ein Irdisches,
+Erdgebundenes, an Zweck und Zeit und Augenschein Gebundenes, aber dafür
+kann ich beweisen, daß der andere, der Partner im Spiel, keinen Einsatz
+wagte, der die Mühe verlohnte zu kämpfen, beweisen kann ich, daß seine
+Liebe -- und er _liebte_ -- nur unzulänglich war, also nicht bis zu dem
+Punkt reichte, wo eine symbolische Kraft das Flüchtige des Lebens
+festhält. Aber weshalb so hohe Worte? Napoleon tat auf Sankt Helena den
+ungeheuerlichen Ausspruch: Ein solcher Schurke kann kein Mann sein als
+ich von ihm glaube, daß er einer ist. Fast jede Frau kann dasselbe von
+ihren Erfahrungen in der Liebe sagen, vorausgesetzt, daß sie nicht ein
+blindes Tierchen ist. Ihrer Methode gemäß werden Sie mir wahrscheinlich
+entgegenhalten: du hast eben nicht zu wählen verstanden. Ja, um Gottes
+willen, wenn der sich nicht bewährt, den ich als den besten erkenne,
+wozu schlägt dann mein Herz, warum denke und fühle ich dann? Entweder
+muß ich demnach mein Leben in der Wurzel verneinen oder Ihre ganze
+Weisheit wird mir zum Sophisma. Da ist ein Mann, der mich anbetet; es
+erscheint mir zweifellos, daß ich ihm viel, daß ich ihm alles bin, ich
+ergebe mich, verbünde mich ihm, und da muß ich entdecken, daß er nur zu
+werben versteht, zu besitzen, den Besitz zu verteidigen, zu bilden, zu
+erhöhen, dazu ist er nicht fähig. Oder ein anderer Fall: da ist ein Mann
+von Geist, Gemüt, Talent, aber er lebt in tiefem Elend. Das Mitleid
+nähert mich ihm, es gelingt mir einen wahren Sturm der Energie in ihm zu
+entfesseln, die Liebe zu mir trägt ihn empor, das Schicksal begünstigt
+ihn, aber er kann es nie verwinden, daß diejenige, die er liebt, auch
+seine Helferin war, er selbst gesteht mir seine Scham und alles
+scheitert an einer Grille.«
+
+»Und was taten Sie?«
+
+»Was sollt ich tun? Ich ließ ihn seiner Wege gehen. Ist es etwa diese
+Scham, die Scham, nicht mehr der Mächtige zu sein, die Sie symbolisch
+nennen?«
+
+»Der Mann hatte vielleicht nicht viel zuzusetzen, deshalb raubte diese
+Scham seiner Liebe die Kraft«, antwortete ich. »Es kommt nur darauf an,
+was einer zuzusetzen hat, und für den Mann ist in der Liebe tatsächlich
+alles nur eine Frage der Macht. Mitleid ist ein Feind der Liebe, Mitleid
+zerstört die Gleichberechtigung, geradeso wie ein ausschließliches
+ästhetisches Wohlgefallen; jenes schafft eine zu große Nähe, dieses eine
+zu große Ferne. Der Bemitleidete und der Bewunderte atmen nicht dieselbe
+Atmosphäre mit demjenigen, der Mitleid oder Bewunderung hegt, und sie
+sprechen nicht in derselben Sprache zueinander. Aber es gibt Mittel, den
+Zwiespalt zu überbrücken, und die Frau ist es, die in dem einen wie im
+andern Fall ausgleichend zu wirken vermag, und zwar durch die göttliche
+Eigenschaft der Sanftmut. Sie, Faustina, sind nicht sanft genug.«
+
+»Nicht sanft genug! Das wurde mir schon einmal gesagt. Wenn ich sanft
+wäre, wurde gesagt, hätte ich weniger Anlaß, mich über das Leben zu
+beklagen.«
+
+»Oder über die Liebe. Das ist meine Meinung.«
+
+»Sanftmut! Die schätzbare Gabe, stumm zu bleiben, wenn man getreten
+wird, und nur zu seufzen, wenn das Herz bricht, die nennt man Sanftmut,
+die nennen die Männer Sanftmut. Und weil sie ihnen die bequemste
+Eigenschaft am Weibe ist, darum wird sie gepriesen. Wer aber Augen hat
+und sieht, und vieles sieht, und Blut, das sich erhitzt, und eine Faust,
+die sich ballen muß, der kann nicht sanft sein.«
+
+»Gemach, Faustina. Sie erinnern mich ein wenig an den Knaben, den man
+fragte, wer tapfer zu heißen sei, und der darauf entgegnete, tapfer sei,
+wer nicht davonlaufe. Sanftmut ist nicht Nachgiebigkeit, nicht
+Unterwürfigkeit, nicht Schweigsamkeit. Sanftmut ist der Ruhe des
+Feldherrn zu vergleichen, oder der Besonnenheit des Künstlers. Sie ist
+nicht eine Schwäche, sondern eine Kraft. Sie ist in der Liebe die
+eigentliche Kraft des Weibes, ihre Waffe wie ihr Schutz. Sie ist nicht
+an ein bestimmtes Temperament gebunden, dem cholerischen kann sie
+gegeben, dem melancholischen kann sie versagt sein. In jedem Tun und
+Lassen drückt sie sich aus: in der Freude, in der Angst, in der Trauer
+und im Schmerz, im Blick und im Schritt. Sie ist geradezu ein Rhythmus
+des Lebens. Das Lächeln der sanften Frau ist unwiderstehlich, die sanfte
+Frau ist niemals häßlich. Nun ist freilich die echte Sanftmut beinahe
+ebenso selten wie die Liebe, und leider muß man konstatieren, daß sie
+immer seltener wird, je mehr die Erregbarkeit der Nerven wächst, je mehr
+auch die Frauen von Liebe und über die Liebe wissen, und je weniger sie
+Liebe fühlen. Denn die Liebe der Frau ist hauptsächlich auf ein
+Elementares, auf ein Unbewußtes gestellt. Da gibt es Frauenrechte und
+Frauenberufe, man bildet Körperschaften und veranstaltet Versammlungen.
+Dabei mag viel Nützliches entstehen, aber für die Sanftmut ist alles zu
+fürchten. Haben Sie nie den Unterschied bemerkt zwischen dem Geschmack
+einer Birne, die frisch vom Baume kommt, und einer solchen, die schon
+unter vielen andern Birnen auf dem Speicher gelegen war? Ein solcher
+Unterschied herrscht zwischen der Frau als Einzelwesen und der Frau, die
+sich sozial betätigt.«
+
+»Sie mögen ja recht haben«, antwortete Faustina. »Aber am Birnenbaum
+hängen viele Birnen. Sollen die Birnen also warten, bis die Leckermäuler
+anspazieren, um die schönsten zu verspeisen? Die übrigen können warten;
+sie müssen verfaulen und ins Gras fallen, wie? Um der Sanftmut willen.
+Danke schön. Wir haben nicht Konsumenten genug, wir armen Birnen, wir
+müssen unterzukommen trachten. Ihr wollt uns rein, ihr wollt uns
+engelhaft, ihr wollt, daß jede sich für einen Messias aufspare, aber
+ihr, ihr wollt nichts entbehren, keinem Gelüst die Befriedigung
+vorenthalten, keinem Appetit die Stillung. Und der Messias, der sich
+schließlich bei uns einstellt, ist entweder ein alberner Fant, der nicht
+weiß, was er in Händen hält und seinen blinden Jünglingsrausch austobt,
+oder ein kritischer Herr, der sich wieder trollt, wenn das Birnchen
+einen Flecken hat.«
+
+»Das ist wohl wahr, Faustina, praktisch genommen ist es wahr, und daß
+ihr Grund habt, euch selbst zu schützen, kann nur einem Dummkopf
+verborgen bleiben. Jedoch von einer höheren Zinne betrachtet, liegen
+die Dinge anders. Die Natur will nicht, daß man ihr zuvorkomme. Sie will
+nicht, daß ihr heiligstes Gesetz, das Gesetz der Auslese, umgestoßen
+wird, und wenn es trotzdem geschieht, rächt sie sich durch die
+Hervorbringung lebensuntüchtiger Geschöpfe. Ist Ihnen bekannt, daß zum
+Beispiel unsere Jagdvorschriften der Rassigkeit und Widerstandsfähigkeit
+des Wildes, besonders des Edelwildes, erheblichen Abbruch tun? Wir haben
+Frauen, die gezwungen sind, einen Beruf zu ergreifen; ohne Pathos tun
+sie es, verdienen ihr Brot; andere sind mit Intelligenz und Scharfsinn
+am Werk, um soziales Elend zu mildern. Wer hätte dagegen etwas
+einzuwenden? Das Schicksal des Individuums wird mir immer Teilnahme
+einflößen, ob es eine Nähmamsell oder eine Fürstin ist;
+Massenbestrebungen aber, wenn sie der unmittelbaren Leidenschaft des
+Erlebnisses entbehren, lassen mich natürlich kalt. Das Wesen der Frau
+deutet mehr als das des Mannes auf Vereinzelung; ich habe immer
+gefunden, daß die edlere Art der Frau sich nur kraft dieser Vereinzelung
+bewahrte, und daß sie sich zur Vervollkommnung der Rasse gar nicht teuer
+genug bezahlen läßt.«
+
+»Und wenn dem so wäre,« versetzte Faustina, »was hülfe es? Ist denn die
+Frau nicht immer willfährig zum Besten, wo der Mann das Beispiel edler
+Initiative gibt? Was frommt aber der Natur, was hilft selbst Gott das
+Gesetz der Auslese, wenn ihm das Gesetz der Trägheit entgegensteht?«
+
+»Der Trägheit ... Schon vorhin haben Sie das Wort gebraucht. Sie sagten
+Trägheit des Herzens.«
+
+»Ja. Trägheit des Herzens.«
+
+»Trägheit des Herzens ist eine von den sieben Todsünden, soviel ich
+weiß.«
+
+»Sie ist die einzige Todsünde, die es gibt.«
+
+»Sie verbergen also einen großen Sinn dahinter, so etwas wie eine Idee.«
+
+»Einen großen Sinn, da haben Sie recht, einen schmerzlichen Sinn. Das
+Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht
+will, das tue ich, heißt es in einem Brief des Paulus an die Römer. Da
+ist ein Erkennen: das Gefühl trotzt dem Erkennen, beharrt auf dem
+falschen Weg; oder da ist ein Gefühl, ein großes, ein wahres; und doch,
+es läßt sich betrügen, es läßt sich verwirren durch Rede und durch
+Denken. So entsteht Trägheit des Herzens, und ist selber noch ein
+Tieferes, Schwereres, Dunkleres, Schuldigeres. Es gab Zeitläufte, wo die
+Menschen mehr ihren Trieben untertan waren, barbarische, kriegerische,
+im großen und ganzen auf eine Sache, auf ein Ziel gestellte Zeiten. Da
+konnte Trägheit des Herzens für eine Sünde gleich andern gelten, gleich
+Geiz oder Neid oder Habsucht. Heute ist der Mensch zur Rechenschaft
+gezogen, heute ist jeder sich selbst verantwortlich. Sie sagen es
+selbst, nicht die Religion, nicht Himmel und Hölle darf er zur Ausrede
+und Ausflucht machen, in seiner Brust muß er sein Schicksal suchen. Da
+wird Trägheit des Herzens zur Kardinalsünde, und wie es nun ist, diese
+Sünde liegt auf uns allen wie Gewitterlast. Fordern Sie Beispiele? Wo
+soll ich anfangen? wo enden? Vorübergehen, wenn die Stimme des Gemüts
+zum Bleiben mahnt, bleiben, wenn sie verlangt, daß ich weitergehe; die
+Augen schließen, wenn es gilt zu sehen, und schweigen, wenn es gilt,
+Partei zu nehmen; urteilen und verdammen, wenn vieles davon abhängt, zu
+schweigen und Milde zu üben; den reinen Sinn betäuben, den unreinen zu
+falscher Tat stacheln; Zwecke wollen, wo keine sind; nach Gerechtigkeit
+streben und der Liebe vergessen; Liebe beanspruchen, ohne sie zu geben;
+genießen wollen und nicht bezahlen; von Gott reden und den Teufel im
+Innern füttern; Ideale aufrichten und einen armen Schuldner vor Gericht
+zitieren; in Musik und Dichtung schwelgen und vor den kleinen
+Menschenpflichten die Flucht ergreifen; Freundschaft preisen und den
+Freund verleugnen; Philosoph sein und den Dienenden mißhandeln; den
+Genius herbeiwünschen und, wenn er sich zeigt, ihn schmähen und in den
+Kot zerren, alles dies, all dies Vergessen, all dies _Wissen_ und
+_Nicht-Tun_ ist Trägheit des Herzens. Ach, wie schön ist das Herz! zu
+wie vielem fähig! wie viel vermag es! Und Liebe, das Herz des Herzens,
+wie wird sie mißachtet, mißbraucht, vergewaltigt und zertreten! Wie
+ummauert sind alle Herzen, wie wenig mag ein jedes sich verraten, und
+wie schnell und bereitwillig das des anderen! Wir reden da von Liebe,
+von Liebe, und wo ist sie, die Liebe? Ein Symbol soll sie sein, ein
+seltenes Phänomen, ich aber möchte sie haben, sehen möchte ich sie!
+Zeigen Sie mir einen Liebesbegeisterten, zeigen Sie mir einen
+Verschwender der Liebe! Die Liebe, von der ich weiß, war immer nur ein
+zartes Pflänzchen, es ertrug die Lebensstürme nicht, versteckte sich vor
+der Sonne und kroch in labyrinthisch verschlungene Tiefen,
+weltabgewandt, der Nacht zugewandt. Ich fragte einmal einen Mann, ob
+seine Geliebte schön sei. Schön, das könne er nicht behaupten, sagte er,
+aber alles an ihr sei charakteristisch. Ei, erwiderte ich ihm, Sie sind
+ein ganz famoser Zeitgenosse. Charakteristisch! Ein niedliches Wort! Man
+müßte es in eiserne Lettern gießen und auf den Schandpfahl des
+Jahrhunderts nageln. Alles ist so charakteristisch, so individuell, so
+besonders, so künstlich, so ins Kleine zerspalten, ins Geistige
+verdünnt, so scheu, so furchtsam, so wissend und so unsicher in
+jeglichem Gefühl. Was ist da um Gottes willen noch zu hoffen, Freund!
+Was kann ein volles Herz noch für sich hoffen? Es gibt nur eines; nur
+eines gibt es: sich bescheiden.«
+
+»Es gibt noch ein zweites, Faustina, ein größeres.«
+
+»Und das wäre?«
+
+»Die Freude an der Erscheinung. Beklagenswert ist allerdings der Druck,
+unter dem wir leben, das seltsam fatalistische Dahinrasen. Das Dasein
+wird immer scheinhafter, seine kurze Dauer wird uns immer schmerzlicher
+bewußt, und wer Sinn und Liebe sucht, kann wohl in ungemessene
+Verzweiflung stürzen, wenn ihn dies eine nicht rettet: zu schauen. Dem
+Schauenden enträtselt sich die Welt; ihm entwirrt sich jedes Dunkel; er
+legt seine Hand auf Gräber und sie werden zu Altären, er wandelt durch
+Schneegestöber und er spürt den Frühling, er ist verlassen von den
+Freunden und er lebt mit der Menschheit. Daß die Dinge da sind, daß ich
+sie besitze, daß Schöpfer und Geschaffenes mein sind, daß das Leben,
+soweit es denk- und fühlbar ist, in mir steckt, daß es nichts gibt,
+nicht das kleinste Denk- und Fühlbare außerhalb des Lebenskreises, und
+daß mir das Ungeheure wie das Unscheinbare, Hohes und Niedriges, der
+Festzug des Kaisers und das Vorüberflattern eines Schmetterlings, daß
+mir Schönheit und Häßlichkeit, Liebe und Haß, Selbstentäußerung und
+Trägheit des Herzens, daß mir alles dies zur Erscheinung wird, das kann
+mich retten.«
+
+»Mit einem solchen Quietismus will ich mich nicht beruhigen«, antwortete
+Faustina düster.
+
+»Wenn das Quietismus wäre, dann wäre der Erdball nicht mehr imstande,
+seine Bahn um die Sonne zu laufen. Glauben Sie doch nicht, Faustina, daß
+ich mich damit freispreche von menschlichem Tun oder mich des
+mitstrebenden Herzens entledigen wollte. Es ist kein künstlerisches,
+kein ästhetisches Prinzip, sondern durchaus ein religiöses, durchaus ein
+göttliches. Wie in der Liebe durch ein höchst instinktives und
+beseligtes Erkennen Vorzüge und Fehler des andern zu einem
+anbetungswürdigen Bild vereinigt werden, so und nicht anders ergeht es
+dem Schauenden mit der Welt. Er hat alles innen; alles was außen ist,
+hat er innen; ihm ist nichts verloren, ihm ist alles gegenwärtig. Er
+gibt sich hin, er gibt sich aus, aber er wirft sich niemals weg, denn
+wie er das Leben besitzt und wie er Gott besitzt, so besitzt er sich
+selbst. Und das, Faustina, ist das Große: sich selber besitzen. Dann
+besitzt man auch die Welt, dann besitzt man auch die Menschheit; die
+andern, die sich zu jeder Stunde wegwerfen, die besitzen nichts und
+niemanden. Nur die Erwartung der Liebe täuscht sie mit der Hoffnung auf
+Besitz.«
+
+Faustina hatte den Kopf abgewandt und schwieg. Eine lange Zeit verging
+im Schweigen und die Freundin hielt beständig den Kopf abgewandt. Die
+gesprochenen Worte erzeugten eine doppelte Stille. Es war weit über
+Mitternacht, als ich mich zu gehen anschickte. Mit starrer Miene reichte
+mir Faustina die Hand. Sie sah mich an, und wundersam, ihr Auge war voll
+Frage wie das eines kleinen Mädchens.
+
+Sehr gern hätte ich Faustina wiedergesehen, aber als ich zwei Tage
+später in die Wohnung kam, wurde mir gesagt, daß sie abgereist sei.
+
+
+
+
+Der Literat
+
+Geschrieben 1909
+
+
+Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen, hat der Kultur
+unserer Zeit seinen unverwischbaren Stempel aufgeprägt. Ja, man könnte
+sagen, daß alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel Kultur
+begreift, ein Werk des Literaten ist.
+
+Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen wollen diese Frage
+beantworten; sie wollen die Art und die Wirkung des Literaten, die
+Bedingungen seines Lebens, die Fundamente und Ziele seines Geistes mit
+Hilfe einiger typisierter Charaktere erforschen.
+
+Die damit aufgestellten repräsentativen Figuren werden sich natürlich in
+der Wirklichkeit kaum so unterschieden und formelhaft finden lassen; das
+Leben gibt Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun, im
+Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel viel vom Schöngeist
+nachweisen können. Auch ist es möglich, daß in einer einzigen Person die
+Elemente von mehreren jener Typen stecken, daß Schöngeist und Psycholog,
+oder Dilettant, Tribun und Apostel vereinigt sind. Sogar im
+schöpferischen Menschen sind Züge des Literaten vorhanden, vielleicht
+hat die moderne Zeit überhaupt keinen schöpferischen Menschen
+hervorgebracht, der davon ganz frei wäre. Beim Literaten werden aber die
+bezeichneten Eigenschaften von einem jener Repräsentanten immer in
+bestimmter und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und die
+Besonderheit und das wechselnde Ausmaß der Mischung sind dazu angetan,
+ihm in seiner menschlichen und künstlerischen Wirkung das Interessante,
+reizvoll Problematische und Unergründliche zu verleihen.
+
+
+
+
+Der Literat als Dilettant
+
+
+Eine Kunst aus Liebe zur Sache üben, das macht den Dilettanten in der
+edlen Bedeutung des Wortes. Der Dilettant und der Künstler unterscheiden
+sich vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden Zustandes,
+welcher den Künstler im Bereich seiner Kunst gefesselt hält, während der
+Dilettant frei bleibt. Der Künstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht,
+das Vermögen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser Welt zu
+identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim Dilettanten ist es
+umgekehrt. Der Dilettant identifiziert sich wirklich mit den Dingen
+dieser Welt, indes sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich
+daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert, begriffen,
+gedeutet werden soll, sondern gegen die Kunst, deren er sich bemächtigen
+will. Der Künstler hat die Kunst innen und möchte sich gleichsam ihrer
+entledigen im Austausch gegen Göttliches und gegen ein Stück Welt; der
+Dilettant hat sie draußen und wünscht sie zu gewinnen, indem er Welt und
+Gott in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie zu bringen
+sucht.
+
+Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch Gott noch Kunst in
+sich selbst. Ihm ist nicht nur die Kunst ein Äußeres, zu Erraffendes,
+sondern auch Welt und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich
+ist er ermüdet von Erlebnissen. Er ist nicht von stark organisierter
+Seele, sonst würden geringe Kämpfe nicht imstande sein, ihn zu ermüden.
+Er hat einer Schlacht beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den
+Kanonendonner gehört und zugesehen, wie man Verwundete und Tote
+vorübertrug. Das hat genügt, ihn mit Abscheu gegen den Krieg zu
+erfüllen, ja, er ist der gründlichste Hasser alles Kriegswesens
+geworden, ein Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit seines
+Geistes zwingt, seine Schwäche wie eine Stärke zu behandeln.
+
+Schon daraus läßt sich schließen, daß er nicht aus innerer Notwendigkeit
+am Kampf teilgenommen hat, sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust
+am Soldatenleben oder aus Begierde nach Auszeichnung. Man hat ihn
+einfach wie so viele andere Rekruten dazu ausgehoben, und er war von
+vornherein ein skeptischer Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu
+denken ist. Da man etwas treiben muß in der Welt, ist er Soldat
+geworden; nimmt er den Abschied, so ist er, mit Ausnahme des gewonnenen
+Ekels und Abscheus, wieder so leer wie er vorher war, und er weiß nicht
+recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer, sondern auch
+unentschieden auf den Plan, und weil ihn kein Muß befehligt, ist er
+nicht hungrig. Nur Leute, die unter einem tyrannischen Muß knirschen,
+sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt.
+
+Er merkt es wohl, daß Hunger dazu gehört, um sich zu entscheiden:
+Hunger, Spannung, Sehnsucht, eine ideelle Begierde. Die Welt, die
+Menschen, die Erscheinungen des Lebens erregen seine Teilnahme kaum oder
+nur insoweit, als seine Person dadurch berührt wird. Auf einmal richtet
+sich seine Begierde, seine ganze Spannung und Sehnsucht gegen die eigene
+Person. Er entscheidet sich ganz und gar für seine eigene Person, deren
+er sich bisher, in den hintersten Reihen der Kämpfenden, nur dumpf
+bewußt geworden war. Seine eigene Person enthüllt sich ihm plötzlich als
+ein Gegenstand von ungeahnter Wichtigkeit, als ein unentdeckter Bezirk,
+von dessen Schönheit und Vorzügen die übrigen Menschen zu unterrichten
+jetzt sein gebieterischster Trieb ist. Alles was er tut, denkt und
+empfindet, erscheint ihm erstaunlich, besonders und in hohem Grade
+mitteilenswert. Je unbeachteter und dunkler sein Dasein bis nun gewesen,
+je mehr drängt es ihn, sich in einen Mittelpunkt zu stellen. Wie aber
+fängt er dieses an?
+
+Er geht mit instinktiver Pfiffigkeit ans Werk. Er schmückt sich; und
+zwar schmückt er sich mit seinen Leiden, mit seinen Erfahrungen, mit
+einer in auffallender Weise zugespitzten, verschärften und
+nachdrücklichen Meinung über Menschen und Schicksale. Damit reizt er die
+Neugierde, und sein Instinkt hat ihn trefflich geführt, denn Neugierde,
+in einem gemeinen wie in einem höheren Sinn, ist der hervorstechendste
+Zug der Gesellschaft, aus der er kommt und deren Mittelpunkt er sein
+möchte, deren Mittelpunkt der schöpferische Mensch wirklich ist. Auch
+der schöpferische Mensch übertreibt das Bild der Welt, aber dadurch,
+indem er es vergrößert, dadurch allein schon, indem er die eigene Person
+aus seinem Werk ausschaltet und an dessen Stelle etwas setzt, was ich
+fiktive Persönlichkeit nenne. Dem schöpferischen Menschen ist seine
+Person nur ein Vorwand, ein Ausgangspunkt, der Literat als Dilettant
+sieht in ihr die Essenz und das Ziel. Der schöpferische Mensch ist
+einsam, von Natur und durch Bestimmung; dennoch lebt er unter den
+Menschen, weil die Menschheit ihm ein unentbehrliches Element ist, durch
+welches er leidet, weil er geboren ist, um zu leiden, weil das Leiden
+derjenige Seelenzustand ist, der ihn befähigt zu schaffen. Der Literat
+als Dilettant ist niemals einsam; je weniger, je mehr er bei sich und in
+sich selber steckt. Er stellt sich abseits, um in der künstlichen
+Einsamkeit einen Ersatz für die natürliche des schöpferischen Menschen
+zu gewinnen; er schmückt sich mit Einsamkeit, und auch dies ist ein
+Mittel, um Neugierde zu erwecken. Die Menschen sind ihm entbehrlich,
+obgleich er sie sucht; er ist der Menschen überdrüssig und satt, nur
+seiner eigenen Person wird er niemals satt, sie erscheint ihm stets
+interessant, begehrenswert, wichtig und ausgezeichnet. Nicht durch die
+Menschen leidet er, sondern durch sich selbst, und je nach Rang und Art
+seines Geistes und Charakters in allen Graden und Möglichkeiten;
+angefangen von unerfüllten Ansprüchen niedriger Sorte bis zum Durst nach
+Stillung eines bedeutenden Ehrgeizes.
+
+Dieser Ehrgeiz ist sorgfältig zu trennen von dem, was die Griechen
+Ruhmsucht genannt haben, als welche ein übersinnliches Verlangen und in
+ihren Wurzeln mit dem Unsterblichkeitsgedanken identisch ist. Der
+Ehrgeiz hat nichts mit Anonymität zu tun, der Ehrgeizige gibt sich nicht
+grenzenlos und unbedingt hin wie der Ruhmsüchtige, er löst sich nicht
+auf in der Idee; er leitet seine Sache, er steht vor seinem Werk, er ist
+immer der Herr, immer sichtbar, und sein Name umflammt seine Tat wie ein
+Programm. Die antik-heroische Eigenschaft der Ruhmsucht ist den modernen
+Zeiten und Menschen fast abhanden gekommen. Vielleicht ist darum unsere
+Kultur, oder was wir mit diesem Namen bezeichnen, so zerstückt, brüchig
+und disharmonisch, weil sie völlig auf einzelnen, auf »namhaften«
+Trägern ruht. Jede wahre Kultur setzt Anonymität voraus.
+
+Der Literat als Dilettant verabscheut die Anonymität, denn tritt er ohne
+seinen Namen auf, so ist es, als wenn ein General ohne Uniform zu Hof
+ginge. Durch seinen Willen getragen, von seinen Zwecken befehligt,
+abhängig von der Gunst der Menschen und der Umstände und somit von dem,
+was die Gesellschaft den Erfolg nennt, kann er in keinem Fall auf äußere
+Bestätigungen verzichten, und die edle Selbstvergessenheit des
+lediglich von der Sache erfüllten schöpferischen Menschen ist ihm fremd
+bis zum Unbegreiflichen.
+
+Doch sehen wir von jener höchsten Selbstvergessenheit vorläufig ab, die
+nur eine ideale Annahme sein mag. Der Ehrgeiz des Künstlers würde auch
+dann in Kraft treten, wenn dieser Künstler auf einer einsamen Insel
+lebte, denn sein Ehrgeiz ist der Ruhmbegierde insofern verwandt, als er
+von dem Bestreben, das Werk zu möglichster Vollkommenheit zu führen,
+nicht zu trennen ist. Der Literat als Dilettant hingegen ist besessen
+von der Sucht nach der Prämie. Eines seiner untrüglichsten Kennzeichen
+ist, daß er der Selbstkritik ermangelt. Selbstkritik ist das Vermögen zu
+vergleichen. Der Literat als Dilettant kann sich nur mit sich
+vergleichen, aus diesem Grunde erscheint er sich bald überklein, bald
+übergroß, da sein einziger Spiegel nur das eigene, beständig
+schwankende, beständig wechselnde, niemals ruhende, losgelöste und
+isolierte Ich ist. Er kann seine Arbeit nicht allgemein an Arbeit und
+Leistung messen; nur an sich selber kann er sie messen, an den
+verbrachten Stunden, gefühlten Anstrengungen; seine Intensität zu sein
+und zu schaffen dünkt ihm die stärkste überhaupt erreichbare, und ein
+solches Bewußtsein genügt ihm, um alle Erinnerungen an Qualität
+auszulöschen oder zu trüben. Im Grunde seiner Seele hält er die höhere
+Geltung, welche die Meisterwerke genießen, für einen Zufall, wenn nicht
+für Schlimmeres; auch jedes Gelingen hält er für einen Zufall, da ihm
+entweder das Talent zu inspirieren oder das Talent zu administrieren im
+Gegensatz zum elementaren Künstler fehlt. Wer ohne Selbstkritik ist, hat
+zu keinem Ding eine wahrhafte Distanz; so betrachtet er alle Künstler
+als seine Kollegen, und das unterscheidende Merkmal zwischen ihm und
+ihnen besteht nur in der Tatsache der größeren oder geringeren Prämie.
+Wohl vermag er zu bewundern, aber seine Bewunderung ist von persönlichen
+Vorbehalten niemals frei; er gibt sich nicht hin, er will insgeheim
+profitieren, er will denen, die die höhere Prämie erhalten haben, den
+Handgriff absehen, und das scheint ihm ausführbar, weil er die Distanz
+nicht kennt. Die Prämie, nach der er strebt, kann er nie erhalten -- ein
+Kater zeugt nicht Löwen. Er aber, der da wähnt, alles Vierbeinige sei
+letztlich von gleichem Rang, dem die Art und die Natur der Löwen völlig
+fremd sind, weil er in einem ganz anderen Klima lebt, muß
+notwendigerweise zu der Überzeugung gelangen, daß er das Opfer einer
+Ungerechtigkeit sei; die Vergeblichkeit seiner Forderungen erfüllt ihn
+nach und nach mit Eifersucht und Neid, so daß er alle Menschen gegen
+sich verschworen glaubt, vom niedrigsten Skribenten an, um dessen
+Ermunterung er buhlt, bis hinauf zu Homer, der eine allzu reichliche
+Menge des in der Welt vorhandenen Beifalls verzehrt hat.
+
+Eifersucht und Neid vermögen am Ende seine Fähigkeiten ungeahnt zu
+steigern; fast allein durch Eifersucht und Neid ist er zuweilen
+imstande, die Gebärde, die Rhythmik, die Melodik des Künstlers zu
+treffen und wenn er sich auch nicht hingeben kann, so verliert er sich
+doch manchmal, verliert sich in einer seltsamen Form übertragener
+Nachahmung, in welcher die großen Werke wie abgeblaßt und
+wiederempfunden, schattenhaft, stimmungshaft ein zweites, unwirkliches
+Leben führen. Er übertreibt das schon Vergrößerte, verwickelt das schon
+Vereinfachte, und die Welt, die ihr Bild in einer immer auffälligeren
+egoistischen Verzerrung erblickt, wendet sich beleidigt und gequält ab,
+auch wenn sie dem Urheber vorübergehend gehuldigt hat.
+
+
+
+
+Der Literat als Psycholog
+
+
+Die Psychologie des schöpferischen Menschen ist, mit einem Gleichnis aus
+der Chemie gesprochen, ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die
+Psychologie zur Idee, was ungefähr so viel sagen will, als ließe sich
+jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen Kompaß besitzt.
+
+Der Psycholog hält alles für erlaubt, denn er kann alles erklären. Er
+hat für jede Tat ein Für und Wider, für keine ein Entweder -- Oder.
+
+Der schöpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, indes der
+Psycholog die Menschheit und sich selbst verrät. Dieser Prozeß des
+Verrats ist wichtig genug, um näher betrachtet zu werden.
+
+Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als Psycholog ein
+isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich reichere und tiefere Natur.
+Er ist auch die kompliziertere Natur, ja, im Gegensatz zum
+schöpferischen, der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, daß
+seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus einem einheitlichen
+Gefühl, nicht aus einem elementaren Sein und Betrachten erwachsen,
+sondern daß sie vielfache Wurzeln haben, daß kein reiner einfacher Strom
+des Lebens ihn trägt, sondern daß er ein Spiel vieler, verschiedener,
+oft einander entgegengesetzter Strömungen ist, wider die er sich zu
+behaupten hat, woraus sich ergibt, daß er sich fortwährend im Zustand
+der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes befindet. Er ist ein
+wirklich Kämpfender, nicht bloß wie der Literat als Dilettant einer der
+in den hintersten Reihen zuschaut.
+
+Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte Menschen; sie
+sind unkompliziert geboren. Der schöpferische Mensch ist ebenfalls
+unkompliziert, aber dort, wo sich der Ring wieder schließt, auf der
+anderen Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene,
+derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur durch eigenes
+Streben und eigene Bestimmung, sondern auch durch unbewußte Mitwirkung
+der Geschlechter, die ihn hervorgebracht haben und deren Aufgabe es war,
+ihn hervorzubringen. Der Psycholog hat nun gleichsam diese Kette stummer
+Vorbereitung selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelöst und tritt
+mit dem ganzen Willen der »Kette«, mit Belastungen von rückwärts und
+vorwärts, mit unerledigten Verantwortungen, eigentlich als ein
+Deserteur, allein auf den Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige
+Erlebnisse voraus, innerhalb des eigenen Gemüts wie gegen den Kreis der
+Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich zu verantworten, ununterbrochen
+sich zu verantworten, gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich
+selbst. Der schöpferische Mensch hat nicht nötig, sich zu verantworten,
+er ist eben da, er empfindet sich als notwendig und gesetzmäßig, seine
+ganze Existenz heißt: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine
+innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern aber ist immer
+zumute, als ob er verneint würde, er fühlt sich als zufällig, er spürt
+keine Sicherheit, in ihm selbst steckt eine glühende Verneinung, und
+deshalb ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, Schatten- und
+Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, und es gelingen ihm bisweilen
+Werke dämonischer Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was
+er zutage fördert, trägt den Fluch einer geheimen Lüge.
+
+So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag er nur eine
+Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr als den Teil, er lebt nicht mehr
+als den Teil, das ist sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des
+Menschen und im Wesen der Kunst begründet, daß sein Werk ein Ganzes, ein
+Gebilde von allgemeiner Gültigkeit und Glaubhaftigkeit vorzustellen
+strebt. Da klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, desto
+enger und bedingter, desto mehr persönlich gebunden stellt sich sein
+Geschaffenes dar; je weniger er sich bescheidet, desto auffälliger und
+schmerzlicher tritt die Kluft zwischen dem Persönlichen und dem
+objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, keinen Ausgleich. Je
+stärker Talent und Potenz sind, desto mehr verführt ihn die Sprache, das
+Erlebnis, die Leidenschaft, die Intensität der Vision, sich auf sich
+selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und Gott auszuspielen,
+desto mehr verführt er die Menschen, an ihn zu glauben statt an seine
+Welt und an Gott. Er ist immer zugleich Verführer und Verführter,
+während der schöpferische Mensch Führer ist; er ist stets der Sklave
+seiner Eingebungen, Ideen, Worte und Gestalten, indes der schöpferische
+Mensch immer Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit,
+Freiheit und Gültigkeit verleihen will, desto mehr muß er seine
+Fähigkeit überspannen, die Empfänglichkeit seiner Sinne dem
+Krampfhaften, also dem der Natur Feindlichen nähern, und niemals das
+Göttliche, höchstens das Titanische ist sein Gipfel.
+
+Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die äußerste Wachsamkeit kaum zu
+denken; in der Tat ist der Psycholog das wachsamste Geschöpf der Welt.
+Wo der Dichter träumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit hat zur
+Folge, daß er über alle Vorgänge seines Innern und zuletzt über die Art
+und Wirkung des Zwiespalts, in dem er sich befindet, aufs genaueste
+unterrichtet ist. Jener Kampf führt nie zu dauernder Entscheidung; in
+jedem Augenblick fällt die Entscheidung anders, und er selbst darf die
+Waffen nicht ablegen. Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im
+Zustand der Unruhe und der Bewegung alles von sich selbst zu wissen;
+sich von sich selbst loslösen wollen und doch einsehen müssen, daß man
+unlösbar mit und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen
+rechtfertigen zu müssen, gegen das Werk, gegen die Menschheit, gegen
+Gott und gegen die eigene Seele; in einem derartigen Zustand ist das
+dringendste Verlangen das nach einem Heilmittel oder einem
+Betäubungsmittel, nach einem Stimulans; dieses Stimulans ist eben die
+Psychologie.
+
+Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie kann sich bis zu
+halluzinatorischer Kraft steigern. Sie ist beim schöpferischen Menschen
+in den Phasen vor der Entscheidung, beim Literaten ist sie die
+Entscheidung selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung bringt
+eine Wandlung hervor, jedoch diese Fülle von Wandlungen führt keineswegs
+zu einer Verwandlung; die Mittel sind auf dem Wege verausgabt worden, so
+daß es ein Ziel darüber hinaus nicht mehr gibt. Der Literat hat den Weg,
+der schöpferische Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, -- auf
+dem Weg, und das beständig; der schöpferische Mensch verwandelt sich, --
+am Ziel. Ein Mann, der nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus
+dem diesseitigen die ganze Summe von Genüssen hervorpressen, die nach
+seiner Ansicht darin enthalten sind. Dermaßen ist das Verhältnis des
+Literaten zur Psychologie beschaffen, und so kommt es auch, daß die
+Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an Gott ist.
+
+Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets bemerken, daß das
+schlechthin, das Nur-Psychologische immer den Verrat in sich birgt. Es
+mag so erstaunlich wie möglich beobachtet sein, nie wird man es ohne die
+Überwindung einer geheimen und tiefen Scham hinnehmen, als ob sich ein
+Mensch vor uns entblößte. Der Psycholog verrät die Welt, indem er sich
+selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen verrät. Dies ist ihm
+die Brücke zur Welt, denn eine andere hat er nicht in seiner Isolierung.
+Der Psycholog kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine Ekstase.
+Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er in seiner Seele gemacht hat,
+er reißt dich in seine Abgründe, begräbt dich in seinen Finsternissen,
+schleift dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am Ausgang und
+am Eingang steht er, nur er, Pförtner und Totengräber. Der
+schöpferische, der handelnde Mensch übernimmt die Leiden der Welt und
+reinigt die Menschheit davon, der Psycholog gießt seine Leiden über die
+Welt, und die Psychologie ist ihm der Schlüssel zur Welt, das Mittel, um
+dir zu sagen: Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses »du
+bist wie ich«, mit Hilfe der Psychologie, des fortwährenden Belauerns
+konstatiert, bringt etwas wie eine künstliche Sozialität bei ihm hervor,
+indes ihm die natürliche von Anfang an fehlt. Wo er haßt, ist sein
+Verrat ohne Hemmung, gewissermaßen sachlich; wo er liebt, glaubt er sich
+zu opfern durch den Verrat, und er muß verraten, weil die einzige Form
+seiner Produktivität darin besteht, das Ganze der Welt in Stücke zu
+reißen und in dem Schmerz über die Zerstörung und Zertrümmerung die
+Unvollkommenheit der Dinge zu gestalten. Während der schöpferische
+Mensch in einem göttlichen Sinne grausam ist, ist der Psycholog in einem
+menschlichen Sinne grausam, da er durch ein tragisch widerspruchsvolles
+Gesetz trotz seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt bleibt
+und sich so wenig wie von sich selbst richtend von ihr lösen kann. Er
+richtet nicht, er klagt an; es geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch
+nie um Gerechtigkeit.
+
+Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebärden mag, ist sie
+der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur,
+der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion. Sie
+ist immer ein irdisch Erfülltes, rationalistisch Fertiges; sie ist das
+Wörtliche, nicht das Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische,
+der Weg und nicht das Ziel.
+
+Nun entsteht die Frage: Wie verhält sich die Welt, die Gesellschaft
+hiezu, wie nehmen die Verratenen den Verrat auf? Sie werden ja beständig
+in Anklagezustand versetzt, beständig ihrer Geheimnisse beraubt,
+beständig in ihrer Scham beleidigt, wie können sie das ertragen?
+
+Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des Kniffs, daß er alles
+Einzelne, Vereinzelte und Sonderliche zum Typus verdichtet (während der
+schöpferische Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). Dadurch wird
+allem Widerspruch die Spitze gebrochen, und es entsteht ein Werk von
+großer Leidenschaftlichkeit, gegründeter Bewegtheit und seelischer
+Durchführung, ein Werk von je stärkerer persönlicher Einheit zumeist, je
+geringer eben die Objektivierung der Welt darinnen ist. Obwohl jene
+Eigenschaften nur mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst
+zur Erscheinung gelangen können, nenne ich doch das Verfahren des
+Psychologen -- in höherem Betracht -- einen Kniff, denn er deckt sich
+damit nach zwei Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er
+einen Zerrspiegel vorhält und sie dabei durch seine Leidenschaft, sein
+Gefühl, seine Kunst, seine Persönlichkeit verhindert, die Willkür in den
+Zerrbildern zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, wenn
+man will, gegen das schöpferische Prinzip, indem er sich als einen
+leidenden, leidenschaftlich ergriffenen Menschen preisgibt, aufgibt und
+zugleich darauf pocht, daß er in unabhängigen Gestaltungen zur
+Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt.
+
+Ich spreche selbstverständlich nicht von der Psychologie als
+Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und hat mit der Psychologie in
+der Kunst wenig oder nichts gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine
+analytische Methode, sondern eine Empirie höherer Ordnung, nicht mehr
+eine Disziplin, die von Realitäten ausgeht, sondern eine Realität an
+sich. Sie verpflichtet und verbindet das künstlerische Gebilde der Erde,
+verleiht der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem schon
+Zusammengefaßten, Verdichteten sein unverrückbares Gesetz, seelische
+Anwendung, wechselvolles Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die
+Erfahrung beruft. Der Literat als Psycholog will aber durch die
+Psychologie die Vision, das Gleichnis, das Verdichtete, das Gedicht erst
+erzeugen. Ihm ist der Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger
+als die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt ist, erlahmt er
+in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit vermag er zu erschöpfen, er weiß
+sie immer neu, anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie
+ist ja sein Persönliches, sein Erbe, während die Idee das Göttliche
+vorstellt, von dem er abgeschnitten ist.
+
+Durch das außerordentliche, zauberhafte, verführerische Talent, die in
+sich selbst beschlossene Realität zu gestalten, wird nun die Menschheit,
+die Gesellschaft oder das, was man Publikum nennt, über den begangenen
+Verrat hinweggetäuscht. Und zwar nicht erst seit gestern.
+
+Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die geistige und
+sittliche Individualisierung der Menschheit begonnen. Der christliche
+Kerngedanke ist eigentlich die vollständige und freiwillige
+Selbstisolierung des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale
+Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heißt: allein dastehen
+gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlöst, wird die Menschheit erlöst.
+Es konnte bei der Sublimität einer derart aufs äußerste getriebenen Idee
+nicht ausbleiben, daß sie, um eine Wirkung zu üben, mißverstanden werden
+mußte und das Christsein schließlich nur hieß: erlöst werden durch das
+Leiden eines andern, dessen nämlich, der seiner Lehre das
+welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das Christentum nach der
+sozialen Seite hin nutzbar gemacht.
+
+Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstörende Idee ist die
+der Kunst entgegengesetzte Idee schlechthin. Der christliche Mythos
+konnte der Kunst nur dort Nahrung zuführen, wo entweder gläubige Gemüter
+den gläubig Schaffenden umgaben, oder wo sein menschlicher Gehalt die
+Strenge der Überlieferung sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der
+Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, im ganzen
+Marienkult, antikisierend und dem Erlösergedanken fremd waren. Es konnte
+also nur das leidende, inbrünstige, ekstatische, lebenverzichtende
+Gefühl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive Frömmigkeit
+erforderlich war, oder es mußten übernommene Vorstellungskomplexe eine
+immer wiederholte Darstellung finden, deren persönliche Beseelung aber
+unmöglich wurde, als die Tradition ermattet und die Zahl ihrer Motive
+verbraucht war. Die bildende Kunst und die Musik, deren Gehalt
+ausschließlich in der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in
+Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn auch meist nur
+scheinbaren Zusammenhang mit dem Christentum am längsten bewahren; die
+Literatur hingegen, Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch das Wesen
+der Sprache und des Wortes auf eine stärkere geistige Existenz gestellt.
+Dies bedingt einerseits eine größere Kälte, größere Ferne und geringere
+Unmittelbarkeit der Gefühlswerte, andererseits wird aber dadurch jede
+Verschleierung und Verdunkelung der Idee erschwert, da die Auflösung der
+unerläßlichen Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur Wirkungslosigkeit
+führen würde.
+
+Der Dichter mußte sich also um so eher und nachhaltiger vom Religiösen
+befreien, je mehr dies Religiöse seines national-mythischen Gehalts
+entkleidet und, was dem Geist des Christentums widerspricht, zu einer
+staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. Das christliche Gebot der
+Absonderung, der leben-, form- und freudezerstörenden Individualisierung
+zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer Individualisierung
+auf geistigem Weg, vor allem zu einer losgelösten, vom Volk
+abgesonderten Existenz. Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus
+dem Volk ihm zuströmenden, im seelischen Leben des Volks gewachsenen
+Mythos beraubt, und dies bedeutet: daß er seinen Mythos selbst
+erschaffen mußte, aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter
+befanden sich im Kreise des religiösen Mythos ihres Volkes, der stets
+identisch war mit dem nationalen Mythos. Das Christentum zerbrach diese
+Einheit nicht nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles
+Schöpferische verneinender Mythos entzog den Dichtern auch die
+wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die wunderbar tiefe
+Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, die jene Genien besaßen, die von
+einem ununterbrochenen Strom mythisch vorhandener Gestalten schon
+getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. Wie wäre denn sonst das
+christliche Mittelalter, insonderheit das deutsche, so arm an großen
+Dichterpersönlichkeiten? Die wenigen von Rang führten nur ein privates
+Dasein, waren einsam, waren geduldet, oder auch wohlgelitten, »Sänger«,
+Kostgänger, Mitläufer, nicht Führer, nicht Propheten.
+
+Der Dichter mußte seinen Mythos selbst erschaffen. Dabei ist es
+geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, der Staaten, der Völker,
+der geistigen und sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die
+fortschreitende Dezentralisation und die beständige Verschiebung der
+Kasten und Klassen beständig wachsende Fülle von Schicksalsmöglichkeiten,
+alle diese Umstände haben die Tendenz zur Vereinzelung verstärkt. Kaum
+daß noch Familien ein natürliches, auf dem Herkommen beruhendes Ganzes
+bilden; die Gemeinde, die Polis, der Staat, die Nation sind schon
+künstliche und zufällige Zusammensetzungen. Das seelische Erwachen von
+Millionen Einzelnen bietet freilich ein großes Schauspiel; es ist nur
+die Frage, ob es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht eben
+ins Grenzenlose und Verhängnisvolle gesteigert wird.
+
+Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte Grundlage des
+nationalen Mythos fehlt, muß er ihn aus seinem Innern ersetzen. An die
+Stelle der lebendigen Überlieferung tritt diejenige des Schrifttums, und
+statt der natürlichen Sprache, die der Mythos hat und in der er zu allen
+spricht, ergibt sich der Stil. Sein Gedachtes, sein Geschautes, sein
+Geträumtes, sein Werden, sein persönliches Erleben, seine Anschauung der
+Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein Verhältnis zur Natur, dies
+alles verdichtet, vereinfacht, verbildlicht und zur Schönheit
+verwandelt, wird nun für den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn
+er zugleich Künstler ist, wenn er alle Lebenselemente zu Kunstelementen
+umgeschmolzen und das Persönliche in ein Göttliches verwandelt hat.
+
+Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen Ernst voraus,
+eine Kraft zur Entsagung und einen Willen zur Einsamkeit und
+Selbstvertiefung, die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe
+machen müssen, damit er Herr des Werkes werde, sondern es fordert auch
+bei den Empfangenden eine Eigenschaft, die fast Kongenialität zu nennen
+ist und die sich natürlich nur bei erwählten Geistern findet, zunächst
+wenigstens; später greift dann die Tradition von Bildung, Stil und
+Kultur ein, dieselbe Tradition, deren sich der Nachfahr bedienen und die
+er zugleich bekämpfen muß, um sich selbst zu finden. So vollzieht sich
+nie ein harmonisches Kräftespiel; alles ist Kampf und Absonderung, und
+das Mißverständnis zeugt, nicht das Einverständnis.
+
+In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das
+Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und großartiger ist, je größer
+eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es
+gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch glühendes Welt-Erraffen,
+selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persönliches gleichsam
+auszutilgen und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. Dies ist dem
+Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schöpft er ebenfalls
+alle Nahrung aus sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt
+tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt,
+bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das
+andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, und
+er ist fern von den Menschen -- wie der schöpferische Mensch, und fern
+von Gott -- wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das
+Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die
+ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, des vereinfachten
+Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende,
+Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von
+ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine
+Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes
+Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, zu verraten.
+Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an
+Spiegelbildern, an Enthüllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstörten
+Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein
+Gleichnis für Göttliches nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine
+Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht
+sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie wach, seine Bewegtheit zerstreut
+sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie,
+seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein
+Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres,
+Glaubhafteres und Reizenderes als beim schöpferischen Menschen, wo sie
+ein Gleichnis für das Göttliche finden, die Synthese.
+
+Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das Volk für sich hat,
+die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der
+Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die
+an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein
+Publikum? Es sind die »Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten,
+eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, die Wahllosen,
+Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und völlig Gottlosen. Darin beruht der
+tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall
+und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die
+Gottlosen für sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er gottlos
+ist?
+
+Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glück des Darüberstehens ist,
+mag er auf den blicken, der geradeswegs für das »Publikum« erschaffen
+wurde und der nicht mehr daran leidet, daß er gottlos ist.
+
+Das ist:
+
+
+
+
+Der Literat als Tribun
+
+
+Er stammt zumeist aus kleinen Verhältnissen und kennt die Not, die
+leibliche wie die geistige. Zwei Dinge haben ihn emporgehoben: sein
+Ehrgeiz und das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur äußerlich, er zielte
+auf die Verbesserung der sozialen Stellung, wurde aber später durch
+geistige Zuströme sowohl veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn
+der Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenuß zerstört.
+So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem
+Wanderer.
+
+Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist nicht beschwingen, aber
+sie gibt ihm die vehemente Stoßkraft des von eingepreßtem Dampf
+getriebenen Hebels.
+
+Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tatsächlichen; er ist
+Erklärer und Propagandist; Bannerträger alles Neuen; Beobachter, der
+unfehlbare Schlüsse zieht; Alchimist der Überraschungen und Moralist der
+Nutzanwendung; Übertreiber des Absurden, Verzerrer des Trivialen,
+Widersacher des Selbstverständlichen; Leugner des Seltenen, wo Seltenes
+anerkannt, und Verkündiger des Genius bis zu der Stunde, wo der Genius
+sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der Anpassung, der Aufwiegler
+der Stumpfen, die Polizei der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist
+vieles in vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick
+angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden zu denken, ohne
+den gegenwärtigen halten zu können, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist
+wie der Kapitän eines Passagierdampfers; bei jeder Fahrt sind andere
+Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte, nie vorbereitete, nie solche,
+die sich seiner Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er muß alle
+Voraussetzungen seines Tuns und seiner Kräfte jedesmal von neuem
+exponieren. Der Wechsel der Passagiere vollzieht sich unter beständigem
+Bruch geschaffener Bündnisse und Übereinkünfte, beständiger Veränderung
+der Formen und Normen.
+
+Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert man sich wohl. Im
+Grund ist es der Name, der Gewicht und Klang hat, der eine Luft des
+Schreckens, des Befehls, der Autorität, der Leidenschaft um sich trägt.
+Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die Person schreitet über die
+Leistung hinweg.
+
+Wer ist unglücklicher als er? Vertrauen erzwingen, Anerkennung,
+Billigung und Freundschaft mit Aufwand aller Mittel des Geistes erobern,
+um alles wieder zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie am
+Anfang muß er seine Person einsetzen und bloßstellen, immer mit dem
+ganzen Elan oder, was nicht minder aufreibend ist, mit der Gebärde des
+ganzen Elans. Hätte er nicht die Gebärde, so würde er ausgeplündert,
+ausgeschlürft und ausgeleert, da die Vielfältigkeit der Aufgaben, die
+ihm gestellt werden, und die Zerstreutheit der Interessen, die zu
+sammeln, zu befriedigen, zu beschäftigen seine wichtigste Mission ist,
+ihn nötigen, alles was er empfängt, sogleich wieder zu veräußern. Der
+schöpferische Mensch verarmt nicht, ihn nähren tiefe Wurzeln; seine
+wirkliche Persönlichkeit wird genährt von seiner mythisch-fiktiven. Auch
+seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die Gestalt, die ihm
+verbunden ist, auch wenn kein Ohr ihn hörte, kein Auge ihn sähe. Die
+Realität ist nur ein Gleichnis für ihn; er schafft ja die Welt zum
+zweitenmal.
+
+Demgegenüber ist der Literat als Tribun der einsamste von allen
+Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz gelöst von der Welt. Was ihn
+schützt und tröstet, ihn unermüdlich, gewissermaßen verblendet macht,
+was seinen Ehrgeiz in Glut erhält, ist das Wort. Er hat eine angeborene
+Liebe zum Wort, und es wäre verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht
+für einen Dichter hielte. Das Wort ist sein Gefährte, er geht mit ihm um
+wie mit einem Freund, er tändelt mit ihm wie mit einem Kind, er betreut
+es wie eine Geliebte und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste
+durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er durch das Wort tapfer,
+ja tollkühn; hinter dem Wort verschanzt er sich, verbirgt er seine
+Armut, seine Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort gibt
+ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert und verdeckt seine
+Irrtümer und verleiht ihm genau die Gestalt, die er vorzustellen
+wünscht. So wird er undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das
+Wort ein Panzer wäre; unsichtbar und unauffindbar hinter dem Wort, ein
+wunderliches Widerspiel zum schöpferischen Menschen, der unsichtbar ist
+hinter der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt, nur
+Handlungen, Bewegungen (des Körpers oder der Seele). Dann sind Worte von
+ganz anderem Valeur, ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht
+Gesagtes. Das Wort als solches verhüllt die Gestalt und macht sie
+unsichtbar.
+
+In einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der ungeheuren Fülle der Dinge,
+der Gesichte, der Vorgänge, der Meinungen, des Wissenswürdigen, des
+Neuen, des schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergrößerung
+geistigen Bestandes bei erschreckender Haltlosigkeit des Besitzes ist
+der Literat als Tribun unentbehrlich. Er ist es, der wägt, der urteilt,
+der vermittelt, der die Großmünze der geistigen Regierungen in die
+Kleinmünze des Verkehrs umsetzt, der Bildung verbreitet, Kenntnisse
+weckt, Einsichten fördert und in allen Angelegenheiten des öffentlichen
+Lebens höchste und letzte Instanz ist.
+
+Das wäre nun eine sehr segensreiche Tätigkeit mit heilsamen Wirkungen,
+müßte man glauben. Man müßte glauben, daß eine so stetige und heftige
+Teilnahme am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur, an seelischem
+Wachstum und geistigem Fortschritt ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn
+und ohne wahre Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir näher zu.
+
+Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn, auch nur der
+allergeringste Lohn in Aussicht steht? Kann von Selbstlosigkeit die Rede
+sein, wo eine Handlung dazu dient, den Glanz eines Namens zu erhöhen? Es
+mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache führen, und er besitzt doch
+nicht die wahre Sachlichkeit, sobald es unter dem Schutz seiner Person
+und unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn und
+Selbstlosigkeit, das wäre Auflösung der Anonymität, -- rein betrachtet,
+meine ich, denn ich will ja keine Kompromisse mit den Begriffen und mit
+den Erscheinungen schließen. Daß die Anonymität des Tribuns ja zuweilen
+sogar seiner Ehre schaden kann und muß, gehört auf ein anderes Feld; es
+ist dies ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur, nicht _das_
+anklagt, was ich unter Anonymität verstehe.
+
+Was aber verlangst du? hält man mir dawider. Ist der Opfersinn, die
+Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit unzureichend, die der Literat als
+Tribun in seinem edelsten Typus darstellt, was wäre dann zureichend? Was
+geschähe ohne ihn? Wer würde seine Arbeit verrichten, die, wie gesagt,
+unentbehrlich ist, schon weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten
+Neigungen entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Auflösung und der
+Anonymität fähig sind? Die wirken durch die Tat, durch die Gestalt,
+nicht durch das Wort. Ist jedoch der schöpferische Mensch anonym? Er
+erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den Mythos, in dem er
+entschwindet wie Zeus in der Wolke. Wo läge aber der Mythos für den
+Literaten als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort ist das dem
+Mythos schlankweg Entgegengesetzte.
+
+Dafür wäre also abermals die Zeit zu beschuldigen, die eine Kultur
+geschaffen hat aus einer Summe von Einzelkulturen, die auf den
+Individualismus schwört und in ihren subtilsten Regungen, in ihren
+ahnungsvollsten Stunden noch, sie weiß kaum wie sehr, der Materie
+huldigt. Die Person, das ist eben die Materie in nuce. Man fragt, was
+ohne die segensreiche Tätigkeit geschehen würde, die der Literat als
+Tribun entfaltet. Die Wege der Bildung würden veröden; gewiß. Aber ist
+es nicht schon genug der Bildung, die nur auf eine Vervollkommnung des
+Persönlichen, persönlicher Macht, persönlicher Ausdrucksmöglichkeit,
+persönlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn einmal ruhen,
+um eine wohltuende Geistesdämmerung eintreten zu lassen, in der die
+Seelen einander finden würden, der Streit der Meinungen, die Schlacht
+der Worte zum Austrag gelangen könnte? Ich behaupte nicht, daß diese
+Bildung nur ein Äußeres sei, sie kann auch ein Inneres sein, Kräftigerin
+des Gemüts, Reinigerin des Herzens; aber ein Religiöses ist sie nicht,
+niemals wird sie den Menschen zum Mythos führen, ihm die große Fülle,
+die große Stille, die große Bescheidung, den großen Zusammenhang
+schenken und sein Herz der Trägheit entledigen, die eine Folge der
+individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn verpersönlichen, zum
+Knecht des Wortes machen, zum Wörtlichen, zum Einzelnen.
+
+Dafür eben ist _das Wort_ ein Merkmal, das Merkmal geradezu. Es hat alle
+Gebiete des Denkens und des Gefühls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt
+erobert. Es ist der nützliche Kolonisator jeder Wildnis und der
+voreilige Zerstörer des Geheimnisvollen. Es hat nur kurzen Atem, eine
+flüchtige Existenz, aber es hat die Kraft, sich immer wieder aus sich
+selbst zu erneuen. Was es berührt, bezeichnet hat, tritt unveräußerlich
+in den Bezirk des Gewußten und Bewußten, in den Bannkreis der Meinungen
+und Urteile, wird studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie
+Raritäten in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung, wo sie
+aufhören, ein freies, organisches und anonymes Dasein zu führen. Was
+gestern noch Ahnung war, heute ist es Gewißheit, morgen ist es ein
+Schall. Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet die Kürze
+des Wegs vom Glauben zur Entgötterung, von der Gebundenheit zur
+Anarchie. In der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von Glauben und
+Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist Angst, Fatalismus; es ist nicht
+Gesetz, es ist Trägheit, Rationalismus -- Schranken vor dem Chaos.
+
+Will der Literat als Tribun über das Wort hinaus, so gelangt er in die
+Sphäre des Dilettanten oder in die des Psychologen, wobei er Schatten
+beschwört, die er für Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs
+ist er unnachahmlich und wird seine Gaben zur Vollendung entwickeln. Da
+er in der Luft der Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die über den
+Dingen schweben, über den Menschen, über der Kunst und über der Natur.
+Er vermag sie so zu binden, so zu schleifen, daß sie unter allen
+Umständen seinen Charakter und die Farbe seiner Persönlichkeit annehmen.
+Dies ist noch nicht Stil; zum Stil gehört Distanz und Ruhe, Bild und
+Rhythmus; es ist das Wort in seiner Sinnlichkeit und Nähe, seiner
+Einschichtigkeit und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende, werbende
+und symbollose. Damit es an seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies
+enthüllt sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten als
+Tribun. Die Rede fordert Hörende, nicht Neugierige, Wißbegierige, nicht
+Gelangweilte, die flüchtig aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag
+sich wendet, deren Teilnahme für Gelesenes nur eine Maske der Müdigkeit
+und der Überfütterung, deren Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch
+von einer Verpflichtung loskaufen, nur eine künstliche Form von
+Gleichgültigkeit oder sagen wir Objektivität ist; sondern die Rede
+fordert eine von gemeinsamem Band vitaler Interessen umschlungene
+Gemeinde. Der Literat als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen
+zwei Stühlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage, eine
+einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene Wort hat ganz
+andere Resonnanzen und Ansprüche; an die Stelle des Willens zur Tat
+tritt der Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden, ohne zu
+spüren oder zuzugeben, daß dies nur ein Surrogat ist, und über die
+Unmöglichkeit einer allgemeinen, politischen, besser: verwandelnden
+Wirkung tröstet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen, mit dem
+Enthusiasmus der Gleichgültigen, mit der Zustimmung der Fachgenossen und
+einem Ruhm, der aus Papier besteht.
+
+Eine unausbleibliche Folge des Mangels an Hörenden ist die zunehmende
+Zahl derer, die selbst etwas sagen wollen. Es beruht dies auf dem
+seltsamen Irrtum der menschlichen Natur, daß sie das geben zu müssen
+glaubt, was sie nicht empfängt. Die fortschreitende Individualisierung
+wirkt auf den einzelnen verlockend, ein Phantom der Freiheit äfft ihn,
+und er tritt selbsttätig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt ist, was
+durch die stumme Arbeit der Geschlechter vollendet werden muß. Jeder
+solche einzelne ist ein »Talent«. Das Talent ist ein Losgelöstes, vom
+Mythos Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente sind
+Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt, Sektierer, nicht
+Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt, Unterhaltung, Zerstreuung,
+Spannung, Anspannung (der die Abspannung wie eine Rache nachgeht), dafür
+machen sie sich bezahlt durch eine geistige Tyrannei und eine
+Vorherrschaft ihrer spezifischen Art, welche den innerlich Unsichern,
+zufällig Erhobenen nicht verleugnen. Das Talent ist wie der Mond; es
+zeigt immer nur eine Seite: die literarische; die menschliche ist
+unsichtbar, -- eine Entzweiung von verhängnisvoller Beschaffenheit, die
+irgendwo und -wann zum Bankerott führen muß.
+
+Wie oft sehen wir, daß zugunsten des »Literarischen« das Menschliche
+geopfert wird. Wir müssen auf ein Antlitz verzichten, um uns an
+Verkleidungen zu ergötzen. Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt es
+Fälle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erfüllt ist, daß er sich
+gedrängt fühlt, es darzustellen. Es handelnd auszulösen, ist ihm aus
+vielen Gründen versagt, unter welchen der Mangel eines echten
+gesellschaftlichen Zusammenschlusses am schwersten wiegt; er greift zur
+schriftlichen Mitteilung -- als Beichte; zur übertragenen Form des
+gestalteten Bildes -- als Spiegelung. Mag es Klarheit für ihn,
+Aufklärung, Bereicherung für die Freunde, für Gleichfühlende bringen,
+Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und entlastet ihn. Anstatt es
+aber dabei zu lassen, das Ungewöhnliche, Seltene, jedenfalls Einmalige
+als solches zu bekräftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zerstört,
+anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben, und was zuerst
+Berufung war, wird Handwerk, dann Routine, dann ekler Absud und
+Selbstplagiat. Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es wird immer
+weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt, eine Tat wird verleugnet,
+Freunde werden zu Kostgängern, ehedem Ergriffene zu höflichen Jasagern,
+die Seele verarmt in der Gebärde, der Geist stellt sich im Wort bloß,
+Erlebnis wird sogleich als Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum
+lähmt das Erlebnis, dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den
+Genießenden die Unschuld und Freudigkeit getrübt, und es entsteht --
+Literatur.
+
+Das Notwendige sinngemäß vollbringen, kennzeichnet den Menschen von
+Berufung. Infolge jener Entzweiung wird entweder das Notwendige nicht
+sinngemäß, d. h. stilgemäß, angeborener Form entsprechend zum Ausdruck
+gelangen, wenn das Menschliche prävaliert, oder das Sinngemäße wird
+nicht immer das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte sein, wenn
+das Literarische prävaliert. Entweder wird also das Literarische als dem
+edleren Dilettantismus verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird
+nur wie ein zufälliges Anhängsel erscheinen.
+
+Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist unterworfen. Von
+Anbeginn an ist er der geschworene Feind des Dilettanten, da er
+sozusagen auf Vorposten steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich
+verkettet findet und, der Öffentlichkeit preisgegeben, eine öffentliche
+Person ist, von der man bestimmte Leistungen zu erwarten sich mehr
+bemüßigt als gezwungen fühlt. Schon die stete Verantwortung nötigt ihn
+zur Gebärde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel mehr erst die
+Gewohnheit, das Metier. Das Wort umpanzert ihn, kommandiert ihn, und
+wollte er sich auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort
+gesündigt hat, so fände er die Brücken abgebrochen und den Weg zu weit.
+Er muß antworten, beständig antworten, als ob die Welt und das Leben
+voll von Fragen wären; sie sind auch voll von Fragen, nur werden sie
+nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt und das Leben, und die
+Antwort geschieht um der Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort
+muß ihm Maske bleiben. _Er darf sich nicht verraten_, niemals und unter
+keinen Umständen. Er ist nur treu, solange das Wort ihm treu ist. Er
+geht um die Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist ihm nur ein
+Wort, und Worte werden vergessen (oder auch behalten), gesehen werden
+sie nicht. Er kann nicht träumen, das Wort hängt mit Bleigewicht an den
+Flügeln des Traums; er kann nicht genießen, das Wort verpflichtet ihn,
+dem Genuß auszuweichen. Er fühlt nicht mit dir, außer mit seinem Ehrgeiz
+für deinen Beifall, mit seiner Leistung für deine Schwäche, mit seiner
+Virtuosität für deinen Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam
+kränklich, sehr argwöhnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen, ohne
+Traditionen, Emporkömmling, Autodidakt, überaus einsam und in
+unruhvoller, ja atemloser Tätigkeit.
+
+
+
+
+Der Literat als Schöngeist
+
+
+Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies, so versteht er es
+doch, sich die gemeinen Sorgen vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein
+bequemer Herr wäre; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er hat nur
+einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit, der ihm oft das Leben
+so unbequem wie möglich macht. Schon das bloße Nachdenken, geschweige
+denn die Beflissenheit, Bedürfnisse und Ansprüche zu befriedigen, die
+einem gewöhnlichen Menschen keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, stürzt
+ihn in Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt, den eigentlichen
+Zwecken zu dienen, ist die Hälfte seiner Seelenkraft schon aufgebraucht.
+
+Seine Neigungen sind luxuriös in jedem Sinn. Er liebt die Fülle, die
+Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt die Dinge dinglich, mit wahrer
+Freude am Gegenstand, doch nur seltene und kostbare Dinge, oder solche,
+die schon gleichsam eine Metapher bilden oder enthalten. Am Häufigen und
+Niedrigen das Charakteristische zu schätzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja
+die Möglichkeit, weil er sich zu weit nach der andern Seite entfernt
+hat. Da aber das Leben mehr aus Häufigem und Niedrigem besteht als aus
+Seltenem und Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens, sondern
+ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit, denn er hat keine
+Naivität.
+
+Man muß seine Bildung als profund bezeichnen und seinen Geschmack als
+über jeden Zweifel erhaben. Dies läßt auf große Ausdauer schließen, auf
+einen sicheren Blick und ein präzis abwägendes Urteil. Eine derartige
+Vereinigung von Bildung und Geschmack kann ferner nicht ohne ernsthafte
+Selbstzucht erreicht werden; ist sie noch dazu einem Temperament
+abgerungen, das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine geistige
+Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff Vornehmheit zu tiefer
+Bedeutung gelangt.
+
+Warum ist aber der schöpferische Mensch nicht in derselben Bedeutung
+vornehm? Weil er mit dem Niedrigen und Häufigen des Lebens ebenso
+verbunden ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil sein Wesen nicht
+darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren, sondern sich zu
+identifizieren; weil er nicht Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein,
+im Innern der Dinge und der Kreaturen Lebender.
+
+Wenn der schöpferische Mensch in sich selbst sein Werk objektiviert, so
+distanziert es der Literat als Schöngeist. Das Mittel zur Distanz
+verleiht ihm die Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so
+ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und Häufige meidend,
+durchaus das Unterscheidende suchend und unterschieden bis zum
+Gesuchten. Keine Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Gefühl
+besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich, eigenkräftig, sondern
+sie werden durch den Stil hervorgebracht, anscheinend geläutert, in
+Wirklichkeit getrübt. Denn dieser »Stil« ist nicht von der Hand und vom
+Willen gelöst; er zwingt immer zur Aufnahme und Betrachtung eines
+persönlichen Elements und verhindert, daß man sich hingibt und daß man
+glaubt. Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen läßt, daß er
+eine exquisite Rolle spielt, und der Literat als Schöngeist ist ein
+solcher Schauspieler, ein Schauspieler, der sich nicht opfern und
+vergessen kann, weil er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der
+Schauspieler seiner selbst.
+
+Er kann ohne den Stil nicht denken, nicht träumen, nicht gestalten.
+Seine Phantasie ist nicht wortgebunden. Im Wort ist er frei, durch
+Bildung und Wissen sowohl wie durch einen imperatorischen Zug seines
+Geistes, vermöge dessen er alles Detail der Erscheinung sammelt und
+sublimiert. Aber rhythmisch gebunden ist seine Phantasie, in Schwingung,
+Ton, Melodik, Absetzung und Steigerung so gebunden, daß die
+Beschäftigung damit, die vorbereitende wie die ausführende, die ganze
+Atmosphäre des Lebens füllt und das Leben selbst gewissermaßen zu einem
+prädestinierten Verlauf zwingt. Das Formhafte wird ein Gesetzmäßiges,
+und die Folge davon ist, daß das Ethische ein Zufälliges wird, zumindest
+in Abhängigkeit gerät. Äußerlich wie innerlich findet beständig eine
+Verdrängung der Hauptwerte, eine Verschiebung des Substantivischen
+hinter das Attributivische statt, woraus sich ein ungesundes und
+unklares Verhältnis zwischen der Anschauung und dem Bild, der sinnlichen
+Wahrheit und der Metapher ergibt. Bild und Gleichnis werden isolierte
+Faktoren, die sich eigenwillig aufdrängen; der Weg von der Anschauung
+zum Bild ist oft so weit, daß der natürliche Wärmezufluß versickert und
+an dessen Stelle eine künstliche Glut tritt, Überhitzung des Ausdrucks,
+Überladung des Gehalts, Verzerrung der Form. Die beleidigte Ökonomie
+läßt keine echte Schönheit mehr aufkommen; wir gewahren entweder ein
+kaltes Gebilde, Ohr- oder Augenweide, aber im Grunde entseelt, oder
+eines, das uns wie in willenlosem Trotz gegen die Überwucherung der
+Metapher durch einen vergewaltigenden Subjektivismus ernüchtert und
+zweckbewußt macht.
+
+Denn es ist nicht die Leidenschaft, die mich verwandelt, sondern die
+Verwandlungen der Leidenschaft verwandeln mich mit, also letzten Endes
+ein Moralisches. Auf dieses Moralische muß der Literat als Schöngeist
+verzichten. Er scheint es zu verschmähen, aber er muß darauf verzichten,
+weil er sich nicht verwandeln kann, weil er, wie der Psycholog und wie
+der Tribun, an seine Person geschmiedet ist, weil auch er nur den Weg
+hat, obschon es ein anderer Weg ist, und weil er am Ziel stets bei sich
+selbst anlangt. _Er kann sich nicht verraten_; er steht zu fern. Das
+Moralische beschwert sein Gewissen nicht mehr, er leidet nicht
+darunter, es kommt nicht mehr in Frage für ihn. Er spielt. Seine Gebilde
+können leicht und schwebend sein wie Seifenblasen, sie können schwer
+oder flammend sein, aber sie werden niemals jene unbedingte
+Eigenlebigkeit zeigen, die dem Werke des schöpferischen Menschen
+innewohnt, sie bleiben an seine Person gebunden und haben gleichwohl
+nicht das Höchst-Persönliche, das erst aus dem Mythischen strömt und das
+daher identisch mit höchster Sachlichkeit ist. Insofern ist sein
+Schaffen Spiel: weil es nicht höchste Sachlichkeit ist. Da gibt es nur
+ein Entweder -- Oder.
+
+Er mag Gemüt besitzen, doch ist es wie ein Fluch: während er seine Werke
+hervorbringt, vielleicht schon in der Konzeption, verzehrt der Rhythmus
+einen Teil der ursprünglichen Empfindung. Der Rhythmus herrscht; die
+Einfachheit läßt ihn erlahmen, erst im Komplizierten und
+Beziehungsvollen kann er sich entfalten, es sei denn, daß er das
+Einfache so weit distanziert, daß es schon wieder metaphorisch wird, als
+Stilisierung verblaßt, als Arabeske sich verkrümmt. Niemand kennt besser
+denn der Literat als Schöngeist die ewig gültigen Werte schöpferischer
+Kunst. Daß er sich an ihnen mißt, daß er immer wieder wähnt, nicht nur
+mit ihnen wetteifern, sondern, wenn günstige Zufälle zusammentreffen,
+sie auch erzeugen zu können, daß er sich darüber täuscht und doch
+wieder, vermöge seines präzisen Urteils, die Täuschung nicht aufrecht
+erhalten kann, das ist sein tiefstes Leiden. Schon dieses Leidens wegen
+ist er kein Epigone zu heißen; er ist weit mehr, er ist Prätendent, der
+niemals gekrönt wird, der zweitgeborene Bruder, und er versteht oft mehr
+vom Regieren und von der Verwaltung als der Regent, der Erstgeborene.
+
+Möglich, daß er aus diesem Grund etwas von einem unruhigen Diplomaten
+hat. Er muß immer ein wenig Politik treiben, um Proselyten zu machen.
+Denn man wehrt sich gegen ihn; die Wahrheit ist in den Menschen wie das
+Herz, sie wird nur verschleiert durch die Geschäfte des Lebens und durch
+unreine Zwecke abgelenkt. Aber auch aus Liebe zur Schönheit wird er zum
+Politiker, da er den Rhythmus, von dem er beseelt ist, in seiner
+täglichen Existenz gleichfalls nicht missen will. Er meidet dich heute,
+wie er dich gestern gesucht hat, denn heute störst du seinen Rhythmus,
+wie du ihn gestern beschwingt hast. Der Rhythmus macht ihn treulos und
+tyrannisch, liebenswürdig oder widerspenstig. Je unfruchtbarer er als
+Künstler ist, je mehr Kunst verwendet er auf sein Leben, d. h. darauf,
+den Rhythmus in seine tägliche Existenz zu bringen, wobei dann ein ganz
+verwickelter Umweg zum Leiden entsteht, über die Kunst und über das
+Leben hin, fern von Gott und fern von den Menschen, so daß die Schönheit
+als Surrogat des Göttlichen zum Wahn- und Schattenbild wird und das
+Leben eine von falschen Zwecken erfüllte kalte und unglückselige
+Einsamkeit. In solcher Einsamkeit gestalten wollen heißt im luftleeren
+Raum Lieder singen wollen.
+
+So wird der Literat als Schöngeist zum Sklaven der Zeit, indem er ihren
+Rhythmus packt und ihre Seele nicht findet und zerrieben wird im Gefühl
+einer ihm unbegreiflichen Ohnmacht; oder er ist ein Verbannter der mit
+unlebendigen und eigenwilligen Formen sich für sozial und seelisch
+fördernde scheinbar tröstet.
+
+
+
+
+Der Literat als Apostel
+
+
+Es ist das Wesen des Apostels, völlig hingegeben einer Idee zu dienen.
+Das Wesen des Literaten ist es, sich selbst unterworfen zu sein. Der
+Literat als Apostel: das wäre also der Widerspruch kat exochen, das
+Paradox an sich, denn wie könnte man einer Idee dienen, wenn man nur der
+eigenen Person dient? Wie könnte einer, dessen Schicksal es ist, vom
+Mythos getrennt zu sein, sich berufen glauben, den Mythos zu erzeugen?
+
+Dieser Widerspruch löst sich nur in einer einzigen Weise: indem er seine
+eigene Person zur Idee erhebt, in der er darauf ausgeht, aus sich selbst
+einen Mythos zu machen, aus seinem stabilierten Ich; nicht aus
+Anschauung und Erlebnis der Welt, nicht hingegeben, sondern verlangend,
+wollend und in der Bezauberung des Willens.
+
+Der Literat als Apostel ist der fanatisch auf das Künstlertum gerichtete
+Mensch. Genuß des Lebens, verweilende Ruhe sind ihm unbekannt. Man
+könnte glauben, es sei der Ehrgeiz, der ihn befeuert, der Erfolg, der
+ihn lockt, die Macht, die ihn reizt, und es ist wahr, etwas von alledem
+gibt seinem Streben den Flug und die Ausdauer, seinem Geist die
+Elastizität. Doch laßt seiner Ruhmsucht so viel Genüge geschehen, als
+sie überhaupt begehrt, laßt seinen Namen an der Spitze von allen
+stehen, laßt ihn den Einfluß eines Herrschers und den Reichtum eines
+Großbankiers haben, -- es ist ihm zu wenig; er kann es wünschen, glühend
+darnach eifern, doch den Besitz solcher Güter spürt er kaum. Er ist ein
+Besessener, ein von der Kunst Behexter. Es ist ihm nicht darum zu tun,
+das Leben zu genießen. Sich selbst will er genießen, sich selbst
+ausschöpfen, sich selbst in allen Menschen und Dingen erkennen, und das
+ganze All, Gott und die Kreaturen, ist ihm eigentlich nur sein vielfach
+zerteiltes Ich, gesehen durch das Medium Kunst, zu sammeln und zu
+gestalten ihm anbefohlen durch das Idol Kunst.
+
+Der schöpferische Mensch ist von einer wunderbaren Bescheidenheit
+durchdrungen. Immer bleibt er gleichsam Bürger der Welt; er findet sich
+eingeordnet, nie bevorrechtet; gesteht man ihm höhere Rechte zu, so wird
+er schon an sich zu zweifeln beginnen. Er hat das feinste Ohr für die
+Musik des Lobes und setzt dem geringsten Zuviel seine Verachtung
+entgegen. Er ist gelassenen Gemüts, weise und gehorsam, sich selbst
+gehörig und der Welt und der Gottheit dienstbar, sein Künstlertum
+wahrend, keineswegs aber es als Schild benutzend oder gar als Postament.
+Vielleicht ist es der Mythos, der ihn so bescheiden macht, so
+stolz-bescheiden, ähnlich wie der Abkömmling eines alten Geschlechts
+stolz-bescheiden ist, indem er seine Fähigkeiten und das Vermögen zu
+repräsentieren nicht allein seiner losgelösten Person zuschreibt,
+sondern es der Kette der Ahnen mitverdanken will. So auch der
+schöpferische Mensch. Es wirken in ihm Kräfte von oben, von den Toten
+her, von der Erde, vom Volke her.
+
+Ganz anders der Literat als Apostel. Er ist der Rebell wider alle
+Ordnung, es sei denn, die Ordnung habe keinen andern Bezug als auf ihn.
+Ihm ist alles erlaubt, nicht weil er wie der Psycholog alles erklären
+kann, sondern weil er es ist, durch den die Dinge und Einrichtungen
+sind. Insoferne verhält er sich zum Psychologen wie ein Gesetzgeber zu
+einem Winkeladvokaten. Ihm ist Lobes nie genug, obwohl er Lob verachtet;
+es gibt keinen Beifall, der ihn beschämte, keinen Tadel, der ihm anderes
+wäre als die Frechheit des Neides oder der Dünkel des Unverstands. Er
+ist ausschweifenden Gemüts; seine Nerven sind der höchsten Schwingungen,
+der tiefsten Ermattungen fähig, und die Menschen sind ihm nichts als
+Futter; Futter für seinen Ruhm, seine Zwecke, seine Kunst. Er ist ein
+Menschenjäger, ein Menschenfresser, keines Freundes Freund, kein
+Geliebter, kein Gatte, kein Vater, nur Künstler. Ist der Literat als
+Schöngeist der Schauspieler seiner selbst, so ist der Literat als
+Apostel der Priester seiner selbst.
+
+Beachten wir jedoch, daß er ein großer Künstler ist und sein Werk von
+hohem Belang, daß er unter Umständen ganzen Zeitabschnitten die
+geistige Prägung verleiht, und es wäre zu fragen, ob dies nicht
+Entschädigung genug sei für das Übermaß und die Selbstintronisation.
+
+Da ist denn zu erwidern, daß unsere Zeit ohnehin geneigt ist, sich mehr
+an den Wirkenden als an das Werk zu wenden. Dem genialen Individuum ist
+eine unbegrenzte Machtbefugnis fast von vornherein zugestanden. Die
+Leistung, das ist die Person; der Effekt, das ist die Person; Glorie,
+Dankbarkeit und Enthusiasmus knüpfen sich an die Person. Die Person ist
+schon Partei, wo das Werk kaum noch die Geister erweckt hat; sie
+gebietet den Unschlüssigen, schüchtert die Zweifler ein und bricht den
+Widerstand der Stumpfen. Wohlgemerkt aber nicht die reale Person, nicht
+der handelnde Mensch an sich; dieser hat wenig Spielraum, ist
+eingezwängt in ein verwickeltes gesellschaftliches Gewebe, ein
+engmaschiges Netz von Pflichten und Gesetzen und führt meist ein
+privates, kleines Leben voller Hemmungen. Will er derjenige sein, als
+der er gilt, so muß er den Kreis seines Wirkens durch die Fackel seines
+Namens erleuchten, er muß das Zeugnis seiner Leistung vorweisen können.
+Dann allerdings wird ihm die Ehrfurcht gezollt, deren die Kunst, als
+Idee, sonst völlig verlustig geht.
+
+Man kann also sagen: Die reale Person wirkt erst durch das Medium der
+Werke, die fiktive durch das Medium des Künstlers, was natürlich das
+Verkehrte ist. Es liegt darin nichts Religiöses und Verwandelndes mehr,
+sondern Aberglauben und Götzendienst. In einer religiösen,
+mythisch-bewegten, sachlich, nicht individuell fixierten Zeit trennen
+sich Schöpfer und Gestalt überhaupt nicht voneinander, führen nicht ein
+von der Gemeinschaft der Menschen losgelöstes Dasein, der Schöpfer als
+Literat, als »Schriftsteller«, die Gestalt im Buch oder höchstens als
+ästhetische Metapher im Leben; nein, der Schöpfer, in seiner
+Bescheidenheit, bleibt Teil der Gemeinschaft, und seine Gestalten
+umgeben ihn wie Glieder einer Familie den Patriarchen; sie allein sind
+die Träger seines Namens, nicht aber die literarische Idee, die er von
+ihnen abstrahiert.
+
+Der große Künstler wird in seinem Persönlichkeitsbewußtsein leicht einem
+Übermaß verfallen, da er es immer dort gefährdet findet, wo er von
+seiner Gestaltenwelt gelöst auftritt, also in seiner privaten Existenz,
+oder in seiner öffentlichen, wenn er keine Harmonie spürt zwischen
+künstlerischer und persönlicher Wirkung, und die kann er nur selten
+spüren bei der Zerstücktheit, Unverläßlichkeit und Zufälligkeit aller
+Wirkungen. Es erscheint ihm notwendig, sich zu steigern, sich in Szene
+zu setzen, sich geheimnisvoll zu machen, sich zu kommentieren und sich
+selbst als Idee vor das Werk zu setzen.
+
+Davon hat die Zeit sich mehr und mehr täuschen lassen und sich gewöhnt,
+Persönliches für Sachliches zu nehmen. Gierig greift sie nach
+Persönlichem, wo das Sachliche fremd oder spröde ist, und sie tut es
+schon deshalb mit instinktiver Vorliebe, weil das Sachliche stets in
+irgendeiner Weise menschlich verpflichtet. Von solcher Verpflichtung
+will man sich jedoch, wo es angeht, freihalten; man will reden und
+urteilen, nicht aber durch handelndes Gefühl anteilvoll verkettet sein.
+Nicht umsonst sind wir überschwemmt von Mitteilungen aus dem Privatleben
+der Künstler. Nicht umsonst werden Briefe, Tagebücher, Aufzeichnungen,
+Skizzen, Fragmente der Neugier verfrüht preisgegeben. Wird der Alkoven
+geöffnet und die Werkstatt ausgekehrt, so mag der Wissensdurstige sicher
+bisweilen befriedigt, der Forscher belehrt werden, doch vorzüglich wird
+nur dem Hang der Gesellschaft nach Sachverschleierung gedient. Das
+Göttliche wird beleidigt, indem man den Menschen vergöttert. So ist
+z. B. der Mythos Goethe eine Beute der Persönlichkeit Goethe geworden,
+und Goethe selbst hat durch einen Subjektivismus, der ihm anstand und
+einen Teil seiner Genialität ausmachte, einen Kult des Redens über die
+Dinge, der Meinungsäußerung, der persönlichen Ausholung und Zwecksetzung
+und damit eine Armee von Literaten in die Welt gerufen, die sehr wohl
+Bescheid wissen über alle Probleme des Lebens, die aber sehr wenig
+vermögen, wo es gilt sich einzusetzen, sich hinzugeben, sich, d. h. die
+Meinung zu vergessen, um einer Sache zu dienen.
+
+Der Literat als Apostel ist bis zu einem Grad Eroberer, Mensch des
+Willens und der Sucht, daß er sogar seinem Werk einen Willen verleiht,
+eine Sucht über die Kunst hinaus. Er will es gültiger haben, als es der
+Kunst eigen ist zu gelten, und durch die Kraft seines Künstlertums
+vermag er es in ungeheurer Weise so zu steigern, daß es dieses Ziel
+wirklich zu erreichen scheint. Hier ist eine Schwäche, die mit
+erstaunlicher Täuschungsmacht das Schauspiel einer Stärke bietet, um
+später freilich, wenn die Gewalt der Persönlichkeit dem Walten des
+Schicksals gewichen ist, sich wieder als Schwäche, als Irrtum zu zeigen.
+Nur das Göttliche, das Schöpferische hat Bestand; das Menschliche ist
+flüchtig, auch Vergötterung ist nur Finsternis. Haben wir es nicht
+erlebt, wie die Idee des Gesamtkunstwerks als bizarre Laune eines Genies
+in sich zusammenstürzte? Es war etwas anderes und tieferes als bizarre
+Laune. Es war das Mißverständnis am Mythos.
+
+Denn es ist klar, daß der Literat als Apostel, da er keine
+Selbstlosigkeit besitzt, keinen Mythos aus sich schaffen kann. Auch wo
+er äußerlich zum Mythos greift, zu einem Mythos, der mehr Sage ist als
+lebendig gebliebene Bildung, und ihn durch Kunst vergegenwärtigt, wird
+er nur Allegorie geben, privates Leiden, persönliche Kämpfe, seine
+egoistischen, wenn auch großartigen Entfaltungen und Wandlungen in
+Umrissen, die vom Mythos nur erborgt sind. So wird auch die Menschheit
+bloß den spezifizierten Schmerz darin erkennen; jeder einzelne wird in
+diesem Schmerz doppelt allein mit sich sein, aufgereizt zu sich,
+verlangend nach sich, behext, berauscht, aber nicht verwandelt, nicht
+erlöst.
+
+Dieselbe Herrschsucht, die den modernen großen Künstler dazu verführt,
+sein Werk über die Grenzen der Kunst hinauszutreiben, ihm gleichsam,
+nach Hamlets Worten, die Bescheidenheit der Natur zu rauben, kann den
+Philosophen, sofern er Literat ist, dazu überreden, sich zum Märtyrer
+seiner Lehre zu machen. Daß diese Lehre eine lebenverneinende ist,
+versteht sich nach allem Dargelegten von selbst; der Literat ist ja
+wesensnotwendig ein Pessimist. Nun kann der Pessimismus allerdings in
+einem freien System als Gestaltung auftreten, die sternhaft oder
+kosmisch existent ist wie ein Kunstwerk; in diesem Fall stellt eben die
+schöpferische Kraft des Bildners oder Architekten als lebensbejahendes
+Element den Ausgleich her. Wenn aber der Pessimist den Beweisantrag auf
+das eigene Ich stellt und durchführt, ist aus dem Symbol ein Wörtliches
+geworden; da ist nicht mehr der Dualismus, der den schöpferischen
+Menschen in die Mitte von Irdischem und Himmlischem führt, da ist die
+Sackgasse, das Persönliche, persönlich Endliche, und das Prinzip und
+Gesetz des Schaffens selbst wird verneint.
+
+Der Literat kommt aber nicht von der Psychologie los, von der
+theoretischen nicht und von der angewandten nicht. Man möchte sagen, er
+nimmt es mit der Wahrheit zu genau, -- soweit er Künstler ist, und er
+hütet sich, als Mensch, zu wenig vor der Verzerrung. Seine
+Unabhängigkeit schenkt ihm keine Freiheit, sein Ichbewußtsein entfernt
+ihn von der Liebe; er ist die tragische Figur der modernen Welt und, zum
+Apostel berufen, bricht er auf dem höchsten Gipfel seiner
+Persönlichkeit, seiner Einsamkeit und seines vergeblichen Gottverlangens
+vor dem Unerreichbaren zusammen.
+
+
+
+
+Die Frau als Literat
+
+
+Dieses Kapitel ist eigentlich ein Einschiebsel, denn in bezug auf die
+Frau als Literat ist nach allem bisher Ausgeführten nur noch
+Selbstverständliches zu sagen. Immerhin gehört das Thema zur
+Geistesgeschichte der Zeit, denn nie zuvor haben Frauen in solcher Zahl
+und mit solcher Energie schriftstellerisch, künstlerisch produzierend
+sich bemerkbar gemacht.
+
+Die Frau besitzt keine schöpferische Phantasie. Das ist kein Streitsatz,
+sondern ein Erfahrungssatz; eine Tatsache, die einem Naturgesetz
+entspricht. Es ist die Aufgabe der Frau, Mutter zu werden, Leben zu
+empfangen, Leben zu gebären. Als Weib, als Mutter ist sie gewissermaßen
+an sich selbst schon ein Stück Mythos, und Gott hat es deshalb für
+überflüssig erachtet, sie mit einer mythosschaffenden Kraft zu begaben.
+Ihr Künstlertum ruht in der Liebe, ihre Idee ist die Mutterschaft, ihr
+Werk ist das Kind. Wenn also die Frau sich künstlerisch hingibt, so
+entsagt sie dadurch ihrer wahren Bestimmung, verzichtet freiwillig auf
+das Schöpferische und wird zum Literaten, und zwar zum Literaten
+schlechthin, zum Literaten ohne schöpferische Phantasie, welche ja dem
+Psychologen, dem Schöngeist, dem Apostel durchaus nicht mangelt; ganz im
+Gegenteil, können diesen doch Werke gelingen, die den Werken des
+schöpferischen Menschen nahezu ebenbürtig sind.
+
+Ich verkenne nicht die Arbeit der Frau; nicht den ehrlichen Willen,
+nicht die Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, nicht die Fähigkeit zur
+Anpassung und Ausführung, nicht die oft zutage tretende Besonderheit des
+Schauens, nicht den sicheren Instinkt, nicht das vollgültige Empfinden,
+nicht die Gabe des Traums und des poetischen Ausdrucks. Ich weiß, was
+geleistet worden ist; ich erinnere mich zarter Gedichte, robuster
+Erzählungen, anmutiger und starker Bildnisse, überzeugender Schriften;
+einer Fülle von respektablen Hervorbringungen. Aber sie waren mir um so
+respektabler, je weniger objektiv sie scheinen wollten, je weniger sie
+zu Gestaltungen griffen, je mehr sie einem Gefühl, einem Erlebnis, einem
+Unmittelbaren Stimme verliehen. Nicht Gestalt also; Stimme, das ist es,
+Stimme oder Stimmung, etwas, das so fern vom Mythos liegt wie ein
+Quellchen vom Meer.
+
+Das Vermögen, ein Weltbild zu objektivieren, ist nur der schöpferischen
+Phantasie gegeben. Mit Hilfe des Fleißes, bewußter oder unbewußter
+Nachahmung und der Aneignung erprobter Disziplinen gelangt die Frau
+bisweilen zu Gebilden von scheinbarer und äußerlicher Objektivation, und
+ihre Lust wie ihr Talent zur Beobachtung befähigt sie, eine niedere
+Realität von Zuständen und Geschehnissen darzustellen, welche
+unterhaltend, geistig und gesellschaftlich anziehend sein und, soweit
+sie auf Erlebtem und Gefühltem beruhen, der Wahrheit und Glaubhaftigkeit
+nicht ermangeln werden. Das Metaphorische, das Elementare, das
+Schöpferische, die Synthese ist ihr jedoch versagt, und je mehr sie
+darnach strebt, je unzulänglicher müssen sich ihre Produkte erweisen;
+sie stehen dann in der Luft, wurzellos, ziellos und wollen durch Unruhe,
+Leidenschaftlichkeit und Fieberhaftigkeit ersetzen, was ihnen an Natur
+und Legitimität, -- durch Linie und Schnörkel, Seltsamkeit und
+Überhäufung, was ihnen an Antlitz und Naivität fehlt.
+
+Bisweilen fragt man sich: warum werden die Frauen zu Literaten? Ein
+Buch, und noch ein Buch, und noch eine Meinung und noch ein Vers und
+noch eine bemalte Leinwand, -- darum handelt sichs doch schließlich
+nicht. Ein Blick, ein echtes Wort, eine Wirkung von Mensch zu Mensch,
+menschliches Aufmerken, Bereitschaft des Herzens können mehr, weit mehr
+bedeuten. Das Übel ist auch hier in einer zerklüfteten,
+anarchisch-gelösten Gesellschaft zu suchen, die keine lebendige
+Organisation hat und in der deshalb jede Fülle zur Überfülle, jeder
+Überfluß zur Last, jede Hemmung zu falscher Betätigung und jede
+Abtrennung der einzelnen Mitglieder bei unzureichender individueller
+Kraft und Bestimmung zur Katastrophe wird. Die Literatur gilt als ein
+Gewerbe wie jedes andere; das sogenannte Talent genügt zum
+Vorwärtskommen. Der Einfall wird überschätzt; zum Einfall gehört auch
+das Detail; die Detailkrämerei beginnt schon, uns geistige
+Verdauungsbeschwerden zu erregen; die Mache, die Gebärde, der fast von
+selbst arbeitende sprachliche Mechanismus; die Gewohnheit, sich
+meinungsmäßig zu äußern, sich einer seelischen Spannung zu entäußern,
+indem man sie preisgibt und in einer quasi dichterischen Form, die meist
+zur Schamlosigkeit kalter Psychologie führt, versteinert zur Schau
+stellt; die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Mitteilung, dies alles
+ermuntert den einzelnen immer wieder, sich literarisch zu isolieren und
+sich politisch, sozial und menschlich damit abzutöten. Wenn man zur
+Einsicht käme, daß das sogenannte Talent in den meisten Fällen nur ein
+Wesen ist, das in freiwilliger Verbannung von einer Gemeinschaft lebt,
+der es nicht nützlich sein kann, ein Parasit und Freibeuter, wäre schon
+viel gewonnen, und die dreißigtausend Bücher, die jährlich in
+Deutschland auf den Markt strömen, würden unter dem Druck eines weiseren
+Urteils und einer sachlicheren Wahl auf eine notwendigere Anzahl
+zusammenschrumpfen, die vielleicht mehr Gehalt in sich schlösse.
+
+Die Frau als das zur Liebe und Empfängnis bestimmte Geschöpf menschlich
+und geistig isoliert, in sozialer Unfruchtbarkeit und egoistischer
+Verpersönlichung ihres tieferen Schicksals, ihrer schönen anonymen
+Wirkung (wie vieles verdankt doch ihrer Teilnahme der Ruhm unserer
+großen Künstler), ja, ihres Lebensmythos beraubt zu sehen, gewährt ein
+trauriges Bild weitgreifenden Mißverständnisses. Ich spreche natürlich
+nicht von der Schauspielerin, der Sängerin, von rezeptiven Künsten;
+diese harmonieren, solange nicht ein literarischer Einschlag durch
+übertreibenden Ehrgeiz und individuelle Zwecksetzung stattfindet, sehr
+wohl mit der weiblichen Seele, mit ihrer geistigen Wandlungsfähigkeit,
+Anschmiegung des Gefühls und Poetisierung der Realität. Die Tänzerin,
+die lediglich ihren Körper zur Kunstäußerung verwendet, bietet
+vielleicht das edelste Bild weiblicher Genialität. Nur wo das
+Schöpferische vorgetäuscht wird, zeigt sich die Frau (mit Ausnahme von
+zwei oder drei Fällen innerhalb der ganzen Geistesgeschichte) sogleich
+als Literat schlechthin. Die Natur läßt sich nicht betrügen; auch die
+Menschheit nicht; nur die Menschen lassen sich betrügen. Sie tun, als
+glaubten sie, auch wo ihr Inneres unbeteiligt ist; sie nehmen das
+Wunderliche für das Wunder, den Notbehelf für das Notwendige, das
+Phantom für das Phänomen. Die Frau als Literat braucht sich nicht mehr
+zu verraten; es ist nichts zu verraten; es ist alles von einfachster
+Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit und Durchschaubarkeit. Wir erblicken
+einen tüchtigen, emsigen, klugen und nachdenklichen Arbeiter, dem weder
+Wort, noch Rhythmus, noch Idee zur Maske werden können und der den
+Schmerz der Einsamkeit nur gemütisch ahnt, nicht geistig steigert und
+auflöst; keine tragische, sondern nur eine charakterisierte und
+zufällige Gestalt.
+
+
+
+
+Ergebnisse
+
+
+Der Literat ist der vom Mythos losgelöste produktive Mensch.
+
+Er ist auch der von der Gesellschaft losgelöste Mensch, der einzelne,
+innerhalb eines nur durch äußere Gesetze verkitteten Gemeinwesens.
+
+So wie er aber ohne das Vorbild des schöpferischen Menschen nicht zu
+denken ist, bleibt er auch in seinem Tun und Lassen, durch sein
+Persönlichkeitsbestreben, durch die Notwendigkeit der Spiegelung, durch
+das Element des Ehrgeizes und durch das Element des Verrats der
+Gesellschaft verbunden.
+
+Der Literat ist vergeßlich. Er ist lieblos, weil er allzusehr in sich
+selbst verstrickt ist. Er anerkennt keine Konvention, weil nur seine
+eigene Person ihm den Maßstab für die Welt und die Dinge gibt. Dieser
+Mangel an Konvention verführt ihn zu einer künstlichen Originalität mit
+Hilfe der seltenen Beobachtung, des seltenen Wortes, des seltenen
+Rhythmus.
+
+Der Literat ist eitel und sehnsüchtig, eitel selbst, wo er sich
+bloßstellt, und sehnsüchtig am meisten dort, wo er sich verliert. Er ist
+friedlos, immer nach Veränderung begierig, versteht aber nicht zu
+wandern. Sein Verhältnis zu Menschen ist selten dauernd; er stellt die
+höchsten Ansprüche von seiner Seite, ohne die billigsten von der andern
+Seite zu befriedigen.
+
+Er kontrolliert seine eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle sehr
+scharf, ja grausam. Es mangelt ihm an jener Ehrfurcht vor sich selbst,
+die den schöpferischen Menschen auszeichnet. Weil er so unbarmherzig und
+rücksichtslos gegen sich selbst ist, glaubt er es auch gegen andere sein
+zu dürfen, aber er vergißt, daß jenes Wüten gegen die eigene Seele nur
+ein Vorwand zum Verrat ist, nicht aber ein Mittel zur Reinigung,
+Steigerung und Befreiung. Selbstbeobachtung, Selbstzerfaserung ist ein
+Unglück, wie es größer kaum zu denken ist; alle ursprüngliche Kraft des
+Glaubens, alle Fähigkeit zur sittlichen Erhebung, zur Umwandlung, geht
+daran zugrunde. Auch der religiöse oder der schöpferische Mensch
+beobachtet sich selbst, aber er wird sich dabei zum Gleichnis; durch
+diese Gleichniswerdung kann er sich korrigieren und bescheiden.
+
+Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große Zahl von Literaten
+unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste
+Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist
+entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist
+entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es
+in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in
+anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein
+Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein
+Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden
+Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen
+im Kampf gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der
+Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines
+Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen
+dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und
+Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu
+einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne
+wieder des großen Zusammenhangs bewußt wird, wo er im Schoß der
+Geschichte, der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen,
+urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles
+Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den
+Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als
+Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im
+ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die
+_verwandelnde Kraft_ zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann
+Schöpfer sein.
+
+Alle Berufe und alle Stände haben ihre Literaten. Man kann den Satz
+aufstellen: Jeder Fachmann ist ein Literat, jeder Laie trägt noch etwas
+von Mythos in sich. Denn alles Fachwesen und Spezialistentum ist nur ein
+Merkmal des großen Individualisierungsprozesses der Zeit. Vertiefung
+zwingt zur Absonderung, die Fülle zur Arbeitsteilung. Das ist gut und
+unerläßlich. Nun ereignet sich aber das Seltsame, daß gerade bei dieser,
+die Selbstbescheidung gebieterisch fordernden Tätigkeit der einzelne die
+argwöhnische Wachsamkeit des Psychologen, die Herrschsucht des Tribuns
+bekundet, daß er sich von allem, was nicht sein Fach betrifft, in
+trotziger und gleichgültiger Entfernung hält und ein Leben außerhalb des
+Fachs oft kaum mehr kennt. Der Literat ist der geborene Zünftler.
+
+Laien geben einem Literaten bisweilen den Rat, er möge, um in seinem
+Erwerb nicht ausschließlich auf die Kunst angewiesen zu sein, daneben
+ein Amt oder einen Brotberuf wählen. Das ist geradeso, als wollte man
+einen ärztlichen Spezialisten dazu überreden, nebenbei die Tischlerei zu
+betreiben, weil er zu wenig Patienten hat. Mit Recht würde er antworten:
+Mein Fach fordert den Menschen ganz und gar, meine ganze Zeit, meine
+ganze Anstrengung und alle Gedanken. Der Literat ist eben nur Literat,
+er kann nichts anderes sein. Der Vorschlag des Laien ist freilich in
+jedem Sinne töricht. Amt und Brotberuf taugen bloß dem Dilettanten; je
+innerlicher sein Verhältnis zur Kunst ist, je mehr muß er unter
+abziehender Beschäftigung leiden. Dem schöpferischen Menschen wird sie
+vollends zur Qual; auch ihn fordert seine Sache ganz, wenn schon in
+anderer Weise, nicht weil er Literat ist, der erobern will und muß,
+sondern weil er Mensch ist, weil Mythos und Menschheit von ihm
+verlangen, daß er sich unbedingt und ohne Vorbehalt hingebe. Erwerb oder
+Nichterwerb irdischer Güter kommt dabei in höherem Betracht nicht mehr
+in Frage; schlimm genug, wenn es in niederem Betracht zu erwägen ist.
+
+Indessen gehört die nackte und aufrichtige Gegenüberstellung der
+ökonomischen und der geistigen Mächte zum Bild unserer Epoche. Kapital
+will Leistung; Leistung will Nutznießung, Arbeitskraft und Lebensgefühl
+steigern sich wechselseitig; Erfolg, Bestätigung und Lohn sind dem
+einzelnen rascher und reichlicher zugemessen als je, und wenn auch der
+Lockung oft nur gefolgt wird, weil eine Erfüllung so nahe scheint, der
+Ruf nur deshalb so viele Hörer findet, weil in ihm die Befriedigung
+ausschweifender Ansprüche verheißen wird, so kann doch kaum eine Prämie
+ausbezahlt werden ohne den vollen, ja leidenschaftlichen Einsatz von
+Tüchtigkeit und Intensität.
+
+Diese Leidenschaft, dieser Schwung, der unermüdliche Wetteifer, sie sind
+vielleicht Zeichen für die Heraufkunft einer größeren Zeit; schüchterne
+Zeichen, weil sie noch ganz am Persönlichen und Egoistischen haften.
+Aber wie Eisenteile im Feuer des Hochofens zusammengeschmolzen werden,
+so kann die Zerstücktheit und die Zersplitterung einer individualistischen
+Gesellschaft durch einen alle Glieder ergreifenden, stetigen Strom von
+Leidenschaft, gleichviel wo er entspringt, zu organischer Einheit
+verwandelt werden. Leidenschaft ist ja die erste und letzte
+Lebensgewalt; in ihr vereinen sich Element und Wille; sie kann eine
+unproduktive Ordnung zum Chaos führen, aber aus dem Chaos wieder eine
+neue Welt erzeugen, Sammlung aus der Diaspora. Dann mag sich ein Weg
+auftun zum Mythos und zu Gott.
+
+
+
+
+Die Kunst der Erzählung
+
+Geschrieben 1904
+
+
+DER JUNGE:
+
+Es ist wohl über ein Jahr her, daß wir uns nicht gesehen haben. Seit
+meine Freundin gestorben ist, bin ich kaum mehr unter Menschen gekommen,
+und ich verlasse mein Zimmer nur zu einsamen Spaziergängen. Mein
+einziges Vergnügen sind die Bücher und das Nachdenken über den Eindruck,
+den sie mir gemacht haben. Ich glaube, wenn ich jetzt wieder die Feder
+in die Hand nähme, so könnte ich etwas Tüchtiges leisten.
+
+DER ALTE:
+
+Und wozu treibt es dich denn? Ein Künstler darf nicht wie ein Jäger
+sein, der, unbekümmert was ihm vor den Schuß kommen mag, durchs Gelände
+streift, sondern er muß wie ein Seemann sein, der den inneren Sinn, das
+innere Auge unablässig auf ein vielleicht nicht sichtbares, doch tief
+bewußtes Ziel richtet. Also wozu treibt es dich? Wozu glaubst du dich
+geboren? Welche Insel des Geistes willst du dir entdecken?
+
+DER JUNGE:
+
+Ich fühle zu nichts anderem Lust und Freude als Geschichten zu erzählen.
+In den Stunden der Einsamkeit und der Sammlung ist es mir, als ob mein
+Inneres bis zum Rand angefüllt wäre mit Ereignissen und Schicksalen. Oft
+ist mir zu Mut, als müsse der ganze Lauf der Welt, von Adams Zeiten an,
+sich mir in einer besonderen Weise enthüllen, und ich spüre das
+unbezwingliche Verlangen, wie soll ich es nur sagen?... zu erzählen, zu
+erzählen.
+
+DER ALTE:
+
+Das ist schön, prächtig sogar. Wenn du dieses Verlangen wirklich hast
+und es nicht darin mißverstehst, wie du es befolgst, dann wärest du
+allerdings dazu geboren zu erzählen.
+
+DER JUNGE:
+
+Wie sollte ich es mißverstehen? Warum zweifelst du? Was gibt es denn
+Einfacheres?
+
+DER ALTE:
+
+Daß es keineswegs einfach ist, keineswegs selbstverständlich, könnte
+dich schon ein Blick auf die heutigen Erzeugnisse dieser Kunst lehren.
+Die Meisten wissen ja gar nicht mehr, was es heißt: eine Geschichte
+erzählen, und selbst die Begabtesten bringen lauter Zwitter- und
+Mißformen hervor.
+
+DER JUNGE:
+
+Du bist sehr streng wie immer. Ich glaube nicht, daß du recht hast.
+Niemals war so viel im Werk wie gerade jetzt. Auf allen Seiten wird es
+Tag.
+
+DER ALTE:
+
+Der ewige Irrtum der Jugend.
+
+DER JUNGE:
+
+Dann muß ich fürchten, daß du auch, was ich selbst bisher geschaffen,
+verwerfen wirst.
+
+DER ALTE:
+
+Darauf könnte ich erst antworten, wenn ich wüßte, wie es mit dir steht
+und ob dich nichts anderes erfüllt als die Liebe zur Sache, ob dein
+Geist nichts anderes erstrebt als die Vollendung in ihr, ob dir vor der
+Wahrheit bangt oder ob leichtsinniges Lob dich nicht schon für immer
+geblendet hat. Wenn du Angst vor einer bitteren Stunde hast, dann
+verbirg es nicht, ich schweige gern. Du besinnst dich?
+
+DER JUNGE:
+
+Hältst du denn dein Urteil für unumstößlich, für das einzig mögliche?
+Kann es nicht auf Täuschung, auf Unmilde, auf Eigensinn beruhen?
+
+DER ALTE:
+
+Ich will es dir zu begründen suchen, und wenn du meine Argumente
+entkräften kannst, werde ich mich zufrieden geben.
+
+DER JUNGE:
+
+Also sprich.
+
+DER ALTE:
+
+Es gibt dreierlei Arten von Schriftstellern: solche, die einen eigenen
+Stil haben und ihn zur höchsten Vollkommenheit auszubilden vermögen;
+solche, die einen eigenen Stil suchen, und endlich solche, die einen
+Allerweltsstil vorfinden und sich zu ihm verhalten wie die Gäste eines
+Wirtshauses zu den Tischen und Krügen und Stühlen; sie können niemals
+zum Herrn ihres Wortes, ihrer Gedanken, ihrer Phrase werden, das
+glühendste Erlebnis muß ihnen erstarren, erhabene Stimmungen werden
+trivial, jede Inspiration wird Absicht, jede Beeinflussung von außen
+Nachahmung, alles, was kräftig ist, brutal, und was fein ist,
+schwächlich. Aber von diesen Schriftstellern, die die Marktware für den
+großen Haufen besorgen, wollen wir nicht sprechen. Du gehörst zur
+zweiten Art.
+
+DER JUNGE:
+
+Das wäre ja weiter nicht schlimm. Suchende sind wir alle. Ja, man kann
+sagen, daß der allergrößte Meister bis zu seinem Todestage nicht
+aufgehört hat zu suchen. Warum lächelst du?
+
+DER ALTE:
+
+Weil ich an dieser Bemerkung sehe, wie wenig du mich noch verstanden
+hast. Wenn die großen Meister suchen, so wollen sie den Einklang
+schaffen zwischen Stoff und Form. Sie wissen, daß es ohne solche
+Harmonie überhaupt kein Kunstwerk gibt. Und weil sie das wissen und auf
+diesem Wege zur Vollkommenheit streben und sich wohl hüten werden, die
+Fülle ihrer Mittel an den falschen Gegenstand oder am falschen Ort zu
+verschwenden, so wird immer etwas entstehen, was der Kunst und ihrer
+eigenen Schöpferpersönlichkeit gemäß ist. Sie suchen mit sehenden Augen,
+ihr aber sucht als Blinde; sie gehen den geraden Weg und kommen an ein
+Ziel, wenn auch nicht immer an das gewünschte; ihr aber taumelt im
+Kreise herum. Die Suchenden, die nicht um das Wesen wissen, sind zum
+Untergang verurteilt.
+
+DER JUNGE:
+
+Du machst mich wahrhaft unruhig. Ich könnte dich hassen, wenn ich nicht
+wüßte, wie ernst du es meinst. Ich ahne, wo du hinaus willst. So rede
+doch endlich von mir.
+
+DER ALTE:
+
+Gut. Zwei Dinge, ein scheinbar äußeres und ein scheinbar inneres, habe
+ich zunächst an deinen Arbeiten auszusetzen: nämlich daß sie den Leser
+nicht mit Behaglichkeit erfüllen und daß es dem Stoff selbst an
+Daseinsnotwendigkeit gebricht. Beides hängt aber inniger zusammen, als
+du glaubst; das werde ich dir bald beweisen.
+
+DER JUNGE:
+
+Was meinst du mit Behaglichkeit? Das Gegenteil bezwecken wir doch, wenn
+wir Dichtungen ersinnen: Erregung, Spannung, Teilnahme, Erschütterung.
+Ich glaube, du treibst deinen Spaß mit mir.
+
+DER ALTE:
+
+Geduld. Ich verstehe die Behaglichkeit hier in einem höheren,
+künstlerischen Sinn. Ich verstehe darunter das unbegrenzte Vertrauen des
+idealen Lesers zum Erzähler. Dieses Vertrauen entsteht durch
+Glaubwürdigkeit, und die Glaubwürdigkeit nun entsteht aus der
+Notwendigkeit des erzählten Gegenstandes. Du siehst nun, wie fest der
+Zusammenhang zwischen den beiden Dingen ist, und noch untrennbarer wird
+er für das Auge und für das Gefühl durch das, was der Laie, der
+Dilettant, der Durchschnittskritiker die Technik nennt: durch die Art
+des Erzählens; auch sie ist nur ein scheinbar Äußerliches, denn in
+Wirklichkeit ist sie die Seele der epischen Kunst.
+
+DER JUNGE:
+
+Das wird zu weit und breit. Du wolltest doch von meinen Arbeiten reden.
+
+DER ALTE:
+
+Ich sage nun, daß deinen Produkten die Behaglichkeit fehlt, weil du
+nicht die Mittel und das Wissen hast, sie hervorzubringen. Was du
+schreibst, trägt unverkennbar den Stempel des direkten und indirekten
+Erlebnisses, aber diese Erlebnisse sind nicht künstlerisch verklärt und
+erhöht und bleiben daher ohne poetische Wirkungen. Du hast eine starke
+und natürliche Empfindung, die aber nur selten in ihrer Reinheit wirkt,
+weil sich der Stoff nicht ganz in ihr aufzulösen vermag. Merkst du nun,
+wo es hinaus will, merkst du, wie alles Innerliche zugleich ein
+Äußerliches ist und umgekehrt?
+
+DER JUNGE:
+
+Ich merke nichts als Pedanterie und höre nichts als Worte. Wenn eine
+Kunstform nicht ausreicht für das, was ich zu sagen habe, nun dann
+erweitere man mir diese Form. Wo stehen diese gelehrten Gesetze
+geschrieben, denen ich mich fügen soll? Wer hat sie gemacht, und wie
+käme ich dazu, mich vor ihnen zu beugen?
+
+DER ALTE:
+
+Wo sie geschrieben stehen? Im menschlichen Gefühl. Wer sie gemacht hat?
+Das menschliche Gefühl. Warum du dich ihnen beugen sollst? Weil du sonst
+nicht wirken wirst, weil dein Wort und dein Werk sonst von flüchtigerem
+Bestand sind als ein Stück Eis in der Mittagssonne. Man hat nämlich im
+Lauf der Jahrhunderte, der Jahrtausende herausgefunden, was die
+Menschheit ergreift, tröstet und erfreut, was aus ihren Tiefen stammt
+und zu ihren Tiefen strebt. Die es befolgten und solche hohe Wirkungen
+erreichten, nicht blind, sondern durch klarstes Wissen, das waren die
+Meister. Wer der Belehrung trotzt, kann nicht einmal Schüler werden.
+
+DER JUNGE:
+
+Also belehre mich.
+
+DER ALTE:
+
+Ich sagte vorhin, daß die Elemente sich in dir nicht mischen wollen;
+Stoff und Empfindung bleiben feindlich und unaufgelöst einander
+gegenüber. Die Folge davon ist eine immerwährende und überall
+ersichtliche Dissonanz. Du erzählst eigentlich nicht Ereignisse, sondern
+du schilderst Situationen. Gerade das erscheint dir wichtig, was bei der
+Erzählung unwichtig ist und sein muß. Du hüpfest von Situation zu
+Situation, das Dazwischenliegende ist dir ein Notbehelf, wird zum
+gezwungenen Bericht und enttäuscht durch seine Nüchternheit. Da du dies
+Schwanken als Schaffender selbst sehr deutlich empfindest, drängt es
+dich, Ausgleiche zu bringen, und du mußt zu pathetisch-lyrischen
+Schilderungen greifen, in denen die Handlung um keinen Schritt weiter
+kommt. Denn daran liegt es, wohlgemerkt: Bewegung ist alles, alle Kunst
+entsteht durch Bewegung. Damit hängt nun aufs Engste die Gestaltung
+deiner Menschen zusammen. Deine Gestalten haben keine Ruhepunkte. Sie
+sind geschickt und glaubhaft gezeichnet, soweit und solange sie mit der
+Handlung verknüpft sind, aber davon losgelöst und als Eigenlebende
+betrachtet, werden sie matt und hölzern. Sie wissen zu genau, was sie
+sollen, nicht in ihrer Welt, sondern in deiner Welt. Es fehlt die höhere
+Täuschungsabsicht und Täuschungsmacht. Eine Figur muß leben trotz der
+Handlung, nicht durch die Handlung. Woher käme es sonst, daß bei allen
+mittelmäßigen Schriftstellern gerade die Figuren am glaubhaftesten sind,
+die am wenigsten mit der Handlung und ihren Spannungen verquickt sind,
+die sogenannten Episodenfiguren? Nur sie verbreiten Behaglichkeit, das
+heißt Glaubwürdigkeit, weil sie scheinbar keinen Zweck verfolgen. Wenn
+man also sagen kann, Kunst entstehe durch Bewegung, so muß man
+hinzufügen, sie wirke durch die scheinbare Zwecklosigkeit der Bewegung.
+
+DER JUNGE:
+
+Ich habe Zweifel über Zweifel. Hundert Fragen drängen sich mir auf, denn
+ich sehe schon, wie tief du greifst. Und mir dämmert manches, von dem
+ich früher nichts ahnen konnte. Aber laß mich fragen. Du sagtest, daß
+ich nicht Ereignisse erzähle, sondern Situationen schildere, und ich muß
+gestehen, dabei verwirren sich mir die Begriffe. Ist es nicht bloß ein
+Wortspiel? Welcher Unterschied scheint dir denn zwischen Erzählung und
+Schilderung zu bestehen? Ich meine, inwiefern die Wirkung eines Werkes
+dadurch beeinträchtigt wird. Sind das nicht schulmäßige Begrenzungen?
+
+DER ALTE:
+
+Nehmen wir einmal an, du habest eine schwierige und gefahrvolle Reise
+hinter dir, habest lebensgefährliche Abenteuer bestanden, habest
+jahrelang als verschollen und verloren gegolten und seiest nun doch
+zurückgekehrt. Alles ist gespannt zu hören, wie du das bewerkstelligt
+hast und wie es dir ergangen ist. Du setzest dich in den Kreis der
+Neugierigen und Teilnehmenden und erzählst, beginnst mit der Fahrt übers
+Meer, der Aufzählung deiner Gefährten und kurzer Andeutung ihrer Art und
+ihrer bisherigen Schicksale, fährst fort mit der Landung, dem Aufbruch
+in die unbekannten Gebiete usw., usw. Wäre es nun angebracht, das
+Interesse der Zuhörer durch Beschreibungen von Landschaften, von Tieren,
+von Pflanzen zu ermüden? Wenn du dies tätest, würde in ihnen ein leises
+Mißtrauen gegen den Ernst und die Schwere deiner überstandenen
+Schicksale entstehen. Sie wollen wissen, wie es dir ergangen ist, nichts
+weiter, und je einfacher und sachlicher du bist, je glaubhafter werden
+deine Erlebnisse klingen. Nicht mit einem Wort brauchst du zu schildern.
+Das Bild der Landschaft und des Landes wird ganz von selbst in der
+Phantasie entstehen; je weniger du davon sprichst, je stärker wird die
+Phantasie der Hörer es erblicken und zwar durch dein Erlebnis selbst.
+Unwillkürlich gehen sie deinen Weg mit und sehen sie mit deinen Augen.
+Es kommt ganz und gar nicht darauf an, daß das Bild der Wirklichkeit
+entspricht, das sie sich davon machen, es handelt sich nur darum, daß
+durch ihre seelische Bewegung ein Bild entsteht. Diese seelische
+Bewegung bildet sich nun wieder durch die Bewegung der künstlerischen
+Materie, und so siehst du abermals, wie Äußeres und Inneres verschmolzen
+sind und sich verschmelzen müssen.
+
+DER JUNGE:
+
+Das Beispiel leuchtet mir ein. Es leuchtet mir ein, daß das Abschweifen
+von einer Sache, die man sich vorgesetzt hat, in der Kunst ebenso
+unwahrhaftig wirkt wie im Leben, und ich verstehe auch, daß man das
+Vertrauen des Lesers auf diese Weise verlieren kann. Aber du sagtest
+etwas von Verklärung und Erhöhung und poetischer Wirkung des Stoffes.
+Das alles scheint mir nun überflüssig, sobald einmal die Wahrheit, die
+Wahrhaftigkeit außer Zweifel steht.
+
+DER ALTE:
+
+Gewiß, wenn es ein und dasselbe wäre, mündlich zu erzählen oder
+schriftlich. Dazwischen liegt ein so tiefer Abgrund, daß ihn nicht
+Geist, nicht Wissen, nicht Wahrhaftigkeit zu überbrücken vermögen,
+sondern lediglich künstlerische Genialität. Es ist der Abgrund zwischen
+Wesen und Schein, zwischen dem Spiegel und der Person, die davorsteht,
+zwischen Leben und Erinnerung, zwischen der Minute und der Ewigkeit.
+Deine lebendigen Zuhörer sehen dich, sie sehen dich ergriffen,
+begeistert, bedrückt, das lebendig gesprochene Wort hat eine ganz
+unabweisbare Zeugniskraft durch sich selbst. Wenn du dieselbe wahre und
+erschütternde Erzählung deiner Reise mit denselben Worten deines
+mündlichen Berichtes niederschreibst, kann sie abgeschmackt, verlogen
+und sozusagen grundlos klingen. Es ist also wieder das scheinbar
+Äußerlichste, das die Kunstwirkung hervorbringt: der Stil. Um dieselbe
+Einfachheit, die der Hörer ohne dein besonderes Hinzutun spürt, sofern
+du nur eine einfache und wahre Natur bist, dem Leser eines Buches
+glaubhaft zu machen, dazu gehört ein halbes Leben unablässiger Versuche,
+aufreibender Mühe, qualvollsten Ringens. Im Leben ist das
+Selbstverständliche, oder wenden wir ein Fachwort an, das Naive eine
+Voraussetzung, in der Kunst ist es eine letzte Konsequenz, ein Gipfel.
+
+DER JUNGE:
+
+Die Aufgabe besteht also darin, den Anschein des Selbstverständlichen zu
+erreichen, innerhalb der Kunst ein Gebilde zu schaffen, das die Züge der
+Natur trägt. Darüber bin ich mir klar. Doch hat jedes Individuum seine
+besondere Naivetät, jedes »Selbst« seine eigene Selbstverständlichkeit.
+Gäbe es dennoch gewisse Gesetze, an die unbewußt alle gebunden sind,
+Schöpfer wie Genießende?
+
+DER ALTE:
+
+Wollen wir einmal vom Engsten ausgehen, um ins Weite zu gelangen. Wer
+sprachliches Gefühl und ein aufmerksames Ohr besitzt, wird wissen oder
+unbewußt schon früh empfunden haben, daß die vorzüglichste Schönheit
+unserer Sprache in ihrem Vermögen liegt, eine organisch gegliederte,
+gleichsam lebende Periode zu bilden. Der Gedanke, die Vorstellung
+entsteht und kommt zur Erscheinung durch Hauptwort und Zeitwort; das
+Beiwort tritt heran, um zu verdeutlichen oder zu schmücken, eine zweite
+Vorstellung oder Handlung will die erste begründen und weiterführen, und
+der Nebensatz ist geboren, an dem sich dieselben Erscheinungen
+vollziehen wie im Hauptsatz, nur abgetönt, verkleinert, gemildert. Darin
+liegt der Rhythmus der Prosa: das An- und Abschwellen des Tones und der
+Betonung, die gegenseitige Beziehung von Sätzen und Satzteilen
+untereinander, die freie und eigenbewegliche Anpassung, die Fülle des
+Ausdrucks bei größter Sparsamkeit mit dem Wort. Die eigentümlichste
+Kraft der deutschen Sprache ruht im Zeitwort; dieses auszubilden, zu
+formen, gewissermaßen zu isolieren, kennzeichnet den guten Prosaisten,
+während der mittelmäßige sich mehr auf das schmückende Beiwort verlegt,
+-- ganz natürlich. Prüfe doch den Stil unserer guten Erzähler auf diesen
+Umstand hin: wie das flutet und in majestätischer Ruhe hinfließt, immer
+bewegt und immer gegen ein erreichenswertes Ziel bewegt. Das Beiwort
+wirkt erstarrend und ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, und nur die
+anschauende Phantasie kann es an den rechten Platz stellen; das Verbum
+belebt und ist das eigentlich motorische Element im Satzbau. Es ist
+stets interessant, den guten Erzählerstil lediglich auf seinen
+sprachmelodischen Gehalt hin zu prüfen, sich zu überzeugen, wie die
+Periode der Atmung entspricht, wie sinnvoll gegliedert Satz und
+Nebensatz auftreten, und wie der Gesang abläuft, wenn der Absatz zu Ende
+ist. Eigentlich müßte man ein gutes Prosabuch schon an der
+typographischen Anordnung erkennen, die sozusagen seine Fassade
+vorstellt. Dazu kommt nun beim epischen Künstler das geistige Erlebnis
+des Bildes und die seltsame Empfindung für die plastische Nähe des
+Wortes, die ihn vor Verflachung seines Ausdrucks bewahrt. Denn wie
+könnte sonst eine Schriftsprache jahrhundertelang gesund und triebfähig
+bleiben? Die Auserlesenheit der Wendungen tut es nicht, Geschmack und
+Formensinn allein sind ebenfalls nicht zeugungskräftig, -- nur das
+Mitleben mit dem Wort als einem Organismus bewahrt die Sprache der Epik
+vor dem Verwelken und Absterben. Das begreiflich zu machen, ist schwer,
+wenn du es nicht fühlst.
+
+DER JUNGE:
+
+Ich fühle es. Ich fühlte es oft, wenn ich Gottfried Keller las. Ein ganz
+gewöhnliches Wort, das in unserer Umgangssprache so platt klang und so
+tot aussah wie eine abgegriffene Münze, stand plötzlich da wie in einen
+Zaubermantel gehüllt, fremd und neu.
+
+DER ALTE:
+
+Und doch sind die meisten unter unsern jungen Dichtern Wortsucher, aber
+was schlimmer ist, sie verstehen auch nicht in großem Atem zu erzählen.
+Ich leugne nicht die Berechtigung des Schriftstellers, seine Sätze
+auseinander zu haken und sie im stürmischen Tempo aufmarschieren zu
+lassen, wenn ihn die Situation und seine Natur dazu auffordern. Aber so
+wenig ein Mensch lange Zeit hindurch im Zustand der Atemlosigkeit
+verweilen kann, so wenig verträgt dies ein Buch, ohne daß es Unbehagen
+und Widerwillen erregt. Ich habe Bücher in der Hand gehabt, in denen
+lauter enge und engbrüstige Sätzchen nebeneinander standen, stumpf und
+traurig wie Soldaten bei der Parade. Einzelne Satzglieder schwammen wie
+abgeschnittene Hände und Füße in einer Brühe überflüssiger
+Interpunktionen, und jeder Rhythmus war zerfetzt, weil eine anständige
+Mittelmäßigkeit des Schreibens weniger geachtet wird als ein gequälter
+Unsinn, oder weil das Gefühl erweckt werden sollte, der Verfasser sei
+tief ergriffen gewesen von dem, was er geschrieben. Von dem Verfasser
+wird gar keine Ergriffenheit verlangt; Gott hat nicht jedem Baum und
+jedem Berg einen Zettel umgehängt, auf dem zu lesen steht: wie schön,
+wie gewaltig, wie charakteristisch bin ich. Gott ist bescheiden, er ist
+unsichtbar in seiner Welt versteckt, und mit den großen Künstlern ist es
+ebenso. Vom Erzähler wird Unsichtbarkeit verlangt, von dem, was er
+erzählt, höchste Sichtbarkeit.
+
+DER JUNGE:
+
+Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist aber keineswegs zu leugnen, daß
+etwa in einem dickbändigen Roman die strenge Form der Erzählung schwer,
+wenn nicht unmöglich festzuhalten ist. Ein solches Buch müßte durch
+seine Eintönigkeit langweilen, glaube ich, und man kann dem Autor nicht
+Unrecht geben, wenn er dies Schicksal durch dramatische Gespräche und
+aufregende Schilderungen von seinem Buche abzuwenden sucht.
+
+DER ALTE:
+
+Das ist ein Thema für sich. Man kann von einem Kochbuch nicht verlangen,
+daß es wissenschaftliche Aufgaben löst. Wenn es einem Dichter zu schwer
+fällt, ein Kunstwerk zu schaffen, so begnüge er sich mit dem Machwerk,
+aber er soll dann nicht beanspruchen, ein Künstler genannt zu werden.
+Müssen denn die dickbändigen Ungeheuer geschrieben werden, von denen du
+sprichst? Und wenn sie geschrieben werden müssen, bin ich etwa
+verpflichtet, mich mit ihnen zu beschäftigen? Wollten wir unsere
+Erörterungen in diesen niedern Kreis stellen, was wäre da nicht alles zu
+sagen, worüber zu klagen: über die Frauenschreiberei, das Zeitungswesen,
+die elenden Übersetzungen aus andern Sprachen usw. Doch wir wollen das
+künstlerischste aller Gesetze auch auf unsere Unterhaltung anwenden und
+bei der Sache bleiben.
+
+DER JUNGE:
+
+Du hast recht. Dennoch gibt es Mischprodukte, die man nicht verwerfen
+darf und die eine tiefere Wirkung und ein gewaltigeres Entstehungsmotiv
+haben als die reinen Kunstwerke. Das darf man nicht vergessen.
+
+DER ALTE:
+
+Ich halte das für einen Irrtum. Diejenigen Werke der Kunst, die an
+Wirkung und Dauer hinter den Erzeugnissen zurückstehen, die du erwähnst,
+sind eben dann nicht wahrhaft lebendig, und ihr Untergang ist nur eine
+Frage der Zeit.
+
+DER JUNGE:
+
+Alles, alles ist dem Untergang geweiht. Selbst Homer und Shakespeare.
+
+DER ALTE:
+
+Eine törichte Phrase. Sie werden untergehen, wenn der Erdball versinkt
+und das Licht sich in Finsternis verwandelt. Sie gehören eben der
+Menschheit an, und von einer Unsterblichkeit über die Menschheit hinaus
+zu reden, hat keinen Sinn.
+
+DER JUNGE:
+
+Folgendes ist mir nicht ganz klar. Es handelt sich doch bei der
+Erzählung um das Darstellen eines Vorganges und innerhalb des Vorganges
+wieder um das Ausmalen einzelner Bilder oder Situationen, denn ohne
+solche Bilder würde ich doch mehr Geschichtsschreibung treiben als
+Kunst. Wie bringe ich nun die Situation, ohne gegen das Gesetz des
+epischen Weiterströmens zu verstoßen? Mit einem Wort, wie kann ich
+erzählerisch und plastisch zugleich sein?
+
+DER ALTE:
+
+Zur Beantwortung dieser Frage will ich dir eine Stelle aus Wilhelm
+Meisters Lehrjahren vorlesen. Es heißt da: »Zwei bis drei Häuser standen
+in vollen Flammen. In den Garten hatte sich niemand retten können wegen
+des Brandes im Gartengewölbe. Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde,
+weniger wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht, die Kinder zu
+verlassen, und sah das Unglück sich immer vergrößern. Er brachte einige
+Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf seinem Schoße
+eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich
+hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die
+ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam herbei, die
+Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten
+Kleidung der fallende Tau fast unerträglich. Er führte sie zu den
+Trümmern des zusammengestürzten Gebäudes, und sie fanden neben einem
+Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme. Der anbrechende Tag
+brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen, usw.« Du
+siehst hier deutlich, wie keusch und zurückhaltend das außerordentliche
+Ereignis in der allgemeinen erzählerischen Stimmung sich auflöst. Ruhig
+schließt sich an die sparsame Ausmalung der überaus schönen Situation
+von den am Aschenhaufen liegenden Personen der neue Vorgang, und im
+Satzgefüge herrscht nicht die mindeste Erregtheit. Vergleiche damit
+einmal die Darstellung einer Feuersbrunst bei Zola; Einzelheit drängt
+sich an Einzelheit. Die ungeheure Flut der Einzelheiten vernichtet das
+Bild und überschwemmt die Phantasie. Aus fünfzig Seiten eines
+Schilderers macht der Epiker zehn Zeilen. Der erzählende Stil beruht
+keineswegs auf der Ausmalung der Situationen, sondern er ruft die
+Situation nur zu höherem Zweck hervor, um sie in vollkommener Ruhe
+vorübergleiten zu lassen. Geradezu musterhaft ist darin Kleist, der
+vielleicht das größte erzählerische Genie ist, das wir besitzen. Wie im
+Volksmärchen, mit einer erhabenen Knappheit erzeugt er Bewegung um
+Bewegung. Nur dadurch entsteht zugleich die Lebendigkeit der Periode, es
+wird ihr das Papierene genommen, das sie auch beim vollendetsten
+Schilderer hat; sie besitzt plötzlich innere Kraft, das Blut des
+atmenden Geschöpfes, und wie das Werk im Ganzen, ist sie für sich allein
+ein Organismus mit Fleisch und Seele. Der Baum setzt sich aus winzigen
+Zellen zusammen; die Gesundheit seiner Früchte hängt ab von der
+Gesundheit jener unscheinbaren Gewebe. Die Breite und Fülle der Periode
+bedingt die Breite und Fülle des Ganzen; nicht Abenteuerlichkeit der
+Vorgänge, nicht Weitspurigkeit der Anlage, nicht die ausgesuchteste
+psychologische Tüftelei, keine Neuartigkeit des Themas, keine äußere
+Spannung, nicht Geist, nicht Witz, nicht philosophische Tiefe kann ein
+Werk, dem jene Eigenschaften wahrer epischer Breite und Ruhe mangeln,
+zum Rang eines Kunstwerkes erheben.
+
+DER JUNGE:
+
+Jetzt ist es auf einmal wieder die Ruhe. Wir haben doch festgestellt,
+daß es die Bewegung ist, die der Kunst das Leben gibt, wir haben es sehr
+schön gefunden, daß die Zwecklosigkeit der Bewegung den Kunsteindruck
+hervorbringt, nun soll auf einmal die Ruhe das Allesbedingende sein. Das
+ist sinnverwirrend. Ruhe? Das wäre ja gleichbedeutend mit Kälte, das
+hieße ja, das ganze Wesen des Dichters verkennen, dem Artistentum das
+Wort reden.
+
+DER ALTE:
+
+Beschwichtige deinen Eifer, du wirst gleich sehen, wie unbedacht er ist.
+Die erzählende Kunst stellt Vergangenes dar. Es handelt sich um ein
+Gelebt-Haben, Gesehen-Haben, Geschehen-Sein. Während das Drama auf der
+Gegenwärtigkeit der Geschehnisse, der Leidenschaften beruht, ist das
+Epos oder die Novelle ein Zurückgewandtes, Zurückschauendes, -- ganz
+natürlich, und so ist es durch seine Form zu einer größeren Ruhe und
+Gemessenheit verurteilt, denn seine Wiedergabe setzt doch einen
+Betrachter voraus, einen Beobachter, einen Urteilenden, Zusammenfasser.
+Während das Drama ein scheinbar freistehendes, isoliertes Eigen-Produkt
+ist, weist die Erzählung beständig und auf jeder Zeile auf den Erzähler
+zurück, und von dessen Haltung hängt alles ab. Es handelt sich also nur
+um eine scheinbare Kälte und Ruhe, um ein Zurückhalten des Feuers. Der
+Schöpfer eines solchen Werkes ist umsomehr darauf angewiesen, seine
+eigene Persönlichkeit zu verbergen, da er es doch selbst ist, der die
+ganze Welt, die er hervorbringt, repräsentiert. Wenn er aufhört,
+unsichtbar zu bleiben, leidet unsere Illusion Schaden, und die
+scheinbare Ruhe enthält also für ihn alle Wirkungen seiner Kunst. Uns
+dennoch aufs innigste mit dem Werk zu verknüpfen, uns alles mit seinem
+eigenen Auge, seiner eigenen launigen oder tragischen Seelenstimmung
+erleben zu lassen, das hängt von seiner Person und seinem Dichterwert
+ab. Seine Weltanschauung und geistige Kraft einerseits und die Ruhe
+andrerseits, die ihn befähigt, Licht und Schatten zu verteilen, Bilder
+zu erzeugen, Zeitperspektiven zu bilden, können die beiden Pole genannt
+werden, zwischen denen sich seine Kunst bewegt. Deswegen verlangt die
+epische Kunst eine vollkommene Reife des Geistes.
+
+DER JUNGE:
+
+Es handelt sich also nicht um unterdrücktes Gefühl, sondern um
+gebändigtes Gefühl, um verteilte Wärme. Dann leidet auch das Werk
+Schaden, wenn zu viel Licht auf eine einzelne Gestalt fällt? Offenbar.
+Wie verhält es sich also mit den Gestalten? Wie weit dürfen sie sich aus
+der Fläche der Erzählung plastisch heben?
+
+DER ALTE:
+
+Das hängt von Stoff und Ton des Ganzen ab. Laß uns einmal den Gang
+verschiedener Werke epischer Prosa auf diesen Umstand hin vergleichen:
+Herodots Geschichten, den Don Quixote, den Wilhelm Meister und Tolstois
+Krieg und Frieden.
+
+Herodot besitzt die natürliche, persönliche Naivität, die dem Zeitalter
+und einer jungen, aufsteigenden Kultur entsprechen. Er hat weder
+Vorbilder, noch bedarf er ihrer. Er ist nicht bemüht, eine Kunstform zu
+prägen. Er vermeidet Schmuckworte. Er hält sich von allen Abstraktionen
+fern. Er »erzählt«. Sein Ton ist der eines Mannes, der reich an
+Erfahrungen und an Wissen unter den Seinen sitzt und ebenso einfach wie
+wahrhaftig von allem Kunde gibt. Gleichwohl zeigt sein Werk eine feste
+Stileinheit und das nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich: Die
+Handlungen des Menschen stehen unter dem Walten der Nemesis. Von dieser
+Weltanschauung durchdrungen, erhält seine Schöpfung nicht nur sittliche
+Größe, sondern auch künstlerische Macht.
+
+Cervantes fußt natürlich bereits auf Traditionen. Aber er vernichtet
+sie, indem er sich ihrer bedient. Die Sittenschilderung und die Aktion
+ordnen sich äußerlich einem Plan und geistig einer Idee unter. Indem er
+gegen den pathetischen Heros des Katholizismus zu Felde zieht, findet er
+jene hohe Form der Darstellung, welche wir Humor nennen und welche
+seinen Gestalten weitaus bedeutungsvollere Konturen gibt, als sie in der
+Realität ihrer Existenz zu haben scheinen. Auch Cervantes ist ein (im
+banalen Sinn) naiver Erzähler; aber an seiner Naivetät hat der
+Kunstverstand schon wesentlichen Anteil. Es ist klar: das ist nicht mehr
+der Berichterstatter wahrhafter Begebenheiten. Mit der Schöpfung einer
+Phantasiewelt hat die unbefangene Freude am Ereignis und seiner
+Wiedergabe ihr Ende erreicht. Dem Erzähler muß sich der Fabulist
+beigesellen, und Fragen technischer Natur entstehen wie von selbst. Hier
+ist alles schon _Kunst_: die Charaktere und ihre Gestaltung, die
+planvoll geschürzten Fäden der Handlung, der Dialog und seine
+motorische Bedeutung. Aber durch einen wunderbaren Instinkt hat all dies
+wieder die Farbe der Natur erhalten, das täuschende Gewand der Wahrheit.
+
+Goethes Roman ist in erster Linie das Manifest einer großen
+Persönlichkeit. Wenn der spanische Dichter Bilder entrollte, hinter
+denen er wortlos verschwand, so bleibt der Deutsche vor dem Geschaffenen
+stehen und bringt es durch sein Wesen, durch seine Gebärde, durch seine
+begleitenden Worte erst ins rechte Licht und zur rechten Geltung. Seine
+Darstellung ist kühl und überlegen, philosophisch gemessen, und nie
+vergißt man über den Figuren den Zauberer, der sie in Bewegung zu setzen
+vermag. Cervantes ist groß durch Don Quixote; Wilhelm Meister ist groß
+durch Goethe.
+
+In der Dichtung des russischen Dichters endlich sind Stoff und
+Darstellung in eine unauflösliche Verbindung getreten. Der Schöpfer
+selbst wird hier zu einem wesenlosen Etwas, ähnlich der Naturkraft, die
+einem Strom sein Bett anweist. Dieser Roman ist von homerischer Prägung.
+Die Menschen darin sind so stark individuell und andererseits so sehr
+von dem Schicksale ihres Temperaments getrieben, daß man die Illusion
+hat, sie müßten, auch aus Milieu und Handlung losgelöst, doch zu
+denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen gelangen, zu denen sie in der
+Dichtung durch den Willen des Dichters kommen. Sittenschilderung,
+nationale Besonderheit, menschliche Bedeutsamkeit, künstlerische Ruhe,
+Einfachheit und Größe, alles verbindet sich zu klarster Wirkung. Der
+Dialog hat keine motorischen Zwecke mehr, auch nicht philosophische oder
+tendenziöse, sondern lediglich charakterisierende.
+
+DER JUNGE:
+
+»Stoff und Darstellung sind in eine unauflösliche Verbindung getreten,«
+sagst du. Ich möchte lieber sagen: Stoff und Künstler. Aber was ist der
+Stoff? Wann wird der Stoff »daseinsnotwendig«? Wann erhält er die
+Unleugbarkeit eines von der Natur selbst Geschaffenen? Wahrscheinlich
+muß der eine ihn erleben, der zweite erfinden, der dritte aus der
+Geschichte nehmen. Dieser braucht eine regelrechte Fabel, jener webt
+seine Gebilde wie aus einem Traum heraus, der die Bewegung und Stimmung
+des Lebens und doch die Gesammeltheit der Dichtung hat. Das Wichtige ist
+demnach nicht die Art des Stoffes selbst, sondern die Intensität der
+Vision, die er erzeugt und die nicht auf einem Bild zu beruhen braucht,
+sondern oft, dem Nebelball der Urwelten gleich, Feuer und Vegetation
+noch in sich verborgen tragen kann.
+
+DER ALTE:
+
+Ohne Zweifel. Die Kraft der Vision im Dichter bestimmt die Kraft des
+Werkes, ihre Dauer und Unvergeßlichkeit aber seine Harmonie. Alles
+andere hat mit inspiratorischen Dingen nichts mehr zu tun, sondern
+unterliegt den Gesetzen der Entwicklung. Wo die Vision aufhört, beginnt
+die geistige Arbeit, das Reich des Geschmackes, des Urteiles, der Wahl.
+Hier ist auch die Grenze zwischen dem Dichter und dem Schriftsteller.
+Der Dichter und seine Stoffe verhalten sich zu einander wie der Baum zu
+seinen Blättern, die Stoffe des Schriftstellers aber gleichen den
+beliebig ausgewählten, ärmlichen oder luxuriösen Möbeln eines Zimmers.
+Dort wird jeder Mangel die Kehrseite eines Vorzuges sein, hier wird
+selbst jeder Vorzug auf einen einzigen Mangel zurückdeuten. Dort ein
+lebendiger Organismus, gleichviel ob kränklich oder stark, hier eine
+Maschinerie, stümperhaft oder in ihrer Art vollkommen.
+
+DER JUNGE:
+
+Demnach müßte also eigentlich der Dichter seine Stoffe erleben, der
+Schriftsteller sie erfinden.
+
+DER ALTE:
+
+Das läßt sich nicht auseinanderhalten. Da müßten wir erst feststellen,
+was es heißt, erleben. Es wäre doch recht ärmlich gedacht, wenn man nur
+eine äußere Aktion darin sehen wollte, dann wäre es schlimm um jene
+bestellt, die der Zufall oder soziale Stellung oder persönliche Eigenart
+vom großen Getriebe fernhält. Das hieße dann: nur derjenige, der einen
+Mord begangen, kann die Seele eines Mörders enthüllen, und die Frau als
+eine Welt für sich wäre dem Dichter ein für immer verschlossenes Ding.
+Ich stelle nicht in Abrede, daß ein gewisses Maß allgemeiner
+Lebenserfahrung notwendig sei, aber dem, der nicht innerlich das Leiden
+der Welt und ihrer Geschöpfe erlebt, dem wird es wenig frommen, wenn er
+seine Tage mit Abenteuern füllt, wenn ihm auch hierdurch die seltsamsten
+und tiefsten Seiten der menschlichen Natur offenbar werden. Das ist ja
+eben die besondere Natur des Dichters, daß in ihm gleichsam die
+Erfahrungen aller andern sich sammeln und zu einem hohen Bewußtsein
+gelangen; es ist, als ob ihm Gott die Andeutungen und Stichworte gäbe,
+aus denen er das Gewebe einer zweiten zur knappsten Folgerichtigkeit
+verdichteten Welt formt. Er ist es, der im Mittelpunkt der Dinge wohnt,
+er stellt das lebendige Gewissen der Völker dar, er lebt nicht nur in
+der Gegenwart, nein, ihm ist alles Vergangene zugleich Gegenwart. Und
+nun der Stoff.
+
+DER JUNGE:
+
+Ich glaube, daß es gleichgültig ist, ob er die Geschichte eines
+Schneiders oder eines Welteroberers wählt. Und das Milieu kann immer nur
+ein Mittel sein, Charaktere zu entfalten und Schicksale zu motivieren.
+
+DER ALTE:
+
+Sehr wahr.
+
+DER JUNGE:
+
+Und doch haben wir von einer Daseinsnotwendigkeit des Stoffes
+gesprochen.
+
+DER ALTE:
+
+Es ist oft genug gesagt worden, daß der Dichter aus einem unbesiegbaren
+inneren Drang heraus schaffe. Oft im Kampf mit den äußeren
+Lebensumständen, oft, ja fast immer im Kampf mit sich selbst. Deswegen
+ist es eine abgegriffene Phrase, von dem Glück des Schaffens zu
+sprechen. Es gibt nur eine Verzweiflung des Schaffens und einen ganz
+kurzen Glücksrausch des Geschaffenhabens. Und dann erst muß der Dichter
+lernen, sein Werk zu hassen, damit er seine Gebrechen zu erkennen
+vermag, und je stärker er sein Werk hassen wird, je tiefer wird er die
+Kunst lieben. Es ist klar, daß das, was unter solchen Widerständen
+Dasein und Form gewinnt, innere Lebensmöglichkeit und -notwendigkeit
+haben muß, wenigstens für den Schöpfer. Die Frage ist nur, ob und in
+welchem Maße das Werk zu den anderen Menschen spricht, wie viele
+Lebenskreise es durch seine Existenz berührt, wie viel andern Wesen es
+ebenfalls notwendig wird. Das hängt nun von seinem Stoff ab. Ich möchte
+behaupten, ein Stoff ist um so größer und allgemeiner gültig, je mehr
+Mythos er in sich trägt, das heißt, je tiefer er in dem Geheimnisvollen,
+Unbewußten, Religiösen, Phantasiegemäßen eines Volkes und damit der
+Menschheit wurzelt. Der Dichter ist ja der Mund der Schweigenden. Je
+größer ein Dichter ist, je mehr Schweigende sprechen aus ihm. Nicht er
+wählt seinen Stoff, sondern der Stoff wählt ihn. Er trifft ihn, wie der
+Blitz zuckt er auf ihn herab. Deshalb wird man ebensowenig von Erfinden
+wie von Erleben eines Stoffes reden können, im höchsten Sinne nämlich.
+Dichter, die ihre Erlebnisse, sagen wir verwerten, sind immer in Gefahr,
+diese Erlebnisse sehr zu überschätzen, wenn nicht ein großes typisches
+Schicksal dahinter steht. Die Vision ist alles. Sie vermag einen
+tausendmal behandelten Gegenstand so zu verklären und zu erhöhen, daß er
+zum unerhörten Ereignis wird. Je mehr du durch dein enges kleines und in
+jedem Fall bescheidenes Schicksal dich ins Weite, Menschliche, Mythische
+hinausspürst und -lebst, je weniger brauchst du tatsächlich zu
+»erleben«, je freieren Spielraum gewinnst du für die Kunst.
+
+DER JUNGE:
+
+Frühere Ästhetiker haben das, was du den Mythos nennst, als Idee
+bezeichnet.
+
+DER ALTE:
+
+Nenn es, wie du willst. Man spricht immer davon, daß die Kunst keine
+Tendenzen habe, keine Nützlichkeitsziele verfolgen soll. Aber in einem
+anderen höheren Sinn muß doch mit jedem Kunstwerk etwas bewiesen werden,
+wenn es nicht dem Fluch des Spielerischen verfallen soll. Gewiß muß es
+um seiner selbst willen hervorgebracht werden. Aber es darf, wie das
+lebendige Geschöpf, nicht um seiner selbst willen existieren. Weiter
+können wir in unserer Erörterung kaum gelangen. Hier ist schon die
+Grenze des Traumes und der Träumerei.
+
+
+_Fünf Jahre später_
+
+
+DER ALTE:
+
+Daß uns der Zufall auf einer Reise zusammenführt!
+
+DER JUNGE:
+
+Man könnte glauben, du habest mich während all dieser Zeit
+geflissentlich gemieden.
+
+DER ALTE:
+
+Wie könnte ich mich unterfangen! Du bist ein berühmter Mann geworden,
+ich sinke mehr und mehr ins Dunkel zurück.
+
+DER JUNGE:
+
+Hoffentlich hat mir dieser sogenannte Ruhm nicht deine gute Meinung
+geraubt.
+
+DER ALTE:
+
+Das wäre nur der Fall, wenn er dich zur Selbstgenügsamkeit verführte.
+Solche Leute stehen als Leichname inmitten ihrer Werke, und ihre Werke
+sind krankgeborene Kinder, zu frühem Tod bestimmt.
+
+DER JUNGE:
+
+Vor allem, es gibt doch zweierlei Arten von Ruhm. Der eine geht von dem
+Zeitlichen, Zufälligen, Augenblicklichen, Problematischen unserer Taten
+aus; er kann dem echten wie dem verlogenen Werk gleicherweise zu Teil
+werden und hat wenig zu schaffen mit dem andern Ruhm, der durch unser
+ganzes Wesen bedingt ist, sich an den Zusammenhang unsrer Werke knüpft.
+Jener ist wie der kurze Erfolg eines Witzboldes oder guten Plauderers in
+einem geselligen Kreis, dieser wie das tiefe, stille, langsame Wirken
+eines Priesters oder Menschenfreundes; jener wird von anderen
+hervorgebracht und entsteht oft zu unserer eigenen Überraschung, dieser
+aber strahlt von unserm Innern, von unserer Persönlichkeit aus und kann
+auf alle Fälle erst nach dem Tod eintreten oder nach dem Abschluß
+unseres Lebenswerkes; jener muß um den Beifall jedes Zeitungsschreibers
+besorgt sein, dieser hat keinen andern Richter als das eigene Herz.
+
+DER ALTE:
+
+Es freut mich, daß du so denkst. Aber hast du auch immer in solchem Sinn
+gelebt, gedichtet? Du meinst, ich sei dir in all den Jahren mit Absicht
+ferngeblieben; dein Gefühl trügt dich nicht ganz. Aufrichtig muß ich
+gestehen, daß mich dein Erfolg beunruhigt hat. Er war mir zu schnell, zu
+laut, er ging mir zu wenig von der Sache aus und konnte sich zu wenig
+auf die Kunst berufen. Ich wollte warten, und ich wartete dein nächstes
+Buch ab. Ich war enttäuscht. Nicht als ob du dir darin untreu geworden
+wärst, aber du warst unruhig in dir selbst. Die Vision deiner Phantasie
+war nicht rein, sondern du sahst darin gleichsam die neugierigen
+Gesichter deiner Leser, deiner Freunde. Du trachtetest sie zu
+befriedigen und nicht dich selbst.
+
+DER JUNGE:
+
+Wahr, wahr. Doch ich habe gebüßt. Ich habe gebüßt, indem ich verachten
+lernte. Ich habe gebüßt, indem meine Seele immer schmerzlicher nach mir
+selber schrie. Kennst du diesen geheimnisvollen Zustand, der jedes
+Verweilen friedlos, jedes Nachdenken bitter macht? Es ist als ob man
+nach der Heimat reisen wolle und scheugewordene Pferde stürmten mit
+einem nach fernen wüsten Ländern. Was für ein rätselhaftes Ding ist es
+doch, das im Innern der Brust wohnt. Es hat eine Stimme, die den
+schrillsten Marktlärm übertönt, und bist du dann in der Einsamkeit, so
+schweigt es unvermutet, als wolle es sich rächen dafür, daß du ihm nicht
+früher gehorchtest. Immer aufmerksamer, immer stiller mußt du werden, um
+die Stimme nicht zu verlieren, nicht Weib und Kind und Geld und Gut
+darfst du festhalten, wenn sie es nicht will.
+
+DER ALTE:
+
+So viel Einsicht bei so viel Irren!
+
+DER JUNGE:
+
+Wie könnte man Einsicht gewinnen ohne geirrt zu haben? Erinnerst du dich
+unseres Gesprächs von damals über Wesen und Gesetze der Erzählungskunst?
+Ich habe viel, habe oft darüber nachgedacht. Ich habe daraus in den
+entscheidenden Punkten eine nicht mehr zu trübende Klarheit gewonnen.
+Und doch, so bald ich nur eins dieser Gesetze, und wenn es das
+lapidarste war, auf meine Arbeit anwenden wollte, so zerfloß es in
+eitel Dunst. Es geht wie mit den aufgeschriebenen Paragraphen-Sammlungen
+der Justiz gegenüber der lebendigen Menschenwelt. An sich betrachtet:
+wahr, gerecht und klar. Auf das Ereignis, auf die Tat, den Augenblick
+angewandt: nichtssagend, absurd, tot. Daraus schloß ich allmählich, daß
+es kein andres Gesetz gibt, als dasjenige, das wir selbst durch die
+Kraft unseres Werkes exemplifizieren. Jeder darf, was er kann.
+
+DER ALTE:
+
+Willst du aber leugnen, daß dir unser damaliges Gespräch förderlich und
+notwendig war?
+
+DER JUNGE:
+
+Durchaus nicht.
+
+DER ALTE:
+
+Es ist das Problem der Erziehung. Gut und Böse liegt im Menschen.
+Beispiel weckt Kräfte. Belehrung zeigt die Wege, zeigt die Schranken.
+Der Philister, der immer nur die Landstraße wählt und der Bohême, der im
+Gestrüpp stecken bleibt, keiner von ihnen kann Führer werden, jener ist
+überflüssig, dieser schädlich. So ist es auch mit der Kunst und ihren
+Gesetzgebern. Ich habe freilich gesehen, mit Kummer habe ich beobachtet,
+daß du alles was du damals so eifervoll, so leidenschaftlich zu
+ergreifen schienst, verächtlich beiseite geworfen hast. Nun, du bist oft
+genug im Gestrüpp stecken geblieben, und noch heute sehe ich weder Weg
+noch Ziel für dich; so hart es klingt, ich muß es sagen.
+
+DER JUNGE:
+
+Es klingt mir nicht hart. Ich muß dir so erscheinen. Du schaust vom Ende
+eines Wegs auf mich zurück. Du weißt natürlich wie du gegangen bist,
+aber wie ich gehen muß, das glaubst du nur zu wissen. Jedem ist sein
+Schmerz notwendig, jedem seine Sehnsucht, sein Suchen, und wo ich nach
+deiner Meinung verderbe, da ist vielleicht mein Heil. Wollte man doch
+alles Kritisieren lassen, das sich nicht aufs Engste beschränkt, aufs
+Greifbare, Haltbare! Ein menschliches Dasein ist kein Brettergerüst,
+kann nicht mit dem Richtscheit ausgemessen werden, kann nicht mit Nägeln
+und Klammern vor dem Geschick in Schutz genommen werden. Wenn es doch
+keine Schulmeister mehr gäbe! In jedem Lehrer steckt so viel Härte und
+Verhärtetsein, und was soll man erst zu jenen sagen, die aus bloßer
+verwerflicher Lust an Überlegenheit einem Organismus, den die Natur
+geschaffen hat, die Berechtigung zur Existenz absprechen.
+
+DER ALTE:
+
+So redest du für dich. Wehrst du dich aber nicht selbst gegen die
+Stümper, gegen die frivolen Eindringlinge in den Tempelbezirk der Kunst?
+Und bist du immer gerecht in der Unterscheidung? Täuscht dich niemals
+ein Vorurteil, und das deiner Natur Fremde, suchst du es auch zu
+verstehen, oder verwirfst du es nicht oft, nur weil es eben fremd ist?
+
+DER JUNGE:
+
+Du hast Recht. Aber der Verdruß gegen die Schwätzer und Windbeutel
+enthält oft das wünschenswerte Entgegenkommen den noch unerschlossenen
+und ringenden Kräften vor. Bei uns in Deutschland ist es besonders
+traurig. Unter hundert Betrachtern und Beurteilern eines Kunstwerks ist
+kaum einer, der imstande ist nur gerade, sagen wir: das Postament zu
+begreifen, auf dem es ruht. Eitelkeit und Nüchternheit diktieren ihnen
+ihr begeistertes oder verwerfendes Urteil. Überall guckt der
+Schulmeister heraus, und wenn sie wohlwollend sind, dann glauben sie
+schon weit zu gehen. Verzeih, daß ich jäh und bitter werde, aber sogar
+du ziehst es vor Diktator zu sein, anstatt Freund, Versteher, Billiger,
+Mitdeuter. Warum willst du nicht die Notwendigkeit hinnehmen, die mich
+erfüllt? Vielleicht ist das, was ich unter unbesieglichem Zwang schaffe,
+gar nicht so verschieden wie du meinst von dem, was die Formeln wollen.
+Und wer nie eine der anscheinend ehernen Regeln verletzt und selbst das
+erlauchteste Kritikerhaupt zum Schütteln zu bringen vermag, der ist kein
+Schöpfer, der bleibt stets ein Beckmesser.
+
+DER ALTE:
+
+An der hohen Meinung von dir selbst hat es dir nie so sehr gefehlt als
+an der von den andern. Aber ich bin dir keineswegs böse. Im Gegenteil
+muß ich gestehen, daß mich dein Feuer seltsam erwärmt und daß mir dabei
+der Gedanke aufsteigt, wie gleichgültig, fern und matt all dies
+eifervolle Mühen um Dinge ist, die doch, man könnte fast glauben mit
+einem spöttischen Lächeln, ihre eigenen Wege gehen. Der Mensch ist
+alles, das Lebendige ist alles, und eine Natur, mit Sehnsucht, Mut und
+Schöpferwillen begabt, wird, sei sie noch so eng, stets den Nörgler
+beschämen. Aber es würde mich nun interessieren, wie du dir die Zukunft
+deiner Kunst denkst, denn aus deinen Reden atmen mir Revolutionen
+entgegen.
+
+DER JUNGE:
+
+Liebster Freund, wie schnell werden wir uns verständigen, wenn du so
+spricht.
+
+DER ALTE:
+
+Und wie erstaunt werden wir sein zu bemerken, daß jeder nicht den andern
+bekämpft hat, sondern sein eigenes Mißverstehen, seine eigene Ungeduld,
+seine eigene Unsicherheit. Lassen wir also alles Allgemeine für diesmal
+beiseite und erzähle mir von dir selbst, von dir allein. Ich denke, daß
+ich so am meisten auch über deine Kunst erfahre.
+
+DER JUNGE:
+
+Meine Kunst! Ich gestehe dir, daß dieses Possesivpronomen für mich etwas
+Erstaunliches und Fremdes besitzt. Wenn ich mich ehrlich prüfe, so habe
+ich eigentlich keine Kunst. Was mich zur Arbeit treibt, ist nicht der
+Drang etwas zu vollenden, nicht der Wunsch von etwas außerhalb meiner
+Sphäre Liegendem Besitz zu ergreifen, nicht oder doch nicht in erster
+Linie die Sehnsucht nach farbigem Bild oder plastischer Gestalt oder
+Deutung eines Schicksals, sondern es ist etwas anderes, seltsames. Es
+ist eine tiefe, immer wachsende Unruhe in meinem Innern; es ist als ob
+in meiner Brust ein Wesen verborgen wäre, das sich selbst kennen zu
+lernen, über sich selbst Klarheit und Wahrheit zu erlangen wünscht und
+für das die Arbeit meiner Hand, das Geschaffene, nichts ist als ein
+Spiegel, in dem es sich betrachten kann und der es je mehr befriedigt
+und beglückt, je ruhiger und ungetrübter er das Bild seiner vorigen
+Verzweiflung um sich selbst wiedergibt.
+
+DER ALTE:
+
+Das haben viele Dichter von heute. Deshalb vermögen sie ihre innere Welt
+nicht mehr genügend zu objektivieren.
+
+DER JUNGE:
+
+Schon wieder der Schulmeister. Dein Tadel trifft nur jene, die noch
+nicht starke Menschen genug sind, oder starke Künstler (denn in meinem
+Sinn bedeutet das dasselbe), um dem Dämon, dem Zwerg, dem unruhigen
+Wesen genug zu tun. Ihr Spiegel ist nicht rein legiert. Dies ist eben
+das Neue: immer wichtiger, bedeutungsvoller, ich möchte sagen,
+göttlicher wird der Mensch und seine Seele. Alle Erlebnisse verdichten
+sich nach innen, alle Verwicklungen betreffen nur das Herz, oder sie
+sind wesenlos und für den Dichter unbrauchbar. Warum das alles so ist
+und wie es gekommen ist, das zu entwickeln fühle ich mich nicht kühl und
+begabt genug, aber daß es so ist beweisen tausend Zeichen. Den groben
+Augen und groben Sinnen scheint das in solcher Luft Gestaltete und
+Geschaffene noch schattenhaft, aber mit der Zeit werden sie schon sehen
+und fühlen lernen.
+
+DER ALTE:
+
+Das alles klingt mir gar nicht so neu und überrumpelt mich nicht so sehr
+wie du anzunehmen scheinst. Ich glaube sogar, deine etwas wortreiche
+Tirade ist völlig zu ersetzen, wenn wir sagen, du habest dich ganz den
+Forderungen der Gegenwart ergeben.
+
+DER JUNGE:
+
+Und damit glaubst du etwas gesagt zu haben? Gut. Ja. Meinetwegen. Wenn
+es dich befriedigt, ein Wort dafür zu wissen, -- meinetwegen. Glaubst du
+denn, daß es Laune ist oder Trotz oder die eitle Lust zu verblüffen, was
+unsre Besten in ihren besten Stunden bewegt? Sie sind nicht
+Eigenwillige, sie sind Geschöpfe der Zeit, in ihnen kristallisiert sich
+die Sehnsucht und das geistige Bedürfnis der Menschheit.
+
+DER ALTE:
+
+Von dir wollte ich etwas wissen, von _deiner_ Art etwas erfahren.
+
+DER JUNGE:
+
+Vielleicht bin ich dazu nicht imstande. Was nützte es, sofern du mein
+Vermögen in Zweifel ziehst, wenn ich dir sagen wollte: ich will
+Gestalten geben, deren Seele das reinste und empfindlichste Instrument
+ist für das unbegreifliche Spiel des Schicksals? Ich will meine eigene
+Furcht, mein eigenes Entzücken, meine eigenen Vorstellungen von Leben,
+Gott und Tod zum Bilde machend, Wesen darstellen, die unter dem Druck
+und Anhauch solcher Gefühle unvermittelter, vielfacher tönend reagieren;
+die das Erstaunen des Kindes noch in sich tragen vereint mit der
+Erfahrenheit des weisen Zuschauers und die unter dem Kleid des Alltags
+dennoch wandeln wie wir alle wandeln, unwissend woher, unwissend wohin.
+Ich will den einen zum Schatten machen, denn sein Dasein, seine
+Leidenschaften, seine Triebe, seine Taten sind ihm und andern unbewußt
+dunkel und nichtig wie Schatten, jenem aber, der zur Seite steht, nichts
+will, nichts gibt, nichts vermag, nichts bedeutet, zur charakteristischen
+Gestalt verhelfen. Ich will nicht die Verknüpfung äußerer Erlebnisse
+geben, sondern die Wirrnis der inneren, ich setze keinen Ehrgeiz darein,
+Fäden zu knüpfen und zu lösen. Ich möchte keine Gewitter geben, sondern
+die Entwicklung des Gewitters, die schwülen Lüfte des ahnungsvollen
+Tages, alles was vorher geht, was Verantwortung trägt. Ich will keine
+prahlerischen Ereignisse, sondern ich suche den kleinen Schmerz, der in
+tausendfachen Bildungen die Seele dem Verderben entgegenschleppt, und
+dies alles will ich wieder einer großen Harmonie zuführen, die
+mannigfach geteilten Motive dem Unendlichen vermählen.
+
+DER ALTE:
+
+Das geht weit, das hat Schwung, das klingt nicht übel.
+
+DER JUNGE:
+
+Wie es klingt, ist nicht so wichtig wie das wohin es zielt. Wir alle,
+Kleine und Große, sind Glieder eines einzigen Körpers. Jeder hat teil an
+jedem. Verworfen wird nur der Leugner. Lernen wir es, andächtig und
+ehrfürchtig zu sein.
+
+DER ALTE:
+
+Und wenn wir alt sind, laßt uns nicht vergessen, zur rechten Zeit zu
+sterben.
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand sich ursprünglich am
+Buchende.
+
+p 009: auschließlich -> ausschließlich
+p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt
+p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen
+p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo
+p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren
+p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung
+p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als
+p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first
+edition copy. The table below lists all corrections applied to the
+original text. The Table of Contents was moved from the back of the book
+to the front.
+
+p 009: auschließlich -> ausschließlich
+p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt
+p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen
+p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo
+p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren
+p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung
+p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als
+p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Imaginäre Brücken, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN ***
+
+***** This file should be named 17007-8.txt or 17007-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/7/0/0/17007/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Imaginäre Brücken, by Jakob Wassermann
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+Title: Imaginäre Brücken
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+Author: Jakob Wassermann
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+Release Date: November 5, 2005 [EBook #17007]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p>
+<h1 class="title">JAKOB WASSERMANN<br />
+IMAGIN&Auml;RE BR&Uuml;CKEN</h1>
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+<h3 class="title">STUDIEN<br />
+UND AUFS&Auml;TZE</h3>
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+<h5 class="title">KURT WOLFF VERLAG / M&Uuml;NCHEN</h5>
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+
+<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p>
+<p class="copyright">Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., M&uuml;nchen<br/>
+<em class="gesperrt">Druck von Dietsch &amp; Br&uuml;ckner, Weimar</em><br/>
+<em class="gesperrt">Herbst 1921</em></p>
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+<hr style="width: 65%;" />
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+<table class="toc">
+<caption>Inhaltsverzeichnis</caption>
+<tr><td></td><td align="right">Seite</td></tr>
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+<tr><td><a href="#Faustina">Faustina</a></td>
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+<tr><td class="sub"><a href="#Der_Literat_als_Psycholog">Der Literat als Psycholog</a></td>
+ <td align="right"><a href="#Page_95">95</a></td></tr>
+<tr><td class="sub"><a href="#Der_Literat_als_Tribun">Der Literat als Tribun</a></td>
+ <td align="right"><a href="#Page_111">111</a></td></tr>
+<tr><td class="sub"><a href="#Der_Literat_als_Schongeist">Der Literat als Sch&ouml;ngeist</a></td>
+ <td align="right"><a href="#Page_124">124</a></td></tr>
+<tr><td class="sub"><a href="#Der_Literat_als_Apostel">Der Literat als Apostel</a></td>
+ <td align="right"><a href="#Page_131">131</a></td></tr>
+<tr><td class="sub"><a href="#Die_Frau_als_Literat">Die Frau als Literat</a></td>
+ <td align="right"><a href="#Page_140">140</a></td></tr>
+<tr><td class="sub"><a href="#Ergebnisse">Ergebnisse</a></td>
+ <td align="right"><a href="#Page_145">145</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Kunst_der_Erzahlung">Die Kunst der Erz&auml;hlung</a></td>
+ <td align="right"><a href="#Page_151">151</a></td></tr>
+</table>
+
+
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p><a class="page" title="5"></a>
+<a name="Page_5" id="Page_5"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Was_ist_Besitz" id="Was_ist_Besitz"></a>Was ist Besitz?</h2>
+
+<h3 class="essay">Geschrieben 1919</h3>
+
+
+<p class="newsection">Die Zeit ersch&uuml;ttert die Begriffe und w&uuml;hlt den
+Boden auf, dem sie entwachsen sind.</p>
+
+<p>Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor
+allem darum zu handeln scheint, den Wert, das Ausma&szlig;
+und die Rechtsgrundlagen von dem, was bisher
+Eigentum hie&szlig;, zu revidieren und umzuformen.</p>
+
+<p>Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher
+mit unwiderlegbaren Argumenten verteidigen
+konnte, ja der geradezu ein Gesellschaftsgesetz war,
+wird ihm pl&ouml;tzlich streitig gemacht mit Gr&uuml;nden,
+denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck
+verliehen wird durch Drohung von Gewalt.
+Gewalt ist nicht zu widerlegen.</p>
+
+<p>So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private
+Existenz gegriffen, da&szlig; der B&uuml;rger, das Mitglied einer
+Gemeinschaft, die nur zum Schutz ihrer selbst besteht,
+von einem andern Teil dieser Gemeinschaft in
+seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten
+Lebensbedingungen entrechtet werden soll,
+und da&szlig; ihm zugemutet wird, die anscheinende Willk&uuml;r
+und Unbill nicht blo&szlig; geduldig zu ertragen, sondern
+auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere
+Ordnung darin zu erblicken.</p>
+
+<p>Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen<a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>
+die alte wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen;
+dazu fehlt mir die Befugnis und die Kompetenz. Es
+soll auch nicht von Schlagworten des Tages die Rede
+sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus;
+sie haben die K&ouml;pfe genug verwirrt, die
+Leidenschaften genug erregt. Ich m&ouml;chte das Wesen
+des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach verschiedenen
+Seiten, auf das innere und auf das &auml;u&szlig;ere
+Leben, das soziale und das individuelle, seine Legitimit&auml;t
+und seine Sch&auml;dlichkeit, seine Fruchtbarkeit
+und seine Unnatur.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">I</h3>
+
+<p>Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erf&uuml;llt
+gegen den, der &Uuml;berflu&szlig; hat. Es gibt Versto&szlig;ene, die
+durch keine Anstrengung dahin gelangen k&ouml;nnen, wo
+die Lieblinge des Gl&uuml;ckes sich am ersten Tage befinden.
+So entsteht in Hunderttausenden, Millionen
+Gem&uuml;tern Bitterkeit, Ha&szlig;, Neid und Auflehnung.</p>
+
+<p>F&uuml;r den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der
+andere hat, schon &Uuml;berflu&szlig;. Wer nur ein einziges
+Hemd besitzt, f&uuml;r den ist der Besitzer von zwei
+Hemden ein mit Gl&uuml;cksg&uuml;tern Gesegneter. Wer sich
+nicht sattessen kann, f&uuml;r den ist der sorgenvollste
+Satte ein Kr&ouml;sus. Wer kein Bett sein eigen nennt, in
+dem er schlafen kann, f&uuml;r den ist der auf dem Strohsack
+Ruhende beneidenswert.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>Die gegenw&auml;rtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich
+viele Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen
+des Besitzes hat. Zwischen dem in einer
+Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im
+Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen
+Nabob in der ersten Kaj&uuml;te mit Bade- und
+Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf der alle
+Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen,
+alle Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle
+ausdenkbaren Schicksale der modernen Welt spielen.</p>
+
+<p>Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf
+trennende Linie. Sie scheidet diejenigen, die ihre
+Lebensnotdurft nicht stillen k&ouml;nnen, von denen, die
+in der Befriedigung ihrer nat&uuml;rlichen Bed&uuml;rfnisse eine
+selbstverst&auml;ndliche Voraussetzung erblicken. An dieser
+Linie teilt sich die moderne Welt in zwei Lager. An
+ihr w&uuml;tet der soziale Kampf in seiner ganzen Furchtbarkeit.</p>
+
+<p>Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht,
+ein Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes
+Gef&uuml;ge ist, so mu&szlig; man sich fragen, weshalb das eine
+Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner Bedr&uuml;ckung,
+seinem Leiden die bevorzugte Situation
+des andern so lange erduldet hat, ohne einen nachhaltigen,
+allgemeinen, gewaltsamen Eingriff vorzunehmen.
+Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter
+der Ungerechtigkeit an sich tr&auml;gt, mu&szlig;te doch
+umsomehr zum Umsturz herausfordern, als die zahlen<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>m&auml;&szlig;ige
+&Uuml;bermacht zu allen Zeiten auf Seite der Entrechteten
+lag. Waren sie nicht genug durchdrungen
+von ihrem Recht, dem Recht auf Brot und W&auml;rme,
+auf Luft und Licht? Hat man ihnen Schaustellungen
+des Prunkes erspart? Wu&szlig;ten sie nicht, was erreichbar
+war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem
+&Uuml;bermut und ihrer H&auml;rte? Warum also die Geduld?</p>
+
+<p>Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt
+auf Seite der Reichen war; sie konnten die Gewalt
+bezahlen, und unter denen, die bezahlt wurden, befanden
+sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre
+Br&uuml;der verrieten, eben weil sie bezahlt wurden.</p>
+
+<p>Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes,
+raffiniertes und uraltes System von Einsch&uuml;chterung,
+Bet&auml;ubung und Verdummung die Masse der Unterdr&uuml;ckten
+in Bann gehalten hat, und weil zudem die
+Sorge f&uuml;r den Tag, die dringende Notwendigkeit,
+Obdach, Nahrung und Kleidung zu beschaffen, den
+gr&ouml;&szlig;ten Teil der verf&uuml;gbaren Kr&auml;fte absorbierte.</p>
+
+<p>Es ist ein St&uuml;ck der Wahrheit, aber es ist nicht die
+ganze Wahrheit. Es ist die &auml;u&szlig;erliche Wahrheit, aber
+nicht die innere.</p>
+
+<p>Nehmen wir an, es f&auml;nde heute eine vollkommen gerechte
+und gleichm&auml;&szlig;ige Verteilung aller vorhandenen
+G&uuml;ter statt, beweglichen und unbeweglichen; jedem
+w&auml;re so die Unabh&auml;ngigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit,
+die M&ouml;glichkeit, seinen Anteil nach
+seinen Gaben und Kr&auml;ften nutzbar zu machen. Dieser
+<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>paradiesische Zustand w&uuml;rde genau so lange dauern
+wie ein T&uuml;chtiger braucht, um einen Tr&auml;gen aus dem
+Feld zu schlagen, ein Listiger, um einen Dummkopf
+zu betr&uuml;gen, ein Gl&uuml;ckspilz, um &uuml;ber einen Pechvogel
+zu triumphieren, eine talentvolle und feurige
+Pers&ouml;nlichkeit, um Anh&auml;nger f&uuml;r eine Sache oder Idee
+zu gewinnen, der sie sich versprochen hat.</p>
+
+<p>Da&szlig; in der von Menschen (so wie Menschen einmal
+sind) bev&ouml;lkerten Welt eine Besitznivellierung stattfinden
+kann, halte ich f&uuml;r denkbar, obgleich ich
+f&uuml;rchte, da&szlig; sie ohne Raub, Bedr&uuml;ckung, Gewalt und
+Ungerechtigkeit nicht durchzuf&uuml;hren ist. Da&szlig; sie
+aber auch nur auf kurze Dauer rechnen kann, halte
+ich bei einer Gemeinschaft, die nicht ausschlie&szlig;lich
+aus Ackerbauern, Fischern, J&auml;gern und Viehz&uuml;chtern
+besteht, f&uuml;r undenkbar. Und auch hier w&uuml;rden sich
+die Schlauen, die T&auml;tigen, die Erfinderischen bald
+absondern, und Herren w&uuml;rden Sklaven finden. Eine
+Binsenweisheit im &uuml;brigen.</p>
+
+<p>Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste
+von allzulange h&ouml;rig Gewesenen erhebt, ist auf den
+katastrophalen Moment dieser Epoche gestellt; sie
+lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit
+hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer
+Hypertrophie erreicht. Das &uuml;ber und
+&uuml;ber geh&auml;ufte Mehr auf jener Seite soll abgetragen
+werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren.
+Ich wei&szlig; nicht, wie das geschehen soll, ich wei&szlig; nicht,
+<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>ob es geschehen kann, auf eine vern&uuml;nftige, ersprie&szlig;liche,
+rettungversprechende Art n&auml;mlich. Da&szlig; es wichtig,
+da&szlig; es w&uuml;rdig und menschlich w&auml;re, wenn es gesch&auml;he,
+wei&szlig; ich, auch wenn mir die Sachverst&auml;ndigen
+mit klugen und wahrscheinlichen Berechnungen vor
+Augen f&uuml;hren, da&szlig; es den Zusammenbruch der gegenw&auml;rtigen
+Gesellschaft bedeute, und sich dieser in
+Ru&szlig;land ja bereits vollzogen habe. Kein Bestand
+irgendeiner Ordnung vermag daf&uuml;r zu entsch&auml;digen,
+da&szlig; lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, da&szlig;
+sie besteht.</p>
+
+<p>Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde
+gehen. Eine Wut der Materie hat sich des Zeitalters
+bem&auml;chtigt, die gegen alle Einfl&uuml;sse des Geistes, der
+Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige Nutzanwendung
+wirft &uuml;berall die Logik der Dinge und
+der Geschehnisse aus der Bahn. Forderung &uuml;berschreit
+Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz der Zahl ist
+im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide
+gleich seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos
+zu sich selbst, in einer durch die Materie getr&uuml;bten
+Beziehung zum andern und zur Welt, abgetrennt vom
+sittlichen Verlauf, weil v&ouml;llig geblendet oder erschreckt
+vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren
+sein, alle wollen sich ihrer bem&auml;chtigen.</p>
+
+<p>Jede T&auml;tigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbr&uuml;chliche
+Legitimit&auml;t. Diese Legitimit&auml;t ruht nicht
+in der Materie, sondern im Geiste.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben
+und Andenken der gierigen und unempfindlichen
+Raffer und W&auml;chter toten Eigentums, die das Blut
+schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul
+und achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution
+beriefen, wenn die Lohnsklaven im Dunst
+der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende
+Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger
+sie zur Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren
+gesicherten Asylen verschanzten, besch&uuml;tzt von Polizei
+und Milit&auml;r, wenn die Not zu ihnen schrie, das
+tausendf&auml;ltige Elend der St&auml;dte sich verzweifelnd erhob,
+der tausendf&auml;ltige Schmerz seine fahlen Z&uuml;ge
+zeigte. Wehe den Aktienparasiten, den gelangweilten
+M&uuml;&szlig;igg&auml;ngern, den Spielern mit Menschenseelen und
+Wucherern mit Menschenkr&auml;ften, den Petrefakten
+und dem schillernden Geschmei&szlig; einer untergehenden
+Welt!</p>
+
+<p>Aber diese Sch&auml;dlichen und Hinderlichen haben und
+hatten von jeher im Lager der Armen und Geknechteten
+ein unabsehbares Heer von Lakaien, Agenten,
+Anw&auml;lten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen
+Kreaturen, die, gef&auml;llig jedem Wink, auf das
+Ertr&auml;gnis ihrer Dienste angewiesen, in Schranken gehalten
+durch die Stimme des Eigennutzes, zitternd vor
+der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber,
+durch die Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam,
+die nach wirkende Zucht der Kirche und der Schule zur
+<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Indolenz und Schein&uuml;berzeugung gebracht, st&uuml;tzendes
+Element auf der einen, hemmendes auf der andern
+Seite der Linie waren.</p>
+
+<p>Daraus jedoch schlie&szlig;en zu wollen, als h&auml;tte die Stabilit&auml;t
+der bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in
+unreinen Gesinnungen und niedrigen Interessen, in
+der Tr&auml;gheit und Knechtseligkeit der Massen ihre Ursache,
+hie&szlig;e der billigen Demagogie das Wort reden,
+die heute die Stra&szlig;e und die politische Schaub&uuml;hne
+beherrscht und die die menschliche Natur und das
+Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder
+sie &uuml;berhaupt nicht in den Bereich der Argumente
+zu ziehen vermag. Was ebenfalls ein Merkmal geistigen
+Abstiegs ist.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">II</h3>
+
+<p>Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut
+oder b&ouml;se, ist Achtung vor dem Besitz des andern
+Menschen angeboren.</p>
+
+<p>Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits
+eine anarchische Seelenstimmung, die unmittelbar
+in die Verzweiflung m&uuml;ndet. Ehe solcher Zweifel
+Wurzel fa&szlig;t, mu&szlig; der Glaube an die eigene Kraft
+verschwunden sein; es kann keine Idee mehr vorhanden
+sein, die der Brutalit&auml;t der Wirklichkeit entgegentritt
+und sie unter sich l&auml;&szlig;t; das pers&ouml;nliche
+Wertgef&uuml;hl ist ert&ouml;tet.</p>
+
+<p>Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang
+Idee. Nicht das, was mir vorenthalten wird, ist der
+<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>fremde Besitz, sondern das, was mir unerreichbar ist;
+nicht das, worum ich durch F&uuml;gung oder T&uuml;cke betrogen
+worden bin, sondern das, was au&szlig;erhalb meiner
+Sph&auml;re liegt.</p>
+
+<p>Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die
+Norm der sittlichen Verfassung vorausgesetzt, kommt
+es nicht in Frage, ob der Nachbar, der Freund, der
+beliebige Andere Vorrat und Anh&auml;ufung von Dingen
+hat, an denen ich Mangel leide. Auch seine W&uuml;rdigkeit
+kommt nicht in Frage, sein Wagnis nicht, seine
+Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den Andern,
+sondern nur, was mich betrifft.</p>
+
+<p>Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich.
+Was ich von der Welt erringe, um meinen leiblichen
+oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist Besitz. Besitz
+ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Fa&szlig;bares,
+Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium
+meiner Person und innerhalb ihres Wirkungskreises
+irgend Leben erh&auml;lt.</p>
+
+<p>Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von
+Besitz, ein Unschaubares, Unfa&szlig;bares, Unbrauchbares,
+das Unding schlechthin. Deshalb entsteht
+T&auml;uschung und L&uuml;ge, wo es f&uuml;r Besitz genommen
+wird, Ha&szlig; und Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt
+es sich nicht in das Ding, gibt es seinen Charakter
+als Vorwand nicht auf, bleibt es als h&auml;&szlig;liche
+Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz
+und gar Gespenst von Besitz, so ist es verzeihlich und
+<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>logisch, da&szlig; unter denen, die von seinem widrig-geheimnisvollen
+Zauberring ausgeschlossen sind,
+die in Not verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen,
+eines Schattens, einer Formel nicht bem&auml;chtigen
+k&ouml;nnen, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht,
+eine finstere Erbitterung, schlie&szlig;lich ein Wahnsinn,
+Massenwahnsinn, der genau das Bild unserer Tage
+malt.</p>
+
+<p>Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das
+Unding ist eines mit dem Ungeist.</p>
+
+<p>Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens
+die W&uuml;rde seines Seins. Am Ding kann ich mich
+messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann es mir
+inkarnieren, es kann mich n&auml;hren, kleiden, sch&uuml;tzen,
+tragen, f&ouml;rdern; es ist, je nachdem, Schmuck oder
+Lehre, Lohn oder Geschenk, Waffe oder Troph&auml;e,
+Beute oder Erwerb.</p>
+
+<p>Die urspr&uuml;ngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen
+dem Ding gegen&uuml;ber ist die Ehrfurcht vor seiner
+Bestimmung. Und davon ging ich aus. Es kn&uuml;pft
+sich hieran von selbst der Glaube an die pers&ouml;nliche
+Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung.
+Das qu&auml;lende Mi&szlig;verh&auml;ltnis in der sozialen
+Wirtschaft, die un&uuml;berbr&uuml;ckbare Kluft zwischen den
+aufs &auml;u&szlig;erste gesteigerten Extremen f&auml;llt allein dem
+D&auml;mon zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt,
+denen trotzdem Tauschgeltung eignet, das den
+Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung entwertet
+<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung
+der sozialen Kr&auml;fte herbeif&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges
+und Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser
+ist f&uuml;r den, der besitzt, kennzeichnet es auch
+die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es sind
+dies, tiefer betrachtet, zwei v&ouml;llig verschiedene Gattungen
+von Menschen und demgem&auml;&szlig; zwei v&ouml;llig
+verschiedene Eigenschaftsgruppen, die zu betrachten
+sind.</p>
+
+<p>Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Ph&auml;nomen,
+da&szlig; zwischen dem Verlangenden und dem
+verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung
+herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinit&auml;t, die
+auf die Schnelligkeit der Erf&uuml;llung Einflu&szlig; hat, ein
+seelisches Fluidum, das mit gr&ouml;&szlig;erer oder geringerer
+Gewalt das Zueinandergeh&ouml;rige zueinander bringt.
+Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch,
+kann man auch vom Schicksal zwischen Mensch und
+Ding sprechen.</p>
+
+<p>Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist,
+das zu entscheiden, ist nicht einfach. Das Erw&auml;gen
+solcher M&ouml;glichkeit freilich fordert bereits die Entr&uuml;stung
+der Rationalisten heraus, und ich m&ouml;chte in
+diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und
+Wirkung eines Magnetismus d&uuml;rfte auch von Grobnervigen
+nicht geleugnet werden; er kommt ja in allt&auml;glichen
+und trivialen Vorg&auml;ngen oft genug zur Er<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>scheinung.
+Bemerkbar ist nat&uuml;rlich das Verhalten des
+Menschen, der zum Ding steht.</p>
+
+<p>Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen,
+F&auml;higkeit, &Uuml;berlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte
+Wert, der Wert im Bewu&szlig;tsein der andern
+und die Weite des trennenden Wegs bringen die
+Summe des M&uuml;heaufwandes hervor und ergeben die
+moralische Sch&auml;tzung f&uuml;r ihn. Ehrgeiz entfaltet sich;
+Pl&auml;ne werden erdacht; Anstrengungen wiederholen
+sich best&auml;ndig; der Geist wird gebunden und auf ein
+Ziel gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt
+werden m&uuml;ssen; Hindernisse erheben sich au&szlig;en,
+Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der Wunsch
+tr&uuml;bt sich, ergl&uuml;ht wieder; alles dies in niedriger wie
+in hoher Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei
+dem Ringen um ein kostbares Gut. Das Bild dessen,
+was errungen werden soll, ist das fortw&auml;hrend verj&uuml;ngende
+und erneuernde Movens, der Kr&auml;ftespeicher,
+der Feuerspender; es diktiert den Rhythmus, die Flugh&ouml;he,
+schafft die Z&uuml;ge und die Gestalt des Lebens, es
+ist das Leben geradezu.</p>
+
+<p>Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen
+Lebensgesetz stehen, sind hiervon in gleicher Weise
+umschlossen. Wo das Unding nicht die Herzen und
+Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Gesch&ouml;pf
+einerseits zur Maschine oder gar zum Teil
+einer Maschine erniedrigt hat, andererseits die, die
+sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in feige,
+<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende,
+nur menschen&auml;hnliche H&uuml;ter und Zuchtmeister verwandelte,
+&uuml;berall dort ist Spiel freier Kr&auml;fte, Spannung
+und Ausgleich, Begehren und Befriedigung,
+Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren
+Stufen auf obere, von oberen auf untere, Aufstieg und
+Fall, edle Sucht und gemeine, eigenn&uuml;tziger Trieb
+und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung
+in der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des
+Besitzes die Deutung und der Inbegriff der vitalen
+Bewegung.</p>
+
+<p>Sogar jene Ungl&uuml;cklichen, die Hingew&uuml;rgten und
+ihre W&uuml;rger, kennen sie auch nicht den Besitz als
+sch&ouml;pferisch treibendes Element, so kennen sie ihn
+doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verh&auml;ngnis
+des Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden
+der Fetischismus, bei den entseelt Besitzlosen die
+Rauschillusion und Aufpeitschung durch das Stimulans.</p>
+
+<p>Die opfervolle Bem&uuml;hung, das engverstrickte Maschenwerk
+von Interessen und Leidenschaften, das ersch&uuml;tternde
+Theater des Empor und Hinab der Existenzen
+nennt man sozialen Kampf. Es ist, n&auml;her besehen, der
+Kampf des einzelnen um sich, um das, was er liebt,
+um den Boden, um die Luft, um das, was er braucht,
+damit er sein kann, was er ist.</p>
+
+<p>Gepr&uuml;ft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt
+durch die Pr&auml;mie. Je spezifischer, pers&ouml;nlicher, ein<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>maliger,
+einzigartiger die Leistung, desto h&ouml;her die
+Pr&auml;mie, sei sie nun von materieller, moralischer oder
+geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange
+vorenthalten, auf lange Sicht gebucht, und wird, in
+ihrer letzten Entmaterialisation als Ruhm, als Kult bezahlt;
+v&ouml;llig unterschlagen kann sie nur in seltenen,
+tragischen F&auml;llen werden.</p>
+
+<p>Darum l&ouml;st die Pr&auml;mie, wenn sie im harmonischen
+oder wenigstens ann&auml;hernd harmonischen Verh&auml;ltnis
+zur Leistung steht, das Gef&uuml;hl vollzogener Gerechtigkeit
+aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner
+Bet&auml;tigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf
+des ganzen Gesellschaftsorganismus in ihr seinen
+Herzpunkt hat, ist auch jeder irgendwie f&uuml;r sie in
+Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das
+System befehden, m&ouml;gen List, Betrug, Verbrechen die
+Pr&auml;mie verdr&auml;ngen, verkleinern, abwendig machen,
+den nat&uuml;rlichen Gang beeinflu&szlig;t es nicht.</p>
+
+<p>Der F&auml;hige fordert und wird bezahlt. Im Unf&auml;higen
+schlummert neben der Traurigkeit des Unbelohnten
+auch ein heimliches Bewu&szlig;tsein von Schuld.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">III</h3>
+
+<p>Das Buch, das ich erworben habe, ist mein Eigentum.
+Derjenige Teil meiner Arbeit, der den Kaufpreis repr&auml;sentiert,
+ist die Leistung.</p>
+
+<p>Somit w&auml;re der Proze&szlig; ein- f&uuml;r allemal erledigt: ich
+kaufe ein Buch, stelle es ins Regal und bin Besitzer.
+<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>Ob ich es gelesen oder nicht gelesen, ben&uuml;tzt oder
+nicht ben&uuml;tzt, verwertet oder nicht verwertet habe,
+das &auml;ndert an meinem Besitzrecht nichts.</p>
+
+<p>In der Tat ist dies der Vorgang bei allem b&uuml;rgerlichen
+Besitz: die Leistung ist erledigt und bewiesen durch
+den Kauf, wobei ich nach dem bisher Gesagten uner&ouml;rtert
+lassen kann, ob sie legitim oder illegitim ist.
+Es kommt das weiter nicht in Betracht.</p>
+
+<p>Nun leuchtet es ein, da&szlig; es keineswegs dasselbe ist,
+ob ich einen Sack Mehl kaufe, um ihn zum Kochen und
+Backen zu verwenden, oder ob ich B&uuml;cher kaufe, um sie
+ins Regal zu stellen. In dem einen Fall ist meine Leistung
+zweckhaft, im andern anscheinend zwecklos.</p>
+
+<p>Man nehme jedoch an, ich sei Sammler von B&uuml;chern,
+es sei meine Passion und mein Entz&uuml;cken, seltene
+Ausgaben, kostbare Exemplare oder eine m&ouml;glichst
+vollst&auml;ndige Reihe der &uuml;ber eine Wissenschaft erschienenen
+Werke zu besitzen, so tritt bereits eine
+Zweckhaftigkeit hervor, auch dann, wenn ich mich
+niemals mit einem von ihnen besch&auml;ftige, ihren Inhalt
+nicht kenne, nicht verstehe, nicht sch&auml;tze.</p>
+
+<p>Oder man nehme an, ich h&auml;tte eine umfangreiche
+Bibliothek ererbt und obwohl ich lieber faulenze oder
+Forellen fische oder Blumen z&uuml;chte, sei ich durch
+Pflicht der Piet&auml;t, stille Abmachung von Geschlechtern
+her verbunden, sie unangetastet, unverwertet in
+meinem Hause zu verwahren, selbst auf die Gefahr
+hin, da&szlig; sie mir zur Last falle.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>Und schlie&szlig;lich nehme man an, die B&uuml;cher seien mir
+unentbehrlich, weil ich mir eine bestimmte Einsicht,
+eine Erkenntnis verschaffen will, weil sie Hilfsmittel
+zu meiner Arbeit sind, weil ich zu jedem einzelnen in
+einer besonderen Beziehung stehe, die best&auml;ndig wechselt,
+best&auml;ndig fluktuiert und infolgedessen sich best&auml;ndig
+erneut, meine Pers&ouml;nlichkeitsgrenze erweitert
+und die F&auml;higkeit zur Leistung erh&ouml;ht, so liegt der
+Zweck offensichtlich am Tage.</p>
+
+<p>Demgem&auml;&szlig; sind vier Kategorien des Besitzes zu unterscheiden:
+Verbrauchsbesitz, Schmuckbesitz, Erb- und
+Anh&auml;ufungsbesitz und Produktionsbesitz.</p>
+
+<p>Das Merkmal des Verbrauchsbesitzes ist der Abbruch
+der Leistung mit dem Nutzgenu&szlig;; des Schmuckbesitzes:
+die Leistung zum Phantasiegenu&szlig;; des Erb- und
+Anh&auml;ufungsbesitzes: die brachliegende Leistung;
+des Produktionsbesitzes: die Verwandlung der Leistung
+in h&ouml;herer Sph&auml;re zu h&ouml;herer Gestalt.</p>
+
+
+<h3 class="subsection">IV</h3>
+
+<p>In Bernard Shaws &raquo;Candida&laquo; sagt der Pastor Morell:
+Wir haben so wenig das Recht, Gl&uuml;ck zu verbrauchen,
+ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu verbrauchen,
+ohne ihn zu erwerben.</p>
+
+<p>Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den st&auml;rksten
+Nachdruck auf die Begriffe: Gl&uuml;ck erzeugen und
+Gl&uuml;ck verbrauchen. Einen um so st&auml;rkeren Nachdruck,
+als diese scheus&auml;lig entw&uuml;rdigte und besudelte
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Welt um uns so gl&uuml;cklos geworden ist, so zerfetzt
+und entstellt und in den Morast geschleift, da&szlig; sie in
+unserm beleidigten Bewu&szlig;tsein nicht mehr froh gemacht
+werden kann, und wenn Gott die Heerscharen
+seiner Engel als G&auml;rtner und Baumeister schickte.</p>
+
+<p>Wer sind die, die mehr Gl&uuml;ck erzeugen, als sie verbrauchen?
+Seltene Menschen, die seltenen Weisen,
+seltenen Dichter, seltenen Lehrer und Vers&ouml;hner, Former
+der Herzen, die Ausj&auml;ter, Wahrheitsk&uuml;nder, Gestaltenbildner,
+die oft im verborgenen stehen, ins
+verlorene gehen, in der Tiefe hinschwinden, der sie
+entstammen. Und je mehr Gl&uuml;ck sie erzeugen, je
+weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu
+verbrauchen. Sie produzieren den &Uuml;berschu&szlig;, der der
+Menge der zur Produktion minder Bef&auml;higten zugute
+kommt.</p>
+
+<p>Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel
+Gl&uuml;ck der Sammler von B&uuml;chern, M&uuml;nzen, Teppichen,
+Gl&auml;sern, Waffen oder sonstigen Dingen erzeugt. Zumeist
+ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer.
+Tiefes Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem
+die Freiheit fehlt, den Besitz h&ouml;rig macht. Alles Segensreiche
+liegt aber in der Freiheit, in der Mitteilung, in
+der schenkenden Kraft.</p>
+
+<p>Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen
+der Rechenschaft entziehen, so auch die letzten
+Ziele. Selbst bei den primitivsten flie&szlig;t das Endliche
+an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich
+<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>seiner Motive und Absichten klar zu sein d&uuml;nkt, w&auml;re
+sonderbar get&auml;uscht, wenn er alle Folge im Schicksalsverlauf
+&uuml;berblicken k&ouml;nnte. Wie das endlich Gedachte
+unendlich, so wird das eigens&uuml;chtig Getane allgemein;
+in irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg,
+zu irgendeiner Zeit.</p>
+
+<p>Die egoistisch beschr&auml;nkte Leidenschaft eines Sammlers,
+die gesellschaftsfeindliche Gier eines G&uuml;teranh&auml;ufers
+ruft Bewegung weit &uuml;ber den Kreis dieser
+Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv
+auf andere Individuen und verdichten sich au&szlig;erdem
+im Objekt. Von da aus schaffen sie neues: sie schaffen
+Werke, Anschauungen, Spannungen, Wetteifer, Erkenntnis,
+Freude und Sch&ouml;nheit. Das Individuum
+und seine Motive sind &uuml;berwunden. Die Dinge und
+die in ihnen verdichtete, von ihnen wieder ausstr&ouml;mende
+Bewegung &uuml;berwinden die Niedrigkeit und
+die Endlichkeit des Individuums.</p>
+
+<p>Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken
+stehen, welche einst Eigentum der Borgias waren,
+haben keine Erinnerung daran und brauchen sich
+nicht an der Tatsache zu sto&szlig;en, da&szlig; diese Leute
+infame Giftm&ouml;rder und Banditen waren, die nebstbei
+die modische Herrenlaune hatten, Bilder und Statuen
+zu sammeln.</p>
+
+<p>Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten,
+auch auf den Sammler, der als Figur erkl&auml;rt hat, was
+zu erkl&auml;ren war. Wichtig ist die Erzeugung von Gl&uuml;ck,
+<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>von Freude, von Sch&ouml;nheit. Sie ist keineswegs nur
+von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abh&auml;ngig; sie
+umfa&szlig;t das ganze Gebiet des realen Lebens, das Angenehme,
+das nutzlos, das Spielhafte, das brotlos, das
+Gl&auml;nzende, das zwecklos ist, den &Uuml;berschwang und
+&Uuml;berflu&szlig;, die heitere F&uuml;lle, Fest und Illumination,
+den Perlenschmuck am Hals einer Frau, den Pomp
+des F&uuml;rsten, den Luxus des Million&auml;rs, die Puppe in
+der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht,
+die Marmors&auml;ule des Tempels, die bunte Tracht des
+Wilden, den goldenen Rahmen eines Spiegels, die
+Blumen auf einem Grab.</p>
+
+<p>Dies alles ist Frucht des Besitzes, und w&uuml;rde nach
+der unmittelbaren N&uuml;tzlichkeit gefragt, so m&uuml;&szlig;te geantwortet
+werden: es ist verschwendeter Besitz. Die
+Frage nach N&uuml;tzlichkeit und Notdurft steht der nach
+Gl&uuml;ck und Sch&ouml;nheit schroff gegen&uuml;ber. W&auml;re es den
+Menschen versagt, f&uuml;r ein anderes Ziel zu arbeiten
+als f&uuml;r die Befriedigung ihrer leiblichen Bed&uuml;rfnisse,
+mehr anzustreben als h&ouml;chstenfalls das pers&ouml;nliche
+Behagen auf Grund der Erf&uuml;llung der gemeinen
+Sinnengel&uuml;ste; w&auml;ren diese gew&auml;hrleistet und der
+Pakt w&uuml;rde geschlossen um den Preis der Abkehr
+von Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und
+&Uuml;berfl&uuml;ssigem, so verwandelte sich die Erde in ein
+d&uuml;steres Gef&auml;ngnis, wo zweckbeladene, vom Zweck
+kastrierte Sklaven langsam zu Idioten w&uuml;rden, in
+einen Stall satter, verdauender Tiere, von denen eine
+<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>Anzahl von Zeit zu Zeit die &uuml;brigen in geheimnisvoller
+Tollwut &uuml;berfallen und zerfleischen w&uuml;rde.
+Diese Tollwut w&auml;re die Rache der verst&ouml;rten, vergifteten,
+medusisch gewordenen Phantasie; denn Phantasie
+kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins m&ouml;rderische
+verkehrt werden.</p>
+
+<p>Leben wir denn nicht in einer Welt, &auml;hnlich der? Nur
+da&szlig; der Pakt unzul&auml;nglich ist, da&szlig; die gemarterten
+Tiere, weit entfernt, satt zu sein und zu verdauen,
+hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande
+gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die
+Kreatur winselt. Nutzzweck hei&szlig;t der Tiger, der uns
+in den Klauen h&auml;lt, da&szlig; das edelste Blut der Menschheit
+ausrinnt und sie sich nur noch m&uuml;ht um das, was
+ihre Bl&ouml;&szlig;e bedeckt und ihren Magen f&uuml;llt. O angstvoll
+starre Blicke, auf den Trog geheftete Blicke, ihr
+kennt kein gel&auml;utertes Verlangen mehr; o Freunde,
+zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach
+gejagte V&ouml;gel, ihr wi&szlig;t nichts mehr von Aufschwung
+und Jubel, der Enthusiasmus ist gestorben in euern
+Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem
+B&uuml;ttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von
+der Maschine, von der Materie, vom Zweck Besiegte
+und Entherzte!</p>
+
+
+<h3 class="subsection">V</h3>
+
+<p>Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so
+verschieden wie Ich und Welt. Wer ein Ding besitzt,
+unternimmt es, ein St&uuml;ck Welt seinem Ich einzuver<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>leiben.
+Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt
+im Problem der Identit&auml;t.</p>
+
+<p>Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind
+&auml;u&szlig;erliche Regelungen und Festsetzungen, soziale
+Dringlichkeiten. In Wahrheit erringe ich den Besitz
+einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe. Es gibt
+kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe.</p>
+
+<p>So w&auml;re also auch die Liebe ein Problem der Identit&auml;t?
+In der Tat scheint es mir so zu sein. Setze ich
+an die Stelle des Begriffes &raquo;Welt&laquo; den Begriff &raquo;Du&laquo;,
+so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles
+Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du
+machen. Es ist die h&ouml;chste erreichbare Stufe des Besitzes,
+und deshalb hat auch die Dichtung kein anderes
+Wort daf&uuml;r als: einander besitzen.</p>
+
+<p>Um aber das Allt&auml;gliche des Gegenstandes nicht zu
+fr&uuml;h aus dem Auge zu verlieren, so wird man einwenden,
+es hei&szlig;e doch viel gefordert von der Spannweite
+und dem Liebesverm&ouml;gen der menschlichen
+Psyche, wenn man ihr zumutet, da&szlig; sie sich mit allen
+den Dingen erotisch verschmelzen soll, die unentbehrlich
+sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz,
+all den Kr&uuml;cken und Behelfen, den Bindungen
+und F&uuml;llseln, deren Bestimmung es ist, aufgenommen
+und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt
+zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren
+schlie&szlig;lich, das bei besserer Einsicht und vermehrter
+Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren wei<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>chen
+oder bei herabgedr&uuml;ckten Umst&auml;nden abermals
+dem Geringeren Raum geben mu&szlig;.</p>
+
+<p>Darauf ist zu erwidern, da&szlig; das durchaus eine Angelegenheit
+des subjektiven Kr&auml;fteverh&auml;ltnisses und
+der individuellen Phantasief&auml;higkeit ist. Ich kenne
+Leute, denen es, bei offenbarer Wohlh&auml;bigkeit, eine
+gewisse &Uuml;berwindung kostet, sich von einem Paar
+abgetragener Stiefel zu trennen, wie es andere Leute
+gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen teuern
+Menschen von sich sto&szlig;en, wenn es ihr Vorteil erheischt.
+Es kann sogar ein und dieselbe Person sein,
+die beides zu tun imstande ist. An Dingen Haftende
+sind gew&ouml;hnlich nicht solche, die f&uuml;r Menschen gl&uuml;hen
+oder f&uuml;r Menschliches sich einsetzen, und andererseits
+hat die Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare
+Liebe f&uuml;r das Ding zur Folge. Die universalen
+Seelen, wie Goethe eine war, verm&ouml;gen mit ihrer Liebe
+ein ganzes Universum zu umschlie&szlig;en, den Stein, die
+Blume, die Sterne, die Werke der K&uuml;nstler, die Menschheit,
+den Teufel und Gott; die engen Herzen m&uuml;ssen
+mit ihrem beschr&auml;nkten Platz wirtschaften, und wenn
+es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung
+fehlt, geht alles drunter und dr&uuml;ber, und das
+Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften, zum
+Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik.
+Man ist geneigt, darin L&uuml;ge und Verlogenheit zu
+sehen, es ist aber meist nur Enge und wegen der Enge
+Verwechslung und Verwirrung.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte
+alle Dinge, die mir in sinnvoller Beziehung zu denen
+zu stehen schienen, welche sie besa&szlig;en. Ich liebte sie
+fast ebenso, als h&auml;tte ich selbst sie besessen. In dem
+Ma&szlig;, als mir Besitz zuwuchs, so k&auml;rglich dieses Ma&szlig;
+auch war, erlahmte die F&auml;higkeit zu solcher Phantasieliebe,
+denn die von mir besessenen Dinge standen
+fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie
+entkr&auml;fteten die Fl&uuml;gel, die im Fluge alles bedecken,
+sie ern&uuml;chterten die Augen, die im Traum alles an
+sich rei&szlig;en konnten, im Traum der Identit&auml;t.</p>
+
+<p>Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos.
+Nur der ist es, der wissend auf Besitz verzichtet. Aber
+es ist dies kein gesellschaftliches Ideal, sondern ein
+religi&ouml;ses, kein europ&auml;isches, sondern ein orientalisches,
+kein sentimental-humanit&auml;res, sondern ein
+unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung,
+sofern man &uuml;berhaupt von der Verwirklichung eines
+Ideals reden kann, f&uuml;hrt nicht das modern-kommunistische Diktat
+der Enteignung, sondern das mythisch-buddhistische
+der Ent&auml;u&szlig;erung.</p>
+
+<p>&raquo;Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und
+zwar: durch Aufl&ouml;sung von Bild und Begriff wird
+Bewu&szlig;tsein aufgel&ouml;st, durch Aufl&ouml;sung des Bewu&szlig;tseins
+wird Bild und Begriff aufgel&ouml;st, durch Aufl&ouml;sung
+von Bild und Begriff wird sechsfaches Reich aufgel&ouml;st,
+durch Aufl&ouml;sung des sechsfachen Reiches wird
+Ber&uuml;hrung aufgel&ouml;st, durch Aufl&ouml;sung der Ber&uuml;hrung
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>wird Gef&uuml;hl aufgel&ouml;st, durch Aufl&ouml;sung des Gef&uuml;hls
+wird Durst aufgel&ouml;st, durch Aufl&ouml;sung des Durstes
+wird Anhangen aufgel&ouml;st, durch Aufl&ouml;sung des Anhangens
+wird Werden aufgel&ouml;st, durch Aufl&ouml;sen des
+Werdens wird Geburt aufgel&ouml;st, durch Aufl&ouml;sung
+der Geburt wird Alter und Tod aufgel&ouml;st, Schmerz
+und Jammer, Leiden, Tr&uuml;bsal und Verzweiflung gehn
+zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensst&uuml;ckes
+Aufl&ouml;sung zustande. Aufl&ouml;sung, Aufl&ouml;sung!&laquo;<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></p>
+
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a>
+<a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a>
+Reden Gotamo Buddhos, &uuml;bersetzt von Neumann.</p></div>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" title="29"></a>
+<a name="Page_29" id="Page_29"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Faustina" id="Faustina"></a>Faustina</h2>
+
+<h3 class="essay">Ein Gespr&auml;ch. Geschrieben 1907</h3>
+
+
+<p class="newsection">Vor Jahren hatte in einem geselligen Kreis, in dem
+ich damals verkehrte, die junge C. viel Aufsehen
+gemacht. Abk&ouml;mmling einer alten Adelsfamilie, hatte
+sie sich, kaum zwanzig Jahre alt, von dem Zwang und
+Drill ihrer Welt befreit, um, wie sie sich ausdr&uuml;ckte,
+&raquo;selbst&laquo; zu leben. Die Ungebundenheit ihrer Lebensf&uuml;hrung
+war in der Tat erstaunlich. Eine Zeitlang
+k&auml;mpfte sie im gr&ouml;&szlig;ten Elend; pl&ouml;tzlich ging sie zum
+Theater, dort heiratete sie einen Schauspieler, von
+dem sie sich nach dreimonatlicher Ehe wieder trennte.
+Um Geld zu verdienen, &uuml;bersetzte sie mittelm&auml;&szlig;ige
+Romane aus dem Franz&ouml;sischen. Eines Tages hie&szlig; es,
+sie sei mit einem reichen Brasilianer verlobt und mit
+ihm in seine Heimat gereist. Aber schon nach Jahresfrist
+kam sie zur&uuml;ck, &#8211; ohne Brasilianer, leider genau
+so arm wie zuvor.</p>
+
+<p>In dieser Zeit n&auml;herte ich mich ihr. Wir hatten uns
+ziemlich viel zu sagen. Faustina, so wurde sie meist
+kurzweg genannt, war geistreich, und, was mehr ist,
+ihr Geist hatte Fundamente. Sie war sch&ouml;n und sie
+war exzentrisch; nimmt man aber dies Wort in genauem
+Sinn, so hatte sie mehr Mittelpunkt als diejenigen,
+in deren Bezirk sie sich fremd erschien. Ob
+<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>sie auch immer anziehend war, lasse ich dahingestellt;
+eine Fremde war sie durchaus, stets fremd, nie b&uuml;rgerlich
+vertraut, h&ouml;chstens seelisch verwandt. Zur Abenteuerin
+fehlte ihr die Skrupellosigkeit, und um eine
+gro&szlig;e Dame zu sein, war sie zu ruhelos und zu voll
+von Opposition.</p>
+
+<p>Wieder eines Tages war Faustina verschwunden. Sie
+verabschiedete sich nicht einmal von mir. Niemand
+wu&szlig;te, wohin sie gegangen war, und sie blieb verschollen.
+Man verga&szlig; sie, auch ich verlor sie beinahe
+aus dem Ged&auml;chtnis. Da, wiederum nach Jahren, begegne
+ich ihr pl&ouml;tzlich auf der Stra&szlig;e. Sie gewahrt
+mich, sie z&ouml;gert, ich mache Miene, sie anzureden, sie
+gr&uuml;&szlig;t und geht weiter. Kurz darauf erhielt ich ein
+Billett von ihr mit der Aufforderung, sie zu einer bestimmten
+Abendstunde zu besuchen.</p>
+
+<p>Sie wohnte in einer Vorstadtpension. Ich trat in ein
+Zimmer, das die &uuml;bliche Halbeleganz fliegender
+Quartiere aufwies. Faustina war noch immer sch&ouml;n,
+aber wie von einem sich entlaubenden Baum kann
+man auch von dem Herbst eines menschlichen Gesichts
+sprechen. Ohne Zweifel las sie in meinem Gebaren,
+da&szlig; ihre lakonische Einladung eher geeignet
+war, Neugier zu erregen als an freundliche Beziehungen
+zu erinnern. &raquo;Die Sache ist die, da&szlig; ich ganz ausgehungert
+darnach bin, mit einem vern&uuml;nftigen Menschen
+zu reden&laquo;, sagte sie. &raquo;Ich habe berechnet, da&szlig;
+ich seit siebzehn Monaten blo&szlig; mit Kellnern, Kut<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>schern,
+Zimmervermieterinnen, Hausmeistern und
+Ladenmamsellen gesprochen habe. Das hei&szlig;t doch
+leben, wie? Da&szlig; ich so viel Talent zur wandelnden
+Mumie besitze, wer h&auml;tte das gedacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben immer zu &uuml;berraschen verstanden, Faustina&laquo;,
+versetzte ich ablenkend.</p>
+
+<p>&raquo;Als ich Sie auf der Stra&szlig;e sah,&laquo; fuhr sie fort, &raquo;hatte
+ich ein Gef&uuml;hl just wie Robinson, als er das erste
+Schiff vor seiner Insel gewahrte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch sind Sie davongelaufen, gar nicht wie
+Robinson, sondern wie Freitag, der scheue Wilde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; scheu bin ich geworden. Wenn ich wenigstens
+schreiben oder musizieren k&ouml;nnte! Den Kunstdilettanten
+bietet die Welt immer noch Lockungen, und
+von allem, was im Menschen abzut&ouml;ten ist, stirbt die
+Eitelkeit zuletzt. Aber leider, ich bin stumm geboren,
+und der blo&szlig;e Kunst<em class="gesperrt">genu&szlig;</em> qu&auml;lt den Stummen
+manchmal mehr, als er ihn beruhigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wundre mich, Faustina. Sie waren doch stets
+obenauf. Eine richtige, t&uuml;chtige Schwimmerin waren
+Sie. Haben Sie denn keine Arbeit, keine Bet&auml;tigung
+mehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich finde es langweilig, zu arbeiten. Was kommt
+dabei heraus? Eine Art von Trunkenheit und Selbstbetrug
+bestenfalls. Arbeiten, wie das klingt! Dem
+Leben mit Gewalt ein Versprechen abn&ouml;tigen! Ich
+brauche keine Versprechungen mehr, ich glaube an
+keine mehr. Vorl&auml;ufig hab ich noch ein bi&szlig;chen Kapi<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>tal,
+meine Eltern sind n&auml;mlich gestorben, und man
+hat mir den Pflichtteil ausbezahlt. Aber von den
+Zinsen k&ouml;nnt ich nicht leben, das w&uuml;rde h&ouml;chstens
+f&uuml;r eine B&uuml;chse Kaviar im Monat reichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also ist am Ende Ihre Einsamkeit ein &ouml;konomisches
+Prinzip?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes willen, wer wird so philisterhaft denken!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und da treiben Sie sich nun mutterseelenallein herum,
+ohne Genossin, ohne Freundin &#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, Freundin! Ich habe keine Freundin, habe
+nie eine gehabt. Eine Frau hat niemals eine Freundin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber die Freunde, Faustina! Sie lie&szlig;en mich einmal
+glauben, da&szlig; ich Ihr Freund sei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? Wirklich? Mag sein, doch ich &auml;rgerte mich, da&szlig;
+Ihnen keinen Augenblick lang der Einfall kam, etwas
+anderes sein zu wollen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie lachte &uuml;ber mein verdutztes Gesicht und fuhr fort:
+&raquo;Spricht man hingegen nicht vom Freund, sondern
+von den Freunden, so mu&szlig; ich gestehen, da&szlig; ich f&uuml;r
+solche Beziehungen nicht viel &uuml;brig habe. Die Freunde,
+das sind Wesen von einer geradezu l&auml;cherlichen Gefr&auml;&szlig;igkeit.
+Sie verdauen schneller als die H&uuml;hner, und
+sie bleiben immer mager, ihr Herz bleibt immer
+mager.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dennoch, Faustina, mit Menschen verbunden zu
+sein, bleibt der sch&ouml;nste Vorzug des Menschen. Einen
+isolierten Zustand schadlos zu ertragen, dazu geh&ouml;rt
+schon eine ungew&ouml;hnliche Seelenst&auml;rke.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>&raquo;Mag sein, mag sein&laquo;, erwiderte Faustina, und sie
+l&auml;chelte unbestimmt vor sich hin.</p>
+
+<p>&raquo;Offen gestanden, h&auml;tte ich nicht erwartet, Sie so zu
+finden&laquo;, fuhr ich fort. &raquo;Ich dachte Sie mir in gro&szlig;en
+Erlebnissen. Eine Gestrandete, oder wie Sie sagen,
+einen Robinson, nein, das hatte ich nicht erwartet.
+Faustina unentflammt, Faustina ohne Liebe, ohne
+Verliebtheit, Faustina einsam, was hat das zu bedeuten?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete.
+&raquo;Was kann es andres zu bedeuten haben,
+bester Freund, als da&szlig; f&uuml;r Faustina keine Liebe mehr
+da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die
+Rahel Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person
+war, hat es einmal als besondere Genialit&auml;t Goethes
+gepriesen, da&szlig; er im Wilhelm Meister die drei Frauen,
+die lieben k&ouml;nnen, Marianne, Aurelie und Mignon,
+sterben l&auml;&szlig;t; denn, sagte sie, es ist noch keine Anstalt
+f&uuml;r solche da. Sehr tiefsinnig: es ist noch keine Anstalt
+f&uuml;r solche da! Sie schweigen? Sie meinen, ich
+lebe ja. Gewi&szlig;, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch.
+Ehemals, da sp&uuml;rte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt
+empfinde ich die ganze K&auml;lte des Zeitalters. Vielleicht
+ist es mein Mi&szlig;geschick, f&uuml;r eine Epoche geboren zu
+sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verallgemeinerungen sind t&ouml;richt. Man mu&szlig; sich,
+Faustina, vor der Manier der Malkontenten h&uuml;ten.
+Der Malkontente n&auml;mlich, das ist ein Mensch, der
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>aus seiner pers&ouml;nlichen Unf&auml;higkeit eine Weltanschauung
+macht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind sehr deutlich, mein Lieber. Ich bin aber keine
+Malkontente. Malkontente opfern sich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie sich denn geopfert?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn es opfern hei&szlig;t, zu lieben, wahrhaft zu lieben,
+sich wegzuwerfen &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sich wegzuwerfen, das hei&szlig;t nicht lieben und das
+hei&szlig;t nicht sich opfern. Doch wir verstimmen uns im
+Wesenlosen. Erz&auml;hlen Sie mir. Erz&auml;hlen Sie mir von
+Ihrem bisherigen Leben. Es gibt nichts &Uuml;berzeugenderes
+als das Erlebnis, Faustina, nichts Unbedingteres
+als die Art, wie ein Mensch von Erlebnissen sie vorzutragen
+wei&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um keinen Preis. Ich kann nicht von mir sprechen,
+solang Sie argw&ouml;hnen, da&szlig; ich meine pers&ouml;nlichen
+Entt&auml;uschungen gewisserma&szlig;en an der Zeit r&auml;chen
+m&ouml;chte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist schwer, liebe Freundin, und nicht einmal dem
+Gl&uuml;cklichen gelingt es, Zeit und Schicksal auseinanderzuhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was w&auml;re auch zu erz&auml;hlen&laquo;, versetzte Faustina.
+&raquo;Eine Geschichte wie hundert andere. Wenn ich Ihre
+Erwartungen in bezug auf meine Person betr&uuml;ge, so
+ist das Ihre Schuld.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sagen, Sie h&auml;tten geliebt und sich weggeworfen.
+Darin liegt mehr Schuld, als Sie glauben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe keine Schuld. Oder sind &uuml;bertriebene Hoff<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>nungen
+eine Schuld? Bin ich daf&uuml;r verantwortlich,
+da&szlig; eure Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, Liebe
+nicht mehr gew&auml;hrt, da&szlig; f&uuml;r die Liebe kein Platz mehr
+in ihr ist? Sie sch&uuml;tteln den Kopf, und doch ist es so.
+Gibt es heutzutage noch eine Gestalt, in der Dichtung
+oder im Leben, deren Existenz in der Liebe wurzelt?
+Der Politiker, der Staatsmann, der Forscher, der Erfinder,
+der Soldat, der Fabrikant, der B&ouml;rseaner, im
+Notfall sogar der K&uuml;nstler, sie alle k&ouml;nnen ein modernes
+Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man bewundert
+eine Figur wie die des Casanova, man findet
+eine Frau wie Julie de Lespinasse &auml;u&szlig;erst r&uuml;hrend,
+man erstaunt &uuml;ber Ninon de l&#8217;Enclos, aber sie sind im
+Grunde nichts weiter als Legenden und Rarit&auml;ten, man
+hat f&uuml;r sie das Interesse des Orientalisten, der babylonische
+Ruinen ausgr&auml;bt. Wenn Casanova heute erschiene,
+w&uuml;rde er wahrscheinlich als Hochstapler ins
+Gef&auml;ngnis gesteckt werden, und auch bei Don Juan
+w&uuml;rde schlie&szlig;lich anstatt des steinernen Gastes ein
+Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat,
+der Forscher, der K&uuml;nstler, sie sind heute nichts weiter;
+Staatsmann, Soldat, Forscher und K&uuml;nstler, basta;
+darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert.
+Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie
+Voland oder die Briefe Mirabeaus an Mademoiselle
+de Monnier, so zeigt sich, da&szlig; da &uuml;ber den Geist hinaus,
+&uuml;ber ein allgemeines, ja welthistorisches Wirken
+hinaus noch Leidenschaften bl&uuml;hten, zwecklos wie
+<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>die Blumen in einem Garten. Heutzutage ist die Liebe
+das Gesch&auml;ft der Poeten, ob sie nun schreiben oder
+blo&szlig; tr&auml;umen, und nicht einmal der berufensten, denn
+die stellen sich w&uuml;rdigere Aufgaben, sie m&uuml;ssen
+Probleme l&ouml;sen. So sagt man doch: Probleme l&ouml;sen.
+Nu&szlig;knacker der Zeit, die sie sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, da&szlig; die
+menschliche Natur immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen
+der Zeit bringen nur eine oberfl&auml;chliche H&auml;utung
+mit sich. Es sind Wandlungen des Geschmacks,
+der Mode, der Manier, der Geb&auml;rde. Herz und Blut
+verwandeln sich nicht. Die Leute des achtzehnten Jahrhunderts
+gefielen sich in schwungvollen Episteln; das
+war eben der Geist der Epoche. Sie m&ouml;gen uns &uuml;berlegen
+gewesen sein in der F&auml;higkeit, &uuml;ber ihre Empfindungen
+zu reden und sich darin zu spiegeln, darum
+aber waren die Empfindungen selbst nicht tiefer. Sie
+hatten auch die Gabe, allt&auml;gliche wie besondere Ereignisse
+ihres Daseins in der Konversation auf das
+anmutigste zu behandeln. Ich gebe zu, da&szlig; damit eine
+Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren Verlust
+wir beklagen m&uuml;ssen &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte.
+Unsere Form der Geselligkeit macht das Entstehen
+der Liebe fast unm&ouml;glich. Bringen Sie einmal ein
+Dutzend Menschen aus derselben Bildungssph&auml;re
+zusammen, die einander halbwegs fremd sind. Abgesehen
+davon, da&szlig; Sie Gespr&auml;che h&ouml;ren werden, bei
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>denen Ihnen die Haut schaudert, wird auch der einzelne
+mit dem Wunsch nach Ann&auml;herung die gr&ouml;&szlig;ten
+Schwierigkeiten finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind eben schweigsam geworden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur schweigsam? nicht auch zerstreut, nicht auch
+m&uuml;de? nicht auch faul?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur schweigsam. Unsere Altvordern, die hatten viele
+Heimlichkeiten, aber Geheimnisse hatten sie eigentlich
+keine. F&uuml;r uns spielen Heimlichkeiten keine Rolle
+mehr, dagegen sind wir voll von Geheimnis. Ehemals
+kannte man in der Chemie nur vier Elemente, heute
+hat sich alles Elementare in Atome gel&ouml;st. &Auml;hnlich ist
+es der Gesellschaft ergangen. Wir haben keine Gesellschaft
+mehr, weil jedes Individuum als eine Welt f&uuml;r
+sich und mit dem ganzen Geheimnis seiner Welt
+auftritt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch mit der ganzen Anma&szlig;ung seiner Welt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut. Nat&uuml;rlich war es bei geschlossenen Gesellschaftskomplexen,
+wo jeder gleichsam das Abzeichen
+seiner Kaste trug, viel leichter, gewisse Kulturideale,
+oder besser gesagt, modische Ideale durchzuf&uuml;hren
+und als gang und g&auml;be festzuhalten. Modische Ideale
+haben wir nicht mehr, weil wir von vornherein entschlossen
+sind, in nichts, was mit dem Ideal zusammenh&auml;ngt,
+Konzessionen zu machen. Deswegen kann die
+Liebe keine gesellschaftliche &Uuml;bereinkunft mehr sein,
+deswegen auch hat sie keine gesellschaftliche Abgrenzung
+mehr. Es haben sich die Grenzen verschoben,
+<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>nach au&szlig;en und nach innen. Nach au&szlig;en und nach
+innen ist alles komplizierter geworden; oder sagen
+wir: verfeinerter, oder: verschwiegener. Ehemals begehrte
+man in einem Liebesverh&auml;ltnis die Person des
+Liebenden oder Geliebten, jetzt begehrt man mehr,
+n&auml;mlich die Pers&ouml;nlichkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Modische Ideale oder andere Ideale, darnach frag
+ich nicht&laquo;, entgegnete Faustina lebhaft. &raquo;Ideale aufzustellen,
+in dieser Besch&auml;ftigung habt ihr es freilich zu
+einer gewissen Handfertigkeit gebracht. Aber die
+Sache scheint mir die, da&szlig; zwischen Ideal und Wirklichkeit
+eine so ungeheure Entfernung ist, da&szlig; die
+beiden schon gar nichts mehr miteinander gemein
+haben. Da ist kein Weg, keine Br&uuml;cke. Es ist, als
+riefe man mir zu: geh nach dem Mond. Es war der
+Vorzug vergangener Zeiten, da&szlig; sie realisierbare Ideale
+hatten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hei&szlig;t denn das schon ein Ideal realisieren, wenn
+man imstande ist, sich gesellschaftlich mitzuteilen
+oder selbst hinzugeben?&laquo; erwiderte ich. &raquo;Konversation
+fordert Leichtigkeit; die allerdings fehlt uns.
+Sie setzt ein Interesse f&uuml;r vieles voraus, wof&uuml;r Teilnahme
+zu heucheln uns gar nicht mehr einf&auml;llt. Wir
+w&uuml;rden es abgeschmackt finden, &uuml;ber die Liebe und
+ihre verschiedenen Arten zu philosophieren. Unsere
+Zeit ist nach jeder Richtung hin monologisch gestimmt.
+Gesteigerte Anschauung und ein erh&ouml;hter
+Respekt verhindern uns durchaus, &uuml;ber das Bedeu<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>tungsvolle
+gewisser Lebensfragen zu sprechen. Wo
+wir uns sympathisch erfa&szlig;t sehen, glauben wir eine
+Er&ouml;rterung dar&uuml;ber entbehren zu k&ouml;nnen; ganz mit
+Recht. Ich m&ouml;chte sagen, wir verkehren unter tieferen
+Voraussetzungen miteinander. Ist Ihnen denn nicht
+auch im Grunde jede Ank&uuml;ndigung eines Gef&uuml;hls ein
+Greuel? Finden Sie denn nicht auch die ganze Phraseologie
+der Liebe von Anno dazumal l&auml;cherlich und
+aufdringlich? Kribbelt es Ihnen nicht in den Fingern,
+wenn der Liebhaber auf dem Theater seine Liebeserkl&auml;rung
+vom Stapel l&auml;&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach ja, das sind Geschmackssachen&laquo;, versetzte Faustina.
+&raquo;Geschmack, das lasse ich gelten, Verfeinerung
+ist mir zuwider. Die Scham seiner Gef&uuml;hle haben,
+sch&ouml;n. Aber noch sch&ouml;ner ist es, d&uuml;nkt mich, den Mut
+seiner Gef&uuml;hle haben. Wenn Sie mir den Punkt angeben
+k&ouml;nnen, wo eines aufh&ouml;rt und das andere anf&auml;ngt,
+ich meine, wo die Feigheit aufh&ouml;rt und die Verantwortlichkeit
+anf&auml;ngt, dann will ich mich zufrieden
+geben. Aber dazu werden alle Waffen Ihrer Rabulistik
+nicht ausreichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;glich. Man kann ja &uuml;berhaupt nicht streiten,
+wenn man nicht derselben Meinung ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie? kann man nur streiten, wenn man derselben
+Meinung ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;; im Grunde gewi&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;artig! Ein wildes Paradox!&laquo; Faustina lachte,
+was ihrem Gesicht einen entz&uuml;ckenden Reiz verlieh.
+<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>&raquo;Aber wir verstehen uns am Ende doch&laquo;, fuhr sie
+fort. &raquo;Sie kennen sicherlich die arabische Erz&auml;hlung
+vom Sklaven der Liebe; ist es nicht ergreifend, wie
+der sch&ouml;ne J&uuml;ngling unter der Gewalt seiner Sehnsucht
+hinsinkt, als ob ihn eine t&ouml;dliche Krankheit erfa&szlig;t
+h&auml;tte? Oder da las ich neulich die Geschichte
+von Raimundus Lullus, der am Hof des K&ouml;nigs von
+Arragon ein ausschweifendes Leben f&uuml;hrte, bis ihn
+pl&ouml;tzlich eine gl&uuml;hende Leidenschaft zu der sch&ouml;nen
+Ambrosia de Castello packte. Eines Tages l&auml;&szlig;t ihn
+die Dame in ihr Gemach kommen, enth&uuml;llt sich ihm,
+und es zeigt sich, da&szlig; sie durch einen furchtbaren
+Brustkrebs dem Tod verfallen ist. Raimundus, bis ins
+Innerste ersch&uuml;ttert, weiht sich einem Leben v&ouml;lliger
+Keuschheit. Doch wozu Beispiele; vielleicht beweisen
+Beispiele nichts. Ich sehe freilich darin Kundgebungen
+edler Leidenschaft. Dieser Raimundus Lullus etwa,
+ich nenne gerade ihn, obwohl es auf Namen hier nicht
+ankommt, er lebte in seiner Liebe wie die atmende
+Kreatur in der Luft. Es gab f&uuml;r ihn nicht anderes
+au&szlig;er seiner Liebe. Er war in der Liebe, er war von
+Liebe besessen, ein Besessener war er. Ich habe niemals
+einen von Liebe Besessenen gefunden. Viele besa&szlig;en
+die Liebe, das wohl, aber von ihr besessen
+waren sie nicht. Solche fand ich, die vom Spiel besessen
+waren, vom Geld, vom Ehrgeiz, von Wollust,
+aber von Liebe Besessene fand ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie Umschau halten, Faustina&laquo;, fiel ich ihr
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>ins Wort, &raquo;k&ouml;nnen Sie zu jeder Zeit und wo immer
+es auch w&auml;re, Handlungen von der gleichen Bedeutung
+und Intensit&auml;t gewahren. Wir f&uuml;hren eine zu
+abgeschlossene Existenz, als da&szlig; Sinn und Motiv
+ihrer einzelnen Vorg&auml;nge zu jeder Stunde offenbar
+oder handgreiflich zu nehmen w&auml;ren. Es ist nichts
+einf&auml;ltig genug, es ist alles zu vielf&auml;ltig, zu weitschichtig,
+als da&szlig; man durch anekdotische Belege imponieren
+k&ouml;nnte. Selten hat ein Ereignis Anfang und
+Ende f&uuml;r uns, selten l&auml;&szlig;t es sich als Anekdote fassen,
+noch seltener ein ganzes Leben. Ja, es ist alles unfa&szlig;bar,
+unendlich, alles auch scheinbar ohne Stichh&auml;ltigkeit
+oder ohne Konsequenz, und doch, wenn man
+hinf&uuml;hlt, wenn man im Nerv der Dinge lebt, von
+tiefstem Belang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aha, Sie spielen schon wieder auf das Geheimnis an.
+Es l&auml;&szlig;t mich kalt, Ihr Geheimnis, es ist mir zu pomphaft.
+Ich lobe mir daf&uuml;r die Heimlichkeit; sie ist heiter
+und beweglich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lassen wir das Geheimnis. Ich sage nur: die Leidenschaften
+waren und sind zu jeder Zeit und in jedem
+Jahrhundert dieselben. Ich will gar nicht an die Trag&ouml;dien
+erinnern, die sich in stillen Stuben ereignen, es
+wird davon wenig Aufhebens gemacht und drei Zeilen
+in einer Zeitung sind alles, was bisweilen ans Licht
+kommt. In meiner Heimat gab es ein junges Paar, und
+sie liebten einander. Die Eltern des M&auml;dchens setzten
+der Verbindung hartn&auml;ckigen Widerstand entgegen.
+<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>Als man sah, da&szlig; die Liebe der beiden nur um desto
+gr&ouml;&szlig;er wurde, je mehr Hindernisse man ihnen bereitete,
+wurde dem jungen Mann gesagt, er solle das M&auml;dchen
+haben, doch m&uuml;sse er sich zuvor drei Jahre lang
+nach Amerika begeben und w&auml;hrend dieser Zeit d&uuml;rfe
+weder er der Geliebten schreiben, noch sie ihm. Wenn
+er nach abgelaufener Frist seine Neigung unbesiegbar
+finde, werde man gegen die Heirat nichts mehr einwenden.
+Und so geschah es, der J&uuml;ngling reiste &uuml;bers
+Meer. Etwa ein Jahr lang ging alles gut, das M&auml;dchen
+lebte in sch&ouml;ner Gewi&szlig;heit. Auf einmal fing sie an zu
+kr&auml;nkeln, verlor ihre Munterkeit, und ohne da&szlig; ein
+Arzt den Sitz des &Uuml;bels zu entdecken vermochte,
+siechte sie hin. Die Eltern wurden besorgt, man begann
+nach dem jungen Mann zu forschen, aber da er
+keine Angeh&ouml;rigen in der Stadt hatte, verursachte dies
+viele Umst&auml;nde, und das junge M&auml;dchen starb, ihr
+Leben erlosch wie ein Feuer, das keine Nahrung hat.
+Gleich darauf stellte es sich heraus, da&szlig; der junge
+Mann dort dr&uuml;ben im fremden Land ebenfalls den
+Tod erlitten hatte, und zwar beinahe an demselben
+Tag, an welchem die Krankheit des M&auml;dchens begonnen
+hatte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine h&uuml;bsche Geschichte zwischen Menschen ohne
+Elan&laquo;, sagte Faustina. &raquo;Warum waren sie gar so still
+und subaltern, die armen Liebesleutchen? Ach, t&auml;uschen
+wir uns nicht dar&uuml;ber hinweg; man hat aufgeh&ouml;rt,
+die Liebe als eine herrschende Gewalt zu be<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>trachten.
+Es ist deswegen auch ihr Ritus und Zeremoniell,
+wenn ich mich so ausdr&uuml;cken darf, verloren
+gegangen. Und was ist schuld daran? Wer wei&szlig; es!
+Vielleicht der Beruf, vielleicht die Bildung, vielleicht
+beides. Der eine Moloch verschlingt die Zeit, die
+sch&ouml;ne Muse zweckloser Tr&auml;ume, der andere vernichtet
+die Urspr&uuml;nglichkeit der Gef&uuml;hle. Es gibt zu
+wenig Leute, die sich langweilen, oder besser gesagt,
+die das Talent haben, sich zu langweilen. Man ist
+rationalistisch bis auf die allt&auml;glichen Launen. Man
+will immer einen Grund und immer einen Zweck.
+Man geht nicht mehr spazieren, sondern man macht
+Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel setzt, geschieht
+es f&uuml;r Dinge, die dessen nicht wert sind. Was
+mich betrifft, ich sah M&auml;nner, ernsthafte M&auml;nner erschrecken
+bei dem blo&szlig;en Gedanken an tieferes
+Attachement. Ich kannte andere, die auf Abenteuer
+ausgingen und die schleunigst, wie vom Donner gejagt,
+die Flucht ergriffen, wenn sie in Gefahr waren,
+einer Leidenschaft zu unterliegen, deren Meister sie
+nicht sein konnten. Da ist ein Mann, f&auml;hig zur Hingebung,
+ja, zur Aufopferung, der jeden Keim gro&szlig;er
+Empfindung durch unabl&auml;ssiges Frage- und Antwortspiel
+mit sich selbst zerst&ouml;rt, wie wenn ein verr&uuml;ckt
+gewordener G&auml;rtner jeden Morgen die sch&ouml;nsten
+Knospen abrisse und zwischen den Fingern zerriebe,
+und da sind andere die aus purer Herrschsucht, aus
+purem Mutwillen, aus purer Eitelkeit, aus purem Un<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>verstand
+das Kostbarste, was sich ihnen anbietet, zu
+niedrig einsch&auml;tzen, nur weil es sich ihnen anbietet,
+und verwesen lassen, was sie hegen sollten. Ich spreche
+jetzt nicht von dem, was mir widerfahren ist, denn
+mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind
+solche, die ihr halbes Leben darnach versehnen, sich
+in einem gro&szlig;en Gef&uuml;hl verlieren zu d&uuml;rfen; wenn
+dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie pl&ouml;tzlich
+voller Ausfl&uuml;chte, voller Ausreden, voller Angst,
+den Geist ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede
+Entschlossenheit in der Idee und in der Sehnsucht
+verausgabt. Das, sehen Sie, ist Empfindsamkeit, und
+diese Art Empfindsamkeit, sich in der Idee und in der
+Sehnsucht zu verschwenden, ist uns so verderblich.
+Da st&uuml;rzt man sich dann in den Pfuhl einer charakterlosen
+Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen, oder
+um den Zustand einer allgemeinen sinnlichen Unruhe
+zu beenden, oder um Konflikten zu entgehen, denen
+sie nicht gewachsen sind, oder um gewisser sozialer
+Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler Gedankenlosigkeit
+schlechthin; die M&auml;nner, um ein
+Heim zu gr&uuml;nden, wie sie mit heuchlerischer Poesie
+behaupten, in Wirklichkeit, um sich zur Ruhe zu
+setzen, um sich von ihren Jugends&uuml;nden, S&uuml;nden des
+Geistes und des Herzens, des K&ouml;rpers und der Seele
+zu erholen. W&auml;re dabei die Ehe blo&szlig; eine soziale
+Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie gewisse
+Freiheiten eher f&ouml;rdert als verbietet, oder wie im
+<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>Altertum ein ungleiches Verh&auml;ltnis von Tyrannei und
+Sklaverei zum Gesetz erhebt, so w&auml;re es noch gut;
+aber nein, sie ist sakrosankt, und damit sch&uuml;tzt sich
+die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, das
+ihr die Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst
+erwecken m&uuml;&szlig;te. Gro&szlig;er Gott, was f&uuml;r ein Rattenk&ouml;nig
+von Verlogenheiten! Alles mu&szlig; herhalten, um
+den Mangel wahrhafter Liebe, uneigenn&uuml;tziger und
+edler Gef&uuml;hle zu vertuschen: Wissenschaft und Kunst,
+Staatsinteresse und Humanit&auml;t, Christentum und Freigeisterei,
+lauter sch&ouml;ne Kulissen f&uuml;r ein nichtsw&uuml;rdiges
+Schauspiel!&laquo;</p>
+
+<p>Faustina war au&szlig;erordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid,
+ihr zerst&ouml;rtes Wesen r&uuml;hrte mich. Ich erkannte,
+wie das Schicksal in ihr gehaust, und ein halb entschuldigendes,
+halb selbstverspottendes L&auml;cheln, das
+alsbald auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht t&auml;uschen.
+Ich schwieg; mein langes Schweigen gab ihr
+wieder einige Haltung. Sie erhob sich und ging mit
+verschr&auml;nkten Armen auf und ab, wobei sie fortfuhr:
+&raquo;Es gibt eine Novelle von Tschechow, sie handelt von
+einem alternden Mann, der ein Liebesverh&auml;ltnis mit
+einer verheirateten Frau hat. Sie treffen sich heimlich,
+und einmal, gerade w&auml;hrend er sie begr&uuml;&szlig;end umarmt,
+wird er traurig und fragt sich, warum ihn diese so liebt.
+Er denkt an die andern, er denkt daran, wie viele ihn
+geliebt haben, und da&szlig; keine von ihnen, keine einzige
+mit ihm gl&uuml;cklich gewesen sei. Die Zeit verging, so
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>hei&szlig;t es ungef&auml;hr, er machte Bekanntschaften, schlo&szlig;
+Verh&auml;ltnisse, trennte sich wieder, aber niemals liebte
+er; es war alles, was man nur wollte, gewesen, aber
+keine Liebe. Das Wort ist in mir haften geblieben.
+Alles, was man nur wollte, war es gewesen, aber keine
+Liebe. Der Mann war, wie viele sind, und die Frau
+liebt ihn, ja, sie liebt ihn, aber nicht ihn selbst, sondern
+den Menschen, den ihre Phantasie geschaffen hat,
+und wenn sie ihren Irrtum bemerkt, liebt sie ihn dennoch
+weiter. Was sollte sie sonst tun? Darf ich Ihnen
+etwas verraten? Etwas recht L&auml;cherliches? Ich habe
+eine kleine Einteilung gemacht. Ich habe die Frauen
+eingeteilt in Katzennaturen und in Hundenaturen,
+und die M&auml;nner in Streber und Faulpelze. Katzen
+sind an den Ort gebunden, Hunde an den Herrn,
+Katzen sind treulos, Hunde sind treu, Katzen haben
+Charakter, Hunde nicht; wenn Sie den Finger ausstrecken,
+wird die Katze auf Ihre Hand, der Hund
+aber gegen das Ziel blicken; und so weiter. Sie wissen
+schon, was ich meine. Oder ist die Analogie nicht
+plausibel? Streber und Faulpelze, dar&uuml;ber lassen sich
+am&uuml;sante Beobachtungen machen. Was dem einen die
+Karriere, ist dem andern die Behaglichkeit. Der Streber
+ist skrupellos, der Faulpelz satt; der Streber ist ein
+Gl&uuml;cksj&auml;ger, der Faulpelz ein heimlicher Dieb, der
+seine Beute in Sicherheit gebracht hat, denn der Faulpelz
+ist immer ein heimlicher Dieb. Der Streber ist
+konservativ aus Grundsatz, der Faulpelz aus Stumpf<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>sinn,
+der Streber ist revolution&auml;r aus Opportunismus,
+der Faulpelz aus Eigennutz; der eine ist ein Wucherer,
+der andere ein Kuppler, und Philister sind alle beide.
+Ja, es ist eine herrliche Welt, eine herrliche Zeit! Wenn
+man dieses ganze Geschlecht in einen gro&szlig;en Sarg
+legen und auf einmal beerdigen k&ouml;nnte, so w&uuml;&szlig;t&#8217; ich
+eine wunderbare Grabschrift.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die w&auml;re?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verstorben an der weitverbreiteten schleichenden
+Seuche: Tr&auml;gheit des Herzens.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, daran stirbt man nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; nicht, weil man ganz bequem davon leben
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verrannt, verrannt, Faustina, rettungslos verrannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich,&laquo; murmelte Faustina, &raquo;verrannt wie Theseus.
+Aber aus diesem Labyrinth gibt&#8217;s kein Entkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Packen wir doch den Stier bei den H&ouml;rnern, Faustina.
+Was ist Liebe? Wer hat Liebe? Wer ist der
+Liebe f&auml;hig? Wer darf sich vermessen zu reden: Liebe
+ist so und so und nicht anders. Wer darf es wagen,
+&uuml;ber die Relationen des Begriffs hinauszufliegen und
+seine Einheit, seine pragmatische G&uuml;ltigkeit, seine
+reinste Inkarnation zu verk&uuml;ndigen? Liebe ist etwas
+ungeheuer Seltenes, Faustina. Machen wir uns das
+klar! Die Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die aus
+aller Leute Mund, ist ein Ph&auml;nomen, genau so selten,
+genau so gro&szlig;artig, genau so bewunderungsw&uuml;rdig
+wie das Genie. Ihre niedrigen oder minder niedrigen
+<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>Erscheinungsformen durch die Rangstufen der Kreaturen
+sind allerdings so reich und wechselnd wie die
+Kreaturen selbst. Nehmen Sie aber ein Individuum
+heraus, um es nach Ihrer Weise kurzerhand vor den
+Imperativ der Liebe zu stellen, so ist das ungef&auml;hr so,
+wie wenn Sie ihm die f&uuml;nfundzwanzig Buchstaben
+des Alphabets vorsagen und ihm dann befehlen: da
+hast du alles Notwendige, nun schaffe mir ein sch&ouml;nes
+Dichtwerk. Man ist gewohnt, mit dem Wort Liebe
+umzuspringen wie mit einem Hausger&auml;t. Es hat gar
+keine Unber&uuml;hrtheit mehr, dies ungl&uuml;ckselige Wort,
+es ist wie eine Dirne zu jedermanns Diensten, und
+mir scheint, man m&uuml;&szlig;te ein neues erfinden, um das
+auszudr&uuml;cken, was es ausdr&uuml;cken sollte. Da ist eine
+gewisse mittlere Literatur, die vorzugsweise von Liebe
+handelt, und zwar von einer Liebe, die Distinktion
+haben soll, Bedeutung haben soll, edelherzig und
+selbstlos sein soll, und ach, nichts von alledem besitzt
+sie, eine Wachspuppe ist sie. Wollte man sich, was ja
+nahe liegt, durch diese Produkte verf&uuml;hren lassen, an
+die H&auml;ufigkeit der Liebe zu glauben, so ginge man
+sehr fehl. Unsere besten Dichter, denen eine untr&uuml;gliche
+Vision die Realit&auml;t ihrer spezifischen Welt gibt,
+beziehen auch nur mit einer h&ouml;chst belehrenden Vorsicht
+die Liebe in das Bereich ihrer Erfindungen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil sie nichts davon wissen und weil sie sich davor
+f&uuml;rchten, genau wie im Leben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O nein, Faustina, das w&auml;re ein gar zu billiger Schlu&szlig;.
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>Weil sie ihre Seltenheit erkannt haben. Halten wir
+uns an das Gleichnis mit dem Genie. Das Genie tritt
+erst in Funktion, wenn es in eine Zeit geboren ist, die
+f&uuml;r sein Wirken schon vorbereitet ist. Es ist zwischen
+dem Genie und der Zeit sozusagen eine elektrische
+Spannung aufgespeichert. Mit der Liebe ist es nicht
+anders. Der zur Liebe geborene Mann mu&szlig; den f&uuml;r
+ihn bestimmten h&ouml;chsten Typus gewinnen und umgekehrt.
+Es gen&uuml;gt nicht, da&szlig; in einem Einzelwesen
+die F&auml;higkeit und M&ouml;glichkeit der Liebe vorhanden
+ist, sondern sie mu&szlig; durch ein besonderes Walten
+g&uuml;nstiger Umst&auml;nde einen w&uuml;rdigen Gegenstand finden.
+Wer zur Liebe bestimmt ist, der mu&szlig; zugleich
+etwas vom Helden und etwas vom M&auml;rtyrer haben.
+Nehmen wir also an, es entsteht in zwei bevorzugten
+Individuen die Liebe. Gehen wir ein wenig anatomisch
+zu Werke. Zerlegen wir eine solche Liebe in ihre Bestandteile.
+Da haben wir in erster Linie die Leidenschaft,
+die als eine Art Entflammung des Blutes und
+des Geistes gelten mu&szlig;; ferner: verg&ouml;ttlichende Kraft;
+durch sie wird das geliebte Wesen herausgehoben aus
+der Schar der Mitlebenden und in ein Idol verwandelt.
+Ferner: sinnliches und &uuml;bersinnliches Verlangen; das
+sinnliche entspringt der Leidenschaft, das &uuml;bersinnliche
+der Verg&ouml;ttlichung; sodann: unbegrenzte Hingebung;
+ihr Merkmal ist jedoch, da&szlig; sie auch bei
+h&ouml;chster Gro&szlig;mut des Gew&auml;hrens nie zu befriedigen
+vermag; ferner: eine Zartheit der Empfindung, die
+<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>abh&auml;ngig ist von jedem Traum, von der leisesten
+Ahnung, und endlich eine Ruhelosigkeit, die gleichwohl
+ein ganz bestimmtes Ziel hat, so wie die zitternde
+Magnetnadel. Sie mokieren sich &uuml;ber meinen professoralen
+Ton, wie ich sehe. Ich w&auml;hle ihn mit Absicht,
+da ich zwischen Schw&auml;rmerei und Sachlichkeit keine
+Wahl habe, und wenn ich nicht schw&auml;rmerisch erscheinen
+will, mu&szlig; ich trocken sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mokiere mich nicht. Fahren Sie nur fort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man braucht nur geringen Scharfblick, um daraus
+zu erkennen, da&szlig; die Liebe zwei Hauptquellen hat;
+eine elementare und eine ethische, eine sinnliche und
+eine sittliche. Betrachtet man nun die trivialeren Formen
+der Liebe, so zeigt es sich, da&szlig; sie fast immer nur
+auf eine einzige jener Eigenschaften gegr&uuml;ndet ist.
+Wir haben dann die Liebe aus Leidenschaft; oder die
+Liebe aus Sinnlichkeit; oder die selbstent&auml;u&szlig;ernde
+Liebe; oder die empfindsame Liebe; oder die ruhelos
+unbefriedigte Liebe. Die Variationsm&ouml;glichkeiten sind
+nat&uuml;rlich zahllos; zum Beispiel, wenn der Mann eine
+sinnliche und das Weib eine verg&ouml;ttlichende Liebe
+hegt oder umgekehrt; oder wenn der Mann ruhelos
+unbefriedigt und das Weib selbstent&auml;u&szlig;ernd liebt,
+und so weiter. Meist wird es so sein, da&szlig; gerade die
+schroffsten Gegens&auml;tze zusammentreffen. Mit der
+Variation beginnt auch schon der Konflikt, und wo
+Konflikte sind, ist keine Best&auml;ndigkeit. Die gro&szlig;e
+Liebe kennt keine Konflikte; bei ihr findet ein voll<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>kommener
+Ausgleich statt. Alles Differenzierte vereinigt
+sich zur Harmonie und zur Sch&ouml;nheit. Ein auszeichnender
+Vorzug wird nie isoliert sein und nie ohne
+Widerspiel wirken; erst das Widerspiel, in einem bejahenden
+Sinn, bringt eine Tugend zur Entwicklung:
+Anmut wird zum Beispiel den Geist bedingen, G&uuml;te
+die Kraft, Vornehmheit die Tapferkeit. In der gro&szlig;en
+Liebe und nur in ihr, verwandelt sich der Mensch; er
+wird sozusagen nach seinen idealen Grenzen erweitert.
+Er ist in einem Zustand von D&auml;monie, oder um Ihren
+Ausdruck zu gebrauchen, von Besessenheit. Alles
+Sichtbare und alles F&uuml;hlbare hat nur einen einzigen
+Bezug, er findet &uuml;berall und in allen Dingen das
+Gleichnis mit dem Objekt seiner Liebe, in der Musik
+und im Gedicht, im Ziehen der Wolken, im Rauschen
+der B&auml;ume, im Anschauen eines Bildes, einer Flamme,
+eines Steines; Vogelflug und Menschenwege haben
+f&uuml;r ihn dieselbe nebelhafte Ferne, und doch hat er
+alles in sich und nichts au&szlig;er sich, er ist nach allen
+Seiten gegen die Welt ge&ouml;ffnet und doch von ihr nicht
+mehr ber&uuml;hrbar, er ist der freundlichste Freund, der
+teilnehmendste Gef&auml;hrte und trotzdem mit der Geliebten
+im ganzen Universum allein. Was ihn zuerst
+an ihr hingerissen hat, sagen wir eine besondere W&ouml;lbung
+der Stirne, eine besondere Art, die Lider zu heben
+oder die Hand zu reichen, ein Ton der Stimme, ein
+Rhythmus des Schrittes, ein L&auml;cheln, eine Geb&auml;rde,
+das alles wird Weltgesetz, das hei&szlig;t: so gehen ein f&uuml;r
+<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>allemal die Menschen, so sprechen sie, so blicken sie,
+so reichen sie die Hand, das ganze Bild des Daseins
+wird zu einem fixierten Bild der Sch&ouml;nheit. In der
+gro&szlig;en Liebe n&auml;mlich ist alles Positivit&auml;t, und es ist
+alles in ihr unendlich und ewig. Sie kann deshalb niemals
+aufh&ouml;ren, weder auf der einen, noch auf der
+andern Seite. Nur der Tod kann ihr ein Ende bereiten,
+ein Ende, das freilich dem tiefsten Sinne nach ein
+scheinbares ist und sein mu&szlig;. Gl&uuml;ck oder Ungl&uuml;ck
+kommen f&uuml;r sie nicht in Frage, ihre Tragik liegt anderswo,
+ja sie ist die einzige Lebensform, die eine mitgeborene
+Tragik besitzt, und diese Tragik ist f&uuml;r sie
+nicht nur in der M&ouml;glichkeit, sondern auch in der Notwendigkeit
+des Untergangs, des Todes beschlossen.
+Die Liebe wei&szlig; keine andere Gefahr und Bedrohung
+als den Tod. Vom ersten Augenblick der Liebe steht
+der Tod als stummer W&auml;chter f&ouml;rmlich sichtbar daneben.
+Sehr sch&ouml;n ist das in Shakespeares Liebestrauerspiel
+zur Anschauung gebracht: alles strebt von Beginn
+an dem Tode zu, die Unabweisbarkeit, mit der
+er auftritt, regiert heimlich jedes Geschehen. Und um
+den Unterschied der Gattungen zu bezeichnen, ist
+Romeo, bevor das gro&szlig;e Entetement eintritt, in eine
+Liebe von gew&ouml;hnlicher Beschaffenheit verstrickt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin f&uuml;hren Sie mich da, mein Teurer&laquo;, seufzte
+Faustina. &raquo;Das gelobte Land dieser Liebe ist f&uuml;r unsereinen
+nicht erreichbar. Dazu m&uuml;&szlig;te man unter einem
+besonderen Stern zur Welt kommen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>&raquo;Ja, wie zu allem Gro&szlig;en&laquo;, versetzte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie denn im Ernst, da&szlig; es eine solche Liebe
+wirklich gibt?&laquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te l&auml;cheln, denn ihre Frage hatte etwas von
+der Naivit&auml;t eines Kindes.</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie auch,&laquo; fuhr sie fort, &raquo;da&szlig; die Bestimmung
+dazu nur auf der einen Seite, auf der Seite des
+Mannes oder des Weibes liegen kann, da&szlig; der eine
+Teil vergeblich nach dem andern schmachtet und die
+ganze Erde durchsucht, ohne ihn zu finden?&laquo;</p>
+
+<p>Faustina sah mich &auml;ngstlich an, sie wollte offenbar eine
+Beruhigung gewinnen, sie merkte nicht, da&szlig; ich die
+Antwort auf diese Frage schon gegeben hatte. &raquo;Ohne
+Zweifel&laquo;, erwiderte ich. &raquo;Jeder denkbare Zustand der
+Seele und des Gef&uuml;hls kann und wird irgendwie und
+irgendwo zur Erscheinung gelangen, sonst w&auml;ren wir
+nicht imstande ihn uns vorzustellen. Der Fall, den Sie
+fiktieren, hat aber mit der gro&szlig;en Liebe nichts mehr
+gemein, vielleicht &uuml;berhaupt nicht mit der Liebe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sondern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sondern mit der Sehnsucht. Sehnsucht kann produktiv
+sein, sie kann aber auch unfruchtbar sein. Das
+h&auml;ngt von dem ab, der sie n&auml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich d&uuml;nkt, Sehnsucht ist das erhabenste Gef&uuml;hl
+in der menschlichen Brust.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie produktiv ist, ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was nennen Sie produktive Sehnsucht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Produktive Sehnsucht nenn ich diejenige, die im<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>stande
+ist, einer Vorstellung Wirklichkeit, einem getr&auml;umten
+oder erw&uuml;nschten Zustand Gegenwart zu
+verleihen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da setzen Sie ja, und wie ist das m&ouml;glich bei der
+Sehnsucht, einen Willensakt voraus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das tue ich allerdings; einen Willensakt, der vielleicht
+durch geheimnisvolle telepathische M&auml;chte beg&uuml;nstigt
+und unterst&uuml;tzt wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, ich sehe schon, Sie decken sich. Wenn man zum
+Unerforschlichen seine Zuflucht nimmt, h&ouml;ren die
+Argumente auf. Dem Unerforschlichen gegen&uuml;ber
+gibt es ja keine Schuld und keinen Irrtum mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum auch von Schuld reden, Faustina? Aber Sie
+m&ouml;gen recht haben, vielleicht ist es wirklich eine Art
+von Schuld, wenn das Gef&uuml;hl nicht bis zum geliebten
+Gegenstand tr&auml;gt, sondern unterwegs durch fremde
+Einfl&uuml;sse gebrochen wird. Nie beirrbaren Instinkt zu
+besitzen, das ist schon eine gro&szlig;e Sache; und eine
+seltene Sache. So wie unser Leben sich heute abspielt,
+nicht wahr, wie jeder einzelne verwoben ist in ein
+maschinenhaft bewegtes Ganzes, wie er gezwungen
+ist, sich an vieles hinzugeben, was seinem Wesen fremd
+ist, wie sein geringster Fehltritt ihn unrettbar hinunterrei&szlig;t
+von dem Weg seines Willens, wie er unverborgen
+dasteht, immer Kettenglied, wie all sein Tun und Handeln
+eine weitaus n&auml;here und schnellere Folge hat als
+er es w&uuml;nscht, wie das Elementare best&auml;ndig in ihm
+ank&auml;mpfen mu&szlig; gegen die Forderungen des Tages
+<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>und der Welt, wie er Ruhe und Selbstbestimmung hingeben
+mu&szlig;, nur um nicht erdr&uuml;ckt zu werden von den
+Gewalten, die um ihn toben, so wird es nat&uuml;rlich immer
+schwerer, einer inneren Stimme zu gehorchen, ja blo&szlig;
+&uuml;berhaupt sie zu h&ouml;ren. Was vor wenigen Generationen
+noch einer Zahl von f&uuml;nfzig beschieden war,
+das wird heute infolge der strengeren Wahl und h&auml;rteren
+Erprobung nur an zw&ouml;lfen oder f&uuml;nfen oder
+dreien erf&uuml;llt. Wer wird um des Ideals in der Liebe
+willen sein Leben aufs Spiel setzen? Gl&uuml;cklicherweise
+ist das menschliche Herz immer zu Vertr&auml;gen bereit.
+W&uuml;rde die Liebe pl&ouml;tzlich Gemeingut aller, so w&auml;re
+in vierzig Jahren die Erde ausgestorben. Wer nicht
+zur Liebe erw&auml;hlt ist, dem hat das Schicksal auch
+St&auml;rke und Geduld versagt. Er bescheidet sich, weil
+er sich bescheiden mu&szlig;. Er liebt, was ihm Liebe entgegenbringt;
+sein Regent ist der Zufall. Er erobert
+oder er l&auml;&szlig;t sich erobern, ein Anschein von Schwierigkeit
+und Ferne erzeugt die ihm notwendige Poesie.
+Der eine liebt einen K&ouml;rper, der zweite ein Gesicht,
+der dritte einen Blick, ein Hand. Ich meine das nicht
+gerade w&ouml;rtlich, ich will damit nur sagen, da&szlig; er den
+Teil f&uuml;r das Ganze nimmt. Den Teil f&uuml;r das Ganze zu
+nehmen, das ist so Menschenart, und nicht einmal die
+schlechteste, sie bildet sogar Charaktere. Der Liebende
+ist Augenmensch; seine Leiden sind wirklich, seine
+Freuden sind dionysisch; der andere, der die Liebe
+nur ahnt wie ein Nachtg&auml;nger das Morgenrot, ist ein
+<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>tastender Mensch, seine Glut ist ein Fieber, seine
+Leiden und Freuden sind imagin&auml;r, er s&auml;ttigt sich von
+Brot, indes seine Phantasie Himmelsspeise verzehrt,
+er sieht nicht, er versteht gar nicht zu sehen, er will
+nur eingelullt sein, er will nur tr&auml;umen, er ist stets
+philosophisch aufgelegt oder ist argw&ouml;hnisch, eifers&uuml;chtig,
+traurig, uners&auml;ttlich, rasch &uuml;bers&auml;ttigt; er kann
+sich nicht in der Liebe verlieren, so gern er es m&ouml;chte,
+denn der Strom, der ihn erfa&szlig;t hat, ist nicht tief genug.
+Manche lieben nur die Liebe oder die Sehnsucht nach
+der Liebe oder die Maske der Liebe oder die Unruhe
+der Liebe oder den Triumph der Liebe, und so k&ouml;nnen
+wir immer tiefer heruntersteigen, bis von der Liebe
+nichts mehr &uuml;brig bleibt als der Name. Unverm&ouml;gen
+hat vielerlei Gestalten. Kannten Sie nicht damals auch
+den jungen Baron B., der bei der deutschen Gesandtschaft
+war?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den gro&szlig;en Frauenverf&uuml;hrer &#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl. Nichts ist heute leichter als den Titel eines
+Verf&uuml;hrers zu erwerben, man braucht blo&szlig; ein wenig
+Methode in die Art zu bringen, wie man sich am&uuml;siert.
+Dieser Baron B. also war immer mit einem Dutzend
+Frauen gleichzeitig intim. In jede einzelne war er eines
+bestimmten Vorzugs wegen verliebt, und er setzte mir
+einmal allen Ernstes auseinander, seine Vorstellung
+von Liebe sei eine so ungeheure, da&szlig; er niemals hoffen
+k&ouml;nne, das was er suche, in der Totalit&auml;t einer Person
+anzutreffen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>&raquo;Ein Freibeuter&laquo;, erwiderte Faustina ver&auml;chtlich. &raquo;Vor
+f&uuml;nf Jahren hat er eine &auml;ltliche Million&auml;rin geheiratet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, so enden unsere Verf&uuml;hrer in der Regel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von hundert sogenannten Frauenhelden wissen neunundneunzig
+&uuml;berhaupt nicht, wie eine Frau beschaffen
+ist&laquo;, sagte Faustina.</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja, wo Sinnlichkeit den Blick verwirrt, kann
+von Liebe nicht mehr die Rede sein. Es ist ein Unterschied
+wie zwischen dem Rauch und der Flamme.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es so? Ist es wirklich so?&laquo; versetzte Faustina
+hastig. &raquo;Sinnliche Leidenschaft tr&auml;gt nicht, das gebe
+ich zu. Aber wenn wir die Liebe nur in ihrer Vollkommenheit
+anerkennen wollen, was bleibt dann noch
+bestehen? was darf dann noch Liebe hei&szlig;en? Lassen
+Sie mir doch die Dinge ein wenig einfacher. Der
+Mensch, so wie er eben ist, vermag sich nicht auf der
+H&ouml;he seines Gef&uuml;hls zu halten. Der G&uuml;tigste, der
+Edelste hat einen Teufel in der Brust, der ihn zwingt,
+sich am g&ouml;ttlichen Teil seines Wesens zu vergreifen.
+Vielleicht ist in der Liebe die Sinnlichkeit so ein Teufel,
+vielleicht ist sie ein boshaftes Tier, wie die Heiligen
+sagen. Vielleicht ist sie aber die Erhalterin der Welt?
+Und wenn sie die Erhalterin der Welt ist, warum ihr
+&Uuml;bles nachreden? L&auml;&szlig;t sie sich denn von der Liebe
+trennen? Sie sagen: Liebe will den Tod. Ich wage nicht
+daran zu r&uuml;tteln, obwohl ein solcher Satz alle meine
+Gedanken durcheinanderwirbelt. Aber angenommen,
+Sie haben recht, wie l&auml;&szlig;t sich das mit der Absicht der
+<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Natur vereinigen, die doch durch Liebe die Gattung
+fortpflanzen will?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein Irrtum, Faustina. Durch Liebe wird die
+Gattung eben nicht fortgepflanzt, zum mindesten ist
+sie nicht darauf gestellt. Sie ist sich selber Zweck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oho! Wenn Sie das vor versammeltem Volk sagen,
+wird man Sie steinigen. Ich dachte, ein heutiger Mensch
+d&uuml;rfe gar nicht an Liebe denken, ohne zugleich an das
+Kind zu denken. Mein Gott, sehen Sie nur unsere gebildeten
+jungen M&auml;dchen an! Welche Sachlichkeit!
+Welche Wissenschaftlichkeit! Sie tun, als ob sie in der
+Liebe zugleich ein Hebammenexamen bestehen m&uuml;&szlig;ten.
+Na gut, werde jeder selig wie er will. Aber das
+mu&szlig; ich schon sagen, ein Symptom liegt darin. Man
+ist nicht ehrlich in diesen Dingen. Und weil man nicht
+ehrlich genug ist, der Liebe oder der Sinnlichkeit ihre
+selbstverst&auml;ndlichen Rechte zuzugestehen, nimmt man
+das Kind als Vorwand, sich zu decken. Man gibt der
+Pr&uuml;derie und der Entschleierung ein Pseudonym, das
+sie mehr entw&uuml;rdigt als besch&ouml;nigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht so wild, Faustina! Sie haben eine Art mir beizupflichten,
+die mich fast an meiner Meinung irre
+macht. Die Gesch&ouml;pfe, von denen Sie sprechen, sind
+ja nur Mi&szlig;leitete. Und der Geist der Zeit selber ist
+es, der sie betr&uuml;gt. Aufkl&auml;rung hei&szlig;t heute das gro&szlig;e
+Wort. Nur ist allerdings diese Aufkl&auml;rung etwas anderes
+als man sie vor hundert Jahren verstand. Vor
+hundert Jahren wollte man einfach alles aufkl&auml;ren:
+<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>Himmel und H&ouml;lle, M&auml;rchen und Wunder, Kunst und
+Religion. Eine verh&auml;ngnisvolle Str&ouml;mung, der das noch
+lange nicht genug, nicht dankbar genug gew&uuml;rdigte
+Emporwachsen der deutschen Romantik sich hilfreich
+entgegend&auml;mmte. <em class="gesperrt">Unsere</em> Aufkl&auml;rung hat sich verinnerlicht.
+Man will allem, was in der Seele des Menschen
+vor sich geht, nicht so sehr verstandesm&auml;&szlig;ig als
+auf Wegen des Gef&uuml;hls, der Deutung, der Ahnung
+beikommen. Die Schriftsteller haben sich in Seelenforscher
+verwandelt, die Erzieher in mehr oder weniger
+eigensinnige Deterministen. Man legt dem Unbestimmtesten
+eine Bestimmung unter, uralte Traditionen
+verlieren ihr Gewicht, bedeutungsvoll Gestaltetes
+seine Kontur, Rangunterschiede werden verwischt,
+Autorit&auml;t erweckt Mi&szlig;trauen, und ich leugne
+es nicht, ich kann es leider nicht leugnen, die allgemeine
+Demokratisierung, dem kleinen Geist eine
+Wohltat, dem gro&szlig;en ein Horror, erstreckt sich bis in
+die verborgensten Winkel des Herzens. Aber mein
+Trost ist, da&szlig; dies alles ja nur ein &Uuml;bergang ist. Mir
+ist oft zumut, als ob ein unsichtbarer Riese unsere Welt
+in St&uuml;cke zerfetzte, um aus den Bestandteilen eine
+neue, bessere, sch&ouml;nere zu machen, und als ob diese
+Zerst&uuml;ckelung notwendig sei, um unser Dasein auf
+eine h&ouml;here Fl&auml;che zu heben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hirngespinste&laquo;, sagte Faustina kopfsch&uuml;ttelnd. &raquo;Was
+soll ich mit Hirngespinsten? Um mich mit einem Gegebenen
+abzufinden, dazu bin ich. Ist mir der gegebene
+<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>Zustand unertr&auml;glich, nun, so emp&ouml;re ich mich. Demokratisierung,
+ja, ja, das ist es! Was hei&szlig;t denn: Demokrat
+sein? Demokrat sein hei&szlig;t, etwas bedeuten wollen
+au&szlig;erhalb einer organischen Soziet&auml;t. Nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl, oder als Pers&ouml;nlichkeit auftreten au&szlig;erhalb
+der Soziet&auml;t und sich ihr entziehen auf Grund singul&auml;rer
+Rechte oder selbstgeschaffener Befugnisse.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ausgezeichnet. Was kann nun dabei zustande kommen?
+Da ist der Adel. Was hat ihn zu allen Zeiten so
+m&auml;chtig werden lassen? Doch wohl nur der eherne
+Zusammenhang seiner Mitglieder auf Grund einer
+ehernen &Uuml;berlieferung. Heute aber, heute ist jeder
+Ladendiener schon mit einer Individualit&auml;t versehen,
+und jede aufgeputzte Kuh faselt von ihrem Selbstbestimmungsrecht.
+Was ist die Folge? Ehe noch die
+&auml;rmlichsten Menschenpflichten erf&uuml;llt sind, werden
+der Menschheit schon Gl&uuml;cksforderungen gestellt,
+wie man einen Wechsel auf Sicht pr&auml;sentiert. Alle,
+die so im gl&uuml;cklichen Besitz einer Pers&ouml;nlichkeit sind,
+was eben Pers&ouml;nlichkeit nach ihrer Ansicht ist, gleichen
+den schlechten Kaufleuten, die sich bei einem gro&szlig;en
+Unternehmen mit einem kleinen Kapital beteiligen
+und &uuml;ber Nacht Million&auml;re werden wollen. Diese
+Pers&ouml;nlichkeitsritter &uuml;ben ein neues Faustrecht aus
+und die Gesetzlosigkeit, die sie beg&uuml;nstigt, erscheint
+ihnen als der Gipfel der Freiheit und Kultur. Meine
+&Uuml;berzeugung ist aber die, da&szlig; ein demokratisches
+Zeitalter nun und nimmermehr ein Zeitalter der Liebe
+<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>sein kann. Gerade in der Liebe wird ja die Aufopferung
+der Pers&ouml;nlichkeit verlangt. Hingabe! Ein herrliches
+Wort! Der Demokrat, der individuelle Demokrat, er
+gibt sich nicht hin, er gibt sich nur auf. Und liebt er,
+so mu&szlig; er zweckvoll lieben. Und au&szlig;erhalb der Sinnlichkeit,
+wo w&auml;re da f&uuml;r ihn noch Zweck? Also mu&szlig;
+er sinnlich lieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man kann das formulieren, wie man will, Faustina,
+und ich streite nicht dagegen, nur wundre ich mich,
+weil Sie vorhin doch selbst f&uuml;r die Sinnlichkeit pl&auml;diert
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, da&szlig;
+die Sinnlichkeit ihren eigenen Thron aufgerichtet und
+die andern Kr&auml;fte der Liebe unterjocht hat. Wenn das
+organische Ineinanderwirken der Kr&auml;fte aufh&ouml;rt, so
+entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die
+sich auf Kosten des &uuml;brigen K&ouml;rpers n&auml;hren und ihn
+langsam vernichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieser medizinische Vergleich ist mir zu &#8211; moralisch,
+liebe Freundin. Wir d&uuml;rfen hier um keinen Preis
+moralisch sein, wir untergraben uns sonst die M&ouml;glichkeit
+der Verst&auml;ndigung. Es gibt eine Art von Sinnlichkeit,
+die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn
+es in klares Wasser f&auml;llt und das Wasser bis auf den
+Grund durchleuchtet, es entmaterialisiert. Welche
+Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen Sinnlichkeit
+entgegenstellen? Etwa die naive? Das g&auml;be ein Schema.
+Jedes Schema bleibt hinter der Erfahrung zur&uuml;ck, von
+<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>der Synthese ganz zu schweigen. Statuieren wir also,
+beispielsweise, einen Unterschied zwischen elementarer
+und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die
+Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das
+Weibchen schlechthin begehrt? Ist Werther differenziert,
+weil er sich um Lotte erschie&szlig;t? Sie sehen, man
+hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie
+werden mir doch nicht ausreden, da&szlig; es eine Sinnlichkeit
+gibt, die eine Ursache und eine Sinnlichkeit, die
+eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere
+eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere
+kommt aus der Seele ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit
+kommen wir zu keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur
+dann Einsicht, wenn wir von der Phantasie ausgehen,
+wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne Phantasie,
+und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja,
+ich gehe so weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit
+sind gleichsam die beiden Fl&uuml;gel desselben
+Wesens, des Liebewesens n&auml;mlich, die beiden Fl&uuml;gel,
+ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos l&ouml;sen
+und von der Erde erheben kann. Und das eine ist mir
+klar: da&szlig; das moderne Ideal von Liebe oder von Sinnlichkeit
+viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie
+steht, als es jemals der Fall war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist das Ihr Ernst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdr&uuml;cklich:
+<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>das Ideal. Ich will die Erscheinungen selbst nicht betrachten;
+ich will gern zugeben, da&szlig; wir vom Ideal
+weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber
+nicht in der Inferiorit&auml;t des Lebens, sondern in der
+Superiorit&auml;t des Ideals. Gerade durch die Pers&ouml;nlichwerdung
+unserer Existenz wird ja der Reichtum der
+Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich
+gesteigert. Was auf der einen Seite die Vereinzelung
+der Guten, die Vereinsamung der T&uuml;chtigen
+bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und
+das Gesetz aus, unter dem sie &uuml;berhaupt zur Geltung,
+zur Entfaltung ihrer Kr&auml;fte gelangen. Es findet dadurch
+ein Zusammenflu&szlig; von vielen isolierten Idealen,
+ein Ineinandergreifen erh&ouml;hter Lebensstimmungen
+der heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und
+deren organische Verschmelzung, wenn es einmal so
+weit gekommen sein wird, sich gar sehr von den primitiven
+und deswegen von vornherein harmonischen
+Idealen fr&uuml;herer Epochen unterscheiden wird. Und
+au&szlig;erdem, was k&ouml;nnte ein st&auml;rkerer Ansporn f&uuml;r die
+Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen Ideal
+und Wirklichkeit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach so,&laquo; sagte Faustina stirnrunzelnd, &raquo;es soll also
+die Phantasie ein Mittel des Verzichtes werden? Da
+sieht mans, mit Logik kommt man herrlich weit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu einem Mittel des Verzichtes, &#8211; ja. Aber nicht im
+Geist der Askese, sondern im Geist der Vollkommenheit
+und Vervollkommnung. Ein Liebender, Faustina,
+<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>was ist er denn anders als einer der gew&auml;hlt hat, einer
+dessen dr&auml;ngendes Gef&uuml;hl sich f&uuml;r die intensivste
+ihm m&ouml;gliche Lustquelle entschieden hat. Denken wir
+uns die sinnlichste Natur; denken wir sie zugleich
+liebef&auml;hig und zur Liebe bestimmt in der edelsten
+Art. Indem sie w&auml;hlt, vollzieht sie unwiderruflich ihr
+Schicksal; das wei&szlig; sie, und weil sie es wei&szlig;, folgt sie
+einem hohen sittlichen Gebot, wenn sie den Gegenstand
+der Liebe in die h&ouml;chste Region der Vollkommenheit
+erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel
+ist, je mehr kann die Realit&auml;t vergessen werden, und
+nicht in einer selbsts&uuml;chtigen T&auml;uschung, sondern in
+einer sch&ouml;nen, selbstlosen, idealen T&auml;uschung, ja,
+schlankweg gesagt, in einer T&auml;uschung zugunsten
+des Vollkommenen. Oder nehmen wir ein negatives
+Beispiel: nehmen wir ungl&uuml;cklich Liebende; ich meine
+nat&uuml;rlich nicht solche, die aus &auml;u&szlig;erlichen Gr&uuml;nden,
+sondern solche, die aus innerlichen Gr&uuml;nden verhindert
+sind, eins zu werden. Ungl&uuml;cklich Liebende sind
+Wesen, die nicht die Geduld, das hei&szlig;t, nicht die
+Kraft, im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten
+zu w&auml;hlen. Nun was hei&szlig;t aber das: geduldig sein
+und dabei leidenschaftlichen Gem&uuml;ts? Es will nichts
+anderes sagen als sch&ouml;pferische Phantasie besitzen.
+Und da&szlig; der wahrhaft Liebende sch&ouml;pferische Phantasie
+besitzt, das zeigt sich eben in demselben Augenblick,
+wo er zu lieben beginnt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht
+<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>sehe ich ein, inwiefern wir, wir Auserlesenen des
+zwanzigsten Jahrhunderts, darin einen Vorzug haben.
+Ihre Argumente gen&uuml;gen mir nicht; ach, in Argumenten
+bin ich so ungen&uuml;gsam wie in allem andern.
+Es gab eine Zeit, da war die Liebe ein Ereignis, ein
+Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie, und
+heute? Ist f&uuml;r Sie oder f&uuml;r Ihre Altersgenossen, ist f&uuml;r
+Mann oder Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies
+gro&szlig;e Unbegreifliche, dies ... nun dies Wunderbare &#8211;?
+Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich
+nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen?
+Verwandeln sich die Erlebnisse einer Frau nicht in ein
+Erkennen? In diesem Punkt ist eure Gerechtigkeit,
+eure ber&uuml;hmte M&auml;nnergerechtigkeit nichts wie aufgeschm&uuml;ckte
+Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder
+nicht ist, was soll da die Phantasie? Was sollen
+Fl&uuml;gel, wo keine Luft ist, die sie tr&auml;gt? Vom Adler erz&auml;hlt
+man, da&szlig; er sterben mu&szlig;, wenn er nicht mehr
+fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also mu&szlig; er
+sterben. Ihr gleicht nicht den Adlern, ihr M&auml;nner, ihr
+k&ouml;nnt auch gehn und macht euch vor jedem J&auml;ger aus
+dem Staub.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das
+klingt, Faustina! Wie aus einem Roman der George
+Sand. Die Sache ist wirklich die, da&szlig; uns die Liebe
+gar kein Wunder mehr bedeutet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? Und warum, wenn man fragen darf? Lassen
+Sie mich den Grund h&ouml;ren; ich bin neugierig und im
+<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>voraus voller Widerspruch, denn daran h&auml;ngt mir ein
+St&uuml;ck Herz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, die Liebe als Ph&auml;nomen ist f&uuml;r uns kein Wunder
+im Sinn von 1750 oder 1820, wo der Liebende sich
+in der Erlesenheit seines Gef&uuml;hls spiegelte, an seinem
+Gef&uuml;hl fast zum Narzi&szlig; wurde. Der Grund, weshalb
+dem nicht mehr so ist, besteht darin, da&szlig; wir einerseits
+zu wissenschaftlich, andrerseits zu historisch dazu
+empfinden. So trocken herausgesagt, schmeckt das
+nach Pedanterie, aber wir sind uns ja der Ursachen
+nicht bewu&szlig;t. Zu wissenschaftlich: nicht nur, weil wir
+es in B&uuml;chern lesen oder weil wir es in der Natur
+beobachten oder weil uns jeder Vorgang des Lebens
+dar&uuml;ber belehrt, sondern weil uns die &Uuml;berzeugung
+oder besser ausgedr&uuml;ckt die Anschauung in Mark und
+Knochen sitzt, da&szlig; alles, was da atmet, wird und
+w&auml;chst, ein und demselben Gesetz gehorcht, da&szlig; ein
+Band der Liebe sich um alle Wesen schlingt, ein Trieb
+der Zeugung, ein Wille, Sch&ouml;pfer zu sein, den Tod
+zu besiegen, alle und alles bis ins Innerste durchdringt.
+Zu historisch darum, weil unser Geist in keinem Fall
+berauscht und egoistisch am Augenblick h&auml;ngt, weil
+wir voll sind von Vergangenheit, von immanenter Erfahrung,
+weil das Geschick einzelner sowohl wie
+ganzer Geschlechter, ja der ganzen Gattung best&auml;ndig
+und ohne da&szlig; wir dessen gewahr werden, zu uns redet
+und unsere eigenen Wege deutet. So wenig uns ein
+Gewitter in abergl&auml;ubische Furcht versetzt, so wenig
+<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>also wird uns das Ereignis gro&szlig;er Liebe wunderbar
+d&uuml;nken; beides kommt ja aus der Natur, beides ist im
+Entstehen und Vergehen gegr&uuml;ndet. Nun jedoch tritt
+das Seltsame ein: Im Gro&szlig;en, in allem Katastrophalen
+der Existenz haben wir aufgeh&ouml;rt, Wunder und Beg&uuml;nstigung,
+Geheimnis und pers&ouml;nliche Verschuldung
+zu erblicken; im Kleinen aber, im Allt&auml;glichen des
+Tuns und Betrachtens wird uns ein jedes Ding verwunderlich.
+H&ouml;chst bezeichnend ist es, dies Wort: sich
+wundern. Wir verwundern uns eigentlich unaufh&ouml;rlich.
+Es erstaunt uns der Wurm, es erstaunt uns der
+Sternenhimmel, es erstaunt uns der Apfel, es erstaunen
+uns Berg, Strom und Wasser. Es erstaunt uns der
+Bettler und es erstaunt uns der reiche Mann, es erstaunt
+uns der M&ouml;rder und es erstaunt uns der Dichter,
+es erstaunt uns der Tapfere und erstaunt uns der Feigling.
+Das macht, weil wir in allen diesen die Notwendigkeit
+entdeckt haben, das Gef&uuml;hl f&uuml;r die Unbedingtheit
+ihres Seins und damit in letzter Linie die
+Sch&ouml;nheit, die ihnen eigene Form der Sch&ouml;nheit. Wie
+ehedem von einem Pantheismus k&ouml;nnten wir von
+einem Panhumanismus sprechen oder besser von einer
+Allwesenheit. Es ist uns alles menschlich geworden,
+kreat&uuml;rlich geworden, &#8211; zugeh&ouml;rig. Da&szlig; sich dadurch
+die Quellen der Freude um ein Unerme&szlig;liches vermehrt
+haben, ist klar, und das Reich der Sch&ouml;nheit
+ist, wie Christus vom Reich Gottes sagte, in uns. Das
+Reich der Liebe auch. Und wenn wir nun die ganze
+<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>Welt derma&szlig;en in uns haben, wenn unsere Sinne sie
+unaufh&ouml;rlich besitzen, so folgt daraus doch f&uuml;r die
+Sinne selbst, da&szlig; sie auf ein Begrenztes, auf ein Gehaltvolles,
+auf ein Zweck- und Zielvolles gewiesen sind,
+da&szlig; sie mutiger, sicherer und stolzer geworden sind
+und da&szlig; ihr unentbehrlichster Verb&uuml;ndeter, weil sie
+von Anschauung, von Ahnung, von Begreifen, von
+Andacht, von Weltgef&uuml;hl gen&auml;hrt werden, die Phantasie
+ist. So ist es auch in der Liebe. Die Sinnlichkeit
+ist darum nicht mehr auf den K&ouml;rper beschr&auml;nkt, sie
+will nicht erobern und nicht verf&uuml;hren; von galanten
+K&uuml;nsten braucht sie &uuml;berhaupt nichts zu verstehen,
+denn sie sucht nichts weiter als &Uuml;bereinkunft. Sie
+&uuml;berlistet nicht, weil sie wertet; sie enth&uuml;llt nicht den
+Leib, sondern die Seele, ja, sie ist ganz und gar auf
+solche innere Enth&uuml;llungen angewiesen, und eine
+Form gibt ihr nichts, wenn der Form nicht ein Inhalt
+entspricht. Eifersucht ist ihr deshalb ein unfa&szlig;barer
+Begriff, denn gerade die Einmaligkeit, die unwandelbare
+Gesetzm&auml;&szlig;igkeit, darauf beruht sie. Es ist keine
+Regung in ihr, die nicht, mit einem Wort gesagt, auf
+Verst&auml;ndigung beruhte. Damit sind wir wiederum bei
+der Phantasie angelangt, denn Verst&auml;ndigung hat ja
+keine andere Wurzel als die geistige Macht des Menschen,
+die Phantasie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie springen etwas willk&uuml;rlich mit der Phantasie um,
+mein Bester&laquo;, bemerkte Faustina k&uuml;hl.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="gesperrt">Tu</em> ich das? In der Tat, ich schreibe der Phantasie
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>eine weitaus gr&ouml;&szlig;ere Rolle zu als es sonst geschieht.
+Erst mit ihrer Hilfe sind wir f&auml;hig, die Seelen anderer
+Menschen zu erfassen. Viele Eigenschaften, die man
+nur zu leicht als Laster anzusprechen geneigt ist, sind
+lediglich in einem Mangel an Einbildungskraft begr&uuml;ndet.
+Der Geizhals, der Hoff&auml;rtige, der Grausame,
+der N&ouml;rgler, der Denunziant, der Selbstzufriedene, der
+Gottesleugner usw. was sind sie anders als Phantasielose
+oder &#8211; Phantasten, was beinahe das selbe ist. Gewisse
+Worte m&uuml;&szlig;ten uns t&ouml;ten, wenn nicht die Einbildungskraft
+w&auml;re, die sie zu Luft und Schall zerstieben
+l&auml;&szlig;t. Haben Sie das nie erfahren, Faustina?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217;s erfahren, wahrlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und g&auml;be es Verzeihung f&uuml;r erlittene Beleidigungen
+ohne die Phantasie? Nein. Der Mensch ist rachs&uuml;chtig,
+die Phantasie veredelt diesen Impuls. Ein solcher
+Mensch ist nun nicht mehr lasterhaft. Man kann getrost
+sagen: wer echte Phantasie besitzt, der ist tugendhaft.
+Wenn Sie nun der Sinnlichkeit die Phantasie
+nehmen, was bleibt dann &uuml;brig? Wenn ich liebe, und
+mein sinnliches Verlangen ist ohne Phantasie, so bin
+ich wie einer, der in absoluter Finsternis gefangen ist,
+ja, es ist m&ouml;glich, da&szlig; ich dadurch dem Wahnsinn
+verfalle. Erst durch die Phantasie erh&auml;lt meine Begierde
+die Weihe, die S&uuml;&szlig;igkeit, die Sch&ouml;nheit, den Mondglanz
+der Bezauberung und jenen Tropfen von Melancholie,
+ohne den eine Leidenschaft nicht beseelt erscheint.
+Sinnlichkeit ohne Phantasie ist nichts als der
+<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>traurige Zweikampf zweier Wesen, die einander unbewu&szlig;t
+zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im
+Leben nicht blo&szlig; das eine oder das andere; die Leiden
+und Irrungen, die ein unvollkommener Zustand mit
+sich bringt, bleiben schlie&szlig;lich wenigen erspart. Wie
+oft sieht man Eheleute oder Liebesleute im Streit!
+Wie manche Ehe, die durch die Liebe getragen schien
+und nur noch durch Gewohnheit und b&uuml;rgerliche
+R&uuml;cksichten befestigt ist, schleppt sich m&uuml;hselig hin
+unter Hader, Zank und Mi&szlig;verst&auml;ndnissen! M&auml;nner,
+sonst gerecht und vornehm, Frauen, sonst z&auml;rtlich und
+nachsichtig, vergessen sich; sie werden zu Tieren, die
+auf einander Jagd machen, sich einander Wunden zuf&uuml;gen,
+harte Worte w&auml;hlen, Worte wie geschliffene
+Messer, mit &uuml;bertriebenen Beschuldigungen die Achtung
+untergraben, die jeder vom andern billig verlangen
+mu&szlig;, und ohne die Haltung sind, die sie auch
+dem Gleichg&uuml;ltigen gegen&uuml;ber zu wahren wissen. Es
+sind das h&auml;&szlig;liche Szenen, und h&auml;&szlig;lich sind sie, weil
+solche Menschen aller Phantasie bar sind, weil sie
+nicht verm&ouml;gen, die Armseligen, &uuml;ber den Augenblick
+hinauszudenken, weil der Augenblick in ihnen st&auml;rker
+ist als das Herz, als das Schicksal, als Tod und Ewigkeit.
+Ja, so sind die Phantasielosen, sie leben nur von
+Augenblick zu Augenblick, sie schwingen nur in den
+Intervallen, der Augenblick selbst ist ihnen nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das alles ist mir zu allgemein&laquo;, sagte Faustina. &raquo;Teils
+zu allgemein, teils zu kategorisch. Ich kenne Verh&auml;lt<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>nisse,
+deren Beschaffenheit mit der Phantasie gar nichts
+zu tun hat, oder ich m&uuml;&szlig;te den Begriff der Phantasie
+zu weit ausdehnen. Nehmen Sie an, eine geistig bedeutende
+Frau liebt einen Gimpel; oder ein Mann von
+Genie liebt eine gew&ouml;hnliche Gans. Das kommt doch
+h&auml;ufig genug vor, sollt ich denken. Und wie einfach
+sind diese Beziehungen, mein Gott, wie einfach. Ihr
+A und O ist eine nat&uuml;rliche Sinnlichkeit, und bieten
+sie nicht meist gr&ouml;&szlig;ere Gew&auml;hr f&uuml;r ein dauerndes
+Gl&uuml;ck als jene feinnervigen B&uuml;ndnisse, in denen doch
+alles auf Eigenschaften gestellt ist, und nicht auf das
+Ganze der Kreatur? Man mu&szlig; einander nicht gar zu
+gut verstehen in der Liebe; ein wenig Fremdheit tut
+not. Wir Leute, wie wir da sind, wir verstehen einander
+zu gut und mi&szlig;verstehen uns deshalb so oft.
+Den Leibern, finde ich, ist die allzugro&szlig;e Vertrautheit
+der Seelen von &Uuml;bel. Sie verletzt die Schamhaftigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Schamhaftigkeit? Inwiefern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das leidet gar keinen Zweifel. Je gr&ouml;&szlig;er die seelische
+Verfeinerung wird, je gr&ouml;&szlig;er wird auch die Schamhaftigkeit.
+Es ist ein heikles Thema, und irgendein
+Schriftsteller meint mit Recht, da&szlig; es schon schamlos
+sei, &uuml;ber die Schamhaftigkeit zu sprechen oder was
+jemand dar&uuml;ber sagt, anzuh&ouml;ren. Je tiefer man in den
+andern hineinschaut, je mehr ist man geneigt, das, was
+in ihm vorgeht, zu &uuml;bersch&auml;tzen, je mehr f&uuml;rchtet man
+den andern oder f&uuml;rchtet sich selbst, je mehr versteckt
+<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>man sich, ja ich habe es erlebt, da&szlig; solche Menschen
+aus lauter Zartf&uuml;hligkeit und Hellseherei sich die M&ouml;glichkeit
+harmlosen Daseinsgenusses untergruben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was hat das mit der Schamhaftigkeit zu tun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr viel! Wenn die dunklen Zust&auml;nde und Vorg&auml;nge
+in der Brust derma&szlig;en ans Licht gezerrt werden, da&szlig;
+der Mensch sozusagen in sich selber kein Heim mehr
+hat, wo er sich mit seinem Verschwiegensten bergen
+kann, so mu&szlig; ihm doch allm&auml;hlich dabei zumute
+werden, als ob man ihn entbl&ouml;&szlig;e und an den Pranger
+stelle. Ich, ich f&uuml;r meinen Teil, f&uuml;hle mich durch das
+best&auml;ndige, wachsame Verst&auml;ndnis eines andern, und
+sei er das geliebteste Wesen, ganz und gar an den
+Pranger gestellt, und ich sage Ihnen auch, da&szlig; mir
+jene Frauen, die man unverstandene zu nennen beliebt,
+mir, mir f&uuml;r meinen Teil, immer nur schamlos erschienen
+sind. Das w&auml;ren die einen. Dann sind jene,
+bei welchen die Schamhaftigkeit sich ins Krankhafte
+steigert und die in einer so d&uuml;nnen Luft leben, da&szlig;
+ihnen das gesund Sinnliche zum Ekel wird. Ich hatte
+einst eine solche Ungl&uuml;ckliche zur Freundin; sie war
+die schamhafteste Natur, wurde aber bisweilen von
+einem f&ouml;rmlichen Enth&uuml;llungswahn verfolgt, und indem
+sie sich preisgab, unterlag sie einem Zwang, der
+sie etwas aus&uuml;ben hie&szlig;, was ihrem wahren Wesen
+gerade entgegengesetzt war. Da war kein Halt, keine
+Haltung, und als sie eines Tages liebte, versagte sie
+sich dem betreffenden Mann, weil sie &uuml;berzeugt war,
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>da&szlig; er nur ihren K&ouml;rper liebte und nicht die Seele.
+Ist das nicht schauerlich? Ein einziges, grobes Mi&szlig;verst&auml;ndnis
+des Lebens?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich; es gibt Frauen genug, die in dieser Hinsicht
+einem unheilvollen Irrtum und Unbegreifen verfallen
+sind&laquo;, erwiderte ich. &raquo;Der unheilvollste Irrtum, den
+sie begehen k&ouml;nnen, ist aber, wenn sie aus ihrer Art
+der Schamhaftigkeit und deren &Uuml;berwindung einen
+Begriff der Treue folgern, der f&uuml;r sie Gesetz und Notwendigkeit,
+f&uuml;r den Mann aber eine Freiwilligkeit ist.
+Diese Freiwilligkeit wieder einer h&ouml;heren Notwendigkeit
+unterzuordnen, das ist die <em class="gesperrt">Tat</em> des liebenden
+Mannes, eine Handlung, die von seiner Kultur, von
+seiner Selbstbeherrschung, von seinem Sch&ouml;nheitsempfinden
+abh&auml;ngt. Die Frauen besitzen nur die
+Scham des Geschlechts; die Keuschheit einer Nonne
+und die Verderbtheit einer Dirne sind nur verschiedene
+Wirkungen ein und derselben Kraft, &auml;hnliche Zust&auml;nde
+mit verschiedenen Hemmungen. Dem Mann
+ist eine andere Schamhaftigkeit eigen, eine &uuml;bersinnliche,
+ich m&ouml;chte sie die Scham vor Gott nennen, und
+er kann sie nur verlieren, wenn er sich selber vor Gott
+verliert. Wir haben demnach das Schauspiel eines best&auml;ndigen
+Krieges zweier dem Grund und der Beschaffenheit
+nach v&ouml;llig un&auml;hnlicher Arten der Schamhaftigkeit,
+und w&auml;hrend eine Frau die ihre sozusagen
+w&ouml;rtlich nimmt, sie tr&auml;gt oder abwirft wie man ein
+Kleid tr&auml;gt oder abwirft, verheimlicht der Mann die
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>seine, denn ihm ist sie nur ein Symbol. Niemals darf
+die Frau sich einfallen lassen, das Symbol in die Wirklichkeit
+zu zerren, etwa eine Forderung daraus zu
+machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sagt &#8211; ein Mann!&laquo; rief Faustina. &raquo;Ich mu&szlig; Sie
+schon sehr hoch einsch&auml;tzen, lieber Freund, wenn ich
+das nicht anma&szlig;end finden soll. Klipp und klar gesprochen
+hei&szlig;t das doch: die Liebe des Weibes ist
+eine Realit&auml;t, die des Mannes ein Symbol. Oder
+nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ausgezeichnet formuliert, Faustina.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, sch&ouml;n. Ich will dagegen nicht streiten, weil es
+ins Grenzenlose f&uuml;hrt. Ich sehe nur so viel, die t&auml;gliche
+Erfahrung beweist es mir, da&szlig; diese Realit&auml;t keinen
+Bestand und dieses Symbol keine Bedeutung hat.
+Flausen, Flausen, nichts als Flausen! Bester Freund,
+sperren Sie mich doch nicht ein f&uuml;r allemale in die
+Rumpelkammer der &#8250;Realit&auml;t&#8249;! Denken Sie daran, da&szlig;
+auch ich geliebt habe! Ja, wirklich, wirklich geliebt!
+Beweisen kann ich nicht, da&szlig; es mehr war als ein
+Irdisches, Erdgebundenes, an Zweck und Zeit und
+Augenschein Gebundenes, aber daf&uuml;r kann ich beweisen,
+da&szlig; der andere, der Partner im Spiel, keinen
+Einsatz wagte, der die M&uuml;he verlohnte zu k&auml;mpfen,
+beweisen kann ich, da&szlig; seine Liebe &#8211; und er <em class="gesperrt">liebte</em> &#8211;
+nur unzul&auml;nglich war, also nicht bis zu dem Punkt
+reichte, wo eine symbolische Kraft das Fl&uuml;chtige des
+Lebens festh&auml;lt. Aber weshalb so hohe Worte? Napo<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>leon
+tat auf Sankt Helena den ungeheuerlichen Ausspruch:
+Ein solcher Schurke kann kein Mann sein als
+ich von ihm glaube, da&szlig; er einer ist. Fast jede Frau
+kann dasselbe von ihren Erfahrungen in der Liebe
+sagen, vorausgesetzt, da&szlig; sie nicht ein blindes Tierchen
+ist. Ihrer Methode gem&auml;&szlig; werden Sie mir wahrscheinlich
+entgegenhalten: du hast eben nicht zu w&auml;hlen verstanden.
+Ja, um Gottes willen, wenn der sich nicht
+bew&auml;hrt, den ich als den besten erkenne, wozu schl&auml;gt
+dann mein Herz, warum denke und f&uuml;hle ich dann?
+Entweder mu&szlig; ich demnach mein Leben in der Wurzel
+verneinen oder Ihre ganze Weisheit wird mir zum
+Sophisma. Da ist ein Mann, der mich anbetet; es erscheint
+mir zweifellos, da&szlig; ich ihm viel, da&szlig; ich ihm
+alles bin, ich ergebe mich, verb&uuml;nde mich ihm, und
+da mu&szlig; ich entdecken, da&szlig; er nur zu werben versteht,
+zu besitzen, den Besitz zu verteidigen, zu bilden, zu
+erh&ouml;hen, dazu ist er nicht f&auml;hig. Oder ein anderer Fall:
+da ist ein Mann von Geist, Gem&uuml;t, Talent, aber er
+lebt in tiefem Elend. Das Mitleid n&auml;hert mich ihm, es
+gelingt mir einen wahren Sturm der Energie in ihm zu
+entfesseln, die Liebe zu mir tr&auml;gt ihn empor, das
+Schicksal beg&uuml;nstigt ihn, aber er kann es nie verwinden,
+da&szlig; diejenige, die er liebt, auch seine Helferin
+war, er selbst gesteht mir seine Scham und alles scheitert
+an einer Grille.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was taten Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sollt ich tun? Ich lie&szlig; ihn seiner Wege gehen.
+<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>Ist es etwa diese Scham, die Scham, nicht mehr der
+M&auml;chtige zu sein, die Sie symbolisch nennen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Mann hatte vielleicht nicht viel zuzusetzen, deshalb
+raubte diese Scham seiner Liebe die Kraft&laquo;, antwortete
+ich. &raquo;Es kommt nur darauf an, was einer zuzusetzen
+hat, und f&uuml;r den Mann ist in der Liebe tats&auml;chlich
+alles nur eine Frage der Macht. Mitleid ist ein
+Feind der Liebe, Mitleid zerst&ouml;rt die Gleichberechtigung,
+geradeso wie ein ausschlie&szlig;liches &auml;sthetisches
+Wohlgefallen; jenes schafft eine zu gro&szlig;e N&auml;he, dieses
+eine zu gro&szlig;e Ferne. Der Bemitleidete und der Bewunderte
+atmen nicht dieselbe Atmosph&auml;re mit demjenigen,
+der Mitleid oder Bewunderung hegt, und sie
+sprechen nicht in derselben Sprache zueinander. Aber
+es gibt Mittel, den Zwiespalt zu &uuml;berbr&uuml;cken, und die
+Frau ist es, die in dem einen wie im andern Fall ausgleichend
+zu wirken vermag, und zwar durch die g&ouml;ttliche
+Eigenschaft der Sanftmut. Sie, Faustina, sind
+nicht sanft genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht sanft genug! Das wurde mir schon einmal
+gesagt. Wenn ich sanft w&auml;re, wurde gesagt, h&auml;tte ich
+weniger Anla&szlig;, mich &uuml;ber das Leben zu beklagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder &uuml;ber die Liebe. Das ist meine Meinung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sanftmut! Die sch&auml;tzbare Gabe, stumm zu bleiben,
+wenn man getreten wird, und nur zu seufzen, wenn
+das Herz bricht, die nennt man Sanftmut, die nennen
+die M&auml;nner Sanftmut. Und weil sie ihnen die bequemste
+Eigenschaft am Weibe ist, darum wird sie
+<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>gepriesen. Wer aber Augen hat und sieht, und vieles
+sieht, und Blut, das sich erhitzt, und eine Faust, die
+sich ballen mu&szlig;, der kann nicht sanft sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gemach, Faustina. Sie erinnern mich ein wenig an
+den Knaben, den man fragte, wer tapfer zu hei&szlig;en sei,
+und der darauf entgegnete, tapfer sei, wer nicht davonlaufe.
+Sanftmut ist nicht Nachgiebigkeit, nicht Unterw&uuml;rfigkeit,
+nicht Schweigsamkeit. Sanftmut ist der
+Ruhe des Feldherrn zu vergleichen, oder der Besonnenheit
+des K&uuml;nstlers. Sie ist nicht eine Schw&auml;che, sondern
+eine Kraft. Sie ist in der Liebe die eigentliche Kraft
+des Weibes, ihre Waffe wie ihr Schutz. Sie ist nicht
+an ein bestimmtes Temperament gebunden, dem cholerischen
+kann sie gegeben, dem melancholischen kann
+sie versagt sein. In jedem Tun und Lassen dr&uuml;ckt sie
+sich aus: in der Freude, in der Angst, in der Trauer
+und im Schmerz, im Blick und im Schritt. Sie ist
+geradezu ein Rhythmus des Lebens. Das L&auml;cheln der
+sanften Frau ist unwiderstehlich, die sanfte Frau ist
+niemals h&auml;&szlig;lich. Nun ist freilich die echte Sanftmut
+beinahe ebenso selten wie die Liebe, und leider mu&szlig;
+man konstatieren, da&szlig; sie immer seltener wird, je mehr
+die Erregbarkeit der Nerven w&auml;chst, je mehr auch die
+Frauen von Liebe und &uuml;ber die Liebe wissen, und je
+weniger sie Liebe f&uuml;hlen. Denn die Liebe der Frau ist
+haupts&auml;chlich auf ein Elementares, auf ein Unbewu&szlig;tes
+gestellt. Da gibt es Frauenrechte und Frauenberufe,
+man bildet K&ouml;rperschaften und veranstaltet Versamm<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>lungen.
+Dabei mag viel N&uuml;tzliches entstehen, aber f&uuml;r
+die Sanftmut ist alles zu f&uuml;rchten. Haben Sie nie den
+Unterschied bemerkt zwischen dem Geschmack einer
+Birne, die frisch vom Baume kommt, und einer solchen,
+die schon unter vielen andern Birnen auf dem Speicher
+gelegen war? Ein solcher Unterschied herrscht zwischen
+der Frau als Einzelwesen und der Frau, die sich
+sozial bet&auml;tigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&ouml;gen ja recht haben&laquo;, antwortete Faustina. &raquo;Aber
+am Birnenbaum h&auml;ngen viele Birnen. Sollen die Birnen
+also warten, bis die Leckerm&auml;uler anspazieren, um die
+sch&ouml;nsten zu verspeisen? Die &uuml;brigen k&ouml;nnen warten;
+sie m&uuml;ssen verfaulen und ins Gras fallen, wie? Um
+der Sanftmut willen. Danke sch&ouml;n. Wir haben nicht
+Konsumenten genug, wir armen Birnen, wir m&uuml;ssen
+unterzukommen trachten. Ihr wollt uns rein, ihr wollt
+uns engelhaft, ihr wollt, da&szlig; jede sich f&uuml;r einen Messias
+aufspare, aber ihr, ihr wollt nichts entbehren,
+keinem Gel&uuml;st die Befriedigung vorenthalten, keinem
+Appetit die Stillung. Und der Messias, der sich schlie&szlig;lich
+bei uns einstellt, ist entweder ein alberner Fant,
+der nicht wei&szlig;, was er in H&auml;nden h&auml;lt und seinen
+blinden J&uuml;nglingsrausch austobt, oder ein kritischer
+Herr, der sich wieder trollt, wenn das Birnchen einen
+Flecken hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist wohl wahr, Faustina, praktisch genommen
+ist es wahr, und da&szlig; ihr Grund habt, euch selbst zu
+sch&uuml;tzen, kann nur einem Dummkopf verborgen blei<a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>ben.
+Jedoch von einer h&ouml;heren Zinne betrachtet, liegen
+die Dinge anders. Die Natur will nicht, da&szlig; man ihr
+zuvorkomme. Sie will nicht, da&szlig; ihr heiligstes Gesetz,
+das Gesetz der Auslese, umgesto&szlig;en wird, und wenn
+es trotzdem geschieht, r&auml;cht sie sich durch die Hervorbringung
+lebensunt&uuml;chtiger Gesch&ouml;pfe. Ist Ihnen bekannt,
+da&szlig; zum Beispiel unsere Jagdvorschriften der
+Rassigkeit und Widerstandsf&auml;higkeit des Wildes, besonders
+des Edelwildes, erheblichen Abbruch tun?
+Wir haben Frauen, die gezwungen sind, einen Beruf
+zu ergreifen; ohne Pathos tun sie es, verdienen ihr
+Brot; andere sind mit Intelligenz und Scharfsinn am
+Werk, um soziales Elend zu mildern. Wer h&auml;tte dagegen
+etwas einzuwenden? Das Schicksal des Individuums
+wird mir immer Teilnahme einfl&ouml;&szlig;en, ob
+es eine N&auml;hmamsell oder eine F&uuml;rstin ist; Massenbestrebungen
+aber, wenn sie der unmittelbaren
+Leidenschaft des Erlebnisses entbehren, lassen mich
+nat&uuml;rlich kalt. Das Wesen der Frau deutet mehr als
+das des Mannes auf Vereinzelung; ich habe immer
+gefunden, da&szlig; die edlere Art der Frau sich nur kraft
+dieser Vereinzelung bewahrte, und da&szlig; sie sich zur
+Vervollkommnung der Rasse gar nicht teuer genug
+bezahlen l&auml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn dem so w&auml;re,&laquo; versetzte Faustina, &raquo;was
+h&uuml;lfe es? Ist denn die Frau nicht immer willf&auml;hrig zum
+Besten, wo der Mann das Beispiel edler Initiative
+gibt? Was frommt aber der Natur, was hilft selbst
+<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>Gott das Gesetz der Auslese, wenn ihm das Gesetz
+der Tr&auml;gheit entgegensteht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Tr&auml;gheit ... Schon vorhin haben Sie das Wort
+gebraucht. Sie sagten Tr&auml;gheit des Herzens.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Tr&auml;gheit des Herzens.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tr&auml;gheit des Herzens ist eine von den sieben Tods&uuml;nden,
+soviel ich wei&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist die einzige Tods&uuml;nde, die es gibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie verbergen also einen gro&szlig;en Sinn dahinter, so
+etwas wie eine Idee.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen gro&szlig;en Sinn, da haben Sie recht, einen schmerzlichen
+Sinn. Das Gute, das ich will, das tue ich nicht,
+sondern das B&ouml;se, das ich nicht will, das tue ich, hei&szlig;t
+es in einem Brief des Paulus an die R&ouml;mer. Da ist ein
+Erkennen: das Gef&uuml;hl trotzt dem Erkennen, beharrt
+auf dem falschen Weg; oder da ist ein Gef&uuml;hl, ein
+gro&szlig;es, ein wahres; und doch, es l&auml;&szlig;t sich betr&uuml;gen,
+es l&auml;&szlig;t sich verwirren durch Rede und durch Denken.
+So entsteht Tr&auml;gheit des Herzens, und ist selber
+noch ein Tieferes, Schwereres, Dunkleres, Schuldigeres.
+Es gab Zeitl&auml;ufte, wo die Menschen mehr
+ihren Trieben untertan waren, barbarische, kriegerische,
+im gro&szlig;en und ganzen auf eine Sache, auf ein
+Ziel gestellte Zeiten. Da konnte Tr&auml;gheit des Herzens
+f&uuml;r eine S&uuml;nde gleich andern gelten, gleich Geiz oder
+Neid oder Habsucht. Heute ist der Mensch zur
+Rechenschaft gezogen, heute ist jeder sich selbst verantwortlich.
+Sie sagen es selbst, nicht die Religion,
+<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>nicht Himmel und H&ouml;lle darf er zur Ausrede und Ausflucht
+machen, in seiner Brust mu&szlig; er sein Schicksal
+suchen. Da wird Tr&auml;gheit des Herzens zur Kardinals&uuml;nde,
+und wie es nun ist, diese S&uuml;nde liegt auf uns
+allen wie Gewitterlast. Fordern Sie Beispiele? Wo soll
+ich anfangen? wo enden? Vor&uuml;bergehen, wenn die
+Stimme des Gem&uuml;ts zum Bleiben mahnt, bleiben, wenn
+sie verlangt, da&szlig; ich weitergehe; die Augen schlie&szlig;en,
+wenn es gilt zu sehen, und schweigen, wenn es gilt,
+Partei zu nehmen; urteilen und verdammen, wenn vieles
+davon abh&auml;ngt, zu schweigen und Milde zu &uuml;ben; den
+reinen Sinn bet&auml;uben, den unreinen zu falscher Tat
+stacheln; Zwecke wollen, wo keine sind; nach Gerechtigkeit
+streben und der Liebe vergessen; Liebe
+beanspruchen, ohne sie zu geben; genie&szlig;en wollen
+und nicht bezahlen; von Gott reden und den Teufel
+im Innern f&uuml;ttern; Ideale aufrichten und einen armen
+Schuldner vor Gericht zitieren; in Musik und Dichtung
+schwelgen und vor den kleinen Menschenpflichten
+die Flucht ergreifen; Freundschaft preisen
+und den Freund verleugnen; Philosoph sein und den
+Dienenden mi&szlig;handeln; den Genius herbeiw&uuml;nschen
+und, wenn er sich zeigt, ihn schm&auml;hen und in den Kot
+zerren, alles dies, all dies Vergessen, all dies <em class="gesperrt">Wissen</em>
+und <em class="gesperrt">Nicht-Tun</em> ist Tr&auml;gheit des Herzens. Ach, wie
+sch&ouml;n ist das Herz! zu wie vielem f&auml;hig! wie viel vermag
+es! Und Liebe, das Herz des Herzens, wie wird
+sie mi&szlig;achtet, mi&szlig;braucht, vergewaltigt und zertreten!
+<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>Wie ummauert sind alle Herzen, wie wenig mag ein
+jedes sich verraten, und wie schnell und bereitwillig
+das des anderen! Wir reden da von Liebe, von Liebe,
+und wo ist sie, die Liebe? Ein Symbol soll sie sein,
+ein seltenes Ph&auml;nomen, ich aber m&ouml;chte sie haben,
+sehen m&ouml;chte ich sie! Zeigen Sie mir einen Liebesbegeisterten,
+zeigen Sie mir einen Verschwender der
+Liebe! Die Liebe, von der ich wei&szlig;, war immer nur
+ein zartes Pfl&auml;nzchen, es ertrug die Lebensst&uuml;rme
+nicht, versteckte sich vor der Sonne und kroch in
+labyrinthisch verschlungene Tiefen, weltabgewandt,
+der Nacht zugewandt. Ich fragte einmal einen Mann,
+ob seine Geliebte sch&ouml;n sei. Sch&ouml;n, das k&ouml;nne er nicht
+behaupten, sagte er, aber alles an ihr sei charakteristisch.
+Ei, erwiderte ich ihm, Sie sind ein ganz famoser Zeitgenosse.
+Charakteristisch! Ein niedliches Wort! Man
+m&uuml;&szlig;te es in eiserne Lettern gie&szlig;en und auf den Schandpfahl
+des Jahrhunderts nageln. Alles ist so charakteristisch,
+so individuell, so besonders, so k&uuml;nstlich, so
+ins Kleine zerspalten, ins Geistige verd&uuml;nnt, so scheu,
+so furchtsam, so wissend und so unsicher in jeglichem
+Gef&uuml;hl. Was ist da um Gottes willen noch zu hoffen,
+Freund! Was kann ein volles Herz noch f&uuml;r sich
+hoffen? Es gibt nur eines; nur eines gibt es: sich bescheiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt noch ein zweites, Faustina, ein gr&ouml;&szlig;eres.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das w&auml;re?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Freude an der Erscheinung. Beklagenswert ist
+<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>allerdings der Druck, unter dem wir leben, das seltsam
+fatalistische Dahinrasen. Das Dasein wird immer
+scheinhafter, seine kurze Dauer wird uns immer
+schmerzlicher bewu&szlig;t, und wer Sinn und Liebe sucht,
+kann wohl in ungemessene Verzweiflung st&uuml;rzen,
+wenn ihn dies eine nicht rettet: zu schauen. Dem
+Schauenden entr&auml;tselt sich die Welt; ihm entwirrt sich
+jedes Dunkel; er legt seine Hand auf Gr&auml;ber und sie
+werden zu Alt&auml;ren, er wandelt durch Schneegest&ouml;ber
+und er sp&uuml;rt den Fr&uuml;hling, er ist verlassen von den
+Freunden und er lebt mit der Menschheit. Da&szlig; die
+Dinge da sind, da&szlig; ich sie besitze, da&szlig; Sch&ouml;pfer und
+Geschaffenes mein sind, da&szlig; das Leben, soweit es
+denk- und f&uuml;hlbar ist, in mir steckt, da&szlig; es nichts gibt,
+nicht das kleinste Denk- und F&uuml;hlbare au&szlig;erhalb des
+Lebenskreises, und da&szlig; mir das Ungeheure wie das
+Unscheinbare, Hohes und Niedriges, der Festzug des
+Kaisers und das Vor&uuml;berflattern eines Schmetterlings,
+da&szlig; mir Sch&ouml;nheit und H&auml;&szlig;lichkeit, Liebe und Ha&szlig;,
+Selbstent&auml;u&szlig;erung und Tr&auml;gheit des Herzens, da&szlig; mir
+alles dies zur Erscheinung wird, das kann mich retten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit einem solchen Quietismus will ich mich nicht
+beruhigen&laquo;, antwortete Faustina d&uuml;ster.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn das Quietismus w&auml;re, dann w&auml;re der Erdball
+nicht mehr imstande, seine Bahn um die Sonne zu
+laufen. Glauben Sie doch nicht, Faustina, da&szlig; ich mich
+damit freispreche von menschlichem Tun oder mich
+des mitstrebenden Herzens entledigen wollte. Es ist
+<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>kein k&uuml;nstlerisches, kein &auml;sthetisches Prinzip, sondern
+durchaus ein religi&ouml;ses, durchaus ein g&ouml;ttliches. Wie
+in der Liebe durch ein h&ouml;chst instinktives und beseligtes
+Erkennen Vorz&uuml;ge und Fehler des andern zu
+einem anbetungsw&uuml;rdigen Bild vereinigt werden, so
+und nicht anders ergeht es dem Schauenden mit der
+Welt. Er hat alles innen; alles was au&szlig;en ist, hat er
+innen; ihm ist nichts verloren, ihm ist alles gegenw&auml;rtig.
+Er gibt sich hin, er gibt sich aus, aber er wirft
+sich niemals weg, denn wie er das Leben besitzt und
+wie er Gott besitzt, so besitzt er sich selbst. Und das,
+Faustina, ist das Gro&szlig;e: sich selber besitzen. Dann
+besitzt man auch die Welt, dann besitzt man auch die
+Menschheit; die andern, die sich zu jeder Stunde wegwerfen,
+die besitzen nichts und niemanden. Nur die
+Erwartung der Liebe t&auml;uscht sie mit der Hoffnung auf
+Besitz.&laquo;</p>
+
+<p>Faustina hatte den Kopf abgewandt und schwieg. Eine
+lange Zeit verging im Schweigen und die Freundin
+hielt best&auml;ndig den Kopf abgewandt. Die gesprochenen
+Worte erzeugten eine doppelte Stille. Es war weit
+&uuml;ber Mitternacht, als ich mich zu gehen anschickte.
+Mit starrer Miene reichte mir Faustina die Hand. Sie
+sah mich an, und wundersam, ihr Auge war voll Frage
+wie das eines kleinen M&auml;dchens.</p>
+
+<p>Sehr gern h&auml;tte ich Faustina wiedergesehen, aber als
+ich zwei Tage sp&auml;ter in die Wohnung kam, wurde
+mir gesagt, da&szlig; sie abgereist sei.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" title="85"></a>
+<a name="Page_85" id="Page_85"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Der_Literat" id="Der_Literat"></a>Der Literat</h2>
+
+<h3 class="essay">Geschrieben 1909</h3>
+
+
+<p class="newsection">Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen,
+hat der Kultur unserer Zeit seinen unverwischbaren
+Stempel aufgepr&auml;gt. Ja, man k&ouml;nnte sagen,
+da&szlig; alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel
+Kultur begreift, ein Werk des Literaten ist.</p>
+
+<p>Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen
+wollen diese Frage beantworten; sie wollen
+die Art und die Wirkung des Literaten, die Bedingungen
+seines Lebens, die Fundamente und Ziele
+seines Geistes mit Hilfe einiger typisierter Charaktere
+erforschen.</p>
+
+<p>Die damit aufgestellten repr&auml;sentativen Figuren werden
+sich nat&uuml;rlich in der Wirklichkeit kaum so unterschieden
+und formelhaft finden lassen; das Leben gibt
+Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun,
+im Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel
+viel vom Sch&ouml;ngeist nachweisen k&ouml;nnen. Auch ist es
+m&ouml;glich, da&szlig; in einer einzigen Person die Elemente
+von mehreren jener Typen stecken, da&szlig; Sch&ouml;ngeist
+und Psycholog, oder Dilettant, Tribun und Apostel
+vereinigt sind. Sogar im sch&ouml;pferischen Menschen
+sind Z&uuml;ge des Literaten vorhanden, vielleicht hat die
+moderne Zeit &uuml;berhaupt keinen sch&ouml;pferischen Men<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>schen
+hervorgebracht, der davon ganz frei w&auml;re. Beim
+Literaten werden aber die bezeichneten Eigenschaften
+von einem jener Repr&auml;sentanten immer in bestimmter
+und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und
+die Besonderheit und das wechselnde Ausma&szlig; der
+Mischung sind dazu angetan, ihm in seiner menschlichen
+und k&uuml;nstlerischen Wirkung das Interessante,
+reizvoll Problematische und Unergr&uuml;ndliche zu verleihen.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" title="87"></a>
+<a name="Page_87" id="Page_87"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Der_Literat_als_Dilettant" id="Der_Literat_als_Dilettant"></a>Der Literat als Dilettant</h2>
+
+
+<p class="newsection">Eine Kunst aus Liebe zur Sache &uuml;ben, das macht
+den Dilettanten in der edlen Bedeutung des Wortes.
+Der Dilettant und der K&uuml;nstler unterscheiden sich
+vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden
+Zustandes, welcher den K&uuml;nstler im Bereich seiner
+Kunst gefesselt h&auml;lt, w&auml;hrend der Dilettant frei bleibt.
+Der K&uuml;nstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht, das
+Verm&ouml;gen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser
+Welt zu identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim
+Dilettanten ist es umgekehrt. Der Dilettant identifiziert
+sich wirklich mit den Dingen dieser Welt, indes
+sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich
+daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert,
+begriffen, gedeutet werden soll, sondern gegen
+die Kunst, deren er sich bem&auml;chtigen will. Der K&uuml;nstler
+hat die Kunst innen und m&ouml;chte sich gleichsam ihrer
+entledigen im Austausch gegen G&ouml;ttliches und gegen
+ein St&uuml;ck Welt; der Dilettant hat sie drau&szlig;en und
+w&uuml;nscht sie zu gewinnen, indem er Welt und Gott
+in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie
+zu bringen sucht.</p>
+
+<p>Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch
+Gott noch Kunst in sich selbst. Ihm ist nicht nur die
+Kunst ein &Auml;u&szlig;eres, zu Erraffendes, sondern auch Welt
+<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich
+ist er erm&uuml;det von Erlebnissen. Er ist nicht von stark
+organisierter Seele, sonst w&uuml;rden geringe K&auml;mpfe nicht
+imstande sein, ihn zu erm&uuml;den. Er hat einer Schlacht
+beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den
+Kanonendonner geh&ouml;rt und zugesehen, wie man Verwundete
+und Tote vor&uuml;bertrug. Das hat gen&uuml;gt, ihn
+mit Abscheu gegen den Krieg zu erf&uuml;llen, ja, er ist der
+gr&uuml;ndlichste Hasser alles Kriegswesens geworden, ein
+Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit
+seines Geistes zwingt, seine Schw&auml;che wie eine St&auml;rke
+zu behandeln.</p>
+
+<p>Schon daraus l&auml;&szlig;t sich schlie&szlig;en, da&szlig; er nicht aus
+innerer Notwendigkeit am Kampf teilgenommen hat,
+sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust am Soldatenleben
+oder aus Begierde nach Auszeichnung.
+Man hat ihn einfach wie so viele andere Rekruten dazu
+ausgehoben, und er war von vornherein ein skeptischer
+Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu denken
+ist. Da man etwas treiben mu&szlig; in der Welt, ist er
+Soldat geworden; nimmt er den Abschied, so ist er,
+mit Ausnahme des gewonnenen Ekels und Abscheus,
+wieder so leer wie er vorher war, und er wei&szlig; nicht
+recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer,
+sondern auch unentschieden auf den Plan, und weil
+ihn kein Mu&szlig; befehligt, ist er nicht hungrig. Nur
+Leute, die unter einem tyrannischen Mu&szlig; knirschen,
+sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>
+Er merkt es wohl, da&szlig; Hunger dazu geh&ouml;rt, um sich
+zu entscheiden: Hunger, Spannung, Sehnsucht, eine
+ideelle Begierde. Die Welt, die Menschen, die Erscheinungen
+des Lebens erregen seine Teilnahme kaum
+oder nur insoweit, als seine Person dadurch ber&uuml;hrt
+wird. Auf einmal richtet sich seine Begierde, seine
+ganze Spannung und Sehnsucht gegen die eigene Person.
+Er entscheidet sich ganz und gar f&uuml;r seine eigene
+Person, deren er sich bisher, in den hintersten Reihen
+der K&auml;mpfenden, nur dumpf bewu&szlig;t geworden war.
+Seine eigene Person enth&uuml;llt sich ihm pl&ouml;tzlich als ein
+Gegenstand von ungeahnter Wichtigkeit, als ein unentdeckter
+Bezirk, von dessen Sch&ouml;nheit und Vorz&uuml;gen
+die &uuml;brigen Menschen zu unterrichten jetzt sein
+gebieterischster Trieb ist. Alles was er tut, denkt und
+empfindet, erscheint ihm erstaunlich, besonders und
+in hohem Grade mitteilenswert. Je unbeachteter und
+dunkler sein Dasein bis nun gewesen, je mehr dr&auml;ngt
+es ihn, sich in einen Mittelpunkt zu stellen. Wie aber
+f&auml;ngt er dieses an?</p>
+
+<p>Er geht mit instinktiver Pfiffigkeit ans Werk. Er
+schm&uuml;ckt sich; und zwar schm&uuml;ckt er sich mit seinen
+Leiden, mit seinen Erfahrungen, mit einer in auffallender
+Weise zugespitzten, versch&auml;rften und nachdr&uuml;cklichen
+Meinung &uuml;ber Menschen und Schicksale. Damit
+reizt er die Neugierde, und sein Instinkt hat ihn
+trefflich gef&uuml;hrt, denn Neugierde, in einem gemeinen
+wie in einem h&ouml;heren Sinn, ist der hervorstechendste
+<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>Zug der Gesellschaft, aus der er kommt und deren
+Mittelpunkt er sein m&ouml;chte, deren Mittelpunkt der
+sch&ouml;pferische Mensch wirklich ist. Auch der sch&ouml;pferische
+Mensch &uuml;bertreibt das Bild der Welt, aber
+dadurch, indem er es vergr&ouml;&szlig;ert, dadurch allein schon,
+indem er die eigene Person aus seinem Werk ausschaltet
+und an dessen Stelle etwas setzt, was ich fiktive
+Pers&ouml;nlichkeit nenne. Dem sch&ouml;pferischen Menschen
+ist seine Person nur ein Vorwand, ein Ausgangspunkt,
+der Literat als Dilettant sieht in ihr die
+Essenz und das Ziel. Der sch&ouml;pferische Mensch ist
+einsam, von Natur und durch Bestimmung; dennoch
+lebt er unter den Menschen, weil die Menschheit ihm
+ein unentbehrliches Element ist, durch welches er
+leidet, weil er geboren ist, um zu leiden, weil das Leiden
+derjenige Seelenzustand ist, der ihn bef&auml;higt zu
+schaffen. Der Literat als Dilettant ist niemals einsam;
+je weniger, je mehr er bei sich und in sich selber steckt.
+Er stellt sich abseits, um in der k&uuml;nstlichen Einsamkeit
+einen Ersatz f&uuml;r die nat&uuml;rliche des sch&ouml;pferischen
+Menschen zu gewinnen; er schm&uuml;ckt sich mit Einsamkeit,
+und auch dies ist ein Mittel, um Neugierde zu
+erwecken. Die Menschen sind ihm entbehrlich, obgleich
+er sie sucht; er ist der Menschen &uuml;berdr&uuml;ssig
+und satt, nur seiner eigenen Person wird er niemals
+satt, sie erscheint ihm stets interessant, begehrenswert,
+wichtig und ausgezeichnet. Nicht durch die Menschen
+leidet er, sondern durch sich selbst, und je nach Rang
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>und Art seines Geistes und Charakters in allen Graden
+und M&ouml;glichkeiten; angefangen von unerf&uuml;llten
+Anspr&uuml;chen niedriger Sorte bis zum Durst nach Stillung
+eines bedeutenden Ehrgeizes.</p>
+
+<p>Dieser Ehrgeiz ist sorgf&auml;ltig zu trennen von dem, was
+die Griechen Ruhmsucht genannt haben, als welche
+ein &uuml;bersinnliches Verlangen und in ihren Wurzeln
+mit dem Unsterblichkeitsgedanken identisch ist. Der
+Ehrgeiz hat nichts mit Anonymit&auml;t zu tun, der Ehrgeizige
+gibt sich nicht grenzenlos und unbedingt hin
+wie der Ruhms&uuml;chtige, er l&ouml;st sich nicht auf in der
+Idee; er leitet seine Sache, er steht vor seinem Werk,
+er ist immer der Herr, immer sichtbar, und sein
+Name umflammt seine Tat wie ein Programm. Die
+antik-heroische Eigenschaft der Ruhmsucht ist den
+modernen Zeiten und Menschen fast abhanden gekommen.
+Vielleicht ist darum unsere Kultur, oder was
+wir mit diesem Namen bezeichnen, so zerst&uuml;ckt,
+br&uuml;chig und disharmonisch, weil sie v&ouml;llig auf einzelnen,
+auf &raquo;namhaften&laquo; Tr&auml;gern ruht. Jede wahre
+Kultur setzt Anonymit&auml;t voraus.</p>
+
+<p>Der Literat als Dilettant verabscheut die Anonymit&auml;t,
+denn tritt er ohne seinen Namen auf, so ist es, als
+wenn ein General ohne Uniform zu Hof ginge. Durch
+seinen Willen getragen, von seinen Zwecken befehligt,
+abh&auml;ngig von der Gunst der Menschen und der Umst&auml;nde
+und somit von dem, was die Gesellschaft den
+Erfolg nennt, kann er in keinem Fall auf &auml;u&szlig;ere Be<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>st&auml;tigungen
+verzichten, und die edle Selbstvergessenheit
+des lediglich von der Sache erf&uuml;llten sch&ouml;pferischen
+Menschen ist ihm fremd bis zum Unbegreiflichen.</p>
+
+<p>Doch sehen wir von jener h&ouml;chsten Selbstvergessenheit
+vorl&auml;ufig ab, die nur eine ideale Annahme sein
+mag. Der Ehrgeiz des K&uuml;nstlers w&uuml;rde auch dann in
+Kraft treten, wenn dieser K&uuml;nstler auf einer einsamen
+Insel lebte, denn sein Ehrgeiz ist der Ruhmbegierde
+insofern verwandt, als er von dem Bestreben, das Werk
+zu m&ouml;glichster Vollkommenheit zu f&uuml;hren, nicht zu
+trennen ist. Der Literat als Dilettant hingegen ist besessen
+von der Sucht nach der Pr&auml;mie. Eines seiner untr&uuml;glichsten
+Kennzeichen ist, da&szlig; er der Selbstkritik ermangelt.
+Selbstkritik ist das Verm&ouml;gen zu vergleichen.
+Der Literat als Dilettant kann sich nur mit sich vergleichen,
+aus diesem Grunde erscheint er sich bald &uuml;berklein,
+bald &uuml;bergro&szlig;, da sein einziger Spiegel nur das
+eigene, best&auml;ndig schwankende, best&auml;ndig wechselnde,
+niemals ruhende, losgel&ouml;ste und isolierte Ich ist. Er kann
+seine Arbeit nicht allgemein an Arbeit und Leistung
+messen; nur an sich selber kann er sie messen, an den
+verbrachten Stunden, gef&uuml;hlten Anstrengungen; seine
+Intensit&auml;t zu sein und zu schaffen d&uuml;nkt ihm die st&auml;rkste
+&uuml;berhaupt erreichbare, und ein solches Bewu&szlig;tsein gen&uuml;gt
+ihm, um alle Erinnerungen an Qualit&auml;t auszul&ouml;schen
+oder zu tr&uuml;ben. Im Grunde seiner Seele h&auml;lt er
+die h&ouml;here Geltung, welche die Meisterwerke genie&szlig;en,
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>f&uuml;r einen Zufall, wenn nicht f&uuml;r Schlimmeres; auch jedes
+Gelingen h&auml;lt er f&uuml;r einen Zufall, da ihm entweder
+das Talent zu inspirieren oder das Talent zu administrieren
+im Gegensatz zum elementaren K&uuml;nstler fehlt.
+Wer ohne Selbstkritik ist, hat zu keinem Ding eine
+wahrhafte Distanz; so betrachtet er alle K&uuml;nstler als
+seine Kollegen, und das unterscheidende Merkmal zwischen
+ihm und ihnen besteht nur in der Tatsache der
+gr&ouml;&szlig;eren oder geringeren Pr&auml;mie. Wohl vermag er zu
+bewundern, aber seine Bewunderung ist von pers&ouml;nlichen
+Vorbehalten niemals frei; er gibt sich nicht hin,
+er will insgeheim profitieren, er will denen, die die
+h&ouml;here Pr&auml;mie erhalten haben, den Handgriff absehen,
+und das scheint ihm ausf&uuml;hrbar, weil er die Distanz
+nicht kennt. Die Pr&auml;mie, nach der er strebt, kann er
+nie erhalten &#8211; ein Kater zeugt nicht L&ouml;wen. Er aber,
+der da w&auml;hnt, alles Vierbeinige sei letztlich von gleichem
+Rang, dem die Art und die Natur der L&ouml;wen
+v&ouml;llig fremd sind, weil er in einem ganz anderen Klima
+lebt, mu&szlig; notwendigerweise zu der &Uuml;berzeugung gelangen,
+da&szlig; er das Opfer einer Ungerechtigkeit sei;
+die Vergeblichkeit seiner Forderungen erf&uuml;llt ihn nach
+und nach mit Eifersucht und Neid, so da&szlig; er alle Menschen
+gegen sich verschworen glaubt, vom niedrigsten
+Skribenten an, um dessen Ermunterung er buhlt, bis
+hinauf zu Homer, der eine allzu reichliche Menge des
+in der Welt vorhandenen Beifalls verzehrt hat.</p>
+
+<p>Eifersucht und Neid verm&ouml;gen am Ende seine F&auml;hig<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>keiten
+ungeahnt zu steigern; fast allein durch Eifersucht
+und Neid ist er zuweilen imstande, die Geb&auml;rde,
+die Rhythmik, die Melodik des K&uuml;nstlers zu treffen
+und wenn er sich auch nicht hingeben kann, so verliert
+er sich doch manchmal, verliert sich in einer seltsamen
+Form &uuml;bertragener Nachahmung, in welcher
+die gro&szlig;en Werke wie abgebla&szlig;t und wiederempfunden,
+schattenhaft, stimmungshaft ein zweites, unwirkliches
+Leben f&uuml;hren. Er &uuml;bertreibt das schon Vergr&ouml;&szlig;erte,
+verwickelt das schon Vereinfachte, und die Welt,
+die ihr Bild in einer immer auff&auml;lligeren egoistischen
+Verzerrung erblickt, wendet sich beleidigt und gequ&auml;lt
+ab, auch wenn sie dem Urheber vor&uuml;bergehend
+gehuldigt hat.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" title="95"></a>
+<a name="Page_95" id="Page_95"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Der_Literat_als_Psycholog" id="Der_Literat_als_Psycholog"></a>Der Literat als Psycholog</h2>
+
+
+<p class="newsection">Die Psychologie des sch&ouml;pferischen Menschen ist,
+mit einem Gleichnis aus der Chemie gesprochen,
+ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die Psychologie
+zur Idee, was ungef&auml;hr so viel sagen will, als lie&szlig;e
+sich jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen
+Kompa&szlig; besitzt.</p>
+
+<p>Der Psycholog h&auml;lt alles f&uuml;r erlaubt, denn er kann
+alles erkl&auml;ren. Er hat f&uuml;r jede Tat ein F&uuml;r und Wider,
+f&uuml;r keine ein Entweder &#8211; Oder.</p>
+
+<p>Der sch&ouml;pferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge,
+indes der Psycholog die Menschheit und sich
+selbst verr&auml;t. Dieser Proze&szlig; des Verrats ist wichtig
+genug, um n&auml;her betrachtet zu werden.</p>
+
+<p>Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als
+Psycholog ein isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich
+reichere und tiefere Natur. Er ist auch die kompliziertere
+Natur, ja, im Gegensatz zum sch&ouml;pferischen,
+der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, da&szlig;
+seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus
+einem einheitlichen Gef&uuml;hl, nicht aus einem elementaren
+Sein und Betrachten erwachsen, sondern da&szlig; sie
+vielfache Wurzeln haben, da&szlig; kein reiner einfacher
+Strom des Lebens ihn tr&auml;gt, sondern da&szlig; er ein Spiel
+vieler, verschiedener, oft einander entgegengesetzter
+<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Str&ouml;mungen ist, wider die er sich zu behaupten hat,
+woraus sich ergibt, da&szlig; er sich fortw&auml;hrend im Zustand
+der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes
+befindet. Er ist ein wirklich K&auml;mpfender, nicht blo&szlig;
+wie der Literat als Dilettant einer der in den hintersten
+Reihen zuschaut.</p>
+
+<p>Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte
+Menschen; sie sind unkompliziert geboren. Der
+sch&ouml;pferische Mensch ist ebenfalls unkompliziert, aber
+dort, wo sich der Ring wieder schlie&szlig;t, auf der anderen
+Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene,
+derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur
+durch eigenes Streben und eigene Bestimmung, sondern
+auch durch unbewu&szlig;te Mitwirkung der Geschlechter,
+die ihn hervorgebracht haben und deren
+Aufgabe es war, ihn hervorzubringen. Der Psycholog
+hat nun gleichsam diese Kette stummer Vorbereitung
+selbstherrlich verlassen, er hat sich losgel&ouml;st und tritt
+mit dem ganzen Willen der &raquo;Kette&laquo;, mit Belastungen
+von r&uuml;ckw&auml;rts und vorw&auml;rts, mit unerledigten Verantwortungen,
+eigentlich als ein Deserteur, allein auf den
+Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige Erlebnisse
+voraus, innerhalb des eigenen Gem&uuml;ts wie gegen
+den Kreis der Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich
+zu verantworten, ununterbrochen sich zu verantworten,
+gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich
+selbst. Der sch&ouml;pferische Mensch hat nicht n&ouml;tig, sich
+zu verantworten, er ist eben da, er empfindet sich als
+<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>notwendig und gesetzm&auml;&szlig;ig, seine ganze Existenz
+hei&szlig;t: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine
+innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern
+aber ist immer zumute, als ob er verneint w&uuml;rde, er
+f&uuml;hlt sich als zuf&auml;llig, er sp&uuml;rt keine Sicherheit, in ihm
+selbst steckt eine gl&uuml;hende Verneinung, und deshalb
+ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht,
+Schatten- und Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich,
+und es gelingen ihm bisweilen Werke d&auml;monischer
+Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was
+er zutage f&ouml;rdert, tr&auml;gt den Fluch einer geheimen
+L&uuml;ge.</p>
+
+<p>So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag
+er nur eine Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr
+als den Teil, er lebt nicht mehr als den Teil, das ist
+sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des Menschen
+und im Wesen der Kunst begr&uuml;ndet, da&szlig; sein
+Werk ein Ganzes, ein Gebilde von allgemeiner G&uuml;ltigkeit
+und Glaubhaftigkeit vorzustellen strebt. Da
+klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet,
+desto enger und bedingter, desto mehr pers&ouml;nlich gebunden
+stellt sich sein Geschaffenes dar; je weniger
+er sich bescheidet, desto auff&auml;lliger und schmerzlicher
+tritt die Kluft zwischen dem Pers&ouml;nlichen und dem
+objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung,
+keinen Ausgleich. Je st&auml;rker Talent und Potenz sind,
+desto mehr verf&uuml;hrt ihn die Sprache, das Erlebnis,
+die Leidenschaft, die Intensit&auml;t der Vision, sich auf
+<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>sich selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und
+Gott auszuspielen, desto mehr verf&uuml;hrt er die Menschen,
+an ihn zu glauben statt an seine Welt und an
+Gott. Er ist immer zugleich Verf&uuml;hrer und Verf&uuml;hrter,
+w&auml;hrend der sch&ouml;pferische Mensch F&uuml;hrer ist; er ist
+stets der Sklave seiner Eingebungen, Ideen, Worte
+und Gestalten, indes der sch&ouml;pferische Mensch immer
+Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit,
+Freiheit und G&uuml;ltigkeit verleihen will, desto
+mehr mu&szlig; er seine F&auml;higkeit &uuml;berspannen, die Empf&auml;nglichkeit
+seiner Sinne dem Krampfhaften, also
+dem der Natur Feindlichen n&auml;hern, und niemals
+das G&ouml;ttliche, h&ouml;chstens das Titanische ist sein
+Gipfel.</p>
+
+<p>Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die &auml;u&szlig;erste
+Wachsamkeit kaum zu denken; in der Tat ist der
+Psycholog das wachsamste Gesch&ouml;pf der Welt. Wo
+der Dichter tr&auml;umt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit
+hat zur Folge, da&szlig; er &uuml;ber alle Vorg&auml;nge seines
+Innern und zuletzt &uuml;ber die Art und Wirkung des Zwiespalts,
+in dem er sich befindet, aufs genaueste unterrichtet
+ist. Jener Kampf f&uuml;hrt nie zu dauernder Entscheidung;
+in jedem Augenblick f&auml;llt die Entscheidung
+anders, und er selbst darf die Waffen nicht ablegen.
+Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im Zustand
+der Unruhe und der Bewegung alles von sich
+selbst zu wissen; sich von sich selbst losl&ouml;sen wollen
+und doch einsehen m&uuml;ssen, da&szlig; man unl&ouml;sbar mit
+<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen
+rechtfertigen zu m&uuml;ssen, gegen das Werk, gegen die
+Menschheit, gegen Gott und gegen die eigene Seele;
+in einem derartigen Zustand ist das dringendste Verlangen
+das nach einem Heilmittel oder einem Bet&auml;ubungsmittel,
+nach einem Stimulans; dieses Stimulans
+ist eben die Psychologie.</p>
+
+<p>Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie
+kann sich bis zu halluzinatorischer Kraft steigern. Sie
+ist beim sch&ouml;pferischen Menschen in den Phasen vor
+der Entscheidung, beim Literaten ist sie die Entscheidung
+selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung
+bringt eine Wandlung hervor, jedoch diese
+F&uuml;lle von Wandlungen f&uuml;hrt keineswegs zu einer Verwandlung;
+die Mittel sind auf dem Wege verausgabt
+worden, so da&szlig; es ein Ziel dar&uuml;ber hinaus nicht
+mehr gibt. Der Literat hat den Weg, der sch&ouml;pferische
+Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, &#8211;
+auf dem Weg, und das best&auml;ndig; der sch&ouml;pferische
+Mensch verwandelt sich, &#8211; am Ziel. Ein Mann, der
+nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus dem
+diesseitigen die ganze Summe von Gen&uuml;ssen hervorpressen,
+die nach seiner Ansicht darin enthalten sind.
+Derma&szlig;en ist das Verh&auml;ltnis des Literaten zur Psychologie
+beschaffen, und so kommt es auch, da&szlig; die
+Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an
+Gott ist.</p>
+
+<p>Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets
+<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>bemerken, da&szlig; das schlechthin, das Nur-Psychologische
+immer den Verrat in sich birgt. Es mag so erstaunlich
+wie m&ouml;glich beobachtet sein, nie wird man
+es ohne die &Uuml;berwindung einer geheimen und tiefen
+Scham hinnehmen, als ob sich ein Mensch vor uns
+entbl&ouml;&szlig;te. Der Psycholog verr&auml;t die Welt, indem er
+sich selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen
+verr&auml;t. Dies ist ihm die Br&uuml;cke zur Welt, denn eine
+andere hat er nicht in seiner Isolierung. Der Psycholog
+kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine
+Ekstase. Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er
+in seiner Seele gemacht hat, er rei&szlig;t dich in seine Abgr&uuml;nde,
+begr&auml;bt dich in seinen Finsternissen, schleift
+dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am
+Ausgang und am Eingang steht er, nur er, Pf&ouml;rtner
+und Totengr&auml;ber. Der sch&ouml;pferische, der handelnde
+Mensch &uuml;bernimmt die Leiden der Welt und reinigt
+die Menschheit davon, der Psycholog gie&szlig;t seine
+Leiden &uuml;ber die Welt, und die Psychologie ist ihm
+der Schl&uuml;ssel zur Welt, das Mittel, um dir zu sagen:
+Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses
+&raquo;du bist wie ich&laquo;, mit Hilfe der Psychologie, des fortw&auml;hrenden
+Belauerns konstatiert, bringt etwas wie
+eine k&uuml;nstliche Sozialit&auml;t bei ihm hervor, indes ihm
+die nat&uuml;rliche von Anfang an fehlt. Wo er ha&szlig;t, ist
+sein Verrat ohne Hemmung, gewisserma&szlig;en sachlich;
+wo er liebt, glaubt er sich zu opfern durch den Verrat,
+und er mu&szlig; verraten, weil die einzige Form seiner
+<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>Produktivit&auml;t darin besteht, das Ganze der Welt in
+St&uuml;cke zu rei&szlig;en und in dem Schmerz &uuml;ber die Zerst&ouml;rung
+und Zertr&uuml;mmerung die Unvollkommenheit
+der Dinge zu gestalten. W&auml;hrend der sch&ouml;pferische
+Mensch in einem g&ouml;ttlichen Sinne grausam ist, ist der
+Psycholog in einem menschlichen Sinne grausam, da
+er durch ein tragisch widerspruchsvolles Gesetz trotz
+seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt
+bleibt und sich so wenig wie von sich selbst richtend
+von ihr l&ouml;sen kann. Er richtet nicht, er klagt an; es
+geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch nie um
+Gerechtigkeit.</p>
+
+<p>Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch geb&auml;rden
+mag, ist sie der Feind und der Gegensatz der
+Schonung, der Scham, der Abbreviatur, der Andeutung,
+der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der
+Religion. Sie ist immer ein irdisch Erf&uuml;lltes, rationalistisch
+Fertiges; sie ist das W&ouml;rtliche, nicht das
+Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische,
+der Weg und nicht das Ziel.</p>
+
+<p>Nun entsteht die Frage: Wie verh&auml;lt sich die Welt,
+die Gesellschaft hiezu, wie nehmen die Verratenen
+den Verrat auf? Sie werden ja best&auml;ndig in Anklagezustand
+versetzt, best&auml;ndig ihrer Geheimnisse beraubt,
+best&auml;ndig in ihrer Scham beleidigt, wie k&ouml;nnen sie
+das ertragen?</p>
+
+<p>Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des
+Kniffs, da&szlig; er alles Einzelne, Vereinzelte und Sonder<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>liche
+zum Typus verdichtet (w&auml;hrend der sch&ouml;pferische
+Mensch umgekehrt den Typus individualisiert).
+Dadurch wird allem Widerspruch die Spitze gebrochen,
+und es entsteht ein Werk von gro&szlig;er Leidenschaftlichkeit,
+gegr&uuml;ndeter Bewegtheit und seelischer
+Durchf&uuml;hrung, ein Werk von je st&auml;rkerer pers&ouml;nlicher
+Einheit zumeist, je geringer eben die Objektivierung
+der Welt darinnen ist. Obwohl jene Eigenschaften nur
+mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst
+zur Erscheinung gelangen k&ouml;nnen, nenne ich doch das
+Verfahren des Psychologen &#8211; in h&ouml;herem Betracht
+&#8211; einen Kniff, denn er deckt sich damit nach zwei
+Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er
+einen Zerrspiegel vorh&auml;lt und sie dabei durch seine
+Leidenschaft, sein Gef&uuml;hl, seine Kunst, seine Pers&ouml;nlichkeit
+verhindert, die Willk&uuml;r in den Zerrbildern
+zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder,
+wenn man will, gegen das sch&ouml;pferische Prinzip, indem
+er sich als einen leidenden, leidenschaftlich ergriffenen
+Menschen preisgibt, aufgibt und zugleich
+darauf pocht, da&szlig; er in unabh&auml;ngigen Gestaltungen
+zur Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt.</p>
+
+<p>Ich spreche selbstverst&auml;ndlich nicht von der Psychologie
+als Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und
+hat mit der Psychologie in der Kunst wenig oder nichts
+gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine analytische
+Methode, sondern eine Empirie h&ouml;herer Ordnung,
+nicht mehr eine Disziplin, die von Realit&auml;ten ausgeht,
+<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>sondern eine Realit&auml;t an sich. Sie verpflichtet und verbindet
+das k&uuml;nstlerische Gebilde der Erde, verleiht
+der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem
+schon Zusammengefa&szlig;ten, Verdichteten sein unverr&uuml;ckbares
+Gesetz, seelische Anwendung, wechselvolles
+Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die Erfahrung
+beruft. Der Literat als Psycholog will aber
+durch die Psychologie die Vision, das Gleichnis, das
+Verdichtete, das Gedicht erst erzeugen. Ihm ist der
+Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger als
+die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt
+ist, erlahmt er in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit
+vermag er zu ersch&ouml;pfen, er wei&szlig; sie immer neu,
+anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie
+ist ja sein Pers&ouml;nliches, sein Erbe, w&auml;hrend die Idee
+das G&ouml;ttliche vorstellt, von dem er abgeschnitten ist.</p>
+
+<p>Durch das au&szlig;erordentliche, zauberhafte, verf&uuml;hrerische
+Talent, die in sich selbst beschlossene Realit&auml;t
+zu gestalten, wird nun die Menschheit, die Gesellschaft
+oder das, was man Publikum nennt, &uuml;ber den
+begangenen Verrat hinwegget&auml;uscht. Und zwar nicht
+erst seit gestern.</p>
+
+<p>Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die
+geistige und sittliche Individualisierung der Menschheit
+begonnen. Der christliche Kerngedanke ist eigentlich
+die vollst&auml;ndige und freiwillige Selbstisolierung
+des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale
+Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein hei&szlig;t:
+<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>allein dastehen gegen Gott; im Einzelnen, der sich erl&ouml;st,
+wird die Menschheit erl&ouml;st. Es konnte bei der
+Sublimit&auml;t einer derart aufs &auml;u&szlig;erste getriebenen Idee
+nicht ausbleiben, da&szlig; sie, um eine Wirkung zu &uuml;ben,
+mi&szlig;verstanden werden mu&szlig;te und das Christsein
+schlie&szlig;lich nur hie&szlig;: erl&ouml;st werden durch das Leiden
+eines andern, dessen n&auml;mlich, der seiner Lehre das
+welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das
+Christentum nach der sozialen Seite hin nutzbar gemacht.</p>
+
+<p>Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerst&ouml;rende
+Idee ist die der Kunst entgegengesetzte Idee
+schlechthin. Der christliche Mythos konnte der Kunst
+nur dort Nahrung zuf&uuml;hren, wo entweder gl&auml;ubige
+Gem&uuml;ter den gl&auml;ubig Schaffenden umgaben, oder wo
+sein menschlicher Gehalt die Strenge der &Uuml;berlieferung
+sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der
+Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder,
+im ganzen Marienkult, antikisierend und dem Erl&ouml;sergedanken
+fremd waren. Es konnte also nur das
+leidende, inbr&uuml;nstige, ekstatische, lebenverzichtende
+Gef&uuml;hl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive
+Fr&ouml;mmigkeit erforderlich war, oder es mu&szlig;ten &uuml;bernommene
+Vorstellungskomplexe eine immer wiederholte
+Darstellung finden, deren pers&ouml;nliche Beseelung
+aber unm&ouml;glich wurde, als die Tradition ermattet und
+die Zahl ihrer Motive verbraucht war. Die bildende
+Kunst und die Musik, deren Gehalt ausschlie&szlig;lich in
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in
+Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn
+auch meist nur scheinbaren Zusammenhang mit dem
+Christentum am l&auml;ngsten bewahren; die Literatur hingegen,
+Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch
+das Wesen der Sprache und des Wortes auf eine
+st&auml;rkere geistige Existenz gestellt. Dies bedingt einerseits
+eine gr&ouml;&szlig;ere K&auml;lte, gr&ouml;&szlig;ere Ferne und geringere
+Unmittelbarkeit der Gef&uuml;hlswerte, andererseits wird
+aber dadurch jede Verschleierung und Verdunkelung
+der Idee erschwert, da die Aufl&ouml;sung der unerl&auml;&szlig;lichen
+Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur
+Wirkungslosigkeit f&uuml;hren w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Der Dichter mu&szlig;te sich also um so eher und nachhaltiger
+vom Religi&ouml;sen befreien, je mehr dies Religi&ouml;se
+seines national-mythischen Gehalts entkleidet
+und, was dem Geist des Christentums widerspricht,
+zu einer staatlichen und sozialen Einrichtung wurde.
+Das christliche Gebot der Absonderung, der leben-,
+form- und freudezerst&ouml;renden Individualisierung
+zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer
+Individualisierung auf geistigem Weg, vor allem zu
+einer losgel&ouml;sten, vom Volk abgesonderten Existenz.
+Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus dem
+Volk ihm zustr&ouml;menden, im seelischen Leben des
+Volks gewachsenen Mythos beraubt, und dies bedeutet:
+da&szlig; er seinen Mythos selbst erschaffen mu&szlig;te,
+aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter
+<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>befanden sich im Kreise des religi&ouml;sen Mythos ihres
+Volkes, der stets identisch war mit dem nationalen
+Mythos. Das Christentum zerbrach diese Einheit nicht
+nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles Sch&ouml;pferische
+verneinender Mythos entzog den Dichtern auch
+die wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die
+wunderbar tiefe Notwendigkeit und Gesetzm&auml;&szlig;igkeit,
+die jene Genien besa&szlig;en, die von einem ununterbrochenen
+Strom mythisch vorhandener Gestalten
+schon getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen.
+Wie w&auml;re denn sonst das christliche Mittelalter, insonderheit
+das deutsche, so arm an gro&szlig;en Dichterpers&ouml;nlichkeiten?
+Die wenigen von Rang f&uuml;hrten nur
+ein privates Dasein, waren einsam, waren geduldet,
+oder auch wohlgelitten, &raquo;S&auml;nger&laquo;, Kostg&auml;nger, Mitl&auml;ufer,
+nicht F&uuml;hrer, nicht Propheten.</p>
+
+<p>Der Dichter mu&szlig;te seinen Mythos selbst erschaffen.
+Dabei ist es geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft,
+der Staaten, der V&ouml;lker, der geistigen und
+sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die fortschreitende
+Dezentralisation und die best&auml;ndige Verschiebung
+der Kasten und Klassen best&auml;ndig wachsende
+F&uuml;lle von Schicksalsm&ouml;glichkeiten, alle diese
+Umst&auml;nde haben die Tendenz zur Vereinzelung verst&auml;rkt.
+Kaum da&szlig; noch Familien ein nat&uuml;rliches, auf
+dem Herkommen beruhendes Ganzes bilden; die Gemeinde,
+die Polis, der Staat, die Nation sind schon
+k&uuml;nstliche und zuf&auml;llige Zusammensetzungen. Das
+<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>seelische Erwachen von Millionen Einzelnen bietet
+freilich ein gro&szlig;es Schauspiel; es ist nur die Frage, ob
+es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht
+eben ins Grenzenlose und Verh&auml;ngnisvolle gesteigert
+wird.</p>
+
+<p>Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte
+Grundlage des nationalen Mythos fehlt, mu&szlig; er ihn
+aus seinem Innern ersetzen. An die Stelle der lebendigen
+&Uuml;berlieferung tritt diejenige des Schrifttums,
+und statt der nat&uuml;rlichen Sprache, die der Mythos hat
+und in der er zu allen spricht, ergibt sich der Stil. Sein
+Gedachtes, sein Geschautes, sein Getr&auml;umtes, sein
+Werden, sein pers&ouml;nliches Erleben, seine Anschauung
+der Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein
+Verh&auml;ltnis zur Natur, dies alles verdichtet, vereinfacht,
+verbildlicht und zur Sch&ouml;nheit verwandelt, wird nun
+f&uuml;r den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn
+er zugleich K&uuml;nstler ist, wenn er alle Lebenselemente
+zu Kunstelementen umgeschmolzen und das Pers&ouml;nliche
+in ein G&ouml;ttliches verwandelt hat.</p>
+
+<p>Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen
+Ernst voraus, eine Kraft zur Entsagung und
+einen Willen zur Einsamkeit und Selbstvertiefung,
+die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe
+machen m&uuml;ssen, damit er Herr des Werkes werde,
+sondern es fordert auch bei den Empfangenden eine
+Eigenschaft, die fast Kongenialit&auml;t zu nennen ist und
+die sich nat&uuml;rlich nur bei erw&auml;hlten Geistern findet,
+<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>zun&auml;chst wenigstens; sp&auml;ter greift dann die Tradition
+von Bildung, Stil und Kultur ein, dieselbe Tradition,
+deren sich der Nachfahr bedienen und die er zugleich
+bek&auml;mpfen mu&szlig;, um sich selbst zu finden. So vollzieht
+sich nie ein harmonisches Kr&auml;ftespiel; alles ist
+Kampf und Absonderung, und das Mi&szlig;verst&auml;ndnis
+zeugt, nicht das Einverst&auml;ndnis.</p>
+
+<p>In K&uuml;rze: der sch&ouml;pferische Mensch ersetzt das Real-Mythische
+durch das Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender
+und gro&szlig;artiger ist, je gr&ouml;&szlig;er eben sein
+Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind.
+Es gelingt ihm durch unerm&uuml;dlichen Flei&szlig;, durch
+gl&uuml;hendes Welt-Erraffen, selbstvergessenes Welt-Erschauen,
+sein Egoistisch-Pers&ouml;nliches gleichsam auszutilgen
+und daf&uuml;r das Fiktiv-Pers&ouml;nliche zu geben.
+Dies ist dem Literaten versagt; also auch dem Psychologen.
+Wohl sch&ouml;pft er ebenfalls alle Nahrung aus
+sich selbst, gr&auml;bt eine Welt aus seiner Brust, erlebt
+tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der
+Verwandlung besitzt, bleibt er immer, der er war,
+wandelt sich nur von einem Werk in das andere, von
+einer Gestalt in die andere, nie in das G&ouml;ttliche empor,
+und er ist fern von den Menschen &#8211; wie der
+sch&ouml;pferische Mensch, und fern von Gott &#8211; wie die
+Menschen. Er verwandelt sich nicht in das Herrlich-Fiktive;
+auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in
+die ewige Region, in die Sph&auml;re der h&ouml;heren Wahrheit,
+des vereinfachten Lebens, sie bleiben ihm zuge<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>schmiedet,
+bleiben Suchende, Irrende, Leidende, Unbefreite,
+und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt,
+von ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst,
+seine Schmerzen, seine Scham, seinen Ehrgeiz, seine
+Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes Gut, nicht
+ein erzwungenes Joch sein m&uuml;&szlig;te) zu bezeugen,
+zu verraten. Die Menschen aber, in ihrer Neugierde,
+ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an Spiegelbildern, an Enth&uuml;llungen,
+entschleierten Geheimnissen, zerst&ouml;rten
+Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren
+in ihm nicht ein Gleichnis f&uuml;r G&ouml;ttliches
+nicht eine Idee, sondern f&uuml;r Menschliches, eine Wirklichkeit.
+Das danken sie ihm, das bewundern sie an
+ihm, das zieht sie zu ihm. Seine Wachsamkeit h&auml;lt sie
+wach, seine Bewegtheit zerstreut sie, seine Treffsicherheit
+trifft sie, seine Gespanntheit erg&ouml;tzt sie, seine Einsamkeit
+verstehen und betrauern sie, in allem finden
+sie ein Gleichnis f&uuml;r sich selbst, und das ist etwas anderes,
+viel Lustigeres, Glaubhafteres und Reizenderes
+als beim sch&ouml;pferischen Menschen, wo sie ein Gleichnis
+f&uuml;r das G&ouml;ttliche finden, die Synthese.</p>
+
+<p>Freilich, so wenig der sch&ouml;pferische Mensch heute das
+Volk f&uuml;r sich hat, die belebte, organische Gesamtheit
+einer Kulturperiode, so wenig der Literat als
+Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige
+Polis, die an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein
+Publikum. Und was ist ein Publikum? Es sind die
+&raquo;Getroffenen&laquo;, die Neugierigen, die Gelangweilten,
+<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>eine ungeordnete Horde von Freisch&auml;rlern der Bildung,
+die Wahllosen, Gesetzlosen, Zusammenhanglosen
+und v&ouml;llig Gottlosen. Darin beruht der tiefste
+Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg,
+Beifall und Echo niemals zur reinen Freude.
+Was kann es ihm auch bedeuten, die Gottlosen f&uuml;r
+sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, da&szlig; er
+gottlos ist?</p>
+
+<p>Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Gl&uuml;ck
+des Dar&uuml;berstehens ist, mag er auf den blicken, der
+geradeswegs f&uuml;r das &raquo;Publikum&laquo; erschaffen wurde
+und der nicht mehr daran leidet, da&szlig; er gottlos ist.</p>
+
+<p>Das ist:</p>
+
+
+
+<p><a class="page" title="111"></a>
+<a name="Page_111" id="Page_111"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Der_Literat_als_Tribun" id="Der_Literat_als_Tribun"></a>Der Literat als Tribun</h2>
+
+
+<p class="newsection">Er stammt zumeist aus kleinen Verh&auml;ltnissen und
+kennt die Not, die leibliche wie die geistige. Zwei
+Dinge haben ihn emporgehoben: sein Ehrgeiz und
+das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur &auml;u&szlig;erlich, er
+zielte auf die Verbesserung der sozialen Stellung,
+wurde aber sp&auml;ter durch geistige Zustr&ouml;me sowohl
+veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn der
+Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenu&szlig;
+zerst&ouml;rt. So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der
+ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem Wanderer.</p>
+
+<p>Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist
+nicht beschwingen, aber sie gibt ihm die vehemente
+Sto&szlig;kraft des von eingepre&szlig;tem Dampf getriebenen
+Hebels.</p>
+
+<p>Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tats&auml;chlichen;
+er ist Erkl&auml;rer und Propagandist; Bannertr&auml;ger
+alles Neuen; Beobachter, der unfehlbare Schl&uuml;sse
+zieht; Alchimist der &Uuml;berraschungen und Moralist
+der Nutzanwendung; &Uuml;bertreiber des Absurden, Verzerrer
+des Trivialen, Widersacher des Selbstverst&auml;ndlichen;
+Leugner des Seltenen, wo Seltenes anerkannt,
+und Verk&uuml;ndiger des Genius bis zu der Stunde, wo
+der Genius sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der
+Anpassung, der Aufwiegler der Stumpfen, die Polizei
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist vieles in
+vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick
+angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden
+zu denken, ohne den gegenw&auml;rtigen halten
+zu k&ouml;nnen, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist
+wie der Kapit&auml;n eines Passagierdampfers; bei jeder
+Fahrt sind andere Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte,
+nie vorbereitete, nie solche, die sich seiner
+Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er mu&szlig;
+alle Voraussetzungen seines Tuns und seiner Kr&auml;fte
+jedesmal von neuem exponieren. Der Wechsel der
+Passagiere vollzieht sich unter best&auml;ndigem Bruch geschaffener
+B&uuml;ndnisse und &Uuml;bereink&uuml;nfte, best&auml;ndiger
+Ver&auml;nderung der Formen und Normen.</p>
+
+<p>Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert
+man sich wohl. Im Grund ist es der Name, der Gewicht
+und Klang hat, der eine Luft des Schreckens,
+des Befehls, der Autorit&auml;t, der Leidenschaft um sich
+tr&auml;gt. Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die
+Person schreitet &uuml;ber die Leistung hinweg.</p>
+
+<p>Wer ist ungl&uuml;cklicher als er? Vertrauen erzwingen,
+Anerkennung, Billigung und Freundschaft mit Aufwand
+aller Mittel des Geistes erobern, um alles wieder
+zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie
+am Anfang mu&szlig; er seine Person einsetzen und blo&szlig;stellen,
+immer mit dem ganzen Elan oder, was nicht
+minder aufreibend ist, mit der Geb&auml;rde des ganzen
+Elans. H&auml;tte er nicht die Geb&auml;rde, so w&uuml;rde er aus<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>gepl&uuml;ndert,
+ausgeschl&uuml;rft und ausgeleert, da die Vielf&auml;ltigkeit
+der Aufgaben, die ihm gestellt werden, und
+die Zerstreutheit der Interessen, die zu sammeln, zu
+befriedigen, zu besch&auml;ftigen seine wichtigste Mission
+ist, ihn n&ouml;tigen, alles was er empf&auml;ngt, sogleich wieder
+zu ver&auml;u&szlig;ern. Der sch&ouml;pferische Mensch verarmt
+nicht, ihn n&auml;hren tiefe Wurzeln; seine wirkliche Pers&ouml;nlichkeit
+wird gen&auml;hrt von seiner mythisch-fiktiven.
+Auch seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die
+Gestalt, die ihm verbunden ist, auch wenn kein Ohr
+ihn h&ouml;rte, kein Auge ihn s&auml;he. Die Realit&auml;t ist nur
+ein Gleichnis f&uuml;r ihn; er schafft ja die Welt zum
+zweitenmal.</p>
+
+<p>Demgegen&uuml;ber ist der Literat als Tribun der einsamste
+von allen Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz
+gel&ouml;st von der Welt. Was ihn sch&uuml;tzt und tr&ouml;stet,
+ihn unerm&uuml;dlich, gewisserma&szlig;en verblendet macht,
+was seinen Ehrgeiz in Glut erh&auml;lt, ist das Wort. Er
+hat eine angeborene Liebe zum Wort, und es w&auml;re
+verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht f&uuml;r einen
+Dichter hielte. Das Wort ist sein Gef&auml;hrte, er geht
+mit ihm um wie mit einem Freund, er t&auml;ndelt mit ihm
+wie mit einem Kind, er betreut es wie eine Geliebte
+und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste
+durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er
+durch das Wort tapfer, ja tollk&uuml;hn; hinter dem Wort
+verschanzt er sich, verbirgt er seine Armut, seine
+Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort
+<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>gibt ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert
+und verdeckt seine Irrt&uuml;mer und verleiht ihm genau
+die Gestalt, die er vorzustellen w&uuml;nscht. So wird er
+undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das
+Wort ein Panzer w&auml;re; unsichtbar und unauffindbar
+hinter dem Wort, ein wunderliches Widerspiel zum
+sch&ouml;pferischen Menschen, der unsichtbar ist hinter
+der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt,
+nur Handlungen, Bewegungen (des K&ouml;rpers oder der
+Seele). Dann sind Worte von ganz anderem Valeur,
+ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht Gesagtes.
+Das Wort als solches verh&uuml;llt die Gestalt
+und macht sie unsichtbar.</p>
+
+<p>In einer Zeit wie der gegenw&auml;rtigen, in der ungeheuren
+F&uuml;lle der Dinge, der Gesichte, der Vorg&auml;nge, der
+Meinungen, des Wissensw&uuml;rdigen, des Neuen, des
+schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergr&ouml;&szlig;erung
+geistigen Bestandes bei erschreckender
+Haltlosigkeit des Besitzes ist der Literat als Tribun
+unentbehrlich. Er ist es, der w&auml;gt, der urteilt, der vermittelt,
+der die Gro&szlig;m&uuml;nze der geistigen Regierungen
+in die Kleinm&uuml;nze des Verkehrs umsetzt, der Bildung
+verbreitet, Kenntnisse weckt, Einsichten f&ouml;rdert und
+in allen Angelegenheiten des &ouml;ffentlichen Lebens
+h&ouml;chste und letzte Instanz ist.</p>
+
+<p>Das w&auml;re nun eine sehr segensreiche T&auml;tigkeit mit
+heilsamen Wirkungen, m&uuml;&szlig;te man glauben. Man
+m&uuml;&szlig;te glauben, da&szlig; eine so stetige und heftige Teil<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>nahme
+am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur,
+an seelischem Wachstum und geistigem Fortschritt
+ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn und ohne wahre
+Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir n&auml;her zu.</p>
+
+<p>Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn,
+auch nur der allergeringste Lohn in Aussicht steht?
+Kann von Selbstlosigkeit die Rede sein, wo eine Handlung
+dazu dient, den Glanz eines Namens zu erh&ouml;hen?
+Es mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache
+f&uuml;hren, und er besitzt doch nicht die wahre Sachlichkeit,
+sobald es unter dem Schutz seiner Person und
+unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn
+und Selbstlosigkeit, das w&auml;re Aufl&ouml;sung der Anonymit&auml;t,
+&#8211; rein betrachtet, meine ich, denn ich will ja
+keine Kompromisse mit den Begriffen und mit den
+Erscheinungen schlie&szlig;en. Da&szlig; die Anonymit&auml;t des
+Tribuns ja zuweilen sogar seiner Ehre schaden kann
+und mu&szlig;, geh&ouml;rt auf ein anderes Feld; es ist dies
+ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur,
+nicht <em class="gesperrt">das</em> anklagt, was ich unter Anonymit&auml;t verstehe.</p>
+
+<p>Was aber verlangst du? h&auml;lt man mir dawider. Ist
+der Opfersinn, die Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit
+unzureichend, die der Literat als Tribun in seinem
+edelsten Typus darstellt, was w&auml;re dann zureichend?
+Was gesch&auml;he ohne ihn? Wer w&uuml;rde seine Arbeit
+verrichten, die, wie gesagt, unentbehrlich ist, schon
+weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten Nei<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>gungen
+entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Aufl&ouml;sung
+und der Anonymit&auml;t f&auml;hig sind? Die wirken
+durch die Tat, durch die Gestalt, nicht durch das
+Wort. Ist jedoch der sch&ouml;pferische Mensch anonym?
+Er erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den
+Mythos, in dem er entschwindet wie Zeus in der
+Wolke. Wo l&auml;ge aber der Mythos f&uuml;r den Literaten
+als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort
+ist das dem Mythos schlankweg Entgegengesetzte.</p>
+
+<p>Daf&uuml;r w&auml;re also abermals die Zeit zu beschuldigen,
+die eine Kultur geschaffen hat aus einer Summe von
+Einzelkulturen, die auf den Individualismus schw&ouml;rt
+und in ihren subtilsten Regungen, in ihren ahnungsvollsten
+Stunden noch, sie wei&szlig; kaum wie sehr, der
+Materie huldigt. Die Person, das ist eben die Materie
+in nuce. Man fragt, was ohne die segensreiche T&auml;tigkeit
+geschehen w&uuml;rde, die der Literat als Tribun entfaltet.
+Die Wege der Bildung w&uuml;rden ver&ouml;den; gewi&szlig;.
+Aber ist es nicht schon genug der Bildung, die
+nur auf eine Vervollkommnung des Pers&ouml;nlichen, pers&ouml;nlicher
+Macht, pers&ouml;nlicher Ausdrucksm&ouml;glichkeit,
+pers&ouml;nlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn
+einmal ruhen, um eine wohltuende Geistesd&auml;mmerung
+eintreten zu lassen, in der die Seelen einander
+finden w&uuml;rden, der Streit der Meinungen, die
+Schlacht der Worte zum Austrag gelangen k&ouml;nnte?
+Ich behaupte nicht, da&szlig; diese Bildung nur ein &Auml;u&szlig;eres
+sei, sie kann auch ein Inneres sein, Kr&auml;ftigerin des Ge<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>m&uuml;ts,
+Reinigerin des Herzens; aber ein Religi&ouml;ses ist
+sie nicht, niemals wird sie den Menschen zum Mythos
+f&uuml;hren, ihm die gro&szlig;e F&uuml;lle, die gro&szlig;e Stille, die gro&szlig;e
+Bescheidung, den gro&szlig;en Zusammenhang schenken
+und sein Herz der Tr&auml;gheit entledigen, die eine Folge
+der individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn
+verpers&ouml;nlichen, zum Knecht des Wortes machen,
+zum W&ouml;rtlichen, zum Einzelnen.</p>
+
+<p>Daf&uuml;r eben ist <em class="gesperrt">das Wort</em> ein Merkmal, das Merkmal
+geradezu. Es hat alle Gebiete des Denkens und des
+Gef&uuml;hls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt erobert.
+Es ist der n&uuml;tzliche Kolonisator jeder Wildnis und
+der voreilige Zerst&ouml;rer des Geheimnisvollen. Es hat
+nur kurzen Atem, eine fl&uuml;chtige Existenz, aber es hat
+die Kraft, sich immer wieder aus sich selbst zu erneuen.
+Was es ber&uuml;hrt, bezeichnet hat, tritt unver&auml;u&szlig;erlich
+in den Bezirk des Gewu&szlig;ten und Bewu&szlig;ten,
+in den Bannkreis der Meinungen und Urteile, wird
+studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie Rarit&auml;ten
+in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung,
+wo sie aufh&ouml;ren, ein freies, organisches und anonymes
+Dasein zu f&uuml;hren. Was gestern noch Ahnung
+war, heute ist es Gewi&szlig;heit, morgen ist es ein Schall.
+Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet
+die K&uuml;rze des Wegs vom Glauben zur Entg&ouml;tterung,
+von der Gebundenheit zur Anarchie. In
+der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von
+Glauben und Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist
+<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>Angst, Fatalismus; es ist nicht Gesetz, es ist Tr&auml;gheit,
+Rationalismus &#8211; Schranken vor dem Chaos.</p>
+
+<p>Will der Literat als Tribun &uuml;ber das Wort hinaus, so
+gelangt er in die Sph&auml;re des Dilettanten oder in die
+des Psychologen, wobei er Schatten beschw&ouml;rt, die
+er f&uuml;r Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs
+ist er unnachahmlich und wird seine Gaben
+zur Vollendung entwickeln. Da er in der Luft der
+Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die &uuml;ber den
+Dingen schweben, &uuml;ber den Menschen, &uuml;ber der
+Kunst und &uuml;ber der Natur. Er vermag sie so zu binden,
+so zu schleifen, da&szlig; sie unter allen Umst&auml;nden
+seinen Charakter und die Farbe seiner Pers&ouml;nlichkeit
+annehmen. Dies ist noch nicht Stil; zum Stil geh&ouml;rt
+Distanz und Ruhe, Bild und Rhythmus; es ist das
+Wort in seiner Sinnlichkeit und N&auml;he, seiner Einschichtigkeit
+und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende,
+werbende und symbollose. Damit es an
+seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies enth&uuml;llt
+sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten
+als Tribun. Die Rede fordert H&ouml;rende, nicht Neugierige,
+Wi&szlig;begierige, nicht Gelangweilte, die fl&uuml;chtig
+aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag sich
+wendet, deren Teilnahme f&uuml;r Gelesenes nur eine
+Maske der M&uuml;digkeit und der &Uuml;berf&uuml;tterung, deren
+Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch von einer
+Verpflichtung loskaufen, nur eine k&uuml;nstliche Form
+von Gleichg&uuml;ltigkeit oder sagen wir Objektivit&auml;t ist;
+<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>sondern die Rede fordert eine von gemeinsamem Band
+vitaler Interessen umschlungene Gemeinde. Der Literat
+als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen zwei
+St&uuml;hlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage,
+eine einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene
+Wort hat ganz andere Resonnanzen und
+Anspr&uuml;che; an die Stelle des Willens zur Tat tritt der
+Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden,
+ohne zu sp&uuml;ren oder zuzugeben, da&szlig; dies nur ein
+Surrogat ist, und &uuml;ber die Unm&ouml;glichkeit einer allgemeinen,
+politischen, besser: verwandelnden Wirkung
+tr&ouml;stet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen,
+mit dem Enthusiasmus der Gleichg&uuml;ltigen, mit
+der Zustimmung der Fachgenossen und einem Ruhm,
+der aus Papier besteht.</p>
+
+<p>Eine unausbleibliche Folge des Mangels an H&ouml;renden
+ist die zunehmende Zahl derer, die selbst etwas
+sagen wollen. Es beruht dies auf dem seltsamen Irrtum
+der menschlichen Natur, da&szlig; sie das geben zu
+m&uuml;ssen glaubt, was sie nicht empf&auml;ngt. Die fortschreitende
+Individualisierung wirkt auf den einzelnen
+verlockend, ein Phantom der Freiheit &auml;fft ihn, und er
+tritt selbstt&auml;tig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt
+ist, was durch die stumme Arbeit der Geschlechter
+vollendet werden mu&szlig;. Jeder solche einzelne ist ein
+&raquo;Talent&laquo;. Das Talent ist ein Losgel&ouml;stes, vom Mythos
+Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente
+sind Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt,
+<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>Sektierer, nicht Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt,
+Unterhaltung, Zerstreuung, Spannung, Anspannung
+(der die Abspannung wie eine Rache nachgeht),
+daf&uuml;r machen sie sich bezahlt durch eine geistige
+Tyrannei und eine Vorherrschaft ihrer spezifischen
+Art, welche den innerlich Unsichern, zuf&auml;llig Erhobenen
+nicht verleugnen. Das Talent ist wie der
+Mond; es zeigt immer nur eine Seite: die literarische;
+die menschliche ist unsichtbar, &#8211; eine Entzweiung
+von verh&auml;ngnisvoller Beschaffenheit, die irgendwo und
+-wann zum Bankerott f&uuml;hren mu&szlig;.</p>
+
+<p>Wie oft sehen wir, da&szlig; zugunsten des &raquo;Literarischen&laquo;
+das Menschliche geopfert wird. Wir m&uuml;ssen auf ein
+Antlitz verzichten, um uns an Verkleidungen zu erg&ouml;tzen.
+Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt
+es F&auml;lle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erf&uuml;llt
+ist, da&szlig; er sich gedr&auml;ngt f&uuml;hlt, es darzustellen. Es
+handelnd auszul&ouml;sen, ist ihm aus vielen Gr&uuml;nden versagt,
+unter welchen der Mangel eines echten gesellschaftlichen
+Zusammenschlusses am schwersten wiegt;
+er greift zur schriftlichen Mitteilung &#8211; als Beichte;
+zur &uuml;bertragenen Form des gestalteten Bildes &#8211; als
+Spiegelung. Mag es Klarheit f&uuml;r ihn, Aufkl&auml;rung, Bereicherung
+f&uuml;r die Freunde, f&uuml;r Gleichf&uuml;hlende bringen,
+Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und
+entlastet ihn. Anstatt es aber dabei zu lassen, das Ungew&ouml;hnliche,
+Seltene, jedenfalls Einmalige als solches
+zu bekr&auml;ftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zer<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>st&ouml;rt,
+anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben,
+und was zuerst Berufung war, wird Handwerk,
+dann Routine, dann ekler Absud und Selbstplagiat.
+Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es
+wird immer weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt,
+eine Tat wird verleugnet, Freunde werden
+zu Kostg&auml;ngern, ehedem Ergriffene zu h&ouml;flichen Jasagern,
+die Seele verarmt in der Geb&auml;rde, der Geist
+stellt sich im Wort blo&szlig;, Erlebnis wird sogleich als
+Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum l&auml;hmt das Erlebnis,
+dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den
+Genie&szlig;enden die Unschuld und Freudigkeit getr&uuml;bt,
+und es entsteht &#8211; Literatur.</p>
+
+<p>Das Notwendige sinngem&auml;&szlig; vollbringen, kennzeichnet
+den Menschen von Berufung. Infolge jener Entzweiung
+wird entweder das Notwendige nicht sinngem&auml;&szlig;,
+d.&nbsp;h. stilgem&auml;&szlig;, angeborener Form entsprechend
+zum Ausdruck gelangen, wenn das Menschliche
+pr&auml;valiert, oder das Sinngem&auml;&szlig;e wird nicht immer
+das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte
+sein, wenn das Literarische pr&auml;valiert. Entweder wird
+also das Literarische als dem edleren Dilettantismus
+verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird nur
+wie ein zuf&auml;lliges Anh&auml;ngsel erscheinen.</p>
+
+<p>Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist
+unterworfen. Von Anbeginn an ist er der geschworene
+Feind des Dilettanten, da er sozusagen auf Vorposten
+steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich ver<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>kettet
+findet und, der &Ouml;ffentlichkeit preisgegeben,
+eine &ouml;ffentliche Person ist, von der man bestimmte
+Leistungen zu erwarten sich mehr bem&uuml;&szlig;igt als gezwungen
+f&uuml;hlt. Schon die stete Verantwortung n&ouml;tigt
+ihn zur Geb&auml;rde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel
+mehr erst die Gewohnheit, das Metier. Das Wort
+umpanzert ihn, kommandiert ihn, und wollte er sich
+auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort
+ges&uuml;ndigt hat, so f&auml;nde er die Br&uuml;cken abgebrochen
+und den Weg zu weit. Er mu&szlig; antworten, best&auml;ndig
+antworten, als ob die Welt und das Leben voll von
+Fragen w&auml;ren; sie sind auch voll von Fragen, nur
+werden sie nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt
+und das Leben, und die Antwort geschieht um der
+Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort mu&szlig;
+ihm Maske bleiben. <em class="gesperrt">Er darf sich nicht verraten,</em>
+niemals und unter keinen Umst&auml;nden. Er ist nur
+treu, solange das Wort ihm treu ist. Er geht um die
+Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist
+ihm nur ein Wort, und Worte werden vergessen
+(oder auch behalten), gesehen werden sie nicht. Er
+kann nicht tr&auml;umen, das Wort h&auml;ngt mit Bleigewicht
+an den Fl&uuml;geln des Traums; er kann nicht
+genie&szlig;en, das Wort verpflichtet ihn, dem Genu&szlig; auszuweichen.
+Er f&uuml;hlt nicht mit dir, au&szlig;er mit seinem
+Ehrgeiz f&uuml;r deinen Beifall, mit seiner Leistung f&uuml;r
+deine Schw&auml;che, mit seiner Virtuosit&auml;t f&uuml;r deinen
+Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam kr&auml;nk<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>lich,
+sehr argw&ouml;hnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen,
+ohne Traditionen, Empork&ouml;mmling, Autodidakt,
+&uuml;beraus einsam und in unruhvoller, ja atemloser
+T&auml;tigkeit.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" title="124"></a>
+<a name="Page_124" id="Page_124"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Der_Literat_als_Schongeist" id="Der_Literat_als_Schongeist"></a>Der Literat als Sch&ouml;ngeist</h2>
+
+
+<p class="newsection">Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies,
+so versteht er es doch, sich die gemeinen Sorgen
+vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein bequemer
+Herr w&auml;re; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er
+hat nur einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit,
+der ihm oft das Leben so unbequem wie m&ouml;glich
+macht. Schon das blo&szlig;e Nachdenken, geschweige
+denn die Beflissenheit, Bed&uuml;rfnisse und Anspr&uuml;che
+zu befriedigen, die einem gew&ouml;hnlichen Menschen
+keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, st&uuml;rzt ihn in
+Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt,
+den eigentlichen Zwecken zu dienen, ist die H&auml;lfte
+seiner Seelenkraft schon aufgebraucht.</p>
+
+<p>Seine Neigungen sind luxuri&ouml;s in jedem Sinn. Er
+liebt die F&uuml;lle, die Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt
+die Dinge dinglich, mit wahrer Freude am Gegenstand,
+doch nur seltene und kostbare Dinge, oder
+solche, die schon gleichsam eine Metapher bilden
+oder enthalten. Am H&auml;ufigen und Niedrigen das Charakteristische
+zu sch&auml;tzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja
+die M&ouml;glichkeit, weil er sich zu weit nach der andern
+Seite entfernt hat. Da aber das Leben mehr aus H&auml;ufigem
+und Niedrigem besteht als aus Seltenem und
+Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens,
+<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>sondern ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit,
+denn er hat keine Naivit&auml;t.</p>
+
+<p>Man mu&szlig; seine Bildung als profund bezeichnen und
+seinen Geschmack als &uuml;ber jeden Zweifel erhaben.
+Dies l&auml;&szlig;t auf gro&szlig;e Ausdauer schlie&szlig;en, auf einen
+sicheren Blick und ein pr&auml;zis abw&auml;gendes Urteil. Eine
+derartige Vereinigung von Bildung und Geschmack
+kann ferner nicht ohne ernsthafte Selbstzucht erreicht
+werden; ist sie noch dazu einem Temperament abgerungen,
+das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine
+geistige Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff
+Vornehmheit zu tiefer Bedeutung gelangt.</p>
+
+<p>Warum ist aber der sch&ouml;pferische Mensch nicht in
+derselben Bedeutung vornehm? Weil er mit dem
+Niedrigen und H&auml;ufigen des Lebens ebenso verbunden
+ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil
+sein Wesen nicht darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren,
+sondern sich zu identifizieren; weil er nicht
+Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein, im Innern
+der Dinge und der Kreaturen Lebender.</p>
+
+<p>Wenn der sch&ouml;pferische Mensch in sich selbst sein
+Werk objektiviert, so distanziert es der Literat als
+Sch&ouml;ngeist. Das Mittel zur Distanz verleiht ihm die
+Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so
+ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und
+H&auml;ufige meidend, durchaus das Unterscheidende
+suchend und unterschieden bis zum Gesuchten. Keine
+Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Ge<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>f&uuml;hl
+besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich,
+eigenkr&auml;ftig, sondern sie werden durch den Stil hervorgebracht,
+anscheinend gel&auml;utert, in Wirklichkeit getr&uuml;bt.
+Denn dieser &raquo;Stil&laquo; ist nicht von der Hand und
+vom Willen gel&ouml;st; er zwingt immer zur Aufnahme
+und Betrachtung eines pers&ouml;nlichen Elements und
+verhindert, da&szlig; man sich hingibt und da&szlig; man glaubt.
+Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen
+l&auml;&szlig;t, da&szlig; er eine exquisite Rolle spielt, und der Literat
+als Sch&ouml;ngeist ist ein solcher Schauspieler, ein Schauspieler,
+der sich nicht opfern und vergessen kann, weil
+er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der Schauspieler
+seiner selbst.</p>
+
+<p>Er kann ohne den Stil nicht denken, nicht tr&auml;umen,
+nicht gestalten. Seine Phantasie ist nicht wortgebunden.
+Im Wort ist er frei, durch Bildung und Wissen
+sowohl wie durch einen imperatorischen Zug seines
+Geistes, verm&ouml;ge dessen er alles Detail der Erscheinung
+sammelt und sublimiert. Aber rhythmisch gebunden
+ist seine Phantasie, in Schwingung, Ton,
+Melodik, Absetzung und Steigerung so gebunden,
+da&szlig; die Besch&auml;ftigung damit, die vorbereitende wie
+die ausf&uuml;hrende, die ganze Atmosph&auml;re des Lebens
+f&uuml;llt und das Leben selbst gewisserma&szlig;en zu einem
+pr&auml;destinierten Verlauf zwingt. Das Formhafte wird
+ein Gesetzm&auml;&szlig;iges, und die Folge davon ist, da&szlig; das
+Ethische ein Zuf&auml;lliges wird, zumindest in Abh&auml;ngigkeit
+ger&auml;t. &Auml;u&szlig;erlich wie innerlich findet best&auml;ndig
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>eine Verdr&auml;ngung der Hauptwerte, eine Verschiebung
+des Substantivischen hinter das Attributivische statt,
+woraus sich ein ungesundes und unklares Verh&auml;ltnis
+zwischen der Anschauung und dem Bild, der sinnlichen
+Wahrheit und der Metapher ergibt. Bild und
+Gleichnis werden isolierte Faktoren, die sich eigenwillig
+aufdr&auml;ngen; der Weg von der Anschauung zum
+Bild ist oft so weit, da&szlig; der nat&uuml;rliche W&auml;rmezuflu&szlig;
+versickert und an dessen Stelle eine k&uuml;nstliche Glut
+tritt, &Uuml;berhitzung des Ausdrucks, &Uuml;berladung des
+Gehalts, Verzerrung der Form. Die beleidigte &Ouml;konomie
+l&auml;&szlig;t keine echte Sch&ouml;nheit mehr aufkommen;
+wir gewahren entweder ein kaltes Gebilde, Ohr- oder
+Augenweide, aber im Grunde entseelt, oder eines, das
+uns wie in willenlosem Trotz gegen die &Uuml;berwucherung
+der Metapher durch einen vergewaltigenden Subjektivismus
+ern&uuml;chtert und zweckbewu&szlig;t macht.</p>
+
+<p>Denn es ist nicht die Leidenschaft, die mich verwandelt,
+sondern die Verwandlungen der Leidenschaft
+verwandeln mich mit, also letzten Endes ein Moralisches.
+Auf dieses Moralische mu&szlig; der Literat als
+Sch&ouml;ngeist verzichten. Er scheint es zu verschm&auml;hen,
+aber er mu&szlig; darauf verzichten, weil er sich nicht verwandeln
+kann, weil er, wie der Psycholog und wie
+der Tribun, an seine Person geschmiedet ist, weil auch
+er nur den Weg hat, obschon es ein anderer Weg ist,
+und weil er am Ziel stets bei sich selbst anlangt. <em class="gesperrt">Er
+kann sich nicht verraten</em>; er steht zu fern. Das
+<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>Moralische beschwert sein Gewissen nicht mehr, er
+leidet nicht darunter, es kommt nicht mehr in Frage
+f&uuml;r ihn. Er spielt. Seine Gebilde k&ouml;nnen leicht und
+schwebend sein wie Seifenblasen, sie k&ouml;nnen schwer
+oder flammend sein, aber sie werden niemals jene unbedingte
+Eigenlebigkeit zeigen, die dem Werke des
+sch&ouml;pferischen Menschen innewohnt, sie bleiben an
+seine Person gebunden und haben gleichwohl nicht
+das H&ouml;chst-Pers&ouml;nliche, das erst aus dem Mythischen
+str&ouml;mt und das daher identisch mit h&ouml;chster Sachlichkeit
+ist. Insofern ist sein Schaffen Spiel: weil es
+nicht h&ouml;chste Sachlichkeit ist. Da gibt es nur ein Entweder
+&#8211; Oder.</p>
+
+<p>Er mag Gem&uuml;t besitzen, doch ist es wie ein Fluch:
+w&auml;hrend er seine Werke hervorbringt, vielleicht schon
+in der Konzeption, verzehrt der Rhythmus einen
+Teil der urspr&uuml;nglichen Empfindung. Der Rhythmus
+herrscht; die Einfachheit l&auml;&szlig;t ihn erlahmen, erst im
+Komplizierten und Beziehungsvollen kann er sich
+entfalten, es sei denn, da&szlig; er das Einfache so weit
+distanziert, da&szlig; es schon wieder metaphorisch wird,
+als Stilisierung verbla&szlig;t, als Arabeske sich verkr&uuml;mmt.
+Niemand kennt besser denn der Literat als Sch&ouml;ngeist
+die ewig g&uuml;ltigen Werte sch&ouml;pferischer Kunst. Da&szlig;
+er sich an ihnen mi&szlig;t, da&szlig; er immer wieder w&auml;hnt,
+nicht nur mit ihnen wetteifern, sondern, wenn g&uuml;nstige
+Zuf&auml;lle zusammentreffen, sie auch erzeugen zu k&ouml;nnen,
+da&szlig; er sich dar&uuml;ber t&auml;uscht und doch wieder,
+<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>verm&ouml;ge seines pr&auml;zisen Urteils, die T&auml;uschung nicht
+aufrecht erhalten kann, das ist sein tiefstes Leiden.
+Schon dieses Leidens wegen ist er kein Epigone zu
+hei&szlig;en; er ist weit mehr, er ist Pr&auml;tendent, der niemals
+gekr&ouml;nt wird, der zweitgeborene Bruder, und er
+versteht oft mehr vom Regieren und von der Verwaltung
+als der Regent, der Erstgeborene.</p>
+
+<p>M&ouml;glich, da&szlig; er aus diesem Grund etwas von einem
+unruhigen Diplomaten hat. Er mu&szlig; immer ein wenig
+Politik treiben, um Proselyten zu machen. Denn man
+wehrt sich gegen ihn; die Wahrheit ist in den Menschen
+wie das Herz, sie wird nur verschleiert durch
+die Gesch&auml;fte des Lebens und durch unreine Zwecke
+abgelenkt. Aber auch aus Liebe zur Sch&ouml;nheit wird
+er zum Politiker, da er den Rhythmus, von dem er
+beseelt ist, in seiner t&auml;glichen Existenz gleichfalls
+nicht missen will. Er meidet dich heute, wie er dich
+gestern gesucht hat, denn heute st&ouml;rst du seinen
+Rhythmus, wie du ihn gestern beschwingt hast. Der
+Rhythmus macht ihn treulos und tyrannisch, liebensw&uuml;rdig
+oder widerspenstig. Je unfruchtbarer er als
+K&uuml;nstler ist, je mehr Kunst verwendet er auf sein
+Leben, d.&nbsp;h. darauf, den Rhythmus in seine t&auml;gliche
+Existenz zu bringen, wobei dann ein ganz verwickelter
+Umweg zum Leiden entsteht, &uuml;ber die Kunst und &uuml;ber
+das Leben hin, fern von Gott und fern von den Menschen,
+so da&szlig; die Sch&ouml;nheit als Surrogat des G&ouml;ttlichen
+zum Wahn- und Schattenbild wird und das
+<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Leben eine von falschen Zwecken erf&uuml;llte kalte und
+ungl&uuml;ckselige Einsamkeit. In solcher Einsamkeit gestalten
+wollen hei&szlig;t im luftleeren Raum Lieder singen
+wollen.</p>
+
+<p>So wird der Literat als Sch&ouml;ngeist zum Sklaven der
+Zeit, indem er ihren Rhythmus packt und ihre Seele
+nicht findet und zerrieben wird im Gef&uuml;hl einer ihm
+unbegreiflichen Ohnmacht; oder er ist ein Verbannter
+der mit unlebendigen und eigenwilligen Formen sich
+f&uuml;r sozial und seelisch f&ouml;rdernde scheinbar tr&ouml;stet.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" title="131"></a>
+<a name="Page_131" id="Page_131"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Der_Literat_als_Apostel" id="Der_Literat_als_Apostel"></a>Der Literat als Apostel</h2>
+
+
+<p class="newsection">Es ist das Wesen des Apostels, v&ouml;llig hingegeben
+einer Idee zu dienen. Das Wesen des Literaten ist
+es, sich selbst unterworfen zu sein. Der Literat als
+Apostel: das w&auml;re also der Widerspruch kat exochen,
+das Paradox an sich, denn wie k&ouml;nnte man einer Idee
+dienen, wenn man nur der eigenen Person dient? Wie
+k&ouml;nnte einer, dessen Schicksal es ist, vom Mythos getrennt
+zu sein, sich berufen glauben, den Mythos zu
+erzeugen?</p>
+
+<p>Dieser Widerspruch l&ouml;st sich nur in einer einzigen
+Weise: indem er seine eigene Person zur Idee erhebt,
+in der er darauf ausgeht, aus sich selbst einen Mythos
+zu machen, aus seinem stabilierten Ich; nicht aus Anschauung
+und Erlebnis der Welt, nicht hingegeben,
+sondern verlangend, wollend und in der Bezauberung
+des Willens.</p>
+
+<p>Der Literat als Apostel ist der fanatisch auf das
+K&uuml;nstlertum gerichtete Mensch. Genu&szlig; des Lebens,
+verweilende Ruhe sind ihm unbekannt. Man k&ouml;nnte
+glauben, es sei der Ehrgeiz, der ihn befeuert, der Erfolg,
+der ihn lockt, die Macht, die ihn reizt, und es ist
+wahr, etwas von alledem gibt seinem Streben den Flug
+und die Ausdauer, seinem Geist die Elastizit&auml;t. Doch
+la&szlig;t seiner Ruhmsucht so viel Gen&uuml;ge geschehen, als
+<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>sie &uuml;berhaupt begehrt, la&szlig;t seinen Namen an der
+Spitze von allen stehen, la&szlig;t ihn den Einflu&szlig; eines
+Herrschers und den Reichtum eines Gro&szlig;bankiers
+haben, &#8211; es ist ihm zu wenig; er kann es w&uuml;nschen,
+gl&uuml;hend darnach eifern, doch den Besitz solcher G&uuml;ter
+sp&uuml;rt er kaum. Er ist ein Besessener, ein von der Kunst
+Behexter. Es ist ihm nicht darum zu tun, das Leben
+zu genie&szlig;en. Sich selbst will er genie&szlig;en, sich selbst
+aussch&ouml;pfen, sich selbst in allen Menschen und Dingen
+erkennen, und das ganze All, Gott und die Kreaturen,
+ist ihm eigentlich nur sein vielfach zerteiltes
+Ich, gesehen durch das Medium Kunst, zu sammeln
+und zu gestalten ihm anbefohlen durch das Idol
+Kunst.</p>
+
+<p>Der sch&ouml;pferische Mensch ist von einer wunderbaren
+Bescheidenheit durchdrungen. Immer bleibt er gleichsam
+B&uuml;rger der Welt; er findet sich eingeordnet, nie
+bevorrechtet; gesteht man ihm h&ouml;here Rechte zu, so
+wird er schon an sich zu zweifeln beginnen. Er hat
+das feinste Ohr f&uuml;r die Musik des Lobes und setzt
+dem geringsten Zuviel seine Verachtung entgegen. Er
+ist gelassenen Gem&uuml;ts, weise und gehorsam, sich selbst
+geh&ouml;rig und der Welt und der Gottheit dienstbar, sein
+K&uuml;nstlertum wahrend, keineswegs aber es als Schild
+benutzend oder gar als Postament. Vielleicht ist es
+der Mythos, der ihn so bescheiden macht, so stolz-bescheiden,
+&auml;hnlich wie der Abk&ouml;mmling eines alten
+Geschlechts stolz-bescheiden ist, indem er seine F&auml;hig<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>keiten
+und das Verm&ouml;gen zu repr&auml;sentieren nicht
+allein seiner losgel&ouml;sten Person zuschreibt, sondern es
+der Kette der Ahnen mitverdanken will. So auch der
+sch&ouml;pferische Mensch. Es wirken in ihm Kr&auml;fte von
+oben, von den Toten her, von der Erde, vom Volke
+her.</p>
+
+<p>Ganz anders der Literat als Apostel. Er ist der Rebell
+wider alle Ordnung, es sei denn, die Ordnung habe
+keinen andern Bezug als auf ihn. Ihm ist alles erlaubt,
+nicht weil er wie der Psycholog alles erkl&auml;ren kann,
+sondern weil er es ist, durch den die Dinge und Einrichtungen
+sind. Insoferne verh&auml;lt er sich zum Psychologen
+wie ein Gesetzgeber zu einem Winkeladvokaten.
+Ihm ist Lobes nie genug, obwohl er Lob verachtet; es
+gibt keinen Beifall, der ihn besch&auml;mte, keinen Tadel,
+der ihm anderes w&auml;re als die Frechheit des Neides
+oder der D&uuml;nkel des Unverstands. Er ist ausschweifenden
+Gem&uuml;ts; seine Nerven sind der h&ouml;chsten
+Schwingungen, der tiefsten Ermattungen f&auml;hig, und
+die Menschen sind ihm nichts als Futter; Futter f&uuml;r
+seinen Ruhm, seine Zwecke, seine Kunst. Er ist ein
+Menschenj&auml;ger, ein Menschenfresser, keines Freundes
+Freund, kein Geliebter, kein Gatte, kein Vater,
+nur K&uuml;nstler. Ist der Literat als Sch&ouml;ngeist der Schauspieler
+seiner selbst, so ist der Literat als Apostel der
+Priester seiner selbst.</p>
+
+<p>Beachten wir jedoch, da&szlig; er ein gro&szlig;er K&uuml;nstler ist
+und sein Werk von hohem Belang, da&szlig; er unter Um<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>st&auml;nden
+ganzen Zeitabschnitten die geistige Pr&auml;gung
+verleiht, und es w&auml;re zu fragen, ob dies nicht Entsch&auml;digung
+genug sei f&uuml;r das &Uuml;berma&szlig; und die Selbstintronisation.</p>
+
+<p>Da ist denn zu erwidern, da&szlig; unsere Zeit ohnehin
+geneigt ist, sich mehr an den Wirkenden als an das
+Werk zu wenden. Dem genialen Individuum ist eine
+unbegrenzte Machtbefugnis fast von vornherein zugestanden.
+Die Leistung, das ist die Person; der Effekt,
+das ist die Person; Glorie, Dankbarkeit und Enthusiasmus
+kn&uuml;pfen sich an die Person. Die Person ist
+schon Partei, wo das Werk kaum noch die Geister erweckt
+hat; sie gebietet den Unschl&uuml;ssigen, sch&uuml;chtert
+die Zweifler ein und bricht den Widerstand der
+Stumpfen. Wohlgemerkt aber nicht die reale Person,
+nicht der handelnde Mensch an sich; dieser hat wenig
+Spielraum, ist eingezw&auml;ngt in ein verwickeltes gesellschaftliches
+Gewebe, ein engmaschiges Netz von
+Pflichten und Gesetzen und f&uuml;hrt meist ein privates,
+kleines Leben voller Hemmungen. Will er derjenige
+sein, als der er gilt, so mu&szlig; er den Kreis seines Wirkens
+durch die Fackel seines Namens erleuchten, er
+mu&szlig; das Zeugnis seiner Leistung vorweisen k&ouml;nnen.
+Dann allerdings wird ihm die Ehrfurcht gezollt, deren
+die Kunst, als Idee, sonst v&ouml;llig verlustig geht.</p>
+
+<p>Man kann also sagen: Die reale Person wirkt erst
+durch das Medium der Werke, die fiktive durch das
+Medium des K&uuml;nstlers, was nat&uuml;rlich das Verkehrte
+<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>ist. Es liegt darin nichts Religi&ouml;ses und Verwandelndes
+mehr, sondern Aberglauben und G&ouml;tzendienst.
+In einer religi&ouml;sen, mythisch-bewegten, sachlich, nicht
+individuell fixierten Zeit trennen sich Sch&ouml;pfer und
+Gestalt &uuml;berhaupt nicht voneinander, f&uuml;hren nicht
+ein von der Gemeinschaft der Menschen losgel&ouml;stes
+Dasein, der Sch&ouml;pfer als Literat, als &raquo;Schriftsteller&laquo;,
+die Gestalt im Buch oder h&ouml;chstens als &auml;sthetische
+Metapher im Leben; nein, der Sch&ouml;pfer, in seiner Bescheidenheit,
+bleibt Teil der Gemeinschaft, und seine
+Gestalten umgeben ihn wie Glieder einer Familie den
+Patriarchen; sie allein sind die Tr&auml;ger seines Namens,
+nicht aber die literarische Idee, die er von ihnen abstrahiert.</p>
+
+<p>Der gro&szlig;e K&uuml;nstler wird in seinem Pers&ouml;nlichkeitsbewu&szlig;tsein
+leicht einem &Uuml;berma&szlig; verfallen, da er es
+immer dort gef&auml;hrdet findet, wo er von seiner Gestaltenwelt
+gel&ouml;st auftritt, also in seiner privaten Existenz,
+oder in seiner &ouml;ffentlichen, wenn er keine Harmonie
+sp&uuml;rt zwischen k&uuml;nstlerischer und pers&ouml;nlicher
+Wirkung, und die kann er nur selten sp&uuml;ren bei der
+Zerst&uuml;cktheit, Unverl&auml;&szlig;lichkeit und Zuf&auml;lligkeit aller
+Wirkungen. Es erscheint ihm notwendig, sich zu steigern,
+sich in Szene zu setzen, sich geheimnisvoll zu
+machen, sich zu kommentieren und sich selbst als Idee
+vor das Werk zu setzen.</p>
+
+<p>Davon hat die Zeit sich mehr und mehr t&auml;uschen
+lassen und sich gew&ouml;hnt, Pers&ouml;nliches f&uuml;r Sachliches
+<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>zu nehmen. Gierig greift sie nach Pers&ouml;nlichem, wo
+das Sachliche fremd oder spr&ouml;de ist, und sie tut es
+schon deshalb mit instinktiver Vorliebe, weil das
+Sachliche stets in irgendeiner Weise menschlich verpflichtet.
+Von solcher Verpflichtung will man sich jedoch,
+wo es angeht, freihalten; man will reden und
+urteilen, nicht aber durch handelndes Gef&uuml;hl anteilvoll
+verkettet sein. Nicht umsonst sind wir &uuml;berschwemmt
+von Mitteilungen aus dem Privatleben der
+K&uuml;nstler. Nicht umsonst werden Briefe, Tageb&uuml;cher,
+Aufzeichnungen, Skizzen, Fragmente der Neugier verfr&uuml;ht
+preisgegeben. Wird der Alkoven ge&ouml;ffnet und
+die Werkstatt ausgekehrt, so mag der Wissensdurstige
+sicher bisweilen befriedigt, der Forscher belehrt werden,
+doch vorz&uuml;glich wird nur dem Hang der Gesellschaft
+nach Sachverschleierung gedient. Das G&ouml;ttliche
+wird beleidigt, indem man den Menschen verg&ouml;ttert.
+So ist z.&nbsp;B. der Mythos Goethe eine Beute der Pers&ouml;nlichkeit
+Goethe geworden, und Goethe selbst hat
+durch einen Subjektivismus, der ihm anstand und
+einen Teil seiner Genialit&auml;t ausmachte, einen Kult
+des Redens &uuml;ber die Dinge, der Meinungs&auml;u&szlig;erung,
+der pers&ouml;nlichen Ausholung und Zwecksetzung und
+damit eine Armee von Literaten in die Welt gerufen,
+die sehr wohl Bescheid wissen &uuml;ber alle Probleme des
+Lebens, die aber sehr wenig verm&ouml;gen, wo es gilt sich
+einzusetzen, sich hinzugeben, sich, d.&nbsp;h. die Meinung
+zu vergessen, um einer Sache zu dienen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Der Literat als Apostel ist bis zu einem Grad Eroberer,
+Mensch des Willens und der Sucht, da&szlig; er
+sogar seinem Werk einen Willen verleiht, eine Sucht
+&uuml;ber die Kunst hinaus. Er will es g&uuml;ltiger haben, als
+es der Kunst eigen ist zu gelten, und durch die Kraft
+seines K&uuml;nstlertums vermag er es in ungeheurer Weise
+so zu steigern, da&szlig; es dieses Ziel wirklich zu erreichen
+scheint. Hier ist eine Schw&auml;che, die mit erstaunlicher
+T&auml;uschungsmacht das Schauspiel einer St&auml;rke bietet,
+um sp&auml;ter freilich, wenn die Gewalt der Pers&ouml;nlichkeit
+dem Walten des Schicksals gewichen ist, sich wieder
+als Schw&auml;che, als Irrtum zu zeigen. Nur das G&ouml;ttliche,
+das Sch&ouml;pferische hat Bestand; das Menschliche
+ist fl&uuml;chtig, auch Verg&ouml;tterung ist nur Finsternis. Haben
+wir es nicht erlebt, wie die Idee des Gesamtkunstwerks
+als bizarre Laune eines Genies in sich zusammenst&uuml;rzte?
+Es war etwas anderes und tieferes als bizarre
+Laune. Es war das Mi&szlig;verst&auml;ndnis am Mythos.</p>
+
+<p>Denn es ist klar, da&szlig; der Literat als Apostel, da er
+keine Selbstlosigkeit besitzt, keinen Mythos aus sich
+schaffen kann. Auch wo er &auml;u&szlig;erlich zum Mythos
+greift, zu einem Mythos, der mehr Sage ist als lebendig
+gebliebene Bildung, und ihn durch Kunst vergegenw&auml;rtigt,
+wird er nur Allegorie geben, privates
+Leiden, pers&ouml;nliche K&auml;mpfe, seine egoistischen, wenn
+auch gro&szlig;artigen Entfaltungen und Wandlungen in
+Umrissen, die vom Mythos nur erborgt sind. So wird
+auch die Menschheit blo&szlig; den spezifizierten Schmerz
+<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>darin erkennen; jeder einzelne wird in diesem Schmerz
+doppelt allein mit sich sein, aufgereizt zu sich, verlangend
+nach sich, behext, berauscht, aber nicht verwandelt,
+nicht erl&ouml;st.</p>
+
+<p>Dieselbe Herrschsucht, die den modernen gro&szlig;en
+K&uuml;nstler dazu verf&uuml;hrt, sein Werk &uuml;ber die Grenzen
+der Kunst hinauszutreiben, ihm gleichsam, nach Hamlets
+Worten, die Bescheidenheit der Natur zu rauben,
+kann den Philosophen, sofern er Literat ist, dazu
+&uuml;berreden, sich zum M&auml;rtyrer seiner Lehre zu machen.
+Da&szlig; diese Lehre eine lebenverneinende ist, versteht
+sich nach allem Dargelegten von selbst; der Literat
+ist ja wesensnotwendig ein Pessimist. Nun kann der
+Pessimismus allerdings in einem freien System als Gestaltung
+auftreten, die sternhaft oder kosmisch existent
+ist wie ein Kunstwerk; in diesem Fall stellt eben die
+sch&ouml;pferische Kraft des Bildners oder Architekten als
+lebensbejahendes Element den Ausgleich her. Wenn
+aber der Pessimist den Beweisantrag auf das eigene
+Ich stellt und durchf&uuml;hrt, ist aus dem Symbol ein
+W&ouml;rtliches geworden; da ist nicht mehr der Dualismus,
+der den sch&ouml;pferischen Menschen in die Mitte
+von Irdischem und Himmlischem f&uuml;hrt, da ist die
+Sackgasse, das Pers&ouml;nliche, pers&ouml;nlich Endliche, und
+das Prinzip und Gesetz des Schaffens selbst wird
+verneint.</p>
+
+<p>Der Literat kommt aber nicht von der Psychologie
+los, von der theoretischen nicht und von der ange<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>wandten
+nicht. Man m&ouml;chte sagen, er nimmt es mit
+der Wahrheit zu genau, &#8211; soweit er K&uuml;nstler ist, und
+er h&uuml;tet sich, als Mensch, zu wenig vor der Verzerrung.
+Seine Unabh&auml;ngigkeit schenkt ihm keine Freiheit,
+sein Ichbewu&szlig;tsein entfernt ihn von der Liebe;
+er ist die tragische Figur der modernen Welt und, zum
+Apostel berufen, bricht er auf dem h&ouml;chsten Gipfel
+seiner Pers&ouml;nlichkeit, seiner Einsamkeit und seines
+vergeblichen Gottverlangens vor dem Unerreichbaren
+zusammen.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" title="140"></a>
+<a name="Page_140" id="Page_140"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Die_Frau_als_Literat" id="Die_Frau_als_Literat"></a>Die Frau als Literat</h2>
+
+
+<p class="newsection">Dieses Kapitel ist eigentlich ein Einschiebsel, denn
+in bezug auf die Frau als Literat ist nach allem
+bisher Ausgef&uuml;hrten nur noch Selbstverst&auml;ndliches
+zu sagen. Immerhin geh&ouml;rt das Thema zur Geistesgeschichte
+der Zeit, denn nie zuvor haben Frauen in
+solcher Zahl und mit solcher Energie schriftstellerisch,
+k&uuml;nstlerisch produzierend sich bemerkbar gemacht.</p>
+
+<p>Die Frau besitzt keine sch&ouml;pferische Phantasie. Das
+ist kein Streitsatz, sondern ein Erfahrungssatz; eine
+Tatsache, die einem Naturgesetz entspricht. Es ist die
+Aufgabe der Frau, Mutter zu werden, Leben zu empfangen,
+Leben zu geb&auml;ren. Als Weib, als Mutter ist
+sie gewisserma&szlig;en an sich selbst schon ein St&uuml;ck Mythos,
+und Gott hat es deshalb f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig erachtet,
+sie mit einer mythosschaffenden Kraft zu begaben.
+Ihr K&uuml;nstlertum ruht in der Liebe, ihre Idee ist die
+Mutterschaft, ihr Werk ist das Kind. Wenn also die
+Frau sich k&uuml;nstlerisch hingibt, so entsagt sie dadurch
+ihrer wahren Bestimmung, verzichtet freiwillig auf
+das Sch&ouml;pferische und wird zum Literaten, und zwar
+zum Literaten schlechthin, zum Literaten ohne sch&ouml;pferische
+Phantasie, welche ja dem Psychologen, dem
+Sch&ouml;ngeist, dem Apostel durchaus nicht mangelt;
+ganz im Gegenteil, k&ouml;nnen diesen doch Werke ge<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>lingen,
+die den Werken des sch&ouml;pferischen Menschen
+nahezu ebenb&uuml;rtig sind.</p>
+
+<p>Ich verkenne nicht die Arbeit der Frau; nicht den ehrlichen
+Willen, nicht die T&uuml;chtigkeit und Geschicklichkeit,
+nicht die F&auml;higkeit zur Anpassung und Ausf&uuml;hrung,
+nicht die oft zutage tretende Besonderheit
+des Schauens, nicht den sicheren Instinkt, nicht das
+vollg&uuml;ltige Empfinden, nicht die Gabe des Traums
+und des poetischen Ausdrucks. Ich wei&szlig;, was geleistet
+worden ist; ich erinnere mich zarter Gedichte, robuster
+Erz&auml;hlungen, anmutiger und starker Bildnisse,
+&uuml;berzeugender Schriften; einer F&uuml;lle von respektablen
+Hervorbringungen. Aber sie waren mir um so respektabler,
+je weniger objektiv sie scheinen wollten, je weniger
+sie zu Gestaltungen griffen, je mehr sie einem
+Gef&uuml;hl, einem Erlebnis, einem Unmittelbaren Stimme
+verliehen. Nicht Gestalt also; Stimme, das ist es, Stimme
+oder Stimmung, etwas, das so fern vom Mythos liegt
+wie ein Quellchen vom Meer.</p>
+
+<p>Das Verm&ouml;gen, ein Weltbild zu objektivieren, ist nur
+der sch&ouml;pferischen Phantasie gegeben. Mit Hilfe des
+Flei&szlig;es, bewu&szlig;ter oder unbewu&szlig;ter Nachahmung und
+der Aneignung erprobter Disziplinen gelangt die Frau
+bisweilen zu Gebilden von scheinbarer und &auml;u&szlig;erlicher
+Objektivation, und ihre Lust wie ihr Talent zur
+Beobachtung bef&auml;higt sie, eine niedere Realit&auml;t von
+Zust&auml;nden und Geschehnissen darzustellen, welche
+unterhaltend, geistig und gesellschaftlich anziehend
+<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>sein und, soweit sie auf Erlebtem und Gef&uuml;hltem beruhen,
+der Wahrheit und Glaubhaftigkeit nicht ermangeln
+werden. Das Metaphorische, das Elementare,
+das Sch&ouml;pferische, die Synthese ist ihr jedoch versagt,
+und je mehr sie darnach strebt, je unzul&auml;nglicher m&uuml;ssen
+sich ihre Produkte erweisen; sie stehen dann in
+der Luft, wurzellos, ziellos und wollen durch Unruhe,
+Leidenschaftlichkeit und Fieberhaftigkeit ersetzen,
+was ihnen an Natur und Legitimit&auml;t, &#8211; durch
+Linie und Schn&ouml;rkel, Seltsamkeit und &Uuml;berh&auml;ufung,
+was ihnen an Antlitz und Naivit&auml;t fehlt.</p>
+
+<p>Bisweilen fragt man sich: warum werden die Frauen
+zu Literaten? Ein Buch, und noch ein Buch, und noch
+eine Meinung und noch ein Vers und noch eine bemalte
+Leinwand, &#8211; darum handelt sichs doch schlie&szlig;lich
+nicht. Ein Blick, ein echtes Wort, eine Wirkung von
+Mensch zu Mensch, menschliches Aufmerken, Bereitschaft
+des Herzens k&ouml;nnen mehr, weit mehr bedeuten.
+Das &Uuml;bel ist auch hier in einer zerkl&uuml;fteten, anarchisch-gel&ouml;sten
+Gesellschaft zu suchen, die keine lebendige
+Organisation hat und in der deshalb jede F&uuml;lle zur
+&Uuml;berf&uuml;lle, jeder &Uuml;berflu&szlig; zur Last, jede Hemmung
+zu falscher Bet&auml;tigung und jede Abtrennung der einzelnen
+Mitglieder bei unzureichender individueller
+Kraft und Bestimmung zur Katastrophe wird. Die
+Literatur gilt als ein Gewerbe wie jedes andere; das
+sogenannte Talent gen&uuml;gt zum Vorw&auml;rtskommen.
+Der Einfall wird &uuml;bersch&auml;tzt; zum Einfall geh&ouml;rt
+<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>auch das Detail; die Detailkr&auml;merei beginnt schon,
+uns geistige Verdauungsbeschwerden zu erregen; die
+Mache, die Geb&auml;rde, der fast von selbst arbeitende
+sprachliche Mechanismus; die Gewohnheit, sich meinungsm&auml;&szlig;ig
+zu &auml;u&szlig;ern, sich einer seelischen Spannung
+zu ent&auml;u&szlig;ern, indem man sie preisgibt und in einer
+quasi dichterischen Form, die meist zur Schamlosigkeit
+kalter Psychologie f&uuml;hrt, versteinert zur Schau stellt;
+die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Mitteilung, dies
+alles ermuntert den einzelnen immer wieder, sich literarisch
+zu isolieren und sich politisch, sozial und menschlich
+damit abzut&ouml;ten. Wenn man zur Einsicht k&auml;me,
+da&szlig; das sogenannte Talent in den meisten F&auml;llen nur
+ein Wesen ist, das in freiwilliger Verbannung von einer
+Gemeinschaft lebt, der es nicht n&uuml;tzlich sein kann, ein
+Parasit und Freibeuter, w&auml;re schon viel gewonnen, und
+die drei&szlig;igtausend B&uuml;cher, die j&auml;hrlich in Deutschland
+auf den Markt str&ouml;men, w&uuml;rden unter dem Druck
+eines weiseren Urteils und einer sachlicheren Wahl
+auf eine notwendigere Anzahl zusammenschrumpfen,
+die vielleicht mehr Gehalt in sich schl&ouml;sse.</p>
+
+<p>Die Frau als das zur Liebe und Empf&auml;ngnis bestimmte
+Gesch&ouml;pf menschlich und geistig isoliert, in sozialer
+Unfruchtbarkeit und egoistischer Verpers&ouml;nlichung
+ihres tieferen Schicksals, ihrer sch&ouml;nen anonymen
+Wirkung (wie vieles verdankt doch ihrer Teilnahme
+der Ruhm unserer gro&szlig;en K&uuml;nstler), ja, ihres Lebensmythos
+beraubt zu sehen, gew&auml;hrt ein trauriges Bild
+<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>weitgreifenden Mi&szlig;verst&auml;ndnisses. Ich spreche nat&uuml;rlich
+nicht von der Schauspielerin, der S&auml;ngerin, von
+rezeptiven K&uuml;nsten; diese harmonieren, solange nicht
+ein literarischer Einschlag durch &uuml;bertreibenden Ehrgeiz
+und individuelle Zwecksetzung stattfindet, sehr
+wohl mit der weiblichen Seele, mit ihrer geistigen
+Wandlungsf&auml;higkeit, Anschmiegung des Gef&uuml;hls und
+Poetisierung der Realit&auml;t. Die T&auml;nzerin, die lediglich
+ihren K&ouml;rper zur Kunst&auml;u&szlig;erung verwendet, bietet
+vielleicht das edelste Bild weiblicher Genialit&auml;t. Nur
+wo das Sch&ouml;pferische vorget&auml;uscht wird, zeigt sich
+die Frau (mit Ausnahme von zwei oder drei F&auml;llen
+innerhalb der ganzen Geistesgeschichte) sogleich als
+Literat schlechthin. Die Natur l&auml;&szlig;t sich nicht betr&uuml;gen;
+auch die Menschheit nicht; nur die Menschen
+lassen sich betr&uuml;gen. Sie tun, als glaubten sie, auch
+wo ihr Inneres unbeteiligt ist; sie nehmen das Wunderliche
+f&uuml;r das Wunder, den Notbehelf f&uuml;r das Notwendige,
+das Phantom f&uuml;r das Ph&auml;nomen. Die Frau
+als Literat braucht sich nicht mehr zu verraten; es ist
+nichts zu verraten; es ist alles von einfachster Aufrichtigkeit,
+Geradlinigkeit und Durchschaubarkeit. Wir
+erblicken einen t&uuml;chtigen, emsigen, klugen und nachdenklichen
+Arbeiter, dem weder Wort, noch Rhythmus,
+noch Idee zur Maske werden k&ouml;nnen und der
+den Schmerz der Einsamkeit nur gem&uuml;tisch ahnt, nicht
+geistig steigert und aufl&ouml;st; keine tragische, sondern
+nur eine charakterisierte und zuf&auml;llige Gestalt.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" title="145"></a>
+<a name="Page_145" id="Page_145"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Ergebnisse" id="Ergebnisse"></a>Ergebnisse</h2>
+
+
+<p class="newsection">Der Literat ist der vom Mythos losgel&ouml;ste produktive
+Mensch.</p>
+
+<p>Er ist auch der von der Gesellschaft losgel&ouml;ste Mensch,
+der einzelne, innerhalb eines nur durch &auml;u&szlig;ere Gesetze
+verkitteten Gemeinwesens.</p>
+
+<p>So wie er aber ohne das Vorbild des sch&ouml;pferischen
+Menschen nicht zu denken ist, bleibt er auch in seinem
+Tun und Lassen, durch sein Pers&ouml;nlichkeitsbestreben,
+durch die Notwendigkeit der Spiegelung, durch das
+Element des Ehrgeizes und durch das Element des
+Verrats der Gesellschaft verbunden.</p>
+
+<p>Der Literat ist verge&szlig;lich. Er ist lieblos, weil er allzusehr
+in sich selbst verstrickt ist. Er anerkennt keine
+Konvention, weil nur seine eigene Person ihm den
+Ma&szlig;stab f&uuml;r die Welt und die Dinge gibt. Dieser
+Mangel an Konvention verf&uuml;hrt ihn zu einer k&uuml;nstlichen
+Originalit&auml;t mit Hilfe der seltenen Beobachtung,
+des seltenen Wortes, des seltenen Rhythmus.</p>
+
+<p>Der Literat ist eitel und sehns&uuml;chtig, eitel selbst, wo
+er sich blo&szlig;stellt, und sehns&uuml;chtig am meisten dort,
+wo er sich verliert. Er ist friedlos, immer nach Ver&auml;nderung
+begierig, versteht aber nicht zu wandern.
+Sein Verh&auml;ltnis zu Menschen ist selten dauernd; er
+<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>stellt die h&ouml;chsten Anspr&uuml;che von seiner Seite, ohne
+die billigsten von der andern Seite zu befriedigen.</p>
+
+<p>Er kontrolliert seine eigenen Handlungen, Gedanken
+und Gef&uuml;hle sehr scharf, ja grausam. Es mangelt ihm
+an jener Ehrfurcht vor sich selbst, die den sch&ouml;pferischen
+Menschen auszeichnet. Weil er so unbarmherzig
+und r&uuml;cksichtslos gegen sich selbst ist, glaubt
+er es auch gegen andere sein zu d&uuml;rfen, aber er vergi&szlig;t,
+da&szlig; jenes W&uuml;ten gegen die eigene Seele nur ein
+Vorwand zum Verrat ist, nicht aber ein Mittel zur
+Reinigung, Steigerung und Befreiung. Selbstbeobachtung,
+Selbstzerfaserung ist ein Ungl&uuml;ck, wie es
+gr&ouml;&szlig;er kaum zu denken ist; alle urspr&uuml;ngliche Kraft
+des Glaubens, alle F&auml;higkeit zur sittlichen Erhebung,
+zur Umwandlung, geht daran zugrunde. Auch der
+religi&ouml;se oder der sch&ouml;pferische Mensch beobachtet
+sich selbst, aber er wird sich dabei zum Gleichnis;
+durch diese Gleichniswerdung kann er sich korrigieren
+und bescheiden.</p>
+
+<p>Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so gro&szlig;e
+Zahl von Literaten unter den Juden. In der Existenz
+des Juden gibt sich die sch&auml;rfste Gegens&auml;tzlichkeit
+geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist
+entweder der gottloseste oder der gotterf&uuml;llteste aller
+Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in
+veralteten, leblosen Formen, sei es in neuen, utopischen,
+das Alte zerst&ouml;renden, oder er will in anarchischer
+Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist
+<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>er ein Fanatiker oder ein Gleichg&uuml;ltiger, entweder ein
+S&ouml;ldner oder ein Prophet. Das Schicksal der Nation,
+ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, ihre ungeheuren
+wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen
+im Kampf gegen die widrigsten Umst&auml;nde,
+der fortw&auml;hrende Zustand der Abwehr, der Selbstbehauptung,
+das pl&ouml;tzliche Erwachen am Morgen
+eines Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der
+Hilfsmittel und Waffen dieser Kultur und die darauf
+erfolgte gewaltsame Unterdr&uuml;ckung und Zerschneidung
+der Tradition, all das hat die Juden als ganzes
+Volk zu einer Art von Literatenrolle vorbestimmt.
+Wo sich hingegen der einzelne wieder des gro&szlig;en Zusammenhangs
+bewu&szlig;t wird, wo er im Scho&szlig; der Geschichte,
+der &Uuml;berlieferung ruht, wo urewige Symbole
+ihn tragen, urewige Blutstr&ouml;me ihm Adelsbewu&szlig;tsein
+verleihen und zugleich alles Errungene und Erworbene
+organisch damit verschmilzt, da mag er wohl
+den Weg zu G&ouml;ttlichem leichter als andere finden.
+Der Jude als Europ&auml;er, als Kosmopolit ist ein Literat;
+der Jude als Orientale, nicht im ethnographischen,
+sondern im mythischen Sinne, als welcher die <em class="gesperrt">verwandelnde
+Kraft</em> zur Gegenwart schon zur Bedingung
+macht, kann Sch&ouml;pfer sein.</p>
+
+<p>Alle Berufe und alle St&auml;nde haben ihre Literaten. Man
+kann den Satz aufstellen: Jeder Fachmann ist ein Literat,
+jeder Laie tr&auml;gt noch etwas von Mythos in sich.
+Denn alles Fachwesen und Spezialistentum ist nur ein
+<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>Merkmal des gro&szlig;en Individualisierungsprozesses der
+Zeit. Vertiefung zwingt zur Absonderung, die F&uuml;lle
+zur Arbeitsteilung. Das ist gut und unerl&auml;&szlig;lich. Nun
+ereignet sich aber das Seltsame, da&szlig; gerade bei dieser,
+die Selbstbescheidung gebieterisch fordernden T&auml;tigkeit
+der einzelne die argw&ouml;hnische Wachsamkeit des
+Psychologen, die Herrschsucht des Tribuns bekundet,
+da&szlig; er sich von allem, was nicht sein Fach betrifft, in
+trotziger und gleichg&uuml;ltiger Entfernung h&auml;lt und ein
+Leben au&szlig;erhalb des Fachs oft kaum mehr kennt. Der
+Literat ist der geborene Z&uuml;nftler.</p>
+
+<p>Laien geben einem Literaten bisweilen den Rat, er
+m&ouml;ge, um in seinem Erwerb nicht ausschlie&szlig;lich auf
+die Kunst angewiesen zu sein, daneben ein Amt oder
+einen Brotberuf w&auml;hlen. Das ist geradeso, als wollte
+man einen &auml;rztlichen Spezialisten dazu &uuml;berreden,
+nebenbei die Tischlerei zu betreiben, weil er zu wenig
+Patienten hat. Mit Recht w&uuml;rde er antworten: Mein
+Fach fordert den Menschen ganz und gar, meine ganze
+Zeit, meine ganze Anstrengung und alle Gedanken.
+Der Literat ist eben nur Literat, er kann nichts anderes
+sein. Der Vorschlag des Laien ist freilich in jedem
+Sinne t&ouml;richt. Amt und Brotberuf taugen blo&szlig; dem
+Dilettanten; je innerlicher sein Verh&auml;ltnis zur Kunst
+ist, je mehr mu&szlig; er unter abziehender Besch&auml;ftigung
+leiden. Dem sch&ouml;pferischen Menschen wird sie vollends
+zur Qual; auch ihn fordert seine Sache ganz,
+wenn schon in anderer Weise, nicht weil er Literat ist,
+<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>der erobern will und mu&szlig;, sondern weil er Mensch
+ist, weil Mythos und Menschheit von ihm verlangen,
+da&szlig; er sich unbedingt und ohne Vorbehalt hingebe.
+Erwerb oder Nichterwerb irdischer G&uuml;ter kommt
+dabei in h&ouml;herem Betracht nicht mehr in Frage;
+schlimm genug, wenn es in niederem Betracht zu erw&auml;gen
+ist.</p>
+
+<p>Indessen geh&ouml;rt die nackte und aufrichtige Gegen&uuml;berstellung
+der &ouml;konomischen und der geistigen
+M&auml;chte zum Bild unserer Epoche. Kapital will Leistung;
+Leistung will Nutznie&szlig;ung, Arbeitskraft und
+Lebensgef&uuml;hl steigern sich wechselseitig; Erfolg, Best&auml;tigung
+und Lohn sind dem einzelnen rascher und
+reichlicher zugemessen als je, und wenn auch der
+Lockung oft nur gefolgt wird, weil eine Erf&uuml;llung
+so nahe scheint, der Ruf nur deshalb so viele H&ouml;rer
+findet, weil in ihm die Befriedigung ausschweifender
+Anspr&uuml;che verhei&szlig;en wird, so kann doch kaum
+eine Pr&auml;mie ausbezahlt werden ohne den vollen, ja
+leidenschaftlichen Einsatz von T&uuml;chtigkeit und Intensit&auml;t.</p>
+
+<p>Diese Leidenschaft, dieser Schwung, der unerm&uuml;dliche
+Wetteifer, sie sind vielleicht Zeichen f&uuml;r die Heraufkunft
+einer gr&ouml;&szlig;eren Zeit; sch&uuml;chterne Zeichen, weil
+sie noch ganz am Pers&ouml;nlichen und Egoistischen
+haften. Aber wie Eisenteile im Feuer des Hochofens
+zusammengeschmolzen werden, so kann die Zerst&uuml;cktheit
+und die Zersplitterung einer individualistischen
+<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>Gesellschaft durch einen alle Glieder ergreifenden,
+stetigen Strom von Leidenschaft, gleichviel wo er entspringt,
+zu organischer Einheit verwandelt werden.
+Leidenschaft ist ja die erste und letzte Lebensgewalt;
+in ihr vereinen sich Element und Wille; sie kann eine
+unproduktive Ordnung zum Chaos f&uuml;hren, aber aus
+dem Chaos wieder eine neue Welt erzeugen, Sammlung
+aus der Diaspora. Dann mag sich ein Weg auftun
+zum Mythos und zu Gott.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" title="151"></a>
+<a name="Page_151" id="Page_151"></a></p>
+<h2 class="essay"><a name="Die_Kunst_der_Erzahlung" id="Die_Kunst_der_Erzahlung"></a>Die Kunst der Erz&auml;hlung</h2>
+
+<h3 class="essay">Geschrieben 1904</h3>
+
+
+<p class="newsection">DER JUNGE:</p>
+
+<p>Es ist wohl &uuml;ber ein Jahr her, da&szlig; wir uns nicht
+gesehen haben. Seit meine Freundin gestorben ist,
+bin ich kaum mehr unter Menschen gekommen, und
+ich verlasse mein Zimmer nur zu einsamen Spazierg&auml;ngen.
+Mein einziges Vergn&uuml;gen sind die B&uuml;cher
+und das Nachdenken &uuml;ber den Eindruck, den sie mir
+gemacht haben. Ich glaube, wenn ich jetzt wieder die
+Feder in die Hand n&auml;hme, so k&ouml;nnte ich etwas T&uuml;chtiges
+leisten.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Und wozu treibt es dich denn? Ein K&uuml;nstler darf
+nicht wie ein J&auml;ger sein, der, unbek&uuml;mmert was ihm
+vor den Schu&szlig; kommen mag, durchs Gel&auml;nde streift,
+sondern er mu&szlig; wie ein Seemann sein, der den inneren
+Sinn, das innere Auge unabl&auml;ssig auf ein vielleicht
+nicht sichtbares, doch tief bewu&szlig;tes Ziel
+richtet. Also wozu treibt es dich? Wozu glaubst du
+dich geboren? Welche Insel des Geistes willst du
+dir entdecken?</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hle zu nichts anderem Lust und Freude als Geschichten
+zu erz&auml;hlen. In den Stunden der Einsam<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>keit
+und der Sammlung ist es mir, als ob mein Inneres
+bis zum Rand angef&uuml;llt w&auml;re mit Ereignissen
+und Schicksalen. Oft ist mir zu Mut, als m&uuml;sse der
+ganze Lauf der Welt, von Adams Zeiten an, sich mir
+in einer besonderen Weise enth&uuml;llen, und ich sp&uuml;re
+das unbezwingliche Verlangen, wie soll ich es nur
+sagen?... zu erz&auml;hlen, zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Das ist sch&ouml;n, pr&auml;chtig sogar. Wenn du dieses Verlangen
+wirklich hast und es nicht darin mi&szlig;verstehst,
+wie du es befolgst, dann w&auml;rest du allerdings dazu
+geboren zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Wie sollte ich es mi&szlig;verstehen? Warum zweifelst du?
+Was gibt es denn Einfacheres?</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Da&szlig; es keineswegs einfach ist, keineswegs selbstverst&auml;ndlich,
+k&ouml;nnte dich schon ein Blick auf die heutigen
+Erzeugnisse dieser Kunst lehren. Die Meisten
+wissen ja gar nicht mehr, was es hei&szlig;t: eine Geschichte
+erz&auml;hlen, und selbst die Begabtesten bringen lauter
+Zwitter- und Mi&szlig;formen hervor.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Du bist sehr streng wie immer. Ich glaube nicht, da&szlig;
+du recht hast. Niemals war so viel im Werk wie gerade
+jetzt. Auf allen Seiten wird es Tag.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Der ewige Irrtum der Jugend.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Dann mu&szlig; ich f&uuml;rchten, da&szlig; du auch, was ich selbst
+bisher geschaffen, verwerfen wirst.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Darauf k&ouml;nnte ich erst antworten, wenn ich w&uuml;&szlig;te,
+wie es mit dir steht und ob dich nichts anderes erf&uuml;llt
+als die Liebe zur Sache, ob dein Geist nichts anderes
+erstrebt als die Vollendung in ihr, ob dir vor der
+Wahrheit bangt oder ob leichtsinniges Lob dich nicht
+schon f&uuml;r immer geblendet hat. Wenn du Angst vor
+einer bitteren Stunde hast, dann verbirg es nicht, ich
+schweige gern. Du besinnst dich?</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>H&auml;ltst du denn dein Urteil f&uuml;r unumst&ouml;&szlig;lich, f&uuml;r das
+einzig m&ouml;gliche? Kann es nicht auf T&auml;uschung, auf
+Unmilde, auf Eigensinn beruhen?</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Ich will es dir zu begr&uuml;nden suchen, und wenn du
+meine Argumente entkr&auml;ften kannst, werde ich mich
+zufrieden geben.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Also sprich.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Es gibt dreierlei Arten von Schriftstellern: solche, die
+einen eigenen Stil haben und ihn zur h&ouml;chsten Vollkommenheit
+auszubilden verm&ouml;gen; solche, die einen
+eigenen Stil suchen, und endlich solche, die einen
+Allerweltsstil vorfinden und sich zu ihm verhalten
+<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>wie die G&auml;ste eines Wirtshauses zu den Tischen und
+Kr&uuml;gen und St&uuml;hlen; sie k&ouml;nnen niemals zum Herrn
+ihres Wortes, ihrer Gedanken, ihrer Phrase werden,
+das gl&uuml;hendste Erlebnis mu&szlig; ihnen erstarren, erhabene
+Stimmungen werden trivial, jede Inspiration wird
+Absicht, jede Beeinflussung von au&szlig;en Nachahmung,
+alles, was kr&auml;ftig ist, brutal, und was fein ist, schw&auml;chlich.
+Aber von diesen Schriftstellern, die die Marktware
+f&uuml;r den gro&szlig;en Haufen besorgen, wollen wir
+nicht sprechen. Du geh&ouml;rst zur zweiten Art.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Das w&auml;re ja weiter nicht schlimm. Suchende sind wir
+alle. Ja, man kann sagen, da&szlig; der allergr&ouml;&szlig;te Meister
+bis zu seinem Todestage nicht aufgeh&ouml;rt hat zu suchen.
+Warum l&auml;chelst du?</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Weil ich an dieser Bemerkung sehe, wie wenig du
+mich noch verstanden hast. Wenn die gro&szlig;en Meister
+suchen, so wollen sie den Einklang schaffen zwischen
+Stoff und Form. Sie wissen, da&szlig; es ohne solche Harmonie
+&uuml;berhaupt kein Kunstwerk gibt. Und weil sie
+das wissen und auf diesem Wege zur Vollkommenheit
+streben und sich wohl h&uuml;ten werden, die F&uuml;lle ihrer
+Mittel an den falschen Gegenstand oder am falschen
+Ort zu verschwenden, so wird immer etwas entstehen,
+was der Kunst und ihrer eigenen Sch&ouml;pferpers&ouml;nlichkeit
+gem&auml;&szlig; ist. Sie suchen mit sehenden Augen, ihr
+aber sucht als Blinde; sie gehen den geraden Weg
+<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>und kommen an ein Ziel, wenn auch nicht immer an
+das gew&uuml;nschte; ihr aber taumelt im Kreise herum.
+Die Suchenden, die nicht um das Wesen wissen, sind
+zum Untergang verurteilt.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Du machst mich wahrhaft unruhig. Ich k&ouml;nnte dich
+hassen, wenn ich nicht w&uuml;&szlig;te, wie ernst du es meinst.
+Ich ahne, wo du hinaus willst. So rede doch endlich
+von mir.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Gut. Zwei Dinge, ein scheinbar &auml;u&szlig;eres und ein scheinbar
+inneres, habe ich zun&auml;chst an deinen Arbeiten auszusetzen:
+n&auml;mlich da&szlig; sie den Leser nicht mit Behaglichkeit
+erf&uuml;llen und da&szlig; es dem Stoff selbst an
+Daseinsnotwendigkeit gebricht. Beides h&auml;ngt aber
+inniger zusammen, als du glaubst; das werde ich dir
+bald beweisen.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Was meinst du mit Behaglichkeit? Das Gegenteil
+bezwecken wir doch, wenn wir Dichtungen ersinnen:
+Erregung, Spannung, Teilnahme, Ersch&uuml;tterung. Ich
+glaube, du treibst deinen Spa&szlig; mit mir.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Geduld. Ich verstehe die Behaglichkeit hier in einem
+h&ouml;heren, k&uuml;nstlerischen Sinn. Ich verstehe darunter
+das unbegrenzte Vertrauen des idealen Lesers zum
+Erz&auml;hler. Dieses Vertrauen entsteht durch Glaubw&uuml;rdigkeit,
+und die Glaubw&uuml;rdigkeit nun entsteht
+<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>aus der Notwendigkeit des erz&auml;hlten Gegenstandes.
+Du siehst nun, wie fest der Zusammenhang zwischen
+den beiden Dingen ist, und noch untrennbarer wird
+er f&uuml;r das Auge und f&uuml;r das Gef&uuml;hl durch das, was
+der Laie, der Dilettant, der Durchschnittskritiker die
+Technik nennt: durch die Art des Erz&auml;hlens; auch sie
+ist nur ein scheinbar &Auml;u&szlig;erliches, denn in Wirklichkeit
+ist sie die Seele der epischen Kunst.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Das wird zu weit und breit. Du wolltest doch von
+meinen Arbeiten reden.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Ich sage nun, da&szlig; deinen Produkten die Behaglichkeit
+fehlt, weil du nicht die Mittel und das Wissen
+hast, sie hervorzubringen. Was du schreibst, tr&auml;gt
+unverkennbar den Stempel des direkten und indirekten
+Erlebnisses, aber diese Erlebnisse sind nicht k&uuml;nstlerisch
+verkl&auml;rt und erh&ouml;ht und bleiben daher ohne
+poetische Wirkungen. Du hast eine starke und nat&uuml;rliche
+Empfindung, die aber nur selten in ihrer Reinheit
+wirkt, weil sich der Stoff nicht ganz in ihr aufzul&ouml;sen
+vermag. Merkst du nun, wo es hinaus will,
+merkst du, wie alles Innerliche zugleich ein &Auml;u&szlig;erliches
+ist und umgekehrt?</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Ich merke nichts als Pedanterie und h&ouml;re nichts als
+Worte. Wenn eine Kunstform nicht ausreicht f&uuml;r das,
+was ich zu sagen habe, nun dann erweitere man mir
+<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>diese Form. Wo stehen diese gelehrten Gesetze geschrieben,
+denen ich mich f&uuml;gen soll? Wer hat sie
+gemacht, und wie k&auml;me ich dazu, mich vor ihnen zu
+beugen?</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Wo sie geschrieben stehen? Im menschlichen Gef&uuml;hl.
+Wer sie gemacht hat? Das menschliche Gef&uuml;hl.
+Warum du dich ihnen beugen sollst? Weil du sonst
+nicht wirken wirst, weil dein Wort und dein Werk
+sonst von fl&uuml;chtigerem Bestand sind als ein St&uuml;ck
+Eis in der Mittagssonne. Man hat n&auml;mlich im Lauf
+der Jahrhunderte, der Jahrtausende herausgefunden,
+was die Menschheit ergreift, tr&ouml;stet und erfreut, was
+aus ihren Tiefen stammt und zu ihren Tiefen strebt.
+Die es befolgten und solche hohe Wirkungen erreichten,
+nicht blind, sondern durch klarstes Wissen,
+das waren die Meister. Wer der Belehrung trotzt,
+kann nicht einmal Sch&uuml;ler werden.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Also belehre mich.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Ich sagte vorhin, da&szlig; die Elemente sich in dir nicht
+mischen wollen; Stoff und Empfindung bleiben feindlich
+und unaufgel&ouml;st einander gegen&uuml;ber. Die Folge
+davon ist eine immerw&auml;hrende und &uuml;berall ersichtliche
+Dissonanz. Du erz&auml;hlst eigentlich nicht Ereignisse,
+sondern du schilderst Situationen. Gerade das
+erscheint dir wichtig, was bei der Erz&auml;hlung unwichtig
+<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>ist und sein mu&szlig;. Du h&uuml;pfest von Situation zu Situation,
+das Dazwischenliegende ist dir ein Notbehelf,
+wird zum gezwungenen Bericht und entt&auml;uscht durch
+seine N&uuml;chternheit. Da du dies Schwanken als Schaffender
+selbst sehr deutlich empfindest, dr&auml;ngt es dich,
+Ausgleiche zu bringen, und du mu&szlig;t zu pathetisch-lyrischen
+Schilderungen greifen, in denen die Handlung
+um keinen Schritt weiter kommt. Denn daran
+liegt es, wohlgemerkt: Bewegung ist alles, alle Kunst
+entsteht durch Bewegung. Damit h&auml;ngt nun aufs
+Engste die Gestaltung deiner Menschen zusammen.
+Deine Gestalten haben keine Ruhepunkte. Sie sind
+geschickt und glaubhaft gezeichnet, soweit und solange
+sie mit der Handlung verkn&uuml;pft sind, aber davon
+losgel&ouml;st und als Eigenlebende betrachtet, werden
+sie matt und h&ouml;lzern. Sie wissen zu genau, was
+sie sollen, nicht in ihrer Welt, sondern in deiner
+Welt. Es fehlt die h&ouml;here T&auml;uschungsabsicht und
+T&auml;uschungsmacht. Eine Figur mu&szlig; leben trotz der
+Handlung, nicht durch die Handlung. Woher k&auml;me
+es sonst, da&szlig; bei allen mittelm&auml;&szlig;igen Schriftstellern
+gerade die Figuren am glaubhaftesten sind, die am
+wenigsten mit der Handlung und ihren Spannungen
+verquickt sind, die sogenannten Episodenfiguren?
+Nur sie verbreiten Behaglichkeit, das hei&szlig;t Glaubw&uuml;rdigkeit,
+weil sie scheinbar keinen Zweck verfolgen.
+Wenn man also sagen kann, Kunst entstehe
+durch Bewegung, so mu&szlig; man hinzuf&uuml;gen, sie
+<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>wirke durch die scheinbare Zwecklosigkeit der Bewegung.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Ich habe Zweifel &uuml;ber Zweifel. Hundert Fragen dr&auml;ngen
+sich mir auf, denn ich sehe schon, wie tief du
+greifst. Und mir d&auml;mmert manches, von dem ich fr&uuml;her
+nichts ahnen konnte. Aber la&szlig; mich fragen. Du sagtest,
+da&szlig; ich nicht Ereignisse erz&auml;hle, sondern Situationen
+schildere, und ich mu&szlig; gestehen, dabei verwirren
+sich mir die Begriffe. Ist es nicht blo&szlig; ein Wortspiel?
+Welcher Unterschied scheint dir denn zwischen
+Erz&auml;hlung und Schilderung zu bestehen? Ich meine,
+inwiefern die Wirkung eines Werkes dadurch beeintr&auml;chtigt
+wird. Sind das nicht schulm&auml;&szlig;ige Begrenzungen?</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Nehmen wir einmal an, du habest eine schwierige
+und gefahrvolle Reise hinter dir, habest lebensgef&auml;hrliche
+Abenteuer bestanden, habest jahrelang als verschollen
+und verloren gegolten und seiest nun doch
+zur&uuml;ckgekehrt. Alles ist gespannt zu h&ouml;ren, wie du
+das bewerkstelligt hast und wie es dir ergangen ist.
+Du setzest dich in den Kreis der Neugierigen und
+Teilnehmenden und erz&auml;hlst, beginnst mit der Fahrt
+&uuml;bers Meer, der Aufz&auml;hlung deiner Gef&auml;hrten und
+kurzer Andeutung ihrer Art und ihrer bisherigen
+Schicksale, f&auml;hrst fort mit der Landung, dem Aufbruch
+in die unbekannten Gebiete usw., usw. W&auml;re
+<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>es nun angebracht, das Interesse der Zuh&ouml;rer durch
+Beschreibungen von Landschaften, von Tieren, von
+Pflanzen zu erm&uuml;den? Wenn du dies t&auml;test, w&uuml;rde
+in ihnen ein leises Mi&szlig;trauen gegen den Ernst und
+die Schwere deiner &uuml;berstandenen Schicksale entstehen.
+Sie wollen wissen, wie es dir ergangen ist,
+nichts weiter, und je einfacher und sachlicher du bist,
+je glaubhafter werden deine Erlebnisse klingen. Nicht
+mit einem Wort brauchst du zu schildern. Das Bild
+der Landschaft und des Landes wird ganz von selbst
+in der Phantasie entstehen; je weniger du davon
+sprichst, je st&auml;rker wird die Phantasie der H&ouml;rer es
+erblicken und zwar durch dein Erlebnis selbst. Unwillk&uuml;rlich
+gehen sie deinen Weg mit und sehen sie
+mit deinen Augen. Es kommt ganz und gar nicht darauf
+an, da&szlig; das Bild der Wirklichkeit entspricht, das
+sie sich davon machen, es handelt sich nur darum, da&szlig;
+durch ihre seelische Bewegung ein Bild entsteht. Diese
+seelische Bewegung bildet sich nun wieder durch die
+Bewegung der k&uuml;nstlerischen Materie, und so siehst
+du abermals, wie &Auml;u&szlig;eres und Inneres verschmolzen
+sind und sich verschmelzen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Das Beispiel leuchtet mir ein. Es leuchtet mir ein, da&szlig;
+das Abschweifen von einer Sache, die man sich vorgesetzt
+hat, in der Kunst ebenso unwahrhaftig wirkt
+wie im Leben, und ich verstehe auch, da&szlig; man das
+Vertrauen des Lesers auf diese Weise verlieren kann.
+<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>Aber du sagtest etwas von Verkl&auml;rung und Erh&ouml;hung
+und poetischer Wirkung des Stoffes. Das alles scheint
+mir nun &uuml;berfl&uuml;ssig, sobald einmal die Wahrheit, die
+Wahrhaftigkeit au&szlig;er Zweifel steht.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Gewi&szlig;, wenn es ein und dasselbe w&auml;re, m&uuml;ndlich zu
+erz&auml;hlen oder schriftlich. Dazwischen liegt ein so tiefer
+Abgrund, da&szlig; ihn nicht Geist, nicht Wissen, nicht
+Wahrhaftigkeit zu &uuml;berbr&uuml;cken verm&ouml;gen, sondern
+lediglich k&uuml;nstlerische Genialit&auml;t. Es ist der Abgrund
+zwischen Wesen und Schein, zwischen dem Spiegel
+und der Person, die davorsteht, zwischen Leben und
+Erinnerung, zwischen der Minute und der Ewigkeit.
+Deine lebendigen Zuh&ouml;rer sehen dich, sie sehen dich
+ergriffen, begeistert, bedr&uuml;ckt, das lebendig gesprochene
+Wort hat eine ganz unabweisbare Zeugniskraft
+durch sich selbst. Wenn du dieselbe wahre und ersch&uuml;tternde
+Erz&auml;hlung deiner Reise mit denselben
+Worten deines m&uuml;ndlichen Berichtes niederschreibst,
+kann sie abgeschmackt, verlogen und sozusagen grundlos
+klingen. Es ist also wieder das scheinbar &Auml;u&szlig;erlichste,
+das die Kunstwirkung hervorbringt: der Stil.
+Um dieselbe Einfachheit, die der H&ouml;rer ohne dein
+besonderes Hinzutun sp&uuml;rt, sofern du nur eine einfache
+und wahre Natur bist, dem Leser eines Buches
+glaubhaft zu machen, dazu geh&ouml;rt ein halbes Leben
+unabl&auml;ssiger Versuche, aufreibender M&uuml;he, qualvollsten
+Ringens. Im Leben ist das Selbstverst&auml;ndliche,
+<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>oder wenden wir ein Fachwort an, das Naive eine
+Voraussetzung, in der Kunst ist es eine letzte Konsequenz,
+ein Gipfel.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Die Aufgabe besteht also darin, den Anschein des
+Selbstverst&auml;ndlichen zu erreichen, innerhalb der Kunst
+ein Gebilde zu schaffen, das die Z&uuml;ge der Natur tr&auml;gt.
+Dar&uuml;ber bin ich mir klar. Doch hat jedes Individuum
+seine besondere Naivet&auml;t, jedes &raquo;Selbst&laquo; seine eigene
+Selbstverst&auml;ndlichkeit. G&auml;be es dennoch gewisse Gesetze,
+an die unbewu&szlig;t alle gebunden sind, Sch&ouml;pfer
+wie Genie&szlig;ende?</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Wollen wir einmal vom Engsten ausgehen, um ins
+Weite zu gelangen. Wer sprachliches Gef&uuml;hl und ein
+aufmerksames Ohr besitzt, wird wissen oder unbewu&szlig;t
+schon fr&uuml;h empfunden haben, da&szlig; die vorz&uuml;glichste
+Sch&ouml;nheit unserer Sprache in ihrem Verm&ouml;gen
+liegt, eine organisch gegliederte, gleichsam lebende
+Periode zu bilden. Der Gedanke, die Vorstellung entsteht
+und kommt zur Erscheinung durch Hauptwort
+und Zeitwort; das Beiwort tritt heran, um zu verdeutlichen
+oder zu schm&uuml;cken, eine zweite Vorstellung
+oder Handlung will die erste begr&uuml;nden und weiterf&uuml;hren,
+und der Nebensatz ist geboren, an dem sich
+dieselben Erscheinungen vollziehen wie im Hauptsatz,
+nur abget&ouml;nt, verkleinert, gemildert. Darin liegt
+der Rhythmus der Prosa: das An- und Abschwellen
+<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>des Tones und der Betonung, die gegenseitige Beziehung
+von S&auml;tzen und Satzteilen untereinander, die
+freie und eigenbewegliche Anpassung, die F&uuml;lle des
+Ausdrucks bei gr&ouml;&szlig;ter Sparsamkeit mit dem Wort.
+Die eigent&uuml;mlichste Kraft der deutschen Sprache ruht
+im Zeitwort; dieses auszubilden, zu formen, gewisserma&szlig;en
+zu isolieren, kennzeichnet den guten Prosaisten,
+w&auml;hrend der mittelm&auml;&szlig;ige sich mehr auf das schm&uuml;ckende
+Beiwort verlegt, &#8211; ganz nat&uuml;rlich. Pr&uuml;fe doch
+den Stil unserer guten Erz&auml;hler auf diesen Umstand
+hin: wie das flutet und in majest&auml;tischer Ruhe hinflie&szlig;t,
+immer bewegt und immer gegen ein erreichenswertes
+Ziel bewegt. Das Beiwort wirkt erstarrend und
+ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, und nur die anschauende
+Phantasie kann es an den rechten Platz
+stellen; das Verbum belebt und ist das eigentlich motorische
+Element im Satzbau. Es ist stets interessant,
+den guten Erz&auml;hlerstil lediglich auf seinen sprachmelodischen
+Gehalt hin zu pr&uuml;fen, sich zu &uuml;berzeugen,
+wie die Periode der Atmung entspricht, wie sinnvoll
+gegliedert Satz und Nebensatz auftreten, und wie der
+Gesang abl&auml;uft, wenn der Absatz zu Ende ist. Eigentlich
+m&uuml;&szlig;te man ein gutes Prosabuch schon an der
+typographischen Anordnung erkennen, die sozusagen
+seine Fassade vorstellt. Dazu kommt nun beim epischen
+K&uuml;nstler das geistige Erlebnis des Bildes und
+die seltsame Empfindung f&uuml;r die plastische N&auml;he des
+Wortes, die ihn vor Verflachung seines Ausdrucks
+<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>bewahrt. Denn wie k&ouml;nnte sonst eine Schriftsprache
+jahrhundertelang gesund und triebf&auml;hig bleiben? Die
+Auserlesenheit der Wendungen tut es nicht, Geschmack
+und Formensinn allein sind ebenfalls nicht
+zeugungskr&auml;ftig, &#8211; nur das Mitleben mit dem Wort
+als einem Organismus bewahrt die Sprache der Epik
+vor dem Verwelken und Absterben. Das begreiflich
+zu machen, ist schwer, wenn du es nicht f&uuml;hlst.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hle es. Ich f&uuml;hlte es oft, wenn ich Gottfried
+Keller las. Ein ganz gew&ouml;hnliches Wort, das in unserer
+Umgangssprache so platt klang und so tot aussah wie
+eine abgegriffene M&uuml;nze, stand pl&ouml;tzlich da wie in
+einen Zaubermantel geh&uuml;llt, fremd und neu.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Und doch sind die meisten unter unsern jungen Dichtern
+Wortsucher, aber was schlimmer ist, sie verstehen
+auch nicht in gro&szlig;em Atem zu erz&auml;hlen. Ich leugne
+nicht die Berechtigung des Schriftstellers, seine S&auml;tze
+auseinander zu haken und sie im st&uuml;rmischen Tempo
+aufmarschieren zu lassen, wenn ihn die Situation und
+seine Natur dazu auffordern. Aber so wenig ein Mensch
+lange Zeit hindurch im Zustand der Atemlosigkeit verweilen
+kann, so wenig vertr&auml;gt dies ein Buch, ohne
+da&szlig; es Unbehagen und Widerwillen erregt. Ich habe
+B&uuml;cher in der Hand gehabt, in denen lauter enge und
+engbr&uuml;stige S&auml;tzchen nebeneinander standen, stumpf
+und traurig wie Soldaten bei der Parade. Einzelne
+<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>Satzglieder schwammen wie abgeschnittene H&auml;nde
+und F&uuml;&szlig;e in einer Br&uuml;he &uuml;berfl&uuml;ssiger Interpunktionen,
+und jeder Rhythmus war zerfetzt, weil eine anst&auml;ndige
+Mittelm&auml;&szlig;igkeit des Schreibens weniger geachtet
+wird als ein gequ&auml;lter Unsinn, oder weil das
+Gef&uuml;hl erweckt werden sollte, der Verfasser sei tief
+ergriffen gewesen von dem, was er geschrieben. Von
+dem Verfasser wird gar keine Ergriffenheit verlangt;
+Gott hat nicht jedem Baum und jedem Berg einen
+Zettel umgeh&auml;ngt, auf dem zu lesen steht: wie sch&ouml;n,
+wie gewaltig, wie charakteristisch bin ich. Gott ist bescheiden,
+er ist unsichtbar in seiner Welt versteckt,
+und mit den gro&szlig;en K&uuml;nstlern ist es ebenso. Vom
+Erz&auml;hler wird Unsichtbarkeit verlangt, von dem, was
+er erz&auml;hlt, h&ouml;chste Sichtbarkeit.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist aber keineswegs
+zu leugnen, da&szlig; etwa in einem dickb&auml;ndigen
+Roman die strenge Form der Erz&auml;hlung schwer, wenn
+nicht unm&ouml;glich festzuhalten ist. Ein solches Buch
+m&uuml;&szlig;te durch seine Eint&ouml;nigkeit langweilen, glaube
+ich, und man kann dem Autor nicht Unrecht geben,
+wenn er dies Schicksal durch dramatische Gespr&auml;che
+und aufregende Schilderungen von seinem Buche abzuwenden
+sucht.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Das ist ein Thema f&uuml;r sich. Man kann von einem
+Kochbuch nicht verlangen, da&szlig; es wissenschaftliche
+<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>Aufgaben l&ouml;st. Wenn es einem Dichter zu schwer f&auml;llt,
+ein Kunstwerk zu schaffen, so begn&uuml;ge er sich mit dem
+Machwerk, aber er soll dann nicht beanspruchen, ein
+K&uuml;nstler genannt zu werden. M&uuml;ssen denn die dickb&auml;ndigen
+Ungeheuer geschrieben werden, von denen
+du sprichst? Und wenn sie geschrieben werden
+m&uuml;ssen, bin ich etwa verpflichtet, mich mit ihnen zu
+besch&auml;ftigen? Wollten wir unsere Er&ouml;rterungen in
+diesen niedern Kreis stellen, was w&auml;re da nicht alles
+zu sagen, wor&uuml;ber zu klagen: &uuml;ber die Frauenschreiberei,
+das Zeitungswesen, die elenden &Uuml;bersetzungen
+aus andern Sprachen usw. Doch wir wollen das
+k&uuml;nstlerischste aller Gesetze auch auf unsere Unterhaltung
+anwenden und bei der Sache bleiben.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Du hast recht. Dennoch gibt es Mischprodukte, die
+man nicht verwerfen darf und die eine tiefere Wirkung
+und ein gewaltigeres Entstehungsmotiv haben als die
+reinen Kunstwerke. Das darf man nicht vergessen.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Ich halte das f&uuml;r einen Irrtum. Diejenigen Werke der
+Kunst, die an Wirkung und Dauer hinter den Erzeugnissen
+zur&uuml;ckstehen, die du erw&auml;hnst, sind eben dann
+nicht wahrhaft lebendig, und ihr Untergang ist nur
+eine Frage der Zeit.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Alles, alles ist dem Untergang geweiht. Selbst Homer
+und Shakespeare.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>DER ALTE:</p>
+
+<p>Eine t&ouml;richte Phrase. Sie werden untergehen, wenn
+der Erdball versinkt und das Licht sich in Finsternis
+verwandelt. Sie geh&ouml;ren eben der Menschheit an, und
+von einer Unsterblichkeit &uuml;ber die Menschheit hinaus
+zu reden, hat keinen Sinn.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Folgendes ist mir nicht ganz klar. Es handelt sich
+doch bei der Erz&auml;hlung um das Darstellen eines Vorganges
+und innerhalb des Vorganges wieder um das
+Ausmalen einzelner Bilder oder Situationen, denn
+ohne solche Bilder w&uuml;rde ich doch mehr Geschichtsschreibung
+treiben als Kunst. Wie bringe ich nun die
+Situation, ohne gegen das Gesetz des epischen Weiterstr&ouml;mens
+zu versto&szlig;en? Mit einem Wort, wie kann ich
+erz&auml;hlerisch und plastisch zugleich sein?</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Zur Beantwortung dieser Frage will ich dir eine Stelle
+aus Wilhelm Meisters Lehrjahren vorlesen. Es hei&szlig;t
+da: &raquo;Zwei bis drei H&auml;user standen in vollen Flammen.
+In den Garten hatte sich niemand retten k&ouml;nnen wegen
+des Brandes im Gartengew&ouml;lbe. Wilhelm war verlegen
+wegen seiner Freunde, weniger wegen seiner Sachen.
+Er getraute sich nicht, die Kinder zu verlassen, und
+sah das Ungl&uuml;ck sich immer vergr&ouml;&szlig;ern. Er brachte
+einige Stunden in einer b&auml;nglichen Lage zu. Felix war
+auf seinem Scho&szlig;e eingeschlafen, Mignon lag neben
+ihm und hielt seine Hand fest. Endlich hatten die ge<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>troffenen
+Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die
+ausgebrannten Geb&auml;ude st&uuml;rzten zusammen, der Morgen
+kam herbei, die Kinder fingen an zu frieren, und
+ihm selbst ward in seiner leichten Kleidung der fallende
+Tau fast unertr&auml;glich. Er f&uuml;hrte sie zu den Tr&uuml;mmern
+des zusammengest&uuml;rzten Geb&auml;udes, und sie fanden
+neben einem Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr
+behagliche W&auml;rme. Der anbrechende Tag brachte nun
+alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen,
+usw.&laquo; Du siehst hier deutlich, wie keusch und zur&uuml;ckhaltend
+das au&szlig;erordentliche Ereignis in der allgemeinen
+erz&auml;hlerischen Stimmung sich aufl&ouml;st. Ruhig
+schlie&szlig;t sich an die sparsame Ausmalung der &uuml;beraus
+sch&ouml;nen Situation von den am Aschenhaufen liegenden
+Personen der neue Vorgang, und im Satzgef&uuml;ge
+herrscht nicht die mindeste Erregtheit. Vergleiche damit
+einmal die Darstellung einer Feuersbrunst bei
+Zola; Einzelheit dr&auml;ngt sich an Einzelheit. Die ungeheure
+Flut der Einzelheiten vernichtet das Bild und
+&uuml;berschwemmt die Phantasie. Aus f&uuml;nfzig Seiten eines
+Schilderers macht der Epiker zehn Zeilen. Der erz&auml;hlende
+Stil beruht keineswegs auf der Ausmalung der
+Situationen, sondern er ruft die Situation nur zu h&ouml;herem
+Zweck hervor, um sie in vollkommener Ruhe
+vor&uuml;bergleiten zu lassen. Geradezu musterhaft ist
+darin Kleist, der vielleicht das gr&ouml;&szlig;te erz&auml;hlerische
+Genie ist, das wir besitzen. Wie im Volksm&auml;rchen,
+mit einer erhabenen Knappheit erzeugt er Bewegung
+<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>um Bewegung. Nur dadurch entsteht zugleich die
+Lebendigkeit der Periode, es wird ihr das Papierene
+genommen, das sie auch beim vollendetsten Schilderer
+hat; sie besitzt pl&ouml;tzlich innere Kraft, das Blut des
+atmenden Gesch&ouml;pfes, und wie das Werk im Ganzen,
+ist sie f&uuml;r sich allein ein Organismus mit Fleisch und
+Seele. Der Baum setzt sich aus winzigen Zellen zusammen;
+die Gesundheit seiner Fr&uuml;chte h&auml;ngt ab von
+der Gesundheit jener unscheinbaren Gewebe. Die
+Breite und F&uuml;lle der Periode bedingt die Breite und
+F&uuml;lle des Ganzen; nicht Abenteuerlichkeit der Vorg&auml;nge,
+nicht Weitspurigkeit der Anlage, nicht die
+ausgesuchteste psychologische T&uuml;ftelei, keine Neuartigkeit
+des Themas, keine &auml;u&szlig;ere Spannung, nicht
+Geist, nicht Witz, nicht philosophische Tiefe kann
+ein Werk, dem jene Eigenschaften wahrer epischer
+Breite und Ruhe mangeln, zum Rang eines Kunstwerkes
+erheben.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Jetzt ist es auf einmal wieder die Ruhe. Wir haben
+doch festgestellt, da&szlig; es die Bewegung ist, die der
+Kunst das Leben gibt, wir haben es sehr sch&ouml;n gefunden,
+da&szlig; die Zwecklosigkeit der Bewegung den
+Kunsteindruck hervorbringt, nun soll auf einmal die
+Ruhe das Allesbedingende sein. Das ist sinnverwirrend.
+Ruhe? Das w&auml;re ja gleichbedeutend mit K&auml;lte,
+das hie&szlig;e ja, das ganze Wesen des Dichters verkennen,
+dem Artistentum das Wort reden.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>DER ALTE:</p>
+
+<p>Beschwichtige deinen Eifer, du wirst gleich sehen, wie
+unbedacht er ist. Die erz&auml;hlende Kunst stellt Vergangenes
+dar. Es handelt sich um ein Gelebt-Haben,
+Gesehen-Haben, Geschehen-Sein. W&auml;hrend das
+Drama auf der Gegenw&auml;rtigkeit der Geschehnisse,
+der Leidenschaften beruht, ist das Epos oder die
+Novelle ein Zur&uuml;ckgewandtes, Zur&uuml;ckschauendes, &#8211;
+ganz nat&uuml;rlich, und so ist es durch seine Form zu
+einer gr&ouml;&szlig;eren Ruhe und Gemessenheit verurteilt,
+denn seine Wiedergabe setzt doch einen Betrachter
+voraus, einen Beobachter, einen Urteilenden, Zusammenfasser.
+W&auml;hrend das Drama ein scheinbar
+freistehendes, isoliertes Eigen-Produkt ist, weist die
+Erz&auml;hlung best&auml;ndig und auf jeder Zeile auf den Erz&auml;hler
+zur&uuml;ck, und von dessen Haltung h&auml;ngt alles
+ab. Es handelt sich also nur um eine scheinbare K&auml;lte
+und Ruhe, um ein Zur&uuml;ckhalten des Feuers. Der
+Sch&ouml;pfer eines solchen Werkes ist umsomehr darauf
+angewiesen, seine eigene Pers&ouml;nlichkeit zu verbergen,
+da er es doch selbst ist, der die ganze Welt, die er
+hervorbringt, repr&auml;sentiert. Wenn er aufh&ouml;rt, unsichtbar
+zu bleiben, leidet unsere Illusion Schaden, und
+die scheinbare Ruhe enth&auml;lt also f&uuml;r ihn alle Wirkungen
+seiner Kunst. Uns dennoch aufs innigste mit dem
+Werk zu verkn&uuml;pfen, uns alles mit seinem eigenen
+Auge, seiner eigenen launigen oder tragischen Seelenstimmung
+erleben zu lassen, das h&auml;ngt von seiner
+<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>Person und seinem Dichterwert ab. Seine Weltanschauung
+und geistige Kraft einerseits und die Ruhe
+andrerseits, die ihn bef&auml;higt, Licht und Schatten zu
+verteilen, Bilder zu erzeugen, Zeitperspektiven zu
+bilden, k&ouml;nnen die beiden Pole genannt werden, zwischen
+denen sich seine Kunst bewegt. Deswegen verlangt
+die epische Kunst eine vollkommene Reife des
+Geistes.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Es handelt sich also nicht um unterdr&uuml;cktes Gef&uuml;hl,
+sondern um geb&auml;ndigtes Gef&uuml;hl, um verteilte W&auml;rme.
+Dann leidet auch das Werk Schaden, wenn zu viel
+Licht auf eine einzelne Gestalt f&auml;llt? Offenbar. Wie
+verh&auml;lt es sich also mit den Gestalten? Wie weit d&uuml;rfen
+sie sich aus der Fl&auml;che der Erz&auml;hlung plastisch
+heben?</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Das h&auml;ngt von Stoff und Ton des Ganzen ab. La&szlig; uns
+einmal den Gang verschiedener Werke epischer Prosa
+auf diesen Umstand hin vergleichen: Herodots Geschichten,
+den Don Quixote, den Wilhelm Meister
+und Tolstois Krieg und Frieden.</p>
+
+<p>Herodot besitzt die nat&uuml;rliche, pers&ouml;nliche Naivit&auml;t,
+die dem Zeitalter und einer jungen, aufsteigenden
+Kultur entsprechen. Er hat weder Vorbilder, noch bedarf
+er ihrer. Er ist nicht bem&uuml;ht, eine Kunstform zu
+pr&auml;gen. Er vermeidet Schmuckworte. Er h&auml;lt sich von
+allen Abstraktionen fern. Er &raquo;erz&auml;hlt&laquo;. Sein Ton ist
+<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>der eines Mannes, der reich an Erfahrungen und an
+Wissen unter den Seinen sitzt und ebenso einfach wie
+wahrhaftig von allem Kunde gibt. Gleichwohl zeigt
+sein Werk eine feste Stileinheit und das nicht nur
+&auml;u&szlig;erlich, sondern auch innerlich: Die Handlungen
+des Menschen stehen unter dem Walten der Nemesis.
+Von dieser Weltanschauung durchdrungen, erh&auml;lt
+seine Sch&ouml;pfung nicht nur sittliche Gr&ouml;&szlig;e, sondern
+auch k&uuml;nstlerische Macht.</p>
+
+<p>Cervantes fu&szlig;t nat&uuml;rlich bereits auf Traditionen. Aber
+er vernichtet sie, indem er sich ihrer bedient. Die
+Sittenschilderung und die Aktion ordnen sich &auml;u&szlig;erlich
+einem Plan und geistig einer Idee unter. Indem
+er gegen den pathetischen Heros des Katholizismus
+zu Felde zieht, findet er jene hohe Form der Darstellung,
+welche wir Humor nennen und welche seinen
+Gestalten weitaus bedeutungsvollere Konturen gibt,
+als sie in der Realit&auml;t ihrer Existenz zu haben scheinen.
+Auch Cervantes ist ein (im banalen Sinn) naiver Erz&auml;hler;
+aber an seiner Naivet&auml;t hat der Kunstverstand
+schon wesentlichen Anteil. Es ist klar: das ist nicht
+mehr der Berichterstatter wahrhafter Begebenheiten.
+Mit der Sch&ouml;pfung einer Phantasiewelt hat die unbefangene
+Freude am Ereignis und seiner Wiedergabe
+ihr Ende erreicht. Dem Erz&auml;hler mu&szlig; sich der Fabulist
+beigesellen, und Fragen technischer Natur entstehen
+wie von selbst. Hier ist alles schon <em class="gesperrt">Kunst</em>:
+die Charaktere und ihre Gestaltung, die planvoll ge<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>sch&uuml;rzten
+F&auml;den der Handlung, der Dialog und seine
+motorische Bedeutung. Aber durch einen wunderbaren
+Instinkt hat all dies wieder die Farbe der Natur
+erhalten, das t&auml;uschende Gewand der Wahrheit.</p>
+
+<p>Goethes Roman ist in erster Linie das Manifest einer
+gro&szlig;en Pers&ouml;nlichkeit. Wenn der spanische Dichter
+Bilder entrollte, hinter denen er wortlos verschwand,
+so bleibt der Deutsche vor dem Geschaffenen stehen
+und bringt es durch sein Wesen, durch seine Geb&auml;rde,
+durch seine begleitenden Worte erst ins rechte Licht
+und zur rechten Geltung. Seine Darstellung ist k&uuml;hl
+und &uuml;berlegen, philosophisch gemessen, und nie vergi&szlig;t
+man &uuml;ber den Figuren den Zauberer, der sie in
+Bewegung zu setzen vermag. Cervantes ist gro&szlig; durch
+Don Quixote; Wilhelm Meister ist gro&szlig; durch
+Goethe.</p>
+
+<p>In der Dichtung des russischen Dichters endlich sind
+Stoff und Darstellung in eine unaufl&ouml;sliche Verbindung
+getreten. Der Sch&ouml;pfer selbst wird hier zu einem
+wesenlosen Etwas, &auml;hnlich der Naturkraft, die einem
+Strom sein Bett anweist. Dieser Roman ist von homerischer
+Pr&auml;gung. Die Menschen darin sind so stark
+individuell und andererseits so sehr von dem Schicksale
+ihres Temperaments getrieben, da&szlig; man die Illusion
+hat, sie m&uuml;&szlig;ten, auch aus Milieu und Handlung
+losgel&ouml;st, doch zu denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen
+gelangen, zu denen sie in der Dichtung durch
+den Willen des Dichters kommen. Sittenschilderung,
+<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>nationale Besonderheit, menschliche Bedeutsamkeit,
+k&uuml;nstlerische Ruhe, Einfachheit und Gr&ouml;&szlig;e, alles verbindet
+sich zu klarster Wirkung. Der Dialog hat
+keine motorischen Zwecke mehr, auch nicht philosophische
+oder tendenzi&ouml;se, sondern lediglich charakterisierende.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>&raquo;Stoff und Darstellung sind in eine unaufl&ouml;sliche Verbindung
+getreten,&laquo; sagst du. Ich m&ouml;chte lieber sagen:
+Stoff und K&uuml;nstler. Aber was ist der Stoff? Wann
+wird der Stoff &raquo;daseinsnotwendig&laquo;? Wann erh&auml;lt er
+die Unleugbarkeit eines von der Natur selbst Geschaffenen?
+Wahrscheinlich mu&szlig; der eine ihn erleben,
+der zweite erfinden, der dritte aus der Geschichte
+nehmen. Dieser braucht eine regelrechte Fabel, jener
+webt seine Gebilde wie aus einem Traum heraus, der
+die Bewegung und Stimmung des Lebens und doch
+die Gesammeltheit der Dichtung hat. Das Wichtige
+ist demnach nicht die Art des Stoffes selbst, sondern
+die Intensit&auml;t der Vision, die er erzeugt und die nicht
+auf einem Bild zu beruhen braucht, sondern oft, dem
+Nebelball der Urwelten gleich, Feuer und Vegetation
+noch in sich verborgen tragen kann.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Ohne Zweifel. Die Kraft der Vision im Dichter bestimmt
+die Kraft des Werkes, ihre Dauer und Unverge&szlig;lichkeit
+aber seine Harmonie. Alles andere hat mit
+inspiratorischen Dingen nichts mehr zu tun, sondern
+<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>unterliegt den Gesetzen der Entwicklung. Wo die Vision
+aufh&ouml;rt, beginnt die geistige Arbeit, das Reich des
+Geschmackes, des Urteiles, der Wahl. Hier ist auch die
+Grenze zwischen dem Dichter und dem Schriftsteller.
+Der Dichter und seine Stoffe verhalten sich zu einander
+wie der Baum zu seinen Bl&auml;ttern, die Stoffe des
+Schriftstellers aber gleichen den beliebig ausgew&auml;hlten,
+&auml;rmlichen oder luxuri&ouml;sen M&ouml;beln eines Zimmers.
+Dort wird jeder Mangel die Kehrseite eines Vorzuges
+sein, hier wird selbst jeder Vorzug auf einen einzigen
+Mangel zur&uuml;ckdeuten. Dort ein lebendiger Organismus,
+gleichviel ob kr&auml;nklich oder stark, hier eine Maschinerie,
+st&uuml;mperhaft oder in ihrer Art vollkommen.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Demnach m&uuml;&szlig;te also eigentlich der Dichter seine
+Stoffe erleben, der Schriftsteller sie erfinden.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Das l&auml;&szlig;t sich nicht auseinanderhalten. Da m&uuml;&szlig;ten wir
+erst feststellen, was es hei&szlig;t, erleben. Es w&auml;re doch
+recht &auml;rmlich gedacht, wenn man nur eine &auml;u&szlig;ere
+Aktion darin sehen wollte, dann w&auml;re es schlimm um
+jene bestellt, die der Zufall oder soziale Stellung oder
+pers&ouml;nliche Eigenart vom gro&szlig;en Getriebe fernh&auml;lt.
+Das hie&szlig;e dann: nur derjenige, der einen Mord begangen,
+kann die Seele eines M&ouml;rders enth&uuml;llen, und
+die Frau als eine Welt f&uuml;r sich w&auml;re dem Dichter ein
+f&uuml;r immer verschlossenes Ding. Ich stelle nicht in Abrede,
+da&szlig; ein gewisses Ma&szlig; allgemeiner Lebenserfah<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>rung
+notwendig sei, aber dem, der nicht innerlich das
+Leiden der Welt und ihrer Gesch&ouml;pfe erlebt, dem
+wird es wenig frommen, wenn er seine Tage mit Abenteuern
+f&uuml;llt, wenn ihm auch hierdurch die seltsamsten
+und tiefsten Seiten der menschlichen Natur offenbar
+werden. Das ist ja eben die besondere Natur des
+Dichters, da&szlig; in ihm gleichsam die Erfahrungen aller
+andern sich sammeln und zu einem hohen Bewu&szlig;tsein
+gelangen; es ist, als ob ihm Gott die Andeutungen
+und Stichworte g&auml;be, aus denen er das Gewebe
+einer zweiten zur knappsten Folgerichtigkeit
+verdichteten Welt formt. Er ist es, der im Mittelpunkt
+der Dinge wohnt, er stellt das lebendige Gewissen
+der V&ouml;lker dar, er lebt nicht nur in der Gegenwart,
+nein, ihm ist alles Vergangene zugleich Gegenwart.
+Und nun der Stoff.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Ich glaube, da&szlig; es gleichg&uuml;ltig ist, ob er die Geschichte
+eines Schneiders oder eines Welteroberers w&auml;hlt. Und
+das Milieu kann immer nur ein Mittel sein, Charaktere
+zu entfalten und Schicksale zu motivieren.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Sehr wahr.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Und doch haben wir von einer Daseinsnotwendigkeit
+des Stoffes gesprochen.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Es ist oft genug gesagt worden, da&szlig; der Dichter aus
+<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>einem unbesiegbaren inneren Drang heraus schaffe.
+Oft im Kampf mit den &auml;u&szlig;eren Lebensumst&auml;nden,
+oft, ja fast immer im Kampf mit sich selbst. Deswegen
+ist es eine abgegriffene Phrase, von dem Gl&uuml;ck des
+Schaffens zu sprechen. Es gibt nur eine Verzweiflung
+des Schaffens und einen ganz kurzen Gl&uuml;cksrausch
+des Geschaffenhabens. Und dann erst mu&szlig; der Dichter
+lernen, sein Werk zu hassen, damit er seine Gebrechen
+zu erkennen vermag, und je st&auml;rker er sein
+Werk hassen wird, je tiefer wird er die Kunst lieben.
+Es ist klar, da&szlig; das, was unter solchen Widerst&auml;nden
+Dasein und Form gewinnt, innere Lebensm&ouml;glichkeit
+und -notwendigkeit haben mu&szlig;, wenigstens f&uuml;r den
+Sch&ouml;pfer. Die Frage ist nur, ob und in welchem Ma&szlig;e
+das Werk zu den anderen Menschen spricht, wie viele
+Lebenskreise es durch seine Existenz ber&uuml;hrt, wie viel
+andern Wesen es ebenfalls notwendig wird. Das h&auml;ngt
+nun von seinem Stoff ab. Ich m&ouml;chte behaupten, ein
+Stoff ist um so gr&ouml;&szlig;er und allgemeiner g&uuml;ltig, je mehr
+Mythos er in sich tr&auml;gt, das hei&szlig;t, je tiefer er in dem Geheimnisvollen,
+Unbewu&szlig;ten, Religi&ouml;sen, Phantasiegem&auml;&szlig;en
+eines Volkes und damit der Menschheit wurzelt.
+Der Dichter ist ja der Mund der Schweigenden. Je
+gr&ouml;&szlig;er ein Dichter ist, je mehr Schweigende sprechen
+aus ihm. Nicht er w&auml;hlt seinen Stoff, sondern der Stoff
+w&auml;hlt ihn. Er trifft ihn, wie der Blitz zuckt er auf ihn
+herab. Deshalb wird man ebensowenig von Erfinden
+wie von Erleben eines Stoffes reden k&ouml;nnen, im h&ouml;ch<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>sten
+Sinne n&auml;mlich. Dichter, die ihre Erlebnisse, sagen
+wir verwerten, sind immer in Gefahr, diese Erlebnisse
+sehr zu &uuml;bersch&auml;tzen, wenn nicht ein gro&szlig;es typisches
+Schicksal dahinter steht. Die Vision ist alles. Sie vermag
+einen tausendmal behandelten Gegenstand so zu
+verkl&auml;ren und zu erh&ouml;hen, da&szlig; er zum unerh&ouml;rten Ereignis
+wird. Je mehr du durch dein enges kleines und
+in jedem Fall bescheidenes Schicksal dich ins Weite,
+Menschliche, Mythische hinaussp&uuml;rst und -lebst, je
+weniger brauchst du tats&auml;chlich zu &raquo;erleben&laquo;, je freieren
+Spielraum gewinnst du f&uuml;r die Kunst.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Fr&uuml;here &Auml;sthetiker haben das, was du den Mythos
+nennst, als Idee bezeichnet.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Nenn es, wie du willst. Man spricht immer davon,
+da&szlig; die Kunst keine Tendenzen habe, keine N&uuml;tzlichkeitsziele
+verfolgen soll. Aber in einem anderen
+h&ouml;heren Sinn mu&szlig; doch mit jedem Kunstwerk etwas
+bewiesen werden, wenn es nicht dem Fluch des Spielerischen
+verfallen soll. Gewi&szlig; mu&szlig; es um seiner selbst
+willen hervorgebracht werden. Aber es darf, wie das
+lebendige Gesch&ouml;pf, nicht um seiner selbst willen
+existieren. Weiter k&ouml;nnen wir in unserer Er&ouml;rterung
+kaum gelangen. Hier ist schon die Grenze des Traumes
+und der Tr&auml;umerei.</p>
+<p><a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a></p>
+
+<h3 class="essay">F&uuml;nf Jahre sp&auml;ter</h3>
+
+<p class="newsection">DER ALTE:</p>
+
+<p>Da&szlig; uns der Zufall auf einer Reise zusammenf&uuml;hrt!</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Man k&ouml;nnte glauben, du habest mich w&auml;hrend all dieser
+Zeit geflissentlich gemieden.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Wie k&ouml;nnte ich mich unterfangen! Du bist ein ber&uuml;hmter
+Mann geworden, ich sinke mehr und mehr
+ins Dunkel zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Hoffentlich hat mir dieser sogenannte Ruhm nicht
+deine gute Meinung geraubt.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Das w&auml;re nur der Fall, wenn er dich zur Selbstgen&uuml;gsamkeit
+verf&uuml;hrte. Solche Leute stehen als Leichname
+inmitten ihrer Werke, und ihre Werke sind krankgeborene
+Kinder, zu fr&uuml;hem Tod bestimmt.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Vor allem, es gibt doch zweierlei Arten von Ruhm.
+Der eine geht von dem Zeitlichen, Zuf&auml;lligen, Augenblicklichen,
+Problematischen unserer Taten aus; er
+kann dem echten wie dem verlogenen Werk gleicherweise
+zu Teil werden und hat wenig zu schaffen mit
+<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>dem andern Ruhm, der durch unser ganzes Wesen
+bedingt ist, sich an den Zusammenhang unsrer Werke
+kn&uuml;pft. Jener ist wie der kurze Erfolg eines Witzboldes
+oder guten Plauderers in einem geselligen
+Kreis, dieser wie das tiefe, stille, langsame Wirken
+eines Priesters oder Menschenfreundes; jener wird
+von anderen hervorgebracht und entsteht oft zu unserer
+eigenen &Uuml;berraschung, dieser aber strahlt von unserm
+Innern, von unserer Pers&ouml;nlichkeit aus und kann auf
+alle F&auml;lle erst nach dem Tod eintreten oder nach dem
+Abschlu&szlig; unseres Lebenswerkes; jener mu&szlig; um den
+Beifall jedes Zeitungsschreibers besorgt sein, dieser
+hat keinen andern Richter als das eigene Herz.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Es freut mich, da&szlig; du so denkst. Aber hast du auch
+immer in solchem Sinn gelebt, gedichtet? Du meinst,
+ich sei dir in all den Jahren mit Absicht ferngeblieben;
+dein Gef&uuml;hl tr&uuml;gt dich nicht ganz. Aufrichtig mu&szlig;
+ich gestehen, da&szlig; mich dein Erfolg beunruhigt hat.
+Er war mir zu schnell, zu laut, er ging mir zu wenig
+von der Sache aus und konnte sich zu wenig auf die
+Kunst berufen. Ich wollte warten, und ich wartete
+dein n&auml;chstes Buch ab. Ich war entt&auml;uscht. Nicht als
+ob du dir darin untreu geworden w&auml;rst, aber du warst
+unruhig in dir selbst. Die Vision deiner Phantasie
+war nicht rein, sondern du sahst darin gleichsam die
+neugierigen Gesichter deiner Leser, deiner Freunde.
+Du trachtetest sie zu befriedigen und nicht dich selbst.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Wahr, wahr. Doch ich habe geb&uuml;&szlig;t. Ich habe geb&uuml;&szlig;t,
+indem ich verachten lernte. Ich habe geb&uuml;&szlig;t, indem
+meine Seele immer schmerzlicher nach mir selber
+schrie. Kennst du diesen geheimnisvollen Zustand,
+der jedes Verweilen friedlos, jedes Nachdenken bitter
+macht? Es ist als ob man nach der Heimat reisen wolle
+und scheugewordene Pferde st&uuml;rmten mit einem nach
+fernen w&uuml;sten L&auml;ndern. Was f&uuml;r ein r&auml;tselhaftes Ding
+ist es doch, das im Innern der Brust wohnt. Es hat eine
+Stimme, die den schrillsten Marktl&auml;rm &uuml;bert&ouml;nt, und
+bist du dann in der Einsamkeit, so schweigt es unvermutet,
+als wolle es sich r&auml;chen daf&uuml;r, da&szlig; du ihm nicht
+fr&uuml;her gehorchtest. Immer aufmerksamer, immer stiller
+mu&szlig;t du werden, um die Stimme nicht zu verlieren,
+nicht Weib und Kind und Geld und Gut darfst du
+festhalten, wenn sie es nicht will.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>So viel Einsicht bei so viel Irren!</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Wie k&ouml;nnte man Einsicht gewinnen ohne geirrt zu
+haben? Erinnerst du dich unseres Gespr&auml;chs von damals
+&uuml;ber Wesen und Gesetze der Erz&auml;hlungskunst?
+Ich habe viel, habe oft dar&uuml;ber nachgedacht. Ich habe
+daraus in den entscheidenden Punkten eine nicht mehr
+zu tr&uuml;bende Klarheit gewonnen. Und doch, so bald
+ich nur eins dieser Gesetze, und wenn es das lapidarste
+war, auf meine Arbeit anwenden wollte, so zerflo&szlig; es
+<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>in eitel Dunst. Es geht wie mit den aufgeschriebenen
+Paragraphen-Sammlungen der Justiz gegen&uuml;ber der
+lebendigen Menschenwelt. An sich betrachtet: wahr,
+gerecht und klar. Auf das Ereignis, auf die Tat, den
+Augenblick angewandt: nichtssagend, absurd, tot. Daraus
+schlo&szlig; ich allm&auml;hlich, da&szlig; es kein andres Gesetz
+gibt, als dasjenige, das wir selbst durch die Kraft unseres
+Werkes exemplifizieren. Jeder darf, was er kann.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Willst du aber leugnen, da&szlig; dir unser damaliges Gespr&auml;ch
+f&ouml;rderlich und notwendig war?</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Durchaus nicht.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Es ist das Problem der Erziehung. Gut und B&ouml;se liegt
+im Menschen. Beispiel weckt Kr&auml;fte. Belehrung zeigt
+die Wege, zeigt die Schranken. Der Philister, der
+immer nur die Landstra&szlig;e w&auml;hlt und der Boh&ecirc;me, der
+im Gestr&uuml;pp stecken bleibt, keiner von ihnen kann
+F&uuml;hrer werden, jener ist &uuml;berfl&uuml;ssig, dieser sch&auml;dlich.
+So ist es auch mit der Kunst und ihren Gesetzgebern.
+Ich habe freilich gesehen, mit Kummer habe ich beobachtet,
+da&szlig; du alles was du damals so eifervoll, so
+leidenschaftlich zu ergreifen schienst, ver&auml;chtlich beiseite
+geworfen hast. Nun, du bist oft genug im Gestr&uuml;pp
+stecken geblieben, und noch heute sehe ich
+weder Weg noch Ziel f&uuml;r dich; so hart es klingt, ich
+mu&szlig; es sagen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Es klingt mir nicht hart. Ich mu&szlig; dir so erscheinen.
+Du schaust vom Ende eines Wegs auf mich zur&uuml;ck.
+Du wei&szlig;t nat&uuml;rlich wie du gegangen bist, aber wie
+ich gehen mu&szlig;, das glaubst du nur zu wissen. Jedem
+ist sein Schmerz notwendig, jedem seine Sehnsucht,
+sein Suchen, und wo ich nach deiner Meinung verderbe,
+da ist vielleicht mein Heil. Wollte man doch
+alles Kritisieren lassen, das sich nicht aufs Engste
+beschr&auml;nkt, aufs Greifbare, Haltbare! Ein menschliches
+Dasein ist kein Bretterger&uuml;st, kann nicht mit
+dem Richtscheit ausgemessen werden, kann nicht
+mit N&auml;geln und Klammern vor dem Geschick in
+Schutz genommen werden. Wenn es doch keine
+Schulmeister mehr g&auml;be! In jedem Lehrer steckt so
+viel H&auml;rte und Verh&auml;rtetsein, und was soll man erst
+zu jenen sagen, die aus blo&szlig;er verwerflicher Lust
+an &Uuml;berlegenheit einem Organismus, den die Natur
+geschaffen hat, die Berechtigung zur Existenz absprechen.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>So redest du f&uuml;r dich. Wehrst du dich aber nicht selbst
+gegen die St&uuml;mper, gegen die frivolen Eindringlinge
+in den Tempelbezirk der Kunst? Und bist du immer
+gerecht in der Unterscheidung? T&auml;uscht dich niemals
+ein Vorurteil, und das deiner Natur Fremde, suchst
+du es auch zu verstehen, oder verwirfst du es nicht
+oft, nur weil es eben fremd ist?</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Du hast Recht. Aber der Verdru&szlig; gegen die Schw&auml;tzer
+und Windbeutel enth&auml;lt oft das w&uuml;nschenswerte Entgegenkommen
+den noch unerschlossenen und ringenden
+Kr&auml;ften vor. Bei uns in Deutschland ist es besonders
+traurig. Unter hundert Betrachtern und Beurteilern
+eines Kunstwerks ist kaum einer, der imstande
+ist nur gerade, sagen wir: das Postament zu begreifen,
+auf dem es ruht. Eitelkeit und N&uuml;chternheit diktieren
+ihnen ihr begeistertes oder verwerfendes Urteil. &Uuml;berall
+guckt der Schulmeister heraus, und wenn sie wohlwollend
+sind, dann glauben sie schon weit zu gehen.
+Verzeih, da&szlig; ich j&auml;h und bitter werde, aber sogar du
+ziehst es vor Diktator zu sein, anstatt Freund, Versteher,
+Billiger, Mitdeuter. Warum willst du nicht die
+Notwendigkeit hinnehmen, die mich erf&uuml;llt? Vielleicht
+ist das, was ich unter unbesieglichem Zwang
+schaffe, gar nicht so verschieden wie du meinst von
+dem, was die Formeln wollen. Und wer nie eine der
+anscheinend ehernen Regeln verletzt und selbst das
+erlauchteste Kritikerhaupt zum Sch&uuml;tteln zu bringen
+vermag, der ist kein Sch&ouml;pfer, der bleibt stets ein Beckmesser.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>An der hohen Meinung von dir selbst hat es dir nie
+so sehr gefehlt als an der von den andern. Aber ich
+bin dir keineswegs b&ouml;se. Im Gegenteil mu&szlig; ich gestehen,
+da&szlig; mich dein Feuer seltsam erw&auml;rmt und da&szlig;
+<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>mir dabei der Gedanke aufsteigt, wie gleichg&uuml;ltig,
+fern und matt all dies eifervolle M&uuml;hen um Dinge ist,
+die doch, man k&ouml;nnte fast glauben mit einem sp&ouml;ttischen
+L&auml;cheln, ihre eigenen Wege gehen. Der Mensch
+ist alles, das Lebendige ist alles, und eine Natur, mit
+Sehnsucht, Mut und Sch&ouml;pferwillen begabt, wird, sei
+sie noch so eng, stets den N&ouml;rgler besch&auml;men. Aber
+es w&uuml;rde mich nun interessieren, wie du dir die Zukunft
+deiner Kunst denkst, denn aus deinen Reden
+atmen mir Revolutionen entgegen.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Liebster Freund, wie schnell werden wir uns verst&auml;ndigen,
+wenn du so spricht.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Und wie erstaunt werden wir sein zu bemerken, da&szlig;
+jeder nicht den andern bek&auml;mpft hat, sondern sein
+eigenes Mi&szlig;verstehen, seine eigene Ungeduld, seine
+eigene Unsicherheit. Lassen wir also alles Allgemeine
+f&uuml;r diesmal beiseite und erz&auml;hle mir von dir selbst,
+von dir allein. Ich denke, da&szlig; ich so am meisten auch
+&uuml;ber deine Kunst erfahre.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Meine Kunst! Ich gestehe dir, da&szlig; dieses Possesivpronomen
+f&uuml;r mich etwas Erstaunliches und Fremdes
+besitzt. Wenn ich mich ehrlich pr&uuml;fe, so habe ich
+eigentlich keine Kunst. Was mich zur Arbeit treibt,
+ist nicht der Drang etwas zu vollenden, nicht der
+Wunsch von etwas au&szlig;erhalb meiner Sph&auml;re Liegen<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>dem
+Besitz zu ergreifen, nicht oder doch nicht in erster
+Linie die Sehnsucht nach farbigem Bild oder plastischer
+Gestalt oder Deutung eines Schicksals, sondern
+es ist etwas anderes, seltsames. Es ist eine tiefe, immer
+wachsende Unruhe in meinem Innern; es ist als ob in
+meiner Brust ein Wesen verborgen w&auml;re, das sich selbst
+kennen zu lernen, &uuml;ber sich selbst Klarheit und Wahrheit
+zu erlangen w&uuml;nscht und f&uuml;r das die Arbeit meiner
+Hand, das Geschaffene, nichts ist als ein Spiegel,
+in dem es sich betrachten kann und der es je mehr befriedigt
+und begl&uuml;ckt, je ruhiger und ungetr&uuml;bter er
+das Bild seiner vorigen Verzweiflung um sich selbst
+wiedergibt.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Das haben viele Dichter von heute. Deshalb verm&ouml;gen
+sie ihre innere Welt nicht mehr gen&uuml;gend zu objektivieren.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Schon wieder der Schulmeister. Dein Tadel trifft nur
+jene, die noch nicht starke Menschen genug sind, oder
+starke K&uuml;nstler (denn in meinem Sinn bedeutet das
+dasselbe), um dem D&auml;mon, dem Zwerg, dem unruhigen
+Wesen genug zu tun. Ihr Spiegel ist nicht rein
+legiert. Dies ist eben das Neue: immer wichtiger, bedeutungsvoller,
+ich m&ouml;chte sagen, g&ouml;ttlicher wird der
+Mensch und seine Seele. Alle Erlebnisse verdichten
+sich nach innen, alle Verwicklungen betreffen nur das
+Herz, oder sie sind wesenlos und f&uuml;r den Dichter un<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>brauchbar.
+Warum das alles so ist und wie es gekommen
+ist, das zu entwickeln f&uuml;hle ich mich nicht k&uuml;hl
+und begabt genug, aber da&szlig; es so ist beweisen tausend
+Zeichen. Den groben Augen und groben Sinnen
+scheint das in solcher Luft Gestaltete und Geschaffene
+noch schattenhaft, aber mit der Zeit werden sie schon
+sehen und f&uuml;hlen lernen.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Das alles klingt mir gar nicht so neu und &uuml;berrumpelt
+mich nicht so sehr wie du anzunehmen scheinst. Ich
+glaube sogar, deine etwas wortreiche Tirade ist v&ouml;llig
+zu ersetzen, wenn wir sagen, du habest dich ganz den
+Forderungen der Gegenwart ergeben.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Und damit glaubst du etwas gesagt zu haben? Gut.
+Ja. Meinetwegen. Wenn es dich befriedigt, ein Wort
+daf&uuml;r zu wissen, &#8211; meinetwegen. Glaubst du denn,
+da&szlig; es Laune ist oder Trotz oder die eitle Lust zu
+verbl&uuml;ffen, was unsre Besten in ihren besten Stunden
+bewegt? Sie sind nicht Eigenwillige, sie sind Gesch&ouml;pfe
+der Zeit, in ihnen kristallisiert sich die Sehnsucht
+und das geistige Bed&uuml;rfnis der Menschheit.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Von dir wollte ich etwas wissen, von <em class="gesperrt">deiner</em> Art
+etwas erfahren.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Vielleicht bin ich dazu nicht imstande. Was n&uuml;tzte es,
+sofern du mein Verm&ouml;gen in Zweifel ziehst, wenn ich
+<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>dir sagen wollte: ich will Gestalten geben, deren Seele
+das reinste und empfindlichste Instrument ist f&uuml;r das
+unbegreifliche Spiel des Schicksals? Ich will meine
+eigene Furcht, mein eigenes Entz&uuml;cken, meine eigenen
+Vorstellungen von Leben, Gott und Tod zum Bilde
+machend, Wesen darstellen, die unter dem Druck und
+Anhauch solcher Gef&uuml;hle unvermittelter, vielfacher
+t&ouml;nend reagieren; die das Erstaunen des Kindes noch
+in sich tragen vereint mit der Erfahrenheit des weisen
+Zuschauers und die unter dem Kleid des Alltags
+dennoch wandeln wie wir alle wandeln, unwissend
+woher, unwissend wohin. Ich will den einen zum
+Schatten machen, denn sein Dasein, seine Leidenschaften,
+seine Triebe, seine Taten sind ihm und
+andern unbewu&szlig;t dunkel und nichtig wie Schatten,
+jenem aber, der zur Seite steht, nichts will, nichts
+gibt, nichts vermag, nichts bedeutet, zur charakteristischen
+Gestalt verhelfen. Ich will nicht die Verkn&uuml;pfung
+&auml;u&szlig;erer Erlebnisse geben, sondern die
+Wirrnis der inneren, ich setze keinen Ehrgeiz darein,
+F&auml;den zu kn&uuml;pfen und zu l&ouml;sen. Ich m&ouml;chte keine
+Gewitter geben, sondern die Entwicklung des Gewitters,
+die schw&uuml;len L&uuml;fte des ahnungsvollen Tages,
+alles was vorher geht, was Verantwortung tr&auml;gt. Ich
+will keine prahlerischen Ereignisse, sondern ich suche
+den kleinen Schmerz, der in tausendfachen Bildungen
+die Seele dem Verderben entgegenschleppt, und dies
+alles will ich wieder einer gro&szlig;en Harmonie zuf&uuml;hren,
+<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>die mannigfach geteilten Motive dem Unendlichen
+verm&auml;hlen.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Das geht weit, das hat Schwung, das klingt nicht &uuml;bel.</p>
+
+<p>DER JUNGE:</p>
+
+<p>Wie es klingt, ist nicht so wichtig wie das wohin es
+zielt. Wir alle, Kleine und Gro&szlig;e, sind Glieder eines
+einzigen K&ouml;rpers. Jeder hat teil an jedem. Verworfen
+wird nur der Leugner. Lernen wir es, and&auml;chtig und
+ehrf&uuml;rchtig zu sein.</p>
+
+<p>DER ALTE:</p>
+
+<p>Und wenn wir alt sind, la&szlig;t uns nicht vergessen, zur
+rechten Zeit zu sterben.</p>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt
+eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand sich urspr&uuml;nglich am
+Buchende.</p>
+<p>
+p 009: auschlie&szlig;lich -> ausschlie&szlig;lich<br />
+p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt<br />
+p 064: desssen dr&auml;ngendes Gef&uuml;hl -> dessen<br />
+p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo<br />
+p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren<br />
+p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung<br />
+p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als<br />
+p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ]
+</p>
+</div>
+
+
+<div class="note">
+<p>[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first
+edition copy. The table below lists all corrections applied to the
+original text. The Table of Contents was moved from the back of the
+book to the front.</p>
+<p>
+p 009: auschlie&szlig;lich -> ausschlie&szlig;lich<br />
+p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt<br />
+p 064: desssen dr&auml;ngendes Gef&uuml;hl -> dessen<br />
+p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo<br />
+p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren<br />
+p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung<br />
+p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als<br />
+p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ]
+</p>
+</div>
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+<pre>
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+End of the Project Gutenberg EBook of Imaginäre Brücken, by Jakob Wassermann
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+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN ***
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ https://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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