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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/17007-0.txt b/17007-0.txt new file mode 100644 index 0000000..109b3fa --- /dev/null +++ b/17007-0.txt @@ -0,0 +1,4765 @@ +The Project Gutenberg EBook of IMAGINÄRE BRÜCKEN, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: IMAGINÄRE BRÜCKEN + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: November 5, 2005 [EBook #17007] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + +JAKOB WASSERMANN + +IMAGINÄRE BRÜCKEN + + + STUDIEN + UND AUFSÄTZE + + + +KURT WOLFF VERLAG / MÜNCHEN + + +Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München +Druck von Dietsch & Brückner, Weimar +Herbst 1921 + + +Inhaltsverzeichnis + + Seite +Was ist Besitz? ....................... 5 +Faustina .............................. 29 +Der Literat ........................... 85 + Der Literat als Dilettant ........... 87 + Der Literat als Psycholog ........... 95 + Der Literat als Tribun .............. 111 + Der Literat als Schöngeist .......... 124 + Der Literat als Apostel ............. 131 + Die Frau als Literat ................ 140 + Ergebnisse .......................... 145 +Die Kunst der Erzählung ............... 151 + + + + +Was ist Besitz? + +Geschrieben 1919 + + +Die Zeit erschüttert die Begriffe und wühlt den Boden auf, dem sie +entwachsen sind. + +Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor allem darum zu +handeln scheint, den Wert, das Ausmaß und die Rechtsgrundlagen von dem, +was bisher Eigentum hieß, zu revidieren und umzuformen. + +Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher mit +unwiderlegbaren Argumenten verteidigen konnte, ja der geradezu ein +Gesellschaftsgesetz war, wird ihm plötzlich streitig gemacht mit +Gründen, denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck +verliehen wird durch Drohung von Gewalt. Gewalt ist nicht zu widerlegen. + +So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private Existenz +gegriffen, daß der Bürger, das Mitglied einer Gemeinschaft, die nur zum +Schutz ihrer selbst besteht, von einem andern Teil dieser Gemeinschaft +in seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten +Lebensbedingungen entrechtet werden soll, und daß ihm zugemutet wird, +die anscheinende Willkür und Unbill nicht bloß geduldig zu ertragen, +sondern auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere Ordnung darin zu +erblicken. + +Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen die alte +wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; dazu fehlt mir die Befugnis +und die Kompetenz. Es soll auch nicht von Schlagworten des Tages die +Rede sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; sie +haben die Köpfe genug verwirrt, die Leidenschaften genug erregt. Ich +möchte das Wesen des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach +verschiedenen Seiten, auf das innere und auf das äußere Leben, das +soziale und das individuelle, seine Legitimität und seine Schädlichkeit, +seine Fruchtbarkeit und seine Unnatur. + + +I + +Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfüllt gegen den, der +Überfluß hat. Es gibt Verstoßene, die durch keine Anstrengung dahin +gelangen können, wo die Lieblinge des Glückes sich am ersten Tage +befinden. So entsteht in Hunderttausenden, Millionen Gemütern +Bitterkeit, Haß, Neid und Auflehnung. + +Für den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der andere hat, schon +Überfluß. Wer nur ein einziges Hemd besitzt, für den ist der Besitzer +von zwei Hemden ein mit Glücksgütern Gesegneter. Wer sich nicht +sattessen kann, für den ist der sorgenvollste Satte ein Krösus. Wer kein +Bett sein eigen nennt, in dem er schlafen kann, für den ist der auf dem +Strohsack Ruhende beneidenswert. + +Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich viele +Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen des Besitzes hat. Zwischen +dem in einer Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im +Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen Nabob in der +ersten Kajüte mit Bade- und Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf +der alle Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, alle +Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle ausdenkbaren Schicksale der +modernen Welt spielen. + +Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf trennende Linie. Sie +scheidet diejenigen, die ihre Lebensnotdurft nicht stillen können, von +denen, die in der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse eine +selbstverständliche Voraussetzung erblicken. An dieser Linie teilt sich +die moderne Welt in zwei Lager. An ihr wütet der soziale Kampf in seiner +ganzen Furchtbarkeit. + +Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, ein +Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes Gefüge ist, so muß man sich +fragen, weshalb das eine Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner +Bedrückung, seinem Leiden die bevorzugte Situation des andern so lange +erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, allgemeinen, gewaltsamen Eingriff +vorzunehmen. Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter der +Ungerechtigkeit an sich trägt, mußte doch umsomehr zum Umsturz +herausfordern, als die zahlenmäßige Übermacht zu allen Zeiten auf Seite +der Entrechteten lag. Waren sie nicht genug durchdrungen von ihrem +Recht, dem Recht auf Brot und Wärme, auf Luft und Licht? Hat man ihnen +Schaustellungen des Prunkes erspart? Wußten sie nicht, was erreichbar +war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem Übermut und ihrer Härte? +Warum also die Geduld? + +Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt auf Seite der Reichen +war; sie konnten die Gewalt bezahlen, und unter denen, die bezahlt +wurden, befanden sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre Brüder +verrieten, eben weil sie bezahlt wurden. + +Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, raffiniertes und +uraltes System von Einschüchterung, Betäubung und Verdummung die Masse +der Unterdrückten in Bann gehalten hat, und weil zudem die Sorge für den +Tag, die dringende Notwendigkeit, Obdach, Nahrung und Kleidung zu +beschaffen, den größten Teil der verfügbaren Kräfte absorbierte. + +Es ist ein Stück der Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es +ist die äußerliche Wahrheit, aber nicht die innere. + +Nehmen wir an, es fände heute eine vollkommen gerechte und gleichmäßige +Verteilung aller vorhandenen Güter statt, beweglichen und unbeweglichen; +jedem wäre so die Unabhängigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit, +die Möglichkeit, seinen Anteil nach seinen Gaben und Kräften nutzbar zu +machen. Dieser paradiesische Zustand würde genau so lange dauern wie +ein Tüchtiger braucht, um einen Trägen aus dem Feld zu schlagen, ein +Listiger, um einen Dummkopf zu betrügen, ein Glückspilz, um über einen +Pechvogel zu triumphieren, eine talentvolle und feurige Persönlichkeit, +um Anhänger für eine Sache oder Idee zu gewinnen, der sie sich +versprochen hat. + +Daß in der von Menschen (so wie Menschen einmal sind) bevölkerten Welt +eine Besitznivellierung stattfinden kann, halte ich für denkbar, +obgleich ich fürchte, daß sie ohne Raub, Bedrückung, Gewalt und +Ungerechtigkeit nicht durchzuführen ist. Daß sie aber auch nur auf kurze +Dauer rechnen kann, halte ich bei einer Gemeinschaft, die nicht +ausschließlich aus Ackerbauern, Fischern, Jägern und Viehzüchtern +besteht, für undenkbar. Und auch hier würden sich die Schlauen, die +Tätigen, die Erfinderischen bald absondern, und Herren würden Sklaven +finden. Eine Binsenweisheit im übrigen. + +Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste von allzulange +hörig Gewesenen erhebt, ist auf den katastrophalen Moment dieser Epoche +gestellt; sie lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit +hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer Hypertrophie +erreicht. Das über und über gehäufte Mehr auf jener Seite soll +abgetragen werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren. Ich weiß +nicht, wie das geschehen soll, ich weiß nicht, ob es geschehen kann, +auf eine vernünftige, ersprießliche, rettungversprechende Art nämlich. +Daß es wichtig, daß es würdig und menschlich wäre, wenn es geschähe, +weiß ich, auch wenn mir die Sachverständigen mit klugen und +wahrscheinlichen Berechnungen vor Augen führen, daß es den Zusammenbruch +der gegenwärtigen Gesellschaft bedeute, und sich dieser in Rußland ja +bereits vollzogen habe. Kein Bestand irgendeiner Ordnung vermag dafür zu +entschädigen, daß lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, daß sie +besteht. + +Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde gehen. Eine Wut der +Materie hat sich des Zeitalters bemächtigt, die gegen alle Einflüsse des +Geistes, der Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige +Nutzanwendung wirft überall die Logik der Dinge und der Geschehnisse aus +der Bahn. Forderung überschreit Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz +der Zahl ist im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide gleich +seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos zu sich selbst, in +einer durch die Materie getrübten Beziehung zum andern und zur Welt, +abgetrennt vom sittlichen Verlauf, weil völlig geblendet oder erschreckt +vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren sein, alle wollen +sich ihrer bemächtigen. + +Jede Tätigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbrüchliche +Legitimität. Diese Legitimität ruht nicht in der Materie, sondern im +Geiste. + +Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben und Andenken der +gierigen und unempfindlichen Raffer und Wächter toten Eigentums, die das +Blut schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul und +achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution beriefen, wenn die +Lohnsklaven im Dunst der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende +Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger sie zur +Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren gesicherten Asylen +verschanzten, beschützt von Polizei und Militär, wenn die Not zu ihnen +schrie, das tausendfältige Elend der Städte sich verzweifelnd erhob, der +tausendfältige Schmerz seine fahlen Züge zeigte. Wehe den +Aktienparasiten, den gelangweilten Müßiggängern, den Spielern mit +Menschenseelen und Wucherern mit Menschenkräften, den Petrefakten und +dem schillernden Geschmeiß einer untergehenden Welt! + +Aber diese Schädlichen und Hinderlichen haben und hatten von jeher im +Lager der Armen und Geknechteten ein unabsehbares Heer von Lakaien, +Agenten, Anwälten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen +Kreaturen, die, gefällig jedem Wink, auf das Erträgnis ihrer Dienste +angewiesen, in Schranken gehalten durch die Stimme des Eigennutzes, +zitternd vor der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber, durch die +Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam, die nach wirkende Zucht der +Kirche und der Schule zur Indolenz und Scheinüberzeugung gebracht, +stützendes Element auf der einen, hemmendes auf der andern Seite der +Linie waren. + +Daraus jedoch schließen zu wollen, als hätte die Stabilität der +bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in unreinen Gesinnungen und +niedrigen Interessen, in der Trägheit und Knechtseligkeit der Massen +ihre Ursache, hieße der billigen Demagogie das Wort reden, die heute die +Straße und die politische Schaubühne beherrscht und die die menschliche +Natur und das Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder sie +überhaupt nicht in den Bereich der Argumente zu ziehen vermag. Was +ebenfalls ein Merkmal geistigen Abstiegs ist. + + +II + +Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut oder böse, ist +Achtung vor dem Besitz des andern Menschen angeboren. + +Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits eine anarchische +Seelenstimmung, die unmittelbar in die Verzweiflung mündet. Ehe solcher +Zweifel Wurzel faßt, muß der Glaube an die eigene Kraft verschwunden +sein; es kann keine Idee mehr vorhanden sein, die der Brutalität der +Wirklichkeit entgegentritt und sie unter sich läßt; das persönliche +Wertgefühl ist ertötet. + +Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang Idee. Nicht das, was mir +vorenthalten wird, ist der fremde Besitz, sondern das, was mir +unerreichbar ist; nicht das, worum ich durch Fügung oder Tücke betrogen +worden bin, sondern das, was außerhalb meiner Sphäre liegt. + +Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die Norm der sittlichen +Verfassung vorausgesetzt, kommt es nicht in Frage, ob der Nachbar, der +Freund, der beliebige Andere Vorrat und Anhäufung von Dingen hat, an +denen ich Mangel leide. Auch seine Würdigkeit kommt nicht in Frage, sein +Wagnis nicht, seine Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den +Andern, sondern nur, was mich betrifft. + +Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich. Was ich von der Welt +erringe, um meinen leiblichen oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist +Besitz. Besitz ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Faßbares, +Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium meiner Person und +innerhalb ihres Wirkungskreises irgend Leben erhält. + +Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von Besitz, ein +Unschaubares, Unfaßbares, Unbrauchbares, das Unding schlechthin. Deshalb +entsteht Täuschung und Lüge, wo es für Besitz genommen wird, Haß und +Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt es sich nicht in das Ding, gibt +es seinen Charakter als Vorwand nicht auf, bleibt es als häßliche +Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz und gar Gespenst +von Besitz, so ist es verzeihlich und logisch, daß unter denen, die von +seinem widrig-geheimnisvollen Zauberring ausgeschlossen sind, die in Not +verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen, eines Schattens, einer Formel +nicht bemächtigen können, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht, eine +finstere Erbitterung, schließlich ein Wahnsinn, Massenwahnsinn, der +genau das Bild unserer Tage malt. + +Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das Unding ist eines mit +dem Ungeist. + +Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens die Würde seines +Seins. Am Ding kann ich mich messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann +es mir inkarnieren, es kann mich nähren, kleiden, schützen, tragen, +fördern; es ist, je nachdem, Schmuck oder Lehre, Lohn oder Geschenk, +Waffe oder Trophäe, Beute oder Erwerb. + +Die ursprüngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen dem Ding +gegenüber ist die Ehrfurcht vor seiner Bestimmung. Und davon ging ich +aus. Es knüpft sich hieran von selbst der Glaube an die persönliche +Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung. Das quälende +Mißverhältnis in der sozialen Wirtschaft, die unüberbrückbare Kluft +zwischen den aufs äußerste gesteigerten Extremen fällt allein dem Dämon +zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt, denen trotzdem +Tauschgeltung eignet, das den Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung +entwertet und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung der +sozialen Kräfte herbeiführt. + +Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges und +Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser ist für den, der besitzt, +kennzeichnet es auch die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es +sind dies, tiefer betrachtet, zwei völlig verschiedene Gattungen von +Menschen und demgemäß zwei völlig verschiedene Eigenschaftsgruppen, die +zu betrachten sind. + +Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Phänomen, daß zwischen dem +Verlangenden und dem verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung +herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinität, die auf die +Schnelligkeit der Erfüllung Einfluß hat, ein seelisches Fluidum, das mit +größerer oder geringerer Gewalt das Zueinandergehörige zueinander +bringt. Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch, kann man auch vom +Schicksal zwischen Mensch und Ding sprechen. + +Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist, das zu entscheiden, +ist nicht einfach. Das Erwägen solcher Möglichkeit freilich fordert +bereits die Entrüstung der Rationalisten heraus, und ich möchte in +diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und Wirkung eines +Magnetismus dürfte auch von Grobnervigen nicht geleugnet werden; er +kommt ja in alltäglichen und trivialen Vorgängen oft genug zur +Erscheinung. Bemerkbar ist natürlich das Verhalten des Menschen, der +zum Ding steht. + +Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen, Fähigkeit, +Überlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte Wert, der Wert im +Bewußtsein der andern und die Weite des trennenden Wegs bringen die +Summe des Müheaufwandes hervor und ergeben die moralische Schätzung für +ihn. Ehrgeiz entfaltet sich; Pläne werden erdacht; Anstrengungen +wiederholen sich beständig; der Geist wird gebunden und auf ein Ziel +gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt werden müssen; +Hindernisse erheben sich außen, Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der +Wunsch trübt sich, erglüht wieder; alles dies in niedriger wie in hoher +Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei dem Ringen um ein kostbares +Gut. Das Bild dessen, was errungen werden soll, ist das fortwährend +verjüngende und erneuernde Movens, der Kräftespeicher, der Feuerspender; +es diktiert den Rhythmus, die Flughöhe, schafft die Züge und die Gestalt +des Lebens, es ist das Leben geradezu. + +Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen Lebensgesetz +stehen, sind hiervon in gleicher Weise umschlossen. Wo das Unding nicht +die Herzen und Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Geschöpf +einerseits zur Maschine oder gar zum Teil einer Maschine erniedrigt hat, +andererseits die, die sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in +feige, stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende, nur +menschenähnliche Hüter und Zuchtmeister verwandelte, überall dort ist +Spiel freier Kräfte, Spannung und Ausgleich, Begehren und Befriedigung, +Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren Stufen auf obere, von +oberen auf untere, Aufstieg und Fall, edle Sucht und gemeine, +eigennütziger Trieb und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung in +der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des Besitzes die Deutung +und der Inbegriff der vitalen Bewegung. + +Sogar jene Unglücklichen, die Hingewürgten und ihre Würger, kennen sie +auch nicht den Besitz als schöpferisch treibendes Element, so kennen sie +ihn doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verhängnis des +Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden der Fetischismus, bei den +entseelt Besitzlosen die Rauschillusion und Aufpeitschung durch das +Stimulans. + +Die opfervolle Bemühung, das engverstrickte Maschenwerk von Interessen +und Leidenschaften, das erschütternde Theater des Empor und Hinab der +Existenzen nennt man sozialen Kampf. Es ist, näher besehen, der Kampf +des einzelnen um sich, um das, was er liebt, um den Boden, um die Luft, +um das, was er braucht, damit er sein kann, was er ist. + +Geprüft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt durch die Prämie. Je +spezifischer, persönlicher, einmaliger, einzigartiger die Leistung, +desto höher die Prämie, sei sie nun von materieller, moralischer oder +geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange vorenthalten, auf +lange Sicht gebucht, und wird, in ihrer letzten Entmaterialisation als +Ruhm, als Kult bezahlt; völlig unterschlagen kann sie nur in seltenen, +tragischen Fällen werden. + +Darum löst die Prämie, wenn sie im harmonischen oder wenigstens +annähernd harmonischen Verhältnis zur Leistung steht, das Gefühl +vollzogener Gerechtigkeit aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner +Betätigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf des ganzen +Gesellschaftsorganismus in ihr seinen Herzpunkt hat, ist auch jeder +irgendwie für sie in Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das +System befehden, mögen List, Betrug, Verbrechen die Prämie verdrängen, +verkleinern, abwendig machen, den natürlichen Gang beeinflußt es nicht. + +Der Fähige fordert und wird bezahlt. Im Unfähigen schlummert neben der +Traurigkeit des Unbelohnten auch ein heimliches Bewußtsein von Schuld. + + +III + +Das Buch, das ich erworben habe, ist mein Eigentum. Derjenige Teil +meiner Arbeit, der den Kaufpreis repräsentiert, ist die Leistung. + +Somit wäre der Prozeß ein- für allemal erledigt: ich kaufe ein Buch, +stelle es ins Regal und bin Besitzer. Ob ich es gelesen oder nicht +gelesen, benützt oder nicht benützt, verwertet oder nicht verwertet +habe, das ändert an meinem Besitzrecht nichts. + +In der Tat ist dies der Vorgang bei allem bürgerlichen Besitz: die +Leistung ist erledigt und bewiesen durch den Kauf, wobei ich nach dem +bisher Gesagten unerörtert lassen kann, ob sie legitim oder illegitim +ist. Es kommt das weiter nicht in Betracht. + +Nun leuchtet es ein, daß es keineswegs dasselbe ist, ob ich einen Sack +Mehl kaufe, um ihn zum Kochen und Backen zu verwenden, oder ob ich +Bücher kaufe, um sie ins Regal zu stellen. In dem einen Fall ist meine +Leistung zweckhaft, im andern anscheinend zwecklos. + +Man nehme jedoch an, ich sei Sammler von Büchern, es sei meine Passion +und mein Entzücken, seltene Ausgaben, kostbare Exemplare oder eine +möglichst vollständige Reihe der über eine Wissenschaft erschienenen +Werke zu besitzen, so tritt bereits eine Zweckhaftigkeit hervor, auch +dann, wenn ich mich niemals mit einem von ihnen beschäftige, ihren +Inhalt nicht kenne, nicht verstehe, nicht schätze. + +Oder man nehme an, ich hätte eine umfangreiche Bibliothek ererbt und +obwohl ich lieber faulenze oder Forellen fische oder Blumen züchte, sei +ich durch Pflicht der Pietät, stille Abmachung von Geschlechtern her +verbunden, sie unangetastet, unverwertet in meinem Hause zu verwahren, +selbst auf die Gefahr hin, daß sie mir zur Last falle. + +Und schließlich nehme man an, die Bücher seien mir unentbehrlich, weil +ich mir eine bestimmte Einsicht, eine Erkenntnis verschaffen will, weil +sie Hilfsmittel zu meiner Arbeit sind, weil ich zu jedem einzelnen in +einer besonderen Beziehung stehe, die beständig wechselt, beständig +fluktuiert und infolgedessen sich beständig erneut, meine +Persönlichkeitsgrenze erweitert und die Fähigkeit zur Leistung erhöht, +so liegt der Zweck offensichtlich am Tage. + +Demgemäß sind vier Kategorien des Besitzes zu unterscheiden: +Verbrauchsbesitz, Schmuckbesitz, Erb- und Anhäufungsbesitz und +Produktionsbesitz. + +Das Merkmal des Verbrauchsbesitzes ist der Abbruch der Leistung mit dem +Nutzgenuß; des Schmuckbesitzes: die Leistung zum Phantasiegenuß; des +Erb- und Anhäufungsbesitzes: die brachliegende Leistung; des +Produktionsbesitzes: die Verwandlung der Leistung in höherer Sphäre zu +höherer Gestalt. + + +IV + +In Bernard Shaws »Candida« sagt der Pastor Morell: Wir haben so wenig +das Recht, Glück zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu +verbrauchen, ohne ihn zu erwerben. + +Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den stärksten Nachdruck auf die +Begriffe: Glück erzeugen und Glück verbrauchen. Einen um so stärkeren +Nachdruck, als diese scheusälig entwürdigte und besudelte Welt um uns +so glücklos geworden ist, so zerfetzt und entstellt und in den Morast +geschleift, daß sie in unserm beleidigten Bewußtsein nicht mehr froh +gemacht werden kann, und wenn Gott die Heerscharen seiner Engel als +Gärtner und Baumeister schickte. + +Wer sind die, die mehr Glück erzeugen, als sie verbrauchen? Seltene +Menschen, die seltenen Weisen, seltenen Dichter, seltenen Lehrer und +Versöhner, Former der Herzen, die Ausjäter, Wahrheitskünder, +Gestaltenbildner, die oft im verborgenen stehen, ins verlorene gehen, in +der Tiefe hinschwinden, der sie entstammen. Und je mehr Glück sie +erzeugen, je weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu +verbrauchen. Sie produzieren den Überschuß, der der Menge der zur +Produktion minder Befähigten zugute kommt. + +Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel Glück der Sammler +von Büchern, Münzen, Teppichen, Gläsern, Waffen oder sonstigen Dingen +erzeugt. Zumeist ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer. Tiefes +Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem die Freiheit fehlt, den Besitz +hörig macht. Alles Segensreiche liegt aber in der Freiheit, in der +Mitteilung, in der schenkenden Kraft. + +Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen der Rechenschaft +entziehen, so auch die letzten Ziele. Selbst bei den primitivsten fließt +das Endliche an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich seiner +Motive und Absichten klar zu sein dünkt, wäre sonderbar getäuscht, wenn +er alle Folge im Schicksalsverlauf überblicken könnte. Wie das endlich +Gedachte unendlich, so wird das eigensüchtig Getane allgemein; in +irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg, zu irgendeiner Zeit. + +Die egoistisch beschränkte Leidenschaft eines Sammlers, die +gesellschaftsfeindliche Gier eines Güteranhäufers ruft Bewegung weit +über den Kreis dieser Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv +auf andere Individuen und verdichten sich außerdem im Objekt. Von da aus +schaffen sie neues: sie schaffen Werke, Anschauungen, Spannungen, +Wetteifer, Erkenntnis, Freude und Schönheit. Das Individuum und seine +Motive sind überwunden. Die Dinge und die in ihnen verdichtete, von +ihnen wieder ausströmende Bewegung überwinden die Niedrigkeit und die +Endlichkeit des Individuums. + +Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken stehen, welche einst +Eigentum der Borgias waren, haben keine Erinnerung daran und brauchen +sich nicht an der Tatsache zu stoßen, daß diese Leute infame Giftmörder +und Banditen waren, die nebstbei die modische Herrenlaune hatten, Bilder +und Statuen zu sammeln. + +Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten, auch auf den +Sammler, der als Figur erklärt hat, was zu erklären war. Wichtig ist die +Erzeugung von Glück, von Freude, von Schönheit. Sie ist keineswegs nur +von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abhängig; sie umfaßt das ganze +Gebiet des realen Lebens, das Angenehme, das nutzlos, das Spielhafte, +das brotlos, das Glänzende, das zwecklos ist, den Überschwang und +Überfluß, die heitere Fülle, Fest und Illumination, den Perlenschmuck am +Hals einer Frau, den Pomp des Fürsten, den Luxus des Millionärs, die +Puppe in der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht, die +Marmorsäule des Tempels, die bunte Tracht des Wilden, den goldenen +Rahmen eines Spiegels, die Blumen auf einem Grab. + +Dies alles ist Frucht des Besitzes, und würde nach der unmittelbaren +Nützlichkeit gefragt, so müßte geantwortet werden: es ist verschwendeter +Besitz. Die Frage nach Nützlichkeit und Notdurft steht der nach Glück +und Schönheit schroff gegenüber. Wäre es den Menschen versagt, für ein +anderes Ziel zu arbeiten als für die Befriedigung ihrer leiblichen +Bedürfnisse, mehr anzustreben als höchstenfalls das persönliche Behagen +auf Grund der Erfüllung der gemeinen Sinnengelüste; wären diese +gewährleistet und der Pakt würde geschlossen um den Preis der Abkehr von +Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und Überflüssigem, so verwandelte +sich die Erde in ein düsteres Gefängnis, wo zweckbeladene, vom Zweck +kastrierte Sklaven langsam zu Idioten würden, in einen Stall satter, +verdauender Tiere, von denen eine Anzahl von Zeit zu Zeit die übrigen +in geheimnisvoller Tollwut überfallen und zerfleischen würde. Diese +Tollwut wäre die Rache der verstörten, vergifteten, medusisch gewordenen +Phantasie; denn Phantasie kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins +mörderische verkehrt werden. + +Leben wir denn nicht in einer Welt, ähnlich der? Nur daß der Pakt +unzulänglich ist, daß die gemarterten Tiere, weit entfernt, satt zu sein +und zu verdauen, hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande +gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die Kreatur winselt. +Nutzzweck heißt der Tiger, der uns in den Klauen hält, daß das edelste +Blut der Menschheit ausrinnt und sie sich nur noch müht um das, was ihre +Blöße bedeckt und ihren Magen füllt. O angstvoll starre Blicke, auf den +Trog geheftete Blicke, ihr kennt kein geläutertes Verlangen mehr; o +Freunde, zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach gejagte Vögel, ihr +wißt nichts mehr von Aufschwung und Jubel, der Enthusiasmus ist +gestorben in euern Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem +Büttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von der Maschine, von der +Materie, vom Zweck Besiegte und Entherzte! + + +V + +Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so verschieden wie Ich +und Welt. Wer ein Ding besitzt, unternimmt es, ein Stück Welt seinem Ich +einzuverleiben. Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt im Problem +der Identität. + +Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind äußerliche +Regelungen und Festsetzungen, soziale Dringlichkeiten. In Wahrheit +erringe ich den Besitz einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe. +Es gibt kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe. + +So wäre also auch die Liebe ein Problem der Identität? In der Tat +scheint es mir so zu sein. Setze ich an die Stelle des Begriffes »Welt« +den Begriff »Du«, so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles +Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du machen. Es ist die +höchste erreichbare Stufe des Besitzes, und deshalb hat auch die +Dichtung kein anderes Wort dafür als: einander besitzen. + +Um aber das Alltägliche des Gegenstandes nicht zu früh aus dem Auge zu +verlieren, so wird man einwenden, es heiße doch viel gefordert von der +Spannweite und dem Liebesvermögen der menschlichen Psyche, wenn man ihr +zumutet, daß sie sich mit allen den Dingen erotisch verschmelzen soll, +die unentbehrlich sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz, all +den Krücken und Behelfen, den Bindungen und Füllseln, deren Bestimmung +es ist, aufgenommen und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt +zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren schließlich, das bei besserer +Einsicht und vermehrter Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren +weichen oder bei herabgedrückten Umständen abermals dem Geringeren Raum +geben muß. + +Darauf ist zu erwidern, daß das durchaus eine Angelegenheit des +subjektiven Kräfteverhältnisses und der individuellen Phantasiefähigkeit +ist. Ich kenne Leute, denen es, bei offenbarer Wohlhäbigkeit, eine +gewisse Überwindung kostet, sich von einem Paar abgetragener Stiefel zu +trennen, wie es andere Leute gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen +teuern Menschen von sich stoßen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Es kann +sogar ein und dieselbe Person sein, die beides zu tun imstande ist. An +Dingen Haftende sind gewöhnlich nicht solche, die für Menschen glühen +oder für Menschliches sich einsetzen, und andererseits hat die +Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare Liebe für das Ding zur +Folge. Die universalen Seelen, wie Goethe eine war, vermögen mit ihrer +Liebe ein ganzes Universum zu umschließen, den Stein, die Blume, die +Sterne, die Werke der Künstler, die Menschheit, den Teufel und Gott; die +engen Herzen müssen mit ihrem beschränkten Platz wirtschaften, und wenn +es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung fehlt, geht alles +drunter und drüber, und das Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften, +zum Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik. Man ist geneigt, +darin Lüge und Verlogenheit zu sehen, es ist aber meist nur Enge und +wegen der Enge Verwechslung und Verwirrung. + +In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte alle Dinge, die mir +in sinnvoller Beziehung zu denen zu stehen schienen, welche sie besaßen. +Ich liebte sie fast ebenso, als hätte ich selbst sie besessen. In dem +Maß, als mir Besitz zuwuchs, so kärglich dieses Maß auch war, erlahmte +die Fähigkeit zu solcher Phantasieliebe, denn die von mir besessenen +Dinge standen fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie +entkräfteten die Flügel, die im Fluge alles bedecken, sie ernüchterten +die Augen, die im Traum alles an sich reißen konnten, im Traum der +Identität. + +Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos. Nur der ist es, der +wissend auf Besitz verzichtet. Aber es ist dies kein gesellschaftliches +Ideal, sondern ein religiöses, kein europäisches, sondern ein +orientalisches, kein sentimental-humanitäres, sondern ein +unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung, sofern man überhaupt +von der Verwirklichung eines Ideals reden kann, führt nicht das +modern-kommunistische Diktat der Enteignung, sondern das +mythisch-buddhistische der Entäußerung. + +»Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und zwar: durch Auflösung +von Bild und Begriff wird Bewußtsein aufgelöst, durch Auflösung des +Bewußtseins wird Bild und Begriff aufgelöst, durch Auflösung von Bild +und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst, durch Auflösung des +sechsfachen Reiches wird Berührung aufgelöst, durch Auflösung der +Berührung wird Gefühl aufgelöst, durch Auflösung des Gefühls wird Durst +aufgelöst, durch Auflösung des Durstes wird Anhangen aufgelöst, durch +Auflösung des Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösen des +Werdens wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter und +Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung gehn +zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensstückes Auflösung zustande. +Auflösung, Auflösung!«[1] + +[Fußnote 1: Reden Gotamo Buddhos, übersetzt von Neumann.] + + + + +Faustina + +Ein Gespräch. Geschrieben 1907 + + +Vor Jahren hatte in einem geselligen Kreis, in dem ich damals verkehrte, +die junge C. viel Aufsehen gemacht. Abkömmling einer alten Adelsfamilie, +hatte sie sich, kaum zwanzig Jahre alt, von dem Zwang und Drill ihrer +Welt befreit, um, wie sie sich ausdrückte, »selbst« zu leben. Die +Ungebundenheit ihrer Lebensführung war in der Tat erstaunlich. Eine +Zeitlang kämpfte sie im größten Elend; plötzlich ging sie zum Theater, +dort heiratete sie einen Schauspieler, von dem sie sich nach +dreimonatlicher Ehe wieder trennte. Um Geld zu verdienen, übersetzte sie +mittelmäßige Romane aus dem Französischen. Eines Tages hieß es, sie sei +mit einem reichen Brasilianer verlobt und mit ihm in seine Heimat +gereist. Aber schon nach Jahresfrist kam sie zurück, – ohne Brasilianer, +leider genau so arm wie zuvor. + +In dieser Zeit näherte ich mich ihr. Wir hatten uns ziemlich viel zu +sagen. Faustina, so wurde sie meist kurzweg genannt, war geistreich, +und, was mehr ist, ihr Geist hatte Fundamente. Sie war schön und sie war +exzentrisch; nimmt man aber dies Wort in genauem Sinn, so hatte sie mehr +Mittelpunkt als diejenigen, in deren Bezirk sie sich fremd erschien. Ob +sie auch immer anziehend war, lasse ich dahingestellt; eine Fremde war +sie durchaus, stets fremd, nie bürgerlich vertraut, höchstens seelisch +verwandt. Zur Abenteuerin fehlte ihr die Skrupellosigkeit, und um eine +große Dame zu sein, war sie zu ruhelos und zu voll von Opposition. + +Wieder eines Tages war Faustina verschwunden. Sie verabschiedete sich +nicht einmal von mir. Niemand wußte, wohin sie gegangen war, und sie +blieb verschollen. Man vergaß sie, auch ich verlor sie beinahe aus dem +Gedächtnis. Da, wiederum nach Jahren, begegne ich ihr plötzlich auf der +Straße. Sie gewahrt mich, sie zögert, ich mache Miene, sie anzureden, +sie grüßt und geht weiter. Kurz darauf erhielt ich ein Billett von ihr +mit der Aufforderung, sie zu einer bestimmten Abendstunde zu besuchen. + +Sie wohnte in einer Vorstadtpension. Ich trat in ein Zimmer, das die +übliche Halbeleganz fliegender Quartiere aufwies. Faustina war noch +immer schön, aber wie von einem sich entlaubenden Baum kann man auch von +dem Herbst eines menschlichen Gesichts sprechen. Ohne Zweifel las sie in +meinem Gebaren, daß ihre lakonische Einladung eher geeignet war, Neugier +zu erregen als an freundliche Beziehungen zu erinnern. »Die Sache ist +die, daß ich ganz ausgehungert darnach bin, mit einem vernünftigen +Menschen zu reden«, sagte sie. »Ich habe berechnet, daß ich seit +siebzehn Monaten bloß mit Kellnern, Kutschern, Zimmervermieterinnen, +Hausmeistern und Ladenmamsellen gesprochen habe. Das heißt doch leben, +wie? Daß ich so viel Talent zur wandelnden Mumie besitze, wer hätte das +gedacht.« + +»Sie haben immer zu überraschen verstanden, Faustina«, versetzte ich +ablenkend. + +»Als ich Sie auf der Straße sah,« fuhr sie fort, »hatte ich ein Gefühl +just wie Robinson, als er das erste Schiff vor seiner Insel gewahrte.« + +»Und doch sind Sie davongelaufen, gar nicht wie Robinson, sondern wie +Freitag, der scheue Wilde.« + +»Ja; scheu bin ich geworden. Wenn ich wenigstens schreiben oder +musizieren könnte! Den Kunstdilettanten bietet die Welt immer noch +Lockungen, und von allem, was im Menschen abzutöten ist, stirbt die +Eitelkeit zuletzt. Aber leider, ich bin stumm geboren, und der bloße +Kunst_genuß_ quält den Stummen manchmal mehr, als er ihn beruhigt.« + +»Ich wundre mich, Faustina. Sie waren doch stets obenauf. Eine richtige, +tüchtige Schwimmerin waren Sie. Haben Sie denn keine Arbeit, keine +Betätigung mehr?« + +»Ich finde es langweilig, zu arbeiten. Was kommt dabei heraus? Eine Art +von Trunkenheit und Selbstbetrug bestenfalls. Arbeiten, wie das klingt! +Dem Leben mit Gewalt ein Versprechen abnötigen! Ich brauche keine +Versprechungen mehr, ich glaube an keine mehr. Vorläufig hab ich noch +ein bißchen Kapital, meine Eltern sind nämlich gestorben, und man hat +mir den Pflichtteil ausbezahlt. Aber von den Zinsen könnt ich nicht +leben, das würde höchstens für eine Büchse Kaviar im Monat reichen.« + +»Also ist am Ende Ihre Einsamkeit ein ökonomisches Prinzip?« + +»Um Gottes willen, wer wird so philisterhaft denken!« + +»Und da treiben Sie sich nun mutterseelenallein herum, ohne Genossin, +ohne Freundin –?« + +»Ach was, Freundin! Ich habe keine Freundin, habe nie eine gehabt. Eine +Frau hat niemals eine Freundin.« + +»Aber die Freunde, Faustina! Sie ließen mich einmal glauben, daß ich Ihr +Freund sei.« + +»So? Wirklich? Mag sein, doch ich ärgerte mich, daß Ihnen keinen +Augenblick lang der Einfall kam, etwas anderes sein zu wollen.« + +Sie lachte über mein verdutztes Gesicht und fuhr fort: »Spricht man +hingegen nicht vom Freund, sondern von den Freunden, so muß ich +gestehen, daß ich für solche Beziehungen nicht viel übrig habe. Die +Freunde, das sind Wesen von einer geradezu lächerlichen Gefräßigkeit. +Sie verdauen schneller als die Hühner, und sie bleiben immer mager, ihr +Herz bleibt immer mager.« + +»Dennoch, Faustina, mit Menschen verbunden zu sein, bleibt der schönste +Vorzug des Menschen. Einen isolierten Zustand schadlos zu ertragen, dazu +gehört schon eine ungewöhnliche Seelenstärke.« + +»Mag sein, mag sein«, erwiderte Faustina, und sie lächelte unbestimmt +vor sich hin. + +»Offen gestanden, hätte ich nicht erwartet, Sie so zu finden«, fuhr ich +fort. »Ich dachte Sie mir in großen Erlebnissen. Eine Gestrandete, oder +wie Sie sagen, einen Robinson, nein, das hatte ich nicht erwartet. +Faustina unentflammt, Faustina ohne Liebe, ohne Verliebtheit, Faustina +einsam, was hat das zu bedeuten?« + +Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete. »Was kann es +andres zu bedeuten haben, bester Freund, als daß für Faustina keine +Liebe mehr da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die Rahel +Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person war, hat es einmal als +besondere Genialität Goethes gepriesen, daß er im Wilhelm Meister die +drei Frauen, die lieben können, Marianne, Aurelie und Mignon, sterben +läßt; denn, sagte sie, es ist noch keine Anstalt für solche da. Sehr +tiefsinnig: es ist noch keine Anstalt für solche da! Sie schweigen? Sie +meinen, ich lebe ja. Gewiß, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch. +Ehemals, da spürte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt empfinde ich die +ganze Kälte des Zeitalters. Vielleicht ist es mein Mißgeschick, für eine +Epoche geboren zu sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff +ist.« + +»Verallgemeinerungen sind töricht. Man muß sich, Faustina, vor der +Manier der Malkontenten hüten. Der Malkontente nämlich, das ist ein +Mensch, der aus seiner persönlichen Unfähigkeit eine Weltanschauung +macht.« + +»Sie sind sehr deutlich, mein Lieber. Ich bin aber keine Malkontente. +Malkontente opfern sich nicht.« + +»Haben Sie sich denn geopfert?« + +»Wenn es opfern heißt, zu lieben, wahrhaft zu lieben, sich wegzuwerfen –« + +»Sich wegzuwerfen, das heißt nicht lieben und das heißt nicht sich +opfern. Doch wir verstimmen uns im Wesenlosen. Erzählen Sie mir. +Erzählen Sie mir von Ihrem bisherigen Leben. Es gibt nichts +Überzeugenderes als das Erlebnis, Faustina, nichts Unbedingteres als die +Art, wie ein Mensch von Erlebnissen sie vorzutragen weiß.« + +»Um keinen Preis. Ich kann nicht von mir sprechen, solang Sie argwöhnen, +daß ich meine persönlichen Enttäuschungen gewissermaßen an der Zeit +rächen möchte.« + +»Es ist schwer, liebe Freundin, und nicht einmal dem Glücklichen gelingt +es, Zeit und Schicksal auseinanderzuhalten.« + +»Was wäre auch zu erzählen«, versetzte Faustina. »Eine Geschichte wie +hundert andere. Wenn ich Ihre Erwartungen in bezug auf meine Person +betrüge, so ist das Ihre Schuld.« + +»Sie sagen, Sie hätten geliebt und sich weggeworfen. Darin liegt mehr +Schuld, als Sie glauben.« + +»Ich habe keine Schuld. Oder sind übertriebene Hoffnungen eine Schuld? +Bin ich dafür verantwortlich, daß eure Gesellschaft, wie sie nun einmal +ist, Liebe nicht mehr gewährt, daß für die Liebe kein Platz mehr in ihr +ist? Sie schütteln den Kopf, und doch ist es so. Gibt es heutzutage noch +eine Gestalt, in der Dichtung oder im Leben, deren Existenz in der Liebe +wurzelt? Der Politiker, der Staatsmann, der Forscher, der Erfinder, der +Soldat, der Fabrikant, der Börseaner, im Notfall sogar der Künstler, sie +alle können ein modernes Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man +bewundert eine Figur wie die des Casanova, man findet eine Frau wie +Julie de Lespinasse äußerst rührend, man erstaunt über Ninon de +l’Enclos, aber sie sind im Grunde nichts weiter als Legenden und +Raritäten, man hat für sie das Interesse des Orientalisten, der +babylonische Ruinen ausgräbt. Wenn Casanova heute erschiene, würde er +wahrscheinlich als Hochstapler ins Gefängnis gesteckt werden, und auch +bei Don Juan würde schließlich anstatt des steinernen Gastes ein +Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat, der Forscher, der +Künstler, sie sind heute nichts weiter; Staatsmann, Soldat, Forscher und +Künstler, basta; darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert. +Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie Voland oder die Briefe +Mirabeaus an Mademoiselle de Monnier, so zeigt sich, daß da über den +Geist hinaus, über ein allgemeines, ja welthistorisches Wirken hinaus +noch Leidenschaften blühten, zwecklos wie die Blumen in einem Garten. +Heutzutage ist die Liebe das Geschäft der Poeten, ob sie nun schreiben +oder bloß träumen, und nicht einmal der berufensten, denn die stellen +sich würdigere Aufgaben, sie müssen Probleme lösen. So sagt man doch: +Probleme lösen. Nußknacker der Zeit, die sie sind.« + +»Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, daß die menschliche Natur +immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen der Zeit bringen nur eine +oberflächliche Häutung mit sich. Es sind Wandlungen des Geschmacks, der +Mode, der Manier, der Gebärde. Herz und Blut verwandeln sich nicht. Die +Leute des achtzehnten Jahrhunderts gefielen sich in schwungvollen +Episteln; das war eben der Geist der Epoche. Sie mögen uns überlegen +gewesen sein in der Fähigkeit, über ihre Empfindungen zu reden und sich +darin zu spiegeln, darum aber waren die Empfindungen selbst nicht +tiefer. Sie hatten auch die Gabe, alltägliche wie besondere Ereignisse +ihres Daseins in der Konversation auf das anmutigste zu behandeln. Ich +gebe zu, daß damit eine Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren +Verlust wir beklagen müssen –« + +»Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte. Unsere Form der +Geselligkeit macht das Entstehen der Liebe fast unmöglich. Bringen Sie +einmal ein Dutzend Menschen aus derselben Bildungssphäre zusammen, die +einander halbwegs fremd sind. Abgesehen davon, daß Sie Gespräche hören +werden, bei denen Ihnen die Haut schaudert, wird auch der einzelne mit +dem Wunsch nach Annäherung die größten Schwierigkeiten finden.« + +»Wir sind eben schweigsam geworden.« + +»Nur schweigsam? nicht auch zerstreut, nicht auch müde? nicht auch +faul?« + +»Nur schweigsam. Unsere Altvordern, die hatten viele Heimlichkeiten, +aber Geheimnisse hatten sie eigentlich keine. Für uns spielen +Heimlichkeiten keine Rolle mehr, dagegen sind wir voll von Geheimnis. +Ehemals kannte man in der Chemie nur vier Elemente, heute hat sich alles +Elementare in Atome gelöst. Ähnlich ist es der Gesellschaft ergangen. +Wir haben keine Gesellschaft mehr, weil jedes Individuum als eine Welt +für sich und mit dem ganzen Geheimnis seiner Welt auftritt.« + +»Auch mit der ganzen Anmaßung seiner Welt.« + +»Gut. Natürlich war es bei geschlossenen Gesellschaftskomplexen, wo +jeder gleichsam das Abzeichen seiner Kaste trug, viel leichter, gewisse +Kulturideale, oder besser gesagt, modische Ideale durchzuführen und als +gang und gäbe festzuhalten. Modische Ideale haben wir nicht mehr, weil +wir von vornherein entschlossen sind, in nichts, was mit dem Ideal +zusammenhängt, Konzessionen zu machen. Deswegen kann die Liebe keine +gesellschaftliche Übereinkunft mehr sein, deswegen auch hat sie keine +gesellschaftliche Abgrenzung mehr. Es haben sich die Grenzen verschoben, +nach außen und nach innen. Nach außen und nach innen ist alles +komplizierter geworden; oder sagen wir: verfeinerter, oder: +verschwiegener. Ehemals begehrte man in einem Liebesverhältnis die +Person des Liebenden oder Geliebten, jetzt begehrt man mehr, nämlich die +Persönlichkeit.« + +»Modische Ideale oder andere Ideale, darnach frag ich nicht«, entgegnete +Faustina lebhaft. »Ideale aufzustellen, in dieser Beschäftigung habt ihr +es freilich zu einer gewissen Handfertigkeit gebracht. Aber die Sache +scheint mir die, daß zwischen Ideal und Wirklichkeit eine so ungeheure +Entfernung ist, daß die beiden schon gar nichts mehr miteinander gemein +haben. Da ist kein Weg, keine Brücke. Es ist, als riefe man mir zu: geh +nach dem Mond. Es war der Vorzug vergangener Zeiten, daß sie +realisierbare Ideale hatten.« + +»Heißt denn das schon ein Ideal realisieren, wenn man imstande ist, sich +gesellschaftlich mitzuteilen oder selbst hinzugeben?« erwiderte ich. +»Konversation fordert Leichtigkeit; die allerdings fehlt uns. Sie setzt +ein Interesse für vieles voraus, wofür Teilnahme zu heucheln uns gar +nicht mehr einfällt. Wir würden es abgeschmackt finden, über die Liebe +und ihre verschiedenen Arten zu philosophieren. Unsere Zeit ist nach +jeder Richtung hin monologisch gestimmt. Gesteigerte Anschauung und ein +erhöhter Respekt verhindern uns durchaus, über das Bedeutungsvolle +gewisser Lebensfragen zu sprechen. Wo wir uns sympathisch erfaßt sehen, +glauben wir eine Erörterung darüber entbehren zu können; ganz mit Recht. +Ich möchte sagen, wir verkehren unter tieferen Voraussetzungen +miteinander. Ist Ihnen denn nicht auch im Grunde jede Ankündigung eines +Gefühls ein Greuel? Finden Sie denn nicht auch die ganze Phraseologie +der Liebe von Anno dazumal lächerlich und aufdringlich? Kribbelt es +Ihnen nicht in den Fingern, wenn der Liebhaber auf dem Theater seine +Liebeserklärung vom Stapel läßt?« + +»Ach ja, das sind Geschmackssachen«, versetzte Faustina. »Geschmack, das +lasse ich gelten, Verfeinerung ist mir zuwider. Die Scham seiner Gefühle +haben, schön. Aber noch schöner ist es, dünkt mich, den Mut seiner +Gefühle haben. Wenn Sie mir den Punkt angeben können, wo eines aufhört +und das andere anfängt, ich meine, wo die Feigheit aufhört und die +Verantwortlichkeit anfängt, dann will ich mich zufrieden geben. Aber +dazu werden alle Waffen Ihrer Rabulistik nicht ausreichen.« + +»Möglich. Man kann ja überhaupt nicht streiten, wenn man nicht derselben +Meinung ist.« + +»Wie? kann man nur streiten, wenn man derselben Meinung ist?« + +»Gewiß; im Grunde gewiß.« + +»Großartig! Ein wildes Paradox!« Faustina lachte, was ihrem Gesicht +einen entzückenden Reiz verlieh. »Aber wir verstehen uns am Ende doch«, +fuhr sie fort. »Sie kennen sicherlich die arabische Erzählung vom +Sklaven der Liebe; ist es nicht ergreifend, wie der schöne Jüngling +unter der Gewalt seiner Sehnsucht hinsinkt, als ob ihn eine tödliche +Krankheit erfaßt hätte? Oder da las ich neulich die Geschichte von +Raimundus Lullus, der am Hof des Königs von Arragon ein ausschweifendes +Leben führte, bis ihn plötzlich eine glühende Leidenschaft zu der +schönen Ambrosia de Castello packte. Eines Tages läßt ihn die Dame in +ihr Gemach kommen, enthüllt sich ihm, und es zeigt sich, daß sie durch +einen furchtbaren Brustkrebs dem Tod verfallen ist. Raimundus, bis ins +Innerste erschüttert, weiht sich einem Leben völliger Keuschheit. Doch +wozu Beispiele; vielleicht beweisen Beispiele nichts. Ich sehe freilich +darin Kundgebungen edler Leidenschaft. Dieser Raimundus Lullus etwa, ich +nenne gerade ihn, obwohl es auf Namen hier nicht ankommt, er lebte in +seiner Liebe wie die atmende Kreatur in der Luft. Es gab für ihn nicht +anderes außer seiner Liebe. Er war in der Liebe, er war von Liebe +besessen, ein Besessener war er. Ich habe niemals einen von Liebe +Besessenen gefunden. Viele besaßen die Liebe, das wohl, aber von ihr +besessen waren sie nicht. Solche fand ich, die vom Spiel besessen waren, +vom Geld, vom Ehrgeiz, von Wollust, aber von Liebe Besessene fand ich +nicht.« + +»Wenn Sie Umschau halten, Faustina«, fiel ich ihr ins Wort, »können Sie +zu jeder Zeit und wo immer es auch wäre, Handlungen von der gleichen +Bedeutung und Intensität gewahren. Wir führen eine zu abgeschlossene +Existenz, als daß Sinn und Motiv ihrer einzelnen Vorgänge zu jeder +Stunde offenbar oder handgreiflich zu nehmen wären. Es ist nichts +einfältig genug, es ist alles zu vielfältig, zu weitschichtig, als daß +man durch anekdotische Belege imponieren könnte. Selten hat ein Ereignis +Anfang und Ende für uns, selten läßt es sich als Anekdote fassen, noch +seltener ein ganzes Leben. Ja, es ist alles unfaßbar, unendlich, alles +auch scheinbar ohne Stichhältigkeit oder ohne Konsequenz, und doch, wenn +man hinfühlt, wenn man im Nerv der Dinge lebt, von tiefstem Belang.« + +»Aha, Sie spielen schon wieder auf das Geheimnis an. Es läßt mich kalt, +Ihr Geheimnis, es ist mir zu pomphaft. Ich lobe mir dafür die +Heimlichkeit; sie ist heiter und beweglich.« + +»Lassen wir das Geheimnis. Ich sage nur: die Leidenschaften waren und +sind zu jeder Zeit und in jedem Jahrhundert dieselben. Ich will gar +nicht an die Tragödien erinnern, die sich in stillen Stuben ereignen, es +wird davon wenig Aufhebens gemacht und drei Zeilen in einer Zeitung sind +alles, was bisweilen ans Licht kommt. In meiner Heimat gab es ein junges +Paar, und sie liebten einander. Die Eltern des Mädchens setzten der +Verbindung hartnäckigen Widerstand entgegen. Als man sah, daß die Liebe +der beiden nur um desto größer wurde, je mehr Hindernisse man ihnen +bereitete, wurde dem jungen Mann gesagt, er solle das Mädchen haben, +doch müsse er sich zuvor drei Jahre lang nach Amerika begeben und +während dieser Zeit dürfe weder er der Geliebten schreiben, noch sie +ihm. Wenn er nach abgelaufener Frist seine Neigung unbesiegbar finde, +werde man gegen die Heirat nichts mehr einwenden. Und so geschah es, der +Jüngling reiste übers Meer. Etwa ein Jahr lang ging alles gut, das +Mädchen lebte in schöner Gewißheit. Auf einmal fing sie an zu kränkeln, +verlor ihre Munterkeit, und ohne daß ein Arzt den Sitz des Übels zu +entdecken vermochte, siechte sie hin. Die Eltern wurden besorgt, man +begann nach dem jungen Mann zu forschen, aber da er keine Angehörigen in +der Stadt hatte, verursachte dies viele Umstände, und das junge Mädchen +starb, ihr Leben erlosch wie ein Feuer, das keine Nahrung hat. Gleich +darauf stellte es sich heraus, daß der junge Mann dort drüben im fremden +Land ebenfalls den Tod erlitten hatte, und zwar beinahe an demselben +Tag, an welchem die Krankheit des Mädchens begonnen hatte.« + +»Eine hübsche Geschichte zwischen Menschen ohne Elan«, sagte Faustina. +»Warum waren sie gar so still und subaltern, die armen Liebesleutchen? +Ach, täuschen wir uns nicht darüber hinweg; man hat aufgehört, die Liebe +als eine herrschende Gewalt zu betrachten. Es ist deswegen auch ihr +Ritus und Zeremoniell, wenn ich mich so ausdrücken darf, verloren +gegangen. Und was ist schuld daran? Wer weiß es! Vielleicht der Beruf, +vielleicht die Bildung, vielleicht beides. Der eine Moloch verschlingt +die Zeit, die schöne Muse zweckloser Träume, der andere vernichtet die +Ursprünglichkeit der Gefühle. Es gibt zu wenig Leute, die sich +langweilen, oder besser gesagt, die das Talent haben, sich zu +langweilen. Man ist rationalistisch bis auf die alltäglichen Launen. Man +will immer einen Grund und immer einen Zweck. Man geht nicht mehr +spazieren, sondern man macht Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel +setzt, geschieht es für Dinge, die dessen nicht wert sind. Was mich +betrifft, ich sah Männer, ernsthafte Männer erschrecken bei dem bloßen +Gedanken an tieferes Attachement. Ich kannte andere, die auf Abenteuer +ausgingen und die schleunigst, wie vom Donner gejagt, die Flucht +ergriffen, wenn sie in Gefahr waren, einer Leidenschaft zu unterliegen, +deren Meister sie nicht sein konnten. Da ist ein Mann, fähig zur +Hingebung, ja, zur Aufopferung, der jeden Keim großer Empfindung durch +unablässiges Frage- und Antwortspiel mit sich selbst zerstört, wie wenn +ein verrückt gewordener Gärtner jeden Morgen die schönsten Knospen +abrisse und zwischen den Fingern zerriebe, und da sind andere die aus +purer Herrschsucht, aus purem Mutwillen, aus purer Eitelkeit, aus purem +Unverstand das Kostbarste, was sich ihnen anbietet, zu niedrig +einschätzen, nur weil es sich ihnen anbietet, und verwesen lassen, was +sie hegen sollten. Ich spreche jetzt nicht von dem, was mir widerfahren +ist, denn mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind solche, +die ihr halbes Leben darnach versehnen, sich in einem großen Gefühl +verlieren zu dürfen; wenn dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie +plötzlich voller Ausflüchte, voller Ausreden, voller Angst, den Geist +ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede Entschlossenheit in der Idee +und in der Sehnsucht verausgabt. Das, sehen Sie, ist Empfindsamkeit, und +diese Art Empfindsamkeit, sich in der Idee und in der Sehnsucht zu +verschwenden, ist uns so verderblich. Da stürzt man sich dann in den +Pfuhl einer charakterlosen Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen, +oder um den Zustand einer allgemeinen sinnlichen Unruhe zu beenden, oder +um Konflikten zu entgehen, denen sie nicht gewachsen sind, oder um +gewisser sozialer Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler +Gedankenlosigkeit schlechthin; die Männer, um ein Heim zu gründen, wie +sie mit heuchlerischer Poesie behaupten, in Wirklichkeit, um sich zur +Ruhe zu setzen, um sich von ihren Jugendsünden, Sünden des Geistes und +des Herzens, des Körpers und der Seele zu erholen. Wäre dabei die Ehe +bloß eine soziale Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie +gewisse Freiheiten eher fördert als verbietet, oder wie im Altertum ein +ungleiches Verhältnis von Tyrannei und Sklaverei zum Gesetz erhebt, so +wäre es noch gut; aber nein, sie ist sakrosankt, und damit schützt sich +die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, das ihr die +Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst erwecken müßte. Großer +Gott, was für ein Rattenkönig von Verlogenheiten! Alles muß herhalten, +um den Mangel wahrhafter Liebe, uneigennütziger und edler Gefühle zu +vertuschen: Wissenschaft und Kunst, Staatsinteresse und Humanität, +Christentum und Freigeisterei, lauter schöne Kulissen für ein +nichtswürdiges Schauspiel!« + +Faustina war außerordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid, ihr zerstörtes +Wesen rührte mich. Ich erkannte, wie das Schicksal in ihr gehaust, und +ein halb entschuldigendes, halb selbstverspottendes Lächeln, das alsbald +auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht täuschen. Ich schwieg; mein +langes Schweigen gab ihr wieder einige Haltung. Sie erhob sich und ging +mit verschränkten Armen auf und ab, wobei sie fortfuhr: »Es gibt eine +Novelle von Tschechow, sie handelt von einem alternden Mann, der ein +Liebesverhältnis mit einer verheirateten Frau hat. Sie treffen sich +heimlich, und einmal, gerade während er sie begrüßend umarmt, wird er +traurig und fragt sich, warum ihn diese so liebt. Er denkt an die +andern, er denkt daran, wie viele ihn geliebt haben, und daß keine von +ihnen, keine einzige mit ihm glücklich gewesen sei. Die Zeit verging, so +heißt es ungefähr, er machte Bekanntschaften, schloß Verhältnisse, +trennte sich wieder, aber niemals liebte er; es war alles, was man nur +wollte, gewesen, aber keine Liebe. Das Wort ist in mir haften geblieben. +Alles, was man nur wollte, war es gewesen, aber keine Liebe. Der Mann +war, wie viele sind, und die Frau liebt ihn, ja, sie liebt ihn, aber +nicht ihn selbst, sondern den Menschen, den ihre Phantasie geschaffen +hat, und wenn sie ihren Irrtum bemerkt, liebt sie ihn dennoch weiter. +Was sollte sie sonst tun? Darf ich Ihnen etwas verraten? Etwas recht +Lächerliches? Ich habe eine kleine Einteilung gemacht. Ich habe die +Frauen eingeteilt in Katzennaturen und in Hundenaturen, und die Männer +in Streber und Faulpelze. Katzen sind an den Ort gebunden, Hunde an den +Herrn, Katzen sind treulos, Hunde sind treu, Katzen haben Charakter, +Hunde nicht; wenn Sie den Finger ausstrecken, wird die Katze auf Ihre +Hand, der Hund aber gegen das Ziel blicken; und so weiter. Sie wissen +schon, was ich meine. Oder ist die Analogie nicht plausibel? Streber und +Faulpelze, darüber lassen sich amüsante Beobachtungen machen. Was dem +einen die Karriere, ist dem andern die Behaglichkeit. Der Streber ist +skrupellos, der Faulpelz satt; der Streber ist ein Glücksjäger, der +Faulpelz ein heimlicher Dieb, der seine Beute in Sicherheit gebracht +hat, denn der Faulpelz ist immer ein heimlicher Dieb. Der Streber ist +konservativ aus Grundsatz, der Faulpelz aus Stumpfsinn, der Streber ist +revolutionär aus Opportunismus, der Faulpelz aus Eigennutz; der eine ist +ein Wucherer, der andere ein Kuppler, und Philister sind alle beide. Ja, +es ist eine herrliche Welt, eine herrliche Zeit! Wenn man dieses ganze +Geschlecht in einen großen Sarg legen und auf einmal beerdigen könnte, +so wüßt’ ich eine wunderbare Grabschrift.« + +»Und die wäre?« + +»Verstorben an der weitverbreiteten schleichenden Seuche: Trägheit des +Herzens.« + +»Na, daran stirbt man nicht.« + +»Gewiß nicht, weil man ganz bequem davon leben kann.« + +»Verrannt, verrannt, Faustina, rettungslos verrannt.« + +»Freilich,« murmelte Faustina, »verrannt wie Theseus. Aber aus diesem +Labyrinth gibt’s kein Entkommen.« + +»Packen wir doch den Stier bei den Hörnern, Faustina. Was ist Liebe? Wer +hat Liebe? Wer ist der Liebe fähig? Wer darf sich vermessen zu reden: +Liebe ist so und so und nicht anders. Wer darf es wagen, über die +Relationen des Begriffs hinauszufliegen und seine Einheit, seine +pragmatische Gültigkeit, seine reinste Inkarnation zu verkündigen? Liebe +ist etwas ungeheuer Seltenes, Faustina. Machen wir uns das klar! Die +Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die aus aller Leute Mund, ist ein +Phänomen, genau so selten, genau so großartig, genau so +bewunderungswürdig wie das Genie. Ihre niedrigen oder minder niedrigen +Erscheinungsformen durch die Rangstufen der Kreaturen sind allerdings +so reich und wechselnd wie die Kreaturen selbst. Nehmen Sie aber ein +Individuum heraus, um es nach Ihrer Weise kurzerhand vor den Imperativ +der Liebe zu stellen, so ist das ungefähr so, wie wenn Sie ihm die +fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets vorsagen und ihm dann befehlen: +da hast du alles Notwendige, nun schaffe mir ein schönes Dichtwerk. Man +ist gewohnt, mit dem Wort Liebe umzuspringen wie mit einem Hausgerät. Es +hat gar keine Unberührtheit mehr, dies unglückselige Wort, es ist wie +eine Dirne zu jedermanns Diensten, und mir scheint, man müßte ein neues +erfinden, um das auszudrücken, was es ausdrücken sollte. Da ist eine +gewisse mittlere Literatur, die vorzugsweise von Liebe handelt, und zwar +von einer Liebe, die Distinktion haben soll, Bedeutung haben soll, +edelherzig und selbstlos sein soll, und ach, nichts von alledem besitzt +sie, eine Wachspuppe ist sie. Wollte man sich, was ja nahe liegt, durch +diese Produkte verführen lassen, an die Häufigkeit der Liebe zu glauben, +so ginge man sehr fehl. Unsere besten Dichter, denen eine untrügliche +Vision die Realität ihrer spezifischen Welt gibt, beziehen auch nur mit +einer höchst belehrenden Vorsicht die Liebe in das Bereich ihrer +Erfindungen.« + +»Weil sie nichts davon wissen und weil sie sich davor fürchten, genau +wie im Leben.« + +»O nein, Faustina, das wäre ein gar zu billiger Schluß. Weil sie ihre +Seltenheit erkannt haben. Halten wir uns an das Gleichnis mit dem Genie. +Das Genie tritt erst in Funktion, wenn es in eine Zeit geboren ist, die +für sein Wirken schon vorbereitet ist. Es ist zwischen dem Genie und der +Zeit sozusagen eine elektrische Spannung aufgespeichert. Mit der Liebe +ist es nicht anders. Der zur Liebe geborene Mann muß den für ihn +bestimmten höchsten Typus gewinnen und umgekehrt. Es genügt nicht, daß +in einem Einzelwesen die Fähigkeit und Möglichkeit der Liebe vorhanden +ist, sondern sie muß durch ein besonderes Walten günstiger Umstände +einen würdigen Gegenstand finden. Wer zur Liebe bestimmt ist, der muß +zugleich etwas vom Helden und etwas vom Märtyrer haben. Nehmen wir also +an, es entsteht in zwei bevorzugten Individuen die Liebe. Gehen wir ein +wenig anatomisch zu Werke. Zerlegen wir eine solche Liebe in ihre +Bestandteile. Da haben wir in erster Linie die Leidenschaft, die als +eine Art Entflammung des Blutes und des Geistes gelten muß; ferner: +vergöttlichende Kraft; durch sie wird das geliebte Wesen herausgehoben +aus der Schar der Mitlebenden und in ein Idol verwandelt. Ferner: +sinnliches und übersinnliches Verlangen; das sinnliche entspringt der +Leidenschaft, das übersinnliche der Vergöttlichung; sodann: unbegrenzte +Hingebung; ihr Merkmal ist jedoch, daß sie auch bei höchster Großmut des +Gewährens nie zu befriedigen vermag; ferner: eine Zartheit der +Empfindung, die abhängig ist von jedem Traum, von der leisesten Ahnung, +und endlich eine Ruhelosigkeit, die gleichwohl ein ganz bestimmtes Ziel +hat, so wie die zitternde Magnetnadel. Sie mokieren sich über meinen +professoralen Ton, wie ich sehe. Ich wähle ihn mit Absicht, da ich +zwischen Schwärmerei und Sachlichkeit keine Wahl habe, und wenn ich +nicht schwärmerisch erscheinen will, muß ich trocken sein.« + +»Ich mokiere mich nicht. Fahren Sie nur fort.« + +»Man braucht nur geringen Scharfblick, um daraus zu erkennen, daß die +Liebe zwei Hauptquellen hat; eine elementare und eine ethische, eine +sinnliche und eine sittliche. Betrachtet man nun die trivialeren Formen +der Liebe, so zeigt es sich, daß sie fast immer nur auf eine einzige +jener Eigenschaften gegründet ist. Wir haben dann die Liebe aus +Leidenschaft; oder die Liebe aus Sinnlichkeit; oder die +selbstentäußernde Liebe; oder die empfindsame Liebe; oder die ruhelos +unbefriedigte Liebe. Die Variationsmöglichkeiten sind natürlich zahllos; +zum Beispiel, wenn der Mann eine sinnliche und das Weib eine +vergöttlichende Liebe hegt oder umgekehrt; oder wenn der Mann ruhelos +unbefriedigt und das Weib selbstentäußernd liebt, und so weiter. Meist +wird es so sein, daß gerade die schroffsten Gegensätze zusammentreffen. +Mit der Variation beginnt auch schon der Konflikt, und wo Konflikte +sind, ist keine Beständigkeit. Die große Liebe kennt keine Konflikte; +bei ihr findet ein vollkommener Ausgleich statt. Alles Differenzierte +vereinigt sich zur Harmonie und zur Schönheit. Ein auszeichnender Vorzug +wird nie isoliert sein und nie ohne Widerspiel wirken; erst das +Widerspiel, in einem bejahenden Sinn, bringt eine Tugend zur +Entwicklung: Anmut wird zum Beispiel den Geist bedingen, Güte die Kraft, +Vornehmheit die Tapferkeit. In der großen Liebe und nur in ihr, +verwandelt sich der Mensch; er wird sozusagen nach seinen idealen +Grenzen erweitert. Er ist in einem Zustand von Dämonie, oder um Ihren +Ausdruck zu gebrauchen, von Besessenheit. Alles Sichtbare und alles +Fühlbare hat nur einen einzigen Bezug, er findet überall und in allen +Dingen das Gleichnis mit dem Objekt seiner Liebe, in der Musik und im +Gedicht, im Ziehen der Wolken, im Rauschen der Bäume, im Anschauen eines +Bildes, einer Flamme, eines Steines; Vogelflug und Menschenwege haben +für ihn dieselbe nebelhafte Ferne, und doch hat er alles in sich und +nichts außer sich, er ist nach allen Seiten gegen die Welt geöffnet und +doch von ihr nicht mehr berührbar, er ist der freundlichste Freund, der +teilnehmendste Gefährte und trotzdem mit der Geliebten im ganzen +Universum allein. Was ihn zuerst an ihr hingerissen hat, sagen wir eine +besondere Wölbung der Stirne, eine besondere Art, die Lider zu heben +oder die Hand zu reichen, ein Ton der Stimme, ein Rhythmus des +Schrittes, ein Lächeln, eine Gebärde, das alles wird Weltgesetz, das +heißt: so gehen ein für allemal die Menschen, so sprechen sie, so +blicken sie, so reichen sie die Hand, das ganze Bild des Daseins wird zu +einem fixierten Bild der Schönheit. In der großen Liebe nämlich ist +alles Positivität, und es ist alles in ihr unendlich und ewig. Sie kann +deshalb niemals aufhören, weder auf der einen, noch auf der andern +Seite. Nur der Tod kann ihr ein Ende bereiten, ein Ende, das freilich +dem tiefsten Sinne nach ein scheinbares ist und sein muß. Glück oder +Unglück kommen für sie nicht in Frage, ihre Tragik liegt anderswo, ja +sie ist die einzige Lebensform, die eine mitgeborene Tragik besitzt, und +diese Tragik ist für sie nicht nur in der Möglichkeit, sondern auch in +der Notwendigkeit des Untergangs, des Todes beschlossen. Die Liebe weiß +keine andere Gefahr und Bedrohung als den Tod. Vom ersten Augenblick der +Liebe steht der Tod als stummer Wächter förmlich sichtbar daneben. Sehr +schön ist das in Shakespeares Liebestrauerspiel zur Anschauung gebracht: +alles strebt von Beginn an dem Tode zu, die Unabweisbarkeit, mit der er +auftritt, regiert heimlich jedes Geschehen. Und um den Unterschied der +Gattungen zu bezeichnen, ist Romeo, bevor das große Entetement eintritt, +in eine Liebe von gewöhnlicher Beschaffenheit verstrickt.« + +»Wohin führen Sie mich da, mein Teurer«, seufzte Faustina. »Das gelobte +Land dieser Liebe ist für unsereinen nicht erreichbar. Dazu müßte man +unter einem besonderen Stern zur Welt kommen.« + +»Ja, wie zu allem Großen«, versetzte ich. + +»Glauben Sie denn im Ernst, daß es eine solche Liebe wirklich gibt?« + +Ich mußte lächeln, denn ihre Frage hatte etwas von der Naivität eines +Kindes. + +»Glauben Sie auch,« fuhr sie fort, »daß die Bestimmung dazu nur auf der +einen Seite, auf der Seite des Mannes oder des Weibes liegen kann, daß +der eine Teil vergeblich nach dem andern schmachtet und die ganze Erde +durchsucht, ohne ihn zu finden?« + +Faustina sah mich ängstlich an, sie wollte offenbar eine Beruhigung +gewinnen, sie merkte nicht, daß ich die Antwort auf diese Frage schon +gegeben hatte. »Ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Jeder denkbare Zustand +der Seele und des Gefühls kann und wird irgendwie und irgendwo zur +Erscheinung gelangen, sonst wären wir nicht imstande ihn uns +vorzustellen. Der Fall, den Sie fiktieren, hat aber mit der großen Liebe +nichts mehr gemein, vielleicht überhaupt nicht mit der Liebe.« + +»Sondern?« + +»Sondern mit der Sehnsucht. Sehnsucht kann produktiv sein, sie kann aber +auch unfruchtbar sein. Das hängt von dem ab, der sie nährt.« + +»Mich dünkt, Sehnsucht ist das erhabenste Gefühl in der menschlichen +Brust.« + +»Wenn sie produktiv ist, ja.« + +»Was nennen Sie produktive Sehnsucht?« + +»Produktive Sehnsucht nenn ich diejenige, die imstande ist, einer +Vorstellung Wirklichkeit, einem geträumten oder erwünschten Zustand +Gegenwart zu verleihen.« + +»Da setzen Sie ja, und wie ist das möglich bei der Sehnsucht, einen +Willensakt voraus?« + +»Ja, das tue ich allerdings; einen Willensakt, der vielleicht durch +geheimnisvolle telepathische Mächte begünstigt und unterstützt wird.« + +»Hm, ich sehe schon, Sie decken sich. Wenn man zum Unerforschlichen +seine Zuflucht nimmt, hören die Argumente auf. Dem Unerforschlichen +gegenüber gibt es ja keine Schuld und keinen Irrtum mehr.« + +»Warum auch von Schuld reden, Faustina? Aber Sie mögen recht haben, +vielleicht ist es wirklich eine Art von Schuld, wenn das Gefühl nicht +bis zum geliebten Gegenstand trägt, sondern unterwegs durch fremde +Einflüsse gebrochen wird. Nie beirrbaren Instinkt zu besitzen, das ist +schon eine große Sache; und eine seltene Sache. So wie unser Leben sich +heute abspielt, nicht wahr, wie jeder einzelne verwoben ist in ein +maschinenhaft bewegtes Ganzes, wie er gezwungen ist, sich an vieles +hinzugeben, was seinem Wesen fremd ist, wie sein geringster Fehltritt +ihn unrettbar hinunterreißt von dem Weg seines Willens, wie er +unverborgen dasteht, immer Kettenglied, wie all sein Tun und Handeln +eine weitaus nähere und schnellere Folge hat als er es wünscht, wie das +Elementare beständig in ihm ankämpfen muß gegen die Forderungen des +Tages und der Welt, wie er Ruhe und Selbstbestimmung hingeben muß, nur +um nicht erdrückt zu werden von den Gewalten, die um ihn toben, so wird +es natürlich immer schwerer, einer inneren Stimme zu gehorchen, ja bloß +überhaupt sie zu hören. Was vor wenigen Generationen noch einer Zahl von +fünfzig beschieden war, das wird heute infolge der strengeren Wahl und +härteren Erprobung nur an zwölfen oder fünfen oder dreien erfüllt. Wer +wird um des Ideals in der Liebe willen sein Leben aufs Spiel setzen? +Glücklicherweise ist das menschliche Herz immer zu Verträgen bereit. +Würde die Liebe plötzlich Gemeingut aller, so wäre in vierzig Jahren die +Erde ausgestorben. Wer nicht zur Liebe erwählt ist, dem hat das +Schicksal auch Stärke und Geduld versagt. Er bescheidet sich, weil er +sich bescheiden muß. Er liebt, was ihm Liebe entgegenbringt; sein Regent +ist der Zufall. Er erobert oder er läßt sich erobern, ein Anschein von +Schwierigkeit und Ferne erzeugt die ihm notwendige Poesie. Der eine +liebt einen Körper, der zweite ein Gesicht, der dritte einen Blick, ein +Hand. Ich meine das nicht gerade wörtlich, ich will damit nur sagen, daß +er den Teil für das Ganze nimmt. Den Teil für das Ganze zu nehmen, das +ist so Menschenart, und nicht einmal die schlechteste, sie bildet sogar +Charaktere. Der Liebende ist Augenmensch; seine Leiden sind wirklich, +seine Freuden sind dionysisch; der andere, der die Liebe nur ahnt wie +ein Nachtgänger das Morgenrot, ist ein tastender Mensch, seine Glut ist +ein Fieber, seine Leiden und Freuden sind imaginär, er sättigt sich von +Brot, indes seine Phantasie Himmelsspeise verzehrt, er sieht nicht, er +versteht gar nicht zu sehen, er will nur eingelullt sein, er will nur +träumen, er ist stets philosophisch aufgelegt oder ist argwöhnisch, +eifersüchtig, traurig, unersättlich, rasch übersättigt; er kann sich +nicht in der Liebe verlieren, so gern er es möchte, denn der Strom, der +ihn erfaßt hat, ist nicht tief genug. Manche lieben nur die Liebe oder +die Sehnsucht nach der Liebe oder die Maske der Liebe oder die Unruhe +der Liebe oder den Triumph der Liebe, und so können wir immer tiefer +heruntersteigen, bis von der Liebe nichts mehr übrig bleibt als der +Name. Unvermögen hat vielerlei Gestalten. Kannten Sie nicht damals auch +den jungen Baron B., der bei der deutschen Gesandtschaft war?« + +»Den großen Frauenverführer –?« + +»Jawohl. Nichts ist heute leichter als den Titel eines Verführers zu +erwerben, man braucht bloß ein wenig Methode in die Art zu bringen, wie +man sich amüsiert. Dieser Baron B. also war immer mit einem Dutzend +Frauen gleichzeitig intim. In jede einzelne war er eines bestimmten +Vorzugs wegen verliebt, und er setzte mir einmal allen Ernstes +auseinander, seine Vorstellung von Liebe sei eine so ungeheure, daß er +niemals hoffen könne, das was er suche, in der Totalität einer Person +anzutreffen.« + +»Ein Freibeuter«, erwiderte Faustina verächtlich. »Vor fünf Jahren hat +er eine ältliche Millionärin geheiratet.« + +»Ja, so enden unsere Verführer in der Regel.« + +»Von hundert sogenannten Frauenhelden wissen neunundneunzig überhaupt +nicht, wie eine Frau beschaffen ist«, sagte Faustina. + +»Nun ja, wo Sinnlichkeit den Blick verwirrt, kann von Liebe nicht mehr +die Rede sein. Es ist ein Unterschied wie zwischen dem Rauch und der +Flamme.« + +»Ist es so? Ist es wirklich so?« versetzte Faustina hastig. »Sinnliche +Leidenschaft trägt nicht, das gebe ich zu. Aber wenn wir die Liebe nur +in ihrer Vollkommenheit anerkennen wollen, was bleibt dann noch +bestehen? was darf dann noch Liebe heißen? Lassen Sie mir doch die Dinge +ein wenig einfacher. Der Mensch, so wie er eben ist, vermag sich nicht +auf der Höhe seines Gefühls zu halten. Der Gütigste, der Edelste hat +einen Teufel in der Brust, der ihn zwingt, sich am göttlichen Teil +seines Wesens zu vergreifen. Vielleicht ist in der Liebe die +Sinnlichkeit so ein Teufel, vielleicht ist sie ein boshaftes Tier, wie +die Heiligen sagen. Vielleicht ist sie aber die Erhalterin der Welt? Und +wenn sie die Erhalterin der Welt ist, warum ihr Übles nachreden? Läßt +sie sich denn von der Liebe trennen? Sie sagen: Liebe will den Tod. Ich +wage nicht daran zu rütteln, obwohl ein solcher Satz alle meine Gedanken +durcheinanderwirbelt. Aber angenommen, Sie haben recht, wie läßt sich +das mit der Absicht der Natur vereinigen, die doch durch Liebe die +Gattung fortpflanzen will?« + +»Das ist ein Irrtum, Faustina. Durch Liebe wird die Gattung eben nicht +fortgepflanzt, zum mindesten ist sie nicht darauf gestellt. Sie ist sich +selber Zweck.« + +»Oho! Wenn Sie das vor versammeltem Volk sagen, wird man Sie steinigen. +Ich dachte, ein heutiger Mensch dürfe gar nicht an Liebe denken, ohne +zugleich an das Kind zu denken. Mein Gott, sehen Sie nur unsere +gebildeten jungen Mädchen an! Welche Sachlichkeit! Welche +Wissenschaftlichkeit! Sie tun, als ob sie in der Liebe zugleich ein +Hebammenexamen bestehen müßten. Na gut, werde jeder selig wie er will. +Aber das muß ich schon sagen, ein Symptom liegt darin. Man ist nicht +ehrlich in diesen Dingen. Und weil man nicht ehrlich genug ist, der +Liebe oder der Sinnlichkeit ihre selbstverständlichen Rechte +zuzugestehen, nimmt man das Kind als Vorwand, sich zu decken. Man gibt +der Prüderie und der Entschleierung ein Pseudonym, das sie mehr +entwürdigt als beschönigt.« + +»Nicht so wild, Faustina! Sie haben eine Art mir beizupflichten, die +mich fast an meiner Meinung irre macht. Die Geschöpfe, von denen Sie +sprechen, sind ja nur Mißleitete. Und der Geist der Zeit selber ist es, +der sie betrügt. Aufklärung heißt heute das große Wort. Nur ist +allerdings diese Aufklärung etwas anderes als man sie vor hundert Jahren +verstand. Vor hundert Jahren wollte man einfach alles aufklären: Himmel +und Hölle, Märchen und Wunder, Kunst und Religion. Eine verhängnisvolle +Strömung, der das noch lange nicht genug, nicht dankbar genug gewürdigte +Emporwachsen der deutschen Romantik sich hilfreich entgegendämmte. +_Unsere_ Aufklärung hat sich verinnerlicht. Man will allem, was in der +Seele des Menschen vor sich geht, nicht so sehr verstandesmäßig als auf +Wegen des Gefühls, der Deutung, der Ahnung beikommen. Die Schriftsteller +haben sich in Seelenforscher verwandelt, die Erzieher in mehr oder +weniger eigensinnige Deterministen. Man legt dem Unbestimmtesten eine +Bestimmung unter, uralte Traditionen verlieren ihr Gewicht, +bedeutungsvoll Gestaltetes seine Kontur, Rangunterschiede werden +verwischt, Autorität erweckt Mißtrauen, und ich leugne es nicht, ich +kann es leider nicht leugnen, die allgemeine Demokratisierung, dem +kleinen Geist eine Wohltat, dem großen ein Horror, erstreckt sich bis in +die verborgensten Winkel des Herzens. Aber mein Trost ist, daß dies +alles ja nur ein Übergang ist. Mir ist oft zumut, als ob ein +unsichtbarer Riese unsere Welt in Stücke zerfetzte, um aus den +Bestandteilen eine neue, bessere, schönere zu machen, und als ob diese +Zerstückelung notwendig sei, um unser Dasein auf eine höhere Fläche zu +heben.« + +»Hirngespinste«, sagte Faustina kopfschüttelnd. »Was soll ich mit +Hirngespinsten? Um mich mit einem Gegebenen abzufinden, dazu bin ich. +Ist mir der gegebene Zustand unerträglich, nun, so empöre ich mich. +Demokratisierung, ja, ja, das ist es! Was heißt denn: Demokrat sein? +Demokrat sein heißt, etwas bedeuten wollen außerhalb einer organischen +Sozietät. Nicht wahr?« + +»Jawohl, oder als Persönlichkeit auftreten außerhalb der Sozietät und +sich ihr entziehen auf Grund singulärer Rechte oder selbstgeschaffener +Befugnisse.« + +»Ausgezeichnet. Was kann nun dabei zustande kommen? Da ist der Adel. Was +hat ihn zu allen Zeiten so mächtig werden lassen? Doch wohl nur der +eherne Zusammenhang seiner Mitglieder auf Grund einer ehernen +Überlieferung. Heute aber, heute ist jeder Ladendiener schon mit einer +Individualität versehen, und jede aufgeputzte Kuh faselt von ihrem +Selbstbestimmungsrecht. Was ist die Folge? Ehe noch die ärmlichsten +Menschenpflichten erfüllt sind, werden der Menschheit schon +Glücksforderungen gestellt, wie man einen Wechsel auf Sicht präsentiert. +Alle, die so im glücklichen Besitz einer Persönlichkeit sind, was eben +Persönlichkeit nach ihrer Ansicht ist, gleichen den schlechten +Kaufleuten, die sich bei einem großen Unternehmen mit einem kleinen +Kapital beteiligen und über Nacht Millionäre werden wollen. Diese +Persönlichkeitsritter üben ein neues Faustrecht aus und die +Gesetzlosigkeit, die sie begünstigt, erscheint ihnen als der Gipfel der +Freiheit und Kultur. Meine Überzeugung ist aber die, daß ein +demokratisches Zeitalter nun und nimmermehr ein Zeitalter der Liebe +sein kann. Gerade in der Liebe wird ja die Aufopferung der +Persönlichkeit verlangt. Hingabe! Ein herrliches Wort! Der Demokrat, der +individuelle Demokrat, er gibt sich nicht hin, er gibt sich nur auf. Und +liebt er, so muß er zweckvoll lieben. Und außerhalb der Sinnlichkeit, wo +wäre da für ihn noch Zweck? Also muß er sinnlich lieben.« + +»Man kann das formulieren, wie man will, Faustina, und ich streite nicht +dagegen, nur wundre ich mich, weil Sie vorhin doch selbst für die +Sinnlichkeit plädiert haben.« + +»Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, daß die Sinnlichkeit ihren +eigenen Thron aufgerichtet und die andern Kräfte der Liebe unterjocht +hat. Wenn das organische Ineinanderwirken der Kräfte aufhört, so +entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die sich auf Kosten des +übrigen Körpers nähren und ihn langsam vernichten.« + +»Dieser medizinische Vergleich ist mir zu – moralisch, liebe Freundin. +Wir dürfen hier um keinen Preis moralisch sein, wir untergraben uns +sonst die Möglichkeit der Verständigung. Es gibt eine Art von +Sinnlichkeit, die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn es in +klares Wasser fällt und das Wasser bis auf den Grund durchleuchtet, es +entmaterialisiert. Welche Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen +Sinnlichkeit entgegenstellen? Etwa die naive? Das gäbe ein Schema. Jedes +Schema bleibt hinter der Erfahrung zurück, von der Synthese ganz zu +schweigen. Statuieren wir also, beispielsweise, einen Unterschied +zwischen elementarer und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die +Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das Weibchen schlechthin +begehrt? Ist Werther differenziert, weil er sich um Lotte erschießt? Sie +sehen, man hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.« + +»Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie werden mir doch nicht +ausreden, daß es eine Sinnlichkeit gibt, die eine Ursache und eine +Sinnlichkeit, die eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere +eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere kommt aus der Seele +...« + +»Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit kommen wir zu +keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur dann Einsicht, wenn wir von der +Phantasie ausgehen, wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne +Phantasie, und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja, ich gehe so +weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit sind gleichsam die beiden +Flügel desselben Wesens, des Liebewesens nämlich, die beiden Flügel, +ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos lösen und von der Erde erheben +kann. Und das eine ist mir klar: daß das moderne Ideal von Liebe oder +von Sinnlichkeit viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie steht, als es +jemals der Fall war.« + +»Ist das Ihr Ernst?« + +»Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdrücklich: das Ideal. Ich will +die Erscheinungen selbst nicht betrachten; ich will gern zugeben, daß +wir vom Ideal weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber nicht in +der Inferiorität des Lebens, sondern in der Superiorität des Ideals. +Gerade durch die Persönlichwerdung unserer Existenz wird ja der Reichtum +der Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich gesteigert. +Was auf der einen Seite die Vereinzelung der Guten, die Vereinsamung der +Tüchtigen bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und das Gesetz +aus, unter dem sie überhaupt zur Geltung, zur Entfaltung ihrer Kräfte +gelangen. Es findet dadurch ein Zusammenfluß von vielen isolierten +Idealen, ein Ineinandergreifen erhöhter Lebensstimmungen der +heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und deren organische +Verschmelzung, wenn es einmal so weit gekommen sein wird, sich gar sehr +von den primitiven und deswegen von vornherein harmonischen Idealen +früherer Epochen unterscheiden wird. Und außerdem, was könnte ein +stärkerer Ansporn für die Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen +Ideal und Wirklichkeit?« + +»Ach so,« sagte Faustina stirnrunzelnd, »es soll also die Phantasie ein +Mittel des Verzichtes werden? Da sieht mans, mit Logik kommt man +herrlich weit!« + +»Zu einem Mittel des Verzichtes, – ja. Aber nicht im Geist der Askese, +sondern im Geist der Vollkommenheit und Vervollkommnung. Ein Liebender, +Faustina, was ist er denn anders als einer der gewählt hat, einer +dessen drängendes Gefühl sich für die intensivste ihm mögliche +Lustquelle entschieden hat. Denken wir uns die sinnlichste Natur; denken +wir sie zugleich liebefähig und zur Liebe bestimmt in der edelsten Art. +Indem sie wählt, vollzieht sie unwiderruflich ihr Schicksal; das weiß +sie, und weil sie es weiß, folgt sie einem hohen sittlichen Gebot, wenn +sie den Gegenstand der Liebe in die höchste Region der Vollkommenheit +erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel ist, je mehr kann die +Realität vergessen werden, und nicht in einer selbstsüchtigen Täuschung, +sondern in einer schönen, selbstlosen, idealen Täuschung, ja, schlankweg +gesagt, in einer Täuschung zugunsten des Vollkommenen. Oder nehmen wir +ein negatives Beispiel: nehmen wir unglücklich Liebende; ich meine +natürlich nicht solche, die aus äußerlichen Gründen, sondern solche, die +aus innerlichen Gründen verhindert sind, eins zu werden. Unglücklich +Liebende sind Wesen, die nicht die Geduld, das heißt, nicht die Kraft, +im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten zu wählen. Nun was heißt +aber das: geduldig sein und dabei leidenschaftlichen Gemüts? Es will +nichts anderes sagen als schöpferische Phantasie besitzen. Und daß der +wahrhaft Liebende schöpferische Phantasie besitzt, das zeigt sich eben +in demselben Augenblick, wo er zu lieben beginnt.« + +»Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht sehe ich ein, +inwiefern wir, wir Auserlesenen des zwanzigsten Jahrhunderts, darin +einen Vorzug haben. Ihre Argumente genügen mir nicht; ach, in Argumenten +bin ich so ungenügsam wie in allem andern. Es gab eine Zeit, da war die +Liebe ein Ereignis, ein Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie, +und heute? Ist für Sie oder für Ihre Altersgenossen, ist für Mann oder +Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies große Unbegreifliche, dies ... nun +dies Wunderbare –? Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich +nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen? Verwandeln sich +die Erlebnisse einer Frau nicht in ein Erkennen? In diesem Punkt ist +eure Gerechtigkeit, eure berühmte Männergerechtigkeit nichts wie +aufgeschmückte Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder nicht ist, was +soll da die Phantasie? Was sollen Flügel, wo keine Luft ist, die sie +trägt? Vom Adler erzählt man, daß er sterben muß, wenn er nicht mehr +fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also muß er sterben. Ihr gleicht +nicht den Adlern, ihr Männer, ihr könnt auch gehn und macht euch vor +jedem Jäger aus dem Staub.« + +»Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das klingt, Faustina! Wie aus +einem Roman der George Sand. Die Sache ist wirklich die, daß uns die +Liebe gar kein Wunder mehr bedeutet.« + +»So? Und warum, wenn man fragen darf? Lassen Sie mich den Grund hören; +ich bin neugierig und im voraus voller Widerspruch, denn daran hängt +mir ein Stück Herz.« + +»Nein, die Liebe als Phänomen ist für uns kein Wunder im Sinn von 1750 +oder 1820, wo der Liebende sich in der Erlesenheit seines Gefühls +spiegelte, an seinem Gefühl fast zum Narziß wurde. Der Grund, weshalb +dem nicht mehr so ist, besteht darin, daß wir einerseits zu +wissenschaftlich, andrerseits zu historisch dazu empfinden. So trocken +herausgesagt, schmeckt das nach Pedanterie, aber wir sind uns ja der +Ursachen nicht bewußt. Zu wissenschaftlich: nicht nur, weil wir es in +Büchern lesen oder weil wir es in der Natur beobachten oder weil uns +jeder Vorgang des Lebens darüber belehrt, sondern weil uns die +Überzeugung oder besser ausgedrückt die Anschauung in Mark und Knochen +sitzt, daß alles, was da atmet, wird und wächst, ein und demselben +Gesetz gehorcht, daß ein Band der Liebe sich um alle Wesen schlingt, ein +Trieb der Zeugung, ein Wille, Schöpfer zu sein, den Tod zu besiegen, +alle und alles bis ins Innerste durchdringt. Zu historisch darum, weil +unser Geist in keinem Fall berauscht und egoistisch am Augenblick hängt, +weil wir voll sind von Vergangenheit, von immanenter Erfahrung, weil das +Geschick einzelner sowohl wie ganzer Geschlechter, ja der ganzen Gattung +beständig und ohne daß wir dessen gewahr werden, zu uns redet und unsere +eigenen Wege deutet. So wenig uns ein Gewitter in abergläubische Furcht +versetzt, so wenig also wird uns das Ereignis großer Liebe wunderbar +dünken; beides kommt ja aus der Natur, beides ist im Entstehen und +Vergehen gegründet. Nun jedoch tritt das Seltsame ein: Im Großen, in +allem Katastrophalen der Existenz haben wir aufgehört, Wunder und +Begünstigung, Geheimnis und persönliche Verschuldung zu erblicken; im +Kleinen aber, im Alltäglichen des Tuns und Betrachtens wird uns ein +jedes Ding verwunderlich. Höchst bezeichnend ist es, dies Wort: sich +wundern. Wir verwundern uns eigentlich unaufhörlich. Es erstaunt uns der +Wurm, es erstaunt uns der Sternenhimmel, es erstaunt uns der Apfel, es +erstaunen uns Berg, Strom und Wasser. Es erstaunt uns der Bettler und es +erstaunt uns der reiche Mann, es erstaunt uns der Mörder und es erstaunt +uns der Dichter, es erstaunt uns der Tapfere und erstaunt uns der +Feigling. Das macht, weil wir in allen diesen die Notwendigkeit entdeckt +haben, das Gefühl für die Unbedingtheit ihres Seins und damit in letzter +Linie die Schönheit, die ihnen eigene Form der Schönheit. Wie ehedem von +einem Pantheismus könnten wir von einem Panhumanismus sprechen oder +besser von einer Allwesenheit. Es ist uns alles menschlich geworden, +kreatürlich geworden, – zugehörig. Daß sich dadurch die Quellen der +Freude um ein Unermeßliches vermehrt haben, ist klar, und das Reich der +Schönheit ist, wie Christus vom Reich Gottes sagte, in uns. Das Reich +der Liebe auch. Und wenn wir nun die ganze Welt dermaßen in uns haben, +wenn unsere Sinne sie unaufhörlich besitzen, so folgt daraus doch für +die Sinne selbst, daß sie auf ein Begrenztes, auf ein Gehaltvolles, auf +ein Zweck- und Zielvolles gewiesen sind, daß sie mutiger, sicherer und +stolzer geworden sind und daß ihr unentbehrlichster Verbündeter, weil +sie von Anschauung, von Ahnung, von Begreifen, von Andacht, von +Weltgefühl genährt werden, die Phantasie ist. So ist es auch in der +Liebe. Die Sinnlichkeit ist darum nicht mehr auf den Körper beschränkt, +sie will nicht erobern und nicht verführen; von galanten Künsten braucht +sie überhaupt nichts zu verstehen, denn sie sucht nichts weiter als +Übereinkunft. Sie überlistet nicht, weil sie wertet; sie enthüllt nicht +den Leib, sondern die Seele, ja, sie ist ganz und gar auf solche innere +Enthüllungen angewiesen, und eine Form gibt ihr nichts, wenn der Form +nicht ein Inhalt entspricht. Eifersucht ist ihr deshalb ein unfaßbarer +Begriff, denn gerade die Einmaligkeit, die unwandelbare Gesetzmäßigkeit, +darauf beruht sie. Es ist keine Regung in ihr, die nicht, mit einem Wort +gesagt, auf Verständigung beruhte. Damit sind wir wiederum bei der +Phantasie angelangt, denn Verständigung hat ja keine andere Wurzel als +die geistige Macht des Menschen, die Phantasie.« + +»Sie springen etwas willkürlich mit der Phantasie um, mein Bester«, +bemerkte Faustina kühl. + +»_Tu_ ich das? In der Tat, ich schreibe der Phantasie eine weitaus +größere Rolle zu als es sonst geschieht. Erst mit ihrer Hilfe sind wir +fähig, die Seelen anderer Menschen zu erfassen. Viele Eigenschaften, die +man nur zu leicht als Laster anzusprechen geneigt ist, sind lediglich in +einem Mangel an Einbildungskraft begründet. Der Geizhals, der +Hoffärtige, der Grausame, der Nörgler, der Denunziant, der +Selbstzufriedene, der Gottesleugner usw. was sind sie anders als +Phantasielose oder – Phantasten, was beinahe das selbe ist. Gewisse +Worte müßten uns töten, wenn nicht die Einbildungskraft wäre, die sie zu +Luft und Schall zerstieben läßt. Haben Sie das nie erfahren, Faustina?« + +»Ich hab’s erfahren, wahrlich.« + +»Und gäbe es Verzeihung für erlittene Beleidigungen ohne die Phantasie? +Nein. Der Mensch ist rachsüchtig, die Phantasie veredelt diesen Impuls. +Ein solcher Mensch ist nun nicht mehr lasterhaft. Man kann getrost +sagen: wer echte Phantasie besitzt, der ist tugendhaft. Wenn Sie nun der +Sinnlichkeit die Phantasie nehmen, was bleibt dann übrig? Wenn ich +liebe, und mein sinnliches Verlangen ist ohne Phantasie, so bin ich wie +einer, der in absoluter Finsternis gefangen ist, ja, es ist möglich, daß +ich dadurch dem Wahnsinn verfalle. Erst durch die Phantasie erhält meine +Begierde die Weihe, die Süßigkeit, die Schönheit, den Mondglanz der +Bezauberung und jenen Tropfen von Melancholie, ohne den eine +Leidenschaft nicht beseelt erscheint. Sinnlichkeit ohne Phantasie ist +nichts als der traurige Zweikampf zweier Wesen, die einander unbewußt +zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im Leben nicht bloß das eine +oder das andere; die Leiden und Irrungen, die ein unvollkommener Zustand +mit sich bringt, bleiben schließlich wenigen erspart. Wie oft sieht man +Eheleute oder Liebesleute im Streit! Wie manche Ehe, die durch die Liebe +getragen schien und nur noch durch Gewohnheit und bürgerliche +Rücksichten befestigt ist, schleppt sich mühselig hin unter Hader, Zank +und Mißverständnissen! Männer, sonst gerecht und vornehm, Frauen, sonst +zärtlich und nachsichtig, vergessen sich; sie werden zu Tieren, die auf +einander Jagd machen, sich einander Wunden zufügen, harte Worte wählen, +Worte wie geschliffene Messer, mit übertriebenen Beschuldigungen die +Achtung untergraben, die jeder vom andern billig verlangen muß, und ohne +die Haltung sind, die sie auch dem Gleichgültigen gegenüber zu wahren +wissen. Es sind das häßliche Szenen, und häßlich sind sie, weil solche +Menschen aller Phantasie bar sind, weil sie nicht vermögen, die +Armseligen, über den Augenblick hinauszudenken, weil der Augenblick in +ihnen stärker ist als das Herz, als das Schicksal, als Tod und Ewigkeit. +Ja, so sind die Phantasielosen, sie leben nur von Augenblick zu +Augenblick, sie schwingen nur in den Intervallen, der Augenblick selbst +ist ihnen nichts.« + +»Das alles ist mir zu allgemein«, sagte Faustina. »Teils zu allgemein, +teils zu kategorisch. Ich kenne Verhältnisse, deren Beschaffenheit mit +der Phantasie gar nichts zu tun hat, oder ich müßte den Begriff der +Phantasie zu weit ausdehnen. Nehmen Sie an, eine geistig bedeutende Frau +liebt einen Gimpel; oder ein Mann von Genie liebt eine gewöhnliche Gans. +Das kommt doch häufig genug vor, sollt ich denken. Und wie einfach sind +diese Beziehungen, mein Gott, wie einfach. Ihr A und O ist eine +natürliche Sinnlichkeit, und bieten sie nicht meist größere Gewähr für +ein dauerndes Glück als jene feinnervigen Bündnisse, in denen doch alles +auf Eigenschaften gestellt ist, und nicht auf das Ganze der Kreatur? Man +muß einander nicht gar zu gut verstehen in der Liebe; ein wenig +Fremdheit tut not. Wir Leute, wie wir da sind, wir verstehen einander zu +gut und mißverstehen uns deshalb so oft. Den Leibern, finde ich, ist die +allzugroße Vertrautheit der Seelen von Übel. Sie verletzt die +Schamhaftigkeit.« + +»Die Schamhaftigkeit? Inwiefern?« + +»Das leidet gar keinen Zweifel. Je größer die seelische Verfeinerung +wird, je größer wird auch die Schamhaftigkeit. Es ist ein heikles Thema, +und irgendein Schriftsteller meint mit Recht, daß es schon schamlos sei, +über die Schamhaftigkeit zu sprechen oder was jemand darüber sagt, +anzuhören. Je tiefer man in den andern hineinschaut, je mehr ist man +geneigt, das, was in ihm vorgeht, zu überschätzen, je mehr fürchtet man +den andern oder fürchtet sich selbst, je mehr versteckt man sich, ja +ich habe es erlebt, daß solche Menschen aus lauter Zartfühligkeit und +Hellseherei sich die Möglichkeit harmlosen Daseinsgenusses untergruben.« + +»Aber was hat das mit der Schamhaftigkeit zu tun?« + +»Sehr viel! Wenn die dunklen Zustände und Vorgänge in der Brust dermaßen +ans Licht gezerrt werden, daß der Mensch sozusagen in sich selber kein +Heim mehr hat, wo er sich mit seinem Verschwiegensten bergen kann, so +muß ihm doch allmählich dabei zumute werden, als ob man ihn entblöße und +an den Pranger stelle. Ich, ich für meinen Teil, fühle mich durch das +beständige, wachsame Verständnis eines andern, und sei er das +geliebteste Wesen, ganz und gar an den Pranger gestellt, und ich sage +Ihnen auch, daß mir jene Frauen, die man unverstandene zu nennen +beliebt, mir, mir für meinen Teil, immer nur schamlos erschienen sind. +Das wären die einen. Dann sind jene, bei welchen die Schamhaftigkeit +sich ins Krankhafte steigert und die in einer so dünnen Luft leben, daß +ihnen das gesund Sinnliche zum Ekel wird. Ich hatte einst eine solche +Unglückliche zur Freundin; sie war die schamhafteste Natur, wurde aber +bisweilen von einem förmlichen Enthüllungswahn verfolgt, und indem sie +sich preisgab, unterlag sie einem Zwang, der sie etwas ausüben hieß, was +ihrem wahren Wesen gerade entgegengesetzt war. Da war kein Halt, keine +Haltung, und als sie eines Tages liebte, versagte sie sich dem +betreffenden Mann, weil sie überzeugt war, daß er nur ihren Körper +liebte und nicht die Seele. Ist das nicht schauerlich? Ein einziges, +grobes Mißverständnis des Lebens?« + +»Freilich; es gibt Frauen genug, die in dieser Hinsicht einem +unheilvollen Irrtum und Unbegreifen verfallen sind«, erwiderte ich. »Der +unheilvollste Irrtum, den sie begehen können, ist aber, wenn sie aus +ihrer Art der Schamhaftigkeit und deren Überwindung einen Begriff der +Treue folgern, der für sie Gesetz und Notwendigkeit, für den Mann aber +eine Freiwilligkeit ist. Diese Freiwilligkeit wieder einer höheren +Notwendigkeit unterzuordnen, das ist die _Tat_ des liebenden Mannes, +eine Handlung, die von seiner Kultur, von seiner Selbstbeherrschung, von +seinem Schönheitsempfinden abhängt. Die Frauen besitzen nur die Scham +des Geschlechts; die Keuschheit einer Nonne und die Verderbtheit einer +Dirne sind nur verschiedene Wirkungen ein und derselben Kraft, ähnliche +Zustände mit verschiedenen Hemmungen. Dem Mann ist eine andere +Schamhaftigkeit eigen, eine übersinnliche, ich möchte sie die Scham vor +Gott nennen, und er kann sie nur verlieren, wenn er sich selber vor Gott +verliert. Wir haben demnach das Schauspiel eines beständigen Krieges +zweier dem Grund und der Beschaffenheit nach völlig unähnlicher Arten +der Schamhaftigkeit, und während eine Frau die ihre sozusagen wörtlich +nimmt, sie trägt oder abwirft wie man ein Kleid trägt oder abwirft, +verheimlicht der Mann die seine, denn ihm ist sie nur ein Symbol. +Niemals darf die Frau sich einfallen lassen, das Symbol in die +Wirklichkeit zu zerren, etwa eine Forderung daraus zu machen.« + +»Das sagt – ein Mann!« rief Faustina. »Ich muß Sie schon sehr hoch +einschätzen, lieber Freund, wenn ich das nicht anmaßend finden soll. +Klipp und klar gesprochen heißt das doch: die Liebe des Weibes ist eine +Realität, die des Mannes ein Symbol. Oder nicht?« + +»Ausgezeichnet formuliert, Faustina.« + +»Na, schön. Ich will dagegen nicht streiten, weil es ins Grenzenlose +führt. Ich sehe nur so viel, die tägliche Erfahrung beweist es mir, daß +diese Realität keinen Bestand und dieses Symbol keine Bedeutung hat. +Flausen, Flausen, nichts als Flausen! Bester Freund, sperren Sie mich +doch nicht ein für allemale in die Rumpelkammer der ›Realität‹! Denken +Sie daran, daß auch ich geliebt habe! Ja, wirklich, wirklich geliebt! +Beweisen kann ich nicht, daß es mehr war als ein Irdisches, +Erdgebundenes, an Zweck und Zeit und Augenschein Gebundenes, aber dafür +kann ich beweisen, daß der andere, der Partner im Spiel, keinen Einsatz +wagte, der die Mühe verlohnte zu kämpfen, beweisen kann ich, daß seine +Liebe – und er _liebte_ – nur unzulänglich war, also nicht bis zu dem +Punkt reichte, wo eine symbolische Kraft das Flüchtige des Lebens +festhält. Aber weshalb so hohe Worte? Napoleon tat auf Sankt Helena den +ungeheuerlichen Ausspruch: Ein solcher Schurke kann kein Mann sein als +ich von ihm glaube, daß er einer ist. Fast jede Frau kann dasselbe von +ihren Erfahrungen in der Liebe sagen, vorausgesetzt, daß sie nicht ein +blindes Tierchen ist. Ihrer Methode gemäß werden Sie mir wahrscheinlich +entgegenhalten: du hast eben nicht zu wählen verstanden. Ja, um Gottes +willen, wenn der sich nicht bewährt, den ich als den besten erkenne, +wozu schlägt dann mein Herz, warum denke und fühle ich dann? Entweder +muß ich demnach mein Leben in der Wurzel verneinen oder Ihre ganze +Weisheit wird mir zum Sophisma. Da ist ein Mann, der mich anbetet; es +erscheint mir zweifellos, daß ich ihm viel, daß ich ihm alles bin, ich +ergebe mich, verbünde mich ihm, und da muß ich entdecken, daß er nur zu +werben versteht, zu besitzen, den Besitz zu verteidigen, zu bilden, zu +erhöhen, dazu ist er nicht fähig. Oder ein anderer Fall: da ist ein Mann +von Geist, Gemüt, Talent, aber er lebt in tiefem Elend. Das Mitleid +nähert mich ihm, es gelingt mir einen wahren Sturm der Energie in ihm zu +entfesseln, die Liebe zu mir trägt ihn empor, das Schicksal begünstigt +ihn, aber er kann es nie verwinden, daß diejenige, die er liebt, auch +seine Helferin war, er selbst gesteht mir seine Scham und alles +scheitert an einer Grille.« + +»Und was taten Sie?« + +»Was sollt ich tun? Ich ließ ihn seiner Wege gehen. Ist es etwa diese +Scham, die Scham, nicht mehr der Mächtige zu sein, die Sie symbolisch +nennen?« + +»Der Mann hatte vielleicht nicht viel zuzusetzen, deshalb raubte diese +Scham seiner Liebe die Kraft«, antwortete ich. »Es kommt nur darauf an, +was einer zuzusetzen hat, und für den Mann ist in der Liebe tatsächlich +alles nur eine Frage der Macht. Mitleid ist ein Feind der Liebe, Mitleid +zerstört die Gleichberechtigung, geradeso wie ein ausschließliches +ästhetisches Wohlgefallen; jenes schafft eine zu große Nähe, dieses eine +zu große Ferne. Der Bemitleidete und der Bewunderte atmen nicht dieselbe +Atmosphäre mit demjenigen, der Mitleid oder Bewunderung hegt, und sie +sprechen nicht in derselben Sprache zueinander. Aber es gibt Mittel, den +Zwiespalt zu überbrücken, und die Frau ist es, die in dem einen wie im +andern Fall ausgleichend zu wirken vermag, und zwar durch die göttliche +Eigenschaft der Sanftmut. Sie, Faustina, sind nicht sanft genug.« + +»Nicht sanft genug! Das wurde mir schon einmal gesagt. Wenn ich sanft +wäre, wurde gesagt, hätte ich weniger Anlaß, mich über das Leben zu +beklagen.« + +»Oder über die Liebe. Das ist meine Meinung.« + +»Sanftmut! Die schätzbare Gabe, stumm zu bleiben, wenn man getreten +wird, und nur zu seufzen, wenn das Herz bricht, die nennt man Sanftmut, +die nennen die Männer Sanftmut. Und weil sie ihnen die bequemste +Eigenschaft am Weibe ist, darum wird sie gepriesen. Wer aber Augen hat +und sieht, und vieles sieht, und Blut, das sich erhitzt, und eine Faust, +die sich ballen muß, der kann nicht sanft sein.« + +»Gemach, Faustina. Sie erinnern mich ein wenig an den Knaben, den man +fragte, wer tapfer zu heißen sei, und der darauf entgegnete, tapfer sei, +wer nicht davonlaufe. Sanftmut ist nicht Nachgiebigkeit, nicht +Unterwürfigkeit, nicht Schweigsamkeit. Sanftmut ist der Ruhe des +Feldherrn zu vergleichen, oder der Besonnenheit des Künstlers. Sie ist +nicht eine Schwäche, sondern eine Kraft. Sie ist in der Liebe die +eigentliche Kraft des Weibes, ihre Waffe wie ihr Schutz. Sie ist nicht +an ein bestimmtes Temperament gebunden, dem cholerischen kann sie +gegeben, dem melancholischen kann sie versagt sein. In jedem Tun und +Lassen drückt sie sich aus: in der Freude, in der Angst, in der Trauer +und im Schmerz, im Blick und im Schritt. Sie ist geradezu ein Rhythmus +des Lebens. Das Lächeln der sanften Frau ist unwiderstehlich, die sanfte +Frau ist niemals häßlich. Nun ist freilich die echte Sanftmut beinahe +ebenso selten wie die Liebe, und leider muß man konstatieren, daß sie +immer seltener wird, je mehr die Erregbarkeit der Nerven wächst, je mehr +auch die Frauen von Liebe und über die Liebe wissen, und je weniger sie +Liebe fühlen. Denn die Liebe der Frau ist hauptsächlich auf ein +Elementares, auf ein Unbewußtes gestellt. Da gibt es Frauenrechte und +Frauenberufe, man bildet Körperschaften und veranstaltet Versammlungen. +Dabei mag viel Nützliches entstehen, aber für die Sanftmut ist alles zu +fürchten. Haben Sie nie den Unterschied bemerkt zwischen dem Geschmack +einer Birne, die frisch vom Baume kommt, und einer solchen, die schon +unter vielen andern Birnen auf dem Speicher gelegen war? Ein solcher +Unterschied herrscht zwischen der Frau als Einzelwesen und der Frau, die +sich sozial betätigt.« + +»Sie mögen ja recht haben«, antwortete Faustina. »Aber am Birnenbaum +hängen viele Birnen. Sollen die Birnen also warten, bis die Leckermäuler +anspazieren, um die schönsten zu verspeisen? Die übrigen können warten; +sie müssen verfaulen und ins Gras fallen, wie? Um der Sanftmut willen. +Danke schön. Wir haben nicht Konsumenten genug, wir armen Birnen, wir +müssen unterzukommen trachten. Ihr wollt uns rein, ihr wollt uns +engelhaft, ihr wollt, daß jede sich für einen Messias aufspare, aber +ihr, ihr wollt nichts entbehren, keinem Gelüst die Befriedigung +vorenthalten, keinem Appetit die Stillung. Und der Messias, der sich +schließlich bei uns einstellt, ist entweder ein alberner Fant, der nicht +weiß, was er in Händen hält und seinen blinden Jünglingsrausch austobt, +oder ein kritischer Herr, der sich wieder trollt, wenn das Birnchen +einen Flecken hat.« + +»Das ist wohl wahr, Faustina, praktisch genommen ist es wahr, und daß +ihr Grund habt, euch selbst zu schützen, kann nur einem Dummkopf +verborgen bleiben. Jedoch von einer höheren Zinne betrachtet, liegen +die Dinge anders. Die Natur will nicht, daß man ihr zuvorkomme. Sie will +nicht, daß ihr heiligstes Gesetz, das Gesetz der Auslese, umgestoßen +wird, und wenn es trotzdem geschieht, rächt sie sich durch die +Hervorbringung lebensuntüchtiger Geschöpfe. Ist Ihnen bekannt, daß zum +Beispiel unsere Jagdvorschriften der Rassigkeit und Widerstandsfähigkeit +des Wildes, besonders des Edelwildes, erheblichen Abbruch tun? Wir haben +Frauen, die gezwungen sind, einen Beruf zu ergreifen; ohne Pathos tun +sie es, verdienen ihr Brot; andere sind mit Intelligenz und Scharfsinn +am Werk, um soziales Elend zu mildern. Wer hätte dagegen etwas +einzuwenden? Das Schicksal des Individuums wird mir immer Teilnahme +einflößen, ob es eine Nähmamsell oder eine Fürstin ist; +Massenbestrebungen aber, wenn sie der unmittelbaren Leidenschaft des +Erlebnisses entbehren, lassen mich natürlich kalt. Das Wesen der Frau +deutet mehr als das des Mannes auf Vereinzelung; ich habe immer +gefunden, daß die edlere Art der Frau sich nur kraft dieser Vereinzelung +bewahrte, und daß sie sich zur Vervollkommnung der Rasse gar nicht teuer +genug bezahlen läßt.« + +»Und wenn dem so wäre,« versetzte Faustina, »was hülfe es? Ist denn die +Frau nicht immer willfährig zum Besten, wo der Mann das Beispiel edler +Initiative gibt? Was frommt aber der Natur, was hilft selbst Gott das +Gesetz der Auslese, wenn ihm das Gesetz der Trägheit entgegensteht?« + +»Der Trägheit ... Schon vorhin haben Sie das Wort gebraucht. Sie sagten +Trägheit des Herzens.« + +»Ja. Trägheit des Herzens.« + +»Trägheit des Herzens ist eine von den sieben Todsünden, soviel ich +weiß.« + +»Sie ist die einzige Todsünde, die es gibt.« + +»Sie verbergen also einen großen Sinn dahinter, so etwas wie eine Idee.« + +»Einen großen Sinn, da haben Sie recht, einen schmerzlichen Sinn. Das +Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht +will, das tue ich, heißt es in einem Brief des Paulus an die Römer. Da +ist ein Erkennen: das Gefühl trotzt dem Erkennen, beharrt auf dem +falschen Weg; oder da ist ein Gefühl, ein großes, ein wahres; und doch, +es läßt sich betrügen, es läßt sich verwirren durch Rede und durch +Denken. So entsteht Trägheit des Herzens, und ist selber noch ein +Tieferes, Schwereres, Dunkleres, Schuldigeres. Es gab Zeitläufte, wo die +Menschen mehr ihren Trieben untertan waren, barbarische, kriegerische, +im großen und ganzen auf eine Sache, auf ein Ziel gestellte Zeiten. Da +konnte Trägheit des Herzens für eine Sünde gleich andern gelten, gleich +Geiz oder Neid oder Habsucht. Heute ist der Mensch zur Rechenschaft +gezogen, heute ist jeder sich selbst verantwortlich. Sie sagen es +selbst, nicht die Religion, nicht Himmel und Hölle darf er zur Ausrede +und Ausflucht machen, in seiner Brust muß er sein Schicksal suchen. Da +wird Trägheit des Herzens zur Kardinalsünde, und wie es nun ist, diese +Sünde liegt auf uns allen wie Gewitterlast. Fordern Sie Beispiele? Wo +soll ich anfangen? wo enden? Vorübergehen, wenn die Stimme des Gemüts +zum Bleiben mahnt, bleiben, wenn sie verlangt, daß ich weitergehe; die +Augen schließen, wenn es gilt zu sehen, und schweigen, wenn es gilt, +Partei zu nehmen; urteilen und verdammen, wenn vieles davon abhängt, zu +schweigen und Milde zu üben; den reinen Sinn betäuben, den unreinen zu +falscher Tat stacheln; Zwecke wollen, wo keine sind; nach Gerechtigkeit +streben und der Liebe vergessen; Liebe beanspruchen, ohne sie zu geben; +genießen wollen und nicht bezahlen; von Gott reden und den Teufel im +Innern füttern; Ideale aufrichten und einen armen Schuldner vor Gericht +zitieren; in Musik und Dichtung schwelgen und vor den kleinen +Menschenpflichten die Flucht ergreifen; Freundschaft preisen und den +Freund verleugnen; Philosoph sein und den Dienenden mißhandeln; den +Genius herbeiwünschen und, wenn er sich zeigt, ihn schmähen und in den +Kot zerren, alles dies, all dies Vergessen, all dies _Wissen_ und +_Nicht-Tun_ ist Trägheit des Herzens. Ach, wie schön ist das Herz! zu +wie vielem fähig! wie viel vermag es! Und Liebe, das Herz des Herzens, +wie wird sie mißachtet, mißbraucht, vergewaltigt und zertreten! Wie +ummauert sind alle Herzen, wie wenig mag ein jedes sich verraten, und +wie schnell und bereitwillig das des anderen! Wir reden da von Liebe, +von Liebe, und wo ist sie, die Liebe? Ein Symbol soll sie sein, ein +seltenes Phänomen, ich aber möchte sie haben, sehen möchte ich sie! +Zeigen Sie mir einen Liebesbegeisterten, zeigen Sie mir einen +Verschwender der Liebe! Die Liebe, von der ich weiß, war immer nur ein +zartes Pflänzchen, es ertrug die Lebensstürme nicht, versteckte sich vor +der Sonne und kroch in labyrinthisch verschlungene Tiefen, +weltabgewandt, der Nacht zugewandt. Ich fragte einmal einen Mann, ob +seine Geliebte schön sei. Schön, das könne er nicht behaupten, sagte er, +aber alles an ihr sei charakteristisch. Ei, erwiderte ich ihm, Sie sind +ein ganz famoser Zeitgenosse. Charakteristisch! Ein niedliches Wort! Man +müßte es in eiserne Lettern gießen und auf den Schandpfahl des +Jahrhunderts nageln. Alles ist so charakteristisch, so individuell, so +besonders, so künstlich, so ins Kleine zerspalten, ins Geistige +verdünnt, so scheu, so furchtsam, so wissend und so unsicher in +jeglichem Gefühl. Was ist da um Gottes willen noch zu hoffen, Freund! +Was kann ein volles Herz noch für sich hoffen? Es gibt nur eines; nur +eines gibt es: sich bescheiden.« + +»Es gibt noch ein zweites, Faustina, ein größeres.« + +»Und das wäre?« + +»Die Freude an der Erscheinung. Beklagenswert ist allerdings der Druck, +unter dem wir leben, das seltsam fatalistische Dahinrasen. Das Dasein +wird immer scheinhafter, seine kurze Dauer wird uns immer schmerzlicher +bewußt, und wer Sinn und Liebe sucht, kann wohl in ungemessene +Verzweiflung stürzen, wenn ihn dies eine nicht rettet: zu schauen. Dem +Schauenden enträtselt sich die Welt; ihm entwirrt sich jedes Dunkel; er +legt seine Hand auf Gräber und sie werden zu Altären, er wandelt durch +Schneegestöber und er spürt den Frühling, er ist verlassen von den +Freunden und er lebt mit der Menschheit. Daß die Dinge da sind, daß ich +sie besitze, daß Schöpfer und Geschaffenes mein sind, daß das Leben, +soweit es denk- und fühlbar ist, in mir steckt, daß es nichts gibt, +nicht das kleinste Denk- und Fühlbare außerhalb des Lebenskreises, und +daß mir das Ungeheure wie das Unscheinbare, Hohes und Niedriges, der +Festzug des Kaisers und das Vorüberflattern eines Schmetterlings, daß +mir Schönheit und Häßlichkeit, Liebe und Haß, Selbstentäußerung und +Trägheit des Herzens, daß mir alles dies zur Erscheinung wird, das kann +mich retten.« + +»Mit einem solchen Quietismus will ich mich nicht beruhigen«, antwortete +Faustina düster. + +»Wenn das Quietismus wäre, dann wäre der Erdball nicht mehr imstande, +seine Bahn um die Sonne zu laufen. Glauben Sie doch nicht, Faustina, daß +ich mich damit freispreche von menschlichem Tun oder mich des +mitstrebenden Herzens entledigen wollte. Es ist kein künstlerisches, +kein ästhetisches Prinzip, sondern durchaus ein religiöses, durchaus ein +göttliches. Wie in der Liebe durch ein höchst instinktives und +beseligtes Erkennen Vorzüge und Fehler des andern zu einem +anbetungswürdigen Bild vereinigt werden, so und nicht anders ergeht es +dem Schauenden mit der Welt. Er hat alles innen; alles was außen ist, +hat er innen; ihm ist nichts verloren, ihm ist alles gegenwärtig. Er +gibt sich hin, er gibt sich aus, aber er wirft sich niemals weg, denn +wie er das Leben besitzt und wie er Gott besitzt, so besitzt er sich +selbst. Und das, Faustina, ist das Große: sich selber besitzen. Dann +besitzt man auch die Welt, dann besitzt man auch die Menschheit; die +andern, die sich zu jeder Stunde wegwerfen, die besitzen nichts und +niemanden. Nur die Erwartung der Liebe täuscht sie mit der Hoffnung auf +Besitz.« + +Faustina hatte den Kopf abgewandt und schwieg. Eine lange Zeit verging +im Schweigen und die Freundin hielt beständig den Kopf abgewandt. Die +gesprochenen Worte erzeugten eine doppelte Stille. Es war weit über +Mitternacht, als ich mich zu gehen anschickte. Mit starrer Miene reichte +mir Faustina die Hand. Sie sah mich an, und wundersam, ihr Auge war voll +Frage wie das eines kleinen Mädchens. + +Sehr gern hätte ich Faustina wiedergesehen, aber als ich zwei Tage +später in die Wohnung kam, wurde mir gesagt, daß sie abgereist sei. + + + + +Der Literat + +Geschrieben 1909 + + +Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen, hat der Kultur +unserer Zeit seinen unverwischbaren Stempel aufgeprägt. Ja, man könnte +sagen, daß alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel Kultur +begreift, ein Werk des Literaten ist. + +Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen wollen diese Frage +beantworten; sie wollen die Art und die Wirkung des Literaten, die +Bedingungen seines Lebens, die Fundamente und Ziele seines Geistes mit +Hilfe einiger typisierter Charaktere erforschen. + +Die damit aufgestellten repräsentativen Figuren werden sich natürlich in +der Wirklichkeit kaum so unterschieden und formelhaft finden lassen; das +Leben gibt Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun, im +Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel viel vom Schöngeist +nachweisen können. Auch ist es möglich, daß in einer einzigen Person die +Elemente von mehreren jener Typen stecken, daß Schöngeist und Psycholog, +oder Dilettant, Tribun und Apostel vereinigt sind. Sogar im +schöpferischen Menschen sind Züge des Literaten vorhanden, vielleicht +hat die moderne Zeit überhaupt keinen schöpferischen Menschen +hervorgebracht, der davon ganz frei wäre. Beim Literaten werden aber die +bezeichneten Eigenschaften von einem jener Repräsentanten immer in +bestimmter und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und die +Besonderheit und das wechselnde Ausmaß der Mischung sind dazu angetan, +ihm in seiner menschlichen und künstlerischen Wirkung das Interessante, +reizvoll Problematische und Unergründliche zu verleihen. + + + + +Der Literat als Dilettant + + +Eine Kunst aus Liebe zur Sache üben, das macht den Dilettanten in der +edlen Bedeutung des Wortes. Der Dilettant und der Künstler unterscheiden +sich vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden Zustandes, +welcher den Künstler im Bereich seiner Kunst gefesselt hält, während der +Dilettant frei bleibt. Der Künstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht, +das Vermögen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser Welt zu +identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim Dilettanten ist es +umgekehrt. Der Dilettant identifiziert sich wirklich mit den Dingen +dieser Welt, indes sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich +daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert, begriffen, +gedeutet werden soll, sondern gegen die Kunst, deren er sich bemächtigen +will. Der Künstler hat die Kunst innen und möchte sich gleichsam ihrer +entledigen im Austausch gegen Göttliches und gegen ein Stück Welt; der +Dilettant hat sie draußen und wünscht sie zu gewinnen, indem er Welt und +Gott in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie zu bringen +sucht. + +Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch Gott noch Kunst in +sich selbst. Ihm ist nicht nur die Kunst ein Äußeres, zu Erraffendes, +sondern auch Welt und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich +ist er ermüdet von Erlebnissen. Er ist nicht von stark organisierter +Seele, sonst würden geringe Kämpfe nicht imstande sein, ihn zu ermüden. +Er hat einer Schlacht beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den +Kanonendonner gehört und zugesehen, wie man Verwundete und Tote +vorübertrug. Das hat genügt, ihn mit Abscheu gegen den Krieg zu +erfüllen, ja, er ist der gründlichste Hasser alles Kriegswesens +geworden, ein Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit seines +Geistes zwingt, seine Schwäche wie eine Stärke zu behandeln. + +Schon daraus läßt sich schließen, daß er nicht aus innerer Notwendigkeit +am Kampf teilgenommen hat, sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust +am Soldatenleben oder aus Begierde nach Auszeichnung. Man hat ihn +einfach wie so viele andere Rekruten dazu ausgehoben, und er war von +vornherein ein skeptischer Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu +denken ist. Da man etwas treiben muß in der Welt, ist er Soldat +geworden; nimmt er den Abschied, so ist er, mit Ausnahme des gewonnenen +Ekels und Abscheus, wieder so leer wie er vorher war, und er weiß nicht +recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer, sondern auch +unentschieden auf den Plan, und weil ihn kein Muß befehligt, ist er +nicht hungrig. Nur Leute, die unter einem tyrannischen Muß knirschen, +sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt. + +Er merkt es wohl, daß Hunger dazu gehört, um sich zu entscheiden: +Hunger, Spannung, Sehnsucht, eine ideelle Begierde. Die Welt, die +Menschen, die Erscheinungen des Lebens erregen seine Teilnahme kaum oder +nur insoweit, als seine Person dadurch berührt wird. Auf einmal richtet +sich seine Begierde, seine ganze Spannung und Sehnsucht gegen die eigene +Person. Er entscheidet sich ganz und gar für seine eigene Person, deren +er sich bisher, in den hintersten Reihen der Kämpfenden, nur dumpf +bewußt geworden war. Seine eigene Person enthüllt sich ihm plötzlich als +ein Gegenstand von ungeahnter Wichtigkeit, als ein unentdeckter Bezirk, +von dessen Schönheit und Vorzügen die übrigen Menschen zu unterrichten +jetzt sein gebieterischster Trieb ist. Alles was er tut, denkt und +empfindet, erscheint ihm erstaunlich, besonders und in hohem Grade +mitteilenswert. Je unbeachteter und dunkler sein Dasein bis nun gewesen, +je mehr drängt es ihn, sich in einen Mittelpunkt zu stellen. Wie aber +fängt er dieses an? + +Er geht mit instinktiver Pfiffigkeit ans Werk. Er schmückt sich; und +zwar schmückt er sich mit seinen Leiden, mit seinen Erfahrungen, mit +einer in auffallender Weise zugespitzten, verschärften und +nachdrücklichen Meinung über Menschen und Schicksale. Damit reizt er die +Neugierde, und sein Instinkt hat ihn trefflich geführt, denn Neugierde, +in einem gemeinen wie in einem höheren Sinn, ist der hervorstechendste +Zug der Gesellschaft, aus der er kommt und deren Mittelpunkt er sein +möchte, deren Mittelpunkt der schöpferische Mensch wirklich ist. Auch +der schöpferische Mensch übertreibt das Bild der Welt, aber dadurch, +indem er es vergrößert, dadurch allein schon, indem er die eigene Person +aus seinem Werk ausschaltet und an dessen Stelle etwas setzt, was ich +fiktive Persönlichkeit nenne. Dem schöpferischen Menschen ist seine +Person nur ein Vorwand, ein Ausgangspunkt, der Literat als Dilettant +sieht in ihr die Essenz und das Ziel. Der schöpferische Mensch ist +einsam, von Natur und durch Bestimmung; dennoch lebt er unter den +Menschen, weil die Menschheit ihm ein unentbehrliches Element ist, durch +welches er leidet, weil er geboren ist, um zu leiden, weil das Leiden +derjenige Seelenzustand ist, der ihn befähigt zu schaffen. Der Literat +als Dilettant ist niemals einsam; je weniger, je mehr er bei sich und in +sich selber steckt. Er stellt sich abseits, um in der künstlichen +Einsamkeit einen Ersatz für die natürliche des schöpferischen Menschen +zu gewinnen; er schmückt sich mit Einsamkeit, und auch dies ist ein +Mittel, um Neugierde zu erwecken. Die Menschen sind ihm entbehrlich, +obgleich er sie sucht; er ist der Menschen überdrüssig und satt, nur +seiner eigenen Person wird er niemals satt, sie erscheint ihm stets +interessant, begehrenswert, wichtig und ausgezeichnet. Nicht durch die +Menschen leidet er, sondern durch sich selbst, und je nach Rang und Art +seines Geistes und Charakters in allen Graden und Möglichkeiten; +angefangen von unerfüllten Ansprüchen niedriger Sorte bis zum Durst nach +Stillung eines bedeutenden Ehrgeizes. + +Dieser Ehrgeiz ist sorgfältig zu trennen von dem, was die Griechen +Ruhmsucht genannt haben, als welche ein übersinnliches Verlangen und in +ihren Wurzeln mit dem Unsterblichkeitsgedanken identisch ist. Der +Ehrgeiz hat nichts mit Anonymität zu tun, der Ehrgeizige gibt sich nicht +grenzenlos und unbedingt hin wie der Ruhmsüchtige, er löst sich nicht +auf in der Idee; er leitet seine Sache, er steht vor seinem Werk, er ist +immer der Herr, immer sichtbar, und sein Name umflammt seine Tat wie ein +Programm. Die antik-heroische Eigenschaft der Ruhmsucht ist den modernen +Zeiten und Menschen fast abhanden gekommen. Vielleicht ist darum unsere +Kultur, oder was wir mit diesem Namen bezeichnen, so zerstückt, brüchig +und disharmonisch, weil sie völlig auf einzelnen, auf »namhaften« +Trägern ruht. Jede wahre Kultur setzt Anonymität voraus. + +Der Literat als Dilettant verabscheut die Anonymität, denn tritt er ohne +seinen Namen auf, so ist es, als wenn ein General ohne Uniform zu Hof +ginge. Durch seinen Willen getragen, von seinen Zwecken befehligt, +abhängig von der Gunst der Menschen und der Umstände und somit von dem, +was die Gesellschaft den Erfolg nennt, kann er in keinem Fall auf äußere +Bestätigungen verzichten, und die edle Selbstvergessenheit des +lediglich von der Sache erfüllten schöpferischen Menschen ist ihm fremd +bis zum Unbegreiflichen. + +Doch sehen wir von jener höchsten Selbstvergessenheit vorläufig ab, die +nur eine ideale Annahme sein mag. Der Ehrgeiz des Künstlers würde auch +dann in Kraft treten, wenn dieser Künstler auf einer einsamen Insel +lebte, denn sein Ehrgeiz ist der Ruhmbegierde insofern verwandt, als er +von dem Bestreben, das Werk zu möglichster Vollkommenheit zu führen, +nicht zu trennen ist. Der Literat als Dilettant hingegen ist besessen +von der Sucht nach der Prämie. Eines seiner untrüglichsten Kennzeichen +ist, daß er der Selbstkritik ermangelt. Selbstkritik ist das Vermögen zu +vergleichen. Der Literat als Dilettant kann sich nur mit sich +vergleichen, aus diesem Grunde erscheint er sich bald überklein, bald +übergroß, da sein einziger Spiegel nur das eigene, beständig +schwankende, beständig wechselnde, niemals ruhende, losgelöste und +isolierte Ich ist. Er kann seine Arbeit nicht allgemein an Arbeit und +Leistung messen; nur an sich selber kann er sie messen, an den +verbrachten Stunden, gefühlten Anstrengungen; seine Intensität zu sein +und zu schaffen dünkt ihm die stärkste überhaupt erreichbare, und ein +solches Bewußtsein genügt ihm, um alle Erinnerungen an Qualität +auszulöschen oder zu trüben. Im Grunde seiner Seele hält er die höhere +Geltung, welche die Meisterwerke genießen, für einen Zufall, wenn nicht +für Schlimmeres; auch jedes Gelingen hält er für einen Zufall, da ihm +entweder das Talent zu inspirieren oder das Talent zu administrieren im +Gegensatz zum elementaren Künstler fehlt. Wer ohne Selbstkritik ist, hat +zu keinem Ding eine wahrhafte Distanz; so betrachtet er alle Künstler +als seine Kollegen, und das unterscheidende Merkmal zwischen ihm und +ihnen besteht nur in der Tatsache der größeren oder geringeren Prämie. +Wohl vermag er zu bewundern, aber seine Bewunderung ist von persönlichen +Vorbehalten niemals frei; er gibt sich nicht hin, er will insgeheim +profitieren, er will denen, die die höhere Prämie erhalten haben, den +Handgriff absehen, und das scheint ihm ausführbar, weil er die Distanz +nicht kennt. Die Prämie, nach der er strebt, kann er nie erhalten – ein +Kater zeugt nicht Löwen. Er aber, der da wähnt, alles Vierbeinige sei +letztlich von gleichem Rang, dem die Art und die Natur der Löwen völlig +fremd sind, weil er in einem ganz anderen Klima lebt, muß +notwendigerweise zu der Überzeugung gelangen, daß er das Opfer einer +Ungerechtigkeit sei; die Vergeblichkeit seiner Forderungen erfüllt ihn +nach und nach mit Eifersucht und Neid, so daß er alle Menschen gegen +sich verschworen glaubt, vom niedrigsten Skribenten an, um dessen +Ermunterung er buhlt, bis hinauf zu Homer, der eine allzu reichliche +Menge des in der Welt vorhandenen Beifalls verzehrt hat. + +Eifersucht und Neid vermögen am Ende seine Fähigkeiten ungeahnt zu +steigern; fast allein durch Eifersucht und Neid ist er zuweilen +imstande, die Gebärde, die Rhythmik, die Melodik des Künstlers zu +treffen und wenn er sich auch nicht hingeben kann, so verliert er sich +doch manchmal, verliert sich in einer seltsamen Form übertragener +Nachahmung, in welcher die großen Werke wie abgeblaßt und +wiederempfunden, schattenhaft, stimmungshaft ein zweites, unwirkliches +Leben führen. Er übertreibt das schon Vergrößerte, verwickelt das schon +Vereinfachte, und die Welt, die ihr Bild in einer immer auffälligeren +egoistischen Verzerrung erblickt, wendet sich beleidigt und gequält ab, +auch wenn sie dem Urheber vorübergehend gehuldigt hat. + + + + +Der Literat als Psycholog + + +Die Psychologie des schöpferischen Menschen ist, mit einem Gleichnis aus +der Chemie gesprochen, ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die +Psychologie zur Idee, was ungefähr so viel sagen will, als ließe sich +jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen Kompaß besitzt. + +Der Psycholog hält alles für erlaubt, denn er kann alles erklären. Er +hat für jede Tat ein Für und Wider, für keine ein Entweder – Oder. + +Der schöpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, indes der +Psycholog die Menschheit und sich selbst verrät. Dieser Prozeß des +Verrats ist wichtig genug, um näher betrachtet zu werden. + +Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als Psycholog ein +isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich reichere und tiefere Natur. +Er ist auch die kompliziertere Natur, ja, im Gegensatz zum +schöpferischen, der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, daß +seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus einem einheitlichen +Gefühl, nicht aus einem elementaren Sein und Betrachten erwachsen, +sondern daß sie vielfache Wurzeln haben, daß kein reiner einfacher Strom +des Lebens ihn trägt, sondern daß er ein Spiel vieler, verschiedener, +oft einander entgegengesetzter Strömungen ist, wider die er sich zu +behaupten hat, woraus sich ergibt, daß er sich fortwährend im Zustand +der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes befindet. Er ist ein +wirklich Kämpfender, nicht bloß wie der Literat als Dilettant einer der +in den hintersten Reihen zuschaut. + +Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte Menschen; sie +sind unkompliziert geboren. Der schöpferische Mensch ist ebenfalls +unkompliziert, aber dort, wo sich der Ring wieder schließt, auf der +anderen Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene, +derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur durch eigenes +Streben und eigene Bestimmung, sondern auch durch unbewußte Mitwirkung +der Geschlechter, die ihn hervorgebracht haben und deren Aufgabe es war, +ihn hervorzubringen. Der Psycholog hat nun gleichsam diese Kette stummer +Vorbereitung selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelöst und tritt +mit dem ganzen Willen der »Kette«, mit Belastungen von rückwärts und +vorwärts, mit unerledigten Verantwortungen, eigentlich als ein +Deserteur, allein auf den Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige +Erlebnisse voraus, innerhalb des eigenen Gemüts wie gegen den Kreis der +Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich zu verantworten, ununterbrochen +sich zu verantworten, gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich +selbst. Der schöpferische Mensch hat nicht nötig, sich zu verantworten, +er ist eben da, er empfindet sich als notwendig und gesetzmäßig, seine +ganze Existenz heißt: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine +innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern aber ist immer +zumute, als ob er verneint würde, er fühlt sich als zufällig, er spürt +keine Sicherheit, in ihm selbst steckt eine glühende Verneinung, und +deshalb ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, Schatten- und +Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, und es gelingen ihm bisweilen +Werke dämonischer Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was +er zutage fördert, trägt den Fluch einer geheimen Lüge. + +So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag er nur eine +Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr als den Teil, er lebt nicht mehr +als den Teil, das ist sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des +Menschen und im Wesen der Kunst begründet, daß sein Werk ein Ganzes, ein +Gebilde von allgemeiner Gültigkeit und Glaubhaftigkeit vorzustellen +strebt. Da klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, desto +enger und bedingter, desto mehr persönlich gebunden stellt sich sein +Geschaffenes dar; je weniger er sich bescheidet, desto auffälliger und +schmerzlicher tritt die Kluft zwischen dem Persönlichen und dem +objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, keinen Ausgleich. Je +stärker Talent und Potenz sind, desto mehr verführt ihn die Sprache, das +Erlebnis, die Leidenschaft, die Intensität der Vision, sich auf sich +selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und Gott auszuspielen, +desto mehr verführt er die Menschen, an ihn zu glauben statt an seine +Welt und an Gott. Er ist immer zugleich Verführer und Verführter, +während der schöpferische Mensch Führer ist; er ist stets der Sklave +seiner Eingebungen, Ideen, Worte und Gestalten, indes der schöpferische +Mensch immer Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit, +Freiheit und Gültigkeit verleihen will, desto mehr muß er seine +Fähigkeit überspannen, die Empfänglichkeit seiner Sinne dem +Krampfhaften, also dem der Natur Feindlichen nähern, und niemals das +Göttliche, höchstens das Titanische ist sein Gipfel. + +Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die äußerste Wachsamkeit kaum zu +denken; in der Tat ist der Psycholog das wachsamste Geschöpf der Welt. +Wo der Dichter träumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit hat zur +Folge, daß er über alle Vorgänge seines Innern und zuletzt über die Art +und Wirkung des Zwiespalts, in dem er sich befindet, aufs genaueste +unterrichtet ist. Jener Kampf führt nie zu dauernder Entscheidung; in +jedem Augenblick fällt die Entscheidung anders, und er selbst darf die +Waffen nicht ablegen. Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im +Zustand der Unruhe und der Bewegung alles von sich selbst zu wissen; +sich von sich selbst loslösen wollen und doch einsehen müssen, daß man +unlösbar mit und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen +rechtfertigen zu müssen, gegen das Werk, gegen die Menschheit, gegen +Gott und gegen die eigene Seele; in einem derartigen Zustand ist das +dringendste Verlangen das nach einem Heilmittel oder einem +Betäubungsmittel, nach einem Stimulans; dieses Stimulans ist eben die +Psychologie. + +Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie kann sich bis zu +halluzinatorischer Kraft steigern. Sie ist beim schöpferischen Menschen +in den Phasen vor der Entscheidung, beim Literaten ist sie die +Entscheidung selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung bringt +eine Wandlung hervor, jedoch diese Fülle von Wandlungen führt keineswegs +zu einer Verwandlung; die Mittel sind auf dem Wege verausgabt worden, so +daß es ein Ziel darüber hinaus nicht mehr gibt. Der Literat hat den Weg, +der schöpferische Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, – auf +dem Weg, und das beständig; der schöpferische Mensch verwandelt sich, – +am Ziel. Ein Mann, der nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus +dem diesseitigen die ganze Summe von Genüssen hervorpressen, die nach +seiner Ansicht darin enthalten sind. Dermaßen ist das Verhältnis des +Literaten zur Psychologie beschaffen, und so kommt es auch, daß die +Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an Gott ist. + +Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets bemerken, daß das +schlechthin, das Nur-Psychologische immer den Verrat in sich birgt. Es +mag so erstaunlich wie möglich beobachtet sein, nie wird man es ohne die +Überwindung einer geheimen und tiefen Scham hinnehmen, als ob sich ein +Mensch vor uns entblößte. Der Psycholog verrät die Welt, indem er sich +selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen verrät. Dies ist ihm +die Brücke zur Welt, denn eine andere hat er nicht in seiner Isolierung. +Der Psycholog kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine Ekstase. +Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er in seiner Seele gemacht hat, +er reißt dich in seine Abgründe, begräbt dich in seinen Finsternissen, +schleift dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am Ausgang und +am Eingang steht er, nur er, Pförtner und Totengräber. Der +schöpferische, der handelnde Mensch übernimmt die Leiden der Welt und +reinigt die Menschheit davon, der Psycholog gießt seine Leiden über die +Welt, und die Psychologie ist ihm der Schlüssel zur Welt, das Mittel, um +dir zu sagen: Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses »du +bist wie ich«, mit Hilfe der Psychologie, des fortwährenden Belauerns +konstatiert, bringt etwas wie eine künstliche Sozialität bei ihm hervor, +indes ihm die natürliche von Anfang an fehlt. Wo er haßt, ist sein +Verrat ohne Hemmung, gewissermaßen sachlich; wo er liebt, glaubt er sich +zu opfern durch den Verrat, und er muß verraten, weil die einzige Form +seiner Produktivität darin besteht, das Ganze der Welt in Stücke zu +reißen und in dem Schmerz über die Zerstörung und Zertrümmerung die +Unvollkommenheit der Dinge zu gestalten. Während der schöpferische +Mensch in einem göttlichen Sinne grausam ist, ist der Psycholog in einem +menschlichen Sinne grausam, da er durch ein tragisch widerspruchsvolles +Gesetz trotz seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt bleibt +und sich so wenig wie von sich selbst richtend von ihr lösen kann. Er +richtet nicht, er klagt an; es geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch +nie um Gerechtigkeit. + +Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebärden mag, ist sie +der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur, +der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion. Sie +ist immer ein irdisch Erfülltes, rationalistisch Fertiges; sie ist das +Wörtliche, nicht das Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische, +der Weg und nicht das Ziel. + +Nun entsteht die Frage: Wie verhält sich die Welt, die Gesellschaft +hiezu, wie nehmen die Verratenen den Verrat auf? Sie werden ja beständig +in Anklagezustand versetzt, beständig ihrer Geheimnisse beraubt, +beständig in ihrer Scham beleidigt, wie können sie das ertragen? + +Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des Kniffs, daß er alles +Einzelne, Vereinzelte und Sonderliche zum Typus verdichtet (während der +schöpferische Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). Dadurch wird +allem Widerspruch die Spitze gebrochen, und es entsteht ein Werk von +großer Leidenschaftlichkeit, gegründeter Bewegtheit und seelischer +Durchführung, ein Werk von je stärkerer persönlicher Einheit zumeist, je +geringer eben die Objektivierung der Welt darinnen ist. Obwohl jene +Eigenschaften nur mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst +zur Erscheinung gelangen können, nenne ich doch das Verfahren des +Psychologen – in höherem Betracht – einen Kniff, denn er deckt sich +damit nach zwei Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er +einen Zerrspiegel vorhält und sie dabei durch seine Leidenschaft, sein +Gefühl, seine Kunst, seine Persönlichkeit verhindert, die Willkür in den +Zerrbildern zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, wenn +man will, gegen das schöpferische Prinzip, indem er sich als einen +leidenden, leidenschaftlich ergriffenen Menschen preisgibt, aufgibt und +zugleich darauf pocht, daß er in unabhängigen Gestaltungen zur +Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt. + +Ich spreche selbstverständlich nicht von der Psychologie als +Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und hat mit der Psychologie in +der Kunst wenig oder nichts gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine +analytische Methode, sondern eine Empirie höherer Ordnung, nicht mehr +eine Disziplin, die von Realitäten ausgeht, sondern eine Realität an +sich. Sie verpflichtet und verbindet das künstlerische Gebilde der Erde, +verleiht der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem schon +Zusammengefaßten, Verdichteten sein unverrückbares Gesetz, seelische +Anwendung, wechselvolles Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die +Erfahrung beruft. Der Literat als Psycholog will aber durch die +Psychologie die Vision, das Gleichnis, das Verdichtete, das Gedicht erst +erzeugen. Ihm ist der Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger +als die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt ist, erlahmt er +in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit vermag er zu erschöpfen, er weiß +sie immer neu, anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie +ist ja sein Persönliches, sein Erbe, während die Idee das Göttliche +vorstellt, von dem er abgeschnitten ist. + +Durch das außerordentliche, zauberhafte, verführerische Talent, die in +sich selbst beschlossene Realität zu gestalten, wird nun die Menschheit, +die Gesellschaft oder das, was man Publikum nennt, über den begangenen +Verrat hinweggetäuscht. Und zwar nicht erst seit gestern. + +Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die geistige und +sittliche Individualisierung der Menschheit begonnen. Der christliche +Kerngedanke ist eigentlich die vollständige und freiwillige +Selbstisolierung des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale +Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heißt: allein dastehen +gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlöst, wird die Menschheit erlöst. +Es konnte bei der Sublimität einer derart aufs äußerste getriebenen Idee +nicht ausbleiben, daß sie, um eine Wirkung zu üben, mißverstanden werden +mußte und das Christsein schließlich nur hieß: erlöst werden durch das +Leiden eines andern, dessen nämlich, der seiner Lehre das +welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das Christentum nach der +sozialen Seite hin nutzbar gemacht. + +Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstörende Idee ist die +der Kunst entgegengesetzte Idee schlechthin. Der christliche Mythos +konnte der Kunst nur dort Nahrung zuführen, wo entweder gläubige Gemüter +den gläubig Schaffenden umgaben, oder wo sein menschlicher Gehalt die +Strenge der Überlieferung sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der +Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, im ganzen +Marienkult, antikisierend und dem Erlösergedanken fremd waren. Es konnte +also nur das leidende, inbrünstige, ekstatische, lebenverzichtende +Gefühl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive Frömmigkeit +erforderlich war, oder es mußten übernommene Vorstellungskomplexe eine +immer wiederholte Darstellung finden, deren persönliche Beseelung aber +unmöglich wurde, als die Tradition ermattet und die Zahl ihrer Motive +verbraucht war. Die bildende Kunst und die Musik, deren Gehalt +ausschließlich in der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in +Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn auch meist nur +scheinbaren Zusammenhang mit dem Christentum am längsten bewahren; die +Literatur hingegen, Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch das Wesen +der Sprache und des Wortes auf eine stärkere geistige Existenz gestellt. +Dies bedingt einerseits eine größere Kälte, größere Ferne und geringere +Unmittelbarkeit der Gefühlswerte, andererseits wird aber dadurch jede +Verschleierung und Verdunkelung der Idee erschwert, da die Auflösung der +unerläßlichen Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur Wirkungslosigkeit +führen würde. + +Der Dichter mußte sich also um so eher und nachhaltiger vom Religiösen +befreien, je mehr dies Religiöse seines national-mythischen Gehalts +entkleidet und, was dem Geist des Christentums widerspricht, zu einer +staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. Das christliche Gebot der +Absonderung, der leben-, form- und freudezerstörenden Individualisierung +zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer Individualisierung +auf geistigem Weg, vor allem zu einer losgelösten, vom Volk +abgesonderten Existenz. Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus +dem Volk ihm zuströmenden, im seelischen Leben des Volks gewachsenen +Mythos beraubt, und dies bedeutet: daß er seinen Mythos selbst +erschaffen mußte, aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter +befanden sich im Kreise des religiösen Mythos ihres Volkes, der stets +identisch war mit dem nationalen Mythos. Das Christentum zerbrach diese +Einheit nicht nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles +Schöpferische verneinender Mythos entzog den Dichtern auch die +wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die wunderbar tiefe +Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, die jene Genien besaßen, die von +einem ununterbrochenen Strom mythisch vorhandener Gestalten schon +getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. Wie wäre denn sonst das +christliche Mittelalter, insonderheit das deutsche, so arm an großen +Dichterpersönlichkeiten? Die wenigen von Rang führten nur ein privates +Dasein, waren einsam, waren geduldet, oder auch wohlgelitten, »Sänger«, +Kostgänger, Mitläufer, nicht Führer, nicht Propheten. + +Der Dichter mußte seinen Mythos selbst erschaffen. Dabei ist es +geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, der Staaten, der Völker, +der geistigen und sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die +fortschreitende Dezentralisation und die beständige Verschiebung der +Kasten und Klassen beständig wachsende Fülle von Schicksalsmöglichkeiten, +alle diese Umstände haben die Tendenz zur Vereinzelung verstärkt. Kaum +daß noch Familien ein natürliches, auf dem Herkommen beruhendes Ganzes +bilden; die Gemeinde, die Polis, der Staat, die Nation sind schon +künstliche und zufällige Zusammensetzungen. Das seelische Erwachen von +Millionen Einzelnen bietet freilich ein großes Schauspiel; es ist nur +die Frage, ob es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht eben +ins Grenzenlose und Verhängnisvolle gesteigert wird. + +Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte Grundlage des +nationalen Mythos fehlt, muß er ihn aus seinem Innern ersetzen. An die +Stelle der lebendigen Überlieferung tritt diejenige des Schrifttums, und +statt der natürlichen Sprache, die der Mythos hat und in der er zu allen +spricht, ergibt sich der Stil. Sein Gedachtes, sein Geschautes, sein +Geträumtes, sein Werden, sein persönliches Erleben, seine Anschauung der +Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein Verhältnis zur Natur, dies +alles verdichtet, vereinfacht, verbildlicht und zur Schönheit +verwandelt, wird nun für den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn +er zugleich Künstler ist, wenn er alle Lebenselemente zu Kunstelementen +umgeschmolzen und das Persönliche in ein Göttliches verwandelt hat. + +Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen Ernst voraus, +eine Kraft zur Entsagung und einen Willen zur Einsamkeit und +Selbstvertiefung, die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe +machen müssen, damit er Herr des Werkes werde, sondern es fordert auch +bei den Empfangenden eine Eigenschaft, die fast Kongenialität zu nennen +ist und die sich natürlich nur bei erwählten Geistern findet, zunächst +wenigstens; später greift dann die Tradition von Bildung, Stil und +Kultur ein, dieselbe Tradition, deren sich der Nachfahr bedienen und die +er zugleich bekämpfen muß, um sich selbst zu finden. So vollzieht sich +nie ein harmonisches Kräftespiel; alles ist Kampf und Absonderung, und +das Mißverständnis zeugt, nicht das Einverständnis. + +In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das +Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und großartiger ist, je größer +eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es +gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch glühendes Welt-Erraffen, +selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persönliches gleichsam +auszutilgen und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. Dies ist dem +Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schöpft er ebenfalls +alle Nahrung aus sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt +tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt, +bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das +andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, und +er ist fern von den Menschen – wie der schöpferische Mensch, und fern +von Gott – wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das +Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die +ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, des vereinfachten +Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende, +Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von +ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine +Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes +Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, zu verraten. +Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an +Spiegelbildern, an Enthüllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstörten +Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein +Gleichnis für Göttliches nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine +Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht +sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie wach, seine Bewegtheit zerstreut +sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie, +seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein +Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres, +Glaubhafteres und Reizenderes als beim schöpferischen Menschen, wo sie +ein Gleichnis für das Göttliche finden, die Synthese. + +Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das Volk für sich hat, +die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der +Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die +an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein +Publikum? Es sind die »Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten, +eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, die Wahllosen, +Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und völlig Gottlosen. Darin beruht der +tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall +und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die +Gottlosen für sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er gottlos +ist? + +Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glück des Darüberstehens ist, +mag er auf den blicken, der geradeswegs für das »Publikum« erschaffen +wurde und der nicht mehr daran leidet, daß er gottlos ist. + +Das ist: + + + + +Der Literat als Tribun + + +Er stammt zumeist aus kleinen Verhältnissen und kennt die Not, die +leibliche wie die geistige. Zwei Dinge haben ihn emporgehoben: sein +Ehrgeiz und das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur äußerlich, er zielte +auf die Verbesserung der sozialen Stellung, wurde aber später durch +geistige Zuströme sowohl veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn +der Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenuß zerstört. +So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem +Wanderer. + +Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist nicht beschwingen, aber +sie gibt ihm die vehemente Stoßkraft des von eingepreßtem Dampf +getriebenen Hebels. + +Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tatsächlichen; er ist +Erklärer und Propagandist; Bannerträger alles Neuen; Beobachter, der +unfehlbare Schlüsse zieht; Alchimist der Überraschungen und Moralist der +Nutzanwendung; Übertreiber des Absurden, Verzerrer des Trivialen, +Widersacher des Selbstverständlichen; Leugner des Seltenen, wo Seltenes +anerkannt, und Verkündiger des Genius bis zu der Stunde, wo der Genius +sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der Anpassung, der Aufwiegler +der Stumpfen, die Polizei der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist +vieles in vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick +angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden zu denken, ohne +den gegenwärtigen halten zu können, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist +wie der Kapitän eines Passagierdampfers; bei jeder Fahrt sind andere +Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte, nie vorbereitete, nie solche, +die sich seiner Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er muß alle +Voraussetzungen seines Tuns und seiner Kräfte jedesmal von neuem +exponieren. Der Wechsel der Passagiere vollzieht sich unter beständigem +Bruch geschaffener Bündnisse und Übereinkünfte, beständiger Veränderung +der Formen und Normen. + +Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert man sich wohl. Im +Grund ist es der Name, der Gewicht und Klang hat, der eine Luft des +Schreckens, des Befehls, der Autorität, der Leidenschaft um sich trägt. +Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die Person schreitet über die +Leistung hinweg. + +Wer ist unglücklicher als er? Vertrauen erzwingen, Anerkennung, +Billigung und Freundschaft mit Aufwand aller Mittel des Geistes erobern, +um alles wieder zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie am +Anfang muß er seine Person einsetzen und bloßstellen, immer mit dem +ganzen Elan oder, was nicht minder aufreibend ist, mit der Gebärde des +ganzen Elans. Hätte er nicht die Gebärde, so würde er ausgeplündert, +ausgeschlürft und ausgeleert, da die Vielfältigkeit der Aufgaben, die +ihm gestellt werden, und die Zerstreutheit der Interessen, die zu +sammeln, zu befriedigen, zu beschäftigen seine wichtigste Mission ist, +ihn nötigen, alles was er empfängt, sogleich wieder zu veräußern. Der +schöpferische Mensch verarmt nicht, ihn nähren tiefe Wurzeln; seine +wirkliche Persönlichkeit wird genährt von seiner mythisch-fiktiven. Auch +seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die Gestalt, die ihm +verbunden ist, auch wenn kein Ohr ihn hörte, kein Auge ihn sähe. Die +Realität ist nur ein Gleichnis für ihn; er schafft ja die Welt zum +zweitenmal. + +Demgegenüber ist der Literat als Tribun der einsamste von allen +Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz gelöst von der Welt. Was ihn +schützt und tröstet, ihn unermüdlich, gewissermaßen verblendet macht, +was seinen Ehrgeiz in Glut erhält, ist das Wort. Er hat eine angeborene +Liebe zum Wort, und es wäre verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht +für einen Dichter hielte. Das Wort ist sein Gefährte, er geht mit ihm um +wie mit einem Freund, er tändelt mit ihm wie mit einem Kind, er betreut +es wie eine Geliebte und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste +durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er durch das Wort tapfer, +ja tollkühn; hinter dem Wort verschanzt er sich, verbirgt er seine +Armut, seine Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort gibt +ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert und verdeckt seine +Irrtümer und verleiht ihm genau die Gestalt, die er vorzustellen +wünscht. So wird er undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das +Wort ein Panzer wäre; unsichtbar und unauffindbar hinter dem Wort, ein +wunderliches Widerspiel zum schöpferischen Menschen, der unsichtbar ist +hinter der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt, nur +Handlungen, Bewegungen (des Körpers oder der Seele). Dann sind Worte von +ganz anderem Valeur, ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht +Gesagtes. Das Wort als solches verhüllt die Gestalt und macht sie +unsichtbar. + +In einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der ungeheuren Fülle der Dinge, +der Gesichte, der Vorgänge, der Meinungen, des Wissenswürdigen, des +Neuen, des schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergrößerung +geistigen Bestandes bei erschreckender Haltlosigkeit des Besitzes ist +der Literat als Tribun unentbehrlich. Er ist es, der wägt, der urteilt, +der vermittelt, der die Großmünze der geistigen Regierungen in die +Kleinmünze des Verkehrs umsetzt, der Bildung verbreitet, Kenntnisse +weckt, Einsichten fördert und in allen Angelegenheiten des öffentlichen +Lebens höchste und letzte Instanz ist. + +Das wäre nun eine sehr segensreiche Tätigkeit mit heilsamen Wirkungen, +müßte man glauben. Man müßte glauben, daß eine so stetige und heftige +Teilnahme am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur, an seelischem +Wachstum und geistigem Fortschritt ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn +und ohne wahre Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir näher zu. + +Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn, auch nur der +allergeringste Lohn in Aussicht steht? Kann von Selbstlosigkeit die Rede +sein, wo eine Handlung dazu dient, den Glanz eines Namens zu erhöhen? Es +mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache führen, und er besitzt doch +nicht die wahre Sachlichkeit, sobald es unter dem Schutz seiner Person +und unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn und +Selbstlosigkeit, das wäre Auflösung der Anonymität, – rein betrachtet, +meine ich, denn ich will ja keine Kompromisse mit den Begriffen und mit +den Erscheinungen schließen. Daß die Anonymität des Tribuns ja zuweilen +sogar seiner Ehre schaden kann und muß, gehört auf ein anderes Feld; es +ist dies ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur, nicht _das_ +anklagt, was ich unter Anonymität verstehe. + +Was aber verlangst du? hält man mir dawider. Ist der Opfersinn, die +Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit unzureichend, die der Literat als +Tribun in seinem edelsten Typus darstellt, was wäre dann zureichend? Was +geschähe ohne ihn? Wer würde seine Arbeit verrichten, die, wie gesagt, +unentbehrlich ist, schon weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten +Neigungen entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Auflösung und der +Anonymität fähig sind? Die wirken durch die Tat, durch die Gestalt, +nicht durch das Wort. Ist jedoch der schöpferische Mensch anonym? Er +erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den Mythos, in dem er +entschwindet wie Zeus in der Wolke. Wo läge aber der Mythos für den +Literaten als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort ist das dem +Mythos schlankweg Entgegengesetzte. + +Dafür wäre also abermals die Zeit zu beschuldigen, die eine Kultur +geschaffen hat aus einer Summe von Einzelkulturen, die auf den +Individualismus schwört und in ihren subtilsten Regungen, in ihren +ahnungsvollsten Stunden noch, sie weiß kaum wie sehr, der Materie +huldigt. Die Person, das ist eben die Materie in nuce. Man fragt, was +ohne die segensreiche Tätigkeit geschehen würde, die der Literat als +Tribun entfaltet. Die Wege der Bildung würden veröden; gewiß. Aber ist +es nicht schon genug der Bildung, die nur auf eine Vervollkommnung des +Persönlichen, persönlicher Macht, persönlicher Ausdrucksmöglichkeit, +persönlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn einmal ruhen, +um eine wohltuende Geistesdämmerung eintreten zu lassen, in der die +Seelen einander finden würden, der Streit der Meinungen, die Schlacht +der Worte zum Austrag gelangen könnte? Ich behaupte nicht, daß diese +Bildung nur ein Äußeres sei, sie kann auch ein Inneres sein, Kräftigerin +des Gemüts, Reinigerin des Herzens; aber ein Religiöses ist sie nicht, +niemals wird sie den Menschen zum Mythos führen, ihm die große Fülle, +die große Stille, die große Bescheidung, den großen Zusammenhang +schenken und sein Herz der Trägheit entledigen, die eine Folge der +individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn verpersönlichen, zum +Knecht des Wortes machen, zum Wörtlichen, zum Einzelnen. + +Dafür eben ist _das Wort_ ein Merkmal, das Merkmal geradezu. Es hat alle +Gebiete des Denkens und des Gefühls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt +erobert. Es ist der nützliche Kolonisator jeder Wildnis und der +voreilige Zerstörer des Geheimnisvollen. Es hat nur kurzen Atem, eine +flüchtige Existenz, aber es hat die Kraft, sich immer wieder aus sich +selbst zu erneuen. Was es berührt, bezeichnet hat, tritt unveräußerlich +in den Bezirk des Gewußten und Bewußten, in den Bannkreis der Meinungen +und Urteile, wird studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie +Raritäten in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung, wo sie +aufhören, ein freies, organisches und anonymes Dasein zu führen. Was +gestern noch Ahnung war, heute ist es Gewißheit, morgen ist es ein +Schall. Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet die Kürze +des Wegs vom Glauben zur Entgötterung, von der Gebundenheit zur +Anarchie. In der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von Glauben und +Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist Angst, Fatalismus; es ist nicht +Gesetz, es ist Trägheit, Rationalismus – Schranken vor dem Chaos. + +Will der Literat als Tribun über das Wort hinaus, so gelangt er in die +Sphäre des Dilettanten oder in die des Psychologen, wobei er Schatten +beschwört, die er für Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs +ist er unnachahmlich und wird seine Gaben zur Vollendung entwickeln. Da +er in der Luft der Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die über den +Dingen schweben, über den Menschen, über der Kunst und über der Natur. +Er vermag sie so zu binden, so zu schleifen, daß sie unter allen +Umständen seinen Charakter und die Farbe seiner Persönlichkeit annehmen. +Dies ist noch nicht Stil; zum Stil gehört Distanz und Ruhe, Bild und +Rhythmus; es ist das Wort in seiner Sinnlichkeit und Nähe, seiner +Einschichtigkeit und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende, werbende +und symbollose. Damit es an seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies +enthüllt sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten als +Tribun. Die Rede fordert Hörende, nicht Neugierige, Wißbegierige, nicht +Gelangweilte, die flüchtig aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag +sich wendet, deren Teilnahme für Gelesenes nur eine Maske der Müdigkeit +und der Überfütterung, deren Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch +von einer Verpflichtung loskaufen, nur eine künstliche Form von +Gleichgültigkeit oder sagen wir Objektivität ist; sondern die Rede +fordert eine von gemeinsamem Band vitaler Interessen umschlungene +Gemeinde. Der Literat als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen +zwei Stühlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage, eine +einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene Wort hat ganz +andere Resonnanzen und Ansprüche; an die Stelle des Willens zur Tat +tritt der Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden, ohne zu +spüren oder zuzugeben, daß dies nur ein Surrogat ist, und über die +Unmöglichkeit einer allgemeinen, politischen, besser: verwandelnden +Wirkung tröstet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen, mit dem +Enthusiasmus der Gleichgültigen, mit der Zustimmung der Fachgenossen und +einem Ruhm, der aus Papier besteht. + +Eine unausbleibliche Folge des Mangels an Hörenden ist die zunehmende +Zahl derer, die selbst etwas sagen wollen. Es beruht dies auf dem +seltsamen Irrtum der menschlichen Natur, daß sie das geben zu müssen +glaubt, was sie nicht empfängt. Die fortschreitende Individualisierung +wirkt auf den einzelnen verlockend, ein Phantom der Freiheit äfft ihn, +und er tritt selbsttätig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt ist, was +durch die stumme Arbeit der Geschlechter vollendet werden muß. Jeder +solche einzelne ist ein »Talent«. Das Talent ist ein Losgelöstes, vom +Mythos Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente sind +Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt, Sektierer, nicht +Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt, Unterhaltung, Zerstreuung, +Spannung, Anspannung (der die Abspannung wie eine Rache nachgeht), dafür +machen sie sich bezahlt durch eine geistige Tyrannei und eine +Vorherrschaft ihrer spezifischen Art, welche den innerlich Unsichern, +zufällig Erhobenen nicht verleugnen. Das Talent ist wie der Mond; es +zeigt immer nur eine Seite: die literarische; die menschliche ist +unsichtbar, – eine Entzweiung von verhängnisvoller Beschaffenheit, die +irgendwo und -wann zum Bankerott führen muß. + +Wie oft sehen wir, daß zugunsten des »Literarischen« das Menschliche +geopfert wird. Wir müssen auf ein Antlitz verzichten, um uns an +Verkleidungen zu ergötzen. Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt es +Fälle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erfüllt ist, daß er sich +gedrängt fühlt, es darzustellen. Es handelnd auszulösen, ist ihm aus +vielen Gründen versagt, unter welchen der Mangel eines echten +gesellschaftlichen Zusammenschlusses am schwersten wiegt; er greift zur +schriftlichen Mitteilung – als Beichte; zur übertragenen Form des +gestalteten Bildes – als Spiegelung. Mag es Klarheit für ihn, +Aufklärung, Bereicherung für die Freunde, für Gleichfühlende bringen, +Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und entlastet ihn. Anstatt es +aber dabei zu lassen, das Ungewöhnliche, Seltene, jedenfalls Einmalige +als solches zu bekräftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zerstört, +anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben, und was zuerst +Berufung war, wird Handwerk, dann Routine, dann ekler Absud und +Selbstplagiat. Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es wird immer +weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt, eine Tat wird verleugnet, +Freunde werden zu Kostgängern, ehedem Ergriffene zu höflichen Jasagern, +die Seele verarmt in der Gebärde, der Geist stellt sich im Wort bloß, +Erlebnis wird sogleich als Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum +lähmt das Erlebnis, dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den +Genießenden die Unschuld und Freudigkeit getrübt, und es entsteht – +Literatur. + +Das Notwendige sinngemäß vollbringen, kennzeichnet den Menschen von +Berufung. Infolge jener Entzweiung wird entweder das Notwendige nicht +sinngemäß, d. h. stilgemäß, angeborener Form entsprechend zum Ausdruck +gelangen, wenn das Menschliche prävaliert, oder das Sinngemäße wird +nicht immer das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte sein, wenn +das Literarische prävaliert. Entweder wird also das Literarische als dem +edleren Dilettantismus verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird +nur wie ein zufälliges Anhängsel erscheinen. + +Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist unterworfen. Von +Anbeginn an ist er der geschworene Feind des Dilettanten, da er +sozusagen auf Vorposten steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich +verkettet findet und, der Öffentlichkeit preisgegeben, eine öffentliche +Person ist, von der man bestimmte Leistungen zu erwarten sich mehr +bemüßigt als gezwungen fühlt. Schon die stete Verantwortung nötigt ihn +zur Gebärde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel mehr erst die +Gewohnheit, das Metier. Das Wort umpanzert ihn, kommandiert ihn, und +wollte er sich auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort +gesündigt hat, so fände er die Brücken abgebrochen und den Weg zu weit. +Er muß antworten, beständig antworten, als ob die Welt und das Leben +voll von Fragen wären; sie sind auch voll von Fragen, nur werden sie +nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt und das Leben, und die +Antwort geschieht um der Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort +muß ihm Maske bleiben. _Er darf sich nicht verraten_, niemals und unter +keinen Umständen. Er ist nur treu, solange das Wort ihm treu ist. Er +geht um die Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist ihm nur ein +Wort, und Worte werden vergessen (oder auch behalten), gesehen werden +sie nicht. Er kann nicht träumen, das Wort hängt mit Bleigewicht an den +Flügeln des Traums; er kann nicht genießen, das Wort verpflichtet ihn, +dem Genuß auszuweichen. Er fühlt nicht mit dir, außer mit seinem Ehrgeiz +für deinen Beifall, mit seiner Leistung für deine Schwäche, mit seiner +Virtuosität für deinen Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam +kränklich, sehr argwöhnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen, ohne +Traditionen, Emporkömmling, Autodidakt, überaus einsam und in +unruhvoller, ja atemloser Tätigkeit. + + + + +Der Literat als Schöngeist + + +Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies, so versteht er es +doch, sich die gemeinen Sorgen vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein +bequemer Herr wäre; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er hat nur +einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit, der ihm oft das Leben +so unbequem wie möglich macht. Schon das bloße Nachdenken, geschweige +denn die Beflissenheit, Bedürfnisse und Ansprüche zu befriedigen, die +einem gewöhnlichen Menschen keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, stürzt +ihn in Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt, den eigentlichen +Zwecken zu dienen, ist die Hälfte seiner Seelenkraft schon aufgebraucht. + +Seine Neigungen sind luxuriös in jedem Sinn. Er liebt die Fülle, die +Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt die Dinge dinglich, mit wahrer +Freude am Gegenstand, doch nur seltene und kostbare Dinge, oder solche, +die schon gleichsam eine Metapher bilden oder enthalten. Am Häufigen und +Niedrigen das Charakteristische zu schätzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja +die Möglichkeit, weil er sich zu weit nach der andern Seite entfernt +hat. Da aber das Leben mehr aus Häufigem und Niedrigem besteht als aus +Seltenem und Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens, sondern +ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit, denn er hat keine +Naivität. + +Man muß seine Bildung als profund bezeichnen und seinen Geschmack als +über jeden Zweifel erhaben. Dies läßt auf große Ausdauer schließen, auf +einen sicheren Blick und ein präzis abwägendes Urteil. Eine derartige +Vereinigung von Bildung und Geschmack kann ferner nicht ohne ernsthafte +Selbstzucht erreicht werden; ist sie noch dazu einem Temperament +abgerungen, das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine geistige +Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff Vornehmheit zu tiefer +Bedeutung gelangt. + +Warum ist aber der schöpferische Mensch nicht in derselben Bedeutung +vornehm? Weil er mit dem Niedrigen und Häufigen des Lebens ebenso +verbunden ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil sein Wesen nicht +darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren, sondern sich zu +identifizieren; weil er nicht Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein, +im Innern der Dinge und der Kreaturen Lebender. + +Wenn der schöpferische Mensch in sich selbst sein Werk objektiviert, so +distanziert es der Literat als Schöngeist. Das Mittel zur Distanz +verleiht ihm die Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so +ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und Häufige meidend, +durchaus das Unterscheidende suchend und unterschieden bis zum +Gesuchten. Keine Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Gefühl +besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich, eigenkräftig, sondern +sie werden durch den Stil hervorgebracht, anscheinend geläutert, in +Wirklichkeit getrübt. Denn dieser »Stil« ist nicht von der Hand und vom +Willen gelöst; er zwingt immer zur Aufnahme und Betrachtung eines +persönlichen Elements und verhindert, daß man sich hingibt und daß man +glaubt. Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen läßt, daß er +eine exquisite Rolle spielt, und der Literat als Schöngeist ist ein +solcher Schauspieler, ein Schauspieler, der sich nicht opfern und +vergessen kann, weil er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der +Schauspieler seiner selbst. + +Er kann ohne den Stil nicht denken, nicht träumen, nicht gestalten. +Seine Phantasie ist nicht wortgebunden. Im Wort ist er frei, durch +Bildung und Wissen sowohl wie durch einen imperatorischen Zug seines +Geistes, vermöge dessen er alles Detail der Erscheinung sammelt und +sublimiert. Aber rhythmisch gebunden ist seine Phantasie, in Schwingung, +Ton, Melodik, Absetzung und Steigerung so gebunden, daß die +Beschäftigung damit, die vorbereitende wie die ausführende, die ganze +Atmosphäre des Lebens füllt und das Leben selbst gewissermaßen zu einem +prädestinierten Verlauf zwingt. Das Formhafte wird ein Gesetzmäßiges, +und die Folge davon ist, daß das Ethische ein Zufälliges wird, zumindest +in Abhängigkeit gerät. Äußerlich wie innerlich findet beständig eine +Verdrängung der Hauptwerte, eine Verschiebung des Substantivischen +hinter das Attributivische statt, woraus sich ein ungesundes und +unklares Verhältnis zwischen der Anschauung und dem Bild, der sinnlichen +Wahrheit und der Metapher ergibt. Bild und Gleichnis werden isolierte +Faktoren, die sich eigenwillig aufdrängen; der Weg von der Anschauung +zum Bild ist oft so weit, daß der natürliche Wärmezufluß versickert und +an dessen Stelle eine künstliche Glut tritt, Überhitzung des Ausdrucks, +Überladung des Gehalts, Verzerrung der Form. Die beleidigte Ökonomie +läßt keine echte Schönheit mehr aufkommen; wir gewahren entweder ein +kaltes Gebilde, Ohr- oder Augenweide, aber im Grunde entseelt, oder +eines, das uns wie in willenlosem Trotz gegen die Überwucherung der +Metapher durch einen vergewaltigenden Subjektivismus ernüchtert und +zweckbewußt macht. + +Denn es ist nicht die Leidenschaft, die mich verwandelt, sondern die +Verwandlungen der Leidenschaft verwandeln mich mit, also letzten Endes +ein Moralisches. Auf dieses Moralische muß der Literat als Schöngeist +verzichten. Er scheint es zu verschmähen, aber er muß darauf verzichten, +weil er sich nicht verwandeln kann, weil er, wie der Psycholog und wie +der Tribun, an seine Person geschmiedet ist, weil auch er nur den Weg +hat, obschon es ein anderer Weg ist, und weil er am Ziel stets bei sich +selbst anlangt. _Er kann sich nicht verraten_; er steht zu fern. Das +Moralische beschwert sein Gewissen nicht mehr, er leidet nicht +darunter, es kommt nicht mehr in Frage für ihn. Er spielt. Seine Gebilde +können leicht und schwebend sein wie Seifenblasen, sie können schwer +oder flammend sein, aber sie werden niemals jene unbedingte +Eigenlebigkeit zeigen, die dem Werke des schöpferischen Menschen +innewohnt, sie bleiben an seine Person gebunden und haben gleichwohl +nicht das Höchst-Persönliche, das erst aus dem Mythischen strömt und das +daher identisch mit höchster Sachlichkeit ist. Insofern ist sein +Schaffen Spiel: weil es nicht höchste Sachlichkeit ist. Da gibt es nur +ein Entweder – Oder. + +Er mag Gemüt besitzen, doch ist es wie ein Fluch: während er seine Werke +hervorbringt, vielleicht schon in der Konzeption, verzehrt der Rhythmus +einen Teil der ursprünglichen Empfindung. Der Rhythmus herrscht; die +Einfachheit läßt ihn erlahmen, erst im Komplizierten und +Beziehungsvollen kann er sich entfalten, es sei denn, daß er das +Einfache so weit distanziert, daß es schon wieder metaphorisch wird, als +Stilisierung verblaßt, als Arabeske sich verkrümmt. Niemand kennt besser +denn der Literat als Schöngeist die ewig gültigen Werte schöpferischer +Kunst. Daß er sich an ihnen mißt, daß er immer wieder wähnt, nicht nur +mit ihnen wetteifern, sondern, wenn günstige Zufälle zusammentreffen, +sie auch erzeugen zu können, daß er sich darüber täuscht und doch +wieder, vermöge seines präzisen Urteils, die Täuschung nicht aufrecht +erhalten kann, das ist sein tiefstes Leiden. Schon dieses Leidens wegen +ist er kein Epigone zu heißen; er ist weit mehr, er ist Prätendent, der +niemals gekrönt wird, der zweitgeborene Bruder, und er versteht oft mehr +vom Regieren und von der Verwaltung als der Regent, der Erstgeborene. + +Möglich, daß er aus diesem Grund etwas von einem unruhigen Diplomaten +hat. Er muß immer ein wenig Politik treiben, um Proselyten zu machen. +Denn man wehrt sich gegen ihn; die Wahrheit ist in den Menschen wie das +Herz, sie wird nur verschleiert durch die Geschäfte des Lebens und durch +unreine Zwecke abgelenkt. Aber auch aus Liebe zur Schönheit wird er zum +Politiker, da er den Rhythmus, von dem er beseelt ist, in seiner +täglichen Existenz gleichfalls nicht missen will. Er meidet dich heute, +wie er dich gestern gesucht hat, denn heute störst du seinen Rhythmus, +wie du ihn gestern beschwingt hast. Der Rhythmus macht ihn treulos und +tyrannisch, liebenswürdig oder widerspenstig. Je unfruchtbarer er als +Künstler ist, je mehr Kunst verwendet er auf sein Leben, d. h. darauf, +den Rhythmus in seine tägliche Existenz zu bringen, wobei dann ein ganz +verwickelter Umweg zum Leiden entsteht, über die Kunst und über das +Leben hin, fern von Gott und fern von den Menschen, so daß die Schönheit +als Surrogat des Göttlichen zum Wahn- und Schattenbild wird und das +Leben eine von falschen Zwecken erfüllte kalte und unglückselige +Einsamkeit. In solcher Einsamkeit gestalten wollen heißt im luftleeren +Raum Lieder singen wollen. + +So wird der Literat als Schöngeist zum Sklaven der Zeit, indem er ihren +Rhythmus packt und ihre Seele nicht findet und zerrieben wird im Gefühl +einer ihm unbegreiflichen Ohnmacht; oder er ist ein Verbannter der mit +unlebendigen und eigenwilligen Formen sich für sozial und seelisch +fördernde scheinbar tröstet. + + + + +Der Literat als Apostel + + +Es ist das Wesen des Apostels, völlig hingegeben einer Idee zu dienen. +Das Wesen des Literaten ist es, sich selbst unterworfen zu sein. Der +Literat als Apostel: das wäre also der Widerspruch kat exochen, das +Paradox an sich, denn wie könnte man einer Idee dienen, wenn man nur der +eigenen Person dient? Wie könnte einer, dessen Schicksal es ist, vom +Mythos getrennt zu sein, sich berufen glauben, den Mythos zu erzeugen? + +Dieser Widerspruch löst sich nur in einer einzigen Weise: indem er seine +eigene Person zur Idee erhebt, in der er darauf ausgeht, aus sich selbst +einen Mythos zu machen, aus seinem stabilierten Ich; nicht aus +Anschauung und Erlebnis der Welt, nicht hingegeben, sondern verlangend, +wollend und in der Bezauberung des Willens. + +Der Literat als Apostel ist der fanatisch auf das Künstlertum gerichtete +Mensch. Genuß des Lebens, verweilende Ruhe sind ihm unbekannt. Man +könnte glauben, es sei der Ehrgeiz, der ihn befeuert, der Erfolg, der +ihn lockt, die Macht, die ihn reizt, und es ist wahr, etwas von alledem +gibt seinem Streben den Flug und die Ausdauer, seinem Geist die +Elastizität. Doch laßt seiner Ruhmsucht so viel Genüge geschehen, als +sie überhaupt begehrt, laßt seinen Namen an der Spitze von allen +stehen, laßt ihn den Einfluß eines Herrschers und den Reichtum eines +Großbankiers haben, – es ist ihm zu wenig; er kann es wünschen, glühend +darnach eifern, doch den Besitz solcher Güter spürt er kaum. Er ist ein +Besessener, ein von der Kunst Behexter. Es ist ihm nicht darum zu tun, +das Leben zu genießen. Sich selbst will er genießen, sich selbst +ausschöpfen, sich selbst in allen Menschen und Dingen erkennen, und das +ganze All, Gott und die Kreaturen, ist ihm eigentlich nur sein vielfach +zerteiltes Ich, gesehen durch das Medium Kunst, zu sammeln und zu +gestalten ihm anbefohlen durch das Idol Kunst. + +Der schöpferische Mensch ist von einer wunderbaren Bescheidenheit +durchdrungen. Immer bleibt er gleichsam Bürger der Welt; er findet sich +eingeordnet, nie bevorrechtet; gesteht man ihm höhere Rechte zu, so wird +er schon an sich zu zweifeln beginnen. Er hat das feinste Ohr für die +Musik des Lobes und setzt dem geringsten Zuviel seine Verachtung +entgegen. Er ist gelassenen Gemüts, weise und gehorsam, sich selbst +gehörig und der Welt und der Gottheit dienstbar, sein Künstlertum +wahrend, keineswegs aber es als Schild benutzend oder gar als Postament. +Vielleicht ist es der Mythos, der ihn so bescheiden macht, so +stolz-bescheiden, ähnlich wie der Abkömmling eines alten Geschlechts +stolz-bescheiden ist, indem er seine Fähigkeiten und das Vermögen zu +repräsentieren nicht allein seiner losgelösten Person zuschreibt, +sondern es der Kette der Ahnen mitverdanken will. So auch der +schöpferische Mensch. Es wirken in ihm Kräfte von oben, von den Toten +her, von der Erde, vom Volke her. + +Ganz anders der Literat als Apostel. Er ist der Rebell wider alle +Ordnung, es sei denn, die Ordnung habe keinen andern Bezug als auf ihn. +Ihm ist alles erlaubt, nicht weil er wie der Psycholog alles erklären +kann, sondern weil er es ist, durch den die Dinge und Einrichtungen +sind. Insoferne verhält er sich zum Psychologen wie ein Gesetzgeber zu +einem Winkeladvokaten. Ihm ist Lobes nie genug, obwohl er Lob verachtet; +es gibt keinen Beifall, der ihn beschämte, keinen Tadel, der ihm anderes +wäre als die Frechheit des Neides oder der Dünkel des Unverstands. Er +ist ausschweifenden Gemüts; seine Nerven sind der höchsten Schwingungen, +der tiefsten Ermattungen fähig, und die Menschen sind ihm nichts als +Futter; Futter für seinen Ruhm, seine Zwecke, seine Kunst. Er ist ein +Menschenjäger, ein Menschenfresser, keines Freundes Freund, kein +Geliebter, kein Gatte, kein Vater, nur Künstler. Ist der Literat als +Schöngeist der Schauspieler seiner selbst, so ist der Literat als +Apostel der Priester seiner selbst. + +Beachten wir jedoch, daß er ein großer Künstler ist und sein Werk von +hohem Belang, daß er unter Umständen ganzen Zeitabschnitten die +geistige Prägung verleiht, und es wäre zu fragen, ob dies nicht +Entschädigung genug sei für das Übermaß und die Selbstintronisation. + +Da ist denn zu erwidern, daß unsere Zeit ohnehin geneigt ist, sich mehr +an den Wirkenden als an das Werk zu wenden. Dem genialen Individuum ist +eine unbegrenzte Machtbefugnis fast von vornherein zugestanden. Die +Leistung, das ist die Person; der Effekt, das ist die Person; Glorie, +Dankbarkeit und Enthusiasmus knüpfen sich an die Person. Die Person ist +schon Partei, wo das Werk kaum noch die Geister erweckt hat; sie +gebietet den Unschlüssigen, schüchtert die Zweifler ein und bricht den +Widerstand der Stumpfen. Wohlgemerkt aber nicht die reale Person, nicht +der handelnde Mensch an sich; dieser hat wenig Spielraum, ist +eingezwängt in ein verwickeltes gesellschaftliches Gewebe, ein +engmaschiges Netz von Pflichten und Gesetzen und führt meist ein +privates, kleines Leben voller Hemmungen. Will er derjenige sein, als +der er gilt, so muß er den Kreis seines Wirkens durch die Fackel seines +Namens erleuchten, er muß das Zeugnis seiner Leistung vorweisen können. +Dann allerdings wird ihm die Ehrfurcht gezollt, deren die Kunst, als +Idee, sonst völlig verlustig geht. + +Man kann also sagen: Die reale Person wirkt erst durch das Medium der +Werke, die fiktive durch das Medium des Künstlers, was natürlich das +Verkehrte ist. Es liegt darin nichts Religiöses und Verwandelndes mehr, +sondern Aberglauben und Götzendienst. In einer religiösen, +mythisch-bewegten, sachlich, nicht individuell fixierten Zeit trennen +sich Schöpfer und Gestalt überhaupt nicht voneinander, führen nicht ein +von der Gemeinschaft der Menschen losgelöstes Dasein, der Schöpfer als +Literat, als »Schriftsteller«, die Gestalt im Buch oder höchstens als +ästhetische Metapher im Leben; nein, der Schöpfer, in seiner +Bescheidenheit, bleibt Teil der Gemeinschaft, und seine Gestalten +umgeben ihn wie Glieder einer Familie den Patriarchen; sie allein sind +die Träger seines Namens, nicht aber die literarische Idee, die er von +ihnen abstrahiert. + +Der große Künstler wird in seinem Persönlichkeitsbewußtsein leicht einem +Übermaß verfallen, da er es immer dort gefährdet findet, wo er von +seiner Gestaltenwelt gelöst auftritt, also in seiner privaten Existenz, +oder in seiner öffentlichen, wenn er keine Harmonie spürt zwischen +künstlerischer und persönlicher Wirkung, und die kann er nur selten +spüren bei der Zerstücktheit, Unverläßlichkeit und Zufälligkeit aller +Wirkungen. Es erscheint ihm notwendig, sich zu steigern, sich in Szene +zu setzen, sich geheimnisvoll zu machen, sich zu kommentieren und sich +selbst als Idee vor das Werk zu setzen. + +Davon hat die Zeit sich mehr und mehr täuschen lassen und sich gewöhnt, +Persönliches für Sachliches zu nehmen. Gierig greift sie nach +Persönlichem, wo das Sachliche fremd oder spröde ist, und sie tut es +schon deshalb mit instinktiver Vorliebe, weil das Sachliche stets in +irgendeiner Weise menschlich verpflichtet. Von solcher Verpflichtung +will man sich jedoch, wo es angeht, freihalten; man will reden und +urteilen, nicht aber durch handelndes Gefühl anteilvoll verkettet sein. +Nicht umsonst sind wir überschwemmt von Mitteilungen aus dem Privatleben +der Künstler. Nicht umsonst werden Briefe, Tagebücher, Aufzeichnungen, +Skizzen, Fragmente der Neugier verfrüht preisgegeben. Wird der Alkoven +geöffnet und die Werkstatt ausgekehrt, so mag der Wissensdurstige sicher +bisweilen befriedigt, der Forscher belehrt werden, doch vorzüglich wird +nur dem Hang der Gesellschaft nach Sachverschleierung gedient. Das +Göttliche wird beleidigt, indem man den Menschen vergöttert. So ist +z. B. der Mythos Goethe eine Beute der Persönlichkeit Goethe geworden, +und Goethe selbst hat durch einen Subjektivismus, der ihm anstand und +einen Teil seiner Genialität ausmachte, einen Kult des Redens über die +Dinge, der Meinungsäußerung, der persönlichen Ausholung und Zwecksetzung +und damit eine Armee von Literaten in die Welt gerufen, die sehr wohl +Bescheid wissen über alle Probleme des Lebens, die aber sehr wenig +vermögen, wo es gilt sich einzusetzen, sich hinzugeben, sich, d. h. die +Meinung zu vergessen, um einer Sache zu dienen. + +Der Literat als Apostel ist bis zu einem Grad Eroberer, Mensch des +Willens und der Sucht, daß er sogar seinem Werk einen Willen verleiht, +eine Sucht über die Kunst hinaus. Er will es gültiger haben, als es der +Kunst eigen ist zu gelten, und durch die Kraft seines Künstlertums +vermag er es in ungeheurer Weise so zu steigern, daß es dieses Ziel +wirklich zu erreichen scheint. Hier ist eine Schwäche, die mit +erstaunlicher Täuschungsmacht das Schauspiel einer Stärke bietet, um +später freilich, wenn die Gewalt der Persönlichkeit dem Walten des +Schicksals gewichen ist, sich wieder als Schwäche, als Irrtum zu zeigen. +Nur das Göttliche, das Schöpferische hat Bestand; das Menschliche ist +flüchtig, auch Vergötterung ist nur Finsternis. Haben wir es nicht +erlebt, wie die Idee des Gesamtkunstwerks als bizarre Laune eines Genies +in sich zusammenstürzte? Es war etwas anderes und tieferes als bizarre +Laune. Es war das Mißverständnis am Mythos. + +Denn es ist klar, daß der Literat als Apostel, da er keine +Selbstlosigkeit besitzt, keinen Mythos aus sich schaffen kann. Auch wo +er äußerlich zum Mythos greift, zu einem Mythos, der mehr Sage ist als +lebendig gebliebene Bildung, und ihn durch Kunst vergegenwärtigt, wird +er nur Allegorie geben, privates Leiden, persönliche Kämpfe, seine +egoistischen, wenn auch großartigen Entfaltungen und Wandlungen in +Umrissen, die vom Mythos nur erborgt sind. So wird auch die Menschheit +bloß den spezifizierten Schmerz darin erkennen; jeder einzelne wird in +diesem Schmerz doppelt allein mit sich sein, aufgereizt zu sich, +verlangend nach sich, behext, berauscht, aber nicht verwandelt, nicht +erlöst. + +Dieselbe Herrschsucht, die den modernen großen Künstler dazu verführt, +sein Werk über die Grenzen der Kunst hinauszutreiben, ihm gleichsam, +nach Hamlets Worten, die Bescheidenheit der Natur zu rauben, kann den +Philosophen, sofern er Literat ist, dazu überreden, sich zum Märtyrer +seiner Lehre zu machen. Daß diese Lehre eine lebenverneinende ist, +versteht sich nach allem Dargelegten von selbst; der Literat ist ja +wesensnotwendig ein Pessimist. Nun kann der Pessimismus allerdings in +einem freien System als Gestaltung auftreten, die sternhaft oder +kosmisch existent ist wie ein Kunstwerk; in diesem Fall stellt eben die +schöpferische Kraft des Bildners oder Architekten als lebensbejahendes +Element den Ausgleich her. Wenn aber der Pessimist den Beweisantrag auf +das eigene Ich stellt und durchführt, ist aus dem Symbol ein Wörtliches +geworden; da ist nicht mehr der Dualismus, der den schöpferischen +Menschen in die Mitte von Irdischem und Himmlischem führt, da ist die +Sackgasse, das Persönliche, persönlich Endliche, und das Prinzip und +Gesetz des Schaffens selbst wird verneint. + +Der Literat kommt aber nicht von der Psychologie los, von der +theoretischen nicht und von der angewandten nicht. Man möchte sagen, er +nimmt es mit der Wahrheit zu genau, – soweit er Künstler ist, und er +hütet sich, als Mensch, zu wenig vor der Verzerrung. Seine +Unabhängigkeit schenkt ihm keine Freiheit, sein Ichbewußtsein entfernt +ihn von der Liebe; er ist die tragische Figur der modernen Welt und, zum +Apostel berufen, bricht er auf dem höchsten Gipfel seiner +Persönlichkeit, seiner Einsamkeit und seines vergeblichen Gottverlangens +vor dem Unerreichbaren zusammen. + + + + +Die Frau als Literat + + +Dieses Kapitel ist eigentlich ein Einschiebsel, denn in bezug auf die +Frau als Literat ist nach allem bisher Ausgeführten nur noch +Selbstverständliches zu sagen. Immerhin gehört das Thema zur +Geistesgeschichte der Zeit, denn nie zuvor haben Frauen in solcher Zahl +und mit solcher Energie schriftstellerisch, künstlerisch produzierend +sich bemerkbar gemacht. + +Die Frau besitzt keine schöpferische Phantasie. Das ist kein Streitsatz, +sondern ein Erfahrungssatz; eine Tatsache, die einem Naturgesetz +entspricht. Es ist die Aufgabe der Frau, Mutter zu werden, Leben zu +empfangen, Leben zu gebären. Als Weib, als Mutter ist sie gewissermaßen +an sich selbst schon ein Stück Mythos, und Gott hat es deshalb für +überflüssig erachtet, sie mit einer mythosschaffenden Kraft zu begaben. +Ihr Künstlertum ruht in der Liebe, ihre Idee ist die Mutterschaft, ihr +Werk ist das Kind. Wenn also die Frau sich künstlerisch hingibt, so +entsagt sie dadurch ihrer wahren Bestimmung, verzichtet freiwillig auf +das Schöpferische und wird zum Literaten, und zwar zum Literaten +schlechthin, zum Literaten ohne schöpferische Phantasie, welche ja dem +Psychologen, dem Schöngeist, dem Apostel durchaus nicht mangelt; ganz im +Gegenteil, können diesen doch Werke gelingen, die den Werken des +schöpferischen Menschen nahezu ebenbürtig sind. + +Ich verkenne nicht die Arbeit der Frau; nicht den ehrlichen Willen, +nicht die Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, nicht die Fähigkeit zur +Anpassung und Ausführung, nicht die oft zutage tretende Besonderheit des +Schauens, nicht den sicheren Instinkt, nicht das vollgültige Empfinden, +nicht die Gabe des Traums und des poetischen Ausdrucks. Ich weiß, was +geleistet worden ist; ich erinnere mich zarter Gedichte, robuster +Erzählungen, anmutiger und starker Bildnisse, überzeugender Schriften; +einer Fülle von respektablen Hervorbringungen. Aber sie waren mir um so +respektabler, je weniger objektiv sie scheinen wollten, je weniger sie +zu Gestaltungen griffen, je mehr sie einem Gefühl, einem Erlebnis, einem +Unmittelbaren Stimme verliehen. Nicht Gestalt also; Stimme, das ist es, +Stimme oder Stimmung, etwas, das so fern vom Mythos liegt wie ein +Quellchen vom Meer. + +Das Vermögen, ein Weltbild zu objektivieren, ist nur der schöpferischen +Phantasie gegeben. Mit Hilfe des Fleißes, bewußter oder unbewußter +Nachahmung und der Aneignung erprobter Disziplinen gelangt die Frau +bisweilen zu Gebilden von scheinbarer und äußerlicher Objektivation, und +ihre Lust wie ihr Talent zur Beobachtung befähigt sie, eine niedere +Realität von Zuständen und Geschehnissen darzustellen, welche +unterhaltend, geistig und gesellschaftlich anziehend sein und, soweit +sie auf Erlebtem und Gefühltem beruhen, der Wahrheit und Glaubhaftigkeit +nicht ermangeln werden. Das Metaphorische, das Elementare, das +Schöpferische, die Synthese ist ihr jedoch versagt, und je mehr sie +darnach strebt, je unzulänglicher müssen sich ihre Produkte erweisen; +sie stehen dann in der Luft, wurzellos, ziellos und wollen durch Unruhe, +Leidenschaftlichkeit und Fieberhaftigkeit ersetzen, was ihnen an Natur +und Legitimität, – durch Linie und Schnörkel, Seltsamkeit und +Überhäufung, was ihnen an Antlitz und Naivität fehlt. + +Bisweilen fragt man sich: warum werden die Frauen zu Literaten? Ein +Buch, und noch ein Buch, und noch eine Meinung und noch ein Vers und +noch eine bemalte Leinwand, – darum handelt sichs doch schließlich +nicht. Ein Blick, ein echtes Wort, eine Wirkung von Mensch zu Mensch, +menschliches Aufmerken, Bereitschaft des Herzens können mehr, weit mehr +bedeuten. Das Übel ist auch hier in einer zerklüfteten, +anarchisch-gelösten Gesellschaft zu suchen, die keine lebendige +Organisation hat und in der deshalb jede Fülle zur Überfülle, jeder +Überfluß zur Last, jede Hemmung zu falscher Betätigung und jede +Abtrennung der einzelnen Mitglieder bei unzureichender individueller +Kraft und Bestimmung zur Katastrophe wird. Die Literatur gilt als ein +Gewerbe wie jedes andere; das sogenannte Talent genügt zum +Vorwärtskommen. Der Einfall wird überschätzt; zum Einfall gehört auch +das Detail; die Detailkrämerei beginnt schon, uns geistige +Verdauungsbeschwerden zu erregen; die Mache, die Gebärde, der fast von +selbst arbeitende sprachliche Mechanismus; die Gewohnheit, sich +meinungsmäßig zu äußern, sich einer seelischen Spannung zu entäußern, +indem man sie preisgibt und in einer quasi dichterischen Form, die meist +zur Schamlosigkeit kalter Psychologie führt, versteinert zur Schau +stellt; die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Mitteilung, dies alles +ermuntert den einzelnen immer wieder, sich literarisch zu isolieren und +sich politisch, sozial und menschlich damit abzutöten. Wenn man zur +Einsicht käme, daß das sogenannte Talent in den meisten Fällen nur ein +Wesen ist, das in freiwilliger Verbannung von einer Gemeinschaft lebt, +der es nicht nützlich sein kann, ein Parasit und Freibeuter, wäre schon +viel gewonnen, und die dreißigtausend Bücher, die jährlich in +Deutschland auf den Markt strömen, würden unter dem Druck eines weiseren +Urteils und einer sachlicheren Wahl auf eine notwendigere Anzahl +zusammenschrumpfen, die vielleicht mehr Gehalt in sich schlösse. + +Die Frau als das zur Liebe und Empfängnis bestimmte Geschöpf menschlich +und geistig isoliert, in sozialer Unfruchtbarkeit und egoistischer +Verpersönlichung ihres tieferen Schicksals, ihrer schönen anonymen +Wirkung (wie vieles verdankt doch ihrer Teilnahme der Ruhm unserer +großen Künstler), ja, ihres Lebensmythos beraubt zu sehen, gewährt ein +trauriges Bild weitgreifenden Mißverständnisses. Ich spreche natürlich +nicht von der Schauspielerin, der Sängerin, von rezeptiven Künsten; +diese harmonieren, solange nicht ein literarischer Einschlag durch +übertreibenden Ehrgeiz und individuelle Zwecksetzung stattfindet, sehr +wohl mit der weiblichen Seele, mit ihrer geistigen Wandlungsfähigkeit, +Anschmiegung des Gefühls und Poetisierung der Realität. Die Tänzerin, +die lediglich ihren Körper zur Kunstäußerung verwendet, bietet +vielleicht das edelste Bild weiblicher Genialität. Nur wo das +Schöpferische vorgetäuscht wird, zeigt sich die Frau (mit Ausnahme von +zwei oder drei Fällen innerhalb der ganzen Geistesgeschichte) sogleich +als Literat schlechthin. Die Natur läßt sich nicht betrügen; auch die +Menschheit nicht; nur die Menschen lassen sich betrügen. Sie tun, als +glaubten sie, auch wo ihr Inneres unbeteiligt ist; sie nehmen das +Wunderliche für das Wunder, den Notbehelf für das Notwendige, das +Phantom für das Phänomen. Die Frau als Literat braucht sich nicht mehr +zu verraten; es ist nichts zu verraten; es ist alles von einfachster +Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit und Durchschaubarkeit. Wir erblicken +einen tüchtigen, emsigen, klugen und nachdenklichen Arbeiter, dem weder +Wort, noch Rhythmus, noch Idee zur Maske werden können und der den +Schmerz der Einsamkeit nur gemütisch ahnt, nicht geistig steigert und +auflöst; keine tragische, sondern nur eine charakterisierte und +zufällige Gestalt. + + + + +Ergebnisse + + +Der Literat ist der vom Mythos losgelöste produktive Mensch. + +Er ist auch der von der Gesellschaft losgelöste Mensch, der einzelne, +innerhalb eines nur durch äußere Gesetze verkitteten Gemeinwesens. + +So wie er aber ohne das Vorbild des schöpferischen Menschen nicht zu +denken ist, bleibt er auch in seinem Tun und Lassen, durch sein +Persönlichkeitsbestreben, durch die Notwendigkeit der Spiegelung, durch +das Element des Ehrgeizes und durch das Element des Verrats der +Gesellschaft verbunden. + +Der Literat ist vergeßlich. Er ist lieblos, weil er allzusehr in sich +selbst verstrickt ist. Er anerkennt keine Konvention, weil nur seine +eigene Person ihm den Maßstab für die Welt und die Dinge gibt. Dieser +Mangel an Konvention verführt ihn zu einer künstlichen Originalität mit +Hilfe der seltenen Beobachtung, des seltenen Wortes, des seltenen +Rhythmus. + +Der Literat ist eitel und sehnsüchtig, eitel selbst, wo er sich +bloßstellt, und sehnsüchtig am meisten dort, wo er sich verliert. Er ist +friedlos, immer nach Veränderung begierig, versteht aber nicht zu +wandern. Sein Verhältnis zu Menschen ist selten dauernd; er stellt die +höchsten Ansprüche von seiner Seite, ohne die billigsten von der andern +Seite zu befriedigen. + +Er kontrolliert seine eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle sehr +scharf, ja grausam. Es mangelt ihm an jener Ehrfurcht vor sich selbst, +die den schöpferischen Menschen auszeichnet. Weil er so unbarmherzig und +rücksichtslos gegen sich selbst ist, glaubt er es auch gegen andere sein +zu dürfen, aber er vergißt, daß jenes Wüten gegen die eigene Seele nur +ein Vorwand zum Verrat ist, nicht aber ein Mittel zur Reinigung, +Steigerung und Befreiung. Selbstbeobachtung, Selbstzerfaserung ist ein +Unglück, wie es größer kaum zu denken ist; alle ursprüngliche Kraft des +Glaubens, alle Fähigkeit zur sittlichen Erhebung, zur Umwandlung, geht +daran zugrunde. Auch der religiöse oder der schöpferische Mensch +beobachtet sich selbst, aber er wird sich dabei zum Gleichnis; durch +diese Gleichniswerdung kann er sich korrigieren und bescheiden. + +Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große Zahl von Literaten +unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste +Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist +entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist +entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es +in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in +anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein +Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein +Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden +Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen +im Kampf gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der +Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines +Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen +dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und +Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu +einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne +wieder des großen Zusammenhangs bewußt wird, wo er im Schoß der +Geschichte, der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen, +urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles +Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den +Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als +Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im +ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die +_verwandelnde Kraft_ zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann +Schöpfer sein. + +Alle Berufe und alle Stände haben ihre Literaten. Man kann den Satz +aufstellen: Jeder Fachmann ist ein Literat, jeder Laie trägt noch etwas +von Mythos in sich. Denn alles Fachwesen und Spezialistentum ist nur ein +Merkmal des großen Individualisierungsprozesses der Zeit. Vertiefung +zwingt zur Absonderung, die Fülle zur Arbeitsteilung. Das ist gut und +unerläßlich. Nun ereignet sich aber das Seltsame, daß gerade bei dieser, +die Selbstbescheidung gebieterisch fordernden Tätigkeit der einzelne die +argwöhnische Wachsamkeit des Psychologen, die Herrschsucht des Tribuns +bekundet, daß er sich von allem, was nicht sein Fach betrifft, in +trotziger und gleichgültiger Entfernung hält und ein Leben außerhalb des +Fachs oft kaum mehr kennt. Der Literat ist der geborene Zünftler. + +Laien geben einem Literaten bisweilen den Rat, er möge, um in seinem +Erwerb nicht ausschließlich auf die Kunst angewiesen zu sein, daneben +ein Amt oder einen Brotberuf wählen. Das ist geradeso, als wollte man +einen ärztlichen Spezialisten dazu überreden, nebenbei die Tischlerei zu +betreiben, weil er zu wenig Patienten hat. Mit Recht würde er antworten: +Mein Fach fordert den Menschen ganz und gar, meine ganze Zeit, meine +ganze Anstrengung und alle Gedanken. Der Literat ist eben nur Literat, +er kann nichts anderes sein. Der Vorschlag des Laien ist freilich in +jedem Sinne töricht. Amt und Brotberuf taugen bloß dem Dilettanten; je +innerlicher sein Verhältnis zur Kunst ist, je mehr muß er unter +abziehender Beschäftigung leiden. Dem schöpferischen Menschen wird sie +vollends zur Qual; auch ihn fordert seine Sache ganz, wenn schon in +anderer Weise, nicht weil er Literat ist, der erobern will und muß, +sondern weil er Mensch ist, weil Mythos und Menschheit von ihm +verlangen, daß er sich unbedingt und ohne Vorbehalt hingebe. Erwerb oder +Nichterwerb irdischer Güter kommt dabei in höherem Betracht nicht mehr +in Frage; schlimm genug, wenn es in niederem Betracht zu erwägen ist. + +Indessen gehört die nackte und aufrichtige Gegenüberstellung der +ökonomischen und der geistigen Mächte zum Bild unserer Epoche. Kapital +will Leistung; Leistung will Nutznießung, Arbeitskraft und Lebensgefühl +steigern sich wechselseitig; Erfolg, Bestätigung und Lohn sind dem +einzelnen rascher und reichlicher zugemessen als je, und wenn auch der +Lockung oft nur gefolgt wird, weil eine Erfüllung so nahe scheint, der +Ruf nur deshalb so viele Hörer findet, weil in ihm die Befriedigung +ausschweifender Ansprüche verheißen wird, so kann doch kaum eine Prämie +ausbezahlt werden ohne den vollen, ja leidenschaftlichen Einsatz von +Tüchtigkeit und Intensität. + +Diese Leidenschaft, dieser Schwung, der unermüdliche Wetteifer, sie sind +vielleicht Zeichen für die Heraufkunft einer größeren Zeit; schüchterne +Zeichen, weil sie noch ganz am Persönlichen und Egoistischen haften. +Aber wie Eisenteile im Feuer des Hochofens zusammengeschmolzen werden, +so kann die Zerstücktheit und die Zersplitterung einer individualistischen +Gesellschaft durch einen alle Glieder ergreifenden, stetigen Strom von +Leidenschaft, gleichviel wo er entspringt, zu organischer Einheit +verwandelt werden. Leidenschaft ist ja die erste und letzte +Lebensgewalt; in ihr vereinen sich Element und Wille; sie kann eine +unproduktive Ordnung zum Chaos führen, aber aus dem Chaos wieder eine +neue Welt erzeugen, Sammlung aus der Diaspora. Dann mag sich ein Weg +auftun zum Mythos und zu Gott. + + + + +Die Kunst der Erzählung + +Geschrieben 1904 + + +DER JUNGE: + +Es ist wohl über ein Jahr her, daß wir uns nicht gesehen haben. Seit +meine Freundin gestorben ist, bin ich kaum mehr unter Menschen gekommen, +und ich verlasse mein Zimmer nur zu einsamen Spaziergängen. Mein +einziges Vergnügen sind die Bücher und das Nachdenken über den Eindruck, +den sie mir gemacht haben. Ich glaube, wenn ich jetzt wieder die Feder +in die Hand nähme, so könnte ich etwas Tüchtiges leisten. + +DER ALTE: + +Und wozu treibt es dich denn? Ein Künstler darf nicht wie ein Jäger +sein, der, unbekümmert was ihm vor den Schuß kommen mag, durchs Gelände +streift, sondern er muß wie ein Seemann sein, der den inneren Sinn, das +innere Auge unablässig auf ein vielleicht nicht sichtbares, doch tief +bewußtes Ziel richtet. Also wozu treibt es dich? Wozu glaubst du dich +geboren? Welche Insel des Geistes willst du dir entdecken? + +DER JUNGE: + +Ich fühle zu nichts anderem Lust und Freude als Geschichten zu erzählen. +In den Stunden der Einsamkeit und der Sammlung ist es mir, als ob mein +Inneres bis zum Rand angefüllt wäre mit Ereignissen und Schicksalen. Oft +ist mir zu Mut, als müsse der ganze Lauf der Welt, von Adams Zeiten an, +sich mir in einer besonderen Weise enthüllen, und ich spüre das +unbezwingliche Verlangen, wie soll ich es nur sagen?... zu erzählen, zu +erzählen. + +DER ALTE: + +Das ist schön, prächtig sogar. Wenn du dieses Verlangen wirklich hast +und es nicht darin mißverstehst, wie du es befolgst, dann wärest du +allerdings dazu geboren zu erzählen. + +DER JUNGE: + +Wie sollte ich es mißverstehen? Warum zweifelst du? Was gibt es denn +Einfacheres? + +DER ALTE: + +Daß es keineswegs einfach ist, keineswegs selbstverständlich, könnte +dich schon ein Blick auf die heutigen Erzeugnisse dieser Kunst lehren. +Die Meisten wissen ja gar nicht mehr, was es heißt: eine Geschichte +erzählen, und selbst die Begabtesten bringen lauter Zwitter- und +Mißformen hervor. + +DER JUNGE: + +Du bist sehr streng wie immer. Ich glaube nicht, daß du recht hast. +Niemals war so viel im Werk wie gerade jetzt. Auf allen Seiten wird es +Tag. + +DER ALTE: + +Der ewige Irrtum der Jugend. + +DER JUNGE: + +Dann muß ich fürchten, daß du auch, was ich selbst bisher geschaffen, +verwerfen wirst. + +DER ALTE: + +Darauf könnte ich erst antworten, wenn ich wüßte, wie es mit dir steht +und ob dich nichts anderes erfüllt als die Liebe zur Sache, ob dein +Geist nichts anderes erstrebt als die Vollendung in ihr, ob dir vor der +Wahrheit bangt oder ob leichtsinniges Lob dich nicht schon für immer +geblendet hat. Wenn du Angst vor einer bitteren Stunde hast, dann +verbirg es nicht, ich schweige gern. Du besinnst dich? + +DER JUNGE: + +Hältst du denn dein Urteil für unumstößlich, für das einzig mögliche? +Kann es nicht auf Täuschung, auf Unmilde, auf Eigensinn beruhen? + +DER ALTE: + +Ich will es dir zu begründen suchen, und wenn du meine Argumente +entkräften kannst, werde ich mich zufrieden geben. + +DER JUNGE: + +Also sprich. + +DER ALTE: + +Es gibt dreierlei Arten von Schriftstellern: solche, die einen eigenen +Stil haben und ihn zur höchsten Vollkommenheit auszubilden vermögen; +solche, die einen eigenen Stil suchen, und endlich solche, die einen +Allerweltsstil vorfinden und sich zu ihm verhalten wie die Gäste eines +Wirtshauses zu den Tischen und Krügen und Stühlen; sie können niemals +zum Herrn ihres Wortes, ihrer Gedanken, ihrer Phrase werden, das +glühendste Erlebnis muß ihnen erstarren, erhabene Stimmungen werden +trivial, jede Inspiration wird Absicht, jede Beeinflussung von außen +Nachahmung, alles, was kräftig ist, brutal, und was fein ist, +schwächlich. Aber von diesen Schriftstellern, die die Marktware für den +großen Haufen besorgen, wollen wir nicht sprechen. Du gehörst zur +zweiten Art. + +DER JUNGE: + +Das wäre ja weiter nicht schlimm. Suchende sind wir alle. Ja, man kann +sagen, daß der allergrößte Meister bis zu seinem Todestage nicht +aufgehört hat zu suchen. Warum lächelst du? + +DER ALTE: + +Weil ich an dieser Bemerkung sehe, wie wenig du mich noch verstanden +hast. Wenn die großen Meister suchen, so wollen sie den Einklang +schaffen zwischen Stoff und Form. Sie wissen, daß es ohne solche +Harmonie überhaupt kein Kunstwerk gibt. Und weil sie das wissen und auf +diesem Wege zur Vollkommenheit streben und sich wohl hüten werden, die +Fülle ihrer Mittel an den falschen Gegenstand oder am falschen Ort zu +verschwenden, so wird immer etwas entstehen, was der Kunst und ihrer +eigenen Schöpferpersönlichkeit gemäß ist. Sie suchen mit sehenden Augen, +ihr aber sucht als Blinde; sie gehen den geraden Weg und kommen an ein +Ziel, wenn auch nicht immer an das gewünschte; ihr aber taumelt im +Kreise herum. Die Suchenden, die nicht um das Wesen wissen, sind zum +Untergang verurteilt. + +DER JUNGE: + +Du machst mich wahrhaft unruhig. Ich könnte dich hassen, wenn ich nicht +wüßte, wie ernst du es meinst. Ich ahne, wo du hinaus willst. So rede +doch endlich von mir. + +DER ALTE: + +Gut. Zwei Dinge, ein scheinbar äußeres und ein scheinbar inneres, habe +ich zunächst an deinen Arbeiten auszusetzen: nämlich daß sie den Leser +nicht mit Behaglichkeit erfüllen und daß es dem Stoff selbst an +Daseinsnotwendigkeit gebricht. Beides hängt aber inniger zusammen, als +du glaubst; das werde ich dir bald beweisen. + +DER JUNGE: + +Was meinst du mit Behaglichkeit? Das Gegenteil bezwecken wir doch, wenn +wir Dichtungen ersinnen: Erregung, Spannung, Teilnahme, Erschütterung. +Ich glaube, du treibst deinen Spaß mit mir. + +DER ALTE: + +Geduld. Ich verstehe die Behaglichkeit hier in einem höheren, +künstlerischen Sinn. Ich verstehe darunter das unbegrenzte Vertrauen des +idealen Lesers zum Erzähler. Dieses Vertrauen entsteht durch +Glaubwürdigkeit, und die Glaubwürdigkeit nun entsteht aus der +Notwendigkeit des erzählten Gegenstandes. Du siehst nun, wie fest der +Zusammenhang zwischen den beiden Dingen ist, und noch untrennbarer wird +er für das Auge und für das Gefühl durch das, was der Laie, der +Dilettant, der Durchschnittskritiker die Technik nennt: durch die Art +des Erzählens; auch sie ist nur ein scheinbar Äußerliches, denn in +Wirklichkeit ist sie die Seele der epischen Kunst. + +DER JUNGE: + +Das wird zu weit und breit. Du wolltest doch von meinen Arbeiten reden. + +DER ALTE: + +Ich sage nun, daß deinen Produkten die Behaglichkeit fehlt, weil du +nicht die Mittel und das Wissen hast, sie hervorzubringen. Was du +schreibst, trägt unverkennbar den Stempel des direkten und indirekten +Erlebnisses, aber diese Erlebnisse sind nicht künstlerisch verklärt und +erhöht und bleiben daher ohne poetische Wirkungen. Du hast eine starke +und natürliche Empfindung, die aber nur selten in ihrer Reinheit wirkt, +weil sich der Stoff nicht ganz in ihr aufzulösen vermag. Merkst du nun, +wo es hinaus will, merkst du, wie alles Innerliche zugleich ein +Äußerliches ist und umgekehrt? + +DER JUNGE: + +Ich merke nichts als Pedanterie und höre nichts als Worte. Wenn eine +Kunstform nicht ausreicht für das, was ich zu sagen habe, nun dann +erweitere man mir diese Form. Wo stehen diese gelehrten Gesetze +geschrieben, denen ich mich fügen soll? Wer hat sie gemacht, und wie +käme ich dazu, mich vor ihnen zu beugen? + +DER ALTE: + +Wo sie geschrieben stehen? Im menschlichen Gefühl. Wer sie gemacht hat? +Das menschliche Gefühl. Warum du dich ihnen beugen sollst? Weil du sonst +nicht wirken wirst, weil dein Wort und dein Werk sonst von flüchtigerem +Bestand sind als ein Stück Eis in der Mittagssonne. Man hat nämlich im +Lauf der Jahrhunderte, der Jahrtausende herausgefunden, was die +Menschheit ergreift, tröstet und erfreut, was aus ihren Tiefen stammt +und zu ihren Tiefen strebt. Die es befolgten und solche hohe Wirkungen +erreichten, nicht blind, sondern durch klarstes Wissen, das waren die +Meister. Wer der Belehrung trotzt, kann nicht einmal Schüler werden. + +DER JUNGE: + +Also belehre mich. + +DER ALTE: + +Ich sagte vorhin, daß die Elemente sich in dir nicht mischen wollen; +Stoff und Empfindung bleiben feindlich und unaufgelöst einander +gegenüber. Die Folge davon ist eine immerwährende und überall +ersichtliche Dissonanz. Du erzählst eigentlich nicht Ereignisse, sondern +du schilderst Situationen. Gerade das erscheint dir wichtig, was bei der +Erzählung unwichtig ist und sein muß. Du hüpfest von Situation zu +Situation, das Dazwischenliegende ist dir ein Notbehelf, wird zum +gezwungenen Bericht und enttäuscht durch seine Nüchternheit. Da du dies +Schwanken als Schaffender selbst sehr deutlich empfindest, drängt es +dich, Ausgleiche zu bringen, und du mußt zu pathetisch-lyrischen +Schilderungen greifen, in denen die Handlung um keinen Schritt weiter +kommt. Denn daran liegt es, wohlgemerkt: Bewegung ist alles, alle Kunst +entsteht durch Bewegung. Damit hängt nun aufs Engste die Gestaltung +deiner Menschen zusammen. Deine Gestalten haben keine Ruhepunkte. Sie +sind geschickt und glaubhaft gezeichnet, soweit und solange sie mit der +Handlung verknüpft sind, aber davon losgelöst und als Eigenlebende +betrachtet, werden sie matt und hölzern. Sie wissen zu genau, was sie +sollen, nicht in ihrer Welt, sondern in deiner Welt. Es fehlt die höhere +Täuschungsabsicht und Täuschungsmacht. Eine Figur muß leben trotz der +Handlung, nicht durch die Handlung. Woher käme es sonst, daß bei allen +mittelmäßigen Schriftstellern gerade die Figuren am glaubhaftesten sind, +die am wenigsten mit der Handlung und ihren Spannungen verquickt sind, +die sogenannten Episodenfiguren? Nur sie verbreiten Behaglichkeit, das +heißt Glaubwürdigkeit, weil sie scheinbar keinen Zweck verfolgen. Wenn +man also sagen kann, Kunst entstehe durch Bewegung, so muß man +hinzufügen, sie wirke durch die scheinbare Zwecklosigkeit der Bewegung. + +DER JUNGE: + +Ich habe Zweifel über Zweifel. Hundert Fragen drängen sich mir auf, denn +ich sehe schon, wie tief du greifst. Und mir dämmert manches, von dem +ich früher nichts ahnen konnte. Aber laß mich fragen. Du sagtest, daß +ich nicht Ereignisse erzähle, sondern Situationen schildere, und ich muß +gestehen, dabei verwirren sich mir die Begriffe. Ist es nicht bloß ein +Wortspiel? Welcher Unterschied scheint dir denn zwischen Erzählung und +Schilderung zu bestehen? Ich meine, inwiefern die Wirkung eines Werkes +dadurch beeinträchtigt wird. Sind das nicht schulmäßige Begrenzungen? + +DER ALTE: + +Nehmen wir einmal an, du habest eine schwierige und gefahrvolle Reise +hinter dir, habest lebensgefährliche Abenteuer bestanden, habest +jahrelang als verschollen und verloren gegolten und seiest nun doch +zurückgekehrt. Alles ist gespannt zu hören, wie du das bewerkstelligt +hast und wie es dir ergangen ist. Du setzest dich in den Kreis der +Neugierigen und Teilnehmenden und erzählst, beginnst mit der Fahrt übers +Meer, der Aufzählung deiner Gefährten und kurzer Andeutung ihrer Art und +ihrer bisherigen Schicksale, fährst fort mit der Landung, dem Aufbruch +in die unbekannten Gebiete usw., usw. Wäre es nun angebracht, das +Interesse der Zuhörer durch Beschreibungen von Landschaften, von Tieren, +von Pflanzen zu ermüden? Wenn du dies tätest, würde in ihnen ein leises +Mißtrauen gegen den Ernst und die Schwere deiner überstandenen +Schicksale entstehen. Sie wollen wissen, wie es dir ergangen ist, nichts +weiter, und je einfacher und sachlicher du bist, je glaubhafter werden +deine Erlebnisse klingen. Nicht mit einem Wort brauchst du zu schildern. +Das Bild der Landschaft und des Landes wird ganz von selbst in der +Phantasie entstehen; je weniger du davon sprichst, je stärker wird die +Phantasie der Hörer es erblicken und zwar durch dein Erlebnis selbst. +Unwillkürlich gehen sie deinen Weg mit und sehen sie mit deinen Augen. +Es kommt ganz und gar nicht darauf an, daß das Bild der Wirklichkeit +entspricht, das sie sich davon machen, es handelt sich nur darum, daß +durch ihre seelische Bewegung ein Bild entsteht. Diese seelische +Bewegung bildet sich nun wieder durch die Bewegung der künstlerischen +Materie, und so siehst du abermals, wie Äußeres und Inneres verschmolzen +sind und sich verschmelzen müssen. + +DER JUNGE: + +Das Beispiel leuchtet mir ein. Es leuchtet mir ein, daß das Abschweifen +von einer Sache, die man sich vorgesetzt hat, in der Kunst ebenso +unwahrhaftig wirkt wie im Leben, und ich verstehe auch, daß man das +Vertrauen des Lesers auf diese Weise verlieren kann. Aber du sagtest +etwas von Verklärung und Erhöhung und poetischer Wirkung des Stoffes. +Das alles scheint mir nun überflüssig, sobald einmal die Wahrheit, die +Wahrhaftigkeit außer Zweifel steht. + +DER ALTE: + +Gewiß, wenn es ein und dasselbe wäre, mündlich zu erzählen oder +schriftlich. Dazwischen liegt ein so tiefer Abgrund, daß ihn nicht +Geist, nicht Wissen, nicht Wahrhaftigkeit zu überbrücken vermögen, +sondern lediglich künstlerische Genialität. Es ist der Abgrund zwischen +Wesen und Schein, zwischen dem Spiegel und der Person, die davorsteht, +zwischen Leben und Erinnerung, zwischen der Minute und der Ewigkeit. +Deine lebendigen Zuhörer sehen dich, sie sehen dich ergriffen, +begeistert, bedrückt, das lebendig gesprochene Wort hat eine ganz +unabweisbare Zeugniskraft durch sich selbst. Wenn du dieselbe wahre und +erschütternde Erzählung deiner Reise mit denselben Worten deines +mündlichen Berichtes niederschreibst, kann sie abgeschmackt, verlogen +und sozusagen grundlos klingen. Es ist also wieder das scheinbar +Äußerlichste, das die Kunstwirkung hervorbringt: der Stil. Um dieselbe +Einfachheit, die der Hörer ohne dein besonderes Hinzutun spürt, sofern +du nur eine einfache und wahre Natur bist, dem Leser eines Buches +glaubhaft zu machen, dazu gehört ein halbes Leben unablässiger Versuche, +aufreibender Mühe, qualvollsten Ringens. Im Leben ist das +Selbstverständliche, oder wenden wir ein Fachwort an, das Naive eine +Voraussetzung, in der Kunst ist es eine letzte Konsequenz, ein Gipfel. + +DER JUNGE: + +Die Aufgabe besteht also darin, den Anschein des Selbstverständlichen zu +erreichen, innerhalb der Kunst ein Gebilde zu schaffen, das die Züge der +Natur trägt. Darüber bin ich mir klar. Doch hat jedes Individuum seine +besondere Naivetät, jedes »Selbst« seine eigene Selbstverständlichkeit. +Gäbe es dennoch gewisse Gesetze, an die unbewußt alle gebunden sind, +Schöpfer wie Genießende? + +DER ALTE: + +Wollen wir einmal vom Engsten ausgehen, um ins Weite zu gelangen. Wer +sprachliches Gefühl und ein aufmerksames Ohr besitzt, wird wissen oder +unbewußt schon früh empfunden haben, daß die vorzüglichste Schönheit +unserer Sprache in ihrem Vermögen liegt, eine organisch gegliederte, +gleichsam lebende Periode zu bilden. Der Gedanke, die Vorstellung +entsteht und kommt zur Erscheinung durch Hauptwort und Zeitwort; das +Beiwort tritt heran, um zu verdeutlichen oder zu schmücken, eine zweite +Vorstellung oder Handlung will die erste begründen und weiterführen, und +der Nebensatz ist geboren, an dem sich dieselben Erscheinungen +vollziehen wie im Hauptsatz, nur abgetönt, verkleinert, gemildert. Darin +liegt der Rhythmus der Prosa: das An- und Abschwellen des Tones und der +Betonung, die gegenseitige Beziehung von Sätzen und Satzteilen +untereinander, die freie und eigenbewegliche Anpassung, die Fülle des +Ausdrucks bei größter Sparsamkeit mit dem Wort. Die eigentümlichste +Kraft der deutschen Sprache ruht im Zeitwort; dieses auszubilden, zu +formen, gewissermaßen zu isolieren, kennzeichnet den guten Prosaisten, +während der mittelmäßige sich mehr auf das schmückende Beiwort verlegt, +– ganz natürlich. Prüfe doch den Stil unserer guten Erzähler auf diesen +Umstand hin: wie das flutet und in majestätischer Ruhe hinfließt, immer +bewegt und immer gegen ein erreichenswertes Ziel bewegt. Das Beiwort +wirkt erstarrend und ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, und nur die +anschauende Phantasie kann es an den rechten Platz stellen; das Verbum +belebt und ist das eigentlich motorische Element im Satzbau. Es ist +stets interessant, den guten Erzählerstil lediglich auf seinen +sprachmelodischen Gehalt hin zu prüfen, sich zu überzeugen, wie die +Periode der Atmung entspricht, wie sinnvoll gegliedert Satz und +Nebensatz auftreten, und wie der Gesang abläuft, wenn der Absatz zu Ende +ist. Eigentlich müßte man ein gutes Prosabuch schon an der +typographischen Anordnung erkennen, die sozusagen seine Fassade +vorstellt. Dazu kommt nun beim epischen Künstler das geistige Erlebnis +des Bildes und die seltsame Empfindung für die plastische Nähe des +Wortes, die ihn vor Verflachung seines Ausdrucks bewahrt. Denn wie +könnte sonst eine Schriftsprache jahrhundertelang gesund und triebfähig +bleiben? Die Auserlesenheit der Wendungen tut es nicht, Geschmack und +Formensinn allein sind ebenfalls nicht zeugungskräftig, – nur das +Mitleben mit dem Wort als einem Organismus bewahrt die Sprache der Epik +vor dem Verwelken und Absterben. Das begreiflich zu machen, ist schwer, +wenn du es nicht fühlst. + +DER JUNGE: + +Ich fühle es. Ich fühlte es oft, wenn ich Gottfried Keller las. Ein ganz +gewöhnliches Wort, das in unserer Umgangssprache so platt klang und so +tot aussah wie eine abgegriffene Münze, stand plötzlich da wie in einen +Zaubermantel gehüllt, fremd und neu. + +DER ALTE: + +Und doch sind die meisten unter unsern jungen Dichtern Wortsucher, aber +was schlimmer ist, sie verstehen auch nicht in großem Atem zu erzählen. +Ich leugne nicht die Berechtigung des Schriftstellers, seine Sätze +auseinander zu haken und sie im stürmischen Tempo aufmarschieren zu +lassen, wenn ihn die Situation und seine Natur dazu auffordern. Aber so +wenig ein Mensch lange Zeit hindurch im Zustand der Atemlosigkeit +verweilen kann, so wenig verträgt dies ein Buch, ohne daß es Unbehagen +und Widerwillen erregt. Ich habe Bücher in der Hand gehabt, in denen +lauter enge und engbrüstige Sätzchen nebeneinander standen, stumpf und +traurig wie Soldaten bei der Parade. Einzelne Satzglieder schwammen wie +abgeschnittene Hände und Füße in einer Brühe überflüssiger +Interpunktionen, und jeder Rhythmus war zerfetzt, weil eine anständige +Mittelmäßigkeit des Schreibens weniger geachtet wird als ein gequälter +Unsinn, oder weil das Gefühl erweckt werden sollte, der Verfasser sei +tief ergriffen gewesen von dem, was er geschrieben. Von dem Verfasser +wird gar keine Ergriffenheit verlangt; Gott hat nicht jedem Baum und +jedem Berg einen Zettel umgehängt, auf dem zu lesen steht: wie schön, +wie gewaltig, wie charakteristisch bin ich. Gott ist bescheiden, er ist +unsichtbar in seiner Welt versteckt, und mit den großen Künstlern ist es +ebenso. Vom Erzähler wird Unsichtbarkeit verlangt, von dem, was er +erzählt, höchste Sichtbarkeit. + +DER JUNGE: + +Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist aber keineswegs zu leugnen, daß +etwa in einem dickbändigen Roman die strenge Form der Erzählung schwer, +wenn nicht unmöglich festzuhalten ist. Ein solches Buch müßte durch +seine Eintönigkeit langweilen, glaube ich, und man kann dem Autor nicht +Unrecht geben, wenn er dies Schicksal durch dramatische Gespräche und +aufregende Schilderungen von seinem Buche abzuwenden sucht. + +DER ALTE: + +Das ist ein Thema für sich. Man kann von einem Kochbuch nicht verlangen, +daß es wissenschaftliche Aufgaben löst. Wenn es einem Dichter zu schwer +fällt, ein Kunstwerk zu schaffen, so begnüge er sich mit dem Machwerk, +aber er soll dann nicht beanspruchen, ein Künstler genannt zu werden. +Müssen denn die dickbändigen Ungeheuer geschrieben werden, von denen du +sprichst? Und wenn sie geschrieben werden müssen, bin ich etwa +verpflichtet, mich mit ihnen zu beschäftigen? Wollten wir unsere +Erörterungen in diesen niedern Kreis stellen, was wäre da nicht alles zu +sagen, worüber zu klagen: über die Frauenschreiberei, das Zeitungswesen, +die elenden Übersetzungen aus andern Sprachen usw. Doch wir wollen das +künstlerischste aller Gesetze auch auf unsere Unterhaltung anwenden und +bei der Sache bleiben. + +DER JUNGE: + +Du hast recht. Dennoch gibt es Mischprodukte, die man nicht verwerfen +darf und die eine tiefere Wirkung und ein gewaltigeres Entstehungsmotiv +haben als die reinen Kunstwerke. Das darf man nicht vergessen. + +DER ALTE: + +Ich halte das für einen Irrtum. Diejenigen Werke der Kunst, die an +Wirkung und Dauer hinter den Erzeugnissen zurückstehen, die du erwähnst, +sind eben dann nicht wahrhaft lebendig, und ihr Untergang ist nur eine +Frage der Zeit. + +DER JUNGE: + +Alles, alles ist dem Untergang geweiht. Selbst Homer und Shakespeare. + +DER ALTE: + +Eine törichte Phrase. Sie werden untergehen, wenn der Erdball versinkt +und das Licht sich in Finsternis verwandelt. Sie gehören eben der +Menschheit an, und von einer Unsterblichkeit über die Menschheit hinaus +zu reden, hat keinen Sinn. + +DER JUNGE: + +Folgendes ist mir nicht ganz klar. Es handelt sich doch bei der +Erzählung um das Darstellen eines Vorganges und innerhalb des Vorganges +wieder um das Ausmalen einzelner Bilder oder Situationen, denn ohne +solche Bilder würde ich doch mehr Geschichtsschreibung treiben als +Kunst. Wie bringe ich nun die Situation, ohne gegen das Gesetz des +epischen Weiterströmens zu verstoßen? Mit einem Wort, wie kann ich +erzählerisch und plastisch zugleich sein? + +DER ALTE: + +Zur Beantwortung dieser Frage will ich dir eine Stelle aus Wilhelm +Meisters Lehrjahren vorlesen. Es heißt da: »Zwei bis drei Häuser standen +in vollen Flammen. In den Garten hatte sich niemand retten können wegen +des Brandes im Gartengewölbe. Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde, +weniger wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht, die Kinder zu +verlassen, und sah das Unglück sich immer vergrößern. Er brachte einige +Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf seinem Schoße +eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich +hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die +ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam herbei, die +Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten +Kleidung der fallende Tau fast unerträglich. Er führte sie zu den +Trümmern des zusammengestürzten Gebäudes, und sie fanden neben einem +Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme. Der anbrechende Tag +brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen, usw.« Du +siehst hier deutlich, wie keusch und zurückhaltend das außerordentliche +Ereignis in der allgemeinen erzählerischen Stimmung sich auflöst. Ruhig +schließt sich an die sparsame Ausmalung der überaus schönen Situation +von den am Aschenhaufen liegenden Personen der neue Vorgang, und im +Satzgefüge herrscht nicht die mindeste Erregtheit. Vergleiche damit +einmal die Darstellung einer Feuersbrunst bei Zola; Einzelheit drängt +sich an Einzelheit. Die ungeheure Flut der Einzelheiten vernichtet das +Bild und überschwemmt die Phantasie. Aus fünfzig Seiten eines +Schilderers macht der Epiker zehn Zeilen. Der erzählende Stil beruht +keineswegs auf der Ausmalung der Situationen, sondern er ruft die +Situation nur zu höherem Zweck hervor, um sie in vollkommener Ruhe +vorübergleiten zu lassen. Geradezu musterhaft ist darin Kleist, der +vielleicht das größte erzählerische Genie ist, das wir besitzen. Wie im +Volksmärchen, mit einer erhabenen Knappheit erzeugt er Bewegung um +Bewegung. Nur dadurch entsteht zugleich die Lebendigkeit der Periode, es +wird ihr das Papierene genommen, das sie auch beim vollendetsten +Schilderer hat; sie besitzt plötzlich innere Kraft, das Blut des +atmenden Geschöpfes, und wie das Werk im Ganzen, ist sie für sich allein +ein Organismus mit Fleisch und Seele. Der Baum setzt sich aus winzigen +Zellen zusammen; die Gesundheit seiner Früchte hängt ab von der +Gesundheit jener unscheinbaren Gewebe. Die Breite und Fülle der Periode +bedingt die Breite und Fülle des Ganzen; nicht Abenteuerlichkeit der +Vorgänge, nicht Weitspurigkeit der Anlage, nicht die ausgesuchteste +psychologische Tüftelei, keine Neuartigkeit des Themas, keine äußere +Spannung, nicht Geist, nicht Witz, nicht philosophische Tiefe kann ein +Werk, dem jene Eigenschaften wahrer epischer Breite und Ruhe mangeln, +zum Rang eines Kunstwerkes erheben. + +DER JUNGE: + +Jetzt ist es auf einmal wieder die Ruhe. Wir haben doch festgestellt, +daß es die Bewegung ist, die der Kunst das Leben gibt, wir haben es sehr +schön gefunden, daß die Zwecklosigkeit der Bewegung den Kunsteindruck +hervorbringt, nun soll auf einmal die Ruhe das Allesbedingende sein. Das +ist sinnverwirrend. Ruhe? Das wäre ja gleichbedeutend mit Kälte, das +hieße ja, das ganze Wesen des Dichters verkennen, dem Artistentum das +Wort reden. + +DER ALTE: + +Beschwichtige deinen Eifer, du wirst gleich sehen, wie unbedacht er ist. +Die erzählende Kunst stellt Vergangenes dar. Es handelt sich um ein +Gelebt-Haben, Gesehen-Haben, Geschehen-Sein. Während das Drama auf der +Gegenwärtigkeit der Geschehnisse, der Leidenschaften beruht, ist das +Epos oder die Novelle ein Zurückgewandtes, Zurückschauendes, – ganz +natürlich, und so ist es durch seine Form zu einer größeren Ruhe und +Gemessenheit verurteilt, denn seine Wiedergabe setzt doch einen +Betrachter voraus, einen Beobachter, einen Urteilenden, Zusammenfasser. +Während das Drama ein scheinbar freistehendes, isoliertes Eigen-Produkt +ist, weist die Erzählung beständig und auf jeder Zeile auf den Erzähler +zurück, und von dessen Haltung hängt alles ab. Es handelt sich also nur +um eine scheinbare Kälte und Ruhe, um ein Zurückhalten des Feuers. Der +Schöpfer eines solchen Werkes ist umsomehr darauf angewiesen, seine +eigene Persönlichkeit zu verbergen, da er es doch selbst ist, der die +ganze Welt, die er hervorbringt, repräsentiert. Wenn er aufhört, +unsichtbar zu bleiben, leidet unsere Illusion Schaden, und die +scheinbare Ruhe enthält also für ihn alle Wirkungen seiner Kunst. Uns +dennoch aufs innigste mit dem Werk zu verknüpfen, uns alles mit seinem +eigenen Auge, seiner eigenen launigen oder tragischen Seelenstimmung +erleben zu lassen, das hängt von seiner Person und seinem Dichterwert +ab. Seine Weltanschauung und geistige Kraft einerseits und die Ruhe +andrerseits, die ihn befähigt, Licht und Schatten zu verteilen, Bilder +zu erzeugen, Zeitperspektiven zu bilden, können die beiden Pole genannt +werden, zwischen denen sich seine Kunst bewegt. Deswegen verlangt die +epische Kunst eine vollkommene Reife des Geistes. + +DER JUNGE: + +Es handelt sich also nicht um unterdrücktes Gefühl, sondern um +gebändigtes Gefühl, um verteilte Wärme. Dann leidet auch das Werk +Schaden, wenn zu viel Licht auf eine einzelne Gestalt fällt? Offenbar. +Wie verhält es sich also mit den Gestalten? Wie weit dürfen sie sich aus +der Fläche der Erzählung plastisch heben? + +DER ALTE: + +Das hängt von Stoff und Ton des Ganzen ab. Laß uns einmal den Gang +verschiedener Werke epischer Prosa auf diesen Umstand hin vergleichen: +Herodots Geschichten, den Don Quixote, den Wilhelm Meister und Tolstois +Krieg und Frieden. + +Herodot besitzt die natürliche, persönliche Naivität, die dem Zeitalter +und einer jungen, aufsteigenden Kultur entsprechen. Er hat weder +Vorbilder, noch bedarf er ihrer. Er ist nicht bemüht, eine Kunstform zu +prägen. Er vermeidet Schmuckworte. Er hält sich von allen Abstraktionen +fern. Er »erzählt«. Sein Ton ist der eines Mannes, der reich an +Erfahrungen und an Wissen unter den Seinen sitzt und ebenso einfach wie +wahrhaftig von allem Kunde gibt. Gleichwohl zeigt sein Werk eine feste +Stileinheit und das nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich: Die +Handlungen des Menschen stehen unter dem Walten der Nemesis. Von dieser +Weltanschauung durchdrungen, erhält seine Schöpfung nicht nur sittliche +Größe, sondern auch künstlerische Macht. + +Cervantes fußt natürlich bereits auf Traditionen. Aber er vernichtet +sie, indem er sich ihrer bedient. Die Sittenschilderung und die Aktion +ordnen sich äußerlich einem Plan und geistig einer Idee unter. Indem er +gegen den pathetischen Heros des Katholizismus zu Felde zieht, findet er +jene hohe Form der Darstellung, welche wir Humor nennen und welche +seinen Gestalten weitaus bedeutungsvollere Konturen gibt, als sie in der +Realität ihrer Existenz zu haben scheinen. Auch Cervantes ist ein (im +banalen Sinn) naiver Erzähler; aber an seiner Naivetät hat der +Kunstverstand schon wesentlichen Anteil. Es ist klar: das ist nicht mehr +der Berichterstatter wahrhafter Begebenheiten. Mit der Schöpfung einer +Phantasiewelt hat die unbefangene Freude am Ereignis und seiner +Wiedergabe ihr Ende erreicht. Dem Erzähler muß sich der Fabulist +beigesellen, und Fragen technischer Natur entstehen wie von selbst. Hier +ist alles schon _Kunst_: die Charaktere und ihre Gestaltung, die +planvoll geschürzten Fäden der Handlung, der Dialog und seine +motorische Bedeutung. Aber durch einen wunderbaren Instinkt hat all dies +wieder die Farbe der Natur erhalten, das täuschende Gewand der Wahrheit. + +Goethes Roman ist in erster Linie das Manifest einer großen +Persönlichkeit. Wenn der spanische Dichter Bilder entrollte, hinter +denen er wortlos verschwand, so bleibt der Deutsche vor dem Geschaffenen +stehen und bringt es durch sein Wesen, durch seine Gebärde, durch seine +begleitenden Worte erst ins rechte Licht und zur rechten Geltung. Seine +Darstellung ist kühl und überlegen, philosophisch gemessen, und nie +vergißt man über den Figuren den Zauberer, der sie in Bewegung zu setzen +vermag. Cervantes ist groß durch Don Quixote; Wilhelm Meister ist groß +durch Goethe. + +In der Dichtung des russischen Dichters endlich sind Stoff und +Darstellung in eine unauflösliche Verbindung getreten. Der Schöpfer +selbst wird hier zu einem wesenlosen Etwas, ähnlich der Naturkraft, die +einem Strom sein Bett anweist. Dieser Roman ist von homerischer Prägung. +Die Menschen darin sind so stark individuell und andererseits so sehr +von dem Schicksale ihres Temperaments getrieben, daß man die Illusion +hat, sie müßten, auch aus Milieu und Handlung losgelöst, doch zu +denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen gelangen, zu denen sie in der +Dichtung durch den Willen des Dichters kommen. Sittenschilderung, +nationale Besonderheit, menschliche Bedeutsamkeit, künstlerische Ruhe, +Einfachheit und Größe, alles verbindet sich zu klarster Wirkung. Der +Dialog hat keine motorischen Zwecke mehr, auch nicht philosophische oder +tendenziöse, sondern lediglich charakterisierende. + +DER JUNGE: + +»Stoff und Darstellung sind in eine unauflösliche Verbindung getreten,« +sagst du. Ich möchte lieber sagen: Stoff und Künstler. Aber was ist der +Stoff? Wann wird der Stoff »daseinsnotwendig«? Wann erhält er die +Unleugbarkeit eines von der Natur selbst Geschaffenen? Wahrscheinlich +muß der eine ihn erleben, der zweite erfinden, der dritte aus der +Geschichte nehmen. Dieser braucht eine regelrechte Fabel, jener webt +seine Gebilde wie aus einem Traum heraus, der die Bewegung und Stimmung +des Lebens und doch die Gesammeltheit der Dichtung hat. Das Wichtige ist +demnach nicht die Art des Stoffes selbst, sondern die Intensität der +Vision, die er erzeugt und die nicht auf einem Bild zu beruhen braucht, +sondern oft, dem Nebelball der Urwelten gleich, Feuer und Vegetation +noch in sich verborgen tragen kann. + +DER ALTE: + +Ohne Zweifel. Die Kraft der Vision im Dichter bestimmt die Kraft des +Werkes, ihre Dauer und Unvergeßlichkeit aber seine Harmonie. Alles +andere hat mit inspiratorischen Dingen nichts mehr zu tun, sondern +unterliegt den Gesetzen der Entwicklung. Wo die Vision aufhört, beginnt +die geistige Arbeit, das Reich des Geschmackes, des Urteiles, der Wahl. +Hier ist auch die Grenze zwischen dem Dichter und dem Schriftsteller. +Der Dichter und seine Stoffe verhalten sich zu einander wie der Baum zu +seinen Blättern, die Stoffe des Schriftstellers aber gleichen den +beliebig ausgewählten, ärmlichen oder luxuriösen Möbeln eines Zimmers. +Dort wird jeder Mangel die Kehrseite eines Vorzuges sein, hier wird +selbst jeder Vorzug auf einen einzigen Mangel zurückdeuten. Dort ein +lebendiger Organismus, gleichviel ob kränklich oder stark, hier eine +Maschinerie, stümperhaft oder in ihrer Art vollkommen. + +DER JUNGE: + +Demnach müßte also eigentlich der Dichter seine Stoffe erleben, der +Schriftsteller sie erfinden. + +DER ALTE: + +Das läßt sich nicht auseinanderhalten. Da müßten wir erst feststellen, +was es heißt, erleben. Es wäre doch recht ärmlich gedacht, wenn man nur +eine äußere Aktion darin sehen wollte, dann wäre es schlimm um jene +bestellt, die der Zufall oder soziale Stellung oder persönliche Eigenart +vom großen Getriebe fernhält. Das hieße dann: nur derjenige, der einen +Mord begangen, kann die Seele eines Mörders enthüllen, und die Frau als +eine Welt für sich wäre dem Dichter ein für immer verschlossenes Ding. +Ich stelle nicht in Abrede, daß ein gewisses Maß allgemeiner +Lebenserfahrung notwendig sei, aber dem, der nicht innerlich das Leiden +der Welt und ihrer Geschöpfe erlebt, dem wird es wenig frommen, wenn er +seine Tage mit Abenteuern füllt, wenn ihm auch hierdurch die seltsamsten +und tiefsten Seiten der menschlichen Natur offenbar werden. Das ist ja +eben die besondere Natur des Dichters, daß in ihm gleichsam die +Erfahrungen aller andern sich sammeln und zu einem hohen Bewußtsein +gelangen; es ist, als ob ihm Gott die Andeutungen und Stichworte gäbe, +aus denen er das Gewebe einer zweiten zur knappsten Folgerichtigkeit +verdichteten Welt formt. Er ist es, der im Mittelpunkt der Dinge wohnt, +er stellt das lebendige Gewissen der Völker dar, er lebt nicht nur in +der Gegenwart, nein, ihm ist alles Vergangene zugleich Gegenwart. Und +nun der Stoff. + +DER JUNGE: + +Ich glaube, daß es gleichgültig ist, ob er die Geschichte eines +Schneiders oder eines Welteroberers wählt. Und das Milieu kann immer nur +ein Mittel sein, Charaktere zu entfalten und Schicksale zu motivieren. + +DER ALTE: + +Sehr wahr. + +DER JUNGE: + +Und doch haben wir von einer Daseinsnotwendigkeit des Stoffes +gesprochen. + +DER ALTE: + +Es ist oft genug gesagt worden, daß der Dichter aus einem unbesiegbaren +inneren Drang heraus schaffe. Oft im Kampf mit den äußeren +Lebensumständen, oft, ja fast immer im Kampf mit sich selbst. Deswegen +ist es eine abgegriffene Phrase, von dem Glück des Schaffens zu +sprechen. Es gibt nur eine Verzweiflung des Schaffens und einen ganz +kurzen Glücksrausch des Geschaffenhabens. Und dann erst muß der Dichter +lernen, sein Werk zu hassen, damit er seine Gebrechen zu erkennen +vermag, und je stärker er sein Werk hassen wird, je tiefer wird er die +Kunst lieben. Es ist klar, daß das, was unter solchen Widerständen +Dasein und Form gewinnt, innere Lebensmöglichkeit und -notwendigkeit +haben muß, wenigstens für den Schöpfer. Die Frage ist nur, ob und in +welchem Maße das Werk zu den anderen Menschen spricht, wie viele +Lebenskreise es durch seine Existenz berührt, wie viel andern Wesen es +ebenfalls notwendig wird. Das hängt nun von seinem Stoff ab. Ich möchte +behaupten, ein Stoff ist um so größer und allgemeiner gültig, je mehr +Mythos er in sich trägt, das heißt, je tiefer er in dem Geheimnisvollen, +Unbewußten, Religiösen, Phantasiegemäßen eines Volkes und damit der +Menschheit wurzelt. Der Dichter ist ja der Mund der Schweigenden. Je +größer ein Dichter ist, je mehr Schweigende sprechen aus ihm. Nicht er +wählt seinen Stoff, sondern der Stoff wählt ihn. Er trifft ihn, wie der +Blitz zuckt er auf ihn herab. Deshalb wird man ebensowenig von Erfinden +wie von Erleben eines Stoffes reden können, im höchsten Sinne nämlich. +Dichter, die ihre Erlebnisse, sagen wir verwerten, sind immer in Gefahr, +diese Erlebnisse sehr zu überschätzen, wenn nicht ein großes typisches +Schicksal dahinter steht. Die Vision ist alles. Sie vermag einen +tausendmal behandelten Gegenstand so zu verklären und zu erhöhen, daß er +zum unerhörten Ereignis wird. Je mehr du durch dein enges kleines und in +jedem Fall bescheidenes Schicksal dich ins Weite, Menschliche, Mythische +hinausspürst und -lebst, je weniger brauchst du tatsächlich zu +»erleben«, je freieren Spielraum gewinnst du für die Kunst. + +DER JUNGE: + +Frühere Ästhetiker haben das, was du den Mythos nennst, als Idee +bezeichnet. + +DER ALTE: + +Nenn es, wie du willst. Man spricht immer davon, daß die Kunst keine +Tendenzen habe, keine Nützlichkeitsziele verfolgen soll. Aber in einem +anderen höheren Sinn muß doch mit jedem Kunstwerk etwas bewiesen werden, +wenn es nicht dem Fluch des Spielerischen verfallen soll. Gewiß muß es +um seiner selbst willen hervorgebracht werden. Aber es darf, wie das +lebendige Geschöpf, nicht um seiner selbst willen existieren. Weiter +können wir in unserer Erörterung kaum gelangen. Hier ist schon die +Grenze des Traumes und der Träumerei. + + +_Fünf Jahre später_ + + +DER ALTE: + +Daß uns der Zufall auf einer Reise zusammenführt! + +DER JUNGE: + +Man könnte glauben, du habest mich während all dieser Zeit +geflissentlich gemieden. + +DER ALTE: + +Wie könnte ich mich unterfangen! Du bist ein berühmter Mann geworden, +ich sinke mehr und mehr ins Dunkel zurück. + +DER JUNGE: + +Hoffentlich hat mir dieser sogenannte Ruhm nicht deine gute Meinung +geraubt. + +DER ALTE: + +Das wäre nur der Fall, wenn er dich zur Selbstgenügsamkeit verführte. +Solche Leute stehen als Leichname inmitten ihrer Werke, und ihre Werke +sind krankgeborene Kinder, zu frühem Tod bestimmt. + +DER JUNGE: + +Vor allem, es gibt doch zweierlei Arten von Ruhm. Der eine geht von dem +Zeitlichen, Zufälligen, Augenblicklichen, Problematischen unserer Taten +aus; er kann dem echten wie dem verlogenen Werk gleicherweise zu Teil +werden und hat wenig zu schaffen mit dem andern Ruhm, der durch unser +ganzes Wesen bedingt ist, sich an den Zusammenhang unsrer Werke knüpft. +Jener ist wie der kurze Erfolg eines Witzboldes oder guten Plauderers in +einem geselligen Kreis, dieser wie das tiefe, stille, langsame Wirken +eines Priesters oder Menschenfreundes; jener wird von anderen +hervorgebracht und entsteht oft zu unserer eigenen Überraschung, dieser +aber strahlt von unserm Innern, von unserer Persönlichkeit aus und kann +auf alle Fälle erst nach dem Tod eintreten oder nach dem Abschluß +unseres Lebenswerkes; jener muß um den Beifall jedes Zeitungsschreibers +besorgt sein, dieser hat keinen andern Richter als das eigene Herz. + +DER ALTE: + +Es freut mich, daß du so denkst. Aber hast du auch immer in solchem Sinn +gelebt, gedichtet? Du meinst, ich sei dir in all den Jahren mit Absicht +ferngeblieben; dein Gefühl trügt dich nicht ganz. Aufrichtig muß ich +gestehen, daß mich dein Erfolg beunruhigt hat. Er war mir zu schnell, zu +laut, er ging mir zu wenig von der Sache aus und konnte sich zu wenig +auf die Kunst berufen. Ich wollte warten, und ich wartete dein nächstes +Buch ab. Ich war enttäuscht. Nicht als ob du dir darin untreu geworden +wärst, aber du warst unruhig in dir selbst. Die Vision deiner Phantasie +war nicht rein, sondern du sahst darin gleichsam die neugierigen +Gesichter deiner Leser, deiner Freunde. Du trachtetest sie zu +befriedigen und nicht dich selbst. + +DER JUNGE: + +Wahr, wahr. Doch ich habe gebüßt. Ich habe gebüßt, indem ich verachten +lernte. Ich habe gebüßt, indem meine Seele immer schmerzlicher nach mir +selber schrie. Kennst du diesen geheimnisvollen Zustand, der jedes +Verweilen friedlos, jedes Nachdenken bitter macht? Es ist als ob man +nach der Heimat reisen wolle und scheugewordene Pferde stürmten mit +einem nach fernen wüsten Ländern. Was für ein rätselhaftes Ding ist es +doch, das im Innern der Brust wohnt. Es hat eine Stimme, die den +schrillsten Marktlärm übertönt, und bist du dann in der Einsamkeit, so +schweigt es unvermutet, als wolle es sich rächen dafür, daß du ihm nicht +früher gehorchtest. Immer aufmerksamer, immer stiller mußt du werden, um +die Stimme nicht zu verlieren, nicht Weib und Kind und Geld und Gut +darfst du festhalten, wenn sie es nicht will. + +DER ALTE: + +So viel Einsicht bei so viel Irren! + +DER JUNGE: + +Wie könnte man Einsicht gewinnen ohne geirrt zu haben? Erinnerst du dich +unseres Gesprächs von damals über Wesen und Gesetze der Erzählungskunst? +Ich habe viel, habe oft darüber nachgedacht. Ich habe daraus in den +entscheidenden Punkten eine nicht mehr zu trübende Klarheit gewonnen. +Und doch, so bald ich nur eins dieser Gesetze, und wenn es das +lapidarste war, auf meine Arbeit anwenden wollte, so zerfloß es in +eitel Dunst. Es geht wie mit den aufgeschriebenen Paragraphen-Sammlungen +der Justiz gegenüber der lebendigen Menschenwelt. An sich betrachtet: +wahr, gerecht und klar. Auf das Ereignis, auf die Tat, den Augenblick +angewandt: nichtssagend, absurd, tot. Daraus schloß ich allmählich, daß +es kein andres Gesetz gibt, als dasjenige, das wir selbst durch die +Kraft unseres Werkes exemplifizieren. Jeder darf, was er kann. + +DER ALTE: + +Willst du aber leugnen, daß dir unser damaliges Gespräch förderlich und +notwendig war? + +DER JUNGE: + +Durchaus nicht. + +DER ALTE: + +Es ist das Problem der Erziehung. Gut und Böse liegt im Menschen. +Beispiel weckt Kräfte. Belehrung zeigt die Wege, zeigt die Schranken. +Der Philister, der immer nur die Landstraße wählt und der Bohême, der im +Gestrüpp stecken bleibt, keiner von ihnen kann Führer werden, jener ist +überflüssig, dieser schädlich. So ist es auch mit der Kunst und ihren +Gesetzgebern. Ich habe freilich gesehen, mit Kummer habe ich beobachtet, +daß du alles was du damals so eifervoll, so leidenschaftlich zu +ergreifen schienst, verächtlich beiseite geworfen hast. Nun, du bist oft +genug im Gestrüpp stecken geblieben, und noch heute sehe ich weder Weg +noch Ziel für dich; so hart es klingt, ich muß es sagen. + +DER JUNGE: + +Es klingt mir nicht hart. Ich muß dir so erscheinen. Du schaust vom Ende +eines Wegs auf mich zurück. Du weißt natürlich wie du gegangen bist, +aber wie ich gehen muß, das glaubst du nur zu wissen. Jedem ist sein +Schmerz notwendig, jedem seine Sehnsucht, sein Suchen, und wo ich nach +deiner Meinung verderbe, da ist vielleicht mein Heil. Wollte man doch +alles Kritisieren lassen, das sich nicht aufs Engste beschränkt, aufs +Greifbare, Haltbare! Ein menschliches Dasein ist kein Brettergerüst, +kann nicht mit dem Richtscheit ausgemessen werden, kann nicht mit Nägeln +und Klammern vor dem Geschick in Schutz genommen werden. Wenn es doch +keine Schulmeister mehr gäbe! In jedem Lehrer steckt so viel Härte und +Verhärtetsein, und was soll man erst zu jenen sagen, die aus bloßer +verwerflicher Lust an Überlegenheit einem Organismus, den die Natur +geschaffen hat, die Berechtigung zur Existenz absprechen. + +DER ALTE: + +So redest du für dich. Wehrst du dich aber nicht selbst gegen die +Stümper, gegen die frivolen Eindringlinge in den Tempelbezirk der Kunst? +Und bist du immer gerecht in der Unterscheidung? Täuscht dich niemals +ein Vorurteil, und das deiner Natur Fremde, suchst du es auch zu +verstehen, oder verwirfst du es nicht oft, nur weil es eben fremd ist? + +DER JUNGE: + +Du hast Recht. Aber der Verdruß gegen die Schwätzer und Windbeutel +enthält oft das wünschenswerte Entgegenkommen den noch unerschlossenen +und ringenden Kräften vor. Bei uns in Deutschland ist es besonders +traurig. Unter hundert Betrachtern und Beurteilern eines Kunstwerks ist +kaum einer, der imstande ist nur gerade, sagen wir: das Postament zu +begreifen, auf dem es ruht. Eitelkeit und Nüchternheit diktieren ihnen +ihr begeistertes oder verwerfendes Urteil. Überall guckt der +Schulmeister heraus, und wenn sie wohlwollend sind, dann glauben sie +schon weit zu gehen. Verzeih, daß ich jäh und bitter werde, aber sogar +du ziehst es vor Diktator zu sein, anstatt Freund, Versteher, Billiger, +Mitdeuter. Warum willst du nicht die Notwendigkeit hinnehmen, die mich +erfüllt? Vielleicht ist das, was ich unter unbesieglichem Zwang schaffe, +gar nicht so verschieden wie du meinst von dem, was die Formeln wollen. +Und wer nie eine der anscheinend ehernen Regeln verletzt und selbst das +erlauchteste Kritikerhaupt zum Schütteln zu bringen vermag, der ist kein +Schöpfer, der bleibt stets ein Beckmesser. + +DER ALTE: + +An der hohen Meinung von dir selbst hat es dir nie so sehr gefehlt als +an der von den andern. Aber ich bin dir keineswegs böse. Im Gegenteil +muß ich gestehen, daß mich dein Feuer seltsam erwärmt und daß mir dabei +der Gedanke aufsteigt, wie gleichgültig, fern und matt all dies +eifervolle Mühen um Dinge ist, die doch, man könnte fast glauben mit +einem spöttischen Lächeln, ihre eigenen Wege gehen. Der Mensch ist +alles, das Lebendige ist alles, und eine Natur, mit Sehnsucht, Mut und +Schöpferwillen begabt, wird, sei sie noch so eng, stets den Nörgler +beschämen. Aber es würde mich nun interessieren, wie du dir die Zukunft +deiner Kunst denkst, denn aus deinen Reden atmen mir Revolutionen +entgegen. + +DER JUNGE: + +Liebster Freund, wie schnell werden wir uns verständigen, wenn du so +spricht. + +DER ALTE: + +Und wie erstaunt werden wir sein zu bemerken, daß jeder nicht den andern +bekämpft hat, sondern sein eigenes Mißverstehen, seine eigene Ungeduld, +seine eigene Unsicherheit. Lassen wir also alles Allgemeine für diesmal +beiseite und erzähle mir von dir selbst, von dir allein. Ich denke, daß +ich so am meisten auch über deine Kunst erfahre. + +DER JUNGE: + +Meine Kunst! Ich gestehe dir, daß dieses Possesivpronomen für mich etwas +Erstaunliches und Fremdes besitzt. Wenn ich mich ehrlich prüfe, so habe +ich eigentlich keine Kunst. Was mich zur Arbeit treibt, ist nicht der +Drang etwas zu vollenden, nicht der Wunsch von etwas außerhalb meiner +Sphäre Liegendem Besitz zu ergreifen, nicht oder doch nicht in erster +Linie die Sehnsucht nach farbigem Bild oder plastischer Gestalt oder +Deutung eines Schicksals, sondern es ist etwas anderes, seltsames. Es +ist eine tiefe, immer wachsende Unruhe in meinem Innern; es ist als ob +in meiner Brust ein Wesen verborgen wäre, das sich selbst kennen zu +lernen, über sich selbst Klarheit und Wahrheit zu erlangen wünscht und +für das die Arbeit meiner Hand, das Geschaffene, nichts ist als ein +Spiegel, in dem es sich betrachten kann und der es je mehr befriedigt +und beglückt, je ruhiger und ungetrübter er das Bild seiner vorigen +Verzweiflung um sich selbst wiedergibt. + +DER ALTE: + +Das haben viele Dichter von heute. Deshalb vermögen sie ihre innere Welt +nicht mehr genügend zu objektivieren. + +DER JUNGE: + +Schon wieder der Schulmeister. Dein Tadel trifft nur jene, die noch +nicht starke Menschen genug sind, oder starke Künstler (denn in meinem +Sinn bedeutet das dasselbe), um dem Dämon, dem Zwerg, dem unruhigen +Wesen genug zu tun. Ihr Spiegel ist nicht rein legiert. Dies ist eben +das Neue: immer wichtiger, bedeutungsvoller, ich möchte sagen, +göttlicher wird der Mensch und seine Seele. Alle Erlebnisse verdichten +sich nach innen, alle Verwicklungen betreffen nur das Herz, oder sie +sind wesenlos und für den Dichter unbrauchbar. Warum das alles so ist +und wie es gekommen ist, das zu entwickeln fühle ich mich nicht kühl und +begabt genug, aber daß es so ist beweisen tausend Zeichen. Den groben +Augen und groben Sinnen scheint das in solcher Luft Gestaltete und +Geschaffene noch schattenhaft, aber mit der Zeit werden sie schon sehen +und fühlen lernen. + +DER ALTE: + +Das alles klingt mir gar nicht so neu und überrumpelt mich nicht so sehr +wie du anzunehmen scheinst. Ich glaube sogar, deine etwas wortreiche +Tirade ist völlig zu ersetzen, wenn wir sagen, du habest dich ganz den +Forderungen der Gegenwart ergeben. + +DER JUNGE: + +Und damit glaubst du etwas gesagt zu haben? Gut. Ja. Meinetwegen. Wenn +es dich befriedigt, ein Wort dafür zu wissen, – meinetwegen. Glaubst du +denn, daß es Laune ist oder Trotz oder die eitle Lust zu verblüffen, was +unsre Besten in ihren besten Stunden bewegt? Sie sind nicht +Eigenwillige, sie sind Geschöpfe der Zeit, in ihnen kristallisiert sich +die Sehnsucht und das geistige Bedürfnis der Menschheit. + +DER ALTE: + +Von dir wollte ich etwas wissen, von _deiner_ Art etwas erfahren. + +DER JUNGE: + +Vielleicht bin ich dazu nicht imstande. Was nützte es, sofern du mein +Vermögen in Zweifel ziehst, wenn ich dir sagen wollte: ich will +Gestalten geben, deren Seele das reinste und empfindlichste Instrument +ist für das unbegreifliche Spiel des Schicksals? Ich will meine eigene +Furcht, mein eigenes Entzücken, meine eigenen Vorstellungen von Leben, +Gott und Tod zum Bilde machend, Wesen darstellen, die unter dem Druck +und Anhauch solcher Gefühle unvermittelter, vielfacher tönend reagieren; +die das Erstaunen des Kindes noch in sich tragen vereint mit der +Erfahrenheit des weisen Zuschauers und die unter dem Kleid des Alltags +dennoch wandeln wie wir alle wandeln, unwissend woher, unwissend wohin. +Ich will den einen zum Schatten machen, denn sein Dasein, seine +Leidenschaften, seine Triebe, seine Taten sind ihm und andern unbewußt +dunkel und nichtig wie Schatten, jenem aber, der zur Seite steht, nichts +will, nichts gibt, nichts vermag, nichts bedeutet, zur charakteristischen +Gestalt verhelfen. Ich will nicht die Verknüpfung äußerer Erlebnisse +geben, sondern die Wirrnis der inneren, ich setze keinen Ehrgeiz darein, +Fäden zu knüpfen und zu lösen. Ich möchte keine Gewitter geben, sondern +die Entwicklung des Gewitters, die schwülen Lüfte des ahnungsvollen +Tages, alles was vorher geht, was Verantwortung trägt. Ich will keine +prahlerischen Ereignisse, sondern ich suche den kleinen Schmerz, der in +tausendfachen Bildungen die Seele dem Verderben entgegenschleppt, und +dies alles will ich wieder einer großen Harmonie zuführen, die +mannigfach geteilten Motive dem Unendlichen vermählen. + +DER ALTE: + +Das geht weit, das hat Schwung, das klingt nicht übel. + +DER JUNGE: + +Wie es klingt, ist nicht so wichtig wie das wohin es zielt. Wir alle, +Kleine und Große, sind Glieder eines einzigen Körpers. Jeder hat teil an +jedem. Verworfen wird nur der Leugner. Lernen wir es, andächtig und +ehrfürchtig zu sein. + +DER ALTE: + +Und wenn wir alt sind, laßt uns nicht vergessen, zur rechten Zeit zu +sterben. + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand sich ursprünglich am +Buchende. + +p 009: auschließlich -> ausschließlich +p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt +p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen +p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo +p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren +p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung +p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als +p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a first +edition copy. The table below lists all corrections applied to the +original text. The Table of Contents was moved from the back of the book +to the front. + +p 009: auschließlich -> ausschließlich +p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt +p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen +p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo +p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren +p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung +p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als +p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of IMAGINÄRE BRÜCKEN, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN *** + +***** This file should be named 17007-0.txt or 17007-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/7/0/0/17007/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/17007-0.zip b/17007-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9028cdb --- /dev/null +++ b/17007-0.zip diff --git a/17007-8.txt b/17007-8.txt new file mode 100644 index 0000000..b3a58eb --- /dev/null +++ b/17007-8.txt @@ -0,0 +1,4765 @@ +The Project Gutenberg EBook of Imaginäre Brücken, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Imaginäre Brücken + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: November 5, 2005 [EBook #17007] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + +JAKOB WASSERMANN + +IMAGINÄRE BRÜCKEN + + + STUDIEN + UND AUFSÄTZE + + + +KURT WOLFF VERLAG / MÜNCHEN + + +Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München +Druck von Dietsch & Brückner, Weimar +Herbst 1921 + + +Inhaltsverzeichnis + + Seite +Was ist Besitz? ....................... 5 +Faustina .............................. 29 +Der Literat ........................... 85 + Der Literat als Dilettant ........... 87 + Der Literat als Psycholog ........... 95 + Der Literat als Tribun .............. 111 + Der Literat als Schöngeist .......... 124 + Der Literat als Apostel ............. 131 + Die Frau als Literat ................ 140 + Ergebnisse .......................... 145 +Die Kunst der Erzählung ............... 151 + + + + +Was ist Besitz? + +Geschrieben 1919 + + +Die Zeit erschüttert die Begriffe und wühlt den Boden auf, dem sie +entwachsen sind. + +Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor allem darum zu +handeln scheint, den Wert, das Ausmaß und die Rechtsgrundlagen von dem, +was bisher Eigentum hieß, zu revidieren und umzuformen. + +Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher mit +unwiderlegbaren Argumenten verteidigen konnte, ja der geradezu ein +Gesellschaftsgesetz war, wird ihm plötzlich streitig gemacht mit +Gründen, denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck +verliehen wird durch Drohung von Gewalt. Gewalt ist nicht zu widerlegen. + +So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private Existenz +gegriffen, daß der Bürger, das Mitglied einer Gemeinschaft, die nur zum +Schutz ihrer selbst besteht, von einem andern Teil dieser Gemeinschaft +in seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten +Lebensbedingungen entrechtet werden soll, und daß ihm zugemutet wird, +die anscheinende Willkür und Unbill nicht bloß geduldig zu ertragen, +sondern auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere Ordnung darin zu +erblicken. + +Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen die alte +wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; dazu fehlt mir die Befugnis +und die Kompetenz. Es soll auch nicht von Schlagworten des Tages die +Rede sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; sie +haben die Köpfe genug verwirrt, die Leidenschaften genug erregt. Ich +möchte das Wesen des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach +verschiedenen Seiten, auf das innere und auf das äußere Leben, das +soziale und das individuelle, seine Legitimität und seine Schädlichkeit, +seine Fruchtbarkeit und seine Unnatur. + + +I + +Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfüllt gegen den, der +Überfluß hat. Es gibt Verstoßene, die durch keine Anstrengung dahin +gelangen können, wo die Lieblinge des Glückes sich am ersten Tage +befinden. So entsteht in Hunderttausenden, Millionen Gemütern +Bitterkeit, Haß, Neid und Auflehnung. + +Für den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der andere hat, schon +Überfluß. Wer nur ein einziges Hemd besitzt, für den ist der Besitzer +von zwei Hemden ein mit Glücksgütern Gesegneter. Wer sich nicht +sattessen kann, für den ist der sorgenvollste Satte ein Krösus. Wer kein +Bett sein eigen nennt, in dem er schlafen kann, für den ist der auf dem +Strohsack Ruhende beneidenswert. + +Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich viele +Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen des Besitzes hat. Zwischen +dem in einer Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im +Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen Nabob in der +ersten Kajüte mit Bade- und Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf +der alle Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, alle +Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle ausdenkbaren Schicksale der +modernen Welt spielen. + +Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf trennende Linie. Sie +scheidet diejenigen, die ihre Lebensnotdurft nicht stillen können, von +denen, die in der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse eine +selbstverständliche Voraussetzung erblicken. An dieser Linie teilt sich +die moderne Welt in zwei Lager. An ihr wütet der soziale Kampf in seiner +ganzen Furchtbarkeit. + +Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, ein +Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes Gefüge ist, so muß man sich +fragen, weshalb das eine Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner +Bedrückung, seinem Leiden die bevorzugte Situation des andern so lange +erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, allgemeinen, gewaltsamen Eingriff +vorzunehmen. Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter der +Ungerechtigkeit an sich trägt, mußte doch umsomehr zum Umsturz +herausfordern, als die zahlenmäßige Übermacht zu allen Zeiten auf Seite +der Entrechteten lag. Waren sie nicht genug durchdrungen von ihrem +Recht, dem Recht auf Brot und Wärme, auf Luft und Licht? Hat man ihnen +Schaustellungen des Prunkes erspart? Wußten sie nicht, was erreichbar +war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem Übermut und ihrer Härte? +Warum also die Geduld? + +Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt auf Seite der Reichen +war; sie konnten die Gewalt bezahlen, und unter denen, die bezahlt +wurden, befanden sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre Brüder +verrieten, eben weil sie bezahlt wurden. + +Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, raffiniertes und +uraltes System von Einschüchterung, Betäubung und Verdummung die Masse +der Unterdrückten in Bann gehalten hat, und weil zudem die Sorge für den +Tag, die dringende Notwendigkeit, Obdach, Nahrung und Kleidung zu +beschaffen, den größten Teil der verfügbaren Kräfte absorbierte. + +Es ist ein Stück der Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es +ist die äußerliche Wahrheit, aber nicht die innere. + +Nehmen wir an, es fände heute eine vollkommen gerechte und gleichmäßige +Verteilung aller vorhandenen Güter statt, beweglichen und unbeweglichen; +jedem wäre so die Unabhängigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit, +die Möglichkeit, seinen Anteil nach seinen Gaben und Kräften nutzbar zu +machen. Dieser paradiesische Zustand würde genau so lange dauern wie +ein Tüchtiger braucht, um einen Trägen aus dem Feld zu schlagen, ein +Listiger, um einen Dummkopf zu betrügen, ein Glückspilz, um über einen +Pechvogel zu triumphieren, eine talentvolle und feurige Persönlichkeit, +um Anhänger für eine Sache oder Idee zu gewinnen, der sie sich +versprochen hat. + +Daß in der von Menschen (so wie Menschen einmal sind) bevölkerten Welt +eine Besitznivellierung stattfinden kann, halte ich für denkbar, +obgleich ich fürchte, daß sie ohne Raub, Bedrückung, Gewalt und +Ungerechtigkeit nicht durchzuführen ist. Daß sie aber auch nur auf kurze +Dauer rechnen kann, halte ich bei einer Gemeinschaft, die nicht +ausschließlich aus Ackerbauern, Fischern, Jägern und Viehzüchtern +besteht, für undenkbar. Und auch hier würden sich die Schlauen, die +Tätigen, die Erfinderischen bald absondern, und Herren würden Sklaven +finden. Eine Binsenweisheit im übrigen. + +Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste von allzulange +hörig Gewesenen erhebt, ist auf den katastrophalen Moment dieser Epoche +gestellt; sie lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit +hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer Hypertrophie +erreicht. Das über und über gehäufte Mehr auf jener Seite soll +abgetragen werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren. Ich weiß +nicht, wie das geschehen soll, ich weiß nicht, ob es geschehen kann, +auf eine vernünftige, ersprießliche, rettungversprechende Art nämlich. +Daß es wichtig, daß es würdig und menschlich wäre, wenn es geschähe, +weiß ich, auch wenn mir die Sachverständigen mit klugen und +wahrscheinlichen Berechnungen vor Augen führen, daß es den Zusammenbruch +der gegenwärtigen Gesellschaft bedeute, und sich dieser in Rußland ja +bereits vollzogen habe. Kein Bestand irgendeiner Ordnung vermag dafür zu +entschädigen, daß lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, daß sie +besteht. + +Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde gehen. Eine Wut der +Materie hat sich des Zeitalters bemächtigt, die gegen alle Einflüsse des +Geistes, der Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige +Nutzanwendung wirft überall die Logik der Dinge und der Geschehnisse aus +der Bahn. Forderung überschreit Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz +der Zahl ist im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide gleich +seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos zu sich selbst, in +einer durch die Materie getrübten Beziehung zum andern und zur Welt, +abgetrennt vom sittlichen Verlauf, weil völlig geblendet oder erschreckt +vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren sein, alle wollen +sich ihrer bemächtigen. + +Jede Tätigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbrüchliche +Legitimität. Diese Legitimität ruht nicht in der Materie, sondern im +Geiste. + +Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben und Andenken der +gierigen und unempfindlichen Raffer und Wächter toten Eigentums, die das +Blut schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul und +achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution beriefen, wenn die +Lohnsklaven im Dunst der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende +Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger sie zur +Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren gesicherten Asylen +verschanzten, beschützt von Polizei und Militär, wenn die Not zu ihnen +schrie, das tausendfältige Elend der Städte sich verzweifelnd erhob, der +tausendfältige Schmerz seine fahlen Züge zeigte. Wehe den +Aktienparasiten, den gelangweilten Müßiggängern, den Spielern mit +Menschenseelen und Wucherern mit Menschenkräften, den Petrefakten und +dem schillernden Geschmeiß einer untergehenden Welt! + +Aber diese Schädlichen und Hinderlichen haben und hatten von jeher im +Lager der Armen und Geknechteten ein unabsehbares Heer von Lakaien, +Agenten, Anwälten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen +Kreaturen, die, gefällig jedem Wink, auf das Erträgnis ihrer Dienste +angewiesen, in Schranken gehalten durch die Stimme des Eigennutzes, +zitternd vor der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber, durch die +Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam, die nach wirkende Zucht der +Kirche und der Schule zur Indolenz und Scheinüberzeugung gebracht, +stützendes Element auf der einen, hemmendes auf der andern Seite der +Linie waren. + +Daraus jedoch schließen zu wollen, als hätte die Stabilität der +bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in unreinen Gesinnungen und +niedrigen Interessen, in der Trägheit und Knechtseligkeit der Massen +ihre Ursache, hieße der billigen Demagogie das Wort reden, die heute die +Straße und die politische Schaubühne beherrscht und die die menschliche +Natur und das Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder sie +überhaupt nicht in den Bereich der Argumente zu ziehen vermag. Was +ebenfalls ein Merkmal geistigen Abstiegs ist. + + +II + +Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut oder böse, ist +Achtung vor dem Besitz des andern Menschen angeboren. + +Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits eine anarchische +Seelenstimmung, die unmittelbar in die Verzweiflung mündet. Ehe solcher +Zweifel Wurzel faßt, muß der Glaube an die eigene Kraft verschwunden +sein; es kann keine Idee mehr vorhanden sein, die der Brutalität der +Wirklichkeit entgegentritt und sie unter sich läßt; das persönliche +Wertgefühl ist ertötet. + +Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang Idee. Nicht das, was mir +vorenthalten wird, ist der fremde Besitz, sondern das, was mir +unerreichbar ist; nicht das, worum ich durch Fügung oder Tücke betrogen +worden bin, sondern das, was außerhalb meiner Sphäre liegt. + +Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die Norm der sittlichen +Verfassung vorausgesetzt, kommt es nicht in Frage, ob der Nachbar, der +Freund, der beliebige Andere Vorrat und Anhäufung von Dingen hat, an +denen ich Mangel leide. Auch seine Würdigkeit kommt nicht in Frage, sein +Wagnis nicht, seine Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den +Andern, sondern nur, was mich betrifft. + +Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich. Was ich von der Welt +erringe, um meinen leiblichen oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist +Besitz. Besitz ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Faßbares, +Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium meiner Person und +innerhalb ihres Wirkungskreises irgend Leben erhält. + +Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von Besitz, ein +Unschaubares, Unfaßbares, Unbrauchbares, das Unding schlechthin. Deshalb +entsteht Täuschung und Lüge, wo es für Besitz genommen wird, Haß und +Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt es sich nicht in das Ding, gibt +es seinen Charakter als Vorwand nicht auf, bleibt es als häßliche +Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz und gar Gespenst +von Besitz, so ist es verzeihlich und logisch, daß unter denen, die von +seinem widrig-geheimnisvollen Zauberring ausgeschlossen sind, die in Not +verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen, eines Schattens, einer Formel +nicht bemächtigen können, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht, eine +finstere Erbitterung, schließlich ein Wahnsinn, Massenwahnsinn, der +genau das Bild unserer Tage malt. + +Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das Unding ist eines mit +dem Ungeist. + +Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens die Würde seines +Seins. Am Ding kann ich mich messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann +es mir inkarnieren, es kann mich nähren, kleiden, schützen, tragen, +fördern; es ist, je nachdem, Schmuck oder Lehre, Lohn oder Geschenk, +Waffe oder Trophäe, Beute oder Erwerb. + +Die ursprüngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen dem Ding +gegenüber ist die Ehrfurcht vor seiner Bestimmung. Und davon ging ich +aus. Es knüpft sich hieran von selbst der Glaube an die persönliche +Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung. Das quälende +Mißverhältnis in der sozialen Wirtschaft, die unüberbrückbare Kluft +zwischen den aufs äußerste gesteigerten Extremen fällt allein dem Dämon +zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt, denen trotzdem +Tauschgeltung eignet, das den Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung +entwertet und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung der +sozialen Kräfte herbeiführt. + +Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges und +Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser ist für den, der besitzt, +kennzeichnet es auch die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es +sind dies, tiefer betrachtet, zwei völlig verschiedene Gattungen von +Menschen und demgemäß zwei völlig verschiedene Eigenschaftsgruppen, die +zu betrachten sind. + +Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Phänomen, daß zwischen dem +Verlangenden und dem verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung +herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinität, die auf die +Schnelligkeit der Erfüllung Einfluß hat, ein seelisches Fluidum, das mit +größerer oder geringerer Gewalt das Zueinandergehörige zueinander +bringt. Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch, kann man auch vom +Schicksal zwischen Mensch und Ding sprechen. + +Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist, das zu entscheiden, +ist nicht einfach. Das Erwägen solcher Möglichkeit freilich fordert +bereits die Entrüstung der Rationalisten heraus, und ich möchte in +diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und Wirkung eines +Magnetismus dürfte auch von Grobnervigen nicht geleugnet werden; er +kommt ja in alltäglichen und trivialen Vorgängen oft genug zur +Erscheinung. Bemerkbar ist natürlich das Verhalten des Menschen, der +zum Ding steht. + +Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen, Fähigkeit, +Überlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte Wert, der Wert im +Bewußtsein der andern und die Weite des trennenden Wegs bringen die +Summe des Müheaufwandes hervor und ergeben die moralische Schätzung für +ihn. Ehrgeiz entfaltet sich; Pläne werden erdacht; Anstrengungen +wiederholen sich beständig; der Geist wird gebunden und auf ein Ziel +gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt werden müssen; +Hindernisse erheben sich außen, Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der +Wunsch trübt sich, erglüht wieder; alles dies in niedriger wie in hoher +Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei dem Ringen um ein kostbares +Gut. Das Bild dessen, was errungen werden soll, ist das fortwährend +verjüngende und erneuernde Movens, der Kräftespeicher, der Feuerspender; +es diktiert den Rhythmus, die Flughöhe, schafft die Züge und die Gestalt +des Lebens, es ist das Leben geradezu. + +Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen Lebensgesetz +stehen, sind hiervon in gleicher Weise umschlossen. Wo das Unding nicht +die Herzen und Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Geschöpf +einerseits zur Maschine oder gar zum Teil einer Maschine erniedrigt hat, +andererseits die, die sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in +feige, stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende, nur +menschenähnliche Hüter und Zuchtmeister verwandelte, überall dort ist +Spiel freier Kräfte, Spannung und Ausgleich, Begehren und Befriedigung, +Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren Stufen auf obere, von +oberen auf untere, Aufstieg und Fall, edle Sucht und gemeine, +eigennütziger Trieb und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung in +der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des Besitzes die Deutung +und der Inbegriff der vitalen Bewegung. + +Sogar jene Unglücklichen, die Hingewürgten und ihre Würger, kennen sie +auch nicht den Besitz als schöpferisch treibendes Element, so kennen sie +ihn doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verhängnis des +Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden der Fetischismus, bei den +entseelt Besitzlosen die Rauschillusion und Aufpeitschung durch das +Stimulans. + +Die opfervolle Bemühung, das engverstrickte Maschenwerk von Interessen +und Leidenschaften, das erschütternde Theater des Empor und Hinab der +Existenzen nennt man sozialen Kampf. Es ist, näher besehen, der Kampf +des einzelnen um sich, um das, was er liebt, um den Boden, um die Luft, +um das, was er braucht, damit er sein kann, was er ist. + +Geprüft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt durch die Prämie. Je +spezifischer, persönlicher, einmaliger, einzigartiger die Leistung, +desto höher die Prämie, sei sie nun von materieller, moralischer oder +geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange vorenthalten, auf +lange Sicht gebucht, und wird, in ihrer letzten Entmaterialisation als +Ruhm, als Kult bezahlt; völlig unterschlagen kann sie nur in seltenen, +tragischen Fällen werden. + +Darum löst die Prämie, wenn sie im harmonischen oder wenigstens +annähernd harmonischen Verhältnis zur Leistung steht, das Gefühl +vollzogener Gerechtigkeit aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner +Betätigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf des ganzen +Gesellschaftsorganismus in ihr seinen Herzpunkt hat, ist auch jeder +irgendwie für sie in Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das +System befehden, mögen List, Betrug, Verbrechen die Prämie verdrängen, +verkleinern, abwendig machen, den natürlichen Gang beeinflußt es nicht. + +Der Fähige fordert und wird bezahlt. Im Unfähigen schlummert neben der +Traurigkeit des Unbelohnten auch ein heimliches Bewußtsein von Schuld. + + +III + +Das Buch, das ich erworben habe, ist mein Eigentum. Derjenige Teil +meiner Arbeit, der den Kaufpreis repräsentiert, ist die Leistung. + +Somit wäre der Prozeß ein- für allemal erledigt: ich kaufe ein Buch, +stelle es ins Regal und bin Besitzer. Ob ich es gelesen oder nicht +gelesen, benützt oder nicht benützt, verwertet oder nicht verwertet +habe, das ändert an meinem Besitzrecht nichts. + +In der Tat ist dies der Vorgang bei allem bürgerlichen Besitz: die +Leistung ist erledigt und bewiesen durch den Kauf, wobei ich nach dem +bisher Gesagten unerörtert lassen kann, ob sie legitim oder illegitim +ist. Es kommt das weiter nicht in Betracht. + +Nun leuchtet es ein, daß es keineswegs dasselbe ist, ob ich einen Sack +Mehl kaufe, um ihn zum Kochen und Backen zu verwenden, oder ob ich +Bücher kaufe, um sie ins Regal zu stellen. In dem einen Fall ist meine +Leistung zweckhaft, im andern anscheinend zwecklos. + +Man nehme jedoch an, ich sei Sammler von Büchern, es sei meine Passion +und mein Entzücken, seltene Ausgaben, kostbare Exemplare oder eine +möglichst vollständige Reihe der über eine Wissenschaft erschienenen +Werke zu besitzen, so tritt bereits eine Zweckhaftigkeit hervor, auch +dann, wenn ich mich niemals mit einem von ihnen beschäftige, ihren +Inhalt nicht kenne, nicht verstehe, nicht schätze. + +Oder man nehme an, ich hätte eine umfangreiche Bibliothek ererbt und +obwohl ich lieber faulenze oder Forellen fische oder Blumen züchte, sei +ich durch Pflicht der Pietät, stille Abmachung von Geschlechtern her +verbunden, sie unangetastet, unverwertet in meinem Hause zu verwahren, +selbst auf die Gefahr hin, daß sie mir zur Last falle. + +Und schließlich nehme man an, die Bücher seien mir unentbehrlich, weil +ich mir eine bestimmte Einsicht, eine Erkenntnis verschaffen will, weil +sie Hilfsmittel zu meiner Arbeit sind, weil ich zu jedem einzelnen in +einer besonderen Beziehung stehe, die beständig wechselt, beständig +fluktuiert und infolgedessen sich beständig erneut, meine +Persönlichkeitsgrenze erweitert und die Fähigkeit zur Leistung erhöht, +so liegt der Zweck offensichtlich am Tage. + +Demgemäß sind vier Kategorien des Besitzes zu unterscheiden: +Verbrauchsbesitz, Schmuckbesitz, Erb- und Anhäufungsbesitz und +Produktionsbesitz. + +Das Merkmal des Verbrauchsbesitzes ist der Abbruch der Leistung mit dem +Nutzgenuß; des Schmuckbesitzes: die Leistung zum Phantasiegenuß; des +Erb- und Anhäufungsbesitzes: die brachliegende Leistung; des +Produktionsbesitzes: die Verwandlung der Leistung in höherer Sphäre zu +höherer Gestalt. + + +IV + +In Bernard Shaws »Candida« sagt der Pastor Morell: Wir haben so wenig +das Recht, Glück zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu +verbrauchen, ohne ihn zu erwerben. + +Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den stärksten Nachdruck auf die +Begriffe: Glück erzeugen und Glück verbrauchen. Einen um so stärkeren +Nachdruck, als diese scheusälig entwürdigte und besudelte Welt um uns +so glücklos geworden ist, so zerfetzt und entstellt und in den Morast +geschleift, daß sie in unserm beleidigten Bewußtsein nicht mehr froh +gemacht werden kann, und wenn Gott die Heerscharen seiner Engel als +Gärtner und Baumeister schickte. + +Wer sind die, die mehr Glück erzeugen, als sie verbrauchen? Seltene +Menschen, die seltenen Weisen, seltenen Dichter, seltenen Lehrer und +Versöhner, Former der Herzen, die Ausjäter, Wahrheitskünder, +Gestaltenbildner, die oft im verborgenen stehen, ins verlorene gehen, in +der Tiefe hinschwinden, der sie entstammen. Und je mehr Glück sie +erzeugen, je weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu +verbrauchen. Sie produzieren den Überschuß, der der Menge der zur +Produktion minder Befähigten zugute kommt. + +Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel Glück der Sammler +von Büchern, Münzen, Teppichen, Gläsern, Waffen oder sonstigen Dingen +erzeugt. Zumeist ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer. Tiefes +Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem die Freiheit fehlt, den Besitz +hörig macht. Alles Segensreiche liegt aber in der Freiheit, in der +Mitteilung, in der schenkenden Kraft. + +Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen der Rechenschaft +entziehen, so auch die letzten Ziele. Selbst bei den primitivsten fließt +das Endliche an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich seiner +Motive und Absichten klar zu sein dünkt, wäre sonderbar getäuscht, wenn +er alle Folge im Schicksalsverlauf überblicken könnte. Wie das endlich +Gedachte unendlich, so wird das eigensüchtig Getane allgemein; in +irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg, zu irgendeiner Zeit. + +Die egoistisch beschränkte Leidenschaft eines Sammlers, die +gesellschaftsfeindliche Gier eines Güteranhäufers ruft Bewegung weit +über den Kreis dieser Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv +auf andere Individuen und verdichten sich außerdem im Objekt. Von da aus +schaffen sie neues: sie schaffen Werke, Anschauungen, Spannungen, +Wetteifer, Erkenntnis, Freude und Schönheit. Das Individuum und seine +Motive sind überwunden. Die Dinge und die in ihnen verdichtete, von +ihnen wieder ausströmende Bewegung überwinden die Niedrigkeit und die +Endlichkeit des Individuums. + +Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken stehen, welche einst +Eigentum der Borgias waren, haben keine Erinnerung daran und brauchen +sich nicht an der Tatsache zu stoßen, daß diese Leute infame Giftmörder +und Banditen waren, die nebstbei die modische Herrenlaune hatten, Bilder +und Statuen zu sammeln. + +Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten, auch auf den +Sammler, der als Figur erklärt hat, was zu erklären war. Wichtig ist die +Erzeugung von Glück, von Freude, von Schönheit. Sie ist keineswegs nur +von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abhängig; sie umfaßt das ganze +Gebiet des realen Lebens, das Angenehme, das nutzlos, das Spielhafte, +das brotlos, das Glänzende, das zwecklos ist, den Überschwang und +Überfluß, die heitere Fülle, Fest und Illumination, den Perlenschmuck am +Hals einer Frau, den Pomp des Fürsten, den Luxus des Millionärs, die +Puppe in der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht, die +Marmorsäule des Tempels, die bunte Tracht des Wilden, den goldenen +Rahmen eines Spiegels, die Blumen auf einem Grab. + +Dies alles ist Frucht des Besitzes, und würde nach der unmittelbaren +Nützlichkeit gefragt, so müßte geantwortet werden: es ist verschwendeter +Besitz. Die Frage nach Nützlichkeit und Notdurft steht der nach Glück +und Schönheit schroff gegenüber. Wäre es den Menschen versagt, für ein +anderes Ziel zu arbeiten als für die Befriedigung ihrer leiblichen +Bedürfnisse, mehr anzustreben als höchstenfalls das persönliche Behagen +auf Grund der Erfüllung der gemeinen Sinnengelüste; wären diese +gewährleistet und der Pakt würde geschlossen um den Preis der Abkehr von +Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und Überflüssigem, so verwandelte +sich die Erde in ein düsteres Gefängnis, wo zweckbeladene, vom Zweck +kastrierte Sklaven langsam zu Idioten würden, in einen Stall satter, +verdauender Tiere, von denen eine Anzahl von Zeit zu Zeit die übrigen +in geheimnisvoller Tollwut überfallen und zerfleischen würde. Diese +Tollwut wäre die Rache der verstörten, vergifteten, medusisch gewordenen +Phantasie; denn Phantasie kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins +mörderische verkehrt werden. + +Leben wir denn nicht in einer Welt, ähnlich der? Nur daß der Pakt +unzulänglich ist, daß die gemarterten Tiere, weit entfernt, satt zu sein +und zu verdauen, hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande +gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die Kreatur winselt. +Nutzzweck heißt der Tiger, der uns in den Klauen hält, daß das edelste +Blut der Menschheit ausrinnt und sie sich nur noch müht um das, was ihre +Blöße bedeckt und ihren Magen füllt. O angstvoll starre Blicke, auf den +Trog geheftete Blicke, ihr kennt kein geläutertes Verlangen mehr; o +Freunde, zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach gejagte Vögel, ihr +wißt nichts mehr von Aufschwung und Jubel, der Enthusiasmus ist +gestorben in euern Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem +Büttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von der Maschine, von der +Materie, vom Zweck Besiegte und Entherzte! + + +V + +Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so verschieden wie Ich +und Welt. Wer ein Ding besitzt, unternimmt es, ein Stück Welt seinem Ich +einzuverleiben. Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt im Problem +der Identität. + +Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind äußerliche +Regelungen und Festsetzungen, soziale Dringlichkeiten. In Wahrheit +erringe ich den Besitz einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe. +Es gibt kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe. + +So wäre also auch die Liebe ein Problem der Identität? In der Tat +scheint es mir so zu sein. Setze ich an die Stelle des Begriffes »Welt« +den Begriff »Du«, so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles +Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du machen. Es ist die +höchste erreichbare Stufe des Besitzes, und deshalb hat auch die +Dichtung kein anderes Wort dafür als: einander besitzen. + +Um aber das Alltägliche des Gegenstandes nicht zu früh aus dem Auge zu +verlieren, so wird man einwenden, es heiße doch viel gefordert von der +Spannweite und dem Liebesvermögen der menschlichen Psyche, wenn man ihr +zumutet, daß sie sich mit allen den Dingen erotisch verschmelzen soll, +die unentbehrlich sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz, all +den Krücken und Behelfen, den Bindungen und Füllseln, deren Bestimmung +es ist, aufgenommen und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt +zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren schließlich, das bei besserer +Einsicht und vermehrter Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren +weichen oder bei herabgedrückten Umständen abermals dem Geringeren Raum +geben muß. + +Darauf ist zu erwidern, daß das durchaus eine Angelegenheit des +subjektiven Kräfteverhältnisses und der individuellen Phantasiefähigkeit +ist. Ich kenne Leute, denen es, bei offenbarer Wohlhäbigkeit, eine +gewisse Überwindung kostet, sich von einem Paar abgetragener Stiefel zu +trennen, wie es andere Leute gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen +teuern Menschen von sich stoßen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Es kann +sogar ein und dieselbe Person sein, die beides zu tun imstande ist. An +Dingen Haftende sind gewöhnlich nicht solche, die für Menschen glühen +oder für Menschliches sich einsetzen, und andererseits hat die +Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare Liebe für das Ding zur +Folge. Die universalen Seelen, wie Goethe eine war, vermögen mit ihrer +Liebe ein ganzes Universum zu umschließen, den Stein, die Blume, die +Sterne, die Werke der Künstler, die Menschheit, den Teufel und Gott; die +engen Herzen müssen mit ihrem beschränkten Platz wirtschaften, und wenn +es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung fehlt, geht alles +drunter und drüber, und das Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften, +zum Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik. Man ist geneigt, +darin Lüge und Verlogenheit zu sehen, es ist aber meist nur Enge und +wegen der Enge Verwechslung und Verwirrung. + +In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte alle Dinge, die mir +in sinnvoller Beziehung zu denen zu stehen schienen, welche sie besaßen. +Ich liebte sie fast ebenso, als hätte ich selbst sie besessen. In dem +Maß, als mir Besitz zuwuchs, so kärglich dieses Maß auch war, erlahmte +die Fähigkeit zu solcher Phantasieliebe, denn die von mir besessenen +Dinge standen fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie +entkräfteten die Flügel, die im Fluge alles bedecken, sie ernüchterten +die Augen, die im Traum alles an sich reißen konnten, im Traum der +Identität. + +Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos. Nur der ist es, der +wissend auf Besitz verzichtet. Aber es ist dies kein gesellschaftliches +Ideal, sondern ein religiöses, kein europäisches, sondern ein +orientalisches, kein sentimental-humanitäres, sondern ein +unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung, sofern man überhaupt +von der Verwirklichung eines Ideals reden kann, führt nicht das +modern-kommunistische Diktat der Enteignung, sondern das +mythisch-buddhistische der Entäußerung. + +»Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und zwar: durch Auflösung +von Bild und Begriff wird Bewußtsein aufgelöst, durch Auflösung des +Bewußtseins wird Bild und Begriff aufgelöst, durch Auflösung von Bild +und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst, durch Auflösung des +sechsfachen Reiches wird Berührung aufgelöst, durch Auflösung der +Berührung wird Gefühl aufgelöst, durch Auflösung des Gefühls wird Durst +aufgelöst, durch Auflösung des Durstes wird Anhangen aufgelöst, durch +Auflösung des Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösen des +Werdens wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter und +Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung gehn +zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensstückes Auflösung zustande. +Auflösung, Auflösung!«[1] + +[Fußnote 1: Reden Gotamo Buddhos, übersetzt von Neumann.] + + + + +Faustina + +Ein Gespräch. Geschrieben 1907 + + +Vor Jahren hatte in einem geselligen Kreis, in dem ich damals verkehrte, +die junge C. viel Aufsehen gemacht. Abkömmling einer alten Adelsfamilie, +hatte sie sich, kaum zwanzig Jahre alt, von dem Zwang und Drill ihrer +Welt befreit, um, wie sie sich ausdrückte, »selbst« zu leben. Die +Ungebundenheit ihrer Lebensführung war in der Tat erstaunlich. Eine +Zeitlang kämpfte sie im größten Elend; plötzlich ging sie zum Theater, +dort heiratete sie einen Schauspieler, von dem sie sich nach +dreimonatlicher Ehe wieder trennte. Um Geld zu verdienen, übersetzte sie +mittelmäßige Romane aus dem Französischen. Eines Tages hieß es, sie sei +mit einem reichen Brasilianer verlobt und mit ihm in seine Heimat +gereist. Aber schon nach Jahresfrist kam sie zurück, -- ohne Brasilianer, +leider genau so arm wie zuvor. + +In dieser Zeit näherte ich mich ihr. Wir hatten uns ziemlich viel zu +sagen. Faustina, so wurde sie meist kurzweg genannt, war geistreich, +und, was mehr ist, ihr Geist hatte Fundamente. Sie war schön und sie war +exzentrisch; nimmt man aber dies Wort in genauem Sinn, so hatte sie mehr +Mittelpunkt als diejenigen, in deren Bezirk sie sich fremd erschien. Ob +sie auch immer anziehend war, lasse ich dahingestellt; eine Fremde war +sie durchaus, stets fremd, nie bürgerlich vertraut, höchstens seelisch +verwandt. Zur Abenteuerin fehlte ihr die Skrupellosigkeit, und um eine +große Dame zu sein, war sie zu ruhelos und zu voll von Opposition. + +Wieder eines Tages war Faustina verschwunden. Sie verabschiedete sich +nicht einmal von mir. Niemand wußte, wohin sie gegangen war, und sie +blieb verschollen. Man vergaß sie, auch ich verlor sie beinahe aus dem +Gedächtnis. Da, wiederum nach Jahren, begegne ich ihr plötzlich auf der +Straße. Sie gewahrt mich, sie zögert, ich mache Miene, sie anzureden, +sie grüßt und geht weiter. Kurz darauf erhielt ich ein Billett von ihr +mit der Aufforderung, sie zu einer bestimmten Abendstunde zu besuchen. + +Sie wohnte in einer Vorstadtpension. Ich trat in ein Zimmer, das die +übliche Halbeleganz fliegender Quartiere aufwies. Faustina war noch +immer schön, aber wie von einem sich entlaubenden Baum kann man auch von +dem Herbst eines menschlichen Gesichts sprechen. Ohne Zweifel las sie in +meinem Gebaren, daß ihre lakonische Einladung eher geeignet war, Neugier +zu erregen als an freundliche Beziehungen zu erinnern. »Die Sache ist +die, daß ich ganz ausgehungert darnach bin, mit einem vernünftigen +Menschen zu reden«, sagte sie. »Ich habe berechnet, daß ich seit +siebzehn Monaten bloß mit Kellnern, Kutschern, Zimmervermieterinnen, +Hausmeistern und Ladenmamsellen gesprochen habe. Das heißt doch leben, +wie? Daß ich so viel Talent zur wandelnden Mumie besitze, wer hätte das +gedacht.« + +»Sie haben immer zu überraschen verstanden, Faustina«, versetzte ich +ablenkend. + +»Als ich Sie auf der Straße sah,« fuhr sie fort, »hatte ich ein Gefühl +just wie Robinson, als er das erste Schiff vor seiner Insel gewahrte.« + +»Und doch sind Sie davongelaufen, gar nicht wie Robinson, sondern wie +Freitag, der scheue Wilde.« + +»Ja; scheu bin ich geworden. Wenn ich wenigstens schreiben oder +musizieren könnte! Den Kunstdilettanten bietet die Welt immer noch +Lockungen, und von allem, was im Menschen abzutöten ist, stirbt die +Eitelkeit zuletzt. Aber leider, ich bin stumm geboren, und der bloße +Kunst_genuß_ quält den Stummen manchmal mehr, als er ihn beruhigt.« + +»Ich wundre mich, Faustina. Sie waren doch stets obenauf. Eine richtige, +tüchtige Schwimmerin waren Sie. Haben Sie denn keine Arbeit, keine +Betätigung mehr?« + +»Ich finde es langweilig, zu arbeiten. Was kommt dabei heraus? Eine Art +von Trunkenheit und Selbstbetrug bestenfalls. Arbeiten, wie das klingt! +Dem Leben mit Gewalt ein Versprechen abnötigen! Ich brauche keine +Versprechungen mehr, ich glaube an keine mehr. Vorläufig hab ich noch +ein bißchen Kapital, meine Eltern sind nämlich gestorben, und man hat +mir den Pflichtteil ausbezahlt. Aber von den Zinsen könnt ich nicht +leben, das würde höchstens für eine Büchse Kaviar im Monat reichen.« + +»Also ist am Ende Ihre Einsamkeit ein ökonomisches Prinzip?« + +»Um Gottes willen, wer wird so philisterhaft denken!« + +»Und da treiben Sie sich nun mutterseelenallein herum, ohne Genossin, +ohne Freundin --?« + +»Ach was, Freundin! Ich habe keine Freundin, habe nie eine gehabt. Eine +Frau hat niemals eine Freundin.« + +»Aber die Freunde, Faustina! Sie ließen mich einmal glauben, daß ich Ihr +Freund sei.« + +»So? Wirklich? Mag sein, doch ich ärgerte mich, daß Ihnen keinen +Augenblick lang der Einfall kam, etwas anderes sein zu wollen.« + +Sie lachte über mein verdutztes Gesicht und fuhr fort: »Spricht man +hingegen nicht vom Freund, sondern von den Freunden, so muß ich +gestehen, daß ich für solche Beziehungen nicht viel übrig habe. Die +Freunde, das sind Wesen von einer geradezu lächerlichen Gefräßigkeit. +Sie verdauen schneller als die Hühner, und sie bleiben immer mager, ihr +Herz bleibt immer mager.« + +»Dennoch, Faustina, mit Menschen verbunden zu sein, bleibt der schönste +Vorzug des Menschen. Einen isolierten Zustand schadlos zu ertragen, dazu +gehört schon eine ungewöhnliche Seelenstärke.« + +»Mag sein, mag sein«, erwiderte Faustina, und sie lächelte unbestimmt +vor sich hin. + +»Offen gestanden, hätte ich nicht erwartet, Sie so zu finden«, fuhr ich +fort. »Ich dachte Sie mir in großen Erlebnissen. Eine Gestrandete, oder +wie Sie sagen, einen Robinson, nein, das hatte ich nicht erwartet. +Faustina unentflammt, Faustina ohne Liebe, ohne Verliebtheit, Faustina +einsam, was hat das zu bedeuten?« + +Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete. »Was kann es +andres zu bedeuten haben, bester Freund, als daß für Faustina keine +Liebe mehr da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die Rahel +Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person war, hat es einmal als +besondere Genialität Goethes gepriesen, daß er im Wilhelm Meister die +drei Frauen, die lieben können, Marianne, Aurelie und Mignon, sterben +läßt; denn, sagte sie, es ist noch keine Anstalt für solche da. Sehr +tiefsinnig: es ist noch keine Anstalt für solche da! Sie schweigen? Sie +meinen, ich lebe ja. Gewiß, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch. +Ehemals, da spürte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt empfinde ich die +ganze Kälte des Zeitalters. Vielleicht ist es mein Mißgeschick, für eine +Epoche geboren zu sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff +ist.« + +»Verallgemeinerungen sind töricht. Man muß sich, Faustina, vor der +Manier der Malkontenten hüten. Der Malkontente nämlich, das ist ein +Mensch, der aus seiner persönlichen Unfähigkeit eine Weltanschauung +macht.« + +»Sie sind sehr deutlich, mein Lieber. Ich bin aber keine Malkontente. +Malkontente opfern sich nicht.« + +»Haben Sie sich denn geopfert?« + +»Wenn es opfern heißt, zu lieben, wahrhaft zu lieben, sich wegzuwerfen --« + +»Sich wegzuwerfen, das heißt nicht lieben und das heißt nicht sich +opfern. Doch wir verstimmen uns im Wesenlosen. Erzählen Sie mir. +Erzählen Sie mir von Ihrem bisherigen Leben. Es gibt nichts +Überzeugenderes als das Erlebnis, Faustina, nichts Unbedingteres als die +Art, wie ein Mensch von Erlebnissen sie vorzutragen weiß.« + +»Um keinen Preis. Ich kann nicht von mir sprechen, solang Sie argwöhnen, +daß ich meine persönlichen Enttäuschungen gewissermaßen an der Zeit +rächen möchte.« + +»Es ist schwer, liebe Freundin, und nicht einmal dem Glücklichen gelingt +es, Zeit und Schicksal auseinanderzuhalten.« + +»Was wäre auch zu erzählen«, versetzte Faustina. »Eine Geschichte wie +hundert andere. Wenn ich Ihre Erwartungen in bezug auf meine Person +betrüge, so ist das Ihre Schuld.« + +»Sie sagen, Sie hätten geliebt und sich weggeworfen. Darin liegt mehr +Schuld, als Sie glauben.« + +»Ich habe keine Schuld. Oder sind übertriebene Hoffnungen eine Schuld? +Bin ich dafür verantwortlich, daß eure Gesellschaft, wie sie nun einmal +ist, Liebe nicht mehr gewährt, daß für die Liebe kein Platz mehr in ihr +ist? Sie schütteln den Kopf, und doch ist es so. Gibt es heutzutage noch +eine Gestalt, in der Dichtung oder im Leben, deren Existenz in der Liebe +wurzelt? Der Politiker, der Staatsmann, der Forscher, der Erfinder, der +Soldat, der Fabrikant, der Börseaner, im Notfall sogar der Künstler, sie +alle können ein modernes Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man +bewundert eine Figur wie die des Casanova, man findet eine Frau wie +Julie de Lespinasse äußerst rührend, man erstaunt über Ninon de +l'Enclos, aber sie sind im Grunde nichts weiter als Legenden und +Raritäten, man hat für sie das Interesse des Orientalisten, der +babylonische Ruinen ausgräbt. Wenn Casanova heute erschiene, würde er +wahrscheinlich als Hochstapler ins Gefängnis gesteckt werden, und auch +bei Don Juan würde schließlich anstatt des steinernen Gastes ein +Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat, der Forscher, der +Künstler, sie sind heute nichts weiter; Staatsmann, Soldat, Forscher und +Künstler, basta; darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert. +Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie Voland oder die Briefe +Mirabeaus an Mademoiselle de Monnier, so zeigt sich, daß da über den +Geist hinaus, über ein allgemeines, ja welthistorisches Wirken hinaus +noch Leidenschaften blühten, zwecklos wie die Blumen in einem Garten. +Heutzutage ist die Liebe das Geschäft der Poeten, ob sie nun schreiben +oder bloß träumen, und nicht einmal der berufensten, denn die stellen +sich würdigere Aufgaben, sie müssen Probleme lösen. So sagt man doch: +Probleme lösen. Nußknacker der Zeit, die sie sind.« + +»Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, daß die menschliche Natur +immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen der Zeit bringen nur eine +oberflächliche Häutung mit sich. Es sind Wandlungen des Geschmacks, der +Mode, der Manier, der Gebärde. Herz und Blut verwandeln sich nicht. Die +Leute des achtzehnten Jahrhunderts gefielen sich in schwungvollen +Episteln; das war eben der Geist der Epoche. Sie mögen uns überlegen +gewesen sein in der Fähigkeit, über ihre Empfindungen zu reden und sich +darin zu spiegeln, darum aber waren die Empfindungen selbst nicht +tiefer. Sie hatten auch die Gabe, alltägliche wie besondere Ereignisse +ihres Daseins in der Konversation auf das anmutigste zu behandeln. Ich +gebe zu, daß damit eine Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren +Verlust wir beklagen müssen --« + +»Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte. Unsere Form der +Geselligkeit macht das Entstehen der Liebe fast unmöglich. Bringen Sie +einmal ein Dutzend Menschen aus derselben Bildungssphäre zusammen, die +einander halbwegs fremd sind. Abgesehen davon, daß Sie Gespräche hören +werden, bei denen Ihnen die Haut schaudert, wird auch der einzelne mit +dem Wunsch nach Annäherung die größten Schwierigkeiten finden.« + +»Wir sind eben schweigsam geworden.« + +»Nur schweigsam? nicht auch zerstreut, nicht auch müde? nicht auch +faul?« + +»Nur schweigsam. Unsere Altvordern, die hatten viele Heimlichkeiten, +aber Geheimnisse hatten sie eigentlich keine. Für uns spielen +Heimlichkeiten keine Rolle mehr, dagegen sind wir voll von Geheimnis. +Ehemals kannte man in der Chemie nur vier Elemente, heute hat sich alles +Elementare in Atome gelöst. Ähnlich ist es der Gesellschaft ergangen. +Wir haben keine Gesellschaft mehr, weil jedes Individuum als eine Welt +für sich und mit dem ganzen Geheimnis seiner Welt auftritt.« + +»Auch mit der ganzen Anmaßung seiner Welt.« + +»Gut. Natürlich war es bei geschlossenen Gesellschaftskomplexen, wo +jeder gleichsam das Abzeichen seiner Kaste trug, viel leichter, gewisse +Kulturideale, oder besser gesagt, modische Ideale durchzuführen und als +gang und gäbe festzuhalten. Modische Ideale haben wir nicht mehr, weil +wir von vornherein entschlossen sind, in nichts, was mit dem Ideal +zusammenhängt, Konzessionen zu machen. Deswegen kann die Liebe keine +gesellschaftliche Übereinkunft mehr sein, deswegen auch hat sie keine +gesellschaftliche Abgrenzung mehr. Es haben sich die Grenzen verschoben, +nach außen und nach innen. Nach außen und nach innen ist alles +komplizierter geworden; oder sagen wir: verfeinerter, oder: +verschwiegener. Ehemals begehrte man in einem Liebesverhältnis die +Person des Liebenden oder Geliebten, jetzt begehrt man mehr, nämlich die +Persönlichkeit.« + +»Modische Ideale oder andere Ideale, darnach frag ich nicht«, entgegnete +Faustina lebhaft. »Ideale aufzustellen, in dieser Beschäftigung habt ihr +es freilich zu einer gewissen Handfertigkeit gebracht. Aber die Sache +scheint mir die, daß zwischen Ideal und Wirklichkeit eine so ungeheure +Entfernung ist, daß die beiden schon gar nichts mehr miteinander gemein +haben. Da ist kein Weg, keine Brücke. Es ist, als riefe man mir zu: geh +nach dem Mond. Es war der Vorzug vergangener Zeiten, daß sie +realisierbare Ideale hatten.« + +»Heißt denn das schon ein Ideal realisieren, wenn man imstande ist, sich +gesellschaftlich mitzuteilen oder selbst hinzugeben?« erwiderte ich. +»Konversation fordert Leichtigkeit; die allerdings fehlt uns. Sie setzt +ein Interesse für vieles voraus, wofür Teilnahme zu heucheln uns gar +nicht mehr einfällt. Wir würden es abgeschmackt finden, über die Liebe +und ihre verschiedenen Arten zu philosophieren. Unsere Zeit ist nach +jeder Richtung hin monologisch gestimmt. Gesteigerte Anschauung und ein +erhöhter Respekt verhindern uns durchaus, über das Bedeutungsvolle +gewisser Lebensfragen zu sprechen. Wo wir uns sympathisch erfaßt sehen, +glauben wir eine Erörterung darüber entbehren zu können; ganz mit Recht. +Ich möchte sagen, wir verkehren unter tieferen Voraussetzungen +miteinander. Ist Ihnen denn nicht auch im Grunde jede Ankündigung eines +Gefühls ein Greuel? Finden Sie denn nicht auch die ganze Phraseologie +der Liebe von Anno dazumal lächerlich und aufdringlich? Kribbelt es +Ihnen nicht in den Fingern, wenn der Liebhaber auf dem Theater seine +Liebeserklärung vom Stapel läßt?« + +»Ach ja, das sind Geschmackssachen«, versetzte Faustina. »Geschmack, das +lasse ich gelten, Verfeinerung ist mir zuwider. Die Scham seiner Gefühle +haben, schön. Aber noch schöner ist es, dünkt mich, den Mut seiner +Gefühle haben. Wenn Sie mir den Punkt angeben können, wo eines aufhört +und das andere anfängt, ich meine, wo die Feigheit aufhört und die +Verantwortlichkeit anfängt, dann will ich mich zufrieden geben. Aber +dazu werden alle Waffen Ihrer Rabulistik nicht ausreichen.« + +»Möglich. Man kann ja überhaupt nicht streiten, wenn man nicht derselben +Meinung ist.« + +»Wie? kann man nur streiten, wenn man derselben Meinung ist?« + +»Gewiß; im Grunde gewiß.« + +»Großartig! Ein wildes Paradox!« Faustina lachte, was ihrem Gesicht +einen entzückenden Reiz verlieh. »Aber wir verstehen uns am Ende doch«, +fuhr sie fort. »Sie kennen sicherlich die arabische Erzählung vom +Sklaven der Liebe; ist es nicht ergreifend, wie der schöne Jüngling +unter der Gewalt seiner Sehnsucht hinsinkt, als ob ihn eine tödliche +Krankheit erfaßt hätte? Oder da las ich neulich die Geschichte von +Raimundus Lullus, der am Hof des Königs von Arragon ein ausschweifendes +Leben führte, bis ihn plötzlich eine glühende Leidenschaft zu der +schönen Ambrosia de Castello packte. Eines Tages läßt ihn die Dame in +ihr Gemach kommen, enthüllt sich ihm, und es zeigt sich, daß sie durch +einen furchtbaren Brustkrebs dem Tod verfallen ist. Raimundus, bis ins +Innerste erschüttert, weiht sich einem Leben völliger Keuschheit. Doch +wozu Beispiele; vielleicht beweisen Beispiele nichts. Ich sehe freilich +darin Kundgebungen edler Leidenschaft. Dieser Raimundus Lullus etwa, ich +nenne gerade ihn, obwohl es auf Namen hier nicht ankommt, er lebte in +seiner Liebe wie die atmende Kreatur in der Luft. Es gab für ihn nicht +anderes außer seiner Liebe. Er war in der Liebe, er war von Liebe +besessen, ein Besessener war er. Ich habe niemals einen von Liebe +Besessenen gefunden. Viele besaßen die Liebe, das wohl, aber von ihr +besessen waren sie nicht. Solche fand ich, die vom Spiel besessen waren, +vom Geld, vom Ehrgeiz, von Wollust, aber von Liebe Besessene fand ich +nicht.« + +»Wenn Sie Umschau halten, Faustina«, fiel ich ihr ins Wort, »können Sie +zu jeder Zeit und wo immer es auch wäre, Handlungen von der gleichen +Bedeutung und Intensität gewahren. Wir führen eine zu abgeschlossene +Existenz, als daß Sinn und Motiv ihrer einzelnen Vorgänge zu jeder +Stunde offenbar oder handgreiflich zu nehmen wären. Es ist nichts +einfältig genug, es ist alles zu vielfältig, zu weitschichtig, als daß +man durch anekdotische Belege imponieren könnte. Selten hat ein Ereignis +Anfang und Ende für uns, selten läßt es sich als Anekdote fassen, noch +seltener ein ganzes Leben. Ja, es ist alles unfaßbar, unendlich, alles +auch scheinbar ohne Stichhältigkeit oder ohne Konsequenz, und doch, wenn +man hinfühlt, wenn man im Nerv der Dinge lebt, von tiefstem Belang.« + +»Aha, Sie spielen schon wieder auf das Geheimnis an. Es läßt mich kalt, +Ihr Geheimnis, es ist mir zu pomphaft. Ich lobe mir dafür die +Heimlichkeit; sie ist heiter und beweglich.« + +»Lassen wir das Geheimnis. Ich sage nur: die Leidenschaften waren und +sind zu jeder Zeit und in jedem Jahrhundert dieselben. Ich will gar +nicht an die Tragödien erinnern, die sich in stillen Stuben ereignen, es +wird davon wenig Aufhebens gemacht und drei Zeilen in einer Zeitung sind +alles, was bisweilen ans Licht kommt. In meiner Heimat gab es ein junges +Paar, und sie liebten einander. Die Eltern des Mädchens setzten der +Verbindung hartnäckigen Widerstand entgegen. Als man sah, daß die Liebe +der beiden nur um desto größer wurde, je mehr Hindernisse man ihnen +bereitete, wurde dem jungen Mann gesagt, er solle das Mädchen haben, +doch müsse er sich zuvor drei Jahre lang nach Amerika begeben und +während dieser Zeit dürfe weder er der Geliebten schreiben, noch sie +ihm. Wenn er nach abgelaufener Frist seine Neigung unbesiegbar finde, +werde man gegen die Heirat nichts mehr einwenden. Und so geschah es, der +Jüngling reiste übers Meer. Etwa ein Jahr lang ging alles gut, das +Mädchen lebte in schöner Gewißheit. Auf einmal fing sie an zu kränkeln, +verlor ihre Munterkeit, und ohne daß ein Arzt den Sitz des Übels zu +entdecken vermochte, siechte sie hin. Die Eltern wurden besorgt, man +begann nach dem jungen Mann zu forschen, aber da er keine Angehörigen in +der Stadt hatte, verursachte dies viele Umstände, und das junge Mädchen +starb, ihr Leben erlosch wie ein Feuer, das keine Nahrung hat. Gleich +darauf stellte es sich heraus, daß der junge Mann dort drüben im fremden +Land ebenfalls den Tod erlitten hatte, und zwar beinahe an demselben +Tag, an welchem die Krankheit des Mädchens begonnen hatte.« + +»Eine hübsche Geschichte zwischen Menschen ohne Elan«, sagte Faustina. +»Warum waren sie gar so still und subaltern, die armen Liebesleutchen? +Ach, täuschen wir uns nicht darüber hinweg; man hat aufgehört, die Liebe +als eine herrschende Gewalt zu betrachten. Es ist deswegen auch ihr +Ritus und Zeremoniell, wenn ich mich so ausdrücken darf, verloren +gegangen. Und was ist schuld daran? Wer weiß es! Vielleicht der Beruf, +vielleicht die Bildung, vielleicht beides. Der eine Moloch verschlingt +die Zeit, die schöne Muse zweckloser Träume, der andere vernichtet die +Ursprünglichkeit der Gefühle. Es gibt zu wenig Leute, die sich +langweilen, oder besser gesagt, die das Talent haben, sich zu +langweilen. Man ist rationalistisch bis auf die alltäglichen Launen. Man +will immer einen Grund und immer einen Zweck. Man geht nicht mehr +spazieren, sondern man macht Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel +setzt, geschieht es für Dinge, die dessen nicht wert sind. Was mich +betrifft, ich sah Männer, ernsthafte Männer erschrecken bei dem bloßen +Gedanken an tieferes Attachement. Ich kannte andere, die auf Abenteuer +ausgingen und die schleunigst, wie vom Donner gejagt, die Flucht +ergriffen, wenn sie in Gefahr waren, einer Leidenschaft zu unterliegen, +deren Meister sie nicht sein konnten. Da ist ein Mann, fähig zur +Hingebung, ja, zur Aufopferung, der jeden Keim großer Empfindung durch +unablässiges Frage- und Antwortspiel mit sich selbst zerstört, wie wenn +ein verrückt gewordener Gärtner jeden Morgen die schönsten Knospen +abrisse und zwischen den Fingern zerriebe, und da sind andere die aus +purer Herrschsucht, aus purem Mutwillen, aus purer Eitelkeit, aus purem +Unverstand das Kostbarste, was sich ihnen anbietet, zu niedrig +einschätzen, nur weil es sich ihnen anbietet, und verwesen lassen, was +sie hegen sollten. Ich spreche jetzt nicht von dem, was mir widerfahren +ist, denn mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind solche, +die ihr halbes Leben darnach versehnen, sich in einem großen Gefühl +verlieren zu dürfen; wenn dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie +plötzlich voller Ausflüchte, voller Ausreden, voller Angst, den Geist +ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede Entschlossenheit in der Idee +und in der Sehnsucht verausgabt. Das, sehen Sie, ist Empfindsamkeit, und +diese Art Empfindsamkeit, sich in der Idee und in der Sehnsucht zu +verschwenden, ist uns so verderblich. Da stürzt man sich dann in den +Pfuhl einer charakterlosen Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen, +oder um den Zustand einer allgemeinen sinnlichen Unruhe zu beenden, oder +um Konflikten zu entgehen, denen sie nicht gewachsen sind, oder um +gewisser sozialer Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler +Gedankenlosigkeit schlechthin; die Männer, um ein Heim zu gründen, wie +sie mit heuchlerischer Poesie behaupten, in Wirklichkeit, um sich zur +Ruhe zu setzen, um sich von ihren Jugendsünden, Sünden des Geistes und +des Herzens, des Körpers und der Seele zu erholen. Wäre dabei die Ehe +bloß eine soziale Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie +gewisse Freiheiten eher fördert als verbietet, oder wie im Altertum ein +ungleiches Verhältnis von Tyrannei und Sklaverei zum Gesetz erhebt, so +wäre es noch gut; aber nein, sie ist sakrosankt, und damit schützt sich +die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, das ihr die +Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst erwecken müßte. Großer +Gott, was für ein Rattenkönig von Verlogenheiten! Alles muß herhalten, +um den Mangel wahrhafter Liebe, uneigennütziger und edler Gefühle zu +vertuschen: Wissenschaft und Kunst, Staatsinteresse und Humanität, +Christentum und Freigeisterei, lauter schöne Kulissen für ein +nichtswürdiges Schauspiel!« + +Faustina war außerordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid, ihr zerstörtes +Wesen rührte mich. Ich erkannte, wie das Schicksal in ihr gehaust, und +ein halb entschuldigendes, halb selbstverspottendes Lächeln, das alsbald +auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht täuschen. Ich schwieg; mein +langes Schweigen gab ihr wieder einige Haltung. Sie erhob sich und ging +mit verschränkten Armen auf und ab, wobei sie fortfuhr: »Es gibt eine +Novelle von Tschechow, sie handelt von einem alternden Mann, der ein +Liebesverhältnis mit einer verheirateten Frau hat. Sie treffen sich +heimlich, und einmal, gerade während er sie begrüßend umarmt, wird er +traurig und fragt sich, warum ihn diese so liebt. Er denkt an die +andern, er denkt daran, wie viele ihn geliebt haben, und daß keine von +ihnen, keine einzige mit ihm glücklich gewesen sei. Die Zeit verging, so +heißt es ungefähr, er machte Bekanntschaften, schloß Verhältnisse, +trennte sich wieder, aber niemals liebte er; es war alles, was man nur +wollte, gewesen, aber keine Liebe. Das Wort ist in mir haften geblieben. +Alles, was man nur wollte, war es gewesen, aber keine Liebe. Der Mann +war, wie viele sind, und die Frau liebt ihn, ja, sie liebt ihn, aber +nicht ihn selbst, sondern den Menschen, den ihre Phantasie geschaffen +hat, und wenn sie ihren Irrtum bemerkt, liebt sie ihn dennoch weiter. +Was sollte sie sonst tun? Darf ich Ihnen etwas verraten? Etwas recht +Lächerliches? Ich habe eine kleine Einteilung gemacht. Ich habe die +Frauen eingeteilt in Katzennaturen und in Hundenaturen, und die Männer +in Streber und Faulpelze. Katzen sind an den Ort gebunden, Hunde an den +Herrn, Katzen sind treulos, Hunde sind treu, Katzen haben Charakter, +Hunde nicht; wenn Sie den Finger ausstrecken, wird die Katze auf Ihre +Hand, der Hund aber gegen das Ziel blicken; und so weiter. Sie wissen +schon, was ich meine. Oder ist die Analogie nicht plausibel? Streber und +Faulpelze, darüber lassen sich amüsante Beobachtungen machen. Was dem +einen die Karriere, ist dem andern die Behaglichkeit. Der Streber ist +skrupellos, der Faulpelz satt; der Streber ist ein Glücksjäger, der +Faulpelz ein heimlicher Dieb, der seine Beute in Sicherheit gebracht +hat, denn der Faulpelz ist immer ein heimlicher Dieb. Der Streber ist +konservativ aus Grundsatz, der Faulpelz aus Stumpfsinn, der Streber ist +revolutionär aus Opportunismus, der Faulpelz aus Eigennutz; der eine ist +ein Wucherer, der andere ein Kuppler, und Philister sind alle beide. Ja, +es ist eine herrliche Welt, eine herrliche Zeit! Wenn man dieses ganze +Geschlecht in einen großen Sarg legen und auf einmal beerdigen könnte, +so wüßt' ich eine wunderbare Grabschrift.« + +»Und die wäre?« + +»Verstorben an der weitverbreiteten schleichenden Seuche: Trägheit des +Herzens.« + +»Na, daran stirbt man nicht.« + +»Gewiß nicht, weil man ganz bequem davon leben kann.« + +»Verrannt, verrannt, Faustina, rettungslos verrannt.« + +»Freilich,« murmelte Faustina, »verrannt wie Theseus. Aber aus diesem +Labyrinth gibt's kein Entkommen.« + +»Packen wir doch den Stier bei den Hörnern, Faustina. Was ist Liebe? Wer +hat Liebe? Wer ist der Liebe fähig? Wer darf sich vermessen zu reden: +Liebe ist so und so und nicht anders. Wer darf es wagen, über die +Relationen des Begriffs hinauszufliegen und seine Einheit, seine +pragmatische Gültigkeit, seine reinste Inkarnation zu verkündigen? Liebe +ist etwas ungeheuer Seltenes, Faustina. Machen wir uns das klar! Die +Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die aus aller Leute Mund, ist ein +Phänomen, genau so selten, genau so großartig, genau so +bewunderungswürdig wie das Genie. Ihre niedrigen oder minder niedrigen +Erscheinungsformen durch die Rangstufen der Kreaturen sind allerdings +so reich und wechselnd wie die Kreaturen selbst. Nehmen Sie aber ein +Individuum heraus, um es nach Ihrer Weise kurzerhand vor den Imperativ +der Liebe zu stellen, so ist das ungefähr so, wie wenn Sie ihm die +fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets vorsagen und ihm dann befehlen: +da hast du alles Notwendige, nun schaffe mir ein schönes Dichtwerk. Man +ist gewohnt, mit dem Wort Liebe umzuspringen wie mit einem Hausgerät. Es +hat gar keine Unberührtheit mehr, dies unglückselige Wort, es ist wie +eine Dirne zu jedermanns Diensten, und mir scheint, man müßte ein neues +erfinden, um das auszudrücken, was es ausdrücken sollte. Da ist eine +gewisse mittlere Literatur, die vorzugsweise von Liebe handelt, und zwar +von einer Liebe, die Distinktion haben soll, Bedeutung haben soll, +edelherzig und selbstlos sein soll, und ach, nichts von alledem besitzt +sie, eine Wachspuppe ist sie. Wollte man sich, was ja nahe liegt, durch +diese Produkte verführen lassen, an die Häufigkeit der Liebe zu glauben, +so ginge man sehr fehl. Unsere besten Dichter, denen eine untrügliche +Vision die Realität ihrer spezifischen Welt gibt, beziehen auch nur mit +einer höchst belehrenden Vorsicht die Liebe in das Bereich ihrer +Erfindungen.« + +»Weil sie nichts davon wissen und weil sie sich davor fürchten, genau +wie im Leben.« + +»O nein, Faustina, das wäre ein gar zu billiger Schluß. Weil sie ihre +Seltenheit erkannt haben. Halten wir uns an das Gleichnis mit dem Genie. +Das Genie tritt erst in Funktion, wenn es in eine Zeit geboren ist, die +für sein Wirken schon vorbereitet ist. Es ist zwischen dem Genie und der +Zeit sozusagen eine elektrische Spannung aufgespeichert. Mit der Liebe +ist es nicht anders. Der zur Liebe geborene Mann muß den für ihn +bestimmten höchsten Typus gewinnen und umgekehrt. Es genügt nicht, daß +in einem Einzelwesen die Fähigkeit und Möglichkeit der Liebe vorhanden +ist, sondern sie muß durch ein besonderes Walten günstiger Umstände +einen würdigen Gegenstand finden. Wer zur Liebe bestimmt ist, der muß +zugleich etwas vom Helden und etwas vom Märtyrer haben. Nehmen wir also +an, es entsteht in zwei bevorzugten Individuen die Liebe. Gehen wir ein +wenig anatomisch zu Werke. Zerlegen wir eine solche Liebe in ihre +Bestandteile. Da haben wir in erster Linie die Leidenschaft, die als +eine Art Entflammung des Blutes und des Geistes gelten muß; ferner: +vergöttlichende Kraft; durch sie wird das geliebte Wesen herausgehoben +aus der Schar der Mitlebenden und in ein Idol verwandelt. Ferner: +sinnliches und übersinnliches Verlangen; das sinnliche entspringt der +Leidenschaft, das übersinnliche der Vergöttlichung; sodann: unbegrenzte +Hingebung; ihr Merkmal ist jedoch, daß sie auch bei höchster Großmut des +Gewährens nie zu befriedigen vermag; ferner: eine Zartheit der +Empfindung, die abhängig ist von jedem Traum, von der leisesten Ahnung, +und endlich eine Ruhelosigkeit, die gleichwohl ein ganz bestimmtes Ziel +hat, so wie die zitternde Magnetnadel. Sie mokieren sich über meinen +professoralen Ton, wie ich sehe. Ich wähle ihn mit Absicht, da ich +zwischen Schwärmerei und Sachlichkeit keine Wahl habe, und wenn ich +nicht schwärmerisch erscheinen will, muß ich trocken sein.« + +»Ich mokiere mich nicht. Fahren Sie nur fort.« + +»Man braucht nur geringen Scharfblick, um daraus zu erkennen, daß die +Liebe zwei Hauptquellen hat; eine elementare und eine ethische, eine +sinnliche und eine sittliche. Betrachtet man nun die trivialeren Formen +der Liebe, so zeigt es sich, daß sie fast immer nur auf eine einzige +jener Eigenschaften gegründet ist. Wir haben dann die Liebe aus +Leidenschaft; oder die Liebe aus Sinnlichkeit; oder die +selbstentäußernde Liebe; oder die empfindsame Liebe; oder die ruhelos +unbefriedigte Liebe. Die Variationsmöglichkeiten sind natürlich zahllos; +zum Beispiel, wenn der Mann eine sinnliche und das Weib eine +vergöttlichende Liebe hegt oder umgekehrt; oder wenn der Mann ruhelos +unbefriedigt und das Weib selbstentäußernd liebt, und so weiter. Meist +wird es so sein, daß gerade die schroffsten Gegensätze zusammentreffen. +Mit der Variation beginnt auch schon der Konflikt, und wo Konflikte +sind, ist keine Beständigkeit. Die große Liebe kennt keine Konflikte; +bei ihr findet ein vollkommener Ausgleich statt. Alles Differenzierte +vereinigt sich zur Harmonie und zur Schönheit. Ein auszeichnender Vorzug +wird nie isoliert sein und nie ohne Widerspiel wirken; erst das +Widerspiel, in einem bejahenden Sinn, bringt eine Tugend zur +Entwicklung: Anmut wird zum Beispiel den Geist bedingen, Güte die Kraft, +Vornehmheit die Tapferkeit. In der großen Liebe und nur in ihr, +verwandelt sich der Mensch; er wird sozusagen nach seinen idealen +Grenzen erweitert. Er ist in einem Zustand von Dämonie, oder um Ihren +Ausdruck zu gebrauchen, von Besessenheit. Alles Sichtbare und alles +Fühlbare hat nur einen einzigen Bezug, er findet überall und in allen +Dingen das Gleichnis mit dem Objekt seiner Liebe, in der Musik und im +Gedicht, im Ziehen der Wolken, im Rauschen der Bäume, im Anschauen eines +Bildes, einer Flamme, eines Steines; Vogelflug und Menschenwege haben +für ihn dieselbe nebelhafte Ferne, und doch hat er alles in sich und +nichts außer sich, er ist nach allen Seiten gegen die Welt geöffnet und +doch von ihr nicht mehr berührbar, er ist der freundlichste Freund, der +teilnehmendste Gefährte und trotzdem mit der Geliebten im ganzen +Universum allein. Was ihn zuerst an ihr hingerissen hat, sagen wir eine +besondere Wölbung der Stirne, eine besondere Art, die Lider zu heben +oder die Hand zu reichen, ein Ton der Stimme, ein Rhythmus des +Schrittes, ein Lächeln, eine Gebärde, das alles wird Weltgesetz, das +heißt: so gehen ein für allemal die Menschen, so sprechen sie, so +blicken sie, so reichen sie die Hand, das ganze Bild des Daseins wird zu +einem fixierten Bild der Schönheit. In der großen Liebe nämlich ist +alles Positivität, und es ist alles in ihr unendlich und ewig. Sie kann +deshalb niemals aufhören, weder auf der einen, noch auf der andern +Seite. Nur der Tod kann ihr ein Ende bereiten, ein Ende, das freilich +dem tiefsten Sinne nach ein scheinbares ist und sein muß. Glück oder +Unglück kommen für sie nicht in Frage, ihre Tragik liegt anderswo, ja +sie ist die einzige Lebensform, die eine mitgeborene Tragik besitzt, und +diese Tragik ist für sie nicht nur in der Möglichkeit, sondern auch in +der Notwendigkeit des Untergangs, des Todes beschlossen. Die Liebe weiß +keine andere Gefahr und Bedrohung als den Tod. Vom ersten Augenblick der +Liebe steht der Tod als stummer Wächter förmlich sichtbar daneben. Sehr +schön ist das in Shakespeares Liebestrauerspiel zur Anschauung gebracht: +alles strebt von Beginn an dem Tode zu, die Unabweisbarkeit, mit der er +auftritt, regiert heimlich jedes Geschehen. Und um den Unterschied der +Gattungen zu bezeichnen, ist Romeo, bevor das große Entetement eintritt, +in eine Liebe von gewöhnlicher Beschaffenheit verstrickt.« + +»Wohin führen Sie mich da, mein Teurer«, seufzte Faustina. »Das gelobte +Land dieser Liebe ist für unsereinen nicht erreichbar. Dazu müßte man +unter einem besonderen Stern zur Welt kommen.« + +»Ja, wie zu allem Großen«, versetzte ich. + +»Glauben Sie denn im Ernst, daß es eine solche Liebe wirklich gibt?« + +Ich mußte lächeln, denn ihre Frage hatte etwas von der Naivität eines +Kindes. + +»Glauben Sie auch,« fuhr sie fort, »daß die Bestimmung dazu nur auf der +einen Seite, auf der Seite des Mannes oder des Weibes liegen kann, daß +der eine Teil vergeblich nach dem andern schmachtet und die ganze Erde +durchsucht, ohne ihn zu finden?« + +Faustina sah mich ängstlich an, sie wollte offenbar eine Beruhigung +gewinnen, sie merkte nicht, daß ich die Antwort auf diese Frage schon +gegeben hatte. »Ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Jeder denkbare Zustand +der Seele und des Gefühls kann und wird irgendwie und irgendwo zur +Erscheinung gelangen, sonst wären wir nicht imstande ihn uns +vorzustellen. Der Fall, den Sie fiktieren, hat aber mit der großen Liebe +nichts mehr gemein, vielleicht überhaupt nicht mit der Liebe.« + +»Sondern?« + +»Sondern mit der Sehnsucht. Sehnsucht kann produktiv sein, sie kann aber +auch unfruchtbar sein. Das hängt von dem ab, der sie nährt.« + +»Mich dünkt, Sehnsucht ist das erhabenste Gefühl in der menschlichen +Brust.« + +»Wenn sie produktiv ist, ja.« + +»Was nennen Sie produktive Sehnsucht?« + +»Produktive Sehnsucht nenn ich diejenige, die imstande ist, einer +Vorstellung Wirklichkeit, einem geträumten oder erwünschten Zustand +Gegenwart zu verleihen.« + +»Da setzen Sie ja, und wie ist das möglich bei der Sehnsucht, einen +Willensakt voraus?« + +»Ja, das tue ich allerdings; einen Willensakt, der vielleicht durch +geheimnisvolle telepathische Mächte begünstigt und unterstützt wird.« + +»Hm, ich sehe schon, Sie decken sich. Wenn man zum Unerforschlichen +seine Zuflucht nimmt, hören die Argumente auf. Dem Unerforschlichen +gegenüber gibt es ja keine Schuld und keinen Irrtum mehr.« + +»Warum auch von Schuld reden, Faustina? Aber Sie mögen recht haben, +vielleicht ist es wirklich eine Art von Schuld, wenn das Gefühl nicht +bis zum geliebten Gegenstand trägt, sondern unterwegs durch fremde +Einflüsse gebrochen wird. Nie beirrbaren Instinkt zu besitzen, das ist +schon eine große Sache; und eine seltene Sache. So wie unser Leben sich +heute abspielt, nicht wahr, wie jeder einzelne verwoben ist in ein +maschinenhaft bewegtes Ganzes, wie er gezwungen ist, sich an vieles +hinzugeben, was seinem Wesen fremd ist, wie sein geringster Fehltritt +ihn unrettbar hinunterreißt von dem Weg seines Willens, wie er +unverborgen dasteht, immer Kettenglied, wie all sein Tun und Handeln +eine weitaus nähere und schnellere Folge hat als er es wünscht, wie das +Elementare beständig in ihm ankämpfen muß gegen die Forderungen des +Tages und der Welt, wie er Ruhe und Selbstbestimmung hingeben muß, nur +um nicht erdrückt zu werden von den Gewalten, die um ihn toben, so wird +es natürlich immer schwerer, einer inneren Stimme zu gehorchen, ja bloß +überhaupt sie zu hören. Was vor wenigen Generationen noch einer Zahl von +fünfzig beschieden war, das wird heute infolge der strengeren Wahl und +härteren Erprobung nur an zwölfen oder fünfen oder dreien erfüllt. Wer +wird um des Ideals in der Liebe willen sein Leben aufs Spiel setzen? +Glücklicherweise ist das menschliche Herz immer zu Verträgen bereit. +Würde die Liebe plötzlich Gemeingut aller, so wäre in vierzig Jahren die +Erde ausgestorben. Wer nicht zur Liebe erwählt ist, dem hat das +Schicksal auch Stärke und Geduld versagt. Er bescheidet sich, weil er +sich bescheiden muß. Er liebt, was ihm Liebe entgegenbringt; sein Regent +ist der Zufall. Er erobert oder er läßt sich erobern, ein Anschein von +Schwierigkeit und Ferne erzeugt die ihm notwendige Poesie. Der eine +liebt einen Körper, der zweite ein Gesicht, der dritte einen Blick, ein +Hand. Ich meine das nicht gerade wörtlich, ich will damit nur sagen, daß +er den Teil für das Ganze nimmt. Den Teil für das Ganze zu nehmen, das +ist so Menschenart, und nicht einmal die schlechteste, sie bildet sogar +Charaktere. Der Liebende ist Augenmensch; seine Leiden sind wirklich, +seine Freuden sind dionysisch; der andere, der die Liebe nur ahnt wie +ein Nachtgänger das Morgenrot, ist ein tastender Mensch, seine Glut ist +ein Fieber, seine Leiden und Freuden sind imaginär, er sättigt sich von +Brot, indes seine Phantasie Himmelsspeise verzehrt, er sieht nicht, er +versteht gar nicht zu sehen, er will nur eingelullt sein, er will nur +träumen, er ist stets philosophisch aufgelegt oder ist argwöhnisch, +eifersüchtig, traurig, unersättlich, rasch übersättigt; er kann sich +nicht in der Liebe verlieren, so gern er es möchte, denn der Strom, der +ihn erfaßt hat, ist nicht tief genug. Manche lieben nur die Liebe oder +die Sehnsucht nach der Liebe oder die Maske der Liebe oder die Unruhe +der Liebe oder den Triumph der Liebe, und so können wir immer tiefer +heruntersteigen, bis von der Liebe nichts mehr übrig bleibt als der +Name. Unvermögen hat vielerlei Gestalten. Kannten Sie nicht damals auch +den jungen Baron B., der bei der deutschen Gesandtschaft war?« + +»Den großen Frauenverführer --?« + +»Jawohl. Nichts ist heute leichter als den Titel eines Verführers zu +erwerben, man braucht bloß ein wenig Methode in die Art zu bringen, wie +man sich amüsiert. Dieser Baron B. also war immer mit einem Dutzend +Frauen gleichzeitig intim. In jede einzelne war er eines bestimmten +Vorzugs wegen verliebt, und er setzte mir einmal allen Ernstes +auseinander, seine Vorstellung von Liebe sei eine so ungeheure, daß er +niemals hoffen könne, das was er suche, in der Totalität einer Person +anzutreffen.« + +»Ein Freibeuter«, erwiderte Faustina verächtlich. »Vor fünf Jahren hat +er eine ältliche Millionärin geheiratet.« + +»Ja, so enden unsere Verführer in der Regel.« + +»Von hundert sogenannten Frauenhelden wissen neunundneunzig überhaupt +nicht, wie eine Frau beschaffen ist«, sagte Faustina. + +»Nun ja, wo Sinnlichkeit den Blick verwirrt, kann von Liebe nicht mehr +die Rede sein. Es ist ein Unterschied wie zwischen dem Rauch und der +Flamme.« + +»Ist es so? Ist es wirklich so?« versetzte Faustina hastig. »Sinnliche +Leidenschaft trägt nicht, das gebe ich zu. Aber wenn wir die Liebe nur +in ihrer Vollkommenheit anerkennen wollen, was bleibt dann noch +bestehen? was darf dann noch Liebe heißen? Lassen Sie mir doch die Dinge +ein wenig einfacher. Der Mensch, so wie er eben ist, vermag sich nicht +auf der Höhe seines Gefühls zu halten. Der Gütigste, der Edelste hat +einen Teufel in der Brust, der ihn zwingt, sich am göttlichen Teil +seines Wesens zu vergreifen. Vielleicht ist in der Liebe die +Sinnlichkeit so ein Teufel, vielleicht ist sie ein boshaftes Tier, wie +die Heiligen sagen. Vielleicht ist sie aber die Erhalterin der Welt? Und +wenn sie die Erhalterin der Welt ist, warum ihr Übles nachreden? Läßt +sie sich denn von der Liebe trennen? Sie sagen: Liebe will den Tod. Ich +wage nicht daran zu rütteln, obwohl ein solcher Satz alle meine Gedanken +durcheinanderwirbelt. Aber angenommen, Sie haben recht, wie läßt sich +das mit der Absicht der Natur vereinigen, die doch durch Liebe die +Gattung fortpflanzen will?« + +»Das ist ein Irrtum, Faustina. Durch Liebe wird die Gattung eben nicht +fortgepflanzt, zum mindesten ist sie nicht darauf gestellt. Sie ist sich +selber Zweck.« + +»Oho! Wenn Sie das vor versammeltem Volk sagen, wird man Sie steinigen. +Ich dachte, ein heutiger Mensch dürfe gar nicht an Liebe denken, ohne +zugleich an das Kind zu denken. Mein Gott, sehen Sie nur unsere +gebildeten jungen Mädchen an! Welche Sachlichkeit! Welche +Wissenschaftlichkeit! Sie tun, als ob sie in der Liebe zugleich ein +Hebammenexamen bestehen müßten. Na gut, werde jeder selig wie er will. +Aber das muß ich schon sagen, ein Symptom liegt darin. Man ist nicht +ehrlich in diesen Dingen. Und weil man nicht ehrlich genug ist, der +Liebe oder der Sinnlichkeit ihre selbstverständlichen Rechte +zuzugestehen, nimmt man das Kind als Vorwand, sich zu decken. Man gibt +der Prüderie und der Entschleierung ein Pseudonym, das sie mehr +entwürdigt als beschönigt.« + +»Nicht so wild, Faustina! Sie haben eine Art mir beizupflichten, die +mich fast an meiner Meinung irre macht. Die Geschöpfe, von denen Sie +sprechen, sind ja nur Mißleitete. Und der Geist der Zeit selber ist es, +der sie betrügt. Aufklärung heißt heute das große Wort. Nur ist +allerdings diese Aufklärung etwas anderes als man sie vor hundert Jahren +verstand. Vor hundert Jahren wollte man einfach alles aufklären: Himmel +und Hölle, Märchen und Wunder, Kunst und Religion. Eine verhängnisvolle +Strömung, der das noch lange nicht genug, nicht dankbar genug gewürdigte +Emporwachsen der deutschen Romantik sich hilfreich entgegendämmte. +_Unsere_ Aufklärung hat sich verinnerlicht. Man will allem, was in der +Seele des Menschen vor sich geht, nicht so sehr verstandesmäßig als auf +Wegen des Gefühls, der Deutung, der Ahnung beikommen. Die Schriftsteller +haben sich in Seelenforscher verwandelt, die Erzieher in mehr oder +weniger eigensinnige Deterministen. Man legt dem Unbestimmtesten eine +Bestimmung unter, uralte Traditionen verlieren ihr Gewicht, +bedeutungsvoll Gestaltetes seine Kontur, Rangunterschiede werden +verwischt, Autorität erweckt Mißtrauen, und ich leugne es nicht, ich +kann es leider nicht leugnen, die allgemeine Demokratisierung, dem +kleinen Geist eine Wohltat, dem großen ein Horror, erstreckt sich bis in +die verborgensten Winkel des Herzens. Aber mein Trost ist, daß dies +alles ja nur ein Übergang ist. Mir ist oft zumut, als ob ein +unsichtbarer Riese unsere Welt in Stücke zerfetzte, um aus den +Bestandteilen eine neue, bessere, schönere zu machen, und als ob diese +Zerstückelung notwendig sei, um unser Dasein auf eine höhere Fläche zu +heben.« + +»Hirngespinste«, sagte Faustina kopfschüttelnd. »Was soll ich mit +Hirngespinsten? Um mich mit einem Gegebenen abzufinden, dazu bin ich. +Ist mir der gegebene Zustand unerträglich, nun, so empöre ich mich. +Demokratisierung, ja, ja, das ist es! Was heißt denn: Demokrat sein? +Demokrat sein heißt, etwas bedeuten wollen außerhalb einer organischen +Sozietät. Nicht wahr?« + +»Jawohl, oder als Persönlichkeit auftreten außerhalb der Sozietät und +sich ihr entziehen auf Grund singulärer Rechte oder selbstgeschaffener +Befugnisse.« + +»Ausgezeichnet. Was kann nun dabei zustande kommen? Da ist der Adel. Was +hat ihn zu allen Zeiten so mächtig werden lassen? Doch wohl nur der +eherne Zusammenhang seiner Mitglieder auf Grund einer ehernen +Überlieferung. Heute aber, heute ist jeder Ladendiener schon mit einer +Individualität versehen, und jede aufgeputzte Kuh faselt von ihrem +Selbstbestimmungsrecht. Was ist die Folge? Ehe noch die ärmlichsten +Menschenpflichten erfüllt sind, werden der Menschheit schon +Glücksforderungen gestellt, wie man einen Wechsel auf Sicht präsentiert. +Alle, die so im glücklichen Besitz einer Persönlichkeit sind, was eben +Persönlichkeit nach ihrer Ansicht ist, gleichen den schlechten +Kaufleuten, die sich bei einem großen Unternehmen mit einem kleinen +Kapital beteiligen und über Nacht Millionäre werden wollen. Diese +Persönlichkeitsritter üben ein neues Faustrecht aus und die +Gesetzlosigkeit, die sie begünstigt, erscheint ihnen als der Gipfel der +Freiheit und Kultur. Meine Überzeugung ist aber die, daß ein +demokratisches Zeitalter nun und nimmermehr ein Zeitalter der Liebe +sein kann. Gerade in der Liebe wird ja die Aufopferung der +Persönlichkeit verlangt. Hingabe! Ein herrliches Wort! Der Demokrat, der +individuelle Demokrat, er gibt sich nicht hin, er gibt sich nur auf. Und +liebt er, so muß er zweckvoll lieben. Und außerhalb der Sinnlichkeit, wo +wäre da für ihn noch Zweck? Also muß er sinnlich lieben.« + +»Man kann das formulieren, wie man will, Faustina, und ich streite nicht +dagegen, nur wundre ich mich, weil Sie vorhin doch selbst für die +Sinnlichkeit plädiert haben.« + +»Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, daß die Sinnlichkeit ihren +eigenen Thron aufgerichtet und die andern Kräfte der Liebe unterjocht +hat. Wenn das organische Ineinanderwirken der Kräfte aufhört, so +entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die sich auf Kosten des +übrigen Körpers nähren und ihn langsam vernichten.« + +»Dieser medizinische Vergleich ist mir zu -- moralisch, liebe Freundin. +Wir dürfen hier um keinen Preis moralisch sein, wir untergraben uns +sonst die Möglichkeit der Verständigung. Es gibt eine Art von +Sinnlichkeit, die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn es in +klares Wasser fällt und das Wasser bis auf den Grund durchleuchtet, es +entmaterialisiert. Welche Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen +Sinnlichkeit entgegenstellen? Etwa die naive? Das gäbe ein Schema. Jedes +Schema bleibt hinter der Erfahrung zurück, von der Synthese ganz zu +schweigen. Statuieren wir also, beispielsweise, einen Unterschied +zwischen elementarer und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die +Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das Weibchen schlechthin +begehrt? Ist Werther differenziert, weil er sich um Lotte erschießt? Sie +sehen, man hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.« + +»Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie werden mir doch nicht +ausreden, daß es eine Sinnlichkeit gibt, die eine Ursache und eine +Sinnlichkeit, die eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere +eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere kommt aus der Seele +...« + +»Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit kommen wir zu +keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur dann Einsicht, wenn wir von der +Phantasie ausgehen, wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne +Phantasie, und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja, ich gehe so +weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit sind gleichsam die beiden +Flügel desselben Wesens, des Liebewesens nämlich, die beiden Flügel, +ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos lösen und von der Erde erheben +kann. Und das eine ist mir klar: daß das moderne Ideal von Liebe oder +von Sinnlichkeit viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie steht, als es +jemals der Fall war.« + +»Ist das Ihr Ernst?« + +»Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdrücklich: das Ideal. Ich will +die Erscheinungen selbst nicht betrachten; ich will gern zugeben, daß +wir vom Ideal weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber nicht in +der Inferiorität des Lebens, sondern in der Superiorität des Ideals. +Gerade durch die Persönlichwerdung unserer Existenz wird ja der Reichtum +der Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich gesteigert. +Was auf der einen Seite die Vereinzelung der Guten, die Vereinsamung der +Tüchtigen bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und das Gesetz +aus, unter dem sie überhaupt zur Geltung, zur Entfaltung ihrer Kräfte +gelangen. Es findet dadurch ein Zusammenfluß von vielen isolierten +Idealen, ein Ineinandergreifen erhöhter Lebensstimmungen der +heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und deren organische +Verschmelzung, wenn es einmal so weit gekommen sein wird, sich gar sehr +von den primitiven und deswegen von vornherein harmonischen Idealen +früherer Epochen unterscheiden wird. Und außerdem, was könnte ein +stärkerer Ansporn für die Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen +Ideal und Wirklichkeit?« + +»Ach so,« sagte Faustina stirnrunzelnd, »es soll also die Phantasie ein +Mittel des Verzichtes werden? Da sieht mans, mit Logik kommt man +herrlich weit!« + +»Zu einem Mittel des Verzichtes, -- ja. Aber nicht im Geist der Askese, +sondern im Geist der Vollkommenheit und Vervollkommnung. Ein Liebender, +Faustina, was ist er denn anders als einer der gewählt hat, einer +dessen drängendes Gefühl sich für die intensivste ihm mögliche +Lustquelle entschieden hat. Denken wir uns die sinnlichste Natur; denken +wir sie zugleich liebefähig und zur Liebe bestimmt in der edelsten Art. +Indem sie wählt, vollzieht sie unwiderruflich ihr Schicksal; das weiß +sie, und weil sie es weiß, folgt sie einem hohen sittlichen Gebot, wenn +sie den Gegenstand der Liebe in die höchste Region der Vollkommenheit +erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel ist, je mehr kann die +Realität vergessen werden, und nicht in einer selbstsüchtigen Täuschung, +sondern in einer schönen, selbstlosen, idealen Täuschung, ja, schlankweg +gesagt, in einer Täuschung zugunsten des Vollkommenen. Oder nehmen wir +ein negatives Beispiel: nehmen wir unglücklich Liebende; ich meine +natürlich nicht solche, die aus äußerlichen Gründen, sondern solche, die +aus innerlichen Gründen verhindert sind, eins zu werden. Unglücklich +Liebende sind Wesen, die nicht die Geduld, das heißt, nicht die Kraft, +im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten zu wählen. Nun was heißt +aber das: geduldig sein und dabei leidenschaftlichen Gemüts? Es will +nichts anderes sagen als schöpferische Phantasie besitzen. Und daß der +wahrhaft Liebende schöpferische Phantasie besitzt, das zeigt sich eben +in demselben Augenblick, wo er zu lieben beginnt.« + +»Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht sehe ich ein, +inwiefern wir, wir Auserlesenen des zwanzigsten Jahrhunderts, darin +einen Vorzug haben. Ihre Argumente genügen mir nicht; ach, in Argumenten +bin ich so ungenügsam wie in allem andern. Es gab eine Zeit, da war die +Liebe ein Ereignis, ein Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie, +und heute? Ist für Sie oder für Ihre Altersgenossen, ist für Mann oder +Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies große Unbegreifliche, dies ... nun +dies Wunderbare --? Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich +nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen? Verwandeln sich +die Erlebnisse einer Frau nicht in ein Erkennen? In diesem Punkt ist +eure Gerechtigkeit, eure berühmte Männergerechtigkeit nichts wie +aufgeschmückte Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder nicht ist, was +soll da die Phantasie? Was sollen Flügel, wo keine Luft ist, die sie +trägt? Vom Adler erzählt man, daß er sterben muß, wenn er nicht mehr +fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also muß er sterben. Ihr gleicht +nicht den Adlern, ihr Männer, ihr könnt auch gehn und macht euch vor +jedem Jäger aus dem Staub.« + +»Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das klingt, Faustina! Wie aus +einem Roman der George Sand. Die Sache ist wirklich die, daß uns die +Liebe gar kein Wunder mehr bedeutet.« + +»So? Und warum, wenn man fragen darf? Lassen Sie mich den Grund hören; +ich bin neugierig und im voraus voller Widerspruch, denn daran hängt +mir ein Stück Herz.« + +»Nein, die Liebe als Phänomen ist für uns kein Wunder im Sinn von 1750 +oder 1820, wo der Liebende sich in der Erlesenheit seines Gefühls +spiegelte, an seinem Gefühl fast zum Narziß wurde. Der Grund, weshalb +dem nicht mehr so ist, besteht darin, daß wir einerseits zu +wissenschaftlich, andrerseits zu historisch dazu empfinden. So trocken +herausgesagt, schmeckt das nach Pedanterie, aber wir sind uns ja der +Ursachen nicht bewußt. Zu wissenschaftlich: nicht nur, weil wir es in +Büchern lesen oder weil wir es in der Natur beobachten oder weil uns +jeder Vorgang des Lebens darüber belehrt, sondern weil uns die +Überzeugung oder besser ausgedrückt die Anschauung in Mark und Knochen +sitzt, daß alles, was da atmet, wird und wächst, ein und demselben +Gesetz gehorcht, daß ein Band der Liebe sich um alle Wesen schlingt, ein +Trieb der Zeugung, ein Wille, Schöpfer zu sein, den Tod zu besiegen, +alle und alles bis ins Innerste durchdringt. Zu historisch darum, weil +unser Geist in keinem Fall berauscht und egoistisch am Augenblick hängt, +weil wir voll sind von Vergangenheit, von immanenter Erfahrung, weil das +Geschick einzelner sowohl wie ganzer Geschlechter, ja der ganzen Gattung +beständig und ohne daß wir dessen gewahr werden, zu uns redet und unsere +eigenen Wege deutet. So wenig uns ein Gewitter in abergläubische Furcht +versetzt, so wenig also wird uns das Ereignis großer Liebe wunderbar +dünken; beides kommt ja aus der Natur, beides ist im Entstehen und +Vergehen gegründet. Nun jedoch tritt das Seltsame ein: Im Großen, in +allem Katastrophalen der Existenz haben wir aufgehört, Wunder und +Begünstigung, Geheimnis und persönliche Verschuldung zu erblicken; im +Kleinen aber, im Alltäglichen des Tuns und Betrachtens wird uns ein +jedes Ding verwunderlich. Höchst bezeichnend ist es, dies Wort: sich +wundern. Wir verwundern uns eigentlich unaufhörlich. Es erstaunt uns der +Wurm, es erstaunt uns der Sternenhimmel, es erstaunt uns der Apfel, es +erstaunen uns Berg, Strom und Wasser. Es erstaunt uns der Bettler und es +erstaunt uns der reiche Mann, es erstaunt uns der Mörder und es erstaunt +uns der Dichter, es erstaunt uns der Tapfere und erstaunt uns der +Feigling. Das macht, weil wir in allen diesen die Notwendigkeit entdeckt +haben, das Gefühl für die Unbedingtheit ihres Seins und damit in letzter +Linie die Schönheit, die ihnen eigene Form der Schönheit. Wie ehedem von +einem Pantheismus könnten wir von einem Panhumanismus sprechen oder +besser von einer Allwesenheit. Es ist uns alles menschlich geworden, +kreatürlich geworden, -- zugehörig. Daß sich dadurch die Quellen der +Freude um ein Unermeßliches vermehrt haben, ist klar, und das Reich der +Schönheit ist, wie Christus vom Reich Gottes sagte, in uns. Das Reich +der Liebe auch. Und wenn wir nun die ganze Welt dermaßen in uns haben, +wenn unsere Sinne sie unaufhörlich besitzen, so folgt daraus doch für +die Sinne selbst, daß sie auf ein Begrenztes, auf ein Gehaltvolles, auf +ein Zweck- und Zielvolles gewiesen sind, daß sie mutiger, sicherer und +stolzer geworden sind und daß ihr unentbehrlichster Verbündeter, weil +sie von Anschauung, von Ahnung, von Begreifen, von Andacht, von +Weltgefühl genährt werden, die Phantasie ist. So ist es auch in der +Liebe. Die Sinnlichkeit ist darum nicht mehr auf den Körper beschränkt, +sie will nicht erobern und nicht verführen; von galanten Künsten braucht +sie überhaupt nichts zu verstehen, denn sie sucht nichts weiter als +Übereinkunft. Sie überlistet nicht, weil sie wertet; sie enthüllt nicht +den Leib, sondern die Seele, ja, sie ist ganz und gar auf solche innere +Enthüllungen angewiesen, und eine Form gibt ihr nichts, wenn der Form +nicht ein Inhalt entspricht. Eifersucht ist ihr deshalb ein unfaßbarer +Begriff, denn gerade die Einmaligkeit, die unwandelbare Gesetzmäßigkeit, +darauf beruht sie. Es ist keine Regung in ihr, die nicht, mit einem Wort +gesagt, auf Verständigung beruhte. Damit sind wir wiederum bei der +Phantasie angelangt, denn Verständigung hat ja keine andere Wurzel als +die geistige Macht des Menschen, die Phantasie.« + +»Sie springen etwas willkürlich mit der Phantasie um, mein Bester«, +bemerkte Faustina kühl. + +»_Tu_ ich das? In der Tat, ich schreibe der Phantasie eine weitaus +größere Rolle zu als es sonst geschieht. Erst mit ihrer Hilfe sind wir +fähig, die Seelen anderer Menschen zu erfassen. Viele Eigenschaften, die +man nur zu leicht als Laster anzusprechen geneigt ist, sind lediglich in +einem Mangel an Einbildungskraft begründet. Der Geizhals, der +Hoffärtige, der Grausame, der Nörgler, der Denunziant, der +Selbstzufriedene, der Gottesleugner usw. was sind sie anders als +Phantasielose oder -- Phantasten, was beinahe das selbe ist. Gewisse +Worte müßten uns töten, wenn nicht die Einbildungskraft wäre, die sie zu +Luft und Schall zerstieben läßt. Haben Sie das nie erfahren, Faustina?« + +»Ich hab's erfahren, wahrlich.« + +»Und gäbe es Verzeihung für erlittene Beleidigungen ohne die Phantasie? +Nein. Der Mensch ist rachsüchtig, die Phantasie veredelt diesen Impuls. +Ein solcher Mensch ist nun nicht mehr lasterhaft. Man kann getrost +sagen: wer echte Phantasie besitzt, der ist tugendhaft. Wenn Sie nun der +Sinnlichkeit die Phantasie nehmen, was bleibt dann übrig? Wenn ich +liebe, und mein sinnliches Verlangen ist ohne Phantasie, so bin ich wie +einer, der in absoluter Finsternis gefangen ist, ja, es ist möglich, daß +ich dadurch dem Wahnsinn verfalle. Erst durch die Phantasie erhält meine +Begierde die Weihe, die Süßigkeit, die Schönheit, den Mondglanz der +Bezauberung und jenen Tropfen von Melancholie, ohne den eine +Leidenschaft nicht beseelt erscheint. Sinnlichkeit ohne Phantasie ist +nichts als der traurige Zweikampf zweier Wesen, die einander unbewußt +zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im Leben nicht bloß das eine +oder das andere; die Leiden und Irrungen, die ein unvollkommener Zustand +mit sich bringt, bleiben schließlich wenigen erspart. Wie oft sieht man +Eheleute oder Liebesleute im Streit! Wie manche Ehe, die durch die Liebe +getragen schien und nur noch durch Gewohnheit und bürgerliche +Rücksichten befestigt ist, schleppt sich mühselig hin unter Hader, Zank +und Mißverständnissen! Männer, sonst gerecht und vornehm, Frauen, sonst +zärtlich und nachsichtig, vergessen sich; sie werden zu Tieren, die auf +einander Jagd machen, sich einander Wunden zufügen, harte Worte wählen, +Worte wie geschliffene Messer, mit übertriebenen Beschuldigungen die +Achtung untergraben, die jeder vom andern billig verlangen muß, und ohne +die Haltung sind, die sie auch dem Gleichgültigen gegenüber zu wahren +wissen. Es sind das häßliche Szenen, und häßlich sind sie, weil solche +Menschen aller Phantasie bar sind, weil sie nicht vermögen, die +Armseligen, über den Augenblick hinauszudenken, weil der Augenblick in +ihnen stärker ist als das Herz, als das Schicksal, als Tod und Ewigkeit. +Ja, so sind die Phantasielosen, sie leben nur von Augenblick zu +Augenblick, sie schwingen nur in den Intervallen, der Augenblick selbst +ist ihnen nichts.« + +»Das alles ist mir zu allgemein«, sagte Faustina. »Teils zu allgemein, +teils zu kategorisch. Ich kenne Verhältnisse, deren Beschaffenheit mit +der Phantasie gar nichts zu tun hat, oder ich müßte den Begriff der +Phantasie zu weit ausdehnen. Nehmen Sie an, eine geistig bedeutende Frau +liebt einen Gimpel; oder ein Mann von Genie liebt eine gewöhnliche Gans. +Das kommt doch häufig genug vor, sollt ich denken. Und wie einfach sind +diese Beziehungen, mein Gott, wie einfach. Ihr A und O ist eine +natürliche Sinnlichkeit, und bieten sie nicht meist größere Gewähr für +ein dauerndes Glück als jene feinnervigen Bündnisse, in denen doch alles +auf Eigenschaften gestellt ist, und nicht auf das Ganze der Kreatur? Man +muß einander nicht gar zu gut verstehen in der Liebe; ein wenig +Fremdheit tut not. Wir Leute, wie wir da sind, wir verstehen einander zu +gut und mißverstehen uns deshalb so oft. Den Leibern, finde ich, ist die +allzugroße Vertrautheit der Seelen von Übel. Sie verletzt die +Schamhaftigkeit.« + +»Die Schamhaftigkeit? Inwiefern?« + +»Das leidet gar keinen Zweifel. Je größer die seelische Verfeinerung +wird, je größer wird auch die Schamhaftigkeit. Es ist ein heikles Thema, +und irgendein Schriftsteller meint mit Recht, daß es schon schamlos sei, +über die Schamhaftigkeit zu sprechen oder was jemand darüber sagt, +anzuhören. Je tiefer man in den andern hineinschaut, je mehr ist man +geneigt, das, was in ihm vorgeht, zu überschätzen, je mehr fürchtet man +den andern oder fürchtet sich selbst, je mehr versteckt man sich, ja +ich habe es erlebt, daß solche Menschen aus lauter Zartfühligkeit und +Hellseherei sich die Möglichkeit harmlosen Daseinsgenusses untergruben.« + +»Aber was hat das mit der Schamhaftigkeit zu tun?« + +»Sehr viel! Wenn die dunklen Zustände und Vorgänge in der Brust dermaßen +ans Licht gezerrt werden, daß der Mensch sozusagen in sich selber kein +Heim mehr hat, wo er sich mit seinem Verschwiegensten bergen kann, so +muß ihm doch allmählich dabei zumute werden, als ob man ihn entblöße und +an den Pranger stelle. Ich, ich für meinen Teil, fühle mich durch das +beständige, wachsame Verständnis eines andern, und sei er das +geliebteste Wesen, ganz und gar an den Pranger gestellt, und ich sage +Ihnen auch, daß mir jene Frauen, die man unverstandene zu nennen +beliebt, mir, mir für meinen Teil, immer nur schamlos erschienen sind. +Das wären die einen. Dann sind jene, bei welchen die Schamhaftigkeit +sich ins Krankhafte steigert und die in einer so dünnen Luft leben, daß +ihnen das gesund Sinnliche zum Ekel wird. Ich hatte einst eine solche +Unglückliche zur Freundin; sie war die schamhafteste Natur, wurde aber +bisweilen von einem förmlichen Enthüllungswahn verfolgt, und indem sie +sich preisgab, unterlag sie einem Zwang, der sie etwas ausüben hieß, was +ihrem wahren Wesen gerade entgegengesetzt war. Da war kein Halt, keine +Haltung, und als sie eines Tages liebte, versagte sie sich dem +betreffenden Mann, weil sie überzeugt war, daß er nur ihren Körper +liebte und nicht die Seele. Ist das nicht schauerlich? Ein einziges, +grobes Mißverständnis des Lebens?« + +»Freilich; es gibt Frauen genug, die in dieser Hinsicht einem +unheilvollen Irrtum und Unbegreifen verfallen sind«, erwiderte ich. »Der +unheilvollste Irrtum, den sie begehen können, ist aber, wenn sie aus +ihrer Art der Schamhaftigkeit und deren Überwindung einen Begriff der +Treue folgern, der für sie Gesetz und Notwendigkeit, für den Mann aber +eine Freiwilligkeit ist. Diese Freiwilligkeit wieder einer höheren +Notwendigkeit unterzuordnen, das ist die _Tat_ des liebenden Mannes, +eine Handlung, die von seiner Kultur, von seiner Selbstbeherrschung, von +seinem Schönheitsempfinden abhängt. Die Frauen besitzen nur die Scham +des Geschlechts; die Keuschheit einer Nonne und die Verderbtheit einer +Dirne sind nur verschiedene Wirkungen ein und derselben Kraft, ähnliche +Zustände mit verschiedenen Hemmungen. Dem Mann ist eine andere +Schamhaftigkeit eigen, eine übersinnliche, ich möchte sie die Scham vor +Gott nennen, und er kann sie nur verlieren, wenn er sich selber vor Gott +verliert. Wir haben demnach das Schauspiel eines beständigen Krieges +zweier dem Grund und der Beschaffenheit nach völlig unähnlicher Arten +der Schamhaftigkeit, und während eine Frau die ihre sozusagen wörtlich +nimmt, sie trägt oder abwirft wie man ein Kleid trägt oder abwirft, +verheimlicht der Mann die seine, denn ihm ist sie nur ein Symbol. +Niemals darf die Frau sich einfallen lassen, das Symbol in die +Wirklichkeit zu zerren, etwa eine Forderung daraus zu machen.« + +»Das sagt -- ein Mann!« rief Faustina. »Ich muß Sie schon sehr hoch +einschätzen, lieber Freund, wenn ich das nicht anmaßend finden soll. +Klipp und klar gesprochen heißt das doch: die Liebe des Weibes ist eine +Realität, die des Mannes ein Symbol. Oder nicht?« + +»Ausgezeichnet formuliert, Faustina.« + +»Na, schön. Ich will dagegen nicht streiten, weil es ins Grenzenlose +führt. Ich sehe nur so viel, die tägliche Erfahrung beweist es mir, daß +diese Realität keinen Bestand und dieses Symbol keine Bedeutung hat. +Flausen, Flausen, nichts als Flausen! Bester Freund, sperren Sie mich +doch nicht ein für allemale in die Rumpelkammer der 'Realität'! Denken +Sie daran, daß auch ich geliebt habe! Ja, wirklich, wirklich geliebt! +Beweisen kann ich nicht, daß es mehr war als ein Irdisches, +Erdgebundenes, an Zweck und Zeit und Augenschein Gebundenes, aber dafür +kann ich beweisen, daß der andere, der Partner im Spiel, keinen Einsatz +wagte, der die Mühe verlohnte zu kämpfen, beweisen kann ich, daß seine +Liebe -- und er _liebte_ -- nur unzulänglich war, also nicht bis zu dem +Punkt reichte, wo eine symbolische Kraft das Flüchtige des Lebens +festhält. Aber weshalb so hohe Worte? Napoleon tat auf Sankt Helena den +ungeheuerlichen Ausspruch: Ein solcher Schurke kann kein Mann sein als +ich von ihm glaube, daß er einer ist. Fast jede Frau kann dasselbe von +ihren Erfahrungen in der Liebe sagen, vorausgesetzt, daß sie nicht ein +blindes Tierchen ist. Ihrer Methode gemäß werden Sie mir wahrscheinlich +entgegenhalten: du hast eben nicht zu wählen verstanden. Ja, um Gottes +willen, wenn der sich nicht bewährt, den ich als den besten erkenne, +wozu schlägt dann mein Herz, warum denke und fühle ich dann? Entweder +muß ich demnach mein Leben in der Wurzel verneinen oder Ihre ganze +Weisheit wird mir zum Sophisma. Da ist ein Mann, der mich anbetet; es +erscheint mir zweifellos, daß ich ihm viel, daß ich ihm alles bin, ich +ergebe mich, verbünde mich ihm, und da muß ich entdecken, daß er nur zu +werben versteht, zu besitzen, den Besitz zu verteidigen, zu bilden, zu +erhöhen, dazu ist er nicht fähig. Oder ein anderer Fall: da ist ein Mann +von Geist, Gemüt, Talent, aber er lebt in tiefem Elend. Das Mitleid +nähert mich ihm, es gelingt mir einen wahren Sturm der Energie in ihm zu +entfesseln, die Liebe zu mir trägt ihn empor, das Schicksal begünstigt +ihn, aber er kann es nie verwinden, daß diejenige, die er liebt, auch +seine Helferin war, er selbst gesteht mir seine Scham und alles +scheitert an einer Grille.« + +»Und was taten Sie?« + +»Was sollt ich tun? Ich ließ ihn seiner Wege gehen. Ist es etwa diese +Scham, die Scham, nicht mehr der Mächtige zu sein, die Sie symbolisch +nennen?« + +»Der Mann hatte vielleicht nicht viel zuzusetzen, deshalb raubte diese +Scham seiner Liebe die Kraft«, antwortete ich. »Es kommt nur darauf an, +was einer zuzusetzen hat, und für den Mann ist in der Liebe tatsächlich +alles nur eine Frage der Macht. Mitleid ist ein Feind der Liebe, Mitleid +zerstört die Gleichberechtigung, geradeso wie ein ausschließliches +ästhetisches Wohlgefallen; jenes schafft eine zu große Nähe, dieses eine +zu große Ferne. Der Bemitleidete und der Bewunderte atmen nicht dieselbe +Atmosphäre mit demjenigen, der Mitleid oder Bewunderung hegt, und sie +sprechen nicht in derselben Sprache zueinander. Aber es gibt Mittel, den +Zwiespalt zu überbrücken, und die Frau ist es, die in dem einen wie im +andern Fall ausgleichend zu wirken vermag, und zwar durch die göttliche +Eigenschaft der Sanftmut. Sie, Faustina, sind nicht sanft genug.« + +»Nicht sanft genug! Das wurde mir schon einmal gesagt. Wenn ich sanft +wäre, wurde gesagt, hätte ich weniger Anlaß, mich über das Leben zu +beklagen.« + +»Oder über die Liebe. Das ist meine Meinung.« + +»Sanftmut! Die schätzbare Gabe, stumm zu bleiben, wenn man getreten +wird, und nur zu seufzen, wenn das Herz bricht, die nennt man Sanftmut, +die nennen die Männer Sanftmut. Und weil sie ihnen die bequemste +Eigenschaft am Weibe ist, darum wird sie gepriesen. Wer aber Augen hat +und sieht, und vieles sieht, und Blut, das sich erhitzt, und eine Faust, +die sich ballen muß, der kann nicht sanft sein.« + +»Gemach, Faustina. Sie erinnern mich ein wenig an den Knaben, den man +fragte, wer tapfer zu heißen sei, und der darauf entgegnete, tapfer sei, +wer nicht davonlaufe. Sanftmut ist nicht Nachgiebigkeit, nicht +Unterwürfigkeit, nicht Schweigsamkeit. Sanftmut ist der Ruhe des +Feldherrn zu vergleichen, oder der Besonnenheit des Künstlers. Sie ist +nicht eine Schwäche, sondern eine Kraft. Sie ist in der Liebe die +eigentliche Kraft des Weibes, ihre Waffe wie ihr Schutz. Sie ist nicht +an ein bestimmtes Temperament gebunden, dem cholerischen kann sie +gegeben, dem melancholischen kann sie versagt sein. In jedem Tun und +Lassen drückt sie sich aus: in der Freude, in der Angst, in der Trauer +und im Schmerz, im Blick und im Schritt. Sie ist geradezu ein Rhythmus +des Lebens. Das Lächeln der sanften Frau ist unwiderstehlich, die sanfte +Frau ist niemals häßlich. Nun ist freilich die echte Sanftmut beinahe +ebenso selten wie die Liebe, und leider muß man konstatieren, daß sie +immer seltener wird, je mehr die Erregbarkeit der Nerven wächst, je mehr +auch die Frauen von Liebe und über die Liebe wissen, und je weniger sie +Liebe fühlen. Denn die Liebe der Frau ist hauptsächlich auf ein +Elementares, auf ein Unbewußtes gestellt. Da gibt es Frauenrechte und +Frauenberufe, man bildet Körperschaften und veranstaltet Versammlungen. +Dabei mag viel Nützliches entstehen, aber für die Sanftmut ist alles zu +fürchten. Haben Sie nie den Unterschied bemerkt zwischen dem Geschmack +einer Birne, die frisch vom Baume kommt, und einer solchen, die schon +unter vielen andern Birnen auf dem Speicher gelegen war? Ein solcher +Unterschied herrscht zwischen der Frau als Einzelwesen und der Frau, die +sich sozial betätigt.« + +»Sie mögen ja recht haben«, antwortete Faustina. »Aber am Birnenbaum +hängen viele Birnen. Sollen die Birnen also warten, bis die Leckermäuler +anspazieren, um die schönsten zu verspeisen? Die übrigen können warten; +sie müssen verfaulen und ins Gras fallen, wie? Um der Sanftmut willen. +Danke schön. Wir haben nicht Konsumenten genug, wir armen Birnen, wir +müssen unterzukommen trachten. Ihr wollt uns rein, ihr wollt uns +engelhaft, ihr wollt, daß jede sich für einen Messias aufspare, aber +ihr, ihr wollt nichts entbehren, keinem Gelüst die Befriedigung +vorenthalten, keinem Appetit die Stillung. Und der Messias, der sich +schließlich bei uns einstellt, ist entweder ein alberner Fant, der nicht +weiß, was er in Händen hält und seinen blinden Jünglingsrausch austobt, +oder ein kritischer Herr, der sich wieder trollt, wenn das Birnchen +einen Flecken hat.« + +»Das ist wohl wahr, Faustina, praktisch genommen ist es wahr, und daß +ihr Grund habt, euch selbst zu schützen, kann nur einem Dummkopf +verborgen bleiben. Jedoch von einer höheren Zinne betrachtet, liegen +die Dinge anders. Die Natur will nicht, daß man ihr zuvorkomme. Sie will +nicht, daß ihr heiligstes Gesetz, das Gesetz der Auslese, umgestoßen +wird, und wenn es trotzdem geschieht, rächt sie sich durch die +Hervorbringung lebensuntüchtiger Geschöpfe. Ist Ihnen bekannt, daß zum +Beispiel unsere Jagdvorschriften der Rassigkeit und Widerstandsfähigkeit +des Wildes, besonders des Edelwildes, erheblichen Abbruch tun? Wir haben +Frauen, die gezwungen sind, einen Beruf zu ergreifen; ohne Pathos tun +sie es, verdienen ihr Brot; andere sind mit Intelligenz und Scharfsinn +am Werk, um soziales Elend zu mildern. Wer hätte dagegen etwas +einzuwenden? Das Schicksal des Individuums wird mir immer Teilnahme +einflößen, ob es eine Nähmamsell oder eine Fürstin ist; +Massenbestrebungen aber, wenn sie der unmittelbaren Leidenschaft des +Erlebnisses entbehren, lassen mich natürlich kalt. Das Wesen der Frau +deutet mehr als das des Mannes auf Vereinzelung; ich habe immer +gefunden, daß die edlere Art der Frau sich nur kraft dieser Vereinzelung +bewahrte, und daß sie sich zur Vervollkommnung der Rasse gar nicht teuer +genug bezahlen läßt.« + +»Und wenn dem so wäre,« versetzte Faustina, »was hülfe es? Ist denn die +Frau nicht immer willfährig zum Besten, wo der Mann das Beispiel edler +Initiative gibt? Was frommt aber der Natur, was hilft selbst Gott das +Gesetz der Auslese, wenn ihm das Gesetz der Trägheit entgegensteht?« + +»Der Trägheit ... Schon vorhin haben Sie das Wort gebraucht. Sie sagten +Trägheit des Herzens.« + +»Ja. Trägheit des Herzens.« + +»Trägheit des Herzens ist eine von den sieben Todsünden, soviel ich +weiß.« + +»Sie ist die einzige Todsünde, die es gibt.« + +»Sie verbergen also einen großen Sinn dahinter, so etwas wie eine Idee.« + +»Einen großen Sinn, da haben Sie recht, einen schmerzlichen Sinn. Das +Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht +will, das tue ich, heißt es in einem Brief des Paulus an die Römer. Da +ist ein Erkennen: das Gefühl trotzt dem Erkennen, beharrt auf dem +falschen Weg; oder da ist ein Gefühl, ein großes, ein wahres; und doch, +es läßt sich betrügen, es läßt sich verwirren durch Rede und durch +Denken. So entsteht Trägheit des Herzens, und ist selber noch ein +Tieferes, Schwereres, Dunkleres, Schuldigeres. Es gab Zeitläufte, wo die +Menschen mehr ihren Trieben untertan waren, barbarische, kriegerische, +im großen und ganzen auf eine Sache, auf ein Ziel gestellte Zeiten. Da +konnte Trägheit des Herzens für eine Sünde gleich andern gelten, gleich +Geiz oder Neid oder Habsucht. Heute ist der Mensch zur Rechenschaft +gezogen, heute ist jeder sich selbst verantwortlich. Sie sagen es +selbst, nicht die Religion, nicht Himmel und Hölle darf er zur Ausrede +und Ausflucht machen, in seiner Brust muß er sein Schicksal suchen. Da +wird Trägheit des Herzens zur Kardinalsünde, und wie es nun ist, diese +Sünde liegt auf uns allen wie Gewitterlast. Fordern Sie Beispiele? Wo +soll ich anfangen? wo enden? Vorübergehen, wenn die Stimme des Gemüts +zum Bleiben mahnt, bleiben, wenn sie verlangt, daß ich weitergehe; die +Augen schließen, wenn es gilt zu sehen, und schweigen, wenn es gilt, +Partei zu nehmen; urteilen und verdammen, wenn vieles davon abhängt, zu +schweigen und Milde zu üben; den reinen Sinn betäuben, den unreinen zu +falscher Tat stacheln; Zwecke wollen, wo keine sind; nach Gerechtigkeit +streben und der Liebe vergessen; Liebe beanspruchen, ohne sie zu geben; +genießen wollen und nicht bezahlen; von Gott reden und den Teufel im +Innern füttern; Ideale aufrichten und einen armen Schuldner vor Gericht +zitieren; in Musik und Dichtung schwelgen und vor den kleinen +Menschenpflichten die Flucht ergreifen; Freundschaft preisen und den +Freund verleugnen; Philosoph sein und den Dienenden mißhandeln; den +Genius herbeiwünschen und, wenn er sich zeigt, ihn schmähen und in den +Kot zerren, alles dies, all dies Vergessen, all dies _Wissen_ und +_Nicht-Tun_ ist Trägheit des Herzens. Ach, wie schön ist das Herz! zu +wie vielem fähig! wie viel vermag es! Und Liebe, das Herz des Herzens, +wie wird sie mißachtet, mißbraucht, vergewaltigt und zertreten! Wie +ummauert sind alle Herzen, wie wenig mag ein jedes sich verraten, und +wie schnell und bereitwillig das des anderen! Wir reden da von Liebe, +von Liebe, und wo ist sie, die Liebe? Ein Symbol soll sie sein, ein +seltenes Phänomen, ich aber möchte sie haben, sehen möchte ich sie! +Zeigen Sie mir einen Liebesbegeisterten, zeigen Sie mir einen +Verschwender der Liebe! Die Liebe, von der ich weiß, war immer nur ein +zartes Pflänzchen, es ertrug die Lebensstürme nicht, versteckte sich vor +der Sonne und kroch in labyrinthisch verschlungene Tiefen, +weltabgewandt, der Nacht zugewandt. Ich fragte einmal einen Mann, ob +seine Geliebte schön sei. Schön, das könne er nicht behaupten, sagte er, +aber alles an ihr sei charakteristisch. Ei, erwiderte ich ihm, Sie sind +ein ganz famoser Zeitgenosse. Charakteristisch! Ein niedliches Wort! Man +müßte es in eiserne Lettern gießen und auf den Schandpfahl des +Jahrhunderts nageln. Alles ist so charakteristisch, so individuell, so +besonders, so künstlich, so ins Kleine zerspalten, ins Geistige +verdünnt, so scheu, so furchtsam, so wissend und so unsicher in +jeglichem Gefühl. Was ist da um Gottes willen noch zu hoffen, Freund! +Was kann ein volles Herz noch für sich hoffen? Es gibt nur eines; nur +eines gibt es: sich bescheiden.« + +»Es gibt noch ein zweites, Faustina, ein größeres.« + +»Und das wäre?« + +»Die Freude an der Erscheinung. Beklagenswert ist allerdings der Druck, +unter dem wir leben, das seltsam fatalistische Dahinrasen. Das Dasein +wird immer scheinhafter, seine kurze Dauer wird uns immer schmerzlicher +bewußt, und wer Sinn und Liebe sucht, kann wohl in ungemessene +Verzweiflung stürzen, wenn ihn dies eine nicht rettet: zu schauen. Dem +Schauenden enträtselt sich die Welt; ihm entwirrt sich jedes Dunkel; er +legt seine Hand auf Gräber und sie werden zu Altären, er wandelt durch +Schneegestöber und er spürt den Frühling, er ist verlassen von den +Freunden und er lebt mit der Menschheit. Daß die Dinge da sind, daß ich +sie besitze, daß Schöpfer und Geschaffenes mein sind, daß das Leben, +soweit es denk- und fühlbar ist, in mir steckt, daß es nichts gibt, +nicht das kleinste Denk- und Fühlbare außerhalb des Lebenskreises, und +daß mir das Ungeheure wie das Unscheinbare, Hohes und Niedriges, der +Festzug des Kaisers und das Vorüberflattern eines Schmetterlings, daß +mir Schönheit und Häßlichkeit, Liebe und Haß, Selbstentäußerung und +Trägheit des Herzens, daß mir alles dies zur Erscheinung wird, das kann +mich retten.« + +»Mit einem solchen Quietismus will ich mich nicht beruhigen«, antwortete +Faustina düster. + +»Wenn das Quietismus wäre, dann wäre der Erdball nicht mehr imstande, +seine Bahn um die Sonne zu laufen. Glauben Sie doch nicht, Faustina, daß +ich mich damit freispreche von menschlichem Tun oder mich des +mitstrebenden Herzens entledigen wollte. Es ist kein künstlerisches, +kein ästhetisches Prinzip, sondern durchaus ein religiöses, durchaus ein +göttliches. Wie in der Liebe durch ein höchst instinktives und +beseligtes Erkennen Vorzüge und Fehler des andern zu einem +anbetungswürdigen Bild vereinigt werden, so und nicht anders ergeht es +dem Schauenden mit der Welt. Er hat alles innen; alles was außen ist, +hat er innen; ihm ist nichts verloren, ihm ist alles gegenwärtig. Er +gibt sich hin, er gibt sich aus, aber er wirft sich niemals weg, denn +wie er das Leben besitzt und wie er Gott besitzt, so besitzt er sich +selbst. Und das, Faustina, ist das Große: sich selber besitzen. Dann +besitzt man auch die Welt, dann besitzt man auch die Menschheit; die +andern, die sich zu jeder Stunde wegwerfen, die besitzen nichts und +niemanden. Nur die Erwartung der Liebe täuscht sie mit der Hoffnung auf +Besitz.« + +Faustina hatte den Kopf abgewandt und schwieg. Eine lange Zeit verging +im Schweigen und die Freundin hielt beständig den Kopf abgewandt. Die +gesprochenen Worte erzeugten eine doppelte Stille. Es war weit über +Mitternacht, als ich mich zu gehen anschickte. Mit starrer Miene reichte +mir Faustina die Hand. Sie sah mich an, und wundersam, ihr Auge war voll +Frage wie das eines kleinen Mädchens. + +Sehr gern hätte ich Faustina wiedergesehen, aber als ich zwei Tage +später in die Wohnung kam, wurde mir gesagt, daß sie abgereist sei. + + + + +Der Literat + +Geschrieben 1909 + + +Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen, hat der Kultur +unserer Zeit seinen unverwischbaren Stempel aufgeprägt. Ja, man könnte +sagen, daß alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel Kultur +begreift, ein Werk des Literaten ist. + +Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen wollen diese Frage +beantworten; sie wollen die Art und die Wirkung des Literaten, die +Bedingungen seines Lebens, die Fundamente und Ziele seines Geistes mit +Hilfe einiger typisierter Charaktere erforschen. + +Die damit aufgestellten repräsentativen Figuren werden sich natürlich in +der Wirklichkeit kaum so unterschieden und formelhaft finden lassen; das +Leben gibt Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun, im +Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel viel vom Schöngeist +nachweisen können. Auch ist es möglich, daß in einer einzigen Person die +Elemente von mehreren jener Typen stecken, daß Schöngeist und Psycholog, +oder Dilettant, Tribun und Apostel vereinigt sind. Sogar im +schöpferischen Menschen sind Züge des Literaten vorhanden, vielleicht +hat die moderne Zeit überhaupt keinen schöpferischen Menschen +hervorgebracht, der davon ganz frei wäre. Beim Literaten werden aber die +bezeichneten Eigenschaften von einem jener Repräsentanten immer in +bestimmter und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und die +Besonderheit und das wechselnde Ausmaß der Mischung sind dazu angetan, +ihm in seiner menschlichen und künstlerischen Wirkung das Interessante, +reizvoll Problematische und Unergründliche zu verleihen. + + + + +Der Literat als Dilettant + + +Eine Kunst aus Liebe zur Sache üben, das macht den Dilettanten in der +edlen Bedeutung des Wortes. Der Dilettant und der Künstler unterscheiden +sich vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden Zustandes, +welcher den Künstler im Bereich seiner Kunst gefesselt hält, während der +Dilettant frei bleibt. Der Künstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht, +das Vermögen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser Welt zu +identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim Dilettanten ist es +umgekehrt. Der Dilettant identifiziert sich wirklich mit den Dingen +dieser Welt, indes sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich +daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert, begriffen, +gedeutet werden soll, sondern gegen die Kunst, deren er sich bemächtigen +will. Der Künstler hat die Kunst innen und möchte sich gleichsam ihrer +entledigen im Austausch gegen Göttliches und gegen ein Stück Welt; der +Dilettant hat sie draußen und wünscht sie zu gewinnen, indem er Welt und +Gott in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie zu bringen +sucht. + +Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch Gott noch Kunst in +sich selbst. Ihm ist nicht nur die Kunst ein Äußeres, zu Erraffendes, +sondern auch Welt und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich +ist er ermüdet von Erlebnissen. Er ist nicht von stark organisierter +Seele, sonst würden geringe Kämpfe nicht imstande sein, ihn zu ermüden. +Er hat einer Schlacht beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den +Kanonendonner gehört und zugesehen, wie man Verwundete und Tote +vorübertrug. Das hat genügt, ihn mit Abscheu gegen den Krieg zu +erfüllen, ja, er ist der gründlichste Hasser alles Kriegswesens +geworden, ein Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit seines +Geistes zwingt, seine Schwäche wie eine Stärke zu behandeln. + +Schon daraus läßt sich schließen, daß er nicht aus innerer Notwendigkeit +am Kampf teilgenommen hat, sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust +am Soldatenleben oder aus Begierde nach Auszeichnung. Man hat ihn +einfach wie so viele andere Rekruten dazu ausgehoben, und er war von +vornherein ein skeptischer Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu +denken ist. Da man etwas treiben muß in der Welt, ist er Soldat +geworden; nimmt er den Abschied, so ist er, mit Ausnahme des gewonnenen +Ekels und Abscheus, wieder so leer wie er vorher war, und er weiß nicht +recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer, sondern auch +unentschieden auf den Plan, und weil ihn kein Muß befehligt, ist er +nicht hungrig. Nur Leute, die unter einem tyrannischen Muß knirschen, +sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt. + +Er merkt es wohl, daß Hunger dazu gehört, um sich zu entscheiden: +Hunger, Spannung, Sehnsucht, eine ideelle Begierde. Die Welt, die +Menschen, die Erscheinungen des Lebens erregen seine Teilnahme kaum oder +nur insoweit, als seine Person dadurch berührt wird. Auf einmal richtet +sich seine Begierde, seine ganze Spannung und Sehnsucht gegen die eigene +Person. Er entscheidet sich ganz und gar für seine eigene Person, deren +er sich bisher, in den hintersten Reihen der Kämpfenden, nur dumpf +bewußt geworden war. Seine eigene Person enthüllt sich ihm plötzlich als +ein Gegenstand von ungeahnter Wichtigkeit, als ein unentdeckter Bezirk, +von dessen Schönheit und Vorzügen die übrigen Menschen zu unterrichten +jetzt sein gebieterischster Trieb ist. Alles was er tut, denkt und +empfindet, erscheint ihm erstaunlich, besonders und in hohem Grade +mitteilenswert. Je unbeachteter und dunkler sein Dasein bis nun gewesen, +je mehr drängt es ihn, sich in einen Mittelpunkt zu stellen. Wie aber +fängt er dieses an? + +Er geht mit instinktiver Pfiffigkeit ans Werk. Er schmückt sich; und +zwar schmückt er sich mit seinen Leiden, mit seinen Erfahrungen, mit +einer in auffallender Weise zugespitzten, verschärften und +nachdrücklichen Meinung über Menschen und Schicksale. Damit reizt er die +Neugierde, und sein Instinkt hat ihn trefflich geführt, denn Neugierde, +in einem gemeinen wie in einem höheren Sinn, ist der hervorstechendste +Zug der Gesellschaft, aus der er kommt und deren Mittelpunkt er sein +möchte, deren Mittelpunkt der schöpferische Mensch wirklich ist. Auch +der schöpferische Mensch übertreibt das Bild der Welt, aber dadurch, +indem er es vergrößert, dadurch allein schon, indem er die eigene Person +aus seinem Werk ausschaltet und an dessen Stelle etwas setzt, was ich +fiktive Persönlichkeit nenne. Dem schöpferischen Menschen ist seine +Person nur ein Vorwand, ein Ausgangspunkt, der Literat als Dilettant +sieht in ihr die Essenz und das Ziel. Der schöpferische Mensch ist +einsam, von Natur und durch Bestimmung; dennoch lebt er unter den +Menschen, weil die Menschheit ihm ein unentbehrliches Element ist, durch +welches er leidet, weil er geboren ist, um zu leiden, weil das Leiden +derjenige Seelenzustand ist, der ihn befähigt zu schaffen. Der Literat +als Dilettant ist niemals einsam; je weniger, je mehr er bei sich und in +sich selber steckt. Er stellt sich abseits, um in der künstlichen +Einsamkeit einen Ersatz für die natürliche des schöpferischen Menschen +zu gewinnen; er schmückt sich mit Einsamkeit, und auch dies ist ein +Mittel, um Neugierde zu erwecken. Die Menschen sind ihm entbehrlich, +obgleich er sie sucht; er ist der Menschen überdrüssig und satt, nur +seiner eigenen Person wird er niemals satt, sie erscheint ihm stets +interessant, begehrenswert, wichtig und ausgezeichnet. Nicht durch die +Menschen leidet er, sondern durch sich selbst, und je nach Rang und Art +seines Geistes und Charakters in allen Graden und Möglichkeiten; +angefangen von unerfüllten Ansprüchen niedriger Sorte bis zum Durst nach +Stillung eines bedeutenden Ehrgeizes. + +Dieser Ehrgeiz ist sorgfältig zu trennen von dem, was die Griechen +Ruhmsucht genannt haben, als welche ein übersinnliches Verlangen und in +ihren Wurzeln mit dem Unsterblichkeitsgedanken identisch ist. Der +Ehrgeiz hat nichts mit Anonymität zu tun, der Ehrgeizige gibt sich nicht +grenzenlos und unbedingt hin wie der Ruhmsüchtige, er löst sich nicht +auf in der Idee; er leitet seine Sache, er steht vor seinem Werk, er ist +immer der Herr, immer sichtbar, und sein Name umflammt seine Tat wie ein +Programm. Die antik-heroische Eigenschaft der Ruhmsucht ist den modernen +Zeiten und Menschen fast abhanden gekommen. Vielleicht ist darum unsere +Kultur, oder was wir mit diesem Namen bezeichnen, so zerstückt, brüchig +und disharmonisch, weil sie völlig auf einzelnen, auf »namhaften« +Trägern ruht. Jede wahre Kultur setzt Anonymität voraus. + +Der Literat als Dilettant verabscheut die Anonymität, denn tritt er ohne +seinen Namen auf, so ist es, als wenn ein General ohne Uniform zu Hof +ginge. Durch seinen Willen getragen, von seinen Zwecken befehligt, +abhängig von der Gunst der Menschen und der Umstände und somit von dem, +was die Gesellschaft den Erfolg nennt, kann er in keinem Fall auf äußere +Bestätigungen verzichten, und die edle Selbstvergessenheit des +lediglich von der Sache erfüllten schöpferischen Menschen ist ihm fremd +bis zum Unbegreiflichen. + +Doch sehen wir von jener höchsten Selbstvergessenheit vorläufig ab, die +nur eine ideale Annahme sein mag. Der Ehrgeiz des Künstlers würde auch +dann in Kraft treten, wenn dieser Künstler auf einer einsamen Insel +lebte, denn sein Ehrgeiz ist der Ruhmbegierde insofern verwandt, als er +von dem Bestreben, das Werk zu möglichster Vollkommenheit zu führen, +nicht zu trennen ist. Der Literat als Dilettant hingegen ist besessen +von der Sucht nach der Prämie. Eines seiner untrüglichsten Kennzeichen +ist, daß er der Selbstkritik ermangelt. Selbstkritik ist das Vermögen zu +vergleichen. Der Literat als Dilettant kann sich nur mit sich +vergleichen, aus diesem Grunde erscheint er sich bald überklein, bald +übergroß, da sein einziger Spiegel nur das eigene, beständig +schwankende, beständig wechselnde, niemals ruhende, losgelöste und +isolierte Ich ist. Er kann seine Arbeit nicht allgemein an Arbeit und +Leistung messen; nur an sich selber kann er sie messen, an den +verbrachten Stunden, gefühlten Anstrengungen; seine Intensität zu sein +und zu schaffen dünkt ihm die stärkste überhaupt erreichbare, und ein +solches Bewußtsein genügt ihm, um alle Erinnerungen an Qualität +auszulöschen oder zu trüben. Im Grunde seiner Seele hält er die höhere +Geltung, welche die Meisterwerke genießen, für einen Zufall, wenn nicht +für Schlimmeres; auch jedes Gelingen hält er für einen Zufall, da ihm +entweder das Talent zu inspirieren oder das Talent zu administrieren im +Gegensatz zum elementaren Künstler fehlt. Wer ohne Selbstkritik ist, hat +zu keinem Ding eine wahrhafte Distanz; so betrachtet er alle Künstler +als seine Kollegen, und das unterscheidende Merkmal zwischen ihm und +ihnen besteht nur in der Tatsache der größeren oder geringeren Prämie. +Wohl vermag er zu bewundern, aber seine Bewunderung ist von persönlichen +Vorbehalten niemals frei; er gibt sich nicht hin, er will insgeheim +profitieren, er will denen, die die höhere Prämie erhalten haben, den +Handgriff absehen, und das scheint ihm ausführbar, weil er die Distanz +nicht kennt. Die Prämie, nach der er strebt, kann er nie erhalten -- ein +Kater zeugt nicht Löwen. Er aber, der da wähnt, alles Vierbeinige sei +letztlich von gleichem Rang, dem die Art und die Natur der Löwen völlig +fremd sind, weil er in einem ganz anderen Klima lebt, muß +notwendigerweise zu der Überzeugung gelangen, daß er das Opfer einer +Ungerechtigkeit sei; die Vergeblichkeit seiner Forderungen erfüllt ihn +nach und nach mit Eifersucht und Neid, so daß er alle Menschen gegen +sich verschworen glaubt, vom niedrigsten Skribenten an, um dessen +Ermunterung er buhlt, bis hinauf zu Homer, der eine allzu reichliche +Menge des in der Welt vorhandenen Beifalls verzehrt hat. + +Eifersucht und Neid vermögen am Ende seine Fähigkeiten ungeahnt zu +steigern; fast allein durch Eifersucht und Neid ist er zuweilen +imstande, die Gebärde, die Rhythmik, die Melodik des Künstlers zu +treffen und wenn er sich auch nicht hingeben kann, so verliert er sich +doch manchmal, verliert sich in einer seltsamen Form übertragener +Nachahmung, in welcher die großen Werke wie abgeblaßt und +wiederempfunden, schattenhaft, stimmungshaft ein zweites, unwirkliches +Leben führen. Er übertreibt das schon Vergrößerte, verwickelt das schon +Vereinfachte, und die Welt, die ihr Bild in einer immer auffälligeren +egoistischen Verzerrung erblickt, wendet sich beleidigt und gequält ab, +auch wenn sie dem Urheber vorübergehend gehuldigt hat. + + + + +Der Literat als Psycholog + + +Die Psychologie des schöpferischen Menschen ist, mit einem Gleichnis aus +der Chemie gesprochen, ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die +Psychologie zur Idee, was ungefähr so viel sagen will, als ließe sich +jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen Kompaß besitzt. + +Der Psycholog hält alles für erlaubt, denn er kann alles erklären. Er +hat für jede Tat ein Für und Wider, für keine ein Entweder -- Oder. + +Der schöpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, indes der +Psycholog die Menschheit und sich selbst verrät. Dieser Prozeß des +Verrats ist wichtig genug, um näher betrachtet zu werden. + +Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als Psycholog ein +isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich reichere und tiefere Natur. +Er ist auch die kompliziertere Natur, ja, im Gegensatz zum +schöpferischen, der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, daß +seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus einem einheitlichen +Gefühl, nicht aus einem elementaren Sein und Betrachten erwachsen, +sondern daß sie vielfache Wurzeln haben, daß kein reiner einfacher Strom +des Lebens ihn trägt, sondern daß er ein Spiel vieler, verschiedener, +oft einander entgegengesetzter Strömungen ist, wider die er sich zu +behaupten hat, woraus sich ergibt, daß er sich fortwährend im Zustand +der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes befindet. Er ist ein +wirklich Kämpfender, nicht bloß wie der Literat als Dilettant einer der +in den hintersten Reihen zuschaut. + +Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte Menschen; sie +sind unkompliziert geboren. Der schöpferische Mensch ist ebenfalls +unkompliziert, aber dort, wo sich der Ring wieder schließt, auf der +anderen Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene, +derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur durch eigenes +Streben und eigene Bestimmung, sondern auch durch unbewußte Mitwirkung +der Geschlechter, die ihn hervorgebracht haben und deren Aufgabe es war, +ihn hervorzubringen. Der Psycholog hat nun gleichsam diese Kette stummer +Vorbereitung selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelöst und tritt +mit dem ganzen Willen der »Kette«, mit Belastungen von rückwärts und +vorwärts, mit unerledigten Verantwortungen, eigentlich als ein +Deserteur, allein auf den Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige +Erlebnisse voraus, innerhalb des eigenen Gemüts wie gegen den Kreis der +Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich zu verantworten, ununterbrochen +sich zu verantworten, gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich +selbst. Der schöpferische Mensch hat nicht nötig, sich zu verantworten, +er ist eben da, er empfindet sich als notwendig und gesetzmäßig, seine +ganze Existenz heißt: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine +innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern aber ist immer +zumute, als ob er verneint würde, er fühlt sich als zufällig, er spürt +keine Sicherheit, in ihm selbst steckt eine glühende Verneinung, und +deshalb ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, Schatten- und +Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, und es gelingen ihm bisweilen +Werke dämonischer Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was +er zutage fördert, trägt den Fluch einer geheimen Lüge. + +So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag er nur eine +Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr als den Teil, er lebt nicht mehr +als den Teil, das ist sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des +Menschen und im Wesen der Kunst begründet, daß sein Werk ein Ganzes, ein +Gebilde von allgemeiner Gültigkeit und Glaubhaftigkeit vorzustellen +strebt. Da klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, desto +enger und bedingter, desto mehr persönlich gebunden stellt sich sein +Geschaffenes dar; je weniger er sich bescheidet, desto auffälliger und +schmerzlicher tritt die Kluft zwischen dem Persönlichen und dem +objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, keinen Ausgleich. Je +stärker Talent und Potenz sind, desto mehr verführt ihn die Sprache, das +Erlebnis, die Leidenschaft, die Intensität der Vision, sich auf sich +selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und Gott auszuspielen, +desto mehr verführt er die Menschen, an ihn zu glauben statt an seine +Welt und an Gott. Er ist immer zugleich Verführer und Verführter, +während der schöpferische Mensch Führer ist; er ist stets der Sklave +seiner Eingebungen, Ideen, Worte und Gestalten, indes der schöpferische +Mensch immer Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit, +Freiheit und Gültigkeit verleihen will, desto mehr muß er seine +Fähigkeit überspannen, die Empfänglichkeit seiner Sinne dem +Krampfhaften, also dem der Natur Feindlichen nähern, und niemals das +Göttliche, höchstens das Titanische ist sein Gipfel. + +Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die äußerste Wachsamkeit kaum zu +denken; in der Tat ist der Psycholog das wachsamste Geschöpf der Welt. +Wo der Dichter träumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit hat zur +Folge, daß er über alle Vorgänge seines Innern und zuletzt über die Art +und Wirkung des Zwiespalts, in dem er sich befindet, aufs genaueste +unterrichtet ist. Jener Kampf führt nie zu dauernder Entscheidung; in +jedem Augenblick fällt die Entscheidung anders, und er selbst darf die +Waffen nicht ablegen. Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im +Zustand der Unruhe und der Bewegung alles von sich selbst zu wissen; +sich von sich selbst loslösen wollen und doch einsehen müssen, daß man +unlösbar mit und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen +rechtfertigen zu müssen, gegen das Werk, gegen die Menschheit, gegen +Gott und gegen die eigene Seele; in einem derartigen Zustand ist das +dringendste Verlangen das nach einem Heilmittel oder einem +Betäubungsmittel, nach einem Stimulans; dieses Stimulans ist eben die +Psychologie. + +Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie kann sich bis zu +halluzinatorischer Kraft steigern. Sie ist beim schöpferischen Menschen +in den Phasen vor der Entscheidung, beim Literaten ist sie die +Entscheidung selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung bringt +eine Wandlung hervor, jedoch diese Fülle von Wandlungen führt keineswegs +zu einer Verwandlung; die Mittel sind auf dem Wege verausgabt worden, so +daß es ein Ziel darüber hinaus nicht mehr gibt. Der Literat hat den Weg, +der schöpferische Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, -- auf +dem Weg, und das beständig; der schöpferische Mensch verwandelt sich, -- +am Ziel. Ein Mann, der nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus +dem diesseitigen die ganze Summe von Genüssen hervorpressen, die nach +seiner Ansicht darin enthalten sind. Dermaßen ist das Verhältnis des +Literaten zur Psychologie beschaffen, und so kommt es auch, daß die +Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an Gott ist. + +Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets bemerken, daß das +schlechthin, das Nur-Psychologische immer den Verrat in sich birgt. Es +mag so erstaunlich wie möglich beobachtet sein, nie wird man es ohne die +Überwindung einer geheimen und tiefen Scham hinnehmen, als ob sich ein +Mensch vor uns entblößte. Der Psycholog verrät die Welt, indem er sich +selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen verrät. Dies ist ihm +die Brücke zur Welt, denn eine andere hat er nicht in seiner Isolierung. +Der Psycholog kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine Ekstase. +Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er in seiner Seele gemacht hat, +er reißt dich in seine Abgründe, begräbt dich in seinen Finsternissen, +schleift dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am Ausgang und +am Eingang steht er, nur er, Pförtner und Totengräber. Der +schöpferische, der handelnde Mensch übernimmt die Leiden der Welt und +reinigt die Menschheit davon, der Psycholog gießt seine Leiden über die +Welt, und die Psychologie ist ihm der Schlüssel zur Welt, das Mittel, um +dir zu sagen: Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses »du +bist wie ich«, mit Hilfe der Psychologie, des fortwährenden Belauerns +konstatiert, bringt etwas wie eine künstliche Sozialität bei ihm hervor, +indes ihm die natürliche von Anfang an fehlt. Wo er haßt, ist sein +Verrat ohne Hemmung, gewissermaßen sachlich; wo er liebt, glaubt er sich +zu opfern durch den Verrat, und er muß verraten, weil die einzige Form +seiner Produktivität darin besteht, das Ganze der Welt in Stücke zu +reißen und in dem Schmerz über die Zerstörung und Zertrümmerung die +Unvollkommenheit der Dinge zu gestalten. Während der schöpferische +Mensch in einem göttlichen Sinne grausam ist, ist der Psycholog in einem +menschlichen Sinne grausam, da er durch ein tragisch widerspruchsvolles +Gesetz trotz seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt bleibt +und sich so wenig wie von sich selbst richtend von ihr lösen kann. Er +richtet nicht, er klagt an; es geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch +nie um Gerechtigkeit. + +Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebärden mag, ist sie +der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur, +der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion. Sie +ist immer ein irdisch Erfülltes, rationalistisch Fertiges; sie ist das +Wörtliche, nicht das Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische, +der Weg und nicht das Ziel. + +Nun entsteht die Frage: Wie verhält sich die Welt, die Gesellschaft +hiezu, wie nehmen die Verratenen den Verrat auf? Sie werden ja beständig +in Anklagezustand versetzt, beständig ihrer Geheimnisse beraubt, +beständig in ihrer Scham beleidigt, wie können sie das ertragen? + +Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des Kniffs, daß er alles +Einzelne, Vereinzelte und Sonderliche zum Typus verdichtet (während der +schöpferische Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). Dadurch wird +allem Widerspruch die Spitze gebrochen, und es entsteht ein Werk von +großer Leidenschaftlichkeit, gegründeter Bewegtheit und seelischer +Durchführung, ein Werk von je stärkerer persönlicher Einheit zumeist, je +geringer eben die Objektivierung der Welt darinnen ist. Obwohl jene +Eigenschaften nur mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst +zur Erscheinung gelangen können, nenne ich doch das Verfahren des +Psychologen -- in höherem Betracht -- einen Kniff, denn er deckt sich +damit nach zwei Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er +einen Zerrspiegel vorhält und sie dabei durch seine Leidenschaft, sein +Gefühl, seine Kunst, seine Persönlichkeit verhindert, die Willkür in den +Zerrbildern zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, wenn +man will, gegen das schöpferische Prinzip, indem er sich als einen +leidenden, leidenschaftlich ergriffenen Menschen preisgibt, aufgibt und +zugleich darauf pocht, daß er in unabhängigen Gestaltungen zur +Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt. + +Ich spreche selbstverständlich nicht von der Psychologie als +Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und hat mit der Psychologie in +der Kunst wenig oder nichts gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine +analytische Methode, sondern eine Empirie höherer Ordnung, nicht mehr +eine Disziplin, die von Realitäten ausgeht, sondern eine Realität an +sich. Sie verpflichtet und verbindet das künstlerische Gebilde der Erde, +verleiht der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem schon +Zusammengefaßten, Verdichteten sein unverrückbares Gesetz, seelische +Anwendung, wechselvolles Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die +Erfahrung beruft. Der Literat als Psycholog will aber durch die +Psychologie die Vision, das Gleichnis, das Verdichtete, das Gedicht erst +erzeugen. Ihm ist der Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger +als die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt ist, erlahmt er +in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit vermag er zu erschöpfen, er weiß +sie immer neu, anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie +ist ja sein Persönliches, sein Erbe, während die Idee das Göttliche +vorstellt, von dem er abgeschnitten ist. + +Durch das außerordentliche, zauberhafte, verführerische Talent, die in +sich selbst beschlossene Realität zu gestalten, wird nun die Menschheit, +die Gesellschaft oder das, was man Publikum nennt, über den begangenen +Verrat hinweggetäuscht. Und zwar nicht erst seit gestern. + +Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die geistige und +sittliche Individualisierung der Menschheit begonnen. Der christliche +Kerngedanke ist eigentlich die vollständige und freiwillige +Selbstisolierung des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale +Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heißt: allein dastehen +gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlöst, wird die Menschheit erlöst. +Es konnte bei der Sublimität einer derart aufs äußerste getriebenen Idee +nicht ausbleiben, daß sie, um eine Wirkung zu üben, mißverstanden werden +mußte und das Christsein schließlich nur hieß: erlöst werden durch das +Leiden eines andern, dessen nämlich, der seiner Lehre das +welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das Christentum nach der +sozialen Seite hin nutzbar gemacht. + +Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstörende Idee ist die +der Kunst entgegengesetzte Idee schlechthin. Der christliche Mythos +konnte der Kunst nur dort Nahrung zuführen, wo entweder gläubige Gemüter +den gläubig Schaffenden umgaben, oder wo sein menschlicher Gehalt die +Strenge der Überlieferung sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der +Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, im ganzen +Marienkult, antikisierend und dem Erlösergedanken fremd waren. Es konnte +also nur das leidende, inbrünstige, ekstatische, lebenverzichtende +Gefühl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive Frömmigkeit +erforderlich war, oder es mußten übernommene Vorstellungskomplexe eine +immer wiederholte Darstellung finden, deren persönliche Beseelung aber +unmöglich wurde, als die Tradition ermattet und die Zahl ihrer Motive +verbraucht war. Die bildende Kunst und die Musik, deren Gehalt +ausschließlich in der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in +Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn auch meist nur +scheinbaren Zusammenhang mit dem Christentum am längsten bewahren; die +Literatur hingegen, Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch das Wesen +der Sprache und des Wortes auf eine stärkere geistige Existenz gestellt. +Dies bedingt einerseits eine größere Kälte, größere Ferne und geringere +Unmittelbarkeit der Gefühlswerte, andererseits wird aber dadurch jede +Verschleierung und Verdunkelung der Idee erschwert, da die Auflösung der +unerläßlichen Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur Wirkungslosigkeit +führen würde. + +Der Dichter mußte sich also um so eher und nachhaltiger vom Religiösen +befreien, je mehr dies Religiöse seines national-mythischen Gehalts +entkleidet und, was dem Geist des Christentums widerspricht, zu einer +staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. Das christliche Gebot der +Absonderung, der leben-, form- und freudezerstörenden Individualisierung +zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer Individualisierung +auf geistigem Weg, vor allem zu einer losgelösten, vom Volk +abgesonderten Existenz. Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus +dem Volk ihm zuströmenden, im seelischen Leben des Volks gewachsenen +Mythos beraubt, und dies bedeutet: daß er seinen Mythos selbst +erschaffen mußte, aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter +befanden sich im Kreise des religiösen Mythos ihres Volkes, der stets +identisch war mit dem nationalen Mythos. Das Christentum zerbrach diese +Einheit nicht nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles +Schöpferische verneinender Mythos entzog den Dichtern auch die +wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die wunderbar tiefe +Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, die jene Genien besaßen, die von +einem ununterbrochenen Strom mythisch vorhandener Gestalten schon +getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. Wie wäre denn sonst das +christliche Mittelalter, insonderheit das deutsche, so arm an großen +Dichterpersönlichkeiten? Die wenigen von Rang führten nur ein privates +Dasein, waren einsam, waren geduldet, oder auch wohlgelitten, »Sänger«, +Kostgänger, Mitläufer, nicht Führer, nicht Propheten. + +Der Dichter mußte seinen Mythos selbst erschaffen. Dabei ist es +geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, der Staaten, der Völker, +der geistigen und sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die +fortschreitende Dezentralisation und die beständige Verschiebung der +Kasten und Klassen beständig wachsende Fülle von Schicksalsmöglichkeiten, +alle diese Umstände haben die Tendenz zur Vereinzelung verstärkt. Kaum +daß noch Familien ein natürliches, auf dem Herkommen beruhendes Ganzes +bilden; die Gemeinde, die Polis, der Staat, die Nation sind schon +künstliche und zufällige Zusammensetzungen. Das seelische Erwachen von +Millionen Einzelnen bietet freilich ein großes Schauspiel; es ist nur +die Frage, ob es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht eben +ins Grenzenlose und Verhängnisvolle gesteigert wird. + +Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte Grundlage des +nationalen Mythos fehlt, muß er ihn aus seinem Innern ersetzen. An die +Stelle der lebendigen Überlieferung tritt diejenige des Schrifttums, und +statt der natürlichen Sprache, die der Mythos hat und in der er zu allen +spricht, ergibt sich der Stil. Sein Gedachtes, sein Geschautes, sein +Geträumtes, sein Werden, sein persönliches Erleben, seine Anschauung der +Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein Verhältnis zur Natur, dies +alles verdichtet, vereinfacht, verbildlicht und zur Schönheit +verwandelt, wird nun für den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn +er zugleich Künstler ist, wenn er alle Lebenselemente zu Kunstelementen +umgeschmolzen und das Persönliche in ein Göttliches verwandelt hat. + +Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen Ernst voraus, +eine Kraft zur Entsagung und einen Willen zur Einsamkeit und +Selbstvertiefung, die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe +machen müssen, damit er Herr des Werkes werde, sondern es fordert auch +bei den Empfangenden eine Eigenschaft, die fast Kongenialität zu nennen +ist und die sich natürlich nur bei erwählten Geistern findet, zunächst +wenigstens; später greift dann die Tradition von Bildung, Stil und +Kultur ein, dieselbe Tradition, deren sich der Nachfahr bedienen und die +er zugleich bekämpfen muß, um sich selbst zu finden. So vollzieht sich +nie ein harmonisches Kräftespiel; alles ist Kampf und Absonderung, und +das Mißverständnis zeugt, nicht das Einverständnis. + +In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das +Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und großartiger ist, je größer +eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es +gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch glühendes Welt-Erraffen, +selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persönliches gleichsam +auszutilgen und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. Dies ist dem +Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schöpft er ebenfalls +alle Nahrung aus sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt +tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt, +bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das +andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, und +er ist fern von den Menschen -- wie der schöpferische Mensch, und fern +von Gott -- wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das +Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die +ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, des vereinfachten +Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende, +Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von +ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine +Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes +Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, zu verraten. +Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an +Spiegelbildern, an Enthüllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstörten +Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein +Gleichnis für Göttliches nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine +Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht +sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie wach, seine Bewegtheit zerstreut +sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie, +seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein +Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres, +Glaubhafteres und Reizenderes als beim schöpferischen Menschen, wo sie +ein Gleichnis für das Göttliche finden, die Synthese. + +Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das Volk für sich hat, +die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der +Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die +an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein +Publikum? Es sind die »Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten, +eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, die Wahllosen, +Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und völlig Gottlosen. Darin beruht der +tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall +und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die +Gottlosen für sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er gottlos +ist? + +Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glück des Darüberstehens ist, +mag er auf den blicken, der geradeswegs für das »Publikum« erschaffen +wurde und der nicht mehr daran leidet, daß er gottlos ist. + +Das ist: + + + + +Der Literat als Tribun + + +Er stammt zumeist aus kleinen Verhältnissen und kennt die Not, die +leibliche wie die geistige. Zwei Dinge haben ihn emporgehoben: sein +Ehrgeiz und das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur äußerlich, er zielte +auf die Verbesserung der sozialen Stellung, wurde aber später durch +geistige Zuströme sowohl veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn +der Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenuß zerstört. +So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem +Wanderer. + +Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist nicht beschwingen, aber +sie gibt ihm die vehemente Stoßkraft des von eingepreßtem Dampf +getriebenen Hebels. + +Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tatsächlichen; er ist +Erklärer und Propagandist; Bannerträger alles Neuen; Beobachter, der +unfehlbare Schlüsse zieht; Alchimist der Überraschungen und Moralist der +Nutzanwendung; Übertreiber des Absurden, Verzerrer des Trivialen, +Widersacher des Selbstverständlichen; Leugner des Seltenen, wo Seltenes +anerkannt, und Verkündiger des Genius bis zu der Stunde, wo der Genius +sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der Anpassung, der Aufwiegler +der Stumpfen, die Polizei der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist +vieles in vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick +angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden zu denken, ohne +den gegenwärtigen halten zu können, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist +wie der Kapitän eines Passagierdampfers; bei jeder Fahrt sind andere +Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte, nie vorbereitete, nie solche, +die sich seiner Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er muß alle +Voraussetzungen seines Tuns und seiner Kräfte jedesmal von neuem +exponieren. Der Wechsel der Passagiere vollzieht sich unter beständigem +Bruch geschaffener Bündnisse und Übereinkünfte, beständiger Veränderung +der Formen und Normen. + +Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert man sich wohl. Im +Grund ist es der Name, der Gewicht und Klang hat, der eine Luft des +Schreckens, des Befehls, der Autorität, der Leidenschaft um sich trägt. +Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die Person schreitet über die +Leistung hinweg. + +Wer ist unglücklicher als er? Vertrauen erzwingen, Anerkennung, +Billigung und Freundschaft mit Aufwand aller Mittel des Geistes erobern, +um alles wieder zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie am +Anfang muß er seine Person einsetzen und bloßstellen, immer mit dem +ganzen Elan oder, was nicht minder aufreibend ist, mit der Gebärde des +ganzen Elans. Hätte er nicht die Gebärde, so würde er ausgeplündert, +ausgeschlürft und ausgeleert, da die Vielfältigkeit der Aufgaben, die +ihm gestellt werden, und die Zerstreutheit der Interessen, die zu +sammeln, zu befriedigen, zu beschäftigen seine wichtigste Mission ist, +ihn nötigen, alles was er empfängt, sogleich wieder zu veräußern. Der +schöpferische Mensch verarmt nicht, ihn nähren tiefe Wurzeln; seine +wirkliche Persönlichkeit wird genährt von seiner mythisch-fiktiven. Auch +seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die Gestalt, die ihm +verbunden ist, auch wenn kein Ohr ihn hörte, kein Auge ihn sähe. Die +Realität ist nur ein Gleichnis für ihn; er schafft ja die Welt zum +zweitenmal. + +Demgegenüber ist der Literat als Tribun der einsamste von allen +Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz gelöst von der Welt. Was ihn +schützt und tröstet, ihn unermüdlich, gewissermaßen verblendet macht, +was seinen Ehrgeiz in Glut erhält, ist das Wort. Er hat eine angeborene +Liebe zum Wort, und es wäre verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht +für einen Dichter hielte. Das Wort ist sein Gefährte, er geht mit ihm um +wie mit einem Freund, er tändelt mit ihm wie mit einem Kind, er betreut +es wie eine Geliebte und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste +durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er durch das Wort tapfer, +ja tollkühn; hinter dem Wort verschanzt er sich, verbirgt er seine +Armut, seine Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort gibt +ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert und verdeckt seine +Irrtümer und verleiht ihm genau die Gestalt, die er vorzustellen +wünscht. So wird er undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das +Wort ein Panzer wäre; unsichtbar und unauffindbar hinter dem Wort, ein +wunderliches Widerspiel zum schöpferischen Menschen, der unsichtbar ist +hinter der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt, nur +Handlungen, Bewegungen (des Körpers oder der Seele). Dann sind Worte von +ganz anderem Valeur, ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht +Gesagtes. Das Wort als solches verhüllt die Gestalt und macht sie +unsichtbar. + +In einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der ungeheuren Fülle der Dinge, +der Gesichte, der Vorgänge, der Meinungen, des Wissenswürdigen, des +Neuen, des schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergrößerung +geistigen Bestandes bei erschreckender Haltlosigkeit des Besitzes ist +der Literat als Tribun unentbehrlich. Er ist es, der wägt, der urteilt, +der vermittelt, der die Großmünze der geistigen Regierungen in die +Kleinmünze des Verkehrs umsetzt, der Bildung verbreitet, Kenntnisse +weckt, Einsichten fördert und in allen Angelegenheiten des öffentlichen +Lebens höchste und letzte Instanz ist. + +Das wäre nun eine sehr segensreiche Tätigkeit mit heilsamen Wirkungen, +müßte man glauben. Man müßte glauben, daß eine so stetige und heftige +Teilnahme am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur, an seelischem +Wachstum und geistigem Fortschritt ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn +und ohne wahre Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir näher zu. + +Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn, auch nur der +allergeringste Lohn in Aussicht steht? Kann von Selbstlosigkeit die Rede +sein, wo eine Handlung dazu dient, den Glanz eines Namens zu erhöhen? Es +mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache führen, und er besitzt doch +nicht die wahre Sachlichkeit, sobald es unter dem Schutz seiner Person +und unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn und +Selbstlosigkeit, das wäre Auflösung der Anonymität, -- rein betrachtet, +meine ich, denn ich will ja keine Kompromisse mit den Begriffen und mit +den Erscheinungen schließen. Daß die Anonymität des Tribuns ja zuweilen +sogar seiner Ehre schaden kann und muß, gehört auf ein anderes Feld; es +ist dies ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur, nicht _das_ +anklagt, was ich unter Anonymität verstehe. + +Was aber verlangst du? hält man mir dawider. Ist der Opfersinn, die +Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit unzureichend, die der Literat als +Tribun in seinem edelsten Typus darstellt, was wäre dann zureichend? Was +geschähe ohne ihn? Wer würde seine Arbeit verrichten, die, wie gesagt, +unentbehrlich ist, schon weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten +Neigungen entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Auflösung und der +Anonymität fähig sind? Die wirken durch die Tat, durch die Gestalt, +nicht durch das Wort. Ist jedoch der schöpferische Mensch anonym? Er +erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den Mythos, in dem er +entschwindet wie Zeus in der Wolke. Wo läge aber der Mythos für den +Literaten als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort ist das dem +Mythos schlankweg Entgegengesetzte. + +Dafür wäre also abermals die Zeit zu beschuldigen, die eine Kultur +geschaffen hat aus einer Summe von Einzelkulturen, die auf den +Individualismus schwört und in ihren subtilsten Regungen, in ihren +ahnungsvollsten Stunden noch, sie weiß kaum wie sehr, der Materie +huldigt. Die Person, das ist eben die Materie in nuce. Man fragt, was +ohne die segensreiche Tätigkeit geschehen würde, die der Literat als +Tribun entfaltet. Die Wege der Bildung würden veröden; gewiß. Aber ist +es nicht schon genug der Bildung, die nur auf eine Vervollkommnung des +Persönlichen, persönlicher Macht, persönlicher Ausdrucksmöglichkeit, +persönlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn einmal ruhen, +um eine wohltuende Geistesdämmerung eintreten zu lassen, in der die +Seelen einander finden würden, der Streit der Meinungen, die Schlacht +der Worte zum Austrag gelangen könnte? Ich behaupte nicht, daß diese +Bildung nur ein Äußeres sei, sie kann auch ein Inneres sein, Kräftigerin +des Gemüts, Reinigerin des Herzens; aber ein Religiöses ist sie nicht, +niemals wird sie den Menschen zum Mythos führen, ihm die große Fülle, +die große Stille, die große Bescheidung, den großen Zusammenhang +schenken und sein Herz der Trägheit entledigen, die eine Folge der +individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn verpersönlichen, zum +Knecht des Wortes machen, zum Wörtlichen, zum Einzelnen. + +Dafür eben ist _das Wort_ ein Merkmal, das Merkmal geradezu. Es hat alle +Gebiete des Denkens und des Gefühls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt +erobert. Es ist der nützliche Kolonisator jeder Wildnis und der +voreilige Zerstörer des Geheimnisvollen. Es hat nur kurzen Atem, eine +flüchtige Existenz, aber es hat die Kraft, sich immer wieder aus sich +selbst zu erneuen. Was es berührt, bezeichnet hat, tritt unveräußerlich +in den Bezirk des Gewußten und Bewußten, in den Bannkreis der Meinungen +und Urteile, wird studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie +Raritäten in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung, wo sie +aufhören, ein freies, organisches und anonymes Dasein zu führen. Was +gestern noch Ahnung war, heute ist es Gewißheit, morgen ist es ein +Schall. Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet die Kürze +des Wegs vom Glauben zur Entgötterung, von der Gebundenheit zur +Anarchie. In der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von Glauben und +Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist Angst, Fatalismus; es ist nicht +Gesetz, es ist Trägheit, Rationalismus -- Schranken vor dem Chaos. + +Will der Literat als Tribun über das Wort hinaus, so gelangt er in die +Sphäre des Dilettanten oder in die des Psychologen, wobei er Schatten +beschwört, die er für Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs +ist er unnachahmlich und wird seine Gaben zur Vollendung entwickeln. Da +er in der Luft der Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die über den +Dingen schweben, über den Menschen, über der Kunst und über der Natur. +Er vermag sie so zu binden, so zu schleifen, daß sie unter allen +Umständen seinen Charakter und die Farbe seiner Persönlichkeit annehmen. +Dies ist noch nicht Stil; zum Stil gehört Distanz und Ruhe, Bild und +Rhythmus; es ist das Wort in seiner Sinnlichkeit und Nähe, seiner +Einschichtigkeit und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende, werbende +und symbollose. Damit es an seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies +enthüllt sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten als +Tribun. Die Rede fordert Hörende, nicht Neugierige, Wißbegierige, nicht +Gelangweilte, die flüchtig aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag +sich wendet, deren Teilnahme für Gelesenes nur eine Maske der Müdigkeit +und der Überfütterung, deren Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch +von einer Verpflichtung loskaufen, nur eine künstliche Form von +Gleichgültigkeit oder sagen wir Objektivität ist; sondern die Rede +fordert eine von gemeinsamem Band vitaler Interessen umschlungene +Gemeinde. Der Literat als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen +zwei Stühlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage, eine +einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene Wort hat ganz +andere Resonnanzen und Ansprüche; an die Stelle des Willens zur Tat +tritt der Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden, ohne zu +spüren oder zuzugeben, daß dies nur ein Surrogat ist, und über die +Unmöglichkeit einer allgemeinen, politischen, besser: verwandelnden +Wirkung tröstet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen, mit dem +Enthusiasmus der Gleichgültigen, mit der Zustimmung der Fachgenossen und +einem Ruhm, der aus Papier besteht. + +Eine unausbleibliche Folge des Mangels an Hörenden ist die zunehmende +Zahl derer, die selbst etwas sagen wollen. Es beruht dies auf dem +seltsamen Irrtum der menschlichen Natur, daß sie das geben zu müssen +glaubt, was sie nicht empfängt. Die fortschreitende Individualisierung +wirkt auf den einzelnen verlockend, ein Phantom der Freiheit äfft ihn, +und er tritt selbsttätig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt ist, was +durch die stumme Arbeit der Geschlechter vollendet werden muß. Jeder +solche einzelne ist ein »Talent«. Das Talent ist ein Losgelöstes, vom +Mythos Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente sind +Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt, Sektierer, nicht +Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt, Unterhaltung, Zerstreuung, +Spannung, Anspannung (der die Abspannung wie eine Rache nachgeht), dafür +machen sie sich bezahlt durch eine geistige Tyrannei und eine +Vorherrschaft ihrer spezifischen Art, welche den innerlich Unsichern, +zufällig Erhobenen nicht verleugnen. Das Talent ist wie der Mond; es +zeigt immer nur eine Seite: die literarische; die menschliche ist +unsichtbar, -- eine Entzweiung von verhängnisvoller Beschaffenheit, die +irgendwo und -wann zum Bankerott führen muß. + +Wie oft sehen wir, daß zugunsten des »Literarischen« das Menschliche +geopfert wird. Wir müssen auf ein Antlitz verzichten, um uns an +Verkleidungen zu ergötzen. Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt es +Fälle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erfüllt ist, daß er sich +gedrängt fühlt, es darzustellen. Es handelnd auszulösen, ist ihm aus +vielen Gründen versagt, unter welchen der Mangel eines echten +gesellschaftlichen Zusammenschlusses am schwersten wiegt; er greift zur +schriftlichen Mitteilung -- als Beichte; zur übertragenen Form des +gestalteten Bildes -- als Spiegelung. Mag es Klarheit für ihn, +Aufklärung, Bereicherung für die Freunde, für Gleichfühlende bringen, +Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und entlastet ihn. Anstatt es +aber dabei zu lassen, das Ungewöhnliche, Seltene, jedenfalls Einmalige +als solches zu bekräftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zerstört, +anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben, und was zuerst +Berufung war, wird Handwerk, dann Routine, dann ekler Absud und +Selbstplagiat. Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es wird immer +weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt, eine Tat wird verleugnet, +Freunde werden zu Kostgängern, ehedem Ergriffene zu höflichen Jasagern, +die Seele verarmt in der Gebärde, der Geist stellt sich im Wort bloß, +Erlebnis wird sogleich als Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum +lähmt das Erlebnis, dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den +Genießenden die Unschuld und Freudigkeit getrübt, und es entsteht -- +Literatur. + +Das Notwendige sinngemäß vollbringen, kennzeichnet den Menschen von +Berufung. Infolge jener Entzweiung wird entweder das Notwendige nicht +sinngemäß, d. h. stilgemäß, angeborener Form entsprechend zum Ausdruck +gelangen, wenn das Menschliche prävaliert, oder das Sinngemäße wird +nicht immer das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte sein, wenn +das Literarische prävaliert. Entweder wird also das Literarische als dem +edleren Dilettantismus verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird +nur wie ein zufälliges Anhängsel erscheinen. + +Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist unterworfen. Von +Anbeginn an ist er der geschworene Feind des Dilettanten, da er +sozusagen auf Vorposten steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich +verkettet findet und, der Öffentlichkeit preisgegeben, eine öffentliche +Person ist, von der man bestimmte Leistungen zu erwarten sich mehr +bemüßigt als gezwungen fühlt. Schon die stete Verantwortung nötigt ihn +zur Gebärde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel mehr erst die +Gewohnheit, das Metier. Das Wort umpanzert ihn, kommandiert ihn, und +wollte er sich auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort +gesündigt hat, so fände er die Brücken abgebrochen und den Weg zu weit. +Er muß antworten, beständig antworten, als ob die Welt und das Leben +voll von Fragen wären; sie sind auch voll von Fragen, nur werden sie +nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt und das Leben, und die +Antwort geschieht um der Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort +muß ihm Maske bleiben. _Er darf sich nicht verraten_, niemals und unter +keinen Umständen. Er ist nur treu, solange das Wort ihm treu ist. Er +geht um die Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist ihm nur ein +Wort, und Worte werden vergessen (oder auch behalten), gesehen werden +sie nicht. Er kann nicht träumen, das Wort hängt mit Bleigewicht an den +Flügeln des Traums; er kann nicht genießen, das Wort verpflichtet ihn, +dem Genuß auszuweichen. Er fühlt nicht mit dir, außer mit seinem Ehrgeiz +für deinen Beifall, mit seiner Leistung für deine Schwäche, mit seiner +Virtuosität für deinen Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam +kränklich, sehr argwöhnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen, ohne +Traditionen, Emporkömmling, Autodidakt, überaus einsam und in +unruhvoller, ja atemloser Tätigkeit. + + + + +Der Literat als Schöngeist + + +Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies, so versteht er es +doch, sich die gemeinen Sorgen vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein +bequemer Herr wäre; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er hat nur +einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit, der ihm oft das Leben +so unbequem wie möglich macht. Schon das bloße Nachdenken, geschweige +denn die Beflissenheit, Bedürfnisse und Ansprüche zu befriedigen, die +einem gewöhnlichen Menschen keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, stürzt +ihn in Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt, den eigentlichen +Zwecken zu dienen, ist die Hälfte seiner Seelenkraft schon aufgebraucht. + +Seine Neigungen sind luxuriös in jedem Sinn. Er liebt die Fülle, die +Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt die Dinge dinglich, mit wahrer +Freude am Gegenstand, doch nur seltene und kostbare Dinge, oder solche, +die schon gleichsam eine Metapher bilden oder enthalten. Am Häufigen und +Niedrigen das Charakteristische zu schätzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja +die Möglichkeit, weil er sich zu weit nach der andern Seite entfernt +hat. Da aber das Leben mehr aus Häufigem und Niedrigem besteht als aus +Seltenem und Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens, sondern +ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit, denn er hat keine +Naivität. + +Man muß seine Bildung als profund bezeichnen und seinen Geschmack als +über jeden Zweifel erhaben. Dies läßt auf große Ausdauer schließen, auf +einen sicheren Blick und ein präzis abwägendes Urteil. Eine derartige +Vereinigung von Bildung und Geschmack kann ferner nicht ohne ernsthafte +Selbstzucht erreicht werden; ist sie noch dazu einem Temperament +abgerungen, das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine geistige +Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff Vornehmheit zu tiefer +Bedeutung gelangt. + +Warum ist aber der schöpferische Mensch nicht in derselben Bedeutung +vornehm? Weil er mit dem Niedrigen und Häufigen des Lebens ebenso +verbunden ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil sein Wesen nicht +darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren, sondern sich zu +identifizieren; weil er nicht Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein, +im Innern der Dinge und der Kreaturen Lebender. + +Wenn der schöpferische Mensch in sich selbst sein Werk objektiviert, so +distanziert es der Literat als Schöngeist. Das Mittel zur Distanz +verleiht ihm die Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so +ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und Häufige meidend, +durchaus das Unterscheidende suchend und unterschieden bis zum +Gesuchten. Keine Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Gefühl +besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich, eigenkräftig, sondern +sie werden durch den Stil hervorgebracht, anscheinend geläutert, in +Wirklichkeit getrübt. Denn dieser »Stil« ist nicht von der Hand und vom +Willen gelöst; er zwingt immer zur Aufnahme und Betrachtung eines +persönlichen Elements und verhindert, daß man sich hingibt und daß man +glaubt. Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen läßt, daß er +eine exquisite Rolle spielt, und der Literat als Schöngeist ist ein +solcher Schauspieler, ein Schauspieler, der sich nicht opfern und +vergessen kann, weil er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der +Schauspieler seiner selbst. + +Er kann ohne den Stil nicht denken, nicht träumen, nicht gestalten. +Seine Phantasie ist nicht wortgebunden. Im Wort ist er frei, durch +Bildung und Wissen sowohl wie durch einen imperatorischen Zug seines +Geistes, vermöge dessen er alles Detail der Erscheinung sammelt und +sublimiert. Aber rhythmisch gebunden ist seine Phantasie, in Schwingung, +Ton, Melodik, Absetzung und Steigerung so gebunden, daß die +Beschäftigung damit, die vorbereitende wie die ausführende, die ganze +Atmosphäre des Lebens füllt und das Leben selbst gewissermaßen zu einem +prädestinierten Verlauf zwingt. Das Formhafte wird ein Gesetzmäßiges, +und die Folge davon ist, daß das Ethische ein Zufälliges wird, zumindest +in Abhängigkeit gerät. Äußerlich wie innerlich findet beständig eine +Verdrängung der Hauptwerte, eine Verschiebung des Substantivischen +hinter das Attributivische statt, woraus sich ein ungesundes und +unklares Verhältnis zwischen der Anschauung und dem Bild, der sinnlichen +Wahrheit und der Metapher ergibt. Bild und Gleichnis werden isolierte +Faktoren, die sich eigenwillig aufdrängen; der Weg von der Anschauung +zum Bild ist oft so weit, daß der natürliche Wärmezufluß versickert und +an dessen Stelle eine künstliche Glut tritt, Überhitzung des Ausdrucks, +Überladung des Gehalts, Verzerrung der Form. Die beleidigte Ökonomie +läßt keine echte Schönheit mehr aufkommen; wir gewahren entweder ein +kaltes Gebilde, Ohr- oder Augenweide, aber im Grunde entseelt, oder +eines, das uns wie in willenlosem Trotz gegen die Überwucherung der +Metapher durch einen vergewaltigenden Subjektivismus ernüchtert und +zweckbewußt macht. + +Denn es ist nicht die Leidenschaft, die mich verwandelt, sondern die +Verwandlungen der Leidenschaft verwandeln mich mit, also letzten Endes +ein Moralisches. Auf dieses Moralische muß der Literat als Schöngeist +verzichten. Er scheint es zu verschmähen, aber er muß darauf verzichten, +weil er sich nicht verwandeln kann, weil er, wie der Psycholog und wie +der Tribun, an seine Person geschmiedet ist, weil auch er nur den Weg +hat, obschon es ein anderer Weg ist, und weil er am Ziel stets bei sich +selbst anlangt. _Er kann sich nicht verraten_; er steht zu fern. Das +Moralische beschwert sein Gewissen nicht mehr, er leidet nicht +darunter, es kommt nicht mehr in Frage für ihn. Er spielt. Seine Gebilde +können leicht und schwebend sein wie Seifenblasen, sie können schwer +oder flammend sein, aber sie werden niemals jene unbedingte +Eigenlebigkeit zeigen, die dem Werke des schöpferischen Menschen +innewohnt, sie bleiben an seine Person gebunden und haben gleichwohl +nicht das Höchst-Persönliche, das erst aus dem Mythischen strömt und das +daher identisch mit höchster Sachlichkeit ist. Insofern ist sein +Schaffen Spiel: weil es nicht höchste Sachlichkeit ist. Da gibt es nur +ein Entweder -- Oder. + +Er mag Gemüt besitzen, doch ist es wie ein Fluch: während er seine Werke +hervorbringt, vielleicht schon in der Konzeption, verzehrt der Rhythmus +einen Teil der ursprünglichen Empfindung. Der Rhythmus herrscht; die +Einfachheit läßt ihn erlahmen, erst im Komplizierten und +Beziehungsvollen kann er sich entfalten, es sei denn, daß er das +Einfache so weit distanziert, daß es schon wieder metaphorisch wird, als +Stilisierung verblaßt, als Arabeske sich verkrümmt. Niemand kennt besser +denn der Literat als Schöngeist die ewig gültigen Werte schöpferischer +Kunst. Daß er sich an ihnen mißt, daß er immer wieder wähnt, nicht nur +mit ihnen wetteifern, sondern, wenn günstige Zufälle zusammentreffen, +sie auch erzeugen zu können, daß er sich darüber täuscht und doch +wieder, vermöge seines präzisen Urteils, die Täuschung nicht aufrecht +erhalten kann, das ist sein tiefstes Leiden. Schon dieses Leidens wegen +ist er kein Epigone zu heißen; er ist weit mehr, er ist Prätendent, der +niemals gekrönt wird, der zweitgeborene Bruder, und er versteht oft mehr +vom Regieren und von der Verwaltung als der Regent, der Erstgeborene. + +Möglich, daß er aus diesem Grund etwas von einem unruhigen Diplomaten +hat. Er muß immer ein wenig Politik treiben, um Proselyten zu machen. +Denn man wehrt sich gegen ihn; die Wahrheit ist in den Menschen wie das +Herz, sie wird nur verschleiert durch die Geschäfte des Lebens und durch +unreine Zwecke abgelenkt. Aber auch aus Liebe zur Schönheit wird er zum +Politiker, da er den Rhythmus, von dem er beseelt ist, in seiner +täglichen Existenz gleichfalls nicht missen will. Er meidet dich heute, +wie er dich gestern gesucht hat, denn heute störst du seinen Rhythmus, +wie du ihn gestern beschwingt hast. Der Rhythmus macht ihn treulos und +tyrannisch, liebenswürdig oder widerspenstig. Je unfruchtbarer er als +Künstler ist, je mehr Kunst verwendet er auf sein Leben, d. h. darauf, +den Rhythmus in seine tägliche Existenz zu bringen, wobei dann ein ganz +verwickelter Umweg zum Leiden entsteht, über die Kunst und über das +Leben hin, fern von Gott und fern von den Menschen, so daß die Schönheit +als Surrogat des Göttlichen zum Wahn- und Schattenbild wird und das +Leben eine von falschen Zwecken erfüllte kalte und unglückselige +Einsamkeit. In solcher Einsamkeit gestalten wollen heißt im luftleeren +Raum Lieder singen wollen. + +So wird der Literat als Schöngeist zum Sklaven der Zeit, indem er ihren +Rhythmus packt und ihre Seele nicht findet und zerrieben wird im Gefühl +einer ihm unbegreiflichen Ohnmacht; oder er ist ein Verbannter der mit +unlebendigen und eigenwilligen Formen sich für sozial und seelisch +fördernde scheinbar tröstet. + + + + +Der Literat als Apostel + + +Es ist das Wesen des Apostels, völlig hingegeben einer Idee zu dienen. +Das Wesen des Literaten ist es, sich selbst unterworfen zu sein. Der +Literat als Apostel: das wäre also der Widerspruch kat exochen, das +Paradox an sich, denn wie könnte man einer Idee dienen, wenn man nur der +eigenen Person dient? Wie könnte einer, dessen Schicksal es ist, vom +Mythos getrennt zu sein, sich berufen glauben, den Mythos zu erzeugen? + +Dieser Widerspruch löst sich nur in einer einzigen Weise: indem er seine +eigene Person zur Idee erhebt, in der er darauf ausgeht, aus sich selbst +einen Mythos zu machen, aus seinem stabilierten Ich; nicht aus +Anschauung und Erlebnis der Welt, nicht hingegeben, sondern verlangend, +wollend und in der Bezauberung des Willens. + +Der Literat als Apostel ist der fanatisch auf das Künstlertum gerichtete +Mensch. Genuß des Lebens, verweilende Ruhe sind ihm unbekannt. Man +könnte glauben, es sei der Ehrgeiz, der ihn befeuert, der Erfolg, der +ihn lockt, die Macht, die ihn reizt, und es ist wahr, etwas von alledem +gibt seinem Streben den Flug und die Ausdauer, seinem Geist die +Elastizität. Doch laßt seiner Ruhmsucht so viel Genüge geschehen, als +sie überhaupt begehrt, laßt seinen Namen an der Spitze von allen +stehen, laßt ihn den Einfluß eines Herrschers und den Reichtum eines +Großbankiers haben, -- es ist ihm zu wenig; er kann es wünschen, glühend +darnach eifern, doch den Besitz solcher Güter spürt er kaum. Er ist ein +Besessener, ein von der Kunst Behexter. Es ist ihm nicht darum zu tun, +das Leben zu genießen. Sich selbst will er genießen, sich selbst +ausschöpfen, sich selbst in allen Menschen und Dingen erkennen, und das +ganze All, Gott und die Kreaturen, ist ihm eigentlich nur sein vielfach +zerteiltes Ich, gesehen durch das Medium Kunst, zu sammeln und zu +gestalten ihm anbefohlen durch das Idol Kunst. + +Der schöpferische Mensch ist von einer wunderbaren Bescheidenheit +durchdrungen. Immer bleibt er gleichsam Bürger der Welt; er findet sich +eingeordnet, nie bevorrechtet; gesteht man ihm höhere Rechte zu, so wird +er schon an sich zu zweifeln beginnen. Er hat das feinste Ohr für die +Musik des Lobes und setzt dem geringsten Zuviel seine Verachtung +entgegen. Er ist gelassenen Gemüts, weise und gehorsam, sich selbst +gehörig und der Welt und der Gottheit dienstbar, sein Künstlertum +wahrend, keineswegs aber es als Schild benutzend oder gar als Postament. +Vielleicht ist es der Mythos, der ihn so bescheiden macht, so +stolz-bescheiden, ähnlich wie der Abkömmling eines alten Geschlechts +stolz-bescheiden ist, indem er seine Fähigkeiten und das Vermögen zu +repräsentieren nicht allein seiner losgelösten Person zuschreibt, +sondern es der Kette der Ahnen mitverdanken will. So auch der +schöpferische Mensch. Es wirken in ihm Kräfte von oben, von den Toten +her, von der Erde, vom Volke her. + +Ganz anders der Literat als Apostel. Er ist der Rebell wider alle +Ordnung, es sei denn, die Ordnung habe keinen andern Bezug als auf ihn. +Ihm ist alles erlaubt, nicht weil er wie der Psycholog alles erklären +kann, sondern weil er es ist, durch den die Dinge und Einrichtungen +sind. Insoferne verhält er sich zum Psychologen wie ein Gesetzgeber zu +einem Winkeladvokaten. Ihm ist Lobes nie genug, obwohl er Lob verachtet; +es gibt keinen Beifall, der ihn beschämte, keinen Tadel, der ihm anderes +wäre als die Frechheit des Neides oder der Dünkel des Unverstands. Er +ist ausschweifenden Gemüts; seine Nerven sind der höchsten Schwingungen, +der tiefsten Ermattungen fähig, und die Menschen sind ihm nichts als +Futter; Futter für seinen Ruhm, seine Zwecke, seine Kunst. Er ist ein +Menschenjäger, ein Menschenfresser, keines Freundes Freund, kein +Geliebter, kein Gatte, kein Vater, nur Künstler. Ist der Literat als +Schöngeist der Schauspieler seiner selbst, so ist der Literat als +Apostel der Priester seiner selbst. + +Beachten wir jedoch, daß er ein großer Künstler ist und sein Werk von +hohem Belang, daß er unter Umständen ganzen Zeitabschnitten die +geistige Prägung verleiht, und es wäre zu fragen, ob dies nicht +Entschädigung genug sei für das Übermaß und die Selbstintronisation. + +Da ist denn zu erwidern, daß unsere Zeit ohnehin geneigt ist, sich mehr +an den Wirkenden als an das Werk zu wenden. Dem genialen Individuum ist +eine unbegrenzte Machtbefugnis fast von vornherein zugestanden. Die +Leistung, das ist die Person; der Effekt, das ist die Person; Glorie, +Dankbarkeit und Enthusiasmus knüpfen sich an die Person. Die Person ist +schon Partei, wo das Werk kaum noch die Geister erweckt hat; sie +gebietet den Unschlüssigen, schüchtert die Zweifler ein und bricht den +Widerstand der Stumpfen. Wohlgemerkt aber nicht die reale Person, nicht +der handelnde Mensch an sich; dieser hat wenig Spielraum, ist +eingezwängt in ein verwickeltes gesellschaftliches Gewebe, ein +engmaschiges Netz von Pflichten und Gesetzen und führt meist ein +privates, kleines Leben voller Hemmungen. Will er derjenige sein, als +der er gilt, so muß er den Kreis seines Wirkens durch die Fackel seines +Namens erleuchten, er muß das Zeugnis seiner Leistung vorweisen können. +Dann allerdings wird ihm die Ehrfurcht gezollt, deren die Kunst, als +Idee, sonst völlig verlustig geht. + +Man kann also sagen: Die reale Person wirkt erst durch das Medium der +Werke, die fiktive durch das Medium des Künstlers, was natürlich das +Verkehrte ist. Es liegt darin nichts Religiöses und Verwandelndes mehr, +sondern Aberglauben und Götzendienst. In einer religiösen, +mythisch-bewegten, sachlich, nicht individuell fixierten Zeit trennen +sich Schöpfer und Gestalt überhaupt nicht voneinander, führen nicht ein +von der Gemeinschaft der Menschen losgelöstes Dasein, der Schöpfer als +Literat, als »Schriftsteller«, die Gestalt im Buch oder höchstens als +ästhetische Metapher im Leben; nein, der Schöpfer, in seiner +Bescheidenheit, bleibt Teil der Gemeinschaft, und seine Gestalten +umgeben ihn wie Glieder einer Familie den Patriarchen; sie allein sind +die Träger seines Namens, nicht aber die literarische Idee, die er von +ihnen abstrahiert. + +Der große Künstler wird in seinem Persönlichkeitsbewußtsein leicht einem +Übermaß verfallen, da er es immer dort gefährdet findet, wo er von +seiner Gestaltenwelt gelöst auftritt, also in seiner privaten Existenz, +oder in seiner öffentlichen, wenn er keine Harmonie spürt zwischen +künstlerischer und persönlicher Wirkung, und die kann er nur selten +spüren bei der Zerstücktheit, Unverläßlichkeit und Zufälligkeit aller +Wirkungen. Es erscheint ihm notwendig, sich zu steigern, sich in Szene +zu setzen, sich geheimnisvoll zu machen, sich zu kommentieren und sich +selbst als Idee vor das Werk zu setzen. + +Davon hat die Zeit sich mehr und mehr täuschen lassen und sich gewöhnt, +Persönliches für Sachliches zu nehmen. Gierig greift sie nach +Persönlichem, wo das Sachliche fremd oder spröde ist, und sie tut es +schon deshalb mit instinktiver Vorliebe, weil das Sachliche stets in +irgendeiner Weise menschlich verpflichtet. Von solcher Verpflichtung +will man sich jedoch, wo es angeht, freihalten; man will reden und +urteilen, nicht aber durch handelndes Gefühl anteilvoll verkettet sein. +Nicht umsonst sind wir überschwemmt von Mitteilungen aus dem Privatleben +der Künstler. Nicht umsonst werden Briefe, Tagebücher, Aufzeichnungen, +Skizzen, Fragmente der Neugier verfrüht preisgegeben. Wird der Alkoven +geöffnet und die Werkstatt ausgekehrt, so mag der Wissensdurstige sicher +bisweilen befriedigt, der Forscher belehrt werden, doch vorzüglich wird +nur dem Hang der Gesellschaft nach Sachverschleierung gedient. Das +Göttliche wird beleidigt, indem man den Menschen vergöttert. So ist +z. B. der Mythos Goethe eine Beute der Persönlichkeit Goethe geworden, +und Goethe selbst hat durch einen Subjektivismus, der ihm anstand und +einen Teil seiner Genialität ausmachte, einen Kult des Redens über die +Dinge, der Meinungsäußerung, der persönlichen Ausholung und Zwecksetzung +und damit eine Armee von Literaten in die Welt gerufen, die sehr wohl +Bescheid wissen über alle Probleme des Lebens, die aber sehr wenig +vermögen, wo es gilt sich einzusetzen, sich hinzugeben, sich, d. h. die +Meinung zu vergessen, um einer Sache zu dienen. + +Der Literat als Apostel ist bis zu einem Grad Eroberer, Mensch des +Willens und der Sucht, daß er sogar seinem Werk einen Willen verleiht, +eine Sucht über die Kunst hinaus. Er will es gültiger haben, als es der +Kunst eigen ist zu gelten, und durch die Kraft seines Künstlertums +vermag er es in ungeheurer Weise so zu steigern, daß es dieses Ziel +wirklich zu erreichen scheint. Hier ist eine Schwäche, die mit +erstaunlicher Täuschungsmacht das Schauspiel einer Stärke bietet, um +später freilich, wenn die Gewalt der Persönlichkeit dem Walten des +Schicksals gewichen ist, sich wieder als Schwäche, als Irrtum zu zeigen. +Nur das Göttliche, das Schöpferische hat Bestand; das Menschliche ist +flüchtig, auch Vergötterung ist nur Finsternis. Haben wir es nicht +erlebt, wie die Idee des Gesamtkunstwerks als bizarre Laune eines Genies +in sich zusammenstürzte? Es war etwas anderes und tieferes als bizarre +Laune. Es war das Mißverständnis am Mythos. + +Denn es ist klar, daß der Literat als Apostel, da er keine +Selbstlosigkeit besitzt, keinen Mythos aus sich schaffen kann. Auch wo +er äußerlich zum Mythos greift, zu einem Mythos, der mehr Sage ist als +lebendig gebliebene Bildung, und ihn durch Kunst vergegenwärtigt, wird +er nur Allegorie geben, privates Leiden, persönliche Kämpfe, seine +egoistischen, wenn auch großartigen Entfaltungen und Wandlungen in +Umrissen, die vom Mythos nur erborgt sind. So wird auch die Menschheit +bloß den spezifizierten Schmerz darin erkennen; jeder einzelne wird in +diesem Schmerz doppelt allein mit sich sein, aufgereizt zu sich, +verlangend nach sich, behext, berauscht, aber nicht verwandelt, nicht +erlöst. + +Dieselbe Herrschsucht, die den modernen großen Künstler dazu verführt, +sein Werk über die Grenzen der Kunst hinauszutreiben, ihm gleichsam, +nach Hamlets Worten, die Bescheidenheit der Natur zu rauben, kann den +Philosophen, sofern er Literat ist, dazu überreden, sich zum Märtyrer +seiner Lehre zu machen. Daß diese Lehre eine lebenverneinende ist, +versteht sich nach allem Dargelegten von selbst; der Literat ist ja +wesensnotwendig ein Pessimist. Nun kann der Pessimismus allerdings in +einem freien System als Gestaltung auftreten, die sternhaft oder +kosmisch existent ist wie ein Kunstwerk; in diesem Fall stellt eben die +schöpferische Kraft des Bildners oder Architekten als lebensbejahendes +Element den Ausgleich her. Wenn aber der Pessimist den Beweisantrag auf +das eigene Ich stellt und durchführt, ist aus dem Symbol ein Wörtliches +geworden; da ist nicht mehr der Dualismus, der den schöpferischen +Menschen in die Mitte von Irdischem und Himmlischem führt, da ist die +Sackgasse, das Persönliche, persönlich Endliche, und das Prinzip und +Gesetz des Schaffens selbst wird verneint. + +Der Literat kommt aber nicht von der Psychologie los, von der +theoretischen nicht und von der angewandten nicht. Man möchte sagen, er +nimmt es mit der Wahrheit zu genau, -- soweit er Künstler ist, und er +hütet sich, als Mensch, zu wenig vor der Verzerrung. Seine +Unabhängigkeit schenkt ihm keine Freiheit, sein Ichbewußtsein entfernt +ihn von der Liebe; er ist die tragische Figur der modernen Welt und, zum +Apostel berufen, bricht er auf dem höchsten Gipfel seiner +Persönlichkeit, seiner Einsamkeit und seines vergeblichen Gottverlangens +vor dem Unerreichbaren zusammen. + + + + +Die Frau als Literat + + +Dieses Kapitel ist eigentlich ein Einschiebsel, denn in bezug auf die +Frau als Literat ist nach allem bisher Ausgeführten nur noch +Selbstverständliches zu sagen. Immerhin gehört das Thema zur +Geistesgeschichte der Zeit, denn nie zuvor haben Frauen in solcher Zahl +und mit solcher Energie schriftstellerisch, künstlerisch produzierend +sich bemerkbar gemacht. + +Die Frau besitzt keine schöpferische Phantasie. Das ist kein Streitsatz, +sondern ein Erfahrungssatz; eine Tatsache, die einem Naturgesetz +entspricht. Es ist die Aufgabe der Frau, Mutter zu werden, Leben zu +empfangen, Leben zu gebären. Als Weib, als Mutter ist sie gewissermaßen +an sich selbst schon ein Stück Mythos, und Gott hat es deshalb für +überflüssig erachtet, sie mit einer mythosschaffenden Kraft zu begaben. +Ihr Künstlertum ruht in der Liebe, ihre Idee ist die Mutterschaft, ihr +Werk ist das Kind. Wenn also die Frau sich künstlerisch hingibt, so +entsagt sie dadurch ihrer wahren Bestimmung, verzichtet freiwillig auf +das Schöpferische und wird zum Literaten, und zwar zum Literaten +schlechthin, zum Literaten ohne schöpferische Phantasie, welche ja dem +Psychologen, dem Schöngeist, dem Apostel durchaus nicht mangelt; ganz im +Gegenteil, können diesen doch Werke gelingen, die den Werken des +schöpferischen Menschen nahezu ebenbürtig sind. + +Ich verkenne nicht die Arbeit der Frau; nicht den ehrlichen Willen, +nicht die Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, nicht die Fähigkeit zur +Anpassung und Ausführung, nicht die oft zutage tretende Besonderheit des +Schauens, nicht den sicheren Instinkt, nicht das vollgültige Empfinden, +nicht die Gabe des Traums und des poetischen Ausdrucks. Ich weiß, was +geleistet worden ist; ich erinnere mich zarter Gedichte, robuster +Erzählungen, anmutiger und starker Bildnisse, überzeugender Schriften; +einer Fülle von respektablen Hervorbringungen. Aber sie waren mir um so +respektabler, je weniger objektiv sie scheinen wollten, je weniger sie +zu Gestaltungen griffen, je mehr sie einem Gefühl, einem Erlebnis, einem +Unmittelbaren Stimme verliehen. Nicht Gestalt also; Stimme, das ist es, +Stimme oder Stimmung, etwas, das so fern vom Mythos liegt wie ein +Quellchen vom Meer. + +Das Vermögen, ein Weltbild zu objektivieren, ist nur der schöpferischen +Phantasie gegeben. Mit Hilfe des Fleißes, bewußter oder unbewußter +Nachahmung und der Aneignung erprobter Disziplinen gelangt die Frau +bisweilen zu Gebilden von scheinbarer und äußerlicher Objektivation, und +ihre Lust wie ihr Talent zur Beobachtung befähigt sie, eine niedere +Realität von Zuständen und Geschehnissen darzustellen, welche +unterhaltend, geistig und gesellschaftlich anziehend sein und, soweit +sie auf Erlebtem und Gefühltem beruhen, der Wahrheit und Glaubhaftigkeit +nicht ermangeln werden. Das Metaphorische, das Elementare, das +Schöpferische, die Synthese ist ihr jedoch versagt, und je mehr sie +darnach strebt, je unzulänglicher müssen sich ihre Produkte erweisen; +sie stehen dann in der Luft, wurzellos, ziellos und wollen durch Unruhe, +Leidenschaftlichkeit und Fieberhaftigkeit ersetzen, was ihnen an Natur +und Legitimität, -- durch Linie und Schnörkel, Seltsamkeit und +Überhäufung, was ihnen an Antlitz und Naivität fehlt. + +Bisweilen fragt man sich: warum werden die Frauen zu Literaten? Ein +Buch, und noch ein Buch, und noch eine Meinung und noch ein Vers und +noch eine bemalte Leinwand, -- darum handelt sichs doch schließlich +nicht. Ein Blick, ein echtes Wort, eine Wirkung von Mensch zu Mensch, +menschliches Aufmerken, Bereitschaft des Herzens können mehr, weit mehr +bedeuten. Das Übel ist auch hier in einer zerklüfteten, +anarchisch-gelösten Gesellschaft zu suchen, die keine lebendige +Organisation hat und in der deshalb jede Fülle zur Überfülle, jeder +Überfluß zur Last, jede Hemmung zu falscher Betätigung und jede +Abtrennung der einzelnen Mitglieder bei unzureichender individueller +Kraft und Bestimmung zur Katastrophe wird. Die Literatur gilt als ein +Gewerbe wie jedes andere; das sogenannte Talent genügt zum +Vorwärtskommen. Der Einfall wird überschätzt; zum Einfall gehört auch +das Detail; die Detailkrämerei beginnt schon, uns geistige +Verdauungsbeschwerden zu erregen; die Mache, die Gebärde, der fast von +selbst arbeitende sprachliche Mechanismus; die Gewohnheit, sich +meinungsmäßig zu äußern, sich einer seelischen Spannung zu entäußern, +indem man sie preisgibt und in einer quasi dichterischen Form, die meist +zur Schamlosigkeit kalter Psychologie führt, versteinert zur Schau +stellt; die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Mitteilung, dies alles +ermuntert den einzelnen immer wieder, sich literarisch zu isolieren und +sich politisch, sozial und menschlich damit abzutöten. Wenn man zur +Einsicht käme, daß das sogenannte Talent in den meisten Fällen nur ein +Wesen ist, das in freiwilliger Verbannung von einer Gemeinschaft lebt, +der es nicht nützlich sein kann, ein Parasit und Freibeuter, wäre schon +viel gewonnen, und die dreißigtausend Bücher, die jährlich in +Deutschland auf den Markt strömen, würden unter dem Druck eines weiseren +Urteils und einer sachlicheren Wahl auf eine notwendigere Anzahl +zusammenschrumpfen, die vielleicht mehr Gehalt in sich schlösse. + +Die Frau als das zur Liebe und Empfängnis bestimmte Geschöpf menschlich +und geistig isoliert, in sozialer Unfruchtbarkeit und egoistischer +Verpersönlichung ihres tieferen Schicksals, ihrer schönen anonymen +Wirkung (wie vieles verdankt doch ihrer Teilnahme der Ruhm unserer +großen Künstler), ja, ihres Lebensmythos beraubt zu sehen, gewährt ein +trauriges Bild weitgreifenden Mißverständnisses. Ich spreche natürlich +nicht von der Schauspielerin, der Sängerin, von rezeptiven Künsten; +diese harmonieren, solange nicht ein literarischer Einschlag durch +übertreibenden Ehrgeiz und individuelle Zwecksetzung stattfindet, sehr +wohl mit der weiblichen Seele, mit ihrer geistigen Wandlungsfähigkeit, +Anschmiegung des Gefühls und Poetisierung der Realität. Die Tänzerin, +die lediglich ihren Körper zur Kunstäußerung verwendet, bietet +vielleicht das edelste Bild weiblicher Genialität. Nur wo das +Schöpferische vorgetäuscht wird, zeigt sich die Frau (mit Ausnahme von +zwei oder drei Fällen innerhalb der ganzen Geistesgeschichte) sogleich +als Literat schlechthin. Die Natur läßt sich nicht betrügen; auch die +Menschheit nicht; nur die Menschen lassen sich betrügen. Sie tun, als +glaubten sie, auch wo ihr Inneres unbeteiligt ist; sie nehmen das +Wunderliche für das Wunder, den Notbehelf für das Notwendige, das +Phantom für das Phänomen. Die Frau als Literat braucht sich nicht mehr +zu verraten; es ist nichts zu verraten; es ist alles von einfachster +Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit und Durchschaubarkeit. Wir erblicken +einen tüchtigen, emsigen, klugen und nachdenklichen Arbeiter, dem weder +Wort, noch Rhythmus, noch Idee zur Maske werden können und der den +Schmerz der Einsamkeit nur gemütisch ahnt, nicht geistig steigert und +auflöst; keine tragische, sondern nur eine charakterisierte und +zufällige Gestalt. + + + + +Ergebnisse + + +Der Literat ist der vom Mythos losgelöste produktive Mensch. + +Er ist auch der von der Gesellschaft losgelöste Mensch, der einzelne, +innerhalb eines nur durch äußere Gesetze verkitteten Gemeinwesens. + +So wie er aber ohne das Vorbild des schöpferischen Menschen nicht zu +denken ist, bleibt er auch in seinem Tun und Lassen, durch sein +Persönlichkeitsbestreben, durch die Notwendigkeit der Spiegelung, durch +das Element des Ehrgeizes und durch das Element des Verrats der +Gesellschaft verbunden. + +Der Literat ist vergeßlich. Er ist lieblos, weil er allzusehr in sich +selbst verstrickt ist. Er anerkennt keine Konvention, weil nur seine +eigene Person ihm den Maßstab für die Welt und die Dinge gibt. Dieser +Mangel an Konvention verführt ihn zu einer künstlichen Originalität mit +Hilfe der seltenen Beobachtung, des seltenen Wortes, des seltenen +Rhythmus. + +Der Literat ist eitel und sehnsüchtig, eitel selbst, wo er sich +bloßstellt, und sehnsüchtig am meisten dort, wo er sich verliert. Er ist +friedlos, immer nach Veränderung begierig, versteht aber nicht zu +wandern. Sein Verhältnis zu Menschen ist selten dauernd; er stellt die +höchsten Ansprüche von seiner Seite, ohne die billigsten von der andern +Seite zu befriedigen. + +Er kontrolliert seine eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle sehr +scharf, ja grausam. Es mangelt ihm an jener Ehrfurcht vor sich selbst, +die den schöpferischen Menschen auszeichnet. Weil er so unbarmherzig und +rücksichtslos gegen sich selbst ist, glaubt er es auch gegen andere sein +zu dürfen, aber er vergißt, daß jenes Wüten gegen die eigene Seele nur +ein Vorwand zum Verrat ist, nicht aber ein Mittel zur Reinigung, +Steigerung und Befreiung. Selbstbeobachtung, Selbstzerfaserung ist ein +Unglück, wie es größer kaum zu denken ist; alle ursprüngliche Kraft des +Glaubens, alle Fähigkeit zur sittlichen Erhebung, zur Umwandlung, geht +daran zugrunde. Auch der religiöse oder der schöpferische Mensch +beobachtet sich selbst, aber er wird sich dabei zum Gleichnis; durch +diese Gleichniswerdung kann er sich korrigieren und bescheiden. + +Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große Zahl von Literaten +unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste +Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist +entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist +entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es +in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in +anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein +Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein +Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden +Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen +im Kampf gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der +Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines +Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen +dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und +Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu +einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne +wieder des großen Zusammenhangs bewußt wird, wo er im Schoß der +Geschichte, der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen, +urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles +Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den +Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als +Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im +ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die +_verwandelnde Kraft_ zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann +Schöpfer sein. + +Alle Berufe und alle Stände haben ihre Literaten. Man kann den Satz +aufstellen: Jeder Fachmann ist ein Literat, jeder Laie trägt noch etwas +von Mythos in sich. Denn alles Fachwesen und Spezialistentum ist nur ein +Merkmal des großen Individualisierungsprozesses der Zeit. Vertiefung +zwingt zur Absonderung, die Fülle zur Arbeitsteilung. Das ist gut und +unerläßlich. Nun ereignet sich aber das Seltsame, daß gerade bei dieser, +die Selbstbescheidung gebieterisch fordernden Tätigkeit der einzelne die +argwöhnische Wachsamkeit des Psychologen, die Herrschsucht des Tribuns +bekundet, daß er sich von allem, was nicht sein Fach betrifft, in +trotziger und gleichgültiger Entfernung hält und ein Leben außerhalb des +Fachs oft kaum mehr kennt. Der Literat ist der geborene Zünftler. + +Laien geben einem Literaten bisweilen den Rat, er möge, um in seinem +Erwerb nicht ausschließlich auf die Kunst angewiesen zu sein, daneben +ein Amt oder einen Brotberuf wählen. Das ist geradeso, als wollte man +einen ärztlichen Spezialisten dazu überreden, nebenbei die Tischlerei zu +betreiben, weil er zu wenig Patienten hat. Mit Recht würde er antworten: +Mein Fach fordert den Menschen ganz und gar, meine ganze Zeit, meine +ganze Anstrengung und alle Gedanken. Der Literat ist eben nur Literat, +er kann nichts anderes sein. Der Vorschlag des Laien ist freilich in +jedem Sinne töricht. Amt und Brotberuf taugen bloß dem Dilettanten; je +innerlicher sein Verhältnis zur Kunst ist, je mehr muß er unter +abziehender Beschäftigung leiden. Dem schöpferischen Menschen wird sie +vollends zur Qual; auch ihn fordert seine Sache ganz, wenn schon in +anderer Weise, nicht weil er Literat ist, der erobern will und muß, +sondern weil er Mensch ist, weil Mythos und Menschheit von ihm +verlangen, daß er sich unbedingt und ohne Vorbehalt hingebe. Erwerb oder +Nichterwerb irdischer Güter kommt dabei in höherem Betracht nicht mehr +in Frage; schlimm genug, wenn es in niederem Betracht zu erwägen ist. + +Indessen gehört die nackte und aufrichtige Gegenüberstellung der +ökonomischen und der geistigen Mächte zum Bild unserer Epoche. Kapital +will Leistung; Leistung will Nutznießung, Arbeitskraft und Lebensgefühl +steigern sich wechselseitig; Erfolg, Bestätigung und Lohn sind dem +einzelnen rascher und reichlicher zugemessen als je, und wenn auch der +Lockung oft nur gefolgt wird, weil eine Erfüllung so nahe scheint, der +Ruf nur deshalb so viele Hörer findet, weil in ihm die Befriedigung +ausschweifender Ansprüche verheißen wird, so kann doch kaum eine Prämie +ausbezahlt werden ohne den vollen, ja leidenschaftlichen Einsatz von +Tüchtigkeit und Intensität. + +Diese Leidenschaft, dieser Schwung, der unermüdliche Wetteifer, sie sind +vielleicht Zeichen für die Heraufkunft einer größeren Zeit; schüchterne +Zeichen, weil sie noch ganz am Persönlichen und Egoistischen haften. +Aber wie Eisenteile im Feuer des Hochofens zusammengeschmolzen werden, +so kann die Zerstücktheit und die Zersplitterung einer individualistischen +Gesellschaft durch einen alle Glieder ergreifenden, stetigen Strom von +Leidenschaft, gleichviel wo er entspringt, zu organischer Einheit +verwandelt werden. Leidenschaft ist ja die erste und letzte +Lebensgewalt; in ihr vereinen sich Element und Wille; sie kann eine +unproduktive Ordnung zum Chaos führen, aber aus dem Chaos wieder eine +neue Welt erzeugen, Sammlung aus der Diaspora. Dann mag sich ein Weg +auftun zum Mythos und zu Gott. + + + + +Die Kunst der Erzählung + +Geschrieben 1904 + + +DER JUNGE: + +Es ist wohl über ein Jahr her, daß wir uns nicht gesehen haben. Seit +meine Freundin gestorben ist, bin ich kaum mehr unter Menschen gekommen, +und ich verlasse mein Zimmer nur zu einsamen Spaziergängen. Mein +einziges Vergnügen sind die Bücher und das Nachdenken über den Eindruck, +den sie mir gemacht haben. Ich glaube, wenn ich jetzt wieder die Feder +in die Hand nähme, so könnte ich etwas Tüchtiges leisten. + +DER ALTE: + +Und wozu treibt es dich denn? Ein Künstler darf nicht wie ein Jäger +sein, der, unbekümmert was ihm vor den Schuß kommen mag, durchs Gelände +streift, sondern er muß wie ein Seemann sein, der den inneren Sinn, das +innere Auge unablässig auf ein vielleicht nicht sichtbares, doch tief +bewußtes Ziel richtet. Also wozu treibt es dich? Wozu glaubst du dich +geboren? Welche Insel des Geistes willst du dir entdecken? + +DER JUNGE: + +Ich fühle zu nichts anderem Lust und Freude als Geschichten zu erzählen. +In den Stunden der Einsamkeit und der Sammlung ist es mir, als ob mein +Inneres bis zum Rand angefüllt wäre mit Ereignissen und Schicksalen. Oft +ist mir zu Mut, als müsse der ganze Lauf der Welt, von Adams Zeiten an, +sich mir in einer besonderen Weise enthüllen, und ich spüre das +unbezwingliche Verlangen, wie soll ich es nur sagen?... zu erzählen, zu +erzählen. + +DER ALTE: + +Das ist schön, prächtig sogar. Wenn du dieses Verlangen wirklich hast +und es nicht darin mißverstehst, wie du es befolgst, dann wärest du +allerdings dazu geboren zu erzählen. + +DER JUNGE: + +Wie sollte ich es mißverstehen? Warum zweifelst du? Was gibt es denn +Einfacheres? + +DER ALTE: + +Daß es keineswegs einfach ist, keineswegs selbstverständlich, könnte +dich schon ein Blick auf die heutigen Erzeugnisse dieser Kunst lehren. +Die Meisten wissen ja gar nicht mehr, was es heißt: eine Geschichte +erzählen, und selbst die Begabtesten bringen lauter Zwitter- und +Mißformen hervor. + +DER JUNGE: + +Du bist sehr streng wie immer. Ich glaube nicht, daß du recht hast. +Niemals war so viel im Werk wie gerade jetzt. Auf allen Seiten wird es +Tag. + +DER ALTE: + +Der ewige Irrtum der Jugend. + +DER JUNGE: + +Dann muß ich fürchten, daß du auch, was ich selbst bisher geschaffen, +verwerfen wirst. + +DER ALTE: + +Darauf könnte ich erst antworten, wenn ich wüßte, wie es mit dir steht +und ob dich nichts anderes erfüllt als die Liebe zur Sache, ob dein +Geist nichts anderes erstrebt als die Vollendung in ihr, ob dir vor der +Wahrheit bangt oder ob leichtsinniges Lob dich nicht schon für immer +geblendet hat. Wenn du Angst vor einer bitteren Stunde hast, dann +verbirg es nicht, ich schweige gern. Du besinnst dich? + +DER JUNGE: + +Hältst du denn dein Urteil für unumstößlich, für das einzig mögliche? +Kann es nicht auf Täuschung, auf Unmilde, auf Eigensinn beruhen? + +DER ALTE: + +Ich will es dir zu begründen suchen, und wenn du meine Argumente +entkräften kannst, werde ich mich zufrieden geben. + +DER JUNGE: + +Also sprich. + +DER ALTE: + +Es gibt dreierlei Arten von Schriftstellern: solche, die einen eigenen +Stil haben und ihn zur höchsten Vollkommenheit auszubilden vermögen; +solche, die einen eigenen Stil suchen, und endlich solche, die einen +Allerweltsstil vorfinden und sich zu ihm verhalten wie die Gäste eines +Wirtshauses zu den Tischen und Krügen und Stühlen; sie können niemals +zum Herrn ihres Wortes, ihrer Gedanken, ihrer Phrase werden, das +glühendste Erlebnis muß ihnen erstarren, erhabene Stimmungen werden +trivial, jede Inspiration wird Absicht, jede Beeinflussung von außen +Nachahmung, alles, was kräftig ist, brutal, und was fein ist, +schwächlich. Aber von diesen Schriftstellern, die die Marktware für den +großen Haufen besorgen, wollen wir nicht sprechen. Du gehörst zur +zweiten Art. + +DER JUNGE: + +Das wäre ja weiter nicht schlimm. Suchende sind wir alle. Ja, man kann +sagen, daß der allergrößte Meister bis zu seinem Todestage nicht +aufgehört hat zu suchen. Warum lächelst du? + +DER ALTE: + +Weil ich an dieser Bemerkung sehe, wie wenig du mich noch verstanden +hast. Wenn die großen Meister suchen, so wollen sie den Einklang +schaffen zwischen Stoff und Form. Sie wissen, daß es ohne solche +Harmonie überhaupt kein Kunstwerk gibt. Und weil sie das wissen und auf +diesem Wege zur Vollkommenheit streben und sich wohl hüten werden, die +Fülle ihrer Mittel an den falschen Gegenstand oder am falschen Ort zu +verschwenden, so wird immer etwas entstehen, was der Kunst und ihrer +eigenen Schöpferpersönlichkeit gemäß ist. Sie suchen mit sehenden Augen, +ihr aber sucht als Blinde; sie gehen den geraden Weg und kommen an ein +Ziel, wenn auch nicht immer an das gewünschte; ihr aber taumelt im +Kreise herum. Die Suchenden, die nicht um das Wesen wissen, sind zum +Untergang verurteilt. + +DER JUNGE: + +Du machst mich wahrhaft unruhig. Ich könnte dich hassen, wenn ich nicht +wüßte, wie ernst du es meinst. Ich ahne, wo du hinaus willst. So rede +doch endlich von mir. + +DER ALTE: + +Gut. Zwei Dinge, ein scheinbar äußeres und ein scheinbar inneres, habe +ich zunächst an deinen Arbeiten auszusetzen: nämlich daß sie den Leser +nicht mit Behaglichkeit erfüllen und daß es dem Stoff selbst an +Daseinsnotwendigkeit gebricht. Beides hängt aber inniger zusammen, als +du glaubst; das werde ich dir bald beweisen. + +DER JUNGE: + +Was meinst du mit Behaglichkeit? Das Gegenteil bezwecken wir doch, wenn +wir Dichtungen ersinnen: Erregung, Spannung, Teilnahme, Erschütterung. +Ich glaube, du treibst deinen Spaß mit mir. + +DER ALTE: + +Geduld. Ich verstehe die Behaglichkeit hier in einem höheren, +künstlerischen Sinn. Ich verstehe darunter das unbegrenzte Vertrauen des +idealen Lesers zum Erzähler. Dieses Vertrauen entsteht durch +Glaubwürdigkeit, und die Glaubwürdigkeit nun entsteht aus der +Notwendigkeit des erzählten Gegenstandes. Du siehst nun, wie fest der +Zusammenhang zwischen den beiden Dingen ist, und noch untrennbarer wird +er für das Auge und für das Gefühl durch das, was der Laie, der +Dilettant, der Durchschnittskritiker die Technik nennt: durch die Art +des Erzählens; auch sie ist nur ein scheinbar Äußerliches, denn in +Wirklichkeit ist sie die Seele der epischen Kunst. + +DER JUNGE: + +Das wird zu weit und breit. Du wolltest doch von meinen Arbeiten reden. + +DER ALTE: + +Ich sage nun, daß deinen Produkten die Behaglichkeit fehlt, weil du +nicht die Mittel und das Wissen hast, sie hervorzubringen. Was du +schreibst, trägt unverkennbar den Stempel des direkten und indirekten +Erlebnisses, aber diese Erlebnisse sind nicht künstlerisch verklärt und +erhöht und bleiben daher ohne poetische Wirkungen. Du hast eine starke +und natürliche Empfindung, die aber nur selten in ihrer Reinheit wirkt, +weil sich der Stoff nicht ganz in ihr aufzulösen vermag. Merkst du nun, +wo es hinaus will, merkst du, wie alles Innerliche zugleich ein +Äußerliches ist und umgekehrt? + +DER JUNGE: + +Ich merke nichts als Pedanterie und höre nichts als Worte. Wenn eine +Kunstform nicht ausreicht für das, was ich zu sagen habe, nun dann +erweitere man mir diese Form. Wo stehen diese gelehrten Gesetze +geschrieben, denen ich mich fügen soll? Wer hat sie gemacht, und wie +käme ich dazu, mich vor ihnen zu beugen? + +DER ALTE: + +Wo sie geschrieben stehen? Im menschlichen Gefühl. Wer sie gemacht hat? +Das menschliche Gefühl. Warum du dich ihnen beugen sollst? Weil du sonst +nicht wirken wirst, weil dein Wort und dein Werk sonst von flüchtigerem +Bestand sind als ein Stück Eis in der Mittagssonne. Man hat nämlich im +Lauf der Jahrhunderte, der Jahrtausende herausgefunden, was die +Menschheit ergreift, tröstet und erfreut, was aus ihren Tiefen stammt +und zu ihren Tiefen strebt. Die es befolgten und solche hohe Wirkungen +erreichten, nicht blind, sondern durch klarstes Wissen, das waren die +Meister. Wer der Belehrung trotzt, kann nicht einmal Schüler werden. + +DER JUNGE: + +Also belehre mich. + +DER ALTE: + +Ich sagte vorhin, daß die Elemente sich in dir nicht mischen wollen; +Stoff und Empfindung bleiben feindlich und unaufgelöst einander +gegenüber. Die Folge davon ist eine immerwährende und überall +ersichtliche Dissonanz. Du erzählst eigentlich nicht Ereignisse, sondern +du schilderst Situationen. Gerade das erscheint dir wichtig, was bei der +Erzählung unwichtig ist und sein muß. Du hüpfest von Situation zu +Situation, das Dazwischenliegende ist dir ein Notbehelf, wird zum +gezwungenen Bericht und enttäuscht durch seine Nüchternheit. Da du dies +Schwanken als Schaffender selbst sehr deutlich empfindest, drängt es +dich, Ausgleiche zu bringen, und du mußt zu pathetisch-lyrischen +Schilderungen greifen, in denen die Handlung um keinen Schritt weiter +kommt. Denn daran liegt es, wohlgemerkt: Bewegung ist alles, alle Kunst +entsteht durch Bewegung. Damit hängt nun aufs Engste die Gestaltung +deiner Menschen zusammen. Deine Gestalten haben keine Ruhepunkte. Sie +sind geschickt und glaubhaft gezeichnet, soweit und solange sie mit der +Handlung verknüpft sind, aber davon losgelöst und als Eigenlebende +betrachtet, werden sie matt und hölzern. Sie wissen zu genau, was sie +sollen, nicht in ihrer Welt, sondern in deiner Welt. Es fehlt die höhere +Täuschungsabsicht und Täuschungsmacht. Eine Figur muß leben trotz der +Handlung, nicht durch die Handlung. Woher käme es sonst, daß bei allen +mittelmäßigen Schriftstellern gerade die Figuren am glaubhaftesten sind, +die am wenigsten mit der Handlung und ihren Spannungen verquickt sind, +die sogenannten Episodenfiguren? Nur sie verbreiten Behaglichkeit, das +heißt Glaubwürdigkeit, weil sie scheinbar keinen Zweck verfolgen. Wenn +man also sagen kann, Kunst entstehe durch Bewegung, so muß man +hinzufügen, sie wirke durch die scheinbare Zwecklosigkeit der Bewegung. + +DER JUNGE: + +Ich habe Zweifel über Zweifel. Hundert Fragen drängen sich mir auf, denn +ich sehe schon, wie tief du greifst. Und mir dämmert manches, von dem +ich früher nichts ahnen konnte. Aber laß mich fragen. Du sagtest, daß +ich nicht Ereignisse erzähle, sondern Situationen schildere, und ich muß +gestehen, dabei verwirren sich mir die Begriffe. Ist es nicht bloß ein +Wortspiel? Welcher Unterschied scheint dir denn zwischen Erzählung und +Schilderung zu bestehen? Ich meine, inwiefern die Wirkung eines Werkes +dadurch beeinträchtigt wird. Sind das nicht schulmäßige Begrenzungen? + +DER ALTE: + +Nehmen wir einmal an, du habest eine schwierige und gefahrvolle Reise +hinter dir, habest lebensgefährliche Abenteuer bestanden, habest +jahrelang als verschollen und verloren gegolten und seiest nun doch +zurückgekehrt. Alles ist gespannt zu hören, wie du das bewerkstelligt +hast und wie es dir ergangen ist. Du setzest dich in den Kreis der +Neugierigen und Teilnehmenden und erzählst, beginnst mit der Fahrt übers +Meer, der Aufzählung deiner Gefährten und kurzer Andeutung ihrer Art und +ihrer bisherigen Schicksale, fährst fort mit der Landung, dem Aufbruch +in die unbekannten Gebiete usw., usw. Wäre es nun angebracht, das +Interesse der Zuhörer durch Beschreibungen von Landschaften, von Tieren, +von Pflanzen zu ermüden? Wenn du dies tätest, würde in ihnen ein leises +Mißtrauen gegen den Ernst und die Schwere deiner überstandenen +Schicksale entstehen. Sie wollen wissen, wie es dir ergangen ist, nichts +weiter, und je einfacher und sachlicher du bist, je glaubhafter werden +deine Erlebnisse klingen. Nicht mit einem Wort brauchst du zu schildern. +Das Bild der Landschaft und des Landes wird ganz von selbst in der +Phantasie entstehen; je weniger du davon sprichst, je stärker wird die +Phantasie der Hörer es erblicken und zwar durch dein Erlebnis selbst. +Unwillkürlich gehen sie deinen Weg mit und sehen sie mit deinen Augen. +Es kommt ganz und gar nicht darauf an, daß das Bild der Wirklichkeit +entspricht, das sie sich davon machen, es handelt sich nur darum, daß +durch ihre seelische Bewegung ein Bild entsteht. Diese seelische +Bewegung bildet sich nun wieder durch die Bewegung der künstlerischen +Materie, und so siehst du abermals, wie Äußeres und Inneres verschmolzen +sind und sich verschmelzen müssen. + +DER JUNGE: + +Das Beispiel leuchtet mir ein. Es leuchtet mir ein, daß das Abschweifen +von einer Sache, die man sich vorgesetzt hat, in der Kunst ebenso +unwahrhaftig wirkt wie im Leben, und ich verstehe auch, daß man das +Vertrauen des Lesers auf diese Weise verlieren kann. Aber du sagtest +etwas von Verklärung und Erhöhung und poetischer Wirkung des Stoffes. +Das alles scheint mir nun überflüssig, sobald einmal die Wahrheit, die +Wahrhaftigkeit außer Zweifel steht. + +DER ALTE: + +Gewiß, wenn es ein und dasselbe wäre, mündlich zu erzählen oder +schriftlich. Dazwischen liegt ein so tiefer Abgrund, daß ihn nicht +Geist, nicht Wissen, nicht Wahrhaftigkeit zu überbrücken vermögen, +sondern lediglich künstlerische Genialität. Es ist der Abgrund zwischen +Wesen und Schein, zwischen dem Spiegel und der Person, die davorsteht, +zwischen Leben und Erinnerung, zwischen der Minute und der Ewigkeit. +Deine lebendigen Zuhörer sehen dich, sie sehen dich ergriffen, +begeistert, bedrückt, das lebendig gesprochene Wort hat eine ganz +unabweisbare Zeugniskraft durch sich selbst. Wenn du dieselbe wahre und +erschütternde Erzählung deiner Reise mit denselben Worten deines +mündlichen Berichtes niederschreibst, kann sie abgeschmackt, verlogen +und sozusagen grundlos klingen. Es ist also wieder das scheinbar +Äußerlichste, das die Kunstwirkung hervorbringt: der Stil. Um dieselbe +Einfachheit, die der Hörer ohne dein besonderes Hinzutun spürt, sofern +du nur eine einfache und wahre Natur bist, dem Leser eines Buches +glaubhaft zu machen, dazu gehört ein halbes Leben unablässiger Versuche, +aufreibender Mühe, qualvollsten Ringens. Im Leben ist das +Selbstverständliche, oder wenden wir ein Fachwort an, das Naive eine +Voraussetzung, in der Kunst ist es eine letzte Konsequenz, ein Gipfel. + +DER JUNGE: + +Die Aufgabe besteht also darin, den Anschein des Selbstverständlichen zu +erreichen, innerhalb der Kunst ein Gebilde zu schaffen, das die Züge der +Natur trägt. Darüber bin ich mir klar. Doch hat jedes Individuum seine +besondere Naivetät, jedes »Selbst« seine eigene Selbstverständlichkeit. +Gäbe es dennoch gewisse Gesetze, an die unbewußt alle gebunden sind, +Schöpfer wie Genießende? + +DER ALTE: + +Wollen wir einmal vom Engsten ausgehen, um ins Weite zu gelangen. Wer +sprachliches Gefühl und ein aufmerksames Ohr besitzt, wird wissen oder +unbewußt schon früh empfunden haben, daß die vorzüglichste Schönheit +unserer Sprache in ihrem Vermögen liegt, eine organisch gegliederte, +gleichsam lebende Periode zu bilden. Der Gedanke, die Vorstellung +entsteht und kommt zur Erscheinung durch Hauptwort und Zeitwort; das +Beiwort tritt heran, um zu verdeutlichen oder zu schmücken, eine zweite +Vorstellung oder Handlung will die erste begründen und weiterführen, und +der Nebensatz ist geboren, an dem sich dieselben Erscheinungen +vollziehen wie im Hauptsatz, nur abgetönt, verkleinert, gemildert. Darin +liegt der Rhythmus der Prosa: das An- und Abschwellen des Tones und der +Betonung, die gegenseitige Beziehung von Sätzen und Satzteilen +untereinander, die freie und eigenbewegliche Anpassung, die Fülle des +Ausdrucks bei größter Sparsamkeit mit dem Wort. Die eigentümlichste +Kraft der deutschen Sprache ruht im Zeitwort; dieses auszubilden, zu +formen, gewissermaßen zu isolieren, kennzeichnet den guten Prosaisten, +während der mittelmäßige sich mehr auf das schmückende Beiwort verlegt, +-- ganz natürlich. Prüfe doch den Stil unserer guten Erzähler auf diesen +Umstand hin: wie das flutet und in majestätischer Ruhe hinfließt, immer +bewegt und immer gegen ein erreichenswertes Ziel bewegt. Das Beiwort +wirkt erstarrend und ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, und nur die +anschauende Phantasie kann es an den rechten Platz stellen; das Verbum +belebt und ist das eigentlich motorische Element im Satzbau. Es ist +stets interessant, den guten Erzählerstil lediglich auf seinen +sprachmelodischen Gehalt hin zu prüfen, sich zu überzeugen, wie die +Periode der Atmung entspricht, wie sinnvoll gegliedert Satz und +Nebensatz auftreten, und wie der Gesang abläuft, wenn der Absatz zu Ende +ist. Eigentlich müßte man ein gutes Prosabuch schon an der +typographischen Anordnung erkennen, die sozusagen seine Fassade +vorstellt. Dazu kommt nun beim epischen Künstler das geistige Erlebnis +des Bildes und die seltsame Empfindung für die plastische Nähe des +Wortes, die ihn vor Verflachung seines Ausdrucks bewahrt. Denn wie +könnte sonst eine Schriftsprache jahrhundertelang gesund und triebfähig +bleiben? Die Auserlesenheit der Wendungen tut es nicht, Geschmack und +Formensinn allein sind ebenfalls nicht zeugungskräftig, -- nur das +Mitleben mit dem Wort als einem Organismus bewahrt die Sprache der Epik +vor dem Verwelken und Absterben. Das begreiflich zu machen, ist schwer, +wenn du es nicht fühlst. + +DER JUNGE: + +Ich fühle es. Ich fühlte es oft, wenn ich Gottfried Keller las. Ein ganz +gewöhnliches Wort, das in unserer Umgangssprache so platt klang und so +tot aussah wie eine abgegriffene Münze, stand plötzlich da wie in einen +Zaubermantel gehüllt, fremd und neu. + +DER ALTE: + +Und doch sind die meisten unter unsern jungen Dichtern Wortsucher, aber +was schlimmer ist, sie verstehen auch nicht in großem Atem zu erzählen. +Ich leugne nicht die Berechtigung des Schriftstellers, seine Sätze +auseinander zu haken und sie im stürmischen Tempo aufmarschieren zu +lassen, wenn ihn die Situation und seine Natur dazu auffordern. Aber so +wenig ein Mensch lange Zeit hindurch im Zustand der Atemlosigkeit +verweilen kann, so wenig verträgt dies ein Buch, ohne daß es Unbehagen +und Widerwillen erregt. Ich habe Bücher in der Hand gehabt, in denen +lauter enge und engbrüstige Sätzchen nebeneinander standen, stumpf und +traurig wie Soldaten bei der Parade. Einzelne Satzglieder schwammen wie +abgeschnittene Hände und Füße in einer Brühe überflüssiger +Interpunktionen, und jeder Rhythmus war zerfetzt, weil eine anständige +Mittelmäßigkeit des Schreibens weniger geachtet wird als ein gequälter +Unsinn, oder weil das Gefühl erweckt werden sollte, der Verfasser sei +tief ergriffen gewesen von dem, was er geschrieben. Von dem Verfasser +wird gar keine Ergriffenheit verlangt; Gott hat nicht jedem Baum und +jedem Berg einen Zettel umgehängt, auf dem zu lesen steht: wie schön, +wie gewaltig, wie charakteristisch bin ich. Gott ist bescheiden, er ist +unsichtbar in seiner Welt versteckt, und mit den großen Künstlern ist es +ebenso. Vom Erzähler wird Unsichtbarkeit verlangt, von dem, was er +erzählt, höchste Sichtbarkeit. + +DER JUNGE: + +Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist aber keineswegs zu leugnen, daß +etwa in einem dickbändigen Roman die strenge Form der Erzählung schwer, +wenn nicht unmöglich festzuhalten ist. Ein solches Buch müßte durch +seine Eintönigkeit langweilen, glaube ich, und man kann dem Autor nicht +Unrecht geben, wenn er dies Schicksal durch dramatische Gespräche und +aufregende Schilderungen von seinem Buche abzuwenden sucht. + +DER ALTE: + +Das ist ein Thema für sich. Man kann von einem Kochbuch nicht verlangen, +daß es wissenschaftliche Aufgaben löst. Wenn es einem Dichter zu schwer +fällt, ein Kunstwerk zu schaffen, so begnüge er sich mit dem Machwerk, +aber er soll dann nicht beanspruchen, ein Künstler genannt zu werden. +Müssen denn die dickbändigen Ungeheuer geschrieben werden, von denen du +sprichst? Und wenn sie geschrieben werden müssen, bin ich etwa +verpflichtet, mich mit ihnen zu beschäftigen? Wollten wir unsere +Erörterungen in diesen niedern Kreis stellen, was wäre da nicht alles zu +sagen, worüber zu klagen: über die Frauenschreiberei, das Zeitungswesen, +die elenden Übersetzungen aus andern Sprachen usw. Doch wir wollen das +künstlerischste aller Gesetze auch auf unsere Unterhaltung anwenden und +bei der Sache bleiben. + +DER JUNGE: + +Du hast recht. Dennoch gibt es Mischprodukte, die man nicht verwerfen +darf und die eine tiefere Wirkung und ein gewaltigeres Entstehungsmotiv +haben als die reinen Kunstwerke. Das darf man nicht vergessen. + +DER ALTE: + +Ich halte das für einen Irrtum. Diejenigen Werke der Kunst, die an +Wirkung und Dauer hinter den Erzeugnissen zurückstehen, die du erwähnst, +sind eben dann nicht wahrhaft lebendig, und ihr Untergang ist nur eine +Frage der Zeit. + +DER JUNGE: + +Alles, alles ist dem Untergang geweiht. Selbst Homer und Shakespeare. + +DER ALTE: + +Eine törichte Phrase. Sie werden untergehen, wenn der Erdball versinkt +und das Licht sich in Finsternis verwandelt. Sie gehören eben der +Menschheit an, und von einer Unsterblichkeit über die Menschheit hinaus +zu reden, hat keinen Sinn. + +DER JUNGE: + +Folgendes ist mir nicht ganz klar. Es handelt sich doch bei der +Erzählung um das Darstellen eines Vorganges und innerhalb des Vorganges +wieder um das Ausmalen einzelner Bilder oder Situationen, denn ohne +solche Bilder würde ich doch mehr Geschichtsschreibung treiben als +Kunst. Wie bringe ich nun die Situation, ohne gegen das Gesetz des +epischen Weiterströmens zu verstoßen? Mit einem Wort, wie kann ich +erzählerisch und plastisch zugleich sein? + +DER ALTE: + +Zur Beantwortung dieser Frage will ich dir eine Stelle aus Wilhelm +Meisters Lehrjahren vorlesen. Es heißt da: »Zwei bis drei Häuser standen +in vollen Flammen. In den Garten hatte sich niemand retten können wegen +des Brandes im Gartengewölbe. Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde, +weniger wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht, die Kinder zu +verlassen, und sah das Unglück sich immer vergrößern. Er brachte einige +Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf seinem Schoße +eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich +hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die +ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam herbei, die +Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten +Kleidung der fallende Tau fast unerträglich. Er führte sie zu den +Trümmern des zusammengestürzten Gebäudes, und sie fanden neben einem +Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme. Der anbrechende Tag +brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen, usw.« Du +siehst hier deutlich, wie keusch und zurückhaltend das außerordentliche +Ereignis in der allgemeinen erzählerischen Stimmung sich auflöst. Ruhig +schließt sich an die sparsame Ausmalung der überaus schönen Situation +von den am Aschenhaufen liegenden Personen der neue Vorgang, und im +Satzgefüge herrscht nicht die mindeste Erregtheit. Vergleiche damit +einmal die Darstellung einer Feuersbrunst bei Zola; Einzelheit drängt +sich an Einzelheit. Die ungeheure Flut der Einzelheiten vernichtet das +Bild und überschwemmt die Phantasie. Aus fünfzig Seiten eines +Schilderers macht der Epiker zehn Zeilen. Der erzählende Stil beruht +keineswegs auf der Ausmalung der Situationen, sondern er ruft die +Situation nur zu höherem Zweck hervor, um sie in vollkommener Ruhe +vorübergleiten zu lassen. Geradezu musterhaft ist darin Kleist, der +vielleicht das größte erzählerische Genie ist, das wir besitzen. Wie im +Volksmärchen, mit einer erhabenen Knappheit erzeugt er Bewegung um +Bewegung. Nur dadurch entsteht zugleich die Lebendigkeit der Periode, es +wird ihr das Papierene genommen, das sie auch beim vollendetsten +Schilderer hat; sie besitzt plötzlich innere Kraft, das Blut des +atmenden Geschöpfes, und wie das Werk im Ganzen, ist sie für sich allein +ein Organismus mit Fleisch und Seele. Der Baum setzt sich aus winzigen +Zellen zusammen; die Gesundheit seiner Früchte hängt ab von der +Gesundheit jener unscheinbaren Gewebe. Die Breite und Fülle der Periode +bedingt die Breite und Fülle des Ganzen; nicht Abenteuerlichkeit der +Vorgänge, nicht Weitspurigkeit der Anlage, nicht die ausgesuchteste +psychologische Tüftelei, keine Neuartigkeit des Themas, keine äußere +Spannung, nicht Geist, nicht Witz, nicht philosophische Tiefe kann ein +Werk, dem jene Eigenschaften wahrer epischer Breite und Ruhe mangeln, +zum Rang eines Kunstwerkes erheben. + +DER JUNGE: + +Jetzt ist es auf einmal wieder die Ruhe. Wir haben doch festgestellt, +daß es die Bewegung ist, die der Kunst das Leben gibt, wir haben es sehr +schön gefunden, daß die Zwecklosigkeit der Bewegung den Kunsteindruck +hervorbringt, nun soll auf einmal die Ruhe das Allesbedingende sein. Das +ist sinnverwirrend. Ruhe? Das wäre ja gleichbedeutend mit Kälte, das +hieße ja, das ganze Wesen des Dichters verkennen, dem Artistentum das +Wort reden. + +DER ALTE: + +Beschwichtige deinen Eifer, du wirst gleich sehen, wie unbedacht er ist. +Die erzählende Kunst stellt Vergangenes dar. Es handelt sich um ein +Gelebt-Haben, Gesehen-Haben, Geschehen-Sein. Während das Drama auf der +Gegenwärtigkeit der Geschehnisse, der Leidenschaften beruht, ist das +Epos oder die Novelle ein Zurückgewandtes, Zurückschauendes, -- ganz +natürlich, und so ist es durch seine Form zu einer größeren Ruhe und +Gemessenheit verurteilt, denn seine Wiedergabe setzt doch einen +Betrachter voraus, einen Beobachter, einen Urteilenden, Zusammenfasser. +Während das Drama ein scheinbar freistehendes, isoliertes Eigen-Produkt +ist, weist die Erzählung beständig und auf jeder Zeile auf den Erzähler +zurück, und von dessen Haltung hängt alles ab. Es handelt sich also nur +um eine scheinbare Kälte und Ruhe, um ein Zurückhalten des Feuers. Der +Schöpfer eines solchen Werkes ist umsomehr darauf angewiesen, seine +eigene Persönlichkeit zu verbergen, da er es doch selbst ist, der die +ganze Welt, die er hervorbringt, repräsentiert. Wenn er aufhört, +unsichtbar zu bleiben, leidet unsere Illusion Schaden, und die +scheinbare Ruhe enthält also für ihn alle Wirkungen seiner Kunst. Uns +dennoch aufs innigste mit dem Werk zu verknüpfen, uns alles mit seinem +eigenen Auge, seiner eigenen launigen oder tragischen Seelenstimmung +erleben zu lassen, das hängt von seiner Person und seinem Dichterwert +ab. Seine Weltanschauung und geistige Kraft einerseits und die Ruhe +andrerseits, die ihn befähigt, Licht und Schatten zu verteilen, Bilder +zu erzeugen, Zeitperspektiven zu bilden, können die beiden Pole genannt +werden, zwischen denen sich seine Kunst bewegt. Deswegen verlangt die +epische Kunst eine vollkommene Reife des Geistes. + +DER JUNGE: + +Es handelt sich also nicht um unterdrücktes Gefühl, sondern um +gebändigtes Gefühl, um verteilte Wärme. Dann leidet auch das Werk +Schaden, wenn zu viel Licht auf eine einzelne Gestalt fällt? Offenbar. +Wie verhält es sich also mit den Gestalten? Wie weit dürfen sie sich aus +der Fläche der Erzählung plastisch heben? + +DER ALTE: + +Das hängt von Stoff und Ton des Ganzen ab. Laß uns einmal den Gang +verschiedener Werke epischer Prosa auf diesen Umstand hin vergleichen: +Herodots Geschichten, den Don Quixote, den Wilhelm Meister und Tolstois +Krieg und Frieden. + +Herodot besitzt die natürliche, persönliche Naivität, die dem Zeitalter +und einer jungen, aufsteigenden Kultur entsprechen. Er hat weder +Vorbilder, noch bedarf er ihrer. Er ist nicht bemüht, eine Kunstform zu +prägen. Er vermeidet Schmuckworte. Er hält sich von allen Abstraktionen +fern. Er »erzählt«. Sein Ton ist der eines Mannes, der reich an +Erfahrungen und an Wissen unter den Seinen sitzt und ebenso einfach wie +wahrhaftig von allem Kunde gibt. Gleichwohl zeigt sein Werk eine feste +Stileinheit und das nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich: Die +Handlungen des Menschen stehen unter dem Walten der Nemesis. Von dieser +Weltanschauung durchdrungen, erhält seine Schöpfung nicht nur sittliche +Größe, sondern auch künstlerische Macht. + +Cervantes fußt natürlich bereits auf Traditionen. Aber er vernichtet +sie, indem er sich ihrer bedient. Die Sittenschilderung und die Aktion +ordnen sich äußerlich einem Plan und geistig einer Idee unter. Indem er +gegen den pathetischen Heros des Katholizismus zu Felde zieht, findet er +jene hohe Form der Darstellung, welche wir Humor nennen und welche +seinen Gestalten weitaus bedeutungsvollere Konturen gibt, als sie in der +Realität ihrer Existenz zu haben scheinen. Auch Cervantes ist ein (im +banalen Sinn) naiver Erzähler; aber an seiner Naivetät hat der +Kunstverstand schon wesentlichen Anteil. Es ist klar: das ist nicht mehr +der Berichterstatter wahrhafter Begebenheiten. Mit der Schöpfung einer +Phantasiewelt hat die unbefangene Freude am Ereignis und seiner +Wiedergabe ihr Ende erreicht. Dem Erzähler muß sich der Fabulist +beigesellen, und Fragen technischer Natur entstehen wie von selbst. Hier +ist alles schon _Kunst_: die Charaktere und ihre Gestaltung, die +planvoll geschürzten Fäden der Handlung, der Dialog und seine +motorische Bedeutung. Aber durch einen wunderbaren Instinkt hat all dies +wieder die Farbe der Natur erhalten, das täuschende Gewand der Wahrheit. + +Goethes Roman ist in erster Linie das Manifest einer großen +Persönlichkeit. Wenn der spanische Dichter Bilder entrollte, hinter +denen er wortlos verschwand, so bleibt der Deutsche vor dem Geschaffenen +stehen und bringt es durch sein Wesen, durch seine Gebärde, durch seine +begleitenden Worte erst ins rechte Licht und zur rechten Geltung. Seine +Darstellung ist kühl und überlegen, philosophisch gemessen, und nie +vergißt man über den Figuren den Zauberer, der sie in Bewegung zu setzen +vermag. Cervantes ist groß durch Don Quixote; Wilhelm Meister ist groß +durch Goethe. + +In der Dichtung des russischen Dichters endlich sind Stoff und +Darstellung in eine unauflösliche Verbindung getreten. Der Schöpfer +selbst wird hier zu einem wesenlosen Etwas, ähnlich der Naturkraft, die +einem Strom sein Bett anweist. Dieser Roman ist von homerischer Prägung. +Die Menschen darin sind so stark individuell und andererseits so sehr +von dem Schicksale ihres Temperaments getrieben, daß man die Illusion +hat, sie müßten, auch aus Milieu und Handlung losgelöst, doch zu +denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen gelangen, zu denen sie in der +Dichtung durch den Willen des Dichters kommen. Sittenschilderung, +nationale Besonderheit, menschliche Bedeutsamkeit, künstlerische Ruhe, +Einfachheit und Größe, alles verbindet sich zu klarster Wirkung. Der +Dialog hat keine motorischen Zwecke mehr, auch nicht philosophische oder +tendenziöse, sondern lediglich charakterisierende. + +DER JUNGE: + +»Stoff und Darstellung sind in eine unauflösliche Verbindung getreten,« +sagst du. Ich möchte lieber sagen: Stoff und Künstler. Aber was ist der +Stoff? Wann wird der Stoff »daseinsnotwendig«? Wann erhält er die +Unleugbarkeit eines von der Natur selbst Geschaffenen? Wahrscheinlich +muß der eine ihn erleben, der zweite erfinden, der dritte aus der +Geschichte nehmen. Dieser braucht eine regelrechte Fabel, jener webt +seine Gebilde wie aus einem Traum heraus, der die Bewegung und Stimmung +des Lebens und doch die Gesammeltheit der Dichtung hat. Das Wichtige ist +demnach nicht die Art des Stoffes selbst, sondern die Intensität der +Vision, die er erzeugt und die nicht auf einem Bild zu beruhen braucht, +sondern oft, dem Nebelball der Urwelten gleich, Feuer und Vegetation +noch in sich verborgen tragen kann. + +DER ALTE: + +Ohne Zweifel. Die Kraft der Vision im Dichter bestimmt die Kraft des +Werkes, ihre Dauer und Unvergeßlichkeit aber seine Harmonie. Alles +andere hat mit inspiratorischen Dingen nichts mehr zu tun, sondern +unterliegt den Gesetzen der Entwicklung. Wo die Vision aufhört, beginnt +die geistige Arbeit, das Reich des Geschmackes, des Urteiles, der Wahl. +Hier ist auch die Grenze zwischen dem Dichter und dem Schriftsteller. +Der Dichter und seine Stoffe verhalten sich zu einander wie der Baum zu +seinen Blättern, die Stoffe des Schriftstellers aber gleichen den +beliebig ausgewählten, ärmlichen oder luxuriösen Möbeln eines Zimmers. +Dort wird jeder Mangel die Kehrseite eines Vorzuges sein, hier wird +selbst jeder Vorzug auf einen einzigen Mangel zurückdeuten. Dort ein +lebendiger Organismus, gleichviel ob kränklich oder stark, hier eine +Maschinerie, stümperhaft oder in ihrer Art vollkommen. + +DER JUNGE: + +Demnach müßte also eigentlich der Dichter seine Stoffe erleben, der +Schriftsteller sie erfinden. + +DER ALTE: + +Das läßt sich nicht auseinanderhalten. Da müßten wir erst feststellen, +was es heißt, erleben. Es wäre doch recht ärmlich gedacht, wenn man nur +eine äußere Aktion darin sehen wollte, dann wäre es schlimm um jene +bestellt, die der Zufall oder soziale Stellung oder persönliche Eigenart +vom großen Getriebe fernhält. Das hieße dann: nur derjenige, der einen +Mord begangen, kann die Seele eines Mörders enthüllen, und die Frau als +eine Welt für sich wäre dem Dichter ein für immer verschlossenes Ding. +Ich stelle nicht in Abrede, daß ein gewisses Maß allgemeiner +Lebenserfahrung notwendig sei, aber dem, der nicht innerlich das Leiden +der Welt und ihrer Geschöpfe erlebt, dem wird es wenig frommen, wenn er +seine Tage mit Abenteuern füllt, wenn ihm auch hierdurch die seltsamsten +und tiefsten Seiten der menschlichen Natur offenbar werden. Das ist ja +eben die besondere Natur des Dichters, daß in ihm gleichsam die +Erfahrungen aller andern sich sammeln und zu einem hohen Bewußtsein +gelangen; es ist, als ob ihm Gott die Andeutungen und Stichworte gäbe, +aus denen er das Gewebe einer zweiten zur knappsten Folgerichtigkeit +verdichteten Welt formt. Er ist es, der im Mittelpunkt der Dinge wohnt, +er stellt das lebendige Gewissen der Völker dar, er lebt nicht nur in +der Gegenwart, nein, ihm ist alles Vergangene zugleich Gegenwart. Und +nun der Stoff. + +DER JUNGE: + +Ich glaube, daß es gleichgültig ist, ob er die Geschichte eines +Schneiders oder eines Welteroberers wählt. Und das Milieu kann immer nur +ein Mittel sein, Charaktere zu entfalten und Schicksale zu motivieren. + +DER ALTE: + +Sehr wahr. + +DER JUNGE: + +Und doch haben wir von einer Daseinsnotwendigkeit des Stoffes +gesprochen. + +DER ALTE: + +Es ist oft genug gesagt worden, daß der Dichter aus einem unbesiegbaren +inneren Drang heraus schaffe. Oft im Kampf mit den äußeren +Lebensumständen, oft, ja fast immer im Kampf mit sich selbst. Deswegen +ist es eine abgegriffene Phrase, von dem Glück des Schaffens zu +sprechen. Es gibt nur eine Verzweiflung des Schaffens und einen ganz +kurzen Glücksrausch des Geschaffenhabens. Und dann erst muß der Dichter +lernen, sein Werk zu hassen, damit er seine Gebrechen zu erkennen +vermag, und je stärker er sein Werk hassen wird, je tiefer wird er die +Kunst lieben. Es ist klar, daß das, was unter solchen Widerständen +Dasein und Form gewinnt, innere Lebensmöglichkeit und -notwendigkeit +haben muß, wenigstens für den Schöpfer. Die Frage ist nur, ob und in +welchem Maße das Werk zu den anderen Menschen spricht, wie viele +Lebenskreise es durch seine Existenz berührt, wie viel andern Wesen es +ebenfalls notwendig wird. Das hängt nun von seinem Stoff ab. Ich möchte +behaupten, ein Stoff ist um so größer und allgemeiner gültig, je mehr +Mythos er in sich trägt, das heißt, je tiefer er in dem Geheimnisvollen, +Unbewußten, Religiösen, Phantasiegemäßen eines Volkes und damit der +Menschheit wurzelt. Der Dichter ist ja der Mund der Schweigenden. Je +größer ein Dichter ist, je mehr Schweigende sprechen aus ihm. Nicht er +wählt seinen Stoff, sondern der Stoff wählt ihn. Er trifft ihn, wie der +Blitz zuckt er auf ihn herab. Deshalb wird man ebensowenig von Erfinden +wie von Erleben eines Stoffes reden können, im höchsten Sinne nämlich. +Dichter, die ihre Erlebnisse, sagen wir verwerten, sind immer in Gefahr, +diese Erlebnisse sehr zu überschätzen, wenn nicht ein großes typisches +Schicksal dahinter steht. Die Vision ist alles. Sie vermag einen +tausendmal behandelten Gegenstand so zu verklären und zu erhöhen, daß er +zum unerhörten Ereignis wird. Je mehr du durch dein enges kleines und in +jedem Fall bescheidenes Schicksal dich ins Weite, Menschliche, Mythische +hinausspürst und -lebst, je weniger brauchst du tatsächlich zu +»erleben«, je freieren Spielraum gewinnst du für die Kunst. + +DER JUNGE: + +Frühere Ästhetiker haben das, was du den Mythos nennst, als Idee +bezeichnet. + +DER ALTE: + +Nenn es, wie du willst. Man spricht immer davon, daß die Kunst keine +Tendenzen habe, keine Nützlichkeitsziele verfolgen soll. Aber in einem +anderen höheren Sinn muß doch mit jedem Kunstwerk etwas bewiesen werden, +wenn es nicht dem Fluch des Spielerischen verfallen soll. Gewiß muß es +um seiner selbst willen hervorgebracht werden. Aber es darf, wie das +lebendige Geschöpf, nicht um seiner selbst willen existieren. Weiter +können wir in unserer Erörterung kaum gelangen. Hier ist schon die +Grenze des Traumes und der Träumerei. + + +_Fünf Jahre später_ + + +DER ALTE: + +Daß uns der Zufall auf einer Reise zusammenführt! + +DER JUNGE: + +Man könnte glauben, du habest mich während all dieser Zeit +geflissentlich gemieden. + +DER ALTE: + +Wie könnte ich mich unterfangen! Du bist ein berühmter Mann geworden, +ich sinke mehr und mehr ins Dunkel zurück. + +DER JUNGE: + +Hoffentlich hat mir dieser sogenannte Ruhm nicht deine gute Meinung +geraubt. + +DER ALTE: + +Das wäre nur der Fall, wenn er dich zur Selbstgenügsamkeit verführte. +Solche Leute stehen als Leichname inmitten ihrer Werke, und ihre Werke +sind krankgeborene Kinder, zu frühem Tod bestimmt. + +DER JUNGE: + +Vor allem, es gibt doch zweierlei Arten von Ruhm. Der eine geht von dem +Zeitlichen, Zufälligen, Augenblicklichen, Problematischen unserer Taten +aus; er kann dem echten wie dem verlogenen Werk gleicherweise zu Teil +werden und hat wenig zu schaffen mit dem andern Ruhm, der durch unser +ganzes Wesen bedingt ist, sich an den Zusammenhang unsrer Werke knüpft. +Jener ist wie der kurze Erfolg eines Witzboldes oder guten Plauderers in +einem geselligen Kreis, dieser wie das tiefe, stille, langsame Wirken +eines Priesters oder Menschenfreundes; jener wird von anderen +hervorgebracht und entsteht oft zu unserer eigenen Überraschung, dieser +aber strahlt von unserm Innern, von unserer Persönlichkeit aus und kann +auf alle Fälle erst nach dem Tod eintreten oder nach dem Abschluß +unseres Lebenswerkes; jener muß um den Beifall jedes Zeitungsschreibers +besorgt sein, dieser hat keinen andern Richter als das eigene Herz. + +DER ALTE: + +Es freut mich, daß du so denkst. Aber hast du auch immer in solchem Sinn +gelebt, gedichtet? Du meinst, ich sei dir in all den Jahren mit Absicht +ferngeblieben; dein Gefühl trügt dich nicht ganz. Aufrichtig muß ich +gestehen, daß mich dein Erfolg beunruhigt hat. Er war mir zu schnell, zu +laut, er ging mir zu wenig von der Sache aus und konnte sich zu wenig +auf die Kunst berufen. Ich wollte warten, und ich wartete dein nächstes +Buch ab. Ich war enttäuscht. Nicht als ob du dir darin untreu geworden +wärst, aber du warst unruhig in dir selbst. Die Vision deiner Phantasie +war nicht rein, sondern du sahst darin gleichsam die neugierigen +Gesichter deiner Leser, deiner Freunde. Du trachtetest sie zu +befriedigen und nicht dich selbst. + +DER JUNGE: + +Wahr, wahr. Doch ich habe gebüßt. Ich habe gebüßt, indem ich verachten +lernte. Ich habe gebüßt, indem meine Seele immer schmerzlicher nach mir +selber schrie. Kennst du diesen geheimnisvollen Zustand, der jedes +Verweilen friedlos, jedes Nachdenken bitter macht? Es ist als ob man +nach der Heimat reisen wolle und scheugewordene Pferde stürmten mit +einem nach fernen wüsten Ländern. Was für ein rätselhaftes Ding ist es +doch, das im Innern der Brust wohnt. Es hat eine Stimme, die den +schrillsten Marktlärm übertönt, und bist du dann in der Einsamkeit, so +schweigt es unvermutet, als wolle es sich rächen dafür, daß du ihm nicht +früher gehorchtest. Immer aufmerksamer, immer stiller mußt du werden, um +die Stimme nicht zu verlieren, nicht Weib und Kind und Geld und Gut +darfst du festhalten, wenn sie es nicht will. + +DER ALTE: + +So viel Einsicht bei so viel Irren! + +DER JUNGE: + +Wie könnte man Einsicht gewinnen ohne geirrt zu haben? Erinnerst du dich +unseres Gesprächs von damals über Wesen und Gesetze der Erzählungskunst? +Ich habe viel, habe oft darüber nachgedacht. Ich habe daraus in den +entscheidenden Punkten eine nicht mehr zu trübende Klarheit gewonnen. +Und doch, so bald ich nur eins dieser Gesetze, und wenn es das +lapidarste war, auf meine Arbeit anwenden wollte, so zerfloß es in +eitel Dunst. Es geht wie mit den aufgeschriebenen Paragraphen-Sammlungen +der Justiz gegenüber der lebendigen Menschenwelt. An sich betrachtet: +wahr, gerecht und klar. Auf das Ereignis, auf die Tat, den Augenblick +angewandt: nichtssagend, absurd, tot. Daraus schloß ich allmählich, daß +es kein andres Gesetz gibt, als dasjenige, das wir selbst durch die +Kraft unseres Werkes exemplifizieren. Jeder darf, was er kann. + +DER ALTE: + +Willst du aber leugnen, daß dir unser damaliges Gespräch förderlich und +notwendig war? + +DER JUNGE: + +Durchaus nicht. + +DER ALTE: + +Es ist das Problem der Erziehung. Gut und Böse liegt im Menschen. +Beispiel weckt Kräfte. Belehrung zeigt die Wege, zeigt die Schranken. +Der Philister, der immer nur die Landstraße wählt und der Bohême, der im +Gestrüpp stecken bleibt, keiner von ihnen kann Führer werden, jener ist +überflüssig, dieser schädlich. So ist es auch mit der Kunst und ihren +Gesetzgebern. Ich habe freilich gesehen, mit Kummer habe ich beobachtet, +daß du alles was du damals so eifervoll, so leidenschaftlich zu +ergreifen schienst, verächtlich beiseite geworfen hast. Nun, du bist oft +genug im Gestrüpp stecken geblieben, und noch heute sehe ich weder Weg +noch Ziel für dich; so hart es klingt, ich muß es sagen. + +DER JUNGE: + +Es klingt mir nicht hart. Ich muß dir so erscheinen. Du schaust vom Ende +eines Wegs auf mich zurück. Du weißt natürlich wie du gegangen bist, +aber wie ich gehen muß, das glaubst du nur zu wissen. Jedem ist sein +Schmerz notwendig, jedem seine Sehnsucht, sein Suchen, und wo ich nach +deiner Meinung verderbe, da ist vielleicht mein Heil. Wollte man doch +alles Kritisieren lassen, das sich nicht aufs Engste beschränkt, aufs +Greifbare, Haltbare! Ein menschliches Dasein ist kein Brettergerüst, +kann nicht mit dem Richtscheit ausgemessen werden, kann nicht mit Nägeln +und Klammern vor dem Geschick in Schutz genommen werden. Wenn es doch +keine Schulmeister mehr gäbe! In jedem Lehrer steckt so viel Härte und +Verhärtetsein, und was soll man erst zu jenen sagen, die aus bloßer +verwerflicher Lust an Überlegenheit einem Organismus, den die Natur +geschaffen hat, die Berechtigung zur Existenz absprechen. + +DER ALTE: + +So redest du für dich. Wehrst du dich aber nicht selbst gegen die +Stümper, gegen die frivolen Eindringlinge in den Tempelbezirk der Kunst? +Und bist du immer gerecht in der Unterscheidung? Täuscht dich niemals +ein Vorurteil, und das deiner Natur Fremde, suchst du es auch zu +verstehen, oder verwirfst du es nicht oft, nur weil es eben fremd ist? + +DER JUNGE: + +Du hast Recht. Aber der Verdruß gegen die Schwätzer und Windbeutel +enthält oft das wünschenswerte Entgegenkommen den noch unerschlossenen +und ringenden Kräften vor. Bei uns in Deutschland ist es besonders +traurig. Unter hundert Betrachtern und Beurteilern eines Kunstwerks ist +kaum einer, der imstande ist nur gerade, sagen wir: das Postament zu +begreifen, auf dem es ruht. Eitelkeit und Nüchternheit diktieren ihnen +ihr begeistertes oder verwerfendes Urteil. Überall guckt der +Schulmeister heraus, und wenn sie wohlwollend sind, dann glauben sie +schon weit zu gehen. Verzeih, daß ich jäh und bitter werde, aber sogar +du ziehst es vor Diktator zu sein, anstatt Freund, Versteher, Billiger, +Mitdeuter. Warum willst du nicht die Notwendigkeit hinnehmen, die mich +erfüllt? Vielleicht ist das, was ich unter unbesieglichem Zwang schaffe, +gar nicht so verschieden wie du meinst von dem, was die Formeln wollen. +Und wer nie eine der anscheinend ehernen Regeln verletzt und selbst das +erlauchteste Kritikerhaupt zum Schütteln zu bringen vermag, der ist kein +Schöpfer, der bleibt stets ein Beckmesser. + +DER ALTE: + +An der hohen Meinung von dir selbst hat es dir nie so sehr gefehlt als +an der von den andern. Aber ich bin dir keineswegs böse. Im Gegenteil +muß ich gestehen, daß mich dein Feuer seltsam erwärmt und daß mir dabei +der Gedanke aufsteigt, wie gleichgültig, fern und matt all dies +eifervolle Mühen um Dinge ist, die doch, man könnte fast glauben mit +einem spöttischen Lächeln, ihre eigenen Wege gehen. Der Mensch ist +alles, das Lebendige ist alles, und eine Natur, mit Sehnsucht, Mut und +Schöpferwillen begabt, wird, sei sie noch so eng, stets den Nörgler +beschämen. Aber es würde mich nun interessieren, wie du dir die Zukunft +deiner Kunst denkst, denn aus deinen Reden atmen mir Revolutionen +entgegen. + +DER JUNGE: + +Liebster Freund, wie schnell werden wir uns verständigen, wenn du so +spricht. + +DER ALTE: + +Und wie erstaunt werden wir sein zu bemerken, daß jeder nicht den andern +bekämpft hat, sondern sein eigenes Mißverstehen, seine eigene Ungeduld, +seine eigene Unsicherheit. Lassen wir also alles Allgemeine für diesmal +beiseite und erzähle mir von dir selbst, von dir allein. Ich denke, daß +ich so am meisten auch über deine Kunst erfahre. + +DER JUNGE: + +Meine Kunst! Ich gestehe dir, daß dieses Possesivpronomen für mich etwas +Erstaunliches und Fremdes besitzt. Wenn ich mich ehrlich prüfe, so habe +ich eigentlich keine Kunst. Was mich zur Arbeit treibt, ist nicht der +Drang etwas zu vollenden, nicht der Wunsch von etwas außerhalb meiner +Sphäre Liegendem Besitz zu ergreifen, nicht oder doch nicht in erster +Linie die Sehnsucht nach farbigem Bild oder plastischer Gestalt oder +Deutung eines Schicksals, sondern es ist etwas anderes, seltsames. Es +ist eine tiefe, immer wachsende Unruhe in meinem Innern; es ist als ob +in meiner Brust ein Wesen verborgen wäre, das sich selbst kennen zu +lernen, über sich selbst Klarheit und Wahrheit zu erlangen wünscht und +für das die Arbeit meiner Hand, das Geschaffene, nichts ist als ein +Spiegel, in dem es sich betrachten kann und der es je mehr befriedigt +und beglückt, je ruhiger und ungetrübter er das Bild seiner vorigen +Verzweiflung um sich selbst wiedergibt. + +DER ALTE: + +Das haben viele Dichter von heute. Deshalb vermögen sie ihre innere Welt +nicht mehr genügend zu objektivieren. + +DER JUNGE: + +Schon wieder der Schulmeister. Dein Tadel trifft nur jene, die noch +nicht starke Menschen genug sind, oder starke Künstler (denn in meinem +Sinn bedeutet das dasselbe), um dem Dämon, dem Zwerg, dem unruhigen +Wesen genug zu tun. Ihr Spiegel ist nicht rein legiert. Dies ist eben +das Neue: immer wichtiger, bedeutungsvoller, ich möchte sagen, +göttlicher wird der Mensch und seine Seele. Alle Erlebnisse verdichten +sich nach innen, alle Verwicklungen betreffen nur das Herz, oder sie +sind wesenlos und für den Dichter unbrauchbar. Warum das alles so ist +und wie es gekommen ist, das zu entwickeln fühle ich mich nicht kühl und +begabt genug, aber daß es so ist beweisen tausend Zeichen. Den groben +Augen und groben Sinnen scheint das in solcher Luft Gestaltete und +Geschaffene noch schattenhaft, aber mit der Zeit werden sie schon sehen +und fühlen lernen. + +DER ALTE: + +Das alles klingt mir gar nicht so neu und überrumpelt mich nicht so sehr +wie du anzunehmen scheinst. Ich glaube sogar, deine etwas wortreiche +Tirade ist völlig zu ersetzen, wenn wir sagen, du habest dich ganz den +Forderungen der Gegenwart ergeben. + +DER JUNGE: + +Und damit glaubst du etwas gesagt zu haben? Gut. Ja. Meinetwegen. Wenn +es dich befriedigt, ein Wort dafür zu wissen, -- meinetwegen. Glaubst du +denn, daß es Laune ist oder Trotz oder die eitle Lust zu verblüffen, was +unsre Besten in ihren besten Stunden bewegt? Sie sind nicht +Eigenwillige, sie sind Geschöpfe der Zeit, in ihnen kristallisiert sich +die Sehnsucht und das geistige Bedürfnis der Menschheit. + +DER ALTE: + +Von dir wollte ich etwas wissen, von _deiner_ Art etwas erfahren. + +DER JUNGE: + +Vielleicht bin ich dazu nicht imstande. Was nützte es, sofern du mein +Vermögen in Zweifel ziehst, wenn ich dir sagen wollte: ich will +Gestalten geben, deren Seele das reinste und empfindlichste Instrument +ist für das unbegreifliche Spiel des Schicksals? Ich will meine eigene +Furcht, mein eigenes Entzücken, meine eigenen Vorstellungen von Leben, +Gott und Tod zum Bilde machend, Wesen darstellen, die unter dem Druck +und Anhauch solcher Gefühle unvermittelter, vielfacher tönend reagieren; +die das Erstaunen des Kindes noch in sich tragen vereint mit der +Erfahrenheit des weisen Zuschauers und die unter dem Kleid des Alltags +dennoch wandeln wie wir alle wandeln, unwissend woher, unwissend wohin. +Ich will den einen zum Schatten machen, denn sein Dasein, seine +Leidenschaften, seine Triebe, seine Taten sind ihm und andern unbewußt +dunkel und nichtig wie Schatten, jenem aber, der zur Seite steht, nichts +will, nichts gibt, nichts vermag, nichts bedeutet, zur charakteristischen +Gestalt verhelfen. Ich will nicht die Verknüpfung äußerer Erlebnisse +geben, sondern die Wirrnis der inneren, ich setze keinen Ehrgeiz darein, +Fäden zu knüpfen und zu lösen. Ich möchte keine Gewitter geben, sondern +die Entwicklung des Gewitters, die schwülen Lüfte des ahnungsvollen +Tages, alles was vorher geht, was Verantwortung trägt. Ich will keine +prahlerischen Ereignisse, sondern ich suche den kleinen Schmerz, der in +tausendfachen Bildungen die Seele dem Verderben entgegenschleppt, und +dies alles will ich wieder einer großen Harmonie zuführen, die +mannigfach geteilten Motive dem Unendlichen vermählen. + +DER ALTE: + +Das geht weit, das hat Schwung, das klingt nicht übel. + +DER JUNGE: + +Wie es klingt, ist nicht so wichtig wie das wohin es zielt. Wir alle, +Kleine und Große, sind Glieder eines einzigen Körpers. Jeder hat teil an +jedem. Verworfen wird nur der Leugner. Lernen wir es, andächtig und +ehrfürchtig zu sein. + +DER ALTE: + +Und wenn wir alt sind, laßt uns nicht vergessen, zur rechten Zeit zu +sterben. + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand sich ursprünglich am +Buchende. + +p 009: auschließlich -> ausschließlich +p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt +p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen +p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo +p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren +p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung +p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als +p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first +edition copy. The table below lists all corrections applied to the +original text. The Table of Contents was moved from the back of the book +to the front. + +p 009: auschließlich -> ausschließlich +p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt +p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen +p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo +p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren +p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung +p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als +p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Imaginäre Brücken, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN *** + +***** This file should be named 17007-8.txt or 17007-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/7/0/0/17007/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/17007-8.zip b/17007-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d911f78 --- /dev/null +++ b/17007-8.zip diff --git a/17007-h.zip b/17007-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3e7c878 --- /dev/null +++ b/17007-h.zip diff --git a/17007-h/17007-h.htm b/17007-h/17007-h.htm new file mode 100644 index 0000000..6e864f3 --- /dev/null +++ b/17007-h/17007-h.htm @@ -0,0 +1,6164 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Imaginäre Brücken, by Jakob Wassermann. + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + a.page { + position: absolute; + right: 1%; + font-size: x-small; + color: gray; + display: inline; /* set to "none" to make page numbers disappear */ + } + a.page:after { + content: attr(title); + } + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + p.newsection { + margin-top: 3em; + } + p.newsection:first-letter { + font-size:161.8%; + font-weight: bold; + } + div.docImprint { + margin-top: 7em; + text-transform: uppercase; + } + p.copyright { + margin-top: 3em; + font-size: smaller; + text-align: center; + } + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding: 0 0.5em 0 0.5em; + border: 1px dashed black; + background-color: rgb(80%,100%,80%); + font-size: smaller; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + } + h1.title { + font-size: x-large; + letter-spacing: 0.1ex; + padding-left: 0.1ex; + line-height: 140%; + } + h3.title { + margin-top: 2em; + font-weight: normal; + letter-spacing: 0.5ex; + padding-left: 0.5ex; + line-height: 140%; + } + h5.title { + margin-top: 10em; + letter-spacing: 0.5ex; + padding-left: 0.5ex; + } + + h2.essay { + font-weight: normal; + font-size: x-large; + font-style: italic; + letter-spacing: 0.2ex; + margin-top: 2.6em; + } + h3.essay { + font-weight: normal; + font-size: medium; + font-style: italic; + letter-spacing: 0.1ex; + margin-top: 1.6em; + } + h3.subsection { + font-weight: normal; + font-size: medium; + } + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + hr { width: 33%; + margin-top: 2.6em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + + table {margin-left: auto; margin-right: auto;} + table.toc { + font-size: medium; + width: 50%; + /* line-height: 1.618; */ + } + table.toc caption { + font-size: x-large; + font-style: italic; + letter-spacing: 0.2ex; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + line-height: 3; + } + table.toc td.sub { + padding-left: 2em; + } + + body{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + .footnotes {border: dashed 1px;} + .footnote {margin-top: 3em; font-size: 90%;} + .footnote .label {text-decoration: none;} + .fnanchor {vertical-align: super; font-size: 80%; text-decoration: none;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Imaginäre Brücken, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Imaginäre Brücken + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: November 5, 2005 [EBook #17007] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + + +<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p> +<h1 class="title">JAKOB WASSERMANN<br /> +IMAGINÄRE BRÜCKEN</h1> + + +<h3 class="title">STUDIEN<br /> +UND AUFSÄTZE</h3> + + +<h5 class="title">KURT WOLFF VERLAG / MÜNCHEN</h5> + + +<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p> +<p class="copyright">Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München<br/> +<em class="gesperrt">Druck von Dietsch & Brückner, Weimar</em><br/> +<em class="gesperrt">Herbst 1921</em></p> + + +<hr style="width: 65%;" /> + +<table class="toc"> +<caption>Inhaltsverzeichnis</caption> +<tr><td></td><td align="right">Seite</td></tr> +<tr><td><a href="#Was_ist_Besitz">Was ist Besitz?</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_5">5</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Faustina">Faustina</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_29">29</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Literat">Der Literat</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_85">85</a></td></tr> +<tr><td class="sub"><a href="#Der_Literat_als_Dilettant">Der Literat als Dilettant</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_87">87</a></td></tr> +<tr><td class="sub"><a href="#Der_Literat_als_Psycholog">Der Literat als Psycholog</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_95">95</a></td></tr> +<tr><td class="sub"><a href="#Der_Literat_als_Tribun">Der Literat als Tribun</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_111">111</a></td></tr> +<tr><td class="sub"><a href="#Der_Literat_als_Schongeist">Der Literat als Schöngeist</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_124">124</a></td></tr> +<tr><td class="sub"><a href="#Der_Literat_als_Apostel">Der Literat als Apostel</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_131">131</a></td></tr> +<tr><td class="sub"><a href="#Die_Frau_als_Literat">Die Frau als Literat</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_140">140</a></td></tr> +<tr><td class="sub"><a href="#Ergebnisse">Ergebnisse</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_145">145</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Kunst_der_Erzahlung">Die Kunst der Erzählung</a></td> + <td align="right"><a href="#Page_151">151</a></td></tr> +</table> + + + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><a class="page" title="5"></a> +<a name="Page_5" id="Page_5"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Was_ist_Besitz" id="Was_ist_Besitz"></a>Was ist Besitz?</h2> + +<h3 class="essay">Geschrieben 1919</h3> + + +<p class="newsection">Die Zeit erschüttert die Begriffe und wühlt den +Boden auf, dem sie entwachsen sind.</p> + +<p>Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor +allem darum zu handeln scheint, den Wert, das Ausmaß +und die Rechtsgrundlagen von dem, was bisher +Eigentum hieß, zu revidieren und umzuformen.</p> + +<p>Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher +mit unwiderlegbaren Argumenten verteidigen +konnte, ja der geradezu ein Gesellschaftsgesetz war, +wird ihm plötzlich streitig gemacht mit Gründen, +denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck +verliehen wird durch Drohung von Gewalt. +Gewalt ist nicht zu widerlegen.</p> + +<p>So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private +Existenz gegriffen, daß der Bürger, das Mitglied einer +Gemeinschaft, die nur zum Schutz ihrer selbst besteht, +von einem andern Teil dieser Gemeinschaft in +seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten +Lebensbedingungen entrechtet werden soll, +und daß ihm zugemutet wird, die anscheinende Willkür +und Unbill nicht bloß geduldig zu ertragen, sondern +auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere +Ordnung darin zu erblicken.</p> + +<p>Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen<a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a> +die alte wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; +dazu fehlt mir die Befugnis und die Kompetenz. Es +soll auch nicht von Schlagworten des Tages die Rede +sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; +sie haben die Köpfe genug verwirrt, die +Leidenschaften genug erregt. Ich möchte das Wesen +des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach verschiedenen +Seiten, auf das innere und auf das äußere +Leben, das soziale und das individuelle, seine Legitimität +und seine Schädlichkeit, seine Fruchtbarkeit +und seine Unnatur.</p> + + +<h3 class="subsection">I</h3> + +<p>Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfüllt +gegen den, der Überfluß hat. Es gibt Verstoßene, die +durch keine Anstrengung dahin gelangen können, wo +die Lieblinge des Glückes sich am ersten Tage befinden. +So entsteht in Hunderttausenden, Millionen +Gemütern Bitterkeit, Haß, Neid und Auflehnung.</p> + +<p>Für den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der +andere hat, schon Überfluß. Wer nur ein einziges +Hemd besitzt, für den ist der Besitzer von zwei +Hemden ein mit Glücksgütern Gesegneter. Wer sich +nicht sattessen kann, für den ist der sorgenvollste +Satte ein Krösus. Wer kein Bett sein eigen nennt, in +dem er schlafen kann, für den ist der auf dem Strohsack +Ruhende beneidenswert.</p> + +<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich +viele Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen +des Besitzes hat. Zwischen dem in einer +Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im +Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen +Nabob in der ersten Kajüte mit Bade- und +Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf der alle +Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, +alle Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle +ausdenkbaren Schicksale der modernen Welt spielen.</p> + +<p>Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf +trennende Linie. Sie scheidet diejenigen, die ihre +Lebensnotdurft nicht stillen können, von denen, die +in der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse eine +selbstverständliche Voraussetzung erblicken. An dieser +Linie teilt sich die moderne Welt in zwei Lager. An +ihr wütet der soziale Kampf in seiner ganzen Furchtbarkeit.</p> + +<p>Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, +ein Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes +Gefüge ist, so muß man sich fragen, weshalb das eine +Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner Bedrückung, +seinem Leiden die bevorzugte Situation +des andern so lange erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, +allgemeinen, gewaltsamen Eingriff vorzunehmen. +Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter +der Ungerechtigkeit an sich trägt, mußte doch +umsomehr zum Umsturz herausfordern, als die zahlen<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>mäßige +Übermacht zu allen Zeiten auf Seite der Entrechteten +lag. Waren sie nicht genug durchdrungen +von ihrem Recht, dem Recht auf Brot und Wärme, +auf Luft und Licht? Hat man ihnen Schaustellungen +des Prunkes erspart? Wußten sie nicht, was erreichbar +war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem +Übermut und ihrer Härte? Warum also die Geduld?</p> + +<p>Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt +auf Seite der Reichen war; sie konnten die Gewalt +bezahlen, und unter denen, die bezahlt wurden, befanden +sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre +Brüder verrieten, eben weil sie bezahlt wurden.</p> + +<p>Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, +raffiniertes und uraltes System von Einschüchterung, +Betäubung und Verdummung die Masse der Unterdrückten +in Bann gehalten hat, und weil zudem die +Sorge für den Tag, die dringende Notwendigkeit, +Obdach, Nahrung und Kleidung zu beschaffen, den +größten Teil der verfügbaren Kräfte absorbierte.</p> + +<p>Es ist ein Stück der Wahrheit, aber es ist nicht die +ganze Wahrheit. Es ist die äußerliche Wahrheit, aber +nicht die innere.</p> + +<p>Nehmen wir an, es fände heute eine vollkommen gerechte +und gleichmäßige Verteilung aller vorhandenen +Güter statt, beweglichen und unbeweglichen; jedem +wäre so die Unabhängigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit, +die Möglichkeit, seinen Anteil nach +seinen Gaben und Kräften nutzbar zu machen. Dieser +<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>paradiesische Zustand würde genau so lange dauern +wie ein Tüchtiger braucht, um einen Trägen aus dem +Feld zu schlagen, ein Listiger, um einen Dummkopf +zu betrügen, ein Glückspilz, um über einen Pechvogel +zu triumphieren, eine talentvolle und feurige +Persönlichkeit, um Anhänger für eine Sache oder Idee +zu gewinnen, der sie sich versprochen hat.</p> + +<p>Daß in der von Menschen (so wie Menschen einmal +sind) bevölkerten Welt eine Besitznivellierung stattfinden +kann, halte ich für denkbar, obgleich ich +fürchte, daß sie ohne Raub, Bedrückung, Gewalt und +Ungerechtigkeit nicht durchzuführen ist. Daß sie +aber auch nur auf kurze Dauer rechnen kann, halte +ich bei einer Gemeinschaft, die nicht ausschließlich +aus Ackerbauern, Fischern, Jägern und Viehzüchtern +besteht, für undenkbar. Und auch hier würden sich +die Schlauen, die Tätigen, die Erfinderischen bald +absondern, und Herren würden Sklaven finden. Eine +Binsenweisheit im übrigen.</p> + +<p>Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste +von allzulange hörig Gewesenen erhebt, ist auf den +katastrophalen Moment dieser Epoche gestellt; sie +lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit +hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer +Hypertrophie erreicht. Das über und +über gehäufte Mehr auf jener Seite soll abgetragen +werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren. +Ich weiß nicht, wie das geschehen soll, ich weiß nicht, +<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>ob es geschehen kann, auf eine vernünftige, ersprießliche, +rettungversprechende Art nämlich. Daß es wichtig, +daß es würdig und menschlich wäre, wenn es geschähe, +weiß ich, auch wenn mir die Sachverständigen +mit klugen und wahrscheinlichen Berechnungen vor +Augen führen, daß es den Zusammenbruch der gegenwärtigen +Gesellschaft bedeute, und sich dieser in +Rußland ja bereits vollzogen habe. Kein Bestand +irgendeiner Ordnung vermag dafür zu entschädigen, +daß lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, daß +sie besteht.</p> + +<p>Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde +gehen. Eine Wut der Materie hat sich des Zeitalters +bemächtigt, die gegen alle Einflüsse des Geistes, der +Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige Nutzanwendung +wirft überall die Logik der Dinge und +der Geschehnisse aus der Bahn. Forderung überschreit +Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz der Zahl ist +im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide +gleich seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos +zu sich selbst, in einer durch die Materie getrübten +Beziehung zum andern und zur Welt, abgetrennt vom +sittlichen Verlauf, weil völlig geblendet oder erschreckt +vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren +sein, alle wollen sich ihrer bemächtigen.</p> + +<p>Jede Tätigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbrüchliche +Legitimität. Diese Legitimität ruht nicht +in der Materie, sondern im Geiste.</p> + +<p><a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben +und Andenken der gierigen und unempfindlichen +Raffer und Wächter toten Eigentums, die das Blut +schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul +und achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution +beriefen, wenn die Lohnsklaven im Dunst +der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende +Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger +sie zur Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren +gesicherten Asylen verschanzten, beschützt von Polizei +und Militär, wenn die Not zu ihnen schrie, das +tausendfältige Elend der Städte sich verzweifelnd erhob, +der tausendfältige Schmerz seine fahlen Züge +zeigte. Wehe den Aktienparasiten, den gelangweilten +Müßiggängern, den Spielern mit Menschenseelen und +Wucherern mit Menschenkräften, den Petrefakten +und dem schillernden Geschmeiß einer untergehenden +Welt!</p> + +<p>Aber diese Schädlichen und Hinderlichen haben und +hatten von jeher im Lager der Armen und Geknechteten +ein unabsehbares Heer von Lakaien, Agenten, +Anwälten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen +Kreaturen, die, gefällig jedem Wink, auf das +Erträgnis ihrer Dienste angewiesen, in Schranken gehalten +durch die Stimme des Eigennutzes, zitternd vor +der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber, +durch die Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam, +die nach wirkende Zucht der Kirche und der Schule zur +<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Indolenz und Scheinüberzeugung gebracht, stützendes +Element auf der einen, hemmendes auf der andern +Seite der Linie waren.</p> + +<p>Daraus jedoch schließen zu wollen, als hätte die Stabilität +der bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in +unreinen Gesinnungen und niedrigen Interessen, in +der Trägheit und Knechtseligkeit der Massen ihre Ursache, +hieße der billigen Demagogie das Wort reden, +die heute die Straße und die politische Schaubühne +beherrscht und die die menschliche Natur und das +Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder +sie überhaupt nicht in den Bereich der Argumente +zu ziehen vermag. Was ebenfalls ein Merkmal geistigen +Abstiegs ist.</p> + + +<h3 class="subsection">II</h3> + +<p>Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut +oder böse, ist Achtung vor dem Besitz des andern +Menschen angeboren.</p> + +<p>Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits +eine anarchische Seelenstimmung, die unmittelbar +in die Verzweiflung mündet. Ehe solcher Zweifel +Wurzel faßt, muß der Glaube an die eigene Kraft +verschwunden sein; es kann keine Idee mehr vorhanden +sein, die der Brutalität der Wirklichkeit entgegentritt +und sie unter sich läßt; das persönliche +Wertgefühl ist ertötet.</p> + +<p>Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang +Idee. Nicht das, was mir vorenthalten wird, ist der +<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>fremde Besitz, sondern das, was mir unerreichbar ist; +nicht das, worum ich durch Fügung oder Tücke betrogen +worden bin, sondern das, was außerhalb meiner +Sphäre liegt.</p> + +<p>Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die +Norm der sittlichen Verfassung vorausgesetzt, kommt +es nicht in Frage, ob der Nachbar, der Freund, der +beliebige Andere Vorrat und Anhäufung von Dingen +hat, an denen ich Mangel leide. Auch seine Würdigkeit +kommt nicht in Frage, sein Wagnis nicht, seine +Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den Andern, +sondern nur, was mich betrifft.</p> + +<p>Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich. +Was ich von der Welt erringe, um meinen leiblichen +oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist Besitz. Besitz +ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Faßbares, +Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium +meiner Person und innerhalb ihres Wirkungskreises +irgend Leben erhält.</p> + +<p>Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von +Besitz, ein Unschaubares, Unfaßbares, Unbrauchbares, +das Unding schlechthin. Deshalb entsteht +Täuschung und Lüge, wo es für Besitz genommen +wird, Haß und Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt +es sich nicht in das Ding, gibt es seinen Charakter +als Vorwand nicht auf, bleibt es als häßliche +Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz +und gar Gespenst von Besitz, so ist es verzeihlich und +<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>logisch, daß unter denen, die von seinem widrig-geheimnisvollen +Zauberring ausgeschlossen sind, +die in Not verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen, +eines Schattens, einer Formel nicht bemächtigen +können, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht, +eine finstere Erbitterung, schließlich ein Wahnsinn, +Massenwahnsinn, der genau das Bild unserer Tage +malt.</p> + +<p>Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das +Unding ist eines mit dem Ungeist.</p> + +<p>Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens +die Würde seines Seins. Am Ding kann ich mich +messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann es mir +inkarnieren, es kann mich nähren, kleiden, schützen, +tragen, fördern; es ist, je nachdem, Schmuck oder +Lehre, Lohn oder Geschenk, Waffe oder Trophäe, +Beute oder Erwerb.</p> + +<p>Die ursprüngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen +dem Ding gegenüber ist die Ehrfurcht vor seiner +Bestimmung. Und davon ging ich aus. Es knüpft +sich hieran von selbst der Glaube an die persönliche +Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung. +Das quälende Mißverhältnis in der sozialen +Wirtschaft, die unüberbrückbare Kluft zwischen den +aufs äußerste gesteigerten Extremen fällt allein dem +Dämon zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt, +denen trotzdem Tauschgeltung eignet, das den +Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung entwertet +<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung +der sozialen Kräfte herbeiführt.</p> + +<p>Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges +und Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser +ist für den, der besitzt, kennzeichnet es auch +die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es sind +dies, tiefer betrachtet, zwei völlig verschiedene Gattungen +von Menschen und demgemäß zwei völlig +verschiedene Eigenschaftsgruppen, die zu betrachten +sind.</p> + +<p>Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Phänomen, +daß zwischen dem Verlangenden und dem +verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung +herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinität, die +auf die Schnelligkeit der Erfüllung Einfluß hat, ein +seelisches Fluidum, das mit größerer oder geringerer +Gewalt das Zueinandergehörige zueinander bringt. +Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch, +kann man auch vom Schicksal zwischen Mensch und +Ding sprechen.</p> + +<p>Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist, +das zu entscheiden, ist nicht einfach. Das Erwägen +solcher Möglichkeit freilich fordert bereits die Entrüstung +der Rationalisten heraus, und ich möchte in +diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und +Wirkung eines Magnetismus dürfte auch von Grobnervigen +nicht geleugnet werden; er kommt ja in alltäglichen +und trivialen Vorgängen oft genug zur Er<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>scheinung. +Bemerkbar ist natürlich das Verhalten des +Menschen, der zum Ding steht.</p> + +<p>Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen, +Fähigkeit, Überlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte +Wert, der Wert im Bewußtsein der andern +und die Weite des trennenden Wegs bringen die +Summe des Müheaufwandes hervor und ergeben die +moralische Schätzung für ihn. Ehrgeiz entfaltet sich; +Pläne werden erdacht; Anstrengungen wiederholen +sich beständig; der Geist wird gebunden und auf ein +Ziel gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt +werden müssen; Hindernisse erheben sich außen, +Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der Wunsch +trübt sich, erglüht wieder; alles dies in niedriger wie +in hoher Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei +dem Ringen um ein kostbares Gut. Das Bild dessen, +was errungen werden soll, ist das fortwährend verjüngende +und erneuernde Movens, der Kräftespeicher, +der Feuerspender; es diktiert den Rhythmus, die Flughöhe, +schafft die Züge und die Gestalt des Lebens, es +ist das Leben geradezu.</p> + +<p>Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen +Lebensgesetz stehen, sind hiervon in gleicher Weise +umschlossen. Wo das Unding nicht die Herzen und +Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Geschöpf +einerseits zur Maschine oder gar zum Teil +einer Maschine erniedrigt hat, andererseits die, die +sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in feige, +<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende, +nur menschenähnliche Hüter und Zuchtmeister verwandelte, +überall dort ist Spiel freier Kräfte, Spannung +und Ausgleich, Begehren und Befriedigung, +Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren +Stufen auf obere, von oberen auf untere, Aufstieg und +Fall, edle Sucht und gemeine, eigennütziger Trieb +und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung +in der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des +Besitzes die Deutung und der Inbegriff der vitalen +Bewegung.</p> + +<p>Sogar jene Unglücklichen, die Hingewürgten und +ihre Würger, kennen sie auch nicht den Besitz als +schöpferisch treibendes Element, so kennen sie ihn +doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verhängnis +des Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden +der Fetischismus, bei den entseelt Besitzlosen die +Rauschillusion und Aufpeitschung durch das Stimulans.</p> + +<p>Die opfervolle Bemühung, das engverstrickte Maschenwerk +von Interessen und Leidenschaften, das erschütternde +Theater des Empor und Hinab der Existenzen +nennt man sozialen Kampf. Es ist, näher besehen, der +Kampf des einzelnen um sich, um das, was er liebt, +um den Boden, um die Luft, um das, was er braucht, +damit er sein kann, was er ist.</p> + +<p>Geprüft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt +durch die Prämie. Je spezifischer, persönlicher, ein<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>maliger, +einzigartiger die Leistung, desto höher die +Prämie, sei sie nun von materieller, moralischer oder +geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange +vorenthalten, auf lange Sicht gebucht, und wird, in +ihrer letzten Entmaterialisation als Ruhm, als Kult bezahlt; +völlig unterschlagen kann sie nur in seltenen, +tragischen Fällen werden.</p> + +<p>Darum löst die Prämie, wenn sie im harmonischen +oder wenigstens annähernd harmonischen Verhältnis +zur Leistung steht, das Gefühl vollzogener Gerechtigkeit +aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner +Betätigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf +des ganzen Gesellschaftsorganismus in ihr seinen +Herzpunkt hat, ist auch jeder irgendwie für sie in +Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das +System befehden, mögen List, Betrug, Verbrechen die +Prämie verdrängen, verkleinern, abwendig machen, +den natürlichen Gang beeinflußt es nicht.</p> + +<p>Der Fähige fordert und wird bezahlt. Im Unfähigen +schlummert neben der Traurigkeit des Unbelohnten +auch ein heimliches Bewußtsein von Schuld.</p> + + +<h3 class="subsection">III</h3> + +<p>Das Buch, das ich erworben habe, ist mein Eigentum. +Derjenige Teil meiner Arbeit, der den Kaufpreis repräsentiert, +ist die Leistung.</p> + +<p>Somit wäre der Prozeß ein- für allemal erledigt: ich +kaufe ein Buch, stelle es ins Regal und bin Besitzer. +<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>Ob ich es gelesen oder nicht gelesen, benützt oder +nicht benützt, verwertet oder nicht verwertet habe, +das ändert an meinem Besitzrecht nichts.</p> + +<p>In der Tat ist dies der Vorgang bei allem bürgerlichen +Besitz: die Leistung ist erledigt und bewiesen durch +den Kauf, wobei ich nach dem bisher Gesagten unerörtert +lassen kann, ob sie legitim oder illegitim ist. +Es kommt das weiter nicht in Betracht.</p> + +<p>Nun leuchtet es ein, daß es keineswegs dasselbe ist, +ob ich einen Sack Mehl kaufe, um ihn zum Kochen und +Backen zu verwenden, oder ob ich Bücher kaufe, um sie +ins Regal zu stellen. In dem einen Fall ist meine Leistung +zweckhaft, im andern anscheinend zwecklos.</p> + +<p>Man nehme jedoch an, ich sei Sammler von Büchern, +es sei meine Passion und mein Entzücken, seltene +Ausgaben, kostbare Exemplare oder eine möglichst +vollständige Reihe der über eine Wissenschaft erschienenen +Werke zu besitzen, so tritt bereits eine +Zweckhaftigkeit hervor, auch dann, wenn ich mich +niemals mit einem von ihnen beschäftige, ihren Inhalt +nicht kenne, nicht verstehe, nicht schätze.</p> + +<p>Oder man nehme an, ich hätte eine umfangreiche +Bibliothek ererbt und obwohl ich lieber faulenze oder +Forellen fische oder Blumen züchte, sei ich durch +Pflicht der Pietät, stille Abmachung von Geschlechtern +her verbunden, sie unangetastet, unverwertet in +meinem Hause zu verwahren, selbst auf die Gefahr +hin, daß sie mir zur Last falle.</p> + +<p><a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>Und schließlich nehme man an, die Bücher seien mir +unentbehrlich, weil ich mir eine bestimmte Einsicht, +eine Erkenntnis verschaffen will, weil sie Hilfsmittel +zu meiner Arbeit sind, weil ich zu jedem einzelnen in +einer besonderen Beziehung stehe, die beständig wechselt, +beständig fluktuiert und infolgedessen sich beständig +erneut, meine Persönlichkeitsgrenze erweitert +und die Fähigkeit zur Leistung erhöht, so liegt der +Zweck offensichtlich am Tage.</p> + +<p>Demgemäß sind vier Kategorien des Besitzes zu unterscheiden: +Verbrauchsbesitz, Schmuckbesitz, Erb- und +Anhäufungsbesitz und Produktionsbesitz.</p> + +<p>Das Merkmal des Verbrauchsbesitzes ist der Abbruch +der Leistung mit dem Nutzgenuß; des Schmuckbesitzes: +die Leistung zum Phantasiegenuß; des Erb- und +Anhäufungsbesitzes: die brachliegende Leistung; +des Produktionsbesitzes: die Verwandlung der Leistung +in höherer Sphäre zu höherer Gestalt.</p> + + +<h3 class="subsection">IV</h3> + +<p>In Bernard Shaws »Candida« sagt der Pastor Morell: +Wir haben so wenig das Recht, Glück zu verbrauchen, +ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu verbrauchen, +ohne ihn zu erwerben.</p> + +<p>Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den stärksten +Nachdruck auf die Begriffe: Glück erzeugen und +Glück verbrauchen. Einen um so stärkeren Nachdruck, +als diese scheusälig entwürdigte und besudelte +<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Welt um uns so glücklos geworden ist, so zerfetzt +und entstellt und in den Morast geschleift, daß sie in +unserm beleidigten Bewußtsein nicht mehr froh gemacht +werden kann, und wenn Gott die Heerscharen +seiner Engel als Gärtner und Baumeister schickte.</p> + +<p>Wer sind die, die mehr Glück erzeugen, als sie verbrauchen? +Seltene Menschen, die seltenen Weisen, +seltenen Dichter, seltenen Lehrer und Versöhner, Former +der Herzen, die Ausjäter, Wahrheitskünder, Gestaltenbildner, +die oft im verborgenen stehen, ins +verlorene gehen, in der Tiefe hinschwinden, der sie +entstammen. Und je mehr Glück sie erzeugen, je +weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu +verbrauchen. Sie produzieren den Überschuß, der der +Menge der zur Produktion minder Befähigten zugute +kommt.</p> + +<p>Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel +Glück der Sammler von Büchern, Münzen, Teppichen, +Gläsern, Waffen oder sonstigen Dingen erzeugt. Zumeist +ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer. +Tiefes Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem +die Freiheit fehlt, den Besitz hörig macht. Alles Segensreiche +liegt aber in der Freiheit, in der Mitteilung, in +der schenkenden Kraft.</p> + +<p>Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen +der Rechenschaft entziehen, so auch die letzten +Ziele. Selbst bei den primitivsten fließt das Endliche +an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich +<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>seiner Motive und Absichten klar zu sein dünkt, wäre +sonderbar getäuscht, wenn er alle Folge im Schicksalsverlauf +überblicken könnte. Wie das endlich Gedachte +unendlich, so wird das eigensüchtig Getane allgemein; +in irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg, +zu irgendeiner Zeit.</p> + +<p>Die egoistisch beschränkte Leidenschaft eines Sammlers, +die gesellschaftsfeindliche Gier eines Güteranhäufers +ruft Bewegung weit über den Kreis dieser +Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv +auf andere Individuen und verdichten sich außerdem +im Objekt. Von da aus schaffen sie neues: sie schaffen +Werke, Anschauungen, Spannungen, Wetteifer, Erkenntnis, +Freude und Schönheit. Das Individuum +und seine Motive sind überwunden. Die Dinge und +die in ihnen verdichtete, von ihnen wieder ausströmende +Bewegung überwinden die Niedrigkeit und +die Endlichkeit des Individuums.</p> + +<p>Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken +stehen, welche einst Eigentum der Borgias waren, +haben keine Erinnerung daran und brauchen sich +nicht an der Tatsache zu stoßen, daß diese Leute +infame Giftmörder und Banditen waren, die nebstbei +die modische Herrenlaune hatten, Bilder und Statuen +zu sammeln.</p> + +<p>Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten, +auch auf den Sammler, der als Figur erklärt hat, was +zu erklären war. Wichtig ist die Erzeugung von Glück, +<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>von Freude, von Schönheit. Sie ist keineswegs nur +von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abhängig; sie +umfaßt das ganze Gebiet des realen Lebens, das Angenehme, +das nutzlos, das Spielhafte, das brotlos, das +Glänzende, das zwecklos ist, den Überschwang und +Überfluß, die heitere Fülle, Fest und Illumination, +den Perlenschmuck am Hals einer Frau, den Pomp +des Fürsten, den Luxus des Millionärs, die Puppe in +der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht, +die Marmorsäule des Tempels, die bunte Tracht des +Wilden, den goldenen Rahmen eines Spiegels, die +Blumen auf einem Grab.</p> + +<p>Dies alles ist Frucht des Besitzes, und würde nach +der unmittelbaren Nützlichkeit gefragt, so müßte geantwortet +werden: es ist verschwendeter Besitz. Die +Frage nach Nützlichkeit und Notdurft steht der nach +Glück und Schönheit schroff gegenüber. Wäre es den +Menschen versagt, für ein anderes Ziel zu arbeiten +als für die Befriedigung ihrer leiblichen Bedürfnisse, +mehr anzustreben als höchstenfalls das persönliche +Behagen auf Grund der Erfüllung der gemeinen +Sinnengelüste; wären diese gewährleistet und der +Pakt würde geschlossen um den Preis der Abkehr +von Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und +Überflüssigem, so verwandelte sich die Erde in ein +düsteres Gefängnis, wo zweckbeladene, vom Zweck +kastrierte Sklaven langsam zu Idioten würden, in +einen Stall satter, verdauender Tiere, von denen eine +<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>Anzahl von Zeit zu Zeit die übrigen in geheimnisvoller +Tollwut überfallen und zerfleischen würde. +Diese Tollwut wäre die Rache der verstörten, vergifteten, +medusisch gewordenen Phantasie; denn Phantasie +kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins mörderische +verkehrt werden.</p> + +<p>Leben wir denn nicht in einer Welt, ähnlich der? Nur +daß der Pakt unzulänglich ist, daß die gemarterten +Tiere, weit entfernt, satt zu sein und zu verdauen, +hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande +gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die +Kreatur winselt. Nutzzweck heißt der Tiger, der uns +in den Klauen hält, daß das edelste Blut der Menschheit +ausrinnt und sie sich nur noch müht um das, was +ihre Blöße bedeckt und ihren Magen füllt. O angstvoll +starre Blicke, auf den Trog geheftete Blicke, ihr +kennt kein geläutertes Verlangen mehr; o Freunde, +zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach +gejagte Vögel, ihr wißt nichts mehr von Aufschwung +und Jubel, der Enthusiasmus ist gestorben in euern +Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem +Büttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von +der Maschine, von der Materie, vom Zweck Besiegte +und Entherzte!</p> + + +<h3 class="subsection">V</h3> + +<p>Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so +verschieden wie Ich und Welt. Wer ein Ding besitzt, +unternimmt es, ein Stück Welt seinem Ich einzuver<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>leiben. +Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt +im Problem der Identität.</p> + +<p>Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind +äußerliche Regelungen und Festsetzungen, soziale +Dringlichkeiten. In Wahrheit erringe ich den Besitz +einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe. Es gibt +kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe.</p> + +<p>So wäre also auch die Liebe ein Problem der Identität? +In der Tat scheint es mir so zu sein. Setze ich +an die Stelle des Begriffes »Welt« den Begriff »Du«, +so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles +Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du +machen. Es ist die höchste erreichbare Stufe des Besitzes, +und deshalb hat auch die Dichtung kein anderes +Wort dafür als: einander besitzen.</p> + +<p>Um aber das Alltägliche des Gegenstandes nicht zu +früh aus dem Auge zu verlieren, so wird man einwenden, +es heiße doch viel gefordert von der Spannweite +und dem Liebesvermögen der menschlichen +Psyche, wenn man ihr zumutet, daß sie sich mit allen +den Dingen erotisch verschmelzen soll, die unentbehrlich +sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz, +all den Krücken und Behelfen, den Bindungen +und Füllseln, deren Bestimmung es ist, aufgenommen +und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt +zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren +schließlich, das bei besserer Einsicht und vermehrter +Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren wei<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>chen +oder bei herabgedrückten Umständen abermals +dem Geringeren Raum geben muß.</p> + +<p>Darauf ist zu erwidern, daß das durchaus eine Angelegenheit +des subjektiven Kräfteverhältnisses und +der individuellen Phantasiefähigkeit ist. Ich kenne +Leute, denen es, bei offenbarer Wohlhäbigkeit, eine +gewisse Überwindung kostet, sich von einem Paar +abgetragener Stiefel zu trennen, wie es andere Leute +gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen teuern +Menschen von sich stoßen, wenn es ihr Vorteil erheischt. +Es kann sogar ein und dieselbe Person sein, +die beides zu tun imstande ist. An Dingen Haftende +sind gewöhnlich nicht solche, die für Menschen glühen +oder für Menschliches sich einsetzen, und andererseits +hat die Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare +Liebe für das Ding zur Folge. Die universalen +Seelen, wie Goethe eine war, vermögen mit ihrer Liebe +ein ganzes Universum zu umschließen, den Stein, die +Blume, die Sterne, die Werke der Künstler, die Menschheit, +den Teufel und Gott; die engen Herzen müssen +mit ihrem beschränkten Platz wirtschaften, und wenn +es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung +fehlt, geht alles drunter und drüber, und das +Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften, zum +Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik. +Man ist geneigt, darin Lüge und Verlogenheit zu +sehen, es ist aber meist nur Enge und wegen der Enge +Verwechslung und Verwirrung.</p> + +<p><a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte +alle Dinge, die mir in sinnvoller Beziehung zu denen +zu stehen schienen, welche sie besaßen. Ich liebte sie +fast ebenso, als hätte ich selbst sie besessen. In dem +Maß, als mir Besitz zuwuchs, so kärglich dieses Maß +auch war, erlahmte die Fähigkeit zu solcher Phantasieliebe, +denn die von mir besessenen Dinge standen +fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie +entkräfteten die Flügel, die im Fluge alles bedecken, +sie ernüchterten die Augen, die im Traum alles an +sich reißen konnten, im Traum der Identität.</p> + +<p>Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos. +Nur der ist es, der wissend auf Besitz verzichtet. Aber +es ist dies kein gesellschaftliches Ideal, sondern ein +religiöses, kein europäisches, sondern ein orientalisches, +kein sentimental-humanitäres, sondern ein +unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung, +sofern man überhaupt von der Verwirklichung eines +Ideals reden kann, führt nicht das modern-kommunistische Diktat +der Enteignung, sondern das mythisch-buddhistische +der Entäußerung.</p> + +<p>»Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und +zwar: durch Auflösung von Bild und Begriff wird +Bewußtsein aufgelöst, durch Auflösung des Bewußtseins +wird Bild und Begriff aufgelöst, durch Auflösung +von Bild und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelöst, +durch Auflösung des sechsfachen Reiches wird +Berührung aufgelöst, durch Auflösung der Berührung +<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>wird Gefühl aufgelöst, durch Auflösung des Gefühls +wird Durst aufgelöst, durch Auflösung des Durstes +wird Anhangen aufgelöst, durch Auflösung des Anhangens +wird Werden aufgelöst, durch Auflösen des +Werdens wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung +der Geburt wird Alter und Tod aufgelöst, Schmerz +und Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung gehn +zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensstückes +Auflösung zustande. Auflösung, Auflösung!«<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></p> + + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a> +<a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> +Reden Gotamo Buddhos, übersetzt von Neumann.</p></div> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" title="29"></a> +<a name="Page_29" id="Page_29"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Faustina" id="Faustina"></a>Faustina</h2> + +<h3 class="essay">Ein Gespräch. Geschrieben 1907</h3> + + +<p class="newsection">Vor Jahren hatte in einem geselligen Kreis, in dem +ich damals verkehrte, die junge C. viel Aufsehen +gemacht. Abkömmling einer alten Adelsfamilie, hatte +sie sich, kaum zwanzig Jahre alt, von dem Zwang und +Drill ihrer Welt befreit, um, wie sie sich ausdrückte, +»selbst« zu leben. Die Ungebundenheit ihrer Lebensführung +war in der Tat erstaunlich. Eine Zeitlang +kämpfte sie im größten Elend; plötzlich ging sie zum +Theater, dort heiratete sie einen Schauspieler, von +dem sie sich nach dreimonatlicher Ehe wieder trennte. +Um Geld zu verdienen, übersetzte sie mittelmäßige +Romane aus dem Französischen. Eines Tages hieß es, +sie sei mit einem reichen Brasilianer verlobt und mit +ihm in seine Heimat gereist. Aber schon nach Jahresfrist +kam sie zurück, – ohne Brasilianer, leider genau +so arm wie zuvor.</p> + +<p>In dieser Zeit näherte ich mich ihr. Wir hatten uns +ziemlich viel zu sagen. Faustina, so wurde sie meist +kurzweg genannt, war geistreich, und, was mehr ist, +ihr Geist hatte Fundamente. Sie war schön und sie +war exzentrisch; nimmt man aber dies Wort in genauem +Sinn, so hatte sie mehr Mittelpunkt als diejenigen, +in deren Bezirk sie sich fremd erschien. Ob +<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>sie auch immer anziehend war, lasse ich dahingestellt; +eine Fremde war sie durchaus, stets fremd, nie bürgerlich +vertraut, höchstens seelisch verwandt. Zur Abenteuerin +fehlte ihr die Skrupellosigkeit, und um eine +große Dame zu sein, war sie zu ruhelos und zu voll +von Opposition.</p> + +<p>Wieder eines Tages war Faustina verschwunden. Sie +verabschiedete sich nicht einmal von mir. Niemand +wußte, wohin sie gegangen war, und sie blieb verschollen. +Man vergaß sie, auch ich verlor sie beinahe +aus dem Gedächtnis. Da, wiederum nach Jahren, begegne +ich ihr plötzlich auf der Straße. Sie gewahrt +mich, sie zögert, ich mache Miene, sie anzureden, sie +grüßt und geht weiter. Kurz darauf erhielt ich ein +Billett von ihr mit der Aufforderung, sie zu einer bestimmten +Abendstunde zu besuchen.</p> + +<p>Sie wohnte in einer Vorstadtpension. Ich trat in ein +Zimmer, das die übliche Halbeleganz fliegender +Quartiere aufwies. Faustina war noch immer schön, +aber wie von einem sich entlaubenden Baum kann +man auch von dem Herbst eines menschlichen Gesichts +sprechen. Ohne Zweifel las sie in meinem Gebaren, +daß ihre lakonische Einladung eher geeignet +war, Neugier zu erregen als an freundliche Beziehungen +zu erinnern. »Die Sache ist die, daß ich ganz ausgehungert +darnach bin, mit einem vernünftigen Menschen +zu reden«, sagte sie. »Ich habe berechnet, daß +ich seit siebzehn Monaten bloß mit Kellnern, Kut<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>schern, +Zimmervermieterinnen, Hausmeistern und +Ladenmamsellen gesprochen habe. Das heißt doch +leben, wie? Daß ich so viel Talent zur wandelnden +Mumie besitze, wer hätte das gedacht.«</p> + +<p>»Sie haben immer zu überraschen verstanden, Faustina«, +versetzte ich ablenkend.</p> + +<p>»Als ich Sie auf der Straße sah,« fuhr sie fort, »hatte +ich ein Gefühl just wie Robinson, als er das erste +Schiff vor seiner Insel gewahrte.«</p> + +<p>»Und doch sind Sie davongelaufen, gar nicht wie +Robinson, sondern wie Freitag, der scheue Wilde.«</p> + +<p>»Ja; scheu bin ich geworden. Wenn ich wenigstens +schreiben oder musizieren könnte! Den Kunstdilettanten +bietet die Welt immer noch Lockungen, und +von allem, was im Menschen abzutöten ist, stirbt die +Eitelkeit zuletzt. Aber leider, ich bin stumm geboren, +und der bloße Kunst<em class="gesperrt">genuß</em> quält den Stummen +manchmal mehr, als er ihn beruhigt.«</p> + +<p>»Ich wundre mich, Faustina. Sie waren doch stets +obenauf. Eine richtige, tüchtige Schwimmerin waren +Sie. Haben Sie denn keine Arbeit, keine Betätigung +mehr?«</p> + +<p>»Ich finde es langweilig, zu arbeiten. Was kommt +dabei heraus? Eine Art von Trunkenheit und Selbstbetrug +bestenfalls. Arbeiten, wie das klingt! Dem +Leben mit Gewalt ein Versprechen abnötigen! Ich +brauche keine Versprechungen mehr, ich glaube an +keine mehr. Vorläufig hab ich noch ein bißchen Kapi<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>tal, +meine Eltern sind nämlich gestorben, und man +hat mir den Pflichtteil ausbezahlt. Aber von den +Zinsen könnt ich nicht leben, das würde höchstens +für eine Büchse Kaviar im Monat reichen.«</p> + +<p>»Also ist am Ende Ihre Einsamkeit ein ökonomisches +Prinzip?«</p> + +<p>»Um Gottes willen, wer wird so philisterhaft denken!«</p> + +<p>»Und da treiben Sie sich nun mutterseelenallein herum, +ohne Genossin, ohne Freundin –?«</p> + +<p>»Ach was, Freundin! Ich habe keine Freundin, habe +nie eine gehabt. Eine Frau hat niemals eine Freundin.«</p> + +<p>»Aber die Freunde, Faustina! Sie ließen mich einmal +glauben, daß ich Ihr Freund sei.«</p> + +<p>»So? Wirklich? Mag sein, doch ich ärgerte mich, daß +Ihnen keinen Augenblick lang der Einfall kam, etwas +anderes sein zu wollen.«</p> + +<p>Sie lachte über mein verdutztes Gesicht und fuhr fort: +»Spricht man hingegen nicht vom Freund, sondern +von den Freunden, so muß ich gestehen, daß ich für +solche Beziehungen nicht viel übrig habe. Die Freunde, +das sind Wesen von einer geradezu lächerlichen Gefräßigkeit. +Sie verdauen schneller als die Hühner, und +sie bleiben immer mager, ihr Herz bleibt immer +mager.«</p> + +<p>»Dennoch, Faustina, mit Menschen verbunden zu +sein, bleibt der schönste Vorzug des Menschen. Einen +isolierten Zustand schadlos zu ertragen, dazu gehört +schon eine ungewöhnliche Seelenstärke.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>»Mag sein, mag sein«, erwiderte Faustina, und sie +lächelte unbestimmt vor sich hin.</p> + +<p>»Offen gestanden, hätte ich nicht erwartet, Sie so zu +finden«, fuhr ich fort. »Ich dachte Sie mir in großen +Erlebnissen. Eine Gestrandete, oder wie Sie sagen, +einen Robinson, nein, das hatte ich nicht erwartet. +Faustina unentflammt, Faustina ohne Liebe, ohne +Verliebtheit, Faustina einsam, was hat das zu bedeuten?«</p> + +<p>Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete. +»Was kann es andres zu bedeuten haben, +bester Freund, als daß für Faustina keine Liebe mehr +da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die +Rahel Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person +war, hat es einmal als besondere Genialität Goethes +gepriesen, daß er im Wilhelm Meister die drei Frauen, +die lieben können, Marianne, Aurelie und Mignon, +sterben läßt; denn, sagte sie, es ist noch keine Anstalt +für solche da. Sehr tiefsinnig: es ist noch keine Anstalt +für solche da! Sie schweigen? Sie meinen, ich +lebe ja. Gewiß, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch. +Ehemals, da spürte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt +empfinde ich die ganze Kälte des Zeitalters. Vielleicht +ist es mein Mißgeschick, für eine Epoche geboren zu +sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff ist.«</p> + +<p>»Verallgemeinerungen sind töricht. Man muß sich, +Faustina, vor der Manier der Malkontenten hüten. +Der Malkontente nämlich, das ist ein Mensch, der +<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>aus seiner persönlichen Unfähigkeit eine Weltanschauung +macht.«</p> + +<p>»Sie sind sehr deutlich, mein Lieber. Ich bin aber keine +Malkontente. Malkontente opfern sich nicht.«</p> + +<p>»Haben Sie sich denn geopfert?«</p> + +<p>»Wenn es opfern heißt, zu lieben, wahrhaft zu lieben, +sich wegzuwerfen –«</p> + +<p>»Sich wegzuwerfen, das heißt nicht lieben und das +heißt nicht sich opfern. Doch wir verstimmen uns im +Wesenlosen. Erzählen Sie mir. Erzählen Sie mir von +Ihrem bisherigen Leben. Es gibt nichts Überzeugenderes +als das Erlebnis, Faustina, nichts Unbedingteres +als die Art, wie ein Mensch von Erlebnissen sie vorzutragen +weiß.«</p> + +<p>»Um keinen Preis. Ich kann nicht von mir sprechen, +solang Sie argwöhnen, daß ich meine persönlichen +Enttäuschungen gewissermaßen an der Zeit rächen +möchte.«</p> + +<p>»Es ist schwer, liebe Freundin, und nicht einmal dem +Glücklichen gelingt es, Zeit und Schicksal auseinanderzuhalten.«</p> + +<p>»Was wäre auch zu erzählen«, versetzte Faustina. +»Eine Geschichte wie hundert andere. Wenn ich Ihre +Erwartungen in bezug auf meine Person betrüge, so +ist das Ihre Schuld.«</p> + +<p>»Sie sagen, Sie hätten geliebt und sich weggeworfen. +Darin liegt mehr Schuld, als Sie glauben.«</p> + +<p>»Ich habe keine Schuld. Oder sind übertriebene Hoff<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>nungen +eine Schuld? Bin ich dafür verantwortlich, +daß eure Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, Liebe +nicht mehr gewährt, daß für die Liebe kein Platz mehr +in ihr ist? Sie schütteln den Kopf, und doch ist es so. +Gibt es heutzutage noch eine Gestalt, in der Dichtung +oder im Leben, deren Existenz in der Liebe wurzelt? +Der Politiker, der Staatsmann, der Forscher, der Erfinder, +der Soldat, der Fabrikant, der Börseaner, im +Notfall sogar der Künstler, sie alle können ein modernes +Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man bewundert +eine Figur wie die des Casanova, man findet +eine Frau wie Julie de Lespinasse äußerst rührend, +man erstaunt über Ninon de l’Enclos, aber sie sind im +Grunde nichts weiter als Legenden und Raritäten, man +hat für sie das Interesse des Orientalisten, der babylonische +Ruinen ausgräbt. Wenn Casanova heute erschiene, +würde er wahrscheinlich als Hochstapler ins +Gefängnis gesteckt werden, und auch bei Don Juan +würde schließlich anstatt des steinernen Gastes ein +Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat, +der Forscher, der Künstler, sie sind heute nichts weiter; +Staatsmann, Soldat, Forscher und Künstler, basta; +darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert. +Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie +Voland oder die Briefe Mirabeaus an Mademoiselle +de Monnier, so zeigt sich, daß da über den Geist hinaus, +über ein allgemeines, ja welthistorisches Wirken +hinaus noch Leidenschaften blühten, zwecklos wie +<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>die Blumen in einem Garten. Heutzutage ist die Liebe +das Geschäft der Poeten, ob sie nun schreiben oder +bloß träumen, und nicht einmal der berufensten, denn +die stellen sich würdigere Aufgaben, sie müssen +Probleme lösen. So sagt man doch: Probleme lösen. +Nußknacker der Zeit, die sie sind.«</p> + +<p>»Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, daß die +menschliche Natur immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen +der Zeit bringen nur eine oberflächliche Häutung +mit sich. Es sind Wandlungen des Geschmacks, +der Mode, der Manier, der Gebärde. Herz und Blut +verwandeln sich nicht. Die Leute des achtzehnten Jahrhunderts +gefielen sich in schwungvollen Episteln; das +war eben der Geist der Epoche. Sie mögen uns überlegen +gewesen sein in der Fähigkeit, über ihre Empfindungen +zu reden und sich darin zu spiegeln, darum +aber waren die Empfindungen selbst nicht tiefer. Sie +hatten auch die Gabe, alltägliche wie besondere Ereignisse +ihres Daseins in der Konversation auf das +anmutigste zu behandeln. Ich gebe zu, daß damit eine +Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren Verlust +wir beklagen müssen –«</p> + +<p>»Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte. +Unsere Form der Geselligkeit macht das Entstehen +der Liebe fast unmöglich. Bringen Sie einmal ein +Dutzend Menschen aus derselben Bildungssphäre +zusammen, die einander halbwegs fremd sind. Abgesehen +davon, daß Sie Gespräche hören werden, bei +<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>denen Ihnen die Haut schaudert, wird auch der einzelne +mit dem Wunsch nach Annäherung die größten +Schwierigkeiten finden.«</p> + +<p>»Wir sind eben schweigsam geworden.«</p> + +<p>»Nur schweigsam? nicht auch zerstreut, nicht auch +müde? nicht auch faul?«</p> + +<p>»Nur schweigsam. Unsere Altvordern, die hatten viele +Heimlichkeiten, aber Geheimnisse hatten sie eigentlich +keine. Für uns spielen Heimlichkeiten keine Rolle +mehr, dagegen sind wir voll von Geheimnis. Ehemals +kannte man in der Chemie nur vier Elemente, heute +hat sich alles Elementare in Atome gelöst. Ähnlich ist +es der Gesellschaft ergangen. Wir haben keine Gesellschaft +mehr, weil jedes Individuum als eine Welt für +sich und mit dem ganzen Geheimnis seiner Welt +auftritt.«</p> + +<p>»Auch mit der ganzen Anmaßung seiner Welt.«</p> + +<p>»Gut. Natürlich war es bei geschlossenen Gesellschaftskomplexen, +wo jeder gleichsam das Abzeichen +seiner Kaste trug, viel leichter, gewisse Kulturideale, +oder besser gesagt, modische Ideale durchzuführen +und als gang und gäbe festzuhalten. Modische Ideale +haben wir nicht mehr, weil wir von vornherein entschlossen +sind, in nichts, was mit dem Ideal zusammenhängt, +Konzessionen zu machen. Deswegen kann die +Liebe keine gesellschaftliche Übereinkunft mehr sein, +deswegen auch hat sie keine gesellschaftliche Abgrenzung +mehr. Es haben sich die Grenzen verschoben, +<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>nach außen und nach innen. Nach außen und nach +innen ist alles komplizierter geworden; oder sagen +wir: verfeinerter, oder: verschwiegener. Ehemals begehrte +man in einem Liebesverhältnis die Person des +Liebenden oder Geliebten, jetzt begehrt man mehr, +nämlich die Persönlichkeit.«</p> + +<p>»Modische Ideale oder andere Ideale, darnach frag +ich nicht«, entgegnete Faustina lebhaft. »Ideale aufzustellen, +in dieser Beschäftigung habt ihr es freilich zu +einer gewissen Handfertigkeit gebracht. Aber die +Sache scheint mir die, daß zwischen Ideal und Wirklichkeit +eine so ungeheure Entfernung ist, daß die +beiden schon gar nichts mehr miteinander gemein +haben. Da ist kein Weg, keine Brücke. Es ist, als +riefe man mir zu: geh nach dem Mond. Es war der +Vorzug vergangener Zeiten, daß sie realisierbare Ideale +hatten.«</p> + +<p>»Heißt denn das schon ein Ideal realisieren, wenn +man imstande ist, sich gesellschaftlich mitzuteilen +oder selbst hinzugeben?« erwiderte ich. »Konversation +fordert Leichtigkeit; die allerdings fehlt uns. +Sie setzt ein Interesse für vieles voraus, wofür Teilnahme +zu heucheln uns gar nicht mehr einfällt. Wir +würden es abgeschmackt finden, über die Liebe und +ihre verschiedenen Arten zu philosophieren. Unsere +Zeit ist nach jeder Richtung hin monologisch gestimmt. +Gesteigerte Anschauung und ein erhöhter +Respekt verhindern uns durchaus, über das Bedeu<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>tungsvolle +gewisser Lebensfragen zu sprechen. Wo +wir uns sympathisch erfaßt sehen, glauben wir eine +Erörterung darüber entbehren zu können; ganz mit +Recht. Ich möchte sagen, wir verkehren unter tieferen +Voraussetzungen miteinander. Ist Ihnen denn nicht +auch im Grunde jede Ankündigung eines Gefühls ein +Greuel? Finden Sie denn nicht auch die ganze Phraseologie +der Liebe von Anno dazumal lächerlich und +aufdringlich? Kribbelt es Ihnen nicht in den Fingern, +wenn der Liebhaber auf dem Theater seine Liebeserklärung +vom Stapel läßt?«</p> + +<p>»Ach ja, das sind Geschmackssachen«, versetzte Faustina. +»Geschmack, das lasse ich gelten, Verfeinerung +ist mir zuwider. Die Scham seiner Gefühle haben, +schön. Aber noch schöner ist es, dünkt mich, den Mut +seiner Gefühle haben. Wenn Sie mir den Punkt angeben +können, wo eines aufhört und das andere anfängt, +ich meine, wo die Feigheit aufhört und die Verantwortlichkeit +anfängt, dann will ich mich zufrieden +geben. Aber dazu werden alle Waffen Ihrer Rabulistik +nicht ausreichen.«</p> + +<p>»Möglich. Man kann ja überhaupt nicht streiten, +wenn man nicht derselben Meinung ist.«</p> + +<p>»Wie? kann man nur streiten, wenn man derselben +Meinung ist?«</p> + +<p>»Gewiß; im Grunde gewiß.«</p> + +<p>»Großartig! Ein wildes Paradox!« Faustina lachte, +was ihrem Gesicht einen entzückenden Reiz verlieh. +<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>»Aber wir verstehen uns am Ende doch«, fuhr sie +fort. »Sie kennen sicherlich die arabische Erzählung +vom Sklaven der Liebe; ist es nicht ergreifend, wie +der schöne Jüngling unter der Gewalt seiner Sehnsucht +hinsinkt, als ob ihn eine tödliche Krankheit erfaßt +hätte? Oder da las ich neulich die Geschichte +von Raimundus Lullus, der am Hof des Königs von +Arragon ein ausschweifendes Leben führte, bis ihn +plötzlich eine glühende Leidenschaft zu der schönen +Ambrosia de Castello packte. Eines Tages läßt ihn +die Dame in ihr Gemach kommen, enthüllt sich ihm, +und es zeigt sich, daß sie durch einen furchtbaren +Brustkrebs dem Tod verfallen ist. Raimundus, bis ins +Innerste erschüttert, weiht sich einem Leben völliger +Keuschheit. Doch wozu Beispiele; vielleicht beweisen +Beispiele nichts. Ich sehe freilich darin Kundgebungen +edler Leidenschaft. Dieser Raimundus Lullus etwa, +ich nenne gerade ihn, obwohl es auf Namen hier nicht +ankommt, er lebte in seiner Liebe wie die atmende +Kreatur in der Luft. Es gab für ihn nicht anderes +außer seiner Liebe. Er war in der Liebe, er war von +Liebe besessen, ein Besessener war er. Ich habe niemals +einen von Liebe Besessenen gefunden. Viele besaßen +die Liebe, das wohl, aber von ihr besessen +waren sie nicht. Solche fand ich, die vom Spiel besessen +waren, vom Geld, vom Ehrgeiz, von Wollust, +aber von Liebe Besessene fand ich nicht.«</p> + +<p>»Wenn Sie Umschau halten, Faustina«, fiel ich ihr +<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>ins Wort, »können Sie zu jeder Zeit und wo immer +es auch wäre, Handlungen von der gleichen Bedeutung +und Intensität gewahren. Wir führen eine zu +abgeschlossene Existenz, als daß Sinn und Motiv +ihrer einzelnen Vorgänge zu jeder Stunde offenbar +oder handgreiflich zu nehmen wären. Es ist nichts +einfältig genug, es ist alles zu vielfältig, zu weitschichtig, +als daß man durch anekdotische Belege imponieren +könnte. Selten hat ein Ereignis Anfang und +Ende für uns, selten läßt es sich als Anekdote fassen, +noch seltener ein ganzes Leben. Ja, es ist alles unfaßbar, +unendlich, alles auch scheinbar ohne Stichhältigkeit +oder ohne Konsequenz, und doch, wenn man +hinfühlt, wenn man im Nerv der Dinge lebt, von +tiefstem Belang.«</p> + +<p>»Aha, Sie spielen schon wieder auf das Geheimnis an. +Es läßt mich kalt, Ihr Geheimnis, es ist mir zu pomphaft. +Ich lobe mir dafür die Heimlichkeit; sie ist heiter +und beweglich.«</p> + +<p>»Lassen wir das Geheimnis. Ich sage nur: die Leidenschaften +waren und sind zu jeder Zeit und in jedem +Jahrhundert dieselben. Ich will gar nicht an die Tragödien +erinnern, die sich in stillen Stuben ereignen, es +wird davon wenig Aufhebens gemacht und drei Zeilen +in einer Zeitung sind alles, was bisweilen ans Licht +kommt. In meiner Heimat gab es ein junges Paar, und +sie liebten einander. Die Eltern des Mädchens setzten +der Verbindung hartnäckigen Widerstand entgegen. +<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>Als man sah, daß die Liebe der beiden nur um desto +größer wurde, je mehr Hindernisse man ihnen bereitete, +wurde dem jungen Mann gesagt, er solle das Mädchen +haben, doch müsse er sich zuvor drei Jahre lang +nach Amerika begeben und während dieser Zeit dürfe +weder er der Geliebten schreiben, noch sie ihm. Wenn +er nach abgelaufener Frist seine Neigung unbesiegbar +finde, werde man gegen die Heirat nichts mehr einwenden. +Und so geschah es, der Jüngling reiste übers +Meer. Etwa ein Jahr lang ging alles gut, das Mädchen +lebte in schöner Gewißheit. Auf einmal fing sie an zu +kränkeln, verlor ihre Munterkeit, und ohne daß ein +Arzt den Sitz des Übels zu entdecken vermochte, +siechte sie hin. Die Eltern wurden besorgt, man begann +nach dem jungen Mann zu forschen, aber da er +keine Angehörigen in der Stadt hatte, verursachte dies +viele Umstände, und das junge Mädchen starb, ihr +Leben erlosch wie ein Feuer, das keine Nahrung hat. +Gleich darauf stellte es sich heraus, daß der junge +Mann dort drüben im fremden Land ebenfalls den +Tod erlitten hatte, und zwar beinahe an demselben +Tag, an welchem die Krankheit des Mädchens begonnen +hatte.«</p> + +<p>»Eine hübsche Geschichte zwischen Menschen ohne +Elan«, sagte Faustina. »Warum waren sie gar so still +und subaltern, die armen Liebesleutchen? Ach, täuschen +wir uns nicht darüber hinweg; man hat aufgehört, +die Liebe als eine herrschende Gewalt zu be<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>trachten. +Es ist deswegen auch ihr Ritus und Zeremoniell, +wenn ich mich so ausdrücken darf, verloren +gegangen. Und was ist schuld daran? Wer weiß es! +Vielleicht der Beruf, vielleicht die Bildung, vielleicht +beides. Der eine Moloch verschlingt die Zeit, die +schöne Muse zweckloser Träume, der andere vernichtet +die Ursprünglichkeit der Gefühle. Es gibt zu +wenig Leute, die sich langweilen, oder besser gesagt, +die das Talent haben, sich zu langweilen. Man ist +rationalistisch bis auf die alltäglichen Launen. Man +will immer einen Grund und immer einen Zweck. +Man geht nicht mehr spazieren, sondern man macht +Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel setzt, geschieht +es für Dinge, die dessen nicht wert sind. Was +mich betrifft, ich sah Männer, ernsthafte Männer erschrecken +bei dem bloßen Gedanken an tieferes +Attachement. Ich kannte andere, die auf Abenteuer +ausgingen und die schleunigst, wie vom Donner gejagt, +die Flucht ergriffen, wenn sie in Gefahr waren, +einer Leidenschaft zu unterliegen, deren Meister sie +nicht sein konnten. Da ist ein Mann, fähig zur Hingebung, +ja, zur Aufopferung, der jeden Keim großer +Empfindung durch unablässiges Frage- und Antwortspiel +mit sich selbst zerstört, wie wenn ein verrückt +gewordener Gärtner jeden Morgen die schönsten +Knospen abrisse und zwischen den Fingern zerriebe, +und da sind andere die aus purer Herrschsucht, aus +purem Mutwillen, aus purer Eitelkeit, aus purem Un<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>verstand +das Kostbarste, was sich ihnen anbietet, zu +niedrig einschätzen, nur weil es sich ihnen anbietet, +und verwesen lassen, was sie hegen sollten. Ich spreche +jetzt nicht von dem, was mir widerfahren ist, denn +mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind +solche, die ihr halbes Leben darnach versehnen, sich +in einem großen Gefühl verlieren zu dürfen; wenn +dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie plötzlich +voller Ausflüchte, voller Ausreden, voller Angst, +den Geist ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede +Entschlossenheit in der Idee und in der Sehnsucht +verausgabt. Das, sehen Sie, ist Empfindsamkeit, und +diese Art Empfindsamkeit, sich in der Idee und in der +Sehnsucht zu verschwenden, ist uns so verderblich. +Da stürzt man sich dann in den Pfuhl einer charakterlosen +Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen, oder +um den Zustand einer allgemeinen sinnlichen Unruhe +zu beenden, oder um Konflikten zu entgehen, denen +sie nicht gewachsen sind, oder um gewisser sozialer +Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler Gedankenlosigkeit +schlechthin; die Männer, um ein +Heim zu gründen, wie sie mit heuchlerischer Poesie +behaupten, in Wirklichkeit, um sich zur Ruhe zu +setzen, um sich von ihren Jugendsünden, Sünden des +Geistes und des Herzens, des Körpers und der Seele +zu erholen. Wäre dabei die Ehe bloß eine soziale +Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie gewisse +Freiheiten eher fördert als verbietet, oder wie im +<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>Altertum ein ungleiches Verhältnis von Tyrannei und +Sklaverei zum Gesetz erhebt, so wäre es noch gut; +aber nein, sie ist sakrosankt, und damit schützt sich +die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, das +ihr die Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst +erwecken müßte. Großer Gott, was für ein Rattenkönig +von Verlogenheiten! Alles muß herhalten, um +den Mangel wahrhafter Liebe, uneigennütziger und +edler Gefühle zu vertuschen: Wissenschaft und Kunst, +Staatsinteresse und Humanität, Christentum und Freigeisterei, +lauter schöne Kulissen für ein nichtswürdiges +Schauspiel!«</p> + +<p>Faustina war außerordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid, +ihr zerstörtes Wesen rührte mich. Ich erkannte, +wie das Schicksal in ihr gehaust, und ein halb entschuldigendes, +halb selbstverspottendes Lächeln, das +alsbald auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht täuschen. +Ich schwieg; mein langes Schweigen gab ihr +wieder einige Haltung. Sie erhob sich und ging mit +verschränkten Armen auf und ab, wobei sie fortfuhr: +»Es gibt eine Novelle von Tschechow, sie handelt von +einem alternden Mann, der ein Liebesverhältnis mit +einer verheirateten Frau hat. Sie treffen sich heimlich, +und einmal, gerade während er sie begrüßend umarmt, +wird er traurig und fragt sich, warum ihn diese so liebt. +Er denkt an die andern, er denkt daran, wie viele ihn +geliebt haben, und daß keine von ihnen, keine einzige +mit ihm glücklich gewesen sei. Die Zeit verging, so +<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>heißt es ungefähr, er machte Bekanntschaften, schloß +Verhältnisse, trennte sich wieder, aber niemals liebte +er; es war alles, was man nur wollte, gewesen, aber +keine Liebe. Das Wort ist in mir haften geblieben. +Alles, was man nur wollte, war es gewesen, aber keine +Liebe. Der Mann war, wie viele sind, und die Frau +liebt ihn, ja, sie liebt ihn, aber nicht ihn selbst, sondern +den Menschen, den ihre Phantasie geschaffen hat, +und wenn sie ihren Irrtum bemerkt, liebt sie ihn dennoch +weiter. Was sollte sie sonst tun? Darf ich Ihnen +etwas verraten? Etwas recht Lächerliches? Ich habe +eine kleine Einteilung gemacht. Ich habe die Frauen +eingeteilt in Katzennaturen und in Hundenaturen, +und die Männer in Streber und Faulpelze. Katzen +sind an den Ort gebunden, Hunde an den Herrn, +Katzen sind treulos, Hunde sind treu, Katzen haben +Charakter, Hunde nicht; wenn Sie den Finger ausstrecken, +wird die Katze auf Ihre Hand, der Hund +aber gegen das Ziel blicken; und so weiter. Sie wissen +schon, was ich meine. Oder ist die Analogie nicht +plausibel? Streber und Faulpelze, darüber lassen sich +amüsante Beobachtungen machen. Was dem einen die +Karriere, ist dem andern die Behaglichkeit. Der Streber +ist skrupellos, der Faulpelz satt; der Streber ist ein +Glücksjäger, der Faulpelz ein heimlicher Dieb, der +seine Beute in Sicherheit gebracht hat, denn der Faulpelz +ist immer ein heimlicher Dieb. Der Streber ist +konservativ aus Grundsatz, der Faulpelz aus Stumpf<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>sinn, +der Streber ist revolutionär aus Opportunismus, +der Faulpelz aus Eigennutz; der eine ist ein Wucherer, +der andere ein Kuppler, und Philister sind alle beide. +Ja, es ist eine herrliche Welt, eine herrliche Zeit! Wenn +man dieses ganze Geschlecht in einen großen Sarg +legen und auf einmal beerdigen könnte, so wüßt’ ich +eine wunderbare Grabschrift.«</p> + +<p>»Und die wäre?«</p> + +<p>»Verstorben an der weitverbreiteten schleichenden +Seuche: Trägheit des Herzens.«</p> + +<p>»Na, daran stirbt man nicht.«</p> + +<p>»Gewiß nicht, weil man ganz bequem davon leben +kann.«</p> + +<p>»Verrannt, verrannt, Faustina, rettungslos verrannt.«</p> + +<p>»Freilich,« murmelte Faustina, »verrannt wie Theseus. +Aber aus diesem Labyrinth gibt’s kein Entkommen.«</p> + +<p>»Packen wir doch den Stier bei den Hörnern, Faustina. +Was ist Liebe? Wer hat Liebe? Wer ist der +Liebe fähig? Wer darf sich vermessen zu reden: Liebe +ist so und so und nicht anders. Wer darf es wagen, +über die Relationen des Begriffs hinauszufliegen und +seine Einheit, seine pragmatische Gültigkeit, seine +reinste Inkarnation zu verkündigen? Liebe ist etwas +ungeheuer Seltenes, Faustina. Machen wir uns das +klar! Die Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die aus +aller Leute Mund, ist ein Phänomen, genau so selten, +genau so großartig, genau so bewunderungswürdig +wie das Genie. Ihre niedrigen oder minder niedrigen +<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>Erscheinungsformen durch die Rangstufen der Kreaturen +sind allerdings so reich und wechselnd wie die +Kreaturen selbst. Nehmen Sie aber ein Individuum +heraus, um es nach Ihrer Weise kurzerhand vor den +Imperativ der Liebe zu stellen, so ist das ungefähr so, +wie wenn Sie ihm die fünfundzwanzig Buchstaben +des Alphabets vorsagen und ihm dann befehlen: da +hast du alles Notwendige, nun schaffe mir ein schönes +Dichtwerk. Man ist gewohnt, mit dem Wort Liebe +umzuspringen wie mit einem Hausgerät. Es hat gar +keine Unberührtheit mehr, dies unglückselige Wort, +es ist wie eine Dirne zu jedermanns Diensten, und +mir scheint, man müßte ein neues erfinden, um das +auszudrücken, was es ausdrücken sollte. Da ist eine +gewisse mittlere Literatur, die vorzugsweise von Liebe +handelt, und zwar von einer Liebe, die Distinktion +haben soll, Bedeutung haben soll, edelherzig und +selbstlos sein soll, und ach, nichts von alledem besitzt +sie, eine Wachspuppe ist sie. Wollte man sich, was ja +nahe liegt, durch diese Produkte verführen lassen, an +die Häufigkeit der Liebe zu glauben, so ginge man +sehr fehl. Unsere besten Dichter, denen eine untrügliche +Vision die Realität ihrer spezifischen Welt gibt, +beziehen auch nur mit einer höchst belehrenden Vorsicht +die Liebe in das Bereich ihrer Erfindungen.«</p> + +<p>»Weil sie nichts davon wissen und weil sie sich davor +fürchten, genau wie im Leben.«</p> + +<p>»O nein, Faustina, das wäre ein gar zu billiger Schluß. +<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>Weil sie ihre Seltenheit erkannt haben. Halten wir +uns an das Gleichnis mit dem Genie. Das Genie tritt +erst in Funktion, wenn es in eine Zeit geboren ist, die +für sein Wirken schon vorbereitet ist. Es ist zwischen +dem Genie und der Zeit sozusagen eine elektrische +Spannung aufgespeichert. Mit der Liebe ist es nicht +anders. Der zur Liebe geborene Mann muß den für +ihn bestimmten höchsten Typus gewinnen und umgekehrt. +Es genügt nicht, daß in einem Einzelwesen +die Fähigkeit und Möglichkeit der Liebe vorhanden +ist, sondern sie muß durch ein besonderes Walten +günstiger Umstände einen würdigen Gegenstand finden. +Wer zur Liebe bestimmt ist, der muß zugleich +etwas vom Helden und etwas vom Märtyrer haben. +Nehmen wir also an, es entsteht in zwei bevorzugten +Individuen die Liebe. Gehen wir ein wenig anatomisch +zu Werke. Zerlegen wir eine solche Liebe in ihre Bestandteile. +Da haben wir in erster Linie die Leidenschaft, +die als eine Art Entflammung des Blutes und +des Geistes gelten muß; ferner: vergöttlichende Kraft; +durch sie wird das geliebte Wesen herausgehoben aus +der Schar der Mitlebenden und in ein Idol verwandelt. +Ferner: sinnliches und übersinnliches Verlangen; das +sinnliche entspringt der Leidenschaft, das übersinnliche +der Vergöttlichung; sodann: unbegrenzte Hingebung; +ihr Merkmal ist jedoch, daß sie auch bei +höchster Großmut des Gewährens nie zu befriedigen +vermag; ferner: eine Zartheit der Empfindung, die +<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>abhängig ist von jedem Traum, von der leisesten +Ahnung, und endlich eine Ruhelosigkeit, die gleichwohl +ein ganz bestimmtes Ziel hat, so wie die zitternde +Magnetnadel. Sie mokieren sich über meinen professoralen +Ton, wie ich sehe. Ich wähle ihn mit Absicht, +da ich zwischen Schwärmerei und Sachlichkeit keine +Wahl habe, und wenn ich nicht schwärmerisch erscheinen +will, muß ich trocken sein.«</p> + +<p>»Ich mokiere mich nicht. Fahren Sie nur fort.«</p> + +<p>»Man braucht nur geringen Scharfblick, um daraus +zu erkennen, daß die Liebe zwei Hauptquellen hat; +eine elementare und eine ethische, eine sinnliche und +eine sittliche. Betrachtet man nun die trivialeren Formen +der Liebe, so zeigt es sich, daß sie fast immer nur +auf eine einzige jener Eigenschaften gegründet ist. +Wir haben dann die Liebe aus Leidenschaft; oder die +Liebe aus Sinnlichkeit; oder die selbstentäußernde +Liebe; oder die empfindsame Liebe; oder die ruhelos +unbefriedigte Liebe. Die Variationsmöglichkeiten sind +natürlich zahllos; zum Beispiel, wenn der Mann eine +sinnliche und das Weib eine vergöttlichende Liebe +hegt oder umgekehrt; oder wenn der Mann ruhelos +unbefriedigt und das Weib selbstentäußernd liebt, +und so weiter. Meist wird es so sein, daß gerade die +schroffsten Gegensätze zusammentreffen. Mit der +Variation beginnt auch schon der Konflikt, und wo +Konflikte sind, ist keine Beständigkeit. Die große +Liebe kennt keine Konflikte; bei ihr findet ein voll<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>kommener +Ausgleich statt. Alles Differenzierte vereinigt +sich zur Harmonie und zur Schönheit. Ein auszeichnender +Vorzug wird nie isoliert sein und nie ohne +Widerspiel wirken; erst das Widerspiel, in einem bejahenden +Sinn, bringt eine Tugend zur Entwicklung: +Anmut wird zum Beispiel den Geist bedingen, Güte +die Kraft, Vornehmheit die Tapferkeit. In der großen +Liebe und nur in ihr, verwandelt sich der Mensch; er +wird sozusagen nach seinen idealen Grenzen erweitert. +Er ist in einem Zustand von Dämonie, oder um Ihren +Ausdruck zu gebrauchen, von Besessenheit. Alles +Sichtbare und alles Fühlbare hat nur einen einzigen +Bezug, er findet überall und in allen Dingen das +Gleichnis mit dem Objekt seiner Liebe, in der Musik +und im Gedicht, im Ziehen der Wolken, im Rauschen +der Bäume, im Anschauen eines Bildes, einer Flamme, +eines Steines; Vogelflug und Menschenwege haben +für ihn dieselbe nebelhafte Ferne, und doch hat er +alles in sich und nichts außer sich, er ist nach allen +Seiten gegen die Welt geöffnet und doch von ihr nicht +mehr berührbar, er ist der freundlichste Freund, der +teilnehmendste Gefährte und trotzdem mit der Geliebten +im ganzen Universum allein. Was ihn zuerst +an ihr hingerissen hat, sagen wir eine besondere Wölbung +der Stirne, eine besondere Art, die Lider zu heben +oder die Hand zu reichen, ein Ton der Stimme, ein +Rhythmus des Schrittes, ein Lächeln, eine Gebärde, +das alles wird Weltgesetz, das heißt: so gehen ein für +<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>allemal die Menschen, so sprechen sie, so blicken sie, +so reichen sie die Hand, das ganze Bild des Daseins +wird zu einem fixierten Bild der Schönheit. In der +großen Liebe nämlich ist alles Positivität, und es ist +alles in ihr unendlich und ewig. Sie kann deshalb niemals +aufhören, weder auf der einen, noch auf der +andern Seite. Nur der Tod kann ihr ein Ende bereiten, +ein Ende, das freilich dem tiefsten Sinne nach ein +scheinbares ist und sein muß. Glück oder Unglück +kommen für sie nicht in Frage, ihre Tragik liegt anderswo, +ja sie ist die einzige Lebensform, die eine mitgeborene +Tragik besitzt, und diese Tragik ist für sie +nicht nur in der Möglichkeit, sondern auch in der Notwendigkeit +des Untergangs, des Todes beschlossen. +Die Liebe weiß keine andere Gefahr und Bedrohung +als den Tod. Vom ersten Augenblick der Liebe steht +der Tod als stummer Wächter förmlich sichtbar daneben. +Sehr schön ist das in Shakespeares Liebestrauerspiel +zur Anschauung gebracht: alles strebt von Beginn +an dem Tode zu, die Unabweisbarkeit, mit der +er auftritt, regiert heimlich jedes Geschehen. Und um +den Unterschied der Gattungen zu bezeichnen, ist +Romeo, bevor das große Entetement eintritt, in eine +Liebe von gewöhnlicher Beschaffenheit verstrickt.«</p> + +<p>»Wohin führen Sie mich da, mein Teurer«, seufzte +Faustina. »Das gelobte Land dieser Liebe ist für unsereinen +nicht erreichbar. Dazu müßte man unter einem +besonderen Stern zur Welt kommen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>»Ja, wie zu allem Großen«, versetzte ich.</p> + +<p>»Glauben Sie denn im Ernst, daß es eine solche Liebe +wirklich gibt?«</p> + +<p>Ich mußte lächeln, denn ihre Frage hatte etwas von +der Naivität eines Kindes.</p> + +<p>»Glauben Sie auch,« fuhr sie fort, »daß die Bestimmung +dazu nur auf der einen Seite, auf der Seite des +Mannes oder des Weibes liegen kann, daß der eine +Teil vergeblich nach dem andern schmachtet und die +ganze Erde durchsucht, ohne ihn zu finden?«</p> + +<p>Faustina sah mich ängstlich an, sie wollte offenbar eine +Beruhigung gewinnen, sie merkte nicht, daß ich die +Antwort auf diese Frage schon gegeben hatte. »Ohne +Zweifel«, erwiderte ich. »Jeder denkbare Zustand der +Seele und des Gefühls kann und wird irgendwie und +irgendwo zur Erscheinung gelangen, sonst wären wir +nicht imstande ihn uns vorzustellen. Der Fall, den Sie +fiktieren, hat aber mit der großen Liebe nichts mehr +gemein, vielleicht überhaupt nicht mit der Liebe.«</p> + +<p>»Sondern?«</p> + +<p>»Sondern mit der Sehnsucht. Sehnsucht kann produktiv +sein, sie kann aber auch unfruchtbar sein. Das +hängt von dem ab, der sie nährt.«</p> + +<p>»Mich dünkt, Sehnsucht ist das erhabenste Gefühl +in der menschlichen Brust.«</p> + +<p>»Wenn sie produktiv ist, ja.«</p> + +<p>»Was nennen Sie produktive Sehnsucht?«</p> + +<p>»Produktive Sehnsucht nenn ich diejenige, die im<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>stande +ist, einer Vorstellung Wirklichkeit, einem geträumten +oder erwünschten Zustand Gegenwart zu +verleihen.«</p> + +<p>»Da setzen Sie ja, und wie ist das möglich bei der +Sehnsucht, einen Willensakt voraus?«</p> + +<p>»Ja, das tue ich allerdings; einen Willensakt, der vielleicht +durch geheimnisvolle telepathische Mächte begünstigt +und unterstützt wird.«</p> + +<p>»Hm, ich sehe schon, Sie decken sich. Wenn man zum +Unerforschlichen seine Zuflucht nimmt, hören die +Argumente auf. Dem Unerforschlichen gegenüber +gibt es ja keine Schuld und keinen Irrtum mehr.«</p> + +<p>»Warum auch von Schuld reden, Faustina? Aber Sie +mögen recht haben, vielleicht ist es wirklich eine Art +von Schuld, wenn das Gefühl nicht bis zum geliebten +Gegenstand trägt, sondern unterwegs durch fremde +Einflüsse gebrochen wird. Nie beirrbaren Instinkt zu +besitzen, das ist schon eine große Sache; und eine +seltene Sache. So wie unser Leben sich heute abspielt, +nicht wahr, wie jeder einzelne verwoben ist in ein +maschinenhaft bewegtes Ganzes, wie er gezwungen +ist, sich an vieles hinzugeben, was seinem Wesen fremd +ist, wie sein geringster Fehltritt ihn unrettbar hinunterreißt +von dem Weg seines Willens, wie er unverborgen +dasteht, immer Kettenglied, wie all sein Tun und Handeln +eine weitaus nähere und schnellere Folge hat als +er es wünscht, wie das Elementare beständig in ihm +ankämpfen muß gegen die Forderungen des Tages +<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>und der Welt, wie er Ruhe und Selbstbestimmung hingeben +muß, nur um nicht erdrückt zu werden von den +Gewalten, die um ihn toben, so wird es natürlich immer +schwerer, einer inneren Stimme zu gehorchen, ja bloß +überhaupt sie zu hören. Was vor wenigen Generationen +noch einer Zahl von fünfzig beschieden war, +das wird heute infolge der strengeren Wahl und härteren +Erprobung nur an zwölfen oder fünfen oder +dreien erfüllt. Wer wird um des Ideals in der Liebe +willen sein Leben aufs Spiel setzen? Glücklicherweise +ist das menschliche Herz immer zu Verträgen bereit. +Würde die Liebe plötzlich Gemeingut aller, so wäre +in vierzig Jahren die Erde ausgestorben. Wer nicht +zur Liebe erwählt ist, dem hat das Schicksal auch +Stärke und Geduld versagt. Er bescheidet sich, weil +er sich bescheiden muß. Er liebt, was ihm Liebe entgegenbringt; +sein Regent ist der Zufall. Er erobert +oder er läßt sich erobern, ein Anschein von Schwierigkeit +und Ferne erzeugt die ihm notwendige Poesie. +Der eine liebt einen Körper, der zweite ein Gesicht, +der dritte einen Blick, ein Hand. Ich meine das nicht +gerade wörtlich, ich will damit nur sagen, daß er den +Teil für das Ganze nimmt. Den Teil für das Ganze zu +nehmen, das ist so Menschenart, und nicht einmal die +schlechteste, sie bildet sogar Charaktere. Der Liebende +ist Augenmensch; seine Leiden sind wirklich, seine +Freuden sind dionysisch; der andere, der die Liebe +nur ahnt wie ein Nachtgänger das Morgenrot, ist ein +<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>tastender Mensch, seine Glut ist ein Fieber, seine +Leiden und Freuden sind imaginär, er sättigt sich von +Brot, indes seine Phantasie Himmelsspeise verzehrt, +er sieht nicht, er versteht gar nicht zu sehen, er will +nur eingelullt sein, er will nur träumen, er ist stets +philosophisch aufgelegt oder ist argwöhnisch, eifersüchtig, +traurig, unersättlich, rasch übersättigt; er kann +sich nicht in der Liebe verlieren, so gern er es möchte, +denn der Strom, der ihn erfaßt hat, ist nicht tief genug. +Manche lieben nur die Liebe oder die Sehnsucht nach +der Liebe oder die Maske der Liebe oder die Unruhe +der Liebe oder den Triumph der Liebe, und so können +wir immer tiefer heruntersteigen, bis von der Liebe +nichts mehr übrig bleibt als der Name. Unvermögen +hat vielerlei Gestalten. Kannten Sie nicht damals auch +den jungen Baron B., der bei der deutschen Gesandtschaft +war?«</p> + +<p>»Den großen Frauenverführer –?«</p> + +<p>»Jawohl. Nichts ist heute leichter als den Titel eines +Verführers zu erwerben, man braucht bloß ein wenig +Methode in die Art zu bringen, wie man sich amüsiert. +Dieser Baron B. also war immer mit einem Dutzend +Frauen gleichzeitig intim. In jede einzelne war er eines +bestimmten Vorzugs wegen verliebt, und er setzte mir +einmal allen Ernstes auseinander, seine Vorstellung +von Liebe sei eine so ungeheure, daß er niemals hoffen +könne, das was er suche, in der Totalität einer Person +anzutreffen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>»Ein Freibeuter«, erwiderte Faustina verächtlich. »Vor +fünf Jahren hat er eine ältliche Millionärin geheiratet.«</p> + +<p>»Ja, so enden unsere Verführer in der Regel.«</p> + +<p>»Von hundert sogenannten Frauenhelden wissen neunundneunzig +überhaupt nicht, wie eine Frau beschaffen +ist«, sagte Faustina.</p> + +<p>»Nun ja, wo Sinnlichkeit den Blick verwirrt, kann +von Liebe nicht mehr die Rede sein. Es ist ein Unterschied +wie zwischen dem Rauch und der Flamme.«</p> + +<p>»Ist es so? Ist es wirklich so?« versetzte Faustina +hastig. »Sinnliche Leidenschaft trägt nicht, das gebe +ich zu. Aber wenn wir die Liebe nur in ihrer Vollkommenheit +anerkennen wollen, was bleibt dann noch +bestehen? was darf dann noch Liebe heißen? Lassen +Sie mir doch die Dinge ein wenig einfacher. Der +Mensch, so wie er eben ist, vermag sich nicht auf der +Höhe seines Gefühls zu halten. Der Gütigste, der +Edelste hat einen Teufel in der Brust, der ihn zwingt, +sich am göttlichen Teil seines Wesens zu vergreifen. +Vielleicht ist in der Liebe die Sinnlichkeit so ein Teufel, +vielleicht ist sie ein boshaftes Tier, wie die Heiligen +sagen. Vielleicht ist sie aber die Erhalterin der Welt? +Und wenn sie die Erhalterin der Welt ist, warum ihr +Übles nachreden? Läßt sie sich denn von der Liebe +trennen? Sie sagen: Liebe will den Tod. Ich wage nicht +daran zu rütteln, obwohl ein solcher Satz alle meine +Gedanken durcheinanderwirbelt. Aber angenommen, +Sie haben recht, wie läßt sich das mit der Absicht der +<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Natur vereinigen, die doch durch Liebe die Gattung +fortpflanzen will?«</p> + +<p>»Das ist ein Irrtum, Faustina. Durch Liebe wird die +Gattung eben nicht fortgepflanzt, zum mindesten ist +sie nicht darauf gestellt. Sie ist sich selber Zweck.«</p> + +<p>»Oho! Wenn Sie das vor versammeltem Volk sagen, +wird man Sie steinigen. Ich dachte, ein heutiger Mensch +dürfe gar nicht an Liebe denken, ohne zugleich an das +Kind zu denken. Mein Gott, sehen Sie nur unsere gebildeten +jungen Mädchen an! Welche Sachlichkeit! +Welche Wissenschaftlichkeit! Sie tun, als ob sie in der +Liebe zugleich ein Hebammenexamen bestehen müßten. +Na gut, werde jeder selig wie er will. Aber das +muß ich schon sagen, ein Symptom liegt darin. Man +ist nicht ehrlich in diesen Dingen. Und weil man nicht +ehrlich genug ist, der Liebe oder der Sinnlichkeit ihre +selbstverständlichen Rechte zuzugestehen, nimmt man +das Kind als Vorwand, sich zu decken. Man gibt der +Prüderie und der Entschleierung ein Pseudonym, das +sie mehr entwürdigt als beschönigt.«</p> + +<p>»Nicht so wild, Faustina! Sie haben eine Art mir beizupflichten, +die mich fast an meiner Meinung irre +macht. Die Geschöpfe, von denen Sie sprechen, sind +ja nur Mißleitete. Und der Geist der Zeit selber ist +es, der sie betrügt. Aufklärung heißt heute das große +Wort. Nur ist allerdings diese Aufklärung etwas anderes +als man sie vor hundert Jahren verstand. Vor +hundert Jahren wollte man einfach alles aufklären: +<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>Himmel und Hölle, Märchen und Wunder, Kunst und +Religion. Eine verhängnisvolle Strömung, der das noch +lange nicht genug, nicht dankbar genug gewürdigte +Emporwachsen der deutschen Romantik sich hilfreich +entgegendämmte. <em class="gesperrt">Unsere</em> Aufklärung hat sich verinnerlicht. +Man will allem, was in der Seele des Menschen +vor sich geht, nicht so sehr verstandesmäßig als +auf Wegen des Gefühls, der Deutung, der Ahnung +beikommen. Die Schriftsteller haben sich in Seelenforscher +verwandelt, die Erzieher in mehr oder weniger +eigensinnige Deterministen. Man legt dem Unbestimmtesten +eine Bestimmung unter, uralte Traditionen +verlieren ihr Gewicht, bedeutungsvoll Gestaltetes +seine Kontur, Rangunterschiede werden verwischt, +Autorität erweckt Mißtrauen, und ich leugne +es nicht, ich kann es leider nicht leugnen, die allgemeine +Demokratisierung, dem kleinen Geist eine +Wohltat, dem großen ein Horror, erstreckt sich bis in +die verborgensten Winkel des Herzens. Aber mein +Trost ist, daß dies alles ja nur ein Übergang ist. Mir +ist oft zumut, als ob ein unsichtbarer Riese unsere Welt +in Stücke zerfetzte, um aus den Bestandteilen eine +neue, bessere, schönere zu machen, und als ob diese +Zerstückelung notwendig sei, um unser Dasein auf +eine höhere Fläche zu heben.«</p> + +<p>»Hirngespinste«, sagte Faustina kopfschüttelnd. »Was +soll ich mit Hirngespinsten? Um mich mit einem Gegebenen +abzufinden, dazu bin ich. Ist mir der gegebene +<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>Zustand unerträglich, nun, so empöre ich mich. Demokratisierung, +ja, ja, das ist es! Was heißt denn: Demokrat +sein? Demokrat sein heißt, etwas bedeuten wollen +außerhalb einer organischen Sozietät. Nicht wahr?«</p> + +<p>»Jawohl, oder als Persönlichkeit auftreten außerhalb +der Sozietät und sich ihr entziehen auf Grund singulärer +Rechte oder selbstgeschaffener Befugnisse.«</p> + +<p>»Ausgezeichnet. Was kann nun dabei zustande kommen? +Da ist der Adel. Was hat ihn zu allen Zeiten so +mächtig werden lassen? Doch wohl nur der eherne +Zusammenhang seiner Mitglieder auf Grund einer +ehernen Überlieferung. Heute aber, heute ist jeder +Ladendiener schon mit einer Individualität versehen, +und jede aufgeputzte Kuh faselt von ihrem Selbstbestimmungsrecht. +Was ist die Folge? Ehe noch die +ärmlichsten Menschenpflichten erfüllt sind, werden +der Menschheit schon Glücksforderungen gestellt, +wie man einen Wechsel auf Sicht präsentiert. Alle, +die so im glücklichen Besitz einer Persönlichkeit sind, +was eben Persönlichkeit nach ihrer Ansicht ist, gleichen +den schlechten Kaufleuten, die sich bei einem großen +Unternehmen mit einem kleinen Kapital beteiligen +und über Nacht Millionäre werden wollen. Diese +Persönlichkeitsritter üben ein neues Faustrecht aus +und die Gesetzlosigkeit, die sie begünstigt, erscheint +ihnen als der Gipfel der Freiheit und Kultur. Meine +Überzeugung ist aber die, daß ein demokratisches +Zeitalter nun und nimmermehr ein Zeitalter der Liebe +<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>sein kann. Gerade in der Liebe wird ja die Aufopferung +der Persönlichkeit verlangt. Hingabe! Ein herrliches +Wort! Der Demokrat, der individuelle Demokrat, er +gibt sich nicht hin, er gibt sich nur auf. Und liebt er, +so muß er zweckvoll lieben. Und außerhalb der Sinnlichkeit, +wo wäre da für ihn noch Zweck? Also muß +er sinnlich lieben.«</p> + +<p>»Man kann das formulieren, wie man will, Faustina, +und ich streite nicht dagegen, nur wundre ich mich, +weil Sie vorhin doch selbst für die Sinnlichkeit plädiert +haben.«</p> + +<p>»Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, daß +die Sinnlichkeit ihren eigenen Thron aufgerichtet und +die andern Kräfte der Liebe unterjocht hat. Wenn das +organische Ineinanderwirken der Kräfte aufhört, so +entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die +sich auf Kosten des übrigen Körpers nähren und ihn +langsam vernichten.«</p> + +<p>»Dieser medizinische Vergleich ist mir zu – moralisch, +liebe Freundin. Wir dürfen hier um keinen Preis +moralisch sein, wir untergraben uns sonst die Möglichkeit +der Verständigung. Es gibt eine Art von Sinnlichkeit, +die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn +es in klares Wasser fällt und das Wasser bis auf den +Grund durchleuchtet, es entmaterialisiert. Welche +Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen Sinnlichkeit +entgegenstellen? Etwa die naive? Das gäbe ein Schema. +Jedes Schema bleibt hinter der Erfahrung zurück, von +<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>der Synthese ganz zu schweigen. Statuieren wir also, +beispielsweise, einen Unterschied zwischen elementarer +und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die +Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das +Weibchen schlechthin begehrt? Ist Werther differenziert, +weil er sich um Lotte erschießt? Sie sehen, man +hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.«</p> + +<p>»Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie +werden mir doch nicht ausreden, daß es eine Sinnlichkeit +gibt, die eine Ursache und eine Sinnlichkeit, die +eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere +eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere +kommt aus der Seele ...«</p> + +<p>»Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit +kommen wir zu keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur +dann Einsicht, wenn wir von der Phantasie ausgehen, +wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne Phantasie, +und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja, +ich gehe so weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit +sind gleichsam die beiden Flügel desselben +Wesens, des Liebewesens nämlich, die beiden Flügel, +ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos lösen +und von der Erde erheben kann. Und das eine ist mir +klar: daß das moderne Ideal von Liebe oder von Sinnlichkeit +viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie +steht, als es jemals der Fall war.«</p> + +<p>»Ist das Ihr Ernst?«</p> + +<p>»Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdrücklich: +<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>das Ideal. Ich will die Erscheinungen selbst nicht betrachten; +ich will gern zugeben, daß wir vom Ideal +weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber +nicht in der Inferiorität des Lebens, sondern in der +Superiorität des Ideals. Gerade durch die Persönlichwerdung +unserer Existenz wird ja der Reichtum der +Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich +gesteigert. Was auf der einen Seite die Vereinzelung +der Guten, die Vereinsamung der Tüchtigen +bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und +das Gesetz aus, unter dem sie überhaupt zur Geltung, +zur Entfaltung ihrer Kräfte gelangen. Es findet dadurch +ein Zusammenfluß von vielen isolierten Idealen, +ein Ineinandergreifen erhöhter Lebensstimmungen +der heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und +deren organische Verschmelzung, wenn es einmal so +weit gekommen sein wird, sich gar sehr von den primitiven +und deswegen von vornherein harmonischen +Idealen früherer Epochen unterscheiden wird. Und +außerdem, was könnte ein stärkerer Ansporn für die +Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen Ideal +und Wirklichkeit?«</p> + +<p>»Ach so,« sagte Faustina stirnrunzelnd, »es soll also +die Phantasie ein Mittel des Verzichtes werden? Da +sieht mans, mit Logik kommt man herrlich weit!«</p> + +<p>»Zu einem Mittel des Verzichtes, – ja. Aber nicht im +Geist der Askese, sondern im Geist der Vollkommenheit +und Vervollkommnung. Ein Liebender, Faustina, +<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>was ist er denn anders als einer der gewählt hat, einer +dessen drängendes Gefühl sich für die intensivste +ihm mögliche Lustquelle entschieden hat. Denken wir +uns die sinnlichste Natur; denken wir sie zugleich +liebefähig und zur Liebe bestimmt in der edelsten +Art. Indem sie wählt, vollzieht sie unwiderruflich ihr +Schicksal; das weiß sie, und weil sie es weiß, folgt sie +einem hohen sittlichen Gebot, wenn sie den Gegenstand +der Liebe in die höchste Region der Vollkommenheit +erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel +ist, je mehr kann die Realität vergessen werden, und +nicht in einer selbstsüchtigen Täuschung, sondern in +einer schönen, selbstlosen, idealen Täuschung, ja, +schlankweg gesagt, in einer Täuschung zugunsten +des Vollkommenen. Oder nehmen wir ein negatives +Beispiel: nehmen wir unglücklich Liebende; ich meine +natürlich nicht solche, die aus äußerlichen Gründen, +sondern solche, die aus innerlichen Gründen verhindert +sind, eins zu werden. Unglücklich Liebende sind +Wesen, die nicht die Geduld, das heißt, nicht die +Kraft, im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten +zu wählen. Nun was heißt aber das: geduldig sein +und dabei leidenschaftlichen Gemüts? Es will nichts +anderes sagen als schöpferische Phantasie besitzen. +Und daß der wahrhaft Liebende schöpferische Phantasie +besitzt, das zeigt sich eben in demselben Augenblick, +wo er zu lieben beginnt.«</p> + +<p>»Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht +<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>sehe ich ein, inwiefern wir, wir Auserlesenen des +zwanzigsten Jahrhunderts, darin einen Vorzug haben. +Ihre Argumente genügen mir nicht; ach, in Argumenten +bin ich so ungenügsam wie in allem andern. +Es gab eine Zeit, da war die Liebe ein Ereignis, ein +Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie, und +heute? Ist für Sie oder für Ihre Altersgenossen, ist für +Mann oder Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies +große Unbegreifliche, dies ... nun dies Wunderbare –? +Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich +nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen? +Verwandeln sich die Erlebnisse einer Frau nicht in ein +Erkennen? In diesem Punkt ist eure Gerechtigkeit, +eure berühmte Männergerechtigkeit nichts wie aufgeschmückte +Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder +nicht ist, was soll da die Phantasie? Was sollen +Flügel, wo keine Luft ist, die sie trägt? Vom Adler erzählt +man, daß er sterben muß, wenn er nicht mehr +fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also muß er +sterben. Ihr gleicht nicht den Adlern, ihr Männer, ihr +könnt auch gehn und macht euch vor jedem Jäger aus +dem Staub.«</p> + +<p>»Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das +klingt, Faustina! Wie aus einem Roman der George +Sand. Die Sache ist wirklich die, daß uns die Liebe +gar kein Wunder mehr bedeutet.«</p> + +<p>»So? Und warum, wenn man fragen darf? Lassen +Sie mich den Grund hören; ich bin neugierig und im +<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>voraus voller Widerspruch, denn daran hängt mir ein +Stück Herz.«</p> + +<p>»Nein, die Liebe als Phänomen ist für uns kein Wunder +im Sinn von 1750 oder 1820, wo der Liebende sich +in der Erlesenheit seines Gefühls spiegelte, an seinem +Gefühl fast zum Narziß wurde. Der Grund, weshalb +dem nicht mehr so ist, besteht darin, daß wir einerseits +zu wissenschaftlich, andrerseits zu historisch dazu +empfinden. So trocken herausgesagt, schmeckt das +nach Pedanterie, aber wir sind uns ja der Ursachen +nicht bewußt. Zu wissenschaftlich: nicht nur, weil wir +es in Büchern lesen oder weil wir es in der Natur +beobachten oder weil uns jeder Vorgang des Lebens +darüber belehrt, sondern weil uns die Überzeugung +oder besser ausgedrückt die Anschauung in Mark und +Knochen sitzt, daß alles, was da atmet, wird und +wächst, ein und demselben Gesetz gehorcht, daß ein +Band der Liebe sich um alle Wesen schlingt, ein Trieb +der Zeugung, ein Wille, Schöpfer zu sein, den Tod +zu besiegen, alle und alles bis ins Innerste durchdringt. +Zu historisch darum, weil unser Geist in keinem Fall +berauscht und egoistisch am Augenblick hängt, weil +wir voll sind von Vergangenheit, von immanenter Erfahrung, +weil das Geschick einzelner sowohl wie +ganzer Geschlechter, ja der ganzen Gattung beständig +und ohne daß wir dessen gewahr werden, zu uns redet +und unsere eigenen Wege deutet. So wenig uns ein +Gewitter in abergläubische Furcht versetzt, so wenig +<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>also wird uns das Ereignis großer Liebe wunderbar +dünken; beides kommt ja aus der Natur, beides ist im +Entstehen und Vergehen gegründet. Nun jedoch tritt +das Seltsame ein: Im Großen, in allem Katastrophalen +der Existenz haben wir aufgehört, Wunder und Begünstigung, +Geheimnis und persönliche Verschuldung +zu erblicken; im Kleinen aber, im Alltäglichen des +Tuns und Betrachtens wird uns ein jedes Ding verwunderlich. +Höchst bezeichnend ist es, dies Wort: sich +wundern. Wir verwundern uns eigentlich unaufhörlich. +Es erstaunt uns der Wurm, es erstaunt uns der +Sternenhimmel, es erstaunt uns der Apfel, es erstaunen +uns Berg, Strom und Wasser. Es erstaunt uns der +Bettler und es erstaunt uns der reiche Mann, es erstaunt +uns der Mörder und es erstaunt uns der Dichter, +es erstaunt uns der Tapfere und erstaunt uns der Feigling. +Das macht, weil wir in allen diesen die Notwendigkeit +entdeckt haben, das Gefühl für die Unbedingtheit +ihres Seins und damit in letzter Linie die +Schönheit, die ihnen eigene Form der Schönheit. Wie +ehedem von einem Pantheismus könnten wir von +einem Panhumanismus sprechen oder besser von einer +Allwesenheit. Es ist uns alles menschlich geworden, +kreatürlich geworden, – zugehörig. Daß sich dadurch +die Quellen der Freude um ein Unermeßliches vermehrt +haben, ist klar, und das Reich der Schönheit +ist, wie Christus vom Reich Gottes sagte, in uns. Das +Reich der Liebe auch. Und wenn wir nun die ganze +<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>Welt dermaßen in uns haben, wenn unsere Sinne sie +unaufhörlich besitzen, so folgt daraus doch für die +Sinne selbst, daß sie auf ein Begrenztes, auf ein Gehaltvolles, +auf ein Zweck- und Zielvolles gewiesen sind, +daß sie mutiger, sicherer und stolzer geworden sind +und daß ihr unentbehrlichster Verbündeter, weil sie +von Anschauung, von Ahnung, von Begreifen, von +Andacht, von Weltgefühl genährt werden, die Phantasie +ist. So ist es auch in der Liebe. Die Sinnlichkeit +ist darum nicht mehr auf den Körper beschränkt, sie +will nicht erobern und nicht verführen; von galanten +Künsten braucht sie überhaupt nichts zu verstehen, +denn sie sucht nichts weiter als Übereinkunft. Sie +überlistet nicht, weil sie wertet; sie enthüllt nicht den +Leib, sondern die Seele, ja, sie ist ganz und gar auf +solche innere Enthüllungen angewiesen, und eine +Form gibt ihr nichts, wenn der Form nicht ein Inhalt +entspricht. Eifersucht ist ihr deshalb ein unfaßbarer +Begriff, denn gerade die Einmaligkeit, die unwandelbare +Gesetzmäßigkeit, darauf beruht sie. Es ist keine +Regung in ihr, die nicht, mit einem Wort gesagt, auf +Verständigung beruhte. Damit sind wir wiederum bei +der Phantasie angelangt, denn Verständigung hat ja +keine andere Wurzel als die geistige Macht des Menschen, +die Phantasie.«</p> + +<p>»Sie springen etwas willkürlich mit der Phantasie um, +mein Bester«, bemerkte Faustina kühl.</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Tu</em> ich das? In der Tat, ich schreibe der Phantasie +<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>eine weitaus größere Rolle zu als es sonst geschieht. +Erst mit ihrer Hilfe sind wir fähig, die Seelen anderer +Menschen zu erfassen. Viele Eigenschaften, die man +nur zu leicht als Laster anzusprechen geneigt ist, sind +lediglich in einem Mangel an Einbildungskraft begründet. +Der Geizhals, der Hoffärtige, der Grausame, +der Nörgler, der Denunziant, der Selbstzufriedene, der +Gottesleugner usw. was sind sie anders als Phantasielose +oder – Phantasten, was beinahe das selbe ist. Gewisse +Worte müßten uns töten, wenn nicht die Einbildungskraft +wäre, die sie zu Luft und Schall zerstieben +läßt. Haben Sie das nie erfahren, Faustina?«</p> + +<p>»Ich hab’s erfahren, wahrlich.«</p> + +<p>»Und gäbe es Verzeihung für erlittene Beleidigungen +ohne die Phantasie? Nein. Der Mensch ist rachsüchtig, +die Phantasie veredelt diesen Impuls. Ein solcher +Mensch ist nun nicht mehr lasterhaft. Man kann getrost +sagen: wer echte Phantasie besitzt, der ist tugendhaft. +Wenn Sie nun der Sinnlichkeit die Phantasie +nehmen, was bleibt dann übrig? Wenn ich liebe, und +mein sinnliches Verlangen ist ohne Phantasie, so bin +ich wie einer, der in absoluter Finsternis gefangen ist, +ja, es ist möglich, daß ich dadurch dem Wahnsinn +verfalle. Erst durch die Phantasie erhält meine Begierde +die Weihe, die Süßigkeit, die Schönheit, den Mondglanz +der Bezauberung und jenen Tropfen von Melancholie, +ohne den eine Leidenschaft nicht beseelt erscheint. +Sinnlichkeit ohne Phantasie ist nichts als der +<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>traurige Zweikampf zweier Wesen, die einander unbewußt +zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im +Leben nicht bloß das eine oder das andere; die Leiden +und Irrungen, die ein unvollkommener Zustand mit +sich bringt, bleiben schließlich wenigen erspart. Wie +oft sieht man Eheleute oder Liebesleute im Streit! +Wie manche Ehe, die durch die Liebe getragen schien +und nur noch durch Gewohnheit und bürgerliche +Rücksichten befestigt ist, schleppt sich mühselig hin +unter Hader, Zank und Mißverständnissen! Männer, +sonst gerecht und vornehm, Frauen, sonst zärtlich und +nachsichtig, vergessen sich; sie werden zu Tieren, die +auf einander Jagd machen, sich einander Wunden zufügen, +harte Worte wählen, Worte wie geschliffene +Messer, mit übertriebenen Beschuldigungen die Achtung +untergraben, die jeder vom andern billig verlangen +muß, und ohne die Haltung sind, die sie auch +dem Gleichgültigen gegenüber zu wahren wissen. Es +sind das häßliche Szenen, und häßlich sind sie, weil +solche Menschen aller Phantasie bar sind, weil sie +nicht vermögen, die Armseligen, über den Augenblick +hinauszudenken, weil der Augenblick in ihnen stärker +ist als das Herz, als das Schicksal, als Tod und Ewigkeit. +Ja, so sind die Phantasielosen, sie leben nur von +Augenblick zu Augenblick, sie schwingen nur in den +Intervallen, der Augenblick selbst ist ihnen nichts.«</p> + +<p>»Das alles ist mir zu allgemein«, sagte Faustina. »Teils +zu allgemein, teils zu kategorisch. Ich kenne Verhält<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>nisse, +deren Beschaffenheit mit der Phantasie gar nichts +zu tun hat, oder ich müßte den Begriff der Phantasie +zu weit ausdehnen. Nehmen Sie an, eine geistig bedeutende +Frau liebt einen Gimpel; oder ein Mann von +Genie liebt eine gewöhnliche Gans. Das kommt doch +häufig genug vor, sollt ich denken. Und wie einfach +sind diese Beziehungen, mein Gott, wie einfach. Ihr +A und O ist eine natürliche Sinnlichkeit, und bieten +sie nicht meist größere Gewähr für ein dauerndes +Glück als jene feinnervigen Bündnisse, in denen doch +alles auf Eigenschaften gestellt ist, und nicht auf das +Ganze der Kreatur? Man muß einander nicht gar zu +gut verstehen in der Liebe; ein wenig Fremdheit tut +not. Wir Leute, wie wir da sind, wir verstehen einander +zu gut und mißverstehen uns deshalb so oft. +Den Leibern, finde ich, ist die allzugroße Vertrautheit +der Seelen von Übel. Sie verletzt die Schamhaftigkeit.«</p> + +<p>»Die Schamhaftigkeit? Inwiefern?«</p> + +<p>»Das leidet gar keinen Zweifel. Je größer die seelische +Verfeinerung wird, je größer wird auch die Schamhaftigkeit. +Es ist ein heikles Thema, und irgendein +Schriftsteller meint mit Recht, daß es schon schamlos +sei, über die Schamhaftigkeit zu sprechen oder was +jemand darüber sagt, anzuhören. Je tiefer man in den +andern hineinschaut, je mehr ist man geneigt, das, was +in ihm vorgeht, zu überschätzen, je mehr fürchtet man +den andern oder fürchtet sich selbst, je mehr versteckt +<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>man sich, ja ich habe es erlebt, daß solche Menschen +aus lauter Zartfühligkeit und Hellseherei sich die Möglichkeit +harmlosen Daseinsgenusses untergruben.«</p> + +<p>»Aber was hat das mit der Schamhaftigkeit zu tun?«</p> + +<p>»Sehr viel! Wenn die dunklen Zustände und Vorgänge +in der Brust dermaßen ans Licht gezerrt werden, daß +der Mensch sozusagen in sich selber kein Heim mehr +hat, wo er sich mit seinem Verschwiegensten bergen +kann, so muß ihm doch allmählich dabei zumute +werden, als ob man ihn entblöße und an den Pranger +stelle. Ich, ich für meinen Teil, fühle mich durch das +beständige, wachsame Verständnis eines andern, und +sei er das geliebteste Wesen, ganz und gar an den +Pranger gestellt, und ich sage Ihnen auch, daß mir +jene Frauen, die man unverstandene zu nennen beliebt, +mir, mir für meinen Teil, immer nur schamlos erschienen +sind. Das wären die einen. Dann sind jene, +bei welchen die Schamhaftigkeit sich ins Krankhafte +steigert und die in einer so dünnen Luft leben, daß +ihnen das gesund Sinnliche zum Ekel wird. Ich hatte +einst eine solche Unglückliche zur Freundin; sie war +die schamhafteste Natur, wurde aber bisweilen von +einem förmlichen Enthüllungswahn verfolgt, und indem +sie sich preisgab, unterlag sie einem Zwang, der +sie etwas ausüben hieß, was ihrem wahren Wesen +gerade entgegengesetzt war. Da war kein Halt, keine +Haltung, und als sie eines Tages liebte, versagte sie +sich dem betreffenden Mann, weil sie überzeugt war, +<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>daß er nur ihren Körper liebte und nicht die Seele. +Ist das nicht schauerlich? Ein einziges, grobes Mißverständnis +des Lebens?«</p> + +<p>»Freilich; es gibt Frauen genug, die in dieser Hinsicht +einem unheilvollen Irrtum und Unbegreifen verfallen +sind«, erwiderte ich. »Der unheilvollste Irrtum, den +sie begehen können, ist aber, wenn sie aus ihrer Art +der Schamhaftigkeit und deren Überwindung einen +Begriff der Treue folgern, der für sie Gesetz und Notwendigkeit, +für den Mann aber eine Freiwilligkeit ist. +Diese Freiwilligkeit wieder einer höheren Notwendigkeit +unterzuordnen, das ist die <em class="gesperrt">Tat</em> des liebenden +Mannes, eine Handlung, die von seiner Kultur, von +seiner Selbstbeherrschung, von seinem Schönheitsempfinden +abhängt. Die Frauen besitzen nur die +Scham des Geschlechts; die Keuschheit einer Nonne +und die Verderbtheit einer Dirne sind nur verschiedene +Wirkungen ein und derselben Kraft, ähnliche Zustände +mit verschiedenen Hemmungen. Dem Mann +ist eine andere Schamhaftigkeit eigen, eine übersinnliche, +ich möchte sie die Scham vor Gott nennen, und +er kann sie nur verlieren, wenn er sich selber vor Gott +verliert. Wir haben demnach das Schauspiel eines beständigen +Krieges zweier dem Grund und der Beschaffenheit +nach völlig unähnlicher Arten der Schamhaftigkeit, +und während eine Frau die ihre sozusagen +wörtlich nimmt, sie trägt oder abwirft wie man ein +Kleid trägt oder abwirft, verheimlicht der Mann die +<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>seine, denn ihm ist sie nur ein Symbol. Niemals darf +die Frau sich einfallen lassen, das Symbol in die Wirklichkeit +zu zerren, etwa eine Forderung daraus zu +machen.«</p> + +<p>»Das sagt – ein Mann!« rief Faustina. »Ich muß Sie +schon sehr hoch einschätzen, lieber Freund, wenn ich +das nicht anmaßend finden soll. Klipp und klar gesprochen +heißt das doch: die Liebe des Weibes ist +eine Realität, die des Mannes ein Symbol. Oder +nicht?«</p> + +<p>»Ausgezeichnet formuliert, Faustina.«</p> + +<p>»Na, schön. Ich will dagegen nicht streiten, weil es +ins Grenzenlose führt. Ich sehe nur so viel, die tägliche +Erfahrung beweist es mir, daß diese Realität keinen +Bestand und dieses Symbol keine Bedeutung hat. +Flausen, Flausen, nichts als Flausen! Bester Freund, +sperren Sie mich doch nicht ein für allemale in die +Rumpelkammer der ›Realität‹! Denken Sie daran, daß +auch ich geliebt habe! Ja, wirklich, wirklich geliebt! +Beweisen kann ich nicht, daß es mehr war als ein +Irdisches, Erdgebundenes, an Zweck und Zeit und +Augenschein Gebundenes, aber dafür kann ich beweisen, +daß der andere, der Partner im Spiel, keinen +Einsatz wagte, der die Mühe verlohnte zu kämpfen, +beweisen kann ich, daß seine Liebe – und er <em class="gesperrt">liebte</em> – +nur unzulänglich war, also nicht bis zu dem Punkt +reichte, wo eine symbolische Kraft das Flüchtige des +Lebens festhält. Aber weshalb so hohe Worte? Napo<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>leon +tat auf Sankt Helena den ungeheuerlichen Ausspruch: +Ein solcher Schurke kann kein Mann sein als +ich von ihm glaube, daß er einer ist. Fast jede Frau +kann dasselbe von ihren Erfahrungen in der Liebe +sagen, vorausgesetzt, daß sie nicht ein blindes Tierchen +ist. Ihrer Methode gemäß werden Sie mir wahrscheinlich +entgegenhalten: du hast eben nicht zu wählen verstanden. +Ja, um Gottes willen, wenn der sich nicht +bewährt, den ich als den besten erkenne, wozu schlägt +dann mein Herz, warum denke und fühle ich dann? +Entweder muß ich demnach mein Leben in der Wurzel +verneinen oder Ihre ganze Weisheit wird mir zum +Sophisma. Da ist ein Mann, der mich anbetet; es erscheint +mir zweifellos, daß ich ihm viel, daß ich ihm +alles bin, ich ergebe mich, verbünde mich ihm, und +da muß ich entdecken, daß er nur zu werben versteht, +zu besitzen, den Besitz zu verteidigen, zu bilden, zu +erhöhen, dazu ist er nicht fähig. Oder ein anderer Fall: +da ist ein Mann von Geist, Gemüt, Talent, aber er +lebt in tiefem Elend. Das Mitleid nähert mich ihm, es +gelingt mir einen wahren Sturm der Energie in ihm zu +entfesseln, die Liebe zu mir trägt ihn empor, das +Schicksal begünstigt ihn, aber er kann es nie verwinden, +daß diejenige, die er liebt, auch seine Helferin +war, er selbst gesteht mir seine Scham und alles scheitert +an einer Grille.«</p> + +<p>»Und was taten Sie?«</p> + +<p>»Was sollt ich tun? Ich ließ ihn seiner Wege gehen. +<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>Ist es etwa diese Scham, die Scham, nicht mehr der +Mächtige zu sein, die Sie symbolisch nennen?«</p> + +<p>»Der Mann hatte vielleicht nicht viel zuzusetzen, deshalb +raubte diese Scham seiner Liebe die Kraft«, antwortete +ich. »Es kommt nur darauf an, was einer zuzusetzen +hat, und für den Mann ist in der Liebe tatsächlich +alles nur eine Frage der Macht. Mitleid ist ein +Feind der Liebe, Mitleid zerstört die Gleichberechtigung, +geradeso wie ein ausschließliches ästhetisches +Wohlgefallen; jenes schafft eine zu große Nähe, dieses +eine zu große Ferne. Der Bemitleidete und der Bewunderte +atmen nicht dieselbe Atmosphäre mit demjenigen, +der Mitleid oder Bewunderung hegt, und sie +sprechen nicht in derselben Sprache zueinander. Aber +es gibt Mittel, den Zwiespalt zu überbrücken, und die +Frau ist es, die in dem einen wie im andern Fall ausgleichend +zu wirken vermag, und zwar durch die göttliche +Eigenschaft der Sanftmut. Sie, Faustina, sind +nicht sanft genug.«</p> + +<p>»Nicht sanft genug! Das wurde mir schon einmal +gesagt. Wenn ich sanft wäre, wurde gesagt, hätte ich +weniger Anlaß, mich über das Leben zu beklagen.«</p> + +<p>»Oder über die Liebe. Das ist meine Meinung.«</p> + +<p>»Sanftmut! Die schätzbare Gabe, stumm zu bleiben, +wenn man getreten wird, und nur zu seufzen, wenn +das Herz bricht, die nennt man Sanftmut, die nennen +die Männer Sanftmut. Und weil sie ihnen die bequemste +Eigenschaft am Weibe ist, darum wird sie +<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>gepriesen. Wer aber Augen hat und sieht, und vieles +sieht, und Blut, das sich erhitzt, und eine Faust, die +sich ballen muß, der kann nicht sanft sein.«</p> + +<p>»Gemach, Faustina. Sie erinnern mich ein wenig an +den Knaben, den man fragte, wer tapfer zu heißen sei, +und der darauf entgegnete, tapfer sei, wer nicht davonlaufe. +Sanftmut ist nicht Nachgiebigkeit, nicht Unterwürfigkeit, +nicht Schweigsamkeit. Sanftmut ist der +Ruhe des Feldherrn zu vergleichen, oder der Besonnenheit +des Künstlers. Sie ist nicht eine Schwäche, sondern +eine Kraft. Sie ist in der Liebe die eigentliche Kraft +des Weibes, ihre Waffe wie ihr Schutz. Sie ist nicht +an ein bestimmtes Temperament gebunden, dem cholerischen +kann sie gegeben, dem melancholischen kann +sie versagt sein. In jedem Tun und Lassen drückt sie +sich aus: in der Freude, in der Angst, in der Trauer +und im Schmerz, im Blick und im Schritt. Sie ist +geradezu ein Rhythmus des Lebens. Das Lächeln der +sanften Frau ist unwiderstehlich, die sanfte Frau ist +niemals häßlich. Nun ist freilich die echte Sanftmut +beinahe ebenso selten wie die Liebe, und leider muß +man konstatieren, daß sie immer seltener wird, je mehr +die Erregbarkeit der Nerven wächst, je mehr auch die +Frauen von Liebe und über die Liebe wissen, und je +weniger sie Liebe fühlen. Denn die Liebe der Frau ist +hauptsächlich auf ein Elementares, auf ein Unbewußtes +gestellt. Da gibt es Frauenrechte und Frauenberufe, +man bildet Körperschaften und veranstaltet Versamm<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>lungen. +Dabei mag viel Nützliches entstehen, aber für +die Sanftmut ist alles zu fürchten. Haben Sie nie den +Unterschied bemerkt zwischen dem Geschmack einer +Birne, die frisch vom Baume kommt, und einer solchen, +die schon unter vielen andern Birnen auf dem Speicher +gelegen war? Ein solcher Unterschied herrscht zwischen +der Frau als Einzelwesen und der Frau, die sich +sozial betätigt.«</p> + +<p>»Sie mögen ja recht haben«, antwortete Faustina. »Aber +am Birnenbaum hängen viele Birnen. Sollen die Birnen +also warten, bis die Leckermäuler anspazieren, um die +schönsten zu verspeisen? Die übrigen können warten; +sie müssen verfaulen und ins Gras fallen, wie? Um +der Sanftmut willen. Danke schön. Wir haben nicht +Konsumenten genug, wir armen Birnen, wir müssen +unterzukommen trachten. Ihr wollt uns rein, ihr wollt +uns engelhaft, ihr wollt, daß jede sich für einen Messias +aufspare, aber ihr, ihr wollt nichts entbehren, +keinem Gelüst die Befriedigung vorenthalten, keinem +Appetit die Stillung. Und der Messias, der sich schließlich +bei uns einstellt, ist entweder ein alberner Fant, +der nicht weiß, was er in Händen hält und seinen +blinden Jünglingsrausch austobt, oder ein kritischer +Herr, der sich wieder trollt, wenn das Birnchen einen +Flecken hat.«</p> + +<p>»Das ist wohl wahr, Faustina, praktisch genommen +ist es wahr, und daß ihr Grund habt, euch selbst zu +schützen, kann nur einem Dummkopf verborgen blei<a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>ben. +Jedoch von einer höheren Zinne betrachtet, liegen +die Dinge anders. Die Natur will nicht, daß man ihr +zuvorkomme. Sie will nicht, daß ihr heiligstes Gesetz, +das Gesetz der Auslese, umgestoßen wird, und wenn +es trotzdem geschieht, rächt sie sich durch die Hervorbringung +lebensuntüchtiger Geschöpfe. Ist Ihnen bekannt, +daß zum Beispiel unsere Jagdvorschriften der +Rassigkeit und Widerstandsfähigkeit des Wildes, besonders +des Edelwildes, erheblichen Abbruch tun? +Wir haben Frauen, die gezwungen sind, einen Beruf +zu ergreifen; ohne Pathos tun sie es, verdienen ihr +Brot; andere sind mit Intelligenz und Scharfsinn am +Werk, um soziales Elend zu mildern. Wer hätte dagegen +etwas einzuwenden? Das Schicksal des Individuums +wird mir immer Teilnahme einflößen, ob +es eine Nähmamsell oder eine Fürstin ist; Massenbestrebungen +aber, wenn sie der unmittelbaren +Leidenschaft des Erlebnisses entbehren, lassen mich +natürlich kalt. Das Wesen der Frau deutet mehr als +das des Mannes auf Vereinzelung; ich habe immer +gefunden, daß die edlere Art der Frau sich nur kraft +dieser Vereinzelung bewahrte, und daß sie sich zur +Vervollkommnung der Rasse gar nicht teuer genug +bezahlen läßt.«</p> + +<p>»Und wenn dem so wäre,« versetzte Faustina, »was +hülfe es? Ist denn die Frau nicht immer willfährig zum +Besten, wo der Mann das Beispiel edler Initiative +gibt? Was frommt aber der Natur, was hilft selbst +<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>Gott das Gesetz der Auslese, wenn ihm das Gesetz +der Trägheit entgegensteht?«</p> + +<p>»Der Trägheit ... Schon vorhin haben Sie das Wort +gebraucht. Sie sagten Trägheit des Herzens.«</p> + +<p>»Ja. Trägheit des Herzens.«</p> + +<p>»Trägheit des Herzens ist eine von den sieben Todsünden, +soviel ich weiß.«</p> + +<p>»Sie ist die einzige Todsünde, die es gibt.«</p> + +<p>»Sie verbergen also einen großen Sinn dahinter, so +etwas wie eine Idee.«</p> + +<p>»Einen großen Sinn, da haben Sie recht, einen schmerzlichen +Sinn. Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, +sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich, heißt +es in einem Brief des Paulus an die Römer. Da ist ein +Erkennen: das Gefühl trotzt dem Erkennen, beharrt +auf dem falschen Weg; oder da ist ein Gefühl, ein +großes, ein wahres; und doch, es läßt sich betrügen, +es läßt sich verwirren durch Rede und durch Denken. +So entsteht Trägheit des Herzens, und ist selber +noch ein Tieferes, Schwereres, Dunkleres, Schuldigeres. +Es gab Zeitläufte, wo die Menschen mehr +ihren Trieben untertan waren, barbarische, kriegerische, +im großen und ganzen auf eine Sache, auf ein +Ziel gestellte Zeiten. Da konnte Trägheit des Herzens +für eine Sünde gleich andern gelten, gleich Geiz oder +Neid oder Habsucht. Heute ist der Mensch zur +Rechenschaft gezogen, heute ist jeder sich selbst verantwortlich. +Sie sagen es selbst, nicht die Religion, +<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>nicht Himmel und Hölle darf er zur Ausrede und Ausflucht +machen, in seiner Brust muß er sein Schicksal +suchen. Da wird Trägheit des Herzens zur Kardinalsünde, +und wie es nun ist, diese Sünde liegt auf uns +allen wie Gewitterlast. Fordern Sie Beispiele? Wo soll +ich anfangen? wo enden? Vorübergehen, wenn die +Stimme des Gemüts zum Bleiben mahnt, bleiben, wenn +sie verlangt, daß ich weitergehe; die Augen schließen, +wenn es gilt zu sehen, und schweigen, wenn es gilt, +Partei zu nehmen; urteilen und verdammen, wenn vieles +davon abhängt, zu schweigen und Milde zu üben; den +reinen Sinn betäuben, den unreinen zu falscher Tat +stacheln; Zwecke wollen, wo keine sind; nach Gerechtigkeit +streben und der Liebe vergessen; Liebe +beanspruchen, ohne sie zu geben; genießen wollen +und nicht bezahlen; von Gott reden und den Teufel +im Innern füttern; Ideale aufrichten und einen armen +Schuldner vor Gericht zitieren; in Musik und Dichtung +schwelgen und vor den kleinen Menschenpflichten +die Flucht ergreifen; Freundschaft preisen +und den Freund verleugnen; Philosoph sein und den +Dienenden mißhandeln; den Genius herbeiwünschen +und, wenn er sich zeigt, ihn schmähen und in den Kot +zerren, alles dies, all dies Vergessen, all dies <em class="gesperrt">Wissen</em> +und <em class="gesperrt">Nicht-Tun</em> ist Trägheit des Herzens. Ach, wie +schön ist das Herz! zu wie vielem fähig! wie viel vermag +es! Und Liebe, das Herz des Herzens, wie wird +sie mißachtet, mißbraucht, vergewaltigt und zertreten! +<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>Wie ummauert sind alle Herzen, wie wenig mag ein +jedes sich verraten, und wie schnell und bereitwillig +das des anderen! Wir reden da von Liebe, von Liebe, +und wo ist sie, die Liebe? Ein Symbol soll sie sein, +ein seltenes Phänomen, ich aber möchte sie haben, +sehen möchte ich sie! Zeigen Sie mir einen Liebesbegeisterten, +zeigen Sie mir einen Verschwender der +Liebe! Die Liebe, von der ich weiß, war immer nur +ein zartes Pflänzchen, es ertrug die Lebensstürme +nicht, versteckte sich vor der Sonne und kroch in +labyrinthisch verschlungene Tiefen, weltabgewandt, +der Nacht zugewandt. Ich fragte einmal einen Mann, +ob seine Geliebte schön sei. Schön, das könne er nicht +behaupten, sagte er, aber alles an ihr sei charakteristisch. +Ei, erwiderte ich ihm, Sie sind ein ganz famoser Zeitgenosse. +Charakteristisch! Ein niedliches Wort! Man +müßte es in eiserne Lettern gießen und auf den Schandpfahl +des Jahrhunderts nageln. Alles ist so charakteristisch, +so individuell, so besonders, so künstlich, so +ins Kleine zerspalten, ins Geistige verdünnt, so scheu, +so furchtsam, so wissend und so unsicher in jeglichem +Gefühl. Was ist da um Gottes willen noch zu hoffen, +Freund! Was kann ein volles Herz noch für sich +hoffen? Es gibt nur eines; nur eines gibt es: sich bescheiden.«</p> + +<p>»Es gibt noch ein zweites, Faustina, ein größeres.«</p> + +<p>»Und das wäre?«</p> + +<p>»Die Freude an der Erscheinung. Beklagenswert ist +<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>allerdings der Druck, unter dem wir leben, das seltsam +fatalistische Dahinrasen. Das Dasein wird immer +scheinhafter, seine kurze Dauer wird uns immer +schmerzlicher bewußt, und wer Sinn und Liebe sucht, +kann wohl in ungemessene Verzweiflung stürzen, +wenn ihn dies eine nicht rettet: zu schauen. Dem +Schauenden enträtselt sich die Welt; ihm entwirrt sich +jedes Dunkel; er legt seine Hand auf Gräber und sie +werden zu Altären, er wandelt durch Schneegestöber +und er spürt den Frühling, er ist verlassen von den +Freunden und er lebt mit der Menschheit. Daß die +Dinge da sind, daß ich sie besitze, daß Schöpfer und +Geschaffenes mein sind, daß das Leben, soweit es +denk- und fühlbar ist, in mir steckt, daß es nichts gibt, +nicht das kleinste Denk- und Fühlbare außerhalb des +Lebenskreises, und daß mir das Ungeheure wie das +Unscheinbare, Hohes und Niedriges, der Festzug des +Kaisers und das Vorüberflattern eines Schmetterlings, +daß mir Schönheit und Häßlichkeit, Liebe und Haß, +Selbstentäußerung und Trägheit des Herzens, daß mir +alles dies zur Erscheinung wird, das kann mich retten.«</p> + +<p>»Mit einem solchen Quietismus will ich mich nicht +beruhigen«, antwortete Faustina düster.</p> + +<p>»Wenn das Quietismus wäre, dann wäre der Erdball +nicht mehr imstande, seine Bahn um die Sonne zu +laufen. Glauben Sie doch nicht, Faustina, daß ich mich +damit freispreche von menschlichem Tun oder mich +des mitstrebenden Herzens entledigen wollte. Es ist +<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>kein künstlerisches, kein ästhetisches Prinzip, sondern +durchaus ein religiöses, durchaus ein göttliches. Wie +in der Liebe durch ein höchst instinktives und beseligtes +Erkennen Vorzüge und Fehler des andern zu +einem anbetungswürdigen Bild vereinigt werden, so +und nicht anders ergeht es dem Schauenden mit der +Welt. Er hat alles innen; alles was außen ist, hat er +innen; ihm ist nichts verloren, ihm ist alles gegenwärtig. +Er gibt sich hin, er gibt sich aus, aber er wirft +sich niemals weg, denn wie er das Leben besitzt und +wie er Gott besitzt, so besitzt er sich selbst. Und das, +Faustina, ist das Große: sich selber besitzen. Dann +besitzt man auch die Welt, dann besitzt man auch die +Menschheit; die andern, die sich zu jeder Stunde wegwerfen, +die besitzen nichts und niemanden. Nur die +Erwartung der Liebe täuscht sie mit der Hoffnung auf +Besitz.«</p> + +<p>Faustina hatte den Kopf abgewandt und schwieg. Eine +lange Zeit verging im Schweigen und die Freundin +hielt beständig den Kopf abgewandt. Die gesprochenen +Worte erzeugten eine doppelte Stille. Es war weit +über Mitternacht, als ich mich zu gehen anschickte. +Mit starrer Miene reichte mir Faustina die Hand. Sie +sah mich an, und wundersam, ihr Auge war voll Frage +wie das eines kleinen Mädchens.</p> + +<p>Sehr gern hätte ich Faustina wiedergesehen, aber als +ich zwei Tage später in die Wohnung kam, wurde +mir gesagt, daß sie abgereist sei.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" title="85"></a> +<a name="Page_85" id="Page_85"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Der_Literat" id="Der_Literat"></a>Der Literat</h2> + +<h3 class="essay">Geschrieben 1909</h3> + + +<p class="newsection">Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen, +hat der Kultur unserer Zeit seinen unverwischbaren +Stempel aufgeprägt. Ja, man könnte sagen, +daß alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel +Kultur begreift, ein Werk des Literaten ist.</p> + +<p>Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen +wollen diese Frage beantworten; sie wollen +die Art und die Wirkung des Literaten, die Bedingungen +seines Lebens, die Fundamente und Ziele +seines Geistes mit Hilfe einiger typisierter Charaktere +erforschen.</p> + +<p>Die damit aufgestellten repräsentativen Figuren werden +sich natürlich in der Wirklichkeit kaum so unterschieden +und formelhaft finden lassen; das Leben gibt +Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun, +im Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel +viel vom Schöngeist nachweisen können. Auch ist es +möglich, daß in einer einzigen Person die Elemente +von mehreren jener Typen stecken, daß Schöngeist +und Psycholog, oder Dilettant, Tribun und Apostel +vereinigt sind. Sogar im schöpferischen Menschen +sind Züge des Literaten vorhanden, vielleicht hat die +moderne Zeit überhaupt keinen schöpferischen Men<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>schen +hervorgebracht, der davon ganz frei wäre. Beim +Literaten werden aber die bezeichneten Eigenschaften +von einem jener Repräsentanten immer in bestimmter +und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und +die Besonderheit und das wechselnde Ausmaß der +Mischung sind dazu angetan, ihm in seiner menschlichen +und künstlerischen Wirkung das Interessante, +reizvoll Problematische und Unergründliche zu verleihen.</p> + + + +<p><a class="page" title="87"></a> +<a name="Page_87" id="Page_87"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Der_Literat_als_Dilettant" id="Der_Literat_als_Dilettant"></a>Der Literat als Dilettant</h2> + + +<p class="newsection">Eine Kunst aus Liebe zur Sache üben, das macht +den Dilettanten in der edlen Bedeutung des Wortes. +Der Dilettant und der Künstler unterscheiden sich +vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden +Zustandes, welcher den Künstler im Bereich seiner +Kunst gefesselt hält, während der Dilettant frei bleibt. +Der Künstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht, das +Vermögen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser +Welt zu identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim +Dilettanten ist es umgekehrt. Der Dilettant identifiziert +sich wirklich mit den Dingen dieser Welt, indes +sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich +daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert, +begriffen, gedeutet werden soll, sondern gegen +die Kunst, deren er sich bemächtigen will. Der Künstler +hat die Kunst innen und möchte sich gleichsam ihrer +entledigen im Austausch gegen Göttliches und gegen +ein Stück Welt; der Dilettant hat sie draußen und +wünscht sie zu gewinnen, indem er Welt und Gott +in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie +zu bringen sucht.</p> + +<p>Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch +Gott noch Kunst in sich selbst. Ihm ist nicht nur die +Kunst ein Äußeres, zu Erraffendes, sondern auch Welt +<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich +ist er ermüdet von Erlebnissen. Er ist nicht von stark +organisierter Seele, sonst würden geringe Kämpfe nicht +imstande sein, ihn zu ermüden. Er hat einer Schlacht +beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den +Kanonendonner gehört und zugesehen, wie man Verwundete +und Tote vorübertrug. Das hat genügt, ihn +mit Abscheu gegen den Krieg zu erfüllen, ja, er ist der +gründlichste Hasser alles Kriegswesens geworden, ein +Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit +seines Geistes zwingt, seine Schwäche wie eine Stärke +zu behandeln.</p> + +<p>Schon daraus läßt sich schließen, daß er nicht aus +innerer Notwendigkeit am Kampf teilgenommen hat, +sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust am Soldatenleben +oder aus Begierde nach Auszeichnung. +Man hat ihn einfach wie so viele andere Rekruten dazu +ausgehoben, und er war von vornherein ein skeptischer +Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu denken +ist. Da man etwas treiben muß in der Welt, ist er +Soldat geworden; nimmt er den Abschied, so ist er, +mit Ausnahme des gewonnenen Ekels und Abscheus, +wieder so leer wie er vorher war, und er weiß nicht +recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer, +sondern auch unentschieden auf den Plan, und weil +ihn kein Muß befehligt, ist er nicht hungrig. Nur +Leute, die unter einem tyrannischen Muß knirschen, +sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt.</p> + +<p><a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a> +Er merkt es wohl, daß Hunger dazu gehört, um sich +zu entscheiden: Hunger, Spannung, Sehnsucht, eine +ideelle Begierde. Die Welt, die Menschen, die Erscheinungen +des Lebens erregen seine Teilnahme kaum +oder nur insoweit, als seine Person dadurch berührt +wird. Auf einmal richtet sich seine Begierde, seine +ganze Spannung und Sehnsucht gegen die eigene Person. +Er entscheidet sich ganz und gar für seine eigene +Person, deren er sich bisher, in den hintersten Reihen +der Kämpfenden, nur dumpf bewußt geworden war. +Seine eigene Person enthüllt sich ihm plötzlich als ein +Gegenstand von ungeahnter Wichtigkeit, als ein unentdeckter +Bezirk, von dessen Schönheit und Vorzügen +die übrigen Menschen zu unterrichten jetzt sein +gebieterischster Trieb ist. Alles was er tut, denkt und +empfindet, erscheint ihm erstaunlich, besonders und +in hohem Grade mitteilenswert. Je unbeachteter und +dunkler sein Dasein bis nun gewesen, je mehr drängt +es ihn, sich in einen Mittelpunkt zu stellen. Wie aber +fängt er dieses an?</p> + +<p>Er geht mit instinktiver Pfiffigkeit ans Werk. Er +schmückt sich; und zwar schmückt er sich mit seinen +Leiden, mit seinen Erfahrungen, mit einer in auffallender +Weise zugespitzten, verschärften und nachdrücklichen +Meinung über Menschen und Schicksale. Damit +reizt er die Neugierde, und sein Instinkt hat ihn +trefflich geführt, denn Neugierde, in einem gemeinen +wie in einem höheren Sinn, ist der hervorstechendste +<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>Zug der Gesellschaft, aus der er kommt und deren +Mittelpunkt er sein möchte, deren Mittelpunkt der +schöpferische Mensch wirklich ist. Auch der schöpferische +Mensch übertreibt das Bild der Welt, aber +dadurch, indem er es vergrößert, dadurch allein schon, +indem er die eigene Person aus seinem Werk ausschaltet +und an dessen Stelle etwas setzt, was ich fiktive +Persönlichkeit nenne. Dem schöpferischen Menschen +ist seine Person nur ein Vorwand, ein Ausgangspunkt, +der Literat als Dilettant sieht in ihr die +Essenz und das Ziel. Der schöpferische Mensch ist +einsam, von Natur und durch Bestimmung; dennoch +lebt er unter den Menschen, weil die Menschheit ihm +ein unentbehrliches Element ist, durch welches er +leidet, weil er geboren ist, um zu leiden, weil das Leiden +derjenige Seelenzustand ist, der ihn befähigt zu +schaffen. Der Literat als Dilettant ist niemals einsam; +je weniger, je mehr er bei sich und in sich selber steckt. +Er stellt sich abseits, um in der künstlichen Einsamkeit +einen Ersatz für die natürliche des schöpferischen +Menschen zu gewinnen; er schmückt sich mit Einsamkeit, +und auch dies ist ein Mittel, um Neugierde zu +erwecken. Die Menschen sind ihm entbehrlich, obgleich +er sie sucht; er ist der Menschen überdrüssig +und satt, nur seiner eigenen Person wird er niemals +satt, sie erscheint ihm stets interessant, begehrenswert, +wichtig und ausgezeichnet. Nicht durch die Menschen +leidet er, sondern durch sich selbst, und je nach Rang +<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>und Art seines Geistes und Charakters in allen Graden +und Möglichkeiten; angefangen von unerfüllten +Ansprüchen niedriger Sorte bis zum Durst nach Stillung +eines bedeutenden Ehrgeizes.</p> + +<p>Dieser Ehrgeiz ist sorgfältig zu trennen von dem, was +die Griechen Ruhmsucht genannt haben, als welche +ein übersinnliches Verlangen und in ihren Wurzeln +mit dem Unsterblichkeitsgedanken identisch ist. Der +Ehrgeiz hat nichts mit Anonymität zu tun, der Ehrgeizige +gibt sich nicht grenzenlos und unbedingt hin +wie der Ruhmsüchtige, er löst sich nicht auf in der +Idee; er leitet seine Sache, er steht vor seinem Werk, +er ist immer der Herr, immer sichtbar, und sein +Name umflammt seine Tat wie ein Programm. Die +antik-heroische Eigenschaft der Ruhmsucht ist den +modernen Zeiten und Menschen fast abhanden gekommen. +Vielleicht ist darum unsere Kultur, oder was +wir mit diesem Namen bezeichnen, so zerstückt, +brüchig und disharmonisch, weil sie völlig auf einzelnen, +auf »namhaften« Trägern ruht. Jede wahre +Kultur setzt Anonymität voraus.</p> + +<p>Der Literat als Dilettant verabscheut die Anonymität, +denn tritt er ohne seinen Namen auf, so ist es, als +wenn ein General ohne Uniform zu Hof ginge. Durch +seinen Willen getragen, von seinen Zwecken befehligt, +abhängig von der Gunst der Menschen und der Umstände +und somit von dem, was die Gesellschaft den +Erfolg nennt, kann er in keinem Fall auf äußere Be<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>stätigungen +verzichten, und die edle Selbstvergessenheit +des lediglich von der Sache erfüllten schöpferischen +Menschen ist ihm fremd bis zum Unbegreiflichen.</p> + +<p>Doch sehen wir von jener höchsten Selbstvergessenheit +vorläufig ab, die nur eine ideale Annahme sein +mag. Der Ehrgeiz des Künstlers würde auch dann in +Kraft treten, wenn dieser Künstler auf einer einsamen +Insel lebte, denn sein Ehrgeiz ist der Ruhmbegierde +insofern verwandt, als er von dem Bestreben, das Werk +zu möglichster Vollkommenheit zu führen, nicht zu +trennen ist. Der Literat als Dilettant hingegen ist besessen +von der Sucht nach der Prämie. Eines seiner untrüglichsten +Kennzeichen ist, daß er der Selbstkritik ermangelt. +Selbstkritik ist das Vermögen zu vergleichen. +Der Literat als Dilettant kann sich nur mit sich vergleichen, +aus diesem Grunde erscheint er sich bald überklein, +bald übergroß, da sein einziger Spiegel nur das +eigene, beständig schwankende, beständig wechselnde, +niemals ruhende, losgelöste und isolierte Ich ist. Er kann +seine Arbeit nicht allgemein an Arbeit und Leistung +messen; nur an sich selber kann er sie messen, an den +verbrachten Stunden, gefühlten Anstrengungen; seine +Intensität zu sein und zu schaffen dünkt ihm die stärkste +überhaupt erreichbare, und ein solches Bewußtsein genügt +ihm, um alle Erinnerungen an Qualität auszulöschen +oder zu trüben. Im Grunde seiner Seele hält er +die höhere Geltung, welche die Meisterwerke genießen, +<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>für einen Zufall, wenn nicht für Schlimmeres; auch jedes +Gelingen hält er für einen Zufall, da ihm entweder +das Talent zu inspirieren oder das Talent zu administrieren +im Gegensatz zum elementaren Künstler fehlt. +Wer ohne Selbstkritik ist, hat zu keinem Ding eine +wahrhafte Distanz; so betrachtet er alle Künstler als +seine Kollegen, und das unterscheidende Merkmal zwischen +ihm und ihnen besteht nur in der Tatsache der +größeren oder geringeren Prämie. Wohl vermag er zu +bewundern, aber seine Bewunderung ist von persönlichen +Vorbehalten niemals frei; er gibt sich nicht hin, +er will insgeheim profitieren, er will denen, die die +höhere Prämie erhalten haben, den Handgriff absehen, +und das scheint ihm ausführbar, weil er die Distanz +nicht kennt. Die Prämie, nach der er strebt, kann er +nie erhalten – ein Kater zeugt nicht Löwen. Er aber, +der da wähnt, alles Vierbeinige sei letztlich von gleichem +Rang, dem die Art und die Natur der Löwen +völlig fremd sind, weil er in einem ganz anderen Klima +lebt, muß notwendigerweise zu der Überzeugung gelangen, +daß er das Opfer einer Ungerechtigkeit sei; +die Vergeblichkeit seiner Forderungen erfüllt ihn nach +und nach mit Eifersucht und Neid, so daß er alle Menschen +gegen sich verschworen glaubt, vom niedrigsten +Skribenten an, um dessen Ermunterung er buhlt, bis +hinauf zu Homer, der eine allzu reichliche Menge des +in der Welt vorhandenen Beifalls verzehrt hat.</p> + +<p>Eifersucht und Neid vermögen am Ende seine Fähig<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>keiten +ungeahnt zu steigern; fast allein durch Eifersucht +und Neid ist er zuweilen imstande, die Gebärde, +die Rhythmik, die Melodik des Künstlers zu treffen +und wenn er sich auch nicht hingeben kann, so verliert +er sich doch manchmal, verliert sich in einer seltsamen +Form übertragener Nachahmung, in welcher +die großen Werke wie abgeblaßt und wiederempfunden, +schattenhaft, stimmungshaft ein zweites, unwirkliches +Leben führen. Er übertreibt das schon Vergrößerte, +verwickelt das schon Vereinfachte, und die Welt, +die ihr Bild in einer immer auffälligeren egoistischen +Verzerrung erblickt, wendet sich beleidigt und gequält +ab, auch wenn sie dem Urheber vorübergehend +gehuldigt hat.</p> + + + +<p><a class="page" title="95"></a> +<a name="Page_95" id="Page_95"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Der_Literat_als_Psycholog" id="Der_Literat_als_Psycholog"></a>Der Literat als Psycholog</h2> + + +<p class="newsection">Die Psychologie des schöpferischen Menschen ist, +mit einem Gleichnis aus der Chemie gesprochen, +ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die Psychologie +zur Idee, was ungefähr so viel sagen will, als ließe +sich jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen +Kompaß besitzt.</p> + +<p>Der Psycholog hält alles für erlaubt, denn er kann +alles erklären. Er hat für jede Tat ein Für und Wider, +für keine ein Entweder – Oder.</p> + +<p>Der schöpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, +indes der Psycholog die Menschheit und sich +selbst verrät. Dieser Prozeß des Verrats ist wichtig +genug, um näher betrachtet zu werden.</p> + +<p>Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als +Psycholog ein isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich +reichere und tiefere Natur. Er ist auch die kompliziertere +Natur, ja, im Gegensatz zum schöpferischen, +der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, daß +seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus +einem einheitlichen Gefühl, nicht aus einem elementaren +Sein und Betrachten erwachsen, sondern daß sie +vielfache Wurzeln haben, daß kein reiner einfacher +Strom des Lebens ihn trägt, sondern daß er ein Spiel +vieler, verschiedener, oft einander entgegengesetzter +<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Strömungen ist, wider die er sich zu behaupten hat, +woraus sich ergibt, daß er sich fortwährend im Zustand +der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes +befindet. Er ist ein wirklich Kämpfender, nicht bloß +wie der Literat als Dilettant einer der in den hintersten +Reihen zuschaut.</p> + +<p>Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte +Menschen; sie sind unkompliziert geboren. Der +schöpferische Mensch ist ebenfalls unkompliziert, aber +dort, wo sich der Ring wieder schließt, auf der anderen +Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene, +derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur +durch eigenes Streben und eigene Bestimmung, sondern +auch durch unbewußte Mitwirkung der Geschlechter, +die ihn hervorgebracht haben und deren +Aufgabe es war, ihn hervorzubringen. Der Psycholog +hat nun gleichsam diese Kette stummer Vorbereitung +selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelöst und tritt +mit dem ganzen Willen der »Kette«, mit Belastungen +von rückwärts und vorwärts, mit unerledigten Verantwortungen, +eigentlich als ein Deserteur, allein auf den +Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige Erlebnisse +voraus, innerhalb des eigenen Gemüts wie gegen +den Kreis der Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich +zu verantworten, ununterbrochen sich zu verantworten, +gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich +selbst. Der schöpferische Mensch hat nicht nötig, sich +zu verantworten, er ist eben da, er empfindet sich als +<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>notwendig und gesetzmäßig, seine ganze Existenz +heißt: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine +innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern +aber ist immer zumute, als ob er verneint würde, er +fühlt sich als zufällig, er spürt keine Sicherheit, in ihm +selbst steckt eine glühende Verneinung, und deshalb +ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, +Schatten- und Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, +und es gelingen ihm bisweilen Werke dämonischer +Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was +er zutage fördert, trägt den Fluch einer geheimen +Lüge.</p> + +<p>So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag +er nur eine Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr +als den Teil, er lebt nicht mehr als den Teil, das ist +sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des Menschen +und im Wesen der Kunst begründet, daß sein +Werk ein Ganzes, ein Gebilde von allgemeiner Gültigkeit +und Glaubhaftigkeit vorzustellen strebt. Da +klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, +desto enger und bedingter, desto mehr persönlich gebunden +stellt sich sein Geschaffenes dar; je weniger +er sich bescheidet, desto auffälliger und schmerzlicher +tritt die Kluft zwischen dem Persönlichen und dem +objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, +keinen Ausgleich. Je stärker Talent und Potenz sind, +desto mehr verführt ihn die Sprache, das Erlebnis, +die Leidenschaft, die Intensität der Vision, sich auf +<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>sich selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und +Gott auszuspielen, desto mehr verführt er die Menschen, +an ihn zu glauben statt an seine Welt und an +Gott. Er ist immer zugleich Verführer und Verführter, +während der schöpferische Mensch Führer ist; er ist +stets der Sklave seiner Eingebungen, Ideen, Worte +und Gestalten, indes der schöpferische Mensch immer +Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit, +Freiheit und Gültigkeit verleihen will, desto +mehr muß er seine Fähigkeit überspannen, die Empfänglichkeit +seiner Sinne dem Krampfhaften, also +dem der Natur Feindlichen nähern, und niemals +das Göttliche, höchstens das Titanische ist sein +Gipfel.</p> + +<p>Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die äußerste +Wachsamkeit kaum zu denken; in der Tat ist der +Psycholog das wachsamste Geschöpf der Welt. Wo +der Dichter träumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit +hat zur Folge, daß er über alle Vorgänge seines +Innern und zuletzt über die Art und Wirkung des Zwiespalts, +in dem er sich befindet, aufs genaueste unterrichtet +ist. Jener Kampf führt nie zu dauernder Entscheidung; +in jedem Augenblick fällt die Entscheidung +anders, und er selbst darf die Waffen nicht ablegen. +Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im Zustand +der Unruhe und der Bewegung alles von sich +selbst zu wissen; sich von sich selbst loslösen wollen +und doch einsehen müssen, daß man unlösbar mit +<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen +rechtfertigen zu müssen, gegen das Werk, gegen die +Menschheit, gegen Gott und gegen die eigene Seele; +in einem derartigen Zustand ist das dringendste Verlangen +das nach einem Heilmittel oder einem Betäubungsmittel, +nach einem Stimulans; dieses Stimulans +ist eben die Psychologie.</p> + +<p>Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie +kann sich bis zu halluzinatorischer Kraft steigern. Sie +ist beim schöpferischen Menschen in den Phasen vor +der Entscheidung, beim Literaten ist sie die Entscheidung +selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung +bringt eine Wandlung hervor, jedoch diese +Fülle von Wandlungen führt keineswegs zu einer Verwandlung; +die Mittel sind auf dem Wege verausgabt +worden, so daß es ein Ziel darüber hinaus nicht +mehr gibt. Der Literat hat den Weg, der schöpferische +Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, – +auf dem Weg, und das beständig; der schöpferische +Mensch verwandelt sich, – am Ziel. Ein Mann, der +nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus dem +diesseitigen die ganze Summe von Genüssen hervorpressen, +die nach seiner Ansicht darin enthalten sind. +Dermaßen ist das Verhältnis des Literaten zur Psychologie +beschaffen, und so kommt es auch, daß die +Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an +Gott ist.</p> + +<p>Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets +<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>bemerken, daß das schlechthin, das Nur-Psychologische +immer den Verrat in sich birgt. Es mag so erstaunlich +wie möglich beobachtet sein, nie wird man +es ohne die Überwindung einer geheimen und tiefen +Scham hinnehmen, als ob sich ein Mensch vor uns +entblößte. Der Psycholog verrät die Welt, indem er +sich selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen +verrät. Dies ist ihm die Brücke zur Welt, denn eine +andere hat er nicht in seiner Isolierung. Der Psycholog +kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine +Ekstase. Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er +in seiner Seele gemacht hat, er reißt dich in seine Abgründe, +begräbt dich in seinen Finsternissen, schleift +dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am +Ausgang und am Eingang steht er, nur er, Pförtner +und Totengräber. Der schöpferische, der handelnde +Mensch übernimmt die Leiden der Welt und reinigt +die Menschheit davon, der Psycholog gießt seine +Leiden über die Welt, und die Psychologie ist ihm +der Schlüssel zur Welt, das Mittel, um dir zu sagen: +Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses +»du bist wie ich«, mit Hilfe der Psychologie, des fortwährenden +Belauerns konstatiert, bringt etwas wie +eine künstliche Sozialität bei ihm hervor, indes ihm +die natürliche von Anfang an fehlt. Wo er haßt, ist +sein Verrat ohne Hemmung, gewissermaßen sachlich; +wo er liebt, glaubt er sich zu opfern durch den Verrat, +und er muß verraten, weil die einzige Form seiner +<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>Produktivität darin besteht, das Ganze der Welt in +Stücke zu reißen und in dem Schmerz über die Zerstörung +und Zertrümmerung die Unvollkommenheit +der Dinge zu gestalten. Während der schöpferische +Mensch in einem göttlichen Sinne grausam ist, ist der +Psycholog in einem menschlichen Sinne grausam, da +er durch ein tragisch widerspruchsvolles Gesetz trotz +seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt +bleibt und sich so wenig wie von sich selbst richtend +von ihr lösen kann. Er richtet nicht, er klagt an; es +geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch nie um +Gerechtigkeit.</p> + +<p>Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebärden +mag, ist sie der Feind und der Gegensatz der +Schonung, der Scham, der Abbreviatur, der Andeutung, +der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der +Religion. Sie ist immer ein irdisch Erfülltes, rationalistisch +Fertiges; sie ist das Wörtliche, nicht das +Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische, +der Weg und nicht das Ziel.</p> + +<p>Nun entsteht die Frage: Wie verhält sich die Welt, +die Gesellschaft hiezu, wie nehmen die Verratenen +den Verrat auf? Sie werden ja beständig in Anklagezustand +versetzt, beständig ihrer Geheimnisse beraubt, +beständig in ihrer Scham beleidigt, wie können sie +das ertragen?</p> + +<p>Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des +Kniffs, daß er alles Einzelne, Vereinzelte und Sonder<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>liche +zum Typus verdichtet (während der schöpferische +Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). +Dadurch wird allem Widerspruch die Spitze gebrochen, +und es entsteht ein Werk von großer Leidenschaftlichkeit, +gegründeter Bewegtheit und seelischer +Durchführung, ein Werk von je stärkerer persönlicher +Einheit zumeist, je geringer eben die Objektivierung +der Welt darinnen ist. Obwohl jene Eigenschaften nur +mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst +zur Erscheinung gelangen können, nenne ich doch das +Verfahren des Psychologen – in höherem Betracht +– einen Kniff, denn er deckt sich damit nach zwei +Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er +einen Zerrspiegel vorhält und sie dabei durch seine +Leidenschaft, sein Gefühl, seine Kunst, seine Persönlichkeit +verhindert, die Willkür in den Zerrbildern +zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, +wenn man will, gegen das schöpferische Prinzip, indem +er sich als einen leidenden, leidenschaftlich ergriffenen +Menschen preisgibt, aufgibt und zugleich +darauf pocht, daß er in unabhängigen Gestaltungen +zur Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt.</p> + +<p>Ich spreche selbstverständlich nicht von der Psychologie +als Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und +hat mit der Psychologie in der Kunst wenig oder nichts +gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine analytische +Methode, sondern eine Empirie höherer Ordnung, +nicht mehr eine Disziplin, die von Realitäten ausgeht, +<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>sondern eine Realität an sich. Sie verpflichtet und verbindet +das künstlerische Gebilde der Erde, verleiht +der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem +schon Zusammengefaßten, Verdichteten sein unverrückbares +Gesetz, seelische Anwendung, wechselvolles +Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die Erfahrung +beruft. Der Literat als Psycholog will aber +durch die Psychologie die Vision, das Gleichnis, das +Verdichtete, das Gedicht erst erzeugen. Ihm ist der +Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger als +die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt +ist, erlahmt er in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit +vermag er zu erschöpfen, er weiß sie immer neu, +anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie +ist ja sein Persönliches, sein Erbe, während die Idee +das Göttliche vorstellt, von dem er abgeschnitten ist.</p> + +<p>Durch das außerordentliche, zauberhafte, verführerische +Talent, die in sich selbst beschlossene Realität +zu gestalten, wird nun die Menschheit, die Gesellschaft +oder das, was man Publikum nennt, über den +begangenen Verrat hinweggetäuscht. Und zwar nicht +erst seit gestern.</p> + +<p>Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die +geistige und sittliche Individualisierung der Menschheit +begonnen. Der christliche Kerngedanke ist eigentlich +die vollständige und freiwillige Selbstisolierung +des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale +Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heißt: +<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>allein dastehen gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlöst, +wird die Menschheit erlöst. Es konnte bei der +Sublimität einer derart aufs äußerste getriebenen Idee +nicht ausbleiben, daß sie, um eine Wirkung zu üben, +mißverstanden werden mußte und das Christsein +schließlich nur hieß: erlöst werden durch das Leiden +eines andern, dessen nämlich, der seiner Lehre das +welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das +Christentum nach der sozialen Seite hin nutzbar gemacht.</p> + +<p>Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstörende +Idee ist die der Kunst entgegengesetzte Idee +schlechthin. Der christliche Mythos konnte der Kunst +nur dort Nahrung zuführen, wo entweder gläubige +Gemüter den gläubig Schaffenden umgaben, oder wo +sein menschlicher Gehalt die Strenge der Überlieferung +sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der +Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, +im ganzen Marienkult, antikisierend und dem Erlösergedanken +fremd waren. Es konnte also nur das +leidende, inbrünstige, ekstatische, lebenverzichtende +Gefühl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive +Frömmigkeit erforderlich war, oder es mußten übernommene +Vorstellungskomplexe eine immer wiederholte +Darstellung finden, deren persönliche Beseelung +aber unmöglich wurde, als die Tradition ermattet und +die Zahl ihrer Motive verbraucht war. Die bildende +Kunst und die Musik, deren Gehalt ausschließlich in +<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in +Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn +auch meist nur scheinbaren Zusammenhang mit dem +Christentum am längsten bewahren; die Literatur hingegen, +Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch +das Wesen der Sprache und des Wortes auf eine +stärkere geistige Existenz gestellt. Dies bedingt einerseits +eine größere Kälte, größere Ferne und geringere +Unmittelbarkeit der Gefühlswerte, andererseits wird +aber dadurch jede Verschleierung und Verdunkelung +der Idee erschwert, da die Auflösung der unerläßlichen +Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur +Wirkungslosigkeit führen würde.</p> + +<p>Der Dichter mußte sich also um so eher und nachhaltiger +vom Religiösen befreien, je mehr dies Religiöse +seines national-mythischen Gehalts entkleidet +und, was dem Geist des Christentums widerspricht, +zu einer staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. +Das christliche Gebot der Absonderung, der leben-, +form- und freudezerstörenden Individualisierung +zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer +Individualisierung auf geistigem Weg, vor allem zu +einer losgelösten, vom Volk abgesonderten Existenz. +Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus dem +Volk ihm zuströmenden, im seelischen Leben des +Volks gewachsenen Mythos beraubt, und dies bedeutet: +daß er seinen Mythos selbst erschaffen mußte, +aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter +<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>befanden sich im Kreise des religiösen Mythos ihres +Volkes, der stets identisch war mit dem nationalen +Mythos. Das Christentum zerbrach diese Einheit nicht +nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles Schöpferische +verneinender Mythos entzog den Dichtern auch +die wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die +wunderbar tiefe Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, +die jene Genien besaßen, die von einem ununterbrochenen +Strom mythisch vorhandener Gestalten +schon getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. +Wie wäre denn sonst das christliche Mittelalter, insonderheit +das deutsche, so arm an großen Dichterpersönlichkeiten? +Die wenigen von Rang führten nur +ein privates Dasein, waren einsam, waren geduldet, +oder auch wohlgelitten, »Sänger«, Kostgänger, Mitläufer, +nicht Führer, nicht Propheten.</p> + +<p>Der Dichter mußte seinen Mythos selbst erschaffen. +Dabei ist es geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, +der Staaten, der Völker, der geistigen und +sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die fortschreitende +Dezentralisation und die beständige Verschiebung +der Kasten und Klassen beständig wachsende +Fülle von Schicksalsmöglichkeiten, alle diese +Umstände haben die Tendenz zur Vereinzelung verstärkt. +Kaum daß noch Familien ein natürliches, auf +dem Herkommen beruhendes Ganzes bilden; die Gemeinde, +die Polis, der Staat, die Nation sind schon +künstliche und zufällige Zusammensetzungen. Das +<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>seelische Erwachen von Millionen Einzelnen bietet +freilich ein großes Schauspiel; es ist nur die Frage, ob +es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht +eben ins Grenzenlose und Verhängnisvolle gesteigert +wird.</p> + +<p>Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte +Grundlage des nationalen Mythos fehlt, muß er ihn +aus seinem Innern ersetzen. An die Stelle der lebendigen +Überlieferung tritt diejenige des Schrifttums, +und statt der natürlichen Sprache, die der Mythos hat +und in der er zu allen spricht, ergibt sich der Stil. Sein +Gedachtes, sein Geschautes, sein Geträumtes, sein +Werden, sein persönliches Erleben, seine Anschauung +der Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein +Verhältnis zur Natur, dies alles verdichtet, vereinfacht, +verbildlicht und zur Schönheit verwandelt, wird nun +für den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn +er zugleich Künstler ist, wenn er alle Lebenselemente +zu Kunstelementen umgeschmolzen und das Persönliche +in ein Göttliches verwandelt hat.</p> + +<p>Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen +Ernst voraus, eine Kraft zur Entsagung und +einen Willen zur Einsamkeit und Selbstvertiefung, +die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe +machen müssen, damit er Herr des Werkes werde, +sondern es fordert auch bei den Empfangenden eine +Eigenschaft, die fast Kongenialität zu nennen ist und +die sich natürlich nur bei erwählten Geistern findet, +<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>zunächst wenigstens; später greift dann die Tradition +von Bildung, Stil und Kultur ein, dieselbe Tradition, +deren sich der Nachfahr bedienen und die er zugleich +bekämpfen muß, um sich selbst zu finden. So vollzieht +sich nie ein harmonisches Kräftespiel; alles ist +Kampf und Absonderung, und das Mißverständnis +zeugt, nicht das Einverständnis.</p> + +<p>In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische +durch das Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender +und großartiger ist, je größer eben sein +Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. +Es gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch +glühendes Welt-Erraffen, selbstvergessenes Welt-Erschauen, +sein Egoistisch-Persönliches gleichsam auszutilgen +und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. +Dies ist dem Literaten versagt; also auch dem Psychologen. +Wohl schöpft er ebenfalls alle Nahrung aus +sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt +tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der +Verwandlung besitzt, bleibt er immer, der er war, +wandelt sich nur von einem Werk in das andere, von +einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, +und er ist fern von den Menschen – wie der +schöpferische Mensch, und fern von Gott – wie die +Menschen. Er verwandelt sich nicht in das Herrlich-Fiktive; +auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in +die ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, +des vereinfachten Lebens, sie bleiben ihm zuge<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>schmiedet, +bleiben Suchende, Irrende, Leidende, Unbefreite, +und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, +von ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, +seine Schmerzen, seine Scham, seinen Ehrgeiz, seine +Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes Gut, nicht +ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, +zu verraten. Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, +ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an Spiegelbildern, an Enthüllungen, +entschleierten Geheimnissen, zerstörten +Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren +in ihm nicht ein Gleichnis für Göttliches +nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine Wirklichkeit. +Das danken sie ihm, das bewundern sie an +ihm, das zieht sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie +wach, seine Bewegtheit zerstreut sie, seine Treffsicherheit +trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie, seine Einsamkeit +verstehen und betrauern sie, in allem finden +sie ein Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, +viel Lustigeres, Glaubhafteres und Reizenderes +als beim schöpferischen Menschen, wo sie ein Gleichnis +für das Göttliche finden, die Synthese.</p> + +<p>Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das +Volk für sich hat, die belebte, organische Gesamtheit +einer Kulturperiode, so wenig der Literat als +Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige +Polis, die an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein +Publikum. Und was ist ein Publikum? Es sind die +»Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten, +<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, +die Wahllosen, Gesetzlosen, Zusammenhanglosen +und völlig Gottlosen. Darin beruht der tiefste +Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, +Beifall und Echo niemals zur reinen Freude. +Was kann es ihm auch bedeuten, die Gottlosen für +sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er +gottlos ist?</p> + +<p>Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glück +des Darüberstehens ist, mag er auf den blicken, der +geradeswegs für das »Publikum« erschaffen wurde +und der nicht mehr daran leidet, daß er gottlos ist.</p> + +<p>Das ist:</p> + + + +<p><a class="page" title="111"></a> +<a name="Page_111" id="Page_111"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Der_Literat_als_Tribun" id="Der_Literat_als_Tribun"></a>Der Literat als Tribun</h2> + + +<p class="newsection">Er stammt zumeist aus kleinen Verhältnissen und +kennt die Not, die leibliche wie die geistige. Zwei +Dinge haben ihn emporgehoben: sein Ehrgeiz und +das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur äußerlich, er +zielte auf die Verbesserung der sozialen Stellung, +wurde aber später durch geistige Zuströme sowohl +veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn der +Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenuß +zerstört. So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der +ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem Wanderer.</p> + +<p>Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist +nicht beschwingen, aber sie gibt ihm die vehemente +Stoßkraft des von eingepreßtem Dampf getriebenen +Hebels.</p> + +<p>Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tatsächlichen; +er ist Erklärer und Propagandist; Bannerträger +alles Neuen; Beobachter, der unfehlbare Schlüsse +zieht; Alchimist der Überraschungen und Moralist +der Nutzanwendung; Übertreiber des Absurden, Verzerrer +des Trivialen, Widersacher des Selbstverständlichen; +Leugner des Seltenen, wo Seltenes anerkannt, +und Verkündiger des Genius bis zu der Stunde, wo +der Genius sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der +Anpassung, der Aufwiegler der Stumpfen, die Polizei +<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist vieles in +vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick +angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden +zu denken, ohne den gegenwärtigen halten +zu können, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist +wie der Kapitän eines Passagierdampfers; bei jeder +Fahrt sind andere Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte, +nie vorbereitete, nie solche, die sich seiner +Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er muß +alle Voraussetzungen seines Tuns und seiner Kräfte +jedesmal von neuem exponieren. Der Wechsel der +Passagiere vollzieht sich unter beständigem Bruch geschaffener +Bündnisse und Übereinkünfte, beständiger +Veränderung der Formen und Normen.</p> + +<p>Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert +man sich wohl. Im Grund ist es der Name, der Gewicht +und Klang hat, der eine Luft des Schreckens, +des Befehls, der Autorität, der Leidenschaft um sich +trägt. Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die +Person schreitet über die Leistung hinweg.</p> + +<p>Wer ist unglücklicher als er? Vertrauen erzwingen, +Anerkennung, Billigung und Freundschaft mit Aufwand +aller Mittel des Geistes erobern, um alles wieder +zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie +am Anfang muß er seine Person einsetzen und bloßstellen, +immer mit dem ganzen Elan oder, was nicht +minder aufreibend ist, mit der Gebärde des ganzen +Elans. Hätte er nicht die Gebärde, so würde er aus<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>geplündert, +ausgeschlürft und ausgeleert, da die Vielfältigkeit +der Aufgaben, die ihm gestellt werden, und +die Zerstreutheit der Interessen, die zu sammeln, zu +befriedigen, zu beschäftigen seine wichtigste Mission +ist, ihn nötigen, alles was er empfängt, sogleich wieder +zu veräußern. Der schöpferische Mensch verarmt +nicht, ihn nähren tiefe Wurzeln; seine wirkliche Persönlichkeit +wird genährt von seiner mythisch-fiktiven. +Auch seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die +Gestalt, die ihm verbunden ist, auch wenn kein Ohr +ihn hörte, kein Auge ihn sähe. Die Realität ist nur +ein Gleichnis für ihn; er schafft ja die Welt zum +zweitenmal.</p> + +<p>Demgegenüber ist der Literat als Tribun der einsamste +von allen Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz +gelöst von der Welt. Was ihn schützt und tröstet, +ihn unermüdlich, gewissermaßen verblendet macht, +was seinen Ehrgeiz in Glut erhält, ist das Wort. Er +hat eine angeborene Liebe zum Wort, und es wäre +verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht für einen +Dichter hielte. Das Wort ist sein Gefährte, er geht +mit ihm um wie mit einem Freund, er tändelt mit ihm +wie mit einem Kind, er betreut es wie eine Geliebte +und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste +durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er +durch das Wort tapfer, ja tollkühn; hinter dem Wort +verschanzt er sich, verbirgt er seine Armut, seine +Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort +<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>gibt ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert +und verdeckt seine Irrtümer und verleiht ihm genau +die Gestalt, die er vorzustellen wünscht. So wird er +undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das +Wort ein Panzer wäre; unsichtbar und unauffindbar +hinter dem Wort, ein wunderliches Widerspiel zum +schöpferischen Menschen, der unsichtbar ist hinter +der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt, +nur Handlungen, Bewegungen (des Körpers oder der +Seele). Dann sind Worte von ganz anderem Valeur, +ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht Gesagtes. +Das Wort als solches verhüllt die Gestalt +und macht sie unsichtbar.</p> + +<p>In einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der ungeheuren +Fülle der Dinge, der Gesichte, der Vorgänge, der +Meinungen, des Wissenswürdigen, des Neuen, des +schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergrößerung +geistigen Bestandes bei erschreckender +Haltlosigkeit des Besitzes ist der Literat als Tribun +unentbehrlich. Er ist es, der wägt, der urteilt, der vermittelt, +der die Großmünze der geistigen Regierungen +in die Kleinmünze des Verkehrs umsetzt, der Bildung +verbreitet, Kenntnisse weckt, Einsichten fördert und +in allen Angelegenheiten des öffentlichen Lebens +höchste und letzte Instanz ist.</p> + +<p>Das wäre nun eine sehr segensreiche Tätigkeit mit +heilsamen Wirkungen, müßte man glauben. Man +müßte glauben, daß eine so stetige und heftige Teil<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>nahme +am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur, +an seelischem Wachstum und geistigem Fortschritt +ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn und ohne wahre +Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir näher zu.</p> + +<p>Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn, +auch nur der allergeringste Lohn in Aussicht steht? +Kann von Selbstlosigkeit die Rede sein, wo eine Handlung +dazu dient, den Glanz eines Namens zu erhöhen? +Es mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache +führen, und er besitzt doch nicht die wahre Sachlichkeit, +sobald es unter dem Schutz seiner Person und +unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn +und Selbstlosigkeit, das wäre Auflösung der Anonymität, +– rein betrachtet, meine ich, denn ich will ja +keine Kompromisse mit den Begriffen und mit den +Erscheinungen schließen. Daß die Anonymität des +Tribuns ja zuweilen sogar seiner Ehre schaden kann +und muß, gehört auf ein anderes Feld; es ist dies +ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur, +nicht <em class="gesperrt">das</em> anklagt, was ich unter Anonymität verstehe.</p> + +<p>Was aber verlangst du? hält man mir dawider. Ist +der Opfersinn, die Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit +unzureichend, die der Literat als Tribun in seinem +edelsten Typus darstellt, was wäre dann zureichend? +Was geschähe ohne ihn? Wer würde seine Arbeit +verrichten, die, wie gesagt, unentbehrlich ist, schon +weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten Nei<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>gungen +entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Auflösung +und der Anonymität fähig sind? Die wirken +durch die Tat, durch die Gestalt, nicht durch das +Wort. Ist jedoch der schöpferische Mensch anonym? +Er erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den +Mythos, in dem er entschwindet wie Zeus in der +Wolke. Wo läge aber der Mythos für den Literaten +als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort +ist das dem Mythos schlankweg Entgegengesetzte.</p> + +<p>Dafür wäre also abermals die Zeit zu beschuldigen, +die eine Kultur geschaffen hat aus einer Summe von +Einzelkulturen, die auf den Individualismus schwört +und in ihren subtilsten Regungen, in ihren ahnungsvollsten +Stunden noch, sie weiß kaum wie sehr, der +Materie huldigt. Die Person, das ist eben die Materie +in nuce. Man fragt, was ohne die segensreiche Tätigkeit +geschehen würde, die der Literat als Tribun entfaltet. +Die Wege der Bildung würden veröden; gewiß. +Aber ist es nicht schon genug der Bildung, die +nur auf eine Vervollkommnung des Persönlichen, persönlicher +Macht, persönlicher Ausdrucksmöglichkeit, +persönlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn +einmal ruhen, um eine wohltuende Geistesdämmerung +eintreten zu lassen, in der die Seelen einander +finden würden, der Streit der Meinungen, die +Schlacht der Worte zum Austrag gelangen könnte? +Ich behaupte nicht, daß diese Bildung nur ein Äußeres +sei, sie kann auch ein Inneres sein, Kräftigerin des Ge<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>müts, +Reinigerin des Herzens; aber ein Religiöses ist +sie nicht, niemals wird sie den Menschen zum Mythos +führen, ihm die große Fülle, die große Stille, die große +Bescheidung, den großen Zusammenhang schenken +und sein Herz der Trägheit entledigen, die eine Folge +der individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn +verpersönlichen, zum Knecht des Wortes machen, +zum Wörtlichen, zum Einzelnen.</p> + +<p>Dafür eben ist <em class="gesperrt">das Wort</em> ein Merkmal, das Merkmal +geradezu. Es hat alle Gebiete des Denkens und des +Gefühls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt erobert. +Es ist der nützliche Kolonisator jeder Wildnis und +der voreilige Zerstörer des Geheimnisvollen. Es hat +nur kurzen Atem, eine flüchtige Existenz, aber es hat +die Kraft, sich immer wieder aus sich selbst zu erneuen. +Was es berührt, bezeichnet hat, tritt unveräußerlich +in den Bezirk des Gewußten und Bewußten, +in den Bannkreis der Meinungen und Urteile, wird +studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie Raritäten +in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung, +wo sie aufhören, ein freies, organisches und anonymes +Dasein zu führen. Was gestern noch Ahnung +war, heute ist es Gewißheit, morgen ist es ein Schall. +Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet +die Kürze des Wegs vom Glauben zur Entgötterung, +von der Gebundenheit zur Anarchie. In +der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von +Glauben und Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist +<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>Angst, Fatalismus; es ist nicht Gesetz, es ist Trägheit, +Rationalismus – Schranken vor dem Chaos.</p> + +<p>Will der Literat als Tribun über das Wort hinaus, so +gelangt er in die Sphäre des Dilettanten oder in die +des Psychologen, wobei er Schatten beschwört, die +er für Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs +ist er unnachahmlich und wird seine Gaben +zur Vollendung entwickeln. Da er in der Luft der +Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die über den +Dingen schweben, über den Menschen, über der +Kunst und über der Natur. Er vermag sie so zu binden, +so zu schleifen, daß sie unter allen Umständen +seinen Charakter und die Farbe seiner Persönlichkeit +annehmen. Dies ist noch nicht Stil; zum Stil gehört +Distanz und Ruhe, Bild und Rhythmus; es ist das +Wort in seiner Sinnlichkeit und Nähe, seiner Einschichtigkeit +und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende, +werbende und symbollose. Damit es an +seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies enthüllt +sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten +als Tribun. Die Rede fordert Hörende, nicht Neugierige, +Wißbegierige, nicht Gelangweilte, die flüchtig +aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag sich +wendet, deren Teilnahme für Gelesenes nur eine +Maske der Müdigkeit und der Überfütterung, deren +Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch von einer +Verpflichtung loskaufen, nur eine künstliche Form +von Gleichgültigkeit oder sagen wir Objektivität ist; +<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>sondern die Rede fordert eine von gemeinsamem Band +vitaler Interessen umschlungene Gemeinde. Der Literat +als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen zwei +Stühlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage, +eine einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene +Wort hat ganz andere Resonnanzen und +Ansprüche; an die Stelle des Willens zur Tat tritt der +Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden, +ohne zu spüren oder zuzugeben, daß dies nur ein +Surrogat ist, und über die Unmöglichkeit einer allgemeinen, +politischen, besser: verwandelnden Wirkung +tröstet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen, +mit dem Enthusiasmus der Gleichgültigen, mit +der Zustimmung der Fachgenossen und einem Ruhm, +der aus Papier besteht.</p> + +<p>Eine unausbleibliche Folge des Mangels an Hörenden +ist die zunehmende Zahl derer, die selbst etwas +sagen wollen. Es beruht dies auf dem seltsamen Irrtum +der menschlichen Natur, daß sie das geben zu +müssen glaubt, was sie nicht empfängt. Die fortschreitende +Individualisierung wirkt auf den einzelnen +verlockend, ein Phantom der Freiheit äfft ihn, und er +tritt selbsttätig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt +ist, was durch die stumme Arbeit der Geschlechter +vollendet werden muß. Jeder solche einzelne ist ein +»Talent«. Das Talent ist ein Losgelöstes, vom Mythos +Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente +sind Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt, +<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>Sektierer, nicht Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt, +Unterhaltung, Zerstreuung, Spannung, Anspannung +(der die Abspannung wie eine Rache nachgeht), +dafür machen sie sich bezahlt durch eine geistige +Tyrannei und eine Vorherrschaft ihrer spezifischen +Art, welche den innerlich Unsichern, zufällig Erhobenen +nicht verleugnen. Das Talent ist wie der +Mond; es zeigt immer nur eine Seite: die literarische; +die menschliche ist unsichtbar, – eine Entzweiung +von verhängnisvoller Beschaffenheit, die irgendwo und +-wann zum Bankerott führen muß.</p> + +<p>Wie oft sehen wir, daß zugunsten des »Literarischen« +das Menschliche geopfert wird. Wir müssen auf ein +Antlitz verzichten, um uns an Verkleidungen zu ergötzen. +Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt +es Fälle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erfüllt +ist, daß er sich gedrängt fühlt, es darzustellen. Es +handelnd auszulösen, ist ihm aus vielen Gründen versagt, +unter welchen der Mangel eines echten gesellschaftlichen +Zusammenschlusses am schwersten wiegt; +er greift zur schriftlichen Mitteilung – als Beichte; +zur übertragenen Form des gestalteten Bildes – als +Spiegelung. Mag es Klarheit für ihn, Aufklärung, Bereicherung +für die Freunde, für Gleichfühlende bringen, +Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und +entlastet ihn. Anstatt es aber dabei zu lassen, das Ungewöhnliche, +Seltene, jedenfalls Einmalige als solches +zu bekräftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zer<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>stört, +anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben, +und was zuerst Berufung war, wird Handwerk, +dann Routine, dann ekler Absud und Selbstplagiat. +Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es +wird immer weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt, +eine Tat wird verleugnet, Freunde werden +zu Kostgängern, ehedem Ergriffene zu höflichen Jasagern, +die Seele verarmt in der Gebärde, der Geist +stellt sich im Wort bloß, Erlebnis wird sogleich als +Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum lähmt das Erlebnis, +dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den +Genießenden die Unschuld und Freudigkeit getrübt, +und es entsteht – Literatur.</p> + +<p>Das Notwendige sinngemäß vollbringen, kennzeichnet +den Menschen von Berufung. Infolge jener Entzweiung +wird entweder das Notwendige nicht sinngemäß, +d. h. stilgemäß, angeborener Form entsprechend +zum Ausdruck gelangen, wenn das Menschliche +prävaliert, oder das Sinngemäße wird nicht immer +das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte +sein, wenn das Literarische prävaliert. Entweder wird +also das Literarische als dem edleren Dilettantismus +verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird nur +wie ein zufälliges Anhängsel erscheinen.</p> + +<p>Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist +unterworfen. Von Anbeginn an ist er der geschworene +Feind des Dilettanten, da er sozusagen auf Vorposten +steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich ver<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>kettet +findet und, der Öffentlichkeit preisgegeben, +eine öffentliche Person ist, von der man bestimmte +Leistungen zu erwarten sich mehr bemüßigt als gezwungen +fühlt. Schon die stete Verantwortung nötigt +ihn zur Gebärde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel +mehr erst die Gewohnheit, das Metier. Das Wort +umpanzert ihn, kommandiert ihn, und wollte er sich +auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort +gesündigt hat, so fände er die Brücken abgebrochen +und den Weg zu weit. Er muß antworten, beständig +antworten, als ob die Welt und das Leben voll von +Fragen wären; sie sind auch voll von Fragen, nur +werden sie nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt +und das Leben, und die Antwort geschieht um der +Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort muß +ihm Maske bleiben. <em class="gesperrt">Er darf sich nicht verraten,</em> +niemals und unter keinen Umständen. Er ist nur +treu, solange das Wort ihm treu ist. Er geht um die +Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist +ihm nur ein Wort, und Worte werden vergessen +(oder auch behalten), gesehen werden sie nicht. Er +kann nicht träumen, das Wort hängt mit Bleigewicht +an den Flügeln des Traums; er kann nicht +genießen, das Wort verpflichtet ihn, dem Genuß auszuweichen. +Er fühlt nicht mit dir, außer mit seinem +Ehrgeiz für deinen Beifall, mit seiner Leistung für +deine Schwäche, mit seiner Virtuosität für deinen +Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam kränk<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>lich, +sehr argwöhnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen, +ohne Traditionen, Emporkömmling, Autodidakt, +überaus einsam und in unruhvoller, ja atemloser +Tätigkeit.</p> + + + +<p><a class="page" title="124"></a> +<a name="Page_124" id="Page_124"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Der_Literat_als_Schongeist" id="Der_Literat_als_Schongeist"></a>Der Literat als Schöngeist</h2> + + +<p class="newsection">Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies, +so versteht er es doch, sich die gemeinen Sorgen +vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein bequemer +Herr wäre; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er +hat nur einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit, +der ihm oft das Leben so unbequem wie möglich +macht. Schon das bloße Nachdenken, geschweige +denn die Beflissenheit, Bedürfnisse und Ansprüche +zu befriedigen, die einem gewöhnlichen Menschen +keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, stürzt ihn in +Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt, +den eigentlichen Zwecken zu dienen, ist die Hälfte +seiner Seelenkraft schon aufgebraucht.</p> + +<p>Seine Neigungen sind luxuriös in jedem Sinn. Er +liebt die Fülle, die Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt +die Dinge dinglich, mit wahrer Freude am Gegenstand, +doch nur seltene und kostbare Dinge, oder +solche, die schon gleichsam eine Metapher bilden +oder enthalten. Am Häufigen und Niedrigen das Charakteristische +zu schätzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja +die Möglichkeit, weil er sich zu weit nach der andern +Seite entfernt hat. Da aber das Leben mehr aus Häufigem +und Niedrigem besteht als aus Seltenem und +Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens, +<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>sondern ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit, +denn er hat keine Naivität.</p> + +<p>Man muß seine Bildung als profund bezeichnen und +seinen Geschmack als über jeden Zweifel erhaben. +Dies läßt auf große Ausdauer schließen, auf einen +sicheren Blick und ein präzis abwägendes Urteil. Eine +derartige Vereinigung von Bildung und Geschmack +kann ferner nicht ohne ernsthafte Selbstzucht erreicht +werden; ist sie noch dazu einem Temperament abgerungen, +das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine +geistige Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff +Vornehmheit zu tiefer Bedeutung gelangt.</p> + +<p>Warum ist aber der schöpferische Mensch nicht in +derselben Bedeutung vornehm? Weil er mit dem +Niedrigen und Häufigen des Lebens ebenso verbunden +ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil +sein Wesen nicht darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren, +sondern sich zu identifizieren; weil er nicht +Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein, im Innern +der Dinge und der Kreaturen Lebender.</p> + +<p>Wenn der schöpferische Mensch in sich selbst sein +Werk objektiviert, so distanziert es der Literat als +Schöngeist. Das Mittel zur Distanz verleiht ihm die +Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so +ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und +Häufige meidend, durchaus das Unterscheidende +suchend und unterschieden bis zum Gesuchten. Keine +Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Ge<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>fühl +besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich, +eigenkräftig, sondern sie werden durch den Stil hervorgebracht, +anscheinend geläutert, in Wirklichkeit getrübt. +Denn dieser »Stil« ist nicht von der Hand und +vom Willen gelöst; er zwingt immer zur Aufnahme +und Betrachtung eines persönlichen Elements und +verhindert, daß man sich hingibt und daß man glaubt. +Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen +läßt, daß er eine exquisite Rolle spielt, und der Literat +als Schöngeist ist ein solcher Schauspieler, ein Schauspieler, +der sich nicht opfern und vergessen kann, weil +er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der Schauspieler +seiner selbst.</p> + +<p>Er kann ohne den Stil nicht denken, nicht träumen, +nicht gestalten. Seine Phantasie ist nicht wortgebunden. +Im Wort ist er frei, durch Bildung und Wissen +sowohl wie durch einen imperatorischen Zug seines +Geistes, vermöge dessen er alles Detail der Erscheinung +sammelt und sublimiert. Aber rhythmisch gebunden +ist seine Phantasie, in Schwingung, Ton, +Melodik, Absetzung und Steigerung so gebunden, +daß die Beschäftigung damit, die vorbereitende wie +die ausführende, die ganze Atmosphäre des Lebens +füllt und das Leben selbst gewissermaßen zu einem +prädestinierten Verlauf zwingt. Das Formhafte wird +ein Gesetzmäßiges, und die Folge davon ist, daß das +Ethische ein Zufälliges wird, zumindest in Abhängigkeit +gerät. Äußerlich wie innerlich findet beständig +<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>eine Verdrängung der Hauptwerte, eine Verschiebung +des Substantivischen hinter das Attributivische statt, +woraus sich ein ungesundes und unklares Verhältnis +zwischen der Anschauung und dem Bild, der sinnlichen +Wahrheit und der Metapher ergibt. Bild und +Gleichnis werden isolierte Faktoren, die sich eigenwillig +aufdrängen; der Weg von der Anschauung zum +Bild ist oft so weit, daß der natürliche Wärmezufluß +versickert und an dessen Stelle eine künstliche Glut +tritt, Überhitzung des Ausdrucks, Überladung des +Gehalts, Verzerrung der Form. Die beleidigte Ökonomie +läßt keine echte Schönheit mehr aufkommen; +wir gewahren entweder ein kaltes Gebilde, Ohr- oder +Augenweide, aber im Grunde entseelt, oder eines, das +uns wie in willenlosem Trotz gegen die Überwucherung +der Metapher durch einen vergewaltigenden Subjektivismus +ernüchtert und zweckbewußt macht.</p> + +<p>Denn es ist nicht die Leidenschaft, die mich verwandelt, +sondern die Verwandlungen der Leidenschaft +verwandeln mich mit, also letzten Endes ein Moralisches. +Auf dieses Moralische muß der Literat als +Schöngeist verzichten. Er scheint es zu verschmähen, +aber er muß darauf verzichten, weil er sich nicht verwandeln +kann, weil er, wie der Psycholog und wie +der Tribun, an seine Person geschmiedet ist, weil auch +er nur den Weg hat, obschon es ein anderer Weg ist, +und weil er am Ziel stets bei sich selbst anlangt. <em class="gesperrt">Er +kann sich nicht verraten</em>; er steht zu fern. Das +<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>Moralische beschwert sein Gewissen nicht mehr, er +leidet nicht darunter, es kommt nicht mehr in Frage +für ihn. Er spielt. Seine Gebilde können leicht und +schwebend sein wie Seifenblasen, sie können schwer +oder flammend sein, aber sie werden niemals jene unbedingte +Eigenlebigkeit zeigen, die dem Werke des +schöpferischen Menschen innewohnt, sie bleiben an +seine Person gebunden und haben gleichwohl nicht +das Höchst-Persönliche, das erst aus dem Mythischen +strömt und das daher identisch mit höchster Sachlichkeit +ist. Insofern ist sein Schaffen Spiel: weil es +nicht höchste Sachlichkeit ist. Da gibt es nur ein Entweder +– Oder.</p> + +<p>Er mag Gemüt besitzen, doch ist es wie ein Fluch: +während er seine Werke hervorbringt, vielleicht schon +in der Konzeption, verzehrt der Rhythmus einen +Teil der ursprünglichen Empfindung. Der Rhythmus +herrscht; die Einfachheit läßt ihn erlahmen, erst im +Komplizierten und Beziehungsvollen kann er sich +entfalten, es sei denn, daß er das Einfache so weit +distanziert, daß es schon wieder metaphorisch wird, +als Stilisierung verblaßt, als Arabeske sich verkrümmt. +Niemand kennt besser denn der Literat als Schöngeist +die ewig gültigen Werte schöpferischer Kunst. Daß +er sich an ihnen mißt, daß er immer wieder wähnt, +nicht nur mit ihnen wetteifern, sondern, wenn günstige +Zufälle zusammentreffen, sie auch erzeugen zu können, +daß er sich darüber täuscht und doch wieder, +<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>vermöge seines präzisen Urteils, die Täuschung nicht +aufrecht erhalten kann, das ist sein tiefstes Leiden. +Schon dieses Leidens wegen ist er kein Epigone zu +heißen; er ist weit mehr, er ist Prätendent, der niemals +gekrönt wird, der zweitgeborene Bruder, und er +versteht oft mehr vom Regieren und von der Verwaltung +als der Regent, der Erstgeborene.</p> + +<p>Möglich, daß er aus diesem Grund etwas von einem +unruhigen Diplomaten hat. Er muß immer ein wenig +Politik treiben, um Proselyten zu machen. Denn man +wehrt sich gegen ihn; die Wahrheit ist in den Menschen +wie das Herz, sie wird nur verschleiert durch +die Geschäfte des Lebens und durch unreine Zwecke +abgelenkt. Aber auch aus Liebe zur Schönheit wird +er zum Politiker, da er den Rhythmus, von dem er +beseelt ist, in seiner täglichen Existenz gleichfalls +nicht missen will. Er meidet dich heute, wie er dich +gestern gesucht hat, denn heute störst du seinen +Rhythmus, wie du ihn gestern beschwingt hast. Der +Rhythmus macht ihn treulos und tyrannisch, liebenswürdig +oder widerspenstig. Je unfruchtbarer er als +Künstler ist, je mehr Kunst verwendet er auf sein +Leben, d. h. darauf, den Rhythmus in seine tägliche +Existenz zu bringen, wobei dann ein ganz verwickelter +Umweg zum Leiden entsteht, über die Kunst und über +das Leben hin, fern von Gott und fern von den Menschen, +so daß die Schönheit als Surrogat des Göttlichen +zum Wahn- und Schattenbild wird und das +<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Leben eine von falschen Zwecken erfüllte kalte und +unglückselige Einsamkeit. In solcher Einsamkeit gestalten +wollen heißt im luftleeren Raum Lieder singen +wollen.</p> + +<p>So wird der Literat als Schöngeist zum Sklaven der +Zeit, indem er ihren Rhythmus packt und ihre Seele +nicht findet und zerrieben wird im Gefühl einer ihm +unbegreiflichen Ohnmacht; oder er ist ein Verbannter +der mit unlebendigen und eigenwilligen Formen sich +für sozial und seelisch fördernde scheinbar tröstet.</p> + + + +<p><a class="page" title="131"></a> +<a name="Page_131" id="Page_131"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Der_Literat_als_Apostel" id="Der_Literat_als_Apostel"></a>Der Literat als Apostel</h2> + + +<p class="newsection">Es ist das Wesen des Apostels, völlig hingegeben +einer Idee zu dienen. Das Wesen des Literaten ist +es, sich selbst unterworfen zu sein. Der Literat als +Apostel: das wäre also der Widerspruch kat exochen, +das Paradox an sich, denn wie könnte man einer Idee +dienen, wenn man nur der eigenen Person dient? Wie +könnte einer, dessen Schicksal es ist, vom Mythos getrennt +zu sein, sich berufen glauben, den Mythos zu +erzeugen?</p> + +<p>Dieser Widerspruch löst sich nur in einer einzigen +Weise: indem er seine eigene Person zur Idee erhebt, +in der er darauf ausgeht, aus sich selbst einen Mythos +zu machen, aus seinem stabilierten Ich; nicht aus Anschauung +und Erlebnis der Welt, nicht hingegeben, +sondern verlangend, wollend und in der Bezauberung +des Willens.</p> + +<p>Der Literat als Apostel ist der fanatisch auf das +Künstlertum gerichtete Mensch. Genuß des Lebens, +verweilende Ruhe sind ihm unbekannt. Man könnte +glauben, es sei der Ehrgeiz, der ihn befeuert, der Erfolg, +der ihn lockt, die Macht, die ihn reizt, und es ist +wahr, etwas von alledem gibt seinem Streben den Flug +und die Ausdauer, seinem Geist die Elastizität. Doch +laßt seiner Ruhmsucht so viel Genüge geschehen, als +<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>sie überhaupt begehrt, laßt seinen Namen an der +Spitze von allen stehen, laßt ihn den Einfluß eines +Herrschers und den Reichtum eines Großbankiers +haben, – es ist ihm zu wenig; er kann es wünschen, +glühend darnach eifern, doch den Besitz solcher Güter +spürt er kaum. Er ist ein Besessener, ein von der Kunst +Behexter. Es ist ihm nicht darum zu tun, das Leben +zu genießen. Sich selbst will er genießen, sich selbst +ausschöpfen, sich selbst in allen Menschen und Dingen +erkennen, und das ganze All, Gott und die Kreaturen, +ist ihm eigentlich nur sein vielfach zerteiltes +Ich, gesehen durch das Medium Kunst, zu sammeln +und zu gestalten ihm anbefohlen durch das Idol +Kunst.</p> + +<p>Der schöpferische Mensch ist von einer wunderbaren +Bescheidenheit durchdrungen. Immer bleibt er gleichsam +Bürger der Welt; er findet sich eingeordnet, nie +bevorrechtet; gesteht man ihm höhere Rechte zu, so +wird er schon an sich zu zweifeln beginnen. Er hat +das feinste Ohr für die Musik des Lobes und setzt +dem geringsten Zuviel seine Verachtung entgegen. Er +ist gelassenen Gemüts, weise und gehorsam, sich selbst +gehörig und der Welt und der Gottheit dienstbar, sein +Künstlertum wahrend, keineswegs aber es als Schild +benutzend oder gar als Postament. Vielleicht ist es +der Mythos, der ihn so bescheiden macht, so stolz-bescheiden, +ähnlich wie der Abkömmling eines alten +Geschlechts stolz-bescheiden ist, indem er seine Fähig<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>keiten +und das Vermögen zu repräsentieren nicht +allein seiner losgelösten Person zuschreibt, sondern es +der Kette der Ahnen mitverdanken will. So auch der +schöpferische Mensch. Es wirken in ihm Kräfte von +oben, von den Toten her, von der Erde, vom Volke +her.</p> + +<p>Ganz anders der Literat als Apostel. Er ist der Rebell +wider alle Ordnung, es sei denn, die Ordnung habe +keinen andern Bezug als auf ihn. Ihm ist alles erlaubt, +nicht weil er wie der Psycholog alles erklären kann, +sondern weil er es ist, durch den die Dinge und Einrichtungen +sind. Insoferne verhält er sich zum Psychologen +wie ein Gesetzgeber zu einem Winkeladvokaten. +Ihm ist Lobes nie genug, obwohl er Lob verachtet; es +gibt keinen Beifall, der ihn beschämte, keinen Tadel, +der ihm anderes wäre als die Frechheit des Neides +oder der Dünkel des Unverstands. Er ist ausschweifenden +Gemüts; seine Nerven sind der höchsten +Schwingungen, der tiefsten Ermattungen fähig, und +die Menschen sind ihm nichts als Futter; Futter für +seinen Ruhm, seine Zwecke, seine Kunst. Er ist ein +Menschenjäger, ein Menschenfresser, keines Freundes +Freund, kein Geliebter, kein Gatte, kein Vater, +nur Künstler. Ist der Literat als Schöngeist der Schauspieler +seiner selbst, so ist der Literat als Apostel der +Priester seiner selbst.</p> + +<p>Beachten wir jedoch, daß er ein großer Künstler ist +und sein Werk von hohem Belang, daß er unter Um<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>ständen +ganzen Zeitabschnitten die geistige Prägung +verleiht, und es wäre zu fragen, ob dies nicht Entschädigung +genug sei für das Übermaß und die Selbstintronisation.</p> + +<p>Da ist denn zu erwidern, daß unsere Zeit ohnehin +geneigt ist, sich mehr an den Wirkenden als an das +Werk zu wenden. Dem genialen Individuum ist eine +unbegrenzte Machtbefugnis fast von vornherein zugestanden. +Die Leistung, das ist die Person; der Effekt, +das ist die Person; Glorie, Dankbarkeit und Enthusiasmus +knüpfen sich an die Person. Die Person ist +schon Partei, wo das Werk kaum noch die Geister erweckt +hat; sie gebietet den Unschlüssigen, schüchtert +die Zweifler ein und bricht den Widerstand der +Stumpfen. Wohlgemerkt aber nicht die reale Person, +nicht der handelnde Mensch an sich; dieser hat wenig +Spielraum, ist eingezwängt in ein verwickeltes gesellschaftliches +Gewebe, ein engmaschiges Netz von +Pflichten und Gesetzen und führt meist ein privates, +kleines Leben voller Hemmungen. Will er derjenige +sein, als der er gilt, so muß er den Kreis seines Wirkens +durch die Fackel seines Namens erleuchten, er +muß das Zeugnis seiner Leistung vorweisen können. +Dann allerdings wird ihm die Ehrfurcht gezollt, deren +die Kunst, als Idee, sonst völlig verlustig geht.</p> + +<p>Man kann also sagen: Die reale Person wirkt erst +durch das Medium der Werke, die fiktive durch das +Medium des Künstlers, was natürlich das Verkehrte +<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>ist. Es liegt darin nichts Religiöses und Verwandelndes +mehr, sondern Aberglauben und Götzendienst. +In einer religiösen, mythisch-bewegten, sachlich, nicht +individuell fixierten Zeit trennen sich Schöpfer und +Gestalt überhaupt nicht voneinander, führen nicht +ein von der Gemeinschaft der Menschen losgelöstes +Dasein, der Schöpfer als Literat, als »Schriftsteller«, +die Gestalt im Buch oder höchstens als ästhetische +Metapher im Leben; nein, der Schöpfer, in seiner Bescheidenheit, +bleibt Teil der Gemeinschaft, und seine +Gestalten umgeben ihn wie Glieder einer Familie den +Patriarchen; sie allein sind die Träger seines Namens, +nicht aber die literarische Idee, die er von ihnen abstrahiert.</p> + +<p>Der große Künstler wird in seinem Persönlichkeitsbewußtsein +leicht einem Übermaß verfallen, da er es +immer dort gefährdet findet, wo er von seiner Gestaltenwelt +gelöst auftritt, also in seiner privaten Existenz, +oder in seiner öffentlichen, wenn er keine Harmonie +spürt zwischen künstlerischer und persönlicher +Wirkung, und die kann er nur selten spüren bei der +Zerstücktheit, Unverläßlichkeit und Zufälligkeit aller +Wirkungen. Es erscheint ihm notwendig, sich zu steigern, +sich in Szene zu setzen, sich geheimnisvoll zu +machen, sich zu kommentieren und sich selbst als Idee +vor das Werk zu setzen.</p> + +<p>Davon hat die Zeit sich mehr und mehr täuschen +lassen und sich gewöhnt, Persönliches für Sachliches +<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>zu nehmen. Gierig greift sie nach Persönlichem, wo +das Sachliche fremd oder spröde ist, und sie tut es +schon deshalb mit instinktiver Vorliebe, weil das +Sachliche stets in irgendeiner Weise menschlich verpflichtet. +Von solcher Verpflichtung will man sich jedoch, +wo es angeht, freihalten; man will reden und +urteilen, nicht aber durch handelndes Gefühl anteilvoll +verkettet sein. Nicht umsonst sind wir überschwemmt +von Mitteilungen aus dem Privatleben der +Künstler. Nicht umsonst werden Briefe, Tagebücher, +Aufzeichnungen, Skizzen, Fragmente der Neugier verfrüht +preisgegeben. Wird der Alkoven geöffnet und +die Werkstatt ausgekehrt, so mag der Wissensdurstige +sicher bisweilen befriedigt, der Forscher belehrt werden, +doch vorzüglich wird nur dem Hang der Gesellschaft +nach Sachverschleierung gedient. Das Göttliche +wird beleidigt, indem man den Menschen vergöttert. +So ist z. B. der Mythos Goethe eine Beute der Persönlichkeit +Goethe geworden, und Goethe selbst hat +durch einen Subjektivismus, der ihm anstand und +einen Teil seiner Genialität ausmachte, einen Kult +des Redens über die Dinge, der Meinungsäußerung, +der persönlichen Ausholung und Zwecksetzung und +damit eine Armee von Literaten in die Welt gerufen, +die sehr wohl Bescheid wissen über alle Probleme des +Lebens, die aber sehr wenig vermögen, wo es gilt sich +einzusetzen, sich hinzugeben, sich, d. h. die Meinung +zu vergessen, um einer Sache zu dienen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Der Literat als Apostel ist bis zu einem Grad Eroberer, +Mensch des Willens und der Sucht, daß er +sogar seinem Werk einen Willen verleiht, eine Sucht +über die Kunst hinaus. Er will es gültiger haben, als +es der Kunst eigen ist zu gelten, und durch die Kraft +seines Künstlertums vermag er es in ungeheurer Weise +so zu steigern, daß es dieses Ziel wirklich zu erreichen +scheint. Hier ist eine Schwäche, die mit erstaunlicher +Täuschungsmacht das Schauspiel einer Stärke bietet, +um später freilich, wenn die Gewalt der Persönlichkeit +dem Walten des Schicksals gewichen ist, sich wieder +als Schwäche, als Irrtum zu zeigen. Nur das Göttliche, +das Schöpferische hat Bestand; das Menschliche +ist flüchtig, auch Vergötterung ist nur Finsternis. Haben +wir es nicht erlebt, wie die Idee des Gesamtkunstwerks +als bizarre Laune eines Genies in sich zusammenstürzte? +Es war etwas anderes und tieferes als bizarre +Laune. Es war das Mißverständnis am Mythos.</p> + +<p>Denn es ist klar, daß der Literat als Apostel, da er +keine Selbstlosigkeit besitzt, keinen Mythos aus sich +schaffen kann. Auch wo er äußerlich zum Mythos +greift, zu einem Mythos, der mehr Sage ist als lebendig +gebliebene Bildung, und ihn durch Kunst vergegenwärtigt, +wird er nur Allegorie geben, privates +Leiden, persönliche Kämpfe, seine egoistischen, wenn +auch großartigen Entfaltungen und Wandlungen in +Umrissen, die vom Mythos nur erborgt sind. So wird +auch die Menschheit bloß den spezifizierten Schmerz +<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>darin erkennen; jeder einzelne wird in diesem Schmerz +doppelt allein mit sich sein, aufgereizt zu sich, verlangend +nach sich, behext, berauscht, aber nicht verwandelt, +nicht erlöst.</p> + +<p>Dieselbe Herrschsucht, die den modernen großen +Künstler dazu verführt, sein Werk über die Grenzen +der Kunst hinauszutreiben, ihm gleichsam, nach Hamlets +Worten, die Bescheidenheit der Natur zu rauben, +kann den Philosophen, sofern er Literat ist, dazu +überreden, sich zum Märtyrer seiner Lehre zu machen. +Daß diese Lehre eine lebenverneinende ist, versteht +sich nach allem Dargelegten von selbst; der Literat +ist ja wesensnotwendig ein Pessimist. Nun kann der +Pessimismus allerdings in einem freien System als Gestaltung +auftreten, die sternhaft oder kosmisch existent +ist wie ein Kunstwerk; in diesem Fall stellt eben die +schöpferische Kraft des Bildners oder Architekten als +lebensbejahendes Element den Ausgleich her. Wenn +aber der Pessimist den Beweisantrag auf das eigene +Ich stellt und durchführt, ist aus dem Symbol ein +Wörtliches geworden; da ist nicht mehr der Dualismus, +der den schöpferischen Menschen in die Mitte +von Irdischem und Himmlischem führt, da ist die +Sackgasse, das Persönliche, persönlich Endliche, und +das Prinzip und Gesetz des Schaffens selbst wird +verneint.</p> + +<p>Der Literat kommt aber nicht von der Psychologie +los, von der theoretischen nicht und von der ange<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>wandten +nicht. Man möchte sagen, er nimmt es mit +der Wahrheit zu genau, – soweit er Künstler ist, und +er hütet sich, als Mensch, zu wenig vor der Verzerrung. +Seine Unabhängigkeit schenkt ihm keine Freiheit, +sein Ichbewußtsein entfernt ihn von der Liebe; +er ist die tragische Figur der modernen Welt und, zum +Apostel berufen, bricht er auf dem höchsten Gipfel +seiner Persönlichkeit, seiner Einsamkeit und seines +vergeblichen Gottverlangens vor dem Unerreichbaren +zusammen.</p> + + + +<p><a class="page" title="140"></a> +<a name="Page_140" id="Page_140"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Die_Frau_als_Literat" id="Die_Frau_als_Literat"></a>Die Frau als Literat</h2> + + +<p class="newsection">Dieses Kapitel ist eigentlich ein Einschiebsel, denn +in bezug auf die Frau als Literat ist nach allem +bisher Ausgeführten nur noch Selbstverständliches +zu sagen. Immerhin gehört das Thema zur Geistesgeschichte +der Zeit, denn nie zuvor haben Frauen in +solcher Zahl und mit solcher Energie schriftstellerisch, +künstlerisch produzierend sich bemerkbar gemacht.</p> + +<p>Die Frau besitzt keine schöpferische Phantasie. Das +ist kein Streitsatz, sondern ein Erfahrungssatz; eine +Tatsache, die einem Naturgesetz entspricht. Es ist die +Aufgabe der Frau, Mutter zu werden, Leben zu empfangen, +Leben zu gebären. Als Weib, als Mutter ist +sie gewissermaßen an sich selbst schon ein Stück Mythos, +und Gott hat es deshalb für überflüssig erachtet, +sie mit einer mythosschaffenden Kraft zu begaben. +Ihr Künstlertum ruht in der Liebe, ihre Idee ist die +Mutterschaft, ihr Werk ist das Kind. Wenn also die +Frau sich künstlerisch hingibt, so entsagt sie dadurch +ihrer wahren Bestimmung, verzichtet freiwillig auf +das Schöpferische und wird zum Literaten, und zwar +zum Literaten schlechthin, zum Literaten ohne schöpferische +Phantasie, welche ja dem Psychologen, dem +Schöngeist, dem Apostel durchaus nicht mangelt; +ganz im Gegenteil, können diesen doch Werke ge<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>lingen, +die den Werken des schöpferischen Menschen +nahezu ebenbürtig sind.</p> + +<p>Ich verkenne nicht die Arbeit der Frau; nicht den ehrlichen +Willen, nicht die Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, +nicht die Fähigkeit zur Anpassung und Ausführung, +nicht die oft zutage tretende Besonderheit +des Schauens, nicht den sicheren Instinkt, nicht das +vollgültige Empfinden, nicht die Gabe des Traums +und des poetischen Ausdrucks. Ich weiß, was geleistet +worden ist; ich erinnere mich zarter Gedichte, robuster +Erzählungen, anmutiger und starker Bildnisse, +überzeugender Schriften; einer Fülle von respektablen +Hervorbringungen. Aber sie waren mir um so respektabler, +je weniger objektiv sie scheinen wollten, je weniger +sie zu Gestaltungen griffen, je mehr sie einem +Gefühl, einem Erlebnis, einem Unmittelbaren Stimme +verliehen. Nicht Gestalt also; Stimme, das ist es, Stimme +oder Stimmung, etwas, das so fern vom Mythos liegt +wie ein Quellchen vom Meer.</p> + +<p>Das Vermögen, ein Weltbild zu objektivieren, ist nur +der schöpferischen Phantasie gegeben. Mit Hilfe des +Fleißes, bewußter oder unbewußter Nachahmung und +der Aneignung erprobter Disziplinen gelangt die Frau +bisweilen zu Gebilden von scheinbarer und äußerlicher +Objektivation, und ihre Lust wie ihr Talent zur +Beobachtung befähigt sie, eine niedere Realität von +Zuständen und Geschehnissen darzustellen, welche +unterhaltend, geistig und gesellschaftlich anziehend +<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>sein und, soweit sie auf Erlebtem und Gefühltem beruhen, +der Wahrheit und Glaubhaftigkeit nicht ermangeln +werden. Das Metaphorische, das Elementare, +das Schöpferische, die Synthese ist ihr jedoch versagt, +und je mehr sie darnach strebt, je unzulänglicher müssen +sich ihre Produkte erweisen; sie stehen dann in +der Luft, wurzellos, ziellos und wollen durch Unruhe, +Leidenschaftlichkeit und Fieberhaftigkeit ersetzen, +was ihnen an Natur und Legitimität, – durch +Linie und Schnörkel, Seltsamkeit und Überhäufung, +was ihnen an Antlitz und Naivität fehlt.</p> + +<p>Bisweilen fragt man sich: warum werden die Frauen +zu Literaten? Ein Buch, und noch ein Buch, und noch +eine Meinung und noch ein Vers und noch eine bemalte +Leinwand, – darum handelt sichs doch schließlich +nicht. Ein Blick, ein echtes Wort, eine Wirkung von +Mensch zu Mensch, menschliches Aufmerken, Bereitschaft +des Herzens können mehr, weit mehr bedeuten. +Das Übel ist auch hier in einer zerklüfteten, anarchisch-gelösten +Gesellschaft zu suchen, die keine lebendige +Organisation hat und in der deshalb jede Fülle zur +Überfülle, jeder Überfluß zur Last, jede Hemmung +zu falscher Betätigung und jede Abtrennung der einzelnen +Mitglieder bei unzureichender individueller +Kraft und Bestimmung zur Katastrophe wird. Die +Literatur gilt als ein Gewerbe wie jedes andere; das +sogenannte Talent genügt zum Vorwärtskommen. +Der Einfall wird überschätzt; zum Einfall gehört +<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>auch das Detail; die Detailkrämerei beginnt schon, +uns geistige Verdauungsbeschwerden zu erregen; die +Mache, die Gebärde, der fast von selbst arbeitende +sprachliche Mechanismus; die Gewohnheit, sich meinungsmäßig +zu äußern, sich einer seelischen Spannung +zu entäußern, indem man sie preisgibt und in einer +quasi dichterischen Form, die meist zur Schamlosigkeit +kalter Psychologie führt, versteinert zur Schau stellt; +die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Mitteilung, dies +alles ermuntert den einzelnen immer wieder, sich literarisch +zu isolieren und sich politisch, sozial und menschlich +damit abzutöten. Wenn man zur Einsicht käme, +daß das sogenannte Talent in den meisten Fällen nur +ein Wesen ist, das in freiwilliger Verbannung von einer +Gemeinschaft lebt, der es nicht nützlich sein kann, ein +Parasit und Freibeuter, wäre schon viel gewonnen, und +die dreißigtausend Bücher, die jährlich in Deutschland +auf den Markt strömen, würden unter dem Druck +eines weiseren Urteils und einer sachlicheren Wahl +auf eine notwendigere Anzahl zusammenschrumpfen, +die vielleicht mehr Gehalt in sich schlösse.</p> + +<p>Die Frau als das zur Liebe und Empfängnis bestimmte +Geschöpf menschlich und geistig isoliert, in sozialer +Unfruchtbarkeit und egoistischer Verpersönlichung +ihres tieferen Schicksals, ihrer schönen anonymen +Wirkung (wie vieles verdankt doch ihrer Teilnahme +der Ruhm unserer großen Künstler), ja, ihres Lebensmythos +beraubt zu sehen, gewährt ein trauriges Bild +<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>weitgreifenden Mißverständnisses. Ich spreche natürlich +nicht von der Schauspielerin, der Sängerin, von +rezeptiven Künsten; diese harmonieren, solange nicht +ein literarischer Einschlag durch übertreibenden Ehrgeiz +und individuelle Zwecksetzung stattfindet, sehr +wohl mit der weiblichen Seele, mit ihrer geistigen +Wandlungsfähigkeit, Anschmiegung des Gefühls und +Poetisierung der Realität. Die Tänzerin, die lediglich +ihren Körper zur Kunstäußerung verwendet, bietet +vielleicht das edelste Bild weiblicher Genialität. Nur +wo das Schöpferische vorgetäuscht wird, zeigt sich +die Frau (mit Ausnahme von zwei oder drei Fällen +innerhalb der ganzen Geistesgeschichte) sogleich als +Literat schlechthin. Die Natur läßt sich nicht betrügen; +auch die Menschheit nicht; nur die Menschen +lassen sich betrügen. Sie tun, als glaubten sie, auch +wo ihr Inneres unbeteiligt ist; sie nehmen das Wunderliche +für das Wunder, den Notbehelf für das Notwendige, +das Phantom für das Phänomen. Die Frau +als Literat braucht sich nicht mehr zu verraten; es ist +nichts zu verraten; es ist alles von einfachster Aufrichtigkeit, +Geradlinigkeit und Durchschaubarkeit. Wir +erblicken einen tüchtigen, emsigen, klugen und nachdenklichen +Arbeiter, dem weder Wort, noch Rhythmus, +noch Idee zur Maske werden können und der +den Schmerz der Einsamkeit nur gemütisch ahnt, nicht +geistig steigert und auflöst; keine tragische, sondern +nur eine charakterisierte und zufällige Gestalt.</p> + + + +<p><a class="page" title="145"></a> +<a name="Page_145" id="Page_145"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Ergebnisse" id="Ergebnisse"></a>Ergebnisse</h2> + + +<p class="newsection">Der Literat ist der vom Mythos losgelöste produktive +Mensch.</p> + +<p>Er ist auch der von der Gesellschaft losgelöste Mensch, +der einzelne, innerhalb eines nur durch äußere Gesetze +verkitteten Gemeinwesens.</p> + +<p>So wie er aber ohne das Vorbild des schöpferischen +Menschen nicht zu denken ist, bleibt er auch in seinem +Tun und Lassen, durch sein Persönlichkeitsbestreben, +durch die Notwendigkeit der Spiegelung, durch das +Element des Ehrgeizes und durch das Element des +Verrats der Gesellschaft verbunden.</p> + +<p>Der Literat ist vergeßlich. Er ist lieblos, weil er allzusehr +in sich selbst verstrickt ist. Er anerkennt keine +Konvention, weil nur seine eigene Person ihm den +Maßstab für die Welt und die Dinge gibt. Dieser +Mangel an Konvention verführt ihn zu einer künstlichen +Originalität mit Hilfe der seltenen Beobachtung, +des seltenen Wortes, des seltenen Rhythmus.</p> + +<p>Der Literat ist eitel und sehnsüchtig, eitel selbst, wo +er sich bloßstellt, und sehnsüchtig am meisten dort, +wo er sich verliert. Er ist friedlos, immer nach Veränderung +begierig, versteht aber nicht zu wandern. +Sein Verhältnis zu Menschen ist selten dauernd; er +<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>stellt die höchsten Ansprüche von seiner Seite, ohne +die billigsten von der andern Seite zu befriedigen.</p> + +<p>Er kontrolliert seine eigenen Handlungen, Gedanken +und Gefühle sehr scharf, ja grausam. Es mangelt ihm +an jener Ehrfurcht vor sich selbst, die den schöpferischen +Menschen auszeichnet. Weil er so unbarmherzig +und rücksichtslos gegen sich selbst ist, glaubt +er es auch gegen andere sein zu dürfen, aber er vergißt, +daß jenes Wüten gegen die eigene Seele nur ein +Vorwand zum Verrat ist, nicht aber ein Mittel zur +Reinigung, Steigerung und Befreiung. Selbstbeobachtung, +Selbstzerfaserung ist ein Unglück, wie es +größer kaum zu denken ist; alle ursprüngliche Kraft +des Glaubens, alle Fähigkeit zur sittlichen Erhebung, +zur Umwandlung, geht daran zugrunde. Auch der +religiöse oder der schöpferische Mensch beobachtet +sich selbst, aber er wird sich dabei zum Gleichnis; +durch diese Gleichniswerdung kann er sich korrigieren +und bescheiden.</p> + +<p>Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große +Zahl von Literaten unter den Juden. In der Existenz +des Juden gibt sich die schärfste Gegensätzlichkeit +geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist +entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller +Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in +veralteten, leblosen Formen, sei es in neuen, utopischen, +das Alte zerstörenden, oder er will in anarchischer +Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist +<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>er ein Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein +Söldner oder ein Prophet. Das Schicksal der Nation, +ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, ihre ungeheuren +wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen +im Kampf gegen die widrigsten Umstände, +der fortwährende Zustand der Abwehr, der Selbstbehauptung, +das plötzliche Erwachen am Morgen +eines Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der +Hilfsmittel und Waffen dieser Kultur und die darauf +erfolgte gewaltsame Unterdrückung und Zerschneidung +der Tradition, all das hat die Juden als ganzes +Volk zu einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. +Wo sich hingegen der einzelne wieder des großen Zusammenhangs +bewußt wird, wo er im Schoß der Geschichte, +der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole +ihn tragen, urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein +verleihen und zugleich alles Errungene und Erworbene +organisch damit verschmilzt, da mag er wohl +den Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. +Der Jude als Europäer, als Kosmopolit ist ein Literat; +der Jude als Orientale, nicht im ethnographischen, +sondern im mythischen Sinne, als welcher die <em class="gesperrt">verwandelnde +Kraft</em> zur Gegenwart schon zur Bedingung +macht, kann Schöpfer sein.</p> + +<p>Alle Berufe und alle Stände haben ihre Literaten. Man +kann den Satz aufstellen: Jeder Fachmann ist ein Literat, +jeder Laie trägt noch etwas von Mythos in sich. +Denn alles Fachwesen und Spezialistentum ist nur ein +<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>Merkmal des großen Individualisierungsprozesses der +Zeit. Vertiefung zwingt zur Absonderung, die Fülle +zur Arbeitsteilung. Das ist gut und unerläßlich. Nun +ereignet sich aber das Seltsame, daß gerade bei dieser, +die Selbstbescheidung gebieterisch fordernden Tätigkeit +der einzelne die argwöhnische Wachsamkeit des +Psychologen, die Herrschsucht des Tribuns bekundet, +daß er sich von allem, was nicht sein Fach betrifft, in +trotziger und gleichgültiger Entfernung hält und ein +Leben außerhalb des Fachs oft kaum mehr kennt. Der +Literat ist der geborene Zünftler.</p> + +<p>Laien geben einem Literaten bisweilen den Rat, er +möge, um in seinem Erwerb nicht ausschließlich auf +die Kunst angewiesen zu sein, daneben ein Amt oder +einen Brotberuf wählen. Das ist geradeso, als wollte +man einen ärztlichen Spezialisten dazu überreden, +nebenbei die Tischlerei zu betreiben, weil er zu wenig +Patienten hat. Mit Recht würde er antworten: Mein +Fach fordert den Menschen ganz und gar, meine ganze +Zeit, meine ganze Anstrengung und alle Gedanken. +Der Literat ist eben nur Literat, er kann nichts anderes +sein. Der Vorschlag des Laien ist freilich in jedem +Sinne töricht. Amt und Brotberuf taugen bloß dem +Dilettanten; je innerlicher sein Verhältnis zur Kunst +ist, je mehr muß er unter abziehender Beschäftigung +leiden. Dem schöpferischen Menschen wird sie vollends +zur Qual; auch ihn fordert seine Sache ganz, +wenn schon in anderer Weise, nicht weil er Literat ist, +<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>der erobern will und muß, sondern weil er Mensch +ist, weil Mythos und Menschheit von ihm verlangen, +daß er sich unbedingt und ohne Vorbehalt hingebe. +Erwerb oder Nichterwerb irdischer Güter kommt +dabei in höherem Betracht nicht mehr in Frage; +schlimm genug, wenn es in niederem Betracht zu erwägen +ist.</p> + +<p>Indessen gehört die nackte und aufrichtige Gegenüberstellung +der ökonomischen und der geistigen +Mächte zum Bild unserer Epoche. Kapital will Leistung; +Leistung will Nutznießung, Arbeitskraft und +Lebensgefühl steigern sich wechselseitig; Erfolg, Bestätigung +und Lohn sind dem einzelnen rascher und +reichlicher zugemessen als je, und wenn auch der +Lockung oft nur gefolgt wird, weil eine Erfüllung +so nahe scheint, der Ruf nur deshalb so viele Hörer +findet, weil in ihm die Befriedigung ausschweifender +Ansprüche verheißen wird, so kann doch kaum +eine Prämie ausbezahlt werden ohne den vollen, ja +leidenschaftlichen Einsatz von Tüchtigkeit und Intensität.</p> + +<p>Diese Leidenschaft, dieser Schwung, der unermüdliche +Wetteifer, sie sind vielleicht Zeichen für die Heraufkunft +einer größeren Zeit; schüchterne Zeichen, weil +sie noch ganz am Persönlichen und Egoistischen +haften. Aber wie Eisenteile im Feuer des Hochofens +zusammengeschmolzen werden, so kann die Zerstücktheit +und die Zersplitterung einer individualistischen +<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>Gesellschaft durch einen alle Glieder ergreifenden, +stetigen Strom von Leidenschaft, gleichviel wo er entspringt, +zu organischer Einheit verwandelt werden. +Leidenschaft ist ja die erste und letzte Lebensgewalt; +in ihr vereinen sich Element und Wille; sie kann eine +unproduktive Ordnung zum Chaos führen, aber aus +dem Chaos wieder eine neue Welt erzeugen, Sammlung +aus der Diaspora. Dann mag sich ein Weg auftun +zum Mythos und zu Gott.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a class="page" title="151"></a> +<a name="Page_151" id="Page_151"></a></p> +<h2 class="essay"><a name="Die_Kunst_der_Erzahlung" id="Die_Kunst_der_Erzahlung"></a>Die Kunst der Erzählung</h2> + +<h3 class="essay">Geschrieben 1904</h3> + + +<p class="newsection">DER JUNGE:</p> + +<p>Es ist wohl über ein Jahr her, daß wir uns nicht +gesehen haben. Seit meine Freundin gestorben ist, +bin ich kaum mehr unter Menschen gekommen, und +ich verlasse mein Zimmer nur zu einsamen Spaziergängen. +Mein einziges Vergnügen sind die Bücher +und das Nachdenken über den Eindruck, den sie mir +gemacht haben. Ich glaube, wenn ich jetzt wieder die +Feder in die Hand nähme, so könnte ich etwas Tüchtiges +leisten.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Und wozu treibt es dich denn? Ein Künstler darf +nicht wie ein Jäger sein, der, unbekümmert was ihm +vor den Schuß kommen mag, durchs Gelände streift, +sondern er muß wie ein Seemann sein, der den inneren +Sinn, das innere Auge unablässig auf ein vielleicht +nicht sichtbares, doch tief bewußtes Ziel +richtet. Also wozu treibt es dich? Wozu glaubst du +dich geboren? Welche Insel des Geistes willst du +dir entdecken?</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Ich fühle zu nichts anderem Lust und Freude als Geschichten +zu erzählen. In den Stunden der Einsam<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>keit +und der Sammlung ist es mir, als ob mein Inneres +bis zum Rand angefüllt wäre mit Ereignissen +und Schicksalen. Oft ist mir zu Mut, als müsse der +ganze Lauf der Welt, von Adams Zeiten an, sich mir +in einer besonderen Weise enthüllen, und ich spüre +das unbezwingliche Verlangen, wie soll ich es nur +sagen?... zu erzählen, zu erzählen.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Das ist schön, prächtig sogar. Wenn du dieses Verlangen +wirklich hast und es nicht darin mißverstehst, +wie du es befolgst, dann wärest du allerdings dazu +geboren zu erzählen.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Wie sollte ich es mißverstehen? Warum zweifelst du? +Was gibt es denn Einfacheres?</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Daß es keineswegs einfach ist, keineswegs selbstverständlich, +könnte dich schon ein Blick auf die heutigen +Erzeugnisse dieser Kunst lehren. Die Meisten +wissen ja gar nicht mehr, was es heißt: eine Geschichte +erzählen, und selbst die Begabtesten bringen lauter +Zwitter- und Mißformen hervor.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Du bist sehr streng wie immer. Ich glaube nicht, daß +du recht hast. Niemals war so viel im Werk wie gerade +jetzt. Auf allen Seiten wird es Tag.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Der ewige Irrtum der Jugend.</p> + +<p><a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>DER JUNGE:</p> + +<p>Dann muß ich fürchten, daß du auch, was ich selbst +bisher geschaffen, verwerfen wirst.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Darauf könnte ich erst antworten, wenn ich wüßte, +wie es mit dir steht und ob dich nichts anderes erfüllt +als die Liebe zur Sache, ob dein Geist nichts anderes +erstrebt als die Vollendung in ihr, ob dir vor der +Wahrheit bangt oder ob leichtsinniges Lob dich nicht +schon für immer geblendet hat. Wenn du Angst vor +einer bitteren Stunde hast, dann verbirg es nicht, ich +schweige gern. Du besinnst dich?</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Hältst du denn dein Urteil für unumstößlich, für das +einzig mögliche? Kann es nicht auf Täuschung, auf +Unmilde, auf Eigensinn beruhen?</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Ich will es dir zu begründen suchen, und wenn du +meine Argumente entkräften kannst, werde ich mich +zufrieden geben.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Also sprich.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Es gibt dreierlei Arten von Schriftstellern: solche, die +einen eigenen Stil haben und ihn zur höchsten Vollkommenheit +auszubilden vermögen; solche, die einen +eigenen Stil suchen, und endlich solche, die einen +Allerweltsstil vorfinden und sich zu ihm verhalten +<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>wie die Gäste eines Wirtshauses zu den Tischen und +Krügen und Stühlen; sie können niemals zum Herrn +ihres Wortes, ihrer Gedanken, ihrer Phrase werden, +das glühendste Erlebnis muß ihnen erstarren, erhabene +Stimmungen werden trivial, jede Inspiration wird +Absicht, jede Beeinflussung von außen Nachahmung, +alles, was kräftig ist, brutal, und was fein ist, schwächlich. +Aber von diesen Schriftstellern, die die Marktware +für den großen Haufen besorgen, wollen wir +nicht sprechen. Du gehörst zur zweiten Art.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Das wäre ja weiter nicht schlimm. Suchende sind wir +alle. Ja, man kann sagen, daß der allergrößte Meister +bis zu seinem Todestage nicht aufgehört hat zu suchen. +Warum lächelst du?</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Weil ich an dieser Bemerkung sehe, wie wenig du +mich noch verstanden hast. Wenn die großen Meister +suchen, so wollen sie den Einklang schaffen zwischen +Stoff und Form. Sie wissen, daß es ohne solche Harmonie +überhaupt kein Kunstwerk gibt. Und weil sie +das wissen und auf diesem Wege zur Vollkommenheit +streben und sich wohl hüten werden, die Fülle ihrer +Mittel an den falschen Gegenstand oder am falschen +Ort zu verschwenden, so wird immer etwas entstehen, +was der Kunst und ihrer eigenen Schöpferpersönlichkeit +gemäß ist. Sie suchen mit sehenden Augen, ihr +aber sucht als Blinde; sie gehen den geraden Weg +<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>und kommen an ein Ziel, wenn auch nicht immer an +das gewünschte; ihr aber taumelt im Kreise herum. +Die Suchenden, die nicht um das Wesen wissen, sind +zum Untergang verurteilt.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Du machst mich wahrhaft unruhig. Ich könnte dich +hassen, wenn ich nicht wüßte, wie ernst du es meinst. +Ich ahne, wo du hinaus willst. So rede doch endlich +von mir.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Gut. Zwei Dinge, ein scheinbar äußeres und ein scheinbar +inneres, habe ich zunächst an deinen Arbeiten auszusetzen: +nämlich daß sie den Leser nicht mit Behaglichkeit +erfüllen und daß es dem Stoff selbst an +Daseinsnotwendigkeit gebricht. Beides hängt aber +inniger zusammen, als du glaubst; das werde ich dir +bald beweisen.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Was meinst du mit Behaglichkeit? Das Gegenteil +bezwecken wir doch, wenn wir Dichtungen ersinnen: +Erregung, Spannung, Teilnahme, Erschütterung. Ich +glaube, du treibst deinen Spaß mit mir.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Geduld. Ich verstehe die Behaglichkeit hier in einem +höheren, künstlerischen Sinn. Ich verstehe darunter +das unbegrenzte Vertrauen des idealen Lesers zum +Erzähler. Dieses Vertrauen entsteht durch Glaubwürdigkeit, +und die Glaubwürdigkeit nun entsteht +<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>aus der Notwendigkeit des erzählten Gegenstandes. +Du siehst nun, wie fest der Zusammenhang zwischen +den beiden Dingen ist, und noch untrennbarer wird +er für das Auge und für das Gefühl durch das, was +der Laie, der Dilettant, der Durchschnittskritiker die +Technik nennt: durch die Art des Erzählens; auch sie +ist nur ein scheinbar Äußerliches, denn in Wirklichkeit +ist sie die Seele der epischen Kunst.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Das wird zu weit und breit. Du wolltest doch von +meinen Arbeiten reden.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Ich sage nun, daß deinen Produkten die Behaglichkeit +fehlt, weil du nicht die Mittel und das Wissen +hast, sie hervorzubringen. Was du schreibst, trägt +unverkennbar den Stempel des direkten und indirekten +Erlebnisses, aber diese Erlebnisse sind nicht künstlerisch +verklärt und erhöht und bleiben daher ohne +poetische Wirkungen. Du hast eine starke und natürliche +Empfindung, die aber nur selten in ihrer Reinheit +wirkt, weil sich der Stoff nicht ganz in ihr aufzulösen +vermag. Merkst du nun, wo es hinaus will, +merkst du, wie alles Innerliche zugleich ein Äußerliches +ist und umgekehrt?</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Ich merke nichts als Pedanterie und höre nichts als +Worte. Wenn eine Kunstform nicht ausreicht für das, +was ich zu sagen habe, nun dann erweitere man mir +<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>diese Form. Wo stehen diese gelehrten Gesetze geschrieben, +denen ich mich fügen soll? Wer hat sie +gemacht, und wie käme ich dazu, mich vor ihnen zu +beugen?</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Wo sie geschrieben stehen? Im menschlichen Gefühl. +Wer sie gemacht hat? Das menschliche Gefühl. +Warum du dich ihnen beugen sollst? Weil du sonst +nicht wirken wirst, weil dein Wort und dein Werk +sonst von flüchtigerem Bestand sind als ein Stück +Eis in der Mittagssonne. Man hat nämlich im Lauf +der Jahrhunderte, der Jahrtausende herausgefunden, +was die Menschheit ergreift, tröstet und erfreut, was +aus ihren Tiefen stammt und zu ihren Tiefen strebt. +Die es befolgten und solche hohe Wirkungen erreichten, +nicht blind, sondern durch klarstes Wissen, +das waren die Meister. Wer der Belehrung trotzt, +kann nicht einmal Schüler werden.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Also belehre mich.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Ich sagte vorhin, daß die Elemente sich in dir nicht +mischen wollen; Stoff und Empfindung bleiben feindlich +und unaufgelöst einander gegenüber. Die Folge +davon ist eine immerwährende und überall ersichtliche +Dissonanz. Du erzählst eigentlich nicht Ereignisse, +sondern du schilderst Situationen. Gerade das +erscheint dir wichtig, was bei der Erzählung unwichtig +<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>ist und sein muß. Du hüpfest von Situation zu Situation, +das Dazwischenliegende ist dir ein Notbehelf, +wird zum gezwungenen Bericht und enttäuscht durch +seine Nüchternheit. Da du dies Schwanken als Schaffender +selbst sehr deutlich empfindest, drängt es dich, +Ausgleiche zu bringen, und du mußt zu pathetisch-lyrischen +Schilderungen greifen, in denen die Handlung +um keinen Schritt weiter kommt. Denn daran +liegt es, wohlgemerkt: Bewegung ist alles, alle Kunst +entsteht durch Bewegung. Damit hängt nun aufs +Engste die Gestaltung deiner Menschen zusammen. +Deine Gestalten haben keine Ruhepunkte. Sie sind +geschickt und glaubhaft gezeichnet, soweit und solange +sie mit der Handlung verknüpft sind, aber davon +losgelöst und als Eigenlebende betrachtet, werden +sie matt und hölzern. Sie wissen zu genau, was +sie sollen, nicht in ihrer Welt, sondern in deiner +Welt. Es fehlt die höhere Täuschungsabsicht und +Täuschungsmacht. Eine Figur muß leben trotz der +Handlung, nicht durch die Handlung. Woher käme +es sonst, daß bei allen mittelmäßigen Schriftstellern +gerade die Figuren am glaubhaftesten sind, die am +wenigsten mit der Handlung und ihren Spannungen +verquickt sind, die sogenannten Episodenfiguren? +Nur sie verbreiten Behaglichkeit, das heißt Glaubwürdigkeit, +weil sie scheinbar keinen Zweck verfolgen. +Wenn man also sagen kann, Kunst entstehe +durch Bewegung, so muß man hinzufügen, sie +<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>wirke durch die scheinbare Zwecklosigkeit der Bewegung.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Ich habe Zweifel über Zweifel. Hundert Fragen drängen +sich mir auf, denn ich sehe schon, wie tief du +greifst. Und mir dämmert manches, von dem ich früher +nichts ahnen konnte. Aber laß mich fragen. Du sagtest, +daß ich nicht Ereignisse erzähle, sondern Situationen +schildere, und ich muß gestehen, dabei verwirren +sich mir die Begriffe. Ist es nicht bloß ein Wortspiel? +Welcher Unterschied scheint dir denn zwischen +Erzählung und Schilderung zu bestehen? Ich meine, +inwiefern die Wirkung eines Werkes dadurch beeinträchtigt +wird. Sind das nicht schulmäßige Begrenzungen?</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Nehmen wir einmal an, du habest eine schwierige +und gefahrvolle Reise hinter dir, habest lebensgefährliche +Abenteuer bestanden, habest jahrelang als verschollen +und verloren gegolten und seiest nun doch +zurückgekehrt. Alles ist gespannt zu hören, wie du +das bewerkstelligt hast und wie es dir ergangen ist. +Du setzest dich in den Kreis der Neugierigen und +Teilnehmenden und erzählst, beginnst mit der Fahrt +übers Meer, der Aufzählung deiner Gefährten und +kurzer Andeutung ihrer Art und ihrer bisherigen +Schicksale, fährst fort mit der Landung, dem Aufbruch +in die unbekannten Gebiete usw., usw. Wäre +<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>es nun angebracht, das Interesse der Zuhörer durch +Beschreibungen von Landschaften, von Tieren, von +Pflanzen zu ermüden? Wenn du dies tätest, würde +in ihnen ein leises Mißtrauen gegen den Ernst und +die Schwere deiner überstandenen Schicksale entstehen. +Sie wollen wissen, wie es dir ergangen ist, +nichts weiter, und je einfacher und sachlicher du bist, +je glaubhafter werden deine Erlebnisse klingen. Nicht +mit einem Wort brauchst du zu schildern. Das Bild +der Landschaft und des Landes wird ganz von selbst +in der Phantasie entstehen; je weniger du davon +sprichst, je stärker wird die Phantasie der Hörer es +erblicken und zwar durch dein Erlebnis selbst. Unwillkürlich +gehen sie deinen Weg mit und sehen sie +mit deinen Augen. Es kommt ganz und gar nicht darauf +an, daß das Bild der Wirklichkeit entspricht, das +sie sich davon machen, es handelt sich nur darum, daß +durch ihre seelische Bewegung ein Bild entsteht. Diese +seelische Bewegung bildet sich nun wieder durch die +Bewegung der künstlerischen Materie, und so siehst +du abermals, wie Äußeres und Inneres verschmolzen +sind und sich verschmelzen müssen.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Das Beispiel leuchtet mir ein. Es leuchtet mir ein, daß +das Abschweifen von einer Sache, die man sich vorgesetzt +hat, in der Kunst ebenso unwahrhaftig wirkt +wie im Leben, und ich verstehe auch, daß man das +Vertrauen des Lesers auf diese Weise verlieren kann. +<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>Aber du sagtest etwas von Verklärung und Erhöhung +und poetischer Wirkung des Stoffes. Das alles scheint +mir nun überflüssig, sobald einmal die Wahrheit, die +Wahrhaftigkeit außer Zweifel steht.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Gewiß, wenn es ein und dasselbe wäre, mündlich zu +erzählen oder schriftlich. Dazwischen liegt ein so tiefer +Abgrund, daß ihn nicht Geist, nicht Wissen, nicht +Wahrhaftigkeit zu überbrücken vermögen, sondern +lediglich künstlerische Genialität. Es ist der Abgrund +zwischen Wesen und Schein, zwischen dem Spiegel +und der Person, die davorsteht, zwischen Leben und +Erinnerung, zwischen der Minute und der Ewigkeit. +Deine lebendigen Zuhörer sehen dich, sie sehen dich +ergriffen, begeistert, bedrückt, das lebendig gesprochene +Wort hat eine ganz unabweisbare Zeugniskraft +durch sich selbst. Wenn du dieselbe wahre und erschütternde +Erzählung deiner Reise mit denselben +Worten deines mündlichen Berichtes niederschreibst, +kann sie abgeschmackt, verlogen und sozusagen grundlos +klingen. Es ist also wieder das scheinbar Äußerlichste, +das die Kunstwirkung hervorbringt: der Stil. +Um dieselbe Einfachheit, die der Hörer ohne dein +besonderes Hinzutun spürt, sofern du nur eine einfache +und wahre Natur bist, dem Leser eines Buches +glaubhaft zu machen, dazu gehört ein halbes Leben +unablässiger Versuche, aufreibender Mühe, qualvollsten +Ringens. Im Leben ist das Selbstverständliche, +<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>oder wenden wir ein Fachwort an, das Naive eine +Voraussetzung, in der Kunst ist es eine letzte Konsequenz, +ein Gipfel.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Die Aufgabe besteht also darin, den Anschein des +Selbstverständlichen zu erreichen, innerhalb der Kunst +ein Gebilde zu schaffen, das die Züge der Natur trägt. +Darüber bin ich mir klar. Doch hat jedes Individuum +seine besondere Naivetät, jedes »Selbst« seine eigene +Selbstverständlichkeit. Gäbe es dennoch gewisse Gesetze, +an die unbewußt alle gebunden sind, Schöpfer +wie Genießende?</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Wollen wir einmal vom Engsten ausgehen, um ins +Weite zu gelangen. Wer sprachliches Gefühl und ein +aufmerksames Ohr besitzt, wird wissen oder unbewußt +schon früh empfunden haben, daß die vorzüglichste +Schönheit unserer Sprache in ihrem Vermögen +liegt, eine organisch gegliederte, gleichsam lebende +Periode zu bilden. Der Gedanke, die Vorstellung entsteht +und kommt zur Erscheinung durch Hauptwort +und Zeitwort; das Beiwort tritt heran, um zu verdeutlichen +oder zu schmücken, eine zweite Vorstellung +oder Handlung will die erste begründen und weiterführen, +und der Nebensatz ist geboren, an dem sich +dieselben Erscheinungen vollziehen wie im Hauptsatz, +nur abgetönt, verkleinert, gemildert. Darin liegt +der Rhythmus der Prosa: das An- und Abschwellen +<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>des Tones und der Betonung, die gegenseitige Beziehung +von Sätzen und Satzteilen untereinander, die +freie und eigenbewegliche Anpassung, die Fülle des +Ausdrucks bei größter Sparsamkeit mit dem Wort. +Die eigentümlichste Kraft der deutschen Sprache ruht +im Zeitwort; dieses auszubilden, zu formen, gewissermaßen +zu isolieren, kennzeichnet den guten Prosaisten, +während der mittelmäßige sich mehr auf das schmückende +Beiwort verlegt, – ganz natürlich. Prüfe doch +den Stil unserer guten Erzähler auf diesen Umstand +hin: wie das flutet und in majestätischer Ruhe hinfließt, +immer bewegt und immer gegen ein erreichenswertes +Ziel bewegt. Das Beiwort wirkt erstarrend und +ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, und nur die anschauende +Phantasie kann es an den rechten Platz +stellen; das Verbum belebt und ist das eigentlich motorische +Element im Satzbau. Es ist stets interessant, +den guten Erzählerstil lediglich auf seinen sprachmelodischen +Gehalt hin zu prüfen, sich zu überzeugen, +wie die Periode der Atmung entspricht, wie sinnvoll +gegliedert Satz und Nebensatz auftreten, und wie der +Gesang abläuft, wenn der Absatz zu Ende ist. Eigentlich +müßte man ein gutes Prosabuch schon an der +typographischen Anordnung erkennen, die sozusagen +seine Fassade vorstellt. Dazu kommt nun beim epischen +Künstler das geistige Erlebnis des Bildes und +die seltsame Empfindung für die plastische Nähe des +Wortes, die ihn vor Verflachung seines Ausdrucks +<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>bewahrt. Denn wie könnte sonst eine Schriftsprache +jahrhundertelang gesund und triebfähig bleiben? Die +Auserlesenheit der Wendungen tut es nicht, Geschmack +und Formensinn allein sind ebenfalls nicht +zeugungskräftig, – nur das Mitleben mit dem Wort +als einem Organismus bewahrt die Sprache der Epik +vor dem Verwelken und Absterben. Das begreiflich +zu machen, ist schwer, wenn du es nicht fühlst.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Ich fühle es. Ich fühlte es oft, wenn ich Gottfried +Keller las. Ein ganz gewöhnliches Wort, das in unserer +Umgangssprache so platt klang und so tot aussah wie +eine abgegriffene Münze, stand plötzlich da wie in +einen Zaubermantel gehüllt, fremd und neu.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Und doch sind die meisten unter unsern jungen Dichtern +Wortsucher, aber was schlimmer ist, sie verstehen +auch nicht in großem Atem zu erzählen. Ich leugne +nicht die Berechtigung des Schriftstellers, seine Sätze +auseinander zu haken und sie im stürmischen Tempo +aufmarschieren zu lassen, wenn ihn die Situation und +seine Natur dazu auffordern. Aber so wenig ein Mensch +lange Zeit hindurch im Zustand der Atemlosigkeit verweilen +kann, so wenig verträgt dies ein Buch, ohne +daß es Unbehagen und Widerwillen erregt. Ich habe +Bücher in der Hand gehabt, in denen lauter enge und +engbrüstige Sätzchen nebeneinander standen, stumpf +und traurig wie Soldaten bei der Parade. Einzelne +<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>Satzglieder schwammen wie abgeschnittene Hände +und Füße in einer Brühe überflüssiger Interpunktionen, +und jeder Rhythmus war zerfetzt, weil eine anständige +Mittelmäßigkeit des Schreibens weniger geachtet +wird als ein gequälter Unsinn, oder weil das +Gefühl erweckt werden sollte, der Verfasser sei tief +ergriffen gewesen von dem, was er geschrieben. Von +dem Verfasser wird gar keine Ergriffenheit verlangt; +Gott hat nicht jedem Baum und jedem Berg einen +Zettel umgehängt, auf dem zu lesen steht: wie schön, +wie gewaltig, wie charakteristisch bin ich. Gott ist bescheiden, +er ist unsichtbar in seiner Welt versteckt, +und mit den großen Künstlern ist es ebenso. Vom +Erzähler wird Unsichtbarkeit verlangt, von dem, was +er erzählt, höchste Sichtbarkeit.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist aber keineswegs +zu leugnen, daß etwa in einem dickbändigen +Roman die strenge Form der Erzählung schwer, wenn +nicht unmöglich festzuhalten ist. Ein solches Buch +müßte durch seine Eintönigkeit langweilen, glaube +ich, und man kann dem Autor nicht Unrecht geben, +wenn er dies Schicksal durch dramatische Gespräche +und aufregende Schilderungen von seinem Buche abzuwenden +sucht.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Das ist ein Thema für sich. Man kann von einem +Kochbuch nicht verlangen, daß es wissenschaftliche +<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>Aufgaben löst. Wenn es einem Dichter zu schwer fällt, +ein Kunstwerk zu schaffen, so begnüge er sich mit dem +Machwerk, aber er soll dann nicht beanspruchen, ein +Künstler genannt zu werden. Müssen denn die dickbändigen +Ungeheuer geschrieben werden, von denen +du sprichst? Und wenn sie geschrieben werden +müssen, bin ich etwa verpflichtet, mich mit ihnen zu +beschäftigen? Wollten wir unsere Erörterungen in +diesen niedern Kreis stellen, was wäre da nicht alles +zu sagen, worüber zu klagen: über die Frauenschreiberei, +das Zeitungswesen, die elenden Übersetzungen +aus andern Sprachen usw. Doch wir wollen das +künstlerischste aller Gesetze auch auf unsere Unterhaltung +anwenden und bei der Sache bleiben.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Du hast recht. Dennoch gibt es Mischprodukte, die +man nicht verwerfen darf und die eine tiefere Wirkung +und ein gewaltigeres Entstehungsmotiv haben als die +reinen Kunstwerke. Das darf man nicht vergessen.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Ich halte das für einen Irrtum. Diejenigen Werke der +Kunst, die an Wirkung und Dauer hinter den Erzeugnissen +zurückstehen, die du erwähnst, sind eben dann +nicht wahrhaft lebendig, und ihr Untergang ist nur +eine Frage der Zeit.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Alles, alles ist dem Untergang geweiht. Selbst Homer +und Shakespeare.</p> + +<p><a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>DER ALTE:</p> + +<p>Eine törichte Phrase. Sie werden untergehen, wenn +der Erdball versinkt und das Licht sich in Finsternis +verwandelt. Sie gehören eben der Menschheit an, und +von einer Unsterblichkeit über die Menschheit hinaus +zu reden, hat keinen Sinn.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Folgendes ist mir nicht ganz klar. Es handelt sich +doch bei der Erzählung um das Darstellen eines Vorganges +und innerhalb des Vorganges wieder um das +Ausmalen einzelner Bilder oder Situationen, denn +ohne solche Bilder würde ich doch mehr Geschichtsschreibung +treiben als Kunst. Wie bringe ich nun die +Situation, ohne gegen das Gesetz des epischen Weiterströmens +zu verstoßen? Mit einem Wort, wie kann ich +erzählerisch und plastisch zugleich sein?</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Zur Beantwortung dieser Frage will ich dir eine Stelle +aus Wilhelm Meisters Lehrjahren vorlesen. Es heißt +da: »Zwei bis drei Häuser standen in vollen Flammen. +In den Garten hatte sich niemand retten können wegen +des Brandes im Gartengewölbe. Wilhelm war verlegen +wegen seiner Freunde, weniger wegen seiner Sachen. +Er getraute sich nicht, die Kinder zu verlassen, und +sah das Unglück sich immer vergrößern. Er brachte +einige Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war +auf seinem Schoße eingeschlafen, Mignon lag neben +ihm und hielt seine Hand fest. Endlich hatten die ge<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>troffenen +Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die +ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen +kam herbei, die Kinder fingen an zu frieren, und +ihm selbst ward in seiner leichten Kleidung der fallende +Tau fast unerträglich. Er führte sie zu den Trümmern +des zusammengestürzten Gebäudes, und sie fanden +neben einem Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr +behagliche Wärme. Der anbrechende Tag brachte nun +alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen, +usw.« Du siehst hier deutlich, wie keusch und zurückhaltend +das außerordentliche Ereignis in der allgemeinen +erzählerischen Stimmung sich auflöst. Ruhig +schließt sich an die sparsame Ausmalung der überaus +schönen Situation von den am Aschenhaufen liegenden +Personen der neue Vorgang, und im Satzgefüge +herrscht nicht die mindeste Erregtheit. Vergleiche damit +einmal die Darstellung einer Feuersbrunst bei +Zola; Einzelheit drängt sich an Einzelheit. Die ungeheure +Flut der Einzelheiten vernichtet das Bild und +überschwemmt die Phantasie. Aus fünfzig Seiten eines +Schilderers macht der Epiker zehn Zeilen. Der erzählende +Stil beruht keineswegs auf der Ausmalung der +Situationen, sondern er ruft die Situation nur zu höherem +Zweck hervor, um sie in vollkommener Ruhe +vorübergleiten zu lassen. Geradezu musterhaft ist +darin Kleist, der vielleicht das größte erzählerische +Genie ist, das wir besitzen. Wie im Volksmärchen, +mit einer erhabenen Knappheit erzeugt er Bewegung +<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>um Bewegung. Nur dadurch entsteht zugleich die +Lebendigkeit der Periode, es wird ihr das Papierene +genommen, das sie auch beim vollendetsten Schilderer +hat; sie besitzt plötzlich innere Kraft, das Blut des +atmenden Geschöpfes, und wie das Werk im Ganzen, +ist sie für sich allein ein Organismus mit Fleisch und +Seele. Der Baum setzt sich aus winzigen Zellen zusammen; +die Gesundheit seiner Früchte hängt ab von +der Gesundheit jener unscheinbaren Gewebe. Die +Breite und Fülle der Periode bedingt die Breite und +Fülle des Ganzen; nicht Abenteuerlichkeit der Vorgänge, +nicht Weitspurigkeit der Anlage, nicht die +ausgesuchteste psychologische Tüftelei, keine Neuartigkeit +des Themas, keine äußere Spannung, nicht +Geist, nicht Witz, nicht philosophische Tiefe kann +ein Werk, dem jene Eigenschaften wahrer epischer +Breite und Ruhe mangeln, zum Rang eines Kunstwerkes +erheben.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Jetzt ist es auf einmal wieder die Ruhe. Wir haben +doch festgestellt, daß es die Bewegung ist, die der +Kunst das Leben gibt, wir haben es sehr schön gefunden, +daß die Zwecklosigkeit der Bewegung den +Kunsteindruck hervorbringt, nun soll auf einmal die +Ruhe das Allesbedingende sein. Das ist sinnverwirrend. +Ruhe? Das wäre ja gleichbedeutend mit Kälte, +das hieße ja, das ganze Wesen des Dichters verkennen, +dem Artistentum das Wort reden.</p> + +<p><a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>DER ALTE:</p> + +<p>Beschwichtige deinen Eifer, du wirst gleich sehen, wie +unbedacht er ist. Die erzählende Kunst stellt Vergangenes +dar. Es handelt sich um ein Gelebt-Haben, +Gesehen-Haben, Geschehen-Sein. Während das +Drama auf der Gegenwärtigkeit der Geschehnisse, +der Leidenschaften beruht, ist das Epos oder die +Novelle ein Zurückgewandtes, Zurückschauendes, – +ganz natürlich, und so ist es durch seine Form zu +einer größeren Ruhe und Gemessenheit verurteilt, +denn seine Wiedergabe setzt doch einen Betrachter +voraus, einen Beobachter, einen Urteilenden, Zusammenfasser. +Während das Drama ein scheinbar +freistehendes, isoliertes Eigen-Produkt ist, weist die +Erzählung beständig und auf jeder Zeile auf den Erzähler +zurück, und von dessen Haltung hängt alles +ab. Es handelt sich also nur um eine scheinbare Kälte +und Ruhe, um ein Zurückhalten des Feuers. Der +Schöpfer eines solchen Werkes ist umsomehr darauf +angewiesen, seine eigene Persönlichkeit zu verbergen, +da er es doch selbst ist, der die ganze Welt, die er +hervorbringt, repräsentiert. Wenn er aufhört, unsichtbar +zu bleiben, leidet unsere Illusion Schaden, und +die scheinbare Ruhe enthält also für ihn alle Wirkungen +seiner Kunst. Uns dennoch aufs innigste mit dem +Werk zu verknüpfen, uns alles mit seinem eigenen +Auge, seiner eigenen launigen oder tragischen Seelenstimmung +erleben zu lassen, das hängt von seiner +<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>Person und seinem Dichterwert ab. Seine Weltanschauung +und geistige Kraft einerseits und die Ruhe +andrerseits, die ihn befähigt, Licht und Schatten zu +verteilen, Bilder zu erzeugen, Zeitperspektiven zu +bilden, können die beiden Pole genannt werden, zwischen +denen sich seine Kunst bewegt. Deswegen verlangt +die epische Kunst eine vollkommene Reife des +Geistes.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Es handelt sich also nicht um unterdrücktes Gefühl, +sondern um gebändigtes Gefühl, um verteilte Wärme. +Dann leidet auch das Werk Schaden, wenn zu viel +Licht auf eine einzelne Gestalt fällt? Offenbar. Wie +verhält es sich also mit den Gestalten? Wie weit dürfen +sie sich aus der Fläche der Erzählung plastisch +heben?</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Das hängt von Stoff und Ton des Ganzen ab. Laß uns +einmal den Gang verschiedener Werke epischer Prosa +auf diesen Umstand hin vergleichen: Herodots Geschichten, +den Don Quixote, den Wilhelm Meister +und Tolstois Krieg und Frieden.</p> + +<p>Herodot besitzt die natürliche, persönliche Naivität, +die dem Zeitalter und einer jungen, aufsteigenden +Kultur entsprechen. Er hat weder Vorbilder, noch bedarf +er ihrer. Er ist nicht bemüht, eine Kunstform zu +prägen. Er vermeidet Schmuckworte. Er hält sich von +allen Abstraktionen fern. Er »erzählt«. Sein Ton ist +<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>der eines Mannes, der reich an Erfahrungen und an +Wissen unter den Seinen sitzt und ebenso einfach wie +wahrhaftig von allem Kunde gibt. Gleichwohl zeigt +sein Werk eine feste Stileinheit und das nicht nur +äußerlich, sondern auch innerlich: Die Handlungen +des Menschen stehen unter dem Walten der Nemesis. +Von dieser Weltanschauung durchdrungen, erhält +seine Schöpfung nicht nur sittliche Größe, sondern +auch künstlerische Macht.</p> + +<p>Cervantes fußt natürlich bereits auf Traditionen. Aber +er vernichtet sie, indem er sich ihrer bedient. Die +Sittenschilderung und die Aktion ordnen sich äußerlich +einem Plan und geistig einer Idee unter. Indem +er gegen den pathetischen Heros des Katholizismus +zu Felde zieht, findet er jene hohe Form der Darstellung, +welche wir Humor nennen und welche seinen +Gestalten weitaus bedeutungsvollere Konturen gibt, +als sie in der Realität ihrer Existenz zu haben scheinen. +Auch Cervantes ist ein (im banalen Sinn) naiver Erzähler; +aber an seiner Naivetät hat der Kunstverstand +schon wesentlichen Anteil. Es ist klar: das ist nicht +mehr der Berichterstatter wahrhafter Begebenheiten. +Mit der Schöpfung einer Phantasiewelt hat die unbefangene +Freude am Ereignis und seiner Wiedergabe +ihr Ende erreicht. Dem Erzähler muß sich der Fabulist +beigesellen, und Fragen technischer Natur entstehen +wie von selbst. Hier ist alles schon <em class="gesperrt">Kunst</em>: +die Charaktere und ihre Gestaltung, die planvoll ge<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>schürzten +Fäden der Handlung, der Dialog und seine +motorische Bedeutung. Aber durch einen wunderbaren +Instinkt hat all dies wieder die Farbe der Natur +erhalten, das täuschende Gewand der Wahrheit.</p> + +<p>Goethes Roman ist in erster Linie das Manifest einer +großen Persönlichkeit. Wenn der spanische Dichter +Bilder entrollte, hinter denen er wortlos verschwand, +so bleibt der Deutsche vor dem Geschaffenen stehen +und bringt es durch sein Wesen, durch seine Gebärde, +durch seine begleitenden Worte erst ins rechte Licht +und zur rechten Geltung. Seine Darstellung ist kühl +und überlegen, philosophisch gemessen, und nie vergißt +man über den Figuren den Zauberer, der sie in +Bewegung zu setzen vermag. Cervantes ist groß durch +Don Quixote; Wilhelm Meister ist groß durch +Goethe.</p> + +<p>In der Dichtung des russischen Dichters endlich sind +Stoff und Darstellung in eine unauflösliche Verbindung +getreten. Der Schöpfer selbst wird hier zu einem +wesenlosen Etwas, ähnlich der Naturkraft, die einem +Strom sein Bett anweist. Dieser Roman ist von homerischer +Prägung. Die Menschen darin sind so stark +individuell und andererseits so sehr von dem Schicksale +ihres Temperaments getrieben, daß man die Illusion +hat, sie müßten, auch aus Milieu und Handlung +losgelöst, doch zu denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen +gelangen, zu denen sie in der Dichtung durch +den Willen des Dichters kommen. Sittenschilderung, +<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>nationale Besonderheit, menschliche Bedeutsamkeit, +künstlerische Ruhe, Einfachheit und Größe, alles verbindet +sich zu klarster Wirkung. Der Dialog hat +keine motorischen Zwecke mehr, auch nicht philosophische +oder tendenziöse, sondern lediglich charakterisierende.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>»Stoff und Darstellung sind in eine unauflösliche Verbindung +getreten,« sagst du. Ich möchte lieber sagen: +Stoff und Künstler. Aber was ist der Stoff? Wann +wird der Stoff »daseinsnotwendig«? Wann erhält er +die Unleugbarkeit eines von der Natur selbst Geschaffenen? +Wahrscheinlich muß der eine ihn erleben, +der zweite erfinden, der dritte aus der Geschichte +nehmen. Dieser braucht eine regelrechte Fabel, jener +webt seine Gebilde wie aus einem Traum heraus, der +die Bewegung und Stimmung des Lebens und doch +die Gesammeltheit der Dichtung hat. Das Wichtige +ist demnach nicht die Art des Stoffes selbst, sondern +die Intensität der Vision, die er erzeugt und die nicht +auf einem Bild zu beruhen braucht, sondern oft, dem +Nebelball der Urwelten gleich, Feuer und Vegetation +noch in sich verborgen tragen kann.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Ohne Zweifel. Die Kraft der Vision im Dichter bestimmt +die Kraft des Werkes, ihre Dauer und Unvergeßlichkeit +aber seine Harmonie. Alles andere hat mit +inspiratorischen Dingen nichts mehr zu tun, sondern +<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>unterliegt den Gesetzen der Entwicklung. Wo die Vision +aufhört, beginnt die geistige Arbeit, das Reich des +Geschmackes, des Urteiles, der Wahl. Hier ist auch die +Grenze zwischen dem Dichter und dem Schriftsteller. +Der Dichter und seine Stoffe verhalten sich zu einander +wie der Baum zu seinen Blättern, die Stoffe des +Schriftstellers aber gleichen den beliebig ausgewählten, +ärmlichen oder luxuriösen Möbeln eines Zimmers. +Dort wird jeder Mangel die Kehrseite eines Vorzuges +sein, hier wird selbst jeder Vorzug auf einen einzigen +Mangel zurückdeuten. Dort ein lebendiger Organismus, +gleichviel ob kränklich oder stark, hier eine Maschinerie, +stümperhaft oder in ihrer Art vollkommen.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Demnach müßte also eigentlich der Dichter seine +Stoffe erleben, der Schriftsteller sie erfinden.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Das läßt sich nicht auseinanderhalten. Da müßten wir +erst feststellen, was es heißt, erleben. Es wäre doch +recht ärmlich gedacht, wenn man nur eine äußere +Aktion darin sehen wollte, dann wäre es schlimm um +jene bestellt, die der Zufall oder soziale Stellung oder +persönliche Eigenart vom großen Getriebe fernhält. +Das hieße dann: nur derjenige, der einen Mord begangen, +kann die Seele eines Mörders enthüllen, und +die Frau als eine Welt für sich wäre dem Dichter ein +für immer verschlossenes Ding. Ich stelle nicht in Abrede, +daß ein gewisses Maß allgemeiner Lebenserfah<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>rung +notwendig sei, aber dem, der nicht innerlich das +Leiden der Welt und ihrer Geschöpfe erlebt, dem +wird es wenig frommen, wenn er seine Tage mit Abenteuern +füllt, wenn ihm auch hierdurch die seltsamsten +und tiefsten Seiten der menschlichen Natur offenbar +werden. Das ist ja eben die besondere Natur des +Dichters, daß in ihm gleichsam die Erfahrungen aller +andern sich sammeln und zu einem hohen Bewußtsein +gelangen; es ist, als ob ihm Gott die Andeutungen +und Stichworte gäbe, aus denen er das Gewebe +einer zweiten zur knappsten Folgerichtigkeit +verdichteten Welt formt. Er ist es, der im Mittelpunkt +der Dinge wohnt, er stellt das lebendige Gewissen +der Völker dar, er lebt nicht nur in der Gegenwart, +nein, ihm ist alles Vergangene zugleich Gegenwart. +Und nun der Stoff.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Ich glaube, daß es gleichgültig ist, ob er die Geschichte +eines Schneiders oder eines Welteroberers wählt. Und +das Milieu kann immer nur ein Mittel sein, Charaktere +zu entfalten und Schicksale zu motivieren.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Sehr wahr.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Und doch haben wir von einer Daseinsnotwendigkeit +des Stoffes gesprochen.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Es ist oft genug gesagt worden, daß der Dichter aus +<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>einem unbesiegbaren inneren Drang heraus schaffe. +Oft im Kampf mit den äußeren Lebensumständen, +oft, ja fast immer im Kampf mit sich selbst. Deswegen +ist es eine abgegriffene Phrase, von dem Glück des +Schaffens zu sprechen. Es gibt nur eine Verzweiflung +des Schaffens und einen ganz kurzen Glücksrausch +des Geschaffenhabens. Und dann erst muß der Dichter +lernen, sein Werk zu hassen, damit er seine Gebrechen +zu erkennen vermag, und je stärker er sein +Werk hassen wird, je tiefer wird er die Kunst lieben. +Es ist klar, daß das, was unter solchen Widerständen +Dasein und Form gewinnt, innere Lebensmöglichkeit +und -notwendigkeit haben muß, wenigstens für den +Schöpfer. Die Frage ist nur, ob und in welchem Maße +das Werk zu den anderen Menschen spricht, wie viele +Lebenskreise es durch seine Existenz berührt, wie viel +andern Wesen es ebenfalls notwendig wird. Das hängt +nun von seinem Stoff ab. Ich möchte behaupten, ein +Stoff ist um so größer und allgemeiner gültig, je mehr +Mythos er in sich trägt, das heißt, je tiefer er in dem Geheimnisvollen, +Unbewußten, Religiösen, Phantasiegemäßen +eines Volkes und damit der Menschheit wurzelt. +Der Dichter ist ja der Mund der Schweigenden. Je +größer ein Dichter ist, je mehr Schweigende sprechen +aus ihm. Nicht er wählt seinen Stoff, sondern der Stoff +wählt ihn. Er trifft ihn, wie der Blitz zuckt er auf ihn +herab. Deshalb wird man ebensowenig von Erfinden +wie von Erleben eines Stoffes reden können, im höch<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>sten +Sinne nämlich. Dichter, die ihre Erlebnisse, sagen +wir verwerten, sind immer in Gefahr, diese Erlebnisse +sehr zu überschätzen, wenn nicht ein großes typisches +Schicksal dahinter steht. Die Vision ist alles. Sie vermag +einen tausendmal behandelten Gegenstand so zu +verklären und zu erhöhen, daß er zum unerhörten Ereignis +wird. Je mehr du durch dein enges kleines und +in jedem Fall bescheidenes Schicksal dich ins Weite, +Menschliche, Mythische hinausspürst und -lebst, je +weniger brauchst du tatsächlich zu »erleben«, je freieren +Spielraum gewinnst du für die Kunst.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Frühere Ästhetiker haben das, was du den Mythos +nennst, als Idee bezeichnet.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Nenn es, wie du willst. Man spricht immer davon, +daß die Kunst keine Tendenzen habe, keine Nützlichkeitsziele +verfolgen soll. Aber in einem anderen +höheren Sinn muß doch mit jedem Kunstwerk etwas +bewiesen werden, wenn es nicht dem Fluch des Spielerischen +verfallen soll. Gewiß muß es um seiner selbst +willen hervorgebracht werden. Aber es darf, wie das +lebendige Geschöpf, nicht um seiner selbst willen +existieren. Weiter können wir in unserer Erörterung +kaum gelangen. Hier ist schon die Grenze des Traumes +und der Träumerei.</p> +<p><a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a></p> + +<h3 class="essay">Fünf Jahre später</h3> + +<p class="newsection">DER ALTE:</p> + +<p>Daß uns der Zufall auf einer Reise zusammenführt!</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Man könnte glauben, du habest mich während all dieser +Zeit geflissentlich gemieden.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Wie könnte ich mich unterfangen! Du bist ein berühmter +Mann geworden, ich sinke mehr und mehr +ins Dunkel zurück.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Hoffentlich hat mir dieser sogenannte Ruhm nicht +deine gute Meinung geraubt.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Das wäre nur der Fall, wenn er dich zur Selbstgenügsamkeit +verführte. Solche Leute stehen als Leichname +inmitten ihrer Werke, und ihre Werke sind krankgeborene +Kinder, zu frühem Tod bestimmt.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Vor allem, es gibt doch zweierlei Arten von Ruhm. +Der eine geht von dem Zeitlichen, Zufälligen, Augenblicklichen, +Problematischen unserer Taten aus; er +kann dem echten wie dem verlogenen Werk gleicherweise +zu Teil werden und hat wenig zu schaffen mit +<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>dem andern Ruhm, der durch unser ganzes Wesen +bedingt ist, sich an den Zusammenhang unsrer Werke +knüpft. Jener ist wie der kurze Erfolg eines Witzboldes +oder guten Plauderers in einem geselligen +Kreis, dieser wie das tiefe, stille, langsame Wirken +eines Priesters oder Menschenfreundes; jener wird +von anderen hervorgebracht und entsteht oft zu unserer +eigenen Überraschung, dieser aber strahlt von unserm +Innern, von unserer Persönlichkeit aus und kann auf +alle Fälle erst nach dem Tod eintreten oder nach dem +Abschluß unseres Lebenswerkes; jener muß um den +Beifall jedes Zeitungsschreibers besorgt sein, dieser +hat keinen andern Richter als das eigene Herz.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Es freut mich, daß du so denkst. Aber hast du auch +immer in solchem Sinn gelebt, gedichtet? Du meinst, +ich sei dir in all den Jahren mit Absicht ferngeblieben; +dein Gefühl trügt dich nicht ganz. Aufrichtig muß +ich gestehen, daß mich dein Erfolg beunruhigt hat. +Er war mir zu schnell, zu laut, er ging mir zu wenig +von der Sache aus und konnte sich zu wenig auf die +Kunst berufen. Ich wollte warten, und ich wartete +dein nächstes Buch ab. Ich war enttäuscht. Nicht als +ob du dir darin untreu geworden wärst, aber du warst +unruhig in dir selbst. Die Vision deiner Phantasie +war nicht rein, sondern du sahst darin gleichsam die +neugierigen Gesichter deiner Leser, deiner Freunde. +Du trachtetest sie zu befriedigen und nicht dich selbst.</p> + +<p><a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>DER JUNGE:</p> + +<p>Wahr, wahr. Doch ich habe gebüßt. Ich habe gebüßt, +indem ich verachten lernte. Ich habe gebüßt, indem +meine Seele immer schmerzlicher nach mir selber +schrie. Kennst du diesen geheimnisvollen Zustand, +der jedes Verweilen friedlos, jedes Nachdenken bitter +macht? Es ist als ob man nach der Heimat reisen wolle +und scheugewordene Pferde stürmten mit einem nach +fernen wüsten Ländern. Was für ein rätselhaftes Ding +ist es doch, das im Innern der Brust wohnt. Es hat eine +Stimme, die den schrillsten Marktlärm übertönt, und +bist du dann in der Einsamkeit, so schweigt es unvermutet, +als wolle es sich rächen dafür, daß du ihm nicht +früher gehorchtest. Immer aufmerksamer, immer stiller +mußt du werden, um die Stimme nicht zu verlieren, +nicht Weib und Kind und Geld und Gut darfst du +festhalten, wenn sie es nicht will.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>So viel Einsicht bei so viel Irren!</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Wie könnte man Einsicht gewinnen ohne geirrt zu +haben? Erinnerst du dich unseres Gesprächs von damals +über Wesen und Gesetze der Erzählungskunst? +Ich habe viel, habe oft darüber nachgedacht. Ich habe +daraus in den entscheidenden Punkten eine nicht mehr +zu trübende Klarheit gewonnen. Und doch, so bald +ich nur eins dieser Gesetze, und wenn es das lapidarste +war, auf meine Arbeit anwenden wollte, so zerfloß es +<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>in eitel Dunst. Es geht wie mit den aufgeschriebenen +Paragraphen-Sammlungen der Justiz gegenüber der +lebendigen Menschenwelt. An sich betrachtet: wahr, +gerecht und klar. Auf das Ereignis, auf die Tat, den +Augenblick angewandt: nichtssagend, absurd, tot. Daraus +schloß ich allmählich, daß es kein andres Gesetz +gibt, als dasjenige, das wir selbst durch die Kraft unseres +Werkes exemplifizieren. Jeder darf, was er kann.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Willst du aber leugnen, daß dir unser damaliges Gespräch +förderlich und notwendig war?</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Durchaus nicht.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Es ist das Problem der Erziehung. Gut und Böse liegt +im Menschen. Beispiel weckt Kräfte. Belehrung zeigt +die Wege, zeigt die Schranken. Der Philister, der +immer nur die Landstraße wählt und der Bohême, der +im Gestrüpp stecken bleibt, keiner von ihnen kann +Führer werden, jener ist überflüssig, dieser schädlich. +So ist es auch mit der Kunst und ihren Gesetzgebern. +Ich habe freilich gesehen, mit Kummer habe ich beobachtet, +daß du alles was du damals so eifervoll, so +leidenschaftlich zu ergreifen schienst, verächtlich beiseite +geworfen hast. Nun, du bist oft genug im Gestrüpp +stecken geblieben, und noch heute sehe ich +weder Weg noch Ziel für dich; so hart es klingt, ich +muß es sagen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>DER JUNGE:</p> + +<p>Es klingt mir nicht hart. Ich muß dir so erscheinen. +Du schaust vom Ende eines Wegs auf mich zurück. +Du weißt natürlich wie du gegangen bist, aber wie +ich gehen muß, das glaubst du nur zu wissen. Jedem +ist sein Schmerz notwendig, jedem seine Sehnsucht, +sein Suchen, und wo ich nach deiner Meinung verderbe, +da ist vielleicht mein Heil. Wollte man doch +alles Kritisieren lassen, das sich nicht aufs Engste +beschränkt, aufs Greifbare, Haltbare! Ein menschliches +Dasein ist kein Brettergerüst, kann nicht mit +dem Richtscheit ausgemessen werden, kann nicht +mit Nägeln und Klammern vor dem Geschick in +Schutz genommen werden. Wenn es doch keine +Schulmeister mehr gäbe! In jedem Lehrer steckt so +viel Härte und Verhärtetsein, und was soll man erst +zu jenen sagen, die aus bloßer verwerflicher Lust +an Überlegenheit einem Organismus, den die Natur +geschaffen hat, die Berechtigung zur Existenz absprechen.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>So redest du für dich. Wehrst du dich aber nicht selbst +gegen die Stümper, gegen die frivolen Eindringlinge +in den Tempelbezirk der Kunst? Und bist du immer +gerecht in der Unterscheidung? Täuscht dich niemals +ein Vorurteil, und das deiner Natur Fremde, suchst +du es auch zu verstehen, oder verwirfst du es nicht +oft, nur weil es eben fremd ist?</p> + +<p><a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>DER JUNGE:</p> + +<p>Du hast Recht. Aber der Verdruß gegen die Schwätzer +und Windbeutel enthält oft das wünschenswerte Entgegenkommen +den noch unerschlossenen und ringenden +Kräften vor. Bei uns in Deutschland ist es besonders +traurig. Unter hundert Betrachtern und Beurteilern +eines Kunstwerks ist kaum einer, der imstande +ist nur gerade, sagen wir: das Postament zu begreifen, +auf dem es ruht. Eitelkeit und Nüchternheit diktieren +ihnen ihr begeistertes oder verwerfendes Urteil. Überall +guckt der Schulmeister heraus, und wenn sie wohlwollend +sind, dann glauben sie schon weit zu gehen. +Verzeih, daß ich jäh und bitter werde, aber sogar du +ziehst es vor Diktator zu sein, anstatt Freund, Versteher, +Billiger, Mitdeuter. Warum willst du nicht die +Notwendigkeit hinnehmen, die mich erfüllt? Vielleicht +ist das, was ich unter unbesieglichem Zwang +schaffe, gar nicht so verschieden wie du meinst von +dem, was die Formeln wollen. Und wer nie eine der +anscheinend ehernen Regeln verletzt und selbst das +erlauchteste Kritikerhaupt zum Schütteln zu bringen +vermag, der ist kein Schöpfer, der bleibt stets ein Beckmesser.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>An der hohen Meinung von dir selbst hat es dir nie +so sehr gefehlt als an der von den andern. Aber ich +bin dir keineswegs böse. Im Gegenteil muß ich gestehen, +daß mich dein Feuer seltsam erwärmt und daß +<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>mir dabei der Gedanke aufsteigt, wie gleichgültig, +fern und matt all dies eifervolle Mühen um Dinge ist, +die doch, man könnte fast glauben mit einem spöttischen +Lächeln, ihre eigenen Wege gehen. Der Mensch +ist alles, das Lebendige ist alles, und eine Natur, mit +Sehnsucht, Mut und Schöpferwillen begabt, wird, sei +sie noch so eng, stets den Nörgler beschämen. Aber +es würde mich nun interessieren, wie du dir die Zukunft +deiner Kunst denkst, denn aus deinen Reden +atmen mir Revolutionen entgegen.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Liebster Freund, wie schnell werden wir uns verständigen, +wenn du so spricht.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Und wie erstaunt werden wir sein zu bemerken, daß +jeder nicht den andern bekämpft hat, sondern sein +eigenes Mißverstehen, seine eigene Ungeduld, seine +eigene Unsicherheit. Lassen wir also alles Allgemeine +für diesmal beiseite und erzähle mir von dir selbst, +von dir allein. Ich denke, daß ich so am meisten auch +über deine Kunst erfahre.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Meine Kunst! Ich gestehe dir, daß dieses Possesivpronomen +für mich etwas Erstaunliches und Fremdes +besitzt. Wenn ich mich ehrlich prüfe, so habe ich +eigentlich keine Kunst. Was mich zur Arbeit treibt, +ist nicht der Drang etwas zu vollenden, nicht der +Wunsch von etwas außerhalb meiner Sphäre Liegen<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>dem +Besitz zu ergreifen, nicht oder doch nicht in erster +Linie die Sehnsucht nach farbigem Bild oder plastischer +Gestalt oder Deutung eines Schicksals, sondern +es ist etwas anderes, seltsames. Es ist eine tiefe, immer +wachsende Unruhe in meinem Innern; es ist als ob in +meiner Brust ein Wesen verborgen wäre, das sich selbst +kennen zu lernen, über sich selbst Klarheit und Wahrheit +zu erlangen wünscht und für das die Arbeit meiner +Hand, das Geschaffene, nichts ist als ein Spiegel, +in dem es sich betrachten kann und der es je mehr befriedigt +und beglückt, je ruhiger und ungetrübter er +das Bild seiner vorigen Verzweiflung um sich selbst +wiedergibt.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Das haben viele Dichter von heute. Deshalb vermögen +sie ihre innere Welt nicht mehr genügend zu objektivieren.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Schon wieder der Schulmeister. Dein Tadel trifft nur +jene, die noch nicht starke Menschen genug sind, oder +starke Künstler (denn in meinem Sinn bedeutet das +dasselbe), um dem Dämon, dem Zwerg, dem unruhigen +Wesen genug zu tun. Ihr Spiegel ist nicht rein +legiert. Dies ist eben das Neue: immer wichtiger, bedeutungsvoller, +ich möchte sagen, göttlicher wird der +Mensch und seine Seele. Alle Erlebnisse verdichten +sich nach innen, alle Verwicklungen betreffen nur das +Herz, oder sie sind wesenlos und für den Dichter un<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>brauchbar. +Warum das alles so ist und wie es gekommen +ist, das zu entwickeln fühle ich mich nicht kühl +und begabt genug, aber daß es so ist beweisen tausend +Zeichen. Den groben Augen und groben Sinnen +scheint das in solcher Luft Gestaltete und Geschaffene +noch schattenhaft, aber mit der Zeit werden sie schon +sehen und fühlen lernen.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Das alles klingt mir gar nicht so neu und überrumpelt +mich nicht so sehr wie du anzunehmen scheinst. Ich +glaube sogar, deine etwas wortreiche Tirade ist völlig +zu ersetzen, wenn wir sagen, du habest dich ganz den +Forderungen der Gegenwart ergeben.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Und damit glaubst du etwas gesagt zu haben? Gut. +Ja. Meinetwegen. Wenn es dich befriedigt, ein Wort +dafür zu wissen, – meinetwegen. Glaubst du denn, +daß es Laune ist oder Trotz oder die eitle Lust zu +verblüffen, was unsre Besten in ihren besten Stunden +bewegt? Sie sind nicht Eigenwillige, sie sind Geschöpfe +der Zeit, in ihnen kristallisiert sich die Sehnsucht +und das geistige Bedürfnis der Menschheit.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Von dir wollte ich etwas wissen, von <em class="gesperrt">deiner</em> Art +etwas erfahren.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Vielleicht bin ich dazu nicht imstande. Was nützte es, +sofern du mein Vermögen in Zweifel ziehst, wenn ich +<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>dir sagen wollte: ich will Gestalten geben, deren Seele +das reinste und empfindlichste Instrument ist für das +unbegreifliche Spiel des Schicksals? Ich will meine +eigene Furcht, mein eigenes Entzücken, meine eigenen +Vorstellungen von Leben, Gott und Tod zum Bilde +machend, Wesen darstellen, die unter dem Druck und +Anhauch solcher Gefühle unvermittelter, vielfacher +tönend reagieren; die das Erstaunen des Kindes noch +in sich tragen vereint mit der Erfahrenheit des weisen +Zuschauers und die unter dem Kleid des Alltags +dennoch wandeln wie wir alle wandeln, unwissend +woher, unwissend wohin. Ich will den einen zum +Schatten machen, denn sein Dasein, seine Leidenschaften, +seine Triebe, seine Taten sind ihm und +andern unbewußt dunkel und nichtig wie Schatten, +jenem aber, der zur Seite steht, nichts will, nichts +gibt, nichts vermag, nichts bedeutet, zur charakteristischen +Gestalt verhelfen. Ich will nicht die Verknüpfung +äußerer Erlebnisse geben, sondern die +Wirrnis der inneren, ich setze keinen Ehrgeiz darein, +Fäden zu knüpfen und zu lösen. Ich möchte keine +Gewitter geben, sondern die Entwicklung des Gewitters, +die schwülen Lüfte des ahnungsvollen Tages, +alles was vorher geht, was Verantwortung trägt. Ich +will keine prahlerischen Ereignisse, sondern ich suche +den kleinen Schmerz, der in tausendfachen Bildungen +die Seele dem Verderben entgegenschleppt, und dies +alles will ich wieder einer großen Harmonie zuführen, +<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>die mannigfach geteilten Motive dem Unendlichen +vermählen.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Das geht weit, das hat Schwung, das klingt nicht übel.</p> + +<p>DER JUNGE:</p> + +<p>Wie es klingt, ist nicht so wichtig wie das wohin es +zielt. Wir alle, Kleine und Große, sind Glieder eines +einzigen Körpers. Jeder hat teil an jedem. Verworfen +wird nur der Leugner. Lernen wir es, andächtig und +ehrfürchtig zu sein.</p> + +<p>DER ALTE:</p> + +<p>Und wenn wir alt sind, laßt uns nicht vergessen, zur +rechten Zeit zu sterben.</p> + + + +<div class="note"> +<p>[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand sich ursprünglich am +Buchende.</p> +<p> +p 009: auschließlich -> ausschließlich<br /> +p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt<br /> +p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen<br /> +p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo<br /> +p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren<br /> +p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung<br /> +p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als<br /> +p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ] +</p> +</div> + + +<div class="note"> +<p>[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first +edition copy. The table below lists all corrections applied to the +original text. The Table of Contents was moved from the back of the +book to the front.</p> +<p> +p 009: auschließlich -> ausschließlich<br /> +p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt<br /> +p 064: desssen drängendes Gefühl -> dessen<br /> +p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo<br /> +p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren<br /> +p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung<br /> +p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als<br /> +p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ] +</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Imaginäre Brücken, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINÄRE BRÜCKEN *** + +***** This file should be named 17007-h.htm or 17007-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/7/0/0/17007/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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