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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:48:35 -0700
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+ The Project Gutenberg eBook of Memoiren Einer Sozialistin, by Lily Braun.
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+The Project Gutenberg EBook of Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Memoiren einer Sozialistin
+ Kampfjahre
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+Author: Lily Braun
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+Release Date: July 15, 2005 [EBook #16302]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***
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+Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+<h1>Memoiren einer Sozialistin</h1><p><a name="Page_-1" id="Page_-1"></a></p>
+
+<h2>Kampfjahre</h2>
+
+
+<h2>Roman</h2>
+
+<h2>von</h2>
+
+<h2>Lily Braun</h2>
+
+<h2>Albert Langen, M&uuml;nchen</h2>
+
+<h2>1911</h2><p><a name="Page_0" id="Page_0"></a></p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_1" id="Page_1"></a></p>
+<h2><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Eine gewitterschw&uuml;le Juninacht. In der Kabine
+unten hatte ich es nicht ausgehalten. Die eingeschlossene
+Luft legte sich zentnerschwer auf
+Kopf und Brust, und das melancholisch eint&ouml;nige Anschlagen
+der Wellen an die Fenster pre&szlig;te mir das Herz
+zusammen, als ob das Ungl&uuml;ck selbst es in seinen harten
+H&auml;nden hielte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin seefest,&laquo; hatte ich der warnenden Stewarde&szlig;
+zugerufen, als ich die schwankende Treppe hinaufgestiegen
+war. Zwei-, dreimal atmete ich auf, tief
+und schwer, wie nach &uuml;berstandener Anstrengung, ehe ich
+mich in den Korbstuhl fallen lie&szlig;. Am Himmel jagte,
+vom Wind gepeitscht, ein schwarzes Wolkenheer. Dunkel
+und drohend rollten die Wellen dem Schiff entgegen.
+Kein Mondstrahl spiegelte sich in ihnen, kein Stern
+erleuchtete das finstere Firmament. Langsam verschwanden
+am Horizont die K&uuml;ste von Holland und mit ihr die
+letzten freundlichen Lichter.</p>
+
+<p>Ich war allein &mdash; ganz allein. Ich sammelte meine
+Gedanken, die das Fieber der letzten Tage durcheinandergewirbelt
+hatte wie der Sturm die Schaumperlen auf
+dem Wasser. War das Geb&auml;ude meines neuen Lebens,
+das ich mir droben auf den Bergen mit eigenen H&auml;nden
+stolz und selbstsicher errichtet hatte, nichts als ein Kartenhaus<a name="Page_2" id="Page_2"></a>
+gewesen, das ein Sto&szlig; mit der Hand umzuwerfen
+vermochte? Ich griff suchend in die Tasche meines
+Mantels, es war kein Traum, sondern grausame Wirklichkeit:
+meiner Mutter Brief knisterte noch darin. Ich
+konnte ihn auswendig. Schon auf der Fahrt von Grainau
+nach Berlin hatte ich ihn gewi&szlig; zehnmal gelesen.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mir, Gott sei Dank, m&ouml;glich gewesen, Deinen
+Brief ohne Wissen Deines Vaters in die Hand zu bekommen,&laquo;
+hie&szlig; es darin, &raquo;und ich schreibe Dir in
+gr&ouml;&szlig;ter Hast, Gott anflehend, da&szlig; es meinen Worten
+gelingen m&ouml;chte, das Schrecklichste von uns allen abzuwenden.
+Was ich immer schon f&uuml;rchtete, als ich mit
+anh&ouml;ren mu&szlig;te, wie Dein verstorbener Mann und Du
+unseren Herrn und Heiland verleugnetet, und in Euren
+&#8250;Ethischen Bl&auml;ttern&#8249; las, wie Ihr immer wieder f&uuml;r die
+Umsturzpartei eintratet, das ist jetzt geschehen. Der
+Samen, den Georg in Deine Seele streute, ist aufgegangen:
+k&uuml;hl und gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ig, als handle es sich
+um den Plan eines Spaziergangs, teilst Du uns mit,
+da&szlig; Du Deine Redaktionsstellungen aufgegeben hast, um
+Dich ganz und gar der Sozialdemokratie in die Arme
+zu werfen. Deine gro&szlig;e Verirrung, Dein Unglaube
+haben Dich, wie es scheint, f&uuml;r alles, was Pflicht, Gehorsam,
+Liebe und R&uuml;cksicht hei&szlig;t, blind und taub gemacht,
+sonst m&uuml;&szlig;test Du wissen, da&szlig; Du mit einem
+solchen Schritt Deinem ganzen bisherigen Verhalten
+Deinen Eltern, Deiner Familie gegen&uuml;ber die Krone
+aufsetzest. Dieser Partei, die alles besudelt und mit
+F&uuml;&szlig;en tritt, was uns heilig ist: Gott und Christentum,
+Familie, Ehe, Monarchie und Milit&auml;r, sollen wir unser<a name="Page_3" id="Page_3"></a>
+Kind &uuml;berlassen? Es w&auml;re in dem Augenblick f&uuml;r uns
+gestorben! Aber freilich, das ist Dir einerlei, Du wirfst
+leichten Herzens alles &uuml;ber Bord, was Deinem Eigensinn,
+Deinem Ehrgeiz, Deiner Eitelkeit hindernd in den
+Weg tritt. Wenn Du aber damit Deinen armen Vater
+mordest &mdash; von mir will ich gar nicht reden, eine
+Mutter scheint dazu da zu sein, da&szlig; die Kinder sie mit
+F&uuml;&szlig;en treten&nbsp;&mdash;, wirst Du auch dann noch Deiner Selbstherrlichkeit
+froh werden k&ouml;nnen?! Du wei&szlig;t, da&szlig; es ihm
+in letzter Zeit gar nicht gut geht. Vor ein paar Tagen
+fiel er vom Pferd; er sagt, er sei gest&uuml;rzt, Bruder
+Walter aber, der dabei war, ist &uuml;berzeugt, da&szlig; es ein
+leichter Schlaganfall gewesen ist. Die kleine Braune,
+deren Ruhe du kennst, machte keinerlei Bewegung, er
+glitt eben einfach aus dem Sattel. Seitdem leidet er
+an Schwindel und Kopfschmerz und ist schwerer zu behandeln
+denn je. Jede Aufregung kann einen neuen
+Anfall hervorrufen, der ihn t&ouml;tet. Ich wollte nur, ich
+k&ouml;nnte dann mit ihm sterben, ehe ich so etwas mit Dir
+erleben m&uuml;&szlig;te ...!&laquo;</p>
+
+<p>Als ich diesen Brief erhalten hatte, waren meine
+Austrittserkl&auml;rungen aus den Redaktionen der &raquo;Ethischen
+Bl&auml;tter&laquo; und der &raquo;Frauenfrage&laquo; schon versandt worden.
+Kaum in Berlin angekommen, fand ich die Mitteilung
+davon in der Presse und die n&ouml;tigen Kommentare dazu:
+&raquo;Frau von Glyzcinski hat den l&auml;ngst erwarteten Schritt
+getan, und die Sozialdemokratie kann sich ob dieser
+ebenso interessanten wie pikanten Aquisition ins F&auml;ustchen
+lachen&laquo; ... so und &auml;hnlich lauteten sie.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen in aller Fr&uuml;he war meine
+Schwester bla&szlig; und ver&auml;ngstigt zu mir gelaufen:</p>
+<p><a name="Page_4" id="Page_4"></a></p>
+<p>&raquo;Wir sind mit dem Arzt im Komplott,&laquo; hatte sie mit
+stockender Stimme gesagt, w&auml;hrend die Tr&auml;nen ihr unaufhaltsam
+&uuml;ber die Wangen liefen, &raquo;er verbietet Papa,
+auszugehen. So liest er wenigstens im Kasino die Zeitungen
+nicht. Und die Post wird dem Briefboten an
+der Hintertreppe abgenommen ... Ach, Alix, &mdash; du
+wei&szlig;t nicht, wie gr&auml;&szlig;lich es zu Hause ist .. Ich mu&szlig;
+Papa immer was vormachen, damit er nichts merkt und
+Mama nicht zu sehr qu&auml;lt .. Am liebsten liefe ich
+selber davon ...&laquo;</p>
+
+<p>Zu Tisch war ich dann mit ihr zu den Eltern gegangen.</p>
+
+<p>Meines Vaters Anblick hatte mich ersch&uuml;ttert.</p>
+
+<p>&raquo;Kommst du wirklich noch zu einer halben Leiche?!&laquo;
+hatte er bitter lachend gesagt. &raquo;Ihr k&ouml;nnt's ja wohl
+gar nicht erwarten, da&szlig; eine ganze draus wird. Herr
+Gott, &mdash; wie h&uuml;bsch k&ouml;nntet ihr dann eurem Vergn&uuml;gen
+leben!&laquo;</p>
+
+<p>Mama begleitete mich nach Hause: &raquo;Habe den Mut,
+ihm deinen Entschlu&szlig; ins Gesicht zu sagen! &mdash; So einen
+Brief schreiben und alle Folgen auf Mutter und
+Schwester abw&auml;lzen, &mdash; das ist freilich eine Heldentat,
+die dir &auml;hnlich steht!&laquo;</p>
+
+<p>Abends war Frau Vanselow noch gekommen, &mdash; tief
+bek&uuml;mmert. &raquo;Ich verstehe Ihren Entschlu&szlig;, &mdash; wenn
+ich so jung w&auml;re wie Sie, ich t&auml;te dasselbe&nbsp;&mdash;, aber
+das hindert mich nicht, ihn schmerzlich zu bedauern.
+Unsere &#8250;Frauenfrage&#8249; ist nichts ohne Sie. Und darum
+bitte ich Sie recht herzlich: wenn ich schon die Mitredakteurin
+verlieren soll, so doch wenigstens nicht die
+Mitarbeiterin. Mehr als je k&ouml;nnen Sie jetzt f&uuml;r die<a name="Page_5" id="Page_5"></a>
+Einheit der ganzen Frauenbewegung wirken.&laquo; Und
+dann hatte sie mir die Einladung zum Internationalen
+Frauenkongre&szlig; nach London vorgelesen, die auf unser
+beider Namen lautete. &raquo;Wie viel k&ouml;nnten gerade Sie,
+meine liebe, junge Freundin, dort lernen und leisten &mdash; England,
+das klassische Land der Frauenemanzipation&nbsp;...!&laquo;</p>
+
+<p>In der Nacht k&auml;mpfte ich einen schweren Kampf.
+Meine &Uuml;berzeugungen, meine Zukunftstr&auml;ume, meine
+Hoffnungen standen alle bis an die Z&auml;hne gewappnet
+auf wider mich.</p>
+
+<p>Sehr langsam, sehr m&uuml;de schlich ich am Tage darauf
+zu den Eltern. Noch nie war mir der Flur, in
+dem auch heute, an einem strahlenden Fr&uuml;hsommertage,
+das kleine L&auml;mpchen brannte, so eng, so dunkel vorgekommen
+und die Zimmer mit ihren schweren Vorh&auml;ngen
+so kalt.</p>
+
+<p>Rasch, wie ein Schulm&auml;dchen, das den eingelernten
+Vers herunterhaspelt, um nur nicht stecken zu bleiben,
+erz&auml;hlte ich von der Einladung nach England.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ihr nichts dagegen habt, m&ouml;chte ich mit Frau
+Vanselow hin&uuml;berreisen. Ich kann dabei viel gewinnen.
+Die englische Frauenbewegung ist uns weit
+voraus, die ganze soziale Hilfst&auml;tigkeit ist gl&auml;nzend organisiert, &mdash; ich
+werde mir f&uuml;r meine eigene Arbeit
+ein Muster nehmen k&ouml;nnen. In schlechte Gesellschaft
+komme ich auch nicht,&laquo; hatte ich mit erzwungenem
+L&auml;cheln hinzugef&uuml;gt, &raquo;denn Gr&auml;finnen und Herzoginnen
+sind unsere Gastgeber&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Mama verstand. Sie strahlte. Klein-Ilschen, die
+sich bei meiner Ankunft versch&uuml;chtert in eine Ecke ge<a name="Page_6" id="Page_6"></a>fl&uuml;chtet
+hatte, sprang auf und wirbelte lustig im Zimmer
+umher, der Vater schien f&ouml;rmlich elektrisiert von all den
+Aussichten, die sich mir boten. Er studierte das Kursbuch,
+das Konversationslexikon und schickte die Minna
+zum n&auml;chsten Buchh&auml;ndler, um den neuesten B&auml;decker
+von London zu holen.</p>
+
+<p>Immer wieder griff er verstohlen nach meinen H&auml;nden
+und streichelte sie so sanft, so leise, da&szlig; ich den Kampf
+der Nacht verga&szlig; und nichts f&uuml;hlte als seine Liebe.</p>
+
+<p>Die Reisevorbereitungen, der Abschied, &mdash; der Vater
+hatte sich's nicht nehmen lassen, mich fr&uuml;hmorgens zur
+Bahn zu bringen und mir, wie ein feuriger Liebhaber,
+einen Strau&szlig; bl&uuml;hender Rosen in die Hand zu dr&uuml;cken, &mdash; die
+Eisenbahnfahrt in Begleitung von Frau Vanselow
+und Frau Schwabach, die unaufh&ouml;rlich von ihrer
+Vereinsarbeit sprachen, hatten mich bis zu diesem Augenblick
+nicht zu Atem kommen lassen.</p>
+
+<p>Ach, und warum schlief ich nicht jetzt, statt heraufzubeschw&ouml;ren,
+was vergangen war, und in schmerzhafter
+Sehnsucht an den zu denken, den ich nicht erwecken
+konnte? Ich sah die Nacht um mich her und
+die gro&szlig;e Einsamkeit &mdash; war Georg nicht erst jetzt f&uuml;r
+mich gestorben? Mich fr&ouml;stelte; feucht und kalt klebten
+mir die Kleider am Leibe.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will schlafen gehen,&laquo; murmelte ich&nbsp;... und die
+Augen fielen mir zu&nbsp;.....</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_7" id="Page_7"></a></p>
+
+<p>Im Morgengrauen lag die K&uuml;ste Englands vor
+mir, unfreundlich und n&uuml;chtern. Mit jener unwirschen
+R&uuml;cksichtslosigkeit aller Unausgeschlafenen
+hasteten und stie&szlig;en sich die Schiffspassagiere. Ich
+lie&szlig; mich schieben, &mdash; es war ja alles so schrecklich
+gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p>&raquo;Frau von Glyzcinski?!&laquo; &mdash; &Uuml;berrascht sah ich auf.
+&raquo;Mister Stratford?&laquo; &mdash; Der rotblonde H&uuml;ne, der
+mich eben begr&uuml;&szlig;t hatte, nickte erfreut. Wie einen
+Gru&szlig; von Georg, so empfand ich seinen H&auml;ndedruck;
+er war sein bester Freund gewesen, seine Schriften,
+seine Briefe hatten ihn mir wie ein Echo Georgs erscheinen
+lassen. Und mit leisem L&auml;cheln mu&szlig;te ich der
+Stunde gedenken, in der mir der Verstorbene gestanden
+hatte, da&szlig; er zwischen uns den Heiratsvermittler habe
+spielen wollen, ehe er daran zu denken wagte, ich
+k&ouml;nne ihn &mdash; den armen Gel&auml;hmten &mdash; jedem anderen
+vorziehen.</p>
+
+<p>Stratford war &uuml;berzeugter Sozialist, wie Georg, nur
+da&szlig; er noch mit aller Energie an dem Standpunkt
+der Ethischen Gesellschaft festhielt: sich offiziell keiner
+Partei anzuschlie&szlig;en. Wir gerieten w&auml;hrend der Eisenbahnfahrt
+nach London in eine eifrige Debatte.</p>
+
+<p>&raquo;Grade Menschen wie wir k&ouml;nnen f&uuml;r die Verbreitung
+der Ideen des Sozialismus au&szlig;erhalb der politischen
+Organisation weit mehr und nachhaltiger wirken, als
+wenn wir ihre eingetriebenen Mitglieder w&auml;ren,&laquo; sagte
+er. &raquo;Wir verzetteln und verzehren unsere Kr&auml;fte nicht
+im Kleinkram des Parteilebens, wir finden Geh&ouml;r, wo
+wir sonst von vornherein auf Mi&szlig;trauen sto&szlig;en w&uuml;rden.&laquo;</p>
+<p><a name="Page_8" id="Page_8"></a></p>
+<p>&raquo;Und Sie als Ethiker k&ouml;nnen es verteidigen, da&szlig; wir
+mit geschlossenem Visier k&auml;mpfen und unsere &Uuml;berzeugungen
+durch Hintert&uuml;ren in die H&auml;user tragen?&laquo;
+rief ich. &raquo;Ich komme mir dabei vor wie ein Feigling
+und ein Betr&uuml;ger!&laquo;</p>
+
+<p>Er lenkte ein: &raquo;Sie m&ouml;gen in Deutschland, wo der
+ganze Sozialismus sich in der Partei konzentriert, zu
+dieser Empfindung ein Recht haben, bei uns gibt es
+nichts, das der deutschen Sozialdemokratie auch nur ann&auml;hernd
+&auml;hnlich w&auml;re. Wir sind viel zu individualistisch,
+um uns herdenweise zusammenscharen zu lassen; Sie
+werden daher unseren Sozialismus und seine Ausbreitung
+nicht nach dem Dutzend kleiner Vereine beurteilen m&uuml;ssen,
+sondern nach den Scharen freier Sozialisten, die in allen
+Gesellschaftsschichten zu finden sind.&laquo;</p>
+
+<p>Meine Unwissenheit in bezug auf englische Verh&auml;ltnisse
+fiel mir pl&ouml;tzlich schwer aufs Gewissen. Ich lie&szlig;
+meinen Begleiter erz&auml;hlen, der sich, wie es schien, gern
+reden h&ouml;rte, und warf nur hie und da eine Frage dazwischen,
+um seinen Redeflu&szlig; auf die von mir gew&uuml;nschten
+Bahnen zu lenken. Ein Kaleidoskop bunter Bilder
+reihte sich vor mir auf: von der Ethischen Gesellschaft
+an, deren Sprecher er war, bis zu den politischen
+K&auml;mpfen zwischen der konservativ-unionistischen Koalition
+gegen das liberale Ministerium Rosebery-Harcourt.
+Ich war ganz benommen, als wir uns London n&auml;herten.</p>
+
+<p>Einzelne H&auml;user tauchten auf, grau, n&uuml;chtern, mit
+tr&uuml;ben Fensterscheiben und d&uuml;nnen schwarzen Schornsteinen;
+sie schoben sich rechts und links zusammen, enger
+und enger, sie verdr&auml;ngten schlie&szlig;lich das letzte Streifchen
+gr&uuml;nen Rasens; schmal, feuchtgl&auml;nzend wie Riesen<a name="Page_9" id="Page_9"></a>w&uuml;rmer,
+wanden sich unten die Stra&szlig;en zwischen den
+Mauern. Ein schmutzig-grauer Nebel umh&uuml;llte alles,
+nicht wie ein Schleier, der phantastische Vorstellungen
+von dahinter verborgener Sch&ouml;nheit zu wecken vermag, &mdash; wie
+ein nasses Tuch vielmehr, das die H&auml;&szlig;lichkeit
+der Formen betont und jede Farbe verwischt, die sie
+mildern k&ouml;nnte. In der Bahnhofshalle brannten die
+Bogenlampen, sie wirkten wie flackernde &Ouml;ll&auml;mpchen im
+Dunkel eines Kohlenbergwerks. Wir fuhren durch die
+Stadt: leichte Wagen und schwerf&auml;llige Omnibusse, Reiter
+und Radler schoben und dr&auml;ngten sich hin und her, kein
+Fu&szlig;breit Weges blieb frei zwischen ihnen. Auf den
+B&uuml;rgersteigen daneben hasteten die Fu&szlig;g&auml;nger; gleichg&uuml;ltig,
+nur auf das eigene Vorw&auml;rtskommen bedacht,
+ohne einen Blick nach rechts und links. Selbst die
+Kinder liefen ernsthaft, gradausschauend weiter. Da
+war keiner, der Zeit hatte&nbsp;&mdash;, unsichtbar schienen in der
+Menge die Fronv&ouml;gte der grausamen Herrin Arbeit ihre
+Gei&szlig;eln zu schwingen.</p>
+
+<p>Hier sollte ich Frieden finden und eine sichere Richtschnur
+f&uuml;r das kommende Leben?!</p>
+
+<p>&raquo;Westminster! &mdash; das Parlament,&laquo; h&ouml;rte ich meinen
+Begleiter sagen. Ich blickte auf. An einem Palast mit
+gotischen T&uuml;rmen und Fenstern fuhr der Wagen langsam
+vorbei. In vornehmer Abgeschlossenheit, hinter
+hohen Gittern lag er gestreckt am breit dahinflutenden
+Strom. Sch&uuml;chterne Sonnenstrahlen brachen durch den
+Nebel, leuchteten durch das feine gotische Ma&szlig;werk,
+blitzten auf den Turmkn&auml;ufen, sprangen hin&uuml;ber zu der
+altehrw&uuml;rdigen Kirche und lie&szlig;en ihre bunten Fenster
+aufgl&uuml;hen, als st&uuml;nde sie im Feuer.</p>
+
+<p><a name="Page_10" id="Page_10"></a>Ein schmaler Weg am Ufer der Themse, hinter dem
+Parlament, einfach und still wie eine Dorfstra&szlig;e, nahm
+uns auf. Wir waren am Ziel.</p>
+
+<p>Meine Wirte, zwei alte Leute, hatten fast ihr ganzes
+Haus den Besuchern des Frauenkongresses zur Verf&uuml;gung
+gestellt. Sie empfingen mich so herzlich, als
+w&auml;ren wir alte Freunde. Man versammelte sich grade
+zum Fr&uuml;hst&uuml;ck. Warum waren die Leute nur alle so
+feierlich? Selbst Stratford legte das Gesicht in w&uuml;rdevolle
+Falten, &mdash; f&uuml;nf himmelblau gekleidete Dienstm&auml;dchen
+traten ein, &mdash; ein Harmonium ert&ouml;nte, &mdash; helle
+Stimmen sangen einen Choral. Dann las der Hausherr
+mit dem Tonfall katholischer Priester einen Bibelabschnitt, &mdash; ein
+Gebet folgte. Alles kniete nieder, den
+Kopf in den H&auml;nden vergraben, &mdash; auch Stratford,
+Georgs Freund, der Atheist. Ich f&uuml;hlte, wie ich rot
+wurde vor innerem Zorn; ich allein blieb stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie k&ouml;nnen Sie nur?!&laquo; frug ich ihn emp&ouml;rt, als
+er sich verabschiedete.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ja nur eine Form!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Durch all unsere R&uuml;cksicht auf die Form helfen wir
+die Sache erhalten!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am Abend wurde der Kongre&szlig; durch einen feierlichen
+Empfang der ausl&auml;ndischen Delegierten
+er&ouml;ffnet. Eine Schar wei&szlig;gekleideter M&auml;dchen,
+mit breiten Sch&auml;rpen in den Landesfarben &uuml;ber der
+Brust, bildete Spalier auf der Treppe von Queenshall;
+in ein Meer von Licht war der Riesenraum getaucht,
+und alle Blumen des Sommers leuchteten und dufteten
+<a name="Page_11" id="Page_11"></a>rings umher. In gro&szlig;er Toilette erschienen die Delegiertinnen,
+bei jeder Eintretenden ging ihr Name fl&uuml;sternd
+von Mund zu Mund. Und wie sie bekannt waren, so
+kannten sie sich untereinander und begr&uuml;&szlig;ten sich wie
+alte Kriegskameraden. Ich kam allein in meinem schwarzen
+Trauerkleid, &uuml;ber das der Witwenschleier schwer herunterfiel.
+Es war ein leerer Raum um mich, als ob meine
+dunkle Erscheinung alles Bunte, Helle von sich stie&szlig;e.
+Mich kannte niemand. Ein scheu-verwundertes &raquo;Wer
+ist das?&laquo; schlug an mein Ohr.</p>
+
+<p>Auf der Estrade versammelten sich die Delegiertinnen,
+und jede von ihnen begr&uuml;&szlig;te im Namen ihres Heimatlandes
+die wogende Menschenmasse unter uns. Da
+waren sie alle, die alten Vork&auml;mpferinnen, die Frauen
+Amerikas und Australiens, die ihrem Geschlecht die H&ouml;rs&auml;le
+der Universit&auml;ten und die Pforten zum Parlament
+er&ouml;ffnet hatten. Ein neuer Weibestypus: statt der
+weichen Madonnengesichter, die die Stille und Enge
+h&auml;uslichen Lebens formt, schmale, scharf geschnittene
+Z&uuml;ge, wie sie die Welt ihren B&uuml;rgern mei&szlig;elt; statt
+des treuen, warmen Blicks, der &uuml;ber Kinderstube und
+K&uuml;chengarten nicht hinauszuschauen braucht, die wissenden,
+ernsten, leidenschaftdurchfunkelten Augen jener,
+denen des Lebens dunkle Abgr&uuml;nde sich offenbaren.
+Neben ihnen, den Siegerinnen, standen die noch immer
+Besiegten: die dunkel&auml;ugige T&uuml;rkin im schimmernden
+M&auml;rchengewande der Scheherezade, die Abgesandte Indiens,
+den schlanken braunen Leib in weiche Schleier
+geh&uuml;llt. Stolz erz&auml;hlten die einen von ihren Triumphen,
+klagend die anderen von ihren Leiden, &mdash; Triumphen auf
+dem Gebiete des wissenschaftlichen, des sozialen, des
+<a name="Page_12" id="Page_12"></a>politischen Lebens, &mdash; Leiden, hervorgerufen durch sexuelle,
+soziale und rechtliche Unterdr&uuml;ckung, als ob Befreiung
+und Not ihres Geschlechtes damit ersch&ouml;pft w&auml;ren.
+Immer heftiger schlug mir das Herz: ich sah wie im
+Traum vor den T&uuml;ren dieses gl&auml;nzenden Saales Scharen
+blasser Frauen im farblosen Kleide der Arbeit, wie Werkst&auml;tten
+und Fabriken sie allabendlich zu Tausenden in
+ihr elendes Heim entlassen. Und als mein Name gerufen
+wurde, und die wei&szlig;e brillantengeschm&uuml;ckte Hand
+der Pr&auml;sidentin sich mit einer leise bevormundenden Bewegung
+auf meine Schultern legte, w&auml;hrend sie von
+Deutschlands rechtlosen Frauen, von meinem ersten Auftreten
+f&uuml;r ihre politische Gleichstellung sprach, da wu&szlig;te
+ich, was ich zu sagen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Die Millionen Frauen, die unsere Hemden weben
+und unsere Kleider n&auml;hen, haben mich nicht delegiert,
+aber ich f&uuml;hle mich als ihre Abgesandte und nur als
+die ihre.&laquo;</p>
+
+<p>Sekundenlanger Beifall unterbrach mich, &mdash; galt er
+nicht mehr meinem gebrochenen Englisch und meiner
+Trauerkleidung als meinen Worten? Mit einem Blick
+voll Geringsch&auml;tzung streifte ich die elegante Zuh&ouml;rerschaft.
+Ich werde euch schon verstummen machen&nbsp;&mdash;, dachte
+ich.</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Vorsitzende r&uuml;hmte mich als die erste deutsche
+Frau, die in &ouml;ffentlicher Versammlung das Stimmrecht
+f&uuml;r ihr Geschlecht gefordert habe. Ich mu&szlig; dieses
+Lob ablehnen. Seit Jahren tragen deutsche Arbeiterinnen
+von Ort zu Ort die Fahne der politischen
+Gleichberechtigung, und an der Spitze der Arbeiterpartei,
+der Sozialdemokratie, steht ein Mann, dem die<a name="Page_13" id="Page_13"></a>
+Frauen der ganzen Welt zu Dank verpflichtet sind: August
+Bebel.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hielt unwillk&uuml;rlich inne, ich erwartete einen Tumult,
+statt dessen erhoben sich alle H&auml;nde zu einm&uuml;tigem
+Applaus, und selbst die Damen des Pr&auml;sidiums, unter
+denen sich die vornehmsten Frauen Englands befanden,
+l&auml;chelten mir freundlich zu.</p>
+
+<p>Am Ausgang des Saals trat mir eine starkknochige
+&auml;ltere Frau entgegen. In dem Druck ihrer harten, unbehandschuhten
+Hand erkannte ich die Arbeiterin. &raquo;Ich
+bin Sozialdemokratin,&laquo; sagte sie, &raquo;und m&ouml;chte Sie als
+Genossin begr&uuml;&szlig;en.&laquo; Auf dem Heimweg begleitete sie
+mich, und ich gab meiner Verwunderung und meiner Freude
+Ausdruck &uuml;ber das Erlebte. Sie lachte geringsch&auml;tzig.
+&raquo;Was wollen Sie?! Wir sind in England! Wenn ein
+Prinz Anarchist und eine Aristokratin Sozialistin ist, so
+gilt das als ganz besonders interessant. Passen Sie
+auf: man wird sich um Sie rei&szlig;en. F&uuml;r unsere Sache
+aber hat das gar keine Bedeutung.&laquo; Sie nannte mir
+ihren Namen &mdash; Amie Hicks &mdash; und ihre Wohnung,
+fern im &auml;u&szlig;ersten Norden Londons. &raquo;Besuchen Sie
+mich einmal; ich werde Sie in Arbeiterkreise f&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>Im Trubel der n&auml;chsten Zeit war daran nicht zu
+denken. Der Kongre&szlig; und seine Veranstaltungen nahmen
+mich ganz in Anspruch. Ich fehlte zwar oft; nicht nur,
+um den Morgen- und Abendandachten aus dem Wege
+zu gehen, mit denen die Sitzungen regelm&auml;&szlig;ig eingeleitet
+und geschlossen wurden, sondern auch, um Zeit zum
+Schreiben zu gewinnen.</p>
+
+<p>In Gedanken an meine zusammenschmelzende Barschaft
+stieg mir das Blut oft siedendhei&szlig; in die<a name="Page_14" id="Page_14"></a>
+Schl&auml;fen. Das sogenannte Gnadenquartal war mir als
+Witwe eines Universit&auml;tsprofessors freilich bewilligt
+worden, aber schon vom n&auml;chsten Monat ab hatte ich
+nichts Sicheres zu erwarten als meine kleine Pension
+von hundert Mark monatlich. Ich hatte kaum an den
+pekuni&auml;ren Ausfall gedacht, als ich meine Redaktionsstellungen
+aufgab. Nun hie&szlig; es: arbeiten, zusammenschreiben,
+was ich zum Leben n&ouml;tig hatte. Ich wu&szlig;te
+nicht einmal, wie viel das war. Ich hatte nie mit dem
+Pfennig gerechnet. Wie gut, da&szlig; mein Trauerkleid mir
+wenigstens ersparte, den Luxus der anderen mitzumachen.</p>
+
+<p>Mit Einladungen wurden wir &uuml;bersch&uuml;ttet: vom Lord-Major
+an, der uns mit dem ganzen Pomp seiner unnachahmlich
+w&uuml;rdevollen Stellung empfing, wetteiferte
+alles in schier grenzenloser Gastfreundschaft. Hinaus
+aufs Land f&uuml;hrten uns Extraz&uuml;ge, &mdash; jenes Land voll
+r&uuml;hrender, weicher Sch&ouml;nheit, mit seinen gr&uuml;nen, sanft
+geschwungenen H&uuml;geln, seinen dunklen Buchengruppen
+und stillen, rosenumsponnenen H&auml;usern. Fast unmerklich
+f&uuml;r Auge und Sinn geht die freie Natur in den
+Blumengarten, in den Schlo&szlig;park &uuml;ber, nicht wie bei
+uns, wo die ihr mit allen Mitteln m&uuml;hsam aufgezwungene
+Kultur oft so verletzend wirkt wie protziger
+Reichtum neben d&uuml;rrer Armut. Und in die H&auml;user Londons
+waren wir geladen, die, wie Menschen von alter Kultur,
+nach au&szlig;en die gleichf&ouml;rmige, oft langweilig wirkende
+Maske guter Erziehung tragen und erst dem Gast, dem
+sich die Pforten &ouml;ffnen, den ganzen inneren Reichtum
+individuellen Lebens zeigen. Berlin und die Berliner
+fielen mir dabei ein, wo Fassaden und Kleider, um
+Originalit&auml;t vorzut&auml;uschen, einander an Buntheit zu
+<a name="Page_15" id="Page_15"></a>&uuml;bertreffen suchen, w&auml;hrend im Inneren Tapeziergeschmack
+und Konvention uneingeschr&auml;nkt herrschen.</p>
+
+<p>In Wohlt&auml;tigkeits- und Bildungsanstalten aller Art
+wurden wir eingef&uuml;hrt, und wie in der Frauenbewegung,
+so imponierte mir hier die Einheitlichkeit ihrer Organisation,
+deren gewaltige R&auml;derwerke so selbstverst&auml;ndlich
+ineinander griffen wie die jener Dampfturbinen, bei
+deren Anblick wir nicht wissen, ob wir die praktische
+Kunst ihrer Sch&ouml;pfer oder die fremdartig-neue Sch&ouml;nheit
+ihres Baus mehr bewundern sollen.</p>
+
+<p>Der Kongre&szlig; selbst war eine Parade, wie fast alle Kongresse.
+Die Reden, die gehalten, die Berichte, die gegeben
+wurden, waren den Eingeweihten ihrem Inhalt
+nach aus B&uuml;chern und Brosch&uuml;ren bekannt. Der Austausch
+von Meinungen, der das wichtigste gewesen w&auml;re,
+wurde an zweite Stelle ger&uuml;ckt, er h&auml;tte die Ordnung
+und den Glanz der Heerschau am Ende tr&uuml;ben k&ouml;nnen.
+So w&auml;re als Gewinn allein die Ankn&uuml;pfung pers&ouml;nlicher
+Beziehungen &uuml;brig geblieben, aber auch er war bei
+n&auml;herem Zusehen f&uuml;r mich nur gering: diese Frauen
+hatten mir nichts Neues zu sagen. Ihr A und O, das
+Frauenstimmrecht, war f&uuml;r mich in dem Augenblick erledigt
+gewesen, als ich die Selbstverst&auml;ndlichkeit seiner
+Forderung erkannt hatte.</p>
+
+<p>Bei einer internen Sitzung der Delegationen wurde
+ich zur Pr&auml;sidentin f&uuml;r Frauenstimmrecht in Deutschland
+gew&auml;hlt. Meine ablehnende Haltung wurde unter allgemeinem
+Erstaunen als eine Aufgabe des Prinzips betrachtet.</p>
+
+<p>&raquo;Sie alle haben ihre ganze Kraft auf die L&ouml;sung
+dieser einen Frage konzentriert,&laquo; sagte ich in dem Ver<a name="Page_16" id="Page_16"></a>such,
+mich verst&auml;ndlich zu machen, &raquo;ich bewundere Sie,
+aber ich kann Ihnen nicht folgen. Das Frauenstimmrecht
+ist heute f&uuml;r mich nicht mehr das Ziel, f&uuml;r das
+ich mein Leben einsetze, es ist nur ein Ziel, nur eine
+Etappe ...&laquo;</p>
+
+<p>Man verstand mich nicht, von irgend einer Seite fiel
+sogar das scharfe Wort: &raquo;... unbrauchbar f&uuml;r praktische
+Arbeit.&laquo;</p>
+
+<p>Gleich nach der Schlu&szlig;sitzung des Kongresses wechselte
+ich mein Domizil. Freunde von Stratford &mdash; ein liberaler
+Parlamentarier und seine sch&ouml;ne elegante Frau &mdash; hatten
+mich in ihr Haus am Hydepark eingeladen.
+Alles trug dort den Anstrich ausgesuchtester Vornehmheit:
+vom Zeremoniell der Lebensweise, dem deutschen
+Hauslehrer und der franz&ouml;sischen Gouvernante bis zu
+dem w&uuml;rdevollen, glattrasierten Bedienten und dem niedlichen
+Kammerm&auml;dchen. Hausherr und Hausfrau verstie&szlig;en
+mit keiner Miene und keiner Bewegung gegen
+die Regeln der guten Gesellschaft, und doch wurde ich
+den Eindruck nicht los, der uns gegen&uuml;ber guten Kopien
+gro&szlig;er Meisterwerke oft bef&auml;llt: wir erstaunen &uuml;ber die
+Technik und vermissen um so schmerzhafter den Geist.
+Da&szlig; Stratford sich hier heimisch f&uuml;hlte, mit allen Fibern
+die parf&uuml;mierte Luft dieser von tausend Nichtigkeiten
+&uuml;berladenen Salons einatmete, machte ihn mir noch
+fremder. Und als ich ihn in der Ethischen Gesellschaft
+reden h&ouml;rte inmitten einer Korona von lauter typischen
+Vertretern der Geldaristokratie, denen seine Sittenpredigten
+dieselbe angenehme Emotion boten wie die Moral
+der biblischen Geschichten den Frommen in der Kirche,
+da mu&szlig;te ich mir seine Briefe, seine Schriften ins Ge<a name="Page_17" id="Page_17"></a>d&auml;chtnis
+rufen, um noch Georgs Freund in ihm zu erkennen.</p>
+
+<p>Er ging den Weg, den ich nach dem Wunsche meiner
+Familie gehen sollte, &mdash; wie w&uuml;rde ich jemals imstande
+dazu sein?!</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind sehr ungerecht,&laquo; sagte er eines Tages, als
+ich ihm in meiner heftigen Art, die der Unruhe meines
+eigenen Innern entsprang, &uuml;ber seine T&auml;tigkeit als
+&raquo;Modeprediger&laquo; Vorw&uuml;rfe machte. &raquo;Sie kennen mich
+nur von der einen Seite.&laquo; Noch am selben Abend
+sollte ich die andere kennen lernen.</p>
+
+<p>An der Ecke von zwei engen Stra&szlig;en, beim Scheine
+einer tr&uuml;be flackernden Laterne sprach er &uuml;ber die
+Ethik des Sozialismus. Zuerst blieben nur ein paar
+neugierige Bummler stehen, aber je st&auml;rker seine
+Stimme von den Mauern widerhallte, desto mehr
+Menschen sammelten sich um ihn. M&uuml;de, zerlumpte
+Gestalten krochen wie Nachtgespenster aus den Kellern
+hervor, Hoft&uuml;ren &ouml;ffneten sich, und umwogt von einer
+Wolke ekler Ger&uuml;che erschienen Frauen mit zerw&uuml;hlten
+Z&uuml;gen, halbw&uuml;chsige M&auml;dchen, deren freches Grinsen
+allm&auml;hlich zuckendem Schluchzen wich. Mit w&uuml;stem Geschrei
+stie&szlig;en sich trunkene Burschen aus der n&auml;chsten
+Kneipe heraus, und nach und nach entz&uuml;ndeten sich
+Lichter des Verstehens in ihren eben noch bl&ouml;d glotzenden
+Augen. Die Stra&szlig;e wurde schwarz vor Menschen.
+Stratford sprach mit steigender Begeisterung. Um seinen
+roten Bart tanzten die Lichter der Laternen, seine Augen
+strahlten vom eigenen Feuer. Ich h&ouml;rte kaum, was er
+sagte, ich sah nur die Wirkung seiner Worte. Aus den
+vertiertesten Gesichtern brach ein Schein von Menschen<a name="Page_18" id="Page_18"></a>tum
+hervor, ein froher Zug von Hoffnung verwischte
+tiefe Kummerfalten.</p>
+
+<p>Wir gingen schweigsam durch die Nacht nach Hause.
+Vor der T&uuml;re reichte ich ihm die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde Sie nach dem, was ich eben erlebte,
+um Verzeihung bitten, meiner Vorw&uuml;rfe wegen, wenn
+ich nicht grade dadurch w&uuml;&szlig;te, da&szlig; Sie doppelt schuldig
+sind. Ein Mann wie Sie geh&ouml;rt der Sache des Sozialismus,
+und keiner anderen ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht haben Sie recht,&laquo; antwortete er leise,
+&raquo;w&auml;ren nur nicht der Fesseln so viele, die uns an das
+andere Leben schmiedeten &mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden sie beide zerbrechen m&uuml;ssen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Im Hause meiner Gastfreunde drehte sich das
+Interesse fast ausschlie&szlig;lich um Fragen der
+Politik. Was f&uuml;r andere Frauen der Gesellschaft
+der Flirt, die Kunst, die Toilette, das Theater
+war: Reizmittel f&uuml;r ihr Nervensystem, &mdash; das war die
+Politik f&uuml;r Mrs. Dew. Fast t&auml;glich war ich mit ihr
+im Parlament; sei es, da&szlig; wir den Kommissionsberatungen
+des neuen Fabrikgesetzes beiwohnten &mdash; das
+Publikum hatte ohne weiteres Zutritt &mdash; oder in den
+Wandelg&auml;ngen und auf der Themseterrasse zwischen Tee
+und Eis mit den Abgeordneten debattierten. Seltsam:
+man nahm uns ernst; vergebens erwartete ich auf den
+Z&uuml;gen der M&auml;nner jenes g&ouml;nnerhaft mitleidige L&auml;cheln,
+mit dem meine Landsleute die politisierende Frau zu
+betrachten pflegten. Eine gewisse Zur&uuml;ckhaltung mir
+gegen&uuml;ber entsprang weniger der Tatsache, da&szlig; ich ein<a name="Page_19" id="Page_19"></a>
+Weib, als da&szlig; ich eine Deutsche war, die offenbar nur
+im Bilde der &raquo;guten Hausfrau&laquo; im Bewu&szlig;tsein der
+Engl&auml;nder lebte.</p>
+
+<p>Schon war es gewitterschw&uuml;l in den feierlich-hohen
+Hallen des Parlaments, bei jeder Gelegenheit drohte ein
+Wetterstrahl die Regierung zu st&uuml;rzen, und die von
+Elektrizit&auml;t geladene Luft drang bis hinter die engen
+Gitterst&auml;be der Damengalerie. Unruhiger als sonst
+raschelten die seidenen Kleider, unterdr&uuml;ckte Erregung
+durchzitterte die Fl&uuml;stergespr&auml;che. Man achtete kaum
+der Redner im Saal, man erwartete nur die Katastrophe.
+Da pl&ouml;tzlich klang eine Stimme von unten empor, rollend
+wie ferner Donner, &mdash; dann wieder tief und schwer wie
+der Ton riesiger alter Kirchenglocken, &mdash; die Damen verstummten, &mdash; dr&auml;ngten
+sich enger an das Gitter, &mdash; und
+aus ihrer bequemen Stellung auf den weichen Polstersitzen
+reckten sich die Abgeordneten auf. Ich h&ouml;rte nur
+die Stimme, den Redner sah ich nicht, aber ich empfand
+ihn als einen, der zum Herrschen bestimmt war. &raquo;Wer
+ist das?&laquo; &mdash; &raquo;John Burns!&laquo; &mdash; John Burns &mdash; der
+Verr&auml;ter?! So war er in der deutschen sozialistischen
+Presse von dem Augenblick an bezeichnet worden, wo er
+sich grollend von der englischen Partei losgesagt hatte.
+Noch am selben Abend stellte Mr. Dew ihn mir vor.
+Ich war zuerst entt&auml;uscht: Alles &uuml;berragend hatte ich
+den Tr&auml;ger dieser Stimme mir gedacht, nun trug er
+auf dem untersetzten kr&auml;ftigen K&ouml;rper nur den Kopf
+eines Riesen: Dunkle Haare erhoben sich widerspenstig
+&uuml;ber der breiten, scharf durchfurchten Stirn; hinter
+buschigen Brauen gl&auml;nzte ein Augenpaar, das in
+seiner m&auml;chtigen F&auml;rbung und fieberhaften Lebendig<a name="Page_20" id="Page_20"></a>keit
+der Herkunft aus diesem hell&auml;ugigen Volke Hohn
+sprach.</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte mir kr&auml;ftig die Hand. Die seinige war
+breit und schwer, sie zeugte von dem Hammer, den sie
+gef&uuml;hrt hatte; &mdash; wie war es m&ouml;glich gewesen, da&szlig; ihr
+die rote Fahne entglitt, die sie einst an der Spitze des
+Heers der Arbeitslosen durch das entsetzte London getragen
+hatte? War dieser Mann nicht der geborene
+Sch&ouml;pfer und F&uuml;hrer einer gro&szlig;en, einigen sozialistischen
+Partei Englands? Ich unterdr&uuml;ckte keine der Fragen,
+die sich mir aufdr&auml;ngten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, da&szlig; die Sozialdemokraten, besonders die
+deutschen, mich f&uuml;r einen Verr&auml;ter halten,&laquo; sagte er,
+&raquo;aber sie verstehen die Situation nicht. In Deutschland
+w&uuml;rde ich nicht anders handeln als Bebel und
+Liebknecht, aber hier ...&laquo; mit einer raschen Bewegung
+schob er die Teetasse beiseite und zeichnete auf die wei&szlig;e
+Marmorplatte des Tischs einen Punkt mit einem gro&szlig;en
+Kreis rings herum. &raquo;Sehen Sie,&laquo; fuhr er fort, &raquo;dieser
+Punkt ist der Sozialismus, um den Kreis herum steht
+die deutsche Regierung, Ihr Milit&auml;r, Ihre Polizei, und
+diese treiben naturgem&auml;&szlig; alle freidenkenden Elemente
+dem Mittelpunkt zu, mit dem sie sich, infolge des
+&auml;u&szlig;eren Drucks, fest vereinigen. Bei uns besteht der
+Mittelpunkt, aber der Kreis fehlt, und so str&ouml;men die
+Strahlen dieser sozialistischen Sonne ungehindert nach
+allen Richtungen aus.&laquo; Ich l&auml;chelte ein wenig ungl&auml;ubig.
+&raquo;Ich werde Ihnen beweisen, was ich sage,&laquo;
+f&uuml;gte er rasch hinzu. &raquo;Sie kommen morgen mit mir&nbsp;&mdash;,&laquo;
+er lie&szlig; mir gar keine Zeit zu Einwendungen, sondern
+bestimmte Ort und Stunde f&uuml;r unsere Zusammenkunft.</p>
+
+<p><a name="Page_21" id="Page_21"></a>Von da an trafen wir uns oft, im Parlament wie
+im Londoner Grafschaftsrat. Ich sah erstaunt, mit
+welchem Respekt Mitglieder aller Parteien diesem Manne
+begegneten, der noch vor wenigen Jahren im unterirdischen
+London Gasleitungen gelegt hatte; aber noch
+mehr erstaunte ich &uuml;ber den freudigen Stolz, mit dem
+er mir st&auml;dtische Einrichtungen als &raquo;Strahlen der sozialistischen
+Sonne&laquo; erkl&auml;rte, in denen ich nichts anderes
+sehen konnte als b&uuml;rgerlich-soziale Reformen.</p>
+
+<p>&raquo;Der deutsche Marxismus hat Sie blind und taub
+gemacht,&laquo; sagte er eines Tages ungeduldig, als ich mich
+f&uuml;r die Kommunalisierung der Verkehrsmittel durchaus
+nicht begeistern konnte. &raquo;Lassen Sie sich von den Fabiern
+in die Schule nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Fabiern?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Gesellschaft von &#8250;Salonsozialisten&#8249;, w&uuml;rde man
+bei Ihnen in Deutschland sagen. T&uuml;chtige Leute darunter ...&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem ihrer Begr&uuml;nder und Leiter, Sydney
+Webb, machte er mich im Teezimmer des Grafschaftsrats
+bekannt. Ich wu&szlig;te von seiner Frau, die als
+junges Ding ihr reiches Elternhaus verlassen hatte,
+um der Sache der Arbeiter zu dienen, und nun, gemeinsam
+mit ihrem Mann, durch Wort und Schrift
+f&uuml;r Genossenschaften und Gewerkschaften t&auml;tig war. Ich
+wu&szlig;te auch, da&szlig; sie der Frauenbewegung fern, ja ihren
+Forderungen sogar vielfach feindlich gegen&uuml;berstand. Gelesen
+hatte ich keines ihrer B&uuml;cher, nur mit einer gewissen
+Scheu ging ich darum zu ihr. Eine bl&uuml;hend
+sch&ouml;ne Frau fand ich, mit dem ganzen Reiz starken
+geistigen Lebens in den Z&uuml;gen und einer G&uuml;te und<a name="Page_22" id="Page_22"></a>
+Anmut des Wesens, der meine Steifheit nicht lange
+standhielt. Durch sie erfuhr ich von der Macht und
+Gr&ouml;&szlig;e der englischen Gewerkschaftsbewegung und fand
+den Weg in die H&auml;user jener Arbeiter, die sich durch
+die Kraft ihrer Organisation aus physischer und geistiger
+Versklavung befreit hatten. Wie ein St&uuml;ck verwirklichter
+Zukunftsstaat kam es mir vor, wenn ich sie
+drau&szlig;en, vor Londons Toren, in ihren G&auml;rten traf
+oder vor dem Kamin ihres Wohnzimmers oder am gut
+besetzten Tisch. Wahrhaftig: hier hatten die Strahlen
+der sozialistischen Sonne aus &ouml;dem Land neues Leben
+hervorgerufen.</p>
+
+<p>In den Versammlungen der Fabier, die ich von da
+an regelm&auml;&szlig;ig besuchte, wurden theoretische und praktische
+Fragen des Sozialismus von allen Seiten beleuchtet
+und er&ouml;rtert. Jene Scheu, zu sagen, was man
+denkt, die die Menschen &uuml;berall schwach und klein macht,
+wo religi&ouml;ser, sittlicher oder politischer Fanatismus die
+Wahrheit an sich zu besitzen vorgibt, schien hier verschwunden,
+und mir war, als fiele Licht auf den Weg,
+den ich zu gehen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nicht wahr, da&szlig; die Befreiung der Arbeiterklasse
+nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann, &mdash; es
+ist nicht wahr, da&szlig; der Klassenkampf das Grundelement
+der sozialistischen Bewegung ist, &mdash; es ist nicht
+wahr, da&szlig; die Entwicklung des Sozialismus mit der
+Sicherheit eines Naturgesetzes notwendig zur Expropriation
+der Expropriateure f&uuml;hren wird ...&laquo; Eine
+&uuml;berschlanke Gestalt stand auf der Rednertrib&uuml;ne, mit
+schmalem, gelblich blassem Gesicht, in das weiche blonde
+Haare wirr hineinfielen. &raquo;Es waren und sind die
+<a name="Page_23" id="Page_23"></a>revoltierenden S&ouml;hne der Bourgeoisie selbst &mdash; Lassalle,
+Marx, Liebknecht, Morris, Hyndman, Bax &mdash; alle, wie
+ich, Bourgeois mit Mischung von Kavaliersblut, die die
+rote Fahne entfalteten. Der Hunger der Armen treibt
+zur Revolte, der Geist allein zur Revolution ...&laquo;
+Wie Hochverrat an den grundlegenden Dogmen des
+Sozialismus klang mir, was dieser Mann hart und
+scharf in den Saal hinausschleuderte. Aber ein Ton
+blieb mir hartn&auml;ckig im Ohr und weckte etwas in mir,
+das stark und stolz war. In selbstentsagender Askese
+hatte ich mich, ein schlichter Soldat, als mein Lebensgl&uuml;ck
+zusammenbrach, in den Dienst der Partei stellen
+wollen. Kraft und Jugend kehrten mir wieder: sollte
+ich nicht f&auml;hig sein und berufen, dem Sozialismus den
+Urwald erobern zu helfen, den alle Giftpflanzen des
+Vorurteils und des Stumpfsinns noch &uuml;ppig durchwucherten?</p>
+
+<p>Ich suchte des Redners Bekanntschaft. Es war Bernard
+Shaw, der Theaterkritiker der Saturday Review,
+der Entdecker Ibsens und Richard Wagners nicht nur
+f&uuml;r England, sondern f&uuml;r den Sozialismus, der bissige
+Sp&ouml;tter, von dessen Witzen die englische Gesellschaft nie
+recht wu&szlig;te, ob sie &uuml;ber sie lachen, oder sich vor ihnen
+f&uuml;rchten sollte. Mich verlangte nach einer Erkl&auml;rung
+dessen, was er in lapidaren S&auml;tzen eben vor mich hingestellt
+hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie waren drau&szlig;en in Letshfield?&laquo; frug er mich
+statt aller Antwort. &raquo;Und haben die Bewohner in ihren
+Heimen gesehen? ... Nat&uuml;rlich auch bewundert?!&laquo;
+Ich nickte. &raquo;Und nicht bemerkt, wie drastisch solch eine
+Miniatur-Zufriedenheitsexistenz lehrt, da&szlig; der Arbeiter
+<a name="Page_24" id="Page_24"></a>in seiner Masse nichts mehr verlangt, als ein Bourgeois
+zu werden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es nicht auch das w&uuml;nschenswerteste Ziel, ihn
+zun&auml;chst wenigstens satt zu machen?&laquo; warf ich ein.</p>
+
+<p>&raquo;Sicherlich, denn Armut ist ein Laster&nbsp;&mdash;, wenn nur
+die satt gewordenen nicht am raschesten derer vergessen
+w&uuml;rden, die noch immer hungern. Im Grunde sind die
+Arbeiter das konservativste Element im Staat, und wir
+Freigelassenen der Bourgeoisie sind dazu da, sie aufzur&uuml;tteln.&laquo;</p>
+
+<p>Der Kreis der Fabier war von nun an derjenige,
+der mich am meisten anzog, aber die politischen Ereignisse
+auf der einen, und jenes Gef&uuml;hl der Unfreiheit
+auf der anderen Seite, das mit der Annahme auch der
+weitherzigen Gastfreundschaft untrennbar verbunden ist,
+rissen mich wieder nach anderen Richtungen fort. Die
+Abstimmung &uuml;ber eine an sich unbedeutende Milit&auml;rfrage
+f&uuml;hrte zu einer Niederlage der Regierung und
+damit zum R&uuml;cktritt des Ministeriums. Eine Erregung,
+die sich vom Parlament aus mit Windeseile auf alle
+Stra&szlig;en fortpflanzte, die Gesichter der &uuml;berall in Gruppen
+Zusammenstehenden h&ouml;her f&auml;rbte und alle Augen blitzen
+lie&szlig;, bem&auml;chtigte sich der Londoner. Sie steigerte sich
+zur Fieberhitze an jenem Abend in Albert-Hall, wo sich
+die Menschenmassen vom Parterre dieses Riesenzirkus
+bis hoch unter die Kuppel zusammendr&auml;ngten und die
+gest&uuml;rzten Minister Rosebery und Harcourt in die vom
+Atem Tausender und der zitternden Glut des Julitages
+lebendigen Luft gegen die neue Regierung leidenschaftliche
+Anklagen erhoben. Selbst die Nachmittagstees
+des londoner Westens gestalteten sich zu Agitationsver<a name="Page_25" id="Page_25"></a>sammlungen.
+Die Leidenschaft des Hasardspielers schien
+alle ergriffen zu haben, und gespannt, als gelte es dem
+Einsatz der ganzen Existenz, hingen die Blicke an der
+rollenden Roulettekugel des Wahlkampfes.</p>
+
+<p>Eines Morgens atmete ich wie erl&ouml;st aus einem
+Banne auf, als ich nicht mehr in dem eleganten Zimmer
+von Princes Gardens erwachte, wo dichte gelbseidene
+Vorh&auml;nge mir stets die Sonne vorget&auml;uscht hatten und
+das blitzende Messinggestell meines Betts mich oft selbst
+unter der Daunendecke fr&ouml;steln machte. Hinter wei&szlig;en
+Mullgardinen sah ich jetzt gr&uuml;ne Zweige schaukeln, und
+in einem Bett aus warm get&ouml;nten hellem Holz hatte
+ich traumlos geschlafen. Es waren Deutsche von Geburt,
+Engl&auml;nder aus freier Wahl, die mich f&uuml;r die
+letzte Zeit meines londoner Aufenthaltes zu sich in ihr
+K&uuml;nstlerheim geladen hatten. Jedes M&ouml;belst&uuml;ck, jeder
+Teppich und jede Vase standen in den sch&ouml;nen lichten
+R&auml;umen des Hauses in feiner Harmonie zueinander,
+nur die Gem&auml;lde an den W&auml;nden schienen sie mi&szlig;t&ouml;nig
+zu zerst&ouml;ren, und in dem gro&szlig;en Atelier schrieen sie f&ouml;rmlich.
+Bilder des Elends waren es, des Hungers und
+der Verzweiflung, Bilder des Krieges, auf denen von
+Wunden grauenvoll Zerrissene die H&auml;nde krampfhaft
+gespreizt oder w&uuml;tend geballt gen Himmel streckten.
+Der Hausherr malte sie und nichts als sie, &mdash; ein milder,
+g&uuml;tiger Mann mit grauem Patriarchenbart und den
+Augen eines J&uuml;nglings. Wo immer das Leid der
+Kreatur zum Ausdruck kam, war sein Herz und sein
+Interesse, von der Friedensbewegung an bis zur Tierschutzbewegung.
+Er geh&ouml;rte zu den Menschen, die &uuml;berall
+im einzelnen helfen und wirken wollen, wie der un<a name="Page_26" id="Page_26"></a>gelernte
+G&auml;rtner, der da und dort einem armen Pfl&auml;nzlein
+durch k&uuml;nstliche Nahrung oder durch den st&uuml;tzenden
+Stab aufhelfen will, aber bei all seinem aufreibenden
+Eifer nicht steht, da&szlig; der ganze Boden schlecht ist. Sein
+wei&szlig;blondes zartes Frauchen l&auml;chelte oft ganz heimlich,
+wie eine kleine Mutter zu den Spielen ihres Kindes,
+die sie mit der Weisheit der Erwachsenen nicht st&ouml;ren will.</p>
+
+<p>Ihr Haus &uuml;bte eine magnetische Anziehungskraft auf
+Alles aus, was abseits der gro&szlig;en Heerstra&szlig;e ging.
+Shaw traf ich hier wieder als h&auml;ufigen Gast; Peter
+Krapotkin geh&ouml;rte zu den Intimen des Hauses, &mdash; der
+gro&szlig;e Revolution&auml;r, der doch ein Kind war: gut und
+vertrauensselig und voll phantastischer Tr&auml;ume wie ein
+solches. William Stead, dessen r&uuml;cksichtsloser Kampf
+gegen die sittliche F&auml;ulnis der londoner Gesellschaft ihm
+einen europ&auml;ischen Ruf verschafft hatte, begegnete mir
+hier zum erstenmal und zog mich in den Bannkreis
+seiner starken Pers&ouml;nlichkeit. Seine Augen, deren opalisierende
+Lichter wie durch geheimnisvoll dar&uuml;ber gebreitete
+Schleier schienen, &uuml;bten eine faszinierende Wirkung
+aus, und wenn er von seinem Verkehr mit den
+Geistern Abgeschiedener erz&auml;hlte, wenn er von den Kr&auml;ften
+der Seele sprach, die unerweckt auch in mir schlummern
+m&uuml;&szlig;ten, so bedurfte ich der ganzen N&uuml;chternheit meines
+Verstandes, der ganzen St&auml;rke meiner fanatisch materialistischen
+Weltanschauung, um mich seinem Einflu&szlig;
+zu entziehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will mich nicht mit Problemen besch&auml;ftigen, die
+mich von dem Problem ablenken k&ouml;nnten, dessen L&ouml;sung
+meine einzige Aufgabe ist: dem des Elends in der Welt ...&laquo;
+antwortete ich ihm eines Tages, als er mich mit Annie<a name="Page_27" id="Page_27"></a>
+Besant bekannt machen wollte, die sich eben vom Sozialismus
+abgewandt hatte und zur begeisterten Verk&uuml;nderin
+theosophischer Ideen geworden war. &raquo;M&ouml;gen andere
+heute, wo die Zeit dr&auml;ngt, es vor sich selbst verantworten,
+wenn sie ihren Tr&auml;umen nachh&auml;ngen...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden nie mehr tr&auml;umen?!&laquo; Mit einem Blick
+und einem L&auml;cheln begleitete Stead seine Frage, die
+mir das Blut in die Wangen trieben. Er nahm meine
+beiden H&auml;nde zwischen die seinen &mdash; H&auml;nde, die in ihrer
+Kraft und ihrer Weiche zum Sch&uuml;tzen wie zum Streicheln
+gleich geschaffen waren&nbsp;&mdash;, und seine Augen bohrten sich
+in meine Z&uuml;ge.</p>
+
+<p>&raquo;Ich liebe Ihre Tapferkeit und Ihre Klugheit, aber
+was mich Ihre Freundschaft suchen lie&szlig;, das ist Ihr
+unbewu&szlig;tes Ich, das sind Ihre Tr&auml;ume, die Sie
+vergessen, wenn Sie wachen, von denen mir aber noch
+Ihre Augen erz&auml;hlen, &mdash; das ist die tiefe Sehnsucht,
+die Ihr Wesen &uuml;ber sich selbst hinauszieht.&laquo;</p>
+
+<p>Ich fuhr an jenem Tage mit ihm hinaus nach Wimbledon,
+wo sich zwischen hohen Hecken und alten B&auml;umen
+sein kleines, stilles Haus versteckte. Und im verwilderten
+Garten unter dem schattenden Laubdach duftender
+Linden lag ich in der H&auml;ngematte und lie&szlig; mir von
+ihm die Kissen unter den Kopf schieben.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind m&uuml;de?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Leben ist Seelen-Selbstmord.&laquo;</p>
+
+<p>Seine Hand glitt sanft &uuml;ber meine Stirn. Viele
+bunte Schmetterlinge gaukelten &uuml;ber ein Meer gelber
+Blumen, und zwei Libellen tanzten &uuml;ber dem kleinen
+stillen Teich z&auml;rtlich miteinander. Vom Herzen aus
+<a name="Page_28" id="Page_28"></a>zuckte ein schneidendes Weh mir durch den K&ouml;rper, die
+Augen f&uuml;llten sich mit Tr&auml;nen. Was war es nur, das
+mich &uuml;berw&auml;ltigte?!</p>
+
+<p>&raquo;Wie Ihre Jugend um ihr Leben weint!&laquo; sagte leise
+der Mann neben mir. Meine Jugend?! Kaum wu&szlig;te
+ich noch, ob ich alt war oder jung. Ich stand wohl
+schon lange jenseits jeden Alters!</p>
+
+<p>Schweigsam fuhren wir beide nach London zur&uuml;ck.
+Ich f&uuml;hlte die Hand meines Begleiters auf der meinen &mdash; streichelnd,
+sch&uuml;tzend. Nachts schluchzte ich verzweifelt
+in die Kissen, und morgens, als ich mich zur gewohnten
+Arbeit am Fenster niedersetzte, schweiften meine Gedanken
+weit hinaus &uuml;ber die Baumwipfel &mdash; in den gl&uuml;henden
+Sommertag &mdash; in das Leben. Ich ging umher, mir
+selbst fremd geworden, mit anderen Augen. Ich entdeckte
+im Spiegel mein Gesicht wie das einer Fremden.
+Mechanisch l&ouml;ste ich die Witwenhaube aus den Haaren.
+&raquo;Georg &mdash; Georg&nbsp;&mdash;&laquo; schrie es in mir, &raquo;nie bin ich
+deine Frau gewesen &mdash; wie kann ich deine Witwe sein?!&laquo;</p>
+
+<p>Die Menschen um mich kamen mir ver&auml;ndert vor:
+ich f&uuml;hlte M&auml;nnerblicke, die das Weib in mir suchten
+und nicht die Gesinnungsgenossin, und H&auml;ndedr&uuml;cke, die
+andere Empfindungen verrieten als die blo&szlig;er Freundschaft.
+Und wenn ich auf den gr&uuml;nen Wiesen im Hydepark
+blonde rosige Kinder sah, kam ich mir vor wie
+eine Ausgesto&szlig;ene. Drangen aber gar durch die Nacht
+aus den G&auml;rten rings umher sehns&uuml;chtig-s&uuml;&szlig;e Lieder an
+mein Ohr, so war mir, als h&auml;tte ich jetzt schon Georgs
+Verm&auml;chtnis die Treue gebrochen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_29" id="Page_29"></a></p>
+
+<p>Eines Nachmittags &mdash; mein Aufenthalt neigte
+sich seinem Ende zu &mdash; trat eine einfache, starkknochige
+Frau, die wei&szlig;en Haare straff aus der
+Stirn gezogen, an unseren Teetisch und streckte mir eine
+harte, unbehandschuhte Hand entgegen: &raquo;Sie kennen mich
+wohl nicht mehr?&laquo; Ich sprang auf, fast h&auml;tte ich sie
+in die Arme gezogen: &raquo;Amie Hicks?! Sie haben mir
+Londons Elend zeigen wollen! Wollen Sie es noch
+tun, &mdash; gleich jetzt?&laquo; Sie lachte verwundert &uuml;ber
+meinen pl&ouml;tzlichen Eifer, aber ich lie&szlig; sie nicht los und
+wir verabredeten zun&auml;chst einen gemeinsamen Besuch im
+Bureau des Zentralkomitees f&uuml;r Frauenarbeit.</p>
+
+<p>Was ich dort kennen lernte, erregte mein h&ouml;chstes Interesse:
+Man hatte sich zur Aufgabe gestellt, die Lage
+der erwerbst&auml;tigen Frauen zu untersuchen und die Resultate
+zu ver&ouml;ffentlichen, gewerkschaftliche Organisationen
+zu schaffen und zu unterst&uuml;tzen, die Arbeiterinnenschutz-Gesetzgebung
+zu studieren und ihre Weiterentwicklung
+durch m&uuml;ndliche und schriftliche Propaganda zu f&ouml;rdern.
+&raquo;Wir sind gewisserma&szlig;en ein Arsenal und liefern der
+Arbeiterbewegung die Waffen,&laquo; sagte mir eine der Leiterinnen;
+&raquo;und wir schaffen zugleich die M&ouml;glichkeit,
+da&szlig; die Frau der beg&uuml;terten Kreise die Lage der Arbeiterin
+kennen lernt, und die Arbeiterin andererseits sich
+der Kenntnisse der b&uuml;rgerlichen Frau bedienen kann,&laquo;
+f&uuml;gte eine andere hinzu. Der Plan, etwas &Auml;hnliches
+in Berlin zu gr&uuml;nden, reifte in mir: der Arbeiterbewegung
+Waffen liefern, war mindestens so n&uuml;tzlich, als
+selbst die Waffen tragen. Es war praktisch im Grunde
+dasselbe, was die Fabier theoretisch leisteten, es w&uuml;rde
+<a name="Page_30" id="Page_30"></a>wertvolle Kr&auml;fte in den Dienst des Sozialismus zwingen, &mdash; ihrer
+selbst fast unbewu&szlig;t. Es erm&ouml;glichte mir, au&szlig;erhalb
+der Partei f&uuml;r die Partei zu wirken. Mit krampfhafter
+Anstrengung zuerst und dann mit wachsender Anteilnahme
+vertiefte ich mich in das Studium meiner
+Aufgabe. Ich fl&uuml;chtete aus den bl&uuml;henden G&auml;rten in
+die engen Stra&szlig;en zwischen die geschw&auml;rzten Mauern,
+wo kein Baum und kein Vogel den Sommer verr&auml;t
+und seine Glut, die drau&szlig;en vor den Toren die Knospen
+wach k&uuml;&szlig;t, nichts hervorruft, als ekle D&uuml;nste und giftige
+Miasmen. Je mehr ich ihm entfloh, desto grauer und
+stiller wurde es auch wieder in mir. Eilig, wie die
+andern, ohne rechts oder links zu sehen, lief ich durch
+die Stadt, &uuml;ber klebrige H&ouml;fe, steile Treppen hinauf in
+die Bureaus der Fabrikinspektionen und der Gewerkschaften,
+zu Besuchen, Sitzungen und Versammlungen.
+Zahlen, nichts als Zahlen h&ouml;rte ich &mdash; neben den Lohntabellen,
+die Arbeitsstunden und die Wochen der Arbeitslosigkeit&nbsp;&mdash;,
+sie verfolgten mich bis in meine Tr&auml;ume,
+verschwammen ineinander und schoben sich vor meinen
+Augen dichter und dichter zusammen, bis sie nichts waren
+als ein einziges schwarzes Trauergewand, das Himmel
+und Erde verh&uuml;llte.</p>
+
+<p>&raquo;Nun bleibt mir nur noch &uuml;brig, die Illustration zu
+Ihren Tabellen zu sehen,&laquo; sagte ich eines Abends zu
+Amie Hicks, die die Arbeiterinnen der Z&uuml;ndholzfabrikation &mdash; ihre
+Kolleginnen &mdash; organisiert hatte. Sie
+wandte sich an eine junge Soldatin der Heilsarmee, die
+bescheiden im Hintergrund stand. &raquo;Wollen Sie unsere
+deutsche Freundin heute nacht nach Whitechapel mitnehmen?&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_31" id="Page_31"></a>Das M&auml;dchen sah mich zweifelnd an: &raquo;Wenn die
+Dame sich nicht f&uuml;rchtet &mdash; und sich entschlie&szlig;t, unsere
+Kleidung anzuziehen.&laquo; Ich war nat&uuml;rlich zu allem bereit.
+Ehe wir uns am sp&auml;ten Nachmittag auf den Weg
+machten, steckte ich mir die Taschen voll kleiner Kupferm&uuml;nzen.
+&raquo;Das hat keinen Zweck,&laquo; l&auml;chelte meine Begleiterin,
+&raquo;es sind ihrer viel zu viele!&laquo; Unterwegs erz&auml;hlte
+sie mir von ihrer Arbeit: einem unaufh&ouml;rlichen
+Kampf mit Laster und Not, einer st&uuml;ndlichen Aufopferung
+der eigenen Person, und ihr schmales Gesichtchen
+strahlte dabei wie das ihrer Altersgenossinnen, wenn
+sie von Karnevalstriumphen zu berichten haben. &raquo;Was
+f&uuml;hrte Sie zu Ihrem Beruf?&laquo; frug ich. &raquo;Jesus rief
+mich!&laquo; antwortete sie einfach.</p>
+
+<p>Es fing an zu d&auml;mmern. Die Stra&szlig;en schrumpften
+zusammen, w&auml;hrend die Menschenmassen unheimlich anschwollen.
+In ihrer Kleidung schienen die Farben mehr
+und mehr zu erl&ouml;schen, und die Unterschiede zwischen
+Alter und Jugend verwischte ein gleichm&auml;&szlig;iger Ausdruck,
+zwischen Leid, Stumpfsinn und Gemeinheit schwankend.
+Kinder keuchten mit S&auml;cken beladen &uuml;ber die Gassen &mdash; &raquo;Heimarbeiter&laquo;,
+bemerkte meine Begleiterin lakonisch&nbsp;&mdash;,
+an den Rinnsteinen hockten andere in langen Reihen,
+und w&uuml;hlten mit schmutzstarrenden, mageren Fingerchen
+im Stra&szlig;enkehricht. Ein kleiner Bub mit krummen
+Beinen wollte sich eben heimlich mit dem gefundenen
+Rest einer Banane aus dem Kreis der Gef&auml;hrten davon
+schleichen. Ein triumphierendes Grinsen verzerrte sein
+Gesichtchen. Aber schon fielen die anderen wutheulend
+&uuml;ber ihn her und rissen ihm die fadenscheinigen Lumpen
+von dem armen rhachitischen K&ouml;rper. Er weinte nicht,
+<a name="Page_32" id="Page_32"></a>er duckte sich nur ein wenig und versuchte die zertretene
+Banane vom Pflaster abzukratzen, aus seinen
+verschwollenen Augen traf mich dabei ein Blick voll
+grenzenloser Verzweiflung.</p>
+
+<p>Wir bogen in eine langgestreckte schmale Sackgasse
+ein. &raquo;Nehmen Sie sich in acht,&laquo; warnte meine Begleiterin,
+als wir in eines der offenen H&auml;user traten,
+&raquo;die Treppen haben keine Gel&auml;nder.&laquo; Ich tastete mich
+hinter ihr vorw&auml;rts, w&auml;hrend ein pestilenzialischer Geruch
+mir den Atem benahm. Wir stie&szlig;en eine T&uuml;re
+auf, die weder Griff noch Schl&uuml;ssel hatte. Ein schwerer
+grauer Dunst von Staub und Schwei&szlig; schlug uns entgegen,
+gespensterhaft bewegten sich die Gestalten der
+Bewohner dahinter, w&auml;hrend das Rattern und Quietschen
+schlecht ge&ouml;lter N&auml;hmaschinen jeden anderen Ton verschlang.
+Dicht aneinandergedr&auml;ngt sa&szlig;en M&auml;nner und
+Frauen um den Tisch, auf dem ein kleines L&auml;mpchen
+vergebens versuchte, sp&auml;rliches Licht zu verbreiten; an
+dem einzigen Fenster standen die Maschinen, von zwei
+Kindern in Bewegung gesetzt. Keines der dunkeln K&ouml;pfe
+hob sich bei unserem Eintritt. Nur als mein Kleid
+eine der Frauen streifte, sahen ein paar schwarze Augensterne
+mich pr&uuml;fend an. &raquo;Russische Juden,&laquo; sagte meine
+Begleiterin und wandte sich dem finstersten Winkel des
+Zimmers zu. Eine durchsichtig wei&szlig;e Hand streckte sich
+ihr entgegen. &raquo;Er ist schwinds&uuml;chtig,&laquo; fl&uuml;sterte sie.
+Z&ouml;gernd trat ich n&auml;her. In einem armseligen Bett,
+mit Haufen bunter Stoffreste statt mit Kissen gef&uuml;llt,
+lag ein Mann, das blasse durchgeistigte Antlitz von
+schwarzen, langen Haaren umrahmt; strahlend richteten
+sich seine fiebergl&auml;nzenden Augen auf das junge M&auml;dchen,
+<a name="Page_33" id="Page_33"></a>aber die Milch, die sie aus ihrem K&ouml;rbchen nahm, entt&auml;uschte
+ihn; erst als sie ein kleines Buch in seine
+schlanken Finger legte, l&auml;chelte er sie dankbar an. &raquo;Ich
+habe auch wieder ein Gedicht geschrieben&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte er
+und zog einen Fetzen Zeitungspapier aus den Lumpen
+hervor, am Rande dicht bekritzelt.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht einmal Kn&ouml;pfe kann er mehr ann&auml;hen,&laquo; t&ouml;nte
+eine rohe Stimme neben uns. &raquo;Wenn es doch bald zu
+Ende w&auml;re, &mdash; gestern spuckte er Blut auf ein fertiges
+Hemd&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te mich einen Augenblick schwindelnd an den
+Pfosten des Torweges lehnen, als wir hinunterkamen.
+Es war inzwischen ganz dunkel geworden. Unter der
+n&auml;chsten T&uuml;re stand ein M&auml;dchen mit entbl&ouml;&szlig;ter Brust
+und spr&uuml;henden Augen. &raquo;Marianne!&laquo; &mdash; Vorwurfsvoll
+t&ouml;nte die Stimme meiner Begleiterin. Ein rauhes
+Lachen antwortete ihr. &raquo;Ich will leben!&laquo; stie&szlig; das
+M&auml;dchen zwischen den Z&auml;hnen hervor. &mdash; &raquo;Leben!&laquo; &mdash; wiederholte
+sie noch einmal mit einem langgezogenen
+Nachtigallenton. Wir gingen an ihr vorbei in die niedrige
+Stube; eine verrostete Eisenbettstelle, ein paar
+Kisten bildeten die ganze Einrichtung. Am Herd in
+der Ecke stand ein altes Weib mit den gedunsenen Z&uuml;gen
+der Trinkerin, auf dem feuchtgl&auml;nzenden Lehmboden kroch
+eine Schar kleiner Kinder. Meine Begleiterin hatte
+gerade begonnen, einem der kleinsten die wunden F&uuml;&szlig;chen
+zu verbinden, da sprang unter w&uuml;stem Gekreisch die
+T&uuml;re auf: &mdash; das M&auml;dchen von drau&szlig;en stolperte, von
+ein paar braunen F&auml;usten gesto&szlig;en, ins Zimmer, zwei
+Schwerbetrunkene hinter ihr. Sie warf sich aufs Bett, &mdash; ich
+floh, von Entsetzen gepackt, aus dem Hause.</p>
+
+<p><a name="Page_34" id="Page_34"></a>In den Stra&szlig;en br&uuml;tete gewitterschwangere Julinacht.
+Junge und alte Weiber, von Elend, Laster und Krankheit
+gr&auml;&szlig;lich gezeichnet, M&auml;nner, deren Kleidung
+einen Fuselgeruch ausstr&ouml;mte, Kinder, die eine Kindheit
+nie gekannt hatten, strichen an uns vorbei. &raquo;Gibt es
+in der Welt noch einmal solche H&ouml;lle,&laquo; st&ouml;hnte ich und
+wischte mir die Schwei&szlig;tropfen von der Stirn. &raquo;O, &mdash; in
+Glasgow, in Liverpool, in Manchester ist es ebenso&nbsp;&mdash;,&laquo;
+sagte meine Begleiterin ruhig.</p>
+
+<p>An der n&auml;chsten Stra&szlig;enecke ballten sich die Menschen
+zu einem schwarzen Kn&auml;uel. Qualvolle Schmerzensrufe
+drangen daraus hervor. Wir liefen vorw&auml;rts, &mdash; alles
+machte uns Platz, &mdash; die Uniform der Heilsarmee war
+wie ein Freibrief, den selbst die Rohesten respektierten.
+Auf dem Pflaster lag ein Weib und wand sich in Mutterschmerzen.
+&raquo;Er hat sie hinausgepr&uuml;gelt,&laquo; schrie ein
+M&auml;dchen, das neben ihr kniete und ballte w&uuml;tend die
+F&auml;uste. Meine Begleiterin war im Augenblick bei
+ihr. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. In die
+Menschen um uns her kam ein seltsames Leben,
+sie liefen in die n&auml;chsten H&auml;user, atemlos, &mdash; sie
+kehrten zur&uuml;ck, &mdash; auch der Elendeste mit vollen H&auml;nden.
+T&uuml;cher, Kissen, Decken breiteten sich um die Krei&szlig;ende
+aus; ein wei&szlig;haariges M&uuml;tterchen mit gekr&uuml;mmtem
+R&uuml;cken schleppte st&ouml;hnend Eimer voll Wasser herbei,
+ein alter Mann humpelte hastig auf seiner Kr&uuml;cke n&auml;her
+und legte mit zitternden H&auml;nden seine zerschlissene Jacke
+&uuml;ber die Jammernde. Ein Sekunde lang war es ganz
+still, &mdash; das Leben schien den Atem anzuhalten, da &mdash; ein
+gellender Schrei, der die Nacht zerri&szlig;, &mdash; das Kind
+war geboren, das unselige Kind der Stra&szlig;e. Zur&uuml;ckgelehnt<a name="Page_35" id="Page_35"></a>
+in dem Scho&szlig; der N&auml;chsten lag das Weib.
+Laternenlicht fiel grell auf ihre eingesunkenen Wangen,
+die weitaufgerissenen Augen drehten sich in den H&ouml;hlen,
+suchend griffen die Finger in die leere Luft, dann noch
+ein Zucken, ein rauhes R&ouml;cheln, &mdash; es war vor&uuml;ber.
+Und um die tote Mutter knieten ringsum im Schmutz
+der Stra&szlig;e die Genossen ihres Jammers ...</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Sonnenzauber hatte keine Macht mehr
+&uuml;ber mich.</p>
+
+<p>Ich hatte nur noch ein Achselzucken, wenn
+ich die Macht der Gewerkschaften preisen h&ouml;rte &mdash; &raquo;die
+Sattgewordenen verga&szlig;en zuerst der Hungernden&laquo;&nbsp;&mdash;, und
+ein ver&auml;chtliches L&auml;cheln f&uuml;r die Gr&ouml;&szlig;e und Einheitlichkeit
+sozialer Hilfsarbeit, die sich von Rechts wegen
+bankerott erkl&auml;ren m&uuml;&szlig;te. Hier galt es nicht mehr,
+Einzelne vor dem Ertrinken zu retten, und Wunden zu
+verbinden, hier galt nur eins: die alte Welt, die ihre
+eigenen Kinder mordete, zu zerst&ouml;ren, um der neuen
+Platz zu schaffen.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_36" id="Page_36"></a></p>
+<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2>
+
+
+<p>&raquo;Sie wollen wirklich alle B&uuml;cher verkaufen?!&laquo;</p>
+
+<p>Der junge Student, der vor mir stand,
+blickte mich vorwurfsvoll an. Er war gekommen,
+mir beim Ordnen der philosophischen Bibliothek
+meines verstorbenen Mannes behilflich zu sein.</p>
+
+<p>&raquo;Mit wenigen Ausnahmen, &mdash; ja!&laquo; antwortete ich
+mit erzwungener Ruhe. &raquo;Sie sehen selbst: in der
+neuen Wohnung fehlt es an Platz f&uuml;r sie, &mdash; und au&szlig;erdem
+werde ich sie kaum je benutzen. Ich werde mit
+&Uuml;berlegung einseitig!&laquo; Dabei wies ich l&auml;chelnd auf
+die dickleibigen Fabrikinspektorenberichte, die vor mir
+lagen. Er begab sich stumm, gesenkten Kopfes an die
+Arbeit. Wie herzlos, da&szlig; ich Georgs geliebte B&uuml;cher
+verkaufte, dachte er jetzt gewi&szlig;. Durfte ich ihm sagen,
+da&szlig; ich sie verkaufen mu&szlig;te? Da&szlig; ich gestern mit dem
+letzten, was ich besa&szlig;, Georgs Grabdenkmal bezahlt
+hatte, &mdash; einen sch&ouml;nen hohen Marmorblock, auf dem in
+gro&szlig;en goldenen Lettern sein Wahlspruch stand, der nun
+auch der meine war: &raquo;Wir leben durch die Menschen,
+la&szlig;t uns f&uuml;r die Menschen leben.&laquo;</p>
+
+<p>Mama hatte mir eben aus Pirgallen entr&uuml;stet &uuml;ber
+meine Verschwendung geschrieben: &raquo;Ein schlichter Stein
+mit Georgs Namen w&auml;re ausreichend gewesen.&laquo; Ich
+l&auml;chelte unwillk&uuml;rlich. Arm sind doch nur die Menschen,
+<a name="Page_37" id="Page_37"></a>die niemals verschwenden k&ouml;nnen! Ich war ja sonst so
+schrecklich vern&uuml;nftig. Treppauf, treppab war ich seit
+meiner R&uuml;ckkehr aus England gelaufen, um eine Wohnung
+zu finden, die meinen Mitteln entsprach. In
+einem Hof der Kleiststra&szlig;e, drei Treppen hoch, hatte ich
+sie endlich gefunden: zwei Zimmer mit dem Blick auf
+eine Mauer, die eine riesige gemalte Schweizer Landschaft
+schm&uuml;ckte. Zu allerhand &ouml;der journalistischer Tagesarbeit
+hatte ich mich verpflichtet, um in der &uuml;brigbleibenden
+Zeit meiner Aufgabe leben zu k&ouml;nnen. In vier
+Wochen zog ich um, bis dahin mu&szlig;te auch sie festere
+Gestalt gewinnen.</p>
+
+<p>Ich hatte mich zun&auml;chst schriftlich an eine Anzahl hervorragender
+Politiker und Sozialpolitiker gewandt, bei
+denen ich ein Interesse f&uuml;r die Sache voraussetzen
+konnte, und ihnen meinen Plan eines Zentralausschusses
+f&uuml;r Frauenarbeit auseinandergesetzt. Sehr h&ouml;flich, sehr
+zuvorkommend hatten sie mir geantwortet. &raquo;Ihr Plan
+hat meine volle Sympathie,&laquo; schrieb mir eben Theodor
+Barth. &raquo;Ich habe nur Bedenken, ob er sich in seinem
+vollen Umfang in absehbarer Zeit durchf&uuml;hren l&auml;&szlig;t.
+Nach meinen Erfahrungen scheitern sehr viele an sich
+vortreffliche Reformbestrebungen gerade daran, da&szlig; das
+Ziel von vorn herein zu weit gesteckt ist. Meines Erachtens
+sollte man zun&auml;chst einmal an eine Sammlung
+und Sichtung von Material, die Bedingungen der
+Frauenarbeit betreffend, herangehen, wie das <em class="antiqua">sub</em> 1
+Ihres Programms ja auch in Aussicht genommen ist.
+Unternehmer und Arbeiter m&uuml;&szlig;ten allerdings zusammenwirken
+und Vorurteile &mdash; speziell auch gegen die Sozialdemokratie &mdash; d&uuml;rften
+keine Rolle spielen&nbsp;... Leider
+<a name="Page_38" id="Page_38"></a>ist meine Arbeitskraft schon anderweitig so stark in
+Anspruch genommen, da&szlig; ich wohl mitraten, aber nicht
+mittaten kann&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Diesen Satz enthielt noch jeder Brief, den ich erhalten
+hatte. Warnungen vor der Gefahr sozialpolitischer
+Dilettantenarbeit, Besorgnisse, Wasser auf die M&uuml;hlen
+der Sozialdemokratie zu treiben, bedenkliche Fragen nach
+der finanziellen Fundierung des Unternehmens wiederholten
+sich oft. &raquo;Auf alle F&auml;lle ist der Zeitpunkt schlecht
+gew&auml;hlt,&laquo; hie&szlig; es in einem Schreiben, das <em class="antiqua">Dr.</em> Jacob,
+mein alter Gegner aus der Ethischen Gesellschaft, an
+mich richtete, &raquo;jetzt, im Jubil&auml;umsjahr, wo das unverantwortliche,
+antipatriotische Verhalten der Sozialdemokratie
+selbst solche Kreise erbittern mu&szlig;, die vielen ihrer
+Forderungen sympathisch gegen&uuml;berstanden, ist nicht der
+Augenblick, um zu gemeinsamer Arbeit aufzurufen. Ich
+bezweifle auch, da&szlig; Sie Kapitalien finden, die Ihnen
+zu solchem Zweck die immerhin recht erheblichen Mittel
+zur Verf&uuml;gung stellen werden.&laquo; Und Frau Schwabach,
+die einzige unter den Frauenrechtlerinnen, der ich ein
+ernsteres Verst&auml;ndnis der Sache zutraute, war gleichfalls
+voller Bedenken gewesen. &raquo;Wir m&uuml;ssen zuerst die
+Peinlichkeiten ausbilden, die zu solcher Arbeit f&auml;hig
+sein sollen,&laquo; hatte sie gesagt. Das alte Lied, das die
+Gewissen einlullt, das Selbstvertrauen bet&auml;ubt und die
+Schuld tr&auml;gt, wenn vor lauter Vorbereitung zur Tat
+die Tat selbst von einem Tage zum andern verschoben wird.</p>
+
+<p>Heute nun erwartete ich Martha Bartels mit zwei
+ihrer Freundinnen &mdash; Arbeiterinnen wie sie&nbsp;&mdash;, um
+ihr Urteil zu h&ouml;ren und ihren Rat, der mir der weitaus
+wichtigste erschien, zu erbitten.</p>
+<p><a name="Page_39" id="Page_39"></a></p>
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen f&uuml;r heute aufh&ouml;ren, mein lieber Schmidt,&laquo;
+wandte ich mich an den Studenten, der vor den letztem
+Regalen des B&uuml;cherschranks hoch oben auf der Leiter
+stand, &raquo;es ist unverantwortlich von mir, da&szlig; ich Ihre
+Kraft und Zeit schon so lange in Anspruch nehme.&laquo;</p>
+
+<p>Er fuhr, wie aus einem Traum erwachend, zusammen
+und strich sich die dichten schwarzen Haare aus der
+hei&szlig;en Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig; ich wirklich schon fort?&laquo; Hastig wandte er sich
+um und rieb die roten, knochigen H&auml;nde wie fr&ouml;stelnd
+aneinander. Ich nickte, denn schon h&ouml;rte ich drau&szlig;en
+die Klingel. Langsam stieg er die Leiter hinab.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, &mdash; wenn ich doch wirklich etwas f&uuml;r Sie tun
+k&ouml;nnte&nbsp;&mdash;,&laquo; damit senkte er den Kopf tief auf meine
+Hand.</p>
+
+<p>In dem Augenblick &ouml;ffnete sich die T&uuml;re, und die
+drei Frauen traten ein. Sie sahen uns, wechselten
+sekundenlang einen vielsagenden Blick, ein leises sp&ouml;ttisches
+L&auml;cheln kr&auml;uselte die Lippen der einen, der
+gro&szlig;en, hageren; &mdash; ein Gef&uuml;hl, als h&auml;tte mich jemand
+mit Schmutz beworfen, beschlich mich. Fl&uuml;chtig erinnerte
+ich mich, da&szlig; meine Mutter die Anwesenheit eines
+jungen Herrn bei mir, der Witwe, f&uuml;r unpassend erkl&auml;rt
+hatte, &mdash; aber waren nicht diese Frauen Vork&auml;mpferinnen
+einer freien Weltanschauung?! Ich richtete
+mich gerade auf, zog meine Hand aus der sie noch
+immer umklammernden; mit einer ungeschickt eckigen
+Verbeugung dr&uuml;ckte sich der junge Student an den neuen
+G&auml;sten vorbei zur T&uuml;re hinaus.</p>
+
+<p>Bei Kaffee und Kuchen &uuml;berwanden meine Besucherinnen
+die erste Verlegenheit. Sie hatten sich in den
+<a name="Page_40" id="Page_40"></a>besten Sonntagsstaat geworfen und sa&szlig;en kerzengerade
+auf den weichen Lehnst&uuml;hlen; bei jeder Bewegung
+krachten die engen Taillen ihrer schwarzen Kleider, und
+die vielen bunten Blumen auf ihren H&uuml;ten schwankten
+hin und her. Nur Martha Bartels, die nicht zum
+ersten Male hier war, gab sich ungezwungener.</p>
+
+<p>Irgend etwas in dem Gesicht der kleinen N&auml;herin
+hatte sich seit unserem letzten Zusammensein ver&auml;ndert.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Genossin Glyzcinski, was haben Sie uns Gutes
+mitzuteilen,&laquo; sagte sie mit einem leisen g&ouml;nnerischen Ton
+in der Stimme, den sie damals noch nicht gehabt hatte,
+als sie mich &raquo;Frau von Glyzcinski&laquo; nannte. Freilich,
+sie hatte ja im Grunde ein Recht dazu, ich war ja jetzt
+nur eine Novize in ihren Reihen&nbsp;&mdash;, dachte ich und
+bezwang die gereizte Stimmung, die sich meiner zu bem&auml;chtigen
+drohte.</p>
+
+<p>Mit steigendem Eifer, an der eigenen Sache mich erw&auml;rmend,
+setzte ich ihnen meine Pl&auml;ne auseinander.
+&raquo;Ich brauche dabei Ihre Mitarbeit,&laquo; schlo&szlig; ich; &raquo;wir
+k&ouml;nnen f&uuml;r die Arbeiterinnen nichts tun, was nicht mit
+ihnen geschieht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Tiefe Stille. Die drei l&ouml;ffelten in ihren Kaffeetassen,
+stie&szlig;en einander unter dem Tische an und wollten nicht
+mit der Sprache heraus. &raquo;Ja&nbsp;&mdash;,&laquo; meinte Martha
+Bartels schlie&szlig;lich gedehnt, &raquo;das ist ja alles ganz
+sch&ouml;n und gut, aber was uns das eigentlich angeht&nbsp;&mdash;!
+Wir wissen doch l&auml;ngst, wie's bei uns aussieht, und um
+die Neugierde der Bourgeoisdamen und -herren zu befriedigen,
+oder sie gar in unseren Organisationen herumst&auml;nkern
+zu lassen, &mdash; dazu sind wir nicht da.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Resch, die Hagere, nickte eifrig und warf mir einen
+<a name="Page_41" id="Page_41"></a>giftigen Blick zu. Frau Wiemer, ein rundliches Frauchen
+mit gutm&uuml;tigen braunen Augen, drehte sich hastig auf dem
+Stuhle um, so da&szlig; die Sprungfedern knackten. &raquo;Da bin
+ich nun ganz und gar anderer Meinung,&laquo; rief sie, &raquo;wir
+w&auml;ren sch&ouml;n dumm, wenn wir so eine Unterst&uuml;tzung von
+der Hand weisen wollten. Wir haben, wei&szlig; Gott, keinen
+&Uuml;berflu&szlig; an Kr&auml;ften, und wenn wir sie noch dazu nach
+unserem Gutd&uuml;nken benutzen k&ouml;nnen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Martha Bartels trommelte mit den zerstochenen Fingern
+auf dem Tisch. &raquo;In meinem Kreis, Genossin Wiemer,
+kann ich daf&uuml;r keine Stimmung machen,&laquo; sagte sie scharf.</p>
+
+<p>&raquo;Na, was das schon ist: Ihr Kreis. Ein halb Dutzend
+Frauen haben Sie neulich in der Versammlung zur Vertrauensperson
+gew&auml;hlt, &mdash; das macht den Kohl nicht
+fett!&laquo; sp&ouml;ttelte die Angeredete. &raquo;Die M&auml;nner haben, gottlob,
+auch noch ein W&ouml;rtchen mitzureden!&laquo;</p>
+
+<p>Frau Resch kicherte: &raquo;Sie freilich meinen immer, Sie
+haben die M&auml;nner am B&auml;ndel&nbsp;&mdash;!&laquo;</p>
+
+<p>Stumm, in wachsender Verbl&uuml;ffung h&ouml;rte ich der Debatte
+zu, die sich mehr und mehr ins Pers&ouml;nliche verlor.</p>
+
+<p>&raquo;Im &uuml;brigen: was ereifern wir uns,&laquo; sagte Martha
+Bartels endlich, w&auml;hrend sie sich mit hochrotem Gesicht
+in den Stuhl zur&uuml;cklehnte. &raquo;Zu allererst werden wir
+doch Genossin Orbins Urteil h&ouml;ren m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Frauen verstummten. Wanda Orbin: das war
+die anerkannte F&uuml;hrerin der Arbeiterinnen-Bewegung,
+eine Frau, die ich aus der Ferne schon l&auml;ngst zu bewundern
+gelernt hatte. Mit der aufreizenden Leidenschaftlichkeit
+ihrer Rednergabe vermochte sie alles mit sich
+fortzurei&szlig;en.</p>
+
+<p>Meine G&auml;ste verabschiedeten sich, k&uuml;hl und verlegen.<a name="Page_42" id="Page_42"></a>
+Nur Frau Wiemer sch&uuml;ttelte mir kr&auml;ftig die Hand und
+z&ouml;gerte beim Hinausgehen. &raquo;Wir reden noch mal miteinander &mdash; unter
+vier Augen,&laquo; fl&uuml;sterte sie.</p>
+
+<p>Entt&auml;uscht &mdash; mutlos blieb ich zur&uuml;ck. Tiefes Verst&auml;ndnis,
+freudige Zustimmung, warme Kameradschaftlichkeit
+hatte ich erwartet&nbsp;&mdash;!</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen kam ein Brief von Martha
+Bartels: &raquo;Seit gestern wei&szlig; ich nicht, ob Sie wirklich
+unsere Genossin sind. Was Sie da vorschlagen, das
+kann jede Frauenrechtlerin auch. Es zeigt, da&szlig; Sie
+mit der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft noch nicht gebrochen
+haben, und deshalb k&ouml;nnen wir kein rechtes Vertrauen
+gewinnen. Ich sehe nun, da&szlig; man immer unrecht tut,
+wenn man den sch&ouml;nen Gef&uuml;hlen der Bourgeoisdamen
+Glauben schenkt.&laquo; Hatte sie zu ihrer Entt&auml;uschung nicht
+ein gr&ouml;&szlig;eres Recht als ich zu der meinen? War mein
+ganzes Verhalten nicht wirklich ein R&uuml;ckzug? Versuchte
+ich nicht, nach links und rechts Konzessionen zu machen,
+damit ich nur selbst fein s&auml;uberlich auf dem normalen
+Mittelweg mich erhalten konnte?</p>
+
+<p>In meinen Hoffnungen und W&uuml;nschen sehr herabgestimmt,
+machte ich mich in den n&auml;chsten Tagen auf den
+Weg, um die F&uuml;hrer der sozialdemokratischen Partei
+aufzusuchen, bei denen ich mich schon angek&uuml;ndigt hatte.</p>
+
+<p>Ich ging zuerst zu Liebknecht. Er wohnte drau&szlig;en
+in der Kantstra&szlig;e, wo inzwischen das neue Berlin
+aus der Erde scho&szlig; wie eine wildwuchernde Urwaldpflanze.
+In der Tauentzienstra&szlig;e, die vor f&uuml;nf Jahren
+nicht viel mehr als ein breiter Feldweg gewesen
+war, reihte sich ein Neubau an den andern, &mdash; hohe
+vier- und f&uuml;nfst&ouml;ckige H&auml;user, mit lauter Wohnungen
+<a name="Page_43" id="Page_43"></a>zu neun bis zw&ouml;lf Zimmern. Wo kam der Reichtum
+nur her, der so &uuml;ppig zu wohnen vermochte? dachte ich.
+Und weiter nach dem Westen zogen sich Stra&szlig;en und
+Stra&szlig;en hinaus, &mdash; lange Spinnenarme, die &uuml;ber die
+Felder griffen bis fernhin, wo der Grunewald, eine
+schwarze schmale Linie, am Horizont auftauchte. Ratternd
+und fauchend bewegte sich die Dampfstra&szlig;enbahn den
+Kurf&uuml;rstendamm hinauf ihm entgegen. Wie viel kleine
+gem&uuml;tliche einst&ouml;ckige H&auml;uschen zwischen Birkenw&auml;ldchen
+und Kartoffelfeldern waren der Spitzhacke hier zum
+Opfer gefallen! Und der Riesenbaum, der an der Stra&szlig;enkreuzung
+ein Wahrzeichen der Gegend gewesen war
+hatte einer Kirche weichen m&uuml;ssen. Gut, da&szlig; er fiel,
+dachte ich; wie h&auml;tten die Mauern den alten Recken beengt,
+wie h&auml;tte seine trotzige, rauhe Sch&ouml;nheit ihre
+Fassadenpracht L&uuml;gen gestraft. Die Kirche hatte sich
+noch immer ihrer Umgebung angepa&szlig;t, auch hier hatte
+sie sich zu ihr nicht in Widerspruch gesetzt.</p>
+
+<p>In die Kantstra&szlig;e bog ich ein. Dicht an der Stadtbahnbr&uuml;cke,
+im dritten Stock, wohnte Liebknecht. Er
+empfing mich vor einem alten Schreibpult in seinem
+winzigen Arbeitszimmer, das vollgestopft mit Papieren
+und Zeitungen war, so da&szlig; dazwischen kaum ein freier
+Raum zum Treten &uuml;brig blieb. Sein hartgeschnittenes
+Gesicht mit den tiefen Furchen, dem Blick, der unter
+buschigen Brauen wie abwesend &uuml;ber einen hinwegsah,
+den wirren dunkeln Haaren &uuml;ber der hohen geraden
+Stirn, dem grauen ungepflegten Bart um das breite
+Kinn und den seltsam schiefstehenden gro&szlig;en Mund,
+dazu der Rock, der an den Ellbogen und auf dem R&uuml;cken
+speckig gl&auml;nzte, das Hemd darunter mit dem weichen
+<a name="Page_44" id="Page_44"></a>halboffenen Umlegekragen, die ausgetretenen Pantoffeln
+an den graubestrumpften F&uuml;&szlig;en, &mdash; das alles wirkte zun&auml;chst
+wenig anziehend. Dann gab er mir fl&uuml;chtig die
+Hand, die weich und zart war, &mdash; ich mu&szlig;te ihn wirklich
+noch einmal betrachten, um zu glauben, da&szlig; sie diesem
+Manne geh&ouml;rte. Sie gab mir Mut zu reden, ich w&auml;re
+ohne sie am liebsten wieder umgedreht. Ich erz&auml;hlte
+ihm auch von meinen Erfahrungen mit den Frauen. Er
+l&auml;chelte mit einem gutm&uuml;tigen Spott in den Augen.
+&raquo;Soll ich Ihnen einen wirklich freundschaftlichen Rat
+geben?&laquo; sagte er. &raquo;K&uuml;mmern Sie sich nicht um sie, wenn
+Sie was erreichen wollen. Die sind noch r&uuml;ckst&auml;ndiger
+als die M&auml;nner, k&ouml;nnen gar nicht anders sein. Wo
+sollen sie auch die Erkenntnis hernehmen, die armen
+Weiber?! Schon alles m&ouml;gliche, wenn sie rein aus ihrem
+proletarischen Instinkt heraus gute Parteigenossinnen sind.&laquo;</p>
+
+<p>Vergebens suchte ich ihn bei meinem Thema festzuhalten,
+es interessierte ihn offenbar nicht; dagegen rief
+der Name England eine Flut von Gedankenverbindungen
+in ihm wach. Er glaubte meinen rettungslos bourgeoisen
+Standpunkt daran zu erkennen, da&szlig; ich zwar mit Burns
+und den Fabiern, nicht aber mit Hyndman und der sozialdemokratischen
+F&ouml;deration, die allein den Marxismus
+in England repr&auml;sentierten, verkehrt habe. Mit den
+sprunghaften &Uuml;berg&auml;ngen eines gl&auml;nzenden Geistes, der
+weder die F&auml;higkeit hat, auf die Interessen des anderen
+einzugehen, noch die F&auml;higkeit, sich in eine Frage zu vertiefen,
+kam er von da auf unsere ausw&auml;rtige Politik zu
+sprechen, auf das berechtigte Mi&szlig;trauen Englands den
+offenbaren Weltmachtgel&uuml;sten unseres Kaisers gegen&uuml;ber,
+auf Ru&szlig;land, an das wir um so n&auml;her uns anschlie&szlig;en
+<a name="Page_45" id="Page_45"></a>w&uuml;rden, je weiter wir von England abr&uuml;ckten, auf den
+k&uuml;nstlich ausgepeitschten Hurrapatriotismus der Kriegserinnerungsfeiern
+der Gegenwart, der letzten Endes nur
+dazu da sei, gegen die Sozialdemokratie mobil zu machen
+und die gescheiterte Umsturzvorlage in anderer Form
+wieder aufleben zu lassen.</p>
+
+<p>Mir war diese Gespr&auml;chswendung unbehaglich. Gut,
+da&szlig; ich, ohne aufzufallen, schweigen konnte. Hafteten
+die Eierschalen der Vergangenheit noch so fest an mir,
+da&szlig; die Artikel des &raquo;Vorw&auml;rts&laquo; &uuml;ber die Gedenkfeiern
+an den &raquo;bruderm&ouml;rderischen Krieg&laquo; mir das Blut in
+Wallung brachten? Sie vertraten doch zweifellos Menschlichkeit
+und Gerechtigkeit in weit h&ouml;herem Ma&szlig;e, als all
+die mit Orden und B&auml;ndern beh&auml;ngten Kriegervereinler,
+die sich wie die Wilden an der blutigen Unterdr&uuml;ckung
+eines Nachbarvolkes noch in der Erinnerung berauschten.
+Liebknecht war in seiner Gegnerschaft gegen jede Art
+von Chauvinismus ein Fanatiker. &raquo;National gesinnt
+ist meines Erachtens nur, wer das Recht und das Wohl
+anderer Nationen ebenso zu achten wei&szlig;, wie das der
+eigenen,&laquo; sagte er. Und mir wurde bewu&szlig;t: er f&uuml;hlte
+international, w&auml;hrend ich nur die Idee der Internationalit&auml;t
+k&uuml;hl verstandesm&auml;&szlig;ig anerkannte. Ich sprach
+das aus, und er nickte eifrig: &raquo;Nat&uuml;rlich, &mdash; das ist der
+Unterschied, &mdash; und der kommt zum gro&szlig;en Teil daher,
+da&szlig; das Jahr 48 und das Sozialistengesetz mir das
+Vaterland nahmen und die Welt zur Heimat machten.
+Auch der Proletarier, der nichts besitzt, und der Arbeit
+&uuml;ber alle Grenzen hinweg nachrennen mu&szlig;, ist von Herzen
+international, und die Hammerstein und Konsorten,&laquo; &mdash; er
+lachte boshaft&nbsp;&mdash;, &raquo;die sich vom Vaterland den Schmer<a name="Page_46" id="Page_46"></a>bauch
+m&auml;sten lassen, predigen uns Verruchten Patriotismus!&laquo;
+Er unterbrach sich und stand auf. Ich wollte
+gehen &raquo;Daraus wird nichts, &mdash; nun m&uuml;ssen Sie noch
+bei meiner Frau Kaffee trinken.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wurde ins Wohnzimmer gef&uuml;hrt. Bei Frau
+Major X. in Bromberg und bei Frau Hauptmann Z.
+in Brandenburg war es nicht viel anders gewesen&nbsp;&mdash;,
+nur da&szlig; hier statt der Familienbilder die von Marx,
+Engels und Lassalle an den W&auml;nden prangten, statt des
+Stichs der Sixtina Walter Cranes Maifestzug, und ich
+damals noch nicht in die rechte Sofaecke gen&ouml;tigt wurde.
+Frau Liebknecht war die typische Gouvernante aus vornehmen
+H&auml;usern, der Bildung und Lebensform nicht
+die Haut war, sondern das Kleid. Ihm war ich irgendwer
+gewesen, ihr: &raquo;Frau von Glyzcinski.&laquo;</p>
+
+<p>Es d&auml;mmerte schon, als ich mit ihm das Haus verlie&szlig;.
+Er ging in seine Redaktion, ich in die Ansbacherstra&szlig;e,
+wo ich die Eltern aus Pirgallen zur&uuml;ckerwarten
+sollte. &raquo;Und f&uuml;r meinen Plan kann ich auf Ihre
+Unterst&uuml;tzung nicht rechnen?&laquo; fragte ich nun doch noch
+einmal. Er blieb stehen. &raquo;Meine Unterst&uuml;tzung?! Das
+w&uuml;rde keinem von uns n&uuml;tzen. &Uuml;berlegen Sie sich's
+selbst noch mal, ob er Ihrer eigenen Unterst&uuml;tzung
+wert ist!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die Stimmung war keine rosige, in der ich Eltern
+und Schwester empfing, und auch sie schienen
+erregt und niedergeschlagen: Mama hatte die
+Lippen fest zusammengekniffen, so da&szlig; sie nur noch wie
+ein schmaler, blasser Strich erschienen, der Vater war
+<a name="Page_47" id="Page_47"></a>feuerrot im Gesicht und r&auml;usperte sich ununterbrochen,
+Ilschen hatte verweinte Augen. &raquo;Alles ging so gut,&laquo;
+fl&uuml;sterte sie mir hastig zu, als die Eltern ins Zimmer
+getreten waren, und hielt mich im Flur zur&uuml;ck, &raquo;da
+kam es gestern abend wegen der dummen Hammerstein-Geschichte
+zu einer Auseinandersetzung zwischen Onkel
+Walter und Papa. Das Vertuschungssystem sei unanst&auml;ndig,
+sagte er, w&auml;hrend Onkel es f&uuml;r notwendig
+erkl&auml;rte im Interesse der Partei. Schlie&szlig;lich schimpfte
+Papa &mdash; du kannst dir denken, wie&nbsp;&mdash;, und Onkel
+sagte, Papa habe sich wohl bei seiner Tochter, der
+&#8250;Genossin&#8249;, angesteckt, &mdash; ein Wort gab das andere,
+Onkel zeigte Papa schlie&szlig;lich die Kreuz-Zeitung mit der
+Notiz &uuml;ber dich &mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, &mdash; nun haben wir miteinander zu reden&nbsp;&mdash;,&laquo;
+unterbrach meines Vaters vor Erregung rauhe Stimme
+die Schwester. Es war ein f&ouml;rmliches Verh&ouml;r&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Mitglied der sozialdemokratischen Partei bin ich noch
+nicht&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte ich. Er lehnte sich tief aufatmend mit
+geschlossenen Augen in den Stuhl zur&uuml;ck. Ich wollte
+fortfahren. Er wehrte mit beiden H&auml;nden ab: &raquo;Genug &mdash; genug!
+Mehr will ich nicht h&ouml;ren &mdash; mehr nicht!&laquo;
+Dann erhob er sich schwerf&auml;llig, ging zum Schreibtisch
+und setzte ein Telegramm auf: &raquo;Baron Walter von
+Golzow, Pirgallen. Ich habe Alix' Wort. Verlange
+nunmehr von dir Ehrenerkl&auml;rung. Hans.&laquo; Ich wollte
+widersprechen, &mdash; des Vaters rotunterlaufene Augen
+blitzten mich herrisch an, Ilse faltete hinter ihm mit
+bittender Geb&auml;rde die H&auml;nde&nbsp;&mdash;, ich schwieg. War es
+Feigheit? War es R&uuml;cksicht? Oder nichts als schlaffe
+Erm&uuml;dung?</p>
+
+<p><a name="Page_48" id="Page_48"></a>Beim Abendessen wurde mir mitgeteilt, da&szlig; die
+Gartenwohnung auf derselben Etage frei geworden sei.
+&raquo;Wir h&auml;tten andernfalls umziehen m&uuml;ssen, nun ersparen
+wir das, und du ziehst einfach hierher,&laquo; sagte der Vater;
+&raquo;dann haben wir Alten wieder unsere beiden T&ouml;chter,&laquo;
+f&uuml;gte er mit einem Anflug liebevoller Heiterkeit hinzu
+und streckte mir &uuml;ber den Tisch die Hand entgegen.
+Nur z&ouml;gernd legte ich die meine hinein.</p>
+
+<p>&raquo;Sehr g&uuml;tig, Papa, da&szlig; du an mich dachtest, aber
+ich habe schon eine Wohnung.&laquo; Er brauste w&uuml;tend
+auf. Schweigend lie&szlig; ich den Wortschwall &uuml;ber mich
+ergehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe euch meine &Uuml;berzeugung geopfert,&laquo; sagte
+ich dann fest, &raquo;meine Freiheit opfere ich euch nicht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Durch die sternenlose Augustnacht ging ich nach Hause.
+&Uuml;ber die menschenleere Stra&szlig;e schwankten ein paar Betrunkene.
+Wie f&uuml;rchtete ich mich sonst vor ihnen, &mdash; gleichg&uuml;ltig
+schritt ich heute vorbei, &mdash; meinetwegen
+h&auml;tten sie mit mir tun k&ouml;nnen, was sie wollten. Ich
+war ja gar nicht ich, nur ein Schatten dessen, das
+einst lebendig war. In meiner einsamen dunkeln Wohnung
+warf ich mich angekleidet aufs Bett und gr&uuml;belte
+stumpfsinnig dem einen Gedanken nach: Warum ich
+eigentlich den Morgen erwarten m&uuml;&szlig;te &mdash; und den Tag &mdash; und
+wieder einen Tag, und so in endloser Reihe
+die ganze Leere des Lebens?!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_49" id="Page_49"></a></p>
+
+<p>In meinen stillen Zimmern lastete die Luft auf
+mir. Die Sonne strahlte durch die gr&uuml;numsponnenen
+Fenster, &uuml;ber die lachenden G&auml;rten, &mdash; w&auml;re
+ich nur erst in meinem neuen Heim, wo ich
+nichts sah, als eine gemalte Landschaft! Von innerer
+Unruhe getrieben, lief ich in der Stadt umher, blieb
+vor den Schaufenstern stehen und ertappte mich auf
+einem halb unbewu&szlig;ten Verlangen nach hellen Kleidern.
+Ich sa&szlig; allein vor dem alten verr&auml;ucherten Kaffee Josty
+und sah &uuml;ber den Potsdamer Platz hinweg den Menschen
+nach, die schwatzten und lachten und kokettierten, und
+unter die ich mich nicht mischen durfte. Ein Gef&uuml;hl
+von wohliger W&auml;rme &uuml;berkam mich, wenn bewundernde
+Blicke mich trafen, &mdash; ach, und Sehnsucht packte mich,
+unb&auml;ndige Sehnsucht nach Lebensfreude.</p>
+
+<p>Damals begegnete mir Graf Oer, einer meiner
+alten T&auml;nzer; er hatte den schlechtesten Ruf und war
+doch einer der verw&ouml;hntesten M&auml;nner der berliner Gesellschaft.
+Eine aufreizende, schw&uuml;le Atmosph&auml;re verfeinerter
+Sinnenlust umgab ihn; schon sein forschender
+Blick aus halbgeschlossenen Augen, sein weicher, langsamer
+H&auml;ndedruck lie&szlig; die Frauen err&ouml;ten, denen er sich
+n&auml;herte. Mir gegen&uuml;ber war er ganz teilnehmender
+Freund. &raquo;Ihre Bl&auml;sse erh&ouml;ht zwar nur Ihren Reiz,
+sch&ouml;nste Frau,&laquo; sagte er, &raquo;aber im Verein mit Ihrer
+sylphidenhaften Gestalt&laquo; &mdash; seine Blicke wanderten
+f&ouml;rmlich &uuml;ber meinen K&ouml;rper &mdash; &raquo;finde ich sie be&auml;ngstigend.
+Sie brauchen Sonnenweide wie ein Rassepferd.
+Was meinen Sie, wenn ich Ihnen t&auml;glich ein paar
+Stunden lang meinen Wagen schicke und Sie in den<a name="Page_50" id="Page_50"></a>
+Grunewald fahre oder nach Wannsee?&laquo; Trotz meiner
+Ablehnung, die nicht sehr energisch gewesen sein mochte,
+hielt sein elegantes Juckergespann am n&auml;chsten Morgen
+vor meiner T&uuml;re. War das wonnig, so in den jungen
+Tag hineinzurollen; mit geschlossenen Augen vorbei an
+den &ouml;den Feldern des Kurf&uuml;rstendamms, in den Grunewald
+hinein, dessen vereinzelte Villen sich rasch verloren,
+bis zu dem kleinen F&ouml;rsterhaus am stillen See, in dem
+die Sonne sich, ihrer Sch&ouml;nheit froh, eitel bespiegelte.
+&raquo;Wie Sie genie&szlig;en k&ouml;nnen!&laquo; sagte Graf Oer, als
+wir beim Fr&uuml;hst&uuml;ck im G&auml;rtchen sa&szlig;en. &raquo;Und Sie wollen
+lebendigen Leibes ins Kloster gehen! Die Welt ist so
+sch&ouml;n und wartet nur darauf, Sie zu empfangen, &mdash; lassen
+Sie mich Ihr F&uuml;hrer sein&nbsp;&mdash;&laquo; Ich f&uuml;hlte seine
+feuchten, k&uuml;hlen Lippen auf meiner Hand, sein Knie
+dicht an dem meinen, &mdash; ein unbezwinglicher Ekel
+schn&uuml;rte mir die Kehle zusammen. Ich sprang auf,
+raffte mein Kleid und verlie&szlig; ohne ein Wort, ohne
+einen Blick den Garten. Waren Genu&szlig; und Gemeinheit
+Zwillingsgeschwister, so wollt' ich wahrlich ins
+Kloster gehen!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Zu Hause erinnerte mich ein Brief an den letzten
+und wichtigsten Besuch, den ich im Interesse des
+Zentralausschusses machen wollte: bei Bebel. Er
+lud mich zum Mittagessen ein, &raquo;dabei l&auml;&szlig;t sich am besten
+besprechen, was Ihnen am Herzen liegt und mich lebhaft
+interessiert.&laquo;</p>
+
+<p>In der Gro&szlig;g&ouml;rschenstra&szlig;e wohnte er, einer jener
+neuen Stra&szlig;en, die jede Fassadenpracht verschm&auml;hte und
+<a name="Page_51" id="Page_51"></a>deren &uuml;ppiger Blumenschmuck verriet, da&szlig; die vielen
+kleinen Balkons die Sommerfrische ihrer Bewohner waren.</p>
+
+<p>Ein l&auml;chelndes Dienstm&auml;dchen in blendend wei&szlig;er
+Sch&uuml;rze &ouml;ffnete mir auf mein L&auml;uten an der blank geputzten
+Klingel. Ein leichter Geruch nach frischer Seife
+drang mir entgegen, und in dem hellen Zimmer, das
+ich betrat, blinkte die Politur der M&ouml;bel, da&szlig; sich die
+Bilder an den W&auml;nden darin spiegelten. Die vollkommenste
+Einfachheit herrschte hier, jede Spur k&uuml;nstlerischer
+Kultur fehlte, aber es fehlte auch jeder Versuch,
+Nichtvorhandenes vort&auml;uschen zu wollen. Die
+kleine, runde Frau, die mich herzlich willkommen hie&szlig;,
+mit der schwarzen Sch&uuml;rze &uuml;ber dem schlichten Kleid,
+den von G&uuml;te strahlenden Z&uuml;gen unter den glatten
+Scheiteln, war wie ein Teil dieses Raumes. Sie
+n&ouml;tigte mich in den Lehnstuhl neben dem N&auml;htischchen
+am Fenster, meine Hand fest in der ihren haltend.</p>
+
+<p>&raquo;So eine arme, junge Frau,&laquo; sagte sie mitleidig;
+&raquo;ich mu&szlig;te oft an Sie denken und an Ihre Einsamkeit, &mdash; ich
+w&auml;re l&auml;ngst bei Ihnen gewesen, wenn ich
+nicht gef&uuml;rchtet h&auml;tte, zudringlich zu erscheinen.&laquo; Mir
+wurden die Augen feucht, &mdash; meiner Einsamkeit hatten
+sich auch die N&auml;chsten nicht erinnert. Mit jener Kunst
+verst&auml;ndnisvollen Zuh&ouml;rens, die selbst die beste Erziehung
+nicht zu geben vermag, wenn die Teilnahme des Herzens
+fehlt, lie&szlig; sie sich von meinen kleinen Wohnungs- und
+Wirtschaftsk&uuml;mmernissen erz&auml;hlen. &raquo;Was, im Wirtshaus
+essen Sie&nbsp;&mdash;?!&laquo; Sie schlug die H&auml;nde erstaunt zusammen. &mdash; &raquo;Kein
+Wunder, da&szlig; Sie so bla&szlig; und schmal werden;
+ordentlich herausfuttern m&uuml;&szlig;te man Sie&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Bebel trat ein, mit einem raschen, elastischen Schritt,
+<a name="Page_52" id="Page_52"></a>die gl&auml;nzenden Augen gerade auf mich gerichtet, w&auml;hrend
+ein B&uuml;schel Haare ihm keck, wie bei einem
+Knaben, in die Stirne fiel. Von einer breiten Hand &mdash; zu
+schwer fast f&uuml;r den schm&auml;chtigen K&ouml;rper &mdash; f&uuml;hlte
+ich meine Finger umschlossen. &raquo;Ich freue mich Ihres
+Besuchs&nbsp;&mdash;,&laquo; seine Stimme klang im Zimmer viel
+weicher und voller als auf der Rednertrib&uuml;ne, &raquo;&mdash;&nbsp;nicht
+mehr allein, weil Sie Glyzcinskis Witwe sind. Nach
+dem Schriftst&uuml;ck hier&nbsp;&mdash;,&laquo; er hielt das Programm des
+Zentralausschusses in der Hand, &raquo;&mdash;&nbsp;haben wir von
+Ihnen viel Gutes zu erwarten.&laquo;</p>
+
+<p>Er n&ouml;tigte mich in sein Arbeitszimmer, einen kleinen
+Raum mit wenigen gestrichenen Holzm&ouml;beln, blank gescheuerter
+Diele und musterhafter Ordnung. Wir er&ouml;rterten
+alle Einzelheiten meines Plans.</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen mit Ihrer Arbeit da einspringen, wo
+die Regierung nicht eine, sondern hundert L&uuml;cken gelassen
+hat. Unsere Beteiligung freilich wird sich wohl
+nur auf Ratschl&auml;ge beschr&auml;nken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Damit ist mir nicht gedient!&laquo; rief ich. &raquo;Wie k&ouml;nnen
+wir in die Arbeits- und Lebensverh&auml;ltnisse der Arbeiter
+Einblick gewinnen, wenn Sie uns nicht die verschlossenen
+T&uuml;ren &ouml;ffnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, glauben Sie, ich w&auml;re der liebe Gott?!&laquo; lachte
+er. &raquo;Ich k&ouml;nnte etwa den Gewerkschaften befehlen, Ihren
+Bestrebungen Vertrauen entgegenzubringen, oder gar
+unseren Frauen!!&laquo;</p>
+
+<p>Wir wurden zu Tisch gerufen. Kein Diner hatte mir
+je so gut gemundet wie dieses einfache Mittagsmahl.
+Die besten St&uuml;cke wurden mir auf den Teller geh&auml;uft.</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie, wie's schmeckt, wenn man nicht tr&uuml;b<a name="Page_53" id="Page_53"></a>selig
+allein an einer schmuddeligen Wirtstafel sitzt!&laquo;
+sagte Frau Bebel, befriedigt &uuml;ber meinen Appetit. Sie
+schwieg sonst meist. Nur wenn der lebhafte Gatte gar
+zu heftig irgendeinen Gegner angriff, warf sie ein
+paar bes&auml;nftigende oder entschuldigende Worte ein, und
+als er gegen die Junker wetterte, sah sie zuerst ihn,
+dann mich vielsagend an.</p>
+
+<p>&raquo;Ach soo&nbsp;&mdash;,&laquo; er unterbrach sich ein wenig verlegen,
+&raquo;&mdash;&nbsp;Sie geh&ouml;ren ja am Ende auch zu ihnen! &mdash; Aber
+mein Schimpfen ist wahrscheinlich ein sanftes Fl&ouml;tenspiel
+gegen die T&ouml;ne, die angesichts der Kreuzzeitungsaff&auml;re
+in Ihren eigenen Kreisen angeschlagen werden.
+Der Fall Hammerstein, diese Dekouvrierung eines der
+Edelsten und Besten, kommt den privilegierten Besch&uuml;tzern
+von Religion und Sittlichkeit gerade jetzt gewaltig
+in die Quere. Und die Sache ist noch lange
+nicht zu Ende, &mdash; die ganze Kreuzzeitungspartei, die den
+jungen Kaiser vor ein paar Jahren als Zugpferd vor
+ihren eignen Wagen spannen wollte, wird daran glauben
+m&uuml;ssen.&laquo; Er verbreitete sich, immer lebendiger werdend,
+&uuml;ber die politische Lage und die n&auml;chsten Zukunftsaussichten.
+Er sah &uuml;berall Symptome f&uuml;r den Zusammenbruch
+der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, und auf der
+anderen Seite Etappen zum Siege des Sozialismus.
+&raquo;Die Weltmachtpolitik, die, einmal begonnen, nicht mehr
+aufzuhalten sein wird, ist der Anfang vom Ende. Sie
+appelliert zwar an die st&auml;rksten, an die brutalen Instinkte,
+aber sie f&uuml;hrt schlie&szlig;lich mit Notwendigkeit zur
+Auspowerung der Massen und treibt sie uns damit in
+die Arme, &mdash; gewisser, als alle Agitation von unserer
+Seite es verm&ouml;chte. Selbst ein m&ouml;glicher Weltkrieg
+<a name="Page_54" id="Page_54"></a>zwischen den Kolonialm&auml;chten w&auml;re nur der Auftakt
+der Revolution.&laquo;</p>
+
+<p>Ich dachte an Shaw und seine unbedingte Gegnerschaft
+zu dieser ans Fatalistische streifenden Auffassung
+von der Entwicklung zum Sozialismus und warf in
+diesem Sinn eine bescheidene Frage in die Unterhaltung:
+&raquo;Stehen wir nicht in Gefahr, als blo&szlig;e Zuschauer
+die H&auml;nde in den Scho&szlig; zu legen, wenn uns
+die Naturgesetzlichkeit des Sozialismus so zweifellos
+fest steht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Einwurf, der nach dem Katheder schmeckt!
+M&uuml;ssen wir nicht die Menschen f&uuml;r diese Entwicklung
+vorbereiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also ist alle Gegenwartspolitik der Partei nie Selbstzweck&nbsp;&mdash;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sondern nur Mittel zum Ziel,&laquo; rief er lebhaft,
+&raquo;und ihr Wert ist nur von diesem Gesichtspunkt aus
+zu bemessen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie habe ich danach Ihr Interesse f&uuml;r meinen
+Plan einzusch&auml;tzen?&laquo; frug ich l&auml;chelnd. &raquo;Als blo&szlig;e H&ouml;flichkeit
+etwa?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Treiben wir Sozialpolitik aus H&ouml;flichkeit?! Doch
+nur, weil eine gesunde, kr&auml;ftige Arbeiterschaft, die Zeit
+hat zum Denken und zum Wirken, die Armee ist, die
+wir haben m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich streifte mechanisch die Handschuhe &uuml;ber die Finger.
+Mein Herz schlug in dem raschen Takt der Melodie,
+die dieser Mann angeschlagen hatte. Der Glaube an
+die Sache&nbsp;&mdash;, das war das Un&uuml;berwindliche in ihr.
+An der T&uuml;r hielt mich Bebel noch einmal auf: &raquo;Ich
+rate Ihnen, wenn Sie irgend etwas im Kreise unserer<a name="Page_55" id="Page_55"></a>
+Genossinnen erreichen wollen, &mdash; setzen Sie sich mit
+Wanda Orbin in Verbindung. Am besten, fahren Sie
+zu ihr. Ist sie gegen Ihren Plan, so haben Sie alle
+miteinander gegen sich!&laquo;</p>
+
+<p>Noch am selben Abend schrieb ich an Frau Orbin,
+um ihr meinen Besuch anzuk&uuml;ndigen; zugleich bat ich
+sie, in ihrer Zeitschrift, der &raquo;Freiheit&laquo;, meine Idee zur
+Diskussion stellen zu d&uuml;rfen. Sie antwortete umgehend,
+aber was sie schrieb, klang wenig ermutigend: Wenn
+mein Weg mich &uuml;ber Stuttgart f&uuml;hre, so w&uuml;rde ihr
+mein Besuch willkommen sein; zu einer Reise, eigens
+ihretwegen, k&ouml;nne sie mir jedoch nicht raten, da sie
+zwecklos sein w&uuml;rde; von einer Ver&ouml;ffentlichung meines
+Plans in ihrer Zeitschrift k&ouml;nne auch keine Rede sein:
+&raquo;... die &#8250;Freiheit&#8249; ist ein rein sozialdemokratisches Blatt,
+an dem ich grunds&auml;tzlich nur solche Mitarbeiter zulasse,
+die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen.&laquo; Trotzdem
+beschlo&szlig; ich, zu ihr zu fahren, und w&auml;re es nur,
+um die Bekanntschaft dieser Frau zu machen, deren
+Leben und deren Pers&ouml;nlichkeit ein wahrhaft vorbildliches
+zu sein schien. Bebel, den ich in dieser Zeit
+&ouml;fter sah, erz&auml;hlte mir viel von ihr: wie sie sich mit
+Peter Orbin, einem russischen Sozialisten, in freier Ehe
+verbunden habe, ihm nach Paris in Elend und Verbannung
+gefolgt sei und das schwere Siechtum, das
+&uuml;ber ihn hereinbrach, jahrelang vor ihren Freunden zu
+verstecken verstand, indem sie in seinem Namen korrespondierte,
+in seinem Namen Artikel schrieb und mit
+zwei kleinen Kindern und dem kranken, st&auml;ndiger Pflege
+bed&uuml;rftigen Mann nicht nur das t&auml;gliche Brot f&uuml;r alle
+schaffte, sondern auch imstande war, f&uuml;r die Partei un<a name="Page_56" id="Page_56"></a>erm&uuml;dlich
+zu agitieren. Mir schwindelte vor dieser
+Leistungskraft; meine Schmerzen, meine K&auml;mpfe schrumpften
+davor kl&auml;glich zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Nerven freilich hat sie dabei ruiniert,&laquo; f&uuml;gte
+Bebel schlie&szlig;lich hinzu.</p>
+
+<p>An einem Abend hatte ich Liebknechts und Bebels
+zu mir geladen. L&auml;ngst erloschene Gesellschaftsvorfreuden
+empfand ich wieder in der Erwartung dieser
+G&auml;ste. Zum erstenmal vermi&szlig;te ich schmerzlich all die
+vielen grazi&ouml;sen Ger&auml;te, mit denen ich als Haustochter
+die Festtafel zu schm&uuml;cken verstand, &mdash; ich hatte nicht
+einmal genug Messer und Gabeln! Schweren Herzens
+entschlo&szlig; ich mich, bei den Eltern zu borgen, was am
+notwendigen fehlte.</p>
+
+<p>&raquo;Du gibst Gesellschaften?&laquo; frug Mama erstaunt. &raquo;Kaum
+ein halbes Jahr nach dem Tode deines Mannes?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur ein paar Interessenten meines Zentralausschusses&nbsp;&mdash;,&laquo;
+antwortete ich ausweichend, w&auml;hrend die
+Scham &uuml;ber diese verlogene Geheimniskr&auml;merei mich err&ouml;ten
+machte. War es Zufall oder Absicht, da&szlig; mein
+Vater, kurz ehe ich meine G&auml;ste erwartete, zu mir kam
+und Anstalten machte zu bleiben? In qu&auml;lender Angst
+sa&szlig; ich vor ihm, alle erdenklichen Gr&uuml;nde ersinnend, um
+ihn, ohne ihn zu verletzen, zum Gehen zu n&ouml;tigen. Endlich
+stand er auf. &raquo;Meine eigene Tochter wirft mich
+hinaus,&laquo; sagte er mit einem m&uuml;den, wehen Ton in der
+Stimme. &raquo;Lieber &mdash; lieber Papa!&nbsp;&mdash;&laquo; ich schlang die
+Arme um seinen Hals und k&uuml;&szlig;te ihn. In diesem Augenblick
+kam ich mir vor wie ein Verr&auml;ter. Der Abend,
+auf den ich mich so gefreut hatte, war f&uuml;r mich eine
+Qual.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_57" id="Page_57"></a></p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen fuhr ich nach Stuttgart.
+Ein unbestimmtes Hoffen, das wie durchleuchtet
+war von froher Ahnung, erf&uuml;llte mich:
+irgend etwas ganz Ungew&ouml;hnliches w&uuml;rde geschehen.
+Auf dem Bahnhof empfing mich Frau Orbin. Ihre
+Erscheinung war nicht die imponierende, die ich mir vorgestellt
+hatte. Ich sah zun&auml;chst nichts als eine breite
+untersetzte Gestalt und einen gro&szlig;en Hut mit zerzausten
+Federn, der windschief auf ihrem Kopfe sa&szlig; und ihre Z&uuml;ge
+beschattete. Fast h&auml;tte ich sie nicht wiedererkannt, als sie ihn
+abgenommen hatte und sich im Speisezimmer des Hotels zu
+mir setzte. Rotblonde Haare bauschten sich wellig um
+Stirn und Schl&auml;fen, helle Augen, in allen Lichtern des
+Regenbogens spielend, sahen mir gerade ins Gesicht, auf
+der Stirn, um Nase und Mund gruben sich kleine senkrechte
+Falten, die zu der noch jugendlich-weichen Rundung der
+Wangen in peinlichem Mi&szlig;verh&auml;ltnis standen. Ohne alle
+H&ouml;flichkeitspr&auml;liminarien begann sie sofort meinen Plan
+r&uuml;cksichtslos zu zerzausen. Sie sprach mit nerv&ouml;ser &Uuml;berst&uuml;rzung,
+die Worte jagten einander, als wollte eins das
+andere verschlucken. &raquo;An eine Zusammenarbeit von uns
+und Ihnen ist nat&uuml;rlich gar nicht zu denken. Sollte von
+anderer Seite etwas der Art f&uuml;r m&ouml;glich erkl&auml;rt worden
+sein&nbsp;&mdash;,&laquo; ein mi&szlig;trauisch-fragender Blick traf mich, &mdash; &raquo;so
+w&uuml;rde ich jede solche Absicht auf das Sch&auml;rfste bek&auml;mpfen.
+Der politische Kampf ist f&uuml;r uns das A und
+O. Darum ist jede Harmonieduselei mit b&uuml;rgerlichen
+Elementen vom &Uuml;bel und kann nur verwirrend wirken,
+den Klassenkampfcharakter unserer Bewegung verwischen.
+Nicht die Gegens&auml;tze &uuml;berbr&uuml;cken, wie b&uuml;rgerliche Idea<a name="Page_58" id="Page_58"></a>listen
+und Ethiker w&uuml;nschen, sondern sie auf das Sch&auml;rfste
+betonen, ist f&uuml;r uns die Hauptsache. Reinliche Scheidung, &mdash; ohne
+Konzessionen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich seufzte tief auf. Sie verstand mich falsch und
+ein feines ironisches L&auml;cheln kr&auml;uselte fl&uuml;chtig ihre
+Lippen. &raquo;Das ist freilich nicht immer ganz bequem, aber
+f&uuml;r Menschen wie Parteien die einzig m&ouml;gliche Grundlage
+ihrer Existenz.&laquo;</p>
+
+<p>Sie lud mich f&uuml;r den folgenden Tag zu sich ein.
+H&auml;tte mich die Frau nicht gereizt, der Sache wegen
+schien der Besuch keinen Zweck mehr zu haben.</p>
+
+<p>In einer Wohnung von puritanischer Schlichtheit empfing
+sie mich, aber ein unbestimmtes Etwas, sei es die
+Wahl der Bilder, der Fall der Vorh&auml;nge oder nur die
+ganze Farbenstimmung des Raumes, verriet das
+k&uuml;nstlerische Empfinden der Bewohnerin. Und als ihre
+beiden frischen Buben hereinst&uuml;rmten, rotwangig und
+gl&auml;nzenden Auges, sah ich hinter der R&uuml;stung der
+K&auml;mpferin den Menschen, die Mutter. Wie reich war
+sie! &mdash; Wir gingen nachmittags hinaus vor die Stadt,
+die bewaldeten H&uuml;gel hinan, die sie so z&auml;rtlich umschlie&szlig;en.
+Die Kinder und die Natur schienen Wanda
+Orbin zu verwandeln. Sie war viel milder heute. Sie
+sprach &uuml;ber Kunst und Literatur mit dem Verst&auml;ndnis
+eines selbst&auml;ndigen Geistes und der Wehmut ungl&uuml;cklich
+Liebender. &raquo;Das alles ist eingeschlafen, hat einschlafen
+m&uuml;ssen gegen&uuml;ber der gro&szlig;en, umfassenden Aufgabe,&laquo;
+sagte sie schlie&szlig;lich, und ihre Augen bekamen wieder den
+fiebrigen Glanz des Fanatismus.</p>
+
+<p>Kaum waren wir in ihrer Wohnung, als ein Mann
+zu ihr hereinst&uuml;rzte, atemlos eine Depesche hin- und
+<a name="Page_59" id="Page_59"></a>herschwenkend, w&auml;hrend ihm hinter den Augengl&auml;sern
+die dicken Tr&auml;nen &uuml;ber die b&auml;rtigen Wangen liefen.
+&raquo;Engels &mdash; Engels ist tot&nbsp;&mdash;,&laquo; stie&szlig; er m&uuml;hsam hervor.
+Mit einer abwehrenden Bewegung der H&auml;nde &mdash; breiter
+kurzfingeriger H&auml;nde, die aussahen, als h&auml;tte der Bildhauer
+Natur sie nur in rohen Umrissen skizziert und
+vergessen, sie auszuf&uuml;hren &mdash; starrte Wanda Orbin dem
+Ungl&uuml;cksboten sekundenlang ins Gesicht. Dann warf
+sie die Arme empor und brach in ein konvulsivisches
+Schluchzen aus, unter dem ihr K&ouml;rper immer heftiger
+zu zittern begann. Ihre F&uuml;&szlig;e w&uuml;rden die Schwankende
+nicht mehr tragen, dachte ich, und schob ihr vorsichtig
+einen Sessel zu, in dem sie haltlos versank. Inzwischen
+hatte sich das Zimmer gef&uuml;llt: die Eintretenden tauschten
+miteinander warme H&auml;ndedr&uuml;cke. Alles sammelte sich
+um die weinende Frau, leise Fl&uuml;stergespr&auml;che, als l&auml;ge
+der Tote mitten unter ihnen, flogen nach langer be&auml;ngstigender
+Stille hin und her. Eine Familie war
+dies, die St&auml;rkeres zusammengeschwei&szlig;t hatte als das
+Blut: aus gemeinsamen Empfindungen, Gedanken und
+Idealen entsprang die Tiefe gemeinsamer Trauer um
+den, der ihr F&uuml;hrer gewesen war. Auf Zehenspitzen
+schlich ich hinaus und f&uuml;hlte doch mit &uuml;berw&auml;ltigender
+Gewi&szlig;heit, da&szlig; ich dazu geh&ouml;rte.</p>
+
+<p>Sp&auml;t am Abend kam Wanda Orbin noch einmal zu
+mir, &mdash; sehr weich, sehr liebevoll. &raquo;Sie h&auml;tten bleiben
+d&uuml;rfen, Sie sind uns doch keine Fremde,&laquo; sagte sie.
+Da gewann ich Vertrauen und erz&auml;hlte ihr von den
+Zweifeln und K&auml;mpfen der letzten Wochen. Ich
+sah, wie sie l&auml;chelte, &mdash; nachsichtig wie eine Mutter
+&uuml;ber Kinderleiden, aber es verletzte mich nicht. &raquo;Im<a name="Page_60" id="Page_60"></a>
+Zwiespalt der Empfindungen kann niemand dem anderen
+helfen,&laquo; meinte sie dann. &raquo;Ich wei&szlig; nur eins gewi&szlig;:
+ist Ihre &Uuml;berzeugung erst vollkommen klar und unersch&uuml;tterlich,
+so verschwindet vor ihr das blo&szlig;e Gef&uuml;hl,
+wie Sommerschw&uuml;le vor dem Gewitter. Zu dieser &Uuml;berzeugung
+zu gelangen, das ist freilich das schwerste.
+Die Logik der Tatsachen, die Lebensverh&auml;ltnisse pauken
+dem Proletariat eine Auffassungsweise ein, die sich der
+b&uuml;rgerliche Idealist mit gro&szlig;er M&uuml;he aneignen mu&szlig;,
+wenn es ihm &uuml;berhaupt trotz aller Ehrlichkeit gelingt,
+den alten Adam der b&uuml;rgerlichen Ideen abzulegen. Es
+ist so furchtbar schwer, aus seiner Haut zu fahren, sich
+von dem zu befreien, was Vererbung und Milieu aus
+uns gemacht haben.&laquo; Ihre Augen schauten wie nach
+innen.</p>
+
+<p>Wir sprachen noch lange miteinander. Sie riet mir
+jetzt zur Ausf&uuml;hrung meines Planes; ich w&uuml;rde durch
+ihn vielleicht am besten zur Klarheit kommen, und an
+Rat und &mdash; inoffizieller &mdash; Hilfe von ihr sollte es nicht
+fehlen. &raquo;Setzen Sie sich in Berlin mit den Gewerkschaften
+in Verbindung, und zwar speziell mit den Konfektionsarbeitern,
+die infolge der Bewegung, in der sie
+augenblicklich stehen, Ihre Sache als eine Unterst&uuml;tzung
+betrachten d&uuml;rften. Und dann, vor allen Dingen, suchen
+Sie unseren Genossen <em class="antiqua">Dr.</em> Heinrich Brandt f&uuml;r sich
+zu interessieren. Gewinnen Sie ihn, so ist Ihnen geholfen:
+er setzt alles durch, was er will.&laquo;</p>
+
+<p><em class="antiqua">Dr.</em> Brandt! &mdash; Ich schlo&szlig; unwillk&uuml;rlich die Lider,
+verloren in Erinnerung. &raquo;Alle Str&ouml;me flie&szlig;en in unser
+Meer,&laquo; h&ouml;rte ich eine dunkle klingende Stimme sagen,
+und fl&uuml;chtig &mdash; ein Traumbild &mdash; tauchte ein Mann
+<a name="Page_61" id="Page_61"></a>vor mir auf, blond und schlank, und tiefe graue Augen
+versanken sekundenlang in den meinen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Nach meiner R&uuml;ckkehr schrieb ich sofort an Johannes
+Reinhard, den F&uuml;hrer der Konfektionsarbeiter-Bewegung,
+und an Heinrich
+Brandt. Reinhard k&uuml;ndigte mir umgehend seinen Besuch
+an; kurz darnach bestimmte Brandt daf&uuml;r dieselbe
+Stunde. Im ersten Gef&uuml;hl starker Freude,
+&uuml;ber deren Ursache ich mir nicht so recht klar war,
+wollte ich Reinhard abschreiben, um den anderen bald
+und zuerst zu sehen. &Uuml;ber mich selbst err&ouml;tend, zerri&szlig;
+ich die Karte wieder, die ich zu schreiben begonnen
+hatte, und bat statt dessen Brandt, seinen Besuch zu
+verschieben. &raquo;Schade,&laquo; antwortete er mir, &raquo;ich w&auml;re
+gern gleich gekommen. Vorgestern las ich in der wiener
+&#8250;Zeit&#8249; einen Artikel von Ihnen, der mich so entz&uuml;ckte,
+da&szlig; der Wunsch, die Verfasserin kennen zu lernen, in
+mir rege wurde. Diesem Wunsch begegnete noch am
+selben Morgen Ihr Brief.&laquo;</p>
+
+<p>Und nun stand Reinhard vor mir, unter der linken
+Schulter die Kr&uuml;cke, das Gesicht noch gelber, als da
+ich ihn zum letztenmal in der Egidyversammlung gesehen
+hatte, die schwarzen, d&uuml;nnen Haarstr&auml;hnen wie festgeklebt
+um den breiten Sch&auml;del und die tief eingefallenen
+Schl&auml;fen.</p>
+
+<p>&raquo;Hielte ich Ihren Plan nicht f&uuml;r gut, f&uuml;r notwendig
+sogar in diesem Augenblick, wo der Reichskanzler den
+Stillstand der Sozialreform nicht nur zugab, sondern
+verteidigte, ich w&uuml;rde nicht so rasch hier sein,&laquo; be<a name="Page_62" id="Page_62"></a>gann
+er die Unterhaltung, indem er sich m&uuml;hsam, das
+linke Bein gerade ausgestreckt, auf dem Stuhl niederlie&szlig;.
+&raquo;Wir stehen in der Konfektion seit Beginn des Jahres
+in einer Bewegung, die mir Tag und Nacht keine Ruhe
+l&auml;&szlig;t &mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;: um die Durchsetzung von Betriebswerkst&auml;tten
+handelt es sich,&laquo; unterbrach ich ihn. &raquo;Der Zentralausschu&szlig;
+k&ouml;nnte nichts Besseres beginnen, als Sie
+darin unterst&uuml;tzen.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah erfreut auf. &raquo;Ich sehe, Sie sind orientiert,
+und so brauche ich nur hinzuzuf&uuml;gen, da&szlig; Ihr Zentralausschu&szlig;
+auch nirgends reicheres Material zur Frage
+der Frauenarbeit finden k&ouml;nnte als bei uns. Ihren
+londoner Eindr&uuml;cken, von denen ich in den Zeitungen
+gelesen habe, w&uuml;rden die berliner nicht nachstehen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich zweifelte an der M&ouml;glichkeit &auml;hnlichen Elends
+bei uns. Nicht einmal in der Nacht, wenn ich aus
+Versammlungen gekommen war, hatte ich so bittere Not
+gesehen, wie sie mir in London bei hellem Tage begegnet war.</p>
+
+<p>&raquo;Unsere &Auml;rmsten sch&auml;men sich, &mdash; das ist vielleicht der
+letzte Rest Menschlichkeit in ihnen,&laquo; meinte er; &raquo;seit
+Wochen mache ich fast nichts anderes als Besuche bei
+den Heimarbeitern. Eben erst war ich bei einem alten
+gel&auml;hmten Weibe, das hier im Westen, f&uuml;nf Treppen
+hoch, ein einfenstriges Zimmer und eine fensterlose, winzige
+K&uuml;che mit ihrer Tochter und deren vier kleinen
+Kindern bewohnt. Von fr&uuml;h f&uuml;nf bis nachts um elf
+trampelt die Tochter die N&auml;hmaschine, um bestenfalls
+neun Mark in der Woche zu verdienen. Vor wenigen
+Tagen war ich in einem engen Kellerloch, wo eine Witwe
+mit zwei Kindern wohnt; auf den schimmeligen<a name="Page_63" id="Page_63"></a>
+M&ouml;beln, auf dem einzigen wackeligen Bett, liegen elegante
+Damenblusen, f&uuml;r die sie ganze f&uuml;nf Mark w&ouml;chentlich
+einnimmt.&laquo; Reinhard erhob sich, rote Flecken
+brannten auf seinen Backenknochen, und w&auml;hrend er
+weitersprach, humpelte er im Zimmer aufgeregt hin
+und her. &raquo;In einem anderen Keller, wo die Dielen
+faulen und die Fenster tief unter der Erde liegen, arbeiten
+zwei Schwestern, &mdash; junge, bleichs&uuml;chtige Dinger, &mdash; f&uuml;r
+die, die oben in Luft und Sonne lachend vor&uuml;bergehen.
+Ist die Ehre, die ihr bewahrt habt, das
+elende Leben wert, &mdash; h&auml;tte ich ihnen am liebsten zugerufen.
+Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen L&ouml;chern,
+sah ich ein Ehepaar mit f&uuml;nf Kindern und einem Schlafm&auml;dchen;
+den Mann zerfri&szlig;t auf dem Lager voll Lumpen
+der Kehlkopfkrebs, die Frau n&auml;ht Knopfl&ouml;cher f&uuml;r ganze
+vier Mark in der Woche,&laquo; &mdash; klipp &mdash; klapp &mdash; klipp &mdash; klapp, &mdash; rascher
+und rascher schlug Reinhards Kr&uuml;cke
+den Takt zu der grausen Melodie&nbsp;&mdash;; &raquo;eine arme Mutter
+fand ich in einem sonnenlosen Winkel im Norden, sie
+n&auml;hte Hemden, halbfertig lagen sie auf dem Bett,
+wo zwei diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen.
+Und, denken Sie nur&laquo;, &mdash; er blieb stehen und lachte grell
+auf, &raquo;&mdash;&nbsp;einen schneewei&szlig;en Mantel, bestimmt f&uuml;r nackte
+Schultern sch&ouml;ner Frauen, sah ich einmal in den H&auml;nden
+einer Syphilitischen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes willen &mdash; h&ouml;ren Sie auf!&laquo; Auch ich
+erhob mich. &raquo;Warum schreien Sie diese Tatsachen nicht
+auf &ouml;ffentlichem Markte aus? Warum kleben Sie Ihre
+Berichte nicht an alle Stra&szlig;enecken? &mdash; Kein Reichskanzler
+w&uuml;rde mehr wagen, den Stillstand der Sozialreform
+zu verteidigen.&laquo;</p>
+<p><a name="Page_64" id="Page_64"></a></p>
+<p>&raquo;Wir sind dabei, es zu tun,&laquo; antwortete er, und seine
+Sprechweise nahm wieder den Ton der alten sachlichen
+Ruhe an. &raquo;Eine Brosch&uuml;re, an der ich arbeite, wird
+allen ma&szlig;gebenden Pers&ouml;nlichkeiten zugeschickt und unserem
+diesj&auml;hrigen Parteitag vorgelegt werden; wir haben au&szlig;erdem,
+wie Sie wissen, die Unternehmer vor die Alternative
+gestellt, Betriebswerkst&auml;tten einzurichten, oder einer
+allgemeinen Arbeitseinstellung gew&auml;rtig zu sein. Kommt
+es dazu, so wird die &Ouml;ffentlichkeit sich mit uns besch&auml;ftigen
+m&uuml;ssen. &Uuml;brigens:&nbsp;&mdash;,&laquo; er dachte einen Augenblick
+nach, &raquo;wie w&auml;r's, wenn Sie die T&auml;tigkeit Ihres Zentralausschusses
+auf eigene Faust beginnen und mich bei
+meinen Recherchen zuweilen begleiten w&uuml;rden?&laquo;</p>
+
+<p>Dankbar nahm ich sein Anerbieten an. In der
+n&auml;chsten Zeit brachte ich fast t&auml;glich ein paar Stunden
+mit ihm zu. Wir kamen in Stadtteile, die ich noch
+nie gesehen hatte, lange, n&uuml;chterne Stra&szlig;enzeilen, die
+H&auml;user regelm&auml;&szlig;ig aufgereiht, gleichm&auml;&szlig;ig grau get&uuml;ncht;
+die &Ouml;de des Anblickes nur noch erh&ouml;ht durch die &auml;u&szlig;ere
+Ordnung und Reinlichkeit. Wir schritten durch enge
+H&ouml;fe in dunkle Hinterh&auml;user, die das Licht der Stra&szlig;e
+nicht mehr f&uuml;rchteten und ohne Scham die Bl&ouml;&szlig;en
+ihrer Not enth&uuml;llten. Nach Osten, nach S&uuml;den f&uuml;hrte uns
+der Weg, wo mitten im kahlen, der Stadt schon preisgegebenen
+Boden hohe Mietskasernen an zerw&uuml;hlten,
+werdenden Stra&szlig;en standen. Hier, zwischen den feuchten
+W&auml;nden, hauste das Elend und starrte uns an mit den
+glanzlosen Blicken erloschenen Lebens, die grausamer in
+die Seele schneiden als die wildesten Schreie der Verzweiflung.</p>
+
+<p>Oft, wenn wir aus dem Dunkel sparsam verteilter<a name="Page_65" id="Page_65"></a>
+Laternen kamen und das Licht der Friedrichstadt uns
+blendend empfing, haftete mein Auge staunend an den
+gl&auml;nzenden Spiegelscheiben der L&auml;den und der Restaurants.
+Prahlend breiteten sich hinter den einen all die
+Herrlichkeiten aus, die den Gaumen laben, den K&ouml;rper
+schm&uuml;cken, das Leben bereichern; lachend, scherzend, mit
+vollen Taschen und gl&auml;nzenden Augen sa&szlig;en hinter den
+anderen die reizenden Frauen, deren einziger Daseinszweck
+ihre Sch&ouml;nheit zu sein schien, und die M&auml;nner,
+die ihnen huldigen. Wie war es nur m&ouml;glich, da&szlig; die
+von drau&szlig;en, aus den grauen H&auml;userzeilen und den
+werdenden Stra&szlig;en, nicht dicht gedr&auml;ngt, auf leisen
+Sohlen, wie Nachtgespenster, hierher sich schoben, um
+all die Pracht zu zertr&uuml;mmern, das Lachen erstarren
+zu machen?!</p>
+
+<p>Und in meinem Herzen nistete der Ha&szlig; sich ein f&uuml;r
+alle die, die nicht mehr hassen konnten.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am fr&uuml;hen Morgen des 18. August war es. Eine
+arme Frau hatte ich besucht, die ich auf einem
+unserer Wege gefunden hatte. Sie war sterbenskrank, &mdash; ach,
+und wie gern wollte sie sterben, wenn nur
+die Kinder nicht gewesen w&auml;ren, die sie fester als alle
+Arzeneien der Welt ans Leben ketteten. Die durchsichtigen
+Finger durften sich nicht zum Schlafen friedlich
+ineinanderfalten, sie hielten krampfhaft die wei&szlig;e Leinwand
+fest, um zierliche Namensz&uuml;ge, stolze Freiherrn- und
+Grafenkronen hineinzusticken. Ein wenig Hoffnung
+hatte ich ihr gebracht, &mdash; Hoffnung, da&szlig; sie bald ruhig
+werde sterben d&uuml;rfen. Nun ging ich nach Hause, den<a name="Page_66" id="Page_66"></a>
+Kopf gesenkt; die Sonne tat mir weh. An der K&ouml;nigsstra&szlig;e
+geriet ich in einen Menschenschwarm, der mich
+mit sich ri&szlig;: geputzte Frauen mit jenem aus Neugierde,
+Aufregung und Nervenspannung gemischten Ausdruck in
+den Z&uuml;gen, der gew&ouml;hnliche Menschen bei allen gro&szlig;en
+Ereignissen, &mdash; seien es Feuersbr&uuml;nste oder Hochzeitsfeiern, &mdash; charakterisiert,
+M&auml;nner im Sonntagsstaat,
+irgend eine Medaille oder ein Kreuz auf der Brust,
+das in diesen Tagen der Freibrief f&uuml;r alles war: Betrunkenheit &mdash; man
+nannte sie Begeisterung&nbsp;&mdash;, Roheit
+gegen Nichtdekorierte, &mdash; man nannte sie Vaterlandsliebe.
+Ich sah um mich: Fahnen flatterten von den
+H&auml;usern, Stra&szlig;enverk&auml;ufer boten mit kr&auml;hender Stimme
+Kaisermedaillen aus, von ferne klang Trommelwirbel,
+Pferdegetrappel. Richtig: die Grundsteinlegung des
+Nationaldenkmals war heute.</p>
+
+<p>Mit liebevoller Wehmut, wie die Greisin vergilbte
+Liebesbriefe, hatte der Vater gestern die Generalsuniform
+aus ihren Seidenpapierh&uuml;llen herausgeholt,
+hatte die Stickerei, die Kn&ouml;pfe und die vielen Orden
+selbst mit einem Lederl&auml;ppchen abgestaubt und war
+gewi&szlig; heute fr&uuml;h, voll Erregung, zum Schlo&szlig; gefahren.</p>
+
+<p>Jetzt waren wir selbst bis dicht hinter die Schutzmannsketten
+vorgedrungen. Ein Vorw&auml;rts gab's nicht
+mehr, ein Zur&uuml;ck noch weniger. Es galt, auszuhalten.
+Die Galawagen der deutschen F&uuml;rsten rollten vor&uuml;ber
+in ihrer altert&uuml;mlich schwerf&auml;lligen Pracht, dr&ouml;hnenden
+Schrittes r&uuml;ckte die Garde auf den Schlo&szlig;platz, hinter
+ihr mit wehenden Fahnen Ulanen, Dragoner und im
+blitzenden K&uuml;ra&szlig; die Gardedukorps.</p>
+
+<p><a name="Page_67" id="Page_67"></a>Von hinten hauchte mir ein hei&szlig;er Atem in den Nacken,
+der nach klebrigem Biere roch; aus dem Halsausschnitt
+der dicken, kleinen Frau neben mir stieg ein s&uuml;&szlig;licher
+Schwei&szlig;geruch. Mich ekelte vor der Erregung der
+Menge; eindruckslos rauschte sogar die mich sonst
+elektrisierende Musik an meinem Ohre vor&uuml;ber; wie ein
+schlechtes Ausstattungsst&uuml;ck empfand ich das bunte Schauspiel
+vor mir. Unwillk&uuml;rlich fiel mir das Modell des
+Nationaldenkmals ein: wie gut pa&szlig;te es hierher mit
+seinen unruhigen Tier- und Menschengestalten, seinen
+Fahnen, Kanonen, Gewehren und S&auml;beln und dem
+theatralisch daherschreitenden Engel, der des alten Kaisers
+vierschr&ouml;tiges Schlachtro&szlig; f&uuml;hrt. Von seinem k&uuml;nftigen
+Standort, dem Winkel vor dem Schlo&szlig;, den man noch
+dazu dem Wasser hatte abringen m&uuml;ssen, t&ouml;nten Hammerschl&auml;ge,
+Kanonendonner fiel ein, die Luft ersch&uuml;tternd,
+von tiefen Glockenkl&auml;ngen untermischt.</p>
+
+<p>Glocken und Kanonen, &mdash; die f&uuml;hrenden Instrumente
+im Orchester der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, mit denen
+sie das Weinen und Klagen der Millionen zu &uuml;bert&ouml;nen
+glaubt! Ich aber h&ouml;rte es, und ich wu&szlig;te: der
+Tag wird kommen, wo die Glocken vor ihm schweigen
+und die Kanonen vor ihm verstummen werden.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Vor dem Spiegel stand ich in meinem Schlafzimmer.
+Wie lange war es her, da&szlig; ich
+nichts als fl&uuml;chtige Blicke hineingeworfen
+hatte, die nur der Ordnung meiner Haare, meiner
+Kleidung galten. Heute sah ich mich wieder: sch&auml;rfer
+<a name="Page_68" id="Page_68"></a>waren meine Z&uuml;ge geworden und schmaler mein Gesicht,
+meine Gestalt aber war noch immer die eines
+jungen M&auml;dchens. Ich l&auml;chelte: &#8250;Frau&#8249; von Glyzcinski &mdash; und
+ein M&auml;dchen, ein altes M&auml;dchen sogar von
+drei&szlig;ig Jahren! Aber ich wollte nicht alt sein, &mdash; heute
+nicht. Ich f&uuml;hlte wieder, wie ich rot wurde.
+Da&szlig; das Weib in mir sich nicht t&ouml;ten lie&szlig;! Wo doch
+so vieles schon gestorben war!</p>
+
+<p>Es klingelte. Kurz und scharf. Die Aufw&auml;rterin
+hatte ich fr&uuml;h schon nach Hause geschickt, sie war so alt
+und so h&auml;&szlig;lich. Dem Besuch, den ich erwartete, wollte
+ich selber &ouml;ffnen.</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;dige Frau?!&laquo; &mdash; Eine &uuml;berraschte, fragende
+Stimme. Ich unterschied im D&auml;mmerlicht der Treppe
+und des Flurs die Silhouette eines Mannes, mit dem
+weiten Mantel &uuml;ber den Schultern, dem breiten Schlapphut
+auf dem Kopf. Ich selbst in meinem schwarzen
+Kleid mu&szlig;te ihm nur wie ein Schatten erscheinen. Ich
+ging ihm voran ins Zimmer, das flutendes Sonnenlicht
+durchstrahlte, wie einst, da ich zum erstenmal &uuml;ber die
+Schwelle trat. Ich wendete mich um, &mdash; meine Hand
+blieb vergessen in der Heinrich Brandts. &raquo;Wir sind
+uns &mdash; keine Fremden&nbsp;&mdash;,&laquo; stotterte ich verlegen. &raquo;Nein, &mdash; nein&nbsp;&mdash;,&laquo;
+antwortete er und sah mich noch immer
+an. Die Uhr auf dem Schreibtisch holte zum Schlagen
+aus. Ich zuckte zusammen, setzte mich hastig, und steif
+und f&ouml;rmlich lud ich auch ihn zum Sitzen ein.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; wiederholte er, und seine Augen lie&szlig;en
+mich noch immer nicht los, w&auml;hrend sein Gesicht
+heller zu werden schien, &raquo;&mdash;&nbsp;Sie sind mir keine
+Fremde. Kennen Sie das?&laquo; Er zog das graue Heft
+<a name="Page_69" id="Page_69"></a>der Wiener &raquo;Zeit&laquo; aus seiner Rocktasche. &raquo;Im Grunde
+ein ganz dummer, kleiner Artikel, den Sie da geschrieben
+haben, und doch so wundervoll! Ein ganzer Mensch
+steckt dahinter!&laquo;</p>
+
+<p>Mir wurde warm ums Herz. Seine Worte streichelten
+mir die Wangen, seine Stimme erf&uuml;llte die Luft
+um mich mit einem einzigen Wohllaut.</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihr Plan interessiert mich sehr. Ich habe
+auch gar nicht abgewartet, bis Sie endlich die Gnade
+hatten, mich herzubefehlen&laquo;, &mdash; er l&auml;chelte ein wenig
+maliti&ouml;s, &raquo;Sie haben, wie ich h&ouml;re, Freund Reinhard
+den Vortritt gelassen, &mdash; ich habe indessen, ohne zu
+fragen, den Schritt getan, von dessen Erfolg Ihre ganze
+Sache abh&auml;ngt.&laquo; Ich sah fast erschrocken auf. &raquo;Oder
+sollten Sie wirklich nicht daran gedacht haben, da&szlig;
+Geld, viel Geld dazu geh&ouml;rt?&laquo; Ich nickte l&auml;chelnd.
+&raquo;Ich schrieb an einen unserer ernsthaftesten und reichsten
+Sozialreformer und schickte ihm Ihr Programm. Ich
+zweifle nicht, da&szlig; er die Sache in angemessener Weise
+finanzieren wird.&laquo;</p>
+
+<p>Ich versuchte, ihm zu danken; es kam vor tiefer
+innerer Erregung ungeschickt und h&ouml;lzern heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie doch diese Formalit&auml;ten!&laquo; sagte er.
+&raquo;Wenn jemand Dank verdient, so sind Sie es, die den
+Gedanken hatten. Ich bin bestenfalls nichts als sein
+untergeordnetes Werkzeug.&laquo;</p>
+
+<p>Wir sprachen noch lange miteinander. Ich erz&auml;hlte
+von allem, was mir seit den letzten Wochen das Herz
+bewegte, und Leidenschaft und Ha&szlig; und Liebe brachen
+durch die D&auml;mme, die Einsamkeit und Zur&uuml;ckhaltung
+um sie aufgeschichtet hatten.</p>
+<p><a name="Page_70" id="Page_70"></a></p>
+<p>&raquo;Sie sind wie eine Flamme, die lodernd gen Himmel
+strebt,&laquo; fl&uuml;sterte er wie zu sich selbst.</p>
+
+<p>Als er gegangen war, blieb ich regungslos, die H&auml;nde
+fest ineinandergekrampft, mitten im Zimmer stehen. War
+das ein Traum gewesen, oder hatte er wirklich hier vor
+mir gestanden?! In diesem selben Zimmer, wo ich Georg,
+meinen einzigen Freund, gefunden und verloren hatte?!</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag gegen Abend kam er wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin zudringlich, nicht wahr?&laquo; lachte er mir entgegen.
+&raquo;Aber Sie kommen mir vor, wie ein verflogenes
+V&ouml;gelchen, das sich an Scheiben und W&auml;nden den Kopf
+st&ouml;&szlig;t und einer Hand bedarf, die es f&auml;ngt und ins
+Freie l&auml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&ouml;gen recht haben. Ich bilde mir wohl nur
+ein, da&szlig; ich in Freiheit fl&ouml;ge, und die anderen Leute
+waren bisher kurzsichtig genug, mich darin zu best&auml;rken,
+wohl gar zu bewundern&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Es d&auml;mmerte. &raquo;Entschuldigen Sie einen Augenblick,&laquo;
+sagte ich und ging hinaus, um die Lampe zu holen.
+Als ich wiederkam, fand ich ihn &uuml;ber das Manuskript
+eines Artikels gebeugt, den ich eben vollendet hatte.
+&Auml;rgerlich wollte ich ihn vom Schreibtisch weg an mich
+rei&szlig;en. &raquo;Verzeihen Sie&nbsp;&mdash;&laquo;, fest dr&uuml;ckte er die Hand
+darauf, &mdash; &raquo;das geh&ouml;rt zu meinem Vogelfang. Wie
+kommen Sie dazu, dergleichen zu schreiben?!&laquo; Ich erschrak
+vor dem finsteren Gesicht, das er mir pl&ouml;tzlich
+zuwandte. &raquo;'Londoner Gef&auml;lligkeit'! Haben Sie nichts
+Besseres zu tun?!&laquo; Sein Blick blieb an der Lampe
+haften, die ich zitternd auf den Tisch stellte. Seine Stirn
+gl&auml;ttete sich, forschend sahen die gro&szlig;en grauen Augen
+mir ins Gesicht.</p>
+<p><a name="Page_71" id="Page_71"></a></p>
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen sich selbst bedienen? &mdash; Sie &ouml;ffnen mir
+immer selbst?!&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich senkte einen Augenblick lang den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Wie Sie sehen: ja!&laquo; Meine Stimme, die zuerst
+ein wenig verschleiert klang, wurde klar und fest. &raquo;Ich
+kann mir ein Dienstm&auml;dchen nicht halten, und ich mu&szlig;
+solche Artikel schreiben, weil ich von meiner Pension
+nicht leben kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihen Sie, &mdash; aber wie konnte ich ahnen&nbsp;&mdash;&laquo;
+Er sah mir tief in die Augen.</p>
+
+<p>Wir waren von da an t&auml;glich zusammen, sei es, da&szlig;
+er mich zu einem Spaziergang abholte, sei es, da&szlig; wir
+uns in der Stadt trafen. Mit tiefer Begl&uuml;ckung empfand
+ich die zarte Sorgfalt, mit der er mich umgab.
+Wenn ich jetzt zu den Eltern kam und der Vater in
+heller Aufregung &uuml;ber die Sozialdemokraten schimpfte, &mdash; &raquo;lauter
+Hochverr&auml;ter, die man h&auml;ngen sollte&laquo;, &mdash; so
+h&ouml;rte ich nur mit halbem Ohre hin, es verletzte
+mich nicht; um mich lag es wie ein warmer, kugelfester
+Mantel, den die Freundschaft um mich geschlungen
+hatte.</p>
+
+<p>Die Freundschaft! &mdash; Ich glaubte an sie, &mdash; ich
+wollte an sie glauben, auch wenn die hei&szlig;en Wellen
+meines Herzens mich zu &uuml;berfluten drohten. &raquo;Sie
+m&uuml;ssen bald einmal mit mir hinauskommen zu meiner
+Frau und meinen Buben. Sie ist anders wie Sie, &mdash; ganz
+anders, aber klug und gut, &mdash; Sie werden einander
+verstehen,&laquo; hatte er mir einmal gesagt. Es kam
+aber noch immer nicht dazu, und ich dr&auml;ngte nicht
+danach.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags sa&szlig;en wir zusammen auf dem
+<a name="Page_72" id="Page_72"></a>schmalen Balkon des Kaffee Klose. In weichem, silbernen
+Sonnenlicht fluteten unter uns auf der Leipziger Stra&szlig;e
+die Menschen auf und nieder. Ein fr&uuml;her Herbstnebel,
+zart und duftig wie Feenschleier, spielte um die endlosen
+H&auml;userreihen, und es schien, als d&auml;mpfte er selbst
+das Rasseln der Wagen.</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie nur, was ich heute bekam,&laquo; damit hielt
+ich ihm einen Brief entgegen. &raquo;Die Wiener Fabier
+fordern mich zu einem Vortrag auf&laquo; &mdash; Er nickte
+erfreut, ich sah ihn von der Seite an. &raquo;Ich habe
+keine Beziehungen in Wien,&laquo; fuhr ich nachdenklich
+fort, &raquo;&mdash;&nbsp;sollten Sie auch hier meine Vorsehung gewesen
+sein?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn dem so w&auml;re?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich reichte ihm still die Hand. Ganz sanft, als ob
+sie sehr zerbrechlich w&auml;re, nahm er sie in die seine, &mdash; eine
+zarte Hand mit dichtem Ge&auml;der und nerv&ouml;sen
+Fingern.</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie,&laquo; fragte er langsam, nach einem Schweigen,
+das die N&auml;he zweier Menschen zueinander verr&auml;t, &raquo;glauben
+Sie, da&szlig; ein Tag kommen k&ouml;nnte, an dem unsere Freundschaft
+uns zwingt, einander &#8250;du&#8249; zu sagen?&laquo;</p>
+
+<p>Ein Zittern durchlief meinen K&ouml;rper. Ich antwortete
+nicht. Stumm standen wir auf, stumm fuhren
+wir zu mir nach Hause. Drinnen im Zimmer sahen
+wir uns an, das Herz schlug mir zum Zerspringen,
+die Finger erstarrten mir zu Eis.</p>
+
+<p>&raquo;Alix&nbsp;&mdash;,&laquo; wie ein Hauch kam mein Name &uuml;ber seine
+Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Du&nbsp;&mdash;,&laquo; mehr vermochte ich nicht zu sagen. Es
+dunkelte mir vor den Augen. Einen Herzschlag lang
+<a name="Page_73" id="Page_73"></a>f&uuml;hlte ich seinen Mund auf dem meinen, &mdash; dann schlug
+die T&uuml;re, &mdash; ich war allein.</p>
+
+<p>Und die W&auml;nde schienen um mich zu kreisen, und
+der Glanz der Abendsonne wurde zu gl&uuml;henden Flammen.
+Wie Gesang lag es in der Luft von lauter Harfen, &mdash; meines
+Herzens Jubel hatte sie zum Klingen gebracht.
+In allen Weisen der Welt, im Ton s&uuml;&szlig;er Wiegenlieder
+und stolzer Siegeshymnen sang und jauchzte es:
+ich liebe.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wir verkehrten wie fr&uuml;her miteinander. Nur
+die Augen wagten es hier und da, eine
+andere Sprache zu sprechen als der Mund.
+Ich war mitten im Packen; schon starrten die lieben
+R&auml;ume mich fremd und &ouml;de an, als sein Weib kam,
+mich zu besuchen. Entgeistert sah ich sie an, als sie
+vor mir stand: sie war hochschwanger.</p>
+
+<p>Rasch warf ich die Kleider vom Sofa und n&ouml;tigte
+sie hinein, ihr vorsichtig die Kissen in den R&uuml;cken
+legend. Seine Frau! Sein Kind!! &mdash; Der Gedanke
+bohrte sich mir ins Gehirn, da&szlig; es mir den Kopf zu
+sprengen drohte. Nie, &mdash; nie hatte er mir von Liebe
+gesprochen, dachte ich, w&auml;hrend ich gleichg&uuml;ltig freundliche
+Phrasen mit ihr wechselte, nur immer von Freundschaft.
+Und dieser Frau vor mir mit den gro&szlig;en,
+breiten H&auml;nden und den stechenden dunklen Augen hatte
+ich nichts genommen &mdash; nichts, was ich nicht nehmen
+durfte. Denn da&szlig; ich ihn liebte, was schadete das
+ihr?! Und war nicht mein eigenes, gro&szlig;es, wundervolles
+Gef&uuml;hl und seine Freundschaft Gl&uuml;ckes genug
+<a name="Page_74" id="Page_74"></a>f&uuml;r mich, die ich gelernt hatte, auf alles Gl&uuml;ck zu verzichten?</p>
+
+<p>&raquo;Wir ziehen im Winter auch in die Stadt,&laquo; sagte sie
+ruhig, &raquo;sonst bekomme ich meinen Mann nicht mehr zu
+sehen&nbsp;&mdash;.&laquo; War das eine Anspielung? Ihr Gesicht blieb
+unbewegt. &raquo;&Uuml;brigens sah ich eben im Hause, wo Sie
+mieteten, eine Wohnung, die gut f&uuml;r uns passen w&uuml;rde.
+Das w&auml;re f&uuml;r alle Teile das beste&nbsp;&mdash;, und ich h&auml;tte
+doch auch etwas von Ihnen. K&ouml;nnte auch von Ihnen
+lernen, was mir leider noch an Verst&auml;ndnis f&uuml;r die
+Interessen meines Mannes fehlt.&laquo; Ich begriff sie nicht;
+war das echt, was sie sagte, oder lauerte Bosheit dahinter
+und Mi&szlig;trauen? Feuchtkalt lag ihre Hand beim
+Abschied in der meinen. Die Schleppe ihres seidenen
+Kleides raschelte hinter ihr her wie eine Schlange.
+Ich mu&szlig;te mich ans Fenster in die Sonne stellen, um
+wieder warm zu werden, nachdem sie mich verlassen
+hatte.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;Gute Botschaft bringe ich!&laquo; Am fr&uuml;hen Morgen,
+ich sa&szlig; noch beim Fr&uuml;hst&uuml;ck, trat Heinrich
+Brandt in mein Zimmer, freudestrahlend.
+&raquo;Die Sache ist entschieden.&laquo; Ich griff hastig nach dem
+Brief, den er brachte und las. &raquo;Nach reiflicher &Uuml;berlegung
+habe ich mich dahin entschieden, das mir vorgelegte
+Projekt eines Zentralausschusses f&uuml;r Frauenarbeit
+insoweit zu unterst&uuml;tzen, als ich zun&auml;chst eine
+Summe von achttausend Mark j&auml;hrlich daf&uuml;r aussetze,
+die, wenn der Umfang der Arbeiten es sp&auml;ter notwendig
+macht, entsprechend gesteigert werden kann. Ich hoffe,<a name="Page_75" id="Page_75"></a>
+Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, der Sie ja ausdr&uuml;cklich
+erkl&auml;rten, nur die Rolle eines unbeteiligten Vermittlers
+zu spielen, nicht zu nahe zu treten, wenn ich Sie bitte,
+Frau von Glyzcinski mitzuteilen, da&szlig; die Voraussetzung
+meiner Unterst&uuml;tzung, von der ich unter keinen Umst&auml;nden
+abweiche, die ist, da&szlig; die Leitung der Sache nicht in den
+H&auml;nden von Sozialdemokraten ruht. Diese meine Forderung
+entspringt keinerlei pers&ouml;nlicher Animosit&auml;t, sondern
+nur der Erkenntnis, der sich gegenw&auml;rtig kaum
+jemand verschlie&szlig;en kann, da&szlig; die Sozialdemokratie zu
+ruhiger Reformarbeit unf&auml;hig ist und die ma&szlig;gebenden
+Kreise einer von ihr ausgehenden Bewegung mit Recht
+ablehnend gegen&uuml;berstehen w&uuml;rden.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte zuerst laut und freudig, dann immer langsamer
+und leiser gelesen. &raquo;Das nennen Sie eine gute
+Botschaft?&laquo; frug ich kopfsch&uuml;ttelnd. &raquo;Gerade heute sah
+ich in der Presse, wie alles von rechts und links nach
+einer neuen Auflage der Umsturzvorlage schreit. Und
+gestern erz&auml;hlte mein Vater, da&szlig; man im Kasino schon
+die Ma&szlig;regeln er&ouml;rtert, durch die die Sozialdemokraten
+mundtot gemacht werden sollen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Brandt unterbrach mich: &raquo;Nun &mdash; und? Wird Ihre
+Aufgabe dadurch etwa &uuml;berfl&uuml;ssig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; nicht. Aber f&uuml;r mein Gewissen kann es eine
+gr&ouml;&szlig;ere Aufgabe geben: mich in dem Augenblick der
+Verfolgung an die Seite derer zu stellen, die verfolgt
+werden. Die eigene &Uuml;berzeugung in die Tasche zu
+stecken, l&auml;&szlig;t sich nur so lange entschuldigen, als es keine
+Feigheit ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben recht &mdash; wie immer, wenn Ihre erste
+Empfindung spricht,&laquo; er dr&uuml;ckte mir die Hand, fest und
+<a name="Page_76" id="Page_76"></a>kameradschaftlich, &raquo;und doch m&ouml;chte ich Sie bitten: &uuml;berlegen
+Sie ruhig, ehe Sie antworten. Die Ausnahmegesetze
+sind bisher nichts als W&uuml;nsche und Drohungen,
+und das kl&auml;gliche Ende der Umsturzvorlage d&uuml;rfte kaum
+zu einer Wiederholung reizen.&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;...&nbsp;H&auml;ngt am Tage von St. Sedan Trauerfahnen
+aus, erhebt feierlichen Protest gegen den Massenmord
+und ehrt diejenigen, die zum Kriege hetzen, wie es ihnen
+geb&uuml;hrt: steckt sie als Verbrecher ins Zuchthaus.&laquo; Mein
+Vater hatte mir einen Zeitungsausschnitt geschickt, der
+diesen Satz aus der sozialdemokratischen Breslauer &#8250;Volkswacht&#8249;
+zitierte. Roh und h&auml;&szlig;lich, unw&uuml;rdig vor allem
+war er. Die geistigen Waffen, die wir f&uuml;hren, sollten
+blanker und damit auch sch&auml;rfer sein, dachte ich.</p>
+
+<p>Wenige Tage sp&auml;ter ver&ouml;ffentlichten die b&uuml;rgerlichen
+Zeitungen in Riesenlettern den Trinkspruch, den der
+Kaiser am Sedantag ausgebracht hatte:</p>
+
+<p>&raquo;...&nbsp;In die gro&szlig;e hohe Festesfreude schl&auml;gt ein Ton
+hinein, der wahrlich nicht dazu geh&ouml;rt; eine Rotte von
+Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen,
+wagt es, das deutsche Volk zu schm&auml;hen; wagt es, die
+uns geheiligte Person des allverehrten verewigten Kaisers
+in den Staub zu ziehen. M&ouml;ge das gesamte Volk in
+sich die Kraft finden, diese unerh&ouml;rten Angriffe zur&uuml;ckzuweisen.
+Geschieht es nicht, nun, dann rufe ich Sie,
+um der hochverr&auml;terischen Schar zu wehren, um einen
+Kampf zu f&uuml;hren, der uns von solchen Elementen befreit.&laquo;</p>
+
+<p>Wortlos reichte ich Brandt das Blatt, als er kam.
+&raquo;Was haben Sie beschlossen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Rotte von Menschen sind meine Br&uuml;der und
+Schwestern. &mdash; Ich lehne ab.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_77" id="Page_77"></a></p>
+<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Ich stand in Wien auf der Rednertrib&uuml;ne des
+Ronachersaals und verneigte mich noch einmal
+vor dem applaudierenden Publikum. Ich wu&szlig;te:
+ich hatte nicht gesprochen wie sonst. Schon als der Vorsitzende
+mich an den dichtgedr&auml;ngten Reihen vorbeigef&uuml;hrt
+hatte, an den eleganten, grazi&ouml;sen Frauen, deren Toiletten
+nicht wie die der Berlinerin dazu da zu sein
+schienen, die Tr&auml;gerin unter der Last des Glanzes vergessen
+zu machen, sondern ihre Individualit&auml;t betonten,
+ihre Reize unterstrichen, an den jungen und alten
+Herren im Frack und Smoking mit den geschmeidigen
+Gestalten und dem s&uuml;ffisanten L&auml;cheln des Weltmanns,
+war mir der Kontrast zwischen dem k&uuml;hlen Ernst meines
+Vortrags und dieser Umgebung zum Bewu&szlig;tsein gekommen.
+Dann war ein Wogen von bunten H&uuml;ten,
+ein Knistern von seidenen Kleidern, ein Funkeln von
+Brillanten unter mir gewesen. Operngl&auml;ser aus Silber
+und Perlmutter hatten sich auf mich gerichtet, und um
+das mattschimmernde Rokokoornament an den Decken
+und W&auml;nden des reizenden Konzertsaales hatte ein
+feiner, zarter Nebel geschwebt, gewoben aus Zigarettenrauch
+und Parf&uuml;m.</p>
+
+<p>Ich stieg die Stufen hinab. Man klatschte noch
+immer. Ich mu&szlig;te wohl so etwas wie eine neue Sen<a name="Page_78" id="Page_78"></a>sation
+gewesen sein, wie sie in Gestalt von S&auml;ngern,
+Taschenspielern und Diseusen auf dieser Trib&uuml;ne gew&ouml;hnlich
+zu erscheinen pflegte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gratuliere Ihnen&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte eine dunkle Stimme
+neben mir. Nur ein Mann in der Welt hatte solche
+Stimme! Es war Brandt. Und als meine Hand
+in der seinen lag, war mir, als st&uuml;nde ich allein mit
+ihm hoch auf einer Felseninsel und in der Ferne nur
+brandete das Meer der Welt.</p>
+
+<p>&raquo;Sie in Wien, &mdash; meinem geliebten Wien, und ich
+nicht neben Ihnen, &mdash; es kam mir absurd vor,&laquo; h&ouml;rte
+ich ihn leise sagen. Aber schon sah ich den Kreis, der
+sich um uns gebildet hatte: Menschen, die warteten,
+mich begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen, mir vorgestellt zu werden,
+der Vorstand der Fabier, der mich zum Essen geladen
+hatte. Ich gewann meine Fassung wieder, und w&auml;hrend
+mein Herz hoch aufschlug vor Freude, hatte ich das Bed&uuml;rfnis,
+gegen alle, die sich mir n&auml;herten, doppelt und
+dreifach freundlich zu sein.</p>
+
+<p>In einem halbdunkeln verr&auml;ucherten Kaffee sp&auml;t am
+Abend trafen wir uns wieder. Brandt erwartete mich
+mit <em class="antiqua">Dr.</em> Geier, seinem Schwager, dem F&uuml;hrer der &ouml;sterreichischen
+Sozialdemokratie, und einem Kreis von Parteigenossen,
+die mitten in einer Debatte j&auml;h verstummten,
+als ich eintrat. Sie hatten sich offenbar gezankt, was
+ich mit der ganzen Empfindlichkeit der Frohgelaunten sofort
+empfand. Man stand auf, man begr&uuml;&szlig;te mich, aber
+meine Anwesenheit wirkte sichtlich st&ouml;rend. Eine kleine
+br&uuml;nette Frau mit gl&auml;nzenden braunen Augen f&uuml;hlte
+das Peinliche der Situation und zog mich auf einen
+Stuhl neben sich.</p>
+<p><a name="Page_79" id="Page_79"></a></p>
+<p>&raquo;Ich bin Adelheid Popp,&laquo; sagte sie einfach, &raquo;ich
+habe mich so an Ihrem Vortrag gefreut und w&uuml;nschte
+nur, unsere Arbeiterinnen h&auml;tten ihn h&ouml;ren k&ouml;nnen.&laquo;
+&raquo;Das h&auml;tte ich auch gew&uuml;nscht, &mdash; er w&auml;re dann
+besser gewesen,&laquo; antwortete ich. Ihre Augen lachten
+mich an. &raquo;Wissen Sie was?!&laquo; rief sie lebhaft.
+&raquo;Wiederholen Sie ihn in einer Volksversammlung!&laquo;
+Mit freudiger Zustimmung schlug ich in die dargebotene
+kleine, warme Hand. &raquo;Aber garantieren kann ich nicht,
+da&szlig; es derselbe Vortrag wird!&laquo; Wir vertieften uns in
+ein Gespr&auml;ch, und ich erfuhr, da&szlig; diese zierliche Frau
+eine arme Arbeiterin gewesen war, von dem Augenblick
+an aber, wo sie der Sozialismus gewonnen hatte, zu
+einer begeisterten Vork&auml;mpferin der Arbeiterbewegung
+sich entwickelt habe. Ganz anders war sie wie unsere
+deutschen Frauen: heiter und gutm&uuml;tig, ohne eine Spur
+jener steifen Zur&uuml;ckhaltung, die daheim all meinem Entgegenkommen
+zu spotten schien. &raquo;Sie sollen mal schauen,
+was in Wien eine Volksversammlung hei&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>Das Gespr&auml;ch der anderen hatte indessen da wieder
+angekn&uuml;pft, wo ich den Faden zerrissen hatte. Ich
+h&ouml;rte zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es nicht unerh&ouml;rt f&uuml;r einen praktischen Politiker,
+sich auf Seite der breslauer Hundertachtundf&uuml;nfzig zu
+stellen und einen blutleeren Theoretiker wie Kautsky
+zu verteidigen?!&laquo; rief Brandt, w&auml;hrend die dunkeln
+Brauen sich ihm eng zusammenzogen und die Augen
+dem Gegner zornig entgegenblitzten.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du vielleicht in deiner gegenteiligen Stellung
+zur Agrarfrage weniger Theoretiker als er?!&laquo; sp&ouml;ttelte
+Geier. &raquo;Die G&uuml;ter, auf denen du dir die Sporen des<a name="Page_80" id="Page_80"></a>
+Praktikus verdient hast, liegen doch auf dem Monde!&laquo;
+Mit einer entschuldigenden Geb&auml;rde wandte er sich mir
+zu. &raquo;Verzeihen Sie, wenn wir uns auch in Ihrer
+Gegenwart noch mit so uninteressanten Dingen besch&auml;ftigen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie brauchen sich vor mir nicht zu entschuldigen,&laquo;
+antwortete ich, &raquo;mich haben die Verhandlungen des
+breslauer Parteitags lebhaft interessiert, und da ich leider
+bis heute noch nicht wei&szlig;, auf welcher Seite ich stehe,
+so h&ouml;re ich Debatten wie den Ihren besonders gerne zu.&laquo;</p>
+
+<p>Und nun wogte der Streit wieder hin und her.
+Brandt verteidigte die von der Mehrheit des breslauer
+Parteitages abgelehnten Vorschl&auml;ge der Agrarkommission,
+als &raquo;notwendige Forderungen der Gegenwartspolitik&laquo;,
+als ein erfreuliches Zeichen f&uuml;r die wachsende Erkenntnis,
+da&szlig; eine Partei von der Gr&ouml;&szlig;e der deutschen Sozialdemokratie
+die Interessen weiterer Volkskreise vertreten
+m&uuml;sse, als nur die der Industriearbeiter. &raquo;&Uuml;brigens,
+was zanken wir uns, lieber Viktor?&laquo; meinte er schlie&szlig;lich
+und warf mit einer hochm&uuml;tigen Geste den Kopf
+zur&uuml;ck. &raquo;Du w&auml;rst der Erste, die Vorschl&auml;ge nicht nur zu
+akzeptieren, sondern selbst zu machen und gegen alle
+Welt zu verteidigen, oder &mdash; wie Sch&ouml;nlank treffend
+sagte &mdash; eine Revision der Vorstellungsweise in der
+Partei herbeizuf&uuml;hren, wenn du in die Lage versetzt
+w&uuml;rdest, Landagitation treiben zu m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Geier hieb w&uuml;tend auf den Tisch, da&szlig; die Tassen
+klirrten und der Kellner, der verschlafen an einer S&auml;ule
+lehnte, erschrocken die Augen aufri&szlig; und dienstfertig
+die Serviette schwenkte. &raquo;Da liegt doch gerade der
+Hase im Pfeffer: ich bin eben nicht in der Lage und<a name="Page_81" id="Page_81"></a>
+Ihr, trotz Eurer anderthalb Millionen Stimmen auch
+nicht! Konzentriert doch Eure Werbekraft auf die Millionen
+Lohnarbeiter, die Euch noch fehlen, und la&szlig;t
+Eure Enkel sich &uuml;ber die h&ouml;here Bauernf&auml;ngerei den
+Kopf zerbrechen! Was du praktisch nennst, ist eben unpraktisch
+im h&ouml;chsten Grade. Das Aufrollen dieser
+schwierigen und g&auml;nzlich unaufgekl&auml;rten Fragen, &mdash; ob
+die Konzentration des Kapitals in der Landwirtschaft
+sich nach denselben Gesetzen vollzieht wie in Industrie
+und Handel oder nicht, ob wir daher mit der Proletarisierung
+der Bauern oder mit der Vermehrung der
+l&auml;ndlichen Kleinbetriebe zu rechnen haben werden, &mdash; all
+das noch dazu auf einem seiner ganzen Zusammensetzung
+nach inkompetenten Parteitag, ist nur geeignet,
+die Parteigenossen zu verwirren. &Uuml;ber theoretischem
+Gez&auml;nk, das Ihr Reichsdeutsche so liebt, wird ein gut
+Teil praktischer Arbeit zum Teufel gehen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und glaubst du etwa, die Annahme der lendenlahmen
+Resolution Kautsky, die die Agrarfrage doch
+nicht aus der Welt schafft, sondern ihre L&ouml;sung nur
+auf die lange Bank schiebt, wird dies Gez&auml;nk verhindern?
+Im Gegenteil! Die Bebel und Sch&ouml;nlank
+und David werden sich nicht mundtot machen lassen,&laquo;
+entgegnete Brandt.</p>
+
+<p>Geier sch&uuml;ttelte &auml;rgerlich den gro&szlig;en Kopf mit den
+wirren blonden Haaren. &raquo;Bebel wird sich dem Beschlu&szlig;
+des Parteitages f&uuml;gen; &mdash; die anderen freilich,
+geborene Krakehler, getrieben durch den eigentlichen geheimen
+Generalstabschef des ganzen Feldzuges, Vollmar,
+werden die Parteidisziplin ihrer Rechthaberei
+opfern.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_82" id="Page_82"></a>Die Diskussion der leidenschaftlichen M&auml;nner fing
+an, mich zu beunruhigen, &mdash; nicht ihrem Inhalt, wohl
+aber ihrer Form nach. Ich hatte Brandt noch nie so
+erregt gesehen, und etwas wie Furcht befiel mich. Kurz
+entschlossen erhob ich mich.</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihen Sie, wenn mein Weggehen Sie st&ouml;rt wie
+mein Kommen, aber ich bin sehr m&uuml;de.&laquo; Alles brach
+auf, sichtlich erleichtert. Kalter Regen, mit kleinen
+spitzen Schneeflocken gemischt, schlug uns ins Gesicht,
+als wir heraustraten. Menschenleer war's in den engen
+Gassen. Ist das wirklich Wien, die Kaiserstadt? dachte
+ich fr&ouml;stelnd. Geier und Brandt begleiteten mich; wir
+verabredeten allerhand f&uuml;r den n&auml;chsten Tag. Ich erz&auml;hlte
+von den verschiedenen Einladungen, die ich bekommen
+hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Zu den Protzen werden Sie doch nicht gehen, die
+nur Staat mit Ihnen machen wollen?!&laquo; Brandts Stimme
+klang grollend, wie ferner Donner, und sein Blick ruhte
+beinahe drohend auf mir. Und doch erschrak ich nicht;
+es lag im Ton etwas, das mir das Blut in Wallung
+brachte, etwas, das klang, wie ein Besitzergreifen. &raquo;Bist
+du Frau von Glyzinskis Vormund?&laquo; brummte Geier.</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihen Sie mir meine Heftigkeit&nbsp;&mdash;,&laquo; fl&uuml;sterte
+Brandt, und im raschen Wechsel seines Mienenspiels
+hatte seine Stirn sich wieder gegl&auml;ttet, war sein Auge
+wieder klar geworden. Ich senkte stumm den Kopf.</p>
+
+<p>Z&ouml;gernd, als fesselten sie magnetische Kr&auml;fte, glitten
+unsere H&auml;nde auseinander. Er betrat mit mir das
+Hotel. &raquo;Du &mdash; wohnst auch hier?!&laquo; sagte Geier &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>Ich schlief nicht in dieser Nacht. Es lag schwer<a name="Page_83" id="Page_83"></a>
+und dumpf auf mir, und ich wollte &mdash; wollte nicht
+denken.</p>
+
+<p>Wir fuhren am n&auml;chsten Morgen zusammen nach
+Sch&ouml;nbrunn.</p>
+
+<p>Alle Einladungen hatte ich abgelehnt.</p>
+
+<p>Graue Sp&auml;therbststimmung beherrschte die Natur. Die
+letzten Bl&auml;tter rieselten von den B&auml;umen, ohne da&szlig; ein
+Windhauch sich regte.</p>
+
+<p>Im freien Walde sind selbst die dunkeln Tage sch&ouml;n:
+des Laubes beraubt, reckt sich nackt und kraftvoll das
+starke schwarze Ge&auml;st gen Himmel, ein wundervoller
+Teppich vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Rot in halb
+verblichenen weichen Farben spielend, breitet sich unter
+ihm aus. Aber die G&auml;rten, die des Menschen Kunst
+gestaltet, starren uns an wie der Tod. Sie leben nur,
+wenn im Rasenteppich die bunten Beete bl&uuml;hen, wenn
+das Laub der geschnittenen Hecken und der Kugelb&auml;ume
+die armen krummen, um ihr nat&uuml;rliches Wachstum betrogenen
+&Auml;stchen dicht umkleidet, wenn von den Terrassen
+herunter, aus den Tritonenbecken empor das
+Wasser rauscht und springt, und die Sonne sich lachend
+in den Scheiben der Schlo&szlig;fenster spiegelt. Dann spielen,
+wie gro&szlig;e Schmetterlinge, Kinder in hellen Kleidern
+auf den breiten gelben Kieswegen, soda&szlig; der Garten
+voll Freude sogar der sch&ouml;nen Damen in Reifrock und
+Puderper&uuml;cke vergi&szlig;t, die einst mit dem grazi&ouml;sen Geschw&auml;tz
+ihrer roten Lippen und dem lustigen Klappern
+ihrer St&ouml;ckelschuhe seine G&auml;nge belebten.</p>
+
+<p>Heute waren wir allein, zwei graue Gestalten, zwischen
+bl&auml;tterlosen Laubeng&auml;ngen und schlafenden Font&auml;nen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind so bla&szlig;,&laquo; sagte Brandt, &raquo;der Heimweg
+<a name="Page_84" id="Page_84"></a>gestern im Schnee hat Ihnen geschadet&nbsp;&mdash;.&laquo; Ich sch&uuml;ttelte
+den Kopf. &raquo;Meine Roheit hat Sie verletzt?&laquo; Ich sah zu
+ihm auf, aber das L&auml;cheln, das ich ihm zeigen wollte,
+erstarb mir auf den Lippen. So m&uuml;de, so traurig war
+sein Blick. In dem meinen blieb er hangen. Es war
+wie ein Abschiednehmen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es mir &uuml;berlegt, stunden-, n&auml;chtelang,&laquo;
+kam es tonlos &uuml;ber seine Lippen, &raquo;ich mu&szlig; fort von
+Berlin &mdash; mit meiner Fr&nbsp;...&nbsp;&mdash;,&laquo; er stockte, &raquo;mit Rosalie&nbsp;&mdash;,&laquo;
+verbesserte er sich hastig, &raquo;bis &mdash; bis die Entbindung
+vor&uuml;ber ist. Es ist besser, &mdash; besser f&uuml;r uns
+alle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte ich, die Kehle schn&uuml;rte sich mir zusammen.</p>
+
+<p>Dann gingen wir. Wo waren wir doch nur noch
+an diesem Tage? Ich entsinne mich nicht. Meine Augen
+nahmen Bilder auf, von denen meine Seele nichts wu&szlig;te.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter trafen wir wieder irgendwo in einem Kaffee
+mit Geier zusammen. Es kamen noch allerlei Menschen,
+die ich an meinem Vortragsabend gesehen hatte, sie
+gingen mit k&uuml;hlem Gru&szlig; und vieldeutigem L&auml;cheln an
+uns vor&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Du siehst,&laquo; h&ouml;rte ich Geier leise sagen, w&auml;hrend er
+mich in die Zeitung vertieft glaubte, &raquo;zum mindesten
+h&auml;ttest du nicht im selben Hotel mit ihr wohnen d&uuml;rfen.&laquo;
+Brandt fuhr auf. Flehend sah ich zu ihm hin&uuml;ber.
+Er schwieg. Die Kellner brachten die Abendbl&auml;tter.
+&raquo;Na, da haben wir's ja,&laquo; rief Geier, nachdem er sie
+rasch &uuml;berflogen hatte, und st&uuml;rzte mit einem kurzen
+Gru&szlig; davon in seine Redaktion.</p>
+
+<p>Ich las. &raquo;Aus Berlin wird uns soeben mitgeteilt:
+Nachdem seit einiger Zeit die politische Polizei eine
+<a name="Page_85" id="Page_85"></a>fieberhafte T&auml;tigkeit entwickelte und Haussuchungen umfassender
+Art bei fast allen bekannten Mitgliedern der
+sozialdemokratischen Partei stattfanden, bringt der Reichs- und
+Staatsanzeiger heute folgende Bekanntmachung:
+&#8250;Es wird hiermit zur &ouml;ffentlichen Kenntnis gebracht,
+da&szlig; nachstehende Vereine: die sechs sozialdemokratischen
+Wahlvereine, die Pre&szlig;kommission, die Agitationskommission,
+die Lokalkommission, der Verein &ouml;ffentlicher
+Vertrauensm&auml;nner, der Parteivorstand der sozialdemokratischen
+Partei Deutschlands auf Grund des &sect;8 des
+Versammlungs- und Vereinsrechts vorl&auml;ufig geschlossen
+sind.&#8249;&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Kurz vor der Volksversammlung, in der ich sprechen
+sollte, besuchte ich Geier in seiner Redaktion,
+engen, halbdunklen R&auml;umen im Souterrain eines
+alten Hauses. Von fast undurchdringlichem Tabaksqualm
+war sein Zimmer gef&uuml;llt, das den merkw&uuml;rdigen
+Mann, der grundh&auml;&szlig;lich war und hinrei&szlig;end sch&ouml;n sein
+konnte, der stotterte und doch der gl&auml;nzendste Redner
+war, phantastisch umwogte. &raquo;Ich habe nur eine kurze
+Frage an Sie,&laquo; sagte ich, &mdash; nichts war ihm widerw&auml;rtiger,
+wie &uuml;berfl&uuml;ssiges Weibergeschw&auml;tz, &mdash; &raquo;ich
+m&ouml;chte in die Partei eintreten, &mdash; was halten Sie davon?&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich pr&uuml;fend an, von oben bis unten, strich
+sich mit der feinen Hand den wirren rotblonden Schnurrbart
+und zuckte die Achseln. &raquo;Bleiben Sie drau&szlig;en,&laquo;
+antwortete er schroff, &raquo;eine Krokodilshaut geh&ouml;rt dazu, &mdash; ich
+zweifle, da&szlig; Sie die haben&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich Sie h&auml;tte?!&laquo;</p>
+<p><a name="Page_86" id="Page_86"></a></p>
+<p>&raquo;Dann, &mdash; ja dann tragen Sie wie wir Ihre Knochen
+auf den Markt der Partei&nbsp;&mdash;.&laquo; Er reichte mir mit
+kurzem Kopfnicken die Hand, &mdash; ich war entlassen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Und wieder stand ich auf der Rednertrib&uuml;ne,
+vor mir ein gro&szlig;er Saal, n&uuml;chtern wie eine
+Scheune, von flackernden Gasflammen erhellt.
+Von rechts und links str&ouml;mten die Menschen
+herein: junge und alte Frauen in Kopft&uuml;chern und
+Sch&uuml;rzen, die verfrorenen roten H&auml;nde and&auml;chtig gefaltet,
+M&auml;nner in Arbeitsblusen, tiefen Ernst auf
+den durchfurchten Gesichtern. Sie richteten alle die
+Augen auf mich, staunend, fragend, erwartungsvoll.
+Kopf an Kopf dr&auml;ngten sie sich um die schmale, niedrige
+Stufe, die mich &uuml;ber sie emporhob. Sie kauerten zu
+meinen F&uuml;&szlig;en, eng aneinandergeschmiegt: ein kleines
+Fabrikm&auml;dchen mit zerzaustem Blondhaar, ein junger
+Mann mit den klassischen R&ouml;merz&uuml;gen des S&uuml;dtirolers,
+ein altes M&uuml;tterchen, die welke Hand horchend hinter
+das Ohr gelegt. Und mir war, als w&ouml;lbe sich der
+niedrige Saal zum Dom; als tr&auml;ten die Abgesandten
+der Menschheit durch seine hohen weitge&ouml;ffneten Pforten.
+Tiefe, dem&uuml;tige Andacht erf&uuml;llte mich. Die Welt, die
+drau&szlig;en war, versank. Denen, die mich umringten, geh&ouml;rte
+von dieser Minute an meine Kraft und meine
+Hoffnung. Da&szlig; ich mich ihnen gab: meinen Arm den
+Schwachen, meine Beredsamkeit den Stummen, meinen
+an Gipfelwanderungen gewohnten Fu&szlig; den Lahmen, und
+den Blinden mein Auge, das die Befreiung sah, &mdash; das
+war dieser Stunde stilles Gel&ouml;bnis.</p>
+<p><a name="Page_87" id="Page_87"></a></p>
+<p>&raquo;Genossen und Genossinnen&nbsp;&mdash;&laquo; Hell und scharf,
+wie ein Schlachtruf, klang meine eigene Stimme mir
+ins Ohr. Der Jubel der Menge umbrauste mich, w&auml;hrend
+ich weiter sprach. Das blasse Gesicht des kleinen
+Fabrikm&auml;dchens vor mir fing an zu gl&uuml;hen, dem alten
+M&uuml;tterchen rollten die Tr&auml;nen &uuml;ber die welke Wange
+und die klassischen R&ouml;merz&uuml;ge des Tirolers strafften sich
+in eiserner Energie.</p>
+
+<p>Als ich geendet hatte, war es sekundenlang still, &mdash; dann
+eine Beifallssalve, zahllose H&auml;ndedr&uuml;cke von schwieligen
+F&auml;usten, und lauter und lauter anschwellend der
+Kriegsgesang der Arbeitermarseillaise. In ihrem Takt
+schob sich die Menge hinaus, auf der Stra&szlig;e klang sie
+fort, zog mit den Wandernden rechts und links in die
+nachtstillen Gassen, und auf dem ganzen Heimweg verfolgte
+mich ihre Melodie: aufreizend, siegesbewu&szlig;t.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Einen Tag sp&auml;ter als Brandt kam ich nach
+Berlin zur&uuml;ck. Er empfing mich am Bahnhof,
+bleicher, &uuml;bern&auml;chtiger als je. Wir fuhren zusammen
+nach der Kleiststra&szlig;e, wo wir nun schon zwei
+Monate wohnten, er mit seiner Familie im Vorderhaus,
+ich im Gartenhaus, in den zwei kleinen St&uuml;bchen.
+Wir konnten einander an der Mauer mit der Schweizer
+Landschaft vorbei in die Fenster sehen. Oft, wenn er
+bei mir gewesen war, tauchte hinter den wei&szlig;en Vorh&auml;ngen
+dr&uuml;ben ein Schatten auf, der mit gespenstischer
+Schnelle sein Gesicht zu verdunkeln schien. Dann erhob
+er sich, sah mich kaum an und verlie&szlig; das Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Rosalie will nicht reisen, mit mir nicht,&laquo; erz&auml;hlte
+<a name="Page_88" id="Page_88"></a>er w&auml;hrend der Fahrt. &raquo;Sie behauptet, meine N&auml;he
+steigere nur ihr &Uuml;belbefinden, deshalb habe sie sich
+entschlossen, allein zu gehen und zwar &mdash; nach England.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach England?&laquo; fragte ich erstaunt. &raquo;In dieser Jahreszeit?!
+Hat sie Freunde dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Niemanden! &mdash; Die fixe Idee einer Schwangeren,
+sagt der Arzt.&laquo;</p>
+
+<p>Ich schwieg, auf das tiefste betroffen. Mir, dem
+Weibe, schien sonnenklar, was ihre Beweggr&uuml;nde waren.
+Das Recht der Abwesenden wollte sie zur Geltung
+bringen, und ein instinktives Gef&uuml;hl trieb sie nach England&nbsp;&mdash;,
+woher ich gekommen war, wo ich, wie sie
+meinte, mir an Kenntnissen und Interessen erworben
+hatte, was ihren Mann an mich fesselte.</p>
+
+<p>Der Wagen hielt. &raquo;Ich komme gegen Abend hin&uuml;ber,&laquo;
+sagte ich und verabschiedete mich hastig vor der
+Haust&uuml;r. Ich mu&szlig;te allein sein. Meine Zimmer fand
+ich mit Blumen geschm&uuml;ckt, wie zu einem Fest. &raquo;Der
+Herr Doktor&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte die Aufw&auml;rterin mit s&uuml;&szlig;lichem
+L&auml;cheln und einem vertraulichen Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Schon gut&nbsp;&mdash;,&laquo; unterbrach ich sie hastig und warf
+die T&uuml;re hinter mir ins Schlo&szlig;.</p>
+
+<p>Was nun?! Sie durfte nicht fort. Wirklich nicht?!
+Ein kalter Schauer lief mir &uuml;ber den R&uuml;cken. War es
+Furcht? Oder nicht vielmehr Freude &mdash; Freude, die wie
+ein orkangepeitschtes Meer alle D&auml;mme &uuml;berflutete, alles
+Denken begrub?! Allein &mdash; allein mit ihm &mdash; tage-,
+wochen-, monatelang! Ein ganzes Leben der Entsagung
+war kein zu teurer Preis daf&uuml;r! Wenn sie wiederkam,
+w&uuml;rde ich gehen, &mdash; aus seinem Gesichtskreis still ver<a name="Page_89" id="Page_89"></a>schwinden, &mdash; und
+zu ihr w&uuml;rde er zur&uuml;ckkehren, &mdash; zu
+ihr &mdash; und dem Kinde&nbsp;...</p>
+
+<p>Es klopfte. &raquo;Frau <em class="antiqua">Dr.</em> Brandt l&auml;&szlig;t gn&auml;dige Frau
+zum Abendbrot bitten&nbsp;&mdash;&laquo; &raquo;Ich komme&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Wir sa&szlig;en um den gedeckten Tisch: Brandt schweigsam,
+mit gerunzelten Brauen, die beiden kleinen Knaben &mdash; seine
+S&ouml;hne aus seiner ersten Ehe &mdash; versch&uuml;chtert
+und &auml;ngstlich von einem zum anderen blickend, ich, eine
+Unterhaltung m&uuml;hsam aufrecht erhaltend; sie allein schien
+lustig, fast &uuml;berm&uuml;tig, ihre Augen flimmerten, ihre
+gro&szlig;en wei&szlig;en H&auml;nde, die mir immer vorkamen, als
+h&auml;tten sie ein eigenes Leben, als w&auml;ren sie junge
+Raubtiere, &mdash; bewegten sich ruhelos, streichend, klopfend,
+sich dehnend, um sich gleich wieder zur Faust zu ballen,
+auf dem Tisch. Das M&auml;dchen kam und brachte einen
+Eisk&uuml;bel mit einer Flasche Champagner. Brandt sah
+mi&szlig;billigend auf seine Frau. &raquo;Wie kannst du, Rosalie, &mdash; in
+deinem Zustand!&laquo;</p>
+
+<p>Sie lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Nur heute, &mdash; wo wir ein Fest miteinander feiern
+und ihr dasitzt wie &Ouml;lg&ouml;tzen und nicht lustig seid, &mdash; lustig
+wie ich! &mdash; Trinkt, Kinder, trinkt, so ein Abend
+kommt nicht so leicht wieder!&laquo; Sie st&uuml;rzte das erste
+Glas in einem Zug hinunter. Und dann sprach sie unaufh&ouml;rlich,
+fieberhaft. Von der Reise, die sie machen
+werde, von den Herrlichkeiten, die sie daf&uuml;r schon eingekauft
+habe &mdash; &raquo;drei seidene Kleider und H&uuml;te dazu,
+und einen Rohrplattenkoffer f&uuml;r zweihundert Mark, &mdash; mach'
+keine entsetzten Augen, Heinrich; ich wei&szlig; ja, du
+bezahlst es gern, &mdash; so gern!&laquo;&nbsp;&mdash;, von ihren Tr&auml;umen.
+&raquo;Ich sehe immer denselben Mann, der mir winkt, zu
+<a name="Page_90" id="Page_90"></a>dem ich hin mu&szlig;,&laquo; &mdash; ihre Stimme sank und ihre
+Augen weiteten sich, da&szlig; das Wei&szlig;e unheimlich gro&szlig;
+um die dunklen Pupillen stand &mdash; &raquo;und der mir helfen
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Trinken Sie nicht mehr&nbsp;&mdash;,&laquo; bat ich ersch&uuml;ttert und
+legte meine Hand auf die ihre, die eiskalt war. Sie
+sch&uuml;ttelte sie ab wie eine l&auml;stige Fliege.</p>
+
+<p>&raquo;Sie glauben, ich spr&auml;che im Rausch?!&laquo; sagte sie.
+&raquo;Sie irren. Ich bin n&uuml;chtern, ganz n&uuml;chtern, &mdash; ich
+wei&szlig; nur mehr als Sie, viel mehr, und &mdash; und ich
+glaube an Tr&auml;ume!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du denn nicht eifers&uuml;chtig auf deinen Rivalen,
+zu dem ich reise?&laquo; Damit wandte sie sich mit einem
+lauernden Blick aus halb geschlossenen Augen an ihren
+Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Rosalie!&laquo; st&ouml;hnte er gequ&auml;lt. Rasch stand ich auf.
+Ich konnte die Blicke der Kinder nicht mehr ertragen.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist schon zu sp&auml;t f&uuml;r euch,&laquo; redete ich sie an und
+griff nach ihren H&auml;nden, &raquo;kommt, &mdash; ich bring' euch zu
+Bett.&laquo; Sie lachten dankbar.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Tante, bring uns doch immer zu Bett!&laquo; fl&uuml;sterte
+der &Auml;lteste, als er in den Kissen lag, und seine melancholischen
+Zigeuneraugen sahen mich flehend an. &raquo;Und
+morgen, bitte, bitte, erz&auml;hl uns eine Geschichte,&laquo; f&uuml;gte
+der J&uuml;ngste hinzu und richtete sich im Bett noch einmal
+auf.</p>
+
+<p>Indessen war es im Wohnzimmer zu einer heftigen
+Szene gekommen. Rosalie lag schluchzend auf dem
+Diwan. &raquo;Er will mich nicht reisen lassen, er will mich
+umbringen, &mdash; mich und das Kind,&laquo; schrie sie. &raquo;So
+m&auml;&szlig;ige dich doch, um Gottes willen!&laquo; beschwor sie Brandt
+<a name="Page_91" id="Page_91"></a>mit einem Blick auf die Glast&uuml;r, hinter der sich der
+Schatten des M&auml;dchens hin und her bewegte. Sie
+achtete nicht auf ihn, ihre Stimme wurde nur noch
+lauter und heftiger. &raquo;Ich halte es nicht mehr aus, &mdash; ich
+mag deine Bevormundung nicht, und deine schlechte
+Laune. Ich laufe davon&nbsp;&mdash;&laquo; Und ihr Schluchzen wurde
+zum Weinkrampf.</p>
+
+<p>Der Arzt wurde geholt. &raquo;Sie m&uuml;ssen ihrem Willen
+nachgeben, wenn Sie nicht das schlimmste riskieren
+wollen,&laquo; entschied er schlie&szlig;lich. &raquo;Nat&uuml;rlich darf sie
+nicht ohne Pflegerin reisen, &mdash; ich kann Ihnen eine
+empfehlen, auch eine gute deutsche Pension in London.&laquo;</p>
+
+<p>Schon am n&auml;chsten Morgen kam Rosalie zu mir, um
+Abschied zu nehmen. Sie war v&ouml;llig verwandelt, weich,
+freundlich, ruhig. Es war fast ein strahlendes L&auml;cheln,
+mit dem sie mir im Weggehen sagte: &raquo;Nun wei&szlig; ich
+gewi&szlig;: Alles &mdash; Alles wird gut werden.&laquo;</p>
+
+<p>Wie unter dem Zwang einer stillschweigenden Verabredung
+sahen Brandt und ich uns in der n&auml;chsten
+Zeit selten und nie allein. Ich a&szlig; dr&uuml;ben bei ihm mit
+den Kindern, nahm sie mit bei meinen Ausg&auml;ngen und
+sorgte f&uuml;r sie, soviel mir an Zeit daf&uuml;r &uuml;brig blieb.
+Mit wehm&uuml;tiger Freude sah ich, wie sie t&auml;glich mehr
+an mir hingen und mit all ihren kleinen W&uuml;nschen
+und K&uuml;mmernissen zu mir kamen. Weihnachten stand
+vor der T&uuml;r. &raquo;Einen richtigen Weihnachtsbaum machst
+du uns, Tante, nicht wahr?&laquo; bettelte W&ouml;lfchen, der
+J&uuml;ngste. &raquo;Im vorigen Jahr war er man soo klein.&laquo;
+&raquo;Ich m&ouml;chte am liebsten zur Mutter fahren, &mdash; wie
+ganz fr&uuml;her,&laquo; meinte Hans, der &Auml;lteste, und seine Augen
+schimmerten feucht. &raquo;Zur Mutter&nbsp;&mdash;?!&laquo; staunte ich.</p>
+<p><a name="Page_92" id="Page_92"></a></p>
+<p>&raquo;Nun ja, du wei&szlig;t doch, unsere richtige Mutter
+wohnt weit, weit weg in Wien,&laquo; plauderte Wolf; &raquo;sie
+ist immer krank. Aber im Sommer, da d&uuml;rfen wir sie
+besuchen, wenn sie in Schruns ist oder in Klobenstein&nbsp;&mdash;&laquo;
+&raquo;Die Rosalie ist gar nicht mit uns verwandt,
+aber auch gar nicht,&laquo; unterbrach ihn Hans eifrig,
+und mit einem fragenden Blick auf mich fuhr er z&ouml;gernd
+fort: &raquo;Unsere Marie sagt, sie kommt nicht wieder und &mdash; und
+du bleibst bei uns?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich blieb ihm die Antwort schuldig. J&auml;her Schreck
+l&auml;hmte mir die Zunge. Ich hatte Brandt nach seiner
+ersten Frau nie gefragt, hatte geglaubt, sie sei fr&uuml;h
+gestorben. Welche Schicksale lasteten auf dem Mann,
+den ich liebte &mdash; t&auml;glich verzehrender, sehns&uuml;chtiger&nbsp;&mdash;,
+und rissen die jungen Seelen dieser Kinder in ihren
+Wirbeltanz?!</p>
+
+<p>Z&auml;rtlich zog ich die Knaben in meine Arme: &raquo;Seid
+brav, recht brav, da&szlig; der Vater sich an euch freut, dann
+sollt ihr einen Weihnachtsbaum haben wie noch nie!&laquo;</p>
+
+<p>Mit gl&uuml;hendem Eifer, der mich alles andere vergeben
+lie&szlig;, bereitete ich das sch&ouml;nste Fest des Jahres vor.
+Freude wollte ich um mich verbreiten, lauter &uuml;berschwengliche
+Freude. Mit dem Geld, das ich mir von
+Brandt f&uuml;r seine Kinder erbat, und das er mir verwundert
+gab &mdash; er hatte an Weihnachten gar nicht
+gedacht&nbsp;&mdash;, und den Goldst&uuml;cken, die mir ein paar Artikel
+eben eingetragen hatten, kaufte ich einen ganzen Jahrmarkt
+voll Spielzeug; und Pfefferkuchen und Marzipan
+und Schokolade, dazu Sch&uuml;rzen, B&auml;nder, und ein
+himmelblaues Kleid f&uuml;r das Dienstm&auml;dchen, das mich
+mit ihren kleinen blanken Augen immer so lustig an<a name="Page_93" id="Page_93"></a>lachte.
+Am Morgen des Weihnachtstages schlo&szlig; ich
+mich im E&szlig;zimmer ein und putzte die gro&szlig;e duftende
+Edeltanne mit lauter blitzendem Kram, mit roten Rosen
+und bunten Lichtern. Leuchten sollte sie wie das lebendig
+gewordene Gl&uuml;ck. Vielleicht wird sie ihm ein einziges
+frohes L&auml;cheln entlocken! dachte ich.</p>
+
+<p>Nachmittags mu&szlig;te ich zuerst zu den Eltern. Es
+wurde fr&uuml;h beschert, weil alle Familienmitglieder bei
+Onkel Walters geladen waren. Im Salon stand wie
+immer der Baum: farblos, schneewei&szlig;, sehr k&uuml;hl, sehr
+vornehm. Und davor unsere Tische, beladen mit Geschenken.
+Der Vater hatte sich einmal wieder nicht genug
+tun k&ouml;nnen. Er war in letzter Zeit f&uuml;r mich von
+einer G&uuml;te, die mir wehe tat, weil ich wu&szlig;te, da&szlig; sie
+nur einer T&auml;uschung ihr Dasein verdankte. Meine
+wiener Volksversammlungsrede hatte die deutsche Presse
+ignoriert, auch sonst mu&szlig;te es ihm scheinen, als z&ouml;ge
+ich mich mehr und mehr zur&uuml;ck. Was ich f&uuml;r die
+Tagespresse schrieb, &mdash; ich fing damals an, auch am
+&raquo;Vorw&auml;rts&laquo; gelegentlich mitzuarbeiten&nbsp;&mdash;, erschien ohne
+meine Unterschrift; die wesentlich literarisch-kritischen
+Artikel in den Wochenbl&auml;ttern hatten meist seinen Beifall.
+&raquo;Ich wollte dir handgreiflich zeigen, wie zufrieden
+ich mit dir bin&laquo;, &mdash; damit entschuldigte er gleichsam die
+F&uuml;lle der Gaben. Da&szlig; ich das wei&szlig;e Kleid und den
+Spitzenschal und die seidenen Str&uuml;mpfe und zierlichen
+Schuhe mit solcher Freude empfing, weil ich allein dessen
+gedachte, f&uuml;r den sie mich schm&uuml;cken sollten, &mdash; er ahnte
+es nicht! Nur die Mutter hatte schon hie und
+da mi&szlig;trauisch nach Brandts Gattin gefragt, wenn sie
+ihn allein bei mir traf, und zuweilen war uns die<a name="Page_94" id="Page_94"></a>
+Schwester begegnet und hatte uns mit vielsagendem
+L&auml;cheln begr&uuml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Der Vater wollte mich durchaus nicht heimgehen
+lassen, wollte bei Onkel Walters absagen: &raquo;Wenn sie
+meine Tochter nicht haben wollen, so m&ouml;gen sie auch
+auf mich verzichten.&laquo; Es kostete M&uuml;he, ihn umzustimmen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ja nicht allein&laquo;, sagte ich schlie&szlig;lich &mdash; sehns&uuml;chtig
+dachte ich an die erwartungsvollen Knabengesichter,
+an den stillen Abend mit ihm&nbsp;&mdash;, &raquo;ich mu&szlig;
+noch zur Bescherung im Kinderheim&laquo;, dabei wandte ich
+den Kopf dunkel ergl&uuml;hend zur Seite.</p>
+
+<p>Endlich konnt' ich gehen. Und mein bunter, lustiger
+Weihnachtsbaum funkelte und spr&uuml;hte, ein Fanal der
+Freude, ein Sonnwendfeuer, ein Gru&szlig; an das steigende
+Licht. Der Jubel der Kinder klang durch die R&auml;ume.
+&raquo;Du &mdash; du Zauberin,&laquo; fl&uuml;sterte eine tiefe Stimme mir
+ins Ohr.</p>
+
+<p>Still und feierlich, in ihr weiches glitzerndes Schneekleid
+geh&uuml;llt, erwachte die Erde am n&auml;chsten Morgen.
+Der Arbeitsl&auml;rm des Alltags war verstummt, und R&auml;derrollen
+und Menschenschritte klangen ged&auml;mpft auf dem
+Winterteppich. Es war Feiertag.</p>
+
+<p>Und im Festgewand stand ich und wartete dessen, der
+kommen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Mein Herzblut, das ich bereit war, restlos f&uuml;r ihn zu
+vergie&szlig;en, hatte es mit roten Rubinen bestickt, Schn&uuml;re,
+an denen die Tr&auml;nen meiner Sehnsucht schimmernd gereiht
+waren, schm&uuml;ckten mir den Nacken, mit Smaragden
+der Hoffnung waren die seidenen Schuhe besetzt an
+meinen F&uuml;&szlig;en, die ihm entgegengingen, und auf meinen
+Armen, die ihn umfassen wollten, funkelten, alle Farben
+<a name="Page_95" id="Page_95"></a>und allen Glanz der Welt in sich vereinend, die Diamanten
+meiner Leidenschaft. Und er kam, er sah mich, &mdash; und
+die armen kleinen Liebesworte sch&auml;mten sich
+ihrer millionenfachen Entweihung und verstummten.</p>
+
+<p>Nicht wie die Tage, die wie Kugeln am Z&auml;hlbrett
+gleichg&uuml;ltig rechnend weiter geschoben werden, waren
+die jenes sonnendurchleuchteten Winters. Die Nacht
+gebar einen jeden als Wesen g&ouml;ttlicher Art, ewigen
+Lebens voll. Hoch &uuml;ber die Erde trugen sie uns auf
+starken Fl&uuml;geln, und mochte drunten riesenhaft die
+schwarze Gestalt der Schuld die Arme drohend gegen
+uns recken, &mdash; wir sahen sie nicht. &mdash; Bis einer kam,
+der h&auml;&szlig;lich war und neidisch, und mit Faustschl&auml;gen an
+der T&uuml;re uns weckte aus unserem erdenfernen Liebestraum.</p>
+
+<p>Wir kehrten vom Wannsee zur&uuml;ck, wo wir unter blauem
+Himmel auf spiegelglattem Eis gemeinsam unsere Kreise
+gezogen hatten. Mit &auml;ngstlichem Gesicht hielt die gute
+Marie uns einen Brief entgegen. &raquo;Rohrpost &mdash; und
+Rosaliens Schrift&nbsp;&mdash;&laquo; Heinrichs Gesicht entf&auml;rbte sich.
+&raquo;Ich bin in Berlin und ersuche dich, mich vom Hotel
+aus abzuholen. Unser Kind soll im Vaterhause geboren
+werden,&laquo; schrieb sie. Noch am Abend traf sie ein. Ich
+sah ihren dunklen Schatten hinter den Vorh&auml;ngen. Ich
+wu&szlig;te, was er mir bedeutete: kein Verzichten nach kurzem
+gestohlenem Gl&uuml;ck, wie ich es einst geglaubt hatte, sondern
+Kampf um den Einsatz des ganzen Lebens. Mit
+dem Recht der Liebe geh&ouml;rte Heinrich mir. Alles andere
+&raquo;Recht&laquo; ist nur verschleiertes Unrecht.</p>
+
+<p>Sie verlangte meinen Besuch. Ich fand sie im Bett
+liegend, vollkommen ruhig, w&auml;hrend die Pflegerin damit
+<a name="Page_96" id="Page_96"></a>besch&auml;ftigt war, das Zimmer umzur&auml;umen. &raquo;In vierzehn
+Tagen etwa erwarte ich,&laquo; sagte sie nach gemessener
+Begr&uuml;&szlig;ung, &raquo;Heinrich ist nat&uuml;rlich sehr ungl&uuml;cklich, da&szlig;
+ich ihn jetzt schon ausquartiere,&laquo; mit sp&ouml;ttischem L&auml;cheln
+sah sie zwischen uns hin und her. Ich verabschiedete
+mich so rasch als m&ouml;glich und nahm mir vor, diese
+Kom&ouml;die freundschaftlicher Besuche nicht weiter zu spielen.</p>
+
+<p>Da&szlig; es jetzt f&uuml;r mich an der Zeit gewesen w&auml;re, zu
+gehen, fern von Berlin in aller Stille die Entwicklung
+der Dinge abzuwarten, &mdash; das f&uuml;hlte ich instinktiv. Aber
+die Leidenschaft, die mich beherrschte, machte mich taub
+f&uuml;r die leisen Stimmen meines Inneren. Ich konnte
+ja gar nicht fort, beruhigte ich mein Gewissen, ich hatte
+kaum die Mittel, um zu leben, wie viel weniger, um
+zu reisen, &mdash; ich war gerade jetzt unentbehrlich in
+Berlin, wo der Konfektionsarbeiterstreik t&auml;glich ausbrechen
+konnte.</p>
+
+<p>Es kamen auch viele einsame Stunden, wo meine
+Phantasie b&ouml;se Tr&auml;ume spann: Ich sah ein winziges
+Kinderh&auml;ndchen von unheimlicher Kraft, das mir
+den Geliebten entrei&szlig;en wollte. Nein: ich konnte
+nicht fort!</p>
+
+<p>Er besuchte mich seit Rosaliens R&uuml;ckkehr nur selten.
+Sie hatte ihr Bett und ihren Stuhl am Fenster so gestellt,
+da&szlig; sie zu mir her&uuml;bersehen konnte. Auch einen
+kleinen Spiegel hatte sie anbringen lassen, durch den
+ihr niemand entging, der den Hof betrat. Oft, wenn
+ich das Haus verlie&szlig;, um ihn zu treffen, war mir, als
+verfolge mich dies gl&auml;nzende runde Ding mit dem
+bohrenden Auge darin durch alle Stra&szlig;en. Zuweilen
+bemerkte ich auch, wie die Pflegerin, eine Johanniter<a name="Page_97" id="Page_97"></a>schwester
+mit einem ausgemergelten fanatischen Asketengesicht
+mir von ferne nachschlich. Im Traum sah ich
+sie dann auf meinem Bette sitzen und mit hungrigen
+Augen die Schrift gluthei&szlig;er Liebe lesen, die mir im
+Herzen geschrieben stand.</p>
+
+<p>Wir w&auml;hlten immer andere Orte f&uuml;r unsere Zusammenkunft:
+kleine Weinstuben, stille Konditoreien, wo
+es nach saurem Wein und altem Kuchen roch und die
+Kellner die Wissenden spielten. Es war so widerw&auml;rtig,
+da&szlig; wir es schlie&szlig;lich vorzogen, in Wind und Wetter
+drau&szlig;en im Wald zu sein, wo reine Luft unsere
+Stirnen k&uuml;hlte. Einmal f&uuml;hrte uns der Weg durch
+den Wald nach Paulsborn. Dicht lag der Nebel &uuml;ber
+dem See, ein feiner Regen st&auml;ubte vom Himmel. Er
+hatte mit seinem Arm seinen Mantel auch um mich
+geschlungen.</p>
+
+<p>&raquo;Vergi&szlig; mich, Alix, wenn du kannst,&laquo; sagte er, &raquo;la&szlig;
+den armen Kerl laufen, der allen Ungl&uuml;ck bringt, die
+ihm zu nahe kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&Auml;ngstlich forschte ich in seinen verschlossenen Z&uuml;gen.
+&raquo;Willst du, da&szlig; ich gehe?&laquo; frug ich mit Betonung.</p>
+
+<p>Er zog mich fester an sich. &raquo;Ich m&uuml;&szlig;te es wollen,
+um deinetwillen! Und doch, wenn ich mir vorstelle, du
+t&auml;test es &mdash; lieber br&auml;cht' ich dich um!&laquo;
+Z&auml;rtlich dr&uuml;ckte ich meine Wange an seine Schulter.
+&raquo;Wenn das der Tod ist, den ich allein zu f&uuml;rchten
+habe, so werd' ich ewig leben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du denn auch, was dir bevorsteht&nbsp;&mdash;?&laquo; &raquo;Ja,&laquo;
+l&auml;chelte ich, &raquo;dein Weib werde ich sein, dein gl&uuml;ckseliges
+Weib!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du so sicher, da&szlig; sie in die Scheidung
+<a name="Page_98" id="Page_98"></a>willigt, da&szlig; sie nicht vielmehr alles tun wird, um dich,
+um uns zu verderben?&laquo;</p>
+
+<p>Ich dachte schaudernd ihrer lauernden Blicke und
+ihrer Raubtierh&auml;nde. Aber ich verscheuchte das Angstgef&uuml;hl,
+das mich zu unterjochen drohte.</p>
+
+<p>&raquo;Nur die Trennung von dir w&auml;re mein Verderben,
+und die erzwingt sie nicht. Dir werd' ich geh&ouml;ren, auch
+wenn ich's vor der Welt nicht darf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden alle mit Steinen nach dir werfen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mich lieb, bin ich unverwundbar&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>St&auml;rker str&ouml;mte der Regen, dicht &uuml;ber den schwarzen
+Kiefern schienen die Wolken zu lagern. Am warmen
+Ofen im Wirtshaus trockneten unsere M&auml;ntel. An
+Heimkehr war zun&auml;chst nicht zu denken. O, da&szlig; eine
+Sintflut uns umschl&ouml;sse wie eine Insel und kein Schiff
+den Weg zur&uuml;ckf&auml;nde in die Welt!</p>
+
+<p>&raquo;Kaum ein Jahr ist es her, da&szlig; ich Rosalie heiratete,&laquo;
+begann er nachdenklich, &raquo;wie heller Wahnsinn erscheint
+mir heute, was ich tat. In zarter R&uuml;cksicht hast du,
+Gute, nie gefragt und hast doch ein Recht, mehr von
+mir zu wissen, als da&szlig; ich dich liebe. Nach sechsj&auml;hriger
+Ehe, &mdash; Jahren steigender Qualen, in denen wir uns
+immer weiter voneinander entwickelten, &mdash; verlie&szlig; mich
+meine erste Frau. Ich h&auml;tte es ihr l&auml;ngst verziehen &mdash; sie
+litt ja wie ich!&nbsp;&mdash;, aber da&szlig; sie die beiden kleinen
+Kinder im Stiche lie&szlig;, das begriff ich nicht, werde es
+nie begreifen. Im Scheidungsproze&szlig; wurden sie mir
+zugesprochen. Und nun begann ein Leben dauernder
+Aufregung. Wohl zehnmal am Tage, wenn ich im
+Redaktionsbureau sa&szlig;, packte mich die Angst um die
+Kleinen. Ich sah sie von den unzuverl&auml;ssigen W&auml;rte<a name="Page_99" id="Page_99"></a>rinnen
+unbeaufsichtigt gelassen, von der Mutter heimlich
+entf&uuml;hrt, und fuhr gehetzt zwischen der Wohnung und
+dem Bureau hin und her. St&auml;ndig war ich auf der
+Suche nach jemandem, dem ich die Kinder anvertrauen
+konnte. Ich klagte meine Not einem Freunde. &#8250;Ich
+w&uuml;&szlig;te eine Dame, mit der Sie das gro&szlig;e Los ziehen
+w&uuml;rden,&#8249; sagte der, &#8250;aber sie wird eine Stellung kaum
+annehmen wollen. Sie ist reicher Leute einziges Kind,
+ist aus Liebe zur leidenden Menschheit Krankenpflegerin
+geworden, und dabei die sch&ouml;nste Frau der Welt.&#8249; Ich
+war wie elektrisiert. Er mu&szlig;te mir Namen und Adresse
+nennen, und in der n&auml;chsten Stunde schon war ich bei
+ihr. Wie ein Geschenk des Himmels schien es mir,
+da&szlig; sie ohne viel &Uuml;berlegung ja sagte. Sie war gut
+zu meinen Kindern. Ich konnte ruhig arbeiten. Ich
+fand ein behagliches Zuhause, wenn ich heimkam. Da&szlig;
+sie weder die sch&ouml;nste Frau der Welt, noch reicher Leute
+Kind war, sondern irgendwo im Osten in einer Tagel&ouml;hnerkate
+das Licht der Welt erblickt hatte, war mir
+eher willkommen, als da&szlig; es mich entt&auml;uscht h&auml;tte.
+Ihre Vorliebe f&uuml;r seidene Kleider, auf die sie all ihren
+Verdienst verwandte, mochte das M&auml;rchen um sie gesponnen
+haben. Ich lie&szlig; es geschehen, da&szlig; &mdash; da&szlig; sie
+mich liebte. Ich hatte Jahre und Jahre jede Liebe
+entbehrt und hielt nun meine Dankbarkeit f&uuml;r Liebe.
+Nur daran, mich zu fesseln, dachte ich nicht. Zu schwer
+lastete die Erinnerung an die Ehe auf mir. Da warf
+mich ein heftiges Nervenfieber aufs Krankenlager. Und
+w&auml;hrend ich noch matt und elend zu Bette lag, erkl&auml;rte
+mir Rosalie, mich noch am selben Tage verlassen zu
+wollen, wenn ich ihr nicht die Heirat verspr&auml;che. Ich
+<a name="Page_100" id="Page_100"></a>war emp&ouml;rt, aber viel zu schwach zu energischem Widerstand.
+Ich dachte an meine Kinder. Sie ging schon
+am n&auml;chsten Tage mit unseren Papieren aufs Standesamt,
+um das Aufgebot anzumelden. So wurden wir
+Mann und Frau&nbsp;&mdash;&laquo;. Er schwieg. &raquo;Und trotz alledem
+wirst du mich lieb behalten?&laquo; fragte er dann leise.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du mich lieb beh&auml;ltst nach meiner Beichte,&laquo;
+antwortete ich und erz&auml;hlte ihm von meiner Jugendliebe.
+&raquo;Wei&szlig;t du&nbsp;&mdash;&laquo; sagte ich zum Schlu&szlig; tr&auml;umerisch, w&auml;hrend
+seine Hand leise die meine streichelte, &raquo;mein Herz
+ist wie die Erde: ohne den Fr&uuml;hling w&auml;re der Sommer
+mit seiner gl&uuml;henden Sonne und seinen voll erbl&uuml;hten
+Rosen nicht gekommen. Und darum werde ich noch im
+Winter an ihn denken m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Sp&auml;t kamen wir nach Hause. Vor dem Tore stand
+die Johanniterschwester. Wie Flederm&auml;use flatterten
+ihre schwarzen Haubent&uuml;cher im Wind.</p>
+
+<p>An meiner T&uuml;r empfing mich die Aufw&auml;rterin mit
+grinsender Untert&auml;nigkeit. &raquo;Herr Reinhard ist da,&laquo;
+sagte sie, &raquo;ich wu&szlig;te nicht, da&szlig; gn&auml;dige Frau so lange
+fort bleiben w&uuml;rden &mdash; bei dem Wetter.&laquo; Ich h&ouml;rte
+seine Kr&uuml;cke hart und heftig aufschlagen.</p>
+
+<p>&raquo;Fast w&auml;re ich wieder gegangen,&laquo; grollte er, &raquo;ich&nbsp;&mdash;&laquo;
+er legte starken Nachdruck auf dies &#8250;ich&#8249; &mdash; &raquo;ich habe
+keine Zeit, um Ausfl&uuml;ge zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihen Sie, da&szlig; Sie warten mu&szlig;ten. H&auml;tten
+Sie mir Ihren Besuch mit einem Worte angek&uuml;ndigt&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte bes&auml;nftigt. &raquo;Schon gut &mdash; schon gut! Wir
+wollen uns bei Pr&auml;liminarien nicht aufhalten. Die
+Entscheidung steht vor der T&uuml;r&nbsp;&mdash;, an eine friedliche
+<a name="Page_101" id="Page_101"></a>denke ich, nach der allgemeinen Stimmung zu urteilen,
+nicht mehr. Werden wir auf Sie rechnen k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich. Aber da&szlig; Sie gerade jetzt, wo
+die &ouml;ffentliche Meinung sich mehr und mehr auf Seite
+der Arbeiter stellt, wo einflu&szlig;reiche Kreise der Bourgeoisie
+&ouml;ffentlich f&uuml;r sie eintreten, an einer befriedigenden L&ouml;sung
+verzweifeln, begreife ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welch ein Neuling Sie doch sind!&laquo; Er sch&uuml;ttelte
+verwundert den breiten Kopf. &raquo;Weil einigen b&uuml;rgerlichen
+Idealisten all das aufgedeckte Elend an die
+Tr&auml;nendr&uuml;sen geht, darum, meinen Sie, werden die
+Unternehmer nachgeben?! Wo der eigene Geldbeutel
+in Frage kommt, h&ouml;rt die Sentimentalit&auml;t auf. Immerhin:
+wir werden bis zum &auml;u&szlig;ersten warten, und&nbsp;&mdash;&laquo;
+seine Lippen kr&auml;uselten sich h&ouml;hnisch &mdash; &raquo;hoffen. Bei
+der miserablen Organisation, trotz der Hundearbeit der
+ganzen letzten Monate, ist es kein Kinderspiel, die Verantwortung
+f&uuml;r den Streik auf sich zu nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Er erz&auml;hlte mir noch von den intimen Verhandlungen
+mit den Meistern der Damenm&auml;ntelkonfektion, von der
+m&uuml;hseligen Ausarbeitung eines detaillierten Lohntarifs,
+von den Pl&auml;nen f&uuml;r die n&auml;chste Zukunft, und empfahl
+sich, nachdem ich ihm nochmals versprochen hatte, als
+Rednerin &uuml;berall zur Stelle zu sein, wo er mich w&uuml;rde
+brauchen k&ouml;nnen. Mein Gewissen schlug. &Uuml;ber dem
+eigenen Schicksal war ich nahe daran gewesen, das Geschick
+der Hunderttausende zu vergessen. Schon waren
+Schriften aller Art erschienen, die das Leben der Konfektionsarbeiter
+malten, wie ich es oft genug gesehen
+hatte. Warum war keine von mir? Und in den Versammlungen
+der b&uuml;rgerlichen Frauenvereine wurde pl&ouml;tz<a name="Page_102" id="Page_102"></a>lich
+entdeckt, da&szlig; die Not der Arbeiterin gr&ouml;&szlig;er war
+als die h&ouml;herer T&ouml;chter, in der Ethischen Gesellschaft
+wurden die Mittel zu ihrer Abhilfe lebhaft debattiert.
+Und ich allein schwieg!</p>
+
+<p>Von nun an fehlte ich nirgends mehr. Und ich
+f&uuml;hlte: je weiter ich mich von mir selbst entfernte, desto
+st&auml;rker wurde ich. In einer Reihe gro&szlig;er Versammlungen
+wurden die Forderungen der Konfektionsarbeiter
+noch einmal klargelegt, ihre Lage beleuchtet, der sie Abhilfe
+schaffen sollten. Ich war in den Feensaal gegangen,
+wo Martha Bartels sprach. Kaum, da&szlig; ich noch Einla&szlig;
+fand, denn auf der Stra&szlig;e schon stauten sich die
+Menschen. So viel Armut war wohl noch nie aus
+ihren dunklen H&ouml;hlen hervorgekrochen. Und noch nie
+hatten sich so viel elegante Frauen in ihrer n&auml;chsten
+N&auml;he befunden.</p>
+
+<p>In dem tief eingewurzelten Gef&uuml;hl, das noch immer
+hinter dem sch&ouml;nsten Kleid die gr&ouml;&szlig;te Respektsperson
+vermutet, dr&auml;ngten sich die Armen sch&uuml;chtern an den
+W&auml;nden entlang. Alte Frauen mit m&uuml;den, rot ger&auml;nderten
+Augen standen auf, um seidenrauschenden
+Damen Platz zu machen. Keinen Blick des Neides
+sah ich, keinen des Hasses. Als Martha Bartels
+sprach, schlicht, fast n&uuml;chtern, und ihnen die Geschichte
+ihres eigenen Leides erz&auml;hlte, da weinten viele. Aber
+es waren nicht die fruchtbaren Tr&auml;nen der Erkenntnis,
+unter deren hei&szlig;er Flut die Kraft des Widerstandes gedeiht,
+es waren die Tr&auml;nen der Verzweiflung, die armseligen
+Tropfen, die in den Kirchen flie&szlig;en, wenn der
+Pfarrer von der Kanzel die Ergebenheit in Gottes
+Willen predigt. Zorn und Leid stritten in mir: Zorn, &mdash; <a name="Page_103" id="Page_103"></a>da&szlig;
+Armut und Religion die Menschheit so um ihre
+W&uuml;rde hatten betr&uuml;gen k&ouml;nnen, Leid, &mdash; da&szlig; von dieser
+Menschen Kampfeslust und Ausdauer Sieg oder Niederlage
+abh&auml;ngen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Beim Ausgang traf ich meine Mutter. Mit einer
+Anzahl bekannter Damen hatte sie der Versammlung
+beigewohnt. Sie waren alle erf&uuml;llt von dem Geh&ouml;rten.
+Die Ruhe der Rednerin und der Zuh&ouml;rer hatte den
+Eindruck nur verst&auml;rkt.</p>
+
+<p>In weitesten Kreisen, von den Nationalsozialen bis
+in die Reihen der Konservativen hinein, schien das
+Interesse f&uuml;r die Heimarbeiter rege zu sein. Meine
+Mutter war voll Eifer; ich hatte sie um einer solchen
+Sache willen nie so erregt, so lebhaft gesehen. Sie
+zwang mich f&ouml;rmlich, an einer Zusammenkunft teilzunehmen,
+die am n&auml;chsten Tage bei einem bekannten berliner
+Geistlichen stattfinden sollte.</p>
+
+<p>Ich holte sie ab, um mit ihr hinzugehen, und fand
+selbst meinen Vater voller Teilnahme. &raquo;Da ist dein
+Platz, da kannst du was leisten,&laquo; sagte er, mir die Hand
+sch&uuml;ttelnd, &raquo;da findest du uns alle an deiner Seite,
+wenn es gilt, den j&uuml;dischen Konfektion&auml;ren, diesen
+Menschenschindern und Ausbeutern, das Handwerk zu
+legen.&laquo; Eine &auml;hnliche Stimmung beherrschte die Sitzung,
+wenn auch der Wunsch nach einer friedlichen L&ouml;sung
+des Konflikts und die bestimmte Hoffnung auf seine
+Erf&uuml;llung von dem Einberufer sehr betont wurde.</p>
+
+<p>Er berichtete von dem Komitee, das sich k&uuml;rzlich auf
+Anregung der Ethischen Gesellschaft gebildet hatte, um
+zwischen den Arbeitern und den Unternehmern eine Verst&auml;ndigung
+anzubahnen. M&auml;nner und Frauen der ver<a name="Page_104" id="Page_104"></a>schiedensten
+Parteirichtungen, deren Namen in der &Ouml;ffentlichkeit
+einen guten Klang hatten, geh&ouml;rten ihm an.
+Man beschlo&szlig;, sich ihm gleichfalls anzuschlie&szlig;en. &raquo;Kommt
+es trotz alledem zum Streik, so schaffen wir eine Hilfskasse,&laquo;
+rief eine lebhafte kleine Dame, deren Energie
+beim Durchsetzen ihrer Pl&auml;ne sie bekannt gemacht hatte.
+Man stimmte ihr ohne weiteres zu. &raquo;Wir m&uuml;ssen alle
+Gesch&auml;fte boykottieren, die die Forderungen der Arbeiter
+nicht bewilligen,&laquo; erkl&auml;rte eine andere, und man &uuml;berbot
+sich in steigender Erhitzung in Vorschl&auml;gen zugunsten
+der Sache. Ich erinnerte mich im stillen des Streiks
+der westph&auml;lischen Bergarbeiter. Auch damals sprach
+sich die &ouml;ffentliche Meinung, soweit sie mir zu Ohren
+kam, zugunsten der K&auml;mpfenden aus, aber sie tatkr&auml;ftig
+zu unterst&uuml;tzen, daran wagte noch niemand zu denken.
+Also doch ein Fortschritt?! Mein Optimismus regte
+sich wieder.</p>
+
+<p>Ich berichtete Reinhard von dem Erlebten. &raquo;Halten
+Sie die Leute vor allen Dingen bei ihrem Unterst&uuml;tzungsversprechen
+fest. Alles andere ist Mumpitz,&laquo; sagte er.
+Und ich lief von einem zum anderen, und lie&szlig; mir, wo
+es irgend anging, schriftliche Zusicherungen geben. Inzwischen
+arbeiteten im stillen auch die Vermittler, und
+zu gleicher Zeit sah ich Martha Bartels und ihre Gef&auml;hrtinnen,
+wie sie unerm&uuml;dlich nach ihrer eigenen Arbeit
+treppauf, treppab stiegen, um die Begeisterung f&uuml;r
+den Kampf anzufachen, der ihnen nicht nur unausbleiblich,
+sondern erw&uuml;nscht war. Sie schimpften laut
+und leise &uuml;ber das Z&ouml;gern und Warten der F&uuml;nferkommission:
+&raquo;Wir pfeifen auf alle Vers&ouml;hnungsduselei,
+bei der wir doch nur den k&uuml;rzeren ziehen. Wir wollen
+<a name="Page_105" id="Page_105"></a>eine ehrliche Entscheidung auf dem Schlachtfeld.&laquo; Die
+Ereignisse schienen ihnen recht zu geben.</p>
+
+<p>Am Abend des Kaisergeburtstages kam ich durch die
+menschenwimmelnde Friedrichsstadt. N&uuml;chtern wie
+immer gl&auml;nzten die Tausende elektrischer Birnen an
+den Gesch&auml;ftsh&auml;usern, verschlangen sich zur Kaiserkrone,
+zum W. II, und nirgends zeigten sich Spuren einer von
+Liebe befruchteten Phantasie, die neue pers&ouml;nlichere Huldigungen
+h&auml;tte schaffen k&ouml;nnen. Irrte ich mich, oder
+waren die Fassaden der gro&szlig;en Konfektionsh&auml;user sogar
+um einen Schein dunkler als sonst? Das Kaisertelegramm
+an den Burenpr&auml;sidenten Kr&uuml;ger schien, so hie&szlig; es, den
+Absatz deutscher Waren nach England lahmzulegen. Und
+w&auml;hrend Alldeutsche und Antisemiten jubelten, ballten
+die Unternehmer die F&auml;uste im Sack.</p>
+
+<p>Die Versammlung, in die ich kam, bot ein anderes
+Bild als die letzte: es war vor allem eine der M&auml;nner.
+Und die Arbeiterinnen, die erschienen waren, geh&ouml;rten
+zu den besser Bezahlten, zu den Aufgekl&auml;rteren, den
+Selbstbewu&szlig;ten. Etwas wie Siegeszuversicht schien sie
+zu beherrschen. Sie wiesen mit Fingern auf die Herren
+im Gehrock und Zylinder, sie tuschelten einander die
+Namen der Chefs und Zwischenmeister zu, die der Einladung
+der Arbeiterkommission heute gefolgt waren, sie
+warfen hochm&uuml;tig den Kopf zur&uuml;ck, wenn einer von
+ihnen eine vertrauliche Begr&uuml;&szlig;ung zu wagen versuchte.
+Reinhard sprach. Er erl&auml;uterte die Forderungen der
+Arbeiter. Seinem Temperament tat er sichtlich Gewalt
+an. Eisige Ruhe begleitete w&auml;hrend der ersten Viertelstunde
+seine Rede. Dann unterbrach ihn eine gr&ouml;hlende
+Stimme: &raquo;Bezahlter Agitator&nbsp;&mdash;&laquo;, das war das Signal
+<a name="Page_106" id="Page_106"></a>f&uuml;r die anderen. Kein Satz blieb ohne Zwischenruf. Je
+dunkler die Flecken auf Reinhards Backenknochen sich
+r&ouml;teten, je mehr die straffen Haarstr&auml;hnen ihm an den
+feuchten Schl&auml;fen klebten, und je heftiger die knochigen
+H&auml;nde ihm zitterten, desto lauter, roher, unfl&auml;tiger
+wurde das Gebr&uuml;ll der Zuh&ouml;rer. Er sprach ruhig
+weiter &mdash; von den elenden L&ouml;hnen der Frauen, von
+ihrer sittlichen Gef&auml;hrdung. &raquo;Sei man stille, Quasselkopp,&laquo;
+schrie dicht neben mir ein dicker Kerl, mit Brillantringen
+auf den roten Wurstfingern, &raquo;die M&auml;chens wissen
+schon, wof&uuml;r wir jut zahlen.&laquo; Alles lachte. &raquo;Frag mal,
+von wo die Kleene da ihren s&uuml;&szlig;en, roten Lockenkopp
+hat,&laquo; rief ein anderer. &raquo;Von de sittliche Jef&auml;hrdung,&laquo;
+br&uuml;llte aus dem Hintergrund eine &ouml;lige Stimme. Es
+war kein Halten mehr. Man &uuml;berbot sich in zynischen
+Witzen. Und die Frauen, die vorhin so kampfbereit, so
+unnahbar schienen? Sie kicherten in ihre Taschent&uuml;cher,
+einige lachten kokett die &auml;rgsten Zotenrei&szlig;er an. Reinhard
+schwieg ersch&ouml;pft. Die Diskussion war von der
+allgemeinen Ulkstimmung beherrscht. Nur zuletzt, als
+es zur Abstimmung gehen sollte, erhob sich einer der
+Meister, um eine Programmrede zu halten. Er sprach
+vom Mittelstand, &raquo;dem sittlich gesunden Kern des Volkes,
+der wahre Religion und echtes deutsches Familienleben
+pflegt und hochh&auml;lt,&laquo; und den &raquo;die Sozialdemokratie in
+ihrer Respektlosigkeit angesichts der heiligsten G&uuml;ter der
+Nation&laquo; vernichten wolle. &raquo;Auch dieser uns angedrohte
+Kampf ist nichts anderes als ein Vorsto&szlig; der Umsturzpartei
+gegen die Staatsordnung, und zum Kanonenfutter
+lassen die Dummen unter den Arbeitern sich gebrauchen.
+Wir aber stehen wie ein Fels im Meer;&laquo; &mdash; unter
+<a name="Page_107" id="Page_107"></a>dem Bravogeschrei der Zuh&ouml;rer warf er sich stolz
+in die Brust und bewegte pathetisch die Arme. &raquo;Wir
+sagen nein und abermals nein und wissen, da&szlig; wir
+trotz dem Geschrei der Gegner, trotz Streikdrohung,
+immer noch so viel Arbeiter kriegen, als wir brauchen, &mdash; und
+wenn wir sie von den Hottentotten nehmen
+sollten.&laquo;</p>
+
+<p>Am Ausgang erwartete ich Reinhard. Ich sah, wie
+Martha Bartels, von einer Schar lebhaft gestikulierender
+Frauen umgeben, erregt auf ihn einsprach. &raquo;Es ist
+kein Halten mehr,&laquo; sagte er im N&auml;hertreten. &raquo;Nun
+ist's aber auch h&ouml;chste Zeit,&laquo; rief ich, noch hei&szlig; vor
+Entr&uuml;stung. &raquo;Wir m&uuml;ssen das Eisen schmieden, solange
+es warm ist, &mdash; in allen Kreisen findet der Streik
+Unterst&uuml;tzung.&laquo; &raquo;Sachte, sachte, liebe Genossin,&laquo; wehrte
+er ab. &raquo;Im Augenblick sind uns st&auml;rkere Kn&uuml;ppel
+zwischen die Beine geworfen worden, als Ihre hilfsbereiten
+Damen aufheben k&ouml;nnen. Wenn England die
+deutsche Konfektion boykottiert, so k&ouml;nnen wir einpacken.&laquo;</p>
+
+<p>Der Termin f&uuml;r die Antwort der Unternehmer wurde
+abermals herausgeschoben. In den Arbeiterkreisen begann
+es bedenklich zu g&auml;ren; es gab Leute, die schon
+von Intrigen, Schmiergeldern und offenem Verrat
+munkelten. In Hamburg, in Erfurt, in Stettin, in
+Breslau brach der Streik aus, &mdash; in Berlin z&ouml;gerte
+man noch immer, scheinbar um dem Vermittelungskomitee
+Zeit f&uuml;r seine Verhandlungen zu gew&auml;hren, in Wirklichkeit
+aber, um die Entwickelung der Dinge in England
+abzuwarten. Man glaubte an einen Krieg, zum
+mindesten an einen wirtschaftlichen. Endlich liefen, so
+zahlreich wie sonst, bei den gro&szlig;en Konfektion&auml;ren die<a name="Page_108" id="Page_108"></a>
+Bestellungen ein; und in einer Versammlung der Ethischen
+Gesellschaft wurde, zugleich mit einer r&uuml;ckhaltlosen Sympathieerkl&auml;rung
+an die k&auml;mpfende Arbeiterschaft, das
+v&ouml;llige Scheitern der Einigungsversuche mitgeteilt.</p>
+
+<p>Im Bureau der Schneider-Gewerkschaft trat die Arbeiterkommission
+zusammen. Es war wie im Hauptquartier
+eines Krieges. Wir empfingen die Streikerkl&auml;rung als
+unsere Parole und unseren Marschbefehl. In riesigen
+Plakaten wurde die Bev&ouml;lkerung am n&auml;chsten Morgen
+zu den Versammlungen eingeladen, mein Name stand
+unter denen der vierzehn Referenten.</p>
+
+<p>Ich sa&szlig; mit meiner Rede besch&auml;ftigt am Schreibtisch,
+als es drau&szlig;en zweimal heftig klingelte. Der Vater! &mdash; &raquo;Dein
+Name steht auf den Litfa&szlig;s&auml;ulen unter lauter
+Sozialdemokraten,&laquo; brauste er mich an.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist auf der Seite der Streikenden, wie ich
+wei&szlig;, du selbst hast mich ermuntert.&laquo; Er lie&szlig; mich nicht
+ausreden. &raquo;Nicht um ein ungesetzliches Vorgehen zu
+unterst&uuml;tzen, &mdash; du mu&szlig;t deinen Namen augenblicklich
+zur&uuml;ckziehen&nbsp;&mdash;&laquo;. Er stierte mich an mit dem wilden
+Blick, den ich so f&uuml;rchtete. Ich lehnte mich zitternd an
+den Schreibtisch. &raquo;Fahnenfl&uuml;chtig?! Nein! W&auml;r' ich's,
+du w&uuml;rdest dich bei ruhiger &Uuml;berlegung meiner sch&auml;men
+m&uuml;ssen.&laquo; Er umklammerte mein Handgelenk. &raquo;Soll ich
+mein Kind verlieren?&laquo; stie&szlig; er hervor, sein Atem keuchte,
+die Augen traten aus den H&ouml;hlen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann mein Wort nicht brechen, &mdash; auch mir
+selbst gegen&uuml;ber nicht,&laquo; fl&uuml;sterte ich. Ein Ruck ging
+durch seinen K&ouml;rper, meine Hand stie&szlig; er von sich, fa&szlig;te
+sich ein paarmal mit den Fingern an den Kragen, als
+w&uuml;rde er ihm zu eng, und schritt festen Schrittes, wort<a name="Page_109" id="Page_109"></a>los,
+der T&uuml;re zu. Ich h&ouml;rte sie zufallen, &mdash; eine zweite
+knarrend sich &ouml;ffnen, &mdash; heftig ins Schlo&szlig; zur&uuml;ckschlagen;
+ich lief ans Fenster: ein alter Mann ging &uuml;ber den Hof,
+sehr langsam, tief geb&uuml;ckt, schwer auf den Stock sich
+st&uuml;tzend. O, da&szlig; er nur ein einziges Mal den Kopf noch
+wenden m&ouml;chte, &mdash; aber der starre Nacken bewegte sich
+nicht. Schluchzend brach ich zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Alix!&laquo; Heinrichs entsetzter Ruf brachte mich wieder
+zu mir. Er hatte den Vater fortgehen sehen und war,
+alle Vorsicht vergessend, zu mir geeilt. &raquo;Wirst du heut
+abend sprechen k&ouml;nnen?!&laquo; &raquo;Gewi&szlig;, &mdash; nun bin ich ja
+ganz &mdash; ganz frei!&laquo; Die Tr&auml;nen waren versiegt, mir
+war, als l&auml;ge mein Herz zu Eis erstarrt in meiner
+Brust. Selbst der Geliebte kam mir pl&ouml;tzlich fern und
+fremd vor.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>F&uuml;r die Kriegserkl&auml;rung, die ich heute abzugeben
+hatte, war es die rechte Vorbereitung: kein
+weiches Gef&uuml;hl konnte mich &uuml;berw&auml;ltigen, eiserne
+Entschlossenheit beherrschte mich. Zu<em class="spaced"> einer</em> Riesenkraft
+wollte ich die schwarze Menschenmasse vor mir zusammenschwei&szlig;en,
+von<em class="spaced"> einem</em> unbeugsamen Willen beseelt.
+Und ich richtete die Pal&auml;ste der Unternehmer vor ihren
+Augen auf, die ihre Arbeit gebaut hatte, und wies auf
+ihre &uuml;ppigen Tafeln, die ihr Hunger deckte. Ich zeigte
+ihnen die seidenen Kleider ihrer Frauen und ihrer M&auml;tressen,
+an denen der Schwei&szlig; der Arbeiterinnen klebte,
+und ihre Edelsteine, in denen das Augenlicht derer gefangen
+war, die es in n&auml;chtlicher Arbeit verloren hatten.
+Ich f&uuml;hlte: schon war die Luft erf&uuml;llt vor unsichtbarem<a name="Page_110" id="Page_110"></a>
+Sprengstoff. Und nun sprach ich von der kommenden
+Schlacht, die nichts sei als ein Teil des gro&szlig;en Krieges
+zwischen unverschuldeter Armut und schuldbeladenem
+Reichtum; sprach von alledem, was der Preis ihres
+Mutes, ihrer Ausdauer sein w&uuml;rde, und doch nur darum
+von unsch&auml;tzbarem Werte sei, weil es sie geistig
+und k&ouml;rperlich f&auml;hig mache, den Menschheitsfeldzug bis
+zu Ende zu f&uuml;hren. &raquo;Eure Sache ist die Sache der
+ganzen Arbeiterschaft. Jede Schw&auml;che von euch ist ein
+Verrat an ihr&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine demagogische Hetzrede,&laquo; sagte jemand, als ich die
+Trib&uuml;ne verlie&szlig;. &raquo;Prachtvoll&laquo; &mdash; versicherte mir ein sozialdemokratischer
+Reichstagsabgeordneter h&auml;ndesch&uuml;ttelnd.
+Ich sah fragend um mich: erstaunte, bewundernde, auch
+tr&auml;nenfeuchte Blicke begegneten den meinen, aber vom
+Fieberfanatismus der Kriegslust bemerkte ich nichts.
+Verst&auml;ndnislose Verlegenheit lag zum Teil auf den abgeh&auml;rmten
+Z&uuml;gen der Frauen. &raquo;Was hat sie gemeint?&laquo;
+h&ouml;rte ich fl&uuml;stern. &raquo;Was sollen wir tun?&laquo; &raquo;Und wie
+gerade die Damenm&auml;ntel dann bezahlt werden, sagte sie
+nicht&laquo; &mdash; &raquo;ob wir gleich in die Betriebswerkst&auml;tten
+kommen?&laquo; &mdash; Mir sank der Mut. Heinrichs Lob &mdash; er
+hatte sich's nicht nehmen lassen, mich zu begleiten &mdash; schien
+mir von Mitleid diktiert.</p>
+
+<p>Zu Hause fiel ich sofort in den Schlaf der Ersch&ouml;pfung.
+Mitten in der Nacht fuhr ich entsetzt aus
+dem Traum; irgendein langgezogener Ton weckte mich.
+Ich sprang aus dem Bett. Aus den Fenstern dr&uuml;ben
+drang helles Licht. Die Schatten vieler Menschen bewegten
+sich hastig hin und her. Gellende Schreie klangen
+&uuml;ber den Hof.</p>
+
+<p><a name="Page_111" id="Page_111"></a>Jetzt &mdash; jetzt wand sich das ungl&uuml;ckselige Weib, das
+ich betrogen hatte, in gr&auml;&szlig;lichen Schmerzen, &mdash; und das
+Kind &mdash; meines Geliebten Kind! &mdash; kam zur Welt. Kalter
+Schwei&szlig; trat auf meine Stirne. Das flackernde Licht
+von dr&uuml;ben malte gespenstische Gestalten in mein Zimmer.
+Ein gro&szlig;es Ungeheures beugte sich &uuml;ber mich, die
+zusammengekauert, frostgesch&uuml;ttelt am Fenster hockte. Es
+griff mir in den Nacken mit spitzen Krallen, es wuchs &mdash; wuchs,
+erf&uuml;llte den ganzen Raum &mdash; die Wohnung &mdash; das Haus &mdash; die Welt.
+&raquo;Ich bin die Schuld &mdash; deine
+Schuld!&laquo; gellte es in meinen Ohren mit dem letzten
+Schrei des Weibes dr&uuml;ben&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Es steht gut &mdash; Mutter und Kind sind wohl&nbsp;&mdash;&laquo;
+Heinrich stand vor mir, leichenbla&szlig;; &raquo;aber
+du&nbsp;&mdash;&laquo; er sah mich erschrocken an, wie eine
+schwere Krankheit lag die Nacht hinter mir, &mdash; &raquo;wenn
+du jetzt schon zusammenbrichst, wo das Schwerste bevorsteht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nachdem ich das &uuml;berstanden, gibt es nichts Schwereres&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich war in der n&auml;chsten Zeit fast nie zu Hause.
+Wenn ich fr&uuml;h erwachte, m&uuml;de, als h&auml;tte ich
+kein Auge zugetan, so schien mir's, als st&uuml;nde
+jenes gro&szlig;e Ungeheure hinter mir, vor dem ich unaufh&ouml;rlich
+die Flucht ergreifen mu&szlig;te. Nur wenn ich drau&szlig;en
+war, fern dem Bannkreis dieses Hauses, wenn die Not
+der anderen, die der Streik aufdeckte und gebar, sich
+zwischen mich schob und meine Schuld, atmete ich freier.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_112" id="Page_112"></a></p>
+
+<p>Ich sa&szlig; auf der Reichstagstrib&uuml;ne, als die nationalliberale
+Interpellation, die Lage der Konfektionsarbeiterinnen
+betreffend, zur Verhandlung
+kam und alle b&uuml;rgerlichen Parteien ihr arbeiterfreundliches
+Herz entdeckt zu haben schienen. Was noch
+kein preu&szlig;ischer Minister zu denken gewagt hatte &mdash; da&szlig;
+eine Arbeitseinstellung berechtigt sein kann&nbsp;&mdash;, das
+erkl&auml;rte Herr von Berlepsch vor der deutschen Volksvertretung
+angesichts dieses Streiks. Kein Zweifel: der
+Riesenkampf, den die &Auml;rmsten der Armen k&auml;mpften, wird
+kein vergeblicher sein, eine neue &Auml;ra sozialer Reformen
+bricht an. Und dem Verdikt des Reichstags werden die
+Unternehmer sich beugen m&uuml;ssen. Ich verstand nicht,
+warum der Redner der sozialdemokratischen Fraktion sich
+angesichts dieser Kundgebungen so skeptisch &auml;u&szlig;ern konnte.
+Im ganzen Reich wurde f&uuml;r die Streikenden gesammelt.
+Neben den Bureaus der Streikkommission,
+in denen Streikkarten ausgestellt und Unterst&uuml;tzungsgelder
+gezahlt wurden, richteten b&uuml;rgerliche Vereine
+Hilfsstellen ein, wo Nahrungsmittel und Kleidungsst&uuml;cke
+zur Verteilung kamen.</p>
+
+<p>Stolz, oft &uuml;berm&uuml;tig in ihrer Hoffnungsfreudigkeit
+stellten sich in den ersten Tagen die Streikenden ein.
+Von Unterst&uuml;tzung wollten sie nichts wissen, nur ihre
+Karten lie&szlig;en sie sich geben.</p>
+
+<p>&raquo;Wir halten aus,&laquo; sagte ein junges, bleichs&uuml;chtiges
+M&auml;del, und ihre Augen blitzten dabei. &raquo;Die Unternehmer
+haben uns f&uuml;r sich hungern lassen, nun hungern
+wir mal f&uuml;r uns selber&nbsp;&mdash;&laquo; und, ein Liedchen tr&auml;llernd,
+war sie wieder drau&szlig;en. Selbst auf den Ge<a name="Page_113" id="Page_113"></a>sichtern
+alter m&uuml;der Frauen lag ein stilles Leuchten.
+Ein halbw&uuml;chsiger Bengel, der in Begleitung seiner
+Mutter kam, verk&uuml;ndete triumphierend: &raquo;Wir arbeeten
+jetzt for drei, damit Muttern feiern kann,&laquo; und l&auml;chelnd
+streichelten ihre zerstochenen Finger seine Wange: &raquo;Nu
+kommen ooch janz andere Zeiten!&laquo;</p>
+
+<p>Oft standen die engen Bureaur&auml;ume gedr&auml;ngt voll
+Wartender. Dann flogen Witze hin und her; vom
+&raquo;Meester&laquo; erz&auml;hlten sie einander, der mit der &raquo;Ollen&laquo;
+h&auml;nderingend in der leeren Bude stand. &raquo;Noch janz
+anders soll die Gesellschaft winseln! La&szlig;t man erst acht
+Tage ins Land jehen, denn werden sie zu uns bitten
+kommen,&laquo; rief ein krummbeiniges Schneiderlein. &raquo;Wir
+werden ihr Mores lehren, der Rasselbande!&laquo; f&uuml;gte
+z&auml;hneknirschend ein anderer hinzu.</p>
+
+<p>Allm&auml;hlich &auml;nderte sich das Bild: Blasse Frauen, die
+unsicher und &auml;ngstlich blickten, mit Kindern auf den
+Armen und an der Sch&uuml;rze, dr&auml;ngten sich um die Zahlstellen;
+das morgens angeh&auml;ufte Geld, das mir unersch&ouml;pflich
+schien, war jeden Abend wieder ausgegeben.
+Auch M&auml;nner kamen, Familienv&auml;ter, mit zusammengepre&szlig;ten
+Lippen. Die Witze verstummten. Finstere Entschlossenheit
+lag in dem Schweigen der Wartenden.
+Aber immer noch traten welche an den Tisch, die nichts
+verlangten, als die Ausf&uuml;llung ihrer Streikkarten. Auch
+Frauen waren unter ihnen. Eingesunkene Wangen,
+trockene Lippen, fiebrige Augen sprachen vom Heldenmut
+der Hungernden. Verlegen schob sich wohl auch ein
+junges M&auml;del durch die T&uuml;re und streckte die Hand
+nach dem Gelde aus. &raquo;Sch&auml;mst du dir nicht!&laquo; schrie
+einer einmal eine h&uuml;bsche Br&uuml;nette an, mit Rosen
+<a name="Page_114" id="Page_114"></a>auf dem kecken Filzhut, und ri&szlig; sie unsanft zur&uuml;ck, &raquo;hat
+noch so'n Deckel auf'n Kopp und Glac&eacute;nene an die
+Finger und will den ollen Weibern das Brot nehmen?!&laquo;
+Kam aber gar ein kr&auml;ftiger Mann, so hagelte es emp&ouml;rte
+Schimpfworte: ein Verr&auml;ter, wer in seinem Opfermut
+nicht bis zum &Auml;u&szlig;ersten ging.</p>
+
+<p>Und dann kamen die Tage, wo sie in dichtgedr&auml;ngten
+Scharen bis auf die Stra&szlig;e hinunterstanden, und keiner
+mehr war, den der Hunger nicht bezwungen h&auml;tte. Viele
+sch&auml;mten sich, da&szlig; sie unterlegen waren; sie wagten kaum
+den Kopf zu heben, wenn sie vor den Zahltisch traten.
+Zusammengesunken erschienen andere vor Mutlosigkeit.
+&raquo;Erreichen wir's?&laquo; fl&uuml;sterte fragend der eine, &raquo;geben sie
+endlich nach?!&laquo; der andere. Tr&auml;nenumflorte Augen
+richteten die Frauen auf uns, scheue Blicke voll Zweifel
+und Mi&szlig;trauen die M&auml;nner. Und nichts als Schweigen,
+als Achselzucken konnte die Antwort sein. Die Kassen
+f&uuml;llten sich langsamer; der aus r&uuml;hrseliger Sentimentalit&auml;t
+entstandene Enthusiasmus b&uuml;rgerlicher Kreise verpuffte
+wie ein Feuerwerk. Die Unternehmer hielten aus;
+sie hatten noch immer genug zu essen. Und die Opferwilligkeit
+der deutschen Arbeiterschaft f&uuml;r die k&auml;mpfenden
+Br&uuml;der hatte ihre &auml;u&szlig;erste Grenze erreicht.</p>
+
+<p>Ich sah Reinhard nur fl&uuml;chtig. Die hektische R&ouml;te
+wich nicht mehr von seinen Backenknochen. Er hatte
+keine ruhige Minute.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind am Ende,&laquo; sagte er mir mit rauher
+Stimme, als wir uns in einem der Streikbureaus
+wieder begegneten. Es traf mich wie ein Peitschenschlag.
+Was hatte ich damals denen, die ich zum
+Streik aufrief, als sicheren Lohn ihres Ausharrens in<a name="Page_115" id="Page_115"></a>
+Aussicht gestellt! W&uuml;rden sie mir jemals wieder vertrauen
+k&ouml;nnen?! &raquo;Die Forderung der Betriebswerkst&auml;tten
+werden wir fallen lassen m&uuml;ssen&nbsp;&mdash;.&laquo; &raquo;Gerade
+das?! Die Hauptsache!&laquo; rief ich. &raquo;Das einzige Mittel
+vielleicht, um dem Elend der Heimarbeit, um der Ausbeutung
+der Zwischenmeister ein Ende zu machen!&laquo; &mdash; &raquo;Gerade
+das. Wir wollen froh sein, wenn sich der
+Lohntarif durchsetzen l&auml;&szlig;t und der Reichstag sein Versprechen
+einer durchgreifenden Gesetzgebung einl&ouml;st.&laquo;</p>
+
+<p>Schweren Herzens kam ich an jenem Tag in das
+Bureau. Es war &uuml;berf&uuml;llt, und lautes Stimmengewirr
+drang mir entgegen. &raquo;Die F&uuml;hrer verraten uns!&laquo; rief
+einer. &raquo;Wir k&ouml;nnen hungern, und sie stopfen sich die
+Taschen&nbsp;&mdash;,&laquo; br&uuml;llte ein anderer. Ein paar keifende
+Weiber hieben mit F&auml;usten auf den Zahltisch: &raquo;Betr&uuml;ger
+seid Ihr, &mdash; Ausbeuter, &mdash; schlimmer als die
+Meister,&laquo; schrien sie den Dahinterstehenden ins Gesicht,
+die das Geld abz&auml;hlten. &raquo;Wir haben nichts mehr&nbsp;&mdash;,&laquo;
+fl&uuml;sterte einer der Gewerkschaftsbeamten mir hastig zu,
+&raquo;&mdash;&nbsp;es war ein Ansturm ohnegleichen.&laquo; Ich lief die
+Treppe wieder hinab, sprang in die n&auml;chste vor&uuml;berfahrende
+Droschke und fuhr zur Zentralstelle der Ethischen
+Gesellschaft. Heute, so hatte man mir mitgeteilt, sei
+eine betr&auml;chtliche Summe eingelaufen. Ich lie&szlig; mir
+geben, was zur Verf&uuml;gung stand, &mdash; es war auch nur
+ein Tautropfen, der im Augenblick in der durstenden
+Erde verschwinden w&uuml;rde, &mdash; und fuhr zur&uuml;ck, so rasch
+der arme Schimmel laufen konnte. Vor dem Bureau
+stauten sich die Menschen. Ein paar Polizisten hielten
+m&uuml;hsam die Stra&szlig;e frei. Ich sprang aus dem Wagen
+und versuchte mich vorzudr&auml;ngen. &raquo;Wat, so eene biste,
+<a name="Page_116" id="Page_116"></a>da&szlig; de erster J&uuml;te f&auml;hrst?&laquo; schrie mich eine rohe Stimme
+an, und eine Faust stie&szlig; mich in den R&uuml;cken. Ein paar
+Burschen, die nach Fusel rochen und mit den Konfektionsarbeitern
+sichtlich nicht das Geringste zu tun hatten,
+&uuml;bersch&uuml;tteten mich mit unfl&auml;tigen Redensarten. Ich
+versuchte, mir mit ein paar Ellbogenst&ouml;&szlig;en freie Bahn
+zu schaffen, w&auml;hrend meine H&auml;nde die Geldtasche angstvoll
+umklammerten. &raquo;So loof doch, loof &mdash; wir werden
+dir Beene machen,&laquo; gr&ouml;hlten sie und ich f&uuml;hlte ihre
+F&auml;uste wieder auf meinem R&uuml;cken. Ich schrie laut auf.
+Im Augenblick war ich von bekannten Gesichtern umgeben,
+ich h&ouml;rte noch ein paar Ohrfeigen rechts und
+links und war halb getragen, halb geschoben im Zimmer.</p>
+
+<p>Am Abend war auch das letzte Geld verteilt.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick der Not kam es zu einer &uuml;berraschenden
+Wendung: ein Teil der Zwischenmeister, emp&ouml;rt
+dar&uuml;ber, da&szlig; die Unternehmer ihnen alle Schuld
+an den schlechten L&ouml;hnen zuzuschieben suchten, machten
+gemeinsame Sache mit den Arbeitern, und die Fabrikanten,
+die nunmehr ernstlich in Gefahr standen, die
+Einnahmen der Saison zu verlieren, die aber andererseits
+auch genug von der Lage der Dinge unterrichtet
+waren, um zu wissen, da&szlig; die Streikenden das Ende
+ihrer Widerstandskraft erreicht hatten, riefen offiziell die
+Vermittlung des Gewerbegerichts an. Die F&uuml;nferkommission
+der Arbeiter, davon in Kenntnis gesetzt, z&ouml;gerte
+nicht, auch ihrerseits mit dem Einigungsamt in Verbindung
+zu treten. Im B&uuml;rgersaal des berliner Rathauses,
+vor einem vielhundertk&ouml;pfigen Publikum, kam
+es zur Verhandlung und zur endlichen Unterzeichnung
+eines Vertrags, dessen wichtigste Bedingungen die Er<a name="Page_117" id="Page_117"></a>h&ouml;hung
+der L&ouml;hne und die Gegenseitigkeitsverpflichtungen
+in bezug auf die Durchf&uuml;hrung der Lohntarife waren.
+Von den Betriebswerkst&auml;tten war gar keine Rede mehr.</p>
+
+<p>Die Streikleitung berief die Referenten zu einer neuen
+Sitzung. In &ouml;ffentlichen Versammlungen sollten wir
+das Ende des Streiks verk&uuml;nden. Ich versuchte, mich
+frei zu machen. &raquo;Wir haben Ihr Wort, Genossin Glyzcinski,&laquo;
+sagte einer der F&uuml;hrer mit scharfer Betonung.
+&raquo;Wie kann ich diesen Ausgang als einen Sieg verteidigen,&laquo;
+wandte ich ein. &raquo;Dar&uuml;ber m&ouml;gen Sie denken,
+was Sie wollen,&laquo; entgegnete Martha Bartels heftig,
+&raquo;hier haben Sie einfach Ihre Pflicht zu tun, wie wir
+alle.&laquo; Fl&uuml;chtig fuhr mir durch den Kopf, da&szlig; ich aus
+meiner Welt dem Zwang der Pflicht entflohen war, um
+meiner &Uuml;berzeugung zu folgen, aber ich f&uuml;hlte mich viel
+zu m&uuml;de, um jetzt dar&uuml;ber nachzudenken. Ich f&uuml;gte mich
+stillschweigend. Als eine Wohltat sah ich es an, da&szlig;
+ich wenigstens nicht in demselben Saal, vor denselben
+Menschen sprechen mu&szlig;te. Weit in den Osten, in die
+Andreasstra&szlig;e, schickte man mich. &raquo;Sie werden keinen
+leichten Stand haben,&laquo; sagte Reinhard beim Weggehen,
+&raquo;es ist das Hauptquartier der Anarchisten.&laquo;</p>
+
+<p>Heinrich Brandt begleitete mich auf dem Wege zur
+Versammlung. Wir hatten uns in der Zwischenzeit nur
+immer auf Minuten gesehen. Erst jetzt, wo Rosalie
+schon seit einigen Tagen aufgestanden war, schwand
+unsere Angst um sie. Das Wochenbett war normal
+verlaufen; sie n&auml;hrte den Kleinen und schien seelenruhig.
+Trotzdem war Heinrich heute wortkarg, und sein ausdrucksvolles
+Gesicht, das jede Stimmung verriet, erschreckte
+mich. Aber soviel ich auch in ihn drang, er
+<a name="Page_118" id="Page_118"></a>meinte, es sei nichts, gar nichts geschehen, ich solle
+lieber an meinen Vortrag denken, als &uuml;ber die Ursache
+seiner schlechten Laune nachgr&uuml;beln.</p>
+
+<p>Der kleine Saal war schon voll, als ich kam. In
+allen H&auml;nden sah ich wei&szlig;e Zettel, mein Auge fiel auf
+lauter erregt ger&ouml;tete Gesichter. Bei der Wahl des
+Bureaus siegte der F&uuml;hrer der Anarchisten mit riesiger
+Mehrheit &uuml;ber unseren Kandidaten. Ich empfand es
+fast wie eine Erleichterung&nbsp;&mdash;, &raquo;nun werden sie mich
+gar nicht reden lassen,&laquo; fl&uuml;sterte ich Heinrich zu. Aber
+schon stand der junge blonde Mann mit den zarten
+M&auml;dchenz&uuml;gen auf der Trib&uuml;ne: &raquo;Ich erteile der Referentin
+Frau von Glyzcinski das Wort&laquo;, und mit einer
+h&ouml;flichen Handbewegung machte er mir neben sich Platz.</p>
+
+<p>Ich sprach schlecht. Keinen Augenblick konnte ich
+meiner eigenen Empfindung, meinen innersten Gedanken
+folgen. Ich war nur ein Sprachrohr. Trotz der musterhaften
+Leitung des jungen Anarchisten, der die Ruhe
+immer wieder herzustellen suchte, unterbrachen mich Zurufe
+aller Art: sarkastische, gemeine, w&uuml;tende. Dazu
+Heinrichs Gesicht, auf dem meine Blicke immer wieder
+haften blieben&nbsp;&mdash;, ich verlor den Faden, verwirrte mich,
+wurde &auml;ngstlich. Man rief h&ouml;hnisch &raquo;Bravo&laquo;, als ich
+geendet hatte. Und dann sprach der Vorsitzende. Seine
+ganze Rede war ein feuriger Appell an das Proletariat,
+eine gl&uuml;hende Anklage der Streikleitung. Im Moment,
+wo aus England Millionen an Unterst&uuml;tzung zu erwarten
+seien, habe sie sich feige den Kapitalisten unterworfen
+und die Sache des Volks verraten. An ihm sei es nun,
+zu zeigen, da&szlig; es sich von keiner Seite knebeln lasse,
+da&szlig; es den Kampf nicht nur fortsetze, sondern ausdehne,
+<a name="Page_119" id="Page_119"></a>bis ein Generalstreik dem Volk die Macht verleihe,
+dem Unternehmertum seine Gesetze zu diktieren. In
+jedem Wort, das er aussprach, brannte das Feuer seiner
+&Uuml;berzeugung, und alles jauchzte ihm zu. Meine Resolution
+wurde abgelehnt, die seine, die die Fortsetzung
+des Streiks erkl&auml;rte, angenommen. Durch einen Nebeneingang
+lie&szlig; man mich hinaus. Man h&auml;tte mich sonst
+vor den Insulten der fanatisierten Menge nicht sch&uuml;tzen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der Streik war trotzdem zu Ende. Die englischen
+Millionen waren nichts als ein M&auml;rchen. Ein paar
+Tollk&uuml;hne hungerten noch eine Woche l&auml;nger&nbsp;&mdash;, das
+war alles.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wir gingen durch den Tiergarten heimw&auml;rts,
+Heinrich und ich. Die K&auml;lte tat mir
+wohl. &raquo;Am liebsten z&ouml;ge ich selbst solch
+Schneekleid an, um ganz, ganz kalt zu werden,&laquo; murmelte
+ich. Eine gro&szlig;e Hoffnungslosigkeit hatte sich
+meiner bem&auml;chtigt.</p>
+
+<p>&raquo;Nun sollst du auch wissen, was mir fehlt,&laquo; sagte
+Heinrich, auf dessen Arm ich mich m&uuml;de st&uuml;tzte. &raquo;Ich
+hatte heute eine b&ouml;se Szene mit Rosalie. Sie will in
+den S&uuml;den &mdash; auf Monate &mdash; mit mir. Um unsere
+Ehe wieder herzustellen, wie sie sagt. Ich weigere
+mich, brauchte lahme Ausreden, die sie durchschaute.
+Sie bekam einen Weinkrampf, dann warf sie mir vor,
+da&szlig; ich das Kind t&ouml;ten wolle, indem ich sie, die n&auml;hrende
+Mutter, nicht schone.&laquo;</p>
+
+<p>Er blieb aufatmend stehen.</p>
+<p><a name="Page_120" id="Page_120"></a></p>
+<p>&raquo;Und du?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich versprach ihr jede R&uuml;cksicht, &mdash; nur mit ihr
+reisen k&ouml;nne ich nicht. Jetzt fordert sie eine Auseinandersetzung,
+auch mit dir. Zwei Tage hat sie mir Zeit gegeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat recht,&laquo; sagte ich, &raquo;auch sie zieht ein Ende
+mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vor.&laquo;</p>
+
+<p>Ich zwang mich zur Ruhe, &mdash; seinetwegen.</p>
+
+<p>Die beiden Tage schleppten sich hin wie ebenso viele
+Jahre, jede Stunde beladen mit Qualen, mit Selbstvorw&uuml;rfen,
+mit Zweifelfragen. Hatte ich nicht das
+Leben dieser Menschen zerst&ouml;rt, hatte den, der mir auf
+der Welt der liebste war, in einen Kampf gerissen, der
+f&uuml;r ihn vielleicht des Einsatzes nicht wert sein w&uuml;rde,
+hatte dem Kinde schon im Mutterleibe den Vater gestohlen!</p>
+
+<p>Und dann kam der Tag und die Stunde. Ich wartete
+von mittags bis abends. Jeder Schritt auf dem
+Hof lie&szlig; mich auffahren, vor jedem Laut, der von
+dr&uuml;ben klang, zitterte ich. Minuten gab es, in denen
+ich die H&auml;nde faltete, wie ein kleines Kind, wenn sinnlose
+Angst es den sch&uuml;tzenden Vater im Himmel suchen
+lie&szlig;. Aber durfte ich beten &mdash; ich!&nbsp;&mdash;, selbst wenn ich
+noch glauben k&ouml;nnte?! Die Bilder auf meinem Schreibtisch
+starrten mich an und sahen mir nach, wohin ich
+auch im ruhelosen Auf- und Abwandern mich wandte:
+der Vater, der einst einen braven Offizier seines Regiments
+f&uuml;r unw&uuml;rdig erkl&auml;rt hatte, weiter des K&ouml;nigs
+Rock zu tragen, weil er das Weib eines andern liebte;
+die Mutter, deren ganzes Leben unter dem einen Gesetz
+der Pflichterf&uuml;llung stand; &mdash; aber lugte nicht neben ihr
+<a name="Page_121" id="Page_121"></a>aus dem Rahmen ein stilles, edles Antlitz hervor mit
+g&uuml;tigen dunkeln Augen? &raquo;Gro&szlig;mama,&laquo; schluchzte ich
+leise. O, da&szlig; ich den Kopf in ihrem Scho&szlig; vergraben,
+ihr beichten und aus ihrem Munde mein
+<em class="antiqua">Absolve te</em> h&ouml;ren d&uuml;rfte!</p>
+
+<p>War das nicht sein Schritt? Ich ri&szlig; das Fenster
+auf. Klang nicht ein Ruf z&auml;rtlich aus dem Dunkel?
+Mit angehaltenem Atem horchte ich. Klopfte es nicht
+an der Pforte? Oder war es mein eigenes Herz, das
+ich h&ouml;rte? Ich blieb auf dem engen, kleinen Flur, an
+die Mauer gelehnt, mit krampfhaft aufgerissenen Augen
+und pochenden Schl&auml;fen. Die Treppe drau&szlig;en knarrte,
+ich griff an die Klinke, die T&uuml;re sprang auf &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Alix!&laquo; Welch ein Ton war in seiner Stimme!
+Halb bewu&szlig;tlos sank ich in seine weitge&ouml;ffneten Arme.</p>
+
+<p>&raquo;Sie willigt in die Scheidung.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_122" id="Page_122"></a></p>
+<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2>
+
+
+<p>An einem jener norddeutschen Apriltage, wo
+Fr&uuml;hling und Winter einander wie Feinde vor
+dem Ausbruch des Kampfes lauernd umschleichen,
+die Sonne auf hellen Pl&auml;tzen Sommergr&uuml;&szlig;e
+vom Himmel sendet und daneben der feuchtkalte Wind
+triumphierend durch schattige Stra&szlig;en fegt, ging ich
+zum Abschiednehmen zu den Eltern.</p>
+
+<p>Seit jenem Tage, wo mein Vater mich im Zorn
+verlassen hatte, war ich nicht mehr bei ihnen gewesen.
+Selbst die notwendigen gesch&auml;ftlichen Auseinandersetzungen,
+die sich an den Tod einer Verwandten und der mir und
+meiner Schwester zugefallenen kleinen Erbschaft kn&uuml;pften,
+hatte mein Vater schriftlich erledigt. Jetzt aber hatte er
+mich vor meiner Abreise noch einmal sehen wollen.</p>
+
+<p>Er empfing mich ernst und gemessen. &raquo;Du siehst
+schlecht aus,&laquo; sagte er dann und ein liebevoll besorgter
+Blick strafte seine &auml;u&szlig;ere Strenge L&uuml;gen. Ich wu&szlig;te
+es: die letzten Monate hatten meine Nervenkraft ersch&ouml;pft;
+ich bedurfte der Erholung, aber mehr noch des
+Fernseins von Berlin w&auml;hrend des bevorstehenden Scheidungsprozesses.
+&raquo;Die Erbschaft kommt dir wirklich zustatten,&laquo;
+fuhr er fort. Er ahnte nicht, in welchem Umfang
+er recht hatte!</p>
+
+<p><a name="Page_123" id="Page_123"></a>Eine konventionelle Unterhaltung entspann sich. Und
+doch war mir das Herz so voll: ich allein wu&szlig;te von
+uns allen, wie weit ich mich mit diesem Abschied von
+ihnen entfernte, &mdash; vielleicht auf Nimmerwiedersehen.
+Ein Wort der Dankbarkeit, der Liebe h&auml;tte ich gern
+gesagt; &mdash; in der Temperatur, die zwischen uns herrschte,
+erfror es, noch ehe es &uuml;ber die Lippen kam.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mir nicht recht, da&szlig; du allein in die Welt
+hineinreist,&laquo; sagte mein Vater, als ich schon an der T&uuml;re
+stand, &raquo;Ihr Jungen denkt anders dar&uuml;ber, &mdash; Einflu&szlig;
+habe ich keinen mehr, &mdash; ich kann nur hoffen, da&szlig; du
+dich stets erinnerst, was du deinem Namen schuldig bist.&laquo;
+Seine Augen ruhten forschend auf mir. Ich reichte
+ihm stumm die Hand: &raquo;Lebewohl, Papa&nbsp;&mdash;&laquo; Ich zwang
+meine Stimme, nicht zu zittern. &raquo;Lebwohl,&laquo; antwortete
+er mit einem Seufzer. Einen Ku&szlig; gab er mir nicht
+mehr.</p>
+
+<p>Die Mutter begleitete mich auf den Flur.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du etwas besonderes zu schreiben,&laquo; sagte sie
+mit Betonung, &raquo;so lege stets einen besonderen Zettel
+dem Brief an mich bei, damit ich ihn Hans ohne Schaden
+zeigen kann.&laquo; Ich hatte die Empfindung, da&szlig; mein
+Weggehen sie erleichtere. Ilse kam noch bis auf die
+Stra&szlig;e mit mir.</p>
+
+<p>&raquo;Du, Schwester, ist es wahr, da&szlig; <em class="antiqua">Dr.</em> Brandt sich
+deinetwegen scheiden l&auml;&szlig;t?!&laquo; fl&uuml;sterte sie hastig mit gl&auml;nzenden
+Augen. Aufs peinlichste &uuml;berrascht starrte ich sie
+an. Sie pre&szlig;te mir st&uuml;rmisch die Hand: &raquo;Du, &mdash; das
+ist furchtbar interessant! Freilich&nbsp;&mdash;&laquo; und nachdenklich
+kaute sie an der Unterlippe &mdash; &raquo;mit Papa werden wir
+wieder aushalten m&uuml;ssen!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_124" id="Page_124"></a>Ein Regenschauer trieb sie ins Haus zur&uuml;ck. Fr&ouml;stelnd
+zog ich den Mantel fester, der Wind zerrte daran und
+warf mir eiskalte Tropfen ins Gesicht.</p>
+
+<p>Am Abend fuhr ich nach M&uuml;nchen, wo Heinrich den
+Zug bestieg. Er hatte seine S&ouml;hne in Pension, Rosalie
+und den Kleinen mit der Pflegerin aufs Land gebracht.</p>
+
+<p>&raquo;Es gab wieder eine Szene,&laquo; erz&auml;hlte er, &raquo;ihre innere
+Stimme, an die sie nun einmal glaubt, hat ihr gesagt,
+da&szlig; du mich ungl&uuml;cklich machen w&uuml;rdest. Aus Mitleid
+wollte sie darum alles verzeihen und mich in Gnaden
+wieder aufnehmen. Als ich darauf verzichtete, prophezeite
+sie mir mit dem Pathos einer Kassandra, ich w&uuml;rde
+noch einmal knief&auml;llig um ihre Liebe betteln. Und als
+auch das ohne Eindruck blieb, machte sie allerlei dunkle
+Andeutungen &uuml;ber Zeugenaussagen im Proze&szlig;, und die
+Pflegerin lachte mich dabei so impertinent an, da&szlig; ich
+grob wurde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht umsonst habe ich mich immer vor ihr gef&uuml;rchtet,&laquo;
+sagte ich tr&uuml;bsinnig.</p>
+
+<p>&raquo;Mein armer, kleiner Angsthase!&laquo; l&auml;chelte er, halb
+ungeduldig, halb belustigt. Im Lexikon seiner Gef&uuml;hle
+hatte das Wort &raquo;Furcht&laquo; keinen Platz gefunden. &raquo;Du
+bist so tapfer und kannst so feige sein! Haben wir
+nicht bisher schon &uuml;ber alles Erwarten Gl&uuml;ck gehabt,
+und du willst verzagen &mdash; gerade jetzt, wo wir dem
+Fr&uuml;hling entgegenfahren?&laquo;</p>
+
+<p>Voll tiefen Vertrauens lehnte ich mich in den Arm
+zur&uuml;ck, der mich umschlang, und sah still den wei&szlig;en
+Flocken zu, die vor den Fenstern tanzten, und den in
+dunkeln Schleiern schwer herabh&auml;ngenden Wolken, die
+der Zug durchschnitt. Es tat so gut, sich in der Obhut
+<a name="Page_125" id="Page_125"></a>des Geliebten zu wissen, seinen starken Schultern aufzub&uuml;rden,
+was ich allein nicht h&auml;tte tragen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Auf dem Brenner gl&auml;nzte die Sonne &uuml;ber frisch gefallenem
+Schnee, aber von den Bergen st&uuml;rzten schon
+fr&uuml;hlingsfroh die entfesselten Wasser. In Gossensa&szlig;,
+wo die Bergw&auml;nde sich noch einmal finster zusammenschoben,
+braute wieder der Nebel um dunkle Fichten
+und winterstarres Geb&uuml;sch, hinter Franzensfeste jedoch
+stand das breite Tal in bl&uuml;hendem Lenzkleid und &ouml;ffnete
+die Arme weit, um all die frierenden Wanderer an
+seine warme Brust zu ziehen. Frohlockend wiesen von
+allen H&ouml;hen wei&szlig;e Kirchlein mit spitzen Fingern hinauf
+zur Sonne, die behaglich lachend am blauen Himmel
+stand. Auf den knorrigen &Auml;sten alter Obstb&auml;ume sa&szlig;en
+junge lustige rote und wei&szlig;e Bl&uuml;ten. Ohne Ehrfurcht
+vor dem grauen Alter der Ruinen, der n&uuml;chternen Heiligkeit
+der Kl&ouml;ster, fluteten in blauen Kaskaden die
+s&uuml;&szlig;-sehns&uuml;chtigen Blumendolden der Glyzinien &uuml;ber die
+Mauern, vom Liebesspiel buntschillernder K&auml;fer umtanzt.</p>
+
+<p>Im brixener Gasthof zum Elefanten machten wir
+Rast. Nur das riesige Bild des R&uuml;sseltiers, dem er
+seinen Namen verdankt, erinnerte noch an die Zeit, wo
+Kaiser und K&ouml;nige auf der Romfahrt hier Einkehr
+hielten. Jetzt sa&szlig;en nur wenige unscheinbare Leute in
+dem niedrigen, dunkel get&auml;felten Gastzimmer. Sicher:
+hier kannte uns niemand. Aber kaum sa&szlig;en wir vor
+der Sch&uuml;ssel, die verhei&szlig;ungsvoll nach gut &ouml;sterreichischer
+Mahlzeit duftete, als ein Herr an unseren Tisch trat,
+Heinrich freudig begr&uuml;&szlig;end. Umsonst, da&szlig; dieser die abweisendste
+Miene machte, den Fremden weder n&ouml;tigte,
+Platz zu nehmen, noch ihn mir vorstellte. In seiner<a name="Page_126" id="Page_126"></a>
+Freude, einen Bekannten zu treffen, besorgte er das
+ohne weiteres selbst; er hielt mich f&uuml;r Heinrichs Frau
+und k&uuml;ndigte uns mit vielem Ger&auml;usch die Bekanntschaft
+seiner Familie an. &raquo;Wir werden nicht bleiben k&ouml;nnen,&laquo;
+sagte Heinrich langsam, als er sich endlich empfahl, &raquo;es
+sind Berliner.&laquo; Ich zuckte die Achseln. &raquo;Diesmal bin
+ich die Mutigere von uns beiden. Mir ist nichts so
+gleichg&uuml;ltig als der Klatsch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich dulde nicht, da&szlig; man dich verd&auml;chtigt,&laquo;
+brauste er auf.</p>
+
+<p>In aller Fr&uuml;he am n&auml;chsten Morgen fuhren wir
+weiter bis nach Trient. &raquo;Hierher kommt keiner unsrer
+Landsleute,&laquo; hatte Heinrich gesagt. Und in der
+Tat: in den gro&szlig;en Palastr&auml;umen des Hotel Trento
+sprachen selbst die Kellner nur ein gebrochenes Deutsch.
+Ob wir uns hier ein paar Wochen w&uuml;rden ausruhen
+k&ouml;nnen? Wir hatten sehr das Bed&uuml;rfnis danach.</p>
+
+<p>Vor dem Balkon meines Zimmers lag der weite Platz
+mit dem ehernen Denkmale Dantes. M&auml;chtig zeichnete sich
+seine schwarze Silhouette gegen den blauen Himmel ab,
+zu beiden Seiten von den starren Felskulissen der Berge
+eingerahmt. Aber der Platz zu seinen F&uuml;&szlig;en mit ein
+wenig Rasen und ein paar kleinen immergr&uuml;nen B&uuml;schen
+sah im gelben Licht der Sonne &ouml;de aus.</p>
+
+<p>Wir gingen durch die Stra&szlig;en: lauter graue H&auml;user mit
+verwaschenen Farben und tr&uuml;ben Fenstern, Pal&auml;ste dazwischen
+mit verblichenen Fresken, H&ouml;fe mit alten ausgetrockneten
+Brunnen und S&auml;uleng&auml;ngen, unter denen
+zerlumpte W&auml;sche hing, stolze wappengekr&ouml;nte Tore mit
+Firmenschildern aus Blech und Anzeigen aus Papier
+benagelt und beklebt; ein Dom, geschm&uuml;ckt mit den zier<a name="Page_127" id="Page_127"></a>lichsten
+romanischen Galerien, die hohen Portale von
+s&auml;ulentragenden L&ouml;wen bewacht, und darin auf dem
+ausgetretenen Estrich, zwischen den Grabm&auml;lern edler
+Geschlechter, ein paar alte Weiber, die kniend den
+Rosenkranz durch schmutzige Finger zogen und mit zahnlosem
+Munde Gebete pl&auml;rrten. Und &uuml;ber der Stadt,
+sie beherrschend, der pr&auml;chtige Renaissancebau des alten
+f&uuml;rstbisch&ouml;flichen Schlosses, ein unvergleichlicher Rahmen
+&uuml;ppiger Hofhaltungen, &mdash; eine Kaserne heute. In der
+d&auml;mmernden Loggia auf dem Brunnenhof, wo die
+W&uuml;rdentr&auml;ger des f&uuml;rstbisch&ouml;flichen Stuhls in roten
+und violetten Gew&auml;ndern beim Gesang des leise pl&auml;tschernden
+Wasserstrahls die kunstvollen Lettern pergamentgebundener
+B&uuml;cher zu lesen pflegten, sa&szlig;en Soldaten
+und putzten Gewehre; in den hohen S&auml;len, von deren
+gemalten Decken die G&ouml;tter des Olymps auf die tafelnden
+Priester des Gekreuzigten einst l&auml;chelnd herniedersahen,
+standen Eisenbetten mit rauher Leinwand gedeckt,
+an den W&auml;nden, hinter deren kalkwei&szlig;er T&uuml;nche pr&auml;chtige
+Bilder schlummern, hingen in Reih und Glied
+K&auml;ppis und Tornister.</p>
+
+<p>Wir gingen schweigsam zur&uuml;ck. In den Gassen
+l&auml;rmten ein paar Kinder: M&auml;dchen mit seidenen Schleifen
+im Haar und zerschlissenen R&ouml;ckchen &uuml;ber den blo&szlig;en
+Beinen, Knaben, die gierig um ein paar Kreuzer
+rauften. Vor den Wirtsh&auml;usern auf dem schmalen
+Trottoir sa&szlig;en in sch&auml;biger Eleganz junge Leute, die
+lange Virginiazigarre zwischen den schwarzen Z&auml;hnen.
+Die Sonne schien, aber ihre Strahlen trafen auf keinen
+Lebenssamen, den sie h&auml;tten wecken k&ouml;nnen; die kahlen
+Mauern, die baumlosen Stra&szlig;en warfen nur sengende<a name="Page_128" id="Page_128"></a>
+Glut zur&uuml;ck. F&uuml;rsten erbauten diese Stadt, und Bettler
+haben sie daraus vertrieben.</p>
+
+<p>Wir aber suchten den Fr&uuml;hling. Ein Postwagen mit
+vier Pferden davor entf&uuml;hrte uns aus Trient. Je weiter
+wir uns von der Stadt entfernten, die wie ein steinerner
+Sarkophag in der Tiefe schlief, desto lachender wurde
+die Natur. Auf den Wiesen bl&uuml;hten Lilien und
+Glockenblumen, um die elendesten H&uuml;tten leuchteten
+in rosiger Pracht die Mandelb&auml;ume. In Caldonazzo,
+einem stillen Nest am Ende des Sees, der den klaren
+Himmel auf die Erde zu zaubern schien, blieben wir.
+Unter der Laube im Obstgarten der Trattoria, die von
+gelben Rosen &uuml;berwuchert war, wurde uns gedeckt.
+Vino santo funkelte goldfarbig in den Gl&auml;sern, ein
+kleines M&auml;dchen mit gro&szlig;en runden Augen, wie geschliffene
+Kohlen, setzte noch eine blaue Vase mit wei&szlig;en
+Lilien mitten auf den Tisch. Dann war es ganz, ganz
+still um uns, ein heiliges Abendschweigen, das wir mit
+keinem lauten Wort zu st&ouml;ren wagten. Unsere H&auml;nde
+schlangen sich ineinander, fester zog mich sein Arm an
+seine Brust, und sehns&uuml;chtiger wurden unsere K&uuml;sse.</p>
+
+<p>Schl&uuml;sselklirrend ging der Wirt durch den Garten.
+Wir standen auf. Vor der T&uuml;r meines Zimmers blieben
+wir stehen, stumm, mit herabh&auml;ngenden Armen, unsere
+Augen versanken ineinander, und die ganze verzehrende
+Qual unserer Liebe lag in unserem Blick. &raquo;Gute
+Nacht!&laquo; &mdash; er ber&uuml;hrte mit den hei&szlig;en Lippen nur
+meine Fingerspitzen.</p>
+
+<p>Ich schlief nicht. Durch das offene Fenster strich die
+laue Luft und trug die s&uuml;&szlig;en Ger&uuml;che der Wiesen auf
+ihren Fl&uuml;geln. Ich pre&szlig;te die Z&auml;hne zusammen, um
+<a name="Page_129" id="Page_129"></a>nicht den zu rufen, nach dem mein Herz verbrannte,
+ich dr&uuml;ckte die spitzen N&auml;gel meiner Finger mir ins
+Fleisch, um mit dem Schmerz die Qual zu bet&auml;uben,
+die mein Blut durch die Adern peitschte.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en im Garten knirschte der Kies, &mdash; das Weinlaub
+am Fenster bewegte sich, &mdash; schlich nicht ein Schatten
+leise vor&uuml;ber? &mdash; O, warum kommst du nicht, &mdash; sind meine
+Arme nicht weich, lockt nicht mein Busen wie Perlmutter
+gl&auml;nzend in der Stille der hellen Mondnacht? Was
+geht mich die Welt an?! Die sanften H&ouml;hen dieses bl&uuml;henden
+Tales umschlie&szlig;en die meine! Und die Menschen?
+Da doch niemand ist, als ich und du! Und die Vergangenheit?
+Sie geh&ouml;rt uns nicht mehr! Und die Zukunft?
+Nichts ist unser als dieser Fr&uuml;hlingsnacht
+zauberische Gegenwart! &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Aus kurzem, schwerem Morgenschlaf erwachte ich m&uuml;de
+und einsam. Wir trafen uns in der Rosenlaube, und die
+Spuren n&auml;chtlicher K&auml;mpfe lagen auch auf seinen Z&uuml;gen.</p>
+
+<p>Der Telegraphenbote ri&szlig; uns aus der Versunkenheit
+unserer tr&uuml;ben Stimmung. Eine Depesche von Heinrichs
+Rechtsanwalt: &raquo;Frau Brandt verlangt Schl&uuml;ssel Ihrer
+Wohnung, kehrt nach Berlin zur&uuml;ck. Stimmung nach
+Mitteilung ihres Anwalts wesentlich ver&auml;ndert.&laquo; Das
+Telegramm war uns von Bozen nachgesandt worden
+und trug das Datum von vorgestern. &raquo;Ich mu&szlig; nach
+Berlin &mdash; sofort&nbsp;&mdash;. Sie kann alles zerst&ouml;ren,&laquo; knirschte
+Heinrich, &raquo;und du &mdash; du Arme?!&laquo; &raquo;Zun&auml;chst begleite
+ich dich, &mdash; alles weitere besprechen wir unterwegs.&laquo;</p>
+
+<p>In sausender Fahrt ging es bergab. Die Peitsche
+des Kutschers pfiff &uuml;ber die schwei&szlig;triefenden Pferde.
+Wir mu&szlig;ten den Schnellzug erreichen. Unterwegs be<a name="Page_130" id="Page_130"></a>kam
+ich einen Herzkrampf. Als ich wieder zu mir kam,
+ratterte der Wagen &uuml;ber das Pflaster Trients, und
+Heinrichs angstentstelltes Gesicht beugte sich &uuml;ber mich.
+&raquo;Wirst du weiter k&ouml;nnen?&laquo; Ich nickte. Man hob mich
+in den Zug. Ich erholte mich soweit, um ruhig denken
+zu k&ouml;nnen. Dicht bei Brixen lag unter gro&szlig;en Nu&szlig;b&auml;umen
+ein kleines Dorf, Vahrn genannt; dort wollte
+ich bleiben, bis&nbsp;&mdash;. &raquo;Bis alles gut ist, mein armer
+Liebling,&laquo; fl&uuml;sterte er; &raquo;wenn ich nur sicher w&auml;re, da&szlig;
+du deiner Angst, deiner Aufregung Herr wirst, &mdash; f&uuml;r
+mich ist der Kampf ein Kinderspiel&nbsp;&mdash;&laquo; Der Triumph
+des Sieges blitzte schon aus seinen Augen. In Brixen
+blieben uns noch ein paar Stunden bis zum Abschied.
+Auf der Post fand sich ein Brief an mich von der
+Mutter mit einer Beilage in verstellter Schrift: &raquo;Diesen
+anonymen Wisch bekam ich soeben. Ich habe ihn, Gott
+Lob, vor Hans verstecken k&ouml;nnen. Da aber Wiederholungen,
+wom&ouml;glich direkt an ihn gerichtete, wahrscheinlich
+sind, und ich von deinem Anstandsgef&uuml;hl doch
+noch so viel erwarte, da&szlig; der Inhalt dieses Schriftst&uuml;ckes
+eine Verleumdung ist und <em class="antiqua">Dr.</em> Brandt nicht mit
+dir reist, so ersuche ich dich, zu veranlassen, da&szlig; er
+uns seine Anwesenheit in Berlin auf irgendeine Weise
+dokumentiert&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bereits morgen wird das geschehen,&laquo; sagte Heinrich,
+&raquo;du stehst, wie notwendig es ist, da&szlig; wir das Opfer
+dieser Trennung bringen. Es wird die letzte sein!&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem leisen Vorwurf sah ich ihn an: &raquo;Fast
+scheint's, als freutest du dich, da&szlig; du fort mu&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich freue mich der Hindernisse, die sich uns in den
+Weg legen. Mir w&auml;re bange geworden vor der Gr&ouml;&szlig;e
+<a name="Page_131" id="Page_131"></a>meines Gl&uuml;ckes, wenn sein Besitz keine Opfer kosten
+w&uuml;rde.&laquo; Ich sch&auml;mte mich meiner Trauer, und wir
+nahmen Abschied voneinander, fast als w&auml;re es ein Willkommen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Im Turmzimmer des Gasthofes zu Vahrn zog
+ich am selben Abend noch ein. Von meinem
+Fenster sah ich ins Schalderer Tal mit seinen
+dunkeln Fichten am klaren Bach. Stundenlang sa&szlig; ich
+hier in wachen Tr&auml;umen. Zuweilen folgte ich dem
+stillen Waldweg bis hinauf nach Schalders. Aber es
+mu&szlig;te ein heller Tag sein, sonst f&uuml;rchtete ich mich und
+sah, wie einst als Kind, hinter jedem Baum Gespenster
+lauern. Abends stieg ich nach Salern hinauf und sa&szlig;
+zwischen dem alten Gem&auml;uer der Ruine bis breite Bergschatten
+das Tal von Brixen verh&uuml;llten und die Spitzen
+der Dolomiten fern am Horizont aufgl&uuml;hten wie
+verl&ouml;schende Fackeln.</p>
+
+<p>Des Nachts aber kamen die finsteren Gedanken. Dann
+las ich wieder und wieder seine Briefe und suchte
+zwischen den Zeilen, was er aus Schonung verschweigen
+mochte: &raquo;Rosalie macht Besuche bei allen Bekannten,
+und ich sehe an den Mienen der Leute, was sie erz&auml;hlt&nbsp;&mdash;&laquo;,
+sie suchte Zeugen gegen mich; der Preis der
+Scheidung w&uuml;rde die Verhinderung unserer Heirat sein!
+&raquo;Sie hat neuerdings Freunde im Egidyschen Kreis&laquo;&nbsp;&mdash;,
+sie suchte eine Verbindung mit den Eltern, sie wird zum
+Vater gehen, ihm erz&auml;hlen, &mdash; und er ertr&uuml;ge es nicht,
+so nicht, &mdash; er w&uuml;rde Heinrich vor die Pistole fordern!</p>
+
+<p>Noch geschah nichts dergleichen. Meines Vaters<a name="Page_132" id="Page_132"></a>
+Briefe waren erregt, aber nur &uuml;ber die Ereignisse des
+Tages: die Verurteilung Hammersteins wegen Urkundenf&auml;lschung
+zum Zuchthaus, &raquo;ein Menetekel f&uuml;r den Adel,
+dessen junger Nachwuchs das goldene Kalb umtanzt
+und dabei unabweisbar dem Schwindel verf&auml;llt,&laquo; den
+Austritt St&ouml;ckers aus der konservativen Partei, &raquo;dieses
+t&uuml;chtigen Mannes, den die Sozialdemokraten mit ihrer
+verdammten Manier der Ver&ouml;ffentlichung von gestohlenen
+Privatbriefen auf dem Gewissen haben,&laquo; &uuml;ber die in
+seinen Jubil&auml;umsreden stets deutlicher zutage tretenden
+Weltmachtgel&uuml;ste des Kaisers, &raquo;die uns vom erprobten
+geraden Wege altpreu&szlig;ischer Sparsamkeit und
+dem bewu&szlig;ten Sichbescheiden auf den angestammten
+Boden und seine Bearbeitung in die Politik abenteuernder
+Seefahrer hineinrei&szlig;t.&laquo; Ich mu&szlig;te mein Erinnerungsverm&ouml;gen
+immer erst m&uuml;hsam auf die Welt au&szlig;er
+mir einstellen, wenn seine Briefe Antwort heischten.</p>
+
+<p>Eines Morgens kam ein Expre&szlig;brief von Heinrich,
+den ich in Erwartung erf&uuml;llter b&ouml;ser Tr&auml;ume zitternd
+&ouml;ffnete. &raquo;Deine Liebe soll noch eine harte Probe bestehen,&laquo;
+schrieb er. &raquo;Rosalie will sich nur unter der
+Bedingung scheiden lassen, da&szlig; ich ihr mein ganzes
+Verm&ouml;gen gebe. Es ist an sich nur klein, wie Du
+wei&szlig;t, aber es ist alles. Wirst Du stark genug sein,
+einen Mann zu heiraten, der nichts besitzt? Der Dir
+nur seine Liebe in die Ehe mitbringt und seinen festen
+Willen, Dir trotz alledem ein gl&uuml;ckliches Leben zu
+erk&auml;mpfen?... Antworte mir nach reiflicher &Uuml;berlegung.
+Aus Deiner Hand w&uuml;rde ich jedes Geschick ohne Murren
+empfangen. F&uuml;rchte nichts von mir, wenn Du nein
+sagen mu&szlig;t. Das Gl&uuml;ck, das Deine Liebe mir schenkte,
+<a name="Page_133" id="Page_133"></a>war schon so gro&szlig;, da&szlig; ich Dir auch dann noch dankbar
+bleibe...&laquo; Ich l&auml;chelte, von einem Alpdruck befreit;
+so viele Worte um solch eine Kleinigkeit! Nicht
+einen Augenblick des Besinnens gab es f&uuml;r mich. &raquo;Gib,
+was sie fordert,&laquo; telegraphierte ich. Aber noch immer
+schien sie nicht genug zu haben. Ein paar Tage sp&auml;ter
+verlangte sie eine Summe, die Heinrichs Verm&ouml;gen &uuml;bertraf.
+Und als der Anwalt ihr vorhielt, da&szlig; Heinrich
+Wucherschulden machen m&uuml;sse, wenn er ihren Wunsch
+erf&uuml;llen solle, sagte sie ruhig: &raquo;Mag sein, &mdash; aber sonst
+lasse ich die Scheidung nicht zu.&laquo; Sie war uners&auml;ttlich.
+In meinen n&auml;chtlichen Tr&auml;umen sah ich sie: gro&szlig;,
+dunkel, mit der Schleppe, die wie eine Schlange hinter
+ihr her raschelte, und den wei&szlig;en Raubtierh&auml;nden.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Tag der Entscheidung nahte. Am Vorabend
+fuhr ich nach M&uuml;nchen.
+Die Stunden schlichen, die Zeiger an der
+Uhr wollten nicht von der Stelle r&uuml;cken. Ich h&ouml;rte, wie
+das Leben drau&szlig;en verstummte, die letzten Pferde m&uuml;de
+zum Stalle trotteten, das letzte L&auml;uten der Stra&szlig;enbahn
+verklang. Und ich h&ouml;rte wieder, wie es erwachte, wie
+die ersten Marktwagen im D&auml;mmerlicht grauenden
+Morgens &uuml;ber das Pflaster ratterten und die Tritte der
+B&auml;ckerjungen stra&szlig;enweit zu verfolgen waren; wie das
+R&auml;derrollen allm&auml;hlich anschwoll zu einem brausenden
+Ton, und kein einzelner Schritt unter den vielen mehr
+zu unterscheiden war. Dann kamen die Stunden, die
+&uuml;ber mein Schicksal entschieden. Sie waren wie lebendige
+Wesen, die mit meinem Herzen Fangball spielten.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_134" id="Page_134"></a></p>
+
+<p>&raquo;Frei!&laquo; &mdash; Ich hatte das Telegramm dem Boten
+aus der Hand gerissen, &mdash; ich starrte das Wort
+an, bis mir die Augen &uuml;bergingen. Im Zimmer
+ertrug ich's nicht mehr. Zu gro&szlig; war mein Gl&uuml;ck. Und
+selbst als der Himmel sich &uuml;ber mich spannte, war mir's,
+als m&uuml;&szlig;te es sein blaues Gew&ouml;lbe zersprengen.</p>
+
+<p>Zwei Tage mu&szlig;te ich des Geliebten warten. &raquo;Nachdem
+Dein heimlicher Wunsch, Du emanzipationsl&uuml;sterne
+Frau, eine freie Ehe zu schlie&szlig;en, an meinem reaktion&auml;ren
+Eigensinn endg&uuml;ltig zu Schanden wurde&laquo; schrieb
+er neckend, &raquo;mu&szlig; ich unserer altmodisch ordentlichen
+Verbindung auch eine b&uuml;rgerliche Grundlage schaffen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich lief indessen in der Stadt umher und suchte,
+meinem &uuml;bervollen Herzen Luft zu machen. Ein Bettler
+stand an der Ecke mit einem Plakat vor der Brust:
+&raquo;Ein armer Taubstummer bittet um eine milde Gabe,&laquo;
+ich dr&uuml;ckte ihm ein Goldst&uuml;ck in die Hand, was ihn so
+verbl&uuml;ffte, da&szlig; er seiner Stummheit verga&szlig; und ein Mal
+&uuml;ber das andere ein &raquo;Vergelt's Gott&laquo; stammelte. Vor
+allen Schaufenstern blieb ich stehen, in denen die Maisonne
+z&auml;rtlich &uuml;ber Spitzen und Schleier strich. Und
+das Sch&ouml;nste, was ich sah, war nur gerade sch&ouml;n genug,
+um mich f&uuml;r ihn zu schm&uuml;cken.</p>
+
+<p>Meines Lebens hohe Zeit stand vor der T&uuml;re; k&ouml;niglich
+sollte sie empfangen werden. Niemand durfte ihr
+begegnen, der Trauergew&auml;nder trug. Keines Menschen
+Tr&auml;ne durfte den Willkommtrunk verbittern, mit dem
+ich sie begr&uuml;&szlig;en wollte. Und im geschliffenen Kristall
+des Pokals sollte sich nur die Sonne spiegeln.</p>
+
+<p>Der Gedanke an die Eltern krampfte mir das Herz
+<a name="Page_135" id="Page_135"></a>zusammen. Ich sah sie in der dunkeln Wohnung hinter
+den schweren Vorh&auml;ngen, die immer an den Winter
+glauben lie&szlig;en. W&uuml;rde mein Gl&uuml;ck hell genug sein, um
+hindurchzudringen? Ich f&uuml;hlte, wie dumpf die Luft bei
+ihnen war. W&uuml;rde mein Gl&uuml;ck stark genug sein, sie zu
+zerstreuen?</p>
+
+<p>An einem hellen Morgen, &uuml;ber den der Himmel
+leuchtete wie ein geheimnisvoll glei&szlig;ender Opal, trug
+ich ein wei&szlig;es Kleid und Rosen im G&uuml;rtel, die lauter
+Sonnenlicht getrunken hatten und die Bl&uuml;tenk&ouml;pfe
+senkten, schwer von Sch&ouml;nheit. Ich wartete des Geliebten.
+Durch die vielen Scheiben der Bahnhofshalle
+funkelte und spr&uuml;hte das Morgenlicht und malte tanzend
+helle Flecke auf den Asphalt. Wie blasse Mondscheiben,
+wenn der Tag noch herrscht, standen die gro&szlig;en,
+runden Bogenlampen &uuml;ber dem hastenden Leben. Hin
+und her str&ouml;mten bunte Menschenschw&auml;rme. Reisefieber,
+das in blaue Fernen treibt, sorgender Ernst, der der
+Tagesarbeit entgegenstrebt, lachende Hoffnung, die in
+die Arme der Liebe verlangt, bange Angst, die vor der
+Fremde zittert, malten sich in den vielen Gesichtern.
+Die Z&uuml;ge brachten und empfingen sie in unaufh&ouml;rlichem
+Wechsel. Ich allein stand in der Flut ganz still, die
+Augen auf das helle riesige Bogenrund gerichtet, in das
+die gro&szlig;en schwarzen Schlangen fauchend untertauchten,
+und aus dem sie, die welterobernden Ungeheuer, brausend
+hervorquollen. Endlich! Ein schriller Pfiff aus einer
+Lokomotive, die ihre m&auml;chtigen, blanken Glieder majest&auml;tisch
+hereinw&auml;lzte, zwei zischende Garben wei&szlig;er Wasserd&auml;mpfe&nbsp;&mdash;,
+sie stand. Lauter Schatten liefen und dr&auml;ngten
+an mir vor&uuml;ber, ich sah nur ihn, &mdash; und er zog mich
+<a name="Page_136" id="Page_136"></a>in die Arme, ganz fest&nbsp;&mdash;, alle Rosen fielen mir aus dem
+G&uuml;rtel, und streuten ihre Bl&auml;tter um uns, glutrote ...</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;Und unsere Hochzeit, mein Lieb, wo soll sie sein?&laquo;
+&raquo;Irgendwo zwischen hohen Bergen, im
+Walde, wo der Dompfaff uns traut&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wann, &mdash; wann?&laquo; hei&szlig; fl&uuml;sterte seine Stimme
+an meinem Ohr.</p>
+
+<p>&raquo;Still mu&szlig; es um uns sein, ganz still, dann wird
+die Stunde kommen, der wir gehorchen m&uuml;ssen ...&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wir fuhren nach Augsburg zu Tante Klotilde,
+meines Vaters Schwester. Vielleicht, da&szlig;
+sie sich f&uuml;r uns gewinnen lie&szlig;, da&szlig; ihr
+Einflu&szlig; den Vater beruhigen k&ouml;nnte. Am Bahnhof
+trennten wir uns, er ging ins Hotel, mich f&uuml;hrte ihr
+Wagen durch das alte schmiedeeiserne Tor vor das
+sch&ouml;ne Haus mitten im bl&uuml;henden Garten. Mit ungewohnter
+Z&auml;rtlichkeit empfing sie mich: &raquo;Du hast mir
+etwas zu sagen, Kind? F&uuml;rchte dich nicht&nbsp;&mdash;, du wei&szlig;t,
+ich habe viel an dir gut zu machen.&laquo; Ich f&uuml;rchtete
+mich doch, &mdash; aber nicht vor ihr. Wenn sie mich verdammte,
+so wu&szlig;te ich: das Herz w&uuml;rde ihr darum nicht
+bluten. Um den Vater nur bangte mir, wenn sie die
+Verst&auml;ndigung nicht w&uuml;rde herbeif&uuml;hren wollen. Ich
+erz&auml;hlte, da&szlig; ich verlobt sei. Ich verschwieg nicht, da&szlig;
+er sich hatte scheiden lassen, &mdash; um meinetwillen. Aber
+von der ersten Ehe erz&auml;hlte ich nichts, und nichts von
+dem Kinde, das vor wenigen Monden erst geboren
+<a name="Page_137" id="Page_137"></a>worden war. Ich bekannte ehrlich, da&szlig; er, wie ich,
+Sozialdemokrat von Gesinnung sei, aber ich betonte,
+da&szlig; seine T&auml;tigkeit allein auf neutralem wissenschaftlichem
+Gebiete liege. Und als sie die Frage stellte, die,
+wie ich wu&szlig;te, f&uuml;r sie von ausschlaggebender Bedeutung
+war: &raquo;In welcher Lage ist er?&laquo; &mdash; da log ich: &raquo;In der
+besten&nbsp;&mdash;&laquo; Was ging das alles die anderen an?!
+Mein Leben war es, f&uuml;r das ich allein die Verantwortung
+trug. Nur dem Vater wollte ich es leicht
+machen, und die Mutter sollte sich nicht gr&auml;men, und
+mein blondes Schwesterchen sollte nicht weinen!</p>
+
+<p>Heinrich wurde zum Essen geladen. Seine ruhige,
+fast hochm&uuml;tige Zur&uuml;ckhaltung der &raquo;Frau Baronin&laquo;
+gegen&uuml;ber imponierte ihr. Sie schrieb noch am Abend
+einen langen Brief an den Vater. Und am n&auml;chsten
+Mittag kam seine telegraphische Antwort: &raquo;Tief ger&uuml;hrt
+&uuml;ber die Liebe, mit der du Alix in deinen Schutz nimmst,
+versage ich ihr nicht den Segen ihrer schmerzbewegten
+Eltern.&laquo;</p>
+
+<p>Heinrich reiste nach M&uuml;nchen zur&uuml;ck, &mdash; es w&auml;re ja
+nicht passend gewesen, ein Brautpaar beieinander zu
+lassen! &mdash; ich blieb noch, um in ein paar Tagen mit
+Freunden, &mdash; wie ich vorgab, &mdash; nach Tirol zu gehen.
+Inzwischen kamen die Briefe der Eltern. Von der
+Mutter zuerst. Sehr liebevoll, aber doch voller Sorge.
+&raquo;Ich danke Gott und der lieben Klotilde,&laquo; schrieb sie,
+&raquo;da&szlig; Dein Vater die gro&szlig;e unerwartete Sache so aufnahm
+und ruhig ist, trotzdem ihm alles furchtbar schwer
+wird und er noch nicht imstande ist, an Dich zu schreiben.
+Wenn nur seine Gesundheit aush&auml;lt, um die ich oft sehr
+besorgt bin, besonders bei so gro&szlig;en Ersch&uuml;tterungen&nbsp;...<a name="Page_138" id="Page_138"></a>
+Ilschen hat sich reizend benommen; ihre kindliche, z&auml;rtliche
+Art, ihrem Papa alles recht gut und sch&ouml;n darzustellen,
+ihre Bitten und Tr&auml;nen haben ihn tief ger&uuml;hrt ...
+Um Deines Vaters willen bitte ich Dich, Deine Verlobung
+wenigstens solange geheimzuhalten, bis er bei Klotilde
+in Grainau ist, die ihn so freundlich einlud und ihn am
+leichtesten wird beruhigen k&ouml;nnen. Auf diese Weise entgeht
+er am besten dem Zeitungsklatsch, an dem es wohl leider
+nicht fehlen wird ... Mir ist das Herz so &uuml;bervoll,
+da&szlig; ich keine Worte finde. Gott f&uuml;hre alles zum Besten ...&laquo;
+Und dann kam der erste Brief des Vaters, aus dem ich
+erfuhr, da&szlig; er wu&szlig;te, was ich ihm schonend verschwiegen
+hatte. &raquo;Wenn Du &auml;lter geworden sein wirst,&laquo; hie&szlig; es
+darin, &raquo;so wirst Du verstehen, da&szlig; ich nicht Dein Gl&uuml;ck
+st&ouml;ren will, sondern nur mit der Erfahrung eines Mannes,
+der am Ende seines Lebens steht, da kein Gl&uuml;ck sehe, wo
+Du seinen Gipfel glaubst erstiegen zu haben ... Dr. Brandt
+mu&szlig;te bei mir und Mama zuerst um die Erlaubnis zur
+Verbindung mit Dir nachsuchen, es mu&szlig;ten mir ganz
+klar die &auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnisse dargetan werden, die zur
+Scheidung f&uuml;hrten, und die Lebenslage, die Dr. Brandt
+Dir bietet. Von alledem ist nichts geschehen, und ich bin
+und bleibe der vor Gott und den Menschen f&uuml;r Dich
+verantwortliche Vater; auf mir, Mama, Ilse bleibt jeder
+&ouml;ffentliche Skandal sitzen. Sage selber, wie soll ich
+Vertrauen zu einem Manne haben, der zweimal geschieden
+ist? Ich kenne die Gr&uuml;nde nicht, kann also nur
+bei meinem theoretischen Urteile bleiben, da&szlig; es ihm
+zweimal nicht gelungen ist, seine ihm &#8250;bis der Tod uns
+trennt&#8249; angetraute Frau an sich zu fesseln. Es kommt
+hinzu, da&szlig; selbst roheste Naturen Piet&auml;t daf&uuml;r haben,
+<a name="Page_139" id="Page_139"></a>wenn dem Manne eben von seiner Frau ein Kind geschenkt
+worden ist. Diesen Augenblick zur Scheidung
+zu w&auml;hlen, ist gewi&szlig; nicht feinf&uuml;hlig. Meine Tochter
+ist mir zu schade, als da&szlig; ich ruhig zusehen k&ouml;nnte,
+wenn sie in solche Verh&auml;ltnisse verwickelt wird ...&laquo;</p>
+
+<p>Es entspann sich eine erregte Korrespondenz. Ich
+war viel zu empfindlich, besonders gegen&uuml;ber Angriffen
+auf den Geliebten, als da&szlig; ich mich wenigstens &auml;u&szlig;erlich
+h&auml;tte beherrschen k&ouml;nnen. Mein strahlendes Gl&uuml;ck
+hatte mich blind gemacht f&uuml;r die Welt, in der meine
+Eltern lebten und dachten. Ich empfand als bittere
+Kr&auml;nkungen, was von ihrem Standpunkt aus sorgende
+Liebe war. &raquo;Ich begreife nicht, da&szlig; Du scheinbar gar
+nicht ahnst, wie schwer uns Deine Heirat werden mu&szlig;,&laquo;
+schrieb Mama in Beantwortung eines meiner Briefe,
+&raquo;willst Du denn durchaus nicht die Wirklichkeit sehen?
+Mu&szlig; ich ganz deutlich werden und dir sagen, wie selbst
+Dir wohlwollende Menschen &uuml;ber Dich den Kopf sch&uuml;tteln?
+Du ahnst wohl gar nicht, was und wie man &uuml;ber Euch
+spricht! Und jetzt erw&auml;hnst Du wie etwas Selbstverst&auml;ndliches,
+da&szlig; Ihr Euch hier in Berlin wollt trauen lassen.
+Ich finde den Gedanken unglaublich. Denke doch nur
+an das Aufsehen, und was das f&uuml;r ein Licht auf uns
+alle werfen w&uuml;rde! Wir wollen der Welt gegen&uuml;ber
+betonen, da&szlig; Du mit unserem Segen heiratest&nbsp;&mdash;, hier
+w&uuml;rde nicht einmal unser Pfarrer, der so streng &uuml;ber
+Scheidungen denkt, Euch trauen wollen ... Heiratet in
+irgend einem stillen Ort S&uuml;ddeutschlands, wohin ich und
+Ilse zur Trauung kommen werden, und &uuml;berlegt vor
+allem, ob es nicht besser w&auml;re, wenn Ihr Euch dann
+fern von Berlin niederla&szlig;t? F&uuml;r alle Teile w&uuml;rde es
+<a name="Page_140" id="Page_140"></a>besser sein, solange der gemeine Klatsch &uuml;ber Euch nicht
+verstummt ist. Ich habe auch an Deinen armen Vater
+zu denken, den Du ganz zu vergessen scheinst, und dem
+jede neue Aufregung erspart werden mu&szlig; ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich erw&auml;hnte in meiner Antwort der Schwierigkeiten,
+die eine Heirat an anderem Orte bereiten w&uuml;rde. Wir
+hatten l&auml;ngst beschlossen, uns ohne alles Aufsehen trauen
+zu lassen und gehofft, da&szlig; die Eltern angesichts der vollzogenen
+Tatsache sich um ihr Was und Wie nicht k&uuml;mmern
+w&uuml;rden. Im n&auml;chsten Brief meiner Mutter schrieb
+sie: &raquo;Du erw&auml;hnst nur der standesamtlichen Schwierigkeiten,
+also wollt Ihr wohl die Kirche umgehen, &mdash; wenn
+Du mir das noch antust, dann w&auml;re es besser,
+wir sehen uns nie wieder, denn das kann ich nicht &uuml;berwinden,
+das w&uuml;rde ich nie verzeihen, und Vater, Schwester
+und Tante auch nicht! Bedenket wohl, was Ihr damit
+tut: Ihr gebt unseren Beziehungen den Todessto&szlig; ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich war schon wieder abgereist, als mir in Innsbruck
+berliner Zeitungen in die H&auml;nde fielen. Sie brachten
+mit mehr oder weniger h&auml;mischen Randbemerkungen die
+Mitteilung von Heinrichs Scheidung und meiner Verlobung.
+Und gleich darauf kam ein Brief des Vaters:
+&raquo;Was zu erwarten war, ist geschehen: alle Zeitungen
+besch&auml;ftigen sich mit Dir und ziehen meinen guten Namen
+in die Skandalgeschichte meiner Tochter. Sie sagen,
+da&szlig; Du Dich nun ganz der Sozialdemokratie in die
+Arme geworfen hast ... Du nahmst die Gewohnheit
+an, bei Deinen Handlungen nie an Deine Eltern, nie
+an Deine Schwester zu denken. Trotzdem bleibst Du
+unser Kind, und wir tragen an Dir mit, gleichg&uuml;ltig
+welches die B&uuml;rde ist, die Du uns auferlegst. Wenn
+<a name="Page_141" id="Page_141"></a>eine Tochter frank und frei erkl&auml;rt, sie geh&ouml;re zur Sozialdemokratie,
+so bleibt an den Eltern etwas h&auml;ngen. Ich
+bin alt und gebrechlich, meine Tage sind gez&auml;hlt, aber
+ich bin notwendig f&uuml;r Deine Mutter und Deine Schwester.
+Unehre jedoch ertrage ich nicht; wenn man mich ehrengerichtlich
+belangt, wegen Deiner Beziehungen zu einer
+staatsvernichtenden Partei, so mag man mich begraben.
+Da&szlig; die Sozialdemokratie es jetzt freudig ausbeutet,
+wenn die adlige Tochter eines allgemein bekannten
+Generals sich zu ihr bekennt, das begreife ich, es ist
+ihr Vorteil. Wer ein einziges Mal diese gemein aussehenden
+Leute im Reichstage gesehen hat und sich vergegenw&auml;rtigt,
+da&szlig; diese Rotte unheimlicher Kreaturen
+von den Pfennigen der Arbeiter sich m&auml;stet, die um so
+reichlicher flie&szlig;en, je mehr alles in den Schmutz getreten
+wird, was uns heilig ist, der mu&szlig; am Rande der Verzweiflung
+stehen, wenn er die eigene Tochter unter ihnen
+wei&szlig; ...&laquo; Ich antwortete nicht. Wie viel besser w&auml;re
+der offene Bruch gewesen, als da&szlig; ich, vom Verstande
+unkontrollierten Gef&uuml;hlen hingegeben, eine Br&uuml;cke &uuml;ber
+Un&uuml;berbr&uuml;ckbares zu schlagen versucht hatte. Ich hatte
+nicht wehe tun wollen&nbsp;&mdash;, litten die Eltern jetzt nicht
+mehr, wo sie mich von schleichender Vergiftung befallen
+glaubten, als wenn ich ihnen ganz gestorben w&auml;re?</p>
+
+<p>Am Morgen meines Geburtstages erwartete ich den
+Geliebten. Stille Wehmut d&auml;mpfte die Freude, mit der ich
+Heinrich empfing. Vor lauter Gl&uuml;ck bemerkte er meine
+Stimmung nicht. &raquo;Ich bringe dir ein sch&ouml;nes Geburtstagsgeschenk,&laquo;
+rief er, mich z&auml;rtlich umarmend.
+&raquo;Herr Charles Hall, der Deutschamerikaner, von dessen
+sozialpolitischen Interessen ich dir oft erz&auml;hlte, hat sich
+<a name="Page_142" id="Page_142"></a>bereit erkl&auml;rt, meine Zeitschrift zu unterst&uuml;tzen. Siehst
+du, nun hab' ich auch das durchgesetzt: die b&uuml;rgerliche
+Grundlage unserer gut b&uuml;rgerlichen Ehe! &mdash; D&uuml;rfen
+wir nun nicht Hochzeit feiern?!&laquo; f&uuml;gte er leiser hinzu.
+Ich sch&uuml;ttelte den Kopf und hing mich fest an seinen
+Arm: &raquo;La&szlig; mich erst wieder froh werden, mein Heinz!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>An einem regenfeuchten Julitag kamen wir nach
+St. Jodok, einem kleinen Bergnest, das die
+Brennerbahn fauchend umkreist. &raquo;Morgen
+fruh scheint d' Sunn,&laquo; versicherte der F&uuml;hrer, mit dem
+wir &uuml;ber unsere Pl&auml;ne verhandelten, und so beschlossen
+wir, noch am Nachmittag zur Geraerh&uuml;tte zu gehen.
+Es war ein einf&ouml;rmig d&uuml;sterer Weg durch die Wiesen
+des Valser Tales mit ihren zahllosen braunen Heuschobern,
+auf die der Nebel tief hinunterhing, und dann
+die Anh&ouml;he hinan auf steinigem Pfad, von schwarzgrauen
+Bergen umgeben, deren Gipfel sich in den Wolken
+verloren. Und in der Nacht tobte der Wind um die
+Holzh&uuml;tte, und der Regen klatschte an die kleinen Fenster,
+da&szlig; ich mich fr&ouml;stelnd in die Decken h&uuml;llte und eine
+undurchdringliche Finsternis noch vor mir zu haben
+meinte, als der F&uuml;hrer morgens an die T&uuml;re pochte.
+&raquo;Sch&ouml;n wird's,&laquo; sagte er mit unersch&uuml;tterlicher Sicherheit.
+Wir traten hinaus, dicht vermummt, wie zu einer
+Winterreise. Fast w&auml;re ich schwindelnd zur&uuml;ckgewichen
+vor dem Bilde, das die flackernde Laterne unsicher beleuchtete:
+wie auf einer Insel im Wolkenmeer standen
+wir. Unten im Tal lagen die Nebel dicht geballt, nur
+hie und da streckte es sich aus ihnen hervor wie lange
+<a name="Page_143" id="Page_143"></a>schwarze Arme, die, kaum da&szlig; sie unsere H&ouml;he erreichten,
+verschwanden wie Gespenster beim Glockenschlag. Wir
+stiegen aufw&auml;rts, Schritt vor Schritt, lange Serpentinen
+bis zum Alpeiner Ferner. Frischgefallener Schnee deckte
+ihn wie ein Leichentuch, nur hie und da gl&auml;nzte das
+Eis hervor in tiefen, dunkelgr&uuml;nen Spalten, &mdash; geheimnisvoll
+lockende Gr&auml;ber. Kein Leben ringsum;
+selbst der Sturm war verstummt, unh&ouml;rbar versanken
+unsere F&uuml;&szlig;e im Schnee. Mich grauste. War es nicht
+das Reich des Todes, das wir betreten hatten?</p>
+
+<p>Da begann der Himmel &uuml;ber uns sich rosig zu f&auml;rben;
+noch einmal sah ich hinab in das Nebelmeer der Tiefe,
+dann stieg ich, so rasch meine F&uuml;&szlig;e mich tragen konnten,
+um die H&ouml;he zu erreichen, wenn die Sonne kam.</p>
+
+<p>Und sie war da. Gl&uuml;hend in junger Liebe, als k&uuml;sse
+sie die Erde zum erstenmal. In der hei&szlig;en Umarmung
+ihrer Strahlen ward die keusche Braut zum Weibe, das
+sich dem Geliebten schrankenlos hingibt. Sie warf die
+dunkeln Schleier von sich, in die sie sich eben noch scheu
+geh&uuml;llt hatte, und auch die letzten wei&szlig;en duftigen H&uuml;llen
+zerri&szlig; sie. In ihrer prangenden Sch&ouml;ne stand sie vor
+ihm, die schimmernde wei&szlig;e Stirn stolz gen Himmel
+gehoben, den schneeigen Busen rosig &uuml;berhaucht von
+dem Gru&szlig; dessen, der sie erl&ouml;ste.</p>
+
+<p>Wir standen ganz still und schauten uns an und lasen
+einander die Gedanken von den stummen Lippen. Auf
+dem Weg durch die Nacht und empor bis hierher, hatten
+wir die Vergangenheit noch einmal durchlebt, zusammengedr&auml;ngt
+in wenige Stunden. Nun aber war es vor&uuml;ber.
+Der Gipfel war unser. Und &uuml;ber das Schneefeld
+hinab, der Sonne zu, lag eingebettet in gr&uuml;ne<a name="Page_144" id="Page_144"></a>
+Matten ein kleines, helles Haus. Mit dem Bergstock,
+dessen Spitze rote Alpenrosen schm&uuml;ckten und wei&szlig;e
+Edelwei&szlig;sterne, wies ich hinab. &raquo;Dort will ich Hochzeit
+halten,&laquo; fl&uuml;stere ich. Da hob mich der Liebste jubelnd
+hoch empor, und miteinander sausten wir &uuml;ber den Schnee
+in die Tiefe.</p>
+
+<p>&raquo;Arg verliabt san's,&laquo; brummte der F&uuml;hrer gutm&uuml;tig,
+als wir aufatmend unten standen.</p>
+
+<p>Zitherspiel und Gesang empfing uns in der Dominikush&uuml;tte.
+Ein paar junge M&auml;nner, Studenten mit
+blondem Kraushaar und blitzenden Augen, sa&szlig;en um
+den Tisch, und ihre Stimmen f&uuml;llten den Raum mit
+lauter Frohsinn. Seil, Steigeisen und Eispickel lagen
+neben ihnen; die verstaubten Stiefel und die braunen
+Gesichter bewiesen: sie waren echte H&ouml;heneroberer. Solche
+S&ouml;hne will ich haben&nbsp;&mdash;, zog es mir durch den Sinn,
+als spr&auml;che es aus unbekannter Tiefe meines Wesens.</p>
+
+<p>Feierlich, mit Millionen goldenen Sternen am Himmel,
+senkte sich die Nacht in das Tal. Von Wiesen und
+W&auml;ldern ein starker Duft f&uuml;llte unsre braune Kammer.
+Und leise Winde, die von den Gipfeln kamen und noch
+keinen Staub getragen hatten, fl&uuml;sterten in den Fichten
+vor dem Fenster. Da bin ich sein Weib geworden ...</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_145" id="Page_145"></a></p>
+<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>F&uuml;nftes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Warme Augustsonne flutete durch alle Zimmer
+und br&uuml;tete unten in gewitterschwangerer
+Hitze auf den jungen Anlagen des L&uuml;tzowplatzes.
+Unruhig wanderte ich von einem Raum in den
+anderen, r&uuml;ckte auf dem m&auml;chtigen Doppelschreibtisch,
+den wir uns zu gemeinsamer Arbeit hatten machen
+lassen, die Bilder der beiden Buben, die nun meine
+Stiefs&ouml;hne waren, noch ein wenig in den Vordergrund,
+ging in ihr Zimmer mit dem blumengeschm&uuml;ckten Balkon,
+von dem aus der Blick geradeaus weit &uuml;ber die dichtbelaubten
+B&auml;ume am Kanal schweifen konnte und
+rechts die Stra&szlig;e hinauf bis in die gr&uuml;ne Tiefe des
+Tiergartens, strich mechanisch die Bettdecken glatt und
+steckte den Kanarienv&ouml;geln, mit denen ich die Kinder
+&uuml;berraschen wollte, ein paar Kuchenkr&uuml;mel zu, die ich
+nebenan vom reichbesetzten Vespertisch geholt hatte.
+Immer wieder zog ich die Uhr: gleich mu&szlig;ten sie kommen,
+schon eine Stunde fast war Heinrich fort, um sie am
+Anhalter Bahnhof in Empfang zu nehmen. Ich lief
+durch unser Schlafzimmer mit seinen hellen M&ouml;beln
+und meergr&uuml;nen Vorh&auml;ngen auf die breite Loggia hinaus:
+von hier w&uuml;rde ich sie zuerst entdecken, wenn sie
+vom L&uuml;tzowufer auf den Platz einbiegen w&uuml;rden. Ich
+<a name="Page_146" id="Page_146"></a>musterte erwartungsvoll alle Menschen. Von der luftigen
+H&ouml;he meines vierten Stockes glichen sie aufgezogenen
+Puppen, wie sie die H&auml;ndler um Weihnachten
+auf dem Asphalt laufen lassen. Und der Herkules auf
+der Kanalbr&uuml;cke sah wie ein Knabe aus, der mit seinem
+Pudel spielt.</p>
+
+<p>Wehte dort nicht jemand gr&uuml;&szlig;end mit einem wei&szlig;en
+Tuch? Richtig: es war der kleine, schwarze Hans, der
+dem Vater und dem Bruder voranlief. Ich hatte doch
+rechtes Herzklopfen. &raquo;Du wirst sie lieb haben, meine
+Kinder,&laquo; hatte Heinrich gesagt, ehe er ging. Und mein
+&raquo;Ja&laquo; war aus vollem Herzen gekommen. Nun aber
+war mir bang. Sie waren bei ihrer Mutter gewesen&nbsp;&mdash;,
+w&uuml;rden sie der jungen Frau ihres Vaters nun nicht
+wie einer Feindin begegnen? W&uuml;rde all meine Liebe,
+die ich ihnen entgegenbrachte, weil sie Heinrichs S&ouml;hne
+waren, ihr Mi&szlig;trauen besiegen k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Sie st&uuml;rmten die Treppe hinauf. &raquo;Fein, da&szlig; du jetzt
+die Mama bist!&laquo; rief W&ouml;lfchen. Hans sah mich nur
+gro&szlig; an und kramte in seinem Rucksack nach einem halbverwelkten
+Alpenrosenstr&auml;u&szlig;chen, das er mir mitgebracht
+hatte. &raquo;Ihr m&uuml;&szlig;t recht brav sein, damit Ihr so eine
+gute Mama verdient,&laquo; sagte Heinrich. Ich warf ihm
+einen flehenden Blick zu. Er sollte mich nicht loben, &mdash; jetzt,
+da sie von der eigenen Mutter kamen. Aber ich
+hatte ihnen wohl tiefere Empfindungen angedichtet, als
+sie besa&szlig;en. Sie waren vergn&uuml;gt, selbst Hans wurde
+gespr&auml;chig; und als ich sie zu Bett brachte, waren sie
+ganz von selbst z&auml;rtlich zu mir geworden.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir, Alix,&laquo; sagte Heinrich mit warmer
+Betonung. &raquo;Noch hast du zum Dank keine Ur<a name="Page_147" id="Page_147"></a>sache,&laquo;
+antwortete ich. Mir war seltsam beklommen
+zumute.</p>
+
+<p>Als wir schlafen gingen, &ouml;ffnete ich gedankenlos die
+T&uuml;r zum Zimmer der Kinder, &mdash; es hatte mir in den
+acht Tagen seit unserem Einzug als Ankleideraum gedient&nbsp;&mdash;,
+erschrocken fuhr ich zur&uuml;ck: &raquo;Bist du's, Mutter?&laquo;
+rief eine schlaftrunkene Stimme. Ganz leise zog ich die
+T&uuml;re wieder ins Schlo&szlig;; auf Zehenspitzen schlich ich ins
+Bett. &raquo;Liebste &mdash; Einzigste!&laquo; fl&uuml;sterte Heinrich und zog
+mich in seine Arme. Noch waren wir in den Flitterwochen
+unserer jungen Ehe, und uns war, als ob jeder
+Tag und jede Nacht uns einander aufs neue schenkte.
+Heute aber wehrte ich dem Geliebten mit einem &auml;ngstlichen
+Blick auf die T&uuml;r, &mdash; kaum da&szlig; ich seinen Ku&szlig;
+zu erwidern wagte. Wir waren nicht mehr allein. Zehnj&auml;hrige
+Knaben sind hellh&ouml;rig.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen ging ich mit ihnen in die Stadt.
+Ich hatte mich &uuml;berzeugt, da&szlig; sie ganz neu eingekleidet
+werden mu&szlig;ten, auch die Schulb&uuml;cher galt es anzuschaffen.
+In recht gedr&uuml;ckter Stimmung kam ich nach
+Hause; die Eink&auml;ufe hatten ein gro&szlig;es Loch in mein
+Portemonnaie gerissen. Siebenzig Mark, &mdash; das war
+der ganze Rest meiner Erbschaft; auf unsere Reisen,
+auf die Wohnungseinrichtung war sie draufgegangen;
+Heinrich hatte schlie&szlig;lich auch noch den ganzen Haushalt
+der geschiedenen Frau mitgegeben, und es war
+nun n&ouml;tig geworden, alles Fehlende zu ersetzen. Gewi&szlig;:
+ich h&auml;tte weniger ausgeben k&ouml;nnen&nbsp;&mdash;; ich hatte
+an nichts anderes gedacht, als unserer Liebe ein Heim
+zu schaffen, das ihrer w&uuml;rdig war. Gl&uuml;ckselig hatten
+wir in den Tag hineingelebt; nun erst schien das All<a name="Page_148" id="Page_148"></a>tagsleben
+anzufangen, ganz n&uuml;chtern, ganz prosaisch,
+mit seinen t&auml;glichen kleinen Forderungen und seinen
+pers&ouml;nlichen Sorgen, in deren Schw&uuml;le der Altruismus
+so leicht verdorrt und der Egoismus &uuml;ppig emporwuchert.
+Mir sank der Mut: wie w&uuml;rde Heinrich, der,
+wie es schien, an die Unersch&ouml;pflichkeit meiner Kasse
+ebenso fest geglaubt hatte wie ich, die unerwartete
+Nachricht aufnehmen? Ich war bei Tisch, &mdash; dem ersten
+Mittag zu Hause, wir hatten bis dahin wie lustige
+Studenten stets irgendwo drau&szlig;en gegessen, &mdash; nicht gerade
+redselig. Gut, da&szlig; die Buben so viel zu erz&auml;hlen
+wu&szlig;ten!</p>
+
+<p>Als wir uns am Schreibtisch allein gegen&uuml;bersa&szlig;en,
+Korrekturen und Manuskripte vor uns, bekannte ich
+Heinrich meine Entdeckung. Er sah mich ganz entgeistert
+an. &raquo;Aber das ist doch nicht m&ouml;glich!&laquo; sagte
+er schlie&szlig;lich und strich sich mit der Hand &uuml;ber die
+hei&szlig;e Stirn. &raquo;Du hast dich bestehlen und betr&uuml;gen
+lassen&nbsp;&mdash;&laquo;, fuhr er dann los mit einem Ausdruck und
+einer Stimme, die ihn mir vollkommen fremd erscheinen
+lie&szlig;en. Entsetzt starrte ich ihn an: so hatte mein Vater
+ausgesehen, wenn ich vor dem Ausbruch seines Zorns
+ver&auml;ngstigt aus dem Zimmer entfloh. Mir st&uuml;rzten die
+Tr&auml;nen aus den Augen. &raquo;Und nun weinst du auch
+noch, &mdash; als ob damit geholfen w&auml;re&nbsp;&mdash;&laquo; rief Heinrich
+aufgeregt. Ich dr&uuml;ckte mein Taschentuch vor die Augen,
+stand auf und riegelte ger&auml;uschvoll die Schlafzimmert&uuml;r
+hinter mir zu. Ich h&ouml;rte, wie er die Entreet&uuml;r krachend
+ins Schlo&szlig; warf. Es war die erste, ernste Differenz
+in unserer Ehe. Aber schon als ich ihn mit langen
+Schritten unten &uuml;ber den L&uuml;tzowplatz gehen sah, war
+<a name="Page_149" id="Page_149"></a>mein Kummer verflogen. Ich h&auml;tte ihn, ohne R&uuml;cksicht
+auf die Verwunderung der Menschen, zur&uuml;ckgerufen,
+wenn meine Stimme ihn erreicht haben w&uuml;rde. Nun
+stand ich weit hinausgelehnt auf der Loggia und winkte
+mit dem Tuch, das noch feucht von meinen Tr&auml;nen war.
+Mitten auf dem Platz stand eine alte Frau mit einem
+Korb voll Rosen. Seine Schritte verlangsamten sich,
+als er in ihre N&auml;he kam. Z&ouml;gernd ging er an ihr
+vor&uuml;ber. Dann aber drehte er um, ganz rasch, als
+habe er etwas sehr Wichtiges vergessen; ich sah, wie er
+der alten Frau alle Rosen aus dem Korbe nahm, und
+den Weg hastig zur&uuml;ckging, den er gekommen war. In
+diesem Augenblick hob er den Kopf und sah mich. Er
+winkte mit der Hand voll Blumen. Ich lief die Treppe
+hinab, ihm entgegen. Wir sanken einander in die Arme.
+&raquo;Verzeih mir, Geliebte, verzeih!&laquo; fl&uuml;sterte er. &raquo;Was
+sollte ich dir zu verzeihen haben ...!&laquo;</p>
+
+<p>Noch am Abend fuhr er nach Frankfurt, um Hall
+um einen Vorschu&szlig; zu bitten; vierundzwanzig Stunden
+sp&auml;ter depeschierte er: &raquo;Anstandslos bewilligt. Sei
+ohne Sorgen.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;Nun m&uuml;ssen wir doch wohl ein paar Besuche
+machen,&laquo; meinte Heinrich seufzend, ein paar
+Tage sp&auml;ter, &raquo;bei meinem Bruder, bei August,
+bei dem Alten&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Wir gingen zuerst zum &raquo;Vorw&auml;rts&laquo; in die Beuthstra&szlig;e,
+in dessen Redaktion mein Schwager t&auml;tig war,
+Dunkle, schmierige Steintreppen f&uuml;hrten hinauf. Nur
+sp&auml;rlich drang das Tageslicht in die Redaktionsr&auml;ume,
+<a name="Page_150" id="Page_150"></a>vor deren Fenstern ein gro&szlig;es Fabrikgeb&auml;ude mit dem
+Rattern seiner Maschinen und den grauen Gestalten,
+die sich eilig hin- und herbewegten, als st&auml;ndiges Menetekel
+f&uuml;r die Vertreter der Arbeiterschaft dr&uuml;ben aufgerichtet
+schien. Zwischen Haufen von B&uuml;chern und
+Zeitungen sa&szlig; mein Schwager, bla&szlig; und abgespannt.</p>
+
+<p>Er war immer &uuml;berarbeitet, denn zu seiner redaktionellen
+T&auml;tigkeit lastete er sich stets noch tausend andere
+Dinge auf.</p>
+
+<p>&raquo;Du interessierst dich ja f&uuml;r die Konfektionsarbeiter,&laquo;
+wandte er sich an mich, &raquo;Reinhard und ich bereiten
+eine Enquete vor. Man mu&szlig; die &Ouml;ffentlichkeit immer
+wieder mit der Nase auf die Dinge sto&szlig;en. Berlepsch
+ist abges&auml;gt, die Konfektion&auml;re haben ihr Wort gebrochen,
+ohne da&szlig; ein Hahn darnach kr&auml;hte, jetzt gilt's
+wieder Spektakel machen, sonst ist's ganz und gar aus
+mit der Sozialreform.&laquo; Ich sicherte ihm freudig meine
+Hilfe zu. Und mit jener nerv&ouml;sen Unruhe, die stets
+das Zeichen geistiger &Uuml;berreiztheit ist, schnitt er in
+der n&auml;chsten halben Stunde ein Dutzend anderer Gespr&auml;chsthemen
+an, um schlie&szlig;lich von seinem Bruder bei
+der Frage des Vorw&auml;rtskonflikts festgehalten zu werden,
+der gerade die Gem&uuml;ter in der Partei erhitzte und die
+Gegner sehr besch&auml;ftigte, die &uuml;berall hoffnungsvoll Unfrieden
+witterten.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt unrecht von Anfang bis zu Ende,&laquo; erkl&auml;rte
+Heinrich kategorisch. &raquo;Zuerst in der Ironisierung
+der Quarckschen Vorschl&auml;ge und dann in der unw&uuml;rdigen
+Behandlung des alten Liebknecht.&laquo; &raquo;Was verstehst
+du davon?&laquo; brummte Adolf.</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube: von Sozialpolitik verstehe ich ebenso viel
+<a name="Page_151" id="Page_151"></a>wie du. Und Quarcks Vorschl&auml;ge liefen darauf hinaus,
+den Gewerkschaften eine intensivere Besch&auml;ftigung
+mit sozialpolitischen Fragen ans Herz zu legen. Darin
+hat er recht. Sie sind wichtiger, als leichtsinnig begonnene
+Streiks.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Regierung w&uuml;rde auf unsere sch&ouml;nsten sozialpolitischen
+Kongresse pfeifen, und die Folge w&auml;re nur
+eine Verwischung des Klassencharakters der Bewegung&laquo; &mdash; Adolf
+redete sich in steigende Erregung hinein; jede
+Unterhaltung schien sich in der Familie Brandt zum
+Streit auszuwachsen; &mdash; &raquo;selbst einen verlorenen Streik,
+der sie trotz alledem st&auml;rkt, weil er die Erbitterung
+steigert, ziehe ich einem Lieb&auml;ugeln mit b&uuml;rgerlicher Sozialreformerei
+vor. Und was den Alten betrifft&nbsp;&mdash;, ich
+m&ouml;chte sehen, was du t&auml;test, wenn du mit ihm in der
+Redaktion s&auml;&szlig;est!&laquo; &mdash; &raquo;Mich zanken &mdash; h&ouml;chst wahrscheinlich!
+Aber nicht vor der &Ouml;ffentlichkeit!&laquo; Ich hielt
+den Augenblick f&uuml;r kritisch und stand auf. &raquo;&Uuml;brigens
+habe ich noch was f&uuml;r dich, Schw&auml;gerin,&laquo; sagte Adolf
+und begann seine s&auml;mtlichen mit Papieren vollgestopften
+Taschen vor uns auszuleeren. Endlich fand sich der
+Zeitungsausschnitt, den er suchte.</p>
+
+<p>Ich las: &raquo;Zur Palastrevolution im Vorw&auml;rts &mdash; <em class="antiqua">cherchez
+la femme</em>! Wir erhalten von authentischer
+Seite folgende interessante Aufkl&auml;rung &uuml;ber die tieferen
+Beweggr&uuml;nde der Emp&ouml;rung der Vorw&auml;rtsredaktion gegen
+ihren Chef, Wilhelm Liebknecht. Frau von Glyzcinski,
+alias Fr&auml;ulein Alix von Kleve, heiratete k&uuml;rzlich <em class="antiqua">Dr.</em> Brandt,
+einen der Vorw&auml;rtsredakteure. Ihr brennender Ehrgeiz,
+der das Ziel verfolgt, das Zentralorgan der Partei in
+die Hand zu bekommen, ist es, der die Intrige an<a name="Page_152" id="Page_152"></a>zettelte.
+Eine Dynastie Brandt d&uuml;rfte die Dynastie
+Liebknecht nunmehr abl&ouml;sen.&laquo; &raquo;Verlogenes Pack!&laquo; knirschte
+Heinrich. Adolf lachte. &raquo;Beruhige dich,&laquo; sagte er zu
+ihm, &raquo;wir bringen heute schon eine Berichtigung&nbsp;&mdash;&laquo;
+&raquo;Und wir gehen sofort zu Liebknechts, um der Geschichte
+die Spitze abzubrechen.&laquo;</p>
+
+<p>Adolf hielt uns noch einmal zur&uuml;ck: &raquo;Ich rate euch
+dringend, den Besuch zu unterlassen. Der Alte k&uuml;mmert
+sich freilich um keinerlei Geklatsch, aber Frau Natalie
+erz&auml;hlt in allen Parteikaffeekr&auml;nzchen R&auml;ubergeschichten
+&uuml;ber euch, die sie von deiner geschiedenen Frau geh&ouml;rt
+haben will. Sie ist euch noch feindseliger gesinnt als
+Leo.&laquo; &raquo;Leo?!&laquo; wiederholte Heinrich &uuml;berrascht. So
+hie&szlig; jener Freund, auf dessen enthusiastische Schilderung
+hin er die Bekanntschaft Rosaliens gesucht hatte.
+&raquo;Das wei&szlig;t du nicht?!&laquo; staunte Adolf. &raquo;Jedem, der
+es h&ouml;ren oder nicht h&ouml;ren will, z&auml;hlt er haarklein deine
+S&uuml;nden auf: da&szlig; du Rosalie gezwungen habest, nach
+England zu gehen, um hier &mdash; na, sagen wir: ungest&ouml;rt
+zu sein, da&szlig; du sie selbst im Wochenbett nicht
+geschont, sondern ihr die Einwilligung zur Scheidung
+durch unaufh&ouml;rliche Qu&auml;lerei erpre&szlig;t h&auml;ttest und sie,
+kaum da&szlig; sie aufstehen konnte, mit dem S&auml;ugling aus
+dem Hause getrieben hast.&laquo; Heinrich war au&szlig;er sich.
+Einer seiner besten Freunde war Leo gewesen, und er
+verurteilte ihn, ohne ihn geh&ouml;rt zu haben!</p>
+
+<p>Wir gingen schweigsam nach Hause. Auf dem L&uuml;tzowplatz
+sah ich Frau Vanselow uns entgegenkommen. Sie
+bemerkte uns, stutzte und bog hastig in einen Nebenweg
+ein. Heinrich sah mich forschend an und zog, wie
+zum Schutz, meinen Arm durch den seinen. &raquo;Mach dir
+<a name="Page_153" id="Page_153"></a>nichts draus, Schatz. Es ist alles Gesindel! Du stehst
+zu hoch, als da&szlig; es dich verletzen k&ouml;nnte.&laquo; &mdash; &raquo;Und
+dich?!&laquo; fragte ich und zwang mich zum L&auml;cheln. Er bi&szlig;
+sich die Lippen und schwieg.</p>
+
+<p>Fast immer, wenn ich ausging, hatte ich &auml;hnliche
+Begegnungen: Kein Zweifel, meine alten Gef&auml;hrtinnen
+aus der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung wollten mich nicht
+mehr kennen. Frau Schwabach ging mit hoch erhobenem
+Kopf vor&uuml;ber, wenn sie mich sah, und ich erfuhr aus
+den Zeitungen von den Vorbereitungen zum internationalen
+Frauenkongre&szlig;, den einzuberufen ich im Fr&uuml;hjahr
+noch mit beschlossen hatte. Man lud mich zu keiner
+Sitzung mehr ein, es fehlte nur noch, da&szlig; man mir
+das Referat &uuml;ber die Arbeiterinnenfrage fort genommen
+h&auml;tte, das mir seit Monaten &uuml;bertragen worden war.
+Ich schrieb an Frau Morgenstern, um sie daran zu erinnern.
+Sie antwortete in sichtlicher Verlegenheit: &raquo;Wir
+glaubten nicht, da&szlig; Sie noch Wert darauf legten, geschieht
+es dennoch, so k&ouml;nnen wir Sie nat&uuml;rlich nicht
+hindern.&laquo;</p>
+
+<p>Nach all diesen Erfahrungen sah ich dem Besuch bei
+Bebels nicht ohne Herzklopfen entgegen, obwohl wir zu
+unserer Hochzeit ein Gl&uuml;ckwunschschreiben erhalten hatten.
+Vielleicht war das nichts als eine H&ouml;flichkeit gewesen;
+ich fing an, mi&szlig;trauisch zu werden, und etwas wie
+Verbitterung bem&auml;chtigte sich meiner. Um so freudiger
+war ich &uuml;berrascht, als die gute Frau Julie uns herzlich
+willkommen hie&szlig;. Vor R&uuml;hrung und Dankbarkeit
+w&auml;re ich ihr fast um den Hals gefallen. Und wenn ich
+in Bebel bisher den Vork&auml;mpfer des Sozialismus bewundert
+hatte, &mdash; von dem Augenblick an, wo er mir
+<a name="Page_154" id="Page_154"></a>mit einem freundlichen: &raquo;Nun sind Sie ganz die unsere&laquo;
+kr&auml;ftig die Hand sch&uuml;ttelte, verehrte ich ihn um seiner
+Menschlichkeit willen.</p>
+
+<p>Ich beklagte mich &uuml;ber die Behandlung durch die
+vielen anderen, &mdash; selbst durch Parteigenossen. &raquo;Sie
+wundern sich noch, da&szlig; Ihre Geschichte so viel Staub
+aufgewirbelt hat?!&laquo; sagte Bebel. &raquo;Da kennen Sie unsere
+m&auml;nnlichen und weiblichen Philister schlecht! In der
+Theorie l&auml;&szlig;t man sich allerlei bieten, aber in der Praxis &mdash; nein,
+das geht doch nicht! Wo bliebe da die Moral!!
+Meine Frau und ich haben schon schwer f&uuml;r Sie
+k&auml;mpfen m&uuml;ssen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; doch, August, &mdash; das erz&auml;hlt man doch nicht!&laquo;
+wehrte Frau Julie err&ouml;tend ab, w&auml;hrend ich ihr dankbar
+die m&uuml;tterlich-weiche Hand dr&uuml;ckte.</p>
+
+<p>&raquo;Warum denn nicht?&laquo; meinte er. &raquo;Es ist besser,
+Brandts sind orientiert, als da&szlig; sie t&auml;glich aufs neue
+unangenehm &uuml;berrascht werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;rte, da&szlig; Leo sich sehr feindselig benimmt?&laquo;
+fragte Heinrich.</p>
+
+<p>&raquo;Und ob! Aber auch mit Singer habe ich mich schon
+herumgestritten, so da&szlig; er mich schlie&szlig;lich fragte, ob ich
+ihn f&uuml;r einen Philister hielte, was ich bejahte. Da&szlig;
+Frau Liebknecht gegen Sie beide Partei ergreift, war
+bei ihren Anschauungen gar nicht anders zu erwarten.
+Bei den Frauen m&uuml;ssen Sie sowieso darauf gefa&szlig;t sein,
+da&szlig; sie von einem wahren <em class="antiqua">horror</em> ergriffen sind. Im
+Mittelalter h&auml;tten sie Sie als Hexe verbrannt, heute
+werden Sie von hundert M&auml;ulern begeifert und auf
+hundert Federn gespie&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und da l&auml;&szlig;t sich gar nichts machen?&laquo; Meinem<a name="Page_155" id="Page_155"></a>
+Mann schwollen die Adern an den Schl&auml;fen. &raquo;Warten
+Sie's ab, da&szlig; ist der einzige Rat, den ich geben kann.
+In vier Wochen st&uuml;rzen sich die Raubtiere auf irgendeinen
+anderen armen Piepmatz, der so vermessen ist,
+fliegen zu wollen.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Julie fragte nach meinen Eltern. Ich erz&auml;hlte
+freim&uuml;tig, was wir durchgemacht hatten. &raquo;Arme, junge
+Frau &mdash; arme junge Frau,&laquo; wiederholte sie immer wieder
+und streichelte mir die Wange.</p>
+
+<p>&raquo;Mach unsere Genossin nicht noch weicher, als sie
+ist,&laquo; sagte er &mdash; &raquo;Sie m&uuml;&szlig;ten statt dessen in Drachenblut
+baden! Aber eins wird Sie tr&ouml;sten: die Arbeit in
+der Partei. Damit werden Sie schlie&szlig;lich auch die
+b&ouml;sesten Zungen zum Schweigen bringen.&laquo;</p>
+
+<p>Wir schieden wie Freunde. Ich f&uuml;hlte mich neu gekr&auml;ftigt
+und voll Hoffnung. Als wir ein paar Tage
+sp&auml;ter zu Bebels geladen wurden, sah ich diesem Ereignis
+mit erwartungsvoller Freude entgegen. Eine Gesellschaft
+freier Geister, die die h&ouml;chsten Ideale der
+Menschheit vertreten &mdash; meine Sehnsucht, seit ich denken
+konnte&nbsp;&mdash;, w&uuml;rde sich bei ihnen zusammenfinden: unsere
+Gef&auml;hrten auf dem Weg in die Zukunft.</p>
+
+<p>Lautes Stimmengewirr schlug uns entgegen, als wir
+an jenem Abend &uuml;ber die gastliche Schwelle traten. Es
+verstummte j&auml;hlings, sobald die T&uuml;re vor uns aufging.
+Sie haben eben von uns gesprochen, dachte ich unwillk&uuml;rlich.
+Ich wurde vorgestellt und aufs Sofa gezogen.
+Auf dem Tisch davor stand eine blendende Petroleumlampe.
+Neben mir sa&szlig; eine gro&szlig;e, dicke Dame, die sich
+nicht anlehnen konnte, weil sie zu eng geschn&uuml;rt war.
+Sie war selbstbewu&szlig;t wie anerkannte Sch&ouml;nheiten,
+<a name="Page_156" id="Page_156"></a>warf ihre braunen Augen siegessicher umher und behandelte
+mich sehr gn&auml;dig. Ein Herr mit einem
+schwarzen Vollbart, der wie gut gewichste Stiefel gl&auml;nzte,
+r&uuml;ckte ihr mit seinem Stuhl immer n&auml;her und schlug
+sich bei jedem Witz, den er erz&auml;hlte, schallend auf
+die Schenkel. Er versuchte, auch mich ins Gespr&auml;ch
+zu ziehen. &raquo;Sie sind ja, Gott Lob, auch eine vorurteilslose
+Frau,&laquo; sagte er und zwinkerte vertraulich
+mit den Augen. Ich wandte mich ostentativ zur anderen
+Seite den Damen zu, die Frau Bebel an den Tisch
+f&uuml;hrte. Aber die Unterhaltung blieb an den oberfl&auml;chlichsten
+Phrasen kleben. Dazwischen h&ouml;rte ich mit halbem
+Ohr das Gespr&auml;ch der beiden neben mir. Seine Witze
+wurden immer eindeutiger, in irgend einer Friedrichsstra&szlig;en-Bar
+mochte er sie nicht anders erz&auml;hlen. Endlich
+ging's zu Tisch; ich hatte den Ehrenplatz neben
+Bebel. Man sprach &uuml;ber die lieben Mitmenschen genau
+wie bei den &raquo;sauren M&ouml;psen&laquo; schrecklichen Angedenkens,
+die ich in den verschiedenen Garnisonen meines Vaters
+hatte mitmachen m&uuml;ssen, und an Stelle von Regiments- und
+Man&ouml;vergeschichten &uuml;ber interne Parteiaff&auml;ren.
+Da ich nichts von ihnen verstand, konnte ich
+die Gesellschaft um so mehr beobachten; die Damen
+waren sehr erhitzt, und wenn der Nachbar eine Bemerkung
+machte, kicherten sie unaufh&ouml;rlich. Die Hausfrau
+ging von einem zum anderen, um zum Essen zu n&ouml;tigen.
+Ich fing an, mich zu am&uuml;sieren, &mdash; nicht mit den
+G&auml;sten, sondern &uuml;ber sie, &mdash; und sch&auml;mte mich doch
+wieder, da&szlig; meine Beobachtung so kleinlich an lauter
+&Auml;u&szlig;erlichkeiten kleben blieb. Ich wu&szlig;te doch von vorn
+herein: hier waren keine Montmorencys. Aber so etwas
+<a name="Page_157" id="Page_157"></a>wie eine Gesellschaft bei Madame Roland vor 89 hatte
+ich mir doch wohl vorgestellt.</p>
+
+<p>Zwischen Fisch und Braten benutzte ich die Gelegenheit,
+um meines Nachbarn Ansicht &uuml;ber den bevorstehenden
+Frauenkongre&szlig; einzuholen. Eine Notiz in
+Wanda Orbins Zeitschrift hatte mir zu denken gegeben.
+&raquo;Die Genossinnen haben beschlossen, die Einladung zum
+Kongre&szlig; abzulehnen,&laquo; hie&szlig; es darin.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann Ihnen nur raten, sie ruhig anzunehmen,
+ohne R&uuml;cksicht darauf, wie Frau Wanda sich stellt,&laquo;
+sagte Bebel und warf mit einer lebhaften Bewegung die
+widerspenstigen Haare aus der Stirn. &raquo;Ich befinde mich
+mit ihr stets in kleinen Konflikten wegen der ungeschickten
+Taktik und der oft recht geh&auml;ssigen Art, mit der
+sie die b&uuml;rgerliche Frauenbewegung bek&auml;mpft. Sie
+k&auml;me mit einer sachlichen, ruhigen Darstellung viel
+weiter. Haben Sie zum Beispiel gelesen, was sie &uuml;ber
+die Resolutionen schrieb, die hier in vier gro&szlig;en Versammlungen
+zwischen der zweiten und dritten Lesung
+des B&uuml;rgerlichen Gesetzbuchs zur Annahme gelangten?&laquo;</p>
+
+<p>Ich nickte: &raquo;Mich hat &uuml;berhaupt gewundert, da&szlig; von
+seiten der sozialdemokratischen Frauen so wenig geschah.
+Das B&uuml;rgerliche Gesetzbuch h&auml;tte zu einer gro&szlig;en Protestbewegung
+Anla&szlig; genug gegeben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sicherlich!&laquo; bekr&auml;ftigte er, &raquo;und statt den gegebenen
+Anla&szlig; zu benutzen, lehnte Frau Wanda den Anschlu&szlig; an
+den Protest der b&uuml;rgerlichen Damen ab&nbsp;&mdash;, nicht etwa
+wegen dem, was darin steht, sondern wegen dem, was
+nicht darin steht! Mich am&uuml;siert der Vorgang besonders
+deshalb, weil ich selbst den Resolutionen, die Frau
+Vanselow mir schickte, ihre letzte Form gegeben habe.&laquo;</p>
+<p><a name="Page_158" id="Page_158"></a></p>
+<p>&raquo;Sie scheinen mir mehr von der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung
+zu halten, als ich, die ich aus ihr hervorging,&laquo;
+meinte ich l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Die Distanz ver&auml;ndert immer das Urteil,&laquo; antwortete
+er. &raquo;Ich mache mir aber keinerlei Illusionen,
+finde nur, da&szlig; es taktisch richtiger gewesen w&auml;re, die
+Emp&ouml;rung der b&uuml;rgerlichen Damen &uuml;ber die Haltung
+des Reichstags f&uuml;r uns auszunutzen, als sie so plump,
+wie Frau Wanda es tat, vor den Kopf zu sto&szlig;en. Die
+Frauen haben tats&auml;chliche Fortschritte gemacht und sind
+mit ihren m&auml;nnlichen Parteigenossen, den Liberalen, nicht
+in einen Topf zu werfen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich erinnerte ihn an das erwachende Interesse, das
+sie seit dem Konfektionsarbeiterstreik f&uuml;r die Arbeiterinnenfrage
+an den Tag legten. &raquo;Auch auf dem Kongre&szlig;
+wird sie im Verh&auml;ltnis zu fr&uuml;heren Zeiten einen
+breiten Raum einnehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Verdienst Glyzcinskis und Ihrer Zeitschrift&nbsp;&mdash;, das
+werden Sie sich hoffentlich nicht verhehlen,&laquo; warf er
+ein. &raquo;Im &uuml;brigen ist das nat&uuml;rlich die schw&auml;chste Seite
+der Damen und wird es bleiben. Sie k&ouml;nnen ihnen
+ja dar&uuml;ber t&uuml;chtig die Leviten lesen. Mit Ausnahme
+der christlich-sozialen Frauen j&uuml;ngerer Richtung verstehen
+sie nicht einen Deut von ihr.&laquo;</p>
+
+<p>Christlich-sozial, &mdash; das war das Stichwort zur
+Verallgemeinerung des Gespr&auml;chs. G&ouml;hre hatte eben
+sein Pfarramt niedergelegt, Naumann plante eine
+Tageszeitung; die offene Trennung der Gruppe, die
+sich um ihn gebildet hatte, von der St&ouml;ckerpartei, war
+eine schon fast vollendete Tatsache. Man stritt mit
+steigender Lebhaftigkeit &uuml;ber ihre Ansichten, &uuml;ber die<a name="Page_159" id="Page_159"></a>
+Bedeutung, die sie f&uuml;r die Sozialdemokratie haben
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&raquo;Nichts als ein Unterschlupf f&uuml;r die M&ouml;chtegern- und
+Kanndochnicht-Politiker; Offiziere ohne Armee, die mit
+den Jahren nach rechts abschwenken,&laquo; sagte der mit dem
+schwarzen Bart und zog ihn schmeichelnd durch kranke,
+blutleere Finger &raquo;Es wird unsere Sache sein, ihnen
+die Entwicklung zu uns zu erm&ouml;glichen,&laquo; h&ouml;rte ich Heinrichs
+Stimme. &raquo;Sie sind immer ein Ideologe gewesen,
+lieber Brandt,&laquo; antwortete ihm eine andere, &raquo;sollten
+wir uns um eine Handvoll Intellektueller die Beine
+ablaufen, wo Millionen Arbeiter noch nicht die unseren
+sind?!&laquo; &raquo;Gerade um die Millionen zu gewinnen,
+brauchen wir eine solche Handvoll&nbsp;&mdash;,&laquo; entgegnete
+Heinrich.</p>
+
+<p>&raquo;Daf&uuml;r lassen Sie nur ruhig die Verh&auml;ltnisse sorgen,&laquo;
+sagte Bebel lebhaft, &raquo;sie werden uns schneller, als ihr
+alle glaubt, die Massen zutreiben. Noch ein paar Jahre
+Flottenrummel, einige Reden von S.&nbsp;M..&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wir werden gl&uuml;cklich ein Dutzend Mandate
+mehr haben&nbsp;&mdash;, oder meinst du wirklich, wir spr&auml;ngen
+dann schon mit beiden Beinen in den Zukunftsstaat?!&laquo;
+Der mit gutm&uuml;tigem Spott gesprochen und bisher fast
+immer geschwiegen hatte, war Ignaz Auer. Auf meine
+rasch entz&uuml;ndliche Begeisterung, die Bebels Worte ganz
+anders erg&auml;nzte, wirkten die seinen wie ein kalter
+Wasserstrahl. Anderen schien es &auml;hnlich zu gehen, das
+Gespr&auml;ch verlor seinen allgemeinen Charakter; man stand
+auf. Nach ein paar H&ouml;flichkeitsphrasen wurde der weibliche
+Teil der Gesellschaft in das Wohnzimmer gen&ouml;tigt;
+die Herren r&uuml;ckten mit ihren Zigarren um den E&szlig;tisch
+<a name="Page_160" id="Page_160"></a>zusammen, und durch die T&uuml;r klang ihre laute Unterhaltung.
+Bei uns drinnen sprach man von Fleischpreisen
+und Kochrezepten; keine der anwesenden Frauen
+schien in der Parteibewegung irgend eine aktive Rolle
+zu spielen. Fragen von allgemeinerem Interesse wurden
+nicht ber&uuml;hrt. Nur die gro&szlig;e, dicke Frau, deren Sch&ouml;nheit
+und Geist mir inzwischen irgendwer gepriesen hatte,
+stellte sich wie ein Inquisitor kerzengerade vor mich hin
+und fragte: &raquo;Wie denken Sie &uuml;ber Ibsen?&laquo; Die anderen
+richteten selten ein Wort an mich; im Hintergrund
+schienen sie &uuml;ber mich zu tuscheln, und ich f&uuml;hlte ihre
+Blicke, die musternd auf mir ruhten.</p>
+
+<p>Auf dem Heimweg konnte ich mir endlich Luft
+machen. &raquo;Das sind ja alles Philister&nbsp;&mdash;,&laquo; brach ich
+los, &raquo;vom Herrn Amtsrichter in Neu-Ruppin h&auml;tte ich
+nichts anderes erwartet.&laquo; Heinrich lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du, die politischen Ideale k&ouml;nnten aus ihren
+Vertretern gewandte Salonhelden machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das nicht. Aber freiere Menschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dar&uuml;ber d&uuml;rften Generationen vergehen. Die Gewohnheit
+ist wie eine Haut und l&auml;&szlig;t sich nicht auf einmal
+abziehen. Du mu&szlig;t unsere Genossen bei der Arbeit
+kennen lernen, nicht beim Souper.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die erste Gelegenheit dazu bot sich bald. Adolf
+lud uns ein, der Sitzung der Gewerkschaftskommission
+beizuwohnen, in der die Vorschl&auml;ge
+<em class="antiqua">Dr.</em> Quarcks er&ouml;rtert werden sollten. In einem Lokal
+der Kommandantenstra&szlig;e fand sie statt. Durch die enge
+Kneipe, wo es nach schlechtem Fett und s&uuml;&szlig;lichem Schnaps
+<a name="Page_161" id="Page_161"></a>roch, und den regenfeuchten dunkeln Garten, wo ein paar
+verk&uuml;mmerte Kastanien zwischen haushohen Mauern einen
+endlosen Todeskampf f&uuml;hrten, ging es in die gro&szlig;e,
+h&ouml;lzerne Veranda, deren sp&auml;rliche Gasflammen die
+dichtgedr&auml;ngte Menge unruhig beleuchteten. Gegen hundert
+verschiedene Berufe waren durch ihre Delegierten
+vertreten, fast lauter ernste, &auml;ltere M&auml;nner im Sonntagsrock,
+die Zigarre zwischen den Lippen, den Bierkrug
+vor sich; nur zwei Frauen unter ihnen: Martha Bartels
+und Ida Wiemer. Sie sahen uns kommen. Aber w&auml;hrend
+Martha Bartels den leeren Stuhl neben sich
+hastig aus der Reihe schob und meinen Gru&szlig; frostig
+und fremd erwiderte, kam uns Ida Wiemer freundlich
+entgegen und zog uns an ihren Tisch. &raquo;Haben Sie die
+Bartels gesehen?&laquo; fl&uuml;sterte sie mir zu. &raquo;Sie hat den
+Moralkoller, wie alle alten Jungfern.&laquo; M&uuml;hsam dr&auml;ngte
+sich Reinhard mit seinem steifen Bein durch die Reihen,
+um uns die Hand zu sch&uuml;tteln. &raquo;So kann ich Ihnen
+noch pers&ouml;nlich gratulieren,&laquo; sagte er herzlich, &raquo;und uns
+dazu, weil Sie nun ganz Genossin sind.&laquo;</p>
+
+<p>Er war der Referent des Abends. Mit einer Sch&auml;rfe,
+die mir die Wichtigkeit der Sache zu &uuml;bersch&auml;tzen schien,
+wandte er sich gegen die Vorschl&auml;ge Quarcks. Erst allm&auml;hlich
+h&ouml;rte ich das Leitmotiv aus seiner Rede heraus: den
+Gewerkschaften die Beratung und Beschlu&szlig;fassung sozialpolitischer
+Fragen &uuml;berlassen, hie&szlig;e den Frieden zwischen
+Gewerkschaft und Partei gef&auml;hrden, hie&szlig;e den Parteitagen,
+die sich bisher allein damit besch&auml;ftigt haben &mdash; &raquo;den
+Bed&uuml;rfnissen und Interessen der deutschen Arbeiterklasse
+vollst&auml;ndig entsprechend&laquo;&nbsp;&mdash;, Sonderorganisationen
+gegen&uuml;berstellen, in die der Einflu&szlig; b&uuml;rgerlicher Sozial<a name="Page_162" id="Page_162"></a>reformer
+einzudringen imstande sein w&uuml;rde. Die folgende
+Diskussion versch&auml;rfte noch den Eindruck, den ich
+gewonnen hatte.</p>
+
+<p>Es fielen harte Worte, vor denen ich erschrak, weil
+sie mir eine Vorahnung dessen gaben, was mir bevorstehen
+mochte. &raquo;Ein Mensch, der in seiner b&uuml;rgerlichen
+Existenz Fiasko gemacht hat, will uns, &mdash; lauter alte
+erprobte Gewerkschafter, &mdash; auf neue Wege f&uuml;hren,&laquo; sagte
+der eine unter dem Applaus der Anwesenden. &raquo;Erst soll
+er, wie jeder Arbeiter auch, in die Schule gehen, ehe
+er das Maul aufrei&szlig;t.&laquo; &mdash; &raquo;Eine Sozialpolitik, wie
+Quarck sie empfiehlt, ohne Parteipolitik, ist nichts als
+jene Politik b&uuml;rgerlicher Reformer, zu denen er im
+Grunde noch geh&ouml;rt,&laquo; rief ein anderer. &raquo;Wenn er mit
+seiner bescheidenen Parteistellung nicht zufrieden ist, dann
+h&auml;tte er lieber gleich sagen sollen: f&uuml;r einen so gro&szlig;en
+Mann wie mich mu&szlig; eine Extrawurst gebraten werden,
+statt seine W&uuml;nsche hinter die Forderung eines Zentral-Gewerkschaftsbureaus
+zu verstecken,&laquo; meinte ein dritter
+Redner, dem die verbissene Wut aus dem roten Gesicht
+leuchtete. Erhob sich die Debatte &uuml;ber pers&ouml;nliche Geh&auml;ssigkeiten
+hinaus, so stand auf der einen Seite die
+geschlossene Phalanx derer, die mit leidenschaftlichem
+Eifer den Nachdruck auf die Gewinnung der politischen
+Macht durch die Gesamtheit der Partei gelegt wissen
+wollten und den Gewerkschaften den internen Kampf
+um bessere Lohn- und Arbeitsverh&auml;ltnisse als alleinige
+Aufgabe zuwiesen, auf der anderen Seite die sehr
+Wenigen, aus deren Worten die Unzufriedenheit mit
+der praktischen Gegenwartspolitik der Partei leise herausklang,
+und die vom Einflu&szlig; der Gewerkschaften auf
+<a name="Page_163" id="Page_163"></a>die soziale Gesetzgebung ein Wiederaufleben der Sozialreform
+erhofften. Ganz nebenbei erw&auml;hnte auch jemand,
+da&szlig; unsere Vereinsgesetzgebung den Gewerkschaften
+aus der Besch&auml;ftigung mit Sozialpolitik einen Strick
+drehen und die Organisierung der Frauen unm&ouml;glich
+machen k&ouml;nnte. Keiner ging weiter auf diese Bemerkung
+ein, auch die Frauen schwiegen, ich war zu
+sch&uuml;chtern, um in diesem Kreis f&uuml;r mein Geschlecht eine
+Lanze zu brechen. Mir schien dieser Grund ausschlaggebend,
+um die Vorschl&auml;ge unausf&uuml;hrbar zu finden.</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hlte mehr, als da&szlig; ich verstand: unter diesen
+M&auml;nnern, die so eifrig debattierten, die alle so selbstverst&auml;ndlich
+nur ein Ziel im Auge hatten, das Wohl
+ihrer Klasse, schlummerten Gegens&auml;tze, die irgendwann
+und -wo an die Oberfl&auml;che w&uuml;rden treten m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Wir gingen noch zusammen ins Kaffee: Reinhard, der
+Schwager, die beiden Frauen und wir. Martha Bartels
+hatte sich erst durch Reinhards langes Zureden dazu
+bewegen lassen. &raquo;Wir m&uuml;ssen doch unsere Enquete besprechen,&laquo;
+h&ouml;rte ich ihn noch sagen, als sie sich uns
+n&auml;herte. Ida Wiemer stie&szlig; mich mit dem Ellbogen an
+und schob dann vertraulich ihren Arm in den meinen:
+&raquo;Sie wissen doch: Genossin Bartels verbreitet, da&szlig; Sie
+nur, um einen Mann zu finden, in die Partei kamen.&laquo;</p>
+
+<p>Das gab meinem Herzen einen Stich: Martha Bartels
+war fast die einzige, die die Motive meines Schritts
+h&auml;tte richtig beurteilen m&uuml;ssen. Sie blieb steif und
+zur&uuml;ckhaltend und taute erst auf, als Adolf vorschlug,
+ein paar Frauenrechtlerinnen, die sich w&auml;hrend des
+Streiks bew&auml;hrt hatten, zur Arbeit heranzuziehen. &raquo;Niemals!&laquo;
+rief sie leidenschaftlich. &raquo;Wir werden ihnen doch
+<a name="Page_164" id="Page_164"></a>nicht die Beziehungen zur Arbeiterschaft vermitteln, die
+sie nur f&uuml;r ihre Zwecke ausnutzen w&uuml;rden. Die Christlich-Sozialen
+vor allem gehen nur auf den Gimpelfang
+aus!&laquo; Es war, als ob ich Wanda Orbin sprechen
+h&ouml;rte. Aber ich konnte nicht anders, als ihr recht
+geben. Halb mi&szlig;billigend, halb verwundert sah Frau
+Wiemer, die andrer Ansicht war, mich an, und beim
+Weggehen sagte sie mit einem gereizten Ton in der
+Stimme. &raquo;Sie stellen sich auf ihre Seite &mdash; nach allem,
+was ich Ihnen von ihr erz&auml;hlt habe?!&laquo; Die Reihe, zu
+staunen, war jetzt an mir: &raquo;Hier handelt es sich um die
+Sache, &mdash; nicht um die Person!&laquo;</p>
+
+<p>Auf der Heimfahrt f&uuml;hlte ich mich pl&ouml;tzlich sehr unwohl.
+War es der Tabaksqualm, den ich nicht vertragen
+konnte, war es die feuchte Nachtluft, &mdash; ich kam
+nur schwer die steilen vier Treppen hinauf und warf
+mich angekleidet aufs Bett. Heinrich z&uuml;ndete das Nachtl&auml;mpchen
+an. Es gl&uuml;hte auf dem Tisch wie ein verirrter
+Stern, &mdash; und die meergr&uuml;nen W&auml;nde waren
+wie ein milder Sommerabendhimmel, auf den das rote
+Glas der Lampe rosige W&ouml;lkchen malte. Heinrich nahm
+mir die Schildpattk&auml;mme aus den Haaren&nbsp;&mdash;, mein
+Kopf wurde freier; er zog mir Schuhe und Str&uuml;mpfe
+aus und rieb meine eiskalten F&uuml;&szlig;e zwischen seinen
+H&auml;nden, von denen wohlige W&auml;rme mir durch den
+ganzen K&ouml;rper str&ouml;mte. &raquo;Ist dir jetzt besser, mein
+Schatz?&laquo; fragte er besorgt mit dem weichsten Ton seiner
+Stimme. Ich sah ihn dankbar an&nbsp;&mdash;, dabei blieb mein
+Blick &uuml;ber seine Schulter hinweg an einem Bilde
+haften; ich hatte es selbst dorthin geh&auml;ngt, ich wollte
+es immer vor Augen haben, ich hatte verlegen gel&auml;chelt,
+<a name="Page_165" id="Page_165"></a>als Heinrich wissen wollte, warum. Und jetzt &mdash; in
+gl&uuml;ckseligem Erschrecken pre&szlig;te ich beide H&auml;nde aufs
+Herz&nbsp;&mdash;: gl&auml;nzte nicht in den tiefen Dichteraugen des
+lockigen Ganymed von Watts ein Funken lebendigen
+Lebens? Ich sank in die Kissen zur&uuml;ck, Tr&auml;nen str&ouml;mten
+mir aus den Augen, &mdash; war's m&ouml;glich, da&szlig; ich vor der
+Erf&uuml;llung meiner tiefsten Sehnsucht stand?!</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen kam die &Auml;rztin. Sie lachte
+&uuml;ber die Erregung, mit der ich sofort und ganz sichere
+Auskunft von ihr haben wollte, und sagte nichts anderes
+als: &raquo;Vielleicht!&laquo; Ich klammerte mich an dies Vielleicht,
+ich drehte es jeden Tag hundertmal hin und her,
+ob es sich nicht doch in ein Gewi&szlig; verwandeln k&ouml;nnte.
+Allerhand gespenstische Vorstellungen qu&auml;lten mich: als
+h&auml;tte die Frau, die mir hatte Platz machen m&uuml;ssen,
+eine geheimnisvolle Macht &uuml;ber meinen Scho&szlig;, als
+k&ouml;nnten ihre Raubtierh&auml;nde das F&uuml;nkchen Leben zerdr&uuml;cken.
+Mein Mann wurde heftig und schalt meine
+Torheit, wenn ich von meinen &Auml;ngsten sprach. So war
+ich denn ganz allein mit ihnen. H&auml;tte ich nur eine
+Freundin, &mdash; oder eine Mutter&nbsp;&mdash;, dachte ich oft.</p>
+
+<p>Um die Zeit kamen Mutter und Schwester aus Pirgallen
+zur&uuml;ck. &raquo;Ich mu&szlig; Euch, ehe Hans wieder in
+Berlin ist, allein sprechen,&laquo; schrieb sie und k&uuml;ndigte
+ihren Besuch f&uuml;r denselben Tag an. Ich war nicht
+ganz ohne Furcht: sie hatte es doch wohl &uuml;bel genommen,
+da&szlig; wir ihr Anerbieten, bei unserer Hochzeit
+zugegen zu sein, immer wieder abgelehnt hatten. Zuerst
+w&uuml;rde sie darum ein bi&szlig;chen steif sein, aber dann&nbsp;&mdash;,
+sie w&uuml;rde doch f&uuml;hlen m&uuml;ssen, wie es um mich stand!
+Mit ausgestreckten H&auml;nden ging ich ihr entgegen, &mdash; ich
+<a name="Page_166" id="Page_166"></a>sehnte mich nach einer Mutter! Aber sie &uuml;bersah sie, &mdash; vielleicht
+weil der Flur dunkel war. Und sie atmete
+rasch und war sehr rot, &mdash; vielleicht weil die Treppe
+sie &uuml;beranstrengt hatte. Sie sah sich gar nicht um in
+unserem Zimmer, &mdash; und ich hatte es ihr zum Empfang
+mit lauter leuchtenden Herbstblumen geschm&uuml;ckt.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du nicht ablegen?&laquo; fragte ich zaghaft.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; antwortete sie schroff und setzte sich auf den
+&auml;u&szlig;ersten Rand des gro&szlig;en Lehnstuhls, der sonst selbst
+den Fremdesten zwang, sich behaglich in seine Polster
+zu lehnen. &raquo;Ich komme nur, um eins zu erfahren, das
+&uuml;ber unsere k&uuml;nftigen Beziehungen entscheidet&nbsp;&mdash;&laquo; die
+ruhige k&uuml;hle Frau sprach so rasch, wie ich sie nie hatte
+sprechen h&ouml;ren. &raquo;Meinen brieflichen Fragen seid Ihr
+ausgewichen, mir ins Gesicht hinein k&ouml;nnt Ihr nicht
+l&uuml;gen: seid Ihr kirchlich getraut?&laquo; Noch h&auml;rter als
+das ihre klang jetzt mein &raquo;Nein&laquo;. Aus der Tiefe
+meines verletzten Gef&uuml;hles kam es. Die Mutter hatte
+ich erwartet!! Sie sprang vom Stuhl, blaurot im
+Gesicht, mit zitternden H&auml;nden ihren Schirm umklammernd.
+&raquo;So ist eure Ehe ein Konkubinat, und du bist
+seine M&auml;tresse,&laquo; schrie sie mit gellender Stimme. Ich
+f&uuml;hlte, wie das Zimmer sich um mich zu drehen begann
+und ein krampfhafter Schmerz meinen Leib zusammenzog.</p>
+
+<p>&raquo;So nehmen Sie doch R&uuml;cksicht auf Alix' Zustand&nbsp;&mdash;,
+schonen Sie ihr Kind!&laquo; rief Heinrich, mich fest umschlingend,
+da er sah, wie ich schwankte. Sie schien
+einen Augenblick Atem zu sch&ouml;pfen, dann lachte sie
+schneidend: &raquo;Schonen?! Hat sie etwa ihre Eltern je
+geschont?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir
+<a name="Page_167" id="Page_167"></a>kam, lag ich zu Bett. &raquo;Ist sie fort?!&laquo; fl&uuml;sterte ich und
+sah angstvoll fragend auf den Geliebten. Er nickte.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r diesmal ist es nichts!&laquo; sagte die &Auml;rztin ein
+paar Stunden sp&auml;ter. In meinem Blick mu&szlig; meine
+ganze Verzweiflung gelegen haben, denn sie streichelte
+mir die Wange wie einem kleinen Kinde und sagte
+tr&ouml;stend: &raquo;Um so sicherer wird es das n&auml;chste Mal sein!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ich erholte mich rasch. Mit der Arbeit versuchte
+ich gegen den Schmerz zu k&auml;mpfen. Es schien
+fast, als sollte die Waffe, die so oft un&uuml;berwindlich
+zu machen vermag, an seiner Riesenkraft zuschanden
+werden. Nicht einen Augenblick durfte ich sie
+aus den H&auml;nden lassen, er h&auml;tte mich sonst wieder in
+seine Gewalt bekommen. Ich bereitete meine Kongre&szlig;rede
+vor und studierte alles, was &uuml;ber die Lage der
+Arbeiterinnen irgend erreichbar war; ich arbeitete mit
+den Kindern und frischte heimlich l&auml;ngst vergessene
+Schulkenntnisse auf, um ihnen helfen zu k&ouml;nnen, ich
+versuchte, der K&ouml;chin die alten Kochk&uuml;nste beizubringen,
+die ich einst zu Hause gelernt hatte.</p>
+
+<p>Wanda Orbin &uuml;berraschte mich eines Morgens dabei.
+&raquo;Was, Sie k&ouml;nnen kochen?!&laquo; lachte sie. &raquo;Ich kann, &mdash; ja,&laquo;
+antwortete ich, &raquo;aber ich sehe, da&szlig; die Ausf&uuml;hrung
+meiner Kenntnisse teuer ist; ich werde meiner K&ouml;chin
+das Feld wieder r&auml;umen m&uuml;ssen&nbsp;&mdash;.&laquo; &raquo;Das wird f&uuml;r
+beide Teile das Beste sein. Ich hab's zwar auch jahrelang
+tun m&uuml;ssen, bin aber daf&uuml;r nicht als Generalstochter
+aufgewachsen.&laquo; Ein leiser Spott lag in ihren<a name="Page_168" id="Page_168"></a>
+Worten. &raquo;Sie werden &uuml;berhaupt noch viel lernen
+m&uuml;ssen, Genossin Brandt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin davon &uuml;berzeugt und immer bereit dazu,&laquo;
+antwortete ich k&uuml;hl.</p>
+
+<p>&raquo;Dann wollen wir gleich damit anfangen. Ich fand
+ihren Namen auf dem Kongre&szlig;programm&nbsp;&mdash;, Sie m&uuml;ssen
+ihn zur&uuml;ckziehen!&laquo;</p>
+
+<p>&Uuml;berrascht sah ich auf. Sie hatte mit dem Ton einer
+Vorgesetzten gesprochen. &raquo;Warum?! Bebel hatte gegen
+meine Teilnahme nichts einzuwenden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bebel! Er sieht die Dinge aus der Vogelperspektive,
+vor allem die Frauenbewegung. Die Genossinnen haben
+beschlossen, die Aufforderung zu offizieller Beteiligung
+abzulehnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;,&laquo; entgegnete ich; &raquo;im Fr&uuml;hjahr aber, zur
+Zeit, als ich das Referat &uuml;bernahm, bestand dieser Beschlu&szlig;
+noch nicht. Ich w&uuml;rde meinen R&uuml;cktritt, so kurz
+vor dem Kongre&szlig;, f&uuml;r einen Wortbruch halten, der um
+so weniger zu entschuldigen w&auml;re, als ich selbstverst&auml;ndlich
+mein Thema auf Grund meiner politischen &Uuml;berzeugung
+behandeln werde und es f&uuml;r dies Publikum
+sehr n&uuml;tzlich ist, auch diese ihm ganz fremde Seite kennen
+zu lernen. Zahlreiche Elemente, die der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung in die Arme liefen &mdash; die Lehrerinnen,
+die Handelsangestellten, die Beamtinnen&nbsp;&mdash;, geh&ouml;ren ihrer
+ganzen Lage nach zu uns. Wir k&ouml;nnen sie nur gewinnen,
+wenn wir ihnen bis ins feindliche Lager nachgehen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Frau Orbin unterbrach mich. &raquo;Sie irren. Diese Leute
+kommen f&uuml;r uns zun&auml;chst gar nicht in Betracht. Und
+wenn Sie wirklich durch Ihre &Uuml;berredungsk&uuml;nste&laquo; &mdash; sie
+sch&uuml;rzte wieder sp&ouml;ttisch die Lippen &mdash; &raquo;zwei oder
+<a name="Page_169" id="Page_169"></a>drei gewinnen w&uuml;rden, st&uuml;nde der Nachteil, den Ihre
+Teilnahme an einer b&uuml;rgerlichen Veranstaltung zur Folge
+h&auml;tte, gar nicht im Verh&auml;ltnis zu diesem minimalen
+Gewinn.&laquo; Ich sah sie fragend an. Sie stand auf,
+ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder und blieb
+dann dicht vor mir stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind eben erst die Unsere geworden,&laquo; sagte sie
+mit einer Art m&uuml;tterlicher Freundlichkeit, &raquo;Sie sind
+Aristokratin, &mdash; Gr&uuml;nde genug, um Ihnen mi&szlig;trauisch
+zu begegnen, um Ihnen die T&auml;tigkeit in der Partei,
+von der ich so viel erwarte, sehr zu erschweren. Und
+nun wollen Sie noch als einzige, &mdash; gegen unseren
+Beschlu&szlig;, &mdash; an diesem einseitig feministischen Kongre&szlig;
+teilnehmen! Das verstehen die Genossinnen
+nicht. Und wenn Sie dabei mit Engelszungen
+den Sozialismus verk&uuml;ndigen w&uuml;rden, sie h&ouml;ren Sie
+nicht, &mdash; sie sehen darin doch nichts anderes, als da&szlig;
+Sie eben noch zu jenen geh&ouml;ren. Ich habe gestern
+Ihretwegen einen schweren Kampf gehabt: die Genossinnen
+weigern sich unbedingt, Sie zur internen Arbeit
+zuzuziehen, wenn Sie nicht durch Unterwerfung
+unter unseren Beschlu&szlig; Ihre Zugeh&ouml;rigkeit zu uns dokumentieren.&laquo;
+Sie z&ouml;gerte und sah mich erwartungsvoll
+an. Als ich noch immer schwieg, legte sie mir
+beide H&auml;nde auf die Schultern und fuhr mit eindringlicher
+Stimme fort: &raquo;Sie sind in die Partei eingetreten,
+um f&uuml;r sie zu wirken; wollen Sie sich aus R&uuml;cksicht
+auf die alten Kolleginnen Ihre k&uuml;nftige Stellung erschweren,
+wenn nicht gar unm&ouml;glich machen? Haben
+die Damen das um Sie verdient ...?&laquo; Sie machte
+abermals eine Pause. Ich erinnerte mich, wie Frau<a name="Page_170" id="Page_170"></a>
+Vanselow in einen Seitenweg eingebogen war, um mich
+nicht gr&uuml;&szlig;en zu m&uuml;ssen, wie Frau Schwabach mit hochm&uuml;tig
+erhobenem Kopf an mir vor&uuml;berging. Aber hatte
+ich durch meinen Brief an Frau Morgenstern das
+Referat nicht erzwungen, &mdash; konnte ich unter diesen
+Umst&auml;nden daran denken, zur&uuml;ckzutreten? Vor allem
+aber: entsprach es meiner &Uuml;berzeugung?</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&ouml;gen in allem recht haben, &mdash; nur in der
+Hauptsache nicht: in Ihrem Beschlu&szlig;. W&uuml;rde ich
+Ihnen nicht selbst als eine Heuchlerin, zum mindesten
+als ein Schw&auml;chling erscheinen, wenn ich mich ihm
+f&uuml;gen wollte wider besseres Wissen und Gewissen?!&laquo;
+sagte ich. Auge in Auge standen wir uns gegen&uuml;ber.
+Sie ballte die kleinen breiten F&auml;uste, aus ihrem
+Gesicht brannten hektische Flecke, ihre roten Haare umgaben
+es wie mit einem Feuerkranz. Ich dagegen erschien
+ganz ruhig, ganz k&uuml;hl; ich wu&szlig;te, da&szlig; kein
+Blutstropfen meine Wangen f&auml;rbte; und wie um meine
+sie &uuml;berragende Gestalt zu betonen, reckte ich mich gerade
+auf.</p>
+
+<p>&raquo;Noch nicht das Abc der Demokratie scheinen Sie
+gelernt zu haben!&laquo; rief sie aus. &raquo;Auers Worte kann
+ich Ihnen entgegenhalten, mit denen er in Frankfurt
+vor zwei Jahren seinen aufs&auml;ssigen Landsleuten diente:
+&#8250;Das geh&ouml;rt zum Demokraten und zum Sozialdemokraten,
+da&szlig; er sich sagt: Esel seid ihr zwar, aber ich mu&szlig; mich
+f&uuml;gen&#8249;. M&ouml;gen Sie uns meinetwegen f&uuml;r Esel halten &mdash; der
+Reichtum Ihrer Erfahrung gibt Ihnen ja wohl
+ein Recht dazu!&nbsp;&mdash;, wenn Sie aber zu uns geh&ouml;ren
+wollen, so haben Sie Ihre Person der Allgemeinheit
+unterzuordnen.&laquo; Jetzt war die untersetzte, kleine Frau
+<a name="Page_171" id="Page_171"></a>doch die &Uuml;berlegene. Ich wandte mich ab und lehnte
+die hei&szlig;e Stirn an die k&uuml;hle Fensterscheibe; &mdash; sie sollte
+nicht sehen, wie schwer es mir wurde, mich zu unterwerfen.
+Aber sie folgte mir.</p>
+
+<p>&raquo;Genossin Brandt&nbsp;&mdash;,&laquo; aus ihrer Stimme war der
+schrille Ton wieder verschwunden, der an den Kasernenhof
+erinnerte, &mdash; &raquo;wir haben uns alle opfern m&uuml;ssen&nbsp;&mdash;&laquo;
+Ich sah ihr ins Gesicht. Die scharfen Z&uuml;ge waren weich
+geworden. &raquo;So will ich Ihnen nicht nachstehen,&laquo; antwortete
+ich. In ihren Augen leuchtete es auf wie
+Triumph. Mir war, als ob ihr H&auml;ndedruck mich in
+neue unsichtbare Fesseln schl&uuml;ge.</p>
+
+<p>&raquo;So, &mdash; und nun soll Ihnen eine goldene Br&uuml;cke
+gebaut werden,&laquo; damit zog sie mich neben sich aufs
+Sofa. &raquo;Wir erlassen Ihnen den offiziellen R&uuml;cktritt,
+aber Sie benutzen die kurze Zeit, die Ihnen sowieso nur
+zur Verf&uuml;gung steht, zu einer Erkl&auml;rung Ihres Standpunktes
+und &uuml;berbringen dem Kongre&szlig; unsere Einladung
+zu den Volksversammlungen, in denen die Arbeiterinnenfrage
+in einem Umfang zur Er&ouml;rterung kommen wird,
+der ihrer Bedeutung allein entspricht. Sie m&uuml;ssen es ja
+selbst schon als eine skandal&ouml;se Zumutung empfunden
+haben, da&szlig; man Ihnen dieselben f&uuml;nfzehn Minuten zugestand,
+die man so weltersch&uuml;tternden Fragen wie den
+Volksk&uuml;chen oder den Kleinkinderschulen auch gew&auml;hrt
+hat&nbsp;&mdash;&laquo;. Ich bejahte, ohne recht hinzuh&ouml;ren, sie sprach
+weiter, wie ein unaufh&ouml;rlich knarrendes Wasserrad,
+immer rascher, ohne Absatz. &raquo;Den ersten Vortrag in
+unseren Versammlungen &uuml;bernehmen Sie,&laquo; &mdash; damit
+war ihr Redestrom endlich versiegt. Wir verabschiedeten
+uns. An der Treppe blieb sie noch einmal stehen: &raquo;Ich
+<a name="Page_172" id="Page_172"></a>h&auml;tte fast die Hauptsache vergessen: Wir haben morgen
+eine Sitzung. Holen Sie mich um acht Uhr ab; es
+wird f&uuml;r sie angenehmer sein, wenn ich Sie einf&uuml;hre.&laquo;</p>
+
+<p>So war ich also aufgenommen &mdash; endg&uuml;ltig, aber
+zu einer rechten Freude dar&uuml;ber kam ich nicht. So sehr
+sich mein Nachgeben begreifen und entschuldigen lie&szlig;,
+so notwendig es vielleicht in der gegebenen Situation
+f&uuml;r mich war, ich wurde das peinliche Gef&uuml;hl dabei
+nicht los, einen Wortbruch begangen zu haben. Was
+mir zuerst wie eine Erleichterung schien: die &raquo;goldene
+Br&uuml;cke&laquo;, &mdash; kam mir nun vollends wie eine T&auml;uschung
+vor. Aber ein Zur&uuml;ck gab es nicht mehr.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die sozialdemokratische Frauenbewegung stand
+damals noch immer im Zeichen des K&ouml;ller-Kurses.
+Ihre Bildungsvereine waren unter
+den nichtigsten Vorw&auml;nden aufgel&ouml;st worden; ihre Vork&auml;mpferinnen
+mu&szlig;ten sich wiederholt polizeilichen Haussuchungen
+unterwerfen, jede Korrespondenz mit Gesinnungsgenossinnen,
+die man auffand, gen&uuml;gte, um sie
+als staatsgef&auml;hrliche Verbrecher hinter Schlo&szlig; und Riegel
+zu setzen. An der Frauenbewegung blieb daher der
+Charakter revolution&auml;ren Geheimb&uuml;ndlertums, den die
+Partei als solche mehr und mehr abstreifte, noch lange
+haften. F&uuml;r die Zusammenk&uuml;nfte, die notwendig waren,
+bedurfte es der gr&ouml;&szlig;ten Vorsichtsma&szlig;regeln, und nur
+ein kleiner Kreis vertrauensw&uuml;rdiger Frauen wurde dazu
+eingeladen. Die Sitzung, zu der wir gingen, Frau
+Orbin und ich, fand bei einem kleinen Parteibudiker in
+der Linienstra&szlig;e statt. Wir vermieden es, durch das<a name="Page_173" id="Page_173"></a>
+Lokal zu gehen &mdash; &raquo;hier gibt's &uuml;berall Spitzel,&laquo; meinte
+meine Gef&auml;hrtin&nbsp;&mdash;, und bogen in den dunkeln Torweg
+ein, stiegen vorsichtig tastend eine stockfinstere Treppe
+hinauf und standen einen Augenblick z&ouml;gernd vor einer
+T&uuml;r, durch deren Schl&uuml;sselloch ein schwacher Lichtschein
+drang. Ich bem&uuml;hte mich, hindurch zu sehen. &raquo;Drinnen
+ist niemand,&laquo; sagte ich, &raquo;eine Photographie h&auml;ngt an
+der Wand, &mdash; ein Mann mit schwarzem Bart und
+wei&szlig;en Locken.&laquo; &mdash; &raquo;Marx!&laquo; rief Wanda Orbin, &raquo;so
+sind wir richtig.&laquo; Wir durchquerten den fensterlosen
+Raum, dessen stickige Luft mir den Atem benahm, und
+traten in die niedrige Stube, die daneben lag. Eine
+Petroleumlampe hing von der geschw&auml;rzten Decke; mit
+einem Geruch von schlechtem Tabak schienen alle Gegenst&auml;nde
+im Zimmer, &mdash; die schmutzigen Vorh&auml;nge, die
+fettigen Zeitungen, die rotgew&uuml;rfelte Tischdecke, das alte
+Klavier im Winkel&nbsp;&mdash;, f&ouml;rmlich impr&auml;gniert zu sein. Und
+dazu hatte der frische September drau&szlig;en den Rest
+stickiger Sommergro&szlig;stadthitze hier hereingedr&auml;ngt. Die
+Frauen, die um den langen Tisch in der Mitte sa&szlig;en,
+schwitzten. Ich wurde vorgestellt. Mein verbindliches
+L&auml;cheln begegnete unfreundlich-neugierigen Blicken. Erst
+als Wanda Orbin mit ungew&ouml;hnlicher W&auml;rme von mir
+sprach, meinen Entschlu&szlig;, dem Kongre&szlig; eine Erkl&auml;rung
+abzugeben, statt den angek&uuml;ndigten Vortrag zu halten,
+mit gro&szlig;em Nachdruck herausstrich, kl&auml;rten die Mienen
+sich auf. Eine kleine runde Frau, die neben mir sa&szlig;,
+streckte mir die arbeitsharte Hand entgegen: &raquo;Na, sehen
+Se mal, det is scheen von Ihnen!&laquo; sagte sie laut mit
+feucht schimmernden &Auml;uglein. &raquo;Ruhe, Genossin Wengs!&laquo;
+rief die Bartels vom Tischende hinunter und trommelte
+<a name="Page_174" id="Page_174"></a>mit den Fingerkn&ouml;cheln auf den Tisch. Man versuchte
+parlamentarisch zu verhandeln, aber es entspannen sich
+immer wieder Privatunterhaltungen. Endlich schien sich
+das Interesse auf einen Punkt zu konzentrieren: die
+Kassenverh&auml;ltnisse eines der aufgel&ouml;sten Vereine wurden
+er&ouml;rtert. Da man B&uuml;cher und Protokolle aus Angst
+vor Polizei und Staatsanwalt nicht zu f&uuml;hren pflegte
+und das kleine Rechnungsbuch aus demselben Grunde
+eilig verbrannt worden war, so fehlte es an den n&ouml;tigen
+Unterlagen, um zu einem tats&auml;chlichen Ergebnis zu
+gelangen. Es kam zu einer heftigen Debatte. Die arme
+Frau, die Kassiererin gewesen war, wurde laut und leise
+der Unredlichkeit geziehen&nbsp;&mdash;, sie h&auml;tte unbedingt noch
+vier Mark haben m&uuml;ssen und behauptete schluchzend,
+nichts zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Zu all die Arbeet un Schreiberei, die ich vor nischt
+gemacht hab,&laquo; heulte sie, &raquo;soll ich nu noch als Diebin
+dastehn. In Zukunft macht Euren Dreck alleene!&laquo; Und
+hinaus war sie. Immer dr&uuml;ckender wurde die Luft.
+Das Fenster durfte nicht ge&ouml;ffnet werden, man h&auml;tte
+uns vom Hof aus h&ouml;ren k&ouml;nnen. Ich erstickte fast in
+dieser Atmosph&auml;re. Die anderen schienen an sie gew&ouml;hnt
+zu sein, niemand beklagte sich. &raquo;Wir m&uuml;ssen unbedingt
+die beiden Hauptpunkte unserer Tagesordnung heute
+noch erledigen,&laquo; erkl&auml;rte schlie&szlig;lich Wanda Orbin, nachdem
+man sich schon zwei Stunden um lauter pers&ouml;nliche
+Dinge hin- und hergezankt hatte. &raquo;Ich bitte daher ums
+Wort zur Frage des b&uuml;rgerlichen Frauenkongresses.&laquo;
+Man schwieg, und sie fuhr fort, indem sie nochmals den
+Standpunkt der Genossinnen begr&uuml;ndete, &mdash; mit einer
+Stimme und einer Ausf&uuml;hrlichkeit, als gelte es eine<a name="Page_175" id="Page_175"></a>
+Volksversammlung zu &uuml;berzeugen. Machte sie eine Pause,
+so gab Martha Bartels das Signal zu allgemeinem
+Applaus. &raquo;Wir sind in der vorigen Sitzung mit unserer
+Besprechung zu keinem Abschlu&szlig; gekommen. Ich frage
+die Genossinnen, ob sie sich meinen Antrag, in die Diskussionen
+des Kongresses einzugreifen, &uuml;berlegt haben,
+und wie sie sich dazu stellen?&laquo; Mit dieser mich nicht
+wenig &uuml;berraschenden Frage, schlo&szlig; sie ihre Rede. Alles
+blieb still. Martha Bartels sah erwartungsvoll von
+einer zur anderen. &raquo;Wir sind wohl alle einer Meinung,&laquo;
+meinte sie dann, &raquo;und k&ouml;nnen ohne weiteres zur Abstimmung
+schreiten.&laquo; Ich hatte bisher mit keinem Wort
+in die Debatte eingegriffen. Man sah mich mi&szlig;billigend
+an, als ich mich jetzt meldete. Wanda Orbin runzelte
+die Stirne. &raquo;Ich habe der Sitzung nicht beigewohnt,
+in der Sie, scheint's, die Angelegenheit schon hinreichend
+besprochen haben,&laquo; sagte ich, &raquo;mir fehlen daher, um zu
+einem sicheren Urteil zu kommen, Ihre Gr&uuml;nde. Ich
+m&ouml;chte mir deshalb nur die Frage erlauben, ob es
+nicht eine Inkonsequenz ist, die Beteiligung am Kongre&szlig;
+abzulehnen und die Teilnahme an der Diskussion
+zu beschlie&szlig;en?&laquo; Allgemeines, stummes Erstaunen. Nur
+Ida Wiemer, die neben mir sa&szlig;, stie&szlig; mich unter dem
+Tisch heimlich an und warf mir einen aufmunternden
+Blick zu. Mit endlosem Wortschwall suchte Wanda
+Orbin, vom Beifallsgemurmel der Anwesenden begleitet,
+die grunds&auml;tzliche Verschiedenheit beider Arten der Beteiligung
+auseinander zu setzen. &raquo;Es hie&szlig;e das Prinzip
+des Klassenkampfes preisgeben,&laquo; sagte sie, &raquo;wenn wir
+mit b&uuml;rgerlichen Elementen irgend etwas gemeinsam
+unternehmen wollten, aber es geh&ouml;rt zum Klassenkampf,
+<a name="Page_176" id="Page_176"></a>da&szlig; wir in der Debatte ihnen geschlossen gegen&uuml;ber
+treten.&laquo; &raquo;Niemand hinderte uns, in selbst&auml;ndiger Rede
+dasselbe zu tun&nbsp;&mdash;&laquo;, warf ich noch einmal ein. Meine
+Worte gingen im allgemeinen Geschw&auml;tz, das wieder
+entfesselt war, verloren. Wanda Orbin hatte alle
+Stimmen auf ihrer Seite, &mdash; auch Ida Wiemer.
+&raquo;Wenn man nicht mittut, wird man gehenkt&nbsp;&mdash;,&laquo; fl&uuml;sterte
+sie mir sich entschuldigend zu. Ich enthielt mich der Abstimmung.
+&raquo;Wir kommen zum n&auml;chsten Punkt der Tagesordnung:
+Parteitag,&laquo; sagte Martha Bartels, die den
+Vorsitz f&uuml;hrte. &raquo;Genossin Orbin hat das Wort.&laquo; &raquo;Der
+Parteitag in Gotha ist f&uuml;r uns ganz besonders bedeutungsvoll,&laquo;
+begann sie; &raquo;die Frauenagitation steht auf
+der Tagesordnung. Es ist infolgedessen w&uuml;nschenswert,
+da&szlig; viele der t&auml;tigen Genossinnen als Delegiertinnen
+anwesend sind, damit die praktische Erfahrung neben
+der theoretischen Schulung zu Worte kommt. Unsere
+Resolution ist Ihnen durch die &#8250;Freiheit&#8249; bekannt;
+es hat niemand an ihr etwas auszusetzen gehabt, sie
+wird ohne Zweifel zur Annahme gelangen, da sie
+nichts Neues bringt, sondern nur das bew&auml;hrte Alte
+zusammenfa&szlig;t. Nach anderer Richtung jedoch drohen
+uns K&auml;mpfe: es liegen Antr&auml;ge vor, die die Schaffung
+einer besonderen Arbeiterinnnenzeitung bezwecken. Ihre
+Verfasser sind mit unserer &#8250;Freiheit&#8249; unzufrieden. Es
+ist notwendig, da&szlig; die Berliner Genossinnen klipp und
+klar dazu Stellung nehmen.&laquo; Nun entwickelte sich etwas
+wie eine Diskussion. Ein paar Frauen, Martha Bartels
+voran, lobten die &#8250;Freiheit&#8249; in allen T&ouml;nen, Frau Wiemer
+allein sprach mit dem Wunsch nach etwas popul&auml;reren
+Artikeln zugleich einen leisen Tadel aus, den Frau<a name="Page_177" id="Page_177"></a>
+Orbin dadurch entkr&auml;ftete, da&szlig; sie erkl&auml;rte, die &#8250;Freiheit&#8249;
+sei gar nicht f&uuml;r die Massen bestimmt, sondern
+nur f&uuml;r die F&uuml;hrerinnen. Man war darnach ausnahmslos
+entschlossen, jede &Auml;nderung ihres Inhalts und jeden
+Plan eines Konkurrenzunternehmens abzulehnen. Als
+ich bemerkte, man m&ouml;ge wenigstens daf&uuml;r sorgen, da&szlig;,
+als wichtiges Mittel unserer Agitation, die allgemeine
+Parteipresse der Frauenfrage einen breiten Raum gew&auml;hre,
+lachte alles. &raquo;Da kennen Se unsere M&auml;nner
+schlecht,&laquo; meinte die dicke Frau Wengs neben mir, &raquo;die
+wollen von uns rein jar nischt wissen.&laquo; &raquo;Die mehrschten
+erlooben den Frauen nich, da&szlig; se in ne Versammlung
+jehn oder in 'nen Verein. Daheem sollen se sitzen un
+Str&uuml;mpe stoppen,&laquo; rief eine andere und ein allgemeines
+Klagelied &uuml;ber die M&auml;nner hub an; erst die energische
+Stimme der Orbin stellte die Ruhe wieder her: &raquo;Es
+ist zw&ouml;lf Uhr, &mdash; wir m&uuml;ssen zu Ende kommen.&laquo; &raquo;Jotte
+doch, schon zw&ouml;lwe, un ick habe soo'n weiten Weg,&laquo;
+jammerte Frau Wengs und erhob sich. Ein paar andere,
+die schon lange auf ihren St&uuml;hlen hin und herger&uuml;ckt
+waren, sprangen auf. &raquo;So bleiben Sie doch f&uuml;nf Minuten,
+Genossinnen,&laquo; kommandierte Martha Bartels,
+&raquo;wir m&uuml;ssen doch die Delegiertinnen zum Parteitag
+noch bestimmen.&laquo; Frau Wengs ging eilig zu ihrem
+Stuhl zur&uuml;ck, mit ihr die anderen; gespannte Neugierde
+dr&uuml;ckte sich in den Mienen aller aus. Die Bartels
+fuhr mit erhobener Stimme fort: &raquo;Vorgeschlagen sind
+Genossinnen Stein, Wolf und meine Wenigkeit.&laquo; Ein
+eifriges Geraune und Getuschel setzte ein. &raquo;Hat jemand
+andere Vorschl&auml;ge?!&laquo; Sie sah drohend umher. Ein
+Dutzend Frauen meldeten sich auf einmal. &raquo;Immer die<a name="Page_178" id="Page_178"></a>selben!&laquo;
+&mdash; &raquo;La&szlig;t doch ooch andere drankommen!&laquo; &mdash; &raquo;Die
+gewerkschaftlich t&auml;tigen Genossinnen werden
+nat&uuml;rlich &uuml;bergangen&nbsp;&mdash;!&laquo; schrie und l&auml;rmte es durcheinander.
+&raquo;Ick schlage die Jenossin Brandt vor&nbsp;&mdash;,&laquo;
+rief Frau Wengs. Es wurde still. Die Frauen sahen
+mich an, &mdash; mi&szlig;trauisch, feindselig. Ich hatte die Situation
+rasch erfa&szlig;t. &raquo;Ich danke der Genossin Wengs
+f&uuml;r ihre Freundlichkeit,&laquo; sagte ich, &raquo;aber ich f&uuml;hle mich
+noch viel zu jung in der Bewegung, als da&szlig; ich solch
+einen Ehrenposten annehmen k&ouml;nnte.&laquo; Wanda Orbin
+nickte mir, sichtlich erleichtert, zu: &raquo;Nun aber schnell zur
+Abstimmung, &mdash; wir vers&auml;umen ja noch die Pferdebahn! &mdash; Ich
+denke, wir bleiben bei unseren Vorschl&auml;gen&nbsp;&mdash;&laquo;
+Niemand widersprach, aber kaum war die Sitzung geschlossen,
+als die allgemeine Unzufriedenheit sich in lauter
+Unterhaltung wieder Luft machte. Man ging in kleinen
+Gruppen auseinander, &mdash; lauter feindliche Lager, wie
+mir schien. Wanda Orbin legte ihren Arm in den
+meinen, die Bartels begleitete uns; ihre Stimmung
+gegen mich war wieder umgeschlagen. Sie dr&uuml;ckte mir
+herzlich die Hand, als wir Abschied nahmen.</p>
+
+<p>Mein Mann erwartete mich im n&auml;chsten Kaffee. &raquo;Das
+hat aber lange gedauert,&laquo; meinte er. &raquo;Wenn die Bedeutung
+Eurer Beschl&uuml;sse der L&auml;nge der Zeit entspricht,
+die Ihr darauf verwandt habt&nbsp;&mdash;!&laquo; Ich lachte, aber
+es war nicht das Lachen gl&uuml;cklichen Humors, der den
+Ereignissen die komische Seite abgewinnt und sich dadurch
+&uuml;ber sie erhebt. Heute w&uuml;rde mich der Humor
+im Stich gelassen haben, auch wenn ich ihn je besessen
+h&auml;tte. Es war alles so eng gewesen, so dr&uuml;ckend, &mdash; wie
+die schmutzige Stube und die eingeschlossene Luft
+<a name="Page_179" id="Page_179"></a>in ihr; kein gro&szlig;er Gesichtspunkt war zutage getreten.
+&raquo;Wir Genossinnen sind immer einig,&laquo; hatte Wanda
+Orbin mir gesagt. Konnte sie wirklich f&uuml;r Einigkeit
+halten, was nichts war als die Beherrschung armer
+Frauen kraft ihres Willens und ihrer Intelligenz? &raquo;So
+wird es also deine Aufgabe sein, diesen Absolutismus
+zu brechen,&laquo; sagte Heinrich. &mdash; &raquo;Nachdem ich mich ihm
+selbst schon unterworfen habe?!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ich schritt die breite Treppe des Berliner Rathauses
+hinauf. Seit vier Tagen verhandelte
+der Frauenkongre&szlig; in dem festlichen B&uuml;rgersaal
+vor einem Publikum, das immer weniger aus Neugierde,
+immer mehr aus Interesse kam. Es war zwar
+im Grunde nichts als eine Truppenschau, bei der jede
+Teilnehmerin ihr Schlachtro&szlig; in raschem Galopp vorzuf&uuml;hren
+hatte. Aber Berlin sah zum erstenmal: Die
+Frauen konnten reiten. Heute war der Tag der gro&szlig;en
+Sensation: Die Arbeiterinnenfrage stand auf der Tagesordnung;
+man erwartete eine Schlacht zwischen den
+b&uuml;rgerlichen Frauen und den Proletarierinnen, und auch
+mir pers&ouml;nlich galt ein Teil der allgemeinen Spannung, &mdash; der
+Frau, deren Roman von Mund zu Mund ging,
+der Renegatin. An der T&uuml;re stand Egidy, mein alter
+Freund. Er dr&uuml;ckte mir die Hand: &raquo;Ich bin erst eben
+nach Berlin zur&uuml;ckgekehrt. Sonst w&auml;re ich schon bei
+Ihnen gewesen. Zwischen uns bleibt alles beim alten.&laquo;
+Ich l&auml;chelte dankbar. Bei meinem Eintritt in den &uuml;berf&uuml;llten
+Saal entstand eine bemerkbare Unruhe: Kleider
+raschelten, St&uuml;hle wurden ger&uuml;ckt, K&ouml;pfe wandten sich
+<a name="Page_180" id="Page_180"></a>nach mir um, man fl&uuml;sterte meinen Namen. Eine Gruppe
+russischer Studentinnen, an denen ich vor&uuml;ber mu&szlig;te,
+klatschte st&uuml;rmisch. Vom Vorstandstisch mahnte eine
+scharfe Stimme zur Ruhe. Die Genossinnen begr&uuml;&szlig;ten
+mich; die erwartungsvolle Erregung, in der sie sich befanden,
+steigerte ihre Freundlichkeit mir gegen&uuml;ber.
+Wanda Orbin n&ouml;tigte mich auf den Stuhl neben sich.
+Ich blieb trotzdem befangen und suchte mit den Augen
+meinen Mann, als m&uuml;&szlig;te ich mich wenigstens mit den
+Blicken an ihn klammern.</p>
+
+<p>Eine &Ouml;sterreicherin sprach zuerst &uuml;ber die Ergebnisse
+der Wiener Arbeiterinnen-Enquete. Ich kannte sie. Sie
+war eine &uuml;berzeugte Sozialdemokratin. Die f&uuml;nfzehn
+Minuten reichten aus, um ein ergreifendes Bild schrecklichen
+Elends zu malen. So hatte ich zu sprechen gedacht!
+Eine Engl&auml;nderin folgte ihr. Sie begr&uuml;ndete
+die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation
+der Frauen in wenigen scharf-umrissenen S&auml;tzen; in
+langer Rede h&auml;tte sie kaum mehr sagen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Frau Alix Brandt hat das Wort&laquo;, &mdash; t&ouml;nte jetzt die
+heisere Stimme der Vorsitzenden durch den Saal. Ich stand
+auf und zw&auml;ngte mich durch die Stuhlreihen, am dichtbesetzten
+Tisch der Presse vorbei. &raquo;Sie wissen&laquo; &mdash; &raquo;Scheidungsproze&szlig;&laquo; &mdash; &raquo;Verh&auml;ltnis&laquo; &mdash; &raquo;Unglaublich&laquo;, &mdash; fl&uuml;sterte
+es. Mein Blut begann zu sieden. Ich stand
+auf der Trib&uuml;ne; &mdash; am Vorstandstisch zischte jemand,
+aus einer Ecke des Saales klang Beifallsgeklatsch und
+Getrampel. Das Zischen wurde st&auml;rker. Sekundenlang
+k&auml;mpften beide Laute miteinander, &mdash; die Vorsitzende
+r&uuml;hrte sich nicht. Helle Emp&ouml;rung bem&auml;chtigte sich
+meiner, &mdash; jetzt war ich bereit, ihnen meine Verachtung
+<a name="Page_181" id="Page_181"></a>ins Gesicht zu schleudern. Ich begann sehr ruhig, indem
+ich erkl&auml;rte, warum die Vertreterinnen der deutschen
+Arbeiterinnenbewegung es abgelehnt h&auml;tten, sich an den
+Arbeiten des Kongresses durch Delegierte zu beteiligen.
+&raquo;F&uuml;r sie, die auf dem Boden der Sozialdemokratie
+stehen, ist die Frauenfrage nur ein Teil der sozialen
+Frage, und als solche durch die mehr oder weniger gut
+gemeinten Bestrebungen b&uuml;rgerlicher Sozialreformer nicht
+l&ouml;sbar. Ich selbst teile diese Auffassung vollkommen.&laquo;
+Meine Stimme hob sich und wurde sch&auml;rfer; zu schneidendem
+Schwert sollte jedes meiner Worte sie schleifen.
+&raquo;Wer vorurteilslos und logisch denkt und sich eingehend
+mit der Frauenfrage, &mdash; wohl gemerkt, der ganzen
+Frauenfrage, nicht mit der Damenfrage, &mdash; besch&auml;ftigt,
+der mu&szlig; notwendig zur Sozialdemokratie gelangen.&laquo;
+St&uuml;rmische Choruse unterbrachen mich, die der Beifall
+der Genossinnen vergebens zu ersticken suchte. &raquo;Mit
+anderen Worten: wer es nicht tut, ist ein Dummkopf
+oder ein Heuchler?!&laquo; schrie eine der Damen vom Pressetisch
+zitternd vor Aufregung. Ich neigte mit sp&ouml;ttischer
+Zustimmung den Kopf; sie sprach aus, was zwischen
+meinen Worten klingen sollte. Die Unruhe wuchs, ich
+mu&szlig;te lauter sprechen, um durchzudringen. &raquo;Die Wertsch&auml;tzung
+und das Verst&auml;ndnis der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung
+f&uuml;r die Arbeiterinnenfrage wird durch nichts
+deutlicher charakterisiert, als durch die Tatsache, da&szlig;
+man mir zu einem Vortrag &uuml;ber sie, die die gr&ouml;&szlig;te
+Masse des weiblichen Geschlechts umschlie&szlig;t, und die
+entrechtete und ungl&uuml;cklichste, dieselben f&uuml;nfzehn Minuten
+gew&auml;hrt hat, wie etwa der Damenfrage der M&auml;dchengymnasien.
+Ich verzichte daher auf meinen Vortrag...&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_182" id="Page_182"></a>Die Zuh&ouml;rer schrieen und tobten, ein paar M&auml;nner
+sprangen auf die St&uuml;hle und drohten mir mit erhobenen
+Armen, in gr&ouml;&szlig;ter Erregung schwang die Vorsitzende
+unaufh&ouml;rlich die Glocke, deren wimmerndes
+Klagegeheul die Melodie zu der Begleitung br&uuml;llender
+Stimmen zu sein schien. Endlich verschaffte ich mir
+wieder Geh&ouml;r:</p>
+
+<p>&raquo;In zwei Volksversammlungen, die von uns einberufen
+worden sind, soll den Teilnehmerinnen des Kongresses
+Gelegenheit geboten werden, die Arbeiterinnenbewegung
+kennen zu lernen. Nicht als ob wir des
+frommen Glaubens lebten, auch nur eine von Ihnen
+f&uuml;r uns gewinnen zu k&ouml;nnen. Zu tief eingewurzelt ist
+der jahrhundertelang gen&auml;hrte Klassenegoismus, zu einschneidend
+in das Leben und Denken gerade der abh&auml;ngigen
+Frau sind die Interessen ihrer Klasse, als da&szlig;
+sie sich so leicht davon losrei&szlig;en k&ouml;nnte. Aber vielleicht
+wird Ihnen eine Ahnung davon aufgehen, da&szlig; es ein
+gr&ouml;&szlig;eres, ergreifenderes Elend gibt, als das der unbefriedigten,
+berufslosen T&ouml;chter Ihrer St&auml;nde; da&szlig;
+au&szlig;erhalb Ihrer Kreise ein Kampf gek&auml;mpft wird, der
+ernster, heiliger ist als der um den Doktorhut; da&szlig; der
+Schwung der Begeisterung, der Heldenmut der Aufopferung
+nur dort zu finden ist, wo M&auml;nner und Frauen
+ihre vereinten Kr&auml;fte f&uuml;r das eine gro&szlig;e Ziel einsetzen:
+Befreiung der Gesamtheit aus wirtschaftlicher und moralischer
+Knechtschaft ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich stieg vom Podium. Es war ein Spie&szlig;rutenlaufen.
+Die eleganten Frauen Berlins, die in ihren
+sch&ouml;nen Herbsttoiletten die ersten Reihen besetzt hielten,
+hatten ihre ganze gesellschaftliche Haltung verloren. Sie
+<a name="Page_183" id="Page_183"></a>zischten, sie riefen mir Schimpfworte zu, wei&szlig;behandschuhte
+F&auml;uste erhoben sich in bedrohlicher N&auml;he. Aber
+schon war Heinrich neben mir und reichte mir den Arm.
+Ein paar Schritte weiter umringten mich die Genossinnen,
+Wanda Orbin schlo&szlig; mich st&uuml;rmisch in die Arme.</p>
+
+<p>Kurz vor dem Ausgang stand eine Gruppe von erhitzten
+Damen um den j&uuml;ngsten Philosophen Berlins geschart; er
+war ein Freund meines Mannes. &raquo;Sie haben Gift
+gespritzt,&laquo; schrie er mir zu. Mit einem Blick voll
+Zorn und Verachtung ma&szlig; ihn Heinrich. Den n&auml;chsten
+Augenblick trat mir Egidy entgegen. &raquo;Sie haben sich
+schwer vers&uuml;ndigt,&laquo; sagte er, seine blauen Augen funkelten
+zornig.</p>
+
+<p>An der T&uuml;re z&ouml;gerte ich. Mir war, als m&uuml;&szlig;te ich
+noch einmal r&uuml;ckw&auml;rts sehen, &uuml;ber die Menge hinweg
+in den festlich gl&auml;nzenden Saal: Von der Decke herab
+flutete das Licht in Strahlenb&uuml;ndeln; es schimmerte
+weich auf wei&szlig;en Marmorfiguren, es zauberte lebendige
+blutdurchflossene Adern in die S&auml;ulen von rotem Granit,
+es funkelte prahlend auf goldenen Gesimsen, und dem
+grauen Herbstabend drau&szlig;en wehrten die hohen farbigen
+Bogenfenster den Eintritt.</p>
+
+<p>Langsam gingen wir die breite Steintreppe hinab
+auf die schmutzige Stra&szlig;e.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am S&uuml;dende der Friedrichstra&szlig;e, wo das Licht
+sp&auml;rlicher wird, lag der alte Tanzsaal, in dem
+ich am Abend sprechen sollte. Durch ein paar
+H&ouml;fe, die nur die gl&uuml;henden Augen breiter Fabrikfenster
+erhellten, f&uuml;hrte der Weg. Sie waren schwarz voll Menschen.<a name="Page_184" id="Page_184"></a>
+Auf den ausgetretenen Stufen der Holztreppe bis zum
+Saal war ein Vorw&auml;rtskommen fast unm&ouml;glich. Ein
+paar st&auml;mmige Ordner bahnten uns mit Ellbogenst&ouml;&szlig;en
+den Weg. &raquo;Die berliner Arbeiter wollen Sie alle
+sehen, Genossin Brandt,&laquo; sagte der eine. Ich senkte
+den Kopf. Wie ich mich freute! &Uuml;ber den Massen, die
+den Raum erf&uuml;llten, in den wir endlich gelangten,
+lagerte Tabaksqualm und Menschenschwei&szlig; in schweren,
+dunkeln Nebeln. Das Licht von den verstaubten Kronleuchtern
+drang nur tr&uuml;be durch den grauen Dunst.
+Ru&szlig;geschw&auml;rzt war die niedrige Decke, von den W&auml;nden
+br&ouml;ckelte der Kalk, blinde Spiegelscheiben warfen
+gespensterhaft verzerrt das Bild der Menschen zur&uuml;ck,
+die sich vor ihnen sammelten. Ein paar steile Stufen
+zu einer kleinen B&uuml;hne ging es empor, auf der grell
+gemalte Kulissen einen Wald von Palmen darstellen
+sollten. Unter mir stand jetzt die Menge Kopf an Kopf.
+Siedende Hitze stieg von ihr auf, da&szlig; der Atem mir
+sekundenlang stockte.</p>
+
+<p>&raquo;So warten sie schon seit zwei Stunden wie eine
+Mauer,&laquo; sagte Ida Wiemer, die den Vorsitz f&uuml;hrte.
+Der graub&auml;rtige Polizeileutnant sch&uuml;ttelte bedenklich den
+Kopf. &raquo;Ich kann nur einen kurzen Vortrag gestatten,&laquo;
+sagte er, &raquo;wenn ich nicht die Versammlung aufl&ouml;sen
+soll.&laquo; &raquo;Genossen,&laquo; rief Ida Wiemer so laut sie konnte
+in den Saal, &raquo;macht den fremden Kongre&szlig;delegierten
+Platz, die heute unsere G&auml;ste sind&nbsp;&mdash;.&laquo; Eine Anzahl
+Arbeiter versuchten, sich langsam hinauszuschieben. Aber
+die Scharen, die die T&uuml;ren belagerten, versperrten den
+Weg. &raquo;Das ist lebensgef&auml;hrlich,&laquo; wiederholte der Polizeileutnant
+und wischte sich den Schwei&szlig; von der Stirne.<a name="Page_185" id="Page_185"></a>
+&raquo;Fangen Sie an und machen Sie's kurz, &mdash; ein anderes
+Mittel gibt's hier nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Ich trat vor. Kirchenstille umfing mich. Ich sprach
+gegen jene landl&auml;ufigen Vorw&uuml;rfe, durch die die Gegner
+der Sozialdemokratie sie t&ouml;dlich zu treffen glauben:
+Die Zerst&ouml;rung der Familie, die Propagierung der
+freien Liebe, die Vernichtung der Religion, den blutigen
+Umsturz. Und ich zeigte, wie die wirtschaftliche
+Not es ist, die das Familienleben zerst&ouml;rt, wie
+aus derselben Not die k&auml;ufliche Liebe w&auml;chst, die
+nichts gemein hat mit jener Freiheit der Liebe, die
+wir als die einzige Grundlage echten Familiengl&uuml;ckes
+den Menschen erobern wollen; wie es die Kirche ist und
+der Staat, die die Religion Christi vernichtet haben,
+wie die blutige Revolution nicht von uns, sondern von
+denen vorbereiten wird, die mit Flinten und S&auml;beln
+drohen, die der wehrhaften Jugend befehlen, auch auf
+Vater und Mutter zu schie&szlig;en, die den Ruf hungernder
+Arbeiter um ein paar Pfennige mehr Lohn, um ein
+paar Stunden weniger Arbeitszeit mit Gewehrsalven
+beantworten. Ich sah nichts mehr; zwischen mir und
+den Menschen da unten hingen dichte Schleier. Aber
+ich f&uuml;hlte ihren hei&szlig;en Atem, ich h&ouml;rte mit gesteigerten
+Sinnen ihr St&ouml;hnen, wenn ich ihr Elend malte, ihren
+Beifall, wenn ich von ihren K&auml;mpfen sprach, ihren
+hoffnungsstarken Jubel, wenn ich der Zukunft gedachte,
+die unser sein wird.</p>
+
+<p>Ich schwieg ersch&ouml;pft, &mdash; jetzt erst f&uuml;hlte ich, wie
+der Kopf mir brannte und der Atem nach Luft rang.
+Hundert H&auml;nde streckten sich mir entgegen, als ich
+zitternd die Stufen hinabstieg. Die Masse umdr&auml;ngte
+<a name="Page_186" id="Page_186"></a>mich. Dank, &mdash; Vertrauen, &mdash; Liebe las ich in ihren
+Mienen. Ein paar Frauenrechtlerinnen gingen mit steif
+erhobenen K&ouml;pfen an mir vorbei. Ich l&auml;chelte. Wie
+hatte ich mich nur je &uuml;ber ihre Feindseligkeit gr&auml;men
+k&ouml;nnen?! Ich kam nur langsam vorw&auml;rts. Mit lauter
+Fragen und Bitten wurde ich aufgehalten: &raquo;Nicht
+wahr, Sie sprechen auch bei uns einmal?&laquo; &mdash; &raquo;In
+unserem Kreis?&laquo; &mdash; &raquo;In meiner Gewerkschaft?&laquo; Und
+immer wieder sagte ich freudig ja. Die hier glaubten
+an mich und erwarteten von mir, da&szlig; ich ihnen etwas
+sein k&ouml;nnte. Im dunkeln Saal war mein Herz wieder
+warm und hell geworden.</p>
+
+<p>Wir gingen den weiten Weg durch die Nacht nach
+Haus. Am Kanalufer raschelten die gelben Bl&auml;tter uns
+zu F&uuml;&szlig;en und tanzten wie goldige Schmetterlinge in
+der feuchten Herbstluft.</p>
+
+<p>&raquo;Warum die Menschen trauern, wenn die Bl&auml;tter
+fallen?&laquo; sagte ich. &raquo;Sie machen doch nur den jungen
+Trieben Platz!&laquo; Mein Liebster k&uuml;&szlig;te mich. &raquo;Du, was
+denken die Leute?!&laquo; rief ich lachend und lief ihm davon.
+&raquo;Die Wahrheit!&laquo; sagte er, mich einholend, und
+pre&szlig;te mir die H&auml;nde mit einem starken Griff zusammen.
+&raquo;Da&szlig; wir ein Liebespaar sind!&laquo;</p>
+
+<p>Im Schlafzimmer droben ri&szlig; ich die Kleider vom
+Leibe, in denen der Dunst des Saales noch hing. Das
+rosige Licht der Lampe umflutete mich; meine Augen
+suchten den kleinen Ganymed. Unwillk&uuml;rlich faltete ich
+die H&auml;nde. Auch an diesen Fr&uuml;hling glaubte ich wieder.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_187" id="Page_187"></a></p>
+<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Goldener Herbst! Ein k&ouml;niglicher Verschwender
+bist du. Deiner Geliebten, der Sonne, gibst
+du in brennenden Farben zur&uuml;ck, was sie an
+Sommerglut der Erde geschenkt hat. Nichts ist dir zu
+gering, um es mit dem Glanz deiner Liebe zu &uuml;bersch&uuml;tten.
+Auf die &ouml;desten Mauern zaubert dein Blick
+jauchzende Melodien von Gelb und Rot. Aus dem
+armen Sand m&auml;rkischen Bodens lockst du der Sonnenblumen
+tropische Pracht hervor und lehrst sie, ihr
+Strahlenangesicht deiner Geliebten anbetend zuzukehren.
+Unter deinem Hauch reifen die Fr&uuml;chte, und schwer von
+Segen neigen sich die &Auml;ste vor dir. Von entbl&auml;tterten
+Bl&uuml;ten tr&auml;gt dein Atem zarte Samenf&auml;den &uuml;ber die
+Wiesen und sch&uuml;ttelt von den alten Eichen die Hoffnung
+kommender Jahre.</p>
+
+<p>Tage, &uuml;ber die der Himmel leuchtet wie fl&uuml;ssiges
+Silber, l&auml;&szlig;t du in N&auml;chten untergehen, die tief und
+dunkel sind, ein zukunftschwangeres Geheimnis.</p>
+
+<p>Nicht wie die jungen M&auml;dchen den Lenz begr&uuml;&szlig;en &mdash; sch&auml;mig
+err&ouml;tend und demutsvoll &mdash; empfing ich dich.
+Ich forderte von dir, erhobenen Hauptes, meinen Anteil
+an deinem Reichtum, F&uuml;rst des Jahres. Und, siehe,
+aus meinem Herzen wuchsen glutrote Blumen, meine<a name="Page_188" id="Page_188"></a>
+Seele wurde zu deinem Saitenspiel, mein Scho&szlig; zum
+Tempel des Lebens &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Es kam &uuml;ber mich wie ein einziger gro&szlig;er Feiertag.
+Er duldete nichts Dunkles. Aus den Kammern vertrieb
+ich allen Staub der Vergangenheit, aus Kisten und
+Kasten alles, was moderte. Ich badete meine Augen,
+da&szlig; sie klar und hell wurden und die Welt ihnen in
+einem Glanz erschien, wie sie ihn nie vorher gesehen
+hatten. Wie der Herbstwind am Morgen die Nebel zerstreut,
+so flohen die Sorgen vor dem Sturm meiner
+Seligkeit. Ich ging der Sonne nach. Auch den verlorensten
+ihrer Strahlen fing ich auf und barg ihn in
+der Schatzkammer meiner Seele.</p>
+
+<p>Sonnengesegnet sollte es sein, mein Kind!</p>
+
+<p>Ich war nicht mehr Ich. Das geheimnisvoll neue
+Leben unter meinem Herzen hatte von mir Besitz ergriffen.
+Ich tr&auml;umte nicht mehr meine engen Tr&auml;ume,
+die sich im Kreise um mich selbst bewegten, und lebte
+nicht mehr meiner kleinen Hoffnung, die ihren Bogen
+nur bis zum Friedhofstor des eigenen Daseins spannte.
+Wie Wanderv&ouml;gel flogen meine Tr&auml;ume weit &uuml;ber mein
+Gesichtsfeld hinaus, und die Br&uuml;cke, die die Hoffnung
+baute, verband die Zeit mit der Ewigkeit.</p>
+
+<p>Ich ward mir selbst zum Heiligtum. Ich pflegte
+meinen K&ouml;rper wie der Gl&auml;ubige den Schrein, der das
+Allerheiligste birgt. Und meiner Seele Eingang h&uuml;teten
+goldgepanzerte W&auml;chter; die Sch&auml;rfe ihres Schwertes
+traf jeden b&ouml;sen Gedanken, ihren Speeren entging kein
+niedriges Gef&uuml;hl. Denn mein K&ouml;rper und meine Seele
+n&auml;hrten das neue Leben. Kein Tropfen Giftes durfte
+in ihnen sein.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_189" id="Page_189"></a></p>
+
+<p>Ich w&uuml;nschte mir einen Sohn. Einen, der ein
+F&uuml;hrer und Vork&auml;mpfer werden k&ouml;nnte. Aber
+die Erf&uuml;llung dieses Wunsches schien mir fast
+zu viel des Gl&uuml;cks. Und so dachte ich auch der Tochter &mdash; einer,
+die ein Vollmensch und darum ein echtes Weib
+sein sollte. Von nun an stand Watts Ganymed vor
+meinem Platz auf unserem gro&szlig;en Schreibtisch und neben
+ihm ein s&uuml;&szlig;es, blondes M&auml;delchen nach einem Portr&auml;t
+von Gainsborough. Ich sah von einem zum anderen,
+und tief in mein Herz pr&auml;gten sich die holden Kindergesichter.
+Mein Mann brachte mir t&auml;glich frische Blumen
+f&uuml;r sie. Einmal aber kam er nach Haus und stellte statt
+ihrer ein neues Bild mitten auf den Schreibtisch. Es
+war Meister D&uuml;rers furchtloser Ritter, der seelenruhig,
+im Schritt, den Kopf erhoben, das Auge gradaus gerichtet,
+an allen Schrecken des Daseins vor&uuml;berreitet.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; kommen die H&ouml;ll, mit mir zu streiten, ich will
+durch Tod und Teufel reiten&nbsp;&mdash;,&laquo; ist sein Wahlspruch.
+&raquo;Wenn's ein Bub wird,&laquo; sagte der Liebste, &raquo;so soll's
+so einer sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht,&laquo; antwortete ich und dr&uuml;ckte ihm
+z&auml;rtlich die Hand, &raquo;ich habe schon zu viel an das
+Kind und zu wenig an den Mann gedacht,&laquo; dabei
+wies ich l&auml;chelnd auf die Wolken wei&szlig;en Linnens,
+die mich umgaben, und zeigte stolz die ersten winzigen
+Hemdchen, die daraus entstanden waren. Mein Mann
+hatte zuerst von dieser Arbeit nichts wissen wollen. &raquo;Du
+nimmst einer armen N&auml;herin das Brot und hast selbst
+weit Besseres zu tun,&laquo; war seine Ansicht gewesen. Aber
+<a name="Page_190" id="Page_190"></a>zum erstenmal hatte ich ihm widersprochen und meinen
+Willen durchgesetzt. Auf die Stoffe, die meines Kindes
+K&ouml;rper ber&uuml;hren sollten, durften keine Kummertr&auml;nen
+fallen; Mutterliebe mu&szlig;te die Nadel f&uuml;hren, Muttertr&auml;ume
+sich mit jedem Stich hinein verweben. Nun
+kam es freilich vor, da&szlig; ich im &Uuml;bereifer stundenlang
+&uuml;ber der Arbeit sa&szlig; und vernachl&auml;ssigte, was ich sonst
+zu tun hatte. &raquo;Das mu&szlig; anders werden, Heinz,&laquo; sagte
+ich laut und faltete die Leinwand zusammen. &raquo;Auch
+um des Kindes willen darf ich die Welt au&szlig;erhalb unserer
+vier W&auml;nde nicht vergessen, die doch auch seine
+Welt sein wird. Schau, hier ist ein Brief von Wanda
+Orbin&nbsp;&mdash;,&laquo; ich reichte ihn meinem Mann hin&uuml;ber, der
+sich an den Schreibtisch gesetzt hatte; &raquo;sie beklagt sich,
+weil ich zu wenig f&uuml;r die &#8250;Freiheit&#8249; schreibe; hier sind
+eine Reihe Aufforderungen zu Vortr&auml;gen, &mdash; ich war
+nahe daran, sie ablehnend zu beantworten&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hier,&laquo; unterbrach er mich, &raquo;habe ich B&uuml;cher,
+die deiner Besprechung harren. An den Artikel, den
+du mir f&uuml;r mein Archiv versprochen hast, will ich schon
+gar nicht erinnern&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich stand auf und reckte mich mit einem Gef&uuml;hl tiefen
+Wohlbefindens. &raquo;Du wirst ihn bekommen! Ich verstehe
+nicht recht, warum so viele Frauen jammern, wenn
+sie guter Hoffnung sind. Ich f&uuml;hle Kraft f&uuml;r zwei!&laquo;</p>
+
+<p>Und mit Feuereifer st&uuml;rzte ich mich in die Arbeit,
+die ich nur stundenweise unterbrach, um frische Luft zu
+sch&ouml;pfen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_191" id="Page_191"></a></p>
+
+<p>Ich sollte mir t&auml;glich Bewegung machen und
+vermied den nahen Tiergarten, weil ich den
+Eltern zu begegnen f&uuml;rchtete. Ich wu&szlig;te: mein
+Herz w&uuml;rde sich schmerzhaft zusammenkrampfen, und
+ich wollte mich jetzt nicht gr&auml;men. So fuhren wir denn
+fast immer in den Grunewald und wanderten um die
+stillen Seen, die zwischen entlaubten B&auml;umen und schwarzen
+Kiefern dem Winter entgegentr&auml;umten, oder gingen
+auf den gepflegten Wegen der jungen Kolonie,
+all die vielen Villen betrachtend, die rascher als die
+Mietskasernen auf dem Kurf&uuml;rstendamm aus der Erde
+wuchsen. Sie waren anders als die, die noch vor
+wenigen Jahren entstanden waren, &mdash; heller, freundlicher.
+Die verlogenen Butzenscheibenerker und die altdeutschen
+Spr&uuml;che &uuml;ber den T&uuml;ren verschwanden mehr
+und mehr. Die Zeit wurde selbstbewu&szlig;ter und sch&auml;mte
+sich der erborgten Formen vergangener Jahrhunderte.
+Oft freilich sahen wir halb staunend, halb lachend
+H&auml;user, die aus lauter Originalit&auml;tssucht absurd geworden
+waren. Aber auch das war im Grunde nichts
+anderes, als der tolle Ausbruch &uuml;bersch&auml;umender Jugendkraft,
+und wenn mein Mann spotten wollte, erinnerte
+ich an Goethes Wort: Es ist besser, da&szlig; ein junger
+Mensch auf eigenem Wege irre geht, als da&szlig; er auf
+fremdem recht wandelt.</p>
+
+<p>Heute blieben wir in Schauen versunken vor einem
+H&auml;uschen stehen, das aus dem M&auml;rchenbuch ins
+Leben versetzt zu sein schien: ein tiefes Dach hing
+sch&uuml;tzend &uuml;ber den von rotem Weinlaub dicht um<a name="Page_192" id="Page_192"></a>sponnenen
+W&auml;nden, hinter kleinen blitzenden Fenstern
+hingen wei&szlig;e Vorh&auml;nge, auf den braunen Holzaltanen
+bl&uuml;hten noch rote Geranien, und davor auf dem glatten
+Rasenteppich warf ein kleiner Knabe jauchzend den
+bunten Ball in die helle Herbstluft. &raquo;Wenn doch mein
+Kind wie dieses in Wald und Garten wachsen k&ouml;nnte,&laquo;
+dachte ich. &raquo;Solch ein Haus m&ouml;cht' ich euch bauen,
+dir und dem Kinde,&laquo; sagte Heinrich im gleichen Augenblick.
+Ich lachte ein wenig gezwungen. &raquo;Wie sollte
+das m&ouml;glich sein, wo unsere Mietwohnung f&uuml;r uns
+schon zu teuer ist!&laquo; &raquo;Wenn wir Zinsen statt Miete zu
+zahlen h&auml;tten&nbsp;&mdash;,&laquo; meinte er nachdenklich; &raquo;Hall hat in
+dieser Weise schon mancher Familie die M&ouml;glichkeit verschafft,
+im eigenen H&auml;uschen und im Freien zu wohnen!&laquo;
+Wir gingen schweigsam weiter, nur hier und da fiel
+eine Bemerkung, die mir zeigte, das er denselben Gedanken
+weiter spann.</p>
+
+<p>Am Wildgatter nach Hundekehle holte uns eine gro&szlig;e
+Gesellschaft junger Radler ein; ihre blanken R&auml;der
+blitzten, knapp und elegant schmiegten sich die Sportanz&uuml;ge
+neuster Mode um die schlanken Gestalten. &raquo;Ist
+das nicht&nbsp;&mdash;,&laquo; rief ich unwillk&uuml;rlich, und mein Herz
+klopfte rascher, aber schon wandte das reizende M&auml;dchen,
+das dicht an mir vorbei geflogen kam, dunkelerr&ouml;tend
+den Kopf zur Seite. &raquo;Ilse, &mdash; kein Zweifel,&laquo; antwortete
+Heinrich. &raquo;Und sie gr&uuml;&szlig;t mich nicht einmal!&laquo;
+Tr&auml;nen verdunkelten mir den Blick. &raquo;Wollen wir umkehren?&laquo;
+frug mein Begleiter sanft und zog meinen
+Arm fest durch den seinen. &raquo;Nein,&laquo; entgegnete ich und
+versuchte zu l&auml;cheln; &raquo;sie kann ja nichts daf&uuml;r, die
+Kleine! Sie darf mich nicht kennen.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_193" id="Page_193"></a>Unten vor dem Wirtshaus standen die R&auml;der. Wir
+wollten gerade links einbiegen, den Weg nach Paulsborn,
+der f&uuml;r uns so reich war an Erinnerungen, als
+Ilse, nach einem Augenblick des Z&ouml;gerns, quer &uuml;ber die
+Stra&szlig;e zu uns her&uuml;berlief. Sie umarmte mich st&uuml;rmisch.</p>
+
+<p>&raquo;Sei nicht b&ouml;se, Schwester,&laquo; rief sie atemlos und zog
+mich tiefer in den Wald hinein. &raquo;Sie w&uuml;rden mich zu
+Hause verraten, wenn ich dich gegr&uuml;&szlig;t h&auml;tte.&laquo; Z&auml;rtlich
+streichelte ich ihr das erhitzte Gesicht und dr&uuml;ckte ihr
+kleines H&auml;ndchen, das immer noch so weich und zart
+war, so unf&auml;hig zuzupacken und festzuhalten.</p>
+
+<p>&raquo;Die Eltern wollen nichts von mir wissen?&laquo; fragte ich
+zaghaft.</p>
+
+<p>&raquo;Wir reden viel von dir, Mama und ich,&laquo; antwortete
+sie, &raquo;aber vor Papa d&uuml;rfen wir deinen Namen nicht
+nennen. Trotzdem wei&szlig; ich, da&szlig; er sich bangt nach
+dir,&laquo; f&uuml;gte sie rasch hinzu, als sie sah, wie ich ersch&uuml;ttert
+war. &raquo;Wir holen ihn manchmal vom Kasino ab;
+wenn wir &uuml;ber den L&uuml;tzowplatz fahren, l&auml;&szlig;t er deine
+Fenster nicht aus den Augen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Mama, sagst du, spricht von mir?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Sie hatte zuerst des Morgens rote Augen, aber
+jetzt ist sie ruhig. Es qu&auml;lt sie nur, glaube ich, da&szlig;
+sie nicht wei&szlig;, ob &mdash; ob&nbsp;&mdash;,&laquo; sie err&ouml;tete, ein forschender
+Blick glitt &uuml;ber meine Gestalt.</p>
+
+<p>Hei&szlig; str&ouml;mte es mir zum Herzen, mein ganzes, reiches
+Gl&uuml;ck &uuml;berkam mich, und alles Erinnerungsweh verschwand
+vor ihm. &raquo;Gr&uuml;&szlig;e Mama,&laquo; sagte ich weich,
+&raquo;und sage ihr, da&szlig; ich guter Hoffnung bin.&laquo; Ihre
+Hand l&ouml;ste sich aus der meinen, ein Schatten schien
+&uuml;ber ihre Z&uuml;ge zu huschen, etwas Fremdes stand auf
+<a name="Page_194" id="Page_194"></a>einmal unsichtbar zwischen uns. &raquo;Ich mu&szlig; fort, &mdash; sie
+suchen mich sonst, &mdash; lebwohl &mdash;&nbsp;&mdash;!&laquo; und schon war
+sie wieder jenseits der Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>&raquo;Verstehst du das?&laquo; fragte ich meinen Mann, der die
+ganze Zeit mit gerunzelter Stirn neben uns gestanden
+hatte, und sah ihr kopfsch&uuml;ttelnd nach. &raquo;Nein,&laquo; sagte
+er, &raquo;sie scheint mir aus Widerspr&uuml;chen zusammengesetzt,
+deine Schwester.&laquo;</p>
+
+<p>Auf dem R&uuml;ckweg ertappten wir uns gegenseitig bei
+einem verstohlenen, sehns&uuml;chtigen Blick nach dem weinumsponnenen
+H&auml;uschen mit dem tiefen Dach dar&uuml;ber.
+Der Rasenplatz war leer. Ob der Kleine da oben
+hinter den zugezogenen wei&szlig;en Vorh&auml;ngen schlummern
+mochte? Und ich tr&auml;umte, w&auml;hrend wir heimw&auml;rts fuhren,
+offenen Auges einen gar s&uuml;&szlig;en Traum.</p>
+
+<p>Mein Herz war heut &uuml;bervoll. Als ich abends bei
+den Knaben sa&szlig;, um ihre Arbeiten zu beaufsichtigen,
+f&uuml;hlte ich st&auml;rker als sonst, wie wenig ich sie eigentlich
+kannte. Sie waren nachmittags wie gew&ouml;hnlich im
+Zoologischen Garten gewesen. Es kam mir wie ein Unrecht
+vor, da&szlig; ich sie dort allein lie&szlig;; ich wu&szlig;te nicht,
+was sie h&ouml;rten und sahen, welchen Einfl&uuml;ssen sie inmitten
+der verdorbenen Gro&szlig;stadtjugend unterliegen
+mochten. Und doch, nicht m&ouml;glich w&auml;re es gewesen, so
+gro&szlig;e Jungen auf Schritt und Tritt unter Aufsicht zu
+halten.</p>
+
+<p>Ihr Verh&auml;ltnis zueinander war kein br&uuml;derliches, sie
+klagten sich h&auml;ufig gegenseitig bei mir an, &mdash; das einzige
+Mittel, wodurch ich etwas von ihnen zu erfahren bekam.
+H&auml;tte ich doch ihr volles Vertrauen besessen!
+Aber freilich: ich hatte kein Recht darauf; f&uuml;r sie stand
+<a name="Page_195" id="Page_195"></a>ich nicht einmal an Stelle der Mutter, denn sie lebte
+noch. Je erfolgloser mein Bem&uuml;hen gewesen war,
+ihnen n&auml;her zu kommen, desto unbegreiflicher war
+es mir, da&szlig; die Mutter sich hatte von ihnen trennen
+k&ouml;nnen. Ein Kind bedarf der Mutter, die es besser
+versteht, als es sich selbst verstehen kann. Tiefes
+Mitleid ergriff mich mit den beiden Buben, aber
+ein noch tieferes fast mit ihrer Mutter. Welch Schicksal
+mu&szlig;te sie getroffen haben, da&szlig; sich ihr Herz so hatte
+verh&auml;rten k&ouml;nnen? Heinrich sprach nicht gern von ihr;
+und meinen Gedanken, ihr zu schreiben, um wenigstens
+in bezug auf die Erziehung der Kinder im Einvernehmen
+mit ihr zu handeln, hatte er schroff und &auml;rgerlich als
+einen ganz t&ouml;richten und zwecklosen zur&uuml;ckgewiesen. Ich
+hatte ihn trotzdem ausgef&uuml;hrt &mdash; heimlich, um ihn nicht
+zu &auml;rgern. Da wir aber im &Uuml;berschwang unseres jungen
+Ehegl&uuml;cks einander gestattet hatten, unsere Briefe gegenseitig
+zu &ouml;ffnen, so las er ihre Antwort: ein paar k&uuml;hle
+hochm&uuml;tige Zeilen, im Tone der Herrin gegen&uuml;ber der
+Gouvernante. Heinrich war damals ernstlich b&ouml;se geworden,
+und &mdash; was mir am tiefsten in die Seele
+schnitt &mdash; traurig dazu. &raquo;Ich kann alles vertragen,&laquo;
+hatte er gesagt, &raquo;nur eins nicht: da&szlig; du unehrlich bist
+mir gegen&uuml;ber. Ich mu&szlig; dir unbedingt vertrauen k&ouml;nnen,
+sonst ist unsere Ehe keine mehr.&laquo; Seitdem hatte ich die
+kaum begonnene Korrespondenz wieder abgebrochen, und
+die Br&uuml;cke zum Herzen der Kinder, auf die ich gehofft
+hatte, blieb ungebaut. Und nun kam es pl&ouml;tzlich wie
+eine Erleuchtung &uuml;ber mich: ich wu&szlig;te, womit ich sie
+w&uuml;rde gewinnen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hl uns was,&laquo; bettelte Wolfgang wie immer,
+<a name="Page_196" id="Page_196"></a>wenn er aufatmend die Schulb&uuml;cher zuschlug. &raquo;Gleich!&laquo;
+antwortete ich l&auml;chelnd, und ging hinaus, um mit dem
+Korb voll wei&szlig;er Leinwand wiederzukommen.</p>
+
+<p>&raquo;Was meint ihr wohl, was das ist?&laquo; fragte ich und hielt ein
+kleines Hemdchen hoch, soda&szlig; das Licht der Lampe rosig
+hindurchschimmerte. Sie rissen erstaunt die Augen auf.
+&raquo;Eurem Br&uuml;derchen oder eurem Schwesterchen geh&ouml;rt
+es, das ihr bekommen werdet. Habt ihr die Eicheln
+gesehen, die von den B&auml;umen fallen? Wenn die Erde
+sie aufnimmt, und weich und warm einh&uuml;llt, damit der
+Winter ihnen nichts B&ouml;ses tun kann, so wachsen im
+Fr&uuml;hling junge B&auml;umchen daraus&nbsp;... Und ein Vogelei
+kennt ihr doch auch? Da ist zuerst gar nichts drin, wie
+eine wei&szlig;liche Fl&uuml;ssigkeit. Wenn's aber eingebettet im
+Nestchen liegt, und die Henne es mit ihrem Leib bedeckt,
+dann entwickelt sich zuerst die gelbe Dotter und
+aus ihr ein winziger lebendiger Vogel. Sobald er
+gro&szlig; genug ist, zerbricht er das Ei und ist da! Wir
+sind so sehr daran gew&ouml;hnt, da&szlig; wir uns des gro&szlig;en
+Wunders gar nicht mehr bewu&szlig;t werden, &mdash; eines
+Wunders, das viel unfa&szlig;licher ist, als wenn der Storch
+die kleinen Kinder br&auml;chte, wie man es fr&uuml;her zu erz&auml;hlen
+pflegte.&laquo; Ich machte eine Pause; meine Zuh&ouml;rer
+r&uuml;hrten sich nicht, und ich hatte nicht den Mut aufzusehen.
+Wu&szlig;te ich doch nicht, was f&uuml;r Blicken ich begegnen
+w&uuml;rde. &raquo;Euch ist vielleicht auch einmal das
+M&auml;rchen vom Storch zu Ohren gekommen,&laquo; fuhr ich
+leiser fort, &raquo;es ist dumm und albern! Die Wahrheit
+ist tausendmal sch&ouml;ner: wie die Eichel im Scho&szlig; der
+Erde, ruht der Menschensamen im Mutterleib, und wie
+das V&ouml;gelchen sich entwickelt, so entwickelt sich das Kind,
+<a name="Page_197" id="Page_197"></a>nur da&szlig; die Menschenmutter das Ei unter dem Herzen
+tr&auml;gt, bis es zerspringt und das junge Leben geboren
+wird.&laquo; Ich schwieg wieder; es war so still, da&szlig; ich
+h&auml;tte meinen k&ouml;nnen, ich w&auml;re allein im Zimmer. &raquo;Weil
+ich euch lieb habe, euch beide&nbsp;&mdash;,&laquo; fl&uuml;sterte ich und senkte
+den Kopf tief auf die Arbeit, die meine zitternden H&auml;nde
+hielten, &mdash; &raquo;darum mag ich euch nicht bel&uuml;gen, darum
+will ich euch anvertrauen, was mein gl&uuml;ckseliges Geheimnis
+ist: ich werde auch ein Kind bekommen!&laquo;</p>
+
+<p>Eine beklemmende Stille; ich konnte die Nadel h&ouml;ren,
+wenn sie den Stoff durchstach. Endlich sah ich empor. Die
+K&ouml;pfe gesenkt, mit dunkelroten Wangen sa&szlig;en die Knaben
+vor mir. Ein rascher scheuer Blick traf mich aus Wolfgangs
+hellen Augen, um seine Lippen zuckte es. Waren
+es verhaltene Tr&auml;nen, oder war es am Ende gar &mdash; Spott?
+Hans rutschte vom Stuhl auf die Erde und
+machte sich, abgewandt von mir, an seiner Dampfmaschine
+zu schaffen. Ich wu&szlig;te nur zu gut, wie verdorbene
+Kinder das Geheimnis des Lebens ihren Schulkameraden
+zu erkl&auml;ren pflegen: mit l&uuml;sternen Augenzwinkern,
+mit der Freude am Schmutz. Hatten sie es
+so erfahren?! Mir stieg die Schamr&ouml;te bis unter die
+Haarwurzeln. Oder hatten sie, w&auml;hrend ich sprach,
+ihrer Mutter gedacht, hatten pl&ouml;tzlich empfunden, da&szlig;
+ich sie nicht so w&uuml;rde lieben k&ouml;nnen wie mein eigenes
+Kind? Ich seufzte tief auf. So war auch das vergebens
+gewesen; statt eine Schranke einzurei&szlig;en, hatte
+ich eine neue errichtet. Ich begegnete ihnen von nun
+an mit doppelter Z&auml;rtlichkeit; ich suchte ihre W&uuml;nsche
+zu erf&uuml;llen, noch ehe sie laut wurden. Aber ihre Scheu
+&uuml;berwand ich nicht.</p>
+
+<p><a name="Page_198" id="Page_198"></a>Vor Heinrich lie&szlig; ich mir nicht merken, was in mir
+vorging. Er h&auml;tte mich mi&szlig;verstehen, h&auml;tte glauben
+k&ouml;nnen, da&szlig; ich seine Bitte, die Kinder lieb zu haben,
+nicht zu erf&uuml;llen verm&ouml;chte, &mdash; dachte ich. Auch war er
+den Kindern gegen&uuml;ber oft so reizbar, da&szlig; ich M&uuml;he
+hatte, ihn zu bes&auml;nftigen. Das Verlangen, mit mir
+allein zu sein, &auml;u&szlig;erte er zuweilen in einer, wie mir
+schien, f&uuml;r die unschuldigen Buben empfindlichen Weise.
+Ich lenkte ein, &mdash; ich deckte zu, &mdash; ich versteckte mein
+eigenes Empfinden, das in derselben Sehnsucht gipfelte
+wie das seine. Wie viele warme Worte und hei&szlig;e
+Blicke und zarte kleine Aufmerksamkeiten, die wie ein
+holder Fr&uuml;hlingsflor den Garten junger Ehe schm&uuml;cken,
+wagten sich vor den fremden Augen der Kinder nicht
+ans Tageslicht. Auch &uuml;ber das Gl&uuml;ck meiner Mutterhoffnung
+mu&szlig;t' ich vor ihnen einen Schleier ziehen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wir lebten damals ganz still. Von geselligem
+Verkehr war selten die Rede. Wir
+scheuten noch immer unliebsame Begegnungen,
+und unsere Zur&uuml;ckhaltung, die mir als Hochmut
+ausgelegt wurde, steigerte nur unsere Isoliertheit. Es
+kam vor, da&szlig; wir im Theater zwischen lauter alten Bekannten
+sa&szlig;en und uns doch wie auf einsamer Insel
+mitten im Meer befanden. Man musterte uns neugierig,
+man tuschelte &uuml;ber uns, man gr&uuml;&szlig;te bestenfalls,
+und ich setzte dazu meine abweisendste Miene auf, um
+den Menschenhunger, der mich manchmal &uuml;berfiel, nicht
+merken zu lassen.</p>
+
+<p>Zuweilen besuchten uns die Mitarbeiter an meines<a name="Page_199" id="Page_199"></a>
+Mannes Zeitschrift: National&ouml;konomen, Juristen und
+Politiker aus aller Herren L&auml;nder, die er mit dem
+ihm eigenen redaktionellen Geschick unter einen Hut zu
+bringen gewu&szlig;t hatte, und die, &mdash; mochten sie sonst
+in ihren Ansichten noch so weit auseinander gehen, &mdash; unter
+seiner F&uuml;hrung gemeinsam am selben Strange
+zogen.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Mann ist ein wahres Redaktionsgenie!&laquo; sagte mir
+einmal einer von ihnen, nachdem er sich nach langer
+Debatte doch wieder unterworfen hatte, halb &auml;rgerlich,
+halb bewundernd. &raquo;Meist erdr&uuml;cken die Autoren den
+Redakteur, er nimmt dankbar, was &#8250;bew&auml;hrte Mitarbeiter&#8249;
+ihm bringen und ist eigentlich nur ihr Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer.
+Ihr Mann aber zwingt uns in seinen
+Dienst wie ein Feldherr seine Soldaten. Wenn er
+will, so m&uuml;ssen wir alles andere stehen und liegen lassen,
+uns hinsetzen, die Feder ergreifen und den gew&uuml;nschten
+Aufsatz schreiben.&laquo;</p>
+
+<p>Ich freute mich jedesmal dieser G&auml;ste; denn mochten
+sie von Ru&szlig;land oder Frankreich, von England oder
+Italien kommen, &mdash; eins war ihnen gemeinsam: Tatkraft
+und Hoffnungsfreudigkeit. Ganz richtig &auml;u&szlig;erte
+sich einer &uuml;ber diese innere Einheit, wenn er sagte:
+&raquo;Wir sind Leute mit der Devise &#8250;Ja, also!&#8249;, im
+Gegensatz zu der &auml;lteren Generation der kathedersozialistischen
+National&ouml;konomen, die die M&auml;nner des &#8250;Ja,
+aber!&#8249; gewesen sind.&laquo; Sie zogen die Konsequenzen ihrer
+wissenschaftlichen Erkenntnis und traten r&uuml;ckhaltlos auf
+Seite der Arbeiter in Fragen des Arbeiterschutzes. In
+ihnen sah ich starke Verb&uuml;ndete der Sozialdemokratie,
+und es schien mir kein Zweifel, da&szlig; die Logik der inneren<a name="Page_200" id="Page_200"></a>
+Entwicklung und der &auml;u&szlig;eren Geschehnisse sie schlie&szlig;lich
+zu ihren offenen Parteig&auml;ngern w&uuml;rde machen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Aber noch eine andere Tatsache unterst&uuml;tzte meinen
+Glauben an den Fortschritt sozialer Erkenntnis: die
+Gr&uuml;ndung der nationalsozialen Partei.</p>
+
+<p>Sie war eben in Frankfurt zur Welt gekommen und
+getauft worden; sie hatte im Rausch der Festesfreude
+freilich den Mund sehr vollgenommen, wie das nun
+einmal in solcher Situation deutsche Art zu sein pflegt:
+&raquo;Wir stehen als Erben vor der T&uuml;re der Sozialdemokratie,&laquo;
+hatte G&ouml;hre erkl&auml;rt. &raquo;Wir stellen uns an die
+Spitze der Arbeiterbewegung, denn die Zeit der Sozialdemokratie
+ist um,&laquo; hatte Sohm ihm sekundiert. Aber
+solche rednerischen Entgleisungen, die unsere Parteipresse
+mit einem &uuml;bertriebenen Pathos r&uuml;gte, statt &uuml;ber sie zu
+l&auml;cheln, wogen leicht gegen&uuml;ber dem Handeln dieser
+M&auml;nner und Frauen: sie anerkannten die Gegenwartsforderungen
+der Sozialdemokratie, sie stellten sich, bei
+aller Betonung nationaler Gesinnung, in bewu&szlig;tem
+Gegensatz zur Regierung, die die sozialen Pastoren ma&szlig;regeln
+lie&szlig;, &mdash; zum Kaiser, der ihre Bestrebungen f&uuml;r
+str&auml;flichen Unsinn erkl&auml;rte.</p>
+
+<p>Ein Ereignis trat ein, das vollends zwischen rechts
+und links wie Scheidewasser wirken sollte: der Hafenarbeiterstreik
+in Hamburg. Hatte wenige Jahre vorher
+die Cholera die Augen der ganzen Welt auf die gr&auml;&szlig;lichen
+Elendsquartiere der reichen Kaufmannsstadt gerichtet,
+so zeigte sich jetzt, da&szlig; selbst ihr Schrecken nicht
+imstande gewesen war, die Brutst&auml;tten des Todes aus
+der Welt zu schaffen. Noch hausten zwanzig Prozent
+ihrer Bewohner dicht zusammengedr&auml;ngt in winzigen<a name="Page_201" id="Page_201"></a>
+R&auml;umen und engen Gassen, &mdash; zu f&uuml;nft in einem Zimmer,
+zu neun in zweien! Und zu diesen geh&ouml;rten vor allem
+die Hafenarbeiter, die bei schwerer Arbeit, die sie oft
+Tag und Nacht nicht los lie&szlig;, nicht genug verdienten,
+um sich auch nur in Frieden ausruhen und frische Arbeitskr&auml;fte
+sammeln zu k&ouml;nnen. Der Eindruck der Tatsachen,
+die der Streik enth&uuml;llte, war ein ungeheurer,
+und die Haltung der Hamburger Reeder, die sich allen
+Einigungsversuchen der Arbeiterorganisationen widersetzten
+und einen Kampf um ein paar Groschen mehr
+Lohn zu einem Kampf um ihre Macht erweiterten, emp&ouml;rte
+jeden, der vorurteilslos zu denken vermochte. In
+h&ouml;herem Ma&szlig;e als zur Zeit des Konfektionsarbeiterstreiks
+nahm die &Ouml;ffentlichkeit Partei f&uuml;r die Arbeiter,
+gef&uuml;hrt von den jungen sozialpolitischen Professoren
+und der nationalsozialen Partei. Das waren, so schien
+mir, Symptome f&uuml;r das Erwachen eines Geistes, der
+nicht mehr zu bannen sein w&uuml;rde. Und die Haltung
+der Gegner bekr&auml;ftigte meine Auffassung: Kleine Nadelstiche,
+wie die Ausweisungen englischer Arbeiterf&uuml;hrer,
+die, um Frieden zu stiften, nach Hamburg gekommen
+waren, &mdash; schroffe Erkl&auml;rungen der Reichsregierung
+gegen die Streikenden, &mdash; von ihr unwidersprochene
+Ausspr&uuml;che, wie die des alten Reaktion&auml;rs Kardorff im
+Reichstag: &raquo;Ich freue mich, da&szlig; man von den bedenklichen
+Wegen des Erlasses von 1890 jetzt abgekommen
+ist,&laquo; &mdash; W&uuml;nsche eines Stumm und seiner Gesinnungsgenossen,
+die zur Bek&auml;mpfung staatsgef&auml;hrlicher Umtriebe
+eine &Auml;nderung der Vereinsgesetze forderten, &mdash; waren
+das alles nicht Zeichen der Angst und der Schw&auml;che?
+Und war nicht die Wandlung, die der Kaiser seit seinen
+<a name="Page_202" id="Page_202"></a>sozialpolitischen Erlassen durchgemacht hatte, ein unbewu&szlig;tes
+Eingest&auml;ndnis schwindenden Einflusses? Erf&uuml;llt
+von seinem Gottesgnadentum, durchtr&auml;nkt von der Vorstellung,
+die Tradition und Erziehung den F&uuml;rsten unausl&ouml;schlich
+einpr&auml;gt: da&szlig; das Volk ihnen gegen&uuml;ber
+im Verh&auml;ltnis des Kindes zum Vater steht, hatte er ein
+sozialer Kaiser sein wollen, indem er der Arbeiterschaft
+als Geschenk brachte, was ihm gut schien f&uuml;r sie. Als
+sie es ihm nicht dankte, als sie Rechte forderte, statt
+Gnaden zu erbitten, sie sogar mit Gewalt ertrotzen wollte, &mdash; da
+wurde der in seiner Autorit&auml;t verletzte F&uuml;rst zum
+z&uuml;rnenden, strafenden Vater. Und derselbe Kaiser, der
+1890 f&uuml;r die Schaffung von Schiedsgerichten eintrat, stellte
+sich 1896 auf die Seite der Hamburger Reeder und forderte
+die Vereinigung aller Arbeitgeber gegen die Arbeiter.</p>
+
+<p>Um diese Zeit besuchte uns mein alter Freund Professor
+Tondern, der ein stiller Gelehrter irgendwo an
+einer Provinzuniversit&auml;t geworden war, und den ich f&uuml;r
+unsere Sache fast schon aufgegeben hatte. Er war zur
+Zeit des Streiks in Hamburg gewesen, und mein Mann
+hatte ihn f&uuml;r das Archiv zu einer Arbeit dar&uuml;ber aufgefordert.
+Statt aller Antwort kam er selbst, ganz erf&uuml;llt
+von dem Erlebten.</p>
+
+<p>&raquo;Da bilden wir uns nun wer wei&szlig; wie viel auf
+unsere Bildung, unsere alte Kultur ein,&laquo; sagte er, &raquo;und
+m&uuml;ssen angesichts solcher K&auml;mpfe besch&auml;mt eingestehen,
+da&szlig; wir mit all dem lumpigen R&uuml;stzeug ihren Forderungen
+gegen&uuml;ber j&auml;mmerlich Schiffbruch leiden w&uuml;rden,
+w&auml;hrend die in Elend und Unwissenheit Aufgewachsenen
+sich wie Helden bew&auml;hren. Sie h&auml;tten nur sehen sollen,
+wie tapfer die Frauen, vom kleinen M&auml;dchen bis zum
+<a name="Page_203" id="Page_203"></a>steinalten M&uuml;tterchen, ihren V&auml;tern und S&ouml;hnen zur
+Seite standen. Da steckt ungebrochene Jugendkraft&nbsp;&mdash;&laquo;
+Er brach seufzend ab.</p>
+
+<p>&raquo;Zeugt die arbeiterfreundliche Haltung gewisser b&uuml;rgerlicher
+Kreise nicht auch daf&uuml;r?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte heftig den Kopf, da&szlig; die d&uuml;nn gewordenen
+roten Haarstr&auml;hnen flogen. &raquo;Immer noch die
+alte Optimistin!&laquo; murmelte er. &raquo;Zu einem guten Teil
+haben Sie freilich recht&nbsp;&mdash;&laquo; f&uuml;gte er dann laut hinzu.
+&raquo;Der Streik hat die Verschlafenen aufger&uuml;ttelt, hat die
+sozialpolitischen Probleme wieder in den Flu&szlig; der Diskussion
+gebracht, hat die brennende Feindschaft, die der
+Generalstab des Kapitals, das hei&szlig;t das Kapital in
+seiner bedrohten politischen Machtsph&auml;re gegen die freie
+Wissenschaft empfindet, zu hellen Flammen werden lassen, &mdash; und
+das kann dem echten, dem kritischen wissenschaftlichen
+Geist nur heilsam sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diese Feindschaft mu&szlig; aber auch mehr und mehr zu
+uns her&uuml;bertreiben,&laquo; entgegnete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Zur Sozialdemokratie? Nein! Erinnern Sie sich
+unserer Haltung nach der frankfurter Tagung der
+Ethischen Gesellschaft? &mdash; Seitdem hat sich f&uuml;r uns
+nichts ver&auml;ndert. Wir sind sogar nur noch fester an
+die Staatskrippe, und damit an den Dienst der kapitalistischen
+Gesellschaft geschmiedet, weil unsere Kinder inzwischen
+gr&ouml;&szlig;er und anspruchsvoller wurden. Eine Ausnahme,
+wie Sie, best&auml;tigt nur die Regel. Marx hat
+keine gr&ouml;&szlig;ere Wahrheit ausgesprochen als die, da&szlig; die
+gesellschaftliche Umwandlung nur das Werk der Arbeiterklasse
+sein kann.&laquo;</p>
+
+<p>Er stand auf. &raquo;Ich mu&szlig; eilen, &mdash; meine Frau wartet
+<a name="Page_204" id="Page_204"></a>auf mich,&laquo; sagte er hastig, und strich sich gleich darauf
+mit einer verlegen ungeschickten Bewegung den roten
+Bart. Ich verstand. Es war gewisserma&szlig;en nur ein
+Gesch&auml;ftsbesuch gewesen. Mit Damenbesuchen wurde
+ich nicht verw&ouml;hnt! Er sch&uuml;ttelte meinem Mann die
+Hand: &raquo;Sie bekommen den Aufsatz in sp&auml;testens vierzehn
+Tagen.&laquo; Dann wandte er sich abschiednehmend zu
+mir: &raquo;Sie d&uuml;rfen mir auch die Hand geben. Meine
+Stellung zu Alix Brandt ist genau dieselbe geblieben
+wie zu Alix von Glyzcinski.&laquo;</p>
+
+<p>Kurze Zeit darauf meldete sich einer der geistvollsten
+Archiv-Mitarbeiter, Professor Romberg, bei uns an. Ich
+sah ihm mit gespannter Erwartung entgegen, denn ihm
+war ein Buch vorausgegangen, das ihn wie ein Herold
+mit Fanfarenst&ouml;&szlig;en angek&uuml;ndigt hatte. Ein schmaler
+roter Band war es nur, aber das Wort &raquo;Sozialismus&laquo;
+prangte in goldenen Lettern darauf, und sein Inhalt
+war nichts anderes als eine Verteidigung der Lehren
+von Karl Marx, als eine Anerkennung der sozialdemokratischen
+Arbeiterbewegung. Das Katheder eines wohlbestallten
+ordentlichen preu&szlig;ischen Universit&auml;tsprofessors
+hatte sich der Verfasser wohl auf immer verscherzt, aber
+eine Zuh&ouml;rerschaft hatte er sich erobert, aus der f&uuml;r die Sache
+des Sozialismus eine gro&szlig;e Gefolgschaft werden mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Mein Mann l&auml;chelte &uuml;ber meinen Enthusiasmus, er
+spielte sogar ein wenig den Eifers&uuml;chtigen, als ich zum
+Empfang dieses Gastes ganz besondere Vorkehrungen
+traf, den Tisch mit buntem Herbstlaub schm&uuml;ckte und
+eine Flasche Wein besorgen lie&szlig;, &mdash; zum erstenmal seit
+unserer Hochzeitsfeier.</p>
+
+<p>Als er eintrat, hatte ich jene seltsame Empfindung,
+<a name="Page_205" id="Page_205"></a>die ich als Kind besonders h&auml;ufig gehabt hatte: da&szlig;
+mir derselbe Mann in derselben Situation schon einmal
+begegnet war; selbst die gleichg&uuml;ltige Begr&uuml;&szlig;ungsphrase
+und der Ton seiner Stimme dabei war mir bekannt,
+ehe er sie aussprach. Im ersten Augenblick war ich
+verwirrt und &uuml;berlie&szlig; Heinrich die Unterhaltung,
+dann musterte ich den Gast, und dabei verwischte sich
+das Gef&uuml;hl langen Bekanntseins wieder, &auml;hnlich wie
+ein Traum uns um so gewisser entgleitet, je mehr wir
+&uuml;ber ihn nachdenken. Diesen gro&szlig;en, tiefbr&uuml;netten Mann
+mit den lebhaften braunen Augen und der hochgew&ouml;lbten
+Stirn hatte ich gewi&szlig; noch nie gesehen. War es Sympathie,
+die ich f&uuml;r ihn empfand? Der dunkle Bart beschattete
+dicke Lippen, die von stark entwickelter Sinnlichkeit
+zeugten, die gro&szlig;en H&auml;nde mit den breiten Fingerkuppen
+und den abgebrochenen N&auml;geln widersprachen der
+vornehmen Eleganz seiner schlanken Gestalt. Aber diese
+Mischung von Roheit und alter Kultur pr&auml;destinierte
+ihn vielleicht gerade f&uuml;r die Rolle eines F&uuml;hrers der
+&ouml;ffentlichen Meinung, die er, unserer Ansicht nach, zu
+spielen bestimmt war.</p>
+
+<p>In einer Rede, die von Geist und Wissen spr&uuml;hte,
+setzte er meinem Mann die Ideen auseinander, die er
+in einer Abhandlung f&uuml;r das Archiv zusammenfassen
+wollte. &raquo;Wir m&uuml;ssen der Sozialpolitik die Kr&uuml;cken
+nehmen, die Ethiker, Christlichsoziale und neuerdings
+Rassenhygieniker ihr glaubten geben zu m&uuml;ssen, um sie
+dem von ihnen willk&uuml;rlich gesteckten Ziele entgegenhumpeln
+zu lassen. Sie kann und mu&szlig; auf eigenen
+F&uuml;&szlig;en gehen, eigene Ziele verfolgen. Ich verlange die
+Autonomie des sozialpolitischen Ideals, das nicht nur
+<a name="Page_206" id="Page_206"></a>nicht ethisch, nicht religi&ouml;s, nicht rassenhygienisch, sondern
+diesen Idealen direkt entgegengesetzt sein kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sei Ihnen in bezug auf das religi&ouml;se Ideal zugegeben,&laquo;
+warf mein Mann ein, &raquo;aber das ethische, das
+rassenhygienische?! Die &#8250;Befreiung des gesamten Menschengeschlechts,
+das unter den heutigen Zust&auml;nden leidet&#8249;, ist
+doch wohl ein ethisches Postulat!&laquo;</p>
+
+<p>Romberg bewegte lebhaft abwehrend die H&auml;nde:
+&raquo;Bleiben Sie mir mit der Zukunftsmusik des Erfurter
+Programms vom Leibe! Sie k&ouml;nnten ebenso gut die
+&#8250;Vers&ouml;hnung der Klassengegens&auml;tze&#8249;, die die Ethiker unter
+den National&ouml;konomen der Sozialpolitik als Aufgabe
+zuschieben, predigen. Nein: wir stehen im Klassenkampf,
+wir m&uuml;ssen in diesem Kampf Partei ergreifen,
+und zwar nicht f&uuml;r die Schwachen nach christlicher
+Auffassung, sondern f&uuml;r das h&ouml;chst entwickelte Wirtschaftssystem,
+f&uuml;r die den wirtschaftlichen Fortschritt
+repr&auml;sentierende Klasse, das hei&szlig;t auf Kosten der
+anderen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit anderen Worten: f&uuml;r das Proletariat?&laquo; fragte
+ich. Er wandte sich mir zu.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;: f&uuml;r das Proletariat, soweit seine Ideale sich
+mit dem Ideal der Sozialpolitik decken: der wirtschaftlichen
+Vollkommenheit, und,&laquo; &mdash; er betonte scharf den
+letzten Satz, &mdash; &raquo;soweit sie sich dauernd mit ihm decken
+werden. Denn es ist einerseits in dauerndem Flu&szlig; begriffen
+und ist andererseits kein absoluter Endzweck,
+sondern nur ein Mittel zur Verwirklichung h&ouml;herer Zwecke.
+Das wirtschaftliche Leben ist die Schranke, in der unser
+ganzes Dasein, auch in seinen h&ouml;chsten &Auml;u&szlig;erungen, eingeschlossen
+ist. Wir m&uuml;ssen sie erweitern, so rasch als
+<a name="Page_207" id="Page_207"></a>m&ouml;glich, ohne R&uuml;cksicht auf die Bedenken empfindsamer
+Seelen, um zu Licht und Luft zu gelangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und mit diesen Ansichten k&ouml;nnen Sie es verantworten,
+au&szlig;erhalb unserer Partei zu stehen!&laquo; rief ich
+aus. Er schien erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Alles, was ich sagte, was ich schrieb, beweist doch,
+da&szlig; ich es verantworten kann!&laquo; meinte er langsam.
+&raquo;Oder glauben Sie, ich w&uuml;rde mehr erreichen, wenn
+ich mich in Ihr Heer einreihen, Ihre Uniform anziehen
+w&uuml;rde, wenn ich jede meiner Ideen, ehe ich sie auszusprechen
+mich getraute, dem Votum Ihres Parteitages
+unterwerfe?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe Sie nicht!&laquo; antwortete ich. &raquo;Wie reimt
+sich Ihre Abneigung gegen die Partei mit diesem Buch
+zusammen,&laquo; &mdash; ich hielt ihm den roten Band entgegen, &mdash; &raquo;mit
+Ihrer Verteidigung des Klassenkampfes, mit Ihrer
+Prophezeiung der dauernden, der notwendigen Einheit
+der Bewegung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; Ihre Frage mit einer Frage beantworten:
+Ist die Zugeh&ouml;rigkeit zur Bewegung abh&auml;ngig von der
+namentlichen Einschreibung in einen Wahlverein? Ist
+es f&uuml;r meine Stellung wichtiger, wie ich mich nenne,
+als was ich leiste?! Die Frage des Eintritts in die
+Partei kann f&uuml;r unsereinen nur individuell gel&ouml;st werden.
+Ich zum Beispiel w&uuml;rde in dem Augenblick fl&uuml;gellahm
+werden, wo ich in<em class="spaced"> der</em> Gesellschaft aushalten m&uuml;&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r einen Augenblick vielleicht, aber in dem Moment,
+wo Sie sich durchsetzen, wo Sie Einflu&szlig; gewinnen
+w&uuml;rden, h&auml;tten Sie die Kraft Ihrer Fl&uuml;gel in
+doppeltem Ma&szlig;e wieder&nbsp;&mdash;,&laquo; mischte sich mein Mann
+ins Gespr&auml;ch.</p>
+<p><a name="Page_208" id="Page_208"></a></p>
+<p>&raquo;Sie &uuml;bersch&auml;tzen mich, lieber Freund. &Uuml;ber gewisse
+Dinge komme ich nicht hinweg. Sie wissen, mein
+&#8250;Sozialismus&#8249; hat einen ungeahnten Erfolg; ich brauche
+mich in meiner Schriftstellereitelkeit wahrhaftig nicht gekr&auml;nkt
+zu f&uuml;hlen. Aber die Behandlung, die mir &mdash; mir,
+der ich den Sozialismus verteidige! &mdash; von einem
+Teil Ihrer Presse zuteil geworden ist, hat mir die ganze
+Gesellschaft auf lange verekelt!&laquo;</p>
+
+<p>Der Gegensatz zwischen dem Enthusiasmus, der ihn
+wenige Minuten vorher erf&uuml;llt hatte, und der morosen
+Stimmung, die jetzt aus Wort und Ton und Haltung
+sprach, war so verbl&uuml;ffend, da&szlig; wir verstummten. Aber
+Romberg forderte uns zur Antwort heraus:</p>
+
+<p>&raquo;Sie mi&szlig;billigen meinen Standpunkt?&laquo; Fragend sah
+er von einem zum anderen.</p>
+
+<p>&raquo;Ganz und gar!&laquo; antwortete ich heftig. &raquo;Glauben
+Sie, da&szlig; wir um der sch&ouml;nen Augen der Parteigenossen
+willen Sozialdemokraten geworden sind, &mdash; oder der
+Partei entr&uuml;stet den R&uuml;cken kehren w&uuml;rden, weil ein
+paar Nasen uns nicht gefallen?! Wir dienen der Sache,
+nicht den Personen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine so reinliche Scheidung zwischen der Sache und
+den Personen l&auml;&szlig;t sich in Wirklichkeit nicht durchf&uuml;hren,&laquo;
+sagte er, sichtlich verletzt. &raquo;Es kann sehr wohl der Fall
+eintreten, da&szlig; eine Sache durch eine bestimmte Personengruppierung
+rettungslos verloren geht, und ich bin der
+Meinung, da&szlig; in Ihrer Partei Leute den Ton angeben,
+die Ihre Sache diskreditieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie dieser Ansicht sind, m&uuml;&szlig;ten Sie erst recht
+in die Partei eintreten, um die Sache, die doch auch
+die Ihre ist, vor solchen Einfl&uuml;ssen zu retten!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_209" id="Page_209"></a>Er bi&szlig; sich auf die Lippen und schwieg sekundenlang.
+Dann lie&szlig; er sich, wie erm&uuml;det, in den Lehnstuhl fallen
+und sagte langsam: &raquo;Sie m&ouml;gen recht haben, &mdash; auf
+Grund Ihrer Individualit&auml;t. Ich w&uuml;rde einfach zugrunde
+gehen, wenn ich mit dem Gesindel, das Ihre
+Partei gro&szlig; gefuttert hat, auf gleich und gleich verkehren
+m&uuml;&szlig;te. &Uuml;brigens,&laquo; er l&auml;chelte ein wenig, &raquo;Sie
+sind ja erst seit vorgestern &#8250;Genossin&#8249;, &mdash; wir wollen
+unser Gespr&auml;ch in zehn Jahren zu Ende f&uuml;hren! Und
+Sie, mein lieber Brandt, sind doch auch nur im Nebenberuf
+&#8250;Genosse&#8249;. Wenn Sie Ihrer Frau beistimmen,
+warum treten Sie nicht in die politische Arena?&laquo;</p>
+
+<p>Mein Mann ging ein paarmal im Zimmer auf
+und nieder, ehe er antwortete. &raquo;Ich habe nicht Ihre
+Begabung, die Sie zum Agitator stempelt. Und ich
+bin nicht unabh&auml;ngig wie Sie, was, meiner Ansicht
+nach, eine wichtige Voraussetzung ist, wenn man in
+der Partei Wertvolles leisten will. Das Archiv ist mein
+Brotgeber. Es k&ouml;nnte seine wertvollsten Mitarbeiter verlieren,
+wenn sein Redakteur politisch hervortr&auml;te. Sonst, &mdash; lieber
+heute als morgen w&uuml;rde ich ein t&auml;tiger Parteigenosse sein!&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte Heinrich noch nie so sprechen h&ouml;ren; eine
+tiefe Unbefriedigung enth&uuml;llte sich mir, eine Seite seines
+Wesens, die sich selbst dem durchdringenden Blick meiner
+Liebe bisher versteckt hatte. Ich konnte den Gedanken
+daran nicht los werden und verga&szlig; fast unseres Besuchers dar&uuml;ber.</p>
+
+<p>Beim Abschied reichte ich ihm die Hand. Ein unbehagliches
+Gef&uuml;hl &uuml;berkam mich: die seine lag, so gro&szlig;
+sie war, schwach und leblos in der meinen. Menschen
+<a name="Page_210" id="Page_210"></a>ohne H&auml;ndedruck waren mir immer unsympathisch
+gewesen. Und doch zog dieser Mann mich an.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen wir nach all dem Ernst nun nicht Berlin
+ein wenig genie&szlig;en?&laquo; fragte er. &raquo;Wir armen Provinzler
+m&uuml;ssen uns mit Gro&szlig;stadtluft auf Monate versorgen,
+wenn wir einmal von unserer Kette loskommen.&laquo; Wir
+verabredeten allerlei, und er ging.</p>
+
+<p>&raquo;Nun?!&laquo; fragte Heinrich, als die T&uuml;r sich hinter ihm
+geschlossen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ein interessanter Mensch, ob ein K&auml;mpfer?!&laquo; antwortete
+ich nachdenklich. &raquo;Aber was interessiert mich
+dies Problem, wo mein eigner Mann mir eins aufgegeben hat!&laquo;</p>
+
+<p>Er zuckte lachend die Achseln: &raquo;K&uuml;mmere dich nicht
+darum, Schatz, es ist doch zun&auml;chst unl&ouml;sbar.&laquo; &raquo;Du
+w&uuml;rdest wirklich gern politisch t&auml;tig sein?&laquo; dr&auml;ngte
+ich unbeirrt. &raquo;W&auml;re es dir willkommen?&laquo; fragte er
+statt der Antwort. Mir stieg das Blut in die
+Wangen. Ich sah den Geliebten an der Stelle, die ich
+Romberg zugedacht hatte; ich sah uns beide Schulter an
+Schulter im Kampfe stehen. &raquo;O wie sch&ouml;n w&auml;re das!&laquo;
+fl&uuml;sterte ich.</p>
+
+<p>Die n&auml;chsten Tage nahm uns Romberg sehr in Anspruch.
+Er war von einer fast kindlichen Genu&szlig;f&auml;higkeit,
+dabei voller Interesse f&uuml;r Kunst und Literatur, in allem
+das Gegenspiel des typischen deutschen Professors.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_211" id="Page_211"></a></p>
+
+<p>Berlin war damals reich an neuem Leben f&uuml;r
+den, der es zu finden verstand. Denn die
+Oberfl&auml;che trug noch immer das Stigma geschmackloser
+Allt&auml;glichkeit. Mein Instinkt war doppelt
+wach; meine Sinne schienen gesch&auml;rft f&uuml;r alles Werden,
+und meine Hoffnung umschlang mit &uuml;ppigen Ranken
+jede neue Erscheinung.</p>
+
+<p>Wir sahen Gerhart Hauptmanns &raquo;Versunkene Glocke&laquo;,
+die zum erstenmal zur Auff&uuml;hrung kam. Alles stritt um
+des sch&ouml;nen M&auml;rchens eigentlichen Inhalt und ri&szlig; ihm
+im Streit grausam die Schmetterlingsfl&uuml;gel aus. Den
+einen erschien es als das tragische Bekenntnis eigener
+Schw&auml;che: denn die im Tal gegossene, f&uuml;r die H&ouml;he bestimmte
+Glocke Meister Heinrichs st&uuml;rzte vom Berge
+hinab in die Tiefe, und als er selbst emporstieg, um
+droben ein neues Wunderwerk zu schaffen, zog sie ihn
+nach sich ins Grab. Den anderen war es nichts als
+ein Zeichen geistiger Reaktion: der Dichter der &#8250;Weber&#8249;
+floh vor dem wirklichen Leben. Ich aber h&ouml;rte darin
+das immer wiederkehrende Leitmotiv der Sehnsucht, das
+den Glockengie&szlig;er emporzog, auch als er an seiner
+Schw&auml;che sterben mu&szlig;te, ich sah die Sonnenpilger, die
+den Marmortempel suchten, dessen Baumeister zugrunde
+ging, dem aber Kr&auml;ftigere als er Hammer und Kelle
+aus den toten H&auml;nden nahmen.</p>
+
+<p>Und dieselbe Sehnsucht, die der Hoffnung Schwester
+ist, die aus unserer n&uuml;chternen, auf praktisch-greifbare
+Ziele gerichteten Zeit hinwegverlangt in reichere, bl&uuml;hendere
+Gefilde, wo die arme gehetzte Seele nicht mehr zu
+dursten und zu frieren braucht, schien einer jungen noch
+<a name="Page_212" id="Page_212"></a>unbekannten K&uuml;nstlerschaft die Hand zu f&uuml;hren. Wir
+sahen Gl&auml;ser, deren zart schimmernde Blumenkelche in
+M&auml;rchenfarben strahlten, und Teppiche, auf denen die
+ganze F&uuml;lle des Fr&uuml;hlings ausgestreut erschien. Wir
+kamen in eine Ausstellung, die eine Welt fremder Wunder
+enthielt, deren Sch&ouml;pfer ein noch Unbekannter war.
+Staunend stand ich vor dem sch&ouml;nsten, das sie bot:
+einem Fenster voll leuchtender Glut, mit den Gestalten
+Tristans und Isoldens. In ihren Augen, in ihrer Geb&auml;rde
+steigerte sich die Sehnsucht zum Verlangen; die
+Farben waren eine Hymne des Lebens: das Rot jauchzte,
+das Blau verging in z&auml;rtlichen Melodien, wie ein
+mystischer Orgelton stand das Violett dazwischen.</p>
+
+<p>Achselzuckend ging die Masse an alledem vor&uuml;ber.
+Auch die beiden M&auml;nner, die mich begleiteten, waren
+mehr erstaunt als betroffen. Ob wohl nur eine, die
+schwanger war, die verborgenen Lebenskeime dieser Zeit
+zu schauen vermochte? Ich sog mit allen Sinnen ein,
+was der Menschenknospe in meinem Scho&szlig; zur Nahrung
+dienen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Seit ich Sie kenne, begreife ich nicht, wie Sie Genossin
+werden konnten,&laquo; sagte Romberg beim Abschied,
+&raquo;mit Ihrem starken Kulturbed&uuml;rfnis, ihrem Sch&ouml;nheitsdurst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r mich war das nur ein Motiv mehr, um es zu
+werden,&laquo; antwortete ich. &raquo;Auch den Seelenhunger der
+Massen nach h&ouml;heren Lebenswerten m&ouml;chte ich stillen helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben kaum einen&nbsp;&mdash;,&laquo; meinte er wegwerfend.</p>
+
+<p>&raquo;Dann ist meine Aufgabe doppelt gro&szlig;: ich mu&szlig; sie
+hungrig machen &mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_213" id="Page_213"></a></p>
+
+<p>Mein Zustand hinderte mich zun&auml;chst nicht an der
+Parteit&auml;tigkeit. Ich hielt Versammlungen ab,
+solang es ging, obwohl die schlechte Luft sich
+mir immer schwerer auf den Kopf legte; ich besuchte
+die Sitzungen der Frauenorganisation regelm&auml;&szlig;ig trotz
+der ekelerregenden D&uuml;fte der Lokale, in denen sie stattfanden.
+Wenn die Polizei, die uns st&auml;ndig auf den
+Fersen war, gewu&szlig;t h&auml;tte, wie wenig weltersch&uuml;tternd
+die Fragen waren, &uuml;ber die wir debattierten, sie w&uuml;rde
+uns ruhig unserem Schicksal &uuml;berlassen haben. Seitdem
+Wanda Orbin nicht mehr in Berlin war, schien zwar
+auch den Nur-Ja-Sagerinnen der Mund ge&ouml;ffnet zu
+sein, aber was sie vorbrachten, das drehte sich meist
+um die kleinlichsten Dinge. Derselbe Zank, derselbe
+Neid, der mir die b&uuml;rgerliche Frauenbewegung verg&auml;llt
+hatte, fand sich auch hier, nur da&szlig; er sich in gr&ouml;beren
+Formen &auml;u&szlig;erte. Ich w&auml;re bitter entt&auml;uscht gewesen,
+wenn ich nicht allm&auml;hlich Einblicke gewonnen h&auml;tte, die
+mir die Dinge in anderem Licht erscheinen lie&szlig;en.</p>
+
+<p>Ich lernte das Leben dieser Frauen kennen. Da war
+eine, die tagaus, tagein in dieselbe elende Zwischenmeisterwerkstatt
+ging, um, wenn sie todm&uuml;de heimkam, von dem
+betrunkenen Mann mit Schl&auml;gen oder zudringlichen
+Z&auml;rtlichkeiten empfangen zu werden; &mdash; sollte sie nicht
+verbittert sein? Da war eine andere, die, obwohl sie
+einen braven Gatten hatte, auf ihre alten Tage in die
+Fabrik zur&uuml;ckgekehrt war, weil sie nur auf diese Weise
+ihrem kranken Sohn den Besuch eines Sanatoriums
+erm&ouml;glichen konnte; &mdash; sollte sie die gl&uuml;cklicheren M&uuml;tter
+nicht beneiden, die die Gesundheit ihrer Kinder nicht so
+<a name="Page_214" id="Page_214"></a>schwer erkaufen mu&szlig;ten? Und ein verbl&uuml;htes M&auml;dchen
+war zwischen uns, die ihrer gel&auml;hmten Mutter ihre ganze
+Jugend hatte opfern m&uuml;ssen, &mdash; war's nicht begreiflich,
+da&szlig; etwas wie Ha&szlig; in ihren Augen aufblitzte, wenn
+ich sprach?</p>
+
+<p>Einmal besuchte ich die kleine dicke Frau Wengs; sie
+war vor drei Tagen ihres siebenten Kindes genesen, und
+ich fand sie schon wieder hinter dem Waschfa&szlig;. War
+es erstaunlich, da&szlig; sie reizbar war? All diese Frauen
+standen in harter Arbeitsfron; war es nicht viel merkw&uuml;rdiger,
+da&szlig; sie sich dabei die Kraft, den Opfermut,
+die Begeisterungsf&auml;higkeit erhalten hatten, die es ihnen
+m&ouml;glich machte, ihre sp&auml;rliche Freizeit, ihre ihnen so
+bitter n&ouml;tige Nachtruhe dem Dienst der Partei zu widmen?
+Sie leisteten das &auml;u&szlig;erste, was sie leisten konnten; es
+war nicht ihre Schuld, da&szlig; es trotzdem so wenig war.</p>
+
+<p>Ich gr&uuml;belte lange nach, wie hier zu helfen w&auml;re.
+Mein alter Plan eines Zentralausschusses f&uuml;r Frauenarbeit
+tauchte wieder auf. Wenn man mit Hilfe der
+Partei solch einen Mittelpunkt schaffen, die begabtesten
+der Frauen dabei besch&auml;ftigen, von ihrer Erwerbsarbeit
+dadurch befreien k&ouml;nnte? Frau Wengs war nach dem
+Parteitag zur &raquo;Vertrauensperson f&uuml;r ganz Deutschland&laquo;
+gew&auml;hlt worden. War es nicht wie ein Hohn auf die
+Frauenbewegung, da&szlig; sie, die kaum Zeit hatte, eine
+Zeitung zu lesen, f&uuml;r die das Schreiben eines Briefes
+eine fast un&uuml;berwindliche Aufgabe war, an ihrer Spitze
+stehen sollte? Man hatte mir freilich erz&auml;hlt, Wanda
+Orbin habe ihre Wahl unterst&uuml;tzt, um die Leitung um
+so sicherer in der eigenen Hand zu behalten, Wanda
+Orbin, die uns so fern war, deren unzureichende Kennt<a name="Page_215" id="Page_215"></a>nis
+der Verh&auml;ltnisse schon daraus hervorging, da&szlig; sie
+ihre Zeitschrift in einem Tone schrieb, der einen hohen
+Grad von Wissen bei dem Leser voraussetzte. Ja, wenn
+sie in Berlin w&auml;re, wenn sie offiziell die F&uuml;hrung in
+die H&auml;nde bek&auml;me, wenn die Gestaltung der &#8250;Freiheit&#8249;
+dem Einflu&szlig; der Genossinnen zug&auml;nglich gemacht werden
+k&ouml;nnte! Schon damit, so schien mir, w&auml;re viel geholfen.
+Ich schrieb ihr in diesem Sinne, ich fragte sie, ob sie
+kommen w&uuml;rde, wenn man die Anstellung einer weiblichen
+Parteisekret&auml;rin durchgesetzt h&auml;tte. Sie antwortete
+ausweichend: es fessele sie vieles, vor allem die Erziehung
+ihrer S&ouml;hne in Stuttgart. Ich gab die Sache noch
+nicht verloren. Ich legte meinen Plan der Schaffung
+eines Sekretariats f&uuml;r die Frauenbewegung den Genossinnen
+vor, ich entwickelte ihn in einem l&auml;ngeren
+Artikel in der &#8250;Freiheit&#8249; und h&uuml;tete mich zun&auml;chst,
+Wanda Orbins Namen zu nennen, da ich wu&szlig;te, da&szlig;
+auch sie Gegnerinnen hatte. Die Wirkung war verbl&uuml;ffend:
+die Frauen gerieten in eine Aufregung, die in
+keinem Verh&auml;ltnis zur Sache zu stehen schien. Man
+fand es ungeheuerlich, da&szlig; ich, die ich noch nichts, aber
+auch rein gar nichts geleistet h&auml;tte, mir herausgenommen
+habe, an der Arbeiterinnenbewegung Kritik zu &uuml;ben;
+man bek&auml;mpfte meinen Plan durch Wort und Schrift,
+als bedeute er eine Gefahr f&uuml;r die Partei. Bei der
+Abstimmung erhob sich keine Hand f&uuml;r ihn. Ich erfuhr
+erst allm&auml;hlich die wahre Ursache dieser w&uuml;tenden Gegnerschaft:
+die Frauen hatten angenommen, da&szlig; ich f&uuml;r mich
+selbst eine eintr&auml;gliche Stellung schaffen wolle. Und
+Wanda Orbin hatte sie offenbar in diesem Glauben gelassen.
+Es gab Momente, in denen diese Erfahrung
+<a name="Page_216" id="Page_216"></a>mir wehe tat, &mdash; trotz aller M&uuml;he, &uuml;berall nur das
+Gute zu sehen. Und die Entr&uuml;stung meines Mannes,
+der jeden Nadelstich, der mich traf, wie einen Dolchsto&szlig;
+empfand, trug nicht dazu bei, mich zu beruhigen.</p>
+
+<p>Aber die &ouml;ffentlichen Ereignisse sorgten daf&uuml;r, Gedanken
+und Interessen auf wichtigere Dinge zu lenken, und die
+Verstimmung zwischen mir und den Genossinnen in einm&uuml;tige
+Kampflust gegen die Feinde, die unsere Sache
+von au&szlig;en bedrohten, zu verwandeln.</p>
+
+<p>Hatten die Parlamentsreden der Herren der Rechten,
+vom Geiste Stumms beherrscht, schon kriegerisch genug
+geklungen, so k&uuml;ndigten die kaiserlichen Worte auf dem
+brandenburger Provinzial-Landtag Kampf bis aufs
+Messer an: &raquo;Die Aufgabe, die uns allen aufgeb&uuml;rdet
+ist, die wir verpflichtet sind zu &uuml;bernehmen, ist der Kampf
+gegen den Umsturz mit allen Mitteln... Ich werde
+mich freuen, in diesem Gefecht jedes Mannes Hand in
+der meinen zu sehen, er sei edel oder unfrei,&laquo; hie&szlig; es
+darin, und zum Schlu&szlig;: &raquo;Wir werden nicht nachlassen,
+um unser Land von dieser Pest zu befreien, die nicht
+nur unser Volk durchseucht, sondern auch das Heiligste,
+was wir Deutsche kennen, die Stellung der Frau, zu
+ersch&uuml;ttern trachtet.&laquo;</p>
+
+<p>Kein Zweifel: ein Gewitter stand bevor, das unsere
+Saaten bedrohte; dem Blitz, der die Situation grell
+beleuchtet hatte, folgte der Donner und der prasselnde
+Regen in Gestalt einer Vereinsgesetznovelle, die
+dem reaktion&auml;ren preu&szlig;ischen Landtag zur Entscheidung
+vorlag und nichts anderes bedeutete, als eine
+Knebelung des Koalitionsrechts, eine Auslieferung unserer
+Organisationen an die Willk&uuml;r der Polizei. Da war
+<a name="Page_217" id="Page_217"></a>niemand unter uns, dem nicht das Herz st&uuml;rmisch geschlagen
+h&auml;tte, &mdash; vor Emp&ouml;rung &uuml;ber das drohende Unrecht,
+vor Freude &uuml;ber den aufgezwungenen Kampf. Es
+gab keinen kleinlichen Zank mehr; man dr&auml;ngte sich zur
+Arbeit und &uuml;bernahm auch die geringf&uuml;gigste mit dem
+Pflichtbewu&szlig;tsein des Soldaten, der seinen Posten bezieht.
+Ich konnte der vorgeschrittenen Schwangerschaft
+wegen nur mit der Feder t&auml;tig sein, und Zorn und
+Begeisterung f&uuml;hrte sie. Ich sah eine Zeit nahe bevorstehen,
+wo die besten Elemente des B&uuml;rgertums, wo vor
+allem die Vertreter der freien Wissenschaft, vor die Wahl
+gestellt zwischen der Reaktion und dem Proletariat, sich
+auf die Seite der Arbeiter stellen m&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>&raquo;Du prophezeist trotz einem Bebel,&laquo; lachte mein Mann,
+wenn ich mich fortrei&szlig;en lie&szlig;, alles zu sagen, was ich
+ertr&auml;umte, und dann erinnerte er mich an jene anderen
+Kaiserreden, die den Dreizack des Meergottes f&uuml;r die
+deutsche Faust verlangten, und den Beifall derselben
+M&auml;nner fanden, auf die ich rechnete. Aber ich h&ouml;rte
+nicht darauf, ich wollte nicht h&ouml;ren.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die F&auml;higkeit, Dunkles zu sehen, war meinem
+inneren Auge mehr und mehr abhanden
+gekommen. Wo immer ich den Blick hinwandte:
+&uuml;berall war es hell, &uuml;berall strahlte die
+Welt voll Fr&uuml;hlingsahnen. Und als es drau&szlig;en in
+den G&auml;rten und auf den Pl&auml;tzen wirklich zu bl&uuml;hen
+begann, da schien mir's, als w&auml;re dies der erste Lenz,
+den ich erlebte. Ich sa&szlig; in der Sonne auf dem Balkon
+und sah staunend, wie aus den braunen saftig gl&auml;nzen<a name="Page_218" id="Page_218"></a>den
+Knospen auf den Kastanienb&auml;umen kleine zartgr&uuml;ne
+Bl&auml;tter leise ans Licht strebten. Ich ging am Arm des
+Geliebten durch den Tiergarten, den ein starker w&uuml;rziger
+Erdgeruch erf&uuml;llte, und stand vor dem Wunder still, das
+in Hunderten bunter Fr&uuml;hlingsblumen aus dem Rasenteppich
+emporwuchs. Und die Sonne schien so mild
+und warm, &mdash; wenn sie meine Wange traf, war mir,
+als streichle sie mich. In der Nacht lag ich oft stundenlang
+wach; ich war nicht m&uuml;de. Regte sich dann in
+meinem Scho&szlig; das junge Leben, so str&ouml;mte es mir durch
+die Glieder wie Feuer.</p>
+
+<p>Fr&uuml;hzeitig war alles zu seinem Empfang bereit. Oft,
+wenn niemand es merkte, schlo&szlig; ich mich ein in dem
+hellen Zimmer, wo alles seiner wartete, und kniete vor
+dem kleinen Bettchen, und vergrub meine hei&szlig;en Wangen
+in seinen k&uuml;hlen Kissen.</p>
+
+<p>Einmal, als ich mit Heinrich am Ufer entlang heimw&auml;rts
+ging, an der Bucht vorbei, wo die Weiden ihre
+gr&uuml;nen Schleier tief bis zum Wasser hinuntergleiten
+lassen, kam uns ein alter grauhaariger Mann entgegen.
+Ich h&ouml;rte zuerst nur seinen schleppenden Schritt, denn
+die Abendsonne, die im Westen vergl&uuml;hte, blendete mich.
+Aber ich wu&szlig;te: das war mein Vater. Meine Knie
+zitterten. Und schon war er vorbei. Er schien in Gedanken
+verloren und hatte uns wohl nicht erkannt. Ich
+wandte den Kopf nach ihm, &mdash; da stand er wie angewurzelt
+und starrte mich an, so voll Z&auml;rtlichkeit&nbsp;&mdash;!
+Ich w&auml;re ihm fast zu F&uuml;&szlig;en gest&uuml;rzt, aber er machte
+eine rasche, abwehrende Bewegung und ging weiter.
+An dem Abend weinte ich. Und ich hatte doch mein
+Kind vor allem Kummer sch&uuml;tzen wollen!</p>
+
+<p><a name="Page_219" id="Page_219"></a>Wenige Tage sp&auml;ter waren wir wieder zur gew&ouml;hnlichen
+Zeit fort gewesen. Mit geheimnisvollem L&auml;cheln
+&ouml;ffnete mir das M&auml;dchen die T&uuml;r, als ich heimkam.
+Ins Kinderzimmer sollt' ich kommen, sagte sie. Da
+brannte die Lampe unter dem Rosenschleier und auf
+dem wei&szlig;en Tisch lagen lauter spitzenbesetzte Hemdchen
+und J&auml;ckchen, und kleine Schuhe und Steckkissen, und
+lange Tragekleidchen; durch die blauen B&auml;nder, die sie
+zusammenhielten, waren Str&auml;u&szlig;e duftender Maiblumen
+gezogen. &raquo;Das gn&auml;dige Fr&auml;ulein brachte alles selbst,&laquo;
+berichtete l&auml;chelnd das M&auml;dchen und &uuml;bergab mir einen
+Brief von Mama:</p>
+
+<p>&raquo;Mein liebes Kind! Das alles schickt Dir Dein
+Vater. Er hat mir und Deiner Schwester erlaubt, zu
+Dir zu gehen, und Dir seine Gr&uuml;&szlig;e zu bringen. Schreibe
+mir, wann wir Dich besuchen k&ouml;nnen,&laquo; schrieb sie. Bald
+darauf kam sie selbst. Ich hatte vor Erregung eine
+b&ouml;se Nacht gehabt und empfing sie auf dem Diwan
+liegend. Sie aber war so ruhig, so teilnahmsvoll, als
+l&auml;ge h&ouml;chstens eine Reise zwischen ihrem ersten Besuch
+und heute. Drohte eine verlegene Pause, so half das
+Geplauder Ilschens dar&uuml;ber hinweg, die mir von ihren
+ersten Ballfreuden und ihren Triumphen nicht genug
+erz&auml;hlen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie geht es dem Vater?&laquo; fragte ich schlie&szlig;lich
+zaghaft, da sie zu vermeiden schienen, seiner Erw&auml;hnung
+zu tun. &raquo;Er ist recht alt geworden,&laquo; antwortete
+Mama langsam. &raquo;Aber noch so r&uuml;stig,&laquo; fiel
+die Schwester ein, und berichtete zum Beweis daf&uuml;r
+von den Diners und den B&auml;llen, zu denen er sie begleitet
+hatte. Sie nannte Namen, die ich nicht kannte,
+<a name="Page_220" id="Page_220"></a>und erw&auml;hnte Gesellschaftskreise, die er fr&uuml;her auf das
+peinlichste gemieden hatte: Tiergartensalons, in denen,
+wie er zu sagen pflegte, der j&uuml;ngere Offizier nur als
+Mitgiftj&auml;ger, der alte nur als Tafeldekoration auftritt.
+Ich f&uuml;hlte jetzt: er mu&szlig;te sehr alt geworden sein.</p>
+
+<p>Ehe sie gingen, bat ich Ilschen, nun aber recht oft
+zu mir zu kommen. Sie sah, statt zu antworten, &auml;ngstlich
+fragend auf Mama. &raquo;Allein darf sie euch nicht
+besuchen,&laquo; sagte diese mit dem alten harten Ton in der
+Stimme, w&auml;hrend sich tiefe Falten um ihre Mundwinkel
+gruben. Als sie fort waren, trat ich auf den Balkon.
+Ich hatte das Bed&uuml;rfnis, frische Luft zu sch&ouml;pfen. Da
+fiel mein Blick auf die Stra&szlig;e: mit kleinen, hastigen
+Schritten ging der Vater vor unserer Haust&uuml;r auf und
+ab, und als Ilse ihm entgegentrat, wandte er sich ihr
+mit einer raschen Bewegung zu, und ich sah, wie sie
+sprach und sprach, und wie er horchte, den Kopf ihr zugeneigt,
+als f&uuml;rchte er, auch nur ein einzig Wort zu
+verlieren. An diesem Abend mu&szlig;t' ich wieder weinen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Sommer kam. Ich schleppte mich nur
+noch m&uuml;hsam die hohen Treppen herauf und
+hinunter. Ich z&auml;hlte nicht mehr nach Wochen,
+sondern nach Tagen. Meine Zimmer standen voll Junirosen.</p>
+
+<p>Ich war noch einmal mit den Kindern in die Stadt
+gegangen, um zu besorgen, was ihnen f&uuml;r die Ferienreise
+zu ihrer Mutter noch fehlte. Als ich daheim die
+Sachen in den Koffer legte, dunkelte es mir pl&ouml;tzlich
+vor den Augen. Ein j&auml;her Schmerz zog mir den Leib
+<a name="Page_221" id="Page_221"></a>zusammen. Ich schlich ins Wohnzimmer und fiel
+meinem Mann, der erschrocken vom Schreibtisch aufgesprungen
+war, in die Arme. &raquo;Nun ist's so weit,&laquo;
+fl&uuml;sterte ich und sah ihn gl&uuml;ckselig an. Er schickte zu
+meiner &Auml;rztin. Ich aber sa&szlig; still im Lehnstuhl und
+spottete seiner &Auml;ngstlichkeit. Wie h&auml;tte ich mich auch
+nur einen Augenblick lang f&uuml;rchten k&ouml;nnen! Wenn ich
+die Augen schlo&szlig;, sah ich Gro&szlig;mamas g&uuml;tiges Antlitz
+vor mir und h&ouml;rte sie tr&ouml;stend wiederholen, was sie
+mir fr&uuml;her so oft versichert hatte: Ein Kind geb&auml;ren ist
+das leichteste von der Welt. Aber der Abend kam und
+die Nacht, &mdash; ich wartete noch immer. Und am folgenden
+Tag war ich zu schwach, um vom Bett aufzustehen,
+und in der Nacht standen zwei &Auml;rztinnen um mein
+Bett, und Heinrich wich nicht von mir. Ich allein
+sp&uuml;rte nichts von Angst; wenn ich vor Schmerzen st&ouml;hnte,
+so war mir's, als w&auml;re ich's nicht.</p>
+
+<p>Am Morgen des dritten Tages strahlte der Himmel
+in wolkenloser Pracht; von der Ged&auml;chtniskirche her&uuml;ber
+klang tiefer Glockenton, und von allen Seiten antworteten
+ihm hellere Stimmen. &raquo;Es will ein Sonntagskind
+sein,&laquo; fl&uuml;sterte ich l&auml;chelnd dem Liebsten zu, der
+neben mir sa&szlig;, und an den ich mich klammerte, wenn
+es gar zu wehe tat.</p>
+
+<p>&raquo;Und in der Johannisnacht geboren werden,&laquo; h&ouml;rte
+ich wie von ferne sagen. M&uuml;de sank ich in die Kissen.
+Mir tr&auml;umte von den Bergen, die zum Himmelszelt
+stolz ihre wei&szlig;en H&auml;upter heben, und von gr&uuml;nen
+Matten, die sich zart und weich zu F&uuml;&szlig;en grauer Felsen
+schmiegen. Und ich sah, wie alle Spitzen zu gl&uuml;hen
+begannen, als h&auml;tten sich die Sterne auf sie her<a name="Page_222" id="Page_222"></a>niedergesenkt,
+und von allen H&uuml;geln die Flammen
+loderten. Pl&ouml;tzlich aber war mir, als st&uuml;nde ich selbst
+auf dem Scheiterhaufen, &mdash; schon z&uuml;ngelte das Feuer
+an meinem nackten K&ouml;rper empor, &mdash; ich schrie laut
+auf &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>War ich gestorben, &mdash; und darum so seliger Ruhe
+voll?! Ich schlug die Augen auf. &raquo;Heinz!&laquo; kam es
+ganz, ganz leise von meinen Lippen. Ich tastete mit
+den H&auml;nden auf dem Bett, &mdash; ich f&uuml;hlte seinen Kopf, &mdash; seine
+Schultern, &mdash; warum bebten sie nur so?! Hei&szlig;e
+Augen, die durch Tr&auml;nen leuchteten, richteten sich auf
+mich. Von der anderen Seite &ouml;ffnete sich die T&uuml;re,
+ein breiter Strom von Licht ergo&szlig; sich in das dunkel
+verhangene Zimmer, auf der Schwelle stand eine Frau,
+ein wei&szlig;es B&uuml;ndelchen auf den Armen. &raquo;Mein Kind&nbsp;&mdash;!&laquo;
+rief ich. &raquo;Unser Sohn!&laquo; antwortete Heinrich und legte
+ihn mir an die Brust. Ehrf&uuml;rchtig ber&uuml;hrten meine
+Lippen die von wirren L&ouml;ckchen dunkel umrahmte Stirn.
+Und zwei gro&szlig;e blaue Augen, in denen des Werdens
+tiefes Geheimnis noch zu schlafen schien, blickten mich an.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_223" id="Page_223"></a></p>
+<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Drei Monate sp&auml;ter sa&szlig; ich an unserem Schreibtisch,
+in einen Artikel vertieft, den ich Wanda
+Orbin versprochen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Fast schien es, als sollte der Z&uuml;richer Arbeiterschutz-Kongre&szlig;
+den Beweis erbringen, da&szlig; die Anh&auml;nger
+der verschiedensten politischen und religi&ouml;sen
+Weltanschauungen auf dem Gebiete praktischer Sozialreform
+zu gemeinsamen Resultaten gelangen k&ouml;nnten.
+Die Fragen der Kinder- und der Sonntagsarbeit
+riefen keinerlei tiefere Differenzen hervor. Nur hie
+und da fiel ein Wort, das wie Wetterleuchten die
+Abgr&uuml;nde erhellte, die tats&auml;chlich zwischen den Rednern
+auseinanderklafften. Aber erst die Frage der Frauenarbeit
+vollzog schlie&szlig;lich die Trennung der Geister. Schon
+in der vorbereitenden Sektion kam es zu hitzigen Debatten:
+auf der einen Seite standen die katholischen
+Sozialreformer Belgiens und &Ouml;sterreichs, unter ihnen
+M&auml;nner in langem Priesterrock und brauner M&ouml;nchskutte,
+auf der anderen die F&uuml;hrer der internationalen
+Sozialdemokratie, die Bebel und Liebknecht, die Vandervelde
+und Geier an ihrer Spitze. Und als wir uns
+am n&auml;chsten Morgen in dem hohen Saal der Tonhalle
+wieder versammelten &mdash; einem Saal, der nur f&uuml;r Festes<a name="Page_224" id="Page_224"></a>freude
+geschaffen schien, &mdash; und der blaue See und die
+wei&szlig;en Berge durch die breiten Fenster zu uns hereinstrahlten,
+ein Bild gl&uuml;cklichen Friedens, da wu&szlig;ten
+wir: heute kommt es zur Schlacht. Die Trib&uuml;nen
+waren &uuml;berf&uuml;llt: die ganze studierende Jugend Z&uuml;richs
+dr&auml;ngte sich dort oben zusammen. Erwartungsvolle Erregung
+brannte auf ihren Wangen. Und unten sammelten
+sich die Delegierten um ihre Tische: die Luft
+schien zu vibrieren unter dem Einflu&szlig; all der klopfenden
+Pulse, all der kampfhei&szlig;en Blicke. Der katholische
+Demokrat Carton de Wiart trat hinter das Rednerpult
+zur Verteidigung seines Antrags: Verbot der gro&szlig;industriellen
+Frauenarbeit. Mit tiefem Glockenklang erf&uuml;llte
+seine sch&ouml;ne Stimme den Riesenraum und steigerte
+sich zum tragischen Pathos, wenn sie die zerst&ouml;renden
+Folgen der Frauenarbeit schilderte: &#8250;Der S&auml;ugling verkommt
+in Hunger und Schmutz, die heranwachsenden
+Kinder werden ein Opfer der Stra&szlig;e; vom erloschenen
+Herdfeuer flieht der Mann und sucht Trost und W&auml;rme
+im Trunk ...&#8249; Er malte nicht zu schwarz, und auch
+aus den Reihen der Gegner h&auml;tte ihm niemand widersprechen
+k&ouml;nnen. Aber w&auml;hrend die tats&auml;chlichen Zust&auml;nde
+ihm und seinen Gesinnungsgenossen als eine beklagenswerte
+Verirrung der Menschheit erschienen, die
+durch ein gebieterisches &#8250;Zur&uuml;ck!&#8249; von dem alten kleinb&uuml;rgerlichen
+Familienleben wieder abgel&ouml;st werden
+k&ouml;nnten, sahen die Sozialdemokraten in ihnen eine notwendige
+Begleiterscheinung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung,
+die nur durch ein &#8250;Vorw&auml;rts!&#8249; zum Sozialismus
+zu &uuml;berwinden ist. &#8250;Auch wir sind f&uuml;r die
+Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit, f&uuml;r gesetzlichen Mutterschutz,
+<a name="Page_225" id="Page_225"></a>f&uuml;r Verbot der Frauenarbeit in gesundheitssch&auml;dlichen
+Betrieben,&#8249; erwiderte Frau Alix Brandt dem Redner;
+&#8250;aber f&uuml;r ein Verbot der Frauenarbeit &uuml;berhaupt sind
+wir nicht. Denn nicht jenes idyllische Bild gl&uuml;cklichen
+Familienlebens, das Herr de Wiart in so leuchtenden
+Farben malte, w&uuml;rde seine Folge sein, sondern eine
+noch gr&ouml;&szlig;ere Zerst&ouml;rung der Familie, eine noch gef&auml;hrlichere
+Untergrabung weiblicher Kraft. Weder Laune
+noch Neigung treibt die Frauen in Scharen in die
+Fabriken, sondern Not. Schlie&szlig;t ihnen deren Tore, und
+dieselbe Not wird sie in das Elend der Heimarbeit
+treiben, wo schrankenlos die Ausbeutung herrscht, wird
+sie demjenigen Frauenberuf zuf&uuml;hren, vor dem weder
+die christliche Sittlichkeit des Staates, noch die Ritterlichkeit
+der M&auml;nner das weibliche Geschlecht jemals geh&uuml;tet
+haben: der Prostitution.&#8249; Und in einer Rede voll
+hinrei&szlig;ender Leidenschaft verteidigte Frau Wanda Orbin
+die Berufsarbeit der Frau als die Grundlage ihrer
+sozialen Befreiung: &#8250;Die Arbeit ist ihre Menschwerdung.
+Was sie auf der einen Seite zerst&ouml;rt, baut sie auf der
+anderen wieder auf f&uuml;r die sittliche und geistige Einheit
+von Mann und Frau. Aus den Konflikten zwischen
+Beruf und Haus erwachsen dem Weibe zwar die gr&ouml;&szlig;ten
+Schmerzen, aber auch die gr&ouml;&szlig;te Kraft. Nicht nur,
+weil ein Verbot der Frauenarbeit heute die Not steigern
+w&uuml;rde, wie meine Vorrednerin Ihnen auseinandersetzte,
+stimmen wir geschlossen gegen den Antrag Wiart, sondern
+weil wir Frauen die Arbeit wollen um unserer
+Selbstbefreiung willen, um einer k&uuml;nftigen Neugestaltung
+der Ehe und der Familie willen, die die &ouml;konomische
+Unabh&auml;ngigkeit des Weibes zur Voraussetzung
+<a name="Page_226" id="Page_226"></a>hat.&#8249; Minutenlang umbrauste der Jubel aus dem Saal
+hinauf, von den Trib&uuml;nen herab die Rednerin. Und
+als die Baronin Vogelsang, eine zarte, schlichte Frauengestalt,
+sie abl&ouml;ste, &mdash; mit niedergeschlagenen Augen
+und leise zitternden H&auml;nden, ungewohnt des &ouml;ffentlichen
+Auftretens, &mdash; erschien sie wie die Personifizierung
+jener fernen versunkenen Welt, die sie mit leisen, weichen
+Worten, mit einem Appell an das Gef&uuml;hl wieder glaubte
+heraufbeschw&ouml;ren zu k&ouml;nnen: &#8250;Um der Kinder willen,
+denen die Industrie die M&uuml;tter raubt, nehmen Sie den
+Antrag an&nbsp;&mdash;;&#8249; ihre erhobenen Blicke flehten und r&uuml;hrten
+manch einem ans Herz, so da&szlig; die rauhe Wahrheit, die
+der Verstand erkennt, hinter den weichen Schleiern, die
+die Empfindung webt, zu verschwinden drohte ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich legte die Feder aus der Hand und seufzte tief
+auf. Seit meines Kindes Geburt waren die Probleme
+der Frauenbefreiung f&uuml;r mich keine blo&szlig;en Theorien
+mehr. Sie schnitten in mein eigenes Fleisch, &mdash; und
+ich war keine Industriearbeiterin, &mdash; ich brauchte nicht
+von fr&uuml;h bis sp&auml;t in der Fabrik zu schuften, fern meinem
+Liebling. Mir grauste, wenn ich daran dachte, da&szlig; so
+etwas m&ouml;glich, ja notwendig sein konnte. Es gab
+Augenblicke, in denen meine &Uuml;berzeugungen auf t&ouml;nernen
+F&uuml;&szlig;en zu stehen schienen.</p>
+
+<p>Schon die Reise nach Z&uuml;rich war mir schwer genug
+geworden, obwohl ich mein Kind in bester Obhut zur&uuml;ckgelassen
+hatte. Meine Phantasie malte sich t&auml;glich neue
+Schrecken aus, die ihm zusto&szlig;en konnten. Und wie viele
+Stunden des Tages mu&szlig;te ich jetzt fern von ihm sein!
+Wie oft sprang ich vom Schreibtisch auf und sah
+sehns&uuml;chtig auf den sonnigen Platz hinunter, wo es, in
+<a name="Page_227" id="Page_227"></a>seinen wei&szlig;en Wagen gebettet, auf- und niedergefahren
+wurde. Wie viele Blicke aus seinen blauen Augen,
+wieviel kr&auml;hendes Babylachen von seinem roten M&uuml;ndchen
+gingen mir verloren! Und abends, und nachts: wie
+oft mu&szlig;te ich, statt an seinem Bettchen zu sitzen, in
+Versammlungen sprechen, an Partei-Zusammenk&uuml;nften
+teilnehmen.</p>
+
+<p>Manche meiner Genossinnen kamen aus der Werkstatt
+und der Fabrik, auch sie hatten kleine Kinder zu Hause
+und kein Dienstm&auml;dchen, um sie zu h&uuml;ten; &mdash; meine Bewunderung
+f&uuml;r sie stieg und zugleich mein Verst&auml;ndnis
+f&uuml;r all die Bitterkeit, den Ha&szlig; und das Mi&szlig;trauen,
+das sich in ihnen angesammelt hatte. Kann ein Weib
+der Welt, die den Kindern die Mutter entrei&szlig;t, mit
+anderen Empfindungen gegen&uuml;bertreten? Und doch hatte
+ich mich in Z&uuml;rich mit aller Leidenschaft daf&uuml;r eingesetzt,
+die weibliche Berufsarbeit &mdash; auch die der M&uuml;tter &mdash; zu
+erhalten? Ich zerri&szlig; den halbfertigen Artikel wieder und
+schrieb an Wanda Orbin ein paar entschuldigende Worte.
+Ich konnte nicht mehr &uuml;ber eine Frage sprechen, ich
+war au&szlig;er stande, den Lesern fix und fertige Ansichten
+aufzutischen, seitdem sie mir zur pers&ouml;nlichen Angelegenheit
+geworden war, und ich ihr f&uuml;r mich selbst die Antwort
+noch schuldig bleiben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Mein Mann kam nach Hause. &raquo;Bist du schon fertig?&laquo;
+fragte er mit einem verwunderten Blick auf den
+Schreibtisch, dessen Aussehen keine Arbeit mehr verriet.
+Ich erkl&auml;rte ihm die Situation, obwohl ich von vorn
+herein wu&szlig;te, da&szlig; ihm das volle Verst&auml;ndnis daf&uuml;r
+fehlen w&uuml;rde. Er hatte schon oft nachsichtig, wie &uuml;ber
+eine kindliche Torheit gel&auml;chelt, wenn ich den Konflikt
+<a name="Page_228" id="Page_228"></a>ber&uuml;hrte, in dem ich mich befand; er war sogar
+hie und da heftig geworden, hatte mich f&uuml;r sentimental,
+f&uuml;r &uuml;ber&auml;ngstlich erkl&auml;rt, wenn ich die Trennung von
+meinem Kinde, die meine Berufs- und Parteipflichten
+mir auferlegte, so schwer nahm. Auch heute sch&uuml;ttelte
+er den Kopf und unterdr&uuml;ckte sichtlich eine Antwort,
+weil er mich nicht verletzen wollte. &raquo;Ich glaube, wir
+haben Grenzpf&auml;hle ber&uuml;hrt, die das Reich des Weibes
+von dem des Mannes trennen,&laquo; sagte ich nachdenklich.
+&raquo;Wir sind nicht imstande, wie Ihr, alle Probleme in
+k&uuml;hler Objektivit&auml;t zu l&ouml;sen, &mdash; wie eine mathematische
+Aufgabe.&laquo;</p>
+
+<p>Gegen Abend besuchte uns Romberg. Wir waren
+rasch mitten in lebhaftester Debatte. Das Fernbleiben
+aller jungen sozialpolitischen Professoren vom Z&uuml;richer
+Arbeiterschutz-Kongre&szlig; hatte wie eine gemeinsame Demonstration
+gewirkt und war mir um so peinlicher aufgefallen,
+als es im Gegensatz nicht nur zu meinen
+gro&szlig;en Hoffnungen, sondern auch im Gegensatz zu ihren
+eigenen W&uuml;nschen und &Auml;u&szlig;erungen gestanden hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Waren Sie nicht derjenige, der es stets bedauerte,
+da&szlig; Gelehrte und Arbeiter nicht einmal auf dem Gebiet
+der Sozialpolitik sich begegnen und miteinander beraten
+k&ouml;nnten?&laquo; fragte mein Mann. &raquo;Und nun bot sich
+Ihnen endlich die Gelegenheit, und Sie ergriffen sie
+nicht!&laquo; Romberg bi&szlig; sich in die Lippen, wie immer,
+wenn er um eine Antwort verlegen war.</p>
+
+<p>&raquo;Die Zeit war ungl&uuml;cklich gew&auml;hlt,&laquo; meinte er schlie&szlig;lich z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>&raquo;Warum sagen Sie nicht lieber gleich, was die linksliberale
+Presse zu ihrer Rechtfertigung feierlich erkl&auml;rte,<a name="Page_229" id="Page_229"></a>&laquo;
+rief ich emp&ouml;rt, &raquo;da&szlig; die starke Beteiligung unserer
+Partei den Kongre&szlig; von vorn herein zu einem sozialdemokratischen
+gestempelt habe und preu&szlig;ische Professoren
+daher nicht hingeh&ouml;rten!&laquo;</p>
+
+<p>Er unterbrach mich: &raquo;Sie wissen genau, da&szlig; der
+Vorwurf eines Mangels an Mut mich nicht treffen
+kann!&laquo; Ich dachte an das rote Buch und lenkte ein.
+Aber die gegenseitige Verstimmung wich erst allm&auml;hlich
+dem Interesse am Gegenstand unseres Gespr&auml;chs.</p>
+
+<p>&raquo;Die blutige Wanda hat, wie ich gelesen habe, in
+Z&uuml;rich auch die Frauenfrage gel&ouml;st,&laquo; sagte Romberg mit
+einem sarkastischen L&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Ich f&uuml;rchte, jede &#8250;L&ouml;sung&#8249; ist nur der Ausgangspunkt
+neuer Probleme,&laquo; erwiderte ich.</p>
+
+<p>Romberg warf mir einen &uuml;berraschten Blick zu:
+&raquo;Wie, &mdash; auch Sie beginnen, an der Unfehlbarkeit
+Ihrer P&auml;pste zu zweifeln?! Das wird ja immer
+besser: Sch&ouml;nlank putzt den alten Liebknecht herunter
+wie einen Schulbuben und weist ihm nach, da&szlig; die
+Verelendungstheorie angesichts der gestiegenen Lebenshaltung
+der Arbeiter zum alten Eisen geworfen werden
+mu&szlig; wie das eherne Lohngesetz seligen Angedenkens;
+Bebel tritt f&uuml;r die Beteiligung an den Landtagswahlen
+ein, was ein Preisgeben eines mit aller Lungenkraft
+verteidigten Prinzipes ist, und Alix Brandt wird
+zur Antifeministin &mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihre Zusammenstellung eine Berechtigung hat,
+so ist es die, da&szlig; meine Zweifel ebensowenig zum Antifeminismus
+f&uuml;hren, wie Sch&ouml;nlanks oder Bebels Negationen
+veralteter Anschauungen zum Antisozialismus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also auch hier nur eine Revision des Programmes?&laquo;</p>
+<p><a name="Page_230" id="Page_230"></a></p>
+<p>&raquo;Auf Grund der Revision der Erfahrungen, die wir
+durchgemacht haben, &mdash; gewi&szlig;! &Uuml;brigens fehlt es ja
+der Frauenbewegung noch an jedem Programm, weil
+es ihren Problemen an der wissenschaftlichen Formulierung
+fehlt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;re eine Aufgabe, die Sie l&ouml;sen m&uuml;&szlig;ten,&laquo;
+meinte Romberg lebhaft.</p>
+
+<p>&raquo;Damit w&uuml;rdest du dir und anderen zur Klarheit
+verhelfen&nbsp;&mdash;,&laquo; f&uuml;gte Heinrich rasch hinzu, &raquo;ein Buch
+&uuml;ber die Frauenfrage, das von einer Darstellung der
+tats&auml;chlichen Verh&auml;ltnisse ausgehen m&uuml;&szlig;te, das die wirtschaftliche,
+die soziale und die rechtliche Lage der Frauen
+zu behandeln h&auml;tte, ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In Ihnen regt sich doch sofort der Redakteur,&laquo; unterbrach
+ihn Romberg. &raquo;Die vage angedeutete Idee ist
+unter Ihren H&auml;nden zur Disposition eines ganzen Werkes
+geworden.&laquo;</p>
+
+<p>Das Herz klopfte mir vor Erregung. Der Gedanke
+an diese Arbeit packte mich gerade durch seine Selbstverst&auml;ndlichkeit.
+Ein zusammenfassendes, grundlegendes
+Werk der Art gab es noch nicht. Es fehlte nicht nur
+mir, es fehlte der ganzen Bewegung, die auch darum
+so unsicher hin- und hertastete.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe, f&uuml;rchte ich, die n&ouml;tigen Vorkenntnisse nicht,&laquo;
+meinte ich schlie&szlig;lich zaghaft.</p>
+
+<p>&raquo;Daf&uuml;r haben Sie ja einen National&ouml;konomen zum
+Mann,&laquo; antwortete Romberg.</p>
+
+<p>W&auml;hrend des Abends, den wir im Theater verbrachten,
+dachte ich nur an den Plan der Arbeit, die ich entschlossen
+war auszuf&uuml;hren. Erst auf Rombergs wiederholtes:
+&raquo;Sehen Sie nur!&laquo; sah ich mich um. In der<a name="Page_231" id="Page_231"></a>
+Reihe vor uns erschienen zwei seidenrauschende Damen
+mit goldroten Haaren, feuchtschimmernden Augen und
+unnat&uuml;rlich gl&uuml;henden Lippen. &raquo;Wird f&uuml;r diese in
+Ihrem Zukunftsstaat kein Platz sein?&laquo; fl&uuml;sterte Romberg.
+&raquo;Ich hoffe nicht!&laquo; sagte ich. &raquo;Schade!&laquo; antwortete er
+l&auml;chelnd. In der Bewunderung f&uuml;r derlei Erscheinungen
+ist er wie ein Onkel aus der Provinz, dachte ich &auml;rgerlich.
+Als wir aber nachher, seiner Gewohnheit gem&auml;&szlig;,
+die die Nacht gern zum Tage machte, noch lange bei
+uns zusammensa&szlig;en, kam er auf die Begegnung zur&uuml;ck:
+&raquo;K&ouml;nnen Sie sich wirklich eine Welt als w&uuml;nschenswert
+vorstellen, in der alle Frauen Berufsphilister werden,
+wie es heut schon alle M&auml;nner sind; in der sie keine
+Zeit mehr haben, ihre Sch&ouml;nheit zu pflegen, kurz, in
+der alle duftenden Luxusg&auml;rten in Kartoffelfelder verwandelt
+werden?&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde solch eine Welt zerst&ouml;ren und nicht schaffen
+helfen! Aber Frauen, wie jene, auf die Sie anspielen,
+geh&ouml;ren nicht zu den duftenden Blumen, zu den an sich
+unn&uuml;tzen, aber unentbehrlichen Reizen des Lebens. Sie
+sind verdorbene Speisen f&uuml;r verdorbene Gaumen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&ouml;gen in dem Einzelfall recht haben; unumst&ouml;&szlig;lich
+aber bleibt f&uuml;r mich das Eine: nicht die Berufsarbeiterin,
+nicht die, nach Ihren Begriffen freie, emanzipierte
+Frau wird der Kultur h&ouml;chste Bl&uuml;te sein, sondern
+die <em class="antiqua">femme amante</em>.&laquo; Er sah mich kampflustig an, er
+liebte den Widerspruch und erwartete ihn; der Typus
+einer Frauenrechtlerin stand f&uuml;r ihn ein f&uuml;r allemal fest,
+und er glaubte immer wieder, ihn in mir vor sich zu
+haben.</p>
+
+<p>&raquo;Sie hoffen umsonst auf meine sittliche Emp&ouml;rung,<a name="Page_232" id="Page_232"></a>&laquo;
+spottete ich, &raquo;meine Meinung stimmt fast &uuml;berein mit
+der Ihren, nur da&szlig; ich die Existenz der <em class="antiqua">femme amante</em>
+leugne, solange nicht die wahrhaft freie Frau ihre Voraussetzung
+ist...&laquo;</p>
+
+<p>Als Romberg uns verlassen hatte, zog mein Liebster
+mich in seine Arme und fl&uuml;sterte mir ins Ohr: &raquo;H&auml;tte
+ich nicht meinem dummen Katzel widersprechen m&uuml;ssen,
+das die <em class="antiqua">femme amante</em> wegdisputieren will und selbst
+nichts anderes ist?&laquo; &raquo;Und nichts anderes sein will,&laquo;
+sagte ich leise und gab ihm seinen Ku&szlig; zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Ich lag noch lange wach und gr&uuml;belte. Ob ich
+ihm anvertrauen k&ouml;nnte, was mich bewegte? Schon in
+der kurzen Zeit meiner Ehe war mir klar geworden,
+was ich vorher nicht verstanden und darum nur verurteilt
+hatte: warum Staat und Kirche nicht die Liebe,
+sondern die Pflicht zur Grundlage der Ehe gemacht
+haben, warum nach ihnen die Zeugung, Erhaltung und
+Erziehung der Nachkommenschaft ihre Hauptaufgabe ist.
+Die Ehe kam mir vor wie eine moralische alte Jungfer,
+die der jungen unb&auml;ndigen Liebesleidenschaft durch ihre
+Predigten das Leben st&auml;ndig verg&auml;llt. Die Liebe braucht
+Festtagsstimmung, die Ehe braucht den Alltag. Vor
+jedem rauhen Luftzug, den die Ehe erzeugt, l&auml;&szlig;t die
+zarte Blume der Liebe die Bl&auml;tter h&auml;ngen. Die Liebe
+ist ein Rausch, die Ehe ist n&uuml;chtern. Lodern auf dem
+Altar der Liebe die Flammen, so sch&auml;men sich die
+Opfernden wie arme S&uuml;nder, wenn die Ehe sie
+pl&ouml;tzlich ertappt. Eins aber vor allem wurde mir
+t&auml;glich gewisser: die Liebe fordert Freiheit, die Ehe
+Abh&auml;ngigkeit. Einer mu&szlig; sich dem anderen unterordnen,
+wenn der Frieden des Hauses gewahrt sein
+<a name="Page_233" id="Page_233"></a>soll, wo aber in der Liebe Unterordnung anf&auml;ngt, flieht
+sie selbst.</p>
+
+<p>So t&uuml;rmten sich die Probleme der Frauenfrage, &mdash; meiner
+Frauenfrage. Wahrlich, es war eine gro&szlig;e
+Aufgabe, sie zu l&ouml;sen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ich st&uuml;rzte mich mit Feuereifer in die Vorstudien
+meiner Arbeit; da&szlig; sie mich ans Haus, an
+den Schreibtisch fesselte, war eine willkommene
+Begleiterscheinung.</p>
+
+<p>Als der Vortragsaufforderungen gar zu viele wurden, &mdash; und
+es blieb nicht bei blo&szlig;en Aufforderungen,
+deren Annahme oder Ablehnung der Entscheidung
+des Einzelnen &uuml;berlassen blieb, die Genossinnen verf&uuml;gten
+vielmehr ohne viel zu fragen &uuml;ber meine Arbeitskraft&nbsp;&mdash;,
+erz&auml;hlte ich von dem Buch, das ich vorbereitete,
+und das mir eine gewisse Beschr&auml;nkung auferlege. Ich
+war nicht wenig erstaunt, da&szlig; dieselben Menschen, die
+der Wissenschaft eine fast unbegrenzte Bedeutung zumessen,
+&uuml;ber meine Mitteilung die Nase r&uuml;mpften und
+sie nur als einen Vorwand ansahen, um mich von der
+Agitation zur&uuml;ckzuziehen. Je mehr ich sie zu &uuml;berzeugen
+suchte, desto weniger verstanden sie mich. &raquo;Wer so 'ne
+Erziehung jehabt hat, wie die Jenossin Brandt, f&uuml;r den
+is das Schreiben doch keen Kunstst&uuml;ck,&laquo; sagte eine von
+ihnen. &raquo;Un ieberhaupt: im Erfurter Programm steht
+haarkleen allens, wat wir wollen,&laquo; f&uuml;gte eine andere
+hinzu. &raquo;Genosse Bebels &#8250;Frau&#8249; und Genossin Orbins
+Artikel in der &#8250;Freiheit&#8249; sind als Grundlage f&uuml;r unsere
+Bewegung mehr als ausreichend,&laquo; sagte Martha Bartels
+<a name="Page_234" id="Page_234"></a>mit einer Sch&auml;rfe, die sich steigerte, je &auml;lter sie wurde.
+Ich sah ein, da&szlig; nichts zu machen war; im Grunde
+hatten die Frauen recht, wenn sie sich um ungelegte
+Eier nicht k&uuml;mmern mochten.</p>
+
+<p>Nur eine Idee erw&auml;hnte ich noch, die ich k&uuml;rzlich als
+den gesunden Kern aus der ungenie&szlig;baren Schale einer
+franz&ouml;sischen Brosch&uuml;re herausgesch&auml;lt hatte: die einer
+staatlichen Mutterschafts-Versicherung. Ich wollte ihr eine
+fest umrissene Gestalt geben und sie in den Mittelpunkt
+meines Buches stellen. Die Mutter sch&uuml;tzen, solange sie
+das Kind unter dem Herzen tr&auml;gt, sie dem Kinde erhalten,
+solange es der Pflege und Ern&auml;hrung durch sie
+bed&uuml;rftig ist, &mdash; das schien mir aber auch ein Ziel,
+w&uuml;rdig einer starken Bewegung, es zu erreichen. Ich
+schlug vor, in unseren Versammlungen die Frage zur
+Er&ouml;rterung zu bringen. Aber seltsam: um unseren
+Sitzungstisch sa&szlig;en die fr&uuml;h gealterten, abgeh&auml;rmten
+M&uuml;tter, und kein Wort, keine Miene verriet, da&szlig; der
+Gedanke sie zu erw&auml;rmen verm&ouml;chte. Alles Neue galt
+ihnen zun&auml;chst als etwas Feindliches. Diese Revolution&auml;rinnen
+hatten schon eine Tradition und waren
+darum vielfach reaktion&auml;r.</p>
+
+<p>Von dem Plan meines Werkes sprach ich mit ihnen
+nicht mehr. Aber ich beschlo&szlig;, alle Zeit, die mir blieb,
+ihm zu widmen.</p>
+
+<p>Doch auf die M&ouml;glichkeit stetiger Arbeit hoffte ich
+vergebens.</p>
+
+<p>An unserem Schreibtisch sa&szlig;en wir, mein Mann
+und ich. Wie sch&ouml;n hatten wir es uns gedacht,
+das gemeinsame Arbeiten! Aber dieses Einandergegen&uuml;bersitzen
+von zwei Menschen, die sich lieben, die jeden<a name="Page_235" id="Page_235"></a>
+Ausdruck im Gesicht des anderen sehen m&uuml;ssen und unwillk&uuml;rlich
+zu deuten versuchen, diese Sorge, einander
+ja nicht zu st&ouml;ren, schufen eine <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Atmosp&auml;re'">Atmosph&auml;re</ins> von Nervosit&auml;t,
+die um so unertr&auml;glicher wurde, als keiner den
+Mut hatte, sie dem anderen zu gestehen. Es kam vor,
+da&szlig; ich aufatmete, wenn mein Mann das Zimmer verlie&szlig;;
+und oft ging ich hinaus, weil ich f&uuml;hlte, da&szlig; er
+allein sein mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Tausenderlei Dinge zerrissen die Tage und die Stimmung:
+Da gab's bei den Kindern Vokabeln zu &uuml;berh&ouml;ren
+und Anz&uuml;ge zu flicken, da waren die Haushaltssorgen,
+die mich um so st&auml;rker in Anspruch nahmen, je
+weniger ich von ihnen verstand, und die st&auml;ndige angstvolle
+Frage: komme ich aus? Auf meinen Mann, der
+f&uuml;r mich die G&uuml;te und R&uuml;cksicht selber war, wirkte sie
+wie ein rotes Tuch. Ohne irgendeine Erkl&auml;rung und
+Entschuldigung gelten zu lassen, hielt er mich stets f&uuml;r
+schuldig, wenn ich sie nicht bejahend beantworten konnte.
+&raquo;Du verschwendest, &mdash; du l&auml;&szlig;t dich vom M&auml;dchen betr&uuml;gen&nbsp;&mdash;,&laquo;
+rief er, w&auml;hrend die Zornadern ihm auf
+der Stirne schwollen. Und doch lebten wir nach meinen
+anerzogenen Begriffen &uuml;ber die Ma&szlig;en einfach. Mich
+kr&auml;nkte sein Zorn, den ich als Ungerechtigkeit empfand.
+Ich konnte keine gute Hausfrau sein, wenn ich zu gleicher
+Zeit meinen schriftstellerischen Beruf aus&uuml;ben wollte.
+Das menschliche Gehirn ist auf das Nebeneinander von
+zwei Gedankenketten nicht eingerichtet. Und der Haushalt
+erfordert umsomehr die Gedankenwelt der Frau, je
+weniger ihr seine Pflichten zur mechanischen Gewohnheit
+geworden sind. Mir blieb kein Ausweg: ich verschwieg
+meine Sorgen, ich vermied es soviel als m&ouml;glich, meinen<a name="Page_236" id="Page_236"></a>
+Mann um Geld zu bitten, was ich immer als eine Erniedrigung
+meiner selbst empfand. Wanda Orbin hatte
+recht, tausendmal recht: die &ouml;konomische Selbst&auml;ndigkeit
+des Weibes ist die Voraussetzung einer gl&uuml;cklichen Verbindung
+der Geschlechter, sie hilft so manche andere
+Klippen der Ehe umschiffen. Ich schrieb, neben der
+Vorarbeit f&uuml;r mein Buch, wieder Artikel f&uuml;r Zeitschriften
+und Tagesbl&auml;tter, um Geld zu verdienen.</p>
+
+<p>Nur wenn ich bei meinem Kinde war, wenn seine
+Pflege meine Gedanken in Anspruch nahm, dann empfand
+ich das nicht wie eine St&ouml;rung oder wie ein Ablenken
+von meiner eigentlichen T&auml;tigkeit. F&uuml;hlte ich sein
+warmes rundes K&ouml;rperchen in meinen Armen, so str&ouml;mte
+wunschloser Friede mir tief ins Herz. Lachten mich
+seine blauen Augen an, so verga&szlig; ich alles dar&uuml;ber,
+was es an Gl&uuml;ck in der Welt noch geben mochte, und
+weinte er, und ich wu&szlig;te nicht warum, so gab es kein
+Menschenleid, das mir h&auml;tte gr&ouml;&szlig;er erscheinen k&ouml;nnen;
+klammerten sich seine rosigen, kleinen Finger fest um
+die meinen, so f&uuml;hlte ich, da&szlig; er f&uuml;r immer von mir
+Besitz ergriffen hatte; da&szlig; mein Herz dazu da war, um
+ihn zu lieben, mein Geist, um ihn zu erziehen, meine
+Kraft, um ihm den Weg ins Leben bahnen zu helfen.
+Kam ich von ihm zu meinem Mann zur&uuml;ck, so war
+jeder Schatten von Kummer verschwunden, ich liebte
+ihn doppelt, weil er meines Kindes Vater war. Und
+sah ich meine Stiefs&ouml;hne dann, so tat mir das Herz
+weh: ich konnte sie nicht lieben wie mein eigenes Kind;
+sie mu&szlig;ten das f&uuml;hlen, wenn ich mich auch noch so sehr
+bem&uuml;hte, meine Z&auml;rtlichkeit f&uuml;r den Kleinen nur zu
+&auml;u&szlig;ern, sobald sie fern waren.</p>
+
+<p><a name="Page_237" id="Page_237"></a>Zuweilen, wenn das Geld wieder einmal recht knapp
+war, dachte ich nicht ohne Bitterkeit an die reiche Mutter
+dieser Kinder. Aber meinem Mann sagte ich nichts davon.
+Die Erziehung, die ich zu Hause genossen hatte,
+und deren Folgen Georgs sanfte Hand von mir abzustreifen
+vermochte, bekam wieder Macht &uuml;ber mich: ich
+lernte schweigen, um nicht zu verletzen, und um Auseinandersetzungen
+aus dem Wege zu gehen.</p>
+
+<p>Meine Mutter kam um jene Zeit h&auml;ufig zu mir.
+Seitdem wir unser Kind hatten taufen lassen, war sie
+viel milder und herzlicher geworden, obwohl ich sie &uuml;ber
+unsere Beweggr&uuml;nde nicht im Irrtum gelassen hatte.
+&raquo;Wir haben kein Recht, dies Kind von vornherein in
+eine Ausnahmestellung zu zwingen,&laquo; hatte ich ihr gesagt,
+als sie in unserer Handlungsweise einen Ausdruck
+unseres eigenen Gesinnungswechsels zu sehen glaubte;
+&raquo;ebensowenig wie wir es sp&auml;ter, wenn es selbst&auml;ndig
+denken kann, hindern wollen, zu tun oder zu lassen,
+was seiner eigenen &Uuml;berzeugung entspricht.&laquo;</p>
+
+<p>Aber nach anderen Richtungen h&uuml;tete ich mich um
+so mehr, sie ins Vertrauen zu ziehen. Sie hatte
+mir h&auml;ufig gesagt: &raquo;Wenn du einmal verheiratet bist,
+wirst du einsehen, da&szlig; das Leben der Frau aus lauter
+Opfern und im Kampf mit lauter Kleinkram besteht!&laquo;
+Sie durfte nicht glauben, da&szlig; ihre Prophezeiung in
+Erf&uuml;llung gegangen w&auml;re. Und sie mu&szlig;te in der Meinung
+erhalten werden, die sie schlie&szlig;lich allein &uuml;ber
+meine Heirat getr&ouml;stet hatte: da&szlig; meine &auml;u&szlig;ere Lage
+die behaglichste sei. An der Art, wie diese ruhige, anscheinend
+k&uuml;hle Frau ihre Freude dar&uuml;ber &auml;u&szlig;erte, sah
+ich erst, wie sehr sie selbst unter den dauernden peku<a name="Page_238" id="Page_238"></a>ni&auml;ren
+Sorgen gelitten hatte. Wie oft hatte ich sie
+um ihrer H&auml;rte willen im stillen angeklagt. Jetzt bat
+ich ihr manches ab. Ich erinnerte mich, wie umsichtig
+sie den gro&szlig;en Haushalt gef&uuml;hrt hatte, wie sie stunden- und
+tagelang W&auml;sche flickte und uns unsere Kleider
+n&auml;hen half, &mdash; wie schwer mochte es auch ihr geworden
+sein, wie viel mochte sie entbehrt haben!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Weihnachten 1897 war es. Zum erstenmal
+putzte ich f&uuml;r mein Kind den Weihnachtsbaum.
+Erstaunt ri&szlig; es die Augen auf
+und streckte die H&auml;ndchen verlangend aus, als es die
+vielen bunten Lichter sah! Unter der Tanne lag allerlei
+Spielzeug f&uuml;r ihn, darunter ein gro&szlig;er bunter Hampelmann,
+den mein Vater geschickt hatte. Mit dem
+S&ouml;hnchen auf dem Arm trat ich zu meinem Weihnachtstisch,
+auf dem ein geheimnisvoll versiegelter Brief lag. Ich
+&ouml;ffnete ihn, w&auml;hrend mein Junge fr&ouml;hlich lallend den
+Hampelmann hin- und herschwenkte: &raquo;Ein H&auml;uschen im
+Grunewald&laquo; stand darin. Vor &Uuml;berraschung war ich
+sprachlos. Heinrich umarmte mich und das Kind, gl&uuml;ckselig
+&uuml;ber die Freude, die er bereitet hatte. In aller
+Stille hatte er mit Hall verhandelt und ihn rasch bereit
+gefunden, unseren Wunsch durch die Beschaffung von
+Baugeld und Hypotheken erf&uuml;llen zu helfen. &raquo;Wie wird
+unser Kind gedeihen, wie ruhig und friedlich wird meine
+Alix dort arbeiten k&ouml;nnen!&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Werden wir auch die Zinsen aufbringen k&ouml;nnen?&laquo;
+meinte ich schlie&szlig;lich, nachdem der erste Sturm der
+Freude sich gelegt hatte. Ein Schatten flog &uuml;ber seine<a name="Page_239" id="Page_239"></a>
+Z&uuml;ge: &raquo;Mu&szlig;t du dich immer gleich wieder f&uuml;rchten, &mdash; auch
+angesichts solch eines Gl&uuml;cksfalles?!&laquo; Besch&auml;mt
+senkte ich den Kopf. Die Lichter waren l&auml;ngst erloschen,
+und die Kinder schliefen, unser Liebling mit dem Hampelmann,
+fest an sich gedr&uuml;ckt; der s&uuml;&szlig;e Duft der Wachskerzen,
+vereint mit dem starken der Tanne, erf&uuml;llte das
+Zimmer; wir gro&szlig;en Kinder tr&auml;umten darin unseren
+Weihnachtstraum: von dem stillen H&auml;uschen im Wald,
+fern dem L&auml;rm der Gro&szlig;stadt, von einer Heimat, die
+wir beide nie gekannt hatten, von unserem Kind, das
+wachsen sollte wie die B&auml;ume: die Wurzeln im Boden
+der Mutter Erde, das Haupt erhoben, der Sonne zu
+und dem Sturme trotzend.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen, einem echten Weihnachtsfeiertag,
+&uuml;ber den der Himmel all seinen Glanz und seine
+Farben go&szlig;, zog ich meinem blonden Buben ein wei&szlig;es
+M&auml;ntelchen an, packte ihn sorgf&auml;ltig in die weichen
+Kissen seines wei&szlig;en Wagens und schickte ihn zu den
+Eltern. Meine Gedanken begleiteten ihn: wie ein helles
+Licht sah ich ihn auftauchen in dem dunklen Flur, sah,
+wie der Gro&szlig;vater ihn feuchten Auges in die Arme
+nahm, f&uuml;hlte, wie der letzte eiserne Reifen um des alten
+Mannes Herz zersprang.</p>
+
+<p>&raquo;Das war ein lieber Gedanke von Dir,&laquo; schrieb die
+Mutter. &raquo;Ich habe Deinen Vater seit Jahren nicht
+so froh gesehen. Er strahlt noch jetzt und behauptet,
+es g&auml;be in der ganzen Welt kein zweites Kind wie
+seinen Enkel. Mich hat die Nachricht von Heinrichs
+Weihnachtsgeschenk noch besonders begl&uuml;ckt: so hat Gott
+meine Gebete doch erh&ouml;rt und alle Strafe von Dir abgewendet!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_240" id="Page_240"></a></p>
+
+<p>Unseren wundergl&auml;ubigen Vorfahren galten die
+zw&ouml;lf N&auml;chte, die dem Weihnachtsabend folgen,
+f&uuml;r heilig: in dieser Zeit wurde die Arbeit
+auf das notwendigste beschr&auml;nkt, nur in Feiertagsgew&auml;ndern
+begegneten die Menschen einander, und die
+Tr&auml;ume, die getr&auml;umt wurden, gingen in Erf&uuml;llung.
+Unter der Schwelle unseres Bewu&szlig;tseins lebt und wirkt
+auch heute noch dieser Glaube. In den Stra&szlig;en und
+in den Herzen ist es stiller als sonst. Der fieberhafte
+Pulsschlag des &ouml;ffentlichen Lebens stockt. Selbst der
+heimatloseste Weltenbummler sucht sich einen Winkel
+Familienleben, wo er unterkriechen kann. Und wem es
+recht wohl und warm ums Herz wird, der w&uuml;nscht zuweilen,
+sich auf immer einspinnen zu k&ouml;nnen in diese Stille.</p>
+
+<p>Aber das junge Jahr wirft alle guten Gaben, die
+die Greisenhand des alten zum Abschied spendete, aus
+seinem Lebenspalast hinaus und ruft mit schmetternden
+Fanfaren zu neuen K&auml;mpfen, richtet Ziele auf mit
+lockenden Preisen, so da&szlig; auch die s&uuml;&szlig; Schlummernden
+sich dem Land ihrer Tr&auml;ume entrei&szlig;en und im grellen
+Licht des Tages den alten Wettlauf wieder beginnen.</p>
+
+<p>So erging es auch uns. Sturmzeichen sahen die
+Wetterkundigen am Himmel seit jenen ersten Gewitterwolken
+kaiserlicher Reden im vergangenen Jahr. &raquo;R&uuml;cksichtslose
+Niederwerfung jeden Umsturzes&laquo; hatte die eine
+gefordert, als &raquo;Vaterlandslose&laquo; hatte die andere diejenigen
+gebrandmarkt, die den Flottenforderungen ablehnend
+gegen&uuml;berstanden. Inzwischen war die Flottenvorlage
+dem Reichstag zugegangen, die ihren Schatten
+monatelang vorausgeworfen hatte, und auf sieben Jahre
+<a name="Page_241" id="Page_241"></a>hinaus Millionen und Abermillionen f&uuml;r neue Schiffsbauten
+forderte. Doch die st&uuml;rmische Entr&uuml;stung, zu
+welcher der Philister sonst immer bereit ist, wenn seinem
+Geldsack Gefahr droht, war ausgeblieben. Denn in
+seiner psychologischer Kenntnis der Menschennatur, die
+um so &uuml;berraschender war, als die Regierungen ihre
+V&ouml;lker mit dergleichen nicht zu verw&ouml;hnen pflegen, waren
+Vorf&auml;lle, die fr&uuml;her spurlos vor&uuml;bergingen, &mdash; wie der
+Streit eines deutschen Kaufmanns mit den Polizeibeh&ouml;rden
+der Republik Haiti und die Ermordung zweier
+deutscher Missionare in China, &mdash; zu so ernsten Konflikten
+mit fremden M&auml;chten aufgebauscht worden, da&szlig;
+der <em class="antiqua">furor teutonicus</em> sich daran zu entz&uuml;nden vermochte.
+Einmal gereizt, griff der gute deutsche Michel
+wutschnaubend nach dem Racheschwert, und in seinen
+Tr&auml;umeraugen brannte pl&ouml;tzlich wieder die alte Sehnsucht
+nach fernen fremden L&auml;ndern und ihren M&auml;rchensch&auml;tzen.
+Was uns, die wir n&uuml;chtern geblieben waren,
+wie eine romantische Floskel klang, &mdash; die pathetische
+Rede des Kaisers an seinen nach China ausziehenden
+Bruder von dem Dreinfahren der gepanzerten Faust und
+dessen Antwort von dem &raquo;Evangelium der geheiligten
+Person Seiner Majest&auml;t&laquo;, das er im Auslande verk&uuml;nden
+wolle, &mdash; das entsprach im Augenblick dem fanatisierten
+Empfinden des deutschen B&uuml;rgers. Er, dessen
+Leben so lange sang- und klanglos dahingeflossen war,
+der seit Bismarcks Abschied f&uuml;r seine Begeisterungsf&auml;higkeit
+keinen Gegenstand mehr gehabt hatte, berauschte
+sich an der Idee der Weltmacht, und die ungeheure
+Flottenforderung schreckte ihn nun nicht mehr.</p>
+
+<p>Aber die Regierung erreichte durch ihre Politik noch
+<a name="Page_242" id="Page_242"></a>mehr als das: hatte das Interesse eines gro&szlig;en Teiles
+der Bourgeoisie sich in einer f&uuml;r sie bedenklichen Weise
+in den letzten Jahren der sozialen Frage zugewandt, so
+war nunmehr ein Mittel gefunden, es von ihr abzulenken.
+Mit schmerzlichem Erstaunen sah ich, wie
+M&auml;nner, auf die ich noch vor wenigen Monden f&uuml;r
+unsere Sache gerechnet hatte, den Nationalismus &uuml;ber
+den Sozialismus siegen lie&szlig;en, wie selbst ein Romberg
+und seine Freunde die Weltmachtpolitik verteidigten.
+Da&szlig; es zwischen ihr und der Arbeiterpolitik nichts anderes
+geben k&ouml;nne als unvers&ouml;hnlichen Gegensatz, schien
+mir &uuml;ber allem Zweifel zu stehen. F&uuml;r Rombergs Argumente,
+der in der Erschlie&szlig;ung neuer Absatzgebiete auch
+einen Vorteil f&uuml;r die deutsche Arbeiterschaft sah, war
+ich vollkommen unzug&auml;nglich.</p>
+
+<p>Die gro&szlig;e Flutwelle patriotischer Begeisterung trieb
+nicht nur alte Freunde von unserer Sache ab, sie trug
+uns auch neue Feinde zu. Vielen, die sich um Politik
+bisher kaum gek&uuml;mmert hatten, galten wir jetzt als
+Feinde des Vaterlandes, die mit allen Mitteln bek&auml;mpft
+werden m&uuml;&szlig;ten. Der Weizen Herrn von Stumms,
+unseres grimmigen alten Gegners, bl&uuml;hte; er drohte
+mit der Revolution von oben, wenn die Flottenvorlage
+im Reichstag zu Falle k&auml;me. Und tats&auml;chlich schien ein
+neues Ausnahmegesetz in Vorbereitung. Der &raquo;Vorw&auml;rts&laquo;
+ver&ouml;ffentlichte ein Geheimschreiben des Staatssekret&auml;rs
+des Innern an die verb&uuml;ndeten Regierungen, worin er
+ein Gesetz zum Schutz der Arbeitswilligen in Aussicht
+stellte, das, nach den Absichten unserer Gegner, die
+Koalitionsfreiheit der Arbeiter notwendig beeintr&auml;chtigen,
+wenn nicht vernichten w&uuml;rde.</p>
+
+<p><a name="Page_243" id="Page_243"></a>Was die Regierung gewollt hatte, wurde erreicht:
+eine Mehrheit f&uuml;r die Flottenvorlage, eine scharfe Trennung
+zwischen den b&uuml;rgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie
+f&uuml;r die Wahlen zum neuen Reichstag.</p>
+
+<p>Aber auch f&uuml;r uns schien die Lage g&uuml;nstig: auf der
+einen Seite die Weltmachtpolitik mit ihrer m&ouml;glichen
+Folge kostspieliger Kriegsabenteuer und dr&uuml;ckender Steuerlasten,
+auf der anderen die Bedrohung des Koalitionsrechtes, &mdash; war
+das nicht genug, um die proletarischen
+Massen zu einem gewaltigen Protest aufzupeitschen?!
+Warum war die Stimmung in unseren Versammlungen
+so flau, warum fehlte auch mir, wenn ich sprach, jene
+anfeuernde Kraft der Rede, die fr&uuml;her an ihren Wirkungen
+zutage getreten war? Die starke, hoffnungsvolle
+Freudigkeit war verloren gegangen, als ob sich zwischen
+uns und das Ziel, dem wir so leidenschaftlich zustrebten,
+ein dunkler Schleier gesenkt h&auml;tte. Durch die Einheit,
+die unsere Kraft gewesen war, ging ein blutender Ri&szlig;.
+Das Instrument der Partei klang verstimmt, als w&auml;re
+eine Saite gerissen.</p>
+
+<p>Langsam und allm&auml;hlich, f&uuml;r die meisten unmerklich,
+hatte es sich vorbereitet: mit der Entwickelung der Sozialdemokratie
+von der Sekte zur Partei hatte sich zuerst
+die Taktik ihres Vorgehens leise ver&auml;ndert. Von der
+Ablehnung jeder Beteiligung an einem Parlament des
+kapitalistischen Staates als eines unm&ouml;glichen Paktierens
+mit der Bourgeoisie bis jetzt, wo sogar von alten bew&auml;hrten
+F&uuml;hrern die Teilnahme an den Landtagswahlen
+unter dem Dreiklassenwahlsystem empfohlen wurde, war
+ein weiter Weg. Und er war gegangen worden. Was
+einer der wenigen Staatsm&auml;nner der Partei, Georg
+<a name="Page_244" id="Page_244"></a>von Vollmar, nach dem Fall des Sozialistengesetzes unter
+dem emp&ouml;rten Widerspruch der radikalen Elemente in
+der Partei erkl&auml;rt hatte: da&szlig; in dem Ma&szlig;e, in welchem
+wir einen unmittelbaren Einflu&szlig; auf den Gang der
+&ouml;ffentlichen Angelegenheiten gewinnen, wir unsere Kraft
+auf die n&auml;chsten und dringenden Dinge konzentrieren
+m&uuml;&szlig;ten und &raquo;dem guten Willen die offene Hand, dem
+schlechten die Faust&laquo; zu zeigen sei, &mdash; das hatte sich
+von Jahr zu Jahr als immer notwendiger erwiesen,
+und vor der Logik der Tatsachen wich die radikale Phrase
+blo&szlig;er Verneinung Schritt vor Schritt zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Jetzt aber begann sogar die alt-ehrw&uuml;rdige Theorie
+vor dem Ansturm der jungen Praxis in ihren Grundfesten
+zu zittern. Im Lichte der fortschreitenden Zeit
+erwiesen sich manche Fundamentals&auml;tze, wie sie das Erfurter
+Programm formuliert hatte, als &uuml;berholt. Schon
+die Besch&auml;ftigung mit der Agrarfrage hatte gezeigt, da&szlig;
+die wirtschaftliche Entwickelung sich nicht &uuml;berall mit
+den von Marx aufgestellten Gesetzen in Einklang bringen
+lie&szlig;, da&szlig; die Konzentrierung des Kapitals sich nicht so
+rasch und nicht so schematisch vollzieht, wie er auf
+Grund damaliger Erfahrungen angenommen hatte. Und
+auch das vom kommunistischen Manifest mit apodiktischer
+Sicherheit in Aussicht gestellte allgemeine Herabsinken
+der Arbeiter in den Pauperismus war nicht eingetreten;
+die Lebenslage des Proletariats hatte sich vielmehr im
+Laufe des letzten halben Jahrhunderts gehoben. Und
+nun trat einer der bew&auml;hrtesten Vork&auml;mpfer des Sozialismus,
+einer ihrer M&auml;rtyrer, der noch im Exil in England
+lebte &mdash; Eduard Bernstein&nbsp;&mdash;, auf und er&ouml;rterte
+in breiter &Ouml;ffentlichkeit die neuen Probleme des Sozia<a name="Page_245" id="Page_245"></a>lismus.
+Er r&uuml;ttelte weder an seiner Voraussetzung
+noch an seinem Ziel, aber er zeigte an der Hand der
+Tatsachen, da&szlig; der Weg zwischen beiden l&auml;nger ist und
+anders geartet, als Marx und seine Sch&uuml;ler ihn dargestellt
+hatten, da&szlig; wir ihn daher mehr ber&uuml;cksichtigen,
+unsere Handlungen mehr auf seine Etappen, als auf
+das schlie&szlig;liche Ende einstellen m&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>Auf uns, die wir durch die Erkenntnis des Elends in
+der Welt zum Sozialismus gef&uuml;hrt worden waren, die
+wir von ihm in einem in seiner Wurzel religi&ouml;sen
+Glaubens&uuml;berschwang die Erl&ouml;sung von allem &Uuml;bel erwartet
+hatten, wirkte die k&uuml;hle Klarheit der Bernsteinschen
+Beweisf&uuml;hrungen niederschmetternd. Meinem Verstande
+waren die Grunds&auml;tze des Sozialismus so ohne
+weiteres einleuchtend gewesen, weil mein Gef&uuml;hl mit
+seinem Wollen von vornherein &uuml;bereinstimmte. Sie
+kritisch und wissenschaftlich zu pr&uuml;fen, war mir, wie
+Tausenden meiner Gesinnungsgenossen, nie eingefallen.
+Jetzt war es ein Gebot der h&ouml;chsten Tugend, &mdash; der
+intellektuellen Redlichkeit, &mdash; es nachzuholen.</p>
+
+<p>Die Zeiten meiner religi&ouml;sen Kinderk&auml;mpfe schienen
+wiedergekehrt zu sein. Nur da&szlig; ich jetzt mit allen Fasern
+meines Innern in dem Glauben wurzelte, dem ich
+meinen ganzen Lebensbesitz geopfert hatte, aus dem ich
+alle meine Kr&auml;fte sog. Was stand noch fest, dachte ich
+verzweifelt, wenn so vieles schwankte? Ern&uuml;chtert, &mdash; bar
+jener st&uuml;rmischen Begeisterung, die mich ausziehen
+lie&szlig;, der Menschheit eine neue Welt zu erk&auml;mpfen, sah
+ich den langen, &ouml;den Weg vor mir mit all seinen
+kleinen Hindernissen, die im Schwei&szlig;e unseres Angesichts
+&uuml;berwunden werden sollten, und mit dem Ziel, das im<a name="Page_246" id="Page_246"></a>
+Nebel der Ferne fast verschwand. Die Naivet&auml;t jungen
+Glaubens, die noch keine Probleme kennt, ist f&uuml;r die
+Masse der Menschen die Voraussetzung ihres Enthusiasmus
+und damit ihrer St&auml;rke. Ich hatte sie verloren
+wie viele meiner Genossen; das l&auml;hmte uns. Oft kamen
+Augenblicke, wo ich die anderen beneidete, die, sei es
+aus unbewu&szlig;ter Furcht vor einem inneren Zusammenbruch,
+sei es aus einer gewissen Beschr&auml;nktheit ihres
+Denkens, den alten Glauben gegen&uuml;ber der neuen Erkenntnis
+aufrecht erhielten und leidenschaftlich verteidigten.
+Mein Gef&uuml;hl war auf ihrer Seite, und nur zu
+h&auml;ufig ri&szlig; es mich wieder mit sich fort. Vielleicht w&auml;re
+es sogar auf lange Zeit hinaus das herrschende geblieben,
+wenn nicht mein Mann immer wieder meinen
+Verstand gegen mein Herz zu Hilfe gerufen h&auml;tte. Und
+die Tatsachen und die Zahlen waren unerbittlich: Die
+Konzentration des Kapitals und die Eroberung der politischen
+Macht durch das Proletariat waren die beiden
+anerkannten Bedingungen der Verwirklichung des Sozialismus.
+Aber der Schneckengang der Entwickelung zum
+Gro&szlig;betrieb, der zuweilen sogar ein Krebsgang zu sein
+schien, und die Tatsache, da&szlig; von hundert Wahlberechtigten
+nur achtzehn sozialdemokratische Stimmzettel
+abgaben und mehr als die H&auml;lfte der erwachsenen
+m&auml;nnlichen Arbeiterschaft der Sozialdemokratie
+noch gleichg&uuml;ltig, wenn nicht feindlich gegen&uuml;berstand,
+bewiesen, wie weit wir noch vom Ziel
+entfernt waren. Eine Selbstt&auml;uschung hier&uuml;ber w&auml;re
+ein Verbrechen an unserer Sache gewesen, &mdash; das sah
+ich ein. Es galt, den Kinderglauben ruhig und mutig
+aufzugeben.</p>
+
+<p><a name="Page_247" id="Page_247"></a>Mit jener r&uuml;cksichtslosen Leidenschaft, die stets das
+Produkt der Angst um die Gef&auml;hrdung der Grundlagen
+des Lebens und Wirkens ist, bek&auml;mpfte die Masse der
+Arbeiterschaft, an ihrer Spitze all die F&uuml;hrer, deren
+hei&szlig;bl&uuml;tiges Temperament &uuml;ber alle Zweifel siegte, und
+all die klugen Demagogen, die auf der Seite der Mehrheit
+blieben, weil ihre Macht von dieser Mehrheit abhing,
+die neuen Ideen und ihre Vertreter. Und dieser
+ganze Kampf fiel in die Vorbereitung der Reichstagswahlen;
+er l&auml;hmte die Agitationskraft der einen, die
+wie ich noch mit sich selbst zerfallen waren, er lenkte
+die Interessen der anderen ab, die die Partei vor dem
+unheilvollen Einflu&szlig; der Ketzer glaubten sch&uuml;tzen zu
+m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Wenn ich in Versammlungen sprach, f&uuml;hlte ich: meine
+Worte z&uuml;ndeten nicht. Einmal traf ich bei solcher Gelegenheit
+Reinhard wieder. Er schien mir sehr gealtert.
+Wir sprachen &uuml;ber unsere Aussichten. &raquo;Wir h&auml;tten
+zwanzig bis drei&szlig;ig Mandate erobern k&ouml;nnen,&laquo; sagte
+er, &raquo;w&auml;re das ganze Getratsch von Endziel und Bewegung
+uns nicht in die Parade gefahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat Bernstein etwa nicht recht?!&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Recht! &mdash; Recht!&laquo; antwortete er heftig. &raquo;Nat&uuml;rlich
+hat er recht in dem, was er sagt, aber da&szlig; er es
+sagte, in diesem Augenblick sagte, war ein Fehler,
+ein schwerer Fehler. Wir alten Gewerkschafter, die
+wir mitten im Leben stehen, sind schon lange seiner
+Meinung, aber wir machen die Genossen nicht kopfscheu
+mit theoretischem Kram, wir handeln einfach, wie
+die Verh&auml;ltnisse es fordern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So h&auml;tte er schweigen sollen?&laquo;</p>
+<p><a name="Page_248" id="Page_248"></a></p>
+<p>&raquo;Keineswegs! Er h&auml;tte nach den Wahlen f&uuml;nf Jahre
+zum Reden Zeit genug gehabt. Aber da&szlig; er uns jetzt
+diesen Kn&uuml;ppel zwischen die Beine schmei&szlig;t&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich dachte an Reinhards Worte, als mir ein andermal
+in der Diskussion ein rabiater Genosse vorwarf,
+auch ich h&auml;tte &raquo;das Endziel in die Tasche gesteckt&laquo;, und
+verteidigte mich nicht. Solange wir im Kampf gegen
+den gemeinsamen Gegner standen, mu&szlig;te die Streitaxt
+begraben werden. Aber die Radikalen dachten anders.
+Es kam vor, da&szlig; Reichstagskandidaten von den eigenen
+Genossen wie Parteiverr&auml;ter behandelt wurden. Wanda
+Orbin vor allem, die immer wieder erkl&auml;rte, da&szlig; die
+Reinheit der Partei ihr h&ouml;her st&uuml;nde als ihre numerische
+St&auml;rke, wurde zur fanatischen Gegnerin aller
+derer, die sich nicht unverbr&uuml;chlich auf die alten Dogmen
+einschwuren. Und mehr als je hatte sie die Frauen
+auf ihrer Seite, &mdash; die Frauen, die nicht auf dem
+Wege wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern einzig und
+allein durch ihr Gef&uuml;hl geleitet zu Sozialistinnen geworden
+waren. Mit jener naiven Kraft der ersten
+Christen, die ihr ganzes Tun und Denken auf die
+unmittelbare Wiederkehr des Gekreuzigten eingerichtet
+hatten, hofften sie auf die baldige Erf&uuml;llung ihres Zukunftstraums.</p>
+
+<p>Als das Resultat der Wahlen bekannt wurde, &mdash; es
+war in bezug auf die Zunahme der Mandate,
+aber noch mehr im Hinblick auf das Stimmenverh&auml;ltnis
+weit hinter unseren Erwartungen zur&uuml;ckgeblieben, &mdash; stieg
+die Erbitterung gegen die &raquo;Bernsteinianer&laquo;,
+denen man die Schuld an diesem Ergebnis
+zuschob, noch mehr.</p>
+
+<p><a name="Page_249" id="Page_249"></a>Ein Symptom f&uuml;r die allgemeine Stimmung war
+der Beschlu&szlig;, der nach einer st&uuml;rmischen Versammlung
+im Feenpalast von den Berlinern gefa&szlig;t wurde. Seinem
+Wortlaut nach richtete er sich zwar nur gegen eine Beteiligung
+an den Landtagswahlen in Berlin selbst, sein
+Tenor aber war eine Verurteilung der Beteiligung &uuml;berhaupt.
+Sie erschien den Radikalen als ein bedenkliches
+Hinneigen zu revisionistischen Ideen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>In dem Kreise der Genossinnen &auml;u&szlig;erte sich das
+gegenseitige Mi&szlig;trauen weniger im Streit um
+Meinungen, als in pers&ouml;nlichen Reibereien. War
+ich schon w&auml;hrend meiner T&auml;tigkeit in der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung zu der &Uuml;berzeugung gelangt, da&szlig; diese
+spezifisch weibliche Art nur durch eine Zusammenarbeit
+mit dem Mann sich beseitigen lassen w&uuml;rde, so war ich
+jetzt entschlossen, den Einflu&szlig;, den ich noch besa&szlig;, nach
+dieser Richtung geltend zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben die Gleichberechtigung der Geschlechter
+auf das Programm geschrieben, wir m&uuml;ssen sie also zu
+allererst in der eigenen Partei durchf&uuml;hren,&laquo; erkl&auml;rte ich,
+und selbst die Feindseligsten waren in diesem Gedanken
+mit mir einig. &raquo;Bei den Genossen aber werden Sie
+damit sch&ouml;n abblitzen!&laquo; meinte Martha Bartels. &raquo;Bei
+denen hei&szlig;t's noch immer, wenn unsereins den Mund
+auftut: Kusch dich! zu Hause &mdash; wie in der Bewegung,&laquo;
+sagte eine andere langj&auml;hrige Parteigenossin.
+&raquo;Sie wissen, wie wir voriges Jahr behandelt worden
+sind,&nbsp;&mdash;&laquo; f&uuml;gte die dicke Frau Wengs hinzu, &raquo;als wir
+auch nur eine Einzigste von uns in den allgemeinen<a name="Page_250" id="Page_250"></a>
+Versammlungen als Delegiertin zum Parteitag wollten
+aufgestellt haben. &#8250;Wascht man eure dreckige W&auml;sche
+alleene&nbsp;&mdash;,&#8249; sagten uns die Vertrauensleute.&laquo; &raquo;So
+m&uuml;ssen wir eben immer wiederkommen,&laquo; entgegnete ich,
+&raquo;Na &mdash; f&uuml;r die sch&ouml;nen Augen von Genossin Brandt
+tun sie's am Ende,&laquo; h&ouml;hnte Martha Bartels. Schlie&szlig;lich
+beschlo&szlig; man, noch einen Versuch zu machen, und
+es gelang auf einer der Parteiversammlungen, zun&auml;chst
+meine Delegation zum Parteitag der Provinz Brandenburg
+durchzusetzen. Die Freude der Genossinnen &uuml;ber
+diesen Erfolg war die der Kinder, wenn sie ein neues
+Spiel beginnen: auf eine Zeitlang war jeder Streit
+vergessen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am Vorabend der Provinzialkonferenz ver&ouml;ffentlichte
+die Presse eine neue Rede des Kaisers,
+die er im Kurhause von &Ouml;ynhausen gehalten
+hatte: &raquo;Das Gesetz naht sich seiner Vollendung und
+wird den Volksvertretern noch in diesem Jahre zugehen,
+worin jeder, der einen deutschen Arbeiter, der willig
+ist, seine Arbeit zu vollf&uuml;hren, daran zu verhindern
+sucht, oder gar zu einem Streik anreizt, mit Zuchthaus
+bestraft werden soll ...&laquo;</p>
+
+<p>Das bedeutete nichts weniger und nichts mehr, als
+eine Vernichtung des Koalitionsrechts, das war eine
+Kriegserkl&auml;rung an das Proletariat, f&uuml;r die es nur eine
+Antwort gab: einm&uuml;tiges Zusammenhalten. In der
+Sitzung am n&auml;chsten Morgen brachte ich eine Protestresolution
+ein, die zur einstimmigen Annahme gelangte,
+und unter dem Eindruck der kaiserlichen Drohung ver<a name="Page_251" id="Page_251"></a>lief
+die Tagung ohne einen Mi&szlig;klang. Martha Bartels
+sch&uuml;ttelte mir herzlich die Hand, wie seit Monaten
+nicht, die gute Frau Wengs lachte &uuml;ber das ganze
+runde Gesicht, klopfte mir wohlwollend auf die Schulter
+und versicherte: &raquo;Nun haben Sie uns aber alle miteinander
+auf Ihrer Seite.&laquo;</p>
+
+<p>Zwei Tage sp&auml;ter erfuhr ich, da&szlig; einer der berliner
+Wahlkreise bereit sei, mich zum n&auml;chsten Parteitag zu
+delegieren.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist leicht zu befriedigen!&laquo; sagte mein Mann
+mit einem leise sp&ouml;ttischen Ton in der Stimme, als er
+meine Freude sah.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist doch ein Anfang,&laquo; antwortete ich. &raquo;Oder
+meinst du, ich w&auml;re in die Partei gekommen, um ewig
+Rekrut zu bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; nicht,&laquo; lachte er, &raquo;ich kenne doch meinen
+ehrgeizigen Schatz!&laquo;</p>
+
+<p>Mir stieg das Blut in die Schl&auml;fen. War es Ehrgeiz,
+der mich beherrschte, oder nicht vielmehr der berechtigte
+Wunsch nach einem Wirkungskreis f&uuml;r meine
+Leistungskraft? Zu tief empfand ich das Opfer, das
+ich brachte, wenn ich mein Haus und mein Kind verlie&szlig;,
+als da&szlig; ich es dauernd f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssige Nichtigkeiten
+h&auml;tte bringen k&ouml;nnen. Jetzt war ich im Aufstieg,
+und weil ich es war, hatte ich die Sympathie
+der anderen f&uuml;r mich; es galt nunmehr, beides
+festzuhalten.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_252" id="Page_252"></a></p>
+
+<p>In der Versammlung, die &uuml;ber die Parteitagsdelegationen
+endg&uuml;ltig zu entscheiden hatte, herrschte
+von Anfang an Gewitterschw&uuml;le. Die schroffsten
+Gegner sa&szlig;en einander gegen&uuml;ber, und bei jedem Punkt der
+Tagesordnung kam es zu hitzigen Wortgefechten. Eines
+schien von vornherein klar: die Masse der radikalen
+Berliner erwartete vom n&auml;chsten Parteitag eine Abrechnung
+mit den revisionistischen Elementen in der Partei,
+ja sie scheuten sich nicht, selbst gegen Bebel Stellung
+zu nehmen, weil er in der Landtagswahlfrage nicht auf
+ihrer Seite stand. Man forderte schlie&szlig;lich, da&szlig; s&auml;mtliche
+Delegierte sich auf die Feenpalastresolution verpflichten
+sollten. W&auml;hrend ringsumher alles durcheinander
+schrie und tobte, wurden die zur Delegation Vorgeschlagenen
+aufgerufen.</p>
+
+<p>&raquo;Genossin Brandt, stehen Sie auf dem Boden unseres
+Beschlusses?&laquo; &Uuml;berrascht fuhr ich auf, &mdash; ich
+hatte nicht erwartet, als Erste gefragt zu werden, &mdash; ich
+versuchte mir im Moment die Situation zu vergegenw&auml;rtigen.
+&raquo;So antworten Sie doch!&laquo; rief ungeduldig
+die Stimme des Vorsitzenden.</p>
+
+<p>Die Genossinnen umringten mich: &raquo;Sie werden uns
+doch nicht im Stiche lassen,&laquo; fl&uuml;sterte Frau Wiemer von
+der einen Seite, &mdash; &raquo;wir haben ja nur f&uuml;r Berlin die
+Beteiligung abgelehnt,&laquo; zischte mir Martha Bartels von
+der anderen ins Ohr. Und ein leises &raquo;Ja&laquo; kam z&ouml;gernd
+von meinen Lippen.</p>
+
+<p>Gleich darauf h&ouml;rte ich Reinhards Namen nennen,
+und im selben Augenblick seine Antwort: ein scharfes
+&raquo;Nein&laquo;. Ich wurde gew&auml;hlt &mdash; er nicht.</p>
+
+<p><a name="Page_253" id="Page_253"></a>Gl&uuml;ckw&uuml;nschend umringten mich die Genossinnen. Aber
+jedes Wort, das sie sagten, lie&szlig; mich dunkler err&ouml;ten.
+Am Ausgang traf ich Reinhard. &raquo;Das h&auml;tte ich von
+Ihnen nicht erwartet,&laquo; sagte er. &raquo;Sie kannten doch
+den tieferen Sinn der Resolution.&laquo;</p>
+
+<p>Ich schlich nach Hause, m&uuml;de, schuldbewu&szlig;t. Noch
+in der Nacht schrieb ich eine Erkl&auml;rung f&uuml;r den &raquo;Vorw&auml;rts&laquo;,
+und legte mein Mandat in die H&auml;nde meiner
+W&auml;hler zur&uuml;ck ...</p>
+
+<p>Die Frauen h&auml;tten mich am liebsten gesteinigt, die
+M&auml;nner lachten mich aus. Ich schwieg. Womit h&auml;tte
+ich mich verteidigen k&ouml;nnen?</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_254" id="Page_254"></a></p>
+<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2>
+
+
+<p>&raquo;Ottoo &mdash; addaa,&laquo; rief das helle Stimmchen
+meines Sohnes. Er sa&szlig; auf meinen Knieen
+im Wagen und winkte unerm&uuml;dlich nach rechts
+und links, als ob er in seiner Freude alles gr&uuml;&szlig;en
+m&uuml;&szlig;te, was er sah. Wir fuhren hinaus in den Grunewald.
+Es war ein strahlender Sommertag; Scharen
+von Radlern flogen an uns vor&uuml;ber; selbst die Dampfstra&szlig;enbahn
+fauchte heut wie ein vergn&uuml;gter Alter, weil
+sie so viel Jugend in hellen Kleidern ins Gr&uuml;ne fuhr.</p>
+
+<p>Vor einem umz&auml;unten Waldwinkel hielten wir. Ich
+setzte den Kleinen ins Moos, und verwundert tippte er
+mit den runden rosigen Fingern jeden Grashalm an
+und kroch den schillernden K&auml;fern nach und sah mit
+einem jauchzenden &raquo;Da &mdash; da!&laquo; den V&ouml;geln zu, die
+von Zweig zu Zweig h&uuml;pften. Die alten dunkeln Kiefern
+wiegten ihre H&auml;upter im Winde, die Sonne malte runde
+goldene Flecke auf ihre braunen St&auml;mme, ein paar kleine
+blaue Bl&uuml;mchen reckten neugierig die K&ouml;pfe, und ein
+gelber Schmetterling tanzte &uuml;ber ihnen, &mdash; es war eine
+gro&szlig;e Sommer-Festvorstellung f&uuml;r mein Kind.</p>
+
+<p>Wir erwachsenen Leute gingen indessen ernsthaft umher
+und betrachteten das gr&uuml;ne Erdenfleckchen, auf dem unser
+Haus stehen sollte. Der Baumeister war mit uns ge<a name="Page_255" id="Page_255"></a>kommen.
+Er war noch jung und ein echter K&uuml;nstler;
+von allen, bei denen wir gewesen waren, hatte er uns
+am besten verstanden. Ich hielt das Bild des H&auml;uschens
+in der Hand, das seinen Namen trug &mdash; Alfred
+Messel&nbsp;&mdash;, und sah es schon lebendig vor mir, mit seinen
+blumenbesetzten Fensterbrettern und seinem lachenden
+roten Dach. &raquo;Ein rotes Dach?&laquo; sagte der Baumeister.
+&raquo;Nein! Unter die schwarzen Kiefern pa&szlig;t nur ein graues.&laquo;
+Schwarz und grau? Wie tr&uuml;be klang das! Ich sah
+ihn erschrocken an, &mdash; mir war auf einmal die Freude
+vergangen.</p>
+
+<p>&raquo;Schwester Alix!&laquo; rief es &uuml;ber den Zaun. Ilse stand
+an der T&uuml;re, die Hand auf der blitzenden Lenkstange ihres
+Rades, und neben ihr ein gro&szlig;er, &uuml;berschlanker Mann.
+Err&ouml;tend stellte sie ihn vor: &raquo;Professor Erdmann!&laquo; Sie
+hatte mir schon von ihm erz&auml;hlt, dem aufgehenden Stern
+am Himmel des Kunstgewerbes, der in den Salons des
+Tiergartenviertels eine Rolle zu spielen begann, und
+Messel begr&uuml;&szlig;te ihn wie einen lieben Kollegen. Nach
+ein paar raschen Worten dr&auml;ngte Ilse zum Aufbruch:
+&raquo;Wir d&uuml;rfen die anderen nicht verlieren,&laquo; sagte sie.
+&raquo;Ich find' es viel h&uuml;bscher zu zweien,&laquo; meinte ihr Begleiter
+und sah sie mit einem L&auml;cheln an, das auf ein
+tieferes Einverst&auml;ndnis der beiden schlie&szlig;en lie&szlig;. Sie
+fuhren davon. Das helle K&ouml;pfchen meiner Schwester
+hob sich empor zu ihm, seine lange Gestalt neigte sich
+zu ihr, &mdash; so flogen sie nebeneinander die sonnige Stra&szlig;e
+hinauf, bis der dunkle Wald sie verschlang.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_256" id="Page_256"></a></p>
+
+<p>&raquo;Ottoo &mdash; addaa,&laquo; klang es wieder aus dem
+Wagen heraus, als wir heimw&auml;rts fuhren.
+Aber die H&auml;ndchen gr&uuml;&szlig;ten nicht mehr nach
+rechts und links; krampfhaft umspannten sie einen
+B&uuml;schel gr&uuml;nes Gras, und unverwandt hafteten die
+Augen meines Kindes auf dem bunten K&auml;fer, der sich
+gem&auml;chlich darin niedergelassen hatte. Auf einmal
+breitete er seine schillernden Fl&uuml;gel aus und flog
+mit surrendem Ger&auml;usch davon; entsetzt starrte mein
+Kind ihm nach, das Gras entfiel den F&auml;ustchen &mdash; ein
+sehns&uuml;chtig-schluchzendes &raquo;adda &mdash; adda&laquo; kam von dem
+zuckenden M&uuml;ndchen, und verzweifelt weinte es vor sich
+hin. Mein Mann l&auml;chelte &uuml;ber den wilden Schmerz
+um den entflogenen K&auml;fer. Tut er dem kleinen Seelchen
+nicht ebenso weh, wie wenn die gro&szlig;en Leute um
+den Verlust ihrer Eroberungen trauern? dachte ich und
+zog meinen Liebling mitleidig in die Arme.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen in aller Fr&uuml;he kam meine
+Schwester. Sie wollte mich allein sprechen.
+Ihr hei&szlig;es Gesichtchen, ihr rascher Atem, drei
+m&uuml;hsam hervorgesto&szlig;ene Worte: &raquo;ich liebe ihn,&laquo; sagten
+mir genug. &raquo;Und die Eltern?&laquo; fragte ich. &raquo;Sie wissen
+von nichts,&laquo; stotterte sie und sah ganz ver&auml;ngstigt drein.</p>
+
+<p>Ich dachte an meinen Vater: mit welch ver&auml;chtlichem
+Naser&uuml;mpfen hatte er fr&uuml;her &uuml;ber K&uuml;nstlerehen gesprochen.
+Sollten f&uuml;r seine T&ouml;chter keine seiner hei&szlig;en
+W&uuml;nsche in Erf&uuml;llung gehen?</p>
+<p><a name="Page_257" id="Page_257"></a></p>
+<p>&raquo;Du wirst dich auf harte K&auml;mpfe gefa&szlig;t machen
+m&uuml;ssen,&nbsp;&mdash;&laquo; sagte ich, und mein Blick haftete auf ihren
+kleinen, kraftlosen H&auml;nden. &raquo;Ich laufe davon, wenn
+Papa es nicht zugibt,&laquo; rief sie.</p>
+
+<p>Noch am selben Tage besuchte ich Erdmann. Mein
+Schwesterchen war einmal mein Kind gewesen, sie war
+es mir von dem Augenblick an wieder, wo sie schutzbed&uuml;rftig
+vor mir stand.</p>
+
+<p>Als der Mann, den sie liebte, mir in seinem Atelier
+entgegentrat, war mein erstes Gef&uuml;hl das des Schreckens:
+wie bleich war er, wie gro&szlig; und schmal, wie seltsam
+durchsichtig waren seine schlanken, langfingrigen H&auml;nde.
+Aber die Art, wie er mit mir sprach, lie&szlig; mich &uuml;ber
+den Menschen seine Erscheinung vergessen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich liebe Ihre Schwester und werde sie heiraten,&laquo;
+antwortete er auf meine Frage. &raquo;Freilich: Ilse stellte
+mir eine Bedingung,&nbsp;&mdash;&laquo; f&uuml;gte er l&auml;chelnd hinzu, &raquo;du
+mu&szlig;t Alix gefallen, sagte sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das d&uuml;rfte weniger schwer sein, als da&szlig; Sie
+ihren Eltern, vor allem dem Vater, gefallen m&uuml;ssen,&laquo;
+meinte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Gegen den h&auml;rtesten Sch&auml;del hat sich noch immer
+der meine als der h&auml;rtere erwiesen,&laquo; entgegnete er.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Ilse ist weich; ob sie schweren K&auml;mpfen gewachsen
+sein w&uuml;rde?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gerade weil sie so zart ist, liebe ich sie, und
+nehme alle K&auml;mpfe auf mich, &mdash; nur ihrer Treue
+mu&szlig; ich sicher sein.&laquo; Dabei funkelten seine Augen.
+Ein starkes Temperament schien sich hinter den leichten
+Formen zu verstecken; w&uuml;rde die kleine Ilse es ertragen
+k&ouml;nnen?</p>
+<p><a name="Page_258" id="Page_258"></a></p>
+<p>&raquo;Sie ist noch sehr jung,&laquo; warf ich noch einmal
+ein. &raquo;Um so besser,&laquo; &mdash; ein warmer Glanz echter Freude
+versch&ouml;nte seine Z&uuml;ge, &mdash; &raquo;wir K&uuml;nstler brauchen leere
+Leinwand und unbehauenen Stein.&laquo;</p>
+
+<p>Vor dem Abschied versprach er mir, sich meiner Mutter
+zu erkl&auml;ren, damit sie imstande sei, den Vater vorzubereiten.
+Ich ging nachdenklich heim. Ilse war ein leicht
+zu leitendes Kind gewesen, &mdash; fast zu leicht, denn mit
+dem Zuckerbrot der Liebe lie&szlig; sie sich willenlos hin- und
+herf&uuml;hren; aber h&ouml;rte sie auch nur eine Peitsche knallen,
+so erwachte ein unb&auml;ndiger Trotz in ihr, und in ihren
+Augen gl&uuml;hte der Ha&szlig; gegen den, der sie meistern wollte.
+W&uuml;rde die Liebe dieses Mannes, der nur aus von Energie
+gespannten Nerven und Sehnen zu bestehen schien, die
+richtige Grenze zu finden wissen?</p>
+
+<p>Meine Mutter war zuerst au&szlig;er sich, als Erdmann
+sich ihr er&ouml;ffnet hatte. Sie kam zu mir und k&auml;mpfte
+mit den Tr&auml;nen: &raquo;Nun bin ich es wieder, die Eurem
+Vater standhalten mu&szlig;! Und ich habe es doch so satt!&laquo;
+&raquo;Daf&uuml;r wirst du nachher um so mehr Ruhe haben,&laquo;
+suchte ich sie zu beruhigen. Ihre schmalen Lippen
+kr&auml;uselten sich, sie hatte wohl ein bitteres Wort auf der
+Zunge, aber sie sprach es nicht aus.</p>
+
+<p>Erdmann verkehrte von nun an bei den Eltern.
+&raquo;Denk' nur, er gef&auml;llt Papa!&laquo; erz&auml;hlte mir Ilse ganz
+gl&uuml;cklich, und die Mutter lebte wieder auf. Da&szlig; der
+Bewerber ihrer Tochter in guten Verh&auml;ltnissen war,
+beruhigte sie vor allem. Und auch ich freute mich dessen;
+meine Schwester war ein verw&ouml;hntes Prinze&szlig;chen;
+wie oft hatte nicht die Mutter vor ihr gekniet, um ihr
+die Stiefel zuzuschn&uuml;ren, damit ihr nur ja der R&uuml;cken
+<a name="Page_259" id="Page_259"></a>nicht schmerzte! Zu keinerlei Arbeit war sie jemals
+gen&ouml;tigt worden, &mdash; ich selbst hatte ihr nur zu h&auml;ufig
+die Schularbeiten gemacht, damit das K&ouml;pfchen
+unter den schweren goldenen Flechten nicht gar zu m&uuml;de
+wurde!</p>
+
+<p>Eines Morgens kam die Nachricht: &raquo;Papa hat eingewilligt!&laquo;
+und daneben von der Mutter Hand: &raquo;Hans
+war ganz ruhig. Nur als Erdmann fort war, hat er
+sich stundenlang in sein Zimmer eingeschlossen.&laquo; Er
+mu&szlig;te doppelt gelitten haben, da er sich durch keinen
+Ausbruch seiner Leidenschaft mehr zu erleichtern vermochte.
+Ich konnte mich noch nicht freuen, weil ich
+nur seiner gedachte. Ob ich ihm schreiben d&uuml;rfte, &mdash; ob
+ein verst&auml;ndnisvolles Wort von mir ihm zu helfen
+verm&ouml;chte?</p>
+
+<p>Im Zoologischen Garten erwartete er t&auml;glich mein
+Kind. Er hatte immer die Taschen voll f&uuml;r den Kleinen;
+war das Wetter schlecht, so lie&szlig; er ihn zu sich kommen,
+setzte sich zu ihm auf den Teppich und baute dem Enkel
+Bleisoldaten in Schlachtordnung auf. Und stets lie&szlig;
+er mich gr&uuml;&szlig;en, sagte das M&auml;dchen. Er w&uuml;rde einen
+Brief von mir nicht zur&uuml;ckweisen! An einem blauen
+B&auml;ndchen kn&uuml;pfte ich ihn meinem Jungen um den Hals,
+als er das n&auml;chste Mal zu &raquo;Apapa&laquo; fuhr. Auf dieselbe
+Weise brachte er die Antwort mit zur&uuml;ck:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;... Hast es richtig getroffen, mein Kind: ein
+Auge weint, und das andere lacht nicht. Ich mu&szlig;
+mich selbst &uuml;berwinden. Wenn man das Fahrwasser
+kennt, dann hat die Hoffnung ihr Recht; aber das
+unbekannte Fahrwasser, in das man sein Letztes
+lassen mu&szlig;, das gibt an keiner Stelle Ruhe. Da&szlig;<a name="Page_260" id="Page_260"></a>
+Du mich verstanden hast, erfreut mich und macht
+mich dankbar.</p></div>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 26em;">Dein alter Vater.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<p>Meine Schwester strahlte vor Gl&uuml;ck. Mit jener
+geistigen Beweglichkeit, die ihr von jeher eigen gewesen
+war, ging sie vollkommen auf im K&uuml;nstlertum ihres
+Verlobten. Sie schien wirklich die leere Leinwand, der
+unbehauene Stein, aus dem erst unter seinen H&auml;nden
+ein lebendiges Werk werden sollte. Selbst ihre Kleidung
+richtete sie nach seinem Geschmack; sie war eine
+der ersten, die jene malerischen Gew&auml;nder trug, wie sie
+aus den K&ouml;pfen der jungen Vork&auml;mpfer des aufbl&uuml;henden
+Kunstgewerbes hervorgingen und von den Frauenrechtlerinnen
+aus hygienischen, von den Malern aus
+k&uuml;nstlerischen Gr&uuml;nden geschaffen wurden. Jedes St&uuml;ck
+ihrer k&uuml;nftigen Einrichtung wurde nach den Zeichnungen
+Erdmanns angefertigt. &raquo;Oskars Stil entspricht so vollkommen
+meinem &auml;sthetischen Empfinden,&laquo; sagte sie, und
+ihr Blick flog ein wenig hochm&uuml;tig &uuml;ber unsere M&ouml;bel
+hinweg, &raquo;da&szlig; ich in einer anderen Umgebung nicht
+leben k&ouml;nnte.&laquo; Sie hatten nahe dem Kurf&uuml;rstendamm
+eine Wohnung gemietet, die nach Erdmanns Angaben
+umgestaltet wurde. Kam das junge Paar mit der
+Mutter zu uns, so drehte sich das Gespr&auml;ch um die Zukunftspl&auml;ne
+mit all ihren reizvollen Details. Meine
+eigenen, die mich so gl&uuml;cklich gemacht, so ganz gefangen
+hatten, traten dabei zur&uuml;ck. &raquo;Du willst uns wohl mit
+eurem Haus &uuml;berraschen, da&szlig; du so wenig davon erz&auml;hlst,&laquo;
+meinte die Mutter einmal und ich nickte dazu.</p>
+
+<p>Die Gr&uuml;nde, warum ich schwieg, waren freilich anderer
+Art. Das Haus, das inzwischen immer stattlicher
+<a name="Page_261" id="Page_261"></a>aus der Erde herauswuchs, war zur Quelle neuer
+dr&uuml;ckender Sorgen geworden. Wir hatten in unserer
+naiven Unkenntnis aller realen Forderungen des Lebens
+vorher nicht berechnet, da&szlig; doch auch w&auml;hrend des Baues
+Zinsen zu zahlen waren, die unser Budget auf das
+Schwerste belasten mu&szlig;ten. Ich wu&szlig;te oft nicht ein
+noch aus; dabei sah ich, wie mein Mann unter den Verh&auml;ltnissen
+litt, und zwar um so mehr, je mehr er empfand,
+da&szlig; ich von ihnen betroffen wurde. Machte ich einmal
+irgend eine von der Angst diktierte Bemerkung, so fuhr
+er sich mit der Hand nerv&ouml;s durch das weiche, wellige
+Haar und sagte mit einem gequ&auml;lten Ausdruck in den
+Z&uuml;gen: &raquo;K&uuml;mmere dich doch nicht darum! &Uuml;berlasse
+mir all diese Lappalien. Ich werde dir alles aus dem
+Wege r&auml;umen.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Um jene Zeit kamen die Kinder aus den Ferien
+zur&uuml;ck. Ich f&uuml;rchtete mich schon davor, denn
+noch Wochen nachher pflegten sie mir in naivem
+Egoismus zu erz&auml;hlen, was alles bei ihrer Mutter besser
+und sch&ouml;ner gewesen war. H&ouml;rte es Heinrich, so schalt
+er sie, weil er sah, da&szlig; es mich kr&auml;nkte, und eine bleischwere
+Stimmung herrschte um unseren Tisch. Diesmal
+st&uuml;rmten sie besonders eilig die Treppe hinauf; &mdash; so
+freuen sie sich doch, nach Hause zu kommen, dachte
+ich. Wolfgang, der Leichtf&uuml;&szlig;igere, kam zuerst. Kaum
+lie&szlig; er sich Zeit, mich zu begr&uuml;&szlig;en. &raquo;Die Mutter l&auml;&szlig;t
+dir sagen,&laquo; rief er atemlos, &raquo;sowas d&uuml;rfte nicht mehr
+vorkommen. M&uuml;tzen hatten wir, wie sie in &Ouml;sterreich
+nur Portiers tragen, und Anz&uuml;ge, &uuml;ber die die Bauern<a name="Page_262" id="Page_262"></a>jungens
+lachten.&laquo; Ich f&uuml;hlte, wie bla&szlig; ich wurde. Ich
+hatte sie wie immer f&uuml;r die Reise neu eingekleidet, um
+ja keinerlei Vorwurf auf mich zu laden. Und diesmal
+war es mir noch schwerer geworden als sonst. Bei
+Tisch fing auch Hans, der stets zur&uuml;ckhaltender war,
+zu erz&auml;hlen an. &raquo;Warmes Abendessen ist viel ges&uuml;nder,
+meint die Mutter,&laquo; sagte er, &raquo;und es schmeckt auch besser
+als immer blo&szlig; Wurst.&laquo;</p>
+
+<p>Ich war so &uuml;berreizt, da&szlig; ich mit den Tr&auml;nen k&auml;mpfte,
+und als am n&auml;chsten Morgen auch noch ein Brief aus
+Wien kam, in dem mir die Mutter der Kinder &uuml;ber
+meine unzureichende Erziehung allerlei Vorhaltungen
+machte, war es zu Ende mit meiner Selbstbeherrschung.
+Konnte ich die Kinder denn &uuml;berhaupt erziehen, wo ich
+st&auml;ndig f&uuml;rchtete, von ihnen als die b&ouml;se Stiefmutter
+angesehen zu werden und damit jeden Einflu&szlig; zu verlieren?!
+Konnte ich sie strafen, wo ich wu&szlig;te, da&szlig; sie
+sich bei der eigenen Mutter dar&uuml;ber beklagen w&uuml;rden?!
+Ich zeigte Heinrich den Brief und sch&uuml;ttete ihm, nicht
+ohne mich selbst all meiner vers&auml;umten Pflichten anzuklagen,
+mein Herz aus.</p>
+
+<p>&raquo;Und das alles sagst du mir erst jetzt?&laquo; rief er. &raquo;All
+den Kummer schleppst du mit dir herum und sprichst
+dich nicht aus?&laquo; Er schlang den Arm um mich und
+k&uuml;&szlig;te mir die Tr&auml;nen aus den Augen. &raquo;Hier mu&szlig;
+gr&uuml;ndlich Wandel geschaffen werden, um deinetwillen ...&laquo;
+&raquo;Vor allem um der Kinder willen, Heinz,&laquo; unterbrach
+ich ihn; &raquo;so gut geartet, wie sie sind, &mdash; schlie&szlig;lich m&uuml;ssen
+sie Schaden leiden.&laquo; Wir berieten, was zu tun sei.</p>
+
+<p>In fr&uuml;heren Jahren hatte die Mutter wiederholt versucht,
+ihre S&ouml;hne bei sich zu behalten, aber immer
+<a name="Page_263" id="Page_263"></a>wieder hatte Heinrich sie zur&uuml;ckgefordert. &raquo;Wie konntest
+du?!&laquo; sagte ich leisem Vorwurf. &raquo;Kinder geh&ouml;ren
+zur Mutter!&laquo; &raquo;Ich war sehr einsam, sehr liebebed&uuml;rftig;
+ich hatte im Scheidungsproze&szlig; mit N&auml;geln und Z&auml;hnen
+um die Kinder gek&auml;mpft,&laquo; antwortete er. &raquo;Jetzt aber
+ist die arme Frau viel einsamer als du,&nbsp;&mdash;&laquo; &raquo;&mdash;&nbsp;sie
+zu bemitleiden, habe ich keinen Grund,&laquo; entgegnete er
+hart, &raquo;sie war es, die zuerst ihre Kinder im Stiche lie&szlig;!
+Jetzt darf nur die R&uuml;cksicht auf dich und auf das Wohl
+der beiden Buben den Ausschlag geben.&laquo;</p>
+
+<p>In der Nacht nach unserem Gespr&auml;ch warf sich Heinrich
+im Bett schlaflos hin und her; im ersten Morgengrauen
+stand er leise auf, und ich h&ouml;rte, wie er
+im Zimmer nebenan auf und nieder ging. Ich
+h&auml;tte doch nichts sagen sollen, dachte ich angstvoll. Er
+sah m&uuml;de und vergr&auml;mt aus, als er wieder zu mir
+hereinkam.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mich entschlossen, ihr die Kinder anzubieten,&laquo;
+sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen wir nicht doch lieber alles beim alten lassen, &mdash; ich
+sehe vielleicht nur zu schwarz,&laquo; warf ich ein.</p>
+
+<p>Ich dachte an die Stunde, da er mir mit der Bitte,
+sie recht lieb zu haben, seine S&ouml;hne anvertraut hatte.
+Er sah so finster drein! J&auml;he Furcht beschlich mich
+um meinen kostbaren Besitz: seine Liebe. Aber er blieb
+bei dem einmal gefa&szlig;ten Beschlu&szlig;.</p>
+
+<p>Sein Anwalt schrieb in seinem Auftrag nach Wien.
+Die Antwort war keine r&uuml;ckhaltlos zustimmende: jede
+Verbindung, so w&uuml;nschte die Mutter, sollte zwischen den
+S&ouml;hnen und dem Vater abgebrochen werden, sobald sie
+ihr Haus betreten w&uuml;rden. Wochenlang zogen sich die<a name="Page_264" id="Page_264"></a>
+Verhandlungen hin, und die Korrespondenz nahm eine
+immer erbittertere Form an. Ich konnte nicht mehr mit
+ansehen, wie Heinrich litt, und all die Selbstvorw&uuml;rfe,
+die mich qu&auml;lten, nicht mehr ertragen.</p>
+
+<p>Eines Abends benutzte ich meines Mannes Abwesenheit
+und fuhr mit dem Nachtzug nach Wien. Vom
+Hotel aus meldete ich mich bei der Mutter der Kinder
+an. Herzklopfend stieg ich die steinernen Stufen hinauf.
+In einem Salon mit schweren Renaissancem&ouml;beln
+empfing sie mich, eine schlanke, dunkle Frau mit scharf
+geschnittenen, fast m&auml;nnlichen Z&uuml;gen. Sie gab mir
+nicht die Hand, sie z&ouml;gerte offenbar, mir auch nur einen
+Stuhl anzubieten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme, weil ich hoffe, da&szlig; eine m&uuml;ndliche Besprechung
+leichter zum Ziele f&uuml;hren wird,&laquo; begann ich.</p>
+
+<p>&raquo;Er schickt Sie?&laquo; Ihre Stimme hatte einen merkw&uuml;rdig
+leblosen, kalten Ton, als k&auml;me sie weit her aus
+dunkler Tiefe.</p>
+
+<p>&raquo;Nein! Ich reiste ohne sein Wissen. Wir Frauen,
+meine ich, werden uns verst&auml;ndigen, &mdash; mit einigem guten
+Willen nat&uuml;rlich, &mdash; denn zwischen uns steht nichts&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinen Sie wirklich, da&szlig; zwischen uns nichts steht?!&laquo;
+Ein Blick voll Ha&szlig; streifte mich. &raquo;Meine Kinder stehlen
+Sie mir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich?!&nbsp;&mdash;&laquo; Aufs &Auml;u&szlig;erste erstaunt sah ich sie an.
+&raquo;Ich, die ich sie Ihnen wiederbringe?!&laquo; Aber sie h&ouml;rte
+nicht auf mich. In leidenschaftlicher Erregung kamen
+die Worte, sich &uuml;berst&uuml;rzend, von ihren Lippen: &raquo;Habe
+ich nicht in diesem letzten Sommer tagt&auml;glich h&ouml;ren
+m&uuml;ssen: &#8250;Die Mama erlaubt das alles, &mdash; die Mama
+straft uns nicht, &mdash; die Mama schenkt uns dies und
+<a name="Page_265" id="Page_265"></a>jenes&#8249;?! Und jetzt soll ich vielleicht erleben m&uuml;ssen, da&szlig;
+meine eigenen Kinder sich fort w&uuml;nschen von mir? Oder
+jedesmal unzufrieden heimkehren, wenn sie, wie ihr Vater
+es w&uuml;nscht, zu den Ferien in Berlin gewesen sind?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich verstand sie, &mdash; so hatte ich auch ihr unbewu&szlig;t
+B&ouml;ses getan! &raquo;Sie wissen, mein Mann hat f&uuml;r das
+erste Jahr schon auf ein Wiedersehen verzichtet,&laquo; antwortete
+ich.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist aber auch das Allermindeste, was ich verlange!
+Im &uuml;brigen&nbsp;&mdash;,&laquo; sie nahm wieder den alten
+eisigen Ton an und zwang sich zur Ruhe, &raquo;mu&szlig; ich umziehen,
+ehe die Kinder kommen. Sie sehen hier meine
+Wohnung&nbsp;&mdash;,&laquo; sie wies nach dem E&szlig;zimmer nebenan,
+&raquo;ich habe keinen Platz f&uuml;r sie.&laquo;</p>
+
+<p>Keinen Platz f&uuml;r die eigenen Kinder?! Sie schien
+zu f&uuml;hlen, was ich empfand, denn rasch fuhr sie fort:
+&raquo;Ich w&uuml;nsche, da&szlig; die durch Unordnung sowieso schon
+genug gesch&auml;digten Buben gleich in ein regelm&auml;&szlig;iges
+Leben, eine zu ernster Arbeit gestimmte H&auml;uslichkeit
+kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wann, meinen Sie, d&uuml;rfte das sein?&laquo; Dr&auml;ngte
+ich. &raquo;Die Situation ist f&uuml;r alle Teile unertr&auml;glich!&laquo;</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte: &raquo;Finden Sie? Ich habe Schlimmeres
+ausgehalten!&laquo; Tiefe Falten gruben sich auf ihre Stirn,
+um ihre Mundwinkel. Wieder streifte mich ein Blick, &mdash; zum
+F&uuml;rchten. &raquo;Warten Sie nur, bis Sie f&uuml;nf,
+sechs Jahre mit ihm gelebt haben werden!&laquo;</p>
+
+<p>Ich erhob mich, &mdash; fast w&auml;re der geschnitzte Stuhl
+bei meiner raschen Bewegung zu Boden geglitten. Hier
+hatte ich nichts mehr zu tun. Sie geleitete mich hinaus.
+Und als m&uuml;&szlig;te sie mir zuletzt noch ihren Ha&szlig;
+<a name="Page_266" id="Page_266"></a>f&uuml;hlen lassen, sagte sie: &raquo;Ich werde schwere M&uuml;he haben, &mdash; die
+Kinder sind zu schlecht erzogen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich dachte an die Buben, &mdash; an ihre lustigen Knabenstreiche,
+an die ungebundene Freiheit, die sie genossen.
+Noch ein gutes Wort wollte ich bei der strengen Frau
+f&uuml;r sie einlegen und sagte bittend: &raquo;Sie werden ihnen
+nicht zu pl&ouml;tzlich die Wandlung f&uuml;hlen lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie k&ouml;nnen Sie sich erlauben&nbsp;&mdash;?!&laquo; rief sie fassungslos.
+&raquo;Wer ist hier die Mutter: Sie oder ich?!&laquo;</p>
+
+<p>Krachend fiel die Flurt&uuml;re hinter mir zu. In der
+n&auml;chsten Nacht fuhr ich nach Berlin zur&uuml;ck. Nicht das
+mindeste glaubte ich erreicht zu haben. Ein Brief des
+wiener Anwalts folgte mir auf dem Fu&szlig;e. Er enthielt
+den unterschriebenen Vertrag und &uuml;bermittelte den
+Wunsch, den Kindern m&ouml;chte die Reise nach Wien
+nur als ein Besuch dargestellt werden, &raquo;damit sie gerne
+kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Das war ein Jubel: Der Schule entrinnen, &mdash; und
+eine Reise nach Wien! Wir brachten sie zur Bahn und
+sahen den strahlenden Gesichtern nach, die gr&uuml;&szlig;end aus
+dem Kupeefenster nickten, bis der Zug unseren Blicken
+entschwand.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Kaum drei Wochen sp&auml;ter kehrten sie zur&uuml;ck, &mdash; still
+und bla&szlig;. Wolfgangs rundes Kindergesicht
+war schmal geworden, in Hans' dunkeln Augen
+hatte sich der Ausdruck von Melancholie noch vertieft.
+Ihr Aufenthalt in Wien war wirklich nur ein Besuch
+gewesen. Ob die einsame Frau das Gl&uuml;ck nicht ertragen
+hatte? Ob die Forderungen eines Lebens f&uuml;r
+<a name="Page_267" id="Page_267"></a>andere sie erdr&uuml;ckt haben mochten? In die gr&ouml;&szlig;te, die
+letzte Einsamkeit hatte sie pl&ouml;tzlich der Tod entf&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Aber noch dar&uuml;ber hinaus wirkte ihr Ha&szlig;: das Testament
+bedrohte die Kinder mit Enterbung, wenn sie
+im Hause des Vaters bleiben w&uuml;rden. Und so mu&szlig;ten
+sie wieder fort, da sie der W&auml;rme, der Liebe am meisten
+bedurften.</p>
+
+<p>Von einer neuen Schule im Harz hatten wir erfahren,
+wo die Jugend in sch&ouml;ner Abwechselung von
+Spiel und Arbeit, von der &Uuml;bung k&ouml;rperlicher und
+geistiger Kr&auml;fte sich frei und fr&ouml;hlich zu entwickeln vermag,
+einer Schule, deren Leiter den Mut hatte, dem
+Geist engherzigen Preu&szlig;entums den Eintritt bei sich zu
+verwehren. Dorthin brachten wir sie. Es war das
+beste, das wir hatten finden k&ouml;nnen, und doch so schrecklich
+wenig f&uuml;r die, denen die Mutter gestorben war.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Nun war es still bei uns im Hause. Ottochen,
+der sich inzwischen auf seinen eigenen F&uuml;&szlig;chen
+zu bewegen gelernt hatte, lief im Zimmer
+der Br&uuml;der von Stuhl zu Stuhl, guckte in die Schr&auml;nke
+und unter die Betten und rief vergebens &raquo;Wof&laquo; und
+&raquo;Ans&laquo;. Zuerst weinte er, weil sie nicht kamen, um mit
+ihm zu &raquo;pielen&laquo;, dann erinnerte er sich ihrer nur noch,
+wenn er auf meinem Scho&szlig; am Schreibtisch sa&szlig; und
+ich ihm ihre Bilder zeigte. Er war ein unb&auml;ndiger
+kleiner Kerl, der nie lange an einem Platz aushielt.
+Ein Sonnenstrahl im Zimmer, eine Fliege am Fenster,
+Hundegebell und Pferdegetrappel auf der Stra&szlig;e, &mdash; alles
+erregte seine brennende Neugierde; wenn aber
+<a name="Page_268" id="Page_268"></a>gar Soldaten vor&uuml;bermarschierten, so zappelte er mit
+H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en vor Freuden, und rief, so laut er
+konnte: &raquo;Daten! daten!&laquo;</p>
+
+<p>Seitdem der Gro&szlig;vater sich dem Enkel zu Liebe einmal
+in die alte Generalsuniform gezw&auml;ngt hatte, ging
+er noch einmal so gern in die Ansbacherstra&szlig;e. &raquo;Apapa
+Dat, Apapa Dat,&laquo; hatte er mir mit erstaunten Augen
+und einem Ausdruck von Ehrfurcht in dem Gesichtchen
+damals erz&auml;hlt. Und &raquo;Apapa dehn!&laquo; schrie er mit
+Stentorstimme, wenn wir nicht ruhig genug mit ihm
+spielten.</p>
+
+<p>Eines Abends im Herbst kam meine Mutter und erz&auml;hlte
+mir, der Vater habe heute, ohne sie zu fragen,
+die Wohnung gek&uuml;ndigt. &raquo;Er will im Grunewald
+mieten,&laquo; f&uuml;gte sie hinzu, &raquo;um Ottochen nahe zu sein.&laquo;
+Mir wurden die Augen feucht: so ersetzte ihm der Enkel
+die Tochter, die er verloren hatte.</p>
+
+<p>Kurze Zeit darauf bekam ich einen Brief von ihm:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;Liebes Kind! denke doch nicht, da&szlig; es mir gen&uuml;gt,
+Deinen Jungen bei mir zu sehen. Alte Leute
+brauchen viel W&auml;rme, darum sagte ich Ottochen heute,
+da&szlig; er Papa und Mama das n&auml;chste Mal mitbringen
+soll. Er sah mich so ernsthaft an, da&szlig; ich glaube, er
+hat mich verstanden.</p></div>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 25.5em;">Dein treuer Vater.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<p>Und so trat ich mit meinem Kind auf dem Arm in
+die alte Wohnung. Die Schwester kam mir entgegen:
+&raquo;Nun wird meine Hochzeit erst ein richtiges Fest f&uuml;r
+mich sein,&laquo; sagte sie und k&uuml;&szlig;te mich st&uuml;rmisch. Sie
+&ouml;ffnete die T&uuml;r zum Zimmer des Vaters. &raquo;Er kommt
+gleich,&laquo; fl&uuml;sterte sie und lief davon. Ich mu&szlig;te mich
+<a name="Page_269" id="Page_269"></a>setzen; die Kniee zitterten mir. Alles hatte ein Gesicht,
+ein liebes, vertrautes: die verblichenen Sessel, die so
+einladend die Armlehnen nach mir ausstreckten, der alte,
+gr&uuml;ne Teppich, der sich warm und weich unter meine
+F&uuml;&szlig;e schmiegte, die dunkeln Bilder an der Wand, die
+zu l&auml;cheln schienen. Auf dem Schreibtisch lagen wie
+einst in Reih und Glied die sorgf&auml;ltig gespitzten Bleistifte
+und die G&auml;nsefedern, die der Vater sich selbst zu
+schneiden pflegte, und der &raquo;Soldatenhort&laquo;, f&uuml;r den er
+schrieb. Und in der Ecke &mdash; die alte Reiterpistole!
+Aus dem Zimmer war ich einmal geflohen vor ihr. &mdash; Der
+sie auf mich gerichtet hatte, rief mich heut zur&uuml;ck!
+Nein, &mdash; mich nicht! Nur dieses s&uuml;&szlig;en blonden Kindes
+Mutter!</p>
+
+<p>Die T&uuml;re ging auf. &raquo;Apapa!&laquo; rief der Kleine und
+streckte ihm die &Auml;rmchen entgegen. Im n&auml;chsten Augenblick
+f&uuml;hlte ich uns beide umfa&szlig;t: Die Lippen zitterten,
+die meine Stirn ber&uuml;hrten. &raquo;Wir wollen einander nicht
+weich machen, Alix,&laquo; sagte er leise. &raquo;Wir wollen so
+tun, als w&auml;rst du gar nie weg gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>Von nun an sahen wir uns oft. M&uuml;hsam, mit
+schwerem Atem, auf jedem Treppenabsatz minutenlang
+innehaltend, kam er immer h&auml;ufiger zu uns herauf, und
+meist um die Stunde, die er fr&uuml;her im Kasino zuzubringen
+pflegte. Er hatte stillschweigend auch diese alte
+Gewohnheit aufgegeben, und als die Mutter ihn darnach
+fragte, sagte er: &raquo;Was soll ich mich jetzt noch &uuml;ber
+Menschen und Zeitungen &auml;rgern?!&laquo;</p>
+
+<p>Mein Mann, der sich nie als &raquo;Schwiegersohn&laquo; f&uuml;hlte,
+sondern stets sehr zur&uuml;ckhaltend, sehr f&ouml;rmlich blieb, gefiel
+ihm. &raquo;Du ahnst ja kaum, wie der Frieden auf mich
+<a name="Page_270" id="Page_270"></a>wirkt,&laquo; schrieb er mir einmal. &raquo;Ich bin Dir die Erkl&auml;rung
+schuldig, da&szlig; dein Mann, dessen vollendeter
+Takt mir so wohltuend ist, ganz auf mich z&auml;hlen kann.&laquo;</p>
+
+<p>Zuweilen fuhr er mit uns in den Grunewald, wo er
+zum Fr&uuml;hjahr in unserer N&auml;he eine Wohnung gemietet
+hatte. Er strahlte vor Freude, wenn er unser H&auml;uschen
+wachsen und werden sah.</p>
+
+<p>&raquo;Wie mich das gl&uuml;cklich macht, dich so ohne Sorgen
+zu wissen,&laquo; sagte er zu mir, w&auml;hrend er unerm&uuml;dlich
+&uuml;ber die Balken kletterte und jeden Raum in Augenschein
+nahm. Dann dr&uuml;ckte er Heinrich die Hand: &raquo;Da&szlig;
+du meiner Alix solch eine Heimat schaffst!&laquo;</p>
+
+<p>Drau&szlig;en im Garten freute ihn jeder Strauch, der
+gepflanzt wurde. &raquo;Hier mu&szlig; Ottochen einen gro&szlig;en
+Sandhaufen haben,&laquo; &mdash; meinte er, &raquo;und eine Schaukel
+und eine Kletterstange, damit seine Muskeln straff werden.
+Daneben aber baut mir eine Laube, in der ich
+im Sommer, ohne euch zu st&ouml;ren, sitzen und mit meinem
+Jungen spielen kann.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>An einem dunkeln Sp&auml;therbsttag, kurz vor der
+Hochzeit meiner Schwester, kam ich nach Hause.
+&raquo;Exzellenz ist beim Kleinen,&laquo; sagte das M&auml;dchen.
+Ich nickte l&auml;chelnd. Ottochen war nicht ganz wohl und
+durfte des schlechten Wetters wegen nicht ausgehen. Nun
+kam der Gro&szlig;vater zu ihm. Ich trat in sein Zimmer. Auf
+dem Teppich sa&szlig; mein Kind, vertieft in die neuen Soldaten,
+die ihm &raquo;Apapa&laquo; mitgebracht haben mochte; im Lehnstuhl
+lag der Vater tief zur&uuml;ckgelehnt und schlief. Der
+sonst so lebhafte Junge bewegte sich leise zwischen dem<a name="Page_271" id="Page_271"></a>
+Spielzeug und sah erschrocken auf, als ich n&auml;her trat.
+&raquo;Pst, pst!&laquo; machte er und legte ein Fingerchen auf die
+Lippen. &raquo;Apapa baba!&laquo;</p>
+
+<p>Der graue Schatten des fr&uuml;hen Abends kroch durch
+die Fenster. Schwer lag er &uuml;ber den Z&uuml;gen des Schlafenden,
+verwischte jede Lebensfarbe, lie&szlig; jede Falte tiefer
+erscheinen. Ich faltete unwillk&uuml;rlich die H&auml;nde: Wie
+alt, wie bla&szlig;, wie m&uuml;de sah er aus! Und war doch
+ein so starker Mann gewesen und den Jahren nach
+kein Greis! Ich sank in die Kniee und k&uuml;&szlig;te die
+herabh&auml;ngende Hand. Der Kummer um mich war
+es gewesen, der ihm ein St&uuml;ck seines Lebens gekostet
+hatte.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ende November wurde Ilse im Elternhaus mit Oskar
+Erdmann getraut. Nur die n&auml;chsten Verwandten
+waren geladen worden, und auch von ihnen hatten
+manche abgesagt, als sie erfuhren, da&szlig; wir zugegen sein
+w&uuml;rden. Meine Schwester sah aus wie eine Fr&uuml;hlingselfe.
+Alles Licht im Raum ging von ihren goldenen Haaren
+aus, deren Glanz selbst der keusche Brautschleier nicht
+zu d&auml;mpfen vermochte. Erdmann schien mir noch
+schmaler als sonst. Ein unbestimmtes Angstgef&uuml;hl beschlich
+mich. Meiner Schwester &raquo;Ja!&laquo; klang so froh,
+so hell an mein Ohr, da&szlig; es die Sorge verscheuchte.
+Als aber der Geistliche sich fragend an ihn wandte,
+verschlang ein rauher Husten, unter dem ich seinen
+R&uuml;cken beben sah, seine Antwort. Mir war, als wechselten
+seine Geschwister, die neben uns standen, einen erschrockenen,
+vielsagenden Blick. Doch wie das junge<a name="Page_272" id="Page_272"></a>
+Paar sich uns zuwandte, &uuml;berstrahlte ihr Gl&uuml;ck auch
+diesen Eindruck.</p>
+
+<p>Vor der Hochzeitstafel &uuml;berkamen mich alte Tr&auml;ume.
+Sie stiegen aus den schlanken Kelchen, die einst aneinanderklangen,
+w&auml;hrend Walzermelodien mich umrauschten,
+sie schimmerten in den silbernen Jardinieren,
+in denen so viel Rosen, &mdash; duftende Zeugen meiner
+Balltriumphe&nbsp;&mdash;, verbl&uuml;ht waren.</p>
+
+<p>Jemand schlug ans Glas. Nun, wu&szlig;te ich, wird
+meines Vaters klare Stimme die Luft in rasche Schwingung
+versetzen, sein Geist und sein Witz wird alle bezaubern,
+und alle verdunkeln, die nach ihm reden werden. Erwartungsvoll
+sah ich ihn an.</p>
+
+<p>Seine Finger zerdr&uuml;ckten unruhig die Serviette, seine
+Lippen &ouml;ffneten sich einmal &mdash; zweimal, bis da&szlig; ein Ton
+sich ihnen entrang, der rauh und heiser war. Und dann
+sprach er, &mdash; langsam, schwerf&auml;llig, wie eingelernt. Meine
+Erwartung verwandelte sich in Staunen, mein Staunen in
+Angst. Seine Hand hob sich wie zu einer jener alten Gesten,
+die so wirksam zu unterstreichen pflegten, was er sagte, &mdash; gleich
+darauf sank sie schlaff herab, die Lippen
+zuckten, &mdash; der begonnene Satz zerri&szlig;; &mdash; eine qualvolle
+Pause; &mdash; dann griff er hastig nach dem Kelchglas, hob
+es empor, wobei die Tropfen zitternd &uuml;ber den Rand
+spritzten: &raquo;Die Familie Erdmann lebe hoch &mdash; hoch &mdash; hoch!&laquo; &mdash; In
+den Stuhl sank er zur&uuml;ck; seine Augen
+wanderten wie um Verzeihung bittend von einem zum
+anderen, und als sein Blick den meinen traf, sah ich
+die Tr&auml;ne, die ihm in den Wimpern hing.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_273" id="Page_273"></a></p>
+
+<p>Im Winter ging es meinem Vater Woche um
+Woche schlechter. Es duldete ihn nicht im
+Hause; schon fr&uuml;h trieb ihn eine unerkl&auml;rliche
+Unruhe fort; versuchte die Mutter, ihn zur&uuml;ckzuhalten,
+so setzte er ihren Bitten einen so heftigem Widerstand
+entgegen, da&szlig; sie ihn gehen lassen mu&szlig;te. Er besuchte
+meine Schwester und schleppte sich bis zu uns herauf,
+obwohl es ihm t&auml;glich schwerer wurde. Es war, als
+ob er das Alleinsein mit der Mutter nicht ertr&uuml;ge. Nur
+wenn sein Enkel bei ihm war, wich seine innere Unruhe
+einem Ausdruck stillen Friedens. Zuweilen verlie&szlig;
+ihn das Ged&auml;chtnis, dann nannte er den Kleinen &raquo;Alix&laquo;
+und war noch z&auml;rtlicher zu ihm als sonst. Einmal kaufte
+er eine Puppe, um sie &raquo;Alix&laquo; zu schenken; als ihn die
+Mutter auf den Irrtum aufmerksam machte, geriet er
+in helle Wut. &raquo;Alle Freude willst du mir verderben,&laquo;
+schrie er und sprach stundenlang nicht mit ihr. Irgendeine
+Pflege duldete er nicht; er schlo&szlig; sich im Schlafzimmer
+ein, wenn der Arzt kommen sollte.</p>
+
+<p>Ich sah, wie meine Mutter sich m&uuml;hte, ihm alles
+recht zu machen. Aber die Sorgfalt, mit der sie ihn
+umgab, hatte etwas K&uuml;hles, Fremdes, &mdash; als ob das Herz
+nicht dabei w&auml;re. Sie litt unter seiner Heftigkeit; es
+kam vor, da&szlig; ihre starre Selbstbeherrschung zusammenbrach;
+dann weinte sie bitterlich, aber es waren Tr&auml;nen
+des Zornes, nicht des Leides. &raquo;Er ist so b&ouml;se zu mir,
+so b&ouml;se!&laquo; kam es krampfhaft zwischen ihren fest geschlossenen
+Z&auml;hnen hervor. Hilflos stand ich vor der
+Offenbarung der Ehetrag&ouml;die meiner Eltern. Manches
+Erlebnis, das meine Jugend verbittert hatte, tauchte in
+<a name="Page_274" id="Page_274"></a>der Erinnerung wieder auf, und ich fand jetzt den
+Schl&uuml;ssel dazu.</p>
+
+<p>&raquo;Die Ehe hat sie zerst&ouml;rt,&laquo; sagte ich zu meiner Schwester,
+als wir dar&uuml;ber berieten, wie ihnen vielleicht noch zu
+helfen sei.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, &mdash; das glaube ich gern,&laquo; antwortete sie mit
+einem gr&uuml;blerischen Ausdruck, der ihrem weichen Gesichtchen
+sonst fremd war.</p>
+
+<p>Ich horchte auf; &mdash; kaum zwei Monate war sie
+verheiratet! Von da an f&uuml;hrte mein Weg, wenn
+ich zu den Eltern ging, regelm&auml;&szlig;ig bei ihr vor&uuml;ber.
+Ich hatte sie in ihrem jungen Gl&uuml;ck nicht st&ouml;ren
+wollen, jetzt trieb mich die Sorge, zu sehen, ob es
+nicht schon gest&ouml;rt war. Aber ich fand sie stets heiter
+inmitten ihrer sch&ouml;nen H&auml;uslichkeit, die in Formen
+und Farben so harmonisch zusammenstimmte, da&szlig; eine
+Vase, ein Blumenstrau&szlig; schon st&ouml;rend zu wirken vermochte,
+wenn sie nicht in bewu&szlig;tem Einklang damit
+gew&auml;hlt worden waren. Und ich fand ihren Mann
+z&auml;rtlich um sie besorgt, &mdash; in einer Art freilich, die
+ich nicht vertragen h&auml;tte, die der Natur Ilsens aber zu
+entsprechen schien. Er bestimmte ihre Kleidung, er beaufsichtigte
+die Hauswirtschaft, er ordnete den Tisch,
+wenn Besuch erwartet wurde. Und alles nahm unter
+seiner Hand den Charakter seines K&uuml;nstlertums an: der
+Vornehmheit, die jedes &auml;u&szlig;eren Schmuckes entbehren
+konnte, weil sie das Wesen des Materials zu reinstem
+Ausdruck brachte; der jedem lauten Ton abholden Ruhe,
+die wie Sonnenuntergang am Tage durch die orangeseidenen
+Vorh&auml;nge klang und am Abend in den Falten
+der gr&uuml;nen, die sich dar&uuml;ber breiteten, tr&auml;umte; und
+<a name="Page_275" id="Page_275"></a>der Liebe zur Natur, die sich in allem, was ihn umgab,
+widerspiegelte, &mdash; in den dunkelroten Kastanienbl&auml;ttern
+der Tapete, den zarten Pflanzen- und V&ouml;gelstudien japanischer
+Stiche, dem Wandteppich mit dem stillen Waldbach,
+auf dem die Schw&auml;ne ziehen. Es war gut sein
+bei ihnen, und wer davon ging, dem kam die Welt
+drau&szlig;en doppelt h&auml;&szlig;lich, unharmonisch, laut und herzlos
+vor. Aber es ging auch etwas wie eine L&auml;hmung
+von dieser Umgebung aus, etwas, das vom wirklichen
+Leben gewaltsam abzog.</p>
+
+<p>Die G&auml;ste des Hauses entsprachen dieser Stimmung;
+keine der Fragen, die uns bewegten, traten mit ihnen
+&uuml;ber seine Schwelle. Die Kunst stand im Mittelpunkt
+all ihres Denkens und F&uuml;hlens; nicht jene nebenabsichtslose,
+die w&auml;chst wie ein Baum, gleichg&uuml;ltig, ob nur
+einsame Wanderer ihn finden, oder ob Scharen unter
+seinem Schatten ruhen, sondern jene m&auml;rchenhafte
+Treibhausblume, die nur f&uuml;r die Auserw&auml;hlten gezogen
+wird. Sie vertraten alle den Individualismus, aber
+hinter ihrer Forderung der h&ouml;chsten Kultur des Individuums
+verbarg sich nur sein Kultus. Man sprach
+mit halber Stimme, man las B&uuml;cher, die in numerierten
+Exemplaren nur f&uuml;r einen kleinen Kreis von
+Freunden gedruckt wurden; am Fl&uuml;gel sa&szlig; h&auml;ufig ein
+katholischer Priester, der in dem milden Wachskerzenlicht
+des zartget&ouml;nten Salons Palestrinas feierliche Weisen
+ert&ouml;nen lie&szlig;.</p>
+
+<p>Dieselbe Atmosph&auml;re, die sich weich um die Stirne
+legt, herrschte hier, wie im Theater, wo Hofmannsthals
+Hochzeit der Sob&euml;ide jenen Haschichrausch hervorrief,
+der der Welt entr&uuml;ckt. Und am Ende des<a name="Page_276" id="Page_276"></a>
+Jahrhunderts jauchzte die Jugend den neuen G&ouml;ttern
+ebenso st&uuml;rmisch zu, wie wir die Ibsen und Gerhart
+Hauptmann empfangen hatten. Fl&uuml;chteten die Menschen
+nur im Gef&uuml;hl ihrer Schw&auml;che aus der Wirklichkeit,
+oder waren nicht unter denen, die sich abseits des rauhen
+Lebens in einem wei&szlig;en Tempel versteckten, auch solche,
+die als geweihte Priester der Menschheit wieder aus ihm
+hervorgehen werden?</p>
+
+<p>Ich h&auml;tte die Frage nicht entscheiden k&ouml;nnen, aber
+mein Optimismus glaubte gern an Keime neuen Werdens,
+wo andere F&auml;ulniserscheinungen sehen. Auch Erdmanns
+Pers&ouml;nlichkeit berechtigte dazu. Er selbst wurzelte
+zu bewu&szlig;t im Boden der Erde, als da&szlig; er seine Kunst
+ihr h&auml;tte entrei&szlig;en k&ouml;nnen. Er behandelte die jungen
+M&auml;nner, die seine genial geknoteten Krawatten nachahmten,
+von seinem tiefsten Wesen aber wenig wu&szlig;ten,
+mit leiser Ironie. Die <em class="antiqua">l'art pour l'art</em>-Devise war f&uuml;r
+ihn nicht das Letzte.</p>
+
+<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen den Snob benutzen,&laquo; sagte er, als
+wir einmal unter uns waren, &raquo;um allm&auml;hlich zum
+Volk zu kommen. Es ist mit dem Kunstgewerbe wie
+mit der Mode: Das Neueste ist zuerst ein Vorrecht
+der Wenigen und nach einem Jahr die Gewohnheit
+der Massen.&laquo; Lebhaft hin- und hergehend setzte
+er uns dann seine Zukunftspl&auml;ne auseinander: Handwerkerschulen
+wollte er schaffen, in denen nicht alte
+Klischees immer wieder benutzt werden, sondern die
+neuesten und sch&ouml;nsten Errungenschaften der Kunst zu
+Mustern dienen.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist bewundernswert, wie verst&auml;ndnisvoll all die
+kleinen Handwerker, die ich jetzt schon zusammen<a name="Page_277" id="Page_277"></a>gesucht
+habe, meinen Ideen entgegenkommen. Sie
+sind in ihrem Geschmack weniger verdorben, sie haben
+vor allem weit mehr Gef&uuml;hl f&uuml;r das Material, das
+sie bearbeiten, als die meisten unserer Kunstgewerbetreibenden,
+die vor lauter theoretischem Wissenskram
+jede pers&ouml;nliche Stellung zu den Dingen verloren haben&nbsp;&mdash;.&laquo;
+Ein heftiger Hustenanfall unterbrach ihn, rote Flecken
+zirkelten sich auf seinen eingefallenen Wangen ab. Meine
+Schwester erbla&szlig;te, lief hinaus und brachte ihm eine
+Tasse Tee, die er entgegennahm, wie etwas l&auml;ngst Gewohntes.
+&raquo;Der berliner Winter, &mdash; dies ekelhafte Regenwetter&nbsp;&mdash;,&laquo;
+sagte er dann und lehnte sich m&uuml;de in den
+Stuhl zur&uuml;ck, w&auml;hrend seine Brust sich noch krampfhaft
+hob und senkte. &raquo;Ich war um diese Zeit immer im
+S&uuml;den&nbsp;&mdash;,&laquo; f&uuml;gte er halblaut wie zu sich selbst hinzu.</p>
+
+<p>Wir gingen. Meine Schwester begleitete uns bis zur
+T&uuml;r. Ich sah sie fragend an. Sie nickte, um ihren
+Mund zuckte es verr&auml;terisch: &raquo;Ich wei&szlig;, &mdash; wir sollten
+fort, aber er will nicht. Er kann seine Arbeiten
+nicht im Stiche lassen, sagte er. Aber sp&auml;ter, in Jahr
+und Tag, wenn er sehr viel verdient haben wird,&nbsp;&mdash;&laquo;
+dabei l&auml;chelte sie wieder hoffnungsvoll, &mdash; &raquo;dann wollen
+wir reisen&nbsp;&mdash;&laquo; &raquo;Ilse!&laquo; klang es ungeduldig von innen.
+Sie fuhr erschrocken zusammen: &raquo;Nun wird er wieder
+b&ouml;se sein!&laquo; und lief, sich hastig verabschiedend, hinein.</p>
+
+<p>Wochenlang war er an das Zimmer gefesselt. Nun
+ging meine Mutter zwischen dem Mann und dem
+Schwiegersohn unerm&uuml;dlich hin und her. &raquo;Ilschen ist
+viel zu zart f&uuml;r solch eine Pflege,&laquo; meinte sie, w&auml;hrend
+sie selbst dabei immer magerer wurde. Bat ich sie, sich
+zu schonen, so hatte sie nur die eine Antwort: &raquo;So<a name="Page_278" id="Page_278"></a>lange
+mir Gott Pflichten auferlegt, habe ich sie zu erf&uuml;llen.&laquo;
+Dabei r&uuml;ckte der Umzugstermin n&auml;her; er mu&szlig;te
+p&uuml;nktlich inne gehalten werden, denn die Wohnung der
+Eltern war vermietet. In der Nacht, wenn der Vater
+schlief, kramte und packte die Mutter, um ihn nur ja
+bei Tage damit nicht zu st&ouml;ren.</p>
+
+<p>Bei uns sah es &auml;hnlich aus, denn unser H&auml;uschen
+war inzwischen fertig geworden, und der Tag des Einzugs
+war festgesetzt. Aber die Freude fehlte, mit der
+ich ihm vor Monaten entgegengesehen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Sind wir erst drau&szlig;en, so wird alles gut werden,&laquo;
+versicherte mir Heinrich immer wieder, wenn meine
+sorgenvollen Mienen ihm meine Stimmung verrieten.
+&raquo;Glaubst du, da&szlig; wir Taler von den Kiefern sch&uuml;tteln
+k&ouml;nnen, wie das Kind im M&auml;rchen?&laquo; antwortete ich.
+&raquo;Wertvollere jedenfalls,&laquo; meinte er gereizt. &raquo;Deines
+Kindes und deine Gesundheit, deine Arbeitskraft sind
+doch wohl wichtiger, als die paar blauen Lappen, die
+du momentan vermi&szlig;t.&laquo; Ich zuckte die Achseln. Die
+Sorgen waren ja meine Krankheit, und sie gedeihen
+auch in der besten Luft.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Hans geht es schlecht, kommt bitte gleich&nbsp;&mdash;&laquo;
+Meine Mutter schickte diese Zeilen. Wir
+fuhren in die Ansbacherstra&szlig;e. Auf seinem
+Lehnstuhl sa&szlig; der Vater, halb angezogen, mit blaurotem
+Gesicht und blutunterlaufenen Augen. Gepackte
+Kisten standen umher, &ouml;de starrten uns die vorhanglosen
+Fenster entgegen, grauer Staub lag auf den abger&auml;umten
+Tischen.</p>
+<p><a name="Page_279" id="Page_279"></a></p>
+<p>&raquo;Ich will nicht zu Bett, &mdash; ich will nicht,&laquo; st&ouml;hnte
+der Kranke. Der Mutter liefen die Tr&auml;nen &uuml;ber die
+abgeh&auml;rmten Wangen.</p>
+
+<p>&raquo;Er st&ouml;&szlig;t mich zur&uuml;ck, wenn ich ihm helfen will,&laquo;
+fl&uuml;sterte sie. Der Arzt trat ein. Mit gewaltsamer Anstrengung
+erhob sich der Vater, st&uuml;tzte sich mit beiden
+H&auml;nden auf den Tisch vor ihm und schrie, w&auml;hrend
+die Augen ihm aus den H&ouml;hlen zu treten schienen:
+&raquo;Hinaus &mdash; hinaus! Ich mag keinen Quacksalber!&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>Dann brach er zusammen, krallte die Hand in die
+linke Seite, &mdash; langsam wich die Farbe aus seinen
+Z&uuml;gen; willenlos lie&szlig; er sich ins Schlafzimmer f&uuml;hren,
+den Kopf tief gesenkt, schwankend, mit kleinen, unsicheren
+Schritten. Im Bett lag er ganz still. Nur
+die Augen, die merkw&uuml;rdig gro&szlig; und klar geworden
+waren, sprachen, was die Lippen nicht sagen konnten.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Heinrich und Erdmann von den neuen
+Mietern der Wohnung, die sich zu einem Aufschub des
+Einzugs nicht verstehen wollten, zum n&auml;chsten Krankenhaus
+fuhren, um die &Uuml;bersiedlung dorthin vorzubereiten,
+und die Mutter mit Ilsens Hilfe drau&szlig;en das Notwendigste
+zusammenpackte, war ich allein bei dem Kranken.</p>
+
+<p>Wir redeten miteinander. Seine Augen bohrten sich
+forschend in meine Z&uuml;ge. &raquo;Du kannst ruhig, &mdash; ganz
+ruhig sein, lieber Papa. Ich bin vollkommen gl&uuml;cklich&nbsp;&mdash;,&laquo;
+versicherte ich. Sie leuchteten auf, um sich
+gleich darauf in j&auml;her Angst, halb geschlossen, wieder
+auf mich zu richten. &raquo;Ich liebe dich, Papa, ich habe
+nie aufgeh&ouml;rt, dich zu lieben,&laquo; antwortete ich mit
+tr&auml;nenerstickter Stimme. Um seine blassen Lippen zuckte
+ein leises L&auml;cheln, seine schwache Hand versuchte, die
+<a name="Page_280" id="Page_280"></a>meine zu umschlie&szlig;en, die Lider deckten sekundenlang die
+stahlblauen Pupillen, &mdash; dann zuckten sie schreckhaft
+wieder empor. Eine einzige, ungeheure, verzweifelte
+Frage starrte aus diesen Augen, in die das ganze Leben
+sich zu einer letzten Zuflucht zusammendr&auml;ngte. Ich
+verstand. Vorsichtig l&ouml;ste ich meine Hand aus der
+seinen und ging hinaus &mdash; &raquo;Mama!&laquo; rief ich leise.
+Sie kam. Ich sah noch zwei H&auml;nde, die sich zitternd
+ihr entgegenstreckten, &mdash; dann zog ich die T&uuml;re hinter
+mir ins Schlo&szlig; ...</p>
+
+<p>Als der Krankenwagen vorfuhr, trat sie aus dem
+Zimmer, bleich, regungslos, wie versteinert. &raquo;Er schl&auml;ft,&laquo;
+sagte sie. Ich beugte mich &uuml;ber ihn: wie ein Hauch
+schwebte der Atem nur noch von seinen Lippen. Die
+Augen waren geschlossen, das Gesicht wei&szlig; und still,
+beherrscht von einem Ausdruck feierlichen Ernstes.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Zu Hause lief mir mein Kind entgegen. &raquo;Apapa
+dehn!&laquo; schrie es ungeduldig. Es war die Stunde
+seiner t&auml;glichen Ausfahrt. Ich sch&uuml;ttelte traurig
+den Kopf. Da fing es an herzbrechend zu schluchzen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Noch zwei Tage atmete der Sterbende. Mit
+einer Ruhe, von der ich nicht wu&szlig;te, ob ich
+sie bewundern oder mich vor ihr entsetzen
+sollte, ordnete die Mutter alles an, als w&auml;re er schon
+gestorben.</p>
+
+<p>Angstvoll sah ich hin&uuml;ber zu dem starren Gesicht in
+den wei&szlig;en Kissen. &raquo;Er ist ohne Bewu&szlig;tsein,&laquo; hatte
+<a name="Page_281" id="Page_281"></a>der Arzt versichert. Zuweilen aber schien mir, als h&ouml;rte
+er noch, als s&auml;he er mit geschlossenen Augen, als ginge
+ein Beben durch seinen K&ouml;rper.</p>
+
+<p>In der dritten Nacht starb er.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Droben an der Hasenhaide, wo der Riesenleib
+der Stadt sich gigantisch den H&uuml;geln zu
+F&uuml;&szlig;en hinstreckt und der Sturm ungehindert
+durch die alten B&auml;ume pfeift, ist die letzte Garnison
+der Soldaten. Von den Schie&szlig;st&auml;nden gr&uuml;&szlig;en die
+Flintensch&uuml;sse her&uuml;ber, von den Kasernenh&ouml;fen die Trompetensignale,
+und vom Tempelhofer Feld klingen zuweilen
+die Kriegsm&auml;rsche in den Frieden des Kirchhofs.</p>
+
+<p>Dorthin trugen alte Regimentskameraden den Sarg,
+in dem der Tote schlief, geh&uuml;llt in den Mantel, der in
+allen Feldz&uuml;gen sein unzertrennlicher Begleiter gewesen
+war. Es war ein stilles Begr&auml;bnis. F&uuml;r die alten
+Freunde war er gestorben, als er sich mit mir, der Abtr&uuml;nnigen,
+vers&ouml;hnte.</p>
+
+<p>Auch der Kaiser hatte des Mannes vergessen, der
+seinem Ahnherrn in Frankreichs blutgetr&auml;nkter Erde die
+Krone des deutschen Reiches erobern half.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Acht Tage sp&auml;ter verlie&szlig;en wir die Wohnung,
+in der die Sonne durch alle Fenster hatte
+fluten k&ouml;nnen, in der mein Sohn geboren
+worden war. &raquo;Ottoo &mdash; addaa&nbsp;&mdash;&laquo; jauchzte er wieder,
+als wir davonfuhren; aber die Fenster des Wagens
+waren geschlossen, und der Fr&uuml;hlingsregen peitschte an
+<a name="Page_282" id="Page_282"></a>das Glas. Im Walde drau&szlig;en empfing uns die neue
+Heimat: Unter dem tiefen grauen Dach unseres Hauses
+schauten die kleinen Fenster wie Augen unter schattenden
+Wimpern hervor, geheimnisvoll lockend und feindselig
+abwehrend zur&uuml;ck. Dar&uuml;ber wiegten die Kiefern
+ihre schwarzen Kronen. Es war wie ein St&uuml;ck der
+stillen, ernsten Natur, die es umgab. Und still und
+ernst trat ich &uuml;ber seine Schwelle.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_283" id="Page_283"></a></p>
+<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Der Winter des Jahres 1899 wollte kein Ende
+nehmen. Die Stadt Berlin, die durch Reinlichkeit
+zu ersetzen pflegte, was ihr an Sch&ouml;nheit
+gebrach, war dem Schnee, der sich auf den Stra&szlig;en
+bis in den April hinein in schmutzig-grauen Schlamm
+verwandelte, nicht gewachsen. Heerscharen, mit Spaten
+und Hacke bewaffnet, schickte sie aus, um den hartn&auml;ckigen
+Feind aus den Toren zu treiben, und um die
+Massen der Arbeitslosen, die unter seinem Regiment
+immer st&auml;rker angeschwollen waren, zu verringern. Vergebens.
+Der Schnee ballte sich zu Haufen; vor den
+Asylen der Obdachlosen staute sich die Menge. Mehr
+als je waren kr&auml;ftige M&auml;nner darunter. Selbst um
+die am schlechtesten bezahlte Heimarbeit rissen sich die
+Frauen; wovon sollten sie die Kinder ern&auml;hren, da die
+V&auml;ter feiern mu&szlig;ten und das Fleisch immer teurer wurde?</p>
+
+<p>&raquo;Der Winter ist mit den Ausbeutern im Bunde,&laquo;
+sagte eine blasse, kleine Parteigenossin, die jedesmal mit
+entz&uuml;ndeteren Augen in die Sitzungen kam. &raquo;Die
+Agrarier, die Konfektion&auml;re und die Kohlenfritzen werden
+dick und fett, und wir kriegen die Schwindsucht.&laquo;
+Sie stickte Hemden, &mdash; &raquo;ganz feine aus Battist, mit
+'ner F&uuml;rstenkrone. Ich w&uuml;nschte man blo&szlig;, jeder Stich
+w&auml;re 'ne Nadelspitze, wenn sie den durchlauchtigsten<a name="Page_284" id="Page_284"></a>
+K&ouml;rper ber&uuml;hren,&laquo; f&uuml;gte sie hinzu. Die Bitterkeit,
+mit der sie sprach, erf&uuml;llte mehr denn je ihre Klassengenossen.</p>
+
+<p>Sie froren und hungerten. Im Reichstag aber bewilligte
+die Mehrheit der b&uuml;rgerlichen Parteien eine
+Milit&auml;rvorlage, die Millionen und Abermillionen kostete.
+Sie suchten vergeblich nach Arbeit, und im Abgeordnetenhaus
+brachten die Junker den Plan des Mittellandkanals
+zu Fall, der zahllose neue Arbeitsm&ouml;glichkeiten
+er&ouml;ffnet h&auml;tte. &Uuml;berall siegten die Interessen der
+Besitzenden gegen die der Arbeiter, und nun drohte die
+Zuchthausvorlage, ihnen im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen
+die letzte Waffe zu nehmen: Das Koalitionsrecht.</p>
+
+<p>Noch z&ouml;gerte die Regierung mit der Ver&ouml;ffentlichung
+des Wortlautes der Vorlage, aber sie warf ihre Schatten
+voraus, so da&szlig; an ihrem Inhalt niemand mehr zweifeln
+konnte.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Um diese Zeit erschien Eduard Bernsteins l&auml;ngst
+erwartete Brosch&uuml;re: &raquo;Die Voraussetzungen
+des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie.&laquo;
+Sie fa&szlig;te zusammen und f&uuml;hrte aus,
+was er ein Jahr vorher in seiner Artikelserie &uuml;ber
+die Probleme des Sozialismus gesagt hatte. Jetzt, wo
+die erste Erregung hinter mir lag und ich mit ruhigem
+Verstand zu lesen vermochte, sp&uuml;rte ich den Einflu&szlig;
+der englischen Fabier, der Webb, der Shaw, der
+Burns, in deren geistiger Atmosph&auml;re dies Buch entstanden
+war. Ich sp&uuml;rte aber auch den deutschen Ge<a name="Page_285" id="Page_285"></a>lehrten,
+der der rauhen Luft Preu&szlig;ens seit Jahrzehnten
+entw&ouml;hnt war und es in seiner stillen londoner Studierstube,
+fern der Heimat, verfa&szlig;t hatte. Er konnte dr&uuml;ben
+nicht wissen, wie der deutschen Partei im Augenblick
+jede Aufnahmef&auml;higkeit f&uuml;r theoretische Er&ouml;rterungen
+gebrach, und wie der Masse der Parteigenossen, die sich
+von allen Seiten in ihrer physischen und rechtlichen
+Existenz bedroht sahen, seine Mahnung, den Liberalismus
+nicht zur&uuml;ckzusto&szlig;en, zu handeln wie eine demokratisch-sozialistische
+Reformpartei, als blutiger Hohn erscheinen
+mu&szlig;te. Wo waren denn die freigesinnten Elemente der
+Bourgeoise, auf die es sich verlohnte, R&uuml;cksicht zu nehmen,
+um mit ihnen gemeinsam demokratische Forderungen
+durchzusetzen? Sie entflammten in sch&ouml;ner Begeisterung
+f&uuml;r V&ouml;lkerfreiheit, &mdash; wenn es sich um den Kampf der
+Buren gegen die Engl&auml;nder handelte. Sie emp&ouml;rten
+sich wider Unrecht und Vergewaltigung, &mdash; wenn von
+Dreyfus und dem franz&ouml;sischen Generalstab die Rede
+war. Es kam sogar etwas wie ein Entr&uuml;stungssturm
+zustande, als das Zentrum die Kunst in die Ketten
+kirchlicher Moral zu legen drohte, &mdash; aber dem Urteil
+von L&ouml;btau, das neun Maurer, die sich mit ihren &uuml;ber
+die schwer errungene zehnst&uuml;ndige Arbeitszeit hinaus
+arbeitenden Kollegen in eine Schl&auml;gerei verwickelten,
+mit Zuchthaus bestrafte, standen sie stumm und kalt
+gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>So sehr ich mich gen&ouml;tigt sah, der theoretischen Kritik
+Bernsteins zuzustimmen, so wenig seiner Auffassung von
+der Notwendigkeit eines Paktierens mit dem Liberalismus.
+&raquo;Wer nicht mit uns ist, der ist wider uns&nbsp;&mdash;.&laquo;
+Get&auml;uschte Liebe tr&auml;gt die Maske brennenden Hasses;
+<a name="Page_286" id="Page_286"></a>darum urteilt der Renegat &uuml;ber die Klasse, die er
+verlie&szlig;, am sch&auml;rfsten. Wo waren all die, auf die
+ich gerechnet hatte? Ein einziger hatte seitdem den
+Weg zu uns gefunden: G&ouml;hre. Alle anderen starrten
+geblendet in die Fata Morgana deutscher Zukunftsweltmacht.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;Ich habe den Genossinnen einen Vorschlag zu
+unterbreiten,&laquo; begann Martha Bartels in einer
+unserer Frauensitzungen. &raquo;Unter uns ist kaum
+eine, die nicht wenigstens die Bernsteindebatten im
+Vorw&auml;rts verfolgt h&auml;tte. In engeren Parteikreisen haben
+wir wohl auch Gelegenheit gehabt, uns dar&uuml;ber auszusprechen
+und Belehrung durch andere zu empfangen.
+An einer gro&szlig;en &ouml;ffentlichen Auseinandersetzung fehlt
+es leider noch. Ich beantrage, Genossin Orbin zu bitten,
+in &ouml;ffentlicher Volksversammlung einen Vortrag &uuml;ber
+den Streit, der uns so nahe angeht, halten zu wollen.&laquo;</p>
+
+<p>Mit ungew&ouml;hnlicher Lebhaftigkeit stimmte man ihr zu.
+Ich wu&szlig;te, da&szlig; es Wanda Orbin selbst gewesen war,
+die ihr diesen Gedanken souffliert hatte. Sie w&uuml;tete in
+der &raquo;Freiheit&laquo; gegen Bernstein. &raquo;Soweit es sich um
+die Er&ouml;rterung der praktischen Vorschl&auml;ge Bernsteins
+handelt, scheint auch mir der Antrag annehmbar,&laquo; sagte
+ich. &raquo;Seine Theorien aber sind doch wohl kein Thema
+f&uuml;r eine &ouml;ffentliche Volksversammlung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Genossin Brandt h&auml;lt uns mal wieder f&uuml;r zu dumm,&laquo;
+h&ouml;rte ich die schrille Stimme der rot&auml;ugigen Stickerin
+sagen. &raquo;Bernstein meent ja ooch, da&szlig; wir noch nich reif
+sind,&laquo; meinte eine andere mit einem giftigen Blick auf
+<a name="Page_287" id="Page_287"></a>mich, &raquo;er is nischt als so'n verkappter Bourgeois, der uns
+zum St. Nimmerleinstag vertr&ouml;sten will, damit's ihm
+nich an den Schlafrock jeht.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hielt diesem Ausbruch proletarischer Eitelkeit, die
+die Partei gro&szlig; gezogen hatte, ruhig stand. Die apodiktische
+Sicherheit, mit der die Partei in ihrer Presse
+ihre Ansichten vertrat; die verflachende Popularisierung
+der Lehren ihrer Vork&auml;mpfer, durch die sie sie den
+Massen mundgerecht machte; der Hohn, mit dem sie die
+&Auml;u&szlig;erungen &raquo;b&uuml;rgerlicher Wissenschaft&laquo; &uuml;bersch&uuml;ttete,
+konnten keine andere Wirkung haben.</p>
+
+<p>&raquo;Wie w&auml;r's, wenn Genossin Brandt das Korreferat
+&uuml;bern&auml;hme?&laquo; fragte Ida Wiemer, die vor allem gewerkschaftlich
+t&auml;tig war und infolgedessen zu einer weniger
+radikalen Auffassung neigte.</p>
+
+<p>&raquo;Selbst wenn Sie das w&uuml;nschen, m&uuml;&szlig;te ich nein
+sagen,&laquo; antwortete ich rasch; &raquo;ich bin au&szlig;er stande,
+theoretische Fragen zu beurteilen, die einen Mann wie
+Bernstein jahrelang besch&auml;ftigt haben, ehe er eine Antwort
+fand.&laquo; Rings um mich sah ich sp&ouml;ttisches L&auml;cheln
+in den Mienen, Ida Wiemer senkte err&ouml;tend den Kopf,
+als sch&auml;me sie sich f&uuml;r mich.</p>
+
+<p>Tats&auml;chlich h&auml;tte ich nicht t&ouml;richter vorgehen k&ouml;nnen:
+Nur wer keck alles zu wissen und zu k&ouml;nnen behauptet,
+verschafft sich Ansehen in der &Ouml;ffentlichkeit. Ich hatte
+mir eine Bl&ouml;&szlig;e gegeben, die mir nicht vergessen werden
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Luise Zehringer sprach nach mir, eine Genossin aus
+Hamburg, eine Zigarrenarbeiterin mit harten verm&auml;nnlichten
+Z&uuml;gen. Es fehlte ihr, auch in dem Klang der
+Sprache, jede Spur von Weiblichkeit. Ein ernstes Ar<a name="Page_288" id="Page_288"></a>beitsleben
+von Kindheit an hatte der ganzen Erscheinung
+jede Weichheit genommen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich geh&ouml;re zu denen, die eine energische Zur&uuml;ckweisung
+der Bernsteinschen Angriffe auf unsere Grundanschauungen
+nicht nur f&uuml;r notwendig, sondern f&uuml;r
+jede von uns, die im Besitze proletarischen Klassenbewu&szlig;tseins
+ist, f&uuml;r m&ouml;glich h&auml;lt,&laquo; sagte sie. &raquo;Ich habe
+keine vornehme Erziehung genossen, wie die Genossin
+Brandt, aber meine f&uuml;nf Sinne habe ich beieinander.
+Ich wei&szlig; darum, ohne jahrelanges Studium, da&szlig; Bernstein
+Marx und Engels Unterstellungen macht, die sie
+niemals vertreten haben, da&szlig; er gegen eine Verelendungstheorie
+k&auml;mpft, die niemals von uns propagiert worden
+ist. Wir verstehen unter Proletariat nicht diejenigen,
+die mit zerlumptem Rock und knurrendem Magen umherlaufen,
+sondern jeden, der abh&auml;ngig ist vom Kapital.
+Und diese Abh&auml;ngigkeit w&auml;chst von Tag zu Tag und
+damit die Masse des Elends. Und ist die Zunahme
+der Erwerbsarbeit proletarischer Hausfrauen und M&uuml;tter
+nicht ein weiterer, schlagender Beweis f&uuml;r die Zunahme
+des Elends? Glauben Sie vielleicht, Genossinnen, sie
+verlie&szlig;en aus Vergn&uuml;gungssucht, wie die Damen der
+Bourgeoisie, ihr Zuhause und ihre Kinder?!&laquo;</p>
+
+<p>Aller Augen hingen an der Sprecherin, die ihre leidenschaftlich
+vorgesto&szlig;enen Worte mit lebhaften eckigen
+Gestikulationen begleitete. &raquo;Ich wei&szlig; aber noch mehr:
+ich wei&szlig;, da&szlig; die Emp&ouml;rung gegen das Elend mit ihm
+w&auml;chst, da&szlig; die Gleichg&uuml;ltigsten, wenn sie hungernd
+&uuml;ber den Jungfernstieg gehen, w&auml;hrend hinter den Spiegelscheiben
+der feinen Restaurants die Protzen schmatzen
+und saufen, die F&auml;uste ballen lernen und weniger denn
+<a name="Page_289" id="Page_289"></a>je von einem Techtelmechtel mit den schlauen Verf&uuml;hrern
+der Bourgeoisie, den Liberalen, wissen wollen. Zwischen
+uns und ihnen gibt es nur Kampf, &mdash; Kampf bis aufs
+Messer, &mdash; bis zur Diktatur des Proletariats, vor dem
+der beh&auml;bige, gut gen&auml;hrte Herr Bernstein und seinesgleichen
+solch ein Grausen hat ...&laquo; Sie schwieg ersch&ouml;pft;
+ihre Z&uuml;ge waren noch um einen Schein blasser
+geworden. Wanda Orbins Referat war gesichert.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;Wie stellen sich die Parteigenossen Berlins zu
+Bernsteins Schrift?&laquo; Auf leuchtend gelben
+Zetteln prangte diese Frage an den Litfa&szlig;s&auml;ulen.
+Im Westen gingen die Spazierg&auml;nger achtlos
+daran vorbei. In der Friedrichstadt blieben Studenten
+mit unverkennbar russischem Typus nachdenklich
+davor stehen, w&auml;hrend ihre deutschen Kollegen der Anzeige
+der Amors&auml;le ihre Aufmerksamkeit zuwandten. Im
+Norden und im Osten dagegen sammelten sich Gruppen
+von Arbeitern vor ihr, und in die Kneipen, in die
+Arbeitss&auml;le und in die Wohnungen wurde die Frage
+weiter getragen. Als Wanda Orbin die Trib&uuml;ne betrat,
+erwarteten nur wenige ihrer Zuh&ouml;rer von ihr
+etwas anderes, als die Best&auml;tigung der Antwort, die
+f&uuml;r sie selber schon feststand.</p>
+
+<p>Sie verk&uuml;ndete mit priesterlichem Fanatismus den beseligenden
+Glauben an die Herrlichkeit des nahe bevorstehenden
+Zukunftsstaates gegen&uuml;ber der k&uuml;hlen Beweisf&uuml;hrung
+seiner langsamen Entwicklung; sie sch&uuml;rte den
+Ha&szlig; wider die b&uuml;rgerliche Gesellschaft, sie mahnte zum
+Vertrauen allein auf die eigene Kraft des Proletariats.<a name="Page_290" id="Page_290"></a>
+Zwischen ihr und der Zuh&ouml;rerschaft entstand jene hypnotische
+Verbindung, durch die der Redner nur als
+Sprachrohr der Massen erscheint und die Massen wieder
+unter der Suggestion des Redners stehen. Sie war die
+Stimme des Volkes, das die Ketzer verdammte, die ihm
+nehmen wollten, was ihres Lebens einziger Reichtum, ihres
+Willens einzige Triebkraft war: den religi&ouml;sen Glauben
+des Sozialismus. In ihr lebte die Urkraft der Bewegung,
+die nur Freunde und Feinde kannte, die k&auml;mpfen
+wollte, aber nicht paktieren, die im Eroberungskrieg das
+Leben jedes einzelnen zu opfern bereit war, nicht aber
+die Hoffnung auf raschen Sieg.</p>
+
+<p>Ein alter Mann sa&szlig; neben mir. Er war m&uuml;de gekommen;
+jetzt gl&auml;nzten seine Augen, seine Wangen
+gl&uuml;hten, sein gebeugter R&uuml;cken richtete sich auf. An
+einem Tische nicht weit davon sah ich eine Gruppe
+junger Arbeiter; sie trommelten mit den breiten F&auml;usten
+auf den Tisch, und Ha&szlig; und Lust und barbarische Kampfbegier
+leuchtete aus ihren Z&uuml;gen. Unter dem Spiegel
+an der Wand lehnten umschlungen ein paar schwarzhaarige
+Studentinnen; aus ihren Blicken sprach jene
+Schw&auml;rmerei, die Hirtenm&auml;dchen zu Heldinnen macht.
+Auch ich war ersch&uuml;ttert; was mein Verstand, mir selbst
+zum Trotz, Stein um Stein aufgerichtet hatte, das
+drohten die Pfeile von der Rednertrib&uuml;ne zu zerst&ouml;ren.
+Aber dann vernahm ich schrille, falsche T&ouml;ne, f&uuml;r die
+nur mein Geh&ouml;r fein genug schien: die Rednerin verh&ouml;hnte
+die Kraft ethischer Motive als einen in Rechnung
+zu stellenden Motor in der revolution&auml;ren Bewegung.
+Sie &uuml;bersch&uuml;ttete mit Spott jene &raquo;b&uuml;rgerliche
+Intelligenzen&laquo;, die mit der &raquo;Gerechtigkeitsidee&laquo; ins weite<a name="Page_291" id="Page_291"></a>
+Meer gesteuert und mit gebrochenen Masten in den Hafen
+der Entsagung zur&uuml;ckgekehrt sind. &raquo;Nur der aus seinen
+Klasseninteressen entstehende Klassenkampf des Proletariats
+wird dem Sozialismus die Welt erobern.&laquo; Welche
+Motive hatten denn die Marx und Engels, die Lassalle,
+die Liebknecht auf die Seite der Enterbten getrieben?
+Waren sie nicht &raquo;b&uuml;rgerliche Intelligenzen&laquo; gewesen,
+wie Wanda Orbin selbst? Mit frenetischem Beifall
+nahm das Volk ihren Kniefall vor seiner Majest&auml;t entgegen,
+w&auml;hrend mir die Schamr&ouml;te in die Schl&auml;fen
+stieg. Als sie dann mit einer Stimme, die nur noch
+ein Kreischen war, weil nicht mehr das Feuer der Begeisterung,
+sondern weibische Rachsucht sie belebte, in
+den Saal hinausschrie: &raquo;Wenn die Gegens&auml;tze so schroff
+zutage treten, wie zwischen der Masse der Genossen und
+den Bernstein, den Heine, den David, den Schippel, so
+ist eine reinliche Scheidung besser als ein fauler Friede,&laquo;
+und die Zuh&ouml;rer trampelnd und johlend Beifall klatschten,
+da wu&szlig;te ich, da&szlig; die Partei der Freiheit Scheiterhaufen
+zu schichten imstande sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Still davon zu gehen, nachdem die Versammlung geschlossen
+worden war, w&auml;re gewi&szlig; am kl&uuml;gsten gewesen.
+Der Wirbelsturm meiner Gef&uuml;hle, der sich aus Bewunderung
+und Emp&ouml;rung, aus Sch&uuml;chternheit und Angst
+zusammensetzte, hatte mich gehindert, in der Diskussion
+zu sprechen, jetzt aber kochte mir das Blut; ich wollte
+nicht feige erscheinen, ich mu&szlig;te mit Wanda Orbin
+sprechen, die mich noch immer f&uuml;r ein Glied ihrer Gefolgschaft
+hielt. Sie kam meinem Wunsch entgegen.</p>
+
+<p>Wir gingen noch in ein Kaffee, und schon auf dem Wege
+dahin sprach sie mich an: &raquo;Sie waren gegen mein Re<a name="Page_292" id="Page_292"></a>ferat,
+h&ouml;rte ich?&laquo; &raquo;Ja, und ich bin es nachtr&auml;glich noch
+mehr, als vorher,&laquo; antwortete ich. &raquo;Das ist ja sehr
+interessant,&laquo; meinte sie spitz und wandte sich von mir
+ab. Ich war den Rest des Abends Luft f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>Wir verabschiedeten uns mit einer k&uuml;hlen Verbeugung,
+und w&auml;hrend sie, umringt von den Genossinnen,
+ihrem Absteigequartier entgegenging, fuhr ich allein nach
+Hause. Ich k&auml;mpfte mit den Tr&auml;nen. In dem engen
+Kreise der Arbeiterinnenbewegung Wanda Orbin als
+Gegnerin gegen&uuml;berzustehen, das bedeutete entweder mein
+Ausscheiden aus ihm oder einen endlosen aufreibenden
+Kampf.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Sp&auml;t in der Nacht kam ich nach Hause. Hier
+drau&szlig;en im Grunewald bedeckte eine feste
+Schneedecke Stra&szlig;en und G&auml;rten, tiefschwarz
+stiegen die Kiefern aus ihrer hellen Wei&szlig;e empor; ihre
+d&uuml;nnen, d&uuml;rftigen Wipfel verloren sich im Nebel. Ich
+f&uuml;rchtete mich. Nacht und Dunkelheit waren meine
+schlimmsten Feinde. Dann sah ich, wie in meiner Kindheit,
+drohende Gestalten hinter Baum und Busch, und
+h&ouml;rte die Tritte Unsichtbarer hinter mir. Ich lief.
+Auf dem kleinen Platz wenige Schritte vor unserem
+Garten blieb ich stehen. Der Atem wollte versagen.
+Ich sah hin&uuml;ber: Grau, d&uuml;ster, als w&auml;re es selbst nur
+ein Gebilde des Nebels, schlief unser Haus zwischen
+den schwarzen St&auml;mmen, die es umstanden wie lauernde
+W&auml;chter.</p>
+
+<p>Ein kalter Schauer rann mir &uuml;ber den R&uuml;cken: wir
+hatten hier noch keinen frohen Tag gehabt. Der Kleine
+<a name="Page_293" id="Page_293"></a>schlief schlecht, &mdash; der Kiefernduft rege ihn auf, meinte
+der Arzt, &mdash; er war oft krank gewesen. Und zwischen
+mir und meinem Mann richteten die Sorgen sich auf,
+immer h&ouml;her und h&ouml;her, wie eine trennende Mauer,
+in die die Kraft unserer Liebe nur hie und da Bresche
+schlug. Wir trugen unsere Qualen allein, &mdash; aus R&uuml;cksicht;
+wir h&uuml;llten unsere Seelen in den dunkeln Mantel
+des Schweigens, damit der Anblick ihrer Not nicht den
+anderen verletze. Da&szlig; einer den anderen &uuml;berhaupt
+nicht mehr sehen konnte, blieb uns verborgen. Unausgesprochene
+Vorw&uuml;rfe wirkten auf unsere Gef&uuml;hle wie
+fr&uuml;her Frost auf entfaltete Rosen. Uralte Vorurteile,
+Traditionen, deren triebkr&auml;ftige Wurzeln den Boden umklammern,
+wenn auch der Baum gef&auml;llt ist, n&auml;hrten sie.</p>
+
+<p>Unter der Schwelle des Bewu&szlig;tseins lebte in mir,
+der Emanzipatorin ihres Geschlechts, die Vorstellung:
+da&szlig; der Mann, dem das Weib sich anvertraute, wie
+ein Schutzengel &uuml;ber ihrem Leben stehen m&uuml;sse, da&szlig; er
+verpflichtet sei, sie vor Sorgen zu h&uuml;ten. Statt dessen
+hatte der meine &mdash; der Vorwurf w&uuml;hlte in mir &mdash; sie
+&uuml;ber mich heraufbeschworen! Und in dem Grunde
+der Seele des Mannes, der aus eigener &Uuml;berzeugung
+meine Berufsarbeit f&ouml;rderte, lebte der Gedanke: da&szlig;
+die Frau das Reich des Hauses zu regieren habe, da&szlig;
+ihr die Pflicht obliege, durch ihr Wirken die Not von
+seiner Schwelle zu bannen. Statt dessen verstand die
+seine nichts von alledem, und nur zu oft las ich in
+seinen sprechenden Z&uuml;gen den Vorwurf: Du &mdash; du bist
+schuld.</p>
+
+<p>Ein Licht, das im Erdgescho&szlig;, wo die K&ouml;chin schlief,
+aufflammte, ri&szlig; mich aus meinem Sinnen. Ich eilte
+<a name="Page_294" id="Page_294"></a>der Gartenpforte zu. Da &ouml;ffnete sich die T&uuml;re zum
+K&uuml;cheneingang, &mdash; &raquo;auf morgen!&laquo; h&ouml;rte ich fl&uuml;stern, ein
+Mann trat heraus, kletterte gewandt &uuml;ber den Zaun
+und ging, vor sich hintr&auml;llernd, die Stra&szlig;e hinab. Das
+Licht im M&auml;dchenzimmer erlosch.</p>
+
+<p>Ich schlich hinauf. Mein Mann schlief fest. Wie
+ich ihn schon um diesen Schlaf beneidet hatte! Ihn
+suchte er auf, ich mu&szlig;te ihn mir erst erzwingen! Heute
+wollte er sich &uuml;berhaupt nicht festhalten lassen. Der
+Gedanke, da&szlig; ich morgen die Minna schelten mu&szlig;te,
+peinigte mich: dadurch, da&szlig; ich ihre Arbeitskraft in Anspruch
+nahm, hatte ich doch noch kein Recht &uuml;ber ihre
+Person. Wie durfte ich verlangen, da&szlig; sie mir ihre
+Liebe opfern sollte? Und doch w&uuml;rde vermutlich die
+Konsequenz meiner Nachsicht nichts anderes sein, als
+da&szlig; sie ihren Liebhaber mit ern&auml;hrte. Eine gute Hausfrau
+nimmt alle Schl&uuml;ssel an sich, &mdash; die des Hauses
+wie die der Speisekammer. Ich vermochte es nicht:
+Konnte ich einen fremden Menschen einsperren, wie
+einen Sklaven? Vor einer Hausgenossin alles verschlie&szlig;en,
+als hielte ich sie von vornherein f&uuml;r eine
+Diebin? Wieder rollte sich durch einen geringf&uuml;gigen
+Anla&szlig; ein ganzes Problem vor mir auf. Ich gr&uuml;belte
+ihm nach, &uuml;ber die kleinen N&ouml;te meiner eigenen vier
+W&auml;nde hinaus, und fand keine andere L&ouml;sung als die
+radikalste: Vernichtung des patriarchalischen Haushalts,
+Entwicklung des Dienstm&auml;dchens, das unter st&auml;ndiger
+Kontrolle steht, das Tag und Nacht dienstbereit sein
+soll, zur freien Arbeiterin, die stundenweise besch&auml;ftigt
+und entlohnt wird.</p>
+
+<p>Mit dem grauenden Tage kehrte ich wieder zu mir
+<a name="Page_295" id="Page_295"></a>selbst zur&uuml;ck. Die n&auml;chste Zeit stellte starke Anforderungen
+an mich: der Feldzug gegen den Zuchthauskurs
+sollte auf der ganzen Linie er&ouml;ffnet werden, &mdash; ich w&uuml;rde
+h&auml;ufig abends fort sein m&uuml;ssen. Wenn ich doch irgend
+jemand h&auml;tte, der mich im Hause vertreten k&ouml;nnte.
+Aber die guten Hausgeister der Vergangenheit, &mdash; all
+die unbesch&auml;ftigten Tanten und Cousinen waren ausgestorben,
+hatten sich in selbst&auml;ndige Berufsarbeiterinnen
+verwandelt. Und meine Mutter?!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Gleich nach des Vaters Tod hatte sie ihren
+Haushalt aufgel&ouml;st und war zu Erdmanns
+gezogen. Eine Lungenentz&uuml;ndung hatte Ilse
+aufs Krankenlager geworfen, die Mutter war Pflegerin
+und Haush&auml;lterin zugleich gewesen. Durfte ich sie jetzt,
+wo sie selbst der Erholung bed&uuml;rftig war, f&uuml;r mich in
+Anspruch nehmen?</p>
+
+<p>Sie besuchte uns am n&auml;chsten Tag. Ottochen lief
+ihr entgegen. Er suchte immer noch den &raquo;Apapa&laquo; und
+weinte, wenn er nicht mitkam.</p>
+
+<p>Wie leicht, wie elastisch der Gang der Mutter ist,
+dachte ich erstaunt, als ich sie n&auml;her kommen sah. Mir
+war, als w&auml;re sie sonst schwer und hart aufgetreten.
+Ihre Wangen waren ger&ouml;tet, der bittere Zug um ihren
+Mund wie weggewischt, die schmalen, blassen, zusammengepre&szlig;ten
+Lippen w&ouml;lbten sich pl&ouml;tzlich, wie von jungem
+Blut durchgl&uuml;ht.</p>
+
+<p>&raquo;Nun kann ich reisen!&laquo; sagte sie mit einem Aufleuchten
+in den Augen. &raquo;Meine Pflicht Erdmanns
+gegen&uuml;ber ist erf&uuml;llt, &mdash; sie wollen selbst so rasch als
+<a name="Page_296" id="Page_296"></a>m&ouml;glich auf See, um ihre Lungen auszuheilen; da bin
+ich frei&nbsp;&mdash;,&laquo; sie dehnte dies letzte Wort, als m&uuml;&szlig;te sie
+es ganz auskosten.</p>
+
+<p>Nach Italien wollte sie zuerst. Sie erz&auml;hlte von
+einem ganzen Sto&szlig; kunsthistorischer B&uuml;cher, die sie mitnehmen
+wollte. &raquo;Ich bin nie zum Lesen gekommen,&laquo;
+meinte sie; &raquo;wie viel hab' ich vers&auml;umt, wie viel kann
+ich nachholen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah sie verwundert an, wie eine Fremde: hatte
+sie mich nicht so und so oft aus der Lekt&uuml;re herausgerissen,
+als ich noch daheim war, und mich neben
+sich an den Flickkorb gezwungen? Hatte sie jemals etwas
+anderes gelesen als die Zeitung und hie und da
+einen Roman?</p>
+
+<p>&raquo;Du bist erstaunt?&laquo; l&auml;chelte sie. &raquo;Du wirst es noch
+selbst erfahren, wie die Pflicht f&uuml;r andere zu leben uns
+Frauen fast bis zur Selbstvernichtung treiben kann.&laquo;
+Ich fand keine Antwort. Wie ungl&uuml;cklich mu&szlig;te sie gewesen
+sein, &mdash; und wie ungl&uuml;cklich gemacht haben, da
+sie f&uuml;nfunddrei&szlig;ig Jahre lang nur aus Pflichtgef&uuml;hl die
+Ketten der Ehe getragen hatte!</p>
+
+<p>&raquo;Im n&auml;chsten Winter werde ich mich hier in einer
+Pension etablieren,&laquo; fuhr sie fort, &raquo;du glaubst nicht,
+wie allein der Gedanke mich beruhigt, alle Haushaltsqu&auml;lerei
+los zu sein!&laquo; Und sie war scheinbar in ihrem
+Haushalt aufgegangen!</p>
+
+<p>&raquo;Was geschieht aber dann mit den M&ouml;beln?&laquo; fragte
+ich, um nur irgend etwas zu sagen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe heute das letzte verkauft &mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verkauft?!&laquo; Ich starrte sie entgeistert an. Wie?!
+Ohne uns, ihren Kindern, auch nur eine Mitteilung da<a name="Page_297" id="Page_297"></a>von
+zu machen, hatte sie all die hundert lieben Dinge,
+die ein St&uuml;ck Heimat f&uuml;r mich gewesen waren, achtlos
+in alle Winde verstreut?! Des Vaters Schreibtisch
+mit den geschnitzten Eulen, &mdash; den alten Stuhl
+davor, &mdash; die Reiterpistole! Ich strich mir mechanisch
+mit der Hand &uuml;ber die hei&szlig;e Stirn, um den
+b&ouml;sen Traum zu verscheuchen, &mdash; denn es war doch nur
+ein Traum!</p>
+
+<p>&raquo;Auch die gr&uuml;nen Lehnsessel &mdash; und das alte Sofa,
+das in meinem Zimmer stand?&laquo; murmelte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;!&laquo; antwortete sie mit heller Stimme, aus der
+der scharfe ostpreu&szlig;ische Akzent mehr als sonst hervortrat.
+&raquo;Ihr alle habt, was ihr braucht, &mdash; das Ger&uuml;mpel
+h&auml;tte kaum noch einen Umzug ausgehalten; &mdash; nur Silber,
+Glas und Porzellan lie&szlig; ich bei Ilse auf den Boden
+stellen. Ich habe lang genug all dies Schwergewicht
+mit mir gezogen.&laquo;</p>
+
+<p>Mir scho&szlig; das Blut in die Schl&auml;fen: So strich sie
+Jahrzehnte ihres Lebens aus und mit ihnen die Erinnerung!
+Schon hatte ich bittere Worte auf der Zunge.
+Ich hob den Blick: Der Ausdruck ihrer Z&uuml;ge entwaffnete
+mich. Mir war, als s&auml;he ich pl&ouml;tzlich bis zum Grunde
+ihres Herzens. Dem G&ouml;tzen der Pflicht hatte sie ihr
+Leben geopfert und wu&szlig;te nun nicht einmal, wie gro&szlig;
+ihre S&uuml;nde gewesen war. Jetzt erst trat sie aus dem
+D&auml;mmerdunkel seines Tempels ans Tageslicht und
+gr&uuml;&szlig;te es, als s&auml;he sie es zum erstenmal. Arme Mutter!
+Keinen Strahl deiner schon leise sinkenden Sonne
+will ich dir verdunkeln, dachte ich, und bat ihr im stillen
+ab, was ich an heimlichem Groll gegen sie im Herzen
+getragen hatte. Als ich sie zum Abschied k&uuml;&szlig;te, liebte
+<a name="Page_298" id="Page_298"></a>ich sie, &mdash; mit jener mitleidigen Liebe, die eine einzige
+Trennung ist.</p>
+
+<p>Es war gut, da&szlig; sie ging, &mdash; f&uuml;r sie und f&uuml;r mich.
+Der Glaube, da&szlig; ihre Kinder keine materiellen Sorgen
+hatten, geh&ouml;rte zu dem Gl&uuml;cksgef&uuml;hl, mit dem sie die
+sp&auml;te Freiheit geno&szlig;. H&auml;tte ich sie zur&uuml;ckgehalten, ihr
+in meine H&auml;uslichkeit Einblick gew&auml;hrt, er w&auml;re doch
+ersch&uuml;ttert worden. Ich mu&szlig;te selbst mit mir und den
+Verh&auml;ltnissen fertig werden.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;Eine Villa im Grunewald,&nbsp;&mdash;&laquo; wie oft h&ouml;rte ich
+in den Kreisen der Parteigenossen mit einem mi&szlig;trauisch-hohnvollen
+Blick auf mich diese vier Worte
+fl&uuml;stern. Sie wu&szlig;ten nicht, da&szlig; uns kein Stein von ihr geh&ouml;rte,
+da&szlig; sie aber mit dem Gewicht aller ihrer Steine auf
+uns lastete. Die Zinsen, die wir zu zahlen hatten, waren
+schlie&szlig;lich doch h&ouml;her, als die Miete gewesen; Haus
+und Garten erforderten mehr Arbeitskr&auml;fte, als die
+kleine Etagenwohnung, und das Leben hier drau&szlig;en
+war auf Rentiers und Million&auml;re zugeschnitten, die den
+Grunewald allm&auml;hlich bev&ouml;lkert hatten. Noch mehr als
+fr&uuml;her war jeder Erste des Monats ein Schreckenstag
+f&uuml;r mich. Und wenn ich am Schreibtisch sa&szlig; und meine
+Gedanken auf das Buch, an dem ich arbeitete, konzentrieren
+wollte, kamen die Sorgen grinsend aus allen
+Winkeln gekrochen und bohrten ihre Knochenfinger in
+mein Gehirn und zerdr&uuml;ckten meine Gedanken zwischen
+ihnen. Dann lief ich zu meinem Sohn hinauf oder
+spielte im Garten mit ihm, &mdash; denn &uuml;ber seinen Zauberkreis
+wagten sich die grauen Gespenster nicht.</p>
+
+<p><a name="Page_299" id="Page_299"></a>Wie hatte die Mutter gesagt, als sie mit jungen
+Augen von ihrer Freiheit sprach? &raquo;Lang genug hab'
+ich dieses Schwergewicht mit mir gezogen &mdash;&nbsp;&mdash;&laquo; Ein
+Schwergewicht, &mdash; eine Kette am Fu&szlig;, &mdash; so empfand
+ich auf einmal das Haus, in dem ich wohnte. Fl&uuml;gellos
+machte es mich und &mdash; alt, alt!</p>
+
+<p>Du hast Falten um Mund und Nase, sagte mein
+Spiegel, Falten, und tr&uuml;be Schleier &uuml;ber den Pupillen
+wie all jene Frauen, denen der j&auml;mmerliche
+Kleinkram des Lebens die Seele zertritt. Ich aber
+will nicht alt sein, schrie es in mir; noch braust und
+sch&auml;umt der Strom der Jugend in meinem Innern,
+der starke Strom, der Felsen h&ouml;hlt und Riesen des
+Waldes entwurzelt, und den die Ehe in ihre gemauerten
+Kan&auml;le zwang.</p>
+
+<p>&raquo;Heinz, hab' einmal Zeit f&uuml;r mich,&laquo; sagte ich eines
+Abends. Wir sa&szlig;en fast immer bis zum Schlafengehen
+arbeitend an unserem Schreibtisch. Gemeinsame Abende
+gab's f&uuml;r uns nicht. Ich hatte unter diesem Mangel
+im Beginn unserer Ehe schwer genug gelitten. Er sah
+von seiner Lekt&uuml;re auf; ein helles Licht huschte &uuml;ber
+seine Z&uuml;ge. &raquo;Immer, mein Schatz &mdash; nur leider verlangst
+du nie danach.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, du hast es sehr gut gemeint,&laquo; begann
+ich stockend, &raquo;du hast nur meinen Wunsch erf&uuml;llen wollen,
+als du dieses Haus f&uuml;r uns bautest. Keiner von uns
+hat vorher gewu&szlig;t, da&szlig; &mdash; da&szlig; es eine unertr&auml;gliche
+Last f&uuml;r uns sein w&uuml;rde &mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Alix, du kommst auf diesen vern&uuml;nftigen Gedanken,
+du?!&laquo; unterbrach er mich. &raquo;Du k&ouml;nntest &mdash; du
+wolltest&nbsp;&mdash;?!&laquo;</p>
+<p><a name="Page_300" id="Page_300"></a></p>
+<p>&raquo;Das Haus verkaufen, &mdash; ja! Tausendmal lieber,
+als in dieser Angst weiterleben&nbsp;&mdash;&laquo; Mir st&uuml;rzten die
+Tr&auml;nen aus den Augen, trotz aller Selbstbeherrschung.</p>
+
+<p>Heinrich geh&ouml;rte zu den wenigen M&auml;nnern, die durch
+Frauentr&auml;nen nicht weicher, sondern h&auml;rter werden. &raquo;Wozu
+die Tragik,&laquo; sagte er &auml;rgerlich. &raquo;Wenn du einsiehst,
+was mir l&auml;ngst klar ist: da&szlig; wir &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse
+leben, so sind wir einig, und die Konsequenzen
+sind selbstverst&auml;ndlich.&laquo;</p>
+
+<p>Meine Tr&auml;nen flossen nur noch st&auml;rker; ich hatte unwillk&uuml;rlich
+so etwas wie ein Lob f&uuml;r meinen Opfermut
+erwartet. Erst allm&auml;hlich kam ich zur Ruhe.</p>
+
+<p>Wir sa&szlig;en aneinandergeschmiegt wie in den ersten
+Zeiten unserer Ehe auf dem pfauenblauen Sofa und
+spannen neue Zukunftstr&auml;ume, als w&auml;re durch unseren
+blo&szlig;en Entschlu&szlig; schon die Bahn f&uuml;r sie frei.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wochen und Monde vergingen. Niemand
+fragte nach unserem Haus. Indessen zog
+mit blauem Himmel und hei&szlig;er Sonne
+der Sommer ein, und auch unter den Kiefern lachten
+und dufteten Rosen, Nelken und Lilien. Gr&uuml;ne Ranken
+kletterten &uuml;berm&uuml;tig an den grauen W&auml;nden empor,
+vor allen Fenstern nickten rote Geranien. Und mitten
+in all der Pracht bl&uuml;hte mein Kind. Es spielte den
+ganzen Tag im Gr&uuml;nen, jeder Busch wurde ihm ein
+lebendiger Gef&auml;hrte. Und wenn es droben im Giebelst&uuml;bchen
+hinter den Blumenbrettern schlief, dann sa&szlig;en
+wir noch lange auf der Altane und atmeten den w&uuml;rzigen
+Duft der Nacht und genossen der zauberischen<a name="Page_301" id="Page_301"></a>
+Ruhe des Waldes. Ich fing an, dies St&uuml;ckchen Erde
+zu lieben: es hatte meinem Sohn eine Heimat werden
+sollen. Ich trennte mich immer schwerer von dem stillen
+Winkel.</p>
+
+<p>Nichts ist gef&auml;hrlicher f&uuml;r den Altruismus, als die
+mit Egoismusbazillen gef&uuml;llte Luft h&auml;uslicher Gem&uuml;tlichkeit.
+Nur die ganz Starken, Widerstandsf&auml;higen entziehen
+sich der Ansteckung.</p>
+
+<p>Die Vork&auml;mpfer der Menschheit waren fast immer
+die Heimatlosen.</p>
+
+<p>Aber auch meine K&ouml;rperkr&auml;fte hinderten mich oft an
+der agitatorischen T&auml;tigkeit. War ich gen&ouml;tigt, ein paar
+Abende hintereinander zu sprechen, so versagte meine
+Stimme. &raquo;Sie d&uuml;rfen sich niemals in Rauch und Staub
+aufhalten,&laquo; sagte dann der Arzt und verordnete mir
+Schweigen und frische Luft. Meine robusten Genossinnen,
+f&uuml;r die die Atmosph&auml;re der Versammlungss&auml;le nicht
+schlechter war als die ihrer engen Stuben, ihrer &uuml;berf&uuml;llten
+Werkst&auml;tten und Fabrikr&auml;ume, hielten mich f&uuml;r
+schulkrank und mi&szlig;trauten mir mehr noch als fr&uuml;her.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wir hatten im Winter einen Arbeiterinnenbildungsverein
+gegr&uuml;ndet, &mdash; einen Notbehelf,
+da das Gesetz den Frauen die Teilnahme
+an politischen Organisationen untersagte und
+seine Handhabung den Arbeiterinnen gegen&uuml;ber besonders
+streng war. Er wurde aber rasch zum Selbstzweck;
+die Frauen hatten ein lebhaftes Bed&uuml;rfnis nach
+geistiger Aufkl&auml;rung aller Art, und es war f&uuml;r mich
+eine Erfrischung, seinen Zusammenk&uuml;nften beizuwohnen.<a name="Page_302" id="Page_302"></a>
+Zwei Abende war schon &uuml;ber Erziehung gesprochen worden,
+und die Debatte bewies, mit wie viel Ernst, mit
+wie viel Eifer diese armen Arbeiterfrauen ihre Aufgabe
+als M&uuml;tter erfa&szlig;ten.</p>
+
+<p>Diesmal hatte ich Romberg gen&ouml;tigt, mitzukommen.
+Er war in bezug auf die geistige Entwickelungsm&ouml;glichkeit
+der Frauen sehr skeptisch, und so sehr er
+aus rein &ouml;konomischen Gr&uuml;nden die Frauenbewegung
+f&uuml;r notwendig anerkannte, so war sie ihm doch nur
+eine traurige Notwendigkeit; was sie erstrebte, erschien
+ihm nicht als Fortschritt, sondern nur als eine
+unausbleibliche beklagenswerte Wandelung. Den Bildungshunger
+der &raquo;Waschfrauen und N&auml;herinnen&laquo; hielt
+er nun gar f&uuml;r eine meiner unverzeihlichen Illusionen.
+Ich wollte ihm einmal statt Gr&uuml;nde Beweise liefern.
+Und allm&auml;hlich schien er wirklich erstaunt. Eine kleine,
+adrett gekleidete Frau stand jetzt auf dem Podium.
+&raquo;Mein Mann ist Maschinenschlosser,&laquo; sagte sie, &raquo;wir
+haben nur zwei Kinder und soweit unser Auskommen,
+so da&szlig; ich nicht mit zu verdienen brauchte. Aber unser
+Junge ist ein heller Kopf. Da hab' ich mir gesagt:
+Der soll was Besseres werden als seine Eltern, der soll
+auch mal wissen, wie sch&ouml;n und wie reich die Welt ist,
+und nicht, wie wir, blo&szlig; durch so'n schmales Guckloch
+ein Endchen von ihr zu sehen kriegen. Und nun gehe
+ich wieder in die Fabrik, und der Fritze geht daf&uuml;r
+aufs Gymnasium. Ich will mich nicht r&uuml;hmen, da&szlig;
+ich's tu', ich m&ouml;cht' nur jeder raten, es ebenso zu
+machen.&laquo;</p>
+
+<p>In jener Impulsivit&auml;t, die ich so sehr an meinem
+Mann liebte, stand er auf, um der tapferen kleinen<a name="Page_303" id="Page_303"></a>
+Frau, die wieder ihrem Platz zuschritt, die Hand
+zu dr&uuml;cken. Romberg dagegen sagte: &raquo;Meinen Sie,
+da&szlig; der &#8250;Fritze&#8249; als Geistesproletarier gl&uuml;cklicher sein
+wird!?&laquo; &raquo;Auf das Gl&uuml;ck kommt es nicht an, sondern
+auf den Grad der sozialen Leistung, und die wird gr&ouml;&szlig;er
+sein, wenn seine Begabung zu ihrem Rechte kommt,&laquo;
+antwortete ich rasch.</p>
+
+<p>Ein junges M&auml;dchen trat an unseren Tisch. &raquo;Genossin
+Brandt?&laquo; forschend sah sie mich an. &mdash; &raquo;Die
+bin ich.&laquo; &mdash; &raquo;Ich wollte Sie nur mal was fragen.
+Ich bin n&auml;mlich Dienstm&auml;dchen gewesen und habe eine
+Freundin, die noch K&ouml;chin is, und die hat mich neulich
+in den Dienerverein mitgenommen, wo sie jetzt wollen
+auch die M&auml;dchens aufnehmen. Sie schimpfen aber
+dort alle gegen die Sozialen, und da wollt ich gern mal
+wissen, ob Sie nich mal k&ouml;nnten hinkommen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden doch nicht!&laquo; fl&uuml;sterte mir Romberg zu.
+&raquo;Verpflichte dich zu nichts,&laquo; sagte mein Mann leise.</p>
+
+<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich komme ich,&laquo; entgegnete ich der
+zaghaft vor mir Stehenden; ihr Gesicht erhellte sich;
+wir verabredeten alles weitere.</p>
+
+<p>Beim Heimweg schalt mein Mann: &raquo;Du l&auml;&szlig;t dich
+von jeder beschwatzen, und alle spekulieren schlie&szlig;lich
+auf deine Gutm&uuml;tigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn diese kleine Begegnung zu einer Dienstbotenbewegung
+den Anla&szlig; gibt, so wirst du anders denken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir tut es in der Seele weh, wenn ich Sie in
+der Gesellschaft seh,&laquo; meinte Romberg. Er sah mich
+mit einem Blick an, der mich err&ouml;ten machte. Wie
+t&ouml;richt, &mdash; dachte ich gleich darauf, zornig &uuml;ber die
+eigene Schw&auml;che, und doch blieb ich den ganzen Abend
+<a name="Page_304" id="Page_304"></a>&uuml;ber im Bann jener Frauenfreude, die belebend wirkt
+wie prickelnder Champagner: der Freude an der Bewunderung.
+Alix von Kleve stieg aus der Versenkung
+ernster Jahre empor und sonnte sich an altvertrauten
+Triumphen. In meinen Verkehr mit Romberg trat ein
+neuer Reiz: er lie&szlig; es mich f&uuml;hlen, da&szlig; das Weib in
+mir ihn anzog und nicht nur die neutral-interessante
+Pers&ouml;nlichkeit. Es gibt Frauen, die angesichts solcher
+Erfahrung die Beleidigten spielen. Sie l&uuml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich drehe dir den Hals um, wenn du dir von
+Romberg die Kur machen l&auml;&szlig;t,&laquo; grollte Heinrich, als
+wir zu Hause waren, zwischen Scherz und Ernst. Ich
+flog ihm in die Arme. &raquo;Hast du mich wirklich so lieb?&laquo;
+lachte ich. Er zog mich st&uuml;rmisch an sich: &raquo;Dich, dich
+hab' ich lieb,&laquo; fl&uuml;sterte er leidenschaftlich, &raquo;das s&uuml;&szlig;e
+Katzel, &mdash; meinen Schatz; &mdash; die ber&uuml;hmte Frau kann
+mir gestohlen werden ...&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>In der ersten Morgenfr&uuml;he weckte mich ein wilder
+Schrei. &raquo;Aus Minnas Stube,&laquo; &mdash; sagte ich
+mir und st&uuml;rzte hinunter. Sie lag in ihrem
+Blut, und als der Arzt kam, schwand mein letzter Zweifel:
+sie hatte gewaltsam die Folgen ihres Liebesverh&auml;ltnisses
+beseitigen wollen.</p>
+
+<p>An ihrem Krankenbett studierte ich die Dienstbotenfrage.
+Sie fa&szlig;te Vertrauen zu mir. Ich erfuhr von
+diesem armen Leben, das von Kindheit an unter fremden
+Leuten in st&auml;ndiger Unfreiheit, in ununterbrochener
+Dienstbarkeit verflossen war. &raquo;Was mu&szlig; unsereiner
+doch auch haben, &mdash; was f&uuml;rs Herz. Und wenn ich
+<a name="Page_305" id="Page_305"></a>nicht getan h&auml;tte, was er wollte, &mdash; dann w&auml;r' er fortgegangen, &mdash; dann
+h&auml;tte er zehn f&uuml;r eine gefunden,&laquo;
+schluchzte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Warum heirateten Sie nicht?&laquo; wagte ich einmal
+einzuwenden. &raquo;Heiraten?! Womit denn?! &mdash; Arbeit
+hat mein Franz keine, &mdash; meine paar Spargroschen
+gab ich ihm, &mdash; und vor so einer Jammerwirtschaft
+in einem Loch auf'n Hof mit'n halb Dutzend G&ouml;hren
+graut's mich&nbsp;...&laquo; Sie wurde von Tag zu Tag
+elender. Ihr Franz fragte nur einmal nach ihr. Als er
+h&ouml;rte, da&szlig; sie krank sei, kam er nicht wieder. Ich mu&szlig;te
+sie schlie&szlig;lich der schweren Pflege wegen, die ihr Zustand
+n&ouml;tig machte, ins Krankenhaus bringen. Dort
+starb sie.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;Wir wollen die Harmonie zwischen Dienstboten
+und Herrschaften wieder herstellen ...&laquo; &mdash; &raquo;die
+Dienstboten allein k&ouml;nnen nichts erreichen,
+es geh&ouml;ren auch die Herrschaften dazu ...&laquo; &mdash; &raquo;den
+Arbeitern fehlt es heute an t&uuml;chtigen Hausfrauen,
+weil die M&auml;dchen lieber in die Fabrik als in Stellung
+gehen, wo sie sich dazu vorbereiten k&ouml;nnten ...&laquo; Das
+waren die Leitmotive, unter denen die Versammlungen
+tagten, die der Dienerverein veranstaltete. Die wenigen
+weiblichen Dienstboten, die ihm schon angeh&ouml;rten, schlugen
+zwar zuweilen eine sch&auml;rfere Tonart an, wenn die Erinnerung
+an all die erlittene Unbill sie &uuml;berw&auml;ltige,
+aber sie trugen schwarzwei&szlig;e Kokarden und verwahrten
+sich nachdr&uuml;cklich dagegen, mit der Arbeiterbewegung
+irgend etwas gemeinsam zu haben.</p>
+
+<p><a name="Page_306" id="Page_306"></a>Ich verhielt mich w&auml;hrend der ersten Versammlungen
+nur als Zuh&ouml;rerin und erkannte bald, da&szlig; es dem Verein
+an Mitteln und Mitgliedern fehlte und er offenbar
+nichts wollte, als durch Hinzuziehung weiblicher
+Dienstboten diesem &Uuml;bel abzuhelfen. Im Grunde f&uuml;rchtete
+er schon, die Geister, die er gerufen, nicht los zu
+werden, denn sobald ein M&auml;dchen ihre Erfahrungen
+gar zu r&uuml;ckhaltlos zum besten gab, trat irgendein Beschwichtigungsapostel
+ihr entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich stelle den Antrag, da&szlig; wir uns der entstehenden
+Dienstbotenbewegung mit allem Nachdruck annehmen,&laquo;
+sagte ich, als ich wieder einmal mit den Genossinnen
+zusammenkam; &raquo;in jeder Versammlung m&uuml;ssen einige
+von uns anwesend sein. Wir d&uuml;rfen die Gelegenheit
+nicht vor&uuml;bergehen lassen, um diese rechtlosesten unter
+den Arbeiterinnen zum Bewu&szlig;tsein ihrer Klasse zu erziehen.
+Wir m&uuml;ssen so bald als m&ouml;glich eine selbst&auml;ndige
+Organisation gr&uuml;nden, damit sie dadurch dem
+Einflu&szlig; dieses grundsatzlosen Vereins nicht unterworfen
+bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>Aber je lebhafter ich sprach, desto k&uuml;hler und zur&uuml;ckhaltender
+waren die anderen. &raquo;Genossin Brandt scheint
+nicht zu wissen, da&szlig; die Dienstboten kein Koalitionsrecht
+besitzen&nbsp;&mdash;,&laquo; meinte Martha Bartels naser&uuml;mpfend.</p>
+
+<p>&raquo;Gerade weil ich das wei&szlig;, empfinde ich um so mehr
+unsere Verpflichtung, ihnen zu helfen, ihnen das R&uuml;ckgrat
+zu st&auml;rken,&laquo; entgegnete ich heftig.</p>
+
+<p>&raquo;Die Dienstm&auml;dchen sind noch l&auml;ngst nicht reif f&uuml;r
+unsere Bewegung, &mdash; &uuml;berlassen wir sie ruhig sich selbst,&laquo;
+sagte eine andere.</p>
+<p><a name="Page_307" id="Page_307"></a></p>
+<p>&raquo;Damit sie den Nationalsozialen in die H&auml;nde fallen,
+die ihre Netze auslegen, wo immer sie einen Proletariermassenfang
+erwarten d&uuml;rfen,&laquo; antwortete ich, und unterdr&uuml;ckte
+noch rasch eine Bemerkung &uuml;ber die Sch&auml;dlichkeit
+dieses fatalistischen Glaubens an die Alleinseligmachung
+der &ouml;konomischen Entwicklung, der uns in geeigneten
+Momenten die H&auml;nde in den Scho&szlig; legen l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich denn allein mein Heil versuchen,&laquo; erkl&auml;rte
+ich schlie&szlig;lich, als mein Antrag abgelehnt wurde,
+und verlie&szlig; die Sitzung.</p>
+
+<p>Von nun an fehlte ich in keiner Dienstbotenversammlung.
+Mit bunten Sommerh&uuml;ten und hellen Blusen
+f&uuml;llten die w&auml;hrend der Reisezeit der &raquo;Herrschaften&laquo;
+dienstfreien M&auml;dchen die gluthei&szlig;en S&auml;le. Zuerst kamen
+nur die Gutgestellten, die Jungen, die Handschuhe
+trugen und zuweilen vornehmer aussahen wie ihre
+&raquo;Gn&auml;digen&laquo;. Sie betrachteten die Sache fast wie
+eine Ferienlustbarkeit und kokettierten mit den M&auml;nnern,
+die hier auf Abenteuer ausgingen. Aber allm&auml;hlich
+&uuml;berwogen die &auml;lteren, die von zehn und zwanzig
+und drei&szlig;ig Dienstjahren erz&auml;hlen konnten, und die
+Armen, die M&auml;dchen f&uuml;r Alles waren, auf deren
+schmale Schultern die gut b&uuml;rgerliche Hausfrau die
+Lasten des Lebens abzuw&auml;lzen sucht. Und ihre Klagen
+wurden lauter, ihre Worte deutlicher; das Kichern und
+Lachen verstummte vor den Bildern des Grams, die sich
+enth&uuml;llten.</p>
+
+<p>Es gab welche, die ihre Kolleginnen um den dunkeln
+H&auml;ngeboden &uuml;ber der K&uuml;che beneideten, weil sie nichts
+hatten als ein Schrankbett auf dem offenen Flur oder
+eine Matratze im Baderaum: &raquo;Dabei wird unsere gute<a name="Page_308" id="Page_308"></a>
+Stube nur zweimal im Jahre f&uuml;r die gro&szlig;e Gesellschaft
+ge&ouml;ffnet ...&laquo;</p>
+
+<p>Ach, und die schmale Kost bei der harten Arbeit:
+&raquo;Eine Stulle mit Schweineschmalz am Abend, &mdash; w&auml;hrend
+der Herr drinnen Rotwein trinkt zu f&uuml;nf Mark
+die Flasche ...&laquo;</p>
+
+<p>Vor allem aber: &raquo;Nie ein St&uuml;ndchen freie Zeit ...
+Wir schrubbern und kochen, w&auml;hrend die Herrschaft
+spazieren geht, ... wir h&uuml;ten die Kinder, w&auml;hrend
+sie tanzen ...&laquo;</p>
+
+<p>Dazwischen sch&uuml;chterne Bitten der &Auml;ngstlichen und
+Gutm&uuml;tigen: &raquo;Nur ein wenig geregelte Arbeitszeit, &mdash; und
+freundliche Worte statt des ewigen Zanks, &mdash; dann
+wollen wir gern dienen, wollen treu und
+flei&szlig;ig sein.&laquo;</p>
+
+<p>Sie waren wie aufgescheuchte V&ouml;gel, die ohne Richtung
+hin- und herflattern. Als ich zum erstenmal vor
+ihnen zu reden begann, hielten sie mich f&uuml;r eine &raquo;Gn&auml;dige&laquo;.
+&raquo;Nu aber jeht's los!&laquo; rief kampflustig eine rundliche
+K&ouml;chin. Alles lachte. Ich sprach von den Gesindeordnungen,
+den Ausnahmegesetzen f&uuml;r die Dienstboten,
+die sie den Dienstgebern fast rechtlos in die H&auml;nde
+liefern, von der erlaubten &raquo;leichten&laquo; k&ouml;rperlichen Z&uuml;chtigung,
+von den vielen Gr&uuml;nden zur Entlassung ohne
+K&uuml;ndigung und schlie&szlig;lich von einer jener Sch&ouml;pfungen
+der preu&szlig;ischen Reaktion, die den Streik der Dienstboten
+mit Gef&auml;ngnis bestraft. Noch h&ouml;rte man mir ruhig zu,
+unsicher, was ich aus den Tatsachen folgern w&uuml;rde.
+Nur der Vorsitzende, der stets aus eigener Machtvollkommenheit
+&raquo;das Hausrecht &uuml;bernahm&laquo;, sah beunruhigt
+zu mir auf.</p>
+<p><a name="Page_309" id="Page_309"></a></p>
+<p>&raquo;F&uuml;r Sie ist demnach die Zuchthausvorlage, die Deutschlands
+gesamte Arbeiterschaft knebeln will, immer Gesetz
+gewesen,&laquo; rief ich laut.</p>
+
+<p>&raquo;Eine Sozialdemokratin!&laquo; kreischte neben mir eine
+Frau in hellem Entsetzen. Ein unbeschreiblicher L&auml;rm
+erhob sich; auf die Tische sprangen die M&auml;dchen in
+hysterischer Erregung, schrieen und winkten mit den
+Taschent&uuml;chern; eine von ihnen dr&auml;ngte sich neben mich,
+ballte die F&auml;uste und rief schluchzend: &raquo;Wir sind k&ouml;nigstreu!
+Wir sind gottesf&uuml;rchtig!&laquo; Hilflos, mit angstger&ouml;tetem
+Gesicht schwang der Vorsitzende unaufh&ouml;rlich
+die Glocke. Aber in der n&auml;chsten Versammlung erwarteten
+mich schon ein paar M&auml;dchen an der T&uuml;re: &raquo;Sie
+werden sprechen, nicht wahr? &mdash; Wir werden Ihnen
+Ruhe verschaffen!&laquo;</p>
+
+<p>Und im &uuml;berf&uuml;llten Saal waren au&szlig;er den Dienstboten:
+Neugierige, Hausfrauen, b&uuml;rgerliche Frauenrechtlerinnen,
+Journalisten mit der frohen Erwartung einer in m&ouml;glichst
+vielen Zeilen zu beschreibenden Sensation. Auch
+ein paar Genossinnen entdeckte ich: Ida Wiemer und
+Marie Wengs. &raquo;Wir greifen ein, wenn's not tut,&laquo;
+sagten sie, &raquo;nur tapfer!&laquo; Bis um Mitternacht lie&szlig; mich
+der Vorsitzende nicht zu Worte kommen. Ich ging im
+Saal umher, von Tisch zu Tisch. &raquo;Das ist Recht und
+Freiheit im Dienerverein,&laquo; sagte ich. Jemand rief:
+&raquo;Alix Brandt soll reden!&laquo; und der Ruf pflanzte sich
+fort und dr&ouml;hnte schlie&szlig;lich durch den Saal. Als ich
+aber auf dem Podium stand, erstickte ihn ein zorniges
+Zischen; die Kraft meiner Stimme k&auml;mpfte dagegen an,
+und wie ein Unwetter in der Ferne verklang es.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen eine Verbesserung der Gesindeordnung,
+<a name="Page_310" id="Page_310"></a>als ob auf verunkrautetes Feld frischer Samen ges&auml;t
+werden sollte. Es gibt nur eine Forderung, die Sie
+stellen d&uuml;rfen: ihre Abschaffung, damit Sie den Arbeitern
+gleichgestellt werden&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind keine Arbeiterinnen, &mdash; wollen keine sein!&laquo;
+rief ein zierliches Z&ouml;fchen mit gebrannten Stirnlocken
+entr&uuml;stet.</p>
+
+<p>&raquo;Sie predigen Harmonie zwischen Herrschaft und
+Dienstboten, und doch gibt es zwischen ihnen ebensowenig
+eine Interessengemeinschaft wie zwischen dem
+Arbeiter und dem Unternehmer&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unerh&ouml;rt!&laquo; &mdash; Ein paar Damen mit hochrotem
+Gesicht dr&auml;ngten sich zur T&uuml;re. Die M&auml;dchen lachten
+hinter ihnen: &raquo;Sie k&ouml;nnen die Wahrheit nicht vertragen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Je mehr Sie Maschinen sind, desto weniger Menschen
+sind Sie und desto bessere Dienstboten im Sinne der
+Hausfrauen ... Sie wollen statt der endlosen eine beschr&auml;nkte
+Arbeitszeit, Sie tun recht daran. Aber die
+Masse der Hausfrauen ist nicht in der Lage, statt eines,
+zwei und drei M&auml;dchen f&uuml;r dieselbe Arbeit anzustellen.
+Sie wollen statt einer Schlafstelle ein Zimmer, das
+ihnen etwas wie ein Zuhause sein kann. Sie tun recht
+daran. Aber bei der heutigen Einteilungsart der Wohnungen
+und ihren hohen Preisen sind die meisten Frauen
+nicht imstande, sie Ihnen zu geben. Sie wollen &mdash; lassen
+Sie mich aussprechen, was Sie selbst noch
+nicht ausgesprochen haben &mdash; Sie wollen mit Ihren
+Freundinnen verkehren k&ouml;nnen, Ihren Br&auml;utigam sehen,
+ohne auf die Stra&szlig;e, auf die Tanzb&ouml;den gehen zu
+m&uuml;ssen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+<p><a name="Page_311" id="Page_311"></a></p>
+<p>&raquo;Unglaublich!&laquo; &mdash; Und wieder leerte sich der Saal
+um zahlreiche elegante Zuh&ouml;rer.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Ihr gutes Recht. Und wer sich hier entr&uuml;stet
+geb&auml;rdet, den frage ich: was emp&ouml;rt sich in
+Ihnen? Ihre Sittlichkeit?! Ist es sittlich, junge,
+lebensvolle M&auml;dchen, die auf Freude dasselbe Recht
+haben wie die h&ouml;heren T&ouml;chter, denen die Natur dasselbe
+Verlangen nach der Erf&uuml;llung ihrer Geschlechtsbestimmung
+verlieh wie diesen, auf Hintertreppen, auf
+Schleichwege und zweifelhafte Balllokale anzuweisen,
+statt ihnen den Schutz des Hauses zu verleihen ..?&laquo;</p>
+
+<p>Minutenlanger Beifall unterbrach mich. Dicht um
+das Podium scharten sich junge Gestalten und leuchtende
+Augen hingen an meinen Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist vielmehr der nat&uuml;rliche Egoismus, der Interessengegensatz
+der Hausfrauen zu den Dienenden, der auch
+die Wohlwollenden unter ihnen zwingt, fremden G&auml;sten
+ihr Haus zu schlie&szlig;en ... Wir werden f&uuml;r die Gegenwart
+eine Reihe von Forderungen an die Gesetzgebung
+im Interesse der Dienenden zu stellen haben, deren Erf&uuml;llung
+viele Mi&szlig;st&auml;nde beseitigen wird. Aber der Dienst
+des Hauses wird nur dann den Charakter des Sklavendienstes
+verlieren und zur W&uuml;rde selbst&auml;ndiger Arbeit
+sich entwickeln, wenn das abh&auml;ngige Dienstm&auml;dchen sich
+in die freie Arbeiterin verwandelt hat, die ihre Arbeitskraft
+nur stundenweise verkauft, die imstande ist, in
+Reih und Glied mit dem in der Sozialdemokratie
+organisierten Proletariat f&uuml;r ihre letzten Ziele zu
+k&auml;mpfen ..&laquo;</p>
+
+<p>Ich stieg in den Saal hinunter, umbraust von Beifallsrufen
+und Schimpfworten.</p>
+
+<p><a name="Page_312" id="Page_312"></a>Von nun an hatte ich die Mehrheit auf meiner Seite.
+Die Versammlungen wurden ruhiger, sachliche Beratungen
+der aufzustellenden Forderungen wurden erm&ouml;glicht.</p>
+
+<p>Der L&auml;rm tobte statt dessen au&szlig;erhalb der S&auml;le
+weiter. Die Presse schrie nach der Polizei; Hausfrauenversammlungen
+nahmen geharnischte Resolutionen
+an, durch die sich die Anwesenden verpflichteten, ihren
+Dienstboten den Besuch unserer Zusammenk&uuml;nfte zu verbieten.
+Alles war von der Angst ergriffen, da&szlig; mit
+der Dienstbotenbewegung die Intimit&auml;t des Familienlebens
+der Sozialdemokratie ausgeliefert sei. Auf mich,
+die ich diese Gefahr &uuml;ber die ruhigen B&uuml;rger heraufbeschworen
+hatte, konzentrierte sich der pers&ouml;nliche Ha&szlig;.
+In allen Tonarten wurde ich beschimpft und verleumdet.
+Und selbst nahe Freunde, aufgekl&auml;rte, freidenkende
+Menschen, sprachen mir m&uuml;ndlich und schriftlich ihre
+Mi&szlig;billigung aus. Die ruhigsten Frauen gerieten dabei
+in leidenschaftliche Erregung.</p>
+
+<p>&raquo;Der Kanal, in den Sie den Strom der Dienstbotenbewegung
+geleitet haben, wird das &#8250;traute Familienleben&#8249;
+&uuml;berfluten. Was dann?!&laquo; schrieb mir Romberg.</p>
+
+<p>Meine Mutter erfuhr durch die Zeitungen von den
+Vorg&auml;ngen in Berlin. &raquo;Immer wieder zerst&ouml;rst Du
+durch die Ma&szlig;losigkeit Deiner Forderungen ihren n&uuml;tzlichen
+Kern und machst Dir und Deiner Sache die wohlwollendsten
+Menschen zu Feinden,&laquo; hie&szlig; es in einem
+Brief von ihr. Tags darauf folgte ihm ein zweiter,
+dem ein Schreiben meiner augsburger Tante beigelegt
+war. &raquo;Nach den unerh&ouml;rten Vorg&auml;ngen in Berlin bin
+ich au&szlig;erstande, an Alix pers&ouml;nlich zu schreiben. Ich
+<a name="Page_313" id="Page_313"></a>habe sie bisher immer verteidigt, habe ein Auge zugedr&uuml;ckt,
+wo ich konnte, aber ihre unverantwortliche
+Aufhetzung der Dienstboten, &mdash; denen es im Grunde
+nur zu gut geht, &mdash; werde ich weder verstehen, noch
+verzeihen k&ouml;nnen. Teile ihr das in meinem Namen
+mit und sage ihr, was vielleicht nicht ohne Eindruck
+auf sie bleiben wird, da&szlig; auch ihre alten Freunde,
+die Grainauer Bauern, emp&ouml;rt &uuml;ber sie sind ...&laquo; Ich
+l&auml;chelte unwillk&uuml;rlich: wenn ich von der Unfreiheit des
+Gesindes sprach, mu&szlig;ten sie sich getroffen f&uuml;hlen.</p>
+
+<p>Aber dann machte ich mir den Ernst der Sache klar:
+Ich hatte in Gedanken an das reiche Erbe der Tante nie
+auch nur einen Bruchteil meiner &Uuml;berzeugungen preisgegeben,
+die Selbst&auml;ndigkeit meiner Entschlie&szlig;ungen war
+nie durch sie beeinflu&szlig;t worden. Jetzt aber besa&szlig; ich
+einen Sohn, dessen einzige Zukunftsaussicht vielleicht in
+Frage stand, &mdash; seine Eltern hatten nicht das Zeug dazu,
+Kapitalisten zu werden! &mdash; und ich wu&szlig;te nur zu
+gut, was es hei&szlig;t, unter dem Druck st&auml;ndiger Sorgen
+zu leben, ich ahnte, wie frei sich ein Mensch entfalten,
+wie ungehindert er seine Kr&auml;fte in den Dienst der Allgemeinheit
+stellen kann, der an das Dach &uuml;ber dem
+Kopf, an den Rock auf dem Leib und das t&auml;gliche Brot
+keinen seiner Gedanken zu verschwenden braucht. Ich
+schrieb an Tante Klotilde und versuchte, ihr meine
+Stellung zur Dienstbotenfrage auseinanderzusetzen. Ich
+bekam meinen Brief uner&ouml;ffnet zur&uuml;ck. Meiner Mutter
+teilte sie mit, da&szlig; sie das Geschehene vergessen wolle,
+wenn ich nach dieser Richtung auf meine agitatorische
+T&auml;tigkeit verzichten w&uuml;rde.</p>
+
+<p>In jenen Tagen erkl&auml;rte Wanda Orbin in der &#8250;Frei<a name="Page_314" id="Page_314"></a>heit&#8249;,
+da&szlig; die Genossinnen verpflichtet seien, sich der
+Dienstbotenbewegung anzunehmen. Wenn sie schon ohne
+besonderen Beschlu&szlig; immer h&auml;ufiger in den Versammlungen
+erschienen, so war dies das Signal zur &Auml;nderung
+ihrer Stellung der ganzen Sache gegen&uuml;ber. Die
+Veranstaltung selbst&auml;ndiger Versammlungen wurde beschlossen,
+und zur Rednerin wurde ich bestimmt. Ich
+z&ouml;gerte: verletzte ich nicht ein h&ouml;heres Interesse, das
+meines Sohnes, wenn ich zusagte?</p>
+
+<p>&raquo;Lege ihm die Frage vor, wenn er reif genug ist, sie
+zu verstehen,&laquo; sagte mein Mann. &raquo;Wie er sie beantworten
+wird, kann ich dir jetzt schon sagen: Meine
+Mutter darf niemandem, auch mir nicht, ihre &Uuml;berzeugung
+opfern.&laquo;</p>
+
+<p>Und ich sprach. Die Emp&ouml;rung in der &Ouml;ffentlichkeit
+wuchs mit jeder Versammlung. Mit einer gewissen
+Ostentation zogen sich die Menschen von mir zur&uuml;ck.
+Aber die Bewegung war im Flu&szlig; und durch nichts mehr
+aufzuhalten. W&auml;re ich weise genug gewesen, der fachliche
+Erfolg allein h&auml;tte mich befriedigt. Aber noch
+war ich zu jung, war zu sehr Weib, um den Menschen
+und den Ereignissen mit der k&uuml;hlen Objektivit&auml;t reifer
+Politiker gegen&uuml;berstehen zu k&ouml;nnen. Im Grunde sehnte
+ich mich nach einem warmen, aufmunternden Wort
+seitens meiner Kampfgef&auml;hrten, nach ein wenig freundlicher
+Anerkennung. Statt dessen begegneten sie mir
+stets mit gleicher K&uuml;hle, mit gleicher Zur&uuml;ckhaltung.
+Zu keiner einzigen entstand ein pers&ouml;nliches Verh&auml;ltnis;
+je l&auml;nger ich mit ihnen arbeitete, desto fremder schien
+ich ihnen zu werden.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin aus Liebe zu euch gekommen, mit vollem<a name="Page_315" id="Page_315"></a>
+Herzen und ganzer Kraft,&laquo; h&auml;tte ich sagen m&ouml;gen,
+&raquo;warum sto&szlig;t ihr mich zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>Ich k&auml;mpfte oft mit den Tr&auml;nen, wenn ihr Mi&szlig;trauen
+mir immer wieder begegnete. Und nachher h&ouml;rte ich, da&szlig;
+man &uuml;ber meinen Hochmut, meine Unnahbarkeit schalt.
+Im stillen hoffte ich, man w&uuml;rde mich diesmal zum
+Parteitag delegieren, aber ich wurde nicht einmal dazu
+vorgeschlagen. Martha Bartels sagte nicht ohne Betonung:
+&raquo;Wir bleiben nat&uuml;rlich dem Grundsatz treu,
+nur bew&auml;hrte Genossinnen mit einer Delegation zu betrauen.&laquo;
+Darauf wurde die gro&szlig;e, hagere Frau Resch
+gew&auml;hlt; sie trug schon seit Jahren unerm&uuml;dlich Flugbl&auml;tter
+aus, und ihr Mann war eine Gr&ouml;&szlig;e in der
+inneren Bewegung.</p>
+
+<p>&raquo;Was k&uuml;mmerst du dich um die Weiber!&laquo; meinte
+mein Mann &auml;rgerlich, als ich ihm klagte. Und Ignaz
+Auer, der uns an einem sch&ouml;nen Septembersonntag besuchte,
+wiederholte dasselbe.</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie mir altem Knaster,&laquo; meinte er, und
+sein sch&ouml;nes blasses Gesicht nahm jenen r&auml;tselhaften
+Ausdruck an, der aus Sarkasmus und Melancholie zusammengesetzt
+war, &raquo;glauben Sie mir: solange ich
+denken kann, war bei den Frauen stets derselbe Krakehl,
+und wenn ich schon lange modere, wird's ebenso
+sein. Sie haben alle Untugenden der Unterdr&uuml;ckten in
+konzentriertester Form, und schwingt man nicht, wie
+die Wanda, st&auml;ndig die Knute, so hat man verspielt.
+Seien Sie versichert: schon Ihr Aussehen vergeben
+Ihnen die Weiber nie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch sind Sie als Sozialdemokrat f&uuml;r die Gleichberechtigung
+der Geschlechter?&laquo; wandte ich ein. Er
+<a name="Page_316" id="Page_316"></a>wehrte ab, mit einer vollendet geformten starken M&auml;nnerhand,
+die aber durch ihre Blutleere an die eines Toten
+gemahnte. &raquo;Ich werd's ja, gottlob, nicht erleben!&laquo;
+sagte er. &raquo;Nach der Richtung hat die Wanda recht,
+wenn sie den Auer mit dem Bernstein, den Schippel
+und den Heine in einen Topf wirft: ich bin mehr f&uuml;r
+die Bewegung als f&uuml;r das Endziel.&laquo; So waren wir
+wieder bei dem Thema angelangt, in das jede Unterhaltung
+zwischen Parteigenossen zu m&uuml;nden pflegte.</p>
+
+<p>&raquo;Der Parteitag in Hannover wird eine Kl&auml;rung
+bringen,&laquo; meinte ich im Laufe der Unterhaltung.</p>
+
+<p>&raquo;Eine Kl&auml;rung?!&laquo; Er lachte kurz auf. &raquo;Ich mu&szlig;
+Genossin Bartels wirklich recht geben: Sie sind noch
+nicht mandatsf&auml;hig! Glauben Sie wirklich, so tiefgehende
+Meinungsverschiedenheiten, die auf Unterschieden
+des Temperamentes, der Urteilskraft, der Bildung und
+der Lebenslage beruhen, lie&szlig;en sich durch blo&szlig;es Handaufheben
+entscheiden?! Wir werden sie auch mit zehn
+Parteitagen nicht aus der Welt schaffen. Und wieder
+f&uuml;ge ich hinzu: Gottlob nicht! Es w&auml;re nur ein Zeichen
+von Altersschw&auml;che, wenn wir alle ja schrien. Die
+Hauptsache bleibt die Einigkeit im Handeln. Und um
+die ist mir nicht bange, &mdash; die zwingen uns unsere
+Gegner auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Meinungsverschiedenheiten w&auml;ren gewi&szlig; kein
+Ungl&uuml;ck, wenn nicht die Unduldsamkeit hinzuk&auml;me,&laquo; sagte
+mein Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Auch die ist noch nicht das Schlimmste. Wenn wir
+die eigene Ansicht f&uuml;r die richtige halten, so m&uuml;ssen wir
+doch konsequenterweise die falsche des Gegners bek&auml;mpfen,&laquo;
+entgegnete Auer. &raquo;Nur da&szlig; der Anders<a name="Page_317" id="Page_317"></a>denkende
+immer gleich als ein hundsgemeiner Kerl gebrandmarkt
+wird, &mdash; das ist bitter.&laquo; Er verabschiedete
+sich. Er f&uuml;rchtete sichtlich, sich zu Klagen und Anklagen
+hinrei&szlig;en zu lassen. An der Gartent&uuml;r blieb er stehen,
+ein sp&ouml;ttisches L&auml;cheln kr&auml;uselte seine Lippen: &raquo;Wenn
+Sie &uuml;brigens ein Mandat haben wollen, Genossin Brandt, &mdash; ich
+verschaff' es Ihnen. Die liebe Wanda und ihre
+Leibgarde ein wenig zu &auml;rgern, macht mir Spa&szlig;. Sie
+m&uuml;ssen sich nur nachher zur Agitation in dem betreffenden
+Kreis verpflichten.&laquo; Ich sch&uuml;ttelte den Kopf. Mir
+widerstrebte die Sache.</p>
+
+<p>&raquo;Nimm's an, Alix,&laquo; mahnte mein Mann, &raquo;so zeigst
+du am besten, da&szlig; du von der Gnade der berliner
+Frauen nicht abh&auml;ngig bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen's tun, &mdash; ganz ohne Gewissensbisse. Sowas
+haben auch die obersten Halbg&ouml;tter nicht verschm&auml;ht.&laquo;
+Z&ouml;gernd sagte ich zu. Es war mir nicht wohl dabei,
+so sehr ich auch gew&uuml;nscht hatte, einem Parteitag, und
+vor allem diesem, beizuwohnen.</p>
+
+<p>Kurz ehe wir abreisten, kam meine Mutter zur&uuml;ck.
+Sie schien um ein Jahrzehnt verj&uuml;ngt. &raquo;Ich bleibe bei
+dem Kleinen, w&auml;hrend ihr fort seid,&laquo; sagte sie; &raquo;das
+wird mein bedr&uuml;cktes Gewissen etwas erleichtern, &mdash; nach
+diesen selbsts&uuml;chtigen Monaten!&laquo;</p>
+
+<p>Wir mu&szlig;ten ihr nun auch von unserer Absicht, das
+Haus zu verkaufen, erz&auml;hlen. &raquo;Das st&auml;ndige Hin- und
+Herfahren zerr&uuml;ttet unsere Nerven,&laquo; sagte ich leichthin,
+&raquo;ich m&uuml;&szlig;te auf die &ouml;ffentliche T&auml;tigkeit verzichten, wenn
+wir drau&szlig;en bleiben wollten.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah von einem zum anderen in stummer sorgenvoller
+Frage. &raquo;Es ist wirklich so, Mamachen&nbsp;&mdash;,&laquo; ver<a name="Page_318" id="Page_318"></a>sicherte
+ich l&auml;chelnd. Sie sch&uuml;ttelte fast unmerklich den
+Kopf und fragte nichts mehr.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Zwischen schmalen Gassen und engen H&ouml;fen, fern
+jenem modernen Teil der St&auml;dte, der auch in
+Hannover ebenso elegant wie charakterlos ist,
+liegt eine gro&szlig;e dunkle Halle, der Ballhof genannt.
+Vor Zeiten warfen hier Kurf&uuml;rsten, Prinzessinnen und
+K&ouml;nige einander im grazi&ouml;sen Spiel ihre B&auml;lle zu, bis
+mit schwerem Schritt und ernstem Gesicht einer kam,
+dem Spielen fremd war: der Proletarier. Hellere R&auml;ume
+suchten die F&uuml;rsten f&uuml;r ihre Freuden; er nahm f&uuml;r seine
+Arbeit, was sie &uuml;brig lie&szlig;en: die dunkle Halle. Mit
+frischem Gr&uuml;n waren ihre Pfeiler umwunden, hinter
+purpurroten Fahnen verschwanden die alten schmucklosen
+W&auml;nde. Das Parlament der Arbeiter tagte hier. Drau&szlig;en
+lachte die Oktobersonne, drinnen brannte &uuml;ber den langen
+Tafeln k&uuml;nstliches Licht, das auf alle Gesichter scharfe
+Schatten zeichnete, soda&szlig; sie finster und feindselig erschienen.
+Dumpf hing die Luft im Raum; der Atem
+der Jahrhunderte war hinter den winzigen Fenstern gefangen
+geblieben. Er beengte die Brust.</p>
+
+<p>Lange vor dem Beginn der Verhandlungen war der
+Saal schon gef&uuml;llt. Anschwellendes Stimmengewirr,
+St&uuml;hler&uuml;cken, Rascheln von Papier, &mdash; jenem Papier,
+da&szlig; alle S&uuml;&szlig;igkeiten und alle Gifte der Welt auszustr&ouml;men
+vermag, &mdash; bildete die in ihren ungel&ouml;sten
+Disharmonien aufreizende Ouvert&uuml;re. Zeitungsbl&auml;tter
+wurden hin- und hergezeigt: &raquo;Bernstein Apostata&laquo; stand
+&uuml;ber dem einen Artikel, &raquo;Reinliche Scheidung&laquo; &uuml;ber
+<a name="Page_319" id="Page_319"></a>einem zweiten; &raquo;wir werden mit dem Revisionismus
+fertig werden, oder wir sind fertig,&laquo; hie&szlig; es an einer
+rot angestrichenen Stelle, &raquo;die Genossen im Reich erwarten
+eine klare Entscheidung,&laquo; an einer anderen. Von
+der unausbleiblichen Spaltung der Partei sprachen frohlockend
+b&uuml;rgerliche Zeitungen; in linksliberalen Bl&auml;ttern
+begr&uuml;&szlig;ten Kathedersozialisten die Anh&auml;nger Bernsteins
+als die ihren.</p>
+
+<p>Bureauwahl. Es h&ouml;rte kaum jemand zu. Paul Singer
+war anwesend, das Pr&auml;sidium also von vornherein in
+guten H&auml;nden. Die Begr&uuml;&szlig;ungsreden der Ausl&auml;nder
+d&auml;mpften das Stimmengewirr im Saal. Frankreich,
+wo der Dreyfus-Skandal noch im Mittelpunkt des Interesses
+stand, wo Millerand, der Sozialdemokrat, mit
+<ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Jaur&eacute;s'">Jaur&egrave;s</ins>', des Sozialdemokraten, ausdr&uuml;cklicher Zustimmung
+das in den Augen der deutschen Radikalen unverzeihliche
+Verbrechen begangen hatte, in das Ministerium
+einzutreten, &mdash; Seite an Seite mit Gallifet, dem
+M&ouml;rder der Kommune, &mdash; war nicht vertreten. Des
+alten Liebknecht heftige Angriffe auf die Genossen jenseits
+der Vogesen mochte an dieser Zur&uuml;ckhaltung nicht
+ohne Schuld sein.</p>
+
+<p>Die Verhandlungen begannen. Mit ungeduldiger Hast
+wurde ein Punkt der Tagesordnung nach dem anderen
+erledigt. Alles dr&auml;ngte dem Hauptthema des Parteitages
+zu. Und selbst mitten in die nebens&auml;chlichsten Debatten
+hinein blitzte schon das Wetter der kommenden
+Tage.</p>
+
+<p>&raquo;Sie stehen bereits mit der Brandfackel an unserem
+Scheiterhaufen&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte einer der Revisionisten neben uns.</p>
+
+<p>Am Abend, als wir Frauen zu einer internen Be<a name="Page_320" id="Page_320"></a>sprechung
+zusammenkamen, f&uuml;hlte ich: in Gedanken war
+die &raquo;reinliche Scheidung&laquo; schon vollzogen. Wir berieten
+einen Antrag f&uuml;r den Arbeiterinnenschutz, der unserer
+n&auml;chsten agitatorischen T&auml;tigkeit Inhalt und Richtung
+geben, und dessen Forderungen durch den Parteitag
+sanktioniert werden sollten. Im Grunde waren es lauter
+Selbstverst&auml;ndlichkeiten. Nur der Schutz der Schwangeren
+war neu. Ich hatte daf&uuml;r gek&auml;mpft, obwohl ich
+wie vor einer Mauer redete und sie hatten ihn nicht
+ablehnen k&ouml;nnen, ohne sich selbst ins Gesicht zu schlagen.
+Daf&uuml;r waren sie um so hartn&auml;ckiger, als ich die Unterstellung
+der Dienstboten unter die Gewerbeordnung in
+den Antrag aufzunehmen empfahl. Das steht bereits
+in unserem Programm, hie&szlig; es. Aber viele unserer
+anderen Forderungen standen auch darin. Und gerade
+jetzt w&auml;re es wichtig gewesen, uns offiziell mit der Dienstbotenbewegung
+solidarisch zu erkl&auml;ren. &raquo;Wir d&uuml;rfen
+unsere Kr&auml;fte nicht verzetteln.&laquo; &mdash; Damit war die Sache
+abgetan.</p>
+
+<p>Die Frauen r&uuml;ckten nach der Besprechung freundschaftlich
+zueinander, unterhielten sich mit wohltuender
+Herzlichkeit mit all den Genossinnen, die aus Ost
+und West hierher gekommen waren; mich streifte zuweilen
+ein scheuer Gru&szlig;, ein fremder Blick; &mdash; ich
+ging hinaus.</p>
+
+<p>In unserem Gasthof fand ich die F&uuml;hrer in erregte
+Unterhaltung vertieft. Ihre Augen gl&uuml;hten in
+jugendlichem Feuer, selbst die Ausbr&uuml;che ihrer Leidenschaft
+b&auml;ndigte der heilige Ernst, mit dem sie alle f&uuml;r
+ihre Sache k&auml;mpften. Bebel war am stillsten; immer
+wieder strich er sich nerv&ouml;s die widerspenstige Locke aus
+<a name="Page_321" id="Page_321"></a>der Stirn; auf ihm lastete die Verantwortung der kommenden
+Tage.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Kalt und grau brach der n&auml;chste Morgen an. Im
+Ballhof k&auml;mpften die elektrischen Lampen umsonst
+gegen das Dunkel; es hockte um so deutlicher
+hinter den Pfeilern und zwischen den Tischen, je
+heller in ihrem direkten Strahlenkreis das Licht erschien.
+Nur langsam f&uuml;llte sich heute der Saal, und nur wenige
+Stimmen wurden laut. Ein gemessener Ernst lag
+auf allen Gesichtern und eine zweifelvolle Erwartung.
+Singer betrat das Podium:</p>
+
+<p>&raquo;... zur Verhandlung steht Punkt 4 der Tagesordnung:
+&#8250;Die Angriffe auf die Grundanschauungen
+der Partei&#8249;. Das Wort hat der Berichterstatter Genosse
+Bebel.&laquo; Noch ein heftiges St&uuml;hler&uuml;cken, dann
+tiefe Stille.</p>
+
+<p>Bebels Stimme allein beherrschte den Raum.</p>
+
+<p>Im Gespr&auml;chston begann er, ruhig, fast gem&uuml;tlich.
+Jeder Zuh&ouml;rer f&uuml;hlte sich unwillk&uuml;rlich pers&ouml;nlich angeredet.
+Selbst als er die unbeschr&auml;nkte Freiheit der
+Kritik an den eigenen Grundanschauungen als die Lebenslust
+der Partei bezeichnete, warf er den Satz nicht wie
+einen Fehdehandschuh in die Menge, sondern sprach im
+Tonfall der Konstatierung einer Selbstverst&auml;ndlichkeit.
+Die Fragen der materialistischen Geschichtsauffassung,
+der Dialektik, der Werttheorie schaltete er von vornherein
+aus, &mdash; &raquo;der Kongre&szlig; ist kein wissenschaftliches
+Konzil,&laquo; sagte er, &mdash; um zum Problem des Entwickelungsprozesses
+der kapitalistischen Gesellschaft &uuml;berzu<a name="Page_322" id="Page_322"></a>gehen,
+das Bernstein anders darstellte als Marx
+und Engels. Eine F&uuml;lle statistischer Berechnungen
+sch&uuml;ttete er vor uns aus, um Bernsteins Ansichten zu
+entkr&auml;ften, um festzustellen, da&szlig; das marxistische Dogma
+von der Zuspitzung der wirtschaftlichen Gegens&auml;tze, von
+der relativen Verelendung des Proletariats noch unersch&uuml;ttert
+ist.</p>
+
+<p>Und angesichts der verwirrenden Masse des Materials,
+an der die gro&szlig;e Menge den Grad der Wissenschaftlichkeit
+mi&szlig;t, wie sie an der H&auml;ufigkeit der Zitate
+den Grad der Bildung zu messen pflegt, ging ein
+Fl&uuml;stern staunender Bewunderung durch die Reihen, das
+sich in einem &raquo;sehr richtig&laquo;, einem &raquo;h&ouml;rt, h&ouml;rt&laquo; wieder
+und wieder Luft machte.</p>
+
+<p>Bebels Stimme schwoll an, seine Bewegungen wurden
+lebhafter, seine kleine Gestalt reckte sich. Er malte
+die Not des Proletariats. Die grollende Leidenschaft
+dessen, dem das Elend Auge in Auge gegen&uuml;bertritt,
+zitterte in seinen Worten, und klein und j&auml;mmerlich erschien
+dagegen, was Bernsteins n&uuml;chterne Schreibstubenweisheit
+von der gebesserten Lage des Arbeiters zu berichten
+gewu&szlig;t hatte.</p>
+
+<p>Wie der peitschende Ostwind &uuml;ber die Baumwipfel,
+so wehte seine Rede &uuml;ber die K&ouml;pfe. Und sie neigten
+sich gedankenschwer, sie wandten sich einander zu; sie
+hoben sich wieder, von einem Wort, das sie traf, emporgerissen.
+Da und dort stand einer auf, wie magnetisch
+angezogen von dem, der sprach. Eine dunkle Gruppe
+Menschen umringte die Rednertrib&uuml;ne.</p>
+
+<p>Auf einmal aber war es der Wind nicht mehr, der
+in den &Auml;sten rauscht, &mdash; es war der Sturm. Die
+<a name="Page_323" id="Page_323"></a>jugendstarke Kraft des Revolution&auml;rs, die begeisterte
+Schw&auml;rmerei des Glaubenshelden donnerte und brauste
+in den Worten des Agitators. All der zaghafte Pessimismus,
+all der unschl&uuml;ssige Zweifel, all die resignierte
+Bedenklichkeit, mit denen Bernstein die Seelen belastet
+hatte, flog vor ihnen davon wie Spreu und Staub.
+Und wie der Geisterbeschw&ouml;rer aus dem Nebel Gestalten
+entstehen l&auml;&szlig;t, so entwickelte sich unter dem Zauberstab
+des Redners die Erscheinung des alten Marx. War er
+es wirklich? Seltsam, &mdash; uns allen, die wir aufmerksam
+zusahen, kam es vor, als habe Bernstein manche
+Farben zu diesem Bilde gemischt. Was Bernstein wider
+ihn gesagt hatte, das nahm Bebel f&uuml;r ihn in Anspruch:
+Die Elendstheorie hat an den Tatsachen Schiffbruch
+gelitten, sagte Bernstein, &mdash; nie hat Marx sie im Sinne
+des absoluten Niederganges aufgefa&szlig;t, erkl&auml;rte Bebel; der
+Hinweis auf die Erl&ouml;serkraft der Revolution ist vom
+&Uuml;bel, sagte Bernstein, &mdash; auf die Evolution hat Marx
+schon das gr&ouml;&szlig;te Gewicht gelegt und niemals das Heil
+im Stra&szlig;enkampf gesehen, erkl&auml;rte Bebel. Und w&auml;hrend
+er sein Feuerschwert gegen all die z&uuml;ckte, die vor lauter
+Wenn und Aber den r&uuml;cksichtslosen Kampfmut einzub&uuml;&szlig;en
+im Begriffe standen, traf es auch die Inquisitoren,
+die ihn besa&szlig;en, aber auf die Ketzer im eigenen
+Lager zielten.</p>
+
+<p>Die Menge, die sich zuerst auseinandergerissen wie
+Steine von einem Felssturz vor ihm ausgebreitet hatte, &mdash; jeder
+die scharfe Kante feindselig wider den anderen
+gekehrt, &mdash; schien wieder ein Marmorbruch, aus dem er
+planvoll gewaltige Quadern schlug, die sich zu Grundmauern
+zusammenschlie&szlig;en lie&szlig;en.</p>
+
+<p><a name="Page_324" id="Page_324"></a>F&uuml;nf Stunden sprach er schon. Nun wich der Sturm
+seiner Rede wieder dem ruhigen Gespr&auml;chston; sich
+selbst zur&uuml;ckgegeben, atmete die Menge tief und ges&auml;ttigt
+auf. Noch einmal, wie der letzte ferne Donner
+des Gewitters, hob sich seine Stimme in ungeschw&auml;chter
+Kraft: &raquo;Unsere Grundanschauungen sind nicht ersch&uuml;ttert, &mdash; wir
+bleiben, was wir waren&nbsp;&mdash;.&laquo; Tobender Beifall
+verschlang den Schlu&szlig;.</p>
+
+<p>Minutenlang stand der n&auml;chste Redner, Eduard David,
+an Bebels Stelle, ehe seine Stimme den L&auml;rm durchdrang.
+&raquo;Ich habe den Mut, auch nach Bebels Referat, Bernstein in
+seinen Anschauungen zuzustimmen,&laquo; sagte er. Irgendwo
+zischte jemand, aber der Respekt vor dem ehrlichen Bekenntnis
+unterdr&uuml;ckte rasch jeden Laut des Mi&szlig;fallens. K&uuml;hl,
+fast n&uuml;chtern sprach er; wer ihn auch nicht kannte,
+empfand: er kam mitten aus der Praxis des politischen
+Gegenwartslebens, er stand nicht mehr im Bann der
+Tradition der Sekte mit ihrer Geheimb&uuml;ndelei, ihrem
+M&auml;rtyrertum, ihrer Glaubensseligkeit. Er lie&szlig; das
+grelle Licht des Tages auf die durch Bebel beschworene
+Geistererscheinung von Marx fallen, und hinter ihr stand
+der lebendige Bernstein. Wo Bebels Leidenschaft Gegens&auml;tze
+verwischt oder sein Zorn die Ansichten des Gegners
+niedergetrampelt hatte, da malte er sie gro&szlig; und
+deutlich, wie der Lehrer die Rechenaufgaben vor der
+Klasse auf die schwarze Tafel. Keiner, der nicht blind
+war, konnte sich ihnen verschlie&szlig;en. Und er rief in die
+Wirklichkeit zur&uuml;ck, wo Bebel uns auf den Fl&uuml;geln
+seiner Phantasie in die Zukunft getragen hatte. &raquo;Die
+h&ouml;here prinzipielle Bewertung der Gegenwartsarbeit, &mdash; das
+ist es, was Bernstein uns gibt, und das ist mehr
+<a name="Page_325" id="Page_325"></a>wert, als was er uns genommen hat,&laquo; erkl&auml;rte er und
+verk&uuml;ndete gegen&uuml;ber der einseitigen Betonung des
+Kampfs um die politische Macht &mdash; als des einzigen
+Mittels, den Sozialismus zum Siege zu f&uuml;hren &mdash; die
+Dreieinigkeit der gewerkschaftlichen, der genossenschaftlichen,
+der politischen Bewegung, die durch t&auml;gliche
+Arbeit dem Sozialismus einen Fu&szlig;breit Erde nach dem
+anderen erobern.</p>
+
+<p>Nun erst war der Kampfplatz abgesteckt. Der Alltagsausdruck
+trat an Stelle der Begeisterungsglut, die
+Bebels Rede angefacht hatte, auf die Gesichter, und &uuml;ber
+die Geister herrschten wieder, an Stelle des gro&szlig;en einigenden
+Gedankens, all die Streitpunkte der praktischen
+Politik.</p>
+
+<p>Durfte ich mich deshalb dem Gef&uuml;hl des Bedauerns
+&uuml;berlassen, das mich momentan &uuml;berw&auml;ltigt hatte? Entsprang
+nicht jenes instinktive Festhalten an den &uuml;berkommenen
+Anschauungen jener Schwerkraft des menschlichen
+Geistes, die sich von je im Dogmatismus, im
+Konservativismus, wie in Denkfaulheit und Bequemlichkeit
+ge&auml;u&szlig;ert hat? Wir, die wir Vork&auml;mpfer sein
+wollten, waren verpflichtet, sie zu &uuml;berwinden.</p>
+
+<p>Bewegte Tage kamen, ein Kampf, der nicht immer
+ein Kampf der Meinungen blieb. Und das &raquo;Kreuzige!&laquo;
+t&ouml;nte am lautesten vom Munde der Frauen.
+Wanda Orbin kreischte es in den Saal hinein; Luise
+Zehringer, die Hamburger Zigarrenarbeiterin, wiederholte
+es; eine kleine polnische J&uuml;din, die eben erst in
+die deutsche Partei eingetreten war, kritisierte mit der
+Sicherheit einer Parteiautorit&auml;t die Ansichten und Handlungen
+bew&auml;hrter F&uuml;hrer. Und die Masse klatschte ihr<a name="Page_326" id="Page_326"></a>
+Beifall. &raquo;Sehen Sie, &mdash; das ist eine Politikerin,&laquo; sagte
+ein Journalist, &raquo;je respektloser sie die Auer und
+Vollmar und Bernstein abkanzelt, desto sicherer ist ihr
+Erfolg.&laquo;</p>
+
+<p>Immer deutlicher sonderten die Parteien in der Partei
+sich voneinander ab; &uuml;ber dem tiefer und tiefer w&uuml;hlenden
+Streit verga&szlig;en auch die Leichtsinnigsten die Vergn&uuml;gungen
+des Abends; Sitzungen wurden statt ihrer
+abgehalten. Es gab dabei Augenblicke, in denen es
+schien, als w&uuml;rden die Radikalen vor dem &auml;u&szlig;ersten
+nicht zur&uuml;ckschrecken. Die uneingeschr&auml;nkte Anerkennung
+des Parteiprogramms wollten sie fordern, wie der
+orthodoxe Priester den Schwur auf das Apostolikum.
+Und jeder begann im stillen die gro&szlig;e Abrechnung mit
+sich selbst.</p>
+
+<p>Zum ersten Mal kam mir zum Bewu&szlig;tsein, was
+all die Jahre hindurch die unbekannte Quelle meiner
+K&auml;mpfe und Schmerzen gewesen war: die Sache forderte
+den ganzen Menschen restlos, ich aber wollte im
+Kampfe f&uuml;r sie ich selber bleiben. Und zu gleicher Zeit
+schien mir, als ob zuletzt kein anderes als dies Problem
+all den K&auml;mpfen, die wir f&uuml;hrten, zugrunde lag.</p>
+
+<p>&raquo;Warum bist du so stumm?&laquo; fragte mein Mann, als
+wir in der Mittagspause zusammensa&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich anfange zu f&uuml;rchten, da&szlig; ich kein Recht habe,
+Genosse zu sein. Ich bin ja auch kein Christ&nbsp;&mdash;.&laquo; Verst&auml;ndnislos,
+ein wenig erschrocken, als zweifle er einen Augenblick
+an meinen gesunden Sinnen, sah Heinrich mich
+an. Ich legte meinen Arm in den seinen. &raquo;Hab keine
+Angst, Liebster, &mdash; ich dachte niemals klarer als jetzt!
+Hingabe an den Willen Gottes bis zur Selbstent&auml;u&szlig;e<a name="Page_327" id="Page_327"></a>rung
+fordert das Christentum, Hingabe an den Willen
+der Massen der Sozialismus. Ob es zwischen dieser
+Forderung und dem Pers&ouml;nlichkeitsrecht eine Br&uuml;cke gibt,
+das wei&szlig; ich im Augenblick ebensowenig, als wir es in
+der Partei wissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine Formulierung ist falsch, ganz und gar falsch,&laquo;
+entgegnete Heinrich erregt, &raquo;nicht an den Willen, sondern
+an das Wohl der Massen wird die Hingabe verlangt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch verlangt Ihr als etwas Selbstverst&auml;ndliches
+das Opfer der &Uuml;berzeugung,&laquo; unterbrach ich ihn.</p>
+
+<p>Wir traten in den Saal. Mit einer fiebrigen Nervosit&auml;t,
+die alle ergriffen hatte und manche jener robusten
+sehnigen Arbeitergestalten tragikomisch erscheinen
+lie&szlig;, rissen die Delegierten den austeilenden Ordnern
+die neuen Drucksachen aus der Hand. Es war Bebels
+Resolution in neuer Fassung. Wir verglichen.</p>
+
+<p>&raquo;... Nach alle diesem liegt f&uuml;r die Partei kein
+Grund vor, ihr Programm ...&laquo; las ich. &raquo;Jetzt hei&szlig;t
+es: &#8250;ihre Grunds&auml;tze und Grundforderungen&#8249; zu &auml;ndern&laquo;
+las Heinrich, &raquo;damit k&ouml;nnen wir uns ohne weiteres
+einverstanden erkl&auml;ren,&laquo; f&uuml;gte er hinzu, und mit einem
+l&auml;chelnden Blick auf mich: &raquo;Du siehst, die Klippe tragischer
+Konflikte ist gl&uuml;cklich umschifft.&laquo;</p>
+
+<p>Auer kam an uns vor&uuml;ber. In seinem Gesicht wetterleuchtete
+es. &raquo;Jetzt werde ich ihnen einmal zum Tanz aufspielen,&laquo;
+sagte er in grimmigem Scherz. Dabei sah ich, wie
+seine Finger sich zur Faust zusammenzogen. Von allen
+Seiten, schriftlich und m&uuml;ndlich, direkt und indirekt war
+er angegriffen worden. Er, der sich zur Bernsteinfrage
+in der &Ouml;ffentlichkeit &uuml;berhaupt nicht ge&auml;u&szlig;ert hatte,
+<a name="Page_328" id="Page_328"></a>galt als der eigentliche und der gef&auml;hrlichste F&uuml;hrer der
+Revisionisten, als der Abtr&uuml;nnige.</p>
+
+<p>Die Luft im Saal war immer schwerer geworden.
+Oder war es nur die gesteigerte Reizbarkeit der Nerven,
+die sie so empfand? Irgendeine Entladung mu&szlig;te
+kommen. Mit Naturnotwendigkeit schien jeder Redner
+die Gegens&auml;tze ins Absurde steigern, den Gegner bis
+zur L&auml;cherlichkeit herabsetzen zu m&uuml;ssen. Die Zuh&ouml;rer
+wurden unruhiger. Man ging ab und zu, man unterhielt
+sich.</p>
+
+<p>Da betrat Auer die Trib&uuml;ne. Mit dem leisen
+Spott der &Uuml;berlegenheit um die Lippen sah er &uuml;ber
+die Menge hinweg. Dann kam die Abrechnung. Unwillk&uuml;rlich
+senkten sich alle K&ouml;pfe vor diesem gewaltigen
+Ausbruch eines feuerbergenden Kraters. Eine
+&ouml;ffentliche Anklage war es, und am Pranger standen
+alle, die den befreienden Streik der Gedanken in ein
+l&auml;hmendes Gez&auml;nk um Personen verwandelt hatten.
+Und eine Verteidigung war es, &mdash; eine Verteidigung
+des Mannes, den dieselbe Partei, um deretwillen er
+aus dem Vaterland verbannt worden war, des Verrats
+bezichtigte; &mdash; aber auch eine Verteidigung seiner selbst,
+des in der jahrzehntelangen Parteiarbeit aufgeriebenen
+K&auml;mpfers. Seine breiten H&auml;nde, &mdash; bestimmt, einen
+Hammer zu f&uuml;hren oder ein Schwert, &mdash; umklammerten,
+zuweilen krampfhaft zuckend, den Rand des Rednerpults.
+Sie waren am Schreibtisch, in der eingeschlossenen
+Bureauluft wei&szlig; geworden. Das stolze Germanenhaupt,
+dem ein Ritterhelm geb&uuml;hrte, sank leise nach vorn. Die
+Sorgen der Partei lasteten schwer auf ihm. Das Antlitz,
+das auf den Bergen seiner Heimat, der Sonne am
+<a name="Page_329" id="Page_329"></a>n&auml;chsten, braun und rot sich h&auml;tte f&auml;rben m&uuml;ssen, war
+grau und fahl. Durchwachte N&auml;chte sprachen aus seinen
+Augen.</p>
+
+<p>Gereizte Zurufe unterbrachen ihn, &mdash; zu wuchtig fielen
+seine Schl&auml;ge. Und seine Stimme, durch hunderte
+von Reden, hunderte von Agitationsreisen abgenutzt,
+drohte zu versagen. Noch eine die Luft durchschneidende
+Bewegung mit der Hand, als wolle er ausstreichen,
+was sich doch unausl&ouml;schlich seiner Erinnerung eingepr&auml;gt
+hatte, noch ein Witz, den er in die Masse warf,
+wie der Tierb&auml;ndiger einen Knochen zwischen die Tiger,
+und der Strom seiner Rede erreichte in ruhigem Flu&szlig;
+sein Ziel.</p>
+
+<p>Die Resolution Bebel wurde angenommen, nur ein
+kleines H&auml;uflein Unentwegter, die noch immer ihr &raquo;Kreuzige!&laquo;
+schrieen, stimmte dagegen.</p>
+
+<p>&raquo;... Auch auf diesem Parteitag hat es sich gezeigt,
+da&szlig; die Partei &uuml;ber ihre Grunds&auml;tze und ihre Taktik
+einheitlich denkt und auch fernerhin in voller Einm&uuml;tigkeit
+handeln wird ...,&laquo; sagte Singer zum Schlu&szlig;. Die
+Arbeitermarseillaise brauste durch den Ballhof. H&ouml;rte
+niemand die Dissonanz? Es waren nicht die Geister
+der Vergangenheit, die Prinzessinnen, die Kurf&uuml;rsten und
+die K&ouml;nige, die sie hervorriefen. Es war der Geist der
+Zukunft.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_330" id="Page_330"></a></p>
+
+<p>M&uuml;de und ersch&ouml;pft reisten wir heimw&auml;rts. Es
+d&auml;mmerte, als wir vom Bahnhof zum Grunewald
+fuhren. Wie herrlich die Stille war
+in den breiten Alleen! Wie erfrischend der Duft der
+Kiefern den hei&szlig;en Kopf umstrich! Statt der vielen
+Menschenstimmen nur ein abendlich-s&uuml;&szlig;es Vogelgezwitscher!
+Wer doch im Walde bleiben k&ouml;nnte! &mdash;</p>
+
+<p>Mit jenem feinen Taktgef&uuml;hl, das auf dem Baume
+alter Kultur eine der k&ouml;stlichsten Fr&uuml;chte ist, hatte meine
+Mutter, kurz ehe wir ankamen, das Haus verlassen.
+So konnten wir uns ungeteilt am Wiedersehen mit unserem
+Jungen freuen. Mir schien, als w&auml;ren wir
+Wochen statt Tage weg gewesen: war er nicht viel
+gr&ouml;&szlig;er und viel kl&uuml;ger geworden? Und wie entz&uuml;ckend
+ringelten sich die blonden L&ouml;ckchen um den breiten
+Sch&auml;del! In &uuml;bersprudelndem Eifer mu&szlig;te er alles erz&auml;hlen,
+alles zeigen. Seinen Bauernhof packte er vor
+mir aus, nahm die B&auml;ume und rief: &raquo;Nu laufen sie
+zu dem lieben, duten Mamachen!&laquo; &raquo;Aber B&auml;ume laufen
+doch nicht!&laquo; meinte ich. Darauf nickte er altklug mit
+dem K&ouml;pfchen und sagte: &raquo;Doch, Mama; in der Elektrischen,
+da laufen die B&auml;ume.&laquo; Und als er zur Feier
+des Tages mit uns zu Abend gegessen hatte, rutschte er
+geschickt von seinem hohen St&uuml;hlchen, stellte sich breitbeinig
+vor uns hin und rief: &raquo;Ich bin satt!&laquo; Das
+erste &raquo;Ich&laquo;! &mdash; Lachend schlo&szlig; ich ihn in die Arme:
+Nun war mein Kind ein Mensch geworden. Alle Probleme
+der Welt verschwanden mir wieder angesichts dieses
+Wunders.</p>
+
+<p><a name="Page_331" id="Page_331"></a>Am n&auml;chsten Morgen sa&szlig; ich am Schreibtisch
+und rechnete. Die Angst trieb mir Schwei&szlig;tropfen
+auf die Stirn: schon das n&auml;chste
+Vierteljahr w&uuml;rden wir die Zinsen nicht zahlen k&ouml;nnen.
+Wie hatte ich als M&auml;dchen gezittert, wenn die Rechnungen
+kamen, die der Mutter Tr&auml;nen erpre&szlig;ten! Es
+war das reine Kinderspiel gewesen im Vergleich mit
+meiner Situation. &raquo;Mach dir doch keine Sorgen, ehe das
+Ungl&uuml;ck da ist,&laquo; sagte mein Mann &auml;rgerlich, als er sah,
+wie verst&ouml;rt ich war.</p>
+
+<p>Ich wurde krank. Die alten unausbleiblichen Schmerzen,
+die jede Erregung zur Folge hatte, stellten sich mit
+erschreckender Heftigkeit wieder ein. Und abends, wenn
+ich todm&uuml;de in die Kissen sank, klopfte mir das Herz
+bis zum Halse herauf. Ich war gen&ouml;tigt, ein paar Versammlungen
+abzusagen. Ich war froh dar&uuml;ber: in einem
+Zustand geistiger und k&ouml;rperlicher Erschlaffung verbrachte
+ich meine Tage.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben einen K&auml;ufer!&laquo; mit der Botschaft &uuml;berraschte
+mich mein Mann eines Morgens. Ich zweifelte
+noch. Aber bald darauf kam er selbst, und in wenigen
+Tagen war der Kauf abgeschlossen.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du nun ein, wie t&ouml;richt es war, sich zu
+f&uuml;rchten?&laquo; sagte Heinrich. Besch&auml;mt senkte ich den Kopf.
+&raquo;Ich will in Zukunft mutiger sein,&laquo; versicherte ich.</p>
+
+<p>Schon im Januar sollten wir das Haus verlassen.
+Dann wollen wir von vorne anfangen, dachte ich,
+und begann eifrig nach einer bescheidenen Wohnung zu
+suchen.</p>
+
+<p>Bin ich erst in Ruhe, so werde ich auch gesund
+<a name="Page_332" id="Page_332"></a>werden, sagte ich zu mir selbst, wenn die Schmerzen nicht
+weichen wollten und das Herz mich nicht schlafen lie&szlig;.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Eines Abends nahm ich wieder an einer Sitzung
+der Genossinnen teil. Wie die Befreiung von
+den pers&ouml;nlichen Sorgen mich aus der Erstarrung
+aufger&uuml;ttelt hatte, so elektrisierten mich jetzt
+die politischen Vorg&auml;nge wieder. Das Zuchthausgesetz
+war endg&uuml;ltig begraben worden, aber trotz aller gegenteiligen
+Versicherungen drohte eine neue gewaltige Flottenvermehrung.</p>
+
+<p>&raquo;Unter den Waffen schweigen die Musen,&laquo; erkl&auml;rte
+ich, als wir die Aufgaben besprachen, die der kommende
+Winter uns stellte, und einige der Frauen den Arbeiterinnen-Bildungsverein
+und seine Veranstaltungen in den
+Vordergrund schieben wollten. &raquo;Wir m&uuml;ssen unsere
+Kr&auml;fte konzentrieren: auf die beschlossene Agitation f&uuml;r
+den Arbeiterinnen-Schutz und auf den Kampf gegen die
+neue Volksausbeutung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn wir so sicher wie stets auf Genossin Brandts
+wertvolle Unterst&uuml;tzung rechnen k&ouml;nnen, wird der Sieg
+uns nicht fehlen,&laquo; spottete Martha Bartels und berichtete
+dann, wie ich durch die k&uuml;rzlich &raquo;angeblich&laquo;
+wegen Krankheit erfolgten Absagen die Sache gesch&auml;digt
+h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Unsichere Kantonisten k&ouml;nnen wir nicht brauchen,&laquo;
+sagte Frau Resch, die seit ihrer Delegation nach Hannover
+sehr selbstbewu&szlig;t geworden war.</p>
+
+<p>W&auml;hrend ich antwortete, dr&uuml;ckte ich die Hand krampfhaft
+in die Seite, wo die Schmerzen w&uuml;hlten, und
+<a name="Page_333" id="Page_333"></a>suchte, tiefatmend, die wilden Schl&auml;ge meines Herzens
+zu beruhigen. Aber trotz meiner Verteidigung, setzte
+der Zank sich fort. Und pl&ouml;tzlich war mir, als drehe
+sich das Zimmer um mich&nbsp;&mdash;, ohnm&auml;chtig brach ich
+zusammen. Als ich zu mir kam, &uuml;bersah ich mit
+einem einzigen Blick die Situation: Ida Wiemer hielt
+mich umschlungen, auf ihren Z&uuml;gen lag ein Schimmer
+aufrichtiger Teilnahme; aber steif und unbeweglich
+sa&szlig;en alle anderen um den Tisch, die Augen auf mich
+gerichtet, voll Hohn und Spott, voll K&auml;lte und
+Mi&szlig;trauen. Ein eisiger Schauer lief mir &uuml;ber den
+R&uuml;cken. Ich pre&szlig;te die Z&auml;hne zusammen und erhob
+mich. In dem Augenblick kam mein Mann. Der Kellner
+hatte mich fallen sehen und ihn, der im Restaurant auf
+mich wartete, benachrichtigt. Auf seinen Arm gest&uuml;tzt,
+verlie&szlig; ich das Zimmer. Niemand erhob sich. Niemand
+sagte mir Lebewohl.</p>
+
+<p>Wir fuhren noch in der Nacht zum Arzt. Er machte
+ein bedenkliches Gesicht. &raquo;Ein paar Monate im S&uuml;den,
+und Sie k&ouml;nnen genesen,&laquo; sagte er. Ich empfand seinen
+Bescheid wie eine Erl&ouml;sung. Fort, &mdash; weit fort, wo
+ich Ruhe finden, wo ich wieder zu mir selber kommen
+w&uuml;rde!</p>
+
+<p>Wir entschieden uns f&uuml;r Meran. Der &Uuml;berschu&szlig;,
+der uns vom Kaufpreis des Hauses bleiben w&uuml;rde,
+erm&ouml;glichte die Reise. Mein Kind nahm ich mit. Und
+eine gro&szlig;e Kiste mit B&uuml;chern und Manuskripten. &raquo;Nun
+werde ich ungest&ouml;rt meine &#8250;Frauenfrage&#8249; vollenden k&ouml;nnen,&laquo;
+sagte ich hoffnungsvoll.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Arzt dir das Arbeiten erlaubt,&laquo; meinte
+mein Mann und sah dabei traurig drein. &raquo;Ich werde
+<a name="Page_334" id="Page_334"></a>ihn nicht erst fragen,&laquo; lachte ich; &raquo;Arbeit ist f&uuml;r mich
+die beste Medizin.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Silvester 1899 kamen Erdmanns mit der Mutter
+zu uns. Als es Mitternacht schlug, rissen wir
+alle die Fenster auf und riefen ein schallendes
+&raquo;Prost Jahrhundert!&laquo; in die sternhelle Nacht hinaus. Da
+war keiner, dem das Vergangene nicht wie ein Alp von
+der Seele gefallen w&auml;re. Und unsere Hoffnungen waren
+riesenstark. Nur die Mutter sah sorgenvoll von einem
+zum anderen: zu Erdmann, dessen eingesunkene Brust
+nach jedem lauten Wort trockener Husten ersch&uuml;tterte,
+zu Ilse, deren Blicke halb &auml;ngstlich, halb versch&uuml;chtert
+an ihrem Gatten hingen, zu uns, von deren K&auml;mpfen
+sie manches ahnen mochte.</p>
+
+<p>Schatten gingen um. Ich mu&szlig;te sie bannen. Aus
+dem Bettchen droben, wo es mit hei&szlig;en Wangen schlief,
+nahm ich mein Kind und trug es hinunter. Im Licht
+der Lampen schlug es die strahlenden Augen auf. Ich
+hatte es jubelnd emporheben wollen, nun aber dr&uuml;ckte
+ich es z&auml;rtlich ans Herz und fl&uuml;sterte leise, ganz leise,
+damit die anderen nichts h&ouml;rten: &raquo;Dein ist das Jahrhundert.&laquo;</p>
+
+<p>Wenige Tage sp&auml;ter schlo&szlig; sich die Pforte des grauen
+Hauses hinter uns. Die Wipfel der Kiefern bewegten
+sich leise &uuml;ber dem Dach. Schwarz standen ihre St&auml;mme
+vor den blumenlosen Fenstern. In jubelnder Vorfreude
+auf die Reise warf mein Junge keinen einzigen Blick
+zur&uuml;ck. So wollte auch ich nur vorw&auml;rts sehen.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_335" id="Page_335"></a></p>
+<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Ein eisiger Wind pfiff aus dem Passeier Tal
+&uuml;ber Meran; die Schneeflocken fielen so dicht,
+da&szlig; es aussah wie lauter wei&szlig;e Schleier, die
+der Winter, mi&szlig;g&uuml;nstig, einen nach dem anderen der
+Natur vor das sch&ouml;ne Antlitz zog. Und ich war mit
+der ganzen Sonnensehnsucht des Deutschen, der jenseits
+des Brenners zu jeder Jahreszeit blauen Himmel und
+bl&uuml;hende B&auml;ume erwartet, gen S&uuml;den gefahren!</p>
+
+<p>&raquo;Du hast mir das Sommerland versprochen, &mdash; ich
+will ins Sommerland&nbsp;&mdash;,&laquo; weinte mein B&uuml;bchen, als
+es am ersten Morgen aus dem Fenster unseres kleinen
+Zimmers in die wei&szlig;e Welt hinaussah. W&auml;hrend ich
+ihn durch lauter Hoffnungen zu beruhigen suchte, fr&ouml;stelte
+auch mich.</p>
+
+<p>Das Sanatorium &raquo;Iduna&laquo;, das westlich von Meran
+einsam zwischen Wiesen und Obstb&auml;umen lag,
+war uns empfohlen worden. &raquo;Es nimmt nur eine
+beschr&auml;nkte Anzahl von Patienten auf, bewahrt daher
+den Charakter eines behaglichen Privathauses,&laquo; hie&szlig; es
+im Prospekt. In Wirklichkeit war's ein altes Landhaus,
+das, wie so viele seinesgleichen im S&uuml;den, mit d&uuml;nnen
+W&auml;nden und zugigen Fenstern den Winter zu ignorieren
+schien. Ein paar eiserne Ofen strahlten stundenweise
+<a name="Page_336" id="Page_336"></a>rotgl&uuml;hende Hitze aus, um dann wieder kalt, schwarz
+und feindselig dazustehen, als freuten sie sich des grausamen
+Spiels mit den armen Bewohnern.</p>
+
+<p>Ich hatte nicht schlafen k&ouml;nnen: der Wind r&uuml;ttelte
+an den Fenstern, mein Sohn warf sich unruhig in dem
+ungewohnten gro&szlig;en Bett hin und her, und ein hohler
+Husten, nur von st&ouml;hnenden Seufzern unterbrochen, klang
+aus dem Zimmer unter uns unaufh&ouml;rlich zu mir empor.
+M&uuml;de und abgespannt ging ich zum Fr&uuml;hst&uuml;ck in den
+E&szlig;saal, &mdash; einer verglasten Veranda, durch deren breite
+Fenster der Winter von allen Seiten hereinsah. In
+der Mitte stand der lange schmale wei&szlig;gedeckte Tisch,
+darauf in n&uuml;chterner Regelm&auml;&szlig;igkeit Reihen wei&szlig;er
+Teller und Tassen. Eine Frau sa&szlig; daran in schwarzem
+Kleid mit vergr&auml;mten Z&uuml;gen, neben ihr im Rollstuhl
+ihr blasser Mann, finstere, gerade Falten auf der Stirne, &mdash; einer
+jener Kranken, die hoffnungsloses Leiden b&ouml;se
+gemacht hat, &mdash; ihm gegen&uuml;ber am &auml;u&szlig;ersten Ende der
+Tafel ein schmalbr&uuml;stiger J&uuml;ngling, dessen Antlitz nur
+noch mit der Haut bespannt schien, &mdash; einer fahlen,
+graugelben&nbsp;&mdash;. Ich z&ouml;gerte an der Schwelle, mir
+grauste vor dem Bilde, in dem alle Farben des Lebens
+erloschen waren.</p>
+
+<p>Da sprang mein Kind an mir vorbei, im feuerroten
+Kleidchen, mit frischen Wangen und gl&auml;nzenden Augen.
+Und der ganze Raum war erhellt. Ein freundliches
+L&auml;cheln spielte um die blutleeren Lippen des J&uuml;nglings;
+die Falten auf der Stirn des Gel&auml;hmten gl&auml;tteten sich,
+nur die Frau im schwarzen Kleid wandte wie verletzt
+den Kopf zur Seite.</p>
+
+<p>Ich w&auml;re am liebsten wieder fortgezogen. Aber ich
+<a name="Page_337" id="Page_337"></a>war viel zu m&uuml;de, viel zu apathisch dazu. Der Arzt,
+ein g&uuml;tiger alter Mann mit weichen Frauenh&auml;nden, versprach
+mir ein anderes Zimmer mit einem Balkon nach
+S&uuml;den. &raquo;Das unter Ihnen,&laquo; sagte er, &raquo;der Herr reist
+ab&nbsp;&mdash;,&laquo; dabei verschleierten sich seine hellen Augen.
+Dann gab er mir Verhaltungsma&szlig;regeln. &raquo;Meine wichtigste
+Verordnung ist: ein Kinderm&auml;dchen. Sie m&uuml;ssen
+Ruhe haben, &mdash; Tag und Nacht, der Bub dagegen soll
+sich t&uuml;chtig Bewegung machen,&laquo; begann er.</p>
+
+<p>Ruhe, &mdash; schon das Wort war wie einlullendes Streicheln.
+Am n&auml;chsten Tage brachte er mir ein h&uuml;bsches,
+br&uuml;nettes Landm&auml;dchen, das mir gefiel; sie zog mit dem
+Kleinen, der sich an die lustige Gef&auml;hrtin rasch gew&ouml;hnte,
+in das Zimmer nebenan. Nun erst f&uuml;hlte ich, wie krank
+ich war: den ganzen Tag lag ich still, und bewegungslos
+wie mein K&ouml;rper waren Gedanke und Gef&uuml;hl. Auch
+meine Umgebung st&ouml;rte mich nicht mehr; &mdash; wenn ich
+nur mein Bett hatte und meinen Liegestuhl.</p>
+
+<p>&raquo;Nun wird er bald abreisen,&laquo; sagte der Arzt eines
+Tages und dr&uuml;ckte mit der Spitze des Zeigefingers in
+den Augenwinkel, als sei ihm ein Staubk&ouml;rnchen hineingeflogen.</p>
+
+<p>&raquo;Dann soll ich hinunter?&laquo; fragte ich und dachte entsetzt
+an die M&uuml;he des Umr&auml;umens. &raquo;Ja,&laquo; meinte er,
+&raquo;denn nun es t&auml;glich w&auml;rmer wird, m&uuml;ssen Sie in
+der Sonne liegen.&laquo; &raquo;In der Sonne?!&laquo; Ich l&auml;chelte
+ungl&auml;ubig. Seit einer Woche hatte der Schnee sich in
+Regen verwandelt.</p>
+
+<p>Die Nacht darauf kam ich nicht zur Ruhe. Ich warf
+mich im Bett hin und her, und pl&ouml;tzlich wu&szlig;te ich, was
+mir fehlte: der regelm&auml;&szlig;ige Husten unter mir war ver<a name="Page_338" id="Page_338"></a>stummt;
+die Stille lastete auf mir, die unheimliche Stille.
+Bald danach war mir, als gingen Gespenster um: das
+huschte im Haus auf leichten Sohlen, das wisperte und
+fl&uuml;sterte, &mdash; knarrend &ouml;ffnete sich unten eine T&uuml;r. Ich
+erhob mich und trat ans Fenster: ein Leiterwagen stand
+im Garten; M&auml;nner waren darin, die sich durch Geb&auml;rden
+mit denen im Hause zu verst&auml;ndigen schienen;
+und auf einmal schwebte etwas in der Luft dicht unter
+mir, etwas Schwarzes, Gro&szlig;es, &mdash; der Regen klatschte
+darauf, &mdash; eint&ouml;nig. Schon wollt' ich schreien, &mdash; da
+geriet das Schwarze in den Lichtkreis der n&auml;chsten
+Laterne: es war ein Sarg.</p>
+
+<p>Ich schwankte ins Bett zur&uuml;ck und verkroch mich zitternd
+unter der Decke. So war er &raquo;abgereist&laquo;! &mdash;</p>
+
+<p>Ich sah wieder die Glasveranda vor mir im Schneelicht,
+mit den Menschen, deren K&ouml;rper im Sterben
+lagen, oder deren Seelen schon gestorben waren. Und
+das Badhaus fiel mir ein mit den dunkeln Holzwannen,
+in denen das Wasser aussah, als w&auml;re es
+Schlamm. Willenlos war ich hineingestiegen, hatte mir
+Gesundheit holen wollen, wo Krankheit in allen Ritzen
+und Fugen lauernd sa&szlig;. Und mein Kind hatte ich die
+Pestluft atmen lassen!</p>
+
+<p>Noch in der Nacht fing ich an zu packen. Fr&uuml;h
+fuhr ich nach Meran und dr&uuml;ber hinaus nach Obermais,
+so hoch und so weit als m&ouml;glich. Dort fand ich
+neben alten efeuumsponnenen Schl&ouml;ssern ein freundliches
+Haus zwischen Nu&szlig;b&auml;umen und Weinreben.</p>
+
+<p>Am selben Abend zogen wir ein.</p>
+
+<p>Es war, als ob der Winter uns nicht h&auml;tte folgen
+k&ouml;nnen. Die Berge entschleierten sich. Der Schnee,
+<a name="Page_339" id="Page_339"></a>der eben erst wie ein Leichentuch die Erde verh&uuml;llt hatte,
+blitzte jetzt im Sonnenlicht wie eine Hochzeitskrone auf
+ihren H&auml;uptern. Err&ouml;tend entfalteten sich an den Mandelb&auml;umchen
+die ersten Bl&uuml;ten. Ich lag auf der Veranda
+und lie&szlig; mich wie sie von der Sonne durchgl&uuml;hen und
+f&uuml;hlte, da&szlig; auch mir die Lebensfarbe in die Wangen
+stieg. T&auml;glich brachte mir mein S&ouml;hnchen frische Wiesenblumen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde dich f&uuml;hren, Mamachen, wenn du
+nicht mehr Auau hast,&laquo; schwatzte er, &raquo;zu den so vielen
+Vergi&szlig;meinnicht, und zu den Musikm&auml;nnern auch, wo
+die Damen und Herren sind.&laquo; Ich lachte ihn an: wirklich,
+die Sehnsucht nach dem Leben regte sich wieder
+in mir. Liegen sollt' ich, immer liegen, sagte der
+Arzt, weil mein Herz noch nicht ruhig genug war.
+&raquo;Dann m&uuml;&szlig;t' ich liegen bis ich neunzig Jahr alt bin,&laquo;
+antwortete ich ihm, &raquo;denn da&szlig; mein Herz so gegen alle
+Vorsicht klopft, ist nur ein Beweis, da&szlig; ich lebe.&laquo;</p>
+
+<p>Einmal wachte ich auf nach erquickendem Schlaf,
+streckte und reckte mich und blinzelte in die Sonne.
+Mir war so wohl, &mdash; so wohl! Warum nur?! Und
+in mir antwortete es ganz deutlich: weil du frei bist.
+Ich sah mich erschrocken um, als k&ouml;nnte irgend jemand
+dies tiefe Geheimnis, da&szlig; ich kaum mir selbst gestand,
+erkundet haben. Ich war frei &mdash; wirklich frei; ich
+konnte tun, was ich wollte, ohne vorher all jene bohrenden
+Fragen erst beantworten zu m&uuml;ssen: st&ouml;rt es den
+Anderen? Verletzt es ihn? Beeintr&auml;chtigt es seine Ruhe,
+seine W&uuml;nsche, seine Liebe? Jetzt, zum Beispiel, konnte
+ich aus dem Bette steigen und lustig einen Walzer
+tr&auml;llern, &mdash; l&auml;ge Heinrich neben mir, ich w&uuml;rde mich
+<a name="Page_340" id="Page_340"></a>aus R&uuml;cksicht auf seinen Schlaf ganz, ganz still verhalten.
+Und dann konnt' ich gem&auml;chlich im Wasser
+planschen, mich ankleiden, mir die Haare ordnen, ohne
+jene qu&auml;lende Scham des H&auml;&szlig;lichen, des Un&auml;stethischen, &mdash; die
+einzig berechtigte zwischen zwei Menschen, die einander
+lieb haben, und die einzig notwendige, wenn sie
+ihrer Liebe den Zauber des ersten Rausches erhalten
+wollen. Die Ehe der meisten ist ein Erwachen aus ihm,
+mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge. Sie
+wissen nicht, da&szlig; die Liebe eine zarte, kostbare Blume
+ist, die sorgsamer Pflege bedarf. Sie pflanzen sie in den
+K&uuml;chengarten und wundern sich dann, wenn sie eingeht.</p>
+
+<p>Ich war frei &mdash; wirklich frei. Und ich konnte hingehen,
+wohin ich wollte! Ganz erstaunlich kam mir das
+vor, &mdash; gerade, als ob die Welt mir auf einmal ihre
+Tore aufschl&ouml;sse. In den ersten Jahren meiner Ehe
+hatte Heinrich mich auf jedem Weg begleitet, &mdash; aus
+z&auml;rtlichster Liebe, nicht etwa aus Mi&szlig;trauen oder aus
+Eifersucht. Und ich hatte keinen anderen Weg machen
+k&ouml;nnen, als der ihm recht war. Zuweilen war ich heimlich
+die Hintertreppe hinuntergestiegen, nicht, weil ich
+ein Geheimnis vor ihm gehabt h&auml;tte, sondern nur um
+einmal ohne innere Hemmung in den Stra&szlig;en herumlaufen
+zu k&ouml;nnen. Allm&auml;hlich hatte unsere verschiedenartige
+T&auml;tigkeit dem steten Zusammensein ein Ende gemacht;
+aber selbstverst&auml;ndlich blieb, da&szlig; ich ihm erz&auml;hlte,
+wo ich gewesen war, was ich getan hatte. Und da ich
+ihn nicht unzufrieden machen, nicht &auml;rgern wollte, so
+stand ich doch stets in seinem Bann. Wenn ich einmal
+seiner Empfindung zuwider gehandelt hatte, so kam es
+vor, da&szlig; ich &mdash; log.</p>
+
+<p><a name="Page_341" id="Page_341"></a>Kaum, da&szlig; der Gedanke daran in mein Bewu&szlig;tsein
+trat, als ich ihn auch schon, dunkel err&ouml;tend, zur&uuml;ckweisen
+wollte. Aber je mehr ich mich m&uuml;hte, desto
+klarer stand er vor mir. Ich mu&szlig;te ihm Auge in Auge
+sehn: &raquo;Es kam vor, da&szlig; ich meinen Mann belog.&laquo;
+Nicht, weil ich ihn hintergehen, sondern weil ich ihn
+nicht &auml;rgern, nicht erregen wollte. Aus Liebe also!
+Oder aus Furcht?! So lernen die Frauen l&uuml;gen, weil
+sie des Mannes Besitztum sind, weil die Ehe ihre Pers&ouml;nlichkeit
+ausl&ouml;scht wie ihren Namen. Wie vielen, die
+gerade gewachsen waren, hat sie das R&uuml;ckgrat zerbrochen!
+Und sie verlieren nach ein paar Jahren der Ehe ihre
+Physiognomie, &mdash; sind farblos, zerm&uuml;rbt.</p>
+
+<p>Ein brennendes Verlangen nach Menschen &uuml;berkam
+mich. Wie war ich doch mein Leben lang an den
+bunten Schwarm um mich gew&ouml;hnt gewesen! In den
+letzten Jahren hatte er sich mehr und mehr verfl&uuml;chtigt.
+Den alten Freunden war ich gestorben, seit ich Sozialdemokratin
+geworden war; neue hatte ich unter den
+Genossen nicht gefunden, und von den K&uuml;nstlern, von
+den Gelehrten, die unsere R&auml;ume einmal betraten, kamen
+nur wenige wieder. Romberg war im Grunde unser
+einziger Verkehr gewesen. Und der wohnte nicht in
+Berlin.</p>
+
+<p>Woher kam das alles? War ich weniger anziehend
+als die Frauen, die &raquo;ein Haus ausmachten&laquo;?
+Waren sie geistreicher als ich? Ich sch&uuml;rzte sp&ouml;ttisch die
+Lippen. Stie&szlig;en sich die Sittenstrengen noch immer an
+der Geschichte meiner Eheschlie&szlig;ung? Sie machten sich
+doch sonst nichts daraus, mit Frauen zu verkehren, die
+&raquo;eine Vergangenheit&laquo; hatten, die Gegenwart geblieben
+<a name="Page_342" id="Page_342"></a>war! Nein, in alledem lag die Ursache nicht. Bei
+meinem Manne, schien mir, war sie zu suchen. Er war
+ein Menschenschw&auml;rmer gewesen, leicht geneigt, zu bewundern
+und zu verehren und sich den anderen gegen&uuml;ber
+gering zu achten. Um so schmerzhafter hatte jede,
+auch die leiseste Entt&auml;uschung ihn getroffen, und je
+h&auml;ufiger sie sich wiederholte, desto scheuer zog er sich
+zur&uuml;ck, desto mi&szlig;trauischer wurde er. Und f&uuml;r jenen
+leichten Verkehr, der wie mit Libellenfl&uuml;geln nur die
+Oberfl&auml;che des Lebensstromes streift, war er zu schwerbl&uuml;tig.
+Er hatte nie getanzt; &mdash; seltsam, da&szlig; mir das
+erst heute einfiel. Er hatte nie gelernt, eine Gesellschaftsmaske
+zu tragen. Darum f&uuml;hlten sich immer nur
+die Menschen, die er aufrichtig gern hatte, wohl bei uns.
+Die anderen stie&szlig; er ab.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en lachte der Fr&uuml;hlingstag. Zwischen bl&uuml;henden
+B&auml;umen und Beeten von Hyazinthen spielte die
+Musik fr&ouml;hliche Weisen, die Passer sprang dazu in entfesselter
+Wildheit &uuml;ber Stock und Stein. Ich ging mit
+meinem Buben an der Hand zwischen der Menschenmenge
+hin und her. Ich freute mich, als w&auml;re ich
+zwanzig Jahr, &uuml;ber die bewundernden Blicke, die uns
+folgten. T&auml;glich wollt' ich von nun an hinuntergehen,
+Sonnenschein trinken und Lebenslust. Ich traf Bekannte
+und geriet durch sie in einen Kreis fr&ouml;hlicher
+Weltbummler. Wie gut das tat, einmal wieder unterzutauchen
+in Glanz und Freude! Einmal wieder lachen
+zu k&ouml;nnen aus Herzensgrund! Bewundernde Blicke zu
+f&uuml;hlen! Man brachte mir t&auml;glich Blumen, &mdash; jene
+gro&szlig;en gl&uuml;henden Rosen von Meran, deren Duft nicht
+an G&auml;rten erinnert, sondern an berauschende Essenzen
+<a name="Page_343" id="Page_343"></a>des Morgenlandes. Ich lie&szlig; mir gefallen, da&szlig; man
+mir huldigte; ich spielte mit hei&szlig;en Gedanken, wie ein
+Kind mit rotleuchtenden Giftblumen. Eines Abends,
+w&auml;hrend bunte Lichterkr&auml;nze sich an den alten B&auml;umen
+vor dem Kurhaus von Ast zu Ast schwangen und die
+Geigen der Zigeunerkapelle in die laue Nacht hinein
+seufzten und lockten, lie&szlig; ich mich in den Kursaal
+f&uuml;hren, um den Tanzenden zuzuschauen. S&uuml;&szlig;e Walzermelodien
+umschmeichelten meine Sinne. Der Rausch
+des Tanzes ergriff mich. Willenlos &uuml;berlie&szlig; ich mich
+ihm. Erst als der letzte Ton verklagen war, kam ich
+zu mir und erschrak. Leichtsinn und Genu&szlig;, die Zaubergeister,
+drohten mich in ihre Gewalt zu bekommen.
+Das durfte nicht sein!</p>
+
+<p>&raquo;Meran f&auml;ngt an, schw&uuml;l zu werden,&laquo; schrieb ich am
+n&auml;chsten Morgen an meinen Mann; &raquo;so sehr die weiche
+Luft meiner Gesundheit n&uuml;tzte, so sehr sch&auml;digt sie meine
+Arbeitskraft. Und ich w&uuml;nsche jetzt nichts mehr, als
+mich Hals &uuml;ber Kopf in meine Arbeit zu st&uuml;rzen. Darum
+m&ouml;chte ich fort. Der Arzt verordnet mir H&ouml;henluft;
+ich selbst f&uuml;hle, da&szlig; ich etwas Starkes, Herbes
+atmen m&uuml;&szlig;te. Wollen wir nicht miteinander irgend ein
+stilles Pl&auml;tzchen suchen? Wir waren lange genug getrennt..&laquo;</p>
+
+<p>Statt aller Antwort kam er selbst. &raquo;Ich habe gewartet,
+bis du mich rufen w&uuml;rdest&nbsp;&mdash;, es ist mir schwer
+genug geworden,&laquo; fl&uuml;sterte er z&auml;rtlich, &raquo;nun aber wirst
+du mich nicht mehr los.&laquo; Dunkel err&ouml;tend barg ich
+den Kopf an seiner Brust.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_344" id="Page_344"></a></p>
+
+<p>An der Ampezzostra&szlig;e, s&uuml;dlich von Cortina, liegt
+ein kleines Dorf, Pezzi&eacute; genannt. Zwischen
+seinen braunen, &auml;rmlichen H&uuml;tten ragte ein
+einzelnes Bauernhaus mit wei&szlig;get&uuml;nchten Mauern und
+gro&szlig;en Altanen stattlich hervor. &Uuml;ber ein Vierteljahr
+wohnten wir dort in tiefster Stille und Zur&uuml;ckgezogenheit.
+Im L&auml;rchenwald hinter dem Hause spielte mein
+Junge mit den braunen Bauernkindern, auf der Altane,
+angesichts des weiten bl&uuml;henden Tals und des gewaltigen
+schneebedeckten Felsenmassives der Tofana, fing
+ich wieder an zu arbeiten. Wenn mir in den vergangenen
+Wochen die Aufgabe eingefallen war, die ich
+mir mit meinem Buch gestellt hatte, so war sie mir wie
+ein un&uuml;bersteigbarer Berg erschienen. Jetzt, da ich sie
+aufs neue in Angriff nahm, war mir's, als habe all
+die Zeit hindurch eine fremde Kraft unter der Schwelle
+meines Bewu&szlig;tseins weiter an ihr gearbeitet.</p>
+
+<p>Oder sollten Gedanken wie Samen sein, die einmal
+in den Boden des Geistes gestreut, sich aus eigener
+Macht weiter entwickeln? Die vielen Zahlen, die ich
+in meinen B&uuml;chern vor mir hatte &mdash; Ergebnisse der
+Volks- und Berufsz&auml;hlungen europ&auml;ischer und au&szlig;ereurop&auml;ischer
+L&auml;nder, Lohn- und Arbeitsstatistiken&nbsp;&mdash;,
+wurden merkw&uuml;rdig lebendig, als zuckten in ihnen die
+Leiden der Millionen. Immer deutlicher sah ich das
+Bild, das ich zu malen hatte: den Zug der Frauen,
+wie er durch gluthei&szlig;e W&uuml;sten und rauhe Steppen dahinschleicht,
+jede einzelne in ihm gebeugt unter den
+Lasten, die sie zu tragen hat: der Hacke und dem Spaten,
+<a name="Page_345" id="Page_345"></a>der Sichel und der Spindel, dem einen Kinde auf dem
+R&uuml;cken, dem anderen unter dem qualvoll klopfenden
+Herzen. Was mich zuerst nur wie ein Instinkt in die
+Reihen der k&auml;mpfenden Arbeiterschaft gef&uuml;hrt hatte, das
+wurde mir jetzt zur bewu&szlig;ten Erkenntnis: die Berufsarbeit
+der Frau, die ihre Entstehung der Umwandlung
+der Produktionsweise durch die Maschine zu verdanken
+hat, ist immer mehr zu einem notwendigen Bestandteil
+dieser Produktionsweise geworden. Aber indem sie sich
+ausdehnt, untergr&auml;bt sie zu gleicher Zeit die alte Form
+der Familie, ersch&uuml;ttert die Begriffe der Sittlichkeit,
+auf denen der Moralkodex der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft
+beruht, und gef&auml;hrdet die Existenz des Menschengeschlechtes,
+deren Bedingung gesunde M&uuml;tter sind. Es
+bleibt der Menschheit schlie&szlig;lich nur die Wahl: entweder
+sich selbst oder die kapitalistische Wirtschaftsordnung
+aufzugeben. Diese Konsequenz zu scharfumrissenen Ausdruck
+zu bringen, soda&szlig; niemand ihr aus dem Wege zu
+gehen verm&ouml;chte, &mdash; das war mein Wunsch.</p>
+
+<p>Das Fieber der Arbeit, das alle Pulse schneller
+schlagen l&auml;&szlig;t, das &uuml;ber jede M&uuml;digkeit hinwegt&auml;uscht,
+das die Gedanken des Tages in den Traum der Nacht
+verflicht, hatte mich ergriffen. Und zugleich jener gesunde
+Egoismus des Schaffenden, der ihn f&uuml;r seine
+Umgebung blind und taub macht, nur damit das Werk
+wachsen kann. Dankbar &uuml;berlie&szlig; ich der Berta, dem
+meraner Kinderm&auml;dchen, die sich mit solcher Klugheit
+in jede Lage zu schicken schien, die Sorge um unseren
+kleinen Haushalt. Da&szlig; sie f&uuml;r uns kochte und wusch
+und n&auml;hte und eifers&uuml;chtig jede andere Hilfe abwehrte,
+war mir nur ein Beweis f&uuml;r ihre T&uuml;chtigkeit; und da&szlig;
+<a name="Page_346" id="Page_346"></a>der Kleine mit solcher Liebe an ihr hing, machte sie
+mir vollends unentbehrlich.</p>
+
+<p>Wenn ich mit meinem Mann spazieren ging, so sprach
+ich von nichts anderem als von meiner Arbeit, von all
+den Ideen, all den Pl&auml;nen, die sie in mir ausl&ouml;ste.
+Und er h&ouml;rte mir nicht nur ruhig zu, er ging voller
+Anteilnahme auf meine Interessen ein und half mir
+durch seine Fachkenntnisse.</p>
+
+<p>Da&szlig; auch er ein selbst&auml;ndiges Leben hatte, da&szlig; auch
+in ihm vieles bohrte und g&auml;rte, das nach Ausdruck verlangte,
+da&szlig; er um so einsamer wurde, je mehr ich mich
+in die Arbeit verlor, &mdash; von alledem wu&szlig;te ich nichts.</p>
+
+<p>Zuweilen stiegen am Horizont drohend die Sorgenwolken
+empor: was das Grunewaldhaus uns &uuml;brig gelassen
+hatte, war bald verzehrt, die Einnahmen aus dem
+Archiv blieben unzul&auml;nglich, mein Buch, auf dessen
+Erfolg ich rechnete, war noch lange nicht vollendet;
+wie w&uuml;rden wir auskommen?! Mit aller Anstrengung
+vertrieb ich die b&ouml;sen Gedanken, ich arbeitete noch ununterbrochener,
+um mir selbst keine Zeit zu lassen, ihnen
+nachzuh&auml;ngen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Eines Morgens bekam Heinrich einen Brief, den
+er mir stumm her&uuml;berreichte: Ob er w&auml;hrend
+der n&auml;chsten Monate f&uuml;r ein uns nahestehendes
+Blatt die Pariser Korrespondenz &uuml;bernehmen k&ouml;nne? Ihr
+bisheriger Leiter sei erkrankt und habe einen l&auml;ngeren
+Urlaub angetreten.</p>
+
+<p>Es &uuml;berlief mich hei&szlig; und kalt. Wie der Name Rom
+auf die Deutschen des Mittelalters, so wirkt der Name<a name="Page_347" id="Page_347"></a>
+Paris auf die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts.
+Aus ihren dunklen W&auml;ldern, ihren finsteren Burgen und
+engen St&auml;dten sehnten sich unsere Vorfahren nach dem
+lachenden Himmel Italiens; und aus dem Ernst unseres
+strengen Alltagslebens verlangt alles, was jung ist in
+uns, nach dem Glanz, nach dem Leichtsinn von Paris.
+Aber ich bem&uuml;hte mich, ruhig zu scheinen und meiner
+st&uuml;rmisch aufwogenden Freude Herr zu werden.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagst du dazu?&laquo; fragte mein Mann. &raquo;Wir
+w&uuml;rden uns rasch entschlie&szlig;en m&uuml;ssen. Mit dem internationalen
+Sozialistenkongre&szlig;, der in zehn Tagen zusammentritt,
+m&uuml;&szlig;te meine T&auml;tigkeit anfangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dein Archiv?!&laquo; warf ich ein. &raquo;Du kannst es doch
+nicht monatelang von Frankreich aus redigieren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, &mdash; das Archiv..!&laquo; meinte er mit einem halb
+wegwerfenden, halb &auml;rgerlichen Ton, der mich erstaunt
+aufsehen lie&szlig;. Das Archiv war seine Sch&ouml;pfung, sein
+liebstes Geisteskind.</p>
+
+<p>&raquo;Das Archiv k&ouml;nnte ich von &uuml;berall her leiten!
+In Paris aber scheint mir jetzt der rechte Ort, um den
+Sozialismus in seiner neusten Phase zu studieren, in
+Paris, wo ein Millerand Minister ist, wo die Intellektuellen, &mdash; unter
+ihnen ein Zola, ein France, ein
+Steinlen, &mdash; mit Jaur&egrave;s Arm in Arm gehen!.. Wenn
+du also nichts dagegen hast, so nehme ich den Antrag
+an.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_348" id="Page_348"></a></p>
+
+<p>Paris! Die untergehende Septembersonne umgab
+die schwarz hingestreckte Stadt mit rotgl&uuml;hender
+Glorie. Mir war, als kl&auml;nge im
+R&auml;derrollen unseres Zugs ein rhythmisches Jauchzen,
+als k&ouml;nne die fauchende Riesenschlange es nicht erwarten,
+sich in die lodernde Glut zu st&uuml;rzen.</p>
+
+<p>Am Morgen nach unserer Ankunft wanderten wir
+durch die Stra&szlig;en. Es war die vollkommenste &Uuml;berraschung,
+die mich mehr und mehr verstummen lie&szlig;. Ich
+hatte etwas Lautes, Buntes erwartet, etwas, das &uuml;bereinstimmt
+mit dem Begriff &raquo;Paris&laquo;, den wir uns drau&szlig;en
+gebildet haben. Und nun sah ich H&auml;userzeilen in gleichm&auml;&szlig;ig
+feiner zur&uuml;ckhaltender Architektur, hohe Fenster
+mit schmalen Gittern davor, sah Mauern, &uuml;ber die der
+Efeu kroch, und Baumriesen, die aus alten verschwiegenen
+H&ouml;fen geheimnisvoll her&uuml;berrauschten.</p>
+
+<p>Ich sah, wie sich die vielen Alleen pl&ouml;tzlich in weite,
+weite G&auml;rten verloren, unter deren B&uuml;schen graue
+Statuen tr&auml;umten, und unter runden Lorbeerb&auml;umen stille
+Bassins goldig glitzernd von den vielen kleinen Fischen
+darin. An altert&uuml;mlichen Kirchen kamen wir vorbei mit
+runden und viereckigen dicken T&uuml;rmen, oder dem mystischen
+Ma&szlig;werk keuscher Gotik &uuml;ber alten Portalen.</p>
+
+<p>Zur Madeleine schritten wir die breite Steintreppe
+empor und traten aus der heidnischen Pracht ihrer
+S&auml;ulenhalle in das D&auml;mmerdunkel ihres Inneren. Eine
+wundersch&ouml;ne Nonne kniete regungslos am Eingang, die
+Sammelb&uuml;chse vorgestreckt in schmalen wei&szlig;en H&auml;nden.
+Und als wir uns wieder zum Gehen wandten, schweifte
+der Blick &uuml;ber die zu unseren F&uuml;&szlig;en sich dehnende<a name="Page_349" id="Page_349"></a>
+Stra&szlig;e und die majest&auml;tische Gr&ouml;&szlig;e der Place de la
+Concorde, wo Menschen und Wagen sich verloren
+wie Spielzeug, bis weithin zur Kuppel des Invalidendoms.
+Er h&uuml;tete, was sterblich war an dem
+korsischen Riesen, der die Welt formte nach seinem
+Willen, und der, ein Lebender, noch heute die Stadt
+Paris erf&uuml;llt.</p>
+
+<p>Durch Alleen breiter Kastanienb&auml;ume, deren dunkle
+gro&szlig;e Bl&auml;tter schwarze Schatten auf die hellen Wege
+warfen, gingen wir langsam hinauf, wo der Triumphbogen
+des Etoile sich, von weichen Morgennebeln umspielt,
+mit den Wolken zu verschmelzen schien. Und in
+den G&auml;rten der Tuilerien verloren wir uns. Zarte
+Kinder mit k&uuml;nstlich geringelten Locken spielten auf
+feinen Pl&auml;tzen, alte Herren, mit dem roten B&auml;ndchen
+im Knopfloch, f&uuml;tterten die V&ouml;gel, von einer Schar
+Zuschauer umgeben, deren Interesse fast wie Andacht
+war. Von den B&auml;umen tanzten leise die gelben
+Bl&auml;tter; eine tr&auml;umerisch s&uuml;&szlig;e Luft, die Ger&auml;usche und
+Farben d&auml;mpfte, spielte z&auml;rtlich um den grauen K&ouml;nigspalast
+des Louvre und streichelte sanft die Gesichter der
+Vor&uuml;bergehenden, als wollte sie sie tr&ouml;sten, weil es
+schon Herbst geworden war. Und selbst die Bettler
+auf der Br&uuml;cke, und die schmutzigen Savoyardenknaben,
+die ihre Ware feil boten, und die alten Buchh&auml;ndler,
+die ihre stockfleckigen Schart&auml;ken auf den Quaimauern
+aufbauten, l&auml;chelten leise. Der Flu&szlig; aber w&auml;lzte sich
+lautlos vor&uuml;ber; seine Wasser schimmerten in gebrochenen
+Farben wie m&uuml;de Opale.</p>
+
+<p>&raquo;Eine vornehme Frau ist Paris,&laquo; sagte ich nachdenklich,
+als wir von unserem ersten Ausgang zur&uuml;ckgekehrt
+<a name="Page_350" id="Page_350"></a>waren, &raquo;eine vornehme Frau, deren sch&ouml;ne Z&uuml;ge die
+Wehmut des Alterns umflort&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Am Abend verlie&szlig;en wir wieder das Hotel. Jetzt
+brauste die Weltstadt: rauschende Kleider, rollende Wagen,
+girrendes Lachen, w&uuml;stes Geschrei&nbsp;&mdash;, zu einem einzigen
+Ton verschmolz das alles. Zwischen den B&auml;umen der
+Boulevards strahlten die Laternen wie endlose Lichterketten,
+breit quoll das Licht aus den Caf&eacute;s &uuml;ber wippende
+Federh&uuml;te und spiegelnde Zylinder. Nur auf dem riesigen
+Concordienplatz wirkten die Bogenlampen wie
+Brillanten auf dem dunkelgrauen Samt der Nacht.</p>
+
+<p>Da pl&ouml;tzlich leuchtete jenseits zwischen den B&auml;umen
+ein Wunder auf: ein schimmerndes Tor aus Juwelen
+erbaut, eine M&auml;rchenstadt dahinter, deren Mauern
+Kristall, deren T&uuml;rme Feuerbr&auml;nde waren; die Weltausstellung.
+Wir folgten dem wimmelnden Menschenstrom,
+dessen Rauschen sich aus allen Sprachen der
+Welt zusammensetzte. Es war ein einziger Traum aus
+Tausendundeine Nacht. Ein Turm, aus strahlenden
+Goldf&auml;den gewoben, trug auf seiner diamantenen
+Spitze die schwarze Kuppel des Himmels. In tiefdunkle
+Teiche ergossen sich Kaskaden von Licht. Der
+stille Flu&szlig; spiegelte Pal&auml;ste wieder, die allen Glanz der
+Welt an seinen Ufern vereinigt hatten. Die Br&uuml;cken
+spannten sich &uuml;ber ihn wie lauter gl&uuml;ckverhei&szlig;ende Regenbogen.
+Und wer sie &uuml;berschritt, den empfing jenseits
+ein Lachen, ein Singen, ein Jubeln, &mdash; als g&auml;be es
+nirgends Tr&auml;nen mehr. Ein Taumel erfa&szlig;te die Menschen:
+von den Terrassen herunter, &mdash; aus den weit ge&ouml;ffneten
+T&uuml;ren bunter H&auml;user lockte die Freude in sehns&uuml;chtigen
+Geigent&ouml;nen, in wilden Trompetenst&ouml;&szlig;en. Dort
+<a name="Page_351" id="Page_351"></a>tanzte Loie Fuller, die lebendig gewordene Flamme:
+wenn sie sich aufw&auml;rts schwang, z&uuml;ngelten die Schleier
+&uuml;ber ihrem Haupte, wenn sie sich neigte, leuchtete
+sekundenlang ihr schneewei&szlig;er Busen. Dr&uuml;ben trippelte
+auf St&ouml;ckelschuhen Sada Yacco, die Japanerin; aus
+ihren geschlitzten Augen spr&uuml;hten Blitze fanatisierter
+Kunst, auf ihren Gew&auml;ndern leuchteten Blumen der
+H&ouml;lle und V&ouml;gel des Paradieses. Und unter dem bunten
+Zeltdach ringelten sich Schlangen um den halbnackten
+Leib der Indierin, z&uuml;ngelten z&auml;rtlich um ihre
+braune Haut, w&auml;hrend ihre kleinen F&uuml;&szlig;e, von goldenen
+Ringen umklirrt, sich im Takte bewegten und ihre
+Arme sich ausstreckten &mdash; eine einzige Geb&auml;rde verlangender
+Lust&nbsp;...</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Mitten im Gew&uuml;hl trafen wir Geier, der zum
+Sozialistenkongre&szlig; nach Paris gekommen
+war. &raquo;Ein Riesenvariet&eacute;, &mdash; nichts weiter,&laquo;
+brummte er, &raquo;im Grunde widerw&auml;rtig.&laquo; Ich erwachte
+wie aus einem Traum: die Gesichter der T&auml;nzerinnen
+erschienen mir pl&ouml;tzlich fratzenhaft; wo die Schminke sich
+verwischte, grinste hinter dem L&auml;cheln der Freude die rohe
+Sucht nach Gewinn. Und der lichtgewobene Turm, der
+den Himmel trug, war aus Eisen; Menschlein kletterten
+selbstbewu&szlig;t bis in seine Spitze, und hoheitsvoll wich
+die Sternenkuppel weit, weit zur&uuml;ck vor ihnen. Kulissen
+aus Gips und Leinwand waren die Pal&auml;ste, Glas die
+Juwelen im Portal.</p>
+
+<p>&raquo;Man soll einen Monds&uuml;chtigen nicht anreden,&laquo; sagte
+ich. &raquo;Schon glaubt ich mich wirklich auf dem Wege
+<a name="Page_352" id="Page_352"></a>zur Erf&uuml;llung einer Sehnsucht, die mit mir geboren zu
+sein scheint&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die w&auml;re?&laquo; fragte Heinrich. Ich z&ouml;gerte; ich
+wu&szlig;te, wie falsch ich verstanden werden k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>&raquo;Bacchantische Lust zu sehen, &uuml;berstr&ouml;mende, jauchzende
+Lebenswonne, &mdash; die dabei eines Gottes w&uuml;rdig w&auml;re.
+Immer ist Freude so etwas Armseliges, &mdash; Mutloses.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann sind Sie jedenfalls in Paris am rechten Ort.
+&Uuml;brigens h&auml;tte ich Ihrer norddeutschen Prinzessinnenw&uuml;rde
+nicht so exotische Phantasien zugetraut,&laquo; spottete
+Geier. &raquo;Aber immerhin, &mdash; ich, als alter Pariser, kann
+Ihnen vielleicht heute noch dienen.&laquo;</p>
+
+<p>Wir verlie&szlig;en die Ausstellung, &uuml;berquerten den Platz
+bis zur Rue Royal.</p>
+
+<p>&raquo;Maxim&laquo; stand in gro&szlig;en Buchstaben &uuml;ber der T&uuml;r
+des Restaurants, in das wir eintraten. Auf den
+hohen St&uuml;hlen vor dem Schenktisch der Bar sa&szlig;en
+elegante M&auml;nner mit m&uuml;den, gelangweilten Gesichtern.
+Aus dem Saal dahinter klang ged&auml;mpfte Musik.
+Die Frauen unter seinen Spiegelw&auml;nden an den kleinen,
+blumengeschm&uuml;ckten Tischen fl&uuml;sterten nur hie und da
+miteinander. Sie waren alle sch&ouml;n und jung. Hellblond
+und &uuml;ppig die eine im wei&szlig;en Seidenkleid, Perlen in
+den rosigen Ohren, rieselnde Perlen um den runden
+Hals und einen matten Perlenglanz in den gro&szlig;en
+hellen Augen. Statuenhaft die andere neben ihr, die
+prachtvolle Gestalt eng in roten Samt geh&uuml;llt, die
+schmalen Finger von Brillantringen bedeckt, die nachtschwarzen
+Haare in glatten Scheiteln um die Schl&auml;fen.
+Und rothaarige, hinter deren durchsichtiger Haut blaue
+Adern klopften, br&uuml;nette, mit dem br&auml;unlich warmen Ton
+<a name="Page_353" id="Page_353"></a>der S&uuml;dl&auml;nderin, reihten sich ihnen an, eine schneewei&szlig;e
+dazwischen, mit rosigem Antlitz, als w&auml;re die
+Pompadour aus dem langweiligen Jenseits in ihr geliebtes
+Paris zur&uuml;ckgekehrt. Zuweilen standen sie auf
+und schritten langsam auf und nieder; ihre Kleider
+raschelten, als ob schillernde Salamander durch dichtes
+Blattwerk schl&uuml;pften, das aufreizende gleichm&auml;&szlig;ige Klipp-klapp
+der hohen Abs&auml;tze ihrer Seidenschuhe t&ouml;nte dazwischen,
+in ihren Juwelen brachen sich hundertfarbig
+die Lichter, Wolken bet&auml;ubenden Duftes zogen hinter
+ihnen her. Sie waren wie exotische Blumen aus
+fremden Urw&auml;ldern.</p>
+
+<p>Die Musik ging in Walzermelodien &uuml;ber. Und durch
+die offenen T&uuml;ren kamen allm&auml;hlich die Herren aus der
+Bar, &mdash; alte und junge Greise. N&uuml;chtern, lustlos, wie
+der Trainer ein Rennpferd, musterten sie die Frauen.
+Sie erwachten erst zum Leben, als der Sekt in den
+Gl&auml;sern vor ihnen perlte. Ihre Blicke wurden zu
+l&uuml;sternem Greifen, ihr Lachen wurde gemein. Sie erschienen
+wie rohe Barbaren gefangenen K&ouml;niginnen
+gegen&uuml;ber. Und jetzt begannen die Geigen zu jauchzen,
+rascher und rascher f&uuml;llten sich die Gl&auml;ser und leerten
+sich wieder, die Paare schwangen sich in rasendem Tanz; &mdash; dort
+senkte ein Graubart die zittrigen Kniee vor
+einer jungen Sch&ouml;nen und trank aus ihrem wei&szlig;seidenen
+Schuh.</p>
+
+<p>&raquo;Nun?!&laquo; fragend wandte sich Geier mir zu. Ich
+zuckte die Achseln: &raquo;Nennen Sie das bacchantische
+Lust?! Wenn M&auml;nner sich erst betrinken m&uuml;ssen, um
+f&uuml;r Frauensch&ouml;nheit zu entflammen, und Frauen nur
+durch den Rausch, der ihre Augen und ihre Sinne um<a name="Page_354" id="Page_354"></a>nebelt,
+den Ekel vor diesen M&auml;nnern zu &uuml;berwinden
+verm&ouml;gen?!&laquo;</p>
+
+<p>Wir gingen. &Uuml;ber die Boulevards schob und dr&auml;ngte
+sich die Menge: Fremde, mit gespannten Z&uuml;gen, &uuml;berall
+ungeheuerliche Enth&uuml;llungen der S&uuml;nde erwartend, kleine
+bescheidene Provinzfrauen mit einem dirnenhaften Funkeln
+in den Augen, Kinder, bla&szlig; und &uuml;bern&auml;chtig, immer
+noch Blumen verkaufend, den alten wissenden Blick halb
+neidisch auf die geschminkten Kokotten gerichtet, die wie
+G&ouml;tzenbilder sich durch die dunkeln Massen bewegten.</p>
+
+<p>War Paris nicht doch ihresgleichen?</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Als wir am n&auml;chsten Morgen den Sitzungssaal
+des Internationalen Kongresses betraten, blieb
+ich schon an der T&uuml;r erschrocken stehen: das
+tobte und schrie, pfiff und trampelte, als sollte ein Sensationsst&uuml;ck
+zu Fall gebracht werden. Vandervelde, der
+belgische Volksf&uuml;hrer, stand auf der Rednertrib&uuml;ne, aber
+weder seine Autorit&auml;t, noch der sonore Klang seiner
+sch&ouml;nen Stimme, noch die beschw&ouml;renden Gesten seiner
+aristokratischen H&auml;nde wurden Herr &uuml;ber die entfesselte
+Leidenschaft der Menge. Drohende F&auml;uste reckten sich
+zu ihm empor: <em class="antiqua">&raquo;&Agrave; bas les minist&eacute;riels!&laquo;</em> t&ouml;nte es im
+Takt von der einen Seite, wo sich um Jules Guesde,
+den franz&ouml;sischen Liebknecht, die Anh&auml;nger scharten. Wer
+es nicht vorher wu&szlig;te, erfuhr es angesichts dieser Versammlung:
+nur um eine Kardinalfrage des Sozialismus
+konnte ein so w&uuml;ster Kampf entbrennen. Die Vertreter
+des alten revolution&auml;ren Gedankens behaupteten standhaft
+ihre Intransigenz: &raquo;Die Befreiung der Arbeiter
+<a name="Page_355" id="Page_355"></a>kann<em class="spaced"> nur</em> ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein, jedes
+Paktieren mit der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft ist ein Verrat
+an der Sache des Proletariats.&laquo; Von diesen lapidaren,
+jedem Arbeitergehirn leicht einzupr&auml;genden S&auml;tzen
+aus, verurteilten sie notwendigerweise den Eintritt des
+Sozialisten Millerand in das Ministerium und forderten
+vom Kongre&szlig; eine offizielle Anerkennung ihres Standpunktes.
+Wider Vandervelde, der die Vermittlungsresolution
+der Deutschen verteidigt hatte, erhob sich der
+Italiener Ferri; die sch&ouml;nheitstrunkenen Romanen jubelten
+schon seiner blo&szlig;en Erscheinung zu, und als er mit
+all den klassischen Worten der Revolution jonglierte,
+wie ein geschickter Taschenspieler mit gl&auml;nzenden Kristallkugeln,
+und den Revisionismus von der Landtagswahlbeteiligung
+der Deutschen bis zum Ministerialismus der
+Franzosen als einen Abfall brandmarkte, dankte ihm
+brausender Beifall. Die grazi&ouml;sen Franz&ouml;sinnen auf
+den Zuschauertrib&uuml;nen, denen der Kongre&szlig; dieselben
+Nervenreize bot wie eine Premi&egrave;re, schlugen begeistert
+die wei&szlig;behandschuhten H&auml;ndchen aneinander, und des
+Redners dunkler Blick gr&uuml;&szlig;te dankend die seidenrauschenden
+Vertreterinnen des Kapitalismus, gegen den er eben
+zum Kampf gerufen hatte.</p>
+
+<p>Dann kam Jaur&egrave;s, der das moderne republikanische
+Frankreich in der Dreyfusaff&auml;re gegen Klerikalismus
+und Militarismus verteidigt hatte, &mdash; eine untersetzte
+Gestalt, mit dem breiten blonden Kopf eines Germanen.
+Er wird es schwer haben, dachte ich angesichts dieser
+Versammlung, die ihre Redner &auml;stethisch zu werten
+scheint. Aber schon der erste Laut seiner Stimme zog
+die Menge in seinen Bann: sie war wie das Meer;
+<a name="Page_356" id="Page_356"></a>selbst wenn sie ruhig schien, war Sturm in ihr, und
+wenn sie anschwoll, schlug sie donnernd gegen die
+Mauern, wie die Wogen gegen den Fels. Ich war
+nicht imstande auf die Worte zu achten, ich h&ouml;rte nur
+den Klang, jenen musikalischen Tonfall der Sprache,
+der die Wesensart des ganzen Volkes enth&uuml;llt, eines
+Volkes, das durch logische Schl&uuml;sse wissenschaftlicher
+Deduktionen niemals &uuml;berzeugt zu werden vermag, wenn
+nicht der K&uuml;nstler in ihm durch die Sch&ouml;nheit der Form,
+durch das Pathos des Ausdrucks gepackt wird, eines
+Volkes, von dem ich pl&ouml;tzlich begriff, da&szlig; es die Bastille
+st&uuml;rmen und Napoleon Bonaparte zu seinem Kaiser
+kr&ouml;nen konnte.</p>
+
+<p>Ich war noch wie benommen, als wir abends den
+Saal verlie&szlig;en. An der T&uuml;r begr&uuml;&szlig;ten uns unsere
+Landsleute. &raquo;Eine unglaubliche Gesellschaft!&laquo; schimpfte
+der eine. &raquo;F&uuml;r nichts ist gesorgt: nicht mal Bleistift und
+Papier gibt's auf den Tischen.&laquo; &mdash; &raquo;Und keine M&ouml;glichkeit,
+die Antr&auml;ge rechtzeitig drucken zu lassen,&laquo; f&uuml;gte
+ein zweiter hinzu, &mdash; &raquo;man wei&szlig; nich mal, wo man
+essen jehn soll,&laquo; brummte ein dritter.</p>
+
+<p>Jetzt f&uuml;hlte ich mich wieder in Deutschland.</p>
+
+<p>Wir unterhielten uns, als wir zusammensa&szlig;en, &uuml;ber
+die deutsche Resolution. &raquo;Sie ist aus Wenn und Aber
+zusammengesetzt, und einem Fall Millerand ist zwar die
+T&uuml;r geschlossen, aber das Fenster ge&ouml;ffnet,&laquo; &mdash; r&auml;sonierten
+die Vertreter des sechsten berliner Wahlkreises,
+f&uuml;r die der Eintritt eines Sozialisten in ein b&uuml;rgerliches
+Ministerium keine taktische, sondern eine prinzipielle
+Frage war. &raquo;'Die Eroberung der Regierungsgewalt
+kann nicht st&uuml;ckweise erfolgen,'&laquo; las stirnrunzelnd einer
+<a name="Page_357" id="Page_357"></a>der Wortf&uuml;hrer des Revisionismus; &raquo;das ist ein Satz,
+den wir unm&ouml;glich unterschreiben k&ouml;nnen, denn in parlamentarisch
+regierten Staaten kann und wird sie nicht
+anders als allm&auml;hlich vor sich gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Am Morgen darauf stimmten die Deutschen trotzdem
+geschlossen f&uuml;r die Resolution, um die Einigkeit der
+Partei zu dokumentieren, und sicherten ihr dadurch ihre
+Annahme. Ich war froh, da&szlig; ich kein Mandat besa&szlig;,
+denn die vielger&uuml;hmte Disziplin unserer Genossen
+mi&szlig;fiel mir, die die pers&ouml;nliche Ansicht dem
+Willen der Mehrheit unterwarf; die individualistische
+Haltung der Franzosen schien mir ein Beweis gr&ouml;&szlig;erer
+innerer St&auml;rke zu sein. Ich &auml;u&szlig;erte meine Ansicht, als
+wir mit unseren n&auml;heren Bekannten nachts vor einem
+Boulevardcaf&eacute; zusammensa&szlig;en, und stie&szlig; auf heftigen
+Widerspruch. &raquo;Unsere Disziplin hat uns gro&szlig; gemacht,&laquo;
+hie&szlig; es von allen Seiten. &raquo;Numerisch gro&szlig;, &mdash; gewi&szlig;,&laquo;
+antwortete ich, &raquo;ob aber entsprechend einflu&szlig;reich?! In
+England, wo die Partei so zerrissen ist wie hier, durchdringt
+die sozialistische Idee alle Kreise, geh&ouml;ren Sozialisten
+allen &ouml;ffentlichen K&ouml;rperschaften an, in Frankreich
+st&uuml;tzt sich die Republik auf Sozialisten, und ein einziger
+sozialistischer Minister ist imstande, in Monaten mehr
+Reformen auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes durchzuf&uuml;hren,
+als seine Vorg&auml;nger w&auml;hrend Jahrzehnten&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und in Deutschland &uuml;bernahm unsere Reichstagsfraktion
+im Kampf gegen die Lex Heinze die F&uuml;hrung
+und rettete Wissenschaft und Kunst vor unerh&ouml;rter Knebelung,&laquo;
+unterbrach mich einer der Anwesenden lebhaft;
+&raquo;es geht langsam bei uns, aber es geht, und selbst die
+Resolution, deren Annahme durch uns Sie so verur<a name="Page_358" id="Page_358"></a>teilen,
+ist ein Zeichen des Fortschrittes. Sie hat dem
+falschen Radikalismus eine seiner Spitzen abgebrochen
+indem sie der politischen Taktik freie Hand lie&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dazu, scheint mir, werden die Verh&auml;ltnisse Radikale
+und Revisionisten stets ohne weiteres zwingen. Die
+Preisgabe pers&ouml;nlicher &Uuml;berzeugung war &uuml;berfl&uuml;ssig,&laquo;
+antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;So halten Sie es f&uuml;r besser, wenn man um verschiedener
+Ansichten willen wie verzankte Kinder nach
+rechts und links auseinander l&auml;uft?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es scheint mir jedenfalls richtiger, als klaffende
+Gegens&auml;tze mit den morschen Brettern gegenseitiger Konzessionen
+&uuml;berbr&uuml;cken zu wollen.&laquo;</p>
+
+<p>Eine augenblickliche Stille trat ein; man sah erwartungsvoll
+auf Geier, der eben hinzugetreten war.</p>
+
+<p>&raquo;Politik besteht aus Konzessionen,&laquo; erkl&auml;rte er und
+strich gleichm&uuml;tig die Asche von seiner Zigarre; &raquo;aber davon
+versteht ihr Weiber nichts. F&uuml;r das Gesch&auml;ft seid
+ihr entweder zu gut oder zu schlecht, darum la&szlig;t die
+Finger davon. &Uuml;brigens: &mdash; Ich habe eine Nachricht in
+der Tasche, die den W&uuml;nschen der Genossin Brandt entgegenkommt:
+Euer neuer Prophet, Bernstein, wird
+Deutschland <em class="antiqua">in persona</em> begl&uuml;cken d&uuml;rfen.&laquo;</p>
+
+<p>Von allen Seiten mit Fragen nach dem Wie und
+Warum best&uuml;rmt, fuhr Geier mit einem sp&ouml;ttischen Blick
+auf mich in seinem Berichte fort: &raquo;Die deutsche Regierung
+hofft auf eine Spaltung der Partei. Es ist
+B&uuml;lows, des neuen Reichskanzlers, erste Heldentat, wenn
+er das Ausweisungsdekret gegen Bernstein nicht mehr
+wiederholt. Viel Gl&uuml;ck zu diesem Zuwachs, Ihr lieben
+Reichsdeutschen!&laquo; Damit erhob er sich, fl&uuml;chtig gr&uuml;&szlig;end.</p>
+
+<p><a name="Page_359" id="Page_359"></a>Wir gingen schweigsam nach Haus, mein Mann und
+ich, in unsere kleine m&ouml;blierte Wohnung, die wir nach
+langem Suchen endlich gefunden hatten. Ich f&uuml;hlte auf
+diesem Heimweg deutlicher als je, da&szlig; wir allm&auml;hlich
+auch innerlich nebeneinander und nicht miteinander
+gingen. In der Nacht h&ouml;rte ich, wie unruhig er sich
+hin und her warf, und sah im Laternenlicht, das matt
+durch die Fensterscheiben drang, wie zerqu&auml;lt seine Z&uuml;ge
+waren. Er litt, &mdash; und ich wu&szlig;te nicht warum; ich,
+die ich ihm am n&auml;chsten stand, hatte ihn allein gelassen!
+Das Herz krampfte sich mir zusammen. Waren nicht
+jene Frauen wirklich die besseren gewesen, die nichts
+hatten sein wollen, als ein allzeit offenes Gef&auml;&szlig; f&uuml;r die
+Schmerzen und die K&auml;mpfe des Gatten? Vielleicht
+waren sie die tiefste Bedingung seiner Kraft.</p>
+
+<p>&raquo;Heinz,&laquo; fl&uuml;sterte ich zaghaft und griff nach seiner
+Hand, &raquo;warum sprichst du nicht mit mir? &mdash; Irgend
+etwas lastet auf dir&nbsp;&mdash;.&laquo;</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte mich an. &raquo;Gutes Kind, &mdash; beunruhige
+dich doch nicht! Du hast mit dir selbst genug zu tun
+und mit deiner Arbeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du aber nimmst teil daran, &mdash; du hilfst mir, und
+ich sollte dir nicht helfen d&uuml;rfen?! &mdash; H&auml;ngt es am
+Ende damit zusammen, da&szlig; du dem Archiv innerlich
+untreu geworden bist?&laquo; dr&auml;ngte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t du das?&laquo; fuhr er auf.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe doch Augen im Kopf, &mdash; ich sehe, wie oft
+du die Korrekturen ungeduldig zur Seite wirfst&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht,&laquo; antwortete er, &raquo;ich h&auml;tte dich nur
+gern mit meinen Angelegenheiten verschont, so lange sie
+mir selbst so unklar sind. Als ich das Archiv ins Leben
+<a name="Page_360" id="Page_360"></a>rief, war die Sozialpolitik ein unbebautes Ackerland.
+Jetzt, wo der Samen aufging, kann jeder Garben
+schneiden&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe,&laquo; unterbrach ich ihn lebhaft, &raquo;wir
+beide geh&ouml;ren zu denen, die Wege anlegen, aber nicht
+die Steine daf&uuml;r karren k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wege anlegen&nbsp;&mdash;,&laquo; wiederholte er, &raquo;ganz richtig!
+Und daf&uuml;r ist in der Partei jetzt die Zeit gekommen.
+Gr&auml;&szlig;lich, angesichts dieser Aufgabe die H&auml;nde gebunden
+zu haben! Dem Revisionismus fehlt es an einem
+geistigen Mittelpunkt, einem unabh&auml;ngigen Organ, das
+an Stelle blo&szlig;er Verneinung die Ideen praktischer Politik
+in die K&ouml;pfe der Massen h&auml;mmert, das die geistigen
+Kr&auml;fte der Intellektuellen in den Dienst unserer Sache
+zieht. Die Lex Heinze hat sie aus dem Schlaf geweckt, &mdash; auch
+hier m&uuml;&szlig;te das Eisen geschmiedet werden, solange
+es warm ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wieso sind dir daf&uuml;r die H&auml;nde gebunden?!&laquo;
+rief ich aus, von den Gedanken, die er aussprach, gepackt.
+&raquo;Der Plan mu&szlig; ausgef&uuml;hrt werden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei all deiner Klugheit bist du doch ein ganz
+dummes Katzel!&laquo; sagte er. &raquo;Oder w&auml;chst dir ein Kornfeld
+auf der flachen Hand?! Kein b&uuml;rgerlicher Verleger
+w&uuml;rde ihn verwirklichen helfen, ein Parteiverlag erst
+recht nicht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ich dachte an den Amerikaner Garrison, der seine der
+Idee der Sklavenbefreiung gewidmete Zeitschrift selbst
+schrieb und druckte. Ob wir nicht diesem Beispiel
+folgen k&ouml;nnten? Mein Mann lachte mich aus. &raquo;Selbst
+wenn wir unsere ganze Arbeitskraft der Sache opfern
+w&uuml;rden, ohne pekuni&auml;re Mittel h&uuml;lfe das nichts. Ich
+<a name="Page_361" id="Page_361"></a>sehe nur eine M&ouml;glichkeit, um zum Ziel zu gelangen&nbsp;&mdash;,&laquo;
+er brach ab, als habe er schon zuviel gesagt.</p>
+
+<p>&raquo;Die w&auml;re?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Verkauf des Archivs. Mit dem Erl&ouml;s k&ouml;nnte
+man die Zeitung ins Leben rufen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum versuchst du das nicht?!&laquo; Ich &auml;rgerte mich,
+da&szlig; er nur einen Moment hatte z&ouml;gern k&ouml;nnen. Er sah
+mich forschend an.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das Tapferkeit oder Leichtsinn, was aus dir
+spricht? &mdash; Mit dem Verkauf des Archivs ist die Sicherheit
+unserer Existenz preisgegeben. Wir k&ouml;nnen bei dem
+neuen Unternehmen alles verlieren&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dar&uuml;ber bin ich keinen Augenblick im Zweifel,&laquo;
+antwortete ich ernst. &raquo;Aber mir scheint, gegen&uuml;ber der
+Gr&ouml;&szlig;e der Aufgabe fallen pers&ouml;nliche Bedenken nicht
+ins Gewicht.&laquo;</p>
+
+<p>Wir waren einig. Von nun an widmete mein Mann
+all seine freie Zeit der Verwirklichung seines Gedankens.
+Er trat mit deutschen Verlegern in Verkaufsverhandlungen,
+und wenn ich angesichts ihrer wiederholten
+Resultatlosigkeit oft nahe daran war, den Mut zu verlieren,
+so schien der seine mit jedem Mi&szlig;lingen neu zu
+wachsen. Er wandte sich an die bekannteren Revisionisten,
+und wenn ihre z&ouml;gernden Antworten mich deprimierten,
+so steigerten sie nur seine Energie. Und meine
+Liebe, die unter der grauen Asche der Allt&auml;glichkeit nur
+noch leise geglimmt hatte, gl&uuml;hte auf, wie Waldfeuer
+im Sturm. Je st&auml;rker ich die &Uuml;berlegenheit seines
+Willens empfand, desto mehr liebte ich ihn. Und gewohnt,
+mein eigenes Erleben zu betrachten wie der
+Forscher ein wissenschaftliches Experiment, aus dem er
+<a name="Page_362" id="Page_362"></a>bestimmte allgemeine Schl&uuml;sse zieht, sah ich, da&szlig; eine
+der Theorien der modernen Frauenbewegung sich angesichts
+der Erfahrung wieder einmal als leere Konstruktion
+erwies.</p>
+
+<p>&raquo;Das geistig entwickelte, seelisch differenzierte Weib
+ist die Voraussetzung und Bedingung tieferer und dauernder
+Beziehungen zwischen den Geschlechtern,&laquo; hatte meine
+alte Gegnerin, Helma Kurz, noch k&uuml;rzlich in dem ihr
+eigenen geschwollenen Stil den Lesern ihrer Zeitschrift
+verk&uuml;ndet. Sie identifizierte Liebe und Freundschaft,
+weil sie &mdash; das einsame alte M&auml;dchen &mdash; wie der
+Blinde von der Farbe sprach. Weibesliebe ist Hingabe
+an den H&ouml;herstehenden, gleichg&uuml;ltig ob das Herz, das
+sie empfindet, unter dem groben Hemd der Dienstmagd
+oder dem Talar der Doktorin beider Rechte schl&auml;gt.
+Darum wird die erotische Treue um so seltener sein, je
+st&auml;rker das Weib sich geistig und seelisch individualisiert.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Mit noch gr&ouml;&szlig;erem Eifer als fr&uuml;her st&uuml;rzte ich
+mich in meine Arbeit; nicht nur, weil der
+Augenblick schreckhaft n&auml;her r&uuml;ckte, in dem
+ich das Honorar daf&uuml;r nicht mehr w&uuml;rde entbehren
+k&ouml;nnen, sondern mehr noch, weil das Buch vollendet
+sein mu&szlig;te, ehe die neue Aufgabe &mdash; die Zeitschrift
+meines Mannes &mdash; an mich herantrat.</p>
+
+<p>Archive, Arbeits&auml;mter und Bibliotheken &ouml;ffneten sich
+mir ohne Schwierigkeit. Vom Minister bis zum Portier
+verleugnet der Franzose die Kultur des achtzehnten
+Jahrhunderts nicht, auch wenn die Dame, die
+ihm begegnet, keine Marquise ist; jeder beeilt sich, ihr
+<a name="Page_363" id="Page_363"></a>behilflich zu sein, ihr entgegenzukommen, kein sp&ouml;ttisches
+L&auml;cheln, keine herunterh&auml;ngenden Mundwinkel verraten
+der arbeitenden Frau, wie der Mann sie im Grunde wertet.</p>
+
+<p>Je mehr ich mich aber in die Arbeit versenkte, desto
+h&ouml;her t&uuml;rmten sich die Probleme der Frauenfrage um
+mich auf, &mdash; die sozialen, die ethischen, die sexuellen
+entwickelten sich eines aus dem anderen, als kr&ouml;che
+ein Drache aus dunkler H&ouml;hle hervor, ein Glied um
+das andere vorschiebend, langsam, endlos. Wenn ich
+mich morgens zum Fortgehen r&uuml;stete und mein
+Kind die runden &Auml;rmchen um meinen Hals schlang
+und bat und schmeichelte: &raquo;Mamachen, bleib doch mal
+bei mir, &mdash; Mamachen, bitte, bitte, erz&auml;hl' mir nur eine
+einzigste sch&ouml;ne Geschichte&nbsp;&mdash;,&laquo; dann erschien mir mein
+eigenes Leben wie jene unheimliche H&ouml;hle, und in mein
+eigenes Herz bohrte der Drache seinen Giftzahn. Wie
+gl&auml;ubig hatte ich fr&uuml;her den alten Vork&auml;mpferinnen der
+Frauenbewegung gelauscht, wenn sie von jenen Amerikanerinnen
+erz&auml;hlten, die ihre Pflichten als M&uuml;tter,
+Hausfrauen und Berufsarbeiterinnen in so unvergleichliche
+Harmonie zueinander zu setzen vermochten. Ich
+erinnerte mich vor allem jener Advokatin, die neben
+ihrer gro&szlig;en Praxis sechs Kinder erzogen und einen
+gro&szlig;en Haushalt allein geleitet haben sollte.</p>
+
+<p>&raquo;Infame L&uuml;gen alter Jungfern!&laquo; dachte ich grimmig.
+Und doch war ich selbst noch eine Bevorzugte. Kam ich
+nach Haus, so fand ich mein Kind in guter Obhut und
+unseren Tisch gedeckt.</p>
+
+<p>Der Berta, die mit so viel Tr&auml;nen durchgesetzt hatte,
+bei mir zu bleiben, verdankte ich die &auml;u&szlig;ere Arbeitsm&ouml;glichkeit.
+Ich konnte ihr nicht dankbar genug sein.</p>
+
+<p><a name="Page_364" id="Page_364"></a>Aber Millionen armer Frauen arbeiten in der Werkstatt
+und in der Fabrik, w&auml;hrend die Stra&szlig;e ihrer
+Kinder H&uuml;terin ist und sie gezwungen sind, nach der
+Hast der Arbeit noch die unzureichende Ern&auml;hrung f&uuml;r
+sich und die Ihren selbst zu bereiten. So unsch&auml;tzbar
+die wirtschaftliche Selbst&auml;ndigkeit des Weibes sein mag,
+sind die Opfer des Mutterherzens und des Kindergl&uuml;cks
+nicht ein zu hoher Preis f&uuml;r sie? Ich fand aus der
+Wirrnis nicht heraus: auf der einen Seite diese Not,
+auf der anderen Seite die liebezerst&ouml;rende pekuni&auml;re Abh&auml;ngigkeit
+des Weibes vom Mann.</p>
+
+<p>Die deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten hatten um jene
+Zeit eine Untersuchung &uuml;ber die Arbeit verheirateter
+Frauen in der Industrie angestellt. Die Ergebnisse
+lagen mir vor: &uuml;berall war es die bittere Notwendigkeit,
+die ihnen zwischen dem nat&uuml;rlichen Weibesberuf
+und dem Erwerb au&szlig;erhalb des Hauses keine Wahl
+lie&szlig;. Und alles deutete darauf hin, da&szlig; ihre Zahl
+st&auml;ndig zunehmen w&uuml;rde. Nichts schien mir im Augenblick
+so wichtig, als die L&ouml;sung dieser brennenden Frage.
+Es galt auf der einen Seite, dem S&auml;ugling die Mutter
+zur&uuml;ckzugeben, und auf der anderen, das Weib von der
+Last doppelter Pflichten zu befreien. Ich baute meinen
+alten Plan der Mutterschaftsversicherung aus, &mdash; fest
+&uuml;berzeugt, da&szlig; &uuml;ber kurz oder lang die Regierungen gezwungen
+sein w&uuml;rden, ihm n&auml;her zu treten. Aber selbst
+seine Verwirklichung w&uuml;rde die notwendige Arbeitsteilung
+zwischen Hausfrau und Berufsarbeiterin nicht herbeif&uuml;hren.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; einmal heut deine Nachmittagsarbeit,&laquo; sagte
+Heinrich eines Tages, als ich in meine Gr&uuml;beleien ver<a name="Page_365" id="Page_365"></a>sunken
+nach Hause kam. &raquo;Wir sind zur Einweihung
+eines Arbeiter-Restaurants geladen, &mdash; France und Jaur&egrave;s
+werden dort sein&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t, ich darf mich nicht ablenken lassen,&laquo;
+antwortete ich mi&szlig;mutig.</p>
+
+<p>&raquo;Diesmal ist aber die Sache interessant genug, um
+eine Ausnahme von der Regel zu entschuldigen,&laquo; meinte
+er. &raquo;Eine genossenschaftliche Gr&uuml;ndung der Art liegt
+auf dem Wege zu unseren Zielen.&laquo; Ich horchte auf:
+irgend etwas, halb Unbewu&szlig;tes, packte mich.</p>
+
+<p>In einer engen Seitenstra&szlig;e des Boulevard Montparnasse
+lag ein altes kleines Haus geduckt zwischen
+hohen Mietskasernen. In seinem neuen Anstrich, mit
+den Girlanden um die T&uuml;re und den F&auml;hnchen an
+den Fenstern sah es lustig aus wie ein altes M&auml;nnlein,
+das goldene Hochzeit feiert. Drinnen um die festlich
+gedeckten Tafeln herrschte eitel Fr&ouml;hlichkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; wir es erreicht haben, &mdash; endlich!&laquo; sagte
+gl&uuml;ckstrahlend einer der Leiter. &raquo;Seit Jahren sammeln
+wir Sou um Sou, um die armen Arbeiter
+dieser Gegend von der Ausbeutung der Kneipenwirte
+zu befreien, und um den zahllosen arbeitenden Familienm&uuml;ttern
+ein gutes und billiges Mittagsmahl zu verschaffen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich reichte dem Manne die Hand und dr&uuml;ckte sie herzhaft;
+er sah mich verwundert an: er konnte nicht wissen,
+welch ein Geschenk er mir eben gegeben hatte.</p>
+
+<p>Die breite Gestalt von Jaur&egrave;s erschien in der T&uuml;re,
+hinter ihm die elegante eines vornehmen Graubarts,
+dessen geistfunkelnde Augen &uuml;ber die gro&szlig;e schiefe Nase
+unter ihnen zu spotten schienen. &raquo;Anatole France,&laquo; stellte<a name="Page_366" id="Page_366"></a>
+Jaur&egrave;s ihn uns vor. Wir waren sofort in lebhaftem
+Gespr&auml;ch.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mag nicht fehlen, wenn die sozialistische Arbeiterschaft
+irgendwo einen Fu&szlig; breit Boden gewinnt,&laquo; sagte
+er; &raquo;je mehr die Bourgeoisie an Idealismus verloren
+hat, desto unfruchtbarer ist sie f&uuml;r uns Intellektuelle.
+Wir m&uuml;ssen uns stets zu den Hoffenden und Werdenden
+halten, wenn wir nicht selbst absterben wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsere deutschen Intellektuellen halten sich lieber zu
+denen, die zwar an Hoffnungen arm, aber an Gold und
+Juwelen um so reicher sind&nbsp;&mdash;,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte ungl&auml;ubig: &raquo;Wirklich?! In einem Lande,
+das sprichw&ouml;rtlich reich an hungernden Dichtern und
+arm an M&auml;nnern ist?!&laquo;</p>
+
+<p>Dann wurde er zerstreut, zog ein Blatt Papier aus
+der Tasche, &uuml;berflog es wieder und wieder und reichte
+es Jaur&egrave;s: &raquo;Ich bin kein Redner und soll durchaus
+sprechen. Was meinen Sie, wenn ich das hier sage?&laquo;
+Dabei stieg die R&ouml;te der Verlegenheit in das gebr&auml;unte
+Gesicht des ber&uuml;hmten Mannes.</p>
+
+<p>Wir setzten uns zu Tisch. Ich konnte nicht glauben,
+da&szlig; die vielen Menschen um uns herum mit den selbstverst&auml;ndlich
+guten Manieren, dem freim&uuml;tigen Ton, der
+ohne weiteres jeden Abstand der Bildung und des
+Milieus ausglich, die &Auml;rmsten der Armen waren. Ich
+sah es erst allm&auml;hlich an den hohlen Wangen und sorgf&auml;ltig
+vern&auml;hten Flicken auf den Kleidern. Und doch
+a&szlig;en und tranken sie, als ob sie alle Tage satt w&uuml;rden.</p>
+
+<p>France sprach; stockend, sch&uuml;chtern, aber mit einem
+so warmen Ton in der Stimme, da&szlig; er alle gefangen
+nahm. Und dann wu&szlig;ten sie auch von ihm: &raquo;Unser
+<a name="Page_367" id="Page_367"></a>gro&szlig;er France,&laquo; fl&uuml;sterte stolz einer dem anderen zu,
+und ein paar kleine N&auml;hm&auml;dchen mit harten zerstochenen
+Fingern brachten ihm die Veilchenstr&auml;u&szlig;chen, die sie im
+G&uuml;rtel trugen.</p>
+
+<p>Als ich am n&auml;chsten Tage wieder bei der Arbeit sa&szlig;,
+war mein neuer Plan fix und fertig: &raquo;Haushaltungsgenossenschaften&laquo;
+nannte ich ihn. In den Arbeitervierteln
+der gro&szlig;en St&auml;dte sollte jede Mietskaserne mit
+einer Zentralk&uuml;che versehen sein, die den Bewohnern
+ihre Mahlzeiten liefert. In den H&auml;usern der Arbeiter-Baugenossenschaften
+m&uuml;&szlig;te der Anfang damit gemacht
+werden; Kinderkrippen und Kinderhorte zum Tagesaufenthalt
+der Mutterlosen sollten sich anschlie&szlig;en; die
+genossenschaftliche Wirtschaft, der Einkauf im Gro&szlig;en
+m&uuml;&szlig;te, so berechnete ich, die Kosten f&uuml;r die anzustellenden
+Arbeitskr&auml;fte aufbringen. Einsichtige Kommunen
+w&uuml;rden sich allm&auml;hlich bereit finden, solche, f&uuml;r
+die physische und moralische Gesundheit der Bev&ouml;lkerung
+&uuml;beraus wichtige H&auml;user selbst zu bauen. Mit der Befreiung
+von der doppelten Arbeitslast der Hauswirtschaft
+und der au&szlig;erh&auml;uslichen Erwerbsarbeit w&uuml;rde
+einer der wichtigsten Teile der Frauenfrage ihrer L&ouml;sung
+entgegengef&uuml;hrt werden. Und was f&uuml;r die Arbeiterin
+galt, das galt ebenso f&uuml;r die geistig t&auml;tige Frau. Ich
+war so erf&uuml;llt von meiner Idee, da&szlig; ich vor freudigem
+Herzklopfen n&auml;chtelang schlaflos blieb. Mit dieser Sache
+konnte ich bis zum Erscheinen meines Buches nicht
+warten. Gerade jetzt, wo das Problem der Erwerbsarbeit
+verheirateter Frauen auf der Tagesordnung stand,
+mu&szlig;te ich damit hervortreten.</p>
+
+<p>Ich schrieb an Wanda Orbin und teilte ihr mit, da&szlig;
+<a name="Page_368" id="Page_368"></a>ich an der Hand der neuesten Fabrikinspektorenberichte
+eine kurze Brosch&uuml;re &uuml;ber die f&uuml;r die Arbeiterinnenbewegung
+so wichtige Frage der Besch&auml;ftigung verheirateter
+Frauen in der Industrie schreiben wolle und von
+ihr nur erfahren m&ouml;chte, ob nicht etwa von anderer
+Seite &auml;hnliches geplant w&uuml;rde. Irgendwelche Details
+gab ich ihr nicht.</p>
+
+<p>Sie antwortete mir umgehend, da&szlig; sie selbst seit
+l&auml;ngerer Zeit mit der Bearbeitung der Frage besch&auml;ftigt
+sei. &raquo;Ich habe mich nunmehr entschlossen,&laquo; fuhr sie
+fort, &raquo;die einzelnen Teile meiner Arbeit als selbst&auml;ndige
+Brosch&uuml;ren erscheinen zu lassen, um sie weiteren Kreisen
+leichter zug&auml;nglich zu machen. Die erste enth&auml;lt die
+grunds&auml;tzliche Auseinandersetzung der Frage der Fabrikarbeit
+verheirateter Frauen und des gesetzlichen Arbeitterinnenschutzes,
+das Manuskript liegt im wesentlichen
+bereits fertig vor... Sie werden mir kaum zumuten,
+auf die Ver&ouml;ffentlichung zu verzichten, weil an
+anderer Stelle die Behandlung derselben Frage beabsichtigt
+wird...&laquo;</p>
+
+<p>Nein: ich dachte nicht daran, um so weniger, als
+es mir nichts genutzt haben w&uuml;rde. Ich wollte auch
+nicht mit Wanda Orbin in einen l&auml;cherlichen Konkurrenzkampf
+eintreten. Mochte ihre Schrift zuerst erscheinen, &mdash; mir
+w&uuml;rde nachher genug zu sagen &uuml;brig bleiben.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Monate, die wir noch in Paris verlebten,
+erschien sie jedoch nicht, und die verschiedenen
+Parteibuchhandlungen wu&szlig;ten nichts von ihr.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_369" id="Page_369"></a></p>
+
+<p>Schwer und grau hing der Winterhimmel &uuml;ber
+Paris. Zuweilen tanzten wei&szlig;e Flocken in
+der Luft, und dann schien's, als ob es hell
+werden wollte; aber die schmutzige Stra&szlig;e verschlang
+sie. Die Obst- und Gem&uuml;seauslagen, die im Sonnenschein
+sonst so bunt und lockend den Vor&uuml;bergehenden
+angelacht hatten, sahen welk und unappetitlich aus.
+Die kleinen M&auml;dchen mit den sch&ouml;nfrisierten K&ouml;pfchen,
+die vor kurzem noch lachend und kokettierend mit spitzen
+Hacken klappernd &uuml;ber das Pflaster getrippelt waren,
+liefen jetzt fr&ouml;stelnd ihres Wegs mit verfrorenen, mi&szlig;mutigen
+Gesichtern.</p>
+
+<p>Wer jetzt dicht am Kaminfeuer sitzen und tr&auml;umen
+k&ouml;nnte! Aber nach wie vor ging ich dieselben Wege
+durch alte enge Gassen und sa&szlig; mit eisigen F&uuml;&szlig;en
+in dunkeln Bureaus. Wu&szlig;te ich noch, da&szlig; es Paris
+war, in dem ich lebte? Lebte?!! War das wirklich
+Leben?! Hatte nicht am Ende auch mich die schmutzige
+Tagl&ouml;hnerstra&szlig;e verschlungen? Mich, die ich licht
+und frei sein wollte? Wenn wir abends zuweilen
+aus unserem stillen Stadtwinkel zum rechten Seineufer
+hin&uuml;bergingen, wo die Bogenlampen festlich
+zu strahlen beginnen, wo hinter gl&auml;nzenden Spiegelscheiben
+Juwelen und Spitzen und m&auml;rchenhaft schimmernde
+Gew&auml;nder prahlend ihre Sch&ouml;nheit entfalten
+und Equipagen und Automobile hin und wieder rollen,
+aus denen sch&ouml;ne Frauenk&ouml;pfe nicken und l&auml;cheln wie
+seltene Treibhausblumen hinter ihrem Glashaus, &mdash; nur
+zum Schmuck einer Nacht gez&uuml;chtet, &mdash; dann f&uuml;hlte
+<a name="Page_370" id="Page_370"></a>ich im verborgensten Winkel meines Herzens einen
+stechenden Schmerz.</p>
+
+<p>Am Eingang zum Opernhaus standen dicht gedr&auml;ngt
+arme junge M&auml;dels; sie warteten auf die eleganten
+Damen, die mit seidenbeschuhten F&uuml;&szlig;chen und langen
+Schleppen den Wagen entstiegen. Sie lie&szlig;en sich von
+den R&auml;dern mit Kot bespritzen, um vom Glanze des
+Lebens nur einen Schein zu erhaschen.</p>
+
+<p>Wir hatten bei einigen Parteigenossen Besuch gemacht, &mdash; auch
+bei Millerand, &mdash; und waren mit einer Liebensw&uuml;rdigkeit
+empfangen worden, als w&auml;ren wir l&auml;ngst erwartete
+alte Freunde. Aber es blieb bei ein paar f&ouml;rmlichen
+Einladungen mit oberfl&auml;chlichen allgemeinen Gespr&auml;chen.
+W&auml;hrend mein Mann einen unvereinbaren
+Gegensatz in dem Benehmen unserer Gastgeber empfand,
+f&uuml;hlte ich mich pl&ouml;tzlich in die Umgebung meiner Jugend
+zur&uuml;ckversetzt und verstand sie.</p>
+
+<p>Der Franzose ist ein geborener Aristokrat, er hat
+jene Kultur des Benehmens, jene Liebensw&uuml;rdigkeit
+der Form, die zugleich eine un&uuml;bersteigliche Mauer ist,
+hinter der sich das pers&ouml;nlich Menschliche verbirgt.</p>
+
+<p>Wir gerieten auch in einen literarischen Salon, dessen
+Herrin <em class="antiqua">tout Paris</em> um sich zu versammeln verstand. Sie
+war von unverw&uuml;stlicher Sch&ouml;nheit, und ihre K&uuml;che war
+ber&uuml;hmt. Als wir nach Hause gingen, war mein Mann
+befriedigt und angeregt und ich schlechter Laune. &raquo;Hast
+du dich denn nicht am&uuml;siert?&laquo; fragte er mich schlie&szlig;lich.</p>
+
+<p>&raquo;Ganz und gar nicht,&laquo; antwortete ich, &raquo;und wenn ich
+nicht f&uuml;rchten m&uuml;&szlig;te, da&szlig; meine Ehrlichkeit mich in
+deinen Augen herabsetzt,&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Alix,&laquo; lachte er und zog meinen Arm fester
+<a name="Page_371" id="Page_371"></a>durch den seinen, &raquo;du wei&szlig;t, da&szlig; du mich immer entz&uuml;ckst,
+wenn du du selber bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So will ich's drauf ankommen lassen und dir gestehen,
+da&szlig; ich die Rolle des unbeteiligten Zuschauers
+in jeder Gesellschaft, &mdash; und w&auml;re es die interessanteste, &mdash; unertr&auml;glich
+finde. Es ist ja sicher lehrreich, zu erfahren,
+da&szlig; der Wert der Frau in Paris mit dem Wert
+ihrer Kosmetik und ihrer Toilette steigt und f&auml;llt, aber
+da ich auf dem Gebiet nicht konkurrieren kann&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Heinrich lachte noch lauter. &raquo;Du liebe Eitelkeit, du,&laquo;
+war alles, was er sagte, w&auml;hrend die R&ouml;te der Besch&auml;mung
+mir noch auf den Wangen brannte.</p>
+
+<p>Ein andermal folgte ich der Einladung einer der
+f&uuml;hrenden Frauenrechtlerinnen in die Redaktion ihrer
+Zeitung. Ich bewunderte schon lange die Energie, mit
+der sie die Frauen &mdash; franz&ouml;sische Frauen! &mdash; zwang,
+die politischen Tagesereignisse zu verfolgen, und an
+der Seite der Zola und Jaur&egrave;s an dem Kampf f&uuml;r
+Dreyfus teilgenommen hatte. Ich erwartete unwillk&uuml;rlich
+<ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'ein'">eine</ins> typische Feministin: harte Z&uuml;ge, eckige Bewegungen,
+m&auml;nnliche Kleidung. Schon die R&auml;ume, die
+ich betrat, &uuml;berraschten mich; sie hatten alle das Aussehen
+und das Parf&uuml;m eines eleganten Boudoirs. Ein paar
+Damen gingen vor&uuml;ber, &mdash; sie h&auml;tten ebenso beim <em class="antiqua">five
+o'clock</em> im Grand Hotel erscheinen k&ouml;nnen. Dann kam
+die Leiterin selbst. Wenn sie mir bei Maxim begegnet
+w&auml;re, ich h&auml;tte mich nicht gewundert. Ihre Sch&ouml;nheit
+hatte trotz aller statuenhaften K&uuml;hle, &mdash; oder vielleicht
+gerade deshalb, &mdash; etwas Sieghaftes.</p>
+
+<p>&raquo;Je radikalere Feministen wir sind, desto st&auml;rker
+m&uuml;ssen wir unser Weibsein betonen,&laquo; sagte sie im Lauf
+<a name="Page_372" id="Page_372"></a>des Gespr&auml;chs. Ich stimmte ihr lebhaft zu und dachte
+an ihre deutschen Gesinnungsgenossinnen, die den Gegensatz
+zwischen der Weltdame und der Frauenrechtlerin
+nicht genug glaubten zeigen zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie vergessen nur eins,&laquo; fuhr ich fort. &raquo;Die
+Pflege der Sch&ouml;nheit kostet Zeit und Geld. Und die
+eigentlichen Tr&auml;gerinnen der Frauenbewegung, die
+Frauen, die heute im Kampf ums Dasein stehen, haben
+keins von beiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darum m&uuml;ssen wir es ihnen schaffen,&laquo; warf sie lebhaft
+ein und f&uuml;hrte mich, um ihre eigene T&auml;tigkeit nach
+dieser Richtung zu illustrieren, in den Setzersaal, wo
+lauter junge M&auml;dchen besch&auml;ftigt waren. Unter den
+gro&szlig;en Sch&uuml;rzen lugten zierliche Kleider hervor, die
+h&uuml;bschen Lockenk&ouml;pfchen h&auml;tten h&ouml;heren T&ouml;chtern geh&ouml;ren
+k&ouml;nnen. Ihre Augen folgten mit schw&auml;rmerischer Bewunderung
+der stolzen Gestalt ihres weiblichen Chefs,
+die sich, umgeben von Veilchenduft, mit einem leisen
+Wiegen in den H&uuml;ften durch ihre Reihen bewegte. Ich
+h&ouml;rte sp&auml;ter, sie sei eine <em class="antiqua">grande amoureuse</em>, eine von
+jenen, deren Herzen kalt bleiben, wenn ihre Sinne
+gl&uuml;hen. &raquo;Ihre Mittel sind unersch&ouml;pflich,&laquo; sagte man
+mir mit einem vielsagenden L&auml;cheln. Mich interessierte
+dieser Typus, der mir in Deutschland nicht w&uuml;rde begegnen
+k&ouml;nnen. Ich versuchte, ihr n&auml;her zu treten.
+Doch auch sie blieb stets dieselbe: geistvoll, liebensw&uuml;rdig, &mdash; aber
+unnahbar.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_373" id="Page_373"></a></p>
+
+<p>Unser Pariser Aufenthalt neigte sich seinem Ende
+zu. Mein Buch war fast fertig. Es fing
+schon an, sich von mir loszul&ouml;sen und vor mir
+zu stehen wie etwas Fremdes, nicht mehr zu mir Geh&ouml;riges,
+mit dem ich auch innerlich abgeschlossen hatte.
+Es war wie eine erstiegene H&ouml;he, von der aus ich nun
+weiter gehen mu&szlig;te. Meine Gedanken kreisten immer
+enger um die neue Aufgabe, die wir uns gestellt hatten.
+Meine Hoffnungen, gen&auml;hrt von der Liebe zu meinem
+Mann, der seine Lebensbestimmung glaubte gefunden
+zu haben, &uuml;bert&ouml;nten die leise warnenden Stimmen
+meines Inneren.</p>
+
+<p>&raquo;Du kannst nur schaffen, wenn du dich selbst behauptest,&laquo;
+sagten sie.</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst die Sache zum Siege f&uuml;hren, wenn du
+dich selbst hingibst,&laquo; frohlockte die Hoffnung.</p>
+
+<p>Ich glaubte ihr.</p>
+
+<p>Heinrich fuhr voraus nach Berlin. Ich erinnerte
+mich w&auml;hrend der letzten acht Tage, da&szlig; ich in Paris
+war. Mein Junge jubelte, weil er nun jeden Morgen
+mit &raquo;Mamachen&laquo; gehen durfte. Die Berta hatte auf
+ihren Spazierg&auml;ngen mit ihm viel mehr gesehen als ich;
+der kleine Bub wurde mir zum F&uuml;hrer. Er kam sich
+dabei sehr wichtig vor. Zuerst zog er mich in atemloser
+Eile durch die Tuilerien hindurch zu &raquo;der Frau,
+die ein Soldat war&laquo;. Ich l&auml;chelte: war es doch
+meiner fr&uuml;hsten Kindheit Traum gewesen, das Vaterland
+zu befreien wie sie! Stolz und siegessicher, Frankreichs
+Fahne fest in der Hand, erhob sich ihr Standbild
+vor mir; sie war den Stimmen in ihrer Brust gefolgt, &mdash; unbeirrt;
+<a name="Page_374" id="Page_374"></a>aus dem Scheiterhaufen, der ihren
+Leib verzehrte, erhob sie sich nur noch gr&ouml;&szlig;er.</p>
+
+<p>&raquo;Die Jungfrau von Orleans, &mdash; ist das ein M&auml;rchen?&laquo;
+fragte der Kleine, als ich ihm die Geschichte erz&auml;hlt hatte,
+und sah mit nassen Augen zu der Reiterin empor.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, es ist Wahrheit,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Warum verbrannten sie denn die b&ouml;sen Menschen?&laquo;
+Auf seine glatte Kinderstirn gruben sich tiefe Falten des
+Zornes.</p>
+
+<p>&raquo;Sie vertragen nur, was ihresgleichen ist,&laquo; sagte ich
+leise, wie zu mir selbst.</p>
+
+<p>Unter der hohen Kuppel des Invalidendomes standen
+wir miteinander. Ein breiter Strom bl&auml;ulichen Lichtes
+entsprang ihr und wogte tief unten um den roten Porphyr,
+der des gro&szlig;en Korsen Gebeine umschlie&szlig;t. Der
+Gang ringsum, die Kapellen zur Seite schienen im
+D&auml;mmer zur&uuml;ckzutreten. Mit leiser Stimme erz&auml;hlte
+ich von dem armen Knaben aus Ajaccio, der, seinem
+Sterne getreu, die Welt eroberte, der das Testament
+der Revolution vollzog, und der auf der Felseninsel im
+Weltmeer starb &mdash; in Ketten.</p>
+
+<p>&raquo;Auch weil &mdash; weil&nbsp;&mdash;&laquo; das Kind neben mir suchte
+nach den Worten, deren Sinn er nicht verstanden hatte;
+&raquo;weil er zu gro&szlig; war f&uuml;r die anderen,&laquo; erg&auml;nzte ich.</p>
+
+<p>Am letzten Tage vor unserer Abreise k&auml;mpfte der erste
+Fr&uuml;hlingssonnenschein mit den schwarzgrauen Regenwolken;
+gr&uuml;ne Spitzchen lugten neugierig an B&uuml;schen
+und B&auml;umen aus braunen H&uuml;llen hervor; die Kinder
+mit den langen gedrehten Locken bev&ouml;lkerten wieder die
+G&auml;rten.</p>
+
+<p>Ich war stundenlang im Louvre gewesen. Ich hatte
+<a name="Page_375" id="Page_375"></a>die Menschen, die Welt, die Jahrhunderte durch die
+Augen der Gr&ouml;&szlig;ten aller Zeiten gesehen und f&uuml;hlte
+meinen Geist heller, mein Herz w&auml;rmer werden. In der
+Kunst kommt es nicht darauf an, wie die Welt ist, sondern
+wie die Augen sind, die sie betrachten. Nur der
+K&uuml;nstler hat recht, dem sie immer Objekt bleibt, der im
+H&auml;&szlig;lichen noch das Sch&ouml;ne, im B&ouml;sen das Menschliche
+findet.</p>
+
+<p>Und nun, zum Abschied, nahm ich noch einmal den
+Kleinen mit mir.</p>
+
+<p>&raquo;Zur G&ouml;ttin der Griechen wollen wir,&laquo; sagte ich ihm,
+&raquo;die Odysseus und Achilles anbeteten.&laquo;</p>
+
+<p>Die Leute drehten sich um, l&auml;chelnd, spottend, entr&uuml;stet,
+als sie mich mit dem Kind an der Hand durch
+die S&auml;le gehen sahen, bis dahin, von wo der Venus
+von Milo wei&szlig;e Gestalt uns entgegenleuchtete.</p>
+
+<p>&raquo;Warum beten die Menschen nicht?&laquo; fl&uuml;sterte mein
+Sohn, der die M&uuml;tze vom K&ouml;pfchen gezogen hatte.</p>
+
+<p>In einsamer Herrlichkeit stand sie vor uns, im Bewu&szlig;tsein
+ihrer Macht und Sch&ouml;ne, zeitlos, beziehungslos.
+Ihr Blick schweifte hinweg &uuml;ber die Menge, gleichg&uuml;ltig,
+ob sie ihr Opfer z&uuml;ndete oder die Linien ihres
+K&ouml;rpers mit dem Zirkel ma&szlig;. Sie herrschte, sie begeisterte
+und belebte, nicht weil sie vom Sockel stieg in
+den Dienst der Massen, sondern weil sie vollendet war
+in sich.</p>
+
+<p>Droben in den S&auml;len hingen die Bilder aller derer,
+die die Menschen, denen sie dienten, gekreuzigt hatten:
+die Heiligen, die Madonnen, die Christuskinder. Sollte
+der Zweck des Daseins nicht doch der Olymp der Griechen
+und nicht der Himmel der Christen sein?</p>
+
+<p><a name="Page_376" id="Page_376"></a>Ich strich mit der Hand &uuml;ber die Stirn. Es war
+etwas wach geworden in mir, das schlafen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Ein weiches H&auml;ndchen nestelte sich in das meine:
+&raquo;Warum hat die G&ouml;ttin keine Arme, Mamachen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zur Strafe, weil sie die Menschen nicht festhielt,
+die ihrem Tempel entliefen.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_377" id="Page_377"></a></p>
+<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Es war ein Sonntag, als wir Berlin wiedersahen.
+Mir schien, als w&auml;ren wir Fremde.
+Wie klein, wie armselig war das alles: die
+Linden mit ihren kraftlosen B&auml;umen und stillosen H&auml;usern,
+der Pariser Platz mit seiner bedr&uuml;ckenden Engigkeit. Und
+die neuen Stadtteile: eine gute B&uuml;rgersfrau, die sich
+herausgeputzt hat, und das bi&szlig;chen echte Kultur, das sie
+besa&szlig;, dar&uuml;ber vollends verlor. Dazwischen die Feiertagsbummler:
+Der Kontrast zwischen ihrer kreischenden
+Lautheit in T&ouml;nen und Farben und dem matten Grau
+des M&auml;rztages tat Augen und Ohren weh.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte wissen, wo ich zu Hause bin,&laquo; seufzte
+ich und legte mich abends mit jenem Gef&uuml;hl innerer
+Leerheit schlafen, das uns zuweilen &uuml;berkommt, wenn
+wir eine Staatssoir&eacute;e hinter uns haben. Mir tr&auml;umte
+von einem riesigen Wasserfall. Noch im Halbschlaf am
+Morgen h&ouml;rte ich sein Rollen und Rauschen, und je
+wacher ich wurde, desto st&auml;rker schwoll es an. Vom
+Potsdamer Platz herauf klang es; Stra&szlig;enbahnen, Omnibusse,
+Lastwagen, eilende Menschenf&uuml;&szlig;e waren die Instrumente
+dieses Konzertes; Berlin ging auf Arbeit.
+Da war kein Winkel ohne Leben.</p>
+
+<p>Dr&uuml;ben in der Leipzigerstra&szlig;e waren unter der Spitzhacke
+alte Mauern zusammengebrochen, und sieghaft er<a name="Page_378" id="Page_378"></a>hob
+sich jetzt, von Riesengranitpfeilern getragen, ein
+m&auml;chtiges Warenhaus, wie selbst Paris es nicht kannte,
+aus dem m&auml;rkischen Sand. Kein Basar, dessen Bau
+Gotik, Barock und Renaissance durcheinanderwirft, wie
+seine reklameschreienden Schaufenster die Waren, &mdash; ein
+St&uuml;ck neuer Kultur vielmehr, die die Sch&ouml;nheit der
+Zweckm&auml;&szlig;igkeit erkannte und doch allen Zauber der
+Kunst &uuml;ber sie ausgo&szlig;. Die Menschen str&ouml;mten aus
+und ein. Sie trugen von all jenen gl&auml;nzenden Goldblumen
+und k&ouml;stlichen Steinreliefs, die seine inneren
+R&auml;ume schm&uuml;ckten, von den farbenleuchtenden Onyxplatten
+und gemalten Holzdecken, von den Feuertropfen
+und Lichtgirlanden einen Schimmer von Sch&ouml;nheit mit
+sich nach Haus.</p>
+
+<p>Jenseits des Platzes waren Baumriesen gest&uuml;rzt, denn
+dem Verkehr mu&szlig;te die Stra&szlig;e sich weiten, und an der
+Peripherie der Stadt standen reihenweise die Holzger&uuml;ste,
+wie gewaltige Pallisaden, &mdash; Zeichen daf&uuml;r, da&szlig; das
+alte Kleid ihrem Riesenleibe zu eng wurde.</p>
+
+<p>Ein Empork&ouml;mmling ist sie, &mdash; gewi&szlig;! Aber keiner,
+den das Gl&uuml;ck aufw&auml;rts trug. Vielmehr einer, der sich
+durch die Kraft seiner F&auml;uste den Weg bahnte.</p>
+
+<p>Wie die Menschen liefen und hasteten! Sie kannten
+jenes gem&auml;chliche Schlendern nicht, mit dem L&auml;cheln der
+Behaglichkeit auf den Lippen und kokettierenden Blicken
+hin und her. Aller Z&uuml;ge schienen gespannt von nerv&ouml;ser
+Eile, von sorgender Angst, von lastenden Gedanken.</p>
+
+<p>Klingendes Spiel, feste Schritte im Takt k&uuml;ndeten
+das Nahen von Soldaten. Der Verkehr stockte. Wo in
+Preu&szlig;en die bewaffnete Macht erscheint, geh&ouml;rt ihr die
+Stra&szlig;e. Und hypnotisiert durch den Marsch, durch die<a name="Page_379" id="Page_379"></a>
+Masse, durch wehende Federb&uuml;sche und blinkende Uniformen,
+dr&auml;ngte jung und alt ihr nach, ihr voran.</p>
+
+<p>Die Alexander-Grenadiere bezogen heute ihre neue
+Kaserne: in n&auml;chster N&auml;he des Schlosses war sie errichtet
+worden, eine Zwingburg mit Mauern und Schie&szlig;scharten;
+und vom Lustgarten aus f&uuml;hrte der Kaiser
+selbst seine Garde dem neuen Heime zu, w&auml;hrend die
+Polizei in weitem Bogen das gaffende Volk beiseitedr&auml;ngte,
+damit der Herrscher allein blieb mit seinen
+Truppen. &raquo;Ihr seid die Leibwache eures K&ouml;nigs,&laquo; sagte
+er, &raquo;und wenn diese Stadt noch einmal wie Anno 48
+sich wider ihn erheben wird, so seid ihr berufen, die
+Frechen und Unbotm&auml;&szlig;igen mit der Spitze eurer Bajonette
+zu Paaren zu treiben.&laquo;</p>
+
+<p>F&uuml;rwahr, wenn ich mich bis jetzt wie in einem Traum
+befunden hatte, nun wu&szlig;te ich: wir waren in Berlin.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wir gingen mittags zu Erdmanns. Sie waren
+erst k&uuml;rzlich von einer langen Seereise zur&uuml;ckgekehrt,
+die der Arzt ihnen verordnet
+hatte, und schienen, nach den Briefen meiner Schwester
+zu schlie&szlig;en, befriedigt von ihrem Erfolg. Und nun
+standen sie mir gegen&uuml;ber, so anders als ich sie verlassen
+hatte. Scharf und eckig traten die Backenknochen
+aus meines Schwagers Gesicht hervor, sein Anzug
+hing um ihn, als w&auml;re sein K&ouml;rper nichts als ein
+Knochenger&uuml;st. Nur sein Geist schien lebensvoller als
+je und spr&uuml;hte Funken. Das Schwesterchen dagegen
+war ebenso still, wie sie bla&szlig; und schmal war. Wo
+war das runde Kindergesicht und die gl&auml;nzenden Augen?<a name="Page_380" id="Page_380"></a>
+Seltsam: auch aus ihren Haaren war der Goldschimmer
+verschwunden; es lag wie Asche auf ihnen. Die einstmals
+lauter W&auml;rme ausstr&ouml;mte, hatte eine Atmosph&auml;re
+abweisender K&uuml;hle um sich. Ihre Lippen glichen jetzt
+denen meiner Mutter: scharf, schmal, blutlos. Ich sah,
+da&szlig; sie sich mir nicht &ouml;ffnen w&uuml;rden, und forschte in
+ihren Z&uuml;gen; aber auch sie blieben verschlossen. Ob sie
+ungl&uuml;cklich war, weil sie kein Kind hatte? Erdmann
+spielte stundenlang mit meinem Buben, w&auml;hrend sie ihn
+kaum mit einem Blick streifte. Wir sprachen von der
+Mutter, die den Winter in Italien verlebt hatte und
+Briefe schrieb wie ein junges M&auml;dchen, das zum erstenmal
+in die Welt sieht.</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist gl&uuml;cklich, seitdem sie allein ist,&laquo; sagte Ilse.
+Ein flehender, gequ&auml;lter Blick ihres Mannes traf sie.</p>
+
+<p>&raquo;Was spielst du jetzt?&laquo; fragte ich, zum Fl&uuml;gel deutend,
+um das Gespr&auml;ch abzulenken.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe die Musik aufgegeben, sie macht mich
+nerv&ouml;s,&laquo; antwortete sie.</p>
+
+<p>&raquo;Auch die Oper??&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die erst recht! Die offenen M&auml;uler und gespreizten
+Arme all der dicken Ten&ouml;re und Primadonnen zerst&ouml;ren
+jeden Rest von Illusion. Man kann sie bestenfalls ertragen,
+wenn man geschlossenen Auges zuh&ouml;rt. Aber
+da man immer den &uuml;brigen P&ouml;bel um sich hat &mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Sie unterbrach sich und sch&uuml;rzte ein wenig sp&ouml;ttisch
+die Lippen: &raquo;Ach so, &mdash; entschuldige! Ich verga&szlig;, da&szlig;
+ich euer proletarisches Empfinden kr&auml;nken k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>Erdmann lachte. &raquo;Nun &mdash; nun,&laquo; meinte er beg&uuml;tigend,
+&raquo;der P&ouml;bel des Parketts d&uuml;rfte doch auch in
+euren Augen mit dem Proletariat nicht identisch sein.<a name="Page_381" id="Page_381"></a>
+&Uuml;brigens bin ich mit Ilse einer Meinung: der Zirkus
+und das &Uuml;berbrettl sind f&uuml;r unsereins allein noch ertr&auml;glich.
+Hohe Kunst auf der B&uuml;hne ist verletzend f&uuml;r
+Menschen von Kultur. Man sollte daf&uuml;r Marionettentheater
+schaffen, oder sechsfache Schleier vor die Darsteller
+h&auml;ngen, damit sie wie Schatten wirken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unvergleichliche Wirkungen m&uuml;&szlig;ten sich dadurch erzielen
+lassen,&laquo; sagte Ilse, etwas lebhafter werdend,
+&raquo;zum Beispiel mit herrlichen Sachen, wie diesen hier.&laquo;
+Sie wies auf das neuste Heft der Bl&auml;tter f&uuml;r die Kunst,
+das dramatische Gedichte von Sch&uuml;lern Stefan Georges
+enthielt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich lese sie noch immer nicht,&laquo; entgegnete ich l&auml;chelnd;
+&raquo;weniger denn je kann ich heute die hochm&uuml;tige Abkehr
+vom Leben vertragen, die das Kennzeichen all dieser
+Menschen ist. Sie berauschen sich am Klang der Sprache
+und bekommen, wenn es zu handeln gilt, zittrige H&auml;nde
+wie Absinthtrinker.&laquo;</p>
+
+<p>Wir gerieten in eine Debatte, die sich immer sch&auml;rfer
+zuspitzte. Ilse bekam hei&szlig;e Wangen und mitten im Gespr&auml;ch
+einen heftigen Hustenanfall, der mich angstvoll
+aufhorchen lie&szlig;. Erdmann sah in diesem Augenblick
+wie verst&ouml;rt drein. Und wie um gewaltsam den Eindruck
+abzusch&uuml;tteln, beschlo&szlig; er, uns durch den Tiergarten
+zum Hotel zur&uuml;ckzubegleiten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin zu m&uuml;de&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte Ilse.</p>
+
+<p>&raquo;In der frischen Luft wirst du schon munter werden,&laquo;
+damit dr&auml;ngte er sie hinaus.</p>
+
+<p>Wir begegneten vielen Menschen, die Erdmanns
+gr&uuml;&szlig;ten. Das stimmte ihn fr&ouml;hlich. &raquo;Lauter Leute, die
+ich einrichte,&laquo; sagte er. &raquo;Wenn ich erst all den Berlin-W.-<a name="Page_382" id="Page_382"></a>Protzen
+zu anst&auml;ndigem Wohnen verholfen haben werde,
+kann ich den ganzen Kram an den Nagel h&auml;ngen und
+Pinsel und Palette wieder vorholen. Was, mein kleines
+Ilschen?!&laquo; Und z&auml;rtlich schob er seinen Arm in den
+ihren. Aber sie senkte den Kopf nur noch tiefer.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Als die Mutter zur&uuml;ckkehrte, &auml;u&szlig;erlich und innerlich
+verwandelt, frisch und strahlend, dabei
+mit gesteigertem Lebensdurst, der sich auf alles
+st&uuml;rzte, was sich ihr bot, lag Erdmann fiebernd zu Bett.</p>
+
+<p>&raquo;Er wird sich erholen, sobald es warm wird,&laquo; sagte
+sie zuerst, und erz&auml;hlte voll freudigem Eifer von ihren
+schweizer Sommerpl&auml;nen. Ein paar Tage sp&auml;ter sah
+ich sie wieder: gerade, steif, mit zusammengekniffenen
+Lippen, wie damals, als der Vater noch lebte. Die
+&Auml;rzte hatten sie aufgekl&auml;rt. Erdmann hatte die Schwindsucht,
+Ilse schien angesteckt.</p>
+
+<p>Wir nahmen Abschied von Erdmanns. Sie sollten
+in ein heidelberger Sanatorium &uuml;bersiedeln. Die seidene
+Decke, unter der er lag, bauschte sich kaum sichtbar
+&uuml;ber dem K&ouml;rper; die mageren Finger f&uuml;hrten eifrig
+den langen Bleistift &uuml;ber das Papier auf seinem
+Scho&szlig;. &raquo;Ich mu&szlig; doch f&uuml;r Prinzessin Ilse Geld verdienen,&laquo;
+und ein leidenschaftlicher Blick traf die sch&ouml;ne
+junge Frau, die ihm mit gesenkten Lidern, ruhig und
+pflichttreu, die Arznei zum Munde f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Ich k&auml;mpfte mit den Tr&auml;nen, als ich nach Hause
+kam. Nicht nur, weil meine Schwester in einem Augenblick,
+wo ich sie ungl&uuml;cklich wu&szlig;te, mir fremd, fast feindselig
+gegen&uuml;berstand, sondern weil sie das Opfer einer<a name="Page_383" id="Page_383"></a>
+Ehe war, von der ich sie vielleicht h&auml;tte zur&uuml;ckhalten
+k&ouml;nnen. Ich empfand ihre K&uuml;hle wie einen Vorwurf.</p>
+
+<p>&raquo;Vor Kinderschmerzen hast du mich einst geh&uuml;tet,&laquo;
+schienen ihre Augen zu klagen, &raquo;warum hast du mich
+vor dem schlimmsten nicht bewahrt?&laquo; Und wenn sie
+meinen Buben geflissentlich &uuml;bersah, so wu&szlig;te ich, was
+sie damit sagen wollte: &raquo;Du hast mich &uuml;ber ihm vergessen.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Unser Einzug in die neue Wohnung, &mdash; einem
+Gartenhaus der Uhlandstra&szlig;e, &mdash; war kein
+fr&ouml;hlicher. All die tausenderlei Dinge, die
+mit ihm zusammenhingen, vom Ausl&ouml;sen der M&ouml;bel auf
+dem Speicher bis zu den L&ouml;hnen der Handwerker, hatte
+unser letztes Geld verschlungen.</p>
+
+<p>&raquo;So mach dir doch nichts draus, &mdash; qu&auml;le nicht dich
+und mich mit unn&uuml;tzen Sorgen,&laquo; rief Heinrich heftig,
+als ich ihm unsere Lage auseinandersetzte. Ich schwieg
+verletzt. Er war wie ein geistig Weitsichtiger, der das
+N&auml;chste nicht sieht, dem immer nur das Ferne gegenw&auml;rtig
+ist. Der Plan seiner Zeitschrift beherrschte ihn
+v&ouml;llig. So mu&szlig;te ich mir selber helfen. Ich bat den
+Verleger meines Buches um mein Honorar. Er erf&uuml;llte
+meinen Wunsch ohne weiteres. Heinrich aber wunderte
+sich nicht einmal, wieso ich pl&ouml;tzlich Geld hatte. F&uuml;r
+ihn schienen die pekuni&auml;ren Seiten des Lebenskampfes
+nicht zu existieren, mir dagegen nahmen sie alle Schwungkraft
+und machten mich bis zur Grausamkeit bitter
+gegen ihn. Bat ihn jemand um ein Almosen oder um
+ein Darlehn, so gab er, was er in der Tasche hatte.<a name="Page_384" id="Page_384"></a>
+Wagte ich einen leisen Vorwurf, so gruben sich seine
+Stirnfalten noch tiefer, und es kam immer h&auml;ufiger
+vor, da&szlig; er mir mit einem: &raquo;Sieh lieber, da&szlig; deine
+Berta dich nicht betr&uuml;gt!&laquo; antwortete. Dann erst war
+die Entzweiung eine vollkommene. Nichts schien mir
+ungerechter, als dieses M&auml;dchen zu verd&auml;chtigen, das
+sich f&uuml;r uns aufopferte und nicht einmal eine Aufw&auml;rterin
+zu ihrer Hilfe zulie&szlig;. Da&szlig; sie allm&auml;hlich in
+ihrem Aussehen und Benehmen zu einem &raquo;Fr&auml;ulein&laquo;
+geworden war, schien mir im Interesse meines Jungen
+nur vorteilhaft, w&auml;hrend Heinrich es als Folge meiner
+Verw&ouml;hnung ansah und behauptete, ich verd&uuml;rbe nur
+das einst so schlichte Bauernm&auml;dchen.</p>
+
+<p>Lange freilich w&auml;hrten unsere gegenseitigen Verstimmungen
+nie. Vor den klaren Augen unseres Kindes,
+denen nichts entging, sch&auml;mten wir uns ihrer. Seine
+Jugend sollte nicht durch den Unfrieden seiner Eltern
+vergiftet werden, wie die meine.</p>
+
+<p>&raquo;Nu lach doch wieder ein ganz kleines bi&szlig;chen!&laquo;
+Damit kletterte er schmeichelnd auf seines Vaters Knie.
+&raquo;Nich wahr, Mamachen, du gibst dem Heinzpapa gleich
+einen dicken, runden Ku&szlig;!&laquo; Damit lief er zu mir und
+legte das weiche B&auml;ckchen z&auml;rtlich an meine Wange.</p>
+
+<p>Waren wir so vers&ouml;hnt, so f&uuml;hlten wir den Stachel
+nicht, der sich trotzdem immer tiefer in unsere Herzen
+bohrte.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_385" id="Page_385"></a></p>
+
+<p>Gleich nach unserer Ankunft hatte ich den Genossinnen
+meine R&uuml;ckkehr mitgeteilt. Auch
+das war der Anla&szlig; zu einer kleinen Auseinandersetzung
+zwischen uns gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du dich wirklich wieder in die unfruchtbare
+Arbeit st&uuml;rzen?!&laquo; sagte mein Mann &auml;rgerlich.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; entgegnete ich mit jener Gereiztheit, die
+mich immer &uuml;berkam, wenn ich meine pers&ouml;nliche Freiheit
+durch ihn gef&auml;hrdet glaubte. &raquo;Ich sehe die Frauenbewegung
+mehr denn je als das Gebiet an, auf dem
+ich wirken mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst in unserer Zeitschrift genug f&uuml;r sie tun
+k&ouml;nnen, &mdash; mehr als in eurem Kaffeekr&auml;nzchen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich zuckte sp&ouml;ttisch die Achseln und meinte gedehnt:
+&raquo;Wenn ich darauf warten soll!&laquo; Im selben Moment
+aber bereute ich schon, ihn an seiner empfindlichsten
+Stelle verletzt zu haben. Es lag wahrhaftig nicht an
+ihm, wenn seine Idee noch nicht verwirklicht war.</p>
+
+<p>Unsere Gesinnungsgenossen, mit Einschlu&szlig; von Bernstein,
+der sie noch von London aus in Briefen an
+meinen Mann lebhaft begr&uuml;&szlig;t hatte, stimmten ihr r&uuml;ckhaltlos
+zu, aber es fand sich niemand, der auch nur
+einen Pfennig f&uuml;r sie gegeben oder sich sonst um ihre
+Ausf&uuml;hrung bem&uuml;ht h&auml;tte. Da&szlig; auch dies nur ein
+Symptom f&uuml;r die Uneinigkeit und Unklarheit des Revisionismus
+war, empfand jeder von uns. Eine Bewegung
+war vorhanden, aber es fehlte ihr die starke Hand
+eines F&uuml;hrers, der sie zusammenzufassen und ihr Richtung
+zu geben vermag. Wir erwarteten f&uuml;r die Sache
+wie f&uuml;r unseren Plan, der ja nur in ihren Diensten
+<a name="Page_386" id="Page_386"></a>stehen sollte, von dem pers&ouml;nlichen Eingreifen Bernsteins
+nicht wenig.</p>
+
+<p>An einem Maienabend des Jahres 1901, dessen Luft
+vom Brodem lebensschwangerer Erde so ges&auml;ttigt war,
+da&szlig; er selbst mitten in der steinernen &Ouml;de der Stadt
+f&uuml;hlbar wurde, dr&auml;ngten sich die Menschenmassen in
+einem engen Saal dicht zusammen; sie trugen in ihren
+Haaren und Kleidern den Duft des Fr&uuml;hlings mit
+herein, und der ganze Raum schien erf&uuml;llt von seinem
+Fieber. Es waren keine Arbeiter. Aber die intellektuelle
+Jugend war es. Besann sie sich endlich auf sich
+selbst? War sie im Begriff, Ideale aufzurichten, die
+einer gro&szlig;en Kraft und eines gro&szlig;en Kampfes w&uuml;rdig
+waren? Die sozialwissenschaftliche Studentenvereinigung
+Berlins hatte diese Versammlung einberufen und
+Eduard Bernstein zum Redner gew&auml;hlt. Ihre ber&uuml;hmtesten
+Lehrer sa&szlig;en unter ihnen, dazwischen die
+politischen F&uuml;hrer jener Linken, &mdash; die Barth, die Naumann,
+die Gerlach, &mdash; die, abgesto&szlig;en von allen anderen
+b&uuml;rgerlichen Parteien, zwischen ihnen und der Sozialdemokratie
+die unfruchtbare Rolle des Puffers spielte.
+Sie alle hofften, &mdash; bewu&szlig;t oder unbewu&szlig;t, &mdash; da&szlig;
+dieser Abend irgendeine Quelle erschlie&szlig;en w&uuml;rde, an
+der sie nicht nur ihren Durst stillen k&ouml;nnten, sondern
+deren Wasser sich zum Strome weiten und alle ihre
+irrenden Schiffe zu tragen verm&ouml;chten.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus m&ouml;glich?&laquo;
+lautete die Frage, auf die Bernstein die Antwort geben
+wollte. Er trat an das Rednerpult. Hinter den
+Brillengl&auml;sern sahen seine kurzsichtigen Augen mit einem
+verlegen-erstaunten Blick auf die Menge der Zuh&ouml;rer.<a name="Page_387" id="Page_387"></a>
+Dann sprach er. Mit einer Stimme, die br&uuml;chig klang.
+In abgehackten S&auml;tzen. Ein Mann, der an die Enge
+der Studierstube gewohnt war, nicht an die Volksversammlung.
+Schon zog der Schatten der Entt&auml;uschung
+&uuml;ber den hoffnungsfrohen Glanz auf den Gesichtern.
+Sch&uuml;chtern und leise tauchte hie und da
+schon die Frage auf: &raquo;Was hat er eigentlich? &mdash; Was
+will er?&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; der Sozialismus von spekulativem Idealismus
+erf&uuml;llt und darum nicht Wissenschaft sei, die im voraussetzungslosen
+Streben nach Erkenntnis bestehe; da&szlig;
+die Arbeiterbewegung vom Wollen eines bestimmten
+Zieles, vom Glauben an ein bestimmtes Zukunftsbild
+getragen sei und nicht vom Wissen, &mdash; es war kaum
+m&ouml;glich, aus der langen Rede etwas anderes herauszuh&ouml;ren,
+als diese wenigen, f&uuml;r den Ausgangspunkt
+einer neuen Bewegung viel zu negativen Gedanken.</p>
+
+<p>Zuweilen schien es, als ob der Vortrag nichts w&auml;re
+als das laut gewordene Gr&uuml;beln eines Menschen &uuml;ber
+Dinge, die ihn selbst noch als Probleme qu&auml;len. Er
+war so mit sich besch&auml;ftigt, da&szlig; er nicht f&uuml;hlte,
+jener elektrische Strom, der ihn zuerst mit den Zuh&ouml;rern
+verband, sich mehr und mehr verfl&uuml;chtigte, statt da&szlig; er
+ihn benutzt h&auml;tte, um die unersch&uuml;tterten, befreienden
+Gedanken des Sozialismus diesen offenen Seelen einzupr&auml;gen,
+ihnen den Willen zur Tat zu vermitteln, nach
+dem ihre junge Kraft sich sehnte.</p>
+
+<p>Wir hatten einen K&uuml;nder neuer Wahrheit erwartet,
+und ein Zweifler war gekommen, dem des Pontius Pilatus
+Frage Geist und Gewissen bewegte.</p>
+
+<p>Ein feiner durchdringender Regen rieselte hernieder,
+<a name="Page_388" id="Page_388"></a>als wir den Saal verlie&szlig;en. Mich fr&ouml;stelte. Ich w&auml;re
+am liebsten still nach Hause gegangen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun?! In diesem zweieinhalbst&uuml;ndigen Redeflu&szlig; sind
+Ihnen wohl alle Felle weggeschwommen?&laquo; sagte eine
+sarkastische Stimme neben mir. Ich sah in Rombergs
+l&auml;chelndes Gesicht und machte eine abwehrende Bewegung;
+mir war nicht zum Scherzen zumute. &raquo;Und
+nun rasch, kommen Sie beide mit, in irgend einen gem&uuml;tlichen
+Winkel. Wir haben uns eine Welt zu erz&auml;hlen;&laquo;
+damit versuchte er, einen Weg durch die Menge
+zu bahnen. Seine aufrichtige Freude &uuml;ber unser Wiedersehen
+tat mir in diesem Augenblick, in dem ich so viel
+verloren zu haben glaubte, doppelt wohl.</p>
+
+<p>&raquo;Lassen wir's heute,&laquo; meinte mein Mann mi&szlig;mutig,
+&raquo;wir w&uuml;rden nur Ihre gute Laune verderben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder ich Ihre schlechte, da meine die dauerhaftere
+ist,&laquo; lachte Romberg.</p>
+
+<p>Wir gingen zusammen in eins der zun&auml;chst gelegenen
+Restaurants, aber der &raquo;gem&uuml;tliche Winkel&laquo;, den wir
+uns aussuchten, wurde rasch zum Kriegsschauplatz, denn
+eine ganze Gesellschaft Versammlungsbesucher fand sich
+allm&auml;hlich ein, und jeder hatte das Bed&uuml;rfnis seinem
+Herzen Luft zu machen. Es zeigte sich nun erst recht,
+wie unklar Bernstein gesprochen hatte: je nach der politischen
+oder philosophischen Richtung, der der einzelne
+zugeh&ouml;rte, gab er seinen Worten eine andere Deutung.</p>
+
+<p>&raquo;Das Todesurteil des Marxismus!&laquo; triumphierte der
+Nationalsoziale.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; antwortete scharf einer unserer radikalen
+Parteigenossen, &raquo;ein Todesurteil seiner selbst! Er hat
+als wissenschaftlicher Sozialist abgedankt.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_389" id="Page_389"></a>Und nun wurden aus seiner Rede einzelne S&auml;tze
+herausgerissen, die der und jener sich notiert hatte, und
+betrachtet und zerpfl&uuml;ckt. Als eine R&uuml;ckkehr zum Utopismus
+wurde bezeichnet, da&szlig; er die &raquo;W&uuml;nschbarkeit einer
+sozialistischen Gesellschaftsordnung&laquo; f&uuml;r den Hebel der
+Agitation und die werbende Kraft der Partei erkl&auml;rt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Nur alte wundergl&auml;ubige Weiber lockt man damit
+hinter dem Ofen hervor,&laquo; spottete einer; &raquo;auch das
+himmlische Jerusalem war &#8250;w&uuml;nschbar&#8249;, und doch haben
+wir die Fahrt dahin aufgegeben, weil seine Existenz unbeweisbar
+blieb.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vollends l&auml;cherlich,&laquo; f&uuml;gte ein anderer hinzu, &raquo;ist
+die Behauptung, da&szlig; die Einsicht in die gr&ouml;&szlig;ere Gerechtigkeit
+sozialistischer Einrichtungen uns zu Sozialisten
+gemacht hat. Mag sein, da&szlig; Mitleid mit den Armen,
+Emp&ouml;rung gegen die Ungerechtigkeit manch einen zuerst
+in unsere Reihen trieb. Aber blo&szlig;e Empfindungen verfl&uuml;chtigen
+sich, wenn die Erkenntnis sie nicht auf realen
+Boden zwingt. W&uuml;rde Bernstein wirklich die Frage
+nach der Wissenschaftlichkeit des Sozialismus verneinen
+k&ouml;nnen, so w&auml;re er so viel wert, als das Christentum
+bisher gewesen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Romberg hatte zuerst ruhig zugeh&ouml;rt.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt zerzausen sie den armen Bernstein, weil er
+ihnen nicht die letzte Wahrheit gab!&laquo; sagte er nun,
+w&auml;hrend aller Augen sich auf ihn richteten. &raquo;Die
+Wissenschaft ist doch nichts Fertiges, sondern ein ewiges
+Suchen! Er sucht, und beweist dadurch, da&szlig; er denkt.
+Wissenschaftlich abgedankt hat nicht er, sondern haben
+diejenigen seiner Gegner, die jeden Satz im Lehrgeb&auml;ude
+des Sozialismus f&uuml;r ein unersetzliches Glied in der<a name="Page_390" id="Page_390"></a>
+Kette der sozialistischen Beweisf&uuml;hrung halten. Dieser
+Dogmatismus k&ouml;nnte die Bewegung t&ouml;ten, nicht aber der
+Revisionismus, auch wenn er sich noch so t&auml;ppisch geb&auml;rdet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bernsteins Kritik vernichtet doch aber geradezu grundlegende
+Ideen des Marxismus?&laquo; wandte der Nationalsoziale
+ein.</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn schon?!&laquo; antwortete Romberg. &raquo;Der
+Bau des marxistischen Systems ist so genial, da&szlig; sich
+Mauern herausbrechen lassen, ohne ihn zu gef&auml;hrden.
+Die Tatsache des Klassenkampfes schaffen Sie nicht aus
+der Welt, sie allein gen&uuml;gt, um die Naturnotwendigkeit
+des Sozialismus zu beweisen.&laquo; Er trank sein Glas
+leer und erhob sich mit einem hochm&uuml;tigen Blick auf
+die verdutzten Gesichter der Tischgenossen. &raquo;Unser Schicksal
+ist unentrinnbar, &mdash; damit mu&szlig; man sich abfinden,&laquo;
+sagte er, &raquo;aber w&uuml;nschbar &mdash; wei&szlig; Gott! &mdash; ist's f&uuml;r
+unsereinen nicht. Ich bin blo&szlig; froh, da&szlig; die ber&uuml;hmte
+<em class="antiqua">'lutte finale'</em> sich erst auf meinem Grabe abspielen wird.&laquo;</p>
+
+<p>Wir gingen zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen,&laquo; sagte ich, als wir drau&szlig;en waren;
+der niederdr&uuml;ckende Eindruck der Rede Bernsteins war
+verwischt.</p>
+
+<p>&raquo;Im Grunde habe ich ja auch nur f&uuml;r Sie gesprochen&nbsp;&mdash;,&laquo;
+es war der teilnehmende Blick eines
+Freundes, mit dem er mir bei den Worten in die Augen
+sah, &mdash; &raquo;ich bin so gewohnt, Sie stark zu sehen, da&szlig;
+mir Ihr Kummer f&ouml;rmlich weh tat.&laquo;</p>
+
+<p>Er begleitete uns bis nach Haus. Mein Mann weihte
+ihn in unsere Pl&auml;ne ein.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie sind einverstanden? Sie wollen am Ende
+gar mittun?!&laquo; wandte er sich an mich.</p>
+<p><a name="Page_391" id="Page_391"></a></p>
+<p>&raquo;Mit allen Kr&auml;ften, &mdash; gewi&szlig;!&laquo; antwortete ich. &raquo;Was
+k&ouml;nnen Sie dagegen haben, nach all den Gedanken, die
+Sie heute &uuml;ber den Sozialismus entwickelten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mag Sie mir nicht vorstellen, &mdash; auf dem Drehschemel
+vor dem Redaktionspult, &mdash; die Schmierereien
+anderer Leute korrigierend. Sie geh&ouml;ren ins achtzehnte
+Jahrhundert&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;! An die Seite der Madame Roland&nbsp;&mdash;!&laquo;
+unterbrach ich ihn rasch.</p>
+
+<p>Nach und nach erw&auml;rmte er sich f&uuml;r unseren Gedanken.
+&raquo;Mit all dem Kleinb&uuml;rgerlichen, Philistr&ouml;sen in Ihrer
+Partei werden Sie gr&uuml;ndlich abrechnen m&uuml;ssen,&laquo; meinte
+er im Laufe des Gespr&auml;chs, &raquo;weite Horizonte geben, die
+&uuml;ber den Misthaufen des Nachbarn hinausgehen.&laquo; Und
+er verbreitete sich &uuml;ber die Stellung der Partei zur ausw&auml;rtigen
+Politik.</p>
+
+<p>&raquo;Hier trennen sich unsere Wege, lieber Professor,&laquo;
+sagte mein Mann. &raquo;Sie werden kaum erwarten, da&szlig;
+ich als Sozialdemokrat auf diesem Gebiet Ihre Wandlungen
+mitmache.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wandlungen?! Wieso?!&laquo; ereiferte sich Romberg. &raquo;Es
+entspricht der Konsequenz meiner Entwicklung, da&szlig;
+ich f&uuml;r den Kolonialbesitz Deutschlands eintrete und
+demzufolge f&uuml;r die Flottenvorlage agitiert habe. Traurig
+genug, da&szlig; ihr Sozialisten euch, scheint es, erst belehren
+lassen werdet, wenn ihr die Macht im Staate habt!
+Das ist, &mdash; verzeihen Sie, liebe Freundin! &mdash; der ungl&uuml;ckselige
+feministisch-sentimentale Einschlag in der
+Sozialdemokratie, der sie f&uuml;r die notwendigen, gro&szlig;en, &mdash; wenn
+Sie wollen &mdash; grausamen Forderungen der
+Kultur blind und taub macht. Der Kampf um die<a name="Page_392" id="Page_392"></a>
+Macht ist die Bedingung unserer Entwicklung. Die Frage,
+die uns die Weltgeschichte stellt, ist einfach die: soll uns
+die Erde geh&ouml;ren oder den Negern und den Chinesen?
+Die Antwort scheint mir nicht zweifelhaft.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah emp&ouml;rt zu ihm auf: &raquo;So sind Sie f&uuml;r das
+Chinaabenteuer mit all seinem Gefolge von Hunnentum
+und f&uuml;r die Kolonialkriege mit all ihrer Unmenschlichkeit?!
+Das hei&szlig;t doch nicht, Forderungen der Kultur
+erf&uuml;llen, sondern die Kultur preisgeben, die wir haben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin f&uuml;r die Erschlie&szlig;ung Chinas, die f&uuml;r unseren
+Handel eine Notwendigkeit ist; ich bin f&uuml;r die Kolonialkriege,
+die den Boden gewinnen f&uuml;r unsere Volksvermehrung,
+aber daraus folgt doch nicht, da&szlig; ich die
+Greuel des Krieges verteidige. Ich nehme sie nur um
+der gr&ouml;&szlig;eren Werte willen in den Kauf, wenn sie unvermeidlich
+sind&nbsp;... Wir w&uuml;rden heute noch in Urw&auml;ldern
+wohnen, wenn wir mit den wilden Tieren Mitleid
+gehabt h&auml;tten.&laquo;</p>
+
+<p>Eine lebhafte Debatte &uuml;ber die volkswirtschaftliche
+Bedeutung der Kolonien und der &raquo;offenen T&uuml;r&laquo; Chinas
+entspann sich zwischen meinem Mann und Romberg.
+Ich h&ouml;rte kaum zu; der Gedanke an die Urw&auml;lder und
+die wilden Tiere lie&szlig; mich nicht los und spann sich wie von
+selber weiter. Ich horchte erst auf, als Romberg sagte:
+&raquo;Wenn die Sozialdemokratie sich nicht entschlie&szlig;t, die
+Sache der Starken zu f&uuml;hren, so wird ihr Sieg eine
+Niederlage der Menschheit sein.&laquo;</p>
+
+<p>Vor unserer Haust&uuml;r nahmen wir Abschied voneinander.</p>
+
+<p>&raquo;Was wird denn aber mit dem Archiv?&laquo; wandte sich
+Romberg noch einmal an Heinrich; &raquo;es w&auml;re ein Jammer,
+wenn es zugrunde ginge!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_393" id="Page_393"></a>Mein Mann zuckte die Achseln. &raquo;Wissen Sie einen
+K&auml;ufer daf&uuml;r?&laquo; fragte er statt einer Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Einen K&auml;ufer? &mdash; Vielleicht!&laquo; meinte Romberg nachdenklich.</p>
+
+<p>Eine leise Hoffnung stieg in uns auf.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>An einem der folgenden Tage kam ich zum erstenmal
+seit meiner R&uuml;ckkehr mit den Genossinnen
+zusammen. Man empfing mich k&uuml;hl, &mdash; fast
+als bedaure man, mich &uuml;berhaupt wieder zu sehen. Ich
+unterdr&uuml;ckte den aufsteigenden &Auml;rger. Bald w&uuml;rden sie
+mir ganz anders begegnen. Lag erst mein Buch in
+ihren H&auml;nden, &mdash; das Buch, das eine wissenschaftliche
+Leistung und ein Bekenntnis war, &mdash; so w&uuml;rden sie mich
+alle freudig willkommen hei&szlig;en.</p>
+
+<p>In dem Jahr meiner Abwesenheit waren die Fortschritte
+der Arbeiterinnenbewegung nicht erheblich gewesen.
+Man hatte versucht, durch Einrichtung von Beschwerde- und
+Auskunftsstellen einen pers&ouml;nlichen Zusammenhang
+mit den der Bewegung noch fremd gegen&uuml;berstehenden
+Arbeiterinnen zu schaffen. Ich l&auml;chelte
+unwillk&uuml;rlich, als ich davon h&ouml;rte. Vorschl&auml;ge der Art
+hatte mein so leidenschaftlich bek&auml;mpfter Plan eines
+Zentralausschusses f&uuml;r Frauenarbeit enthalten.</p>
+
+<p>F&uuml;r den Arbeiterinnenschutz und gegen die Beschr&auml;nkung
+der Fabrikarbeit verheirateter Frauen war auf Grund
+eines Parteitagsbeschlusses eine gr&ouml;&szlig;ere Agitation entfaltet
+worden. Die Erfolge waren minimal.</p>
+
+<p>&raquo;Es fehlt uns immer noch an packenden Schriften,
+die wir verbreiten k&ouml;nnten,&laquo; meinte eine der Frauen.</p>
+<p><a name="Page_394" id="Page_394"></a></p>
+<p>&raquo;Ist denn Genossin Orbins Brosch&uuml;re noch nicht erschienen?&laquo;
+fragte ich und begegnete erstaunten Gesichtern.</p>
+
+<p>&raquo;Genossin Orbins Brosch&uuml;re?!&laquo; wiederholte Ida
+Wiemer. &raquo;Von der wissen wir nichts!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe doch darauf hin meine eigene Absicht, eine
+solche zu schreiben, aufgegeben!&laquo; rief ich aus, &mdash; noch
+immer wollte ich nicht glauben, woran doch nicht mehr
+zu zweifeln war: sie hatte mich nur an der Arbeit hindern
+wollen! Martha Bartels l&auml;chelte ironisch. Ich
+h&ouml;rte, wie sie ihrer Nachbarin zufl&uuml;sterte: &raquo;Sie will sich
+nur aufspielen, &mdash; uns glauben machen, da&szlig; sie auch
+mal was zu arbeiten die fromme Absicht hatte&nbsp;&mdash;,&laquo; und
+ich sah wie ihre Worte von Mund zu Mund gingen
+und die Mienen sich kl&auml;rten.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie sich mit der Frage besch&auml;ftigt haben,&laquo;
+sagte sie dann laut und hochm&uuml;tig, &raquo;so k&ouml;nnen Sie ja
+ein paar Referate &uuml;bernehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich war bereit dazu.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht sprechen Sie auch bei uns?&laquo; fragte die Vorsitzende
+des Arbeiterinnenbildungsvereins; &raquo;es m&uuml;&szlig;te
+freilich ein anderes Thema sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gern!&laquo; antwortete ich und war entschlossen, die
+Frage der Haushaltungsgenossenschaft bei der Gelegenheit
+zur Er&ouml;rterung zu bringen.</p>
+
+<p>&raquo;Frauenarbeit und Hauswirtschaft&laquo; nannte ich meinen
+Vortrag, der schon eine Woche sp&auml;ter stattfand. Der
+niedrige, enge Raum der Arminhallen war &uuml;berf&uuml;llt, als
+ich eintrat. Eine Anzahl b&uuml;rgerlicher Frauenrechtlerinnen
+suchten sich in den Winkeln des Saales zu verbergen.
+Sie hatten mein Auftreten bei Gelegenheit des inter<a name="Page_395" id="Page_395"></a>nationalen
+Frauenkongresses nicht vergessen und zeigten
+nicht gern ihr Interesse f&uuml;r mich.</p>
+
+<p>Ich stellte in gro&szlig;en Z&uuml;gen die Entwicklung der
+Frauenarbeit dar, von ihrer ersten Beschr&auml;nkung auf
+das Haus bis zu ihrer heutigen Ausdehnung auf alle
+Berufe, und die parallel laufende Evolution der Hauswirtschaft
+von jenen Zeiten an, wo innerhalb ihres
+Kreises alle Bed&uuml;rfnisse der Familie hergestellt wurden,
+bis zur Gegenwart, wo nichts von ihr &uuml;brig geblieben war
+als der Herd. Ich schilderte die Lage der erwerbst&auml;tigen
+Familienm&uuml;tter, die physischen und seelischen Gefahren,
+denen ihre Kinder ausgesetzt sind, und ich er&ouml;rterte die
+Zunahme der Berufsarbeit verheirateter Frauen nicht
+nur auf dem Gebiet der manuellen, sondern auch auf
+dem der geistigen Arbeit. &raquo;Die unausbleiblichen Folgen
+dieser Tatsachen liegen auf der Hand: entweder bricht
+der weibliche K&ouml;rper unter der doppelten Arbeitslast
+des Hauses und des Berufs vorzeitig zusammen und
+der Geist b&uuml;&szlig;t seine Leitungskraft ein, oder die H&auml;uslichkeit
+wird vernachl&auml;ssigt, und die junge Generation
+wird durch Mangel an Pflege und hygienisch einwandfreier
+Ern&auml;hrung aufs &auml;u&szlig;erste gesch&auml;digt&nbsp;... Die
+Gefahr ist zu gro&szlig;, zu dringend, als da&szlig; wir uns mit
+dem Appell an die Hilfe des Staats gen&uuml;gen lassen
+d&uuml;rften, wir m&uuml;ssen zu gleicher Zeit zur Selbsthilfe
+greifen.&laquo; Und nun entwarf ich meinen Plan. &raquo;Hungernde
+englische Weber waren die Sch&ouml;pfer der Konsumgenossenschaften,
+deren Kauffahrteischiffe heute die
+Meere durchziehen; der Wohnungsnot armer Arbeiter
+entsprang die Idee der Baugenossenschaften, deren
+H&auml;user &uuml;berall aus der Erde wachsen, &mdash; sollte der<a name="Page_396" id="Page_396"></a>
+Jammer der Frauen und der Kinder nicht die Haushaltungsgenossenschaft
+ins Leben rufen k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hlte die wachsende Erregung, die sich der Zuh&ouml;rerschaft
+bem&auml;chtigte. Es war das Zentrum der Interessensph&auml;re
+der meisten, in das ich getroffen hatte.
+Aber auf den Sturm, der sich erhob, war ich doch nicht
+gefa&szlig;t gewesen. Alle jene Gr&uuml;nde, mit denen die Sozialdemokratie
+vor Jahrzehnten der Selbsthilfe der Gewerkschaften
+entgegengetreten war, mit denen sie heute
+noch vielfach den Genossenschaften entgegentritt, &mdash; als
+Ablenkungen vom Hauptziel, der Verwirklichung des
+Sozialismus, und vom allein wichtigen Kampf: dem
+politischen; als Vers&ouml;hnungen des Proletariers mit dem
+Gegenwartsstaat, &mdash; wurden mir wie ein Hagel von
+Pfeilen entgegengeschleudert. Es fehlte nicht an scharfen
+Seitenhieben auf meinen Revisionismus, der sich darin
+dokumentiere, da&szlig; ich innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung
+sozialistische Ideen verwirklichen wolle,
+wie die alten, &uuml;berwundenen Utopisten.</p>
+
+<p>Nur wenige unterst&uuml;tzten mich. Die Frauenrechtlerinnen
+schwiegen.</p>
+
+<p>Bereits am n&auml;chsten Morgen ging mein Vortrag
+durch die Presse, entstellt, verspottet, beschimpft.</p>
+
+<p>&raquo;Der Zukunfts-Karnickelstall, wo sich das Familienleben
+auf das Schlafzimmer beschr&auml;nkt&laquo;, hie&szlig; es in der
+konservativen Presse; von der &raquo;Kaserne als Idealzustand&laquo;
+sprach die liberale. Als die Spottlust befriedigt
+war, kamen die pathetischen Artikel, die angesichts
+der drohenden Zerst&ouml;rung der Familie ihre Kassandrastimme
+erhoben. Und in den &raquo;Sprechs&auml;len&laquo; und
+&raquo;Frauenecken&laquo; zeterten die guten Hausfrauen, deren
+<a name="Page_397" id="Page_397"></a>einziges Zepter der Kochl&ouml;ffel war. Hatte ich sie schon
+durch die Dienstbotenbewegung gegen mich aufgebracht, &mdash; jetzt
+standen sie mir als ein Heer ger&uuml;steter Feinde
+gegen&uuml;ber. Der Kochherd war wirklich nicht nur der
+Inhalt, sondern die Grundlage ihres Familienlebens.</p>
+
+<p>&raquo;Die M&auml;nner werden &uuml;berhaupt nicht mehr heiraten,
+wenn sie keine Hausfrau brauchen,&laquo; jammerte eine ehrliche
+Naive.</p>
+
+<p>Ich wartete vergebens auf die Unterst&uuml;tzung der
+Frauen, die mir ihre Not oft selbst geklagt hatten: der
+Schriftstellerinnen, &Auml;rztinnen, K&uuml;nstlerinnen.</p>
+
+<p>&raquo;Nur ein Jahr lang sollten unsere m&auml;nnlichen Kollegen
+Suppe kochen und Str&uuml;mpfe stopfen,&laquo; hatte einmal eine
+von ihnen ausgerufen, &raquo;und wir w&uuml;rden an dem Fehlen
+gro&szlig;er Leistungen ihre geistige Minderwertigkeit beweisen
+k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>In den Bl&auml;ttern der Frauenbewegung fand mein
+Plan keinen Widerhall. Helma Kurz rief Ach und
+Wehe &uuml;ber mich, die ich &raquo;alle Frauen aus der trauten
+H&auml;uslichkeit in die Kaserne&laquo; treiben wolle. Keine der
+F&uuml;hrerinnen der Frauenbewegung begriff, da&szlig; die Befreiung
+der erwerbst&auml;tigen Frau von der Sklaverei der
+K&uuml;che eine ihrer Programmforderungen sein m&uuml;&szlig;te. Nur
+eine kleine Gruppe Menschen, die in der &Ouml;ffentlichkeit
+unbekannt waren, schlo&szlig; sich mir allm&auml;hlich an, und ein
+paar Baumeister meldeten sich, die den Mut gehabt
+h&auml;tten, ein Haus nach meinem Plan aufzuf&uuml;hren, &mdash; mit
+abgeschlossenen kleinen Wohnungen und Speiseaufz&uuml;gen
+aus der Zentralk&uuml;che. Wir waren &uuml;berzeugt, nur
+ein lebendiges Beispiel w&uuml;rde gen&uuml;gt haben, um die
+Bewegung in Flu&szlig; zu bringen. Aber wir waren zu
+<a name="Page_398" id="Page_398"></a>wenige, um das Bestehen des Hauses zu sichern, und
+mein Name, &mdash; der der Sozialdemokratin, &mdash; schreckte
+viele ab. Sie f&uuml;rchteten den kommunistischen Zukunftsstaat
+im Kleinen.</p>
+
+<p>Inzwischen kam Wanda Orbin nach Berlin und bat
+mich, da sie krank sei, &raquo;in wichtiger Angelegenheit&laquo; um
+meinen Besuch. Sie reichte mir nur die Fingerspitzen,
+als ich eintrat.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben die Interessen der Partei auf das schwerste
+verletzt,&laquo; begann sie im Ton eines Inquisitors, &raquo;und da
+es nicht das erste Mal geschieht, so bin ich verpflichtet,
+Sie zu warnen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich griff mir an die Stirn: was war es nur, was
+ich verbrochen hatte?!</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Agitation f&uuml;r die Haushaltungsgenossenschaft&nbsp;&mdash;&laquo;
+ich lachte ihr ins Gesicht; sollte sie mit so strenger Miene
+scherzen?! Aber sie runzelte die Stirn, &mdash; es war ihr Ernst,
+blutiger Ernst! &mdash; &raquo;hat weitere Kreise gezogen, als gut
+ist. Dergleichen verwirrt die K&ouml;pfe, st&ouml;rt die Einheitlichkeit
+des Vorgehens&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich stand auf. &raquo;M&ouml;chten Sie mir wohl noch mitteilen,
+worin meine erste Verletzung der Parteiinternen
+bestand?&laquo; fragte ich ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;Sollten Sie Ihren Plan eines Zentralausschusses f&uuml;r
+Frauenarbeit schon vergeben haben?&laquo; rief sie aus.</p>
+
+<p>&raquo;Und durch ihn habe ich die Partei gesch&auml;digt?! &mdash; Sie
+sind ja jetzt schon im Begriff, teilweise auszuf&uuml;hren,
+was ich wollte&nbsp;&mdash;!&laquo;</p>
+
+<p>Wanda Orbins Augen funkelten mich zornig an:
+&raquo;Wenn Sie die Unterschiede nicht verstehen, so beweist
+das nur wieder Ihren Mangel an proletarischem Be<a name="Page_399" id="Page_399"></a>wu&szlig;tsein&nbsp;&mdash;;&laquo;
+dabei kreischte ihre Stimme wie auf der
+Rednertrib&uuml;ne.</p>
+
+<p>&raquo;Mag sein!&laquo; entgegnete ich scharf. &raquo;Mir fehlt das
+Demagogentalent, um mich zur Proletarierin aufzuspielen.&laquo;
+Damit wandte ich mich zum Gehen, auf das tiefste verwundet.</p>
+
+<p>Mein Vortrag erschien im Verlag des &raquo;Vorw&auml;rts&laquo;
+als Brosch&uuml;re. Wanda Orbin &raquo;vernichtete&laquo; ihn in vier
+Leitartikeln, und ihre Autorit&auml;t war viel zu gewichtig,
+als da&szlig; sich innerhalb der Partei irgendeine Stimme
+f&uuml;r ihn erhoben h&auml;tte. Wie die Schnecke, wenn ihre
+F&uuml;hlh&ouml;rner unsanft ber&uuml;hrt werden, sich in ihr Haus
+zur&uuml;ckzieht, so hatte ich das Bed&uuml;rfnis, mich zu verkriechen.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; deine Ideen erst Wurzel fassen, Liebste,&laquo; tr&ouml;stete
+mich mein Mann; &raquo;sind sie lebenskr&auml;ftig, so f&auml;llt dir
+die Frucht von selbst in den Scho&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Ich l&auml;chelte wehm&uuml;tig &uuml;ber den Irrtum, in dem er
+sich befand. Was mich schmerzte, war nicht das momentane
+Scheitern eines Planes, sondern da&szlig; ich Wanda
+Orbin so klein gesehen hatte, die mir, auch mit ihren
+Fehlern, so gro&szlig; erschienen war. Und da&szlig; sie die anderen
+beherrschte, zum Teil mit Mitteln, gegen die ich mich
+waffenlos f&uuml;hlte!</p>
+
+<p>Nun galt es, statt alle Kr&auml;fte auf den Kampf f&uuml;r
+die gemeinsame Sache zu konzentrieren, sich f&uuml;r den
+eklen Streit im eigenen Lager stets gewappnet zu halten.</p>
+
+<p>Wenn ich mich abseits stellen, einer jener Eigenbr&ouml;dler
+werden k&ouml;nnte, mit Scheuklappen vor den Augen, immer
+nur ein Teilchen des allgemeinen Zieles verfolgend?!
+Da&szlig; ich unf&auml;hig daf&uuml;r war, bewies mir die Erfahrung
+mit meinem eigenen Plan. H&auml;tte ich das Talent und
+<a name="Page_400" id="Page_400"></a>die Z&auml;higkeit des Organisators gehabt, ich w&uuml;rde ihn
+in jahrelanger steter Arbeit, unbek&uuml;mmert um die Sp&ouml;tter,
+haben durchsetzen k&ouml;nnen. Und nun stand ich da und
+sah erschrocken auf meine H&auml;nde, die so leer geworden
+waren und so kraftlos.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die Sonne brannte auf dem Asphalt, braun und
+verdorrt hingen die Bl&auml;tter an den armen
+B&auml;umen, zu ihren steingepanzerten Wurzeln
+drang keine Luft und kein Tau. Grauer Staub deckte
+die B&uuml;sche wie mit Trauerschleiern. Wer drau&szlig;en im
+Wald den Sommer suchen ging, den empfingen die
+Kiefern schwarz und ernst und die blumenlosen Felder.
+O, da&szlig; ich empor auf einen Berg steigen k&ouml;nnte zu
+reiner Luft und klaren Quellen! Heimweh packte mich, &mdash; Heimweh
+nach den schmalen Pfaden zwischen
+duftenden, buntbl&uuml;henden Wiesen, nach dem stillen
+See im Buchenwald, wo zwischen Moos und Gestein
+M&auml;rchenblumen ihre Kelche &ouml;ffnen. Heimweh nach der
+gro&szlig;en Einsamkeit!</p>
+
+<p>Ob nicht der Geist der Frauen verk&uuml;mmert und ihr
+Gem&uuml;t verdorrt, weil sie nicht einsam sein d&uuml;rfen?</p>
+
+<p>&raquo;Geh, &mdash; erhole dich, &mdash; ruh' dich aus, und wenn es
+nur ein paar Tage sind, &mdash; es wird dir gut tun,&laquo; sagte
+mein Mann, dem meine Schlaflosigkeit, meine Bl&auml;sse
+anfiel; &raquo;ich und die Berta h&uuml;ten den Jungen.&laquo;</p>
+
+<p>Es bedurfte keiner &Uuml;berredungsk&uuml;nste, meine Sehnsucht,
+allein zu sein, ganz allein, war zu gro&szlig;. Ich
+fuhr nach dem Harz. Aber schon unterwegs packte mich
+die Unruhe: was konnte dem Kleinen inzwischen nicht
+<a name="Page_401" id="Page_401"></a>alles geschehen! Tausend Fragen und Sorgen schreckten
+mich am Tage, &auml;ngstliche Tr&auml;ume verfolgten mich bei
+Nacht. Und die Berge hier, die mir fremd waren,
+blieben mir stumm, und die rauschenden Quellen sprachen
+eine fremde Sprache.</p>
+
+<p>Da erreichte mich ein Brief meiner Mutter aus
+Heidelberg. &raquo;Erdmann ist aufgegeben,&laquo; hie&szlig; es darin,
+&raquo;und Ilse hat Lungenentz&uuml;ndung, deren Ausgang unabsehbar
+ist. Sie spricht oft von Dir&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Am selben Abend schrieb ich an meinen Mann:
+&raquo;Liebster! Ich halte es nicht aus ohne Dich, ohne Otto.
+Aber ehe ich zur&uuml;ckkehre, mu&szlig; ich Ilse wiedersehen.
+Nach den Andeutungen meiner Mutter ist alles zu
+f&uuml;rchten. Du hast mich ausgelacht, als ich Dir einmal
+sagte, da&szlig; ich mich ihr gegen&uuml;ber schuldig f&uuml;hle. Es
+kommt ja aber auch nicht darauf an, ob eine Schuld
+im Sinne landl&auml;ufiger Moral besteht, sondern darauf,
+ob ich sie empfinde. Ich mu&szlig; das gut machen, &mdash; damit
+ich mich nicht qu&auml;le, wenn das arme Kind sterben
+sollte, und damit sie mir wieder vertraut, wenn sie lebt
+und meiner bedarf&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ich reiste am selben Abend noch ab. Meine Mutter
+empfing mich am Bahnhof.</p>
+
+<p>&raquo;Es geht zu Ende,&laquo; sagte sie auf meinen fragenden
+Blick. &raquo;Und Ilse?&laquo; &raquo;Sie fiebert noch immer! Meine
+Ahnung betrog mich nicht. Diese ungl&uuml;ckselige Ehe!&laquo;</p>
+
+<p>Die letzten drei Worte stie&szlig; sie zwischen den Z&auml;hnen
+hervor. Es war kein z&auml;rtliches Mitleid, das sie empfand,
+sondern Emp&ouml;rung gegen das Geschick.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist lieb, da&szlig; du kommst, gute Schwester,&laquo; rief
+mir Ilse entgegen, als ich an ihr Bett trat. Seit
+<a name="Page_402" id="Page_402"></a>langem h&ouml;rte ich wieder den alten warmen Ton in
+ihrer Stimme, und ihr Gesichtchen hob sich rund und
+rosig von den wei&szlig;en Kissen ab, als w&auml;re es wieder
+das des s&uuml;&szlig;en kleinen M&auml;dchens von einst. Wu&szlig;te sie
+nicht, da&szlig; ein paar T&uuml;ren weiter ihr Mann im Sterben
+lag? Der Arzt trat ins Zimmer mit den Tropfen und
+dem Fieberthermometer. Ich sah, wie ihre Augen jeder
+seiner Bewegungen folgten, wie sie ihn anl&auml;chelte, voll
+dankbaren Vertrauens. Und in der Sorgfalt, mit der
+er ihr die Kissen r&uuml;ckte und den Vorhang am Fenster
+weit zur&uuml;ckschlug, damit die Sonnenstrahlen ihre Haare
+umspielen konnten, lag tiefere Empfindung, als die des
+Arztes. Bl&uuml;hte dem armen Kinde eine Herbstrose auf
+dem Totenacker?</p>
+
+<p>&raquo;Du gehst zu ihm?&laquo; fragte sie und lehnte sich mit geschlossenen
+Augen m&uuml;de zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; antwortete ich leise. Das L&auml;cheln aus ihrem
+Antlitz verschwand, die Lippen pre&szlig;ten sich zusammen.</p>
+
+<p>In Decken geh&uuml;llt, am weit offenen Fenster lag er.
+Die wei&szlig;en W&auml;nde des Zimmers, die Betten, das wei&szlig;e
+Geschirr, von blinkenden Metall unterbrochen, die wei&szlig;e
+Sch&uuml;rze der Pflegerin strahlten &uuml;ber sein eingefallenes
+gelbes Gesicht eine grausame Helle aus. Er war so
+geistvoll, so lebendig wie je; das h&auml;tte t&auml;uschen k&ouml;nnen,
+wenn mein Auge nicht eben auf die Morphiumspritze in
+der Hand der Diakonissin gefallen w&auml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh nur, wie wundersch&ouml;n das ist!&laquo; sagte er und
+sein Blick umfa&szlig;te in leidenschaftlicher Liebe das bunte
+Herbstlaub der B&auml;ume drau&szlig;en. Er hatte den Scho&szlig;
+voll kleiner Skizzen und lie&szlig; den Pinsel nur aus der
+Hand, wenn die Schw&auml;che ihn &uuml;bermannte.</p>
+<p><a name="Page_403" id="Page_403"></a></p>
+<p>&raquo;Hast du Ilse gesehen?&laquo; fragte er schlie&szlig;lich.</p>
+
+<p>Ich nickte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist noch viel, viel sch&ouml;ner als die Berge und
+der Wald,&laquo; fl&uuml;sterte er sehns&uuml;chtig.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage verlie&szlig; ich Heidelberg wieder. Eine
+bleierne M&uuml;digkeit bem&auml;chtigte sich meiner. Ich h&auml;tte
+immerfort schlafen m&ouml;gen. Dabei fand ich lauter dringende
+Briefe vor: der Verleger w&uuml;nschte eine raschere Erledigung
+der Korrekturen, der Verein f&uuml;r Haushaltungsgenossenschaften
+lud mich zur n&auml;chsten Sitzung, ein paar Parteigenossen
+erinnerten an die ihnen bereits zugesagten Vortr&auml;ge.</p>
+
+<p>Eine mir selbst Fremde stand ich auf der Rednertrib&uuml;ne.
+Jene Glut der Leidenschaft, die allein f&auml;hig
+ist, den Eisenmantel zu schmelzen, den Kummer und Not
+um die Herzen der &Auml;rmsten schmiedete, jene Klarheit der
+&Uuml;berzeugung, die allein das Dunkel des Vorurteils und
+der Unwissenheit zu durchleuchten vermag, fehlten mir
+und lie&szlig;en sich nicht erzwingen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin unf&auml;hig, zu sprechen, &mdash; erlassen Sie es mir
+diesmal,&laquo; bat ich einen der Genossen; &raquo;die Menschen
+kehren heim, ohne einen Gran Kraft und Klugheit gewonnen
+zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>Aber er bestand auf seinem Schein: &raquo;Ihr Name zieht,
+und wir brauchen einen vollen Saal.&laquo;</p>
+
+<p>Eines Abends sollte ich bei den Textilarbeitern referieren.
+Als ich kam, war der Saal leer, und der Wirt
+erz&auml;hlte mir, da&szlig; die Versammlung schon vor zwei Tagen
+stattgefunden und man mich vergebens erwartet habe.
+Ich zog die Einladungskarte aus der Tasche: nur das
+Datum war angegeben, nicht der Tag, und dieses stimmte.<a name="Page_404" id="Page_404"></a>
+Der Vertrauensmann der Gewerkschaft, zu dem ich ging,
+mu&szlig;te mir best&auml;tigen, da&szlig; der Irrtum nicht auf meiner
+Seite lag. Wenige Tage sp&auml;ter h&ouml;rte ich, eine der Genossinnen
+habe behauptet, ich h&auml;tte das Datum gef&auml;lscht,
+um mich der Aufgabe zu entziehen, und habe hinzugef&uuml;gt,
+sowas sei bei mir schon &ouml;fter vorgekommen. Auf das
+&auml;u&szlig;erste emp&ouml;rt, verlangte ich eine Untersuchung der
+Angelegenheit. Ein Schiedsgericht trat zusammen. In
+endlosen Sitzungen wurden Zeugen vernommen, die Einladungskarte
+gepr&uuml;ft, verglichen. Ich ballte die F&auml;uste
+unter dem Tisch vor Erregung und konnte mich doch
+dem Eindruck nicht entziehen, den die ruhige Gr&uuml;ndlichkeit
+all dieser Arbeiter auf mich machte. An Ernst und
+Objektivit&auml;t, an Takt und W&uuml;rde standen sie turmhoch
+&uuml;ber ihren weiblichen Klassengenossen, mit denen ich
+bisher zusammengekommen war. Eine formelle Ehrenerkl&auml;rung,
+die mir schriftlich zuging, war das Resultat
+der Verhandlungen. Aber die Empfindung, besudelt zu
+sein, wurde ich lange Zeit nicht los.</p>
+
+<p>Ich vertiefte mich in die Korrekturen meiner &raquo;Frauenfrage&laquo;.
+Und die Genugtuung &uuml;ber meine Arbeit wirkte
+wie ein st&auml;rkendes und reinigendes Bad.</p>
+
+<p>Mitten in der Arbeit an den letzten Druckbogen besuchte
+mich die weibliche Vertrauensperson meines Wahlkreises.
+F&uuml;r eine gro&szlig;e Volksversammlung, die in den
+allern&auml;chsten Tagen stattfinden und sich mit den von der
+Regierung angek&uuml;ndigten Zollerh&ouml;hungen besch&auml;ftigen
+sollte, hatte man mir den Vortrag zugedacht. Ich lehnte
+ab. Meine Besucherin wurde immer dringender.</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen kommen,&laquo; erkl&auml;rte sie schlie&szlig;lich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig;?! Warum?!&laquo; fragte ich verwundert.</p>
+<p><a name="Page_405" id="Page_405"></a></p>
+<p>&raquo;Wir haben Ihren Namen schon auf die Plakate gedruckt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Ihre Schuld, &mdash; nicht die meine,&laquo; entgegnete
+ich; &raquo;selbst wenn ich Zeit h&auml;tte, mich binnen zwei Tagen
+auf ein schwieriges Thema, wie den drohenden Zolltarif,
+vorzubereiten, w&uuml;rde ich bei meiner Ablehnung bleiben
+und Sie die Folgen eines so unverantwortlichen Vorgehens
+tragen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie warf mir noch einen rachs&uuml;chtigen Blick zu und ging.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Mein Buch erschien. Die Aufnahme, die ihm
+zuteil wurde, entsch&auml;digte mich f&uuml;r viele
+Schmerzen und gab mir das Vertrauen in
+die eigene Kraft zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben mehr geleistet, als ich erwartet hatte, und
+das will viel sagen,&laquo; schrieb mir Romberg. &raquo;Ihr Werk
+ist eine wissenschaftliche Leistung, dem keine Kritik und
+keine Zeit den Charakter eines <em class="antiqua">standard work</em> nehmen
+wird, und &mdash; was f&uuml;r mich seinen gr&ouml;&szlig;ten Wert ausmacht &mdash; der
+Ausdruck einer starken Pers&ouml;nlichkeit. Die
+objektive Wissenschaft ist zweifellos etwas sehr Gro&szlig;es,
+aber der Mensch bleibt immer das Allergr&ouml;&szlig;te&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Nur zwei Zeitschriften rissen meine Arbeit herunter:
+die Monatsbl&auml;tter von Helma Kurz und &mdash; die &raquo;Freiheit&laquo;
+von Wanda Orbin.</p>
+
+<p>&raquo;Alix Brandts Buch ist jeder M&uuml;tterlichkeit und jeder
+Wissenschaftlichkeit bar,&laquo; hie&szlig; es in dem einen Blatt;
+&raquo;die Genossin Brandt h&auml;tte in der Kleinarbeit der Agitation
+erst lernen und sich bew&auml;hren m&uuml;ssen, ehe sie
+etwas f&uuml;r die Arbeiterinnenbewegung wirklich N&uuml;tzliches
+<a name="Page_406" id="Page_406"></a>h&auml;tte schaffen k&ouml;nnen,&laquo; lautete das Endurteil in dem
+anderen.</p>
+
+<p>Ich lachte zuerst und dachte daran, wie ich von einer
+meiner b&uuml;rgerlichen Gegnerinnen einmal pathetisch als
+ein &raquo;Trib&uuml;nenweib&laquo; bezeichnet worden war, &raquo;deren
+Lenden nie ein Kind getragen haben&laquo;, und eine Genossin
+mir als schwere Unterlassungss&uuml;nde die Tatsache
+vorgehalten hatte, da&szlig; ich eine wichtige Parteipflicht &mdash; die,
+Flugbl&auml;tter auszutragen &mdash; noch nicht erf&uuml;llt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Aber dann verging mir das Lachen. Mein ganzes
+Ich lag in dem Buch, all mein Wissen, mein Glauben,
+mein Hoffen. &raquo;Meinem Mann und meinem Sohn&laquo; stand
+als Widmung vor dem Titel. Das war keine blo&szlig;e
+Form, es war ein Bekenntnis: ich h&auml;tte es nicht schreiben
+k&ouml;nnen ohne das Doppelerlebnis der Liebe und der Mutterschaft,
+das aus dem Kinde erst den Menschen macht, das
+Schleier von den Augen rei&szlig;t und eiserne Klammern
+von den Herzen. Es sind M&auml;nner gewesen, die die
+Madonna zur Mutter Gottes erhoben, denn nur der
+lebendig befruchtete Scho&szlig; vermag Lebendiges zu geb&auml;ren.
+Und arme Irre waren es, die die Jungfrauschaft
+mit dem Heiligenschein kr&ouml;nten. Denn die Voranleuchtenden
+sind nur, die des Lebens Tiefen ersch&ouml;pften.</p>
+
+<p>An die M&uuml;tterlichkeit hatte ich appelliert mit jedem
+Satz, den ich niederschrieb. Aus einem primitiven
+Empfinden, das &uuml;ber die Wiege des eigenen Kindes
+kaum hinausging, sollte sie zu weltumspannender Kraft
+sich entfalten. All die Tausende und Abertausende Hilfloser
+und Entrechteter hatte ich aufgeboten, da&szlig; sie die
+M&uuml;tter suchen sollten. Einst pochte ihr Murmelgebet:
+&raquo;Heilige Maria, bitte f&uuml;r uns!&laquo; umsonst an das Tor
+<a name="Page_407" id="Page_407"></a>des Himmels, &mdash; sollte ihre stumme Not auf der Erde
+keine Antwort finden?</p>
+
+<p>Waffen hatte ich geschmiedet f&uuml;r die Proletarierinnen,
+Waffen, &mdash; ich wu&szlig;te es, &mdash; die unzerbrechlich waren.
+Ich erwartete keinen Dank daf&uuml;r, denn da&szlig; ich sie
+schaffen konnte, war Dank genug. Nur nehmen, nur
+gebrauchen sollten sie meine Klingen und Pfeile.</p>
+
+<p>&raquo;Warte die Zeit ab,&laquo; sagte mein Mann. Aber ich
+fieberte nach Tat, nach Wirken, &mdash; ich konnte nicht warten.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Dem Arbeiterinnen-Bildungsverein und einzelnen
+der f&uuml;hrenden Genossinnen hatte ich mein
+Buch zur Verf&uuml;gung gestellt. Eines Morgens
+bekam ich einen Brief von Martha Bartels.
+Schon freute ich mich, &mdash; ich werde sie wiedergewonnen
+haben, dachte ich, und erinnerte mich, wie sie mir, der
+Fremden, einst entgegengekommen war, als ich noch Alix
+von Glyzcinski hie&szlig;.</p>
+
+<p>Ich lie&szlig; ihren Brief in den Scho&szlig; fallen, als ich
+seine wenigen Zeilen durchflogen hatte, und lehnte mich
+mit einem Gef&uuml;hl von Schwindel in den Stuhl zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Nachdem Ihre Unzuverl&auml;ssigkeit in der Ausf&uuml;hrung
+&uuml;bernommener Parteipflichten wieder offenbar wurde,&laquo;
+schrieb sie, &raquo;haben die Genossinnen einstimmig beschlossen,
+Sie zu unseren Sitzungen nicht mehr einzuladen.&laquo;</p>
+
+<p>Ein formeller Ausschlu&szlig; also, &mdash; ohne Gr&uuml;nde anzugeben, &mdash; ohne
+mich zu h&ouml;ren! Und das in einer
+Partei, die die Ideale der Demokratie vertritt! Ich
+verlangte, mir zu gew&auml;hren, was die Gesetzgeber des
+kapitalistischen Staates den M&ouml;rdern und Dieben zu<a name="Page_408" id="Page_408"></a>gestehen:
+mich vor meinen Richtern verteidigen zu
+k&ouml;nnen. Man antwortete mir nicht. Ich erfuhr schlie&szlig;lich,
+da&szlig; jene Genossin, die mich vergebens zu einem
+Vortrag hatte pressen wollen, die Sache so dargestellt
+hatte, als ob ich mein gegebenes Wort gebrochen h&auml;tte.
+Und ich h&ouml;rte weiter, da&szlig; meine &raquo;F&auml;lschung&laquo; jener
+Einladungskarte zum Referat bei den Textilarbeitern
+noch immer in aller Munde sei. Ich sandte die Ehrenerkl&auml;rung
+der Gewerkschaft ein, ich zwang die L&uuml;gnerin,
+ihre Behauptung zu widerrufen. Es n&uuml;tzte nichts.</p>
+
+<p>&raquo;Wir erkennen an, da&szlig; in diesen beiden F&auml;llen ein
+Irrtum vorlag,&laquo; schrieb Martha Bartels, &raquo;aber es
+stehen noch so viele andere fest, wo Sie sich als unzuverl&auml;ssig
+erwiesen haben, da&szlig; die Genossinnen an ihrem
+einstimmigen Beschlu&szlig;, Ihre Mitarbeit abzulehnen, festhalten.&laquo;</p>
+
+<p>Ich ging zum Parteivorstand, um die Einsetzung eines
+Schiedsgerichts zu fordern. &raquo;Liebe Genossin,&laquo; sagte
+Auer, mir gutm&uuml;tig die breite Hand auf die Schulter
+legend, &raquo;tun Sie das nicht! Lehren Sie mich unsere
+Weiber kennen! Jedes Schiedsgericht wird Ihnen recht
+geben, &mdash; nat&uuml;rlich! Aber, glauben Sie, da&szlig; damit
+geholfen ist?! Schon am n&auml;chsten Tag werden die
+Klatschm&auml;uler, denen Sie nun einmal ein Dorn im
+Auge sind, neue, noch schlimmere S&uuml;nden &uuml;ber Sie zu
+verbreiten wissen, und das modernisierte Gerichtsverfahren
+der heiligen Fehme wird alle demokratischen Schiedsspr&uuml;che
+umsto&szlig;en. &Uuml;berlassen Sie der Wanda die
+Weiber! F&uuml;r Ihren T&auml;tigkeitsdrang ist in der Partei
+noch Raum genug.&laquo;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;gte mich seiner Ansicht. Ob aus Einsicht, aus<a name="Page_409" id="Page_409"></a>
+M&uuml;digkeit, aus Ekel? Ich wei&szlig; es nicht mehr. Auers
+Hand umspannte die meine schmerzhaft fest.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen Sie von mir alten Kerl noch einen Rat auf
+den Weg nehmen?&laquo; fragte er. &raquo;Wer auf hoher Warte
+steht, dem sollten die leid tun, die sich von unten im
+Schwei&szlig;e ihres Angesichts abm&uuml;hen, mit Steinen zu
+werfen. Er sollte immer &uuml;ber sie hinwegsehen. Dann
+h&ouml;ren sie von selber auf und besinnen sich, da&szlig; ein
+Weg da ist, auf dem auch sie aufw&auml;rtssteigen k&ouml;nnten ...
+Wer die Distanz nicht wahren kann, ist kein Politiker.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Distanz, &mdash; das bedeutet Fernsein, K&uuml;hle,&laquo;
+antwortete ich mit einem leisen Seufzer, &raquo;&mdash;&nbsp;ich liebe
+die Menschen; ich m&ouml;chte von ihnen geliebt sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie lieben die Menschen, &mdash; diese Menschen?! Sie
+scherzen!&laquo; Er reckte sich zu seiner ganzen Gr&ouml;&szlig;e. &raquo;Wir
+w&uuml;rden sie erhalten, wenn wir sie lieben w&uuml;rden. Aber
+wir wollen sie &uuml;berwinden &mdash; mit dem gewaltigen Erziehungsmittel
+einer neuen Gesellschaftsordnung&nbsp;&mdash;, also
+hassen wir sie.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sch&uuml;ttelte den Kopf. War das eine hohe Warte?
+W&uuml;rde ich sie je erreichen, &mdash; erreichen wollen?!</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_410" id="Page_410"></a></p>
+<h2><a name="Zwolftes_Kapitel" id="Zwolftes_Kapitel"></a>Zw&ouml;lftes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Probleme werden nicht durch Resolutionen aus
+der Welt geschafft. Auch der beste Wille der
+Streitenden, &mdash; und es gab Augenblicke, wo
+selbst Eduard Bernstein die Schw&auml;che dieses &raquo;guten
+Willens&laquo; hatte und Hervorragende unter seinen Anh&auml;ngern
+den &raquo;Revisionismus&laquo; als eine neue Richtung
+innerhalb der Partei abschworen, &mdash; vermag das Streitobjekt
+nicht aus der Welt zu schaffen. Einmal ausgesprochene
+Gedanken l&ouml;sen sich gleichsam von dem, der
+sie dachte, ab und haben ein selbst&auml;ndiges Leben.</p>
+
+<p>Die Beschl&uuml;sse des Parteitags von Hannover hatten
+nichts zur Folge, als einen Waffenstillstand. Bernsteins
+Rede im sozialwissenschaftlichen Studentenverein
+er&ouml;ffnete den Kampf von neuem. In Artikeln, Reden
+und Brosch&uuml;ren wurde er mit steigender Erbitterung gef&uuml;hrt.
+Und die aufreizenden Zurufe der Zuschauer, die
+vom n&auml;chsten Tage die Spaltung der Sozialdemokratie
+erwarteten und erhofften, erhitzte die K&auml;mpfenden noch
+mehr. Die wachsende Leidenschaft t&ouml;tete jede Objektivit&auml;t.
+Keiner gestand dem anderen die Ehrlichkeit der
+Gesinnung zu. Hinter jeder &Auml;u&szlig;erung eines Revisionisten
+entdeckte der orthodoxe Marxist Parteiverrat, in
+jeder Verteidigung des radikalen Standpunktes sah der<a name="Page_411" id="Page_411"></a>
+Revisionist dogmatische Verbohrtheit und bewu&szlig;tes Demagogentum.
+Er &uuml;berh&ouml;rte geflissentlich die Lehren der
+Psychologie und der Geschichte, aus denen er h&auml;tte
+folgern k&ouml;nnen, da&szlig; die Verteidigung der Tradition,
+der grundlegenden Dogmen des Sozialismus notwendig
+zu demselben Ha&szlig;, derselben Verfolgung der Angreifer
+f&uuml;hren mu&szlig;, wie einst die des Heidentums gegen die
+Christen, der r&ouml;mischen Kirche gegen die Reformation.</p>
+
+<p>Aber ein noch merkw&uuml;rdigeres Zeichen daf&uuml;r, wie
+wenig blo&szlig;e Erkenntnisse des Verstandes die urspr&uuml;ngliche,
+nur auf die Einfl&uuml;sse des Gef&uuml;hls reagierende
+Natur des Menschen zu &auml;ndern verm&ouml;gen, war die
+Haltung der Radikalen. Sie verleugneten in ihrem
+Zorn eine der Grundlagen ihrer eigenen Anschauung:
+die materialistische Geschichtsauffassung. Es war die
+befreiendste Lehre, die Marx hinterlie&szlig;, zu der sich allm&auml;hlich,
+bewu&szlig;t oder unbewu&szlig;t, auch Nichtsozialisten
+bekannten: da&szlig;, da &raquo;alles flie&szlig;t&laquo;, auch die Theorien
+sich entwickeln m&uuml;ssen, entsprechend den Wandlungen
+des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. In diesem
+Sinne war der Revisionismus marxistisch und der Radikalismus
+reaktion&auml;r.</p>
+
+<p>Die ernsten K&auml;mpfe zwischen den beiden Richtungen
+spielten sich zwischen den geistigen F&uuml;hrern ab, von
+denen die einen die Masse der Arbeiterschaft hinter sich
+hatten, die anderen noch Offiziere waren ohne Armee.
+In dem harten Sch&auml;del der Proletarier sa&szlig; jeder Buchstabe
+des sozialistischen Apostolikums noch fest; wurde
+der Kampf daher in die Volksversammlungen getragen,
+so &auml;u&szlig;erte er sich in w&uuml;stem Geschimpfe gegen die
+Neuerer, die dem Armen das Beste zu ersch&uuml;ttern
+<a name="Page_412" id="Page_412"></a>drohten, was ihnen der Sozialismus gegeben hatte:
+ihren Glauben. Es kam aber noch ein anderes hinzu:
+der Respekt vor der Wissenschaft, zu dem der Sozialismus
+sie verpflichtete, ging Hand in Hand mit einem
+gl&uuml;henden Verlangen nach Wissen. Bildungsschulen,
+wissenschaftliche Vortr&auml;ge und Kurse kamen diesem Verlangen
+entgegen und pfropften auf den lebensschwachen
+Baum der Volksschule ein Reis, unter dessen Fr&uuml;chten
+Dilettantismus und Bildungsd&uuml;nkel am besten gediehen.
+Wozu ernste Denker Jahrzehnte brauchen, das glaubte
+der Proletarier in ein paar Abendstunden erreichen zu
+k&ouml;nnen. Da&szlig; er es glaubte, war nicht seine Schuld:
+die Naivit&auml;t seiner Jugend unterst&uuml;tzte die Partei, die
+ihm in Wort und Schrift nichts mehr einpr&auml;gte als
+die &Uuml;berzeugung von der Dummheit seiner Gegner. Als
+Gegner aber erschienen ihm auch die Revisionisten. Zu
+seinem gef&uuml;hlsm&auml;&szlig;igen Ha&szlig; gegen die Unruhstifter trat
+die hochm&uuml;tige Verachtung der Akademiker hinzu.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Einmal, &mdash; ich war gerade von einer Agitationsreise
+zur&uuml;ckgekehrt, &mdash; beklagte ich mich dar&uuml;ber,
+als Reinhard gerade bei uns war.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Sie sonst f&uuml;r so verst&auml;ndig gehalten,&laquo;
+sagte er; &raquo;da&szlig; Sie nun auch so nerv&ouml;s, so empfindlich
+geworden sind! &mdash; Ich kann Ihnen versichern: mir selbst
+kommt der Krakehl zum Halse heraus! Er macht unsere
+Leute kopfscheu; von jedem Gegner wird er uns aufs
+Butterbrot geschmiert. Au&szlig;erdem haben wir doch jetzt,
+ein Jahr vor den Reichstagswahlen und angesichts der<a name="Page_413" id="Page_413"></a>
+Zolltarif-Vorlage Besseres zu tun, als uns &uuml;ber die Verelendungstheorie
+die K&ouml;pfe blutig zu schlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind wir etwa daran schuld?!&laquo; fuhr Heinrich auf.
+&raquo;Oder nicht viel mehr die Gro&szlig;inquisitoren der &#8250;Neuen
+Zeit&#8249;, die seit Jahr und Tag ihre Sp&uuml;rhunde auf uns
+hetzen?! Die jungen Leute, die noch nichts geleistet
+haben, als ihnen nachzubeten, gestatten, gegen alte verdiente
+Genossen, &mdash; einen Jaur&egrave;s, einen Auer, einen
+Vollmar, &mdash; wie gegen Schwachk&ouml;pfe oder Verr&auml;ter vom
+Leder zu ziehen?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Propheten aus dem Osten nicht zu vergessen,
+die desgleichen tun&nbsp;&mdash;,&laquo; unterbrach ihn Reinhard mit
+einem sarkastischen L&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Die geh&ouml;ren in dieselbe Kategorie, nur da&szlig; ihre, &mdash; na,
+sagen wir parlamentarisch: Unbescheidenheit
+noch gr&ouml;&szlig;er ist. Vom Kothurn ihrer Unentwegtheit
+herab f&uuml;hren sie das gro&szlig;e Wort, und ihr Ziel ist offensichtlich
+der Bannfluch, d.&nbsp;h. der Ausschlu&szlig; aller derer
+aus der Partei, die eine selbst&auml;ndige Meinung haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man Sie so schimpfen h&ouml;rt, lieber Brandt,
+k&ouml;nnte man die Schicksalsf&uuml;gung segnen, die Sie bisher
+verhinderte, Ihre Zeitschrift ins Leben zu rufen,&laquo; sagte
+Reinhard. &raquo;Wenn Sie all Ihre Wut noch in Druckerschw&auml;rze
+verwandeln w&uuml;rden!!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich werde mein
+Blatt zum Kampfplatz f&uuml;r Theoretiker machen,&laquo; entgegnete
+Heinrich ruhig. &raquo;Mir w&uuml;rde es in erster Linie
+darauf ankommen, praktische Politik zu treiben. Da&szlig;
+das auf allen Gebieten des &ouml;ffentlichen Lebens notwendig
+ist, da&szlig; es endlich an der Zeit wird, den ruhenden
+Kolo&szlig; der Partei in Bewegung zu setzen und Tages<a name="Page_414" id="Page_414"></a>arbeit
+verrichten zu lassen, &mdash; das scheint mir das wichtigste
+Ergebnis der gegenw&auml;rtigen Bewegung.&laquo;</p>
+
+<p>Reinhard stand auf, stampfte &auml;rgerlich mit der Kr&uuml;cke
+auf den Boden und sagte: &raquo;Als ob das alles eine blitzblanke
+neue Erfindung w&auml;re! Was war es denn, was
+wir lange vor Bernstein in den Parlamenten, in den
+Kommunen, in den Gewerkschaften und Genossenschaften
+getrieben haben?! Der ganze Unterschied zwischen den
+Revisionisten und den Radikalen ist, da&szlig; die einen in
+der Arbeiterschutzgesetzgebung, in der Gewerkschafts- und
+Genossenschaftsbewegung, in der allm&auml;hlichen Demokratisierung
+des Staats nichts als Erziehungsmittel f&uuml;r
+das Proletariat erblicken, und die anderen Sozialisierungen
+der Gesellschaft, Voraussetzungen des Sozialismus.
+Dem Arbeiter aber ist's wirklich einerlei, wie die
+Dinge hei&szlig;en, die er bekommt, wenn er sie nur &uuml;berhaupt
+kriegen kann. Und darum&nbsp;&mdash;&laquo; er ging erregt
+im Zimmer auf und nieder &mdash; &raquo;begreife ich die ganzen
+Skandale nicht und f&uuml;hle es meinen Genossen nach,
+wenn sie euch Akademiker mi&szlig;trauisch betrachten. Wir
+sind ja auf dem besten Wege, &mdash; was werft ihr Steine
+in unseren Teich?! Sehen Sie sich z.&nbsp;B. mal die
+Tagesordnung unseres Stuttgarter Gewerkschaftskongresses
+an! Sie waren ja dabei, als man sich w&uuml;tend an die
+Gurgeln fuhr, weil der eine die sozialpolitische T&auml;tigkeit
+der Gewerkschaften forderte, der andere sie f&uuml;r
+sch&auml;dlich hielt. Und ich selbst, &mdash; Sie besinnen sich! &mdash; war
+der radikalsten einer. An meiner eigenen Entwicklung
+m&ouml;gen Sie die Entwicklung der ganzen Bewegung
+messen. In aller Stille ist viel Wasser die
+Spree hinuntergelaufen, und jetzt sind wir mitten drin
+<a name="Page_415" id="Page_415"></a>in der Sozialpolitik. Oder betrachten Sie unsere Haltung
+in der inneren Politik: denken Sie an die Budgetbewilligung
+der Badener im vorigen Jahr, &mdash; Bebel
+hat sie freilich hinterher heruntergeputzt, &mdash; oder an
+die Zustimmung unserer bayrischen Landtagsfraktion
+zur Wahlreform, &mdash; Bebel wird sie nat&uuml;rlich darum
+auch noch unter die Lupe des Prinzips nehmen&nbsp;&mdash;.
+Und, vor allem!, erinnern Sie sich, wie selbst die &auml;rgsten
+berliner Revolution&auml;re mit dem dreifachen R jetzt
+stramm und einig zur Landtagswahl aufmarschieren.
+Von dem Augenblick an, wo der Parlamentarismus den
+Charakter des Kr&auml;utchens R&uuml;hrmichnichtan f&uuml;r uns verloren
+hatte, sind wir folgerichtig weitergegangen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte ihm mit wachsendem Interesse zugeh&ouml;rt.
+&raquo;Und was wollen Sie mit alledem beweisen?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; der ganze Stank und Zank &uuml;berfl&uuml;ssig ist. &mdash; Sowohl
+vom Standpunkt eurer Angst um Versumpfung
+und Verkn&ouml;cherung der Partei, wie vom Standpunkt all
+der radikalen Kassandras m&auml;nnlichen und weiblichen
+Geschlechts, die um unser sozialistisches Seelenheil
+zittern. Wahrhaftig: wenn wir mit der Bourgeoisie
+paktieren, so doch nur, um f&uuml;r uns das Sch&auml;fchen ins
+Trockne zu bringen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich folgere aus Ihren Beweisf&uuml;hrungen etwas ganz
+anderes,&laquo; rief ich aus. &raquo;Da die Praxis wieder einmal
+der Theorie vorausgeeilt ist, so mu&szlig; die Theorie sich
+ihr anpassen, sonst kommt der Moment, wo das Band
+zwischen beiden zerrei&szlig;t. Die Lehre von der planm&auml;&szlig;igen
+Demokratisierung und Sozialisierung der kapitalistischen
+Gesellschaft mu&szlig; an Stelle des Dogmas von
+der alleinseligmachenden Revolution treten&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+<p><a name="Page_416" id="Page_416"></a></p>
+<p>&raquo;Aber das ist doch genau dasselbe!&laquo; polterte Reinhard.
+&raquo;Selbst der d&uuml;mmste Radikale denkt doch nicht im
+Schlaf daran, da&szlig; er die H&auml;nde nur in den Scho&szlig; zu
+legen und auf die gebratene Taube der politischen Macht
+zu warten braucht, die ihm ins Maul fliegen wird!
+Jeder Rekrut in unserer Armee sieht alle Tage, wie sie
+sich jede Handbreit politischer Macht schrittweise erobern
+mu&szlig;. Ebenso w&auml;chst ihr Einflu&szlig; nur nach und nach,
+und das ber&uuml;hmte Endziel kann nichts anderes sein als
+die letzte Kr&ouml;nung des Geb&auml;udes.&laquo;</p>
+
+<p>Mein Mann l&auml;chelte: &raquo;Ich sage ja: Sie sind Revisionist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zum Donnerwetter, nein! &mdash; Ich bin Sozialdemokrat!&laquo; &mdash; Reinhards
+Augen gl&auml;nzten &mdash; &raquo;Und ihr seid
+Rabulisten.&laquo;</p>
+
+<p>Beim Abschied nahm sein Gesicht wieder den alten,
+gutm&uuml;tig-freundlichen Ausdruck an.</p>
+
+<p>&raquo;Nichts f&uuml;r ungut, Genossen!&laquo; brummte er mit einem
+leichten Anflug von Verlegenheit; dann reichte er
+meinem Mann die Hand. &raquo;Sie k&ouml;nnen auf mich
+rechnen. Wenn Ihr Blatt praktische Politik treiben
+wird, &mdash; in bewu&szlig;tem Gegensatz zu unseren Zeitschriften
+von rechts und links, die sich um des Kaisers Bart
+raufen, &mdash; so wird es befreiend wirken und seines Erfolges
+bei unseren Genossen sicher sein.&laquo;</p>
+
+<p>Als er gegangen war, reichte mir mein Mann einen
+Brief von Romberg.</p>
+
+<p>&raquo;...&nbsp;Ihre Pl&auml;ne sind mir immer wieder durch den
+Kopf gegangen,&laquo; schrieb er, &raquo;und der Gedanke, das
+&#8250;Archiv&#8249; selbst zu erwerben, lie&szlig; mich nicht los. Trotzdem
+bin ich zu dem Entschlu&szlig; gelangt, meine pers&ouml;n<a name="Page_417" id="Page_417"></a>lichen
+W&uuml;nsche nicht nur zu unterdr&uuml;cken, sondern Ihnen
+&uuml;berdies den dringenden Rat zu geben, die Verkaufsidee &uuml;berhaupt
+fallen zu lassen. Sie wissen selbst, da&szlig; das neue
+Unternehmen, dem Sie Ihren Brotgeber, das Archiv,
+opfern wollen, in bezug auf seinen materiellen Erfolg
+ein ganz unsicheres ist. St&uuml;nden Sie allein, so k&ouml;nnten
+Sie meinetwegen den Husarenritt unternehmen, aber
+Sie haben Familie, &mdash; ver&uuml;beln Sie es meiner aufrichtigen
+Freundschaft nicht, wenn mich die Sorge um
+sie in diesem Zusammenhang von ihr sprechen l&auml;&szlig;t. Ich
+wei&szlig;: Frau Alix zieht in diesem Augenblick z&uuml;rnend die
+Brauen zusammen; sie ist ja noch fanatischer, noch
+leichtsinniger wie Sie. Seien Sie darum doppelt klug
+f&uuml;r beide und erhalten Sie sich das Archiv. Es kann
+einmal die Rolle der Planke spielen, die Sie vor dem
+Ertrinken rettet&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ich warf den Brief heftig auf den Tisch. &raquo;Da&szlig;
+Romberg solch bourgeoise Anschauungen hat!&laquo; rief ich
+aus. &raquo;Als ob wir beide nicht im Notfall schwimmen
+k&ouml;nnten!&laquo; Heinrich zog mich z&auml;rtlich in die Arme.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; du so denkst, wei&szlig; ich,&laquo; sagte er, &raquo;trotzdem
+werde ich handeln wie ein Bourgeois!&laquo; Ich wollte auffahren.
+&raquo;So h&ouml;re doch erst zu, ehe du schimpfst!&laquo;
+meinte er l&auml;chelnd. &raquo;Besinnst du dich auf Lindner, den
+jungen Dichter, den wir auf dem Pariser Kongre&szlig; getroffen
+haben?&laquo; Ich nickte. &raquo;Er tauchte vor kurzem
+hier auf und besuchte mich, w&auml;hrend du weg warst: ein
+sympathischer Mensch, dessen Sch&uuml;chternheit alle seine
+guten Absichten im Keime erstickt. Er m&ouml;chte in der
+Partei wirken; aber auf der einen Seite f&uuml;rchtet er als
+Akademiker das Mi&szlig;trauen der Genossen, auf der an
+<a name="Page_418" id="Page_418"></a>deren Seite st&ouml;&szlig;t ihn die P&ouml;belgesinnung zur&uuml;ck, die
+ihm vielfach schon begegnete. Er sch&uuml;ttete mir sein
+Herz aus; dabei erfuhr ich, da&szlig; er der einzige Sohn
+reicher Leute ist. Ich sprach ihm von unserem Plan, er
+war sofort Feuer und Flamme daf&uuml;r.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und gibt die Mittel?!&laquo; unterbrach ich Heinrich erregt.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn die Eltern, von denen er noch abh&auml;ngig ist,
+sie ihm bewilligen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Endlich dem Ziele nah! war der einzige Gedanke,
+der mich beherrschte; winzig erschienen ihm gegen&uuml;ber
+die noch vorhandenen Hindernisse.</p>
+
+<p>Einige Tage sp&auml;ter kam Lindner zu uns: ein lang
+aufgeschossener blonder Mensch, mit kurzsichtig zwinkernden
+bla&szlig;blauen &Auml;uglein und schlaffen, feuchten H&auml;nden.
+Er gefiel mir nicht. Aber ich unterdr&uuml;ckte rasch diese
+erste instinktm&auml;&szlig;ige Empfindung.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte den Arbeitern die Kunst nahe bringen,&laquo;
+sagte er im Verlauf unseres schwerf&auml;llig sich hinschleppenden
+Gespr&auml;chs.</p>
+
+<p>&raquo;Die Freien Volksb&uuml;hnen erf&uuml;llen, wie mir scheint,
+Ihren Wunsch. Sie haben Tausende von Mitgliedern
+aus Arbeiterkreisen und leisten Vorz&uuml;gliches,&laquo; antwortete
+ich.</p>
+
+<p>&raquo;So meinte ich es nicht, nein&nbsp;&mdash;,&laquo; und die Stimme
+unseres Gastes, die noch den Timbre der Knabenstimme
+hatte, obwohl er l&auml;ngst &uuml;ber die Entwicklungsjahre
+hinaus war, wurde lebhafter; &raquo;ich dachte, es
+m&uuml;&szlig;te m&ouml;glich sein, das K&uuml;nstlertum im Proletariat zu
+erwecken, eine neue Kunst &mdash; die Kunst der Zukunft &mdash; entstehen
+zu lassen. Ich w&uuml;rde das als meine Aufgabe ansehen.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_419" id="Page_419"></a>Ich musterte ihn genauer: er war gar nicht dumm,
+er hatte sogar einen originellen Zug.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube nicht recht daran,&laquo; sagte ich dann langsam.
+&raquo;Da&szlig; die Talente sich durchsetzen, geh&ouml;rt zu den
+Fabeln der Menschheit. Der harte Kampf ums Dasein
+erstickt die meisten ihrer Keime. Und die davon doch
+zur Bl&uuml;te gelangen, verk&uuml;mmern schlie&szlig;lich im Dilettantismus.
+Vielleicht w&uuml;rden die von Ihnen erhofften
+Talente statt freier K&uuml;nstler H&ouml;rige des Proletariats,
+wie die Talente, auf die wir vor zehn Jahren hofften,
+H&ouml;rige des Kapitalismus geworden sind..&laquo;</p>
+
+<p>Mein Junge kam herein und erf&uuml;llte das Zimmer im
+Augenblick mit seiner strahlenden Frische. Wie eine
+Pflanze, die im Dunkel gestanden hat mit blassen saftlosen
+Trieben, wirkte Lindner jetzt auf mich. Er tat
+mir leid, und ich wurde darum weicher. Er erz&auml;hlte
+von seinen Eltern. Sie hatten gro&szlig;e Hoffnungen auf
+ihn gesetzt, und da&szlig; er sie immer wieder entt&auml;uschte,
+machte ihn selbst mutlos. Aber jetzt, &mdash; jetzt w&uuml;rde er
+um seine &Uuml;berzeugung, &mdash; um seine Zukunft mit ihnen
+k&auml;mpfen!</p>
+
+<p>Er gewann Vertrauen zu mir. Und wenn er
+meine instinktive Abneigung immer wieder hervorrief,
+so &uuml;berwand das Mitleid mit dieser armen Greisenseele
+eines J&uuml;nglings sie eben so oft. Seine Besuche
+waren oft recht unbequem. Wie die meisten Menschen,
+f&uuml;r die die Arbeit nur eine Nebenbesch&auml;ftigung ist,
+hatte er keinen Respekt vor der Zeit. Er f&uuml;hlte
+nicht, da&szlig; er st&ouml;rte, und wenn man es ihm andeutete,
+so war er gekr&auml;nkt. Nur wenn er mit Ottochen spielen
+konnte, merkte er nicht, da&szlig; ich ihn hatte los werden
+<a name="Page_420" id="Page_420"></a>wollen. Er liebte die kleinen Kinder und lie&szlig; sich von
+meinem f&uuml;nfj&auml;hrigen Wildfang mit einer Gutm&uuml;tigkeit
+tyrannisieren, die r&uuml;hrend war. Oft h&ouml;rte ich durch die
+T&uuml;re die hellen Kommandot&ouml;ne meines Jungen.</p>
+
+<p>Mein Bub'! Da&szlig; ich nur heimlich, wie aus dem
+Hinterhalt, sein Geplauder belauschen durfte! Da&szlig; ich mir
+die Stunden f&uuml;r ihn stehlen mu&szlig;te! Ich war abermals
+einem falschen feministischen Lehrsatz auf der Spur.
+Nicht der S&auml;ugling bedarf der Mutter am meisten. All
+die vielen, mechanischen Dienste, die der kleine K&ouml;rper
+fordert, versteht eine geschulte Pflegerin besser als sie.
+Erst der erwachende Geist braucht die Augen der Mutter,
+die jede seiner Regungen sieht, und ihre Sorgfalt, die
+allein wei&szlig;, welche seiner vielen Triebe beschnitten,
+welche gest&uuml;tzt, welche der Sonne und dem Wetter ausgesetzt
+werden k&ouml;nnen. Und Millionen Frauen d&uuml;rfen
+es nicht! Nie erschien mir unsere Gesellschaftsordnung
+widersinniger: sie zwingt den Staat, Gef&auml;ngnisse zu
+bauen f&uuml;r die Verbrecher und F&uuml;rsorgeerziehungsanstalten
+f&uuml;r die verwahrloste Jugend, der sie die M&uuml;tter genommen hat.</p>
+
+<p>Sollten wir wirklich darauf warten m&uuml;ssen, bis sich
+in hundert und aberhundert Jahren der Proze&szlig; der
+Sozialisierung der Gesellschaft abgespielt hat? War
+unsere wirtschaftliche und technische Entwicklung nicht
+heute schon so weit vorgeschritten, um durch eine sozialistische
+Organisation in Verbindung mit der allgemeinen
+Arbeitspflicht, die Herabsetzung der Arbeitszeit auf das
+geringste Tagesma&szlig; zu erm&ouml;glichen und den Kindern
+nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater zur&uuml;ckzugeben?
+In dem leidenschaftlichen Zorn, der mich gegen
+<a name="Page_421" id="Page_421"></a>die H&uuml;ter der bestehenden Ordnung erf&uuml;llte, konnte ich
+nicht anders, als sie f&uuml;r Heuchler oder f&uuml;r Dummk&ouml;pfe
+zu erkl&auml;ren. Die Frauen galt es, wider sie zu emp&ouml;ren!
+Mutterliebe ist das st&auml;rkste Gef&uuml;hl in der Welt, st&auml;rker
+als die Leidenschaft der Geschlechter, st&auml;rker als der
+Hunger. Einmal von den Fesseln befreit, in die die
+Tradition sie zw&auml;ngte, mu&szlig; sie zum Motor werden, der
+die Gesellschaft aus den Angeln hebt.</p>
+
+<p>Ich wandte mich in meinen Reden immer mehr an
+die Frauen. Ich peitschte ihre Empfindung auf; ich erkl&auml;rte
+sie f&uuml;r die Schuldigen, wenn ihre Kinder hungerten
+an Leib und Geist, wenn sie verkamen, wenn die Maschine
+ihre Jugend zerfra&szlig;, wenn sie im Zuchthaus
+endeten. Der Zolltarif mit seiner Verteuerung aller
+Lebensmittel, der zu gleicher Zeit die Reichstagsdebatten
+beherrschte, die Fleischteuerung, die eine Folge der
+Schlie&szlig;ung der Grenzen war, &mdash; kurz, die ganze agrarische
+Reichspolitik, in die die Regierung eingeschwenkt
+war, boten mir die Handhabe, um an die n&auml;chsten Interessen
+der Frauen anzukn&uuml;pfen, an jene Frage, die je
+nach der Bedeutung, die sie f&uuml;r die Glieder des Volkes
+hat, ein Gradmesser der Menscheitskultur sein kann: wie
+s&auml;ttige ich meine Kinder?</p>
+
+<p>Von einer meiner Versammlungen war ich fast stimmlos
+zur&uuml;ckgekehrt.</p>
+
+<p>&raquo;Sie d&uuml;rfen weder in Rauch noch in Staub sprechen,&laquo;
+sagte der Arzt wie schon einmal vor Jahren.</p>
+
+<p>Ich lachte ihm ins Gesicht, lie&szlig; mir den Hals ein
+paarmal einpinseln und fuhr nach Schlesien. Mit
+&auml;u&szlig;erster Anstrengung gelang es mir, noch zwei Reden
+zu halten. Dann versagte die Stimme ganz.</p>
+
+<p><a name="Page_422" id="Page_422"></a>Jetzt erkl&auml;rte der Arzt, da&szlig; ich sobald als m&ouml;glich
+fort m&uuml;sse: &raquo;In gute reine Luft, am besten ins Gebirge.&laquo;
+Ich sch&uuml;ttelte den Kopf. Wie konnte ich an
+eine Sommerreise denken?!</p>
+
+<p>&raquo;Die Gesundheit geht allem anderen voraus,&laquo; sagte
+mein Mann, &raquo;heute noch kannst du packen und morgen
+in den Alpen sein.&laquo;</p>
+
+<p>Die Frage, ob solch eine Reise m&ouml;glich w&auml;re, schien
+ihn keinen Augenblick zu beunruhigen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann den Kleinen nicht wochenlang allein lassen&nbsp;&mdash;,&laquo;
+wandte ich ein.</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich: Ottochen nimmst du mit,&laquo; antwortete
+Heinrich ohne Besinnen, &raquo;auch diesem Stadtpfl&auml;nzchen
+wird das Landleben gut tun.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Um jene Zeit war mein Schwager Erdmann gestorben.
+Meine Mutter kam mit Ilse nach
+Berlin zur&uuml;ck. Ich erschrak, als ich sie sah.
+Jetzt erst war sie wirklich alt geworden, unausl&ouml;schlich
+hatten sich die Falten der Verbitterung um ihre Mundwinkel
+eingegraben. Zwischen ihre fest aufeinandergepre&szlig;ten
+Lippen kam kein Laut der Klage. Aber wenn
+Ilse neben ihr stand in all ihrer strahlenden Jugend,
+mit den Augen, die sehns&uuml;chtig die Sonne suchten nach
+all dem monatelangen Leid, dann f&uuml;hlte ich die ganze
+Qual dieses Zusammenlebens.</p>
+
+<p>Sie kamen h&auml;ufig allein zu mir, und ich mu&szlig;te immer
+wieder zwischen ihnen vermitteln. Endlich fa&szlig;te ich den
+Mut, der Mutter ehrlich meine Meinung zu sagen:</p>
+
+<p>&raquo;Warum l&auml;&szlig;t du sie nicht frei? &mdash; Viele in ihrem<a name="Page_423" id="Page_423"></a>
+Alter stehen allein in der Welt. Wozu qu&auml;lst du dich
+selbst und sie?&laquo;</p>
+
+<p>Die Mutter wurde hochrot im Gesicht. &raquo;Da sieht
+man, wohin eure religionslose Moral euch f&uuml;hrt!&laquo; rief
+sie. &raquo;Nicht genug, da&szlig; du im Lande umherziehst und
+die Frauen gegen Kirche und Staat aufhetzst, wie mir
+mein Bruder erz&auml;hlt, du respektierst nicht einmal
+mehr die selbstverst&auml;ndlichsten Gebote der Mutter- und
+der Kindespflicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; antwortete ich erregt. &raquo;Eine Pflicht, die
+kein Gebot des Herzens ist, eine Pflicht, die sich wie
+ein antiker Schicksalsspruch durchsetzen will, auch wenn
+die Menschen dabei zugrunde gehen, erkenne ich nie und
+nimmer an. &mdash; Was Onkel Walter erz&auml;hlt, sollte dir
+&uuml;brigens nichts Neues sein: du wei&szlig;t, da&szlig; ich Sozialdemokratin
+bin. Da&szlig; meine Agitation ihm jetzt, wo sie
+sich gegen seine speziellen agrarischen Interessen richtet,
+besonders antipathisch ist, scheint mir auch nur selbstverst&auml;ndlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich hatte gehofft, da&szlig; die Mutter in dir dich allm&auml;hlich
+von diesen Abwegen zur&uuml;ckf&uuml;hren w&uuml;rde&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Mutter in mir treibt mich vorw&auml;rts!&laquo; unterbrach
+ich sie.</p>
+
+<p>&raquo;Lehrt sie dich auch jede Familienr&uuml;cksicht &uuml;ber Bord
+werfen? Nicht daran denken, wie du alle kompromittierst,
+die unseren Namen tragen? Wie mein Bruder sich sogar
+gezwungen sieht, ein Mandat f&uuml;r den n&auml;chsten Reichstag
+nicht mehr anzunehmen?!&laquo; Ihr Zorn fing an, mich
+zu entwaffnen.</p>
+
+<p>&raquo;Liebe Mutter, das alles wollen wir, denke ich, nicht
+wieder aufr&uuml;hren,&laquo; sagte ich ruhig. &raquo;Die Verwandten
+<a name="Page_424" id="Page_424"></a>haben sich l&auml;ngst in aller Form von mir losgesagt, und
+wenn es f&uuml;r mich Familienr&uuml;cksicht gibt, so ist es allein
+die auf mein Kind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gerade an diesem Kind wirst du f&uuml;r all das Ungl&uuml;ck,
+das du &uuml;ber uns gebracht hast, b&uuml;&szlig;en m&uuml;ssen!&laquo; rief die
+Mutter mit funkelnden Augen.</p>
+
+<p>Ich war von dem drohenden Ton ihrer Stimme betroffen.
+&raquo;Was meinst du damit?!&laquo; frug ich.</p>
+
+<p>&raquo;Solltest du f&uuml;r Otto etwa nicht auf Klotildens Erbe
+hoffen?&laquo; entgegnete sie. &raquo;Hat sie dich seit deiner Heirat
+jemals eingeladen?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich stehe dauernd in brieflichem Verkehr mit ihr.
+Sie hat mir erst k&uuml;rzlich &uuml;ber meine &#8250;Frauenfrage&#8249; Worte
+w&auml;rmster Anerkennung geschrieben. Und da&szlig; sie mich
+nicht bei sich sehen kann, begreife ich vollkommen. Ich
+w&uuml;rde ihre Freunde vertreiben, an denen sie h&auml;ngt,&laquo;
+antwortete ich ausweichend.</p>
+
+<p>&raquo;Nun so la&szlig; dir von mir gesagt sein, da&szlig; die Berichte
+&uuml;ber deine agitatorische T&auml;tigkeit sie aufs &auml;u&szlig;erste emp&ouml;rten.
+Jenny Kleve kam eben aus Augsburg zur&uuml;ck&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich bi&szlig; mir heftig auf die Unterlippe. &raquo;Jenny Kleve!
+Allerdings eine gute Quelle! Und eine geeignete Vertreterin
+meiner Interessen!&laquo; spottete ich. &raquo;Bist du es
+nicht gewesen, die alles daran setzte, um zwischen ihr
+und ihren Geschwistern und Tante Klotilde n&auml;here Beziehungen
+herzustellen?! Dein eigener Bruder warnte
+dich damals, dir kein Kuckucksei ins Nest zu legen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nur meine Pflicht getan,&laquo; erkl&auml;rte die Mutter.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_425" id="Page_425"></a></p>
+
+<p>Tante Klotildens Erbschaft! Der Gedanke bohrte
+sich mir in Hirn und Herz. Mit einer Sicherheit,
+die nie auch nur den geringsten Zweifel
+aufkommen lie&szlig;, hatte ich stets auf sie gerechnet. Ich
+wu&szlig;te: ihrem geliebten &auml;ltesten Bruder, meinem Vater,
+hatte sie versprochen, f&uuml;r mich sorgen zu wollen; er hatte
+mir noch kurz vor seinem Tode den Inhalt ihres Testamentes
+vorgelesen, und hinzugef&uuml;gt: &raquo;Da&szlig; ich Deine und
+Deines Jungen Zukunft gesichert wei&szlig;, wird mir
+das Sterben erleichtern. Habe ich doch selbst gar nicht
+f&uuml;r Euch sorgen k&ouml;nnen!&laquo; &Uuml;ber manche schwere Stunde
+hatte die Erinnerung daran mir hinweggeholfen: Mag
+kommen, was will, mein Kind wird einmal nicht darben!
+Sollte sie ihr Wort brechen k&ouml;nnen?! Ein kalter Schauer
+ersch&uuml;tterte meinen K&ouml;rper. Ich wu&szlig;te, wie es tat, an
+die j&auml;mmerliche Notdurft des Lebens st&auml;ndig denken zu
+m&uuml;ssen. Wie viele junge Menschen hatte ich aus der
+Flut des Lebens auftauchen sehen, von einem starken
+Talent emporgetragen, und nach ein paar Jahren hatte
+das Bleigewicht der Not sie niedergezwungen!</p>
+
+<p>Mein Sohn sollte sich frei entwickeln k&ouml;nnen. Ich
+mu&szlig;te mich selbst &uuml;berzeugen, ob die Warnung meiner
+Mutter berechtigt war.</p>
+
+<p>Mein Mann war b&ouml;se, als ich davon sprach. &raquo;Du
+wirst dich doch nicht mit den Kleves auf eine Stufe
+stellen?!&laquo; rief er aus. &raquo;Unser Junge hat es nicht n&ouml;tig,
+da&szlig; seine Mutter sich erniedrigt. Er wird stark genug
+sein, sich selbst durchzuk&auml;mpfen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich war so erregt, da&szlig; all die verschwiegenen Qualen
+hervorst&uuml;rzten wie ein entfesselter Wildbach: &raquo;Du frei<a name="Page_426" id="Page_426"></a>lich
+wirst nichts davon merken, wenn er sich gr&auml;mt,
+gerade so, wie du nicht merkst, nicht merken willst, wie
+mich die Sorgen niederdr&uuml;cken. Du schiltst, wenn ich
+nach deiner Ansicht nicht genau genug auf jeden Wurstzipfel
+achte, der in die K&uuml;che kommt, aber du fragst
+nicht danach, woher ich das Geld nehme, wenn du keins
+mehr hast und wir leben wollen!&laquo;</p>
+
+<p>Und ich erz&auml;hlte ihm, wie ich im vorigen Jahr den
+Verleger um Vorschu&szlig; hatte bitten m&uuml;ssen, wie ich mein
+bi&szlig;chen Schmuck heimlich aufs Versatzamt getragen hatte.
+Er wurde ganz bla&szlig;, und sein Gesicht nahm jenen harten,
+kalten Ausdruck an, vor dem ich mich immer f&uuml;rchtete.
+Tagelang gingen wir stumm nebeneinander her, w&auml;hrend
+das gezwungene Zusammensein uns stets aufs neue reizte.</p>
+
+<p>&raquo;Die Ehe ist doch eine gr&auml;&szlig;liche Einrichtung,&laquo; sagte
+Heinrich schlie&szlig;lich und reichte mir in vers&ouml;hnlicher
+Stimmung die Hand.</p>
+
+<p>Ich nickte eifrig und meinte l&auml;chelnd: &raquo;Wie stark
+mu&szlig; die Liebe sein, um sie auszuhalten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die besten Freunde m&uuml;ssen einander unertr&auml;glich
+werden, wenn sie Tag und Nacht in denselben K&auml;fig
+gesperrt sind,&laquo; erg&auml;nzte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, es ist Zeit, da&szlig; wir f&uuml;r ein paar Wochen
+in Freiheit gesetzt werden,&laquo; wagte ich z&ouml;gernd auszusprechen; &mdash; ich
+erwartete jeden Tag die Antwort von
+Tante Klotilde auf meinen Brief, in dem ich sie gefragt
+hatte, ob es ihr recht w&auml;re, wenn ich mit dem Kleinen
+nach Grainau k&auml;me. Ich w&uuml;rde mir eine eigene Wohnung
+nehmen, &mdash; nat&uuml;rlich, &mdash; und sie nur besuchen,
+wenn sie uns sehen wollte. Mein Mann runzelte zwar
+noch die Stirn, aber er meinte dann doch lachend:<a name="Page_427" id="Page_427"></a>
+&raquo;Mach, da&szlig; du wegkommst, damit ich die Gattin los
+werde und die Geliebte wiederfinde.&laquo;</p>
+
+<p>Die Antwort kam, &mdash; eine k&uuml;hle, glatte Ablehnung.
+&raquo;Die Welt ist gro&szlig;,&laquo; schrieb sie, &raquo;Du brauchst Deine
+Sommerferien nicht gerade in Grainau zu verleben, wo
+die Situation f&uuml;r dich, &mdash; ganz abgesehen von der meinen,
+auf die Du ja keine R&uuml;cksicht zu nehmen scheinst&nbsp;&mdash;,
+eine wenig gem&uuml;tliche w&auml;re. Die Bauern w&uuml;rden
+Dir fremd, wenn nicht feindlich gegen&uuml;berstehen. Seit
+der Dienstbotenbewegung, die Du mit soviel L&auml;rm in
+Szene setztest, hast Du ihre Sympathie verloren. Deine
+st&auml;ndigen Angriffe auf unseren allverehrten Kaiser&laquo; &mdash; hier
+h&ouml;rte ich die Stimme der Kleves, die nur in
+der Potsdamer Hofluft zu atmen vermochten &mdash; &raquo;haben
+den vielleicht noch vorhandenen Rest vollends zerst&ouml;rt ...
+Ich bin eine alte, kranke Frau und brauche innere und
+&auml;u&szlig;ere Ruhe. Im &uuml;brigen wird meine Liebe zu Dir
+durch die r&auml;umliche Entfernung eher erhalten, als beeintr&auml;chtigt
+werden ...&laquo;</p>
+
+<p>Was nun? Gab es nichts mehr, das mir den Weg
+zu ihr bahnen k&ouml;nnte? &raquo;Gehen Sie ins Gebirge,&laquo; hatte
+der Arzt gesagt. Wenn ich nun doch reisen w&uuml;rde, &mdash; mit
+dem Kleinen, &mdash; irgend wohin nicht allzuweit von
+Grainau, wo der gl&uuml;ckliche Zufall eine Begegnung erm&ouml;glichen
+k&ouml;nnte! Ich war &uuml;berzeugt: sah sie mein
+Kind, ihr ganzes Herz w&uuml;rde gewonnen werden!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_428" id="Page_428"></a></p>
+
+<p>In Mittenwald, dicht unterm Berg, fand ich bei
+einem Bauern ein Giebelzimmerchen und die
+gro&szlig;e, bunte Wiese, die ich meinem Liebling
+versprochen hatte. Den ganzen Tag spielte er dort mit
+dem kleinen Sohn des Hauses, dem Hansei, und seine
+wei&szlig;e Stadthaut br&auml;unte sich, und seine Muskeln wurden
+straff. Ich sa&szlig; indessen auf der Altane und schrieb alle
+m&ouml;glichen Artikel und freute mich, wenn das Honorar
+immer wieder eine Woche l&auml;ngeren Aufenthalt m&ouml;glich
+machte. Von fernher gl&auml;nzte und lockte die Zugspitze
+bis zu mir her&uuml;ber. Ich sah sie bei Nacht im Mondschein,
+wenn die Sterne am dunkeln Himmel sich bewundernd
+um sie scharten. Ich sah sie bei Tage, wenn
+die Sonne sie inbr&uuml;nstig k&uuml;&szlig;te und ihr doch nichts zu
+rauben vermochte von ihrer jungfr&auml;ulichen Reinheit.
+Ihr zu F&uuml;&szlig;en war das St&uuml;ckchen Erde, das ich liebte,
+wie keins in der Welt. Wo ich mein Jugendgl&uuml;ck fand
+und &mdash; begrub. Ich verstand, da&szlig; es Menschen gibt,
+die vor Heimweh krank werden.</p>
+
+<p>Auf unseren Spazierg&auml;ngen suchte ich immer die Wege,
+auf denen ich dem wei&szlig;en Berge n&auml;her kam, und erz&auml;hlte
+dem aufhorchenden Kleinen von ihm als der verzauberten
+Prinzessin und ihrem grauen finsteren W&auml;chter, dem
+Waxenstein. Dabei wurden mir wohl auch die Augen
+feucht. &raquo;Sei nich traurig, Mamachen,&laquo; tr&ouml;stete mich
+mein Kind. &raquo;Ein gro&szlig;er Held wird kommen und die
+Prinzessin befreien!&laquo;</p>
+
+<p>Einmal, als wir wieder zu dem stillen See aufw&auml;rts
+gingen, plauderte er lustig von den K&uuml;hen und den
+Blumen. Dann wurde er pl&ouml;tzlich still, ein gr&uuml;belnder<a name="Page_429" id="Page_429"></a>
+Zug trat in sein rundes Kindergesichtchen, und seine
+Wangen f&auml;rbten sich dunkler.</p>
+
+<p>&raquo;Der Hansei will Kutscher auf'n Stellwagen werden,&laquo;
+begann er unvermittelt; &raquo;ist das nicht dumm?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich nickte zerstreut. Er schwieg wieder.</p>
+
+<p>Als wir uns aber im Walde lagerten, zog er meinen
+Kopf dicht an den seinen und fl&uuml;sterte aufgeregt: &raquo;Ich
+mu&szlig; dir ein gro&szlig;es Geheimnis sagen, &mdash; dir ganz allein.
+Ich will ein Held werden und alle schlechten Leute totschlagen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich streichelte seinen Lockenkopf. &raquo;Das ist nicht leicht,
+mein Kind,&laquo; sagte ich ernst.</p>
+
+<p>&raquo;Oh, ich wei&szlig;! Aber was man will, das kann man auch!&laquo;
+rief er mit einem hellen Jauchzen in der Stimme. Ich
+zog ihn z&auml;rtlich an mich. Hatte ich es n&ouml;tig, um ihn
+zu bangen? Brauchte ich zu f&uuml;rchten, da&szlig; seine Zukunft
+von der Gunst der harten Frau dort dr&uuml;ben abh&auml;ngig
+werden k&ouml;nnte? Ich verga&szlig; allm&auml;hlich, weshalb ich hierher
+gekommen war. Ich sah nicht mehr erwartungsvoll
+die wei&szlig;e Stra&szlig;e hinauf, wo ich vor Zeiten so oft mit
+der Tante gefahren war.</p>
+
+<p>Es fiel von meiner Seele wie lauter dunkle Schleier.
+Die Sonne und die freie Bergluft ber&uuml;hrten sie wieder.
+Zuweilen kam ich mir selbst wie verzaubert vor: als sei
+all mein Tr&auml;umen, mein Hoffen und Sehnen aus mir
+herausgetreten und lebendig geworden in der Gestalt
+dieses Kindes.</p>
+
+<p>An den Wiesenwegen standen &uuml;berall Kruzifixe, Wahrzeichen
+jener Verneinung des Lebens, die uns gelehrt
+hat, Armut und Ungl&uuml;ck nicht als unsre &auml;rgsten Feinde,
+sondern als gottgewollt anzusehen.</p>
+<p><a name="Page_430" id="Page_430"></a></p>
+<p>&raquo;Ich kann einen angenagelten Gott nicht anbeten,&laquo;
+sagte mein Sohn.</p>
+
+<p>Unser Aufenthalt ging zu Ende. Ich mu&szlig;te zum
+Parteitag nach M&uuml;nchen. Aber ich konnte nicht fort,
+ohne dr&uuml;ben gewesen zu sein, wo auf dem H&uuml;gel die
+kleine wei&szlig;e Kirche steht und der gr&uuml;ne Badersee im
+Walde tr&auml;umt, mit dem Bilde der Zugspitze im Herzen.
+Wir fuhren nach Garmisch und wanderten &uuml;ber die
+Wiesen, an den braunen Heuschobern vorbei, dorthin,
+wo sich in leisen Wellenlinien das Tal erhebt, H&uuml;gel
+an H&uuml;gel von alten Baumriesen bekr&ouml;nt und bl&uuml;henden
+B&uuml;schen. Gl&auml;nzend wie ein Silberstreifen schl&auml;ngelt
+sich der Weg durch die Gr&uuml;nde, &mdash; braune und rote
+D&auml;cher tauchen auf, &mdash; schon pl&auml;tschert der Bergbach,
+der ganz, ganz oben in den Furchen und
+Spalten dem Felsen entspringt und vom Schnee sich
+n&auml;hrt und vom Eis: Das war Grainau&nbsp;&mdash;. &raquo;Und
+nun, Bubi, pa&szlig; auf: nun kommen die blauen und goldgelben
+H&auml;user mit den lustigen Heiligenbildern daran
+und den vielen, vielen Nelken auf den Altanen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo denn, Mamachen?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah mit gro&szlig;en Augen um mich. Wo waren sie
+nur? Die Erinnerung malte mir wohl ihr Bild, aber
+die Zeit hatte ihre Farben verl&ouml;scht, und &uuml;berall standen
+neue H&auml;user mit kalkwei&szlig;en W&auml;nden, &mdash; ohne den heiligen
+Florian in den Nischen, &mdash; blumenlos. Wie versch&uuml;chterte
+Bauernkinder vor den St&auml;dtern verkrochen
+sich die alten scheu in den Winkeln. Ich beschleunigte
+meine Schritte. Der Wald war derselbe geblieben,
+und zwischen den Buchenst&auml;mmen leuchtete schon der
+See. Dort wollt' ich stille Andacht halten! &mdash; Mein<a name="Page_431" id="Page_431"></a>
+Fu&szlig; stockte: ein gro&szlig;es Hotel erhob sich an seinem Ufer.
+In seine kristallklare Flut hatte man eine Nixe aus
+Bronze versenkt; auf den K&auml;hnen dr&auml;ngten sich die
+Menschen um sie und starrten hinunter. Aber den
+Badersee sahen sie nicht. Der lag ganz still und sah
+zum Himmel empor in gro&szlig;er, gro&szlig;er Einsamkeit. Und
+hinter dunkeln Wolken versteckten sich die Berge, als
+sch&auml;mten sie sich der Welt unter ihnen.</p>
+
+<p>Ich k&auml;mpfte mit den Tr&auml;nen. Meine Jugend hatte
+ich gesucht, &mdash; war ich nicht statt dessen pl&ouml;tzlich uralt
+geworden? Ich mochte nichts mehr sehen, auch das
+Rosenhaus nicht. Aber mein Junge gab nicht nach.</p>
+
+<p>Lange lagen wir auf dem Moose im Wald, den kleinen
+Rosensee uns zu F&uuml;&szlig;en, am jenseitigen Ufer das traute gr&uuml;numrankte
+Haus. Hier hatte sich nichts ver&auml;ndert. Und
+all die Bilder von Gl&uuml;ck und Leid, die dieser Rahmen
+einst umschlo&szlig;, zogen an mir vor&uuml;ber. Die Jahre zwischen
+damals und heut w&auml;ren mir wie ein Traum erschienen,
+wenn nicht das Kind neben mir mich an die lebendige
+Gegenwart erinnert h&auml;tte. Ich stand auf und reckte
+den K&ouml;rper. Der Abschied von diesem Haus, diesem
+See, diesem Wald war der erste Schritt in das neue
+Leben gewesen. Ich bereute ihn nicht. Dankbar sah
+ich noch einmal hin&uuml;ber. Trotz alledem: dieser Erdenwinkel
+blieb mein.</p>
+
+<p>Eine wei&szlig;haarige Frau, die den schweren K&ouml;rper
+nur m&uuml;hsam am Stock vorw&auml;rts bewegte, trat aus
+der T&uuml;r in den Garten. Uns entgegen auf dem
+schmalen Steg kam hastig ein hellgekleidetes M&auml;dchen.
+Dicht vor mir blieb sie sekundenlang mit weit aufgerissenen
+Augen stehen. Es war Jenny Kleve. Dann sah
+<a name="Page_432" id="Page_432"></a>ich noch, wie sie hin&uuml;berlief, mit erregten Gesten auf
+die alte Frau einsprach, und wie diese dem herbeigerufenen
+Diener eine Weisung erteilte. Ich lachte
+auf: jetzt hat sie Befehl gegeben, mich nicht vorzulassen,
+dachte ich; &mdash; Jenny Kleve, auf diesen Triumph
+freust du dich umsonst!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>In M&uuml;nchen erwartete uns Berta, mit der der
+Kleine nach Berlin zur&uuml;ckreisen sollte.</p>
+
+<p>H&auml;tte ich nur mit ihnen heimreisen k&ouml;nnen!
+All der Staub der Stadt, der meine Lunge erf&uuml;llt,
+der grau und schwer die Glut meines Herzens fast erstickt
+hatte, war vom Bergwind weggeweht worden.
+Mein Kind, &mdash; mein Geliebter, &mdash; waren sie nicht der
+Inhalt meines Lebens? Mein Geliebter, &mdash; nicht mein
+Gatte, an dessen Seite nichts mich zwang als ein St&uuml;ck
+Papier. &raquo;Die gel&auml;uterte Moral der Zukunft wird die
+Roheit unserer Gesittung nicht verstehen,&laquo; schrieb ich an
+Heinrich, &raquo;die die Beziehungen der Geschlechter, wie die
+zwischen Unternehmer und Arbeiter, zwischen Herrn und
+Diener, mittelst eines formulierten Vertrages regeln
+wollte, die die Frau n&ouml;tigte, als Symbol des Ausl&ouml;schens
+ihrer Pers&ouml;nlichkeit, den eigenen Namen mit
+dem des Mannes zu vertauschen. Liebe sollte immer
+ein Geheimnis sein, eins, um das nur die Allern&auml;chsten
+wissen. Die Ehe schreit es in alle Welt hinaus und
+erz&auml;hlt zynisch jedem Gassenbuben: sieh, dieses Weib geh&ouml;rt
+jenem Mann!.. Ich sehne mich nach Dir. Mit
+tieferer, hei&szlig;erer Sehnsucht, als da die Liebe mir nur
+<a name="Page_433" id="Page_433"></a>ein Traum war. Ich m&ouml;chte untertauchen bis auf den
+Grund ihres Ozeans, denn mir ist, ich w&auml;re bisher nur
+auf der Oberfl&auml;che gefahren, und in der Tiefe warteten
+Sch&auml;tze auf mich von unerme&szlig;barem Wert. Aber wenn
+ich an unsere laute Stra&szlig;e denke, an die engen Zimmer,
+in die unsere gro&szlig;e Liebe sich sperren lie&szlig;, um Magddienste
+zu tun, &mdash; dann sinkt meine Sehnsucht in sich
+zur&uuml;ck, wie ein Springbrunnen, der eben in Milliarden
+Wassertropfen der Sonne entgegenflog und nun, da der
+G&auml;rtner den Hahn abdreht, pl&ouml;tzlich verschwindet&nbsp;...&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht,&laquo; antwortete er, &raquo;tausendmal recht!
+Aber glauben kann ich Dir erst, wenn Du Deine Empfindung
+nicht nur aussprichst, sondern ihr folgst&nbsp;...
+Komm, und wir wollen in irgend einem stillen Winkel,
+wo uns niemand kennt, Hochzeit feiern, wie einst&nbsp;...
+Der Parteitag braucht Dich nicht. Dieser Augenblick
+jedoch ist vielleicht der einzige, der in uns beiden die
+Erinnerung an die Ehe ausl&ouml;scht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Aber ich ging nicht. Ich war unfrei. Nie h&auml;tte ich
+es mir eingestanden, und doch war es so: ich stand, wie
+die Mutter, noch unter dem kalten Gesetz der Pflicht.
+Ich durfte die Aufgabe nicht im Stiche lassen um meiner
+W&uuml;nsche willen! Am wenigsten jetzt, wo ihre Erf&uuml;llung
+mir widerstrebte.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wie sch&ouml;n hatte ich es mir einst gedacht, wenn
+zu den Kongressen der Partei die Gesinnungsgenossen
+von Ost und West, von Nord
+und S&uuml;d zusammenkommen w&uuml;rden, ungleich nach Beruf
+und Alter und Geschlecht, und doch ein einiges Heer,
+<a name="Page_434" id="Page_434"></a>von derselben Kraft durchdrungen, von demselben Willen
+beseelt, neue Kreuzfahrer, die auszogen, der Menschheit
+heiliges Land zu suchen. Und jetzt?</p>
+
+<p>Schon im Hotel, wo die meisten Delegierten untergekommen
+waren, musterte man sich mi&szlig;trauisch, begr&uuml;&szlig;te
+sich k&uuml;hl. Und Gruppen bildeten sich, die berieten, ob
+und wie man die Ansichten der anderen Gruppen &uuml;berstimmen
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Dem Parteitag ging eine Frauenkonferenz voraus.
+Als ich in den Kreis der f&uuml;nfundzwanzig Genossinnen
+trat, f&uuml;hlte ich die abweisende K&auml;lte, die mir entgegenstr&ouml;mte.
+Nur Ida Wiemer sch&uuml;ttelte mir herzhaft die
+Hand. &raquo;Was sagen Sie nur zu dieser Tagesordnung?!&laquo;
+fl&uuml;sterte sie erregt.</p>
+
+<p>Ich lachte sp&ouml;ttisch: &raquo;Sie wollen offenbar in anderthalb
+Tagen die ganze Frauenfrage l&ouml;sen. Arbeiterinnenschutz,
+Kinderschutz, gesetzliche Regelung der Heimarbeit,
+politische Gleichberechtigung, &mdash; ein imponierendes Programm!
+Es ist ja aber auch eine h&uuml;bsche Zahl von Jasagern
+beisammen. Die schlucken die Resolutionen unbesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Krach gibt's auch,&laquo; antwortete Frau Wiemer.
+&raquo;Ihnen m&uuml;&szlig;ten die Ohren geklungen haben, so giftig
+ist die Bartels auf Sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf mich?! Ich habe ja gar nichts getan!&laquo; meinte
+ich verwundert.</p>
+
+<p>&raquo;Aber die d&uuml;sseldorfer Genossinnen haben einen Antrag
+auf Anstellung einer Parteisekret&auml;rin eingebracht.
+Man meint, Sie m&uuml;&szlig;ten dahinterstecken&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Darum also die b&ouml;sen Gesichter!</p>
+
+<p>&raquo;Und dann: da&szlig; Sie als Einzige von uns morgen im
+Kindlkeller sprechen!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_435" id="Page_435"></a>Darum also die gekr&auml;nkten Mienen!</p>
+
+<p>Die arme D&uuml;sseldorferin wu&szlig;te offenbar nicht, in
+was f&uuml;r ein Wespennest sie mit ihrem Antrag gestochen
+hatte, und konnte die Erregung, die er hervorrief, nicht
+begreifen. Ich kam ihr zu Hilfe und go&szlig; nur &Ouml;l ins
+Feuer. Alles fiel &uuml;ber uns her. Martha Bartels sah
+in dem Antrag ein Mi&szlig;trauensvotum gegen ihre T&auml;tigkeit
+als Zentralvertrauensperson und spielte die pers&ouml;nlich
+Gekr&auml;nkte, Luise Zehringer gab der offenbar allgemeinen
+Meinung, wonach ich mir auf diese hinterlistige
+Weise eine fette Pfr&uuml;nde schaffen wollte, drastischen
+Ausdruck, indem sie mit einem w&uuml;tenden Blick auf mich
+erkl&auml;rte:</p>
+
+<p>&raquo;Die Genossinnen, die nur ab und zu von sich h&ouml;ren
+lassen, sonst aber praktisch gar nicht arbeiten, k&ouml;nnen
+wir f&uuml;r solche Stelle nicht brauchen. Die haben unser
+Vertrauen nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Dabei begann sie krampfhaft zu schluchzen und kreischte,
+wie ich es von ihr noch nie geh&ouml;rt hatte. Aller Klang
+und alle Weichheit waren aus ihrer Stimme verschwunden.
+Ob das das unausbleibliche Schicksal aller Agitatorinnen
+war?!</p>
+
+<p>Die Bartels sekundierte ihr: &raquo;Uns k&ouml;nnen nur Frauen
+n&uuml;tzen, die Fleisch von unserem Fleische sind&nbsp;... Keine
+akademisch gebildeten Damen, die nur mal, um sich zu
+zeigen, ab und zu in einer gro&szlig;en Versammlung einen
+Vortrag halten&nbsp;&mdash;.&laquo; Ich stand dicht vor ihr und sah
+ihr gerade ins Gesicht. &raquo;Solche Paradepferde k&ouml;nnen
+wir nicht brauchen,&laquo; schrie sie.</p>
+
+<p>Mein Nachbar, ein belgischer Genosse, sch&uuml;ttelte verwundert
+den Kopf: &raquo;Es scheint, die ganze Konferenz
+<a name="Page_436" id="Page_436"></a>richtet sich gegen Sie. Was haben Sie nur getan?!&laquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ist's nicht Verbrechen genug, da&szlig; ich &uuml;berhaupt da
+bin?!&laquo; antwortete ich bitter.</p>
+
+<p>Als im weiteren Verlauf der Debatte die Frage des
+Arbeiterinnenschutzes besprochen wurde, nahm ich die
+Gelegenheit wahr, abermals die Forderungen einer umfassenden
+Mutterschaftsversicherung zu verteidigen. Ein
+paar Beifallsrufe wurden laut, die meisten der Frauen
+jedoch, ihr Leben lang gewohnt, sich unterjochen zu
+lassen, waren durch die Anwesenheit so anerkannter
+Parteiautorit&auml;ten, wie Wanda Orbin und Martha
+Bartels, viel zu versch&uuml;chtert, als da&szlig; sie ihnen h&auml;tten
+opponieren k&ouml;nnen. Kaum hatte ich geendet, als Wanda
+Orbin sich zum Worte meldete.</p>
+
+<p>Sie sprach mit einer Leidenschaft, als gelte es, die
+h&ouml;chsten Prinzipien des Sozialismus zu verteidigen, und
+mit einer Stimme, als h&auml;tte sie eine Riesenvolksversammlung
+vor sich: &raquo;Der Gedanke, welcher der Mutterschaftsversicherung
+zugrunde liegt,&laquo; sagte sie, &raquo;ist der Gedanke
+der menschlichen Solidarit&auml;t in seiner weitesten
+Form. Die Verwirklichung dieses Prinzips aber steht
+in so schreiendem Gegensatz zu dem Wesen der kapitalistischen
+Gesellschaftsordnung, da&szlig; wir sie auf ihrem
+Boden nicht erreichen werden&nbsp;... Sie kann erst zur
+Verwirklichung gelangen, wenn das Recht des lebenden
+Menschen &uuml;ber den toten Besitz zur Geltung gebracht
+sein wird, &mdash; in einer sozialistischen Gesellschaft&nbsp;...&laquo;
+Ihre Stimme &uuml;berschlug sich, Schwei&szlig;tropfen standen
+auf ihrer Stirn. Von allen Seiten klatschte man enthusiastisch.</p>
+<p><a name="Page_437" id="Page_437"></a></p>
+<p>&raquo;Bisher hat es nur als ein Kennzeichen der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung gegolten, aus Opportunit&auml;tsgr&uuml;nden
+m&ouml;glichst wenig zu fordern, um &uuml;berhaupt etwas
+zu erreichen,&laquo; antwortete ich in ruhigem Gespr&auml;chston.
+&raquo;Wir verlangen im Gegenteil Alles, und nehmen nur
+als Abschlagszahlung, was davon st&uuml;ckweise errungen
+wird. Haben wir etwa jemals aufgeh&ouml;rt, f&uuml;r den Achtstundentag
+zu agitieren, weil der Gegenwartsstaat ihn
+nicht gew&auml;hren wird? Mit noch gr&ouml;&szlig;erem Recht k&ouml;nnen
+wir von ihm die Mutterschaftsversicherung fordern, denn
+ein gut Teil ihrer Ziele mu&szlig; er im eigensten Interesse
+verwirklichen. Er braucht gesunde M&uuml;tter, arbeitsstarke
+M&auml;nner, kriegst&uuml;chtige Rekruten.&laquo;</p>
+
+<p>Wanda Orbin erhob sich noch einmal. &raquo;Die Forderung
+der Mutterschaftsversicherung ist durchaus nicht
+so radikal sozialistisch, wie Frau Brandt meint&nbsp;...,&laquo; rief
+sie. Ringsum klatschte man wieder. Weder sie noch
+ihre Zuh&ouml;rerinnen hatten bemerkt, da&szlig; sie, um mir zu
+widersprechen, sich innerhalb weniger Minuten selbst
+widersprochen hatte.</p>
+
+<p>Als ich ins Hotel zur&uuml;ckkam, m&uuml;de und ver&auml;rgert,
+trat mir &uuml;berraschend mein Mann entgegen. Ich err&ouml;tete
+dunkel. Er k&uuml;&szlig;te mir nur die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wu&szlig;te, da&szlig; du K&auml;mpfe haben wirst,&laquo; sagte er,
+&raquo;und da&szlig; ein Freund dir fehlen k&ouml;nnte.&laquo; Mit tiefer
+Dankbarkeit sah ich ihm in die Augen.</p>
+
+<p>Der Geist, der in der Frauenkonferenz umgegangen
+war, herrschte auf dem Parteitag.</p>
+
+<p>&raquo;Wir brauchen die Akademiker nicht!&laquo; war die Parole,
+unter der er stand. &raquo;Wenigstens die nicht, die sich erlauben,
+eine andere Meinung zu haben als wir.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_438" id="Page_438"></a>Ein Antrag besonders war von symptomatischer Bedeutung;
+er verlangte nichts weniger, als da&szlig; die Mitglieder
+der Partei verpflichtet werden sollten, Kritiken
+&uuml;ber schriftliche oder m&uuml;ndliche &Auml;u&szlig;erungen von Parteigenossen
+nur in Parteibl&auml;ttern, das hei&szlig;t solchen Zeitungen
+und Zeitschriften, die der Parteikontrolle unterstehen,
+zu ver&ouml;ffentlichen. War es nicht ein grotesker
+Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien der Partei,
+da&szlig; solch ein Antrag auch nur ernsthaft diskutiert werden
+konnte? Da&szlig; es Sozialdemokraten gab, die die &raquo;Einheitlichkeit
+der Partei&laquo; dazu mi&szlig;brauchten, um die Meinungsfreiheit
+niederzukn&uuml;tteln?</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe geglaubt, die Leute h&auml;tten sich in der
+Adresse geirrt,&laquo; sagte Vollmar und reckte sich zu seiner
+ganzen Riesengr&ouml;&szlig;e auf, soda&szlig; er turmhoch und turmsicher
+&uuml;ber der brandenden Woge der Menge stand.
+&raquo;Das ist ein Antrag f&uuml;r die Zentrumspartei, f&uuml;r die
+Kirchenorgane mit dem Zensor obenan, wo nur eine
+Meinung gilt. Es gen&uuml;gt nicht, ihn zu bek&auml;mpfen, ihn
+niederzustimmen. Bis auf seine Wurzeln, gilt es, ihn
+zu verfolgen, sonst kehrt er in der und jener Form allj&auml;hrlich
+wieder und &uuml;berwuchert unser Erdreich. Es
+ist der ewige Geist der Kontrolle, der Geist der Kasernenhofdisziplin,
+dem er entspringt. Und gegen ihn m&uuml;ssen
+wir uns wenden. Nicht die freie Meinung unterdr&uuml;cken,
+was eine Schw&auml;che verraten w&uuml;rde, die nur dem Tode,
+das hei&szlig;t der Versteinerung einer Bewegung vorangehen
+kann, sondern sie f&ouml;rdern, ist unsere Aufgabe.
+Sollte der Versuch unternommen werden, selbst&auml;ndige
+Menschen mundtot zu machen, so w&auml;re der kein echter
+Sozialdemokrat, der es fertig bek&auml;me, sich solcher Zensur
+<a name="Page_439" id="Page_439"></a>zu unterwerfen. Es w&auml;re wahrhaftig nicht der M&uuml;he
+wert, die Fesseln der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft von sich
+zu werfen, um sie nur mit neuen zu vertauschen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah mich um im Saal. Es waren nur bestimmte
+Gruppen, die Beifall klatschten. Reihenweise sa&szlig;en die
+Genossen an den langen Tafeln mit verschlossenen oder
+gleichg&uuml;ltigen Mienen. Unwillk&uuml;rlich lief mir ein Schauer
+&uuml;ber den R&uuml;cken. Die &raquo;Diktatur des Proletariats&laquo;, &mdash; wird
+sie die Freiheit sein?</p>
+
+<p>&raquo;Sie w&uuml;rde ein rasches Ende nehmen, wenn sie etwas
+anderes w&auml;re,&laquo; sagte einer unserer Genossen, als wir
+am Abend zusammen waren und ich die Frage ausgesprochen
+hatte.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der letzten Tage des Kongresses, deren Verhandlungen
+sich um die praktischen Fragen der Arbeiterversicherung
+und der Kommunalpolitik drehten, legten
+sich die Wogen der Erregung wieder. Und als August
+Bebel von den kommenden Reichstagswahlen sprach und
+seine braunen J&uuml;nglingsaugen unter dem grauen Haarschopf
+immer feuriger gl&auml;nzten, je drastischer seine Darstellung
+der inneren und &auml;u&szlig;eren politischen Lage wurde,
+je weitgehendere Hoffnungen er f&uuml;r den Wahlkampf
+daran kn&uuml;pfte, da jubelte alles ihm einm&uuml;tig zu; jener
+z&uuml;ndende Funke der Begeisterung sprang von einem zum
+anderen, derselbe Funke, den eine Kriegserkl&auml;rung f&uuml;r
+alle waffenf&auml;higen M&auml;nner bedeuten mag. Sie werfen
+ihr Werkzeug beiseite, sie treten in Reih und Glied, und
+zum guten Kameraden wird der Nachbar, mit dem sie
+eben noch in kleinlichem Hader lebten.</p>
+
+<p>Noch erging sich die b&uuml;rgerliche Presse in langatmigen
+Betrachtungen &uuml;ber den &raquo;Bruderzwist&laquo; in der Partei,
+<a name="Page_440" id="Page_440"></a>um Hoffnungen f&uuml;r ihre Sache daraus zu sch&ouml;pfen, und
+schon standen wir in Reih und Glied dem gemeinsamen
+Feind gegen&uuml;ber.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am Tage unserer R&uuml;ckkehr nach Berlin ging ich
+zur Mutter. Drei Monate hatte ich sie nicht
+gesehen. Ihre Briefe, die kurz und freudlos
+waren, lie&szlig;en mich nichts Gutes ahnen. Sie wohnte
+mit Ilse in einer Pension am L&uuml;tzow-Ufer. Als ich
+aus dem hellen Tageslicht in das dunkle Zimmer trat, &mdash; die
+H&auml;user hier traf nie ein Sonnenstrahl, &mdash; l&ouml;ste
+sie sich langsam, wie ein Schatten, aus dem tiefen Stuhl,
+in dem sie gesessen hatte. Ihre H&auml;nde nur leuchteten
+wei&szlig; und &uuml;berschlank aus dem schwarzen &Auml;rmel des
+Kleides. Sie war sehr ver&auml;ndert.</p>
+
+<p>Streifen wei&szlig;en Haares zogen sich durch ihre blonden
+Scheitel. Auf ihrem schmalen Gesicht wechselte fahle
+Bl&auml;sse mit fliegender R&ouml;te. Die Pupillen in ihren
+Augen standen keinen Augenblick still. Ein Gef&uuml;hl von
+Z&auml;rtlichkeit &uuml;berkam mich. Ich k&uuml;&szlig;te ihre beiden H&auml;nde.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nicht leicht&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Was denn, Mamachen?&laquo; fragte ich so sanft, als h&auml;tte
+ich eine Kranke vor mir.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du noch, wie ich Ilse die Stiefel zuschn&uuml;rte,
+als sie ein Kind war? Vor ihr auf den Knieen, &mdash; nur
+damit sie sich nicht b&uuml;cken sollte?&laquo; begann sie langsam,
+traumverloren. &raquo;Dann pflegte ich ihren Mann zu
+Tode, &mdash; und nun l&auml;&szlig;t mir die Angst keine Ruhe, da&szlig;
+sie wieder in ihr Ungl&uuml;ck rennt&nbsp;&mdash;&laquo; Sie lie&szlig; sich nicht
+beruhigen. Es war, als ob eine fixe Idee sie beherrschte.</p>
+
+<p><a name="Page_441" id="Page_441"></a>Eines Abends schickte Ilse nach mir.</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes willen &mdash; rasch&nbsp;&mdash;,&laquo; rief sie mir schon
+vor der Haust&uuml;r entgegen, &raquo;ich f&uuml;rchte mich so!&laquo;
+Oben fand ich die Mutter im Bett zusammengekauert,
+die Augen starr ins Wesenlose gerichtet. &raquo;Hans &mdash; Hans &mdash; tu
+mir nichts!&laquo; wimmerte sie. &raquo;Du hast ja
+mein Versprechen&nbsp;&mdash;&laquo; Und dann streckte sie wie lauschend
+den Kopf vor. &raquo;Hier meine Hand darauf&nbsp;&mdash;&laquo;
+fl&uuml;sterte sie ruhiger werdend, und ihre wei&szlig;en Finger
+griffen in die leere Luft, um etwas zu umschlie&szlig;en, das
+niemand sah als sie.</p>
+
+<p>Der Arzt erkl&auml;rte ihren Zustand f&uuml;r Nerven&uuml;berreizung
+und verlangte die Trennung von Mutter und
+Tochter. Aber erst nach Wochen voller innerer und
+&auml;u&szlig;erer Qualen lie&szlig; sie sich &uuml;berreden, ohne Ilse nach
+Montreux zu gehen. Ich hatte ihr versprechen m&uuml;ssen,
+die Schwester zu mir zu nehmen, und sie selbst &uuml;berwachte
+noch ihre &Uuml;bersiedlung in eine zuf&auml;llig leere
+Wohnung neben uns.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Es war um die Weihnachtszeit; jene Zeit voller
+Geheimnisse und voller Freuden; jene Zeit,
+die ein Gott der Liebe wirklich geweiht zu
+haben scheint. Ich hatte dann immer alle H&auml;nde voll
+zu tun. In den Laden gehen und kaufen, das kann
+jeder, der einen vollen Beutel hat, auch im Alltag des
+Jahres. Aber den W&uuml;nschen derer, die man liebt,
+nachsp&uuml;ren, und sie mit eignen H&auml;nden zu erf&uuml;llen
+suchen, das kann nur, wer Festtagsstimmung hat.</p>
+
+<p>Eine G&ouml;tterburg baut' ich meinem Buben auf mit<a name="Page_442" id="Page_442"></a>
+Wodan und Baldur, mit Loki im roten Feuerkleid und
+den Walk&uuml;ren in Schwanengew&auml;ndern. Stets fehlte
+noch irgend was: ich mu&szlig;te weit umherlaufen, um
+die Silberfl&uuml;gel f&uuml;r die Helme der Schlachtjungfrauen
+oder den goldenen Eber f&uuml;r Freyrs Wagen zu finden.
+Und ich war so m&uuml;de, so schrecklich m&uuml;de! Es war,
+als ob mein K&ouml;rper t&auml;glich schwerer auf den F&uuml;&szlig;en
+lastete. Endlich war alles fertig. Ich lag ersch&ouml;pft
+auf dem Sofa.</p>
+
+<p>Wie schwach mir war und wie gl&uuml;hend hei&szlig; dabei!
+Mit einer letzten Kraftanstrengung schlich ich ins Schlafzimmer
+und legte mir den Fieberthermometer unter den
+Arm: 39&frac12; &mdash; Ich rief nach Berta und schickte zum
+Arzt. Dann wu&szlig;te ich nichts mehr von mir.</p>
+
+<p>Erst allm&auml;hlich sah ich schattenhaft Gestalten um mein
+Bett &mdash; Heinrich &mdash; den Arzt &mdash; die Pflegerin in der
+wei&szlig;en Haube und &mdash; die Mutter! Wie hatte man
+sie nur rufen k&ouml;nnen, die arme, kranke Frau?! Oder, &mdash; eiskalt
+packte mich die Angst, &mdash; sollte ich sterben
+m&uuml;ssen?! Ich durfte doch gar nicht! Ich mu&szlig;te den
+Weihnachtsbaum putzen f&uuml;r mein Kind! Unaufhaltsam
+liefen mir die Tr&auml;nen &uuml;ber die Wangen.</p>
+
+<p>Ich genas. Auf dem Sofa lag ich jetzt wieder, und
+&uuml;ber meine Decke lie&szlig; Ottochen alle G&ouml;tter und alle
+Walk&uuml;ren reiten.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kam es nur,&laquo; wandte ich mich zur Mutter,
+die, noch schmaler geworden, im Stuhl neben mir
+lehnte, &raquo;wie kam es nur, da&szlig; du so pl&ouml;tzlich hier
+warst? Heinrich gab mir sein Wort, da&szlig; er dir nichts
+von meiner Erkrankung geschrieben hat, &mdash; und Ilse auch.&laquo;</p>
+
+<p>Ein stilles L&auml;cheln glitt &uuml;ber ihre Z&uuml;ge.</p>
+<p><a name="Page_443" id="Page_443"></a></p>
+<p>&raquo;Nein, niemand schrieb mir, &mdash; aber ich sah, da&szlig; der
+Tod neben dir stand. Ihr m&ouml;gt noch so sehr zerren
+wie an einer Kette, das Band zwischen Mutter und
+Kind ist st&auml;rker als Ihr.&laquo;</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage reiste sie ab. Sie hatte den alten
+schwarzen Mantel an, den ich seit Jahren an ihr
+kannte, und auf ihrem dunkelgrauen Hut sa&szlig; ein kleiner
+gr&uuml;nschillernder K&auml;fer, &mdash; ich wei&szlig; noch alles ganz
+genau. An der T&uuml;r z&ouml;gerte sie und sah mich an, &mdash; mit
+einem langen, langen Blick. Ich wollte mich aufrichten
+und sie noch einmal umarmen. Aber ich war
+viel zu schwach dazu.</p>
+
+<p>Acht Tage sp&auml;ter war sie tot.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_444" id="Page_444"></a></p>
+<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>&raquo;Genosse Weber aus Frankfurt a.&nbsp;O. &mdash; meine
+Frau.&laquo; Ich war gerade zur T&uuml;re eingetreten,
+als Heinrich mir seinen Gast vorstellte,
+einen kleinen lebhaften Menschen mit blanken,
+braunen Augen und kahlem Sch&auml;del. Verwundert sah
+ich von einem zum anderen: sie waren beide hei&szlig; und
+rot vor Erregung.</p>
+
+<p>&raquo;Helfen Sie mir, Genossin Brandt,&laquo; sagte der
+Fremde und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte.
+Komisch, was f&uuml;r einen breiten, nach au&szlig;en
+gebogenen Daumen er hat, wie bei der Spinnerin
+im M&auml;rchen, dachte ich zerstreut, w&auml;hrend meine Augen
+gewohnheitsm&auml;&szlig;ig an seinen H&auml;nden h&auml;ngen blieben.</p>
+
+<p>&raquo;Weber bietet mir die Kandidatur seines Wahlkreises
+an,&laquo; erkl&auml;rte Heinrich. Nun erst horchte ich auf.</p>
+
+<p>&raquo;Und er z&ouml;gert, sie anzunehmen. Bringt lauter Wenn
+und Aber vor. Und will Bedenkzeit. Als ob es jetzt
+noch was zu bedenken g&auml;be! Jeder von uns mu&szlig; ins
+Geschirr, &mdash; so oder so,&laquo; rief unser Gast, und seine
+Worte &uuml;berst&uuml;rzten sich vor Eifer. &raquo;Machen Sie kurzen
+Proze&szlig;, &mdash; schlagen Sie ein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schade, da&szlig; Sie mich nicht brauchen k&ouml;nnen, &mdash; ich
+t&auml;te es besinnungslos,&laquo; antwortete ich und legte meine<a name="Page_445" id="Page_445"></a>
+Hand in die seine, die er noch vergeblich meinem Mann
+entgegenstreckte. Weber hielt sie fest.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Weib &mdash; ein Wort,&laquo; lachte er. &raquo;Sie sollen
+sehen, wie wir Sie brauchen k&ouml;nnen, &mdash; zuerst m&uuml;ssen
+Sie uns den Kandidaten und dann den Wahlkreis erobern
+helfen!&laquo;</p>
+
+<p>Aber mein Mann blieb fest, trotz allen Zuredens.</p>
+
+<p>&raquo;In vierundzwanzig Stunden werden Sie meine Antwort
+haben...&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Als Weber gegangen war, schalt er mich: &raquo;Du
+bist un&uuml;berlegt wie ein Kind! Glaubst du, da&szlig; das
+Archiv nicht sehr gesch&auml;digt wird, wenn ich f&uuml;r die
+Partei kandidiere, oder gar als Mitglied der sozialdemokratischen
+Fraktion in den Reichstag komme?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich machte eine wegwerfende Bewegung: &raquo;Ach, &mdash; das
+Archiv und immer das Archiv! Lindner wird sich
+&uuml;ber kurz oder lang entscheiden m&uuml;ssen, und wenn du
+erst eine ausgesprochen sozialistische Zeitschrift leitest, so
+wird das auf das Archiv nicht anders wirken, als
+wenn du Abgeordneter bist...&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick lang schwieg ich und sah ihn erwartungsvoll
+an, aber er blieb am Schreibtisch sitzen
+mit gesenkten Augen und zusammengekniffenen Lippen,
+w&auml;hrend seine Hand unruhig mit dem Bleistift spielte.</p>
+
+<p>&raquo;Heinz&nbsp;&mdash;,&laquo; fuhr ich mit weicherer Stimme fort,
+&raquo;Heinz, das bist nicht du, den ich unschl&uuml;ssig vor mir
+sehe! Alle Wetterzeichen deuten auf einen gro&szlig;en Kampf,
+und du k&ouml;nntest abseits bleiben, wenn man dich zu den
+Waffen ruft?! Du, den ich liebe um seiner K&uuml;hnheit
+willen, der all die tausend j&auml;mmerlichen R&uuml;cksichten des
+Alltagsmenschen nicht kennt&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+<p><a name="Page_446" id="Page_446"></a></p>
+<p>&raquo;Ich sage dir, wie schon einmal, da&szlig; ich an euch zu
+denken habe, an dich und das Kind,&laquo; unterbrach er
+mich, aber seine Stimme hatte keinen Ton dabei.</p>
+
+<p>&raquo;Hat Romberg, der den Freien spielt und im Grunde
+nichts ist als ein Philister, so viel Macht &uuml;ber dich?!&laquo;
+antwortete ich heftig. &raquo;Soll auch f&uuml;r uns die Familie
+der G&ouml;tze sein, dessen Uners&auml;ttlichkeit wir das Beste
+opfern: unsere Freiheit, unsere &Uuml;berzeugung, unser
+Menschentum?! Sie w&auml;re wert, da&szlig; wir sie zerst&ouml;rten,
+wie unsere Gegner es von uns behaupten, wenn dem
+so w&auml;re!&laquo;</p>
+
+<p>Heinrich erhob sich und reichte mir die Hand. Seine
+Augen gl&auml;nzten wieder. &raquo;Du bist mein tapferer Kamerad,&laquo;
+sagte er, &mdash; nichts weiter. Und ich stellte keine
+Frage mehr an ihn.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen gingen wir in den Reichstag.
+Seit Wochen tobte hier der Kampf um den Zolltarif.
+Mit eiserner Konferenz hatte die sozialdemokratische
+Fraktion es bisher durchgesetzt, da&szlig; &uuml;ber jeden einzelnen
+Zollsatz beraten und namentlich abgestimmt wurde. Wenn
+sie die schlie&szlig;liche Annahme der Vorlage auch nicht verhindern
+konnte, &mdash; sie hatte eine geschlossene Mehrheit
+gegen sich; von den b&uuml;rgerlichen Parteien wagte es nur
+die kleine freisinnige Vereinigung unter F&uuml;hrung von
+Theodor Barth mit ihr zusammen gegen die drohende
+Verteuerung aller Lebensmittel Front zu machen&nbsp;&mdash;, so
+wollte sie wenigstens nichts vers&auml;umen, um ihre Folgen
+abzuschw&auml;chen, oder, &mdash; das war die Hoffnung der Optimisten
+in ihrer Mitte, &mdash; die Entscheidung so lange
+hinauszuschieben, bis die neu gew&auml;hlten Volksvertreter
+sie zu f&auml;llen haben w&uuml;rden. Sie wu&szlig;ten genau: wenn
+<a name="Page_447" id="Page_447"></a>sie mit dem Zolltarif als Agitationsmittel vor die
+W&auml;hlermassen treten k&ouml;nnten, so w&uuml;rde eine verst&auml;rkte
+Opposition in den Reichstag zur&uuml;ckkehren. Aber ihre politischen
+Gegner f&uuml;rchteten diese Entwicklung der Dinge
+ebenso sehr, als die Sozialdemokraten sie w&uuml;nschten. Schon
+hatten sie versucht, durch eine Um&auml;nderung der Gesch&auml;ftsordnung
+die Verhandlungen zu beschleunigen, &mdash; umsonst.
+Die Sozialdemokraten begegneten ihnen mit
+vier- und f&uuml;nfst&uuml;ndigen Dauerreden, mit immer neuen
+Antr&auml;gen. Die Emp&ouml;rung stieg bis zur Siedehitze.
+Und jetzt, &mdash; dar&uuml;ber war kein Zweifel, &mdash; hatten die
+Vertreter der Rechten und des Zentrums nach langwierigen
+Beratungen ein Mittel gefunden, das den Einflu&szlig;
+der Opposition endg&uuml;ltig lahmlegen sollte.</p>
+
+<p>In der langen grauen Wandelhalle, die der dunkle
+Novembertag noch &ouml;der, noch farbloser erscheinen lie&szlig;,
+warteten wir auf unsere Trib&uuml;nenkarten. Abgeordnete
+eilten an uns vor&uuml;ber, in schwarzen R&ouml;cken oder in
+Soutanen, schwere Mappen unter den Armen, mit
+m&uuml;den, &uuml;berwachten Gesichtern, oder sie gingen fl&uuml;sternd
+zu zweien und blieben in den Ecken stehen, die K&ouml;pfe
+zueinandergeneigt, wie Verschw&ouml;rer. Erhob sich ihre
+Stimme im Eifer des Gespr&auml;chs, so hallten abgerissene
+Worte durch den hohen Raum und schwebten wie verirrt
+in der Luft. Ein langsamer fester Schritt n&auml;herte
+sich uns: Ignaz Auer.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben eine gute Nase, Genossin Brandt,&laquo; lachte
+er, indem er uns kr&auml;ftig die H&auml;nde sch&uuml;ttelte; &raquo;heute
+platzt hier irgend eine Bombe. Und da m&uuml;ssen Sie
+dabei sein, was?!&laquo; Er f&uuml;hrte uns in den Wandelgang,
+der den Sitzungssaal umschlie&szlig;t, und mit seinem
+<a name="Page_448" id="Page_448"></a>weichen Teppich und seiner braunen T&auml;felung behaglich
+gewirkt h&auml;tte, wenn nicht ein unaufh&ouml;rliches hastiges
+Hin und Her die Luft in st&auml;ndiger nerv&ouml;ser Schwingung
+erhalten h&auml;tte. Wir setzten uns.</p>
+
+<p>&raquo;Mir ist die Kandidatur f&uuml;r Frankfurt-Lebus angeboten
+worden. Was halten Sie davon?&laquo; wandte sich
+mein Mann an Auer. Der strich sich nachdenklich mit
+der breiten Hand den Bart, w&auml;hrend ein leiser Spott
+seine Lippen kr&auml;uselte.</p>
+
+<p>&raquo;Also wieder ein Akademiker! Was werden unsere
+Berliner sagen?! &mdash; &Uuml;brigens,&laquo; f&uuml;gte er lauter hinzu,
+&raquo;ich kenne den Wahlkreis: &Auml;cker, nichts als &Auml;cker, und
+Bauern- und Ritterg&uuml;ter, wenig Industrie, &mdash; kurz, ein
+b&ouml;ser Winkel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aussichtslos?&laquo; fragte Heinrich.</p>
+
+<p>&raquo;Aussichtslos? Nein!&laquo; antwortete Auer. &raquo;Nur erleben
+wir beide seine Eroberung nicht.&laquo; Ich bi&szlig; mir
+&auml;rgerlich die Lippen, &mdash; ich hatte erwartet, da&szlig; er zureden
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Ein heller Glockenton klang durch das Haus. Die
+Sitzung war er&ouml;ffnet. Wir stiegen zur Trib&uuml;ne hinauf.
+Jeder Platz war besetzt. Gespannte Erwartung lag auf
+allen Z&uuml;gen. Man zeigte einander fl&uuml;sternd die Hauptf&uuml;hrer
+im Kampf. Allm&auml;hlich f&uuml;llte sich unten der
+Saal. Das gelbgraue Licht, das von den farblosen
+W&auml;nden und der tiefen Glasdecke ausstrahlte, lie&szlig; alle
+Gesichter gleichm&auml;&szlig;ig fahl erscheinen.</p>
+
+<p>&raquo;Ein vornehmer Raum!&laquo; sagte eine Dame neben
+mir. Da&szlig; man so oft f&uuml;r vornehm h&auml;lt, was nur
+k&uuml;hl, nur leblos ist! Die Architekten &ouml;ffentlicher Geb&auml;ude
+sollten den psychologischen Einflu&szlig; der Farben
+<a name="Page_449" id="Page_449"></a>auf die Menschen studieren. Vielleicht w&uuml;rden dann
+manche Parlamentsverhandlungen und Gerichtsbeschl&uuml;sse
+anders ausfallen.</p>
+
+<p>Hinter dem Rednerpult stand ein Abgeordneter, der
+mit einf&ouml;rmiger Langsamkeit &uuml;ber die Petitionen zu den
+Vieh- und Fleischz&ouml;llen berichtete. Niemand h&ouml;rte auf
+ihn. In Gruppen standen die Mitglieder der Rechten
+und des Zentrums beieinander. Hier und da eilte einer
+von ihnen zur T&uuml;r, um bald darauf achselzuckend
+wiederzukommen. Irgend etwas sehnlich Erwartetes
+fehlte. Die Linke nur sa&szlig; scheinbar ruhig auf ihren
+Pl&auml;tzen, und auf dem Pr&auml;sidentenstuhl lehnte Graf
+Ballestrem in erzwungener Gelassenheit den wei&szlig;en Kopf
+an die hohe Lehne. Der Berichterstatter schlo&szlig;. Graf
+Ballestrem erhob sich: &raquo;Wir treten nunmehr in die Beratung
+des Zolltarifs ein&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick stieg Herr von Kardorff, der
+greise F&uuml;hrer der Rechten, mit jugendlicher Elastizit&auml;t
+die Stufen zur Estrade empor. Ein wei&szlig;es Papier
+zitterte in seinen H&auml;nden. Die Stimme, mit der er
+scharf und hell seine Worte in den Saal hinausstie&szlig;,
+vibrierte:</p>
+
+<p>&raquo;In wenigen Minuten wird dem Hause ein Antrag
+vorliegen, der dahin geht, in Paragraph 1 der Gesetzesvorlage
+die Enbloc-Annahme des Zolltarifs auszusprechen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ein Hohngel&auml;chter &uuml;bert&ouml;nte jedes weitere Wort. Die
+Linke sprang auf und umdr&auml;ngte die Estrade.</p>
+
+<p>&raquo;Eine Guillotinierung!&laquo; klang es aus dem schwarzen
+Menschenkn&auml;uel.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben uns selbst auf diesen Weg gedr&auml;ngt&nbsp;...,<a name="Page_450" id="Page_450"></a>&laquo;
+rief Kardorff. Er ballte die Faust um das wei&szlig;e Papier,
+reckte die &uuml;berschlanke Gestalt hoch auf und ma&szlig;
+mit einem hochm&uuml;tigen Blick die Gegner unter ihm.</p>
+
+<p>Man wartete auf die Verteilung des Antrages. Eine
+lange, atemlose Pause. Endlich traten die Diener ein.
+Man ri&szlig; ihnen die bedruckten Bl&auml;tter aus der Hand.
+Dicht unter der Rednertrib&uuml;ne, auf der Kardorff noch
+immer aushielt &mdash; gerade, starr, scheinbar gleichg&uuml;ltig&nbsp;&mdash;,
+warf einer der Sozialdemokraten in fanatischem Zorn
+das zusammengeballte Blatt zu Boden. Um den heftig
+gestikulierenden Bebel sammelte sich die Linke.</p>
+
+<p>&raquo;Zur Gesch&auml;ftsordnung!&laquo; rief Singers tiefe Stimme
+immer wieder dem Pr&auml;sidenten zu.</p>
+
+<p>Und dann sprach er. Aber durch den frenetischen
+Beifall der Linken und die emp&ouml;rten Zwischenrufe der
+Rechten und des Zentrums klangen nur abgerissene S&auml;tze
+zu den Trib&uuml;nen empor.</p>
+
+<p>&raquo;...&nbsp;Dieser Antrag ist der Ausflu&szlig; des pers&ouml;nlichen
+Interesses, welches die Herren Gesetzgeber an der Zolltarifvorlage
+haben&nbsp;... Sie f&ouml;rdern den Umsturz, Sie
+propagieren die Revolution, indem Sie die Interessen
+des Volkes mit F&uuml;&szlig;en treten... Neunhundert Positionen,
+von denen jede einzelne die wirtschaftliche Existenz
+Tausender bedroht, wollen Sie in einer Abstimmung zur
+Entscheidung bringen&nbsp;... Sie f&uuml;rchten sich, die Beute
+k&ouml;nnte Ihnen entgehen&nbsp;... Sie sind die Schleppentr&auml;ger
+der Agrarier und die Regierung ist&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Zuh&auml;lter!&laquo; kreischte eine Stimme dazwischen.</p>
+
+<p>Der Pr&auml;sident erhob sich und schwang die Glocke.
+Aber das Wort sa&szlig; fest; fl&uuml;sternd ging es schon durch
+die Menschenreihen auf den Trib&uuml;nen.</p>
+
+<p><a name="Page_451" id="Page_451"></a>Noch einmal &uuml;bert&ouml;nte Singers Rede den Sturm im
+Saal: &raquo;Mehr denn je wird das Recht der Minorit&auml;t,
+sich gegen Vergewaltigungen zu wehren, zur heiligen
+Pflicht, wo es sich darum handelt, dem Volke ein Gesetz
+zu ersparen, das es der Not ausliefert, w&auml;hrend es
+Ihre Taschen f&uuml;llt ...&laquo;</p>
+
+<p>Seine Fraktionskollegen umringten den Redner; einen
+Augenblick lang lag die Hand Theodor Barths in der
+seinen.</p>
+
+<p>&raquo;Das Wort zur Gesch&auml;ftsordnung hat der Herr Abgeordnete
+von Kardorff.&laquo;</p>
+
+<p>Schon hatte sich Singer seinem Platz wieder zugewandt.
+Wie er den Namen h&ouml;rte, drehte er sich um und blieb
+zwischen den Seinen stehen, gro&szlig;, schwer, breitschultrig.
+&Uuml;ber ihm auf einer der Stufen, die zur Estrade f&uuml;hrten,
+stand Bebel, die dunkelgl&uuml;henden Augen fest auf den
+Redner gerichtet, w&auml;hrend seine Finger sich nerv&ouml;s bewegten,
+sich spreizten und wieder zusammenzogen, als
+pr&uuml;ften sie ihre Kraft.</p>
+
+<p>Ruhig, mit der ganzen Selbstbeherrschung des alten
+Aristokraten, begann Kardorff zu sprechen: &raquo;Wir sind
+der &Uuml;berzeugung, da&szlig; der vorliegende Antrag das einzige
+Mittel ist, um die Tarifvorlage, deren Erledigung
+wir f&uuml;r ein gro&szlig;es vaterl&auml;ndisches Interesse halten ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vaterl&auml;ndisch?!&laquo; fragte jemand ironisch; ein schallendes
+Gel&auml;chter antwortete.</p>
+
+<p>Der Redner gab sich nicht die M&uuml;he, den L&auml;rm zu
+&uuml;berschreien. Gleichg&uuml;ltig sah er &uuml;ber die Menge hinweg
+und wartete, bis der Pr&auml;sident die Ruhe wieder
+hergestellt hatte. Dann sprach er weiter, ohne die
+Stimme zu erheben, ohne Pathos. Er gab sich nicht
+<a name="Page_452" id="Page_452"></a>die M&uuml;he, &uuml;berzeugen zu wollen; in seiner ganzen Art
+lag eine souver&auml;ne Verachtung des Gegners.</p>
+
+<p>&raquo;...Da&szlig; die Mehrheit wichtige Gesetzesvorlagen
+auch gegen den Willen der Minorit&auml;t durchsetzt, ist
+eine grundlegende Forderung unseres konstitutionellen
+Lebens...&laquo;</p>
+
+<p>Tosender L&auml;rm unterbrach ihn. Aus dem dichtgedr&auml;ngten
+Haufen, der sich allm&auml;hlich immer n&auml;her zur
+Rednertrib&uuml;ne emporschob, erhoben sich geballte F&auml;uste.
+&raquo;R&auml;uber!&laquo; &mdash; &raquo;Taschendieb!&laquo; &mdash; &raquo;Volksverr&auml;ter!&nbsp;&mdash;&laquo;,
+wie Peitschenhiebe pfiff und sauste es durch die Luft.
+Die Mitglieder der Rechten erhoben sich und besetzten
+wie zum Schutz die andere Seite der Treppe. Kardorff
+sprach weiter. Sein Gesicht war um einen Schein blasser
+geworden, und seine schmalen H&auml;nde umklammerten krampfhaft
+das Pult. Hier stand nicht mehr der einzelne, der
+um einen momentanen Vorteil k&auml;mpft, &mdash; in diesem Mann
+erhob sich vielmehr die alte Welt wider die neue und
+umgab seinen scharf geschnittenen Aristokratenkopf mit
+dem dunklen Glanz tragischer Gr&ouml;&szlig;e.</p>
+
+<p>Als wir gingen, stritt man sich noch immer in endlosen
+Reden &uuml;ber die Zul&auml;ssigkeit des Antrags.</p>
+
+<p>&raquo;Acht Tage l&auml;&szlig;t sich die Sache wohl noch hinziehen,&laquo;
+meinte einer unserer Reichstagsabgeordneten, den wir
+in der Wandelhalle trafen, &raquo;dann ist der Zolltarif angenommen.
+Ein Pyrrhussieg f&uuml;r die Rechte, &mdash; der
+Nagel zum Sarg f&uuml;r die Nationalliberalen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hundert Mandate f&uuml;r uns!&laquo; f&uuml;gte ein anderer
+frohlockend hinzu; &raquo;das wird ein Wahlkampf werden,
+der seinesgleichen nicht hatte!&laquo;</p>
+
+<p>In einem Kaffee der Potsdamerstra&szlig;e erwartete uns<a name="Page_453" id="Page_453"></a>
+Weber. Fragend sah er von einem zum anderen. Mein
+Mann reichte ihm die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Hier haben Sie mich, wenn Sie noch m&ouml;gen. Auer
+sagt, wir w&uuml;rden die Eroberung von Frankfurt-Lebus
+nicht erleben, &mdash; das gab den Ausschlag. Die gebratenen
+Tauben, die in den Mund fliegen, schmecken mir
+nicht. Wir wollen uns zusammen ein Wild erjagen.&laquo;</p>
+
+<p>Wir blieben noch lange beieinander. Weber erz&auml;hlte
+von seinem eigenen Leben: wie er als armer Schustergeselle
+in die Welt hinausgewandert war, sich schlie&szlig;lich
+se&szlig;haft gemacht hatte und anfing, sich emporzuarbeiten.</p>
+
+<p>&raquo;Eine verbissene Z&auml;higkeit geh&ouml;rt dazu, wenn's gelingen
+soll,&laquo; meinte er, &raquo;dieselbe Z&auml;higkeit, die wir
+haben m&uuml;ssen, soll die Partei vom Flecke kommen. Nur
+ein paar solcher Genossen haben wir in Frankfurt, die
+seit Jahren den steinigen Boden beackern, unerm&uuml;dlich,
+in t&auml;glicher Kleinarbeit, gegen den Ha&szlig; und die Verfolgungssucht
+des ganzen bourgeoisen Kl&uuml;ngels, &mdash; und
+doch sind wir ein gut St&uuml;ck weitergekommen. Seit
+zwanzig Jahren schau ich mir die alte rote Fahne an,
+die seit dem ersten Lassalleschen Arbeiterverein eingerollt
+im Winkel steht. Der sch&ouml;nste Tag meines Lebens w&auml;r's,
+wenn ich sie einmal flattern sehen k&ouml;nnte!&laquo; Und mit dem
+breiten Schusterdaumen wischte er sich einen feuchten
+Tropfen aus dem Augenwinkel.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_454" id="Page_454"></a></p>
+
+<p>Mit jedem neuen Tage wurde der Kampf im
+Reichstage brutaler; selbst die politisch Gleichg&uuml;ltigen
+wurden aufger&uuml;ttelt und verfolgten
+ihn mit gespannter Aufmerksamkeit. Durch Nachtsitzungen
+versuchte die Mehrheit die Kraft der Minderheit zu ersch&ouml;pfen,
+aber mit trotziger Ausdauer hielt sie stand,
+und schob die Entscheidung durch endlose Reden immer
+wieder auf Tage und Stunden hinaus. Der gegenseitige
+Ha&szlig; zerri&szlig; in z&uuml;gelloser Leidenschaft alle Bande
+&auml;u&szlig;erer Gesittung. Konservative Abgeordnete bezeichneten
+die Arbeiter Berlins, die in riesigen Versammlungen
+gegen den Umsturz der Gesch&auml;ftsordnung durch
+den Antrag Kardorff protestierten, als &raquo;skrophul&ouml;ses
+Gesindel&laquo;, und ihre Presse forderte von der Regierung:
+&raquo;der Bestie den Zaum anzulegen&laquo;. Die &raquo;Bestie&laquo; blieb
+ihre Antwort nicht schuldig. Die gr&ouml;&szlig;ten S&auml;le der
+Millionenstadt konnten die Menge nicht fassen, die
+nichts mehr war, als ein Wille: nieder mit der Reaktion!
+und eine Hoffnung: der Rachefeldzug der
+n&auml;chsten Wahlen. Und mehr und mehr tauchten Menschen
+in den Versammlungen auf, die nicht zum Proletariat
+geh&ouml;rten. Bewunderung f&uuml;r die wilde Energie der
+kleinen Schar Belagerter ri&szlig; so manchen aus dem politischen
+Schlummer, und der Groll f&uuml;hrte andere hierher;
+sie f&uuml;hlten ihre liberalen Interessen durch ihre eigenen
+Vertreter im Reichstag &mdash; die Bassermann, die Richter &mdash; schm&auml;hlich
+verraten. Zu fr&uuml;h vernarbte Wunden
+brachen auf: die Erinnerung an die Lex Heinze erwachte,
+durch die Kunst und Wissenschaft t&ouml;dlich getroffen worden
+w&auml;ren, wenn die Roten im Reichstag sie nicht so w&uuml;tend
+<a name="Page_455" id="Page_455"></a>verteidigt h&auml;tten; und die Rede des Kaisers klang lauter,
+als da sie gehalten wurde, in die Ohren derer, die sich
+bisher vom Get&uuml;mmel der Schlacht scheu vor ihre Staffelei
+und ihren Schreibtisch zur&uuml;ckgezogen hatten. &raquo;Eine Kunst,
+die sich &uuml;ber die von mir bezeichneten Gesetze und Schranken
+hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr,&laquo; hatte er angesichts der
+vollendeten Standbilder in der Siegesallee erkl&auml;rt, und
+die gro&szlig;en Eroberungen neuer k&uuml;nstlerischer M&ouml;glichkeiten,
+wie sie denen um Manet und van Gogh, um
+Liebermann und Klinger gelungen waren, als ein Niedersteigen
+in den Rinnstein bezeichnet. Jetzt r&ouml;tete das Schamgef&uuml;hl
+manchem die Wangen, der den Streich ruhig empfangen
+hatte. &raquo;Wahrlich, es gilt mehr als den Zolltarif,&laquo;
+sagte mir einer aus dem Kreise der Sezession, &raquo;es gilt
+die Verteidigung der ganzen modernen Entwicklung.
+Wenn es zu diesem Ende nichts anderes gibt, als den
+Stimmzettel, so werden auch wir uns seiner zu bedienen
+wissen.&laquo; Eine Revolte der Intellektuellen stand bevor,
+und im stillen hoffte ich wieder, da&szlig; sie zu einer Revolutionierung
+der Geister f&uuml;hren w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Aber auch die Gegner au&szlig;erhalb des Reichstages
+r&uuml;steten sich schon f&uuml;r die kommenden Wahlen. Was
+der Adel Preu&szlig;ens vor zwanzig Jahren noch f&uuml;r unm&ouml;glich
+gehalten hatte, das geschah. Junker und Fabrikant
+vereinigten sich, da der gemeinsame Feind drohte:
+die Sozialdemokratie. Und der Kaiser selbst wurde in
+diesem Kampf der erste Agitator: &raquo;Zerrei&szlig;t das Tischtuch
+zwischen Euch und diesen Leuten, die Euch aufhetzen
+gegen Thron und Altar, um Euch zugleich auf das r&uuml;cksichtsloseste
+auszubeuten und zu knechten&nbsp;&mdash;;&laquo; wie auf
+Windesfl&uuml;geln durcheilten diese seine Worte, die er an
+<a name="Page_456" id="Page_456"></a>eine Deputation von Arbeitern gerichtet hatte, das Reich,
+denn jeder Sozialdemokrat trug sie weiter. Und lauter,
+immer lauter wurde der Groll: &raquo;Wer anders beutet uns
+aus als die Zollwucherer, die uns das Fleisch vom Tisch
+nehmen und das Brot verteuern? Wer anders knechtet uns
+als die St&uuml;tzen von Thron und Altar, die das Joch
+der Fronarbeit auf unsere Schultern laden?&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend die Folgen der schweren Krankheit mir die
+agitatorische T&auml;tigkeit noch unm&ouml;glich machten, stand
+mein Mann schon mitten im Wahlkampf. Er kam jedesmal
+hoffnungsvoller wieder, denn an der neuen Aufgabe
+wuchs seine Energie. Ich benutzte die Stunden der
+Alleinherrschaft &uuml;ber unseren Schreibtisch zur Abfassung
+einer Agitationsbrosch&uuml;re, in der ich die politische Situation
+vom Standpunkt der Frau aus beleuchtete. F&uuml;r
+den kommenden Wahlkampf sollte sie die Arbeiterinnen
+aufkl&auml;ren, anfeuern, mit Waffen versehen. Das H&auml;uflein
+ihrer offiziellen Vertreterinnen hatte mich zwar hinausgeworfen,
+aber Hunderttausende gab es, zu denen
+ich sprechen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt mache ich auch mit Lindner kurzen Proze&szlig;,&laquo;
+sagte Heinrich eines Abends, als er eben von Frankfurt
+zur&uuml;ckkehrte. &raquo;Gehen wir aus dem Wahlkampf in der
+St&auml;rke hervor, wie wir es hoffen d&uuml;rfen, so treten die
+Aufgaben praktischer Politik mit zwingender Notwendigkeit
+an uns heran, und meine Zeitschrift hat einen
+Wirkungskreis ohnegleichen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Lindner kam. Mit W&uuml;nschen und Hoffnungen und
+ohne Entschlossenheit, wie immer.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben mich lange genug genarrt,&laquo; fuhr ihn
+Heinrich an; &raquo;im Vertrauen auf Sie habe ich gewartet
+<a name="Page_457" id="Page_457"></a>und immer wieder gewartet. Nun aber verlange ich
+ein Ja oder Nein.&laquo;</p>
+
+<p>Lindners schmale Gestalt sank f&ouml;rmlich in sich selbst
+zusammen. Halb verlegen, halb gekr&auml;nkt versprach er
+eine rasche Entscheidung.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kannst du nur!&laquo; rief ich, als die T&uuml;re sich
+hinter ihm schlo&szlig;. &raquo;Nun wird er ganz gewi&szlig; zur&uuml;cktreten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn schon!&laquo; lachte Heinrich fr&ouml;hlich, &raquo;glaubst
+du, die Zeitschrift hinge von ihm allein ab?&laquo;</p>
+
+<p>Drei Tage sp&auml;ter war der Vertrag abgeschlossen, die
+Zeitschrift gesichert. Lindner schien umgewandelt; die
+Aufgabe, die er vor sich sah, wirkte auf ihn wie Morphium
+auf Hysterische: sie gab ihm Kraft, Tatendurst,
+Selbstbewu&szlig;tsein.</p>
+
+<p>&raquo;Nun fehlt nur noch die notarielle Beglaubigung,&laquo;
+sagte er, nachdem er seinen Namen unter das Schriftst&uuml;ck
+gesetzt hatte, &raquo;und morgen kann die Arbeit losgehen!&laquo;</p>
+
+<p>Mein Mann legte ihm die Hand mit einer bevormundenden
+Bewegung auf den Arm: &raquo;Arbeiten m&uuml;ssen
+wir t&uuml;chtig, alle drei, aber &uuml;ber den geeigneten Zeitpunkt
+des Erscheinens wollen wir noch andere h&ouml;ren.
+Und eine notarielle Beglaubigung?&laquo; &mdash; Er lachte &mdash; &raquo;Ich
+denke, solche Scherze schenken wir uns. Unser Wort
+gen&uuml;gt, auch wenn wir es nicht schriftlich gegeben
+h&auml;tten.&laquo;</p>
+
+<p>An einem der n&auml;chsten Abende folgten die F&uuml;hrer der
+Revisionisten unserer Einladung. Wie zu einem Feste
+hatte ich unser Zimmer geschm&uuml;ckt und unsere Tafel bereitet.
+Und festlich war mir zumute, &mdash; wie den Soldaten
+nach der Kriegserkl&auml;rung. Die frankfurter Fahne
+<a name="Page_458" id="Page_458"></a>fiel mir ein, die eingerollt im Winkel stand, &mdash; eine
+im Sturme immer voran flatternde sollte unsere Zeitschrift
+werden!</p>
+
+<p>Unsere G&auml;ste gratulierten uns, &mdash; aber sie hatten doch
+viel Bedenken, ob unser Plan durchf&uuml;hrbar sei. Sie
+anerkannten die Wichtigkeit der Aufgabe, die wir uns
+gestellt hatten, &mdash; aber an der St&auml;rke der Wirkung
+zweifelten sie. Ihre rege Mitarbeit versprachen alle, &mdash; aber
+ohne den Enthusiasmus f&uuml;r die Sache, den ich
+erwartet hatte. Der Name der Zeitschrift wurde bestimmt:
+Die Neue Gesellschaft; die Zeit ihres Erscheinens
+wurde festgesetzt: nach den Wahlen, nach dem
+Parteitag. &mdash; Es war eine n&uuml;tzliche und verst&auml;ndige Besprechung,
+die wir hatten, aber wir feierten kein Fest.
+Die vielen Blumen auf meinem Tisch taten mir leid.</p>
+
+<p>Was ich schon oft empfunden hatte, das verst&auml;rkte
+sich jetzt: der Revisionismus besa&szlig; den Verstand und die
+Einsicht des Alters, das Feuer der Jugend war ihm
+jedoch dar&uuml;ber verloren gegangen. Wer aber die Zukunft
+erobern will, der mu&szlig; es erhalten, mu&szlig; es mit
+seiner Liebe, seinem Ha&szlig;, seiner Hoffnung n&auml;hren, damit
+es weithin leuchtet und w&auml;rmt, und die Fackeln
+derer, die ihm folgen, sich daran entz&uuml;nden k&ouml;nnen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>An einem fr&uuml;hen M&auml;rzmorgen des Jahres 1903
+war ich zu meiner ersten Wahlagitation von
+Berlin weggefahren, das grau und gr&auml;mlich,
+jenseits aller Jahreszeit, den Schlaf noch in den Augen
+hatte. In Gusow verlie&szlig; ich den Zug. Auf dem Bahnsteig
+stand ein Mann, die Schirmm&uuml;tze keck auf ein<a name="Page_459" id="Page_459"></a>
+Ohr gezogen, eine Nummer unserer m&auml;rkischen Parteizeitung
+in der Hand &mdash; unser Erkennungszeichen. Er
+lachte mich fr&ouml;hlich an.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin der Jenosse Merten,&laquo; sagte er. &raquo;So was
+war noch nich da in Jusow und Platkow. Alles, aber
+auch alles lauert auf Ihnen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Wir stiegen in ein klappriges W&auml;gelchen und fuhren
+zwischen Weiden und Erlen die Stra&szlig;e hinauf. &Uuml;berrascht
+sah ich um mich. Ich hatte es gar nicht gewu&szlig;t,
+da&szlig; es schon Fr&uuml;hling geworden war!</p>
+
+<p>&raquo;Welch eine Luft!&laquo; sagte ich mit tiefen Atemz&uuml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;Nich war, jut ist sie!&laquo; antwortete mein Begleiter
+mit einem Stolz, als w&auml;re sie sein eigenstes Werk.
+&raquo;Wenn die nich w&auml;re, wir gingen l&auml;ngst auf und davon.
+Aber wenn wir &mdash; meine Kollegen und ich &mdash; Sonnabends
+von der Arbeet aus Berlin nach Hause
+fahren und unsere Kinder kommen uns entgegen, nich
+so bla&szlig; und d&uuml;nn wie die berliner J&ouml;hren, und wir
+k&ouml;nnen im Jarten in der Laube sitzen, an unserem
+eigenen Jem&uuml;se rumpusseln und an unseren Obstb&auml;umen, &mdash; dann
+vergessen wir gern die Plackerei der ganzen
+Woche.&laquo; Wir begegneten vielen Fu&szlig;g&auml;ngern. Er gr&uuml;&szlig;te
+nach rechts und links. &raquo;Kommst du ooch nach Platkow?&laquo;
+redete er sie an.</p>
+
+<p>&raquo;Jawoll&nbsp;&mdash;&laquo; &raquo;Natierlich,&laquo; riefen sie.</p>
+
+<p>&raquo;Sind das alles Maurer? fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Wo denken Sie hin,&laquo; antwortete er, &raquo;da sind Landarbeeter
+mang, sogar Bauern. Heute kommt alles zu uns.
+Die haben ja nie in ihrem Leben 'ne Frau reden jeh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>Mitten auf der Stra&szlig;e, wo die Aussicht am freiesten
+war, lie&szlig; er den kr&auml;ftigen Braunen halten.</p>
+<p><a name="Page_460" id="Page_460"></a></p>
+<p>&raquo;Das ist das Oderbruch,&laquo; erkl&auml;rte er und wies nach
+links, wo sich das Land weit, endlos weit in der Ferne
+verlor, und darauf verstreut, wie Spielzeug, zwischen
+knorrigen B&auml;umen, rotbedachte H&auml;uschen und Kirchen
+mit breiten T&uuml;rmen hervorsahen. Bla&szlig;blau, wie von
+durchsichtigem Kristall, w&ouml;lbte sich die Himmelsglocke
+&uuml;ber der Ebene. Aus den dunkeln Ackerfurchen stieg
+lebenverk&uuml;ndend ein w&uuml;rziger Geruch. Vergessene Geschichten
+fielen mir ein: vom alten Fritz, der dies fruchtbare
+Land dem Wasser abgetrotzt hatte, von all den
+m&auml;rkischen Junkern, den Itzenplitz, den Marwitz, den
+Finkenstein, die hier ringsum seit Generationen die
+Herren waren. Mein Begleiter zeigte nach rechts, wo
+der Boden sich hob und W&auml;lder den Horizont begrenzten.</p>
+
+<p>&raquo;Hier oben sind die Ritterg&uuml;ter, da sitzen lauter
+Agrarier, &mdash; unsere &auml;rgsten Feinde,&laquo; erz&auml;hlte er. &raquo;Die
+sind schlau gewesen, von Anfang an. Haben sich die
+guten Stellen gesichert, wo das Wasser sie nicht erreichen
+konnte; w&auml;hrend die Bauern unten allj&auml;hrlich drauf
+gefa&szlig;t sein mu&szlig;ten, da&szlig; es ihre arme Kate davontrug.
+Sie kennen doch die Jeschichte, die unsere Kinder in
+der Schule lernen m&uuml;ssen: &#8250;Hier habe ich in Frieden
+eine Provinz erobert,&#8249; soll K&ouml;nig Friedrich gesagt haben,
+als er mal hier in die Jegend kam. So'n Mumpitz!
+Als ob es nich arme Luders wie wir gewesen w&auml;ren,
+die die Kan&auml;le gruben und die D&auml;mme aufwarfen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber den Gedanken hat doch der K&ouml;nig gehabt,&laquo;
+meinte ich.</p>
+
+<p>Ein mi&szlig;trauischer Blick streifte mich. &raquo;F&uuml;r'n K&ouml;nig
+mag das freilich ooch schon 'ne Anstrengung gewesen
+sein!&laquo; spottete er.</p>
+
+<p><a name="Page_461" id="Page_461"></a>Eine breite Kastanienallee f&uuml;hrte in das Dorf Gusow.
+Einst&ouml;ckige H&auml;user, mit wei&szlig;en Vorh&auml;ngen an blanken
+Fenstern, umgaben in weitem Bogen den Dorfteich,
+seitw&auml;rts &ouml;ffnete sich der kiesbestreute Weg zum Schlo&szlig;,
+dem einstigen Besitztum des alten Derfflinger, und zur
+Kirche, unter deren Altar seine Gebeine ruhten. Mein
+Begleiter sah nach der Uhr.</p>
+
+<p>&raquo;Was meinen Sie, wenn wir zu Fu&szlig; durch den Park
+gingen? Sie glauben nich, wie sch&ouml;n der ist!&laquo; Dabei
+bekam sein breites Gesicht einen fast schw&auml;rmerischen
+Ausdruck.</p>
+
+<p>An dem stillen Schlo&szlig; vorbei betraten wir den Park.
+Weite Rasenfl&auml;chen dehnten sich vor der Terrasse, mit
+einem lichten Schimmer jungen Gr&uuml;ns &uuml;berzogen. Zu
+F&uuml;&szlig;en uralter Eichen, die schwarz gegen den hellen
+Himmel standen, guckten Schneegl&ouml;ckchen neugierig aus
+der Erde hervor und Krokusbl&uuml;ten schlugen verwundert
+ihre blauen Augen auf. Ein schmaler Pfad
+wand sich zwischen hohem Geb&uuml;sch, das pl&ouml;tzlich zur
+Seite wich, um dem Wunder fremdartig m&auml;rchenhafter
+B&auml;ume Platz zu machen; grau schimmerten ihre St&auml;mme
+wie Granit, und graue Wurzeln krochen knorrig &uuml;ber
+das dunkle Moos des Bodens.</p>
+
+<p>&raquo;Zedern sind es,&laquo; sagte mein Begleiter, &raquo;Zedern vom
+Libanon;&laquo; und blickte bewundernd auf den Traum des
+S&uuml;dens. &Uuml;ber uns in den Kronen der B&auml;ume brauste
+der Fr&uuml;hlingssturm. Nach seiner Melodie wiegten sich
+schlanke Birken, und krachend splitterten von Eichen und
+Linden die d&uuml;rren &Auml;ste.</p>
+
+<p>Mein Begleiter kannte jeden Platz im Park und
+jede Pflanze, &mdash; mit scheuer Z&auml;rtlichkeit strichen seine
+<a name="Page_462" id="Page_462"></a>rissigen H&auml;nde &uuml;ber die ersten kleinen Kn&ouml;spchen an den
+Str&auml;uchern.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; Sie in der Stadt arbeiten, wo Sie das Land
+so lieben!&laquo; staunte ich.</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte sich: &raquo;Landarbeeter?! Nee! Das is
+nischt for unsereens!&laquo;</p>
+
+<p>Wir n&auml;herten uns Platkow, dem nahen Ziel unserer
+Fahrt.</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Se mal hier die wackeligen Buden an,&laquo; sagte
+Merten, &raquo;Strohd&auml;cher, &mdash; Fenster, wie Mausel&ouml;cher,
+T&uuml;ren, da&szlig; sich ein ordentlicher Mann b&uuml;cken mu&szlig;, &mdash; wahrscheinlich,
+damit man's nich verlernt! Nischt
+als Leisetreter gab's hier, die die M&uuml;tze bis auf die
+Erde zogen, wenn die herrschaftliche Kutsche sie mit
+Dreck bespritzte! Aber nu wird's anders, sage ich
+Ihnen, janz anders&nbsp;&mdash;&laquo; dabei strahlte er f&ouml;rmlich &mdash; &raquo;sehen
+Sie dort, das Wei&szlig;e, das ist unser <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Gewerkschafshaus'">Gewerkschaftshaus</ins>!&laquo;</p>
+
+<p>Mitten in diesem agrarischen Winkel, der der Agitation
+der Partei so gut wie unzug&auml;nglich gewesen war,
+weil kein Lokal ihren Versammlungen zur Verf&uuml;gung
+stand, hatten die Bauarbeiter sich ihr eigenes Haus errichtet.
+Die Ortspolizei verweigerte ihnen zwar die
+Schankkonzession, aber sie hatten ein Dach &uuml;ber dem
+Kopf, einen freien Raum zu freier Rede.</p>
+
+<p>&raquo;Sie h&auml;tten die Bauern sehen sollen, wie unser Haus
+eins &mdash; zwei &mdash; drei, haste nich jesehn! aus der Sandkule
+herauswuchs!&laquo; erz&auml;hlte Merten. &raquo;Wir hatten ja
+nur Sonntags Zeit zur Arbeet, aber die Steene flogen
+man so. An eenem Sonntag in aller Fr&uuml;he, als sie
+nach Jusow zur Kirche fuhren, fingen wir zu buddeln
+<a name="Page_463" id="Page_463"></a>an, und als sie nach dem letzten Amen wieder vorbeikamen,
+sahen die Mauern schon aus der Erde!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wagen hielt. Der ganze Platz stand voll
+Menschen. Sie schoben sich hinter mir in den kleinen
+Saal; auf den B&auml;nken an den W&auml;nden sa&szlig;en schon
+die Frauen mit hei&szlig;en Gesichtern.</p>
+
+<p>Ich sprach vom Sturm, der drau&szlig;en den Staub von
+den D&auml;chern fegte und alles Morsche zu Boden ri&szlig;. Und
+von dem Sturm des Sozialismus. Ich schilderte die politische
+Lage Deutschlands und z&auml;hlte die S&uuml;nden der Regierung
+und der Reichstagsmehrheit auf vom Zuchthauskurs
+bis zum Zollraub, ich erz&auml;hlte von den Milliarden, die
+dem armen Mann in Gestalt von indirekten Steuern,
+Z&ouml;llen und Liebesgaben aus dem schmalen Beutel gezogen
+werden, w&auml;hrend sein Weib daheim im kleinen Haushalt
+seufzend mit jedem Pfennig rechnen mu&szlig;. An der
+Hand der Untersuchungen b&uuml;rgerlicher Gelehrter wies
+ich nach, wie die Verteuerung der Lebensmittel auf die
+Steigerung des Alkoholismus, der Kriminalit&auml;t, der
+Lungentuberkulose wirkt. Ich zog die &auml;rztlichen Forschungen
+heran, um zu zeigen, wie ganze Volkskreise
+entarten, wenn die Ern&auml;hrung eine unzureichende ist:
+&raquo;Schw&auml;cherer Wille, schneller versagende Aufmerksamkeit,
+raschere Ersch&ouml;pfung sind die Folgen einer Politik, die
+das Wohl des Volks, die Liebe zum Vaterland st&auml;ndig
+im Munde f&uuml;hrt, in der Tat aber die Leistungsf&auml;higkeit
+der Arbeiter untergr&auml;bt, und unsere Stellung
+auf dem Weltmarkt ersch&uuml;ttert. Die wirtschaftliche
+Krise, unter der wir alle leiden, die Zunahme der
+Arbeitslosigkeit mit ihrem Gefolge von Kinderjammer
+und Frauenausbeutung sind ein Beweis daf&uuml;r. Keine<a name="Page_464" id="Page_464"></a>
+&#8250;gepanzerte Faust&#8249; kann uns davor retten&nbsp;... Einmal
+im Laufe von f&uuml;nf Jahren ist es jedem Deutschen verg&ouml;nnt,
+Urteil zu sprechen &uuml;ber die, die sein Schicksal
+sind. Des Volkes Not und Unterdr&uuml;ckung liegt auf
+der einen Schale der Wage, des Volkes Gl&uuml;ck und
+Freiheit auf der anderen. Wir, die &#8250;Vaterlandslosen&#8249;,
+wir, die &#8250;Elenden&#8249;, wir, die &#8250;Rotte von Menschen, nicht
+wert, den Namen Deutsche zu tragen&#8249;, machen unser
+Urteil davon abh&auml;ngig, welche Seite der Wage schwerer
+wiegt&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Man hatte mir bewegungslos zugeh&ouml;rt, die Frauen,
+mit den H&auml;nden gefaltet im Scho&szlig;, die M&auml;nner, ohne
+den Blick von mir zu wenden. Nur hie und da sah
+ich ein zustimmendes Nicken. Das Volk dieser kargen
+Erde trug sein Herz nicht auf den Lippen und wu&szlig;te
+nichts von der Reaktion empfindlicher Nerven, worin
+oft der ganze Beifall des St&auml;dters besteht. Aber nachher,
+als ich nicht mehr &uuml;ber ihnen stand, ging ein
+Fragen und Erz&auml;hlen an, das mehr als jedes H&auml;ndeklatschen
+bewies, wie jedes Wort vom durstenden Boden
+ihres Innern aufgenommen worden war. Freilich: im
+engsten Kreise eigenen Lebens drehten sich ihre Interessen,
+aber ein jeder umschlo&szlig; das gro&szlig;e Leid der Welt.</p>
+
+<p>Ich wurde in Arbeiterh&auml;user gef&uuml;hrt: so klein, so arm,
+so eng. &raquo;Und hier is doch so ville Sand, auf dem jut
+noch zehn H&auml;user stehen k&ouml;nnten!&laquo;</p>
+
+<p>Sie zeigten mir das Armenhaus: in einem winzigen
+Raum hauste ein uraltes Paar mit vier kleinen Enkelkindern.
+Das einzige Bett nahm fast die H&auml;lfte der
+Stube ein.</p>
+
+<p>&raquo;Immer, von kleen auf, haben wir hier uf'n Jut je<a name="Page_465" id="Page_465"></a>arbeetet,&laquo;
+sagte der Mann, eine zusammengeschrumpfte
+Gestalt mit einem kleinen braunen Gesicht wie eine
+Wurzelknolle, &raquo;nu essen wir's Jnadenbrot&nbsp;&mdash;,&laquo; dabei
+kicherte er halb verlegen, halb h&ouml;hnisch. &raquo;Det Schlo&szlig;
+aber, det hat woll an die fufzich leere Zimmer&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Wir gingen durch das nachtdunkle Dorf zum Bahnhof.
+Einer, der j&uuml;ngste der Schar, begann mit heller
+Stimme zu singen. Allm&auml;hlich fielen die anderen ein.
+Die T&uuml;ren der H&auml;user, an denen wir vor&uuml;berkamen,
+&ouml;ffneten sich. Einige der Bewohner traten neugierig
+bis zur Schwelle. Andere lockte das Lied und die feuchtwarme
+M&auml;rznacht, &mdash; sie folgten uns. Und so ging
+es im Takt auf die Stra&szlig;e hinaus und immer, immer
+l&auml;nger wurde der Zug singender Menschen.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wir h&auml;mmern jung das alte morsche Ding, den Staat,<br /></span>
+<span class="i0">Die wir von Gottes Zorne sind, &mdash; das Proletariat &mdash; das Proletariat&nbsp;&mdash;&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>klang es schmetternd hin &uuml;ber das schlafende Bruch.</p>
+
+<p>Allm&auml;hlich, je mehr ich dem Land und seinen Bewohnern
+n&auml;hertrat, gewann ich es lieb, und die
+weite Ebene enth&uuml;llte mir all ihre verborgene Sch&ouml;nheit,
+und die Menschen ihr weiches, trotziges Herz. Sie
+f&uuml;hlten noch nicht die Distanz zwischen sich und mir,
+darum begegnete mir nirgends Neid oder Mi&szlig;trauen.
+Fingen sie doch kaum an, das Allerhandgreiflichste zu
+empfinden: wie etwa den Gegensatz ihrer H&uuml;tte zum
+Herrschaftsschlo&szlig;. Und gerade an diesem Punkt ihres
+Wesens sah ich, wo ich eingreifen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Wer andere Zust&auml;nde schaffen soll, mu&szlig; doch erst
+den Druck der eigenen empfinden lernen,&laquo; sagte ich zu<a name="Page_466" id="Page_466"></a>
+Romberg, der mir meine agitatorische T&auml;tigkeit durchaus
+verleiden wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann Sie mir nun einmal nicht vorstellen, in
+einer Dorfkneipe Unzufriedenheit predigend,&laquo; antwortete
+er &auml;rgerlich.</p>
+
+<p>&raquo;So &uuml;berzeugen Sie sich durch eignen Augenschein,
+da&szlig; ich es kann,&laquo; meinte ich. Auf meiner n&auml;chsten
+Fahrt kam er mit. Diesmal war es ein Leiterwagen,
+der uns in str&ouml;mendem Regen &uuml;ber aufgeweichte Landwege
+nach einem kleinen D&ouml;rfchen fuhr, Lehmannsh&ouml;fel
+mit Namen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie wird's mit unserer Versammlung bei dem
+Wetter?&laquo; fragte ich den alten Genossen, der uns an
+der Bahn empfangen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Jut, &mdash; sehr jut,&laquo; entgegnete er. &raquo;Was unser oller
+Pfarrer is, der hat vorichte Woche die Weiber ufjehetzt.
+Sie sollten man blo&szlig; nich in die Versammlung jehn,
+hat er jesagt, so wat jinge sie jar nischt an, am wenichsten,
+wenn 'ne Frau reden tut, die lieber zu Haus
+det Mittagbrot kochen und mit die Kinder beten sollte.
+Nu k&ouml;nnen Se sich denken, da&szlig; se justament in die Versammlung
+jehn. Proppenvoll war's schonst heut morjen.&laquo;</p>
+
+<p>Radfahrer begegneten uns, von oben bis unten bespritzt,
+Fu&szlig;g&auml;nger mit aufgeweichten Sohlen, denen das
+Wasser von der M&uuml;tze tropfte. Wir luden auf, so viel
+der Wagen fassen konnte. Seit dem Morgengrauen
+hatten sie Flugbl&auml;tter ausgetragen. Voll guten Humors
+erz&auml;hlten sie ihre Abenteuer. Auf manchem Hof hatten
+sie &uuml;ber Z&auml;une klettern m&uuml;ssen, weil das Tor vor ihnen
+verschlossen wurde; der eine war als reisender Handwerksbursche
+bis in die Gesindestuben der Ritterg&uuml;ter
+<a name="Page_467" id="Page_467"></a>vorgedrungen, der andere hatte mit dem&uuml;tigem Gesicht,
+als w&auml;r's ein Trakt&auml;tchen, den Kirchg&auml;ngern die Zettel
+in die Hand gedr&uuml;ckt; im Vor&uuml;bersausen hatte der Radler
+sie geschickt durch offene T&uuml;ren und Fenster geworfen.</p>
+
+<p>In der Wirtsstube von Lehmannsh&ouml;fel gl&uuml;hte der
+eiserne Ofen. Nasse M&auml;ntel und Stiefel trockneten
+daran. Tabaksqualm zog in schweren Schwaden an
+der niedrigen Decke. Mein Platz war mit Kiefernzweigen
+umwunden. Vor mir auf dem Tisch standen
+rechts und links zwei Blumenstr&auml;u&szlig;e in flachen wei&szlig;en
+Papiermanschetten.</p>
+
+<p>&raquo;Von den Tagel&ouml;hnerinnen aufs Jut&nbsp;&mdash;,&laquo; erkl&auml;rte
+dunkel err&ouml;tend ein junges M&auml;dchen, das als letzten
+Rest der alten Tracht die strohblonden Flechten unter
+dem schwarzseidenen Kopftuch verborgen hatte. Wie in
+der Kirche sa&szlig;en die Leute vor mir: rechts die M&auml;nner,
+links die Frauen, &mdash; lauter Gesichter, in die kein anderer
+Gedanke als der an die n&auml;chste Not des Daseins seine
+Zeichen gegraben hatte. Noch nie war eine Versammlung
+hier gewesen. Ob ich den Ton finden w&uuml;rde,
+der zu ihnen drang? Ich erz&auml;hlte von ihrem eigenen
+Dasein, wie es in ewigem Gleichma&szlig; dahinflie&szlig;t, nach
+der alten eint&ouml;nigen Melodie: Leben, um zu arbeiten,
+arbeiten, um wieder leben zu k&ouml;nnen. Wie Freude f&uuml;r
+sie nur ein kurzer Rausch ist mit b&ouml;sem Erwachen &mdash; ein
+Alkoholrausch, ein Liebesrausch &mdash; und die Sorgen
+allein sie nie verlassen. Wie die Welt voll Glanz und
+Sch&ouml;nheit ist; wie das gr&ouml;&szlig;te und sch&ouml;nste, was die
+Menschheit in Jahrhunderten gedacht und empfunden,
+in Tausenden von B&uuml;chern und Statuen und Bildern
+aufbewahrt wurde f&uuml;r ihre Nachkommen. &raquo;Aber eine<a name="Page_468" id="Page_468"></a>
+Mauer baute man ringsum, und nur wer den goldenen
+Zauberstab besitzt, dem &ouml;ffnet sich die Pforte&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ein junger Mann, der ein bi&szlig;chen stumpfsinnig vor
+mir gesessen hatte, sah pl&ouml;tzlich auf &mdash; mit ein paar
+Augen, in deren Tiefe die Sehnsucht flammte.</p>
+
+<p>&raquo;Das Kind der armen Tagel&ouml;hnerin hat vielleicht
+die Seele eines Dichters, &mdash; mit vierzehn Jahren schon
+mu&szlig; es Kartoffeln buddeln und R&uuml;ben ziehen, und die
+Arbeit tritt mit ihren eisenbeschlagenen F&uuml;&szlig;en seine
+Seele tot&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>An der T&uuml;r dr&uuml;ben sah ich ein altes M&uuml;tterchen,
+das den wei&szlig;en Kopf schluchzend in den knochigen H&auml;nden
+vergrub.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r diese Welt ist Armut ein Verbrechen, das mit
+lebensl&auml;nglicher Zwangsarbeit bestraft wird&nbsp;... Tr&auml;nen
+dar&uuml;ber sind genug vergossen worden. Vor lauter
+Jammern haben wir das Handeln vergessen. Von der
+Kanzel herab haben sie gepredigt, da&szlig; die Ergebung in
+das Geschick eine Tugend ist. Ich sage Euch, sie ist ein
+Laster. Denn an all dem Elend in der Welt sind wir
+schuld, &mdash; wir mit unserer Demut, unserer Unterw&uuml;rfigkeit,
+unserer Tr&auml;gheit&nbsp;... Jeder Blick in das bleiche
+Gesichtchen ihres Lieblings, jede jammernde Bitte um
+Nahrung sollte der Frau nicht Tr&auml;nen fruchtlosen Leids
+erpressen, sondern sie anspornen, ihrem Kind die Zukunft
+erobern zu helfen&nbsp;... Wo die Mutter unfrei und
+furchtsam ist, w&auml;chst ein Geschlecht von Knechten mit
+knechtischer Gesinnung empor, und der Wert einer
+Mutter wird in Zukunft nicht blos daran gemessen
+werden, ob sie ihre Kinder gewaschen, gekleidet und
+gen&auml;hrt hat, sondern ob sie sie zu K&auml;mpfern erzog
+<a name="Page_469" id="Page_469"></a>und ihnen mit dem Vorbild tatkr&auml;ftiger Begeisterung
+voranging.&laquo;</p>
+
+<p>An Beispielen des t&auml;glichen Lebens suchte ich ihnen
+klar zu machen, wie jeder Einzelne, auch der Bescheidenste,
+an dem gro&szlig;en Befreiungsfeldzug des Sozialismus
+teilnehmen kann, wie er nie zum Ziele f&uuml;hren
+w&uuml;rde ohne die Arbeit des einzelnen. Mir war, als
+h&ouml;rte ich die Atemz&uuml;ge der Menschen vor mir und ihre
+Seufzer. O, da&szlig; ich sie doch ins Herz getroffen h&auml;tte!</p>
+
+<p>Feuchte Nebel hingen wie lange Trauerschleier &uuml;ber
+den Feldern. Wir fuhren stumm zur&uuml;ck. Frostgesch&uuml;ttelt
+lehnte ich mich in die Kissen, als wir endlich den Zug
+nach Berlin bestiegen hatten.</p>
+
+<p>&raquo;Wie Sie das verantworten k&ouml;nnen!&laquo; brach Romberg
+los, der bis dahin kein Wort gesprochen und den
+armen Leuten, zwischen denen er gesessen hatte, sein
+Unbehagen so deutlich f&uuml;hlen lie&szlig;, da&szlig; ich schon bedauerte,
+ihn mitgenommen zu haben. Jetzt fuhr ich aus
+dem Halbschlaf auf.</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe Sie nicht!&laquo; sagte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Um so schlimmer!&laquo; rief er. &raquo;Sie nehmen diesen
+Menschen das einzige, was sie besitzen, was ihnen das
+Leben ertr&auml;glich machte: ihre Unwissenheit, ihren Stumpfsinn, &mdash; ohne
+ihnen irgend etwas daf&uuml;r geben zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie, das Erwachen aus der Lethargie w&auml;re nichts?!&laquo;
+entgegnete ich heftig. &raquo;Sich durch die Teilnahme an dem
+Befreiungswerk der Klassengenossen &uuml;ber sich selbst und
+sein kleines Schicksal hinauszuheben, &mdash; das w&auml;re nichts?!
+Von Ihnen h&ouml;rte ich zuerst das Wort von der Politik
+der Starken. Das ist mein Leitmotiv. Ohne die Disharmonien
+des aufw&uuml;hlenden Schmerzes, ohne die Grau<a name="Page_470" id="Page_470"></a>samkeit
+der Erkenntnis gibt es nicht den starken Akkord
+ihrer L&ouml;sung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie steht's mit denen, die daran zugrunde gehen?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie w&auml;ren auch am Leben zugrunde gegangen!&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem fremden Blick, der mir zu meinem eigenen
+Erstaunen wehe tat, streifte er mich.</p>
+
+<p>&raquo;Ist Weichheit und Schw&auml;che auch f&uuml;r Sie noch ein
+Attribut der Weiblichkeit?&laquo; fragte ich, und das Herz
+klopfte mir, als f&uuml;rchtete ich die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; selbst nicht recht&nbsp;&mdash;,&laquo; meinte er z&ouml;gernd.
+&raquo;Aber daran soll unsere Freundschaft nicht Schiffbruch
+leiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie gar keine Zeit mehr f&uuml;r mich?&laquo; fing er
+nach einer Pause wieder zu sprechen an, als der Zug
+sich Berlin schon n&auml;herte. Ich sah auf. &raquo;Ich m&ouml;chte,
+da&szlig; Sie wenigstens zwischendurch wieder ein Kulturmensch
+werden!&laquo;</p>
+
+<p>Ohne rechte Lust, nur um ihn nicht wieder zu verletzen,
+versprach ich ihm, mich am n&auml;chsten Tag seiner F&uuml;hrung
+zur &raquo;Kultur&laquo; anzuvertrauen. Am Bahnhof empfing uns
+Heinrich, der eine Stunde fr&uuml;her aus einer anderen
+Gegend seines Wahlkreises zur&uuml;ckgekehrt war. Wir
+waren beide so erf&uuml;llt von unseren Erlebnissen, da&szlig; wir
+im Eifer des Erz&auml;hlens Romberg fast verga&szlig;en. Er
+verabschiedete sich steif und verstimmt.</p>
+
+<p>&raquo;Bildung und Politik sind f&uuml;r mich schwer vereinbare
+Begriffe&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte er am n&auml;chsten Morgen, als wir zusammen
+in die Stadt gingen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie scheinen einem Wechsel der Stimmungen unterworfen,
+der bisher nur einer Frau gestattet war,&laquo; entgegnete
+ich &auml;rgerlich. &raquo;Es ist noch nicht lange her, da&szlig; Sie
+<a name="Page_471" id="Page_471"></a>mit einer Begeisterung, die ich nicht vergessen habe, die
+Sozialdemokratie als die bedeutsamste Erscheinung der
+Zeit feierten.&laquo;</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte. &raquo;Frauenlogik! Es tut mir ordentlich
+wohl, diesen weiblichen Zug bei Ihnen zu finden! Was
+hat mein Urteil &uuml;ber den Klassenkampf des Proletariats
+mit meiner Meinung &uuml;ber die Beteiligung des Gebildeten
+an der Politik zu tun?! Wir sollten um h&ouml;here
+Werte ringen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gibt es h&ouml;here, als die Befreiung der Menschheit
+von all den Fesseln, die sie an die Erde schmieden und
+ihren H&ouml;henflug hemmen?!&laquo; unterbrach ich ihn erregt.</p>
+
+<p>&raquo;Freiheit, Gleichheit, Br&uuml;derlichkeit, &mdash; die alte Parole,
+unter der schon die Bastille gest&uuml;rmt wurde,&laquo; entgegnete
+er mit sp&ouml;ttischem L&auml;cheln; &raquo;f&uuml;gen Sie noch das Ideal
+des Christentums, &mdash; die selbstentsagende N&auml;chstenliebe
+hinzu, so beweist das alles, wie uns&auml;glich arm eine Zeit
+sein mu&szlig;, die selbst einer so gewaltigen Bewegung wie
+der des Proletariats keine neuen Ideale hat schaffen
+k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Seine Worte begegneten einem noch unklaren Empfinden,
+das ich um so energischer zu unterdr&uuml;cken gesucht
+hatte, als mir die Wege dunkel erschienen waren, zu
+denen es h&auml;tte f&uuml;hren k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Wir traten in den modernsten Kunstsalon Berlins.
+Der Holzbogen der Eingangshalle, der in seinen geschwungenen
+Linien alle Spr&ouml;digkeit des Materials siegreich
+&uuml;berwunden hatte, empfing mit weit ausgebreiteten
+Armen die Besucher. In hellen Vitrinen, durch unsichtbare
+Lichtspender von innen strahlend, lagen auf grauem
+Samt G&uuml;rtel, Schnallen, Armreifen und Diademe;<a name="Page_472" id="Page_472"></a>
+Vogelgefieder und Schmetterlingsfl&uuml;gel aus durchsichtigem
+Email vereinten sich mit dunklem Gold, mattem Silber;
+Perlen in phantastischen Formen standen neben Edelsteinen
+von unerh&ouml;rter Farbenpracht &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Schmuck f&uuml;r M&auml;rchenprinzessinnen, von einem
+Dichter geschaffen,&laquo; sagte Romberg bewundernd und
+versenkte sich in den Anblick. Er mochte wei&szlig;er Arme
+gedenken und schimmernder Nacken und holder Frauenk&ouml;pfe
+mit lachenden Lippen und duftenden Locken. In
+meinen Augen aber hafteten andere Bilder: rissige
+H&auml;nde, gebeugte R&uuml;cken, sorgendurchfurchte Gesichter&nbsp;&mdash;,
+ich wandte mich ab, im Innersten verletzt.</p>
+
+<p>Der n&auml;chste Raum war voll sanften Lichtes und
+tiefer, weicher Sessel.</p>
+
+<p>&raquo;Wie wohltuend, wie ruhig!&laquo; meinte jemand. &raquo;Eine
+sch&ouml;ne alte Frau mit sehr wei&szlig;en stillen H&auml;nden m&uuml;&szlig;te
+ihren Lebensabend hier vertr&auml;umen.&laquo; Aber die Armenstube
+von Platkow sah ich vor mir.</p>
+
+<p>Vor ein gro&szlig;es Bild traten wir dann: auf weichem,
+blumendurchwirktem Rasenteppich, der sich im stillen
+Wald verlor und z&auml;rtlich eine Quelle umgab, die diesen
+Frieden mit keinem Pl&auml;tscherlaut st&ouml;ren mochte, kniete
+ein J&uuml;ngling, den dunkeln Dantekopf andachtsvoll zu
+der Jungfrau erhoben. Aus der S&auml;ulenhalle des Tempels
+tretend, kr&ouml;nte sie ihn; lange, schmale, durchsichtig
+bleiche Finger hielten den Kranz. M&auml;dchen, so schlank
+und hoheitsvoll wie sie, standen zur Seite. Und das
+alles leuchtete in mystischem Blau, in trunkenem Purpur,
+in sattem Gr&uuml;n, &mdash; weitab allen grauen T&ouml;nen der Wirklichkeit.
+Fast nahm die fremde Wunderwelt mich schon
+gefangen. Da tauchte der sturmdurchpeitschte Park vor
+<a name="Page_473" id="Page_473"></a>mir auf und der rauhe Mann, der mit harten Arbeitsh&auml;nden
+z&auml;rtlich die kleinen Knospen streichelte. Ich war
+sehr einsilbig.</p>
+
+<p>Wir beschlossen den Tag im Theater, wo Maeterlincks
+Pelleas und Melisande unter der Direktion eines jungen
+Revolution&auml;rs der B&uuml;hne zur Auff&uuml;hrung kam. B&ouml;cklins
+Landschaften schienen lebendig geworden:</p>
+
+<p>Der Zauberwald und die Felsen, die finsteren Schlo&szlig;t&uuml;rme
+und der wei&szlig;e Marmorbrunnen verschmolzen mit
+den schwebenden Gestalten, dem Sonnenglanz und dem
+Mondlicht zum reinen Rhythmus bewegter Kunst.</p>
+
+<p>Die l&auml;rmende Stra&szlig;e drau&szlig;en zerst&ouml;rte den Traum.
+Mit schmerzhafter Klarheit empfand ich die g&auml;hnende
+Kluft zwischen all der &auml;sthetischen Kultur, die um uns
+her zu bl&uuml;hen begann, und dem Leben, dem Denken
+und W&uuml;nschen der Millionen, die erst anfingen, um die
+Befriedigung urspr&uuml;nglichster Triebe zu k&auml;mpfen. Rombergs
+Gedanken begegneten den meinen.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;hlen Sie nicht selbst, wie weltenfern Sie denen
+stehen, deren ganzes Bed&uuml;rfen in etwas mehr Zeit, etwas
+mehr Brot gipfelt?&laquo; sagte er. &raquo;Sie m&uuml;ssen Ihre
+Sinne, Ihre Nerven, an deren subtiler Verfeinerung
+Generationen arbeiteten, gewaltsam abstumpfen, um ihr
+Sprachrohr werden zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Meine ganze Freudigkeit kehrte mir wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Wie eng Sie denken!&laquo; lachte ich. &raquo;Nicht abstumpfen,
+steigern mu&szlig; ich meine Empf&auml;nglichkeit, damit ich immer
+wei&szlig;, wie gro&szlig; das Entbehren ist und wie ungeheuer
+der Gewinn unseres Kampfes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Machen Sie sich denn gar nicht klar, da&szlig;, wenn die
+Masse erreichen sollte, was Sie heute haben, Sie und<a name="Page_474" id="Page_474"></a>
+Ihresgleichen ihr wieder um tausend Jahre voran
+sind?!&laquo; sagte Romberg. &raquo;So wird die Kluft bleiben, &mdash; immer
+bleiben, und die Gleichheit ist eine Chim&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich fordere auch nur die Gleichheit der Lebensbedingungen;
+wie der Baum aus diesem Boden w&auml;chst,
+dar&uuml;ber entscheidet seine eigene Kraft,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>Wir brachen ein Gespr&auml;ch ab, das uns nur voneinander
+entfernen mu&szlig;te. Aber einen Gedanken hatte es
+wachgerufen, der sich von nun an nicht mehr einschl&auml;fern
+lie&szlig;. Wenn er mich qu&auml;lte und ich ihn absch&uuml;tteln
+wollte, so bohrte er sich nur noch tiefer in Hirn und
+Herz. H&ouml;rbarer, als da die V&ouml;lker wanderten, um sich
+neuen Heimatboden zu erobern, dr&ouml;hnte die Erde unter
+den Tritten der Millionen, die sich in Bewegung gesetzt
+hatten, um dem Elend zu entfliehen. Aber ihrem Wollen
+fehlte die einheitliche Formel. Im Dreigestirn der Revolutionsideale
+lag sie nicht. Und was Marx ihnen
+gegeben hatte, das waren wissenschaftliche Erkl&auml;rungen
+&uuml;ber die Art, das Tempo und das Ziel der Bewegung
+gewesen, die nur so lange &uuml;ber den Mangel hinwegt&auml;uschen
+konnten, als sie unersch&uuml;ttert waren.</p>
+
+<p>Ein Ereignis best&auml;rkte mich in meiner Idee. Mitten
+im Wahlkampf, der all unsere Kr&auml;fte auf ein Ziel, &mdash; die
+Niederwerfung des Gegners, &mdash; h&auml;tte konzentrieren
+m&uuml;ssen, entspann sich ein w&uuml;ster Krieg zwischen den
+Parteigenossen selbst. Er w&auml;re unm&ouml;glich gewesen,
+wenn nicht jenes Fehlen der inneren Einheit gegenseitiges
+Mi&szlig;trauen zur Folge haben mu&szlig;te. Was der
+eine ruhigen Gewissens tat oder lie&szlig;, das erschien dem
+anderen als ein Versto&szlig; gegen die Partei.</p>
+
+<p>Ein halbes Dutzend Parteigenossen, &mdash; ich geh&ouml;rte zu
+<a name="Page_475" id="Page_475"></a>ihnen, &mdash; hatten seit Jahr und Tag an einer b&uuml;rgerlichen
+Wochenschrift mitgearbeitet, die eine Trib&uuml;ne
+war, auf der alle Richtungen ungehindert zu Worte
+kamen. Die literarischen und k&uuml;nstlerischen Kritiken,
+die ich darin ver&ouml;ffentlicht hatte, &mdash; Augenblicksarbeiten,
+denen ich gar kein l&auml;ngeres als ein Augenblicksinteresse
+beima&szlig;, &mdash; hatten oft weniger dem Bed&uuml;rfnis nach Aussprache,
+als dem Erwerbszwang ihr Entstehen zu verdanken.
+Die Parteipresse stand mir nur selten zur Verf&uuml;gung,
+und um so seltener, je mehr ich des Revisionismus
+verd&auml;chtig war. In &auml;hnlicher Lage wie ich
+waren die meisten derer, die mit mir &#8250;ges&uuml;ndigt&#8249; hatten.
+Zwei von ihnen standen als Reichstagskandidaten im
+heftigsten Feuer der Wahlkampagne. Aber das hinderte
+einige radikale Wortf&uuml;hrer nicht, uns in breitester &Ouml;ffentlichkeit
+als Schleppentr&auml;ger der gegnerischen Presse zu
+verd&auml;chtigen.</p>
+
+<p>Kaum hatte ich den betreffenden Artikel gelesen, als
+ich schon am Schreibtisch sa&szlig;, um uns dagegen zu verteidigen.
+Die Ansicht, da&szlig; wir jede Trib&uuml;ne ben&uuml;tzen
+m&uuml;ssen, von der aus wir geh&ouml;rt werden k&ouml;nnen, hatte
+sich in mir seit der Zeit, wo ich sie, von Wanda Orbin
+beeinflu&szlig;t, angesichts des Frauenkongresses verleugnet
+hatte, nur befestigt. Unsere Presse, unsere Versammlungsreden
+erreichten immer nur dieselben Kreise, und
+abseits standen Hunderttausende, die uns nur aus den
+Darstellungen der Gegner kennen lernten. Ich legte
+meine Erkl&auml;rung den Mitbetroffenen vor. Sie sollte in
+derselben Zeitung erscheinen, die uns angegriffen hatte.
+Ich wurde daran verhindert; man w&uuml;nschte die Ausdehnung
+des Zwists zu vermeiden, indem man die
+<a name="Page_476" id="Page_476"></a>&ouml;ffentliche Antwort, wie ich sie beabsichtigt hatte, in eine
+Zuschrift an den Parteivorstand verwandelte. Dieser
+aber sah sich nicht mehr imstande, auf eine interne
+Auseinandersetzung einzugehen, &mdash; die ganze Presse hatte
+sich schon der Sache bem&auml;chtigt, unsere politischen
+Gegner schlachteten sie gegen uns aus&nbsp;&mdash;, er ver&ouml;ffentlichte
+seine Entscheidung: kein Parteigenosse darf an
+einer Zeitschrift mitarbeiten, die die Sozialdemokratie in
+h&auml;mischer oder geh&auml;ssiger Weise kritisiert. Die ganze
+Provinzpresse druckte nat&uuml;rlich die lapidaren S&auml;tze des
+Vorstands ab. Wir waren gebrandmarkt vor den Genossen,
+in deren Mitte wir wirken sollten; den Gegnern
+waren die Waffen in die Hand geliefert, um uns vor
+ihnen zu diskreditieren. Dar&uuml;ber verging uns das
+Lachen, das im Grunde die richtigste Antwort gewesen
+w&auml;re. Wir sahen in der Entscheidung, die es jedem
+Parteif&uuml;hrer an die Hand gab, mi&szlig;liebige Bl&auml;tter auf
+den Index zu setzen, einen weiteren Schritt zum Papismus,
+wir emp&ouml;rten uns, da&szlig; gerade diejenigen, die in
+der Partei in Amt und Brot waren, den freien Schriftstellern,
+die dem Verdienst nachgehen mu&szlig;ten, die Zugeh&ouml;rigkeit
+zur Partei unm&ouml;glich zu machen suchten,
+und eine ihrer Grundlagen schien uns in dem Angriff
+auf die Freiheit der Meinungs&auml;u&szlig;erung verletzt. Wir
+&Uuml;berl&auml;ufer aus der Bourgeoisie, die im Kampf gegen
+alle Autorit&auml;ten, &mdash; die der Familie, der Bildung, der
+Religion, des Staats&nbsp;&mdash;, den Weg zur Sozialdemokratie
+gefunden hatten, w&auml;ren die letzten gewesen, eine neue
+Autorit&auml;t, &mdash; die des Parteivorstands, &mdash; anzuerkennen.
+Und mein Mann, der seine Frondeurnatur am wenigsten
+verleugnen konnte, wurde unser Wortf&uuml;hrer gegen ihn:<a name="Page_477" id="Page_477"></a>
+in einem geharnischten Artikel verteidigte er die Freiheit
+der Meinungs&auml;u&szlig;erung. Nun erst entbrannte der Kampf,
+der seit dem M&uuml;nchener Parteitag schon im stillen die
+Geister erhitzt hatte, auf der ganzen Linie, &mdash; mit all
+jener Bitterkeit, die entsteht, wenn Freunde zu Feinden
+werden.</p>
+
+<p>Im stillen f&uuml;rchteten wir, was unsere politischen
+Gegner hofften: da&szlig; die Wahlen dadurch zu unserem
+Nachteil beeinflu&szlig;t werden k&ouml;nnten.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am ersten Mai, dem Weltfeiertag der Arbeit,
+sollte ich in Frankfurt a.&nbsp;O. die Festrede
+halten. Mir war im Augenblick wenig festlich
+zumute: mit so viel Hoffnungsfreudigkeit hatte ich
+die Agitation begonnen, &mdash; sollte sie vergebens gewesen
+sein?! Sollte ich am Ende an ihrer Erfolglosigkeit
+mitschuldig sein, weil ich &mdash; es klang wie der dumme
+Witz eines Possenrei&szlig;ers &mdash; in einer b&uuml;rgerliche Zeitschrift
+&uuml;ber Halbes Theaterst&uuml;cke und Laura Marholms
+Frauenb&uuml;cher geschrieben hatte?! Aber schon als der
+Zug die letzte berliner Bahnhofshalle verlie&szlig; und statt
+der hohen grauen H&auml;user sich drau&szlig;en Laube an Laube
+reihte, von dem ersten jungen Gr&uuml;n &uuml;berhaucht, mit
+bunten F&auml;hnchen lustig bewimpelt, und Menschen in
+Festtagskleidern auf der Chaussee zwischen den jungen
+Birken, die gr&uuml;&szlig;end die gr&uuml;nen Schleier ihrer &Auml;ste bewegten,
+den Versammlungen entgegeneilten, in denen
+ihres Fr&uuml;hlingsglaubens Auferstehungsbotschaft gepredigt
+werden sollte, verschwanden all meine t&ouml;richten
+kleinlichen &Auml;ngste. Was hatten die dogmatischen Z&auml;n<a name="Page_478" id="Page_478"></a>kereien
+der Priester mit der Religion der Massen
+zu tun?</p>
+
+<p>Zwei kleine M&auml;dchen empfingen mich am Bahnhof,
+mit blauen B&auml;ndern in den Z&ouml;pfchen und frisch gewaschenen
+wei&szlig;en Kleidern, die sich um sie bauschten,
+so da&szlig; sie aussahen wie Riesenglockenblumen. Sie
+f&uuml;hrten mich hinunter in die Stadt &uuml;ber den Platz mit
+seinen geharkten Wegen, seinen artigen Rasenfleckchen
+und den kleinen d&uuml;rftigen Beeten darauf, an H&auml;usern
+vor&uuml;ber mit n&uuml;chternen Fassaden und ablehnend verhangenen
+Fensterscheiben. Die Glocke der Elektrischen
+wirkte hier wie erschreckender L&auml;rm. Als wir aber um
+die Ecke bogen, wo die Kastanien &uuml;ber das holprige
+Pflaster schon breite Schatten warfen, da schien das
+Leben der tr&auml;umenden Stadt erwacht: in Trupps zu
+vieren und f&uuml;nfen, mit wei&szlig;en und braunen und gelben
+Kinderw&auml;gelchen dazwischen, die M&auml;nner im Sonntagsrock,
+die Frauen mit nickenden Blumen auf hellen H&uuml;ten,
+so zogen sie durch die Stra&szlig;e. Und an jeder Gassenm&uuml;ndung
+gesellten sich andere hinzu, und wo die G&auml;rten
+gr&ouml;&szlig;er und die H&auml;user kleiner wurden, kamen Landleute
+mit Stulpenstiefeln, M&auml;dchen mit Kopft&uuml;chern
+&uuml;ber die Feldwege. Alles gr&uuml;&szlig;te einander mit dem
+Blick frohen Erkennens. Weit hinunter bis zu dem
+silbernen Band der Oder dehnten sich, von alten Weiden
+umrahmt, &uuml;ppige Wiesen; in goldgelben Flecken, wie
+auf die Erde gebanntes Sonnenlicht, gl&auml;nzten Butterblumen
+daraus hervor. Von der anderen Seite des
+Wegs, wo der Boden sich hob, nickten &uuml;ber Wei&szlig;dornhecken
+rosig bl&uuml;hende B&auml;ume; dar&uuml;ber klang der
+langgezogene Sehnsuchtston der Stare, das Kwiwitt
+<a name="Page_479" id="Page_479"></a>der Rotkehlchen, das vielstimmige Zwitschern buntgefiederter
+Meisen.</p>
+
+<p>Nun hatten sich die Wandernden zu einem Zuge zusammengeschoben,
+und eins war ich mit ihnen. Aus
+dem Garten, durch dessen laubumwundene Pforte wir
+zogen, t&ouml;nte Musik. Auf der B&uuml;hne der Festhalle, die
+wir betraten, warteten schon die S&auml;nger. Ich stieg die
+Stufen hinauf. &raquo;... Ein Sohn des Volkes will ich sein
+und bleiben...&laquo; sang der Chor. Durch die hohen weit
+ge&ouml;ffneten Fenster str&ouml;mte die Sonne in breiten Wogen;
+ihre Strahlen trugen den Duft des Fr&uuml;hlings mit herein
+und ber&uuml;hrten all die braunen und blonden Scheitel
+der and&auml;chtig lauschenden Menge.</p>
+
+<p>Dicht unter der B&uuml;hne hatten sich die Kinder zusammengeschart,
+die kleinsten in ihren bunten Kleidchen,
+wie ein Beet farbenfroher Sommerblumen, am weitesten
+nach vorn. Ein kecker kleiner Kerl war bis auf die
+Rampe geklettert, ein strohblondes M&auml;dchen schmiegte
+sich sch&uuml;chtern an sein Knie, und die beiden Augenpaare &mdash; ein
+schwarzes und ein blaues &mdash; hingen an mir
+wie eine gro&szlig;e verwunderte Frage.</p>
+
+<p>Sehr feierlich war mir zumute, als st&uuml;nde ich, ein
+geweihter Priester, zum erstenmal auf der Kanzel. Aber
+es war nicht die Religion der Liebe, die ich predigte, &mdash; jener
+Liebe, die den Ha&szlig; der Welt in sich tr&auml;gt,
+es war nicht die ewige Seligkeit, die ich verk&uuml;ndigte, &mdash; jene
+Seligkeit, in die nur Eingang findet, wer zu
+kriechen und den Kopf zu b&uuml;cken gelernt hat. Was
+als unklare Empfindung in den Herzen unserer V&auml;ter
+lebte, die die Sonne anbeteten, deren Feste Sonnwendfeiern
+waren, die dem steigenden Licht im Lenz die Neu<a name="Page_480" id="Page_480"></a>geborenen
+weihten, &mdash; das ist die Grundlage unserer
+Religion. Nicht wer am nachhaltigsten seine Sinne abt&ouml;tet,
+sondern wessen Augen am klarsten sind, wessen Ohr
+am feinh&ouml;rigsten ist, um alle Sch&ouml;nheit der Welt in sich
+aufzunehmen, der ist der Heiligste unter uns. Und ein
+Anrecht auf unser Himmelreich gewinnt nicht, wer leidet
+und duldet, sondern wer handelt und genie&szlig;t. Dulden
+und leiden kann jeder, aber nur der Sohn einer reifen
+Kultur vermag zu genie&szlig;en, nur der Wissende handelt.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sich die Arbeiter der ganzen Welt Jahr um
+Jahr in der Forderung des Achtstundentages zu diesem
+Fr&uuml;hlingsfest vereinigen, so tun sie es, weil sie wissen,
+da&szlig; sie damit ihre Menschwerdung fordern. Zeit ist die
+Voraussetzung f&uuml;r Wissen und Genu&szlig; ...&laquo;</p>
+
+<p>Halb entt&auml;uscht, halb erwartungsvoll sahen die Frageaugen
+der Kinder noch immer zu mir empor. Mit demselben
+Ausdruck bettelte mein eigen Kind um eine Geschichte,
+wenn wir im Walde gingen, wo die B&auml;ume
+und die Blumen ihm noch stumm waren. Auch diese
+Kleinen hier sollten nicht vergebens warten: von den
+Bettelkindern erz&auml;hlt' ich ihnen, die auszogen, ihre verlorenen
+K&ouml;nigskronen wiederzufinden ...</p>
+
+<p>Drau&szlig;en im Garten kamen sie dann alle und dankten
+mir. Die Kinder hatten die F&auml;ustchen voll Wiesenblumen
+und legten sie mir in den Scho&szlig;. Die Alten
+luden mich an ihren Tisch. Sie wu&szlig;ten nicht, da&szlig; ich
+ihnen zu danken hatte. Ich war wieder stark und froh,
+ich hatte in ihnen die Erde ber&uuml;hrt, die kraftspendende.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_481" id="Page_481"></a></p>
+
+<p>Der Tag der Entscheidung r&uuml;ckte n&auml;her. Immer
+leidenschaftlicher wurden die Angriffe unserer
+Gegner in ihrer Presse, in ihren Flugbl&auml;ttern.
+Mit dem alten M&auml;rchen vom gewaltsamen Teilen suchten
+sie den Bauern, der an seiner Scholle h&auml;ngt, den
+kleinen Handwerker, der sich an den kl&auml;glichen Rest
+seiner Selbst&auml;ndigkeit klammert, in ihre Gefolgschaft zu
+fesseln. Mit der Autorit&auml;t des Kaisers st&uuml;tzten sie ihre
+Angriffe auf die sozialistischen Agitatoren.</p>
+
+<p>&raquo;Zerrei&szlig;t das Tischtuch zwischen Euch und jenen Leuten,&laquo; &mdash; dieses
+kaiserliche Wort machten sie zu ihrem Schlachtruf.
+Weite Kreise des Volkes, denen der Thron noch
+so heilig war wie der Altar, scharte er unter ihre
+Fahnen, aber gr&ouml;&szlig;ere noch, emp&ouml;rt &uuml;ber die Stellungnahme
+des Staatsoberhaupts im Kampf der Parteien,
+trieb er zu uns her&uuml;ber. Hochauf loderte der Zorn in
+unseren Reihen. Was sich in Jahren angesammelt hatte
+an bitterer Entt&auml;uschung und stillem Groll, das brach
+flammend hervor. Zu Regimentern, die wider den Gegner
+aufmarschierten, wurden die vielstelligen Zahlen, die Milliarden,
+die Armee und Flotte, China und Afrika verschlungen
+hatten; als Raubritter und Ausbeuter wurde
+gestempelt, wer je dazu ja gesagt hatte. Malten sie
+dr&uuml;ben mit blutigen Farben das Bild der Revolution
+und rissen dadurch den Gleichg&uuml;ltigen aus dem verschlafenen
+Winkel seines Daseins, so beschworen sie
+h&uuml;ben alle Gespenster der Not und des Hungers herauf
+und schreckten mit ihnen die Stumpfen aus ihrem Arbeitsleben.
+Der ehrliche Kampf mit offenem Visier auf freiem
+Felde wurde zum Guerillakrieg mit heimt&uuml;ckischen Listen
+<a name="Page_482" id="Page_482"></a>und n&auml;chtlichen &Uuml;berf&auml;llen. Und durch die feindlichen
+Lager hin und her auf leisen Sohlen schlich die Verleumdung;
+wen das Schwert nicht niederstreckte, den
+vergiftete sie.</p>
+
+<p>Ich hatte dem Gegner gegen&uuml;ber gerecht bleiben, mich
+als einzelne behaupten wollen, gegen&uuml;ber der Suggestion
+der Masse. Aber je l&auml;nger ich im Kampfe stand, desto
+schwerer wurde es, ihrer Gewalt zu widerstehen. War
+ich nicht auch nur ein Soldat im Heere, dessen F&uuml;&szlig;e
+von selbst im Takt der anderen marschieren, der die
+gleichen Waffen tr&auml;gt, und, vom Rausch des Krieges
+&uuml;berw&auml;ltigt, einen pers&ouml;nlichen Feind in jedem Glied
+des gegnerischen Heerbannes sieht?</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Gegenkandidat meines Mannes war ein
+alter Reaktion&auml;r, den der Bund der Landwirte
+auf seinen Schild erhoben hatte. Der
+Zolltarif galt ihm als ein &raquo;gigantisches Werk&laquo;; die
+Arbeitslosenversicherung, die in diesem Jahre wirtschaftlicher
+Depression f&uuml;r uns eine immer dringendere Forderung
+geworden war, erkl&auml;rte er f&uuml;r &raquo;unmoralisch&laquo;;
+dem gesetzlichen Arbeiterschutz, dessen Ausbau auf dem
+Wege zu unseren Zielen lag, m&uuml;sse, so sagte er, ein
+&raquo;Stopp&laquo; entgegengerufen werden, und wider den Gro&szlig;kapitalismus,
+dessen Entwicklung eine Voraussetzung des
+Sozialismus war, galt es, den Mittelstand mobil zu
+machen. Als der typische Konservative war er der willkommenste
+Gegner, weil sich hier, klar voneinander geschieden,
+zwei Weltanschauungen gegen&uuml;berstanden.
+Zwischen ihnen schwankten, als das Z&uuml;nglein an der<a name="Page_483" id="Page_483"></a>
+Wage, die Liberalen des Kreises hin und her. Sie
+wollten nicht glauben, da&szlig; wir ein gut St&uuml;ck Weges
+zusammengehen konnten und es einer Verleugnung aller
+liberalen Grunds&auml;tze gleichkam, wenn sie den Konservativen
+Gefolgschaft leisten wollten.</p>
+
+<p>Meinen Mann sah ich immer seltener. Trafen wir
+uns zu Hause, so schrieben wir zusammen Flugbl&auml;tter
+und Artikel, wobei er mit der ruhigen Sachlichkeit seiner
+Beweisf&uuml;hrung die Gegner zu entwaffnen und ich mit
+dem Feuer, das mich durchgl&uuml;hte, Anh&auml;nger zu werben
+versuchte. Hie und da trafen wir uns in Versammlungen,
+dann h&ouml;rte ich, da&szlig; er sprach, wie er schrieb:
+er wandte sich an den Verstand, er suchte zu &uuml;berzeugen,
+wo ich an das Gef&uuml;hl appellierte. Er hatte die Sprache
+des Dozenten, nicht die des Agitators. Wen er dem
+Sozialismus gewann, der wurde zum Bekenner. Was
+ich entz&uuml;ndete, mochte nur zu oft nichts als ein Feuerwerk
+sein.</p>
+
+<p>In den letzten Tagen fuhren wir von Ort zu Ort.
+Schon bl&uuml;hten Pfingstrosen in den G&auml;rten, und von
+Flieder und Hollunder dufteten die Lauben. &Uuml;ber den
+staubigen Chausseen br&uuml;tete die Sommersonne. Die
+Menschen in den engen S&auml;len atmeten rasch und schwer
+wie im Fieber. In den D&ouml;rfern gab's Schl&auml;gereien.
+War einer als Genosse bekannt, so spieen die Bauern
+vor ihm aus, und seinem Weibe gingen die Nachbarinnen
+aus dem Wege. Die Kinder aber in der
+Schule lie&szlig; der Lehrer mit besonderer Vorliebe patriotische
+Lieder singen. S&auml;le, die uns zur Verf&uuml;gung gestanden
+hatten, wurden uns genommen; breitspurig, ein
+Herr der Situation, stand der Gendarm vor der T&uuml;re,
+<a name="Page_484" id="Page_484"></a>wenn wir den Eingang erzwingen wollten. Kamen wir
+auf freiem Felde zusammen, der Sonne und dem Regen
+trotzend, so l&ouml;ste er die Versammlung auf, hatten wir
+irgendwo einen Raum f&uuml;r sie gefunden, so erkl&auml;rte er
+ihn f&uuml;r feuergef&auml;hrlich, kam ich als Rednerin in irgend
+ein abgelegenes Nest, so hie&szlig; es: &raquo;Frauenspersonen
+d&uuml;rfen nicht sprechen.&laquo; Aber die Genossen waren immer
+wieder erfinderischer als er. So fuhren wir einmal in
+ein kleines Dorf, das weltverlassen zwischen zwei blauen
+Seen in der Niederung liegt. Nur arme Schiffer
+wohnten hier und kleine Bauern, die elender lebten als
+der Fabrikarbeiter in der Stadt. Einer von ihnen hatte
+seine ganze arme Kate ausger&auml;umt, um die Versammlung
+zu erm&ouml;glichen. Das Hausger&auml;t stand auf dem
+Hof, die Sonne enth&uuml;llte unbarmherzig all seine Armseligkeit.
+Die leeren Stuben fa&szlig;ten trotzdem die Menge nicht,
+das G&auml;rtchen stand noch voll von ihnen. Selbst auf
+den Gem&uuml;sebeeten trampelten schwere Stiefel, aber als ich
+ein Wort des Bedauerns &auml;u&szlig;erte, sagte des Schiffers
+Frau mit gl&auml;nzenden Augen: &raquo;Wenn's auch mit Erbsen
+nischt is dies Jahr, wenn's man mit die Stimmen f&uuml;r
+den Sozi wat sein wird!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am Vorabend der Entscheidung kamen wir in
+Frankfurt an. Im Hauptquartier der Partei
+herrschte fieberhaftes Leben: hier meldeten sich
+Radfahrer, um zum morgigen Dienst ihre Marschorder
+in Empfang zu nehmen, blutjunge Leute unter ihnen,
+die sich mit um so gr&ouml;&szlig;erem Enthusiasmus in den Dienst
+der Sache gestellt hatten, als sie selbst noch nicht w&auml;hlen
+<a name="Page_485" id="Page_485"></a>durften; dort stellten sich Frauen zur Verf&uuml;gung, um
+die S&auml;umigen an die Urnen zu holen, und in sp&auml;ter
+Nachtstunde kamen andere hungrig, hei&szlig; und verstaubt
+von der letzten Verteilung der Wahlflugbl&auml;tter zur&uuml;ck.
+Als die Stadt schlief, huschten die Unerm&uuml;dlichen noch
+durch die Stra&szlig;en, und am Morgen leuchtete in wei&szlig;en
+und roten Lettern ein &raquo;W&auml;hlt Brandt!&laquo; an den Z&auml;unen
+und auf dem Trottoir.</p>
+
+<p>Wir gingen durch die Wahllokale. Vormittags stellten
+sich allm&auml;hlich die B&uuml;rger ein, ruhigen Schrittes,
+ohne sonderliche Erregung; mit dem Zw&ouml;lfuhrglockenschlag
+wurde es auf den Stra&szlig;en lebendig, und durch
+die T&uuml;ren schoben sich die Arbeiter, beschmutzt, verstaubt,
+wie die Fabrik und der Bau sie entlassen
+hatte. Die Bezirksleiter notierten jeden, der sich meldete,
+strichen an, wer noch fehlte, gaben Weisung
+an die ihrer Aufgabe wartenden Frauen. Und die
+suchten dann die S&auml;umigen in den Wohnungen, auf
+den Arbeitsst&auml;tten. Nachmittags lag wieder sommerliche
+Stille &uuml;ber der Stadt. Dann aber, als der Himmel sich
+schon mit rosigen Wolken &uuml;berzog, hallte das Pflaster
+wider von raschen Tritten. Sie kamen in Scharen:
+die jungen, r&uuml;stigen voran, und zuletzt, von Frauen,
+von Kindern gef&uuml;hrt, Alte, Kranke und Kr&uuml;ppel. Der
+Zettel in ihrer Hand, das war ihr einziges, freies
+Mannesrecht, damit waren sie an diesem einen Tage
+die Gestalter ihres Geschicks.</p>
+
+<p>Es d&auml;mmerte. In den Wahllokalen sa&szlig;en unter
+sp&auml;rlichen Gasflammen, vor rauchenden Petroleumlampen
+die Z&auml;hler. Wenn wir eintraten, bedurfte es keiner erkl&auml;renden
+Worte, die leersten Gesichter waren sprechend
+<a name="Page_486" id="Page_486"></a>geworden: Furcht und Hoffnung, Zorn und Siegeszuversicht
+dr&uuml;ckte sich in ihnen aus.</p>
+
+<p>Schon brannten die Laternen in den Stra&szlig;en. Im
+Hause, wo die Partei ihr Bureau aufgeschlagen hatte,
+waren alle Fenster erleuchtet. Im Saal oben war es
+noch leer; nur der Vorstand des Wahlvereins harrte
+vor dem Tisch mit dem gro&szlig;en Tintenfa&szlig; und den unbeschriebenen
+wei&szlig;en Bl&auml;ttern der kommenden Dinge.
+Sie gr&uuml;&szlig;ten uns kopfnickend, sie waren bla&szlig; und schweigsam
+vor Erregung. &Uuml;ber Webers Stirn standen helle
+Schwei&szlig;tropfen, seine blanken Augen waren verschleiert.
+Wir setzten uns. Nach und nach f&uuml;llte sich der Raum.
+Lauter Schweigende. Die Minuten schlichen wie ebenso
+viele Stunden. Endlich der erste Radler! Gleich darauf
+der zweite, der dritte, der vierte &mdash; die Wahlbezirke
+der Stadt.</p>
+
+<p>&raquo;Schlecht steht's!&laquo; knirschte der eine und warf den
+Zettel auf den Tisch.</p>
+
+<p>&raquo;Der Westen Frankfurts&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte Weber, &raquo;immerhin:
+zum erstenmal Stimmen f&uuml;r den Sozi! &mdash; Das
+Zentrum, &mdash; na, besser h&auml;tt's sein d&uuml;rfen! &mdash; Und die
+Vorstadt, pfui Teufel, das sind die Eisenbahner, die auf
+Kommando w&auml;hlten! &mdash; Aber hier&nbsp;&mdash;,&laquo; sein Gesicht
+strahlte &mdash; &raquo;das rei&szlig;t die ganze Stadt heraus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hurra!&laquo; rief einer und schwenkte die alte Soldatenm&uuml;tze
+zum offenen Fenster hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Bravo!&laquo; antwortete es vielstimmig von unten.</p>
+
+<p>Wieder verrannen Viertelstunden. Schon waren alle
+Pl&auml;tze an den langen Tischen besetzt.</p>
+
+<p>&raquo;Warum dauert das nur so lang&nbsp;&mdash;,&laquo; seufzte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Die Radler aus dem Oderbruch k&ouml;nnen noch nicht
+<a name="Page_487" id="Page_487"></a>hier sein&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte Weber, der wieder und wieder nach
+der Uhr sah.</p>
+
+<p>&raquo;Telegramme!&laquo; schrie jemand. Der Postbote dr&auml;ngte
+sich durch die Reihen.</p>
+
+<p>Mit bebenden Fingern ri&szlig; Weber sie auf: &raquo;Berlin
+erobert! &mdash; Ganz Sachsen unser&nbsp;&mdash;!&laquo;</p>
+
+<p>Ein Jubelruf, der sich wieder bis auf die Stra&szlig;e
+weiterpflanzte, aber rasch verklang. Das Schweigen
+war eine einzige Frage. &raquo;Und wir?!&laquo; &mdash; Jetzt aber
+t&ouml;nte von unten ein donnerndes &raquo;Hoch!&laquo; Wir st&uuml;rzten
+zum Fenster: &uuml;ber das Pflaster sprangen Lichter in langer
+Kette, R&auml;der blitzten auf&nbsp;&mdash;, die Treppen st&uuml;rmte es
+empor: atemlos, blaurot, mit zitternden Knien standen
+sie vor uns, die M&auml;nner aus dem Oderbruch. Sie
+waren keines Wortes m&auml;chtig, aber die Tr&auml;nen, die
+hellen Freudentr&auml;nen tropften ihnen &uuml;ber die Wangen.
+Mit einer fast feierlichen Geb&auml;rde breitete Weber die
+Botschaften vor uns aus. Hunderte von Stimmen
+hatten wir gewonnen. Dicht unter den Augen der
+Gegner, auf Gutsh&ouml;fen, in D&ouml;rfern hatten die Landleute
+f&uuml;r uns gestimmt. Stumm streckte ich dem Maurer
+Merten die Hand entgegen. Er hielt sie lange zwischen
+seinen harten Fingern.</p>
+
+<p>Jetzt standen die Menschen schon Kopf an Kopf. Noch
+fehlten die entferntesten Bezirke, &mdash; Buckow, F&uuml;rstenwalde.
+&raquo;Entschieden ist noch nichts,&laquo; murmelte Weber
+angstvoll.</p>
+
+<p>Wieder ein L&auml;rm auf der Stra&szlig;e. &raquo;Die Oderzeitung
+bringt ein Extrablatt!&laquo; schrieen sie zu uns empor. In
+weitem Bogen flog es von der T&uuml;r &uuml;ber die K&ouml;pfe hinweg
+auf unseren Tisch: &raquo;Depeschen aus S&uuml;ddeutschland &mdash; M&uuml;nchen,<a name="Page_488" id="Page_488"></a>
+N&uuml;rnberg, Bayreuth, Stuttgart, Darmstadt &mdash; alles
+unser!&laquo;</p>
+
+<p>Und nun l&ouml;ste ein Depeschenbote den anderen ab;
+jede Siegesnachricht steigerte die elektrische Spannung,
+selbst die Nachtluft drau&szlig;en schien erf&uuml;llt von ihr.</p>
+
+<p>Zu elf dumpfen Schl&auml;gen holte die Uhr auf der
+Marienkirche aus.</p>
+
+<p>&raquo;Im Haus der Oderzeitung l&ouml;schen sie die Lampen,&laquo; &mdash; rief
+ein junger Bursche, und brach sich mit Ellbogenst&ouml;&szlig;en
+freie Bahn in den Saal. Die Gesichter ringsum
+erhellten sich.</p>
+
+<p>Eine G&auml;rtnersfrau, der ausdauerndsten eine im Heranholen
+s&auml;umiger W&auml;hler, nahm aus ihrem bis dahin sorgf&auml;ltig
+geh&uuml;teten Korb einen gro&szlig;en Strau&szlig; roter Nelken
+und stellte ihn vor uns auf den Tisch. &mdash; &raquo;Ist's nicht
+zu fr&uuml;h?!&laquo; &mdash; Ein Brausen lag in der Luft, &mdash; war's
+nicht das pochende Blut in meinen Schl&auml;fen? Oder
+waren's die vielen Stimmen vor dem Haus?</p>
+
+<p>&raquo;Die ganze Stra&szlig;e steht schwarz voll Menschen,&laquo;
+fl&uuml;sterte ein baumlanger Arbeiter neben mir in scheuer
+Angst. Es war hei&szlig;, &mdash; gl&uuml;hend hei&szlig; im Saal, und
+doch schien mir, als m&uuml;&szlig;ten alle frieren wie ich.</p>
+
+<p>Da &mdash; &raquo;F&uuml;rstenwalde!&laquo; und wie ein Echo: &raquo;Buckow!&laquo;
+Weber war wei&szlig; im Gesicht, &mdash; sekundenlang bohrten
+sich seine Augen in das Papier. Wir hielten den Atem
+an, &mdash; dann stie&szlig; er mit rauher Stimme ein einziges
+Wort hervor: &raquo;Gesiegt!&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick war es noch still. Einem alten
+Mann, den ich nicht kannte, und der bis zu mir vorgedr&auml;ngt
+worden war, dr&uuml;ckte ich krampfhaft die Hand.
+Dann brach es los wie Gewittersturm. Das schrie,
+<a name="Page_489" id="Page_489"></a>das jauchzte, das schluchzte&nbsp;&mdash;, alte M&auml;nner fielen einander
+um den Hals, Frauen verbargen die Gesichter an den
+Schultern der N&auml;chsten. Und drau&szlig;en zerri&szlig; ein einziger
+Jubelruf die Stille der Nacht. Sie riefen nach
+ihrem Gew&auml;hlten.</p>
+
+<p>Auf die Fensterbr&uuml;stung trat er. &raquo;Nicht mir dieses
+Hoch, Parteigenossen&nbsp;&mdash;,&laquo; und seine tiefe Stimme klang
+voll und warm und die Luft selbst schien sie weiter und
+weiter zu tragen, &raquo;&mdash;&nbsp;Euch vielmehr, die ihr den
+Sieg erk&auml;mpftet, und unserer gro&szlig;en Sache vor allem,
+die die Siegesgewi&szlig;heit in sich tr&auml;gt! Ein Hoch der
+Sozialdemokratie, ein dreifaches Hoch!&laquo; Und wieder brauste
+es, als schl&uuml;gen orkangepeitschte Wellen an Felsenriffe.</p>
+
+<p>Inzwischen war Weber still beiseite gegangen. Nun
+kam er zur&uuml;ck. Er trug die alte Fahne, von grauen
+T&uuml;chern umwunden. Dicht vor dem Fenster nahm er
+langsam die H&uuml;lle ab, hob die schwere Stange hinaus,
+und das rote Tuch rollte auseinander und wehte, aufgl&uuml;hend,
+wo das Licht es traf, wie entfachte Flammen
+&uuml;ber die stumme Menge.</p>
+
+<p>&raquo;Genossin Brandt! &mdash; &mdash; Alix Brandt!&laquo; &mdash; Riefen sie
+mich?! &mdash; Man schob mich zum Fenster, &mdash; man hob
+mich empor, &mdash; ich sah keine Menschen, ich sah nur ein
+wogendes Meer, &mdash; ohne Anfang, ohne Ende. Und ich
+streckte die Arme weit aus &mdash;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_490" id="Page_490"></a></p>
+<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Alle Vorbereitungen f&uuml;r das Erscheinen der
+Gesellschaft waren getroffen. Es
+sollte eine Zeitschrift gro&szlig;en Stiles werden.
+Hervorragende Parteigenossen des In- und Auslandes
+hatten uns ihre Mitarbeit zugesagt. Eine junge K&uuml;nstlerin,
+von der Idee, die uns leitete, gepackt, hatte den Umschlag
+gezeichnet: schwarze Fabriken, aus deren Essen
+die Feuerflammen der kommenden Zeit emporschlagen.
+Es gab Leute, die angesichts der sch&ouml;nen Ausstattung,
+des niedrigen Preises und der hohen Honorare, die wir
+festgesetzt hatten, bedenklich die K&ouml;pfe sch&uuml;ttelten. Aber
+der Dreimillionen-Sieg der Partei hatte den Glauben an
+unsere Sache, den wir von jeher besessen hatten, nur
+noch gest&auml;rkt. Jetzt war wirklich die Zeit gekommen,
+wo die Sozialdemokratie eine Macht im Staate zu
+werden begann, wo sie vor der Aufgabe stand, selbst&auml;ndig
+praktische Politik zu treiben. Breite Schichten
+der Arbeiterschaft, die erstarkten Gewerkschaften an der
+Spitze, verlangten danach, und die Masse der Mitl&auml;ufer,
+die unseren Sieg hatte vergr&ouml;&szlig;ern helfen, war zweifellos
+nicht durch die ferne Aussicht auf den Zukunftsstaat
+zu uns gekommen, sondern durch die Hoffnung auf
+Reformen der Gegenwart.</p>
+
+<p><a name="Page_491" id="Page_491"></a>Eines Morgens kam Heinrich ver&auml;rgert aus dem
+Bureau: &raquo;Der Lindner l&auml;uft umher wie die Jungfrau
+von Orleans: &#8250;und mich, die all dies Herrliche vollendet,
+mich freut es nicht, das allgemeine Gl&uuml;ck&#8249;. Sollten die
+Schwarzseher ihn schon beeinflu&szlig;t haben?! Das k&ouml;nnte
+mir passen!&laquo;</p>
+
+<p>Wir h&ouml;rten eine Woche lang nichts von ihm. Dann
+kam ein Brief; &mdash; w&auml;hrend mein Mann ihn &uuml;berflog,
+ver&auml;nderten sich seine Z&uuml;ge: &raquo;Hier hast du den Wisch,&laquo;
+rief er w&uuml;tend und warf die T&uuml;re hinter sich ins Schlo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Da ich mich &uuml;berzeugt habe, da&szlig; ein gedeihliches Zusammenarbeiten
+zwischen uns nicht erreichbar sein wird,
+trete ich von unserem Vertrag zur&uuml;ck&nbsp;&mdash;,&laquo; las ich.</p>
+
+<p>Das ist doch nicht m&ouml;glich, &mdash; das kann doch nicht
+sein, fuhr es mir durch den Kopf; wie kann er sein
+Wort brechen, jetzt, in diesem Augenblick, wo er wei&szlig;,
+das damit alles steht und f&auml;llt!</p>
+
+<p>Heinrich war beim Rechtsanwalt gewesen. &raquo;Nichts
+zu machen,&laquo; knirschte er, als er nach Hause kam, &raquo;mein
+Anstand, oder sagen wir lieber meine Dummheit, die
+mich hinderten, den Vertrag notariell zu machen, erm&ouml;glichen
+diesen erb&auml;rmlichen R&uuml;ckzug.&laquo;</p>
+
+<p>Was nun?! Heinrichs trotzige Energie hatte auf diese
+Frage nur eine Antwort: &raquo;Erst recht!&laquo;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hlte mich im ersten Augenblick wie gel&auml;hmt
+und war geneigt, im R&uuml;cktritt Lindners etwas zu sehen,
+das einem Wink des Schicksals oder einem Gottesurteil
+gleichkam. Aber die Ereignisse innerhalb der Partei zerstreuten
+den Nebel, der meinen Blick vor&uuml;bergehend verdunkeln
+wollte.</p>
+
+<p>&Uuml;berall hatten nach den Wahlen Siegesfeiern statt<a name="Page_492" id="Page_492"></a>gefunden.
+Hunderte von Rednern hatten das &raquo;Unser
+die Welt!&laquo; in die &uuml;berf&uuml;llten S&auml;le hinausgeschmettert
+und ein vieltausendstimmiges Echo gefunden. Dann
+aber war der Rausch verflogen, und jenes erwartungsvolle
+Schweigen war eingetreten, das jedem gro&szlig;en Ereignis
+zu folgen pflegt. Man konnte sich nicht vorstellen,
+da&szlig; nun der Alltag wieder da ist, &mdash; genau so
+wie vorher; es mu&szlig;te irgend etwas folgen, das dem Ungeheueren
+entsprach, das wir erlebt hatten! Doch es geschah
+nichts. Nur der Sommer war gekommen mit seiner
+Blumenpracht, &mdash; wie immer. Ein unbestimmtes Gef&uuml;hl
+der Entt&auml;uschung erk&auml;ltete die eben noch gl&uuml;henden
+Herzen. Die durch den Kampf aufgepeitschten Nerven
+erschlafften pl&ouml;tzlich; eine n&ouml;rgelnde Empfindung der Unzufriedenheit
+entstand; kaum einer war, der sich ihr entziehen
+konnte, und wer am leidenschaftlichsten um den
+Sieg gerungen hatte, den packte sie mit doppelter Gewalt.</p>
+
+<p>Einige der f&uuml;hrenden Geister in der Partei waren
+sich bewu&szlig;t, da&szlig; die nerv&ouml;se ungeduldige Frage der
+Massen nach dem Preise des siegreichen Kampfes Antwort
+heischte. Aber sie empfanden nicht, da&szlig; die Antworten,
+die sie gaben, angesichts der Gr&ouml;&szlig;e der Erwartungen
+wie eine Verh&ouml;hnung wirken mu&szlig;ten. Kautsky,
+der Theoretiker des Radikalismus, versuchte ihr als der
+Vorsichtigere aus dem Wege zu gehen, indem er sich
+nur mit den Wahrscheinlichkeiten der k&uuml;nftigen Haltung
+unserer Gegner besch&auml;ftigte, und im &uuml;brigen die Gem&uuml;ter
+durch den Hinweis auf &raquo;die alte, bew&auml;hrte Taktik
+der Partei&laquo; zu beruhigen suchte. Eduard Bernstein dagegen,
+der Revisionist, hatte in dem Bestreben, zu momentanen
+praktischen Resultaten zu gelangen, acht Tage nach
+<a name="Page_493" id="Page_493"></a>dem Siege auf die Frage: was folgt aus dem Ergebnis
+der Reichstagswahlen? keine andere Antwort als die:
+ein sozialdemokratischer Vizepr&auml;sident im Reichstag! Was
+in ruhigen Zeiten vielleicht zu einer Er&ouml;rterung innerhalb
+der Fraktion gef&uuml;hrt h&auml;tte, das wurde jetzt das
+Signal zum Aufruhr.</p>
+
+<p>Wie, darum haben wir monatelang unsere Haut zu
+Markte getragen, darum haben drei Millionen Deutsche
+einundachtzig Sozialdemokraten in den Reichstag geschickt,
+damit einem von ihnen die Gelegenheit geboten
+wird, vor dem Kaiser zu katzbuckeln, &mdash; dem Kaiser,
+dessen Faust wir von Essen und Breslau her noch auf
+unserer Wange brennen f&uuml;hlen?! So t&ouml;nte es von allen
+Seiten.</p>
+
+<p>Vergebens, da&szlig; Vollmar von M&uuml;nchen aus versuchte,
+der k&uuml;hlen Vernunft zu ihrem Rechte zu verhelfen, indem
+er die tats&auml;chlichen Vorteile der Vertretung der
+Partei im Pr&auml;sidium hervorhob und die Haltlosigkeit
+der prinzipiellen Gegnerschaft zu dem &raquo;Hofgang&laquo; dadurch
+illustrierte, da&szlig; die Parteigenossen in den Einzelstaaten
+es mit ihrer republikanischen Gesinnung vereinigen m&uuml;ssen,
+dem jeweiligen Landesherrn Treue zu schw&ouml;ren, der Eid
+aber doch bedeutungsvoller sei, als ein offizieller Besuch
+im Kaiserschlo&szlig;, &mdash; bis nach Norddeutschland drang
+seine Stimme nicht. Zu tief empfanden Alle die unbewu&szlig;te
+Verh&ouml;hnung ihrer Hoffnungen und ihres Glaubens
+in Bernsteins Antwort auf die Frage, die sie bewegte.
+Und auch ich konnte mich dem niederdr&uuml;ckenden Eindruck
+nicht entziehen.</p>
+
+<p>Die Emp&ouml;rung &uuml;ber Bernstein verdichtete sich zur allgemeinen
+Wut auf die Revisionisten, die sie ihrerseits
+<a name="Page_494" id="Page_494"></a>mit einem Ungeschick, das sich nur aus ihrer Temperamentlosigkeit
+erkl&auml;ren lie&szlig;, sch&uuml;ren halfen.</p>
+
+<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen die liberalen Parteien ersetzen&nbsp;&mdash;,&laquo; erkl&auml;rte
+der eine; die aufgeregten Massen lasen daraus:
+wir m&uuml;ssen unsere sozialdemokratischen Grunds&auml;tze in die
+Tasche stecken.</p>
+
+<p>&raquo;Ein proletarischer Klassenk&auml;mpfer sein, das hei&szlig;t
+nicht auf die b&uuml;rgerliche Gesellschaft unterschiedslos
+drauflos pr&uuml;geln&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte ein anderer; die Arbeiter
+erg&auml;nzten: wir sollen mit ihr lieb&auml;ugeln.</p>
+
+<p>Sie hatten unrecht &mdash; zweifellos&nbsp;&mdash;, wie jeder unrecht
+hat, den die Leidenschaft nicht nur dem Ziel entgegen
+vorw&auml;rts rei&szlig;t, sondern blind und taub macht
+f&uuml;r alles, was rechts und links geschieht. Aber weit
+gr&ouml;&szlig;er war das Unrecht derer, die imstande gewesen
+waren, an dem Siegesfeuer, dessen himmelauflodernde
+Flammen die Begeisterung der K&auml;mpfer entfacht hatten,
+ihr armseliges S&uuml;ppchen zu kochen und es den And&auml;chtigen,
+deren Glauben noch gl&uuml;hender brannte als
+das Feuer, als s&auml;ttigende Speise darzureichen.</p>
+
+<p>Ein m&auml;chtiger Helfer erwuchs ihrem Zorn, einer, der
+noch immer wundergl&auml;ubig gewesen war, wie sie; einer,
+den, wie sie, der Sieg trunken gemacht hatte: August
+Bebel. In einer Erkl&auml;rung, die dem Pronunziamento
+des Nachfolgers Christi auf dem apostolischen Stuhle
+gleichkam, verurteilte er Bernstein und die Seinen und
+drohte &uuml;berdies mit der Entscheidung des n&auml;chsten Parteitages.
+Nun erst, nachdem der F&uuml;hrer gesprochen, entbrannte
+der Bruderkrieg in vollem Umfang. Was Bebel
+nur hatte ahnen lassen, das sprachen andere aus: fort
+aus der Partei, wer uns den Sieg verekelt.</p>
+
+<p><a name="Page_495" id="Page_495"></a>Ich f&uuml;rchtete das Schlimmste. Meine pers&ouml;nlichen
+Besorgnisse verschwanden wie Tautropfen im Meer.
+Jetzt galt es, den Bedrohten einen Mittelpunkt schaffen,
+der zum Ausgang einer starken, jungen Bewegung werden
+k&ouml;nnte. Aus tiefster &Uuml;berzeugung wiederholte ich Heinrichs:
+&raquo;Erst recht!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Verkauf des Archivs war der erste Schritt
+zu unserem Ziel. Heinrich wandte sich an
+einen der gr&ouml;&szlig;ten Verleger, der seine Bereitwilligkeit
+aussprach, das Archiv zu &uuml;bernehmen, wenn
+der alte Herausgeber ihm erhalten bliebe. Er bot ein
+Redaktionshonorar daf&uuml;r, das uns zeitlebens der Sorgen
+enthoben h&auml;tte. Wir besannen uns keinen Augenblick,
+seine Vorschl&auml;ge zur&uuml;ckzuweisen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun bliebe noch Romberg,&laquo; sagte ich z&ouml;gernd; ich
+wu&szlig;te, seit jener ersten Anfrage war eine leise Entfremdung
+zwischen den beiden M&auml;nnern eingetreten.</p>
+
+<p>&raquo;Damit er mich wieder behandelt, wie der hochm&ouml;gende
+Vormund,&laquo; brauste Heinrich auf.</p>
+
+<p>Noch am selben Abend schrieb ich an Romberg.
+Wenige Tage sp&auml;ter war er in Berlin. Ich setzte ihm
+die Lage auseinander.</p>
+
+<p>&raquo;Ich appelliere lediglich an Ihr Interesse f&uuml;r die
+Zeitschrift,&laquo; sagte ich, &raquo;die heute eine der angesehendsten
+ihrer Art ist. Es lag Ihnen daran, sie in die
+Hand zu bekommen; &mdash; Sie sprachen seinerzeit davon,
+als von einem Ersatz der ordentlichen Professur.&laquo;</p>
+
+<p>Er machte eine abwehrende Handbewegung. &raquo;Wenn
+ich nun aber statt meines pers&ouml;nlichen Interesses, das
+<a name="Page_496" id="Page_496"></a>sich nicht ver&auml;ndert hat, meine Freundschaft entscheiden
+lie&szlig;e?!&laquo; rief er aus. &raquo;Mir scheint, ich m&uuml;&szlig;te Sie vor
+einem Ungl&uuml;ck bewahren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das lassen Sie meine Sorge sein,&laquo; antwortete ich
+herb. Er schwieg verletzt, und als gleich darauf mein
+Mann eintrat, stellte er sich auf einen ausschlie&szlig;lich gesch&auml;ftlichen
+Standpunkt und verhandelte nur mit ihm.</p>
+
+<p>Kurze Zeit darnach war die Angelegenheit entschieden:
+Mit zwei anderen Herren &uuml;bernahm Romberg das Archiv.</p>
+
+<p>Ich hatte im Augenblick meine ganze Zuversicht
+wiedergewonnen und lud ihn ein, den Abschlu&szlig; fr&ouml;hlich
+mit uns zu feiern. Aber er war schon abgereist.</p>
+
+<p>&raquo;Dann geben wir uns allein ein Fest,&laquo; meinte mein
+Mann; &raquo;wir haben Ursache genug dazu als selbst&auml;ndige
+Inhaber der Neuen Gesellschaft!&laquo; Doch es schien, als
+sollte es nicht sein. Zuerst verschlang die Arbeit unsere
+Zeit, und dann kam die Stimmung nicht wieder.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Hader in der Partei nahm immer b&ouml;sartigere
+Dimensionen an. Was Bebel an
+Erkl&auml;rungen und Artikeln ver&ouml;ffentlichte, das
+klang so ma&szlig;los, da&szlig; die Vizepr&auml;sidentenfrage und die
+Mitarbeit der Parteigenossen an b&uuml;rgerlichen Bl&auml;ttern
+unm&ouml;glich die einzige Ursache seines Vorgehens sein
+konnte. Er mu&szlig;te irgendwo Parteiverrat wittern, wenn
+er alle politische Klugheit so v&ouml;llig zu vergessen vermochte
+und den Gegnern die bittere Pille der Wahlniederlage
+durch den Kampf in den eigenen Reihen vers&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Die Zeit des Vertuschens und Kom&ouml;dienspiels ist
+vorbei&nbsp;&mdash;,&laquo; rief er; &raquo;jetzt hei&szlig;t es Farbe bekennen, jetzt
+<a name="Page_497" id="Page_497"></a>gibt's kein Ausweichen mehr&nbsp;&mdash;,&laquo; was hie&szlig; das anders,
+als da&szlig; Elemente in der Partei vorhanden waren, die
+nicht hinein geh&ouml;rten, die entfernt werden mu&szlig;ten?</p>
+
+<p>&raquo;Die Masse der Parteigenossen halte die Augen auf!&laquo;
+mahnte er; was bedeutete das anders, als da&szlig; sich Verr&auml;ter
+in ihrer Mitte befanden? Aber w&auml;hrend Bebels Zorn
+vom Feuer der Leidenschaft noch immer verkl&auml;rt erschien,
+sekundierten ihm die Zionsw&auml;chter des Radikalismus mit
+der K&auml;lte systematischer Verfolgungssucht. Und nun erwachte
+im Proletariat, auf dessen rohe Instinkte sie spekulierten,
+der P&ouml;bel. Er warf sich keifend auf alles,
+was nicht mit ihm l&auml;rmte.</p>
+
+<p>Wir, die wir dem Revisionismus eine selbst&auml;ndige
+Zeitschrift schaffen wollten, standen, das zeigte sich bald,
+mit auf der ersten Seite der Liste der Konskribierten.
+Noch ehe die erste Nummer unseres Blattes erschienen
+war, wurde es als ein kapitalistisches Unternehmen gebrandmarkt;
+von Mund zu Mund ging der Klatsch,
+da&szlig; wir einen reichen G&ouml;nner gefunden h&auml;tten, der es
+wie einen Sprengstoff in die Partei werfen wollte, und
+in einer der wild erregten Versammlungen, die dem
+Parteitag vorangingen, fiel zum erstenmal das ver&auml;chtliche
+Wort, das wohlgef&auml;llig weitergetragen wurde: &raquo;Gesch&auml;ftssozialisten.&laquo;</p>
+
+<p>Es traf mich wie ein Keulenschlag. Eben erst hatten
+wir eine gesicherte Existenz von uns gewiesen, &mdash; und
+nun dies Wort!!</p>
+
+<p>Ich br&uuml;tete stumm vor mich hin. Ich ging nicht auf
+die Stra&szlig;e, denn ich f&uuml;hlte mich wie beschmutzt.</p>
+
+<p>Was ich erlebte, war nur ein Teil dessen, was allen
+begegnete, die unter dem Namen Revisionisten zusammen<a name="Page_498" id="Page_498"></a>gefa&szlig;t
+wurden. Das zahnlose alte Weib, der Klatsch,
+ging um mit den ewig beweglichen Lippen und den
+d&uuml;rren Fingern, die in jeder Gosse gierig w&uuml;hlen. Als
+Mandatsj&auml;ger wurde der eine verd&auml;chtigt, als l&uuml;gnerischer
+Verleumder Bebels der andere. Und wessen wir
+bisher f&auml;lschlich beschuldigt worden waren, &mdash; eine geschlossene
+Gruppe zu sein, &mdash; das machte die Verfolgung
+aus uns. Den Kopf umnebelt von den giftigen
+D&uuml;nsten, die rings um uns aufstiegen, erschien uns der
+Ha&szlig; der Personen, die uns bek&auml;mpften, als das Prim&auml;re;
+kaum einer war, der noch wu&szlig;te, da&szlig; es der
+Gegensatz der Anschauungen war, der ihn zeugte, und
+niemand gab zu, da&szlig; Bebel recht hatte, wenn er an kleinen
+Symptomen die ganze Richtung erkannte, &mdash; die Richtung,
+die seinen tiefgewurzelten Prophetenglauben, aus dem er
+die ganze Schwungkraft seiner Lebensarbeit sog, ersch&uuml;ttern
+mu&szlig;te, wenn sie zur allgemeinen Anerkennung kam.</p>
+
+<p>Wie sich sein Zorn und derer um ihn auf die Einzelnen
+entlud, die im Augenblick als die S&uuml;nder erschienen,
+so entlud sich der unsere auf einen Mann, der
+seit Jahren das Feuer sch&uuml;rte, das uns verbrennen
+sollte, der, ohne sich jemals in das Gew&uuml;hl der Volksversammlung
+zu wagen, von der Abgeschiedenheit seiner
+Studierstube aus Jeden verfolgte, der kein Buchstabengl&auml;ubiger
+des Marxismus war. Seine gl&auml;nzende journalistische
+F&auml;higkeit hatte ihm seine Stellung geschaffen;
+die fanatische R&uuml;cksichtslosigkeit, mit der er seine Gegner
+verfolgte, hatte sie erhalten helfen. Niemand wagte,
+sich ihm entgegenzustellen. Selbst seine Gesinnungsfreunde
+f&uuml;rchteten ihn, denn er ha&szlig;te heute, was er
+gestern noch liebte.</p>
+<p><a name="Page_499" id="Page_499"></a></p>
+<p>&raquo;Er ist das b&ouml;se Prinzip der Partei,&laquo; hie&szlig; es in
+unserem Kreise, w&auml;hrend tats&auml;chlich nur der konservative
+Radikalismus mit all seiner Unduldsamkeit, all
+seinem Dogmenglauben in ihm Fleisch geworden war.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn wir die Partei von ihm befreien k&ouml;nnen, so
+haben wir sie gerettet,&laquo; erkl&auml;rten unsere Freunde.</p>
+
+<p>Meinen Mann packte der Gedanke wie keinen. Noch
+immer hatte seine &uuml;bersch&auml;umende Willenskraft sich an
+Aufgaben erproben wollen, die niemand sonst &uuml;bernahm.
+Er h&ouml;rte um so weniger auf die warnenden Stimmen,
+die sich erhoben, als ich ihn in seinem Vorhaben nur
+best&auml;rkte. Die Partei aus der inneren Zerr&uuml;ttung erretten,
+in der sie sich befand, sie einer neuen gesicherten
+Einheit entgegenf&uuml;hren, &mdash; keine Aufgabe w&auml;re mir im
+Augenblick gr&ouml;&szlig;er erschienen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Es war am Abend vor unserer Abreise nach
+Dresden, wo der Parteitag stattfand.</p>
+
+<p>&raquo;Es wird ein Kampf bis aufs Messer,&laquo;
+sagte Heinrich; &raquo;aber was auch kommen mag, mich
+soll's nicht kr&auml;nken, wenn ich nur deiner sicher bin!&laquo;</p>
+
+<p>Ich legte beide Arme um seinen Hals: &raquo;Du kannst
+es, Heinz! Noch niemals liebte ich dich so wie heut!&laquo;
+Und z&auml;rtlich schmiegte ich meinen Kopf an seine Schulter,
+w&auml;hrend mein Auge in dem&uuml;tiger Liebe an dem seinen hing.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr t&ouml;richten Frauen wollt in den M&auml;nnern immer
+nur Helden sehen,&laquo; meinte er. Seine Lippen brannten
+auf meinem Mund. Wir verga&szlig;en der Ehe, wie in
+allen gl&uuml;cklichen Stunden unseres Lebens; &mdash; der Ehe,
+die alle Geheimnisse schamlos ihrer Schleier beraubt,
+<a name="Page_500" id="Page_500"></a>so da&szlig; die Liebe, die nur von Sehnsucht lebt, sterben
+mu&szlig;.</p>
+
+<p>Gegen Morgen weckte mich ein Schrei. Ich fuhr
+entsetzt aus dem Schlaf.</p>
+
+<p>&raquo;So bleib doch, Liebste,&laquo; fl&uuml;sterte Heinrich traumbefangen.
+Aber schon war ich im Nebenzimmer am
+Bett meines Kindes. Seine Wangen gl&uuml;hten, verst&auml;ndnislos
+irrten seine Augen an mir vorbei. Und
+wieder l&ouml;ste sich ein Schmerzensruf von seinen trockenen
+Lippen. Ich wickelte den zuckenden K&ouml;rper in nasse
+T&uuml;cher und schickte die Berta zum Arzt. Jetzt erst erwachte
+mein Mann und erschien an der T&uuml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Papachen,&laquo; sagte der Kleine und verzog den Mund
+m&uuml;hsam zu einem L&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist denn nur?!&laquo; rief Heinrich mit gerunzelter
+Stirn und ungeduldiger Stimme; &raquo;komm doch ins Bett, &mdash; du
+erk&auml;ltest dich ja!&laquo;</p>
+
+<p>Ich lief ins Schlafzimmer zur&uuml;ck, um mir einen Mantel
+zu holen.</p>
+
+<p>&raquo;Du siehst doch, &mdash; Ottochen ist krank,&laquo; fl&uuml;sterte ich
+ihm im Vor&uuml;bergehen zu.</p>
+
+<p>&raquo;Krank!&laquo; wiederholte er laut und trat n&auml;her. &raquo;Nicht
+wahr, mein Junge, dir fehlt nichts, &mdash; du tr&auml;umtest
+nur schlecht, &mdash; du siehst ja rund und rosig aus, wie's
+liebe Leben!&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem &auml;ngstlich fragenden Blick sah der Kleine
+von einem zum anderen.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, Papa, gewi&szlig;,&laquo; sagte er dann mit stockender
+Stimme, &raquo;jetzt ist schon alles wieder gut.&laquo; Aber seine
+tr&auml;nenumflorten Augen, die flehend zu mir aufsahen,
+sein hei&szlig;es H&auml;ndchen, das krampfhaft meine Finger
+<a name="Page_501" id="Page_501"></a>umschlo&szlig;, strafte seine Worte L&uuml;gen. Ich dr&auml;ngte Heinrich
+hinaus. Wo nur die Berta blieb? Warum der Arzt
+nicht kam? &mdash; Im Wohnzimmer schlug die Uhr sieben.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist die h&ouml;chste Zeit, da&szlig; du dich anziehst, Alix,&laquo;
+rief Heinrich. Wir hatten uns mit unseren Freunden
+f&uuml;r den Achtuhrzug verabredet. Ich wechselte rasch die
+Kompresse auf der brennenden Stirn meines Kindes und
+ging ins Schlafzimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich bleibe ich hier,&laquo; sagte ich, die
+Stimme d&auml;mpfend.</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;re noch sch&ouml;ner!&laquo; antwortete er heftig. &raquo;Wegen
+eines Schnupfens, den der Junge im schlimmsten Fall
+kriegen wird, willst du in diesem Augenblick mich und
+die Sache im Stiche lassen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hlte, wie das Blut mir siedendhei&szlig; in das
+Antlitz scho&szlig;: &raquo;So sprich doch wenigstens leise&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Aber Heinrich wollte nicht h&ouml;ren: &raquo;Du wei&szlig;t, was
+auf dem Spiele steht, &mdash; du kommst mit,&laquo; schrie er mich
+an, und seine Hand umkrallte meinen Arm.</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn die ganze Partei dar&uuml;ber zugrunde ginge, &mdash; ich
+bleibe hier,&laquo; zischte ich, au&szlig;er mir vor Emp&ouml;rung.</p>
+
+<p>&raquo;Mama, &mdash; Mama!&laquo; rief eine s&uuml;&szlig;e weinende Stimme.
+Der Kleine stand auf der Schwelle, mit angstvoll aufgerissenen
+Augen, wie im Schwindel auf den blo&szlig;en
+F&uuml;&szlig;chen hin und her schwankend. Auf meinen Armen
+trug ich ihn ins Bett zur&uuml;ck und riegelte die T&uuml;r hinter
+uns zu. Nach kurzer Zeit h&ouml;rte ich Heinrich das
+Haus verlassen. Ich f&uuml;hlte keinen Schmerz, &mdash; nur eine
+ungeheure Leere in meinem Herzen. Dar&uuml;ber nachzugr&uuml;beln,
+war ich nicht imstande: in wilden Fieberphantasien
+w&auml;lzte sich mein Kind auf seinem Lager.</p>
+
+<p><a name="Page_502" id="Page_502"></a>Kaum in Dresden angekommen, telegraphierte mir
+mein Mann: &raquo;Verzeih. Wie geht es?&laquo; Mu&szlig;te ich ihm
+nicht jetzt, wo er so schweren Stunden entgegenging,
+die Wahrheit schonend verschweigen?! Aber warum
+diese R&uuml;cksicht?! War er doch mehr als schonungslos,
+war grausam gewesen! Nie w&uuml;rde ich ihm das verzeihen
+k&ouml;nnen!</p>
+
+<p>&raquo;Otto schwere Blinddarmentz&uuml;ndung,&laquo; antwortete ich
+kurz, dem Ergebnis der &auml;rztlichen Untersuchung entsprechend.</p>
+
+<p>Zwei Tage vergingen und zwei N&auml;chte. Noch immer stieg
+das Fieber; der kleine K&ouml;rper kr&uuml;mmte sich vor Schmerzen.
+Die Schreie der Angst wurden schw&auml;cher; an ihre Stelle
+trat ein Wimmern &mdash; jammervoll, ununterbrochen. Ich
+wich nicht von dem kleinen Bett. Wenn ich die Hand
+auf das hei&szlig;e K&ouml;pfchen des Kranken legte, schien er f&uuml;r
+Augenblicke ruhiger, wenn ich mich ganz dicht an ihn
+schmiegte, verlor sein Blick den Ausdruck tiefen Entsetzens.
+Einmal glaubte ich schon begl&uuml;ckt, er schliefe.
+Da ri&szlig; er sich ungest&uuml;m aus meinen Armen, richtete sich
+hoch auf, starrte mich verst&auml;ndnislos an und schrie:
+&raquo;Mama, &mdash; Mama, &mdash; warum bist du so weit, &mdash; so weit
+weg, &mdash; ich sehe dich gar nicht mehr&nbsp;&mdash;&laquo; und in verzweifeltem
+Schluchzen bebten seine Schultern. Das Herz
+krampfte sich mir zusammen, &mdash; und doch hatte ich noch
+Kraft genug ihm beruhigend zuzul&auml;cheln, w&auml;hrend ich
+den kleinen K&ouml;rper wieder in nasse T&uuml;cher h&uuml;llte. Er
+wurde still, er schlo&szlig; die Augen, er atmete regelm&auml;&szlig;iger.
+Aber in meinen Ohren dr&ouml;hnten seine Worte: warum
+bist du so weit weg! Er hatte mich angeklagt, &mdash; und
+ich sprach mich schuldig: War ich nicht Tage, Wochen,
+Monde lang von meinem Sohn &raquo;weit weg&laquo; gewesen?!<a name="Page_503" id="Page_503"></a>
+War nicht auf seinen Gedankenwegen mit ihm gegangen, &mdash; hatte
+nicht mit seinem Herzen gef&uuml;hlt, &mdash; mit seinen
+Augen gesehen? Wenn er nun mich verlassen wollte?!
+Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende. An seinem
+Bette sank ich in die Kniee; ich faltete die H&auml;nde auf
+seinen Kissen; &mdash; ich betete. Nicht zu den Schutzengeln,
+die mir ein M&auml;rchen waren, nicht zu dem Christengott,
+den ich nicht kannte. Mein Gebet war voll Fr&ouml;mmigkeit,
+ob es auch keine Worte hatte, mein Gebet war
+voll Glauben, ob es auch glaubenslos war, mein Gebet
+war voll Kraft, denn es richtete sich nicht gen Himmel, &mdash; es
+brachte dem Heiligtum des Lebens mich selbst zum
+Opfer dar&nbsp;...</p>
+
+<p>Der grauende Tag kroch durch die Fenster. Mein
+Kind schlief mit einem L&auml;cheln um die blassen Lippen.
+Ich k&uuml;&szlig;te es leise. Mir war, als w&auml;re ich erst in der
+letzten Nacht seine Mutter geworden.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en l&auml;utete es. Es war der Telegraphenbote:
+&raquo;Wie geht es? Rege dich &uuml;ber Zeitungen nicht auf.&laquo;
+Ich mu&szlig;te den zweiten Satz noch einmal lesen; gab
+es noch irgend etwas in der Welt, &uuml;ber das ich mich
+nach dieser Nacht h&auml;tte aufregen k&ouml;nnen?! Ja so! Der
+Parteitag, &mdash; ich hatte nichts gelesen. &raquo;Otto besser.
+Bin ruhig. W&uuml;nsche dir das Beste,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Berta mich bei dem Kranken vertrat, las
+ich die Berichte. Ich erschrak, als ich sah, da&szlig; Heinrich
+entgegen seiner Absicht, durch den Artikel eines
+s&auml;chsischen Parteiblattes herausgefordert, in der Diskussion
+&uuml;ber die Mitarbeit von Genossen an der b&uuml;rgerlichen
+Presse als Erster gesprochen hatte. Die ganze
+Erregung &uuml;ber unser Auseinandergehen, die wachsende<a name="Page_504" id="Page_504"></a>
+Sorge um das kranke Kind mu&szlig;te ihn beherrscht, seine
+Stimmung beeintr&auml;chtigt haben. Und ich f&uuml;hlte zwischen
+jeder Zeile der Rede die Bitterkeit seines Herzens, die
+qu&auml;lende Angst. &Uuml;ber jenen Mann hatte er gesprochen,
+der sich herausnahm im Kampf gegen uns den Ton anzugeben,
+der uns um einiger Artikel in einer b&uuml;rgerlichen
+Zeitschrift willen wie Verr&auml;ter verfolgte; und er
+hatte ihn gekennzeichnet, als das, was er war: ein
+doppelter Renegat, in der Jugend Sozialdemokrat, gleich
+darauf der Verfasser einer der giftigsten Schm&auml;hschriften
+gegen die Sozialdemokratie, nach wenigen Jahren wieder
+Mitglied der Partei, und jetzt: ihr unfehlbarer Sittenrichter.
+Keiner, so schien mir, w&uuml;rde sich dem Eindruck
+der Rede meines Mannes entzogen haben, wenn nicht
+in jedem Ton die Aufregung gezittert h&auml;tte, deren Ursache
+niemand kannte als ich. Immer wieder hatte ihn
+Bebel unterbrochen, mit stets gesteigerter Heftigkeit, und
+jeder Zuruf mu&szlig;te meinen Mann, dessen ganze Seele
+wund war, doppelt schmerzhaft treffen. Und dann waren
+sie alle &uuml;ber ihn und uns hergefallen, und am tollsten
+hatten uns, die freien Schriftsteller &mdash; &raquo;frei&laquo; wie der
+Lohnarbeiter, der seinem Verdienst nachgehen mu&szlig;&nbsp;&mdash;,
+die Genossen geschm&auml;ht, die in sicheren Parteipfr&uuml;nden
+sa&szlig;en. Ein Gef&uuml;hl von Ekel stieg mir bis zum Hals.
+Wie hatte doch Romberg einmal gesagt? &raquo;Durch eine
+bestimmte Personengruppierung kann eine Sache rettungslos
+verloren gehen.&laquo; War diese Gesellschaft w&uuml;tender
+Proleten wirklich noch der w&uuml;rdige Tr&auml;ger der menschheitbefreienden
+Gedanken des Sozialismus?</p>
+
+<p>In einem kurzen Brief, den ich von Heinrich erhielt,
+hie&szlig; es: &raquo;...&nbsp;Die Lage der Dinge ist unbeschreiblich.<a name="Page_505" id="Page_505"></a>
+Die eingeschlossene Luft in diesem engen halbdunkeln
+Saal scheint gef&uuml;llt mit Sprengstoff. Das gezwungene
+dicht Nebeneinandersitzen erh&ouml;ht die Reizbarkeit&nbsp;... Bebel
+ist selbst f&uuml;r Freunde, die ihn beruhigen wollen, unnahbar.
+Er hat sich stundenlang in sein Hotel zur&uuml;ckgezogen
+und hat den Ausdruck eines Rachegottes, wenn
+er wieder erscheint. Warum? Niemand wei&szlig; es. Er
+soll sich w&auml;hrend der Wahlk&auml;mpfe &uuml;beranstrengt haben,
+sagen die einen; die Erbschaft, die ein bayerischer
+Offizier ihm hinterlie&szlig;, und das, was an Prozessen
+mit den Verwandten dieses Offiziers darum und
+daran h&auml;ngt, soll ihn aufregen, meinen die anderen.
+Jedenfalls kommt mehr denn je alles auf seine
+Haltung an; und sein Benehmen mir gegen&uuml;ber l&auml;&szlig;t
+wenig Gutes hoffen. &Uuml;brigens scheint er auf uns beide
+ganz besonders w&uuml;tend zu sein. Als Wanda Orbin die
+Mitarbeit an b&uuml;rgerlichen Bl&auml;ttern als todesw&uuml;rdiges
+Verbrechen kennzeichnete und dabei von den s&uuml;ndigen
+&#8250;Genossen&#8249; sprach, rief er wiederholt mit starker Betonung
+dazwischen: &#8250;Und Genossinnen!&#8249; Damit bist Du
+in erster Linie gemeint&nbsp;... Man spricht von einer
+Resolution, durch deren Unannehmbarkeit die Revisionisten
+hinausgedr&auml;ngt werden sollen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Seltsam, wie k&uuml;hl, fast gleichg&uuml;ltig ich dieser M&ouml;glichkeit
+gegen&uuml;ber blieb.</p>
+
+<p>Gegen Abend fieberte mein Kind wieder. Es phantasierte
+von Riesen, die das Zimmer f&uuml;llten, und am
+Morgen war mir, als ob ich die ganze Nacht mit
+ihnen h&auml;tte ringen m&uuml;ssen, um sie vom Bett meines
+Lieblings fernzuhalten. Ich f&uuml;hlte mich zu Tode ersch&ouml;pft.</p>
+<p><a name="Page_506" id="Page_506"></a></p>
+<p>&raquo;Wir sind noch nicht &uuml;ber den Berg,&laquo; sagte der Arzt
+mit einem ernsten Gesicht, &raquo;aber Sie sollten sich trotzdem
+schonen&nbsp;&mdash;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin die Mutter,&laquo; unterbrach ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Gerade darum,&laquo; antwortete er.</p>
+
+<p>Aber wie konnte ich von meinem Sohne weichen, solange
+seine Augen sich tr&uuml;bten, wenn ich den Platz an
+seinem Bett verlie&szlig;!</p>
+
+<p>W&auml;hrend er ein paar Bleisoldaten auf den wei&szlig;en
+Berg seiner Kissen klettern lie&szlig;, &uuml;berflog ich zerstreut
+den neuen Parteitagsbericht. Erst Bebels Rede fing
+an, mich zu fesseln. Er z&auml;hlte die S&uuml;nden jener Wochenschrift
+auf, f&uuml;r die wir f&uuml;nf Angeklagten geschrieben
+hatten: Vor genau zehn Jahren hatte deren Herausgeber
+ihn als &raquo;rote Primadonna&laquo; verulkt. Ich staunte: sollte
+Bebel, der gro&szlig;e Bebel, von so kleinlicher Empfindlichkeit
+sein, da&szlig; er dergleichen Nebens&auml;chlichkeiten als unausl&ouml;schliche
+Kr&auml;nkungen empfand?! Und im vorigen
+Jahre w&auml;hrend des Zollkampfes hatte derselbe Redakteur
+sich gegen die Obstruktionspolitik der Sozialdemokraten
+ausgesprochen. War das nicht sein gutes Recht? Sollte
+er selbst mit seiner &Uuml;berzeugung hinter dem Berge halten,
+wenn er allen seinen Mitarbeitern die vollste Meinungsfreiheit
+gew&auml;hrte?</p>
+
+<p>Ich las weiter. Ich rieb mir die Augen, &mdash; vielleicht
+war ich es jetzt, die fieberte, &mdash; der Kopf fing an, mir
+zu brennen. Ich las noch einmal. Aber ich irrte mich
+nicht. Hier stand es, ganz deutlich, und noch unterstrichen
+durch den &raquo;st&uuml;rmischen Beifall&laquo;, mit dem es
+begr&uuml;&szlig;t worden war: &raquo;Es gibt unter uns Marodeure,
+die ein solches Blatt unterst&uuml;tzen&nbsp;&mdash;&laquo;, &raquo;Elemente, die
+<a name="Page_507" id="Page_507"></a>moralisch tief gesunken sind&nbsp;&mdash;&laquo;, &raquo;ihnen geb&uuml;hrt nichts
+anderes, als ein kr&auml;ftiges Pfui!&laquo;</p>
+
+<p>Griff mir nicht eine rohe Faust an die Kehle&nbsp;&mdash;, traten
+die Augen nicht schon aus ihren H&ouml;hlen? Und
+der Boden unter mir, auf dem ich stand, schwankte er
+nicht? &mdash; &mdash; Meine Familie, meine Freunde, meine
+Existenz, &mdash; alles hatte ich der Partei geopfert, &mdash; und
+jetzt kam dieser Mann und beschimpfte mich, weil ich
+ein paar literarische Kritiken in ein Blatt geschrieben
+hatte, das ihm nicht pa&szlig;te?! Er, dieser Ritter der
+Frauen, hatte den traurigen Mut, mich vor der ganzen
+Welt f&uuml;r ehrlos zu erkl&auml;ren?! Ich sprang vom Stuhl, &mdash; verga&szlig;
+mein krankes Kind, &mdash; und lief ins Nebenzimmer.
+Dort in der alten Truhe lag sie noch, &mdash; meines
+Vaters Pistole! Wenn ich ein Mann w&auml;re&nbsp;&mdash;!
+Meine Hand krampfte sich um ihren Griff, mein Finger
+suchte den Hahn. Wenn mein Vater noch lebte! Vor
+ihre M&uuml;ndung w&uuml;rde er den R&auml;uber meiner Ehre fordern!</p>
+
+<p>&raquo;Mama!&laquo; rief es von nebenan. Ich strich mit der
+Hand &uuml;ber meine hei&szlig;e Stirn und warf mit einem
+sp&ouml;ttischen Achselzucken &uuml;ber die romantische Anwandlung,
+die ich eben gehabt hatte, die alte Pistole in die
+Truhe zur&uuml;ck. Ich stehe ja nicht allein, dachte ich; mein
+Mann, der auf die kleinste Kr&auml;nkung, die mir angetan
+wird, mit hellem Zorn reagiert, hat mich in diesem
+Augenblick schon verteidigt, und die anderen alle, die
+getroffen wurden, genau wie ich, werden zu flammendem
+Protest einm&uuml;tig zusammenstehen.</p>
+
+<p>Aber schon, da&szlig; die Diskussion ohne Unterbrechung
+ihren Fortgang genommen hatte, machte mich stutzig.
+Freilich, der eine der Angegriffenen, der eben einen<a name="Page_508" id="Page_508"></a>
+Wahlkreis erobert hatte wie wir, verteidigte sich in aufflammender
+Emp&ouml;rung.</p>
+
+<p>&raquo;Auch dem Parteif&uuml;hrer, der die Ehre eines Menschen
+beschmutzt, geb&uuml;hrt ein Pfui,&laquo; rief er aus. Aber mitten
+in seiner Rede war er imstande gewesen, mit sentimentaler
+R&uuml;hrung von der Verehrung zu erz&auml;hlen, die er
+f&uuml;r den Beleidiger empfunden hatte! Ich sch&auml;mte mich,
+auch nur mir selbst solch ein Gef&uuml;hl zuzugeben. Und
+als Bebel nachher ein paar v&auml;terliche Worte der Anerkennung
+f&uuml;r ihn aussprach, bedankte er sich daf&uuml;r!</p>
+
+<p>Der andere stimmte seine Rede auf denselben Ton
+und sprach von der ganz besonderen Verehrung, die er
+f&uuml;r den Veteranen der Partei stets empfunden habe.
+Der Dritte endlich brauste zwar in jugendlichem Eifer
+auf, hatte aber schon vorher reum&uuml;tig abgebeten. Ich
+sch&uuml;ttelte mich. Wer sich so behandeln lie&szlig;, war wert,
+da&szlig; er so behandelt wurde. Mein Mann, dachte ich
+triumphierend, wird anders zu sprechen wissen!</p>
+
+<p>Jetzt endlich fand ich seinen Namen unter den Rednern.
+Unwillk&uuml;rlich suchte ich zuerst nach den Zwischenrufen,
+nach den wilderregten Szenen, die sein Zorn
+hervorrufen mu&szlig;te; &mdash; und da stand es ja schon:
+&raquo;st&uuml;rmische Unterbrechungen&laquo; &mdash; &raquo;gro&szlig;e Unruhe&laquo; &mdash; &raquo;Skandal&laquo;.
+Aber das bezog sich gar nicht auf eine
+Zur&uuml;ckweisung der Beleidigungen Bebels. Meine H&auml;nde,
+die das Blatt hielten, begannen zu zittern.</p>
+
+<p>Wie?! Auch was er sagte, klang wie eine halbe
+Entschuldigung?!</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind entschlossen, an der fraglichen Wochenschrift
+nicht mehr mitzuarbeiten, da das Interesse der Partei
+es fordert&nbsp;...&laquo; Und dann: &raquo;Ich erwarte von Bebel,
+<a name="Page_509" id="Page_509"></a>da&szlig; er das schwere und bittere Unrecht, das er begangen
+hat, einsieht und durch eine Erkl&auml;rung gut zu machen
+sucht.&laquo; War das alles? Wirklich alles?! Ich ballte
+die H&auml;nde und dr&uuml;ckte die N&auml;gel ins Fleisch, ich pre&szlig;te
+die Z&auml;hne aufeinander, da&szlig; sie knirschten. Nur nicht
+weinen, nur jetzt nicht weinen, &mdash; wiederholte ich immer
+wieder. Die gro&szlig;e Uhr &uuml;ber dem Schreibtisch tickte
+laut und vernehmlich, &mdash; meines Vaters Uhr, die ich
+vor fremden H&auml;nden gerade noch gerettet hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Er hat dich nicht verteidigt, &mdash; nicht verteidigt&nbsp;&mdash;,&laquo;
+sagte sie unaufh&ouml;rlich; oder war es des Vaters
+Stimme? &mdash; &raquo;Nicht verteidigt&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich schrieb an den Vorsitzenden des Parteitags und
+forderte ihn auf, Bebel zu einer R&uuml;cknahme seiner Beleidigung
+zu veranlassen. Mein Wunsch wurde abgelehnt.
+Ich verlangte ein Schiedsgericht, das &uuml;ber
+meine Ehre entscheiden sollte. &raquo;Wegen der Meinungs&auml;u&szlig;erung
+eines Genossen &uuml;ber den anderen kann ein
+solches nicht angerufen werden,&laquo; lautete die Antwort.
+Jetzt also war ich vogelfrei; ausgesto&szlig;en aus meiner
+alten Welt, als Ehrlose gebrandmarkt in der neuen!</p>
+
+<p>Ich wurde merkw&uuml;rdig ruhig. Ich spielte l&auml;chelnd
+mit meinem Sohn, der sich langsam erholte. Es gab
+Stunden, in denen ich dem Schicksal dankbar war, das
+mich an diese Stelle zwang, das es mir deutlicher sagte,
+als Worte es je vermocht h&auml;tten: dein Kind allein ist
+deine Welt.</p>
+
+<p>Fast mechanisch, interesselos, fing ich wieder an, die
+Berichte zu lesen.</p>
+
+<p>Inzwischen war die Abstimmung &uuml;ber die Erkl&auml;rung
+des Parteivorstandes zur Frage der Mitarbeit
+<a name="Page_510" id="Page_510"></a>von Genossen an b&uuml;rgerlichen Pre&szlig;unternehmungen
+vor sich gegangen. Mit &uuml;berw&auml;ltigender Mehrheit
+war sie zur Annahme gelangt. Ich lachte unwillk&uuml;rlich
+laut auf. So orthodox war bisher nicht einmal
+die Kirche gewesen! Sie war viel zu klug dazu; sie
+benutzte jede Trib&uuml;ne, wenn es galt, auch nur eine
+Seele zu gewinnen.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht darauf kommt es an,<em class="spaced"> wo</em> Parteigenossen
+schreiben, sondern<em class="spaced"> was</em> sie schreiben. Je mehr sie mit
+ihrer &Uuml;berzeugung und ihrer Person in die Reihen der
+uns noch feindlich Gesinnten eindringen, desto besser ist
+es f&uuml;r unsere Sache, denn wir sind keine Sekte, die sich
+zu ihrem Gottesdienst in ihrer Kapelle verschlie&szlig;t, sondern
+eine Bewegung, die der ganzen Menschheit dienen
+und die Welt erobern will&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Das w&auml;re eine unserer sozialistischen Grunds&auml;tze w&uuml;rdige
+Erkl&auml;rung gewesen. Niemand beantragte sie. Nur
+vierundzwanzig &mdash; unter ihnen mein Mann, G&ouml;hre,
+Vollmar &mdash; hatten den Vorstandsbeschlu&szlig; abgelehnt.</p>
+
+<p>Und nun stand der zweite Streitpunkt: die Taktik der
+Partei, die Vizepr&auml;sidenten-Frage, auf der Tagesordnung.</p>
+
+<p>Bebel referierte. Nach allem Vorhergegangenen erwartete
+ich eine w&uuml;tende Philippika. Aber das, was
+er sagte, &uuml;bertraf jede Erwartung. War das derselbe
+Bebel, der in Hannover so klug und so einsichtig gewesen
+war?</p>
+
+<p>&raquo;Nie und zu keiner Zeit waren wir in der Partei
+uneiniger als jetzt&nbsp;&mdash;;&laquo; das erkl&auml;rte er, nachdem wir
+eben einm&uuml;tig den gr&ouml;&szlig;ten politischen Sieg erfochten
+hatten! &raquo;So geht's nicht weiter, &mdash; jetzt m&uuml;ssen wir
+endlich reinen Tisch machen,&laquo; und: &raquo;Wer nicht pariert,
+<a name="Page_511" id="Page_511"></a>der fliegt hinaus!&laquo; War das noch die Sprache des
+F&uuml;hrers einer demokratischen Partei, oder nicht vielmehr
+die eines Diktators? Er sprach von den Revisionisten
+als von den Leuten, die mit der Bourgeoisie lieb&auml;ugeln,
+und verlangte, da&szlig; man sie &ouml;ffentlich denunzieren
+m&uuml;sse, damit die Genossen sich vor ihnen h&uuml;ten k&ouml;nnten.
+Er erkl&auml;rte auf der einen Seite, um einen Gewerkschaftsantrag
+zu Falle zu bringen, da&szlig; es f&uuml;r die Fraktion
+viel zu schwierig sei, ganze Gesetzesvorlagen auszuarbeiten,
+und versicherte auf der anderen, da&szlig;, wenn die Partei
+heute zur Herrschaft im Staate k&auml;me, sie schon morgen
+wissen w&uuml;rde, was sie zu tun habe. Der heimliche Ha&szlig;
+gegen die Akademiker, durch den er die Masse des Proletariats
+unzerrei&szlig;bar mit sich verband, ohne zu f&uuml;hlen,
+da&szlig; er dem ersten Grundsatz des Sozialismus dadurch
+ins Gesicht schlug, durchgl&uuml;hte seine Rede.</p>
+
+<p>&raquo;Seht Euch die Akademiker dreimal an, ehe Ihr
+ihnen Vertrauen schenkt!&laquo; &raquo;St&uuml;rmischer Beifall&laquo; stand
+daneben. Und doch waren es Akademiker gewesen, die
+dem Proletariat die Organisation, seiner Bewegung die
+Grundlage und das Ziel gegeben hatten. Schlie&szlig;lich
+warnte er noch vor &raquo;dem anderen Teil der Revisionisten,
+den Proletariern in gehobenen Lebensstellungen&laquo;. Und
+niemand lachte ihm ins Gesicht, &mdash; und niemand
+wies mit Fingern auf die, die Beifall jauchzten: Gastwirte,
+Redakteure, Parteibeamte, lauter ehemalige Proletarier
+in gehobenen Lebensstellungen, &mdash; und ihn selbst,
+der ein wohlhabender Mann geworden war. Fielen
+denn heute lauter Schleier von meinen Augen, oder
+war ich nur vorher blind gewesen?</p>
+
+<p>Nach ihm sprach Vollmar. Er zeigte, wie die Partei
+<a name="Page_512" id="Page_512"></a>seit Jahren angesichts der praktischen Forderungen des
+Tages ein Vorurteil nach dem anderen habe fallen lassen,
+wie zum eisernen Bestand ihrer Taktik geworden sei,
+was kurz vorher als hochverr&auml;terische Forderung gebrandmarkt
+worden war. Dann aber wandte er sich pers&ouml;nlich
+gegen Bebel, &mdash; der erste und der einzige, der
+es mit der Autorit&auml;t seines Namens zu tun vermochte.</p>
+
+<p>&raquo;Ein ungez&uuml;geltes Temperament schadet nicht nur auf
+F&uuml;rstenthronen, sondern auch auf denen der Partei,&laquo;
+rief er aus. &raquo;...&nbsp;In welchem Ton hat Bebel sich an
+die ganze Partei gewandt? &#8250;Ich werde nicht dulden&nbsp;...&#8249;,
+&#8250;Ich werde den Kopf waschen&nbsp;...&#8249;, &#8250;Ich werde Abrechnung
+halten&#8249;. Ich, ich, ich &mdash; so hat der Lordprotektor
+Cromwell zum langen Parlament gesprochen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ich atmete tief auf. Auch eine Verteidigung meiner
+Ehre war diese Anklage gewesen. Nur eins verstand
+ich nicht: er betonte die innere Einheit der Partei mit
+derselben Sch&auml;rfe, wie Bebel sie geleugnet hatte. Wie
+konnte er nur?! W&auml;ren all die Wutausbr&uuml;che dieses
+Parteitages m&ouml;glich gewesen, wenn eine innere Einheit
+bestanden h&auml;tte? Sie waren doch nichts anderes als
+Symptome der Zerrissenheit. Aber die Revisionisten
+schienen sich das Wort gegeben zu haben, Vollmars Ansicht
+nicht nur zu teilen, sondern zu unterstreichen. Dieselben
+M&auml;nner, die st&auml;ndig und, wie mir schien, mit Recht
+diese und jene Programmforderungen der Sozialdemokratie
+kritisierten und einer Um&auml;nderung f&uuml;r bed&uuml;rftig
+hielten, erkl&auml;rten pl&ouml;tzlich, da&szlig; prinzipielle Gegens&auml;tze
+nicht vorhanden seien. War das Feigheit oder nur
+Schw&auml;che? &mdash; Schw&auml;che, die in ihren Folgen viel
+gef&auml;hrlicher ist als sie? Und ich befand mich pl&ouml;tzlich
+<a name="Page_513" id="Page_513"></a>in &Uuml;bereinstimmung mit einem der schroffsten Radikalen
+in der Partei: &raquo;Das ist ja der Jammer des deutschen
+Revisionismus, da&szlig; er nie mit einem bestimmten Programm
+hervorkommt,&laquo; sagte Kautsky, nachdem er versucht
+hatte, den auch seiner Ansicht nach vorhandenen Gegensatz
+als den zwischen der Zusammenbruchs- und der
+Evolutionstheorie zu kennzeichnen; &raquo;die einen erwarten
+die Befreiung von der sozialen Revolution, die anderen
+von der allm&auml;hlichen Entwicklung.&laquo;</p>
+
+<p>Mein Mann schrieb mir noch einmal: &raquo;F&uuml;r die Partei
+wird diese traurige Tagung mit ihren zahllosen Hintergr&uuml;nden
+von Gemeinheit, Klatsch und Verhetzung
+schlie&szlig;lich noch zum guten Ende f&uuml;hren. Der Resolution
+des Parteivorstandes zur Frage der Taktik sind ihre
+sch&auml;rfsten Spitzen, auf denen wir gespie&szlig;t werden sollten,
+genommen worden, und ihre einm&uuml;tige Annahme scheint
+danach gesichert, was den Frieden in der Partei wieder
+herstellen wird.&laquo;</p>
+
+<p>Ich antwortete umgehend: &raquo;Ich verstehe Dich und
+die anderen nicht. Selbst wenn die Resolution ihrem
+Wortlaut nach annehmbar w&auml;re, so ist sie es ihrem
+Sinn nach nicht, und Euer Ja bedeutet keinen Frieden,
+sondern Unterwerfung. Ich bedaure, bei der Abstimmung
+nicht zugegen zu sein. Ich w&uuml;rde, &mdash; und wenn
+ich die einzige bliebe, &mdash; laut und deutlich Nein sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Als ich den Wortlaut der Resolution zu Gesicht bekam,
+wurde mir die Haltung der Revisionisten vollends
+unverst&auml;ndlich. Wie viele unter ihnen hatten dem Eintritt
+des Sozialdemokraten Millerand in das franz&ouml;sische
+Ministerium zugestimmt, hatten eine allm&auml;hliche Eroberung
+der Regierungsgewalt &uuml;berall f&uuml;r m&ouml;glich, ja f&uuml;r
+<a name="Page_514" id="Page_514"></a>wahrscheinlich erkl&auml;rt, und jetzt beugten sie sich einer
+Resolution, in der es hie&szlig;: Die Sozialdemokratie kann
+einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der
+b&uuml;rgerlichen Gesellschaft nicht erstreben. Wie viele verurteilten
+laut und leise die lediglich negierende Haltung
+der Partei gegen&uuml;ber der Kolonialpolitik, und jetzt verpflichteten
+sie sich selbst zum &raquo;energischen Kampf&laquo; gegen
+sie. Aber da&szlig; dreihundert ja sagten, traf mich immer
+noch nicht so tief, als da&szlig; Heinrich unter ihnen war.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Mein Kind lag noch immer. Den Genesenden
+zu besch&auml;ftigen, kostete fast noch mehr Zeit
+als den Kranken zu pflegen. Herrisch verlangte
+der kleine Tyrann immer wieder nach Mama,
+wenn Berta mich abl&ouml;sen wollte. Aber meine Gedanken
+waren doch wieder frei, und wenn er zur Ruhe gebracht
+worden war, konnte ich, wenn auch mit mattem
+Blick und m&uuml;den H&auml;nden, in den Tr&uuml;mmern meines
+Lebens suchen, was zu neuem Aufbau noch stark genug
+war. Und ich fand eine unersch&uuml;tterte Grundmauer:
+meine politische &Uuml;berzeugung. Vor der Partei konnte
+ein Bebel mich diskreditieren, konnte mir die Arbeit in
+ihren Reihen kraft seines Bannfluchs unm&ouml;glich machen.
+Aber ersch&ouml;pfte sich denn der Sozialismus in der Partei?</p>
+
+<p>Mein Verstand war befriedigt, und doch blieb es so
+kalt, so leer in mir. Ich sah mich suchend um, &mdash; war
+die W&auml;rme und die Farbe aus meinem Leben gewichen?
+Ach, im Garten meiner Liebe waren alle Blumen geknickt!
+Hatte der eine rohe Griff meines Gatten so viel
+vernichten k&ouml;nnen? Oder war es nur ein letzter Herbst<a name="Page_515" id="Page_515"></a>sturm
+gewesen, der die schon lange heimlich welken
+endg&uuml;ltig von den Stielen ri&szlig;?</p>
+
+<p>Eines Abends, ganz pl&ouml;tzlich, &ouml;ffnete sich die T&uuml;re,
+und Heinrich stand vor mir. Wie sah er aus! Aschfahl,
+die Augen tief in den H&ouml;hlen, dunkel umschattet,
+die ganze Gestalt gebeugt.</p>
+
+<p>&raquo;Heinz!&laquo; schrie ich auf und schlang die Arme um ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du mich nur noch liebst &mdash; du,&laquo; fl&uuml;sterte er
+und bedeckte mein Antlitz mit K&uuml;ssen. &raquo;Ich f&uuml;rchtete mich
+vor der Heimkehr, weil ich dachte, ich k&ouml;nnte auch dich
+verloren haben, &mdash; aber nun ist alles gut, &mdash; nun m&ouml;gen
+sie mich steinigen. Ich f&uuml;hle nichts, nichts als Seligkeit,
+weil deine Liebe mich unverwundbar macht!&laquo;</p>
+
+<p>Mir st&uuml;rzten die Tr&auml;nen aus den Augen, &mdash; Tr&auml;nen
+der Reue, des Schmerzes. Er sollte nicht umsonst an
+meine Liebe geglaubt haben. War es nicht Liebe, die
+wieder erwachte, da er so zerschlagen vor mir stand?</p>
+
+<p>Ich erfuhr allm&auml;hlich, was geschehen war. Artikel,
+Erkl&auml;rungen, Briefe legte er mir vor, voll w&uuml;tender
+Angriffe auf ihn, den &raquo;Urheber des Dresdener Parteitages&laquo;,
+den &raquo;geistigen Vater eines nie dagewesenen
+Parteiskandals&laquo;, voll niedriger pers&ouml;nlicher Verleumdungen.
+Selbst in unserem Leben w&uuml;hlten fremde H&auml;nde,
+und unter ihrem Griff wurde auch das Reinste schmutzig.</p>
+
+<p>Es war ein grauer Herbstabend mit tiefh&auml;ngenden
+Wolken und langen Schatten in den Zimmern. Ich
+kauerte in der Ecke des Sofas, unf&auml;hig, mich zu r&uuml;hren,
+wie zerpr&uuml;gelt. Heinrich ging auf und nieder, rastlos, &mdash; hie
+und da griff er mit der Hand nach seinem Kopf,
+als ob er sich vergewissern m&uuml;sse, da&szlig; er noch lebe.</p>
+
+<p>&raquo;Nach meiner ersten Rede schon sagte mir Victor<a name="Page_516" id="Page_516"></a>
+Geier: &#8250;Das ist politischer Selbstmord&#8249;. Als ich dann
+Bebel antworten wollte, wie es nach seinem Angriff
+allein richtig gewesen w&auml;re,&laquo; &mdash; so hatte mich Heinrich
+doch verteidigen wollen! &mdash; &raquo;da haben sie mich alle bearbeitet,
+haben im Namen des Parteiinteresses an mich
+appelliert, und ich war so t&ouml;richt, durch all die widerw&auml;rtigen
+Szenen so ersch&ouml;pft, da&szlig; ich mich wirklich
+unterwarf. Was n&uuml;tzte es?! Nichts! Der Skandal
+nahm seinen Fortgang. Und auf der Strecke bleibe
+schlie&szlig;lich ich allein!&laquo;</p>
+
+<p>Einige Tage sp&auml;ter kam Geier zu uns. Die erste
+Nummer der Neuen Gesellschaft war eben in hunderttausend
+Exemplaren verbreitet worden.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; mit Ihnen reden, Genossin Brandt,&laquo; sagte
+er nach einer raschen Begr&uuml;&szlig;ung. &raquo;Sie haben sich,
+fern von Dresden, hoffentlich so viel k&uuml;hle &Uuml;berlegung
+bewahrt, um eher Vernunft anzunehmen als Ihr
+Mann.&laquo;</p>
+
+<p>Und dann setzte er mir auseinander, was seiner Meinung
+nach geschehen m&uuml;sse. Zun&auml;chst habe sich Heinrich
+dem Schiedsspruch eines Parteigerichts zu unterwerfen.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht einem so objektiven Richter wie Bebel&nbsp;&mdash;,&laquo;
+warf ich bitter ein.</p>
+
+<p>&raquo;Stehen Sie erst einmal am Ende der Laufbahn
+und m&uuml;ssen zusehen, wie andere den ganzen Gewinn
+Ihrer Lebensarbeit in Frage ziehen!&laquo; rief Geier heftig,
+um sich gleich darauf wieder zur Ruhe zu zwingen.
+&raquo;Ohne eine R&uuml;ge wegen seiner Dresdener Rede wird
+es nat&uuml;rlich nicht abgehen,&laquo; fuhr er fort, &raquo;im &uuml;brigen
+aber, daf&uuml;r lege ich jetzt schon meine Hand ins Feuer,
+werden sich alle Verleumdungen als solche erweisen, und<a name="Page_517" id="Page_517"></a>
+Heinrich wird nachher eine gesichertere Stellung haben
+als zuvor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t, da&szlig; ich die Einsetzung eines Schiedsgerichts
+in meinem Wahlkreis bereits selbst veranla&szlig;t
+habe,&laquo; unterbrach ihn mein Mann, &raquo;wozu also das Gerede?!
+Komm lieber gleich zur Sache!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie du willst,&laquo; antwortete Geier ruhig und wandte
+sich wieder mir zu. &raquo;Er hat Sie, wie es scheint, von
+meiner anderen Forderung noch nicht unterrichtet: das
+Erscheinen der Neuen Gesellschaft einzustellen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich fuhr auf: &raquo;In diesem Augenblick sollen wir unsere
+einzige Waffe von uns werfen?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine nette Waffe!&laquo; h&ouml;hnte Geier. &raquo;Solange das
+Dresdener Spektakelst&uuml;ck noch in aller Munde ist, werden
+vielleicht ein paar Dutzend Leute euer Blatt kaufen.
+Aber &uuml;ber kurz oder lang bleibt euch von der Waffe
+nichts mehr als eine zerbrochene Klinge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben schon ein kleines Verm&ouml;gen in die Sache
+hineingesteckt&nbsp;&mdash;,&laquo; murmelte ich mit gepre&szlig;ter Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Kann mir's denken,&laquo; meinte Geier und kr&auml;uselte
+sp&ouml;ttisch die Lippen; &raquo;vorsichtige Gesch&auml;ftsleute seid
+Ihr offenbar nicht. Aber so rettet wenigstens, was zu
+retten ist!&laquo;</p>
+
+<p>Heinrichs Gesicht hatte sich mehr und mehr ger&ouml;tet.
+Jetzt blieb er dicht vor Geier stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Du benutzt unsere Notlage, um die Partei von einem
+revisionistischen Blatt zu befreien,&laquo; zischte er ihn an.</p>
+
+<p>Mit einer heftigen Bewegung sprang Geier vom
+Stuhl und hieb mit der Faust auf den Tisch: &raquo;Ich
+komme nach Berlin gereist, um euch einen Freundschaftsdienst
+zu erweisen, und du begegnest mir so&nbsp;&mdash;. St&uuml;rze
+<a name="Page_518" id="Page_518"></a>dich denn meinetwegen kopf&uuml;ber in dein Verderben&nbsp;&mdash;&laquo;
+Und hinaus war er.</p>
+
+<p>Wir gingen tagelang schweigsam nebeneinander her.
+Inzwischen fanden &uuml;berall Parteiversammlungen statt,
+die sich mit den Dresdener Ereignissen und ihren Folgen
+besch&auml;ftigten. In den Angriffen auf die Revisionisten,
+ganz besonders auf meinen Mann, &uuml;bertrafen sie noch
+den Parteitag. Und stets wurde vor der Zeitschrift
+gewarnt, mit der wir uns &raquo;auf Kosten der Partei&laquo; bereichern
+wollten. Es gab keinen Ausweg mehr, als sie
+zun&auml;chst aufzugeben. Wir hatten die Mittel nicht, um
+sie gegen die herrschende Stimmung in der Partei durchzusetzen.</p>
+
+<p>&raquo;Alle freiheitlichen Elemente hatten sich am 16. Juni
+um Ihre Fahnen geschart,&laquo; schrieb mir Romberg, &raquo;weil
+sie, von den b&uuml;rgerlichen Parteien im Stiche gelassen,
+bei der Sozialdemokratie den Schutz der Geistesfreiheit,
+den Hort des Kulturfortschritts zu finden glaubten.
+Dresden hat diesen Wahn zerst&ouml;rt, hat gezeigt, da&szlig; der
+Dogmatismus, die Verfolgungssucht Andersdenkender,
+kurz die ganze Seelenverfassung der Inquisitoren, nirgends
+in so krasser Form zu finden ist, als bei den
+privilegierten Menschheitsbefreiern. Wir sind nun wieder
+vogelfrei. Und Sie?!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_519" id="Page_519"></a></p>
+
+<p>In der Nacht, nachdem unsere zweite und letzte
+Nummer erschienen war und wir wieder schlaflos
+den huschenden Wolken drau&szlig;en und der
+wachsenden Mondsichel zusahen, sagte Heinrich zu mir:
+&raquo;Was meinst du, wenn ich ginge?&laquo;</p>
+
+<p>Zuerst verstand ich ihn nicht, &mdash; dann aber packte ich
+mit aller Kraft seine beiden H&auml;nde und sah ihm mit
+stummem Entsetzen in das blasse Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Ich warnte dich schon einmal, &mdash; vor Jahren,&laquo; fuhr
+er leise und langsam fort. &raquo;Ich bringe Allen Ungl&uuml;ck, &mdash; dir, &mdash; der
+Partei. Mir scheint, ich habe hier nichts
+mehr zu tun.&laquo;</p>
+
+<p>Ich stammelte in heller Angst tausend Liebesworte,
+ich schmiegte mich an ihn, als ob ihm aus meiner
+Lebensw&auml;rme Lebensmut zustr&ouml;men k&ouml;nnte. Aber er blieb
+ernst und fest und wu&szlig;te immer neue Gr&uuml;nde nicht nur
+f&uuml;r die Berechtigung, sondern f&uuml;r die Notwendigkeit
+seiner Absicht vorzubringen.</p>
+
+<p>Nach alter Gewohnheit pochte morgens unser Bub
+an die T&uuml;re und sprang herein, ohne unsere Aufforderung
+abzuwarten. Es war das erstemal nach seiner
+Krankheit, da&szlig; er so fr&uuml;h schon aufstehen durfte. Er
+kletterte eilig auf Heinrichs Bett und sah ihn an, halb
+&uuml;berrascht, halb erschrocken. Mit jenem r&auml;tselvollen
+Scharfblick des Kindes schien er das Fremde, Dunkle
+erkannt zu haben, das von der Seele seines Vaters Besitz
+ergriffen hatte. Er legte ihm das H&auml;ndchen auf
+den Kopf; &raquo;so hat Mama auch gemacht, wie ich krank
+war,&laquo; erz&auml;hlte er wichtig, und dann k&uuml;&szlig;te und streichelte
+<a name="Page_520" id="Page_520"></a>er &raquo;den lieben, guten Papa&laquo;, bis sich doch noch ein
+L&auml;cheln um dessen festgeschlossene Lippen stahl.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du wirklich hier nichts mehr zu tun?!&laquo; fragte
+ich leise, als der Kleine wieder davongelaufen war.
+&raquo;Soll dein Sohn einmal von dir glauben m&uuml;ssen, da&szlig;
+du dich feige davonstahlst?!&laquo;</p>
+
+<p>Er dr&uuml;ckte mir die Hand, fest und lang. Ich wu&szlig;te:
+wenn die Gespenster der Nacht auch nicht auf immer
+gebannt waren, so w&uuml;rden sie doch keine Macht mehr
+gewinnen &uuml;ber ihn.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die Schiedsgerichts-Verhandlungen zogen sich
+wochenlang hin. Es war eine seelische Folter
+f&uuml;r meinen Mann, und wenn er nach Hause
+kam, gab ich mir alle M&uuml;he, ihn nicht merken zu lassen,
+wie ich selber litt.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en entwickelte sich wieder in der alten Weise
+der politische Kampf: Radikale und Revisionisten arbeiteten
+scheinbar einm&uuml;tig zusammen. Es galt diesmal
+den Landtagswahlen. Mich rief niemand zu Hilfe. Zu
+keiner der zahllosen Versammlungen forderte man mich
+auf. Ich war die Gezeichnete. Und nirgends schien
+eine L&uuml;cke entstanden, weil ich fehlte. Ich war wie die
+Welle, die im Meere aufsteigt und zur&uuml;cksinkt, ohne eine
+Spur zu hinterlassen.</p>
+
+<p>Zuweilen trafen wir mit unseren politischen Freunden
+zusammen, &mdash; zuf&auml;llig nur, denn die Revisionisten schienen
+sich nach Dresden noch mehr aus dem Wege zu gehen,
+als vorher. Einmal kamen wir in eine ernstere Unter<a name="Page_521" id="Page_521"></a>haltung,
+und ich verurteilte unumwunden ihre Annahme
+der Dresdener Resolution.</p>
+
+<p>&raquo;Mir ist es sogar fraglich,&laquo; sagte ich, &raquo;ob ihre Ablehnung
+nicht von einem gemeinsamen Austritt aus der
+Partei h&auml;tte begleitet werden m&uuml;ssen.&laquo; Aber ich stie&szlig;
+auf allgemeinen Widerspruch.</p>
+
+<p>&raquo;Damit h&auml;tten die Radikalen erreicht, was sie wollten,&laquo;
+rief der eine.</p>
+
+<p>&raquo;Wegen einiger Gegens&auml;tze in taktischen Fragen werden
+wir doch die Partei nicht im Stiche lassen,&laquo; sagte der
+andere.</p>
+
+<p>&raquo;Es w&auml;re nichts als Fahnenflucht,&laquo; erkl&auml;rte einer
+der Gewerkschafter.</p>
+
+<p>&raquo;Und wir w&uuml;rden zur&uuml;ckbleiben, als Offiziere ohne
+Armee,&laquo; meinte mein Mann. Ich lie&szlig; mich nicht &uuml;berzeugen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben trotz allem Bekenntnis zum historischen
+Materialismus aus der Geschichte nicht allzu viel gelernt,&laquo;
+entgegnete ich. &raquo;Noch immer ist die Entwicklung
+die gewesen, da&szlig; eine gro&szlig;e Bewegung aus sich
+heraus neue Bewegungen zeugt, deren Tr&auml;ger zun&auml;chst
+nichts sind als ein paar Vorl&auml;ufer, als Offiziere
+ohne Armee. Und was nun gar die Gegens&auml;tze
+betrifft, so glauben Sie doch nicht ernsthaft an ihre Geringf&uuml;gigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; antwortete einer der anderen, &raquo;aber ich glaube,
+und habe nach unserer bisherigen Entwicklung ein Recht
+dazu, da&szlig; unsere Ideen sich im Proletariat von unten
+herauf durchsetzen. Wir schlie&szlig;en Lohntarif-Vertr&auml;ge
+mit den Unternehmern, und niemand zeiht uns deshalb
+eines Vertuschens der <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Kassengegens&auml;tze'">Klassengegens&auml;tze</ins>; wir arbeiten in
+<a name="Page_522" id="Page_522"></a>den Gemeinden, in den Landtagen, und keiner wagt
+uns deshalb wegen des Paktierens mit der b&uuml;rgerlichen
+Gesellschaft anzuklagen. Unsere Genossenschaften fangen
+an, wie unsere Gewerkschaften zu einer wirtschaftlichen
+Macht zu werden, und kein Radikalinski hat uns noch
+vorgehalten, da&szlig; das gegen die Zusammenbruchstheorie
+verst&ouml;&szlig;t und wir damit bis zum gro&szlig;en Kladderadatsch
+warten m&uuml;&szlig;ten.&laquo;</p>
+
+<p>Ich schwieg. Der Mann der praktischen Arbeit mochte
+gegen&uuml;ber meinen unklaren Theorien doch wohl recht haben.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Kurz vor Weihnachten legte das Schiedsgericht
+von Frankfurt-Lebus dem Parteitag des Kreises
+die Resultate seiner Untersuchungen vor, und
+die Genossen erteilten ihren Abgeordneten daraufhin einstimmig
+das Vertrauensvotum.</p>
+
+<p>&raquo;Und du freust dich gar nicht?!&laquo; sagte mein Mann,
+als er nachts aus Platkow zur&uuml;ckkam, wo die Versammlung
+stattgefunden hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; freue ich mich, &mdash; aber im Grunde ist doch
+das alles selbstverst&auml;ndlich und macht das Geschehene
+nicht ungeschehen,&laquo; antwortete ich und dachte an die
+Zeitschrift, mit der wir unsere Aufgabe, wie mir schien,
+geopfert hatten, an die unges&uuml;hnte Kr&auml;nkung, die noch
+immer wie eine schw&auml;rende Wunde an mir fra&szlig;, an
+das verst&uuml;mmelte, beschmutzte Bild der Partei, das einst
+in so leuchtenden reinen Farben vor mir gestanden
+hatte, an die gro&szlig;e Flamme meiner Liebesleidenschaft,
+die &uuml;ber dem Aschenhaufen nur noch leise glimmte.</p>
+
+<p>Aus meines Mannes Wahlkreis wurde ich wieder zu<a name="Page_523" id="Page_523"></a>
+Vortr&auml;gen aufgefordert. Seltsam genug: es gab noch
+Genossen, die mir vertrauten, obwohl der erste unter
+ihnen mich f&uuml;r ehrlos erkl&auml;rt hatte! In diesen Kreisen
+schien das Verst&auml;ndnis f&uuml;r eine Empfindung zu fehlen,
+die eine Reminiszenz an meine aristokratische Herkunft sein
+mochte, und offenbar zu jenen &raquo;Eierschalen der Vergangenheit&laquo;
+geh&ouml;rte, &uuml;ber die in der Partei so oft gespottet
+wurde. Aber wenn auch die anderen alle dar&uuml;ber hinwegsehen
+konnten, ich konnte es nicht. Ich lehnte ab.
+Meine Zur&uuml;ckhaltung wurde falsch gedeutet. Meine
+Bemerkung &uuml;ber den Austritt aus der Partei mochte
+irgendwie durchgeackert sein. Ich sah, da&szlig; ich die Stellung
+meines Mannes, die trotz des Vertrauensvotums
+eine schwierige geblieben war, noch mehr erschwerte.
+Und ich hatte mir vorgenommen, ihm nach wie vor ein
+treuer Kamerad zu bleiben.</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen wieder &uuml;ber mich verf&uuml;gen,&laquo; schrieb ich
+nach Frankfurt und st&uuml;rzte mich in die Arbeit, von der
+ich hoffte, da&szlig; sie sich als Morphium f&uuml;r die Schmerzen
+meiner Seele erweisen w&uuml;rde. Und so lange ich am
+Schreibtisch &uuml;ber den Zeitungen und Brosch&uuml;ren sa&szlig;,
+hielt sie, was ich von ihr erwartet hatte.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die Ereignisse schienen mit besonderem Eifer
+daf&uuml;r zu sorgen, da&szlig; wir nicht im Bruderzwist
+aufgehen konnten. Der Riesenstreik
+der Textilarbeiter von Crimmitschau, die nun schon seit
+Wochen mit einer Ausdauer ohnegleichen um den Zehnstundentag
+k&auml;mpften und dem lockenden Gold der Unternehmer
+ebenso standhielten wie den Verfolgungen der<a name="Page_524" id="Page_524"></a>
+Polizei, lie&szlig; uns f&uuml;hlen, da&szlig; wir gegen den Feind so
+einig waren wie immer. Und die russische Revolution,
+die wie ein vom Sturm gepeitschter Brand von einem
+Ende des Riesenreichs zum anderen &uuml;bersprang, entz&uuml;ndete
+in uns allen eine Hoffnung, als ginge der Stern
+der Menschheitserl&ouml;sung nun wirklich im Osten auf.
+Da&szlig; Preu&szlig;en-Deutschland sich zum Schleppentr&auml;ger des
+Zarismus erniedrigte, da&szlig; russische Polizisten im Verein
+mit den unseren die russischen G&auml;ste der Hauptstadt verfolgen
+konnten, da&szlig; ein Minister die Reichstagstrib&uuml;ne
+benutzte, um die russischen Studenten der Berliner Universit&auml;t
+samt und sonders als Anarchisten zu verd&auml;chtigen
+und ihre weiblichen Kollegen der Unsittlichkeit zu
+zeihen, da&szlig; der Reichskanzler von ihnen als von
+&raquo;Schnorrern und Verschw&ouml;rern&laquo; sprach, &mdash; das l&ouml;ste
+einen Schrei der Entr&uuml;stung aus. Die Partei stand
+wieder auf dem Posten als die einzige, die leidenschaftlichen
+Protest erhob. Und wenn die politischen
+Ereignisse nicht auszureichen schienen, um das Bewu&szlig;tsein
+ihrer Zusammengeh&ouml;rigkeit in den Genossen
+aufs neue zu festigen, so sorgten unsere Gegner daf&uuml;r.
+Sie schufen den Reichsverband zur Bek&auml;mpfung der
+Sozialdemokratie, aber die Kette, die sie schmiedeten, um
+uns damit zu fesseln, verband uns nur.</p>
+
+<p>Ich sah das alles. Ich sch&ouml;pfte Hoffnung daraus
+nicht nur f&uuml;r den Kampf nach au&szlig;en, sondern auch f&uuml;r
+die innere Entwicklung, die um so kr&auml;ftiger zu sein
+pflegt, je unbeachteter sie ist.</p>
+
+<p>Aber als ich zum erstenmal wieder in Frankfurt auf
+die Rednertrib&uuml;ne trat und all die vielen Augen sich
+auf mich richteten, da versagte meine Kraft. Das Blut
+<a name="Page_525" id="Page_525"></a>brannte mir in den Wangen; &mdash; sahen die Menschen
+mir den Schlag nicht an, den ich empfangen hatte?!
+Und ich f&uuml;hlte feindselige Blicke, sp&ouml;ttisches L&auml;cheln, ich
+sprach wie gegen ein Tor von Erz. Meine Zuh&ouml;rer
+blieben kalt.</p>
+
+<p>&raquo;Was fehlte dir nur?&laquo; fragte Heinrich mich kopfsch&uuml;ttelnd.
+Ich gab eine ausweichende Antwort.</p>
+
+<p>Noch ein paarmal machte ich &auml;hnliche Versuche. Von
+nerv&ouml;ser Aufregung gesch&uuml;ttelt, die mir sonst fremd gewesen
+war, trat ich schon vor die Versammlung. Und
+dann sprach ich, da&szlig; ich mich selbst nicht wieder erkannte.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;La&szlig; mich eine Zeitlang irgendwo zur Ruhe kommen,&laquo;
+bat ich eines Tages, mit den Tr&auml;nen
+k&auml;mpfend, meinen Mann, der in mich drang,
+ihm die Ursache meiner tiefen Verstimmung anzuvertrauen.
+&raquo;Das alles war ein wenig viel f&uuml;r mich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er stimmte mir ohne Besinnen zu. &raquo;Wenn es nichts
+weiter ist, als da&szlig; du Ruhe brauchst!&laquo; sagte er aufatmend
+und entwarf mir die sch&ouml;nsten Reisepl&auml;ne. &raquo;Ich
+w&uuml;rde dir den Weg auf den Mond bahnen wollen,
+wenn ich sicher w&auml;re, da&szlig; meine Alix wieder gesund
+und froh w&uuml;rde.&laquo; Und in alter Z&auml;rtlichkeit zog er mich
+an sich.</p>
+
+<p>Doch ich wollte weder auf den Mond, noch nach
+Italien, noch an die See.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte nach Grainau&nbsp;&mdash;,&laquo; bat ich zaghaft, denn
+ich wu&szlig;te, es regte sich immer eine leise Eifersucht in
+ihm, wenn die Sehnsucht mich dorthin trieb, wo so viele
+Erinnerungen geweckt wurden. &raquo;Ilse wei&szlig; von Tante<a name="Page_526" id="Page_526"></a>
+Klotilde, da&szlig; sie diesen Sommer in Augsburg bleibt, &mdash; die
+Bahn ist also frei, und ein Zimmer find' ich schon
+irgendwo f&uuml;r mich und den Kleinen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Bub soll mit?&laquo; fragte er mi&szlig;billigend. &raquo;Dann
+hast du ja keine Stunde Ruhe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&mdash;&nbsp;Ich h&auml;tte keine, wenn er nicht bei mir w&auml;re,&laquo;
+antwortete ich.</p>
+
+<p>Eine Woche sp&auml;ter fuhren wir den Bergen entgegen.
+Ich bi&szlig; mir die Lippen wund, um die Tr&auml;nen zu unterdr&uuml;cken,
+als ich im blauen Dunst der Ferne die ersten
+wei&szlig;en Spitzen aufsteigen sah. Wie hatte ich so lange
+leben k&ouml;nnen ohne sie!</p>
+
+<p>Es war fr&uuml;h im Jahr. In Garmisch fingen sie gerade
+an, die Betten zu l&uuml;ften und die Fenster weit aufzurei&szlig;en.
+Vier Wochen noch, dann kamen erst die Fremden.
+Jetzt war's so still! Kein Radler, kein Wanderer begegnete
+uns auf dem Wege nach Grainau. Die Wiesen
+standen voll bunter Fr&uuml;hlingsblumen, voll goldgr&uuml;ner
+Spitzen die B&auml;ume, und aus dem Walde kam der erste
+s&uuml;&szlig;e Maiblumenduft.</p>
+
+<p>Im Dorf, hinter dem Kirchlein, wo der Weg empor
+zum Eibsee f&uuml;hrt, stand ein neues blitzblankes Haus
+mit einer gro&szlig;en himmelblauen Madonna in der Mauernische.
+Der Hof vom B&auml;renbauern sah daneben ganz
+alt und griesgr&auml;mig aus.</p>
+
+<p>&raquo;B&auml;-cke-rei,&laquo; buchstabierte mein Junge, der auf seine
+Lesek&uuml;nste sehr stolz war; &raquo;hurra! &mdash; da gibt's immerzu
+wei&szlig;e Br&ouml;tchen,&laquo; rief er und machte einen Luftsprung &mdash; Semmeln
+waren sein Leibgericht, &raquo;&mdash;&nbsp;dahin ziehen wir!&laquo;</p>
+
+<p>Und schon lief er am Gartenzaun entlang, mit dem
+gro&szlig;en schwarzen Hund dahinter um die Wette. In
+<a name="Page_527" id="Page_527"></a>der T&uuml;r erschien der Meister, dicht hinter seinem breiten
+R&uuml;cken lugte neugierig der kleine Lehrling hervor, beide
+mehlbestaubt, und an ihnen vorbei trat gr&uuml;&szlig;end, den
+gewichtigen Schl&uuml;sselbund &uuml;ber der wei&szlig;en Sch&uuml;rze, die
+blonde Hausfrau. Eben erst hatten sie das Haus gebaut,
+erz&auml;hlte sie lebhaft, als wir die blankgescheuerte
+Treppe hinaufstiegen, und schon h&auml;tten sie die Kundschaft
+der ganzen Gegend. An der &raquo;feinen&laquo; Wohnung
+im ersten Stock gingen wir vor&uuml;ber, trotz der neuen
+st&auml;dtischen M&ouml;bel, die sie uns anpries.</p>
+
+<p>&raquo;Hier droben in den Stuben steht halt nur der alte
+Bauernkram,&laquo; meinte sie entschuldigend und stie&szlig; die
+T&uuml;re auf. Ein blauer Schrank mit roten Herzen darauf,
+eine alte Pendeluhr mit blumenbestreutem Zifferblatt
+und einem kreuztragenden Christus dar&uuml;ber, eine
+breite gewichtige Truhe voll bunter Heiligenbilder lachten
+uns an, wie die Wiesen drau&szlig;en, so farbenfroh. Einem
+Vogelnest &auml;hnlich hing ein kleiner Balkon vor der Glast&uuml;r,
+und durch die Fenster guckte der Waxenstein mit
+seinem faltigen Felsengesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Da bleiben wir,&laquo; sagte ich, und mein Junge lief
+durchs Haus in den Garten, und den H&uuml;gel hinauf
+zum Wald und wieder hinunter auf die Wiese, als m&uuml;sse
+er von allem ringsum Besitz ergreifen.</p>
+
+<p>Wie gut es war, wieder schlafen zu k&ouml;nnen und die
+m&uuml;den Augen in lauter Gr&uuml;n und Blau gesund zu
+baden! Von den Bauern im Dorf erkannte mich keiner.
+Nur der Sepp, mein alter Spielkamerad, r&uuml;ckte mit
+einem fl&uuml;chtigen Aufblitzen des Erkennens in den Augen
+an seinem verblichenen gr&uuml;nen Hut. Morgens, w&auml;hrend
+mein Junge sich unten am See aus Moos und Steinen
+<a name="Page_528" id="Page_528"></a>einen kunstvollen Hafen baute, sa&szlig; ich auf der alten
+Bank, dem Rosenhaus gegen&uuml;ber, das sich mit seinen
+geschlossenen L&auml;den und blumenlosen Altanen still und
+verzaubert im gr&uuml;nen Wasser spiegelte. Alle Rosenb&uuml;sche
+vor der Terrasse waren fort.</p>
+
+<p>&raquo;Letzten Herbst hat die alte Frau Baronin sie ausgraben
+lassen,&laquo; erz&auml;hlte meine Hausfrau. &raquo;Sie wird
+wohl nimmer wiederkommen,&laquo; f&uuml;gte sie hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?!&laquo; fragte ich erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Schon wie sie wegfuhr, war sie nicht zum Erkennen.
+Auch so arg brummig und b&ouml;s. Der alte Doktor von
+Garmisch meint, sie macht's nimmer lang.&laquo;</p>
+
+<p>Ich erschrak. Von ihrer Krankheit wu&szlig;te ich, aber
+nicht, da&szlig; es so schlimm um sie stand.</p>
+
+<p>&raquo;Das Fr&auml;ulein von Kleve ist allweil um sie, Tag
+und Nacht,&laquo; berichtete die kleine blonde Frau weiter,
+die froh war, wenn sie schwatzen konnte, &raquo;aber die
+Theres', die alte K&ouml;chin, hat mir kurz vor der Abreis'
+noch erz&auml;hlt, da&szlig; die Frau Baronin Herzweh hat nach
+einer anderen,&laquo; &mdash; dabei traf mich ein neugierig-forschender
+Blick &mdash; &raquo;einer, die sich grad so schreibt, wie Sie&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich antwortete nicht&nbsp;... Mit meiner Ruhe war es
+wieder vorbei. Alles wurde lebendig, was unter diesen
+Buchen, an diesem See, angesichts dieser Berge an Ha&szlig;
+und Liebe, an Sehnsucht und Verzweiflung, an Trennungsweh
+und Zukunftshoffnung geweint und gejauchzt,
+geseufzt und gel&auml;chelt hatte. Ich war nie mehr allein,
+und es war nie mehr still um mich. Wo ich ging und
+stand, &mdash; meine ganze Vergangenheit umringte mich,
+und wenn ich schlafen wollte, fl&uuml;sterte es mir ins Ohr:
+anklagend, h&ouml;hnend, drohend.</p>
+
+<p><a name="Page_529" id="Page_529"></a>Eines Vormittags, &mdash; ich sa&szlig; wieder am alten Platz,
+mit dem Buch im Scho&szlig; und sah zu dem toten Haus
+hin&uuml;ber, &mdash; kam der Bub vom B&auml;renbauern mir nachgelaufen:</p>
+
+<p>&raquo;A Depeschen w&auml;r da f&uuml;r Sie&nbsp;&mdash;&laquo; Ich ri&szlig; sie ihm
+aus der Hand, sie best&auml;tigte nur, was ich erwartet
+hatte: &raquo;Baronin Artern heute morgen verschieden. Ihr
+sofortiges Kommen erw&uuml;nscht.&laquo;</p>
+
+<p>Wir reisten noch am selben Tage nach Augsburg.
+Mich erf&uuml;llte nur ein Gef&uuml;hl: da&szlig; ich ihr viel zu verdanken
+hatte und sie im Kummer um mich gestorben
+war.</p>
+
+<p>In voller Sommerpracht bl&uuml;hte der Garten um das
+sch&ouml;ne Haus. Weinend empfing mich die Theres'.</p>
+
+<p>&raquo;Warum sind's blo&szlig; nit a Wochen fr&uuml;her gekommen&nbsp;&mdash;,&laquo;
+sagte sie immer wieder. Ich vertraute meinen Sohn
+ihrem Schutz. &raquo;Du herzig's Buberl,&laquo; schluchzte sie,
+&raquo;wenn die Frau Baronin nur dich gekannt h&auml;tt'!&laquo; Ich
+fing an zu begreifen, und jetzt erst fiel mir ein, da&szlig;
+der Tod dieser Frau meines Sohnes ganze Zukunft
+sichern sollte.</p>
+
+<p>Einen Augenblick lang fr&ouml;stelte mich. Aber nein:
+wie konnt' ich nur zweifeln, &mdash; auch die alte Theres'
+sah in ihrer Liebe zu mir nur Gespenster. Meinem
+Vater hatte die Tote ihr Wort verpf&auml;ndet. Ich wandte
+mich zur Treppe.</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;' Frau wollen doch nicht&nbsp;&mdash;,&laquo; rief die Theres'
+und griff nach meinem Arm.</p>
+
+<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich,&laquo; antwortete ich und nahm den
+Strau&szlig; frischer Maigl&ouml;ckchen vom Grainauer Wald aus
+ihrer H&uuml;lle.</p>
+<p><a name="Page_530" id="Page_530"></a></p>
+<p>&raquo;Sie sind alle oben, &mdash; die Herren Leutnants und
+das Fr&auml;ulein,&laquo; fl&uuml;sterte sie &auml;ngstlich.</p>
+
+<p>Ich warf den Kopf zur&uuml;ck und richtete mich gerade
+auf. &raquo;Hier bin ich zu Hause gewesen, nicht sie,&laquo; sagte
+ich laut und schritt die Stufen empor. Hinter der T&uuml;re
+des E&szlig;zimmers h&ouml;rte ich Stimmengewirr.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wird nicht kommen&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte einer. Ich trat
+ein. Wie vor einer Geistererscheinung sprangen sie von
+den St&uuml;hlen, meine Vettern und Basen, die sich hier
+h&auml;uslich niedergelassen hatten. Ich ging ohne Gru&szlig; an
+ihnen vor&uuml;ber, durch die Flucht der Zimmer mit ihren
+kostbaren Teppichen und seidenen M&ouml;beln, die mir alle
+so lebendig schienen, so vollgesogen von Vergangenheit.
+Im Musiksaal, vor der letzten T&uuml;re z&ouml;gerte ich. Mir
+klang in den Ohren, was die Tote vor Jahrzehnten
+aus diesem Fl&uuml;gel hervorgezaubert hatte. Ich war ein
+Kind gewesen damals; die T&ouml;ne waren an mir vorbeigerauscht;
+jetzt erst verstand ich sie: wieviel Leidenschaft,
+wieviel ungestillte Sehnsucht hatte das Herz der Frau
+bewegt, die nun auf immer verstummt war.</p>
+
+<p>Sie lag aufgebahrt, vom bet&auml;ubenden Duft unz&auml;hliger
+Blumen umgeben, auf ihrem Lager. Ich stand wie erstarrt.
+Ich konnte nicht in die Kniee sinken und nicht
+den Blick losrei&szlig;en von ihr: das war sie doch gar nicht, &mdash; das
+war eine Fremde! Nie hatte ich um ihren
+Mund diesen grausamen Zug gesehen und auf ihrer
+Stirn diese vielen finsteren Falten. Die ich gekannt
+hatte, die mich liebte, war eine andere gewesen. Ich
+hielt den Strau&szlig; Maigl&ouml;ckchen noch in der Hand, als
+ich das Haus verlie&szlig;.</p>
+
+<p>Wir geleiteten sie zu Grabe. All jene alten augs<a name="Page_531" id="Page_531"></a>burger
+Familien mit den ber&uuml;hmten Namen und unber&uuml;hmten
+Nachkommen folgten ihrem Sarge. Aber vor
+der dunkeln Pforte des Erbbegr&auml;bnisses der Artern
+weinten von allen, die es umgaben, nur zwei: die alte
+Theres' und ich. Und von denen, die mir einst nahe
+gestanden hatten, gr&uuml;&szlig;te mich nur einer: mein alter
+Lehrer, der Pfarrer.</p>
+
+<p>Er besuchte mich am Nachmittag im Hotel, und erz&auml;hlte
+mir von seinem letzten Zusammensein mit der Verstorbenen.
+Vor kaum zwei Monaten war es gewesen;
+sie hatte ihn zu sich bitten lassen, um von mir zu sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat Ihretwegen mehr gelitten, als sie sich merken
+lie&szlig;,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Meinen Sie?!&laquo; fragte ich zweifelnd und dachte an
+das fremde Gesicht, das ich auf dem Totenbett gesehen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin dessen sicher,&laquo; antwortete er; &raquo;sie wird es
+Ihnen auch noch beweisen,&laquo; f&uuml;gte er bedeutungsvoll hinzu.</p>
+
+<p>Dann kam ihr Bankier, um mir &uuml;ber den Zeitpunkt
+der Testamentser&ouml;ffnung Mitteilung zu machen. &raquo;Frau
+Baronin hat mich ausdr&uuml;cklich beauftragt, Sie, als ihre
+Haupterbin, um Ihre Anwesenheit zu ersuchen,&laquo; erkl&auml;rte er.</p>
+
+<p>Etwas wie Freude begann heimlich von meinem Herzen
+Besitz zu ergreifen, und Dankbarkeit l&ouml;schte alle Erinnerung
+an die grausamen Z&uuml;ge der Toten aus. Sie hatte
+mir, da sie lebte, oft bitter weh getan, und nun nahm
+sie die schwere Sorgenlast des Lebens auf einmal von mir!</p>
+
+<p>Es kr&auml;nkte mich, da&szlig; die Theres' mich so mitleidig
+ansah.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, was ich wei&szlig;&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte sie, &raquo;die da oben&nbsp;&mdash;&laquo;
+und sie ballte die Faust nach dem Zimmer, wo die Kleves
+mit dem Testamentsvollstrecker verhandelten, &raquo;&mdash;&nbsp;waren
+<a name="Page_532" id="Page_532"></a>immer bei ihr, &mdash; ich hab' oft genug geh&ouml;rt, wie sie von
+Alix Brandt erz&auml;hlten&nbsp;&mdash;.&laquo;</p>
+
+<p>Acht Tage sp&auml;ter versammelten sich die Erben zur
+Testamentser&ouml;ffnung im Gerichtsgeb&auml;ude. Ein n&uuml;chterner
+Raum mit kahlen W&auml;nden. Kastanienb&auml;ume vor den
+Fenstern, durch die kein Sonnenstrahl drang. An den
+Pulten der grauk&ouml;pfige Richter, der krumme Schreiber.
+Auf den steifen St&uuml;hlen wir alle in schwarzen Kleidern.
+Zwei Schriftst&uuml;cke aus verschiedenen Zeiten wurden verlesen.
+Das erste entsprach der Mitteilung ihres Bankiers.
+Das zweite, &mdash; sie hatte es sechs Wochen vor ihrem Tode
+auf dem Krankenbett geschrieben, &mdash; enthielt nur ein
+paar Zeilen: &raquo;Hiermit enterbe ich meine Nichte, Frau
+Alix Brandt, geborene von Kleve, weil sie in Wort und
+Schrift der Umsturzpartei dient.&laquo;</p>
+
+<p>Es wurde ganz still im Zimmer. Die K&ouml;pfe all derer,
+die neben mir sa&szlig;en, senkten sich; mich aber &uuml;berkam
+ein Gef&uuml;hl des Triumphes. Mit fester Hand setzte ich
+als Erste meinen Namen unter das Protokoll und verlie&szlig;
+das Zimmer, an den anderen vorbeigehend, die
+scheu zur Seite wichen, erhobenen Hauptes.</p>
+
+<p>Jetzt war meiner &Uuml;berzeugung auch das letzte zum
+Opfer gefallen. Die Schmach von Dresden war ausgewischt.
+Das Schicksal selbst zwang mich auf meine
+eigenen F&uuml;&szlig;e. Nun war ich stark genug, allein zu
+gehen.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_533" id="Page_533"></a></p>
+<h2><a name="Funfzehntes_Kapitel" id="Funfzehntes_Kapitel"></a>F&uuml;nfzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Drau&szlig;en auf dem Asphalt brannte die Sommersonne.
+Ein Geruch von Pech und Staub erf&uuml;llte
+die gewitterschwere Luft. In dem
+dunkelsten Winkel einer jener &ouml;den Stra&szlig;en Berlins,
+die keine anderen Farben haben als die grellbunten der
+Firmenschilder, die kein neugierig flanierendes Publikum
+kennen, weil ihnen die Anziehungskraft gl&auml;nzender Schaufenster
+fehlt, hatte der Sommer sein ganzes F&uuml;llhorn
+ausgesch&uuml;ttet: Ein enger Hof war zum Blumenteppich
+geworden, eine graue Eingangshalle zum Laubengang.
+Und &ouml;ffnete sich die Doppelt&uuml;r des hohen Geb&auml;udes dahinter,
+so schlug Sommerblumenduft dem Eintretenden
+entgegen. War er von der n&uuml;chternen Stra&szlig;e in einen
+Palast geraten? Zwischen bl&uuml;henden B&uuml;schen standen
+wei&szlig;e B&auml;nke, auf den Tischchen davor rote Rosen in
+Gl&auml;sern von geschliffenem Kristall. Eine Flucht f&uuml;rstlicher
+R&auml;ume schlo&szlig; sich daran, mit weichen Teppichen
+auf dem Estrich und Gobelins an den W&auml;nden und
+tiefen Sesseln vor den Kaminen. Frauenbildnisse hingen
+in den langen Galerien daneben; ein Rascheln und
+Knistern von Frauenkleidern, ein Wispern und Fl&uuml;stern
+von Frauenlippen war darin. In den gro&szlig;en S&auml;len
+sa&szlig;en dicht gedr&auml;ngt von fr&uuml;h bis sp&auml;t lauter Frauen
+<a name="Page_534" id="Page_534"></a>und lauschten mit sehns&uuml;chtigen Augen und hei&szlig;en Wangen
+den Rednerinnen, die ihnen vom Kampf und Sieg, vom
+W&uuml;nschen und Hoffen ihres Geschlechts erz&auml;hlten.</p>
+
+<p>Das Weltparlament der Frauen tagte hier. W&auml;hrend
+acht Tagen wurde in vier Sektionen zugleich verhandelt.
+Kunst und Wissenschaft, Erziehung und Unterricht,
+Recht und Sitte &mdash; nicht ein Gebiet, das das
+Leben des Weibes ber&uuml;hrt, blieb uner&ouml;rtert. Die Gro&szlig;en
+sprachen und die Kleinen, die Vorsichtigen und die Draufg&auml;nger,
+die Weiten und die Engen. Es war eine Revue
+der Frauenbestrebungen, ein neutraler Boden f&uuml;r alle
+Richtungen, eine freie Bahn, um einander kennen zu
+lernen. Nur die Sozialdemokratie Deutschlands hatte
+sich selbst ausgeschlossen, obwohl die Leitung des Kongresses
+ihr alle Referate &uuml;ber die Arbeiterinnenfrage
+hatte &uuml;berlassen wollen und ihr damit die Gelegenheit
+geboten worden w&auml;re, das Elend der Massen zu schildern,
+das sonst in diese S&auml;le keinen Eingang fand, und
+die Lehren des Sozialismus zu verk&uuml;nden, die die Hunderte
+und Tausende, die hierher kamen, nur in den Zerrbildern
+seiner Gegner gesehen hatten.</p>
+
+<p>Vor acht Jahren hatte ich mich diesem Beschlu&szlig; gef&uuml;gt:
+die christliche Idee der notwendigen Einheit von
+Glaubensdienst und Selbstaufopferung, die ich durch ein
+Leben der Selbstbehauptung glaubte &uuml;berwunden zu
+haben, hatte in dem Augenblick wieder von mir Besitz
+ergriffen, wo ich mich der Sozialdemokratie anschlo&szlig;.
+Die &raquo;Sache&laquo; war die mystische Macht gewesen, die &uuml;ber
+mir gestanden hatte. Sie war bei mir, wie bei Hunderttausenden
+meiner Genossen, &mdash; als wolle Gott, der von
+uns verlassene, sich an uns r&auml;chen, &mdash; an seine Stelle
+<a name="Page_535" id="Page_535"></a>getreten. Nun aber war der Bann gebrochen. Da&szlig;
+ich den zur Hochburg der Frauen verwandelten Musikpalast
+Berlins betrat, war ein erstes Zeichen innerer
+Befreiung.</p>
+
+<p>Ich sprach &uuml;berall, wo die Interessen der Arbeiterinnen
+zur Debatte standen. Und allm&auml;hlich str&ouml;mten die Frauen
+mir nach, wenn ich von einem Saal zum anderen ging,
+und manche Diskussion, manche pers&ouml;nliche Unterhaltung
+bewies mir besser als Beifallssalven, die oft nur der
+Freude an der Sensation gelten mochten, da&szlig; der Samen
+des Sozialismus auf guten Boden gefallen war. Gewi&szlig;,
+solche Wirkungen lassen sich nicht messen, sie
+kommen nicht in den Zahlen der Partei- oder Gewerkschaftsmitglieder
+zu sichtbarem Ausdruck, aber auch sie
+rufen in Haus und Schule, in Gesellschaft und Staat
+jene Kr&auml;fte hervor, die von innen heraus an der allm&auml;hlichen
+Umwandlung der Geistesrichtung der Menschen
+t&auml;tig sind. W&auml;hrend ich hin und herging und
+diese und jene h&ouml;rte, sah ich wie gro&szlig; die Wandlung
+schon war, die die Frauenbewegung im Laufe des letzten
+Jahrzehnts durchgemacht hatte.</p>
+
+<p>Damals hatten sie sich vor mir gef&uuml;rchtet, als ich
+in ihrem Kreise der Sozialdemokratie Erw&auml;hnung tat,
+heute stimmten die meisten von ihnen in ihren wesentlichen
+Gegenwartsforderungen mit denen der Partei
+&uuml;berein. Damals war es innerhalb der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung eine vereinzelte Tat gewesen, als ich
+das Frauenstimmrecht in &ouml;ffentlicher Versammlung forderte,
+heute wurde in den Mauern Berlins der Bund
+f&uuml;r Frauenstimmrecht gegr&uuml;ndet So ging es doch vorw&auml;rts,
+auch da, wo meine Parteigenossen nichts als<a name="Page_536" id="Page_536"></a>
+Stillstand sahen, nichts anderes bemerken wollten, weil
+sie meinten, den dunkeln Hintergrund einer einheitlichen
+Reaktion n&ouml;tig zu haben, um sich selbst in um so hellerem
+Licht zu sehen, statt auch aus leisen T&ouml;nen den Siegesmarsch
+des Sozialismus herauszuh&ouml;ren. Mein Mann
+hatte ein wenig sp&ouml;ttisch den Mund verzogen, &mdash; zu
+einem wirklichen L&auml;cheln kam es bei ihm kaum mehr, &mdash; als
+ich an dem Kongre&szlig; teilnahm.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Trotzkopf,&laquo; hatte er gesagt; &raquo;du &uuml;bersiehst
+in dem Eifer, mit dem du dich dem Beschlu&szlig; der
+Genossinnen entgegenstemmst, die Folgen, die solch eine
+Handlungsweise f&uuml;r dich haben kann. Man wird dich
+vollends boykottieren.&laquo;</p>
+
+<p>Ich zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>&raquo;Solltest du wirklich schon so weit &uuml;ber den Dingen
+stehen?!&laquo; fragte er zweifelnd. Ich wandte mich ab. Er
+sollte nicht sehen, da&szlig; ich schw&auml;cher war, als ich mich
+zeigte.</p>
+
+<p>Als ich sichtlich erfrischt aus den Verhandlungen nach
+Hause kam, meinte er unmutig: &raquo;Vor acht Jahren gefielst
+du mir besser als jetzt, wo du dich freust, weil
+dieselben Leute dir Beifall klatschen, die damals sittlich
+entr&uuml;stet waren&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich unterbrach ihn heftig: &raquo;Wie kannst du mich so
+mi&szlig;verstehen! &mdash; Gewi&szlig;, ich bin nicht von Stein, ich
+freue mich, wenn ich h&ouml;re, wie die Ideen meiner &#8250;Frauenfrage&#8249;
+Verbreitung gefunden haben, ich freue mich, da&szlig;
+die Mutterschaftsversicherung, da&szlig; selbst die Haushaltungs-Genossenschaft
+aus dem Stadium des Bewitzelns
+in das ernster Er&ouml;rterung getreten ist, und ich leugne
+auch gar nicht, da&szlig; Anerkennung mir wohl tut, als
+<a name="Page_537" id="Page_537"></a>tr&ouml;pfle mir jemand ein schmerzstillendes Mittel in eine
+unheilbare Wunde, &mdash; aber das Alles ist doch nicht die
+Ursache meiner Befriedigung. Mein Glaube an die
+Entwicklung im Sinne des Sozialismus ist das einzig
+Feste, was mir noch nach all dem Zusammenbruch geblieben
+ist. Wenn ich nur das Geringste entdecke, was
+ihn zu st&uuml;tzen, zu kr&auml;ftigen vermag, so macht mich das
+st&auml;rker.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist doch noch sehr jung und sehr bescheiden!&laquo;
+warf Heinrich ein. Ich unterdr&uuml;ckte einen Seufzer.
+Seine morose Stimmung war imstande, jede Spur erwachter
+Freudigkeit wieder zu zerst&ouml;ren, wie der Flu&szlig;,
+wenn er im Fr&uuml;hjahr aus seinen Ufern tritt, mit &ouml;der
+weiter Wasserfl&auml;che die bl&uuml;henden Wiesen bedeckt. Ich
+f&uuml;hlte, wie auch meine Arbeitskraft darunter litt, wie
+Gedanke und Gef&uuml;hl erstarrten, sobald sie in die eisige
+Atmosph&auml;re seiner Deprimiertheit gerieten.</p>
+
+<p>Leise, unmerklich zun&auml;chst und doch von Tag zu Tag
+mehr, l&ouml;ste ich mich von ihm. Das Problem der Ehe
+wuchs, eine &uuml;ppige Schlingpflanze, und drohte zu &uuml;berwuchern,
+was noch an Liebe zu bl&uuml;hen verlangte.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>F&uuml;r die Frauenbewegung war der Kongre&szlig; neuer
+Wind in die Segel gewesen. Alle Fragen,
+die sie umfa&szlig;te, standen wieder im Mittelpunkt
+der &ouml;ffentlichen Diskussion. Das F&uuml;r und Wider wurde
+leidenschaftlich er&ouml;rtert, und in der konservativen kirchlichen
+Presse erhoben sich lauter als fr&uuml;her die Stimmen
+derer, die mit dem Feldgeschrei: Erhaltung der Ehe und
+der Familie! den Emanzipationsbewegungen des weib<a name="Page_538" id="Page_538"></a>lichen
+Geschlechts gegen&uuml;bertraten. In einer Versammlung,
+die von einem der b&uuml;rgerlichen Frauenvereine
+einberufen worden war, sollte diesen Angriffen begegnet
+werden. Ich ging hin. Mehr aus Neugierde, und weil
+es mich belustigte, da&szlig; lauter ehelose alte M&auml;dchen sich
+f&uuml;r berufen hielten, &uuml;ber diese Probleme zu urteilen, als
+in der Absicht selbst zu sprechen.</p>
+
+<p>Die Referentin verteidigte zuerst die Frauenbewegung
+als die Begr&uuml;nderin eines neuen, sch&ouml;neren, festeren
+Ehe- und Familienlebens:</p>
+
+<p>&raquo;Gerade der Bund zwischen zwei gleichen, geistig und
+sittlich gereiften Menschen ist der gl&uuml;cklichste, dauerndste,&laquo;
+sagte sie. &raquo;Der Mann wird in der Frau nicht mehr
+nur die Geliebte, die Mutter seiner Kinder sehen, sondern
+eine Kameradin, die seine Interessen teilt und
+f&ouml;rdert. Das Familienleben wird sich dadurch erneuern,
+denn der Mann braucht nicht mehr au&szlig;erhalb seines
+Hauses geistiger Anregung, geistigem Austausch nachzugehen...&laquo;</p>
+
+<p>Mich reizte der salbungsvolle Ton, mit dem sie sprach,
+und die Art, wie sie die Wogen der Frauenbewegung
+durch das &Ouml;l unbeweisbarer Prophezeiungen zu bes&auml;nftigen
+suchte. Ich meldete mich zum Wort.</p>
+
+<p>&raquo;All Ihre sch&ouml;nen Argumente,&laquo; rief ich aus, &raquo;beruhen
+auf einem Trugschlu&szlig;: der Instinkt der Sinne ist
+doch nicht identisch mit dem geistigen Verst&auml;ndnis! Nichts
+gibt die Gew&auml;hr daf&uuml;r, da&szlig; zwei geistig reiche Individualit&auml;ten,
+die einander in hei&szlig;er Liebe begehren, nun
+auch mit all den feinen Regungen ihres Seelen- und
+Geisteslebens zusammenstimmen, Regungen, die um
+so differenzierter sind, je h&ouml;her entwickelt der Einzelne
+<a name="Page_539" id="Page_539"></a>ist. Und wer vermag zu sagen, ob nicht trotz geistiger
+&Uuml;bereinstimmung die Liebe erkaltet oder sich auf einen
+anderen Gegenstand richtet? Denn auch die Liebesgef&uuml;hle
+und das Liebesbegehren ist vielgestaltiger, differenzierter
+geworden und nicht mehr so leicht und so unbedingt
+zu befriedigen ... Nein, meine Damen, lassen
+Sie sich nicht einlullen durch falsche Prophezeiungen,
+sammeln Sie vielmehr Ihre Kr&auml;fte durch die klare Erkenntnis
+neuer Probleme. Mit dem durch die Angst
+um die Gef&auml;hrdung alten geliebten Besitztums gesch&auml;rften
+Sp&uuml;rsinn des Feindes haben die Gegner bald empfunden,
+was ihnen droht: Je mehr sich das Weib zur
+selbst&auml;ndigen Pers&ouml;nlichkeit entwickelt, mit eigenen Ansichten,
+Urteilen und Lebenszielen, desto mehr ist die
+alte Form der Ehe bedroht. Ihr Gl&uuml;ck beruhte nicht
+auf Gleichheit, sondern auf Unterordnung, nicht auf
+Arbeitsgemeinschaft, sondern auf Arbeitsteilung. F&uuml;r
+den Mann war die Ehe von einst, an der Seite einer
+von den K&auml;mpfen der Zeit unber&uuml;hrten, nur der Sorge
+des Hauses lebenden Gattin, der Hafen der Ruhe.
+Heute findet er daheim neben der ihm geistig ebenb&uuml;rtigen
+Frau dieselbe Nervosit&auml;t, dasselbe geistig angespannte
+Leben wie drau&szlig;en. F&uuml;r die Frau war er
+das einzige Symbol alles &auml;u&szlig;eren Lebens, allein von
+ihm empfing sie gl&auml;ubig die Botschaften der Welt, die
+Ansichten und Urteile &uuml;ber sie. Jetzt kennt sie das
+Leben aus eigener Anschauung, sie denkt selbst&auml;ndig, sie
+&uuml;bersteht ihn vielfach; sie findet in ihm so wenig den
+Sch&ouml;pfer ihres inneren Lebens, als er in ihr die Quelle
+der Ruhe und des Behagens findet. Was fr&uuml;her einte:
+das Zusammenleben, kann heute sch&auml;rfer trennen, als
+<a name="Page_540" id="Page_540"></a>jede &auml;u&szlig;ere Trennung es vermag ... Es kommt aber
+auch gar nicht darauf an, da&szlig; wir mit hei&szlig;em Bem&uuml;hen
+die Ehe retten; mag sie an der Entwicklung
+zerschellen, wie manche andere Lebensform, wenn nur
+der Kern erhalten bleibt: die Liebe.&laquo;</p>
+
+<p>Man hatte mir mit steigender Erregung zugeh&ouml;rt.
+Ich sah, wie eine Frau nach der anderen sich mit hochrotem
+Gesicht zum Worte meldete. Sie &uuml;berfielen mich
+f&ouml;rmlich. Als eine Vertreterin der freien Liebe, eine
+mit deren Ideen ihre Begebungen nicht das mindeste
+zu tun h&auml;tten, griffen sie mich an.</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Verteidigung n&uuml;tzt Ihnen nichts,&laquo; antwortete
+ich nochmals. &raquo;Die ersten Tr&auml;ger einer Entwicklung
+sind nur in seltenen F&auml;llen zugleich die Propheten
+ihrer letzten Konsequenzen gewesen. Als Luther seine
+93 Thesen an die Schlo&szlig;kirche zu Wittenberg schlug,
+glaubte er, die Zyklopenmauer der katholischen Kirche,
+die hier und da abzubr&ouml;ckeln begann, fester aufzubauen.
+Als Montesquieu seinen <em class="antiqua">'Esprit des lois'</em> und Rousseau
+seinen <em class="antiqua">'Emile'</em> schrieb, glaubten sie einige dunkle Gebiete
+des Staats und der Gesellschaft aufzuhellen. Keiner
+von ihnen wu&szlig;te, da&szlig; sie die Brandfackel in das ganze
+Geb&auml;ude warfen. Auch Sie propagieren Reformen und
+werden zu Tr&auml;gern der Revolution...&laquo;</p>
+
+<p>Als ich geendet hatte, k&auml;mpfte lautes Zischen mit
+vereinzeltem Beifall; als ich aber den Saal verlie&szlig;,
+leuchteten mir aus jungen Gesichtern dankerf&uuml;llte Blicke
+entgegen; es war nicht nur mein eigenes Erleben gewesen,
+das ich in Worte gefa&szlig;t hatte.</p>
+
+<p>An der T&uuml;re traf ich meinen Mann, der mir, ohne da&szlig;
+ich es wu&szlig;te, gefolgt war. Ich err&ouml;tete unwillk&uuml;rlich.</p>
+<p><a name="Page_541" id="Page_541"></a></p>
+<p>&raquo;War das ein Bekenntnis?&laquo; fragte er. Ich nickte.
+&raquo;Wollen wir nicht auch unsere Liebe retten?&laquo; fuhr er
+leise fort und zog meinen Arm durch den seinen. Mir
+wurde warm ums Herz: wie gut er war! Ein tiefes
+Schuldbewu&szlig;tsein bem&auml;chtigte sich meiner: Waren es
+nicht im Grunde l&auml;cherliche Kleinigkeiten, die uns voneinander
+entfernten, war es nicht frevelhaft, aus selbstischen
+Motiven den gro&szlig;en Schatz der Liebe aufs Spiel
+zu setzen? Ein b&ouml;ser Zauber hatte ihn in die Tiefe
+versenkt, war er es nicht wert, da&szlig; ich ihn durch
+meine Hingabe erl&ouml;ste?</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;te, was meinen Mann bedr&uuml;ckte, aber ich
+hatte es bisher nicht sehen wollen. Je mehr er litt,
+desto schweigsamer wurde er; nur an den gefurchten
+Z&uuml;gen, an den finsteren Blicken, und hie und da an
+einem hingeworfenen Wort erkannte ich, da&szlig; er sich in
+selbstqu&auml;lerischen Vorw&uuml;rfen verzehrte. Die Schatten
+des Dresdener Kongresses fielen noch breit &uuml;ber den
+Weg der Partei, &mdash; er f&uuml;hlte sich mitschuldig daran.
+Und er hatte in einem Moment fortgeworfen, wodurch
+er der Partei wieder h&auml;tte helfen k&ouml;nnen, die Schatten
+zu bannen: die Neue Gesellschaft.</p>
+
+<p>&raquo;Das Aufgeben der Zeitschrift war heller Wahnsinn,&laquo;
+sagte er zuweilen. Aber war nicht der Verkauf des
+Archivs schon Wahnsinn gewesen? Und ich hatte ihn
+darin best&auml;rkt, ich war mitschuldig, wenn er Schiffbruch
+litt! Und in diesem Augenblick hatte ich ihn
+im Stiche lassen wollen! Hatte mich bitter gekr&auml;nkt
+gef&uuml;hlt, weil er seine Stimmung nicht beherrschte, weil
+er es an Liebesbeweisen fehlen lie&szlig;!</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;te auch, was ihm helfen w&uuml;rde. Oft genug
+<a name="Page_542" id="Page_542"></a>sprach er davon: die Neue Gesellschaft wollte er wieder
+erscheinen lassen. Aber wenn er mich dabei fragend
+ansah, so schwieg ich, und ein heftiges Wort schwebte
+mir jedesmal auf der Zunge. Richtete er eine direkte
+Frage an mich, so &auml;u&szlig;erte ich r&uuml;cksichtslos meinen
+Widerspruch.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht drei Monate w&uuml;rden wir mit dem bi&szlig;chen,
+was wir aus dem Zusammenbruch gerettet haben, die
+Zeitschrift halten k&ouml;nnen,&laquo; sagte ich, &raquo;und ich habe
+schon zu viel an Sorgen ertragen, um sehenden Auges
+dem vollst&auml;ndigen Ruin entgegenzugehen.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wenn Graf B&uuml;low im Reichstag &uuml;ber den Dresdener
+&raquo;Jungbrunnen&laquo; h&ouml;hnte, wenn jedes
+ernste Wort unserer Fraktionsredner im Gel&auml;chter
+der b&uuml;rgerlichen Parteien erstickte und die Kraft unserer
+81 Abgeordneten lahmgelegt blieb seit Dresden, so
+waren das nicht vereinzelte Erscheinungen, sondern Symptome
+der allgemeinen Stimmung der Partei gegen&uuml;ber.
+Und ein Wochenblatt sollte imstande sein, sie zu zerstreuen?
+Immer deutlicher r&uuml;ckte alles ab von uns, was uns
+nahegestanden hatte. Noch kam ich zuweilen in K&uuml;nstler- und
+Literatenkreise, aber ich f&uuml;hlte sogar ein pers&ouml;nliches
+Sichzur&uuml;ckziehen. Das Interesse wandte sich augenscheinlich
+ganz anderen Gebieten zu. Die <em class="antiqua">l'art pour l'art</em>-Stimmung
+breitete sich aus. Mit dem Verschwinden
+der Arme-Leute-Bilder und Dramen verschwand die oppositionelle
+Gesinnung. Dichter und Maler, die noch
+vor kurzem wenigstens durch lange Haare, Samtjacken
+und fliegende Krawatten den Bohemien markiert hatten,
+<a name="Page_543" id="Page_543"></a>exzellierten jetzt in tadellos weltm&auml;nnischen All&uuml;ren und
+beurteilten den lieben N&auml;chsten nach seinem Schneider.
+Wie vor wenigen Jahren noch der Weg ins Volk die
+Parole der k&uuml;nstlerisch-literarischen Jugend gewesen war,
+so wurde jetzt die Vornehmheit Trumpf. Nicht jene
+echte der Bewegung und Gesinnung, die der Gefahr
+des Kopiertwerdens nicht ausgesetzt ist, sondern die
+m&uuml;de der Dekadenz, die sich jeder aneignen kann, dessen
+Finger gen&uuml;gend lang, dessen Gestalt gen&uuml;gend schmal
+und dessen Charakter gen&uuml;gend biegsam ist.</p>
+
+<p>&raquo;Und von diesem d&uuml;rren Boden glaubst du ernten zu
+k&ouml;nnen?!&laquo; fragte ich meinen Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; entgegnete er, &raquo;aber ich bin optimistisch genug,
+um auch ihn f&uuml;r bearbeitungsf&auml;hig zu halten.&laquo;</p>
+
+<p>Wir widersprachen einander immer. Nur wenn die
+Ereignisse in der Sozialdemokratie die feindliche Haltung
+gegen die Revisionisten gar zu deutlich hervortreten
+lie&szlig;en, kam es vor, da&szlig; er selber sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Es ist doch vielleicht noch zu fr&uuml;h!&laquo;</p>
+
+<p>Jeder geringf&uuml;gige Anla&szlig; gen&uuml;gte, um in der Partei
+den heftigsten Streit hervorzurufen. So war einem der
+in die Dresdener Skandale verwickelten Revisionisten
+die Kandidatur eines s&auml;chsischen Wahlkreises angeboten
+worden. Alle h&ouml;heren Parteiinstanzen erkl&auml;rten sich
+dagegen; die Vernichtung der bisher geltenden Autonomie
+der Wahlkreise war die Folge, und nun entspann
+sich eine leidenschaftlich erregte Diskussion in der Presse,
+die auch in Volksversammlungen ihr Echo fand.</p>
+
+<p>&raquo;Die Minderheit hat sich der Mehrheit zu f&uuml;gen,&laquo;
+hie&szlig; es kategorisch auf Seite der Radikalen.</p>
+
+<p>&raquo;Die Sozialdemokratie hat jede Art von Macht<a name="Page_544" id="Page_544"></a>entfaltung,
+die die Minderheit in ihrer Existenz bedroht,
+zu bek&auml;mpfen, also zu allererst die in den eigenen
+Reihen. Es ist Despotie und nicht Demokratie, wenn
+die Rechte der Minderheit schutzlos sind,&laquo; lautete die
+Antwort auf Seite der Revisionisten.</p>
+
+<p>In einem anderen Fall vertrat ein Parteigenosse in
+bezug auf die Zollfragen theoretisch von den Ansichten
+der Partei abweichende Meinungen. Er wurde einem
+hochnotpeinlichen Verh&ouml;r unterzogen, und sein Ausschlu&szlig;
+aus der Partei war die Forderung vieler. Wortglaube,
+nicht Geistesglaube war f&uuml;r die Dogmatiker Voraussetzung
+der Parteizugeh&ouml;rigkeit.</p>
+
+<p>Ich h&ouml;rte &uuml;berall dieselbe Dissonanz heraus, die in
+mir t&ouml;nte: Selbstbehauptung gegen Selbsthingabe, &mdash; Individualismus
+gegen Sozialismus, &mdash; dieselbe Dissonanz,
+die dem Dresdener Konzert zugrundegelegen und
+keine Aufl&ouml;sung gefunden hatte. Ob mein Mann und
+mit ihm seine politischen Freunde wohl im Rechte
+waren, wenn sie behaupteten, da&szlig; die Einheit in der
+praktischen Tagespolitik &uuml;ber diese inneren Gegens&auml;tze
+hinweghelfen w&uuml;rde?</p>
+
+<p>Wenn ich meine Zweifel &auml;u&szlig;erte, so war es Reinhard
+vor allem, der sie auf Grund seiner Erfahrungen
+zu entkr&auml;ften suchte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollten bei uns in den Gewerkschaften lernen,&laquo;
+sagte er; &raquo;da besteht diese Einheit tats&auml;chlich und ist die
+Grundlage unseres wachsenden Einflusses geworden.&laquo;</p>
+
+<p>Ich erinnerte mich dann der Zeiten, wo er unter den
+Politikern der radikalsten einer gewesen war, und ich
+konnte mich der Empfindung des Bedauerns nicht erwehren:
+damals durchgl&uuml;hten die Ideale des Sozialis<a name="Page_545" id="Page_545"></a>mus
+seine Reden, heute schien nicht nur sein Handeln,
+sondern auch sein Denken den Horizont des Auges nicht
+mehr zu &uuml;berschreiten. Arbeiterrechte und Freiheiten
+rang er mit eiserner Energie dem Unternehmertum ab
+und richtete den Blick bei jedem Schritt vorw&auml;rts konsequent
+nur auf den n&auml;chsten Schritt. Darin lag vielleicht
+seine Kraft. Aber die Stimmung praktischer
+N&uuml;chternheit, die ihn beherrschte, war nicht die Atmosph&auml;re,
+in der die umfassenden Ideen der Menschheitsbefreiung
+sich entfalten.</p>
+
+<p>Mein Mann, der gerade in dieser Richtung auf die
+Forderungen des Tages das Heilmittel f&uuml;r die inneren
+Sch&auml;den der Partei zu finden glaubte, besch&auml;ftigte sich
+viel mit den Gewerkschaften.</p>
+
+<p>&raquo;Das sind die Kerntruppen,&laquo; meinte er, &raquo;ihre W&uuml;nsche
+und Bed&uuml;rfnisse m&uuml;ssen wir kennen, wenn wir einmal
+mit unserer Zeitschrift wirken wollen.&laquo;</p>
+
+<p>Wir besuchten ihre Versammlungen. Ruhige Arbeit
+herrschte hier. Mit tiefgr&uuml;ndiger Kenntnis wurden sozialpolitische
+Fragen behandelt, besonders die des Heimarbeiterschutzes,
+die damals im Mittelpunkt des Interesses
+standen. Es war bezeichnend f&uuml;r den Geist der
+Gewerkschaftsbewegung gewesen, da&szlig; fast zu gleicher
+Zeit, wo die Einladung zum Frauenkongre&szlig; von den
+Sozialdemokratinnen abgelehnt worden war, die Generalkommission
+der Gewerkschaften den Heimarbeiterschutz-Kongre&szlig;
+einberufen und die Interessenten aus b&uuml;rgerlichen
+Kreisen zur Teilnahme aufgefordert hatte.</p>
+
+<p>Aber wenn die bewu&szlig;te Beschr&auml;nkung der Bewegung
+auf der einen Seite einen erstaunlichen Grad von
+Wissen, von Energie, von Zielsicherheit zeitigte, so ent<a name="Page_546" id="Page_546"></a>wickelte
+sich auf der anderen Seite eine gewisse Engigkeit,
+ein Organisationsegoismus, der vom Standesd&uuml;nkel
+alter Zeiten nicht zu weit entfernt war. Ich agitierte
+selbst f&uuml;r die Gewerkschaften; ich verfocht in Versammlungen
+die Forderungen zum Heimarbeiterschutz, die wir
+im Kongre&szlig; aufgestellt hatten, ich wu&szlig;te, wie notwendig
+das alles war, aber ich h&auml;tte darin nicht aufzugehen
+vermocht, und es schien mir nicht unbedenklich, da&szlig; so
+viele t&uuml;chtige Kr&auml;fte, von der politischen Bewegung
+angewidert, mehr und mehr darin aufgingen. T&ouml;nte
+nicht der starke Pulsschlag der Zeit nur ged&auml;mpft hierher,
+wo sich Kr&auml;fte und Gedanken im engen Kreis der
+Organisationsarbeit, der Sozialreform bewegten? Lagen
+hier nicht die Keime einer gef&auml;hrlichen Entwicklung von
+Egoismus gegen Sozialismus?</p>
+
+<p>Allm&auml;hlich war's, als &ouml;ffneten sich mir immer neue
+Tore mit weiten Ausblicken auf unbekannte Gebiete der
+Arbeiterbewegung. Eine Schulvorlage, die von der
+preu&szlig;ischen Regierung schon lange in Aussicht gestellt
+war und auf Einf&uuml;hrung konfessioneller Schulen hinauslief,
+rief in der Presse und in Versammlungen eine
+lebhafte Kontroverse &uuml;ber Erziehungsfragen hervor. Der
+blo&szlig;e selbstverst&auml;ndliche Protest dagegen, die blo&szlig;e Forderung
+der Trennung von Schule und Kirche gen&uuml;gte
+nicht mehr. Wer sich aus Arbeiterkreisen an den Debatten
+beteiligte, der hatte sich auch mit den Details
+der Frage besch&auml;ftigt, und ein Verlangen nach weiterer
+Aufkl&auml;rung wurde laut. In einer kleinen Versammlung
+vor den Toren Berlins h&ouml;rte ich einen alten Arbeiter
+von Pestalozzi sprechen. Er hatte ihn nicht nur
+gelesen, sondern in sich aufgenommen und schilderte die<a name="Page_547" id="Page_547"></a>
+Arbeitsschule der Zukunft, die an Stelle der &raquo;Paukschule&laquo;
+der Gegenwart treten w&uuml;rde, mit demselben
+Enthusiasmus, wie ein anderer sich &uuml;ber den Zukunftsstaat
+verbreitet haben w&uuml;rde. Auf solche und &auml;hnliche
+Erfahrungen hin wagte ich es, die &raquo;p&auml;dagogische Provinz&laquo;,
+Goethes Erziehungsutopie, zum Gegenstand eines
+Vortrags zu machen. Ein Riesenauditorium, das nur
+aus Arbeitern bestand, folgte mit gespannter Aufmerksamkeit
+allem, was ich sagte, und in der Diskussion
+zeigte sich nicht nur, da&szlig; ich verstanden worden war,
+sondern auch wie viele ihren Goethe gelesen hatten.
+Jetzt fing ich an, mit erwachtem Interesse den nicht
+politischen Versammlungen nachzugehen, und ich entdeckte
+mit wachsendem Staunen suchende Menschen, nicht nur
+fordernde. Wo religi&ouml;se, wo philosophische Fragen angeschnitten
+wurden, war das Interesse am st&auml;rksten.
+Jener brutale philosophische Materialismus, der alles
+leugnete, was sich nicht mit H&auml;nden greifen lie&szlig;, und
+f&uuml;r die Masse der Sozialdemokraten um so mehr an
+die Stelle kirchlich-dogmatischen Glaubens getreten war,
+als sie ihn in naheliegender Begriffsverwirrung mit
+dem Grundprinzip des Marxismus, dem historischen
+Materialismus, zusammengeworfen hatten, beherrschte
+nicht mehr so uneingeschr&auml;nkt wie fr&uuml;her die Gem&uuml;ter.
+Der Unglaube, der geblieben war und neben alles Unabweisbare
+sein Fragezeichen aufrichtete, schien erf&uuml;llt
+von Sehnsucht und Heimweh.</p>
+
+<p>Junge und alte M&auml;nner begegneten mir, die in ihrer
+freien Zeit verschlangen, was ihnen an philosophischen
+Schriften erreichbar war: neben Kant und Schopenhauer
+das seichteste Gew&auml;sch sogenannter Popularphilo<a name="Page_548" id="Page_548"></a>sophie,
+neben Dietzgen, dem Parteiphilosophen, allerhand
+theosophische, selbst spiritistische Schriften. In der Qual,
+mit der sie immer wieder versuchten, die geistige Vernachl&auml;ssigung
+ihrer Jugendjahre zu &uuml;berwinden, die
+Grundlagen des Denkens und Wissens, die ihnen fehlten,
+nachzuholen, lag eine gr&ouml;&szlig;ere Tragik als in der leiblichen
+Not.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind alle gute Sozialdemokraten,&laquo; sagte mir
+einmal ein &auml;lterer Mann, der es vom einfachen Arbeiter
+zum einflu&szlig;reichen Gewerkschaftsbeamten gebracht
+hatte, &raquo;und der Sozialismus ist das, was uns zusammengeschwei&szlig;t
+hat, uns im Kampf gegen die Feinde
+un&uuml;berwindbar macht; aber nun will doch jeder auch
+etwas f&uuml;r sich sein.&laquo;</p>
+
+<p>Das war der Wunsch nach Pers&ouml;nlichkeit, der sich
+regte, die Reaktion gegen die geistige Nivellierung, die
+die St&auml;rke und die Schw&auml;che des Sozialismus war.</p>
+
+<p>Und alles W&uuml;nschen und Suchen ging in die Irre.
+Niemand antwortete darauf, niemand sprang hinzu, um
+Taumelnde zu halten, Blinde zu f&uuml;hren. Eint&ouml;nig, wie
+die Zukunftsprophezeiungen der ersten Christen, klang
+ihnen aus dem Munde ihrer F&uuml;hrer immer dieselbe
+Formel entgegen:</p>
+
+<p>&raquo;Die &Uuml;berwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung
+durch den Klassenkampf bringt allen Erl&ouml;sung.&laquo;</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hlten mehr, als da&szlig; es ihnen deutlich zum Bewu&szlig;tsein
+kam: &Uuml;ber die Befreiung von Not und Elend
+hinaus mu&szlig; es ein pers&ouml;nliches Ziel geben, f&uuml;r das die
+Erreichung dieses ersten, rohesten nichts als der Ausgangspunkt
+ist. W&uuml;rden sie im Suchen danach nicht
+auf Abwege geraten, sich nicht entfernen vom Wege,
+<a name="Page_549" id="Page_549"></a>der notwendig zuerst zu jener ersten Etappe f&uuml;hren
+mu&szlig;te?</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>In Ru&szlig;land warf die Revolution ihre Brandfackel
+in St&auml;dte und D&ouml;rfer. Die Bl&uuml;te der Jugend,
+die geistige Elite des Landes trugen die Fahne
+voraus, und die schwerf&auml;llige Masse des Riesenvolkes
+geriet in eine ungeheure Bewegung. Selbst die Bauern
+in ihren einsamen Steppen gr&uuml;&szlig;ten das Licht, das sie
+flammen sahen, als ihren Befreier. Hunderte fielen,
+Hunderte verschwanden im grausigen Dunkel russischer
+Zitadellen, Hunderte wurden in Ketten in die Bergwerke
+Sibiriens verschleppt, aber Tausende f&uuml;llten die L&uuml;cken
+wieder aus, die ihr Verschwinden gerissen hatte. Die
+Zeit forderte Helden, und sie wuchsen empor; das Leben
+galt ihnen nichts mehr, wo der Tod die Saat der Freiheit
+war. Das gro&szlig;e Reich, der Hort der europ&auml;ischen
+Reaktion, schien in seinen Grundvesten ersch&uuml;ttert. Vor
+Arbeitern und Bauern, vor Studenten und Frauen
+streckte der Absolutismus die Waffen. Wir sahen, wie
+der Himmel &uuml;ber der Grenze sich r&ouml;tete. Und vielen,
+auf deren Seelen der h&auml;&szlig;liche Parteizank lastete, die sich
+ern&uuml;chtert f&uuml;hlten durch den langen staubigen Weg, den
+sie an Stelle des Schlachtfeldes gefunden hatten, wurde
+der Glanz zu einem Hoffnungsschimmer.</p>
+
+<p>Von der Weltenwende der russischen Revolution,
+von dem Zusammenbruch des Zarismus sprachen prophetisch
+die Redner in unseren politischen Versammlungen.</p>
+
+<p>&raquo;Wir leben in den Tagen der glorreichen russischen<a name="Page_550" id="Page_550"></a>
+Revolution&nbsp;&mdash;,&laquo; damit wurden die N&ouml;rgler und Zweifler
+niedergeschlagen.</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie nicht, da&szlig; die Zeit gekommen ist, die
+Marx voraussah, wo die Evolution in die Revolution
+umschl&auml;gt&nbsp;&mdash;?&laquo;</p>
+
+<p>Daran entflammte sich die Begeisterung der Massen.
+Meine Empfindung, meine Phantasie war auf ihrer
+Seite, meine Hoffnung entz&uuml;ndete sich daran.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Oft, wenn ich als Kind am Weihnachtsabend
+erwartungsvoll im dunkeln Zimmer sa&szlig;, hatte
+der Lichtstrahl, der aus dem Raum daneben,
+wo die Mutter den Baum putzte, durch das Schl&uuml;sselloch
+drang, mir die ganze Seele erhellt und alle Angst vor
+der Finsternis um mich vertrieben. So war mir jetzt
+zumut: es drang ein Lichtstrahl in das Dunkel. Noch
+kannte ich seine Quelle nicht; nur da&szlig; er da war,
+bannte die Furcht.</p>
+
+<p>Heinrich hatte recht: es gab f&uuml;r uns nur eine Aufgabe:
+die Neue Gesellschaft wieder ins Leben zu rufen,
+durch sie zusammenzufassen, was in der Arbeiterbewegung
+nach allen Richtungen auseinanderzuflie&szlig;en drohte: den
+geistigen Hunger der Massen, die praktische Arbeit der Gewerkschaften
+und Genossenschaften, die Schwungkraft der
+k&auml;mpfenden Partei. Und wie sie auf dem Wege zu einer
+neuen tieferen Einheit Richtung geben sollte, so sollte sie im
+Kreise der intellektuellen Jugend dem Sozialismus Anh&auml;nger
+werben. Wir bedurften dieser Jugend, das lehrte
+uns Ru&szlig;land, das predigten uns die stummen Lippen all
+der Suchenden, die der geistigen F&uuml;hrer entbehrten.<a name="Page_551" id="Page_551"></a>
+&raquo;Die Wissenschaft und die Arbeiter&laquo;, &mdash; ein Kind
+dieses Bundes war der Sozialismus gewesen, ihn zu
+zerst&ouml;ren und zu verleugnen war der eigentliche Parteiverrat.</p>
+
+<p>Nun war es nicht mein Mann, nun war ich es, die
+zuerst wieder von unserer Zeitschrift sprach. Und was
+ich so lange entbehrt hatte, geschah: Heinrichs verd&uuml;sterte
+Z&uuml;ge erleuchteten sich wie von innen heraus.
+Jetzt endlich kamen die Stunden innerer Gemeinschaft
+zur&uuml;ck, und im &Uuml;berschwang der Freude glaubte ich das
+Mittel wieder gefunden, das auch die klaffenden Wunden
+unserer Ehe schlie&szlig;en w&uuml;rde. In gemeinsamer Arbeit,
+mit demselben gro&szlig;en Ziel vor Augen w&uuml;rden wir
+enger, unaufl&ouml;slicher zusammenwachsen.</p>
+
+<p>Ein Umstand half uns, mit etwas gr&ouml;&szlig;erer Zuversicht
+an die Arbeit zu gehen. Meine Schwester, eine der
+sechs Erben der verstorbenen Tante, hatte, emp&ouml;rt &uuml;ber
+die mir widerfahrene Ungerechtigkeit, versucht, die Annullierung
+des letzten Testaments, das meine Enterbung
+aussprach, durchzusetzen. Und als die Verwandten einm&uuml;tig
+erkl&auml;rt hatten, den letzten Willen der Toten respektieren
+zu m&uuml;ssen, tat sie allein, was sie von den
+anderen verlangt hatte, und verzichtete in Anerkennung
+meines Anspruchs auf den sechsten Teil ihres Erbes zu
+meinen Gunsten. Es war zun&auml;chst nur wenig, was ich
+bekam, &mdash; der gr&ouml;&szlig;te Teil des Verm&ouml;gens lag in Grundst&uuml;cken
+fest, &mdash; aber f&uuml;r uns, die wir von Anfang an
+mit einer so geringen Summe rechnen mu&szlig;ten, da&szlig;
+kaum ein anderer daraufhin den Mut gehabt h&auml;tte,
+eine Zeitschrift zu gr&uuml;nden, war es eine willkommene
+Hilfe. Nur ganz fl&uuml;chtig dachte ich daran, die paar
+<a name="Page_552" id="Page_552"></a>tausend Mark f&uuml;r meinen Jungen festlegen zu wollen, &mdash; ich
+err&ouml;tete dabei &uuml;ber mich selbst. Dr&uuml;ben, im
+Osten, opferten sie ihr Leben ihrer Sache, und ich
+k&ouml;nnte mit dem lumpigen Gelde knausern!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Es war ein frohes Arbeiten damals. Wir fanden
+Mitarbeiter im eigenen Lager, die unsere
+Ideen teilten, wir fanden aber auch K&uuml;nstler
+und Schriftsteller, die nicht abgestempelte Genossen waren
+und mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, einmal zum
+Volk zu sprechen. Und zuerst leuchteten uns &uuml;berall die
+aus den schwarzen Schornsteinen glutrot aufsteigenden
+Flammen der Neuen Gesellschaft entgegen.</p>
+
+<p>Da&szlig; innerhalb der Parteiorganisationen schon gegen
+uns gehetzt, vor einem Abonnement unserer Zeitschrift
+gewarnt wurde, da&szlig; uns die Genossen wieder als &raquo;Gesch&auml;ftssozialisten&laquo;
+&ouml;ffentlich an den Pranger stellten, &mdash; daf&uuml;r
+hatten wir nur ein Achselzucken. Sie glaubten,
+wir wollten w&uuml;hlen, kritisieren; sie w&uuml;rden sich bald
+eines Besseren belehren lassen, denn wir dachten nur
+daran, aufzubauen. Am Himmel der Zeit stiegen Sturmwolken
+auf, und wer wetterkundig war, der sah dahinter
+erfrischte Luft, zu neuem Segen durchtr&auml;nkte
+Erde.</p>
+
+<p>Der Strom der russischen Revolution, der dr&uuml;ben
+alles mit sich ri&szlig;, schien zuerst an Deutschland vor&uuml;berzubrausen,
+als w&auml;re die Grenze ein Felsengebirge. Allm&auml;hlich
+aber begannen seine Fluten Tunnel zu bohren,
+und die deutsche Reaktion warf angstvoll W&auml;lle auf.
+In den Einzelstaaten kam es zu Wahlrechtsverschlech<a name="Page_553" id="Page_553"></a>terungen,
+und die Angriffe auf das allgemeine Reichstagswahlrecht
+wurden lauter. Unter dem Deckmantel
+der scheinbar harmlosen Schulvorlage ging der preu&szlig;ische
+Landtag darauf aus, mit den Seelen der Kinder
+die Zukunft dem Fortschritt zu entwinden. Doch das
+Proletariat lernte von den russischen Freiheitsk&auml;mpfern.
+Zum erstenmal in Deutschland eroberten sich die Arbeiter
+die Stra&szlig;e zu gewaltigen Massendemonstrationen.
+In Leipzig, in Dresden, in Chemnitz durchzogen Tausende
+und Abertausende, dem Polizeiaufgebot trotzend,
+die Stadt. Und wenn sie auch der Hartn&auml;ckigkeit der
+Regierung nichts abzutrotzen vermochten, sie f&uuml;hlten
+sich nicht geschlagen, denn die Siege jenseits der Grenzen
+st&auml;rkten immer wieder ihren Mut: in dunkeln Massen,
+dicht gedr&auml;ngt, mit einem Schweigen, das mehr als
+drohende Rufe von finsterer Entschlossenheit zeugte, war
+die wiener Partei vor dem Parlament aufmarschiert,
+w&auml;hrend in ganz &Ouml;sterreich die Arbeit ruhte, und eroberte
+im gleichen Augenblick eine Wahlreform, die vor
+wenigen Wochen noch von der Regierung abgelehnt
+worden war. Und angesichts der blutgetr&auml;nkten Stra&szlig;en
+Petersburgs, der rauchenden Tr&uuml;mmer baltischer Schl&ouml;sser
+versprach der russische Zar dem Volke die Verfassung.</p>
+
+<p>Jetzt galt es auch in Preu&szlig;en, gegen die Hochburg
+der Reaktion Sturm zu laufen: gegen den Landtag.
+Wir sch&uuml;rten in unserer Zeitschrift mit allen Mitteln
+den Brand.</p>
+
+<p>&raquo;Trotz aller Anerkennung des stark pulsierenden Lebens,
+das in den Spalten der Neuen Gesellschaft herrscht,&laquo;
+schrieb mir Romberg damals, &raquo;bleibt Ihre Schornsteinzeitung
+mir unsympathisch, &mdash; jetzt vollends, wo ich mit
+<a name="Page_554" id="Page_554"></a>aufrichtiger Trauer sehe, da&szlig; Sie jene Vornehmheit
+preisgeben, deren Aufrechterhaltung durch alle F&auml;hrnisse
+proletarischer Versuchung mir bisher so bewundernswert
+erschien. Den ganzen giftigen Zorn der Renegaten
+sch&uuml;tten Sie &uuml;ber Ihre eigenen Klassengenossen, die
+Junker, aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;ber Ihren Geschmack streite ich nicht mit Ihnen,&laquo;
+antwortete ich, &raquo;er f&uuml;hrt uns, f&uuml;rchte ich, weit voneinander.
+Aber mir die Preisgabe der Vornehmheit vorzuwerfen,
+dazu haben Sie kein Recht. Gerade weil ich
+Aristokratin war und blieb, wei&szlig; ich zu scheiden zwischen
+dem Adligen und dem Junker. Die Hutten und Berlichingen,
+die Mirabeau und Lafayette, die Struve und
+Krapotkin, &mdash; das waren Aristokraten, das hei&szlig;t freie
+Herren, keine F&uuml;rstenknechte, keine Sklaven des Herkommens.
+Ich bin stolz, zu ihnen zu geh&ouml;ren und werde,
+wie sie, bis zum letzten Atemzug gegen die Junker, das
+hei&szlig;t die Dienstmannen, k&auml;mpfen.&laquo;</p>
+
+<p>Im Abgeordnetenhause erkl&auml;rte Graf Roon: &raquo;Wenn
+jemals die Regierung daran denken sollte, uns in
+Preu&szlig;en die geheime Wahl zuzumuten, so w&uuml;rden wir
+zur sch&auml;rfsten Opposition &uuml;bergehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf das nachdr&uuml;cklichste lege ich dagegen Verwahrung
+ein, da&szlig; das allgemeine geheime Wahlrecht als
+Wahlrecht der Zukunft hingestellt wird,&laquo; sekundierte ihm
+Herr von Manteuffel. H&uuml;ben und dr&uuml;ben schlossen sich
+die Reihen der K&auml;mpfer. Sollte die Schlacht schon bevorstehen?</p>
+
+<p>In den K&ouml;pfen der Parteigenossen spukte diese Frage,
+der die andere auf dem Fu&szlig;e folgte: wie bereiten wir
+uns vor? Das Mittel immer wiederholter Arbeits<a name="Page_555" id="Page_555"></a>einstellungen
+hatte sich in Ru&szlig;land als das eindrucksvollste
+erwiesen. Es wurde nun auch in der deutschen
+Partei er&ouml;rtert. Es trennte die Geister nach einem
+Schema, auf das die Bezeichnung Revisionisten und
+Radikale nicht mehr passen wollte. Mein Temperament
+ri&szlig; mich r&uuml;ckhaltlos auf die Seite derer, die den Massenstreik
+verteidigten; mein Mann stand im entgegengesetzten
+Lager, wo die Gewerkschafter sich vereinigt hatten.
+Auch die Ansichten unserer Mitarbeiter gingen auseinander.</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie, es l&auml;&szlig;t sich beschlie&szlig;en, &uuml;bermorgen
+nachmittag um vier in den Massenstreik einzutreten?&laquo;
+h&ouml;hnte Reinhard. &raquo;Revolutionen sind keine Paraden, die
+vorher einexerziert werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber die Truppen m&uuml;ssen daf&uuml;r vorbereitet sein
+wie f&uuml;r die Kriege,&laquo; entgegnete einer unserer Mitarbeiter;
+&raquo;wir m&uuml;ssen den Gedanken in die K&ouml;pfe h&auml;mmern,
+damit er zur rechten Zeit zur Tat reift.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von unseren drei Millionen W&auml;hlern sind nur viermalhunderttausend
+politisch organisiert, und von zw&ouml;lf
+Millionen Arbeitern nur anderthalb Millionen gewerkschaftlich!&laquo;
+rief Reinhard aus. &raquo;Mir scheint, wir m&uuml;ssen
+zuerst die K&ouml;pfe<em class="spaced"> haben</em>, ehe wir daran denken k&ouml;nnen,
+eine Idee in sie hineinzuh&auml;mmern.&laquo;</p>
+
+<p>Das Feuer meiner Begeisterung verflog angesichts des
+neu entfachten theoretischen Streites, der bei uns Deutschen
+so oft an Stelle des Handelns tritt. Die Demonstrationen
+gegen den preu&szlig;ischen Landtag beschr&auml;nkten
+sich auf ein paar gro&szlig;e Versammlungen, denen erst das
+Aufgebot von Polizei und Milit&auml;r Bedeutung verlieh.
+Die Schulvorlage wurde angenommen. Graf B&uuml;lows<a name="Page_556" id="Page_556"></a>
+Politik der Ablenkung des Volksinteresses bew&auml;hrte sich
+wieder einmal: die Blicke aller derer, die nicht zu unseren
+Kerntruppen geh&ouml;rten, richteten sich wie hypnotisiert
+auf die internationalen Verwickelungen. Von der
+feindseligen Verstimmung sprach der Reichskanzler, als
+die neue Flottenvorlage dem Reichstag zuging: &raquo;Deutschland
+mu&szlig; stark genug sein, sich im Notfall allein behaupten
+zu k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Von dem Ernst der Zeit, von der Notwendigkeit, eine
+stets schlagbereite Armee zu haben, sprach der Kaiser.
+So wurde gegen die revolution&auml;re die patriotische Stimmung
+ausgespielt.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wir hatten gearbeitet, den Blick krampfhaft
+vorw&auml;rts gerichtet, besinnungslos. Wir
+hatten unser Programm erf&uuml;llt, waren
+jeder tieferen Volksregung nachgegangen; es hatte an
+aufrichtiger Anerkennung nicht gefehlt, und trotz allen
+lauten und leisen W&uuml;hlens gegen uns war in kurzer
+Zeit ein Stamm von Lesern gewonnen <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'werden'">worden</ins>. Aber
+die Kosten der Zeitschrift &uuml;berstiegen bei weitem die
+Einnahmen. Wir konnten nicht l&auml;nger die Augen davor
+verschlie&szlig;en, da&szlig; unsere Mittel auf einen winzigen
+Rest zusammengeschmolzen waren.</p>
+
+<p>&raquo;Drei Jahre m&uuml;ssen Sie aushalten k&ouml;nnen, dann
+haben Sie sich durchgesetzt,&laquo; sagte uns ein treuer Genosse,
+der zugleich ein guter Gesch&auml;ftsmann war.</p>
+
+<p>&raquo;Drei Jahre!&laquo; wiederholte ich in Gedanken. &raquo;Wo wir
+kein Vierteljahr mehr gesichert sind!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir d&uuml;rfen die Flinte nicht ins Korn werfen, heute
+<a name="Page_557" id="Page_557"></a>weniger als je,&laquo; erkl&auml;rte mein Mann; &raquo;denn jetzt sch&auml;digen
+wir dadurch die Sache.&laquo;</p>
+
+<p>Die Furcht fl&uuml;sterte mir zu: &raquo;Gib auf, solang es
+noch Zeit ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heinrich ertr&uuml;ge es nicht,&laquo; antwortete die Stimme
+meines Herzens.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Um jene Zeit kam meine Schwester nach Berlin
+zur&uuml;ck. Sie war in einem Sanatorium
+gewesen und hatte dann eine lange
+Seereise gemacht.</p>
+
+<p>&raquo;Nun bin ich heil und gesund,&laquo; damit trat sie wieder
+vor mich hin, &raquo;und jetzt komme ich zu dir und will
+arbeiten.&laquo; Mit ungl&auml;ubigem L&auml;cheln sah ich sie an.
+&raquo;Meinst du etwa, ich hielte auf die Dauer solch zweckloses
+Leben aus?&laquo; schmollte sie, weil ich sie nicht ernst
+nehmen wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Im Sanatorium war einer mein Tischnachbar, der
+ein heimlicher Genosse ist,&laquo; fuhr sie zu plaudern fort.
+&raquo;Er holte nach, was du zu tun vers&auml;umtest; gab mir
+B&uuml;cher und Zeitungen und kl&auml;rte mich auf. Ich bin
+&uuml;berzeugte Sozialdemokratin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Ilse!&laquo; lachte ich. &raquo;Du?! Die &Auml;sthetin?! Du
+mit deinem Grauen vor dem P&ouml;bel?!&laquo;</p>
+
+<p>Nun wurde sie wirklich b&ouml;se. &raquo;Ist es so unwahrscheinlich,
+da&szlig; man sich entwickelt? &mdash; Bist du vielleicht
+als Genossin auf die Welt gekommen?! &mdash; Ich bildete
+mir ein, dir mit dieser Nachricht eine besondere Freude
+zu machen, und nun glaubst du mir nicht! Aber ich
+<a name="Page_558" id="Page_558"></a>werde dir beweisen, wie ernst ich es meine: noch heute
+will ich mich dem Vertrauensmann meines Wahlkreises
+vorstellen, ich werde sogar Flugbl&auml;tter austragen, wenn
+er mich brauchen kann.&laquo;</p>
+
+<p>Ich war noch ganz benommen von der erstaunlichen
+Wandlung meiner Schwester, als Heinrich sie begr&uuml;&szlig;te.
+Er fand sich rascher in die ver&auml;nderte Situation.</p>
+
+<p>&raquo;Da h&auml;tten wir ja eine neue Mitarbeiterin,&laquo; sagte
+er lebhaft.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, &mdash; ob ich aber schreiben kann?!&laquo; meinte sie
+z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>&raquo;Sind nicht alle ihre Briefe druckreifes Manuskript?&laquo;
+wandte er sich an mich. &raquo;Und pr&auml;destiniert sie nicht ihre
+ganze Vergangenheit, gerade das wichtige, noch so sehr
+vernachl&auml;ssigte Gebiet der k&uuml;nstlerischen Volkserziehung
+zu dem ihren zu machen?&laquo;</p>
+
+<p>Alles Fremde, das seit Jahren zwischen uns gestanden
+hatte, war jetzt vergessen. Die kleine Ilse war wieder
+mein Kind, wie einst, da sie nichts so gerne h&ouml;rte wie
+meine Geschichten, mit nichts spielen mochte als mit
+den Spielen, die ich erfand. Ich streckte ihr beide H&auml;nde
+entgegen:</p>
+
+<p>&raquo;Du brauchst keine Flugbl&auml;tter auszutragen, um zu
+beweisen, da&szlig; du zu uns geh&ouml;rst. In der Partei ist
+viel Raum f&uuml;r Kr&auml;fte wie die deinen.&laquo;</p>
+
+<p>Am Abend sah ich an Heinrichs gr&uuml;blerischem Gesichtsausdruck,
+da&szlig; irgendein Gedanke ihn besch&auml;ftigte.
+Er ging schweigsam im Zimmer auf und nieder. Endlich
+blieb er vor mir stehen: &raquo;Was meinst du, wenn
+wir Ilse aufforderten, sich an der Neuen Gesellschaft
+mit einem Kapital zu beteiligen?&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_559" id="Page_559"></a>Ich hob die H&auml;nde, als gelte es einer Gefahr zu
+begegnen.</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes willen nicht!&laquo; rief ich aus.</p>
+
+<p>&raquo;Du scheinst deiner Schwester wenig zuzutrauen,&laquo;
+entgegnete er stirnrunzelnd. &raquo;Da&szlig; wir alles aufs Spiel
+setzen, ist dir selbstverst&auml;ndlich; da&szlig; Ilse einen Bruchteil
+ihres Verm&ouml;gens opfern soll, kommt dir unm&ouml;glich vor.
+Und doch k&ouml;nnte das ihr geben, was ihr fehlt: einen
+ernsten Lebensinhalt, einen Antrieb zur Arbeit, die mehr
+ist als Laune und Spielerei.&laquo;</p>
+
+<p>Ich widersprach auf das heftigste: &raquo;Was wir tun
+und lassen, ist unsere Sache, aber die Verantwortung
+f&uuml;r Ilse d&uuml;rfen wir nicht auf uns nehmen. Niemals
+ertr&uuml;g' ich's, sie in unseren Ruin hineinzuziehen!&laquo;</p>
+
+<p>Heinrich brauste auf. &raquo;Wie kannst du von Ruin
+sprechen, wo uns nichts fehlt als die Mittel, noch
+einige Zeit auszuhalten, &mdash; wo wir in zwei, drei Jahren
+&uuml;ber das schlimmste hinaus sein werden! Hast du so
+gar keinen Glauben an die eigene Sache?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ihn, Heinz, ich hab ihn gewi&szlig;&nbsp;&mdash;,&laquo; meine
+H&auml;nde pre&szlig;ten sich flehend ineinander, &raquo;&mdash;&nbsp;aber lieber
+will ich mir die Finger blutig schreiben, lieber will ich
+von Ort zu Ort gehen, um die Mittel f&uuml;r die Neue
+Gesellschaft zusammenzubringen, als da&szlig; ich mich an
+Ilse wende.&laquo;</p>
+
+<p>Mit gerunzelten Brauen sah Heinrich mich an. &raquo;Ich
+finde deinen Standpunkt kleinlich, &mdash; deiner und deiner
+Schwester unw&uuml;rdig. Sie wird sich freuen, mit einem
+Teil ihres &Uuml;berflusses etwas N&uuml;tzliches leisten zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Aber ich lie&szlig; mich nicht &uuml;berzeugen. &raquo;La&szlig; uns wenigstens
+noch versuchen, ob sich nicht auf anderem Wege<a name="Page_560" id="Page_560"></a>
+Hilfe schaffen l&auml;&szlig;t,&laquo; bat ich. Heinrich schwieg, sichtlich
+verletzt.</p>
+
+<p>Alle Schritte, die er in den n&auml;chsten Wochen unternahm,
+waren umsonst. Immer n&auml;her r&uuml;ckte die Zeit,
+die uns vor die letzte Entscheidung stellte. Mich schauderte
+im Gedanken daran.</p>
+
+<p>Als ich ihn eines Abends wieder von einer vergeblichen
+Reise zur&uuml;ckkehren sah, &mdash; so m&uuml;de, so gebrochen,
+da hielt es mich nicht l&auml;nger: &raquo;Geh zu Ilse,&laquo;
+sagte ich.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>War es der Leichtsinn der Jugend, war es
+die &Uuml;berzeugungskraft der Reife, die Ilse
+ohne einen Augenblick des &Uuml;berlegens dem
+Vorschlag Heinrichs entsprechend handeln lie&szlig;? Wie kam
+es nur, da&szlig; in dem Augenblick, wo sie sich nicht nur
+im Denken, sondern auch im Handeln mit mir vereinte,
+ein kalter Reif auf die kaum wieder entfaltete Blume
+meiner Schwesterliebe fiel? Irgendeine Fessel, die die
+freie Bewegung meiner Glieder hemmte, wurde schmerzhaft
+angezogen.</p>
+
+<p>Eine Unrast der Arbeit packte mich, die mich jede
+ruhige Stunde als Unterlassungss&uuml;nde empfanden lie&szlig;.
+Selbst in den Augenblicken, wo die Sache, der ich diente,
+mich ganz zu packen schien, fiel mir ein, da&szlig; ich arbeiten
+mu&szlig;te, um das Geld meiner Schwester nicht zu verlieren.
+Da&szlig; die Arbeitsgemeinschaft mit meinem Mann unsere
+Liebe zueinander festigen sollte, &mdash; daran dachte ich kaum
+<a name="Page_561" id="Page_561"></a>mehr. Kam mir in hei&szlig;en N&auml;chten nach gehetzten Tagen
+die Erinnerung daran, so grauste mich's. Ich sa&szlig; meinem
+Mann gegen&uuml;ber, tagaus, tagein, &uuml;ber Manuskripte und
+Korrekturen gebeugt. Ich hatte keine Gedanken mehr,
+mich f&uuml;r den Geliebten zu schm&uuml;cken, keine Zeit mehr
+f&uuml;r das s&uuml;&szlig;e Spiel der Liebe, f&uuml;r Suchen und Finden,
+Zur&uuml;cksto&szlig;en und Wiedererobern. Nur f&uuml;r mein Kind
+stahl ich mir morgens und abends noch eine Stunde;
+aus der Frische seines Denkens und F&uuml;hlens flo&szlig; mir
+der Tropfen Lebensfreude, den ich brauchte, um weiter
+schaffen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Meinen kleinen Haushalt &uuml;berlie&szlig; ich nun schon
+lange der Berta. Zuweilen wunderte ich mich wohl,
+da&szlig; er bei seiner Einfachheit so kostspielig war. Aber
+jede Spur von Mi&szlig;trauen lag mir fern. Opferte die
+Berta uns nicht ihre ganze Arbeitskraft? War sie es
+nicht, die unter Hinweis auf die entstehenden Kosten
+jede fremde Hilfe ablehnte und alles allein besorgte?</p>
+
+<p>Eines Tages sah ich ein goldenes Armband auf ihrem
+N&auml;htisch liegen. &raquo;Mein Onkel hat es mir zum Geburtstag
+geschenkt,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Bald darauf brachte die Portierfrau, als sie abwesend
+war, ein Paket f&uuml;r &raquo;Fr&auml;ulein Berta&laquo;, die Uhrkette sei
+darin, die sie sich durch sie habe besorgen lassen, f&uuml;gte
+sie erkl&auml;rend hinzu. Ich wurde stutzig und lie&szlig; mich in
+ein Gespr&auml;ch mit ihr ein.</p>
+
+<p>&raquo;Auch das Armband hat mein Mann besorgt,&laquo;
+schwatzte sie, &raquo;es kostete nur sechzig Mark. Und Fr&auml;ulein
+Berta kann sich wohl mal was selber g&ouml;nnen,
+nachdem sie immer das viele Geld nach Hause schickt.&laquo;</p>
+
+<p>Nach Hause?! dachte ich verbl&uuml;fft, ihr Vater war
+<a name="Page_562" id="Page_562"></a>doch, wie sie oft genug erz&auml;hlt hatte, in beh&auml;biger
+Lage. Nun verfolgte ich erst aufmerksam ihr Tun
+und Lassen. Im Lauf einer Woche hatte ich alle Beweise
+in der Hand: seit Jahren war ich von ihr betrogen
+worden. Im ersten Gef&uuml;hl der Emp&ouml;rung wollte
+ich ihre Unterschlagungen zur Anzeige bringen. Aber
+dann sch&auml;mte ich mich. War ich nicht die Schuldige
+gewesen? Ich, die ich dem einfachen Bauernm&auml;dchen
+eine Freiheit gelassen, eine Selbst&auml;ndigkeit aufgeb&uuml;rdet
+hatte, der sie geistig und moralisch nicht gewachsen war;
+ich, die ich sie aus Dankbarkeit mit Geschenken &uuml;berh&auml;uft
+hatte, die ihre Eitelkeit, ihre Habsucht erwecken
+mu&szlig;ten? Sie war f&uuml;r die Lebenssph&auml;re, in die sie
+zur&uuml;cktreten mu&szlig;te, bei mir und durch mich verdorben
+worden.</p>
+
+<p>Ich entlie&szlig; sie; ich bekannte meinem Mann meine
+Schuld. Von nun an mu&szlig;te ich mich um die t&auml;glichen
+Sorgen des Haushalts k&uuml;mmern, mu&szlig;te vor allem die
+Zeit er&uuml;brigen, um mit meinem Buben ins Freie zu
+gehen. Ich war viel zu &auml;ngstlich, um ihn sich selbst
+zu &uuml;berlassen. Wie m&uuml;de f&uuml;hlte ich mich, wenn ich
+abends schlafen ging! Wie zerschlagen, wenn ich
+morgens erwachte! Wie lange noch w&uuml;rde ich aushalten
+k&ouml;nnen?!</p>
+
+<p>Und mehr denn je verlangte unsere Arbeit die ganze
+Nervenkraft, die volle Anspannung des Willens. Ein
+neuer Parteiskandal forderte gebieterisch unsere Stellungnahme.
+Die Auseinandersetzungen &uuml;ber den Massenstreik
+hatten in einem Teil unserer Tagespresse wieder
+die Formen pers&ouml;nlichen Gez&auml;nks, gegenseitiger Verd&auml;chtigungen
+angenommen. Zur Emp&ouml;rung der radi<a name="Page_563" id="Page_563"></a>kalen
+Berliner vertrat das Zentralorgan der Partei den
+Standpunkt der Gewerkschaften, und obwohl der Jenaer
+Parteitag eine wenigstens &auml;u&szlig;ere Verst&auml;ndigung zwischen
+beiden Richtungen herbeif&uuml;hrte und auch die Pre&szlig;fehde
+zu schlichten schien, lie&szlig; sich Groll und Mi&szlig;trauen nicht
+durch Resolutionen beseitigen. Trotz aller gegenseitigen
+Versicherungen blieb die Mehrheit der Vorw&auml;rts-Redaktion,
+die ihre Ansichten weder dem Votum der Masse
+unterwerfen, noch sich zu einem Inquisitions-Tribunal
+hergeben wollte, des Revisionismus verd&auml;chtig. Kaum
+war der Parteitag vor&uuml;ber, als der Parteivorstand mit
+den Berlinern in Verhandlungen eintrat, deren Resultat
+die Entlassung und der Ersatz eines oder mehrerer Redakteure
+und die Neugestaltung der Mitarbeiterschaft
+&uuml;ber den Kopf der Redaktion hinweg sein sollte. Hinter
+verschlossenen T&uuml;ren, mit strengstem Schweigegebot f&uuml;r
+die Teilnehmer und &mdash; unter Ausschlu&szlig; der Angeklagten
+ging das alles vor sich. Ein Fehmgericht nach demselben
+Prinzip wie das, dem ich einmal seitens der
+Frauen unterworfen worden war. Wo war hier die
+Gleichheit, wo die Br&uuml;derlichkeit?! Als die Redaktion
+trotz aller Vorsichtsma&szlig;regeln von den Vorg&auml;ngen erfuhr
+und der Parteivorstand ihren Protest gegen ein
+allen Grunds&auml;tzen der Demokratie hohnsprechendes Verhalten
+schroff zur&uuml;ckwies, handelte sie, wie organisierte
+Arbeiter handeln, wenn der Unternehmer ihre Kameraden
+ohne sie zu h&ouml;ren mit Aussperrung bedroht: sie
+erkl&auml;rte sich in ihrer Mehrheit solidarisch, reichte ihre
+Entlassung ein und begr&uuml;ndete ihre Handlungsweise
+vor der &Ouml;ffentlichkeit. Mit gez&uuml;ckten Schwertern standen
+einander nun wieder zwei Richtungen in der Partei
+<a name="Page_564" id="Page_564"></a>gegen&uuml;ber. Aber die Masse vertrat nicht die Prinzipien
+der Demokratie, sondern die der Despotie.</p>
+
+<p>&raquo;Wie k&ouml;nnen wir noch mit freier Stirn unsere Ideale
+gegen&uuml;ber der Willk&uuml;rherrschaft monarchischen Absolutismus
+verteidigen,&laquo; schrieben wir in der Neuen Gesellschaft,
+&raquo;wie k&ouml;nnen wir die Selbstherrlichkeit des
+Unternehmertums, seinen r&uuml;cksichtslosen Herrenstandpunkt
+gegen&uuml;ber dem Arbeiter angreifen, wenn der Gegner
+uns mit den eigenen Waffen zu schlagen vermag? Wie
+k&ouml;nnen wir an den endlichen Sieg unserer Sache glauben
+und uns unterfangen, andere davon &uuml;berzeugen zu wollen,
+wenn die Ansichten einzelner, &mdash; hier des Parteivorstands,
+ganz besonders die Bebels, &mdash; zum Kredo erhoben
+werden und jeder Andersgl&auml;ubige der Ketzerei
+beschuldigt wird, &mdash; ungeh&ouml;rt, wie bei den Hexenprozessen?&nbsp;...
+Die Redakteure haben ihre Schuldigkeit getan,
+tun wir die unsere!&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Wie der Stein, der in den Teich geworfen wird,
+nicht nur weite und immer weitere Kreise zieht, sondern
+auch den Grund aufw&uuml;hlt, soda&szlig; dieser pl&ouml;tzlich
+in das klare Wasser schwarz und schlammig emporsteigt,
+so war es hier. Man hatte vergessen, den
+Grund zu s&auml;ubern und auszumauern, ehe der frische
+Quell des Sozialismus hineingeleitet wurde. Die
+Moral der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, die ihr das Christentum
+mit Feuer und Schwert und Verfolgung eingeimpft
+hatte, beherrschte alles menschliche Denken
+und F&uuml;hlen.</p>
+
+<p>&raquo;Besser unrecht leiden, als unrecht tun,&laquo; predigten
+salbungsvoll unsere Parteibl&auml;tter; also sich beugen, sich
+der Macht unterwerfen, Demut und Unterw&uuml;rfigkeit f&uuml;r
+<a name="Page_565" id="Page_565"></a>der Tugenden gr&ouml;&szlig;te erkl&auml;ren, &mdash; konnte, durfte das die
+Ethik des Sozialismus bleiben?</p>
+
+<p>Ich empfand das alles nur dumpf, wie einen Traum;
+ich hatte keine Zeit, Gedanken zu formen; ich hatte
+auch keine Kraft.</p>
+
+<p>Sonderbar, wie elend ich mich f&uuml;hlte. Als st&uuml;nde
+mir eine gro&szlig;e Krankheit bevor. Ich ballte die H&auml;nde,
+soda&szlig; die N&auml;gel mich in der Handfl&auml;che schmerzten: ich
+durfte nicht krank werden. Oft wenn ich mit meinem
+Sohn durch die Stra&szlig;en ging, &uuml;berfiel mich ein
+Schwindel. Dann lehnte ich mich an irgend eine
+Mauer, und er blieb vor mir stehen, die gro&szlig;en ernsten
+Augen &auml;ngstlich auf mich gerichtet. Und wenn ich
+abends mit irgend einer notwendigen N&auml;harbeit bei
+ihm war, und er mir mit all dem &uuml;berzeugten Pathos
+des Kindes vorlas, &mdash; M&auml;rchen und Gedichte, die
+feierlichsten am liebsten, &mdash; dann brauste es mir vor
+den Ohren, soda&szlig; ich kaum seine Stimme noch h&ouml;rte.
+Was war das nur?</p>
+
+<p>Meinem Mann verschwieg ich meinen Zustand. Mein
+Junge war mein Vertrauter und mein Verb&uuml;ndeter zugleich.
+Er hatte mir versprechen m&uuml;ssen, dem Vater
+nichts zu sagen.</p>
+
+<p>&raquo;Papachen hat soviel &Auml;rger, er soll sich nicht auch
+noch um mich Sorge machen!&laquo; &mdash; Und dies erste Zeichen
+eines freundschaftlichen Vertrauens seiner Mutter hatte
+ihn sichtlich reifer gemacht.</p>
+
+<p>Aber dann kam ein grauer Tag; der Regen klatschte
+unaufh&ouml;rlich an die Scheiben; um meinen Kopf lag es
+wie ein Band von Eisen. Pl&ouml;tzlich aber mu&szlig;te ich vom
+Stuhle springen, auf dem ich zusammengekauert gesessen
+<a name="Page_566" id="Page_566"></a>hatte; ein Gedanke traf mich, blendend wie ein Blitz.
+Wie hatte ich nur so lange fragen k&ouml;nnen, was mir
+fehlte: ich war guter Hoffnung. &raquo;Guter&laquo; Hoffnung?!
+Sehns&uuml;chtig hatte ich mir oft noch ein Kind gew&uuml;nscht,
+hatte, wenn ich meinen Buben ansah, es fast als ein
+Naturgebot empfunden, mehr seinesgleichen zu geb&auml;ren.
+Und jetzt? Wie anders f&uuml;hlte ich mich, als da ich ihn
+unter dem Herzen trug: schwach, schwerm&uuml;tig, arbeitsunf&auml;hig.
+Und ich mu&szlig;te doch arbeiten!</p>
+
+<p>Seit wir in dem letzten Parteikampf so energisch die
+Rechte der Minderheit vertreten hatten, regnete es Angriffe
+auf das &raquo;parteisch&auml;digende Treiben der Neuen
+Gesellschaft&laquo;. Auf wessen Tisch die rotleuchtende Flammenschrift
+unseres Blattes entdeckt wurde, der erschien schon
+verd&auml;chtig.</p>
+
+<p>Wenn meine Schwester kam, wurde mir hei&szlig; und
+kalt. Etwas wie Schuldbewu&szlig;tsein machte mich ihr
+gegen&uuml;ber immer scheuer. Wir mu&szlig;ten uns durchsetzen, &mdash; um
+jeden Preis! &mdash; Und ich bi&szlig; die Z&auml;hne zusammen
+und trug schweigend meine Qual, bis ich nicht
+mehr konnte.</p>
+
+<p>Meine &Auml;rztin machte ein ernstes Gesicht: &raquo;Sie m&uuml;ssen
+sich vollkommen ruhig halten, sich vor jeder Aufregung
+h&uuml;ten,&laquo; sagte sie mit scharfer Betonung.</p>
+
+<p>Ich verzog den Mund zu einem L&auml;cheln und ging
+heim, als schleppte ich eine Zentnerlast mit mir. Und
+wenn ich mich in irgend einen Erdenwinkel h&auml;tte verkriechen
+k&ouml;nnen, sie w&uuml;rde weiter dr&uuml;ckend auf mir liegen.
+Wen einmal die Sorge umstrickt, den h&auml;lt sie fest.</p>
+
+<p>Eine krankhafte Angst bem&auml;chtigte sich meiner. Ich
+f&uuml;rchtete mich vor dem keimenden Leben in mir wie
+<a name="Page_567" id="Page_567"></a>vor einem M&ouml;rder. Ich malte mir in dunkeln Nachtstunden
+den Augenblick schreckhaft aus, wo der Ruin
+vor der T&uuml;re stand.</p>
+
+<p>Und dann brach ich zusammen. Ehe das Kind in
+meinem Scho&szlig; Leben gewesen war, starb es. W&auml;hrend
+der langen dunkeln Stunden, die ich nun regungslos
+auf dem R&uuml;cken lag, richtete das Ungeborene
+zwei starre Augen auf mich, anklagend, richtend. Und
+ich beweinte es, als h&auml;tte es schon in meinen Armen
+gelegen.</p>
+
+<p>Als ich wieder aufstehen durfte, nahm ich aus meiner
+Gro&szlig;mutter Zeichenmappe ein kleines, in zarten Farben
+gemaltes Bild: ein K&ouml;pfchen mit wei&szlig;en Rosen bekr&auml;nzt, &mdash; ihr
+j&uuml;ngstes Kind, das gestorben war, ehe seine
+Lippen das erste &raquo;Mutter&laquo; zu lallen vermochten. Ich
+stellte es auf den Schreibtisch vor mich hin. Es sollte
+mich zu jeder Stunde daran erinnern, da&szlig; mein Kind
+zum Opfer gefallen war.</p>
+
+<p>Ich erholte mich schwer. Mir fehlte der Wille zur
+Kraft.</p>
+
+<p>Eines Abends sa&szlig; ich mit meinem Sohne zusammen
+unter der gr&uuml;numschirmten Lampe. Er war in das
+Buch vertieft, das aufgeschlagen vor ihm auf dem
+Tische lag.</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig;t du h&ouml;ren, Mama,&laquo; rief er aus; seine
+Augen gl&auml;nzten vor Entz&uuml;cken.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Nun geht in grauer Fr&uuml;he<br /></span>
+<span class="i0">Der scharfe M&auml;rzenwind,<br /></span>
+<span class="i0">Und meiner Qual und M&uuml;he<br /></span>
+<span class="i0">Ein neuer Tag beginnt ...&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>las er. In den Stuhl zur&uuml;ckgelehnt, h&ouml;rte ich ihm zu.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza"><p><a name="Page_568" id="Page_568"></a></p>
+<span class="i0">&raquo;Kein Dr&auml;uen soll mir beugen<br /></span>
+<span class="i0">Den Hochgemuten Sinn;<br /></span>
+<span class="i0">Ausduldend will ich zeugen,<br /></span>
+<span class="i0">Von welchem Stamm ich bin..&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Ich richtete mich auf. &raquo;Ausduldend will ich zeugen,
+von welchem Stamm ich bin,&laquo; wiederholte ich leise,
+nahm meines Kindes Kopf zwischen beide H&auml;nde und
+k&uuml;&szlig;te ihn auf die Stirn. Es war ein Gel&ouml;bnis.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_569" id="Page_569"></a></p>
+<h2><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>&raquo;Wie die Hasen auf der Treibjagd werden die
+Revolution&auml;re von den Soldaten zusammengeschossen,&laquo; &mdash; &raquo;f&uuml;nfzehntausend
+Gefallene
+bedecken Stra&szlig;en und Barrikaden&nbsp;&mdash;,&laquo; so meldete der
+Telegraph aus Moskau; &raquo;die Regierung hat uns betrogen!
+Der Zar hat sein Versprechen gebrochen! Die
+Knute der Kosaken herrscht wieder &uuml;ber uns,&laquo; &mdash; so
+klangen die Verzweiflungsschreie der Freiheitsk&auml;mpfer
+&uuml;ber die Grenze. Und schwer und dumpf gr&uuml;&szlig;ten die
+Glocken das Jahr 1906.</p>
+
+<p>Auf den eroberten Gebieten des Absolutismus halten
+unsere russischen Br&uuml;der ihre Siegeszeichen aufgepflanzt,
+und an ihnen waren die &uuml;ppigen Ranken unserer Hoffnung
+wuchernd emporgewachsen. Jetzt lagen sie am
+Boden. Die Soldaten der Reaktion traten darauf.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Und doch bedurften wir in dem Kampf, den
+wir f&uuml;hrten, der Siegeszuversicht. Ein <em class="antiqua">rocher
+de bronce</em> war Preu&szlig;en noch immer, dem
+er galt, denn als die Frage der Ab&auml;nderung des Dreiklassenwahlrechts
+im Landtag endlich zur Besprechung
+kam, da erkl&auml;rte die Regierung: das Reichstagswahl<a name="Page_570" id="Page_570"></a>recht
+ist unannehmbar, und f&uuml;gte der Absage durch den
+Mund des Ministers von Bethmann Hollweg die versteckte
+Drohung hinzu: &raquo;das Gef&uuml;hl der Unlust besteht
+ja auch im Reiche, wo wir noch dieses angeblich ideale
+Wahlrecht besitzen.&laquo; Noch! &mdash; Wir hatten achtzig Abgeordnete
+im Parlament, und doch w&uuml;rde Preu&szlig;ens Reaktion
+sie mit einer Handbewegung beiseite schieben. Es
+klang wie ein Hohn unserer Ohnmacht, wenn der Kanzler
+die Machtmittel des Staats f&uuml;r ausreichend erkl&auml;rte,
+um &raquo;P&ouml;belexzesse zu verhindern.&laquo; Er hatte recht. Es
+kam zu keinen Exzessen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die Einf&uuml;hrung des Zolltarifs stand vor der
+T&uuml;re. Mit neuen Steuern und Abgaben
+drohte eine Reichsfinanzreform. Im Hintergrund
+lauerte das Raubtier des Kriegs, und die Diplomaten,
+die mondelang in Algeciras beisammensa&szlig;en, um
+es in Ketten zu legen, schienen es statt dessen gro&szlig; zu
+f&uuml;ttern. F&uuml;r neue Kriegsschiffe agitierten die Regierungsparteien
+und malten den Weltbrand glutrot auf
+die leere Leinwand der Zukunft. Aber das Volk h&ouml;rte
+gleichg&uuml;ltig zu, als ginge es das alles nichts an. Wo
+es im Laufe der letzten Jahre bei Nachwahlen zum
+Reichstag um sein Verdikt gefragt worden war, hatte
+es Junkern und Junkergenossen das Feld &uuml;berlassen.</p>
+
+<p>&raquo;Mir ist eine kleine Schar &uuml;berzeugter Genossen
+lieber, als eine gro&szlig;e Menge unsicherer Mitl&auml;ufer,&laquo;
+hatte Bebel wiederholt gesagt. Das sollte ein Trost
+sein und war bei Licht besehen nur die Konstatierung
+einer Tatsache, denn der Zuzug aus b&uuml;rgerlichen Kreisen
+<a name="Page_571" id="Page_571"></a>hatte sich verlaufen. Freiheit, Gleichheit, Br&uuml;derlichkeit, &mdash; das
+war der Trunk gewesen, an dem sich deutsche
+Tr&auml;umer von jeher berauscht hatten. Diesmal war er
+von der Sozialdemokratie kredenzt worden. Als sie
+aber erwachten und die Welt noch immer nicht ihren
+Dichteridealen entsprach, und die Genossen die Ritter
+vom heiligen Gral nicht waren, die sie in ihnen gesehen
+hatten, da versanken sie wieder in politische Gleichg&uuml;ltigkeit.</p>
+
+<p>In die Maienpracht junger Hoffnungen war der Reif
+der Entt&auml;uschung gefallen. Es schien fast, als ob alle
+Knospen daran sterben sollten.</p>
+
+<p>An jenem &raquo;roten Sonntag&laquo;, der in ganz Preu&szlig;en
+der Demonstration gegen das Dreiklassenwahlrecht gewidmet
+war, sprach ich in einem kleinen Fabrikort
+Brandenburgs. Es war ein tr&uuml;ber Abend; der Saal
+lag abseits zwischen hohen Mauern in einem feuchten
+Grunde. Mein Appell an die Begeisterung, an die
+Widerstandskraft verhallte wirkungslos. Und es war
+nicht nur meine Schuld, da&szlig; das Feuer nicht brennen
+wollte. Regenschauer hatten das Holz na&szlig; gemacht, so
+da&szlig; es nur knisterte. Wir protestierten gemeinsam gegen
+die preu&szlig;ische und gegen die russische Reaktion, aber
+mir schien, als st&uuml;nde hinter diesem Protest nicht der
+Wille zur Tat, sondern ein resigniertes Gef&uuml;hl der
+Ohnmacht.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_572" id="Page_572"></a></p>
+
+<p>Die Neue Gesellschaft f&uuml;hrte die Sprache der
+Kraft. War sie nicht mehr die der Massen,
+da&szlig; sie sie nicht h&ouml;ren wollten?</p>
+
+<p>Fr&uuml;hling und Sommer zogen an unseren Fenstern
+vorbei. Wir sa&szlig;en geb&uuml;ckt am Schreibtisch und wagten
+nicht, einander in das Antlitz zu schauen. Zuweilen war
+mir wie einem, der in eine H&uuml;tte mit blinden Scheiben
+gesperrt ist und nichts sieht als den Staub und die
+D&uuml;rftigkeit der n&auml;chsten N&auml;he. Dann durstete ich so
+sehr nach Luft und Sonne, da&szlig; ich jeden Hauch, der
+durch die T&uuml;re drang, jeden Strahl, der sich hinein
+verirrte, wie einen Boten der Erl&ouml;sung begr&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Meine Schwester hatte sich verlobt.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt erst wei&szlig; ich, was Liebe ist,&laquo; hatte sie mir mit
+gl&uuml;henden Wangen und hei&szlig;en Augen zugefl&uuml;stert. Das
+Leben war ihr viel schuldig geblieben, darum glaubte
+ich freudig daran, und ihr Gl&uuml;ck lie&szlig; mich ihr gegen&uuml;ber
+freier atmen, darum unterdr&uuml;ckte ich jeden Zweifel.
+Sie f&uuml;hrte uns ihren Verlobten zu, einen jungen
+Arzt, hinter dessen auffallender Schweigsamkeit ich den
+Menschen zu sehen mich zwang, den sie lieben konnte.
+Sie heirateten bald. Auf den H&ouml;hen der Schw&auml;bischen
+Alb &uuml;bernahm er die Leitung eines Sanatoriums. Sie
+schrieb Briefe, die ein einziger Jubel waren, und sandte
+Bilder mit Bergen und W&auml;ldern und weiten Blicken
+&uuml;ber friedliche T&auml;ler. Aber es fiel auf meine Seele
+nur wie ein Sonnenstrahl aus dem Gew&ouml;lk, das sich
+danach nur noch dichter und dunkler zusammenzog.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_573" id="Page_573"></a></p>
+
+<p>Um jene Zeit erging von einem aus den Anh&auml;ngern
+der verschiedensten Parteien bestehenden
+englischen Komitee, dem unter anderen
+auch eine gro&szlig;e Zahl englischer Parlamentsmitglieder
+angeh&ouml;rte, an die Zeitungen aller deutschen Parteien
+die Einladung zu einem Besuch nach England. Angesichts
+der gewissenlosen Hetze und der Kriegstreiberei
+h&ouml;fisch-milit&auml;rischer Kreise und ihrer Werkzeuge in der
+Presse sollte diese Veranstaltung dazu dienen, die wahre
+Gesinnung des englischen Volkes kennen zu lernen und
+die freundschaftlichen Beziehungen der beiden L&auml;nder
+wieder f&ouml;rdern zu helfen. Keir Hardie, der F&uuml;hrer der
+englischen Arbeiterpartei, hatte die Einladung mit unterzeichnet.
+Auch bei der Redaktion der Neuen Gesellschaft
+lief sie ein, von einem Brief meines alten
+Freundes Stead begleitet, der die Hoffnung aussprach,
+wir w&uuml;rden ihr Folge leisten.</p>
+
+<p>England! Wieviel Erinnerungen wurden in mir
+wach! Es war mir das Sprungbrett des neuen Lebens
+gewesen. Vielleicht, da&szlig; es mich nun aus seinem Labyrinth
+wieder ins Freie zu f&uuml;hren verm&ouml;chte! Meine
+Hoffnung sah einen Weg aus der Not und der Enge
+heraus, &mdash; und wenn's nur ein fl&uuml;chtiges Aufatmen
+w&auml;re in freier Luft! Mein Mann legte die Einladung
+beiseite wie etwas selbstverst&auml;ndlich Abgetanes.</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du nicht, da&szlig; ich sie annehmen k&ouml;nnte, &mdash; in
+unserem Namen,&laquo; fragte ich z&ouml;gernd. &raquo;Ich m&ouml;chte
+fort, &mdash; hinaus, ein einziges Mal nur!&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>Er sah verwundert von der Arbeit auf. &raquo;Wenn dir
+<a name="Page_574" id="Page_574"></a>soviel daran liegt, bedarf es gar nicht der tragischen
+Geb&auml;rde!&laquo; antwortete er ruhig.</p>
+
+<p>Nun erschien mir mein Wunsch doch im Lichte str&auml;flicher
+Vergn&uuml;gungssucht. Ich mu&szlig;te mich und ihn beruhigen,
+der nicht anders denken mochte: &raquo;Ich werde
+Berichte schreiben, &mdash; neue Beziehungen ankn&uuml;pfen.
+Vielleicht verschaffe ich mir sogar bei der Gelegenheit
+die Korrespondenz f&uuml;r ein englisches Blatt.&laquo;</p>
+
+<p>Der Gedanke besonders elektristerte mich: das w&auml;re
+doch eine Sicherheit, wenn die Neue Gesellschaft zusammenbr&auml;che.</p>
+
+<p>Kurz vor meiner Abreise besuchte uns Reinhard. &raquo;Ich
+lese Ihren Namen unter denen der Journalisten, die
+nach England fahren,&laquo; begann er erregt.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; entgegnete ich, &raquo;und was haben Sie dagegen?
+Keine der ber&uuml;hmten bindenden Parteitagsresolutionen
+hindert mich daran!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Ihr Gef&uuml;hl m&uuml;&szlig;te es tun,&laquo; brach er los;
+wollen Sie sich denn gewaltsam jeden Vertrauens berauben?!
+Kein Genosse wird es begreifen, da&szlig; Sie mit einer
+Reihe unserer &auml;rgsten Gegner gemeinsame Sache machen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlimm genug, wenn dem wirklich so sein sollte!&laquo;
+rief ich aus. &raquo;Haben wir nicht auf dem Heimarbeiterschutzkongre&szlig;
+mit Gegnern zusammen gearbeitet, tun wir
+es nicht dauernd im Parlament? Und mir sollte es verdacht
+werden, wenn ich mich an einer Reise beteilige,
+deren Zweck durchaus im Interesse der Partei liegt?
+Wir Mitreisenden sollen uns doch nicht untereinander
+verbr&uuml;dern; uns wird nichts als die Gelegenheit geboten,
+es mit aufrichtigen Friedensfreunden in England
+zu tun.&laquo;</p>
+<p><a name="Page_575" id="Page_575"></a></p>
+<p>&raquo;Das mag alles so sein, wie Sie sagen,&laquo; antwortete
+er, &raquo;trotzdem d&uuml;rfen Sie &mdash; gerade Sie, deren Stellung
+doch schon schwierig genug ist &mdash; nicht als einzelne der
+Empfindung der Massen entgegenhandeln.&laquo;</p>
+
+<p>Ich warf den Kopf zur&uuml;ck. Jetzt erst wu&szlig;te ich, da&szlig;
+diese Reise nicht nur meine pers&ouml;nliche Angelegenheit
+war. &raquo;Ich verstehe Ihre gute Absicht,&laquo; sagte ich, &raquo;aber
+wenn etwas mich in meinem Vorhaben noch best&auml;rken
+k&ouml;nnte, so sind es die Gr&uuml;nde, durch die Sie mich davon
+abbringen wollen. Nichts ist mir von jeher so ver&auml;chtlich
+gewesen wie Lakaiengesinnung, gleichg&uuml;ltig ob
+sie vor dem einzelnen oder vor der Masse zum Ausdruck
+kommt&nbsp;&mdash;&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mute Ihnen doch nicht Lakaiengesinnung zu!&laquo;
+unterbrach er mich heftig.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist es anderes, wenn Sie verlangen, ich sollte
+mich der Empfindung der Masse beugen, nicht weil sie
+die rechte, sondern weil sie die herrschende ist?! Wir
+kommen nie vom Fleck, wenn wir unsere bessere Einsicht
+nicht zur Geltung bringen; wir erziehen dadurch
+im Volk nur einen noch beschr&auml;nkteren, noch despotischeren
+Herrscher, als unsere F&uuml;rsten es sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Grunde bin ich ja Ihrer Meinung,&laquo; lenkte er ein;
+&raquo;es handelt sich doch in diesem Fall nur um eine kleine
+Konzession, f&uuml;r die Sie gr&ouml;&szlig;ere Werte eintauschen werden.&laquo;</p>
+
+<p>Ich lachte sp&ouml;ttisch auf: &raquo;Meinen Sie?! Man wird
+mir nicht mehr vertrauen und mich nicht weniger verleumden,
+wenn ich auf die Reise verzichte. Aber man
+wird wissen, da&szlig; ich kein Zeug zum Demagogen habe,
+wenn ich auf meinen Entschlu&szlig; beharre, &mdash; auch jetzt,
+wo mir die Folgen klar sind.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_576" id="Page_576"></a>Reinhard verabschiedete sich k&uuml;hl und fremd. Er war
+einer der Besten und Selbst&auml;ndigsten unter den Genossen.
+&raquo;Ich f&uuml;rchte, wir haben ihn verloren,&laquo; sagte mein Mann.
+Ich unterdr&uuml;ckte einen schweren Seufzer.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Mitte Juni reisten wir ab. Schon im Zuge,
+der uns nach Bremerhaven f&uuml;hrte, freute ich
+mich der Gegenwart Theodor Barths; &mdash; ein
+freier Mensch und ein Gentleman, also einer der Seltenen,
+mit denen sich &uuml;ber alle trennenden Schranken
+der Politik verkehren l&auml;&szlig;t. Auf dem Schiff fanden sich
+die &uuml;brigen Reisegef&auml;hrten ein: neunundvierzig Journalisten,
+unter denen ich die einzige Frau war. Ich
+empfand, wie meine Anwesenheit sie beunruhigte. Sollten
+sie mich als Dame oder als Sozialdemokratin behandeln?
+Sie entschlossen sich in der Mehrzahl, ihrer politischen
+Gesinnung auch auf dem neutralen Boden unseres
+Dampfers unverf&auml;lschten Ausdruck zu geben. Offenbar
+st&ouml;rte es sie nur, da&szlig; ich ihnen durch mein Benehmen
+keinen besseren Anla&szlig; dazu bot.</p>
+
+<p>Ich k&uuml;mmerte mich wenig um sie; mit durstigen Z&uuml;gen
+atmete ich die frische Salzluft ein, und mit jeder Meile,
+die wir uns von der K&uuml;ste entfernten, fiel mehr und
+mehr von mir ab, was lastend und qu&auml;lend mein Herz
+bedr&uuml;ckte. Ich stand lange am Zwischendeck, wo sie beieinander
+hockten, all die M&auml;nner, Frauen und Kinder,
+die das Vaterland ausgesto&szlig;en hatte. In dem Antlitz
+der meisten blitzte etwas wie Zukunsfshoffnung auf. Fast
+d&uuml;nkte es mich beneidenswert: das alte Leben hinter
+<a name="Page_577" id="Page_577"></a>sich zu lassen und nur mit dem leichten B&uuml;ndel unter
+dem Arm einem neuen entgegen zu gehen.</p>
+
+<p>In London hatte Beerbohm Tree in seinem Theater
+f&uuml;r die deutschen G&auml;ste den ersten Empfang bereitet.
+Ich ging nicht hin; unsere heimische B&uuml;hnenkunst hat
+uns den Geschmack f&uuml;r ein Kom&ouml;diantentum verdorben,
+das vielleicht vor f&uuml;nfzig Jahren auch bei uns noch das
+herrschende war. Ich erwartete statt dessen Stratfords
+Besuch.</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie noch, wie wir damals voneinander
+gingen?&laquo; fragte er nach der ersten Begr&uuml;&szlig;ung.</p>
+
+<p>Ich nickte l&auml;chelnd: &raquo;Ein Mann, wie Sie, geh&ouml;rt der
+Sache des Sozialismus, sagte ich Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;ren nur nicht der Fesseln so viele, antwortete
+ich, und Sie riefen mir zu: &#8250;wir werden sie beide zerbrechen
+m&uuml;ssen&#8249; &mdash; nun haben wir sie zerbrochen!&laquo;</p>
+
+<p>&Uuml;berrascht sah ich ihn an.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kandidiere als Vertreter der Arbeiterpartei f&uuml;r
+das Parlament,&laquo; f&uuml;gte er mit einem Aufleuchten in den
+hellen Augen hinzu.</p>
+
+<p>Ich dr&uuml;ckte ihm die Hand.</p>
+
+<p>Er schien einen Ausdruck gr&ouml;&szlig;erer Freude erwartet
+zu haben. &raquo;Haben Sie das Kettenbrechen bereut?!&laquo;
+fragte er zweifelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, lieber Freund,&laquo; antwortete ich mit starker
+Betonung, &raquo;nein! Ich erinnerte mich nur der wunden
+H&auml;nde, die es kostet.&laquo;</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen sprach ich John Burns auf der
+Themseterrasse des Parlaments. Mir schien, als sei es
+gestern gewesen, da&szlig; er mir auf den Marmortisch die Situation
+der deutschen Sozialdemokratie aufgezeichnet hatte.</p>
+<p><a name="Page_578" id="Page_578"></a></p>
+<p>&raquo;Habe ich nicht recht behalten?&laquo; fragte er im Laufe
+des Gespr&auml;chs.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht ganz,&laquo; entgegnete ich; &raquo;der Druck von au&szlig;en
+pre&szlig;t uns zwar zusammen, aber er hindert nicht nur
+die Wirkung &uuml;ber seinen Ring hinaus, er tr&auml;gt auch
+dazu bei, da&szlig; wir unsere Kr&auml;fte im gegenseitigen Kleinkrieg
+verzetteln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie &uuml;bertreiben,&laquo; meinte er leichthin. &raquo;Jeder Kampf
+ist Leben und weckt Leben! Sie sind wie der Akteur
+auf der B&uuml;hne, der das Ganze nicht &uuml;bersehen kann,
+w&auml;hrend wir, die Zuschauer, von fern mit unserem
+Opernglas Handlung und Szenerien begreifen. Der
+deutsche Revisionismus siegt nicht nur, &mdash; er hat schon
+gesiegt.&laquo;</p>
+
+<p>Ich l&auml;chelte ein wenig von oben herab zu seinen
+apodiktischen S&auml;tzen und lenkte die Unterhaltung auf
+sein eigenes Wirken.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin nach wie vor Sozialist, gerade weil mich
+keine Arbeit schreckt, wenn es gilt, meiner &Uuml;berzeugung
+auch nur einen Fu&szlig; breit Boden zu gewinnen,&laquo; sagte er,
+&raquo;ich scheue nichts, wenn der Preis daf&uuml;r mehr Macht
+ist. Wer immer nur zuschaut und schimpft und kritisiert
+und dazwischen moralische Bomben wirft, ist in
+meinen Augen Anarchist.&laquo;</p>
+
+<p>Einer der deutschen Englandfahrer n&auml;herte sich in
+respektvoller Haltung. Unser langes Gespr&auml;ch setzte ihn
+offenbar in Erstaunen. Er wartete darauf, vorgestellt
+zu werden. Und erst jetzt fiel mir ein: der John Burns
+von heute war ja Minister!</p>
+
+<p>Der Gastfreundschaft, mit der uns die Engl&auml;nder
+empfingen, entzog ich mich von da an nur selten. Ich
+<a name="Page_579" id="Page_579"></a>hatte meine leise Freude an den verbl&uuml;fften Gesichtern
+meiner Reisegef&auml;hrten, die allm&auml;hlich einsahen, da&szlig; im
+Lande alter Kultur nur die Erziehung, nicht aber die
+politische Stellung des Einzelnen gesellschaftliche Unterschiede
+herbeif&uuml;hrt, und ich merkte erst jetzt, wo ich einmal
+wieder als Gleiche von Gleichen behandelt wurde,
+wieviel ich entbehrt hatte.</p>
+
+<p>Eines Vormittags besichtigten wir den Tower. Schon
+als ich aus dem Hotel trat, war mir aufgefallen, da&szlig;
+die photographischen Kameras der englischen Reporter
+sich pl&ouml;tzlich auf mich richteten.</p>
+
+<p>Auf dem Wege kam Bernard Shaw mir entgegen
+und reichte mir mit einem sarkastischen: &raquo;Da haben Sie
+wieder einmal ein unverf&auml;lschtes Zeugnis der deutschen
+Sozialdemokratie,&laquo; ein englisches Morgenblatt.</p>
+
+<p>Es enthielt ein Telegramm aus Berlin: &raquo;Der &#8250;Vorw&auml;rts&#8249;
+beschuldigt Frau Alix Brandt, die einzige Vertreterin
+der sozialdemokratischen Presse bei der Englandreise
+deutscher Journalisten, des Parteiverrats und k&uuml;ndigt
+ihr an, da&szlig; sie ihres unbotm&auml;&szlig;igen Verhaltens
+wegen zur Rechenschaft gezogen werden w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>Ich ballte das Blatt Papier heftig zusammen und
+schleuderte es zu Boden. &raquo;Das glaube ich nicht,&laquo; stie&szlig;
+ich zornig hervor.</p>
+
+<p>Shaw lachte: &raquo;Und doch ist nichts gewisser, weil
+nichts folgerichtiger ist! Die deutsche Partei ist von
+nichts freier als von &mdash; Freiheit. Sie ist die konservativste,
+die respektabelste, die moralischste und die b&uuml;rgerlichste
+Partei Europas. Sie ist keine rohe Partei
+der Tat, sondern eine Kanzel, von der herab M&auml;nner
+mit alten Ideen eindrucksvolle Moralpredigten halten.<a name="Page_580" id="Page_580"></a>
+Mit Millionen von Stimmen zu ihrer Verf&uuml;gung, widersteht
+sie den Lockungen des Ehrgeizes und denen realer
+Vorteile, die ein &ouml;ffentliches Amt mit sich bringt, und
+bezeichnet denjenigen, der sich von den Freuden tugendhafter
+Entr&uuml;stung zu den Arbeiten praktischer Verwaltung
+wendet oder auch nur an einer allgemeinen Veranstaltung
+in &ouml;ffentlichem Interesse teilnimmt, als einen
+Abtr&uuml;nnigen und Verr&auml;ter. Freiheit vom Dogmenglauben
+ist eines der Grundprinzipien des echten Sozialismus, &mdash; die
+Deutschen sind dogmatischer als die
+Kirchenv&auml;ter. Der Wille zur Macht ist ein anderes, &mdash; die
+Deutschen machen den Willen zur Phrase daraus.
+Die Herrschaft des Geistes ist ein letztes, im Gegensatz
+zur Herrschaft des Kapitals, &mdash; die Deutschen stellen
+das auf den Kopf und verlangen die Unterwerfung unter
+die Herrschaft der Masse.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte seinen raschen Redeflu&szlig;, den der Zorn diktierte,
+nicht unterbrochen. Ich h&ouml;rte den gleichen Ton
+heraus wie bei den Worten von Burns, und in mir
+begann eine Saite, die schon lange leise t&ouml;nte, lebhaft
+mitzuschwingen.</p>
+
+<p>Noch am selben Abend bekam ich einen Brief von
+Keir Hardie.</p>
+
+<p>&raquo;... Ich bin ganz au&szlig;erstande, zu begreifen, welches
+der Grund sein konnte, Ihre Teilnahme an der Englandreise
+zu verurteilen,&laquo; hie&szlig; es darin. &raquo;Es ist f&uuml;r
+uns Sozialisten in England eine selbstverst&auml;ndliche Gewohnheit,
+gelegentlich mit Nichtsozialisten zusammenzugehen,
+wenn es im Interesse der F&ouml;rderung einer
+gro&szlig;en und guten Sache gelegen ist. Unsere Erfahrung
+hat uns bewiesen, da&szlig; der Sozialismus dadurch nur
+<a name="Page_581" id="Page_581"></a>gest&auml;rkt werden kann. Ich will damit nicht behaupten,
+da&szlig; unsere deutschen Genossen unserem Beispiel unbedingt
+folgen m&uuml;&szlig;ten, aber im vorliegenden Fall bleibt
+ihre Haltung Ihnen gegen&uuml;ber mir vollst&auml;ndig unverst&auml;ndlich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ich stand nun pl&ouml;tzlich im Mittelpunkt des Interesses
+und wurde von Interviewern belagert, die von der
+ganzen Sache keine andere Auffassung hatten, als da&szlig;
+die gro&szlig;e deutsche Arbeiterpartei sich dadurch dem Gel&auml;chter
+der Welt ausgesetzt habe. Und ich gab ihnen
+stets die gleiche Antwort: &raquo;Die Sozialdemokratie, der
+ich stolz bin anzugeh&ouml;ren, hat mit den Quertreibereien
+einzelner von preu&szlig;ischem Polizeigeist durchseuchter Genossen
+nichts zu tun.&laquo; Als aber mein Mann mir die
+Zeitungen schickte, &mdash; nicht nur den &#8250;Vorw&auml;rts&#8249;, sondern
+eine ganze Anzahl anderer Parteibl&auml;tter, &mdash; da
+sch&auml;mte ich mich und ging den Interviewern so weit
+als m&ouml;glich aus dem Wege, um nicht reden zu m&uuml;ssen.
+Und doch war es weniger die beleidigende Form der
+Angriffe, die mich verletzte, als die Geh&auml;ssigkeit,
+die dabei zum Ausdruck kam. Wie stark mu&szlig;te
+sie sein, um alle Klugheit, alle R&uuml;cksicht auf das Ansehen
+der Partei beiseite zu schieben? Oder gab es
+etwas L&auml;cherlicheres, als meine Reise, &mdash; gleichg&uuml;ltig, ob
+man sie verurteilte oder nicht, &mdash; zu einem Parteiskandal
+aufzubauschen? Nur eine tiefe, innere Krankheit konnte
+solche Symptome zeitigen. Ich k&auml;mpfte noch mit mir,
+ob es nicht meiner unw&uuml;rdig w&auml;re, mich gegen Ausbr&uuml;che
+der P&ouml;belgesinnung zu verteidigen, als ich die
+Antwort erhielt, die mein Mann der Parteipresse hatte
+zugehen lassen. Das waren Rutenstreiche, &mdash; es blieb
+<a name="Page_582" id="Page_582"></a>mir nichts zu sagen &uuml;brig. Seltsam nur, da&szlig; die Ritterlichkeit,
+mit der er f&uuml;r mich eintrat, eine alte Wunde
+aufs neue bluten machte, statt sie zu schlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Der Schatten, der sich mir &uuml;ber Englands sch&ouml;ne
+Sommertage breitete, wich nicht mehr.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ich hatte immer gegen Massen-Museumsf&uuml;hrungen,
+gegen Gesellschaftsreisen und dergleichen eine ausgesprochene
+Abneigung gehabt. Wem Kunst und
+Natur mehr sein soll als ein Gespr&auml;chsthema, der mu&szlig;
+ihnen Auge in Auge still und allein gegen&uuml;berstehen. Und
+wer vor den Heiligt&uuml;mern der Menschheit seine Andacht
+verrichten will, der kann es nur in Gegenwart derer,
+die seine N&auml;chsten sind.</p>
+
+<p>Wir traten zusammen an Shakespeares Grab, &mdash; es
+war wie ein Sakrileg. Wir kamen in sein Geburtshaus
+und in die blumenumrankte, strohgedeckte H&uuml;tte
+seiner Liebsten, &mdash; aber Shakespeares Geist floh vor uns.</p>
+
+<p>Wir kamen nach Cambridge, jener alten Universit&auml;t,
+die sich den Typus der mittelalterlichen Klosterstadt noch
+erhalten hat. Wer ihre S&auml;ulenhallen um alte G&auml;rten
+allein betreten k&ouml;nnte, dem m&uuml;&szlig;ten die B&auml;ume in den
+Weisen derer rauschen und fl&uuml;stern, die hier dichteten:
+eines Marlowe, Milton, Byron. Und wer sich still an
+einen alten Pfeiler lehnen und in die d&auml;mmernden
+Bogeng&auml;nge blicken d&uuml;rfte, dem w&uuml;rde aus dunkel geschnitzten
+Pforten Erasmus von Rotterdam entgegentreten,
+und Cromwell, und Newton.</p>
+
+<p>Wir sahen nur freundliche Professoren und Photographen
+und h&ouml;rten Reden und Tellergeklapper.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_583" id="Page_583"></a></p>
+
+<p>Als die Mehrzahl der Geladenen England wieder
+verlassen hatte, sprach ich meinen Freund Stead,
+der als Reisemarschall der G&auml;ste unaufh&ouml;rlich
+in Anspruch genommen gewesen war, zum erstenmal allein.</p>
+
+<p>&raquo;Ihnen geht es gut,&laquo; sagte er, als wir einander in
+seinem Heim gegen&uuml;ber sa&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Woher wissen Sie das?&laquo; fragte ich mit einem bitteren
+Gef&uuml;hl im Herzen.</p>
+
+<p>&raquo;Sollten Sie etwa noch den alten Gl&uuml;cksbegriffen
+huldigen?&laquo; fragte er dagegen.</p>
+
+<p>&raquo;Jeder hat seine pers&ouml;nlichen,&laquo; antwortete ich ausweichend.</p>
+
+<p>&raquo;Und sollte nur einen haben, aus dem sich alle
+anderen entwickeln: leistungsf&auml;hig zu sein,&laquo; erg&auml;nzte er.
+War ich schon so alt, da&szlig; er mir solch einen Gl&uuml;cksbegriff
+zumutete, der mir nur mit &auml;u&szlig;erster Selbstverleugnung
+Hand in Hand zu gehen schien?</p>
+
+<p>&raquo;Sie mi&szlig;verstehen mich,&laquo; meinte er. &raquo;Ich begreife
+darunter die st&auml;rkste Selbstbehauptung: die Entwicklung
+aller F&auml;higkeiten zum &auml;u&szlig;ersten Ma&szlig; ihrer Leistungskraft&nbsp;...&laquo;
+Wir wurden unterbrochen; es war gut so,
+denn um so st&auml;rker pr&auml;gten sich mir seine Worte ein.</p>
+
+<p>Nun blieb mir noch &uuml;brig, ehe ich heimfuhr, zu
+erreichen, was ich mir vorgenommen hatte. Ich
+verhandelte mit verschiedenen Redaktionen wegen der
+&Uuml;bernahme einer deutschen Korrespondenz. In den
+Briefen meines Mannes sp&uuml;rte ich immer deutlicher den
+schweren Atem der Sorgen. Um irgend eine ihrer
+Lasten erleichtert, mu&szlig;te ich nach Hause kommen. Aber
+so oft ich auch durch die gluthei&szlig;en Stra&szlig;en Londons
+<a name="Page_584" id="Page_584"></a>von einem Bureau zum anderen ging, meine Abreise
+immer wieder aufschiebend, weil eine neue leise Hoffnung
+mich festhielt, das Ergebnis blieb ein negatives.
+Inzwischen war auch die b&uuml;rgerliche Presse Deutschlands
+meiner Reise wegen &uuml;ber mich hergefallen, &mdash; die
+vereinzelten Stimmen der Verteidigung waren im
+Chor der Schreier verhallt, &mdash; das mochte die h&ouml;flich
+ablehnende Haltung mit verursachen. Ich mu&szlig;te mich
+entschlie&szlig;en, mit leeren H&auml;nden zur&uuml;ckzukehren. Nur
+einer Einladung wollte ich noch Folge leisten.</p>
+
+<p>In Warwick, einem St&auml;dtchen am Avon, das von den
+dicken T&uuml;rmen einer uralten Burg &uuml;berragt wird, fand eines
+jener historischen Festspiele statt, an denen sich allj&auml;hrlich
+in den verschiedenen Gegenden Englands die ganze
+Bev&ouml;lkerung beteiligt. Ich fuhr hin und sah im Park
+des Schlosses die Darstellung jenes glanzumflossenen
+Teiles der englischen Geschichte, von der seine Mauern
+noch erz&auml;hlen. Auf der weiten, von m&auml;chtigen B&auml;umen
+zu beiden Seiten abgeschlossenen Rasenfl&auml;che, mit dem
+Flu&szlig; in der Mitte, der zwischen bl&uuml;henden Rosenb&uuml;schen
+und h&auml;ngenden Weiden lautlos vor&uuml;berzieht, und dem
+Hintergrund einer sanft verschwimmenden H&uuml;gellandschaft
+zogen Jahrhunderte vor&uuml;ber. Und zuletzt vereinigten
+sich noch einmal zweitausend Menschen zu Fu&szlig;
+und zu Pferde in den R&uuml;stungen und Gew&auml;ndern aller
+Zeiten. Nun kommt die Schlu&szlig;apotheose, dachte ich,
+mit der B&uuml;ste des K&ouml;nigs und einem &raquo;Rule Britannia&laquo;
+aus allen Kehlen. Ich erhob mich, um zu gehen.</p>
+
+<p>Aber da sah ich, wie die Ritter und Edeldamen, die
+F&uuml;rsten und K&ouml;nige langsam und leise hinter B&auml;umen
+und B&uuml;schen verschwanden. Nur einer blieb zur&uuml;ck,
+<a name="Page_585" id="Page_585"></a>allein, weltbeherrschend, als w&auml;re die jahrhundertelange
+Entwicklung nur notwendig gewesen, um diesen einen
+hervorzubringen, der gr&ouml;&szlig;er ist als alle: William Shakespeare.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Wille zur Macht, &mdash; die h&ouml;chstm&ouml;gliche
+Entwicklung der Pers&ouml;nlichkeit als Ziel des
+einzelnen, &mdash; der &Uuml;bermensch als Ziel der
+Menschheit&nbsp;&mdash;: zu einem einzigen vollen Akkord vereinigten
+sich pl&ouml;tzlich die Kl&auml;nge, die mir diesmal in
+England entgegenget&ouml;nt hatten. Mein Herz schlug zum
+Zerspringen wie das eines Gefangenen, dem die Ketten
+vom Fu&szlig;e gel&ouml;st werden und die Pforten sich &ouml;ffnen
+zur freien Wanderschaft. Er sieht nichts wieder als die
+alte vertraute Welt seiner Jugend, und doch erscheint
+sie ihm wie ein Wunder so neu. Ein halbes Kind war
+ich gewesen, als ich aus Nietzsches Fr&ouml;hlicher Wissenschaft
+den ersten Ruf pers&ouml;nlicher Befreiung vernahm:
+&raquo;Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; sondern dir!
+sondern dir!&laquo; &mdash; Galt nicht derselbe Ruf heute der
+Menschheit?</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am letzten Tage meines londoner Aufenthalts
+traf ich auf der Stra&szlig;e eine Kapit&auml;nin der
+Heilsarmee, die mich herzlich begr&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Sie kennen mich wohl nicht mehr?&laquo; fragte sie l&auml;chelnd;
+&raquo;aber der Nacht in Whitechapel vor elf Jahren erinnern
+Sie sich gewi&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Im Augenblick sah ich das Weib wieder vor mir,
+<a name="Page_586" id="Page_586"></a>die, von den Gef&auml;hrten ihres Jammers umringt, im
+Schmutz der Gasse geboren hatte. Ich streckte meiner
+einstigen F&uuml;hrerin ersch&uuml;ttert die Hand entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie w&uuml;rden mir heute, nach all den Reformen des
+Grafschaftsrats, nichts &Auml;hnliches zeigen k&ouml;nnen,&laquo; sagte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Man hat aufger&auml;umt, &mdash; gewi&szlig;,&laquo; antwortete sie
+ruhig, &raquo;und an Stelle mancher elenden H&auml;user neue gebaut,
+aber das Elend ist immer dasselbe. Die einen
+sterben, andere wandern zu&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Entsetzlich!&laquo; rief ich aus. &raquo;Wie k&ouml;nnen Sie das nur
+ertragen?! Erscheint Ihnen nicht Ihre ganze Arbeit
+hoffnungslos?!&laquo;</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte freundlich: &raquo;Ich habe viele Seelen gewonnen,
+denen f&uuml;r allen Erdenjammer der Himmel
+offen steht.&laquo;</p>
+
+<p>Noch nie war mir der Christenglaube so grausam erschienen
+als in diesem Augenblick. Wie eine Zyklopenmauer
+richtete er sich auf zwischen den Menschen und
+ihrer Erl&ouml;sung. Ich verabschiedete mich rasch. Den
+vollen Akkord, den ich eben noch vernommen hatte,
+durcht&ouml;nte eine schrille Dissonanz. Ich war der schaffende
+K&uuml;nstler nicht, der die einheitliche L&ouml;sung h&auml;tte finden
+k&ouml;nnen. Als ich aber dann heimw&auml;rts fuhr, beherrschte
+mich nicht mehr jene niederdr&uuml;ckende Empfindung, mit
+leeren H&auml;nden zu kommen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_587" id="Page_587"></a></p>
+
+<p>Mein Mann empfing mich mit wehm&uuml;tiger Z&auml;rtlichkeit,
+soda&szlig; ich ihm angstvoll forschend ins
+Auge sah. &raquo;Es ist nichts, Kind, nichts!&laquo;
+wehrte er in nerv&ouml;ser Erregung ab. &raquo;Ich bin nur abgespannt, &mdash; nur
+m&uuml;de.&laquo; Aber allm&auml;hlich erfuhr ich
+doch, was geschehen war: eine Gruppe von Parteigenossen
+seines Wahlkreises forderte von ihm die Niederlegung
+seines Mandats, weil &mdash; ich mich an der Englandreise
+beteiligt hatte, und ein au&szlig;erordentlicher Kreistag
+sollte dar&uuml;ber entscheiden.</p>
+
+<p>Gl&uuml;hende Sommerhitze br&uuml;tete &uuml;ber der Mark; an
+den B&auml;umen in den Stra&szlig;en hingen die Bl&auml;tter schon
+gelb und tot; kein L&uuml;ftchen r&uuml;hrte sich, und doch umgaben
+dichte Staubwolken den Wagen, der uns von
+Gusow nach Platkow f&uuml;hrte. In dem kleinen Saal
+herrschte unertr&auml;gliche Schw&uuml;le. Er war schon gef&uuml;llt,
+als wir kamen: von lauter schweigenden Menschen mit
+harten Z&uuml;gen und finsteren Blicken. Unsere alten Kampfgef&auml;hrten
+r&uuml;hrten kaum an die M&uuml;tze bei unserem Eintritt.
+Einen Augenblick lang umklammerte ich den Arm
+meines Mannes, &mdash; au&szlig;er ihm hatte ich hier keinen
+Freund mehr. Die Anklage wurde verlesen. Es war
+die Sprache des &raquo;Vorw&auml;rts&laquo;, den sie f&uuml;hrte. &raquo;Das hat
+Berlin diktiert!&laquo; rief Heinrich. Die Falten auf der
+Stirn unserer Richter vertieften sich.</p>
+
+<p>Mein Mann antwortete zuerst. Er erinnerte daran,
+wie h&auml;ufig schon hervorragende Parteigenossen sich mit
+politischen Gegnern zu gemeinsamer Arbeit vereinigt
+h&auml;tten, wie es auch an Beispielen f&uuml;r das harmlosere
+Zusammensein zu geselligen Zwecken nicht gefehlt habe.<a name="Page_588" id="Page_588"></a>
+Und als einer w&uuml;tend dazwischen schrie: &raquo;Die Monarchentoaste!&laquo;
+erkl&auml;rte er, da&szlig; die Teilnahme an dieser Form
+internationaler H&ouml;flichkeit um so weniger als eine Verleugnung
+der republikanischen Gesinnung angesehen
+werden k&ouml;nne, nachdem wir uns den viel ernsteren Treueiden
+der Landtagsabgeordneten unterwerfen m&uuml;&szlig;ten.
+Als er geendet hatte, hoben sich ein paar H&auml;nde zu
+sch&uuml;chternem Applaus; die Mehrzahl der Genossen aber
+verharrte weiter in finsterem Schweigen. Die nach ihm
+sprachen, hatten ihre Reden alle auf einen Ton gestimmt:
+da&szlig; die Partei durch uns gesch&auml;digt worden sei.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r uns jibt's nur ein rechts und links,&laquo; rief
+der Maurer Merten; &raquo;die Akademiker, die nich Fleisch
+sind von unserem Fleisch, die zieht's eben immer wieder
+zu den Bourgeois. Ich aber sage Euch, Jenossen&laquo; &mdash; dabei
+hieb er mit der breiten Faust auf den Tisch &mdash; &raquo;sowas
+d&uuml;rfen wir uns nich l&auml;nger gefallen lassen, am
+wenigsten von unserem Abgeordneten. Was w&auml;re verloren,
+wenn die Jenossin Brandt nich nach England jefahren
+w&auml;re?! Es w&auml;re ooch noch so! Nu aber, wo
+sie hinfuhr, sehen wir, da&szlig; sie kein proletarisches Bewu&szlig;tsein
+hat; da&szlig; sie den Klassenkampf in Harmonieduselei
+verwandeln m&ouml;chte und statt gegen die Gegner
+neben uns zu stehen mit ihnen bei Schampagner un
+Braten techtelmechtelt&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bravo, Bravo&laquo; &mdash; klang es von allen Seiten, w&auml;hrend
+mein Mann w&uuml;tend vom Stuhl sprang und ein
+&raquo;Unversch&auml;mt!&laquo; zwischen den Z&auml;hnen hervorstie&szlig;. Mich
+packte ein j&auml;her Schreck, als habe sich pl&ouml;tzlich vor mir
+die Erde gespalten: standen wir allein auf der einen
+Seite und jenseits die selbsterw&auml;hlten Gef&auml;hrten?!</p>
+<p><a name="Page_589" id="Page_589"></a></p>
+<p>&raquo;Die Genossin Brandt hat das Wort,&laquo; h&ouml;rte ich wie
+von weit her sagen. Ich sammelte mich rasch. Aller
+Augen sah ich auf mich gerichtet.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Vorredner,&laquo; begann ich, &raquo;hat einen konsequenten
+Standpunkt vertreten, er h&auml;tte nur hinzuf&uuml;gen
+m&uuml;ssen, warum bei uns zum Verbrechen gestempelt wird,
+was anderen kein H&auml;rchen kr&uuml;mmte: wir sind des Revisionismus
+verd&auml;chtig. Das Schauspiel, das Sie hier
+auff&uuml;hren, w&auml;re noch kl&auml;glicher, als es so wie so schon
+ist, wenn nicht im Hintergrund tiefere Differenzen
+schliefen. Sie stehen auf dem Boden des Klassenkampfes, &mdash; wir
+auch; Sie hassen die kapitalistische
+Wirtschaftsordnung, &mdash; wir auch. Aber ihrer selbst unbewu&szlig;t,
+f&uuml;hren Sie den Klassenkampf im Sinne des
+Krieges; Sie wollen den Gegner niederzwingen, Sie
+wollen sein Land erobern. Sie, die Sie seit Jahrtausenden
+die Lasttr&auml;ger der Menschheit sind, w&uuml;rden
+es schon als gerecht empfinden, wenn nur die Rollen
+der Unterdr&uuml;cker und Unterdr&uuml;ckten vertauscht w&uuml;rden.
+Sie sehen in jedem Vertreter der herrschenden Gesellschaft
+einen Feind, weil Sie ihm als die Abh&auml;ngigen,
+Unfreien gegen&uuml;berstehen, weil Sie ihm schon das blo&szlig;e
+Sattsein neiden m&uuml;ssen. Wir k&ouml;nnen Ihren von der
+Bitterkeit des eigenen Herzens gen&auml;hrten Ha&szlig; nicht mitf&uuml;hlen,
+denn nicht pers&ouml;nliches Leiden machte uns zu
+Ihren Genossen. Uns ist das Ziel des Kampfes nicht
+die ver&auml;nderte Herrschaft von Menschen &uuml;ber Menschen,
+sondern die uneingeschr&auml;nkte Herrschaft der Menschheit
+&uuml;ber die Natur. Die Erde wollen wir erobern, um
+gleiche Entwicklungsbedingungen f&uuml;r alle zu schaffen,
+nicht Feindesland, das Unterworfene beackern sollen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_590" id="Page_590"></a>Ein unwilliges Gemurmel erhob sich. Im Saal fing
+es an zu d&auml;mmern. Ich unterschied nur noch die Zun&auml;chstsitzenden.
+Sonst war alles eine schwarze Masse,
+aus der nur hie und da ein kahler, breiter Sch&auml;del,
+ein wei&szlig;er Bart, der gl&uuml;hende Punkt einer Zigarre herausleuchtete.</p>
+
+<p>&raquo;Die Diktatur des Proletariats!&laquo; klang es mit tiefer
+Stimme drohend aus dem dunkelsten Winkel.</p>
+
+<p>Die Jakobiner! antwortete es in meinem Innern. Ich
+f&uuml;hlte, die Luft war geladen mit Sprengstoff gegen mich.</p>
+
+<p>Den Faden meiner Rede hatte ich verloren, und unsicher
+und leise fuhr ich fort: &raquo;Ich habe Schulter an
+Schulter mit Ihnen gek&auml;mpft, &mdash; was bedeutet das
+gegen&uuml;ber der Tatsache, da&szlig; ich mit politischen Gegnern
+auf demselben Schiff nach England fuhr! Wir haben
+zusammen diesen Wahlkreis erobert, und in jener Nacht,
+da die alte rote Fahne als Zeichen des Sieges &uuml;ber
+uns flatterte, hat uns ein starkes Gef&uuml;hl, wie ich glaubte,
+auf immer verbunden, &mdash; aber was bedeutet das gegen&uuml;ber
+dem Verbrechen der Kaisertoaste! Der Zweck der
+Reise war nichts anderes, als was im Interesse des
+Sozialismus gelegen ist, &mdash; was bedeutet das gegen&uuml;ber
+der S&uuml;nde, mit Nichtsozialisten an einem Tische gesessen
+zu haben! Daf&uuml;r ist's nicht genug, da&szlig; unsere Presse
+mich beschimpfte, wie kein b&uuml;rgerliches Blatt jemals zuvor, &mdash; nein,
+es mu&szlig; auch noch ein Exempel statuiert
+werden: der Genosse Brandt mu&szlig; fallen!&nbsp;... Nicht um
+unsertwillen, denn nicht wir sind die Unterlegenen, wenn
+Sie den vorliegenden Antrag annehmen, sondern im Interesse
+der Partei erwarte ich von Ihnen seine Ablehnung.
+Leisten Sie ihm Folge, so enth&uuml;llen Sie eine
+<a name="Page_591" id="Page_591"></a>schw&auml;rende Wunde, und das in einem Augenblick, wo
+die b&uuml;rgerliche Welt gierig darauf wartet, uns bei einer
+Schw&auml;che ertappen zu k&ouml;nnen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Keine Hand r&uuml;hrte sich. Die Petroleumlampe, die
+von einem roten Papierschirm umgeben, von der Decke
+herabhing, flammte auf und warf ein unsicher flackerndes
+Licht &uuml;ber hei&szlig;e Gesichter.</p>
+
+<p>Mein Mann sprach noch einmal, &mdash; kalt, zornig.
+&raquo;Ich verlange nicht nur, da&szlig; Sie den Antrag ablehnen,
+sondern da&szlig; Sie ihn zur&uuml;ckziehen,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Der Geruch der qualmenden Lampe machte mich
+schwindeln. W&auml;hrend der Pause, die die Genossen zur
+internen Beratung anberaumt hatten, verlie&szlig;en wir den
+Saal. Drau&szlig;en empfing uns die stille, mondhelle Nacht.
+Das Armenhaus gegen&uuml;ber warf einen breiten, schwarzen
+Schatten auf den Sand.</p>
+
+<p>&raquo;Der Antrag, den Genossen Brandt zur Niederlegung
+seines Mandats zu veranlassen, ist zur&uuml;ckgezogen,&laquo; erkl&auml;rte
+der Vorsitzende, als wir wieder eintraten.</p>
+
+<p>Die Versammlung ging ruhig auseinander. Wir verabschiedeten
+uns mit einem f&ouml;rmlichen Gru&szlig;. Auf unserem
+Wege nach der Station geleitete uns niemand.</p>
+
+<p>Kaum waren wir ein paar Tage lang in unsere Arbeit
+wieder vertieft, als ich erfuhr, da&szlig; die Berliner
+Parteileitung mich aus der offiziellen Rednerliste der
+Partei gestrichen habe. Ich legte Protest ein und verlangte,
+geh&ouml;rt zu werden.</p>
+
+<p>Man lud mich vor. Rings um den Saal sa&szlig;en
+die M&auml;nner, in der Mitte an einer langen Tafel
+die Frauen, Wanda Orbin an ihrer Spitze. Sie
+waren meine Ankl&auml;ger gewesen. Martha Bartels war
+<a name="Page_592" id="Page_592"></a>der Staatsanwalt. Sie z&auml;hlte alle meine S&uuml;nden
+auf, von einer Agitationsreise an, die ich vor vier
+Jahren hatte absagen m&uuml;ssen, bis zur Englandfahrt.
+Aber auch meine Verteidigung war eine Anklage:
+ich verschwieg nichts. Mitten in meiner Rede
+erhob sich Wanda Orbin ungest&uuml;m von ihrem Platz;
+ich sah, wie ein Zittern ihren K&ouml;rper durchlief, wie der
+Zorn ihre Z&uuml;ge verzerrte. Im n&auml;chsten Augenblick stand
+sie vor mir und erhob die Faust, &mdash; einer der zun&auml;chst
+sitzenden Genossen sprang dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;So diskutieren wir nicht!&laquo; rief er emp&ouml;rt.</p>
+
+<p>Der Beschlu&szlig;, meinen Namen von der Rednerliste zu
+entfernen, wurde aufgehoben. Das Verhalten Wanda
+Orbins mochte die Genossen stutzig gemacht haben.
+Trotzdem war mein Sieg nur ein scheinbarer; in seinen
+Folgen blieb der Beschlu&szlig; bestehen.</p>
+
+<p>Eine tiefe Niedergeschlagenheit bem&auml;chtigte sich meiner.
+Jeder Kampf um Ideen wirkt erfrischend, selbst wenn
+er mit den sch&auml;rfsten Waffen gef&uuml;hrt wird. Aber was ich
+erlebte, war so eng, so klein, hinterlie&szlig; einen so arm,
+mit einem so bitteren Geschmack auf der Zunge. Nicht
+Gewitterschw&uuml;le war's, die lastend auf mir ruhte und
+die Hoffnung auf Blitz und Wolkenbruch weckt, sondern
+feuchtwarmer Nebel, ganz dichter, undurchdringlicher.
+Und er umschlang mit seinen langen Armen, die sich
+nicht greifen, noch weniger zur&uuml;cksto&szlig;en lassen, die ganze
+Partei.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_593" id="Page_593"></a></p>
+
+<p>Unter dem Zeichen der siegreichen russischen Revolution
+hatte der Jenaer Parteitag gestanden,
+eine tiefe Erregung, die nach Taten
+schrie, hatte sich aller bem&auml;chtigt; die Resolution zum
+Massenstreik hatte angesichts dieser Stimmung, so vorsichtig
+sie gefa&szlig;t war, wie eine Fanfare geklungen.
+Und nun war der Rausch vor&uuml;ber; die Ern&uuml;chterung
+allein blieb. In kleinlichem Hader, in gegenseitigen
+Vorw&uuml;rfen machte sie sich Luft.</p>
+
+<p>Mit steigendem Mi&szlig;behagen empfanden die Nur-Politiker
+den leisen Hohn, mit dem die Gewerkschafter
+ihnen begegneten. Sie hatten von jeher dem Theoretisieren
+&uuml;ber den Massenstreik skeptisch gegen&uuml;bergestanden,
+und auf ihrem Kongre&szlig; in K&ouml;ln sprachen sie sich r&uuml;ckhaltlos
+aus; von der Unfruchtbarkeit der Partei, von
+dem stagnierenden Sumpf der gegenw&auml;rtigen Situation,
+von der kl&auml;glichen Lage, in die wir durch die wirkungslos
+verpuffte Landtagswahldemonstration gekommen seien,
+von dem Mi&szlig;verh&auml;ltnis zwischen Worten und Taten
+war viel die Rede. Nicht ohne berechtigten Stolz wiesen
+sie darauf hin, da&szlig; die anderthalb Millionen gewerkschaftlich
+Organisierter eine st&auml;rkere Macht repr&auml;sentierten
+als die viermalhunderttausend Mitglieder der
+sozialdemokratischen Wahlvereine.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe die M&ouml;glichkeit einer Spaltung der Partei
+immer weit von mir gewiesen,&laquo; sagte einer der gewerkschaftlichen
+F&uuml;hrer; &raquo;aber wenn die Dinge sich weiter
+entwickeln wie jetzt, dann rei&szlig;t uns, wei&szlig; Gott, die
+Geduld! Die Radikalen, die, wenn man den Firnis
+abkratzt, nichts sind als gew&ouml;hnliche Spie&szlig;er, bilden
+<a name="Page_594" id="Page_594"></a>sich ein, wir tanzen nach ihrer Pfeife, blo&szlig; weil sie so
+laut ist. Sie sollen sich wundern!&laquo;</p>
+
+<p>Auf dem Parteitag zu Mannheim kam es zu einem
+Duell zwischen Bebel und Legien. Keiner war unbestrittener
+Sieger, Wunden trugen beide davon, die
+sogenannte Einigungsresolution war nichts als ein
+Pflaster. Und die schweren Nebelschwaden senkten sich
+tiefer.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich aber erhob sich ein Sturm, den kein Wetterkundiger
+vorausgesehen hatte: die Regierung forderte
+einen Nachtragsetat f&uuml;r den Krieg gegen die Hereros,
+der im Verh&auml;ltnis zu den Millionen, die die Reichstagsmehrheit
+bisher f&uuml;r die Kolonien bewilligt hatte,
+eine Lappalie war. Von den Rednern des Zentrums
+und der Sozialdemokratie wurde dabei die ganze Kolonialpolitik
+mit ihren Gewaltma&szlig;regeln, ihren Grausamkeiten
+aufgerollt, und zu allgemeiner &Uuml;berraschung wurde
+der Kredit f&uuml;r S&uuml;dwest-Afrika abgelehnt. Das erschien
+der Regierung als der geeignete Moment, dem Volke
+durch die Tat zu beweisen, da&szlig; der Konstitutionalismus
+in Deutschland nur auf dem Papiere steht: nicht der
+Kanzler und die Minister danken ab, wenn die Volksvertreter
+sie desavouieren, sondern die Volksvertreter
+werden mit einem Fu&szlig;tritt hinausgeworfen, wenn sie
+das pers&ouml;nliche Regiment nicht jasagend anerkennen.</p>
+
+<p>Wir erfuhren die Nachricht der Reichstagsaufl&ouml;sung,
+als wir mit Romberg im Kaffee des Kaiserhofs sa&szlig;en.
+Und hier, wo eine Anzahl der politischen Berichterstatter
+gr&ouml;&szlig;erer Zeitungen zu verkehren pflegten, rief
+sie einen Aufruhr hervor, wie ihn Berlin sonst nicht
+kannte.</p>
+<p><a name="Page_595" id="Page_595"></a></p>
+<p>&raquo;Eine unglaubliche Dummheit der Regierung!&laquo; rief
+der eine stirnrunzelnd, der andere frohlockend.</p>
+
+<p>&raquo;Nun geht's in den Kampf&nbsp;&mdash;&laquo; Ich mu&szlig;te an mich
+halten, um es nicht jubelnd herauszusto&szlig;en. Ich sah
+wieder entw&ouml;lkten Himmel, weiten Horizont.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn die Partei sich selbst zerfleischt, so ist noch
+immer die Regierung zugesprungen, um die Wunden zu
+heilen,&laquo; sagte mein Mann. Romberg zuckte die Achseln:</p>
+
+<p>&raquo;Die Kolonialfrage als Wahlparole?! Ich f&uuml;rchte,
+Sie t&auml;uschen sich &uuml;ber ihre Bedeutung.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Winter war ungew&ouml;hnlich hart damals.
+Gerade die Not, die ihn zum Gefolge hat,
+macht ihn zu unserem Agitator, dachte ich.
+Alle unsere Gegner, an ihrer Spitze der Reichsverband
+gegen die Sozialdemokratie und der Flottenverein, r&uuml;steten
+sich bis an die Z&auml;hne wider uns. Ich war &uuml;berzeugt:
+das steigere nur unsere Kampflust und festige unsere
+Einigkeit wieder. F&uuml;rst B&uuml;low selbst trat auf das
+Schlachtfeld und rief die staatserhaltenden Kr&auml;fte gegen
+die Sozialdemokratie auf. Dieses Eingreifen des h&ouml;chsten
+Staatsbeamten wird selbst unsere lauen Anh&auml;nger zu
+hellem Zorn entflammen, &mdash; dessen war ich gewi&szlig;.</p>
+
+<p>Und der Kampf begann. &Uuml;ber knirschenden Schnee
+flog der Schlitten, der mich von einem Dorf zum anderen
+trug. Oft bestieg ich ihn, gl&uuml;hhei&szlig; von der eben
+gehaltenen Rede, und die Luft, die mir den Atem am
+Munde gefrieren lie&szlig;, schien mir eine Wohltat. In
+den niedrigen S&auml;len fanden sich die Menschen ein wie
+sonst, aber der Sturm, der in den Schornsteinen heulte,
+<a name="Page_596" id="Page_596"></a>der Schnee, der in dichten Flocken gegen die Fenster
+flog, trieb ihnen k&uuml;hle Schauer &uuml;ber den R&uuml;cken.</p>
+
+<p>Je n&auml;her der Tag der Entscheidung r&uuml;ckte, desto
+fieberhafter arbeiteten wir. Den Husten, der mir des
+Nachts den K&ouml;rper ersch&uuml;tterte, suchte ich zu ersticken,
+meine Stimme, die versagen wollte, zwang ich unter
+meinen Willen. Wir glaubten an den Sieg. Und
+in Augenblicken selbstvergessener Hoffnung, wo die b&ouml;sen
+Geister der Sorge vor unserer Zuversicht die Flucht ergriffen,
+wo alle Furcht sich verkroch wie Schakale vor
+der aufgehenden Sonne, da f&uuml;hlte ich, wie mein Herz
+hei&szlig; wurde und der Aberglaube Gewalt &uuml;ber mich
+bekam: von der Entscheidung h&auml;ngt auch unsere Zukunft
+ab.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wieder, wie vor vier Jahren, sa&szlig;en wir am
+Abend der Wahl im Gewerkschaftshaus zu
+Frankfurt. Und wieder hatte die G&auml;rtnersfrau
+den Korb voll roter Nelken neben sich, und die
+Fahne lehnte eingerollt an der Wand. Aber die Genossen,
+die sich allm&auml;hlich hereindr&auml;ngten, machten ernste
+Gesichter, und die Boten, die kamen, brachten lauter
+Hiobsposten. Kein Ort, ohne einen R&uuml;ckgang unserer
+Stimmen! Dazwischen die Depeschen aus anderen Kreisen:
+Verlust um Verlust. Noch ehe die letzten Nachrichten
+gekommen waren, leerte sich die Stra&szlig;e unter unseren
+Fenstern, und aus dem Saal schlich sich leise einer nach
+dem anderen. Es schlug Mitternacht, &mdash; die Nelken
+welkten schon im Korbe. Wir waren nur noch ein H&auml;uf<a name="Page_597" id="Page_597"></a>lein
+in dem gro&szlig;en &ouml;den Raum, &mdash; wir wollten uns
+nichts ersparen: die Schlacht war endg&uuml;ltig verloren.</p>
+
+<p>Wenige Tage sp&auml;ter &mdash; in der Nacht nach den Stichwahlen &mdash; gingen
+wir durch die Stra&szlig;en Berlins: da
+kamen sie in langen Z&uuml;gen, unsere &Uuml;berwinder &mdash; kein
+Polizeis&auml;bel, kein Schutzmannskordon hielt sie auf. Vor
+dem K&ouml;nigsschlo&szlig; sammelten sie sich in schwarzen Massen.
+&raquo;Heil dir im Siegerkranz&nbsp;&mdash;&laquo; brausend stiegen die T&ouml;ne
+durch die klare Winterluft zu dem hellen Fenster empor,
+an dem der sich zeigte, der heute in Wahrheit der
+Sieger war: der Kaiser.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_598" id="Page_598"></a></p>
+<h2><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Vor einem halben Menschenalter war's. Ich
+stand allein auf Bergesspitze im Gewittersturm.
+Dicht &uuml;ber mir hingen die Wolken, aus denen
+das Wasser brausend in die Tiefe scho&szlig;, unter mir
+ballten sie sich zusammen und verdeckten jeden Ausblick
+auf stille D&ouml;rfer und freundliche Heimst&auml;tten. Der
+Donner rollte; die Berge antworteten ihm, &mdash; ein Gel&auml;chter
+der Riesen &uuml;ber das kleine Menschengeschlecht.
+Jeder Blitz &ouml;ffnete die Wolkenwand; das Himmelsgew&ouml;lbe
+dahinter stand in Flammen.</p>
+
+<p>Ich aber konnte nicht vor, &mdash; nicht zur&uuml;ck. Ich mu&szlig;te
+mich dem Wetter preisgeben, &mdash; und ich f&uuml;rchtete
+mich &mdash; &mdash;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wir lagen n&auml;chtelang wach. Jeder tat, als
+schliefe er, aus Schonung f&uuml;r den anderen.
+Unsere Arbeit l&auml;hmte Hoffnungslosigkeit.
+Wir l&auml;chelten, als w&auml;ren wir froh, um dem
+anderen nicht wehe zu tun.</p>
+
+<p>&raquo;Ilse meldet sich an&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte Heinrich, als er
+eines Morgens die Post durchsah.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt?!&laquo; rief ich erschrocken. Sie kam schon am
+<a name="Page_599" id="Page_599"></a>n&auml;chsten Tage, hatte einen seltsam ver&auml;ngstigten Zug
+im Gesicht und ein erzwungen leichtsinniges L&auml;cheln um
+die Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; einmal wieder Gro&szlig;stadtluft atmen,&laquo; meinte
+sie; &raquo;die Stille bei uns ist oft schaurig.&laquo;</p>
+
+<p>Mir schien, als zittere sie dabei. Von nun an war
+der Telegraphenbote unser h&auml;ufigster Gast. Zuerst glaubte
+ich, ihres Mannes besorgte, sehns&uuml;chtige Liebe k&auml;me
+in diesem Depeschenwechsel zum Ausdruck. Warum hatte
+sie denn nur jedesmal rote Augen, wenn ein Telegramm
+gekommen war?</p>
+
+<p>Da, eines Morgens, st&uuml;rmte einer in unser
+Zimmer, die Haare zerzaust, die Augen rot unterlaufen, &mdash; der
+Gatte meiner Schwester. Vor seinen Verfolgern
+sollten wir ihn sch&uuml;tzen, schrie er verzweifelt und barg
+den dunkeln Kopf in Ilsens Scho&szlig;, die mit erloschenem
+Blick auf ihn niedersah, die kleinen schwachen H&auml;nde
+auf seinem Haar. Noch am selben Tage kam er ins
+Irrenhaus. Er war tobs&uuml;chtig. Dann brach auch Ilse
+zusammen; aber sie weinte nicht, sie sprach nicht &uuml;ber
+ihr Schicksal, sie war nur wie erstarrt. Auch als sich
+herausstellte, da&szlig; ein gro&szlig;er Teil ihres Verm&ouml;gens
+am Sanatorium ihres Mannes verloren gegangen war,
+zuckte sie nur die Achseln.</p>
+
+<p>Um so furchtbarer traf es uns. Bisher w&auml;re der
+Verlust des Geldes, mit dem sie sich an der Neuen Gesellschaft
+beteiligt hatte, keine ernste Frage f&uuml;r sie gewesen.
+Jetzt war sie es. Hatte ich vor ihrem Kommen
+geglaubt, zusammenzubrechen, jetzt kam mir die Kraft
+zur&uuml;ck, eine des Fiebers.</p>
+
+<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen aushalten, Heinz, wir m&uuml;ssen!&laquo; sagte
+<a name="Page_600" id="Page_600"></a>ich, und wenn eine seiner vielen Bem&uuml;hungen, Hilfe zu
+schaffen, wieder vergeblich gewesen war, so trieb ich ihn zu
+immer neuen Versuchen an. Und hie und da gl&uuml;ckten
+sie. F&uuml;r ein paar Monate konnten wir weiter schaffen,
+konnten leben. Aber jedesmal, wenn wir Hoffnung
+sch&ouml;pften, erschien sicherlich irgendein Hetzartikel in der
+Parteipresse gegen uns, oder in den Wahlvereinen
+wurden wir von radikalen Genossen einer neuen Ketzerei
+beschuldigt, oder der alte Vorwurf des Gesch&auml;ftssozialismus
+wurde laut. Wir sp&uuml;rten das alles an der Abnahme
+der Abonnenten.</p>
+
+<p>Wie kann ich Geld schaffen, &mdash; wie?! Die Frage
+beherrschte meine Gedanken immer mehr. Ein &raquo;freier&laquo;
+Schriftsteller war ich, &mdash; einer von den Tausenden, die
+ausziehen, ihre Feder zu f&uuml;hren wie ein Schwert. Aber
+die Not heftet sich an ihre F&uuml;&szlig;e, zuerst ein Zwerg,
+und dann ein Riese, der sie in seine Dienste zwingt.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber sterben!&laquo; st&ouml;hnte ich.</p>
+
+<p>Doch dann sah ich mein Kind, &mdash; wie es bla&szlig; war,
+welch forschende Augen es auf mich richtete! Ich ri&szlig;
+es in meine Arme:</p>
+
+<p>&raquo;Unter jedes Joch beuge ich meinen Nacken f&uuml;r dich,&laquo;
+dachte ich verzweifelt.</p>
+
+<p>Ich beschlo&szlig;, Vortr&auml;ge zu halten gegen Entree. Das
+war nichts Erniedrigendes. Jeder Dozent an der Universit&auml;t
+bekommt ein Honorar f&uuml;r die wissenschaftlichen
+Erkenntnisse, die er den H&ouml;rern vermittelt. Trotzdem
+widerstrebte es mir. Ein Gef&uuml;hl grenzenloser Scham
+trieb mir den Angstschwei&szlig; jedesmal auf die Stirn,
+wenn ich die Rednertrib&uuml;ne betrat. Ich hatte immer
+einen vollen Saal. Ich &raquo;zog&laquo;, &mdash; ich war eine Sen<a name="Page_601" id="Page_601"></a>sation.
+Wie ein gez&auml;hmter L&ouml;we im Zirkus. Gegen
+ein paar Mark Eintritt konnte sich nun die beste Gesellschaft,
+ohne sich etwas zu vergeben, die ber&uuml;chtigte
+Sozialdemokratin ansehen, &mdash; mit dem Opernglas sogar.
+Meine Zuh&ouml;rer trugen rauschende Kleider und viele
+Brillanten an den wei&szlig;en H&auml;nden, mit denen sie Beifall
+klatschten, um zu erzwingen, da&szlig; ich mich vor ihnen
+verbeugte.</p>
+
+<p>&raquo;Unglaublich von einer Genossin, in diesem goldstrotzenden
+Saal zu reden und sich von diesem Publikum
+bezahlen zu lassen&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte eine Besucherin, als ich
+gerade an ihr vor&uuml;ber ins Freie trat. Ich pre&szlig;te die
+Lippen zusammen, um nicht heftig aufzufahren&nbsp;&mdash;.</p>
+
+<p>Sobald ich sprach, erschrak ich vor der Stimme, die
+nicht mehr die meine war. Im letzten Wahlkampf
+hatte sie ihren Klang verloren, war heiser und rauh
+geworden. Und ich hatte sie geliebt, weil sie meine
+Worte so leicht und willig bis in jeden Winkel trug.
+Doch: &mdash; was bedeutete das jetzt?! Es war mehr verloren
+gegangen als der helle Ton meiner Stimme.</p>
+
+<p>Ich fing an zu reisen; von einer Stadt in die andere.
+Zuweilen auf die Einladung irgendeines literarischen
+Vereines hin. In Hannover sagte mir der Vorsitzende:</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr, Sie richten sich darauf ein, da&szlig; Offiziere
+unter unseren Mitgliedern sind.&laquo;</p>
+
+<p>In K&ouml;ln hie&szlig; es: &raquo;Wir rechnen darauf, da&szlig; Sie
+auf unsere jungen M&auml;dchen R&uuml;cksicht nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>H&auml;tte ich ihnen doch den R&uuml;cken kehren k&ouml;nnen!</p>
+
+<p>Wenn ich nach Hause kam, umklammerte mich mein
+Sohn mit &uuml;berstr&ouml;mender Z&auml;rtlichkeit. Wie ich ihm
+fehlte! Niemand hatte Zeit f&uuml;r ihn! Und doch be<a name="Page_602" id="Page_602"></a>durfte
+er immer mehr der Freundschaft der Eltern!
+&Uuml;ber hundert R&auml;tselfragen des Daseins begann er in
+seinen vielen einsamen Stunden nachzugr&uuml;beln. Und
+seine Phantasie, deren &uuml;ppige Ranken ohne St&uuml;tze
+blieben, ohne die Hand des G&auml;rtners, der sie zur
+rechten Zeit zu beschneiden versteht, &uuml;berwucherten sein
+Gef&uuml;hl. Er f&uuml;rchtete sich oft vor seinen eigenen
+Tr&auml;umen, so da&szlig; ich ihn des Nachts zu mir betten
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Du verz&auml;rtelst den Jungen&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte Heinrich dann
+&auml;rgerlich. Und f&uuml;r &uuml;bertriebene Sentimentalit&auml;t hielt
+er es, wenn ich von der Atmosph&auml;re des Ungl&uuml;cks
+sprach, die sichtlich auf des Kindes Seele lastete. So
+lernte ich schweigen, auch &uuml;ber das, was mir am tiefsten
+das Herz bewegte. Und in sehr dunkeln Stunden bem&auml;chtigte
+sich meiner ein fremdes, b&ouml;ses Gef&uuml;hl. Dann
+h&auml;ufte ich auf meinen Mann alle Schuld.</p>
+
+<p>In solch einer Stimmung traf mich Romberg. Er
+war voll aufrichtiger Teilnahme.</p>
+
+<p>&raquo;Lange halte ich es nicht mehr aus,&laquo; sagte ich, den
+Kopf in den H&auml;nden vergraben. Er sollte nicht sehen,
+da&szlig; meine Kraft nicht einmal mehr ausreichte, um die
+Tr&auml;nen zur&uuml;ckzuhalten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;&szlig;te eine Hilfe,&laquo; begann er dann langsam,
+&raquo;eine, durch die Sie frei w&uuml;rden und sorgenlos.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hob den Kopf; alles Blut str&ouml;mte mir zum
+Herzen. Eine Hilfe! Er z&ouml;gerte. Dann sah er mich
+an mit einem festen warmen Blick, der die Freundschaft
+langer Jahre in sich schlo&szlig; und sagte, jedes Wort
+betonend:</p>
+
+<p>&raquo;Trennen Sie sich von Ihrem Mann.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_603" id="Page_603"></a>Als Minuten vergingen, ohne da&szlig; ich antwortete, erhob
+er sich.</p>
+
+<p>&raquo;Z&uuml;rnen Sie mir?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; antwortete ich, ihm die Hand entgegenstreckend.
+Dann &uuml;berliefs mich kalt. Auch jetzt lag die
+seine schlaff und kraftlos zwischen meinen Fingern.</p>
+
+<p>Ich &uuml;berlegte seinen Rat und erschrak nicht einmal
+vor der k&uuml;hlen Ruhe, mit der ich es zu tun vermochte.
+Er hatte recht: allein mit meinem Sohn, der Last der
+Zeitschrift ledig, die das meiste verschlang, was ich verdiente,
+w&uuml;rde ich, wenn auch noch so bescheiden, von
+meiner Arbeit leben k&ouml;nnen. Und ich w&auml;re frei, &mdash; frei!
+Unwillk&uuml;rlich streckte ich die Arme weit aus, als
+gelte es, die Welt zu umfassen. Aber dann sah ich
+ihn: meinen Mann, meinen Kampfgef&auml;hrten, meinen
+Leidensgenossen, &mdash; den Vater meines Kindes! Ich
+fing an, ihn zu beobachten. Wie er leiden mu&szlig;te.
+Und wie er mich liebte!</p>
+
+<p>Er brachte mir t&auml;glich ein paar Blumen mit, und
+wenn es nur wenige Veilchen waren. Das schlimmste
+suchte er mir aus dem Wege zu r&auml;umen, so lange es
+ging. Er hatte eine ritterliche, zur&uuml;ckhaltende Z&auml;rtlichkeit
+f&uuml;r mich. Und mein Junge hing an dem
+Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht, lieber Freund,&laquo; sagte ich mit einem
+wehen L&auml;cheln, als Romberg wiederkam. Er runzelte
+die Stirn und wandte sich ab. Ich legte ihm die Hand
+auf den Arm.</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen versuchen, mich zu verstehen, Sie vor
+allem!&laquo; bat ich. &raquo;Haben Sie mich nicht selbst verspottet,
+als ich einmal die freie Liebe predigte, weil
+<a name="Page_604" id="Page_604"></a>ich &uuml;berzeugt war, das Eheproblem dadurch l&ouml;sen
+zu k&ouml;nnen? Heute wei&szlig; ich, da&szlig; der Zettel auf
+dem Standesamt nicht die st&auml;rkste Fessel ist, die sie
+unfrei macht. Ich habe Frauen gesehen, die sich
+voll Idealismus dem Mann ihrer Wahl verm&auml;hlten,
+ohne ihren Bund nach au&szlig;en sanktionieren zu lassen.
+Nach kurzer Zeit sind sie bedauernswertere Sklavinnen
+geworden als die staatlich abgestempelten Ehefrauen.
+Ihre und ihres Kindes Existenz war von ihrem Manne
+abh&auml;ngig, und jeden Tag konnte er sie verlassen. Darum
+klammerten sie sich an ihn, unterwarfen sich ihm, ertrugen
+seine Brutalit&auml;t, seine Launen, seine Treulosigkeiten.
+Ich erkannte, da&szlig; die wirtschaftliche Selbst&auml;ndigkeit
+der Frau die Voraussetzung des freien Liebesbundes
+sein mu&szlig;..&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun &mdash; und sind Sie etwa wirtschaftlich abh&auml;ngig?!
+Sie, mit Ihrer Begabung, Ihrer Arbeitskraft?&laquo; unterbrach
+er mich heftig.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, gewi&szlig; nicht,&laquo; entgegnete ich; &raquo;diese Fessel
+trag' ich nicht mehr, und keine Frau brauchte ihre
+Menschenw&uuml;rde von ihr erdrosseln zu lassen, wenn sie
+arbeiten gelernt hat. Aber es gibt andere Fesseln, &mdash; zart
+und weich wie Seide, &mdash; die unzerrei&szlig;bar sind.
+Mein Sohn liebt seinen Vater. Wie kann ich sein
+Kinderherz verwunden, solch einen Zwiespalt in seine
+Seele tragen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Kind &uuml;berwindet rasch,&laquo; antwortete Romberg
+mit einer wegwerfenden Handbewegung.</p>
+
+<p>Ich verstummte. Er, der mir so nahe gewesen war,
+r&uuml;ckte pl&ouml;tzlich weit, weit von mir ab. Ihm von Heinrichs
+Liebe, von seinem Ungl&uuml;ck und den anderen f&uuml;r
+<a name="Page_605" id="Page_605"></a>mich unzerrei&szlig;baren Fesseln zu reden, w&auml;re mir wie eine
+Preisgabe vorgekommen.</p>
+
+<p>Und doch: irgend etwas mu&szlig;te geschehen.</p>
+
+<p>&raquo;Bald, &mdash; bald reise ich nicht mehr fort ohne dich,&laquo;
+hatte ich immer wieder beim Abschiednehmen mein Kind
+getr&ouml;stet.</p>
+
+<p>&raquo;Wann bleibst du wieder bei mir, Mamachen?&laquo; fragte
+es, und jedesmal wurde der Ausdruck seines Gesichtchens
+qu&auml;lender.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Meine n&auml;chste Vortragsreise f&uuml;hrte mich nach
+Leipzig. Dort wohnte einer jener stillen Genossen,
+der f&uuml;r den Revisionismus eine offene
+Hand zu haben pflegte. Als mein Mann sich im Interesse
+der Neuen Gesellschaft einmal schriftlich an ihn
+gewandt hatte, war seine Antwort ein unfreundliches
+glattes Nein gewesen. Trotzdem hoffte ich noch auf die
+Wirkung einer pers&ouml;nlichen Unterredung. Es galt einen
+letzten verzweifelten Versuch.</p>
+
+<p>Ich werde die Reise nie vergessen, nie den Augenblick,
+wo ich, zitternd vor Scham und Angst, in des reichen
+Mannes Zimmer trat. Er mochte ahnen, da&szlig; ich als
+Bittende kam. Es dauerte Sekunden, ehe er mich zum
+Sitzen n&ouml;tigte. Vielleicht w&uuml;rde er es gar nicht getan
+haben, wenn er nicht gesehen h&auml;tte, da&szlig; mir die Kniee
+bebten. Ich hatte einen Mantel an. W&auml;hrend der
+Zeit, die ich bei ihm war, nahm er ihn mir
+nicht ab. Er lie&szlig; mich reden, ohne eine Miene zu verziehen.
+Und dann sprach er &mdash; langsam, jedes Wort
+betonend, soda&szlig; es mir weh tat, wie lauter Schl&auml;ge:<a name="Page_606" id="Page_606"></a>
+&raquo;Ihr Mann ist ein guter Redakteur; das hat er am
+Archiv bewiesen. Aber er ist ein schlechter Gesch&auml;ftsmann,
+sonst h&auml;tte er das prosperierende Archiv, das ihm
+eine sichere und angesehene Stellung bot, nicht hingegeben,
+um ein aussichtsloses Unternehmen zu beginnen.
+Ich mag nicht Wasser in ein hohles Fa&szlig; sch&ouml;pfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch erkannten Sie, wie ich h&ouml;rte, selber an,
+da&szlig; die neue Aufgabe, die er sich stellte, wichtig, ja
+notwendig war,&laquo; wandte ich ein.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. F&uuml;r einen Mann, der ausreichende Mittel hat,
+um die Sache durchzuf&uuml;hren.&laquo; Damit erhob er sich.</p>
+
+<p>Ich war entlassen. Mir klebte die Zunge am Gaumen.
+Nun war der Moment, der einzige, der mir noch blieb.
+Ich war ja nicht gekommen, um einen Rechtsanspruch
+durchzusetzen, &mdash; ich mu&szlig;te bitten &mdash; bitten. Ich f&uuml;hlte die
+Tr&auml;nen der Aufregung mir hei&szlig; die Augen f&uuml;llen. Nur
+nicht weinen, &mdash; jetzt nicht weinen, dachte ich und bi&szlig;
+die Z&auml;hne aufeinander. Da aber sah ich pl&ouml;tzlich mein
+Kind vor mir &mdash; ganz deutlich: mit dem ernsten Blick
+und der sehns&uuml;chtigen Frage auf den Lippen. Mein
+Kind! Gl&uuml;hende Schwei&szlig;tropfen bedeckten meine Stirn,
+der Atem stockte. Mit einer raschen Bewegung warf
+ich den schweren Mantel von mir und ri&szlig; das Fenster
+r&uuml;cksichtslos weit auf. Ein konvulsivisches Schluchzen,
+dessen ich nicht Herr werden konnte, ersch&uuml;tterte meinen
+K&ouml;rper. Dann wandte ich mich um und hob den Mantel
+von der Erde auf.</p>
+
+<p>&raquo;So will ich gehen&nbsp;&mdash;,&laquo; kam es tonlos &uuml;ber meine
+Lippen, &mdash; ich konnte nicht bitten, ich konnte nicht!</p>
+
+<p>&raquo;Setzen Sie sich!&laquo; &mdash; Es war wie ein Kommando. Die Ersch&ouml;pfung,
+nicht der Gehorsam zwang mich, ihm zu folgen.</p>
+<p><a name="Page_607" id="Page_607"></a></p>
+<p>&raquo;Ich werde Ihnen helfen, &mdash; Ihnen pers&ouml;nlich, &mdash; dieses
+eine Mal&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich kehrte zum Hotel zur&uuml;ck. Pl&ouml;tzlich fiel mir ein,
+da&szlig; ich die k&uuml;hle Hand mit meinen Fingern dankend
+umschlossen hatte. Die Hand des Mannes, vor dem ich
+mich so erniedrigt hatte!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Und nun ging es zu Ende. Unweigerlich. Trotzdem
+ich noch hergab, was ich eben empfangen
+hatte. Ein einziges Mal noch stieg unsere Hoffnung
+hoch auf, wie eine Leuchtkugel. Heinrich erhielt
+von einem, der helfen konnte, ein festes Versprechen. Er
+schlo&szlig; darauf hin aufs neue mit dem Drucker ab und
+mit dem Papierlieferanten. &mdash; Aber die Leuchtkugel zerplatzte,
+und es wurde ganz, ganz dunkel.</p>
+
+<p>Ich verlangte Klarheit von meinem Mann, &mdash; r&uuml;ckhaltlose.
+Er gab sie mir mit einer Ruhe, von der ich
+glaubte, da&szlig; sie eine erzwungene sei: Alles war verloren.
+Da wir den Konkurs vermeiden wollten, blieb uns eine
+Schuldenlast, an der wir Jahre zu tragen haben w&uuml;rden.
+Um die allern&auml;chsten Zahlungen leisten und selbst leben
+zu k&ouml;nnen, gab es nur einen Ausweg.</p>
+
+<p>&raquo;Wir verpf&auml;nden unsere M&ouml;bel&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte Heinrich,
+mit einem Ton, als spr&auml;che er von dem Gleichg&uuml;ltigsten
+von der Welt.</p>
+
+<p>Bisher hatte ich zusammengekauert auf dem gro&szlig;en
+Stuhl gesessen, der mir immer wie etwas Lebendiges gewesen
+war, weil seine Lehne den m&uuml;den Kopf st&uuml;tzte,
+seine Arme sich sch&uuml;tzend an mich schmiegten.</p>
+
+<p>Jetzt fuhr ich auf. &raquo;Das Letzte soll ich hergeben?!<a name="Page_608" id="Page_608"></a>
+Und du meinst, ich t&auml;te das so kaltbl&uuml;tig wie du es aussprichst?!&laquo;
+rief ich, vor Entr&uuml;stung am ganzen K&ouml;rper
+zitternd. &raquo;Das hier ist der Rest Heimat, den ich
+habe. Fast jedes St&uuml;ck erinnert mich an den Vater, &mdash; die
+Gro&szlig;mutter, &mdash; an Georg, an meine Jugend&nbsp;&mdash;&laquo;
+Tr&auml;nen erstickten meine Stimme.</p>
+
+<p>Mein Mann ma&szlig; mich mit einem k&uuml;hl-erstaunten
+Blick. &raquo;Stellung, Verm&ouml;gen, Familie, &mdash; alles hast du
+geopfert ohne ein Wort der Klage, und nun jammerst
+du um diesen Tr&ouml;del,&laquo; sagte er kopfsch&uuml;ttelnd. Mein
+Verstand gab ihm recht, aber mein Herz blutete, als
+w&auml;re ihm die schwerste Wunde geschlagen worden.</p>
+
+<p>In der Nacht darauf &ouml;ffnete sich die T&uuml;r zu meines
+Sohnes Zimmer, er st&uuml;rzte auf mich zu, umschlang
+meinen Hals und schluchzte verzweifelt: &raquo;Warum weinst
+du nur so? Warum weinst du nur so?!&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick wu&szlig;te ich, da&szlig; ich ein Opfer
+bringen mu&szlig;te wie keines zuvor. Ich weinte nicht
+mehr. Ich war ganz still und ganz entschlossen. &raquo;Otto
+darf den Zusammenbruch nicht mit erleben,&laquo; sagte ich
+zu meinem Mann. &raquo;Schon jetzt ist er wie vergiftet, &mdash; gar
+kein Kind mehr&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich erwartete eine heftige Szene.</p>
+
+<p>Statt dessen erhellten sich Heinrichs Z&uuml;ge. &raquo;Nun bist
+du wieder meine tapfere Alix&laquo; &mdash; damit dr&uuml;ckte er mir
+die Hand, so herzlich wie seit Monden nicht &mdash; &raquo;nat&uuml;rlich
+ist das f&uuml;r alle Teile das Beste. Wir beide bauen
+ungehindert ein neues Leben auf, und er wird irgendwo
+auf dem Land wieder ein starker, froher Junge ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich h&ouml;rte seine Stimme nur noch wie ein fernes
+Brausen. So nahm er auf, wovon ich nie gesunden
+<a name="Page_609" id="Page_609"></a>w&uuml;rde: &mdash; fast froh! Ich starrte ihn an; die schreckliche
+Erregung verzerrte mir sein Bild, als h&auml;tte ich ihn noch
+nie gesehen. Mit diesem Mann hatte ich mein Leben
+verkn&uuml;pft, &mdash; und eben noch den Gedanken an eine
+Trennung weit, weit von mir gewiesen?! Mir schien,
+als w&auml;re die Trennung vollzogen, lange schon, sonst h&auml;tte
+er in dieser Stunde, da mein ganzes Leben zusammenbrach,
+so nicht zu mir sprechen k&ouml;nnen, &mdash; so nicht!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ich schrieb an einen Freund Egidys, den ich seit
+der Zeit, da ich ihn in dessen Hause traf, hie
+und da wiedergesehen hatte. So selten das gewesen
+war, mit einem Gef&uuml;hl warmer gegenseitiger Anteilnahme
+waren wir uns immer begegnet. Jetzt leitete
+er eine Schule hoch oben im Th&uuml;ringer Wald. Ich
+sprach ihm r&uuml;ckhaltlos von der Lage, in der wir uns
+befanden. &raquo;Mein Sohn leidet darunter, halb unbewu&szlig;t,
+und ich will ihm das Schlimmste ersparen, will seine
+Jugend nicht hineinrei&szlig;en in den Strudel unseres k&uuml;nftigen
+Lebens. Sie sehen, es ist ein Freundschaftsopfer
+das ich von Ihnen erwarte&nbsp;&mdash;,&laquo; hier zitterte mir die
+Hand und versagte den Dienst.</p>
+
+<p>Er antwortete umgehend, mit einem zarten Takt, der
+mir wohltat: &raquo;Ihr Sohn soll uns von Herzen willkommen
+sein. Und kein dr&uuml;ckendes Gef&uuml;hl darf Ihnen
+daraus entspringen. &Uuml;berlassen Sie ruhig der Zukunft
+die materielle Seite der Sache. Da er Ihr Kind ist,
+wird er unserer Schule mehr geben, als er erh&auml;lt und
+sich durch Gold aufwiegen l&auml;&szlig;t..&laquo;</p>
+
+<p>Zu Ostern wollte ich ihn hinbringen, aber ich verschob
+<a name="Page_610" id="Page_610"></a>es von Tag zu Tag, mit ihm davon zu sprechen; er war
+so gl&uuml;cklich, da&szlig; ich auf einmal immer bei ihm war,
+mit ihm spielte, mit ihm spazieren ging, ihm Geschichten
+erz&auml;hlte wie in der sch&ouml;nen alten Zeit.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Indessen erschien die letzte Nummer der Neuen
+Gesellschaft, mit einem kurzen Abschiedswort
+an die Leser. Keiner von unseren Gesinnungsgenossen
+hatte ein Wort des Bedauerns daf&uuml;r, niemand
+von denen, f&uuml;r deren &Uuml;berzeugung sie gek&auml;mpft hatte,
+ohne sich durch geh&auml;ssige Angriffe und gemeine Verleumdungen
+vom Wege ablenken zu lassen, der ihr als
+der rechte erschien, k&uuml;mmerte sich um uns. Keinem
+konnte es ein Geheimnis sein, da&szlig; wir alles verloren
+hatten, aber kaum ein einziger hatte auch nur eine teilnehmende
+Frage danach. Wir waren abgetan, &mdash; fertig.
+Die Genossen gingen &uuml;ber uns hinweg wie die Soldaten
+im Krieg &uuml;ber die gefallenen Kameraden auf dem
+Schlachtfeld.</p>
+
+<p>Damals hatte ich daf&uuml;r nur eine ver&auml;chtliche Geb&auml;rde.
+Gro&szlig;e Schmerzen sind ein Palliativmittel gegen
+die kleinen.</p>
+
+<p>Nur eins erf&uuml;llte mich mit tiefer Bitterkeit: da&szlig;
+auch Romberg nicht wiederkam. Er hatte eine Auseinandersetzung
+mit meinem Mann gehabt, bei der
+seine lange im stillen herrschende Feindschaft gegen ihn
+zu offenem Ausbruch gekommen war. Ich erfuhr
+nicht viel davon. Aber um mich mochte sich's gehandelt
+haben und darum, da&szlig; Romberg meinem Mann
+vorwarf, unser Ungl&uuml;ck verschuldet zu haben, und dieser
+<a name="Page_611" id="Page_611"></a>sich jede Einmischung in unser Tun und Lassen verbat.
+War das Grund genug, um mich gerade jetzt im Stich
+zu lassen? Und an seine aufrichtige Freundschaft hatte
+ich geglaubt!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ein Ostermorgen war es, hell und leuchtend. Ein
+Auferstehungsfest, das die gefl&uuml;gelten Musikanten
+der Natur mit hundertstimmigem Gesang
+begr&uuml;&szlig;ten. Mit lauter lustigen goldgelben Flecken
+bedeckte die Sonne den Erdboden unter den Kieferst&auml;mmen.
+Wir gingen durch den Grunewald nach
+Schildhorn, mein Sohn und ich. Wie er sich freute!
+Jedes armselige Bl&uuml;mlein, das der karge Sand hervorsprie&szlig;en
+lie&szlig;, bewunderte er. Und die Luft, die ein
+Odem erwachenden Lebens war, sog er ein mit tiefen
+durstigen Z&uuml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hasse die Stadt,&laquo; sagte er mit der ganzen Energie
+seiner zehn Jahre. &raquo;Warum k&ouml;nnen wir nicht auf dem
+Lande leben?&laquo;</p>
+
+<p>Das war der rechte Augenblick, um ihm von Waltershof
+zu sprechen, der Schule im Th&uuml;ringer Wald. Mit
+stockender Stimme begann ich, und erz&auml;hlte von dem
+freien Leben dort und den vielen Kindern.</p>
+
+<p>Seine Augen gl&auml;nzten. &raquo;Das denke ich mir riesig
+fein!&laquo; rief er.</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;chtest du am Ende gar selber hingehen?&laquo; fragte
+ich z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>Er machte einen Luftsprung. &raquo;Nat&uuml;rlich! Aus der
+scheu&szlig;lichen Stadt heraus auf die Berge, &mdash; was gibt
+es Sch&ouml;neres!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_612" id="Page_612"></a>Ich h&auml;tte mich freuen m&uuml;ssen, &mdash; aber die Tr&auml;nen
+traten mir in die Augen. So w&uuml;rde ihm der Abschied
+nicht allzu schwer werden!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ein paar Tage sp&auml;ter reisten wir ab. Er war
+wie umgewandelt; in leuchtenden Farben
+malte er sich das Leben aus, das seiner wartete.
+Zuweilen schien er zu stutzen, wenn er mich
+ansah.</p>
+
+<p>&raquo;Und du besuchst mich oft, sehr oft, nicht wahr,
+Mamachen? Und zu den Ferien komme ich immer
+nach Haus?&laquo; sagte er dann, im Gef&uuml;hl, mich tr&ouml;sten
+zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Von der Station fuhren wir mit dem Wagen bergauf
+durch dichte Tannenw&auml;lder. Mein Sohn verstummte
+und schmiegte sich an mich. Ob ihn nun der Abschiedsschmerz
+packen w&uuml;rde? Das Herz klopfte mir erwartungsvoll.
+&raquo;Ein bi&szlig;chen geniere ich mich doch vor den fremden
+Jungens,&laquo; meinte er.</p>
+
+<p>Oben auf der Hochebene, wo der Wind &uuml;ber freie
+Felder strich und mit den kleinen runden Fr&uuml;hlingsw&ouml;lkchen
+spielte wie ein Kind mit dem Fangball, verlor
+er seine scheue Stimmung wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Wie wunder &mdash; wundersch&ouml;n das ist,&laquo; sagte er mit
+einem Blick in die Ferne.</p>
+
+<p>In stiller gro&szlig;er Einsamkeit reihte sich Berg an Berg;
+die kleinen grauen Menschenwohnungen verschwanden in
+den tiefen T&auml;lern.</p>
+
+<p>Der Direktor begr&uuml;&szlig;te uns wie vertraute Freunde.
+Die Sch&uuml;ler betrachteten aus gemessener Entfernung
+<a name="Page_613" id="Page_613"></a>den Ank&ouml;mmling. Er umfa&szlig;te wie schutzsuchend meine
+Hand. Jetzt, &mdash; jetzt wird er bei mir zu bleiben
+verlangen! &mdash; Da trat ein brauner Bursche aus der
+Schar.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh mal die Wiese dort,&laquo; sagte er zu meinem
+Jungen und wies auf den gelbbl&uuml;henden Abhang, der
+sich hinter dem Hause in die Tiefe senkte; &raquo;willst du da
+hinunter mit mir um die Wette laufen?&laquo;</p>
+
+<p>Und im selben Augenblick, &mdash; kaum da&szlig; er Zeit
+gefunden hatte, mir Mantel und M&uuml;tze zuzuwerfen, &mdash; flog
+er mit ihm davon. Wie heller Sonnenschein
+tanzten ihm die blonden Locken um den Kopf. Ich
+starrte ihnen nach. Mir gingen dabei die Augen &uuml;ber.
+Hinter den Fichtenst&auml;mmen, &mdash; weit, weit im Tal, erloschen
+sie.</p>
+
+<p>&raquo;Er wird sich rasch zu Hause f&uuml;hlen,&laquo; sagte der Direktor.</p>
+
+<p>Er wird sich rasch zu Hause f&uuml;hlen&nbsp;&mdash;!</p>
+
+<p>Ich verlie&szlig; Waltershof schon am n&auml;chsten Morgen.
+Jede Stunde, die ich blieb, kam wie ein verschlagener
+R&auml;uber und stahl mir st&uuml;ckweise mein Liebstes.</p>
+
+<p>Ehe ich in den Wagen stieg, umarmte mich mein
+Sohn mit st&uuml;rmischer Heftigkeit. Nun endlich wird es
+ihn &uuml;bermannen&nbsp;&mdash;! Ich pre&szlig;te ihn an mich, ich hielt
+ihn fest. Dieser Scho&szlig; hat dich geboren, an diesem
+Herzen wuchsest du empor, &mdash; schrie es in mir, &mdash; nur
+ein Wort der Liebe sag mir, ein Wort der Sehnsucht,
+und ich verteidige deinen Besitz gegen H&ouml;lle und Himmel!
+Aber er schwieg. Seine Augen blieben hell. Ringsum
+standen die Lehrer und die Sch&uuml;ler&nbsp;&mdash;. Ich nahm
+seinen Kopf zwischen meine H&auml;nde und k&uuml;&szlig;te ihn. Ich
+<a name="Page_614" id="Page_614"></a>gr&uuml;&szlig;te noch einmal l&auml;chelnd nach rechts und links. Dann
+zogen die Pferde an &mdash;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Damals, vor einem halben Menschenalter, als
+ich im Gewittersturm auf dem Berge stand,
+dem Wetter preisgegeben, f&uuml;rchtete ich den Tod.
+Was h&auml;tte ich jetzt noch f&uuml;rchten k&ouml;nnen?</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_615" id="Page_615"></a></p>
+<h2><a name="Achtzehntes_Kapitel" id="Achtzehntes_Kapitel"></a>Achtzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>In Schleier aus durchsichtigem Silber gewoben
+h&uuml;llte sich der blaue Fr&uuml;hlingshimmel. Milde
+l&auml;chelnd gl&auml;nzte sein gro&szlig;es Sonnenauge. Und
+die kleinen wei&szlig;en Wolken standen ganz still wie erwartungsvoll
+staunende Kinder, ehe der Vorhang vor
+dem M&auml;rchenspiel aufgeht. Die Luft streichelte mit
+weichen H&auml;nden die Erde, als w&auml;re sie sehr, sehr krank.</p>
+
+<p>Jetzt trugen sie den letzten Hausrat aus der alten
+Wohnung. Der gro&szlig;e gelbe Wagen vor der T&uuml;r wartete
+darauf, ihn in die neue hin&uuml;berzufahren.</p>
+
+<p>Ich sah mich um in den leeren R&auml;umen: auf dem
+Boden lag Papier und Stroh und Scherben, in den
+Winkeln Staub in gro&szlig;en grauen Flocken. Z&ouml;gernd,
+als hielte eine unsichtbare Hand mich zur&uuml;ck, &ouml;ffnete ich
+die T&uuml;r zu meines Sohnes Zimmer. Von seinen unruhigen
+F&uuml;&szlig;chen war die Diele zertreten. Dunkel zeichnete
+sich der Platz am Boden ab, wo sein Bett gestanden
+hatte; &mdash; wie oft, seitdem er fort war, hatte
+ich den Kopf in die leeren Kissen vergraben &mdash;</p>
+
+<p>Eine Hand ber&uuml;hrte meine Schulter.</p>
+
+<p>&raquo;Komm, Alix,&laquo; sagte Heinrichs weiche, tiefe Stimme
+hinter mir. Auf seinen Arm gest&uuml;tzt, mit tief gebeugtem<a name="Page_616" id="Page_616"></a>
+Nacken ging ich die Treppen hinab. Auf der Stra&szlig;e
+versagte mir der Atem; mein Begleiter hatte einen so
+raschen, elastischen Schritt, da&szlig; ich ihm nicht zu folgen
+vermochte. Er trug auch den Kopf ganz hoch, wie
+einer, der noch als Eroberer ins Leben tritt. Und
+waren wir nicht Geschlagene?! Ich hatte meinen Gedanken
+laut werden lassen. Heinrich blieb stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du die Waffen gestreckt?!&laquo; fragte er stirnrunzelnd
+mit scharfer Betonung. &raquo;Ich nicht! Was uns
+nicht umbringt, das macht uns st&auml;rker.&laquo;</p>
+
+<p>Ich senkte den Kopf noch tiefer; eine j&auml;he R&ouml;te scho&szlig;
+mir in die Schl&auml;fen.</p>
+
+<p>Er hatte die T&uuml;re zu unserer neuen Wohnung mit
+Blumen bekr&auml;nzen lassen. Da&szlig; ich sie nicht abri&szlig;, geschah
+nur, um ihm nicht wehe zu tun. Drinnen empfingen
+uns schon die stummen vertrauten Gef&auml;hrten
+unseres Lebens. Aber an dem gro&szlig;en Schreibtisch stand
+jetzt nur noch ein Stuhl. Ich hatte ein eigenes kleines
+Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der erste Schritt zur Ehetrennung,&laquo; l&auml;chelte
+mein Mann, mit einem Blick auf mich, in dem eine
+ernste Frage lag. Ich blieb ihm die Antwort schuldig.</p>
+
+<p>&raquo;Freust du dich denn gar nicht, da&szlig; all der Kram
+dir nun doch erhalten blieb?!&laquo; sagte er nach einer
+Pause in einem erzwungen leichten Ton. &raquo;Wie hast du
+darum gezittert, du armer Angsthase du!&laquo; Und wieder
+stieg mir das Blut ins Gesicht. Ich sch&auml;mte mich, da&szlig;
+ich so hatte empfinden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Dem, der mir dazu verhalf, werde ich immer dankbar
+sein,&laquo; sagte ich leise, &mdash; es war keiner der alten
+Freunde, keiner der offiziellen Vertreter der &raquo;Br&uuml;der<a name="Page_617" id="Page_617"></a>lichkeit&laquo;
+gewesen! &mdash; &raquo;Aber mehr darum, weil ich doch
+noch einen Menschen mit warmem Herzen gefunden
+habe, als um der St&uuml;hle und Schr&auml;nke und Kisten und
+Kasten willen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Heinrich dr&uuml;ckte mir die Hand. Dann nahm er eine
+der letzten Nummern der Neuen Gesellschaft aus dem
+B&uuml;cherschrank.</p>
+
+<p>&raquo;'Solchen Menschen, welche mich etwas angehen,
+w&uuml;nsche ich Leiden, Verlassenheit, Mi&szlig;handlung, Entw&uuml;rdigung, &mdash; ich
+w&uuml;nsche, da&szlig; ihnen das Elend der
+&Uuml;berwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein
+Mitleid mit ihnen, weil ich ihnen das einzige w&uuml;nsche,
+was heute beweisen kann, ob Einer Wert hat, oder
+nicht, &mdash; da&szlig; er standh&auml;lt&nbsp;...'&laquo; las er. &raquo;Diese Worte
+Nietzsches habe ich abgedruckt, weil sie meine eigene tiefe
+&Uuml;berzeugung aussprechen.&laquo;</p>
+
+<p>Seine Kraft verletzte mich fast. Ich wollte nicht
+&uuml;berwinden. Es kam mir wie ein Verrat an meinem
+Kinde vor, wenn auch mich ein Gef&uuml;hl ergriff, als ginge
+ich gest&auml;rkt einem neuen Leben entgegen. Ich pflegte
+mein Leid mit selbstqu&auml;lerischer Wollust. Ich liebte es.</p>
+
+<p>Aber &mdash; seltsam&nbsp;&mdash;: Je l&auml;nger es neben mir herging,
+desto mehr wandelte sich sein gr&auml;&szlig;liches Medusenhaupt
+in das stille, ernste Antlitz eines Freundes. Es
+nahm mich bei der Hand und f&uuml;hrte mich langsam,
+Schritt vor Schritt, &mdash; mein Herz ertrug es nicht anders, &mdash; einen
+hohen Berg hinauf. Und von da oben sah
+ich in das Tal meines Lebens. Ich erkannte seine
+gro&szlig;en Umrisse und geraden Linien, aber all die Hindernisse
+auf den Wegen &mdash; den Unrat auf den Stra&szlig;en &mdash; sah
+ich nicht mehr.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_618" id="Page_618"></a></p>
+
+<p>Eines Tages trat mein Mann mit einem gro&szlig;en
+Strau&szlig; duftender Rosen in mein Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Zum Zeichen, da&szlig; ich dir wieder Blumen
+bringen kann,&laquo; sagte er l&auml;chelnd. Nun erfuhr ich
+erst von seiner Arbeit, von den Pl&auml;nen, die ihrer Verwirklichung
+entgegengingen, &mdash; rein gesch&auml;ftlichen Unternehmungen,
+denen er neben seiner literarischen T&auml;tigkeit
+all seine Kr&auml;fte widmete, ohne sich eine Stunde
+der Ruhe, eine Pause der Erholung zu g&ouml;nnen, &mdash; nur
+das eine Ziel im Auge: die dr&uuml;ckenden Schulden zu
+zahlen, uns eine Existenz zu gr&uuml;nden und &mdash; er sprach
+es so leise aus, als ob er sich scheue, daran zu r&uuml;hren &mdash; &raquo;dir
+dein Kind zur&uuml;ckzugeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heinz!&laquo; rief ich, &mdash; die Tr&auml;nen st&uuml;rzten mir aus
+den Augen, &mdash; ich griff nach seinen beiden H&auml;nden und
+dr&uuml;ckte sie zwischen den meinen.</p>
+
+<p>&raquo;Was meinst du, wenn du den Buben holen gingst?!&laquo;
+Und vorsichtig, als w&auml;re ich etwas sehr Zerbrechliches,
+zog sein Arm mich an sich.</p>
+
+<p>Ich fuhr schon am n&auml;chsten Morgen nach Waltershof.
+Wie langsam schlich der Zug durch die bl&uuml;hende
+Sommerpracht, wie endlos hielt er sich an all den
+vielen Stationen auf! Endlich, endlich kam ich an.
+Droben auf der H&ouml;he, wo jetzt das Korn in hohen
+Garben stand und alle &Auml;hren gr&uuml;&szlig;ten und nickten, als
+w&uuml;&szlig;ten sie um mein Gl&uuml;ck, kam mir mein Junge entgegengelaufen &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Wie gro&szlig; und wie braun, und wie stark und wie
+froh er war! Sonderbar, da&szlig; irgend etwas dabei mich
+schmerzte. Er k&uuml;&szlig;te und herzte mich immer wieder, &mdash; aber<a name="Page_619" id="Page_619"></a>
+nicht mit dem Bed&uuml;rfnis nach Schutz, nach Anlehnung,
+wie die kleinen Kinder, wenn sie sich an die
+Mutter schmiegen. Ich sah ihn dann im Kreise der
+Kameraden auf der gr&uuml;nen Wiese, im Tannenwald: wie
+er seine Kr&auml;fte an den ihren ma&szlig;. Ich dachte an
+unsere Stra&szlig;e, unsere enge Wohnung; &mdash; ich wagte
+noch nicht, ihm zu sagen, warum ich gekommen war.
+Und als ich am n&auml;chsten Vormittag dem Unterricht
+beiwohnte, in Klassen, wo kaum mehr als zehn
+Kinder beieinandersa&szlig;en und der Lehrer imstande war,
+sich mit jedem einzelnen zu besch&auml;ftigen, auf seine Interessen
+und F&auml;higkeiten einzugehen, &mdash; da dachte ich
+an die &uuml;berf&uuml;llten st&auml;dtischen Gymnasien mit all ihrem
+Gefolge von Krankheit und Laster und Stumpfsinn; ihre
+ungl&uuml;ckseligen Opfer fielen mir ein, die den Martern
+des Geistes und K&ouml;rpers den Tod vorzogen. Mich
+schauderte: hatte ich ein Recht, &uuml;ber mein Kind zu verf&uuml;gen
+nach meinem Gefallen? Kein Zweifel: sein Instinkt
+hatte f&uuml;r Freiheit und Natur entschieden.</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme morgen nach Haus, und komme &mdash; allein,&laquo;
+schrieb ich an meinen Mann. &raquo;Otto ist ein
+selbst&auml;ndiger Mensch geworden, und ich habe hier gelernt,
+was keine p&auml;dagogische Buchweisheit mir h&auml;tte
+beibringen k&ouml;nnen: da&szlig; auch die Kinder sich selbst geh&ouml;ren,
+nicht uns; da&szlig; die Kindheit einen Wert an sich
+hat. Es mu&szlig;te so sein, wie es ist. Wenn unser Sohn
+stark genug ist, um auch neben uns ein Eigener zu
+bleiben, wird er vielleicht freiwillig zur&uuml;ckkehren&nbsp;...
+Ich schreibe das Alles so hin, und die Worte sehen aus,
+als kosteten sie mich nichts. Ich glaube, ich brauche Dir
+nicht erst zu sagen, was ich &uuml;berwinden mu&szlig;te. Es
+<a name="Page_620" id="Page_620"></a>wird noch lange dauern, bis ich von meiner Mutterliebe
+abgestreift haben werde, was jeder Liebe eigent&uuml;mlich
+ist: den Willen zum Besitz. Seitdem Du mich
+f&uuml;hlen lie&szlig;est, da&szlig; auch Du unser Kind entbehrst, wei&szlig;
+ich: Du wirst Geduld mit mir haben.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt erst wurde ich mir der ganzen Leere meines
+Lebens bewu&szlig;t: war ich schon so alt, um nur noch in
+philosophischer Ruhe seine Resultate zu ziehen? Um abseits
+zu stehen wie Zuschauer am Schlachtfeld?</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Als mir von seiten der Gewerkschaften die Aufforderung
+zuging, einige ausschlie&szlig;lich Bildungszwecken
+dienende Vortr&auml;ge im internen Kreise organisierter
+Arbeiter zu &uuml;bernehmen, ergriff ich die Gelegenheit, von
+der ich glaubte, da&szlig; sie mir wenigstens eine befriedigende
+T&auml;tigkeit er&ouml;ffnen w&uuml;rde. Seit dem Jahre 1906 hatten
+die Partei und die Gewerkschaften, einem Beschlu&szlig; des
+Mannheimer Parteitags folgend, den Bildungsbestrebungen
+tatkr&auml;ftigeres Interesse zugewandt. Au&szlig;er der
+Partei- und Gewerkschaftsschule in Berlin und &auml;hnlichen
+Einrichtungen in den gr&ouml;&szlig;eren Provinzst&auml;dten,
+wo eine beschr&auml;nkte Zahl ausgew&auml;hlter Sch&uuml;ler systematischen
+historischen und national&ouml;konomischen Kursen
+regelm&auml;&szlig;ig folgte, wurden Referate gehalten, die Allen
+zug&auml;nglich waren, die ihre Mitgliedschaft zu einer Arbeiterorganisation
+nachweisen konnten. Die Lehrer der
+Parteischule waren Radikale strengster Observanz. Sie
+sprachen von &raquo;b&uuml;rgerlicher&laquo; Wissenschaft, &raquo;b&uuml;rgerlicher&laquo;
+Kunst, zu der die vom Zukunftsstaat zu erwartende in
+scharfem Gegensatz st&uuml;nden. Sie waren Geist vom Geist
+<a name="Page_621" id="Page_621"></a>des preu&szlig;ischen Kultusministers, der einen Privatdozenten
+abgesetzt hatte, weil er Sozialdemokrat war. In ihrem
+Kreise waren die k&uuml;hnen S&auml;tze gefallen, da&szlig; die Philosophie
+eine ideologische Begleiterscheinung der Klassenk&auml;mpfe
+und ihre Geschichte eine Geschichte b&uuml;rgerlichen
+Denkens sei.</p>
+
+<p>Die Gewerkschaften standen zu ihnen in einem leisen
+aber darum nicht weniger starken Gegensatz, der auch
+in der Wahl ihrer Referenten zum Ausdruck kam. Schon
+als ich zum erstenmal sprach, &mdash; vor einer Zuh&ouml;rerschaft
+von ein paar hundert Arbeiterinnen, &mdash; wurde mir erz&auml;hlt,
+wie emp&ouml;rt die f&uuml;hrenden Genossinnen seien, da&szlig;
+man mich dazu aufgefordert habe.</p>
+
+<p>Durch Fragen, durch Bitten um Ratschl&auml;ge f&uuml;r ihre
+selbst&auml;ndige Fortbildung, durch B&uuml;cher, die ich auslieh,
+und die mir pers&ouml;nlich zur&uuml;ckgebracht wurden, kam ich
+in Ber&uuml;hrung mit M&auml;nnern und Frauen, die noch nicht
+zu den &raquo;gehobenen Existenzen&laquo; geh&ouml;rten. In der N&uuml;chternheit
+des Alltagslebens, fern der Begeisterung, die Feste
+und K&auml;mpfe entz&uuml;nden, lernte ich ihr Leben, ihr Denken
+und F&uuml;hlen kennen. Es stand fast ausnahmslos unter
+dem Zeichen der Unzufriedenheit, des Mangels an einem
+Inhalt, der &uuml;ber die Misere des Daseins hinaus stark
+und hoffnungsfroh macht. Eine gewisse seelische Leere
+kam vielen zum Bewu&szlig;tsein, etwa wie ein Gef&uuml;hl
+dauernden Frierens. Die Ideale des Sozialismus
+hatten, da ihre Verwirklichung so fern ger&uuml;ckt war, f&uuml;r
+das pers&ouml;nliche Leben viel von ihrem Feuer verloren.</p>
+
+<p>Aber gerade in der zum Ausdruck kommenden Unzufriedenheit
+mit den &auml;u&szlig;eren Erfolgen und den inneren
+Werten der Partei lag eine starke latente Kraft, die
+<a name="Page_622" id="Page_622"></a>bereit war, jeden Augenblick alles Lastende, Hindernde
+fortzuschieben, wenn nur irgendwo der Weg ins Freie
+sich zeigte.</p>
+
+<p>Nach einer meiner Versammlungen begr&uuml;&szlig;te mich
+Reinhard. Er war zuerst ein wenig verlegen, als ich
+aber harmlos und freundlich blieb, taute er auf. Ich
+erz&auml;hlte ihm von meinen Beobachtungen. &raquo;Ich bilde mir
+nat&uuml;rlich nicht ein, da&szlig; sie ma&szlig;gebend sind, aber ich
+halte sie doch f&uuml;r Symptome.&laquo;</p>
+
+<p>Er gab mir recht. &raquo;Wir befinden uns zweifellos in
+einer inneren Krisis,&laquo; sagte er, &raquo;die sich immer wieder
+nach au&szlig;en bemerkbar macht. Jetzt beginnt der Zank
+schon wieder. Diesmal um die Frage der Budgetbewilligung.
+Sobald wir versuchen durch eine Politik,
+die immer mehr oder weniger auf Konzessionen beruht,
+Schritte nach vorw&auml;rts zu tun, Vorteile oder Einflu&szlig;
+zu gewinnen, kommen die anderen und schwenken mit
+Geschrei die angeblich von uns verratene Fahne des
+Prinzips. Ich m&ouml;chte wissen, was geschehen soll, wenn
+wir einmal in den Parlamenten eine Vertretung haben,
+mit der gerechnet werden mu&szlig;? Ob wir dann das
+prinzipienfeste Neinsagen unseren W&auml;hlern gegen&uuml;ber
+verantworten k&ouml;nnen? &mdash; Ich sehe schwarz in die Zukunft,
+Genossin Brandt, sehr schwarz! Ich f&uuml;rchte, wenn
+erst einmal unsere Alten tot sind, dann f&auml;llt die Partei
+auseinander.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und w&auml;re das wirklich so f&uuml;rchterlich?&laquo; wandte ich ein.
+Er fuhr auf. Seine Augen blitzten mich an wie fr&uuml;her.</p>
+
+<p>&raquo;Genossin Brandt!&laquo; rief er entr&uuml;stet. &raquo;Sollten die
+Leute recht haben, die von Ihnen behaupten, da&szlig; Sie
+nicht mehr die unsere sind?!&laquo;</p>
+<p><a name="Page_623" id="Page_623"></a></p>
+<p>&raquo;So&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte ich gedehnt, &raquo;das also erz&auml;hlt man
+von mir?! Und Ihnen erscheint es m&ouml;glich, weil ich
+eine Spaltung der Partei nicht f&uuml;r den schrecklichsten der
+Schrecken halte?! Es zeugt f&uuml;r ein sehr geringes Vertrauen
+in die Notwendigkeit der Entwicklung zum Sozialismus,
+wenn wir annehmen wollten, da&szlig; solch ein
+Ereignis einen mehr als vor&uuml;bergehenden Nachteil nach
+sich z&ouml;ge. Unser Ziel bleibt doch unver&auml;ndert dasselbe, in
+wie viel Heerscharen wir ihm auch entgegenmarschieren!&laquo;</p>
+
+<p>Reinhards Gesicht f&auml;rbte sich dunkelrot. &raquo;Sie scheinen
+ja ein solches Ungl&uuml;ck fast zu w&uuml;nschen!&laquo; sagte er mit
+verbissenem Grimm.</p>
+
+<p>&raquo;Davon bin ich ebensoweit entfernt wie Sie,&laquo;
+antwortete ich. &raquo;Ich suche nur, Sie und mich von
+der Angst davor zu befreien. Dabei frage ich mich, ob
+es nicht viel korrumpierender f&uuml;r den einzelnen und
+l&auml;hmender f&uuml;r die Aktion der Masse ist, wenn immer
+wieder um der &auml;u&szlig;eren Einheit willen Resolutionen
+angenommen werden, die f&uuml;r sehr viele nur auf dem
+Papiere stehen, und das Erfurter Programm krampfhaft
+aufrecht erhalten wird, obwohl immer weitere Kreise
+von Genossen ganze S&auml;tze daraus f&uuml;r unrichtig halten.
+Die Radikalen, die in der Form des Ausschlusses aus
+der Partei eigentlich nichts anderes wollen als eine
+Spaltung, gehen dabei von einer ganz richtigen Empfindung
+aus: da&szlig; die innere Einheit die Voraussetzung
+der &auml;u&szlig;eren sein mu&szlig;. Nur da&szlig; sie wie Kurpfuscher
+an den Symptomen herumkurieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie w&uuml;&szlig;ten ein Mittel, die Krankheit zu
+heilen?&laquo; Dabei sah Reinhard mich an, als erwartete
+er eine Offenbarung von mir.</p>
+
+<p><a name="Page_624" id="Page_624"></a>Ich lachte. &raquo;Wenn ich ein Mittel w&uuml;&szlig;te, glauben
+Sie, ich h&auml;tte es nicht schon l&auml;ngst auf allen Gassen
+ausgeschrien?! Nur einen Weg dahin glaube ich zu
+wissen. Die &Uuml;bel, unter denen wir leiden, lassen sich
+alle auf eine Ursache zur&uuml;ckf&uuml;hren: die fehlende richtige
+Grundlage unserer Bewegung. Was bisher als solche
+galt, hat sich zu einem Teil als falsch oder nicht ausreichend
+erwiesen.&laquo;</p>
+
+<p>Er machte ein entt&auml;uschtes Gesicht: &raquo;Also ein neues
+Programm! Wenn es weiter nichts ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich las gestern in einem Brief von Hegel einen
+Satz, der sich mir ins Ged&auml;chtnis gepr&auml;gt hat,&laquo; fuhr ich
+fort, &raquo;'die theoretische Arbeit bringt mehr in der Welt
+zustande als die praktische; ist das Reich der Vorstellung
+revolutioniert, so h&auml;lt die Wirklichkeit nicht stand'. Gerade
+wir Revisionisten haben diese tiefe Wahrheit fast
+vergessen. Sie auch, wie ich sehe. Und doch glaube
+ich, h&auml;tten wir ein Programm, das alle inzwischen
+zweifelhaft gewordenen Theorien beiseite lie&szlig;e, alle praktischen
+Forderungen den Entscheidungen des Tages anheimg&auml;be
+und nur den Ausgangspunkt feststellte, &mdash; den
+Klassenkampf, &mdash; und das Ziel, &mdash; die Aufhebung des
+Privateigentums an Produktionsmitteln; wir w&uuml;rden
+weniger zerr&uuml;ttende K&auml;mpfe in unseren Reihen haben,
+und Millionen Au&szlig;enstehender w&uuml;rden nicht Mitl&auml;ufer,
+sondern Parteigenossen werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wundere mich, da&szlig; Sie bei Ihrem gr&uuml;ndlichen
+Aufr&auml;umen den Klassenkampf nicht auch zum Fenster
+hinauswerfen,&laquo; spottete Reinhard mit einem Anflug von
+&Auml;rger.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind hellsehend, lieber Genosse,&laquo; entgegnete ich,<a name="Page_625" id="Page_625"></a>
+&raquo;denn die Form, in die er vor einem halben Jahrhundert
+gezw&auml;ngt wurde, ist freilich unbrauchbar geworden.
+Leute wie ich zum Beispiel haben keinen
+Platz in ihr. Man redet uns ein, und wir glaubten
+es, da&szlig; wir aus reinem selbstlosen Edelmut in die Partei
+eintraten; wir blieben infolgedessen, als nicht recht dazu
+geh&ouml;rig, unsichere Kantonisten in den Augen der geborenen
+Klassenk&auml;mpfer. Ich bin inzwischen schon f&uuml;r
+mich allein von dem Kothurn dieses Edelmuts herabgestiegen
+und habe gefunden, da&szlig; ich mit demselben
+Recht wie der Arbeiter im Klassenkampf stehe. War ich
+nicht, mittellos, auf meine Arbeit angewiesen? War ich
+nicht abh&auml;ngig von meiner Familie, also unfrei?
+Der hungernde Arbeiter sucht freilich in erster Linie
+Brot; aber das k&ouml;nnte ihm auch eine vern&uuml;nftige b&uuml;rgerliche
+Sozialreform sicherstellen. Er ist Sozialdemokrat,
+weil er mehr will: Freiheit. Genau dasselbe, wonach
+ich verlangte, als es mich in die Partei trieb; genau
+dasselbe, wonach Hunderttausende sich sehnen, &mdash; lauter
+Abh&auml;ngige, &mdash; lauter geborene Klassenk&auml;mpfer, die die
+Partei mit ihrem engen: &#8250;die Befreiung der Arbeiter
+kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein&#8249;, mit der
+&#8250;Diktatur des Proletariats&#8249; als notwendiges Befreiungsmittel
+zur&uuml;ckst&ouml;&szlig;t, im besten Falle nur duldet&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Wir waren vor der T&uuml;r meiner Wohnung angekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Selbst wenn Sie recht h&auml;tten, &mdash; was ich nicht
+wei&szlig;&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte Reinhard; &raquo;die radikale Tradition ist viel
+zu stark innerhalb der Arbeiterschaft, als da&szlig; solch eine
+Programm&auml;nderung m&ouml;glich w&auml;re. Mir scheint auch,
+es w&uuml;rde immer noch etwas fehlen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_626" id="Page_626"></a>Ich nickte. &raquo;Es fehlt noch immer etwas, &mdash; ja&nbsp;&mdash;,&laquo;
+meinte ich nachdenklich. Dann trennten wir uns.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Als mein Vortragskursus zu Ende war, bekam
+ich keine Aufforderungen mehr. An meinen
+Zuh&ouml;rern lag das nicht; ihr regelm&auml;&szlig;iges Erscheinen,
+ihr wachsendes Interesse zeugte daf&uuml;r. Aber
+der Einflu&szlig; der Zionsw&auml;chter des Radikalismus war
+st&auml;rker als sie.</p>
+
+<p>&raquo;Nun haben sie dich wieder an der Arbeit verhindert,&laquo;
+sagte mein Mann &auml;rgerlich.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist vielleicht f&uuml;r mich das beste,&laquo; meinte ich. &raquo;Zuviel
+Zweifelfragen sind in mir wach geworden. Jahrelang
+hat das Fieber der Tagesforderungen sie immer
+wieder unterdr&uuml;ckt. Jeder denkende Mensch sollte eigentlich
+die M&ouml;glichkeit haben, sich hie und da von der
+Welt zur&uuml;ckziehen zu k&ouml;nnen, um zu sich selbst zu kommen.
+Trappistenkl&ouml;ster f&uuml;r Ungl&auml;ubige, &mdash; das w&auml;re eine erl&ouml;sende
+Einrichtung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;chtest du den Schleier nehmen?!&laquo; fragte er, &mdash; etwas
+wie Besorgnis sprach sich in seiner Frage aus.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r ein paar Monate, ja!&laquo; entgegnete ich. &raquo;Um
+als ein starkes und frohes Weltkind zur&uuml;ckzukehren.&laquo;</p>
+
+<p>Aber wenn ich ihn ansah, sch&auml;mte ich mich, solche
+W&uuml;nsche zu haben. Er war abgespannt und m&uuml;de.
+Er bedurfte mehr als ich einer Zeit der Ruhe. So
+wenig er von sich selber sprach, ich erfuhr doch, da&szlig; das
+Mi&szlig;lingen sich mit grausamer Hartn&auml;ckigkeit an seine
+Fersen heftete.</p>
+
+<p>Die Sorgen, die er hatte von unserer T&uuml;re fern<a name="Page_627" id="Page_627"></a>halten
+wollen, krochen durch die Fenster herein; aber
+wenn ich sah, wie er ruhig blieb, wie neue Hindernisse
+nur immer neue Widerst&auml;nde in ihm entwickelten, dann
+&uuml;berkam mich das Bed&uuml;rfnis, mich an ihn zu schmiegen,
+ganz dicht, geschlossenen Auges, voll tiefen Vertrauens&nbsp;...</p>
+
+<p>Im Herbst begann ich meine Vortragsreisen wieder.
+Ich mu&szlig;te Geld verdienen. Und was dies Publikum verlangte:
+ein wenig Anregung, ein wenig Sensation, war
+ich f&auml;hig zu geben. Es wurde mir diesmal leichter als
+sonst. Viele Menschen kreuzten meinen Weg, und was
+mir bei den Proletariern begegnet war, das fand ich in
+anderer Form wieder: wer nicht im Genu&szlig;leben ertrank
+oder im Kampf ums Dasein zerrieben wurde, den beherrschte
+ein Gef&uuml;hl brennender Unzufriedenheit, ein unbestimmtes
+Suchen.</p>
+
+<p>Es war die Zeit, wo F&uuml;rst B&uuml;low, in der Hoffnung
+auf diese Weise die Steuerforderungen der Regierung
+durchzusetzen, die unnat&uuml;rliche Verbindung zwischen Liberalen
+und Konservativen herbeigef&uuml;hrt hatte. Wer noch
+vom echten Liberalismus einen Blutstropfen in sich
+f&uuml;hlte, mu&szlig;te sich dieser Paarung sch&auml;men.</p>
+
+<p>Die besten Elemente des B&uuml;rgertums waren politisch
+obdachlos. Ihr steuerloses Schiff n&auml;herte sich unwillk&uuml;rlich
+wieder der Flut des Sozialismus.</p>
+
+<p>&raquo;Den Kulturwert der Arbeiterbewegung erkennt wohl
+jeder von uns an,&laquo; sagte mir ein junger Gelehrter in
+einer kleinen Universit&auml;tsstadt. &raquo;Und da&szlig; ihr &ouml;konomisches
+Streben zugleich ein sittliches ist, wird kein objektiv
+Denkender bestreiten. Sie ist im Kampf gegen
+die Reaktion auch die Hoffnung derer, die nur zusehen
+m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_628" id="Page_628"></a>Der Kreis der modernen Snobisten, die aus der Erkenntnis
+der Notwendigkeit sauberer W&auml;sche und reiner
+N&auml;gel eine Weltanschauung konstruiert und Rombergs
+Ausspruch, da&szlig; Bildung und Politik unvereinbare Begriffe
+w&auml;ren, zu dem ihren gemacht hatten, schrumpfte
+sichtlich zusammen.</p>
+
+<p>Und auch auf anderen Gebieten geistiger Interessen
+wuchs die Innerlichkeit, der Ernst. Aus einer Spielerei
+m&uuml;&szlig;iger Stunden wurde die Kunst zu einer Angelegenheit
+pers&ouml;nlichen Lebens, &mdash; eine Kunst, die von den
+G&ouml;ttern und Madonnen zur Erde herabgestiegen war,
+die den charakteristischen Stempel innerer Notwendigkeit
+allem aufpr&auml;gte, &mdash; vom geringf&uuml;gigen Gebrauchsgegenstand
+bis zum hamburger Bismarckdenkmal. Aus
+einer Tradition, der man sich nur an jedem Feiertag
+erinnerte, wurde die Religion zu einer die Gem&uuml;ter erregenden
+Bewegung; daneben dr&auml;ngten p&auml;dagogische und
+sexuelle Probleme sich mehr und mehr in den Vordergrund,
+und neben den alten Werten der Schule, der
+Ehe, der Familie, erschienen wie aus Flammen gebildet
+riesengro&szlig;e Fragezeichen.</p>
+
+<p>Als eine reaktion&auml;re Masse wurde die Bourgeoisie
+nach altem Rezept von der Partei bezeichnet. Die
+Wirklichkeit strafte sie L&uuml;gen. Was ich sah, war
+wie ein Strom, dessen Wassermassen der alten
+D&auml;mme zu spotten schienen und sich nun wahllos,
+ziellos ausbreiteten. Es fehlte nur das neue Bett,
+um ihre gro&szlig;e Kraft zu vereinen und nutzbar zu
+machen.</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hlte, wie ich froh wurde angesichts der neuen
+Erkenntnis, wie meine Hoffnung ihre Fl&uuml;gel regte und<a name="Page_629" id="Page_629"></a>
+&Uuml;berzeugungen, die im Sturm der Zweifel geschwankt
+hatten, nur noch tiefere Wurzeln schlugen.</p>
+
+<p>Aber es war, als st&uuml;nde unser Leben unter einem
+b&ouml;sen Zauber: Sahen junge Triebe der Freude mit
+einem hellen Fr&uuml;hlingsl&auml;cheln aus dem Erdboden hervor,
+so prasselten Hagelk&ouml;rner vom Himmel und schlugen
+sie grausam nieder.</p>
+
+<p>Mitten in einer Vortragsreise versagte meine Stimme
+v&ouml;llig. Was die &Auml;rzte schon lange vorausgesagt hatten,
+geschah: von einer T&auml;tigkeit wie der bisherigen konnte
+keine Rede sein.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Was nun? Ich sa&szlig; vor meinem Schreibtisch, &mdash; einem
+ganz alten aus hellem
+Birnbaumholz mit schwarzen S&auml;ulchen,
+der fr&uuml;her irgendwo in einem Winkel gestanden hatte, &mdash; und
+lehnte mich m&uuml;de in den tiefen Stuhl zur&uuml;ck.
+Gro&szlig;mutters Stuhl! Mir war, als s&auml;he ich sie
+vor mir: das schmale, dunkle Gesicht mit den gro&szlig;en
+Augen, und einem L&auml;cheln um die feinen Lippen, das
+&uuml;ber alles Erdenleid zu triumphieren schien. Viel, viel
+zu fr&uuml;h hatte ich sie verloren! Pl&ouml;tzlich fielen mir die
+Papiere ein, die ich von ihr besa&szlig;: Briefe, Tagebuchnotizen,
+Stammb&uuml;cher. Sie hatte sie mir hinterlassen,
+mir allein. Als ob sie mir sich selbst habe schenken
+wollen. Ich suchte sie hervor und las und las. Aus
+den vergilbten Bl&auml;ttern duftete der Fr&uuml;hling berauschend,
+und die Sonne schien bis tief hinein in das winterstarre
+Herz, und aus schweren dunkeln Wolken str&ouml;mte
+<a name="Page_630" id="Page_630"></a>warmer Regen, segenspendender. Und eine weiche Hand
+streichelte mich, als w&auml;re auch ich krank, sehr krank.</p>
+
+<p>Ihr Leben war voll stiller K&auml;mpfe gewesen, und aus
+einem jeden war sie st&auml;rker hervorgegangen. Es hatte
+ihr den Geliebten ihrer Jugend, hatte ihr Freunde und
+Kinder geraubt, und ihr Herz war bei jedem Verlust
+nur reicher geworden an Kraft und Liebe. Dann war
+sie einsam zur&uuml;ckgeblieben, zwischen lauter Fremden, und
+war doch nicht bitter geworden, und verstand auch den
+Fernsten und den &Auml;rmsten. Nur eins &uuml;berwand sie nie:
+das unverschuldete Elend in der Welt&nbsp;&mdash;.</p>
+
+<p>Ich ging jeder Regung ihrer Seele, jeder Spur ihres
+Daseins nach. Dabei entdeckte ich ein Gewebe feiner
+F&auml;den, das sich von ihr bis zu mir her&uuml;berspann, eine
+ununterbrochene Folge von Ursache und Wirkung, eine
+eherne Gesetzm&auml;&szlig;igkeit.</p>
+
+<p>Nun schrieb ich das Buch von ihr, weil ich es schreiben
+mu&szlig;te. Von fr&uuml;h bis sp&auml;t arbeitete ich. Es war dabei
+sehr still um mich und in mir. Nur wenn ein
+Brief von meinem Kinde kam, &mdash; einer jener kurzen,
+frohen, lebenspr&uuml;henden Zeichen seiner Jugendkraft, &mdash; nahmen
+meine Gedanken eine andere Richtung an. Aber
+sie trieben mir nicht mehr die Tr&auml;nen in die Augen:
+denn mein Sohn lebte, mein Sohn blieb mir nah, auch
+wenn er fern war. Meiner Gro&szlig;mutter Kinder waren
+ihr fern gewesen, wenn sie sie mit H&auml;nden hatte greifen,
+mit Augen hatte sehen k&ouml;nnen. Und auch daran war sie
+nicht zugrunde gegangen. Sie hatte standgehalten.</p>
+
+<p>Ich schrieb wie im Fieber. Die Arbeit war wie eine
+W&uuml;nschelrute. Sie schlo&szlig; in meinem Innern lauter
+versch&uuml;ttete Quellen auf.</p>
+
+<p><a name="Page_631" id="Page_631"></a>Von dem gl&uuml;henden Abendhimmel der klassischen Periode
+Weimars war der Gro&szlig;mutter Jugend umstrahlt
+gewesen; die geistigen Heroen des neunzehnten Jahrhunderts
+hatten auf ihren Lebensweg breite Schatten
+geworfen. Je deutlicher mir der geistige Werdegang
+der Vergangenheit entgegentrat, zu desto klareren Bildern
+schoben sich die scheinbar wirr durcheinanderlaufenden
+Zeichen der Gegenwart zusammen. Unter dem
+Gesetz dieses gro&szlig;en Entwicklungsprozesses stand auch
+ihr Leben; das gab ihm seine Bedeutung, so eng, so
+still es an sich auch gewesen war.</p>
+
+<p>Mein Buch erschien. Und pl&ouml;tzlich schien die Gro&szlig;mutter
+nicht nur f&uuml;r mich lebendig geworden. Sie
+stand da, mitten in der Welt und redete mit den Menschen.
+Selbst aus den verstimmten Instrumenten der Seelen
+lockte sie wie einst Melodien hervor. Viele kamen und
+dankten mir, als ob ich sie geschaffen h&auml;tte!</p>
+
+<p>Nur in der Parteipresse gab es Leute, die mich beschimpften;
+es war in dem Buch auch von F&uuml;rsten
+und Aristokraten die Rede, die keine Schufte waren.
+Als ich es las und mein Herz dabei nicht einmal schneller
+klopfte, erschrak ich: Sollte ich so stumpf geworden sein?
+Oder stand ich den alten Genossen so fern? Erst allm&auml;hlich
+fing ich an, mich selbst zu verstehen.</p>
+
+<p>&raquo;Geht es dir so nahe, da&szlig; du nicht dar&uuml;ber zu sprechen
+vermagst?&laquo; fragte mich mein Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Es &auml;rgert mich nicht einmal,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>Sein Gesicht leuchtete auf: &raquo;So stehst du endlich &uuml;ber
+den Dingen und wertest die Menschen, wie sie es verdienen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du verstehst mich nicht ganz,&laquo; wandte ich ein. &raquo;Nicht
+<a name="Page_632" id="Page_632"></a>nur weil ich wei&szlig;, da&szlig; sie mir in Wahrheit nichts anhaben
+k&ouml;nnen, gr&auml;me ich mich nicht mehr &uuml;ber Urteile
+wie diese, sondern weil ich sie verstehe&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich ungl&auml;ubig l&auml;chelnd an.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich verstehe sie,&laquo; wiederholte ich. &raquo;Uns trennt
+ein un&uuml;berbr&uuml;ckbarer Abgrund: der der inneren Kultur.
+Wie die Genossinnen sich st&auml;ndig &uuml;ber mein &Auml;u&szlig;eres
+&auml;rgerten, &mdash; weil ich eben anders war als sie, &mdash; so
+mu&szlig; der Durchschnitt der Genossen an meinem Wesen
+Ansto&szlig; nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm&nbsp;&mdash;,&laquo; machte mein Mann, &raquo;das klingt&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr hochm&uuml;tig,&laquo; vollendete ich. &raquo;Ganz gewi&szlig;!
+Und doch ist es weit von jedem Hochmut entfernt. Was
+ich wurde, bin ich anderen schuldig: Nicht nur meinen
+Vorfahren, sondern auch den vielen Tausenden, die deren
+gesicherte Existenz, deren geistige Entwicklung durch ihr
+sklavisches Arbeitsleben erst m&ouml;glich machten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Folgerst du nun aus deiner Behauptung, da&szlig; Menschen
+wie du sich von der Partei fern halten m&uuml;&szlig;ten? Da&szlig;
+also der Satz: &#8250;Die Befreiung der Arbeiterklasse kann
+nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein&#8249; im Sinne
+der radikalen Genossen, die heute jeden &Uuml;berl&auml;ufer
+zur&uuml;ckweisen m&ouml;chten, aufgefa&szlig;t werden darf?&laquo; fragte
+Heinrich interessiert.</p>
+
+<p>&raquo;Damit w&uuml;rde ich mich selbst negieren,&laquo; rief ich lebhaft.
+&raquo;Ich folgere zun&auml;chst etwas rein Pers&ouml;nliches: da&szlig;
+ich den Genossen unrecht tat, wenn ich ihnen ihre Feindseligkeit
+zum Vorwurf machte; da&szlig; es himmelblauer,
+allen realen Erfahrungen spottender Idealismus war,
+wenn ich von ihnen Anerkennung, Verst&auml;ndnis, Anteilnahme
+erwartete. Sind sie uns denn in ihrer Masse
+<a name="Page_633" id="Page_633"></a>pers&ouml;nlich anziehend? St&ouml;ren uns nicht schon eine Menge
+blo&szlig;er &Auml;u&szlig;erlichkeiten? Verstehen wir sie denn so gut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du vergi&szlig;t, wie mir scheint,&laquo; warf Heinrich ein,
+&raquo;da&szlig; eine Reihe Akademiker ganz im Proletariat aufging&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube es nicht, so demagogisch sie sich auch geb&auml;rden
+m&ouml;gen, um den Anschein zu erwecken, es w&auml;re
+so,&laquo; entgegnete ich. &raquo;Wenn ihre Kultur nicht nur
+T&uuml;nche ist, so r&auml;cht sich ihre Heuchelei in stillen Stunden
+bitter an ihnen. Wei&szlig;t du&nbsp;&mdash;,&laquo; f&uuml;gte ich langsam hinzu,
+&raquo;sobald ich mir Wanda Orbins fr&uuml;h gealterte, durchfurchte
+Z&uuml;ge vergegenw&auml;rtige, bin ich gewi&szlig;, da&szlig; sie
+empfindlich darunter leidet&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Heinrich runzelte die Stirn: &raquo;Du gehst denn doch ein
+wenig weit in deinem Mitgef&uuml;hl. Willst du vielleicht
+auch ihr Verhalten gegen dich besch&ouml;nigen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Besch&ouml;nigen &mdash; nein; erkl&auml;ren &mdash; ja! Sie mu&szlig;
+herrschen, um die Preisgabe der inneren Freiheit ertragen
+zu k&ouml;nnen. Infolgedessen beseitigt sie jeden, der
+ihr im Wege steht, &mdash; ganz abgesehen davon, da&szlig; ich
+ihrem fanatischen Radikalismus als Sch&auml;dling erscheinen
+mu&szlig;te!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Endresultat deiner Erw&auml;gungen,&laquo; sagte mein
+Mann mit einem leisen Spott im Ton der Stimme, &raquo;ist
+demnach ein erhaben christliches: Liebet eure Feinde,
+segnet, die euch fluchen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich hob abwehrend beide H&auml;nde. &raquo;Nein, nein,
+nein!&laquo; rief ich aus und stand auf, um mit raschen
+Schritten im Takt meines Herzschlages auf und ab zu
+gehen. &raquo;Vom Christentum bin ich weiter entfernt denn
+je. Die tief eingewurzelte christliche Auffassungsweise ist
+<a name="Page_634" id="Page_634"></a>es ja, die uns zu so falscher Stellungnahme getrieben
+hat. Da ist zun&auml;chst die christliche Idee der Selbstaufopferung.
+Keiner von uns &Uuml;berl&auml;ufern, mich selbst eingeschlossen,
+hat sich nicht zuweilen mit einer Art pf&auml;ffischer
+Selbstzufriedenheit an seinem eigenen Opfermut berauscht,
+hat sich nicht innerlich vorgerechnet, was er alles um der
+Sache willen aufgab, hat sich nicht das Leben in dem
+Gef&uuml;hl verbittert, da&szlig; die Genossen dieses Opfer nicht zu
+w&uuml;rdigen verstehn. Wenn ich schon als Kind au&szlig;erstande
+war, den Opfertod Christi als solchen zu empfinden, &mdash; nicht
+nur, weil er als Gottessohn die Gewi&szlig;heit
+ewigen Lebens besa&szlig;, sondern weil es mir nicht
+so heldenhaft erschien, in der Ekstase des Glaubens f&uuml;r
+die Erl&ouml;sung der ganzen Menschheit zu sterben, &mdash; so
+wei&szlig; ich jetzt, da&szlig; unser Opfer gar kein Opfer ist,
+sondern im Gegenteil Selbstbehauptung. Es w&auml;re ein
+Opfer gewesen, &mdash; und eine S&uuml;nde wider den Geist
+wie jedes &#8250;Opfer&#8249;, &mdash; wenn ich mich nicht zum Sozialismus
+bekannt h&auml;tte. Seiner &Uuml;berzeugung nicht folgen,
+die Stimmen seines Innern nicht h&ouml;ren wollen, &mdash; das
+allein sind Opferungen; die sie bringen, sind arme
+Lebensschwache. Auch ich habe mich solcher S&uuml;nden
+schuldig gemacht: als ich mich einmal Wanda Orbin
+unterwarf, als ich Forderungen meines Geistes und
+Herzens zum Schweigen brachte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch des Herzens?&laquo; unterbrach mich mein Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du nicht mehr, &mdash; damals, &mdash; als meine
+Sehnsucht nach dir rief &mdash; und ich sie unterdr&uuml;ckte!&laquo;</p>
+
+<p>Er nickte mit gesenktem Kopf. &raquo;Ich habe mir
+schweren Schaden getan,&laquo; bekannte ich, als spr&auml;che ich
+jetzt nur mit mir selber, &raquo;die Liebe ist eine Quelle der<a name="Page_635" id="Page_635"></a>
+Kraft. Da&szlig; so viele Frauen so klein sind und so armselig,
+liegt wohl nur daran, da&szlig; sie sich selbst verurteilen,
+daneben zu stehn, w&auml;hrend die anderen die freien Glieder
+in ihrem brausenden Strome baden.&laquo;</p>
+
+<p>Heinrich sah auf. Sein Blick forschte in meinen
+Z&uuml;gen. &raquo;Hast du &mdash; noch andere Opfer gebracht?
+Herzensopfer &mdash; meine ich,&laquo; fragte er langsam. Ich
+pre&szlig;te die Handfl&auml;chen krampfhaft aneinander.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Kind&nbsp;&mdash;,&laquo; kam es m&uuml;hsam &uuml;ber meine Lippen.</p>
+
+<p>Wir schwiegen beide. Ich mu&szlig;te mir ein paarmal
+mit der Hand &uuml;ber die Stirne streichen; mit schweren,
+grauen Schwingen strichen die V&ouml;gel meiner Schmerzen
+mir um das Haupt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dich aus deinem Gedankengang gerissen, &mdash; verzeih!&laquo;
+kn&uuml;pfte Heinrich das Gespr&auml;ch nach einer langen
+Pause wieder an. &raquo;Von der christlichen Idee der Selbstaufopferung
+gingst du aus&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit ihr haben wir nur immer uns selbst irre gef&uuml;hrt,&laquo;
+fuhr ich fort, &raquo;aber mit den anderen f&uuml;hren wir
+die Massen irre: mit der Gleichheit aller im Sinne
+gleichen Wertes und gleicher Entwicklungsf&auml;higkeit, mit
+der Br&uuml;derlichkeit im Sinne gegenseitigen Verst&auml;ndnisses.
+Als ob die Natur, die jeden Grashalm vom anderen
+unterschied, den Menschen nicht eine noch reichere Mannigfaltigkeit
+erm&ouml;glichen sollte; &mdash; als ob wahre Br&uuml;derlichkeit
+nicht immer seltener, daf&uuml;r aber immer tiefer w&uuml;rde,
+je mehr wir uns entwickeln! Nat&uuml;rliche Schranken
+respektieren, statt sie niederzurei&szlig;en, &mdash; Distanzen anerkennen,
+statt sie mit Phrasen zu &uuml;berbr&uuml;cken, &mdash; kurz, im
+Sinne der Entwicklung handeln, die stets vom Einf&ouml;rmigen
+zum Vielfachen schreitet, &mdash; das w&auml;re unsere Aufgabe!<a name="Page_636" id="Page_636"></a>
+Statt dessen ziehen wir unter der Maske der Br&uuml;derlichkeit
+den D&uuml;nkel gro&szlig;, rotten die Ehrfurcht vor den
+Heroen des Geistes aus, so da&szlig; schlie&szlig;lich jeder Hans
+Narr einen Goethe Bruder nennt. Von dem Dreigestirn
+der Forderungen, das die Revolution vom Christentum
+&uuml;bernahm und der Sozialismus von beiden, wird
+nur eins &uuml;brig bleiben: die Freiheit!&laquo;</p>
+
+<p>Es wurde wieder sekundenlang still zwischen uns.
+&raquo;Vielleicht begegnen wir einander allm&auml;hlich in unseren
+Gedankeng&auml;ngen und k&ouml;nnten dann wenigstens noch zu
+jener seltenen Br&uuml;derlichkeit gelangen&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte Heinrich
+schlie&szlig;lich.</p>
+
+<p>Mit einer raschen Bewegung n&auml;herte ich mich ihm
+und legte den Arm um seinen Hals. Der Klang
+seiner Stimme tat mir zu weh. Er l&ouml;ste sich sanft
+aus der Umschlingung. &raquo;Nicht so, Alix&nbsp;&mdash;,&laquo; sagte
+er leise; &raquo;wei&szlig;t du noch, wie du einmal zu mir sagtest:
+der Stunde sollten wir warten, der wir gehorchen
+m&uuml;ssen?! &mdash; Ich f&uuml;rchte, sie ist noch fern&nbsp;&mdash;!&laquo; Und in
+ruhigem Gespr&auml;chston fuhr er fort: &raquo;Du wirst dich dar&uuml;ber
+in keiner T&auml;uschung befinden: Alles, was du sagtest,
+ist f&uuml;r die heutige Sozialdemokratie Ketzerei.&laquo; Ich nickte.</p>
+
+<p>&raquo;Noch kennt sie niemand als du. Aber sollten die
+losen Gedanken sich zur Kette zusammenschieben, so werde
+ich den Schatz nicht in meine Truhe legen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch wenn sie dich bezichtigen, falsches Gold zu
+fabrizieren?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich warf den Kopf zur&uuml;ck. Ein hei&szlig;es Gef&uuml;hl der
+Kampflust str&ouml;mte mir durch die Adern und bewies mir,
+da&szlig; ich lebte. &raquo;Auch dann!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_637" id="Page_637"></a></p>
+
+<p>Das Erbe meiner Gro&szlig;mutter befreite mich von
+einem gut Teil &auml;u&szlig;erer Sorgen. Und jetzt
+erst, da die Not, dieser Sklavenhalter, nicht
+mehr hinter mir stand, f&uuml;hlte ich alle Striemen, mit
+denen ihre Peitschenschl&auml;ge meinen K&ouml;rper gezeichnet
+hatten. Ich sah die Bl&auml;sse meiner Wangen, die Falten
+um meinen Mund, die m&uuml;den Augen. Und doch
+wollte ich nicht alt sein, denn noch lag ein Leben vor
+mir, und ich wollte nicht h&auml;&szlig;lich sein, denn eine tiefe,
+tiefe Sehnsucht trieb mir hei&szlig;es Blut durch die Adern.</p>
+
+<p>Ich ging in ein Sanatorium in die N&auml;he von Dresden,
+um gesund zu werden. Unter dem Menschenschwarm
+aus der alten und neuen Welt, der sich dort ein Stelldichein
+zu geben schien, traf ich auch einen Bekannten:
+Hessenstein. Meinen alten T&auml;nzer, einen der
+gl&auml;nzendsten Kavaliere der Westf&auml;lischen Gesellschaft,
+h&auml;tte ich in dem grauhaarigen Mann mit dem gebeugten
+R&uuml;cken kaum wiedererkannt.</p>
+
+<p>&raquo;Merkw&uuml;rdig,&laquo; sagte er nach der ersten Begr&uuml;&szlig;ung,
+&raquo;Sie sind immer noch Alix von Kleve! &mdash; Eben las
+ich Ihr Buch. Daraus erfuhr ich, da&szlig; Sie auch innerlich
+noch Alix von Kleve sind, oder &mdash; besser gesagt &mdash; da&szlig;
+Sie heimkehrten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie meinen Sie das?&laquo; fragte ich l&auml;chelnd. &raquo;Ich
+brauchte nicht heimzukehren, denn ich war immer bei
+mir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch als Sie noch zu den Singer, Stadthagen,
+Luxemburg, und wie die Zierden der Partei alle hei&szlig;en
+m&ouml;gen, geh&ouml;rten?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich war und bin Sozialdemokratin, &mdash; damit geh&ouml;re
+<a name="Page_638" id="Page_638"></a>ich meiner &Uuml;berzeugung, nicht den Menschen,&laquo; antwortete
+ich merklich k&uuml;hler werdend.</p>
+
+<p>&raquo;Wie, Sie sind nicht aus der Partei ausgetreten und
+konnten dies schreiben&nbsp;&mdash;,&laquo; er zog das Buch von der
+Gro&szlig;mutter aus der Tasche, &raquo;&mdash;&nbsp;das Werk eines vollendeten
+Aristokraten&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben einmal andere Ansichten gehabt, Herr
+von Hessenstein,&laquo; unterbrach ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Wer von uns h&auml;tte nicht t&ouml;richten Tr&auml;umen nachgehangen?!&laquo;
+meinte er.</p>
+
+<p>Wir sahen einander oft, und es tat mir wohl, einem
+teilnehmenden Menschen von meinem Leben zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>An einem k&uuml;hlen Herbsttag, &mdash; dem letzten vor meiner
+Abreise, wanderten wir auf die Heide hinaus. &raquo;Ich
+liebe sie,&laquo; sagte Hessenstein, &raquo;sie geht mit so stiller
+W&uuml;rde dem Winter entgegen, ohne sich durch &uuml;berfl&uuml;ssige
+St&uuml;rme &uuml;ber die Hoffnungslosigkeit der Situation aufzuregen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun wei&szlig; ich endlich, warum ich sie nicht liebe,&laquo;
+antwortete ich; &raquo;diese Ergebung in das Schicksal wird
+mir immer fremd sein. Ich w&uuml;rde mich an den Sommer
+klammern, wenn es Winter werden wollte.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich kopfsch&uuml;ttelnd an: &raquo;Nach all Ihren Erfahrungen
+diese Lebenskraft?! Nachdem all Ihre Opfer
+nutzlos waren?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich schwieg betroffen still. Die Frage, ob ich genutzt
+hatte oder nicht, hatte ich mir selbst nie gestellt. Ich
+&uuml;berlegte: all die Reformen, f&uuml;r die ich in hartem
+Kampf gegen die Genossen eingetreten war, kamen mir
+jetzt, aus der Vogelperspektive, nicht mehr so weltersch&uuml;tternd
+vor. Aber immerhin; sie hatten sich durch<a name="Page_639" id="Page_639"></a>gesetzt.
+Die Dienstbotenbewegung war im Gang, die
+Mutterschaftsversicherung war zur Forderung der Partei
+geworden; die Haushaltungsgenossenschaft stand wenigstens
+auf dem Diskussionsprogramm; selbst jene Zentralstelle
+der Arbeiterinnenbewegung, deren Forderung mir
+fast den Hals gekostet hatte, war vor ein paar Jahren
+geschaffen worden und funktionierte vortrefflich. Und
+wie viele mochte ich dem Sozialismus gewonnen haben?
+Ich sah wieder gl&auml;nzende Augen auf mich gerichtet,
+f&uuml;hlte den Druck schwieliger H&auml;nde, h&ouml;rte den Siegesjubel
+mich umbrausen&nbsp;&mdash;.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte ich hell und laut, &raquo;meine Arbeit ist
+nicht nutzlos gewesen! Es gibt kein Wort, das nicht
+die Luft in Schwingung versetzt, keinen Gedanken, der
+sich nicht weiterpflanzt! &mdash; Und da&szlig; ich in der Partei
+aushalte?! Meinen Sie denn, es w&uuml;rde an
+meiner &Uuml;berzeugung irgend etwas ge&auml;ndert werden,
+wenn ich ihr nicht offiziell angeh&ouml;rte, oder wenn sie, &mdash; was
+ich nicht f&uuml;r unm&ouml;glich halte, &mdash; mich noch
+einmal gehen hei&szlig;t? Gewi&szlig;, ich zweifle an der Richtigkeit
+mancher ihrer Programmforderungen, ich halte
+ihre Taktik sehr oft f&uuml;r falsch, ich sehe, da&szlig; sie
+von hundert Sch&ouml;nheitsfehlern behaftet ist, &mdash; aber all
+das vermag die Hauptsache nicht zu ersch&uuml;ttern. Der
+Sozialismus ist das einzige Mittel, um die Menschheit
+aus dem Zustand der Barbarei auf die erste Stufe der
+Kultur zu erheben&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Er legte beschwichtigend seine schmale, blauge&auml;derte
+Hand auf die meine. &raquo;Sie sind in keiner Volksversammlung,&laquo;
+sagte er; &raquo;sie brauchen nicht so starke Farben
+aufzutragen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+<p><a name="Page_640" id="Page_640"></a></p>
+<p>&raquo;Ich trage sie nicht auf. Ich spreche in ruhigster
+&Uuml;berlegung,&laquo; fuhr ich fort. &raquo;Oder ist es etwa keine
+Barbarei, da&szlig; die &uuml;berwiegende Masse der Menschheit,
+da&szlig; Millionen, viele Millionen, von Kindheit an bis
+zum Greisenalter zu h&auml;rtestem Frondienst verurteilt sind,
+da&szlig; sie von dem einzigen Sinn des Lebens, der Entfaltung
+der Pers&ouml;nlichkeit zur h&ouml;chsten Potenz ihrer
+Leistungs- und Genu&szlig;kraft, durch den Zufall der Geburt
+und des Besitzes ausgeschlossen sind?! Die Befreiung des
+Menschen von den blinden Gesetzen des Schicksals, die
+vollkommene Unterjochung der Materie unter den Geist, &mdash; das
+ist uns das Ziel; einer fernen Zukunft aber
+wird es zweifellos erst als der Anfang der Menschheitsentwicklung
+erscheinen.&laquo;</p>
+
+<p>Mein Begleiter blieb stumm. Erst als wir droben
+von der Heide in den herbstbunten Wald schritten, sprach
+er wieder. &raquo;Ich bewundere Ihren Glauben. Sollte
+wirklich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel
+solchem Ziel entgegenf&uuml;hren?! Dann w&auml;re es allerdings
+str&auml;flich, sich ihrer Durchsetzung entgegenzustemmen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe zun&auml;chst kein anderes,&laquo; antwortete ich. &raquo;Freilich:
+ein aktuelles Problem ist sie nicht. Aber so etwas
+wie eine regulative Idee. Im &uuml;brigen: ich schw&ouml;re ja
+nicht darauf. Ich kann mir vorstellen, da&szlig; sie einmal
+durch andere Forderungen erg&auml;nzt werden m&uuml;&szlig;te. Aber
+das Ziel ist f&uuml;r mich unverr&uuml;ckbar.&laquo;</p>
+
+<p>Wir n&auml;herten uns wieder dem Sanatorium. &raquo;Sie
+gehen nach Java zur&uuml;ck?&laquo; fragte ich, ehe wir uns trennten.
+&raquo;Nein,&laquo; entgegnete er. &raquo;Dreizehn Jahre habe ich da
+unten gelebt, &mdash; eine b&ouml;se Zahl! &mdash; Ich bin dabei ein
+reicher Mann geworden. Aber kein gl&uuml;cklicher. Jetzt
+<a name="Page_641" id="Page_641"></a>will ich&nbsp;&mdash;,&laquo; er sch&uuml;rzte in bitterer Selbstverh&ouml;hnung die
+Lippen, &raquo;&mdash;&nbsp;mein Leben als Europ&auml;er genie&szlig;en. Sie
+sehen: Ihre ersehnte Beherrschung der Materie ist keine
+zuverl&auml;ssige Grundlage des Gl&uuml;cks.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gl&uuml;cklichsein &mdash; im Sinne der Befriedigung unserer
+Triebe ist doch auch nur ein Herdenideal. Wessen Leben
+es ausf&uuml;llt, der ist entweder ein Schw&auml;chling oder ein
+Greis&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Er dr&uuml;ckte mir die Hand. &raquo;Sie sind eine merkw&uuml;rdige
+Frau. Vielleicht komme ich nach Berlin und lerne auf
+meine alten Tage noch leben. Nur eins geben Sie
+mir bitte jetzt schon auf den Weg: Sind Sie so kalt,
+da&szlig; Sie das Gl&uuml;ck ganz auszuschalten verm&ouml;gen, und &mdash; wenn
+nicht &mdash; was verstehen Sie darunter?&laquo;</p>
+
+<p>Ich atmete tief auf. Ich sah mich an einem Tage
+wie diesem mit dem Geliebten im Wald, &mdash; die Sehnsucht
+packte mich, so hei&szlig;, so stark, da&szlig; ich erschauerte.
+Aber dem fremden Mann, der erwartungsvoll vor mir
+stand, h&auml;tte ich nicht sagen k&ouml;nnen, was mich bewegte.
+&raquo;Kampf, &mdash; Kraftentfaltung, &mdash; Widerst&auml;nde beseitigen, &mdash; sie
+aufsuchen, wenn sie sich nicht von selbst ergeben, &mdash; darin
+kulminiert das Lebensgef&uuml;hl der Starken,&laquo; sagte ich.</p>
+
+<p>Er verabschiedete sich. Ich sah ihn im Hause verschwinden,
+mit gebeugtem R&uuml;cken, sehr m&uuml;de.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Auf der Heimfahrt klopfte mir das Herz unruhiger
+als sonst. Ich dachte an Heinrich. Seine Lebensauffassung
+war's, der ich Worte geliehen, an
+der ich mich selbst zuerst aufgerichtet hatte, und die
+nun wie ein Fluidum in meine Seele gestr&ouml;mt war.<a name="Page_642" id="Page_642"></a>
+Ein Gef&uuml;hl tiefer Zusammengeh&ouml;rigkeit &uuml;berkam mich,
+das ich noch nie empfunden hatte, &mdash; am wenigsten
+dann, als wir, an den gleichen Pflug gespannt, unzertrennlich
+waren. Vielleicht, da&szlig; Freunde so miteinander
+leben und arbeiten k&ouml;nnen; &mdash; Liebende nicht, sicher nicht!
+Aber sind es nicht die besten Ehen, die zur Freundschaft
+werden? Oder ist das nicht auch eine jener alle Nat&uuml;rlichkeit
+knechtenden Anschauungen, die wir armen Menschen uns von
+der Moral des Christentums einpauken lie&szlig;en, einer Moral,
+f&uuml;r die die Sinne und die S&uuml;nde identisch waren, der
+ihre &Uuml;berwindung als der Tugend Krone erschien?! Ehe
+ist der Bund zweier Liebenden; wo sie zur blo&szlig;en Freundschaft
+wurde, sind die Sinne tot oder &auml;ugen sehns&uuml;chtig
+nach anderer Befriedigung.</p>
+
+<p>Die Ehe von einst beruhte auf der Autorit&auml;t des
+Mannes gegen&uuml;ber der Frau, der Autorit&auml;t der Eltern
+gegen&uuml;ber den Kindern, &mdash; ein Staat im kleinen mit
+Herren und Knechten. Jetzt aber stehen Individualit&auml;ten
+einander gegen&uuml;ber. Das Leben von einst l&auml;&szlig;t
+sich ihnen wohl noch aufzwingen, aber sie zerbrechen
+daran. Zur Herdflamme wird die Liebe nicht mehr.
+Aber zum lodernden Opferbrand an den hohen Festen
+des Lebens!</p>
+
+<p>F&uuml;r die Liebe ist der sicherste Tod die Unfreiheit.
+Sie w&auml;chst mit dem Pathos der Distanz.</p>
+
+<p>Wie ein kleines M&auml;dchen, das zum ersten Male liebt,
+wagte ich kaum mir selbst zu gestehen, was ich f&uuml;hlte.
+Als mein Mann mich am Bahnhofe empfing und mir
+die Hand k&uuml;&szlig;te, err&ouml;tete ich. Und abends ertappte ich
+mich dabei, wie ich im Spiegel forschend meine Z&uuml;ge
+musterte und die Haare anders zu stecken versuchte. &mdash; Er<a name="Page_643" id="Page_643"></a>
+war jetzt immer so f&ouml;rmlich, so ritterlich zu mir!
+Ob ich am Ende zu alt war: &mdash; Zweiundvierzig Jahre!
+In Paris hatte ich Frauen gesehen, die &auml;lter waren als
+ich und doch noch sch&ouml;n. Freilich: das Leben hatte
+mich gezeichnet! &mdash; Ganz heimlich &mdash; ich h&auml;tte mich
+sonst vor ihm zu sehr gesch&auml;mt! &mdash; fing ich an, mich mehr
+zu pflegen als sonst, die Farbe meiner Kleider, die
+Form meiner H&uuml;te sorgf&auml;ltiger auszuw&auml;hlen. Ich verschwendete
+fast. Ganz, ganz in der Ferne sah ich
+einen neuen Sommer voll Glanz und Glut. Noch
+lag er im Zauberschlaf, tief unten in der winterstarren
+Erde. Aber meine Sehnsucht trog mich nicht: er mu&szlig;te
+kommen.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_644" id="Page_644"></a></p>
+<h2><a name="Neunzehntes_Kapitel" id="Neunzehntes_Kapitel"></a>Neunzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>In Eis gepanzert, einen langen Mantel von Schnee
+um die Schultern, trat das neue Jahr seine
+Herrschaft an. Gleichg&uuml;ltig sahen seine kalten
+Augen &uuml;ber die Menge hinweg, die jammernd die Arme
+zu seinem Thron erhob.</p>
+
+<p>Die Not war gro&szlig;. Brot und Fleisch waren teuer,
+und f&uuml;r die Menschenkraft, die sich billig anbot, gab es
+keine Arbeit. Der Winter trieb die Arbeitslosen in
+Scharen in die W&auml;rmehallen; vom fr&uuml;hen Nachmittag
+an dr&auml;ngten sich die Obdachsuchenden vor den Asylen.
+Wer in ihre N&auml;he kam, den trafen Blicke, in denen
+der Ha&szlig; gegen die Herrschenden, der Groll mit dem
+Schicksal flammte. Das waren keine Almosen heischenden
+Bettler mehr, keine in ein gottgewolltes Geschick
+Ergebenen.</p>
+
+<p>Das Proletariat f&uuml;llte den ganzen Winter &uuml;ber die
+S&auml;le, um gegen eine Politik zu protestieren, die zwar
+mit den Insignien des Konstitutionalismus prunkte, aber
+nur ein Werkzeug des Absolutismus war. Es wu&szlig;te
+von den Millionen neuer Steuern, die drohten, es
+hatte erfahren, da&szlig; es gegen die geeinte Reaktion
+machtlos war, da&szlig; die eiserne Hand Preu&szlig;ens auf ihm
+ruhte, wenn es sich aufrichten wollte. Es erkannte, da&szlig;
+<a name="Page_645" id="Page_645"></a>es Mauern und Gr&auml;ben zu bew&auml;ltigen galt, ehe die
+feste Burg, der Staat, ihm zufiele. Junker und Pfaffen
+hielten sie besetzt, bereit, nur &uuml;ber ihre Leichen den Weg
+frei zu geben.</p>
+
+<p>Der erste Akt des Dramas begann.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin eine dichtgedr&auml;ngte
+Menschenmasse. Polizisten zu Fu&szlig; und
+zu Pferd, den Revolver im gelben G&uuml;rtel, halten
+die Zufahrt frei. Und hinter ihnen stehen Tausende,
+M&auml;nner, Frauen, Kinder. Sie warten. Sie besetzen die
+Auffahrt des gegen&uuml;berliegenden Kunstgewerbemuseums.
+Sie halten Umschau von oben. Und pl&ouml;tzlich biegt in
+scharfem Trabe eine Karosse um die Ecke der Prinz
+Albrechtstra&szlig;e. &raquo;Der Reichskanzler!&laquo; gellt es laut. Die
+Menge flutet ihm entgegen, ihm nach, eine einzige
+dunkle Welle. Und brausend t&ouml;nt es um ihn: &raquo;Hoch
+das freie Wahlrecht!&laquo; Dann wieder Stille. Sie wartet
+weiter.</p>
+
+<p>Und auf der Rednertrib&uuml;ne des Abgeordnetenhauses
+erscheint F&uuml;rst B&uuml;low zur Beantwortung des freisinnigen
+Antrags: Einf&uuml;hrung des allgemeinen, gleichen und
+direkten Wahlrechts mit geheimer Stimmabgabe f&uuml;r den
+preu&szlig;ischen Landtag. Mit unterschlagenen Armen,
+ruhig und selbstbewu&szlig;t, den harten Ausdruck geborener
+Herrscher auf den Z&uuml;gen, sitzt die Mehrheit vor ihm.
+Sie wei&szlig;, was sie zu erwarten hat; dieser Mann ist
+ein Erw&auml;hlter des Kaisers, nicht des Volkes, und der
+Kaiser ist der Ihre.</p>
+
+<p>&raquo;...&nbsp;F&uuml;r die K&ouml;nigliche Staatsregierung steht es
+<a name="Page_646" id="Page_646"></a>nach wie vor fest, da&szlig; die &Uuml;bertragung des Reichstagswahlrechts
+auf Preu&szlig;en dem Staatswohl nicht entspricht
+und daher abzulehnen ist. Auch kann die K&ouml;nigliche
+Staatsregierung die Ersetzung der &ouml;ffentlichen Stimmabgabe
+durch die geheime nicht in Ansicht stellen.&laquo;</p>
+
+<p>Scharf, ohne die liebensw&uuml;rdigen Floskeln des Weltmannes,
+ohne das verbindliche L&auml;cheln des Diplomaten,
+klingt die Erkl&auml;rung durch den Saal.</p>
+
+<p>Das Volk drau&szlig;en wartet. Da nahen neue Schutzmannspatrouillen;
+hart schl&auml;gt ihr Tritt auf den Asphaltboden
+auf, Pferdehufe klappern dazwischen, &mdash; die Begleitung
+zum Text des Kanzlerliedes.</p>
+
+<p>Das Volk zieht sich zur&uuml;ck.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Zwei Tage sp&auml;ter. Ein heller Wintersonntag.
+Mittags Unter den Linden das gleiche Bild wie
+immer: flanierende Damen und Herren, Offiziere
+und Studenten, hinter den Spiegelscheiben der Kaffees
+neugierige Sonntagsbummler.</p>
+
+<p>Wir gehen langsam dem Schlo&szlig;platz entgegen. Schutzleute
+erscheinen. Aus allen Nebenstra&szlig;en blitzen ihre
+Helmspitzen auf. Im Zeughaus, vor dem Museum, am
+Dom und rings um das Schlo&szlig; &mdash; lauter Pickelhauben.
+Mit klingendem Spiel zieht die Wache auf, bunt und
+gl&auml;nzend, eine Augenweide f&uuml;r alle Farbenfrohen. An
+der Kreuzung der Friedrichstra&szlig;e stockt der Zug der
+Soldaten, ein anderer &uuml;berschreitet seinen Weg, ein
+einf&ouml;rmig dunkler: Arbeiter, die aus dem Innern der
+Stadt kommen, wo heute die Wahlrechtsversammlungen
+<a name="Page_647" id="Page_647"></a>tagen. Schweigend zieht er vor&uuml;ber. Es ist, als ob
+er auf alle Gesichter seinen Schatten geworfen habe.</p>
+
+<p>Da &mdash; Signalt&ouml;ne aus der Hupe. Die Spazierg&auml;nger
+stutzen; drei gelbe Automobile rasen vorbei, dem Schlosse
+zu. Der Kaiser. Kein Hurra, kein Gru&szlig;, alles bleibt
+still, &mdash; wie benommen.</p>
+
+<p>Und pl&ouml;tzlich, als h&auml;tte die Erde sie ausgespieen,
+wimmelt es auf der breiten Stra&szlig;e von Menschen; im
+selben Augenblick bildet sich vor dem Schlo&szlig; eine
+Mauer von Polizistenleibern. Die Menge mi&szlig;t ihre
+Gegner mit dem sp&ouml;ttischen Blick der &Uuml;berlegenheit:
+Wenn wir wollten&nbsp;&mdash;! Aber sie wollen nicht. Sie
+haben st&auml;rkere Mauern zu st&uuml;rmen.</p>
+
+<p>Aus der Ferne klingen T&ouml;ne, wie Donnerrollen. Sie
+schwellen an. Sie begleiten den gleichm&auml;&szlig;igen Tritt
+Tausender: &mdash; soweit das Auge die Friedrichstra&szlig;e hinunter
+gen S&uuml;den reicht &mdash; ein Meer von Menschen.
+Es &uuml;berflutet die Linden. Rechts und links weichen die
+Spazierg&auml;nger zur&uuml;ck. Noch nie hat die Allee der F&uuml;rstentriumphe
+solch einen Aufzug gesehen! Eine Schwadron
+Berittener sprengt den Demonstranten entgegen, mitten
+in ihren Zug hinein. Ein Aufkreischen &auml;ngstlicher Weiberstimmen, &mdash; dann
+gewitterschwangere Stille.</p>
+
+<p>Einsam liegt das K&ouml;nigsschlo&szlig;. Leer gefegt ist der
+weite Raum ringsum. Schwer h&auml;ngt die Kaiserstandarte
+in der unbewegten Luft. Hier h&auml;lt das Leben seinen
+Atem an.</p>
+
+<p>Aber ringsum, von Norden und Osten, von S&uuml;den
+und Westen, str&ouml;men sie jetzt herbei in hellen Scharen.
+Sie singen. Niemand hat den Taktstock geschwungen,
+sie sehen einander nicht einmal, und doch ist es dasselbe<a name="Page_648" id="Page_648"></a>
+Lied, das aus den Kehlen aller dringt, das die Bastille
+gest&uuml;rmt hat und die Barrikaden: die Marseillaise. Es
+schl&auml;gt gegen die Mauern der Kirchen und der Pal&auml;ste, &mdash; und
+ihr Echo mu&szlig; es wiedergeben. Es braust sieghaft
+hinweg &uuml;ber die Ketten der H&uuml;ter der Ordnung.
+Hoch &uuml;ber dem K&ouml;nigsschlo&szlig; fluten seine T&ouml;ne zusammen, &mdash; es
+klingt wie das Klirren scharfer Klingen, &mdash; wie
+Wotans gespenstisches Heer.</p>
+
+<p>Und nun h&uuml;llt der Abend die Stadt in seinen dunkeln
+Mantel. Der Gesang verstummt. Das Pferdegetrappel
+der Polizisten, das Geschrei der Verfolgten t&ouml;nt nur
+noch von weit her.</p>
+
+<p>Mir aber ist, als s&auml;he ich in einen unerme&szlig;lichen
+Saal. An seinen W&auml;nden prangen die Bilder verflossener
+Jahrhunderte: die Geschichten von den K&ouml;nigen
+und den Kriegen; Marmorstatuen stehen ringsum: Feldherrn
+und F&uuml;rsten, Priester und Propheten. In der
+Mitte aber auf goldenem Stuhl thront Er. Um das
+Haupt den Kr&ouml;nungsreif wie einen Heiligenschein; die
+Finger der Linken um den Reichsapfel gespannt, &mdash; die
+Weltenkugel; in der rechten das Zepter, &mdash; eine Peitsche,
+um Nacken zu beugen, Widerspenstige zu z&auml;hmen; auf
+der Brust ein gro&szlig;es leuchtendes Kreuz. Ich staune
+ihn an: Alles Vergangene lebt in ihm. Alles, was uns
+tot ist, umgibt ihn. Gegen die Nacht, die nur sein
+Glanz erhellt, erscheint das Licht des Tages grau und kalt.</p>
+
+<p>Er ist kein einzelner. Er ist die Welt, die wir &uuml;berwinden
+m&uuml;ssen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_649" id="Page_649"></a></p>
+
+<p>Eine kleine Gruppe von Parteigenossen fand sich
+in einem Restaurant der Friedrichstadt in der
+Nacht nach den Wahldemonstrationen zuf&auml;llig
+zusammen. Die Erregung, die in allen noch nachzitterte,
+verscheuchte jede M&uuml;digkeit. Gro&szlig;e Ereignisse l&ouml;sen die
+Lippen. Auch die K&uuml;hlen waren warm geworden. Man
+diskutierte lebhaft: &uuml;ber die heutige Eroberung der
+Stra&szlig;e, &uuml;ber die k&uuml;nftige Entwickelung der Bewegung,
+&uuml;ber die M&ouml;glichkeit, in diesem Augenblick, wo es sich
+nicht um die Aufrichtung des Zukunftsstaates, sondern
+um die Niederwerfung der Junkerherrschaft handelte,
+das liberale B&uuml;rgertum und alle Schmollenden, die unsicher
+abseits standen, mobil zu machen. &raquo;Ein Riesenkampf
+gegen die Reaktion, &mdash; das ist's, was die stagnierenden
+Gew&auml;sser in Flu&szlig; bringen w&uuml;rde!&laquo; sagte einer.</p>
+
+<p>&raquo;Er w&uuml;rde die Geister scheiden, wie nichts zuvor&nbsp;&mdash;,&laquo;
+erg&auml;nzte enthusiastisch ein anderer.</p>
+
+<p>&raquo;Sie glauben wirklich, da&szlig; das Ziel des allgemeinen
+Wahlrechts f&uuml;r den preu&szlig;ischen Landtag solch weltbewegende
+Kr&auml;fte entfesseln k&ouml;nnte?&laquo; fragte ich. Mein
+Spott r&ouml;tete die Gesichter der Begeisterten noch mehr.</p>
+
+<p>&raquo;Und gerade Sie waren vor einer Stunde bis zur
+Stummheit ergriffen!&laquo; meinte vorwurfsvoll mein Nachbar.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin es noch,&laquo; antwortete ich; &raquo;mir war, als
+h&auml;tte ich wirklich den Fl&uuml;gelschlag der neuen Zeit gef&uuml;hlt.
+Ich f&uuml;rchte nur, sie rauscht an uns vor&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das aber liegt doch an uns!&laquo; rief &uuml;ber den Tisch
+her&uuml;ber ein jungem Literat, der darauf brannte, sich die
+politischen Sporen zu verdienen. &raquo;Wir m&uuml;ssen sie fest<a name="Page_650" id="Page_650"></a>halten,
+wir m&uuml;ssen das Eisen schmieden, solange es
+warm ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Womit, wenn ich fragen darf?&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>Die Antworten schwirrten von allen Seiten durcheinander:
+&raquo;Durch die Aussicht auf eine wahrhaft liberaldemokratische
+&Auml;ra,&laquo; &mdash; &raquo;auf wirtschaftliche Reformen
+gro&szlig;en Stils,&laquo; &mdash; &raquo;Verminderung der Steuern,&laquo; &mdash; &raquo;der
+Milit&auml;rlasten,&laquo; &mdash; &raquo;Trennung von Kirche und
+Staat&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lauter Einzelforderungen, die gro&szlig;e, heute noch indifferente
+Massen kaum begeistern, die heterogene Elemente
+nicht zusammenschwei&szlig;en werden, die, vor allen
+Dingen, kein sicher wirkendes Scheidewasser sind,&laquo; sagte
+ich ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;So nennen Sie es, wenn Sie es wissen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah mich scheu im Kreise um. Sobald ein Gespr&auml;ch
+Fragen ber&uuml;hrte, die mir sehr nahe gingen, &uuml;berkam
+mich oft eine gewisse verlegene Unbeholfenheit.
+&raquo;St&uuml;nde ich vor einer Volksversammlung, so w&uuml;rde es
+mir leichter werden als vor all Ihren forschenden, erwartungsvollen
+und &mdash; l&auml;chelnden Mienen,&laquo; meinte ich.</p>
+
+<p>&raquo;So wollen wir streng parlamentarisch verfahren,&laquo;
+sagte mein Nachbar sichtlich belustigt; &raquo;wir sind die
+letzten G&auml;ste, beherrschen also im Moment die Situation.
+Silentium, meine Herren! Frau Alix Brandt hat das
+Wort.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah zu meinem Mann hin&uuml;ber. Er nickte mir zu.
+Ich klammerte meinen Blick an den seinen und erhob
+mich. Was mir diese Nacht zum erstenmal klar vor
+Augen gestanden hatte, das sollte ich in Worte fassen. &mdash; Mir
+war die Kehle wie zugeschn&uuml;rt. Und doch f&uuml;hlte
+<a name="Page_651" id="Page_651"></a>ich, es mu&szlig;te sein. Nicht um dieser Tafelrunde willen, &mdash; sondern
+meinetwegen. Der Gedanke zerflattert, wenn
+er nicht in die Form der Sprache gepre&szlig;t wird.</p>
+
+<p>&raquo;Mir scheint,&laquo; begann ich z&ouml;gernd, &raquo;da&szlig; es nicht so
+sehr darauf ankommt, einzelne praktische Ziele zu setzen.
+Das haben die Parteien schon l&auml;ngst getan und sind
+&uuml;ber die Verschiedenheit ihrer Einzelforderungen in
+Gruppen und Gr&uuml;ppchen auseinander gefallen. Alle
+gro&szlig;en entscheidenden Weltbewegungen sind von<em class="spaced"> einem</em>
+Geist getragen worden&nbsp;&mdash;&laquo; &raquo;Und die materialistische
+Geschichtsauffassung?!&laquo; unterbrach mich ein Genosse.</p>
+
+<p>&raquo;Von<em class="spaced"> einem</em> Geist&nbsp;&mdash;,&laquo; fuhr ich unbeirrt fort, &raquo;der
+sich selbstverst&auml;ndlich erst aus den allgemeinen wirtschaftlichen
+und sozialen Verh&auml;ltnissen heraus entwickeln
+konnte und immer erst dann entstand, wenn der Widerspruch
+der Gegenwart zur Vergangenheit &uuml;berall schmerzhaft
+f&uuml;hlbar geworden war. Das gilt f&uuml;r das Christentum, &mdash; den
+Muhamedanismus&nbsp;&mdash;&laquo; &raquo;die Revolution,&laquo;
+rief einer dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; antwortete ich. &raquo;Es gibt Zeiten, in denen
+der Geist der Verneinung, wie ich ihn einmal nennen
+will, nicht zu reinem, vollem Ausdruck kommt, wo er
+nur beschr&auml;nkte Schichten des Volkes ergreift, &mdash; wie
+zur Zeit der Renaissance, der Revolution, &mdash; und wo er
+darum schlie&szlig;lich gezwungen wird, mit dem Geist der
+Vergangenheit zu paktieren. So baute die Renaissance
+christliche Kirchen, und die Revolution &uuml;bernahm die
+Phraseologie des Christentums. Auch wir versuchen mit
+jener Geistesfaulheit, die sich scheut, zu Ende zu denken,
+neuen Wein in alte Schl&auml;uche zu gie&szlig;en. Ich erinnere
+an die Bem&uuml;hungen, die Kirche zu modernisieren, an
+<a name="Page_652" id="Page_652"></a>das Bestreben, in der Partei die Ethik Kants f&uuml;r den
+Sozialismus in Anspruch zu nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Hier unterbrach mich mein Nachbar, ein begeisterter
+Kantianer, und verga&szlig; im Eifer des Widerspruches
+die von ihm selbst gewollte parlamentarische Ordnung.</p>
+
+<p>&raquo;Der kategorische Imperativ, von seiner transzendentalen
+Herkunft losgel&ouml;st, ist tats&auml;chlich der dirigierende
+Geist, auf den Sie offenbar hinauswollen,&laquo; rief er.</p>
+
+<p>&raquo;Das bestreite ich. Schon weil er sich von dieser
+transzendentalen Herkunft nicht losl&ouml;sen l&auml;&szlig;t, weil er
+Geist vom Geist des Christentums ist, weil wir auf
+Grund unserer Kenntnis der historischen Entwicklung
+und Umwandlung sittlicher Ideale wissen, da&szlig; es ein
+allgemein gleiches, verpflichtendes Sittengesetz nicht gibt,
+weil nicht einmal zwischen Einzelindividualit&auml;ten eine
+&Auml;quivalenz der Handlungen besteht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;re Alix Brandt, und es ist Friedrich Nietzsche!&laquo;
+spottete jemand. Die anderen l&auml;chelten vielsagend.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben mir vorgegriffen,&laquo; entgegnete ich ruhig.
+&raquo;Ich h&auml;tte den Namen des Mannes genannt, der zwar
+nicht der Erl&ouml;ser, wohl aber sein Prophet sein kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Genossin Brandt, Sie verirren sich,&laquo; h&ouml;rte
+ich entr&uuml;stet rufen; &raquo;wie verm&ouml;gen Sie Ihre sozialdemokratische
+Gesinnung mit dem Nachbeten Nietzschescher
+Lehren zu vereinigen?! Denken Sie doch an seine Verg&ouml;tterung
+der &#8250;Herrenmenschen&#8249;, an seine Verh&ouml;hnung
+jedes &#8250;Sklavenaufstands&#8249;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Diesen Einwand mu&szlig;te ich erwarten. Ich erinnere
+Sie demgegen&uuml;ber zun&auml;chst nur daran, da&szlig; es derselbe
+Nietzsche war, der anerkannte, da&szlig; die einzelne starke
+Individualit&auml;t am leichtesten in einer demokratischen Ge<a name="Page_653" id="Page_653"></a>sellschaft
+sich erhalten und entwickeln k&ouml;nne. Aber diese
+Idee ist zwischen uns, wie ich glaube, schon so sehr zum
+unbestreitbaren Gemeinplatz geworden, da&szlig; ich nicht
+weiter darauf einzugehen brauche. Nat&uuml;rlich gebe
+<em class="spaced"> den</em> Nietzsche preis, der unsere gro&szlig;e soziale Bewegung
+weder kannte, noch kennen wollte. Und ich kann das
+um so leichter, weil er unbewu&szlig;t selbst im Flusse dieser
+Bewegung schwamm, weil er dem Sozialismus das gab,
+was wir brauchen: eine ethische Grundlage.&laquo;</p>
+
+<p>Von allen Seiten wurde mir heftig widersprochen,
+aber jetzt, da ich mir selbst immer klarer wurde, st&ouml;rte
+mich das nicht mehr.</p>
+
+<p>&raquo;Alle seine gro&szlig;en Ideen leben in uns: der Trieb
+zur Pers&ouml;nlichkeit, die Umwertung aller Werte, das Jasagen
+zum Leben, der Wille zur Macht. Wir brauchen
+die blitzenden Waffen aus seiner R&uuml;stkammer nur zu
+nehmen, &mdash; und wir sollten es tun. Mit dem Ziel des
+gr&ouml;&szlig;ten Gl&uuml;cks der gr&ouml;&szlig;ten Anzahl, &mdash; an das ich
+glaubte, wie Sie alle, &mdash; schaffen wir eine Gesellschaft
+beh&auml;biger Kleinb&uuml;rger.... Und sp&uuml;ren Sie den Geist der
+Verneinung nicht in allem, was heute lebenskr&auml;ftig ist
+und vorw&auml;rts will? Kunst und Literatur, Wissenschaft
+und Politik setzen ihr Nein der Vergangenheit entgegen,
+die noch Gegenwart sein will. Was ihr Tugend war, &mdash; Unterw&uuml;rfigkeit,
+Demut, Ergebung in das Schicksal,
+Ungehorsam gegen sich selbst, wenn der Gehorsam gegen
+Obere es fordert, &mdash; erscheint uns mindestens als Schw&auml;che,
+wenn nicht als Unrecht. Der Glaube an die gottgewollten
+Zust&auml;nde von Armut und Reichtum, von Herrschaft
+und Dienstbarkeit ist weit &uuml;ber die Kreise der
+Partei hinaus zerst&ouml;rt. Und mit alledem, das wir un<a name="Page_654" id="Page_654"></a>bewu&szlig;t
+und bewu&szlig;t von uns geworfen haben, panzert
+sich der Riese der Reaktion. Vor neunzehnhundert
+Jahren unterwarf die Moral des Christentums die heidnische
+Welt. Vergebens hat die Renaissance und die
+Revolution sich gegen sie emp&ouml;rt, &mdash; die Zeit war noch
+nicht reif. Heute aber ist sie es; der Sozialismus hat
+ihr den Boden bereitet. W&auml;re ihre Fahne voll entfaltet,
+so w&uuml;rden sich vor ihr die Feigen von den Mutigen,
+die Schwachen von den Starken sondern, und alles
+w&uuml;rde ihr zustr&ouml;men, was jungen Geistes ist, was Zukunft
+in sich hat. Den Weg zu unserem Ziel finden
+wir nur, wenn die Idee der ethischen Revolution der
+Idee der &ouml;konomischen Umw&auml;lzung Fl&uuml;gel verleiht....&laquo;</p>
+
+<p>Die T&uuml;re ging auf. Ein verschlafener Kellner musterte
+mi&szlig;mutig die se&szlig;haften G&auml;ste. Ich erwachte wie aus
+einem Traum. Die anderen blieben stumm. Ob aus
+&Uuml;berraschung, aus Emp&ouml;rung, aus M&uuml;digkeit? &raquo;Ich
+m&ouml;chte heim,&laquo; sagte ich leise zu meinem Mann. Wir
+gingen allein und schweigsam nach Hause.</p>
+
+<p>Ich h&ouml;rte danach, da&szlig; man mich verspottete: Die
+Sozialdemokratin und Verk&uuml;nderin der &raquo;Herrenmoral&laquo;!
+Mir schien, als gingen mir die Genossen noch mehr als
+sonst aus dem Wege. Aber es kr&auml;nkte mich nicht.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ein feuchter M&auml;rzwind strich durch die Stra&szlig;en.
+Die B&auml;ume und B&uuml;sche zitterten in seiner Umarmung,
+denn er fl&uuml;sterte ihnen vom Fr&uuml;hling
+die frohe Botschaft zu. Auch um meine Stirne wehte sein
+weicher Atem. Hatte ich nicht geglaubt, da&szlig; ich den Lenz wie
+alte Leute gr&uuml;&szlig;en w&uuml;rde: versunken in Erinnerungen? &mdash;</p>
+
+<p><a name="Page_655" id="Page_655"></a>Ich sa&szlig; am Fenster und las meines Sohnes Briefe.
+Seit einiger Zeit schrieb er mir oft: Seiten und Seiten
+voller Fragen und erregter Gest&auml;ndnisse. Zum erstenmal
+stand sein junger Geist in offenem Kampf mit der Wahrheit
+und den Autorit&auml;ten. Und er unterwarf sich nicht.
+Er war mein Kind.</p>
+
+<p>Noch immer hatte ich mich gescheut, Heinrich zu
+zeigen, was er schrieb. Wir waren fr&uuml;her heftig aneinander
+geraten, weil ich schon des kleinen Kindes
+Selbst&auml;ndigkeit respektierte. Und jetzt hatte ich mehr zu
+f&uuml;rchten als nur den v&auml;terlichen Zorn. Ein Pr&uuml;fstein
+w&uuml;rde es sein auch f&uuml;r unsere Beziehungen. Ich liebte
+meinen Mann. Viel mehr, viel tiefer als zu jener Zeit,
+da ich mich ihm zuerst verband. Denn damals kannte
+ich ihn nicht. Aber meine Liebe war zu gro&szlig;, um
+Unterwerfung ertragen zu k&ouml;nnen. Wenn er das Kind
+nicht verstand, so w&uuml;rde er auch mich nicht verstehen.
+Wieder aneinander gebunden sein, so da&szlig; jeder selbst&auml;ndige
+Schritt des einen den anderen ins Fleisch
+schneiden mu&szlig;; die Blume der Liebe, die nichts als der
+Pers&ouml;nlichkeit reichste Entfaltung ist, abpfl&uuml;cken, nur
+damit sie die Brust des anderen schm&uuml;ckt, zu fr&uuml;hem
+Welken verurteilt, &mdash; das vermochte ich nicht mehr &mdash;</p>
+
+<p>Es l&auml;utete drau&szlig;en, lang und heftig. Ich sprang
+auf, beide H&auml;nde auf das wild klopfende Herz gepre&szlig;t.
+Wer l&auml;rmte zu fr&uuml;her Morgenstunde so ungeduldig an
+der T&uuml;re? Wer?! Schon sprang sie auf, und ins
+Zimmer flog es herein wie ein Wirbelwind, und zwei
+Arme umschlangen mich, und ein gl&uuml;hendes Gesicht mit
+zwei gl&auml;nzenden Augen hob sich zu mir empor. &raquo;Mein
+Kind! Mein Kind!&laquo; &mdash;</p>
+
+<p><a name="Page_656" id="Page_656"></a>Der Rucksack flog im Bogen von den Schultern. &raquo;Davongelaufen
+bin ich &mdash; bei Nacht und Nebel, &mdash; ich hielt's
+nicht l&auml;nger aus,&laquo; sprudelte es hervor, atemlos, triumphierend.</p>
+
+<p>Ich h&ouml;rte kaum, was er sprach, ich sah nur, da&szlig; er
+da war, wirklich da war!</p>
+
+<p>Ein fester Tritt auf dem Flur weckte mich aus meiner
+Versunkenheit. &raquo;Der Vater!&laquo; rief ich angstvoll und legte
+wie sch&uuml;tzend den Arm um meinen Sohn. Der aber
+ri&szlig; sich los, lachte mich an und lief mit einem: &raquo;Ich
+f&uuml;rchte mich nicht!&laquo; dem Kommenden entgegen.</p>
+
+<p>Ich stand wie angewurzelt. Ich h&ouml;rte einen Wortwechsel,
+dann ein langes, ernstes Gespr&auml;ch. Frage und
+Antwort. Hand in Hand kamen sie zu mir ins Zimmer.
+&raquo;Nun werden wir den Schlingel doch wohl behalten
+m&uuml;ssen,&laquo; l&auml;chelte mein Mann, &raquo;und heute soll f&uuml;r uns
+drei ein Feiertag sein.&laquo;</p>
+
+<p>Wir gingen durch den Wald nach Paulsborn. Die
+Kiefern standen schwarz gegen den hellen Himmel, und
+lichtgr&uuml;n schmiegten sich die B&uuml;sche ihnen zu F&uuml;&szlig;en.
+Auf dem See tanzten die Sonnenstrahlen. Und weit
+voraus sprang unser Sohn.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du noch?!&laquo; sagte Heinrich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;! Damals sch&uuml;ttelte der Sturm die B&auml;ume.
+Mich fror, und du schlugst deinen Mantel um mich&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und habe dich doch nicht sch&uuml;tzen k&ouml;nnen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke es dir, denn dadurch wurde ich stark.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So stark, da&szlig; du allein zu gehen vermagst&nbsp;&mdash;,&laquo; seine
+Stimme schwankte dabei. Mich traf's wie blendendes
+Licht, &mdash; ich sah auf dem Wasser nichts mehr als die
+goldene, schimmernde Sonnenstra&szlig;e.</p>
+<p><a name="Page_657" id="Page_657"></a></p>
+<p>&raquo;Damals warnte ich dich vor mir,&laquo; fuhr er fort.</p>
+
+<p>&raquo;Ich aber lie&szlig; dich nicht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und heute?!&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du siehst: ich gehe auf eigenen F&uuml;&szlig;en, aber neben
+dir&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Wo die dunkle Allee sich der weiten, sonnenbegl&auml;nzten
+Wiese &ouml;ffnet, tauchte die schlanke Gestalt unseres Sohnes
+auf. Er hielt einen Zweig jungen Gr&uuml;ns in der hochgehobenen
+Hand. Der wehte &uuml;ber ihm wie eine Fahne.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Und dann kam das Leben wieder und der Alltag,
+und sein Pfad blieb rauh. Aber ich hatte
+ihn freiwillig gew&auml;hlt, und meines Herzens
+Glut sch&uuml;tzte mich vor dem Frost. Er blieb einsam.
+Aber ich wu&szlig;te vorher: wer eigene Wege sucht, findet
+wenig Gef&auml;hrten. Und &uuml;ber das Donnern der Sturzb&auml;che
+hinweg flog siegreich hin und her der Gru&szlig; der Liebe.</p>
+
+<p>Einmal, als der F&ouml;hn mich umheulte und die Steine
+meine F&uuml;&szlig;e verwundeten, sah ich forschend zur&uuml;ck. Und
+ich erkannte, da&szlig; ich nicht irre gegangen war.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***
+
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+Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
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+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
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