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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:48:35 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Memoiren einer Sozialistin + Kampfjahre + +Author: Lily Braun + +Release Date: July 15, 2005 [EBook #16302] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN *** + + + + +Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<h1>Memoiren einer Sozialistin</h1><p><a name="Page_-1" id="Page_-1"></a></p> + +<h2>Kampfjahre</h2> + + +<h2>Roman</h2> + +<h2>von</h2> + +<h2>Lily Braun</h2> + +<h2>Albert Langen, München</h2> + +<h2>1911</h2><p><a name="Page_0" id="Page_0"></a></p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_1" id="Page_1"></a></p> +<h2><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2> + + +<p>Eine gewitterschwüle Juninacht. In der Kabine +unten hatte ich es nicht ausgehalten. Die eingeschlossene +Luft legte sich zentnerschwer auf +Kopf und Brust, und das melancholisch eintönige Anschlagen +der Wellen an die Fenster preßte mir das Herz +zusammen, als ob das Unglück selbst es in seinen harten +Händen hielte.</p> + +<p>»Ich bin seefest,« hatte ich der warnenden Stewardeß +zugerufen, als ich die schwankende Treppe hinaufgestiegen +war. Zwei-, dreimal atmete ich auf, tief +und schwer, wie nach überstandener Anstrengung, ehe ich +mich in den Korbstuhl fallen ließ. Am Himmel jagte, +vom Wind gepeitscht, ein schwarzes Wolkenheer. Dunkel +und drohend rollten die Wellen dem Schiff entgegen. +Kein Mondstrahl spiegelte sich in ihnen, kein Stern +erleuchtete das finstere Firmament. Langsam verschwanden +am Horizont die Küste von Holland und mit ihr die +letzten freundlichen Lichter.</p> + +<p>Ich war allein — ganz allein. Ich sammelte meine +Gedanken, die das Fieber der letzten Tage durcheinandergewirbelt +hatte wie der Sturm die Schaumperlen auf +dem Wasser. War das Gebäude meines neuen Lebens, +das ich mir droben auf den Bergen mit eigenen Händen +stolz und selbstsicher errichtet hatte, nichts als ein Kartenhaus<a name="Page_2" id="Page_2"></a> +gewesen, das ein Stoß mit der Hand umzuwerfen +vermochte? Ich griff suchend in die Tasche meines +Mantels, es war kein Traum, sondern grausame Wirklichkeit: +meiner Mutter Brief knisterte noch darin. Ich +konnte ihn auswendig. Schon auf der Fahrt von Grainau +nach Berlin hatte ich ihn gewiß zehnmal gelesen.</p> + +<p>»Es ist mir, Gott sei Dank, möglich gewesen, Deinen +Brief ohne Wissen Deines Vaters in die Hand zu bekommen,« +hieß es darin, »und ich schreibe Dir in +größter Hast, Gott anflehend, daß es meinen Worten +gelingen möchte, das Schrecklichste von uns allen abzuwenden. +Was ich immer schon fürchtete, als ich mit +anhören mußte, wie Dein verstorbener Mann und Du +unseren Herrn und Heiland verleugnetet, und in Euren +›Ethischen Blättern‹ las, wie Ihr immer wieder für die +Umsturzpartei eintratet, das ist jetzt geschehen. Der +Samen, den Georg in Deine Seele streute, ist aufgegangen: +kühl und geschäftsmäßig, als handle es sich +um den Plan eines Spaziergangs, teilst Du uns mit, +daß Du Deine Redaktionsstellungen aufgegeben hast, um +Dich ganz und gar der Sozialdemokratie in die Arme +zu werfen. Deine große Verirrung, Dein Unglaube +haben Dich, wie es scheint, für alles, was Pflicht, Gehorsam, +Liebe und Rücksicht heißt, blind und taub gemacht, +sonst müßtest Du wissen, daß Du mit einem +solchen Schritt Deinem ganzen bisherigen Verhalten +Deinen Eltern, Deiner Familie gegenüber die Krone +aufsetzest. Dieser Partei, die alles besudelt und mit +Füßen tritt, was uns heilig ist: Gott und Christentum, +Familie, Ehe, Monarchie und Militär, sollen wir unser<a name="Page_3" id="Page_3"></a> +Kind überlassen? Es wäre in dem Augenblick für uns +gestorben! Aber freilich, das ist Dir einerlei, Du wirfst +leichten Herzens alles über Bord, was Deinem Eigensinn, +Deinem Ehrgeiz, Deiner Eitelkeit hindernd in den +Weg tritt. Wenn Du aber damit Deinen armen Vater +mordest — von mir will ich gar nicht reden, eine +Mutter scheint dazu da zu sein, daß die Kinder sie mit +Füßen treten —, wirst Du auch dann noch Deiner Selbstherrlichkeit +froh werden können?! Du weißt, daß es ihm +in letzter Zeit gar nicht gut geht. Vor ein paar Tagen +fiel er vom Pferd; er sagt, er sei gestürzt, Bruder +Walter aber, der dabei war, ist überzeugt, daß es ein +leichter Schlaganfall gewesen ist. Die kleine Braune, +deren Ruhe du kennst, machte keinerlei Bewegung, er +glitt eben einfach aus dem Sattel. Seitdem leidet er +an Schwindel und Kopfschmerz und ist schwerer zu behandeln +denn je. Jede Aufregung kann einen neuen +Anfall hervorrufen, der ihn tötet. Ich wollte nur, ich +könnte dann mit ihm sterben, ehe ich so etwas mit Dir +erleben müßte ...!«</p> + +<p>Als ich diesen Brief erhalten hatte, waren meine +Austrittserklärungen aus den Redaktionen der »Ethischen +Blätter« und der »Frauenfrage« schon versandt worden. +Kaum in Berlin angekommen, fand ich die Mitteilung +davon in der Presse und die nötigen Kommentare dazu: +»Frau von Glyzcinski hat den längst erwarteten Schritt +getan, und die Sozialdemokratie kann sich ob dieser +ebenso interessanten wie pikanten Aquisition ins Fäustchen +lachen« ... so und ähnlich lauteten sie.</p> + +<p>Am nächsten Morgen in aller Frühe war meine +Schwester blaß und verängstigt zu mir gelaufen:</p> +<p><a name="Page_4" id="Page_4"></a></p> +<p>»Wir sind mit dem Arzt im Komplott,« hatte sie mit +stockender Stimme gesagt, während die Tränen ihr unaufhaltsam +über die Wangen liefen, »er verbietet Papa, +auszugehen. So liest er wenigstens im Kasino die Zeitungen +nicht. Und die Post wird dem Briefboten an +der Hintertreppe abgenommen ... Ach, Alix, — du +weißt nicht, wie gräßlich es zu Hause ist .. Ich muß +Papa immer was vormachen, damit er nichts merkt und +Mama nicht zu sehr quält .. Am liebsten liefe ich +selber davon ...«</p> + +<p>Zu Tisch war ich dann mit ihr zu den Eltern gegangen.</p> + +<p>Meines Vaters Anblick hatte mich erschüttert.</p> + +<p>»Kommst du wirklich noch zu einer halben Leiche?!« +hatte er bitter lachend gesagt. »Ihr könnt's ja wohl +gar nicht erwarten, daß eine ganze draus wird. Herr +Gott, — wie hübsch könntet ihr dann eurem Vergnügen +leben!«</p> + +<p>Mama begleitete mich nach Hause: »Habe den Mut, +ihm deinen Entschluß ins Gesicht zu sagen! — So einen +Brief schreiben und alle Folgen auf Mutter und +Schwester abwälzen, — das ist freilich eine Heldentat, +die dir ähnlich steht!«</p> + +<p>Abends war Frau Vanselow noch gekommen, — tief +bekümmert. »Ich verstehe Ihren Entschluß, — wenn +ich so jung wäre wie Sie, ich täte dasselbe —, aber +das hindert mich nicht, ihn schmerzlich zu bedauern. +Unsere ›Frauenfrage‹ ist nichts ohne Sie. Und darum +bitte ich Sie recht herzlich: wenn ich schon die Mitredakteurin +verlieren soll, so doch wenigstens nicht die +Mitarbeiterin. Mehr als je können Sie jetzt für die<a name="Page_5" id="Page_5"></a> +Einheit der ganzen Frauenbewegung wirken.« Und +dann hatte sie mir die Einladung zum Internationalen +Frauenkongreß nach London vorgelesen, die auf unser +beider Namen lautete. »Wie viel könnten gerade Sie, +meine liebe, junge Freundin, dort lernen und leisten — England, +das klassische Land der Frauenemanzipation ...!«</p> + +<p>In der Nacht kämpfte ich einen schweren Kampf. +Meine Überzeugungen, meine Zukunftsträume, meine +Hoffnungen standen alle bis an die Zähne gewappnet +auf wider mich.</p> + +<p>Sehr langsam, sehr müde schlich ich am Tage darauf +zu den Eltern. Noch nie war mir der Flur, in +dem auch heute, an einem strahlenden Frühsommertage, +das kleine Lämpchen brannte, so eng, so dunkel vorgekommen +und die Zimmer mit ihren schweren Vorhängen +so kalt.</p> + +<p>Rasch, wie ein Schulmädchen, das den eingelernten +Vers herunterhaspelt, um nur nicht stecken zu bleiben, +erzählte ich von der Einladung nach England.</p> + +<p>»Wenn ihr nichts dagegen habt, möchte ich mit Frau +Vanselow hinüberreisen. Ich kann dabei viel gewinnen. +Die englische Frauenbewegung ist uns weit +voraus, die ganze soziale Hilfstätigkeit ist glänzend organisiert, — ich +werde mir für meine eigene Arbeit +ein Muster nehmen können. In schlechte Gesellschaft +komme ich auch nicht,« hatte ich mit erzwungenem +Lächeln hinzugefügt, »denn Gräfinnen und Herzoginnen +sind unsere Gastgeber ...«</p> + +<p>Mama verstand. Sie strahlte. Klein-Ilschen, die +sich bei meiner Ankunft verschüchtert in eine Ecke ge<a name="Page_6" id="Page_6"></a>flüchtet +hatte, sprang auf und wirbelte lustig im Zimmer +umher, der Vater schien förmlich elektrisiert von all den +Aussichten, die sich mir boten. Er studierte das Kursbuch, +das Konversationslexikon und schickte die Minna +zum nächsten Buchhändler, um den neuesten Bädecker +von London zu holen.</p> + +<p>Immer wieder griff er verstohlen nach meinen Händen +und streichelte sie so sanft, so leise, daß ich den Kampf +der Nacht vergaß und nichts fühlte als seine Liebe.</p> + +<p>Die Reisevorbereitungen, der Abschied, — der Vater +hatte sich's nicht nehmen lassen, mich frühmorgens zur +Bahn zu bringen und mir, wie ein feuriger Liebhaber, +einen Strauß blühender Rosen in die Hand zu drücken, — die +Eisenbahnfahrt in Begleitung von Frau Vanselow +und Frau Schwabach, die unaufhörlich von ihrer +Vereinsarbeit sprachen, hatten mich bis zu diesem Augenblick +nicht zu Atem kommen lassen.</p> + +<p>Ach, und warum schlief ich nicht jetzt, statt heraufzubeschwören, +was vergangen war, und in schmerzhafter +Sehnsucht an den zu denken, den ich nicht erwecken +konnte? Ich sah die Nacht um mich her und +die große Einsamkeit — war Georg nicht erst jetzt für +mich gestorben? Mich fröstelte; feucht und kalt klebten +mir die Kleider am Leibe.</p> + +<p>»Ich will schlafen gehen,« murmelte ich ... und die +Augen fielen mir zu .....</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_7" id="Page_7"></a></p> + +<p>Im Morgengrauen lag die Küste Englands vor +mir, unfreundlich und nüchtern. Mit jener unwirschen +Rücksichtslosigkeit aller Unausgeschlafenen +hasteten und stießen sich die Schiffspassagiere. Ich +ließ mich schieben, — es war ja alles so schrecklich +gleichgültig.</p> + +<p>»Frau von Glyzcinski?!« — Überrascht sah ich auf. +»Mister Stratford?« — Der rotblonde Hüne, der +mich eben begrüßt hatte, nickte erfreut. Wie einen +Gruß von Georg, so empfand ich seinen Händedruck; +er war sein bester Freund gewesen, seine Schriften, +seine Briefe hatten ihn mir wie ein Echo Georgs erscheinen +lassen. Und mit leisem Lächeln mußte ich der +Stunde gedenken, in der mir der Verstorbene gestanden +hatte, daß er zwischen uns den Heiratsvermittler habe +spielen wollen, ehe er daran zu denken wagte, ich +könne ihn — den armen Gelähmten — jedem anderen +vorziehen.</p> + +<p>Stratford war überzeugter Sozialist, wie Georg, nur +daß er noch mit aller Energie an dem Standpunkt +der Ethischen Gesellschaft festhielt: sich offiziell keiner +Partei anzuschließen. Wir gerieten während der Eisenbahnfahrt +nach London in eine eifrige Debatte.</p> + +<p>»Grade Menschen wie wir können für die Verbreitung +der Ideen des Sozialismus außerhalb der politischen +Organisation weit mehr und nachhaltiger wirken, als +wenn wir ihre eingetriebenen Mitglieder wären,« sagte +er. »Wir verzetteln und verzehren unsere Kräfte nicht +im Kleinkram des Parteilebens, wir finden Gehör, wo +wir sonst von vornherein auf Mißtrauen stoßen würden.«</p> +<p><a name="Page_8" id="Page_8"></a></p> +<p>»Und Sie als Ethiker können es verteidigen, daß wir +mit geschlossenem Visier kämpfen und unsere Überzeugungen +durch Hintertüren in die Häuser tragen?« +rief ich. »Ich komme mir dabei vor wie ein Feigling +und ein Betrüger!«</p> + +<p>Er lenkte ein: »Sie mögen in Deutschland, wo der +ganze Sozialismus sich in der Partei konzentriert, zu +dieser Empfindung ein Recht haben, bei uns gibt es +nichts, das der deutschen Sozialdemokratie auch nur annähernd +ähnlich wäre. Wir sind viel zu individualistisch, +um uns herdenweise zusammenscharen zu lassen; Sie +werden daher unseren Sozialismus und seine Ausbreitung +nicht nach dem Dutzend kleiner Vereine beurteilen müssen, +sondern nach den Scharen freier Sozialisten, die in allen +Gesellschaftsschichten zu finden sind.«</p> + +<p>Meine Unwissenheit in bezug auf englische Verhältnisse +fiel mir plötzlich schwer aufs Gewissen. Ich ließ +meinen Begleiter erzählen, der sich, wie es schien, gern +reden hörte, und warf nur hie und da eine Frage dazwischen, +um seinen Redefluß auf die von mir gewünschten +Bahnen zu lenken. Ein Kaleidoskop bunter Bilder +reihte sich vor mir auf: von der Ethischen Gesellschaft +an, deren Sprecher er war, bis zu den politischen +Kämpfen zwischen der konservativ-unionistischen Koalition +gegen das liberale Ministerium Rosebery-Harcourt. +Ich war ganz benommen, als wir uns London näherten.</p> + +<p>Einzelne Häuser tauchten auf, grau, nüchtern, mit +trüben Fensterscheiben und dünnen schwarzen Schornsteinen; +sie schoben sich rechts und links zusammen, enger +und enger, sie verdrängten schließlich das letzte Streifchen +grünen Rasens; schmal, feuchtglänzend wie Riesen<a name="Page_9" id="Page_9"></a>würmer, +wanden sich unten die Straßen zwischen den +Mauern. Ein schmutzig-grauer Nebel umhüllte alles, +nicht wie ein Schleier, der phantastische Vorstellungen +von dahinter verborgener Schönheit zu wecken vermag, — wie +ein nasses Tuch vielmehr, das die Häßlichkeit +der Formen betont und jede Farbe verwischt, die sie +mildern könnte. In der Bahnhofshalle brannten die +Bogenlampen, sie wirkten wie flackernde Öllämpchen im +Dunkel eines Kohlenbergwerks. Wir fuhren durch die +Stadt: leichte Wagen und schwerfällige Omnibusse, Reiter +und Radler schoben und drängten sich hin und her, kein +Fußbreit Weges blieb frei zwischen ihnen. Auf den +Bürgersteigen daneben hasteten die Fußgänger; gleichgültig, +nur auf das eigene Vorwärtskommen bedacht, +ohne einen Blick nach rechts und links. Selbst die +Kinder liefen ernsthaft, gradausschauend weiter. Da +war keiner, der Zeit hatte —, unsichtbar schienen in der +Menge die Fronvögte der grausamen Herrin Arbeit ihre +Geißeln zu schwingen.</p> + +<p>Hier sollte ich Frieden finden und eine sichere Richtschnur +für das kommende Leben?!</p> + +<p>»Westminster! — das Parlament,« hörte ich meinen +Begleiter sagen. Ich blickte auf. An einem Palast mit +gotischen Türmen und Fenstern fuhr der Wagen langsam +vorbei. In vornehmer Abgeschlossenheit, hinter +hohen Gittern lag er gestreckt am breit dahinflutenden +Strom. Schüchterne Sonnenstrahlen brachen durch den +Nebel, leuchteten durch das feine gotische Maßwerk, +blitzten auf den Turmknäufen, sprangen hinüber zu der +altehrwürdigen Kirche und ließen ihre bunten Fenster +aufglühen, als stünde sie im Feuer.</p> + +<p><a name="Page_10" id="Page_10"></a>Ein schmaler Weg am Ufer der Themse, hinter dem +Parlament, einfach und still wie eine Dorfstraße, nahm +uns auf. Wir waren am Ziel.</p> + +<p>Meine Wirte, zwei alte Leute, hatten fast ihr ganzes +Haus den Besuchern des Frauenkongresses zur Verfügung +gestellt. Sie empfingen mich so herzlich, als +wären wir alte Freunde. Man versammelte sich grade +zum Frühstück. Warum waren die Leute nur alle so +feierlich? Selbst Stratford legte das Gesicht in würdevolle +Falten, — fünf himmelblau gekleidete Dienstmädchen +traten ein, — ein Harmonium ertönte, — helle +Stimmen sangen einen Choral. Dann las der Hausherr +mit dem Tonfall katholischer Priester einen Bibelabschnitt, — ein +Gebet folgte. Alles kniete nieder, den +Kopf in den Händen vergraben, — auch Stratford, +Georgs Freund, der Atheist. Ich fühlte, wie ich rot +wurde vor innerem Zorn; ich allein blieb stehen.</p> + +<p>»Wie können Sie nur?!« frug ich ihn empört, als +er sich verabschiedete.</p> + +<p>»Es ist ja nur eine Form!«</p> + +<p>»Durch all unsere Rücksicht auf die Form helfen wir +die Sache erhalten!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am Abend wurde der Kongreß durch einen feierlichen +Empfang der ausländischen Delegierten +eröffnet. Eine Schar weißgekleideter Mädchen, +mit breiten Schärpen in den Landesfarben über der +Brust, bildete Spalier auf der Treppe von Queenshall; +in ein Meer von Licht war der Riesenraum getaucht, +und alle Blumen des Sommers leuchteten und dufteten +<a name="Page_11" id="Page_11"></a>rings umher. In großer Toilette erschienen die Delegiertinnen, +bei jeder Eintretenden ging ihr Name flüsternd +von Mund zu Mund. Und wie sie bekannt waren, so +kannten sie sich untereinander und begrüßten sich wie +alte Kriegskameraden. Ich kam allein in meinem schwarzen +Trauerkleid, über das der Witwenschleier schwer herunterfiel. +Es war ein leerer Raum um mich, als ob meine +dunkle Erscheinung alles Bunte, Helle von sich stieße. +Mich kannte niemand. Ein scheu-verwundertes »Wer +ist das?« schlug an mein Ohr.</p> + +<p>Auf der Estrade versammelten sich die Delegiertinnen, +und jede von ihnen begrüßte im Namen ihres Heimatlandes +die wogende Menschenmasse unter uns. Da +waren sie alle, die alten Vorkämpferinnen, die Frauen +Amerikas und Australiens, die ihrem Geschlecht die Hörsäle +der Universitäten und die Pforten zum Parlament +eröffnet hatten. Ein neuer Weibestypus: statt der +weichen Madonnengesichter, die die Stille und Enge +häuslichen Lebens formt, schmale, scharf geschnittene +Züge, wie sie die Welt ihren Bürgern meißelt; statt +des treuen, warmen Blicks, der über Kinderstube und +Küchengarten nicht hinauszuschauen braucht, die wissenden, +ernsten, leidenschaftdurchfunkelten Augen jener, +denen des Lebens dunkle Abgründe sich offenbaren. +Neben ihnen, den Siegerinnen, standen die noch immer +Besiegten: die dunkeläugige Türkin im schimmernden +Märchengewande der Scheherezade, die Abgesandte Indiens, +den schlanken braunen Leib in weiche Schleier +gehüllt. Stolz erzählten die einen von ihren Triumphen, +klagend die anderen von ihren Leiden, — Triumphen auf +dem Gebiete des wissenschaftlichen, des sozialen, des +<a name="Page_12" id="Page_12"></a>politischen Lebens, — Leiden, hervorgerufen durch sexuelle, +soziale und rechtliche Unterdrückung, als ob Befreiung +und Not ihres Geschlechtes damit erschöpft wären. +Immer heftiger schlug mir das Herz: ich sah wie im +Traum vor den Türen dieses glänzenden Saales Scharen +blasser Frauen im farblosen Kleide der Arbeit, wie Werkstätten +und Fabriken sie allabendlich zu Tausenden in +ihr elendes Heim entlassen. Und als mein Name gerufen +wurde, und die weiße brillantengeschmückte Hand +der Präsidentin sich mit einer leise bevormundenden Bewegung +auf meine Schultern legte, während sie von +Deutschlands rechtlosen Frauen, von meinem ersten Auftreten +für ihre politische Gleichstellung sprach, da wußte +ich, was ich zu sagen hatte.</p> + +<p>»Die Millionen Frauen, die unsere Hemden weben +und unsere Kleider nähen, haben mich nicht delegiert, +aber ich fühle mich als ihre Abgesandte und nur als +die ihre.«</p> + +<p>Sekundenlanger Beifall unterbrach mich, — galt er +nicht mehr meinem gebrochenen Englisch und meiner +Trauerkleidung als meinen Worten? Mit einem Blick +voll Geringschätzung streifte ich die elegante Zuhörerschaft. +Ich werde euch schon verstummen machen —, dachte +ich.</p> + +<p>»Ihre Vorsitzende rühmte mich als die erste deutsche +Frau, die in öffentlicher Versammlung das Stimmrecht +für ihr Geschlecht gefordert habe. Ich muß dieses +Lob ablehnen. Seit Jahren tragen deutsche Arbeiterinnen +von Ort zu Ort die Fahne der politischen +Gleichberechtigung, und an der Spitze der Arbeiterpartei, +der Sozialdemokratie, steht ein Mann, dem die<a name="Page_13" id="Page_13"></a> +Frauen der ganzen Welt zu Dank verpflichtet sind: August +Bebel.«</p> + +<p>Ich hielt unwillkürlich inne, ich erwartete einen Tumult, +statt dessen erhoben sich alle Hände zu einmütigem +Applaus, und selbst die Damen des Präsidiums, unter +denen sich die vornehmsten Frauen Englands befanden, +lächelten mir freundlich zu.</p> + +<p>Am Ausgang des Saals trat mir eine starkknochige +ältere Frau entgegen. In dem Druck ihrer harten, unbehandschuhten +Hand erkannte ich die Arbeiterin. »Ich +bin Sozialdemokratin,« sagte sie, »und möchte Sie als +Genossin begrüßen.« Auf dem Heimweg begleitete sie +mich, und ich gab meiner Verwunderung und meiner Freude +Ausdruck über das Erlebte. Sie lachte geringschätzig. +»Was wollen Sie?! Wir sind in England! Wenn ein +Prinz Anarchist und eine Aristokratin Sozialistin ist, so +gilt das als ganz besonders interessant. Passen Sie +auf: man wird sich um Sie reißen. Für unsere Sache +aber hat das gar keine Bedeutung.« Sie nannte mir +ihren Namen — Amie Hicks — und ihre Wohnung, +fern im äußersten Norden Londons. »Besuchen Sie +mich einmal; ich werde Sie in Arbeiterkreise führen.«</p> + +<p>Im Trubel der nächsten Zeit war daran nicht zu +denken. Der Kongreß und seine Veranstaltungen nahmen +mich ganz in Anspruch. Ich fehlte zwar oft; nicht nur, +um den Morgen- und Abendandachten aus dem Wege +zu gehen, mit denen die Sitzungen regelmäßig eingeleitet +und geschlossen wurden, sondern auch, um Zeit zum +Schreiben zu gewinnen.</p> + +<p>In Gedanken an meine zusammenschmelzende Barschaft +stieg mir das Blut oft siedendheiß in die<a name="Page_14" id="Page_14"></a> +Schläfen. Das sogenannte Gnadenquartal war mir als +Witwe eines Universitätsprofessors freilich bewilligt +worden, aber schon vom nächsten Monat ab hatte ich +nichts Sicheres zu erwarten als meine kleine Pension +von hundert Mark monatlich. Ich hatte kaum an den +pekuniären Ausfall gedacht, als ich meine Redaktionsstellungen +aufgab. Nun hieß es: arbeiten, zusammenschreiben, +was ich zum Leben nötig hatte. Ich wußte +nicht einmal, wie viel das war. Ich hatte nie mit dem +Pfennig gerechnet. Wie gut, daß mein Trauerkleid mir +wenigstens ersparte, den Luxus der anderen mitzumachen.</p> + +<p>Mit Einladungen wurden wir überschüttet: vom Lord-Major +an, der uns mit dem ganzen Pomp seiner unnachahmlich +würdevollen Stellung empfing, wetteiferte +alles in schier grenzenloser Gastfreundschaft. Hinaus +aufs Land führten uns Extrazüge, — jenes Land voll +rührender, weicher Schönheit, mit seinen grünen, sanft +geschwungenen Hügeln, seinen dunklen Buchengruppen +und stillen, rosenumsponnenen Häusern. Fast unmerklich +für Auge und Sinn geht die freie Natur in den +Blumengarten, in den Schloßpark über, nicht wie bei +uns, wo die ihr mit allen Mitteln mühsam aufgezwungene +Kultur oft so verletzend wirkt wie protziger +Reichtum neben dürrer Armut. Und in die Häuser Londons +waren wir geladen, die, wie Menschen von alter Kultur, +nach außen die gleichförmige, oft langweilig wirkende +Maske guter Erziehung tragen und erst dem Gast, dem +sich die Pforten öffnen, den ganzen inneren Reichtum +individuellen Lebens zeigen. Berlin und die Berliner +fielen mir dabei ein, wo Fassaden und Kleider, um +Originalität vorzutäuschen, einander an Buntheit zu +<a name="Page_15" id="Page_15"></a>übertreffen suchen, während im Inneren Tapeziergeschmack +und Konvention uneingeschränkt herrschen.</p> + +<p>In Wohltätigkeits- und Bildungsanstalten aller Art +wurden wir eingeführt, und wie in der Frauenbewegung, +so imponierte mir hier die Einheitlichkeit ihrer Organisation, +deren gewaltige Räderwerke so selbstverständlich +ineinander griffen wie die jener Dampfturbinen, bei +deren Anblick wir nicht wissen, ob wir die praktische +Kunst ihrer Schöpfer oder die fremdartig-neue Schönheit +ihres Baus mehr bewundern sollen.</p> + +<p>Der Kongreß selbst war eine Parade, wie fast alle Kongresse. +Die Reden, die gehalten, die Berichte, die gegeben +wurden, waren den Eingeweihten ihrem Inhalt +nach aus Büchern und Broschüren bekannt. Der Austausch +von Meinungen, der das wichtigste gewesen wäre, +wurde an zweite Stelle gerückt, er hätte die Ordnung +und den Glanz der Heerschau am Ende trüben können. +So wäre als Gewinn allein die Anknüpfung persönlicher +Beziehungen übrig geblieben, aber auch er war bei +näherem Zusehen für mich nur gering: diese Frauen +hatten mir nichts Neues zu sagen. Ihr A und O, das +Frauenstimmrecht, war für mich in dem Augenblick erledigt +gewesen, als ich die Selbstverständlichkeit seiner +Forderung erkannt hatte.</p> + +<p>Bei einer internen Sitzung der Delegationen wurde +ich zur Präsidentin für Frauenstimmrecht in Deutschland +gewählt. Meine ablehnende Haltung wurde unter allgemeinem +Erstaunen als eine Aufgabe des Prinzips betrachtet.</p> + +<p>»Sie alle haben ihre ganze Kraft auf die Lösung +dieser einen Frage konzentriert,« sagte ich in dem Ver<a name="Page_16" id="Page_16"></a>such, +mich verständlich zu machen, »ich bewundere Sie, +aber ich kann Ihnen nicht folgen. Das Frauenstimmrecht +ist heute für mich nicht mehr das Ziel, für das +ich mein Leben einsetze, es ist nur ein Ziel, nur eine +Etappe ...«</p> + +<p>Man verstand mich nicht, von irgend einer Seite fiel +sogar das scharfe Wort: »... unbrauchbar für praktische +Arbeit.«</p> + +<p>Gleich nach der Schlußsitzung des Kongresses wechselte +ich mein Domizil. Freunde von Stratford — ein liberaler +Parlamentarier und seine schöne elegante Frau — hatten +mich in ihr Haus am Hydepark eingeladen. +Alles trug dort den Anstrich ausgesuchtester Vornehmheit: +vom Zeremoniell der Lebensweise, dem deutschen +Hauslehrer und der französischen Gouvernante bis zu +dem würdevollen, glattrasierten Bedienten und dem niedlichen +Kammermädchen. Hausherr und Hausfrau verstießen +mit keiner Miene und keiner Bewegung gegen +die Regeln der guten Gesellschaft, und doch wurde ich +den Eindruck nicht los, der uns gegenüber guten Kopien +großer Meisterwerke oft befällt: wir erstaunen über die +Technik und vermissen um so schmerzhafter den Geist. +Daß Stratford sich hier heimisch fühlte, mit allen Fibern +die parfümierte Luft dieser von tausend Nichtigkeiten +überladenen Salons einatmete, machte ihn mir noch +fremder. Und als ich ihn in der Ethischen Gesellschaft +reden hörte inmitten einer Korona von lauter typischen +Vertretern der Geldaristokratie, denen seine Sittenpredigten +dieselbe angenehme Emotion boten wie die Moral +der biblischen Geschichten den Frommen in der Kirche, +da mußte ich mir seine Briefe, seine Schriften ins Ge<a name="Page_17" id="Page_17"></a>dächtnis +rufen, um noch Georgs Freund in ihm zu erkennen.</p> + +<p>Er ging den Weg, den ich nach dem Wunsche meiner +Familie gehen sollte, — wie würde ich jemals imstande +dazu sein?!</p> + +<p>»Sie sind sehr ungerecht,« sagte er eines Tages, als +ich ihm in meiner heftigen Art, die der Unruhe meines +eigenen Innern entsprang, über seine Tätigkeit als +»Modeprediger« Vorwürfe machte. »Sie kennen mich +nur von der einen Seite.« Noch am selben Abend +sollte ich die andere kennen lernen.</p> + +<p>An der Ecke von zwei engen Straßen, beim Scheine +einer trübe flackernden Laterne sprach er über die +Ethik des Sozialismus. Zuerst blieben nur ein paar +neugierige Bummler stehen, aber je stärker seine +Stimme von den Mauern widerhallte, desto mehr +Menschen sammelten sich um ihn. Müde, zerlumpte +Gestalten krochen wie Nachtgespenster aus den Kellern +hervor, Hoftüren öffneten sich, und umwogt von einer +Wolke ekler Gerüche erschienen Frauen mit zerwühlten +Zügen, halbwüchsige Mädchen, deren freches Grinsen +allmählich zuckendem Schluchzen wich. Mit wüstem Geschrei +stießen sich trunkene Burschen aus der nächsten +Kneipe heraus, und nach und nach entzündeten sich +Lichter des Verstehens in ihren eben noch blöd glotzenden +Augen. Die Straße wurde schwarz vor Menschen. +Stratford sprach mit steigender Begeisterung. Um seinen +roten Bart tanzten die Lichter der Laternen, seine Augen +strahlten vom eigenen Feuer. Ich hörte kaum, was er +sagte, ich sah nur die Wirkung seiner Worte. Aus den +vertiertesten Gesichtern brach ein Schein von Menschen<a name="Page_18" id="Page_18"></a>tum +hervor, ein froher Zug von Hoffnung verwischte +tiefe Kummerfalten.</p> + +<p>Wir gingen schweigsam durch die Nacht nach Hause. +Vor der Türe reichte ich ihm die Hand.</p> + +<p>»Ich würde Sie nach dem, was ich eben erlebte, +um Verzeihung bitten, meiner Vorwürfe wegen, wenn +ich nicht grade dadurch wüßte, daß Sie doppelt schuldig +sind. Ein Mann wie Sie gehört der Sache des Sozialismus, +und keiner anderen ...«</p> + +<p>»Vielleicht haben Sie recht,« antwortete er leise, +»wären nur nicht der Fesseln so viele, die uns an das +andere Leben schmiedeten — —«</p> + +<p>»Wir werden sie beide zerbrechen müssen —«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Im Hause meiner Gastfreunde drehte sich das +Interesse fast ausschließlich um Fragen der +Politik. Was für andere Frauen der Gesellschaft +der Flirt, die Kunst, die Toilette, das Theater +war: Reizmittel für ihr Nervensystem, — das war die +Politik für Mrs. Dew. Fast täglich war ich mit ihr +im Parlament; sei es, daß wir den Kommissionsberatungen +des neuen Fabrikgesetzes beiwohnten — das +Publikum hatte ohne weiteres Zutritt — oder in den +Wandelgängen und auf der Themseterrasse zwischen Tee +und Eis mit den Abgeordneten debattierten. Seltsam: +man nahm uns ernst; vergebens erwartete ich auf den +Zügen der Männer jenes gönnerhaft mitleidige Lächeln, +mit dem meine Landsleute die politisierende Frau zu +betrachten pflegten. Eine gewisse Zurückhaltung mir +gegenüber entsprang weniger der Tatsache, daß ich ein<a name="Page_19" id="Page_19"></a> +Weib, als daß ich eine Deutsche war, die offenbar nur +im Bilde der »guten Hausfrau« im Bewußtsein der +Engländer lebte.</p> + +<p>Schon war es gewitterschwül in den feierlich-hohen +Hallen des Parlaments, bei jeder Gelegenheit drohte ein +Wetterstrahl die Regierung zu stürzen, und die von +Elektrizität geladene Luft drang bis hinter die engen +Gitterstäbe der Damengalerie. Unruhiger als sonst +raschelten die seidenen Kleider, unterdrückte Erregung +durchzitterte die Flüstergespräche. Man achtete kaum +der Redner im Saal, man erwartete nur die Katastrophe. +Da plötzlich klang eine Stimme von unten empor, rollend +wie ferner Donner, — dann wieder tief und schwer wie +der Ton riesiger alter Kirchenglocken, — die Damen verstummten, — drängten +sich enger an das Gitter, — und +aus ihrer bequemen Stellung auf den weichen Polstersitzen +reckten sich die Abgeordneten auf. Ich hörte nur +die Stimme, den Redner sah ich nicht, aber ich empfand +ihn als einen, der zum Herrschen bestimmt war. »Wer +ist das?« — »John Burns!« — John Burns — der +Verräter?! So war er in der deutschen sozialistischen +Presse von dem Augenblick an bezeichnet worden, wo er +sich grollend von der englischen Partei losgesagt hatte. +Noch am selben Abend stellte Mr. Dew ihn mir vor. +Ich war zuerst enttäuscht: Alles überragend hatte ich +den Träger dieser Stimme mir gedacht, nun trug er +auf dem untersetzten kräftigen Körper nur den Kopf +eines Riesen: Dunkle Haare erhoben sich widerspenstig +über der breiten, scharf durchfurchten Stirn; hinter +buschigen Brauen glänzte ein Augenpaar, das in +seiner mächtigen Färbung und fieberhaften Lebendig<a name="Page_20" id="Page_20"></a>keit +der Herkunft aus diesem helläugigen Volke Hohn +sprach.</p> + +<p>Er schüttelte mir kräftig die Hand. Die seinige war +breit und schwer, sie zeugte von dem Hammer, den sie +geführt hatte; — wie war es möglich gewesen, daß ihr +die rote Fahne entglitt, die sie einst an der Spitze des +Heers der Arbeitslosen durch das entsetzte London getragen +hatte? War dieser Mann nicht der geborene +Schöpfer und Führer einer großen, einigen sozialistischen +Partei Englands? Ich unterdrückte keine der Fragen, +die sich mir aufdrängten.</p> + +<p>»Ich weiß, daß die Sozialdemokraten, besonders die +deutschen, mich für einen Verräter halten,« sagte er, +»aber sie verstehen die Situation nicht. In Deutschland +würde ich nicht anders handeln als Bebel und +Liebknecht, aber hier ...« mit einer raschen Bewegung +schob er die Teetasse beiseite und zeichnete auf die weiße +Marmorplatte des Tischs einen Punkt mit einem großen +Kreis rings herum. »Sehen Sie,« fuhr er fort, »dieser +Punkt ist der Sozialismus, um den Kreis herum steht +die deutsche Regierung, Ihr Militär, Ihre Polizei, und +diese treiben naturgemäß alle freidenkenden Elemente +dem Mittelpunkt zu, mit dem sie sich, infolge des +äußeren Drucks, fest vereinigen. Bei uns besteht der +Mittelpunkt, aber der Kreis fehlt, und so strömen die +Strahlen dieser sozialistischen Sonne ungehindert nach +allen Richtungen aus.« Ich lächelte ein wenig ungläubig. +»Ich werde Ihnen beweisen, was ich sage,« +fügte er rasch hinzu. »Sie kommen morgen mit mir —,« +er ließ mir gar keine Zeit zu Einwendungen, sondern +bestimmte Ort und Stunde für unsere Zusammenkunft.</p> + +<p><a name="Page_21" id="Page_21"></a>Von da an trafen wir uns oft, im Parlament wie +im Londoner Grafschaftsrat. Ich sah erstaunt, mit +welchem Respekt Mitglieder aller Parteien diesem Manne +begegneten, der noch vor wenigen Jahren im unterirdischen +London Gasleitungen gelegt hatte; aber noch +mehr erstaunte ich über den freudigen Stolz, mit dem +er mir städtische Einrichtungen als »Strahlen der sozialistischen +Sonne« erklärte, in denen ich nichts anderes +sehen konnte als bürgerlich-soziale Reformen.</p> + +<p>»Der deutsche Marxismus hat Sie blind und taub +gemacht,« sagte er eines Tages ungeduldig, als ich mich +für die Kommunalisierung der Verkehrsmittel durchaus +nicht begeistern konnte. »Lassen Sie sich von den Fabiern +in die Schule nehmen.«</p> + +<p>»Den Fabiern?!«</p> + +<p>»Eine Gesellschaft von ›Salonsozialisten‹, würde man +bei Ihnen in Deutschland sagen. Tüchtige Leute darunter ...«</p> + +<p>Mit einem ihrer Begründer und Leiter, Sydney +Webb, machte er mich im Teezimmer des Grafschaftsrats +bekannt. Ich wußte von seiner Frau, die als +junges Ding ihr reiches Elternhaus verlassen hatte, +um der Sache der Arbeiter zu dienen, und nun, gemeinsam +mit ihrem Mann, durch Wort und Schrift +für Genossenschaften und Gewerkschaften tätig war. Ich +wußte auch, daß sie der Frauenbewegung fern, ja ihren +Forderungen sogar vielfach feindlich gegenüberstand. Gelesen +hatte ich keines ihrer Bücher, nur mit einer gewissen +Scheu ging ich darum zu ihr. Eine blühend +schöne Frau fand ich, mit dem ganzen Reiz starken +geistigen Lebens in den Zügen und einer Güte und<a name="Page_22" id="Page_22"></a> +Anmut des Wesens, der meine Steifheit nicht lange +standhielt. Durch sie erfuhr ich von der Macht und +Größe der englischen Gewerkschaftsbewegung und fand +den Weg in die Häuser jener Arbeiter, die sich durch +die Kraft ihrer Organisation aus physischer und geistiger +Versklavung befreit hatten. Wie ein Stück verwirklichter +Zukunftsstaat kam es mir vor, wenn ich sie +draußen, vor Londons Toren, in ihren Gärten traf +oder vor dem Kamin ihres Wohnzimmers oder am gut +besetzten Tisch. Wahrhaftig: hier hatten die Strahlen +der sozialistischen Sonne aus ödem Land neues Leben +hervorgerufen.</p> + +<p>In den Versammlungen der Fabier, die ich von da +an regelmäßig besuchte, wurden theoretische und praktische +Fragen des Sozialismus von allen Seiten beleuchtet +und erörtert. Jene Scheu, zu sagen, was man +denkt, die die Menschen überall schwach und klein macht, +wo religiöser, sittlicher oder politischer Fanatismus die +Wahrheit an sich zu besitzen vorgibt, schien hier verschwunden, +und mir war, als fiele Licht auf den Weg, +den ich zu gehen hatte.</p> + +<p>»Es ist nicht wahr, daß die Befreiung der Arbeiterklasse +nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann, — es +ist nicht wahr, daß der Klassenkampf das Grundelement +der sozialistischen Bewegung ist, — es ist nicht +wahr, daß die Entwicklung des Sozialismus mit der +Sicherheit eines Naturgesetzes notwendig zur Expropriation +der Expropriateure führen wird ...« Eine +überschlanke Gestalt stand auf der Rednertribüne, mit +schmalem, gelblich blassem Gesicht, in das weiche blonde +Haare wirr hineinfielen. »Es waren und sind die +<a name="Page_23" id="Page_23"></a>revoltierenden Söhne der Bourgeoisie selbst — Lassalle, +Marx, Liebknecht, Morris, Hyndman, Bax — alle, wie +ich, Bourgeois mit Mischung von Kavaliersblut, die die +rote Fahne entfalteten. Der Hunger der Armen treibt +zur Revolte, der Geist allein zur Revolution ...« +Wie Hochverrat an den grundlegenden Dogmen des +Sozialismus klang mir, was dieser Mann hart und +scharf in den Saal hinausschleuderte. Aber ein Ton +blieb mir hartnäckig im Ohr und weckte etwas in mir, +das stark und stolz war. In selbstentsagender Askese +hatte ich mich, ein schlichter Soldat, als mein Lebensglück +zusammenbrach, in den Dienst der Partei stellen +wollen. Kraft und Jugend kehrten mir wieder: sollte +ich nicht fähig sein und berufen, dem Sozialismus den +Urwald erobern zu helfen, den alle Giftpflanzen des +Vorurteils und des Stumpfsinns noch üppig durchwucherten?</p> + +<p>Ich suchte des Redners Bekanntschaft. Es war Bernard +Shaw, der Theaterkritiker der Saturday Review, +der Entdecker Ibsens und Richard Wagners nicht nur +für England, sondern für den Sozialismus, der bissige +Spötter, von dessen Witzen die englische Gesellschaft nie +recht wußte, ob sie über sie lachen, oder sich vor ihnen +fürchten sollte. Mich verlangte nach einer Erklärung +dessen, was er in lapidaren Sätzen eben vor mich hingestellt +hatte.</p> + +<p>»Sie waren draußen in Letshfield?« frug er mich +statt aller Antwort. »Und haben die Bewohner in ihren +Heimen gesehen? ... Natürlich auch bewundert?!« +Ich nickte. »Und nicht bemerkt, wie drastisch solch eine +Miniatur-Zufriedenheitsexistenz lehrt, daß der Arbeiter +<a name="Page_24" id="Page_24"></a>in seiner Masse nichts mehr verlangt, als ein Bourgeois +zu werden!«</p> + +<p>»Ist es nicht auch das wünschenswerteste Ziel, ihn +zunächst wenigstens satt zu machen?« warf ich ein.</p> + +<p>»Sicherlich, denn Armut ist ein Laster —, wenn nur +die satt gewordenen nicht am raschesten derer vergessen +würden, die noch immer hungern. Im Grunde sind die +Arbeiter das konservativste Element im Staat, und wir +Freigelassenen der Bourgeoisie sind dazu da, sie aufzurütteln.«</p> + +<p>Der Kreis der Fabier war von nun an derjenige, +der mich am meisten anzog, aber die politischen Ereignisse +auf der einen, und jenes Gefühl der Unfreiheit +auf der anderen Seite, das mit der Annahme auch der +weitherzigen Gastfreundschaft untrennbar verbunden ist, +rissen mich wieder nach anderen Richtungen fort. Die +Abstimmung über eine an sich unbedeutende Militärfrage +führte zu einer Niederlage der Regierung und +damit zum Rücktritt des Ministeriums. Eine Erregung, +die sich vom Parlament aus mit Windeseile auf alle +Straßen fortpflanzte, die Gesichter der überall in Gruppen +Zusammenstehenden höher färbte und alle Augen blitzen +ließ, bemächtigte sich der Londoner. Sie steigerte sich +zur Fieberhitze an jenem Abend in Albert-Hall, wo sich +die Menschenmassen vom Parterre dieses Riesenzirkus +bis hoch unter die Kuppel zusammendrängten und die +gestürzten Minister Rosebery und Harcourt in die vom +Atem Tausender und der zitternden Glut des Julitages +lebendigen Luft gegen die neue Regierung leidenschaftliche +Anklagen erhoben. Selbst die Nachmittagstees +des londoner Westens gestalteten sich zu Agitationsver<a name="Page_25" id="Page_25"></a>sammlungen. +Die Leidenschaft des Hasardspielers schien +alle ergriffen zu haben, und gespannt, als gelte es dem +Einsatz der ganzen Existenz, hingen die Blicke an der +rollenden Roulettekugel des Wahlkampfes.</p> + +<p>Eines Morgens atmete ich wie erlöst aus einem +Banne auf, als ich nicht mehr in dem eleganten Zimmer +von Princes Gardens erwachte, wo dichte gelbseidene +Vorhänge mir stets die Sonne vorgetäuscht hatten und +das blitzende Messinggestell meines Betts mich oft selbst +unter der Daunendecke frösteln machte. Hinter weißen +Mullgardinen sah ich jetzt grüne Zweige schaukeln, und +in einem Bett aus warm getönten hellem Holz hatte +ich traumlos geschlafen. Es waren Deutsche von Geburt, +Engländer aus freier Wahl, die mich für die +letzte Zeit meines londoner Aufenthaltes zu sich in ihr +Künstlerheim geladen hatten. Jedes Möbelstück, jeder +Teppich und jede Vase standen in den schönen lichten +Räumen des Hauses in feiner Harmonie zueinander, +nur die Gemälde an den Wänden schienen sie mißtönig +zu zerstören, und in dem großen Atelier schrieen sie förmlich. +Bilder des Elends waren es, des Hungers und +der Verzweiflung, Bilder des Krieges, auf denen von +Wunden grauenvoll Zerrissene die Hände krampfhaft +gespreizt oder wütend geballt gen Himmel streckten. +Der Hausherr malte sie und nichts als sie, — ein milder, +gütiger Mann mit grauem Patriarchenbart und den +Augen eines Jünglings. Wo immer das Leid der +Kreatur zum Ausdruck kam, war sein Herz und sein +Interesse, von der Friedensbewegung an bis zur Tierschutzbewegung. +Er gehörte zu den Menschen, die überall +im einzelnen helfen und wirken wollen, wie der un<a name="Page_26" id="Page_26"></a>gelernte +Gärtner, der da und dort einem armen Pflänzlein +durch künstliche Nahrung oder durch den stützenden +Stab aufhelfen will, aber bei all seinem aufreibenden +Eifer nicht steht, daß der ganze Boden schlecht ist. Sein +weißblondes zartes Frauchen lächelte oft ganz heimlich, +wie eine kleine Mutter zu den Spielen ihres Kindes, +die sie mit der Weisheit der Erwachsenen nicht stören will.</p> + +<p>Ihr Haus übte eine magnetische Anziehungskraft auf +Alles aus, was abseits der großen Heerstraße ging. +Shaw traf ich hier wieder als häufigen Gast; Peter +Krapotkin gehörte zu den Intimen des Hauses, — der +große Revolutionär, der doch ein Kind war: gut und +vertrauensselig und voll phantastischer Träume wie ein +solches. William Stead, dessen rücksichtsloser Kampf +gegen die sittliche Fäulnis der londoner Gesellschaft ihm +einen europäischen Ruf verschafft hatte, begegnete mir +hier zum erstenmal und zog mich in den Bannkreis +seiner starken Persönlichkeit. Seine Augen, deren opalisierende +Lichter wie durch geheimnisvoll darüber gebreitete +Schleier schienen, übten eine faszinierende Wirkung +aus, und wenn er von seinem Verkehr mit den +Geistern Abgeschiedener erzählte, wenn er von den Kräften +der Seele sprach, die unerweckt auch in mir schlummern +müßten, so bedurfte ich der ganzen Nüchternheit meines +Verstandes, der ganzen Stärke meiner fanatisch materialistischen +Weltanschauung, um mich seinem Einfluß +zu entziehen.</p> + +<p>»Ich will mich nicht mit Problemen beschäftigen, die +mich von dem Problem ablenken könnten, dessen Lösung +meine einzige Aufgabe ist: dem des Elends in der Welt ...« +antwortete ich ihm eines Tages, als er mich mit Annie<a name="Page_27" id="Page_27"></a> +Besant bekannt machen wollte, die sich eben vom Sozialismus +abgewandt hatte und zur begeisterten Verkünderin +theosophischer Ideen geworden war. »Mögen andere +heute, wo die Zeit drängt, es vor sich selbst verantworten, +wenn sie ihren Träumen nachhängen...«</p> + +<p>»Sie werden nie mehr träumen?!« Mit einem Blick +und einem Lächeln begleitete Stead seine Frage, die +mir das Blut in die Wangen trieben. Er nahm meine +beiden Hände zwischen die seinen — Hände, die in ihrer +Kraft und ihrer Weiche zum Schützen wie zum Streicheln +gleich geschaffen waren —, und seine Augen bohrten sich +in meine Züge.</p> + +<p>»Ich liebe Ihre Tapferkeit und Ihre Klugheit, aber +was mich Ihre Freundschaft suchen ließ, das ist Ihr +unbewußtes Ich, das sind Ihre Träume, die Sie +vergessen, wenn Sie wachen, von denen mir aber noch +Ihre Augen erzählen, — das ist die tiefe Sehnsucht, +die Ihr Wesen über sich selbst hinauszieht.«</p> + +<p>Ich fuhr an jenem Tage mit ihm hinaus nach Wimbledon, +wo sich zwischen hohen Hecken und alten Bäumen +sein kleines, stilles Haus versteckte. Und im verwilderten +Garten unter dem schattenden Laubdach duftender +Linden lag ich in der Hängematte und ließ mir von +ihm die Kissen unter den Kopf schieben.</p> + +<p>»Sie sind müde?«</p> + +<p>»Sehr!«</p> + +<p>»Ihr Leben ist Seelen-Selbstmord.«</p> + +<p>Seine Hand glitt sanft über meine Stirn. Viele +bunte Schmetterlinge gaukelten über ein Meer gelber +Blumen, und zwei Libellen tanzten über dem kleinen +stillen Teich zärtlich miteinander. Vom Herzen aus +<a name="Page_28" id="Page_28"></a>zuckte ein schneidendes Weh mir durch den Körper, die +Augen füllten sich mit Tränen. Was war es nur, das +mich überwältigte?!</p> + +<p>»Wie Ihre Jugend um ihr Leben weint!« sagte leise +der Mann neben mir. Meine Jugend?! Kaum wußte +ich noch, ob ich alt war oder jung. Ich stand wohl +schon lange jenseits jeden Alters!</p> + +<p>Schweigsam fuhren wir beide nach London zurück. +Ich fühlte die Hand meines Begleiters auf der meinen — streichelnd, +schützend. Nachts schluchzte ich verzweifelt +in die Kissen, und morgens, als ich mich zur gewohnten +Arbeit am Fenster niedersetzte, schweiften meine Gedanken +weit hinaus über die Baumwipfel — in den glühenden +Sommertag — in das Leben. Ich ging umher, mir +selbst fremd geworden, mit anderen Augen. Ich entdeckte +im Spiegel mein Gesicht wie das einer Fremden. +Mechanisch löste ich die Witwenhaube aus den Haaren. +»Georg — Georg —« schrie es in mir, »nie bin ich +deine Frau gewesen — wie kann ich deine Witwe sein?!«</p> + +<p>Die Menschen um mich kamen mir verändert vor: +ich fühlte Männerblicke, die das Weib in mir suchten +und nicht die Gesinnungsgenossin, und Händedrücke, die +andere Empfindungen verrieten als die bloßer Freundschaft. +Und wenn ich auf den grünen Wiesen im Hydepark +blonde rosige Kinder sah, kam ich mir vor wie +eine Ausgestoßene. Drangen aber gar durch die Nacht +aus den Gärten rings umher sehnsüchtig-süße Lieder an +mein Ohr, so war mir, als hätte ich jetzt schon Georgs +Vermächtnis die Treue gebrochen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_29" id="Page_29"></a></p> + +<p>Eines Nachmittags — mein Aufenthalt neigte +sich seinem Ende zu — trat eine einfache, starkknochige +Frau, die weißen Haare straff aus der +Stirn gezogen, an unseren Teetisch und streckte mir eine +harte, unbehandschuhte Hand entgegen: »Sie kennen mich +wohl nicht mehr?« Ich sprang auf, fast hätte ich sie +in die Arme gezogen: »Amie Hicks?! Sie haben mir +Londons Elend zeigen wollen! Wollen Sie es noch +tun, — gleich jetzt?« Sie lachte verwundert über +meinen plötzlichen Eifer, aber ich ließ sie nicht los und +wir verabredeten zunächst einen gemeinsamen Besuch im +Bureau des Zentralkomitees für Frauenarbeit.</p> + +<p>Was ich dort kennen lernte, erregte mein höchstes Interesse: +Man hatte sich zur Aufgabe gestellt, die Lage +der erwerbstätigen Frauen zu untersuchen und die Resultate +zu veröffentlichen, gewerkschaftliche Organisationen +zu schaffen und zu unterstützen, die Arbeiterinnenschutz-Gesetzgebung +zu studieren und ihre Weiterentwicklung +durch mündliche und schriftliche Propaganda zu fördern. +»Wir sind gewissermaßen ein Arsenal und liefern der +Arbeiterbewegung die Waffen,« sagte mir eine der Leiterinnen; +»und wir schaffen zugleich die Möglichkeit, +daß die Frau der begüterten Kreise die Lage der Arbeiterin +kennen lernt, und die Arbeiterin andererseits sich +der Kenntnisse der bürgerlichen Frau bedienen kann,« +fügte eine andere hinzu. Der Plan, etwas Ähnliches +in Berlin zu gründen, reifte in mir: der Arbeiterbewegung +Waffen liefern, war mindestens so nützlich, als +selbst die Waffen tragen. Es war praktisch im Grunde +dasselbe, was die Fabier theoretisch leisteten, es würde +<a name="Page_30" id="Page_30"></a>wertvolle Kräfte in den Dienst des Sozialismus zwingen, — ihrer +selbst fast unbewußt. Es ermöglichte mir, außerhalb +der Partei für die Partei zu wirken. Mit krampfhafter +Anstrengung zuerst und dann mit wachsender Anteilnahme +vertiefte ich mich in das Studium meiner +Aufgabe. Ich flüchtete aus den blühenden Gärten in +die engen Straßen zwischen die geschwärzten Mauern, +wo kein Baum und kein Vogel den Sommer verrät +und seine Glut, die draußen vor den Toren die Knospen +wach küßt, nichts hervorruft, als ekle Dünste und giftige +Miasmen. Je mehr ich ihm entfloh, desto grauer und +stiller wurde es auch wieder in mir. Eilig, wie die +andern, ohne rechts oder links zu sehen, lief ich durch +die Stadt, über klebrige Höfe, steile Treppen hinauf in +die Bureaus der Fabrikinspektionen und der Gewerkschaften, +zu Besuchen, Sitzungen und Versammlungen. +Zahlen, nichts als Zahlen hörte ich — neben den Lohntabellen, +die Arbeitsstunden und die Wochen der Arbeitslosigkeit —, +sie verfolgten mich bis in meine Träume, +verschwammen ineinander und schoben sich vor meinen +Augen dichter und dichter zusammen, bis sie nichts waren +als ein einziges schwarzes Trauergewand, das Himmel +und Erde verhüllte.</p> + +<p>»Nun bleibt mir nur noch übrig, die Illustration zu +Ihren Tabellen zu sehen,« sagte ich eines Abends zu +Amie Hicks, die die Arbeiterinnen der Zündholzfabrikation — ihre +Kolleginnen — organisiert hatte. Sie +wandte sich an eine junge Soldatin der Heilsarmee, die +bescheiden im Hintergrund stand. »Wollen Sie unsere +deutsche Freundin heute nacht nach Whitechapel mitnehmen?«</p> + +<p><a name="Page_31" id="Page_31"></a>Das Mädchen sah mich zweifelnd an: »Wenn die +Dame sich nicht fürchtet — und sich entschließt, unsere +Kleidung anzuziehen.« Ich war natürlich zu allem bereit. +Ehe wir uns am späten Nachmittag auf den Weg +machten, steckte ich mir die Taschen voll kleiner Kupfermünzen. +»Das hat keinen Zweck,« lächelte meine Begleiterin, +»es sind ihrer viel zu viele!« Unterwegs erzählte +sie mir von ihrer Arbeit: einem unaufhörlichen +Kampf mit Laster und Not, einer stündlichen Aufopferung +der eigenen Person, und ihr schmales Gesichtchen +strahlte dabei wie das ihrer Altersgenossinnen, wenn +sie von Karnevalstriumphen zu berichten haben. »Was +führte Sie zu Ihrem Beruf?« frug ich. »Jesus rief +mich!« antwortete sie einfach.</p> + +<p>Es fing an zu dämmern. Die Straßen schrumpften +zusammen, während die Menschenmassen unheimlich anschwollen. +In ihrer Kleidung schienen die Farben mehr +und mehr zu erlöschen, und die Unterschiede zwischen +Alter und Jugend verwischte ein gleichmäßiger Ausdruck, +zwischen Leid, Stumpfsinn und Gemeinheit schwankend. +Kinder keuchten mit Säcken beladen über die Gassen — »Heimarbeiter«, +bemerkte meine Begleiterin lakonisch —, +an den Rinnsteinen hockten andere in langen Reihen, +und wühlten mit schmutzstarrenden, mageren Fingerchen +im Straßenkehricht. Ein kleiner Bub mit krummen +Beinen wollte sich eben heimlich mit dem gefundenen +Rest einer Banane aus dem Kreis der Gefährten davon +schleichen. Ein triumphierendes Grinsen verzerrte sein +Gesichtchen. Aber schon fielen die anderen wutheulend +über ihn her und rissen ihm die fadenscheinigen Lumpen +von dem armen rhachitischen Körper. Er weinte nicht, +<a name="Page_32" id="Page_32"></a>er duckte sich nur ein wenig und versuchte die zertretene +Banane vom Pflaster abzukratzen, aus seinen +verschwollenen Augen traf mich dabei ein Blick voll +grenzenloser Verzweiflung.</p> + +<p>Wir bogen in eine langgestreckte schmale Sackgasse +ein. »Nehmen Sie sich in acht,« warnte meine Begleiterin, +als wir in eines der offenen Häuser traten, +»die Treppen haben keine Geländer.« Ich tastete mich +hinter ihr vorwärts, während ein pestilenzialischer Geruch +mir den Atem benahm. Wir stießen eine Türe +auf, die weder Griff noch Schlüssel hatte. Ein schwerer +grauer Dunst von Staub und Schweiß schlug uns entgegen, +gespensterhaft bewegten sich die Gestalten der +Bewohner dahinter, während das Rattern und Quietschen +schlecht geölter Nähmaschinen jeden anderen Ton verschlang. +Dicht aneinandergedrängt saßen Männer und +Frauen um den Tisch, auf dem ein kleines Lämpchen +vergebens versuchte, spärliches Licht zu verbreiten; an +dem einzigen Fenster standen die Maschinen, von zwei +Kindern in Bewegung gesetzt. Keines der dunkeln Köpfe +hob sich bei unserem Eintritt. Nur als mein Kleid +eine der Frauen streifte, sahen ein paar schwarze Augensterne +mich prüfend an. »Russische Juden,« sagte meine +Begleiterin und wandte sich dem finstersten Winkel des +Zimmers zu. Eine durchsichtig weiße Hand streckte sich +ihr entgegen. »Er ist schwindsüchtig,« flüsterte sie. +Zögernd trat ich näher. In einem armseligen Bett, +mit Haufen bunter Stoffreste statt mit Kissen gefüllt, +lag ein Mann, das blasse durchgeistigte Antlitz von +schwarzen, langen Haaren umrahmt; strahlend richteten +sich seine fieberglänzenden Augen auf das junge Mädchen, +<a name="Page_33" id="Page_33"></a>aber die Milch, die sie aus ihrem Körbchen nahm, enttäuschte +ihn; erst als sie ein kleines Buch in seine +schlanken Finger legte, lächelte er sie dankbar an. »Ich +habe auch wieder ein Gedicht geschrieben —,« sagte er +und zog einen Fetzen Zeitungspapier aus den Lumpen +hervor, am Rande dicht bekritzelt.</p> + +<p>»Nicht einmal Knöpfe kann er mehr annähen,« tönte +eine rohe Stimme neben uns. »Wenn es doch bald zu +Ende wäre, — gestern spuckte er Blut auf ein fertiges +Hemd —«</p> + +<p>Ich mußte mich einen Augenblick schwindelnd an den +Pfosten des Torweges lehnen, als wir hinunterkamen. +Es war inzwischen ganz dunkel geworden. Unter der +nächsten Türe stand ein Mädchen mit entblößter Brust +und sprühenden Augen. »Marianne!« — Vorwurfsvoll +tönte die Stimme meiner Begleiterin. Ein rauhes +Lachen antwortete ihr. »Ich will leben!« stieß das +Mädchen zwischen den Zähnen hervor. — »Leben!« — wiederholte +sie noch einmal mit einem langgezogenen +Nachtigallenton. Wir gingen an ihr vorbei in die niedrige +Stube; eine verrostete Eisenbettstelle, ein paar +Kisten bildeten die ganze Einrichtung. Am Herd in +der Ecke stand ein altes Weib mit den gedunsenen Zügen +der Trinkerin, auf dem feuchtglänzenden Lehmboden kroch +eine Schar kleiner Kinder. Meine Begleiterin hatte +gerade begonnen, einem der kleinsten die wunden Füßchen +zu verbinden, da sprang unter wüstem Gekreisch die +Türe auf: — das Mädchen von draußen stolperte, von +ein paar braunen Fäusten gestoßen, ins Zimmer, zwei +Schwerbetrunkene hinter ihr. Sie warf sich aufs Bett, — ich +floh, von Entsetzen gepackt, aus dem Hause.</p> + +<p><a name="Page_34" id="Page_34"></a>In den Straßen brütete gewitterschwangere Julinacht. +Junge und alte Weiber, von Elend, Laster und Krankheit +gräßlich gezeichnet, Männer, deren Kleidung +einen Fuselgeruch ausströmte, Kinder, die eine Kindheit +nie gekannt hatten, strichen an uns vorbei. »Gibt es +in der Welt noch einmal solche Hölle,« stöhnte ich und +wischte mir die Schweißtropfen von der Stirn. »O, — in +Glasgow, in Liverpool, in Manchester ist es ebenso —,« +sagte meine Begleiterin ruhig.</p> + +<p>An der nächsten Straßenecke ballten sich die Menschen +zu einem schwarzen Knäuel. Qualvolle Schmerzensrufe +drangen daraus hervor. Wir liefen vorwärts, — alles +machte uns Platz, — die Uniform der Heilsarmee war +wie ein Freibrief, den selbst die Rohesten respektierten. +Auf dem Pflaster lag ein Weib und wand sich in Mutterschmerzen. +»Er hat sie hinausgeprügelt,« schrie ein +Mädchen, das neben ihr kniete und ballte wütend die +Fäuste. Meine Begleiterin war im Augenblick bei +ihr. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. In die +Menschen um uns her kam ein seltsames Leben, +sie liefen in die nächsten Häuser, atemlos, — sie +kehrten zurück, — auch der Elendeste mit vollen Händen. +Tücher, Kissen, Decken breiteten sich um die Kreißende +aus; ein weißhaariges Mütterchen mit gekrümmtem +Rücken schleppte stöhnend Eimer voll Wasser herbei, +ein alter Mann humpelte hastig auf seiner Krücke näher +und legte mit zitternden Händen seine zerschlissene Jacke +über die Jammernde. Ein Sekunde lang war es ganz +still, — das Leben schien den Atem anzuhalten, da — ein +gellender Schrei, der die Nacht zerriß, — das Kind +war geboren, das unselige Kind der Straße. Zurückgelehnt<a name="Page_35" id="Page_35"></a> +in dem Schoß der Nächsten lag das Weib. +Laternenlicht fiel grell auf ihre eingesunkenen Wangen, +die weitaufgerissenen Augen drehten sich in den Höhlen, +suchend griffen die Finger in die leere Luft, dann noch +ein Zucken, ein rauhes Röcheln, — es war vorüber. +Und um die tote Mutter knieten ringsum im Schmutz +der Straße die Genossen ihres Jammers ...</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Sonnenzauber hatte keine Macht mehr +über mich.</p> + +<p>Ich hatte nur noch ein Achselzucken, wenn +ich die Macht der Gewerkschaften preisen hörte — »die +Sattgewordenen vergaßen zuerst der Hungernden« —, und +ein verächtliches Lächeln für die Größe und Einheitlichkeit +sozialer Hilfsarbeit, die sich von Rechts wegen +bankerott erklären müßte. Hier galt es nicht mehr, +Einzelne vor dem Ertrinken zu retten, und Wunden zu +verbinden, hier galt nur eins: die alte Welt, die ihre +eigenen Kinder mordete, zu zerstören, um der neuen +Platz zu schaffen.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_36" id="Page_36"></a></p> +<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2> + + +<p>»Sie wollen wirklich alle Bücher verkaufen?!«</p> + +<p>Der junge Student, der vor mir stand, +blickte mich vorwurfsvoll an. Er war gekommen, +mir beim Ordnen der philosophischen Bibliothek +meines verstorbenen Mannes behilflich zu sein.</p> + +<p>»Mit wenigen Ausnahmen, — ja!« antwortete ich +mit erzwungener Ruhe. »Sie sehen selbst: in der +neuen Wohnung fehlt es an Platz für sie, — und außerdem +werde ich sie kaum je benutzen. Ich werde mit +Überlegung einseitig!« Dabei wies ich lächelnd auf +die dickleibigen Fabrikinspektorenberichte, die vor mir +lagen. Er begab sich stumm, gesenkten Kopfes an die +Arbeit. Wie herzlos, daß ich Georgs geliebte Bücher +verkaufte, dachte er jetzt gewiß. Durfte ich ihm sagen, +daß ich sie verkaufen mußte? Daß ich gestern mit dem +letzten, was ich besaß, Georgs Grabdenkmal bezahlt +hatte, — einen schönen hohen Marmorblock, auf dem in +großen goldenen Lettern sein Wahlspruch stand, der nun +auch der meine war: »Wir leben durch die Menschen, +laßt uns für die Menschen leben.«</p> + +<p>Mama hatte mir eben aus Pirgallen entrüstet über +meine Verschwendung geschrieben: »Ein schlichter Stein +mit Georgs Namen wäre ausreichend gewesen.« Ich +lächelte unwillkürlich. Arm sind doch nur die Menschen, +<a name="Page_37" id="Page_37"></a>die niemals verschwenden können! Ich war ja sonst so +schrecklich vernünftig. Treppauf, treppab war ich seit +meiner Rückkehr aus England gelaufen, um eine Wohnung +zu finden, die meinen Mitteln entsprach. In +einem Hof der Kleiststraße, drei Treppen hoch, hatte ich +sie endlich gefunden: zwei Zimmer mit dem Blick auf +eine Mauer, die eine riesige gemalte Schweizer Landschaft +schmückte. Zu allerhand öder journalistischer Tagesarbeit +hatte ich mich verpflichtet, um in der übrigbleibenden +Zeit meiner Aufgabe leben zu können. In vier +Wochen zog ich um, bis dahin mußte auch sie festere +Gestalt gewinnen.</p> + +<p>Ich hatte mich zunächst schriftlich an eine Anzahl hervorragender +Politiker und Sozialpolitiker gewandt, bei +denen ich ein Interesse für die Sache voraussetzen +konnte, und ihnen meinen Plan eines Zentralausschusses +für Frauenarbeit auseinandergesetzt. Sehr höflich, sehr +zuvorkommend hatten sie mir geantwortet. »Ihr Plan +hat meine volle Sympathie,« schrieb mir eben Theodor +Barth. »Ich habe nur Bedenken, ob er sich in seinem +vollen Umfang in absehbarer Zeit durchführen läßt. +Nach meinen Erfahrungen scheitern sehr viele an sich +vortreffliche Reformbestrebungen gerade daran, daß das +Ziel von vorn herein zu weit gesteckt ist. Meines Erachtens +sollte man zunächst einmal an eine Sammlung +und Sichtung von Material, die Bedingungen der +Frauenarbeit betreffend, herangehen, wie das <em class="antiqua">sub</em> 1 +Ihres Programms ja auch in Aussicht genommen ist. +Unternehmer und Arbeiter müßten allerdings zusammenwirken +und Vorurteile — speziell auch gegen die Sozialdemokratie — dürften +keine Rolle spielen ... Leider +<a name="Page_38" id="Page_38"></a>ist meine Arbeitskraft schon anderweitig so stark in +Anspruch genommen, daß ich wohl mitraten, aber nicht +mittaten kann ...«</p> + +<p>Diesen Satz enthielt noch jeder Brief, den ich erhalten +hatte. Warnungen vor der Gefahr sozialpolitischer +Dilettantenarbeit, Besorgnisse, Wasser auf die Mühlen +der Sozialdemokratie zu treiben, bedenkliche Fragen nach +der finanziellen Fundierung des Unternehmens wiederholten +sich oft. »Auf alle Fälle ist der Zeitpunkt schlecht +gewählt,« hieß es in einem Schreiben, das <em class="antiqua">Dr.</em> Jacob, +mein alter Gegner aus der Ethischen Gesellschaft, an +mich richtete, »jetzt, im Jubiläumsjahr, wo das unverantwortliche, +antipatriotische Verhalten der Sozialdemokratie +selbst solche Kreise erbittern muß, die vielen ihrer +Forderungen sympathisch gegenüberstanden, ist nicht der +Augenblick, um zu gemeinsamer Arbeit aufzurufen. Ich +bezweifle auch, daß Sie Kapitalien finden, die Ihnen +zu solchem Zweck die immerhin recht erheblichen Mittel +zur Verfügung stellen werden.« Und Frau Schwabach, +die einzige unter den Frauenrechtlerinnen, der ich ein +ernsteres Verständnis der Sache zutraute, war gleichfalls +voller Bedenken gewesen. »Wir müssen zuerst die +Peinlichkeiten ausbilden, die zu solcher Arbeit fähig +sein sollen,« hatte sie gesagt. Das alte Lied, das die +Gewissen einlullt, das Selbstvertrauen betäubt und die +Schuld trägt, wenn vor lauter Vorbereitung zur Tat +die Tat selbst von einem Tage zum andern verschoben wird.</p> + +<p>Heute nun erwartete ich Martha Bartels mit zwei +ihrer Freundinnen — Arbeiterinnen wie sie —, um +ihr Urteil zu hören und ihren Rat, der mir der weitaus +wichtigste erschien, zu erbitten.</p> +<p><a name="Page_39" id="Page_39"></a></p> +<p>»Sie müssen für heute aufhören, mein lieber Schmidt,« +wandte ich mich an den Studenten, der vor den letztem +Regalen des Bücherschranks hoch oben auf der Leiter +stand, »es ist unverantwortlich von mir, daß ich Ihre +Kraft und Zeit schon so lange in Anspruch nehme.«</p> + +<p>Er fuhr, wie aus einem Traum erwachend, zusammen +und strich sich die dichten schwarzen Haare aus der +heißen Stirn.</p> + +<p>»Muß ich wirklich schon fort?« Hastig wandte er sich +um und rieb die roten, knochigen Hände wie fröstelnd +aneinander. Ich nickte, denn schon hörte ich draußen +die Klingel. Langsam stieg er die Leiter hinab.</p> + +<p>»Ach, — wenn ich doch wirklich etwas für Sie tun +könnte —,« damit senkte er den Kopf tief auf meine +Hand.</p> + +<p>In dem Augenblick öffnete sich die Türe, und die +drei Frauen traten ein. Sie sahen uns, wechselten +sekundenlang einen vielsagenden Blick, ein leises spöttisches +Lächeln kräuselte die Lippen der einen, der +großen, hageren; — ein Gefühl, als hätte mich jemand +mit Schmutz beworfen, beschlich mich. Flüchtig erinnerte +ich mich, daß meine Mutter die Anwesenheit eines +jungen Herrn bei mir, der Witwe, für unpassend erklärt +hatte, — aber waren nicht diese Frauen Vorkämpferinnen +einer freien Weltanschauung?! Ich richtete +mich gerade auf, zog meine Hand aus der sie noch +immer umklammernden; mit einer ungeschickt eckigen +Verbeugung drückte sich der junge Student an den neuen +Gästen vorbei zur Türe hinaus.</p> + +<p>Bei Kaffee und Kuchen überwanden meine Besucherinnen +die erste Verlegenheit. Sie hatten sich in den +<a name="Page_40" id="Page_40"></a>besten Sonntagsstaat geworfen und saßen kerzengerade +auf den weichen Lehnstühlen; bei jeder Bewegung +krachten die engen Taillen ihrer schwarzen Kleider, und +die vielen bunten Blumen auf ihren Hüten schwankten +hin und her. Nur Martha Bartels, die nicht zum +ersten Male hier war, gab sich ungezwungener.</p> + +<p>Irgend etwas in dem Gesicht der kleinen Näherin +hatte sich seit unserem letzten Zusammensein verändert.</p> + +<p>»Nun, Genossin Glyzcinski, was haben Sie uns Gutes +mitzuteilen,« sagte sie mit einem leisen gönnerischen Ton +in der Stimme, den sie damals noch nicht gehabt hatte, +als sie mich »Frau von Glyzcinski« nannte. Freilich, +sie hatte ja im Grunde ein Recht dazu, ich war ja jetzt +nur eine Novize in ihren Reihen —, dachte ich und +bezwang die gereizte Stimmung, die sich meiner zu bemächtigen +drohte.</p> + +<p>Mit steigendem Eifer, an der eigenen Sache mich erwärmend, +setzte ich ihnen meine Pläne auseinander. +»Ich brauche dabei Ihre Mitarbeit,« schloß ich; »wir +können für die Arbeiterinnen nichts tun, was nicht mit +ihnen geschieht —«</p> + +<p>Tiefe Stille. Die drei löffelten in ihren Kaffeetassen, +stießen einander unter dem Tische an und wollten nicht +mit der Sprache heraus. »Ja —,« meinte Martha +Bartels schließlich gedehnt, »das ist ja alles ganz +schön und gut, aber was uns das eigentlich angeht —! +Wir wissen doch längst, wie's bei uns aussieht, und um +die Neugierde der Bourgeoisdamen und -herren zu befriedigen, +oder sie gar in unseren Organisationen herumstänkern +zu lassen, — dazu sind wir nicht da.«</p> + +<p>Frau Resch, die Hagere, nickte eifrig und warf mir einen +<a name="Page_41" id="Page_41"></a>giftigen Blick zu. Frau Wiemer, ein rundliches Frauchen +mit gutmütigen braunen Augen, drehte sich hastig auf dem +Stuhle um, so daß die Sprungfedern knackten. »Da bin +ich nun ganz und gar anderer Meinung,« rief sie, »wir +wären schön dumm, wenn wir so eine Unterstützung von +der Hand weisen wollten. Wir haben, weiß Gott, keinen +Überfluß an Kräften, und wenn wir sie noch dazu nach +unserem Gutdünken benutzen können —«</p> + +<p>Martha Bartels trommelte mit den zerstochenen Fingern +auf dem Tisch. »In meinem Kreis, Genossin Wiemer, +kann ich dafür keine Stimmung machen,« sagte sie scharf.</p> + +<p>»Na, was das schon ist: Ihr Kreis. Ein halb Dutzend +Frauen haben Sie neulich in der Versammlung zur Vertrauensperson +gewählt, — das macht den Kohl nicht +fett!« spöttelte die Angeredete. »Die Männer haben, gottlob, +auch noch ein Wörtchen mitzureden!«</p> + +<p>Frau Resch kicherte: »Sie freilich meinen immer, Sie +haben die Männer am Bändel —!«</p> + +<p>Stumm, in wachsender Verblüffung hörte ich der Debatte +zu, die sich mehr und mehr ins Persönliche verlor.</p> + +<p>»Im übrigen: was ereifern wir uns,« sagte Martha +Bartels endlich, während sie sich mit hochrotem Gesicht +in den Stuhl zurücklehnte. »Zu allererst werden wir +doch Genossin Orbins Urteil hören müssen.«</p> + +<p>Die Frauen verstummten. Wanda Orbin: das war +die anerkannte Führerin der Arbeiterinnen-Bewegung, +eine Frau, die ich aus der Ferne schon längst zu bewundern +gelernt hatte. Mit der aufreizenden Leidenschaftlichkeit +ihrer Rednergabe vermochte sie alles mit sich +fortzureißen.</p> + +<p>Meine Gäste verabschiedeten sich, kühl und verlegen.<a name="Page_42" id="Page_42"></a> +Nur Frau Wiemer schüttelte mir kräftig die Hand und +zögerte beim Hinausgehen. »Wir reden noch mal miteinander — unter +vier Augen,« flüsterte sie.</p> + +<p>Enttäuscht — mutlos blieb ich zurück. Tiefes Verständnis, +freudige Zustimmung, warme Kameradschaftlichkeit +hatte ich erwartet —!</p> + +<p>Am nächsten Morgen kam ein Brief von Martha +Bartels: »Seit gestern weiß ich nicht, ob Sie wirklich +unsere Genossin sind. Was Sie da vorschlagen, das +kann jede Frauenrechtlerin auch. Es zeigt, daß Sie +mit der bürgerlichen Gesellschaft noch nicht gebrochen +haben, und deshalb können wir kein rechtes Vertrauen +gewinnen. Ich sehe nun, daß man immer unrecht tut, +wenn man den schönen Gefühlen der Bourgeoisdamen +Glauben schenkt.« Hatte sie zu ihrer Enttäuschung nicht +ein größeres Recht als ich zu der meinen? War mein +ganzes Verhalten nicht wirklich ein Rückzug? Versuchte +ich nicht, nach links und rechts Konzessionen zu machen, +damit ich nur selbst fein säuberlich auf dem normalen +Mittelweg mich erhalten konnte?</p> + +<p>In meinen Hoffnungen und Wünschen sehr herabgestimmt, +machte ich mich in den nächsten Tagen auf den +Weg, um die Führer der sozialdemokratischen Partei +aufzusuchen, bei denen ich mich schon angekündigt hatte.</p> + +<p>Ich ging zuerst zu Liebknecht. Er wohnte draußen +in der Kantstraße, wo inzwischen das neue Berlin +aus der Erde schoß wie eine wildwuchernde Urwaldpflanze. +In der Tauentzienstraße, die vor fünf Jahren +nicht viel mehr als ein breiter Feldweg gewesen +war, reihte sich ein Neubau an den andern, — hohe +vier- und fünfstöckige Häuser, mit lauter Wohnungen +<a name="Page_43" id="Page_43"></a>zu neun bis zwölf Zimmern. Wo kam der Reichtum +nur her, der so üppig zu wohnen vermochte? dachte ich. +Und weiter nach dem Westen zogen sich Straßen und +Straßen hinaus, — lange Spinnenarme, die über die +Felder griffen bis fernhin, wo der Grunewald, eine +schwarze schmale Linie, am Horizont auftauchte. Ratternd +und fauchend bewegte sich die Dampfstraßenbahn den +Kurfürstendamm hinauf ihm entgegen. Wie viel kleine +gemütliche einstöckige Häuschen zwischen Birkenwäldchen +und Kartoffelfeldern waren der Spitzhacke hier zum +Opfer gefallen! Und der Riesenbaum, der an der Straßenkreuzung +ein Wahrzeichen der Gegend gewesen war +hatte einer Kirche weichen müssen. Gut, daß er fiel, +dachte ich; wie hätten die Mauern den alten Recken beengt, +wie hätte seine trotzige, rauhe Schönheit ihre +Fassadenpracht Lügen gestraft. Die Kirche hatte sich +noch immer ihrer Umgebung angepaßt, auch hier hatte +sie sich zu ihr nicht in Widerspruch gesetzt.</p> + +<p>In die Kantstraße bog ich ein. Dicht an der Stadtbahnbrücke, +im dritten Stock, wohnte Liebknecht. Er +empfing mich vor einem alten Schreibpult in seinem +winzigen Arbeitszimmer, das vollgestopft mit Papieren +und Zeitungen war, so daß dazwischen kaum ein freier +Raum zum Treten übrig blieb. Sein hartgeschnittenes +Gesicht mit den tiefen Furchen, dem Blick, der unter +buschigen Brauen wie abwesend über einen hinwegsah, +den wirren dunkeln Haaren über der hohen geraden +Stirn, dem grauen ungepflegten Bart um das breite +Kinn und den seltsam schiefstehenden großen Mund, +dazu der Rock, der an den Ellbogen und auf dem Rücken +speckig glänzte, das Hemd darunter mit dem weichen +<a name="Page_44" id="Page_44"></a>halboffenen Umlegekragen, die ausgetretenen Pantoffeln +an den graubestrumpften Füßen, — das alles wirkte zunächst +wenig anziehend. Dann gab er mir flüchtig die +Hand, die weich und zart war, — ich mußte ihn wirklich +noch einmal betrachten, um zu glauben, daß sie diesem +Manne gehörte. Sie gab mir Mut zu reden, ich wäre +ohne sie am liebsten wieder umgedreht. Ich erzählte +ihm auch von meinen Erfahrungen mit den Frauen. Er +lächelte mit einem gutmütigen Spott in den Augen. +»Soll ich Ihnen einen wirklich freundschaftlichen Rat +geben?« sagte er. »Kümmern Sie sich nicht um sie, wenn +Sie was erreichen wollen. Die sind noch rückständiger +als die Männer, können gar nicht anders sein. Wo +sollen sie auch die Erkenntnis hernehmen, die armen +Weiber?! Schon alles mögliche, wenn sie rein aus ihrem +proletarischen Instinkt heraus gute Parteigenossinnen sind.«</p> + +<p>Vergebens suchte ich ihn bei meinem Thema festzuhalten, +es interessierte ihn offenbar nicht; dagegen rief +der Name England eine Flut von Gedankenverbindungen +in ihm wach. Er glaubte meinen rettungslos bourgeoisen +Standpunkt daran zu erkennen, daß ich zwar mit Burns +und den Fabiern, nicht aber mit Hyndman und der sozialdemokratischen +Föderation, die allein den Marxismus +in England repräsentierten, verkehrt habe. Mit den +sprunghaften Übergängen eines glänzenden Geistes, der +weder die Fähigkeit hat, auf die Interessen des anderen +einzugehen, noch die Fähigkeit, sich in eine Frage zu vertiefen, +kam er von da auf unsere auswärtige Politik zu +sprechen, auf das berechtigte Mißtrauen Englands den +offenbaren Weltmachtgelüsten unseres Kaisers gegenüber, +auf Rußland, an das wir um so näher uns anschließen +<a name="Page_45" id="Page_45"></a>würden, je weiter wir von England abrückten, auf den +künstlich ausgepeitschten Hurrapatriotismus der Kriegserinnerungsfeiern +der Gegenwart, der letzten Endes nur +dazu da sei, gegen die Sozialdemokratie mobil zu machen +und die gescheiterte Umsturzvorlage in anderer Form +wieder aufleben zu lassen.</p> + +<p>Mir war diese Gesprächswendung unbehaglich. Gut, +daß ich, ohne aufzufallen, schweigen konnte. Hafteten +die Eierschalen der Vergangenheit noch so fest an mir, +daß die Artikel des »Vorwärts« über die Gedenkfeiern +an den »brudermörderischen Krieg« mir das Blut in +Wallung brachten? Sie vertraten doch zweifellos Menschlichkeit +und Gerechtigkeit in weit höherem Maße, als all +die mit Orden und Bändern behängten Kriegervereinler, +die sich wie die Wilden an der blutigen Unterdrückung +eines Nachbarvolkes noch in der Erinnerung berauschten. +Liebknecht war in seiner Gegnerschaft gegen jede Art +von Chauvinismus ein Fanatiker. »National gesinnt +ist meines Erachtens nur, wer das Recht und das Wohl +anderer Nationen ebenso zu achten weiß, wie das der +eigenen,« sagte er. Und mir wurde bewußt: er fühlte +international, während ich nur die Idee der Internationalität +kühl verstandesmäßig anerkannte. Ich sprach +das aus, und er nickte eifrig: »Natürlich, — das ist der +Unterschied, — und der kommt zum großen Teil daher, +daß das Jahr 48 und das Sozialistengesetz mir das +Vaterland nahmen und die Welt zur Heimat machten. +Auch der Proletarier, der nichts besitzt, und der Arbeit +über alle Grenzen hinweg nachrennen muß, ist von Herzen +international, und die Hammerstein und Konsorten,« — er +lachte boshaft —, »die sich vom Vaterland den Schmer<a name="Page_46" id="Page_46"></a>bauch +mästen lassen, predigen uns Verruchten Patriotismus!« +Er unterbrach sich und stand auf. Ich wollte +gehen »Daraus wird nichts, — nun müssen Sie noch +bei meiner Frau Kaffee trinken.«</p> + +<p>Ich wurde ins Wohnzimmer geführt. Bei Frau +Major X. in Bromberg und bei Frau Hauptmann Z. +in Brandenburg war es nicht viel anders gewesen —, +nur daß hier statt der Familienbilder die von Marx, +Engels und Lassalle an den Wänden prangten, statt des +Stichs der Sixtina Walter Cranes Maifestzug, und ich +damals noch nicht in die rechte Sofaecke genötigt wurde. +Frau Liebknecht war die typische Gouvernante aus vornehmen +Häusern, der Bildung und Lebensform nicht +die Haut war, sondern das Kleid. Ihm war ich irgendwer +gewesen, ihr: »Frau von Glyzcinski.«</p> + +<p>Es dämmerte schon, als ich mit ihm das Haus verließ. +Er ging in seine Redaktion, ich in die Ansbacherstraße, +wo ich die Eltern aus Pirgallen zurückerwarten +sollte. »Und für meinen Plan kann ich auf Ihre +Unterstützung nicht rechnen?« fragte ich nun doch noch +einmal. Er blieb stehen. »Meine Unterstützung?! Das +würde keinem von uns nützen. Überlegen Sie sich's +selbst noch mal, ob er Ihrer eigenen Unterstützung +wert ist!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die Stimmung war keine rosige, in der ich Eltern +und Schwester empfing, und auch sie schienen +erregt und niedergeschlagen: Mama hatte die +Lippen fest zusammengekniffen, so daß sie nur noch wie +ein schmaler, blasser Strich erschienen, der Vater war +<a name="Page_47" id="Page_47"></a>feuerrot im Gesicht und räusperte sich ununterbrochen, +Ilschen hatte verweinte Augen. »Alles ging so gut,« +flüsterte sie mir hastig zu, als die Eltern ins Zimmer +getreten waren, und hielt mich im Flur zurück, »da +kam es gestern abend wegen der dummen Hammerstein-Geschichte +zu einer Auseinandersetzung zwischen Onkel +Walter und Papa. Das Vertuschungssystem sei unanständig, +sagte er, während Onkel es für notwendig +erklärte im Interesse der Partei. Schließlich schimpfte +Papa — du kannst dir denken, wie —, und Onkel +sagte, Papa habe sich wohl bei seiner Tochter, der +›Genossin‹, angesteckt, — ein Wort gab das andere, +Onkel zeigte Papa schließlich die Kreuz-Zeitung mit der +Notiz über dich — —«</p> + +<p>»So, — nun haben wir miteinander zu reden —,« +unterbrach meines Vaters vor Erregung rauhe Stimme +die Schwester. Es war ein förmliches Verhör ...</p> + +<p>»Mitglied der sozialdemokratischen Partei bin ich noch +nicht —,« sagte ich. Er lehnte sich tief aufatmend mit +geschlossenen Augen in den Stuhl zurück. Ich wollte +fortfahren. Er wehrte mit beiden Händen ab: »Genug — genug! +Mehr will ich nicht hören — mehr nicht!« +Dann erhob er sich schwerfällig, ging zum Schreibtisch +und setzte ein Telegramm auf: »Baron Walter von +Golzow, Pirgallen. Ich habe Alix' Wort. Verlange +nunmehr von dir Ehrenerklärung. Hans.« Ich wollte +widersprechen, — des Vaters rotunterlaufene Augen +blitzten mich herrisch an, Ilse faltete hinter ihm mit +bittender Gebärde die Hände —, ich schwieg. War es +Feigheit? War es Rücksicht? Oder nichts als schlaffe +Ermüdung?</p> + +<p><a name="Page_48" id="Page_48"></a>Beim Abendessen wurde mir mitgeteilt, daß die +Gartenwohnung auf derselben Etage frei geworden sei. +»Wir hätten andernfalls umziehen müssen, nun ersparen +wir das, und du ziehst einfach hierher,« sagte der Vater; +»dann haben wir Alten wieder unsere beiden Töchter,« +fügte er mit einem Anflug liebevoller Heiterkeit hinzu +und streckte mir über den Tisch die Hand entgegen. +Nur zögernd legte ich die meine hinein.</p> + +<p>»Sehr gütig, Papa, daß du an mich dachtest, aber +ich habe schon eine Wohnung.« Er brauste wütend +auf. Schweigend ließ ich den Wortschwall über mich +ergehen.</p> + +<p>»Ich habe euch meine Überzeugung geopfert,« sagte +ich dann fest, »meine Freiheit opfere ich euch nicht ...«</p> + +<p>Durch die sternenlose Augustnacht ging ich nach Hause. +Über die menschenleere Straße schwankten ein paar Betrunkene. +Wie fürchtete ich mich sonst vor ihnen, — gleichgültig +schritt ich heute vorbei, — meinetwegen +hätten sie mit mir tun können, was sie wollten. Ich +war ja gar nicht ich, nur ein Schatten dessen, das +einst lebendig war. In meiner einsamen dunkeln Wohnung +warf ich mich angekleidet aufs Bett und grübelte +stumpfsinnig dem einen Gedanken nach: Warum ich +eigentlich den Morgen erwarten müßte — und den Tag — und +wieder einen Tag, und so in endloser Reihe +die ganze Leere des Lebens?!</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_49" id="Page_49"></a></p> + +<p>In meinen stillen Zimmern lastete die Luft auf +mir. Die Sonne strahlte durch die grünumsponnenen +Fenster, über die lachenden Gärten, — wäre +ich nur erst in meinem neuen Heim, wo ich +nichts sah, als eine gemalte Landschaft! Von innerer +Unruhe getrieben, lief ich in der Stadt umher, blieb +vor den Schaufenstern stehen und ertappte mich auf +einem halb unbewußten Verlangen nach hellen Kleidern. +Ich saß allein vor dem alten verräucherten Kaffee Josty +und sah über den Potsdamer Platz hinweg den Menschen +nach, die schwatzten und lachten und kokettierten, und +unter die ich mich nicht mischen durfte. Ein Gefühl +von wohliger Wärme überkam mich, wenn bewundernde +Blicke mich trafen, — ach, und Sehnsucht packte mich, +unbändige Sehnsucht nach Lebensfreude.</p> + +<p>Damals begegnete mir Graf Oer, einer meiner +alten Tänzer; er hatte den schlechtesten Ruf und war +doch einer der verwöhntesten Männer der berliner Gesellschaft. +Eine aufreizende, schwüle Atmosphäre verfeinerter +Sinnenlust umgab ihn; schon sein forschender +Blick aus halbgeschlossenen Augen, sein weicher, langsamer +Händedruck ließ die Frauen erröten, denen er sich +näherte. Mir gegenüber war er ganz teilnehmender +Freund. »Ihre Blässe erhöht zwar nur Ihren Reiz, +schönste Frau,« sagte er, »aber im Verein mit Ihrer +sylphidenhaften Gestalt« — seine Blicke wanderten +förmlich über meinen Körper — »finde ich sie beängstigend. +Sie brauchen Sonnenweide wie ein Rassepferd. +Was meinen Sie, wenn ich Ihnen täglich ein paar +Stunden lang meinen Wagen schicke und Sie in den<a name="Page_50" id="Page_50"></a> +Grunewald fahre oder nach Wannsee?« Trotz meiner +Ablehnung, die nicht sehr energisch gewesen sein mochte, +hielt sein elegantes Juckergespann am nächsten Morgen +vor meiner Türe. War das wonnig, so in den jungen +Tag hineinzurollen; mit geschlossenen Augen vorbei an +den öden Feldern des Kurfürstendamms, in den Grunewald +hinein, dessen vereinzelte Villen sich rasch verloren, +bis zu dem kleinen Försterhaus am stillen See, in dem +die Sonne sich, ihrer Schönheit froh, eitel bespiegelte. +»Wie Sie genießen können!« sagte Graf Oer, als +wir beim Frühstück im Gärtchen saßen. »Und Sie wollen +lebendigen Leibes ins Kloster gehen! Die Welt ist so +schön und wartet nur darauf, Sie zu empfangen, — lassen +Sie mich Ihr Führer sein —« Ich fühlte seine +feuchten, kühlen Lippen auf meiner Hand, sein Knie +dicht an dem meinen, — ein unbezwinglicher Ekel +schnürte mir die Kehle zusammen. Ich sprang auf, +raffte mein Kleid und verließ ohne ein Wort, ohne +einen Blick den Garten. Waren Genuß und Gemeinheit +Zwillingsgeschwister, so wollt' ich wahrlich ins +Kloster gehen!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Zu Hause erinnerte mich ein Brief an den letzten +und wichtigsten Besuch, den ich im Interesse des +Zentralausschusses machen wollte: bei Bebel. Er +lud mich zum Mittagessen ein, »dabei läßt sich am besten +besprechen, was Ihnen am Herzen liegt und mich lebhaft +interessiert.«</p> + +<p>In der Großgörschenstraße wohnte er, einer jener +neuen Straßen, die jede Fassadenpracht verschmähte und +<a name="Page_51" id="Page_51"></a>deren üppiger Blumenschmuck verriet, daß die vielen +kleinen Balkons die Sommerfrische ihrer Bewohner waren.</p> + +<p>Ein lächelndes Dienstmädchen in blendend weißer +Schürze öffnete mir auf mein Läuten an der blank geputzten +Klingel. Ein leichter Geruch nach frischer Seife +drang mir entgegen, und in dem hellen Zimmer, das +ich betrat, blinkte die Politur der Möbel, daß sich die +Bilder an den Wänden darin spiegelten. Die vollkommenste +Einfachheit herrschte hier, jede Spur künstlerischer +Kultur fehlte, aber es fehlte auch jeder Versuch, +Nichtvorhandenes vortäuschen zu wollen. Die +kleine, runde Frau, die mich herzlich willkommen hieß, +mit der schwarzen Schürze über dem schlichten Kleid, +den von Güte strahlenden Zügen unter den glatten +Scheiteln, war wie ein Teil dieses Raumes. Sie +nötigte mich in den Lehnstuhl neben dem Nähtischchen +am Fenster, meine Hand fest in der ihren haltend.</p> + +<p>»So eine arme, junge Frau,« sagte sie mitleidig; +»ich mußte oft an Sie denken und an Ihre Einsamkeit, — ich +wäre längst bei Ihnen gewesen, wenn ich +nicht gefürchtet hätte, zudringlich zu erscheinen.« Mir +wurden die Augen feucht, — meiner Einsamkeit hatten +sich auch die Nächsten nicht erinnert. Mit jener Kunst +verständnisvollen Zuhörens, die selbst die beste Erziehung +nicht zu geben vermag, wenn die Teilnahme des Herzens +fehlt, ließ sie sich von meinen kleinen Wohnungs- und +Wirtschaftskümmernissen erzählen. »Was, im Wirtshaus +essen Sie —?!« Sie schlug die Hände erstaunt zusammen. — »Kein +Wunder, daß Sie so blaß und schmal werden; +ordentlich herausfuttern müßte man Sie —«</p> + +<p>Bebel trat ein, mit einem raschen, elastischen Schritt, +<a name="Page_52" id="Page_52"></a>die glänzenden Augen gerade auf mich gerichtet, während +ein Büschel Haare ihm keck, wie bei einem +Knaben, in die Stirne fiel. Von einer breiten Hand — zu +schwer fast für den schmächtigen Körper — fühlte +ich meine Finger umschlossen. »Ich freue mich Ihres +Besuchs —,« seine Stimme klang im Zimmer viel +weicher und voller als auf der Rednertribüne, »— nicht +mehr allein, weil Sie Glyzcinskis Witwe sind. Nach +dem Schriftstück hier —,« er hielt das Programm des +Zentralausschusses in der Hand, »— haben wir von +Ihnen viel Gutes zu erwarten.«</p> + +<p>Er nötigte mich in sein Arbeitszimmer, einen kleinen +Raum mit wenigen gestrichenen Holzmöbeln, blank gescheuerter +Diele und musterhafter Ordnung. Wir erörterten +alle Einzelheiten meines Plans.</p> + +<p>»Sie können mit Ihrer Arbeit da einspringen, wo +die Regierung nicht eine, sondern hundert Lücken gelassen +hat. Unsere Beteiligung freilich wird sich wohl +nur auf Ratschläge beschränken.«</p> + +<p>»Damit ist mir nicht gedient!« rief ich. »Wie können +wir in die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Arbeiter +Einblick gewinnen, wenn Sie uns nicht die verschlossenen +Türen öffnen.«</p> + +<p>»Ja, glauben Sie, ich wäre der liebe Gott?!« lachte +er. »Ich könnte etwa den Gewerkschaften befehlen, Ihren +Bestrebungen Vertrauen entgegenzubringen, oder gar +unseren Frauen!!«</p> + +<p>Wir wurden zu Tisch gerufen. Kein Diner hatte mir +je so gut gemundet wie dieses einfache Mittagsmahl. +Die besten Stücke wurden mir auf den Teller gehäuft.</p> + +<p>»Sehen Sie, wie's schmeckt, wenn man nicht trüb<a name="Page_53" id="Page_53"></a>selig +allein an einer schmuddeligen Wirtstafel sitzt!« +sagte Frau Bebel, befriedigt über meinen Appetit. Sie +schwieg sonst meist. Nur wenn der lebhafte Gatte gar +zu heftig irgendeinen Gegner angriff, warf sie ein +paar besänftigende oder entschuldigende Worte ein, und +als er gegen die Junker wetterte, sah sie zuerst ihn, +dann mich vielsagend an.</p> + +<p>»Ach soo —,« er unterbrach sich ein wenig verlegen, +»— Sie gehören ja am Ende auch zu ihnen! — Aber +mein Schimpfen ist wahrscheinlich ein sanftes Flötenspiel +gegen die Töne, die angesichts der Kreuzzeitungsaffäre +in Ihren eigenen Kreisen angeschlagen werden. +Der Fall Hammerstein, diese Dekouvrierung eines der +Edelsten und Besten, kommt den privilegierten Beschützern +von Religion und Sittlichkeit gerade jetzt gewaltig +in die Quere. Und die Sache ist noch lange +nicht zu Ende, — die ganze Kreuzzeitungspartei, die den +jungen Kaiser vor ein paar Jahren als Zugpferd vor +ihren eignen Wagen spannen wollte, wird daran glauben +müssen.« Er verbreitete sich, immer lebendiger werdend, +über die politische Lage und die nächsten Zukunftsaussichten. +Er sah überall Symptome für den Zusammenbruch +der bürgerlichen Gesellschaft, und auf der +anderen Seite Etappen zum Siege des Sozialismus. +»Die Weltmachtpolitik, die, einmal begonnen, nicht mehr +aufzuhalten sein wird, ist der Anfang vom Ende. Sie +appelliert zwar an die stärksten, an die brutalen Instinkte, +aber sie führt schließlich mit Notwendigkeit zur +Auspowerung der Massen und treibt sie uns damit in +die Arme, — gewisser, als alle Agitation von unserer +Seite es vermöchte. Selbst ein möglicher Weltkrieg +<a name="Page_54" id="Page_54"></a>zwischen den Kolonialmächten wäre nur der Auftakt +der Revolution.«</p> + +<p>Ich dachte an Shaw und seine unbedingte Gegnerschaft +zu dieser ans Fatalistische streifenden Auffassung +von der Entwicklung zum Sozialismus und warf in +diesem Sinn eine bescheidene Frage in die Unterhaltung: +»Stehen wir nicht in Gefahr, als bloße Zuschauer +die Hände in den Schoß zu legen, wenn uns +die Naturgesetzlichkeit des Sozialismus so zweifellos +fest steht?«</p> + +<p>»Ein Einwurf, der nach dem Katheder schmeckt! +Müssen wir nicht die Menschen für diese Entwicklung +vorbereiten?«</p> + +<p>»Also ist alle Gegenwartspolitik der Partei nie Selbstzweck —?«</p> + +<p>»Sondern nur Mittel zum Ziel,« rief er lebhaft, +»und ihr Wert ist nur von diesem Gesichtspunkt aus +zu bemessen!«</p> + +<p>»Wie habe ich danach Ihr Interesse für meinen +Plan einzuschätzen?« frug ich lächelnd. »Als bloße Höflichkeit +etwa?!«</p> + +<p>»Treiben wir Sozialpolitik aus Höflichkeit?! Doch +nur, weil eine gesunde, kräftige Arbeiterschaft, die Zeit +hat zum Denken und zum Wirken, die Armee ist, die +wir haben müssen.«</p> + +<p>Ich streifte mechanisch die Handschuhe über die Finger. +Mein Herz schlug in dem raschen Takt der Melodie, +die dieser Mann angeschlagen hatte. Der Glaube an +die Sache —, das war das Unüberwindliche in ihr. +An der Tür hielt mich Bebel noch einmal auf: »Ich +rate Ihnen, wenn Sie irgend etwas im Kreise unserer<a name="Page_55" id="Page_55"></a> +Genossinnen erreichen wollen, — setzen Sie sich mit +Wanda Orbin in Verbindung. Am besten, fahren Sie +zu ihr. Ist sie gegen Ihren Plan, so haben Sie alle +miteinander gegen sich!«</p> + +<p>Noch am selben Abend schrieb ich an Frau Orbin, +um ihr meinen Besuch anzukündigen; zugleich bat ich +sie, in ihrer Zeitschrift, der »Freiheit«, meine Idee zur +Diskussion stellen zu dürfen. Sie antwortete umgehend, +aber was sie schrieb, klang wenig ermutigend: Wenn +mein Weg mich über Stuttgart führe, so würde ihr +mein Besuch willkommen sein; zu einer Reise, eigens +ihretwegen, könne sie mir jedoch nicht raten, da sie +zwecklos sein würde; von einer Veröffentlichung meines +Plans in ihrer Zeitschrift könne auch keine Rede sein: +»... die ›Freiheit‹ ist ein rein sozialdemokratisches Blatt, +an dem ich grundsätzlich nur solche Mitarbeiter zulasse, +die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen.« Trotzdem +beschloß ich, zu ihr zu fahren, und wäre es nur, +um die Bekanntschaft dieser Frau zu machen, deren +Leben und deren Persönlichkeit ein wahrhaft vorbildliches +zu sein schien. Bebel, den ich in dieser Zeit +öfter sah, erzählte mir viel von ihr: wie sie sich mit +Peter Orbin, einem russischen Sozialisten, in freier Ehe +verbunden habe, ihm nach Paris in Elend und Verbannung +gefolgt sei und das schwere Siechtum, das +über ihn hereinbrach, jahrelang vor ihren Freunden zu +verstecken verstand, indem sie in seinem Namen korrespondierte, +in seinem Namen Artikel schrieb und mit +zwei kleinen Kindern und dem kranken, ständiger Pflege +bedürftigen Mann nicht nur das tägliche Brot für alle +schaffte, sondern auch imstande war, für die Partei un<a name="Page_56" id="Page_56"></a>ermüdlich +zu agitieren. Mir schwindelte vor dieser +Leistungskraft; meine Schmerzen, meine Kämpfe schrumpften +davor kläglich zusammen.</p> + +<p>»Ihre Nerven freilich hat sie dabei ruiniert,« fügte +Bebel schließlich hinzu.</p> + +<p>An einem Abend hatte ich Liebknechts und Bebels +zu mir geladen. Längst erloschene Gesellschaftsvorfreuden +empfand ich wieder in der Erwartung dieser +Gäste. Zum erstenmal vermißte ich schmerzlich all die +vielen graziösen Geräte, mit denen ich als Haustochter +die Festtafel zu schmücken verstand, — ich hatte nicht +einmal genug Messer und Gabeln! Schweren Herzens +entschloß ich mich, bei den Eltern zu borgen, was am +notwendigen fehlte.</p> + +<p>»Du gibst Gesellschaften?« frug Mama erstaunt. »Kaum +ein halbes Jahr nach dem Tode deines Mannes?!«</p> + +<p>»Nur ein paar Interessenten meines Zentralausschusses —,« +antwortete ich ausweichend, während die +Scham über diese verlogene Geheimniskrämerei mich erröten +machte. War es Zufall oder Absicht, daß mein +Vater, kurz ehe ich meine Gäste erwartete, zu mir kam +und Anstalten machte zu bleiben? In quälender Angst +saß ich vor ihm, alle erdenklichen Gründe ersinnend, um +ihn, ohne ihn zu verletzen, zum Gehen zu nötigen. Endlich +stand er auf. »Meine eigene Tochter wirft mich +hinaus,« sagte er mit einem müden, wehen Ton in der +Stimme. »Lieber — lieber Papa! —« ich schlang die +Arme um seinen Hals und küßte ihn. In diesem Augenblick +kam ich mir vor wie ein Verräter. Der Abend, +auf den ich mich so gefreut hatte, war für mich eine +Qual.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_57" id="Page_57"></a></p> + +<p>Am nächsten Morgen fuhr ich nach Stuttgart. +Ein unbestimmtes Hoffen, das wie durchleuchtet +war von froher Ahnung, erfüllte mich: +irgend etwas ganz Ungewöhnliches würde geschehen. +Auf dem Bahnhof empfing mich Frau Orbin. Ihre +Erscheinung war nicht die imponierende, die ich mir vorgestellt +hatte. Ich sah zunächst nichts als eine breite +untersetzte Gestalt und einen großen Hut mit zerzausten +Federn, der windschief auf ihrem Kopfe saß und ihre Züge +beschattete. Fast hätte ich sie nicht wiedererkannt, als sie ihn +abgenommen hatte und sich im Speisezimmer des Hotels zu +mir setzte. Rotblonde Haare bauschten sich wellig um +Stirn und Schläfen, helle Augen, in allen Lichtern des +Regenbogens spielend, sahen mir gerade ins Gesicht, auf +der Stirn, um Nase und Mund gruben sich kleine senkrechte +Falten, die zu der noch jugendlich-weichen Rundung der +Wangen in peinlichem Mißverhältnis standen. Ohne alle +Höflichkeitspräliminarien begann sie sofort meinen Plan +rücksichtslos zu zerzausen. Sie sprach mit nervöser Überstürzung, +die Worte jagten einander, als wollte eins das +andere verschlucken. »An eine Zusammenarbeit von uns +und Ihnen ist natürlich gar nicht zu denken. Sollte von +anderer Seite etwas der Art für möglich erklärt worden +sein —,« ein mißtrauisch-fragender Blick traf mich, — »so +würde ich jede solche Absicht auf das Schärfste bekämpfen. +Der politische Kampf ist für uns das A und +O. Darum ist jede Harmonieduselei mit bürgerlichen +Elementen vom Übel und kann nur verwirrend wirken, +den Klassenkampfcharakter unserer Bewegung verwischen. +Nicht die Gegensätze überbrücken, wie bürgerliche Idea<a name="Page_58" id="Page_58"></a>listen +und Ethiker wünschen, sondern sie auf das Schärfste +betonen, ist für uns die Hauptsache. Reinliche Scheidung, — ohne +Konzessionen.«</p> + +<p>Ich seufzte tief auf. Sie verstand mich falsch und +ein feines ironisches Lächeln kräuselte flüchtig ihre +Lippen. »Das ist freilich nicht immer ganz bequem, aber +für Menschen wie Parteien die einzig mögliche Grundlage +ihrer Existenz.«</p> + +<p>Sie lud mich für den folgenden Tag zu sich ein. +Hätte mich die Frau nicht gereizt, der Sache wegen +schien der Besuch keinen Zweck mehr zu haben.</p> + +<p>In einer Wohnung von puritanischer Schlichtheit empfing +sie mich, aber ein unbestimmtes Etwas, sei es die +Wahl der Bilder, der Fall der Vorhänge oder nur die +ganze Farbenstimmung des Raumes, verriet das +künstlerische Empfinden der Bewohnerin. Und als ihre +beiden frischen Buben hereinstürmten, rotwangig und +glänzenden Auges, sah ich hinter der Rüstung der +Kämpferin den Menschen, die Mutter. Wie reich war +sie! — Wir gingen nachmittags hinaus vor die Stadt, +die bewaldeten Hügel hinan, die sie so zärtlich umschließen. +Die Kinder und die Natur schienen Wanda +Orbin zu verwandeln. Sie war viel milder heute. Sie +sprach über Kunst und Literatur mit dem Verständnis +eines selbständigen Geistes und der Wehmut unglücklich +Liebender. »Das alles ist eingeschlafen, hat einschlafen +müssen gegenüber der großen, umfassenden Aufgabe,« +sagte sie schließlich, und ihre Augen bekamen wieder den +fiebrigen Glanz des Fanatismus.</p> + +<p>Kaum waren wir in ihrer Wohnung, als ein Mann +zu ihr hereinstürzte, atemlos eine Depesche hin- und +<a name="Page_59" id="Page_59"></a>herschwenkend, während ihm hinter den Augengläsern +die dicken Tränen über die bärtigen Wangen liefen. +»Engels — Engels ist tot —,« stieß er mühsam hervor. +Mit einer abwehrenden Bewegung der Hände — breiter +kurzfingeriger Hände, die aussahen, als hätte der Bildhauer +Natur sie nur in rohen Umrissen skizziert und +vergessen, sie auszuführen — starrte Wanda Orbin dem +Unglücksboten sekundenlang ins Gesicht. Dann warf +sie die Arme empor und brach in ein konvulsivisches +Schluchzen aus, unter dem ihr Körper immer heftiger +zu zittern begann. Ihre Füße würden die Schwankende +nicht mehr tragen, dachte ich, und schob ihr vorsichtig +einen Sessel zu, in dem sie haltlos versank. Inzwischen +hatte sich das Zimmer gefüllt: die Eintretenden tauschten +miteinander warme Händedrücke. Alles sammelte sich +um die weinende Frau, leise Flüstergespräche, als läge +der Tote mitten unter ihnen, flogen nach langer beängstigender +Stille hin und her. Eine Familie war +dies, die Stärkeres zusammengeschweißt hatte als das +Blut: aus gemeinsamen Empfindungen, Gedanken und +Idealen entsprang die Tiefe gemeinsamer Trauer um +den, der ihr Führer gewesen war. Auf Zehenspitzen +schlich ich hinaus und fühlte doch mit überwältigender +Gewißheit, daß ich dazu gehörte.</p> + +<p>Spät am Abend kam Wanda Orbin noch einmal zu +mir, — sehr weich, sehr liebevoll. »Sie hätten bleiben +dürfen, Sie sind uns doch keine Fremde,« sagte sie. +Da gewann ich Vertrauen und erzählte ihr von den +Zweifeln und Kämpfen der letzten Wochen. Ich +sah, wie sie lächelte, — nachsichtig wie eine Mutter +über Kinderleiden, aber es verletzte mich nicht. »Im<a name="Page_60" id="Page_60"></a> +Zwiespalt der Empfindungen kann niemand dem anderen +helfen,« meinte sie dann. »Ich weiß nur eins gewiß: +ist Ihre Überzeugung erst vollkommen klar und unerschütterlich, +so verschwindet vor ihr das bloße Gefühl, +wie Sommerschwüle vor dem Gewitter. Zu dieser Überzeugung +zu gelangen, das ist freilich das schwerste. +Die Logik der Tatsachen, die Lebensverhältnisse pauken +dem Proletariat eine Auffassungsweise ein, die sich der +bürgerliche Idealist mit großer Mühe aneignen muß, +wenn es ihm überhaupt trotz aller Ehrlichkeit gelingt, +den alten Adam der bürgerlichen Ideen abzulegen. Es +ist so furchtbar schwer, aus seiner Haut zu fahren, sich +von dem zu befreien, was Vererbung und Milieu aus +uns gemacht haben.« Ihre Augen schauten wie nach +innen.</p> + +<p>Wir sprachen noch lange miteinander. Sie riet mir +jetzt zur Ausführung meines Planes; ich würde durch +ihn vielleicht am besten zur Klarheit kommen, und an +Rat und — inoffizieller — Hilfe von ihr sollte es nicht +fehlen. »Setzen Sie sich in Berlin mit den Gewerkschaften +in Verbindung, und zwar speziell mit den Konfektionsarbeitern, +die infolge der Bewegung, in der sie +augenblicklich stehen, Ihre Sache als eine Unterstützung +betrachten dürften. Und dann, vor allen Dingen, suchen +Sie unseren Genossen <em class="antiqua">Dr.</em> Heinrich Brandt für sich +zu interessieren. Gewinnen Sie ihn, so ist Ihnen geholfen: +er setzt alles durch, was er will.«</p> + +<p><em class="antiqua">Dr.</em> Brandt! — Ich schloß unwillkürlich die Lider, +verloren in Erinnerung. »Alle Ströme fließen in unser +Meer,« hörte ich eine dunkle klingende Stimme sagen, +und flüchtig — ein Traumbild — tauchte ein Mann +<a name="Page_61" id="Page_61"></a>vor mir auf, blond und schlank, und tiefe graue Augen +versanken sekundenlang in den meinen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Nach meiner Rückkehr schrieb ich sofort an Johannes +Reinhard, den Führer der Konfektionsarbeiter-Bewegung, +und an Heinrich +Brandt. Reinhard kündigte mir umgehend seinen Besuch +an; kurz darnach bestimmte Brandt dafür dieselbe +Stunde. Im ersten Gefühl starker Freude, +über deren Ursache ich mir nicht so recht klar war, +wollte ich Reinhard abschreiben, um den anderen bald +und zuerst zu sehen. Über mich selbst errötend, zerriß +ich die Karte wieder, die ich zu schreiben begonnen +hatte, und bat statt dessen Brandt, seinen Besuch zu +verschieben. »Schade,« antwortete er mir, »ich wäre +gern gleich gekommen. Vorgestern las ich in der wiener +›Zeit‹ einen Artikel von Ihnen, der mich so entzückte, +daß der Wunsch, die Verfasserin kennen zu lernen, in +mir rege wurde. Diesem Wunsch begegnete noch am +selben Morgen Ihr Brief.«</p> + +<p>Und nun stand Reinhard vor mir, unter der linken +Schulter die Krücke, das Gesicht noch gelber, als da +ich ihn zum letztenmal in der Egidyversammlung gesehen +hatte, die schwarzen, dünnen Haarsträhnen wie festgeklebt +um den breiten Schädel und die tief eingefallenen +Schläfen.</p> + +<p>»Hielte ich Ihren Plan nicht für gut, für notwendig +sogar in diesem Augenblick, wo der Reichskanzler den +Stillstand der Sozialreform nicht nur zugab, sondern +verteidigte, ich würde nicht so rasch hier sein,« be<a name="Page_62" id="Page_62"></a>gann +er die Unterhaltung, indem er sich mühsam, das +linke Bein gerade ausgestreckt, auf dem Stuhl niederließ. +»Wir stehen in der Konfektion seit Beginn des Jahres +in einer Bewegung, die mir Tag und Nacht keine Ruhe +läßt — —«</p> + +<p>»Ich weiß: um die Durchsetzung von Betriebswerkstätten +handelt es sich,« unterbrach ich ihn. »Der Zentralausschuß +könnte nichts Besseres beginnen, als Sie +darin unterstützen.«</p> + +<p>Er sah erfreut auf. »Ich sehe, Sie sind orientiert, +und so brauche ich nur hinzuzufügen, daß Ihr Zentralausschuß +auch nirgends reicheres Material zur Frage +der Frauenarbeit finden könnte als bei uns. Ihren +londoner Eindrücken, von denen ich in den Zeitungen +gelesen habe, würden die berliner nicht nachstehen.«</p> + +<p>Ich zweifelte an der Möglichkeit ähnlichen Elends +bei uns. Nicht einmal in der Nacht, wenn ich aus +Versammlungen gekommen war, hatte ich so bittere Not +gesehen, wie sie mir in London bei hellem Tage begegnet war.</p> + +<p>»Unsere Ärmsten schämen sich, — das ist vielleicht der +letzte Rest Menschlichkeit in ihnen,« meinte er; »seit +Wochen mache ich fast nichts anderes als Besuche bei +den Heimarbeitern. Eben erst war ich bei einem alten +gelähmten Weibe, das hier im Westen, fünf Treppen +hoch, ein einfenstriges Zimmer und eine fensterlose, winzige +Küche mit ihrer Tochter und deren vier kleinen +Kindern bewohnt. Von früh fünf bis nachts um elf +trampelt die Tochter die Nähmaschine, um bestenfalls +neun Mark in der Woche zu verdienen. Vor wenigen +Tagen war ich in einem engen Kellerloch, wo eine Witwe +mit zwei Kindern wohnt; auf den schimmeligen<a name="Page_63" id="Page_63"></a> +Möbeln, auf dem einzigen wackeligen Bett, liegen elegante +Damenblusen, für die sie ganze fünf Mark wöchentlich +einnimmt.« Reinhard erhob sich, rote Flecken +brannten auf seinen Backenknochen, und während er +weitersprach, humpelte er im Zimmer aufgeregt hin +und her. »In einem anderen Keller, wo die Dielen +faulen und die Fenster tief unter der Erde liegen, arbeiten +zwei Schwestern, — junge, bleichsüchtige Dinger, — für +die, die oben in Luft und Sonne lachend vorübergehen. +Ist die Ehre, die ihr bewahrt habt, das +elende Leben wert, — hätte ich ihnen am liebsten zugerufen. +Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen Löchern, +sah ich ein Ehepaar mit fünf Kindern und einem Schlafmädchen; +den Mann zerfrißt auf dem Lager voll Lumpen +der Kehlkopfkrebs, die Frau näht Knopflöcher für ganze +vier Mark in der Woche,« — klipp — klapp — klipp — klapp, — rascher +und rascher schlug Reinhards Krücke +den Takt zu der grausen Melodie —; »eine arme Mutter +fand ich in einem sonnenlosen Winkel im Norden, sie +nähte Hemden, halbfertig lagen sie auf dem Bett, +wo zwei diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen. +Und, denken Sie nur«, — er blieb stehen und lachte grell +auf, »— einen schneeweißen Mantel, bestimmt für nackte +Schultern schöner Frauen, sah ich einmal in den Händen +einer Syphilitischen —«</p> + +<p>»Um Gottes willen — hören Sie auf!« Auch ich +erhob mich. »Warum schreien Sie diese Tatsachen nicht +auf öffentlichem Markte aus? Warum kleben Sie Ihre +Berichte nicht an alle Straßenecken? — Kein Reichskanzler +würde mehr wagen, den Stillstand der Sozialreform +zu verteidigen.«</p> +<p><a name="Page_64" id="Page_64"></a></p> +<p>»Wir sind dabei, es zu tun,« antwortete er, und seine +Sprechweise nahm wieder den Ton der alten sachlichen +Ruhe an. »Eine Broschüre, an der ich arbeite, wird +allen maßgebenden Persönlichkeiten zugeschickt und unserem +diesjährigen Parteitag vorgelegt werden; wir haben außerdem, +wie Sie wissen, die Unternehmer vor die Alternative +gestellt, Betriebswerkstätten einzurichten, oder einer +allgemeinen Arbeitseinstellung gewärtig zu sein. Kommt +es dazu, so wird die Öffentlichkeit sich mit uns beschäftigen +müssen. Übrigens: —,« er dachte einen Augenblick +nach, »wie wär's, wenn Sie die Tätigkeit Ihres Zentralausschusses +auf eigene Faust beginnen und mich bei +meinen Recherchen zuweilen begleiten würden?«</p> + +<p>Dankbar nahm ich sein Anerbieten an. In der +nächsten Zeit brachte ich fast täglich ein paar Stunden +mit ihm zu. Wir kamen in Stadtteile, die ich noch +nie gesehen hatte, lange, nüchterne Straßenzeilen, die +Häuser regelmäßig aufgereiht, gleichmäßig grau getüncht; +die Öde des Anblickes nur noch erhöht durch die äußere +Ordnung und Reinlichkeit. Wir schritten durch enge +Höfe in dunkle Hinterhäuser, die das Licht der Straße +nicht mehr fürchteten und ohne Scham die Blößen +ihrer Not enthüllten. Nach Osten, nach Süden führte uns +der Weg, wo mitten im kahlen, der Stadt schon preisgegebenen +Boden hohe Mietskasernen an zerwühlten, +werdenden Straßen standen. Hier, zwischen den feuchten +Wänden, hauste das Elend und starrte uns an mit den +glanzlosen Blicken erloschenen Lebens, die grausamer in +die Seele schneiden als die wildesten Schreie der Verzweiflung.</p> + +<p>Oft, wenn wir aus dem Dunkel sparsam verteilter<a name="Page_65" id="Page_65"></a> +Laternen kamen und das Licht der Friedrichstadt uns +blendend empfing, haftete mein Auge staunend an den +glänzenden Spiegelscheiben der Läden und der Restaurants. +Prahlend breiteten sich hinter den einen all die +Herrlichkeiten aus, die den Gaumen laben, den Körper +schmücken, das Leben bereichern; lachend, scherzend, mit +vollen Taschen und glänzenden Augen saßen hinter den +anderen die reizenden Frauen, deren einziger Daseinszweck +ihre Schönheit zu sein schien, und die Männer, +die ihnen huldigen. Wie war es nur möglich, daß die +von draußen, aus den grauen Häuserzeilen und den +werdenden Straßen, nicht dicht gedrängt, auf leisen +Sohlen, wie Nachtgespenster, hierher sich schoben, um +all die Pracht zu zertrümmern, das Lachen erstarren +zu machen?!</p> + +<p>Und in meinem Herzen nistete der Haß sich ein für +alle die, die nicht mehr hassen konnten.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am frühen Morgen des 18. August war es. Eine +arme Frau hatte ich besucht, die ich auf einem +unserer Wege gefunden hatte. Sie war sterbenskrank, — ach, +und wie gern wollte sie sterben, wenn nur +die Kinder nicht gewesen wären, die sie fester als alle +Arzeneien der Welt ans Leben ketteten. Die durchsichtigen +Finger durften sich nicht zum Schlafen friedlich +ineinanderfalten, sie hielten krampfhaft die weiße Leinwand +fest, um zierliche Namenszüge, stolze Freiherrn- und +Grafenkronen hineinzusticken. Ein wenig Hoffnung +hatte ich ihr gebracht, — Hoffnung, daß sie bald ruhig +werde sterben dürfen. Nun ging ich nach Hause, den<a name="Page_66" id="Page_66"></a> +Kopf gesenkt; die Sonne tat mir weh. An der Königsstraße +geriet ich in einen Menschenschwarm, der mich +mit sich riß: geputzte Frauen mit jenem aus Neugierde, +Aufregung und Nervenspannung gemischten Ausdruck in +den Zügen, der gewöhnliche Menschen bei allen großen +Ereignissen, — seien es Feuersbrünste oder Hochzeitsfeiern, — charakterisiert, +Männer im Sonntagsstaat, +irgend eine Medaille oder ein Kreuz auf der Brust, +das in diesen Tagen der Freibrief für alles war: Betrunkenheit — man +nannte sie Begeisterung —, Roheit +gegen Nichtdekorierte, — man nannte sie Vaterlandsliebe. +Ich sah um mich: Fahnen flatterten von den +Häusern, Straßenverkäufer boten mit krähender Stimme +Kaisermedaillen aus, von ferne klang Trommelwirbel, +Pferdegetrappel. Richtig: die Grundsteinlegung des +Nationaldenkmals war heute.</p> + +<p>Mit liebevoller Wehmut, wie die Greisin vergilbte +Liebesbriefe, hatte der Vater gestern die Generalsuniform +aus ihren Seidenpapierhüllen herausgeholt, +hatte die Stickerei, die Knöpfe und die vielen Orden +selbst mit einem Lederläppchen abgestaubt und war +gewiß heute früh, voll Erregung, zum Schloß gefahren.</p> + +<p>Jetzt waren wir selbst bis dicht hinter die Schutzmannsketten +vorgedrungen. Ein Vorwärts gab's nicht +mehr, ein Zurück noch weniger. Es galt, auszuhalten. +Die Galawagen der deutschen Fürsten rollten vorüber +in ihrer altertümlich schwerfälligen Pracht, dröhnenden +Schrittes rückte die Garde auf den Schloßplatz, hinter +ihr mit wehenden Fahnen Ulanen, Dragoner und im +blitzenden Küraß die Gardedukorps.</p> + +<p><a name="Page_67" id="Page_67"></a>Von hinten hauchte mir ein heißer Atem in den Nacken, +der nach klebrigem Biere roch; aus dem Halsausschnitt +der dicken, kleinen Frau neben mir stieg ein süßlicher +Schweißgeruch. Mich ekelte vor der Erregung der +Menge; eindruckslos rauschte sogar die mich sonst +elektrisierende Musik an meinem Ohre vorüber; wie ein +schlechtes Ausstattungsstück empfand ich das bunte Schauspiel +vor mir. Unwillkürlich fiel mir das Modell des +Nationaldenkmals ein: wie gut paßte es hierher mit +seinen unruhigen Tier- und Menschengestalten, seinen +Fahnen, Kanonen, Gewehren und Säbeln und dem +theatralisch daherschreitenden Engel, der des alten Kaisers +vierschrötiges Schlachtroß führt. Von seinem künftigen +Standort, dem Winkel vor dem Schloß, den man noch +dazu dem Wasser hatte abringen müssen, tönten Hammerschläge, +Kanonendonner fiel ein, die Luft erschütternd, +von tiefen Glockenklängen untermischt.</p> + +<p>Glocken und Kanonen, — die führenden Instrumente +im Orchester der bürgerlichen Gesellschaft, mit denen +sie das Weinen und Klagen der Millionen zu übertönen +glaubt! Ich aber hörte es, und ich wußte: der +Tag wird kommen, wo die Glocken vor ihm schweigen +und die Kanonen vor ihm verstummen werden.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Vor dem Spiegel stand ich in meinem Schlafzimmer. +Wie lange war es her, daß ich +nichts als flüchtige Blicke hineingeworfen +hatte, die nur der Ordnung meiner Haare, meiner +Kleidung galten. Heute sah ich mich wieder: schärfer +<a name="Page_68" id="Page_68"></a>waren meine Züge geworden und schmaler mein Gesicht, +meine Gestalt aber war noch immer die eines +jungen Mädchens. Ich lächelte: ›Frau‹ von Glyzcinski — und +ein Mädchen, ein altes Mädchen sogar von +dreißig Jahren! Aber ich wollte nicht alt sein, — heute +nicht. Ich fühlte wieder, wie ich rot wurde. +Daß das Weib in mir sich nicht töten ließ! Wo doch +so vieles schon gestorben war!</p> + +<p>Es klingelte. Kurz und scharf. Die Aufwärterin +hatte ich früh schon nach Hause geschickt, sie war so alt +und so häßlich. Dem Besuch, den ich erwartete, wollte +ich selber öffnen.</p> + +<p>»Gnädige Frau?!« — Eine überraschte, fragende +Stimme. Ich unterschied im Dämmerlicht der Treppe +und des Flurs die Silhouette eines Mannes, mit dem +weiten Mantel über den Schultern, dem breiten Schlapphut +auf dem Kopf. Ich selbst in meinem schwarzen +Kleid mußte ihm nur wie ein Schatten erscheinen. Ich +ging ihm voran ins Zimmer, das flutendes Sonnenlicht +durchstrahlte, wie einst, da ich zum erstenmal über die +Schwelle trat. Ich wendete mich um, — meine Hand +blieb vergessen in der Heinrich Brandts. »Wir sind +uns — keine Fremden —,« stotterte ich verlegen. »Nein, — nein —,« +antwortete er und sah mich noch immer +an. Die Uhr auf dem Schreibtisch holte zum Schlagen +aus. Ich zuckte zusammen, setzte mich hastig, und steif +und förmlich lud ich auch ihn zum Sitzen ein.</p> + +<p>»Nein,« wiederholte er, und seine Augen ließen +mich noch immer nicht los, während sein Gesicht +heller zu werden schien, »— Sie sind mir keine +Fremde. Kennen Sie das?« Er zog das graue Heft +<a name="Page_69" id="Page_69"></a>der Wiener »Zeit« aus seiner Rocktasche. »Im Grunde +ein ganz dummer, kleiner Artikel, den Sie da geschrieben +haben, und doch so wundervoll! Ein ganzer Mensch +steckt dahinter!«</p> + +<p>Mir wurde warm ums Herz. Seine Worte streichelten +mir die Wangen, seine Stimme erfüllte die Luft +um mich mit einem einzigen Wohllaut.</p> + +<p>»Und Ihr Plan interessiert mich sehr. Ich habe +auch gar nicht abgewartet, bis Sie endlich die Gnade +hatten, mich herzubefehlen«, — er lächelte ein wenig +malitiös, »Sie haben, wie ich höre, Freund Reinhard +den Vortritt gelassen, — ich habe indessen, ohne zu +fragen, den Schritt getan, von dessen Erfolg Ihre ganze +Sache abhängt.« Ich sah fast erschrocken auf. »Oder +sollten Sie wirklich nicht daran gedacht haben, daß +Geld, viel Geld dazu gehört?« Ich nickte lächelnd. +»Ich schrieb an einen unserer ernsthaftesten und reichsten +Sozialreformer und schickte ihm Ihr Programm. Ich +zweifle nicht, daß er die Sache in angemessener Weise +finanzieren wird.«</p> + +<p>Ich versuchte, ihm zu danken; es kam vor tiefer +innerer Erregung ungeschickt und hölzern heraus.</p> + +<p>»Lassen Sie doch diese Formalitäten!« sagte er. +»Wenn jemand Dank verdient, so sind Sie es, die den +Gedanken hatten. Ich bin bestenfalls nichts als sein +untergeordnetes Werkzeug.«</p> + +<p>Wir sprachen noch lange miteinander. Ich erzählte +von allem, was mir seit den letzten Wochen das Herz +bewegte, und Leidenschaft und Haß und Liebe brachen +durch die Dämme, die Einsamkeit und Zurückhaltung +um sie aufgeschichtet hatten.</p> +<p><a name="Page_70" id="Page_70"></a></p> +<p>»Sie sind wie eine Flamme, die lodernd gen Himmel +strebt,« flüsterte er wie zu sich selbst.</p> + +<p>Als er gegangen war, blieb ich regungslos, die Hände +fest ineinandergekrampft, mitten im Zimmer stehen. War +das ein Traum gewesen, oder hatte er wirklich hier vor +mir gestanden?! In diesem selben Zimmer, wo ich Georg, +meinen einzigen Freund, gefunden und verloren hatte?!</p> + +<p>Am nächsten Tag gegen Abend kam er wieder.</p> + +<p>»Ich bin zudringlich, nicht wahr?« lachte er mir entgegen. +»Aber Sie kommen mir vor, wie ein verflogenes +Vögelchen, das sich an Scheiben und Wänden den Kopf +stößt und einer Hand bedarf, die es fängt und ins +Freie läßt.«</p> + +<p>»Sie mögen recht haben. Ich bilde mir wohl nur +ein, daß ich in Freiheit flöge, und die anderen Leute +waren bisher kurzsichtig genug, mich darin zu bestärken, +wohl gar zu bewundern —«</p> + +<p>Es dämmerte. »Entschuldigen Sie einen Augenblick,« +sagte ich und ging hinaus, um die Lampe zu holen. +Als ich wiederkam, fand ich ihn über das Manuskript +eines Artikels gebeugt, den ich eben vollendet hatte. +Ärgerlich wollte ich ihn vom Schreibtisch weg an mich +reißen. »Verzeihen Sie —«, fest drückte er die Hand +darauf, — »das gehört zu meinem Vogelfang. Wie +kommen Sie dazu, dergleichen zu schreiben?!« Ich erschrak +vor dem finsteren Gesicht, das er mir plötzlich +zuwandte. »'Londoner Gefälligkeit'! Haben Sie nichts +Besseres zu tun?!« Sein Blick blieb an der Lampe +haften, die ich zitternd auf den Tisch stellte. Seine Stirn +glättete sich, forschend sahen die großen grauen Augen +mir ins Gesicht.</p> +<p><a name="Page_71" id="Page_71"></a></p> +<p>»Sie müssen sich selbst bedienen? — Sie öffnen mir +immer selbst?! —«</p> + +<p>Ich senkte einen Augenblick lang den Kopf.</p> + +<p>»Wie Sie sehen: ja!« Meine Stimme, die zuerst +ein wenig verschleiert klang, wurde klar und fest. »Ich +kann mir ein Dienstmädchen nicht halten, und ich muß +solche Artikel schreiben, weil ich von meiner Pension +nicht leben kann.«</p> + +<p>»Verzeihen Sie, — aber wie konnte ich ahnen —« +Er sah mir tief in die Augen.</p> + +<p>Wir waren von da an täglich zusammen, sei es, daß +er mich zu einem Spaziergang abholte, sei es, daß wir +uns in der Stadt trafen. Mit tiefer Beglückung empfand +ich die zarte Sorgfalt, mit der er mich umgab. +Wenn ich jetzt zu den Eltern kam und der Vater in +heller Aufregung über die Sozialdemokraten schimpfte, — »lauter +Hochverräter, die man hängen sollte«, — so +hörte ich nur mit halbem Ohre hin, es verletzte +mich nicht; um mich lag es wie ein warmer, kugelfester +Mantel, den die Freundschaft um mich geschlungen +hatte.</p> + +<p>Die Freundschaft! — Ich glaubte an sie, — ich +wollte an sie glauben, auch wenn die heißen Wellen +meines Herzens mich zu überfluten drohten. »Sie +müssen bald einmal mit mir hinauskommen zu meiner +Frau und meinen Buben. Sie ist anders wie Sie, — ganz +anders, aber klug und gut, — Sie werden einander +verstehen,« hatte er mir einmal gesagt. Es kam +aber noch immer nicht dazu, und ich drängte nicht +danach.</p> + +<p>Eines Nachmittags saßen wir zusammen auf dem +<a name="Page_72" id="Page_72"></a>schmalen Balkon des Kaffee Klose. In weichem, silbernen +Sonnenlicht fluteten unter uns auf der Leipziger Straße +die Menschen auf und nieder. Ein früher Herbstnebel, +zart und duftig wie Feenschleier, spielte um die endlosen +Häuserreihen, und es schien, als dämpfte er selbst +das Rasseln der Wagen.</p> + +<p>»Sehen Sie nur, was ich heute bekam,« damit hielt +ich ihm einen Brief entgegen. »Die Wiener Fabier +fordern mich zu einem Vortrag auf« — Er nickte +erfreut, ich sah ihn von der Seite an. »Ich habe +keine Beziehungen in Wien,« fuhr ich nachdenklich +fort, »— sollten Sie auch hier meine Vorsehung gewesen +sein?!«</p> + +<p>»Und wenn dem so wäre?!«</p> + +<p>Ich reichte ihm still die Hand. Ganz sanft, als ob +sie sehr zerbrechlich wäre, nahm er sie in die seine, — eine +zarte Hand mit dichtem Geäder und nervösen +Fingern.</p> + +<p>»Glauben Sie,« fragte er langsam, nach einem Schweigen, +das die Nähe zweier Menschen zueinander verrät, »glauben +Sie, daß ein Tag kommen könnte, an dem unsere Freundschaft +uns zwingt, einander ›du‹ zu sagen?«</p> + +<p>Ein Zittern durchlief meinen Körper. Ich antwortete +nicht. Stumm standen wir auf, stumm fuhren +wir zu mir nach Hause. Drinnen im Zimmer sahen +wir uns an, das Herz schlug mir zum Zerspringen, +die Finger erstarrten mir zu Eis.</p> + +<p>»Alix —,« wie ein Hauch kam mein Name über seine +Lippen.</p> + +<p>»Du —,« mehr vermochte ich nicht zu sagen. Es +dunkelte mir vor den Augen. Einen Herzschlag lang +<a name="Page_73" id="Page_73"></a>fühlte ich seinen Mund auf dem meinen, — dann schlug +die Türe, — ich war allein.</p> + +<p>Und die Wände schienen um mich zu kreisen, und +der Glanz der Abendsonne wurde zu glühenden Flammen. +Wie Gesang lag es in der Luft von lauter Harfen, — meines +Herzens Jubel hatte sie zum Klingen gebracht. +In allen Weisen der Welt, im Ton süßer Wiegenlieder +und stolzer Siegeshymnen sang und jauchzte es: +ich liebe.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wir verkehrten wie früher miteinander. Nur +die Augen wagten es hier und da, eine +andere Sprache zu sprechen als der Mund. +Ich war mitten im Packen; schon starrten die lieben +Räume mich fremd und öde an, als sein Weib kam, +mich zu besuchen. Entgeistert sah ich sie an, als sie +vor mir stand: sie war hochschwanger.</p> + +<p>Rasch warf ich die Kleider vom Sofa und nötigte +sie hinein, ihr vorsichtig die Kissen in den Rücken +legend. Seine Frau! Sein Kind!! — Der Gedanke +bohrte sich mir ins Gehirn, daß es mir den Kopf zu +sprengen drohte. Nie, — nie hatte er mir von Liebe +gesprochen, dachte ich, während ich gleichgültig freundliche +Phrasen mit ihr wechselte, nur immer von Freundschaft. +Und dieser Frau vor mir mit den großen, +breiten Händen und den stechenden dunklen Augen hatte +ich nichts genommen — nichts, was ich nicht nehmen +durfte. Denn daß ich ihn liebte, was schadete das +ihr?! Und war nicht mein eigenes, großes, wundervolles +Gefühl und seine Freundschaft Glückes genug +<a name="Page_74" id="Page_74"></a>für mich, die ich gelernt hatte, auf alles Glück zu verzichten?</p> + +<p>»Wir ziehen im Winter auch in die Stadt,« sagte sie +ruhig, »sonst bekomme ich meinen Mann nicht mehr zu +sehen —.« War das eine Anspielung? Ihr Gesicht blieb +unbewegt. »Übrigens sah ich eben im Hause, wo Sie +mieteten, eine Wohnung, die gut für uns passen würde. +Das wäre für alle Teile das beste —, und ich hätte +doch auch etwas von Ihnen. Könnte auch von Ihnen +lernen, was mir leider noch an Verständnis für die +Interessen meines Mannes fehlt.« Ich begriff sie nicht; +war das echt, was sie sagte, oder lauerte Bosheit dahinter +und Mißtrauen? Feuchtkalt lag ihre Hand beim +Abschied in der meinen. Die Schleppe ihres seidenen +Kleides raschelte hinter ihr her wie eine Schlange. +Ich mußte mich ans Fenster in die Sonne stellen, um +wieder warm zu werden, nachdem sie mich verlassen +hatte.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>»Gute Botschaft bringe ich!« Am frühen Morgen, +ich saß noch beim Frühstück, trat Heinrich +Brandt in mein Zimmer, freudestrahlend. +»Die Sache ist entschieden.« Ich griff hastig nach dem +Brief, den er brachte und las. »Nach reiflicher Überlegung +habe ich mich dahin entschieden, das mir vorgelegte +Projekt eines Zentralausschusses für Frauenarbeit +insoweit zu unterstützen, als ich zunächst eine +Summe von achttausend Mark jährlich dafür aussetze, +die, wenn der Umfang der Arbeiten es später notwendig +macht, entsprechend gesteigert werden kann. Ich hoffe,<a name="Page_75" id="Page_75"></a> +Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, der Sie ja ausdrücklich +erklärten, nur die Rolle eines unbeteiligten Vermittlers +zu spielen, nicht zu nahe zu treten, wenn ich Sie bitte, +Frau von Glyzcinski mitzuteilen, daß die Voraussetzung +meiner Unterstützung, von der ich unter keinen Umständen +abweiche, die ist, daß die Leitung der Sache nicht in den +Händen von Sozialdemokraten ruht. Diese meine Forderung +entspringt keinerlei persönlicher Animosität, sondern +nur der Erkenntnis, der sich gegenwärtig kaum +jemand verschließen kann, daß die Sozialdemokratie zu +ruhiger Reformarbeit unfähig ist und die maßgebenden +Kreise einer von ihr ausgehenden Bewegung mit Recht +ablehnend gegenüberstehen würden.«</p> + +<p>Ich hatte zuerst laut und freudig, dann immer langsamer +und leiser gelesen. »Das nennen Sie eine gute +Botschaft?« frug ich kopfschüttelnd. »Gerade heute sah +ich in der Presse, wie alles von rechts und links nach +einer neuen Auflage der Umsturzvorlage schreit. Und +gestern erzählte mein Vater, daß man im Kasino schon +die Maßregeln erörtert, durch die die Sozialdemokraten +mundtot gemacht werden sollen —«</p> + +<p>Brandt unterbrach mich: »Nun — und? Wird Ihre +Aufgabe dadurch etwa überflüssig?«</p> + +<p>»Gewiß nicht. Aber für mein Gewissen kann es eine +größere Aufgabe geben: mich in dem Augenblick der +Verfolgung an die Seite derer zu stellen, die verfolgt +werden. Die eigene Überzeugung in die Tasche zu +stecken, läßt sich nur so lange entschuldigen, als es keine +Feigheit ist.«</p> + +<p>»Sie haben recht — wie immer, wenn Ihre erste +Empfindung spricht,« er drückte mir die Hand, fest und +<a name="Page_76" id="Page_76"></a>kameradschaftlich, »und doch möchte ich Sie bitten: überlegen +Sie ruhig, ehe Sie antworten. Die Ausnahmegesetze +sind bisher nichts als Wünsche und Drohungen, +und das klägliche Ende der Umsturzvorlage dürfte kaum +zu einer Wiederholung reizen.« — —</p> + +<p>»... Hängt am Tage von St. Sedan Trauerfahnen +aus, erhebt feierlichen Protest gegen den Massenmord +und ehrt diejenigen, die zum Kriege hetzen, wie es ihnen +gebührt: steckt sie als Verbrecher ins Zuchthaus.« Mein +Vater hatte mir einen Zeitungsausschnitt geschickt, der +diesen Satz aus der sozialdemokratischen Breslauer ›Volkswacht‹ +zitierte. Roh und häßlich, unwürdig vor allem +war er. Die geistigen Waffen, die wir führen, sollten +blanker und damit auch schärfer sein, dachte ich.</p> + +<p>Wenige Tage später veröffentlichten die bürgerlichen +Zeitungen in Riesenlettern den Trinkspruch, den der +Kaiser am Sedantag ausgebracht hatte:</p> + +<p>»... In die große hohe Festesfreude schlägt ein Ton +hinein, der wahrlich nicht dazu gehört; eine Rotte von +Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen, +wagt es, das deutsche Volk zu schmähen; wagt es, die +uns geheiligte Person des allverehrten verewigten Kaisers +in den Staub zu ziehen. Möge das gesamte Volk in +sich die Kraft finden, diese unerhörten Angriffe zurückzuweisen. +Geschieht es nicht, nun, dann rufe ich Sie, +um der hochverräterischen Schar zu wehren, um einen +Kampf zu führen, der uns von solchen Elementen befreit.«</p> + +<p>Wortlos reichte ich Brandt das Blatt, als er kam. +»Was haben Sie beschlossen?«</p> + +<p>»Die Rotte von Menschen sind meine Brüder und +Schwestern. — Ich lehne ab.«</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_77" id="Page_77"></a></p> +<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2> + + +<p>Ich stand in Wien auf der Rednertribüne des +Ronachersaals und verneigte mich noch einmal +vor dem applaudierenden Publikum. Ich wußte: +ich hatte nicht gesprochen wie sonst. Schon als der Vorsitzende +mich an den dichtgedrängten Reihen vorbeigeführt +hatte, an den eleganten, graziösen Frauen, deren Toiletten +nicht wie die der Berlinerin dazu da zu sein +schienen, die Trägerin unter der Last des Glanzes vergessen +zu machen, sondern ihre Individualität betonten, +ihre Reize unterstrichen, an den jungen und alten +Herren im Frack und Smoking mit den geschmeidigen +Gestalten und dem süffisanten Lächeln des Weltmanns, +war mir der Kontrast zwischen dem kühlen Ernst meines +Vortrags und dieser Umgebung zum Bewußtsein gekommen. +Dann war ein Wogen von bunten Hüten, +ein Knistern von seidenen Kleidern, ein Funkeln von +Brillanten unter mir gewesen. Operngläser aus Silber +und Perlmutter hatten sich auf mich gerichtet, und um +das mattschimmernde Rokokoornament an den Decken +und Wänden des reizenden Konzertsaales hatte ein +feiner, zarter Nebel geschwebt, gewoben aus Zigarettenrauch +und Parfüm.</p> + +<p>Ich stieg die Stufen hinab. Man klatschte noch +immer. Ich mußte wohl so etwas wie eine neue Sen<a name="Page_78" id="Page_78"></a>sation +gewesen sein, wie sie in Gestalt von Sängern, +Taschenspielern und Diseusen auf dieser Tribüne gewöhnlich +zu erscheinen pflegte.</p> + +<p>»Ich gratuliere Ihnen —,« sagte eine dunkle Stimme +neben mir. Nur ein Mann in der Welt hatte solche +Stimme! Es war Brandt. Und als meine Hand +in der seinen lag, war mir, als stünde ich allein mit +ihm hoch auf einer Felseninsel und in der Ferne nur +brandete das Meer der Welt.</p> + +<p>»Sie in Wien, — meinem geliebten Wien, und ich +nicht neben Ihnen, — es kam mir absurd vor,« hörte +ich ihn leise sagen. Aber schon sah ich den Kreis, der +sich um uns gebildet hatte: Menschen, die warteten, +mich begrüßen zu können, mir vorgestellt zu werden, +der Vorstand der Fabier, der mich zum Essen geladen +hatte. Ich gewann meine Fassung wieder, und während +mein Herz hoch aufschlug vor Freude, hatte ich das Bedürfnis, +gegen alle, die sich mir näherten, doppelt und +dreifach freundlich zu sein.</p> + +<p>In einem halbdunkeln verräucherten Kaffee spät am +Abend trafen wir uns wieder. Brandt erwartete mich +mit <em class="antiqua">Dr.</em> Geier, seinem Schwager, dem Führer der österreichischen +Sozialdemokratie, und einem Kreis von Parteigenossen, +die mitten in einer Debatte jäh verstummten, +als ich eintrat. Sie hatten sich offenbar gezankt, was +ich mit der ganzen Empfindlichkeit der Frohgelaunten sofort +empfand. Man stand auf, man begrüßte mich, aber +meine Anwesenheit wirkte sichtlich störend. Eine kleine +brünette Frau mit glänzenden braunen Augen fühlte +das Peinliche der Situation und zog mich auf einen +Stuhl neben sich.</p> +<p><a name="Page_79" id="Page_79"></a></p> +<p>»Ich bin Adelheid Popp,« sagte sie einfach, »ich +habe mich so an Ihrem Vortrag gefreut und wünschte +nur, unsere Arbeiterinnen hätten ihn hören können.« +»Das hätte ich auch gewünscht, — er wäre dann +besser gewesen,« antwortete ich. Ihre Augen lachten +mich an. »Wissen Sie was?!« rief sie lebhaft. +»Wiederholen Sie ihn in einer Volksversammlung!« +Mit freudiger Zustimmung schlug ich in die dargebotene +kleine, warme Hand. »Aber garantieren kann ich nicht, +daß es derselbe Vortrag wird!« Wir vertieften uns in +ein Gespräch, und ich erfuhr, daß diese zierliche Frau +eine arme Arbeiterin gewesen war, von dem Augenblick +an aber, wo sie der Sozialismus gewonnen hatte, zu +einer begeisterten Vorkämpferin der Arbeiterbewegung +sich entwickelt habe. Ganz anders war sie wie unsere +deutschen Frauen: heiter und gutmütig, ohne eine Spur +jener steifen Zurückhaltung, die daheim all meinem Entgegenkommen +zu spotten schien. »Sie sollen mal schauen, +was in Wien eine Volksversammlung heißt!«</p> + +<p>Das Gespräch der anderen hatte indessen da wieder +angeknüpft, wo ich den Faden zerrissen hatte. Ich +hörte zu.</p> + +<p>»Ist es nicht unerhört für einen praktischen Politiker, +sich auf Seite der breslauer Hundertachtundfünfzig zu +stellen und einen blutleeren Theoretiker wie Kautsky +zu verteidigen?!« rief Brandt, während die dunkeln +Brauen sich ihm eng zusammenzogen und die Augen +dem Gegner zornig entgegenblitzten.</p> + +<p>»Bist du vielleicht in deiner gegenteiligen Stellung +zur Agrarfrage weniger Theoretiker als er?!« spöttelte +Geier. »Die Güter, auf denen du dir die Sporen des<a name="Page_80" id="Page_80"></a> +Praktikus verdient hast, liegen doch auf dem Monde!« +Mit einer entschuldigenden Gebärde wandte er sich mir +zu. »Verzeihen Sie, wenn wir uns auch in Ihrer +Gegenwart noch mit so uninteressanten Dingen beschäftigen —«</p> + +<p>»Sie brauchen sich vor mir nicht zu entschuldigen,« +antwortete ich, »mich haben die Verhandlungen des +breslauer Parteitags lebhaft interessiert, und da ich leider +bis heute noch nicht weiß, auf welcher Seite ich stehe, +so höre ich Debatten wie den Ihren besonders gerne zu.«</p> + +<p>Und nun wogte der Streit wieder hin und her. +Brandt verteidigte die von der Mehrheit des breslauer +Parteitages abgelehnten Vorschläge der Agrarkommission, +als »notwendige Forderungen der Gegenwartspolitik«, +als ein erfreuliches Zeichen für die wachsende Erkenntnis, +daß eine Partei von der Größe der deutschen Sozialdemokratie +die Interessen weiterer Volkskreise vertreten +müsse, als nur die der Industriearbeiter. »Übrigens, +was zanken wir uns, lieber Viktor?« meinte er schließlich +und warf mit einer hochmütigen Geste den Kopf +zurück. »Du wärst der Erste, die Vorschläge nicht nur zu +akzeptieren, sondern selbst zu machen und gegen alle +Welt zu verteidigen, oder — wie Schönlank treffend +sagte — eine Revision der Vorstellungsweise in der +Partei herbeizuführen, wenn du in die Lage versetzt +würdest, Landagitation treiben zu müssen.«</p> + +<p>Geier hieb wütend auf den Tisch, daß die Tassen +klirrten und der Kellner, der verschlafen an einer Säule +lehnte, erschrocken die Augen aufriß und dienstfertig +die Serviette schwenkte. »Da liegt doch gerade der +Hase im Pfeffer: ich bin eben nicht in der Lage und<a name="Page_81" id="Page_81"></a> +Ihr, trotz Eurer anderthalb Millionen Stimmen auch +nicht! Konzentriert doch Eure Werbekraft auf die Millionen +Lohnarbeiter, die Euch noch fehlen, und laßt +Eure Enkel sich über die höhere Bauernfängerei den +Kopf zerbrechen! Was du praktisch nennst, ist eben unpraktisch +im höchsten Grade. Das Aufrollen dieser +schwierigen und gänzlich unaufgeklärten Fragen, — ob +die Konzentration des Kapitals in der Landwirtschaft +sich nach denselben Gesetzen vollzieht wie in Industrie +und Handel oder nicht, ob wir daher mit der Proletarisierung +der Bauern oder mit der Vermehrung der +ländlichen Kleinbetriebe zu rechnen haben werden, — all +das noch dazu auf einem seiner ganzen Zusammensetzung +nach inkompetenten Parteitag, ist nur geeignet, +die Parteigenossen zu verwirren. Über theoretischem +Gezänk, das Ihr Reichsdeutsche so liebt, wird ein gut +Teil praktischer Arbeit zum Teufel gehen —«</p> + +<p>»Und glaubst du etwa, die Annahme der lendenlahmen +Resolution Kautsky, die die Agrarfrage doch +nicht aus der Welt schafft, sondern ihre Lösung nur +auf die lange Bank schiebt, wird dies Gezänk verhindern? +Im Gegenteil! Die Bebel und Schönlank +und David werden sich nicht mundtot machen lassen,« +entgegnete Brandt.</p> + +<p>Geier schüttelte ärgerlich den großen Kopf mit den +wirren blonden Haaren. »Bebel wird sich dem Beschluß +des Parteitages fügen; — die anderen freilich, +geborene Krakehler, getrieben durch den eigentlichen geheimen +Generalstabschef des ganzen Feldzuges, Vollmar, +werden die Parteidisziplin ihrer Rechthaberei +opfern.«</p> + +<p><a name="Page_82" id="Page_82"></a>Die Diskussion der leidenschaftlichen Männer fing +an, mich zu beunruhigen, — nicht ihrem Inhalt, wohl +aber ihrer Form nach. Ich hatte Brandt noch nie so +erregt gesehen, und etwas wie Furcht befiel mich. Kurz +entschlossen erhob ich mich.</p> + +<p>»Verzeihen Sie, wenn mein Weggehen Sie stört wie +mein Kommen, aber ich bin sehr müde.« Alles brach +auf, sichtlich erleichtert. Kalter Regen, mit kleinen +spitzen Schneeflocken gemischt, schlug uns ins Gesicht, +als wir heraustraten. Menschenleer war's in den engen +Gassen. Ist das wirklich Wien, die Kaiserstadt? dachte +ich fröstelnd. Geier und Brandt begleiteten mich; wir +verabredeten allerhand für den nächsten Tag. Ich erzählte +von den verschiedenen Einladungen, die ich bekommen +hatte.</p> + +<p>»Zu den Protzen werden Sie doch nicht gehen, die +nur Staat mit Ihnen machen wollen?!« Brandts Stimme +klang grollend, wie ferner Donner, und sein Blick ruhte +beinahe drohend auf mir. Und doch erschrak ich nicht; +es lag im Ton etwas, das mir das Blut in Wallung +brachte, etwas, das klang, wie ein Besitzergreifen. »Bist +du Frau von Glyzinskis Vormund?« brummte Geier.</p> + +<p>»Verzeihen Sie mir meine Heftigkeit —,« flüsterte +Brandt, und im raschen Wechsel seines Mienenspiels +hatte seine Stirn sich wieder geglättet, war sein Auge +wieder klar geworden. Ich senkte stumm den Kopf.</p> + +<p>Zögernd, als fesselten sie magnetische Kräfte, glitten +unsere Hände auseinander. Er betrat mit mir das +Hotel. »Du — wohnst auch hier?!« sagte Geier überrascht.</p> + +<p>Ich schlief nicht in dieser Nacht. Es lag schwer<a name="Page_83" id="Page_83"></a> +und dumpf auf mir, und ich wollte — wollte nicht +denken.</p> + +<p>Wir fuhren am nächsten Morgen zusammen nach +Schönbrunn.</p> + +<p>Alle Einladungen hatte ich abgelehnt.</p> + +<p>Graue Spätherbststimmung beherrschte die Natur. Die +letzten Blätter rieselten von den Bäumen, ohne daß ein +Windhauch sich regte.</p> + +<p>Im freien Walde sind selbst die dunkeln Tage schön: +des Laubes beraubt, reckt sich nackt und kraftvoll das +starke schwarze Geäst gen Himmel, ein wundervoller +Teppich vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Rot in halb +verblichenen weichen Farben spielend, breitet sich unter +ihm aus. Aber die Gärten, die des Menschen Kunst +gestaltet, starren uns an wie der Tod. Sie leben nur, +wenn im Rasenteppich die bunten Beete blühen, wenn +das Laub der geschnittenen Hecken und der Kugelbäume +die armen krummen, um ihr natürliches Wachstum betrogenen +Ästchen dicht umkleidet, wenn von den Terrassen +herunter, aus den Tritonenbecken empor das +Wasser rauscht und springt, und die Sonne sich lachend +in den Scheiben der Schloßfenster spiegelt. Dann spielen, +wie große Schmetterlinge, Kinder in hellen Kleidern +auf den breiten gelben Kieswegen, sodaß der Garten +voll Freude sogar der schönen Damen in Reifrock und +Puderperücke vergißt, die einst mit dem graziösen Geschwätz +ihrer roten Lippen und dem lustigen Klappern +ihrer Stöckelschuhe seine Gänge belebten.</p> + +<p>Heute waren wir allein, zwei graue Gestalten, zwischen +blätterlosen Laubengängen und schlafenden Fontänen.</p> + +<p>»Sie sind so blaß,« sagte Brandt, »der Heimweg +<a name="Page_84" id="Page_84"></a>gestern im Schnee hat Ihnen geschadet —.« Ich schüttelte +den Kopf. »Meine Roheit hat Sie verletzt?« Ich sah zu +ihm auf, aber das Lächeln, das ich ihm zeigen wollte, +erstarb mir auf den Lippen. So müde, so traurig war +sein Blick. In dem meinen blieb er hangen. Es war +wie ein Abschiednehmen.</p> + +<p>»Ich habe es mir überlegt, stunden-, nächtelang,« +kam es tonlos über seine Lippen, »ich muß fort von +Berlin — mit meiner Fr ... —,« er stockte, »mit Rosalie —,« +verbesserte er sich hastig, »bis — bis die Entbindung +vorüber ist. Es ist besser, — besser für uns +alle.«</p> + +<p>»Ja,« sagte ich, die Kehle schnürte sich mir zusammen.</p> + +<p>Dann gingen wir. Wo waren wir doch nur noch +an diesem Tage? Ich entsinne mich nicht. Meine Augen +nahmen Bilder auf, von denen meine Seele nichts wußte.</p> + +<p>Später trafen wir wieder irgendwo in einem Kaffee +mit Geier zusammen. Es kamen noch allerlei Menschen, +die ich an meinem Vortragsabend gesehen hatte, sie +gingen mit kühlem Gruß und vieldeutigem Lächeln an +uns vorüber.</p> + +<p>»Du siehst,« hörte ich Geier leise sagen, während er +mich in die Zeitung vertieft glaubte, »zum mindesten +hättest du nicht im selben Hotel mit ihr wohnen dürfen.« +Brandt fuhr auf. Flehend sah ich zu ihm hinüber. +Er schwieg. Die Kellner brachten die Abendblätter. +»Na, da haben wir's ja,« rief Geier, nachdem er sie +rasch überflogen hatte, und stürzte mit einem kurzen +Gruß davon in seine Redaktion.</p> + +<p>Ich las. »Aus Berlin wird uns soeben mitgeteilt: +Nachdem seit einiger Zeit die politische Polizei eine +<a name="Page_85" id="Page_85"></a>fieberhafte Tätigkeit entwickelte und Haussuchungen umfassender +Art bei fast allen bekannten Mitgliedern der +sozialdemokratischen Partei stattfanden, bringt der Reichs- und +Staatsanzeiger heute folgende Bekanntmachung: +›Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, +daß nachstehende Vereine: die sechs sozialdemokratischen +Wahlvereine, die Preßkommission, die Agitationskommission, +die Lokalkommission, der Verein öffentlicher +Vertrauensmänner, der Parteivorstand der sozialdemokratischen +Partei Deutschlands auf Grund des §8 des +Versammlungs- und Vereinsrechts vorläufig geschlossen +sind.‹«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Kurz vor der Volksversammlung, in der ich sprechen +sollte, besuchte ich Geier in seiner Redaktion, +engen, halbdunklen Räumen im Souterrain eines +alten Hauses. Von fast undurchdringlichem Tabaksqualm +war sein Zimmer gefüllt, das den merkwürdigen +Mann, der grundhäßlich war und hinreißend schön sein +konnte, der stotterte und doch der glänzendste Redner +war, phantastisch umwogte. »Ich habe nur eine kurze +Frage an Sie,« sagte ich, — nichts war ihm widerwärtiger, +wie überflüssiges Weibergeschwätz, — »ich +möchte in die Partei eintreten, — was halten Sie davon?«</p> + +<p>Er sah mich prüfend an, von oben bis unten, strich +sich mit der feinen Hand den wirren rotblonden Schnurrbart +und zuckte die Achseln. »Bleiben Sie draußen,« +antwortete er schroff, »eine Krokodilshaut gehört dazu, — ich +zweifle, daß Sie die haben —«</p> + +<p>»Und wenn ich Sie hätte?!«</p> +<p><a name="Page_86" id="Page_86"></a></p> +<p>»Dann, — ja dann tragen Sie wie wir Ihre Knochen +auf den Markt der Partei —.« Er reichte mir mit +kurzem Kopfnicken die Hand, — ich war entlassen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Und wieder stand ich auf der Rednertribüne, +vor mir ein großer Saal, nüchtern wie eine +Scheune, von flackernden Gasflammen erhellt. +Von rechts und links strömten die Menschen +herein: junge und alte Frauen in Kopftüchern und +Schürzen, die verfrorenen roten Hände andächtig gefaltet, +Männer in Arbeitsblusen, tiefen Ernst auf +den durchfurchten Gesichtern. Sie richteten alle die +Augen auf mich, staunend, fragend, erwartungsvoll. +Kopf an Kopf drängten sie sich um die schmale, niedrige +Stufe, die mich über sie emporhob. Sie kauerten zu +meinen Füßen, eng aneinandergeschmiegt: ein kleines +Fabrikmädchen mit zerzaustem Blondhaar, ein junger +Mann mit den klassischen Römerzügen des Südtirolers, +ein altes Mütterchen, die welke Hand horchend hinter +das Ohr gelegt. Und mir war, als wölbe sich der +niedrige Saal zum Dom; als träten die Abgesandten +der Menschheit durch seine hohen weitgeöffneten Pforten. +Tiefe, demütige Andacht erfüllte mich. Die Welt, die +draußen war, versank. Denen, die mich umringten, gehörte +von dieser Minute an meine Kraft und meine +Hoffnung. Daß ich mich ihnen gab: meinen Arm den +Schwachen, meine Beredsamkeit den Stummen, meinen +an Gipfelwanderungen gewohnten Fuß den Lahmen, und +den Blinden mein Auge, das die Befreiung sah, — das +war dieser Stunde stilles Gelöbnis.</p> +<p><a name="Page_87" id="Page_87"></a></p> +<p>»Genossen und Genossinnen —« Hell und scharf, +wie ein Schlachtruf, klang meine eigene Stimme mir +ins Ohr. Der Jubel der Menge umbrauste mich, während +ich weiter sprach. Das blasse Gesicht des kleinen +Fabrikmädchens vor mir fing an zu glühen, dem alten +Mütterchen rollten die Tränen über die welke Wange +und die klassischen Römerzüge des Tirolers strafften sich +in eiserner Energie.</p> + +<p>Als ich geendet hatte, war es sekundenlang still, — dann +eine Beifallssalve, zahllose Händedrücke von schwieligen +Fäusten, und lauter und lauter anschwellend der +Kriegsgesang der Arbeitermarseillaise. In ihrem Takt +schob sich die Menge hinaus, auf der Straße klang sie +fort, zog mit den Wandernden rechts und links in die +nachtstillen Gassen, und auf dem ganzen Heimweg verfolgte +mich ihre Melodie: aufreizend, siegesbewußt.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Einen Tag später als Brandt kam ich nach +Berlin zurück. Er empfing mich am Bahnhof, +bleicher, übernächtiger als je. Wir fuhren zusammen +nach der Kleiststraße, wo wir nun schon zwei +Monate wohnten, er mit seiner Familie im Vorderhaus, +ich im Gartenhaus, in den zwei kleinen Stübchen. +Wir konnten einander an der Mauer mit der Schweizer +Landschaft vorbei in die Fenster sehen. Oft, wenn er +bei mir gewesen war, tauchte hinter den weißen Vorhängen +drüben ein Schatten auf, der mit gespenstischer +Schnelle sein Gesicht zu verdunkeln schien. Dann erhob +er sich, sah mich kaum an und verließ das Zimmer.</p> + +<p>»Rosalie will nicht reisen, mit mir nicht,« erzählte +<a name="Page_88" id="Page_88"></a>er während der Fahrt. »Sie behauptet, meine Nähe +steigere nur ihr Übelbefinden, deshalb habe sie sich +entschlossen, allein zu gehen und zwar — nach England.«</p> + +<p>»Nach England?« fragte ich erstaunt. »In dieser Jahreszeit?! +Hat sie Freunde dort?«</p> + +<p>»Niemanden! — Die fixe Idee einer Schwangeren, +sagt der Arzt.«</p> + +<p>Ich schwieg, auf das tiefste betroffen. Mir, dem +Weibe, schien sonnenklar, was ihre Beweggründe waren. +Das Recht der Abwesenden wollte sie zur Geltung +bringen, und ein instinktives Gefühl trieb sie nach England —, +woher ich gekommen war, wo ich, wie sie +meinte, mir an Kenntnissen und Interessen erworben +hatte, was ihren Mann an mich fesselte.</p> + +<p>Der Wagen hielt. »Ich komme gegen Abend hinüber,« +sagte ich und verabschiedete mich hastig vor der +Haustür. Ich mußte allein sein. Meine Zimmer fand +ich mit Blumen geschmückt, wie zu einem Fest. »Der +Herr Doktor —,« sagte die Aufwärterin mit süßlichem +Lächeln und einem vertraulichen Blick.</p> + +<p>»Schon gut —,« unterbrach ich sie hastig und warf +die Türe hinter mir ins Schloß.</p> + +<p>Was nun?! Sie durfte nicht fort. Wirklich nicht?! +Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. War es +Furcht? Oder nicht vielmehr Freude — Freude, die wie +ein orkangepeitschtes Meer alle Dämme überflutete, alles +Denken begrub?! Allein — allein mit ihm — tage-, +wochen-, monatelang! Ein ganzes Leben der Entsagung +war kein zu teurer Preis dafür! Wenn sie wiederkam, +würde ich gehen, — aus seinem Gesichtskreis still ver<a name="Page_89" id="Page_89"></a>schwinden, — und +zu ihr würde er zurückkehren, — zu +ihr — und dem Kinde ...</p> + +<p>Es klopfte. »Frau <em class="antiqua">Dr.</em> Brandt läßt gnädige Frau +zum Abendbrot bitten —« »Ich komme —«</p> + +<p>Wir saßen um den gedeckten Tisch: Brandt schweigsam, +mit gerunzelten Brauen, die beiden kleinen Knaben — seine +Söhne aus seiner ersten Ehe — verschüchtert +und ängstlich von einem zum anderen blickend, ich, eine +Unterhaltung mühsam aufrecht erhaltend; sie allein schien +lustig, fast übermütig, ihre Augen flimmerten, ihre +großen weißen Hände, die mir immer vorkamen, als +hätten sie ein eigenes Leben, als wären sie junge +Raubtiere, — bewegten sich ruhelos, streichend, klopfend, +sich dehnend, um sich gleich wieder zur Faust zu ballen, +auf dem Tisch. Das Mädchen kam und brachte einen +Eiskübel mit einer Flasche Champagner. Brandt sah +mißbilligend auf seine Frau. »Wie kannst du, Rosalie, — in +deinem Zustand!«</p> + +<p>Sie lachte.</p> + +<p>»Nur heute, — wo wir ein Fest miteinander feiern +und ihr dasitzt wie Ölgötzen und nicht lustig seid, — lustig +wie ich! — Trinkt, Kinder, trinkt, so ein Abend +kommt nicht so leicht wieder!« Sie stürzte das erste +Glas in einem Zug hinunter. Und dann sprach sie unaufhörlich, +fieberhaft. Von der Reise, die sie machen +werde, von den Herrlichkeiten, die sie dafür schon eingekauft +habe — »drei seidene Kleider und Hüte dazu, +und einen Rohrplattenkoffer für zweihundert Mark, — mach' +keine entsetzten Augen, Heinrich; ich weiß ja, du +bezahlst es gern, — so gern!« —, von ihren Träumen. +»Ich sehe immer denselben Mann, der mir winkt, zu +<a name="Page_90" id="Page_90"></a>dem ich hin muß,« — ihre Stimme sank und ihre +Augen weiteten sich, daß das Weiße unheimlich groß +um die dunklen Pupillen stand — »und der mir helfen +wird.«</p> + +<p>»Trinken Sie nicht mehr —,« bat ich erschüttert und +legte meine Hand auf die ihre, die eiskalt war. Sie +schüttelte sie ab wie eine lästige Fliege.</p> + +<p>»Sie glauben, ich spräche im Rausch?!« sagte sie. +»Sie irren. Ich bin nüchtern, ganz nüchtern, — ich +weiß nur mehr als Sie, viel mehr, und — und ich +glaube an Träume!«</p> + +<p>»Bist du denn nicht eifersüchtig auf deinen Rivalen, +zu dem ich reise?« Damit wandte sie sich mit einem +lauernden Blick aus halb geschlossenen Augen an ihren +Mann.</p> + +<p>»Rosalie!« stöhnte er gequält. Rasch stand ich auf. +Ich konnte die Blicke der Kinder nicht mehr ertragen.</p> + +<p>»Es ist schon zu spät für euch,« redete ich sie an und +griff nach ihren Händen, »kommt, — ich bring' euch zu +Bett.« Sie lachten dankbar.</p> + +<p>»Ach, Tante, bring uns doch immer zu Bett!« flüsterte +der Älteste, als er in den Kissen lag, und seine melancholischen +Zigeuneraugen sahen mich flehend an. »Und +morgen, bitte, bitte, erzähl uns eine Geschichte,« fügte +der Jüngste hinzu und richtete sich im Bett noch einmal +auf.</p> + +<p>Indessen war es im Wohnzimmer zu einer heftigen +Szene gekommen. Rosalie lag schluchzend auf dem +Diwan. »Er will mich nicht reisen lassen, er will mich +umbringen, — mich und das Kind,« schrie sie. »So +mäßige dich doch, um Gottes willen!« beschwor sie Brandt +<a name="Page_91" id="Page_91"></a>mit einem Blick auf die Glastür, hinter der sich der +Schatten des Mädchens hin und her bewegte. Sie +achtete nicht auf ihn, ihre Stimme wurde nur noch +lauter und heftiger. »Ich halte es nicht mehr aus, — ich +mag deine Bevormundung nicht, und deine schlechte +Laune. Ich laufe davon —« Und ihr Schluchzen wurde +zum Weinkrampf.</p> + +<p>Der Arzt wurde geholt. »Sie müssen ihrem Willen +nachgeben, wenn Sie nicht das schlimmste riskieren +wollen,« entschied er schließlich. »Natürlich darf sie +nicht ohne Pflegerin reisen, — ich kann Ihnen eine +empfehlen, auch eine gute deutsche Pension in London.«</p> + +<p>Schon am nächsten Morgen kam Rosalie zu mir, um +Abschied zu nehmen. Sie war völlig verwandelt, weich, +freundlich, ruhig. Es war fast ein strahlendes Lächeln, +mit dem sie mir im Weggehen sagte: »Nun weiß ich +gewiß: Alles — Alles wird gut werden.«</p> + +<p>Wie unter dem Zwang einer stillschweigenden Verabredung +sahen Brandt und ich uns in der nächsten +Zeit selten und nie allein. Ich aß drüben bei ihm mit +den Kindern, nahm sie mit bei meinen Ausgängen und +sorgte für sie, soviel mir an Zeit dafür übrig blieb. +Mit wehmütiger Freude sah ich, wie sie täglich mehr +an mir hingen und mit all ihren kleinen Wünschen +und Kümmernissen zu mir kamen. Weihnachten stand +vor der Tür. »Einen richtigen Weihnachtsbaum machst +du uns, Tante, nicht wahr?« bettelte Wölfchen, der +Jüngste. »Im vorigen Jahr war er man soo klein.« +»Ich möchte am liebsten zur Mutter fahren, — wie +ganz früher,« meinte Hans, der Älteste, und seine Augen +schimmerten feucht. »Zur Mutter —?!« staunte ich.</p> +<p><a name="Page_92" id="Page_92"></a></p> +<p>»Nun ja, du weißt doch, unsere richtige Mutter +wohnt weit, weit weg in Wien,« plauderte Wolf; »sie +ist immer krank. Aber im Sommer, da dürfen wir sie +besuchen, wenn sie in Schruns ist oder in Klobenstein —« +»Die Rosalie ist gar nicht mit uns verwandt, +aber auch gar nicht,« unterbrach ihn Hans eifrig, +und mit einem fragenden Blick auf mich fuhr er zögernd +fort: »Unsere Marie sagt, sie kommt nicht wieder und — und +du bleibst bei uns?!«</p> + +<p>Ich blieb ihm die Antwort schuldig. Jäher Schreck +lähmte mir die Zunge. Ich hatte Brandt nach seiner +ersten Frau nie gefragt, hatte geglaubt, sie sei früh +gestorben. Welche Schicksale lasteten auf dem Mann, +den ich liebte — täglich verzehrender, sehnsüchtiger —, +und rissen die jungen Seelen dieser Kinder in ihren +Wirbeltanz?!</p> + +<p>Zärtlich zog ich die Knaben in meine Arme: »Seid +brav, recht brav, daß der Vater sich an euch freut, dann +sollt ihr einen Weihnachtsbaum haben wie noch nie!«</p> + +<p>Mit glühendem Eifer, der mich alles andere vergeben +ließ, bereitete ich das schönste Fest des Jahres vor. +Freude wollte ich um mich verbreiten, lauter überschwengliche +Freude. Mit dem Geld, das ich mir von +Brandt für seine Kinder erbat, und das er mir verwundert +gab — er hatte an Weihnachten gar nicht +gedacht —, und den Goldstücken, die mir ein paar Artikel +eben eingetragen hatten, kaufte ich einen ganzen Jahrmarkt +voll Spielzeug; und Pfefferkuchen und Marzipan +und Schokolade, dazu Schürzen, Bänder, und ein +himmelblaues Kleid für das Dienstmädchen, das mich +mit ihren kleinen blanken Augen immer so lustig an<a name="Page_93" id="Page_93"></a>lachte. +Am Morgen des Weihnachtstages schloß ich +mich im Eßzimmer ein und putzte die große duftende +Edeltanne mit lauter blitzendem Kram, mit roten Rosen +und bunten Lichtern. Leuchten sollte sie wie das lebendig +gewordene Glück. Vielleicht wird sie ihm ein einziges +frohes Lächeln entlocken! dachte ich.</p> + +<p>Nachmittags mußte ich zuerst zu den Eltern. Es +wurde früh beschert, weil alle Familienmitglieder bei +Onkel Walters geladen waren. Im Salon stand wie +immer der Baum: farblos, schneeweiß, sehr kühl, sehr +vornehm. Und davor unsere Tische, beladen mit Geschenken. +Der Vater hatte sich einmal wieder nicht genug +tun können. Er war in letzter Zeit für mich von +einer Güte, die mir wehe tat, weil ich wußte, daß sie +nur einer Täuschung ihr Dasein verdankte. Meine +wiener Volksversammlungsrede hatte die deutsche Presse +ignoriert, auch sonst mußte es ihm scheinen, als zöge +ich mich mehr und mehr zurück. Was ich für die +Tagespresse schrieb, — ich fing damals an, auch am +»Vorwärts« gelegentlich mitzuarbeiten —, erschien ohne +meine Unterschrift; die wesentlich literarisch-kritischen +Artikel in den Wochenblättern hatten meist seinen Beifall. +»Ich wollte dir handgreiflich zeigen, wie zufrieden +ich mit dir bin«, — damit entschuldigte er gleichsam die +Fülle der Gaben. Daß ich das weiße Kleid und den +Spitzenschal und die seidenen Strümpfe und zierlichen +Schuhe mit solcher Freude empfing, weil ich allein dessen +gedachte, für den sie mich schmücken sollten, — er ahnte +es nicht! Nur die Mutter hatte schon hie und +da mißtrauisch nach Brandts Gattin gefragt, wenn sie +ihn allein bei mir traf, und zuweilen war uns die<a name="Page_94" id="Page_94"></a> +Schwester begegnet und hatte uns mit vielsagendem +Lächeln begrüßt.</p> + +<p>Der Vater wollte mich durchaus nicht heimgehen +lassen, wollte bei Onkel Walters absagen: »Wenn sie +meine Tochter nicht haben wollen, so mögen sie auch +auf mich verzichten.« Es kostete Mühe, ihn umzustimmen.</p> + +<p>»Ich bin ja nicht allein«, sagte ich schließlich — sehnsüchtig +dachte ich an die erwartungsvollen Knabengesichter, +an den stillen Abend mit ihm —, »ich muß +noch zur Bescherung im Kinderheim«, dabei wandte ich +den Kopf dunkel erglühend zur Seite.</p> + +<p>Endlich konnt' ich gehen. Und mein bunter, lustiger +Weihnachtsbaum funkelte und sprühte, ein Fanal der +Freude, ein Sonnwendfeuer, ein Gruß an das steigende +Licht. Der Jubel der Kinder klang durch die Räume. +»Du — du Zauberin,« flüsterte eine tiefe Stimme mir +ins Ohr.</p> + +<p>Still und feierlich, in ihr weiches glitzerndes Schneekleid +gehüllt, erwachte die Erde am nächsten Morgen. +Der Arbeitslärm des Alltags war verstummt, und Räderrollen +und Menschenschritte klangen gedämpft auf dem +Winterteppich. Es war Feiertag.</p> + +<p>Und im Festgewand stand ich und wartete dessen, der +kommen mußte.</p> + +<p>Mein Herzblut, das ich bereit war, restlos für ihn zu +vergießen, hatte es mit roten Rubinen bestickt, Schnüre, +an denen die Tränen meiner Sehnsucht schimmernd gereiht +waren, schmückten mir den Nacken, mit Smaragden +der Hoffnung waren die seidenen Schuhe besetzt an +meinen Füßen, die ihm entgegengingen, und auf meinen +Armen, die ihn umfassen wollten, funkelten, alle Farben +<a name="Page_95" id="Page_95"></a>und allen Glanz der Welt in sich vereinend, die Diamanten +meiner Leidenschaft. Und er kam, er sah mich, — und +die armen kleinen Liebesworte schämten sich +ihrer millionenfachen Entweihung und verstummten.</p> + +<p>Nicht wie die Tage, die wie Kugeln am Zählbrett +gleichgültig rechnend weiter geschoben werden, waren +die jenes sonnendurchleuchteten Winters. Die Nacht +gebar einen jeden als Wesen göttlicher Art, ewigen +Lebens voll. Hoch über die Erde trugen sie uns auf +starken Flügeln, und mochte drunten riesenhaft die +schwarze Gestalt der Schuld die Arme drohend gegen +uns recken, — wir sahen sie nicht. — Bis einer kam, +der häßlich war und neidisch, und mit Faustschlägen an +der Türe uns weckte aus unserem erdenfernen Liebestraum.</p> + +<p>Wir kehrten vom Wannsee zurück, wo wir unter blauem +Himmel auf spiegelglattem Eis gemeinsam unsere Kreise +gezogen hatten. Mit ängstlichem Gesicht hielt die gute +Marie uns einen Brief entgegen. »Rohrpost — und +Rosaliens Schrift —« Heinrichs Gesicht entfärbte sich. +»Ich bin in Berlin und ersuche dich, mich vom Hotel +aus abzuholen. Unser Kind soll im Vaterhause geboren +werden,« schrieb sie. Noch am Abend traf sie ein. Ich +sah ihren dunklen Schatten hinter den Vorhängen. Ich +wußte, was er mir bedeutete: kein Verzichten nach kurzem +gestohlenem Glück, wie ich es einst geglaubt hatte, sondern +Kampf um den Einsatz des ganzen Lebens. Mit +dem Recht der Liebe gehörte Heinrich mir. Alles andere +»Recht« ist nur verschleiertes Unrecht.</p> + +<p>Sie verlangte meinen Besuch. Ich fand sie im Bett +liegend, vollkommen ruhig, während die Pflegerin damit +<a name="Page_96" id="Page_96"></a>beschäftigt war, das Zimmer umzuräumen. »In vierzehn +Tagen etwa erwarte ich,« sagte sie nach gemessener +Begrüßung, »Heinrich ist natürlich sehr unglücklich, daß +ich ihn jetzt schon ausquartiere,« mit spöttischem Lächeln +sah sie zwischen uns hin und her. Ich verabschiedete +mich so rasch als möglich und nahm mir vor, diese +Komödie freundschaftlicher Besuche nicht weiter zu spielen.</p> + +<p>Daß es jetzt für mich an der Zeit gewesen wäre, zu +gehen, fern von Berlin in aller Stille die Entwicklung +der Dinge abzuwarten, — das fühlte ich instinktiv. Aber +die Leidenschaft, die mich beherrschte, machte mich taub +für die leisen Stimmen meines Inneren. Ich konnte +ja gar nicht fort, beruhigte ich mein Gewissen, ich hatte +kaum die Mittel, um zu leben, wie viel weniger, um +zu reisen, — ich war gerade jetzt unentbehrlich in +Berlin, wo der Konfektionsarbeiterstreik täglich ausbrechen +konnte.</p> + +<p>Es kamen auch viele einsame Stunden, wo meine +Phantasie böse Träume spann: Ich sah ein winziges +Kinderhändchen von unheimlicher Kraft, das mir +den Geliebten entreißen wollte. Nein: ich konnte +nicht fort!</p> + +<p>Er besuchte mich seit Rosaliens Rückkehr nur selten. +Sie hatte ihr Bett und ihren Stuhl am Fenster so gestellt, +daß sie zu mir herübersehen konnte. Auch einen +kleinen Spiegel hatte sie anbringen lassen, durch den +ihr niemand entging, der den Hof betrat. Oft, wenn +ich das Haus verließ, um ihn zu treffen, war mir, als +verfolge mich dies glänzende runde Ding mit dem +bohrenden Auge darin durch alle Straßen. Zuweilen +bemerkte ich auch, wie die Pflegerin, eine Johanniter<a name="Page_97" id="Page_97"></a>schwester +mit einem ausgemergelten fanatischen Asketengesicht +mir von ferne nachschlich. Im Traum sah ich +sie dann auf meinem Bette sitzen und mit hungrigen +Augen die Schrift glutheißer Liebe lesen, die mir im +Herzen geschrieben stand.</p> + +<p>Wir wählten immer andere Orte für unsere Zusammenkunft: +kleine Weinstuben, stille Konditoreien, wo +es nach saurem Wein und altem Kuchen roch und die +Kellner die Wissenden spielten. Es war so widerwärtig, +daß wir es schließlich vorzogen, in Wind und Wetter +draußen im Wald zu sein, wo reine Luft unsere +Stirnen kühlte. Einmal führte uns der Weg durch +den Wald nach Paulsborn. Dicht lag der Nebel über +dem See, ein feiner Regen stäubte vom Himmel. Er +hatte mit seinem Arm seinen Mantel auch um mich +geschlungen.</p> + +<p>»Vergiß mich, Alix, wenn du kannst,« sagte er, »laß +den armen Kerl laufen, der allen Unglück bringt, die +ihm zu nahe kommen.«</p> + +<p>Ängstlich forschte ich in seinen verschlossenen Zügen. +»Willst du, daß ich gehe?« frug ich mit Betonung.</p> + +<p>Er zog mich fester an sich. »Ich müßte es wollen, +um deinetwillen! Und doch, wenn ich mir vorstelle, du +tätest es — lieber brächt' ich dich um!« +Zärtlich drückte ich meine Wange an seine Schulter. +»Wenn das der Tod ist, den ich allein zu fürchten +habe, so werd' ich ewig leben.«</p> + +<p>»Weißt du denn auch, was dir bevorsteht —?« »Ja,« +lächelte ich, »dein Weib werde ich sein, dein glückseliges +Weib!«</p> + +<p>»Glaubst du so sicher, daß sie in die Scheidung +<a name="Page_98" id="Page_98"></a>willigt, daß sie nicht vielmehr alles tun wird, um dich, +um uns zu verderben?«</p> + +<p>Ich dachte schaudernd ihrer lauernden Blicke und +ihrer Raubtierhände. Aber ich verscheuchte das Angstgefühl, +das mich zu unterjochen drohte.</p> + +<p>»Nur die Trennung von dir wäre mein Verderben, +und die erzwingt sie nicht. Dir werd' ich gehören, auch +wenn ich's vor der Welt nicht darf!«</p> + +<p>»Sie werden alle mit Steinen nach dir werfen —«</p> + +<p>»Hast du mich lieb, bin ich unverwundbar —«</p> + +<p>Stärker strömte der Regen, dicht über den schwarzen +Kiefern schienen die Wolken zu lagern. Am warmen +Ofen im Wirtshaus trockneten unsere Mäntel. An +Heimkehr war zunächst nicht zu denken. O, daß eine +Sintflut uns umschlösse wie eine Insel und kein Schiff +den Weg zurückfände in die Welt!</p> + +<p>»Kaum ein Jahr ist es her, daß ich Rosalie heiratete,« +begann er nachdenklich, »wie heller Wahnsinn erscheint +mir heute, was ich tat. In zarter Rücksicht hast du, +Gute, nie gefragt und hast doch ein Recht, mehr von +mir zu wissen, als daß ich dich liebe. Nach sechsjähriger +Ehe, — Jahren steigender Qualen, in denen wir uns +immer weiter voneinander entwickelten, — verließ mich +meine erste Frau. Ich hätte es ihr längst verziehen — sie +litt ja wie ich! —, aber daß sie die beiden kleinen +Kinder im Stiche ließ, das begriff ich nicht, werde es +nie begreifen. Im Scheidungsprozeß wurden sie mir +zugesprochen. Und nun begann ein Leben dauernder +Aufregung. Wohl zehnmal am Tage, wenn ich im +Redaktionsbureau saß, packte mich die Angst um die +Kleinen. Ich sah sie von den unzuverlässigen Wärte<a name="Page_99" id="Page_99"></a>rinnen +unbeaufsichtigt gelassen, von der Mutter heimlich +entführt, und fuhr gehetzt zwischen der Wohnung und +dem Bureau hin und her. Ständig war ich auf der +Suche nach jemandem, dem ich die Kinder anvertrauen +konnte. Ich klagte meine Not einem Freunde. ›Ich +wüßte eine Dame, mit der Sie das große Los ziehen +würden,‹ sagte der, ›aber sie wird eine Stellung kaum +annehmen wollen. Sie ist reicher Leute einziges Kind, +ist aus Liebe zur leidenden Menschheit Krankenpflegerin +geworden, und dabei die schönste Frau der Welt.‹ Ich +war wie elektrisiert. Er mußte mir Namen und Adresse +nennen, und in der nächsten Stunde schon war ich bei +ihr. Wie ein Geschenk des Himmels schien es mir, +daß sie ohne viel Überlegung ja sagte. Sie war gut +zu meinen Kindern. Ich konnte ruhig arbeiten. Ich +fand ein behagliches Zuhause, wenn ich heimkam. Daß +sie weder die schönste Frau der Welt, noch reicher Leute +Kind war, sondern irgendwo im Osten in einer Tagelöhnerkate +das Licht der Welt erblickt hatte, war mir +eher willkommen, als daß es mich enttäuscht hätte. +Ihre Vorliebe für seidene Kleider, auf die sie all ihren +Verdienst verwandte, mochte das Märchen um sie gesponnen +haben. Ich ließ es geschehen, daß — daß sie +mich liebte. Ich hatte Jahre und Jahre jede Liebe +entbehrt und hielt nun meine Dankbarkeit für Liebe. +Nur daran, mich zu fesseln, dachte ich nicht. Zu schwer +lastete die Erinnerung an die Ehe auf mir. Da warf +mich ein heftiges Nervenfieber aufs Krankenlager. Und +während ich noch matt und elend zu Bette lag, erklärte +mir Rosalie, mich noch am selben Tage verlassen zu +wollen, wenn ich ihr nicht die Heirat verspräche. Ich +<a name="Page_100" id="Page_100"></a>war empört, aber viel zu schwach zu energischem Widerstand. +Ich dachte an meine Kinder. Sie ging schon +am nächsten Tage mit unseren Papieren aufs Standesamt, +um das Aufgebot anzumelden. So wurden wir +Mann und Frau —«. Er schwieg. »Und trotz alledem +wirst du mich lieb behalten?« fragte er dann leise.</p> + +<p>»Wenn du mich lieb behältst nach meiner Beichte,« +antwortete ich und erzählte ihm von meiner Jugendliebe. +»Weißt du —« sagte ich zum Schluß träumerisch, während +seine Hand leise die meine streichelte, »mein Herz +ist wie die Erde: ohne den Frühling wäre der Sommer +mit seiner glühenden Sonne und seinen voll erblühten +Rosen nicht gekommen. Und darum werde ich noch im +Winter an ihn denken müssen.«</p> + +<p>Spät kamen wir nach Hause. Vor dem Tore stand +die Johanniterschwester. Wie Fledermäuse flatterten +ihre schwarzen Haubentücher im Wind.</p> + +<p>An meiner Tür empfing mich die Aufwärterin mit +grinsender Untertänigkeit. »Herr Reinhard ist da,« +sagte sie, »ich wußte nicht, daß gnädige Frau so lange +fort bleiben würden — bei dem Wetter.« Ich hörte +seine Krücke hart und heftig aufschlagen.</p> + +<p>»Fast wäre ich wieder gegangen,« grollte er, »ich —« +er legte starken Nachdruck auf dies ›ich‹ — »ich habe +keine Zeit, um Ausflüge zu machen.«</p> + +<p>»Verzeihen Sie, daß Sie warten mußten. Hätten +Sie mir Ihren Besuch mit einem Worte angekündigt —«</p> + +<p>Er lachte besänftigt. »Schon gut — schon gut! Wir +wollen uns bei Präliminarien nicht aufhalten. Die +Entscheidung steht vor der Tür —, an eine friedliche +<a name="Page_101" id="Page_101"></a>denke ich, nach der allgemeinen Stimmung zu urteilen, +nicht mehr. Werden wir auf Sie rechnen können?«</p> + +<p>»Selbstverständlich. Aber daß Sie gerade jetzt, wo +die öffentliche Meinung sich mehr und mehr auf Seite +der Arbeiter stellt, wo einflußreiche Kreise der Bourgeoisie +öffentlich für sie eintreten, an einer befriedigenden Lösung +verzweifeln, begreife ich nicht.«</p> + +<p>»Welch ein Neuling Sie doch sind!« Er schüttelte +verwundert den breiten Kopf. »Weil einigen bürgerlichen +Idealisten all das aufgedeckte Elend an die +Tränendrüsen geht, darum, meinen Sie, werden die +Unternehmer nachgeben?! Wo der eigene Geldbeutel +in Frage kommt, hört die Sentimentalität auf. Immerhin: +wir werden bis zum äußersten warten, und —« +seine Lippen kräuselten sich höhnisch — »hoffen. Bei +der miserablen Organisation, trotz der Hundearbeit der +ganzen letzten Monate, ist es kein Kinderspiel, die Verantwortung +für den Streik auf sich zu nehmen.«</p> + +<p>Er erzählte mir noch von den intimen Verhandlungen +mit den Meistern der Damenmäntelkonfektion, von der +mühseligen Ausarbeitung eines detaillierten Lohntarifs, +von den Plänen für die nächste Zukunft, und empfahl +sich, nachdem ich ihm nochmals versprochen hatte, als +Rednerin überall zur Stelle zu sein, wo er mich würde +brauchen können. Mein Gewissen schlug. Über dem +eigenen Schicksal war ich nahe daran gewesen, das Geschick +der Hunderttausende zu vergessen. Schon waren +Schriften aller Art erschienen, die das Leben der Konfektionsarbeiter +malten, wie ich es oft genug gesehen +hatte. Warum war keine von mir? Und in den Versammlungen +der bürgerlichen Frauenvereine wurde plötz<a name="Page_102" id="Page_102"></a>lich +entdeckt, daß die Not der Arbeiterin größer war +als die höherer Töchter, in der Ethischen Gesellschaft +wurden die Mittel zu ihrer Abhilfe lebhaft debattiert. +Und ich allein schwieg!</p> + +<p>Von nun an fehlte ich nirgends mehr. Und ich +fühlte: je weiter ich mich von mir selbst entfernte, desto +stärker wurde ich. In einer Reihe großer Versammlungen +wurden die Forderungen der Konfektionsarbeiter +noch einmal klargelegt, ihre Lage beleuchtet, der sie Abhilfe +schaffen sollten. Ich war in den Feensaal gegangen, +wo Martha Bartels sprach. Kaum, daß ich noch Einlaß +fand, denn auf der Straße schon stauten sich die +Menschen. So viel Armut war wohl noch nie aus +ihren dunklen Höhlen hervorgekrochen. Und noch nie +hatten sich so viel elegante Frauen in ihrer nächsten +Nähe befunden.</p> + +<p>In dem tief eingewurzelten Gefühl, das noch immer +hinter dem schönsten Kleid die größte Respektsperson +vermutet, drängten sich die Armen schüchtern an den +Wänden entlang. Alte Frauen mit müden, rot geränderten +Augen standen auf, um seidenrauschenden +Damen Platz zu machen. Keinen Blick des Neides +sah ich, keinen des Hasses. Als Martha Bartels +sprach, schlicht, fast nüchtern, und ihnen die Geschichte +ihres eigenen Leides erzählte, da weinten viele. Aber +es waren nicht die fruchtbaren Tränen der Erkenntnis, +unter deren heißer Flut die Kraft des Widerstandes gedeiht, +es waren die Tränen der Verzweiflung, die armseligen +Tropfen, die in den Kirchen fließen, wenn der +Pfarrer von der Kanzel die Ergebenheit in Gottes +Willen predigt. Zorn und Leid stritten in mir: Zorn, — <a name="Page_103" id="Page_103"></a>daß +Armut und Religion die Menschheit so um ihre +Würde hatten betrügen können, Leid, — daß von dieser +Menschen Kampfeslust und Ausdauer Sieg oder Niederlage +abhängen würde.</p> + +<p>Beim Ausgang traf ich meine Mutter. Mit einer +Anzahl bekannter Damen hatte sie der Versammlung +beigewohnt. Sie waren alle erfüllt von dem Gehörten. +Die Ruhe der Rednerin und der Zuhörer hatte den +Eindruck nur verstärkt.</p> + +<p>In weitesten Kreisen, von den Nationalsozialen bis +in die Reihen der Konservativen hinein, schien das +Interesse für die Heimarbeiter rege zu sein. Meine +Mutter war voll Eifer; ich hatte sie um einer solchen +Sache willen nie so erregt, so lebhaft gesehen. Sie +zwang mich förmlich, an einer Zusammenkunft teilzunehmen, +die am nächsten Tage bei einem bekannten berliner +Geistlichen stattfinden sollte.</p> + +<p>Ich holte sie ab, um mit ihr hinzugehen, und fand +selbst meinen Vater voller Teilnahme. »Da ist dein +Platz, da kannst du was leisten,« sagte er, mir die Hand +schüttelnd, »da findest du uns alle an deiner Seite, +wenn es gilt, den jüdischen Konfektionären, diesen +Menschenschindern und Ausbeutern, das Handwerk zu +legen.« Eine ähnliche Stimmung beherrschte die Sitzung, +wenn auch der Wunsch nach einer friedlichen Lösung +des Konflikts und die bestimmte Hoffnung auf seine +Erfüllung von dem Einberufer sehr betont wurde.</p> + +<p>Er berichtete von dem Komitee, das sich kürzlich auf +Anregung der Ethischen Gesellschaft gebildet hatte, um +zwischen den Arbeitern und den Unternehmern eine Verständigung +anzubahnen. Männer und Frauen der ver<a name="Page_104" id="Page_104"></a>schiedensten +Parteirichtungen, deren Namen in der Öffentlichkeit +einen guten Klang hatten, gehörten ihm an. +Man beschloß, sich ihm gleichfalls anzuschließen. »Kommt +es trotz alledem zum Streik, so schaffen wir eine Hilfskasse,« +rief eine lebhafte kleine Dame, deren Energie +beim Durchsetzen ihrer Pläne sie bekannt gemacht hatte. +Man stimmte ihr ohne weiteres zu. »Wir müssen alle +Geschäfte boykottieren, die die Forderungen der Arbeiter +nicht bewilligen,« erklärte eine andere, und man überbot +sich in steigender Erhitzung in Vorschlägen zugunsten +der Sache. Ich erinnerte mich im stillen des Streiks +der westphälischen Bergarbeiter. Auch damals sprach +sich die öffentliche Meinung, soweit sie mir zu Ohren +kam, zugunsten der Kämpfenden aus, aber sie tatkräftig +zu unterstützen, daran wagte noch niemand zu denken. +Also doch ein Fortschritt?! Mein Optimismus regte +sich wieder.</p> + +<p>Ich berichtete Reinhard von dem Erlebten. »Halten +Sie die Leute vor allen Dingen bei ihrem Unterstützungsversprechen +fest. Alles andere ist Mumpitz,« sagte er. +Und ich lief von einem zum anderen, und ließ mir, wo +es irgend anging, schriftliche Zusicherungen geben. Inzwischen +arbeiteten im stillen auch die Vermittler, und +zu gleicher Zeit sah ich Martha Bartels und ihre Gefährtinnen, +wie sie unermüdlich nach ihrer eigenen Arbeit +treppauf, treppab stiegen, um die Begeisterung für +den Kampf anzufachen, der ihnen nicht nur unausbleiblich, +sondern erwünscht war. Sie schimpften laut +und leise über das Zögern und Warten der Fünferkommission: +»Wir pfeifen auf alle Versöhnungsduselei, +bei der wir doch nur den kürzeren ziehen. Wir wollen +<a name="Page_105" id="Page_105"></a>eine ehrliche Entscheidung auf dem Schlachtfeld.« Die +Ereignisse schienen ihnen recht zu geben.</p> + +<p>Am Abend des Kaisergeburtstages kam ich durch die +menschenwimmelnde Friedrichsstadt. Nüchtern wie +immer glänzten die Tausende elektrischer Birnen an +den Geschäftshäusern, verschlangen sich zur Kaiserkrone, +zum W. II, und nirgends zeigten sich Spuren einer von +Liebe befruchteten Phantasie, die neue persönlichere Huldigungen +hätte schaffen können. Irrte ich mich, oder +waren die Fassaden der großen Konfektionshäuser sogar +um einen Schein dunkler als sonst? Das Kaisertelegramm +an den Burenpräsidenten Krüger schien, so hieß es, den +Absatz deutscher Waren nach England lahmzulegen. Und +während Alldeutsche und Antisemiten jubelten, ballten +die Unternehmer die Fäuste im Sack.</p> + +<p>Die Versammlung, in die ich kam, bot ein anderes +Bild als die letzte: es war vor allem eine der Männer. +Und die Arbeiterinnen, die erschienen waren, gehörten +zu den besser Bezahlten, zu den Aufgeklärteren, den +Selbstbewußten. Etwas wie Siegeszuversicht schien sie +zu beherrschen. Sie wiesen mit Fingern auf die Herren +im Gehrock und Zylinder, sie tuschelten einander die +Namen der Chefs und Zwischenmeister zu, die der Einladung +der Arbeiterkommission heute gefolgt waren, sie +warfen hochmütig den Kopf zurück, wenn einer von +ihnen eine vertrauliche Begrüßung zu wagen versuchte. +Reinhard sprach. Er erläuterte die Forderungen der +Arbeiter. Seinem Temperament tat er sichtlich Gewalt +an. Eisige Ruhe begleitete während der ersten Viertelstunde +seine Rede. Dann unterbrach ihn eine gröhlende +Stimme: »Bezahlter Agitator —«, das war das Signal +<a name="Page_106" id="Page_106"></a>für die anderen. Kein Satz blieb ohne Zwischenruf. Je +dunkler die Flecken auf Reinhards Backenknochen sich +röteten, je mehr die straffen Haarsträhnen ihm an den +feuchten Schläfen klebten, und je heftiger die knochigen +Hände ihm zitterten, desto lauter, roher, unflätiger +wurde das Gebrüll der Zuhörer. Er sprach ruhig +weiter — von den elenden Löhnen der Frauen, von +ihrer sittlichen Gefährdung. »Sei man stille, Quasselkopp,« +schrie dicht neben mir ein dicker Kerl, mit Brillantringen +auf den roten Wurstfingern, »die Mächens wissen +schon, wofür wir jut zahlen.« Alles lachte. »Frag mal, +von wo die Kleene da ihren süßen, roten Lockenkopp +hat,« rief ein anderer. »Von de sittliche Jefährdung,« +brüllte aus dem Hintergrund eine ölige Stimme. Es +war kein Halten mehr. Man überbot sich in zynischen +Witzen. Und die Frauen, die vorhin so kampfbereit, so +unnahbar schienen? Sie kicherten in ihre Taschentücher, +einige lachten kokett die ärgsten Zotenreißer an. Reinhard +schwieg erschöpft. Die Diskussion war von der +allgemeinen Ulkstimmung beherrscht. Nur zuletzt, als +es zur Abstimmung gehen sollte, erhob sich einer der +Meister, um eine Programmrede zu halten. Er sprach +vom Mittelstand, »dem sittlich gesunden Kern des Volkes, +der wahre Religion und echtes deutsches Familienleben +pflegt und hochhält,« und den »die Sozialdemokratie in +ihrer Respektlosigkeit angesichts der heiligsten Güter der +Nation« vernichten wolle. »Auch dieser uns angedrohte +Kampf ist nichts anderes als ein Vorstoß der Umsturzpartei +gegen die Staatsordnung, und zum Kanonenfutter +lassen die Dummen unter den Arbeitern sich gebrauchen. +Wir aber stehen wie ein Fels im Meer;« — unter +<a name="Page_107" id="Page_107"></a>dem Bravogeschrei der Zuhörer warf er sich stolz +in die Brust und bewegte pathetisch die Arme. »Wir +sagen nein und abermals nein und wissen, daß wir +trotz dem Geschrei der Gegner, trotz Streikdrohung, +immer noch so viel Arbeiter kriegen, als wir brauchen, — und +wenn wir sie von den Hottentotten nehmen +sollten.«</p> + +<p>Am Ausgang erwartete ich Reinhard. Ich sah, wie +Martha Bartels, von einer Schar lebhaft gestikulierender +Frauen umgeben, erregt auf ihn einsprach. »Es ist +kein Halten mehr,« sagte er im Nähertreten. »Nun +ist's aber auch höchste Zeit,« rief ich, noch heiß vor +Entrüstung. »Wir müssen das Eisen schmieden, solange +es warm ist, — in allen Kreisen findet der Streik +Unterstützung.« »Sachte, sachte, liebe Genossin,« wehrte +er ab. »Im Augenblick sind uns stärkere Knüppel +zwischen die Beine geworfen worden, als Ihre hilfsbereiten +Damen aufheben können. Wenn England die +deutsche Konfektion boykottiert, so können wir einpacken.«</p> + +<p>Der Termin für die Antwort der Unternehmer wurde +abermals herausgeschoben. In den Arbeiterkreisen begann +es bedenklich zu gären; es gab Leute, die schon +von Intrigen, Schmiergeldern und offenem Verrat +munkelten. In Hamburg, in Erfurt, in Stettin, in +Breslau brach der Streik aus, — in Berlin zögerte +man noch immer, scheinbar um dem Vermittelungskomitee +Zeit für seine Verhandlungen zu gewähren, in Wirklichkeit +aber, um die Entwickelung der Dinge in England +abzuwarten. Man glaubte an einen Krieg, zum +mindesten an einen wirtschaftlichen. Endlich liefen, so +zahlreich wie sonst, bei den großen Konfektionären die<a name="Page_108" id="Page_108"></a> +Bestellungen ein; und in einer Versammlung der Ethischen +Gesellschaft wurde, zugleich mit einer rückhaltlosen Sympathieerklärung +an die kämpfende Arbeiterschaft, das +völlige Scheitern der Einigungsversuche mitgeteilt.</p> + +<p>Im Bureau der Schneider-Gewerkschaft trat die Arbeiterkommission +zusammen. Es war wie im Hauptquartier +eines Krieges. Wir empfingen die Streikerklärung als +unsere Parole und unseren Marschbefehl. In riesigen +Plakaten wurde die Bevölkerung am nächsten Morgen +zu den Versammlungen eingeladen, mein Name stand +unter denen der vierzehn Referenten.</p> + +<p>Ich saß mit meiner Rede beschäftigt am Schreibtisch, +als es draußen zweimal heftig klingelte. Der Vater! — »Dein +Name steht auf den Litfaßsäulen unter lauter +Sozialdemokraten,« brauste er mich an.</p> + +<p>»Du bist auf der Seite der Streikenden, wie ich +weiß, du selbst hast mich ermuntert.« Er ließ mich nicht +ausreden. »Nicht um ein ungesetzliches Vorgehen zu +unterstützen, — du mußt deinen Namen augenblicklich +zurückziehen —«. Er stierte mich an mit dem wilden +Blick, den ich so fürchtete. Ich lehnte mich zitternd an +den Schreibtisch. »Fahnenflüchtig?! Nein! Wär' ich's, +du würdest dich bei ruhiger Überlegung meiner schämen +müssen.« Er umklammerte mein Handgelenk. »Soll ich +mein Kind verlieren?« stieß er hervor, sein Atem keuchte, +die Augen traten aus den Höhlen.</p> + +<p>»Ich kann mein Wort nicht brechen, — auch mir +selbst gegenüber nicht,« flüsterte ich. Ein Ruck ging +durch seinen Körper, meine Hand stieß er von sich, faßte +sich ein paarmal mit den Fingern an den Kragen, als +würde er ihm zu eng, und schritt festen Schrittes, wort<a name="Page_109" id="Page_109"></a>los, +der Türe zu. Ich hörte sie zufallen, — eine zweite +knarrend sich öffnen, — heftig ins Schloß zurückschlagen; +ich lief ans Fenster: ein alter Mann ging über den Hof, +sehr langsam, tief gebückt, schwer auf den Stock sich +stützend. O, daß er nur ein einziges Mal den Kopf noch +wenden möchte, — aber der starre Nacken bewegte sich +nicht. Schluchzend brach ich zusammen.</p> + +<p>»Alix!« Heinrichs entsetzter Ruf brachte mich wieder +zu mir. Er hatte den Vater fortgehen sehen und war, +alle Vorsicht vergessend, zu mir geeilt. »Wirst du heut +abend sprechen können?!« »Gewiß, — nun bin ich ja +ganz — ganz frei!« Die Tränen waren versiegt, mir +war, als läge mein Herz zu Eis erstarrt in meiner +Brust. Selbst der Geliebte kam mir plötzlich fern und +fremd vor.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Für die Kriegserklärung, die ich heute abzugeben +hatte, war es die rechte Vorbereitung: kein +weiches Gefühl konnte mich überwältigen, eiserne +Entschlossenheit beherrschte mich. Zu<em class="spaced"> einer</em> Riesenkraft +wollte ich die schwarze Menschenmasse vor mir zusammenschweißen, +von<em class="spaced"> einem</em> unbeugsamen Willen beseelt. +Und ich richtete die Paläste der Unternehmer vor ihren +Augen auf, die ihre Arbeit gebaut hatte, und wies auf +ihre üppigen Tafeln, die ihr Hunger deckte. Ich zeigte +ihnen die seidenen Kleider ihrer Frauen und ihrer Mätressen, +an denen der Schweiß der Arbeiterinnen klebte, +und ihre Edelsteine, in denen das Augenlicht derer gefangen +war, die es in nächtlicher Arbeit verloren hatten. +Ich fühlte: schon war die Luft erfüllt vor unsichtbarem<a name="Page_110" id="Page_110"></a> +Sprengstoff. Und nun sprach ich von der kommenden +Schlacht, die nichts sei als ein Teil des großen Krieges +zwischen unverschuldeter Armut und schuldbeladenem +Reichtum; sprach von alledem, was der Preis ihres +Mutes, ihrer Ausdauer sein würde, und doch nur darum +von unschätzbarem Werte sei, weil es sie geistig +und körperlich fähig mache, den Menschheitsfeldzug bis +zu Ende zu führen. »Eure Sache ist die Sache der +ganzen Arbeiterschaft. Jede Schwäche von euch ist ein +Verrat an ihr ...«</p> + +<p>»Eine demagogische Hetzrede,« sagte jemand, als ich die +Tribüne verließ. »Prachtvoll« — versicherte mir ein sozialdemokratischer +Reichstagsabgeordneter händeschüttelnd. +Ich sah fragend um mich: erstaunte, bewundernde, auch +tränenfeuchte Blicke begegneten den meinen, aber vom +Fieberfanatismus der Kriegslust bemerkte ich nichts. +Verständnislose Verlegenheit lag zum Teil auf den abgehärmten +Zügen der Frauen. »Was hat sie gemeint?« +hörte ich flüstern. »Was sollen wir tun?« »Und wie +gerade die Damenmäntel dann bezahlt werden, sagte sie +nicht« — »ob wir gleich in die Betriebswerkstätten +kommen?« — Mir sank der Mut. Heinrichs Lob — er +hatte sich's nicht nehmen lassen, mich zu begleiten — schien +mir von Mitleid diktiert.</p> + +<p>Zu Hause fiel ich sofort in den Schlaf der Erschöpfung. +Mitten in der Nacht fuhr ich entsetzt aus +dem Traum; irgendein langgezogener Ton weckte mich. +Ich sprang aus dem Bett. Aus den Fenstern drüben +drang helles Licht. Die Schatten vieler Menschen bewegten +sich hastig hin und her. Gellende Schreie klangen +über den Hof.</p> + +<p><a name="Page_111" id="Page_111"></a>Jetzt — jetzt wand sich das unglückselige Weib, das +ich betrogen hatte, in gräßlichen Schmerzen, — und das +Kind — meines Geliebten Kind! — kam zur Welt. Kalter +Schweiß trat auf meine Stirne. Das flackernde Licht +von drüben malte gespenstische Gestalten in mein Zimmer. +Ein großes Ungeheures beugte sich über mich, die +zusammengekauert, frostgeschüttelt am Fenster hockte. Es +griff mir in den Nacken mit spitzen Krallen, es wuchs — wuchs, +erfüllte den ganzen Raum — die Wohnung — das Haus — die Welt. +»Ich bin die Schuld — deine +Schuld!« gellte es in meinen Ohren mit dem letzten +Schrei des Weibes drüben ...</p> + +<p>»Es steht gut — Mutter und Kind sind wohl —« +Heinrich stand vor mir, leichenblaß; »aber +du —« er sah mich erschrocken an, wie eine +schwere Krankheit lag die Nacht hinter mir, — »wenn +du jetzt schon zusammenbrichst, wo das Schwerste bevorsteht!«</p> + +<p>»Nachdem ich das überstanden, gibt es nichts Schwereres —«</p> + +<p>Ich war in der nächsten Zeit fast nie zu Hause. +Wenn ich früh erwachte, müde, als hätte ich +kein Auge zugetan, so schien mir's, als stünde +jenes große Ungeheure hinter mir, vor dem ich unaufhörlich +die Flucht ergreifen mußte. Nur wenn ich draußen +war, fern dem Bannkreis dieses Hauses, wenn die Not +der anderen, die der Streik aufdeckte und gebar, sich +zwischen mich schob und meine Schuld, atmete ich freier.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_112" id="Page_112"></a></p> + +<p>Ich saß auf der Reichstagstribüne, als die nationalliberale +Interpellation, die Lage der Konfektionsarbeiterinnen +betreffend, zur Verhandlung +kam und alle bürgerlichen Parteien ihr arbeiterfreundliches +Herz entdeckt zu haben schienen. Was noch +kein preußischer Minister zu denken gewagt hatte — daß +eine Arbeitseinstellung berechtigt sein kann —, das +erklärte Herr von Berlepsch vor der deutschen Volksvertretung +angesichts dieses Streiks. Kein Zweifel: der +Riesenkampf, den die Ärmsten der Armen kämpften, wird +kein vergeblicher sein, eine neue Ära sozialer Reformen +bricht an. Und dem Verdikt des Reichstags werden die +Unternehmer sich beugen müssen. Ich verstand nicht, +warum der Redner der sozialdemokratischen Fraktion sich +angesichts dieser Kundgebungen so skeptisch äußern konnte. +Im ganzen Reich wurde für die Streikenden gesammelt. +Neben den Bureaus der Streikkommission, +in denen Streikkarten ausgestellt und Unterstützungsgelder +gezahlt wurden, richteten bürgerliche Vereine +Hilfsstellen ein, wo Nahrungsmittel und Kleidungsstücke +zur Verteilung kamen.</p> + +<p>Stolz, oft übermütig in ihrer Hoffnungsfreudigkeit +stellten sich in den ersten Tagen die Streikenden ein. +Von Unterstützung wollten sie nichts wissen, nur ihre +Karten ließen sie sich geben.</p> + +<p>»Wir halten aus,« sagte ein junges, bleichsüchtiges +Mädel, und ihre Augen blitzten dabei. »Die Unternehmer +haben uns für sich hungern lassen, nun hungern +wir mal für uns selber —« und, ein Liedchen trällernd, +war sie wieder draußen. Selbst auf den Ge<a name="Page_113" id="Page_113"></a>sichtern +alter müder Frauen lag ein stilles Leuchten. +Ein halbwüchsiger Bengel, der in Begleitung seiner +Mutter kam, verkündete triumphierend: »Wir arbeeten +jetzt for drei, damit Muttern feiern kann,« und lächelnd +streichelten ihre zerstochenen Finger seine Wange: »Nu +kommen ooch janz andere Zeiten!«</p> + +<p>Oft standen die engen Bureauräume gedrängt voll +Wartender. Dann flogen Witze hin und her; vom +»Meester« erzählten sie einander, der mit der »Ollen« +händeringend in der leeren Bude stand. »Noch janz +anders soll die Gesellschaft winseln! Laßt man erst acht +Tage ins Land jehen, denn werden sie zu uns bitten +kommen,« rief ein krummbeiniges Schneiderlein. »Wir +werden ihr Mores lehren, der Rasselbande!« fügte +zähneknirschend ein anderer hinzu.</p> + +<p>Allmählich änderte sich das Bild: Blasse Frauen, die +unsicher und ängstlich blickten, mit Kindern auf den +Armen und an der Schürze, drängten sich um die Zahlstellen; +das morgens angehäufte Geld, das mir unerschöpflich +schien, war jeden Abend wieder ausgegeben. +Auch Männer kamen, Familienväter, mit zusammengepreßten +Lippen. Die Witze verstummten. Finstere Entschlossenheit +lag in dem Schweigen der Wartenden. +Aber immer noch traten welche an den Tisch, die nichts +verlangten, als die Ausfüllung ihrer Streikkarten. Auch +Frauen waren unter ihnen. Eingesunkene Wangen, +trockene Lippen, fiebrige Augen sprachen vom Heldenmut +der Hungernden. Verlegen schob sich wohl auch ein +junges Mädel durch die Türe und streckte die Hand +nach dem Gelde aus. »Schämst du dir nicht!« schrie +einer einmal eine hübsche Brünette an, mit Rosen +<a name="Page_114" id="Page_114"></a>auf dem kecken Filzhut, und riß sie unsanft zurück, »hat +noch so'n Deckel auf'n Kopp und Glacénene an die +Finger und will den ollen Weibern das Brot nehmen?!« +Kam aber gar ein kräftiger Mann, so hagelte es empörte +Schimpfworte: ein Verräter, wer in seinem Opfermut +nicht bis zum Äußersten ging.</p> + +<p>Und dann kamen die Tage, wo sie in dichtgedrängten +Scharen bis auf die Straße hinunterstanden, und keiner +mehr war, den der Hunger nicht bezwungen hätte. Viele +schämten sich, daß sie unterlegen waren; sie wagten kaum +den Kopf zu heben, wenn sie vor den Zahltisch traten. +Zusammengesunken erschienen andere vor Mutlosigkeit. +»Erreichen wir's?« flüsterte fragend der eine, »geben sie +endlich nach?!« der andere. Tränenumflorte Augen +richteten die Frauen auf uns, scheue Blicke voll Zweifel +und Mißtrauen die Männer. Und nichts als Schweigen, +als Achselzucken konnte die Antwort sein. Die Kassen +füllten sich langsamer; der aus rührseliger Sentimentalität +entstandene Enthusiasmus bürgerlicher Kreise verpuffte +wie ein Feuerwerk. Die Unternehmer hielten aus; +sie hatten noch immer genug zu essen. Und die Opferwilligkeit +der deutschen Arbeiterschaft für die kämpfenden +Brüder hatte ihre äußerste Grenze erreicht.</p> + +<p>Ich sah Reinhard nur flüchtig. Die hektische Röte +wich nicht mehr von seinen Backenknochen. Er hatte +keine ruhige Minute.</p> + +<p>»Wir sind am Ende,« sagte er mir mit rauher +Stimme, als wir uns in einem der Streikbureaus +wieder begegneten. Es traf mich wie ein Peitschenschlag. +Was hatte ich damals denen, die ich zum +Streik aufrief, als sicheren Lohn ihres Ausharrens in<a name="Page_115" id="Page_115"></a> +Aussicht gestellt! Würden sie mir jemals wieder vertrauen +können?! »Die Forderung der Betriebswerkstätten +werden wir fallen lassen müssen —.« »Gerade +das?! Die Hauptsache!« rief ich. »Das einzige Mittel +vielleicht, um dem Elend der Heimarbeit, um der Ausbeutung +der Zwischenmeister ein Ende zu machen!« — »Gerade +das. Wir wollen froh sein, wenn sich der +Lohntarif durchsetzen läßt und der Reichstag sein Versprechen +einer durchgreifenden Gesetzgebung einlöst.«</p> + +<p>Schweren Herzens kam ich an jenem Tag in das +Bureau. Es war überfüllt, und lautes Stimmengewirr +drang mir entgegen. »Die Führer verraten uns!« rief +einer. »Wir können hungern, und sie stopfen sich die +Taschen —,« brüllte ein anderer. Ein paar keifende +Weiber hieben mit Fäusten auf den Zahltisch: »Betrüger +seid Ihr, — Ausbeuter, — schlimmer als die +Meister,« schrien sie den Dahinterstehenden ins Gesicht, +die das Geld abzählten. »Wir haben nichts mehr —,« +flüsterte einer der Gewerkschaftsbeamten mir hastig zu, +»— es war ein Ansturm ohnegleichen.« Ich lief die +Treppe wieder hinab, sprang in die nächste vorüberfahrende +Droschke und fuhr zur Zentralstelle der Ethischen +Gesellschaft. Heute, so hatte man mir mitgeteilt, sei +eine beträchtliche Summe eingelaufen. Ich ließ mir +geben, was zur Verfügung stand, — es war auch nur +ein Tautropfen, der im Augenblick in der durstenden +Erde verschwinden würde, — und fuhr zurück, so rasch +der arme Schimmel laufen konnte. Vor dem Bureau +stauten sich die Menschen. Ein paar Polizisten hielten +mühsam die Straße frei. Ich sprang aus dem Wagen +und versuchte mich vorzudrängen. »Wat, so eene biste, +<a name="Page_116" id="Page_116"></a>daß de erster Jüte fährst?« schrie mich eine rohe Stimme +an, und eine Faust stieß mich in den Rücken. Ein paar +Burschen, die nach Fusel rochen und mit den Konfektionsarbeitern +sichtlich nicht das Geringste zu tun hatten, +überschütteten mich mit unflätigen Redensarten. Ich +versuchte, mir mit ein paar Ellbogenstößen freie Bahn +zu schaffen, während meine Hände die Geldtasche angstvoll +umklammerten. »So loof doch, loof — wir werden +dir Beene machen,« gröhlten sie und ich fühlte ihre +Fäuste wieder auf meinem Rücken. Ich schrie laut auf. +Im Augenblick war ich von bekannten Gesichtern umgeben, +ich hörte noch ein paar Ohrfeigen rechts und +links und war halb getragen, halb geschoben im Zimmer.</p> + +<p>Am Abend war auch das letzte Geld verteilt.</p> + +<p>In diesem Augenblick der Not kam es zu einer überraschenden +Wendung: ein Teil der Zwischenmeister, empört +darüber, daß die Unternehmer ihnen alle Schuld +an den schlechten Löhnen zuzuschieben suchten, machten +gemeinsame Sache mit den Arbeitern, und die Fabrikanten, +die nunmehr ernstlich in Gefahr standen, die +Einnahmen der Saison zu verlieren, die aber andererseits +auch genug von der Lage der Dinge unterrichtet +waren, um zu wissen, daß die Streikenden das Ende +ihrer Widerstandskraft erreicht hatten, riefen offiziell die +Vermittlung des Gewerbegerichts an. Die Fünferkommission +der Arbeiter, davon in Kenntnis gesetzt, zögerte +nicht, auch ihrerseits mit dem Einigungsamt in Verbindung +zu treten. Im Bürgersaal des berliner Rathauses, +vor einem vielhundertköpfigen Publikum, kam +es zur Verhandlung und zur endlichen Unterzeichnung +eines Vertrags, dessen wichtigste Bedingungen die Er<a name="Page_117" id="Page_117"></a>höhung +der Löhne und die Gegenseitigkeitsverpflichtungen +in bezug auf die Durchführung der Lohntarife waren. +Von den Betriebswerkstätten war gar keine Rede mehr.</p> + +<p>Die Streikleitung berief die Referenten zu einer neuen +Sitzung. In öffentlichen Versammlungen sollten wir +das Ende des Streiks verkünden. Ich versuchte, mich +frei zu machen. »Wir haben Ihr Wort, Genossin Glyzcinski,« +sagte einer der Führer mit scharfer Betonung. +»Wie kann ich diesen Ausgang als einen Sieg verteidigen,« +wandte ich ein. »Darüber mögen Sie denken, +was Sie wollen,« entgegnete Martha Bartels heftig, +»hier haben Sie einfach Ihre Pflicht zu tun, wie wir +alle.« Flüchtig fuhr mir durch den Kopf, daß ich aus +meiner Welt dem Zwang der Pflicht entflohen war, um +meiner Überzeugung zu folgen, aber ich fühlte mich viel +zu müde, um jetzt darüber nachzudenken. Ich fügte mich +stillschweigend. Als eine Wohltat sah ich es an, daß +ich wenigstens nicht in demselben Saal, vor denselben +Menschen sprechen mußte. Weit in den Osten, in die +Andreasstraße, schickte man mich. »Sie werden keinen +leichten Stand haben,« sagte Reinhard beim Weggehen, +»es ist das Hauptquartier der Anarchisten.«</p> + +<p>Heinrich Brandt begleitete mich auf dem Wege zur +Versammlung. Wir hatten uns in der Zwischenzeit nur +immer auf Minuten gesehen. Erst jetzt, wo Rosalie +schon seit einigen Tagen aufgestanden war, schwand +unsere Angst um sie. Das Wochenbett war normal +verlaufen; sie nährte den Kleinen und schien seelenruhig. +Trotzdem war Heinrich heute wortkarg, und sein ausdrucksvolles +Gesicht, das jede Stimmung verriet, erschreckte +mich. Aber soviel ich auch in ihn drang, er +<a name="Page_118" id="Page_118"></a>meinte, es sei nichts, gar nichts geschehen, ich solle +lieber an meinen Vortrag denken, als über die Ursache +seiner schlechten Laune nachgrübeln.</p> + +<p>Der kleine Saal war schon voll, als ich kam. In +allen Händen sah ich weiße Zettel, mein Auge fiel auf +lauter erregt gerötete Gesichter. Bei der Wahl des +Bureaus siegte der Führer der Anarchisten mit riesiger +Mehrheit über unseren Kandidaten. Ich empfand es +fast wie eine Erleichterung —, »nun werden sie mich +gar nicht reden lassen,« flüsterte ich Heinrich zu. Aber +schon stand der junge blonde Mann mit den zarten +Mädchenzügen auf der Tribüne: »Ich erteile der Referentin +Frau von Glyzcinski das Wort«, und mit einer +höflichen Handbewegung machte er mir neben sich Platz.</p> + +<p>Ich sprach schlecht. Keinen Augenblick konnte ich +meiner eigenen Empfindung, meinen innersten Gedanken +folgen. Ich war nur ein Sprachrohr. Trotz der musterhaften +Leitung des jungen Anarchisten, der die Ruhe +immer wieder herzustellen suchte, unterbrachen mich Zurufe +aller Art: sarkastische, gemeine, wütende. Dazu +Heinrichs Gesicht, auf dem meine Blicke immer wieder +haften blieben —, ich verlor den Faden, verwirrte mich, +wurde ängstlich. Man rief höhnisch »Bravo«, als ich +geendet hatte. Und dann sprach der Vorsitzende. Seine +ganze Rede war ein feuriger Appell an das Proletariat, +eine glühende Anklage der Streikleitung. Im Moment, +wo aus England Millionen an Unterstützung zu erwarten +seien, habe sie sich feige den Kapitalisten unterworfen +und die Sache des Volks verraten. An ihm sei es nun, +zu zeigen, daß es sich von keiner Seite knebeln lasse, +daß es den Kampf nicht nur fortsetze, sondern ausdehne, +<a name="Page_119" id="Page_119"></a>bis ein Generalstreik dem Volk die Macht verleihe, +dem Unternehmertum seine Gesetze zu diktieren. In +jedem Wort, das er aussprach, brannte das Feuer seiner +Überzeugung, und alles jauchzte ihm zu. Meine Resolution +wurde abgelehnt, die seine, die die Fortsetzung +des Streiks erklärte, angenommen. Durch einen Nebeneingang +ließ man mich hinaus. Man hätte mich sonst +vor den Insulten der fanatisierten Menge nicht schützen +können.</p> + +<p>Der Streik war trotzdem zu Ende. Die englischen +Millionen waren nichts als ein Märchen. Ein paar +Tollkühne hungerten noch eine Woche länger —, das +war alles.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wir gingen durch den Tiergarten heimwärts, +Heinrich und ich. Die Kälte tat mir +wohl. »Am liebsten zöge ich selbst solch +Schneekleid an, um ganz, ganz kalt zu werden,« murmelte +ich. Eine große Hoffnungslosigkeit hatte sich +meiner bemächtigt.</p> + +<p>»Nun sollst du auch wissen, was mir fehlt,« sagte +Heinrich, auf dessen Arm ich mich müde stützte. »Ich +hatte heute eine böse Szene mit Rosalie. Sie will in +den Süden — auf Monate — mit mir. Um unsere +Ehe wieder herzustellen, wie sie sagt. Ich weigere +mich, brauchte lahme Ausreden, die sie durchschaute. +Sie bekam einen Weinkrampf, dann warf sie mir vor, +daß ich das Kind töten wolle, indem ich sie, die nährende +Mutter, nicht schone.«</p> + +<p>Er blieb aufatmend stehen.</p> +<p><a name="Page_120" id="Page_120"></a></p> +<p>»Und du?!«</p> + +<p>»Ich versprach ihr jede Rücksicht, — nur mit ihr +reisen könne ich nicht. Jetzt fordert sie eine Auseinandersetzung, +auch mit dir. Zwei Tage hat sie mir Zeit gegeben.«</p> + +<p>»Sie hat recht,« sagte ich, »auch sie zieht ein Ende +mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vor.«</p> + +<p>Ich zwang mich zur Ruhe, — seinetwegen.</p> + +<p>Die beiden Tage schleppten sich hin wie ebenso viele +Jahre, jede Stunde beladen mit Qualen, mit Selbstvorwürfen, +mit Zweifelfragen. Hatte ich nicht das +Leben dieser Menschen zerstört, hatte den, der mir auf +der Welt der liebste war, in einen Kampf gerissen, der +für ihn vielleicht des Einsatzes nicht wert sein würde, +hatte dem Kinde schon im Mutterleibe den Vater gestohlen!</p> + +<p>Und dann kam der Tag und die Stunde. Ich wartete +von mittags bis abends. Jeder Schritt auf dem +Hof ließ mich auffahren, vor jedem Laut, der von +drüben klang, zitterte ich. Minuten gab es, in denen +ich die Hände faltete, wie ein kleines Kind, wenn sinnlose +Angst es den schützenden Vater im Himmel suchen +ließ. Aber durfte ich beten — ich! —, selbst wenn ich +noch glauben könnte?! Die Bilder auf meinem Schreibtisch +starrten mich an und sahen mir nach, wohin ich +auch im ruhelosen Auf- und Abwandern mich wandte: +der Vater, der einst einen braven Offizier seines Regiments +für unwürdig erklärt hatte, weiter des Königs +Rock zu tragen, weil er das Weib eines andern liebte; +die Mutter, deren ganzes Leben unter dem einen Gesetz +der Pflichterfüllung stand; — aber lugte nicht neben ihr +<a name="Page_121" id="Page_121"></a>aus dem Rahmen ein stilles, edles Antlitz hervor mit +gütigen dunkeln Augen? »Großmama,« schluchzte ich +leise. O, daß ich den Kopf in ihrem Schoß vergraben, +ihr beichten und aus ihrem Munde mein +<em class="antiqua">Absolve te</em> hören dürfte!</p> + +<p>War das nicht sein Schritt? Ich riß das Fenster +auf. Klang nicht ein Ruf zärtlich aus dem Dunkel? +Mit angehaltenem Atem horchte ich. Klopfte es nicht +an der Pforte? Oder war es mein eigenes Herz, das +ich hörte? Ich blieb auf dem engen, kleinen Flur, an +die Mauer gelehnt, mit krampfhaft aufgerissenen Augen +und pochenden Schläfen. Die Treppe draußen knarrte, +ich griff an die Klinke, die Türe sprang auf —</p> + +<p>»Alix!« Welch ein Ton war in seiner Stimme! +Halb bewußtlos sank ich in seine weitgeöffneten Arme.</p> + +<p>»Sie willigt in die Scheidung.«</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_122" id="Page_122"></a></p> +<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2> + + +<p>An einem jener norddeutschen Apriltage, wo +Frühling und Winter einander wie Feinde vor +dem Ausbruch des Kampfes lauernd umschleichen, +die Sonne auf hellen Plätzen Sommergrüße +vom Himmel sendet und daneben der feuchtkalte Wind +triumphierend durch schattige Straßen fegt, ging ich +zum Abschiednehmen zu den Eltern.</p> + +<p>Seit jenem Tage, wo mein Vater mich im Zorn +verlassen hatte, war ich nicht mehr bei ihnen gewesen. +Selbst die notwendigen geschäftlichen Auseinandersetzungen, +die sich an den Tod einer Verwandten und der mir und +meiner Schwester zugefallenen kleinen Erbschaft knüpften, +hatte mein Vater schriftlich erledigt. Jetzt aber hatte er +mich vor meiner Abreise noch einmal sehen wollen.</p> + +<p>Er empfing mich ernst und gemessen. »Du siehst +schlecht aus,« sagte er dann und ein liebevoll besorgter +Blick strafte seine äußere Strenge Lügen. Ich wußte +es: die letzten Monate hatten meine Nervenkraft erschöpft; +ich bedurfte der Erholung, aber mehr noch des +Fernseins von Berlin während des bevorstehenden Scheidungsprozesses. +»Die Erbschaft kommt dir wirklich zustatten,« +fuhr er fort. Er ahnte nicht, in welchem Umfang +er recht hatte!</p> + +<p><a name="Page_123" id="Page_123"></a>Eine konventionelle Unterhaltung entspann sich. Und +doch war mir das Herz so voll: ich allein wußte von +uns allen, wie weit ich mich mit diesem Abschied von +ihnen entfernte, — vielleicht auf Nimmerwiedersehen. +Ein Wort der Dankbarkeit, der Liebe hätte ich gern +gesagt; — in der Temperatur, die zwischen uns herrschte, +erfror es, noch ehe es über die Lippen kam.</p> + +<p>»Es ist mir nicht recht, daß du allein in die Welt +hineinreist,« sagte mein Vater, als ich schon an der Türe +stand, »Ihr Jungen denkt anders darüber, — Einfluß +habe ich keinen mehr, — ich kann nur hoffen, daß du +dich stets erinnerst, was du deinem Namen schuldig bist.« +Seine Augen ruhten forschend auf mir. Ich reichte +ihm stumm die Hand: »Lebewohl, Papa —« Ich zwang +meine Stimme, nicht zu zittern. »Lebwohl,« antwortete +er mit einem Seufzer. Einen Kuß gab er mir nicht +mehr.</p> + +<p>Die Mutter begleitete mich auf den Flur.</p> + +<p>»Hast du etwas besonderes zu schreiben,« sagte sie +mit Betonung, »so lege stets einen besonderen Zettel +dem Brief an mich bei, damit ich ihn Hans ohne Schaden +zeigen kann.« Ich hatte die Empfindung, daß mein +Weggehen sie erleichtere. Ilse kam noch bis auf die +Straße mit mir.</p> + +<p>»Du, Schwester, ist es wahr, daß <em class="antiqua">Dr.</em> Brandt sich +deinetwegen scheiden läßt?!« flüsterte sie hastig mit glänzenden +Augen. Aufs peinlichste überrascht starrte ich sie +an. Sie preßte mir stürmisch die Hand: »Du, — das +ist furchtbar interessant! Freilich —« und nachdenklich +kaute sie an der Unterlippe — »mit Papa werden wir +wieder aushalten müssen!«</p> + +<p><a name="Page_124" id="Page_124"></a>Ein Regenschauer trieb sie ins Haus zurück. Fröstelnd +zog ich den Mantel fester, der Wind zerrte daran und +warf mir eiskalte Tropfen ins Gesicht.</p> + +<p>Am Abend fuhr ich nach München, wo Heinrich den +Zug bestieg. Er hatte seine Söhne in Pension, Rosalie +und den Kleinen mit der Pflegerin aufs Land gebracht.</p> + +<p>»Es gab wieder eine Szene,« erzählte er, »ihre innere +Stimme, an die sie nun einmal glaubt, hat ihr gesagt, +daß du mich unglücklich machen würdest. Aus Mitleid +wollte sie darum alles verzeihen und mich in Gnaden +wieder aufnehmen. Als ich darauf verzichtete, prophezeite +sie mir mit dem Pathos einer Kassandra, ich würde +noch einmal kniefällig um ihre Liebe betteln. Und als +auch das ohne Eindruck blieb, machte sie allerlei dunkle +Andeutungen über Zeugenaussagen im Prozeß, und die +Pflegerin lachte mich dabei so impertinent an, daß ich +grob wurde.«</p> + +<p>»Nicht umsonst habe ich mich immer vor ihr gefürchtet,« +sagte ich trübsinnig.</p> + +<p>»Mein armer, kleiner Angsthase!« lächelte er, halb +ungeduldig, halb belustigt. Im Lexikon seiner Gefühle +hatte das Wort »Furcht« keinen Platz gefunden. »Du +bist so tapfer und kannst so feige sein! Haben wir +nicht bisher schon über alles Erwarten Glück gehabt, +und du willst verzagen — gerade jetzt, wo wir dem +Frühling entgegenfahren?«</p> + +<p>Voll tiefen Vertrauens lehnte ich mich in den Arm +zurück, der mich umschlang, und sah still den weißen +Flocken zu, die vor den Fenstern tanzten, und den in +dunkeln Schleiern schwer herabhängenden Wolken, die +der Zug durchschnitt. Es tat so gut, sich in der Obhut +<a name="Page_125" id="Page_125"></a>des Geliebten zu wissen, seinen starken Schultern aufzubürden, +was ich allein nicht hätte tragen können.</p> + +<p>Auf dem Brenner glänzte die Sonne über frisch gefallenem +Schnee, aber von den Bergen stürzten schon +frühlingsfroh die entfesselten Wasser. In Gossensaß, +wo die Bergwände sich noch einmal finster zusammenschoben, +braute wieder der Nebel um dunkle Fichten +und winterstarres Gebüsch, hinter Franzensfeste jedoch +stand das breite Tal in blühendem Lenzkleid und öffnete +die Arme weit, um all die frierenden Wanderer an +seine warme Brust zu ziehen. Frohlockend wiesen von +allen Höhen weiße Kirchlein mit spitzen Fingern hinauf +zur Sonne, die behaglich lachend am blauen Himmel +stand. Auf den knorrigen Ästen alter Obstbäume saßen +junge lustige rote und weiße Blüten. Ohne Ehrfurcht +vor dem grauen Alter der Ruinen, der nüchternen Heiligkeit +der Klöster, fluteten in blauen Kaskaden die +süß-sehnsüchtigen Blumendolden der Glyzinien über die +Mauern, vom Liebesspiel buntschillernder Käfer umtanzt.</p> + +<p>Im brixener Gasthof zum Elefanten machten wir +Rast. Nur das riesige Bild des Rüsseltiers, dem er +seinen Namen verdankt, erinnerte noch an die Zeit, wo +Kaiser und Könige auf der Romfahrt hier Einkehr +hielten. Jetzt saßen nur wenige unscheinbare Leute in +dem niedrigen, dunkel getäfelten Gastzimmer. Sicher: +hier kannte uns niemand. Aber kaum saßen wir vor +der Schüssel, die verheißungsvoll nach gut österreichischer +Mahlzeit duftete, als ein Herr an unseren Tisch trat, +Heinrich freudig begrüßend. Umsonst, daß dieser die abweisendste +Miene machte, den Fremden weder nötigte, +Platz zu nehmen, noch ihn mir vorstellte. In seiner<a name="Page_126" id="Page_126"></a> +Freude, einen Bekannten zu treffen, besorgte er das +ohne weiteres selbst; er hielt mich für Heinrichs Frau +und kündigte uns mit vielem Geräusch die Bekanntschaft +seiner Familie an. »Wir werden nicht bleiben können,« +sagte Heinrich langsam, als er sich endlich empfahl, »es +sind Berliner.« Ich zuckte die Achseln. »Diesmal bin +ich die Mutigere von uns beiden. Mir ist nichts so +gleichgültig als der Klatsch.«</p> + +<p>»Aber ich dulde nicht, daß man dich verdächtigt,« +brauste er auf.</p> + +<p>In aller Frühe am nächsten Morgen fuhren wir +weiter bis nach Trient. »Hierher kommt keiner unsrer +Landsleute,« hatte Heinrich gesagt. Und in der +Tat: in den großen Palasträumen des Hotel Trento +sprachen selbst die Kellner nur ein gebrochenes Deutsch. +Ob wir uns hier ein paar Wochen würden ausruhen +können? Wir hatten sehr das Bedürfnis danach.</p> + +<p>Vor dem Balkon meines Zimmers lag der weite Platz +mit dem ehernen Denkmale Dantes. Mächtig zeichnete sich +seine schwarze Silhouette gegen den blauen Himmel ab, +zu beiden Seiten von den starren Felskulissen der Berge +eingerahmt. Aber der Platz zu seinen Füßen mit ein +wenig Rasen und ein paar kleinen immergrünen Büschen +sah im gelben Licht der Sonne öde aus.</p> + +<p>Wir gingen durch die Straßen: lauter graue Häuser mit +verwaschenen Farben und trüben Fenstern, Paläste dazwischen +mit verblichenen Fresken, Höfe mit alten ausgetrockneten +Brunnen und Säulengängen, unter denen +zerlumpte Wäsche hing, stolze wappengekrönte Tore mit +Firmenschildern aus Blech und Anzeigen aus Papier +benagelt und beklebt; ein Dom, geschmückt mit den zier<a name="Page_127" id="Page_127"></a>lichsten +romanischen Galerien, die hohen Portale von +säulentragenden Löwen bewacht, und darin auf dem +ausgetretenen Estrich, zwischen den Grabmälern edler +Geschlechter, ein paar alte Weiber, die kniend den +Rosenkranz durch schmutzige Finger zogen und mit zahnlosem +Munde Gebete plärrten. Und über der Stadt, +sie beherrschend, der prächtige Renaissancebau des alten +fürstbischöflichen Schlosses, ein unvergleichlicher Rahmen +üppiger Hofhaltungen, — eine Kaserne heute. In der +dämmernden Loggia auf dem Brunnenhof, wo die +Würdenträger des fürstbischöflichen Stuhls in roten +und violetten Gewändern beim Gesang des leise plätschernden +Wasserstrahls die kunstvollen Lettern pergamentgebundener +Bücher zu lesen pflegten, saßen Soldaten +und putzten Gewehre; in den hohen Sälen, von deren +gemalten Decken die Götter des Olymps auf die tafelnden +Priester des Gekreuzigten einst lächelnd herniedersahen, +standen Eisenbetten mit rauher Leinwand gedeckt, +an den Wänden, hinter deren kalkweißer Tünche prächtige +Bilder schlummern, hingen in Reih und Glied +Käppis und Tornister.</p> + +<p>Wir gingen schweigsam zurück. In den Gassen +lärmten ein paar Kinder: Mädchen mit seidenen Schleifen +im Haar und zerschlissenen Röckchen über den bloßen +Beinen, Knaben, die gierig um ein paar Kreuzer +rauften. Vor den Wirtshäusern auf dem schmalen +Trottoir saßen in schäbiger Eleganz junge Leute, die +lange Virginiazigarre zwischen den schwarzen Zähnen. +Die Sonne schien, aber ihre Strahlen trafen auf keinen +Lebenssamen, den sie hätten wecken können; die kahlen +Mauern, die baumlosen Straßen warfen nur sengende<a name="Page_128" id="Page_128"></a> +Glut zurück. Fürsten erbauten diese Stadt, und Bettler +haben sie daraus vertrieben.</p> + +<p>Wir aber suchten den Frühling. Ein Postwagen mit +vier Pferden davor entführte uns aus Trient. Je weiter +wir uns von der Stadt entfernten, die wie ein steinerner +Sarkophag in der Tiefe schlief, desto lachender wurde +die Natur. Auf den Wiesen blühten Lilien und +Glockenblumen, um die elendesten Hütten leuchteten +in rosiger Pracht die Mandelbäume. In Caldonazzo, +einem stillen Nest am Ende des Sees, der den klaren +Himmel auf die Erde zu zaubern schien, blieben wir. +Unter der Laube im Obstgarten der Trattoria, die von +gelben Rosen überwuchert war, wurde uns gedeckt. +Vino santo funkelte goldfarbig in den Gläsern, ein +kleines Mädchen mit großen runden Augen, wie geschliffene +Kohlen, setzte noch eine blaue Vase mit weißen +Lilien mitten auf den Tisch. Dann war es ganz, ganz +still um uns, ein heiliges Abendschweigen, das wir mit +keinem lauten Wort zu stören wagten. Unsere Hände +schlangen sich ineinander, fester zog mich sein Arm an +seine Brust, und sehnsüchtiger wurden unsere Küsse.</p> + +<p>Schlüsselklirrend ging der Wirt durch den Garten. +Wir standen auf. Vor der Tür meines Zimmers blieben +wir stehen, stumm, mit herabhängenden Armen, unsere +Augen versanken ineinander, und die ganze verzehrende +Qual unserer Liebe lag in unserem Blick. »Gute +Nacht!« — er berührte mit den heißen Lippen nur +meine Fingerspitzen.</p> + +<p>Ich schlief nicht. Durch das offene Fenster strich die +laue Luft und trug die süßen Gerüche der Wiesen auf +ihren Flügeln. Ich preßte die Zähne zusammen, um +<a name="Page_129" id="Page_129"></a>nicht den zu rufen, nach dem mein Herz verbrannte, +ich drückte die spitzen Nägel meiner Finger mir ins +Fleisch, um mit dem Schmerz die Qual zu betäuben, +die mein Blut durch die Adern peitschte.</p> + +<p>Draußen im Garten knirschte der Kies, — das Weinlaub +am Fenster bewegte sich, — schlich nicht ein Schatten +leise vorüber? — O, warum kommst du nicht, — sind meine +Arme nicht weich, lockt nicht mein Busen wie Perlmutter +glänzend in der Stille der hellen Mondnacht? Was +geht mich die Welt an?! Die sanften Höhen dieses blühenden +Tales umschließen die meine! Und die Menschen? +Da doch niemand ist, als ich und du! Und die Vergangenheit? +Sie gehört uns nicht mehr! Und die Zukunft? +Nichts ist unser als dieser Frühlingsnacht +zauberische Gegenwart! — —</p> + +<p>Aus kurzem, schwerem Morgenschlaf erwachte ich müde +und einsam. Wir trafen uns in der Rosenlaube, und die +Spuren nächtlicher Kämpfe lagen auch auf seinen Zügen.</p> + +<p>Der Telegraphenbote riß uns aus der Versunkenheit +unserer trüben Stimmung. Eine Depesche von Heinrichs +Rechtsanwalt: »Frau Brandt verlangt Schlüssel Ihrer +Wohnung, kehrt nach Berlin zurück. Stimmung nach +Mitteilung ihres Anwalts wesentlich verändert.« Das +Telegramm war uns von Bozen nachgesandt worden +und trug das Datum von vorgestern. »Ich muß nach +Berlin — sofort —. Sie kann alles zerstören,« knirschte +Heinrich, »und du — du Arme?!« »Zunächst begleite +ich dich, — alles weitere besprechen wir unterwegs.«</p> + +<p>In sausender Fahrt ging es bergab. Die Peitsche +des Kutschers pfiff über die schweißtriefenden Pferde. +Wir mußten den Schnellzug erreichen. Unterwegs be<a name="Page_130" id="Page_130"></a>kam +ich einen Herzkrampf. Als ich wieder zu mir kam, +ratterte der Wagen über das Pflaster Trients, und +Heinrichs angstentstelltes Gesicht beugte sich über mich. +»Wirst du weiter können?« Ich nickte. Man hob mich +in den Zug. Ich erholte mich soweit, um ruhig denken +zu können. Dicht bei Brixen lag unter großen Nußbäumen +ein kleines Dorf, Vahrn genannt; dort wollte +ich bleiben, bis —. »Bis alles gut ist, mein armer +Liebling,« flüsterte er; »wenn ich nur sicher wäre, daß +du deiner Angst, deiner Aufregung Herr wirst, — für +mich ist der Kampf ein Kinderspiel —« Der Triumph +des Sieges blitzte schon aus seinen Augen. In Brixen +blieben uns noch ein paar Stunden bis zum Abschied. +Auf der Post fand sich ein Brief an mich von der +Mutter mit einer Beilage in verstellter Schrift: »Diesen +anonymen Wisch bekam ich soeben. Ich habe ihn, Gott +Lob, vor Hans verstecken können. Da aber Wiederholungen, +womöglich direkt an ihn gerichtete, wahrscheinlich +sind, und ich von deinem Anstandsgefühl doch +noch so viel erwarte, daß der Inhalt dieses Schriftstückes +eine Verleumdung ist und <em class="antiqua">Dr.</em> Brandt nicht mit +dir reist, so ersuche ich dich, zu veranlassen, daß er +uns seine Anwesenheit in Berlin auf irgendeine Weise +dokumentiert ...«</p> + +<p>»Bereits morgen wird das geschehen,« sagte Heinrich, +»du stehst, wie notwendig es ist, daß wir das Opfer +dieser Trennung bringen. Es wird die letzte sein!«</p> + +<p>Mit einem leisen Vorwurf sah ich ihn an: »Fast +scheint's, als freutest du dich, daß du fort mußt!«</p> + +<p>»Ich freue mich der Hindernisse, die sich uns in den +Weg legen. Mir wäre bange geworden vor der Größe +<a name="Page_131" id="Page_131"></a>meines Glückes, wenn sein Besitz keine Opfer kosten +würde.« Ich schämte mich meiner Trauer, und wir +nahmen Abschied voneinander, fast als wäre es ein Willkommen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Im Turmzimmer des Gasthofes zu Vahrn zog +ich am selben Abend noch ein. Von meinem +Fenster sah ich ins Schalderer Tal mit seinen +dunkeln Fichten am klaren Bach. Stundenlang saß ich +hier in wachen Träumen. Zuweilen folgte ich dem +stillen Waldweg bis hinauf nach Schalders. Aber es +mußte ein heller Tag sein, sonst fürchtete ich mich und +sah, wie einst als Kind, hinter jedem Baum Gespenster +lauern. Abends stieg ich nach Salern hinauf und saß +zwischen dem alten Gemäuer der Ruine bis breite Bergschatten +das Tal von Brixen verhüllten und die Spitzen +der Dolomiten fern am Horizont aufglühten wie +verlöschende Fackeln.</p> + +<p>Des Nachts aber kamen die finsteren Gedanken. Dann +las ich wieder und wieder seine Briefe und suchte +zwischen den Zeilen, was er aus Schonung verschweigen +mochte: »Rosalie macht Besuche bei allen Bekannten, +und ich sehe an den Mienen der Leute, was sie erzählt —«, +sie suchte Zeugen gegen mich; der Preis der +Scheidung würde die Verhinderung unserer Heirat sein! +»Sie hat neuerdings Freunde im Egidyschen Kreis« —, +sie suchte eine Verbindung mit den Eltern, sie wird zum +Vater gehen, ihm erzählen, — und er ertrüge es nicht, +so nicht, — er würde Heinrich vor die Pistole fordern!</p> + +<p>Noch geschah nichts dergleichen. Meines Vaters<a name="Page_132" id="Page_132"></a> +Briefe waren erregt, aber nur über die Ereignisse des +Tages: die Verurteilung Hammersteins wegen Urkundenfälschung +zum Zuchthaus, »ein Menetekel für den Adel, +dessen junger Nachwuchs das goldene Kalb umtanzt +und dabei unabweisbar dem Schwindel verfällt,« den +Austritt Stöckers aus der konservativen Partei, »dieses +tüchtigen Mannes, den die Sozialdemokraten mit ihrer +verdammten Manier der Veröffentlichung von gestohlenen +Privatbriefen auf dem Gewissen haben,« über die in +seinen Jubiläumsreden stets deutlicher zutage tretenden +Weltmachtgelüste des Kaisers, »die uns vom erprobten +geraden Wege altpreußischer Sparsamkeit und +dem bewußten Sichbescheiden auf den angestammten +Boden und seine Bearbeitung in die Politik abenteuernder +Seefahrer hineinreißt.« Ich mußte mein Erinnerungsvermögen +immer erst mühsam auf die Welt außer +mir einstellen, wenn seine Briefe Antwort heischten.</p> + +<p>Eines Morgens kam ein Expreßbrief von Heinrich, +den ich in Erwartung erfüllter böser Träume zitternd +öffnete. »Deine Liebe soll noch eine harte Probe bestehen,« +schrieb er. »Rosalie will sich nur unter der +Bedingung scheiden lassen, daß ich ihr mein ganzes +Vermögen gebe. Es ist an sich nur klein, wie Du +weißt, aber es ist alles. Wirst Du stark genug sein, +einen Mann zu heiraten, der nichts besitzt? Der Dir +nur seine Liebe in die Ehe mitbringt und seinen festen +Willen, Dir trotz alledem ein glückliches Leben zu +erkämpfen?... Antworte mir nach reiflicher Überlegung. +Aus Deiner Hand würde ich jedes Geschick ohne Murren +empfangen. Fürchte nichts von mir, wenn Du nein +sagen mußt. Das Glück, das Deine Liebe mir schenkte, +<a name="Page_133" id="Page_133"></a>war schon so groß, daß ich Dir auch dann noch dankbar +bleibe...« Ich lächelte, von einem Alpdruck befreit; +so viele Worte um solch eine Kleinigkeit! Nicht +einen Augenblick des Besinnens gab es für mich. »Gib, +was sie fordert,« telegraphierte ich. Aber noch immer +schien sie nicht genug zu haben. Ein paar Tage später +verlangte sie eine Summe, die Heinrichs Vermögen übertraf. +Und als der Anwalt ihr vorhielt, daß Heinrich +Wucherschulden machen müsse, wenn er ihren Wunsch +erfüllen solle, sagte sie ruhig: »Mag sein, — aber sonst +lasse ich die Scheidung nicht zu.« Sie war unersättlich. +In meinen nächtlichen Träumen sah ich sie: groß, +dunkel, mit der Schleppe, die wie eine Schlange hinter +ihr her raschelte, und den weißen Raubtierhänden.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Tag der Entscheidung nahte. Am Vorabend +fuhr ich nach München. +Die Stunden schlichen, die Zeiger an der +Uhr wollten nicht von der Stelle rücken. Ich hörte, wie +das Leben draußen verstummte, die letzten Pferde müde +zum Stalle trotteten, das letzte Läuten der Straßenbahn +verklang. Und ich hörte wieder, wie es erwachte, wie +die ersten Marktwagen im Dämmerlicht grauenden +Morgens über das Pflaster ratterten und die Tritte der +Bäckerjungen straßenweit zu verfolgen waren; wie das +Räderrollen allmählich anschwoll zu einem brausenden +Ton, und kein einzelner Schritt unter den vielen mehr +zu unterscheiden war. Dann kamen die Stunden, die +über mein Schicksal entschieden. Sie waren wie lebendige +Wesen, die mit meinem Herzen Fangball spielten.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_134" id="Page_134"></a></p> + +<p>»Frei!« — Ich hatte das Telegramm dem Boten +aus der Hand gerissen, — ich starrte das Wort +an, bis mir die Augen übergingen. Im Zimmer +ertrug ich's nicht mehr. Zu groß war mein Glück. Und +selbst als der Himmel sich über mich spannte, war mir's, +als müßte es sein blaues Gewölbe zersprengen.</p> + +<p>Zwei Tage mußte ich des Geliebten warten. »Nachdem +Dein heimlicher Wunsch, Du emanzipationslüsterne +Frau, eine freie Ehe zu schließen, an meinem reaktionären +Eigensinn endgültig zu Schanden wurde« schrieb +er neckend, »muß ich unserer altmodisch ordentlichen +Verbindung auch eine bürgerliche Grundlage schaffen.«</p> + +<p>Ich lief indessen in der Stadt umher und suchte, +meinem übervollen Herzen Luft zu machen. Ein Bettler +stand an der Ecke mit einem Plakat vor der Brust: +»Ein armer Taubstummer bittet um eine milde Gabe,« +ich drückte ihm ein Goldstück in die Hand, was ihn so +verblüffte, daß er seiner Stummheit vergaß und ein Mal +über das andere ein »Vergelt's Gott« stammelte. Vor +allen Schaufenstern blieb ich stehen, in denen die Maisonne +zärtlich über Spitzen und Schleier strich. Und +das Schönste, was ich sah, war nur gerade schön genug, +um mich für ihn zu schmücken.</p> + +<p>Meines Lebens hohe Zeit stand vor der Türe; königlich +sollte sie empfangen werden. Niemand durfte ihr +begegnen, der Trauergewänder trug. Keines Menschen +Träne durfte den Willkommtrunk verbittern, mit dem +ich sie begrüßen wollte. Und im geschliffenen Kristall +des Pokals sollte sich nur die Sonne spiegeln.</p> + +<p>Der Gedanke an die Eltern krampfte mir das Herz +<a name="Page_135" id="Page_135"></a>zusammen. Ich sah sie in der dunkeln Wohnung hinter +den schweren Vorhängen, die immer an den Winter +glauben ließen. Würde mein Glück hell genug sein, um +hindurchzudringen? Ich fühlte, wie dumpf die Luft bei +ihnen war. Würde mein Glück stark genug sein, sie zu +zerstreuen?</p> + +<p>An einem hellen Morgen, über den der Himmel +leuchtete wie ein geheimnisvoll gleißender Opal, trug +ich ein weißes Kleid und Rosen im Gürtel, die lauter +Sonnenlicht getrunken hatten und die Blütenköpfe +senkten, schwer von Schönheit. Ich wartete des Geliebten. +Durch die vielen Scheiben der Bahnhofshalle +funkelte und sprühte das Morgenlicht und malte tanzend +helle Flecke auf den Asphalt. Wie blasse Mondscheiben, +wenn der Tag noch herrscht, standen die großen, +runden Bogenlampen über dem hastenden Leben. Hin +und her strömten bunte Menschenschwärme. Reisefieber, +das in blaue Fernen treibt, sorgender Ernst, der der +Tagesarbeit entgegenstrebt, lachende Hoffnung, die in +die Arme der Liebe verlangt, bange Angst, die vor der +Fremde zittert, malten sich in den vielen Gesichtern. +Die Züge brachten und empfingen sie in unaufhörlichem +Wechsel. Ich allein stand in der Flut ganz still, die +Augen auf das helle riesige Bogenrund gerichtet, in das +die großen schwarzen Schlangen fauchend untertauchten, +und aus dem sie, die welterobernden Ungeheuer, brausend +hervorquollen. Endlich! Ein schriller Pfiff aus einer +Lokomotive, die ihre mächtigen, blanken Glieder majestätisch +hereinwälzte, zwei zischende Garben weißer Wasserdämpfe —, +sie stand. Lauter Schatten liefen und drängten +an mir vorüber, ich sah nur ihn, — und er zog mich +<a name="Page_136" id="Page_136"></a>in die Arme, ganz fest —, alle Rosen fielen mir aus dem +Gürtel, und streuten ihre Blätter um uns, glutrote ...</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>»Und unsere Hochzeit, mein Lieb, wo soll sie sein?« +»Irgendwo zwischen hohen Bergen, im +Walde, wo der Dompfaff uns traut —«</p> + +<p>»Und wann, — wann?« heiß flüsterte seine Stimme +an meinem Ohr.</p> + +<p>»Still muß es um uns sein, ganz still, dann wird +die Stunde kommen, der wir gehorchen müssen ...«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wir fuhren nach Augsburg zu Tante Klotilde, +meines Vaters Schwester. Vielleicht, daß +sie sich für uns gewinnen ließ, daß ihr +Einfluß den Vater beruhigen könnte. Am Bahnhof +trennten wir uns, er ging ins Hotel, mich führte ihr +Wagen durch das alte schmiedeeiserne Tor vor das +schöne Haus mitten im blühenden Garten. Mit ungewohnter +Zärtlichkeit empfing sie mich: »Du hast mir +etwas zu sagen, Kind? Fürchte dich nicht —, du weißt, +ich habe viel an dir gut zu machen.« Ich fürchtete +mich doch, — aber nicht vor ihr. Wenn sie mich verdammte, +so wußte ich: das Herz würde ihr darum nicht +bluten. Um den Vater nur bangte mir, wenn sie die +Verständigung nicht würde herbeiführen wollen. Ich +erzählte, daß ich verlobt sei. Ich verschwieg nicht, daß +er sich hatte scheiden lassen, — um meinetwillen. Aber +von der ersten Ehe erzählte ich nichts, und nichts von +dem Kinde, das vor wenigen Monden erst geboren +<a name="Page_137" id="Page_137"></a>worden war. Ich bekannte ehrlich, daß er, wie ich, +Sozialdemokrat von Gesinnung sei, aber ich betonte, +daß seine Tätigkeit allein auf neutralem wissenschaftlichem +Gebiete liege. Und als sie die Frage stellte, die, +wie ich wußte, für sie von ausschlaggebender Bedeutung +war: »In welcher Lage ist er?« — da log ich: »In der +besten —« Was ging das alles die anderen an?! +Mein Leben war es, für das ich allein die Verantwortung +trug. Nur dem Vater wollte ich es leicht +machen, und die Mutter sollte sich nicht grämen, und +mein blondes Schwesterchen sollte nicht weinen!</p> + +<p>Heinrich wurde zum Essen geladen. Seine ruhige, +fast hochmütige Zurückhaltung der »Frau Baronin« +gegenüber imponierte ihr. Sie schrieb noch am Abend +einen langen Brief an den Vater. Und am nächsten +Mittag kam seine telegraphische Antwort: »Tief gerührt +über die Liebe, mit der du Alix in deinen Schutz nimmst, +versage ich ihr nicht den Segen ihrer schmerzbewegten +Eltern.«</p> + +<p>Heinrich reiste nach München zurück, — es wäre ja +nicht passend gewesen, ein Brautpaar beieinander zu +lassen! — ich blieb noch, um in ein paar Tagen mit +Freunden, — wie ich vorgab, — nach Tirol zu gehen. +Inzwischen kamen die Briefe der Eltern. Von der +Mutter zuerst. Sehr liebevoll, aber doch voller Sorge. +»Ich danke Gott und der lieben Klotilde,« schrieb sie, +»daß Dein Vater die große unerwartete Sache so aufnahm +und ruhig ist, trotzdem ihm alles furchtbar schwer +wird und er noch nicht imstande ist, an Dich zu schreiben. +Wenn nur seine Gesundheit aushält, um die ich oft sehr +besorgt bin, besonders bei so großen Erschütterungen ...<a name="Page_138" id="Page_138"></a> +Ilschen hat sich reizend benommen; ihre kindliche, zärtliche +Art, ihrem Papa alles recht gut und schön darzustellen, +ihre Bitten und Tränen haben ihn tief gerührt ... +Um Deines Vaters willen bitte ich Dich, Deine Verlobung +wenigstens solange geheimzuhalten, bis er bei Klotilde +in Grainau ist, die ihn so freundlich einlud und ihn am +leichtesten wird beruhigen können. Auf diese Weise entgeht +er am besten dem Zeitungsklatsch, an dem es wohl leider +nicht fehlen wird ... Mir ist das Herz so übervoll, +daß ich keine Worte finde. Gott führe alles zum Besten ...« +Und dann kam der erste Brief des Vaters, aus dem ich +erfuhr, daß er wußte, was ich ihm schonend verschwiegen +hatte. »Wenn Du älter geworden sein wirst,« hieß es +darin, »so wirst Du verstehen, daß ich nicht Dein Glück +stören will, sondern nur mit der Erfahrung eines Mannes, +der am Ende seines Lebens steht, da kein Glück sehe, wo +Du seinen Gipfel glaubst erstiegen zu haben ... Dr. Brandt +mußte bei mir und Mama zuerst um die Erlaubnis zur +Verbindung mit Dir nachsuchen, es mußten mir ganz +klar die äußeren Verhältnisse dargetan werden, die zur +Scheidung führten, und die Lebenslage, die Dr. Brandt +Dir bietet. Von alledem ist nichts geschehen, und ich bin +und bleibe der vor Gott und den Menschen für Dich +verantwortliche Vater; auf mir, Mama, Ilse bleibt jeder +öffentliche Skandal sitzen. Sage selber, wie soll ich +Vertrauen zu einem Manne haben, der zweimal geschieden +ist? Ich kenne die Gründe nicht, kann also nur +bei meinem theoretischen Urteile bleiben, daß es ihm +zweimal nicht gelungen ist, seine ihm ›bis der Tod uns +trennt‹ angetraute Frau an sich zu fesseln. Es kommt +hinzu, daß selbst roheste Naturen Pietät dafür haben, +<a name="Page_139" id="Page_139"></a>wenn dem Manne eben von seiner Frau ein Kind geschenkt +worden ist. Diesen Augenblick zur Scheidung +zu wählen, ist gewiß nicht feinfühlig. Meine Tochter +ist mir zu schade, als daß ich ruhig zusehen könnte, +wenn sie in solche Verhältnisse verwickelt wird ...«</p> + +<p>Es entspann sich eine erregte Korrespondenz. Ich +war viel zu empfindlich, besonders gegenüber Angriffen +auf den Geliebten, als daß ich mich wenigstens äußerlich +hätte beherrschen können. Mein strahlendes Glück +hatte mich blind gemacht für die Welt, in der meine +Eltern lebten und dachten. Ich empfand als bittere +Kränkungen, was von ihrem Standpunkt aus sorgende +Liebe war. »Ich begreife nicht, daß Du scheinbar gar +nicht ahnst, wie schwer uns Deine Heirat werden muß,« +schrieb Mama in Beantwortung eines meiner Briefe, +»willst Du denn durchaus nicht die Wirklichkeit sehen? +Muß ich ganz deutlich werden und dir sagen, wie selbst +Dir wohlwollende Menschen über Dich den Kopf schütteln? +Du ahnst wohl gar nicht, was und wie man über Euch +spricht! Und jetzt erwähnst Du wie etwas Selbstverständliches, +daß Ihr Euch hier in Berlin wollt trauen lassen. +Ich finde den Gedanken unglaublich. Denke doch nur +an das Aufsehen, und was das für ein Licht auf uns +alle werfen würde! Wir wollen der Welt gegenüber +betonen, daß Du mit unserem Segen heiratest —, hier +würde nicht einmal unser Pfarrer, der so streng über +Scheidungen denkt, Euch trauen wollen ... Heiratet in +irgend einem stillen Ort Süddeutschlands, wohin ich und +Ilse zur Trauung kommen werden, und überlegt vor +allem, ob es nicht besser wäre, wenn Ihr Euch dann +fern von Berlin niederlaßt? Für alle Teile würde es +<a name="Page_140" id="Page_140"></a>besser sein, solange der gemeine Klatsch über Euch nicht +verstummt ist. Ich habe auch an Deinen armen Vater +zu denken, den Du ganz zu vergessen scheinst, und dem +jede neue Aufregung erspart werden muß ...«</p> + +<p>Ich erwähnte in meiner Antwort der Schwierigkeiten, +die eine Heirat an anderem Orte bereiten würde. Wir +hatten längst beschlossen, uns ohne alles Aufsehen trauen +zu lassen und gehofft, daß die Eltern angesichts der vollzogenen +Tatsache sich um ihr Was und Wie nicht kümmern +würden. Im nächsten Brief meiner Mutter schrieb +sie: »Du erwähnst nur der standesamtlichen Schwierigkeiten, +also wollt Ihr wohl die Kirche umgehen, — wenn +Du mir das noch antust, dann wäre es besser, +wir sehen uns nie wieder, denn das kann ich nicht überwinden, +das würde ich nie verzeihen, und Vater, Schwester +und Tante auch nicht! Bedenket wohl, was Ihr damit +tut: Ihr gebt unseren Beziehungen den Todesstoß ...«</p> + +<p>Ich war schon wieder abgereist, als mir in Innsbruck +berliner Zeitungen in die Hände fielen. Sie brachten +mit mehr oder weniger hämischen Randbemerkungen die +Mitteilung von Heinrichs Scheidung und meiner Verlobung. +Und gleich darauf kam ein Brief des Vaters: +»Was zu erwarten war, ist geschehen: alle Zeitungen +beschäftigen sich mit Dir und ziehen meinen guten Namen +in die Skandalgeschichte meiner Tochter. Sie sagen, +daß Du Dich nun ganz der Sozialdemokratie in die +Arme geworfen hast ... Du nahmst die Gewohnheit +an, bei Deinen Handlungen nie an Deine Eltern, nie +an Deine Schwester zu denken. Trotzdem bleibst Du +unser Kind, und wir tragen an Dir mit, gleichgültig +welches die Bürde ist, die Du uns auferlegst. Wenn +<a name="Page_141" id="Page_141"></a>eine Tochter frank und frei erklärt, sie gehöre zur Sozialdemokratie, +so bleibt an den Eltern etwas hängen. Ich +bin alt und gebrechlich, meine Tage sind gezählt, aber +ich bin notwendig für Deine Mutter und Deine Schwester. +Unehre jedoch ertrage ich nicht; wenn man mich ehrengerichtlich +belangt, wegen Deiner Beziehungen zu einer +staatsvernichtenden Partei, so mag man mich begraben. +Daß die Sozialdemokratie es jetzt freudig ausbeutet, +wenn die adlige Tochter eines allgemein bekannten +Generals sich zu ihr bekennt, das begreife ich, es ist +ihr Vorteil. Wer ein einziges Mal diese gemein aussehenden +Leute im Reichstage gesehen hat und sich vergegenwärtigt, +daß diese Rotte unheimlicher Kreaturen +von den Pfennigen der Arbeiter sich mästet, die um so +reichlicher fließen, je mehr alles in den Schmutz getreten +wird, was uns heilig ist, der muß am Rande der Verzweiflung +stehen, wenn er die eigene Tochter unter ihnen +weiß ...« Ich antwortete nicht. Wie viel besser wäre +der offene Bruch gewesen, als daß ich, vom Verstande +unkontrollierten Gefühlen hingegeben, eine Brücke über +Unüberbrückbares zu schlagen versucht hatte. Ich hatte +nicht wehe tun wollen —, litten die Eltern jetzt nicht +mehr, wo sie mich von schleichender Vergiftung befallen +glaubten, als wenn ich ihnen ganz gestorben wäre?</p> + +<p>Am Morgen meines Geburtstages erwartete ich den +Geliebten. Stille Wehmut dämpfte die Freude, mit der ich +Heinrich empfing. Vor lauter Glück bemerkte er meine +Stimmung nicht. »Ich bringe dir ein schönes Geburtstagsgeschenk,« +rief er, mich zärtlich umarmend. +»Herr Charles Hall, der Deutschamerikaner, von dessen +sozialpolitischen Interessen ich dir oft erzählte, hat sich +<a name="Page_142" id="Page_142"></a>bereit erklärt, meine Zeitschrift zu unterstützen. Siehst +du, nun hab' ich auch das durchgesetzt: die bürgerliche +Grundlage unserer gut bürgerlichen Ehe! — Dürfen +wir nun nicht Hochzeit feiern?!« fügte er leiser hinzu. +Ich schüttelte den Kopf und hing mich fest an seinen +Arm: »Laß mich erst wieder froh werden, mein Heinz!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>An einem regenfeuchten Julitag kamen wir nach +St. Jodok, einem kleinen Bergnest, das die +Brennerbahn fauchend umkreist. »Morgen +fruh scheint d' Sunn,« versicherte der Führer, mit dem +wir über unsere Pläne verhandelten, und so beschlossen +wir, noch am Nachmittag zur Geraerhütte zu gehen. +Es war ein einförmig düsterer Weg durch die Wiesen +des Valser Tales mit ihren zahllosen braunen Heuschobern, +auf die der Nebel tief hinunterhing, und dann +die Anhöhe hinan auf steinigem Pfad, von schwarzgrauen +Bergen umgeben, deren Gipfel sich in den Wolken +verloren. Und in der Nacht tobte der Wind um die +Holzhütte, und der Regen klatschte an die kleinen Fenster, +daß ich mich fröstelnd in die Decken hüllte und eine +undurchdringliche Finsternis noch vor mir zu haben +meinte, als der Führer morgens an die Türe pochte. +»Schön wird's,« sagte er mit unerschütterlicher Sicherheit. +Wir traten hinaus, dicht vermummt, wie zu einer +Winterreise. Fast wäre ich schwindelnd zurückgewichen +vor dem Bilde, das die flackernde Laterne unsicher beleuchtete: +wie auf einer Insel im Wolkenmeer standen +wir. Unten im Tal lagen die Nebel dicht geballt, nur +hie und da streckte es sich aus ihnen hervor wie lange +<a name="Page_143" id="Page_143"></a>schwarze Arme, die, kaum daß sie unsere Höhe erreichten, +verschwanden wie Gespenster beim Glockenschlag. Wir +stiegen aufwärts, Schritt vor Schritt, lange Serpentinen +bis zum Alpeiner Ferner. Frischgefallener Schnee deckte +ihn wie ein Leichentuch, nur hie und da glänzte das +Eis hervor in tiefen, dunkelgrünen Spalten, — geheimnisvoll +lockende Gräber. Kein Leben ringsum; +selbst der Sturm war verstummt, unhörbar versanken +unsere Füße im Schnee. Mich grauste. War es nicht +das Reich des Todes, das wir betreten hatten?</p> + +<p>Da begann der Himmel über uns sich rosig zu färben; +noch einmal sah ich hinab in das Nebelmeer der Tiefe, +dann stieg ich, so rasch meine Füße mich tragen konnten, +um die Höhe zu erreichen, wenn die Sonne kam.</p> + +<p>Und sie war da. Glühend in junger Liebe, als küsse +sie die Erde zum erstenmal. In der heißen Umarmung +ihrer Strahlen ward die keusche Braut zum Weibe, das +sich dem Geliebten schrankenlos hingibt. Sie warf die +dunkeln Schleier von sich, in die sie sich eben noch scheu +gehüllt hatte, und auch die letzten weißen duftigen Hüllen +zerriß sie. In ihrer prangenden Schöne stand sie vor +ihm, die schimmernde weiße Stirn stolz gen Himmel +gehoben, den schneeigen Busen rosig überhaucht von +dem Gruß dessen, der sie erlöste.</p> + +<p>Wir standen ganz still und schauten uns an und lasen +einander die Gedanken von den stummen Lippen. Auf +dem Weg durch die Nacht und empor bis hierher, hatten +wir die Vergangenheit noch einmal durchlebt, zusammengedrängt +in wenige Stunden. Nun aber war es vorüber. +Der Gipfel war unser. Und über das Schneefeld +hinab, der Sonne zu, lag eingebettet in grüne<a name="Page_144" id="Page_144"></a> +Matten ein kleines, helles Haus. Mit dem Bergstock, +dessen Spitze rote Alpenrosen schmückten und weiße +Edelweißsterne, wies ich hinab. »Dort will ich Hochzeit +halten,« flüstere ich. Da hob mich der Liebste jubelnd +hoch empor, und miteinander sausten wir über den Schnee +in die Tiefe.</p> + +<p>»Arg verliabt san's,« brummte der Führer gutmütig, +als wir aufatmend unten standen.</p> + +<p>Zitherspiel und Gesang empfing uns in der Dominikushütte. +Ein paar junge Männer, Studenten mit +blondem Kraushaar und blitzenden Augen, saßen um +den Tisch, und ihre Stimmen füllten den Raum mit +lauter Frohsinn. Seil, Steigeisen und Eispickel lagen +neben ihnen; die verstaubten Stiefel und die braunen +Gesichter bewiesen: sie waren echte Höheneroberer. Solche +Söhne will ich haben —, zog es mir durch den Sinn, +als spräche es aus unbekannter Tiefe meines Wesens.</p> + +<p>Feierlich, mit Millionen goldenen Sternen am Himmel, +senkte sich die Nacht in das Tal. Von Wiesen und +Wäldern ein starker Duft füllte unsre braune Kammer. +Und leise Winde, die von den Gipfeln kamen und noch +keinen Staub getragen hatten, flüsterten in den Fichten +vor dem Fenster. Da bin ich sein Weib geworden ...</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_145" id="Page_145"></a></p> +<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2> + + +<p>Warme Augustsonne flutete durch alle Zimmer +und brütete unten in gewitterschwangerer +Hitze auf den jungen Anlagen des Lützowplatzes. +Unruhig wanderte ich von einem Raum in den +anderen, rückte auf dem mächtigen Doppelschreibtisch, +den wir uns zu gemeinsamer Arbeit hatten machen +lassen, die Bilder der beiden Buben, die nun meine +Stiefsöhne waren, noch ein wenig in den Vordergrund, +ging in ihr Zimmer mit dem blumengeschmückten Balkon, +von dem aus der Blick geradeaus weit über die dichtbelaubten +Bäume am Kanal schweifen konnte und +rechts die Straße hinauf bis in die grüne Tiefe des +Tiergartens, strich mechanisch die Bettdecken glatt und +steckte den Kanarienvögeln, mit denen ich die Kinder +überraschen wollte, ein paar Kuchenkrümel zu, die ich +nebenan vom reichbesetzten Vespertisch geholt hatte. +Immer wieder zog ich die Uhr: gleich mußten sie kommen, +schon eine Stunde fast war Heinrich fort, um sie am +Anhalter Bahnhof in Empfang zu nehmen. Ich lief +durch unser Schlafzimmer mit seinen hellen Möbeln +und meergrünen Vorhängen auf die breite Loggia hinaus: +von hier würde ich sie zuerst entdecken, wenn sie +vom Lützowufer auf den Platz einbiegen würden. Ich +<a name="Page_146" id="Page_146"></a>musterte erwartungsvoll alle Menschen. Von der luftigen +Höhe meines vierten Stockes glichen sie aufgezogenen +Puppen, wie sie die Händler um Weihnachten +auf dem Asphalt laufen lassen. Und der Herkules auf +der Kanalbrücke sah wie ein Knabe aus, der mit seinem +Pudel spielt.</p> + +<p>Wehte dort nicht jemand grüßend mit einem weißen +Tuch? Richtig: es war der kleine, schwarze Hans, der +dem Vater und dem Bruder voranlief. Ich hatte doch +rechtes Herzklopfen. »Du wirst sie lieb haben, meine +Kinder,« hatte Heinrich gesagt, ehe er ging. Und mein +»Ja« war aus vollem Herzen gekommen. Nun aber +war mir bang. Sie waren bei ihrer Mutter gewesen —, +würden sie der jungen Frau ihres Vaters nun nicht +wie einer Feindin begegnen? Würde all meine Liebe, +die ich ihnen entgegenbrachte, weil sie Heinrichs Söhne +waren, ihr Mißtrauen besiegen können?</p> + +<p>Sie stürmten die Treppe hinauf. »Fein, daß du jetzt +die Mama bist!« rief Wölfchen. Hans sah mich nur +groß an und kramte in seinem Rucksack nach einem halbverwelkten +Alpenrosensträußchen, das er mir mitgebracht +hatte. »Ihr müßt recht brav sein, damit Ihr so eine +gute Mama verdient,« sagte Heinrich. Ich warf ihm +einen flehenden Blick zu. Er sollte mich nicht loben, — jetzt, +da sie von der eigenen Mutter kamen. Aber ich +hatte ihnen wohl tiefere Empfindungen angedichtet, als +sie besaßen. Sie waren vergnügt, selbst Hans wurde +gesprächig; und als ich sie zu Bett brachte, waren sie +ganz von selbst zärtlich zu mir geworden.</p> + +<p>»Ich danke dir, Alix,« sagte Heinrich mit warmer +Betonung. »Noch hast du zum Dank keine Ur<a name="Page_147" id="Page_147"></a>sache,« +antwortete ich. Mir war seltsam beklommen +zumute.</p> + +<p>Als wir schlafen gingen, öffnete ich gedankenlos die +Tür zum Zimmer der Kinder, — es hatte mir in den +acht Tagen seit unserem Einzug als Ankleideraum gedient —, +erschrocken fuhr ich zurück: »Bist du's, Mutter?« +rief eine schlaftrunkene Stimme. Ganz leise zog ich die +Türe wieder ins Schloß; auf Zehenspitzen schlich ich ins +Bett. »Liebste — Einzigste!« flüsterte Heinrich und zog +mich in seine Arme. Noch waren wir in den Flitterwochen +unserer jungen Ehe, und uns war, als ob jeder +Tag und jede Nacht uns einander aufs neue schenkte. +Heute aber wehrte ich dem Geliebten mit einem ängstlichen +Blick auf die Tür, — kaum daß ich seinen Kuß +zu erwidern wagte. Wir waren nicht mehr allein. Zehnjährige +Knaben sind hellhörig.</p> + +<p>Am nächsten Morgen ging ich mit ihnen in die Stadt. +Ich hatte mich überzeugt, daß sie ganz neu eingekleidet +werden mußten, auch die Schulbücher galt es anzuschaffen. +In recht gedrückter Stimmung kam ich nach +Hause; die Einkäufe hatten ein großes Loch in mein +Portemonnaie gerissen. Siebenzig Mark, — das war +der ganze Rest meiner Erbschaft; auf unsere Reisen, +auf die Wohnungseinrichtung war sie draufgegangen; +Heinrich hatte schließlich auch noch den ganzen Haushalt +der geschiedenen Frau mitgegeben, und es war +nun nötig geworden, alles Fehlende zu ersetzen. Gewiß: +ich hätte weniger ausgeben können —; ich hatte +an nichts anderes gedacht, als unserer Liebe ein Heim +zu schaffen, das ihrer würdig war. Glückselig hatten +wir in den Tag hineingelebt; nun erst schien das All<a name="Page_148" id="Page_148"></a>tagsleben +anzufangen, ganz nüchtern, ganz prosaisch, +mit seinen täglichen kleinen Forderungen und seinen +persönlichen Sorgen, in deren Schwüle der Altruismus +so leicht verdorrt und der Egoismus üppig emporwuchert. +Mir sank der Mut: wie würde Heinrich, der, +wie es schien, an die Unerschöpflichkeit meiner Kasse +ebenso fest geglaubt hatte wie ich, die unerwartete +Nachricht aufnehmen? Ich war bei Tisch, — dem ersten +Mittag zu Hause, wir hatten bis dahin wie lustige +Studenten stets irgendwo draußen gegessen, — nicht gerade +redselig. Gut, daß die Buben so viel zu erzählen +wußten!</p> + +<p>Als wir uns am Schreibtisch allein gegenübersaßen, +Korrekturen und Manuskripte vor uns, bekannte ich +Heinrich meine Entdeckung. Er sah mich ganz entgeistert +an. »Aber das ist doch nicht möglich!« sagte +er schließlich und strich sich mit der Hand über die +heiße Stirn. »Du hast dich bestehlen und betrügen +lassen —«, fuhr er dann los mit einem Ausdruck und +einer Stimme, die ihn mir vollkommen fremd erscheinen +ließen. Entsetzt starrte ich ihn an: so hatte mein Vater +ausgesehen, wenn ich vor dem Ausbruch seines Zorns +verängstigt aus dem Zimmer entfloh. Mir stürzten die +Tränen aus den Augen. »Und nun weinst du auch +noch, — als ob damit geholfen wäre —« rief Heinrich +aufgeregt. Ich drückte mein Taschentuch vor die Augen, +stand auf und riegelte geräuschvoll die Schlafzimmertür +hinter mir zu. Ich hörte, wie er die Entreetür krachend +ins Schloß warf. Es war die erste, ernste Differenz +in unserer Ehe. Aber schon als ich ihn mit langen +Schritten unten über den Lützowplatz gehen sah, war +<a name="Page_149" id="Page_149"></a>mein Kummer verflogen. Ich hätte ihn, ohne Rücksicht +auf die Verwunderung der Menschen, zurückgerufen, +wenn meine Stimme ihn erreicht haben würde. Nun +stand ich weit hinausgelehnt auf der Loggia und winkte +mit dem Tuch, das noch feucht von meinen Tränen war. +Mitten auf dem Platz stand eine alte Frau mit einem +Korb voll Rosen. Seine Schritte verlangsamten sich, +als er in ihre Nähe kam. Zögernd ging er an ihr +vorüber. Dann aber drehte er um, ganz rasch, als +habe er etwas sehr Wichtiges vergessen; ich sah, wie er +der alten Frau alle Rosen aus dem Korbe nahm, und +den Weg hastig zurückging, den er gekommen war. In +diesem Augenblick hob er den Kopf und sah mich. Er +winkte mit der Hand voll Blumen. Ich lief die Treppe +hinab, ihm entgegen. Wir sanken einander in die Arme. +»Verzeih mir, Geliebte, verzeih!« flüsterte er. »Was +sollte ich dir zu verzeihen haben ...!«</p> + +<p>Noch am Abend fuhr er nach Frankfurt, um Hall +um einen Vorschuß zu bitten; vierundzwanzig Stunden +später depeschierte er: »Anstandslos bewilligt. Sei +ohne Sorgen.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>»Nun müssen wir doch wohl ein paar Besuche +machen,« meinte Heinrich seufzend, ein paar +Tage später, »bei meinem Bruder, bei August, +bei dem Alten —«</p> + +<p>Wir gingen zuerst zum »Vorwärts« in die Beuthstraße, +in dessen Redaktion mein Schwager tätig war, +Dunkle, schmierige Steintreppen führten hinauf. Nur +spärlich drang das Tageslicht in die Redaktionsräume, +<a name="Page_150" id="Page_150"></a>vor deren Fenstern ein großes Fabrikgebäude mit dem +Rattern seiner Maschinen und den grauen Gestalten, +die sich eilig hin- und herbewegten, als ständiges Menetekel +für die Vertreter der Arbeiterschaft drüben aufgerichtet +schien. Zwischen Haufen von Büchern und +Zeitungen saß mein Schwager, blaß und abgespannt.</p> + +<p>Er war immer überarbeitet, denn zu seiner redaktionellen +Tätigkeit lastete er sich stets noch tausend andere +Dinge auf.</p> + +<p>»Du interessierst dich ja für die Konfektionsarbeiter,« +wandte er sich an mich, »Reinhard und ich bereiten +eine Enquete vor. Man muß die Öffentlichkeit immer +wieder mit der Nase auf die Dinge stoßen. Berlepsch +ist abgesägt, die Konfektionäre haben ihr Wort gebrochen, +ohne daß ein Hahn darnach krähte, jetzt gilt's +wieder Spektakel machen, sonst ist's ganz und gar aus +mit der Sozialreform.« Ich sicherte ihm freudig meine +Hilfe zu. Und mit jener nervösen Unruhe, die stets +das Zeichen geistiger Überreiztheit ist, schnitt er in +der nächsten halben Stunde ein Dutzend anderer Gesprächsthemen +an, um schließlich von seinem Bruder bei +der Frage des Vorwärtskonflikts festgehalten zu werden, +der gerade die Gemüter in der Partei erhitzte und die +Gegner sehr beschäftigte, die überall hoffnungsvoll Unfrieden +witterten.</p> + +<p>»Ihr habt unrecht von Anfang bis zu Ende,« erklärte +Heinrich kategorisch. »Zuerst in der Ironisierung +der Quarckschen Vorschläge und dann in der unwürdigen +Behandlung des alten Liebknecht.« »Was verstehst +du davon?« brummte Adolf.</p> + +<p>»Erlaube: von Sozialpolitik verstehe ich ebenso viel +<a name="Page_151" id="Page_151"></a>wie du. Und Quarcks Vorschläge liefen darauf hinaus, +den Gewerkschaften eine intensivere Beschäftigung +mit sozialpolitischen Fragen ans Herz zu legen. Darin +hat er recht. Sie sind wichtiger, als leichtsinnig begonnene +Streiks.«</p> + +<p>»Die Regierung würde auf unsere schönsten sozialpolitischen +Kongresse pfeifen, und die Folge wäre nur +eine Verwischung des Klassencharakters der Bewegung« — Adolf +redete sich in steigende Erregung hinein; jede +Unterhaltung schien sich in der Familie Brandt zum +Streit auszuwachsen; — »selbst einen verlorenen Streik, +der sie trotz alledem stärkt, weil er die Erbitterung +steigert, ziehe ich einem Liebäugeln mit bürgerlicher Sozialreformerei +vor. Und was den Alten betrifft —, ich +möchte sehen, was du tätest, wenn du mit ihm in der +Redaktion säßest!« — »Mich zanken — höchst wahrscheinlich! +Aber nicht vor der Öffentlichkeit!« Ich hielt +den Augenblick für kritisch und stand auf. »Übrigens +habe ich noch was für dich, Schwägerin,« sagte Adolf +und begann seine sämtlichen mit Papieren vollgestopften +Taschen vor uns auszuleeren. Endlich fand sich der +Zeitungsausschnitt, den er suchte.</p> + +<p>Ich las: »Zur Palastrevolution im Vorwärts — <em class="antiqua">cherchez +la femme</em>! Wir erhalten von authentischer +Seite folgende interessante Aufklärung über die tieferen +Beweggründe der Empörung der Vorwärtsredaktion gegen +ihren Chef, Wilhelm Liebknecht. Frau von Glyzcinski, +alias Fräulein Alix von Kleve, heiratete kürzlich <em class="antiqua">Dr.</em> Brandt, +einen der Vorwärtsredakteure. Ihr brennender Ehrgeiz, +der das Ziel verfolgt, das Zentralorgan der Partei in +die Hand zu bekommen, ist es, der die Intrige an<a name="Page_152" id="Page_152"></a>zettelte. +Eine Dynastie Brandt dürfte die Dynastie +Liebknecht nunmehr ablösen.« »Verlogenes Pack!« knirschte +Heinrich. Adolf lachte. »Beruhige dich,« sagte er zu +ihm, »wir bringen heute schon eine Berichtigung —« +»Und wir gehen sofort zu Liebknechts, um der Geschichte +die Spitze abzubrechen.«</p> + +<p>Adolf hielt uns noch einmal zurück: »Ich rate euch +dringend, den Besuch zu unterlassen. Der Alte kümmert +sich freilich um keinerlei Geklatsch, aber Frau Natalie +erzählt in allen Parteikaffeekränzchen Räubergeschichten +über euch, die sie von deiner geschiedenen Frau gehört +haben will. Sie ist euch noch feindseliger gesinnt als +Leo.« »Leo?!« wiederholte Heinrich überrascht. So +hieß jener Freund, auf dessen enthusiastische Schilderung +hin er die Bekanntschaft Rosaliens gesucht hatte. +»Das weißt du nicht?!« staunte Adolf. »Jedem, der +es hören oder nicht hören will, zählt er haarklein deine +Sünden auf: daß du Rosalie gezwungen habest, nach +England zu gehen, um hier — na, sagen wir: ungestört +zu sein, daß du sie selbst im Wochenbett nicht +geschont, sondern ihr die Einwilligung zur Scheidung +durch unaufhörliche Quälerei erpreßt hättest und sie, +kaum daß sie aufstehen konnte, mit dem Säugling aus +dem Hause getrieben hast.« Heinrich war außer sich. +Einer seiner besten Freunde war Leo gewesen, und er +verurteilte ihn, ohne ihn gehört zu haben!</p> + +<p>Wir gingen schweigsam nach Hause. Auf dem Lützowplatz +sah ich Frau Vanselow uns entgegenkommen. Sie +bemerkte uns, stutzte und bog hastig in einen Nebenweg +ein. Heinrich sah mich forschend an und zog, wie +zum Schutz, meinen Arm durch den seinen. »Mach dir +<a name="Page_153" id="Page_153"></a>nichts draus, Schatz. Es ist alles Gesindel! Du stehst +zu hoch, als daß es dich verletzen könnte.« — »Und +dich?!« fragte ich und zwang mich zum Lächeln. Er biß +sich die Lippen und schwieg.</p> + +<p>Fast immer, wenn ich ausging, hatte ich ähnliche +Begegnungen: Kein Zweifel, meine alten Gefährtinnen +aus der bürgerlichen Frauenbewegung wollten mich nicht +mehr kennen. Frau Schwabach ging mit hoch erhobenem +Kopf vorüber, wenn sie mich sah, und ich erfuhr aus +den Zeitungen von den Vorbereitungen zum internationalen +Frauenkongreß, den einzuberufen ich im Frühjahr +noch mit beschlossen hatte. Man lud mich zu keiner +Sitzung mehr ein, es fehlte nur noch, daß man mir +das Referat über die Arbeiterinnenfrage fort genommen +hätte, das mir seit Monaten übertragen worden war. +Ich schrieb an Frau Morgenstern, um sie daran zu erinnern. +Sie antwortete in sichtlicher Verlegenheit: »Wir +glaubten nicht, daß Sie noch Wert darauf legten, geschieht +es dennoch, so können wir Sie natürlich nicht +hindern.«</p> + +<p>Nach all diesen Erfahrungen sah ich dem Besuch bei +Bebels nicht ohne Herzklopfen entgegen, obwohl wir zu +unserer Hochzeit ein Glückwunschschreiben erhalten hatten. +Vielleicht war das nichts als eine Höflichkeit gewesen; +ich fing an, mißtrauisch zu werden, und etwas wie +Verbitterung bemächtigte sich meiner. Um so freudiger +war ich überrascht, als die gute Frau Julie uns herzlich +willkommen hieß. Vor Rührung und Dankbarkeit +wäre ich ihr fast um den Hals gefallen. Und wenn ich +in Bebel bisher den Vorkämpfer des Sozialismus bewundert +hatte, — von dem Augenblick an, wo er mir +<a name="Page_154" id="Page_154"></a>mit einem freundlichen: »Nun sind Sie ganz die unsere« +kräftig die Hand schüttelte, verehrte ich ihn um seiner +Menschlichkeit willen.</p> + +<p>Ich beklagte mich über die Behandlung durch die +vielen anderen, — selbst durch Parteigenossen. »Sie +wundern sich noch, daß Ihre Geschichte so viel Staub +aufgewirbelt hat?!« sagte Bebel. »Da kennen Sie unsere +männlichen und weiblichen Philister schlecht! In der +Theorie läßt man sich allerlei bieten, aber in der Praxis — nein, +das geht doch nicht! Wo bliebe da die Moral!! +Meine Frau und ich haben schon schwer für Sie +kämpfen müssen —«</p> + +<p>»So laß doch, August, — das erzählt man doch nicht!« +wehrte Frau Julie errötend ab, während ich ihr dankbar +die mütterlich-weiche Hand drückte.</p> + +<p>»Warum denn nicht?« meinte er. »Es ist besser, +Brandts sind orientiert, als daß sie täglich aufs neue +unangenehm überrascht werden.«</p> + +<p>»Ich hörte, daß Leo sich sehr feindselig benimmt?« +fragte Heinrich.</p> + +<p>»Und ob! Aber auch mit Singer habe ich mich schon +herumgestritten, so daß er mich schließlich fragte, ob ich +ihn für einen Philister hielte, was ich bejahte. Daß +Frau Liebknecht gegen Sie beide Partei ergreift, war +bei ihren Anschauungen gar nicht anders zu erwarten. +Bei den Frauen müssen Sie sowieso darauf gefaßt sein, +daß sie von einem wahren <em class="antiqua">horror</em> ergriffen sind. Im +Mittelalter hätten sie Sie als Hexe verbrannt, heute +werden Sie von hundert Mäulern begeifert und auf +hundert Federn gespießt.«</p> + +<p>»Und da läßt sich gar nichts machen?« Meinem<a name="Page_155" id="Page_155"></a> +Mann schwollen die Adern an den Schläfen. »Warten +Sie's ab, daß ist der einzige Rat, den ich geben kann. +In vier Wochen stürzen sich die Raubtiere auf irgendeinen +anderen armen Piepmatz, der so vermessen ist, +fliegen zu wollen.«</p> + +<p>Frau Julie fragte nach meinen Eltern. Ich erzählte +freimütig, was wir durchgemacht hatten. »Arme, junge +Frau — arme junge Frau,« wiederholte sie immer wieder +und streichelte mir die Wange.</p> + +<p>»Mach unsere Genossin nicht noch weicher, als sie +ist,« sagte er — »Sie müßten statt dessen in Drachenblut +baden! Aber eins wird Sie trösten: die Arbeit in +der Partei. Damit werden Sie schließlich auch die +bösesten Zungen zum Schweigen bringen.«</p> + +<p>Wir schieden wie Freunde. Ich fühlte mich neu gekräftigt +und voll Hoffnung. Als wir ein paar Tage +später zu Bebels geladen wurden, sah ich diesem Ereignis +mit erwartungsvoller Freude entgegen. Eine Gesellschaft +freier Geister, die die höchsten Ideale der +Menschheit vertreten — meine Sehnsucht, seit ich denken +konnte —, würde sich bei ihnen zusammenfinden: unsere +Gefährten auf dem Weg in die Zukunft.</p> + +<p>Lautes Stimmengewirr schlug uns entgegen, als wir +an jenem Abend über die gastliche Schwelle traten. Es +verstummte jählings, sobald die Türe vor uns aufging. +Sie haben eben von uns gesprochen, dachte ich unwillkürlich. +Ich wurde vorgestellt und aufs Sofa gezogen. +Auf dem Tisch davor stand eine blendende Petroleumlampe. +Neben mir saß eine große, dicke Dame, die sich +nicht anlehnen konnte, weil sie zu eng geschnürt war. +Sie war selbstbewußt wie anerkannte Schönheiten, +<a name="Page_156" id="Page_156"></a>warf ihre braunen Augen siegessicher umher und behandelte +mich sehr gnädig. Ein Herr mit einem +schwarzen Vollbart, der wie gut gewichste Stiefel glänzte, +rückte ihr mit seinem Stuhl immer näher und schlug +sich bei jedem Witz, den er erzählte, schallend auf +die Schenkel. Er versuchte, auch mich ins Gespräch +zu ziehen. »Sie sind ja, Gott Lob, auch eine vorurteilslose +Frau,« sagte er und zwinkerte vertraulich +mit den Augen. Ich wandte mich ostentativ zur anderen +Seite den Damen zu, die Frau Bebel an den Tisch +führte. Aber die Unterhaltung blieb an den oberflächlichsten +Phrasen kleben. Dazwischen hörte ich mit halbem +Ohr das Gespräch der beiden neben mir. Seine Witze +wurden immer eindeutiger, in irgend einer Friedrichsstraßen-Bar +mochte er sie nicht anders erzählen. Endlich +ging's zu Tisch; ich hatte den Ehrenplatz neben +Bebel. Man sprach über die lieben Mitmenschen genau +wie bei den »sauren Möpsen« schrecklichen Angedenkens, +die ich in den verschiedenen Garnisonen meines Vaters +hatte mitmachen müssen, und an Stelle von Regiments- und +Manövergeschichten über interne Parteiaffären. +Da ich nichts von ihnen verstand, konnte ich +die Gesellschaft um so mehr beobachten; die Damen +waren sehr erhitzt, und wenn der Nachbar eine Bemerkung +machte, kicherten sie unaufhörlich. Die Hausfrau +ging von einem zum anderen, um zum Essen zu nötigen. +Ich fing an, mich zu amüsieren, — nicht mit den +Gästen, sondern über sie, — und schämte mich doch +wieder, daß meine Beobachtung so kleinlich an lauter +Äußerlichkeiten kleben blieb. Ich wußte doch von vorn +herein: hier waren keine Montmorencys. Aber so etwas +<a name="Page_157" id="Page_157"></a>wie eine Gesellschaft bei Madame Roland vor 89 hatte +ich mir doch wohl vorgestellt.</p> + +<p>Zwischen Fisch und Braten benutzte ich die Gelegenheit, +um meines Nachbarn Ansicht über den bevorstehenden +Frauenkongreß einzuholen. Eine Notiz in +Wanda Orbins Zeitschrift hatte mir zu denken gegeben. +»Die Genossinnen haben beschlossen, die Einladung zum +Kongreß abzulehnen,« hieß es darin.</p> + +<p>»Ich kann Ihnen nur raten, sie ruhig anzunehmen, +ohne Rücksicht darauf, wie Frau Wanda sich stellt,« +sagte Bebel und warf mit einer lebhaften Bewegung die +widerspenstigen Haare aus der Stirn. »Ich befinde mich +mit ihr stets in kleinen Konflikten wegen der ungeschickten +Taktik und der oft recht gehässigen Art, mit der +sie die bürgerliche Frauenbewegung bekämpft. Sie +käme mit einer sachlichen, ruhigen Darstellung viel +weiter. Haben Sie zum Beispiel gelesen, was sie über +die Resolutionen schrieb, die hier in vier großen Versammlungen +zwischen der zweiten und dritten Lesung +des Bürgerlichen Gesetzbuchs zur Annahme gelangten?«</p> + +<p>Ich nickte: »Mich hat überhaupt gewundert, daß von +seiten der sozialdemokratischen Frauen so wenig geschah. +Das Bürgerliche Gesetzbuch hätte zu einer großen Protestbewegung +Anlaß genug gegeben!«</p> + +<p>»Sicherlich!« bekräftigte er, »und statt den gegebenen +Anlaß zu benutzen, lehnte Frau Wanda den Anschluß an +den Protest der bürgerlichen Damen ab —, nicht etwa +wegen dem, was darin steht, sondern wegen dem, was +nicht darin steht! Mich amüsiert der Vorgang besonders +deshalb, weil ich selbst den Resolutionen, die Frau +Vanselow mir schickte, ihre letzte Form gegeben habe.«</p> +<p><a name="Page_158" id="Page_158"></a></p> +<p>»Sie scheinen mir mehr von der bürgerlichen Frauenbewegung +zu halten, als ich, die ich aus ihr hervorging,« +meinte ich lächelnd.</p> + +<p>»Die Distanz verändert immer das Urteil,« antwortete +er. »Ich mache mir aber keinerlei Illusionen, +finde nur, daß es taktisch richtiger gewesen wäre, die +Empörung der bürgerlichen Damen über die Haltung +des Reichstags für uns auszunutzen, als sie so plump, +wie Frau Wanda es tat, vor den Kopf zu stoßen. Die +Frauen haben tatsächliche Fortschritte gemacht und sind +mit ihren männlichen Parteigenossen, den Liberalen, nicht +in einen Topf zu werfen.«</p> + +<p>Ich erinnerte ihn an das erwachende Interesse, das +sie seit dem Konfektionsarbeiterstreik für die Arbeiterinnenfrage +an den Tag legten. »Auch auf dem Kongreß +wird sie im Verhältnis zu früheren Zeiten einen +breiten Raum einnehmen.«</p> + +<p>»Ein Verdienst Glyzcinskis und Ihrer Zeitschrift —, das +werden Sie sich hoffentlich nicht verhehlen,« warf er +ein. »Im übrigen ist das natürlich die schwächste Seite +der Damen und wird es bleiben. Sie können ihnen +ja darüber tüchtig die Leviten lesen. Mit Ausnahme +der christlich-sozialen Frauen jüngerer Richtung verstehen +sie nicht einen Deut von ihr.«</p> + +<p>Christlich-sozial, — das war das Stichwort zur +Verallgemeinerung des Gesprächs. Göhre hatte eben +sein Pfarramt niedergelegt, Naumann plante eine +Tageszeitung; die offene Trennung der Gruppe, die +sich um ihn gebildet hatte, von der Stöckerpartei, war +eine schon fast vollendete Tatsache. Man stritt mit +steigender Lebhaftigkeit über ihre Ansichten, über die<a name="Page_159" id="Page_159"></a> +Bedeutung, die sie für die Sozialdemokratie haben +könne.</p> + +<p>»Nichts als ein Unterschlupf für die Möchtegern- und +Kanndochnicht-Politiker; Offiziere ohne Armee, die mit +den Jahren nach rechts abschwenken,« sagte der mit dem +schwarzen Bart und zog ihn schmeichelnd durch kranke, +blutleere Finger »Es wird unsere Sache sein, ihnen +die Entwicklung zu uns zu ermöglichen,« hörte ich Heinrichs +Stimme. »Sie sind immer ein Ideologe gewesen, +lieber Brandt,« antwortete ihm eine andere, »sollten +wir uns um eine Handvoll Intellektueller die Beine +ablaufen, wo Millionen Arbeiter noch nicht die unseren +sind?!« »Gerade um die Millionen zu gewinnen, +brauchen wir eine solche Handvoll —,« entgegnete +Heinrich.</p> + +<p>»Dafür lassen Sie nur ruhig die Verhältnisse sorgen,« +sagte Bebel lebhaft, »sie werden uns schneller, als ihr +alle glaubt, die Massen zutreiben. Noch ein paar Jahre +Flottenrummel, einige Reden von S. M..«</p> + +<p>»Und wir werden glücklich ein Dutzend Mandate +mehr haben —, oder meinst du wirklich, wir sprängen +dann schon mit beiden Beinen in den Zukunftsstaat?!« +Der mit gutmütigem Spott gesprochen und bisher fast +immer geschwiegen hatte, war Ignaz Auer. Auf meine +rasch entzündliche Begeisterung, die Bebels Worte ganz +anders ergänzte, wirkten die seinen wie ein kalter +Wasserstrahl. Anderen schien es ähnlich zu gehen, das +Gespräch verlor seinen allgemeinen Charakter; man stand +auf. Nach ein paar Höflichkeitsphrasen wurde der weibliche +Teil der Gesellschaft in das Wohnzimmer genötigt; +die Herren rückten mit ihren Zigarren um den Eßtisch +<a name="Page_160" id="Page_160"></a>zusammen, und durch die Tür klang ihre laute Unterhaltung. +Bei uns drinnen sprach man von Fleischpreisen +und Kochrezepten; keine der anwesenden Frauen +schien in der Parteibewegung irgend eine aktive Rolle +zu spielen. Fragen von allgemeinerem Interesse wurden +nicht berührt. Nur die große, dicke Frau, deren Schönheit +und Geist mir inzwischen irgendwer gepriesen hatte, +stellte sich wie ein Inquisitor kerzengerade vor mich hin +und fragte: »Wie denken Sie über Ibsen?« Die anderen +richteten selten ein Wort an mich; im Hintergrund +schienen sie über mich zu tuscheln, und ich fühlte ihre +Blicke, die musternd auf mir ruhten.</p> + +<p>Auf dem Heimweg konnte ich mir endlich Luft +machen. »Das sind ja alles Philister —,« brach ich +los, »vom Herrn Amtsrichter in Neu-Ruppin hätte ich +nichts anderes erwartet.« Heinrich lachte.</p> + +<p>»Glaubst du, die politischen Ideale könnten aus ihren +Vertretern gewandte Salonhelden machen?«</p> + +<p>»Das nicht. Aber freiere Menschen.«</p> + +<p>»Darüber dürften Generationen vergehen. Die Gewohnheit +ist wie eine Haut und läßt sich nicht auf einmal +abziehen. Du mußt unsere Genossen bei der Arbeit +kennen lernen, nicht beim Souper.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die erste Gelegenheit dazu bot sich bald. Adolf +lud uns ein, der Sitzung der Gewerkschaftskommission +beizuwohnen, in der die Vorschläge +<em class="antiqua">Dr.</em> Quarcks erörtert werden sollten. In einem Lokal +der Kommandantenstraße fand sie statt. Durch die enge +Kneipe, wo es nach schlechtem Fett und süßlichem Schnaps +<a name="Page_161" id="Page_161"></a>roch, und den regenfeuchten dunkeln Garten, wo ein paar +verkümmerte Kastanien zwischen haushohen Mauern einen +endlosen Todeskampf führten, ging es in die große, +hölzerne Veranda, deren spärliche Gasflammen die +dichtgedrängte Menge unruhig beleuchteten. Gegen hundert +verschiedene Berufe waren durch ihre Delegierten +vertreten, fast lauter ernste, ältere Männer im Sonntagsrock, +die Zigarre zwischen den Lippen, den Bierkrug +vor sich; nur zwei Frauen unter ihnen: Martha Bartels +und Ida Wiemer. Sie sahen uns kommen. Aber während +Martha Bartels den leeren Stuhl neben sich +hastig aus der Reihe schob und meinen Gruß frostig +und fremd erwiderte, kam uns Ida Wiemer freundlich +entgegen und zog uns an ihren Tisch. »Haben Sie die +Bartels gesehen?« flüsterte sie mir zu. »Sie hat den +Moralkoller, wie alle alten Jungfern.« Mühsam drängte +sich Reinhard mit seinem steifen Bein durch die Reihen, +um uns die Hand zu schütteln. »So kann ich Ihnen +noch persönlich gratulieren,« sagte er herzlich, »und uns +dazu, weil Sie nun ganz Genossin sind.«</p> + +<p>Er war der Referent des Abends. Mit einer Schärfe, +die mir die Wichtigkeit der Sache zu überschätzen schien, +wandte er sich gegen die Vorschläge Quarcks. Erst allmählich +hörte ich das Leitmotiv aus seiner Rede heraus: den +Gewerkschaften die Beratung und Beschlußfassung sozialpolitischer +Fragen überlassen, hieße den Frieden zwischen +Gewerkschaft und Partei gefährden, hieße den Parteitagen, +die sich bisher allein damit beschäftigt haben — »den +Bedürfnissen und Interessen der deutschen Arbeiterklasse +vollständig entsprechend« —, Sonderorganisationen +gegenüberstellen, in die der Einfluß bürgerlicher Sozial<a name="Page_162" id="Page_162"></a>reformer +einzudringen imstande sein würde. Die folgende +Diskussion verschärfte noch den Eindruck, den ich +gewonnen hatte.</p> + +<p>Es fielen harte Worte, vor denen ich erschrak, weil +sie mir eine Vorahnung dessen gaben, was mir bevorstehen +mochte. »Ein Mensch, der in seiner bürgerlichen +Existenz Fiasko gemacht hat, will uns, — lauter alte +erprobte Gewerkschafter, — auf neue Wege führen,« sagte +der eine unter dem Applaus der Anwesenden. »Erst soll +er, wie jeder Arbeiter auch, in die Schule gehen, ehe +er das Maul aufreißt.« — »Eine Sozialpolitik, wie +Quarck sie empfiehlt, ohne Parteipolitik, ist nichts als +jene Politik bürgerlicher Reformer, zu denen er im +Grunde noch gehört,« rief ein anderer. »Wenn er mit +seiner bescheidenen Parteistellung nicht zufrieden ist, dann +hätte er lieber gleich sagen sollen: für einen so großen +Mann wie mich muß eine Extrawurst gebraten werden, +statt seine Wünsche hinter die Forderung eines Zentral-Gewerkschaftsbureaus +zu verstecken,« meinte ein dritter +Redner, dem die verbissene Wut aus dem roten Gesicht +leuchtete. Erhob sich die Debatte über persönliche Gehässigkeiten +hinaus, so stand auf der einen Seite die +geschlossene Phalanx derer, die mit leidenschaftlichem +Eifer den Nachdruck auf die Gewinnung der politischen +Macht durch die Gesamtheit der Partei gelegt wissen +wollten und den Gewerkschaften den internen Kampf +um bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse als alleinige +Aufgabe zuwiesen, auf der anderen Seite die sehr +Wenigen, aus deren Worten die Unzufriedenheit mit +der praktischen Gegenwartspolitik der Partei leise herausklang, +und die vom Einfluß der Gewerkschaften auf +<a name="Page_163" id="Page_163"></a>die soziale Gesetzgebung ein Wiederaufleben der Sozialreform +erhofften. Ganz nebenbei erwähnte auch jemand, +daß unsere Vereinsgesetzgebung den Gewerkschaften +aus der Beschäftigung mit Sozialpolitik einen Strick +drehen und die Organisierung der Frauen unmöglich +machen könnte. Keiner ging weiter auf diese Bemerkung +ein, auch die Frauen schwiegen, ich war zu +schüchtern, um in diesem Kreis für mein Geschlecht eine +Lanze zu brechen. Mir schien dieser Grund ausschlaggebend, +um die Vorschläge unausführbar zu finden.</p> + +<p>Ich fühlte mehr, als daß ich verstand: unter diesen +Männern, die so eifrig debattierten, die alle so selbstverständlich +nur ein Ziel im Auge hatten, das Wohl +ihrer Klasse, schlummerten Gegensätze, die irgendwann +und -wo an die Oberfläche würden treten müssen.</p> + +<p>Wir gingen noch zusammen ins Kaffee: Reinhard, der +Schwager, die beiden Frauen und wir. Martha Bartels +hatte sich erst durch Reinhards langes Zureden dazu +bewegen lassen. »Wir müssen doch unsere Enquete besprechen,« +hörte ich ihn noch sagen, als sie sich uns +näherte. Ida Wiemer stieß mich mit dem Ellbogen an +und schob dann vertraulich ihren Arm in den meinen: +»Sie wissen doch: Genossin Bartels verbreitet, daß Sie +nur, um einen Mann zu finden, in die Partei kamen.«</p> + +<p>Das gab meinem Herzen einen Stich: Martha Bartels +war fast die einzige, die die Motive meines Schritts +hätte richtig beurteilen müssen. Sie blieb steif und +zurückhaltend und taute erst auf, als Adolf vorschlug, +ein paar Frauenrechtlerinnen, die sich während des +Streiks bewährt hatten, zur Arbeit heranzuziehen. »Niemals!« +rief sie leidenschaftlich. »Wir werden ihnen doch +<a name="Page_164" id="Page_164"></a>nicht die Beziehungen zur Arbeiterschaft vermitteln, die +sie nur für ihre Zwecke ausnutzen würden. Die Christlich-Sozialen +vor allem gehen nur auf den Gimpelfang +aus!« Es war, als ob ich Wanda Orbin sprechen +hörte. Aber ich konnte nicht anders, als ihr recht +geben. Halb mißbilligend, halb verwundert sah Frau +Wiemer, die andrer Ansicht war, mich an, und beim +Weggehen sagte sie mit einem gereizten Ton in der +Stimme. »Sie stellen sich auf ihre Seite — nach allem, +was ich Ihnen von ihr erzählt habe?!« Die Reihe, zu +staunen, war jetzt an mir: »Hier handelt es sich um die +Sache, — nicht um die Person!«</p> + +<p>Auf der Heimfahrt fühlte ich mich plötzlich sehr unwohl. +War es der Tabaksqualm, den ich nicht vertragen +konnte, war es die feuchte Nachtluft, — ich kam +nur schwer die steilen vier Treppen hinauf und warf +mich angekleidet aufs Bett. Heinrich zündete das Nachtlämpchen +an. Es glühte auf dem Tisch wie ein verirrter +Stern, — und die meergrünen Wände waren +wie ein milder Sommerabendhimmel, auf den das rote +Glas der Lampe rosige Wölkchen malte. Heinrich nahm +mir die Schildpattkämme aus den Haaren —, mein +Kopf wurde freier; er zog mir Schuhe und Strümpfe +aus und rieb meine eiskalten Füße zwischen seinen +Händen, von denen wohlige Wärme mir durch den +ganzen Körper strömte. »Ist dir jetzt besser, mein +Schatz?« fragte er besorgt mit dem weichsten Ton seiner +Stimme. Ich sah ihn dankbar an —, dabei blieb mein +Blick über seine Schulter hinweg an einem Bilde +haften; ich hatte es selbst dorthin gehängt, ich wollte +es immer vor Augen haben, ich hatte verlegen gelächelt, +<a name="Page_165" id="Page_165"></a>als Heinrich wissen wollte, warum. Und jetzt — in +glückseligem Erschrecken preßte ich beide Hände aufs +Herz —: glänzte nicht in den tiefen Dichteraugen des +lockigen Ganymed von Watts ein Funken lebendigen +Lebens? Ich sank in die Kissen zurück, Tränen strömten +mir aus den Augen, — war's möglich, daß ich vor der +Erfüllung meiner tiefsten Sehnsucht stand?!</p> + +<p>Am nächsten Morgen kam die Ärztin. Sie lachte +über die Erregung, mit der ich sofort und ganz sichere +Auskunft von ihr haben wollte, und sagte nichts anderes +als: »Vielleicht!« Ich klammerte mich an dies Vielleicht, +ich drehte es jeden Tag hundertmal hin und her, +ob es sich nicht doch in ein Gewiß verwandeln könnte. +Allerhand gespenstische Vorstellungen quälten mich: als +hätte die Frau, die mir hatte Platz machen müssen, +eine geheimnisvolle Macht über meinen Schoß, als +könnten ihre Raubtierhände das Fünkchen Leben zerdrücken. +Mein Mann wurde heftig und schalt meine +Torheit, wenn ich von meinen Ängsten sprach. So war +ich denn ganz allein mit ihnen. Hätte ich nur eine +Freundin, — oder eine Mutter —, dachte ich oft.</p> + +<p>Um die Zeit kamen Mutter und Schwester aus Pirgallen +zurück. »Ich muß Euch, ehe Hans wieder in +Berlin ist, allein sprechen,« schrieb sie und kündigte +ihren Besuch für denselben Tag an. Ich war nicht +ganz ohne Furcht: sie hatte es doch wohl übel genommen, +daß wir ihr Anerbieten, bei unserer Hochzeit +zugegen zu sein, immer wieder abgelehnt hatten. Zuerst +würde sie darum ein bißchen steif sein, aber dann —, +sie würde doch fühlen müssen, wie es um mich stand! +Mit ausgestreckten Händen ging ich ihr entgegen, — ich +<a name="Page_166" id="Page_166"></a>sehnte mich nach einer Mutter! Aber sie übersah sie, — vielleicht +weil der Flur dunkel war. Und sie atmete +rasch und war sehr rot, — vielleicht weil die Treppe +sie überanstrengt hatte. Sie sah sich gar nicht um in +unserem Zimmer, — und ich hatte es ihr zum Empfang +mit lauter leuchtenden Herbstblumen geschmückt.</p> + +<p>»Willst du nicht ablegen?« fragte ich zaghaft.</p> + +<p>»Nein,« antwortete sie schroff und setzte sich auf den +äußersten Rand des großen Lehnstuhls, der sonst selbst +den Fremdesten zwang, sich behaglich in seine Polster +zu lehnen. »Ich komme nur, um eins zu erfahren, das +über unsere künftigen Beziehungen entscheidet —« die +ruhige kühle Frau sprach so rasch, wie ich sie nie hatte +sprechen hören. »Meinen brieflichen Fragen seid Ihr +ausgewichen, mir ins Gesicht hinein könnt Ihr nicht +lügen: seid Ihr kirchlich getraut?« Noch härter als +das ihre klang jetzt mein »Nein«. Aus der Tiefe +meines verletzten Gefühles kam es. Die Mutter hatte +ich erwartet!! Sie sprang vom Stuhl, blaurot im +Gesicht, mit zitternden Händen ihren Schirm umklammernd. +»So ist eure Ehe ein Konkubinat, und du bist +seine Mätresse,« schrie sie mit gellender Stimme. Ich +fühlte, wie das Zimmer sich um mich zu drehen begann +und ein krampfhafter Schmerz meinen Leib zusammenzog.</p> + +<p>»So nehmen Sie doch Rücksicht auf Alix' Zustand —, +schonen Sie ihr Kind!« rief Heinrich, mich fest umschlingend, +da er sah, wie ich schwankte. Sie schien +einen Augenblick Atem zu schöpfen, dann lachte sie +schneidend: »Schonen?! Hat sie etwa ihre Eltern je +geschont?!«</p> + +<p>Ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir +<a name="Page_167" id="Page_167"></a>kam, lag ich zu Bett. »Ist sie fort?!« flüsterte ich und +sah angstvoll fragend auf den Geliebten. Er nickte.</p> + +<p>»Für diesmal ist es nichts!« sagte die Ärztin ein +paar Stunden später. In meinem Blick muß meine +ganze Verzweiflung gelegen haben, denn sie streichelte +mir die Wange wie einem kleinen Kinde und sagte +tröstend: »Um so sicherer wird es das nächste Mal sein!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ich erholte mich rasch. Mit der Arbeit versuchte +ich gegen den Schmerz zu kämpfen. Es schien +fast, als sollte die Waffe, die so oft unüberwindlich +zu machen vermag, an seiner Riesenkraft zuschanden +werden. Nicht einen Augenblick durfte ich sie +aus den Händen lassen, er hätte mich sonst wieder in +seine Gewalt bekommen. Ich bereitete meine Kongreßrede +vor und studierte alles, was über die Lage der +Arbeiterinnen irgend erreichbar war; ich arbeitete mit +den Kindern und frischte heimlich längst vergessene +Schulkenntnisse auf, um ihnen helfen zu können, ich +versuchte, der Köchin die alten Kochkünste beizubringen, +die ich einst zu Hause gelernt hatte.</p> + +<p>Wanda Orbin überraschte mich eines Morgens dabei. +»Was, Sie können kochen?!« lachte sie. »Ich kann, — ja,« +antwortete ich, »aber ich sehe, daß die Ausführung +meiner Kenntnisse teuer ist; ich werde meiner Köchin +das Feld wieder räumen müssen —.« »Das wird für +beide Teile das Beste sein. Ich hab's zwar auch jahrelang +tun müssen, bin aber dafür nicht als Generalstochter +aufgewachsen.« Ein leiser Spott lag in ihren<a name="Page_168" id="Page_168"></a> +Worten. »Sie werden überhaupt noch viel lernen +müssen, Genossin Brandt!«</p> + +<p>»Ich bin davon überzeugt und immer bereit dazu,« +antwortete ich kühl.</p> + +<p>»Dann wollen wir gleich damit anfangen. Ich fand +ihren Namen auf dem Kongreßprogramm —, Sie müssen +ihn zurückziehen!«</p> + +<p>Überrascht sah ich auf. Sie hatte mit dem Ton einer +Vorgesetzten gesprochen. »Warum?! Bebel hatte gegen +meine Teilnahme nichts einzuwenden!«</p> + +<p>»Bebel! Er sieht die Dinge aus der Vogelperspektive, +vor allem die Frauenbewegung. Die Genossinnen haben +beschlossen, die Aufforderung zu offizieller Beteiligung +abzulehnen.«</p> + +<p>»Ich weiß,« entgegnete ich; »im Frühjahr aber, zur +Zeit, als ich das Referat übernahm, bestand dieser Beschluß +noch nicht. Ich würde meinen Rücktritt, so kurz +vor dem Kongreß, für einen Wortbruch halten, der um +so weniger zu entschuldigen wäre, als ich selbstverständlich +mein Thema auf Grund meiner politischen Überzeugung +behandeln werde und es für dies Publikum +sehr nützlich ist, auch diese ihm ganz fremde Seite kennen +zu lernen. Zahlreiche Elemente, die der bürgerlichen +Frauenbewegung in die Arme liefen — die Lehrerinnen, +die Handelsangestellten, die Beamtinnen —, gehören ihrer +ganzen Lage nach zu uns. Wir können sie nur gewinnen, +wenn wir ihnen bis ins feindliche Lager nachgehen —«</p> + +<p>Frau Orbin unterbrach mich. »Sie irren. Diese Leute +kommen für uns zunächst gar nicht in Betracht. Und +wenn Sie wirklich durch Ihre Überredungskünste« — sie +schürzte wieder spöttisch die Lippen — »zwei oder +<a name="Page_169" id="Page_169"></a>drei gewinnen würden, stünde der Nachteil, den Ihre +Teilnahme an einer bürgerlichen Veranstaltung zur Folge +hätte, gar nicht im Verhältnis zu diesem minimalen +Gewinn.« Ich sah sie fragend an. Sie stand auf, +ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder und blieb +dann dicht vor mir stehen.</p> + +<p>»Sie sind eben erst die Unsere geworden,« sagte sie +mit einer Art mütterlicher Freundlichkeit, »Sie sind +Aristokratin, — Gründe genug, um Ihnen mißtrauisch +zu begegnen, um Ihnen die Tätigkeit in der Partei, +von der ich so viel erwarte, sehr zu erschweren. Und +nun wollen Sie noch als einzige, — gegen unseren +Beschluß, — an diesem einseitig feministischen Kongreß +teilnehmen! Das verstehen die Genossinnen +nicht. Und wenn Sie dabei mit Engelszungen +den Sozialismus verkündigen würden, sie hören Sie +nicht, — sie sehen darin doch nichts anderes, als daß +Sie eben noch zu jenen gehören. Ich habe gestern +Ihretwegen einen schweren Kampf gehabt: die Genossinnen +weigern sich unbedingt, Sie zur internen Arbeit +zuzuziehen, wenn Sie nicht durch Unterwerfung +unter unseren Beschluß Ihre Zugehörigkeit zu uns dokumentieren.« +Sie zögerte und sah mich erwartungsvoll +an. Als ich noch immer schwieg, legte sie mir +beide Hände auf die Schultern und fuhr mit eindringlicher +Stimme fort: »Sie sind in die Partei eingetreten, +um für sie zu wirken; wollen Sie sich aus Rücksicht +auf die alten Kolleginnen Ihre künftige Stellung erschweren, +wenn nicht gar unmöglich machen? Haben +die Damen das um Sie verdient ...?« Sie machte +abermals eine Pause. Ich erinnerte mich, wie Frau<a name="Page_170" id="Page_170"></a> +Vanselow in einen Seitenweg eingebogen war, um mich +nicht grüßen zu müssen, wie Frau Schwabach mit hochmütig +erhobenem Kopf an mir vorüberging. Aber hatte +ich durch meinen Brief an Frau Morgenstern das +Referat nicht erzwungen, — konnte ich unter diesen +Umständen daran denken, zurückzutreten? Vor allem +aber: entsprach es meiner Überzeugung?</p> + +<p>»Sie mögen in allem recht haben, — nur in der +Hauptsache nicht: in Ihrem Beschluß. Würde ich +Ihnen nicht selbst als eine Heuchlerin, zum mindesten +als ein Schwächling erscheinen, wenn ich mich ihm +fügen wollte wider besseres Wissen und Gewissen?!« +sagte ich. Auge in Auge standen wir uns gegenüber. +Sie ballte die kleinen breiten Fäuste, aus ihrem +Gesicht brannten hektische Flecke, ihre roten Haare umgaben +es wie mit einem Feuerkranz. Ich dagegen erschien +ganz ruhig, ganz kühl; ich wußte, daß kein +Blutstropfen meine Wangen färbte; und wie um meine +sie überragende Gestalt zu betonen, reckte ich mich gerade +auf.</p> + +<p>»Noch nicht das Abc der Demokratie scheinen Sie +gelernt zu haben!« rief sie aus. »Auers Worte kann +ich Ihnen entgegenhalten, mit denen er in Frankfurt +vor zwei Jahren seinen aufsässigen Landsleuten diente: +›Das gehört zum Demokraten und zum Sozialdemokraten, +daß er sich sagt: Esel seid ihr zwar, aber ich muß mich +fügen‹. Mögen Sie uns meinetwegen für Esel halten — der +Reichtum Ihrer Erfahrung gibt Ihnen ja wohl +ein Recht dazu! —, wenn Sie aber zu uns gehören +wollen, so haben Sie Ihre Person der Allgemeinheit +unterzuordnen.« Jetzt war die untersetzte, kleine Frau +<a name="Page_171" id="Page_171"></a>doch die Überlegene. Ich wandte mich ab und lehnte +die heiße Stirn an die kühle Fensterscheibe; — sie sollte +nicht sehen, wie schwer es mir wurde, mich zu unterwerfen. +Aber sie folgte mir.</p> + +<p>»Genossin Brandt —,« aus ihrer Stimme war der +schrille Ton wieder verschwunden, der an den Kasernenhof +erinnerte, — »wir haben uns alle opfern müssen —« +Ich sah ihr ins Gesicht. Die scharfen Züge waren weich +geworden. »So will ich Ihnen nicht nachstehen,« antwortete +ich. In ihren Augen leuchtete es auf wie +Triumph. Mir war, als ob ihr Händedruck mich in +neue unsichtbare Fesseln schlüge.</p> + +<p>»So, — und nun soll Ihnen eine goldene Brücke +gebaut werden,« damit zog sie mich neben sich aufs +Sofa. »Wir erlassen Ihnen den offiziellen Rücktritt, +aber Sie benutzen die kurze Zeit, die Ihnen sowieso nur +zur Verfügung steht, zu einer Erklärung Ihres Standpunktes +und überbringen dem Kongreß unsere Einladung +zu den Volksversammlungen, in denen die Arbeiterinnenfrage +in einem Umfang zur Erörterung kommen wird, +der ihrer Bedeutung allein entspricht. Sie müssen es ja +selbst schon als eine skandalöse Zumutung empfunden +haben, daß man Ihnen dieselben fünfzehn Minuten zugestand, +die man so welterschütternden Fragen wie den +Volksküchen oder den Kleinkinderschulen auch gewährt +hat —«. Ich bejahte, ohne recht hinzuhören, sie sprach +weiter, wie ein unaufhörlich knarrendes Wasserrad, +immer rascher, ohne Absatz. »Den ersten Vortrag in +unseren Versammlungen übernehmen Sie,« — damit +war ihr Redestrom endlich versiegt. Wir verabschiedeten +uns. An der Treppe blieb sie noch einmal stehen: »Ich +<a name="Page_172" id="Page_172"></a>hätte fast die Hauptsache vergessen: Wir haben morgen +eine Sitzung. Holen Sie mich um acht Uhr ab; es +wird für sie angenehmer sein, wenn ich Sie einführe.«</p> + +<p>So war ich also aufgenommen — endgültig, aber +zu einer rechten Freude darüber kam ich nicht. So sehr +sich mein Nachgeben begreifen und entschuldigen ließ, +so notwendig es vielleicht in der gegebenen Situation +für mich war, ich wurde das peinliche Gefühl dabei +nicht los, einen Wortbruch begangen zu haben. Was +mir zuerst wie eine Erleichterung schien: die »goldene +Brücke«, — kam mir nun vollends wie eine Täuschung +vor. Aber ein Zurück gab es nicht mehr.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die sozialdemokratische Frauenbewegung stand +damals noch immer im Zeichen des Köller-Kurses. +Ihre Bildungsvereine waren unter +den nichtigsten Vorwänden aufgelöst worden; ihre Vorkämpferinnen +mußten sich wiederholt polizeilichen Haussuchungen +unterwerfen, jede Korrespondenz mit Gesinnungsgenossinnen, +die man auffand, genügte, um sie +als staatsgefährliche Verbrecher hinter Schloß und Riegel +zu setzen. An der Frauenbewegung blieb daher der +Charakter revolutionären Geheimbündlertums, den die +Partei als solche mehr und mehr abstreifte, noch lange +haften. Für die Zusammenkünfte, die notwendig waren, +bedurfte es der größten Vorsichtsmaßregeln, und nur +ein kleiner Kreis vertrauenswürdiger Frauen wurde dazu +eingeladen. Die Sitzung, zu der wir gingen, Frau +Orbin und ich, fand bei einem kleinen Parteibudiker in +der Linienstraße statt. Wir vermieden es, durch das<a name="Page_173" id="Page_173"></a> +Lokal zu gehen — »hier gibt's überall Spitzel,« meinte +meine Gefährtin —, und bogen in den dunkeln Torweg +ein, stiegen vorsichtig tastend eine stockfinstere Treppe +hinauf und standen einen Augenblick zögernd vor einer +Tür, durch deren Schlüsselloch ein schwacher Lichtschein +drang. Ich bemühte mich, hindurch zu sehen. »Drinnen +ist niemand,« sagte ich, »eine Photographie hängt an +der Wand, — ein Mann mit schwarzem Bart und +weißen Locken.« — »Marx!« rief Wanda Orbin, »so +sind wir richtig.« Wir durchquerten den fensterlosen +Raum, dessen stickige Luft mir den Atem benahm, und +traten in die niedrige Stube, die daneben lag. Eine +Petroleumlampe hing von der geschwärzten Decke; mit +einem Geruch von schlechtem Tabak schienen alle Gegenstände +im Zimmer, — die schmutzigen Vorhänge, die +fettigen Zeitungen, die rotgewürfelte Tischdecke, das alte +Klavier im Winkel —, förmlich imprägniert zu sein. Und +dazu hatte der frische September draußen den Rest +stickiger Sommergroßstadthitze hier hereingedrängt. Die +Frauen, die um den langen Tisch in der Mitte saßen, +schwitzten. Ich wurde vorgestellt. Mein verbindliches +Lächeln begegnete unfreundlich-neugierigen Blicken. Erst +als Wanda Orbin mit ungewöhnlicher Wärme von mir +sprach, meinen Entschluß, dem Kongreß eine Erklärung +abzugeben, statt den angekündigten Vortrag zu halten, +mit großem Nachdruck herausstrich, klärten die Mienen +sich auf. Eine kleine runde Frau, die neben mir saß, +streckte mir die arbeitsharte Hand entgegen: »Na, sehen +Se mal, det is scheen von Ihnen!« sagte sie laut mit +feucht schimmernden Äuglein. »Ruhe, Genossin Wengs!« +rief die Bartels vom Tischende hinunter und trommelte +<a name="Page_174" id="Page_174"></a>mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. Man versuchte +parlamentarisch zu verhandeln, aber es entspannen sich +immer wieder Privatunterhaltungen. Endlich schien sich +das Interesse auf einen Punkt zu konzentrieren: die +Kassenverhältnisse eines der aufgelösten Vereine wurden +erörtert. Da man Bücher und Protokolle aus Angst +vor Polizei und Staatsanwalt nicht zu führen pflegte +und das kleine Rechnungsbuch aus demselben Grunde +eilig verbrannt worden war, so fehlte es an den nötigen +Unterlagen, um zu einem tatsächlichen Ergebnis zu +gelangen. Es kam zu einer heftigen Debatte. Die arme +Frau, die Kassiererin gewesen war, wurde laut und leise +der Unredlichkeit geziehen —, sie hätte unbedingt noch +vier Mark haben müssen und behauptete schluchzend, +nichts zu haben.</p> + +<p>»Zu all die Arbeet un Schreiberei, die ich vor nischt +gemacht hab,« heulte sie, »soll ich nu noch als Diebin +dastehn. In Zukunft macht Euren Dreck alleene!« Und +hinaus war sie. Immer drückender wurde die Luft. +Das Fenster durfte nicht geöffnet werden, man hätte +uns vom Hof aus hören können. Ich erstickte fast in +dieser Atmosphäre. Die anderen schienen an sie gewöhnt +zu sein, niemand beklagte sich. »Wir müssen unbedingt +die beiden Hauptpunkte unserer Tagesordnung heute +noch erledigen,« erklärte schließlich Wanda Orbin, nachdem +man sich schon zwei Stunden um lauter persönliche +Dinge hin- und hergezankt hatte. »Ich bitte daher ums +Wort zur Frage des bürgerlichen Frauenkongresses.« +Man schwieg, und sie fuhr fort, indem sie nochmals den +Standpunkt der Genossinnen begründete, — mit einer +Stimme und einer Ausführlichkeit, als gelte es eine<a name="Page_175" id="Page_175"></a> +Volksversammlung zu überzeugen. Machte sie eine Pause, +so gab Martha Bartels das Signal zu allgemeinem +Applaus. »Wir sind in der vorigen Sitzung mit unserer +Besprechung zu keinem Abschluß gekommen. Ich frage +die Genossinnen, ob sie sich meinen Antrag, in die Diskussionen +des Kongresses einzugreifen, überlegt haben, +und wie sie sich dazu stellen?« Mit dieser mich nicht +wenig überraschenden Frage, schloß sie ihre Rede. Alles +blieb still. Martha Bartels sah erwartungsvoll von +einer zur anderen. »Wir sind wohl alle einer Meinung,« +meinte sie dann, »und können ohne weiteres zur Abstimmung +schreiten.« Ich hatte bisher mit keinem Wort +in die Debatte eingegriffen. Man sah mich mißbilligend +an, als ich mich jetzt meldete. Wanda Orbin runzelte +die Stirne. »Ich habe der Sitzung nicht beigewohnt, +in der Sie, scheint's, die Angelegenheit schon hinreichend +besprochen haben,« sagte ich, »mir fehlen daher, um zu +einem sicheren Urteil zu kommen, Ihre Gründe. Ich +möchte mir deshalb nur die Frage erlauben, ob es +nicht eine Inkonsequenz ist, die Beteiligung am Kongreß +abzulehnen und die Teilnahme an der Diskussion +zu beschließen?« Allgemeines, stummes Erstaunen. Nur +Ida Wiemer, die neben mir saß, stieß mich unter dem +Tisch heimlich an und warf mir einen aufmunternden +Blick zu. Mit endlosem Wortschwall suchte Wanda +Orbin, vom Beifallsgemurmel der Anwesenden begleitet, +die grundsätzliche Verschiedenheit beider Arten der Beteiligung +auseinander zu setzen. »Es hieße das Prinzip +des Klassenkampfes preisgeben,« sagte sie, »wenn wir +mit bürgerlichen Elementen irgend etwas gemeinsam +unternehmen wollten, aber es gehört zum Klassenkampf, +<a name="Page_176" id="Page_176"></a>daß wir in der Debatte ihnen geschlossen gegenüber +treten.« »Niemand hinderte uns, in selbständiger Rede +dasselbe zu tun —«, warf ich noch einmal ein. Meine +Worte gingen im allgemeinen Geschwätz, das wieder +entfesselt war, verloren. Wanda Orbin hatte alle +Stimmen auf ihrer Seite, — auch Ida Wiemer. +»Wenn man nicht mittut, wird man gehenkt —,« flüsterte +sie mir sich entschuldigend zu. Ich enthielt mich der Abstimmung. +»Wir kommen zum nächsten Punkt der Tagesordnung: +Parteitag,« sagte Martha Bartels, die den +Vorsitz führte. »Genossin Orbin hat das Wort.« »Der +Parteitag in Gotha ist für uns ganz besonders bedeutungsvoll,« +begann sie; »die Frauenagitation steht auf +der Tagesordnung. Es ist infolgedessen wünschenswert, +daß viele der tätigen Genossinnen als Delegiertinnen +anwesend sind, damit die praktische Erfahrung neben +der theoretischen Schulung zu Worte kommt. Unsere +Resolution ist Ihnen durch die ›Freiheit‹ bekannt; +es hat niemand an ihr etwas auszusetzen gehabt, sie +wird ohne Zweifel zur Annahme gelangen, da sie +nichts Neues bringt, sondern nur das bewährte Alte +zusammenfaßt. Nach anderer Richtung jedoch drohen +uns Kämpfe: es liegen Anträge vor, die die Schaffung +einer besonderen Arbeiterinnnenzeitung bezwecken. Ihre +Verfasser sind mit unserer ›Freiheit‹ unzufrieden. Es +ist notwendig, daß die Berliner Genossinnen klipp und +klar dazu Stellung nehmen.« Nun entwickelte sich etwas +wie eine Diskussion. Ein paar Frauen, Martha Bartels +voran, lobten die ›Freiheit‹ in allen Tönen, Frau Wiemer +allein sprach mit dem Wunsch nach etwas populäreren +Artikeln zugleich einen leisen Tadel aus, den Frau<a name="Page_177" id="Page_177"></a> +Orbin dadurch entkräftete, daß sie erklärte, die ›Freiheit‹ +sei gar nicht für die Massen bestimmt, sondern +nur für die Führerinnen. Man war darnach ausnahmslos +entschlossen, jede Änderung ihres Inhalts und jeden +Plan eines Konkurrenzunternehmens abzulehnen. Als +ich bemerkte, man möge wenigstens dafür sorgen, daß, +als wichtiges Mittel unserer Agitation, die allgemeine +Parteipresse der Frauenfrage einen breiten Raum gewähre, +lachte alles. »Da kennen Se unsere Männer +schlecht,« meinte die dicke Frau Wengs neben mir, »die +wollen von uns rein jar nischt wissen.« »Die mehrschten +erlooben den Frauen nich, daß se in ne Versammlung +jehn oder in 'nen Verein. Daheem sollen se sitzen un +Strümpe stoppen,« rief eine andere und ein allgemeines +Klagelied über die Männer hub an; erst die energische +Stimme der Orbin stellte die Ruhe wieder her: »Es +ist zwölf Uhr, — wir müssen zu Ende kommen.« »Jotte +doch, schon zwölwe, un ick habe soo'n weiten Weg,« +jammerte Frau Wengs und erhob sich. Ein paar andere, +die schon lange auf ihren Stühlen hin und hergerückt +waren, sprangen auf. »So bleiben Sie doch fünf Minuten, +Genossinnen,« kommandierte Martha Bartels, +»wir müssen doch die Delegiertinnen zum Parteitag +noch bestimmen.« Frau Wengs ging eilig zu ihrem +Stuhl zurück, mit ihr die anderen; gespannte Neugierde +drückte sich in den Mienen aller aus. Die Bartels +fuhr mit erhobener Stimme fort: »Vorgeschlagen sind +Genossinnen Stein, Wolf und meine Wenigkeit.« Ein +eifriges Geraune und Getuschel setzte ein. »Hat jemand +andere Vorschläge?!« Sie sah drohend umher. Ein +Dutzend Frauen meldeten sich auf einmal. »Immer die<a name="Page_178" id="Page_178"></a>selben!« +— »Laßt doch ooch andere drankommen!« — »Die +gewerkschaftlich tätigen Genossinnen werden +natürlich übergangen —!« schrie und lärmte es durcheinander. +»Ick schlage die Jenossin Brandt vor —,« +rief Frau Wengs. Es wurde still. Die Frauen sahen +mich an, — mißtrauisch, feindselig. Ich hatte die Situation +rasch erfaßt. »Ich danke der Genossin Wengs +für ihre Freundlichkeit,« sagte ich, »aber ich fühle mich +noch viel zu jung in der Bewegung, als daß ich solch +einen Ehrenposten annehmen könnte.« Wanda Orbin +nickte mir, sichtlich erleichtert, zu: »Nun aber schnell zur +Abstimmung, — wir versäumen ja noch die Pferdebahn! — Ich +denke, wir bleiben bei unseren Vorschlägen —« +Niemand widersprach, aber kaum war die Sitzung geschlossen, +als die allgemeine Unzufriedenheit sich in lauter +Unterhaltung wieder Luft machte. Man ging in kleinen +Gruppen auseinander, — lauter feindliche Lager, wie +mir schien. Wanda Orbin legte ihren Arm in den +meinen, die Bartels begleitete uns; ihre Stimmung +gegen mich war wieder umgeschlagen. Sie drückte mir +herzlich die Hand, als wir Abschied nahmen.</p> + +<p>Mein Mann erwartete mich im nächsten Kaffee. »Das +hat aber lange gedauert,« meinte er. »Wenn die Bedeutung +Eurer Beschlüsse der Länge der Zeit entspricht, +die Ihr darauf verwandt habt —!« Ich lachte, aber +es war nicht das Lachen glücklichen Humors, der den +Ereignissen die komische Seite abgewinnt und sich dadurch +über sie erhebt. Heute würde mich der Humor +im Stich gelassen haben, auch wenn ich ihn je besessen +hätte. Es war alles so eng gewesen, so drückend, — wie +die schmutzige Stube und die eingeschlossene Luft +<a name="Page_179" id="Page_179"></a>in ihr; kein großer Gesichtspunkt war zutage getreten. +»Wir Genossinnen sind immer einig,« hatte Wanda +Orbin mir gesagt. Konnte sie wirklich für Einigkeit +halten, was nichts war als die Beherrschung armer +Frauen kraft ihres Willens und ihrer Intelligenz? »So +wird es also deine Aufgabe sein, diesen Absolutismus +zu brechen,« sagte Heinrich. — »Nachdem ich mich ihm +selbst schon unterworfen habe?!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ich schritt die breite Treppe des Berliner Rathauses +hinauf. Seit vier Tagen verhandelte +der Frauenkongreß in dem festlichen Bürgersaal +vor einem Publikum, das immer weniger aus Neugierde, +immer mehr aus Interesse kam. Es war zwar +im Grunde nichts als eine Truppenschau, bei der jede +Teilnehmerin ihr Schlachtroß in raschem Galopp vorzuführen +hatte. Aber Berlin sah zum erstenmal: Die +Frauen konnten reiten. Heute war der Tag der großen +Sensation: Die Arbeiterinnenfrage stand auf der Tagesordnung; +man erwartete eine Schlacht zwischen den +bürgerlichen Frauen und den Proletarierinnen, und auch +mir persönlich galt ein Teil der allgemeinen Spannung, — der +Frau, deren Roman von Mund zu Mund ging, +der Renegatin. An der Türe stand Egidy, mein alter +Freund. Er drückte mir die Hand: »Ich bin erst eben +nach Berlin zurückgekehrt. Sonst wäre ich schon bei +Ihnen gewesen. Zwischen uns bleibt alles beim alten.« +Ich lächelte dankbar. Bei meinem Eintritt in den überfüllten +Saal entstand eine bemerkbare Unruhe: Kleider +raschelten, Stühle wurden gerückt, Köpfe wandten sich +<a name="Page_180" id="Page_180"></a>nach mir um, man flüsterte meinen Namen. Eine Gruppe +russischer Studentinnen, an denen ich vorüber mußte, +klatschte stürmisch. Vom Vorstandstisch mahnte eine +scharfe Stimme zur Ruhe. Die Genossinnen begrüßten +mich; die erwartungsvolle Erregung, in der sie sich befanden, +steigerte ihre Freundlichkeit mir gegenüber. +Wanda Orbin nötigte mich auf den Stuhl neben sich. +Ich blieb trotzdem befangen und suchte mit den Augen +meinen Mann, als müßte ich mich wenigstens mit den +Blicken an ihn klammern.</p> + +<p>Eine Österreicherin sprach zuerst über die Ergebnisse +der Wiener Arbeiterinnen-Enquete. Ich kannte sie. Sie +war eine überzeugte Sozialdemokratin. Die fünfzehn +Minuten reichten aus, um ein ergreifendes Bild schrecklichen +Elends zu malen. So hatte ich zu sprechen gedacht! +Eine Engländerin folgte ihr. Sie begründete +die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation +der Frauen in wenigen scharf-umrissenen Sätzen; in +langer Rede hätte sie kaum mehr sagen können.</p> + +<p>»Frau Alix Brandt hat das Wort«, — tönte jetzt die +heisere Stimme der Vorsitzenden durch den Saal. Ich stand +auf und zwängte mich durch die Stuhlreihen, am dichtbesetzten +Tisch der Presse vorbei. »Sie wissen« — »Scheidungsprozeß« — »Verhältnis« — »Unglaublich«, — flüsterte +es. Mein Blut begann zu sieden. Ich stand +auf der Tribüne; — am Vorstandstisch zischte jemand, +aus einer Ecke des Saales klang Beifallsgeklatsch und +Getrampel. Das Zischen wurde stärker. Sekundenlang +kämpften beide Laute miteinander, — die Vorsitzende +rührte sich nicht. Helle Empörung bemächtigte sich +meiner, — jetzt war ich bereit, ihnen meine Verachtung +<a name="Page_181" id="Page_181"></a>ins Gesicht zu schleudern. Ich begann sehr ruhig, indem +ich erklärte, warum die Vertreterinnen der deutschen +Arbeiterinnenbewegung es abgelehnt hätten, sich an den +Arbeiten des Kongresses durch Delegierte zu beteiligen. +»Für sie, die auf dem Boden der Sozialdemokratie +stehen, ist die Frauenfrage nur ein Teil der sozialen +Frage, und als solche durch die mehr oder weniger gut +gemeinten Bestrebungen bürgerlicher Sozialreformer nicht +lösbar. Ich selbst teile diese Auffassung vollkommen.« +Meine Stimme hob sich und wurde schärfer; zu schneidendem +Schwert sollte jedes meiner Worte sie schleifen. +»Wer vorurteilslos und logisch denkt und sich eingehend +mit der Frauenfrage, — wohl gemerkt, der ganzen +Frauenfrage, nicht mit der Damenfrage, — beschäftigt, +der muß notwendig zur Sozialdemokratie gelangen.« +Stürmische Choruse unterbrachen mich, die der Beifall +der Genossinnen vergebens zu ersticken suchte. »Mit +anderen Worten: wer es nicht tut, ist ein Dummkopf +oder ein Heuchler?!« schrie eine der Damen vom Pressetisch +zitternd vor Aufregung. Ich neigte mit spöttischer +Zustimmung den Kopf; sie sprach aus, was zwischen +meinen Worten klingen sollte. Die Unruhe wuchs, ich +mußte lauter sprechen, um durchzudringen. »Die Wertschätzung +und das Verständnis der bürgerlichen Frauenbewegung +für die Arbeiterinnenfrage wird durch nichts +deutlicher charakterisiert, als durch die Tatsache, daß +man mir zu einem Vortrag über sie, die die größte +Masse des weiblichen Geschlechts umschließt, und die +entrechtete und unglücklichste, dieselben fünfzehn Minuten +gewährt hat, wie etwa der Damenfrage der Mädchengymnasien. +Ich verzichte daher auf meinen Vortrag...«</p> + +<p><a name="Page_182" id="Page_182"></a>Die Zuhörer schrieen und tobten, ein paar Männer +sprangen auf die Stühle und drohten mir mit erhobenen +Armen, in größter Erregung schwang die Vorsitzende +unaufhörlich die Glocke, deren wimmerndes +Klagegeheul die Melodie zu der Begleitung brüllender +Stimmen zu sein schien. Endlich verschaffte ich mir +wieder Gehör:</p> + +<p>»In zwei Volksversammlungen, die von uns einberufen +worden sind, soll den Teilnehmerinnen des Kongresses +Gelegenheit geboten werden, die Arbeiterinnenbewegung +kennen zu lernen. Nicht als ob wir des +frommen Glaubens lebten, auch nur eine von Ihnen +für uns gewinnen zu können. Zu tief eingewurzelt ist +der jahrhundertelang genährte Klassenegoismus, zu einschneidend +in das Leben und Denken gerade der abhängigen +Frau sind die Interessen ihrer Klasse, als daß +sie sich so leicht davon losreißen könnte. Aber vielleicht +wird Ihnen eine Ahnung davon aufgehen, daß es ein +größeres, ergreifenderes Elend gibt, als das der unbefriedigten, +berufslosen Töchter Ihrer Stände; daß +außerhalb Ihrer Kreise ein Kampf gekämpft wird, der +ernster, heiliger ist als der um den Doktorhut; daß der +Schwung der Begeisterung, der Heldenmut der Aufopferung +nur dort zu finden ist, wo Männer und Frauen +ihre vereinten Kräfte für das eine große Ziel einsetzen: +Befreiung der Gesamtheit aus wirtschaftlicher und moralischer +Knechtschaft ...«</p> + +<p>Ich stieg vom Podium. Es war ein Spießrutenlaufen. +Die eleganten Frauen Berlins, die in ihren +schönen Herbsttoiletten die ersten Reihen besetzt hielten, +hatten ihre ganze gesellschaftliche Haltung verloren. Sie +<a name="Page_183" id="Page_183"></a>zischten, sie riefen mir Schimpfworte zu, weißbehandschuhte +Fäuste erhoben sich in bedrohlicher Nähe. Aber +schon war Heinrich neben mir und reichte mir den Arm. +Ein paar Schritte weiter umringten mich die Genossinnen, +Wanda Orbin schloß mich stürmisch in die Arme.</p> + +<p>Kurz vor dem Ausgang stand eine Gruppe von erhitzten +Damen um den jüngsten Philosophen Berlins geschart; er +war ein Freund meines Mannes. »Sie haben Gift +gespritzt,« schrie er mir zu. Mit einem Blick voll +Zorn und Verachtung maß ihn Heinrich. Den nächsten +Augenblick trat mir Egidy entgegen. »Sie haben sich +schwer versündigt,« sagte er, seine blauen Augen funkelten +zornig.</p> + +<p>An der Türe zögerte ich. Mir war, als müßte ich +noch einmal rückwärts sehen, über die Menge hinweg +in den festlich glänzenden Saal: Von der Decke herab +flutete das Licht in Strahlenbündeln; es schimmerte +weich auf weißen Marmorfiguren, es zauberte lebendige +blutdurchflossene Adern in die Säulen von rotem Granit, +es funkelte prahlend auf goldenen Gesimsen, und dem +grauen Herbstabend draußen wehrten die hohen farbigen +Bogenfenster den Eintritt.</p> + +<p>Langsam gingen wir die breite Steintreppe hinab +auf die schmutzige Straße.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am Südende der Friedrichstraße, wo das Licht +spärlicher wird, lag der alte Tanzsaal, in dem +ich am Abend sprechen sollte. Durch ein paar +Höfe, die nur die glühenden Augen breiter Fabrikfenster +erhellten, führte der Weg. Sie waren schwarz voll Menschen.<a name="Page_184" id="Page_184"></a> +Auf den ausgetretenen Stufen der Holztreppe bis zum +Saal war ein Vorwärtskommen fast unmöglich. Ein +paar stämmige Ordner bahnten uns mit Ellbogenstößen +den Weg. »Die berliner Arbeiter wollen Sie alle +sehen, Genossin Brandt,« sagte der eine. Ich senkte +den Kopf. Wie ich mich freute! Über den Massen, die +den Raum erfüllten, in den wir endlich gelangten, +lagerte Tabaksqualm und Menschenschweiß in schweren, +dunkeln Nebeln. Das Licht von den verstaubten Kronleuchtern +drang nur trübe durch den grauen Dunst. +Rußgeschwärzt war die niedrige Decke, von den Wänden +bröckelte der Kalk, blinde Spiegelscheiben warfen +gespensterhaft verzerrt das Bild der Menschen zurück, +die sich vor ihnen sammelten. Ein paar steile Stufen +zu einer kleinen Bühne ging es empor, auf der grell +gemalte Kulissen einen Wald von Palmen darstellen +sollten. Unter mir stand jetzt die Menge Kopf an Kopf. +Siedende Hitze stieg von ihr auf, daß der Atem mir +sekundenlang stockte.</p> + +<p>»So warten sie schon seit zwei Stunden wie eine +Mauer,« sagte Ida Wiemer, die den Vorsitz führte. +Der graubärtige Polizeileutnant schüttelte bedenklich den +Kopf. »Ich kann nur einen kurzen Vortrag gestatten,« +sagte er, »wenn ich nicht die Versammlung auflösen +soll.« »Genossen,« rief Ida Wiemer so laut sie konnte +in den Saal, »macht den fremden Kongreßdelegierten +Platz, die heute unsere Gäste sind —.« Eine Anzahl +Arbeiter versuchten, sich langsam hinauszuschieben. Aber +die Scharen, die die Türen belagerten, versperrten den +Weg. »Das ist lebensgefährlich,« wiederholte der Polizeileutnant +und wischte sich den Schweiß von der Stirne.<a name="Page_185" id="Page_185"></a> +»Fangen Sie an und machen Sie's kurz, — ein anderes +Mittel gibt's hier nicht.«</p> + +<p>Ich trat vor. Kirchenstille umfing mich. Ich sprach +gegen jene landläufigen Vorwürfe, durch die die Gegner +der Sozialdemokratie sie tödlich zu treffen glauben: +Die Zerstörung der Familie, die Propagierung der +freien Liebe, die Vernichtung der Religion, den blutigen +Umsturz. Und ich zeigte, wie die wirtschaftliche +Not es ist, die das Familienleben zerstört, wie +aus derselben Not die käufliche Liebe wächst, die +nichts gemein hat mit jener Freiheit der Liebe, die +wir als die einzige Grundlage echten Familienglückes +den Menschen erobern wollen; wie es die Kirche ist und +der Staat, die die Religion Christi vernichtet haben, +wie die blutige Revolution nicht von uns, sondern von +denen vorbereiten wird, die mit Flinten und Säbeln +drohen, die der wehrhaften Jugend befehlen, auch auf +Vater und Mutter zu schießen, die den Ruf hungernder +Arbeiter um ein paar Pfennige mehr Lohn, um ein +paar Stunden weniger Arbeitszeit mit Gewehrsalven +beantworten. Ich sah nichts mehr; zwischen mir und +den Menschen da unten hingen dichte Schleier. Aber +ich fühlte ihren heißen Atem, ich hörte mit gesteigerten +Sinnen ihr Stöhnen, wenn ich ihr Elend malte, ihren +Beifall, wenn ich von ihren Kämpfen sprach, ihren +hoffnungsstarken Jubel, wenn ich der Zukunft gedachte, +die unser sein wird.</p> + +<p>Ich schwieg erschöpft, — jetzt erst fühlte ich, wie +der Kopf mir brannte und der Atem nach Luft rang. +Hundert Hände streckten sich mir entgegen, als ich +zitternd die Stufen hinabstieg. Die Masse umdrängte +<a name="Page_186" id="Page_186"></a>mich. Dank, — Vertrauen, — Liebe las ich in ihren +Mienen. Ein paar Frauenrechtlerinnen gingen mit steif +erhobenen Köpfen an mir vorbei. Ich lächelte. Wie +hatte ich mich nur je über ihre Feindseligkeit grämen +können?! Ich kam nur langsam vorwärts. Mit lauter +Fragen und Bitten wurde ich aufgehalten: »Nicht +wahr, Sie sprechen auch bei uns einmal?« — »In +unserem Kreis?« — »In meiner Gewerkschaft?« Und +immer wieder sagte ich freudig ja. Die hier glaubten +an mich und erwarteten von mir, daß ich ihnen etwas +sein könnte. Im dunkeln Saal war mein Herz wieder +warm und hell geworden.</p> + +<p>Wir gingen den weiten Weg durch die Nacht nach +Haus. Am Kanalufer raschelten die gelben Blätter uns +zu Füßen und tanzten wie goldige Schmetterlinge in +der feuchten Herbstluft.</p> + +<p>»Warum die Menschen trauern, wenn die Blätter +fallen?« sagte ich. »Sie machen doch nur den jungen +Trieben Platz!« Mein Liebster küßte mich. »Du, was +denken die Leute?!« rief ich lachend und lief ihm davon. +»Die Wahrheit!« sagte er, mich einholend, und +preßte mir die Hände mit einem starken Griff zusammen. +»Daß wir ein Liebespaar sind!«</p> + +<p>Im Schlafzimmer droben riß ich die Kleider vom +Leibe, in denen der Dunst des Saales noch hing. Das +rosige Licht der Lampe umflutete mich; meine Augen +suchten den kleinen Ganymed. Unwillkürlich faltete ich +die Hände. Auch an diesen Frühling glaubte ich wieder.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_187" id="Page_187"></a></p> +<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2> + + +<p>Goldener Herbst! Ein königlicher Verschwender +bist du. Deiner Geliebten, der Sonne, gibst +du in brennenden Farben zurück, was sie an +Sommerglut der Erde geschenkt hat. Nichts ist dir zu +gering, um es mit dem Glanz deiner Liebe zu überschütten. +Auf die ödesten Mauern zaubert dein Blick +jauchzende Melodien von Gelb und Rot. Aus dem +armen Sand märkischen Bodens lockst du der Sonnenblumen +tropische Pracht hervor und lehrst sie, ihr +Strahlenangesicht deiner Geliebten anbetend zuzukehren. +Unter deinem Hauch reifen die Früchte, und schwer von +Segen neigen sich die Äste vor dir. Von entblätterten +Blüten trägt dein Atem zarte Samenfäden über die +Wiesen und schüttelt von den alten Eichen die Hoffnung +kommender Jahre.</p> + +<p>Tage, über die der Himmel leuchtet wie flüssiges +Silber, läßt du in Nächten untergehen, die tief und +dunkel sind, ein zukunftschwangeres Geheimnis.</p> + +<p>Nicht wie die jungen Mädchen den Lenz begrüßen — schämig +errötend und demutsvoll — empfing ich dich. +Ich forderte von dir, erhobenen Hauptes, meinen Anteil +an deinem Reichtum, Fürst des Jahres. Und, siehe, +aus meinem Herzen wuchsen glutrote Blumen, meine<a name="Page_188" id="Page_188"></a> +Seele wurde zu deinem Saitenspiel, mein Schoß zum +Tempel des Lebens — — —</p> + +<p>Es kam über mich wie ein einziger großer Feiertag. +Er duldete nichts Dunkles. Aus den Kammern vertrieb +ich allen Staub der Vergangenheit, aus Kisten und +Kasten alles, was moderte. Ich badete meine Augen, +daß sie klar und hell wurden und die Welt ihnen in +einem Glanz erschien, wie sie ihn nie vorher gesehen +hatten. Wie der Herbstwind am Morgen die Nebel zerstreut, +so flohen die Sorgen vor dem Sturm meiner +Seligkeit. Ich ging der Sonne nach. Auch den verlorensten +ihrer Strahlen fing ich auf und barg ihn in +der Schatzkammer meiner Seele.</p> + +<p>Sonnengesegnet sollte es sein, mein Kind!</p> + +<p>Ich war nicht mehr Ich. Das geheimnisvoll neue +Leben unter meinem Herzen hatte von mir Besitz ergriffen. +Ich träumte nicht mehr meine engen Träume, +die sich im Kreise um mich selbst bewegten, und lebte +nicht mehr meiner kleinen Hoffnung, die ihren Bogen +nur bis zum Friedhofstor des eigenen Daseins spannte. +Wie Wandervögel flogen meine Träume weit über mein +Gesichtsfeld hinaus, und die Brücke, die die Hoffnung +baute, verband die Zeit mit der Ewigkeit.</p> + +<p>Ich ward mir selbst zum Heiligtum. Ich pflegte +meinen Körper wie der Gläubige den Schrein, der das +Allerheiligste birgt. Und meiner Seele Eingang hüteten +goldgepanzerte Wächter; die Schärfe ihres Schwertes +traf jeden bösen Gedanken, ihren Speeren entging kein +niedriges Gefühl. Denn mein Körper und meine Seele +nährten das neue Leben. Kein Tropfen Giftes durfte +in ihnen sein.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_189" id="Page_189"></a></p> + +<p>Ich wünschte mir einen Sohn. Einen, der ein +Führer und Vorkämpfer werden könnte. Aber +die Erfüllung dieses Wunsches schien mir fast +zu viel des Glücks. Und so dachte ich auch der Tochter — einer, +die ein Vollmensch und darum ein echtes Weib +sein sollte. Von nun an stand Watts Ganymed vor +meinem Platz auf unserem großen Schreibtisch und neben +ihm ein süßes, blondes Mädelchen nach einem Porträt +von Gainsborough. Ich sah von einem zum anderen, +und tief in mein Herz prägten sich die holden Kindergesichter. +Mein Mann brachte mir täglich frische Blumen +für sie. Einmal aber kam er nach Haus und stellte statt +ihrer ein neues Bild mitten auf den Schreibtisch. Es +war Meister Dürers furchtloser Ritter, der seelenruhig, +im Schritt, den Kopf erhoben, das Auge gradaus gerichtet, +an allen Schrecken des Daseins vorüberreitet.</p> + +<p>»Laß kommen die Höll, mit mir zu streiten, ich will +durch Tod und Teufel reiten —,« ist sein Wahlspruch. +»Wenn's ein Bub wird,« sagte der Liebste, »so soll's +so einer sein.«</p> + +<p>»Du hast recht,« antwortete ich und drückte ihm +zärtlich die Hand, »ich habe schon zu viel an das +Kind und zu wenig an den Mann gedacht,« dabei +wies ich lächelnd auf die Wolken weißen Linnens, +die mich umgaben, und zeigte stolz die ersten winzigen +Hemdchen, die daraus entstanden waren. Mein Mann +hatte zuerst von dieser Arbeit nichts wissen wollen. »Du +nimmst einer armen Näherin das Brot und hast selbst +weit Besseres zu tun,« war seine Ansicht gewesen. Aber +<a name="Page_190" id="Page_190"></a>zum erstenmal hatte ich ihm widersprochen und meinen +Willen durchgesetzt. Auf die Stoffe, die meines Kindes +Körper berühren sollten, durften keine Kummertränen +fallen; Mutterliebe mußte die Nadel führen, Mutterträume +sich mit jedem Stich hinein verweben. Nun +kam es freilich vor, daß ich im Übereifer stundenlang +über der Arbeit saß und vernachlässigte, was ich sonst +zu tun hatte. »Das muß anders werden, Heinz,« sagte +ich laut und faltete die Leinwand zusammen. »Auch +um des Kindes willen darf ich die Welt außerhalb unserer +vier Wände nicht vergessen, die doch auch seine +Welt sein wird. Schau, hier ist ein Brief von Wanda +Orbin —,« ich reichte ihn meinem Mann hinüber, der +sich an den Schreibtisch gesetzt hatte; »sie beklagt sich, +weil ich zu wenig für die ›Freiheit‹ schreibe; hier sind +eine Reihe Aufforderungen zu Vorträgen, — ich war +nahe daran, sie ablehnend zu beantworten —«</p> + +<p>»Und hier,« unterbrach er mich, »habe ich Bücher, +die deiner Besprechung harren. An den Artikel, den +du mir für mein Archiv versprochen hast, will ich schon +gar nicht erinnern —«</p> + +<p>Ich stand auf und reckte mich mit einem Gefühl tiefen +Wohlbefindens. »Du wirst ihn bekommen! Ich verstehe +nicht recht, warum so viele Frauen jammern, wenn +sie guter Hoffnung sind. Ich fühle Kraft für zwei!«</p> + +<p>Und mit Feuereifer stürzte ich mich in die Arbeit, +die ich nur stundenweise unterbrach, um frische Luft zu +schöpfen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_191" id="Page_191"></a></p> + +<p>Ich sollte mir täglich Bewegung machen und +vermied den nahen Tiergarten, weil ich den +Eltern zu begegnen fürchtete. Ich wußte: mein +Herz würde sich schmerzhaft zusammenkrampfen, und +ich wollte mich jetzt nicht grämen. So fuhren wir denn +fast immer in den Grunewald und wanderten um die +stillen Seen, die zwischen entlaubten Bäumen und schwarzen +Kiefern dem Winter entgegenträumten, oder gingen +auf den gepflegten Wegen der jungen Kolonie, +all die vielen Villen betrachtend, die rascher als die +Mietskasernen auf dem Kurfürstendamm aus der Erde +wuchsen. Sie waren anders als die, die noch vor +wenigen Jahren entstanden waren, — heller, freundlicher. +Die verlogenen Butzenscheibenerker und die altdeutschen +Sprüche über den Türen verschwanden mehr +und mehr. Die Zeit wurde selbstbewußter und schämte +sich der erborgten Formen vergangener Jahrhunderte. +Oft freilich sahen wir halb staunend, halb lachend +Häuser, die aus lauter Originalitätssucht absurd geworden +waren. Aber auch das war im Grunde nichts +anderes, als der tolle Ausbruch überschäumender Jugendkraft, +und wenn mein Mann spotten wollte, erinnerte +ich an Goethes Wort: Es ist besser, daß ein junger +Mensch auf eigenem Wege irre geht, als daß er auf +fremdem recht wandelt.</p> + +<p>Heute blieben wir in Schauen versunken vor einem +Häuschen stehen, das aus dem Märchenbuch ins +Leben versetzt zu sein schien: ein tiefes Dach hing +schützend über den von rotem Weinlaub dicht um<a name="Page_192" id="Page_192"></a>sponnenen +Wänden, hinter kleinen blitzenden Fenstern +hingen weiße Vorhänge, auf den braunen Holzaltanen +blühten noch rote Geranien, und davor auf dem glatten +Rasenteppich warf ein kleiner Knabe jauchzend den +bunten Ball in die helle Herbstluft. »Wenn doch mein +Kind wie dieses in Wald und Garten wachsen könnte,« +dachte ich. »Solch ein Haus möcht' ich euch bauen, +dir und dem Kinde,« sagte Heinrich im gleichen Augenblick. +Ich lachte ein wenig gezwungen. »Wie sollte +das möglich sein, wo unsere Mietwohnung für uns +schon zu teuer ist!« »Wenn wir Zinsen statt Miete zu +zahlen hätten —,« meinte er nachdenklich; »Hall hat in +dieser Weise schon mancher Familie die Möglichkeit verschafft, +im eigenen Häuschen und im Freien zu wohnen!« +Wir gingen schweigsam weiter, nur hier und da fiel +eine Bemerkung, die mir zeigte, das er denselben Gedanken +weiter spann.</p> + +<p>Am Wildgatter nach Hundekehle holte uns eine große +Gesellschaft junger Radler ein; ihre blanken Räder +blitzten, knapp und elegant schmiegten sich die Sportanzüge +neuster Mode um die schlanken Gestalten. »Ist +das nicht —,« rief ich unwillkürlich, und mein Herz +klopfte rascher, aber schon wandte das reizende Mädchen, +das dicht an mir vorbei geflogen kam, dunkelerrötend +den Kopf zur Seite. »Ilse, — kein Zweifel,« antwortete +Heinrich. »Und sie grüßt mich nicht einmal!« +Tränen verdunkelten mir den Blick. »Wollen wir umkehren?« +frug mein Begleiter sanft und zog meinen +Arm fest durch den seinen. »Nein,« entgegnete ich und +versuchte zu lächeln; »sie kann ja nichts dafür, die +Kleine! Sie darf mich nicht kennen.«</p> + +<p><a name="Page_193" id="Page_193"></a>Unten vor dem Wirtshaus standen die Räder. Wir +wollten gerade links einbiegen, den Weg nach Paulsborn, +der für uns so reich war an Erinnerungen, als +Ilse, nach einem Augenblick des Zögerns, quer über die +Straße zu uns herüberlief. Sie umarmte mich stürmisch.</p> + +<p>»Sei nicht böse, Schwester,« rief sie atemlos und zog +mich tiefer in den Wald hinein. »Sie würden mich zu +Hause verraten, wenn ich dich gegrüßt hätte.« Zärtlich +streichelte ich ihr das erhitzte Gesicht und drückte ihr +kleines Händchen, das immer noch so weich und zart +war, so unfähig zuzupacken und festzuhalten.</p> + +<p>»Die Eltern wollen nichts von mir wissen?« fragte ich +zaghaft.</p> + +<p>»Wir reden viel von dir, Mama und ich,« antwortete +sie, »aber vor Papa dürfen wir deinen Namen nicht +nennen. Trotzdem weiß ich, daß er sich bangt nach +dir,« fügte sie rasch hinzu, als sie sah, wie ich erschüttert +war. »Wir holen ihn manchmal vom Kasino ab; +wenn wir über den Lützowplatz fahren, läßt er deine +Fenster nicht aus den Augen.«</p> + +<p>»Und Mama, sagst du, spricht von mir?!«</p> + +<p>»Ja. Sie hatte zuerst des Morgens rote Augen, aber +jetzt ist sie ruhig. Es quält sie nur, glaube ich, daß +sie nicht weiß, ob — ob —,« sie errötete, ein forschender +Blick glitt über meine Gestalt.</p> + +<p>Heiß strömte es mir zum Herzen, mein ganzes, reiches +Glück überkam mich, und alles Erinnerungsweh verschwand +vor ihm. »Grüße Mama,« sagte ich weich, +»und sage ihr, daß ich guter Hoffnung bin.« Ihre +Hand löste sich aus der meinen, ein Schatten schien +über ihre Züge zu huschen, etwas Fremdes stand auf +<a name="Page_194" id="Page_194"></a>einmal unsichtbar zwischen uns. »Ich muß fort, — sie +suchen mich sonst, — lebwohl — —!« und schon war +sie wieder jenseits der Straße.</p> + +<p>»Verstehst du das?« fragte ich meinen Mann, der die +ganze Zeit mit gerunzelter Stirn neben uns gestanden +hatte, und sah ihr kopfschüttelnd nach. »Nein,« sagte +er, »sie scheint mir aus Widersprüchen zusammengesetzt, +deine Schwester.«</p> + +<p>Auf dem Rückweg ertappten wir uns gegenseitig bei +einem verstohlenen, sehnsüchtigen Blick nach dem weinumsponnenen +Häuschen mit dem tiefen Dach darüber. +Der Rasenplatz war leer. Ob der Kleine da oben +hinter den zugezogenen weißen Vorhängen schlummern +mochte? Und ich träumte, während wir heimwärts fuhren, +offenen Auges einen gar süßen Traum.</p> + +<p>Mein Herz war heut übervoll. Als ich abends bei +den Knaben saß, um ihre Arbeiten zu beaufsichtigen, +fühlte ich stärker als sonst, wie wenig ich sie eigentlich +kannte. Sie waren nachmittags wie gewöhnlich im +Zoologischen Garten gewesen. Es kam mir wie ein Unrecht +vor, daß ich sie dort allein ließ; ich wußte nicht, +was sie hörten und sahen, welchen Einflüssen sie inmitten +der verdorbenen Großstadtjugend unterliegen +mochten. Und doch, nicht möglich wäre es gewesen, so +große Jungen auf Schritt und Tritt unter Aufsicht zu +halten.</p> + +<p>Ihr Verhältnis zueinander war kein brüderliches, sie +klagten sich häufig gegenseitig bei mir an, — das einzige +Mittel, wodurch ich etwas von ihnen zu erfahren bekam. +Hätte ich doch ihr volles Vertrauen besessen! +Aber freilich: ich hatte kein Recht darauf; für sie stand +<a name="Page_195" id="Page_195"></a>ich nicht einmal an Stelle der Mutter, denn sie lebte +noch. Je erfolgloser mein Bemühen gewesen war, +ihnen näher zu kommen, desto unbegreiflicher war +es mir, daß die Mutter sich hatte von ihnen trennen +können. Ein Kind bedarf der Mutter, die es besser +versteht, als es sich selbst verstehen kann. Tiefes +Mitleid ergriff mich mit den beiden Buben, aber +ein noch tieferes fast mit ihrer Mutter. Welch Schicksal +mußte sie getroffen haben, daß sich ihr Herz so hatte +verhärten können? Heinrich sprach nicht gern von ihr; +und meinen Gedanken, ihr zu schreiben, um wenigstens +in bezug auf die Erziehung der Kinder im Einvernehmen +mit ihr zu handeln, hatte er schroff und ärgerlich als +einen ganz törichten und zwecklosen zurückgewiesen. Ich +hatte ihn trotzdem ausgeführt — heimlich, um ihn nicht +zu ärgern. Da wir aber im Überschwang unseres jungen +Eheglücks einander gestattet hatten, unsere Briefe gegenseitig +zu öffnen, so las er ihre Antwort: ein paar kühle +hochmütige Zeilen, im Tone der Herrin gegenüber der +Gouvernante. Heinrich war damals ernstlich böse geworden, +und — was mir am tiefsten in die Seele +schnitt — traurig dazu. »Ich kann alles vertragen,« +hatte er gesagt, »nur eins nicht: daß du unehrlich bist +mir gegenüber. Ich muß dir unbedingt vertrauen können, +sonst ist unsere Ehe keine mehr.« Seitdem hatte ich die +kaum begonnene Korrespondenz wieder abgebrochen, und +die Brücke zum Herzen der Kinder, auf die ich gehofft +hatte, blieb ungebaut. Und nun kam es plötzlich wie +eine Erleuchtung über mich: ich wußte, womit ich sie +würde gewinnen können.</p> + +<p>»Erzähl uns was,« bettelte Wolfgang wie immer, +<a name="Page_196" id="Page_196"></a>wenn er aufatmend die Schulbücher zuschlug. »Gleich!« +antwortete ich lächelnd, und ging hinaus, um mit dem +Korb voll weißer Leinwand wiederzukommen.</p> + +<p>»Was meint ihr wohl, was das ist?« fragte ich und hielt ein +kleines Hemdchen hoch, sodaß das Licht der Lampe rosig +hindurchschimmerte. Sie rissen erstaunt die Augen auf. +»Eurem Brüderchen oder eurem Schwesterchen gehört +es, das ihr bekommen werdet. Habt ihr die Eicheln +gesehen, die von den Bäumen fallen? Wenn die Erde +sie aufnimmt, und weich und warm einhüllt, damit der +Winter ihnen nichts Böses tun kann, so wachsen im +Frühling junge Bäumchen daraus ... Und ein Vogelei +kennt ihr doch auch? Da ist zuerst gar nichts drin, wie +eine weißliche Flüssigkeit. Wenn's aber eingebettet im +Nestchen liegt, und die Henne es mit ihrem Leib bedeckt, +dann entwickelt sich zuerst die gelbe Dotter und +aus ihr ein winziger lebendiger Vogel. Sobald er +groß genug ist, zerbricht er das Ei und ist da! Wir +sind so sehr daran gewöhnt, daß wir uns des großen +Wunders gar nicht mehr bewußt werden, — eines +Wunders, das viel unfaßlicher ist, als wenn der Storch +die kleinen Kinder brächte, wie man es früher zu erzählen +pflegte.« Ich machte eine Pause; meine Zuhörer +rührten sich nicht, und ich hatte nicht den Mut aufzusehen. +Wußte ich doch nicht, was für Blicken ich begegnen +würde. »Euch ist vielleicht auch einmal das +Märchen vom Storch zu Ohren gekommen,« fuhr ich +leiser fort, »es ist dumm und albern! Die Wahrheit +ist tausendmal schöner: wie die Eichel im Schoß der +Erde, ruht der Menschensamen im Mutterleib, und wie +das Vögelchen sich entwickelt, so entwickelt sich das Kind, +<a name="Page_197" id="Page_197"></a>nur daß die Menschenmutter das Ei unter dem Herzen +trägt, bis es zerspringt und das junge Leben geboren +wird.« Ich schwieg wieder; es war so still, daß ich +hätte meinen können, ich wäre allein im Zimmer. »Weil +ich euch lieb habe, euch beide —,« flüsterte ich und senkte +den Kopf tief auf die Arbeit, die meine zitternden Hände +hielten, — »darum mag ich euch nicht belügen, darum +will ich euch anvertrauen, was mein glückseliges Geheimnis +ist: ich werde auch ein Kind bekommen!«</p> + +<p>Eine beklemmende Stille; ich konnte die Nadel hören, +wenn sie den Stoff durchstach. Endlich sah ich empor. Die +Köpfe gesenkt, mit dunkelroten Wangen saßen die Knaben +vor mir. Ein rascher scheuer Blick traf mich aus Wolfgangs +hellen Augen, um seine Lippen zuckte es. Waren +es verhaltene Tränen, oder war es am Ende gar — Spott? +Hans rutschte vom Stuhl auf die Erde und +machte sich, abgewandt von mir, an seiner Dampfmaschine +zu schaffen. Ich wußte nur zu gut, wie verdorbene +Kinder das Geheimnis des Lebens ihren Schulkameraden +zu erklären pflegen: mit lüsternen Augenzwinkern, +mit der Freude am Schmutz. Hatten sie es +so erfahren?! Mir stieg die Schamröte bis unter die +Haarwurzeln. Oder hatten sie, während ich sprach, +ihrer Mutter gedacht, hatten plötzlich empfunden, daß +ich sie nicht so würde lieben können wie mein eigenes +Kind? Ich seufzte tief auf. So war auch das vergebens +gewesen; statt eine Schranke einzureißen, hatte +ich eine neue errichtet. Ich begegnete ihnen von nun +an mit doppelter Zärtlichkeit; ich suchte ihre Wünsche +zu erfüllen, noch ehe sie laut wurden. Aber ihre Scheu +überwand ich nicht.</p> + +<p><a name="Page_198" id="Page_198"></a>Vor Heinrich ließ ich mir nicht merken, was in mir +vorging. Er hätte mich mißverstehen, hätte glauben +können, daß ich seine Bitte, die Kinder lieb zu haben, +nicht zu erfüllen vermöchte, — dachte ich. Auch war er +den Kindern gegenüber oft so reizbar, daß ich Mühe +hatte, ihn zu besänftigen. Das Verlangen, mit mir +allein zu sein, äußerte er zuweilen in einer, wie mir +schien, für die unschuldigen Buben empfindlichen Weise. +Ich lenkte ein, — ich deckte zu, — ich versteckte mein +eigenes Empfinden, das in derselben Sehnsucht gipfelte +wie das seine. Wie viele warme Worte und heiße +Blicke und zarte kleine Aufmerksamkeiten, die wie ein +holder Frühlingsflor den Garten junger Ehe schmücken, +wagten sich vor den fremden Augen der Kinder nicht +ans Tageslicht. Auch über das Glück meiner Mutterhoffnung +mußt' ich vor ihnen einen Schleier ziehen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wir lebten damals ganz still. Von geselligem +Verkehr war selten die Rede. Wir +scheuten noch immer unliebsame Begegnungen, +und unsere Zurückhaltung, die mir als Hochmut +ausgelegt wurde, steigerte nur unsere Isoliertheit. Es +kam vor, daß wir im Theater zwischen lauter alten Bekannten +saßen und uns doch wie auf einsamer Insel +mitten im Meer befanden. Man musterte uns neugierig, +man tuschelte über uns, man grüßte bestenfalls, +und ich setzte dazu meine abweisendste Miene auf, um +den Menschenhunger, der mich manchmal überfiel, nicht +merken zu lassen.</p> + +<p>Zuweilen besuchten uns die Mitarbeiter an meines<a name="Page_199" id="Page_199"></a> +Mannes Zeitschrift: Nationalökonomen, Juristen und +Politiker aus aller Herren Länder, die er mit dem +ihm eigenen redaktionellen Geschick unter einen Hut zu +bringen gewußt hatte, und die, — mochten sie sonst +in ihren Ansichten noch so weit auseinander gehen, — unter +seiner Führung gemeinsam am selben Strange +zogen.</p> + +<p>»Ihr Mann ist ein wahres Redaktionsgenie!« sagte mir +einmal einer von ihnen, nachdem er sich nach langer +Debatte doch wieder unterworfen hatte, halb ärgerlich, +halb bewundernd. »Meist erdrücken die Autoren den +Redakteur, er nimmt dankbar, was ›bewährte Mitarbeiter‹ +ihm bringen und ist eigentlich nur ihr Geschäftsführer. +Ihr Mann aber zwingt uns in seinen +Dienst wie ein Feldherr seine Soldaten. Wenn er +will, so müssen wir alles andere stehen und liegen lassen, +uns hinsetzen, die Feder ergreifen und den gewünschten +Aufsatz schreiben.«</p> + +<p>Ich freute mich jedesmal dieser Gäste; denn mochten +sie von Rußland oder Frankreich, von England oder +Italien kommen, — eins war ihnen gemeinsam: Tatkraft +und Hoffnungsfreudigkeit. Ganz richtig äußerte +sich einer über diese innere Einheit, wenn er sagte: +»Wir sind Leute mit der Devise ›Ja, also!‹, im +Gegensatz zu der älteren Generation der kathedersozialistischen +Nationalökonomen, die die Männer des ›Ja, +aber!‹ gewesen sind.« Sie zogen die Konsequenzen ihrer +wissenschaftlichen Erkenntnis und traten rückhaltlos auf +Seite der Arbeiter in Fragen des Arbeiterschutzes. In +ihnen sah ich starke Verbündete der Sozialdemokratie, +und es schien mir kein Zweifel, daß die Logik der inneren<a name="Page_200" id="Page_200"></a> +Entwicklung und der äußeren Geschehnisse sie schließlich +zu ihren offenen Parteigängern würde machen müssen.</p> + +<p>Aber noch eine andere Tatsache unterstützte meinen +Glauben an den Fortschritt sozialer Erkenntnis: die +Gründung der nationalsozialen Partei.</p> + +<p>Sie war eben in Frankfurt zur Welt gekommen und +getauft worden; sie hatte im Rausch der Festesfreude +freilich den Mund sehr vollgenommen, wie das nun +einmal in solcher Situation deutsche Art zu sein pflegt: +»Wir stehen als Erben vor der Türe der Sozialdemokratie,« +hatte Göhre erklärt. »Wir stellen uns an die +Spitze der Arbeiterbewegung, denn die Zeit der Sozialdemokratie +ist um,« hatte Sohm ihm sekundiert. Aber +solche rednerischen Entgleisungen, die unsere Parteipresse +mit einem übertriebenen Pathos rügte, statt über sie zu +lächeln, wogen leicht gegenüber dem Handeln dieser +Männer und Frauen: sie anerkannten die Gegenwartsforderungen +der Sozialdemokratie, sie stellten sich, bei +aller Betonung nationaler Gesinnung, in bewußtem +Gegensatz zur Regierung, die die sozialen Pastoren maßregeln +ließ, — zum Kaiser, der ihre Bestrebungen für +sträflichen Unsinn erklärte.</p> + +<p>Ein Ereignis trat ein, das vollends zwischen rechts +und links wie Scheidewasser wirken sollte: der Hafenarbeiterstreik +in Hamburg. Hatte wenige Jahre vorher +die Cholera die Augen der ganzen Welt auf die gräßlichen +Elendsquartiere der reichen Kaufmannsstadt gerichtet, +so zeigte sich jetzt, daß selbst ihr Schrecken nicht +imstande gewesen war, die Brutstätten des Todes aus +der Welt zu schaffen. Noch hausten zwanzig Prozent +ihrer Bewohner dicht zusammengedrängt in winzigen<a name="Page_201" id="Page_201"></a> +Räumen und engen Gassen, — zu fünft in einem Zimmer, +zu neun in zweien! Und zu diesen gehörten vor allem +die Hafenarbeiter, die bei schwerer Arbeit, die sie oft +Tag und Nacht nicht los ließ, nicht genug verdienten, +um sich auch nur in Frieden ausruhen und frische Arbeitskräfte +sammeln zu können. Der Eindruck der Tatsachen, +die der Streik enthüllte, war ein ungeheurer, +und die Haltung der Hamburger Reeder, die sich allen +Einigungsversuchen der Arbeiterorganisationen widersetzten +und einen Kampf um ein paar Groschen mehr +Lohn zu einem Kampf um ihre Macht erweiterten, empörte +jeden, der vorurteilslos zu denken vermochte. In +höherem Maße als zur Zeit des Konfektionsarbeiterstreiks +nahm die Öffentlichkeit Partei für die Arbeiter, +geführt von den jungen sozialpolitischen Professoren +und der nationalsozialen Partei. Das waren, so schien +mir, Symptome für das Erwachen eines Geistes, der +nicht mehr zu bannen sein würde. Und die Haltung +der Gegner bekräftigte meine Auffassung: Kleine Nadelstiche, +wie die Ausweisungen englischer Arbeiterführer, +die, um Frieden zu stiften, nach Hamburg gekommen +waren, — schroffe Erklärungen der Reichsregierung +gegen die Streikenden, — von ihr unwidersprochene +Aussprüche, wie die des alten Reaktionärs Kardorff im +Reichstag: »Ich freue mich, daß man von den bedenklichen +Wegen des Erlasses von 1890 jetzt abgekommen +ist,« — Wünsche eines Stumm und seiner Gesinnungsgenossen, +die zur Bekämpfung staatsgefährlicher Umtriebe +eine Änderung der Vereinsgesetze forderten, — waren +das alles nicht Zeichen der Angst und der Schwäche? +Und war nicht die Wandlung, die der Kaiser seit seinen +<a name="Page_202" id="Page_202"></a>sozialpolitischen Erlassen durchgemacht hatte, ein unbewußtes +Eingeständnis schwindenden Einflusses? Erfüllt +von seinem Gottesgnadentum, durchtränkt von der Vorstellung, +die Tradition und Erziehung den Fürsten unauslöschlich +einprägt: daß das Volk ihnen gegenüber +im Verhältnis des Kindes zum Vater steht, hatte er ein +sozialer Kaiser sein wollen, indem er der Arbeiterschaft +als Geschenk brachte, was ihm gut schien für sie. Als +sie es ihm nicht dankte, als sie Rechte forderte, statt +Gnaden zu erbitten, sie sogar mit Gewalt ertrotzen wollte, — da +wurde der in seiner Autorität verletzte Fürst zum +zürnenden, strafenden Vater. Und derselbe Kaiser, der +1890 für die Schaffung von Schiedsgerichten eintrat, stellte +sich 1896 auf die Seite der Hamburger Reeder und forderte +die Vereinigung aller Arbeitgeber gegen die Arbeiter.</p> + +<p>Um diese Zeit besuchte uns mein alter Freund Professor +Tondern, der ein stiller Gelehrter irgendwo an +einer Provinzuniversität geworden war, und den ich für +unsere Sache fast schon aufgegeben hatte. Er war zur +Zeit des Streiks in Hamburg gewesen, und mein Mann +hatte ihn für das Archiv zu einer Arbeit darüber aufgefordert. +Statt aller Antwort kam er selbst, ganz erfüllt +von dem Erlebten.</p> + +<p>»Da bilden wir uns nun wer weiß wie viel auf +unsere Bildung, unsere alte Kultur ein,« sagte er, »und +müssen angesichts solcher Kämpfe beschämt eingestehen, +daß wir mit all dem lumpigen Rüstzeug ihren Forderungen +gegenüber jämmerlich Schiffbruch leiden würden, +während die in Elend und Unwissenheit Aufgewachsenen +sich wie Helden bewähren. Sie hätten nur sehen sollen, +wie tapfer die Frauen, vom kleinen Mädchen bis zum +<a name="Page_203" id="Page_203"></a>steinalten Mütterchen, ihren Vätern und Söhnen zur +Seite standen. Da steckt ungebrochene Jugendkraft —« +Er brach seufzend ab.</p> + +<p>»Zeugt die arbeiterfreundliche Haltung gewisser bürgerlicher +Kreise nicht auch dafür?« fragte ich.</p> + +<p>Er schüttelte heftig den Kopf, daß die dünn gewordenen +roten Haarsträhnen flogen. »Immer noch die +alte Optimistin!« murmelte er. »Zu einem guten Teil +haben Sie freilich recht —« fügte er dann laut hinzu. +»Der Streik hat die Verschlafenen aufgerüttelt, hat die +sozialpolitischen Probleme wieder in den Fluß der Diskussion +gebracht, hat die brennende Feindschaft, die der +Generalstab des Kapitals, das heißt das Kapital in +seiner bedrohten politischen Machtsphäre gegen die freie +Wissenschaft empfindet, zu hellen Flammen werden lassen, — und +das kann dem echten, dem kritischen wissenschaftlichen +Geist nur heilsam sein.«</p> + +<p>»Diese Feindschaft muß aber auch mehr und mehr zu +uns herübertreiben,« entgegnete ich.</p> + +<p>»Zur Sozialdemokratie? Nein! Erinnern Sie sich +unserer Haltung nach der frankfurter Tagung der +Ethischen Gesellschaft? — Seitdem hat sich für uns +nichts verändert. Wir sind sogar nur noch fester an +die Staatskrippe, und damit an den Dienst der kapitalistischen +Gesellschaft geschmiedet, weil unsere Kinder inzwischen +größer und anspruchsvoller wurden. Eine Ausnahme, +wie Sie, bestätigt nur die Regel. Marx hat +keine größere Wahrheit ausgesprochen als die, daß die +gesellschaftliche Umwandlung nur das Werk der Arbeiterklasse +sein kann.«</p> + +<p>Er stand auf. »Ich muß eilen, — meine Frau wartet +<a name="Page_204" id="Page_204"></a>auf mich,« sagte er hastig, und strich sich gleich darauf +mit einer verlegen ungeschickten Bewegung den roten +Bart. Ich verstand. Es war gewissermaßen nur ein +Geschäftsbesuch gewesen. Mit Damenbesuchen wurde +ich nicht verwöhnt! Er schüttelte meinem Mann die +Hand: »Sie bekommen den Aufsatz in spätestens vierzehn +Tagen.« Dann wandte er sich abschiednehmend zu +mir: »Sie dürfen mir auch die Hand geben. Meine +Stellung zu Alix Brandt ist genau dieselbe geblieben +wie zu Alix von Glyzcinski.«</p> + +<p>Kurze Zeit darauf meldete sich einer der geistvollsten +Archiv-Mitarbeiter, Professor Romberg, bei uns an. Ich +sah ihm mit gespannter Erwartung entgegen, denn ihm +war ein Buch vorausgegangen, das ihn wie ein Herold +mit Fanfarenstößen angekündigt hatte. Ein schmaler +roter Band war es nur, aber das Wort »Sozialismus« +prangte in goldenen Lettern darauf, und sein Inhalt +war nichts anderes als eine Verteidigung der Lehren +von Karl Marx, als eine Anerkennung der sozialdemokratischen +Arbeiterbewegung. Das Katheder eines wohlbestallten +ordentlichen preußischen Universitätsprofessors +hatte sich der Verfasser wohl auf immer verscherzt, aber +eine Zuhörerschaft hatte er sich erobert, aus der für die Sache +des Sozialismus eine große Gefolgschaft werden mußte.</p> + +<p>Mein Mann lächelte über meinen Enthusiasmus, er +spielte sogar ein wenig den Eifersüchtigen, als ich zum +Empfang dieses Gastes ganz besondere Vorkehrungen +traf, den Tisch mit buntem Herbstlaub schmückte und +eine Flasche Wein besorgen ließ, — zum erstenmal seit +unserer Hochzeitsfeier.</p> + +<p>Als er eintrat, hatte ich jene seltsame Empfindung, +<a name="Page_205" id="Page_205"></a>die ich als Kind besonders häufig gehabt hatte: daß +mir derselbe Mann in derselben Situation schon einmal +begegnet war; selbst die gleichgültige Begrüßungsphrase +und der Ton seiner Stimme dabei war mir bekannt, +ehe er sie aussprach. Im ersten Augenblick war ich +verwirrt und überließ Heinrich die Unterhaltung, +dann musterte ich den Gast, und dabei verwischte sich +das Gefühl langen Bekanntseins wieder, ähnlich wie +ein Traum uns um so gewisser entgleitet, je mehr wir +über ihn nachdenken. Diesen großen, tiefbrünetten Mann +mit den lebhaften braunen Augen und der hochgewölbten +Stirn hatte ich gewiß noch nie gesehen. War es Sympathie, +die ich für ihn empfand? Der dunkle Bart beschattete +dicke Lippen, die von stark entwickelter Sinnlichkeit +zeugten, die großen Hände mit den breiten Fingerkuppen +und den abgebrochenen Nägeln widersprachen der +vornehmen Eleganz seiner schlanken Gestalt. Aber diese +Mischung von Roheit und alter Kultur prädestinierte +ihn vielleicht gerade für die Rolle eines Führers der +öffentlichen Meinung, die er, unserer Ansicht nach, zu +spielen bestimmt war.</p> + +<p>In einer Rede, die von Geist und Wissen sprühte, +setzte er meinem Mann die Ideen auseinander, die er +in einer Abhandlung für das Archiv zusammenfassen +wollte. »Wir müssen der Sozialpolitik die Krücken +nehmen, die Ethiker, Christlichsoziale und neuerdings +Rassenhygieniker ihr glaubten geben zu müssen, um sie +dem von ihnen willkürlich gesteckten Ziele entgegenhumpeln +zu lassen. Sie kann und muß auf eigenen +Füßen gehen, eigene Ziele verfolgen. Ich verlange die +Autonomie des sozialpolitischen Ideals, das nicht nur +<a name="Page_206" id="Page_206"></a>nicht ethisch, nicht religiös, nicht rassenhygienisch, sondern +diesen Idealen direkt entgegengesetzt sein kann.«</p> + +<p>»Das sei Ihnen in bezug auf das religiöse Ideal zugegeben,« +warf mein Mann ein, »aber das ethische, das +rassenhygienische?! Die ›Befreiung des gesamten Menschengeschlechts, +das unter den heutigen Zuständen leidet‹, ist +doch wohl ein ethisches Postulat!«</p> + +<p>Romberg bewegte lebhaft abwehrend die Hände: +»Bleiben Sie mir mit der Zukunftsmusik des Erfurter +Programms vom Leibe! Sie könnten ebenso gut die +›Versöhnung der Klassengegensätze‹, die die Ethiker unter +den Nationalökonomen der Sozialpolitik als Aufgabe +zuschieben, predigen. Nein: wir stehen im Klassenkampf, +wir müssen in diesem Kampf Partei ergreifen, +und zwar nicht für die Schwachen nach christlicher +Auffassung, sondern für das höchst entwickelte Wirtschaftssystem, +für die den wirtschaftlichen Fortschritt +repräsentierende Klasse, das heißt auf Kosten der +anderen.«</p> + +<p>»Mit anderen Worten: für das Proletariat?« fragte +ich. Er wandte sich mir zu.</p> + +<p>»Gewiß: für das Proletariat, soweit seine Ideale sich +mit dem Ideal der Sozialpolitik decken: der wirtschaftlichen +Vollkommenheit, und,« — er betonte scharf den +letzten Satz, — »soweit sie sich dauernd mit ihm decken +werden. Denn es ist einerseits in dauerndem Fluß begriffen +und ist andererseits kein absoluter Endzweck, +sondern nur ein Mittel zur Verwirklichung höherer Zwecke. +Das wirtschaftliche Leben ist die Schranke, in der unser +ganzes Dasein, auch in seinen höchsten Äußerungen, eingeschlossen +ist. Wir müssen sie erweitern, so rasch als +<a name="Page_207" id="Page_207"></a>möglich, ohne Rücksicht auf die Bedenken empfindsamer +Seelen, um zu Licht und Luft zu gelangen.«</p> + +<p>»Und mit diesen Ansichten können Sie es verantworten, +außerhalb unserer Partei zu stehen!« rief ich +aus. Er schien erstaunt.</p> + +<p>»Alles, was ich sagte, was ich schrieb, beweist doch, +daß ich es verantworten kann!« meinte er langsam. +»Oder glauben Sie, ich würde mehr erreichen, wenn +ich mich in Ihr Heer einreihen, Ihre Uniform anziehen +würde, wenn ich jede meiner Ideen, ehe ich sie auszusprechen +mich getraute, dem Votum Ihres Parteitages +unterwerfe?!«</p> + +<p>»Ich verstehe Sie nicht!« antwortete ich. »Wie reimt +sich Ihre Abneigung gegen die Partei mit diesem Buch +zusammen,« — ich hielt ihm den roten Band entgegen, — »mit +Ihrer Verteidigung des Klassenkampfes, mit Ihrer +Prophezeiung der dauernden, der notwendigen Einheit +der Bewegung?«</p> + +<p>»Ich muß Ihre Frage mit einer Frage beantworten: +Ist die Zugehörigkeit zur Bewegung abhängig von der +namentlichen Einschreibung in einen Wahlverein? Ist +es für meine Stellung wichtiger, wie ich mich nenne, +als was ich leiste?! Die Frage des Eintritts in die +Partei kann für unsereinen nur individuell gelöst werden. +Ich zum Beispiel würde in dem Augenblick flügellahm +werden, wo ich in<em class="spaced"> der</em> Gesellschaft aushalten müßte.«</p> + +<p>»Für einen Augenblick vielleicht, aber in dem Moment, +wo Sie sich durchsetzen, wo Sie Einfluß gewinnen +würden, hätten Sie die Kraft Ihrer Flügel in +doppeltem Maße wieder —,« mischte sich mein Mann +ins Gespräch.</p> +<p><a name="Page_208" id="Page_208"></a></p> +<p>»Sie überschätzen mich, lieber Freund. Über gewisse +Dinge komme ich nicht hinweg. Sie wissen, mein +›Sozialismus‹ hat einen ungeahnten Erfolg; ich brauche +mich in meiner Schriftstellereitelkeit wahrhaftig nicht gekränkt +zu fühlen. Aber die Behandlung, die mir — mir, +der ich den Sozialismus verteidige! — von einem +Teil Ihrer Presse zuteil geworden ist, hat mir die ganze +Gesellschaft auf lange verekelt!«</p> + +<p>Der Gegensatz zwischen dem Enthusiasmus, der ihn +wenige Minuten vorher erfüllt hatte, und der morosen +Stimmung, die jetzt aus Wort und Ton und Haltung +sprach, war so verblüffend, daß wir verstummten. Aber +Romberg forderte uns zur Antwort heraus:</p> + +<p>»Sie mißbilligen meinen Standpunkt?« Fragend sah +er von einem zum anderen.</p> + +<p>»Ganz und gar!« antwortete ich heftig. »Glauben +Sie, daß wir um der schönen Augen der Parteigenossen +willen Sozialdemokraten geworden sind, — oder der +Partei entrüstet den Rücken kehren würden, weil ein +paar Nasen uns nicht gefallen?! Wir dienen der Sache, +nicht den Personen.«</p> + +<p>»Eine so reinliche Scheidung zwischen der Sache und +den Personen läßt sich in Wirklichkeit nicht durchführen,« +sagte er, sichtlich verletzt. »Es kann sehr wohl der Fall +eintreten, daß eine Sache durch eine bestimmte Personengruppierung +rettungslos verloren geht, und ich bin der +Meinung, daß in Ihrer Partei Leute den Ton angeben, +die Ihre Sache diskreditieren.«</p> + +<p>»Wenn Sie dieser Ansicht sind, müßten Sie erst recht +in die Partei eintreten, um die Sache, die doch auch +die Ihre ist, vor solchen Einflüssen zu retten!«</p> + +<p><a name="Page_209" id="Page_209"></a>Er biß sich auf die Lippen und schwieg sekundenlang. +Dann ließ er sich, wie ermüdet, in den Lehnstuhl fallen +und sagte langsam: »Sie mögen recht haben, — auf +Grund Ihrer Individualität. Ich würde einfach zugrunde +gehen, wenn ich mit dem Gesindel, das Ihre +Partei groß gefuttert hat, auf gleich und gleich verkehren +müßte. Übrigens,« er lächelte ein wenig, »Sie +sind ja erst seit vorgestern ›Genossin‹, — wir wollen +unser Gespräch in zehn Jahren zu Ende führen! Und +Sie, mein lieber Brandt, sind doch auch nur im Nebenberuf +›Genosse‹. Wenn Sie Ihrer Frau beistimmen, +warum treten Sie nicht in die politische Arena?«</p> + +<p>Mein Mann ging ein paarmal im Zimmer auf +und nieder, ehe er antwortete. »Ich habe nicht Ihre +Begabung, die Sie zum Agitator stempelt. Und ich +bin nicht unabhängig wie Sie, was, meiner Ansicht +nach, eine wichtige Voraussetzung ist, wenn man in +der Partei Wertvolles leisten will. Das Archiv ist mein +Brotgeber. Es könnte seine wertvollsten Mitarbeiter verlieren, +wenn sein Redakteur politisch hervorträte. Sonst, — lieber +heute als morgen würde ich ein tätiger Parteigenosse sein!«</p> + +<p>Ich hatte Heinrich noch nie so sprechen hören; eine +tiefe Unbefriedigung enthüllte sich mir, eine Seite seines +Wesens, die sich selbst dem durchdringenden Blick meiner +Liebe bisher versteckt hatte. Ich konnte den Gedanken +daran nicht los werden und vergaß fast unseres Besuchers darüber.</p> + +<p>Beim Abschied reichte ich ihm die Hand. Ein unbehagliches +Gefühl überkam mich: die seine lag, so groß +sie war, schwach und leblos in der meinen. Menschen +<a name="Page_210" id="Page_210"></a>ohne Händedruck waren mir immer unsympathisch +gewesen. Und doch zog dieser Mann mich an.</p> + +<p>»Wollen wir nach all dem Ernst nun nicht Berlin +ein wenig genießen?« fragte er. »Wir armen Provinzler +müssen uns mit Großstadtluft auf Monate versorgen, +wenn wir einmal von unserer Kette loskommen.« Wir +verabredeten allerlei, und er ging.</p> + +<p>»Nun?!« fragte Heinrich, als die Tür sich hinter ihm +geschlossen hatte.</p> + +<p>»Ein interessanter Mensch, ob ein Kämpfer?!« antwortete +ich nachdenklich. »Aber was interessiert mich +dies Problem, wo mein eigner Mann mir eins aufgegeben hat!«</p> + +<p>Er zuckte lachend die Achseln: »Kümmere dich nicht +darum, Schatz, es ist doch zunächst unlösbar.« »Du +würdest wirklich gern politisch tätig sein?« drängte +ich unbeirrt. »Wäre es dir willkommen?« fragte er +statt der Antwort. Mir stieg das Blut in die +Wangen. Ich sah den Geliebten an der Stelle, die ich +Romberg zugedacht hatte; ich sah uns beide Schulter an +Schulter im Kampfe stehen. »O wie schön wäre das!« +flüsterte ich.</p> + +<p>Die nächsten Tage nahm uns Romberg sehr in Anspruch. +Er war von einer fast kindlichen Genußfähigkeit, +dabei voller Interesse für Kunst und Literatur, in allem +das Gegenspiel des typischen deutschen Professors.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_211" id="Page_211"></a></p> + +<p>Berlin war damals reich an neuem Leben für +den, der es zu finden verstand. Denn die +Oberfläche trug noch immer das Stigma geschmackloser +Alltäglichkeit. Mein Instinkt war doppelt +wach; meine Sinne schienen geschärft für alles Werden, +und meine Hoffnung umschlang mit üppigen Ranken +jede neue Erscheinung.</p> + +<p>Wir sahen Gerhart Hauptmanns »Versunkene Glocke«, +die zum erstenmal zur Aufführung kam. Alles stritt um +des schönen Märchens eigentlichen Inhalt und riß ihm +im Streit grausam die Schmetterlingsflügel aus. Den +einen erschien es als das tragische Bekenntnis eigener +Schwäche: denn die im Tal gegossene, für die Höhe bestimmte +Glocke Meister Heinrichs stürzte vom Berge +hinab in die Tiefe, und als er selbst emporstieg, um +droben ein neues Wunderwerk zu schaffen, zog sie ihn +nach sich ins Grab. Den anderen war es nichts als +ein Zeichen geistiger Reaktion: der Dichter der ›Weber‹ +floh vor dem wirklichen Leben. Ich aber hörte darin +das immer wiederkehrende Leitmotiv der Sehnsucht, das +den Glockengießer emporzog, auch als er an seiner +Schwäche sterben mußte, ich sah die Sonnenpilger, die +den Marmortempel suchten, dessen Baumeister zugrunde +ging, dem aber Kräftigere als er Hammer und Kelle +aus den toten Händen nahmen.</p> + +<p>Und dieselbe Sehnsucht, die der Hoffnung Schwester +ist, die aus unserer nüchternen, auf praktisch-greifbare +Ziele gerichteten Zeit hinwegverlangt in reichere, blühendere +Gefilde, wo die arme gehetzte Seele nicht mehr zu +dursten und zu frieren braucht, schien einer jungen noch +<a name="Page_212" id="Page_212"></a>unbekannten Künstlerschaft die Hand zu führen. Wir +sahen Gläser, deren zart schimmernde Blumenkelche in +Märchenfarben strahlten, und Teppiche, auf denen die +ganze Fülle des Frühlings ausgestreut erschien. Wir +kamen in eine Ausstellung, die eine Welt fremder Wunder +enthielt, deren Schöpfer ein noch Unbekannter war. +Staunend stand ich vor dem schönsten, das sie bot: +einem Fenster voll leuchtender Glut, mit den Gestalten +Tristans und Isoldens. In ihren Augen, in ihrer Gebärde +steigerte sich die Sehnsucht zum Verlangen; die +Farben waren eine Hymne des Lebens: das Rot jauchzte, +das Blau verging in zärtlichen Melodien, wie ein +mystischer Orgelton stand das Violett dazwischen.</p> + +<p>Achselzuckend ging die Masse an alledem vorüber. +Auch die beiden Männer, die mich begleiteten, waren +mehr erstaunt als betroffen. Ob wohl nur eine, die +schwanger war, die verborgenen Lebenskeime dieser Zeit +zu schauen vermochte? Ich sog mit allen Sinnen ein, +was der Menschenknospe in meinem Schoß zur Nahrung +dienen konnte.</p> + +<p>»Seit ich Sie kenne, begreife ich nicht, wie Sie Genossin +werden konnten,« sagte Romberg beim Abschied, +»mit Ihrem starken Kulturbedürfnis, ihrem Schönheitsdurst!«</p> + +<p>»Für mich war das nur ein Motiv mehr, um es zu +werden,« antwortete ich. »Auch den Seelenhunger der +Massen nach höheren Lebenswerten möchte ich stillen helfen.«</p> + +<p>»Sie haben kaum einen —,« meinte er wegwerfend.</p> + +<p>»Dann ist meine Aufgabe doppelt groß: ich muß sie +hungrig machen — —«</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_213" id="Page_213"></a></p> + +<p>Mein Zustand hinderte mich zunächst nicht an der +Parteitätigkeit. Ich hielt Versammlungen ab, +solang es ging, obwohl die schlechte Luft sich +mir immer schwerer auf den Kopf legte; ich besuchte +die Sitzungen der Frauenorganisation regelmäßig trotz +der ekelerregenden Düfte der Lokale, in denen sie stattfanden. +Wenn die Polizei, die uns ständig auf den +Fersen war, gewußt hätte, wie wenig welterschütternd +die Fragen waren, über die wir debattierten, sie würde +uns ruhig unserem Schicksal überlassen haben. Seitdem +Wanda Orbin nicht mehr in Berlin war, schien zwar +auch den Nur-Ja-Sagerinnen der Mund geöffnet zu +sein, aber was sie vorbrachten, das drehte sich meist +um die kleinlichsten Dinge. Derselbe Zank, derselbe +Neid, der mir die bürgerliche Frauenbewegung vergällt +hatte, fand sich auch hier, nur daß er sich in gröberen +Formen äußerte. Ich wäre bitter enttäuscht gewesen, +wenn ich nicht allmählich Einblicke gewonnen hätte, die +mir die Dinge in anderem Licht erscheinen ließen.</p> + +<p>Ich lernte das Leben dieser Frauen kennen. Da war +eine, die tagaus, tagein in dieselbe elende Zwischenmeisterwerkstatt +ging, um, wenn sie todmüde heimkam, von dem +betrunkenen Mann mit Schlägen oder zudringlichen +Zärtlichkeiten empfangen zu werden; — sollte sie nicht +verbittert sein? Da war eine andere, die, obwohl sie +einen braven Gatten hatte, auf ihre alten Tage in die +Fabrik zurückgekehrt war, weil sie nur auf diese Weise +ihrem kranken Sohn den Besuch eines Sanatoriums +ermöglichen konnte; — sollte sie die glücklicheren Mütter +nicht beneiden, die die Gesundheit ihrer Kinder nicht so +<a name="Page_214" id="Page_214"></a>schwer erkaufen mußten? Und ein verblühtes Mädchen +war zwischen uns, die ihrer gelähmten Mutter ihre ganze +Jugend hatte opfern müssen, — war's nicht begreiflich, +daß etwas wie Haß in ihren Augen aufblitzte, wenn +ich sprach?</p> + +<p>Einmal besuchte ich die kleine dicke Frau Wengs; sie +war vor drei Tagen ihres siebenten Kindes genesen, und +ich fand sie schon wieder hinter dem Waschfaß. War +es erstaunlich, daß sie reizbar war? All diese Frauen +standen in harter Arbeitsfron; war es nicht viel merkwürdiger, +daß sie sich dabei die Kraft, den Opfermut, +die Begeisterungsfähigkeit erhalten hatten, die es ihnen +möglich machte, ihre spärliche Freizeit, ihre ihnen so +bitter nötige Nachtruhe dem Dienst der Partei zu widmen? +Sie leisteten das äußerste, was sie leisten konnten; es +war nicht ihre Schuld, daß es trotzdem so wenig war.</p> + +<p>Ich grübelte lange nach, wie hier zu helfen wäre. +Mein alter Plan eines Zentralausschusses für Frauenarbeit +tauchte wieder auf. Wenn man mit Hilfe der +Partei solch einen Mittelpunkt schaffen, die begabtesten +der Frauen dabei beschäftigen, von ihrer Erwerbsarbeit +dadurch befreien könnte? Frau Wengs war nach dem +Parteitag zur »Vertrauensperson für ganz Deutschland« +gewählt worden. War es nicht wie ein Hohn auf die +Frauenbewegung, daß sie, die kaum Zeit hatte, eine +Zeitung zu lesen, für die das Schreiben eines Briefes +eine fast unüberwindliche Aufgabe war, an ihrer Spitze +stehen sollte? Man hatte mir freilich erzählt, Wanda +Orbin habe ihre Wahl unterstützt, um die Leitung um +so sicherer in der eigenen Hand zu behalten, Wanda +Orbin, die uns so fern war, deren unzureichende Kennt<a name="Page_215" id="Page_215"></a>nis +der Verhältnisse schon daraus hervorging, daß sie +ihre Zeitschrift in einem Tone schrieb, der einen hohen +Grad von Wissen bei dem Leser voraussetzte. Ja, wenn +sie in Berlin wäre, wenn sie offiziell die Führung in +die Hände bekäme, wenn die Gestaltung der ›Freiheit‹ +dem Einfluß der Genossinnen zugänglich gemacht werden +könnte! Schon damit, so schien mir, wäre viel geholfen. +Ich schrieb ihr in diesem Sinne, ich fragte sie, ob sie +kommen würde, wenn man die Anstellung einer weiblichen +Parteisekretärin durchgesetzt hätte. Sie antwortete +ausweichend: es fessele sie vieles, vor allem die Erziehung +ihrer Söhne in Stuttgart. Ich gab die Sache noch +nicht verloren. Ich legte meinen Plan der Schaffung +eines Sekretariats für die Frauenbewegung den Genossinnen +vor, ich entwickelte ihn in einem längeren +Artikel in der ›Freiheit‹ und hütete mich zunächst, +Wanda Orbins Namen zu nennen, da ich wußte, daß +auch sie Gegnerinnen hatte. Die Wirkung war verblüffend: +die Frauen gerieten in eine Aufregung, die in +keinem Verhältnis zur Sache zu stehen schien. Man +fand es ungeheuerlich, daß ich, die ich noch nichts, aber +auch rein gar nichts geleistet hätte, mir herausgenommen +habe, an der Arbeiterinnenbewegung Kritik zu üben; +man bekämpfte meinen Plan durch Wort und Schrift, +als bedeute er eine Gefahr für die Partei. Bei der +Abstimmung erhob sich keine Hand für ihn. Ich erfuhr +erst allmählich die wahre Ursache dieser wütenden Gegnerschaft: +die Frauen hatten angenommen, daß ich für mich +selbst eine einträgliche Stellung schaffen wolle. Und +Wanda Orbin hatte sie offenbar in diesem Glauben gelassen. +Es gab Momente, in denen diese Erfahrung +<a name="Page_216" id="Page_216"></a>mir wehe tat, — trotz aller Mühe, überall nur das +Gute zu sehen. Und die Entrüstung meines Mannes, +der jeden Nadelstich, der mich traf, wie einen Dolchstoß +empfand, trug nicht dazu bei, mich zu beruhigen.</p> + +<p>Aber die öffentlichen Ereignisse sorgten dafür, Gedanken +und Interessen auf wichtigere Dinge zu lenken, und die +Verstimmung zwischen mir und den Genossinnen in einmütige +Kampflust gegen die Feinde, die unsere Sache +von außen bedrohten, zu verwandeln.</p> + +<p>Hatten die Parlamentsreden der Herren der Rechten, +vom Geiste Stumms beherrscht, schon kriegerisch genug +geklungen, so kündigten die kaiserlichen Worte auf dem +brandenburger Provinzial-Landtag Kampf bis aufs +Messer an: »Die Aufgabe, die uns allen aufgebürdet +ist, die wir verpflichtet sind zu übernehmen, ist der Kampf +gegen den Umsturz mit allen Mitteln... Ich werde +mich freuen, in diesem Gefecht jedes Mannes Hand in +der meinen zu sehen, er sei edel oder unfrei,« hieß es +darin, und zum Schluß: »Wir werden nicht nachlassen, +um unser Land von dieser Pest zu befreien, die nicht +nur unser Volk durchseucht, sondern auch das Heiligste, +was wir Deutsche kennen, die Stellung der Frau, zu +erschüttern trachtet.«</p> + +<p>Kein Zweifel: ein Gewitter stand bevor, das unsere +Saaten bedrohte; dem Blitz, der die Situation grell +beleuchtet hatte, folgte der Donner und der prasselnde +Regen in Gestalt einer Vereinsgesetznovelle, die +dem reaktionären preußischen Landtag zur Entscheidung +vorlag und nichts anderes bedeutete, als eine +Knebelung des Koalitionsrechts, eine Auslieferung unserer +Organisationen an die Willkür der Polizei. Da war +<a name="Page_217" id="Page_217"></a>niemand unter uns, dem nicht das Herz stürmisch geschlagen +hätte, — vor Empörung über das drohende Unrecht, +vor Freude über den aufgezwungenen Kampf. Es +gab keinen kleinlichen Zank mehr; man drängte sich zur +Arbeit und übernahm auch die geringfügigste mit dem +Pflichtbewußtsein des Soldaten, der seinen Posten bezieht. +Ich konnte der vorgeschrittenen Schwangerschaft +wegen nur mit der Feder tätig sein, und Zorn und +Begeisterung führte sie. Ich sah eine Zeit nahe bevorstehen, +wo die besten Elemente des Bürgertums, wo vor +allem die Vertreter der freien Wissenschaft, vor die Wahl +gestellt zwischen der Reaktion und dem Proletariat, sich +auf die Seite der Arbeiter stellen müßten.</p> + +<p>»Du prophezeist trotz einem Bebel,« lachte mein Mann, +wenn ich mich fortreißen ließ, alles zu sagen, was ich +erträumte, und dann erinnerte er mich an jene anderen +Kaiserreden, die den Dreizack des Meergottes für die +deutsche Faust verlangten, und den Beifall derselben +Männer fanden, auf die ich rechnete. Aber ich hörte +nicht darauf, ich wollte nicht hören.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die Fähigkeit, Dunkles zu sehen, war meinem +inneren Auge mehr und mehr abhanden +gekommen. Wo immer ich den Blick hinwandte: +überall war es hell, überall strahlte die +Welt voll Frühlingsahnen. Und als es draußen in +den Gärten und auf den Plätzen wirklich zu blühen +begann, da schien mir's, als wäre dies der erste Lenz, +den ich erlebte. Ich saß in der Sonne auf dem Balkon +und sah staunend, wie aus den braunen saftig glänzen<a name="Page_218" id="Page_218"></a>den +Knospen auf den Kastanienbäumen kleine zartgrüne +Blätter leise ans Licht strebten. Ich ging am Arm des +Geliebten durch den Tiergarten, den ein starker würziger +Erdgeruch erfüllte, und stand vor dem Wunder still, das +in Hunderten bunter Frühlingsblumen aus dem Rasenteppich +emporwuchs. Und die Sonne schien so mild +und warm, — wenn sie meine Wange traf, war mir, +als streichle sie mich. In der Nacht lag ich oft stundenlang +wach; ich war nicht müde. Regte sich dann in +meinem Schoß das junge Leben, so strömte es mir durch +die Glieder wie Feuer.</p> + +<p>Frühzeitig war alles zu seinem Empfang bereit. Oft, +wenn niemand es merkte, schloß ich mich ein in dem +hellen Zimmer, wo alles seiner wartete, und kniete vor +dem kleinen Bettchen, und vergrub meine heißen Wangen +in seinen kühlen Kissen.</p> + +<p>Einmal, als ich mit Heinrich am Ufer entlang heimwärts +ging, an der Bucht vorbei, wo die Weiden ihre +grünen Schleier tief bis zum Wasser hinuntergleiten +lassen, kam uns ein alter grauhaariger Mann entgegen. +Ich hörte zuerst nur seinen schleppenden Schritt, denn +die Abendsonne, die im Westen verglühte, blendete mich. +Aber ich wußte: das war mein Vater. Meine Knie +zitterten. Und schon war er vorbei. Er schien in Gedanken +verloren und hatte uns wohl nicht erkannt. Ich +wandte den Kopf nach ihm, — da stand er wie angewurzelt +und starrte mich an, so voll Zärtlichkeit —! +Ich wäre ihm fast zu Füßen gestürzt, aber er machte +eine rasche, abwehrende Bewegung und ging weiter. +An dem Abend weinte ich. Und ich hatte doch mein +Kind vor allem Kummer schützen wollen!</p> + +<p><a name="Page_219" id="Page_219"></a>Wenige Tage später waren wir wieder zur gewöhnlichen +Zeit fort gewesen. Mit geheimnisvollem Lächeln +öffnete mir das Mädchen die Tür, als ich heimkam. +Ins Kinderzimmer sollt' ich kommen, sagte sie. Da +brannte die Lampe unter dem Rosenschleier und auf +dem weißen Tisch lagen lauter spitzenbesetzte Hemdchen +und Jäckchen, und kleine Schuhe und Steckkissen, und +lange Tragekleidchen; durch die blauen Bänder, die sie +zusammenhielten, waren Sträuße duftender Maiblumen +gezogen. »Das gnädige Fräulein brachte alles selbst,« +berichtete lächelnd das Mädchen und übergab mir einen +Brief von Mama:</p> + +<p>»Mein liebes Kind! Das alles schickt Dir Dein +Vater. Er hat mir und Deiner Schwester erlaubt, zu +Dir zu gehen, und Dir seine Grüße zu bringen. Schreibe +mir, wann wir Dich besuchen können,« schrieb sie. Bald +darauf kam sie selbst. Ich hatte vor Erregung eine +böse Nacht gehabt und empfing sie auf dem Diwan +liegend. Sie aber war so ruhig, so teilnahmsvoll, als +läge höchstens eine Reise zwischen ihrem ersten Besuch +und heute. Drohte eine verlegene Pause, so half das +Geplauder Ilschens darüber hinweg, die mir von ihren +ersten Ballfreuden und ihren Triumphen nicht genug +erzählen konnte.</p> + +<p>»Wie geht es dem Vater?« fragte ich schließlich +zaghaft, da sie zu vermeiden schienen, seiner Erwähnung +zu tun. »Er ist recht alt geworden,« antwortete +Mama langsam. »Aber noch so rüstig,« fiel +die Schwester ein, und berichtete zum Beweis dafür +von den Diners und den Bällen, zu denen er sie begleitet +hatte. Sie nannte Namen, die ich nicht kannte, +<a name="Page_220" id="Page_220"></a>und erwähnte Gesellschaftskreise, die er früher auf das +peinlichste gemieden hatte: Tiergartensalons, in denen, +wie er zu sagen pflegte, der jüngere Offizier nur als +Mitgiftjäger, der alte nur als Tafeldekoration auftritt. +Ich fühlte jetzt: er mußte sehr alt geworden sein.</p> + +<p>Ehe sie gingen, bat ich Ilschen, nun aber recht oft +zu mir zu kommen. Sie sah, statt zu antworten, ängstlich +fragend auf Mama. »Allein darf sie euch nicht +besuchen,« sagte diese mit dem alten harten Ton in der +Stimme, während sich tiefe Falten um ihre Mundwinkel +gruben. Als sie fort waren, trat ich auf den Balkon. +Ich hatte das Bedürfnis, frische Luft zu schöpfen. Da +fiel mein Blick auf die Straße: mit kleinen, hastigen +Schritten ging der Vater vor unserer Haustür auf und +ab, und als Ilse ihm entgegentrat, wandte er sich ihr +mit einer raschen Bewegung zu, und ich sah, wie sie +sprach und sprach, und wie er horchte, den Kopf ihr zugeneigt, +als fürchte er, auch nur ein einzig Wort zu +verlieren. An diesem Abend mußt' ich wieder weinen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Sommer kam. Ich schleppte mich nur +noch mühsam die hohen Treppen herauf und +hinunter. Ich zählte nicht mehr nach Wochen, +sondern nach Tagen. Meine Zimmer standen voll Junirosen.</p> + +<p>Ich war noch einmal mit den Kindern in die Stadt +gegangen, um zu besorgen, was ihnen für die Ferienreise +zu ihrer Mutter noch fehlte. Als ich daheim die +Sachen in den Koffer legte, dunkelte es mir plötzlich +vor den Augen. Ein jäher Schmerz zog mir den Leib +<a name="Page_221" id="Page_221"></a>zusammen. Ich schlich ins Wohnzimmer und fiel +meinem Mann, der erschrocken vom Schreibtisch aufgesprungen +war, in die Arme. »Nun ist's so weit,« +flüsterte ich und sah ihn glückselig an. Er schickte zu +meiner Ärztin. Ich aber saß still im Lehnstuhl und +spottete seiner Ängstlichkeit. Wie hätte ich mich auch +nur einen Augenblick lang fürchten können! Wenn ich +die Augen schloß, sah ich Großmamas gütiges Antlitz +vor mir und hörte sie tröstend wiederholen, was sie +mir früher so oft versichert hatte: Ein Kind gebären ist +das leichteste von der Welt. Aber der Abend kam und +die Nacht, — ich wartete noch immer. Und am folgenden +Tag war ich zu schwach, um vom Bett aufzustehen, +und in der Nacht standen zwei Ärztinnen um mein +Bett, und Heinrich wich nicht von mir. Ich allein +spürte nichts von Angst; wenn ich vor Schmerzen stöhnte, +so war mir's, als wäre ich's nicht.</p> + +<p>Am Morgen des dritten Tages strahlte der Himmel +in wolkenloser Pracht; von der Gedächtniskirche herüber +klang tiefer Glockenton, und von allen Seiten antworteten +ihm hellere Stimmen. »Es will ein Sonntagskind +sein,« flüsterte ich lächelnd dem Liebsten zu, der +neben mir saß, und an den ich mich klammerte, wenn +es gar zu wehe tat.</p> + +<p>»Und in der Johannisnacht geboren werden,« hörte +ich wie von ferne sagen. Müde sank ich in die Kissen. +Mir träumte von den Bergen, die zum Himmelszelt +stolz ihre weißen Häupter heben, und von grünen +Matten, die sich zart und weich zu Füßen grauer Felsen +schmiegen. Und ich sah, wie alle Spitzen zu glühen +begannen, als hätten sich die Sterne auf sie her<a name="Page_222" id="Page_222"></a>niedergesenkt, +und von allen Hügeln die Flammen +loderten. Plötzlich aber war mir, als stünde ich selbst +auf dem Scheiterhaufen, — schon züngelte das Feuer +an meinem nackten Körper empor, — ich schrie laut +auf — —</p> + +<p>War ich gestorben, — und darum so seliger Ruhe +voll?! Ich schlug die Augen auf. »Heinz!« kam es +ganz, ganz leise von meinen Lippen. Ich tastete mit +den Händen auf dem Bett, — ich fühlte seinen Kopf, — seine +Schultern, — warum bebten sie nur so?! Heiße +Augen, die durch Tränen leuchteten, richteten sich auf +mich. Von der anderen Seite öffnete sich die Türe, +ein breiter Strom von Licht ergoß sich in das dunkel +verhangene Zimmer, auf der Schwelle stand eine Frau, +ein weißes Bündelchen auf den Armen. »Mein Kind —!« +rief ich. »Unser Sohn!« antwortete Heinrich und legte +ihn mir an die Brust. Ehrfürchtig berührten meine +Lippen die von wirren Löckchen dunkel umrahmte Stirn. +Und zwei große blaue Augen, in denen des Werdens +tiefes Geheimnis noch zu schlafen schien, blickten mich an.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_223" id="Page_223"></a></p> +<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2> + + +<p>Drei Monate später saß ich an unserem Schreibtisch, +in einen Artikel vertieft, den ich Wanda +Orbin versprochen hatte.</p> + +<p>»Fast schien es, als sollte der Züricher Arbeiterschutz-Kongreß +den Beweis erbringen, daß die Anhänger +der verschiedensten politischen und religiösen +Weltanschauungen auf dem Gebiete praktischer Sozialreform +zu gemeinsamen Resultaten gelangen könnten. +Die Fragen der Kinder- und der Sonntagsarbeit +riefen keinerlei tiefere Differenzen hervor. Nur hie +und da fiel ein Wort, das wie Wetterleuchten die +Abgründe erhellte, die tatsächlich zwischen den Rednern +auseinanderklafften. Aber erst die Frage der Frauenarbeit +vollzog schließlich die Trennung der Geister. Schon +in der vorbereitenden Sektion kam es zu hitzigen Debatten: +auf der einen Seite standen die katholischen +Sozialreformer Belgiens und Österreichs, unter ihnen +Männer in langem Priesterrock und brauner Mönchskutte, +auf der anderen die Führer der internationalen +Sozialdemokratie, die Bebel und Liebknecht, die Vandervelde +und Geier an ihrer Spitze. Und als wir uns +am nächsten Morgen in dem hohen Saal der Tonhalle +wieder versammelten — einem Saal, der nur für Festes<a name="Page_224" id="Page_224"></a>freude +geschaffen schien, — und der blaue See und die +weißen Berge durch die breiten Fenster zu uns hereinstrahlten, +ein Bild glücklichen Friedens, da wußten +wir: heute kommt es zur Schlacht. Die Tribünen +waren überfüllt: die ganze studierende Jugend Zürichs +drängte sich dort oben zusammen. Erwartungsvolle Erregung +brannte auf ihren Wangen. Und unten sammelten +sich die Delegierten um ihre Tische: die Luft +schien zu vibrieren unter dem Einfluß all der klopfenden +Pulse, all der kampfheißen Blicke. Der katholische +Demokrat Carton de Wiart trat hinter das Rednerpult +zur Verteidigung seines Antrags: Verbot der großindustriellen +Frauenarbeit. Mit tiefem Glockenklang erfüllte +seine schöne Stimme den Riesenraum und steigerte +sich zum tragischen Pathos, wenn sie die zerstörenden +Folgen der Frauenarbeit schilderte: ›Der Säugling verkommt +in Hunger und Schmutz, die heranwachsenden +Kinder werden ein Opfer der Straße; vom erloschenen +Herdfeuer flieht der Mann und sucht Trost und Wärme +im Trunk ...‹ Er malte nicht zu schwarz, und auch +aus den Reihen der Gegner hätte ihm niemand widersprechen +können. Aber während die tatsächlichen Zustände +ihm und seinen Gesinnungsgenossen als eine beklagenswerte +Verirrung der Menschheit erschienen, die +durch ein gebieterisches ›Zurück!‹ von dem alten kleinbürgerlichen +Familienleben wieder abgelöst werden +könnten, sahen die Sozialdemokraten in ihnen eine notwendige +Begleiterscheinung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, +die nur durch ein ›Vorwärts!‹ zum Sozialismus +zu überwinden ist. ›Auch wir sind für die +Verkürzung der Arbeitszeit, für gesetzlichen Mutterschutz, +<a name="Page_225" id="Page_225"></a>für Verbot der Frauenarbeit in gesundheitsschädlichen +Betrieben,‹ erwiderte Frau Alix Brandt dem Redner; +›aber für ein Verbot der Frauenarbeit überhaupt sind +wir nicht. Denn nicht jenes idyllische Bild glücklichen +Familienlebens, das Herr de Wiart in so leuchtenden +Farben malte, würde seine Folge sein, sondern eine +noch größere Zerstörung der Familie, eine noch gefährlichere +Untergrabung weiblicher Kraft. Weder Laune +noch Neigung treibt die Frauen in Scharen in die +Fabriken, sondern Not. Schließt ihnen deren Tore, und +dieselbe Not wird sie in das Elend der Heimarbeit +treiben, wo schrankenlos die Ausbeutung herrscht, wird +sie demjenigen Frauenberuf zuführen, vor dem weder +die christliche Sittlichkeit des Staates, noch die Ritterlichkeit +der Männer das weibliche Geschlecht jemals gehütet +haben: der Prostitution.‹ Und in einer Rede voll +hinreißender Leidenschaft verteidigte Frau Wanda Orbin +die Berufsarbeit der Frau als die Grundlage ihrer +sozialen Befreiung: ›Die Arbeit ist ihre Menschwerdung. +Was sie auf der einen Seite zerstört, baut sie auf der +anderen wieder auf für die sittliche und geistige Einheit +von Mann und Frau. Aus den Konflikten zwischen +Beruf und Haus erwachsen dem Weibe zwar die größten +Schmerzen, aber auch die größte Kraft. Nicht nur, +weil ein Verbot der Frauenarbeit heute die Not steigern +würde, wie meine Vorrednerin Ihnen auseinandersetzte, +stimmen wir geschlossen gegen den Antrag Wiart, sondern +weil wir Frauen die Arbeit wollen um unserer +Selbstbefreiung willen, um einer künftigen Neugestaltung +der Ehe und der Familie willen, die die ökonomische +Unabhängigkeit des Weibes zur Voraussetzung +<a name="Page_226" id="Page_226"></a>hat.‹ Minutenlang umbrauste der Jubel aus dem Saal +hinauf, von den Tribünen herab die Rednerin. Und +als die Baronin Vogelsang, eine zarte, schlichte Frauengestalt, +sie ablöste, — mit niedergeschlagenen Augen +und leise zitternden Händen, ungewohnt des öffentlichen +Auftretens, — erschien sie wie die Personifizierung +jener fernen versunkenen Welt, die sie mit leisen, weichen +Worten, mit einem Appell an das Gefühl wieder glaubte +heraufbeschwören zu können: ›Um der Kinder willen, +denen die Industrie die Mütter raubt, nehmen Sie den +Antrag an —;‹ ihre erhobenen Blicke flehten und rührten +manch einem ans Herz, so daß die rauhe Wahrheit, die +der Verstand erkennt, hinter den weichen Schleiern, die +die Empfindung webt, zu verschwinden drohte ...«</p> + +<p>Ich legte die Feder aus der Hand und seufzte tief +auf. Seit meines Kindes Geburt waren die Probleme +der Frauenbefreiung für mich keine bloßen Theorien +mehr. Sie schnitten in mein eigenes Fleisch, — und +ich war keine Industriearbeiterin, — ich brauchte nicht +von früh bis spät in der Fabrik zu schuften, fern meinem +Liebling. Mir grauste, wenn ich daran dachte, daß so +etwas möglich, ja notwendig sein konnte. Es gab +Augenblicke, in denen meine Überzeugungen auf tönernen +Füßen zu stehen schienen.</p> + +<p>Schon die Reise nach Zürich war mir schwer genug +geworden, obwohl ich mein Kind in bester Obhut zurückgelassen +hatte. Meine Phantasie malte sich täglich neue +Schrecken aus, die ihm zustoßen konnten. Und wie viele +Stunden des Tages mußte ich jetzt fern von ihm sein! +Wie oft sprang ich vom Schreibtisch auf und sah +sehnsüchtig auf den sonnigen Platz hinunter, wo es, in +<a name="Page_227" id="Page_227"></a>seinen weißen Wagen gebettet, auf- und niedergefahren +wurde. Wie viele Blicke aus seinen blauen Augen, +wieviel krähendes Babylachen von seinem roten Mündchen +gingen mir verloren! Und abends, und nachts: wie +oft mußte ich, statt an seinem Bettchen zu sitzen, in +Versammlungen sprechen, an Partei-Zusammenkünften +teilnehmen.</p> + +<p>Manche meiner Genossinnen kamen aus der Werkstatt +und der Fabrik, auch sie hatten kleine Kinder zu Hause +und kein Dienstmädchen, um sie zu hüten; — meine Bewunderung +für sie stieg und zugleich mein Verständnis +für all die Bitterkeit, den Haß und das Mißtrauen, +das sich in ihnen angesammelt hatte. Kann ein Weib +der Welt, die den Kindern die Mutter entreißt, mit +anderen Empfindungen gegenübertreten? Und doch hatte +ich mich in Zürich mit aller Leidenschaft dafür eingesetzt, +die weibliche Berufsarbeit — auch die der Mütter — zu +erhalten? Ich zerriß den halbfertigen Artikel wieder und +schrieb an Wanda Orbin ein paar entschuldigende Worte. +Ich konnte nicht mehr über eine Frage sprechen, ich +war außer stande, den Lesern fix und fertige Ansichten +aufzutischen, seitdem sie mir zur persönlichen Angelegenheit +geworden war, und ich ihr für mich selbst die Antwort +noch schuldig bleiben mußte.</p> + +<p>Mein Mann kam nach Hause. »Bist du schon fertig?« +fragte er mit einem verwunderten Blick auf den +Schreibtisch, dessen Aussehen keine Arbeit mehr verriet. +Ich erklärte ihm die Situation, obwohl ich von vorn +herein wußte, daß ihm das volle Verständnis dafür +fehlen würde. Er hatte schon oft nachsichtig, wie über +eine kindliche Torheit gelächelt, wenn ich den Konflikt +<a name="Page_228" id="Page_228"></a>berührte, in dem ich mich befand; er war sogar +hie und da heftig geworden, hatte mich für sentimental, +für überängstlich erklärt, wenn ich die Trennung von +meinem Kinde, die meine Berufs- und Parteipflichten +mir auferlegte, so schwer nahm. Auch heute schüttelte +er den Kopf und unterdrückte sichtlich eine Antwort, +weil er mich nicht verletzen wollte. »Ich glaube, wir +haben Grenzpfähle berührt, die das Reich des Weibes +von dem des Mannes trennen,« sagte ich nachdenklich. +»Wir sind nicht imstande, wie Ihr, alle Probleme in +kühler Objektivität zu lösen, — wie eine mathematische +Aufgabe.«</p> + +<p>Gegen Abend besuchte uns Romberg. Wir waren +rasch mitten in lebhaftester Debatte. Das Fernbleiben +aller jungen sozialpolitischen Professoren vom Züricher +Arbeiterschutz-Kongreß hatte wie eine gemeinsame Demonstration +gewirkt und war mir um so peinlicher aufgefallen, +als es im Gegensatz nicht nur zu meinen +großen Hoffnungen, sondern auch im Gegensatz zu ihren +eigenen Wünschen und Äußerungen gestanden hatte.</p> + +<p>»Waren Sie nicht derjenige, der es stets bedauerte, +daß Gelehrte und Arbeiter nicht einmal auf dem Gebiet +der Sozialpolitik sich begegnen und miteinander beraten +könnten?« fragte mein Mann. »Und nun bot sich +Ihnen endlich die Gelegenheit, und Sie ergriffen sie +nicht!« Romberg biß sich in die Lippen, wie immer, +wenn er um eine Antwort verlegen war.</p> + +<p>»Die Zeit war unglücklich gewählt,« meinte er schließlich zögernd.</p> + +<p>»Warum sagen Sie nicht lieber gleich, was die linksliberale +Presse zu ihrer Rechtfertigung feierlich erklärte,<a name="Page_229" id="Page_229"></a>« +rief ich empört, »daß die starke Beteiligung unserer +Partei den Kongreß von vorn herein zu einem sozialdemokratischen +gestempelt habe und preußische Professoren +daher nicht hingehörten!«</p> + +<p>Er unterbrach mich: »Sie wissen genau, daß der +Vorwurf eines Mangels an Mut mich nicht treffen +kann!« Ich dachte an das rote Buch und lenkte ein. +Aber die gegenseitige Verstimmung wich erst allmählich +dem Interesse am Gegenstand unseres Gesprächs.</p> + +<p>»Die blutige Wanda hat, wie ich gelesen habe, in +Zürich auch die Frauenfrage gelöst,« sagte Romberg mit +einem sarkastischen Lächeln.</p> + +<p>»Ich fürchte, jede ›Lösung‹ ist nur der Ausgangspunkt +neuer Probleme,« erwiderte ich.</p> + +<p>Romberg warf mir einen überraschten Blick zu: +»Wie, — auch Sie beginnen, an der Unfehlbarkeit +Ihrer Päpste zu zweifeln?! Das wird ja immer +besser: Schönlank putzt den alten Liebknecht herunter +wie einen Schulbuben und weist ihm nach, daß die +Verelendungstheorie angesichts der gestiegenen Lebenshaltung +der Arbeiter zum alten Eisen geworfen werden +muß wie das eherne Lohngesetz seligen Angedenkens; +Bebel tritt für die Beteiligung an den Landtagswahlen +ein, was ein Preisgeben eines mit aller Lungenkraft +verteidigten Prinzipes ist, und Alix Brandt wird +zur Antifeministin — —«</p> + +<p>»Wenn Ihre Zusammenstellung eine Berechtigung hat, +so ist es die, daß meine Zweifel ebensowenig zum Antifeminismus +führen, wie Schönlanks oder Bebels Negationen +veralteter Anschauungen zum Antisozialismus.«</p> + +<p>»Also auch hier nur eine Revision des Programmes?«</p> +<p><a name="Page_230" id="Page_230"></a></p> +<p>»Auf Grund der Revision der Erfahrungen, die wir +durchgemacht haben, — gewiß! Übrigens fehlt es ja +der Frauenbewegung noch an jedem Programm, weil +es ihren Problemen an der wissenschaftlichen Formulierung +fehlt.«</p> + +<p>»Das wäre eine Aufgabe, die Sie lösen müßten,« +meinte Romberg lebhaft.</p> + +<p>»Damit würdest du dir und anderen zur Klarheit +verhelfen —,« fügte Heinrich rasch hinzu, »ein Buch +über die Frauenfrage, das von einer Darstellung der +tatsächlichen Verhältnisse ausgehen müßte, das die wirtschaftliche, +die soziale und die rechtliche Lage der Frauen +zu behandeln hätte, ...«</p> + +<p>»In Ihnen regt sich doch sofort der Redakteur,« unterbrach +ihn Romberg. »Die vage angedeutete Idee ist +unter Ihren Händen zur Disposition eines ganzen Werkes +geworden.«</p> + +<p>Das Herz klopfte mir vor Erregung. Der Gedanke +an diese Arbeit packte mich gerade durch seine Selbstverständlichkeit. +Ein zusammenfassendes, grundlegendes +Werk der Art gab es noch nicht. Es fehlte nicht nur +mir, es fehlte der ganzen Bewegung, die auch darum +so unsicher hin- und hertastete.</p> + +<p>»Ich habe, fürchte ich, die nötigen Vorkenntnisse nicht,« +meinte ich schließlich zaghaft.</p> + +<p>»Dafür haben Sie ja einen Nationalökonomen zum +Mann,« antwortete Romberg.</p> + +<p>Während des Abends, den wir im Theater verbrachten, +dachte ich nur an den Plan der Arbeit, die ich entschlossen +war auszuführen. Erst auf Rombergs wiederholtes: +»Sehen Sie nur!« sah ich mich um. In der<a name="Page_231" id="Page_231"></a> +Reihe vor uns erschienen zwei seidenrauschende Damen +mit goldroten Haaren, feuchtschimmernden Augen und +unnatürlich glühenden Lippen. »Wird für diese in +Ihrem Zukunftsstaat kein Platz sein?« flüsterte Romberg. +»Ich hoffe nicht!« sagte ich. »Schade!« antwortete er +lächelnd. In der Bewunderung für derlei Erscheinungen +ist er wie ein Onkel aus der Provinz, dachte ich ärgerlich. +Als wir aber nachher, seiner Gewohnheit gemäß, +die die Nacht gern zum Tage machte, noch lange bei +uns zusammensaßen, kam er auf die Begegnung zurück: +»Können Sie sich wirklich eine Welt als wünschenswert +vorstellen, in der alle Frauen Berufsphilister werden, +wie es heut schon alle Männer sind; in der sie keine +Zeit mehr haben, ihre Schönheit zu pflegen, kurz, in +der alle duftenden Luxusgärten in Kartoffelfelder verwandelt +werden?« —</p> + +<p>»Ich würde solch eine Welt zerstören und nicht schaffen +helfen! Aber Frauen, wie jene, auf die Sie anspielen, +gehören nicht zu den duftenden Blumen, zu den an sich +unnützen, aber unentbehrlichen Reizen des Lebens. Sie +sind verdorbene Speisen für verdorbene Gaumen.«</p> + +<p>»Sie mögen in dem Einzelfall recht haben; unumstößlich +aber bleibt für mich das Eine: nicht die Berufsarbeiterin, +nicht die, nach Ihren Begriffen freie, emanzipierte +Frau wird der Kultur höchste Blüte sein, sondern +die <em class="antiqua">femme amante</em>.« Er sah mich kampflustig an, er +liebte den Widerspruch und erwartete ihn; der Typus +einer Frauenrechtlerin stand für ihn ein für allemal fest, +und er glaubte immer wieder, ihn in mir vor sich zu +haben.</p> + +<p>»Sie hoffen umsonst auf meine sittliche Empörung,<a name="Page_232" id="Page_232"></a>« +spottete ich, »meine Meinung stimmt fast überein mit +der Ihren, nur daß ich die Existenz der <em class="antiqua">femme amante</em> +leugne, solange nicht die wahrhaft freie Frau ihre Voraussetzung +ist...«</p> + +<p>Als Romberg uns verlassen hatte, zog mein Liebster +mich in seine Arme und flüsterte mir ins Ohr: »Hätte +ich nicht meinem dummen Katzel widersprechen müssen, +das die <em class="antiqua">femme amante</em> wegdisputieren will und selbst +nichts anderes ist?« »Und nichts anderes sein will,« +sagte ich leise und gab ihm seinen Kuß zurück.</p> + +<p>Ich lag noch lange wach und grübelte. Ob ich +ihm anvertrauen könnte, was mich bewegte? Schon in +der kurzen Zeit meiner Ehe war mir klar geworden, +was ich vorher nicht verstanden und darum nur verurteilt +hatte: warum Staat und Kirche nicht die Liebe, +sondern die Pflicht zur Grundlage der Ehe gemacht +haben, warum nach ihnen die Zeugung, Erhaltung und +Erziehung der Nachkommenschaft ihre Hauptaufgabe ist. +Die Ehe kam mir vor wie eine moralische alte Jungfer, +die der jungen unbändigen Liebesleidenschaft durch ihre +Predigten das Leben ständig vergällt. Die Liebe braucht +Festtagsstimmung, die Ehe braucht den Alltag. Vor +jedem rauhen Luftzug, den die Ehe erzeugt, läßt die +zarte Blume der Liebe die Blätter hängen. Die Liebe +ist ein Rausch, die Ehe ist nüchtern. Lodern auf dem +Altar der Liebe die Flammen, so schämen sich die +Opfernden wie arme Sünder, wenn die Ehe sie +plötzlich ertappt. Eins aber vor allem wurde mir +täglich gewisser: die Liebe fordert Freiheit, die Ehe +Abhängigkeit. Einer muß sich dem anderen unterordnen, +wenn der Frieden des Hauses gewahrt sein +<a name="Page_233" id="Page_233"></a>soll, wo aber in der Liebe Unterordnung anfängt, flieht +sie selbst.</p> + +<p>So türmten sich die Probleme der Frauenfrage, — meiner +Frauenfrage. Wahrlich, es war eine große +Aufgabe, sie zu lösen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ich stürzte mich mit Feuereifer in die Vorstudien +meiner Arbeit; daß sie mich ans Haus, an +den Schreibtisch fesselte, war eine willkommene +Begleiterscheinung.</p> + +<p>Als der Vortragsaufforderungen gar zu viele wurden, — und +es blieb nicht bei bloßen Aufforderungen, +deren Annahme oder Ablehnung der Entscheidung +des Einzelnen überlassen blieb, die Genossinnen verfügten +vielmehr ohne viel zu fragen über meine Arbeitskraft —, +erzählte ich von dem Buch, das ich vorbereitete, +und das mir eine gewisse Beschränkung auferlege. Ich +war nicht wenig erstaunt, daß dieselben Menschen, die +der Wissenschaft eine fast unbegrenzte Bedeutung zumessen, +über meine Mitteilung die Nase rümpften und +sie nur als einen Vorwand ansahen, um mich von der +Agitation zurückzuziehen. Je mehr ich sie zu überzeugen +suchte, desto weniger verstanden sie mich. »Wer so 'ne +Erziehung jehabt hat, wie die Jenossin Brandt, für den +is das Schreiben doch keen Kunststück,« sagte eine von +ihnen. »Un ieberhaupt: im Erfurter Programm steht +haarkleen allens, wat wir wollen,« fügte eine andere +hinzu. »Genosse Bebels ›Frau‹ und Genossin Orbins +Artikel in der ›Freiheit‹ sind als Grundlage für unsere +Bewegung mehr als ausreichend,« sagte Martha Bartels +<a name="Page_234" id="Page_234"></a>mit einer Schärfe, die sich steigerte, je älter sie wurde. +Ich sah ein, daß nichts zu machen war; im Grunde +hatten die Frauen recht, wenn sie sich um ungelegte +Eier nicht kümmern mochten.</p> + +<p>Nur eine Idee erwähnte ich noch, die ich kürzlich als +den gesunden Kern aus der ungenießbaren Schale einer +französischen Broschüre herausgeschält hatte: die einer +staatlichen Mutterschafts-Versicherung. Ich wollte ihr eine +fest umrissene Gestalt geben und sie in den Mittelpunkt +meines Buches stellen. Die Mutter schützen, solange sie +das Kind unter dem Herzen trägt, sie dem Kinde erhalten, +solange es der Pflege und Ernährung durch sie +bedürftig ist, — das schien mir aber auch ein Ziel, +würdig einer starken Bewegung, es zu erreichen. Ich +schlug vor, in unseren Versammlungen die Frage zur +Erörterung zu bringen. Aber seltsam: um unseren +Sitzungstisch saßen die früh gealterten, abgehärmten +Mütter, und kein Wort, keine Miene verriet, daß der +Gedanke sie zu erwärmen vermöchte. Alles Neue galt +ihnen zunächst als etwas Feindliches. Diese Revolutionärinnen +hatten schon eine Tradition und waren +darum vielfach reaktionär.</p> + +<p>Von dem Plan meines Werkes sprach ich mit ihnen +nicht mehr. Aber ich beschloß, alle Zeit, die mir blieb, +ihm zu widmen.</p> + +<p>Doch auf die Möglichkeit stetiger Arbeit hoffte ich +vergebens.</p> + +<p>An unserem Schreibtisch saßen wir, mein Mann +und ich. Wie schön hatten wir es uns gedacht, +das gemeinsame Arbeiten! Aber dieses Einandergegenübersitzen +von zwei Menschen, die sich lieben, die jeden<a name="Page_235" id="Page_235"></a> +Ausdruck im Gesicht des anderen sehen müssen und unwillkürlich +zu deuten versuchen, diese Sorge, einander +ja nicht zu stören, schufen eine <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Atmospäre'">Atmosphäre</ins> von Nervosität, +die um so unerträglicher wurde, als keiner den +Mut hatte, sie dem anderen zu gestehen. Es kam vor, +daß ich aufatmete, wenn mein Mann das Zimmer verließ; +und oft ging ich hinaus, weil ich fühlte, daß er +allein sein mußte.</p> + +<p>Tausenderlei Dinge zerrissen die Tage und die Stimmung: +Da gab's bei den Kindern Vokabeln zu überhören +und Anzüge zu flicken, da waren die Haushaltssorgen, +die mich um so stärker in Anspruch nahmen, je +weniger ich von ihnen verstand, und die ständige angstvolle +Frage: komme ich aus? Auf meinen Mann, der +für mich die Güte und Rücksicht selber war, wirkte sie +wie ein rotes Tuch. Ohne irgendeine Erklärung und +Entschuldigung gelten zu lassen, hielt er mich stets für +schuldig, wenn ich sie nicht bejahend beantworten konnte. +»Du verschwendest, — du läßt dich vom Mädchen betrügen —,« +rief er, während die Zornadern ihm auf +der Stirne schwollen. Und doch lebten wir nach meinen +anerzogenen Begriffen über die Maßen einfach. Mich +kränkte sein Zorn, den ich als Ungerechtigkeit empfand. +Ich konnte keine gute Hausfrau sein, wenn ich zu gleicher +Zeit meinen schriftstellerischen Beruf ausüben wollte. +Das menschliche Gehirn ist auf das Nebeneinander von +zwei Gedankenketten nicht eingerichtet. Und der Haushalt +erfordert umsomehr die Gedankenwelt der Frau, je +weniger ihr seine Pflichten zur mechanischen Gewohnheit +geworden sind. Mir blieb kein Ausweg: ich verschwieg +meine Sorgen, ich vermied es soviel als möglich, meinen<a name="Page_236" id="Page_236"></a> +Mann um Geld zu bitten, was ich immer als eine Erniedrigung +meiner selbst empfand. Wanda Orbin hatte +recht, tausendmal recht: die ökonomische Selbständigkeit +des Weibes ist die Voraussetzung einer glücklichen Verbindung +der Geschlechter, sie hilft so manche andere +Klippen der Ehe umschiffen. Ich schrieb, neben der +Vorarbeit für mein Buch, wieder Artikel für Zeitschriften +und Tagesblätter, um Geld zu verdienen.</p> + +<p>Nur wenn ich bei meinem Kinde war, wenn seine +Pflege meine Gedanken in Anspruch nahm, dann empfand +ich das nicht wie eine Störung oder wie ein Ablenken +von meiner eigentlichen Tätigkeit. Fühlte ich sein +warmes rundes Körperchen in meinen Armen, so strömte +wunschloser Friede mir tief ins Herz. Lachten mich +seine blauen Augen an, so vergaß ich alles darüber, +was es an Glück in der Welt noch geben mochte, und +weinte er, und ich wußte nicht warum, so gab es kein +Menschenleid, das mir hätte größer erscheinen können; +klammerten sich seine rosigen, kleinen Finger fest um +die meinen, so fühlte ich, daß er für immer von mir +Besitz ergriffen hatte; daß mein Herz dazu da war, um +ihn zu lieben, mein Geist, um ihn zu erziehen, meine +Kraft, um ihm den Weg ins Leben bahnen zu helfen. +Kam ich von ihm zu meinem Mann zurück, so war +jeder Schatten von Kummer verschwunden, ich liebte +ihn doppelt, weil er meines Kindes Vater war. Und +sah ich meine Stiefsöhne dann, so tat mir das Herz +weh: ich konnte sie nicht lieben wie mein eigenes Kind; +sie mußten das fühlen, wenn ich mich auch noch so sehr +bemühte, meine Zärtlichkeit für den Kleinen nur zu +äußern, sobald sie fern waren.</p> + +<p><a name="Page_237" id="Page_237"></a>Zuweilen, wenn das Geld wieder einmal recht knapp +war, dachte ich nicht ohne Bitterkeit an die reiche Mutter +dieser Kinder. Aber meinem Mann sagte ich nichts davon. +Die Erziehung, die ich zu Hause genossen hatte, +und deren Folgen Georgs sanfte Hand von mir abzustreifen +vermochte, bekam wieder Macht über mich: ich +lernte schweigen, um nicht zu verletzen, und um Auseinandersetzungen +aus dem Wege zu gehen.</p> + +<p>Meine Mutter kam um jene Zeit häufig zu mir. +Seitdem wir unser Kind hatten taufen lassen, war sie +viel milder und herzlicher geworden, obwohl ich sie über +unsere Beweggründe nicht im Irrtum gelassen hatte. +»Wir haben kein Recht, dies Kind von vornherein in +eine Ausnahmestellung zu zwingen,« hatte ich ihr gesagt, +als sie in unserer Handlungsweise einen Ausdruck +unseres eigenen Gesinnungswechsels zu sehen glaubte; +»ebensowenig wie wir es später, wenn es selbständig +denken kann, hindern wollen, zu tun oder zu lassen, +was seiner eigenen Überzeugung entspricht.«</p> + +<p>Aber nach anderen Richtungen hütete ich mich um +so mehr, sie ins Vertrauen zu ziehen. Sie hatte +mir häufig gesagt: »Wenn du einmal verheiratet bist, +wirst du einsehen, daß das Leben der Frau aus lauter +Opfern und im Kampf mit lauter Kleinkram besteht!« +Sie durfte nicht glauben, daß ihre Prophezeiung in +Erfüllung gegangen wäre. Und sie mußte in der Meinung +erhalten werden, die sie schließlich allein über +meine Heirat getröstet hatte: daß meine äußere Lage +die behaglichste sei. An der Art, wie diese ruhige, anscheinend +kühle Frau ihre Freude darüber äußerte, sah +ich erst, wie sehr sie selbst unter den dauernden peku<a name="Page_238" id="Page_238"></a>niären +Sorgen gelitten hatte. Wie oft hatte ich sie +um ihrer Härte willen im stillen angeklagt. Jetzt bat +ich ihr manches ab. Ich erinnerte mich, wie umsichtig +sie den großen Haushalt geführt hatte, wie sie stunden- und +tagelang Wäsche flickte und uns unsere Kleider +nähen half, — wie schwer mochte es auch ihr geworden +sein, wie viel mochte sie entbehrt haben!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Weihnachten 1897 war es. Zum erstenmal +putzte ich für mein Kind den Weihnachtsbaum. +Erstaunt riß es die Augen auf +und streckte die Händchen verlangend aus, als es die +vielen bunten Lichter sah! Unter der Tanne lag allerlei +Spielzeug für ihn, darunter ein großer bunter Hampelmann, +den mein Vater geschickt hatte. Mit dem +Söhnchen auf dem Arm trat ich zu meinem Weihnachtstisch, +auf dem ein geheimnisvoll versiegelter Brief lag. Ich +öffnete ihn, während mein Junge fröhlich lallend den +Hampelmann hin- und herschwenkte: »Ein Häuschen im +Grunewald« stand darin. Vor Überraschung war ich +sprachlos. Heinrich umarmte mich und das Kind, glückselig +über die Freude, die er bereitet hatte. In aller +Stille hatte er mit Hall verhandelt und ihn rasch bereit +gefunden, unseren Wunsch durch die Beschaffung von +Baugeld und Hypotheken erfüllen zu helfen. »Wie wird +unser Kind gedeihen, wie ruhig und friedlich wird meine +Alix dort arbeiten können!« sagte er.</p> + +<p>»Werden wir auch die Zinsen aufbringen können?« +meinte ich schließlich, nachdem der erste Sturm der +Freude sich gelegt hatte. Ein Schatten flog über seine<a name="Page_239" id="Page_239"></a> +Züge: »Mußt du dich immer gleich wieder fürchten, — auch +angesichts solch eines Glücksfalles?!« Beschämt +senkte ich den Kopf. Die Lichter waren längst erloschen, +und die Kinder schliefen, unser Liebling mit dem Hampelmann, +fest an sich gedrückt; der süße Duft der Wachskerzen, +vereint mit dem starken der Tanne, erfüllte das +Zimmer; wir großen Kinder träumten darin unseren +Weihnachtstraum: von dem stillen Häuschen im Wald, +fern dem Lärm der Großstadt, von einer Heimat, die +wir beide nie gekannt hatten, von unserem Kind, das +wachsen sollte wie die Bäume: die Wurzeln im Boden +der Mutter Erde, das Haupt erhoben, der Sonne zu +und dem Sturme trotzend.</p> + +<p>Am nächsten Morgen, einem echten Weihnachtsfeiertag, +über den der Himmel all seinen Glanz und seine +Farben goß, zog ich meinem blonden Buben ein weißes +Mäntelchen an, packte ihn sorgfältig in die weichen +Kissen seines weißen Wagens und schickte ihn zu den +Eltern. Meine Gedanken begleiteten ihn: wie ein helles +Licht sah ich ihn auftauchen in dem dunklen Flur, sah, +wie der Großvater ihn feuchten Auges in die Arme +nahm, fühlte, wie der letzte eiserne Reifen um des alten +Mannes Herz zersprang.</p> + +<p>»Das war ein lieber Gedanke von Dir,« schrieb die +Mutter. »Ich habe Deinen Vater seit Jahren nicht +so froh gesehen. Er strahlt noch jetzt und behauptet, +es gäbe in der ganzen Welt kein zweites Kind wie +seinen Enkel. Mich hat die Nachricht von Heinrichs +Weihnachtsgeschenk noch besonders beglückt: so hat Gott +meine Gebete doch erhört und alle Strafe von Dir abgewendet!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_240" id="Page_240"></a></p> + +<p>Unseren wundergläubigen Vorfahren galten die +zwölf Nächte, die dem Weihnachtsabend folgen, +für heilig: in dieser Zeit wurde die Arbeit +auf das notwendigste beschränkt, nur in Feiertagsgewändern +begegneten die Menschen einander, und die +Träume, die geträumt wurden, gingen in Erfüllung. +Unter der Schwelle unseres Bewußtseins lebt und wirkt +auch heute noch dieser Glaube. In den Straßen und +in den Herzen ist es stiller als sonst. Der fieberhafte +Pulsschlag des öffentlichen Lebens stockt. Selbst der +heimatloseste Weltenbummler sucht sich einen Winkel +Familienleben, wo er unterkriechen kann. Und wem es +recht wohl und warm ums Herz wird, der wünscht zuweilen, +sich auf immer einspinnen zu können in diese Stille.</p> + +<p>Aber das junge Jahr wirft alle guten Gaben, die +die Greisenhand des alten zum Abschied spendete, aus +seinem Lebenspalast hinaus und ruft mit schmetternden +Fanfaren zu neuen Kämpfen, richtet Ziele auf mit +lockenden Preisen, so daß auch die süß Schlummernden +sich dem Land ihrer Träume entreißen und im grellen +Licht des Tages den alten Wettlauf wieder beginnen.</p> + +<p>So erging es auch uns. Sturmzeichen sahen die +Wetterkundigen am Himmel seit jenen ersten Gewitterwolken +kaiserlicher Reden im vergangenen Jahr. »Rücksichtslose +Niederwerfung jeden Umsturzes« hatte die eine +gefordert, als »Vaterlandslose« hatte die andere diejenigen +gebrandmarkt, die den Flottenforderungen ablehnend +gegenüberstanden. Inzwischen war die Flottenvorlage +dem Reichstag zugegangen, die ihren Schatten +monatelang vorausgeworfen hatte, und auf sieben Jahre +<a name="Page_241" id="Page_241"></a>hinaus Millionen und Abermillionen für neue Schiffsbauten +forderte. Doch die stürmische Entrüstung, zu +welcher der Philister sonst immer bereit ist, wenn seinem +Geldsack Gefahr droht, war ausgeblieben. Denn in +seiner psychologischer Kenntnis der Menschennatur, die +um so überraschender war, als die Regierungen ihre +Völker mit dergleichen nicht zu verwöhnen pflegen, waren +Vorfälle, die früher spurlos vorübergingen, — wie der +Streit eines deutschen Kaufmanns mit den Polizeibehörden +der Republik Haiti und die Ermordung zweier +deutscher Missionare in China, — zu so ernsten Konflikten +mit fremden Mächten aufgebauscht worden, daß +der <em class="antiqua">furor teutonicus</em> sich daran zu entzünden vermochte. +Einmal gereizt, griff der gute deutsche Michel +wutschnaubend nach dem Racheschwert, und in seinen +Träumeraugen brannte plötzlich wieder die alte Sehnsucht +nach fernen fremden Ländern und ihren Märchenschätzen. +Was uns, die wir nüchtern geblieben waren, +wie eine romantische Floskel klang, — die pathetische +Rede des Kaisers an seinen nach China ausziehenden +Bruder von dem Dreinfahren der gepanzerten Faust und +dessen Antwort von dem »Evangelium der geheiligten +Person Seiner Majestät«, das er im Auslande verkünden +wolle, — das entsprach im Augenblick dem fanatisierten +Empfinden des deutschen Bürgers. Er, dessen +Leben so lange sang- und klanglos dahingeflossen war, +der seit Bismarcks Abschied für seine Begeisterungsfähigkeit +keinen Gegenstand mehr gehabt hatte, berauschte +sich an der Idee der Weltmacht, und die ungeheure +Flottenforderung schreckte ihn nun nicht mehr.</p> + +<p>Aber die Regierung erreichte durch ihre Politik noch +<a name="Page_242" id="Page_242"></a>mehr als das: hatte das Interesse eines großen Teiles +der Bourgeoisie sich in einer für sie bedenklichen Weise +in den letzten Jahren der sozialen Frage zugewandt, so +war nunmehr ein Mittel gefunden, es von ihr abzulenken. +Mit schmerzlichem Erstaunen sah ich, wie +Männer, auf die ich noch vor wenigen Monden für +unsere Sache gerechnet hatte, den Nationalismus über +den Sozialismus siegen ließen, wie selbst ein Romberg +und seine Freunde die Weltmachtpolitik verteidigten. +Daß es zwischen ihr und der Arbeiterpolitik nichts anderes +geben könne als unversöhnlichen Gegensatz, schien +mir über allem Zweifel zu stehen. Für Rombergs Argumente, +der in der Erschließung neuer Absatzgebiete auch +einen Vorteil für die deutsche Arbeiterschaft sah, war +ich vollkommen unzugänglich.</p> + +<p>Die große Flutwelle patriotischer Begeisterung trieb +nicht nur alte Freunde von unserer Sache ab, sie trug +uns auch neue Feinde zu. Vielen, die sich um Politik +bisher kaum gekümmert hatten, galten wir jetzt als +Feinde des Vaterlandes, die mit allen Mitteln bekämpft +werden müßten. Der Weizen Herrn von Stumms, +unseres grimmigen alten Gegners, blühte; er drohte +mit der Revolution von oben, wenn die Flottenvorlage +im Reichstag zu Falle käme. Und tatsächlich schien ein +neues Ausnahmegesetz in Vorbereitung. Der »Vorwärts« +veröffentlichte ein Geheimschreiben des Staatssekretärs +des Innern an die verbündeten Regierungen, worin er +ein Gesetz zum Schutz der Arbeitswilligen in Aussicht +stellte, das, nach den Absichten unserer Gegner, die +Koalitionsfreiheit der Arbeiter notwendig beeinträchtigen, +wenn nicht vernichten würde.</p> + +<p><a name="Page_243" id="Page_243"></a>Was die Regierung gewollt hatte, wurde erreicht: +eine Mehrheit für die Flottenvorlage, eine scharfe Trennung +zwischen den bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie +für die Wahlen zum neuen Reichstag.</p> + +<p>Aber auch für uns schien die Lage günstig: auf der +einen Seite die Weltmachtpolitik mit ihrer möglichen +Folge kostspieliger Kriegsabenteuer und drückender Steuerlasten, +auf der anderen die Bedrohung des Koalitionsrechtes, — war +das nicht genug, um die proletarischen +Massen zu einem gewaltigen Protest aufzupeitschen?! +Warum war die Stimmung in unseren Versammlungen +so flau, warum fehlte auch mir, wenn ich sprach, jene +anfeuernde Kraft der Rede, die früher an ihren Wirkungen +zutage getreten war? Die starke, hoffnungsvolle +Freudigkeit war verloren gegangen, als ob sich zwischen +uns und das Ziel, dem wir so leidenschaftlich zustrebten, +ein dunkler Schleier gesenkt hätte. Durch die Einheit, +die unsere Kraft gewesen war, ging ein blutender Riß. +Das Instrument der Partei klang verstimmt, als wäre +eine Saite gerissen.</p> + +<p>Langsam und allmählich, für die meisten unmerklich, +hatte es sich vorbereitet: mit der Entwickelung der Sozialdemokratie +von der Sekte zur Partei hatte sich zuerst +die Taktik ihres Vorgehens leise verändert. Von der +Ablehnung jeder Beteiligung an einem Parlament des +kapitalistischen Staates als eines unmöglichen Paktierens +mit der Bourgeoisie bis jetzt, wo sogar von alten bewährten +Führern die Teilnahme an den Landtagswahlen +unter dem Dreiklassenwahlsystem empfohlen wurde, war +ein weiter Weg. Und er war gegangen worden. Was +einer der wenigen Staatsmänner der Partei, Georg +<a name="Page_244" id="Page_244"></a>von Vollmar, nach dem Fall des Sozialistengesetzes unter +dem empörten Widerspruch der radikalen Elemente in +der Partei erklärt hatte: daß in dem Maße, in welchem +wir einen unmittelbaren Einfluß auf den Gang der +öffentlichen Angelegenheiten gewinnen, wir unsere Kraft +auf die nächsten und dringenden Dinge konzentrieren +müßten und »dem guten Willen die offene Hand, dem +schlechten die Faust« zu zeigen sei, — das hatte sich +von Jahr zu Jahr als immer notwendiger erwiesen, +und vor der Logik der Tatsachen wich die radikale Phrase +bloßer Verneinung Schritt vor Schritt zurück.</p> + +<p>Jetzt aber begann sogar die alt-ehrwürdige Theorie +vor dem Ansturm der jungen Praxis in ihren Grundfesten +zu zittern. Im Lichte der fortschreitenden Zeit +erwiesen sich manche Fundamentalsätze, wie sie das Erfurter +Programm formuliert hatte, als überholt. Schon +die Beschäftigung mit der Agrarfrage hatte gezeigt, daß +die wirtschaftliche Entwickelung sich nicht überall mit +den von Marx aufgestellten Gesetzen in Einklang bringen +ließ, daß die Konzentrierung des Kapitals sich nicht so +rasch und nicht so schematisch vollzieht, wie er auf +Grund damaliger Erfahrungen angenommen hatte. Und +auch das vom kommunistischen Manifest mit apodiktischer +Sicherheit in Aussicht gestellte allgemeine Herabsinken +der Arbeiter in den Pauperismus war nicht eingetreten; +die Lebenslage des Proletariats hatte sich vielmehr im +Laufe des letzten halben Jahrhunderts gehoben. Und +nun trat einer der bewährtesten Vorkämpfer des Sozialismus, +einer ihrer Märtyrer, der noch im Exil in England +lebte — Eduard Bernstein —, auf und erörterte +in breiter Öffentlichkeit die neuen Probleme des Sozia<a name="Page_245" id="Page_245"></a>lismus. +Er rüttelte weder an seiner Voraussetzung +noch an seinem Ziel, aber er zeigte an der Hand der +Tatsachen, daß der Weg zwischen beiden länger ist und +anders geartet, als Marx und seine Schüler ihn dargestellt +hatten, daß wir ihn daher mehr berücksichtigen, +unsere Handlungen mehr auf seine Etappen, als auf +das schließliche Ende einstellen müßten.</p> + +<p>Auf uns, die wir durch die Erkenntnis des Elends in +der Welt zum Sozialismus geführt worden waren, die +wir von ihm in einem in seiner Wurzel religiösen +Glaubensüberschwang die Erlösung von allem Übel erwartet +hatten, wirkte die kühle Klarheit der Bernsteinschen +Beweisführungen niederschmetternd. Meinem Verstande +waren die Grundsätze des Sozialismus so ohne +weiteres einleuchtend gewesen, weil mein Gefühl mit +seinem Wollen von vornherein übereinstimmte. Sie +kritisch und wissenschaftlich zu prüfen, war mir, wie +Tausenden meiner Gesinnungsgenossen, nie eingefallen. +Jetzt war es ein Gebot der höchsten Tugend, — der +intellektuellen Redlichkeit, — es nachzuholen.</p> + +<p>Die Zeiten meiner religiösen Kinderkämpfe schienen +wiedergekehrt zu sein. Nur daß ich jetzt mit allen Fasern +meines Innern in dem Glauben wurzelte, dem ich +meinen ganzen Lebensbesitz geopfert hatte, aus dem ich +alle meine Kräfte sog. Was stand noch fest, dachte ich +verzweifelt, wenn so vieles schwankte? Ernüchtert, — bar +jener stürmischen Begeisterung, die mich ausziehen +ließ, der Menschheit eine neue Welt zu erkämpfen, sah +ich den langen, öden Weg vor mir mit all seinen +kleinen Hindernissen, die im Schweiße unseres Angesichts +überwunden werden sollten, und mit dem Ziel, das im<a name="Page_246" id="Page_246"></a> +Nebel der Ferne fast verschwand. Die Naivetät jungen +Glaubens, die noch keine Probleme kennt, ist für die +Masse der Menschen die Voraussetzung ihres Enthusiasmus +und damit ihrer Stärke. Ich hatte sie verloren +wie viele meiner Genossen; das lähmte uns. Oft kamen +Augenblicke, wo ich die anderen beneidete, die, sei es +aus unbewußter Furcht vor einem inneren Zusammenbruch, +sei es aus einer gewissen Beschränktheit ihres +Denkens, den alten Glauben gegenüber der neuen Erkenntnis +aufrecht erhielten und leidenschaftlich verteidigten. +Mein Gefühl war auf ihrer Seite, und nur zu +häufig riß es mich wieder mit sich fort. Vielleicht wäre +es sogar auf lange Zeit hinaus das herrschende geblieben, +wenn nicht mein Mann immer wieder meinen +Verstand gegen mein Herz zu Hilfe gerufen hätte. Und +die Tatsachen und die Zahlen waren unerbittlich: Die +Konzentration des Kapitals und die Eroberung der politischen +Macht durch das Proletariat waren die beiden +anerkannten Bedingungen der Verwirklichung des Sozialismus. +Aber der Schneckengang der Entwickelung zum +Großbetrieb, der zuweilen sogar ein Krebsgang zu sein +schien, und die Tatsache, daß von hundert Wahlberechtigten +nur achtzehn sozialdemokratische Stimmzettel +abgaben und mehr als die Hälfte der erwachsenen +männlichen Arbeiterschaft der Sozialdemokratie +noch gleichgültig, wenn nicht feindlich gegenüberstand, +bewiesen, wie weit wir noch vom Ziel +entfernt waren. Eine Selbsttäuschung hierüber wäre +ein Verbrechen an unserer Sache gewesen, — das sah +ich ein. Es galt, den Kinderglauben ruhig und mutig +aufzugeben.</p> + +<p><a name="Page_247" id="Page_247"></a>Mit jener rücksichtslosen Leidenschaft, die stets das +Produkt der Angst um die Gefährdung der Grundlagen +des Lebens und Wirkens ist, bekämpfte die Masse der +Arbeiterschaft, an ihrer Spitze all die Führer, deren +heißblütiges Temperament über alle Zweifel siegte, und +all die klugen Demagogen, die auf der Seite der Mehrheit +blieben, weil ihre Macht von dieser Mehrheit abhing, +die neuen Ideen und ihre Vertreter. Und dieser +ganze Kampf fiel in die Vorbereitung der Reichstagswahlen; +er lähmte die Agitationskraft der einen, die +wie ich noch mit sich selbst zerfallen waren, er lenkte +die Interessen der anderen ab, die die Partei vor dem +unheilvollen Einfluß der Ketzer glaubten schützen zu +müssen.</p> + +<p>Wenn ich in Versammlungen sprach, fühlte ich: meine +Worte zündeten nicht. Einmal traf ich bei solcher Gelegenheit +Reinhard wieder. Er schien mir sehr gealtert. +Wir sprachen über unsere Aussichten. »Wir hätten +zwanzig bis dreißig Mandate erobern können,« sagte +er, »wäre das ganze Getratsch von Endziel und Bewegung +uns nicht in die Parade gefahren.«</p> + +<p>»Hat Bernstein etwa nicht recht?!« fragte ich.</p> + +<p>»Recht! — Recht!« antwortete er heftig. »Natürlich +hat er recht in dem, was er sagt, aber daß er es +sagte, in diesem Augenblick sagte, war ein Fehler, +ein schwerer Fehler. Wir alten Gewerkschafter, die +wir mitten im Leben stehen, sind schon lange seiner +Meinung, aber wir machen die Genossen nicht kopfscheu +mit theoretischem Kram, wir handeln einfach, wie +die Verhältnisse es fordern.«</p> + +<p>»So hätte er schweigen sollen?«</p> +<p><a name="Page_248" id="Page_248"></a></p> +<p>»Keineswegs! Er hätte nach den Wahlen fünf Jahre +zum Reden Zeit genug gehabt. Aber daß er uns jetzt +diesen Knüppel zwischen die Beine schmeißt —«</p> + +<p>Ich dachte an Reinhards Worte, als mir ein andermal +in der Diskussion ein rabiater Genosse vorwarf, +auch ich hätte »das Endziel in die Tasche gesteckt«, und +verteidigte mich nicht. Solange wir im Kampf gegen +den gemeinsamen Gegner standen, mußte die Streitaxt +begraben werden. Aber die Radikalen dachten anders. +Es kam vor, daß Reichstagskandidaten von den eigenen +Genossen wie Parteiverräter behandelt wurden. Wanda +Orbin vor allem, die immer wieder erklärte, daß die +Reinheit der Partei ihr höher stünde als ihre numerische +Stärke, wurde zur fanatischen Gegnerin aller +derer, die sich nicht unverbrüchlich auf die alten Dogmen +einschwuren. Und mehr als je hatte sie die Frauen +auf ihrer Seite, — die Frauen, die nicht auf dem +Wege wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern einzig und +allein durch ihr Gefühl geleitet zu Sozialistinnen geworden +waren. Mit jener naiven Kraft der ersten +Christen, die ihr ganzes Tun und Denken auf die +unmittelbare Wiederkehr des Gekreuzigten eingerichtet +hatten, hofften sie auf die baldige Erfüllung ihres Zukunftstraums.</p> + +<p>Als das Resultat der Wahlen bekannt wurde, — es +war in bezug auf die Zunahme der Mandate, +aber noch mehr im Hinblick auf das Stimmenverhältnis +weit hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben, — stieg +die Erbitterung gegen die »Bernsteinianer«, +denen man die Schuld an diesem Ergebnis +zuschob, noch mehr.</p> + +<p><a name="Page_249" id="Page_249"></a>Ein Symptom für die allgemeine Stimmung war +der Beschluß, der nach einer stürmischen Versammlung +im Feenpalast von den Berlinern gefaßt wurde. Seinem +Wortlaut nach richtete er sich zwar nur gegen eine Beteiligung +an den Landtagswahlen in Berlin selbst, sein +Tenor aber war eine Verurteilung der Beteiligung überhaupt. +Sie erschien den Radikalen als ein bedenkliches +Hinneigen zu revisionistischen Ideen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>In dem Kreise der Genossinnen äußerte sich das +gegenseitige Mißtrauen weniger im Streit um +Meinungen, als in persönlichen Reibereien. War +ich schon während meiner Tätigkeit in der bürgerlichen +Frauenbewegung zu der Überzeugung gelangt, daß diese +spezifisch weibliche Art nur durch eine Zusammenarbeit +mit dem Mann sich beseitigen lassen würde, so war ich +jetzt entschlossen, den Einfluß, den ich noch besaß, nach +dieser Richtung geltend zu machen.</p> + +<p>»Wir haben die Gleichberechtigung der Geschlechter +auf das Programm geschrieben, wir müssen sie also zu +allererst in der eigenen Partei durchführen,« erklärte ich, +und selbst die Feindseligsten waren in diesem Gedanken +mit mir einig. »Bei den Genossen aber werden Sie +damit schön abblitzen!« meinte Martha Bartels. »Bei +denen heißt's noch immer, wenn unsereins den Mund +auftut: Kusch dich! zu Hause — wie in der Bewegung,« +sagte eine andere langjährige Parteigenossin. +»Sie wissen, wie wir voriges Jahr behandelt worden +sind, —« fügte die dicke Frau Wengs hinzu, »als wir +auch nur eine Einzigste von uns in den allgemeinen<a name="Page_250" id="Page_250"></a> +Versammlungen als Delegiertin zum Parteitag wollten +aufgestellt haben. ›Wascht man eure dreckige Wäsche +alleene —,‹ sagten uns die Vertrauensleute.« »So +müssen wir eben immer wiederkommen,« entgegnete ich, +»Na — für die schönen Augen von Genossin Brandt +tun sie's am Ende,« höhnte Martha Bartels. Schließlich +beschloß man, noch einen Versuch zu machen, und +es gelang auf einer der Parteiversammlungen, zunächst +meine Delegation zum Parteitag der Provinz Brandenburg +durchzusetzen. Die Freude der Genossinnen über +diesen Erfolg war die der Kinder, wenn sie ein neues +Spiel beginnen: auf eine Zeitlang war jeder Streit +vergessen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am Vorabend der Provinzialkonferenz veröffentlichte +die Presse eine neue Rede des Kaisers, +die er im Kurhause von Öynhausen gehalten +hatte: »Das Gesetz naht sich seiner Vollendung und +wird den Volksvertretern noch in diesem Jahre zugehen, +worin jeder, der einen deutschen Arbeiter, der willig +ist, seine Arbeit zu vollführen, daran zu verhindern +sucht, oder gar zu einem Streik anreizt, mit Zuchthaus +bestraft werden soll ...«</p> + +<p>Das bedeutete nichts weniger und nichts mehr, als +eine Vernichtung des Koalitionsrechts, das war eine +Kriegserklärung an das Proletariat, für die es nur eine +Antwort gab: einmütiges Zusammenhalten. In der +Sitzung am nächsten Morgen brachte ich eine Protestresolution +ein, die zur einstimmigen Annahme gelangte, +und unter dem Eindruck der kaiserlichen Drohung ver<a name="Page_251" id="Page_251"></a>lief +die Tagung ohne einen Mißklang. Martha Bartels +schüttelte mir herzlich die Hand, wie seit Monaten +nicht, die gute Frau Wengs lachte über das ganze +runde Gesicht, klopfte mir wohlwollend auf die Schulter +und versicherte: »Nun haben Sie uns aber alle miteinander +auf Ihrer Seite.«</p> + +<p>Zwei Tage später erfuhr ich, daß einer der berliner +Wahlkreise bereit sei, mich zum nächsten Parteitag zu +delegieren.</p> + +<p>»Du bist leicht zu befriedigen!« sagte mein Mann +mit einem leise spöttischen Ton in der Stimme, als er +meine Freude sah.</p> + +<p>»Es ist doch ein Anfang,« antwortete ich. »Oder +meinst du, ich wäre in die Partei gekommen, um ewig +Rekrut zu bleiben?«</p> + +<p>»Gewiß nicht,« lachte er, »ich kenne doch meinen +ehrgeizigen Schatz!«</p> + +<p>Mir stieg das Blut in die Schläfen. War es Ehrgeiz, +der mich beherrschte, oder nicht vielmehr der berechtigte +Wunsch nach einem Wirkungskreis für meine +Leistungskraft? Zu tief empfand ich das Opfer, das +ich brachte, wenn ich mein Haus und mein Kind verließ, +als daß ich es dauernd für überflüssige Nichtigkeiten +hätte bringen können. Jetzt war ich im Aufstieg, +und weil ich es war, hatte ich die Sympathie +der anderen für mich; es galt nunmehr, beides +festzuhalten.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_252" id="Page_252"></a></p> + +<p>In der Versammlung, die über die Parteitagsdelegationen +endgültig zu entscheiden hatte, herrschte +von Anfang an Gewitterschwüle. Die schroffsten +Gegner saßen einander gegenüber, und bei jedem Punkt der +Tagesordnung kam es zu hitzigen Wortgefechten. Eines +schien von vornherein klar: die Masse der radikalen +Berliner erwartete vom nächsten Parteitag eine Abrechnung +mit den revisionistischen Elementen in der Partei, +ja sie scheuten sich nicht, selbst gegen Bebel Stellung +zu nehmen, weil er in der Landtagswahlfrage nicht auf +ihrer Seite stand. Man forderte schließlich, daß sämtliche +Delegierte sich auf die Feenpalastresolution verpflichten +sollten. Während ringsumher alles durcheinander +schrie und tobte, wurden die zur Delegation Vorgeschlagenen +aufgerufen.</p> + +<p>»Genossin Brandt, stehen Sie auf dem Boden unseres +Beschlusses?« Überrascht fuhr ich auf, — ich +hatte nicht erwartet, als Erste gefragt zu werden, — ich +versuchte mir im Moment die Situation zu vergegenwärtigen. +»So antworten Sie doch!« rief ungeduldig +die Stimme des Vorsitzenden.</p> + +<p>Die Genossinnen umringten mich: »Sie werden uns +doch nicht im Stiche lassen,« flüsterte Frau Wiemer von +der einen Seite, — »wir haben ja nur für Berlin die +Beteiligung abgelehnt,« zischte mir Martha Bartels von +der anderen ins Ohr. Und ein leises »Ja« kam zögernd +von meinen Lippen.</p> + +<p>Gleich darauf hörte ich Reinhards Namen nennen, +und im selben Augenblick seine Antwort: ein scharfes +»Nein«. Ich wurde gewählt — er nicht.</p> + +<p><a name="Page_253" id="Page_253"></a>Glückwünschend umringten mich die Genossinnen. Aber +jedes Wort, das sie sagten, ließ mich dunkler erröten. +Am Ausgang traf ich Reinhard. »Das hätte ich von +Ihnen nicht erwartet,« sagte er. »Sie kannten doch +den tieferen Sinn der Resolution.«</p> + +<p>Ich schlich nach Hause, müde, schuldbewußt. Noch +in der Nacht schrieb ich eine Erklärung für den »Vorwärts«, +und legte mein Mandat in die Hände meiner +Wähler zurück ...</p> + +<p>Die Frauen hätten mich am liebsten gesteinigt, die +Männer lachten mich aus. Ich schwieg. Womit hätte +ich mich verteidigen können?</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_254" id="Page_254"></a></p> +<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2> + + +<p>»Ottoo — addaa,« rief das helle Stimmchen +meines Sohnes. Er saß auf meinen Knieen +im Wagen und winkte unermüdlich nach rechts +und links, als ob er in seiner Freude alles grüßen +müßte, was er sah. Wir fuhren hinaus in den Grunewald. +Es war ein strahlender Sommertag; Scharen +von Radlern flogen an uns vorüber; selbst die Dampfstraßenbahn +fauchte heut wie ein vergnügter Alter, weil +sie so viel Jugend in hellen Kleidern ins Grüne fuhr.</p> + +<p>Vor einem umzäunten Waldwinkel hielten wir. Ich +setzte den Kleinen ins Moos, und verwundert tippte er +mit den runden rosigen Fingern jeden Grashalm an +und kroch den schillernden Käfern nach und sah mit +einem jauchzenden »Da — da!« den Vögeln zu, die +von Zweig zu Zweig hüpften. Die alten dunkeln Kiefern +wiegten ihre Häupter im Winde, die Sonne malte runde +goldene Flecke auf ihre braunen Stämme, ein paar kleine +blaue Blümchen reckten neugierig die Köpfe, und ein +gelber Schmetterling tanzte über ihnen, — es war eine +große Sommer-Festvorstellung für mein Kind.</p> + +<p>Wir erwachsenen Leute gingen indessen ernsthaft umher +und betrachteten das grüne Erdenfleckchen, auf dem unser +Haus stehen sollte. Der Baumeister war mit uns ge<a name="Page_255" id="Page_255"></a>kommen. +Er war noch jung und ein echter Künstler; +von allen, bei denen wir gewesen waren, hatte er uns +am besten verstanden. Ich hielt das Bild des Häuschens +in der Hand, das seinen Namen trug — Alfred +Messel —, und sah es schon lebendig vor mir, mit seinen +blumenbesetzten Fensterbrettern und seinem lachenden +roten Dach. »Ein rotes Dach?« sagte der Baumeister. +»Nein! Unter die schwarzen Kiefern paßt nur ein graues.« +Schwarz und grau? Wie trübe klang das! Ich sah +ihn erschrocken an, — mir war auf einmal die Freude +vergangen.</p> + +<p>»Schwester Alix!« rief es über den Zaun. Ilse stand +an der Türe, die Hand auf der blitzenden Lenkstange ihres +Rades, und neben ihr ein großer, überschlanker Mann. +Errötend stellte sie ihn vor: »Professor Erdmann!« Sie +hatte mir schon von ihm erzählt, dem aufgehenden Stern +am Himmel des Kunstgewerbes, der in den Salons des +Tiergartenviertels eine Rolle zu spielen begann, und +Messel begrüßte ihn wie einen lieben Kollegen. Nach +ein paar raschen Worten drängte Ilse zum Aufbruch: +»Wir dürfen die anderen nicht verlieren,« sagte sie. +»Ich find' es viel hübscher zu zweien,« meinte ihr Begleiter +und sah sie mit einem Lächeln an, das auf ein +tieferes Einverständnis der beiden schließen ließ. Sie +fuhren davon. Das helle Köpfchen meiner Schwester +hob sich empor zu ihm, seine lange Gestalt neigte sich +zu ihr, — so flogen sie nebeneinander die sonnige Straße +hinauf, bis der dunkle Wald sie verschlang.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_256" id="Page_256"></a></p> + +<p>»Ottoo — addaa,« klang es wieder aus dem +Wagen heraus, als wir heimwärts fuhren. +Aber die Händchen grüßten nicht mehr nach +rechts und links; krampfhaft umspannten sie einen +Büschel grünes Gras, und unverwandt hafteten die +Augen meines Kindes auf dem bunten Käfer, der sich +gemächlich darin niedergelassen hatte. Auf einmal +breitete er seine schillernden Flügel aus und flog +mit surrendem Geräusch davon; entsetzt starrte mein +Kind ihm nach, das Gras entfiel den Fäustchen — ein +sehnsüchtig-schluchzendes »adda — adda« kam von dem +zuckenden Mündchen, und verzweifelt weinte es vor sich +hin. Mein Mann lächelte über den wilden Schmerz +um den entflogenen Käfer. Tut er dem kleinen Seelchen +nicht ebenso weh, wie wenn die großen Leute um +den Verlust ihrer Eroberungen trauern? dachte ich und +zog meinen Liebling mitleidig in die Arme.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am nächsten Morgen in aller Frühe kam meine +Schwester. Sie wollte mich allein sprechen. +Ihr heißes Gesichtchen, ihr rascher Atem, drei +mühsam hervorgestoßene Worte: »ich liebe ihn,« sagten +mir genug. »Und die Eltern?« fragte ich. »Sie wissen +von nichts,« stotterte sie und sah ganz verängstigt drein.</p> + +<p>Ich dachte an meinen Vater: mit welch verächtlichem +Naserümpfen hatte er früher über Künstlerehen gesprochen. +Sollten für seine Töchter keine seiner heißen +Wünsche in Erfüllung gehen?</p> +<p><a name="Page_257" id="Page_257"></a></p> +<p>»Du wirst dich auf harte Kämpfe gefaßt machen +müssen, —« sagte ich, und mein Blick haftete auf ihren +kleinen, kraftlosen Händen. »Ich laufe davon, wenn +Papa es nicht zugibt,« rief sie.</p> + +<p>Noch am selben Tage besuchte ich Erdmann. Mein +Schwesterchen war einmal mein Kind gewesen, sie war +es mir von dem Augenblick an wieder, wo sie schutzbedürftig +vor mir stand.</p> + +<p>Als der Mann, den sie liebte, mir in seinem Atelier +entgegentrat, war mein erstes Gefühl das des Schreckens: +wie bleich war er, wie groß und schmal, wie seltsam +durchsichtig waren seine schlanken, langfingrigen Hände. +Aber die Art, wie er mit mir sprach, ließ mich über +den Menschen seine Erscheinung vergessen.</p> + +<p>»Ich liebe Ihre Schwester und werde sie heiraten,« +antwortete er auf meine Frage. »Freilich: Ilse stellte +mir eine Bedingung, —« fügte er lächelnd hinzu, »du +mußt Alix gefallen, sagte sie.«</p> + +<p>»Das dürfte weniger schwer sein, als daß Sie +ihren Eltern, vor allem dem Vater, gefallen müssen,« +meinte ich.</p> + +<p>»Gegen den härtesten Schädel hat sich noch immer +der meine als der härtere erwiesen,« entgegnete er.</p> + +<p>»Aber Ilse ist weich; ob sie schweren Kämpfen gewachsen +sein würde?!«</p> + +<p>»Gerade weil sie so zart ist, liebe ich sie, und +nehme alle Kämpfe auf mich, — nur ihrer Treue +muß ich sicher sein.« Dabei funkelten seine Augen. +Ein starkes Temperament schien sich hinter den leichten +Formen zu verstecken; würde die kleine Ilse es ertragen +können?</p> +<p><a name="Page_258" id="Page_258"></a></p> +<p>»Sie ist noch sehr jung,« warf ich noch einmal +ein. »Um so besser,« — ein warmer Glanz echter Freude +verschönte seine Züge, — »wir Künstler brauchen leere +Leinwand und unbehauenen Stein.«</p> + +<p>Vor dem Abschied versprach er mir, sich meiner Mutter +zu erklären, damit sie imstande sei, den Vater vorzubereiten. +Ich ging nachdenklich heim. Ilse war ein leicht +zu leitendes Kind gewesen, — fast zu leicht, denn mit +dem Zuckerbrot der Liebe ließ sie sich willenlos hin- und +herführen; aber hörte sie auch nur eine Peitsche knallen, +so erwachte ein unbändiger Trotz in ihr, und in ihren +Augen glühte der Haß gegen den, der sie meistern wollte. +Würde die Liebe dieses Mannes, der nur aus von Energie +gespannten Nerven und Sehnen zu bestehen schien, die +richtige Grenze zu finden wissen?</p> + +<p>Meine Mutter war zuerst außer sich, als Erdmann +sich ihr eröffnet hatte. Sie kam zu mir und kämpfte +mit den Tränen: »Nun bin ich es wieder, die Eurem +Vater standhalten muß! Und ich habe es doch so satt!« +»Dafür wirst du nachher um so mehr Ruhe haben,« +suchte ich sie zu beruhigen. Ihre schmalen Lippen +kräuselten sich, sie hatte wohl ein bitteres Wort auf der +Zunge, aber sie sprach es nicht aus.</p> + +<p>Erdmann verkehrte von nun an bei den Eltern. +»Denk' nur, er gefällt Papa!« erzählte mir Ilse ganz +glücklich, und die Mutter lebte wieder auf. Daß der +Bewerber ihrer Tochter in guten Verhältnissen war, +beruhigte sie vor allem. Und auch ich freute mich dessen; +meine Schwester war ein verwöhntes Prinzeßchen; +wie oft hatte nicht die Mutter vor ihr gekniet, um ihr +die Stiefel zuzuschnüren, damit ihr nur ja der Rücken +<a name="Page_259" id="Page_259"></a>nicht schmerzte! Zu keinerlei Arbeit war sie jemals +genötigt worden, — ich selbst hatte ihr nur zu häufig +die Schularbeiten gemacht, damit das Köpfchen +unter den schweren goldenen Flechten nicht gar zu müde +wurde!</p> + +<p>Eines Morgens kam die Nachricht: »Papa hat eingewilligt!« +und daneben von der Mutter Hand: »Hans +war ganz ruhig. Nur als Erdmann fort war, hat er +sich stundenlang in sein Zimmer eingeschlossen.« Er +mußte doppelt gelitten haben, da er sich durch keinen +Ausbruch seiner Leidenschaft mehr zu erleichtern vermochte. +Ich konnte mich noch nicht freuen, weil ich +nur seiner gedachte. Ob ich ihm schreiben dürfte, — ob +ein verständnisvolles Wort von mir ihm zu helfen +vermöchte?</p> + +<p>Im Zoologischen Garten erwartete er täglich mein +Kind. Er hatte immer die Taschen voll für den Kleinen; +war das Wetter schlecht, so ließ er ihn zu sich kommen, +setzte sich zu ihm auf den Teppich und baute dem Enkel +Bleisoldaten in Schlachtordnung auf. Und stets ließ +er mich grüßen, sagte das Mädchen. Er würde einen +Brief von mir nicht zurückweisen! An einem blauen +Bändchen knüpfte ich ihn meinem Jungen um den Hals, +als er das nächste Mal zu »Apapa« fuhr. Auf dieselbe +Weise brachte er die Antwort mit zurück:</p> + +<div class="blockquot"><p>»... Hast es richtig getroffen, mein Kind: ein +Auge weint, und das andere lacht nicht. Ich muß +mich selbst überwinden. Wenn man das Fahrwasser +kennt, dann hat die Hoffnung ihr Recht; aber das +unbekannte Fahrwasser, in das man sein Letztes +lassen muß, das gibt an keiner Stelle Ruhe. Daß<a name="Page_260" id="Page_260"></a> +Du mich verstanden hast, erfreut mich und macht +mich dankbar.</p></div> + +<p> +<span style="margin-left: 26em;">Dein alter Vater.«</span><br /> +</p> + +<p>Meine Schwester strahlte vor Glück. Mit jener +geistigen Beweglichkeit, die ihr von jeher eigen gewesen +war, ging sie vollkommen auf im Künstlertum ihres +Verlobten. Sie schien wirklich die leere Leinwand, der +unbehauene Stein, aus dem erst unter seinen Händen +ein lebendiges Werk werden sollte. Selbst ihre Kleidung +richtete sie nach seinem Geschmack; sie war eine +der ersten, die jene malerischen Gewänder trug, wie sie +aus den Köpfen der jungen Vorkämpfer des aufblühenden +Kunstgewerbes hervorgingen und von den Frauenrechtlerinnen +aus hygienischen, von den Malern aus +künstlerischen Gründen geschaffen wurden. Jedes Stück +ihrer künftigen Einrichtung wurde nach den Zeichnungen +Erdmanns angefertigt. »Oskars Stil entspricht so vollkommen +meinem ästhetischen Empfinden,« sagte sie, und +ihr Blick flog ein wenig hochmütig über unsere Möbel +hinweg, »daß ich in einer anderen Umgebung nicht +leben könnte.« Sie hatten nahe dem Kurfürstendamm +eine Wohnung gemietet, die nach Erdmanns Angaben +umgestaltet wurde. Kam das junge Paar mit der +Mutter zu uns, so drehte sich das Gespräch um die Zukunftspläne +mit all ihren reizvollen Details. Meine +eigenen, die mich so glücklich gemacht, so ganz gefangen +hatten, traten dabei zurück. »Du willst uns wohl mit +eurem Haus überraschen, daß du so wenig davon erzählst,« +meinte die Mutter einmal und ich nickte dazu.</p> + +<p>Die Gründe, warum ich schwieg, waren freilich anderer +Art. Das Haus, das inzwischen immer stattlicher +<a name="Page_261" id="Page_261"></a>aus der Erde herauswuchs, war zur Quelle neuer +drückender Sorgen geworden. Wir hatten in unserer +naiven Unkenntnis aller realen Forderungen des Lebens +vorher nicht berechnet, daß doch auch während des Baues +Zinsen zu zahlen waren, die unser Budget auf das +Schwerste belasten mußten. Ich wußte oft nicht ein +noch aus; dabei sah ich, wie mein Mann unter den Verhältnissen +litt, und zwar um so mehr, je mehr er empfand, +daß ich von ihnen betroffen wurde. Machte ich einmal +irgend eine von der Angst diktierte Bemerkung, so fuhr +er sich mit der Hand nervös durch das weiche, wellige +Haar und sagte mit einem gequälten Ausdruck in den +Zügen: »Kümmere dich doch nicht darum! Überlasse +mir all diese Lappalien. Ich werde dir alles aus dem +Wege räumen.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Um jene Zeit kamen die Kinder aus den Ferien +zurück. Ich fürchtete mich schon davor, denn +noch Wochen nachher pflegten sie mir in naivem +Egoismus zu erzählen, was alles bei ihrer Mutter besser +und schöner gewesen war. Hörte es Heinrich, so schalt +er sie, weil er sah, daß es mich kränkte, und eine bleischwere +Stimmung herrschte um unseren Tisch. Diesmal +stürmten sie besonders eilig die Treppe hinauf; — so +freuen sie sich doch, nach Hause zu kommen, dachte +ich. Wolfgang, der Leichtfüßigere, kam zuerst. Kaum +ließ er sich Zeit, mich zu begrüßen. »Die Mutter läßt +dir sagen,« rief er atemlos, »sowas dürfte nicht mehr +vorkommen. Mützen hatten wir, wie sie in Österreich +nur Portiers tragen, und Anzüge, über die die Bauern<a name="Page_262" id="Page_262"></a>jungens +lachten.« Ich fühlte, wie blaß ich wurde. Ich +hatte sie wie immer für die Reise neu eingekleidet, um +ja keinerlei Vorwurf auf mich zu laden. Und diesmal +war es mir noch schwerer geworden als sonst. Bei +Tisch fing auch Hans, der stets zurückhaltender war, +zu erzählen an. »Warmes Abendessen ist viel gesünder, +meint die Mutter,« sagte er, »und es schmeckt auch besser +als immer bloß Wurst.«</p> + +<p>Ich war so überreizt, daß ich mit den Tränen kämpfte, +und als am nächsten Morgen auch noch ein Brief aus +Wien kam, in dem mir die Mutter der Kinder über +meine unzureichende Erziehung allerlei Vorhaltungen +machte, war es zu Ende mit meiner Selbstbeherrschung. +Konnte ich die Kinder denn überhaupt erziehen, wo ich +ständig fürchtete, von ihnen als die böse Stiefmutter +angesehen zu werden und damit jeden Einfluß zu verlieren?! +Konnte ich sie strafen, wo ich wußte, daß sie +sich bei der eigenen Mutter darüber beklagen würden?! +Ich zeigte Heinrich den Brief und schüttete ihm, nicht +ohne mich selbst all meiner versäumten Pflichten anzuklagen, +mein Herz aus.</p> + +<p>»Und das alles sagst du mir erst jetzt?« rief er. »All +den Kummer schleppst du mit dir herum und sprichst +dich nicht aus?« Er schlang den Arm um mich und +küßte mir die Tränen aus den Augen. »Hier muß +gründlich Wandel geschaffen werden, um deinetwillen ...« +»Vor allem um der Kinder willen, Heinz,« unterbrach +ich ihn; »so gut geartet, wie sie sind, — schließlich müssen +sie Schaden leiden.« Wir berieten, was zu tun sei.</p> + +<p>In früheren Jahren hatte die Mutter wiederholt versucht, +ihre Söhne bei sich zu behalten, aber immer +<a name="Page_263" id="Page_263"></a>wieder hatte Heinrich sie zurückgefordert. »Wie konntest +du?!« sagte ich leisem Vorwurf. »Kinder gehören +zur Mutter!« »Ich war sehr einsam, sehr liebebedürftig; +ich hatte im Scheidungsprozeß mit Nägeln und Zähnen +um die Kinder gekämpft,« antwortete er. »Jetzt aber +ist die arme Frau viel einsamer als du, —« »— sie +zu bemitleiden, habe ich keinen Grund,« entgegnete er +hart, »sie war es, die zuerst ihre Kinder im Stiche ließ! +Jetzt darf nur die Rücksicht auf dich und auf das Wohl +der beiden Buben den Ausschlag geben.«</p> + +<p>In der Nacht nach unserem Gespräch warf sich Heinrich +im Bett schlaflos hin und her; im ersten Morgengrauen +stand er leise auf, und ich hörte, wie er +im Zimmer nebenan auf und nieder ging. Ich +hätte doch nichts sagen sollen, dachte ich angstvoll. Er +sah müde und vergrämt aus, als er wieder zu mir +hereinkam.</p> + +<p>»Ich habe mich entschlossen, ihr die Kinder anzubieten,« +sagte er.</p> + +<p>»Wollen wir nicht doch lieber alles beim alten lassen, — ich +sehe vielleicht nur zu schwarz,« warf ich ein.</p> + +<p>Ich dachte an die Stunde, da er mir mit der Bitte, +sie recht lieb zu haben, seine Söhne anvertraut hatte. +Er sah so finster drein! Jähe Furcht beschlich mich +um meinen kostbaren Besitz: seine Liebe. Aber er blieb +bei dem einmal gefaßten Beschluß.</p> + +<p>Sein Anwalt schrieb in seinem Auftrag nach Wien. +Die Antwort war keine rückhaltlos zustimmende: jede +Verbindung, so wünschte die Mutter, sollte zwischen den +Söhnen und dem Vater abgebrochen werden, sobald sie +ihr Haus betreten würden. Wochenlang zogen sich die<a name="Page_264" id="Page_264"></a> +Verhandlungen hin, und die Korrespondenz nahm eine +immer erbittertere Form an. Ich konnte nicht mehr mit +ansehen, wie Heinrich litt, und all die Selbstvorwürfe, +die mich quälten, nicht mehr ertragen.</p> + +<p>Eines Abends benutzte ich meines Mannes Abwesenheit +und fuhr mit dem Nachtzug nach Wien. Vom +Hotel aus meldete ich mich bei der Mutter der Kinder +an. Herzklopfend stieg ich die steinernen Stufen hinauf. +In einem Salon mit schweren Renaissancemöbeln +empfing sie mich, eine schlanke, dunkle Frau mit scharf +geschnittenen, fast männlichen Zügen. Sie gab mir +nicht die Hand, sie zögerte offenbar, mir auch nur einen +Stuhl anzubieten.</p> + +<p>»Ich komme, weil ich hoffe, daß eine mündliche Besprechung +leichter zum Ziele führen wird,« begann ich.</p> + +<p>»Er schickt Sie?« Ihre Stimme hatte einen merkwürdig +leblosen, kalten Ton, als käme sie weit her aus +dunkler Tiefe.</p> + +<p>»Nein! Ich reiste ohne sein Wissen. Wir Frauen, +meine ich, werden uns verständigen, — mit einigem guten +Willen natürlich, — denn zwischen uns steht nichts —«</p> + +<p>»Meinen Sie wirklich, daß zwischen uns nichts steht?!« +Ein Blick voll Haß streifte mich. »Meine Kinder stehlen +Sie mir!«</p> + +<p>»Ich?! —« Aufs Äußerste erstaunt sah ich sie an. +»Ich, die ich sie Ihnen wiederbringe?!« Aber sie hörte +nicht auf mich. In leidenschaftlicher Erregung kamen +die Worte, sich überstürzend, von ihren Lippen: »Habe +ich nicht in diesem letzten Sommer tagtäglich hören +müssen: ›Die Mama erlaubt das alles, — die Mama +straft uns nicht, — die Mama schenkt uns dies und +<a name="Page_265" id="Page_265"></a>jenes‹?! Und jetzt soll ich vielleicht erleben müssen, daß +meine eigenen Kinder sich fort wünschen von mir? Oder +jedesmal unzufrieden heimkehren, wenn sie, wie ihr Vater +es wünscht, zu den Ferien in Berlin gewesen sind?!«</p> + +<p>Ich verstand sie, — so hatte ich auch ihr unbewußt +Böses getan! »Sie wissen, mein Mann hat für das +erste Jahr schon auf ein Wiedersehen verzichtet,« antwortete +ich.</p> + +<p>»Das ist aber auch das Allermindeste, was ich verlange! +Im übrigen —,« sie nahm wieder den alten +eisigen Ton an und zwang sich zur Ruhe, »muß ich umziehen, +ehe die Kinder kommen. Sie sehen hier meine +Wohnung —,« sie wies nach dem Eßzimmer nebenan, +»ich habe keinen Platz für sie.«</p> + +<p>Keinen Platz für die eigenen Kinder?! Sie schien +zu fühlen, was ich empfand, denn rasch fuhr sie fort: +»Ich wünsche, daß die durch Unordnung sowieso schon +genug geschädigten Buben gleich in ein regelmäßiges +Leben, eine zu ernster Arbeit gestimmte Häuslichkeit +kommen.«</p> + +<p>»Und wann, meinen Sie, dürfte das sein?« Drängte +ich. »Die Situation ist für alle Teile unerträglich!«</p> + +<p>Sie lächelte: »Finden Sie? Ich habe Schlimmeres +ausgehalten!« Tiefe Falten gruben sich auf ihre Stirn, +um ihre Mundwinkel. Wieder streifte mich ein Blick, — zum +Fürchten. »Warten Sie nur, bis Sie fünf, +sechs Jahre mit ihm gelebt haben werden!«</p> + +<p>Ich erhob mich, — fast wäre der geschnitzte Stuhl +bei meiner raschen Bewegung zu Boden geglitten. Hier +hatte ich nichts mehr zu tun. Sie geleitete mich hinaus. +Und als müßte sie mir zuletzt noch ihren Haß +<a name="Page_266" id="Page_266"></a>fühlen lassen, sagte sie: »Ich werde schwere Mühe haben, — die +Kinder sind zu schlecht erzogen.«</p> + +<p>Ich dachte an die Buben, — an ihre lustigen Knabenstreiche, +an die ungebundene Freiheit, die sie genossen. +Noch ein gutes Wort wollte ich bei der strengen Frau +für sie einlegen und sagte bittend: »Sie werden ihnen +nicht zu plötzlich die Wandlung fühlen lassen?«</p> + +<p>»Wie können Sie sich erlauben —?!« rief sie fassungslos. +»Wer ist hier die Mutter: Sie oder ich?!«</p> + +<p>Krachend fiel die Flurtüre hinter mir zu. In der +nächsten Nacht fuhr ich nach Berlin zurück. Nicht das +mindeste glaubte ich erreicht zu haben. Ein Brief des +wiener Anwalts folgte mir auf dem Fuße. Er enthielt +den unterschriebenen Vertrag und übermittelte den +Wunsch, den Kindern möchte die Reise nach Wien +nur als ein Besuch dargestellt werden, »damit sie gerne +kommen.«</p> + +<p>Das war ein Jubel: Der Schule entrinnen, — und +eine Reise nach Wien! Wir brachten sie zur Bahn und +sahen den strahlenden Gesichtern nach, die grüßend aus +dem Kupeefenster nickten, bis der Zug unseren Blicken +entschwand.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Kaum drei Wochen später kehrten sie zurück, — still +und blaß. Wolfgangs rundes Kindergesicht +war schmal geworden, in Hans' dunkeln Augen +hatte sich der Ausdruck von Melancholie noch vertieft. +Ihr Aufenthalt in Wien war wirklich nur ein Besuch +gewesen. Ob die einsame Frau das Glück nicht ertragen +hatte? Ob die Forderungen eines Lebens für +<a name="Page_267" id="Page_267"></a>andere sie erdrückt haben mochten? In die größte, die +letzte Einsamkeit hatte sie plötzlich der Tod entführt.</p> + +<p>Aber noch darüber hinaus wirkte ihr Haß: das Testament +bedrohte die Kinder mit Enterbung, wenn sie +im Hause des Vaters bleiben würden. Und so mußten +sie wieder fort, da sie der Wärme, der Liebe am meisten +bedurften.</p> + +<p>Von einer neuen Schule im Harz hatten wir erfahren, +wo die Jugend in schöner Abwechselung von +Spiel und Arbeit, von der Übung körperlicher und +geistiger Kräfte sich frei und fröhlich zu entwickeln vermag, +einer Schule, deren Leiter den Mut hatte, dem +Geist engherzigen Preußentums den Eintritt bei sich zu +verwehren. Dorthin brachten wir sie. Es war das +beste, das wir hatten finden können, und doch so schrecklich +wenig für die, denen die Mutter gestorben war.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Nun war es still bei uns im Hause. Ottochen, +der sich inzwischen auf seinen eigenen Füßchen +zu bewegen gelernt hatte, lief im Zimmer +der Brüder von Stuhl zu Stuhl, guckte in die Schränke +und unter die Betten und rief vergebens »Wof« und +»Ans«. Zuerst weinte er, weil sie nicht kamen, um mit +ihm zu »pielen«, dann erinnerte er sich ihrer nur noch, +wenn er auf meinem Schoß am Schreibtisch saß und +ich ihm ihre Bilder zeigte. Er war ein unbändiger +kleiner Kerl, der nie lange an einem Platz aushielt. +Ein Sonnenstrahl im Zimmer, eine Fliege am Fenster, +Hundegebell und Pferdegetrappel auf der Straße, — alles +erregte seine brennende Neugierde; wenn aber +<a name="Page_268" id="Page_268"></a>gar Soldaten vorübermarschierten, so zappelte er mit +Händen und Füßen vor Freuden, und rief, so laut er +konnte: »Daten! daten!«</p> + +<p>Seitdem der Großvater sich dem Enkel zu Liebe einmal +in die alte Generalsuniform gezwängt hatte, ging +er noch einmal so gern in die Ansbacherstraße. »Apapa +Dat, Apapa Dat,« hatte er mir mit erstaunten Augen +und einem Ausdruck von Ehrfurcht in dem Gesichtchen +damals erzählt. Und »Apapa dehn!« schrie er mit +Stentorstimme, wenn wir nicht ruhig genug mit ihm +spielten.</p> + +<p>Eines Abends im Herbst kam meine Mutter und erzählte +mir, der Vater habe heute, ohne sie zu fragen, +die Wohnung gekündigt. »Er will im Grunewald +mieten,« fügte sie hinzu, »um Ottochen nahe zu sein.« +Mir wurden die Augen feucht: so ersetzte ihm der Enkel +die Tochter, die er verloren hatte.</p> + +<p>Kurze Zeit darauf bekam ich einen Brief von ihm:</p> + +<div class="blockquot"><p>»Liebes Kind! denke doch nicht, daß es mir genügt, +Deinen Jungen bei mir zu sehen. Alte Leute +brauchen viel Wärme, darum sagte ich Ottochen heute, +daß er Papa und Mama das nächste Mal mitbringen +soll. Er sah mich so ernsthaft an, daß ich glaube, er +hat mich verstanden.</p></div> + +<p> +<span style="margin-left: 25.5em;">Dein treuer Vater.«</span><br /> +</p> + +<p>Und so trat ich mit meinem Kind auf dem Arm in +die alte Wohnung. Die Schwester kam mir entgegen: +»Nun wird meine Hochzeit erst ein richtiges Fest für +mich sein,« sagte sie und küßte mich stürmisch. Sie +öffnete die Tür zum Zimmer des Vaters. »Er kommt +gleich,« flüsterte sie und lief davon. Ich mußte mich +<a name="Page_269" id="Page_269"></a>setzen; die Kniee zitterten mir. Alles hatte ein Gesicht, +ein liebes, vertrautes: die verblichenen Sessel, die so +einladend die Armlehnen nach mir ausstreckten, der alte, +grüne Teppich, der sich warm und weich unter meine +Füße schmiegte, die dunkeln Bilder an der Wand, die +zu lächeln schienen. Auf dem Schreibtisch lagen wie +einst in Reih und Glied die sorgfältig gespitzten Bleistifte +und die Gänsefedern, die der Vater sich selbst zu +schneiden pflegte, und der »Soldatenhort«, für den er +schrieb. Und in der Ecke — die alte Reiterpistole! +Aus dem Zimmer war ich einmal geflohen vor ihr. — Der +sie auf mich gerichtet hatte, rief mich heut zurück! +Nein, — mich nicht! Nur dieses süßen blonden Kindes +Mutter!</p> + +<p>Die Türe ging auf. »Apapa!« rief der Kleine und +streckte ihm die Ärmchen entgegen. Im nächsten Augenblick +fühlte ich uns beide umfaßt: Die Lippen zitterten, +die meine Stirn berührten. »Wir wollen einander nicht +weich machen, Alix,« sagte er leise. »Wir wollen so +tun, als wärst du gar nie weg gewesen.«</p> + +<p>Von nun an sahen wir uns oft. Mühsam, mit +schwerem Atem, auf jedem Treppenabsatz minutenlang +innehaltend, kam er immer häufiger zu uns herauf, und +meist um die Stunde, die er früher im Kasino zuzubringen +pflegte. Er hatte stillschweigend auch diese alte +Gewohnheit aufgegeben, und als die Mutter ihn darnach +fragte, sagte er: »Was soll ich mich jetzt noch über +Menschen und Zeitungen ärgern?!«</p> + +<p>Mein Mann, der sich nie als »Schwiegersohn« fühlte, +sondern stets sehr zurückhaltend, sehr förmlich blieb, gefiel +ihm. »Du ahnst ja kaum, wie der Frieden auf mich +<a name="Page_270" id="Page_270"></a>wirkt,« schrieb er mir einmal. »Ich bin Dir die Erklärung +schuldig, daß dein Mann, dessen vollendeter +Takt mir so wohltuend ist, ganz auf mich zählen kann.«</p> + +<p>Zuweilen fuhr er mit uns in den Grunewald, wo er +zum Frühjahr in unserer Nähe eine Wohnung gemietet +hatte. Er strahlte vor Freude, wenn er unser Häuschen +wachsen und werden sah.</p> + +<p>»Wie mich das glücklich macht, dich so ohne Sorgen +zu wissen,« sagte er zu mir, während er unermüdlich +über die Balken kletterte und jeden Raum in Augenschein +nahm. Dann drückte er Heinrich die Hand: »Daß +du meiner Alix solch eine Heimat schaffst!«</p> + +<p>Draußen im Garten freute ihn jeder Strauch, der +gepflanzt wurde. »Hier muß Ottochen einen großen +Sandhaufen haben,« — meinte er, »und eine Schaukel +und eine Kletterstange, damit seine Muskeln straff werden. +Daneben aber baut mir eine Laube, in der ich +im Sommer, ohne euch zu stören, sitzen und mit meinem +Jungen spielen kann.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>An einem dunkeln Spätherbsttag, kurz vor der +Hochzeit meiner Schwester, kam ich nach Hause. +»Exzellenz ist beim Kleinen,« sagte das Mädchen. +Ich nickte lächelnd. Ottochen war nicht ganz wohl und +durfte des schlechten Wetters wegen nicht ausgehen. Nun +kam der Großvater zu ihm. Ich trat in sein Zimmer. Auf +dem Teppich saß mein Kind, vertieft in die neuen Soldaten, +die ihm »Apapa« mitgebracht haben mochte; im Lehnstuhl +lag der Vater tief zurückgelehnt und schlief. Der +sonst so lebhafte Junge bewegte sich leise zwischen dem<a name="Page_271" id="Page_271"></a> +Spielzeug und sah erschrocken auf, als ich näher trat. +»Pst, pst!« machte er und legte ein Fingerchen auf die +Lippen. »Apapa baba!«</p> + +<p>Der graue Schatten des frühen Abends kroch durch +die Fenster. Schwer lag er über den Zügen des Schlafenden, +verwischte jede Lebensfarbe, ließ jede Falte tiefer +erscheinen. Ich faltete unwillkürlich die Hände: Wie +alt, wie blaß, wie müde sah er aus! Und war doch +ein so starker Mann gewesen und den Jahren nach +kein Greis! Ich sank in die Kniee und küßte die +herabhängende Hand. Der Kummer um mich war +es gewesen, der ihm ein Stück seines Lebens gekostet +hatte.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ende November wurde Ilse im Elternhaus mit Oskar +Erdmann getraut. Nur die nächsten Verwandten +waren geladen worden, und auch von ihnen hatten +manche abgesagt, als sie erfuhren, daß wir zugegen sein +würden. Meine Schwester sah aus wie eine Frühlingselfe. +Alles Licht im Raum ging von ihren goldenen Haaren +aus, deren Glanz selbst der keusche Brautschleier nicht +zu dämpfen vermochte. Erdmann schien mir noch +schmaler als sonst. Ein unbestimmtes Angstgefühl beschlich +mich. Meiner Schwester »Ja!« klang so froh, +so hell an mein Ohr, daß es die Sorge verscheuchte. +Als aber der Geistliche sich fragend an ihn wandte, +verschlang ein rauher Husten, unter dem ich seinen +Rücken beben sah, seine Antwort. Mir war, als wechselten +seine Geschwister, die neben uns standen, einen erschrockenen, +vielsagenden Blick. Doch wie das junge<a name="Page_272" id="Page_272"></a> +Paar sich uns zuwandte, überstrahlte ihr Glück auch +diesen Eindruck.</p> + +<p>Vor der Hochzeitstafel überkamen mich alte Träume. +Sie stiegen aus den schlanken Kelchen, die einst aneinanderklangen, +während Walzermelodien mich umrauschten, +sie schimmerten in den silbernen Jardinieren, +in denen so viel Rosen, — duftende Zeugen meiner +Balltriumphe —, verblüht waren.</p> + +<p>Jemand schlug ans Glas. Nun, wußte ich, wird +meines Vaters klare Stimme die Luft in rasche Schwingung +versetzen, sein Geist und sein Witz wird alle bezaubern, +und alle verdunkeln, die nach ihm reden werden. Erwartungsvoll +sah ich ihn an.</p> + +<p>Seine Finger zerdrückten unruhig die Serviette, seine +Lippen öffneten sich einmal — zweimal, bis daß ein Ton +sich ihnen entrang, der rauh und heiser war. Und dann +sprach er, — langsam, schwerfällig, wie eingelernt. Meine +Erwartung verwandelte sich in Staunen, mein Staunen in +Angst. Seine Hand hob sich wie zu einer jener alten Gesten, +die so wirksam zu unterstreichen pflegten, was er sagte, — gleich +darauf sank sie schlaff herab, die Lippen +zuckten, — der begonnene Satz zerriß; — eine qualvolle +Pause; — dann griff er hastig nach dem Kelchglas, hob +es empor, wobei die Tropfen zitternd über den Rand +spritzten: »Die Familie Erdmann lebe hoch — hoch — hoch!« — In +den Stuhl sank er zurück; seine Augen +wanderten wie um Verzeihung bittend von einem zum +anderen, und als sein Blick den meinen traf, sah ich +die Träne, die ihm in den Wimpern hing.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_273" id="Page_273"></a></p> + +<p>Im Winter ging es meinem Vater Woche um +Woche schlechter. Es duldete ihn nicht im +Hause; schon früh trieb ihn eine unerklärliche +Unruhe fort; versuchte die Mutter, ihn zurückzuhalten, +so setzte er ihren Bitten einen so heftigem Widerstand +entgegen, daß sie ihn gehen lassen mußte. Er besuchte +meine Schwester und schleppte sich bis zu uns herauf, +obwohl es ihm täglich schwerer wurde. Es war, als +ob er das Alleinsein mit der Mutter nicht ertrüge. Nur +wenn sein Enkel bei ihm war, wich seine innere Unruhe +einem Ausdruck stillen Friedens. Zuweilen verließ +ihn das Gedächtnis, dann nannte er den Kleinen »Alix« +und war noch zärtlicher zu ihm als sonst. Einmal kaufte +er eine Puppe, um sie »Alix« zu schenken; als ihn die +Mutter auf den Irrtum aufmerksam machte, geriet er +in helle Wut. »Alle Freude willst du mir verderben,« +schrie er und sprach stundenlang nicht mit ihr. Irgendeine +Pflege duldete er nicht; er schloß sich im Schlafzimmer +ein, wenn der Arzt kommen sollte.</p> + +<p>Ich sah, wie meine Mutter sich mühte, ihm alles +recht zu machen. Aber die Sorgfalt, mit der sie ihn +umgab, hatte etwas Kühles, Fremdes, — als ob das Herz +nicht dabei wäre. Sie litt unter seiner Heftigkeit; es +kam vor, daß ihre starre Selbstbeherrschung zusammenbrach; +dann weinte sie bitterlich, aber es waren Tränen +des Zornes, nicht des Leides. »Er ist so böse zu mir, +so böse!« kam es krampfhaft zwischen ihren fest geschlossenen +Zähnen hervor. Hilflos stand ich vor der +Offenbarung der Ehetragödie meiner Eltern. Manches +Erlebnis, das meine Jugend verbittert hatte, tauchte in +<a name="Page_274" id="Page_274"></a>der Erinnerung wieder auf, und ich fand jetzt den +Schlüssel dazu.</p> + +<p>»Die Ehe hat sie zerstört,« sagte ich zu meiner Schwester, +als wir darüber berieten, wie ihnen vielleicht noch zu +helfen sei.</p> + +<p>»Ja, — das glaube ich gern,« antwortete sie mit +einem grüblerischen Ausdruck, der ihrem weichen Gesichtchen +sonst fremd war.</p> + +<p>Ich horchte auf; — kaum zwei Monate war sie +verheiratet! Von da an führte mein Weg, wenn +ich zu den Eltern ging, regelmäßig bei ihr vorüber. +Ich hatte sie in ihrem jungen Glück nicht stören +wollen, jetzt trieb mich die Sorge, zu sehen, ob es +nicht schon gestört war. Aber ich fand sie stets heiter +inmitten ihrer schönen Häuslichkeit, die in Formen +und Farben so harmonisch zusammenstimmte, daß eine +Vase, ein Blumenstrauß schon störend zu wirken vermochte, +wenn sie nicht in bewußtem Einklang damit +gewählt worden waren. Und ich fand ihren Mann +zärtlich um sie besorgt, — in einer Art freilich, die +ich nicht vertragen hätte, die der Natur Ilsens aber zu +entsprechen schien. Er bestimmte ihre Kleidung, er beaufsichtigte +die Hauswirtschaft, er ordnete den Tisch, +wenn Besuch erwartet wurde. Und alles nahm unter +seiner Hand den Charakter seines Künstlertums an: der +Vornehmheit, die jedes äußeren Schmuckes entbehren +konnte, weil sie das Wesen des Materials zu reinstem +Ausdruck brachte; der jedem lauten Ton abholden Ruhe, +die wie Sonnenuntergang am Tage durch die orangeseidenen +Vorhänge klang und am Abend in den Falten +der grünen, die sich darüber breiteten, träumte; und +<a name="Page_275" id="Page_275"></a>der Liebe zur Natur, die sich in allem, was ihn umgab, +widerspiegelte, — in den dunkelroten Kastanienblättern +der Tapete, den zarten Pflanzen- und Vögelstudien japanischer +Stiche, dem Wandteppich mit dem stillen Waldbach, +auf dem die Schwäne ziehen. Es war gut sein +bei ihnen, und wer davon ging, dem kam die Welt +draußen doppelt häßlich, unharmonisch, laut und herzlos +vor. Aber es ging auch etwas wie eine Lähmung +von dieser Umgebung aus, etwas, das vom wirklichen +Leben gewaltsam abzog.</p> + +<p>Die Gäste des Hauses entsprachen dieser Stimmung; +keine der Fragen, die uns bewegten, traten mit ihnen +über seine Schwelle. Die Kunst stand im Mittelpunkt +all ihres Denkens und Fühlens; nicht jene nebenabsichtslose, +die wächst wie ein Baum, gleichgültig, ob nur +einsame Wanderer ihn finden, oder ob Scharen unter +seinem Schatten ruhen, sondern jene märchenhafte +Treibhausblume, die nur für die Auserwählten gezogen +wird. Sie vertraten alle den Individualismus, aber +hinter ihrer Forderung der höchsten Kultur des Individuums +verbarg sich nur sein Kultus. Man sprach +mit halber Stimme, man las Bücher, die in numerierten +Exemplaren nur für einen kleinen Kreis von +Freunden gedruckt wurden; am Flügel saß häufig ein +katholischer Priester, der in dem milden Wachskerzenlicht +des zartgetönten Salons Palestrinas feierliche Weisen +ertönen ließ.</p> + +<p>Dieselbe Atmosphäre, die sich weich um die Stirne +legt, herrschte hier, wie im Theater, wo Hofmannsthals +Hochzeit der Sobëide jenen Haschichrausch hervorrief, +der der Welt entrückt. Und am Ende des<a name="Page_276" id="Page_276"></a> +Jahrhunderts jauchzte die Jugend den neuen Göttern +ebenso stürmisch zu, wie wir die Ibsen und Gerhart +Hauptmann empfangen hatten. Flüchteten die Menschen +nur im Gefühl ihrer Schwäche aus der Wirklichkeit, +oder waren nicht unter denen, die sich abseits des rauhen +Lebens in einem weißen Tempel versteckten, auch solche, +die als geweihte Priester der Menschheit wieder aus ihm +hervorgehen werden?</p> + +<p>Ich hätte die Frage nicht entscheiden können, aber +mein Optimismus glaubte gern an Keime neuen Werdens, +wo andere Fäulniserscheinungen sehen. Auch Erdmanns +Persönlichkeit berechtigte dazu. Er selbst wurzelte +zu bewußt im Boden der Erde, als daß er seine Kunst +ihr hätte entreißen können. Er behandelte die jungen +Männer, die seine genial geknoteten Krawatten nachahmten, +von seinem tiefsten Wesen aber wenig wußten, +mit leiser Ironie. Die <em class="antiqua">l'art pour l'art</em>-Devise war für +ihn nicht das Letzte.</p> + +<p>»Wir müssen den Snob benutzen,« sagte er, als +wir einmal unter uns waren, »um allmählich zum +Volk zu kommen. Es ist mit dem Kunstgewerbe wie +mit der Mode: Das Neueste ist zuerst ein Vorrecht +der Wenigen und nach einem Jahr die Gewohnheit +der Massen.« Lebhaft hin- und hergehend setzte +er uns dann seine Zukunftspläne auseinander: Handwerkerschulen +wollte er schaffen, in denen nicht alte +Klischees immer wieder benutzt werden, sondern die +neuesten und schönsten Errungenschaften der Kunst zu +Mustern dienen.</p> + +<p>»Es ist bewundernswert, wie verständnisvoll all die +kleinen Handwerker, die ich jetzt schon zusammen<a name="Page_277" id="Page_277"></a>gesucht +habe, meinen Ideen entgegenkommen. Sie +sind in ihrem Geschmack weniger verdorben, sie haben +vor allem weit mehr Gefühl für das Material, das +sie bearbeiten, als die meisten unserer Kunstgewerbetreibenden, +die vor lauter theoretischem Wissenskram +jede persönliche Stellung zu den Dingen verloren haben —.« +Ein heftiger Hustenanfall unterbrach ihn, rote Flecken +zirkelten sich auf seinen eingefallenen Wangen ab. Meine +Schwester erblaßte, lief hinaus und brachte ihm eine +Tasse Tee, die er entgegennahm, wie etwas längst Gewohntes. +»Der berliner Winter, — dies ekelhafte Regenwetter —,« +sagte er dann und lehnte sich müde in den +Stuhl zurück, während seine Brust sich noch krampfhaft +hob und senkte. »Ich war um diese Zeit immer im +Süden —,« fügte er halblaut wie zu sich selbst hinzu.</p> + +<p>Wir gingen. Meine Schwester begleitete uns bis zur +Tür. Ich sah sie fragend an. Sie nickte, um ihren +Mund zuckte es verräterisch: »Ich weiß, — wir sollten +fort, aber er will nicht. Er kann seine Arbeiten +nicht im Stiche lassen, sagte er. Aber später, in Jahr +und Tag, wenn er sehr viel verdient haben wird, —« +dabei lächelte sie wieder hoffnungsvoll, — »dann wollen +wir reisen —« »Ilse!« klang es ungeduldig von innen. +Sie fuhr erschrocken zusammen: »Nun wird er wieder +böse sein!« und lief, sich hastig verabschiedend, hinein.</p> + +<p>Wochenlang war er an das Zimmer gefesselt. Nun +ging meine Mutter zwischen dem Mann und dem +Schwiegersohn unermüdlich hin und her. »Ilschen ist +viel zu zart für solch eine Pflege,« meinte sie, während +sie selbst dabei immer magerer wurde. Bat ich sie, sich +zu schonen, so hatte sie nur die eine Antwort: »So<a name="Page_278" id="Page_278"></a>lange +mir Gott Pflichten auferlegt, habe ich sie zu erfüllen.« +Dabei rückte der Umzugstermin näher; er mußte +pünktlich inne gehalten werden, denn die Wohnung der +Eltern war vermietet. In der Nacht, wenn der Vater +schlief, kramte und packte die Mutter, um ihn nur ja +bei Tage damit nicht zu stören.</p> + +<p>Bei uns sah es ähnlich aus, denn unser Häuschen +war inzwischen fertig geworden, und der Tag des Einzugs +war festgesetzt. Aber die Freude fehlte, mit der +ich ihm vor Monaten entgegengesehen hatte.</p> + +<p>»Sind wir erst draußen, so wird alles gut werden,« +versicherte mir Heinrich immer wieder, wenn meine +sorgenvollen Mienen ihm meine Stimmung verrieten. +»Glaubst du, daß wir Taler von den Kiefern schütteln +können, wie das Kind im Märchen?« antwortete ich. +»Wertvollere jedenfalls,« meinte er gereizt. »Deines +Kindes und deine Gesundheit, deine Arbeitskraft sind +doch wohl wichtiger, als die paar blauen Lappen, die +du momentan vermißt.« Ich zuckte die Achseln. Die +Sorgen waren ja meine Krankheit, und sie gedeihen +auch in der besten Luft.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Hans geht es schlecht, kommt bitte gleich —« +Meine Mutter schickte diese Zeilen. Wir +fuhren in die Ansbacherstraße. Auf seinem +Lehnstuhl saß der Vater, halb angezogen, mit blaurotem +Gesicht und blutunterlaufenen Augen. Gepackte +Kisten standen umher, öde starrten uns die vorhanglosen +Fenster entgegen, grauer Staub lag auf den abgeräumten +Tischen.</p> +<p><a name="Page_279" id="Page_279"></a></p> +<p>»Ich will nicht zu Bett, — ich will nicht,« stöhnte +der Kranke. Der Mutter liefen die Tränen über die +abgehärmten Wangen.</p> + +<p>»Er stößt mich zurück, wenn ich ihm helfen will,« +flüsterte sie. Der Arzt trat ein. Mit gewaltsamer Anstrengung +erhob sich der Vater, stützte sich mit beiden +Händen auf den Tisch vor ihm und schrie, während +die Augen ihm aus den Höhlen zu treten schienen: +»Hinaus — hinaus! Ich mag keinen Quacksalber!« —</p> + +<p>Dann brach er zusammen, krallte die Hand in die +linke Seite, — langsam wich die Farbe aus seinen +Zügen; willenlos ließ er sich ins Schlafzimmer führen, +den Kopf tief gesenkt, schwankend, mit kleinen, unsicheren +Schritten. Im Bett lag er ganz still. Nur +die Augen, die merkwürdig groß und klar geworden +waren, sprachen, was die Lippen nicht sagen konnten.</p> + +<p>Während Heinrich und Erdmann von den neuen +Mietern der Wohnung, die sich zu einem Aufschub des +Einzugs nicht verstehen wollten, zum nächsten Krankenhaus +fuhren, um die Übersiedlung dorthin vorzubereiten, +und die Mutter mit Ilsens Hilfe draußen das Notwendigste +zusammenpackte, war ich allein bei dem Kranken.</p> + +<p>Wir redeten miteinander. Seine Augen bohrten sich +forschend in meine Züge. »Du kannst ruhig, — ganz +ruhig sein, lieber Papa. Ich bin vollkommen glücklich —,« +versicherte ich. Sie leuchteten auf, um sich +gleich darauf in jäher Angst, halb geschlossen, wieder +auf mich zu richten. »Ich liebe dich, Papa, ich habe +nie aufgehört, dich zu lieben,« antwortete ich mit +tränenerstickter Stimme. Um seine blassen Lippen zuckte +ein leises Lächeln, seine schwache Hand versuchte, die +<a name="Page_280" id="Page_280"></a>meine zu umschließen, die Lider deckten sekundenlang die +stahlblauen Pupillen, — dann zuckten sie schreckhaft +wieder empor. Eine einzige, ungeheure, verzweifelte +Frage starrte aus diesen Augen, in die das ganze Leben +sich zu einer letzten Zuflucht zusammendrängte. Ich +verstand. Vorsichtig löste ich meine Hand aus der +seinen und ging hinaus — »Mama!« rief ich leise. +Sie kam. Ich sah noch zwei Hände, die sich zitternd +ihr entgegenstreckten, — dann zog ich die Türe hinter +mir ins Schloß ...</p> + +<p>Als der Krankenwagen vorfuhr, trat sie aus dem +Zimmer, bleich, regungslos, wie versteinert. »Er schläft,« +sagte sie. Ich beugte mich über ihn: wie ein Hauch +schwebte der Atem nur noch von seinen Lippen. Die +Augen waren geschlossen, das Gesicht weiß und still, +beherrscht von einem Ausdruck feierlichen Ernstes.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Zu Hause lief mir mein Kind entgegen. »Apapa +dehn!« schrie es ungeduldig. Es war die Stunde +seiner täglichen Ausfahrt. Ich schüttelte traurig +den Kopf. Da fing es an herzbrechend zu schluchzen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Noch zwei Tage atmete der Sterbende. Mit +einer Ruhe, von der ich nicht wußte, ob ich +sie bewundern oder mich vor ihr entsetzen +sollte, ordnete die Mutter alles an, als wäre er schon +gestorben.</p> + +<p>Angstvoll sah ich hinüber zu dem starren Gesicht in +den weißen Kissen. »Er ist ohne Bewußtsein,« hatte +<a name="Page_281" id="Page_281"></a>der Arzt versichert. Zuweilen aber schien mir, als hörte +er noch, als sähe er mit geschlossenen Augen, als ginge +ein Beben durch seinen Körper.</p> + +<p>In der dritten Nacht starb er.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Droben an der Hasenhaide, wo der Riesenleib +der Stadt sich gigantisch den Hügeln zu +Füßen hinstreckt und der Sturm ungehindert +durch die alten Bäume pfeift, ist die letzte Garnison +der Soldaten. Von den Schießständen grüßen die +Flintenschüsse herüber, von den Kasernenhöfen die Trompetensignale, +und vom Tempelhofer Feld klingen zuweilen +die Kriegsmärsche in den Frieden des Kirchhofs.</p> + +<p>Dorthin trugen alte Regimentskameraden den Sarg, +in dem der Tote schlief, gehüllt in den Mantel, der in +allen Feldzügen sein unzertrennlicher Begleiter gewesen +war. Es war ein stilles Begräbnis. Für die alten +Freunde war er gestorben, als er sich mit mir, der Abtrünnigen, +versöhnte.</p> + +<p>Auch der Kaiser hatte des Mannes vergessen, der +seinem Ahnherrn in Frankreichs blutgetränkter Erde die +Krone des deutschen Reiches erobern half.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Acht Tage später verließen wir die Wohnung, +in der die Sonne durch alle Fenster hatte +fluten können, in der mein Sohn geboren +worden war. »Ottoo — addaa —« jauchzte er wieder, +als wir davonfuhren; aber die Fenster des Wagens +waren geschlossen, und der Frühlingsregen peitschte an +<a name="Page_282" id="Page_282"></a>das Glas. Im Walde draußen empfing uns die neue +Heimat: Unter dem tiefen grauen Dach unseres Hauses +schauten die kleinen Fenster wie Augen unter schattenden +Wimpern hervor, geheimnisvoll lockend und feindselig +abwehrend zurück. Darüber wiegten die Kiefern +ihre schwarzen Kronen. Es war wie ein Stück der +stillen, ernsten Natur, die es umgab. Und still und +ernst trat ich über seine Schwelle.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_283" id="Page_283"></a></p> +<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2> + + +<p>Der Winter des Jahres 1899 wollte kein Ende +nehmen. Die Stadt Berlin, die durch Reinlichkeit +zu ersetzen pflegte, was ihr an Schönheit +gebrach, war dem Schnee, der sich auf den Straßen +bis in den April hinein in schmutzig-grauen Schlamm +verwandelte, nicht gewachsen. Heerscharen, mit Spaten +und Hacke bewaffnet, schickte sie aus, um den hartnäckigen +Feind aus den Toren zu treiben, und um die +Massen der Arbeitslosen, die unter seinem Regiment +immer stärker angeschwollen waren, zu verringern. Vergebens. +Der Schnee ballte sich zu Haufen; vor den +Asylen der Obdachlosen staute sich die Menge. Mehr +als je waren kräftige Männer darunter. Selbst um +die am schlechtesten bezahlte Heimarbeit rissen sich die +Frauen; wovon sollten sie die Kinder ernähren, da die +Väter feiern mußten und das Fleisch immer teurer wurde?</p> + +<p>»Der Winter ist mit den Ausbeutern im Bunde,« +sagte eine blasse, kleine Parteigenossin, die jedesmal mit +entzündeteren Augen in die Sitzungen kam. »Die +Agrarier, die Konfektionäre und die Kohlenfritzen werden +dick und fett, und wir kriegen die Schwindsucht.« +Sie stickte Hemden, — »ganz feine aus Battist, mit +'ner Fürstenkrone. Ich wünschte man bloß, jeder Stich +wäre 'ne Nadelspitze, wenn sie den durchlauchtigsten<a name="Page_284" id="Page_284"></a> +Körper berühren,« fügte sie hinzu. Die Bitterkeit, +mit der sie sprach, erfüllte mehr denn je ihre Klassengenossen.</p> + +<p>Sie froren und hungerten. Im Reichstag aber bewilligte +die Mehrheit der bürgerlichen Parteien eine +Militärvorlage, die Millionen und Abermillionen kostete. +Sie suchten vergeblich nach Arbeit, und im Abgeordnetenhaus +brachten die Junker den Plan des Mittellandkanals +zu Fall, der zahllose neue Arbeitsmöglichkeiten +eröffnet hätte. Überall siegten die Interessen der +Besitzenden gegen die der Arbeiter, und nun drohte die +Zuchthausvorlage, ihnen im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen +die letzte Waffe zu nehmen: Das Koalitionsrecht.</p> + +<p>Noch zögerte die Regierung mit der Veröffentlichung +des Wortlautes der Vorlage, aber sie warf ihre Schatten +voraus, so daß an ihrem Inhalt niemand mehr zweifeln +konnte.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Um diese Zeit erschien Eduard Bernsteins längst +erwartete Broschüre: »Die Voraussetzungen +des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie.« +Sie faßte zusammen und führte aus, +was er ein Jahr vorher in seiner Artikelserie über +die Probleme des Sozialismus gesagt hatte. Jetzt, wo +die erste Erregung hinter mir lag und ich mit ruhigem +Verstand zu lesen vermochte, spürte ich den Einfluß +der englischen Fabier, der Webb, der Shaw, der +Burns, in deren geistiger Atmosphäre dies Buch entstanden +war. Ich spürte aber auch den deutschen Ge<a name="Page_285" id="Page_285"></a>lehrten, +der der rauhen Luft Preußens seit Jahrzehnten +entwöhnt war und es in seiner stillen londoner Studierstube, +fern der Heimat, verfaßt hatte. Er konnte drüben +nicht wissen, wie der deutschen Partei im Augenblick +jede Aufnahmefähigkeit für theoretische Erörterungen +gebrach, und wie der Masse der Parteigenossen, die sich +von allen Seiten in ihrer physischen und rechtlichen +Existenz bedroht sahen, seine Mahnung, den Liberalismus +nicht zurückzustoßen, zu handeln wie eine demokratisch-sozialistische +Reformpartei, als blutiger Hohn erscheinen +mußte. Wo waren denn die freigesinnten Elemente der +Bourgeoise, auf die es sich verlohnte, Rücksicht zu nehmen, +um mit ihnen gemeinsam demokratische Forderungen +durchzusetzen? Sie entflammten in schöner Begeisterung +für Völkerfreiheit, — wenn es sich um den Kampf der +Buren gegen die Engländer handelte. Sie empörten +sich wider Unrecht und Vergewaltigung, — wenn von +Dreyfus und dem französischen Generalstab die Rede +war. Es kam sogar etwas wie ein Entrüstungssturm +zustande, als das Zentrum die Kunst in die Ketten +kirchlicher Moral zu legen drohte, — aber dem Urteil +von Löbtau, das neun Maurer, die sich mit ihren über +die schwer errungene zehnstündige Arbeitszeit hinaus +arbeitenden Kollegen in eine Schlägerei verwickelten, +mit Zuchthaus bestrafte, standen sie stumm und kalt +gegenüber.</p> + +<p>So sehr ich mich genötigt sah, der theoretischen Kritik +Bernsteins zuzustimmen, so wenig seiner Auffassung von +der Notwendigkeit eines Paktierens mit dem Liberalismus. +»Wer nicht mit uns ist, der ist wider uns —.« +Getäuschte Liebe trägt die Maske brennenden Hasses; +<a name="Page_286" id="Page_286"></a>darum urteilt der Renegat über die Klasse, die er +verließ, am schärfsten. Wo waren all die, auf die +ich gerechnet hatte? Ein einziger hatte seitdem den +Weg zu uns gefunden: Göhre. Alle anderen starrten +geblendet in die Fata Morgana deutscher Zukunftsweltmacht.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>»Ich habe den Genossinnen einen Vorschlag zu +unterbreiten,« begann Martha Bartels in einer +unserer Frauensitzungen. »Unter uns ist kaum +eine, die nicht wenigstens die Bernsteindebatten im +Vorwärts verfolgt hätte. In engeren Parteikreisen haben +wir wohl auch Gelegenheit gehabt, uns darüber auszusprechen +und Belehrung durch andere zu empfangen. +An einer großen öffentlichen Auseinandersetzung fehlt +es leider noch. Ich beantrage, Genossin Orbin zu bitten, +in öffentlicher Volksversammlung einen Vortrag über +den Streit, der uns so nahe angeht, halten zu wollen.«</p> + +<p>Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit stimmte man ihr zu. +Ich wußte, daß es Wanda Orbin selbst gewesen war, +die ihr diesen Gedanken souffliert hatte. Sie wütete in +der »Freiheit« gegen Bernstein. »Soweit es sich um +die Erörterung der praktischen Vorschläge Bernsteins +handelt, scheint auch mir der Antrag annehmbar,« sagte +ich. »Seine Theorien aber sind doch wohl kein Thema +für eine öffentliche Volksversammlung.«</p> + +<p>»Genossin Brandt hält uns mal wieder für zu dumm,« +hörte ich die schrille Stimme der rotäugigen Stickerin +sagen. »Bernstein meent ja ooch, daß wir noch nich reif +sind,« meinte eine andere mit einem giftigen Blick auf +<a name="Page_287" id="Page_287"></a>mich, »er is nischt als so'n verkappter Bourgeois, der uns +zum St. Nimmerleinstag vertrösten will, damit's ihm +nich an den Schlafrock jeht.«</p> + +<p>Ich hielt diesem Ausbruch proletarischer Eitelkeit, die +die Partei groß gezogen hatte, ruhig stand. Die apodiktische +Sicherheit, mit der die Partei in ihrer Presse +ihre Ansichten vertrat; die verflachende Popularisierung +der Lehren ihrer Vorkämpfer, durch die sie sie den +Massen mundgerecht machte; der Hohn, mit dem sie die +Äußerungen »bürgerlicher Wissenschaft« überschüttete, +konnten keine andere Wirkung haben.</p> + +<p>»Wie wär's, wenn Genossin Brandt das Korreferat +übernähme?« fragte Ida Wiemer, die vor allem gewerkschaftlich +tätig war und infolgedessen zu einer weniger +radikalen Auffassung neigte.</p> + +<p>»Selbst wenn Sie das wünschen, müßte ich nein +sagen,« antwortete ich rasch; »ich bin außer stande, +theoretische Fragen zu beurteilen, die einen Mann wie +Bernstein jahrelang beschäftigt haben, ehe er eine Antwort +fand.« Rings um mich sah ich spöttisches Lächeln +in den Mienen, Ida Wiemer senkte errötend den Kopf, +als schäme sie sich für mich.</p> + +<p>Tatsächlich hätte ich nicht törichter vorgehen können: +Nur wer keck alles zu wissen und zu können behauptet, +verschafft sich Ansehen in der Öffentlichkeit. Ich hatte +mir eine Blöße gegeben, die mir nicht vergessen werden +würde.</p> + +<p>Luise Zehringer sprach nach mir, eine Genossin aus +Hamburg, eine Zigarrenarbeiterin mit harten vermännlichten +Zügen. Es fehlte ihr, auch in dem Klang der +Sprache, jede Spur von Weiblichkeit. Ein ernstes Ar<a name="Page_288" id="Page_288"></a>beitsleben +von Kindheit an hatte der ganzen Erscheinung +jede Weichheit genommen.</p> + +<p>»Ich gehöre zu denen, die eine energische Zurückweisung +der Bernsteinschen Angriffe auf unsere Grundanschauungen +nicht nur für notwendig, sondern für +jede von uns, die im Besitze proletarischen Klassenbewußtseins +ist, für möglich hält,« sagte sie. »Ich habe +keine vornehme Erziehung genossen, wie die Genossin +Brandt, aber meine fünf Sinne habe ich beieinander. +Ich weiß darum, ohne jahrelanges Studium, daß Bernstein +Marx und Engels Unterstellungen macht, die sie +niemals vertreten haben, daß er gegen eine Verelendungstheorie +kämpft, die niemals von uns propagiert worden +ist. Wir verstehen unter Proletariat nicht diejenigen, +die mit zerlumptem Rock und knurrendem Magen umherlaufen, +sondern jeden, der abhängig ist vom Kapital. +Und diese Abhängigkeit wächst von Tag zu Tag und +damit die Masse des Elends. Und ist die Zunahme +der Erwerbsarbeit proletarischer Hausfrauen und Mütter +nicht ein weiterer, schlagender Beweis für die Zunahme +des Elends? Glauben Sie vielleicht, Genossinnen, sie +verließen aus Vergnügungssucht, wie die Damen der +Bourgeoisie, ihr Zuhause und ihre Kinder?!«</p> + +<p>Aller Augen hingen an der Sprecherin, die ihre leidenschaftlich +vorgestoßenen Worte mit lebhaften eckigen +Gestikulationen begleitete. »Ich weiß aber noch mehr: +ich weiß, daß die Empörung gegen das Elend mit ihm +wächst, daß die Gleichgültigsten, wenn sie hungernd +über den Jungfernstieg gehen, während hinter den Spiegelscheiben +der feinen Restaurants die Protzen schmatzen +und saufen, die Fäuste ballen lernen und weniger denn +<a name="Page_289" id="Page_289"></a>je von einem Techtelmechtel mit den schlauen Verführern +der Bourgeoisie, den Liberalen, wissen wollen. Zwischen +uns und ihnen gibt es nur Kampf, — Kampf bis aufs +Messer, — bis zur Diktatur des Proletariats, vor dem +der behäbige, gut genährte Herr Bernstein und seinesgleichen +solch ein Grausen hat ...« Sie schwieg erschöpft; +ihre Züge waren noch um einen Schein blasser +geworden. Wanda Orbins Referat war gesichert.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>»Wie stellen sich die Parteigenossen Berlins zu +Bernsteins Schrift?« Auf leuchtend gelben +Zetteln prangte diese Frage an den Litfaßsäulen. +Im Westen gingen die Spaziergänger achtlos +daran vorbei. In der Friedrichstadt blieben Studenten +mit unverkennbar russischem Typus nachdenklich +davor stehen, während ihre deutschen Kollegen der Anzeige +der Amorsäle ihre Aufmerksamkeit zuwandten. Im +Norden und im Osten dagegen sammelten sich Gruppen +von Arbeitern vor ihr, und in die Kneipen, in die +Arbeitssäle und in die Wohnungen wurde die Frage +weiter getragen. Als Wanda Orbin die Tribüne betrat, +erwarteten nur wenige ihrer Zuhörer von ihr +etwas anderes, als die Bestätigung der Antwort, die +für sie selber schon feststand.</p> + +<p>Sie verkündete mit priesterlichem Fanatismus den beseligenden +Glauben an die Herrlichkeit des nahe bevorstehenden +Zukunftsstaates gegenüber der kühlen Beweisführung +seiner langsamen Entwicklung; sie schürte den +Haß wider die bürgerliche Gesellschaft, sie mahnte zum +Vertrauen allein auf die eigene Kraft des Proletariats.<a name="Page_290" id="Page_290"></a> +Zwischen ihr und der Zuhörerschaft entstand jene hypnotische +Verbindung, durch die der Redner nur als +Sprachrohr der Massen erscheint und die Massen wieder +unter der Suggestion des Redners stehen. Sie war die +Stimme des Volkes, das die Ketzer verdammte, die ihm +nehmen wollten, was ihres Lebens einziger Reichtum, ihres +Willens einzige Triebkraft war: den religiösen Glauben +des Sozialismus. In ihr lebte die Urkraft der Bewegung, +die nur Freunde und Feinde kannte, die kämpfen +wollte, aber nicht paktieren, die im Eroberungskrieg das +Leben jedes einzelnen zu opfern bereit war, nicht aber +die Hoffnung auf raschen Sieg.</p> + +<p>Ein alter Mann saß neben mir. Er war müde gekommen; +jetzt glänzten seine Augen, seine Wangen +glühten, sein gebeugter Rücken richtete sich auf. An +einem Tische nicht weit davon sah ich eine Gruppe +junger Arbeiter; sie trommelten mit den breiten Fäusten +auf den Tisch, und Haß und Lust und barbarische Kampfbegier +leuchtete aus ihren Zügen. Unter dem Spiegel +an der Wand lehnten umschlungen ein paar schwarzhaarige +Studentinnen; aus ihren Blicken sprach jene +Schwärmerei, die Hirtenmädchen zu Heldinnen macht. +Auch ich war erschüttert; was mein Verstand, mir selbst +zum Trotz, Stein um Stein aufgerichtet hatte, das +drohten die Pfeile von der Rednertribüne zu zerstören. +Aber dann vernahm ich schrille, falsche Töne, für die +nur mein Gehör fein genug schien: die Rednerin verhöhnte +die Kraft ethischer Motive als einen in Rechnung +zu stellenden Motor in der revolutionären Bewegung. +Sie überschüttete mit Spott jene »bürgerliche +Intelligenzen«, die mit der »Gerechtigkeitsidee« ins weite<a name="Page_291" id="Page_291"></a> +Meer gesteuert und mit gebrochenen Masten in den Hafen +der Entsagung zurückgekehrt sind. »Nur der aus seinen +Klasseninteressen entstehende Klassenkampf des Proletariats +wird dem Sozialismus die Welt erobern.« Welche +Motive hatten denn die Marx und Engels, die Lassalle, +die Liebknecht auf die Seite der Enterbten getrieben? +Waren sie nicht »bürgerliche Intelligenzen« gewesen, +wie Wanda Orbin selbst? Mit frenetischem Beifall +nahm das Volk ihren Kniefall vor seiner Majestät entgegen, +während mir die Schamröte in die Schläfen +stieg. Als sie dann mit einer Stimme, die nur noch +ein Kreischen war, weil nicht mehr das Feuer der Begeisterung, +sondern weibische Rachsucht sie belebte, in +den Saal hinausschrie: »Wenn die Gegensätze so schroff +zutage treten, wie zwischen der Masse der Genossen und +den Bernstein, den Heine, den David, den Schippel, so +ist eine reinliche Scheidung besser als ein fauler Friede,« +und die Zuhörer trampelnd und johlend Beifall klatschten, +da wußte ich, daß die Partei der Freiheit Scheiterhaufen +zu schichten imstande sein würde.</p> + +<p>Still davon zu gehen, nachdem die Versammlung geschlossen +worden war, wäre gewiß am klügsten gewesen. +Der Wirbelsturm meiner Gefühle, der sich aus Bewunderung +und Empörung, aus Schüchternheit und Angst +zusammensetzte, hatte mich gehindert, in der Diskussion +zu sprechen, jetzt aber kochte mir das Blut; ich wollte +nicht feige erscheinen, ich mußte mit Wanda Orbin +sprechen, die mich noch immer für ein Glied ihrer Gefolgschaft +hielt. Sie kam meinem Wunsch entgegen.</p> + +<p>Wir gingen noch in ein Kaffee, und schon auf dem Wege +dahin sprach sie mich an: »Sie waren gegen mein Re<a name="Page_292" id="Page_292"></a>ferat, +hörte ich?« »Ja, und ich bin es nachträglich noch +mehr, als vorher,« antwortete ich. »Das ist ja sehr +interessant,« meinte sie spitz und wandte sich von mir +ab. Ich war den Rest des Abends Luft für sie.</p> + +<p>Wir verabschiedeten uns mit einer kühlen Verbeugung, +und während sie, umringt von den Genossinnen, +ihrem Absteigequartier entgegenging, fuhr ich allein nach +Hause. Ich kämpfte mit den Tränen. In dem engen +Kreise der Arbeiterinnenbewegung Wanda Orbin als +Gegnerin gegenüberzustehen, das bedeutete entweder mein +Ausscheiden aus ihm oder einen endlosen aufreibenden +Kampf.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Spät in der Nacht kam ich nach Hause. Hier +draußen im Grunewald bedeckte eine feste +Schneedecke Straßen und Gärten, tiefschwarz +stiegen die Kiefern aus ihrer hellen Weiße empor; ihre +dünnen, dürftigen Wipfel verloren sich im Nebel. Ich +fürchtete mich. Nacht und Dunkelheit waren meine +schlimmsten Feinde. Dann sah ich, wie in meiner Kindheit, +drohende Gestalten hinter Baum und Busch, und +hörte die Tritte Unsichtbarer hinter mir. Ich lief. +Auf dem kleinen Platz wenige Schritte vor unserem +Garten blieb ich stehen. Der Atem wollte versagen. +Ich sah hinüber: Grau, düster, als wäre es selbst nur +ein Gebilde des Nebels, schlief unser Haus zwischen +den schwarzen Stämmen, die es umstanden wie lauernde +Wächter.</p> + +<p>Ein kalter Schauer rann mir über den Rücken: wir +hatten hier noch keinen frohen Tag gehabt. Der Kleine +<a name="Page_293" id="Page_293"></a>schlief schlecht, — der Kiefernduft rege ihn auf, meinte +der Arzt, — er war oft krank gewesen. Und zwischen +mir und meinem Mann richteten die Sorgen sich auf, +immer höher und höher, wie eine trennende Mauer, +in die die Kraft unserer Liebe nur hie und da Bresche +schlug. Wir trugen unsere Qualen allein, — aus Rücksicht; +wir hüllten unsere Seelen in den dunkeln Mantel +des Schweigens, damit der Anblick ihrer Not nicht den +anderen verletze. Daß einer den anderen überhaupt +nicht mehr sehen konnte, blieb uns verborgen. Unausgesprochene +Vorwürfe wirkten auf unsere Gefühle wie +früher Frost auf entfaltete Rosen. Uralte Vorurteile, +Traditionen, deren triebkräftige Wurzeln den Boden umklammern, +wenn auch der Baum gefällt ist, nährten sie.</p> + +<p>Unter der Schwelle des Bewußtseins lebte in mir, +der Emanzipatorin ihres Geschlechts, die Vorstellung: +daß der Mann, dem das Weib sich anvertraute, wie +ein Schutzengel über ihrem Leben stehen müsse, daß er +verpflichtet sei, sie vor Sorgen zu hüten. Statt dessen +hatte der meine — der Vorwurf wühlte in mir — sie +über mich heraufbeschworen! Und in dem Grunde +der Seele des Mannes, der aus eigener Überzeugung +meine Berufsarbeit förderte, lebte der Gedanke: daß +die Frau das Reich des Hauses zu regieren habe, daß +ihr die Pflicht obliege, durch ihr Wirken die Not von +seiner Schwelle zu bannen. Statt dessen verstand die +seine nichts von alledem, und nur zu oft las ich in +seinen sprechenden Zügen den Vorwurf: Du — du bist +schuld.</p> + +<p>Ein Licht, das im Erdgeschoß, wo die Köchin schlief, +aufflammte, riß mich aus meinem Sinnen. Ich eilte +<a name="Page_294" id="Page_294"></a>der Gartenpforte zu. Da öffnete sich die Türe zum +Kücheneingang, — »auf morgen!« hörte ich flüstern, ein +Mann trat heraus, kletterte gewandt über den Zaun +und ging, vor sich hinträllernd, die Straße hinab. Das +Licht im Mädchenzimmer erlosch.</p> + +<p>Ich schlich hinauf. Mein Mann schlief fest. Wie +ich ihn schon um diesen Schlaf beneidet hatte! Ihn +suchte er auf, ich mußte ihn mir erst erzwingen! Heute +wollte er sich überhaupt nicht festhalten lassen. Der +Gedanke, daß ich morgen die Minna schelten mußte, +peinigte mich: dadurch, daß ich ihre Arbeitskraft in Anspruch +nahm, hatte ich doch noch kein Recht über ihre +Person. Wie durfte ich verlangen, daß sie mir ihre +Liebe opfern sollte? Und doch würde vermutlich die +Konsequenz meiner Nachsicht nichts anderes sein, als +daß sie ihren Liebhaber mit ernährte. Eine gute Hausfrau +nimmt alle Schlüssel an sich, — die des Hauses +wie die der Speisekammer. Ich vermochte es nicht: +Konnte ich einen fremden Menschen einsperren, wie +einen Sklaven? Vor einer Hausgenossin alles verschließen, +als hielte ich sie von vornherein für eine +Diebin? Wieder rollte sich durch einen geringfügigen +Anlaß ein ganzes Problem vor mir auf. Ich grübelte +ihm nach, über die kleinen Nöte meiner eigenen vier +Wände hinaus, und fand keine andere Lösung als die +radikalste: Vernichtung des patriarchalischen Haushalts, +Entwicklung des Dienstmädchens, das unter ständiger +Kontrolle steht, das Tag und Nacht dienstbereit sein +soll, zur freien Arbeiterin, die stundenweise beschäftigt +und entlohnt wird.</p> + +<p>Mit dem grauenden Tage kehrte ich wieder zu mir +<a name="Page_295" id="Page_295"></a>selbst zurück. Die nächste Zeit stellte starke Anforderungen +an mich: der Feldzug gegen den Zuchthauskurs +sollte auf der ganzen Linie eröffnet werden, — ich würde +häufig abends fort sein müssen. Wenn ich doch irgend +jemand hätte, der mich im Hause vertreten könnte. +Aber die guten Hausgeister der Vergangenheit, — all +die unbeschäftigten Tanten und Cousinen waren ausgestorben, +hatten sich in selbständige Berufsarbeiterinnen +verwandelt. Und meine Mutter?!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Gleich nach des Vaters Tod hatte sie ihren +Haushalt aufgelöst und war zu Erdmanns +gezogen. Eine Lungenentzündung hatte Ilse +aufs Krankenlager geworfen, die Mutter war Pflegerin +und Haushälterin zugleich gewesen. Durfte ich sie jetzt, +wo sie selbst der Erholung bedürftig war, für mich in +Anspruch nehmen?</p> + +<p>Sie besuchte uns am nächsten Tag. Ottochen lief +ihr entgegen. Er suchte immer noch den »Apapa« und +weinte, wenn er nicht mitkam.</p> + +<p>Wie leicht, wie elastisch der Gang der Mutter ist, +dachte ich erstaunt, als ich sie näher kommen sah. Mir +war, als wäre sie sonst schwer und hart aufgetreten. +Ihre Wangen waren gerötet, der bittere Zug um ihren +Mund wie weggewischt, die schmalen, blassen, zusammengepreßten +Lippen wölbten sich plötzlich, wie von jungem +Blut durchglüht.</p> + +<p>»Nun kann ich reisen!« sagte sie mit einem Aufleuchten +in den Augen. »Meine Pflicht Erdmanns +gegenüber ist erfüllt, — sie wollen selbst so rasch als +<a name="Page_296" id="Page_296"></a>möglich auf See, um ihre Lungen auszuheilen; da bin +ich frei —,« sie dehnte dies letzte Wort, als müßte sie +es ganz auskosten.</p> + +<p>Nach Italien wollte sie zuerst. Sie erzählte von +einem ganzen Stoß kunsthistorischer Bücher, die sie mitnehmen +wollte. »Ich bin nie zum Lesen gekommen,« +meinte sie; »wie viel hab' ich versäumt, wie viel kann +ich nachholen!«</p> + +<p>Ich sah sie verwundert an, wie eine Fremde: hatte +sie mich nicht so und so oft aus der Lektüre herausgerissen, +als ich noch daheim war, und mich neben +sich an den Flickkorb gezwungen? Hatte sie jemals etwas +anderes gelesen als die Zeitung und hie und da +einen Roman?</p> + +<p>»Du bist erstaunt?« lächelte sie. »Du wirst es noch +selbst erfahren, wie die Pflicht für andere zu leben uns +Frauen fast bis zur Selbstvernichtung treiben kann.« +Ich fand keine Antwort. Wie unglücklich mußte sie gewesen +sein, — und wie unglücklich gemacht haben, da +sie fünfunddreißig Jahre lang nur aus Pflichtgefühl die +Ketten der Ehe getragen hatte!</p> + +<p>»Im nächsten Winter werde ich mich hier in einer +Pension etablieren,« fuhr sie fort, »du glaubst nicht, +wie allein der Gedanke mich beruhigt, alle Haushaltsquälerei +los zu sein!« Und sie war scheinbar in ihrem +Haushalt aufgegangen!</p> + +<p>»Was geschieht aber dann mit den Möbeln?« fragte +ich, um nur irgend etwas zu sagen.</p> + +<p>»Ich habe heute das letzte verkauft — —«</p> + +<p>»Verkauft?!« Ich starrte sie entgeistert an. Wie?! +Ohne uns, ihren Kindern, auch nur eine Mitteilung da<a name="Page_297" id="Page_297"></a>von +zu machen, hatte sie all die hundert lieben Dinge, +die ein Stück Heimat für mich gewesen waren, achtlos +in alle Winde verstreut?! Des Vaters Schreibtisch +mit den geschnitzten Eulen, — den alten Stuhl +davor, — die Reiterpistole! Ich strich mir mechanisch +mit der Hand über die heiße Stirn, um den +bösen Traum zu verscheuchen, — denn es war doch nur +ein Traum!</p> + +<p>»Auch die grünen Lehnsessel — und das alte Sofa, +das in meinem Zimmer stand?« murmelte ich.</p> + +<p>»Gewiß!« antwortete sie mit heller Stimme, aus der +der scharfe ostpreußische Akzent mehr als sonst hervortrat. +»Ihr alle habt, was ihr braucht, — das Gerümpel +hätte kaum noch einen Umzug ausgehalten; — nur Silber, +Glas und Porzellan ließ ich bei Ilse auf den Boden +stellen. Ich habe lang genug all dies Schwergewicht +mit mir gezogen.«</p> + +<p>Mir schoß das Blut in die Schläfen: So strich sie +Jahrzehnte ihres Lebens aus und mit ihnen die Erinnerung! +Schon hatte ich bittere Worte auf der Zunge. +Ich hob den Blick: Der Ausdruck ihrer Züge entwaffnete +mich. Mir war, als sähe ich plötzlich bis zum Grunde +ihres Herzens. Dem Götzen der Pflicht hatte sie ihr +Leben geopfert und wußte nun nicht einmal, wie groß +ihre Sünde gewesen war. Jetzt erst trat sie aus dem +Dämmerdunkel seines Tempels ans Tageslicht und +grüßte es, als sähe sie es zum erstenmal. Arme Mutter! +Keinen Strahl deiner schon leise sinkenden Sonne +will ich dir verdunkeln, dachte ich, und bat ihr im stillen +ab, was ich an heimlichem Groll gegen sie im Herzen +getragen hatte. Als ich sie zum Abschied küßte, liebte +<a name="Page_298" id="Page_298"></a>ich sie, — mit jener mitleidigen Liebe, die eine einzige +Trennung ist.</p> + +<p>Es war gut, daß sie ging, — für sie und für mich. +Der Glaube, daß ihre Kinder keine materiellen Sorgen +hatten, gehörte zu dem Glücksgefühl, mit dem sie die +späte Freiheit genoß. Hätte ich sie zurückgehalten, ihr +in meine Häuslichkeit Einblick gewährt, er wäre doch +erschüttert worden. Ich mußte selbst mit mir und den +Verhältnissen fertig werden.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>»Eine Villa im Grunewald, —« wie oft hörte ich +in den Kreisen der Parteigenossen mit einem mißtrauisch-hohnvollen +Blick auf mich diese vier Worte +flüstern. Sie wußten nicht, daß uns kein Stein von ihr gehörte, +daß sie aber mit dem Gewicht aller ihrer Steine auf +uns lastete. Die Zinsen, die wir zu zahlen hatten, waren +schließlich doch höher, als die Miete gewesen; Haus +und Garten erforderten mehr Arbeitskräfte, als die +kleine Etagenwohnung, und das Leben hier draußen +war auf Rentiers und Millionäre zugeschnitten, die den +Grunewald allmählich bevölkert hatten. Noch mehr als +früher war jeder Erste des Monats ein Schreckenstag +für mich. Und wenn ich am Schreibtisch saß und meine +Gedanken auf das Buch, an dem ich arbeitete, konzentrieren +wollte, kamen die Sorgen grinsend aus allen +Winkeln gekrochen und bohrten ihre Knochenfinger in +mein Gehirn und zerdrückten meine Gedanken zwischen +ihnen. Dann lief ich zu meinem Sohn hinauf oder +spielte im Garten mit ihm, — denn über seinen Zauberkreis +wagten sich die grauen Gespenster nicht.</p> + +<p><a name="Page_299" id="Page_299"></a>Wie hatte die Mutter gesagt, als sie mit jungen +Augen von ihrer Freiheit sprach? »Lang genug hab' +ich dieses Schwergewicht mit mir gezogen — —« Ein +Schwergewicht, — eine Kette am Fuß, — so empfand +ich auf einmal das Haus, in dem ich wohnte. Flügellos +machte es mich und — alt, alt!</p> + +<p>Du hast Falten um Mund und Nase, sagte mein +Spiegel, Falten, und trübe Schleier über den Pupillen +wie all jene Frauen, denen der jämmerliche +Kleinkram des Lebens die Seele zertritt. Ich aber +will nicht alt sein, schrie es in mir; noch braust und +schäumt der Strom der Jugend in meinem Innern, +der starke Strom, der Felsen höhlt und Riesen des +Waldes entwurzelt, und den die Ehe in ihre gemauerten +Kanäle zwang.</p> + +<p>»Heinz, hab' einmal Zeit für mich,« sagte ich eines +Abends. Wir saßen fast immer bis zum Schlafengehen +arbeitend an unserem Schreibtisch. Gemeinsame Abende +gab's für uns nicht. Ich hatte unter diesem Mangel +im Beginn unserer Ehe schwer genug gelitten. Er sah +von seiner Lektüre auf; ein helles Licht huschte über +seine Züge. »Immer, mein Schatz — nur leider verlangst +du nie danach.«</p> + +<p>»Ich weiß, du hast es sehr gut gemeint,« begann +ich stockend, »du hast nur meinen Wunsch erfüllen wollen, +als du dieses Haus für uns bautest. Keiner von uns +hat vorher gewußt, daß — daß es eine unerträgliche +Last für uns sein würde — —«</p> + +<p>»Aber, Alix, du kommst auf diesen vernünftigen Gedanken, +du?!« unterbrach er mich. »Du könntest — du +wolltest —?!«</p> +<p><a name="Page_300" id="Page_300"></a></p> +<p>»Das Haus verkaufen, — ja! Tausendmal lieber, +als in dieser Angst weiterleben —« Mir stürzten die +Tränen aus den Augen, trotz aller Selbstbeherrschung.</p> + +<p>Heinrich gehörte zu den wenigen Männern, die durch +Frauentränen nicht weicher, sondern härter werden. »Wozu +die Tragik,« sagte er ärgerlich. »Wenn du einsiehst, +was mir längst klar ist: daß wir über unsere Verhältnisse +leben, so sind wir einig, und die Konsequenzen +sind selbstverständlich.«</p> + +<p>Meine Tränen flossen nur noch stärker; ich hatte unwillkürlich +so etwas wie ein Lob für meinen Opfermut +erwartet. Erst allmählich kam ich zur Ruhe.</p> + +<p>Wir saßen aneinandergeschmiegt wie in den ersten +Zeiten unserer Ehe auf dem pfauenblauen Sofa und +spannen neue Zukunftsträume, als wäre durch unseren +bloßen Entschluß schon die Bahn für sie frei.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wochen und Monde vergingen. Niemand +fragte nach unserem Haus. Indessen zog +mit blauem Himmel und heißer Sonne +der Sommer ein, und auch unter den Kiefern lachten +und dufteten Rosen, Nelken und Lilien. Grüne Ranken +kletterten übermütig an den grauen Wänden empor, +vor allen Fenstern nickten rote Geranien. Und mitten +in all der Pracht blühte mein Kind. Es spielte den +ganzen Tag im Grünen, jeder Busch wurde ihm ein +lebendiger Gefährte. Und wenn es droben im Giebelstübchen +hinter den Blumenbrettern schlief, dann saßen +wir noch lange auf der Altane und atmeten den würzigen +Duft der Nacht und genossen der zauberischen<a name="Page_301" id="Page_301"></a> +Ruhe des Waldes. Ich fing an, dies Stückchen Erde +zu lieben: es hatte meinem Sohn eine Heimat werden +sollen. Ich trennte mich immer schwerer von dem stillen +Winkel.</p> + +<p>Nichts ist gefährlicher für den Altruismus, als die +mit Egoismusbazillen gefüllte Luft häuslicher Gemütlichkeit. +Nur die ganz Starken, Widerstandsfähigen entziehen +sich der Ansteckung.</p> + +<p>Die Vorkämpfer der Menschheit waren fast immer +die Heimatlosen.</p> + +<p>Aber auch meine Körperkräfte hinderten mich oft an +der agitatorischen Tätigkeit. War ich genötigt, ein paar +Abende hintereinander zu sprechen, so versagte meine +Stimme. »Sie dürfen sich niemals in Rauch und Staub +aufhalten,« sagte dann der Arzt und verordnete mir +Schweigen und frische Luft. Meine robusten Genossinnen, +für die die Atmosphäre der Versammlungssäle nicht +schlechter war als die ihrer engen Stuben, ihrer überfüllten +Werkstätten und Fabrikräume, hielten mich für +schulkrank und mißtrauten mir mehr noch als früher.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wir hatten im Winter einen Arbeiterinnenbildungsverein +gegründet, — einen Notbehelf, +da das Gesetz den Frauen die Teilnahme +an politischen Organisationen untersagte und +seine Handhabung den Arbeiterinnen gegenüber besonders +streng war. Er wurde aber rasch zum Selbstzweck; +die Frauen hatten ein lebhaftes Bedürfnis nach +geistiger Aufklärung aller Art, und es war für mich +eine Erfrischung, seinen Zusammenkünften beizuwohnen.<a name="Page_302" id="Page_302"></a> +Zwei Abende war schon über Erziehung gesprochen worden, +und die Debatte bewies, mit wie viel Ernst, mit +wie viel Eifer diese armen Arbeiterfrauen ihre Aufgabe +als Mütter erfaßten.</p> + +<p>Diesmal hatte ich Romberg genötigt, mitzukommen. +Er war in bezug auf die geistige Entwickelungsmöglichkeit +der Frauen sehr skeptisch, und so sehr er +aus rein ökonomischen Gründen die Frauenbewegung +für notwendig anerkannte, so war sie ihm doch nur +eine traurige Notwendigkeit; was sie erstrebte, erschien +ihm nicht als Fortschritt, sondern nur als eine +unausbleibliche beklagenswerte Wandelung. Den Bildungshunger +der »Waschfrauen und Näherinnen« hielt +er nun gar für eine meiner unverzeihlichen Illusionen. +Ich wollte ihm einmal statt Gründe Beweise liefern. +Und allmählich schien er wirklich erstaunt. Eine kleine, +adrett gekleidete Frau stand jetzt auf dem Podium. +»Mein Mann ist Maschinenschlosser,« sagte sie, »wir +haben nur zwei Kinder und soweit unser Auskommen, +so daß ich nicht mit zu verdienen brauchte. Aber unser +Junge ist ein heller Kopf. Da hab' ich mir gesagt: +Der soll was Besseres werden als seine Eltern, der soll +auch mal wissen, wie schön und wie reich die Welt ist, +und nicht, wie wir, bloß durch so'n schmales Guckloch +ein Endchen von ihr zu sehen kriegen. Und nun gehe +ich wieder in die Fabrik, und der Fritze geht dafür +aufs Gymnasium. Ich will mich nicht rühmen, daß +ich's tu', ich möcht' nur jeder raten, es ebenso zu +machen.«</p> + +<p>In jener Impulsivität, die ich so sehr an meinem +Mann liebte, stand er auf, um der tapferen kleinen<a name="Page_303" id="Page_303"></a> +Frau, die wieder ihrem Platz zuschritt, die Hand +zu drücken. Romberg dagegen sagte: »Meinen Sie, +daß der ›Fritze‹ als Geistesproletarier glücklicher sein +wird!?« »Auf das Glück kommt es nicht an, sondern +auf den Grad der sozialen Leistung, und die wird größer +sein, wenn seine Begabung zu ihrem Rechte kommt,« +antwortete ich rasch.</p> + +<p>Ein junges Mädchen trat an unseren Tisch. »Genossin +Brandt?« forschend sah sie mich an. — »Die +bin ich.« — »Ich wollte Sie nur mal was fragen. +Ich bin nämlich Dienstmädchen gewesen und habe eine +Freundin, die noch Köchin is, und die hat mich neulich +in den Dienerverein mitgenommen, wo sie jetzt wollen +auch die Mädchens aufnehmen. Sie schimpfen aber +dort alle gegen die Sozialen, und da wollt ich gern mal +wissen, ob Sie nich mal könnten hinkommen —«</p> + +<p>»Sie werden doch nicht!« flüsterte mir Romberg zu. +»Verpflichte dich zu nichts,« sagte mein Mann leise.</p> + +<p>»Selbstverständlich komme ich,« entgegnete ich der +zaghaft vor mir Stehenden; ihr Gesicht erhellte sich; +wir verabredeten alles weitere.</p> + +<p>Beim Heimweg schalt mein Mann: »Du läßt dich +von jeder beschwatzen, und alle spekulieren schließlich +auf deine Gutmütigkeit.«</p> + +<p>»Wenn diese kleine Begegnung zu einer Dienstbotenbewegung +den Anlaß gibt, so wirst du anders denken.«</p> + +<p>»Mir tut es in der Seele weh, wenn ich Sie in +der Gesellschaft seh,« meinte Romberg. Er sah mich +mit einem Blick an, der mich erröten machte. Wie +töricht, — dachte ich gleich darauf, zornig über die +eigene Schwäche, und doch blieb ich den ganzen Abend +<a name="Page_304" id="Page_304"></a>über im Bann jener Frauenfreude, die belebend wirkt +wie prickelnder Champagner: der Freude an der Bewunderung. +Alix von Kleve stieg aus der Versenkung +ernster Jahre empor und sonnte sich an altvertrauten +Triumphen. In meinen Verkehr mit Romberg trat ein +neuer Reiz: er ließ es mich fühlen, daß das Weib in +mir ihn anzog und nicht nur die neutral-interessante +Persönlichkeit. Es gibt Frauen, die angesichts solcher +Erfahrung die Beleidigten spielen. Sie lügen.</p> + +<p>»Ich drehe dir den Hals um, wenn du dir von +Romberg die Kur machen läßt,« grollte Heinrich, als +wir zu Hause waren, zwischen Scherz und Ernst. Ich +flog ihm in die Arme. »Hast du mich wirklich so lieb?« +lachte ich. Er zog mich stürmisch an sich: »Dich, dich +hab' ich lieb,« flüsterte er leidenschaftlich, »das süße +Katzel, — meinen Schatz; — die berühmte Frau kann +mir gestohlen werden ...«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>In der ersten Morgenfrühe weckte mich ein wilder +Schrei. »Aus Minnas Stube,« — sagte ich +mir und stürzte hinunter. Sie lag in ihrem +Blut, und als der Arzt kam, schwand mein letzter Zweifel: +sie hatte gewaltsam die Folgen ihres Liebesverhältnisses +beseitigen wollen.</p> + +<p>An ihrem Krankenbett studierte ich die Dienstbotenfrage. +Sie faßte Vertrauen zu mir. Ich erfuhr von +diesem armen Leben, das von Kindheit an unter fremden +Leuten in ständiger Unfreiheit, in ununterbrochener +Dienstbarkeit verflossen war. »Was muß unsereiner +doch auch haben, — was fürs Herz. Und wenn ich +<a name="Page_305" id="Page_305"></a>nicht getan hätte, was er wollte, — dann wär' er fortgegangen, — dann +hätte er zehn für eine gefunden,« +schluchzte sie.</p> + +<p>»Warum heirateten Sie nicht?« wagte ich einmal +einzuwenden. »Heiraten?! Womit denn?! — Arbeit +hat mein Franz keine, — meine paar Spargroschen +gab ich ihm, — und vor so einer Jammerwirtschaft +in einem Loch auf'n Hof mit'n halb Dutzend Göhren +graut's mich ...« Sie wurde von Tag zu Tag +elender. Ihr Franz fragte nur einmal nach ihr. Als er +hörte, daß sie krank sei, kam er nicht wieder. Ich mußte +sie schließlich der schweren Pflege wegen, die ihr Zustand +nötig machte, ins Krankenhaus bringen. Dort +starb sie.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>»Wir wollen die Harmonie zwischen Dienstboten +und Herrschaften wieder herstellen ...« — »die +Dienstboten allein können nichts erreichen, +es gehören auch die Herrschaften dazu ...« — »den +Arbeitern fehlt es heute an tüchtigen Hausfrauen, +weil die Mädchen lieber in die Fabrik als in Stellung +gehen, wo sie sich dazu vorbereiten könnten ...« Das +waren die Leitmotive, unter denen die Versammlungen +tagten, die der Dienerverein veranstaltete. Die wenigen +weiblichen Dienstboten, die ihm schon angehörten, schlugen +zwar zuweilen eine schärfere Tonart an, wenn die Erinnerung +an all die erlittene Unbill sie überwältige, +aber sie trugen schwarzweiße Kokarden und verwahrten +sich nachdrücklich dagegen, mit der Arbeiterbewegung +irgend etwas gemeinsam zu haben.</p> + +<p><a name="Page_306" id="Page_306"></a>Ich verhielt mich während der ersten Versammlungen +nur als Zuhörerin und erkannte bald, daß es dem Verein +an Mitteln und Mitgliedern fehlte und er offenbar +nichts wollte, als durch Hinzuziehung weiblicher +Dienstboten diesem Übel abzuhelfen. Im Grunde fürchtete +er schon, die Geister, die er gerufen, nicht los zu +werden, denn sobald ein Mädchen ihre Erfahrungen +gar zu rückhaltlos zum besten gab, trat irgendein Beschwichtigungsapostel +ihr entgegen.</p> + +<p>»Ich stelle den Antrag, daß wir uns der entstehenden +Dienstbotenbewegung mit allem Nachdruck annehmen,« +sagte ich, als ich wieder einmal mit den Genossinnen +zusammenkam; »in jeder Versammlung müssen einige +von uns anwesend sein. Wir dürfen die Gelegenheit +nicht vorübergehen lassen, um diese rechtlosesten unter +den Arbeiterinnen zum Bewußtsein ihrer Klasse zu erziehen. +Wir müssen so bald als möglich eine selbständige +Organisation gründen, damit sie dadurch dem +Einfluß dieses grundsatzlosen Vereins nicht unterworfen +bleiben.«</p> + +<p>Aber je lebhafter ich sprach, desto kühler und zurückhaltender +waren die anderen. »Genossin Brandt scheint +nicht zu wissen, daß die Dienstboten kein Koalitionsrecht +besitzen —,« meinte Martha Bartels naserümpfend.</p> + +<p>»Gerade weil ich das weiß, empfinde ich um so mehr +unsere Verpflichtung, ihnen zu helfen, ihnen das Rückgrat +zu stärken,« entgegnete ich heftig.</p> + +<p>»Die Dienstmädchen sind noch längst nicht reif für +unsere Bewegung, — überlassen wir sie ruhig sich selbst,« +sagte eine andere.</p> +<p><a name="Page_307" id="Page_307"></a></p> +<p>»Damit sie den Nationalsozialen in die Hände fallen, +die ihre Netze auslegen, wo immer sie einen Proletariermassenfang +erwarten dürfen,« antwortete ich, und unterdrückte +noch rasch eine Bemerkung über die Schädlichkeit +dieses fatalistischen Glaubens an die Alleinseligmachung +der ökonomischen Entwicklung, der uns in geeigneten +Momenten die Hände in den Schoß legen läßt.</p> + +<p>»So werde ich denn allein mein Heil versuchen,« erklärte +ich schließlich, als mein Antrag abgelehnt wurde, +und verließ die Sitzung.</p> + +<p>Von nun an fehlte ich in keiner Dienstbotenversammlung. +Mit bunten Sommerhüten und hellen Blusen +füllten die während der Reisezeit der »Herrschaften« +dienstfreien Mädchen die glutheißen Säle. Zuerst kamen +nur die Gutgestellten, die Jungen, die Handschuhe +trugen und zuweilen vornehmer aussahen wie ihre +»Gnädigen«. Sie betrachteten die Sache fast wie +eine Ferienlustbarkeit und kokettierten mit den Männern, +die hier auf Abenteuer ausgingen. Aber allmählich +überwogen die älteren, die von zehn und zwanzig +und dreißig Dienstjahren erzählen konnten, und die +Armen, die Mädchen für Alles waren, auf deren +schmale Schultern die gut bürgerliche Hausfrau die +Lasten des Lebens abzuwälzen sucht. Und ihre Klagen +wurden lauter, ihre Worte deutlicher; das Kichern und +Lachen verstummte vor den Bildern des Grams, die sich +enthüllten.</p> + +<p>Es gab welche, die ihre Kolleginnen um den dunkeln +Hängeboden über der Küche beneideten, weil sie nichts +hatten als ein Schrankbett auf dem offenen Flur oder +eine Matratze im Baderaum: »Dabei wird unsere gute<a name="Page_308" id="Page_308"></a> +Stube nur zweimal im Jahre für die große Gesellschaft +geöffnet ...«</p> + +<p>Ach, und die schmale Kost bei der harten Arbeit: +»Eine Stulle mit Schweineschmalz am Abend, — während +der Herr drinnen Rotwein trinkt zu fünf Mark +die Flasche ...«</p> + +<p>Vor allem aber: »Nie ein Stündchen freie Zeit ... +Wir schrubbern und kochen, während die Herrschaft +spazieren geht, ... wir hüten die Kinder, während +sie tanzen ...«</p> + +<p>Dazwischen schüchterne Bitten der Ängstlichen und +Gutmütigen: »Nur ein wenig geregelte Arbeitszeit, — und +freundliche Worte statt des ewigen Zanks, — dann +wollen wir gern dienen, wollen treu und +fleißig sein.«</p> + +<p>Sie waren wie aufgescheuchte Vögel, die ohne Richtung +hin- und herflattern. Als ich zum erstenmal vor +ihnen zu reden begann, hielten sie mich für eine »Gnädige«. +»Nu aber jeht's los!« rief kampflustig eine rundliche +Köchin. Alles lachte. Ich sprach von den Gesindeordnungen, +den Ausnahmegesetzen für die Dienstboten, +die sie den Dienstgebern fast rechtlos in die Hände +liefern, von der erlaubten »leichten« körperlichen Züchtigung, +von den vielen Gründen zur Entlassung ohne +Kündigung und schließlich von einer jener Schöpfungen +der preußischen Reaktion, die den Streik der Dienstboten +mit Gefängnis bestraft. Noch hörte man mir ruhig zu, +unsicher, was ich aus den Tatsachen folgern würde. +Nur der Vorsitzende, der stets aus eigener Machtvollkommenheit +»das Hausrecht übernahm«, sah beunruhigt +zu mir auf.</p> +<p><a name="Page_309" id="Page_309"></a></p> +<p>»Für Sie ist demnach die Zuchthausvorlage, die Deutschlands +gesamte Arbeiterschaft knebeln will, immer Gesetz +gewesen,« rief ich laut.</p> + +<p>»Eine Sozialdemokratin!« kreischte neben mir eine +Frau in hellem Entsetzen. Ein unbeschreiblicher Lärm +erhob sich; auf die Tische sprangen die Mädchen in +hysterischer Erregung, schrieen und winkten mit den +Taschentüchern; eine von ihnen drängte sich neben mich, +ballte die Fäuste und rief schluchzend: »Wir sind königstreu! +Wir sind gottesfürchtig!« Hilflos, mit angstgerötetem +Gesicht schwang der Vorsitzende unaufhörlich +die Glocke. Aber in der nächsten Versammlung erwarteten +mich schon ein paar Mädchen an der Türe: »Sie +werden sprechen, nicht wahr? — Wir werden Ihnen +Ruhe verschaffen!«</p> + +<p>Und im überfüllten Saal waren außer den Dienstboten: +Neugierige, Hausfrauen, bürgerliche Frauenrechtlerinnen, +Journalisten mit der frohen Erwartung einer in möglichst +vielen Zeilen zu beschreibenden Sensation. Auch +ein paar Genossinnen entdeckte ich: Ida Wiemer und +Marie Wengs. »Wir greifen ein, wenn's not tut,« +sagten sie, »nur tapfer!« Bis um Mitternacht ließ mich +der Vorsitzende nicht zu Worte kommen. Ich ging im +Saal umher, von Tisch zu Tisch. »Das ist Recht und +Freiheit im Dienerverein,« sagte ich. Jemand rief: +»Alix Brandt soll reden!« und der Ruf pflanzte sich +fort und dröhnte schließlich durch den Saal. Als ich +aber auf dem Podium stand, erstickte ihn ein zorniges +Zischen; die Kraft meiner Stimme kämpfte dagegen an, +und wie ein Unwetter in der Ferne verklang es.</p> + +<p>»Sie wollen eine Verbesserung der Gesindeordnung, +<a name="Page_310" id="Page_310"></a>als ob auf verunkrautetes Feld frischer Samen gesät +werden sollte. Es gibt nur eine Forderung, die Sie +stellen dürfen: ihre Abschaffung, damit Sie den Arbeitern +gleichgestellt werden —«</p> + +<p>»Wir sind keine Arbeiterinnen, — wollen keine sein!« +rief ein zierliches Zöfchen mit gebrannten Stirnlocken +entrüstet.</p> + +<p>»Sie predigen Harmonie zwischen Herrschaft und +Dienstboten, und doch gibt es zwischen ihnen ebensowenig +eine Interessengemeinschaft wie zwischen dem +Arbeiter und dem Unternehmer —«</p> + +<p>»Unerhört!« — Ein paar Damen mit hochrotem +Gesicht drängten sich zur Türe. Die Mädchen lachten +hinter ihnen: »Sie können die Wahrheit nicht vertragen!«</p> + +<p>»Je mehr Sie Maschinen sind, desto weniger Menschen +sind Sie und desto bessere Dienstboten im Sinne der +Hausfrauen ... Sie wollen statt der endlosen eine beschränkte +Arbeitszeit, Sie tun recht daran. Aber die +Masse der Hausfrauen ist nicht in der Lage, statt eines, +zwei und drei Mädchen für dieselbe Arbeit anzustellen. +Sie wollen statt einer Schlafstelle ein Zimmer, das +ihnen etwas wie ein Zuhause sein kann. Sie tun recht +daran. Aber bei der heutigen Einteilungsart der Wohnungen +und ihren hohen Preisen sind die meisten Frauen +nicht imstande, sie Ihnen zu geben. Sie wollen — lassen +Sie mich aussprechen, was Sie selbst noch +nicht ausgesprochen haben — Sie wollen mit Ihren +Freundinnen verkehren können, Ihren Bräutigam sehen, +ohne auf die Straße, auf die Tanzböden gehen zu +müssen —«</p> +<p><a name="Page_311" id="Page_311"></a></p> +<p>»Unglaublich!« — Und wieder leerte sich der Saal +um zahlreiche elegante Zuhörer.</p> + +<p>»Das ist Ihr gutes Recht. Und wer sich hier entrüstet +gebärdet, den frage ich: was empört sich in +Ihnen? Ihre Sittlichkeit?! Ist es sittlich, junge, +lebensvolle Mädchen, die auf Freude dasselbe Recht +haben wie die höheren Töchter, denen die Natur dasselbe +Verlangen nach der Erfüllung ihrer Geschlechtsbestimmung +verlieh wie diesen, auf Hintertreppen, auf +Schleichwege und zweifelhafte Balllokale anzuweisen, +statt ihnen den Schutz des Hauses zu verleihen ..?«</p> + +<p>Minutenlanger Beifall unterbrach mich. Dicht um +das Podium scharten sich junge Gestalten und leuchtende +Augen hingen an meinen Lippen.</p> + +<p>»Es ist vielmehr der natürliche Egoismus, der Interessengegensatz +der Hausfrauen zu den Dienenden, der auch +die Wohlwollenden unter ihnen zwingt, fremden Gästen +ihr Haus zu schließen ... Wir werden für die Gegenwart +eine Reihe von Forderungen an die Gesetzgebung +im Interesse der Dienenden zu stellen haben, deren Erfüllung +viele Mißstände beseitigen wird. Aber der Dienst +des Hauses wird nur dann den Charakter des Sklavendienstes +verlieren und zur Würde selbständiger Arbeit +sich entwickeln, wenn das abhängige Dienstmädchen sich +in die freie Arbeiterin verwandelt hat, die ihre Arbeitskraft +nur stundenweise verkauft, die imstande ist, in +Reih und Glied mit dem in der Sozialdemokratie +organisierten Proletariat für ihre letzten Ziele zu +kämpfen ..«</p> + +<p>Ich stieg in den Saal hinunter, umbraust von Beifallsrufen +und Schimpfworten.</p> + +<p><a name="Page_312" id="Page_312"></a>Von nun an hatte ich die Mehrheit auf meiner Seite. +Die Versammlungen wurden ruhiger, sachliche Beratungen +der aufzustellenden Forderungen wurden ermöglicht.</p> + +<p>Der Lärm tobte statt dessen außerhalb der Säle +weiter. Die Presse schrie nach der Polizei; Hausfrauenversammlungen +nahmen geharnischte Resolutionen +an, durch die sich die Anwesenden verpflichteten, ihren +Dienstboten den Besuch unserer Zusammenkünfte zu verbieten. +Alles war von der Angst ergriffen, daß mit +der Dienstbotenbewegung die Intimität des Familienlebens +der Sozialdemokratie ausgeliefert sei. Auf mich, +die ich diese Gefahr über die ruhigen Bürger heraufbeschworen +hatte, konzentrierte sich der persönliche Haß. +In allen Tonarten wurde ich beschimpft und verleumdet. +Und selbst nahe Freunde, aufgeklärte, freidenkende +Menschen, sprachen mir mündlich und schriftlich ihre +Mißbilligung aus. Die ruhigsten Frauen gerieten dabei +in leidenschaftliche Erregung.</p> + +<p>»Der Kanal, in den Sie den Strom der Dienstbotenbewegung +geleitet haben, wird das ›traute Familienleben‹ +überfluten. Was dann?!« schrieb mir Romberg.</p> + +<p>Meine Mutter erfuhr durch die Zeitungen von den +Vorgängen in Berlin. »Immer wieder zerstörst Du +durch die Maßlosigkeit Deiner Forderungen ihren nützlichen +Kern und machst Dir und Deiner Sache die wohlwollendsten +Menschen zu Feinden,« hieß es in einem +Brief von ihr. Tags darauf folgte ihm ein zweiter, +dem ein Schreiben meiner augsburger Tante beigelegt +war. »Nach den unerhörten Vorgängen in Berlin bin +ich außerstande, an Alix persönlich zu schreiben. Ich +<a name="Page_313" id="Page_313"></a>habe sie bisher immer verteidigt, habe ein Auge zugedrückt, +wo ich konnte, aber ihre unverantwortliche +Aufhetzung der Dienstboten, — denen es im Grunde +nur zu gut geht, — werde ich weder verstehen, noch +verzeihen können. Teile ihr das in meinem Namen +mit und sage ihr, was vielleicht nicht ohne Eindruck +auf sie bleiben wird, daß auch ihre alten Freunde, +die Grainauer Bauern, empört über sie sind ...« Ich +lächelte unwillkürlich: wenn ich von der Unfreiheit des +Gesindes sprach, mußten sie sich getroffen fühlen.</p> + +<p>Aber dann machte ich mir den Ernst der Sache klar: +Ich hatte in Gedanken an das reiche Erbe der Tante nie +auch nur einen Bruchteil meiner Überzeugungen preisgegeben, +die Selbständigkeit meiner Entschließungen war +nie durch sie beeinflußt worden. Jetzt aber besaß ich +einen Sohn, dessen einzige Zukunftsaussicht vielleicht in +Frage stand, — seine Eltern hatten nicht das Zeug dazu, +Kapitalisten zu werden! — und ich wußte nur zu +gut, was es heißt, unter dem Druck ständiger Sorgen +zu leben, ich ahnte, wie frei sich ein Mensch entfalten, +wie ungehindert er seine Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit +stellen kann, der an das Dach über dem +Kopf, an den Rock auf dem Leib und das tägliche Brot +keinen seiner Gedanken zu verschwenden braucht. Ich +schrieb an Tante Klotilde und versuchte, ihr meine +Stellung zur Dienstbotenfrage auseinanderzusetzen. Ich +bekam meinen Brief uneröffnet zurück. Meiner Mutter +teilte sie mit, daß sie das Geschehene vergessen wolle, +wenn ich nach dieser Richtung auf meine agitatorische +Tätigkeit verzichten würde.</p> + +<p>In jenen Tagen erklärte Wanda Orbin in der ›Frei<a name="Page_314" id="Page_314"></a>heit‹, +daß die Genossinnen verpflichtet seien, sich der +Dienstbotenbewegung anzunehmen. Wenn sie schon ohne +besonderen Beschluß immer häufiger in den Versammlungen +erschienen, so war dies das Signal zur Änderung +ihrer Stellung der ganzen Sache gegenüber. Die +Veranstaltung selbständiger Versammlungen wurde beschlossen, +und zur Rednerin wurde ich bestimmt. Ich +zögerte: verletzte ich nicht ein höheres Interesse, das +meines Sohnes, wenn ich zusagte?</p> + +<p>»Lege ihm die Frage vor, wenn er reif genug ist, sie +zu verstehen,« sagte mein Mann. »Wie er sie beantworten +wird, kann ich dir jetzt schon sagen: Meine +Mutter darf niemandem, auch mir nicht, ihre Überzeugung +opfern.«</p> + +<p>Und ich sprach. Die Empörung in der Öffentlichkeit +wuchs mit jeder Versammlung. Mit einer gewissen +Ostentation zogen sich die Menschen von mir zurück. +Aber die Bewegung war im Fluß und durch nichts mehr +aufzuhalten. Wäre ich weise genug gewesen, der fachliche +Erfolg allein hätte mich befriedigt. Aber noch +war ich zu jung, war zu sehr Weib, um den Menschen +und den Ereignissen mit der kühlen Objektivität reifer +Politiker gegenüberstehen zu können. Im Grunde sehnte +ich mich nach einem warmen, aufmunternden Wort +seitens meiner Kampfgefährten, nach ein wenig freundlicher +Anerkennung. Statt dessen begegneten sie mir +stets mit gleicher Kühle, mit gleicher Zurückhaltung. +Zu keiner einzigen entstand ein persönliches Verhältnis; +je länger ich mit ihnen arbeitete, desto fremder schien +ich ihnen zu werden.</p> + +<p>»Ich bin aus Liebe zu euch gekommen, mit vollem<a name="Page_315" id="Page_315"></a> +Herzen und ganzer Kraft,« hätte ich sagen mögen, +»warum stoßt ihr mich zurück?«</p> + +<p>Ich kämpfte oft mit den Tränen, wenn ihr Mißtrauen +mir immer wieder begegnete. Und nachher hörte ich, daß +man über meinen Hochmut, meine Unnahbarkeit schalt. +Im stillen hoffte ich, man würde mich diesmal zum +Parteitag delegieren, aber ich wurde nicht einmal dazu +vorgeschlagen. Martha Bartels sagte nicht ohne Betonung: +»Wir bleiben natürlich dem Grundsatz treu, +nur bewährte Genossinnen mit einer Delegation zu betrauen.« +Darauf wurde die große, hagere Frau Resch +gewählt; sie trug schon seit Jahren unermüdlich Flugblätter +aus, und ihr Mann war eine Größe in der +inneren Bewegung.</p> + +<p>»Was kümmerst du dich um die Weiber!« meinte +mein Mann ärgerlich, als ich ihm klagte. Und Ignaz +Auer, der uns an einem schönen Septembersonntag besuchte, +wiederholte dasselbe.</p> + +<p>»Glauben Sie mir altem Knaster,« meinte er, und +sein schönes blasses Gesicht nahm jenen rätselhaften +Ausdruck an, der aus Sarkasmus und Melancholie zusammengesetzt +war, »glauben Sie mir: solange ich +denken kann, war bei den Frauen stets derselbe Krakehl, +und wenn ich schon lange modere, wird's ebenso +sein. Sie haben alle Untugenden der Unterdrückten in +konzentriertester Form, und schwingt man nicht, wie +die Wanda, ständig die Knute, so hat man verspielt. +Seien Sie versichert: schon Ihr Aussehen vergeben +Ihnen die Weiber nie.«</p> + +<p>»Und doch sind Sie als Sozialdemokrat für die Gleichberechtigung +der Geschlechter?« wandte ich ein. Er +<a name="Page_316" id="Page_316"></a>wehrte ab, mit einer vollendet geformten starken Männerhand, +die aber durch ihre Blutleere an die eines Toten +gemahnte. »Ich werd's ja, gottlob, nicht erleben!« +sagte er. »Nach der Richtung hat die Wanda recht, +wenn sie den Auer mit dem Bernstein, den Schippel +und den Heine in einen Topf wirft: ich bin mehr für +die Bewegung als für das Endziel.« So waren wir +wieder bei dem Thema angelangt, in das jede Unterhaltung +zwischen Parteigenossen zu münden pflegte.</p> + +<p>»Der Parteitag in Hannover wird eine Klärung +bringen,« meinte ich im Laufe der Unterhaltung.</p> + +<p>»Eine Klärung?!« Er lachte kurz auf. »Ich muß +Genossin Bartels wirklich recht geben: Sie sind noch +nicht mandatsfähig! Glauben Sie wirklich, so tiefgehende +Meinungsverschiedenheiten, die auf Unterschieden +des Temperamentes, der Urteilskraft, der Bildung und +der Lebenslage beruhen, ließen sich durch bloßes Handaufheben +entscheiden?! Wir werden sie auch mit zehn +Parteitagen nicht aus der Welt schaffen. Und wieder +füge ich hinzu: Gottlob nicht! Es wäre nur ein Zeichen +von Altersschwäche, wenn wir alle ja schrien. Die +Hauptsache bleibt die Einigkeit im Handeln. Und um +die ist mir nicht bange, — die zwingen uns unsere +Gegner auf.«</p> + +<p>»Die Meinungsverschiedenheiten wären gewiß kein +Unglück, wenn nicht die Unduldsamkeit hinzukäme,« sagte +mein Mann.</p> + +<p>»Auch die ist noch nicht das Schlimmste. Wenn wir +die eigene Ansicht für die richtige halten, so müssen wir +doch konsequenterweise die falsche des Gegners bekämpfen,« +entgegnete Auer. »Nur daß der Anders<a name="Page_317" id="Page_317"></a>denkende +immer gleich als ein hundsgemeiner Kerl gebrandmarkt +wird, — das ist bitter.« Er verabschiedete +sich. Er fürchtete sichtlich, sich zu Klagen und Anklagen +hinreißen zu lassen. An der Gartentür blieb er stehen, +ein spöttisches Lächeln kräuselte seine Lippen: »Wenn +Sie übrigens ein Mandat haben wollen, Genossin Brandt, — ich +verschaff' es Ihnen. Die liebe Wanda und ihre +Leibgarde ein wenig zu ärgern, macht mir Spaß. Sie +müssen sich nur nachher zur Agitation in dem betreffenden +Kreis verpflichten.« Ich schüttelte den Kopf. Mir +widerstrebte die Sache.</p> + +<p>»Nimm's an, Alix,« mahnte mein Mann, »so zeigst +du am besten, daß du von der Gnade der berliner +Frauen nicht abhängig bist.«</p> + +<p>»Sie können's tun, — ganz ohne Gewissensbisse. Sowas +haben auch die obersten Halbgötter nicht verschmäht.« +Zögernd sagte ich zu. Es war mir nicht wohl dabei, +so sehr ich auch gewünscht hatte, einem Parteitag, und +vor allem diesem, beizuwohnen.</p> + +<p>Kurz ehe wir abreisten, kam meine Mutter zurück. +Sie schien um ein Jahrzehnt verjüngt. »Ich bleibe bei +dem Kleinen, während ihr fort seid,« sagte sie; »das +wird mein bedrücktes Gewissen etwas erleichtern, — nach +diesen selbstsüchtigen Monaten!«</p> + +<p>Wir mußten ihr nun auch von unserer Absicht, das +Haus zu verkaufen, erzählen. »Das ständige Hin- und +Herfahren zerrüttet unsere Nerven,« sagte ich leichthin, +»ich müßte auf die öffentliche Tätigkeit verzichten, wenn +wir draußen bleiben wollten.«</p> + +<p>Sie sah von einem zum anderen in stummer sorgenvoller +Frage. »Es ist wirklich so, Mamachen —,« ver<a name="Page_318" id="Page_318"></a>sicherte +ich lächelnd. Sie schüttelte fast unmerklich den +Kopf und fragte nichts mehr.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Zwischen schmalen Gassen und engen Höfen, fern +jenem modernen Teil der Städte, der auch in +Hannover ebenso elegant wie charakterlos ist, +liegt eine große dunkle Halle, der Ballhof genannt. +Vor Zeiten warfen hier Kurfürsten, Prinzessinnen und +Könige einander im graziösen Spiel ihre Bälle zu, bis +mit schwerem Schritt und ernstem Gesicht einer kam, +dem Spielen fremd war: der Proletarier. Hellere Räume +suchten die Fürsten für ihre Freuden; er nahm für seine +Arbeit, was sie übrig ließen: die dunkle Halle. Mit +frischem Grün waren ihre Pfeiler umwunden, hinter +purpurroten Fahnen verschwanden die alten schmucklosen +Wände. Das Parlament der Arbeiter tagte hier. Draußen +lachte die Oktobersonne, drinnen brannte über den langen +Tafeln künstliches Licht, das auf alle Gesichter scharfe +Schatten zeichnete, sodaß sie finster und feindselig erschienen. +Dumpf hing die Luft im Raum; der Atem +der Jahrhunderte war hinter den winzigen Fenstern gefangen +geblieben. Er beengte die Brust.</p> + +<p>Lange vor dem Beginn der Verhandlungen war der +Saal schon gefüllt. Anschwellendes Stimmengewirr, +Stühlerücken, Rascheln von Papier, — jenem Papier, +daß alle Süßigkeiten und alle Gifte der Welt auszuströmen +vermag, — bildete die in ihren ungelösten +Disharmonien aufreizende Ouvertüre. Zeitungsblätter +wurden hin- und hergezeigt: »Bernstein Apostata« stand +über dem einen Artikel, »Reinliche Scheidung« über +<a name="Page_319" id="Page_319"></a>einem zweiten; »wir werden mit dem Revisionismus +fertig werden, oder wir sind fertig,« hieß es an einer +rot angestrichenen Stelle, »die Genossen im Reich erwarten +eine klare Entscheidung,« an einer anderen. Von +der unausbleiblichen Spaltung der Partei sprachen frohlockend +bürgerliche Zeitungen; in linksliberalen Blättern +begrüßten Kathedersozialisten die Anhänger Bernsteins +als die ihren.</p> + +<p>Bureauwahl. Es hörte kaum jemand zu. Paul Singer +war anwesend, das Präsidium also von vornherein in +guten Händen. Die Begrüßungsreden der Ausländer +dämpften das Stimmengewirr im Saal. Frankreich, +wo der Dreyfus-Skandal noch im Mittelpunkt des Interesses +stand, wo Millerand, der Sozialdemokrat, mit +<ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Jaurés'">Jaurès</ins>', des Sozialdemokraten, ausdrücklicher Zustimmung +das in den Augen der deutschen Radikalen unverzeihliche +Verbrechen begangen hatte, in das Ministerium +einzutreten, — Seite an Seite mit Gallifet, dem +Mörder der Kommune, — war nicht vertreten. Des +alten Liebknecht heftige Angriffe auf die Genossen jenseits +der Vogesen mochte an dieser Zurückhaltung nicht +ohne Schuld sein.</p> + +<p>Die Verhandlungen begannen. Mit ungeduldiger Hast +wurde ein Punkt der Tagesordnung nach dem anderen +erledigt. Alles drängte dem Hauptthema des Parteitages +zu. Und selbst mitten in die nebensächlichsten Debatten +hinein blitzte schon das Wetter der kommenden +Tage.</p> + +<p>»Sie stehen bereits mit der Brandfackel an unserem +Scheiterhaufen —,« sagte einer der Revisionisten neben uns.</p> + +<p>Am Abend, als wir Frauen zu einer internen Be<a name="Page_320" id="Page_320"></a>sprechung +zusammenkamen, fühlte ich: in Gedanken war +die »reinliche Scheidung« schon vollzogen. Wir berieten +einen Antrag für den Arbeiterinnenschutz, der unserer +nächsten agitatorischen Tätigkeit Inhalt und Richtung +geben, und dessen Forderungen durch den Parteitag +sanktioniert werden sollten. Im Grunde waren es lauter +Selbstverständlichkeiten. Nur der Schutz der Schwangeren +war neu. Ich hatte dafür gekämpft, obwohl ich +wie vor einer Mauer redete und sie hatten ihn nicht +ablehnen können, ohne sich selbst ins Gesicht zu schlagen. +Dafür waren sie um so hartnäckiger, als ich die Unterstellung +der Dienstboten unter die Gewerbeordnung in +den Antrag aufzunehmen empfahl. Das steht bereits +in unserem Programm, hieß es. Aber viele unserer +anderen Forderungen standen auch darin. Und gerade +jetzt wäre es wichtig gewesen, uns offiziell mit der Dienstbotenbewegung +solidarisch zu erklären. »Wir dürfen +unsere Kräfte nicht verzetteln.« — Damit war die Sache +abgetan.</p> + +<p>Die Frauen rückten nach der Besprechung freundschaftlich +zueinander, unterhielten sich mit wohltuender +Herzlichkeit mit all den Genossinnen, die aus Ost +und West hierher gekommen waren; mich streifte zuweilen +ein scheuer Gruß, ein fremder Blick; — ich +ging hinaus.</p> + +<p>In unserem Gasthof fand ich die Führer in erregte +Unterhaltung vertieft. Ihre Augen glühten in +jugendlichem Feuer, selbst die Ausbrüche ihrer Leidenschaft +bändigte der heilige Ernst, mit dem sie alle für +ihre Sache kämpften. Bebel war am stillsten; immer +wieder strich er sich nervös die widerspenstige Locke aus +<a name="Page_321" id="Page_321"></a>der Stirn; auf ihm lastete die Verantwortung der kommenden +Tage.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Kalt und grau brach der nächste Morgen an. Im +Ballhof kämpften die elektrischen Lampen umsonst +gegen das Dunkel; es hockte um so deutlicher +hinter den Pfeilern und zwischen den Tischen, je +heller in ihrem direkten Strahlenkreis das Licht erschien. +Nur langsam füllte sich heute der Saal, und nur wenige +Stimmen wurden laut. Ein gemessener Ernst lag +auf allen Gesichtern und eine zweifelvolle Erwartung. +Singer betrat das Podium:</p> + +<p>»... zur Verhandlung steht Punkt 4 der Tagesordnung: +›Die Angriffe auf die Grundanschauungen +der Partei‹. Das Wort hat der Berichterstatter Genosse +Bebel.« Noch ein heftiges Stühlerücken, dann +tiefe Stille.</p> + +<p>Bebels Stimme allein beherrschte den Raum.</p> + +<p>Im Gesprächston begann er, ruhig, fast gemütlich. +Jeder Zuhörer fühlte sich unwillkürlich persönlich angeredet. +Selbst als er die unbeschränkte Freiheit der +Kritik an den eigenen Grundanschauungen als die Lebenslust +der Partei bezeichnete, warf er den Satz nicht wie +einen Fehdehandschuh in die Menge, sondern sprach im +Tonfall der Konstatierung einer Selbstverständlichkeit. +Die Fragen der materialistischen Geschichtsauffassung, +der Dialektik, der Werttheorie schaltete er von vornherein +aus, — »der Kongreß ist kein wissenschaftliches +Konzil,« sagte er, — um zum Problem des Entwickelungsprozesses +der kapitalistischen Gesellschaft überzu<a name="Page_322" id="Page_322"></a>gehen, +das Bernstein anders darstellte als Marx +und Engels. Eine Fülle statistischer Berechnungen +schüttete er vor uns aus, um Bernsteins Ansichten zu +entkräften, um festzustellen, daß das marxistische Dogma +von der Zuspitzung der wirtschaftlichen Gegensätze, von +der relativen Verelendung des Proletariats noch unerschüttert +ist.</p> + +<p>Und angesichts der verwirrenden Masse des Materials, +an der die große Menge den Grad der Wissenschaftlichkeit +mißt, wie sie an der Häufigkeit der Zitate +den Grad der Bildung zu messen pflegt, ging ein +Flüstern staunender Bewunderung durch die Reihen, das +sich in einem »sehr richtig«, einem »hört, hört« wieder +und wieder Luft machte.</p> + +<p>Bebels Stimme schwoll an, seine Bewegungen wurden +lebhafter, seine kleine Gestalt reckte sich. Er malte +die Not des Proletariats. Die grollende Leidenschaft +dessen, dem das Elend Auge in Auge gegenübertritt, +zitterte in seinen Worten, und klein und jämmerlich erschien +dagegen, was Bernsteins nüchterne Schreibstubenweisheit +von der gebesserten Lage des Arbeiters zu berichten +gewußt hatte.</p> + +<p>Wie der peitschende Ostwind über die Baumwipfel, +so wehte seine Rede über die Köpfe. Und sie neigten +sich gedankenschwer, sie wandten sich einander zu; sie +hoben sich wieder, von einem Wort, das sie traf, emporgerissen. +Da und dort stand einer auf, wie magnetisch +angezogen von dem, der sprach. Eine dunkle Gruppe +Menschen umringte die Rednertribüne.</p> + +<p>Auf einmal aber war es der Wind nicht mehr, der +in den Ästen rauscht, — es war der Sturm. Die +<a name="Page_323" id="Page_323"></a>jugendstarke Kraft des Revolutionärs, die begeisterte +Schwärmerei des Glaubenshelden donnerte und brauste +in den Worten des Agitators. All der zaghafte Pessimismus, +all der unschlüssige Zweifel, all die resignierte +Bedenklichkeit, mit denen Bernstein die Seelen belastet +hatte, flog vor ihnen davon wie Spreu und Staub. +Und wie der Geisterbeschwörer aus dem Nebel Gestalten +entstehen läßt, so entwickelte sich unter dem Zauberstab +des Redners die Erscheinung des alten Marx. War er +es wirklich? Seltsam, — uns allen, die wir aufmerksam +zusahen, kam es vor, als habe Bernstein manche +Farben zu diesem Bilde gemischt. Was Bernstein wider +ihn gesagt hatte, das nahm Bebel für ihn in Anspruch: +Die Elendstheorie hat an den Tatsachen Schiffbruch +gelitten, sagte Bernstein, — nie hat Marx sie im Sinne +des absoluten Niederganges aufgefaßt, erklärte Bebel; der +Hinweis auf die Erlöserkraft der Revolution ist vom +Übel, sagte Bernstein, — auf die Evolution hat Marx +schon das größte Gewicht gelegt und niemals das Heil +im Straßenkampf gesehen, erklärte Bebel. Und während +er sein Feuerschwert gegen all die zückte, die vor lauter +Wenn und Aber den rücksichtslosen Kampfmut einzubüßen +im Begriffe standen, traf es auch die Inquisitoren, +die ihn besaßen, aber auf die Ketzer im eigenen +Lager zielten.</p> + +<p>Die Menge, die sich zuerst auseinandergerissen wie +Steine von einem Felssturz vor ihm ausgebreitet hatte, — jeder +die scharfe Kante feindselig wider den anderen +gekehrt, — schien wieder ein Marmorbruch, aus dem er +planvoll gewaltige Quadern schlug, die sich zu Grundmauern +zusammenschließen ließen.</p> + +<p><a name="Page_324" id="Page_324"></a>Fünf Stunden sprach er schon. Nun wich der Sturm +seiner Rede wieder dem ruhigen Gesprächston; sich +selbst zurückgegeben, atmete die Menge tief und gesättigt +auf. Noch einmal, wie der letzte ferne Donner +des Gewitters, hob sich seine Stimme in ungeschwächter +Kraft: »Unsere Grundanschauungen sind nicht erschüttert, — wir +bleiben, was wir waren —.« Tobender Beifall +verschlang den Schluß.</p> + +<p>Minutenlang stand der nächste Redner, Eduard David, +an Bebels Stelle, ehe seine Stimme den Lärm durchdrang. +»Ich habe den Mut, auch nach Bebels Referat, Bernstein in +seinen Anschauungen zuzustimmen,« sagte er. Irgendwo +zischte jemand, aber der Respekt vor dem ehrlichen Bekenntnis +unterdrückte rasch jeden Laut des Mißfallens. Kühl, +fast nüchtern sprach er; wer ihn auch nicht kannte, +empfand: er kam mitten aus der Praxis des politischen +Gegenwartslebens, er stand nicht mehr im Bann der +Tradition der Sekte mit ihrer Geheimbündelei, ihrem +Märtyrertum, ihrer Glaubensseligkeit. Er ließ das +grelle Licht des Tages auf die durch Bebel beschworene +Geistererscheinung von Marx fallen, und hinter ihr stand +der lebendige Bernstein. Wo Bebels Leidenschaft Gegensätze +verwischt oder sein Zorn die Ansichten des Gegners +niedergetrampelt hatte, da malte er sie groß und +deutlich, wie der Lehrer die Rechenaufgaben vor der +Klasse auf die schwarze Tafel. Keiner, der nicht blind +war, konnte sich ihnen verschließen. Und er rief in die +Wirklichkeit zurück, wo Bebel uns auf den Flügeln +seiner Phantasie in die Zukunft getragen hatte. »Die +höhere prinzipielle Bewertung der Gegenwartsarbeit, — das +ist es, was Bernstein uns gibt, und das ist mehr +<a name="Page_325" id="Page_325"></a>wert, als was er uns genommen hat,« erklärte er und +verkündete gegenüber der einseitigen Betonung des +Kampfs um die politische Macht — als des einzigen +Mittels, den Sozialismus zum Siege zu führen — die +Dreieinigkeit der gewerkschaftlichen, der genossenschaftlichen, +der politischen Bewegung, die durch tägliche +Arbeit dem Sozialismus einen Fußbreit Erde nach dem +anderen erobern.</p> + +<p>Nun erst war der Kampfplatz abgesteckt. Der Alltagsausdruck +trat an Stelle der Begeisterungsglut, die +Bebels Rede angefacht hatte, auf die Gesichter, und über +die Geister herrschten wieder, an Stelle des großen einigenden +Gedankens, all die Streitpunkte der praktischen +Politik.</p> + +<p>Durfte ich mich deshalb dem Gefühl des Bedauerns +überlassen, das mich momentan überwältigt hatte? Entsprang +nicht jenes instinktive Festhalten an den überkommenen +Anschauungen jener Schwerkraft des menschlichen +Geistes, die sich von je im Dogmatismus, im +Konservativismus, wie in Denkfaulheit und Bequemlichkeit +geäußert hat? Wir, die wir Vorkämpfer sein +wollten, waren verpflichtet, sie zu überwinden.</p> + +<p>Bewegte Tage kamen, ein Kampf, der nicht immer +ein Kampf der Meinungen blieb. Und das »Kreuzige!« +tönte am lautesten vom Munde der Frauen. +Wanda Orbin kreischte es in den Saal hinein; Luise +Zehringer, die Hamburger Zigarrenarbeiterin, wiederholte +es; eine kleine polnische Jüdin, die eben erst in +die deutsche Partei eingetreten war, kritisierte mit der +Sicherheit einer Parteiautorität die Ansichten und Handlungen +bewährter Führer. Und die Masse klatschte ihr<a name="Page_326" id="Page_326"></a> +Beifall. »Sehen Sie, — das ist eine Politikerin,« sagte +ein Journalist, »je respektloser sie die Auer und +Vollmar und Bernstein abkanzelt, desto sicherer ist ihr +Erfolg.«</p> + +<p>Immer deutlicher sonderten die Parteien in der Partei +sich voneinander ab; über dem tiefer und tiefer wühlenden +Streit vergaßen auch die Leichtsinnigsten die Vergnügungen +des Abends; Sitzungen wurden statt ihrer +abgehalten. Es gab dabei Augenblicke, in denen es +schien, als würden die Radikalen vor dem äußersten +nicht zurückschrecken. Die uneingeschränkte Anerkennung +des Parteiprogramms wollten sie fordern, wie der +orthodoxe Priester den Schwur auf das Apostolikum. +Und jeder begann im stillen die große Abrechnung mit +sich selbst.</p> + +<p>Zum ersten Mal kam mir zum Bewußtsein, was +all die Jahre hindurch die unbekannte Quelle meiner +Kämpfe und Schmerzen gewesen war: die Sache forderte +den ganzen Menschen restlos, ich aber wollte im +Kampfe für sie ich selber bleiben. Und zu gleicher Zeit +schien mir, als ob zuletzt kein anderes als dies Problem +all den Kämpfen, die wir führten, zugrunde lag.</p> + +<p>»Warum bist du so stumm?« fragte mein Mann, als +wir in der Mittagspause zusammensaßen.</p> + +<p>»Weil ich anfange zu fürchten, daß ich kein Recht habe, +Genosse zu sein. Ich bin ja auch kein Christ —.« Verständnislos, +ein wenig erschrocken, als zweifle er einen Augenblick +an meinen gesunden Sinnen, sah Heinrich mich +an. Ich legte meinen Arm in den seinen. »Hab keine +Angst, Liebster, — ich dachte niemals klarer als jetzt! +Hingabe an den Willen Gottes bis zur Selbstentäuße<a name="Page_327" id="Page_327"></a>rung +fordert das Christentum, Hingabe an den Willen +der Massen der Sozialismus. Ob es zwischen dieser +Forderung und dem Persönlichkeitsrecht eine Brücke gibt, +das weiß ich im Augenblick ebensowenig, als wir es in +der Partei wissen.«</p> + +<p>»Deine Formulierung ist falsch, ganz und gar falsch,« +entgegnete Heinrich erregt, »nicht an den Willen, sondern +an das Wohl der Massen wird die Hingabe verlangt.«</p> + +<p>»Und doch verlangt Ihr als etwas Selbstverständliches +das Opfer der Überzeugung,« unterbrach ich ihn.</p> + +<p>Wir traten in den Saal. Mit einer fiebrigen Nervosität, +die alle ergriffen hatte und manche jener robusten +sehnigen Arbeitergestalten tragikomisch erscheinen +ließ, rissen die Delegierten den austeilenden Ordnern +die neuen Drucksachen aus der Hand. Es war Bebels +Resolution in neuer Fassung. Wir verglichen.</p> + +<p>»... Nach alle diesem liegt für die Partei kein +Grund vor, ihr Programm ...« las ich. »Jetzt heißt +es: ›ihre Grundsätze und Grundforderungen‹ zu ändern« +las Heinrich, »damit können wir uns ohne weiteres +einverstanden erklären,« fügte er hinzu, und mit einem +lächelnden Blick auf mich: »Du siehst, die Klippe tragischer +Konflikte ist glücklich umschifft.«</p> + +<p>Auer kam an uns vorüber. In seinem Gesicht wetterleuchtete +es. »Jetzt werde ich ihnen einmal zum Tanz aufspielen,« +sagte er in grimmigem Scherz. Dabei sah ich, wie +seine Finger sich zur Faust zusammenzogen. Von allen +Seiten, schriftlich und mündlich, direkt und indirekt war +er angegriffen worden. Er, der sich zur Bernsteinfrage +in der Öffentlichkeit überhaupt nicht geäußert hatte, +<a name="Page_328" id="Page_328"></a>galt als der eigentliche und der gefährlichste Führer der +Revisionisten, als der Abtrünnige.</p> + +<p>Die Luft im Saal war immer schwerer geworden. +Oder war es nur die gesteigerte Reizbarkeit der Nerven, +die sie so empfand? Irgendeine Entladung mußte +kommen. Mit Naturnotwendigkeit schien jeder Redner +die Gegensätze ins Absurde steigern, den Gegner bis +zur Lächerlichkeit herabsetzen zu müssen. Die Zuhörer +wurden unruhiger. Man ging ab und zu, man unterhielt +sich.</p> + +<p>Da betrat Auer die Tribüne. Mit dem leisen +Spott der Überlegenheit um die Lippen sah er über +die Menge hinweg. Dann kam die Abrechnung. Unwillkürlich +senkten sich alle Köpfe vor diesem gewaltigen +Ausbruch eines feuerbergenden Kraters. Eine +öffentliche Anklage war es, und am Pranger standen +alle, die den befreienden Streik der Gedanken in ein +lähmendes Gezänk um Personen verwandelt hatten. +Und eine Verteidigung war es, — eine Verteidigung +des Mannes, den dieselbe Partei, um deretwillen er +aus dem Vaterland verbannt worden war, des Verrats +bezichtigte; — aber auch eine Verteidigung seiner selbst, +des in der jahrzehntelangen Parteiarbeit aufgeriebenen +Kämpfers. Seine breiten Hände, — bestimmt, einen +Hammer zu führen oder ein Schwert, — umklammerten, +zuweilen krampfhaft zuckend, den Rand des Rednerpults. +Sie waren am Schreibtisch, in der eingeschlossenen +Bureauluft weiß geworden. Das stolze Germanenhaupt, +dem ein Ritterhelm gebührte, sank leise nach vorn. Die +Sorgen der Partei lasteten schwer auf ihm. Das Antlitz, +das auf den Bergen seiner Heimat, der Sonne am +<a name="Page_329" id="Page_329"></a>nächsten, braun und rot sich hätte färben müssen, war +grau und fahl. Durchwachte Nächte sprachen aus seinen +Augen.</p> + +<p>Gereizte Zurufe unterbrachen ihn, — zu wuchtig fielen +seine Schläge. Und seine Stimme, durch hunderte +von Reden, hunderte von Agitationsreisen abgenutzt, +drohte zu versagen. Noch eine die Luft durchschneidende +Bewegung mit der Hand, als wolle er ausstreichen, +was sich doch unauslöschlich seiner Erinnerung eingeprägt +hatte, noch ein Witz, den er in die Masse warf, +wie der Tierbändiger einen Knochen zwischen die Tiger, +und der Strom seiner Rede erreichte in ruhigem Fluß +sein Ziel.</p> + +<p>Die Resolution Bebel wurde angenommen, nur ein +kleines Häuflein Unentwegter, die noch immer ihr »Kreuzige!« +schrieen, stimmte dagegen.</p> + +<p>»... Auch auf diesem Parteitag hat es sich gezeigt, +daß die Partei über ihre Grundsätze und ihre Taktik +einheitlich denkt und auch fernerhin in voller Einmütigkeit +handeln wird ...,« sagte Singer zum Schluß. Die +Arbeitermarseillaise brauste durch den Ballhof. Hörte +niemand die Dissonanz? Es waren nicht die Geister +der Vergangenheit, die Prinzessinnen, die Kurfürsten und +die Könige, die sie hervorriefen. Es war der Geist der +Zukunft.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_330" id="Page_330"></a></p> + +<p>Müde und erschöpft reisten wir heimwärts. Es +dämmerte, als wir vom Bahnhof zum Grunewald +fuhren. Wie herrlich die Stille war +in den breiten Alleen! Wie erfrischend der Duft der +Kiefern den heißen Kopf umstrich! Statt der vielen +Menschenstimmen nur ein abendlich-süßes Vogelgezwitscher! +Wer doch im Walde bleiben könnte! —</p> + +<p>Mit jenem feinen Taktgefühl, das auf dem Baume +alter Kultur eine der köstlichsten Früchte ist, hatte meine +Mutter, kurz ehe wir ankamen, das Haus verlassen. +So konnten wir uns ungeteilt am Wiedersehen mit unserem +Jungen freuen. Mir schien, als wären wir +Wochen statt Tage weg gewesen: war er nicht viel +größer und viel klüger geworden? Und wie entzückend +ringelten sich die blonden Löckchen um den breiten +Schädel! In übersprudelndem Eifer mußte er alles erzählen, +alles zeigen. Seinen Bauernhof packte er vor +mir aus, nahm die Bäume und rief: »Nu laufen sie +zu dem lieben, duten Mamachen!« »Aber Bäume laufen +doch nicht!« meinte ich. Darauf nickte er altklug mit +dem Köpfchen und sagte: »Doch, Mama; in der Elektrischen, +da laufen die Bäume.« Und als er zur Feier +des Tages mit uns zu Abend gegessen hatte, rutschte er +geschickt von seinem hohen Stühlchen, stellte sich breitbeinig +vor uns hin und rief: »Ich bin satt!« Das +erste »Ich«! — Lachend schloß ich ihn in die Arme: +Nun war mein Kind ein Mensch geworden. Alle Probleme +der Welt verschwanden mir wieder angesichts dieses +Wunders.</p> + +<p><a name="Page_331" id="Page_331"></a>Am nächsten Morgen saß ich am Schreibtisch +und rechnete. Die Angst trieb mir Schweißtropfen +auf die Stirn: schon das nächste +Vierteljahr würden wir die Zinsen nicht zahlen können. +Wie hatte ich als Mädchen gezittert, wenn die Rechnungen +kamen, die der Mutter Tränen erpreßten! Es +war das reine Kinderspiel gewesen im Vergleich mit +meiner Situation. »Mach dir doch keine Sorgen, ehe das +Unglück da ist,« sagte mein Mann ärgerlich, als er sah, +wie verstört ich war.</p> + +<p>Ich wurde krank. Die alten unausbleiblichen Schmerzen, +die jede Erregung zur Folge hatte, stellten sich mit +erschreckender Heftigkeit wieder ein. Und abends, wenn +ich todmüde in die Kissen sank, klopfte mir das Herz +bis zum Halse herauf. Ich war genötigt, ein paar Versammlungen +abzusagen. Ich war froh darüber: in einem +Zustand geistiger und körperlicher Erschlaffung verbrachte +ich meine Tage.</p> + +<p>»Wir haben einen Käufer!« mit der Botschaft überraschte +mich mein Mann eines Morgens. Ich zweifelte +noch. Aber bald darauf kam er selbst, und in wenigen +Tagen war der Kauf abgeschlossen.</p> + +<p>»Siehst du nun ein, wie töricht es war, sich zu +fürchten?« sagte Heinrich. Beschämt senkte ich den Kopf. +»Ich will in Zukunft mutiger sein,« versicherte ich.</p> + +<p>Schon im Januar sollten wir das Haus verlassen. +Dann wollen wir von vorne anfangen, dachte ich, +und begann eifrig nach einer bescheidenen Wohnung zu +suchen.</p> + +<p>Bin ich erst in Ruhe, so werde ich auch gesund +<a name="Page_332" id="Page_332"></a>werden, sagte ich zu mir selbst, wenn die Schmerzen nicht +weichen wollten und das Herz mich nicht schlafen ließ.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Eines Abends nahm ich wieder an einer Sitzung +der Genossinnen teil. Wie die Befreiung von +den persönlichen Sorgen mich aus der Erstarrung +aufgerüttelt hatte, so elektrisierten mich jetzt +die politischen Vorgänge wieder. Das Zuchthausgesetz +war endgültig begraben worden, aber trotz aller gegenteiligen +Versicherungen drohte eine neue gewaltige Flottenvermehrung.</p> + +<p>»Unter den Waffen schweigen die Musen,« erklärte +ich, als wir die Aufgaben besprachen, die der kommende +Winter uns stellte, und einige der Frauen den Arbeiterinnen-Bildungsverein +und seine Veranstaltungen in den +Vordergrund schieben wollten. »Wir müssen unsere +Kräfte konzentrieren: auf die beschlossene Agitation für +den Arbeiterinnen-Schutz und auf den Kampf gegen die +neue Volksausbeutung.«</p> + +<p>»Wenn wir so sicher wie stets auf Genossin Brandts +wertvolle Unterstützung rechnen können, wird der Sieg +uns nicht fehlen,« spottete Martha Bartels und berichtete +dann, wie ich durch die kürzlich »angeblich« +wegen Krankheit erfolgten Absagen die Sache geschädigt +hätte.</p> + +<p>»Unsichere Kantonisten können wir nicht brauchen,« +sagte Frau Resch, die seit ihrer Delegation nach Hannover +sehr selbstbewußt geworden war.</p> + +<p>Während ich antwortete, drückte ich die Hand krampfhaft +in die Seite, wo die Schmerzen wühlten, und +<a name="Page_333" id="Page_333"></a>suchte, tiefatmend, die wilden Schläge meines Herzens +zu beruhigen. Aber trotz meiner Verteidigung, setzte +der Zank sich fort. Und plötzlich war mir, als drehe +sich das Zimmer um mich —, ohnmächtig brach ich +zusammen. Als ich zu mir kam, übersah ich mit +einem einzigen Blick die Situation: Ida Wiemer hielt +mich umschlungen, auf ihren Zügen lag ein Schimmer +aufrichtiger Teilnahme; aber steif und unbeweglich +saßen alle anderen um den Tisch, die Augen auf mich +gerichtet, voll Hohn und Spott, voll Kälte und +Mißtrauen. Ein eisiger Schauer lief mir über den +Rücken. Ich preßte die Zähne zusammen und erhob +mich. In dem Augenblick kam mein Mann. Der Kellner +hatte mich fallen sehen und ihn, der im Restaurant auf +mich wartete, benachrichtigt. Auf seinen Arm gestützt, +verließ ich das Zimmer. Niemand erhob sich. Niemand +sagte mir Lebewohl.</p> + +<p>Wir fuhren noch in der Nacht zum Arzt. Er machte +ein bedenkliches Gesicht. »Ein paar Monate im Süden, +und Sie können genesen,« sagte er. Ich empfand seinen +Bescheid wie eine Erlösung. Fort, — weit fort, wo +ich Ruhe finden, wo ich wieder zu mir selber kommen +würde!</p> + +<p>Wir entschieden uns für Meran. Der Überschuß, +der uns vom Kaufpreis des Hauses bleiben würde, +ermöglichte die Reise. Mein Kind nahm ich mit. Und +eine große Kiste mit Büchern und Manuskripten. »Nun +werde ich ungestört meine ›Frauenfrage‹ vollenden können,« +sagte ich hoffnungsvoll.</p> + +<p>»Wenn der Arzt dir das Arbeiten erlaubt,« meinte +mein Mann und sah dabei traurig drein. »Ich werde +<a name="Page_334" id="Page_334"></a>ihn nicht erst fragen,« lachte ich; »Arbeit ist für mich +die beste Medizin.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Silvester 1899 kamen Erdmanns mit der Mutter +zu uns. Als es Mitternacht schlug, rissen wir +alle die Fenster auf und riefen ein schallendes +»Prost Jahrhundert!« in die sternhelle Nacht hinaus. Da +war keiner, dem das Vergangene nicht wie ein Alp von +der Seele gefallen wäre. Und unsere Hoffnungen waren +riesenstark. Nur die Mutter sah sorgenvoll von einem +zum anderen: zu Erdmann, dessen eingesunkene Brust +nach jedem lauten Wort trockener Husten erschütterte, +zu Ilse, deren Blicke halb ängstlich, halb verschüchtert +an ihrem Gatten hingen, zu uns, von deren Kämpfen +sie manches ahnen mochte.</p> + +<p>Schatten gingen um. Ich mußte sie bannen. Aus +dem Bettchen droben, wo es mit heißen Wangen schlief, +nahm ich mein Kind und trug es hinunter. Im Licht +der Lampen schlug es die strahlenden Augen auf. Ich +hatte es jubelnd emporheben wollen, nun aber drückte +ich es zärtlich ans Herz und flüsterte leise, ganz leise, +damit die anderen nichts hörten: »Dein ist das Jahrhundert.«</p> + +<p>Wenige Tage später schloß sich die Pforte des grauen +Hauses hinter uns. Die Wipfel der Kiefern bewegten +sich leise über dem Dach. Schwarz standen ihre Stämme +vor den blumenlosen Fenstern. In jubelnder Vorfreude +auf die Reise warf mein Junge keinen einzigen Blick +zurück. So wollte auch ich nur vorwärts sehen.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_335" id="Page_335"></a></p> +<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2> + + +<p>Ein eisiger Wind pfiff aus dem Passeier Tal +über Meran; die Schneeflocken fielen so dicht, +daß es aussah wie lauter weiße Schleier, die +der Winter, mißgünstig, einen nach dem anderen der +Natur vor das schöne Antlitz zog. Und ich war mit +der ganzen Sonnensehnsucht des Deutschen, der jenseits +des Brenners zu jeder Jahreszeit blauen Himmel und +blühende Bäume erwartet, gen Süden gefahren!</p> + +<p>»Du hast mir das Sommerland versprochen, — ich +will ins Sommerland —,« weinte mein Bübchen, als +es am ersten Morgen aus dem Fenster unseres kleinen +Zimmers in die weiße Welt hinaussah. Während ich +ihn durch lauter Hoffnungen zu beruhigen suchte, fröstelte +auch mich.</p> + +<p>Das Sanatorium »Iduna«, das westlich von Meran +einsam zwischen Wiesen und Obstbäumen lag, +war uns empfohlen worden. »Es nimmt nur eine +beschränkte Anzahl von Patienten auf, bewahrt daher +den Charakter eines behaglichen Privathauses,« hieß es +im Prospekt. In Wirklichkeit war's ein altes Landhaus, +das, wie so viele seinesgleichen im Süden, mit dünnen +Wänden und zugigen Fenstern den Winter zu ignorieren +schien. Ein paar eiserne Ofen strahlten stundenweise +<a name="Page_336" id="Page_336"></a>rotglühende Hitze aus, um dann wieder kalt, schwarz +und feindselig dazustehen, als freuten sie sich des grausamen +Spiels mit den armen Bewohnern.</p> + +<p>Ich hatte nicht schlafen können: der Wind rüttelte +an den Fenstern, mein Sohn warf sich unruhig in dem +ungewohnten großen Bett hin und her, und ein hohler +Husten, nur von stöhnenden Seufzern unterbrochen, klang +aus dem Zimmer unter uns unaufhörlich zu mir empor. +Müde und abgespannt ging ich zum Frühstück in den +Eßsaal, — einer verglasten Veranda, durch deren breite +Fenster der Winter von allen Seiten hereinsah. In +der Mitte stand der lange schmale weißgedeckte Tisch, +darauf in nüchterner Regelmäßigkeit Reihen weißer +Teller und Tassen. Eine Frau saß daran in schwarzem +Kleid mit vergrämten Zügen, neben ihr im Rollstuhl +ihr blasser Mann, finstere, gerade Falten auf der Stirne, — einer +jener Kranken, die hoffnungsloses Leiden böse +gemacht hat, — ihm gegenüber am äußersten Ende der +Tafel ein schmalbrüstiger Jüngling, dessen Antlitz nur +noch mit der Haut bespannt schien, — einer fahlen, +graugelben —. Ich zögerte an der Schwelle, mir +grauste vor dem Bilde, in dem alle Farben des Lebens +erloschen waren.</p> + +<p>Da sprang mein Kind an mir vorbei, im feuerroten +Kleidchen, mit frischen Wangen und glänzenden Augen. +Und der ganze Raum war erhellt. Ein freundliches +Lächeln spielte um die blutleeren Lippen des Jünglings; +die Falten auf der Stirn des Gelähmten glätteten sich, +nur die Frau im schwarzen Kleid wandte wie verletzt +den Kopf zur Seite.</p> + +<p>Ich wäre am liebsten wieder fortgezogen. Aber ich +<a name="Page_337" id="Page_337"></a>war viel zu müde, viel zu apathisch dazu. Der Arzt, +ein gütiger alter Mann mit weichen Frauenhänden, versprach +mir ein anderes Zimmer mit einem Balkon nach +Süden. »Das unter Ihnen,« sagte er, »der Herr reist +ab —,« dabei verschleierten sich seine hellen Augen. +Dann gab er mir Verhaltungsmaßregeln. »Meine wichtigste +Verordnung ist: ein Kindermädchen. Sie müssen +Ruhe haben, — Tag und Nacht, der Bub dagegen soll +sich tüchtig Bewegung machen,« begann er.</p> + +<p>Ruhe, — schon das Wort war wie einlullendes Streicheln. +Am nächsten Tage brachte er mir ein hübsches, +brünettes Landmädchen, das mir gefiel; sie zog mit dem +Kleinen, der sich an die lustige Gefährtin rasch gewöhnte, +in das Zimmer nebenan. Nun erst fühlte ich, wie krank +ich war: den ganzen Tag lag ich still, und bewegungslos +wie mein Körper waren Gedanke und Gefühl. Auch +meine Umgebung störte mich nicht mehr; — wenn ich +nur mein Bett hatte und meinen Liegestuhl.</p> + +<p>»Nun wird er bald abreisen,« sagte der Arzt eines +Tages und drückte mit der Spitze des Zeigefingers in +den Augenwinkel, als sei ihm ein Staubkörnchen hineingeflogen.</p> + +<p>»Dann soll ich hinunter?« fragte ich und dachte entsetzt +an die Mühe des Umräumens. »Ja,« meinte er, +»denn nun es täglich wärmer wird, müssen Sie in +der Sonne liegen.« »In der Sonne?!« Ich lächelte +ungläubig. Seit einer Woche hatte der Schnee sich in +Regen verwandelt.</p> + +<p>Die Nacht darauf kam ich nicht zur Ruhe. Ich warf +mich im Bett hin und her, und plötzlich wußte ich, was +mir fehlte: der regelmäßige Husten unter mir war ver<a name="Page_338" id="Page_338"></a>stummt; +die Stille lastete auf mir, die unheimliche Stille. +Bald danach war mir, als gingen Gespenster um: das +huschte im Haus auf leichten Sohlen, das wisperte und +flüsterte, — knarrend öffnete sich unten eine Tür. Ich +erhob mich und trat ans Fenster: ein Leiterwagen stand +im Garten; Männer waren darin, die sich durch Gebärden +mit denen im Hause zu verständigen schienen; +und auf einmal schwebte etwas in der Luft dicht unter +mir, etwas Schwarzes, Großes, — der Regen klatschte +darauf, — eintönig. Schon wollt' ich schreien, — da +geriet das Schwarze in den Lichtkreis der nächsten +Laterne: es war ein Sarg.</p> + +<p>Ich schwankte ins Bett zurück und verkroch mich zitternd +unter der Decke. So war er »abgereist«! —</p> + +<p>Ich sah wieder die Glasveranda vor mir im Schneelicht, +mit den Menschen, deren Körper im Sterben +lagen, oder deren Seelen schon gestorben waren. Und +das Badhaus fiel mir ein mit den dunkeln Holzwannen, +in denen das Wasser aussah, als wäre es +Schlamm. Willenlos war ich hineingestiegen, hatte mir +Gesundheit holen wollen, wo Krankheit in allen Ritzen +und Fugen lauernd saß. Und mein Kind hatte ich die +Pestluft atmen lassen!</p> + +<p>Noch in der Nacht fing ich an zu packen. Früh +fuhr ich nach Meran und drüber hinaus nach Obermais, +so hoch und so weit als möglich. Dort fand ich +neben alten efeuumsponnenen Schlössern ein freundliches +Haus zwischen Nußbäumen und Weinreben.</p> + +<p>Am selben Abend zogen wir ein.</p> + +<p>Es war, als ob der Winter uns nicht hätte folgen +können. Die Berge entschleierten sich. Der Schnee, +<a name="Page_339" id="Page_339"></a>der eben erst wie ein Leichentuch die Erde verhüllt hatte, +blitzte jetzt im Sonnenlicht wie eine Hochzeitskrone auf +ihren Häuptern. Errötend entfalteten sich an den Mandelbäumchen +die ersten Blüten. Ich lag auf der Veranda +und ließ mich wie sie von der Sonne durchglühen und +fühlte, daß auch mir die Lebensfarbe in die Wangen +stieg. Täglich brachte mir mein Söhnchen frische Wiesenblumen.</p> + +<p>»Ich werde dich führen, Mamachen, wenn du +nicht mehr Auau hast,« schwatzte er, »zu den so vielen +Vergißmeinnicht, und zu den Musikmännern auch, wo +die Damen und Herren sind.« Ich lachte ihn an: wirklich, +die Sehnsucht nach dem Leben regte sich wieder +in mir. Liegen sollt' ich, immer liegen, sagte der +Arzt, weil mein Herz noch nicht ruhig genug war. +»Dann müßt' ich liegen bis ich neunzig Jahr alt bin,« +antwortete ich ihm, »denn daß mein Herz so gegen alle +Vorsicht klopft, ist nur ein Beweis, daß ich lebe.«</p> + +<p>Einmal wachte ich auf nach erquickendem Schlaf, +streckte und reckte mich und blinzelte in die Sonne. +Mir war so wohl, — so wohl! Warum nur?! Und +in mir antwortete es ganz deutlich: weil du frei bist. +Ich sah mich erschrocken um, als könnte irgend jemand +dies tiefe Geheimnis, daß ich kaum mir selbst gestand, +erkundet haben. Ich war frei — wirklich frei; ich +konnte tun, was ich wollte, ohne vorher all jene bohrenden +Fragen erst beantworten zu müssen: stört es den +Anderen? Verletzt es ihn? Beeinträchtigt es seine Ruhe, +seine Wünsche, seine Liebe? Jetzt, zum Beispiel, konnte +ich aus dem Bette steigen und lustig einen Walzer +trällern, — läge Heinrich neben mir, ich würde mich +<a name="Page_340" id="Page_340"></a>aus Rücksicht auf seinen Schlaf ganz, ganz still verhalten. +Und dann konnt' ich gemächlich im Wasser +planschen, mich ankleiden, mir die Haare ordnen, ohne +jene quälende Scham des Häßlichen, des Unästethischen, — die +einzig berechtigte zwischen zwei Menschen, die einander +lieb haben, und die einzig notwendige, wenn sie +ihrer Liebe den Zauber des ersten Rausches erhalten +wollen. Die Ehe der meisten ist ein Erwachen aus ihm, +mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge. Sie +wissen nicht, daß die Liebe eine zarte, kostbare Blume +ist, die sorgsamer Pflege bedarf. Sie pflanzen sie in den +Küchengarten und wundern sich dann, wenn sie eingeht.</p> + +<p>Ich war frei — wirklich frei. Und ich konnte hingehen, +wohin ich wollte! Ganz erstaunlich kam mir das +vor, — gerade, als ob die Welt mir auf einmal ihre +Tore aufschlösse. In den ersten Jahren meiner Ehe +hatte Heinrich mich auf jedem Weg begleitet, — aus +zärtlichster Liebe, nicht etwa aus Mißtrauen oder aus +Eifersucht. Und ich hatte keinen anderen Weg machen +können, als der ihm recht war. Zuweilen war ich heimlich +die Hintertreppe hinuntergestiegen, nicht, weil ich +ein Geheimnis vor ihm gehabt hätte, sondern nur um +einmal ohne innere Hemmung in den Straßen herumlaufen +zu können. Allmählich hatte unsere verschiedenartige +Tätigkeit dem steten Zusammensein ein Ende gemacht; +aber selbstverständlich blieb, daß ich ihm erzählte, +wo ich gewesen war, was ich getan hatte. Und da ich +ihn nicht unzufrieden machen, nicht ärgern wollte, so +stand ich doch stets in seinem Bann. Wenn ich einmal +seiner Empfindung zuwider gehandelt hatte, so kam es +vor, daß ich — log.</p> + +<p><a name="Page_341" id="Page_341"></a>Kaum, daß der Gedanke daran in mein Bewußtsein +trat, als ich ihn auch schon, dunkel errötend, zurückweisen +wollte. Aber je mehr ich mich mühte, desto +klarer stand er vor mir. Ich mußte ihm Auge in Auge +sehn: »Es kam vor, daß ich meinen Mann belog.« +Nicht, weil ich ihn hintergehen, sondern weil ich ihn +nicht ärgern, nicht erregen wollte. Aus Liebe also! +Oder aus Furcht?! So lernen die Frauen lügen, weil +sie des Mannes Besitztum sind, weil die Ehe ihre Persönlichkeit +auslöscht wie ihren Namen. Wie vielen, die +gerade gewachsen waren, hat sie das Rückgrat zerbrochen! +Und sie verlieren nach ein paar Jahren der Ehe ihre +Physiognomie, — sind farblos, zermürbt.</p> + +<p>Ein brennendes Verlangen nach Menschen überkam +mich. Wie war ich doch mein Leben lang an den +bunten Schwarm um mich gewöhnt gewesen! In den +letzten Jahren hatte er sich mehr und mehr verflüchtigt. +Den alten Freunden war ich gestorben, seit ich Sozialdemokratin +geworden war; neue hatte ich unter den +Genossen nicht gefunden, und von den Künstlern, von +den Gelehrten, die unsere Räume einmal betraten, kamen +nur wenige wieder. Romberg war im Grunde unser +einziger Verkehr gewesen. Und der wohnte nicht in +Berlin.</p> + +<p>Woher kam das alles? War ich weniger anziehend +als die Frauen, die »ein Haus ausmachten«? +Waren sie geistreicher als ich? Ich schürzte spöttisch die +Lippen. Stießen sich die Sittenstrengen noch immer an +der Geschichte meiner Eheschließung? Sie machten sich +doch sonst nichts daraus, mit Frauen zu verkehren, die +»eine Vergangenheit« hatten, die Gegenwart geblieben +<a name="Page_342" id="Page_342"></a>war! Nein, in alledem lag die Ursache nicht. Bei +meinem Manne, schien mir, war sie zu suchen. Er war +ein Menschenschwärmer gewesen, leicht geneigt, zu bewundern +und zu verehren und sich den anderen gegenüber +gering zu achten. Um so schmerzhafter hatte jede, +auch die leiseste Enttäuschung ihn getroffen, und je +häufiger sie sich wiederholte, desto scheuer zog er sich +zurück, desto mißtrauischer wurde er. Und für jenen +leichten Verkehr, der wie mit Libellenflügeln nur die +Oberfläche des Lebensstromes streift, war er zu schwerblütig. +Er hatte nie getanzt; — seltsam, daß mir das +erst heute einfiel. Er hatte nie gelernt, eine Gesellschaftsmaske +zu tragen. Darum fühlten sich immer nur +die Menschen, die er aufrichtig gern hatte, wohl bei uns. +Die anderen stieß er ab.</p> + +<p>Draußen lachte der Frühlingstag. Zwischen blühenden +Bäumen und Beeten von Hyazinthen spielte die +Musik fröhliche Weisen, die Passer sprang dazu in entfesselter +Wildheit über Stock und Stein. Ich ging mit +meinem Buben an der Hand zwischen der Menschenmenge +hin und her. Ich freute mich, als wäre ich +zwanzig Jahr, über die bewundernden Blicke, die uns +folgten. Täglich wollt' ich von nun an hinuntergehen, +Sonnenschein trinken und Lebenslust. Ich traf Bekannte +und geriet durch sie in einen Kreis fröhlicher +Weltbummler. Wie gut das tat, einmal wieder unterzutauchen +in Glanz und Freude! Einmal wieder lachen +zu können aus Herzensgrund! Bewundernde Blicke zu +fühlen! Man brachte mir täglich Blumen, — jene +großen glühenden Rosen von Meran, deren Duft nicht +an Gärten erinnert, sondern an berauschende Essenzen +<a name="Page_343" id="Page_343"></a>des Morgenlandes. Ich ließ mir gefallen, daß man +mir huldigte; ich spielte mit heißen Gedanken, wie ein +Kind mit rotleuchtenden Giftblumen. Eines Abends, +während bunte Lichterkränze sich an den alten Bäumen +vor dem Kurhaus von Ast zu Ast schwangen und die +Geigen der Zigeunerkapelle in die laue Nacht hinein +seufzten und lockten, ließ ich mich in den Kursaal +führen, um den Tanzenden zuzuschauen. Süße Walzermelodien +umschmeichelten meine Sinne. Der Rausch +des Tanzes ergriff mich. Willenlos überließ ich mich +ihm. Erst als der letzte Ton verklagen war, kam ich +zu mir und erschrak. Leichtsinn und Genuß, die Zaubergeister, +drohten mich in ihre Gewalt zu bekommen. +Das durfte nicht sein!</p> + +<p>»Meran fängt an, schwül zu werden,« schrieb ich am +nächsten Morgen an meinen Mann; »so sehr die weiche +Luft meiner Gesundheit nützte, so sehr schädigt sie meine +Arbeitskraft. Und ich wünsche jetzt nichts mehr, als +mich Hals über Kopf in meine Arbeit zu stürzen. Darum +möchte ich fort. Der Arzt verordnet mir Höhenluft; +ich selbst fühle, daß ich etwas Starkes, Herbes +atmen müßte. Wollen wir nicht miteinander irgend ein +stilles Plätzchen suchen? Wir waren lange genug getrennt..«</p> + +<p>Statt aller Antwort kam er selbst. »Ich habe gewartet, +bis du mich rufen würdest —, es ist mir schwer +genug geworden,« flüsterte er zärtlich, »nun aber wirst +du mich nicht mehr los.« Dunkel errötend barg ich +den Kopf an seiner Brust.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_344" id="Page_344"></a></p> + +<p>An der Ampezzostraße, südlich von Cortina, liegt +ein kleines Dorf, Pezzié genannt. Zwischen +seinen braunen, ärmlichen Hütten ragte ein +einzelnes Bauernhaus mit weißgetünchten Mauern und +großen Altanen stattlich hervor. Über ein Vierteljahr +wohnten wir dort in tiefster Stille und Zurückgezogenheit. +Im Lärchenwald hinter dem Hause spielte mein +Junge mit den braunen Bauernkindern, auf der Altane, +angesichts des weiten blühenden Tals und des gewaltigen +schneebedeckten Felsenmassives der Tofana, fing +ich wieder an zu arbeiten. Wenn mir in den vergangenen +Wochen die Aufgabe eingefallen war, die ich +mir mit meinem Buch gestellt hatte, so war sie mir wie +ein unübersteigbarer Berg erschienen. Jetzt, da ich sie +aufs neue in Angriff nahm, war mir's, als habe all +die Zeit hindurch eine fremde Kraft unter der Schwelle +meines Bewußtseins weiter an ihr gearbeitet.</p> + +<p>Oder sollten Gedanken wie Samen sein, die einmal +in den Boden des Geistes gestreut, sich aus eigener +Macht weiter entwickeln? Die vielen Zahlen, die ich +in meinen Büchern vor mir hatte — Ergebnisse der +Volks- und Berufszählungen europäischer und außereuropäischer +Länder, Lohn- und Arbeitsstatistiken —, +wurden merkwürdig lebendig, als zuckten in ihnen die +Leiden der Millionen. Immer deutlicher sah ich das +Bild, das ich zu malen hatte: den Zug der Frauen, +wie er durch glutheiße Wüsten und rauhe Steppen dahinschleicht, +jede einzelne in ihm gebeugt unter den +Lasten, die sie zu tragen hat: der Hacke und dem Spaten, +<a name="Page_345" id="Page_345"></a>der Sichel und der Spindel, dem einen Kinde auf dem +Rücken, dem anderen unter dem qualvoll klopfenden +Herzen. Was mich zuerst nur wie ein Instinkt in die +Reihen der kämpfenden Arbeiterschaft geführt hatte, das +wurde mir jetzt zur bewußten Erkenntnis: die Berufsarbeit +der Frau, die ihre Entstehung der Umwandlung +der Produktionsweise durch die Maschine zu verdanken +hat, ist immer mehr zu einem notwendigen Bestandteil +dieser Produktionsweise geworden. Aber indem sie sich +ausdehnt, untergräbt sie zu gleicher Zeit die alte Form +der Familie, erschüttert die Begriffe der Sittlichkeit, +auf denen der Moralkodex der bürgerlichen Gesellschaft +beruht, und gefährdet die Existenz des Menschengeschlechtes, +deren Bedingung gesunde Mütter sind. Es +bleibt der Menschheit schließlich nur die Wahl: entweder +sich selbst oder die kapitalistische Wirtschaftsordnung +aufzugeben. Diese Konsequenz zu scharfumrissenen Ausdruck +zu bringen, sodaß niemand ihr aus dem Wege zu +gehen vermöchte, — das war mein Wunsch.</p> + +<p>Das Fieber der Arbeit, das alle Pulse schneller +schlagen läßt, das über jede Müdigkeit hinwegtäuscht, +das die Gedanken des Tages in den Traum der Nacht +verflicht, hatte mich ergriffen. Und zugleich jener gesunde +Egoismus des Schaffenden, der ihn für seine +Umgebung blind und taub macht, nur damit das Werk +wachsen kann. Dankbar überließ ich der Berta, dem +meraner Kindermädchen, die sich mit solcher Klugheit +in jede Lage zu schicken schien, die Sorge um unseren +kleinen Haushalt. Daß sie für uns kochte und wusch +und nähte und eifersüchtig jede andere Hilfe abwehrte, +war mir nur ein Beweis für ihre Tüchtigkeit; und daß +<a name="Page_346" id="Page_346"></a>der Kleine mit solcher Liebe an ihr hing, machte sie +mir vollends unentbehrlich.</p> + +<p>Wenn ich mit meinem Mann spazieren ging, so sprach +ich von nichts anderem als von meiner Arbeit, von all +den Ideen, all den Plänen, die sie in mir auslöste. +Und er hörte mir nicht nur ruhig zu, er ging voller +Anteilnahme auf meine Interessen ein und half mir +durch seine Fachkenntnisse.</p> + +<p>Daß auch er ein selbständiges Leben hatte, daß auch +in ihm vieles bohrte und gärte, das nach Ausdruck verlangte, +daß er um so einsamer wurde, je mehr ich mich +in die Arbeit verlor, — von alledem wußte ich nichts.</p> + +<p>Zuweilen stiegen am Horizont drohend die Sorgenwolken +empor: was das Grunewaldhaus uns übrig gelassen +hatte, war bald verzehrt, die Einnahmen aus dem +Archiv blieben unzulänglich, mein Buch, auf dessen +Erfolg ich rechnete, war noch lange nicht vollendet; +wie würden wir auskommen?! Mit aller Anstrengung +vertrieb ich die bösen Gedanken, ich arbeitete noch ununterbrochener, +um mir selbst keine Zeit zu lassen, ihnen +nachzuhängen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Eines Morgens bekam Heinrich einen Brief, den +er mir stumm herüberreichte: Ob er während +der nächsten Monate für ein uns nahestehendes +Blatt die Pariser Korrespondenz übernehmen könne? Ihr +bisheriger Leiter sei erkrankt und habe einen längeren +Urlaub angetreten.</p> + +<p>Es überlief mich heiß und kalt. Wie der Name Rom +auf die Deutschen des Mittelalters, so wirkt der Name<a name="Page_347" id="Page_347"></a> +Paris auf die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts. +Aus ihren dunklen Wäldern, ihren finsteren Burgen und +engen Städten sehnten sich unsere Vorfahren nach dem +lachenden Himmel Italiens; und aus dem Ernst unseres +strengen Alltagslebens verlangt alles, was jung ist in +uns, nach dem Glanz, nach dem Leichtsinn von Paris. +Aber ich bemühte mich, ruhig zu scheinen und meiner +stürmisch aufwogenden Freude Herr zu werden.</p> + +<p>»Was sagst du dazu?« fragte mein Mann. »Wir +würden uns rasch entschließen müssen. Mit dem internationalen +Sozialistenkongreß, der in zehn Tagen zusammentritt, +müßte meine Tätigkeit anfangen.«</p> + +<p>»Und dein Archiv?!« warf ich ein. »Du kannst es doch +nicht monatelang von Frankreich aus redigieren!«</p> + +<p>»Ach, — das Archiv..!« meinte er mit einem halb +wegwerfenden, halb ärgerlichen Ton, der mich erstaunt +aufsehen ließ. Das Archiv war seine Schöpfung, sein +liebstes Geisteskind.</p> + +<p>»Das Archiv könnte ich von überall her leiten! +In Paris aber scheint mir jetzt der rechte Ort, um den +Sozialismus in seiner neusten Phase zu studieren, in +Paris, wo ein Millerand Minister ist, wo die Intellektuellen, — unter +ihnen ein Zola, ein France, ein +Steinlen, — mit Jaurès Arm in Arm gehen!.. Wenn +du also nichts dagegen hast, so nehme ich den Antrag +an.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_348" id="Page_348"></a></p> + +<p>Paris! Die untergehende Septembersonne umgab +die schwarz hingestreckte Stadt mit rotglühender +Glorie. Mir war, als klänge im +Räderrollen unseres Zugs ein rhythmisches Jauchzen, +als könne die fauchende Riesenschlange es nicht erwarten, +sich in die lodernde Glut zu stürzen.</p> + +<p>Am Morgen nach unserer Ankunft wanderten wir +durch die Straßen. Es war die vollkommenste Überraschung, +die mich mehr und mehr verstummen ließ. Ich +hatte etwas Lautes, Buntes erwartet, etwas, das übereinstimmt +mit dem Begriff »Paris«, den wir uns draußen +gebildet haben. Und nun sah ich Häuserzeilen in gleichmäßig +feiner zurückhaltender Architektur, hohe Fenster +mit schmalen Gittern davor, sah Mauern, über die der +Efeu kroch, und Baumriesen, die aus alten verschwiegenen +Höfen geheimnisvoll herüberrauschten.</p> + +<p>Ich sah, wie sich die vielen Alleen plötzlich in weite, +weite Gärten verloren, unter deren Büschen graue +Statuen träumten, und unter runden Lorbeerbäumen stille +Bassins goldig glitzernd von den vielen kleinen Fischen +darin. An altertümlichen Kirchen kamen wir vorbei mit +runden und viereckigen dicken Türmen, oder dem mystischen +Maßwerk keuscher Gotik über alten Portalen.</p> + +<p>Zur Madeleine schritten wir die breite Steintreppe +empor und traten aus der heidnischen Pracht ihrer +Säulenhalle in das Dämmerdunkel ihres Inneren. Eine +wunderschöne Nonne kniete regungslos am Eingang, die +Sammelbüchse vorgestreckt in schmalen weißen Händen. +Und als wir uns wieder zum Gehen wandten, schweifte +der Blick über die zu unseren Füßen sich dehnende<a name="Page_349" id="Page_349"></a> +Straße und die majestätische Größe der Place de la +Concorde, wo Menschen und Wagen sich verloren +wie Spielzeug, bis weithin zur Kuppel des Invalidendoms. +Er hütete, was sterblich war an dem +korsischen Riesen, der die Welt formte nach seinem +Willen, und der, ein Lebender, noch heute die Stadt +Paris erfüllt.</p> + +<p>Durch Alleen breiter Kastanienbäume, deren dunkle +große Blätter schwarze Schatten auf die hellen Wege +warfen, gingen wir langsam hinauf, wo der Triumphbogen +des Etoile sich, von weichen Morgennebeln umspielt, +mit den Wolken zu verschmelzen schien. Und in +den Gärten der Tuilerien verloren wir uns. Zarte +Kinder mit künstlich geringelten Locken spielten auf +feinen Plätzen, alte Herren, mit dem roten Bändchen +im Knopfloch, fütterten die Vögel, von einer Schar +Zuschauer umgeben, deren Interesse fast wie Andacht +war. Von den Bäumen tanzten leise die gelben +Blätter; eine träumerisch süße Luft, die Geräusche und +Farben dämpfte, spielte zärtlich um den grauen Königspalast +des Louvre und streichelte sanft die Gesichter der +Vorübergehenden, als wollte sie sie trösten, weil es +schon Herbst geworden war. Und selbst die Bettler +auf der Brücke, und die schmutzigen Savoyardenknaben, +die ihre Ware feil boten, und die alten Buchhändler, +die ihre stockfleckigen Schartäken auf den Quaimauern +aufbauten, lächelten leise. Der Fluß aber wälzte sich +lautlos vorüber; seine Wasser schimmerten in gebrochenen +Farben wie müde Opale.</p> + +<p>»Eine vornehme Frau ist Paris,« sagte ich nachdenklich, +als wir von unserem ersten Ausgang zurückgekehrt +<a name="Page_350" id="Page_350"></a>waren, »eine vornehme Frau, deren schöne Züge die +Wehmut des Alterns umflort ...«</p> + +<p>Am Abend verließen wir wieder das Hotel. Jetzt +brauste die Weltstadt: rauschende Kleider, rollende Wagen, +girrendes Lachen, wüstes Geschrei —, zu einem einzigen +Ton verschmolz das alles. Zwischen den Bäumen der +Boulevards strahlten die Laternen wie endlose Lichterketten, +breit quoll das Licht aus den Cafés über wippende +Federhüte und spiegelnde Zylinder. Nur auf dem riesigen +Concordienplatz wirkten die Bogenlampen wie +Brillanten auf dem dunkelgrauen Samt der Nacht.</p> + +<p>Da plötzlich leuchtete jenseits zwischen den Bäumen +ein Wunder auf: ein schimmerndes Tor aus Juwelen +erbaut, eine Märchenstadt dahinter, deren Mauern +Kristall, deren Türme Feuerbrände waren; die Weltausstellung. +Wir folgten dem wimmelnden Menschenstrom, +dessen Rauschen sich aus allen Sprachen der +Welt zusammensetzte. Es war ein einziger Traum aus +Tausendundeine Nacht. Ein Turm, aus strahlenden +Goldfäden gewoben, trug auf seiner diamantenen +Spitze die schwarze Kuppel des Himmels. In tiefdunkle +Teiche ergossen sich Kaskaden von Licht. Der +stille Fluß spiegelte Paläste wieder, die allen Glanz der +Welt an seinen Ufern vereinigt hatten. Die Brücken +spannten sich über ihn wie lauter glückverheißende Regenbogen. +Und wer sie überschritt, den empfing jenseits +ein Lachen, ein Singen, ein Jubeln, — als gäbe es +nirgends Tränen mehr. Ein Taumel erfaßte die Menschen: +von den Terrassen herunter, — aus den weit geöffneten +Türen bunter Häuser lockte die Freude in sehnsüchtigen +Geigentönen, in wilden Trompetenstößen. Dort +<a name="Page_351" id="Page_351"></a>tanzte Loie Fuller, die lebendig gewordene Flamme: +wenn sie sich aufwärts schwang, züngelten die Schleier +über ihrem Haupte, wenn sie sich neigte, leuchtete +sekundenlang ihr schneeweißer Busen. Drüben trippelte +auf Stöckelschuhen Sada Yacco, die Japanerin; aus +ihren geschlitzten Augen sprühten Blitze fanatisierter +Kunst, auf ihren Gewändern leuchteten Blumen der +Hölle und Vögel des Paradieses. Und unter dem bunten +Zeltdach ringelten sich Schlangen um den halbnackten +Leib der Indierin, züngelten zärtlich um ihre +braune Haut, während ihre kleinen Füße, von goldenen +Ringen umklirrt, sich im Takte bewegten und ihre +Arme sich ausstreckten — eine einzige Gebärde verlangender +Lust ...</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Mitten im Gewühl trafen wir Geier, der zum +Sozialistenkongreß nach Paris gekommen +war. »Ein Riesenvarieté, — nichts weiter,« +brummte er, »im Grunde widerwärtig.« Ich erwachte +wie aus einem Traum: die Gesichter der Tänzerinnen +erschienen mir plötzlich fratzenhaft; wo die Schminke sich +verwischte, grinste hinter dem Lächeln der Freude die rohe +Sucht nach Gewinn. Und der lichtgewobene Turm, der +den Himmel trug, war aus Eisen; Menschlein kletterten +selbstbewußt bis in seine Spitze, und hoheitsvoll wich +die Sternenkuppel weit, weit zurück vor ihnen. Kulissen +aus Gips und Leinwand waren die Paläste, Glas die +Juwelen im Portal.</p> + +<p>»Man soll einen Mondsüchtigen nicht anreden,« sagte +ich. »Schon glaubt ich mich wirklich auf dem Wege +<a name="Page_352" id="Page_352"></a>zur Erfüllung einer Sehnsucht, die mit mir geboren zu +sein scheint —«</p> + +<p>»Und die wäre?« fragte Heinrich. Ich zögerte; ich +wußte, wie falsch ich verstanden werden könnte.</p> + +<p>»Bacchantische Lust zu sehen, überströmende, jauchzende +Lebenswonne, — die dabei eines Gottes würdig wäre. +Immer ist Freude so etwas Armseliges, — Mutloses.«</p> + +<p>»Dann sind Sie jedenfalls in Paris am rechten Ort. +Übrigens hätte ich Ihrer norddeutschen Prinzessinnenwürde +nicht so exotische Phantasien zugetraut,« spottete +Geier. »Aber immerhin, — ich, als alter Pariser, kann +Ihnen vielleicht heute noch dienen.«</p> + +<p>Wir verließen die Ausstellung, überquerten den Platz +bis zur Rue Royal.</p> + +<p>»Maxim« stand in großen Buchstaben über der Tür +des Restaurants, in das wir eintraten. Auf den +hohen Stühlen vor dem Schenktisch der Bar saßen +elegante Männer mit müden, gelangweilten Gesichtern. +Aus dem Saal dahinter klang gedämpfte Musik. +Die Frauen unter seinen Spiegelwänden an den kleinen, +blumengeschmückten Tischen flüsterten nur hie und da +miteinander. Sie waren alle schön und jung. Hellblond +und üppig die eine im weißen Seidenkleid, Perlen in +den rosigen Ohren, rieselnde Perlen um den runden +Hals und einen matten Perlenglanz in den großen +hellen Augen. Statuenhaft die andere neben ihr, die +prachtvolle Gestalt eng in roten Samt gehüllt, die +schmalen Finger von Brillantringen bedeckt, die nachtschwarzen +Haare in glatten Scheiteln um die Schläfen. +Und rothaarige, hinter deren durchsichtiger Haut blaue +Adern klopften, brünette, mit dem bräunlich warmen Ton +<a name="Page_353" id="Page_353"></a>der Südländerin, reihten sich ihnen an, eine schneeweiße +dazwischen, mit rosigem Antlitz, als wäre die +Pompadour aus dem langweiligen Jenseits in ihr geliebtes +Paris zurückgekehrt. Zuweilen standen sie auf +und schritten langsam auf und nieder; ihre Kleider +raschelten, als ob schillernde Salamander durch dichtes +Blattwerk schlüpften, das aufreizende gleichmäßige Klipp-klapp +der hohen Absätze ihrer Seidenschuhe tönte dazwischen, +in ihren Juwelen brachen sich hundertfarbig +die Lichter, Wolken betäubenden Duftes zogen hinter +ihnen her. Sie waren wie exotische Blumen aus +fremden Urwäldern.</p> + +<p>Die Musik ging in Walzermelodien über. Und durch +die offenen Türen kamen allmählich die Herren aus der +Bar, — alte und junge Greise. Nüchtern, lustlos, wie +der Trainer ein Rennpferd, musterten sie die Frauen. +Sie erwachten erst zum Leben, als der Sekt in den +Gläsern vor ihnen perlte. Ihre Blicke wurden zu +lüsternem Greifen, ihr Lachen wurde gemein. Sie erschienen +wie rohe Barbaren gefangenen Königinnen +gegenüber. Und jetzt begannen die Geigen zu jauchzen, +rascher und rascher füllten sich die Gläser und leerten +sich wieder, die Paare schwangen sich in rasendem Tanz; — dort +senkte ein Graubart die zittrigen Kniee vor +einer jungen Schönen und trank aus ihrem weißseidenen +Schuh.</p> + +<p>»Nun?!« fragend wandte sich Geier mir zu. Ich +zuckte die Achseln: »Nennen Sie das bacchantische +Lust?! Wenn Männer sich erst betrinken müssen, um +für Frauenschönheit zu entflammen, und Frauen nur +durch den Rausch, der ihre Augen und ihre Sinne um<a name="Page_354" id="Page_354"></a>nebelt, +den Ekel vor diesen Männern zu überwinden +vermögen?!«</p> + +<p>Wir gingen. Über die Boulevards schob und drängte +sich die Menge: Fremde, mit gespannten Zügen, überall +ungeheuerliche Enthüllungen der Sünde erwartend, kleine +bescheidene Provinzfrauen mit einem dirnenhaften Funkeln +in den Augen, Kinder, blaß und übernächtig, immer +noch Blumen verkaufend, den alten wissenden Blick halb +neidisch auf die geschminkten Kokotten gerichtet, die wie +Götzenbilder sich durch die dunkeln Massen bewegten.</p> + +<p>War Paris nicht doch ihresgleichen?</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Als wir am nächsten Morgen den Sitzungssaal +des Internationalen Kongresses betraten, blieb +ich schon an der Tür erschrocken stehen: das +tobte und schrie, pfiff und trampelte, als sollte ein Sensationsstück +zu Fall gebracht werden. Vandervelde, der +belgische Volksführer, stand auf der Rednertribüne, aber +weder seine Autorität, noch der sonore Klang seiner +schönen Stimme, noch die beschwörenden Gesten seiner +aristokratischen Hände wurden Herr über die entfesselte +Leidenschaft der Menge. Drohende Fäuste reckten sich +zu ihm empor: <em class="antiqua">»À bas les ministériels!«</em> tönte es im +Takt von der einen Seite, wo sich um Jules Guesde, +den französischen Liebknecht, die Anhänger scharten. Wer +es nicht vorher wußte, erfuhr es angesichts dieser Versammlung: +nur um eine Kardinalfrage des Sozialismus +konnte ein so wüster Kampf entbrennen. Die Vertreter +des alten revolutionären Gedankens behaupteten standhaft +ihre Intransigenz: »Die Befreiung der Arbeiter +<a name="Page_355" id="Page_355"></a>kann<em class="spaced"> nur</em> ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein, jedes +Paktieren mit der bürgerlichen Gesellschaft ist ein Verrat +an der Sache des Proletariats.« Von diesen lapidaren, +jedem Arbeitergehirn leicht einzuprägenden Sätzen +aus, verurteilten sie notwendigerweise den Eintritt des +Sozialisten Millerand in das Ministerium und forderten +vom Kongreß eine offizielle Anerkennung ihres Standpunktes. +Wider Vandervelde, der die Vermittlungsresolution +der Deutschen verteidigt hatte, erhob sich der +Italiener Ferri; die schönheitstrunkenen Romanen jubelten +schon seiner bloßen Erscheinung zu, und als er mit +all den klassischen Worten der Revolution jonglierte, +wie ein geschickter Taschenspieler mit glänzenden Kristallkugeln, +und den Revisionismus von der Landtagswahlbeteiligung +der Deutschen bis zum Ministerialismus der +Franzosen als einen Abfall brandmarkte, dankte ihm +brausender Beifall. Die graziösen Französinnen auf +den Zuschauertribünen, denen der Kongreß dieselben +Nervenreize bot wie eine Première, schlugen begeistert +die weißbehandschuhten Händchen aneinander, und des +Redners dunkler Blick grüßte dankend die seidenrauschenden +Vertreterinnen des Kapitalismus, gegen den er eben +zum Kampf gerufen hatte.</p> + +<p>Dann kam Jaurès, der das moderne republikanische +Frankreich in der Dreyfusaffäre gegen Klerikalismus +und Militarismus verteidigt hatte, — eine untersetzte +Gestalt, mit dem breiten blonden Kopf eines Germanen. +Er wird es schwer haben, dachte ich angesichts dieser +Versammlung, die ihre Redner ästethisch zu werten +scheint. Aber schon der erste Laut seiner Stimme zog +die Menge in seinen Bann: sie war wie das Meer; +<a name="Page_356" id="Page_356"></a>selbst wenn sie ruhig schien, war Sturm in ihr, und +wenn sie anschwoll, schlug sie donnernd gegen die +Mauern, wie die Wogen gegen den Fels. Ich war +nicht imstande auf die Worte zu achten, ich hörte nur +den Klang, jenen musikalischen Tonfall der Sprache, +der die Wesensart des ganzen Volkes enthüllt, eines +Volkes, das durch logische Schlüsse wissenschaftlicher +Deduktionen niemals überzeugt zu werden vermag, wenn +nicht der Künstler in ihm durch die Schönheit der Form, +durch das Pathos des Ausdrucks gepackt wird, eines +Volkes, von dem ich plötzlich begriff, daß es die Bastille +stürmen und Napoleon Bonaparte zu seinem Kaiser +krönen konnte.</p> + +<p>Ich war noch wie benommen, als wir abends den +Saal verließen. An der Tür begrüßten uns unsere +Landsleute. »Eine unglaubliche Gesellschaft!« schimpfte +der eine. »Für nichts ist gesorgt: nicht mal Bleistift und +Papier gibt's auf den Tischen.« — »Und keine Möglichkeit, +die Anträge rechtzeitig drucken zu lassen,« fügte +ein zweiter hinzu, — »man weiß nich mal, wo man +essen jehn soll,« brummte ein dritter.</p> + +<p>Jetzt fühlte ich mich wieder in Deutschland.</p> + +<p>Wir unterhielten uns, als wir zusammensaßen, über +die deutsche Resolution. »Sie ist aus Wenn und Aber +zusammengesetzt, und einem Fall Millerand ist zwar die +Tür geschlossen, aber das Fenster geöffnet,« — räsonierten +die Vertreter des sechsten berliner Wahlkreises, +für die der Eintritt eines Sozialisten in ein bürgerliches +Ministerium keine taktische, sondern eine prinzipielle +Frage war. »'Die Eroberung der Regierungsgewalt +kann nicht stückweise erfolgen,'« las stirnrunzelnd einer +<a name="Page_357" id="Page_357"></a>der Wortführer des Revisionismus; »das ist ein Satz, +den wir unmöglich unterschreiben können, denn in parlamentarisch +regierten Staaten kann und wird sie nicht +anders als allmählich vor sich gehen.«</p> + +<p>Am Morgen darauf stimmten die Deutschen trotzdem +geschlossen für die Resolution, um die Einigkeit der +Partei zu dokumentieren, und sicherten ihr dadurch ihre +Annahme. Ich war froh, daß ich kein Mandat besaß, +denn die vielgerühmte Disziplin unserer Genossen +mißfiel mir, die die persönliche Ansicht dem +Willen der Mehrheit unterwarf; die individualistische +Haltung der Franzosen schien mir ein Beweis größerer +innerer Stärke zu sein. Ich äußerte meine Ansicht, als +wir mit unseren näheren Bekannten nachts vor einem +Boulevardcafé zusammensaßen, und stieß auf heftigen +Widerspruch. »Unsere Disziplin hat uns groß gemacht,« +hieß es von allen Seiten. »Numerisch groß, — gewiß,« +antwortete ich, »ob aber entsprechend einflußreich?! In +England, wo die Partei so zerrissen ist wie hier, durchdringt +die sozialistische Idee alle Kreise, gehören Sozialisten +allen öffentlichen Körperschaften an, in Frankreich +stützt sich die Republik auf Sozialisten, und ein einziger +sozialistischer Minister ist imstande, in Monaten mehr +Reformen auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes durchzuführen, +als seine Vorgänger während Jahrzehnten —«</p> + +<p>»Und in Deutschland übernahm unsere Reichstagsfraktion +im Kampf gegen die Lex Heinze die Führung +und rettete Wissenschaft und Kunst vor unerhörter Knebelung,« +unterbrach mich einer der Anwesenden lebhaft; +»es geht langsam bei uns, aber es geht, und selbst die +Resolution, deren Annahme durch uns Sie so verur<a name="Page_358" id="Page_358"></a>teilen, +ist ein Zeichen des Fortschrittes. Sie hat dem +falschen Radikalismus eine seiner Spitzen abgebrochen +indem sie der politischen Taktik freie Hand ließ.«</p> + +<p>»Dazu, scheint mir, werden die Verhältnisse Radikale +und Revisionisten stets ohne weiteres zwingen. Die +Preisgabe persönlicher Überzeugung war überflüssig,« +antwortete ich.</p> + +<p>»So halten Sie es für besser, wenn man um verschiedener +Ansichten willen wie verzankte Kinder nach +rechts und links auseinander läuft?!«</p> + +<p>»Es scheint mir jedenfalls richtiger, als klaffende +Gegensätze mit den morschen Brettern gegenseitiger Konzessionen +überbrücken zu wollen.«</p> + +<p>Eine augenblickliche Stille trat ein; man sah erwartungsvoll +auf Geier, der eben hinzugetreten war.</p> + +<p>»Politik besteht aus Konzessionen,« erklärte er und +strich gleichmütig die Asche von seiner Zigarre; »aber davon +versteht ihr Weiber nichts. Für das Geschäft seid +ihr entweder zu gut oder zu schlecht, darum laßt die +Finger davon. Übrigens: — Ich habe eine Nachricht in +der Tasche, die den Wünschen der Genossin Brandt entgegenkommt: +Euer neuer Prophet, Bernstein, wird +Deutschland <em class="antiqua">in persona</em> beglücken dürfen.«</p> + +<p>Von allen Seiten mit Fragen nach dem Wie und +Warum bestürmt, fuhr Geier mit einem spöttischen Blick +auf mich in seinem Berichte fort: »Die deutsche Regierung +hofft auf eine Spaltung der Partei. Es ist +Bülows, des neuen Reichskanzlers, erste Heldentat, wenn +er das Ausweisungsdekret gegen Bernstein nicht mehr +wiederholt. Viel Glück zu diesem Zuwachs, Ihr lieben +Reichsdeutschen!« Damit erhob er sich, flüchtig grüßend.</p> + +<p><a name="Page_359" id="Page_359"></a>Wir gingen schweigsam nach Haus, mein Mann und +ich, in unsere kleine möblierte Wohnung, die wir nach +langem Suchen endlich gefunden hatten. Ich fühlte auf +diesem Heimweg deutlicher als je, daß wir allmählich +auch innerlich nebeneinander und nicht miteinander +gingen. In der Nacht hörte ich, wie unruhig er sich +hin und her warf, und sah im Laternenlicht, das matt +durch die Fensterscheiben drang, wie zerquält seine Züge +waren. Er litt, — und ich wußte nicht warum; ich, +die ich ihm am nächsten stand, hatte ihn allein gelassen! +Das Herz krampfte sich mir zusammen. Waren nicht +jene Frauen wirklich die besseren gewesen, die nichts +hatten sein wollen, als ein allzeit offenes Gefäß für die +Schmerzen und die Kämpfe des Gatten? Vielleicht +waren sie die tiefste Bedingung seiner Kraft.</p> + +<p>»Heinz,« flüsterte ich zaghaft und griff nach seiner +Hand, »warum sprichst du nicht mit mir? — Irgend +etwas lastet auf dir —.«</p> + +<p>Er lächelte mich an. »Gutes Kind, — beunruhige +dich doch nicht! Du hast mit dir selbst genug zu tun +und mit deiner Arbeit.«</p> + +<p>»Du aber nimmst teil daran, — du hilfst mir, und +ich sollte dir nicht helfen dürfen?! — Hängt es am +Ende damit zusammen, daß du dem Archiv innerlich +untreu geworden bist?« drängte ich.</p> + +<p>»Woher weißt du das?« fuhr er auf.</p> + +<p>»Ich habe doch Augen im Kopf, — ich sehe, wie oft +du die Korrekturen ungeduldig zur Seite wirfst —«</p> + +<p>»Du hast recht,« antwortete er, »ich hätte dich nur +gern mit meinen Angelegenheiten verschont, so lange sie +mir selbst so unklar sind. Als ich das Archiv ins Leben +<a name="Page_360" id="Page_360"></a>rief, war die Sozialpolitik ein unbebautes Ackerland. +Jetzt, wo der Samen aufging, kann jeder Garben +schneiden —«</p> + +<p>»Ich verstehe,« unterbrach ich ihn lebhaft, »wir +beide gehören zu denen, die Wege anlegen, aber nicht +die Steine dafür karren können.«</p> + +<p>»Wege anlegen —,« wiederholte er, »ganz richtig! +Und dafür ist in der Partei jetzt die Zeit gekommen. +Gräßlich, angesichts dieser Aufgabe die Hände gebunden +zu haben! Dem Revisionismus fehlt es an einem +geistigen Mittelpunkt, einem unabhängigen Organ, das +an Stelle bloßer Verneinung die Ideen praktischer Politik +in die Köpfe der Massen hämmert, das die geistigen +Kräfte der Intellektuellen in den Dienst unserer Sache +zieht. Die Lex Heinze hat sie aus dem Schlaf geweckt, — auch +hier müßte das Eisen geschmiedet werden, solange +es warm ist.«</p> + +<p>»Und wieso sind dir dafür die Hände gebunden?!« +rief ich aus, von den Gedanken, die er aussprach, gepackt. +»Der Plan muß ausgeführt werden!«</p> + +<p>»Bei all deiner Klugheit bist du doch ein ganz +dummes Katzel!« sagte er. »Oder wächst dir ein Kornfeld +auf der flachen Hand?! Kein bürgerlicher Verleger +würde ihn verwirklichen helfen, ein Parteiverlag erst +recht nicht ...«</p> + +<p>Ich dachte an den Amerikaner Garrison, der seine der +Idee der Sklavenbefreiung gewidmete Zeitschrift selbst +schrieb und druckte. Ob wir nicht diesem Beispiel +folgen könnten? Mein Mann lachte mich aus. »Selbst +wenn wir unsere ganze Arbeitskraft der Sache opfern +würden, ohne pekuniäre Mittel hülfe das nichts. Ich +<a name="Page_361" id="Page_361"></a>sehe nur eine Möglichkeit, um zum Ziel zu gelangen —,« +er brach ab, als habe er schon zuviel gesagt.</p> + +<p>»Die wäre?«</p> + +<p>»Der Verkauf des Archivs. Mit dem Erlös könnte +man die Zeitung ins Leben rufen —«</p> + +<p>»Warum versuchst du das nicht?!« Ich ärgerte mich, +daß er nur einen Moment hatte zögern können. Er sah +mich forschend an.</p> + +<p>»Ist das Tapferkeit oder Leichtsinn, was aus dir +spricht? — Mit dem Verkauf des Archivs ist die Sicherheit +unserer Existenz preisgegeben. Wir können bei dem +neuen Unternehmen alles verlieren —«</p> + +<p>»Darüber bin ich keinen Augenblick im Zweifel,« +antwortete ich ernst. »Aber mir scheint, gegenüber der +Größe der Aufgabe fallen persönliche Bedenken nicht +ins Gewicht.«</p> + +<p>Wir waren einig. Von nun an widmete mein Mann +all seine freie Zeit der Verwirklichung seines Gedankens. +Er trat mit deutschen Verlegern in Verkaufsverhandlungen, +und wenn ich angesichts ihrer wiederholten +Resultatlosigkeit oft nahe daran war, den Mut zu verlieren, +so schien der seine mit jedem Mißlingen neu zu +wachsen. Er wandte sich an die bekannteren Revisionisten, +und wenn ihre zögernden Antworten mich deprimierten, +so steigerten sie nur seine Energie. Und meine +Liebe, die unter der grauen Asche der Alltäglichkeit nur +noch leise geglimmt hatte, glühte auf, wie Waldfeuer +im Sturm. Je stärker ich die Überlegenheit seines +Willens empfand, desto mehr liebte ich ihn. Und gewohnt, +mein eigenes Erleben zu betrachten wie der +Forscher ein wissenschaftliches Experiment, aus dem er +<a name="Page_362" id="Page_362"></a>bestimmte allgemeine Schlüsse zieht, sah ich, daß eine +der Theorien der modernen Frauenbewegung sich angesichts +der Erfahrung wieder einmal als leere Konstruktion +erwies.</p> + +<p>»Das geistig entwickelte, seelisch differenzierte Weib +ist die Voraussetzung und Bedingung tieferer und dauernder +Beziehungen zwischen den Geschlechtern,« hatte meine +alte Gegnerin, Helma Kurz, noch kürzlich in dem ihr +eigenen geschwollenen Stil den Lesern ihrer Zeitschrift +verkündet. Sie identifizierte Liebe und Freundschaft, +weil sie — das einsame alte Mädchen — wie der +Blinde von der Farbe sprach. Weibesliebe ist Hingabe +an den Höherstehenden, gleichgültig ob das Herz, das +sie empfindet, unter dem groben Hemd der Dienstmagd +oder dem Talar der Doktorin beider Rechte schlägt. +Darum wird die erotische Treue um so seltener sein, je +stärker das Weib sich geistig und seelisch individualisiert.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Mit noch größerem Eifer als früher stürzte ich +mich in meine Arbeit; nicht nur, weil der +Augenblick schreckhaft näher rückte, in dem +ich das Honorar dafür nicht mehr würde entbehren +können, sondern mehr noch, weil das Buch vollendet +sein mußte, ehe die neue Aufgabe — die Zeitschrift +meines Mannes — an mich herantrat.</p> + +<p>Archive, Arbeitsämter und Bibliotheken öffneten sich +mir ohne Schwierigkeit. Vom Minister bis zum Portier +verleugnet der Franzose die Kultur des achtzehnten +Jahrhunderts nicht, auch wenn die Dame, die +ihm begegnet, keine Marquise ist; jeder beeilt sich, ihr +<a name="Page_363" id="Page_363"></a>behilflich zu sein, ihr entgegenzukommen, kein spöttisches +Lächeln, keine herunterhängenden Mundwinkel verraten +der arbeitenden Frau, wie der Mann sie im Grunde wertet.</p> + +<p>Je mehr ich mich aber in die Arbeit versenkte, desto +höher türmten sich die Probleme der Frauenfrage um +mich auf, — die sozialen, die ethischen, die sexuellen +entwickelten sich eines aus dem anderen, als kröche +ein Drache aus dunkler Höhle hervor, ein Glied um +das andere vorschiebend, langsam, endlos. Wenn ich +mich morgens zum Fortgehen rüstete und mein +Kind die runden Ärmchen um meinen Hals schlang +und bat und schmeichelte: »Mamachen, bleib doch mal +bei mir, — Mamachen, bitte, bitte, erzähl' mir nur eine +einzigste schöne Geschichte —,« dann erschien mir mein +eigenes Leben wie jene unheimliche Höhle, und in mein +eigenes Herz bohrte der Drache seinen Giftzahn. Wie +gläubig hatte ich früher den alten Vorkämpferinnen der +Frauenbewegung gelauscht, wenn sie von jenen Amerikanerinnen +erzählten, die ihre Pflichten als Mütter, +Hausfrauen und Berufsarbeiterinnen in so unvergleichliche +Harmonie zueinander zu setzen vermochten. Ich +erinnerte mich vor allem jener Advokatin, die neben +ihrer großen Praxis sechs Kinder erzogen und einen +großen Haushalt allein geleitet haben sollte.</p> + +<p>»Infame Lügen alter Jungfern!« dachte ich grimmig. +Und doch war ich selbst noch eine Bevorzugte. Kam ich +nach Haus, so fand ich mein Kind in guter Obhut und +unseren Tisch gedeckt.</p> + +<p>Der Berta, die mit so viel Tränen durchgesetzt hatte, +bei mir zu bleiben, verdankte ich die äußere Arbeitsmöglichkeit. +Ich konnte ihr nicht dankbar genug sein.</p> + +<p><a name="Page_364" id="Page_364"></a>Aber Millionen armer Frauen arbeiten in der Werkstatt +und in der Fabrik, während die Straße ihrer +Kinder Hüterin ist und sie gezwungen sind, nach der +Hast der Arbeit noch die unzureichende Ernährung für +sich und die Ihren selbst zu bereiten. So unschätzbar +die wirtschaftliche Selbständigkeit des Weibes sein mag, +sind die Opfer des Mutterherzens und des Kinderglücks +nicht ein zu hoher Preis für sie? Ich fand aus der +Wirrnis nicht heraus: auf der einen Seite diese Not, +auf der anderen Seite die liebezerstörende pekuniäre Abhängigkeit +des Weibes vom Mann.</p> + +<p>Die deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten hatten um jene +Zeit eine Untersuchung über die Arbeit verheirateter +Frauen in der Industrie angestellt. Die Ergebnisse +lagen mir vor: überall war es die bittere Notwendigkeit, +die ihnen zwischen dem natürlichen Weibesberuf +und dem Erwerb außerhalb des Hauses keine Wahl +ließ. Und alles deutete darauf hin, daß ihre Zahl +ständig zunehmen würde. Nichts schien mir im Augenblick +so wichtig, als die Lösung dieser brennenden Frage. +Es galt auf der einen Seite, dem Säugling die Mutter +zurückzugeben, und auf der anderen, das Weib von der +Last doppelter Pflichten zu befreien. Ich baute meinen +alten Plan der Mutterschaftsversicherung aus, — fest +überzeugt, daß über kurz oder lang die Regierungen gezwungen +sein würden, ihm näher zu treten. Aber selbst +seine Verwirklichung würde die notwendige Arbeitsteilung +zwischen Hausfrau und Berufsarbeiterin nicht herbeiführen.</p> + +<p>»Laß einmal heut deine Nachmittagsarbeit,« sagte +Heinrich eines Tages, als ich in meine Grübeleien ver<a name="Page_365" id="Page_365"></a>sunken +nach Hause kam. »Wir sind zur Einweihung +eines Arbeiter-Restaurants geladen, — France und Jaurès +werden dort sein —«</p> + +<p>»Du weißt, ich darf mich nicht ablenken lassen,« +antwortete ich mißmutig.</p> + +<p>»Diesmal ist aber die Sache interessant genug, um +eine Ausnahme von der Regel zu entschuldigen,« meinte +er. »Eine genossenschaftliche Gründung der Art liegt +auf dem Wege zu unseren Zielen.« Ich horchte auf: +irgend etwas, halb Unbewußtes, packte mich.</p> + +<p>In einer engen Seitenstraße des Boulevard Montparnasse +lag ein altes kleines Haus geduckt zwischen +hohen Mietskasernen. In seinem neuen Anstrich, mit +den Girlanden um die Türe und den Fähnchen an +den Fenstern sah es lustig aus wie ein altes Männlein, +das goldene Hochzeit feiert. Drinnen um die festlich +gedeckten Tafeln herrschte eitel Fröhlichkeit.</p> + +<p>»Daß wir es erreicht haben, — endlich!« sagte +glückstrahlend einer der Leiter. »Seit Jahren sammeln +wir Sou um Sou, um die armen Arbeiter +dieser Gegend von der Ausbeutung der Kneipenwirte +zu befreien, und um den zahllosen arbeitenden Familienmüttern +ein gutes und billiges Mittagsmahl zu verschaffen.«</p> + +<p>Ich reichte dem Manne die Hand und drückte sie herzhaft; +er sah mich verwundert an: er konnte nicht wissen, +welch ein Geschenk er mir eben gegeben hatte.</p> + +<p>Die breite Gestalt von Jaurès erschien in der Türe, +hinter ihm die elegante eines vornehmen Graubarts, +dessen geistfunkelnde Augen über die große schiefe Nase +unter ihnen zu spotten schienen. »Anatole France,« stellte<a name="Page_366" id="Page_366"></a> +Jaurès ihn uns vor. Wir waren sofort in lebhaftem +Gespräch.</p> + +<p>»Ich mag nicht fehlen, wenn die sozialistische Arbeiterschaft +irgendwo einen Fuß breit Boden gewinnt,« sagte +er; »je mehr die Bourgeoisie an Idealismus verloren +hat, desto unfruchtbarer ist sie für uns Intellektuelle. +Wir müssen uns stets zu den Hoffenden und Werdenden +halten, wenn wir nicht selbst absterben wollen.«</p> + +<p>»Unsere deutschen Intellektuellen halten sich lieber zu +denen, die zwar an Hoffnungen arm, aber an Gold und +Juwelen um so reicher sind —,« antwortete ich.</p> + +<p>Er lächelte ungläubig: »Wirklich?! In einem Lande, +das sprichwörtlich reich an hungernden Dichtern und +arm an Männern ist?!«</p> + +<p>Dann wurde er zerstreut, zog ein Blatt Papier aus +der Tasche, überflog es wieder und wieder und reichte +es Jaurès: »Ich bin kein Redner und soll durchaus +sprechen. Was meinen Sie, wenn ich das hier sage?« +Dabei stieg die Röte der Verlegenheit in das gebräunte +Gesicht des berühmten Mannes.</p> + +<p>Wir setzten uns zu Tisch. Ich konnte nicht glauben, +daß die vielen Menschen um uns herum mit den selbstverständlich +guten Manieren, dem freimütigen Ton, der +ohne weiteres jeden Abstand der Bildung und des +Milieus ausglich, die Ärmsten der Armen waren. Ich +sah es erst allmählich an den hohlen Wangen und sorgfältig +vernähten Flicken auf den Kleidern. Und doch +aßen und tranken sie, als ob sie alle Tage satt würden.</p> + +<p>France sprach; stockend, schüchtern, aber mit einem +so warmen Ton in der Stimme, daß er alle gefangen +nahm. Und dann wußten sie auch von ihm: »Unser +<a name="Page_367" id="Page_367"></a>großer France,« flüsterte stolz einer dem anderen zu, +und ein paar kleine Nähmädchen mit harten zerstochenen +Fingern brachten ihm die Veilchensträußchen, die sie im +Gürtel trugen.</p> + +<p>Als ich am nächsten Tage wieder bei der Arbeit saß, +war mein neuer Plan fix und fertig: »Haushaltungsgenossenschaften« +nannte ich ihn. In den Arbeitervierteln +der großen Städte sollte jede Mietskaserne mit +einer Zentralküche versehen sein, die den Bewohnern +ihre Mahlzeiten liefert. In den Häusern der Arbeiter-Baugenossenschaften +müßte der Anfang damit gemacht +werden; Kinderkrippen und Kinderhorte zum Tagesaufenthalt +der Mutterlosen sollten sich anschließen; die +genossenschaftliche Wirtschaft, der Einkauf im Großen +müßte, so berechnete ich, die Kosten für die anzustellenden +Arbeitskräfte aufbringen. Einsichtige Kommunen +würden sich allmählich bereit finden, solche, für +die physische und moralische Gesundheit der Bevölkerung +überaus wichtige Häuser selbst zu bauen. Mit der Befreiung +von der doppelten Arbeitslast der Hauswirtschaft +und der außerhäuslichen Erwerbsarbeit würde +einer der wichtigsten Teile der Frauenfrage ihrer Lösung +entgegengeführt werden. Und was für die Arbeiterin +galt, das galt ebenso für die geistig tätige Frau. Ich +war so erfüllt von meiner Idee, daß ich vor freudigem +Herzklopfen nächtelang schlaflos blieb. Mit dieser Sache +konnte ich bis zum Erscheinen meines Buches nicht +warten. Gerade jetzt, wo das Problem der Erwerbsarbeit +verheirateter Frauen auf der Tagesordnung stand, +mußte ich damit hervortreten.</p> + +<p>Ich schrieb an Wanda Orbin und teilte ihr mit, daß +<a name="Page_368" id="Page_368"></a>ich an der Hand der neuesten Fabrikinspektorenberichte +eine kurze Broschüre über die für die Arbeiterinnenbewegung +so wichtige Frage der Beschäftigung verheirateter +Frauen in der Industrie schreiben wolle und von +ihr nur erfahren möchte, ob nicht etwa von anderer +Seite ähnliches geplant würde. Irgendwelche Details +gab ich ihr nicht.</p> + +<p>Sie antwortete mir umgehend, daß sie selbst seit +längerer Zeit mit der Bearbeitung der Frage beschäftigt +sei. »Ich habe mich nunmehr entschlossen,« fuhr sie +fort, »die einzelnen Teile meiner Arbeit als selbständige +Broschüren erscheinen zu lassen, um sie weiteren Kreisen +leichter zugänglich zu machen. Die erste enthält die +grundsätzliche Auseinandersetzung der Frage der Fabrikarbeit +verheirateter Frauen und des gesetzlichen Arbeitterinnenschutzes, +das Manuskript liegt im wesentlichen +bereits fertig vor... Sie werden mir kaum zumuten, +auf die Veröffentlichung zu verzichten, weil an +anderer Stelle die Behandlung derselben Frage beabsichtigt +wird...«</p> + +<p>Nein: ich dachte nicht daran, um so weniger, als +es mir nichts genutzt haben würde. Ich wollte auch +nicht mit Wanda Orbin in einen lächerlichen Konkurrenzkampf +eintreten. Mochte ihre Schrift zuerst erscheinen, — mir +würde nachher genug zu sagen übrig bleiben.</p> + +<p>Während der Monate, die wir noch in Paris verlebten, +erschien sie jedoch nicht, und die verschiedenen +Parteibuchhandlungen wußten nichts von ihr.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_369" id="Page_369"></a></p> + +<p>Schwer und grau hing der Winterhimmel über +Paris. Zuweilen tanzten weiße Flocken in +der Luft, und dann schien's, als ob es hell +werden wollte; aber die schmutzige Straße verschlang +sie. Die Obst- und Gemüseauslagen, die im Sonnenschein +sonst so bunt und lockend den Vorübergehenden +angelacht hatten, sahen welk und unappetitlich aus. +Die kleinen Mädchen mit den schönfrisierten Köpfchen, +die vor kurzem noch lachend und kokettierend mit spitzen +Hacken klappernd über das Pflaster getrippelt waren, +liefen jetzt fröstelnd ihres Wegs mit verfrorenen, mißmutigen +Gesichtern.</p> + +<p>Wer jetzt dicht am Kaminfeuer sitzen und träumen +könnte! Aber nach wie vor ging ich dieselben Wege +durch alte enge Gassen und saß mit eisigen Füßen +in dunkeln Bureaus. Wußte ich noch, daß es Paris +war, in dem ich lebte? Lebte?!! War das wirklich +Leben?! Hatte nicht am Ende auch mich die schmutzige +Taglöhnerstraße verschlungen? Mich, die ich licht +und frei sein wollte? Wenn wir abends zuweilen +aus unserem stillen Stadtwinkel zum rechten Seineufer +hinübergingen, wo die Bogenlampen festlich +zu strahlen beginnen, wo hinter glänzenden Spiegelscheiben +Juwelen und Spitzen und märchenhaft schimmernde +Gewänder prahlend ihre Schönheit entfalten +und Equipagen und Automobile hin und wieder rollen, +aus denen schöne Frauenköpfe nicken und lächeln wie +seltene Treibhausblumen hinter ihrem Glashaus, — nur +zum Schmuck einer Nacht gezüchtet, — dann fühlte +<a name="Page_370" id="Page_370"></a>ich im verborgensten Winkel meines Herzens einen +stechenden Schmerz.</p> + +<p>Am Eingang zum Opernhaus standen dicht gedrängt +arme junge Mädels; sie warteten auf die eleganten +Damen, die mit seidenbeschuhten Füßchen und langen +Schleppen den Wagen entstiegen. Sie ließen sich von +den Rädern mit Kot bespritzen, um vom Glanze des +Lebens nur einen Schein zu erhaschen.</p> + +<p>Wir hatten bei einigen Parteigenossen Besuch gemacht, — auch +bei Millerand, — und waren mit einer Liebenswürdigkeit +empfangen worden, als wären wir längst erwartete +alte Freunde. Aber es blieb bei ein paar förmlichen +Einladungen mit oberflächlichen allgemeinen Gesprächen. +Während mein Mann einen unvereinbaren +Gegensatz in dem Benehmen unserer Gastgeber empfand, +fühlte ich mich plötzlich in die Umgebung meiner Jugend +zurückversetzt und verstand sie.</p> + +<p>Der Franzose ist ein geborener Aristokrat, er hat +jene Kultur des Benehmens, jene Liebenswürdigkeit +der Form, die zugleich eine unübersteigliche Mauer ist, +hinter der sich das persönlich Menschliche verbirgt.</p> + +<p>Wir gerieten auch in einen literarischen Salon, dessen +Herrin <em class="antiqua">tout Paris</em> um sich zu versammeln verstand. Sie +war von unverwüstlicher Schönheit, und ihre Küche war +berühmt. Als wir nach Hause gingen, war mein Mann +befriedigt und angeregt und ich schlechter Laune. »Hast +du dich denn nicht amüsiert?« fragte er mich schließlich.</p> + +<p>»Ganz und gar nicht,« antwortete ich, »und wenn ich +nicht fürchten müßte, daß meine Ehrlichkeit mich in +deinen Augen herabsetzt, —«</p> + +<p>»Aber Alix,« lachte er und zog meinen Arm fester +<a name="Page_371" id="Page_371"></a>durch den seinen, »du weißt, daß du mich immer entzückst, +wenn du du selber bist.«</p> + +<p>»So will ich's drauf ankommen lassen und dir gestehen, +daß ich die Rolle des unbeteiligten Zuschauers +in jeder Gesellschaft, — und wäre es die interessanteste, — unerträglich +finde. Es ist ja sicher lehrreich, zu erfahren, +daß der Wert der Frau in Paris mit dem Wert +ihrer Kosmetik und ihrer Toilette steigt und fällt, aber +da ich auf dem Gebiet nicht konkurrieren kann —«</p> + +<p>Heinrich lachte noch lauter. »Du liebe Eitelkeit, du,« +war alles, was er sagte, während die Röte der Beschämung +mir noch auf den Wangen brannte.</p> + +<p>Ein andermal folgte ich der Einladung einer der +führenden Frauenrechtlerinnen in die Redaktion ihrer +Zeitung. Ich bewunderte schon lange die Energie, mit +der sie die Frauen — französische Frauen! — zwang, +die politischen Tagesereignisse zu verfolgen, und an +der Seite der Zola und Jaurès an dem Kampf für +Dreyfus teilgenommen hatte. Ich erwartete unwillkürlich +<ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'ein'">eine</ins> typische Feministin: harte Züge, eckige Bewegungen, +männliche Kleidung. Schon die Räume, die +ich betrat, überraschten mich; sie hatten alle das Aussehen +und das Parfüm eines eleganten Boudoirs. Ein paar +Damen gingen vorüber, — sie hätten ebenso beim <em class="antiqua">five +o'clock</em> im Grand Hotel erscheinen können. Dann kam +die Leiterin selbst. Wenn sie mir bei Maxim begegnet +wäre, ich hätte mich nicht gewundert. Ihre Schönheit +hatte trotz aller statuenhaften Kühle, — oder vielleicht +gerade deshalb, — etwas Sieghaftes.</p> + +<p>»Je radikalere Feministen wir sind, desto stärker +müssen wir unser Weibsein betonen,« sagte sie im Lauf +<a name="Page_372" id="Page_372"></a>des Gesprächs. Ich stimmte ihr lebhaft zu und dachte +an ihre deutschen Gesinnungsgenossinnen, die den Gegensatz +zwischen der Weltdame und der Frauenrechtlerin +nicht genug glaubten zeigen zu müssen.</p> + +<p>»Sie vergessen nur eins,« fuhr ich fort. »Die +Pflege der Schönheit kostet Zeit und Geld. Und die +eigentlichen Trägerinnen der Frauenbewegung, die +Frauen, die heute im Kampf ums Dasein stehen, haben +keins von beiden.«</p> + +<p>»Darum müssen wir es ihnen schaffen,« warf sie lebhaft +ein und führte mich, um ihre eigene Tätigkeit nach +dieser Richtung zu illustrieren, in den Setzersaal, wo +lauter junge Mädchen beschäftigt waren. Unter den +großen Schürzen lugten zierliche Kleider hervor, die +hübschen Lockenköpfchen hätten höheren Töchtern gehören +können. Ihre Augen folgten mit schwärmerischer Bewunderung +der stolzen Gestalt ihres weiblichen Chefs, +die sich, umgeben von Veilchenduft, mit einem leisen +Wiegen in den Hüften durch ihre Reihen bewegte. Ich +hörte später, sie sei eine <em class="antiqua">grande amoureuse</em>, eine von +jenen, deren Herzen kalt bleiben, wenn ihre Sinne +glühen. »Ihre Mittel sind unerschöpflich,« sagte man +mir mit einem vielsagenden Lächeln. Mich interessierte +dieser Typus, der mir in Deutschland nicht würde begegnen +können. Ich versuchte, ihr näher zu treten. +Doch auch sie blieb stets dieselbe: geistvoll, liebenswürdig, — aber +unnahbar.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_373" id="Page_373"></a></p> + +<p>Unser Pariser Aufenthalt neigte sich seinem Ende +zu. Mein Buch war fast fertig. Es fing +schon an, sich von mir loszulösen und vor mir +zu stehen wie etwas Fremdes, nicht mehr zu mir Gehöriges, +mit dem ich auch innerlich abgeschlossen hatte. +Es war wie eine erstiegene Höhe, von der aus ich nun +weiter gehen mußte. Meine Gedanken kreisten immer +enger um die neue Aufgabe, die wir uns gestellt hatten. +Meine Hoffnungen, genährt von der Liebe zu meinem +Mann, der seine Lebensbestimmung glaubte gefunden +zu haben, übertönten die leise warnenden Stimmen +meines Inneren.</p> + +<p>»Du kannst nur schaffen, wenn du dich selbst behauptest,« +sagten sie.</p> + +<p>»Du wirst die Sache zum Siege führen, wenn du +dich selbst hingibst,« frohlockte die Hoffnung.</p> + +<p>Ich glaubte ihr.</p> + +<p>Heinrich fuhr voraus nach Berlin. Ich erinnerte +mich während der letzten acht Tage, daß ich in Paris +war. Mein Junge jubelte, weil er nun jeden Morgen +mit »Mamachen« gehen durfte. Die Berta hatte auf +ihren Spaziergängen mit ihm viel mehr gesehen als ich; +der kleine Bub wurde mir zum Führer. Er kam sich +dabei sehr wichtig vor. Zuerst zog er mich in atemloser +Eile durch die Tuilerien hindurch zu »der Frau, +die ein Soldat war«. Ich lächelte: war es doch +meiner frühsten Kindheit Traum gewesen, das Vaterland +zu befreien wie sie! Stolz und siegessicher, Frankreichs +Fahne fest in der Hand, erhob sich ihr Standbild +vor mir; sie war den Stimmen in ihrer Brust gefolgt, — unbeirrt; +<a name="Page_374" id="Page_374"></a>aus dem Scheiterhaufen, der ihren +Leib verzehrte, erhob sie sich nur noch größer.</p> + +<p>»Die Jungfrau von Orleans, — ist das ein Märchen?« +fragte der Kleine, als ich ihm die Geschichte erzählt hatte, +und sah mit nassen Augen zu der Reiterin empor.</p> + +<p>»Nein, es ist Wahrheit,« antwortete ich.</p> + +<p>»Warum verbrannten sie denn die bösen Menschen?« +Auf seine glatte Kinderstirn gruben sich tiefe Falten des +Zornes.</p> + +<p>»Sie vertragen nur, was ihresgleichen ist,« sagte ich +leise, wie zu mir selbst.</p> + +<p>Unter der hohen Kuppel des Invalidendomes standen +wir miteinander. Ein breiter Strom bläulichen Lichtes +entsprang ihr und wogte tief unten um den roten Porphyr, +der des großen Korsen Gebeine umschließt. Der +Gang ringsum, die Kapellen zur Seite schienen im +Dämmer zurückzutreten. Mit leiser Stimme erzählte +ich von dem armen Knaben aus Ajaccio, der, seinem +Sterne getreu, die Welt eroberte, der das Testament +der Revolution vollzog, und der auf der Felseninsel im +Weltmeer starb — in Ketten.</p> + +<p>»Auch weil — weil —« das Kind neben mir suchte +nach den Worten, deren Sinn er nicht verstanden hatte; +»weil er zu groß war für die anderen,« ergänzte ich.</p> + +<p>Am letzten Tage vor unserer Abreise kämpfte der erste +Frühlingssonnenschein mit den schwarzgrauen Regenwolken; +grüne Spitzchen lugten neugierig an Büschen +und Bäumen aus braunen Hüllen hervor; die Kinder +mit den langen gedrehten Locken bevölkerten wieder die +Gärten.</p> + +<p>Ich war stundenlang im Louvre gewesen. Ich hatte +<a name="Page_375" id="Page_375"></a>die Menschen, die Welt, die Jahrhunderte durch die +Augen der Größten aller Zeiten gesehen und fühlte +meinen Geist heller, mein Herz wärmer werden. In der +Kunst kommt es nicht darauf an, wie die Welt ist, sondern +wie die Augen sind, die sie betrachten. Nur der +Künstler hat recht, dem sie immer Objekt bleibt, der im +Häßlichen noch das Schöne, im Bösen das Menschliche +findet.</p> + +<p>Und nun, zum Abschied, nahm ich noch einmal den +Kleinen mit mir.</p> + +<p>»Zur Göttin der Griechen wollen wir,« sagte ich ihm, +»die Odysseus und Achilles anbeteten.«</p> + +<p>Die Leute drehten sich um, lächelnd, spottend, entrüstet, +als sie mich mit dem Kind an der Hand durch +die Säle gehen sahen, bis dahin, von wo der Venus +von Milo weiße Gestalt uns entgegenleuchtete.</p> + +<p>»Warum beten die Menschen nicht?« flüsterte mein +Sohn, der die Mütze vom Köpfchen gezogen hatte.</p> + +<p>In einsamer Herrlichkeit stand sie vor uns, im Bewußtsein +ihrer Macht und Schöne, zeitlos, beziehungslos. +Ihr Blick schweifte hinweg über die Menge, gleichgültig, +ob sie ihr Opfer zündete oder die Linien ihres +Körpers mit dem Zirkel maß. Sie herrschte, sie begeisterte +und belebte, nicht weil sie vom Sockel stieg in +den Dienst der Massen, sondern weil sie vollendet war +in sich.</p> + +<p>Droben in den Sälen hingen die Bilder aller derer, +die die Menschen, denen sie dienten, gekreuzigt hatten: +die Heiligen, die Madonnen, die Christuskinder. Sollte +der Zweck des Daseins nicht doch der Olymp der Griechen +und nicht der Himmel der Christen sein?</p> + +<p><a name="Page_376" id="Page_376"></a>Ich strich mit der Hand über die Stirn. Es war +etwas wach geworden in mir, das schlafen mußte.</p> + +<p>Ein weiches Händchen nestelte sich in das meine: +»Warum hat die Göttin keine Arme, Mamachen?«</p> + +<p>»Zur Strafe, weil sie die Menschen nicht festhielt, +die ihrem Tempel entliefen.«</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_377" id="Page_377"></a></p> +<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2> + + +<p>Es war ein Sonntag, als wir Berlin wiedersahen. +Mir schien, als wären wir Fremde. +Wie klein, wie armselig war das alles: die +Linden mit ihren kraftlosen Bäumen und stillosen Häusern, +der Pariser Platz mit seiner bedrückenden Engigkeit. Und +die neuen Stadtteile: eine gute Bürgersfrau, die sich +herausgeputzt hat, und das bißchen echte Kultur, das sie +besaß, darüber vollends verlor. Dazwischen die Feiertagsbummler: +Der Kontrast zwischen ihrer kreischenden +Lautheit in Tönen und Farben und dem matten Grau +des Märztages tat Augen und Ohren weh.</p> + +<p>»Ich möchte wissen, wo ich zu Hause bin,« seufzte +ich und legte mich abends mit jenem Gefühl innerer +Leerheit schlafen, das uns zuweilen überkommt, wenn +wir eine Staatssoirée hinter uns haben. Mir träumte +von einem riesigen Wasserfall. Noch im Halbschlaf am +Morgen hörte ich sein Rollen und Rauschen, und je +wacher ich wurde, desto stärker schwoll es an. Vom +Potsdamer Platz herauf klang es; Straßenbahnen, Omnibusse, +Lastwagen, eilende Menschenfüße waren die Instrumente +dieses Konzertes; Berlin ging auf Arbeit. +Da war kein Winkel ohne Leben.</p> + +<p>Drüben in der Leipzigerstraße waren unter der Spitzhacke +alte Mauern zusammengebrochen, und sieghaft er<a name="Page_378" id="Page_378"></a>hob +sich jetzt, von Riesengranitpfeilern getragen, ein +mächtiges Warenhaus, wie selbst Paris es nicht kannte, +aus dem märkischen Sand. Kein Basar, dessen Bau +Gotik, Barock und Renaissance durcheinanderwirft, wie +seine reklameschreienden Schaufenster die Waren, — ein +Stück neuer Kultur vielmehr, die die Schönheit der +Zweckmäßigkeit erkannte und doch allen Zauber der +Kunst über sie ausgoß. Die Menschen strömten aus +und ein. Sie trugen von all jenen glänzenden Goldblumen +und köstlichen Steinreliefs, die seine inneren +Räume schmückten, von den farbenleuchtenden Onyxplatten +und gemalten Holzdecken, von den Feuertropfen +und Lichtgirlanden einen Schimmer von Schönheit mit +sich nach Haus.</p> + +<p>Jenseits des Platzes waren Baumriesen gestürzt, denn +dem Verkehr mußte die Straße sich weiten, und an der +Peripherie der Stadt standen reihenweise die Holzgerüste, +wie gewaltige Pallisaden, — Zeichen dafür, daß das +alte Kleid ihrem Riesenleibe zu eng wurde.</p> + +<p>Ein Emporkömmling ist sie, — gewiß! Aber keiner, +den das Glück aufwärts trug. Vielmehr einer, der sich +durch die Kraft seiner Fäuste den Weg bahnte.</p> + +<p>Wie die Menschen liefen und hasteten! Sie kannten +jenes gemächliche Schlendern nicht, mit dem Lächeln der +Behaglichkeit auf den Lippen und kokettierenden Blicken +hin und her. Aller Züge schienen gespannt von nervöser +Eile, von sorgender Angst, von lastenden Gedanken.</p> + +<p>Klingendes Spiel, feste Schritte im Takt kündeten +das Nahen von Soldaten. Der Verkehr stockte. Wo in +Preußen die bewaffnete Macht erscheint, gehört ihr die +Straße. Und hypnotisiert durch den Marsch, durch die<a name="Page_379" id="Page_379"></a> +Masse, durch wehende Federbüsche und blinkende Uniformen, +drängte jung und alt ihr nach, ihr voran.</p> + +<p>Die Alexander-Grenadiere bezogen heute ihre neue +Kaserne: in nächster Nähe des Schlosses war sie errichtet +worden, eine Zwingburg mit Mauern und Schießscharten; +und vom Lustgarten aus führte der Kaiser +selbst seine Garde dem neuen Heime zu, während die +Polizei in weitem Bogen das gaffende Volk beiseitedrängte, +damit der Herrscher allein blieb mit seinen +Truppen. »Ihr seid die Leibwache eures Königs,« sagte +er, »und wenn diese Stadt noch einmal wie Anno 48 +sich wider ihn erheben wird, so seid ihr berufen, die +Frechen und Unbotmäßigen mit der Spitze eurer Bajonette +zu Paaren zu treiben.«</p> + +<p>Fürwahr, wenn ich mich bis jetzt wie in einem Traum +befunden hatte, nun wußte ich: wir waren in Berlin.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wir gingen mittags zu Erdmanns. Sie waren +erst kürzlich von einer langen Seereise zurückgekehrt, +die der Arzt ihnen verordnet +hatte, und schienen, nach den Briefen meiner Schwester +zu schließen, befriedigt von ihrem Erfolg. Und nun +standen sie mir gegenüber, so anders als ich sie verlassen +hatte. Scharf und eckig traten die Backenknochen +aus meines Schwagers Gesicht hervor, sein Anzug +hing um ihn, als wäre sein Körper nichts als ein +Knochengerüst. Nur sein Geist schien lebensvoller als +je und sprühte Funken. Das Schwesterchen dagegen +war ebenso still, wie sie blaß und schmal war. Wo +war das runde Kindergesicht und die glänzenden Augen?<a name="Page_380" id="Page_380"></a> +Seltsam: auch aus ihren Haaren war der Goldschimmer +verschwunden; es lag wie Asche auf ihnen. Die einstmals +lauter Wärme ausströmte, hatte eine Atmosphäre +abweisender Kühle um sich. Ihre Lippen glichen jetzt +denen meiner Mutter: scharf, schmal, blutlos. Ich sah, +daß sie sich mir nicht öffnen würden, und forschte in +ihren Zügen; aber auch sie blieben verschlossen. Ob sie +unglücklich war, weil sie kein Kind hatte? Erdmann +spielte stundenlang mit meinem Buben, während sie ihn +kaum mit einem Blick streifte. Wir sprachen von der +Mutter, die den Winter in Italien verlebt hatte und +Briefe schrieb wie ein junges Mädchen, das zum erstenmal +in die Welt sieht.</p> + +<p>»Sie ist glücklich, seitdem sie allein ist,« sagte Ilse. +Ein flehender, gequälter Blick ihres Mannes traf sie.</p> + +<p>»Was spielst du jetzt?« fragte ich, zum Flügel deutend, +um das Gespräch abzulenken.</p> + +<p>»Ich habe die Musik aufgegeben, sie macht mich +nervös,« antwortete sie.</p> + +<p>»Auch die Oper??«</p> + +<p>»Die erst recht! Die offenen Mäuler und gespreizten +Arme all der dicken Tenöre und Primadonnen zerstören +jeden Rest von Illusion. Man kann sie bestenfalls ertragen, +wenn man geschlossenen Auges zuhört. Aber +da man immer den übrigen Pöbel um sich hat — —«</p> + +<p>Sie unterbrach sich und schürzte ein wenig spöttisch +die Lippen: »Ach so, — entschuldige! Ich vergaß, daß +ich euer proletarisches Empfinden kränken könnte.«</p> + +<p>Erdmann lachte. »Nun — nun,« meinte er begütigend, +»der Pöbel des Parketts dürfte doch auch in +euren Augen mit dem Proletariat nicht identisch sein.<a name="Page_381" id="Page_381"></a> +Übrigens bin ich mit Ilse einer Meinung: der Zirkus +und das Überbrettl sind für unsereins allein noch erträglich. +Hohe Kunst auf der Bühne ist verletzend für +Menschen von Kultur. Man sollte dafür Marionettentheater +schaffen, oder sechsfache Schleier vor die Darsteller +hängen, damit sie wie Schatten wirken.«</p> + +<p>»Unvergleichliche Wirkungen müßten sich dadurch erzielen +lassen,« sagte Ilse, etwas lebhafter werdend, +»zum Beispiel mit herrlichen Sachen, wie diesen hier.« +Sie wies auf das neuste Heft der Blätter für die Kunst, +das dramatische Gedichte von Schülern Stefan Georges +enthielt.</p> + +<p>»Ich lese sie noch immer nicht,« entgegnete ich lächelnd; +»weniger denn je kann ich heute die hochmütige Abkehr +vom Leben vertragen, die das Kennzeichen all dieser +Menschen ist. Sie berauschen sich am Klang der Sprache +und bekommen, wenn es zu handeln gilt, zittrige Hände +wie Absinthtrinker.«</p> + +<p>Wir gerieten in eine Debatte, die sich immer schärfer +zuspitzte. Ilse bekam heiße Wangen und mitten im Gespräch +einen heftigen Hustenanfall, der mich angstvoll +aufhorchen ließ. Erdmann sah in diesem Augenblick +wie verstört drein. Und wie um gewaltsam den Eindruck +abzuschütteln, beschloß er, uns durch den Tiergarten +zum Hotel zurückzubegleiten.</p> + +<p>»Ich bin zu müde —,« sagte Ilse.</p> + +<p>»In der frischen Luft wirst du schon munter werden,« +damit drängte er sie hinaus.</p> + +<p>Wir begegneten vielen Menschen, die Erdmanns +grüßten. Das stimmte ihn fröhlich. »Lauter Leute, die +ich einrichte,« sagte er. »Wenn ich erst all den Berlin-W.-<a name="Page_382" id="Page_382"></a>Protzen +zu anständigem Wohnen verholfen haben werde, +kann ich den ganzen Kram an den Nagel hängen und +Pinsel und Palette wieder vorholen. Was, mein kleines +Ilschen?!« Und zärtlich schob er seinen Arm in den +ihren. Aber sie senkte den Kopf nur noch tiefer.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Als die Mutter zurückkehrte, äußerlich und innerlich +verwandelt, frisch und strahlend, dabei +mit gesteigertem Lebensdurst, der sich auf alles +stürzte, was sich ihr bot, lag Erdmann fiebernd zu Bett.</p> + +<p>»Er wird sich erholen, sobald es warm wird,« sagte +sie zuerst, und erzählte voll freudigem Eifer von ihren +schweizer Sommerplänen. Ein paar Tage später sah +ich sie wieder: gerade, steif, mit zusammengekniffenen +Lippen, wie damals, als der Vater noch lebte. Die +Ärzte hatten sie aufgeklärt. Erdmann hatte die Schwindsucht, +Ilse schien angesteckt.</p> + +<p>Wir nahmen Abschied von Erdmanns. Sie sollten +in ein heidelberger Sanatorium übersiedeln. Die seidene +Decke, unter der er lag, bauschte sich kaum sichtbar +über dem Körper; die mageren Finger führten eifrig +den langen Bleistift über das Papier auf seinem +Schoß. »Ich muß doch für Prinzessin Ilse Geld verdienen,« +und ein leidenschaftlicher Blick traf die schöne +junge Frau, die ihm mit gesenkten Lidern, ruhig und +pflichttreu, die Arznei zum Munde führte.</p> + +<p>Ich kämpfte mit den Tränen, als ich nach Hause +kam. Nicht nur, weil meine Schwester in einem Augenblick, +wo ich sie unglücklich wußte, mir fremd, fast feindselig +gegenüberstand, sondern weil sie das Opfer einer<a name="Page_383" id="Page_383"></a> +Ehe war, von der ich sie vielleicht hätte zurückhalten +können. Ich empfand ihre Kühle wie einen Vorwurf.</p> + +<p>»Vor Kinderschmerzen hast du mich einst gehütet,« +schienen ihre Augen zu klagen, »warum hast du mich +vor dem schlimmsten nicht bewahrt?« Und wenn sie +meinen Buben geflissentlich übersah, so wußte ich, was +sie damit sagen wollte: »Du hast mich über ihm vergessen.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Unser Einzug in die neue Wohnung, — einem +Gartenhaus der Uhlandstraße, — war kein +fröhlicher. All die tausenderlei Dinge, die +mit ihm zusammenhingen, vom Auslösen der Möbel auf +dem Speicher bis zu den Löhnen der Handwerker, hatte +unser letztes Geld verschlungen.</p> + +<p>»So mach dir doch nichts draus, — quäle nicht dich +und mich mit unnützen Sorgen,« rief Heinrich heftig, +als ich ihm unsere Lage auseinandersetzte. Ich schwieg +verletzt. Er war wie ein geistig Weitsichtiger, der das +Nächste nicht sieht, dem immer nur das Ferne gegenwärtig +ist. Der Plan seiner Zeitschrift beherrschte ihn +völlig. So mußte ich mir selber helfen. Ich bat den +Verleger meines Buches um mein Honorar. Er erfüllte +meinen Wunsch ohne weiteres. Heinrich aber wunderte +sich nicht einmal, wieso ich plötzlich Geld hatte. Für +ihn schienen die pekuniären Seiten des Lebenskampfes +nicht zu existieren, mir dagegen nahmen sie alle Schwungkraft +und machten mich bis zur Grausamkeit bitter +gegen ihn. Bat ihn jemand um ein Almosen oder um +ein Darlehn, so gab er, was er in der Tasche hatte.<a name="Page_384" id="Page_384"></a> +Wagte ich einen leisen Vorwurf, so gruben sich seine +Stirnfalten noch tiefer, und es kam immer häufiger +vor, daß er mir mit einem: »Sieh lieber, daß deine +Berta dich nicht betrügt!« antwortete. Dann erst war +die Entzweiung eine vollkommene. Nichts schien mir +ungerechter, als dieses Mädchen zu verdächtigen, das +sich für uns aufopferte und nicht einmal eine Aufwärterin +zu ihrer Hilfe zuließ. Daß sie allmählich in +ihrem Aussehen und Benehmen zu einem »Fräulein« +geworden war, schien mir im Interesse meines Jungen +nur vorteilhaft, während Heinrich es als Folge meiner +Verwöhnung ansah und behauptete, ich verdürbe nur +das einst so schlichte Bauernmädchen.</p> + +<p>Lange freilich währten unsere gegenseitigen Verstimmungen +nie. Vor den klaren Augen unseres Kindes, +denen nichts entging, schämten wir uns ihrer. Seine +Jugend sollte nicht durch den Unfrieden seiner Eltern +vergiftet werden, wie die meine.</p> + +<p>»Nu lach doch wieder ein ganz kleines bißchen!« +Damit kletterte er schmeichelnd auf seines Vaters Knie. +»Nich wahr, Mamachen, du gibst dem Heinzpapa gleich +einen dicken, runden Kuß!« Damit lief er zu mir und +legte das weiche Bäckchen zärtlich an meine Wange.</p> + +<p>Waren wir so versöhnt, so fühlten wir den Stachel +nicht, der sich trotzdem immer tiefer in unsere Herzen +bohrte.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_385" id="Page_385"></a></p> + +<p>Gleich nach unserer Ankunft hatte ich den Genossinnen +meine Rückkehr mitgeteilt. Auch +das war der Anlaß zu einer kleinen Auseinandersetzung +zwischen uns gewesen.</p> + +<p>»Willst du dich wirklich wieder in die unfruchtbare +Arbeit stürzen?!« sagte mein Mann ärgerlich.</p> + +<p>»Gewiß,« entgegnete ich mit jener Gereiztheit, die +mich immer überkam, wenn ich meine persönliche Freiheit +durch ihn gefährdet glaubte. »Ich sehe die Frauenbewegung +mehr denn je als das Gebiet an, auf dem +ich wirken muß.«</p> + +<p>»Du wirst in unserer Zeitschrift genug für sie tun +können, — mehr als in eurem Kaffeekränzchen!«</p> + +<p>Ich zuckte spöttisch die Achseln und meinte gedehnt: +»Wenn ich darauf warten soll!« Im selben Moment +aber bereute ich schon, ihn an seiner empfindlichsten +Stelle verletzt zu haben. Es lag wahrhaftig nicht an +ihm, wenn seine Idee noch nicht verwirklicht war.</p> + +<p>Unsere Gesinnungsgenossen, mit Einschluß von Bernstein, +der sie noch von London aus in Briefen an +meinen Mann lebhaft begrüßt hatte, stimmten ihr rückhaltlos +zu, aber es fand sich niemand, der auch nur +einen Pfennig für sie gegeben oder sich sonst um ihre +Ausführung bemüht hätte. Daß auch dies nur ein +Symptom für die Uneinigkeit und Unklarheit des Revisionismus +war, empfand jeder von uns. Eine Bewegung +war vorhanden, aber es fehlte ihr die starke Hand +eines Führers, der sie zusammenzufassen und ihr Richtung +zu geben vermag. Wir erwarteten für die Sache +wie für unseren Plan, der ja nur in ihren Diensten +<a name="Page_386" id="Page_386"></a>stehen sollte, von dem persönlichen Eingreifen Bernsteins +nicht wenig.</p> + +<p>An einem Maienabend des Jahres 1901, dessen Luft +vom Brodem lebensschwangerer Erde so gesättigt war, +daß er selbst mitten in der steinernen Öde der Stadt +fühlbar wurde, drängten sich die Menschenmassen in +einem engen Saal dicht zusammen; sie trugen in ihren +Haaren und Kleidern den Duft des Frühlings mit +herein, und der ganze Raum schien erfüllt von seinem +Fieber. Es waren keine Arbeiter. Aber die intellektuelle +Jugend war es. Besann sie sich endlich auf sich +selbst? War sie im Begriff, Ideale aufzurichten, die +einer großen Kraft und eines großen Kampfes würdig +waren? Die sozialwissenschaftliche Studentenvereinigung +Berlins hatte diese Versammlung einberufen und +Eduard Bernstein zum Redner gewählt. Ihre berühmtesten +Lehrer saßen unter ihnen, dazwischen die +politischen Führer jener Linken, — die Barth, die Naumann, +die Gerlach, — die, abgestoßen von allen anderen +bürgerlichen Parteien, zwischen ihnen und der Sozialdemokratie +die unfruchtbare Rolle des Puffers spielte. +Sie alle hofften, — bewußt oder unbewußt, — daß +dieser Abend irgendeine Quelle erschließen würde, an +der sie nicht nur ihren Durst stillen könnten, sondern +deren Wasser sich zum Strome weiten und alle ihre +irrenden Schiffe zu tragen vermöchten.</p> + +<p>»Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?« +lautete die Frage, auf die Bernstein die Antwort geben +wollte. Er trat an das Rednerpult. Hinter den +Brillengläsern sahen seine kurzsichtigen Augen mit einem +verlegen-erstaunten Blick auf die Menge der Zuhörer.<a name="Page_387" id="Page_387"></a> +Dann sprach er. Mit einer Stimme, die brüchig klang. +In abgehackten Sätzen. Ein Mann, der an die Enge +der Studierstube gewohnt war, nicht an die Volksversammlung. +Schon zog der Schatten der Enttäuschung +über den hoffnungsfrohen Glanz auf den Gesichtern. +Schüchtern und leise tauchte hie und da +schon die Frage auf: »Was hat er eigentlich? — Was +will er?«</p> + +<p>Daß der Sozialismus von spekulativem Idealismus +erfüllt und darum nicht Wissenschaft sei, die im voraussetzungslosen +Streben nach Erkenntnis bestehe; daß +die Arbeiterbewegung vom Wollen eines bestimmten +Zieles, vom Glauben an ein bestimmtes Zukunftsbild +getragen sei und nicht vom Wissen, — es war kaum +möglich, aus der langen Rede etwas anderes herauszuhören, +als diese wenigen, für den Ausgangspunkt +einer neuen Bewegung viel zu negativen Gedanken.</p> + +<p>Zuweilen schien es, als ob der Vortrag nichts wäre +als das laut gewordene Grübeln eines Menschen über +Dinge, die ihn selbst noch als Probleme quälen. Er +war so mit sich beschäftigt, daß er nicht fühlte, +jener elektrische Strom, der ihn zuerst mit den Zuhörern +verband, sich mehr und mehr verflüchtigte, statt daß er +ihn benutzt hätte, um die unerschütterten, befreienden +Gedanken des Sozialismus diesen offenen Seelen einzuprägen, +ihnen den Willen zur Tat zu vermitteln, nach +dem ihre junge Kraft sich sehnte.</p> + +<p>Wir hatten einen Künder neuer Wahrheit erwartet, +und ein Zweifler war gekommen, dem des Pontius Pilatus +Frage Geist und Gewissen bewegte.</p> + +<p>Ein feiner durchdringender Regen rieselte hernieder, +<a name="Page_388" id="Page_388"></a>als wir den Saal verließen. Mich fröstelte. Ich wäre +am liebsten still nach Hause gegangen.</p> + +<p>»Nun?! In diesem zweieinhalbstündigen Redefluß sind +Ihnen wohl alle Felle weggeschwommen?« sagte eine +sarkastische Stimme neben mir. Ich sah in Rombergs +lächelndes Gesicht und machte eine abwehrende Bewegung; +mir war nicht zum Scherzen zumute. »Und +nun rasch, kommen Sie beide mit, in irgend einen gemütlichen +Winkel. Wir haben uns eine Welt zu erzählen;« +damit versuchte er, einen Weg durch die Menge +zu bahnen. Seine aufrichtige Freude über unser Wiedersehen +tat mir in diesem Augenblick, in dem ich so viel +verloren zu haben glaubte, doppelt wohl.</p> + +<p>»Lassen wir's heute,« meinte mein Mann mißmutig, +»wir würden nur Ihre gute Laune verderben.«</p> + +<p>»Oder ich Ihre schlechte, da meine die dauerhaftere +ist,« lachte Romberg.</p> + +<p>Wir gingen zusammen in eins der zunächst gelegenen +Restaurants, aber der »gemütliche Winkel«, den wir +uns aussuchten, wurde rasch zum Kriegsschauplatz, denn +eine ganze Gesellschaft Versammlungsbesucher fand sich +allmählich ein, und jeder hatte das Bedürfnis seinem +Herzen Luft zu machen. Es zeigte sich nun erst recht, +wie unklar Bernstein gesprochen hatte: je nach der politischen +oder philosophischen Richtung, der der einzelne +zugehörte, gab er seinen Worten eine andere Deutung.</p> + +<p>»Das Todesurteil des Marxismus!« triumphierte der +Nationalsoziale.</p> + +<p>»Nein,« antwortete scharf einer unserer radikalen +Parteigenossen, »ein Todesurteil seiner selbst! Er hat +als wissenschaftlicher Sozialist abgedankt.«</p> + +<p><a name="Page_389" id="Page_389"></a>Und nun wurden aus seiner Rede einzelne Sätze +herausgerissen, die der und jener sich notiert hatte, und +betrachtet und zerpflückt. Als eine Rückkehr zum Utopismus +wurde bezeichnet, daß er die »Wünschbarkeit einer +sozialistischen Gesellschaftsordnung« für den Hebel der +Agitation und die werbende Kraft der Partei erklärt hatte.</p> + +<p>»Nur alte wundergläubige Weiber lockt man damit +hinter dem Ofen hervor,« spottete einer; »auch das +himmlische Jerusalem war ›wünschbar‹, und doch haben +wir die Fahrt dahin aufgegeben, weil seine Existenz unbeweisbar +blieb.«</p> + +<p>»Vollends lächerlich,« fügte ein anderer hinzu, »ist +die Behauptung, daß die Einsicht in die größere Gerechtigkeit +sozialistischer Einrichtungen uns zu Sozialisten +gemacht hat. Mag sein, daß Mitleid mit den Armen, +Empörung gegen die Ungerechtigkeit manch einen zuerst +in unsere Reihen trieb. Aber bloße Empfindungen verflüchtigen +sich, wenn die Erkenntnis sie nicht auf realen +Boden zwingt. Würde Bernstein wirklich die Frage +nach der Wissenschaftlichkeit des Sozialismus verneinen +können, so wäre er so viel wert, als das Christentum +bisher gewesen ist.«</p> + +<p>Romberg hatte zuerst ruhig zugehört.</p> + +<p>»Jetzt zerzausen sie den armen Bernstein, weil er +ihnen nicht die letzte Wahrheit gab!« sagte er nun, +während aller Augen sich auf ihn richteten. »Die +Wissenschaft ist doch nichts Fertiges, sondern ein ewiges +Suchen! Er sucht, und beweist dadurch, daß er denkt. +Wissenschaftlich abgedankt hat nicht er, sondern haben +diejenigen seiner Gegner, die jeden Satz im Lehrgebäude +des Sozialismus für ein unersetzliches Glied in der<a name="Page_390" id="Page_390"></a> +Kette der sozialistischen Beweisführung halten. Dieser +Dogmatismus könnte die Bewegung töten, nicht aber der +Revisionismus, auch wenn er sich noch so täppisch gebärdet.«</p> + +<p>»Bernsteins Kritik vernichtet doch aber geradezu grundlegende +Ideen des Marxismus?« wandte der Nationalsoziale +ein.</p> + +<p>»Und wenn schon?!« antwortete Romberg. »Der +Bau des marxistischen Systems ist so genial, daß sich +Mauern herausbrechen lassen, ohne ihn zu gefährden. +Die Tatsache des Klassenkampfes schaffen Sie nicht aus +der Welt, sie allein genügt, um die Naturnotwendigkeit +des Sozialismus zu beweisen.« Er trank sein Glas +leer und erhob sich mit einem hochmütigen Blick auf +die verdutzten Gesichter der Tischgenossen. »Unser Schicksal +ist unentrinnbar, — damit muß man sich abfinden,« +sagte er, »aber wünschbar — weiß Gott! — ist's für +unsereinen nicht. Ich bin bloß froh, daß die berühmte +<em class="antiqua">'lutte finale'</em> sich erst auf meinem Grabe abspielen wird.«</p> + +<p>Wir gingen zusammen.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen,« sagte ich, als wir draußen waren; +der niederdrückende Eindruck der Rede Bernsteins war +verwischt.</p> + +<p>»Im Grunde habe ich ja auch nur für Sie gesprochen —,« +es war der teilnehmende Blick eines +Freundes, mit dem er mir bei den Worten in die Augen +sah, — »ich bin so gewohnt, Sie stark zu sehen, daß +mir Ihr Kummer förmlich weh tat.«</p> + +<p>Er begleitete uns bis nach Haus. Mein Mann weihte +ihn in unsere Pläne ein.</p> + +<p>»Und Sie sind einverstanden? Sie wollen am Ende +gar mittun?!« wandte er sich an mich.</p> +<p><a name="Page_391" id="Page_391"></a></p> +<p>»Mit allen Kräften, — gewiß!« antwortete ich. »Was +können Sie dagegen haben, nach all den Gedanken, die +Sie heute über den Sozialismus entwickelten.«</p> + +<p>»Ich mag Sie mir nicht vorstellen, — auf dem Drehschemel +vor dem Redaktionspult, — die Schmierereien +anderer Leute korrigierend. Sie gehören ins achtzehnte +Jahrhundert —«</p> + +<p>»Gewiß! An die Seite der Madame Roland —!« +unterbrach ich ihn rasch.</p> + +<p>Nach und nach erwärmte er sich für unseren Gedanken. +»Mit all dem Kleinbürgerlichen, Philiströsen in Ihrer +Partei werden Sie gründlich abrechnen müssen,« meinte +er im Laufe des Gesprächs, »weite Horizonte geben, die +über den Misthaufen des Nachbarn hinausgehen.« Und +er verbreitete sich über die Stellung der Partei zur auswärtigen +Politik.</p> + +<p>»Hier trennen sich unsere Wege, lieber Professor,« +sagte mein Mann. »Sie werden kaum erwarten, daß +ich als Sozialdemokrat auf diesem Gebiet Ihre Wandlungen +mitmache.«</p> + +<p>»Wandlungen?! Wieso?!« ereiferte sich Romberg. »Es +entspricht der Konsequenz meiner Entwicklung, daß +ich für den Kolonialbesitz Deutschlands eintrete und +demzufolge für die Flottenvorlage agitiert habe. Traurig +genug, daß ihr Sozialisten euch, scheint es, erst belehren +lassen werdet, wenn ihr die Macht im Staate habt! +Das ist, — verzeihen Sie, liebe Freundin! — der unglückselige +feministisch-sentimentale Einschlag in der +Sozialdemokratie, der sie für die notwendigen, großen, — wenn +Sie wollen — grausamen Forderungen der +Kultur blind und taub macht. Der Kampf um die<a name="Page_392" id="Page_392"></a> +Macht ist die Bedingung unserer Entwicklung. Die Frage, +die uns die Weltgeschichte stellt, ist einfach die: soll uns +die Erde gehören oder den Negern und den Chinesen? +Die Antwort scheint mir nicht zweifelhaft.«</p> + +<p>Ich sah empört zu ihm auf: »So sind Sie für das +Chinaabenteuer mit all seinem Gefolge von Hunnentum +und für die Kolonialkriege mit all ihrer Unmenschlichkeit?! +Das heißt doch nicht, Forderungen der Kultur +erfüllen, sondern die Kultur preisgeben, die wir haben!«</p> + +<p>»Ich bin für die Erschließung Chinas, die für unseren +Handel eine Notwendigkeit ist; ich bin für die Kolonialkriege, +die den Boden gewinnen für unsere Volksvermehrung, +aber daraus folgt doch nicht, daß ich die +Greuel des Krieges verteidige. Ich nehme sie nur um +der größeren Werte willen in den Kauf, wenn sie unvermeidlich +sind ... Wir würden heute noch in Urwäldern +wohnen, wenn wir mit den wilden Tieren Mitleid +gehabt hätten.«</p> + +<p>Eine lebhafte Debatte über die volkswirtschaftliche +Bedeutung der Kolonien und der »offenen Tür« Chinas +entspann sich zwischen meinem Mann und Romberg. +Ich hörte kaum zu; der Gedanke an die Urwälder und +die wilden Tiere ließ mich nicht los und spann sich wie von +selber weiter. Ich horchte erst auf, als Romberg sagte: +»Wenn die Sozialdemokratie sich nicht entschließt, die +Sache der Starken zu führen, so wird ihr Sieg eine +Niederlage der Menschheit sein.«</p> + +<p>Vor unserer Haustür nahmen wir Abschied voneinander.</p> + +<p>»Was wird denn aber mit dem Archiv?« wandte sich +Romberg noch einmal an Heinrich; »es wäre ein Jammer, +wenn es zugrunde ginge!«</p> + +<p><a name="Page_393" id="Page_393"></a>Mein Mann zuckte die Achseln. »Wissen Sie einen +Käufer dafür?« fragte er statt einer Antwort.</p> + +<p>»Einen Käufer? — Vielleicht!« meinte Romberg nachdenklich.</p> + +<p>Eine leise Hoffnung stieg in uns auf.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>An einem der folgenden Tage kam ich zum erstenmal +seit meiner Rückkehr mit den Genossinnen +zusammen. Man empfing mich kühl, — fast +als bedaure man, mich überhaupt wieder zu sehen. Ich +unterdrückte den aufsteigenden Ärger. Bald würden sie +mir ganz anders begegnen. Lag erst mein Buch in +ihren Händen, — das Buch, das eine wissenschaftliche +Leistung und ein Bekenntnis war, — so würden sie mich +alle freudig willkommen heißen.</p> + +<p>In dem Jahr meiner Abwesenheit waren die Fortschritte +der Arbeiterinnenbewegung nicht erheblich gewesen. +Man hatte versucht, durch Einrichtung von Beschwerde- und +Auskunftsstellen einen persönlichen Zusammenhang +mit den der Bewegung noch fremd gegenüberstehenden +Arbeiterinnen zu schaffen. Ich lächelte +unwillkürlich, als ich davon hörte. Vorschläge der Art +hatte mein so leidenschaftlich bekämpfter Plan eines +Zentralausschusses für Frauenarbeit enthalten.</p> + +<p>Für den Arbeiterinnenschutz und gegen die Beschränkung +der Fabrikarbeit verheirateter Frauen war auf Grund +eines Parteitagsbeschlusses eine größere Agitation entfaltet +worden. Die Erfolge waren minimal.</p> + +<p>»Es fehlt uns immer noch an packenden Schriften, +die wir verbreiten könnten,« meinte eine der Frauen.</p> +<p><a name="Page_394" id="Page_394"></a></p> +<p>»Ist denn Genossin Orbins Broschüre noch nicht erschienen?« +fragte ich und begegnete erstaunten Gesichtern.</p> + +<p>»Genossin Orbins Broschüre?!« wiederholte Ida +Wiemer. »Von der wissen wir nichts!«</p> + +<p>»Ich habe doch darauf hin meine eigene Absicht, eine +solche zu schreiben, aufgegeben!« rief ich aus, — noch +immer wollte ich nicht glauben, woran doch nicht mehr +zu zweifeln war: sie hatte mich nur an der Arbeit hindern +wollen! Martha Bartels lächelte ironisch. Ich +hörte, wie sie ihrer Nachbarin zuflüsterte: »Sie will sich +nur aufspielen, — uns glauben machen, daß sie auch +mal was zu arbeiten die fromme Absicht hatte —,« und +ich sah wie ihre Worte von Mund zu Mund gingen +und die Mienen sich klärten.</p> + +<p>»Wenn Sie sich mit der Frage beschäftigt haben,« +sagte sie dann laut und hochmütig, »so können Sie ja +ein paar Referate übernehmen.«</p> + +<p>Ich war bereit dazu.</p> + +<p>»Vielleicht sprechen Sie auch bei uns?« fragte die Vorsitzende +des Arbeiterinnenbildungsvereins; »es müßte +freilich ein anderes Thema sein.«</p> + +<p>»Gern!« antwortete ich und war entschlossen, die +Frage der Haushaltungsgenossenschaft bei der Gelegenheit +zur Erörterung zu bringen.</p> + +<p>»Frauenarbeit und Hauswirtschaft« nannte ich meinen +Vortrag, der schon eine Woche später stattfand. Der +niedrige, enge Raum der Arminhallen war überfüllt, als +ich eintrat. Eine Anzahl bürgerlicher Frauenrechtlerinnen +suchten sich in den Winkeln des Saales zu verbergen. +Sie hatten mein Auftreten bei Gelegenheit des inter<a name="Page_395" id="Page_395"></a>nationalen +Frauenkongresses nicht vergessen und zeigten +nicht gern ihr Interesse für mich.</p> + +<p>Ich stellte in großen Zügen die Entwicklung der +Frauenarbeit dar, von ihrer ersten Beschränkung auf +das Haus bis zu ihrer heutigen Ausdehnung auf alle +Berufe, und die parallel laufende Evolution der Hauswirtschaft +von jenen Zeiten an, wo innerhalb ihres +Kreises alle Bedürfnisse der Familie hergestellt wurden, +bis zur Gegenwart, wo nichts von ihr übrig geblieben war +als der Herd. Ich schilderte die Lage der erwerbstätigen +Familienmütter, die physischen und seelischen Gefahren, +denen ihre Kinder ausgesetzt sind, und ich erörterte die +Zunahme der Berufsarbeit verheirateter Frauen nicht +nur auf dem Gebiet der manuellen, sondern auch auf +dem der geistigen Arbeit. »Die unausbleiblichen Folgen +dieser Tatsachen liegen auf der Hand: entweder bricht +der weibliche Körper unter der doppelten Arbeitslast +des Hauses und des Berufs vorzeitig zusammen und +der Geist büßt seine Leitungskraft ein, oder die Häuslichkeit +wird vernachlässigt, und die junge Generation +wird durch Mangel an Pflege und hygienisch einwandfreier +Ernährung aufs äußerste geschädigt ... Die +Gefahr ist zu groß, zu dringend, als daß wir uns mit +dem Appell an die Hilfe des Staats genügen lassen +dürften, wir müssen zu gleicher Zeit zur Selbsthilfe +greifen.« Und nun entwarf ich meinen Plan. »Hungernde +englische Weber waren die Schöpfer der Konsumgenossenschaften, +deren Kauffahrteischiffe heute die +Meere durchziehen; der Wohnungsnot armer Arbeiter +entsprang die Idee der Baugenossenschaften, deren +Häuser überall aus der Erde wachsen, — sollte der<a name="Page_396" id="Page_396"></a> +Jammer der Frauen und der Kinder nicht die Haushaltungsgenossenschaft +ins Leben rufen können?«</p> + +<p>Ich fühlte die wachsende Erregung, die sich der Zuhörerschaft +bemächtigte. Es war das Zentrum der Interessensphäre +der meisten, in das ich getroffen hatte. +Aber auf den Sturm, der sich erhob, war ich doch nicht +gefaßt gewesen. Alle jene Gründe, mit denen die Sozialdemokratie +vor Jahrzehnten der Selbsthilfe der Gewerkschaften +entgegengetreten war, mit denen sie heute +noch vielfach den Genossenschaften entgegentritt, — als +Ablenkungen vom Hauptziel, der Verwirklichung des +Sozialismus, und vom allein wichtigen Kampf: dem +politischen; als Versöhnungen des Proletariers mit dem +Gegenwartsstaat, — wurden mir wie ein Hagel von +Pfeilen entgegengeschleudert. Es fehlte nicht an scharfen +Seitenhieben auf meinen Revisionismus, der sich darin +dokumentiere, daß ich innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung +sozialistische Ideen verwirklichen wolle, +wie die alten, überwundenen Utopisten.</p> + +<p>Nur wenige unterstützten mich. Die Frauenrechtlerinnen +schwiegen.</p> + +<p>Bereits am nächsten Morgen ging mein Vortrag +durch die Presse, entstellt, verspottet, beschimpft.</p> + +<p>»Der Zukunfts-Karnickelstall, wo sich das Familienleben +auf das Schlafzimmer beschränkt«, hieß es in der +konservativen Presse; von der »Kaserne als Idealzustand« +sprach die liberale. Als die Spottlust befriedigt +war, kamen die pathetischen Artikel, die angesichts +der drohenden Zerstörung der Familie ihre Kassandrastimme +erhoben. Und in den »Sprechsälen« und +»Frauenecken« zeterten die guten Hausfrauen, deren +<a name="Page_397" id="Page_397"></a>einziges Zepter der Kochlöffel war. Hatte ich sie schon +durch die Dienstbotenbewegung gegen mich aufgebracht, — jetzt +standen sie mir als ein Heer gerüsteter Feinde +gegenüber. Der Kochherd war wirklich nicht nur der +Inhalt, sondern die Grundlage ihres Familienlebens.</p> + +<p>»Die Männer werden überhaupt nicht mehr heiraten, +wenn sie keine Hausfrau brauchen,« jammerte eine ehrliche +Naive.</p> + +<p>Ich wartete vergebens auf die Unterstützung der +Frauen, die mir ihre Not oft selbst geklagt hatten: der +Schriftstellerinnen, Ärztinnen, Künstlerinnen.</p> + +<p>»Nur ein Jahr lang sollten unsere männlichen Kollegen +Suppe kochen und Strümpfe stopfen,« hatte einmal eine +von ihnen ausgerufen, »und wir würden an dem Fehlen +großer Leistungen ihre geistige Minderwertigkeit beweisen +können!«</p> + +<p>In den Blättern der Frauenbewegung fand mein +Plan keinen Widerhall. Helma Kurz rief Ach und +Wehe über mich, die ich »alle Frauen aus der trauten +Häuslichkeit in die Kaserne« treiben wolle. Keine der +Führerinnen der Frauenbewegung begriff, daß die Befreiung +der erwerbstätigen Frau von der Sklaverei der +Küche eine ihrer Programmforderungen sein müßte. Nur +eine kleine Gruppe Menschen, die in der Öffentlichkeit +unbekannt waren, schloß sich mir allmählich an, und ein +paar Baumeister meldeten sich, die den Mut gehabt +hätten, ein Haus nach meinem Plan aufzuführen, — mit +abgeschlossenen kleinen Wohnungen und Speiseaufzügen +aus der Zentralküche. Wir waren überzeugt, nur +ein lebendiges Beispiel würde genügt haben, um die +Bewegung in Fluß zu bringen. Aber wir waren zu +<a name="Page_398" id="Page_398"></a>wenige, um das Bestehen des Hauses zu sichern, und +mein Name, — der der Sozialdemokratin, — schreckte +viele ab. Sie fürchteten den kommunistischen Zukunftsstaat +im Kleinen.</p> + +<p>Inzwischen kam Wanda Orbin nach Berlin und bat +mich, da sie krank sei, »in wichtiger Angelegenheit« um +meinen Besuch. Sie reichte mir nur die Fingerspitzen, +als ich eintrat.</p> + +<p>»Sie haben die Interessen der Partei auf das schwerste +verletzt,« begann sie im Ton eines Inquisitors, »und da +es nicht das erste Mal geschieht, so bin ich verpflichtet, +Sie zu warnen.«</p> + +<p>Ich griff mir an die Stirn: was war es nur, was +ich verbrochen hatte?!</p> + +<p>»Ihre Agitation für die Haushaltungsgenossenschaft —« +ich lachte ihr ins Gesicht; sollte sie mit so strenger Miene +scherzen?! Aber sie runzelte die Stirn, — es war ihr Ernst, +blutiger Ernst! — »hat weitere Kreise gezogen, als gut +ist. Dergleichen verwirrt die Köpfe, stört die Einheitlichkeit +des Vorgehens —«</p> + +<p>Ich stand auf. »Möchten Sie mir wohl noch mitteilen, +worin meine erste Verletzung der Parteiinternen +bestand?« fragte ich ruhig.</p> + +<p>»Sollten Sie Ihren Plan eines Zentralausschusses für +Frauenarbeit schon vergeben haben?« rief sie aus.</p> + +<p>»Und durch ihn habe ich die Partei geschädigt?! — Sie +sind ja jetzt schon im Begriff, teilweise auszuführen, +was ich wollte —!«</p> + +<p>Wanda Orbins Augen funkelten mich zornig an: +»Wenn Sie die Unterschiede nicht verstehen, so beweist +das nur wieder Ihren Mangel an proletarischem Be<a name="Page_399" id="Page_399"></a>wußtsein —;« +dabei kreischte ihre Stimme wie auf der +Rednertribüne.</p> + +<p>»Mag sein!« entgegnete ich scharf. »Mir fehlt das +Demagogentalent, um mich zur Proletarierin aufzuspielen.« +Damit wandte ich mich zum Gehen, auf das tiefste verwundet.</p> + +<p>Mein Vortrag erschien im Verlag des »Vorwärts« +als Broschüre. Wanda Orbin »vernichtete« ihn in vier +Leitartikeln, und ihre Autorität war viel zu gewichtig, +als daß sich innerhalb der Partei irgendeine Stimme +für ihn erhoben hätte. Wie die Schnecke, wenn ihre +Fühlhörner unsanft berührt werden, sich in ihr Haus +zurückzieht, so hatte ich das Bedürfnis, mich zu verkriechen.</p> + +<p>»Laß deine Ideen erst Wurzel fassen, Liebste,« tröstete +mich mein Mann; »sind sie lebenskräftig, so fällt dir +die Frucht von selbst in den Schoß.«</p> + +<p>Ich lächelte wehmütig über den Irrtum, in dem er +sich befand. Was mich schmerzte, war nicht das momentane +Scheitern eines Planes, sondern daß ich Wanda +Orbin so klein gesehen hatte, die mir, auch mit ihren +Fehlern, so groß erschienen war. Und daß sie die anderen +beherrschte, zum Teil mit Mitteln, gegen die ich mich +waffenlos fühlte!</p> + +<p>Nun galt es, statt alle Kräfte auf den Kampf für +die gemeinsame Sache zu konzentrieren, sich für den +eklen Streit im eigenen Lager stets gewappnet zu halten.</p> + +<p>Wenn ich mich abseits stellen, einer jener Eigenbrödler +werden könnte, mit Scheuklappen vor den Augen, immer +nur ein Teilchen des allgemeinen Zieles verfolgend?! +Daß ich unfähig dafür war, bewies mir die Erfahrung +mit meinem eigenen Plan. Hätte ich das Talent und +<a name="Page_400" id="Page_400"></a>die Zähigkeit des Organisators gehabt, ich würde ihn +in jahrelanger steter Arbeit, unbekümmert um die Spötter, +haben durchsetzen können. Und nun stand ich da und +sah erschrocken auf meine Hände, die so leer geworden +waren und so kraftlos.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die Sonne brannte auf dem Asphalt, braun und +verdorrt hingen die Blätter an den armen +Bäumen, zu ihren steingepanzerten Wurzeln +drang keine Luft und kein Tau. Grauer Staub deckte +die Büsche wie mit Trauerschleiern. Wer draußen im +Wald den Sommer suchen ging, den empfingen die +Kiefern schwarz und ernst und die blumenlosen Felder. +O, daß ich empor auf einen Berg steigen könnte zu +reiner Luft und klaren Quellen! Heimweh packte mich, — Heimweh +nach den schmalen Pfaden zwischen +duftenden, buntblühenden Wiesen, nach dem stillen +See im Buchenwald, wo zwischen Moos und Gestein +Märchenblumen ihre Kelche öffnen. Heimweh nach der +großen Einsamkeit!</p> + +<p>Ob nicht der Geist der Frauen verkümmert und ihr +Gemüt verdorrt, weil sie nicht einsam sein dürfen?</p> + +<p>»Geh, — erhole dich, — ruh' dich aus, und wenn es +nur ein paar Tage sind, — es wird dir gut tun,« sagte +mein Mann, dem meine Schlaflosigkeit, meine Blässe +anfiel; »ich und die Berta hüten den Jungen.«</p> + +<p>Es bedurfte keiner Überredungskünste, meine Sehnsucht, +allein zu sein, ganz allein, war zu groß. Ich +fuhr nach dem Harz. Aber schon unterwegs packte mich +die Unruhe: was konnte dem Kleinen inzwischen nicht +<a name="Page_401" id="Page_401"></a>alles geschehen! Tausend Fragen und Sorgen schreckten +mich am Tage, ängstliche Träume verfolgten mich bei +Nacht. Und die Berge hier, die mir fremd waren, +blieben mir stumm, und die rauschenden Quellen sprachen +eine fremde Sprache.</p> + +<p>Da erreichte mich ein Brief meiner Mutter aus +Heidelberg. »Erdmann ist aufgegeben,« hieß es darin, +»und Ilse hat Lungenentzündung, deren Ausgang unabsehbar +ist. Sie spricht oft von Dir ...«</p> + +<p>Am selben Abend schrieb ich an meinen Mann: +»Liebster! Ich halte es nicht aus ohne Dich, ohne Otto. +Aber ehe ich zurückkehre, muß ich Ilse wiedersehen. +Nach den Andeutungen meiner Mutter ist alles zu +fürchten. Du hast mich ausgelacht, als ich Dir einmal +sagte, daß ich mich ihr gegenüber schuldig fühle. Es +kommt ja aber auch nicht darauf an, ob eine Schuld +im Sinne landläufiger Moral besteht, sondern darauf, +ob ich sie empfinde. Ich muß das gut machen, — damit +ich mich nicht quäle, wenn das arme Kind sterben +sollte, und damit sie mir wieder vertraut, wenn sie lebt +und meiner bedarf ...«</p> + +<p>Ich reiste am selben Abend noch ab. Meine Mutter +empfing mich am Bahnhof.</p> + +<p>»Es geht zu Ende,« sagte sie auf meinen fragenden +Blick. »Und Ilse?« »Sie fiebert noch immer! Meine +Ahnung betrog mich nicht. Diese unglückselige Ehe!«</p> + +<p>Die letzten drei Worte stieß sie zwischen den Zähnen +hervor. Es war kein zärtliches Mitleid, das sie empfand, +sondern Empörung gegen das Geschick.</p> + +<p>»Das ist lieb, daß du kommst, gute Schwester,« rief +mir Ilse entgegen, als ich an ihr Bett trat. Seit +<a name="Page_402" id="Page_402"></a>langem hörte ich wieder den alten warmen Ton in +ihrer Stimme, und ihr Gesichtchen hob sich rund und +rosig von den weißen Kissen ab, als wäre es wieder +das des süßen kleinen Mädchens von einst. Wußte sie +nicht, daß ein paar Türen weiter ihr Mann im Sterben +lag? Der Arzt trat ins Zimmer mit den Tropfen und +dem Fieberthermometer. Ich sah, wie ihre Augen jeder +seiner Bewegungen folgten, wie sie ihn anlächelte, voll +dankbaren Vertrauens. Und in der Sorgfalt, mit der +er ihr die Kissen rückte und den Vorhang am Fenster +weit zurückschlug, damit die Sonnenstrahlen ihre Haare +umspielen konnten, lag tiefere Empfindung, als die des +Arztes. Blühte dem armen Kinde eine Herbstrose auf +dem Totenacker?</p> + +<p>»Du gehst zu ihm?« fragte sie und lehnte sich mit geschlossenen +Augen müde zurück.</p> + +<p>»Ja,« antwortete ich leise. Das Lächeln aus ihrem +Antlitz verschwand, die Lippen preßten sich zusammen.</p> + +<p>In Decken gehüllt, am weit offenen Fenster lag er. +Die weißen Wände des Zimmers, die Betten, das weiße +Geschirr, von blinkenden Metall unterbrochen, die weiße +Schürze der Pflegerin strahlten über sein eingefallenes +gelbes Gesicht eine grausame Helle aus. Er war so +geistvoll, so lebendig wie je; das hätte täuschen können, +wenn mein Auge nicht eben auf die Morphiumspritze in +der Hand der Diakonissin gefallen wäre.</p> + +<p>»Sieh nur, wie wunderschön das ist!« sagte er und +sein Blick umfaßte in leidenschaftlicher Liebe das bunte +Herbstlaub der Bäume draußen. Er hatte den Schoß +voll kleiner Skizzen und ließ den Pinsel nur aus der +Hand, wenn die Schwäche ihn übermannte.</p> +<p><a name="Page_403" id="Page_403"></a></p> +<p>»Hast du Ilse gesehen?« fragte er schließlich.</p> + +<p>Ich nickte.</p> + +<p>»Sie ist noch viel, viel schöner als die Berge und +der Wald,« flüsterte er sehnsüchtig.</p> + +<p>Am nächsten Tage verließ ich Heidelberg wieder. Eine +bleierne Müdigkeit bemächtigte sich meiner. Ich hätte +immerfort schlafen mögen. Dabei fand ich lauter dringende +Briefe vor: der Verleger wünschte eine raschere Erledigung +der Korrekturen, der Verein für Haushaltungsgenossenschaften +lud mich zur nächsten Sitzung, ein paar Parteigenossen +erinnerten an die ihnen bereits zugesagten Vorträge.</p> + +<p>Eine mir selbst Fremde stand ich auf der Rednertribüne. +Jene Glut der Leidenschaft, die allein fähig +ist, den Eisenmantel zu schmelzen, den Kummer und Not +um die Herzen der Ärmsten schmiedete, jene Klarheit der +Überzeugung, die allein das Dunkel des Vorurteils und +der Unwissenheit zu durchleuchten vermag, fehlten mir +und ließen sich nicht erzwingen.</p> + +<p>»Ich bin unfähig, zu sprechen, — erlassen Sie es mir +diesmal,« bat ich einen der Genossen; »die Menschen +kehren heim, ohne einen Gran Kraft und Klugheit gewonnen +zu haben.«</p> + +<p>Aber er bestand auf seinem Schein: »Ihr Name zieht, +und wir brauchen einen vollen Saal.«</p> + +<p>Eines Abends sollte ich bei den Textilarbeitern referieren. +Als ich kam, war der Saal leer, und der Wirt +erzählte mir, daß die Versammlung schon vor zwei Tagen +stattgefunden und man mich vergebens erwartet habe. +Ich zog die Einladungskarte aus der Tasche: nur das +Datum war angegeben, nicht der Tag, und dieses stimmte.<a name="Page_404" id="Page_404"></a> +Der Vertrauensmann der Gewerkschaft, zu dem ich ging, +mußte mir bestätigen, daß der Irrtum nicht auf meiner +Seite lag. Wenige Tage später hörte ich, eine der Genossinnen +habe behauptet, ich hätte das Datum gefälscht, +um mich der Aufgabe zu entziehen, und habe hinzugefügt, +sowas sei bei mir schon öfter vorgekommen. Auf das +äußerste empört, verlangte ich eine Untersuchung der +Angelegenheit. Ein Schiedsgericht trat zusammen. In +endlosen Sitzungen wurden Zeugen vernommen, die Einladungskarte +geprüft, verglichen. Ich ballte die Fäuste +unter dem Tisch vor Erregung und konnte mich doch +dem Eindruck nicht entziehen, den die ruhige Gründlichkeit +all dieser Arbeiter auf mich machte. An Ernst und +Objektivität, an Takt und Würde standen sie turmhoch +über ihren weiblichen Klassengenossen, mit denen ich +bisher zusammengekommen war. Eine formelle Ehrenerklärung, +die mir schriftlich zuging, war das Resultat +der Verhandlungen. Aber die Empfindung, besudelt zu +sein, wurde ich lange Zeit nicht los.</p> + +<p>Ich vertiefte mich in die Korrekturen meiner »Frauenfrage«. +Und die Genugtuung über meine Arbeit wirkte +wie ein stärkendes und reinigendes Bad.</p> + +<p>Mitten in der Arbeit an den letzten Druckbogen besuchte +mich die weibliche Vertrauensperson meines Wahlkreises. +Für eine große Volksversammlung, die in den +allernächsten Tagen stattfinden und sich mit den von der +Regierung angekündigten Zollerhöhungen beschäftigen +sollte, hatte man mir den Vortrag zugedacht. Ich lehnte +ab. Meine Besucherin wurde immer dringender.</p> + +<p>»Sie müssen kommen,« erklärte sie schließlich.</p> + +<p>»Ich muß?! Warum?!« fragte ich verwundert.</p> +<p><a name="Page_405" id="Page_405"></a></p> +<p>»Wir haben Ihren Namen schon auf die Plakate gedruckt!«</p> + +<p>»Das ist Ihre Schuld, — nicht die meine,« entgegnete +ich; »selbst wenn ich Zeit hätte, mich binnen zwei Tagen +auf ein schwieriges Thema, wie den drohenden Zolltarif, +vorzubereiten, würde ich bei meiner Ablehnung bleiben +und Sie die Folgen eines so unverantwortlichen Vorgehens +tragen lassen.«</p> + +<p>Sie warf mir noch einen rachsüchtigen Blick zu und ging.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Mein Buch erschien. Die Aufnahme, die ihm +zuteil wurde, entschädigte mich für viele +Schmerzen und gab mir das Vertrauen in +die eigene Kraft zurück.</p> + +<p>»Sie haben mehr geleistet, als ich erwartet hatte, und +das will viel sagen,« schrieb mir Romberg. »Ihr Werk +ist eine wissenschaftliche Leistung, dem keine Kritik und +keine Zeit den Charakter eines <em class="antiqua">standard work</em> nehmen +wird, und — was für mich seinen größten Wert ausmacht — der +Ausdruck einer starken Persönlichkeit. Die +objektive Wissenschaft ist zweifellos etwas sehr Großes, +aber der Mensch bleibt immer das Allergrößte ...«</p> + +<p>Nur zwei Zeitschriften rissen meine Arbeit herunter: +die Monatsblätter von Helma Kurz und — die »Freiheit« +von Wanda Orbin.</p> + +<p>»Alix Brandts Buch ist jeder Mütterlichkeit und jeder +Wissenschaftlichkeit bar,« hieß es in dem einen Blatt; +»die Genossin Brandt hätte in der Kleinarbeit der Agitation +erst lernen und sich bewähren müssen, ehe sie +etwas für die Arbeiterinnenbewegung wirklich Nützliches +<a name="Page_406" id="Page_406"></a>hätte schaffen können,« lautete das Endurteil in dem +anderen.</p> + +<p>Ich lachte zuerst und dachte daran, wie ich von einer +meiner bürgerlichen Gegnerinnen einmal pathetisch als +ein »Tribünenweib« bezeichnet worden war, »deren +Lenden nie ein Kind getragen haben«, und eine Genossin +mir als schwere Unterlassungssünde die Tatsache +vorgehalten hatte, daß ich eine wichtige Parteipflicht — die, +Flugblätter auszutragen — noch nicht erfüllt hätte.</p> + +<p>Aber dann verging mir das Lachen. Mein ganzes +Ich lag in dem Buch, all mein Wissen, mein Glauben, +mein Hoffen. »Meinem Mann und meinem Sohn« stand +als Widmung vor dem Titel. Das war keine bloße +Form, es war ein Bekenntnis: ich hätte es nicht schreiben +können ohne das Doppelerlebnis der Liebe und der Mutterschaft, +das aus dem Kinde erst den Menschen macht, das +Schleier von den Augen reißt und eiserne Klammern +von den Herzen. Es sind Männer gewesen, die die +Madonna zur Mutter Gottes erhoben, denn nur der +lebendig befruchtete Schoß vermag Lebendiges zu gebären. +Und arme Irre waren es, die die Jungfrauschaft +mit dem Heiligenschein krönten. Denn die Voranleuchtenden +sind nur, die des Lebens Tiefen erschöpften.</p> + +<p>An die Mütterlichkeit hatte ich appelliert mit jedem +Satz, den ich niederschrieb. Aus einem primitiven +Empfinden, das über die Wiege des eigenen Kindes +kaum hinausging, sollte sie zu weltumspannender Kraft +sich entfalten. All die Tausende und Abertausende Hilfloser +und Entrechteter hatte ich aufgeboten, daß sie die +Mütter suchen sollten. Einst pochte ihr Murmelgebet: +»Heilige Maria, bitte für uns!« umsonst an das Tor +<a name="Page_407" id="Page_407"></a>des Himmels, — sollte ihre stumme Not auf der Erde +keine Antwort finden?</p> + +<p>Waffen hatte ich geschmiedet für die Proletarierinnen, +Waffen, — ich wußte es, — die unzerbrechlich waren. +Ich erwartete keinen Dank dafür, denn daß ich sie +schaffen konnte, war Dank genug. Nur nehmen, nur +gebrauchen sollten sie meine Klingen und Pfeile.</p> + +<p>»Warte die Zeit ab,« sagte mein Mann. Aber ich +fieberte nach Tat, nach Wirken, — ich konnte nicht warten.</p> + + + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Dem Arbeiterinnen-Bildungsverein und einzelnen +der führenden Genossinnen hatte ich mein +Buch zur Verfügung gestellt. Eines Morgens +bekam ich einen Brief von Martha Bartels. +Schon freute ich mich, — ich werde sie wiedergewonnen +haben, dachte ich, und erinnerte mich, wie sie mir, der +Fremden, einst entgegengekommen war, als ich noch Alix +von Glyzcinski hieß.</p> + +<p>Ich ließ ihren Brief in den Schoß fallen, als ich +seine wenigen Zeilen durchflogen hatte, und lehnte mich +mit einem Gefühl von Schwindel in den Stuhl zurück.</p> + +<p>»Nachdem Ihre Unzuverlässigkeit in der Ausführung +übernommener Parteipflichten wieder offenbar wurde,« +schrieb sie, »haben die Genossinnen einstimmig beschlossen, +Sie zu unseren Sitzungen nicht mehr einzuladen.«</p> + +<p>Ein formeller Ausschluß also, — ohne Gründe anzugeben, — ohne +mich zu hören! Und das in einer +Partei, die die Ideale der Demokratie vertritt! Ich +verlangte, mir zu gewähren, was die Gesetzgeber des +kapitalistischen Staates den Mördern und Dieben zu<a name="Page_408" id="Page_408"></a>gestehen: +mich vor meinen Richtern verteidigen zu +können. Man antwortete mir nicht. Ich erfuhr schließlich, +daß jene Genossin, die mich vergebens zu einem +Vortrag hatte pressen wollen, die Sache so dargestellt +hatte, als ob ich mein gegebenes Wort gebrochen hätte. +Und ich hörte weiter, daß meine »Fälschung« jener +Einladungskarte zum Referat bei den Textilarbeitern +noch immer in aller Munde sei. Ich sandte die Ehrenerklärung +der Gewerkschaft ein, ich zwang die Lügnerin, +ihre Behauptung zu widerrufen. Es nützte nichts.</p> + +<p>»Wir erkennen an, daß in diesen beiden Fällen ein +Irrtum vorlag,« schrieb Martha Bartels, »aber es +stehen noch so viele andere fest, wo Sie sich als unzuverlässig +erwiesen haben, daß die Genossinnen an ihrem +einstimmigen Beschluß, Ihre Mitarbeit abzulehnen, festhalten.«</p> + +<p>Ich ging zum Parteivorstand, um die Einsetzung eines +Schiedsgerichts zu fordern. »Liebe Genossin,« sagte +Auer, mir gutmütig die breite Hand auf die Schulter +legend, »tun Sie das nicht! Lehren Sie mich unsere +Weiber kennen! Jedes Schiedsgericht wird Ihnen recht +geben, — natürlich! Aber, glauben Sie, daß damit +geholfen ist?! Schon am nächsten Tag werden die +Klatschmäuler, denen Sie nun einmal ein Dorn im +Auge sind, neue, noch schlimmere Sünden über Sie zu +verbreiten wissen, und das modernisierte Gerichtsverfahren +der heiligen Fehme wird alle demokratischen Schiedssprüche +umstoßen. Überlassen Sie der Wanda die +Weiber! Für Ihren Tätigkeitsdrang ist in der Partei +noch Raum genug.«</p> + +<p>Ich fügte mich seiner Ansicht. Ob aus Einsicht, aus<a name="Page_409" id="Page_409"></a> +Müdigkeit, aus Ekel? Ich weiß es nicht mehr. Auers +Hand umspannte die meine schmerzhaft fest.</p> + +<p>»Wollen Sie von mir alten Kerl noch einen Rat auf +den Weg nehmen?« fragte er. »Wer auf hoher Warte +steht, dem sollten die leid tun, die sich von unten im +Schweiße ihres Angesichts abmühen, mit Steinen zu +werfen. Er sollte immer über sie hinwegsehen. Dann +hören sie von selber auf und besinnen sich, daß ein +Weg da ist, auf dem auch sie aufwärtssteigen könnten ... +Wer die Distanz nicht wahren kann, ist kein Politiker.«</p> + +<p>»Die Distanz, — das bedeutet Fernsein, Kühle,« +antwortete ich mit einem leisen Seufzer, »— ich liebe +die Menschen; ich möchte von ihnen geliebt sein.«</p> + +<p>»Sie lieben die Menschen, — diese Menschen?! Sie +scherzen!« Er reckte sich zu seiner ganzen Größe. »Wir +würden sie erhalten, wenn wir sie lieben würden. Aber +wir wollen sie überwinden — mit dem gewaltigen Erziehungsmittel +einer neuen Gesellschaftsordnung —, also +hassen wir sie.«</p> + +<p>Ich schüttelte den Kopf. War das eine hohe Warte? +Würde ich sie je erreichen, — erreichen wollen?!</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_410" id="Page_410"></a></p> +<h2><a name="Zwolftes_Kapitel" id="Zwolftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel</h2> + + +<p>Probleme werden nicht durch Resolutionen aus +der Welt geschafft. Auch der beste Wille der +Streitenden, — und es gab Augenblicke, wo +selbst Eduard Bernstein die Schwäche dieses »guten +Willens« hatte und Hervorragende unter seinen Anhängern +den »Revisionismus« als eine neue Richtung +innerhalb der Partei abschworen, — vermag das Streitobjekt +nicht aus der Welt zu schaffen. Einmal ausgesprochene +Gedanken lösen sich gleichsam von dem, der +sie dachte, ab und haben ein selbständiges Leben.</p> + +<p>Die Beschlüsse des Parteitags von Hannover hatten +nichts zur Folge, als einen Waffenstillstand. Bernsteins +Rede im sozialwissenschaftlichen Studentenverein +eröffnete den Kampf von neuem. In Artikeln, Reden +und Broschüren wurde er mit steigender Erbitterung geführt. +Und die aufreizenden Zurufe der Zuschauer, die +vom nächsten Tage die Spaltung der Sozialdemokratie +erwarteten und erhofften, erhitzte die Kämpfenden noch +mehr. Die wachsende Leidenschaft tötete jede Objektivität. +Keiner gestand dem anderen die Ehrlichkeit der +Gesinnung zu. Hinter jeder Äußerung eines Revisionisten +entdeckte der orthodoxe Marxist Parteiverrat, in +jeder Verteidigung des radikalen Standpunktes sah der<a name="Page_411" id="Page_411"></a> +Revisionist dogmatische Verbohrtheit und bewußtes Demagogentum. +Er überhörte geflissentlich die Lehren der +Psychologie und der Geschichte, aus denen er hätte +folgern können, daß die Verteidigung der Tradition, +der grundlegenden Dogmen des Sozialismus notwendig +zu demselben Haß, derselben Verfolgung der Angreifer +führen muß, wie einst die des Heidentums gegen die +Christen, der römischen Kirche gegen die Reformation.</p> + +<p>Aber ein noch merkwürdigeres Zeichen dafür, wie +wenig bloße Erkenntnisse des Verstandes die ursprüngliche, +nur auf die Einflüsse des Gefühls reagierende +Natur des Menschen zu ändern vermögen, war die +Haltung der Radikalen. Sie verleugneten in ihrem +Zorn eine der Grundlagen ihrer eigenen Anschauung: +die materialistische Geschichtsauffassung. Es war die +befreiendste Lehre, die Marx hinterließ, zu der sich allmählich, +bewußt oder unbewußt, auch Nichtsozialisten +bekannten: daß, da »alles fließt«, auch die Theorien +sich entwickeln müssen, entsprechend den Wandlungen +des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. In diesem +Sinne war der Revisionismus marxistisch und der Radikalismus +reaktionär.</p> + +<p>Die ernsten Kämpfe zwischen den beiden Richtungen +spielten sich zwischen den geistigen Führern ab, von +denen die einen die Masse der Arbeiterschaft hinter sich +hatten, die anderen noch Offiziere waren ohne Armee. +In dem harten Schädel der Proletarier saß jeder Buchstabe +des sozialistischen Apostolikums noch fest; wurde +der Kampf daher in die Volksversammlungen getragen, +so äußerte er sich in wüstem Geschimpfe gegen die +Neuerer, die dem Armen das Beste zu erschüttern +<a name="Page_412" id="Page_412"></a>drohten, was ihnen der Sozialismus gegeben hatte: +ihren Glauben. Es kam aber noch ein anderes hinzu: +der Respekt vor der Wissenschaft, zu dem der Sozialismus +sie verpflichtete, ging Hand in Hand mit einem +glühenden Verlangen nach Wissen. Bildungsschulen, +wissenschaftliche Vorträge und Kurse kamen diesem Verlangen +entgegen und pfropften auf den lebensschwachen +Baum der Volksschule ein Reis, unter dessen Früchten +Dilettantismus und Bildungsdünkel am besten gediehen. +Wozu ernste Denker Jahrzehnte brauchen, das glaubte +der Proletarier in ein paar Abendstunden erreichen zu +können. Daß er es glaubte, war nicht seine Schuld: +die Naivität seiner Jugend unterstützte die Partei, die +ihm in Wort und Schrift nichts mehr einprägte als +die Überzeugung von der Dummheit seiner Gegner. Als +Gegner aber erschienen ihm auch die Revisionisten. Zu +seinem gefühlsmäßigen Haß gegen die Unruhstifter trat +die hochmütige Verachtung der Akademiker hinzu.</p> + + + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Einmal, — ich war gerade von einer Agitationsreise +zurückgekehrt, — beklagte ich mich darüber, +als Reinhard gerade bei uns war.</p> + +<p>»Ich habe Sie sonst für so verständig gehalten,« +sagte er; »daß Sie nun auch so nervös, so empfindlich +geworden sind! — Ich kann Ihnen versichern: mir selbst +kommt der Krakehl zum Halse heraus! Er macht unsere +Leute kopfscheu; von jedem Gegner wird er uns aufs +Butterbrot geschmiert. Außerdem haben wir doch jetzt, +ein Jahr vor den Reichstagswahlen und angesichts der<a name="Page_413" id="Page_413"></a> +Zolltarif-Vorlage Besseres zu tun, als uns über die Verelendungstheorie +die Köpfe blutig zu schlagen.«</p> + +<p>»Sind wir etwa daran schuld?!« fuhr Heinrich auf. +»Oder nicht viel mehr die Großinquisitoren der ›Neuen +Zeit‹, die seit Jahr und Tag ihre Spürhunde auf uns +hetzen?! Die jungen Leute, die noch nichts geleistet +haben, als ihnen nachzubeten, gestatten, gegen alte verdiente +Genossen, — einen Jaurès, einen Auer, einen +Vollmar, — wie gegen Schwachköpfe oder Verräter vom +Leder zu ziehen?!«</p> + +<p>»Die Propheten aus dem Osten nicht zu vergessen, +die desgleichen tun —,« unterbrach ihn Reinhard mit +einem sarkastischen Lächeln.</p> + +<p>»Die gehören in dieselbe Kategorie, nur daß ihre, — na, +sagen wir parlamentarisch: Unbescheidenheit +noch größer ist. Vom Kothurn ihrer Unentwegtheit +herab führen sie das große Wort, und ihr Ziel ist offensichtlich +der Bannfluch, d. h. der Ausschluß aller derer +aus der Partei, die eine selbständige Meinung haben.«</p> + +<p>»Wenn man Sie so schimpfen hört, lieber Brandt, +könnte man die Schicksalsfügung segnen, die Sie bisher +verhinderte, Ihre Zeitschrift ins Leben zu rufen,« sagte +Reinhard. »Wenn Sie all Ihre Wut noch in Druckerschwärze +verwandeln würden!!«</p> + +<p>»Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich werde mein +Blatt zum Kampfplatz für Theoretiker machen,« entgegnete +Heinrich ruhig. »Mir würde es in erster Linie +darauf ankommen, praktische Politik zu treiben. Daß +das auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens notwendig +ist, daß es endlich an der Zeit wird, den ruhenden +Koloß der Partei in Bewegung zu setzen und Tages<a name="Page_414" id="Page_414"></a>arbeit +verrichten zu lassen, — das scheint mir das wichtigste +Ergebnis der gegenwärtigen Bewegung.«</p> + +<p>Reinhard stand auf, stampfte ärgerlich mit der Krücke +auf den Boden und sagte: »Als ob das alles eine blitzblanke +neue Erfindung wäre! Was war es denn, was +wir lange vor Bernstein in den Parlamenten, in den +Kommunen, in den Gewerkschaften und Genossenschaften +getrieben haben?! Der ganze Unterschied zwischen den +Revisionisten und den Radikalen ist, daß die einen in +der Arbeiterschutzgesetzgebung, in der Gewerkschafts- und +Genossenschaftsbewegung, in der allmählichen Demokratisierung +des Staats nichts als Erziehungsmittel für +das Proletariat erblicken, und die anderen Sozialisierungen +der Gesellschaft, Voraussetzungen des Sozialismus. +Dem Arbeiter aber ist's wirklich einerlei, wie die +Dinge heißen, die er bekommt, wenn er sie nur überhaupt +kriegen kann. Und darum —« er ging erregt +im Zimmer auf und nieder — »begreife ich die ganzen +Skandale nicht und fühle es meinen Genossen nach, +wenn sie euch Akademiker mißtrauisch betrachten. Wir +sind ja auf dem besten Wege, — was werft ihr Steine +in unseren Teich?! Sehen Sie sich z. B. mal die +Tagesordnung unseres Stuttgarter Gewerkschaftskongresses +an! Sie waren ja dabei, als man sich wütend an die +Gurgeln fuhr, weil der eine die sozialpolitische Tätigkeit +der Gewerkschaften forderte, der andere sie für +schädlich hielt. Und ich selbst, — Sie besinnen sich! — war +der radikalsten einer. An meiner eigenen Entwicklung +mögen Sie die Entwicklung der ganzen Bewegung +messen. In aller Stille ist viel Wasser die +Spree hinuntergelaufen, und jetzt sind wir mitten drin +<a name="Page_415" id="Page_415"></a>in der Sozialpolitik. Oder betrachten Sie unsere Haltung +in der inneren Politik: denken Sie an die Budgetbewilligung +der Badener im vorigen Jahr, — Bebel +hat sie freilich hinterher heruntergeputzt, — oder an +die Zustimmung unserer bayrischen Landtagsfraktion +zur Wahlreform, — Bebel wird sie natürlich darum +auch noch unter die Lupe des Prinzips nehmen —. +Und, vor allem!, erinnern Sie sich, wie selbst die ärgsten +berliner Revolutionäre mit dem dreifachen R jetzt +stramm und einig zur Landtagswahl aufmarschieren. +Von dem Augenblick an, wo der Parlamentarismus den +Charakter des Kräutchens Rührmichnichtan für uns verloren +hatte, sind wir folgerichtig weitergegangen.«</p> + +<p>Ich hatte ihm mit wachsendem Interesse zugehört. +»Und was wollen Sie mit alledem beweisen?« fragte ich.</p> + +<p>»Daß der ganze Stank und Zank überflüssig ist. — Sowohl +vom Standpunkt eurer Angst um Versumpfung +und Verknöcherung der Partei, wie vom Standpunkt all +der radikalen Kassandras männlichen und weiblichen +Geschlechts, die um unser sozialistisches Seelenheil +zittern. Wahrhaftig: wenn wir mit der Bourgeoisie +paktieren, so doch nur, um für uns das Schäfchen ins +Trockne zu bringen!«</p> + +<p>»Ich folgere aus Ihren Beweisführungen etwas ganz +anderes,« rief ich aus. »Da die Praxis wieder einmal +der Theorie vorausgeeilt ist, so muß die Theorie sich +ihr anpassen, sonst kommt der Moment, wo das Band +zwischen beiden zerreißt. Die Lehre von der planmäßigen +Demokratisierung und Sozialisierung der kapitalistischen +Gesellschaft muß an Stelle des Dogmas von +der alleinseligmachenden Revolution treten —«</p> +<p><a name="Page_416" id="Page_416"></a></p> +<p>»Aber das ist doch genau dasselbe!« polterte Reinhard. +»Selbst der dümmste Radikale denkt doch nicht im +Schlaf daran, daß er die Hände nur in den Schoß zu +legen und auf die gebratene Taube der politischen Macht +zu warten braucht, die ihm ins Maul fliegen wird! +Jeder Rekrut in unserer Armee sieht alle Tage, wie sie +sich jede Handbreit politischer Macht schrittweise erobern +muß. Ebenso wächst ihr Einfluß nur nach und nach, +und das berühmte Endziel kann nichts anderes sein als +die letzte Krönung des Gebäudes.«</p> + +<p>Mein Mann lächelte: »Ich sage ja: Sie sind Revisionist.«</p> + +<p>»Zum Donnerwetter, nein! — Ich bin Sozialdemokrat!« — Reinhards +Augen glänzten — »Und ihr seid +Rabulisten.«</p> + +<p>Beim Abschied nahm sein Gesicht wieder den alten, +gutmütig-freundlichen Ausdruck an.</p> + +<p>»Nichts für ungut, Genossen!« brummte er mit einem +leichten Anflug von Verlegenheit; dann reichte er +meinem Mann die Hand. »Sie können auf mich +rechnen. Wenn Ihr Blatt praktische Politik treiben +wird, — in bewußtem Gegensatz zu unseren Zeitschriften +von rechts und links, die sich um des Kaisers Bart +raufen, — so wird es befreiend wirken und seines Erfolges +bei unseren Genossen sicher sein.«</p> + +<p>Als er gegangen war, reichte mir mein Mann einen +Brief von Romberg.</p> + +<p>»... Ihre Pläne sind mir immer wieder durch den +Kopf gegangen,« schrieb er, »und der Gedanke, das +›Archiv‹ selbst zu erwerben, ließ mich nicht los. Trotzdem +bin ich zu dem Entschluß gelangt, meine persön<a name="Page_417" id="Page_417"></a>lichen +Wünsche nicht nur zu unterdrücken, sondern Ihnen +überdies den dringenden Rat zu geben, die Verkaufsidee überhaupt +fallen zu lassen. Sie wissen selbst, daß das neue +Unternehmen, dem Sie Ihren Brotgeber, das Archiv, +opfern wollen, in bezug auf seinen materiellen Erfolg +ein ganz unsicheres ist. Stünden Sie allein, so könnten +Sie meinetwegen den Husarenritt unternehmen, aber +Sie haben Familie, — verübeln Sie es meiner aufrichtigen +Freundschaft nicht, wenn mich die Sorge um +sie in diesem Zusammenhang von ihr sprechen läßt. Ich +weiß: Frau Alix zieht in diesem Augenblick zürnend die +Brauen zusammen; sie ist ja noch fanatischer, noch +leichtsinniger wie Sie. Seien Sie darum doppelt klug +für beide und erhalten Sie sich das Archiv. Es kann +einmal die Rolle der Planke spielen, die Sie vor dem +Ertrinken rettet ...«</p> + +<p>Ich warf den Brief heftig auf den Tisch. »Daß +Romberg solch bourgeoise Anschauungen hat!« rief ich +aus. »Als ob wir beide nicht im Notfall schwimmen +könnten!« Heinrich zog mich zärtlich in die Arme.</p> + +<p>»Daß du so denkst, weiß ich,« sagte er, »trotzdem +werde ich handeln wie ein Bourgeois!« Ich wollte auffahren. +»So höre doch erst zu, ehe du schimpfst!« +meinte er lächelnd. »Besinnst du dich auf Lindner, den +jungen Dichter, den wir auf dem Pariser Kongreß getroffen +haben?« Ich nickte. »Er tauchte vor kurzem +hier auf und besuchte mich, während du weg warst: ein +sympathischer Mensch, dessen Schüchternheit alle seine +guten Absichten im Keime erstickt. Er möchte in der +Partei wirken; aber auf der einen Seite fürchtet er als +Akademiker das Mißtrauen der Genossen, auf der an +<a name="Page_418" id="Page_418"></a>deren Seite stößt ihn die Pöbelgesinnung zurück, die +ihm vielfach schon begegnete. Er schüttete mir sein +Herz aus; dabei erfuhr ich, daß er der einzige Sohn +reicher Leute ist. Ich sprach ihm von unserem Plan, er +war sofort Feuer und Flamme dafür.«</p> + +<p>»Und gibt die Mittel?!« unterbrach ich Heinrich erregt.</p> + +<p>»Wenn die Eltern, von denen er noch abhängig ist, +sie ihm bewilligen ...«</p> + +<p>Endlich dem Ziele nah! war der einzige Gedanke, +der mich beherrschte; winzig erschienen ihm gegenüber +die noch vorhandenen Hindernisse.</p> + +<p>Einige Tage später kam Lindner zu uns: ein lang +aufgeschossener blonder Mensch, mit kurzsichtig zwinkernden +blaßblauen Äuglein und schlaffen, feuchten Händen. +Er gefiel mir nicht. Aber ich unterdrückte rasch diese +erste instinktmäßige Empfindung.</p> + +<p>»Ich möchte den Arbeitern die Kunst nahe bringen,« +sagte er im Verlauf unseres schwerfällig sich hinschleppenden +Gesprächs.</p> + +<p>»Die Freien Volksbühnen erfüllen, wie mir scheint, +Ihren Wunsch. Sie haben Tausende von Mitgliedern +aus Arbeiterkreisen und leisten Vorzügliches,« antwortete +ich.</p> + +<p>»So meinte ich es nicht, nein —,« und die Stimme +unseres Gastes, die noch den Timbre der Knabenstimme +hatte, obwohl er längst über die Entwicklungsjahre +hinaus war, wurde lebhafter; »ich dachte, es +müßte möglich sein, das Künstlertum im Proletariat zu +erwecken, eine neue Kunst — die Kunst der Zukunft — entstehen +zu lassen. Ich würde das als meine Aufgabe ansehen.«</p> + +<p><a name="Page_419" id="Page_419"></a>Ich musterte ihn genauer: er war gar nicht dumm, +er hatte sogar einen originellen Zug.</p> + +<p>»Ich glaube nicht recht daran,« sagte ich dann langsam. +»Daß die Talente sich durchsetzen, gehört zu den +Fabeln der Menschheit. Der harte Kampf ums Dasein +erstickt die meisten ihrer Keime. Und die davon doch +zur Blüte gelangen, verkümmern schließlich im Dilettantismus. +Vielleicht würden die von Ihnen erhofften +Talente statt freier Künstler Hörige des Proletariats, +wie die Talente, auf die wir vor zehn Jahren hofften, +Hörige des Kapitalismus geworden sind..«</p> + +<p>Mein Junge kam herein und erfüllte das Zimmer im +Augenblick mit seiner strahlenden Frische. Wie eine +Pflanze, die im Dunkel gestanden hat mit blassen saftlosen +Trieben, wirkte Lindner jetzt auf mich. Er tat +mir leid, und ich wurde darum weicher. Er erzählte +von seinen Eltern. Sie hatten große Hoffnungen auf +ihn gesetzt, und daß er sie immer wieder enttäuschte, +machte ihn selbst mutlos. Aber jetzt, — jetzt würde er +um seine Überzeugung, — um seine Zukunft mit ihnen +kämpfen!</p> + +<p>Er gewann Vertrauen zu mir. Und wenn er +meine instinktive Abneigung immer wieder hervorrief, +so überwand das Mitleid mit dieser armen Greisenseele +eines Jünglings sie eben so oft. Seine Besuche +waren oft recht unbequem. Wie die meisten Menschen, +für die die Arbeit nur eine Nebenbeschäftigung ist, +hatte er keinen Respekt vor der Zeit. Er fühlte +nicht, daß er störte, und wenn man es ihm andeutete, +so war er gekränkt. Nur wenn er mit Ottochen spielen +konnte, merkte er nicht, daß ich ihn hatte los werden +<a name="Page_420" id="Page_420"></a>wollen. Er liebte die kleinen Kinder und ließ sich von +meinem fünfjährigen Wildfang mit einer Gutmütigkeit +tyrannisieren, die rührend war. Oft hörte ich durch die +Türe die hellen Kommandotöne meines Jungen.</p> + +<p>Mein Bub'! Daß ich nur heimlich, wie aus dem +Hinterhalt, sein Geplauder belauschen durfte! Daß ich mir +die Stunden für ihn stehlen mußte! Ich war abermals +einem falschen feministischen Lehrsatz auf der Spur. +Nicht der Säugling bedarf der Mutter am meisten. All +die vielen, mechanischen Dienste, die der kleine Körper +fordert, versteht eine geschulte Pflegerin besser als sie. +Erst der erwachende Geist braucht die Augen der Mutter, +die jede seiner Regungen sieht, und ihre Sorgfalt, die +allein weiß, welche seiner vielen Triebe beschnitten, +welche gestützt, welche der Sonne und dem Wetter ausgesetzt +werden können. Und Millionen Frauen dürfen +es nicht! Nie erschien mir unsere Gesellschaftsordnung +widersinniger: sie zwingt den Staat, Gefängnisse zu +bauen für die Verbrecher und Fürsorgeerziehungsanstalten +für die verwahrloste Jugend, der sie die Mütter genommen hat.</p> + +<p>Sollten wir wirklich darauf warten müssen, bis sich +in hundert und aberhundert Jahren der Prozeß der +Sozialisierung der Gesellschaft abgespielt hat? War +unsere wirtschaftliche und technische Entwicklung nicht +heute schon so weit vorgeschritten, um durch eine sozialistische +Organisation in Verbindung mit der allgemeinen +Arbeitspflicht, die Herabsetzung der Arbeitszeit auf das +geringste Tagesmaß zu ermöglichen und den Kindern +nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater zurückzugeben? +In dem leidenschaftlichen Zorn, der mich gegen +<a name="Page_421" id="Page_421"></a>die Hüter der bestehenden Ordnung erfüllte, konnte ich +nicht anders, als sie für Heuchler oder für Dummköpfe +zu erklären. Die Frauen galt es, wider sie zu empören! +Mutterliebe ist das stärkste Gefühl in der Welt, stärker +als die Leidenschaft der Geschlechter, stärker als der +Hunger. Einmal von den Fesseln befreit, in die die +Tradition sie zwängte, muß sie zum Motor werden, der +die Gesellschaft aus den Angeln hebt.</p> + +<p>Ich wandte mich in meinen Reden immer mehr an +die Frauen. Ich peitschte ihre Empfindung auf; ich erklärte +sie für die Schuldigen, wenn ihre Kinder hungerten +an Leib und Geist, wenn sie verkamen, wenn die Maschine +ihre Jugend zerfraß, wenn sie im Zuchthaus +endeten. Der Zolltarif mit seiner Verteuerung aller +Lebensmittel, der zu gleicher Zeit die Reichstagsdebatten +beherrschte, die Fleischteuerung, die eine Folge der +Schließung der Grenzen war, — kurz, die ganze agrarische +Reichspolitik, in die die Regierung eingeschwenkt +war, boten mir die Handhabe, um an die nächsten Interessen +der Frauen anzuknüpfen, an jene Frage, die je +nach der Bedeutung, die sie für die Glieder des Volkes +hat, ein Gradmesser der Menscheitskultur sein kann: wie +sättige ich meine Kinder?</p> + +<p>Von einer meiner Versammlungen war ich fast stimmlos +zurückgekehrt.</p> + +<p>»Sie dürfen weder in Rauch noch in Staub sprechen,« +sagte der Arzt wie schon einmal vor Jahren.</p> + +<p>Ich lachte ihm ins Gesicht, ließ mir den Hals ein +paarmal einpinseln und fuhr nach Schlesien. Mit +äußerster Anstrengung gelang es mir, noch zwei Reden +zu halten. Dann versagte die Stimme ganz.</p> + +<p><a name="Page_422" id="Page_422"></a>Jetzt erklärte der Arzt, daß ich sobald als möglich +fort müsse: »In gute reine Luft, am besten ins Gebirge.« +Ich schüttelte den Kopf. Wie konnte ich an +eine Sommerreise denken?!</p> + +<p>»Die Gesundheit geht allem anderen voraus,« sagte +mein Mann, »heute noch kannst du packen und morgen +in den Alpen sein.«</p> + +<p>Die Frage, ob solch eine Reise möglich wäre, schien +ihn keinen Augenblick zu beunruhigen.</p> + +<p>»Ich kann den Kleinen nicht wochenlang allein lassen —,« +wandte ich ein.</p> + +<p>»Natürlich: Ottochen nimmst du mit,« antwortete +Heinrich ohne Besinnen, »auch diesem Stadtpflänzchen +wird das Landleben gut tun.«</p> + + + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Um jene Zeit war mein Schwager Erdmann gestorben. +Meine Mutter kam mit Ilse nach +Berlin zurück. Ich erschrak, als ich sie sah. +Jetzt erst war sie wirklich alt geworden, unauslöschlich +hatten sich die Falten der Verbitterung um ihre Mundwinkel +eingegraben. Zwischen ihre fest aufeinandergepreßten +Lippen kam kein Laut der Klage. Aber wenn +Ilse neben ihr stand in all ihrer strahlenden Jugend, +mit den Augen, die sehnsüchtig die Sonne suchten nach +all dem monatelangen Leid, dann fühlte ich die ganze +Qual dieses Zusammenlebens.</p> + +<p>Sie kamen häufig allein zu mir, und ich mußte immer +wieder zwischen ihnen vermitteln. Endlich faßte ich den +Mut, der Mutter ehrlich meine Meinung zu sagen:</p> + +<p>»Warum läßt du sie nicht frei? — Viele in ihrem<a name="Page_423" id="Page_423"></a> +Alter stehen allein in der Welt. Wozu quälst du dich +selbst und sie?«</p> + +<p>Die Mutter wurde hochrot im Gesicht. »Da sieht +man, wohin eure religionslose Moral euch führt!« rief +sie. »Nicht genug, daß du im Lande umherziehst und +die Frauen gegen Kirche und Staat aufhetzst, wie mir +mein Bruder erzählt, du respektierst nicht einmal +mehr die selbstverständlichsten Gebote der Mutter- und +der Kindespflicht.«</p> + +<p>»Nein,« antwortete ich erregt. »Eine Pflicht, die +kein Gebot des Herzens ist, eine Pflicht, die sich wie +ein antiker Schicksalsspruch durchsetzen will, auch wenn +die Menschen dabei zugrunde gehen, erkenne ich nie und +nimmer an. — Was Onkel Walter erzählt, sollte dir +übrigens nichts Neues sein: du weißt, daß ich Sozialdemokratin +bin. Daß meine Agitation ihm jetzt, wo sie +sich gegen seine speziellen agrarischen Interessen richtet, +besonders antipathisch ist, scheint mir auch nur selbstverständlich.«</p> + +<p>»Und ich hatte gehofft, daß die Mutter in dir dich allmählich +von diesen Abwegen zurückführen würde —«</p> + +<p>»Die Mutter in mir treibt mich vorwärts!« unterbrach +ich sie.</p> + +<p>»Lehrt sie dich auch jede Familienrücksicht über Bord +werfen? Nicht daran denken, wie du alle kompromittierst, +die unseren Namen tragen? Wie mein Bruder sich sogar +gezwungen sieht, ein Mandat für den nächsten Reichstag +nicht mehr anzunehmen?!« Ihr Zorn fing an, mich +zu entwaffnen.</p> + +<p>»Liebe Mutter, das alles wollen wir, denke ich, nicht +wieder aufrühren,« sagte ich ruhig. »Die Verwandten +<a name="Page_424" id="Page_424"></a>haben sich längst in aller Form von mir losgesagt, und +wenn es für mich Familienrücksicht gibt, so ist es allein +die auf mein Kind.«</p> + +<p>»Gerade an diesem Kind wirst du für all das Unglück, +das du über uns gebracht hast, büßen müssen!« rief die +Mutter mit funkelnden Augen.</p> + +<p>Ich war von dem drohenden Ton ihrer Stimme betroffen. +»Was meinst du damit?!« frug ich.</p> + +<p>»Solltest du für Otto etwa nicht auf Klotildens Erbe +hoffen?« entgegnete sie. »Hat sie dich seit deiner Heirat +jemals eingeladen?!«</p> + +<p>»Ich stehe dauernd in brieflichem Verkehr mit ihr. +Sie hat mir erst kürzlich über meine ›Frauenfrage‹ Worte +wärmster Anerkennung geschrieben. Und daß sie mich +nicht bei sich sehen kann, begreife ich vollkommen. Ich +würde ihre Freunde vertreiben, an denen sie hängt,« +antwortete ich ausweichend.</p> + +<p>»Nun so laß dir von mir gesagt sein, daß die Berichte +über deine agitatorische Tätigkeit sie aufs äußerste empörten. +Jenny Kleve kam eben aus Augsburg zurück —«</p> + +<p>Ich biß mir heftig auf die Unterlippe. »Jenny Kleve! +Allerdings eine gute Quelle! Und eine geeignete Vertreterin +meiner Interessen!« spottete ich. »Bist du es +nicht gewesen, die alles daran setzte, um zwischen ihr +und ihren Geschwistern und Tante Klotilde nähere Beziehungen +herzustellen?! Dein eigener Bruder warnte +dich damals, dir kein Kuckucksei ins Nest zu legen!«</p> + +<p>»Ich habe nur meine Pflicht getan,« erklärte die Mutter.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_425" id="Page_425"></a></p> + +<p>Tante Klotildens Erbschaft! Der Gedanke bohrte +sich mir in Hirn und Herz. Mit einer Sicherheit, +die nie auch nur den geringsten Zweifel +aufkommen ließ, hatte ich stets auf sie gerechnet. Ich +wußte: ihrem geliebten ältesten Bruder, meinem Vater, +hatte sie versprochen, für mich sorgen zu wollen; er hatte +mir noch kurz vor seinem Tode den Inhalt ihres Testamentes +vorgelesen, und hinzugefügt: »Daß ich Deine und +Deines Jungen Zukunft gesichert weiß, wird mir +das Sterben erleichtern. Habe ich doch selbst gar nicht +für Euch sorgen können!« Über manche schwere Stunde +hatte die Erinnerung daran mir hinweggeholfen: Mag +kommen, was will, mein Kind wird einmal nicht darben! +Sollte sie ihr Wort brechen können?! Ein kalter Schauer +erschütterte meinen Körper. Ich wußte, wie es tat, an +die jämmerliche Notdurft des Lebens ständig denken zu +müssen. Wie viele junge Menschen hatte ich aus der +Flut des Lebens auftauchen sehen, von einem starken +Talent emporgetragen, und nach ein paar Jahren hatte +das Bleigewicht der Not sie niedergezwungen!</p> + +<p>Mein Sohn sollte sich frei entwickeln können. Ich +mußte mich selbst überzeugen, ob die Warnung meiner +Mutter berechtigt war.</p> + +<p>Mein Mann war böse, als ich davon sprach. »Du +wirst dich doch nicht mit den Kleves auf eine Stufe +stellen?!« rief er aus. »Unser Junge hat es nicht nötig, +daß seine Mutter sich erniedrigt. Er wird stark genug +sein, sich selbst durchzukämpfen.«</p> + +<p>Ich war so erregt, daß all die verschwiegenen Qualen +hervorstürzten wie ein entfesselter Wildbach: »Du frei<a name="Page_426" id="Page_426"></a>lich +wirst nichts davon merken, wenn er sich grämt, +gerade so, wie du nicht merkst, nicht merken willst, wie +mich die Sorgen niederdrücken. Du schiltst, wenn ich +nach deiner Ansicht nicht genau genug auf jeden Wurstzipfel +achte, der in die Küche kommt, aber du fragst +nicht danach, woher ich das Geld nehme, wenn du keins +mehr hast und wir leben wollen!«</p> + +<p>Und ich erzählte ihm, wie ich im vorigen Jahr den +Verleger um Vorschuß hatte bitten müssen, wie ich mein +bißchen Schmuck heimlich aufs Versatzamt getragen hatte. +Er wurde ganz blaß, und sein Gesicht nahm jenen harten, +kalten Ausdruck an, vor dem ich mich immer fürchtete. +Tagelang gingen wir stumm nebeneinander her, während +das gezwungene Zusammensein uns stets aufs neue reizte.</p> + +<p>»Die Ehe ist doch eine gräßliche Einrichtung,« sagte +Heinrich schließlich und reichte mir in versöhnlicher +Stimmung die Hand.</p> + +<p>Ich nickte eifrig und meinte lächelnd: »Wie stark +muß die Liebe sein, um sie auszuhalten!«</p> + +<p>»Die besten Freunde müssen einander unerträglich +werden, wenn sie Tag und Nacht in denselben Käfig +gesperrt sind,« ergänzte er.</p> + +<p>»Ich glaube, es ist Zeit, daß wir für ein paar Wochen +in Freiheit gesetzt werden,« wagte ich zögernd auszusprechen; — ich +erwartete jeden Tag die Antwort von +Tante Klotilde auf meinen Brief, in dem ich sie gefragt +hatte, ob es ihr recht wäre, wenn ich mit dem Kleinen +nach Grainau käme. Ich würde mir eine eigene Wohnung +nehmen, — natürlich, — und sie nur besuchen, +wenn sie uns sehen wollte. Mein Mann runzelte zwar +noch die Stirn, aber er meinte dann doch lachend:<a name="Page_427" id="Page_427"></a> +»Mach, daß du wegkommst, damit ich die Gattin los +werde und die Geliebte wiederfinde.«</p> + +<p>Die Antwort kam, — eine kühle, glatte Ablehnung. +»Die Welt ist groß,« schrieb sie, »Du brauchst Deine +Sommerferien nicht gerade in Grainau zu verleben, wo +die Situation für dich, — ganz abgesehen von der meinen, +auf die Du ja keine Rücksicht zu nehmen scheinst —, +eine wenig gemütliche wäre. Die Bauern würden +Dir fremd, wenn nicht feindlich gegenüberstehen. Seit +der Dienstbotenbewegung, die Du mit soviel Lärm in +Szene setztest, hast Du ihre Sympathie verloren. Deine +ständigen Angriffe auf unseren allverehrten Kaiser« — hier +hörte ich die Stimme der Kleves, die nur in +der Potsdamer Hofluft zu atmen vermochten — »haben +den vielleicht noch vorhandenen Rest vollends zerstört ... +Ich bin eine alte, kranke Frau und brauche innere und +äußere Ruhe. Im übrigen wird meine Liebe zu Dir +durch die räumliche Entfernung eher erhalten, als beeinträchtigt +werden ...«</p> + +<p>Was nun? Gab es nichts mehr, das mir den Weg +zu ihr bahnen könnte? »Gehen Sie ins Gebirge,« hatte +der Arzt gesagt. Wenn ich nun doch reisen würde, — mit +dem Kleinen, — irgend wohin nicht allzuweit von +Grainau, wo der glückliche Zufall eine Begegnung ermöglichen +könnte! Ich war überzeugt: sah sie mein +Kind, ihr ganzes Herz würde gewonnen werden!</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_428" id="Page_428"></a></p> + +<p>In Mittenwald, dicht unterm Berg, fand ich bei +einem Bauern ein Giebelzimmerchen und die +große, bunte Wiese, die ich meinem Liebling +versprochen hatte. Den ganzen Tag spielte er dort mit +dem kleinen Sohn des Hauses, dem Hansei, und seine +weiße Stadthaut bräunte sich, und seine Muskeln wurden +straff. Ich saß indessen auf der Altane und schrieb alle +möglichen Artikel und freute mich, wenn das Honorar +immer wieder eine Woche längeren Aufenthalt möglich +machte. Von fernher glänzte und lockte die Zugspitze +bis zu mir herüber. Ich sah sie bei Nacht im Mondschein, +wenn die Sterne am dunkeln Himmel sich bewundernd +um sie scharten. Ich sah sie bei Tage, wenn +die Sonne sie inbrünstig küßte und ihr doch nichts zu +rauben vermochte von ihrer jungfräulichen Reinheit. +Ihr zu Füßen war das Stückchen Erde, das ich liebte, +wie keins in der Welt. Wo ich mein Jugendglück fand +und — begrub. Ich verstand, daß es Menschen gibt, +die vor Heimweh krank werden.</p> + +<p>Auf unseren Spaziergängen suchte ich immer die Wege, +auf denen ich dem weißen Berge näher kam, und erzählte +dem aufhorchenden Kleinen von ihm als der verzauberten +Prinzessin und ihrem grauen finsteren Wächter, dem +Waxenstein. Dabei wurden mir wohl auch die Augen +feucht. »Sei nich traurig, Mamachen,« tröstete mich +mein Kind. »Ein großer Held wird kommen und die +Prinzessin befreien!«</p> + +<p>Einmal, als wir wieder zu dem stillen See aufwärts +gingen, plauderte er lustig von den Kühen und den +Blumen. Dann wurde er plötzlich still, ein grübelnder<a name="Page_429" id="Page_429"></a> +Zug trat in sein rundes Kindergesichtchen, und seine +Wangen färbten sich dunkler.</p> + +<p>»Der Hansei will Kutscher auf'n Stellwagen werden,« +begann er unvermittelt; »ist das nicht dumm?!«</p> + +<p>Ich nickte zerstreut. Er schwieg wieder.</p> + +<p>Als wir uns aber im Walde lagerten, zog er meinen +Kopf dicht an den seinen und flüsterte aufgeregt: »Ich +muß dir ein großes Geheimnis sagen, — dir ganz allein. +Ich will ein Held werden und alle schlechten Leute totschlagen!«</p> + +<p>Ich streichelte seinen Lockenkopf. »Das ist nicht leicht, +mein Kind,« sagte ich ernst.</p> + +<p>»Oh, ich weiß! Aber was man will, das kann man auch!« +rief er mit einem hellen Jauchzen in der Stimme. Ich +zog ihn zärtlich an mich. Hatte ich es nötig, um ihn +zu bangen? Brauchte ich zu fürchten, daß seine Zukunft +von der Gunst der harten Frau dort drüben abhängig +werden könnte? Ich vergaß allmählich, weshalb ich hierher +gekommen war. Ich sah nicht mehr erwartungsvoll +die weiße Straße hinauf, wo ich vor Zeiten so oft mit +der Tante gefahren war.</p> + +<p>Es fiel von meiner Seele wie lauter dunkle Schleier. +Die Sonne und die freie Bergluft berührten sie wieder. +Zuweilen kam ich mir selbst wie verzaubert vor: als sei +all mein Träumen, mein Hoffen und Sehnen aus mir +herausgetreten und lebendig geworden in der Gestalt +dieses Kindes.</p> + +<p>An den Wiesenwegen standen überall Kruzifixe, Wahrzeichen +jener Verneinung des Lebens, die uns gelehrt +hat, Armut und Unglück nicht als unsre ärgsten Feinde, +sondern als gottgewollt anzusehen.</p> +<p><a name="Page_430" id="Page_430"></a></p> +<p>»Ich kann einen angenagelten Gott nicht anbeten,« +sagte mein Sohn.</p> + +<p>Unser Aufenthalt ging zu Ende. Ich mußte zum +Parteitag nach München. Aber ich konnte nicht fort, +ohne drüben gewesen zu sein, wo auf dem Hügel die +kleine weiße Kirche steht und der grüne Badersee im +Walde träumt, mit dem Bilde der Zugspitze im Herzen. +Wir fuhren nach Garmisch und wanderten über die +Wiesen, an den braunen Heuschobern vorbei, dorthin, +wo sich in leisen Wellenlinien das Tal erhebt, Hügel +an Hügel von alten Baumriesen bekrönt und blühenden +Büschen. Glänzend wie ein Silberstreifen schlängelt +sich der Weg durch die Gründe, — braune und rote +Dächer tauchen auf, — schon plätschert der Bergbach, +der ganz, ganz oben in den Furchen und +Spalten dem Felsen entspringt und vom Schnee sich +nährt und vom Eis: Das war Grainau —. »Und +nun, Bubi, paß auf: nun kommen die blauen und goldgelben +Häuser mit den lustigen Heiligenbildern daran +und den vielen, vielen Nelken auf den Altanen.«</p> + +<p>»Wo denn, Mamachen?!«</p> + +<p>Ich sah mit großen Augen um mich. Wo waren sie +nur? Die Erinnerung malte mir wohl ihr Bild, aber +die Zeit hatte ihre Farben verlöscht, und überall standen +neue Häuser mit kalkweißen Wänden, — ohne den heiligen +Florian in den Nischen, — blumenlos. Wie verschüchterte +Bauernkinder vor den Städtern verkrochen +sich die alten scheu in den Winkeln. Ich beschleunigte +meine Schritte. Der Wald war derselbe geblieben, +und zwischen den Buchenstämmen leuchtete schon der +See. Dort wollt' ich stille Andacht halten! — Mein<a name="Page_431" id="Page_431"></a> +Fuß stockte: ein großes Hotel erhob sich an seinem Ufer. +In seine kristallklare Flut hatte man eine Nixe aus +Bronze versenkt; auf den Kähnen drängten sich die +Menschen um sie und starrten hinunter. Aber den +Badersee sahen sie nicht. Der lag ganz still und sah +zum Himmel empor in großer, großer Einsamkeit. Und +hinter dunkeln Wolken versteckten sich die Berge, als +schämten sie sich der Welt unter ihnen.</p> + +<p>Ich kämpfte mit den Tränen. Meine Jugend hatte +ich gesucht, — war ich nicht statt dessen plötzlich uralt +geworden? Ich mochte nichts mehr sehen, auch das +Rosenhaus nicht. Aber mein Junge gab nicht nach.</p> + +<p>Lange lagen wir auf dem Moose im Wald, den kleinen +Rosensee uns zu Füßen, am jenseitigen Ufer das traute grünumrankte +Haus. Hier hatte sich nichts verändert. Und +all die Bilder von Glück und Leid, die dieser Rahmen +einst umschloß, zogen an mir vorüber. Die Jahre zwischen +damals und heut wären mir wie ein Traum erschienen, +wenn nicht das Kind neben mir mich an die lebendige +Gegenwart erinnert hätte. Ich stand auf und reckte +den Körper. Der Abschied von diesem Haus, diesem +See, diesem Wald war der erste Schritt in das neue +Leben gewesen. Ich bereute ihn nicht. Dankbar sah +ich noch einmal hinüber. Trotz alledem: dieser Erdenwinkel +blieb mein.</p> + +<p>Eine weißhaarige Frau, die den schweren Körper +nur mühsam am Stock vorwärts bewegte, trat aus +der Tür in den Garten. Uns entgegen auf dem +schmalen Steg kam hastig ein hellgekleidetes Mädchen. +Dicht vor mir blieb sie sekundenlang mit weit aufgerissenen +Augen stehen. Es war Jenny Kleve. Dann sah +<a name="Page_432" id="Page_432"></a>ich noch, wie sie hinüberlief, mit erregten Gesten auf +die alte Frau einsprach, und wie diese dem herbeigerufenen +Diener eine Weisung erteilte. Ich lachte +auf: jetzt hat sie Befehl gegeben, mich nicht vorzulassen, +dachte ich; — Jenny Kleve, auf diesen Triumph +freust du dich umsonst!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>In München erwartete uns Berta, mit der der +Kleine nach Berlin zurückreisen sollte.</p> + +<p>Hätte ich nur mit ihnen heimreisen können! +All der Staub der Stadt, der meine Lunge erfüllt, +der grau und schwer die Glut meines Herzens fast erstickt +hatte, war vom Bergwind weggeweht worden. +Mein Kind, — mein Geliebter, — waren sie nicht der +Inhalt meines Lebens? Mein Geliebter, — nicht mein +Gatte, an dessen Seite nichts mich zwang als ein Stück +Papier. »Die geläuterte Moral der Zukunft wird die +Roheit unserer Gesittung nicht verstehen,« schrieb ich an +Heinrich, »die die Beziehungen der Geschlechter, wie die +zwischen Unternehmer und Arbeiter, zwischen Herrn und +Diener, mittelst eines formulierten Vertrages regeln +wollte, die die Frau nötigte, als Symbol des Auslöschens +ihrer Persönlichkeit, den eigenen Namen mit +dem des Mannes zu vertauschen. Liebe sollte immer +ein Geheimnis sein, eins, um das nur die Allernächsten +wissen. Die Ehe schreit es in alle Welt hinaus und +erzählt zynisch jedem Gassenbuben: sieh, dieses Weib gehört +jenem Mann!.. Ich sehne mich nach Dir. Mit +tieferer, heißerer Sehnsucht, als da die Liebe mir nur +<a name="Page_433" id="Page_433"></a>ein Traum war. Ich möchte untertauchen bis auf den +Grund ihres Ozeans, denn mir ist, ich wäre bisher nur +auf der Oberfläche gefahren, und in der Tiefe warteten +Schätze auf mich von unermeßbarem Wert. Aber wenn +ich an unsere laute Straße denke, an die engen Zimmer, +in die unsere große Liebe sich sperren ließ, um Magddienste +zu tun, — dann sinkt meine Sehnsucht in sich +zurück, wie ein Springbrunnen, der eben in Milliarden +Wassertropfen der Sonne entgegenflog und nun, da der +Gärtner den Hahn abdreht, plötzlich verschwindet ...« —</p> + +<p>»Du hast recht,« antwortete er, »tausendmal recht! +Aber glauben kann ich Dir erst, wenn Du Deine Empfindung +nicht nur aussprichst, sondern ihr folgst ... +Komm, und wir wollen in irgend einem stillen Winkel, +wo uns niemand kennt, Hochzeit feiern, wie einst ... +Der Parteitag braucht Dich nicht. Dieser Augenblick +jedoch ist vielleicht der einzige, der in uns beiden die +Erinnerung an die Ehe auslöscht ...«</p> + +<p>Aber ich ging nicht. Ich war unfrei. Nie hätte ich +es mir eingestanden, und doch war es so: ich stand, wie +die Mutter, noch unter dem kalten Gesetz der Pflicht. +Ich durfte die Aufgabe nicht im Stiche lassen um meiner +Wünsche willen! Am wenigsten jetzt, wo ihre Erfüllung +mir widerstrebte.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wie schön hatte ich es mir einst gedacht, wenn +zu den Kongressen der Partei die Gesinnungsgenossen +von Ost und West, von Nord +und Süd zusammenkommen würden, ungleich nach Beruf +und Alter und Geschlecht, und doch ein einiges Heer, +<a name="Page_434" id="Page_434"></a>von derselben Kraft durchdrungen, von demselben Willen +beseelt, neue Kreuzfahrer, die auszogen, der Menschheit +heiliges Land zu suchen. Und jetzt?</p> + +<p>Schon im Hotel, wo die meisten Delegierten untergekommen +waren, musterte man sich mißtrauisch, begrüßte +sich kühl. Und Gruppen bildeten sich, die berieten, ob +und wie man die Ansichten der anderen Gruppen überstimmen +könne.</p> + +<p>Dem Parteitag ging eine Frauenkonferenz voraus. +Als ich in den Kreis der fünfundzwanzig Genossinnen +trat, fühlte ich die abweisende Kälte, die mir entgegenströmte. +Nur Ida Wiemer schüttelte mir herzhaft die +Hand. »Was sagen Sie nur zu dieser Tagesordnung?!« +flüsterte sie erregt.</p> + +<p>Ich lachte spöttisch: »Sie wollen offenbar in anderthalb +Tagen die ganze Frauenfrage lösen. Arbeiterinnenschutz, +Kinderschutz, gesetzliche Regelung der Heimarbeit, +politische Gleichberechtigung, — ein imponierendes Programm! +Es ist ja aber auch eine hübsche Zahl von Jasagern +beisammen. Die schlucken die Resolutionen unbesehen.«</p> + +<p>»Aber Krach gibt's auch,« antwortete Frau Wiemer. +»Ihnen müßten die Ohren geklungen haben, so giftig +ist die Bartels auf Sie.«</p> + +<p>»Auf mich?! Ich habe ja gar nichts getan!« meinte +ich verwundert.</p> + +<p>»Aber die düsseldorfer Genossinnen haben einen Antrag +auf Anstellung einer Parteisekretärin eingebracht. +Man meint, Sie müßten dahinterstecken —«</p> + +<p>Darum also die bösen Gesichter!</p> + +<p>»Und dann: daß Sie als Einzige von uns morgen im +Kindlkeller sprechen!«</p> + +<p><a name="Page_435" id="Page_435"></a>Darum also die gekränkten Mienen!</p> + +<p>Die arme Düsseldorferin wußte offenbar nicht, in +was für ein Wespennest sie mit ihrem Antrag gestochen +hatte, und konnte die Erregung, die er hervorrief, nicht +begreifen. Ich kam ihr zu Hilfe und goß nur Öl ins +Feuer. Alles fiel über uns her. Martha Bartels sah +in dem Antrag ein Mißtrauensvotum gegen ihre Tätigkeit +als Zentralvertrauensperson und spielte die persönlich +Gekränkte, Luise Zehringer gab der offenbar allgemeinen +Meinung, wonach ich mir auf diese hinterlistige +Weise eine fette Pfründe schaffen wollte, drastischen +Ausdruck, indem sie mit einem wütenden Blick auf mich +erklärte:</p> + +<p>»Die Genossinnen, die nur ab und zu von sich hören +lassen, sonst aber praktisch gar nicht arbeiten, können +wir für solche Stelle nicht brauchen. Die haben unser +Vertrauen nicht.«</p> + +<p>Dabei begann sie krampfhaft zu schluchzen und kreischte, +wie ich es von ihr noch nie gehört hatte. Aller Klang +und alle Weichheit waren aus ihrer Stimme verschwunden. +Ob das das unausbleibliche Schicksal aller Agitatorinnen +war?!</p> + +<p>Die Bartels sekundierte ihr: »Uns können nur Frauen +nützen, die Fleisch von unserem Fleische sind ... Keine +akademisch gebildeten Damen, die nur mal, um sich zu +zeigen, ab und zu in einer großen Versammlung einen +Vortrag halten —.« Ich stand dicht vor ihr und sah +ihr gerade ins Gesicht. »Solche Paradepferde können +wir nicht brauchen,« schrie sie.</p> + +<p>Mein Nachbar, ein belgischer Genosse, schüttelte verwundert +den Kopf: »Es scheint, die ganze Konferenz +<a name="Page_436" id="Page_436"></a>richtet sich gegen Sie. Was haben Sie nur getan?!« +fragte er.</p> + +<p>»Ist's nicht Verbrechen genug, daß ich überhaupt da +bin?!« antwortete ich bitter.</p> + +<p>Als im weiteren Verlauf der Debatte die Frage des +Arbeiterinnenschutzes besprochen wurde, nahm ich die +Gelegenheit wahr, abermals die Forderungen einer umfassenden +Mutterschaftsversicherung zu verteidigen. Ein +paar Beifallsrufe wurden laut, die meisten der Frauen +jedoch, ihr Leben lang gewohnt, sich unterjochen zu +lassen, waren durch die Anwesenheit so anerkannter +Parteiautoritäten, wie Wanda Orbin und Martha +Bartels, viel zu verschüchtert, als daß sie ihnen hätten +opponieren können. Kaum hatte ich geendet, als Wanda +Orbin sich zum Worte meldete.</p> + +<p>Sie sprach mit einer Leidenschaft, als gelte es, die +höchsten Prinzipien des Sozialismus zu verteidigen, und +mit einer Stimme, als hätte sie eine Riesenvolksversammlung +vor sich: »Der Gedanke, welcher der Mutterschaftsversicherung +zugrunde liegt,« sagte sie, »ist der Gedanke +der menschlichen Solidarität in seiner weitesten +Form. Die Verwirklichung dieses Prinzips aber steht +in so schreiendem Gegensatz zu dem Wesen der kapitalistischen +Gesellschaftsordnung, daß wir sie auf ihrem +Boden nicht erreichen werden ... Sie kann erst zur +Verwirklichung gelangen, wenn das Recht des lebenden +Menschen über den toten Besitz zur Geltung gebracht +sein wird, — in einer sozialistischen Gesellschaft ...« +Ihre Stimme überschlug sich, Schweißtropfen standen +auf ihrer Stirn. Von allen Seiten klatschte man enthusiastisch.</p> +<p><a name="Page_437" id="Page_437"></a></p> +<p>»Bisher hat es nur als ein Kennzeichen der bürgerlichen +Frauenbewegung gegolten, aus Opportunitätsgründen +möglichst wenig zu fordern, um überhaupt etwas +zu erreichen,« antwortete ich in ruhigem Gesprächston. +»Wir verlangen im Gegenteil Alles, und nehmen nur +als Abschlagszahlung, was davon stückweise errungen +wird. Haben wir etwa jemals aufgehört, für den Achtstundentag +zu agitieren, weil der Gegenwartsstaat ihn +nicht gewähren wird? Mit noch größerem Recht können +wir von ihm die Mutterschaftsversicherung fordern, denn +ein gut Teil ihrer Ziele muß er im eigensten Interesse +verwirklichen. Er braucht gesunde Mütter, arbeitsstarke +Männer, kriegstüchtige Rekruten.«</p> + +<p>Wanda Orbin erhob sich noch einmal. »Die Forderung +der Mutterschaftsversicherung ist durchaus nicht +so radikal sozialistisch, wie Frau Brandt meint ...,« rief +sie. Ringsum klatschte man wieder. Weder sie noch +ihre Zuhörerinnen hatten bemerkt, daß sie, um mir zu +widersprechen, sich innerhalb weniger Minuten selbst +widersprochen hatte.</p> + +<p>Als ich ins Hotel zurückkam, müde und verärgert, +trat mir überraschend mein Mann entgegen. Ich errötete +dunkel. Er küßte mir nur die Hand.</p> + +<p>»Ich wußte, daß du Kämpfe haben wirst,« sagte er, +»und daß ein Freund dir fehlen könnte.« Mit tiefer +Dankbarkeit sah ich ihm in die Augen.</p> + +<p>Der Geist, der in der Frauenkonferenz umgegangen +war, herrschte auf dem Parteitag.</p> + +<p>»Wir brauchen die Akademiker nicht!« war die Parole, +unter der er stand. »Wenigstens die nicht, die sich erlauben, +eine andere Meinung zu haben als wir.«</p> + +<p><a name="Page_438" id="Page_438"></a>Ein Antrag besonders war von symptomatischer Bedeutung; +er verlangte nichts weniger, als daß die Mitglieder +der Partei verpflichtet werden sollten, Kritiken +über schriftliche oder mündliche Äußerungen von Parteigenossen +nur in Parteiblättern, das heißt solchen Zeitungen +und Zeitschriften, die der Parteikontrolle unterstehen, +zu veröffentlichen. War es nicht ein grotesker +Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien der Partei, +daß solch ein Antrag auch nur ernsthaft diskutiert werden +konnte? Daß es Sozialdemokraten gab, die die »Einheitlichkeit +der Partei« dazu mißbrauchten, um die Meinungsfreiheit +niederzuknütteln?</p> + +<p>»Ich habe geglaubt, die Leute hätten sich in der +Adresse geirrt,« sagte Vollmar und reckte sich zu seiner +ganzen Riesengröße auf, sodaß er turmhoch und turmsicher +über der brandenden Woge der Menge stand. +»Das ist ein Antrag für die Zentrumspartei, für die +Kirchenorgane mit dem Zensor obenan, wo nur eine +Meinung gilt. Es genügt nicht, ihn zu bekämpfen, ihn +niederzustimmen. Bis auf seine Wurzeln, gilt es, ihn +zu verfolgen, sonst kehrt er in der und jener Form alljährlich +wieder und überwuchert unser Erdreich. Es +ist der ewige Geist der Kontrolle, der Geist der Kasernenhofdisziplin, +dem er entspringt. Und gegen ihn müssen +wir uns wenden. Nicht die freie Meinung unterdrücken, +was eine Schwäche verraten würde, die nur dem Tode, +das heißt der Versteinerung einer Bewegung vorangehen +kann, sondern sie fördern, ist unsere Aufgabe. +Sollte der Versuch unternommen werden, selbständige +Menschen mundtot zu machen, so wäre der kein echter +Sozialdemokrat, der es fertig bekäme, sich solcher Zensur +<a name="Page_439" id="Page_439"></a>zu unterwerfen. Es wäre wahrhaftig nicht der Mühe +wert, die Fesseln der bürgerlichen Gesellschaft von sich +zu werfen, um sie nur mit neuen zu vertauschen!«</p> + +<p>Ich sah mich um im Saal. Es waren nur bestimmte +Gruppen, die Beifall klatschten. Reihenweise saßen die +Genossen an den langen Tafeln mit verschlossenen oder +gleichgültigen Mienen. Unwillkürlich lief mir ein Schauer +über den Rücken. Die »Diktatur des Proletariats«, — wird +sie die Freiheit sein?</p> + +<p>»Sie würde ein rasches Ende nehmen, wenn sie etwas +anderes wäre,« sagte einer unserer Genossen, als wir +am Abend zusammen waren und ich die Frage ausgesprochen +hatte.</p> + +<p>Während der letzten Tage des Kongresses, deren Verhandlungen +sich um die praktischen Fragen der Arbeiterversicherung +und der Kommunalpolitik drehten, legten +sich die Wogen der Erregung wieder. Und als August +Bebel von den kommenden Reichstagswahlen sprach und +seine braunen Jünglingsaugen unter dem grauen Haarschopf +immer feuriger glänzten, je drastischer seine Darstellung +der inneren und äußeren politischen Lage wurde, +je weitgehendere Hoffnungen er für den Wahlkampf +daran knüpfte, da jubelte alles ihm einmütig zu; jener +zündende Funke der Begeisterung sprang von einem zum +anderen, derselbe Funke, den eine Kriegserklärung für +alle waffenfähigen Männer bedeuten mag. Sie werfen +ihr Werkzeug beiseite, sie treten in Reih und Glied, und +zum guten Kameraden wird der Nachbar, mit dem sie +eben noch in kleinlichem Hader lebten.</p> + +<p>Noch erging sich die bürgerliche Presse in langatmigen +Betrachtungen über den »Bruderzwist« in der Partei, +<a name="Page_440" id="Page_440"></a>um Hoffnungen für ihre Sache daraus zu schöpfen, und +schon standen wir in Reih und Glied dem gemeinsamen +Feind gegenüber.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am Tage unserer Rückkehr nach Berlin ging ich +zur Mutter. Drei Monate hatte ich sie nicht +gesehen. Ihre Briefe, die kurz und freudlos +waren, ließen mich nichts Gutes ahnen. Sie wohnte +mit Ilse in einer Pension am Lützow-Ufer. Als ich +aus dem hellen Tageslicht in das dunkle Zimmer trat, — die +Häuser hier traf nie ein Sonnenstrahl, — löste +sie sich langsam, wie ein Schatten, aus dem tiefen Stuhl, +in dem sie gesessen hatte. Ihre Hände nur leuchteten +weiß und überschlank aus dem schwarzen Ärmel des +Kleides. Sie war sehr verändert.</p> + +<p>Streifen weißen Haares zogen sich durch ihre blonden +Scheitel. Auf ihrem schmalen Gesicht wechselte fahle +Blässe mit fliegender Röte. Die Pupillen in ihren +Augen standen keinen Augenblick still. Ein Gefühl von +Zärtlichkeit überkam mich. Ich küßte ihre beiden Hände.</p> + +<p>»Es ist nicht leicht —,« sagte sie.</p> + +<p>»Was denn, Mamachen?« fragte ich so sanft, als hätte +ich eine Kranke vor mir.</p> + +<p>»Weißt du noch, wie ich Ilse die Stiefel zuschnürte, +als sie ein Kind war? Vor ihr auf den Knieen, — nur +damit sie sich nicht bücken sollte?« begann sie langsam, +traumverloren. »Dann pflegte ich ihren Mann zu +Tode, — und nun läßt mir die Angst keine Ruhe, daß +sie wieder in ihr Unglück rennt —« Sie ließ sich nicht +beruhigen. Es war, als ob eine fixe Idee sie beherrschte.</p> + +<p><a name="Page_441" id="Page_441"></a>Eines Abends schickte Ilse nach mir.</p> + +<p>»Um Gottes willen — rasch —,« rief sie mir schon +vor der Haustür entgegen, »ich fürchte mich so!« +Oben fand ich die Mutter im Bett zusammengekauert, +die Augen starr ins Wesenlose gerichtet. »Hans — Hans — tu +mir nichts!« wimmerte sie. »Du hast ja +mein Versprechen —« Und dann streckte sie wie lauschend +den Kopf vor. »Hier meine Hand darauf —« +flüsterte sie ruhiger werdend, und ihre weißen Finger +griffen in die leere Luft, um etwas zu umschließen, das +niemand sah als sie.</p> + +<p>Der Arzt erklärte ihren Zustand für Nervenüberreizung +und verlangte die Trennung von Mutter und +Tochter. Aber erst nach Wochen voller innerer und +äußerer Qualen ließ sie sich überreden, ohne Ilse nach +Montreux zu gehen. Ich hatte ihr versprechen müssen, +die Schwester zu mir zu nehmen, und sie selbst überwachte +noch ihre Übersiedlung in eine zufällig leere +Wohnung neben uns.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Es war um die Weihnachtszeit; jene Zeit voller +Geheimnisse und voller Freuden; jene Zeit, +die ein Gott der Liebe wirklich geweiht zu +haben scheint. Ich hatte dann immer alle Hände voll +zu tun. In den Laden gehen und kaufen, das kann +jeder, der einen vollen Beutel hat, auch im Alltag des +Jahres. Aber den Wünschen derer, die man liebt, +nachspüren, und sie mit eignen Händen zu erfüllen +suchen, das kann nur, wer Festtagsstimmung hat.</p> + +<p>Eine Götterburg baut' ich meinem Buben auf mit<a name="Page_442" id="Page_442"></a> +Wodan und Baldur, mit Loki im roten Feuerkleid und +den Walküren in Schwanengewändern. Stets fehlte +noch irgend was: ich mußte weit umherlaufen, um +die Silberflügel für die Helme der Schlachtjungfrauen +oder den goldenen Eber für Freyrs Wagen zu finden. +Und ich war so müde, so schrecklich müde! Es war, +als ob mein Körper täglich schwerer auf den Füßen +lastete. Endlich war alles fertig. Ich lag erschöpft +auf dem Sofa.</p> + +<p>Wie schwach mir war und wie glühend heiß dabei! +Mit einer letzten Kraftanstrengung schlich ich ins Schlafzimmer +und legte mir den Fieberthermometer unter den +Arm: 39½ — Ich rief nach Berta und schickte zum +Arzt. Dann wußte ich nichts mehr von mir.</p> + +<p>Erst allmählich sah ich schattenhaft Gestalten um mein +Bett — Heinrich — den Arzt — die Pflegerin in der +weißen Haube und — die Mutter! Wie hatte man +sie nur rufen können, die arme, kranke Frau?! Oder, — eiskalt +packte mich die Angst, — sollte ich sterben +müssen?! Ich durfte doch gar nicht! Ich mußte den +Weihnachtsbaum putzen für mein Kind! Unaufhaltsam +liefen mir die Tränen über die Wangen.</p> + +<p>Ich genas. Auf dem Sofa lag ich jetzt wieder, und +über meine Decke ließ Ottochen alle Götter und alle +Walküren reiten.</p> + +<p>»Wie kam es nur,« wandte ich mich zur Mutter, +die, noch schmaler geworden, im Stuhl neben mir +lehnte, »wie kam es nur, daß du so plötzlich hier +warst? Heinrich gab mir sein Wort, daß er dir nichts +von meiner Erkrankung geschrieben hat, — und Ilse auch.«</p> + +<p>Ein stilles Lächeln glitt über ihre Züge.</p> +<p><a name="Page_443" id="Page_443"></a></p> +<p>»Nein, niemand schrieb mir, — aber ich sah, daß der +Tod neben dir stand. Ihr mögt noch so sehr zerren +wie an einer Kette, das Band zwischen Mutter und +Kind ist stärker als Ihr.«</p> + +<p>Am nächsten Tage reiste sie ab. Sie hatte den alten +schwarzen Mantel an, den ich seit Jahren an ihr +kannte, und auf ihrem dunkelgrauen Hut saß ein kleiner +grünschillernder Käfer, — ich weiß noch alles ganz +genau. An der Tür zögerte sie und sah mich an, — mit +einem langen, langen Blick. Ich wollte mich aufrichten +und sie noch einmal umarmen. Aber ich war +viel zu schwach dazu.</p> + +<p>Acht Tage später war sie tot.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_444" id="Page_444"></a></p> +<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2> + + +<p>»Genosse Weber aus Frankfurt a. O. — meine +Frau.« Ich war gerade zur Türe eingetreten, +als Heinrich mir seinen Gast vorstellte, +einen kleinen lebhaften Menschen mit blanken, +braunen Augen und kahlem Schädel. Verwundert sah +ich von einem zum anderen: sie waren beide heiß und +rot vor Erregung.</p> + +<p>»Helfen Sie mir, Genossin Brandt,« sagte der +Fremde und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. +Komisch, was für einen breiten, nach außen +gebogenen Daumen er hat, wie bei der Spinnerin +im Märchen, dachte ich zerstreut, während meine Augen +gewohnheitsmäßig an seinen Händen hängen blieben.</p> + +<p>»Weber bietet mir die Kandidatur seines Wahlkreises +an,« erklärte Heinrich. Nun erst horchte ich auf.</p> + +<p>»Und er zögert, sie anzunehmen. Bringt lauter Wenn +und Aber vor. Und will Bedenkzeit. Als ob es jetzt +noch was zu bedenken gäbe! Jeder von uns muß ins +Geschirr, — so oder so,« rief unser Gast, und seine +Worte überstürzten sich vor Eifer. »Machen Sie kurzen +Prozeß, — schlagen Sie ein!«</p> + +<p>»Schade, daß Sie mich nicht brauchen können, — ich +täte es besinnungslos,« antwortete ich und legte meine<a name="Page_445" id="Page_445"></a> +Hand in die seine, die er noch vergeblich meinem Mann +entgegenstreckte. Weber hielt sie fest.</p> + +<p>»Ein Weib — ein Wort,« lachte er. »Sie sollen +sehen, wie wir Sie brauchen können, — zuerst müssen +Sie uns den Kandidaten und dann den Wahlkreis erobern +helfen!«</p> + +<p>Aber mein Mann blieb fest, trotz allen Zuredens.</p> + +<p>»In vierundzwanzig Stunden werden Sie meine Antwort +haben...« sagte er.</p> + +<p>Als Weber gegangen war, schalt er mich: »Du +bist unüberlegt wie ein Kind! Glaubst du, daß das +Archiv nicht sehr geschädigt wird, wenn ich für die +Partei kandidiere, oder gar als Mitglied der sozialdemokratischen +Fraktion in den Reichstag komme?!«</p> + +<p>Ich machte eine wegwerfende Bewegung: »Ach, — das +Archiv und immer das Archiv! Lindner wird sich +über kurz oder lang entscheiden müssen, und wenn du +erst eine ausgesprochen sozialistische Zeitschrift leitest, so +wird das auf das Archiv nicht anders wirken, als +wenn du Abgeordneter bist...«</p> + +<p>Einen Augenblick lang schwieg ich und sah ihn erwartungsvoll +an, aber er blieb am Schreibtisch sitzen +mit gesenkten Augen und zusammengekniffenen Lippen, +während seine Hand unruhig mit dem Bleistift spielte.</p> + +<p>»Heinz —,« fuhr ich mit weicherer Stimme fort, +»Heinz, das bist nicht du, den ich unschlüssig vor mir +sehe! Alle Wetterzeichen deuten auf einen großen Kampf, +und du könntest abseits bleiben, wenn man dich zu den +Waffen ruft?! Du, den ich liebe um seiner Kühnheit +willen, der all die tausend jämmerlichen Rücksichten des +Alltagsmenschen nicht kennt —«</p> +<p><a name="Page_446" id="Page_446"></a></p> +<p>»Ich sage dir, wie schon einmal, daß ich an euch zu +denken habe, an dich und das Kind,« unterbrach er +mich, aber seine Stimme hatte keinen Ton dabei.</p> + +<p>»Hat Romberg, der den Freien spielt und im Grunde +nichts ist als ein Philister, so viel Macht über dich?!« +antwortete ich heftig. »Soll auch für uns die Familie +der Götze sein, dessen Unersättlichkeit wir das Beste +opfern: unsere Freiheit, unsere Überzeugung, unser +Menschentum?! Sie wäre wert, daß wir sie zerstörten, +wie unsere Gegner es von uns behaupten, wenn dem +so wäre!«</p> + +<p>Heinrich erhob sich und reichte mir die Hand. Seine +Augen glänzten wieder. »Du bist mein tapferer Kamerad,« +sagte er, — nichts weiter. Und ich stellte keine +Frage mehr an ihn.</p> + +<p>Am nächsten Morgen gingen wir in den Reichstag. +Seit Wochen tobte hier der Kampf um den Zolltarif. +Mit eiserner Konferenz hatte die sozialdemokratische +Fraktion es bisher durchgesetzt, daß über jeden einzelnen +Zollsatz beraten und namentlich abgestimmt wurde. Wenn +sie die schließliche Annahme der Vorlage auch nicht verhindern +konnte, — sie hatte eine geschlossene Mehrheit +gegen sich; von den bürgerlichen Parteien wagte es nur +die kleine freisinnige Vereinigung unter Führung von +Theodor Barth mit ihr zusammen gegen die drohende +Verteuerung aller Lebensmittel Front zu machen —, so +wollte sie wenigstens nichts versäumen, um ihre Folgen +abzuschwächen, oder, — das war die Hoffnung der Optimisten +in ihrer Mitte, — die Entscheidung so lange +hinauszuschieben, bis die neu gewählten Volksvertreter +sie zu fällen haben würden. Sie wußten genau: wenn +<a name="Page_447" id="Page_447"></a>sie mit dem Zolltarif als Agitationsmittel vor die +Wählermassen treten könnten, so würde eine verstärkte +Opposition in den Reichstag zurückkehren. Aber ihre politischen +Gegner fürchteten diese Entwicklung der Dinge +ebenso sehr, als die Sozialdemokraten sie wünschten. Schon +hatten sie versucht, durch eine Umänderung der Geschäftsordnung +die Verhandlungen zu beschleunigen, — umsonst. +Die Sozialdemokraten begegneten ihnen mit +vier- und fünfstündigen Dauerreden, mit immer neuen +Anträgen. Die Empörung stieg bis zur Siedehitze. +Und jetzt, — darüber war kein Zweifel, — hatten die +Vertreter der Rechten und des Zentrums nach langwierigen +Beratungen ein Mittel gefunden, das den Einfluß +der Opposition endgültig lahmlegen sollte.</p> + +<p>In der langen grauen Wandelhalle, die der dunkle +Novembertag noch öder, noch farbloser erscheinen ließ, +warteten wir auf unsere Tribünenkarten. Abgeordnete +eilten an uns vorüber, in schwarzen Röcken oder in +Soutanen, schwere Mappen unter den Armen, mit +müden, überwachten Gesichtern, oder sie gingen flüsternd +zu zweien und blieben in den Ecken stehen, die Köpfe +zueinandergeneigt, wie Verschwörer. Erhob sich ihre +Stimme im Eifer des Gesprächs, so hallten abgerissene +Worte durch den hohen Raum und schwebten wie verirrt +in der Luft. Ein langsamer fester Schritt näherte +sich uns: Ignaz Auer.</p> + +<p>»Sie haben eine gute Nase, Genossin Brandt,« lachte +er, indem er uns kräftig die Hände schüttelte; »heute +platzt hier irgend eine Bombe. Und da müssen Sie +dabei sein, was?!« Er führte uns in den Wandelgang, +der den Sitzungssaal umschließt, und mit seinem +<a name="Page_448" id="Page_448"></a>weichen Teppich und seiner braunen Täfelung behaglich +gewirkt hätte, wenn nicht ein unaufhörliches hastiges +Hin und Her die Luft in ständiger nervöser Schwingung +erhalten hätte. Wir setzten uns.</p> + +<p>»Mir ist die Kandidatur für Frankfurt-Lebus angeboten +worden. Was halten Sie davon?« wandte sich +mein Mann an Auer. Der strich sich nachdenklich mit +der breiten Hand den Bart, während ein leiser Spott +seine Lippen kräuselte.</p> + +<p>»Also wieder ein Akademiker! Was werden unsere +Berliner sagen?! — Übrigens,« fügte er lauter hinzu, +»ich kenne den Wahlkreis: Äcker, nichts als Äcker, und +Bauern- und Rittergüter, wenig Industrie, — kurz, ein +böser Winkel.«</p> + +<p>»Aussichtslos?« fragte Heinrich.</p> + +<p>»Aussichtslos? Nein!« antwortete Auer. »Nur erleben +wir beide seine Eroberung nicht.« Ich biß mir +ärgerlich die Lippen, — ich hatte erwartet, daß er zureden +würde.</p> + +<p>Ein heller Glockenton klang durch das Haus. Die +Sitzung war eröffnet. Wir stiegen zur Tribüne hinauf. +Jeder Platz war besetzt. Gespannte Erwartung lag auf +allen Zügen. Man zeigte einander flüsternd die Hauptführer +im Kampf. Allmählich füllte sich unten der +Saal. Das gelbgraue Licht, das von den farblosen +Wänden und der tiefen Glasdecke ausstrahlte, ließ alle +Gesichter gleichmäßig fahl erscheinen.</p> + +<p>»Ein vornehmer Raum!« sagte eine Dame neben +mir. Daß man so oft für vornehm hält, was nur +kühl, nur leblos ist! Die Architekten öffentlicher Gebäude +sollten den psychologischen Einfluß der Farben +<a name="Page_449" id="Page_449"></a>auf die Menschen studieren. Vielleicht würden dann +manche Parlamentsverhandlungen und Gerichtsbeschlüsse +anders ausfallen.</p> + +<p>Hinter dem Rednerpult stand ein Abgeordneter, der +mit einförmiger Langsamkeit über die Petitionen zu den +Vieh- und Fleischzöllen berichtete. Niemand hörte auf +ihn. In Gruppen standen die Mitglieder der Rechten +und des Zentrums beieinander. Hier und da eilte einer +von ihnen zur Tür, um bald darauf achselzuckend +wiederzukommen. Irgend etwas sehnlich Erwartetes +fehlte. Die Linke nur saß scheinbar ruhig auf ihren +Plätzen, und auf dem Präsidentenstuhl lehnte Graf +Ballestrem in erzwungener Gelassenheit den weißen Kopf +an die hohe Lehne. Der Berichterstatter schloß. Graf +Ballestrem erhob sich: »Wir treten nunmehr in die Beratung +des Zolltarifs ein ...«</p> + +<p>In diesem Augenblick stieg Herr von Kardorff, der +greise Führer der Rechten, mit jugendlicher Elastizität +die Stufen zur Estrade empor. Ein weißes Papier +zitterte in seinen Händen. Die Stimme, mit der er +scharf und hell seine Worte in den Saal hinausstieß, +vibrierte:</p> + +<p>»In wenigen Minuten wird dem Hause ein Antrag +vorliegen, der dahin geht, in Paragraph 1 der Gesetzesvorlage +die Enbloc-Annahme des Zolltarifs auszusprechen ...«</p> + +<p>Ein Hohngelächter übertönte jedes weitere Wort. Die +Linke sprang auf und umdrängte die Estrade.</p> + +<p>»Eine Guillotinierung!« klang es aus dem schwarzen +Menschenknäuel.</p> + +<p>»Sie haben uns selbst auf diesen Weg gedrängt ...,<a name="Page_450" id="Page_450"></a>« +rief Kardorff. Er ballte die Faust um das weiße Papier, +reckte die überschlanke Gestalt hoch auf und maß +mit einem hochmütigen Blick die Gegner unter ihm.</p> + +<p>Man wartete auf die Verteilung des Antrages. Eine +lange, atemlose Pause. Endlich traten die Diener ein. +Man riß ihnen die bedruckten Blätter aus der Hand. +Dicht unter der Rednertribüne, auf der Kardorff noch +immer aushielt — gerade, starr, scheinbar gleichgültig —, +warf einer der Sozialdemokraten in fanatischem Zorn +das zusammengeballte Blatt zu Boden. Um den heftig +gestikulierenden Bebel sammelte sich die Linke.</p> + +<p>»Zur Geschäftsordnung!« rief Singers tiefe Stimme +immer wieder dem Präsidenten zu.</p> + +<p>Und dann sprach er. Aber durch den frenetischen +Beifall der Linken und die empörten Zwischenrufe der +Rechten und des Zentrums klangen nur abgerissene Sätze +zu den Tribünen empor.</p> + +<p>»... Dieser Antrag ist der Ausfluß des persönlichen +Interesses, welches die Herren Gesetzgeber an der Zolltarifvorlage +haben ... Sie fördern den Umsturz, Sie +propagieren die Revolution, indem Sie die Interessen +des Volkes mit Füßen treten... Neunhundert Positionen, +von denen jede einzelne die wirtschaftliche Existenz +Tausender bedroht, wollen Sie in einer Abstimmung zur +Entscheidung bringen ... Sie fürchten sich, die Beute +könnte Ihnen entgehen ... Sie sind die Schleppenträger +der Agrarier und die Regierung ist ...«</p> + +<p>»Ihr Zuhälter!« kreischte eine Stimme dazwischen.</p> + +<p>Der Präsident erhob sich und schwang die Glocke. +Aber das Wort saß fest; flüsternd ging es schon durch +die Menschenreihen auf den Tribünen.</p> + +<p><a name="Page_451" id="Page_451"></a>Noch einmal übertönte Singers Rede den Sturm im +Saal: »Mehr denn je wird das Recht der Minorität, +sich gegen Vergewaltigungen zu wehren, zur heiligen +Pflicht, wo es sich darum handelt, dem Volke ein Gesetz +zu ersparen, das es der Not ausliefert, während es +Ihre Taschen füllt ...«</p> + +<p>Seine Fraktionskollegen umringten den Redner; einen +Augenblick lang lag die Hand Theodor Barths in der +seinen.</p> + +<p>»Das Wort zur Geschäftsordnung hat der Herr Abgeordnete +von Kardorff.«</p> + +<p>Schon hatte sich Singer seinem Platz wieder zugewandt. +Wie er den Namen hörte, drehte er sich um und blieb +zwischen den Seinen stehen, groß, schwer, breitschultrig. +Über ihm auf einer der Stufen, die zur Estrade führten, +stand Bebel, die dunkelglühenden Augen fest auf den +Redner gerichtet, während seine Finger sich nervös bewegten, +sich spreizten und wieder zusammenzogen, als +prüften sie ihre Kraft.</p> + +<p>Ruhig, mit der ganzen Selbstbeherrschung des alten +Aristokraten, begann Kardorff zu sprechen: »Wir sind +der Überzeugung, daß der vorliegende Antrag das einzige +Mittel ist, um die Tarifvorlage, deren Erledigung +wir für ein großes vaterländisches Interesse halten ...«</p> + +<p>»Vaterländisch?!« fragte jemand ironisch; ein schallendes +Gelächter antwortete.</p> + +<p>Der Redner gab sich nicht die Mühe, den Lärm zu +überschreien. Gleichgültig sah er über die Menge hinweg +und wartete, bis der Präsident die Ruhe wieder +hergestellt hatte. Dann sprach er weiter, ohne die +Stimme zu erheben, ohne Pathos. Er gab sich nicht +<a name="Page_452" id="Page_452"></a>die Mühe, überzeugen zu wollen; in seiner ganzen Art +lag eine souveräne Verachtung des Gegners.</p> + +<p>»...Daß die Mehrheit wichtige Gesetzesvorlagen +auch gegen den Willen der Minorität durchsetzt, ist +eine grundlegende Forderung unseres konstitutionellen +Lebens...«</p> + +<p>Tosender Lärm unterbrach ihn. Aus dem dichtgedrängten +Haufen, der sich allmählich immer näher zur +Rednertribüne emporschob, erhoben sich geballte Fäuste. +»Räuber!« — »Taschendieb!« — »Volksverräter! —«, +wie Peitschenhiebe pfiff und sauste es durch die Luft. +Die Mitglieder der Rechten erhoben sich und besetzten +wie zum Schutz die andere Seite der Treppe. Kardorff +sprach weiter. Sein Gesicht war um einen Schein blasser +geworden, und seine schmalen Hände umklammerten krampfhaft +das Pult. Hier stand nicht mehr der einzelne, der +um einen momentanen Vorteil kämpft, — in diesem Mann +erhob sich vielmehr die alte Welt wider die neue und +umgab seinen scharf geschnittenen Aristokratenkopf mit +dem dunklen Glanz tragischer Größe.</p> + +<p>Als wir gingen, stritt man sich noch immer in endlosen +Reden über die Zulässigkeit des Antrags.</p> + +<p>»Acht Tage läßt sich die Sache wohl noch hinziehen,« +meinte einer unserer Reichstagsabgeordneten, den wir +in der Wandelhalle trafen, »dann ist der Zolltarif angenommen. +Ein Pyrrhussieg für die Rechte, — der +Nagel zum Sarg für die Nationalliberalen!«</p> + +<p>»Und hundert Mandate für uns!« fügte ein anderer +frohlockend hinzu; »das wird ein Wahlkampf werden, +der seinesgleichen nicht hatte!«</p> + +<p>In einem Kaffee der Potsdamerstraße erwartete uns<a name="Page_453" id="Page_453"></a> +Weber. Fragend sah er von einem zum anderen. Mein +Mann reichte ihm die Hand.</p> + +<p>»Hier haben Sie mich, wenn Sie noch mögen. Auer +sagt, wir würden die Eroberung von Frankfurt-Lebus +nicht erleben, — das gab den Ausschlag. Die gebratenen +Tauben, die in den Mund fliegen, schmecken mir +nicht. Wir wollen uns zusammen ein Wild erjagen.«</p> + +<p>Wir blieben noch lange beieinander. Weber erzählte +von seinem eigenen Leben: wie er als armer Schustergeselle +in die Welt hinausgewandert war, sich schließlich +seßhaft gemacht hatte und anfing, sich emporzuarbeiten.</p> + +<p>»Eine verbissene Zähigkeit gehört dazu, wenn's gelingen +soll,« meinte er, »dieselbe Zähigkeit, die wir +haben müssen, soll die Partei vom Flecke kommen. Nur +ein paar solcher Genossen haben wir in Frankfurt, die +seit Jahren den steinigen Boden beackern, unermüdlich, +in täglicher Kleinarbeit, gegen den Haß und die Verfolgungssucht +des ganzen bourgeoisen Klüngels, — und +doch sind wir ein gut Stück weitergekommen. Seit +zwanzig Jahren schau ich mir die alte rote Fahne an, +die seit dem ersten Lassalleschen Arbeiterverein eingerollt +im Winkel steht. Der schönste Tag meines Lebens wär's, +wenn ich sie einmal flattern sehen könnte!« Und mit dem +breiten Schusterdaumen wischte er sich einen feuchten +Tropfen aus dem Augenwinkel.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_454" id="Page_454"></a></p> + +<p>Mit jedem neuen Tage wurde der Kampf im +Reichstage brutaler; selbst die politisch Gleichgültigen +wurden aufgerüttelt und verfolgten +ihn mit gespannter Aufmerksamkeit. Durch Nachtsitzungen +versuchte die Mehrheit die Kraft der Minderheit zu erschöpfen, +aber mit trotziger Ausdauer hielt sie stand, +und schob die Entscheidung durch endlose Reden immer +wieder auf Tage und Stunden hinaus. Der gegenseitige +Haß zerriß in zügelloser Leidenschaft alle Bande +äußerer Gesittung. Konservative Abgeordnete bezeichneten +die Arbeiter Berlins, die in riesigen Versammlungen +gegen den Umsturz der Geschäftsordnung durch +den Antrag Kardorff protestierten, als »skrophulöses +Gesindel«, und ihre Presse forderte von der Regierung: +»der Bestie den Zaum anzulegen«. Die »Bestie« blieb +ihre Antwort nicht schuldig. Die größten Säle der +Millionenstadt konnten die Menge nicht fassen, die +nichts mehr war, als ein Wille: nieder mit der Reaktion! +und eine Hoffnung: der Rachefeldzug der +nächsten Wahlen. Und mehr und mehr tauchten Menschen +in den Versammlungen auf, die nicht zum Proletariat +gehörten. Bewunderung für die wilde Energie der +kleinen Schar Belagerter riß so manchen aus dem politischen +Schlummer, und der Groll führte andere hierher; +sie fühlten ihre liberalen Interessen durch ihre eigenen +Vertreter im Reichstag — die Bassermann, die Richter — schmählich +verraten. Zu früh vernarbte Wunden +brachen auf: die Erinnerung an die Lex Heinze erwachte, +durch die Kunst und Wissenschaft tödlich getroffen worden +wären, wenn die Roten im Reichstag sie nicht so wütend +<a name="Page_455" id="Page_455"></a>verteidigt hätten; und die Rede des Kaisers klang lauter, +als da sie gehalten wurde, in die Ohren derer, die sich +bisher vom Getümmel der Schlacht scheu vor ihre Staffelei +und ihren Schreibtisch zurückgezogen hatten. »Eine Kunst, +die sich über die von mir bezeichneten Gesetze und Schranken +hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr,« hatte er angesichts der +vollendeten Standbilder in der Siegesallee erklärt, und +die großen Eroberungen neuer künstlerischer Möglichkeiten, +wie sie denen um Manet und van Gogh, um +Liebermann und Klinger gelungen waren, als ein Niedersteigen +in den Rinnstein bezeichnet. Jetzt rötete das Schamgefühl +manchem die Wangen, der den Streich ruhig empfangen +hatte. »Wahrlich, es gilt mehr als den Zolltarif,« +sagte mir einer aus dem Kreise der Sezession, »es gilt +die Verteidigung der ganzen modernen Entwicklung. +Wenn es zu diesem Ende nichts anderes gibt, als den +Stimmzettel, so werden auch wir uns seiner zu bedienen +wissen.« Eine Revolte der Intellektuellen stand bevor, +und im stillen hoffte ich wieder, daß sie zu einer Revolutionierung +der Geister führen würde.</p> + +<p>Aber auch die Gegner außerhalb des Reichstages +rüsteten sich schon für die kommenden Wahlen. Was +der Adel Preußens vor zwanzig Jahren noch für unmöglich +gehalten hatte, das geschah. Junker und Fabrikant +vereinigten sich, da der gemeinsame Feind drohte: +die Sozialdemokratie. Und der Kaiser selbst wurde in +diesem Kampf der erste Agitator: »Zerreißt das Tischtuch +zwischen Euch und diesen Leuten, die Euch aufhetzen +gegen Thron und Altar, um Euch zugleich auf das rücksichtsloseste +auszubeuten und zu knechten —;« wie auf +Windesflügeln durcheilten diese seine Worte, die er an +<a name="Page_456" id="Page_456"></a>eine Deputation von Arbeitern gerichtet hatte, das Reich, +denn jeder Sozialdemokrat trug sie weiter. Und lauter, +immer lauter wurde der Groll: »Wer anders beutet uns +aus als die Zollwucherer, die uns das Fleisch vom Tisch +nehmen und das Brot verteuern? Wer anders knechtet uns +als die Stützen von Thron und Altar, die das Joch +der Fronarbeit auf unsere Schultern laden?«</p> + +<p>Während die Folgen der schweren Krankheit mir die +agitatorische Tätigkeit noch unmöglich machten, stand +mein Mann schon mitten im Wahlkampf. Er kam jedesmal +hoffnungsvoller wieder, denn an der neuen Aufgabe +wuchs seine Energie. Ich benutzte die Stunden der +Alleinherrschaft über unseren Schreibtisch zur Abfassung +einer Agitationsbroschüre, in der ich die politische Situation +vom Standpunkt der Frau aus beleuchtete. Für +den kommenden Wahlkampf sollte sie die Arbeiterinnen +aufklären, anfeuern, mit Waffen versehen. Das Häuflein +ihrer offiziellen Vertreterinnen hatte mich zwar hinausgeworfen, +aber Hunderttausende gab es, zu denen +ich sprechen konnte.</p> + +<p>»Jetzt mache ich auch mit Lindner kurzen Prozeß,« +sagte Heinrich eines Abends, als er eben von Frankfurt +zurückkehrte. »Gehen wir aus dem Wahlkampf in der +Stärke hervor, wie wir es hoffen dürfen, so treten die +Aufgaben praktischer Politik mit zwingender Notwendigkeit +an uns heran, und meine Zeitschrift hat einen +Wirkungskreis ohnegleichen ...«</p> + +<p>Lindner kam. Mit Wünschen und Hoffnungen und +ohne Entschlossenheit, wie immer.</p> + +<p>»Sie haben mich lange genug genarrt,« fuhr ihn +Heinrich an; »im Vertrauen auf Sie habe ich gewartet +<a name="Page_457" id="Page_457"></a>und immer wieder gewartet. Nun aber verlange ich +ein Ja oder Nein.«</p> + +<p>Lindners schmale Gestalt sank förmlich in sich selbst +zusammen. Halb verlegen, halb gekränkt versprach er +eine rasche Entscheidung.</p> + +<p>»Wie kannst du nur!« rief ich, als die Türe sich +hinter ihm schloß. »Nun wird er ganz gewiß zurücktreten!«</p> + +<p>»Und wenn schon!« lachte Heinrich fröhlich, »glaubst +du, die Zeitschrift hinge von ihm allein ab?«</p> + +<p>Drei Tage später war der Vertrag abgeschlossen, die +Zeitschrift gesichert. Lindner schien umgewandelt; die +Aufgabe, die er vor sich sah, wirkte auf ihn wie Morphium +auf Hysterische: sie gab ihm Kraft, Tatendurst, +Selbstbewußtsein.</p> + +<p>»Nun fehlt nur noch die notarielle Beglaubigung,« +sagte er, nachdem er seinen Namen unter das Schriftstück +gesetzt hatte, »und morgen kann die Arbeit losgehen!«</p> + +<p>Mein Mann legte ihm die Hand mit einer bevormundenden +Bewegung auf den Arm: »Arbeiten müssen +wir tüchtig, alle drei, aber über den geeigneten Zeitpunkt +des Erscheinens wollen wir noch andere hören. +Und eine notarielle Beglaubigung?« — Er lachte — »Ich +denke, solche Scherze schenken wir uns. Unser Wort +genügt, auch wenn wir es nicht schriftlich gegeben +hätten.«</p> + +<p>An einem der nächsten Abende folgten die Führer der +Revisionisten unserer Einladung. Wie zu einem Feste +hatte ich unser Zimmer geschmückt und unsere Tafel bereitet. +Und festlich war mir zumute, — wie den Soldaten +nach der Kriegserklärung. Die frankfurter Fahne +<a name="Page_458" id="Page_458"></a>fiel mir ein, die eingerollt im Winkel stand, — eine +im Sturme immer voran flatternde sollte unsere Zeitschrift +werden!</p> + +<p>Unsere Gäste gratulierten uns, — aber sie hatten doch +viel Bedenken, ob unser Plan durchführbar sei. Sie +anerkannten die Wichtigkeit der Aufgabe, die wir uns +gestellt hatten, — aber an der Stärke der Wirkung +zweifelten sie. Ihre rege Mitarbeit versprachen alle, — aber +ohne den Enthusiasmus für die Sache, den ich +erwartet hatte. Der Name der Zeitschrift wurde bestimmt: +Die Neue Gesellschaft; die Zeit ihres Erscheinens +wurde festgesetzt: nach den Wahlen, nach dem +Parteitag. — Es war eine nützliche und verständige Besprechung, +die wir hatten, aber wir feierten kein Fest. +Die vielen Blumen auf meinem Tisch taten mir leid.</p> + +<p>Was ich schon oft empfunden hatte, das verstärkte +sich jetzt: der Revisionismus besaß den Verstand und die +Einsicht des Alters, das Feuer der Jugend war ihm +jedoch darüber verloren gegangen. Wer aber die Zukunft +erobern will, der muß es erhalten, muß es mit +seiner Liebe, seinem Haß, seiner Hoffnung nähren, damit +es weithin leuchtet und wärmt, und die Fackeln +derer, die ihm folgen, sich daran entzünden können.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>An einem frühen Märzmorgen des Jahres 1903 +war ich zu meiner ersten Wahlagitation von +Berlin weggefahren, das grau und grämlich, +jenseits aller Jahreszeit, den Schlaf noch in den Augen +hatte. In Gusow verließ ich den Zug. Auf dem Bahnsteig +stand ein Mann, die Schirmmütze keck auf ein<a name="Page_459" id="Page_459"></a> +Ohr gezogen, eine Nummer unserer märkischen Parteizeitung +in der Hand — unser Erkennungszeichen. Er +lachte mich fröhlich an.</p> + +<p>»Ich bin der Jenosse Merten,« sagte er. »So was +war noch nich da in Jusow und Platkow. Alles, aber +auch alles lauert auf Ihnen —«</p> + +<p>Wir stiegen in ein klappriges Wägelchen und fuhren +zwischen Weiden und Erlen die Straße hinauf. Überrascht +sah ich um mich. Ich hatte es gar nicht gewußt, +daß es schon Frühling geworden war!</p> + +<p>»Welch eine Luft!« sagte ich mit tiefen Atemzügen.</p> + +<p>»Nich war, jut ist sie!« antwortete mein Begleiter +mit einem Stolz, als wäre sie sein eigenstes Werk. +»Wenn die nich wäre, wir gingen längst auf und davon. +Aber wenn wir — meine Kollegen und ich — Sonnabends +von der Arbeet aus Berlin nach Hause +fahren und unsere Kinder kommen uns entgegen, nich +so blaß und dünn wie die berliner Jöhren, und wir +können im Jarten in der Laube sitzen, an unserem +eigenen Jemüse rumpusseln und an unseren Obstbäumen, — dann +vergessen wir gern die Plackerei der ganzen +Woche.« Wir begegneten vielen Fußgängern. Er grüßte +nach rechts und links. »Kommst du ooch nach Platkow?« +redete er sie an.</p> + +<p>»Jawoll —« »Natierlich,« riefen sie.</p> + +<p>»Sind das alles Maurer? fragte ich.</p> + +<p>»Wo denken Sie hin,« antwortete er, »da sind Landarbeeter +mang, sogar Bauern. Heute kommt alles zu uns. +Die haben ja nie in ihrem Leben 'ne Frau reden jehört.«</p> + +<p>Mitten auf der Straße, wo die Aussicht am freiesten +war, ließ er den kräftigen Braunen halten.</p> +<p><a name="Page_460" id="Page_460"></a></p> +<p>»Das ist das Oderbruch,« erklärte er und wies nach +links, wo sich das Land weit, endlos weit in der Ferne +verlor, und darauf verstreut, wie Spielzeug, zwischen +knorrigen Bäumen, rotbedachte Häuschen und Kirchen +mit breiten Türmen hervorsahen. Blaßblau, wie von +durchsichtigem Kristall, wölbte sich die Himmelsglocke +über der Ebene. Aus den dunkeln Ackerfurchen stieg +lebenverkündend ein würziger Geruch. Vergessene Geschichten +fielen mir ein: vom alten Fritz, der dies fruchtbare +Land dem Wasser abgetrotzt hatte, von all den +märkischen Junkern, den Itzenplitz, den Marwitz, den +Finkenstein, die hier ringsum seit Generationen die +Herren waren. Mein Begleiter zeigte nach rechts, wo +der Boden sich hob und Wälder den Horizont begrenzten.</p> + +<p>»Hier oben sind die Rittergüter, da sitzen lauter +Agrarier, — unsere ärgsten Feinde,« erzählte er. »Die +sind schlau gewesen, von Anfang an. Haben sich die +guten Stellen gesichert, wo das Wasser sie nicht erreichen +konnte; während die Bauern unten alljährlich drauf +gefaßt sein mußten, daß es ihre arme Kate davontrug. +Sie kennen doch die Jeschichte, die unsere Kinder in +der Schule lernen müssen: ›Hier habe ich in Frieden +eine Provinz erobert,‹ soll König Friedrich gesagt haben, +als er mal hier in die Jegend kam. So'n Mumpitz! +Als ob es nich arme Luders wie wir gewesen wären, +die die Kanäle gruben und die Dämme aufwarfen!«</p> + +<p>»Aber den Gedanken hat doch der König gehabt,« +meinte ich.</p> + +<p>Ein mißtrauischer Blick streifte mich. »Für'n König +mag das freilich ooch schon 'ne Anstrengung gewesen +sein!« spottete er.</p> + +<p><a name="Page_461" id="Page_461"></a>Eine breite Kastanienallee führte in das Dorf Gusow. +Einstöckige Häuser, mit weißen Vorhängen an blanken +Fenstern, umgaben in weitem Bogen den Dorfteich, +seitwärts öffnete sich der kiesbestreute Weg zum Schloß, +dem einstigen Besitztum des alten Derfflinger, und zur +Kirche, unter deren Altar seine Gebeine ruhten. Mein +Begleiter sah nach der Uhr.</p> + +<p>»Was meinen Sie, wenn wir zu Fuß durch den Park +gingen? Sie glauben nich, wie schön der ist!« Dabei +bekam sein breites Gesicht einen fast schwärmerischen +Ausdruck.</p> + +<p>An dem stillen Schloß vorbei betraten wir den Park. +Weite Rasenflächen dehnten sich vor der Terrasse, mit +einem lichten Schimmer jungen Grüns überzogen. Zu +Füßen uralter Eichen, die schwarz gegen den hellen +Himmel standen, guckten Schneeglöckchen neugierig aus +der Erde hervor und Krokusblüten schlugen verwundert +ihre blauen Augen auf. Ein schmaler Pfad +wand sich zwischen hohem Gebüsch, das plötzlich zur +Seite wich, um dem Wunder fremdartig märchenhafter +Bäume Platz zu machen; grau schimmerten ihre Stämme +wie Granit, und graue Wurzeln krochen knorrig über +das dunkle Moos des Bodens.</p> + +<p>»Zedern sind es,« sagte mein Begleiter, »Zedern vom +Libanon;« und blickte bewundernd auf den Traum des +Südens. Über uns in den Kronen der Bäume brauste +der Frühlingssturm. Nach seiner Melodie wiegten sich +schlanke Birken, und krachend splitterten von Eichen und +Linden die dürren Äste.</p> + +<p>Mein Begleiter kannte jeden Platz im Park und +jede Pflanze, — mit scheuer Zärtlichkeit strichen seine +<a name="Page_462" id="Page_462"></a>rissigen Hände über die ersten kleinen Knöspchen an den +Sträuchern.</p> + +<p>»Daß Sie in der Stadt arbeiten, wo Sie das Land +so lieben!« staunte ich.</p> + +<p>Er schüttelte sich: »Landarbeeter?! Nee! Das is +nischt for unsereens!«</p> + +<p>Wir näherten uns Platkow, dem nahen Ziel unserer +Fahrt.</p> + +<p>»Sehen Se mal hier die wackeligen Buden an,« sagte +Merten, »Strohdächer, — Fenster, wie Mauselöcher, +Türen, daß sich ein ordentlicher Mann bücken muß, — wahrscheinlich, +damit man's nich verlernt! Nischt +als Leisetreter gab's hier, die die Mütze bis auf die +Erde zogen, wenn die herrschaftliche Kutsche sie mit +Dreck bespritzte! Aber nu wird's anders, sage ich +Ihnen, janz anders —« dabei strahlte er förmlich — »sehen +Sie dort, das Weiße, das ist unser <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Gewerkschafshaus'">Gewerkschaftshaus</ins>!«</p> + +<p>Mitten in diesem agrarischen Winkel, der der Agitation +der Partei so gut wie unzugänglich gewesen war, +weil kein Lokal ihren Versammlungen zur Verfügung +stand, hatten die Bauarbeiter sich ihr eigenes Haus errichtet. +Die Ortspolizei verweigerte ihnen zwar die +Schankkonzession, aber sie hatten ein Dach über dem +Kopf, einen freien Raum zu freier Rede.</p> + +<p>»Sie hätten die Bauern sehen sollen, wie unser Haus +eins — zwei — drei, haste nich jesehn! aus der Sandkule +herauswuchs!« erzählte Merten. »Wir hatten ja +nur Sonntags Zeit zur Arbeet, aber die Steene flogen +man so. An eenem Sonntag in aller Frühe, als sie +nach Jusow zur Kirche fuhren, fingen wir zu buddeln +<a name="Page_463" id="Page_463"></a>an, und als sie nach dem letzten Amen wieder vorbeikamen, +sahen die Mauern schon aus der Erde!«</p> + +<p>Der Wagen hielt. Der ganze Platz stand voll +Menschen. Sie schoben sich hinter mir in den kleinen +Saal; auf den Bänken an den Wänden saßen schon +die Frauen mit heißen Gesichtern.</p> + +<p>Ich sprach vom Sturm, der draußen den Staub von +den Dächern fegte und alles Morsche zu Boden riß. Und +von dem Sturm des Sozialismus. Ich schilderte die politische +Lage Deutschlands und zählte die Sünden der Regierung +und der Reichstagsmehrheit auf vom Zuchthauskurs +bis zum Zollraub, ich erzählte von den Milliarden, die +dem armen Mann in Gestalt von indirekten Steuern, +Zöllen und Liebesgaben aus dem schmalen Beutel gezogen +werden, während sein Weib daheim im kleinen Haushalt +seufzend mit jedem Pfennig rechnen muß. An der +Hand der Untersuchungen bürgerlicher Gelehrter wies +ich nach, wie die Verteuerung der Lebensmittel auf die +Steigerung des Alkoholismus, der Kriminalität, der +Lungentuberkulose wirkt. Ich zog die ärztlichen Forschungen +heran, um zu zeigen, wie ganze Volkskreise +entarten, wenn die Ernährung eine unzureichende ist: +»Schwächerer Wille, schneller versagende Aufmerksamkeit, +raschere Erschöpfung sind die Folgen einer Politik, die +das Wohl des Volks, die Liebe zum Vaterland ständig +im Munde führt, in der Tat aber die Leistungsfähigkeit +der Arbeiter untergräbt, und unsere Stellung +auf dem Weltmarkt erschüttert. Die wirtschaftliche +Krise, unter der wir alle leiden, die Zunahme der +Arbeitslosigkeit mit ihrem Gefolge von Kinderjammer +und Frauenausbeutung sind ein Beweis dafür. Keine<a name="Page_464" id="Page_464"></a> +›gepanzerte Faust‹ kann uns davor retten ... Einmal +im Laufe von fünf Jahren ist es jedem Deutschen vergönnt, +Urteil zu sprechen über die, die sein Schicksal +sind. Des Volkes Not und Unterdrückung liegt auf +der einen Schale der Wage, des Volkes Glück und +Freiheit auf der anderen. Wir, die ›Vaterlandslosen‹, +wir, die ›Elenden‹, wir, die ›Rotte von Menschen, nicht +wert, den Namen Deutsche zu tragen‹, machen unser +Urteil davon abhängig, welche Seite der Wage schwerer +wiegt ...«</p> + +<p>Man hatte mir bewegungslos zugehört, die Frauen, +mit den Händen gefaltet im Schoß, die Männer, ohne +den Blick von mir zu wenden. Nur hie und da sah +ich ein zustimmendes Nicken. Das Volk dieser kargen +Erde trug sein Herz nicht auf den Lippen und wußte +nichts von der Reaktion empfindlicher Nerven, worin +oft der ganze Beifall des Städters besteht. Aber nachher, +als ich nicht mehr über ihnen stand, ging ein +Fragen und Erzählen an, das mehr als jedes Händeklatschen +bewies, wie jedes Wort vom durstenden Boden +ihres Innern aufgenommen worden war. Freilich: im +engsten Kreise eigenen Lebens drehten sich ihre Interessen, +aber ein jeder umschloß das große Leid der Welt.</p> + +<p>Ich wurde in Arbeiterhäuser geführt: so klein, so arm, +so eng. »Und hier is doch so ville Sand, auf dem jut +noch zehn Häuser stehen könnten!«</p> + +<p>Sie zeigten mir das Armenhaus: in einem winzigen +Raum hauste ein uraltes Paar mit vier kleinen Enkelkindern. +Das einzige Bett nahm fast die Hälfte der +Stube ein.</p> + +<p>»Immer, von kleen auf, haben wir hier uf'n Jut je<a name="Page_465" id="Page_465"></a>arbeetet,« +sagte der Mann, eine zusammengeschrumpfte +Gestalt mit einem kleinen braunen Gesicht wie eine +Wurzelknolle, »nu essen wir's Jnadenbrot —,« dabei +kicherte er halb verlegen, halb höhnisch. »Det Schloß +aber, det hat woll an die fufzich leere Zimmer ...«</p> + +<p>Wir gingen durch das nachtdunkle Dorf zum Bahnhof. +Einer, der jüngste der Schar, begann mit heller +Stimme zu singen. Allmählich fielen die anderen ein. +Die Türen der Häuser, an denen wir vorüberkamen, +öffneten sich. Einige der Bewohner traten neugierig +bis zur Schwelle. Andere lockte das Lied und die feuchtwarme +Märznacht, — sie folgten uns. Und so ging +es im Takt auf die Straße hinaus und immer, immer +länger wurde der Zug singender Menschen.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat,<br /></span> +<span class="i0">Die wir von Gottes Zorne sind, — das Proletariat — das Proletariat —«<br /></span> +</div></div> + +<p>klang es schmetternd hin über das schlafende Bruch.</p> + +<p>Allmählich, je mehr ich dem Land und seinen Bewohnern +nähertrat, gewann ich es lieb, und die +weite Ebene enthüllte mir all ihre verborgene Schönheit, +und die Menschen ihr weiches, trotziges Herz. Sie +fühlten noch nicht die Distanz zwischen sich und mir, +darum begegnete mir nirgends Neid oder Mißtrauen. +Fingen sie doch kaum an, das Allerhandgreiflichste zu +empfinden: wie etwa den Gegensatz ihrer Hütte zum +Herrschaftsschloß. Und gerade an diesem Punkt ihres +Wesens sah ich, wo ich eingreifen mußte.</p> + +<p>»Wer andere Zustände schaffen soll, muß doch erst +den Druck der eigenen empfinden lernen,« sagte ich zu<a name="Page_466" id="Page_466"></a> +Romberg, der mir meine agitatorische Tätigkeit durchaus +verleiden wollte.</p> + +<p>»Ich kann Sie mir nun einmal nicht vorstellen, in +einer Dorfkneipe Unzufriedenheit predigend,« antwortete +er ärgerlich.</p> + +<p>»So überzeugen Sie sich durch eignen Augenschein, +daß ich es kann,« meinte ich. Auf meiner nächsten +Fahrt kam er mit. Diesmal war es ein Leiterwagen, +der uns in strömendem Regen über aufgeweichte Landwege +nach einem kleinen Dörfchen fuhr, Lehmannshöfel +mit Namen.</p> + +<p>»Wie wird's mit unserer Versammlung bei dem +Wetter?« fragte ich den alten Genossen, der uns an +der Bahn empfangen hatte.</p> + +<p>»Jut, — sehr jut,« entgegnete er. »Was unser oller +Pfarrer is, der hat vorichte Woche die Weiber ufjehetzt. +Sie sollten man bloß nich in die Versammlung jehn, +hat er jesagt, so wat jinge sie jar nischt an, am wenichsten, +wenn 'ne Frau reden tut, die lieber zu Haus +det Mittagbrot kochen und mit die Kinder beten sollte. +Nu können Se sich denken, daß se justament in die Versammlung +jehn. Proppenvoll war's schonst heut morjen.«</p> + +<p>Radfahrer begegneten uns, von oben bis unten bespritzt, +Fußgänger mit aufgeweichten Sohlen, denen das +Wasser von der Mütze tropfte. Wir luden auf, so viel +der Wagen fassen konnte. Seit dem Morgengrauen +hatten sie Flugblätter ausgetragen. Voll guten Humors +erzählten sie ihre Abenteuer. Auf manchem Hof hatten +sie über Zäune klettern müssen, weil das Tor vor ihnen +verschlossen wurde; der eine war als reisender Handwerksbursche +bis in die Gesindestuben der Rittergüter +<a name="Page_467" id="Page_467"></a>vorgedrungen, der andere hatte mit demütigem Gesicht, +als wär's ein Traktätchen, den Kirchgängern die Zettel +in die Hand gedrückt; im Vorübersausen hatte der Radler +sie geschickt durch offene Türen und Fenster geworfen.</p> + +<p>In der Wirtsstube von Lehmannshöfel glühte der +eiserne Ofen. Nasse Mäntel und Stiefel trockneten +daran. Tabaksqualm zog in schweren Schwaden an +der niedrigen Decke. Mein Platz war mit Kiefernzweigen +umwunden. Vor mir auf dem Tisch standen +rechts und links zwei Blumensträuße in flachen weißen +Papiermanschetten.</p> + +<p>»Von den Tagelöhnerinnen aufs Jut —,« erklärte +dunkel errötend ein junges Mädchen, das als letzten +Rest der alten Tracht die strohblonden Flechten unter +dem schwarzseidenen Kopftuch verborgen hatte. Wie in +der Kirche saßen die Leute vor mir: rechts die Männer, +links die Frauen, — lauter Gesichter, in die kein anderer +Gedanke als der an die nächste Not des Daseins seine +Zeichen gegraben hatte. Noch nie war eine Versammlung +hier gewesen. Ob ich den Ton finden würde, +der zu ihnen drang? Ich erzählte von ihrem eigenen +Dasein, wie es in ewigem Gleichmaß dahinfließt, nach +der alten eintönigen Melodie: Leben, um zu arbeiten, +arbeiten, um wieder leben zu können. Wie Freude für +sie nur ein kurzer Rausch ist mit bösem Erwachen — ein +Alkoholrausch, ein Liebesrausch — und die Sorgen +allein sie nie verlassen. Wie die Welt voll Glanz und +Schönheit ist; wie das größte und schönste, was die +Menschheit in Jahrhunderten gedacht und empfunden, +in Tausenden von Büchern und Statuen und Bildern +aufbewahrt wurde für ihre Nachkommen. »Aber eine<a name="Page_468" id="Page_468"></a> +Mauer baute man ringsum, und nur wer den goldenen +Zauberstab besitzt, dem öffnet sich die Pforte ...«</p> + +<p>Ein junger Mann, der ein bißchen stumpfsinnig vor +mir gesessen hatte, sah plötzlich auf — mit ein paar +Augen, in deren Tiefe die Sehnsucht flammte.</p> + +<p>»Das Kind der armen Tagelöhnerin hat vielleicht +die Seele eines Dichters, — mit vierzehn Jahren schon +muß es Kartoffeln buddeln und Rüben ziehen, und die +Arbeit tritt mit ihren eisenbeschlagenen Füßen seine +Seele tot ...«</p> + +<p>An der Tür drüben sah ich ein altes Mütterchen, +das den weißen Kopf schluchzend in den knochigen Händen +vergrub.</p> + +<p>»Für diese Welt ist Armut ein Verbrechen, das mit +lebenslänglicher Zwangsarbeit bestraft wird ... Tränen +darüber sind genug vergossen worden. Vor lauter +Jammern haben wir das Handeln vergessen. Von der +Kanzel herab haben sie gepredigt, daß die Ergebung in +das Geschick eine Tugend ist. Ich sage Euch, sie ist ein +Laster. Denn an all dem Elend in der Welt sind wir +schuld, — wir mit unserer Demut, unserer Unterwürfigkeit, +unserer Trägheit ... Jeder Blick in das bleiche +Gesichtchen ihres Lieblings, jede jammernde Bitte um +Nahrung sollte der Frau nicht Tränen fruchtlosen Leids +erpressen, sondern sie anspornen, ihrem Kind die Zukunft +erobern zu helfen ... Wo die Mutter unfrei und +furchtsam ist, wächst ein Geschlecht von Knechten mit +knechtischer Gesinnung empor, und der Wert einer +Mutter wird in Zukunft nicht blos daran gemessen +werden, ob sie ihre Kinder gewaschen, gekleidet und +genährt hat, sondern ob sie sie zu Kämpfern erzog +<a name="Page_469" id="Page_469"></a>und ihnen mit dem Vorbild tatkräftiger Begeisterung +voranging.«</p> + +<p>An Beispielen des täglichen Lebens suchte ich ihnen +klar zu machen, wie jeder Einzelne, auch der Bescheidenste, +an dem großen Befreiungsfeldzug des Sozialismus +teilnehmen kann, wie er nie zum Ziele führen +würde ohne die Arbeit des einzelnen. Mir war, als +hörte ich die Atemzüge der Menschen vor mir und ihre +Seufzer. O, daß ich sie doch ins Herz getroffen hätte!</p> + +<p>Feuchte Nebel hingen wie lange Trauerschleier über +den Feldern. Wir fuhren stumm zurück. Frostgeschüttelt +lehnte ich mich in die Kissen, als wir endlich den Zug +nach Berlin bestiegen hatten.</p> + +<p>»Wie Sie das verantworten können!« brach Romberg +los, der bis dahin kein Wort gesprochen und den +armen Leuten, zwischen denen er gesessen hatte, sein +Unbehagen so deutlich fühlen ließ, daß ich schon bedauerte, +ihn mitgenommen zu haben. Jetzt fuhr ich aus +dem Halbschlaf auf.</p> + +<p>»Ich verstehe Sie nicht!« sagte ich.</p> + +<p>»Um so schlimmer!« rief er. »Sie nehmen diesen +Menschen das einzige, was sie besitzen, was ihnen das +Leben erträglich machte: ihre Unwissenheit, ihren Stumpfsinn, — ohne +ihnen irgend etwas dafür geben zu können.«</p> + +<p>»Wie, das Erwachen aus der Lethargie wäre nichts?!« +entgegnete ich heftig. »Sich durch die Teilnahme an dem +Befreiungswerk der Klassengenossen über sich selbst und +sein kleines Schicksal hinauszuheben, — das wäre nichts?! +Von Ihnen hörte ich zuerst das Wort von der Politik +der Starken. Das ist mein Leitmotiv. Ohne die Disharmonien +des aufwühlenden Schmerzes, ohne die Grau<a name="Page_470" id="Page_470"></a>samkeit +der Erkenntnis gibt es nicht den starken Akkord +ihrer Lösung.«</p> + +<p>»Und wie steht's mit denen, die daran zugrunde gehen?!«</p> + +<p>»Sie wären auch am Leben zugrunde gegangen!«</p> + +<p>Mit einem fremden Blick, der mir zu meinem eigenen +Erstaunen wehe tat, streifte er mich.</p> + +<p>»Ist Weichheit und Schwäche auch für Sie noch ein +Attribut der Weiblichkeit?« fragte ich, und das Herz +klopfte mir, als fürchtete ich die Antwort.</p> + +<p>»Ich weiß selbst nicht recht —,« meinte er zögernd. +»Aber daran soll unsere Freundschaft nicht Schiffbruch +leiden.«</p> + +<p>»Haben Sie gar keine Zeit mehr für mich?« fing er +nach einer Pause wieder zu sprechen an, als der Zug +sich Berlin schon näherte. Ich sah auf. »Ich möchte, +daß Sie wenigstens zwischendurch wieder ein Kulturmensch +werden!«</p> + +<p>Ohne rechte Lust, nur um ihn nicht wieder zu verletzen, +versprach ich ihm, mich am nächsten Tag seiner Führung +zur »Kultur« anzuvertrauen. Am Bahnhof empfing uns +Heinrich, der eine Stunde früher aus einer anderen +Gegend seines Wahlkreises zurückgekehrt war. Wir +waren beide so erfüllt von unseren Erlebnissen, daß wir +im Eifer des Erzählens Romberg fast vergaßen. Er +verabschiedete sich steif und verstimmt.</p> + +<p>»Bildung und Politik sind für mich schwer vereinbare +Begriffe —,« sagte er am nächsten Morgen, als wir zusammen +in die Stadt gingen.</p> + +<p>»Sie scheinen einem Wechsel der Stimmungen unterworfen, +der bisher nur einer Frau gestattet war,« entgegnete +ich ärgerlich. »Es ist noch nicht lange her, daß Sie +<a name="Page_471" id="Page_471"></a>mit einer Begeisterung, die ich nicht vergessen habe, die +Sozialdemokratie als die bedeutsamste Erscheinung der +Zeit feierten.«</p> + +<p>Er lächelte. »Frauenlogik! Es tut mir ordentlich +wohl, diesen weiblichen Zug bei Ihnen zu finden! Was +hat mein Urteil über den Klassenkampf des Proletariats +mit meiner Meinung über die Beteiligung des Gebildeten +an der Politik zu tun?! Wir sollten um höhere +Werte ringen —«</p> + +<p>»Gibt es höhere, als die Befreiung der Menschheit +von all den Fesseln, die sie an die Erde schmieden und +ihren Höhenflug hemmen?!« unterbrach ich ihn erregt.</p> + +<p>»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, — die alte Parole, +unter der schon die Bastille gestürmt wurde,« entgegnete +er mit spöttischem Lächeln; »fügen Sie noch das Ideal +des Christentums, — die selbstentsagende Nächstenliebe +hinzu, so beweist das alles, wie unsäglich arm eine Zeit +sein muß, die selbst einer so gewaltigen Bewegung wie +der des Proletariats keine neuen Ideale hat schaffen +können.«</p> + +<p>Seine Worte begegneten einem noch unklaren Empfinden, +das ich um so energischer zu unterdrücken gesucht +hatte, als mir die Wege dunkel erschienen waren, zu +denen es hätte führen können.</p> + +<p>Wir traten in den modernsten Kunstsalon Berlins. +Der Holzbogen der Eingangshalle, der in seinen geschwungenen +Linien alle Sprödigkeit des Materials siegreich +überwunden hatte, empfing mit weit ausgebreiteten +Armen die Besucher. In hellen Vitrinen, durch unsichtbare +Lichtspender von innen strahlend, lagen auf grauem +Samt Gürtel, Schnallen, Armreifen und Diademe;<a name="Page_472" id="Page_472"></a> +Vogelgefieder und Schmetterlingsflügel aus durchsichtigem +Email vereinten sich mit dunklem Gold, mattem Silber; +Perlen in phantastischen Formen standen neben Edelsteinen +von unerhörter Farbenpracht —</p> + +<p>»Ein Schmuck für Märchenprinzessinnen, von einem +Dichter geschaffen,« sagte Romberg bewundernd und +versenkte sich in den Anblick. Er mochte weißer Arme +gedenken und schimmernder Nacken und holder Frauenköpfe +mit lachenden Lippen und duftenden Locken. In +meinen Augen aber hafteten andere Bilder: rissige +Hände, gebeugte Rücken, sorgendurchfurchte Gesichter —, +ich wandte mich ab, im Innersten verletzt.</p> + +<p>Der nächste Raum war voll sanften Lichtes und +tiefer, weicher Sessel.</p> + +<p>»Wie wohltuend, wie ruhig!« meinte jemand. »Eine +schöne alte Frau mit sehr weißen stillen Händen müßte +ihren Lebensabend hier verträumen.« Aber die Armenstube +von Platkow sah ich vor mir.</p> + +<p>Vor ein großes Bild traten wir dann: auf weichem, +blumendurchwirktem Rasenteppich, der sich im stillen +Wald verlor und zärtlich eine Quelle umgab, die diesen +Frieden mit keinem Plätscherlaut stören mochte, kniete +ein Jüngling, den dunkeln Dantekopf andachtsvoll zu +der Jungfrau erhoben. Aus der Säulenhalle des Tempels +tretend, krönte sie ihn; lange, schmale, durchsichtig +bleiche Finger hielten den Kranz. Mädchen, so schlank +und hoheitsvoll wie sie, standen zur Seite. Und das +alles leuchtete in mystischem Blau, in trunkenem Purpur, +in sattem Grün, — weitab allen grauen Tönen der Wirklichkeit. +Fast nahm die fremde Wunderwelt mich schon +gefangen. Da tauchte der sturmdurchpeitschte Park vor +<a name="Page_473" id="Page_473"></a>mir auf und der rauhe Mann, der mit harten Arbeitshänden +zärtlich die kleinen Knospen streichelte. Ich war +sehr einsilbig.</p> + +<p>Wir beschlossen den Tag im Theater, wo Maeterlincks +Pelleas und Melisande unter der Direktion eines jungen +Revolutionärs der Bühne zur Aufführung kam. Böcklins +Landschaften schienen lebendig geworden:</p> + +<p>Der Zauberwald und die Felsen, die finsteren Schloßtürme +und der weiße Marmorbrunnen verschmolzen mit +den schwebenden Gestalten, dem Sonnenglanz und dem +Mondlicht zum reinen Rhythmus bewegter Kunst.</p> + +<p>Die lärmende Straße draußen zerstörte den Traum. +Mit schmerzhafter Klarheit empfand ich die gähnende +Kluft zwischen all der ästhetischen Kultur, die um uns +her zu blühen begann, und dem Leben, dem Denken +und Wünschen der Millionen, die erst anfingen, um die +Befriedigung ursprünglichster Triebe zu kämpfen. Rombergs +Gedanken begegneten den meinen.</p> + +<p>»Fühlen Sie nicht selbst, wie weltenfern Sie denen +stehen, deren ganzes Bedürfen in etwas mehr Zeit, etwas +mehr Brot gipfelt?« sagte er. »Sie müssen Ihre +Sinne, Ihre Nerven, an deren subtiler Verfeinerung +Generationen arbeiteten, gewaltsam abstumpfen, um ihr +Sprachrohr werden zu können.«</p> + +<p>Meine ganze Freudigkeit kehrte mir wieder.</p> + +<p>»Wie eng Sie denken!« lachte ich. »Nicht abstumpfen, +steigern muß ich meine Empfänglichkeit, damit ich immer +weiß, wie groß das Entbehren ist und wie ungeheuer +der Gewinn unseres Kampfes.«</p> + +<p>»Machen Sie sich denn gar nicht klar, daß, wenn die +Masse erreichen sollte, was Sie heute haben, Sie und<a name="Page_474" id="Page_474"></a> +Ihresgleichen ihr wieder um tausend Jahre voran +sind?!« sagte Romberg. »So wird die Kluft bleiben, — immer +bleiben, und die Gleichheit ist eine Chimäre.«</p> + +<p>»Ich fordere auch nur die Gleichheit der Lebensbedingungen; +wie der Baum aus diesem Boden wächst, +darüber entscheidet seine eigene Kraft,« antwortete ich.</p> + +<p>Wir brachen ein Gespräch ab, das uns nur voneinander +entfernen mußte. Aber einen Gedanken hatte es +wachgerufen, der sich von nun an nicht mehr einschläfern +ließ. Wenn er mich quälte und ich ihn abschütteln +wollte, so bohrte er sich nur noch tiefer in Hirn und +Herz. Hörbarer, als da die Völker wanderten, um sich +neuen Heimatboden zu erobern, dröhnte die Erde unter +den Tritten der Millionen, die sich in Bewegung gesetzt +hatten, um dem Elend zu entfliehen. Aber ihrem Wollen +fehlte die einheitliche Formel. Im Dreigestirn der Revolutionsideale +lag sie nicht. Und was Marx ihnen +gegeben hatte, das waren wissenschaftliche Erklärungen +über die Art, das Tempo und das Ziel der Bewegung +gewesen, die nur so lange über den Mangel hinwegtäuschen +konnten, als sie unerschüttert waren.</p> + +<p>Ein Ereignis bestärkte mich in meiner Idee. Mitten +im Wahlkampf, der all unsere Kräfte auf ein Ziel, — die +Niederwerfung des Gegners, — hätte konzentrieren +müssen, entspann sich ein wüster Krieg zwischen den +Parteigenossen selbst. Er wäre unmöglich gewesen, +wenn nicht jenes Fehlen der inneren Einheit gegenseitiges +Mißtrauen zur Folge haben mußte. Was der +eine ruhigen Gewissens tat oder ließ, das erschien dem +anderen als ein Verstoß gegen die Partei.</p> + +<p>Ein halbes Dutzend Parteigenossen, — ich gehörte zu +<a name="Page_475" id="Page_475"></a>ihnen, — hatten seit Jahr und Tag an einer bürgerlichen +Wochenschrift mitgearbeitet, die eine Tribüne +war, auf der alle Richtungen ungehindert zu Worte +kamen. Die literarischen und künstlerischen Kritiken, +die ich darin veröffentlicht hatte, — Augenblicksarbeiten, +denen ich gar kein längeres als ein Augenblicksinteresse +beimaß, — hatten oft weniger dem Bedürfnis nach Aussprache, +als dem Erwerbszwang ihr Entstehen zu verdanken. +Die Parteipresse stand mir nur selten zur Verfügung, +und um so seltener, je mehr ich des Revisionismus +verdächtig war. In ähnlicher Lage wie ich +waren die meisten derer, die mit mir ›gesündigt‹ hatten. +Zwei von ihnen standen als Reichstagskandidaten im +heftigsten Feuer der Wahlkampagne. Aber das hinderte +einige radikale Wortführer nicht, uns in breitester Öffentlichkeit +als Schleppenträger der gegnerischen Presse zu +verdächtigen.</p> + +<p>Kaum hatte ich den betreffenden Artikel gelesen, als +ich schon am Schreibtisch saß, um uns dagegen zu verteidigen. +Die Ansicht, daß wir jede Tribüne benützen +müssen, von der aus wir gehört werden können, hatte +sich in mir seit der Zeit, wo ich sie, von Wanda Orbin +beeinflußt, angesichts des Frauenkongresses verleugnet +hatte, nur befestigt. Unsere Presse, unsere Versammlungsreden +erreichten immer nur dieselben Kreise, und +abseits standen Hunderttausende, die uns nur aus den +Darstellungen der Gegner kennen lernten. Ich legte +meine Erklärung den Mitbetroffenen vor. Sie sollte in +derselben Zeitung erscheinen, die uns angegriffen hatte. +Ich wurde daran verhindert; man wünschte die Ausdehnung +des Zwists zu vermeiden, indem man die +<a name="Page_476" id="Page_476"></a>öffentliche Antwort, wie ich sie beabsichtigt hatte, in eine +Zuschrift an den Parteivorstand verwandelte. Dieser +aber sah sich nicht mehr imstande, auf eine interne +Auseinandersetzung einzugehen, — die ganze Presse hatte +sich schon der Sache bemächtigt, unsere politischen +Gegner schlachteten sie gegen uns aus —, er veröffentlichte +seine Entscheidung: kein Parteigenosse darf an +einer Zeitschrift mitarbeiten, die die Sozialdemokratie in +hämischer oder gehässiger Weise kritisiert. Die ganze +Provinzpresse druckte natürlich die lapidaren Sätze des +Vorstands ab. Wir waren gebrandmarkt vor den Genossen, +in deren Mitte wir wirken sollten; den Gegnern +waren die Waffen in die Hand geliefert, um uns vor +ihnen zu diskreditieren. Darüber verging uns das +Lachen, das im Grunde die richtigste Antwort gewesen +wäre. Wir sahen in der Entscheidung, die es jedem +Parteiführer an die Hand gab, mißliebige Blätter auf +den Index zu setzen, einen weiteren Schritt zum Papismus, +wir empörten uns, daß gerade diejenigen, die in +der Partei in Amt und Brot waren, den freien Schriftstellern, +die dem Verdienst nachgehen mußten, die Zugehörigkeit +zur Partei unmöglich zu machen suchten, +und eine ihrer Grundlagen schien uns in dem Angriff +auf die Freiheit der Meinungsäußerung verletzt. Wir +Überläufer aus der Bourgeoisie, die im Kampf gegen +alle Autoritäten, — die der Familie, der Bildung, der +Religion, des Staats —, den Weg zur Sozialdemokratie +gefunden hatten, wären die letzten gewesen, eine neue +Autorität, — die des Parteivorstands, — anzuerkennen. +Und mein Mann, der seine Frondeurnatur am wenigsten +verleugnen konnte, wurde unser Wortführer gegen ihn:<a name="Page_477" id="Page_477"></a> +in einem geharnischten Artikel verteidigte er die Freiheit +der Meinungsäußerung. Nun erst entbrannte der Kampf, +der seit dem Münchener Parteitag schon im stillen die +Geister erhitzt hatte, auf der ganzen Linie, — mit all +jener Bitterkeit, die entsteht, wenn Freunde zu Feinden +werden.</p> + +<p>Im stillen fürchteten wir, was unsere politischen +Gegner hofften: daß die Wahlen dadurch zu unserem +Nachteil beeinflußt werden könnten.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am ersten Mai, dem Weltfeiertag der Arbeit, +sollte ich in Frankfurt a. O. die Festrede +halten. Mir war im Augenblick wenig festlich +zumute: mit so viel Hoffnungsfreudigkeit hatte ich +die Agitation begonnen, — sollte sie vergebens gewesen +sein?! Sollte ich am Ende an ihrer Erfolglosigkeit +mitschuldig sein, weil ich — es klang wie der dumme +Witz eines Possenreißers — in einer bürgerliche Zeitschrift +über Halbes Theaterstücke und Laura Marholms +Frauenbücher geschrieben hatte?! Aber schon als der +Zug die letzte berliner Bahnhofshalle verließ und statt +der hohen grauen Häuser sich draußen Laube an Laube +reihte, von dem ersten jungen Grün überhaucht, mit +bunten Fähnchen lustig bewimpelt, und Menschen in +Festtagskleidern auf der Chaussee zwischen den jungen +Birken, die grüßend die grünen Schleier ihrer Äste bewegten, +den Versammlungen entgegeneilten, in denen +ihres Frühlingsglaubens Auferstehungsbotschaft gepredigt +werden sollte, verschwanden all meine törichten +kleinlichen Ängste. Was hatten die dogmatischen Zän<a name="Page_478" id="Page_478"></a>kereien +der Priester mit der Religion der Massen +zu tun?</p> + +<p>Zwei kleine Mädchen empfingen mich am Bahnhof, +mit blauen Bändern in den Zöpfchen und frisch gewaschenen +weißen Kleidern, die sich um sie bauschten, +so daß sie aussahen wie Riesenglockenblumen. Sie +führten mich hinunter in die Stadt über den Platz mit +seinen geharkten Wegen, seinen artigen Rasenfleckchen +und den kleinen dürftigen Beeten darauf, an Häusern +vorüber mit nüchternen Fassaden und ablehnend verhangenen +Fensterscheiben. Die Glocke der Elektrischen +wirkte hier wie erschreckender Lärm. Als wir aber um +die Ecke bogen, wo die Kastanien über das holprige +Pflaster schon breite Schatten warfen, da schien das +Leben der träumenden Stadt erwacht: in Trupps zu +vieren und fünfen, mit weißen und braunen und gelben +Kinderwägelchen dazwischen, die Männer im Sonntagsrock, +die Frauen mit nickenden Blumen auf hellen Hüten, +so zogen sie durch die Straße. Und an jeder Gassenmündung +gesellten sich andere hinzu, und wo die Gärten +größer und die Häuser kleiner wurden, kamen Landleute +mit Stulpenstiefeln, Mädchen mit Kopftüchern +über die Feldwege. Alles grüßte einander mit dem +Blick frohen Erkennens. Weit hinunter bis zu dem +silbernen Band der Oder dehnten sich, von alten Weiden +umrahmt, üppige Wiesen; in goldgelben Flecken, wie +auf die Erde gebanntes Sonnenlicht, glänzten Butterblumen +daraus hervor. Von der anderen Seite des +Wegs, wo der Boden sich hob, nickten über Weißdornhecken +rosig blühende Bäume; darüber klang der +langgezogene Sehnsuchtston der Stare, das Kwiwitt +<a name="Page_479" id="Page_479"></a>der Rotkehlchen, das vielstimmige Zwitschern buntgefiederter +Meisen.</p> + +<p>Nun hatten sich die Wandernden zu einem Zuge zusammengeschoben, +und eins war ich mit ihnen. Aus +dem Garten, durch dessen laubumwundene Pforte wir +zogen, tönte Musik. Auf der Bühne der Festhalle, die +wir betraten, warteten schon die Sänger. Ich stieg die +Stufen hinauf. »... Ein Sohn des Volkes will ich sein +und bleiben...« sang der Chor. Durch die hohen weit +geöffneten Fenster strömte die Sonne in breiten Wogen; +ihre Strahlen trugen den Duft des Frühlings mit herein +und berührten all die braunen und blonden Scheitel +der andächtig lauschenden Menge.</p> + +<p>Dicht unter der Bühne hatten sich die Kinder zusammengeschart, +die kleinsten in ihren bunten Kleidchen, +wie ein Beet farbenfroher Sommerblumen, am weitesten +nach vorn. Ein kecker kleiner Kerl war bis auf die +Rampe geklettert, ein strohblondes Mädchen schmiegte +sich schüchtern an sein Knie, und die beiden Augenpaare — ein +schwarzes und ein blaues — hingen an mir +wie eine große verwunderte Frage.</p> + +<p>Sehr feierlich war mir zumute, als stünde ich, ein +geweihter Priester, zum erstenmal auf der Kanzel. Aber +es war nicht die Religion der Liebe, die ich predigte, — jener +Liebe, die den Haß der Welt in sich trägt, +es war nicht die ewige Seligkeit, die ich verkündigte, — jene +Seligkeit, in die nur Eingang findet, wer zu +kriechen und den Kopf zu bücken gelernt hat. Was +als unklare Empfindung in den Herzen unserer Väter +lebte, die die Sonne anbeteten, deren Feste Sonnwendfeiern +waren, die dem steigenden Licht im Lenz die Neu<a name="Page_480" id="Page_480"></a>geborenen +weihten, — das ist die Grundlage unserer +Religion. Nicht wer am nachhaltigsten seine Sinne abtötet, +sondern wessen Augen am klarsten sind, wessen Ohr +am feinhörigsten ist, um alle Schönheit der Welt in sich +aufzunehmen, der ist der Heiligste unter uns. Und ein +Anrecht auf unser Himmelreich gewinnt nicht, wer leidet +und duldet, sondern wer handelt und genießt. Dulden +und leiden kann jeder, aber nur der Sohn einer reifen +Kultur vermag zu genießen, nur der Wissende handelt.</p> + +<p>»Wenn sich die Arbeiter der ganzen Welt Jahr um +Jahr in der Forderung des Achtstundentages zu diesem +Frühlingsfest vereinigen, so tun sie es, weil sie wissen, +daß sie damit ihre Menschwerdung fordern. Zeit ist die +Voraussetzung für Wissen und Genuß ...«</p> + +<p>Halb enttäuscht, halb erwartungsvoll sahen die Frageaugen +der Kinder noch immer zu mir empor. Mit demselben +Ausdruck bettelte mein eigen Kind um eine Geschichte, +wenn wir im Walde gingen, wo die Bäume +und die Blumen ihm noch stumm waren. Auch diese +Kleinen hier sollten nicht vergebens warten: von den +Bettelkindern erzählt' ich ihnen, die auszogen, ihre verlorenen +Königskronen wiederzufinden ...</p> + +<p>Draußen im Garten kamen sie dann alle und dankten +mir. Die Kinder hatten die Fäustchen voll Wiesenblumen +und legten sie mir in den Schoß. Die Alten +luden mich an ihren Tisch. Sie wußten nicht, daß ich +ihnen zu danken hatte. Ich war wieder stark und froh, +ich hatte in ihnen die Erde berührt, die kraftspendende.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_481" id="Page_481"></a></p> + +<p>Der Tag der Entscheidung rückte näher. Immer +leidenschaftlicher wurden die Angriffe unserer +Gegner in ihrer Presse, in ihren Flugblättern. +Mit dem alten Märchen vom gewaltsamen Teilen suchten +sie den Bauern, der an seiner Scholle hängt, den +kleinen Handwerker, der sich an den kläglichen Rest +seiner Selbständigkeit klammert, in ihre Gefolgschaft zu +fesseln. Mit der Autorität des Kaisers stützten sie ihre +Angriffe auf die sozialistischen Agitatoren.</p> + +<p>»Zerreißt das Tischtuch zwischen Euch und jenen Leuten,« — dieses +kaiserliche Wort machten sie zu ihrem Schlachtruf. +Weite Kreise des Volkes, denen der Thron noch +so heilig war wie der Altar, scharte er unter ihre +Fahnen, aber größere noch, empört über die Stellungnahme +des Staatsoberhaupts im Kampf der Parteien, +trieb er zu uns herüber. Hochauf loderte der Zorn in +unseren Reihen. Was sich in Jahren angesammelt hatte +an bitterer Enttäuschung und stillem Groll, das brach +flammend hervor. Zu Regimentern, die wider den Gegner +aufmarschierten, wurden die vielstelligen Zahlen, die Milliarden, +die Armee und Flotte, China und Afrika verschlungen +hatten; als Raubritter und Ausbeuter wurde +gestempelt, wer je dazu ja gesagt hatte. Malten sie +drüben mit blutigen Farben das Bild der Revolution +und rissen dadurch den Gleichgültigen aus dem verschlafenen +Winkel seines Daseins, so beschworen sie +hüben alle Gespenster der Not und des Hungers herauf +und schreckten mit ihnen die Stumpfen aus ihrem Arbeitsleben. +Der ehrliche Kampf mit offenem Visier auf freiem +Felde wurde zum Guerillakrieg mit heimtückischen Listen +<a name="Page_482" id="Page_482"></a>und nächtlichen Überfällen. Und durch die feindlichen +Lager hin und her auf leisen Sohlen schlich die Verleumdung; +wen das Schwert nicht niederstreckte, den +vergiftete sie.</p> + +<p>Ich hatte dem Gegner gegenüber gerecht bleiben, mich +als einzelne behaupten wollen, gegenüber der Suggestion +der Masse. Aber je länger ich im Kampfe stand, desto +schwerer wurde es, ihrer Gewalt zu widerstehen. War +ich nicht auch nur ein Soldat im Heere, dessen Füße +von selbst im Takt der anderen marschieren, der die +gleichen Waffen trägt, und, vom Rausch des Krieges +überwältigt, einen persönlichen Feind in jedem Glied +des gegnerischen Heerbannes sieht?</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Gegenkandidat meines Mannes war ein +alter Reaktionär, den der Bund der Landwirte +auf seinen Schild erhoben hatte. Der +Zolltarif galt ihm als ein »gigantisches Werk«; die +Arbeitslosenversicherung, die in diesem Jahre wirtschaftlicher +Depression für uns eine immer dringendere Forderung +geworden war, erklärte er für »unmoralisch«; +dem gesetzlichen Arbeiterschutz, dessen Ausbau auf dem +Wege zu unseren Zielen lag, müsse, so sagte er, ein +»Stopp« entgegengerufen werden, und wider den Großkapitalismus, +dessen Entwicklung eine Voraussetzung des +Sozialismus war, galt es, den Mittelstand mobil zu +machen. Als der typische Konservative war er der willkommenste +Gegner, weil sich hier, klar voneinander geschieden, +zwei Weltanschauungen gegenüberstanden. +Zwischen ihnen schwankten, als das Zünglein an der<a name="Page_483" id="Page_483"></a> +Wage, die Liberalen des Kreises hin und her. Sie +wollten nicht glauben, daß wir ein gut Stück Weges +zusammengehen konnten und es einer Verleugnung aller +liberalen Grundsätze gleichkam, wenn sie den Konservativen +Gefolgschaft leisten wollten.</p> + +<p>Meinen Mann sah ich immer seltener. Trafen wir +uns zu Hause, so schrieben wir zusammen Flugblätter +und Artikel, wobei er mit der ruhigen Sachlichkeit seiner +Beweisführung die Gegner zu entwaffnen und ich mit +dem Feuer, das mich durchglühte, Anhänger zu werben +versuchte. Hie und da trafen wir uns in Versammlungen, +dann hörte ich, daß er sprach, wie er schrieb: +er wandte sich an den Verstand, er suchte zu überzeugen, +wo ich an das Gefühl appellierte. Er hatte die Sprache +des Dozenten, nicht die des Agitators. Wen er dem +Sozialismus gewann, der wurde zum Bekenner. Was +ich entzündete, mochte nur zu oft nichts als ein Feuerwerk +sein.</p> + +<p>In den letzten Tagen fuhren wir von Ort zu Ort. +Schon blühten Pfingstrosen in den Gärten, und von +Flieder und Hollunder dufteten die Lauben. Über den +staubigen Chausseen brütete die Sommersonne. Die +Menschen in den engen Sälen atmeten rasch und schwer +wie im Fieber. In den Dörfern gab's Schlägereien. +War einer als Genosse bekannt, so spieen die Bauern +vor ihm aus, und seinem Weibe gingen die Nachbarinnen +aus dem Wege. Die Kinder aber in der +Schule ließ der Lehrer mit besonderer Vorliebe patriotische +Lieder singen. Säle, die uns zur Verfügung gestanden +hatten, wurden uns genommen; breitspurig, ein +Herr der Situation, stand der Gendarm vor der Türe, +<a name="Page_484" id="Page_484"></a>wenn wir den Eingang erzwingen wollten. Kamen wir +auf freiem Felde zusammen, der Sonne und dem Regen +trotzend, so löste er die Versammlung auf, hatten wir +irgendwo einen Raum für sie gefunden, so erklärte er +ihn für feuergefährlich, kam ich als Rednerin in irgend +ein abgelegenes Nest, so hieß es: »Frauenspersonen +dürfen nicht sprechen.« Aber die Genossen waren immer +wieder erfinderischer als er. So fuhren wir einmal in +ein kleines Dorf, das weltverlassen zwischen zwei blauen +Seen in der Niederung liegt. Nur arme Schiffer +wohnten hier und kleine Bauern, die elender lebten als +der Fabrikarbeiter in der Stadt. Einer von ihnen hatte +seine ganze arme Kate ausgeräumt, um die Versammlung +zu ermöglichen. Das Hausgerät stand auf dem +Hof, die Sonne enthüllte unbarmherzig all seine Armseligkeit. +Die leeren Stuben faßten trotzdem die Menge nicht, +das Gärtchen stand noch voll von ihnen. Selbst auf +den Gemüsebeeten trampelten schwere Stiefel, aber als ich +ein Wort des Bedauerns äußerte, sagte des Schiffers +Frau mit glänzenden Augen: »Wenn's auch mit Erbsen +nischt is dies Jahr, wenn's man mit die Stimmen für +den Sozi wat sein wird!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am Vorabend der Entscheidung kamen wir in +Frankfurt an. Im Hauptquartier der Partei +herrschte fieberhaftes Leben: hier meldeten sich +Radfahrer, um zum morgigen Dienst ihre Marschorder +in Empfang zu nehmen, blutjunge Leute unter ihnen, +die sich mit um so größerem Enthusiasmus in den Dienst +der Sache gestellt hatten, als sie selbst noch nicht wählen +<a name="Page_485" id="Page_485"></a>durften; dort stellten sich Frauen zur Verfügung, um +die Säumigen an die Urnen zu holen, und in später +Nachtstunde kamen andere hungrig, heiß und verstaubt +von der letzten Verteilung der Wahlflugblätter zurück. +Als die Stadt schlief, huschten die Unermüdlichen noch +durch die Straßen, und am Morgen leuchtete in weißen +und roten Lettern ein »Wählt Brandt!« an den Zäunen +und auf dem Trottoir.</p> + +<p>Wir gingen durch die Wahllokale. Vormittags stellten +sich allmählich die Bürger ein, ruhigen Schrittes, +ohne sonderliche Erregung; mit dem Zwölfuhrglockenschlag +wurde es auf den Straßen lebendig, und durch +die Türen schoben sich die Arbeiter, beschmutzt, verstaubt, +wie die Fabrik und der Bau sie entlassen +hatte. Die Bezirksleiter notierten jeden, der sich meldete, +strichen an, wer noch fehlte, gaben Weisung +an die ihrer Aufgabe wartenden Frauen. Und die +suchten dann die Säumigen in den Wohnungen, auf +den Arbeitsstätten. Nachmittags lag wieder sommerliche +Stille über der Stadt. Dann aber, als der Himmel sich +schon mit rosigen Wolken überzog, hallte das Pflaster +wider von raschen Tritten. Sie kamen in Scharen: +die jungen, rüstigen voran, und zuletzt, von Frauen, +von Kindern geführt, Alte, Kranke und Krüppel. Der +Zettel in ihrer Hand, das war ihr einziges, freies +Mannesrecht, damit waren sie an diesem einen Tage +die Gestalter ihres Geschicks.</p> + +<p>Es dämmerte. In den Wahllokalen saßen unter +spärlichen Gasflammen, vor rauchenden Petroleumlampen +die Zähler. Wenn wir eintraten, bedurfte es keiner erklärenden +Worte, die leersten Gesichter waren sprechend +<a name="Page_486" id="Page_486"></a>geworden: Furcht und Hoffnung, Zorn und Siegeszuversicht +drückte sich in ihnen aus.</p> + +<p>Schon brannten die Laternen in den Straßen. Im +Hause, wo die Partei ihr Bureau aufgeschlagen hatte, +waren alle Fenster erleuchtet. Im Saal oben war es +noch leer; nur der Vorstand des Wahlvereins harrte +vor dem Tisch mit dem großen Tintenfaß und den unbeschriebenen +weißen Blättern der kommenden Dinge. +Sie grüßten uns kopfnickend, sie waren blaß und schweigsam +vor Erregung. Über Webers Stirn standen helle +Schweißtropfen, seine blanken Augen waren verschleiert. +Wir setzten uns. Nach und nach füllte sich der Raum. +Lauter Schweigende. Die Minuten schlichen wie ebenso +viele Stunden. Endlich der erste Radler! Gleich darauf +der zweite, der dritte, der vierte — die Wahlbezirke +der Stadt.</p> + +<p>»Schlecht steht's!« knirschte der eine und warf den +Zettel auf den Tisch.</p> + +<p>»Der Westen Frankfurts —,« sagte Weber, »immerhin: +zum erstenmal Stimmen für den Sozi! — Das +Zentrum, — na, besser hätt's sein dürfen! — Und die +Vorstadt, pfui Teufel, das sind die Eisenbahner, die auf +Kommando wählten! — Aber hier —,« sein Gesicht +strahlte — »das reißt die ganze Stadt heraus!«</p> + +<p>»Hurra!« rief einer und schwenkte die alte Soldatenmütze +zum offenen Fenster hinaus.</p> + +<p>»Bravo!« antwortete es vielstimmig von unten.</p> + +<p>Wieder verrannen Viertelstunden. Schon waren alle +Plätze an den langen Tischen besetzt.</p> + +<p>»Warum dauert das nur so lang —,« seufzte ich.</p> + +<p>»Die Radler aus dem Oderbruch können noch nicht +<a name="Page_487" id="Page_487"></a>hier sein —,« sagte Weber, der wieder und wieder nach +der Uhr sah.</p> + +<p>»Telegramme!« schrie jemand. Der Postbote drängte +sich durch die Reihen.</p> + +<p>Mit bebenden Fingern riß Weber sie auf: »Berlin +erobert! — Ganz Sachsen unser —!«</p> + +<p>Ein Jubelruf, der sich wieder bis auf die Straße +weiterpflanzte, aber rasch verklang. Das Schweigen +war eine einzige Frage. »Und wir?!« — Jetzt aber +tönte von unten ein donnerndes »Hoch!« Wir stürzten +zum Fenster: über das Pflaster sprangen Lichter in langer +Kette, Räder blitzten auf —, die Treppen stürmte es +empor: atemlos, blaurot, mit zitternden Knien standen +sie vor uns, die Männer aus dem Oderbruch. Sie +waren keines Wortes mächtig, aber die Tränen, die +hellen Freudentränen tropften ihnen über die Wangen. +Mit einer fast feierlichen Gebärde breitete Weber die +Botschaften vor uns aus. Hunderte von Stimmen +hatten wir gewonnen. Dicht unter den Augen der +Gegner, auf Gutshöfen, in Dörfern hatten die Landleute +für uns gestimmt. Stumm streckte ich dem Maurer +Merten die Hand entgegen. Er hielt sie lange zwischen +seinen harten Fingern.</p> + +<p>Jetzt standen die Menschen schon Kopf an Kopf. Noch +fehlten die entferntesten Bezirke, — Buckow, Fürstenwalde. +»Entschieden ist noch nichts,« murmelte Weber +angstvoll.</p> + +<p>Wieder ein Lärm auf der Straße. »Die Oderzeitung +bringt ein Extrablatt!« schrieen sie zu uns empor. In +weitem Bogen flog es von der Tür über die Köpfe hinweg +auf unseren Tisch: »Depeschen aus Süddeutschland — München,<a name="Page_488" id="Page_488"></a> +Nürnberg, Bayreuth, Stuttgart, Darmstadt — alles +unser!«</p> + +<p>Und nun löste ein Depeschenbote den anderen ab; +jede Siegesnachricht steigerte die elektrische Spannung, +selbst die Nachtluft draußen schien erfüllt von ihr.</p> + +<p>Zu elf dumpfen Schlägen holte die Uhr auf der +Marienkirche aus.</p> + +<p>»Im Haus der Oderzeitung löschen sie die Lampen,« — rief +ein junger Bursche, und brach sich mit Ellbogenstößen +freie Bahn in den Saal. Die Gesichter ringsum +erhellten sich.</p> + +<p>Eine Gärtnersfrau, der ausdauerndsten eine im Heranholen +säumiger Wähler, nahm aus ihrem bis dahin sorgfältig +gehüteten Korb einen großen Strauß roter Nelken +und stellte ihn vor uns auf den Tisch. — »Ist's nicht +zu früh?!« — Ein Brausen lag in der Luft, — war's +nicht das pochende Blut in meinen Schläfen? Oder +waren's die vielen Stimmen vor dem Haus?</p> + +<p>»Die ganze Straße steht schwarz voll Menschen,« +flüsterte ein baumlanger Arbeiter neben mir in scheuer +Angst. Es war heiß, — glühend heiß im Saal, und +doch schien mir, als müßten alle frieren wie ich.</p> + +<p>Da — »Fürstenwalde!« und wie ein Echo: »Buckow!« +Weber war weiß im Gesicht, — sekundenlang bohrten +sich seine Augen in das Papier. Wir hielten den Atem +an, — dann stieß er mit rauher Stimme ein einziges +Wort hervor: »Gesiegt!«</p> + +<p>Einen Augenblick war es noch still. Einem alten +Mann, den ich nicht kannte, und der bis zu mir vorgedrängt +worden war, drückte ich krampfhaft die Hand. +Dann brach es los wie Gewittersturm. Das schrie, +<a name="Page_489" id="Page_489"></a>das jauchzte, das schluchzte —, alte Männer fielen einander +um den Hals, Frauen verbargen die Gesichter an den +Schultern der Nächsten. Und draußen zerriß ein einziger +Jubelruf die Stille der Nacht. Sie riefen nach +ihrem Gewählten.</p> + +<p>Auf die Fensterbrüstung trat er. »Nicht mir dieses +Hoch, Parteigenossen —,« und seine tiefe Stimme klang +voll und warm und die Luft selbst schien sie weiter und +weiter zu tragen, »— Euch vielmehr, die ihr den +Sieg erkämpftet, und unserer großen Sache vor allem, +die die Siegesgewißheit in sich trägt! Ein Hoch der +Sozialdemokratie, ein dreifaches Hoch!« Und wieder brauste +es, als schlügen orkangepeitschte Wellen an Felsenriffe.</p> + +<p>Inzwischen war Weber still beiseite gegangen. Nun +kam er zurück. Er trug die alte Fahne, von grauen +Tüchern umwunden. Dicht vor dem Fenster nahm er +langsam die Hülle ab, hob die schwere Stange hinaus, +und das rote Tuch rollte auseinander und wehte, aufglühend, +wo das Licht es traf, wie entfachte Flammen +über die stumme Menge.</p> + +<p>»Genossin Brandt! — — Alix Brandt!« — Riefen sie +mich?! — Man schob mich zum Fenster, — man hob +mich empor, — ich sah keine Menschen, ich sah nur ein +wogendes Meer, — ohne Anfang, ohne Ende. Und ich +streckte die Arme weit aus —</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_490" id="Page_490"></a></p> +<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Alle Vorbereitungen für das Erscheinen der +Gesellschaft waren getroffen. Es +sollte eine Zeitschrift großen Stiles werden. +Hervorragende Parteigenossen des In- und Auslandes +hatten uns ihre Mitarbeit zugesagt. Eine junge Künstlerin, +von der Idee, die uns leitete, gepackt, hatte den Umschlag +gezeichnet: schwarze Fabriken, aus deren Essen +die Feuerflammen der kommenden Zeit emporschlagen. +Es gab Leute, die angesichts der schönen Ausstattung, +des niedrigen Preises und der hohen Honorare, die wir +festgesetzt hatten, bedenklich die Köpfe schüttelten. Aber +der Dreimillionen-Sieg der Partei hatte den Glauben an +unsere Sache, den wir von jeher besessen hatten, nur +noch gestärkt. Jetzt war wirklich die Zeit gekommen, +wo die Sozialdemokratie eine Macht im Staate zu +werden begann, wo sie vor der Aufgabe stand, selbständig +praktische Politik zu treiben. Breite Schichten +der Arbeiterschaft, die erstarkten Gewerkschaften an der +Spitze, verlangten danach, und die Masse der Mitläufer, +die unseren Sieg hatte vergrößern helfen, war zweifellos +nicht durch die ferne Aussicht auf den Zukunftsstaat +zu uns gekommen, sondern durch die Hoffnung auf +Reformen der Gegenwart.</p> + +<p><a name="Page_491" id="Page_491"></a>Eines Morgens kam Heinrich verärgert aus dem +Bureau: »Der Lindner läuft umher wie die Jungfrau +von Orleans: ›und mich, die all dies Herrliche vollendet, +mich freut es nicht, das allgemeine Glück‹. Sollten die +Schwarzseher ihn schon beeinflußt haben?! Das könnte +mir passen!«</p> + +<p>Wir hörten eine Woche lang nichts von ihm. Dann +kam ein Brief; — während mein Mann ihn überflog, +veränderten sich seine Züge: »Hier hast du den Wisch,« +rief er wütend und warf die Türe hinter sich ins Schloß.</p> + +<p>»Da ich mich überzeugt habe, daß ein gedeihliches Zusammenarbeiten +zwischen uns nicht erreichbar sein wird, +trete ich von unserem Vertrag zurück —,« las ich.</p> + +<p>Das ist doch nicht möglich, — das kann doch nicht +sein, fuhr es mir durch den Kopf; wie kann er sein +Wort brechen, jetzt, in diesem Augenblick, wo er weiß, +das damit alles steht und fällt!</p> + +<p>Heinrich war beim Rechtsanwalt gewesen. »Nichts +zu machen,« knirschte er, als er nach Hause kam, »mein +Anstand, oder sagen wir lieber meine Dummheit, die +mich hinderten, den Vertrag notariell zu machen, ermöglichen +diesen erbärmlichen Rückzug.«</p> + +<p>Was nun?! Heinrichs trotzige Energie hatte auf diese +Frage nur eine Antwort: »Erst recht!«</p> + +<p>Ich fühlte mich im ersten Augenblick wie gelähmt +und war geneigt, im Rücktritt Lindners etwas zu sehen, +das einem Wink des Schicksals oder einem Gottesurteil +gleichkam. Aber die Ereignisse innerhalb der Partei zerstreuten +den Nebel, der meinen Blick vorübergehend verdunkeln +wollte.</p> + +<p>Überall hatten nach den Wahlen Siegesfeiern statt<a name="Page_492" id="Page_492"></a>gefunden. +Hunderte von Rednern hatten das »Unser +die Welt!« in die überfüllten Säle hinausgeschmettert +und ein vieltausendstimmiges Echo gefunden. Dann +aber war der Rausch verflogen, und jenes erwartungsvolle +Schweigen war eingetreten, das jedem großen Ereignis +zu folgen pflegt. Man konnte sich nicht vorstellen, +daß nun der Alltag wieder da ist, — genau so +wie vorher; es mußte irgend etwas folgen, das dem Ungeheueren +entsprach, das wir erlebt hatten! Doch es geschah +nichts. Nur der Sommer war gekommen mit seiner +Blumenpracht, — wie immer. Ein unbestimmtes Gefühl +der Enttäuschung erkältete die eben noch glühenden +Herzen. Die durch den Kampf aufgepeitschten Nerven +erschlafften plötzlich; eine nörgelnde Empfindung der Unzufriedenheit +entstand; kaum einer war, der sich ihr entziehen +konnte, und wer am leidenschaftlichsten um den +Sieg gerungen hatte, den packte sie mit doppelter Gewalt.</p> + +<p>Einige der führenden Geister in der Partei waren +sich bewußt, daß die nervöse ungeduldige Frage der +Massen nach dem Preise des siegreichen Kampfes Antwort +heischte. Aber sie empfanden nicht, daß die Antworten, +die sie gaben, angesichts der Größe der Erwartungen +wie eine Verhöhnung wirken mußten. Kautsky, +der Theoretiker des Radikalismus, versuchte ihr als der +Vorsichtigere aus dem Wege zu gehen, indem er sich +nur mit den Wahrscheinlichkeiten der künftigen Haltung +unserer Gegner beschäftigte, und im übrigen die Gemüter +durch den Hinweis auf »die alte, bewährte Taktik +der Partei« zu beruhigen suchte. Eduard Bernstein dagegen, +der Revisionist, hatte in dem Bestreben, zu momentanen +praktischen Resultaten zu gelangen, acht Tage nach +<a name="Page_493" id="Page_493"></a>dem Siege auf die Frage: was folgt aus dem Ergebnis +der Reichstagswahlen? keine andere Antwort als die: +ein sozialdemokratischer Vizepräsident im Reichstag! Was +in ruhigen Zeiten vielleicht zu einer Erörterung innerhalb +der Fraktion geführt hätte, das wurde jetzt das +Signal zum Aufruhr.</p> + +<p>Wie, darum haben wir monatelang unsere Haut zu +Markte getragen, darum haben drei Millionen Deutsche +einundachtzig Sozialdemokraten in den Reichstag geschickt, +damit einem von ihnen die Gelegenheit geboten +wird, vor dem Kaiser zu katzbuckeln, — dem Kaiser, +dessen Faust wir von Essen und Breslau her noch auf +unserer Wange brennen fühlen?! So tönte es von allen +Seiten.</p> + +<p>Vergebens, daß Vollmar von München aus versuchte, +der kühlen Vernunft zu ihrem Rechte zu verhelfen, indem +er die tatsächlichen Vorteile der Vertretung der +Partei im Präsidium hervorhob und die Haltlosigkeit +der prinzipiellen Gegnerschaft zu dem »Hofgang« dadurch +illustrierte, daß die Parteigenossen in den Einzelstaaten +es mit ihrer republikanischen Gesinnung vereinigen müssen, +dem jeweiligen Landesherrn Treue zu schwören, der Eid +aber doch bedeutungsvoller sei, als ein offizieller Besuch +im Kaiserschloß, — bis nach Norddeutschland drang +seine Stimme nicht. Zu tief empfanden Alle die unbewußte +Verhöhnung ihrer Hoffnungen und ihres Glaubens +in Bernsteins Antwort auf die Frage, die sie bewegte. +Und auch ich konnte mich dem niederdrückenden Eindruck +nicht entziehen.</p> + +<p>Die Empörung über Bernstein verdichtete sich zur allgemeinen +Wut auf die Revisionisten, die sie ihrerseits +<a name="Page_494" id="Page_494"></a>mit einem Ungeschick, das sich nur aus ihrer Temperamentlosigkeit +erklären ließ, schüren halfen.</p> + +<p>»Wir müssen die liberalen Parteien ersetzen —,« erklärte +der eine; die aufgeregten Massen lasen daraus: +wir müssen unsere sozialdemokratischen Grundsätze in die +Tasche stecken.</p> + +<p>»Ein proletarischer Klassenkämpfer sein, das heißt +nicht auf die bürgerliche Gesellschaft unterschiedslos +drauflos prügeln —,« sagte ein anderer; die Arbeiter +ergänzten: wir sollen mit ihr liebäugeln.</p> + +<p>Sie hatten unrecht — zweifellos —, wie jeder unrecht +hat, den die Leidenschaft nicht nur dem Ziel entgegen +vorwärts reißt, sondern blind und taub macht +für alles, was rechts und links geschieht. Aber weit +größer war das Unrecht derer, die imstande gewesen +waren, an dem Siegesfeuer, dessen himmelauflodernde +Flammen die Begeisterung der Kämpfer entfacht hatten, +ihr armseliges Süppchen zu kochen und es den Andächtigen, +deren Glauben noch glühender brannte als +das Feuer, als sättigende Speise darzureichen.</p> + +<p>Ein mächtiger Helfer erwuchs ihrem Zorn, einer, der +noch immer wundergläubig gewesen war, wie sie; einer, +den, wie sie, der Sieg trunken gemacht hatte: August +Bebel. In einer Erklärung, die dem Pronunziamento +des Nachfolgers Christi auf dem apostolischen Stuhle +gleichkam, verurteilte er Bernstein und die Seinen und +drohte überdies mit der Entscheidung des nächsten Parteitages. +Nun erst, nachdem der Führer gesprochen, entbrannte +der Bruderkrieg in vollem Umfang. Was Bebel +nur hatte ahnen lassen, das sprachen andere aus: fort +aus der Partei, wer uns den Sieg verekelt.</p> + +<p><a name="Page_495" id="Page_495"></a>Ich fürchtete das Schlimmste. Meine persönlichen +Besorgnisse verschwanden wie Tautropfen im Meer. +Jetzt galt es, den Bedrohten einen Mittelpunkt schaffen, +der zum Ausgang einer starken, jungen Bewegung werden +könnte. Aus tiefster Überzeugung wiederholte ich Heinrichs: +»Erst recht!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Verkauf des Archivs war der erste Schritt +zu unserem Ziel. Heinrich wandte sich an +einen der größten Verleger, der seine Bereitwilligkeit +aussprach, das Archiv zu übernehmen, wenn +der alte Herausgeber ihm erhalten bliebe. Er bot ein +Redaktionshonorar dafür, das uns zeitlebens der Sorgen +enthoben hätte. Wir besannen uns keinen Augenblick, +seine Vorschläge zurückzuweisen.</p> + +<p>»Nun bliebe noch Romberg,« sagte ich zögernd; ich +wußte, seit jener ersten Anfrage war eine leise Entfremdung +zwischen den beiden Männern eingetreten.</p> + +<p>»Damit er mich wieder behandelt, wie der hochmögende +Vormund,« brauste Heinrich auf.</p> + +<p>Noch am selben Abend schrieb ich an Romberg. +Wenige Tage später war er in Berlin. Ich setzte ihm +die Lage auseinander.</p> + +<p>»Ich appelliere lediglich an Ihr Interesse für die +Zeitschrift,« sagte ich, »die heute eine der angesehendsten +ihrer Art ist. Es lag Ihnen daran, sie in die +Hand zu bekommen; — Sie sprachen seinerzeit davon, +als von einem Ersatz der ordentlichen Professur.«</p> + +<p>Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Wenn +ich nun aber statt meines persönlichen Interesses, das +<a name="Page_496" id="Page_496"></a>sich nicht verändert hat, meine Freundschaft entscheiden +ließe?!« rief er aus. »Mir scheint, ich müßte Sie vor +einem Unglück bewahren!«</p> + +<p>»Das lassen Sie meine Sorge sein,« antwortete ich +herb. Er schwieg verletzt, und als gleich darauf mein +Mann eintrat, stellte er sich auf einen ausschließlich geschäftlichen +Standpunkt und verhandelte nur mit ihm.</p> + +<p>Kurze Zeit darnach war die Angelegenheit entschieden: +Mit zwei anderen Herren übernahm Romberg das Archiv.</p> + +<p>Ich hatte im Augenblick meine ganze Zuversicht +wiedergewonnen und lud ihn ein, den Abschluß fröhlich +mit uns zu feiern. Aber er war schon abgereist.</p> + +<p>»Dann geben wir uns allein ein Fest,« meinte mein +Mann; »wir haben Ursache genug dazu als selbständige +Inhaber der Neuen Gesellschaft!« Doch es schien, als +sollte es nicht sein. Zuerst verschlang die Arbeit unsere +Zeit, und dann kam die Stimmung nicht wieder.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Hader in der Partei nahm immer bösartigere +Dimensionen an. Was Bebel an +Erklärungen und Artikeln veröffentlichte, das +klang so maßlos, daß die Vizepräsidentenfrage und die +Mitarbeit der Parteigenossen an bürgerlichen Blättern +unmöglich die einzige Ursache seines Vorgehens sein +konnte. Er mußte irgendwo Parteiverrat wittern, wenn +er alle politische Klugheit so völlig zu vergessen vermochte +und den Gegnern die bittere Pille der Wahlniederlage +durch den Kampf in den eigenen Reihen versüßte.</p> + +<p>»Die Zeit des Vertuschens und Komödienspiels ist +vorbei —,« rief er; »jetzt heißt es Farbe bekennen, jetzt +<a name="Page_497" id="Page_497"></a>gibt's kein Ausweichen mehr —,« was hieß das anders, +als daß Elemente in der Partei vorhanden waren, die +nicht hinein gehörten, die entfernt werden mußten?</p> + +<p>»Die Masse der Parteigenossen halte die Augen auf!« +mahnte er; was bedeutete das anders, als daß sich Verräter +in ihrer Mitte befanden? Aber während Bebels Zorn +vom Feuer der Leidenschaft noch immer verklärt erschien, +sekundierten ihm die Zionswächter des Radikalismus mit +der Kälte systematischer Verfolgungssucht. Und nun erwachte +im Proletariat, auf dessen rohe Instinkte sie spekulierten, +der Pöbel. Er warf sich keifend auf alles, +was nicht mit ihm lärmte.</p> + +<p>Wir, die wir dem Revisionismus eine selbständige +Zeitschrift schaffen wollten, standen, das zeigte sich bald, +mit auf der ersten Seite der Liste der Konskribierten. +Noch ehe die erste Nummer unseres Blattes erschienen +war, wurde es als ein kapitalistisches Unternehmen gebrandmarkt; +von Mund zu Mund ging der Klatsch, +daß wir einen reichen Gönner gefunden hätten, der es +wie einen Sprengstoff in die Partei werfen wollte, und +in einer der wild erregten Versammlungen, die dem +Parteitag vorangingen, fiel zum erstenmal das verächtliche +Wort, das wohlgefällig weitergetragen wurde: »Geschäftssozialisten.«</p> + +<p>Es traf mich wie ein Keulenschlag. Eben erst hatten +wir eine gesicherte Existenz von uns gewiesen, — und +nun dies Wort!!</p> + +<p>Ich brütete stumm vor mich hin. Ich ging nicht auf +die Straße, denn ich fühlte mich wie beschmutzt.</p> + +<p>Was ich erlebte, war nur ein Teil dessen, was allen +begegnete, die unter dem Namen Revisionisten zusammen<a name="Page_498" id="Page_498"></a>gefaßt +wurden. Das zahnlose alte Weib, der Klatsch, +ging um mit den ewig beweglichen Lippen und den +dürren Fingern, die in jeder Gosse gierig wühlen. Als +Mandatsjäger wurde der eine verdächtigt, als lügnerischer +Verleumder Bebels der andere. Und wessen wir +bisher fälschlich beschuldigt worden waren, — eine geschlossene +Gruppe zu sein, — das machte die Verfolgung +aus uns. Den Kopf umnebelt von den giftigen +Dünsten, die rings um uns aufstiegen, erschien uns der +Haß der Personen, die uns bekämpften, als das Primäre; +kaum einer war, der noch wußte, daß es der +Gegensatz der Anschauungen war, der ihn zeugte, und +niemand gab zu, daß Bebel recht hatte, wenn er an kleinen +Symptomen die ganze Richtung erkannte, — die Richtung, +die seinen tiefgewurzelten Prophetenglauben, aus dem er +die ganze Schwungkraft seiner Lebensarbeit sog, erschüttern +mußte, wenn sie zur allgemeinen Anerkennung kam.</p> + +<p>Wie sich sein Zorn und derer um ihn auf die Einzelnen +entlud, die im Augenblick als die Sünder erschienen, +so entlud sich der unsere auf einen Mann, der +seit Jahren das Feuer schürte, das uns verbrennen +sollte, der, ohne sich jemals in das Gewühl der Volksversammlung +zu wagen, von der Abgeschiedenheit seiner +Studierstube aus Jeden verfolgte, der kein Buchstabengläubiger +des Marxismus war. Seine glänzende journalistische +Fähigkeit hatte ihm seine Stellung geschaffen; +die fanatische Rücksichtslosigkeit, mit der er seine Gegner +verfolgte, hatte sie erhalten helfen. Niemand wagte, +sich ihm entgegenzustellen. Selbst seine Gesinnungsfreunde +fürchteten ihn, denn er haßte heute, was er +gestern noch liebte.</p> +<p><a name="Page_499" id="Page_499"></a></p> +<p>»Er ist das böse Prinzip der Partei,« hieß es in +unserem Kreise, während tatsächlich nur der konservative +Radikalismus mit all seiner Unduldsamkeit, all +seinem Dogmenglauben in ihm Fleisch geworden war.</p> + +<p>»Wenn wir die Partei von ihm befreien können, so +haben wir sie gerettet,« erklärten unsere Freunde.</p> + +<p>Meinen Mann packte der Gedanke wie keinen. Noch +immer hatte seine überschäumende Willenskraft sich an +Aufgaben erproben wollen, die niemand sonst übernahm. +Er hörte um so weniger auf die warnenden Stimmen, +die sich erhoben, als ich ihn in seinem Vorhaben nur +bestärkte. Die Partei aus der inneren Zerrüttung erretten, +in der sie sich befand, sie einer neuen gesicherten +Einheit entgegenführen, — keine Aufgabe wäre mir im +Augenblick größer erschienen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Es war am Abend vor unserer Abreise nach +Dresden, wo der Parteitag stattfand.</p> + +<p>»Es wird ein Kampf bis aufs Messer,« +sagte Heinrich; »aber was auch kommen mag, mich +soll's nicht kränken, wenn ich nur deiner sicher bin!«</p> + +<p>Ich legte beide Arme um seinen Hals: »Du kannst +es, Heinz! Noch niemals liebte ich dich so wie heut!« +Und zärtlich schmiegte ich meinen Kopf an seine Schulter, +während mein Auge in demütiger Liebe an dem seinen hing.</p> + +<p>»Ihr törichten Frauen wollt in den Männern immer +nur Helden sehen,« meinte er. Seine Lippen brannten +auf meinem Mund. Wir vergaßen der Ehe, wie in +allen glücklichen Stunden unseres Lebens; — der Ehe, +die alle Geheimnisse schamlos ihrer Schleier beraubt, +<a name="Page_500" id="Page_500"></a>so daß die Liebe, die nur von Sehnsucht lebt, sterben +muß.</p> + +<p>Gegen Morgen weckte mich ein Schrei. Ich fuhr +entsetzt aus dem Schlaf.</p> + +<p>»So bleib doch, Liebste,« flüsterte Heinrich traumbefangen. +Aber schon war ich im Nebenzimmer am +Bett meines Kindes. Seine Wangen glühten, verständnislos +irrten seine Augen an mir vorbei. Und +wieder löste sich ein Schmerzensruf von seinen trockenen +Lippen. Ich wickelte den zuckenden Körper in nasse +Tücher und schickte die Berta zum Arzt. Jetzt erst erwachte +mein Mann und erschien an der Türe.</p> + +<p>»Papachen,« sagte der Kleine und verzog den Mund +mühsam zu einem Lächeln.</p> + +<p>»Was ist denn nur?!« rief Heinrich mit gerunzelter +Stirn und ungeduldiger Stimme; »komm doch ins Bett, — du +erkältest dich ja!«</p> + +<p>Ich lief ins Schlafzimmer zurück, um mir einen Mantel +zu holen.</p> + +<p>»Du siehst doch, — Ottochen ist krank,« flüsterte ich +ihm im Vorübergehen zu.</p> + +<p>»Krank!« wiederholte er laut und trat näher. »Nicht +wahr, mein Junge, dir fehlt nichts, — du träumtest +nur schlecht, — du siehst ja rund und rosig aus, wie's +liebe Leben!«</p> + +<p>Mit einem ängstlich fragenden Blick sah der Kleine +von einem zum anderen.</p> + +<p>»Gewiß, Papa, gewiß,« sagte er dann mit stockender +Stimme, »jetzt ist schon alles wieder gut.« Aber seine +tränenumflorten Augen, die flehend zu mir aufsahen, +sein heißes Händchen, das krampfhaft meine Finger +<a name="Page_501" id="Page_501"></a>umschloß, strafte seine Worte Lügen. Ich drängte Heinrich +hinaus. Wo nur die Berta blieb? Warum der Arzt +nicht kam? — Im Wohnzimmer schlug die Uhr sieben.</p> + +<p>»Es ist die höchste Zeit, daß du dich anziehst, Alix,« +rief Heinrich. Wir hatten uns mit unseren Freunden +für den Achtuhrzug verabredet. Ich wechselte rasch die +Kompresse auf der brennenden Stirn meines Kindes und +ging ins Schlafzimmer.</p> + +<p>»Selbstverständlich bleibe ich hier,« sagte ich, die +Stimme dämpfend.</p> + +<p>»Das wäre noch schöner!« antwortete er heftig. »Wegen +eines Schnupfens, den der Junge im schlimmsten Fall +kriegen wird, willst du in diesem Augenblick mich und +die Sache im Stiche lassen!«</p> + +<p>Ich fühlte, wie das Blut mir siedendheiß in das +Antlitz schoß: »So sprich doch wenigstens leise —«</p> + +<p>Aber Heinrich wollte nicht hören: »Du weißt, was +auf dem Spiele steht, — du kommst mit,« schrie er mich +an, und seine Hand umkrallte meinen Arm.</p> + +<p>»Und wenn die ganze Partei darüber zugrunde ginge, — ich +bleibe hier,« zischte ich, außer mir vor Empörung.</p> + +<p>»Mama, — Mama!« rief eine süße weinende Stimme. +Der Kleine stand auf der Schwelle, mit angstvoll aufgerissenen +Augen, wie im Schwindel auf den bloßen +Füßchen hin und her schwankend. Auf meinen Armen +trug ich ihn ins Bett zurück und riegelte die Tür hinter +uns zu. Nach kurzer Zeit hörte ich Heinrich das +Haus verlassen. Ich fühlte keinen Schmerz, — nur eine +ungeheure Leere in meinem Herzen. Darüber nachzugrübeln, +war ich nicht imstande: in wilden Fieberphantasien +wälzte sich mein Kind auf seinem Lager.</p> + +<p><a name="Page_502" id="Page_502"></a>Kaum in Dresden angekommen, telegraphierte mir +mein Mann: »Verzeih. Wie geht es?« Mußte ich ihm +nicht jetzt, wo er so schweren Stunden entgegenging, +die Wahrheit schonend verschweigen?! Aber warum +diese Rücksicht?! War er doch mehr als schonungslos, +war grausam gewesen! Nie würde ich ihm das verzeihen +können!</p> + +<p>»Otto schwere Blinddarmentzündung,« antwortete ich +kurz, dem Ergebnis der ärztlichen Untersuchung entsprechend.</p> + +<p>Zwei Tage vergingen und zwei Nächte. Noch immer stieg +das Fieber; der kleine Körper krümmte sich vor Schmerzen. +Die Schreie der Angst wurden schwächer; an ihre Stelle +trat ein Wimmern — jammervoll, ununterbrochen. Ich +wich nicht von dem kleinen Bett. Wenn ich die Hand +auf das heiße Köpfchen des Kranken legte, schien er für +Augenblicke ruhiger, wenn ich mich ganz dicht an ihn +schmiegte, verlor sein Blick den Ausdruck tiefen Entsetzens. +Einmal glaubte ich schon beglückt, er schliefe. +Da riß er sich ungestüm aus meinen Armen, richtete sich +hoch auf, starrte mich verständnislos an und schrie: +»Mama, — Mama, — warum bist du so weit, — so weit +weg, — ich sehe dich gar nicht mehr —« und in verzweifeltem +Schluchzen bebten seine Schultern. Das Herz +krampfte sich mir zusammen, — und doch hatte ich noch +Kraft genug ihm beruhigend zuzulächeln, während ich +den kleinen Körper wieder in nasse Tücher hüllte. Er +wurde still, er schloß die Augen, er atmete regelmäßiger. +Aber in meinen Ohren dröhnten seine Worte: warum +bist du so weit weg! Er hatte mich angeklagt, — und +ich sprach mich schuldig: War ich nicht Tage, Wochen, +Monde lang von meinem Sohn »weit weg« gewesen?!<a name="Page_503" id="Page_503"></a> +War nicht auf seinen Gedankenwegen mit ihm gegangen, — hatte +nicht mit seinem Herzen gefühlt, — mit seinen +Augen gesehen? Wenn er nun mich verlassen wollte?! +Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende. An seinem +Bette sank ich in die Kniee; ich faltete die Hände auf +seinen Kissen; — ich betete. Nicht zu den Schutzengeln, +die mir ein Märchen waren, nicht zu dem Christengott, +den ich nicht kannte. Mein Gebet war voll Frömmigkeit, +ob es auch keine Worte hatte, mein Gebet war +voll Glauben, ob es auch glaubenslos war, mein Gebet +war voll Kraft, denn es richtete sich nicht gen Himmel, — es +brachte dem Heiligtum des Lebens mich selbst zum +Opfer dar ...</p> + +<p>Der grauende Tag kroch durch die Fenster. Mein +Kind schlief mit einem Lächeln um die blassen Lippen. +Ich küßte es leise. Mir war, als wäre ich erst in der +letzten Nacht seine Mutter geworden.</p> + +<p>Draußen läutete es. Es war der Telegraphenbote: +»Wie geht es? Rege dich über Zeitungen nicht auf.« +Ich mußte den zweiten Satz noch einmal lesen; gab +es noch irgend etwas in der Welt, über das ich mich +nach dieser Nacht hätte aufregen können?! Ja so! Der +Parteitag, — ich hatte nichts gelesen. »Otto besser. +Bin ruhig. Wünsche dir das Beste,« antwortete ich.</p> + +<p>Während Berta mich bei dem Kranken vertrat, las +ich die Berichte. Ich erschrak, als ich sah, daß Heinrich +entgegen seiner Absicht, durch den Artikel eines +sächsischen Parteiblattes herausgefordert, in der Diskussion +über die Mitarbeit von Genossen an der bürgerlichen +Presse als Erster gesprochen hatte. Die ganze +Erregung über unser Auseinandergehen, die wachsende<a name="Page_504" id="Page_504"></a> +Sorge um das kranke Kind mußte ihn beherrscht, seine +Stimmung beeinträchtigt haben. Und ich fühlte zwischen +jeder Zeile der Rede die Bitterkeit seines Herzens, die +quälende Angst. Über jenen Mann hatte er gesprochen, +der sich herausnahm im Kampf gegen uns den Ton anzugeben, +der uns um einiger Artikel in einer bürgerlichen +Zeitschrift willen wie Verräter verfolgte; und er +hatte ihn gekennzeichnet, als das, was er war: ein +doppelter Renegat, in der Jugend Sozialdemokrat, gleich +darauf der Verfasser einer der giftigsten Schmähschriften +gegen die Sozialdemokratie, nach wenigen Jahren wieder +Mitglied der Partei, und jetzt: ihr unfehlbarer Sittenrichter. +Keiner, so schien mir, würde sich dem Eindruck +der Rede meines Mannes entzogen haben, wenn nicht +in jedem Ton die Aufregung gezittert hätte, deren Ursache +niemand kannte als ich. Immer wieder hatte ihn +Bebel unterbrochen, mit stets gesteigerter Heftigkeit, und +jeder Zuruf mußte meinen Mann, dessen ganze Seele +wund war, doppelt schmerzhaft treffen. Und dann waren +sie alle über ihn und uns hergefallen, und am tollsten +hatten uns, die freien Schriftsteller — »frei« wie der +Lohnarbeiter, der seinem Verdienst nachgehen muß —, +die Genossen geschmäht, die in sicheren Parteipfründen +saßen. Ein Gefühl von Ekel stieg mir bis zum Hals. +Wie hatte doch Romberg einmal gesagt? »Durch eine +bestimmte Personengruppierung kann eine Sache rettungslos +verloren gehen.« War diese Gesellschaft wütender +Proleten wirklich noch der würdige Träger der menschheitbefreienden +Gedanken des Sozialismus?</p> + +<p>In einem kurzen Brief, den ich von Heinrich erhielt, +hieß es: »... Die Lage der Dinge ist unbeschreiblich.<a name="Page_505" id="Page_505"></a> +Die eingeschlossene Luft in diesem engen halbdunkeln +Saal scheint gefüllt mit Sprengstoff. Das gezwungene +dicht Nebeneinandersitzen erhöht die Reizbarkeit ... Bebel +ist selbst für Freunde, die ihn beruhigen wollen, unnahbar. +Er hat sich stundenlang in sein Hotel zurückgezogen +und hat den Ausdruck eines Rachegottes, wenn +er wieder erscheint. Warum? Niemand weiß es. Er +soll sich während der Wahlkämpfe überanstrengt haben, +sagen die einen; die Erbschaft, die ein bayerischer +Offizier ihm hinterließ, und das, was an Prozessen +mit den Verwandten dieses Offiziers darum und +daran hängt, soll ihn aufregen, meinen die anderen. +Jedenfalls kommt mehr denn je alles auf seine +Haltung an; und sein Benehmen mir gegenüber läßt +wenig Gutes hoffen. Übrigens scheint er auf uns beide +ganz besonders wütend zu sein. Als Wanda Orbin die +Mitarbeit an bürgerlichen Blättern als todeswürdiges +Verbrechen kennzeichnete und dabei von den sündigen +›Genossen‹ sprach, rief er wiederholt mit starker Betonung +dazwischen: ›Und Genossinnen!‹ Damit bist Du +in erster Linie gemeint ... Man spricht von einer +Resolution, durch deren Unannehmbarkeit die Revisionisten +hinausgedrängt werden sollen ...«</p> + +<p>Seltsam, wie kühl, fast gleichgültig ich dieser Möglichkeit +gegenüber blieb.</p> + +<p>Gegen Abend fieberte mein Kind wieder. Es phantasierte +von Riesen, die das Zimmer füllten, und am +Morgen war mir, als ob ich die ganze Nacht mit +ihnen hätte ringen müssen, um sie vom Bett meines +Lieblings fernzuhalten. Ich fühlte mich zu Tode erschöpft.</p> +<p><a name="Page_506" id="Page_506"></a></p> +<p>»Wir sind noch nicht über den Berg,« sagte der Arzt +mit einem ernsten Gesicht, »aber Sie sollten sich trotzdem +schonen —.«</p> + +<p>»Ich bin die Mutter,« unterbrach ich ihn.</p> + +<p>»Gerade darum,« antwortete er.</p> + +<p>Aber wie konnte ich von meinem Sohne weichen, solange +seine Augen sich trübten, wenn ich den Platz an +seinem Bett verließ!</p> + +<p>Während er ein paar Bleisoldaten auf den weißen +Berg seiner Kissen klettern ließ, überflog ich zerstreut +den neuen Parteitagsbericht. Erst Bebels Rede fing +an, mich zu fesseln. Er zählte die Sünden jener Wochenschrift +auf, für die wir fünf Angeklagten geschrieben +hatten: Vor genau zehn Jahren hatte deren Herausgeber +ihn als »rote Primadonna« verulkt. Ich staunte: sollte +Bebel, der große Bebel, von so kleinlicher Empfindlichkeit +sein, daß er dergleichen Nebensächlichkeiten als unauslöschliche +Kränkungen empfand?! Und im vorigen +Jahre während des Zollkampfes hatte derselbe Redakteur +sich gegen die Obstruktionspolitik der Sozialdemokraten +ausgesprochen. War das nicht sein gutes Recht? Sollte +er selbst mit seiner Überzeugung hinter dem Berge halten, +wenn er allen seinen Mitarbeitern die vollste Meinungsfreiheit +gewährte?</p> + +<p>Ich las weiter. Ich rieb mir die Augen, — vielleicht +war ich es jetzt, die fieberte, — der Kopf fing an, mir +zu brennen. Ich las noch einmal. Aber ich irrte mich +nicht. Hier stand es, ganz deutlich, und noch unterstrichen +durch den »stürmischen Beifall«, mit dem es +begrüßt worden war: »Es gibt unter uns Marodeure, +die ein solches Blatt unterstützen —«, »Elemente, die +<a name="Page_507" id="Page_507"></a>moralisch tief gesunken sind —«, »ihnen gebührt nichts +anderes, als ein kräftiges Pfui!«</p> + +<p>Griff mir nicht eine rohe Faust an die Kehle —, traten +die Augen nicht schon aus ihren Höhlen? Und +der Boden unter mir, auf dem ich stand, schwankte er +nicht? — — Meine Familie, meine Freunde, meine +Existenz, — alles hatte ich der Partei geopfert, — und +jetzt kam dieser Mann und beschimpfte mich, weil ich +ein paar literarische Kritiken in ein Blatt geschrieben +hatte, das ihm nicht paßte?! Er, dieser Ritter der +Frauen, hatte den traurigen Mut, mich vor der ganzen +Welt für ehrlos zu erklären?! Ich sprang vom Stuhl, — vergaß +mein krankes Kind, — und lief ins Nebenzimmer. +Dort in der alten Truhe lag sie noch, — meines +Vaters Pistole! Wenn ich ein Mann wäre —! +Meine Hand krampfte sich um ihren Griff, mein Finger +suchte den Hahn. Wenn mein Vater noch lebte! Vor +ihre Mündung würde er den Räuber meiner Ehre fordern!</p> + +<p>»Mama!« rief es von nebenan. Ich strich mit der +Hand über meine heiße Stirn und warf mit einem +spöttischen Achselzucken über die romantische Anwandlung, +die ich eben gehabt hatte, die alte Pistole in die +Truhe zurück. Ich stehe ja nicht allein, dachte ich; mein +Mann, der auf die kleinste Kränkung, die mir angetan +wird, mit hellem Zorn reagiert, hat mich in diesem +Augenblick schon verteidigt, und die anderen alle, die +getroffen wurden, genau wie ich, werden zu flammendem +Protest einmütig zusammenstehen.</p> + +<p>Aber schon, daß die Diskussion ohne Unterbrechung +ihren Fortgang genommen hatte, machte mich stutzig. +Freilich, der eine der Angegriffenen, der eben einen<a name="Page_508" id="Page_508"></a> +Wahlkreis erobert hatte wie wir, verteidigte sich in aufflammender +Empörung.</p> + +<p>»Auch dem Parteiführer, der die Ehre eines Menschen +beschmutzt, gebührt ein Pfui,« rief er aus. Aber mitten +in seiner Rede war er imstande gewesen, mit sentimentaler +Rührung von der Verehrung zu erzählen, die er +für den Beleidiger empfunden hatte! Ich schämte mich, +auch nur mir selbst solch ein Gefühl zuzugeben. Und +als Bebel nachher ein paar väterliche Worte der Anerkennung +für ihn aussprach, bedankte er sich dafür!</p> + +<p>Der andere stimmte seine Rede auf denselben Ton +und sprach von der ganz besonderen Verehrung, die er +für den Veteranen der Partei stets empfunden habe. +Der Dritte endlich brauste zwar in jugendlichem Eifer +auf, hatte aber schon vorher reumütig abgebeten. Ich +schüttelte mich. Wer sich so behandeln ließ, war wert, +daß er so behandelt wurde. Mein Mann, dachte ich +triumphierend, wird anders zu sprechen wissen!</p> + +<p>Jetzt endlich fand ich seinen Namen unter den Rednern. +Unwillkürlich suchte ich zuerst nach den Zwischenrufen, +nach den wilderregten Szenen, die sein Zorn +hervorrufen mußte; — und da stand es ja schon: +»stürmische Unterbrechungen« — »große Unruhe« — »Skandal«. +Aber das bezog sich gar nicht auf eine +Zurückweisung der Beleidigungen Bebels. Meine Hände, +die das Blatt hielten, begannen zu zittern.</p> + +<p>Wie?! Auch was er sagte, klang wie eine halbe +Entschuldigung?!</p> + +<p>»Wir sind entschlossen, an der fraglichen Wochenschrift +nicht mehr mitzuarbeiten, da das Interesse der Partei +es fordert ...« Und dann: »Ich erwarte von Bebel, +<a name="Page_509" id="Page_509"></a>daß er das schwere und bittere Unrecht, das er begangen +hat, einsieht und durch eine Erklärung gut zu machen +sucht.« War das alles? Wirklich alles?! Ich ballte +die Hände und drückte die Nägel ins Fleisch, ich preßte +die Zähne aufeinander, daß sie knirschten. Nur nicht +weinen, nur jetzt nicht weinen, — wiederholte ich immer +wieder. Die große Uhr über dem Schreibtisch tickte +laut und vernehmlich, — meines Vaters Uhr, die ich +vor fremden Händen gerade noch gerettet hatte.</p> + +<p>»Er hat dich nicht verteidigt, — nicht verteidigt —,« +sagte sie unaufhörlich; oder war es des Vaters +Stimme? — »Nicht verteidigt —«</p> + +<p>Ich schrieb an den Vorsitzenden des Parteitags und +forderte ihn auf, Bebel zu einer Rücknahme seiner Beleidigung +zu veranlassen. Mein Wunsch wurde abgelehnt. +Ich verlangte ein Schiedsgericht, das über +meine Ehre entscheiden sollte. »Wegen der Meinungsäußerung +eines Genossen über den anderen kann ein +solches nicht angerufen werden,« lautete die Antwort. +Jetzt also war ich vogelfrei; ausgestoßen aus meiner +alten Welt, als Ehrlose gebrandmarkt in der neuen!</p> + +<p>Ich wurde merkwürdig ruhig. Ich spielte lächelnd +mit meinem Sohn, der sich langsam erholte. Es gab +Stunden, in denen ich dem Schicksal dankbar war, das +mich an diese Stelle zwang, das es mir deutlicher sagte, +als Worte es je vermocht hätten: dein Kind allein ist +deine Welt.</p> + +<p>Fast mechanisch, interesselos, fing ich wieder an, die +Berichte zu lesen.</p> + +<p>Inzwischen war die Abstimmung über die Erklärung +des Parteivorstandes zur Frage der Mitarbeit +<a name="Page_510" id="Page_510"></a>von Genossen an bürgerlichen Preßunternehmungen +vor sich gegangen. Mit überwältigender Mehrheit +war sie zur Annahme gelangt. Ich lachte unwillkürlich +laut auf. So orthodox war bisher nicht einmal +die Kirche gewesen! Sie war viel zu klug dazu; sie +benutzte jede Tribüne, wenn es galt, auch nur eine +Seele zu gewinnen.</p> + +<p>»Nicht darauf kommt es an,<em class="spaced"> wo</em> Parteigenossen +schreiben, sondern<em class="spaced"> was</em> sie schreiben. Je mehr sie mit +ihrer Überzeugung und ihrer Person in die Reihen der +uns noch feindlich Gesinnten eindringen, desto besser ist +es für unsere Sache, denn wir sind keine Sekte, die sich +zu ihrem Gottesdienst in ihrer Kapelle verschließt, sondern +eine Bewegung, die der ganzen Menschheit dienen +und die Welt erobern will ...«</p> + +<p>Das wäre eine unserer sozialistischen Grundsätze würdige +Erklärung gewesen. Niemand beantragte sie. Nur +vierundzwanzig — unter ihnen mein Mann, Göhre, +Vollmar — hatten den Vorstandsbeschluß abgelehnt.</p> + +<p>Und nun stand der zweite Streitpunkt: die Taktik der +Partei, die Vizepräsidenten-Frage, auf der Tagesordnung.</p> + +<p>Bebel referierte. Nach allem Vorhergegangenen erwartete +ich eine wütende Philippika. Aber das, was +er sagte, übertraf jede Erwartung. War das derselbe +Bebel, der in Hannover so klug und so einsichtig gewesen +war?</p> + +<p>»Nie und zu keiner Zeit waren wir in der Partei +uneiniger als jetzt —;« das erklärte er, nachdem wir +eben einmütig den größten politischen Sieg erfochten +hatten! »So geht's nicht weiter, — jetzt müssen wir +endlich reinen Tisch machen,« und: »Wer nicht pariert, +<a name="Page_511" id="Page_511"></a>der fliegt hinaus!« War das noch die Sprache des +Führers einer demokratischen Partei, oder nicht vielmehr +die eines Diktators? Er sprach von den Revisionisten +als von den Leuten, die mit der Bourgeoisie liebäugeln, +und verlangte, daß man sie öffentlich denunzieren +müsse, damit die Genossen sich vor ihnen hüten könnten. +Er erklärte auf der einen Seite, um einen Gewerkschaftsantrag +zu Falle zu bringen, daß es für die Fraktion +viel zu schwierig sei, ganze Gesetzesvorlagen auszuarbeiten, +und versicherte auf der anderen, daß, wenn die Partei +heute zur Herrschaft im Staate käme, sie schon morgen +wissen würde, was sie zu tun habe. Der heimliche Haß +gegen die Akademiker, durch den er die Masse des Proletariats +unzerreißbar mit sich verband, ohne zu fühlen, +daß er dem ersten Grundsatz des Sozialismus dadurch +ins Gesicht schlug, durchglühte seine Rede.</p> + +<p>»Seht Euch die Akademiker dreimal an, ehe Ihr +ihnen Vertrauen schenkt!« »Stürmischer Beifall« stand +daneben. Und doch waren es Akademiker gewesen, die +dem Proletariat die Organisation, seiner Bewegung die +Grundlage und das Ziel gegeben hatten. Schließlich +warnte er noch vor »dem anderen Teil der Revisionisten, +den Proletariern in gehobenen Lebensstellungen«. Und +niemand lachte ihm ins Gesicht, — und niemand +wies mit Fingern auf die, die Beifall jauchzten: Gastwirte, +Redakteure, Parteibeamte, lauter ehemalige Proletarier +in gehobenen Lebensstellungen, — und ihn selbst, +der ein wohlhabender Mann geworden war. Fielen +denn heute lauter Schleier von meinen Augen, oder +war ich nur vorher blind gewesen?</p> + +<p>Nach ihm sprach Vollmar. Er zeigte, wie die Partei +<a name="Page_512" id="Page_512"></a>seit Jahren angesichts der praktischen Forderungen des +Tages ein Vorurteil nach dem anderen habe fallen lassen, +wie zum eisernen Bestand ihrer Taktik geworden sei, +was kurz vorher als hochverräterische Forderung gebrandmarkt +worden war. Dann aber wandte er sich persönlich +gegen Bebel, — der erste und der einzige, der +es mit der Autorität seines Namens zu tun vermochte.</p> + +<p>»Ein ungezügeltes Temperament schadet nicht nur auf +Fürstenthronen, sondern auch auf denen der Partei,« +rief er aus. »... In welchem Ton hat Bebel sich an +die ganze Partei gewandt? ›Ich werde nicht dulden ...‹, +›Ich werde den Kopf waschen ...‹, ›Ich werde Abrechnung +halten‹. Ich, ich, ich — so hat der Lordprotektor +Cromwell zum langen Parlament gesprochen ...«</p> + +<p>Ich atmete tief auf. Auch eine Verteidigung meiner +Ehre war diese Anklage gewesen. Nur eins verstand +ich nicht: er betonte die innere Einheit der Partei mit +derselben Schärfe, wie Bebel sie geleugnet hatte. Wie +konnte er nur?! Wären all die Wutausbrüche dieses +Parteitages möglich gewesen, wenn eine innere Einheit +bestanden hätte? Sie waren doch nichts anderes als +Symptome der Zerrissenheit. Aber die Revisionisten +schienen sich das Wort gegeben zu haben, Vollmars Ansicht +nicht nur zu teilen, sondern zu unterstreichen. Dieselben +Männer, die ständig und, wie mir schien, mit Recht +diese und jene Programmforderungen der Sozialdemokratie +kritisierten und einer Umänderung für bedürftig +hielten, erklärten plötzlich, daß prinzipielle Gegensätze +nicht vorhanden seien. War das Feigheit oder nur +Schwäche? — Schwäche, die in ihren Folgen viel +gefährlicher ist als sie? Und ich befand mich plötzlich +<a name="Page_513" id="Page_513"></a>in Übereinstimmung mit einem der schroffsten Radikalen +in der Partei: »Das ist ja der Jammer des deutschen +Revisionismus, daß er nie mit einem bestimmten Programm +hervorkommt,« sagte Kautsky, nachdem er versucht +hatte, den auch seiner Ansicht nach vorhandenen Gegensatz +als den zwischen der Zusammenbruchs- und der +Evolutionstheorie zu kennzeichnen; »die einen erwarten +die Befreiung von der sozialen Revolution, die anderen +von der allmählichen Entwicklung.«</p> + +<p>Mein Mann schrieb mir noch einmal: »Für die Partei +wird diese traurige Tagung mit ihren zahllosen Hintergründen +von Gemeinheit, Klatsch und Verhetzung +schließlich noch zum guten Ende führen. Der Resolution +des Parteivorstandes zur Frage der Taktik sind ihre +schärfsten Spitzen, auf denen wir gespießt werden sollten, +genommen worden, und ihre einmütige Annahme scheint +danach gesichert, was den Frieden in der Partei wieder +herstellen wird.«</p> + +<p>Ich antwortete umgehend: »Ich verstehe Dich und +die anderen nicht. Selbst wenn die Resolution ihrem +Wortlaut nach annehmbar wäre, so ist sie es ihrem +Sinn nach nicht, und Euer Ja bedeutet keinen Frieden, +sondern Unterwerfung. Ich bedaure, bei der Abstimmung +nicht zugegen zu sein. Ich würde, — und wenn +ich die einzige bliebe, — laut und deutlich Nein sagen.«</p> + +<p>Als ich den Wortlaut der Resolution zu Gesicht bekam, +wurde mir die Haltung der Revisionisten vollends +unverständlich. Wie viele unter ihnen hatten dem Eintritt +des Sozialdemokraten Millerand in das französische +Ministerium zugestimmt, hatten eine allmähliche Eroberung +der Regierungsgewalt überall für möglich, ja für +<a name="Page_514" id="Page_514"></a>wahrscheinlich erklärt, und jetzt beugten sie sich einer +Resolution, in der es hieß: Die Sozialdemokratie kann +einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der +bürgerlichen Gesellschaft nicht erstreben. Wie viele verurteilten +laut und leise die lediglich negierende Haltung +der Partei gegenüber der Kolonialpolitik, und jetzt verpflichteten +sie sich selbst zum »energischen Kampf« gegen +sie. Aber daß dreihundert ja sagten, traf mich immer +noch nicht so tief, als daß Heinrich unter ihnen war.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Mein Kind lag noch immer. Den Genesenden +zu beschäftigen, kostete fast noch mehr Zeit +als den Kranken zu pflegen. Herrisch verlangte +der kleine Tyrann immer wieder nach Mama, +wenn Berta mich ablösen wollte. Aber meine Gedanken +waren doch wieder frei, und wenn er zur Ruhe gebracht +worden war, konnte ich, wenn auch mit mattem +Blick und müden Händen, in den Trümmern meines +Lebens suchen, was zu neuem Aufbau noch stark genug +war. Und ich fand eine unerschütterte Grundmauer: +meine politische Überzeugung. Vor der Partei konnte +ein Bebel mich diskreditieren, konnte mir die Arbeit in +ihren Reihen kraft seines Bannfluchs unmöglich machen. +Aber erschöpfte sich denn der Sozialismus in der Partei?</p> + +<p>Mein Verstand war befriedigt, und doch blieb es so +kalt, so leer in mir. Ich sah mich suchend um, — war +die Wärme und die Farbe aus meinem Leben gewichen? +Ach, im Garten meiner Liebe waren alle Blumen geknickt! +Hatte der eine rohe Griff meines Gatten so viel +vernichten können? Oder war es nur ein letzter Herbst<a name="Page_515" id="Page_515"></a>sturm +gewesen, der die schon lange heimlich welken +endgültig von den Stielen riß?</p> + +<p>Eines Abends, ganz plötzlich, öffnete sich die Türe, +und Heinrich stand vor mir. Wie sah er aus! Aschfahl, +die Augen tief in den Höhlen, dunkel umschattet, +die ganze Gestalt gebeugt.</p> + +<p>»Heinz!« schrie ich auf und schlang die Arme um ihn.</p> + +<p>»Wenn du mich nur noch liebst — du,« flüsterte er +und bedeckte mein Antlitz mit Küssen. »Ich fürchtete mich +vor der Heimkehr, weil ich dachte, ich könnte auch dich +verloren haben, — aber nun ist alles gut, — nun mögen +sie mich steinigen. Ich fühle nichts, nichts als Seligkeit, +weil deine Liebe mich unverwundbar macht!«</p> + +<p>Mir stürzten die Tränen aus den Augen, — Tränen +der Reue, des Schmerzes. Er sollte nicht umsonst an +meine Liebe geglaubt haben. War es nicht Liebe, die +wieder erwachte, da er so zerschlagen vor mir stand?</p> + +<p>Ich erfuhr allmählich, was geschehen war. Artikel, +Erklärungen, Briefe legte er mir vor, voll wütender +Angriffe auf ihn, den »Urheber des Dresdener Parteitages«, +den »geistigen Vater eines nie dagewesenen +Parteiskandals«, voll niedriger persönlicher Verleumdungen. +Selbst in unserem Leben wühlten fremde Hände, +und unter ihrem Griff wurde auch das Reinste schmutzig.</p> + +<p>Es war ein grauer Herbstabend mit tiefhängenden +Wolken und langen Schatten in den Zimmern. Ich +kauerte in der Ecke des Sofas, unfähig, mich zu rühren, +wie zerprügelt. Heinrich ging auf und nieder, rastlos, — hie +und da griff er mit der Hand nach seinem Kopf, +als ob er sich vergewissern müsse, daß er noch lebe.</p> + +<p>»Nach meiner ersten Rede schon sagte mir Victor<a name="Page_516" id="Page_516"></a> +Geier: ›Das ist politischer Selbstmord‹. Als ich dann +Bebel antworten wollte, wie es nach seinem Angriff +allein richtig gewesen wäre,« — so hatte mich Heinrich +doch verteidigen wollen! — »da haben sie mich alle bearbeitet, +haben im Namen des Parteiinteresses an mich +appelliert, und ich war so töricht, durch all die widerwärtigen +Szenen so erschöpft, daß ich mich wirklich +unterwarf. Was nützte es?! Nichts! Der Skandal +nahm seinen Fortgang. Und auf der Strecke bleibe +schließlich ich allein!«</p> + +<p>Einige Tage später kam Geier zu uns. Die erste +Nummer der Neuen Gesellschaft war eben in hunderttausend +Exemplaren verbreitet worden.</p> + +<p>»Ich muß mit Ihnen reden, Genossin Brandt,« sagte +er nach einer raschen Begrüßung. »Sie haben sich, +fern von Dresden, hoffentlich so viel kühle Überlegung +bewahrt, um eher Vernunft anzunehmen als Ihr +Mann.«</p> + +<p>Und dann setzte er mir auseinander, was seiner Meinung +nach geschehen müsse. Zunächst habe sich Heinrich +dem Schiedsspruch eines Parteigerichts zu unterwerfen.</p> + +<p>»Vielleicht einem so objektiven Richter wie Bebel —,« +warf ich bitter ein.</p> + +<p>»Stehen Sie erst einmal am Ende der Laufbahn +und müssen zusehen, wie andere den ganzen Gewinn +Ihrer Lebensarbeit in Frage ziehen!« rief Geier heftig, +um sich gleich darauf wieder zur Ruhe zu zwingen. +»Ohne eine Rüge wegen seiner Dresdener Rede wird +es natürlich nicht abgehen,« fuhr er fort, »im übrigen +aber, dafür lege ich jetzt schon meine Hand ins Feuer, +werden sich alle Verleumdungen als solche erweisen, und<a name="Page_517" id="Page_517"></a> +Heinrich wird nachher eine gesichertere Stellung haben +als zuvor.«</p> + +<p>»Du weißt, daß ich die Einsetzung eines Schiedsgerichts +in meinem Wahlkreis bereits selbst veranlaßt +habe,« unterbrach ihn mein Mann, »wozu also das Gerede?! +Komm lieber gleich zur Sache!«</p> + +<p>»Wie du willst,« antwortete Geier ruhig und wandte +sich wieder mir zu. »Er hat Sie, wie es scheint, von +meiner anderen Forderung noch nicht unterrichtet: das +Erscheinen der Neuen Gesellschaft einzustellen.«</p> + +<p>Ich fuhr auf: »In diesem Augenblick sollen wir unsere +einzige Waffe von uns werfen?!«</p> + +<p>»Eine nette Waffe!« höhnte Geier. »Solange das +Dresdener Spektakelstück noch in aller Munde ist, werden +vielleicht ein paar Dutzend Leute euer Blatt kaufen. +Aber über kurz oder lang bleibt euch von der Waffe +nichts mehr als eine zerbrochene Klinge.«</p> + +<p>»Wir haben schon ein kleines Vermögen in die Sache +hineingesteckt —,« murmelte ich mit gepreßter Stimme.</p> + +<p>»Kann mir's denken,« meinte Geier und kräuselte +spöttisch die Lippen; »vorsichtige Geschäftsleute seid +Ihr offenbar nicht. Aber so rettet wenigstens, was zu +retten ist!«</p> + +<p>Heinrichs Gesicht hatte sich mehr und mehr gerötet. +Jetzt blieb er dicht vor Geier stehen.</p> + +<p>»Du benutzt unsere Notlage, um die Partei von einem +revisionistischen Blatt zu befreien,« zischte er ihn an.</p> + +<p>Mit einer heftigen Bewegung sprang Geier vom +Stuhl und hieb mit der Faust auf den Tisch: »Ich +komme nach Berlin gereist, um euch einen Freundschaftsdienst +zu erweisen, und du begegnest mir so —. Stürze +<a name="Page_518" id="Page_518"></a>dich denn meinetwegen kopfüber in dein Verderben —« +Und hinaus war er.</p> + +<p>Wir gingen tagelang schweigsam nebeneinander her. +Inzwischen fanden überall Parteiversammlungen statt, +die sich mit den Dresdener Ereignissen und ihren Folgen +beschäftigten. In den Angriffen auf die Revisionisten, +ganz besonders auf meinen Mann, übertrafen sie noch +den Parteitag. Und stets wurde vor der Zeitschrift +gewarnt, mit der wir uns »auf Kosten der Partei« bereichern +wollten. Es gab keinen Ausweg mehr, als sie +zunächst aufzugeben. Wir hatten die Mittel nicht, um +sie gegen die herrschende Stimmung in der Partei durchzusetzen.</p> + +<p>»Alle freiheitlichen Elemente hatten sich am 16. Juni +um Ihre Fahnen geschart,« schrieb mir Romberg, »weil +sie, von den bürgerlichen Parteien im Stiche gelassen, +bei der Sozialdemokratie den Schutz der Geistesfreiheit, +den Hort des Kulturfortschritts zu finden glaubten. +Dresden hat diesen Wahn zerstört, hat gezeigt, daß der +Dogmatismus, die Verfolgungssucht Andersdenkender, +kurz die ganze Seelenverfassung der Inquisitoren, nirgends +in so krasser Form zu finden ist, als bei den +privilegierten Menschheitsbefreiern. Wir sind nun wieder +vogelfrei. Und Sie?!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_519" id="Page_519"></a></p> + +<p>In der Nacht, nachdem unsere zweite und letzte +Nummer erschienen war und wir wieder schlaflos +den huschenden Wolken draußen und der +wachsenden Mondsichel zusahen, sagte Heinrich zu mir: +»Was meinst du, wenn ich ginge?«</p> + +<p>Zuerst verstand ich ihn nicht, — dann aber packte ich +mit aller Kraft seine beiden Hände und sah ihm mit +stummem Entsetzen in das blasse Gesicht.</p> + +<p>»Ich warnte dich schon einmal, — vor Jahren,« fuhr +er leise und langsam fort. »Ich bringe Allen Unglück, — dir, — der +Partei. Mir scheint, ich habe hier nichts +mehr zu tun.«</p> + +<p>Ich stammelte in heller Angst tausend Liebesworte, +ich schmiegte mich an ihn, als ob ihm aus meiner +Lebenswärme Lebensmut zuströmen könnte. Aber er blieb +ernst und fest und wußte immer neue Gründe nicht nur +für die Berechtigung, sondern für die Notwendigkeit +seiner Absicht vorzubringen.</p> + +<p>Nach alter Gewohnheit pochte morgens unser Bub +an die Türe und sprang herein, ohne unsere Aufforderung +abzuwarten. Es war das erstemal nach seiner +Krankheit, daß er so früh schon aufstehen durfte. Er +kletterte eilig auf Heinrichs Bett und sah ihn an, halb +überrascht, halb erschrocken. Mit jenem rätselvollen +Scharfblick des Kindes schien er das Fremde, Dunkle +erkannt zu haben, das von der Seele seines Vaters Besitz +ergriffen hatte. Er legte ihm das Händchen auf +den Kopf; »so hat Mama auch gemacht, wie ich krank +war,« erzählte er wichtig, und dann küßte und streichelte +<a name="Page_520" id="Page_520"></a>er »den lieben, guten Papa«, bis sich doch noch ein +Lächeln um dessen festgeschlossene Lippen stahl.</p> + +<p>»Hast du wirklich hier nichts mehr zu tun?!« fragte +ich leise, als der Kleine wieder davongelaufen war. +»Soll dein Sohn einmal von dir glauben müssen, daß +du dich feige davonstahlst?!«</p> + +<p>Er drückte mir die Hand, fest und lang. Ich wußte: +wenn die Gespenster der Nacht auch nicht auf immer +gebannt waren, so würden sie doch keine Macht mehr +gewinnen über ihn.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die Schiedsgerichts-Verhandlungen zogen sich +wochenlang hin. Es war eine seelische Folter +für meinen Mann, und wenn er nach Hause +kam, gab ich mir alle Mühe, ihn nicht merken zu lassen, +wie ich selber litt.</p> + +<p>Draußen entwickelte sich wieder in der alten Weise +der politische Kampf: Radikale und Revisionisten arbeiteten +scheinbar einmütig zusammen. Es galt diesmal +den Landtagswahlen. Mich rief niemand zu Hilfe. Zu +keiner der zahllosen Versammlungen forderte man mich +auf. Ich war die Gezeichnete. Und nirgends schien +eine Lücke entstanden, weil ich fehlte. Ich war wie die +Welle, die im Meere aufsteigt und zurücksinkt, ohne eine +Spur zu hinterlassen.</p> + +<p>Zuweilen trafen wir mit unseren politischen Freunden +zusammen, — zufällig nur, denn die Revisionisten schienen +sich nach Dresden noch mehr aus dem Wege zu gehen, +als vorher. Einmal kamen wir in eine ernstere Unter<a name="Page_521" id="Page_521"></a>haltung, +und ich verurteilte unumwunden ihre Annahme +der Dresdener Resolution.</p> + +<p>»Mir ist es sogar fraglich,« sagte ich, »ob ihre Ablehnung +nicht von einem gemeinsamen Austritt aus der +Partei hätte begleitet werden müssen.« Aber ich stieß +auf allgemeinen Widerspruch.</p> + +<p>»Damit hätten die Radikalen erreicht, was sie wollten,« +rief der eine.</p> + +<p>»Wegen einiger Gegensätze in taktischen Fragen werden +wir doch die Partei nicht im Stiche lassen,« sagte der +andere.</p> + +<p>»Es wäre nichts als Fahnenflucht,« erklärte einer +der Gewerkschafter.</p> + +<p>»Und wir würden zurückbleiben, als Offiziere ohne +Armee,« meinte mein Mann. Ich ließ mich nicht überzeugen.</p> + +<p>»Sie haben trotz allem Bekenntnis zum historischen +Materialismus aus der Geschichte nicht allzu viel gelernt,« +entgegnete ich. »Noch immer ist die Entwicklung +die gewesen, daß eine große Bewegung aus sich +heraus neue Bewegungen zeugt, deren Träger zunächst +nichts sind als ein paar Vorläufer, als Offiziere +ohne Armee. Und was nun gar die Gegensätze +betrifft, so glauben Sie doch nicht ernsthaft an ihre Geringfügigkeit.«</p> + +<p>»Nein,« antwortete einer der anderen, »aber ich glaube, +und habe nach unserer bisherigen Entwicklung ein Recht +dazu, daß unsere Ideen sich im Proletariat von unten +herauf durchsetzen. Wir schließen Lohntarif-Verträge +mit den Unternehmern, und niemand zeiht uns deshalb +eines Vertuschens der <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Kassengegensätze'">Klassengegensätze</ins>; wir arbeiten in +<a name="Page_522" id="Page_522"></a>den Gemeinden, in den Landtagen, und keiner wagt +uns deshalb wegen des Paktierens mit der bürgerlichen +Gesellschaft anzuklagen. Unsere Genossenschaften fangen +an, wie unsere Gewerkschaften zu einer wirtschaftlichen +Macht zu werden, und kein Radikalinski hat uns noch +vorgehalten, daß das gegen die Zusammenbruchstheorie +verstößt und wir damit bis zum großen Kladderadatsch +warten müßten.«</p> + +<p>Ich schwieg. Der Mann der praktischen Arbeit mochte +gegenüber meinen unklaren Theorien doch wohl recht haben.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Kurz vor Weihnachten legte das Schiedsgericht +von Frankfurt-Lebus dem Parteitag des Kreises +die Resultate seiner Untersuchungen vor, und +die Genossen erteilten ihren Abgeordneten daraufhin einstimmig +das Vertrauensvotum.</p> + +<p>»Und du freust dich gar nicht?!« sagte mein Mann, +als er nachts aus Platkow zurückkam, wo die Versammlung +stattgefunden hatte.</p> + +<p>»Gewiß freue ich mich, — aber im Grunde ist doch +das alles selbstverständlich und macht das Geschehene +nicht ungeschehen,« antwortete ich und dachte an die +Zeitschrift, mit der wir unsere Aufgabe, wie mir schien, +geopfert hatten, an die ungesühnte Kränkung, die noch +immer wie eine schwärende Wunde an mir fraß, an +das verstümmelte, beschmutzte Bild der Partei, das einst +in so leuchtenden reinen Farben vor mir gestanden +hatte, an die große Flamme meiner Liebesleidenschaft, +die über dem Aschenhaufen nur noch leise glimmte.</p> + +<p>Aus meines Mannes Wahlkreis wurde ich wieder zu<a name="Page_523" id="Page_523"></a> +Vorträgen aufgefordert. Seltsam genug: es gab noch +Genossen, die mir vertrauten, obwohl der erste unter +ihnen mich für ehrlos erklärt hatte! In diesen Kreisen +schien das Verständnis für eine Empfindung zu fehlen, +die eine Reminiszenz an meine aristokratische Herkunft sein +mochte, und offenbar zu jenen »Eierschalen der Vergangenheit« +gehörte, über die in der Partei so oft gespottet +wurde. Aber wenn auch die anderen alle darüber hinwegsehen +konnten, ich konnte es nicht. Ich lehnte ab. +Meine Zurückhaltung wurde falsch gedeutet. Meine +Bemerkung über den Austritt aus der Partei mochte +irgendwie durchgeackert sein. Ich sah, daß ich die Stellung +meines Mannes, die trotz des Vertrauensvotums +eine schwierige geblieben war, noch mehr erschwerte. +Und ich hatte mir vorgenommen, ihm nach wie vor ein +treuer Kamerad zu bleiben.</p> + +<p>»Sie können wieder über mich verfügen,« schrieb ich +nach Frankfurt und stürzte mich in die Arbeit, von der +ich hoffte, daß sie sich als Morphium für die Schmerzen +meiner Seele erweisen würde. Und so lange ich am +Schreibtisch über den Zeitungen und Broschüren saß, +hielt sie, was ich von ihr erwartet hatte.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die Ereignisse schienen mit besonderem Eifer +dafür zu sorgen, daß wir nicht im Bruderzwist +aufgehen konnten. Der Riesenstreik +der Textilarbeiter von Crimmitschau, die nun schon seit +Wochen mit einer Ausdauer ohnegleichen um den Zehnstundentag +kämpften und dem lockenden Gold der Unternehmer +ebenso standhielten wie den Verfolgungen der<a name="Page_524" id="Page_524"></a> +Polizei, ließ uns fühlen, daß wir gegen den Feind so +einig waren wie immer. Und die russische Revolution, +die wie ein vom Sturm gepeitschter Brand von einem +Ende des Riesenreichs zum anderen übersprang, entzündete +in uns allen eine Hoffnung, als ginge der Stern +der Menschheitserlösung nun wirklich im Osten auf. +Daß Preußen-Deutschland sich zum Schleppenträger des +Zarismus erniedrigte, daß russische Polizisten im Verein +mit den unseren die russischen Gäste der Hauptstadt verfolgen +konnten, daß ein Minister die Reichstagstribüne +benutzte, um die russischen Studenten der Berliner Universität +samt und sonders als Anarchisten zu verdächtigen +und ihre weiblichen Kollegen der Unsittlichkeit zu +zeihen, daß der Reichskanzler von ihnen als von +»Schnorrern und Verschwörern« sprach, — das löste +einen Schrei der Entrüstung aus. Die Partei stand +wieder auf dem Posten als die einzige, die leidenschaftlichen +Protest erhob. Und wenn die politischen +Ereignisse nicht auszureichen schienen, um das Bewußtsein +ihrer Zusammengehörigkeit in den Genossen +aufs neue zu festigen, so sorgten unsere Gegner dafür. +Sie schufen den Reichsverband zur Bekämpfung der +Sozialdemokratie, aber die Kette, die sie schmiedeten, um +uns damit zu fesseln, verband uns nur.</p> + +<p>Ich sah das alles. Ich schöpfte Hoffnung daraus +nicht nur für den Kampf nach außen, sondern auch für +die innere Entwicklung, die um so kräftiger zu sein +pflegt, je unbeachteter sie ist.</p> + +<p>Aber als ich zum erstenmal wieder in Frankfurt auf +die Rednertribüne trat und all die vielen Augen sich +auf mich richteten, da versagte meine Kraft. Das Blut +<a name="Page_525" id="Page_525"></a>brannte mir in den Wangen; — sahen die Menschen +mir den Schlag nicht an, den ich empfangen hatte?! +Und ich fühlte feindselige Blicke, spöttisches Lächeln, ich +sprach wie gegen ein Tor von Erz. Meine Zuhörer +blieben kalt.</p> + +<p>»Was fehlte dir nur?« fragte Heinrich mich kopfschüttelnd. +Ich gab eine ausweichende Antwort.</p> + +<p>Noch ein paarmal machte ich ähnliche Versuche. Von +nervöser Aufregung geschüttelt, die mir sonst fremd gewesen +war, trat ich schon vor die Versammlung. Und +dann sprach ich, daß ich mich selbst nicht wieder erkannte.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>»Laß mich eine Zeitlang irgendwo zur Ruhe kommen,« +bat ich eines Tages, mit den Tränen +kämpfend, meinen Mann, der in mich drang, +ihm die Ursache meiner tiefen Verstimmung anzuvertrauen. +»Das alles war ein wenig viel für mich ...«</p> + +<p>Er stimmte mir ohne Besinnen zu. »Wenn es nichts +weiter ist, als daß du Ruhe brauchst!« sagte er aufatmend +und entwarf mir die schönsten Reisepläne. »Ich +würde dir den Weg auf den Mond bahnen wollen, +wenn ich sicher wäre, daß meine Alix wieder gesund +und froh würde.« Und in alter Zärtlichkeit zog er mich +an sich.</p> + +<p>Doch ich wollte weder auf den Mond, noch nach +Italien, noch an die See.</p> + +<p>»Ich möchte nach Grainau —,« bat ich zaghaft, denn +ich wußte, es regte sich immer eine leise Eifersucht in +ihm, wenn die Sehnsucht mich dorthin trieb, wo so viele +Erinnerungen geweckt wurden. »Ilse weiß von Tante<a name="Page_526" id="Page_526"></a> +Klotilde, daß sie diesen Sommer in Augsburg bleibt, — die +Bahn ist also frei, und ein Zimmer find' ich schon +irgendwo für mich und den Kleinen.«</p> + +<p>»Der Bub soll mit?« fragte er mißbilligend. »Dann +hast du ja keine Stunde Ruhe!«</p> + +<p>»— Ich hätte keine, wenn er nicht bei mir wäre,« +antwortete ich.</p> + +<p>Eine Woche später fuhren wir den Bergen entgegen. +Ich biß mir die Lippen wund, um die Tränen zu unterdrücken, +als ich im blauen Dunst der Ferne die ersten +weißen Spitzen aufsteigen sah. Wie hatte ich so lange +leben können ohne sie!</p> + +<p>Es war früh im Jahr. In Garmisch fingen sie gerade +an, die Betten zu lüften und die Fenster weit aufzureißen. +Vier Wochen noch, dann kamen erst die Fremden. +Jetzt war's so still! Kein Radler, kein Wanderer begegnete +uns auf dem Wege nach Grainau. Die Wiesen +standen voll bunter Frühlingsblumen, voll goldgrüner +Spitzen die Bäume, und aus dem Walde kam der erste +süße Maiblumenduft.</p> + +<p>Im Dorf, hinter dem Kirchlein, wo der Weg empor +zum Eibsee führt, stand ein neues blitzblankes Haus +mit einer großen himmelblauen Madonna in der Mauernische. +Der Hof vom Bärenbauern sah daneben ganz +alt und griesgrämig aus.</p> + +<p>»Bä-cke-rei,« buchstabierte mein Junge, der auf seine +Lesekünste sehr stolz war; »hurra! — da gibt's immerzu +weiße Brötchen,« rief er und machte einen Luftsprung — Semmeln +waren sein Leibgericht, »— dahin ziehen wir!«</p> + +<p>Und schon lief er am Gartenzaun entlang, mit dem +großen schwarzen Hund dahinter um die Wette. In +<a name="Page_527" id="Page_527"></a>der Tür erschien der Meister, dicht hinter seinem breiten +Rücken lugte neugierig der kleine Lehrling hervor, beide +mehlbestaubt, und an ihnen vorbei trat grüßend, den +gewichtigen Schlüsselbund über der weißen Schürze, die +blonde Hausfrau. Eben erst hatten sie das Haus gebaut, +erzählte sie lebhaft, als wir die blankgescheuerte +Treppe hinaufstiegen, und schon hätten sie die Kundschaft +der ganzen Gegend. An der »feinen« Wohnung +im ersten Stock gingen wir vorüber, trotz der neuen +städtischen Möbel, die sie uns anpries.</p> + +<p>»Hier droben in den Stuben steht halt nur der alte +Bauernkram,« meinte sie entschuldigend und stieß die +Türe auf. Ein blauer Schrank mit roten Herzen darauf, +eine alte Pendeluhr mit blumenbestreutem Zifferblatt +und einem kreuztragenden Christus darüber, eine +breite gewichtige Truhe voll bunter Heiligenbilder lachten +uns an, wie die Wiesen draußen, so farbenfroh. Einem +Vogelnest ähnlich hing ein kleiner Balkon vor der Glastür, +und durch die Fenster guckte der Waxenstein mit +seinem faltigen Felsengesicht.</p> + +<p>»Da bleiben wir,« sagte ich, und mein Junge lief +durchs Haus in den Garten, und den Hügel hinauf +zum Wald und wieder hinunter auf die Wiese, als müsse +er von allem ringsum Besitz ergreifen.</p> + +<p>Wie gut es war, wieder schlafen zu können und die +müden Augen in lauter Grün und Blau gesund zu +baden! Von den Bauern im Dorf erkannte mich keiner. +Nur der Sepp, mein alter Spielkamerad, rückte mit +einem flüchtigen Aufblitzen des Erkennens in den Augen +an seinem verblichenen grünen Hut. Morgens, während +mein Junge sich unten am See aus Moos und Steinen +<a name="Page_528" id="Page_528"></a>einen kunstvollen Hafen baute, saß ich auf der alten +Bank, dem Rosenhaus gegenüber, das sich mit seinen +geschlossenen Läden und blumenlosen Altanen still und +verzaubert im grünen Wasser spiegelte. Alle Rosenbüsche +vor der Terrasse waren fort.</p> + +<p>»Letzten Herbst hat die alte Frau Baronin sie ausgraben +lassen,« erzählte meine Hausfrau. »Sie wird +wohl nimmer wiederkommen,« fügte sie hinzu.</p> + +<p>»Warum nicht?!« fragte ich erstaunt.</p> + +<p>»Schon wie sie wegfuhr, war sie nicht zum Erkennen. +Auch so arg brummig und bös. Der alte Doktor von +Garmisch meint, sie macht's nimmer lang.«</p> + +<p>Ich erschrak. Von ihrer Krankheit wußte ich, aber +nicht, daß es so schlimm um sie stand.</p> + +<p>»Das Fräulein von Kleve ist allweil um sie, Tag +und Nacht,« berichtete die kleine blonde Frau weiter, +die froh war, wenn sie schwatzen konnte, »aber die +Theres', die alte Köchin, hat mir kurz vor der Abreis' +noch erzählt, daß die Frau Baronin Herzweh hat nach +einer anderen,« — dabei traf mich ein neugierig-forschender +Blick — »einer, die sich grad so schreibt, wie Sie —«</p> + +<p>Ich antwortete nicht ... Mit meiner Ruhe war es +wieder vorbei. Alles wurde lebendig, was unter diesen +Buchen, an diesem See, angesichts dieser Berge an Haß +und Liebe, an Sehnsucht und Verzweiflung, an Trennungsweh +und Zukunftshoffnung geweint und gejauchzt, +geseufzt und gelächelt hatte. Ich war nie mehr allein, +und es war nie mehr still um mich. Wo ich ging und +stand, — meine ganze Vergangenheit umringte mich, +und wenn ich schlafen wollte, flüsterte es mir ins Ohr: +anklagend, höhnend, drohend.</p> + +<p><a name="Page_529" id="Page_529"></a>Eines Vormittags, — ich saß wieder am alten Platz, +mit dem Buch im Schoß und sah zu dem toten Haus +hinüber, — kam der Bub vom Bärenbauern mir nachgelaufen:</p> + +<p>»A Depeschen wär da für Sie —« Ich riß sie ihm +aus der Hand, sie bestätigte nur, was ich erwartet +hatte: »Baronin Artern heute morgen verschieden. Ihr +sofortiges Kommen erwünscht.«</p> + +<p>Wir reisten noch am selben Tage nach Augsburg. +Mich erfüllte nur ein Gefühl: daß ich ihr viel zu verdanken +hatte und sie im Kummer um mich gestorben +war.</p> + +<p>In voller Sommerpracht blühte der Garten um das +schöne Haus. Weinend empfing mich die Theres'.</p> + +<p>»Warum sind's bloß nit a Wochen früher gekommen —,« +sagte sie immer wieder. Ich vertraute meinen Sohn +ihrem Schutz. »Du herzig's Buberl,« schluchzte sie, +»wenn die Frau Baronin nur dich gekannt hätt'!« Ich +fing an zu begreifen, und jetzt erst fiel mir ein, daß +der Tod dieser Frau meines Sohnes ganze Zukunft +sichern sollte.</p> + +<p>Einen Augenblick lang fröstelte mich. Aber nein: +wie konnt' ich nur zweifeln, — auch die alte Theres' +sah in ihrer Liebe zu mir nur Gespenster. Meinem +Vater hatte die Tote ihr Wort verpfändet. Ich wandte +mich zur Treppe.</p> + +<p>»Gnä' Frau wollen doch nicht —,« rief die Theres' +und griff nach meinem Arm.</p> + +<p>»Selbstverständlich,« antwortete ich und nahm den +Strauß frischer Maiglöckchen vom Grainauer Wald aus +ihrer Hülle.</p> +<p><a name="Page_530" id="Page_530"></a></p> +<p>»Sie sind alle oben, — die Herren Leutnants und +das Fräulein,« flüsterte sie ängstlich.</p> + +<p>Ich warf den Kopf zurück und richtete mich gerade +auf. »Hier bin ich zu Hause gewesen, nicht sie,« sagte +ich laut und schritt die Stufen empor. Hinter der Türe +des Eßzimmers hörte ich Stimmengewirr.</p> + +<p>»Sie wird nicht kommen —,« sagte einer. Ich trat +ein. Wie vor einer Geistererscheinung sprangen sie von +den Stühlen, meine Vettern und Basen, die sich hier +häuslich niedergelassen hatten. Ich ging ohne Gruß an +ihnen vorüber, durch die Flucht der Zimmer mit ihren +kostbaren Teppichen und seidenen Möbeln, die mir alle +so lebendig schienen, so vollgesogen von Vergangenheit. +Im Musiksaal, vor der letzten Türe zögerte ich. Mir +klang in den Ohren, was die Tote vor Jahrzehnten +aus diesem Flügel hervorgezaubert hatte. Ich war ein +Kind gewesen damals; die Töne waren an mir vorbeigerauscht; +jetzt erst verstand ich sie: wieviel Leidenschaft, +wieviel ungestillte Sehnsucht hatte das Herz der Frau +bewegt, die nun auf immer verstummt war.</p> + +<p>Sie lag aufgebahrt, vom betäubenden Duft unzähliger +Blumen umgeben, auf ihrem Lager. Ich stand wie erstarrt. +Ich konnte nicht in die Kniee sinken und nicht +den Blick losreißen von ihr: das war sie doch gar nicht, — das +war eine Fremde! Nie hatte ich um ihren +Mund diesen grausamen Zug gesehen und auf ihrer +Stirn diese vielen finsteren Falten. Die ich gekannt +hatte, die mich liebte, war eine andere gewesen. Ich +hielt den Strauß Maiglöckchen noch in der Hand, als +ich das Haus verließ.</p> + +<p>Wir geleiteten sie zu Grabe. All jene alten augs<a name="Page_531" id="Page_531"></a>burger +Familien mit den berühmten Namen und unberühmten +Nachkommen folgten ihrem Sarge. Aber vor +der dunkeln Pforte des Erbbegräbnisses der Artern +weinten von allen, die es umgaben, nur zwei: die alte +Theres' und ich. Und von denen, die mir einst nahe +gestanden hatten, grüßte mich nur einer: mein alter +Lehrer, der Pfarrer.</p> + +<p>Er besuchte mich am Nachmittag im Hotel, und erzählte +mir von seinem letzten Zusammensein mit der Verstorbenen. +Vor kaum zwei Monaten war es gewesen; +sie hatte ihn zu sich bitten lassen, um von mir zu sprechen.</p> + +<p>»Sie hat Ihretwegen mehr gelitten, als sie sich merken +ließ,« sagte er.</p> + +<p>»Meinen Sie?!« fragte ich zweifelnd und dachte an +das fremde Gesicht, das ich auf dem Totenbett gesehen hatte.</p> + +<p>»Ich bin dessen sicher,« antwortete er; »sie wird es +Ihnen auch noch beweisen,« fügte er bedeutungsvoll hinzu.</p> + +<p>Dann kam ihr Bankier, um mir über den Zeitpunkt +der Testamentseröffnung Mitteilung zu machen. »Frau +Baronin hat mich ausdrücklich beauftragt, Sie, als ihre +Haupterbin, um Ihre Anwesenheit zu ersuchen,« erklärte er.</p> + +<p>Etwas wie Freude begann heimlich von meinem Herzen +Besitz zu ergreifen, und Dankbarkeit löschte alle Erinnerung +an die grausamen Züge der Toten aus. Sie hatte +mir, da sie lebte, oft bitter weh getan, und nun nahm +sie die schwere Sorgenlast des Lebens auf einmal von mir!</p> + +<p>Es kränkte mich, daß die Theres' mich so mitleidig +ansah.</p> + +<p>»Ich weiß, was ich weiß —,« sagte sie, »die da oben —« +und sie ballte die Faust nach dem Zimmer, wo die Kleves +mit dem Testamentsvollstrecker verhandelten, »— waren +<a name="Page_532" id="Page_532"></a>immer bei ihr, — ich hab' oft genug gehört, wie sie von +Alix Brandt erzählten —.«</p> + +<p>Acht Tage später versammelten sich die Erben zur +Testamentseröffnung im Gerichtsgebäude. Ein nüchterner +Raum mit kahlen Wänden. Kastanienbäume vor den +Fenstern, durch die kein Sonnenstrahl drang. An den +Pulten der grauköpfige Richter, der krumme Schreiber. +Auf den steifen Stühlen wir alle in schwarzen Kleidern. +Zwei Schriftstücke aus verschiedenen Zeiten wurden verlesen. +Das erste entsprach der Mitteilung ihres Bankiers. +Das zweite, — sie hatte es sechs Wochen vor ihrem Tode +auf dem Krankenbett geschrieben, — enthielt nur ein +paar Zeilen: »Hiermit enterbe ich meine Nichte, Frau +Alix Brandt, geborene von Kleve, weil sie in Wort und +Schrift der Umsturzpartei dient.«</p> + +<p>Es wurde ganz still im Zimmer. Die Köpfe all derer, +die neben mir saßen, senkten sich; mich aber überkam +ein Gefühl des Triumphes. Mit fester Hand setzte ich +als Erste meinen Namen unter das Protokoll und verließ +das Zimmer, an den anderen vorbeigehend, die +scheu zur Seite wichen, erhobenen Hauptes.</p> + +<p>Jetzt war meiner Überzeugung auch das letzte zum +Opfer gefallen. Die Schmach von Dresden war ausgewischt. +Das Schicksal selbst zwang mich auf meine +eigenen Füße. Nun war ich stark genug, allein zu +gehen.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_533" id="Page_533"></a></p> +<h2><a name="Funfzehntes_Kapitel" id="Funfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Draußen auf dem Asphalt brannte die Sommersonne. +Ein Geruch von Pech und Staub erfüllte +die gewitterschwere Luft. In dem +dunkelsten Winkel einer jener öden Straßen Berlins, +die keine anderen Farben haben als die grellbunten der +Firmenschilder, die kein neugierig flanierendes Publikum +kennen, weil ihnen die Anziehungskraft glänzender Schaufenster +fehlt, hatte der Sommer sein ganzes Füllhorn +ausgeschüttet: Ein enger Hof war zum Blumenteppich +geworden, eine graue Eingangshalle zum Laubengang. +Und öffnete sich die Doppeltür des hohen Gebäudes dahinter, +so schlug Sommerblumenduft dem Eintretenden +entgegen. War er von der nüchternen Straße in einen +Palast geraten? Zwischen blühenden Büschen standen +weiße Bänke, auf den Tischchen davor rote Rosen in +Gläsern von geschliffenem Kristall. Eine Flucht fürstlicher +Räume schloß sich daran, mit weichen Teppichen +auf dem Estrich und Gobelins an den Wänden und +tiefen Sesseln vor den Kaminen. Frauenbildnisse hingen +in den langen Galerien daneben; ein Rascheln und +Knistern von Frauenkleidern, ein Wispern und Flüstern +von Frauenlippen war darin. In den großen Sälen +saßen dicht gedrängt von früh bis spät lauter Frauen +<a name="Page_534" id="Page_534"></a>und lauschten mit sehnsüchtigen Augen und heißen Wangen +den Rednerinnen, die ihnen vom Kampf und Sieg, vom +Wünschen und Hoffen ihres Geschlechts erzählten.</p> + +<p>Das Weltparlament der Frauen tagte hier. Während +acht Tagen wurde in vier Sektionen zugleich verhandelt. +Kunst und Wissenschaft, Erziehung und Unterricht, +Recht und Sitte — nicht ein Gebiet, das das +Leben des Weibes berührt, blieb unerörtert. Die Großen +sprachen und die Kleinen, die Vorsichtigen und die Draufgänger, +die Weiten und die Engen. Es war eine Revue +der Frauenbestrebungen, ein neutraler Boden für alle +Richtungen, eine freie Bahn, um einander kennen zu +lernen. Nur die Sozialdemokratie Deutschlands hatte +sich selbst ausgeschlossen, obwohl die Leitung des Kongresses +ihr alle Referate über die Arbeiterinnenfrage +hatte überlassen wollen und ihr damit die Gelegenheit +geboten worden wäre, das Elend der Massen zu schildern, +das sonst in diese Säle keinen Eingang fand, und +die Lehren des Sozialismus zu verkünden, die die Hunderte +und Tausende, die hierher kamen, nur in den Zerrbildern +seiner Gegner gesehen hatten.</p> + +<p>Vor acht Jahren hatte ich mich diesem Beschluß gefügt: +die christliche Idee der notwendigen Einheit von +Glaubensdienst und Selbstaufopferung, die ich durch ein +Leben der Selbstbehauptung glaubte überwunden zu +haben, hatte in dem Augenblick wieder von mir Besitz +ergriffen, wo ich mich der Sozialdemokratie anschloß. +Die »Sache« war die mystische Macht gewesen, die über +mir gestanden hatte. Sie war bei mir, wie bei Hunderttausenden +meiner Genossen, — als wolle Gott, der von +uns verlassene, sich an uns rächen, — an seine Stelle +<a name="Page_535" id="Page_535"></a>getreten. Nun aber war der Bann gebrochen. Daß +ich den zur Hochburg der Frauen verwandelten Musikpalast +Berlins betrat, war ein erstes Zeichen innerer +Befreiung.</p> + +<p>Ich sprach überall, wo die Interessen der Arbeiterinnen +zur Debatte standen. Und allmählich strömten die Frauen +mir nach, wenn ich von einem Saal zum anderen ging, +und manche Diskussion, manche persönliche Unterhaltung +bewies mir besser als Beifallssalven, die oft nur der +Freude an der Sensation gelten mochten, daß der Samen +des Sozialismus auf guten Boden gefallen war. Gewiß, +solche Wirkungen lassen sich nicht messen, sie +kommen nicht in den Zahlen der Partei- oder Gewerkschaftsmitglieder +zu sichtbarem Ausdruck, aber auch sie +rufen in Haus und Schule, in Gesellschaft und Staat +jene Kräfte hervor, die von innen heraus an der allmählichen +Umwandlung der Geistesrichtung der Menschen +tätig sind. Während ich hin und herging und +diese und jene hörte, sah ich wie groß die Wandlung +schon war, die die Frauenbewegung im Laufe des letzten +Jahrzehnts durchgemacht hatte.</p> + +<p>Damals hatten sie sich vor mir gefürchtet, als ich +in ihrem Kreise der Sozialdemokratie Erwähnung tat, +heute stimmten die meisten von ihnen in ihren wesentlichen +Gegenwartsforderungen mit denen der Partei +überein. Damals war es innerhalb der bürgerlichen +Frauenbewegung eine vereinzelte Tat gewesen, als ich +das Frauenstimmrecht in öffentlicher Versammlung forderte, +heute wurde in den Mauern Berlins der Bund +für Frauenstimmrecht gegründet So ging es doch vorwärts, +auch da, wo meine Parteigenossen nichts als<a name="Page_536" id="Page_536"></a> +Stillstand sahen, nichts anderes bemerken wollten, weil +sie meinten, den dunkeln Hintergrund einer einheitlichen +Reaktion nötig zu haben, um sich selbst in um so hellerem +Licht zu sehen, statt auch aus leisen Tönen den Siegesmarsch +des Sozialismus herauszuhören. Mein Mann +hatte ein wenig spöttisch den Mund verzogen, — zu +einem wirklichen Lächeln kam es bei ihm kaum mehr, — als +ich an dem Kongreß teilnahm.</p> + +<p>»Du bist ein Trotzkopf,« hatte er gesagt; »du übersiehst +in dem Eifer, mit dem du dich dem Beschluß der +Genossinnen entgegenstemmst, die Folgen, die solch eine +Handlungsweise für dich haben kann. Man wird dich +vollends boykottieren.«</p> + +<p>Ich zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Solltest du wirklich schon so weit über den Dingen +stehen?!« fragte er zweifelnd. Ich wandte mich ab. Er +sollte nicht sehen, daß ich schwächer war, als ich mich +zeigte.</p> + +<p>Als ich sichtlich erfrischt aus den Verhandlungen nach +Hause kam, meinte er unmutig: »Vor acht Jahren gefielst +du mir besser als jetzt, wo du dich freust, weil +dieselben Leute dir Beifall klatschen, die damals sittlich +entrüstet waren —«</p> + +<p>Ich unterbrach ihn heftig: »Wie kannst du mich so +mißverstehen! — Gewiß, ich bin nicht von Stein, ich +freue mich, wenn ich höre, wie die Ideen meiner ›Frauenfrage‹ +Verbreitung gefunden haben, ich freue mich, daß +die Mutterschaftsversicherung, daß selbst die Haushaltungs-Genossenschaft +aus dem Stadium des Bewitzelns +in das ernster Erörterung getreten ist, und ich leugne +auch gar nicht, daß Anerkennung mir wohl tut, als +<a name="Page_537" id="Page_537"></a>tröpfle mir jemand ein schmerzstillendes Mittel in eine +unheilbare Wunde, — aber das Alles ist doch nicht die +Ursache meiner Befriedigung. Mein Glaube an die +Entwicklung im Sinne des Sozialismus ist das einzig +Feste, was mir noch nach all dem Zusammenbruch geblieben +ist. Wenn ich nur das Geringste entdecke, was +ihn zu stützen, zu kräftigen vermag, so macht mich das +stärker.«</p> + +<p>»Du bist doch noch sehr jung und sehr bescheiden!« +warf Heinrich ein. Ich unterdrückte einen Seufzer. +Seine morose Stimmung war imstande, jede Spur erwachter +Freudigkeit wieder zu zerstören, wie der Fluß, +wenn er im Frühjahr aus seinen Ufern tritt, mit öder +weiter Wasserfläche die blühenden Wiesen bedeckt. Ich +fühlte, wie auch meine Arbeitskraft darunter litt, wie +Gedanke und Gefühl erstarrten, sobald sie in die eisige +Atmosphäre seiner Deprimiertheit gerieten.</p> + +<p>Leise, unmerklich zunächst und doch von Tag zu Tag +mehr, löste ich mich von ihm. Das Problem der Ehe +wuchs, eine üppige Schlingpflanze, und drohte zu überwuchern, +was noch an Liebe zu blühen verlangte.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Für die Frauenbewegung war der Kongreß neuer +Wind in die Segel gewesen. Alle Fragen, +die sie umfaßte, standen wieder im Mittelpunkt +der öffentlichen Diskussion. Das Für und Wider wurde +leidenschaftlich erörtert, und in der konservativen kirchlichen +Presse erhoben sich lauter als früher die Stimmen +derer, die mit dem Feldgeschrei: Erhaltung der Ehe und +der Familie! den Emanzipationsbewegungen des weib<a name="Page_538" id="Page_538"></a>lichen +Geschlechts gegenübertraten. In einer Versammlung, +die von einem der bürgerlichen Frauenvereine +einberufen worden war, sollte diesen Angriffen begegnet +werden. Ich ging hin. Mehr aus Neugierde, und weil +es mich belustigte, daß lauter ehelose alte Mädchen sich +für berufen hielten, über diese Probleme zu urteilen, als +in der Absicht selbst zu sprechen.</p> + +<p>Die Referentin verteidigte zuerst die Frauenbewegung +als die Begründerin eines neuen, schöneren, festeren +Ehe- und Familienlebens:</p> + +<p>»Gerade der Bund zwischen zwei gleichen, geistig und +sittlich gereiften Menschen ist der glücklichste, dauerndste,« +sagte sie. »Der Mann wird in der Frau nicht mehr +nur die Geliebte, die Mutter seiner Kinder sehen, sondern +eine Kameradin, die seine Interessen teilt und +fördert. Das Familienleben wird sich dadurch erneuern, +denn der Mann braucht nicht mehr außerhalb seines +Hauses geistiger Anregung, geistigem Austausch nachzugehen...«</p> + +<p>Mich reizte der salbungsvolle Ton, mit dem sie sprach, +und die Art, wie sie die Wogen der Frauenbewegung +durch das Öl unbeweisbarer Prophezeiungen zu besänftigen +suchte. Ich meldete mich zum Wort.</p> + +<p>»All Ihre schönen Argumente,« rief ich aus, »beruhen +auf einem Trugschluß: der Instinkt der Sinne ist +doch nicht identisch mit dem geistigen Verständnis! Nichts +gibt die Gewähr dafür, daß zwei geistig reiche Individualitäten, +die einander in heißer Liebe begehren, nun +auch mit all den feinen Regungen ihres Seelen- und +Geisteslebens zusammenstimmen, Regungen, die um +so differenzierter sind, je höher entwickelt der Einzelne +<a name="Page_539" id="Page_539"></a>ist. Und wer vermag zu sagen, ob nicht trotz geistiger +Übereinstimmung die Liebe erkaltet oder sich auf einen +anderen Gegenstand richtet? Denn auch die Liebesgefühle +und das Liebesbegehren ist vielgestaltiger, differenzierter +geworden und nicht mehr so leicht und so unbedingt +zu befriedigen ... Nein, meine Damen, lassen +Sie sich nicht einlullen durch falsche Prophezeiungen, +sammeln Sie vielmehr Ihre Kräfte durch die klare Erkenntnis +neuer Probleme. Mit dem durch die Angst +um die Gefährdung alten geliebten Besitztums geschärften +Spürsinn des Feindes haben die Gegner bald empfunden, +was ihnen droht: Je mehr sich das Weib zur +selbständigen Persönlichkeit entwickelt, mit eigenen Ansichten, +Urteilen und Lebenszielen, desto mehr ist die +alte Form der Ehe bedroht. Ihr Glück beruhte nicht +auf Gleichheit, sondern auf Unterordnung, nicht auf +Arbeitsgemeinschaft, sondern auf Arbeitsteilung. Für +den Mann war die Ehe von einst, an der Seite einer +von den Kämpfen der Zeit unberührten, nur der Sorge +des Hauses lebenden Gattin, der Hafen der Ruhe. +Heute findet er daheim neben der ihm geistig ebenbürtigen +Frau dieselbe Nervosität, dasselbe geistig angespannte +Leben wie draußen. Für die Frau war er +das einzige Symbol alles äußeren Lebens, allein von +ihm empfing sie gläubig die Botschaften der Welt, die +Ansichten und Urteile über sie. Jetzt kennt sie das +Leben aus eigener Anschauung, sie denkt selbständig, sie +übersteht ihn vielfach; sie findet in ihm so wenig den +Schöpfer ihres inneren Lebens, als er in ihr die Quelle +der Ruhe und des Behagens findet. Was früher einte: +das Zusammenleben, kann heute schärfer trennen, als +<a name="Page_540" id="Page_540"></a>jede äußere Trennung es vermag ... Es kommt aber +auch gar nicht darauf an, daß wir mit heißem Bemühen +die Ehe retten; mag sie an der Entwicklung +zerschellen, wie manche andere Lebensform, wenn nur +der Kern erhalten bleibt: die Liebe.«</p> + +<p>Man hatte mir mit steigender Erregung zugehört. +Ich sah, wie eine Frau nach der anderen sich mit hochrotem +Gesicht zum Worte meldete. Sie überfielen mich +förmlich. Als eine Vertreterin der freien Liebe, eine +mit deren Ideen ihre Begebungen nicht das mindeste +zu tun hätten, griffen sie mich an.</p> + +<p>»Ihre Verteidigung nützt Ihnen nichts,« antwortete +ich nochmals. »Die ersten Träger einer Entwicklung +sind nur in seltenen Fällen zugleich die Propheten +ihrer letzten Konsequenzen gewesen. Als Luther seine +93 Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg schlug, +glaubte er, die Zyklopenmauer der katholischen Kirche, +die hier und da abzubröckeln begann, fester aufzubauen. +Als Montesquieu seinen <em class="antiqua">'Esprit des lois'</em> und Rousseau +seinen <em class="antiqua">'Emile'</em> schrieb, glaubten sie einige dunkle Gebiete +des Staats und der Gesellschaft aufzuhellen. Keiner +von ihnen wußte, daß sie die Brandfackel in das ganze +Gebäude warfen. Auch Sie propagieren Reformen und +werden zu Trägern der Revolution...«</p> + +<p>Als ich geendet hatte, kämpfte lautes Zischen mit +vereinzeltem Beifall; als ich aber den Saal verließ, +leuchteten mir aus jungen Gesichtern dankerfüllte Blicke +entgegen; es war nicht nur mein eigenes Erleben gewesen, +das ich in Worte gefaßt hatte.</p> + +<p>An der Türe traf ich meinen Mann, der mir, ohne daß +ich es wußte, gefolgt war. Ich errötete unwillkürlich.</p> +<p><a name="Page_541" id="Page_541"></a></p> +<p>»War das ein Bekenntnis?« fragte er. Ich nickte. +»Wollen wir nicht auch unsere Liebe retten?« fuhr er +leise fort und zog meinen Arm durch den seinen. Mir +wurde warm ums Herz: wie gut er war! Ein tiefes +Schuldbewußtsein bemächtigte sich meiner: Waren es +nicht im Grunde lächerliche Kleinigkeiten, die uns voneinander +entfernten, war es nicht frevelhaft, aus selbstischen +Motiven den großen Schatz der Liebe aufs Spiel +zu setzen? Ein böser Zauber hatte ihn in die Tiefe +versenkt, war er es nicht wert, daß ich ihn durch +meine Hingabe erlöste?</p> + +<p>Ich wußte, was meinen Mann bedrückte, aber ich +hatte es bisher nicht sehen wollen. Je mehr er litt, +desto schweigsamer wurde er; nur an den gefurchten +Zügen, an den finsteren Blicken, und hie und da an +einem hingeworfenen Wort erkannte ich, daß er sich in +selbstquälerischen Vorwürfen verzehrte. Die Schatten +des Dresdener Kongresses fielen noch breit über den +Weg der Partei, — er fühlte sich mitschuldig daran. +Und er hatte in einem Moment fortgeworfen, wodurch +er der Partei wieder hätte helfen können, die Schatten +zu bannen: die Neue Gesellschaft.</p> + +<p>»Das Aufgeben der Zeitschrift war heller Wahnsinn,« +sagte er zuweilen. Aber war nicht der Verkauf des +Archivs schon Wahnsinn gewesen? Und ich hatte ihn +darin bestärkt, ich war mitschuldig, wenn er Schiffbruch +litt! Und in diesem Augenblick hatte ich ihn +im Stiche lassen wollen! Hatte mich bitter gekränkt +gefühlt, weil er seine Stimmung nicht beherrschte, weil +er es an Liebesbeweisen fehlen ließ!</p> + +<p>Ich wußte auch, was ihm helfen würde. Oft genug +<a name="Page_542" id="Page_542"></a>sprach er davon: die Neue Gesellschaft wollte er wieder +erscheinen lassen. Aber wenn er mich dabei fragend +ansah, so schwieg ich, und ein heftiges Wort schwebte +mir jedesmal auf der Zunge. Richtete er eine direkte +Frage an mich, so äußerte ich rücksichtslos meinen +Widerspruch.</p> + +<p>»Nicht drei Monate würden wir mit dem bißchen, +was wir aus dem Zusammenbruch gerettet haben, die +Zeitschrift halten können,« sagte ich, »und ich habe +schon zu viel an Sorgen ertragen, um sehenden Auges +dem vollständigen Ruin entgegenzugehen.«</p> + + + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wenn Graf Bülow im Reichstag über den Dresdener +»Jungbrunnen« höhnte, wenn jedes +ernste Wort unserer Fraktionsredner im Gelächter +der bürgerlichen Parteien erstickte und die Kraft unserer +81 Abgeordneten lahmgelegt blieb seit Dresden, so +waren das nicht vereinzelte Erscheinungen, sondern Symptome +der allgemeinen Stimmung der Partei gegenüber. +Und ein Wochenblatt sollte imstande sein, sie zu zerstreuen? +Immer deutlicher rückte alles ab von uns, was uns +nahegestanden hatte. Noch kam ich zuweilen in Künstler- und +Literatenkreise, aber ich fühlte sogar ein persönliches +Sichzurückziehen. Das Interesse wandte sich augenscheinlich +ganz anderen Gebieten zu. Die <em class="antiqua">l'art pour l'art</em>-Stimmung +breitete sich aus. Mit dem Verschwinden +der Arme-Leute-Bilder und Dramen verschwand die oppositionelle +Gesinnung. Dichter und Maler, die noch +vor kurzem wenigstens durch lange Haare, Samtjacken +und fliegende Krawatten den Bohemien markiert hatten, +<a name="Page_543" id="Page_543"></a>exzellierten jetzt in tadellos weltmännischen Allüren und +beurteilten den lieben Nächsten nach seinem Schneider. +Wie vor wenigen Jahren noch der Weg ins Volk die +Parole der künstlerisch-literarischen Jugend gewesen war, +so wurde jetzt die Vornehmheit Trumpf. Nicht jene +echte der Bewegung und Gesinnung, die der Gefahr +des Kopiertwerdens nicht ausgesetzt ist, sondern die +müde der Dekadenz, die sich jeder aneignen kann, dessen +Finger genügend lang, dessen Gestalt genügend schmal +und dessen Charakter genügend biegsam ist.</p> + +<p>»Und von diesem dürren Boden glaubst du ernten zu +können?!« fragte ich meinen Mann.</p> + +<p>»Nein,« entgegnete er, »aber ich bin optimistisch genug, +um auch ihn für bearbeitungsfähig zu halten.«</p> + +<p>Wir widersprachen einander immer. Nur wenn die +Ereignisse in der Sozialdemokratie die feindliche Haltung +gegen die Revisionisten gar zu deutlich hervortreten +ließen, kam es vor, daß er selber sagte:</p> + +<p>»Es ist doch vielleicht noch zu früh!«</p> + +<p>Jeder geringfügige Anlaß genügte, um in der Partei +den heftigsten Streit hervorzurufen. So war einem der +in die Dresdener Skandale verwickelten Revisionisten +die Kandidatur eines sächsischen Wahlkreises angeboten +worden. Alle höheren Parteiinstanzen erklärten sich +dagegen; die Vernichtung der bisher geltenden Autonomie +der Wahlkreise war die Folge, und nun entspann +sich eine leidenschaftlich erregte Diskussion in der Presse, +die auch in Volksversammlungen ihr Echo fand.</p> + +<p>»Die Minderheit hat sich der Mehrheit zu fügen,« +hieß es kategorisch auf Seite der Radikalen.</p> + +<p>»Die Sozialdemokratie hat jede Art von Macht<a name="Page_544" id="Page_544"></a>entfaltung, +die die Minderheit in ihrer Existenz bedroht, +zu bekämpfen, also zu allererst die in den eigenen +Reihen. Es ist Despotie und nicht Demokratie, wenn +die Rechte der Minderheit schutzlos sind,« lautete die +Antwort auf Seite der Revisionisten.</p> + +<p>In einem anderen Fall vertrat ein Parteigenosse in +bezug auf die Zollfragen theoretisch von den Ansichten +der Partei abweichende Meinungen. Er wurde einem +hochnotpeinlichen Verhör unterzogen, und sein Ausschluß +aus der Partei war die Forderung vieler. Wortglaube, +nicht Geistesglaube war für die Dogmatiker Voraussetzung +der Parteizugehörigkeit.</p> + +<p>Ich hörte überall dieselbe Dissonanz heraus, die in +mir tönte: Selbstbehauptung gegen Selbsthingabe, — Individualismus +gegen Sozialismus, — dieselbe Dissonanz, +die dem Dresdener Konzert zugrundegelegen und +keine Auflösung gefunden hatte. Ob mein Mann und +mit ihm seine politischen Freunde wohl im Rechte +waren, wenn sie behaupteten, daß die Einheit in der +praktischen Tagespolitik über diese inneren Gegensätze +hinweghelfen würde?</p> + +<p>Wenn ich meine Zweifel äußerte, so war es Reinhard +vor allem, der sie auf Grund seiner Erfahrungen +zu entkräften suchte.</p> + +<p>»Sie sollten bei uns in den Gewerkschaften lernen,« +sagte er; »da besteht diese Einheit tatsächlich und ist die +Grundlage unseres wachsenden Einflusses geworden.«</p> + +<p>Ich erinnerte mich dann der Zeiten, wo er unter den +Politikern der radikalsten einer gewesen war, und ich +konnte mich der Empfindung des Bedauerns nicht erwehren: +damals durchglühten die Ideale des Sozialis<a name="Page_545" id="Page_545"></a>mus +seine Reden, heute schien nicht nur sein Handeln, +sondern auch sein Denken den Horizont des Auges nicht +mehr zu überschreiten. Arbeiterrechte und Freiheiten +rang er mit eiserner Energie dem Unternehmertum ab +und richtete den Blick bei jedem Schritt vorwärts konsequent +nur auf den nächsten Schritt. Darin lag vielleicht +seine Kraft. Aber die Stimmung praktischer +Nüchternheit, die ihn beherrschte, war nicht die Atmosphäre, +in der die umfassenden Ideen der Menschheitsbefreiung +sich entfalten.</p> + +<p>Mein Mann, der gerade in dieser Richtung auf die +Forderungen des Tages das Heilmittel für die inneren +Schäden der Partei zu finden glaubte, beschäftigte sich +viel mit den Gewerkschaften.</p> + +<p>»Das sind die Kerntruppen,« meinte er, »ihre Wünsche +und Bedürfnisse müssen wir kennen, wenn wir einmal +mit unserer Zeitschrift wirken wollen.«</p> + +<p>Wir besuchten ihre Versammlungen. Ruhige Arbeit +herrschte hier. Mit tiefgründiger Kenntnis wurden sozialpolitische +Fragen behandelt, besonders die des Heimarbeiterschutzes, +die damals im Mittelpunkt des Interesses +standen. Es war bezeichnend für den Geist der +Gewerkschaftsbewegung gewesen, daß fast zu gleicher +Zeit, wo die Einladung zum Frauenkongreß von den +Sozialdemokratinnen abgelehnt worden war, die Generalkommission +der Gewerkschaften den Heimarbeiterschutz-Kongreß +einberufen und die Interessenten aus bürgerlichen +Kreisen zur Teilnahme aufgefordert hatte.</p> + +<p>Aber wenn die bewußte Beschränkung der Bewegung +auf der einen Seite einen erstaunlichen Grad von +Wissen, von Energie, von Zielsicherheit zeitigte, so ent<a name="Page_546" id="Page_546"></a>wickelte +sich auf der anderen Seite eine gewisse Engigkeit, +ein Organisationsegoismus, der vom Standesdünkel +alter Zeiten nicht zu weit entfernt war. Ich agitierte +selbst für die Gewerkschaften; ich verfocht in Versammlungen +die Forderungen zum Heimarbeiterschutz, die wir +im Kongreß aufgestellt hatten, ich wußte, wie notwendig +das alles war, aber ich hätte darin nicht aufzugehen +vermocht, und es schien mir nicht unbedenklich, daß so +viele tüchtige Kräfte, von der politischen Bewegung +angewidert, mehr und mehr darin aufgingen. Tönte +nicht der starke Pulsschlag der Zeit nur gedämpft hierher, +wo sich Kräfte und Gedanken im engen Kreis der +Organisationsarbeit, der Sozialreform bewegten? Lagen +hier nicht die Keime einer gefährlichen Entwicklung von +Egoismus gegen Sozialismus?</p> + +<p>Allmählich war's, als öffneten sich mir immer neue +Tore mit weiten Ausblicken auf unbekannte Gebiete der +Arbeiterbewegung. Eine Schulvorlage, die von der +preußischen Regierung schon lange in Aussicht gestellt +war und auf Einführung konfessioneller Schulen hinauslief, +rief in der Presse und in Versammlungen eine +lebhafte Kontroverse über Erziehungsfragen hervor. Der +bloße selbstverständliche Protest dagegen, die bloße Forderung +der Trennung von Schule und Kirche genügte +nicht mehr. Wer sich aus Arbeiterkreisen an den Debatten +beteiligte, der hatte sich auch mit den Details +der Frage beschäftigt, und ein Verlangen nach weiterer +Aufklärung wurde laut. In einer kleinen Versammlung +vor den Toren Berlins hörte ich einen alten Arbeiter +von Pestalozzi sprechen. Er hatte ihn nicht nur +gelesen, sondern in sich aufgenommen und schilderte die<a name="Page_547" id="Page_547"></a> +Arbeitsschule der Zukunft, die an Stelle der »Paukschule« +der Gegenwart treten würde, mit demselben +Enthusiasmus, wie ein anderer sich über den Zukunftsstaat +verbreitet haben würde. Auf solche und ähnliche +Erfahrungen hin wagte ich es, die »pädagogische Provinz«, +Goethes Erziehungsutopie, zum Gegenstand eines +Vortrags zu machen. Ein Riesenauditorium, das nur +aus Arbeitern bestand, folgte mit gespannter Aufmerksamkeit +allem, was ich sagte, und in der Diskussion +zeigte sich nicht nur, daß ich verstanden worden war, +sondern auch wie viele ihren Goethe gelesen hatten. +Jetzt fing ich an, mit erwachtem Interesse den nicht +politischen Versammlungen nachzugehen, und ich entdeckte +mit wachsendem Staunen suchende Menschen, nicht nur +fordernde. Wo religiöse, wo philosophische Fragen angeschnitten +wurden, war das Interesse am stärksten. +Jener brutale philosophische Materialismus, der alles +leugnete, was sich nicht mit Händen greifen ließ, und +für die Masse der Sozialdemokraten um so mehr an +die Stelle kirchlich-dogmatischen Glaubens getreten war, +als sie ihn in naheliegender Begriffsverwirrung mit +dem Grundprinzip des Marxismus, dem historischen +Materialismus, zusammengeworfen hatten, beherrschte +nicht mehr so uneingeschränkt wie früher die Gemüter. +Der Unglaube, der geblieben war und neben alles Unabweisbare +sein Fragezeichen aufrichtete, schien erfüllt +von Sehnsucht und Heimweh.</p> + +<p>Junge und alte Männer begegneten mir, die in ihrer +freien Zeit verschlangen, was ihnen an philosophischen +Schriften erreichbar war: neben Kant und Schopenhauer +das seichteste Gewäsch sogenannter Popularphilo<a name="Page_548" id="Page_548"></a>sophie, +neben Dietzgen, dem Parteiphilosophen, allerhand +theosophische, selbst spiritistische Schriften. In der Qual, +mit der sie immer wieder versuchten, die geistige Vernachlässigung +ihrer Jugendjahre zu überwinden, die +Grundlagen des Denkens und Wissens, die ihnen fehlten, +nachzuholen, lag eine größere Tragik als in der leiblichen +Not.</p> + +<p>»Wir sind alle gute Sozialdemokraten,« sagte mir +einmal ein älterer Mann, der es vom einfachen Arbeiter +zum einflußreichen Gewerkschaftsbeamten gebracht +hatte, »und der Sozialismus ist das, was uns zusammengeschweißt +hat, uns im Kampf gegen die Feinde +unüberwindbar macht; aber nun will doch jeder auch +etwas für sich sein.«</p> + +<p>Das war der Wunsch nach Persönlichkeit, der sich +regte, die Reaktion gegen die geistige Nivellierung, die +die Stärke und die Schwäche des Sozialismus war.</p> + +<p>Und alles Wünschen und Suchen ging in die Irre. +Niemand antwortete darauf, niemand sprang hinzu, um +Taumelnde zu halten, Blinde zu führen. Eintönig, wie +die Zukunftsprophezeiungen der ersten Christen, klang +ihnen aus dem Munde ihrer Führer immer dieselbe +Formel entgegen:</p> + +<p>»Die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung +durch den Klassenkampf bringt allen Erlösung.«</p> + +<p>Sie fühlten mehr, als daß es ihnen deutlich zum Bewußtsein +kam: Über die Befreiung von Not und Elend +hinaus muß es ein persönliches Ziel geben, für das die +Erreichung dieses ersten, rohesten nichts als der Ausgangspunkt +ist. Würden sie im Suchen danach nicht +auf Abwege geraten, sich nicht entfernen vom Wege, +<a name="Page_549" id="Page_549"></a>der notwendig zuerst zu jener ersten Etappe führen +mußte?</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>In Rußland warf die Revolution ihre Brandfackel +in Städte und Dörfer. Die Blüte der Jugend, +die geistige Elite des Landes trugen die Fahne +voraus, und die schwerfällige Masse des Riesenvolkes +geriet in eine ungeheure Bewegung. Selbst die Bauern +in ihren einsamen Steppen grüßten das Licht, das sie +flammen sahen, als ihren Befreier. Hunderte fielen, +Hunderte verschwanden im grausigen Dunkel russischer +Zitadellen, Hunderte wurden in Ketten in die Bergwerke +Sibiriens verschleppt, aber Tausende füllten die Lücken +wieder aus, die ihr Verschwinden gerissen hatte. Die +Zeit forderte Helden, und sie wuchsen empor; das Leben +galt ihnen nichts mehr, wo der Tod die Saat der Freiheit +war. Das große Reich, der Hort der europäischen +Reaktion, schien in seinen Grundvesten erschüttert. Vor +Arbeitern und Bauern, vor Studenten und Frauen +streckte der Absolutismus die Waffen. Wir sahen, wie +der Himmel über der Grenze sich rötete. Und vielen, +auf deren Seelen der häßliche Parteizank lastete, die sich +ernüchtert fühlten durch den langen staubigen Weg, den +sie an Stelle des Schlachtfeldes gefunden hatten, wurde +der Glanz zu einem Hoffnungsschimmer.</p> + +<p>Von der Weltenwende der russischen Revolution, +von dem Zusammenbruch des Zarismus sprachen prophetisch +die Redner in unseren politischen Versammlungen.</p> + +<p>»Wir leben in den Tagen der glorreichen russischen<a name="Page_550" id="Page_550"></a> +Revolution —,« damit wurden die Nörgler und Zweifler +niedergeschlagen.</p> + +<p>»Sehen Sie nicht, daß die Zeit gekommen ist, die +Marx voraussah, wo die Evolution in die Revolution +umschlägt —?«</p> + +<p>Daran entflammte sich die Begeisterung der Massen. +Meine Empfindung, meine Phantasie war auf ihrer +Seite, meine Hoffnung entzündete sich daran.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Oft, wenn ich als Kind am Weihnachtsabend +erwartungsvoll im dunkeln Zimmer saß, hatte +der Lichtstrahl, der aus dem Raum daneben, +wo die Mutter den Baum putzte, durch das Schlüsselloch +drang, mir die ganze Seele erhellt und alle Angst vor +der Finsternis um mich vertrieben. So war mir jetzt +zumut: es drang ein Lichtstrahl in das Dunkel. Noch +kannte ich seine Quelle nicht; nur daß er da war, +bannte die Furcht.</p> + +<p>Heinrich hatte recht: es gab für uns nur eine Aufgabe: +die Neue Gesellschaft wieder ins Leben zu rufen, +durch sie zusammenzufassen, was in der Arbeiterbewegung +nach allen Richtungen auseinanderzufließen drohte: den +geistigen Hunger der Massen, die praktische Arbeit der Gewerkschaften +und Genossenschaften, die Schwungkraft der +kämpfenden Partei. Und wie sie auf dem Wege zu einer +neuen tieferen Einheit Richtung geben sollte, so sollte sie im +Kreise der intellektuellen Jugend dem Sozialismus Anhänger +werben. Wir bedurften dieser Jugend, das lehrte +uns Rußland, das predigten uns die stummen Lippen all +der Suchenden, die der geistigen Führer entbehrten.<a name="Page_551" id="Page_551"></a> +»Die Wissenschaft und die Arbeiter«, — ein Kind +dieses Bundes war der Sozialismus gewesen, ihn zu +zerstören und zu verleugnen war der eigentliche Parteiverrat.</p> + +<p>Nun war es nicht mein Mann, nun war ich es, die +zuerst wieder von unserer Zeitschrift sprach. Und was +ich so lange entbehrt hatte, geschah: Heinrichs verdüsterte +Züge erleuchteten sich wie von innen heraus. +Jetzt endlich kamen die Stunden innerer Gemeinschaft +zurück, und im Überschwang der Freude glaubte ich das +Mittel wieder gefunden, das auch die klaffenden Wunden +unserer Ehe schließen würde. In gemeinsamer Arbeit, +mit demselben großen Ziel vor Augen würden wir +enger, unauflöslicher zusammenwachsen.</p> + +<p>Ein Umstand half uns, mit etwas größerer Zuversicht +an die Arbeit zu gehen. Meine Schwester, eine der +sechs Erben der verstorbenen Tante, hatte, empört über +die mir widerfahrene Ungerechtigkeit, versucht, die Annullierung +des letzten Testaments, das meine Enterbung +aussprach, durchzusetzen. Und als die Verwandten einmütig +erklärt hatten, den letzten Willen der Toten respektieren +zu müssen, tat sie allein, was sie von den +anderen verlangt hatte, und verzichtete in Anerkennung +meines Anspruchs auf den sechsten Teil ihres Erbes zu +meinen Gunsten. Es war zunächst nur wenig, was ich +bekam, — der größte Teil des Vermögens lag in Grundstücken +fest, — aber für uns, die wir von Anfang an +mit einer so geringen Summe rechnen mußten, daß +kaum ein anderer daraufhin den Mut gehabt hätte, +eine Zeitschrift zu gründen, war es eine willkommene +Hilfe. Nur ganz flüchtig dachte ich daran, die paar +<a name="Page_552" id="Page_552"></a>tausend Mark für meinen Jungen festlegen zu wollen, — ich +errötete dabei über mich selbst. Drüben, im +Osten, opferten sie ihr Leben ihrer Sache, und ich +könnte mit dem lumpigen Gelde knausern!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Es war ein frohes Arbeiten damals. Wir fanden +Mitarbeiter im eigenen Lager, die unsere +Ideen teilten, wir fanden aber auch Künstler +und Schriftsteller, die nicht abgestempelte Genossen waren +und mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, einmal zum +Volk zu sprechen. Und zuerst leuchteten uns überall die +aus den schwarzen Schornsteinen glutrot aufsteigenden +Flammen der Neuen Gesellschaft entgegen.</p> + +<p>Daß innerhalb der Parteiorganisationen schon gegen +uns gehetzt, vor einem Abonnement unserer Zeitschrift +gewarnt wurde, daß uns die Genossen wieder als »Geschäftssozialisten« +öffentlich an den Pranger stellten, — dafür +hatten wir nur ein Achselzucken. Sie glaubten, +wir wollten wühlen, kritisieren; sie würden sich bald +eines Besseren belehren lassen, denn wir dachten nur +daran, aufzubauen. Am Himmel der Zeit stiegen Sturmwolken +auf, und wer wetterkundig war, der sah dahinter +erfrischte Luft, zu neuem Segen durchtränkte +Erde.</p> + +<p>Der Strom der russischen Revolution, der drüben +alles mit sich riß, schien zuerst an Deutschland vorüberzubrausen, +als wäre die Grenze ein Felsengebirge. Allmählich +aber begannen seine Fluten Tunnel zu bohren, +und die deutsche Reaktion warf angstvoll Wälle auf. +In den Einzelstaaten kam es zu Wahlrechtsverschlech<a name="Page_553" id="Page_553"></a>terungen, +und die Angriffe auf das allgemeine Reichstagswahlrecht +wurden lauter. Unter dem Deckmantel +der scheinbar harmlosen Schulvorlage ging der preußische +Landtag darauf aus, mit den Seelen der Kinder +die Zukunft dem Fortschritt zu entwinden. Doch das +Proletariat lernte von den russischen Freiheitskämpfern. +Zum erstenmal in Deutschland eroberten sich die Arbeiter +die Straße zu gewaltigen Massendemonstrationen. +In Leipzig, in Dresden, in Chemnitz durchzogen Tausende +und Abertausende, dem Polizeiaufgebot trotzend, +die Stadt. Und wenn sie auch der Hartnäckigkeit der +Regierung nichts abzutrotzen vermochten, sie fühlten +sich nicht geschlagen, denn die Siege jenseits der Grenzen +stärkten immer wieder ihren Mut: in dunkeln Massen, +dicht gedrängt, mit einem Schweigen, das mehr als +drohende Rufe von finsterer Entschlossenheit zeugte, war +die wiener Partei vor dem Parlament aufmarschiert, +während in ganz Österreich die Arbeit ruhte, und eroberte +im gleichen Augenblick eine Wahlreform, die vor +wenigen Wochen noch von der Regierung abgelehnt +worden war. Und angesichts der blutgetränkten Straßen +Petersburgs, der rauchenden Trümmer baltischer Schlösser +versprach der russische Zar dem Volke die Verfassung.</p> + +<p>Jetzt galt es auch in Preußen, gegen die Hochburg +der Reaktion Sturm zu laufen: gegen den Landtag. +Wir schürten in unserer Zeitschrift mit allen Mitteln +den Brand.</p> + +<p>»Trotz aller Anerkennung des stark pulsierenden Lebens, +das in den Spalten der Neuen Gesellschaft herrscht,« +schrieb mir Romberg damals, »bleibt Ihre Schornsteinzeitung +mir unsympathisch, — jetzt vollends, wo ich mit +<a name="Page_554" id="Page_554"></a>aufrichtiger Trauer sehe, daß Sie jene Vornehmheit +preisgeben, deren Aufrechterhaltung durch alle Fährnisse +proletarischer Versuchung mir bisher so bewundernswert +erschien. Den ganzen giftigen Zorn der Renegaten +schütten Sie über Ihre eigenen Klassengenossen, die +Junker, aus.«</p> + +<p>»Über Ihren Geschmack streite ich nicht mit Ihnen,« +antwortete ich, »er führt uns, fürchte ich, weit voneinander. +Aber mir die Preisgabe der Vornehmheit vorzuwerfen, +dazu haben Sie kein Recht. Gerade weil ich +Aristokratin war und blieb, weiß ich zu scheiden zwischen +dem Adligen und dem Junker. Die Hutten und Berlichingen, +die Mirabeau und Lafayette, die Struve und +Krapotkin, — das waren Aristokraten, das heißt freie +Herren, keine Fürstenknechte, keine Sklaven des Herkommens. +Ich bin stolz, zu ihnen zu gehören und werde, +wie sie, bis zum letzten Atemzug gegen die Junker, das +heißt die Dienstmannen, kämpfen.«</p> + +<p>Im Abgeordnetenhause erklärte Graf Roon: »Wenn +jemals die Regierung daran denken sollte, uns in +Preußen die geheime Wahl zuzumuten, so würden wir +zur schärfsten Opposition übergehen.«</p> + +<p>»Auf das nachdrücklichste lege ich dagegen Verwahrung +ein, daß das allgemeine geheime Wahlrecht als +Wahlrecht der Zukunft hingestellt wird,« sekundierte ihm +Herr von Manteuffel. Hüben und drüben schlossen sich +die Reihen der Kämpfer. Sollte die Schlacht schon bevorstehen?</p> + +<p>In den Köpfen der Parteigenossen spukte diese Frage, +der die andere auf dem Fuße folgte: wie bereiten wir +uns vor? Das Mittel immer wiederholter Arbeits<a name="Page_555" id="Page_555"></a>einstellungen +hatte sich in Rußland als das eindrucksvollste +erwiesen. Es wurde nun auch in der deutschen +Partei erörtert. Es trennte die Geister nach einem +Schema, auf das die Bezeichnung Revisionisten und +Radikale nicht mehr passen wollte. Mein Temperament +riß mich rückhaltlos auf die Seite derer, die den Massenstreik +verteidigten; mein Mann stand im entgegengesetzten +Lager, wo die Gewerkschafter sich vereinigt hatten. +Auch die Ansichten unserer Mitarbeiter gingen auseinander.</p> + +<p>»Glauben Sie, es läßt sich beschließen, übermorgen +nachmittag um vier in den Massenstreik einzutreten?« +höhnte Reinhard. »Revolutionen sind keine Paraden, die +vorher einexerziert werden.«</p> + +<p>»Aber die Truppen müssen dafür vorbereitet sein +wie für die Kriege,« entgegnete einer unserer Mitarbeiter; +»wir müssen den Gedanken in die Köpfe hämmern, +damit er zur rechten Zeit zur Tat reift.«</p> + +<p>»Von unseren drei Millionen Wählern sind nur viermalhunderttausend +politisch organisiert, und von zwölf +Millionen Arbeitern nur anderthalb Millionen gewerkschaftlich!« +rief Reinhard aus. »Mir scheint, wir müssen +zuerst die Köpfe<em class="spaced"> haben</em>, ehe wir daran denken können, +eine Idee in sie hineinzuhämmern.«</p> + +<p>Das Feuer meiner Begeisterung verflog angesichts des +neu entfachten theoretischen Streites, der bei uns Deutschen +so oft an Stelle des Handelns tritt. Die Demonstrationen +gegen den preußischen Landtag beschränkten +sich auf ein paar große Versammlungen, denen erst das +Aufgebot von Polizei und Militär Bedeutung verlieh. +Die Schulvorlage wurde angenommen. Graf Bülows<a name="Page_556" id="Page_556"></a> +Politik der Ablenkung des Volksinteresses bewährte sich +wieder einmal: die Blicke aller derer, die nicht zu unseren +Kerntruppen gehörten, richteten sich wie hypnotisiert +auf die internationalen Verwickelungen. Von der +feindseligen Verstimmung sprach der Reichskanzler, als +die neue Flottenvorlage dem Reichstag zuging: »Deutschland +muß stark genug sein, sich im Notfall allein behaupten +zu können!«</p> + +<p>Von dem Ernst der Zeit, von der Notwendigkeit, eine +stets schlagbereite Armee zu haben, sprach der Kaiser. +So wurde gegen die revolutionäre die patriotische Stimmung +ausgespielt.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wir hatten gearbeitet, den Blick krampfhaft +vorwärts gerichtet, besinnungslos. Wir +hatten unser Programm erfüllt, waren +jeder tieferen Volksregung nachgegangen; es hatte an +aufrichtiger Anerkennung nicht gefehlt, und trotz allen +lauten und leisen Wühlens gegen uns war in kurzer +Zeit ein Stamm von Lesern gewonnen <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'werden'">worden</ins>. Aber +die Kosten der Zeitschrift überstiegen bei weitem die +Einnahmen. Wir konnten nicht länger die Augen davor +verschließen, daß unsere Mittel auf einen winzigen +Rest zusammengeschmolzen waren.</p> + +<p>»Drei Jahre müssen Sie aushalten können, dann +haben Sie sich durchgesetzt,« sagte uns ein treuer Genosse, +der zugleich ein guter Geschäftsmann war.</p> + +<p>»Drei Jahre!« wiederholte ich in Gedanken. »Wo wir +kein Vierteljahr mehr gesichert sind!«</p> + +<p>»Wir dürfen die Flinte nicht ins Korn werfen, heute +<a name="Page_557" id="Page_557"></a>weniger als je,« erklärte mein Mann; »denn jetzt schädigen +wir dadurch die Sache.«</p> + +<p>Die Furcht flüsterte mir zu: »Gib auf, solang es +noch Zeit ist.«</p> + +<p>»Heinrich ertrüge es nicht,« antwortete die Stimme +meines Herzens.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Um jene Zeit kam meine Schwester nach Berlin +zurück. Sie war in einem Sanatorium +gewesen und hatte dann eine lange +Seereise gemacht.</p> + +<p>»Nun bin ich heil und gesund,« damit trat sie wieder +vor mich hin, »und jetzt komme ich zu dir und will +arbeiten.« Mit ungläubigem Lächeln sah ich sie an. +»Meinst du etwa, ich hielte auf die Dauer solch zweckloses +Leben aus?« schmollte sie, weil ich sie nicht ernst +nehmen wollte.</p> + +<p>»Im Sanatorium war einer mein Tischnachbar, der +ein heimlicher Genosse ist,« fuhr sie zu plaudern fort. +»Er holte nach, was du zu tun versäumtest; gab mir +Bücher und Zeitungen und klärte mich auf. Ich bin +überzeugte Sozialdemokratin.«</p> + +<p>»Aber Ilse!« lachte ich. »Du?! Die Ästhetin?! Du +mit deinem Grauen vor dem Pöbel?!«</p> + +<p>Nun wurde sie wirklich böse. »Ist es so unwahrscheinlich, +daß man sich entwickelt? — Bist du vielleicht +als Genossin auf die Welt gekommen?! — Ich bildete +mir ein, dir mit dieser Nachricht eine besondere Freude +zu machen, und nun glaubst du mir nicht! Aber ich +<a name="Page_558" id="Page_558"></a>werde dir beweisen, wie ernst ich es meine: noch heute +will ich mich dem Vertrauensmann meines Wahlkreises +vorstellen, ich werde sogar Flugblätter austragen, wenn +er mich brauchen kann.«</p> + +<p>Ich war noch ganz benommen von der erstaunlichen +Wandlung meiner Schwester, als Heinrich sie begrüßte. +Er fand sich rascher in die veränderte Situation.</p> + +<p>»Da hätten wir ja eine neue Mitarbeiterin,« sagte +er lebhaft.</p> + +<p>»Ja, — ob ich aber schreiben kann?!« meinte sie +zögernd.</p> + +<p>»Sind nicht alle ihre Briefe druckreifes Manuskript?« +wandte er sich an mich. »Und prädestiniert sie nicht ihre +ganze Vergangenheit, gerade das wichtige, noch so sehr +vernachlässigte Gebiet der künstlerischen Volkserziehung +zu dem ihren zu machen?«</p> + +<p>Alles Fremde, das seit Jahren zwischen uns gestanden +hatte, war jetzt vergessen. Die kleine Ilse war wieder +mein Kind, wie einst, da sie nichts so gerne hörte wie +meine Geschichten, mit nichts spielen mochte als mit +den Spielen, die ich erfand. Ich streckte ihr beide Hände +entgegen:</p> + +<p>»Du brauchst keine Flugblätter auszutragen, um zu +beweisen, daß du zu uns gehörst. In der Partei ist +viel Raum für Kräfte wie die deinen.«</p> + +<p>Am Abend sah ich an Heinrichs grüblerischem Gesichtsausdruck, +daß irgendein Gedanke ihn beschäftigte. +Er ging schweigsam im Zimmer auf und nieder. Endlich +blieb er vor mir stehen: »Was meinst du, wenn +wir Ilse aufforderten, sich an der Neuen Gesellschaft +mit einem Kapital zu beteiligen?«</p> + +<p><a name="Page_559" id="Page_559"></a>Ich hob die Hände, als gelte es einer Gefahr zu +begegnen.</p> + +<p>»Um Gottes willen nicht!« rief ich aus.</p> + +<p>»Du scheinst deiner Schwester wenig zuzutrauen,« +entgegnete er stirnrunzelnd. »Daß wir alles aufs Spiel +setzen, ist dir selbstverständlich; daß Ilse einen Bruchteil +ihres Vermögens opfern soll, kommt dir unmöglich vor. +Und doch könnte das ihr geben, was ihr fehlt: einen +ernsten Lebensinhalt, einen Antrieb zur Arbeit, die mehr +ist als Laune und Spielerei.«</p> + +<p>Ich widersprach auf das heftigste: »Was wir tun +und lassen, ist unsere Sache, aber die Verantwortung +für Ilse dürfen wir nicht auf uns nehmen. Niemals +ertrüg' ich's, sie in unseren Ruin hineinzuziehen!«</p> + +<p>Heinrich brauste auf. »Wie kannst du von Ruin +sprechen, wo uns nichts fehlt als die Mittel, noch +einige Zeit auszuhalten, — wo wir in zwei, drei Jahren +über das schlimmste hinaus sein werden! Hast du so +gar keinen Glauben an die eigene Sache?«</p> + +<p>»Ich habe ihn, Heinz, ich hab ihn gewiß —,« meine +Hände preßten sich flehend ineinander, »— aber lieber +will ich mir die Finger blutig schreiben, lieber will ich +von Ort zu Ort gehen, um die Mittel für die Neue +Gesellschaft zusammenzubringen, als daß ich mich an +Ilse wende.«</p> + +<p>Mit gerunzelten Brauen sah Heinrich mich an. »Ich +finde deinen Standpunkt kleinlich, — deiner und deiner +Schwester unwürdig. Sie wird sich freuen, mit einem +Teil ihres Überflusses etwas Nützliches leisten zu können.«</p> + +<p>Aber ich ließ mich nicht überzeugen. »Laß uns wenigstens +noch versuchen, ob sich nicht auf anderem Wege<a name="Page_560" id="Page_560"></a> +Hilfe schaffen läßt,« bat ich. Heinrich schwieg, sichtlich +verletzt.</p> + +<p>Alle Schritte, die er in den nächsten Wochen unternahm, +waren umsonst. Immer näher rückte die Zeit, +die uns vor die letzte Entscheidung stellte. Mich schauderte +im Gedanken daran.</p> + +<p>Als ich ihn eines Abends wieder von einer vergeblichen +Reise zurückkehren sah, — so müde, so gebrochen, +da hielt es mich nicht länger: »Geh zu Ilse,« +sagte ich.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>War es der Leichtsinn der Jugend, war es +die Überzeugungskraft der Reife, die Ilse +ohne einen Augenblick des Überlegens dem +Vorschlag Heinrichs entsprechend handeln ließ? Wie kam +es nur, daß in dem Augenblick, wo sie sich nicht nur +im Denken, sondern auch im Handeln mit mir vereinte, +ein kalter Reif auf die kaum wieder entfaltete Blume +meiner Schwesterliebe fiel? Irgendeine Fessel, die die +freie Bewegung meiner Glieder hemmte, wurde schmerzhaft +angezogen.</p> + +<p>Eine Unrast der Arbeit packte mich, die mich jede +ruhige Stunde als Unterlassungssünde empfanden ließ. +Selbst in den Augenblicken, wo die Sache, der ich diente, +mich ganz zu packen schien, fiel mir ein, daß ich arbeiten +mußte, um das Geld meiner Schwester nicht zu verlieren. +Daß die Arbeitsgemeinschaft mit meinem Mann unsere +Liebe zueinander festigen sollte, — daran dachte ich kaum +<a name="Page_561" id="Page_561"></a>mehr. Kam mir in heißen Nächten nach gehetzten Tagen +die Erinnerung daran, so grauste mich's. Ich saß meinem +Mann gegenüber, tagaus, tagein, über Manuskripte und +Korrekturen gebeugt. Ich hatte keine Gedanken mehr, +mich für den Geliebten zu schmücken, keine Zeit mehr +für das süße Spiel der Liebe, für Suchen und Finden, +Zurückstoßen und Wiedererobern. Nur für mein Kind +stahl ich mir morgens und abends noch eine Stunde; +aus der Frische seines Denkens und Fühlens floß mir +der Tropfen Lebensfreude, den ich brauchte, um weiter +schaffen zu können.</p> + +<p>Meinen kleinen Haushalt überließ ich nun schon +lange der Berta. Zuweilen wunderte ich mich wohl, +daß er bei seiner Einfachheit so kostspielig war. Aber +jede Spur von Mißtrauen lag mir fern. Opferte die +Berta uns nicht ihre ganze Arbeitskraft? War sie es +nicht, die unter Hinweis auf die entstehenden Kosten +jede fremde Hilfe ablehnte und alles allein besorgte?</p> + +<p>Eines Tages sah ich ein goldenes Armband auf ihrem +Nähtisch liegen. »Mein Onkel hat es mir zum Geburtstag +geschenkt,« sagte sie.</p> + +<p>Bald darauf brachte die Portierfrau, als sie abwesend +war, ein Paket für »Fräulein Berta«, die Uhrkette sei +darin, die sie sich durch sie habe besorgen lassen, fügte +sie erklärend hinzu. Ich wurde stutzig und ließ mich in +ein Gespräch mit ihr ein.</p> + +<p>»Auch das Armband hat mein Mann besorgt,« +schwatzte sie, »es kostete nur sechzig Mark. Und Fräulein +Berta kann sich wohl mal was selber gönnen, +nachdem sie immer das viele Geld nach Hause schickt.«</p> + +<p>Nach Hause?! dachte ich verblüfft, ihr Vater war +<a name="Page_562" id="Page_562"></a>doch, wie sie oft genug erzählt hatte, in behäbiger +Lage. Nun verfolgte ich erst aufmerksam ihr Tun +und Lassen. Im Lauf einer Woche hatte ich alle Beweise +in der Hand: seit Jahren war ich von ihr betrogen +worden. Im ersten Gefühl der Empörung wollte +ich ihre Unterschlagungen zur Anzeige bringen. Aber +dann schämte ich mich. War ich nicht die Schuldige +gewesen? Ich, die ich dem einfachen Bauernmädchen +eine Freiheit gelassen, eine Selbständigkeit aufgebürdet +hatte, der sie geistig und moralisch nicht gewachsen war; +ich, die ich sie aus Dankbarkeit mit Geschenken überhäuft +hatte, die ihre Eitelkeit, ihre Habsucht erwecken +mußten? Sie war für die Lebenssphäre, in die sie +zurücktreten mußte, bei mir und durch mich verdorben +worden.</p> + +<p>Ich entließ sie; ich bekannte meinem Mann meine +Schuld. Von nun an mußte ich mich um die täglichen +Sorgen des Haushalts kümmern, mußte vor allem die +Zeit erübrigen, um mit meinem Buben ins Freie zu +gehen. Ich war viel zu ängstlich, um ihn sich selbst +zu überlassen. Wie müde fühlte ich mich, wenn ich +abends schlafen ging! Wie zerschlagen, wenn ich +morgens erwachte! Wie lange noch würde ich aushalten +können?!</p> + +<p>Und mehr denn je verlangte unsere Arbeit die ganze +Nervenkraft, die volle Anspannung des Willens. Ein +neuer Parteiskandal forderte gebieterisch unsere Stellungnahme. +Die Auseinandersetzungen über den Massenstreik +hatten in einem Teil unserer Tagespresse wieder +die Formen persönlichen Gezänks, gegenseitiger Verdächtigungen +angenommen. Zur Empörung der radi<a name="Page_563" id="Page_563"></a>kalen +Berliner vertrat das Zentralorgan der Partei den +Standpunkt der Gewerkschaften, und obwohl der Jenaer +Parteitag eine wenigstens äußere Verständigung zwischen +beiden Richtungen herbeiführte und auch die Preßfehde +zu schlichten schien, ließ sich Groll und Mißtrauen nicht +durch Resolutionen beseitigen. Trotz aller gegenseitigen +Versicherungen blieb die Mehrheit der Vorwärts-Redaktion, +die ihre Ansichten weder dem Votum der Masse +unterwerfen, noch sich zu einem Inquisitions-Tribunal +hergeben wollte, des Revisionismus verdächtig. Kaum +war der Parteitag vorüber, als der Parteivorstand mit +den Berlinern in Verhandlungen eintrat, deren Resultat +die Entlassung und der Ersatz eines oder mehrerer Redakteure +und die Neugestaltung der Mitarbeiterschaft +über den Kopf der Redaktion hinweg sein sollte. Hinter +verschlossenen Türen, mit strengstem Schweigegebot für +die Teilnehmer und — unter Ausschluß der Angeklagten +ging das alles vor sich. Ein Fehmgericht nach demselben +Prinzip wie das, dem ich einmal seitens der +Frauen unterworfen worden war. Wo war hier die +Gleichheit, wo die Brüderlichkeit?! Als die Redaktion +trotz aller Vorsichtsmaßregeln von den Vorgängen erfuhr +und der Parteivorstand ihren Protest gegen ein +allen Grundsätzen der Demokratie hohnsprechendes Verhalten +schroff zurückwies, handelte sie, wie organisierte +Arbeiter handeln, wenn der Unternehmer ihre Kameraden +ohne sie zu hören mit Aussperrung bedroht: sie +erklärte sich in ihrer Mehrheit solidarisch, reichte ihre +Entlassung ein und begründete ihre Handlungsweise +vor der Öffentlichkeit. Mit gezückten Schwertern standen +einander nun wieder zwei Richtungen in der Partei +<a name="Page_564" id="Page_564"></a>gegenüber. Aber die Masse vertrat nicht die Prinzipien +der Demokratie, sondern die der Despotie.</p> + +<p>»Wie können wir noch mit freier Stirn unsere Ideale +gegenüber der Willkürherrschaft monarchischen Absolutismus +verteidigen,« schrieben wir in der Neuen Gesellschaft, +»wie können wir die Selbstherrlichkeit des +Unternehmertums, seinen rücksichtslosen Herrenstandpunkt +gegenüber dem Arbeiter angreifen, wenn der Gegner +uns mit den eigenen Waffen zu schlagen vermag? Wie +können wir an den endlichen Sieg unserer Sache glauben +und uns unterfangen, andere davon überzeugen zu wollen, +wenn die Ansichten einzelner, — hier des Parteivorstands, +ganz besonders die Bebels, — zum Kredo erhoben +werden und jeder Andersgläubige der Ketzerei +beschuldigt wird, — ungehört, wie bei den Hexenprozessen? ... +Die Redakteure haben ihre Schuldigkeit getan, +tun wir die unsere! ...«</p> + +<p>Wie der Stein, der in den Teich geworfen wird, +nicht nur weite und immer weitere Kreise zieht, sondern +auch den Grund aufwühlt, sodaß dieser plötzlich +in das klare Wasser schwarz und schlammig emporsteigt, +so war es hier. Man hatte vergessen, den +Grund zu säubern und auszumauern, ehe der frische +Quell des Sozialismus hineingeleitet wurde. Die +Moral der bürgerlichen Gesellschaft, die ihr das Christentum +mit Feuer und Schwert und Verfolgung eingeimpft +hatte, beherrschte alles menschliche Denken +und Fühlen.</p> + +<p>»Besser unrecht leiden, als unrecht tun,« predigten +salbungsvoll unsere Parteiblätter; also sich beugen, sich +der Macht unterwerfen, Demut und Unterwürfigkeit für +<a name="Page_565" id="Page_565"></a>der Tugenden größte erklären, — konnte, durfte das die +Ethik des Sozialismus bleiben?</p> + +<p>Ich empfand das alles nur dumpf, wie einen Traum; +ich hatte keine Zeit, Gedanken zu formen; ich hatte +auch keine Kraft.</p> + +<p>Sonderbar, wie elend ich mich fühlte. Als stünde +mir eine große Krankheit bevor. Ich ballte die Hände, +sodaß die Nägel mich in der Handfläche schmerzten: ich +durfte nicht krank werden. Oft wenn ich mit meinem +Sohn durch die Straßen ging, überfiel mich ein +Schwindel. Dann lehnte ich mich an irgend eine +Mauer, und er blieb vor mir stehen, die großen ernsten +Augen ängstlich auf mich gerichtet. Und wenn ich +abends mit irgend einer notwendigen Näharbeit bei +ihm war, und er mir mit all dem überzeugten Pathos +des Kindes vorlas, — Märchen und Gedichte, die +feierlichsten am liebsten, — dann brauste es mir vor +den Ohren, sodaß ich kaum seine Stimme noch hörte. +Was war das nur?</p> + +<p>Meinem Mann verschwieg ich meinen Zustand. Mein +Junge war mein Vertrauter und mein Verbündeter zugleich. +Er hatte mir versprechen müssen, dem Vater +nichts zu sagen.</p> + +<p>»Papachen hat soviel Ärger, er soll sich nicht auch +noch um mich Sorge machen!« — Und dies erste Zeichen +eines freundschaftlichen Vertrauens seiner Mutter hatte +ihn sichtlich reifer gemacht.</p> + +<p>Aber dann kam ein grauer Tag; der Regen klatschte +unaufhörlich an die Scheiben; um meinen Kopf lag es +wie ein Band von Eisen. Plötzlich aber mußte ich vom +Stuhle springen, auf dem ich zusammengekauert gesessen +<a name="Page_566" id="Page_566"></a>hatte; ein Gedanke traf mich, blendend wie ein Blitz. +Wie hatte ich nur so lange fragen können, was mir +fehlte: ich war guter Hoffnung. »Guter« Hoffnung?! +Sehnsüchtig hatte ich mir oft noch ein Kind gewünscht, +hatte, wenn ich meinen Buben ansah, es fast als ein +Naturgebot empfunden, mehr seinesgleichen zu gebären. +Und jetzt? Wie anders fühlte ich mich, als da ich ihn +unter dem Herzen trug: schwach, schwermütig, arbeitsunfähig. +Und ich mußte doch arbeiten!</p> + +<p>Seit wir in dem letzten Parteikampf so energisch die +Rechte der Minderheit vertreten hatten, regnete es Angriffe +auf das »parteischädigende Treiben der Neuen +Gesellschaft«. Auf wessen Tisch die rotleuchtende Flammenschrift +unseres Blattes entdeckt wurde, der erschien schon +verdächtig.</p> + +<p>Wenn meine Schwester kam, wurde mir heiß und +kalt. Etwas wie Schuldbewußtsein machte mich ihr +gegenüber immer scheuer. Wir mußten uns durchsetzen, — um +jeden Preis! — Und ich biß die Zähne zusammen +und trug schweigend meine Qual, bis ich nicht +mehr konnte.</p> + +<p>Meine Ärztin machte ein ernstes Gesicht: »Sie müssen +sich vollkommen ruhig halten, sich vor jeder Aufregung +hüten,« sagte sie mit scharfer Betonung.</p> + +<p>Ich verzog den Mund zu einem Lächeln und ging +heim, als schleppte ich eine Zentnerlast mit mir. Und +wenn ich mich in irgend einen Erdenwinkel hätte verkriechen +können, sie würde weiter drückend auf mir liegen. +Wen einmal die Sorge umstrickt, den hält sie fest.</p> + +<p>Eine krankhafte Angst bemächtigte sich meiner. Ich +fürchtete mich vor dem keimenden Leben in mir wie +<a name="Page_567" id="Page_567"></a>vor einem Mörder. Ich malte mir in dunkeln Nachtstunden +den Augenblick schreckhaft aus, wo der Ruin +vor der Türe stand.</p> + +<p>Und dann brach ich zusammen. Ehe das Kind in +meinem Schoß Leben gewesen war, starb es. Während +der langen dunkeln Stunden, die ich nun regungslos +auf dem Rücken lag, richtete das Ungeborene +zwei starre Augen auf mich, anklagend, richtend. Und +ich beweinte es, als hätte es schon in meinen Armen +gelegen.</p> + +<p>Als ich wieder aufstehen durfte, nahm ich aus meiner +Großmutter Zeichenmappe ein kleines, in zarten Farben +gemaltes Bild: ein Köpfchen mit weißen Rosen bekränzt, — ihr +jüngstes Kind, das gestorben war, ehe seine +Lippen das erste »Mutter« zu lallen vermochten. Ich +stellte es auf den Schreibtisch vor mich hin. Es sollte +mich zu jeder Stunde daran erinnern, daß mein Kind +zum Opfer gefallen war.</p> + +<p>Ich erholte mich schwer. Mir fehlte der Wille zur +Kraft.</p> + +<p>Eines Abends saß ich mit meinem Sohne zusammen +unter der grünumschirmten Lampe. Er war in das +Buch vertieft, das aufgeschlagen vor ihm auf dem +Tische lag.</p> + +<p>»Das mußt du hören, Mama,« rief er aus; seine +Augen glänzten vor Entzücken.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Nun geht in grauer Frühe<br /></span> +<span class="i0">Der scharfe Märzenwind,<br /></span> +<span class="i0">Und meiner Qual und Mühe<br /></span> +<span class="i0">Ein neuer Tag beginnt ...«<br /></span> +</div></div> + +<p>las er. In den Stuhl zurückgelehnt, hörte ich ihm zu.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"><p><a name="Page_568" id="Page_568"></a></p> +<span class="i0">»Kein Dräuen soll mir beugen<br /></span> +<span class="i0">Den Hochgemuten Sinn;<br /></span> +<span class="i0">Ausduldend will ich zeugen,<br /></span> +<span class="i0">Von welchem Stamm ich bin..«<br /></span> +</div></div> + +<p>Ich richtete mich auf. »Ausduldend will ich zeugen, +von welchem Stamm ich bin,« wiederholte ich leise, +nahm meines Kindes Kopf zwischen beide Hände und +küßte ihn auf die Stirn. Es war ein Gelöbnis.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_569" id="Page_569"></a></p> +<h2><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h2> + + +<p>»Wie die Hasen auf der Treibjagd werden die +Revolutionäre von den Soldaten zusammengeschossen,« — »fünfzehntausend +Gefallene +bedecken Straßen und Barrikaden —,« so meldete der +Telegraph aus Moskau; »die Regierung hat uns betrogen! +Der Zar hat sein Versprechen gebrochen! Die +Knute der Kosaken herrscht wieder über uns,« — so +klangen die Verzweiflungsschreie der Freiheitskämpfer +über die Grenze. Und schwer und dumpf grüßten die +Glocken das Jahr 1906.</p> + +<p>Auf den eroberten Gebieten des Absolutismus halten +unsere russischen Brüder ihre Siegeszeichen aufgepflanzt, +und an ihnen waren die üppigen Ranken unserer Hoffnung +wuchernd emporgewachsen. Jetzt lagen sie am +Boden. Die Soldaten der Reaktion traten darauf.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Und doch bedurften wir in dem Kampf, den +wir führten, der Siegeszuversicht. Ein <em class="antiqua">rocher +de bronce</em> war Preußen noch immer, dem +er galt, denn als die Frage der Abänderung des Dreiklassenwahlrechts +im Landtag endlich zur Besprechung +kam, da erklärte die Regierung: das Reichstagswahl<a name="Page_570" id="Page_570"></a>recht +ist unannehmbar, und fügte der Absage durch den +Mund des Ministers von Bethmann Hollweg die versteckte +Drohung hinzu: »das Gefühl der Unlust besteht +ja auch im Reiche, wo wir noch dieses angeblich ideale +Wahlrecht besitzen.« Noch! — Wir hatten achtzig Abgeordnete +im Parlament, und doch würde Preußens Reaktion +sie mit einer Handbewegung beiseite schieben. Es +klang wie ein Hohn unserer Ohnmacht, wenn der Kanzler +die Machtmittel des Staats für ausreichend erklärte, +um »Pöbelexzesse zu verhindern.« Er hatte recht. Es +kam zu keinen Exzessen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die Einführung des Zolltarifs stand vor der +Türe. Mit neuen Steuern und Abgaben +drohte eine Reichsfinanzreform. Im Hintergrund +lauerte das Raubtier des Kriegs, und die Diplomaten, +die mondelang in Algeciras beisammensaßen, um +es in Ketten zu legen, schienen es statt dessen groß zu +füttern. Für neue Kriegsschiffe agitierten die Regierungsparteien +und malten den Weltbrand glutrot auf +die leere Leinwand der Zukunft. Aber das Volk hörte +gleichgültig zu, als ginge es das alles nichts an. Wo +es im Laufe der letzten Jahre bei Nachwahlen zum +Reichstag um sein Verdikt gefragt worden war, hatte +es Junkern und Junkergenossen das Feld überlassen.</p> + +<p>»Mir ist eine kleine Schar überzeugter Genossen +lieber, als eine große Menge unsicherer Mitläufer,« +hatte Bebel wiederholt gesagt. Das sollte ein Trost +sein und war bei Licht besehen nur die Konstatierung +einer Tatsache, denn der Zuzug aus bürgerlichen Kreisen +<a name="Page_571" id="Page_571"></a>hatte sich verlaufen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, — das +war der Trunk gewesen, an dem sich deutsche +Träumer von jeher berauscht hatten. Diesmal war er +von der Sozialdemokratie kredenzt worden. Als sie +aber erwachten und die Welt noch immer nicht ihren +Dichteridealen entsprach, und die Genossen die Ritter +vom heiligen Gral nicht waren, die sie in ihnen gesehen +hatten, da versanken sie wieder in politische Gleichgültigkeit.</p> + +<p>In die Maienpracht junger Hoffnungen war der Reif +der Enttäuschung gefallen. Es schien fast, als ob alle +Knospen daran sterben sollten.</p> + +<p>An jenem »roten Sonntag«, der in ganz Preußen +der Demonstration gegen das Dreiklassenwahlrecht gewidmet +war, sprach ich in einem kleinen Fabrikort +Brandenburgs. Es war ein trüber Abend; der Saal +lag abseits zwischen hohen Mauern in einem feuchten +Grunde. Mein Appell an die Begeisterung, an die +Widerstandskraft verhallte wirkungslos. Und es war +nicht nur meine Schuld, daß das Feuer nicht brennen +wollte. Regenschauer hatten das Holz naß gemacht, so +daß es nur knisterte. Wir protestierten gemeinsam gegen +die preußische und gegen die russische Reaktion, aber +mir schien, als stünde hinter diesem Protest nicht der +Wille zur Tat, sondern ein resigniertes Gefühl der +Ohnmacht.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_572" id="Page_572"></a></p> + +<p>Die Neue Gesellschaft führte die Sprache der +Kraft. War sie nicht mehr die der Massen, +daß sie sie nicht hören wollten?</p> + +<p>Frühling und Sommer zogen an unseren Fenstern +vorbei. Wir saßen gebückt am Schreibtisch und wagten +nicht, einander in das Antlitz zu schauen. Zuweilen war +mir wie einem, der in eine Hütte mit blinden Scheiben +gesperrt ist und nichts sieht als den Staub und die +Dürftigkeit der nächsten Nähe. Dann durstete ich so +sehr nach Luft und Sonne, daß ich jeden Hauch, der +durch die Türe drang, jeden Strahl, der sich hinein +verirrte, wie einen Boten der Erlösung begrüßte.</p> + +<p>Meine Schwester hatte sich verlobt.</p> + +<p>»Jetzt erst weiß ich, was Liebe ist,« hatte sie mir mit +glühenden Wangen und heißen Augen zugeflüstert. Das +Leben war ihr viel schuldig geblieben, darum glaubte +ich freudig daran, und ihr Glück ließ mich ihr gegenüber +freier atmen, darum unterdrückte ich jeden Zweifel. +Sie führte uns ihren Verlobten zu, einen jungen +Arzt, hinter dessen auffallender Schweigsamkeit ich den +Menschen zu sehen mich zwang, den sie lieben konnte. +Sie heirateten bald. Auf den Höhen der Schwäbischen +Alb übernahm er die Leitung eines Sanatoriums. Sie +schrieb Briefe, die ein einziger Jubel waren, und sandte +Bilder mit Bergen und Wäldern und weiten Blicken +über friedliche Täler. Aber es fiel auf meine Seele +nur wie ein Sonnenstrahl aus dem Gewölk, das sich +danach nur noch dichter und dunkler zusammenzog.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_573" id="Page_573"></a></p> + +<p>Um jene Zeit erging von einem aus den Anhängern +der verschiedensten Parteien bestehenden +englischen Komitee, dem unter anderen +auch eine große Zahl englischer Parlamentsmitglieder +angehörte, an die Zeitungen aller deutschen Parteien +die Einladung zu einem Besuch nach England. Angesichts +der gewissenlosen Hetze und der Kriegstreiberei +höfisch-militärischer Kreise und ihrer Werkzeuge in der +Presse sollte diese Veranstaltung dazu dienen, die wahre +Gesinnung des englischen Volkes kennen zu lernen und +die freundschaftlichen Beziehungen der beiden Länder +wieder fördern zu helfen. Keir Hardie, der Führer der +englischen Arbeiterpartei, hatte die Einladung mit unterzeichnet. +Auch bei der Redaktion der Neuen Gesellschaft +lief sie ein, von einem Brief meines alten +Freundes Stead begleitet, der die Hoffnung aussprach, +wir würden ihr Folge leisten.</p> + +<p>England! Wieviel Erinnerungen wurden in mir +wach! Es war mir das Sprungbrett des neuen Lebens +gewesen. Vielleicht, daß es mich nun aus seinem Labyrinth +wieder ins Freie zu führen vermöchte! Meine +Hoffnung sah einen Weg aus der Not und der Enge +heraus, — und wenn's nur ein flüchtiges Aufatmen +wäre in freier Luft! Mein Mann legte die Einladung +beiseite wie etwas selbstverständlich Abgetanes.</p> + +<p>»Meinst du nicht, daß ich sie annehmen könnte, — in +unserem Namen,« fragte ich zögernd. »Ich möchte +fort, — hinaus, ein einziges Mal nur!« —</p> + +<p>Er sah verwundert von der Arbeit auf. »Wenn dir +<a name="Page_574" id="Page_574"></a>soviel daran liegt, bedarf es gar nicht der tragischen +Gebärde!« antwortete er ruhig.</p> + +<p>Nun erschien mir mein Wunsch doch im Lichte sträflicher +Vergnügungssucht. Ich mußte mich und ihn beruhigen, +der nicht anders denken mochte: »Ich werde +Berichte schreiben, — neue Beziehungen anknüpfen. +Vielleicht verschaffe ich mir sogar bei der Gelegenheit +die Korrespondenz für ein englisches Blatt.«</p> + +<p>Der Gedanke besonders elektristerte mich: das wäre +doch eine Sicherheit, wenn die Neue Gesellschaft zusammenbräche.</p> + +<p>Kurz vor meiner Abreise besuchte uns Reinhard. »Ich +lese Ihren Namen unter denen der Journalisten, die +nach England fahren,« begann er erregt.</p> + +<p>»Gewiß,« entgegnete ich, »und was haben Sie dagegen? +Keine der berühmten bindenden Parteitagsresolutionen +hindert mich daran!«</p> + +<p>»Aber Ihr Gefühl müßte es tun,« brach er los; +wollen Sie sich denn gewaltsam jeden Vertrauens berauben?! +Kein Genosse wird es begreifen, daß Sie mit einer +Reihe unserer ärgsten Gegner gemeinsame Sache machen!«</p> + +<p>»Schlimm genug, wenn dem wirklich so sein sollte!« +rief ich aus. »Haben wir nicht auf dem Heimarbeiterschutzkongreß +mit Gegnern zusammen gearbeitet, tun wir +es nicht dauernd im Parlament? Und mir sollte es verdacht +werden, wenn ich mich an einer Reise beteilige, +deren Zweck durchaus im Interesse der Partei liegt? +Wir Mitreisenden sollen uns doch nicht untereinander +verbrüdern; uns wird nichts als die Gelegenheit geboten, +es mit aufrichtigen Friedensfreunden in England +zu tun.«</p> +<p><a name="Page_575" id="Page_575"></a></p> +<p>»Das mag alles so sein, wie Sie sagen,« antwortete +er, »trotzdem dürfen Sie — gerade Sie, deren Stellung +doch schon schwierig genug ist — nicht als einzelne der +Empfindung der Massen entgegenhandeln.«</p> + +<p>Ich warf den Kopf zurück. Jetzt erst wußte ich, daß +diese Reise nicht nur meine persönliche Angelegenheit +war. »Ich verstehe Ihre gute Absicht,« sagte ich, »aber +wenn etwas mich in meinem Vorhaben noch bestärken +könnte, so sind es die Gründe, durch die Sie mich davon +abbringen wollen. Nichts ist mir von jeher so verächtlich +gewesen wie Lakaiengesinnung, gleichgültig ob +sie vor dem einzelnen oder vor der Masse zum Ausdruck +kommt —«.</p> + +<p>»Ich mute Ihnen doch nicht Lakaiengesinnung zu!« +unterbrach er mich heftig.</p> + +<p>»Was ist es anderes, wenn Sie verlangen, ich sollte +mich der Empfindung der Masse beugen, nicht weil sie +die rechte, sondern weil sie die herrschende ist?! Wir +kommen nie vom Fleck, wenn wir unsere bessere Einsicht +nicht zur Geltung bringen; wir erziehen dadurch +im Volk nur einen noch beschränkteren, noch despotischeren +Herrscher, als unsere Fürsten es sind.«</p> + +<p>»Im Grunde bin ich ja Ihrer Meinung,« lenkte er ein; +»es handelt sich doch in diesem Fall nur um eine kleine +Konzession, für die Sie größere Werte eintauschen werden.«</p> + +<p>Ich lachte spöttisch auf: »Meinen Sie?! Man wird +mir nicht mehr vertrauen und mich nicht weniger verleumden, +wenn ich auf die Reise verzichte. Aber man +wird wissen, daß ich kein Zeug zum Demagogen habe, +wenn ich auf meinen Entschluß beharre, — auch jetzt, +wo mir die Folgen klar sind.«</p> + +<p><a name="Page_576" id="Page_576"></a>Reinhard verabschiedete sich kühl und fremd. Er war +einer der Besten und Selbständigsten unter den Genossen. +»Ich fürchte, wir haben ihn verloren,« sagte mein Mann. +Ich unterdrückte einen schweren Seufzer.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Mitte Juni reisten wir ab. Schon im Zuge, +der uns nach Bremerhaven führte, freute ich +mich der Gegenwart Theodor Barths; — ein +freier Mensch und ein Gentleman, also einer der Seltenen, +mit denen sich über alle trennenden Schranken +der Politik verkehren läßt. Auf dem Schiff fanden sich +die übrigen Reisegefährten ein: neunundvierzig Journalisten, +unter denen ich die einzige Frau war. Ich +empfand, wie meine Anwesenheit sie beunruhigte. Sollten +sie mich als Dame oder als Sozialdemokratin behandeln? +Sie entschlossen sich in der Mehrzahl, ihrer politischen +Gesinnung auch auf dem neutralen Boden unseres +Dampfers unverfälschten Ausdruck zu geben. Offenbar +störte es sie nur, daß ich ihnen durch mein Benehmen +keinen besseren Anlaß dazu bot.</p> + +<p>Ich kümmerte mich wenig um sie; mit durstigen Zügen +atmete ich die frische Salzluft ein, und mit jeder Meile, +die wir uns von der Küste entfernten, fiel mehr und +mehr von mir ab, was lastend und quälend mein Herz +bedrückte. Ich stand lange am Zwischendeck, wo sie beieinander +hockten, all die Männer, Frauen und Kinder, +die das Vaterland ausgestoßen hatte. In dem Antlitz +der meisten blitzte etwas wie Zukunsfshoffnung auf. Fast +dünkte es mich beneidenswert: das alte Leben hinter +<a name="Page_577" id="Page_577"></a>sich zu lassen und nur mit dem leichten Bündel unter +dem Arm einem neuen entgegen zu gehen.</p> + +<p>In London hatte Beerbohm Tree in seinem Theater +für die deutschen Gäste den ersten Empfang bereitet. +Ich ging nicht hin; unsere heimische Bühnenkunst hat +uns den Geschmack für ein Komödiantentum verdorben, +das vielleicht vor fünfzig Jahren auch bei uns noch das +herrschende war. Ich erwartete statt dessen Stratfords +Besuch.</p> + +<p>»Wissen Sie noch, wie wir damals voneinander +gingen?« fragte er nach der ersten Begrüßung.</p> + +<p>Ich nickte lächelnd: »Ein Mann, wie Sie, gehört der +Sache des Sozialismus, sagte ich Ihnen.«</p> + +<p>»Wären nur nicht der Fesseln so viele, antwortete +ich, und Sie riefen mir zu: ›wir werden sie beide zerbrechen +müssen‹ — nun haben wir sie zerbrochen!«</p> + +<p>Überrascht sah ich ihn an.</p> + +<p>»Ich kandidiere als Vertreter der Arbeiterpartei für +das Parlament,« fügte er mit einem Aufleuchten in den +hellen Augen hinzu.</p> + +<p>Ich drückte ihm die Hand.</p> + +<p>Er schien einen Ausdruck größerer Freude erwartet +zu haben. »Haben Sie das Kettenbrechen bereut?!« +fragte er zweifelnd.</p> + +<p>»Nein, lieber Freund,« antwortete ich mit starker +Betonung, »nein! Ich erinnerte mich nur der wunden +Hände, die es kostet.«</p> + +<p>Am nächsten Morgen sprach ich John Burns auf der +Themseterrasse des Parlaments. Mir schien, als sei es +gestern gewesen, daß er mir auf den Marmortisch die Situation +der deutschen Sozialdemokratie aufgezeichnet hatte.</p> +<p><a name="Page_578" id="Page_578"></a></p> +<p>»Habe ich nicht recht behalten?« fragte er im Laufe +des Gesprächs.</p> + +<p>»Nicht ganz,« entgegnete ich; »der Druck von außen +preßt uns zwar zusammen, aber er hindert nicht nur +die Wirkung über seinen Ring hinaus, er trägt auch +dazu bei, daß wir unsere Kräfte im gegenseitigen Kleinkrieg +verzetteln.«</p> + +<p>»Sie übertreiben,« meinte er leichthin. »Jeder Kampf +ist Leben und weckt Leben! Sie sind wie der Akteur +auf der Bühne, der das Ganze nicht übersehen kann, +während wir, die Zuschauer, von fern mit unserem +Opernglas Handlung und Szenerien begreifen. Der +deutsche Revisionismus siegt nicht nur, — er hat schon +gesiegt.«</p> + +<p>Ich lächelte ein wenig von oben herab zu seinen +apodiktischen Sätzen und lenkte die Unterhaltung auf +sein eigenes Wirken.</p> + +<p>»Ich bin nach wie vor Sozialist, gerade weil mich +keine Arbeit schreckt, wenn es gilt, meiner Überzeugung +auch nur einen Fuß breit Boden zu gewinnen,« sagte er, +»ich scheue nichts, wenn der Preis dafür mehr Macht +ist. Wer immer nur zuschaut und schimpft und kritisiert +und dazwischen moralische Bomben wirft, ist in +meinen Augen Anarchist.«</p> + +<p>Einer der deutschen Englandfahrer näherte sich in +respektvoller Haltung. Unser langes Gespräch setzte ihn +offenbar in Erstaunen. Er wartete darauf, vorgestellt +zu werden. Und erst jetzt fiel mir ein: der John Burns +von heute war ja Minister!</p> + +<p>Der Gastfreundschaft, mit der uns die Engländer +empfingen, entzog ich mich von da an nur selten. Ich +<a name="Page_579" id="Page_579"></a>hatte meine leise Freude an den verblüfften Gesichtern +meiner Reisegefährten, die allmählich einsahen, daß im +Lande alter Kultur nur die Erziehung, nicht aber die +politische Stellung des Einzelnen gesellschaftliche Unterschiede +herbeiführt, und ich merkte erst jetzt, wo ich einmal +wieder als Gleiche von Gleichen behandelt wurde, +wieviel ich entbehrt hatte.</p> + +<p>Eines Vormittags besichtigten wir den Tower. Schon +als ich aus dem Hotel trat, war mir aufgefallen, daß +die photographischen Kameras der englischen Reporter +sich plötzlich auf mich richteten.</p> + +<p>Auf dem Wege kam Bernard Shaw mir entgegen +und reichte mir mit einem sarkastischen: »Da haben Sie +wieder einmal ein unverfälschtes Zeugnis der deutschen +Sozialdemokratie,« ein englisches Morgenblatt.</p> + +<p>Es enthielt ein Telegramm aus Berlin: »Der ›Vorwärts‹ +beschuldigt Frau Alix Brandt, die einzige Vertreterin +der sozialdemokratischen Presse bei der Englandreise +deutscher Journalisten, des Parteiverrats und kündigt +ihr an, daß sie ihres unbotmäßigen Verhaltens +wegen zur Rechenschaft gezogen werden würde.«</p> + +<p>Ich ballte das Blatt Papier heftig zusammen und +schleuderte es zu Boden. »Das glaube ich nicht,« stieß +ich zornig hervor.</p> + +<p>Shaw lachte: »Und doch ist nichts gewisser, weil +nichts folgerichtiger ist! Die deutsche Partei ist von +nichts freier als von — Freiheit. Sie ist die konservativste, +die respektabelste, die moralischste und die bürgerlichste +Partei Europas. Sie ist keine rohe Partei +der Tat, sondern eine Kanzel, von der herab Männer +mit alten Ideen eindrucksvolle Moralpredigten halten.<a name="Page_580" id="Page_580"></a> +Mit Millionen von Stimmen zu ihrer Verfügung, widersteht +sie den Lockungen des Ehrgeizes und denen realer +Vorteile, die ein öffentliches Amt mit sich bringt, und +bezeichnet denjenigen, der sich von den Freuden tugendhafter +Entrüstung zu den Arbeiten praktischer Verwaltung +wendet oder auch nur an einer allgemeinen Veranstaltung +in öffentlichem Interesse teilnimmt, als einen +Abtrünnigen und Verräter. Freiheit vom Dogmenglauben +ist eines der Grundprinzipien des echten Sozialismus, — die +Deutschen sind dogmatischer als die +Kirchenväter. Der Wille zur Macht ist ein anderes, — die +Deutschen machen den Willen zur Phrase daraus. +Die Herrschaft des Geistes ist ein letztes, im Gegensatz +zur Herrschaft des Kapitals, — die Deutschen stellen +das auf den Kopf und verlangen die Unterwerfung unter +die Herrschaft der Masse.«</p> + +<p>Ich hatte seinen raschen Redefluß, den der Zorn diktierte, +nicht unterbrochen. Ich hörte den gleichen Ton +heraus wie bei den Worten von Burns, und in mir +begann eine Saite, die schon lange leise tönte, lebhaft +mitzuschwingen.</p> + +<p>Noch am selben Abend bekam ich einen Brief von +Keir Hardie.</p> + +<p>»... Ich bin ganz außerstande, zu begreifen, welches +der Grund sein konnte, Ihre Teilnahme an der Englandreise +zu verurteilen,« hieß es darin. »Es ist für +uns Sozialisten in England eine selbstverständliche Gewohnheit, +gelegentlich mit Nichtsozialisten zusammenzugehen, +wenn es im Interesse der Förderung einer +großen und guten Sache gelegen ist. Unsere Erfahrung +hat uns bewiesen, daß der Sozialismus dadurch nur +<a name="Page_581" id="Page_581"></a>gestärkt werden kann. Ich will damit nicht behaupten, +daß unsere deutschen Genossen unserem Beispiel unbedingt +folgen müßten, aber im vorliegenden Fall bleibt +ihre Haltung Ihnen gegenüber mir vollständig unverständlich ...«</p> + +<p>Ich stand nun plötzlich im Mittelpunkt des Interesses +und wurde von Interviewern belagert, die von der +ganzen Sache keine andere Auffassung hatten, als daß +die große deutsche Arbeiterpartei sich dadurch dem Gelächter +der Welt ausgesetzt habe. Und ich gab ihnen +stets die gleiche Antwort: »Die Sozialdemokratie, der +ich stolz bin anzugehören, hat mit den Quertreibereien +einzelner von preußischem Polizeigeist durchseuchter Genossen +nichts zu tun.« Als aber mein Mann mir die +Zeitungen schickte, — nicht nur den ›Vorwärts‹, sondern +eine ganze Anzahl anderer Parteiblätter, — da +schämte ich mich und ging den Interviewern so weit +als möglich aus dem Wege, um nicht reden zu müssen. +Und doch war es weniger die beleidigende Form der +Angriffe, die mich verletzte, als die Gehässigkeit, +die dabei zum Ausdruck kam. Wie stark mußte +sie sein, um alle Klugheit, alle Rücksicht auf das Ansehen +der Partei beiseite zu schieben? Oder gab es +etwas Lächerlicheres, als meine Reise, — gleichgültig, ob +man sie verurteilte oder nicht, — zu einem Parteiskandal +aufzubauschen? Nur eine tiefe, innere Krankheit konnte +solche Symptome zeitigen. Ich kämpfte noch mit mir, +ob es nicht meiner unwürdig wäre, mich gegen Ausbrüche +der Pöbelgesinnung zu verteidigen, als ich die +Antwort erhielt, die mein Mann der Parteipresse hatte +zugehen lassen. Das waren Rutenstreiche, — es blieb +<a name="Page_582" id="Page_582"></a>mir nichts zu sagen übrig. Seltsam nur, daß die Ritterlichkeit, +mit der er für mich eintrat, eine alte Wunde +aufs neue bluten machte, statt sie zu schließen.</p> + +<p>Der Schatten, der sich mir über Englands schöne +Sommertage breitete, wich nicht mehr.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ich hatte immer gegen Massen-Museumsführungen, +gegen Gesellschaftsreisen und dergleichen eine ausgesprochene +Abneigung gehabt. Wem Kunst und +Natur mehr sein soll als ein Gesprächsthema, der muß +ihnen Auge in Auge still und allein gegenüberstehen. Und +wer vor den Heiligtümern der Menschheit seine Andacht +verrichten will, der kann es nur in Gegenwart derer, +die seine Nächsten sind.</p> + +<p>Wir traten zusammen an Shakespeares Grab, — es +war wie ein Sakrileg. Wir kamen in sein Geburtshaus +und in die blumenumrankte, strohgedeckte Hütte +seiner Liebsten, — aber Shakespeares Geist floh vor uns.</p> + +<p>Wir kamen nach Cambridge, jener alten Universität, +die sich den Typus der mittelalterlichen Klosterstadt noch +erhalten hat. Wer ihre Säulenhallen um alte Gärten +allein betreten könnte, dem müßten die Bäume in den +Weisen derer rauschen und flüstern, die hier dichteten: +eines Marlowe, Milton, Byron. Und wer sich still an +einen alten Pfeiler lehnen und in die dämmernden +Bogengänge blicken dürfte, dem würde aus dunkel geschnitzten +Pforten Erasmus von Rotterdam entgegentreten, +und Cromwell, und Newton.</p> + +<p>Wir sahen nur freundliche Professoren und Photographen +und hörten Reden und Tellergeklapper.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_583" id="Page_583"></a></p> + +<p>Als die Mehrzahl der Geladenen England wieder +verlassen hatte, sprach ich meinen Freund Stead, +der als Reisemarschall der Gäste unaufhörlich +in Anspruch genommen gewesen war, zum erstenmal allein.</p> + +<p>»Ihnen geht es gut,« sagte er, als wir einander in +seinem Heim gegenüber saßen.</p> + +<p>»Woher wissen Sie das?« fragte ich mit einem bitteren +Gefühl im Herzen.</p> + +<p>»Sollten Sie etwa noch den alten Glücksbegriffen +huldigen?« fragte er dagegen.</p> + +<p>»Jeder hat seine persönlichen,« antwortete ich ausweichend.</p> + +<p>»Und sollte nur einen haben, aus dem sich alle +anderen entwickeln: leistungsfähig zu sein,« ergänzte er. +War ich schon so alt, daß er mir solch einen Glücksbegriff +zumutete, der mir nur mit äußerster Selbstverleugnung +Hand in Hand zu gehen schien?</p> + +<p>»Sie mißverstehen mich,« meinte er. »Ich begreife +darunter die stärkste Selbstbehauptung: die Entwicklung +aller Fähigkeiten zum äußersten Maß ihrer Leistungskraft ...« +Wir wurden unterbrochen; es war gut so, +denn um so stärker prägten sich mir seine Worte ein.</p> + +<p>Nun blieb mir noch übrig, ehe ich heimfuhr, zu +erreichen, was ich mir vorgenommen hatte. Ich +verhandelte mit verschiedenen Redaktionen wegen der +Übernahme einer deutschen Korrespondenz. In den +Briefen meines Mannes spürte ich immer deutlicher den +schweren Atem der Sorgen. Um irgend eine ihrer +Lasten erleichtert, mußte ich nach Hause kommen. Aber +so oft ich auch durch die glutheißen Straßen Londons +<a name="Page_584" id="Page_584"></a>von einem Bureau zum anderen ging, meine Abreise +immer wieder aufschiebend, weil eine neue leise Hoffnung +mich festhielt, das Ergebnis blieb ein negatives. +Inzwischen war auch die bürgerliche Presse Deutschlands +meiner Reise wegen über mich hergefallen, — die +vereinzelten Stimmen der Verteidigung waren im +Chor der Schreier verhallt, — das mochte die höflich +ablehnende Haltung mit verursachen. Ich mußte mich +entschließen, mit leeren Händen zurückzukehren. Nur +einer Einladung wollte ich noch Folge leisten.</p> + +<p>In Warwick, einem Städtchen am Avon, das von den +dicken Türmen einer uralten Burg überragt wird, fand eines +jener historischen Festspiele statt, an denen sich alljährlich +in den verschiedenen Gegenden Englands die ganze +Bevölkerung beteiligt. Ich fuhr hin und sah im Park +des Schlosses die Darstellung jenes glanzumflossenen +Teiles der englischen Geschichte, von der seine Mauern +noch erzählen. Auf der weiten, von mächtigen Bäumen +zu beiden Seiten abgeschlossenen Rasenfläche, mit dem +Fluß in der Mitte, der zwischen blühenden Rosenbüschen +und hängenden Weiden lautlos vorüberzieht, und dem +Hintergrund einer sanft verschwimmenden Hügellandschaft +zogen Jahrhunderte vorüber. Und zuletzt vereinigten +sich noch einmal zweitausend Menschen zu Fuß +und zu Pferde in den Rüstungen und Gewändern aller +Zeiten. Nun kommt die Schlußapotheose, dachte ich, +mit der Büste des Königs und einem »Rule Britannia« +aus allen Kehlen. Ich erhob mich, um zu gehen.</p> + +<p>Aber da sah ich, wie die Ritter und Edeldamen, die +Fürsten und Könige langsam und leise hinter Bäumen +und Büschen verschwanden. Nur einer blieb zurück, +<a name="Page_585" id="Page_585"></a>allein, weltbeherrschend, als wäre die jahrhundertelange +Entwicklung nur notwendig gewesen, um diesen einen +hervorzubringen, der größer ist als alle: William Shakespeare.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Wille zur Macht, — die höchstmögliche +Entwicklung der Persönlichkeit als Ziel des +einzelnen, — der Übermensch als Ziel der +Menschheit —: zu einem einzigen vollen Akkord vereinigten +sich plötzlich die Klänge, die mir diesmal in +England entgegengetönt hatten. Mein Herz schlug zum +Zerspringen wie das eines Gefangenen, dem die Ketten +vom Fuße gelöst werden und die Pforten sich öffnen +zur freien Wanderschaft. Er sieht nichts wieder als die +alte vertraute Welt seiner Jugend, und doch erscheint +sie ihm wie ein Wunder so neu. Ein halbes Kind war +ich gewesen, als ich aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft +den ersten Ruf persönlicher Befreiung vernahm: +»Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; sondern dir! +sondern dir!« — Galt nicht derselbe Ruf heute der +Menschheit?</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am letzten Tage meines londoner Aufenthalts +traf ich auf der Straße eine Kapitänin der +Heilsarmee, die mich herzlich begrüßte.</p> + +<p>»Sie kennen mich wohl nicht mehr?« fragte sie lächelnd; +»aber der Nacht in Whitechapel vor elf Jahren erinnern +Sie sich gewiß.«</p> + +<p>Im Augenblick sah ich das Weib wieder vor mir, +<a name="Page_586" id="Page_586"></a>die, von den Gefährten ihres Jammers umringt, im +Schmutz der Gasse geboren hatte. Ich streckte meiner +einstigen Führerin erschüttert die Hand entgegen.</p> + +<p>»Sie würden mir heute, nach all den Reformen des +Grafschaftsrats, nichts Ähnliches zeigen können,« sagte ich.</p> + +<p>»Man hat aufgeräumt, — gewiß,« antwortete sie +ruhig, »und an Stelle mancher elenden Häuser neue gebaut, +aber das Elend ist immer dasselbe. Die einen +sterben, andere wandern zu ...«</p> + +<p>»Entsetzlich!« rief ich aus. »Wie können Sie das nur +ertragen?! Erscheint Ihnen nicht Ihre ganze Arbeit +hoffnungslos?!«</p> + +<p>Sie lächelte freundlich: »Ich habe viele Seelen gewonnen, +denen für allen Erdenjammer der Himmel +offen steht.«</p> + +<p>Noch nie war mir der Christenglaube so grausam erschienen +als in diesem Augenblick. Wie eine Zyklopenmauer +richtete er sich auf zwischen den Menschen und +ihrer Erlösung. Ich verabschiedete mich rasch. Den +vollen Akkord, den ich eben noch vernommen hatte, +durchtönte eine schrille Dissonanz. Ich war der schaffende +Künstler nicht, der die einheitliche Lösung hätte finden +können. Als ich aber dann heimwärts fuhr, beherrschte +mich nicht mehr jene niederdrückende Empfindung, mit +leeren Händen zu kommen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_587" id="Page_587"></a></p> + +<p>Mein Mann empfing mich mit wehmütiger Zärtlichkeit, +sodaß ich ihm angstvoll forschend ins +Auge sah. »Es ist nichts, Kind, nichts!« +wehrte er in nervöser Erregung ab. »Ich bin nur abgespannt, — nur +müde.« Aber allmählich erfuhr ich +doch, was geschehen war: eine Gruppe von Parteigenossen +seines Wahlkreises forderte von ihm die Niederlegung +seines Mandats, weil — ich mich an der Englandreise +beteiligt hatte, und ein außerordentlicher Kreistag +sollte darüber entscheiden.</p> + +<p>Glühende Sommerhitze brütete über der Mark; an +den Bäumen in den Straßen hingen die Blätter schon +gelb und tot; kein Lüftchen rührte sich, und doch umgaben +dichte Staubwolken den Wagen, der uns von +Gusow nach Platkow führte. In dem kleinen Saal +herrschte unerträgliche Schwüle. Er war schon gefüllt, +als wir kamen: von lauter schweigenden Menschen mit +harten Zügen und finsteren Blicken. Unsere alten Kampfgefährten +rührten kaum an die Mütze bei unserem Eintritt. +Einen Augenblick lang umklammerte ich den Arm +meines Mannes, — außer ihm hatte ich hier keinen +Freund mehr. Die Anklage wurde verlesen. Es war +die Sprache des »Vorwärts«, den sie führte. »Das hat +Berlin diktiert!« rief Heinrich. Die Falten auf der +Stirn unserer Richter vertieften sich.</p> + +<p>Mein Mann antwortete zuerst. Er erinnerte daran, +wie häufig schon hervorragende Parteigenossen sich mit +politischen Gegnern zu gemeinsamer Arbeit vereinigt +hätten, wie es auch an Beispielen für das harmlosere +Zusammensein zu geselligen Zwecken nicht gefehlt habe.<a name="Page_588" id="Page_588"></a> +Und als einer wütend dazwischen schrie: »Die Monarchentoaste!« +erklärte er, daß die Teilnahme an dieser Form +internationaler Höflichkeit um so weniger als eine Verleugnung +der republikanischen Gesinnung angesehen +werden könne, nachdem wir uns den viel ernsteren Treueiden +der Landtagsabgeordneten unterwerfen müßten. +Als er geendet hatte, hoben sich ein paar Hände zu +schüchternem Applaus; die Mehrzahl der Genossen aber +verharrte weiter in finsterem Schweigen. Die nach ihm +sprachen, hatten ihre Reden alle auf einen Ton gestimmt: +daß die Partei durch uns geschädigt worden sei.</p> + +<p>»Für uns jibt's nur ein rechts und links,« rief +der Maurer Merten; »die Akademiker, die nich Fleisch +sind von unserem Fleisch, die zieht's eben immer wieder +zu den Bourgeois. Ich aber sage Euch, Jenossen« — dabei +hieb er mit der breiten Faust auf den Tisch — »sowas +dürfen wir uns nich länger gefallen lassen, am +wenigsten von unserem Abgeordneten. Was wäre verloren, +wenn die Jenossin Brandt nich nach England jefahren +wäre?! Es wäre ooch noch so! Nu aber, wo +sie hinfuhr, sehen wir, daß sie kein proletarisches Bewußtsein +hat; daß sie den Klassenkampf in Harmonieduselei +verwandeln möchte und statt gegen die Gegner +neben uns zu stehen mit ihnen bei Schampagner un +Braten techtelmechtelt ...«</p> + +<p>»Bravo, Bravo« — klang es von allen Seiten, während +mein Mann wütend vom Stuhl sprang und ein +»Unverschämt!« zwischen den Zähnen hervorstieß. Mich +packte ein jäher Schreck, als habe sich plötzlich vor mir +die Erde gespalten: standen wir allein auf der einen +Seite und jenseits die selbsterwählten Gefährten?!</p> +<p><a name="Page_589" id="Page_589"></a></p> +<p>»Die Genossin Brandt hat das Wort,« hörte ich wie +von weit her sagen. Ich sammelte mich rasch. Aller +Augen sah ich auf mich gerichtet.</p> + +<p>»Mein Vorredner,« begann ich, »hat einen konsequenten +Standpunkt vertreten, er hätte nur hinzufügen +müssen, warum bei uns zum Verbrechen gestempelt wird, +was anderen kein Härchen krümmte: wir sind des Revisionismus +verdächtig. Das Schauspiel, das Sie hier +aufführen, wäre noch kläglicher, als es so wie so schon +ist, wenn nicht im Hintergrund tiefere Differenzen +schliefen. Sie stehen auf dem Boden des Klassenkampfes, — wir +auch; Sie hassen die kapitalistische +Wirtschaftsordnung, — wir auch. Aber ihrer selbst unbewußt, +führen Sie den Klassenkampf im Sinne des +Krieges; Sie wollen den Gegner niederzwingen, Sie +wollen sein Land erobern. Sie, die Sie seit Jahrtausenden +die Lastträger der Menschheit sind, würden +es schon als gerecht empfinden, wenn nur die Rollen +der Unterdrücker und Unterdrückten vertauscht würden. +Sie sehen in jedem Vertreter der herrschenden Gesellschaft +einen Feind, weil Sie ihm als die Abhängigen, +Unfreien gegenüberstehen, weil Sie ihm schon das bloße +Sattsein neiden müssen. Wir können Ihren von der +Bitterkeit des eigenen Herzens genährten Haß nicht mitfühlen, +denn nicht persönliches Leiden machte uns zu +Ihren Genossen. Uns ist das Ziel des Kampfes nicht +die veränderte Herrschaft von Menschen über Menschen, +sondern die uneingeschränkte Herrschaft der Menschheit +über die Natur. Die Erde wollen wir erobern, um +gleiche Entwicklungsbedingungen für alle zu schaffen, +nicht Feindesland, das Unterworfene beackern sollen ...«</p> + +<p><a name="Page_590" id="Page_590"></a>Ein unwilliges Gemurmel erhob sich. Im Saal fing +es an zu dämmern. Ich unterschied nur noch die Zunächstsitzenden. +Sonst war alles eine schwarze Masse, +aus der nur hie und da ein kahler, breiter Schädel, +ein weißer Bart, der glühende Punkt einer Zigarre herausleuchtete.</p> + +<p>»Die Diktatur des Proletariats!« klang es mit tiefer +Stimme drohend aus dem dunkelsten Winkel.</p> + +<p>Die Jakobiner! antwortete es in meinem Innern. Ich +fühlte, die Luft war geladen mit Sprengstoff gegen mich.</p> + +<p>Den Faden meiner Rede hatte ich verloren, und unsicher +und leise fuhr ich fort: »Ich habe Schulter an +Schulter mit Ihnen gekämpft, — was bedeutet das +gegenüber der Tatsache, daß ich mit politischen Gegnern +auf demselben Schiff nach England fuhr! Wir haben +zusammen diesen Wahlkreis erobert, und in jener Nacht, +da die alte rote Fahne als Zeichen des Sieges über +uns flatterte, hat uns ein starkes Gefühl, wie ich glaubte, +auf immer verbunden, — aber was bedeutet das gegenüber +dem Verbrechen der Kaisertoaste! Der Zweck der +Reise war nichts anderes, als was im Interesse des +Sozialismus gelegen ist, — was bedeutet das gegenüber +der Sünde, mit Nichtsozialisten an einem Tische gesessen +zu haben! Dafür ist's nicht genug, daß unsere Presse +mich beschimpfte, wie kein bürgerliches Blatt jemals zuvor, — nein, +es muß auch noch ein Exempel statuiert +werden: der Genosse Brandt muß fallen! ... Nicht um +unsertwillen, denn nicht wir sind die Unterlegenen, wenn +Sie den vorliegenden Antrag annehmen, sondern im Interesse +der Partei erwarte ich von Ihnen seine Ablehnung. +Leisten Sie ihm Folge, so enthüllen Sie eine +<a name="Page_591" id="Page_591"></a>schwärende Wunde, und das in einem Augenblick, wo +die bürgerliche Welt gierig darauf wartet, uns bei einer +Schwäche ertappen zu können ...«</p> + +<p>Keine Hand rührte sich. Die Petroleumlampe, die +von einem roten Papierschirm umgeben, von der Decke +herabhing, flammte auf und warf ein unsicher flackerndes +Licht über heiße Gesichter.</p> + +<p>Mein Mann sprach noch einmal, — kalt, zornig. +»Ich verlange nicht nur, daß Sie den Antrag ablehnen, +sondern daß Sie ihn zurückziehen,« sagte er.</p> + +<p>Der Geruch der qualmenden Lampe machte mich +schwindeln. Während der Pause, die die Genossen zur +internen Beratung anberaumt hatten, verließen wir den +Saal. Draußen empfing uns die stille, mondhelle Nacht. +Das Armenhaus gegenüber warf einen breiten, schwarzen +Schatten auf den Sand.</p> + +<p>»Der Antrag, den Genossen Brandt zur Niederlegung +seines Mandats zu veranlassen, ist zurückgezogen,« erklärte +der Vorsitzende, als wir wieder eintraten.</p> + +<p>Die Versammlung ging ruhig auseinander. Wir verabschiedeten +uns mit einem förmlichen Gruß. Auf unserem +Wege nach der Station geleitete uns niemand.</p> + +<p>Kaum waren wir ein paar Tage lang in unsere Arbeit +wieder vertieft, als ich erfuhr, daß die Berliner +Parteileitung mich aus der offiziellen Rednerliste der +Partei gestrichen habe. Ich legte Protest ein und verlangte, +gehört zu werden.</p> + +<p>Man lud mich vor. Rings um den Saal saßen +die Männer, in der Mitte an einer langen Tafel +die Frauen, Wanda Orbin an ihrer Spitze. Sie +waren meine Ankläger gewesen. Martha Bartels war +<a name="Page_592" id="Page_592"></a>der Staatsanwalt. Sie zählte alle meine Sünden +auf, von einer Agitationsreise an, die ich vor vier +Jahren hatte absagen müssen, bis zur Englandfahrt. +Aber auch meine Verteidigung war eine Anklage: +ich verschwieg nichts. Mitten in meiner Rede +erhob sich Wanda Orbin ungestüm von ihrem Platz; +ich sah, wie ein Zittern ihren Körper durchlief, wie der +Zorn ihre Züge verzerrte. Im nächsten Augenblick stand +sie vor mir und erhob die Faust, — einer der zunächst +sitzenden Genossen sprang dazwischen.</p> + +<p>»So diskutieren wir nicht!« rief er empört.</p> + +<p>Der Beschluß, meinen Namen von der Rednerliste zu +entfernen, wurde aufgehoben. Das Verhalten Wanda +Orbins mochte die Genossen stutzig gemacht haben. +Trotzdem war mein Sieg nur ein scheinbarer; in seinen +Folgen blieb der Beschluß bestehen.</p> + +<p>Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich meiner. +Jeder Kampf um Ideen wirkt erfrischend, selbst wenn +er mit den schärfsten Waffen geführt wird. Aber was ich +erlebte, war so eng, so klein, hinterließ einen so arm, +mit einem so bitteren Geschmack auf der Zunge. Nicht +Gewitterschwüle war's, die lastend auf mir ruhte und +die Hoffnung auf Blitz und Wolkenbruch weckt, sondern +feuchtwarmer Nebel, ganz dichter, undurchdringlicher. +Und er umschlang mit seinen langen Armen, die sich +nicht greifen, noch weniger zurückstoßen lassen, die ganze +Partei.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_593" id="Page_593"></a></p> + +<p>Unter dem Zeichen der siegreichen russischen Revolution +hatte der Jenaer Parteitag gestanden, +eine tiefe Erregung, die nach Taten +schrie, hatte sich aller bemächtigt; die Resolution zum +Massenstreik hatte angesichts dieser Stimmung, so vorsichtig +sie gefaßt war, wie eine Fanfare geklungen. +Und nun war der Rausch vorüber; die Ernüchterung +allein blieb. In kleinlichem Hader, in gegenseitigen +Vorwürfen machte sie sich Luft.</p> + +<p>Mit steigendem Mißbehagen empfanden die Nur-Politiker +den leisen Hohn, mit dem die Gewerkschafter +ihnen begegneten. Sie hatten von jeher dem Theoretisieren +über den Massenstreik skeptisch gegenübergestanden, +und auf ihrem Kongreß in Köln sprachen sie sich rückhaltlos +aus; von der Unfruchtbarkeit der Partei, von +dem stagnierenden Sumpf der gegenwärtigen Situation, +von der kläglichen Lage, in die wir durch die wirkungslos +verpuffte Landtagswahldemonstration gekommen seien, +von dem Mißverhältnis zwischen Worten und Taten +war viel die Rede. Nicht ohne berechtigten Stolz wiesen +sie darauf hin, daß die anderthalb Millionen gewerkschaftlich +Organisierter eine stärkere Macht repräsentierten +als die viermalhunderttausend Mitglieder der +sozialdemokratischen Wahlvereine.</p> + +<p>»Ich habe die Möglichkeit einer Spaltung der Partei +immer weit von mir gewiesen,« sagte einer der gewerkschaftlichen +Führer; »aber wenn die Dinge sich weiter +entwickeln wie jetzt, dann reißt uns, weiß Gott, die +Geduld! Die Radikalen, die, wenn man den Firnis +abkratzt, nichts sind als gewöhnliche Spießer, bilden +<a name="Page_594" id="Page_594"></a>sich ein, wir tanzen nach ihrer Pfeife, bloß weil sie so +laut ist. Sie sollen sich wundern!«</p> + +<p>Auf dem Parteitag zu Mannheim kam es zu einem +Duell zwischen Bebel und Legien. Keiner war unbestrittener +Sieger, Wunden trugen beide davon, die +sogenannte Einigungsresolution war nichts als ein +Pflaster. Und die schweren Nebelschwaden senkten sich +tiefer.</p> + +<p>Plötzlich aber erhob sich ein Sturm, den kein Wetterkundiger +vorausgesehen hatte: die Regierung forderte +einen Nachtragsetat für den Krieg gegen die Hereros, +der im Verhältnis zu den Millionen, die die Reichstagsmehrheit +bisher für die Kolonien bewilligt hatte, +eine Lappalie war. Von den Rednern des Zentrums +und der Sozialdemokratie wurde dabei die ganze Kolonialpolitik +mit ihren Gewaltmaßregeln, ihren Grausamkeiten +aufgerollt, und zu allgemeiner Überraschung wurde +der Kredit für Südwest-Afrika abgelehnt. Das erschien +der Regierung als der geeignete Moment, dem Volke +durch die Tat zu beweisen, daß der Konstitutionalismus +in Deutschland nur auf dem Papiere steht: nicht der +Kanzler und die Minister danken ab, wenn die Volksvertreter +sie desavouieren, sondern die Volksvertreter +werden mit einem Fußtritt hinausgeworfen, wenn sie +das persönliche Regiment nicht jasagend anerkennen.</p> + +<p>Wir erfuhren die Nachricht der Reichstagsauflösung, +als wir mit Romberg im Kaffee des Kaiserhofs saßen. +Und hier, wo eine Anzahl der politischen Berichterstatter +größerer Zeitungen zu verkehren pflegten, rief +sie einen Aufruhr hervor, wie ihn Berlin sonst nicht +kannte.</p> +<p><a name="Page_595" id="Page_595"></a></p> +<p>»Eine unglaubliche Dummheit der Regierung!« rief +der eine stirnrunzelnd, der andere frohlockend.</p> + +<p>»Nun geht's in den Kampf —« Ich mußte an mich +halten, um es nicht jubelnd herauszustoßen. Ich sah +wieder entwölkten Himmel, weiten Horizont.</p> + +<p>»Wenn die Partei sich selbst zerfleischt, so ist noch +immer die Regierung zugesprungen, um die Wunden zu +heilen,« sagte mein Mann. Romberg zuckte die Achseln:</p> + +<p>»Die Kolonialfrage als Wahlparole?! Ich fürchte, +Sie täuschen sich über ihre Bedeutung.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Winter war ungewöhnlich hart damals. +Gerade die Not, die ihn zum Gefolge hat, +macht ihn zu unserem Agitator, dachte ich. +Alle unsere Gegner, an ihrer Spitze der Reichsverband +gegen die Sozialdemokratie und der Flottenverein, rüsteten +sich bis an die Zähne wider uns. Ich war überzeugt: +das steigere nur unsere Kampflust und festige unsere +Einigkeit wieder. Fürst Bülow selbst trat auf das +Schlachtfeld und rief die staatserhaltenden Kräfte gegen +die Sozialdemokratie auf. Dieses Eingreifen des höchsten +Staatsbeamten wird selbst unsere lauen Anhänger zu +hellem Zorn entflammen, — dessen war ich gewiß.</p> + +<p>Und der Kampf begann. Über knirschenden Schnee +flog der Schlitten, der mich von einem Dorf zum anderen +trug. Oft bestieg ich ihn, glühheiß von der eben +gehaltenen Rede, und die Luft, die mir den Atem am +Munde gefrieren ließ, schien mir eine Wohltat. In +den niedrigen Sälen fanden sich die Menschen ein wie +sonst, aber der Sturm, der in den Schornsteinen heulte, +<a name="Page_596" id="Page_596"></a>der Schnee, der in dichten Flocken gegen die Fenster +flog, trieb ihnen kühle Schauer über den Rücken.</p> + +<p>Je näher der Tag der Entscheidung rückte, desto +fieberhafter arbeiteten wir. Den Husten, der mir des +Nachts den Körper erschütterte, suchte ich zu ersticken, +meine Stimme, die versagen wollte, zwang ich unter +meinen Willen. Wir glaubten an den Sieg. Und +in Augenblicken selbstvergessener Hoffnung, wo die bösen +Geister der Sorge vor unserer Zuversicht die Flucht ergriffen, +wo alle Furcht sich verkroch wie Schakale vor +der aufgehenden Sonne, da fühlte ich, wie mein Herz +heiß wurde und der Aberglaube Gewalt über mich +bekam: von der Entscheidung hängt auch unsere Zukunft +ab.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wieder, wie vor vier Jahren, saßen wir am +Abend der Wahl im Gewerkschaftshaus zu +Frankfurt. Und wieder hatte die Gärtnersfrau +den Korb voll roter Nelken neben sich, und die +Fahne lehnte eingerollt an der Wand. Aber die Genossen, +die sich allmählich hereindrängten, machten ernste +Gesichter, und die Boten, die kamen, brachten lauter +Hiobsposten. Kein Ort, ohne einen Rückgang unserer +Stimmen! Dazwischen die Depeschen aus anderen Kreisen: +Verlust um Verlust. Noch ehe die letzten Nachrichten +gekommen waren, leerte sich die Straße unter unseren +Fenstern, und aus dem Saal schlich sich leise einer nach +dem anderen. Es schlug Mitternacht, — die Nelken +welkten schon im Korbe. Wir waren nur noch ein Häuf<a name="Page_597" id="Page_597"></a>lein +in dem großen öden Raum, — wir wollten uns +nichts ersparen: die Schlacht war endgültig verloren.</p> + +<p>Wenige Tage später — in der Nacht nach den Stichwahlen — gingen +wir durch die Straßen Berlins: da +kamen sie in langen Zügen, unsere Überwinder — kein +Polizeisäbel, kein Schutzmannskordon hielt sie auf. Vor +dem Königsschloß sammelten sie sich in schwarzen Massen. +»Heil dir im Siegerkranz —« brausend stiegen die Töne +durch die klare Winterluft zu dem hellen Fenster empor, +an dem der sich zeigte, der heute in Wahrheit der +Sieger war: der Kaiser.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_598" id="Page_598"></a></p> +<h2><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Vor einem halben Menschenalter war's. Ich +stand allein auf Bergesspitze im Gewittersturm. +Dicht über mir hingen die Wolken, aus denen +das Wasser brausend in die Tiefe schoß, unter mir +ballten sie sich zusammen und verdeckten jeden Ausblick +auf stille Dörfer und freundliche Heimstätten. Der +Donner rollte; die Berge antworteten ihm, — ein Gelächter +der Riesen über das kleine Menschengeschlecht. +Jeder Blitz öffnete die Wolkenwand; das Himmelsgewölbe +dahinter stand in Flammen.</p> + +<p>Ich aber konnte nicht vor, — nicht zurück. Ich mußte +mich dem Wetter preisgeben, — und ich fürchtete +mich — —</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wir lagen nächtelang wach. Jeder tat, als +schliefe er, aus Schonung für den anderen. +Unsere Arbeit lähmte Hoffnungslosigkeit. +Wir lächelten, als wären wir froh, um dem +anderen nicht wehe zu tun.</p> + +<p>»Ilse meldet sich an —,« sagte Heinrich, als er +eines Morgens die Post durchsah.</p> + +<p>»Jetzt?!« rief ich erschrocken. Sie kam schon am +<a name="Page_599" id="Page_599"></a>nächsten Tage, hatte einen seltsam verängstigten Zug +im Gesicht und ein erzwungen leichtsinniges Lächeln um +die Lippen.</p> + +<p>»Ich muß einmal wieder Großstadtluft atmen,« meinte +sie; »die Stille bei uns ist oft schaurig.«</p> + +<p>Mir schien, als zittere sie dabei. Von nun an war +der Telegraphenbote unser häufigster Gast. Zuerst glaubte +ich, ihres Mannes besorgte, sehnsüchtige Liebe käme +in diesem Depeschenwechsel zum Ausdruck. Warum hatte +sie denn nur jedesmal rote Augen, wenn ein Telegramm +gekommen war?</p> + +<p>Da, eines Morgens, stürmte einer in unser +Zimmer, die Haare zerzaust, die Augen rot unterlaufen, — der +Gatte meiner Schwester. Vor seinen Verfolgern +sollten wir ihn schützen, schrie er verzweifelt und barg +den dunkeln Kopf in Ilsens Schoß, die mit erloschenem +Blick auf ihn niedersah, die kleinen schwachen Hände +auf seinem Haar. Noch am selben Tage kam er ins +Irrenhaus. Er war tobsüchtig. Dann brach auch Ilse +zusammen; aber sie weinte nicht, sie sprach nicht über +ihr Schicksal, sie war nur wie erstarrt. Auch als sich +herausstellte, daß ein großer Teil ihres Vermögens +am Sanatorium ihres Mannes verloren gegangen war, +zuckte sie nur die Achseln.</p> + +<p>Um so furchtbarer traf es uns. Bisher wäre der +Verlust des Geldes, mit dem sie sich an der Neuen Gesellschaft +beteiligt hatte, keine ernste Frage für sie gewesen. +Jetzt war sie es. Hatte ich vor ihrem Kommen +geglaubt, zusammenzubrechen, jetzt kam mir die Kraft +zurück, eine des Fiebers.</p> + +<p>»Wir müssen aushalten, Heinz, wir müssen!« sagte +<a name="Page_600" id="Page_600"></a>ich, und wenn eine seiner vielen Bemühungen, Hilfe zu +schaffen, wieder vergeblich gewesen war, so trieb ich ihn zu +immer neuen Versuchen an. Und hie und da glückten +sie. Für ein paar Monate konnten wir weiter schaffen, +konnten leben. Aber jedesmal, wenn wir Hoffnung +schöpften, erschien sicherlich irgendein Hetzartikel in der +Parteipresse gegen uns, oder in den Wahlvereinen +wurden wir von radikalen Genossen einer neuen Ketzerei +beschuldigt, oder der alte Vorwurf des Geschäftssozialismus +wurde laut. Wir spürten das alles an der Abnahme +der Abonnenten.</p> + +<p>Wie kann ich Geld schaffen, — wie?! Die Frage +beherrschte meine Gedanken immer mehr. Ein »freier« +Schriftsteller war ich, — einer von den Tausenden, die +ausziehen, ihre Feder zu führen wie ein Schwert. Aber +die Not heftet sich an ihre Füße, zuerst ein Zwerg, +und dann ein Riese, der sie in seine Dienste zwingt.</p> + +<p>»Lieber sterben!« stöhnte ich.</p> + +<p>Doch dann sah ich mein Kind, — wie es blaß war, +welch forschende Augen es auf mich richtete! Ich riß +es in meine Arme:</p> + +<p>»Unter jedes Joch beuge ich meinen Nacken für dich,« +dachte ich verzweifelt.</p> + +<p>Ich beschloß, Vorträge zu halten gegen Entree. Das +war nichts Erniedrigendes. Jeder Dozent an der Universität +bekommt ein Honorar für die wissenschaftlichen +Erkenntnisse, die er den Hörern vermittelt. Trotzdem +widerstrebte es mir. Ein Gefühl grenzenloser Scham +trieb mir den Angstschweiß jedesmal auf die Stirn, +wenn ich die Rednertribüne betrat. Ich hatte immer +einen vollen Saal. Ich »zog«, — ich war eine Sen<a name="Page_601" id="Page_601"></a>sation. +Wie ein gezähmter Löwe im Zirkus. Gegen +ein paar Mark Eintritt konnte sich nun die beste Gesellschaft, +ohne sich etwas zu vergeben, die berüchtigte +Sozialdemokratin ansehen, — mit dem Opernglas sogar. +Meine Zuhörer trugen rauschende Kleider und viele +Brillanten an den weißen Händen, mit denen sie Beifall +klatschten, um zu erzwingen, daß ich mich vor ihnen +verbeugte.</p> + +<p>»Unglaublich von einer Genossin, in diesem goldstrotzenden +Saal zu reden und sich von diesem Publikum +bezahlen zu lassen —,« sagte eine Besucherin, als ich +gerade an ihr vorüber ins Freie trat. Ich preßte die +Lippen zusammen, um nicht heftig aufzufahren —.</p> + +<p>Sobald ich sprach, erschrak ich vor der Stimme, die +nicht mehr die meine war. Im letzten Wahlkampf +hatte sie ihren Klang verloren, war heiser und rauh +geworden. Und ich hatte sie geliebt, weil sie meine +Worte so leicht und willig bis in jeden Winkel trug. +Doch: — was bedeutete das jetzt?! Es war mehr verloren +gegangen als der helle Ton meiner Stimme.</p> + +<p>Ich fing an zu reisen; von einer Stadt in die andere. +Zuweilen auf die Einladung irgendeines literarischen +Vereines hin. In Hannover sagte mir der Vorsitzende:</p> + +<p>»Nicht wahr, Sie richten sich darauf ein, daß Offiziere +unter unseren Mitgliedern sind.«</p> + +<p>In Köln hieß es: »Wir rechnen darauf, daß Sie +auf unsere jungen Mädchen Rücksicht nehmen.«</p> + +<p>Hätte ich ihnen doch den Rücken kehren können!</p> + +<p>Wenn ich nach Hause kam, umklammerte mich mein +Sohn mit überströmender Zärtlichkeit. Wie ich ihm +fehlte! Niemand hatte Zeit für ihn! Und doch be<a name="Page_602" id="Page_602"></a>durfte +er immer mehr der Freundschaft der Eltern! +Über hundert Rätselfragen des Daseins begann er in +seinen vielen einsamen Stunden nachzugrübeln. Und +seine Phantasie, deren üppige Ranken ohne Stütze +blieben, ohne die Hand des Gärtners, der sie zur +rechten Zeit zu beschneiden versteht, überwucherten sein +Gefühl. Er fürchtete sich oft vor seinen eigenen +Träumen, so daß ich ihn des Nachts zu mir betten +mußte.</p> + +<p>»Du verzärtelst den Jungen —,« sagte Heinrich dann +ärgerlich. Und für übertriebene Sentimentalität hielt +er es, wenn ich von der Atmosphäre des Unglücks +sprach, die sichtlich auf des Kindes Seele lastete. So +lernte ich schweigen, auch über das, was mir am tiefsten +das Herz bewegte. Und in sehr dunkeln Stunden bemächtigte +sich meiner ein fremdes, böses Gefühl. Dann +häufte ich auf meinen Mann alle Schuld.</p> + +<p>In solch einer Stimmung traf mich Romberg. Er +war voll aufrichtiger Teilnahme.</p> + +<p>»Lange halte ich es nicht mehr aus,« sagte ich, den +Kopf in den Händen vergraben. Er sollte nicht sehen, +daß meine Kraft nicht einmal mehr ausreichte, um die +Tränen zurückzuhalten.</p> + +<p>»Ich wüßte eine Hilfe,« begann er dann langsam, +»eine, durch die Sie frei würden und sorgenlos.«</p> + +<p>Ich hob den Kopf; alles Blut strömte mir zum +Herzen. Eine Hilfe! Er zögerte. Dann sah er mich +an mit einem festen warmen Blick, der die Freundschaft +langer Jahre in sich schloß und sagte, jedes Wort +betonend:</p> + +<p>»Trennen Sie sich von Ihrem Mann.«</p> + +<p><a name="Page_603" id="Page_603"></a>Als Minuten vergingen, ohne daß ich antwortete, erhob +er sich.</p> + +<p>»Zürnen Sie mir?« fragte er.</p> + +<p>»Nein,« antwortete ich, ihm die Hand entgegenstreckend. +Dann überliefs mich kalt. Auch jetzt lag die +seine schlaff und kraftlos zwischen meinen Fingern.</p> + +<p>Ich überlegte seinen Rat und erschrak nicht einmal +vor der kühlen Ruhe, mit der ich es zu tun vermochte. +Er hatte recht: allein mit meinem Sohn, der Last der +Zeitschrift ledig, die das meiste verschlang, was ich verdiente, +würde ich, wenn auch noch so bescheiden, von +meiner Arbeit leben können. Und ich wäre frei, — frei! +Unwillkürlich streckte ich die Arme weit aus, als +gelte es, die Welt zu umfassen. Aber dann sah ich +ihn: meinen Mann, meinen Kampfgefährten, meinen +Leidensgenossen, — den Vater meines Kindes! Ich +fing an, ihn zu beobachten. Wie er leiden mußte. +Und wie er mich liebte!</p> + +<p>Er brachte mir täglich ein paar Blumen mit, und +wenn es nur wenige Veilchen waren. Das schlimmste +suchte er mir aus dem Wege zu räumen, so lange es +ging. Er hatte eine ritterliche, zurückhaltende Zärtlichkeit +für mich. Und mein Junge hing an dem +Vater.</p> + +<p>»Ich kann nicht, lieber Freund,« sagte ich mit einem +wehen Lächeln, als Romberg wiederkam. Er runzelte +die Stirn und wandte sich ab. Ich legte ihm die Hand +auf den Arm.</p> + +<p>»Sie müssen versuchen, mich zu verstehen, Sie vor +allem!« bat ich. »Haben Sie mich nicht selbst verspottet, +als ich einmal die freie Liebe predigte, weil +<a name="Page_604" id="Page_604"></a>ich überzeugt war, das Eheproblem dadurch lösen +zu können? Heute weiß ich, daß der Zettel auf +dem Standesamt nicht die stärkste Fessel ist, die sie +unfrei macht. Ich habe Frauen gesehen, die sich +voll Idealismus dem Mann ihrer Wahl vermählten, +ohne ihren Bund nach außen sanktionieren zu lassen. +Nach kurzer Zeit sind sie bedauernswertere Sklavinnen +geworden als die staatlich abgestempelten Ehefrauen. +Ihre und ihres Kindes Existenz war von ihrem Manne +abhängig, und jeden Tag konnte er sie verlassen. Darum +klammerten sie sich an ihn, unterwarfen sich ihm, ertrugen +seine Brutalität, seine Launen, seine Treulosigkeiten. +Ich erkannte, daß die wirtschaftliche Selbständigkeit +der Frau die Voraussetzung des freien Liebesbundes +sein muß..«</p> + +<p>»Nun — und sind Sie etwa wirtschaftlich abhängig?! +Sie, mit Ihrer Begabung, Ihrer Arbeitskraft?« unterbrach +er mich heftig.</p> + +<p>»Nein, gewiß nicht,« entgegnete ich; »diese Fessel +trag' ich nicht mehr, und keine Frau brauchte ihre +Menschenwürde von ihr erdrosseln zu lassen, wenn sie +arbeiten gelernt hat. Aber es gibt andere Fesseln, — zart +und weich wie Seide, — die unzerreißbar sind. +Mein Sohn liebt seinen Vater. Wie kann ich sein +Kinderherz verwunden, solch einen Zwiespalt in seine +Seele tragen?«</p> + +<p>»Ein Kind überwindet rasch,« antwortete Romberg +mit einer wegwerfenden Handbewegung.</p> + +<p>Ich verstummte. Er, der mir so nahe gewesen war, +rückte plötzlich weit, weit von mir ab. Ihm von Heinrichs +Liebe, von seinem Unglück und den anderen für +<a name="Page_605" id="Page_605"></a>mich unzerreißbaren Fesseln zu reden, wäre mir wie eine +Preisgabe vorgekommen.</p> + +<p>Und doch: irgend etwas mußte geschehen.</p> + +<p>»Bald, — bald reise ich nicht mehr fort ohne dich,« +hatte ich immer wieder beim Abschiednehmen mein Kind +getröstet.</p> + +<p>»Wann bleibst du wieder bei mir, Mamachen?« fragte +es, und jedesmal wurde der Ausdruck seines Gesichtchens +quälender.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Meine nächste Vortragsreise führte mich nach +Leipzig. Dort wohnte einer jener stillen Genossen, +der für den Revisionismus eine offene +Hand zu haben pflegte. Als mein Mann sich im Interesse +der Neuen Gesellschaft einmal schriftlich an ihn +gewandt hatte, war seine Antwort ein unfreundliches +glattes Nein gewesen. Trotzdem hoffte ich noch auf die +Wirkung einer persönlichen Unterredung. Es galt einen +letzten verzweifelten Versuch.</p> + +<p>Ich werde die Reise nie vergessen, nie den Augenblick, +wo ich, zitternd vor Scham und Angst, in des reichen +Mannes Zimmer trat. Er mochte ahnen, daß ich als +Bittende kam. Es dauerte Sekunden, ehe er mich zum +Sitzen nötigte. Vielleicht würde er es gar nicht getan +haben, wenn er nicht gesehen hätte, daß mir die Kniee +bebten. Ich hatte einen Mantel an. Während der +Zeit, die ich bei ihm war, nahm er ihn mir +nicht ab. Er ließ mich reden, ohne eine Miene zu verziehen. +Und dann sprach er — langsam, jedes Wort +betonend, sodaß es mir weh tat, wie lauter Schläge:<a name="Page_606" id="Page_606"></a> +»Ihr Mann ist ein guter Redakteur; das hat er am +Archiv bewiesen. Aber er ist ein schlechter Geschäftsmann, +sonst hätte er das prosperierende Archiv, das ihm +eine sichere und angesehene Stellung bot, nicht hingegeben, +um ein aussichtsloses Unternehmen zu beginnen. +Ich mag nicht Wasser in ein hohles Faß schöpfen.«</p> + +<p>»Und doch erkannten Sie, wie ich hörte, selber an, +daß die neue Aufgabe, die er sich stellte, wichtig, ja +notwendig war,« wandte ich ein.</p> + +<p>»Ja. Für einen Mann, der ausreichende Mittel hat, +um die Sache durchzuführen.« Damit erhob er sich.</p> + +<p>Ich war entlassen. Mir klebte die Zunge am Gaumen. +Nun war der Moment, der einzige, der mir noch blieb. +Ich war ja nicht gekommen, um einen Rechtsanspruch +durchzusetzen, — ich mußte bitten — bitten. Ich fühlte die +Tränen der Aufregung mir heiß die Augen füllen. Nur +nicht weinen, — jetzt nicht weinen, dachte ich und biß +die Zähne aufeinander. Da aber sah ich plötzlich mein +Kind vor mir — ganz deutlich: mit dem ernsten Blick +und der sehnsüchtigen Frage auf den Lippen. Mein +Kind! Glühende Schweißtropfen bedeckten meine Stirn, +der Atem stockte. Mit einer raschen Bewegung warf +ich den schweren Mantel von mir und riß das Fenster +rücksichtslos weit auf. Ein konvulsivisches Schluchzen, +dessen ich nicht Herr werden konnte, erschütterte meinen +Körper. Dann wandte ich mich um und hob den Mantel +von der Erde auf.</p> + +<p>»So will ich gehen —,« kam es tonlos über meine +Lippen, — ich konnte nicht bitten, ich konnte nicht!</p> + +<p>»Setzen Sie sich!« — Es war wie ein Kommando. Die Erschöpfung, +nicht der Gehorsam zwang mich, ihm zu folgen.</p> +<p><a name="Page_607" id="Page_607"></a></p> +<p>»Ich werde Ihnen helfen, — Ihnen persönlich, — dieses +eine Mal —«</p> + +<p>Ich kehrte zum Hotel zurück. Plötzlich fiel mir ein, +daß ich die kühle Hand mit meinen Fingern dankend +umschlossen hatte. Die Hand des Mannes, vor dem ich +mich so erniedrigt hatte!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Und nun ging es zu Ende. Unweigerlich. Trotzdem +ich noch hergab, was ich eben empfangen +hatte. Ein einziges Mal noch stieg unsere Hoffnung +hoch auf, wie eine Leuchtkugel. Heinrich erhielt +von einem, der helfen konnte, ein festes Versprechen. Er +schloß darauf hin aufs neue mit dem Drucker ab und +mit dem Papierlieferanten. — Aber die Leuchtkugel zerplatzte, +und es wurde ganz, ganz dunkel.</p> + +<p>Ich verlangte Klarheit von meinem Mann, — rückhaltlose. +Er gab sie mir mit einer Ruhe, von der ich +glaubte, daß sie eine erzwungene sei: Alles war verloren. +Da wir den Konkurs vermeiden wollten, blieb uns eine +Schuldenlast, an der wir Jahre zu tragen haben würden. +Um die allernächsten Zahlungen leisten und selbst leben +zu können, gab es nur einen Ausweg.</p> + +<p>»Wir verpfänden unsere Möbel —,« sagte Heinrich, +mit einem Ton, als spräche er von dem Gleichgültigsten +von der Welt.</p> + +<p>Bisher hatte ich zusammengekauert auf dem großen +Stuhl gesessen, der mir immer wie etwas Lebendiges gewesen +war, weil seine Lehne den müden Kopf stützte, +seine Arme sich schützend an mich schmiegten.</p> + +<p>Jetzt fuhr ich auf. »Das Letzte soll ich hergeben?!<a name="Page_608" id="Page_608"></a> +Und du meinst, ich täte das so kaltblütig wie du es aussprichst?!« +rief ich, vor Entrüstung am ganzen Körper +zitternd. »Das hier ist der Rest Heimat, den ich +habe. Fast jedes Stück erinnert mich an den Vater, — die +Großmutter, — an Georg, an meine Jugend —« +Tränen erstickten meine Stimme.</p> + +<p>Mein Mann maß mich mit einem kühl-erstaunten +Blick. »Stellung, Vermögen, Familie, — alles hast du +geopfert ohne ein Wort der Klage, und nun jammerst +du um diesen Trödel,« sagte er kopfschüttelnd. Mein +Verstand gab ihm recht, aber mein Herz blutete, als +wäre ihm die schwerste Wunde geschlagen worden.</p> + +<p>In der Nacht darauf öffnete sich die Tür zu meines +Sohnes Zimmer, er stürzte auf mich zu, umschlang +meinen Hals und schluchzte verzweifelt: »Warum weinst +du nur so? Warum weinst du nur so?!«</p> + +<p>In diesem Augenblick wußte ich, daß ich ein Opfer +bringen mußte wie keines zuvor. Ich weinte nicht +mehr. Ich war ganz still und ganz entschlossen. »Otto +darf den Zusammenbruch nicht mit erleben,« sagte ich +zu meinem Mann. »Schon jetzt ist er wie vergiftet, — gar +kein Kind mehr —«</p> + +<p>Ich erwartete eine heftige Szene.</p> + +<p>Statt dessen erhellten sich Heinrichs Züge. »Nun bist +du wieder meine tapfere Alix« — damit drückte er mir +die Hand, so herzlich wie seit Monden nicht — »natürlich +ist das für alle Teile das Beste. Wir beide bauen +ungehindert ein neues Leben auf, und er wird irgendwo +auf dem Land wieder ein starker, froher Junge ...«</p> + +<p>Ich hörte seine Stimme nur noch wie ein fernes +Brausen. So nahm er auf, wovon ich nie gesunden +<a name="Page_609" id="Page_609"></a>würde: — fast froh! Ich starrte ihn an; die schreckliche +Erregung verzerrte mir sein Bild, als hätte ich ihn noch +nie gesehen. Mit diesem Mann hatte ich mein Leben +verknüpft, — und eben noch den Gedanken an eine +Trennung weit, weit von mir gewiesen?! Mir schien, +als wäre die Trennung vollzogen, lange schon, sonst hätte +er in dieser Stunde, da mein ganzes Leben zusammenbrach, +so nicht zu mir sprechen können, — so nicht!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ich schrieb an einen Freund Egidys, den ich seit +der Zeit, da ich ihn in dessen Hause traf, hie +und da wiedergesehen hatte. So selten das gewesen +war, mit einem Gefühl warmer gegenseitiger Anteilnahme +waren wir uns immer begegnet. Jetzt leitete +er eine Schule hoch oben im Thüringer Wald. Ich +sprach ihm rückhaltlos von der Lage, in der wir uns +befanden. »Mein Sohn leidet darunter, halb unbewußt, +und ich will ihm das Schlimmste ersparen, will seine +Jugend nicht hineinreißen in den Strudel unseres künftigen +Lebens. Sie sehen, es ist ein Freundschaftsopfer +das ich von Ihnen erwarte —,« hier zitterte mir die +Hand und versagte den Dienst.</p> + +<p>Er antwortete umgehend, mit einem zarten Takt, der +mir wohltat: »Ihr Sohn soll uns von Herzen willkommen +sein. Und kein drückendes Gefühl darf Ihnen +daraus entspringen. Überlassen Sie ruhig der Zukunft +die materielle Seite der Sache. Da er Ihr Kind ist, +wird er unserer Schule mehr geben, als er erhält und +sich durch Gold aufwiegen läßt..«</p> + +<p>Zu Ostern wollte ich ihn hinbringen, aber ich verschob +<a name="Page_610" id="Page_610"></a>es von Tag zu Tag, mit ihm davon zu sprechen; er war +so glücklich, daß ich auf einmal immer bei ihm war, +mit ihm spielte, mit ihm spazieren ging, ihm Geschichten +erzählte wie in der schönen alten Zeit.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Indessen erschien die letzte Nummer der Neuen +Gesellschaft, mit einem kurzen Abschiedswort +an die Leser. Keiner von unseren Gesinnungsgenossen +hatte ein Wort des Bedauerns dafür, niemand +von denen, für deren Überzeugung sie gekämpft hatte, +ohne sich durch gehässige Angriffe und gemeine Verleumdungen +vom Wege ablenken zu lassen, der ihr als +der rechte erschien, kümmerte sich um uns. Keinem +konnte es ein Geheimnis sein, daß wir alles verloren +hatten, aber kaum ein einziger hatte auch nur eine teilnehmende +Frage danach. Wir waren abgetan, — fertig. +Die Genossen gingen über uns hinweg wie die Soldaten +im Krieg über die gefallenen Kameraden auf dem +Schlachtfeld.</p> + +<p>Damals hatte ich dafür nur eine verächtliche Gebärde. +Große Schmerzen sind ein Palliativmittel gegen +die kleinen.</p> + +<p>Nur eins erfüllte mich mit tiefer Bitterkeit: daß +auch Romberg nicht wiederkam. Er hatte eine Auseinandersetzung +mit meinem Mann gehabt, bei der +seine lange im stillen herrschende Feindschaft gegen ihn +zu offenem Ausbruch gekommen war. Ich erfuhr +nicht viel davon. Aber um mich mochte sich's gehandelt +haben und darum, daß Romberg meinem Mann +vorwarf, unser Unglück verschuldet zu haben, und dieser +<a name="Page_611" id="Page_611"></a>sich jede Einmischung in unser Tun und Lassen verbat. +War das Grund genug, um mich gerade jetzt im Stich +zu lassen? Und an seine aufrichtige Freundschaft hatte +ich geglaubt!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ein Ostermorgen war es, hell und leuchtend. Ein +Auferstehungsfest, das die geflügelten Musikanten +der Natur mit hundertstimmigem Gesang +begrüßten. Mit lauter lustigen goldgelben Flecken +bedeckte die Sonne den Erdboden unter den Kieferstämmen. +Wir gingen durch den Grunewald nach +Schildhorn, mein Sohn und ich. Wie er sich freute! +Jedes armselige Blümlein, das der karge Sand hervorsprießen +ließ, bewunderte er. Und die Luft, die ein +Odem erwachenden Lebens war, sog er ein mit tiefen +durstigen Zügen.</p> + +<p>»Ich hasse die Stadt,« sagte er mit der ganzen Energie +seiner zehn Jahre. »Warum können wir nicht auf dem +Lande leben?«</p> + +<p>Das war der rechte Augenblick, um ihm von Waltershof +zu sprechen, der Schule im Thüringer Wald. Mit +stockender Stimme begann ich, und erzählte von dem +freien Leben dort und den vielen Kindern.</p> + +<p>Seine Augen glänzten. »Das denke ich mir riesig +fein!« rief er.</p> + +<p>»Möchtest du am Ende gar selber hingehen?« fragte +ich zögernd.</p> + +<p>Er machte einen Luftsprung. »Natürlich! Aus der +scheußlichen Stadt heraus auf die Berge, — was gibt +es Schöneres!«</p> + +<p><a name="Page_612" id="Page_612"></a>Ich hätte mich freuen müssen, — aber die Tränen +traten mir in die Augen. So würde ihm der Abschied +nicht allzu schwer werden!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ein paar Tage später reisten wir ab. Er war +wie umgewandelt; in leuchtenden Farben +malte er sich das Leben aus, das seiner wartete. +Zuweilen schien er zu stutzen, wenn er mich +ansah.</p> + +<p>»Und du besuchst mich oft, sehr oft, nicht wahr, +Mamachen? Und zu den Ferien komme ich immer +nach Haus?« sagte er dann, im Gefühl, mich trösten +zu müssen.</p> + +<p>Von der Station fuhren wir mit dem Wagen bergauf +durch dichte Tannenwälder. Mein Sohn verstummte +und schmiegte sich an mich. Ob ihn nun der Abschiedsschmerz +packen würde? Das Herz klopfte mir erwartungsvoll. +»Ein bißchen geniere ich mich doch vor den fremden +Jungens,« meinte er.</p> + +<p>Oben auf der Hochebene, wo der Wind über freie +Felder strich und mit den kleinen runden Frühlingswölkchen +spielte wie ein Kind mit dem Fangball, verlor +er seine scheue Stimmung wieder.</p> + +<p>»Wie wunder — wunderschön das ist,« sagte er mit +einem Blick in die Ferne.</p> + +<p>In stiller großer Einsamkeit reihte sich Berg an Berg; +die kleinen grauen Menschenwohnungen verschwanden in +den tiefen Tälern.</p> + +<p>Der Direktor begrüßte uns wie vertraute Freunde. +Die Schüler betrachteten aus gemessener Entfernung +<a name="Page_613" id="Page_613"></a>den Ankömmling. Er umfaßte wie schutzsuchend meine +Hand. Jetzt, — jetzt wird er bei mir zu bleiben +verlangen! — Da trat ein brauner Bursche aus der +Schar.</p> + +<p>»Sieh mal die Wiese dort,« sagte er zu meinem +Jungen und wies auf den gelbblühenden Abhang, der +sich hinter dem Hause in die Tiefe senkte; »willst du da +hinunter mit mir um die Wette laufen?«</p> + +<p>Und im selben Augenblick, — kaum daß er Zeit +gefunden hatte, mir Mantel und Mütze zuzuwerfen, — flog +er mit ihm davon. Wie heller Sonnenschein +tanzten ihm die blonden Locken um den Kopf. Ich +starrte ihnen nach. Mir gingen dabei die Augen über. +Hinter den Fichtenstämmen, — weit, weit im Tal, erloschen +sie.</p> + +<p>»Er wird sich rasch zu Hause fühlen,« sagte der Direktor.</p> + +<p>Er wird sich rasch zu Hause fühlen —!</p> + +<p>Ich verließ Waltershof schon am nächsten Morgen. +Jede Stunde, die ich blieb, kam wie ein verschlagener +Räuber und stahl mir stückweise mein Liebstes.</p> + +<p>Ehe ich in den Wagen stieg, umarmte mich mein +Sohn mit stürmischer Heftigkeit. Nun endlich wird es +ihn übermannen —! Ich preßte ihn an mich, ich hielt +ihn fest. Dieser Schoß hat dich geboren, an diesem +Herzen wuchsest du empor, — schrie es in mir, — nur +ein Wort der Liebe sag mir, ein Wort der Sehnsucht, +und ich verteidige deinen Besitz gegen Hölle und Himmel! +Aber er schwieg. Seine Augen blieben hell. Ringsum +standen die Lehrer und die Schüler —. Ich nahm +seinen Kopf zwischen meine Hände und küßte ihn. Ich +<a name="Page_614" id="Page_614"></a>grüßte noch einmal lächelnd nach rechts und links. Dann +zogen die Pferde an —</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Damals, vor einem halben Menschenalter, als +ich im Gewittersturm auf dem Berge stand, +dem Wetter preisgegeben, fürchtete ich den Tod. +Was hätte ich jetzt noch fürchten können?</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_615" id="Page_615"></a></p> +<h2><a name="Achtzehntes_Kapitel" id="Achtzehntes_Kapitel"></a>Achtzehntes Kapitel</h2> + + +<p>In Schleier aus durchsichtigem Silber gewoben +hüllte sich der blaue Frühlingshimmel. Milde +lächelnd glänzte sein großes Sonnenauge. Und +die kleinen weißen Wolken standen ganz still wie erwartungsvoll +staunende Kinder, ehe der Vorhang vor +dem Märchenspiel aufgeht. Die Luft streichelte mit +weichen Händen die Erde, als wäre sie sehr, sehr krank.</p> + +<p>Jetzt trugen sie den letzten Hausrat aus der alten +Wohnung. Der große gelbe Wagen vor der Tür wartete +darauf, ihn in die neue hinüberzufahren.</p> + +<p>Ich sah mich um in den leeren Räumen: auf dem +Boden lag Papier und Stroh und Scherben, in den +Winkeln Staub in großen grauen Flocken. Zögernd, +als hielte eine unsichtbare Hand mich zurück, öffnete ich +die Tür zu meines Sohnes Zimmer. Von seinen unruhigen +Füßchen war die Diele zertreten. Dunkel zeichnete +sich der Platz am Boden ab, wo sein Bett gestanden +hatte; — wie oft, seitdem er fort war, hatte +ich den Kopf in die leeren Kissen vergraben —</p> + +<p>Eine Hand berührte meine Schulter.</p> + +<p>»Komm, Alix,« sagte Heinrichs weiche, tiefe Stimme +hinter mir. Auf seinen Arm gestützt, mit tief gebeugtem<a name="Page_616" id="Page_616"></a> +Nacken ging ich die Treppen hinab. Auf der Straße +versagte mir der Atem; mein Begleiter hatte einen so +raschen, elastischen Schritt, daß ich ihm nicht zu folgen +vermochte. Er trug auch den Kopf ganz hoch, wie +einer, der noch als Eroberer ins Leben tritt. Und +waren wir nicht Geschlagene?! Ich hatte meinen Gedanken +laut werden lassen. Heinrich blieb stehen.</p> + +<p>»Hast du die Waffen gestreckt?!« fragte er stirnrunzelnd +mit scharfer Betonung. »Ich nicht! Was uns +nicht umbringt, das macht uns stärker.«</p> + +<p>Ich senkte den Kopf noch tiefer; eine jähe Röte schoß +mir in die Schläfen.</p> + +<p>Er hatte die Türe zu unserer neuen Wohnung mit +Blumen bekränzen lassen. Daß ich sie nicht abriß, geschah +nur, um ihm nicht wehe zu tun. Drinnen empfingen +uns schon die stummen vertrauten Gefährten +unseres Lebens. Aber an dem großen Schreibtisch stand +jetzt nur noch ein Stuhl. Ich hatte ein eigenes kleines +Zimmer.</p> + +<p>»Das ist der erste Schritt zur Ehetrennung,« lächelte +mein Mann, mit einem Blick auf mich, in dem eine +ernste Frage lag. Ich blieb ihm die Antwort schuldig.</p> + +<p>»Freust du dich denn gar nicht, daß all der Kram +dir nun doch erhalten blieb?!« sagte er nach einer +Pause in einem erzwungen leichten Ton. »Wie hast du +darum gezittert, du armer Angsthase du!« Und wieder +stieg mir das Blut ins Gesicht. Ich schämte mich, daß +ich so hatte empfinden können.</p> + +<p>»Dem, der mir dazu verhalf, werde ich immer dankbar +sein,« sagte ich leise, — es war keiner der alten +Freunde, keiner der offiziellen Vertreter der »Brüder<a name="Page_617" id="Page_617"></a>lichkeit« +gewesen! — »Aber mehr darum, weil ich doch +noch einen Menschen mit warmem Herzen gefunden +habe, als um der Stühle und Schränke und Kisten und +Kasten willen ...«</p> + +<p>Heinrich drückte mir die Hand. Dann nahm er eine +der letzten Nummern der Neuen Gesellschaft aus dem +Bücherschrank.</p> + +<p>»'Solchen Menschen, welche mich etwas angehen, +wünsche ich Leiden, Verlassenheit, Mißhandlung, Entwürdigung, — ich +wünsche, daß ihnen das Elend der +Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein +Mitleid mit ihnen, weil ich ihnen das einzige wünsche, +was heute beweisen kann, ob Einer Wert hat, oder +nicht, — daß er standhält ...'« las er. »Diese Worte +Nietzsches habe ich abgedruckt, weil sie meine eigene tiefe +Überzeugung aussprechen.«</p> + +<p>Seine Kraft verletzte mich fast. Ich wollte nicht +überwinden. Es kam mir wie ein Verrat an meinem +Kinde vor, wenn auch mich ein Gefühl ergriff, als ginge +ich gestärkt einem neuen Leben entgegen. Ich pflegte +mein Leid mit selbstquälerischer Wollust. Ich liebte es.</p> + +<p>Aber — seltsam —: Je länger es neben mir herging, +desto mehr wandelte sich sein gräßliches Medusenhaupt +in das stille, ernste Antlitz eines Freundes. Es +nahm mich bei der Hand und führte mich langsam, +Schritt vor Schritt, — mein Herz ertrug es nicht anders, — einen +hohen Berg hinauf. Und von da oben sah +ich in das Tal meines Lebens. Ich erkannte seine +großen Umrisse und geraden Linien, aber all die Hindernisse +auf den Wegen — den Unrat auf den Straßen — sah +ich nicht mehr.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_618" id="Page_618"></a></p> + +<p>Eines Tages trat mein Mann mit einem großen +Strauß duftender Rosen in mein Zimmer.</p> + +<p>»Zum Zeichen, daß ich dir wieder Blumen +bringen kann,« sagte er lächelnd. Nun erfuhr ich +erst von seiner Arbeit, von den Plänen, die ihrer Verwirklichung +entgegengingen, — rein geschäftlichen Unternehmungen, +denen er neben seiner literarischen Tätigkeit +all seine Kräfte widmete, ohne sich eine Stunde +der Ruhe, eine Pause der Erholung zu gönnen, — nur +das eine Ziel im Auge: die drückenden Schulden zu +zahlen, uns eine Existenz zu gründen und — er sprach +es so leise aus, als ob er sich scheue, daran zu rühren — »dir +dein Kind zurückzugeben.«</p> + +<p>»Heinz!« rief ich, — die Tränen stürzten mir aus +den Augen, — ich griff nach seinen beiden Händen und +drückte sie zwischen den meinen.</p> + +<p>»Was meinst du, wenn du den Buben holen gingst?!« +Und vorsichtig, als wäre ich etwas sehr Zerbrechliches, +zog sein Arm mich an sich.</p> + +<p>Ich fuhr schon am nächsten Morgen nach Waltershof. +Wie langsam schlich der Zug durch die blühende +Sommerpracht, wie endlos hielt er sich an all den +vielen Stationen auf! Endlich, endlich kam ich an. +Droben auf der Höhe, wo jetzt das Korn in hohen +Garben stand und alle Ähren grüßten und nickten, als +wüßten sie um mein Glück, kam mir mein Junge entgegengelaufen — —</p> + +<p>Wie groß und wie braun, und wie stark und wie +froh er war! Sonderbar, daß irgend etwas dabei mich +schmerzte. Er küßte und herzte mich immer wieder, — aber<a name="Page_619" id="Page_619"></a> +nicht mit dem Bedürfnis nach Schutz, nach Anlehnung, +wie die kleinen Kinder, wenn sie sich an die +Mutter schmiegen. Ich sah ihn dann im Kreise der +Kameraden auf der grünen Wiese, im Tannenwald: wie +er seine Kräfte an den ihren maß. Ich dachte an +unsere Straße, unsere enge Wohnung; — ich wagte +noch nicht, ihm zu sagen, warum ich gekommen war. +Und als ich am nächsten Vormittag dem Unterricht +beiwohnte, in Klassen, wo kaum mehr als zehn +Kinder beieinandersaßen und der Lehrer imstande war, +sich mit jedem einzelnen zu beschäftigen, auf seine Interessen +und Fähigkeiten einzugehen, — da dachte ich +an die überfüllten städtischen Gymnasien mit all ihrem +Gefolge von Krankheit und Laster und Stumpfsinn; ihre +unglückseligen Opfer fielen mir ein, die den Martern +des Geistes und Körpers den Tod vorzogen. Mich +schauderte: hatte ich ein Recht, über mein Kind zu verfügen +nach meinem Gefallen? Kein Zweifel: sein Instinkt +hatte für Freiheit und Natur entschieden.</p> + +<p>»Ich komme morgen nach Haus, und komme — allein,« +schrieb ich an meinen Mann. »Otto ist ein +selbständiger Mensch geworden, und ich habe hier gelernt, +was keine pädagogische Buchweisheit mir hätte +beibringen können: daß auch die Kinder sich selbst gehören, +nicht uns; daß die Kindheit einen Wert an sich +hat. Es mußte so sein, wie es ist. Wenn unser Sohn +stark genug ist, um auch neben uns ein Eigener zu +bleiben, wird er vielleicht freiwillig zurückkehren ... +Ich schreibe das Alles so hin, und die Worte sehen aus, +als kosteten sie mich nichts. Ich glaube, ich brauche Dir +nicht erst zu sagen, was ich überwinden mußte. Es +<a name="Page_620" id="Page_620"></a>wird noch lange dauern, bis ich von meiner Mutterliebe +abgestreift haben werde, was jeder Liebe eigentümlich +ist: den Willen zum Besitz. Seitdem Du mich +fühlen ließest, daß auch Du unser Kind entbehrst, weiß +ich: Du wirst Geduld mit mir haben.«</p> + +<p>Jetzt erst wurde ich mir der ganzen Leere meines +Lebens bewußt: war ich schon so alt, um nur noch in +philosophischer Ruhe seine Resultate zu ziehen? Um abseits +zu stehen wie Zuschauer am Schlachtfeld?</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Als mir von seiten der Gewerkschaften die Aufforderung +zuging, einige ausschließlich Bildungszwecken +dienende Vorträge im internen Kreise organisierter +Arbeiter zu übernehmen, ergriff ich die Gelegenheit, von +der ich glaubte, daß sie mir wenigstens eine befriedigende +Tätigkeit eröffnen würde. Seit dem Jahre 1906 hatten +die Partei und die Gewerkschaften, einem Beschluß des +Mannheimer Parteitags folgend, den Bildungsbestrebungen +tatkräftigeres Interesse zugewandt. Außer der +Partei- und Gewerkschaftsschule in Berlin und ähnlichen +Einrichtungen in den größeren Provinzstädten, +wo eine beschränkte Zahl ausgewählter Schüler systematischen +historischen und nationalökonomischen Kursen +regelmäßig folgte, wurden Referate gehalten, die Allen +zugänglich waren, die ihre Mitgliedschaft zu einer Arbeiterorganisation +nachweisen konnten. Die Lehrer der +Parteischule waren Radikale strengster Observanz. Sie +sprachen von »bürgerlicher« Wissenschaft, »bürgerlicher« +Kunst, zu der die vom Zukunftsstaat zu erwartende in +scharfem Gegensatz stünden. Sie waren Geist vom Geist +<a name="Page_621" id="Page_621"></a>des preußischen Kultusministers, der einen Privatdozenten +abgesetzt hatte, weil er Sozialdemokrat war. In ihrem +Kreise waren die kühnen Sätze gefallen, daß die Philosophie +eine ideologische Begleiterscheinung der Klassenkämpfe +und ihre Geschichte eine Geschichte bürgerlichen +Denkens sei.</p> + +<p>Die Gewerkschaften standen zu ihnen in einem leisen +aber darum nicht weniger starken Gegensatz, der auch +in der Wahl ihrer Referenten zum Ausdruck kam. Schon +als ich zum erstenmal sprach, — vor einer Zuhörerschaft +von ein paar hundert Arbeiterinnen, — wurde mir erzählt, +wie empört die führenden Genossinnen seien, daß +man mich dazu aufgefordert habe.</p> + +<p>Durch Fragen, durch Bitten um Ratschläge für ihre +selbständige Fortbildung, durch Bücher, die ich auslieh, +und die mir persönlich zurückgebracht wurden, kam ich +in Berührung mit Männern und Frauen, die noch nicht +zu den »gehobenen Existenzen« gehörten. In der Nüchternheit +des Alltagslebens, fern der Begeisterung, die Feste +und Kämpfe entzünden, lernte ich ihr Leben, ihr Denken +und Fühlen kennen. Es stand fast ausnahmslos unter +dem Zeichen der Unzufriedenheit, des Mangels an einem +Inhalt, der über die Misere des Daseins hinaus stark +und hoffnungsfroh macht. Eine gewisse seelische Leere +kam vielen zum Bewußtsein, etwa wie ein Gefühl +dauernden Frierens. Die Ideale des Sozialismus +hatten, da ihre Verwirklichung so fern gerückt war, für +das persönliche Leben viel von ihrem Feuer verloren.</p> + +<p>Aber gerade in der zum Ausdruck kommenden Unzufriedenheit +mit den äußeren Erfolgen und den inneren +Werten der Partei lag eine starke latente Kraft, die +<a name="Page_622" id="Page_622"></a>bereit war, jeden Augenblick alles Lastende, Hindernde +fortzuschieben, wenn nur irgendwo der Weg ins Freie +sich zeigte.</p> + +<p>Nach einer meiner Versammlungen begrüßte mich +Reinhard. Er war zuerst ein wenig verlegen, als ich +aber harmlos und freundlich blieb, taute er auf. Ich +erzählte ihm von meinen Beobachtungen. »Ich bilde mir +natürlich nicht ein, daß sie maßgebend sind, aber ich +halte sie doch für Symptome.«</p> + +<p>Er gab mir recht. »Wir befinden uns zweifellos in +einer inneren Krisis,« sagte er, »die sich immer wieder +nach außen bemerkbar macht. Jetzt beginnt der Zank +schon wieder. Diesmal um die Frage der Budgetbewilligung. +Sobald wir versuchen durch eine Politik, +die immer mehr oder weniger auf Konzessionen beruht, +Schritte nach vorwärts zu tun, Vorteile oder Einfluß +zu gewinnen, kommen die anderen und schwenken mit +Geschrei die angeblich von uns verratene Fahne des +Prinzips. Ich möchte wissen, was geschehen soll, wenn +wir einmal in den Parlamenten eine Vertretung haben, +mit der gerechnet werden muß? Ob wir dann das +prinzipienfeste Neinsagen unseren Wählern gegenüber +verantworten können? — Ich sehe schwarz in die Zukunft, +Genossin Brandt, sehr schwarz! Ich fürchte, wenn +erst einmal unsere Alten tot sind, dann fällt die Partei +auseinander.«</p> + +<p>»Und wäre das wirklich so fürchterlich?« wandte ich ein. +Er fuhr auf. Seine Augen blitzten mich an wie früher.</p> + +<p>»Genossin Brandt!« rief er entrüstet. »Sollten die +Leute recht haben, die von Ihnen behaupten, daß Sie +nicht mehr die unsere sind?!«</p> +<p><a name="Page_623" id="Page_623"></a></p> +<p>»So —,« sagte ich gedehnt, »das also erzählt man +von mir?! Und Ihnen erscheint es möglich, weil ich +eine Spaltung der Partei nicht für den schrecklichsten der +Schrecken halte?! Es zeugt für ein sehr geringes Vertrauen +in die Notwendigkeit der Entwicklung zum Sozialismus, +wenn wir annehmen wollten, daß solch ein +Ereignis einen mehr als vorübergehenden Nachteil nach +sich zöge. Unser Ziel bleibt doch unverändert dasselbe, in +wie viel Heerscharen wir ihm auch entgegenmarschieren!«</p> + +<p>Reinhards Gesicht färbte sich dunkelrot. »Sie scheinen +ja ein solches Unglück fast zu wünschen!« sagte er mit +verbissenem Grimm.</p> + +<p>»Davon bin ich ebensoweit entfernt wie Sie,« +antwortete ich. »Ich suche nur, Sie und mich von +der Angst davor zu befreien. Dabei frage ich mich, ob +es nicht viel korrumpierender für den einzelnen und +lähmender für die Aktion der Masse ist, wenn immer +wieder um der äußeren Einheit willen Resolutionen +angenommen werden, die für sehr viele nur auf dem +Papiere stehen, und das Erfurter Programm krampfhaft +aufrecht erhalten wird, obwohl immer weitere Kreise +von Genossen ganze Sätze daraus für unrichtig halten. +Die Radikalen, die in der Form des Ausschlusses aus +der Partei eigentlich nichts anderes wollen als eine +Spaltung, gehen dabei von einer ganz richtigen Empfindung +aus: daß die innere Einheit die Voraussetzung +der äußeren sein muß. Nur daß sie wie Kurpfuscher +an den Symptomen herumkurieren.«</p> + +<p>»Und Sie wüßten ein Mittel, die Krankheit zu +heilen?« Dabei sah Reinhard mich an, als erwartete +er eine Offenbarung von mir.</p> + +<p><a name="Page_624" id="Page_624"></a>Ich lachte. »Wenn ich ein Mittel wüßte, glauben +Sie, ich hätte es nicht schon längst auf allen Gassen +ausgeschrien?! Nur einen Weg dahin glaube ich zu +wissen. Die Übel, unter denen wir leiden, lassen sich +alle auf eine Ursache zurückführen: die fehlende richtige +Grundlage unserer Bewegung. Was bisher als solche +galt, hat sich zu einem Teil als falsch oder nicht ausreichend +erwiesen.«</p> + +<p>Er machte ein enttäuschtes Gesicht: »Also ein neues +Programm! Wenn es weiter nichts ist!«</p> + +<p>»Ich las gestern in einem Brief von Hegel einen +Satz, der sich mir ins Gedächtnis geprägt hat,« fuhr ich +fort, »'die theoretische Arbeit bringt mehr in der Welt +zustande als die praktische; ist das Reich der Vorstellung +revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand'. Gerade +wir Revisionisten haben diese tiefe Wahrheit fast +vergessen. Sie auch, wie ich sehe. Und doch glaube +ich, hätten wir ein Programm, das alle inzwischen +zweifelhaft gewordenen Theorien beiseite ließe, alle praktischen +Forderungen den Entscheidungen des Tages anheimgäbe +und nur den Ausgangspunkt feststellte, — den +Klassenkampf, — und das Ziel, — die Aufhebung des +Privateigentums an Produktionsmitteln; wir würden +weniger zerrüttende Kämpfe in unseren Reihen haben, +und Millionen Außenstehender würden nicht Mitläufer, +sondern Parteigenossen werden.«</p> + +<p>»Ich wundere mich, daß Sie bei Ihrem gründlichen +Aufräumen den Klassenkampf nicht auch zum Fenster +hinauswerfen,« spottete Reinhard mit einem Anflug von +Ärger.</p> + +<p>»Sie sind hellsehend, lieber Genosse,« entgegnete ich,<a name="Page_625" id="Page_625"></a> +»denn die Form, in die er vor einem halben Jahrhundert +gezwängt wurde, ist freilich unbrauchbar geworden. +Leute wie ich zum Beispiel haben keinen +Platz in ihr. Man redet uns ein, und wir glaubten +es, daß wir aus reinem selbstlosen Edelmut in die Partei +eintraten; wir blieben infolgedessen, als nicht recht dazu +gehörig, unsichere Kantonisten in den Augen der geborenen +Klassenkämpfer. Ich bin inzwischen schon für +mich allein von dem Kothurn dieses Edelmuts herabgestiegen +und habe gefunden, daß ich mit demselben +Recht wie der Arbeiter im Klassenkampf stehe. War ich +nicht, mittellos, auf meine Arbeit angewiesen? War ich +nicht abhängig von meiner Familie, also unfrei? +Der hungernde Arbeiter sucht freilich in erster Linie +Brot; aber das könnte ihm auch eine vernünftige bürgerliche +Sozialreform sicherstellen. Er ist Sozialdemokrat, +weil er mehr will: Freiheit. Genau dasselbe, wonach +ich verlangte, als es mich in die Partei trieb; genau +dasselbe, wonach Hunderttausende sich sehnen, — lauter +Abhängige, — lauter geborene Klassenkämpfer, die die +Partei mit ihrem engen: ›die Befreiung der Arbeiter +kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein‹, mit der +›Diktatur des Proletariats‹ als notwendiges Befreiungsmittel +zurückstößt, im besten Falle nur duldet ...«</p> + +<p>Wir waren vor der Tür meiner Wohnung angekommen.</p> + +<p>»Selbst wenn Sie recht hätten, — was ich nicht +weiß —,« sagte Reinhard; »die radikale Tradition ist viel +zu stark innerhalb der Arbeiterschaft, als daß solch eine +Programmänderung möglich wäre. Mir scheint auch, +es würde immer noch etwas fehlen —«</p> + +<p><a name="Page_626" id="Page_626"></a>Ich nickte. »Es fehlt noch immer etwas, — ja —,« +meinte ich nachdenklich. Dann trennten wir uns.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Als mein Vortragskursus zu Ende war, bekam +ich keine Aufforderungen mehr. An meinen +Zuhörern lag das nicht; ihr regelmäßiges Erscheinen, +ihr wachsendes Interesse zeugte dafür. Aber +der Einfluß der Zionswächter des Radikalismus war +stärker als sie.</p> + +<p>»Nun haben sie dich wieder an der Arbeit verhindert,« +sagte mein Mann ärgerlich.</p> + +<p>»Es ist vielleicht für mich das beste,« meinte ich. »Zuviel +Zweifelfragen sind in mir wach geworden. Jahrelang +hat das Fieber der Tagesforderungen sie immer +wieder unterdrückt. Jeder denkende Mensch sollte eigentlich +die Möglichkeit haben, sich hie und da von der +Welt zurückziehen zu können, um zu sich selbst zu kommen. +Trappistenklöster für Ungläubige, — das wäre eine erlösende +Einrichtung.«</p> + +<p>»Möchtest du den Schleier nehmen?!« fragte er, — etwas +wie Besorgnis sprach sich in seiner Frage aus.</p> + +<p>»Für ein paar Monate, ja!« entgegnete ich. »Um +als ein starkes und frohes Weltkind zurückzukehren.«</p> + +<p>Aber wenn ich ihn ansah, schämte ich mich, solche +Wünsche zu haben. Er war abgespannt und müde. +Er bedurfte mehr als ich einer Zeit der Ruhe. So +wenig er von sich selber sprach, ich erfuhr doch, daß das +Mißlingen sich mit grausamer Hartnäckigkeit an seine +Fersen heftete.</p> + +<p>Die Sorgen, die er hatte von unserer Türe fern<a name="Page_627" id="Page_627"></a>halten +wollen, krochen durch die Fenster herein; aber +wenn ich sah, wie er ruhig blieb, wie neue Hindernisse +nur immer neue Widerstände in ihm entwickelten, dann +überkam mich das Bedürfnis, mich an ihn zu schmiegen, +ganz dicht, geschlossenen Auges, voll tiefen Vertrauens ...</p> + +<p>Im Herbst begann ich meine Vortragsreisen wieder. +Ich mußte Geld verdienen. Und was dies Publikum verlangte: +ein wenig Anregung, ein wenig Sensation, war +ich fähig zu geben. Es wurde mir diesmal leichter als +sonst. Viele Menschen kreuzten meinen Weg, und was +mir bei den Proletariern begegnet war, das fand ich in +anderer Form wieder: wer nicht im Genußleben ertrank +oder im Kampf ums Dasein zerrieben wurde, den beherrschte +ein Gefühl brennender Unzufriedenheit, ein unbestimmtes +Suchen.</p> + +<p>Es war die Zeit, wo Fürst Bülow, in der Hoffnung +auf diese Weise die Steuerforderungen der Regierung +durchzusetzen, die unnatürliche Verbindung zwischen Liberalen +und Konservativen herbeigeführt hatte. Wer noch +vom echten Liberalismus einen Blutstropfen in sich +fühlte, mußte sich dieser Paarung schämen.</p> + +<p>Die besten Elemente des Bürgertums waren politisch +obdachlos. Ihr steuerloses Schiff näherte sich unwillkürlich +wieder der Flut des Sozialismus.</p> + +<p>»Den Kulturwert der Arbeiterbewegung erkennt wohl +jeder von uns an,« sagte mir ein junger Gelehrter in +einer kleinen Universitätsstadt. »Und daß ihr ökonomisches +Streben zugleich ein sittliches ist, wird kein objektiv +Denkender bestreiten. Sie ist im Kampf gegen +die Reaktion auch die Hoffnung derer, die nur zusehen +müssen.«</p> + +<p><a name="Page_628" id="Page_628"></a>Der Kreis der modernen Snobisten, die aus der Erkenntnis +der Notwendigkeit sauberer Wäsche und reiner +Nägel eine Weltanschauung konstruiert und Rombergs +Ausspruch, daß Bildung und Politik unvereinbare Begriffe +wären, zu dem ihren gemacht hatten, schrumpfte +sichtlich zusammen.</p> + +<p>Und auch auf anderen Gebieten geistiger Interessen +wuchs die Innerlichkeit, der Ernst. Aus einer Spielerei +müßiger Stunden wurde die Kunst zu einer Angelegenheit +persönlichen Lebens, — eine Kunst, die von den +Göttern und Madonnen zur Erde herabgestiegen war, +die den charakteristischen Stempel innerer Notwendigkeit +allem aufprägte, — vom geringfügigen Gebrauchsgegenstand +bis zum hamburger Bismarckdenkmal. Aus +einer Tradition, der man sich nur an jedem Feiertag +erinnerte, wurde die Religion zu einer die Gemüter erregenden +Bewegung; daneben drängten pädagogische und +sexuelle Probleme sich mehr und mehr in den Vordergrund, +und neben den alten Werten der Schule, der +Ehe, der Familie, erschienen wie aus Flammen gebildet +riesengroße Fragezeichen.</p> + +<p>Als eine reaktionäre Masse wurde die Bourgeoisie +nach altem Rezept von der Partei bezeichnet. Die +Wirklichkeit strafte sie Lügen. Was ich sah, war +wie ein Strom, dessen Wassermassen der alten +Dämme zu spotten schienen und sich nun wahllos, +ziellos ausbreiteten. Es fehlte nur das neue Bett, +um ihre große Kraft zu vereinen und nutzbar zu +machen.</p> + +<p>Ich fühlte, wie ich froh wurde angesichts der neuen +Erkenntnis, wie meine Hoffnung ihre Flügel regte und<a name="Page_629" id="Page_629"></a> +Überzeugungen, die im Sturm der Zweifel geschwankt +hatten, nur noch tiefere Wurzeln schlugen.</p> + +<p>Aber es war, als stünde unser Leben unter einem +bösen Zauber: Sahen junge Triebe der Freude mit +einem hellen Frühlingslächeln aus dem Erdboden hervor, +so prasselten Hagelkörner vom Himmel und schlugen +sie grausam nieder.</p> + +<p>Mitten in einer Vortragsreise versagte meine Stimme +völlig. Was die Ärzte schon lange vorausgesagt hatten, +geschah: von einer Tätigkeit wie der bisherigen konnte +keine Rede sein.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Was nun? Ich saß vor meinem Schreibtisch, — einem +ganz alten aus hellem +Birnbaumholz mit schwarzen Säulchen, +der früher irgendwo in einem Winkel gestanden hatte, — und +lehnte mich müde in den tiefen Stuhl zurück. +Großmutters Stuhl! Mir war, als sähe ich sie +vor mir: das schmale, dunkle Gesicht mit den großen +Augen, und einem Lächeln um die feinen Lippen, das +über alles Erdenleid zu triumphieren schien. Viel, viel +zu früh hatte ich sie verloren! Plötzlich fielen mir die +Papiere ein, die ich von ihr besaß: Briefe, Tagebuchnotizen, +Stammbücher. Sie hatte sie mir hinterlassen, +mir allein. Als ob sie mir sich selbst habe schenken +wollen. Ich suchte sie hervor und las und las. Aus +den vergilbten Blättern duftete der Frühling berauschend, +und die Sonne schien bis tief hinein in das winterstarre +Herz, und aus schweren dunkeln Wolken strömte +<a name="Page_630" id="Page_630"></a>warmer Regen, segenspendender. Und eine weiche Hand +streichelte mich, als wäre auch ich krank, sehr krank.</p> + +<p>Ihr Leben war voll stiller Kämpfe gewesen, und aus +einem jeden war sie stärker hervorgegangen. Es hatte +ihr den Geliebten ihrer Jugend, hatte ihr Freunde und +Kinder geraubt, und ihr Herz war bei jedem Verlust +nur reicher geworden an Kraft und Liebe. Dann war +sie einsam zurückgeblieben, zwischen lauter Fremden, und +war doch nicht bitter geworden, und verstand auch den +Fernsten und den Ärmsten. Nur eins überwand sie nie: +das unverschuldete Elend in der Welt —.</p> + +<p>Ich ging jeder Regung ihrer Seele, jeder Spur ihres +Daseins nach. Dabei entdeckte ich ein Gewebe feiner +Fäden, das sich von ihr bis zu mir herüberspann, eine +ununterbrochene Folge von Ursache und Wirkung, eine +eherne Gesetzmäßigkeit.</p> + +<p>Nun schrieb ich das Buch von ihr, weil ich es schreiben +mußte. Von früh bis spät arbeitete ich. Es war dabei +sehr still um mich und in mir. Nur wenn ein +Brief von meinem Kinde kam, — einer jener kurzen, +frohen, lebensprühenden Zeichen seiner Jugendkraft, — nahmen +meine Gedanken eine andere Richtung an. Aber +sie trieben mir nicht mehr die Tränen in die Augen: +denn mein Sohn lebte, mein Sohn blieb mir nah, auch +wenn er fern war. Meiner Großmutter Kinder waren +ihr fern gewesen, wenn sie sie mit Händen hatte greifen, +mit Augen hatte sehen können. Und auch daran war sie +nicht zugrunde gegangen. Sie hatte standgehalten.</p> + +<p>Ich schrieb wie im Fieber. Die Arbeit war wie eine +Wünschelrute. Sie schloß in meinem Innern lauter +verschüttete Quellen auf.</p> + +<p><a name="Page_631" id="Page_631"></a>Von dem glühenden Abendhimmel der klassischen Periode +Weimars war der Großmutter Jugend umstrahlt +gewesen; die geistigen Heroen des neunzehnten Jahrhunderts +hatten auf ihren Lebensweg breite Schatten +geworfen. Je deutlicher mir der geistige Werdegang +der Vergangenheit entgegentrat, zu desto klareren Bildern +schoben sich die scheinbar wirr durcheinanderlaufenden +Zeichen der Gegenwart zusammen. Unter dem +Gesetz dieses großen Entwicklungsprozesses stand auch +ihr Leben; das gab ihm seine Bedeutung, so eng, so +still es an sich auch gewesen war.</p> + +<p>Mein Buch erschien. Und plötzlich schien die Großmutter +nicht nur für mich lebendig geworden. Sie +stand da, mitten in der Welt und redete mit den Menschen. +Selbst aus den verstimmten Instrumenten der Seelen +lockte sie wie einst Melodien hervor. Viele kamen und +dankten mir, als ob ich sie geschaffen hätte!</p> + +<p>Nur in der Parteipresse gab es Leute, die mich beschimpften; +es war in dem Buch auch von Fürsten +und Aristokraten die Rede, die keine Schufte waren. +Als ich es las und mein Herz dabei nicht einmal schneller +klopfte, erschrak ich: Sollte ich so stumpf geworden sein? +Oder stand ich den alten Genossen so fern? Erst allmählich +fing ich an, mich selbst zu verstehen.</p> + +<p>»Geht es dir so nahe, daß du nicht darüber zu sprechen +vermagst?« fragte mich mein Mann.</p> + +<p>»Es ärgert mich nicht einmal,« antwortete ich.</p> + +<p>Sein Gesicht leuchtete auf: »So stehst du endlich über +den Dingen und wertest die Menschen, wie sie es verdienen.«</p> + +<p>»Du verstehst mich nicht ganz,« wandte ich ein. »Nicht +<a name="Page_632" id="Page_632"></a>nur weil ich weiß, daß sie mir in Wahrheit nichts anhaben +können, gräme ich mich nicht mehr über Urteile +wie diese, sondern weil ich sie verstehe —«</p> + +<p>Er sah mich ungläubig lächelnd an.</p> + +<p>»Ja, ich verstehe sie,« wiederholte ich. »Uns trennt +ein unüberbrückbarer Abgrund: der der inneren Kultur. +Wie die Genossinnen sich ständig über mein Äußeres +ärgerten, — weil ich eben anders war als sie, — so +muß der Durchschnitt der Genossen an meinem Wesen +Anstoß nehmen.«</p> + +<p>»Hm —,« machte mein Mann, »das klingt —«</p> + +<p>»Sehr hochmütig,« vollendete ich. »Ganz gewiß! +Und doch ist es weit von jedem Hochmut entfernt. Was +ich wurde, bin ich anderen schuldig: Nicht nur meinen +Vorfahren, sondern auch den vielen Tausenden, die deren +gesicherte Existenz, deren geistige Entwicklung durch ihr +sklavisches Arbeitsleben erst möglich machten.«</p> + +<p>»Folgerst du nun aus deiner Behauptung, daß Menschen +wie du sich von der Partei fern halten müßten? Daß +also der Satz: ›Die Befreiung der Arbeiterklasse kann +nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein‹ im Sinne +der radikalen Genossen, die heute jeden Überläufer +zurückweisen möchten, aufgefaßt werden darf?« fragte +Heinrich interessiert.</p> + +<p>»Damit würde ich mich selbst negieren,« rief ich lebhaft. +»Ich folgere zunächst etwas rein Persönliches: daß +ich den Genossen unrecht tat, wenn ich ihnen ihre Feindseligkeit +zum Vorwurf machte; daß es himmelblauer, +allen realen Erfahrungen spottender Idealismus war, +wenn ich von ihnen Anerkennung, Verständnis, Anteilnahme +erwartete. Sind sie uns denn in ihrer Masse +<a name="Page_633" id="Page_633"></a>persönlich anziehend? Stören uns nicht schon eine Menge +bloßer Äußerlichkeiten? Verstehen wir sie denn so gut?«</p> + +<p>»Du vergißt, wie mir scheint,« warf Heinrich ein, +»daß eine Reihe Akademiker ganz im Proletariat aufging —«</p> + +<p>»Ich glaube es nicht, so demagogisch sie sich auch gebärden +mögen, um den Anschein zu erwecken, es wäre +so,« entgegnete ich. »Wenn ihre Kultur nicht nur +Tünche ist, so rächt sich ihre Heuchelei in stillen Stunden +bitter an ihnen. Weißt du —,« fügte ich langsam hinzu, +»sobald ich mir Wanda Orbins früh gealterte, durchfurchte +Züge vergegenwärtige, bin ich gewiß, daß sie +empfindlich darunter leidet —«</p> + +<p>Heinrich runzelte die Stirn: »Du gehst denn doch ein +wenig weit in deinem Mitgefühl. Willst du vielleicht +auch ihr Verhalten gegen dich beschönigen?«</p> + +<p>»Beschönigen — nein; erklären — ja! Sie muß +herrschen, um die Preisgabe der inneren Freiheit ertragen +zu können. Infolgedessen beseitigt sie jeden, der +ihr im Wege steht, — ganz abgesehen davon, daß ich +ihrem fanatischen Radikalismus als Schädling erscheinen +mußte!«</p> + +<p>»Das Endresultat deiner Erwägungen,« sagte mein +Mann mit einem leisen Spott im Ton der Stimme, »ist +demnach ein erhaben christliches: Liebet eure Feinde, +segnet, die euch fluchen —«</p> + +<p>Ich hob abwehrend beide Hände. »Nein, nein, +nein!« rief ich aus und stand auf, um mit raschen +Schritten im Takt meines Herzschlages auf und ab zu +gehen. »Vom Christentum bin ich weiter entfernt denn +je. Die tief eingewurzelte christliche Auffassungsweise ist +<a name="Page_634" id="Page_634"></a>es ja, die uns zu so falscher Stellungnahme getrieben +hat. Da ist zunächst die christliche Idee der Selbstaufopferung. +Keiner von uns Überläufern, mich selbst eingeschlossen, +hat sich nicht zuweilen mit einer Art pfäffischer +Selbstzufriedenheit an seinem eigenen Opfermut berauscht, +hat sich nicht innerlich vorgerechnet, was er alles um der +Sache willen aufgab, hat sich nicht das Leben in dem +Gefühl verbittert, daß die Genossen dieses Opfer nicht zu +würdigen verstehn. Wenn ich schon als Kind außerstande +war, den Opfertod Christi als solchen zu empfinden, — nicht +nur, weil er als Gottessohn die Gewißheit +ewigen Lebens besaß, sondern weil es mir nicht +so heldenhaft erschien, in der Ekstase des Glaubens für +die Erlösung der ganzen Menschheit zu sterben, — so +weiß ich jetzt, daß unser Opfer gar kein Opfer ist, +sondern im Gegenteil Selbstbehauptung. Es wäre ein +Opfer gewesen, — und eine Sünde wider den Geist +wie jedes ›Opfer‹, — wenn ich mich nicht zum Sozialismus +bekannt hätte. Seiner Überzeugung nicht folgen, +die Stimmen seines Innern nicht hören wollen, — das +allein sind Opferungen; die sie bringen, sind arme +Lebensschwache. Auch ich habe mich solcher Sünden +schuldig gemacht: als ich mich einmal Wanda Orbin +unterwarf, als ich Forderungen meines Geistes und +Herzens zum Schweigen brachte.«</p> + +<p>»Auch des Herzens?« unterbrach mich mein Mann.</p> + +<p>»Weißt du nicht mehr, — damals, — als meine +Sehnsucht nach dir rief — und ich sie unterdrückte!«</p> + +<p>Er nickte mit gesenktem Kopf. »Ich habe mir +schweren Schaden getan,« bekannte ich, als spräche ich +jetzt nur mit mir selber, »die Liebe ist eine Quelle der<a name="Page_635" id="Page_635"></a> +Kraft. Daß so viele Frauen so klein sind und so armselig, +liegt wohl nur daran, daß sie sich selbst verurteilen, +daneben zu stehn, während die anderen die freien Glieder +in ihrem brausenden Strome baden.«</p> + +<p>Heinrich sah auf. Sein Blick forschte in meinen +Zügen. »Hast du — noch andere Opfer gebracht? +Herzensopfer — meine ich,« fragte er langsam. Ich +preßte die Handflächen krampfhaft aneinander.</p> + +<p>»Mein Kind —,« kam es mühsam über meine Lippen.</p> + +<p>Wir schwiegen beide. Ich mußte mir ein paarmal +mit der Hand über die Stirne streichen; mit schweren, +grauen Schwingen strichen die Vögel meiner Schmerzen +mir um das Haupt.</p> + +<p>»Ich habe dich aus deinem Gedankengang gerissen, — verzeih!« +knüpfte Heinrich das Gespräch nach einer langen +Pause wieder an. »Von der christlichen Idee der Selbstaufopferung +gingst du aus —«</p> + +<p>»Mit ihr haben wir nur immer uns selbst irre geführt,« +fuhr ich fort, »aber mit den anderen führen wir +die Massen irre: mit der Gleichheit aller im Sinne +gleichen Wertes und gleicher Entwicklungsfähigkeit, mit +der Brüderlichkeit im Sinne gegenseitigen Verständnisses. +Als ob die Natur, die jeden Grashalm vom anderen +unterschied, den Menschen nicht eine noch reichere Mannigfaltigkeit +ermöglichen sollte; — als ob wahre Brüderlichkeit +nicht immer seltener, dafür aber immer tiefer würde, +je mehr wir uns entwickeln! Natürliche Schranken +respektieren, statt sie niederzureißen, — Distanzen anerkennen, +statt sie mit Phrasen zu überbrücken, — kurz, im +Sinne der Entwicklung handeln, die stets vom Einförmigen +zum Vielfachen schreitet, — das wäre unsere Aufgabe!<a name="Page_636" id="Page_636"></a> +Statt dessen ziehen wir unter der Maske der Brüderlichkeit +den Dünkel groß, rotten die Ehrfurcht vor den +Heroen des Geistes aus, so daß schließlich jeder Hans +Narr einen Goethe Bruder nennt. Von dem Dreigestirn +der Forderungen, das die Revolution vom Christentum +übernahm und der Sozialismus von beiden, wird +nur eins übrig bleiben: die Freiheit!«</p> + +<p>Es wurde wieder sekundenlang still zwischen uns. +»Vielleicht begegnen wir einander allmählich in unseren +Gedankengängen und könnten dann wenigstens noch zu +jener seltenen Brüderlichkeit gelangen —,« sagte Heinrich +schließlich.</p> + +<p>Mit einer raschen Bewegung näherte ich mich ihm +und legte den Arm um seinen Hals. Der Klang +seiner Stimme tat mir zu weh. Er löste sich sanft +aus der Umschlingung. »Nicht so, Alix —,« sagte +er leise; »weißt du noch, wie du einmal zu mir sagtest: +der Stunde sollten wir warten, der wir gehorchen +müssen?! — Ich fürchte, sie ist noch fern —!« Und in +ruhigem Gesprächston fuhr er fort: »Du wirst dich darüber +in keiner Täuschung befinden: Alles, was du sagtest, +ist für die heutige Sozialdemokratie Ketzerei.« Ich nickte.</p> + +<p>»Noch kennt sie niemand als du. Aber sollten die +losen Gedanken sich zur Kette zusammenschieben, so werde +ich den Schatz nicht in meine Truhe legen.«</p> + +<p>»Auch wenn sie dich bezichtigen, falsches Gold zu +fabrizieren?!«</p> + +<p>Ich warf den Kopf zurück. Ein heißes Gefühl der +Kampflust strömte mir durch die Adern und bewies mir, +daß ich lebte. »Auch dann!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_637" id="Page_637"></a></p> + +<p>Das Erbe meiner Großmutter befreite mich von +einem gut Teil äußerer Sorgen. Und jetzt +erst, da die Not, dieser Sklavenhalter, nicht +mehr hinter mir stand, fühlte ich alle Striemen, mit +denen ihre Peitschenschläge meinen Körper gezeichnet +hatten. Ich sah die Blässe meiner Wangen, die Falten +um meinen Mund, die müden Augen. Und doch +wollte ich nicht alt sein, denn noch lag ein Leben vor +mir, und ich wollte nicht häßlich sein, denn eine tiefe, +tiefe Sehnsucht trieb mir heißes Blut durch die Adern.</p> + +<p>Ich ging in ein Sanatorium in die Nähe von Dresden, +um gesund zu werden. Unter dem Menschenschwarm +aus der alten und neuen Welt, der sich dort ein Stelldichein +zu geben schien, traf ich auch einen Bekannten: +Hessenstein. Meinen alten Tänzer, einen der +glänzendsten Kavaliere der Westfälischen Gesellschaft, +hätte ich in dem grauhaarigen Mann mit dem gebeugten +Rücken kaum wiedererkannt.</p> + +<p>»Merkwürdig,« sagte er nach der ersten Begrüßung, +»Sie sind immer noch Alix von Kleve! — Eben las +ich Ihr Buch. Daraus erfuhr ich, daß Sie auch innerlich +noch Alix von Kleve sind, oder — besser gesagt — daß +Sie heimkehrten.«</p> + +<p>»Wie meinen Sie das?« fragte ich lächelnd. »Ich +brauchte nicht heimzukehren, denn ich war immer bei +mir!«</p> + +<p>»Auch als Sie noch zu den Singer, Stadthagen, +Luxemburg, und wie die Zierden der Partei alle heißen +mögen, gehörten?!«</p> + +<p>»Ich war und bin Sozialdemokratin, — damit gehöre +<a name="Page_638" id="Page_638"></a>ich meiner Überzeugung, nicht den Menschen,« antwortete +ich merklich kühler werdend.</p> + +<p>»Wie, Sie sind nicht aus der Partei ausgetreten und +konnten dies schreiben —,« er zog das Buch von der +Großmutter aus der Tasche, »— das Werk eines vollendeten +Aristokraten —«</p> + +<p>»Sie haben einmal andere Ansichten gehabt, Herr +von Hessenstein,« unterbrach ich ihn.</p> + +<p>»Wer von uns hätte nicht törichten Träumen nachgehangen?!« +meinte er.</p> + +<p>Wir sahen einander oft, und es tat mir wohl, einem +teilnehmenden Menschen von meinem Leben zu erzählen.</p> + +<p>An einem kühlen Herbsttag, — dem letzten vor meiner +Abreise, wanderten wir auf die Heide hinaus. »Ich +liebe sie,« sagte Hessenstein, »sie geht mit so stiller +Würde dem Winter entgegen, ohne sich durch überflüssige +Stürme über die Hoffnungslosigkeit der Situation aufzuregen.«</p> + +<p>»Nun weiß ich endlich, warum ich sie nicht liebe,« +antwortete ich; »diese Ergebung in das Schicksal wird +mir immer fremd sein. Ich würde mich an den Sommer +klammern, wenn es Winter werden wollte.«</p> + +<p>Er sah mich kopfschüttelnd an: »Nach all Ihren Erfahrungen +diese Lebenskraft?! Nachdem all Ihre Opfer +nutzlos waren?!«</p> + +<p>Ich schwieg betroffen still. Die Frage, ob ich genutzt +hatte oder nicht, hatte ich mir selbst nie gestellt. Ich +überlegte: all die Reformen, für die ich in hartem +Kampf gegen die Genossen eingetreten war, kamen mir +jetzt, aus der Vogelperspektive, nicht mehr so welterschütternd +vor. Aber immerhin; sie hatten sich durch<a name="Page_639" id="Page_639"></a>gesetzt. +Die Dienstbotenbewegung war im Gang, die +Mutterschaftsversicherung war zur Forderung der Partei +geworden; die Haushaltungsgenossenschaft stand wenigstens +auf dem Diskussionsprogramm; selbst jene Zentralstelle +der Arbeiterinnenbewegung, deren Forderung mir +fast den Hals gekostet hatte, war vor ein paar Jahren +geschaffen worden und funktionierte vortrefflich. Und +wie viele mochte ich dem Sozialismus gewonnen haben? +Ich sah wieder glänzende Augen auf mich gerichtet, +fühlte den Druck schwieliger Hände, hörte den Siegesjubel +mich umbrausen —.</p> + +<p>»Nein,« sagte ich hell und laut, »meine Arbeit ist +nicht nutzlos gewesen! Es gibt kein Wort, das nicht +die Luft in Schwingung versetzt, keinen Gedanken, der +sich nicht weiterpflanzt! — Und daß ich in der Partei +aushalte?! Meinen Sie denn, es würde an +meiner Überzeugung irgend etwas geändert werden, +wenn ich ihr nicht offiziell angehörte, oder wenn sie, — was +ich nicht für unmöglich halte, — mich noch +einmal gehen heißt? Gewiß, ich zweifle an der Richtigkeit +mancher ihrer Programmforderungen, ich halte +ihre Taktik sehr oft für falsch, ich sehe, daß sie +von hundert Schönheitsfehlern behaftet ist, — aber all +das vermag die Hauptsache nicht zu erschüttern. Der +Sozialismus ist das einzige Mittel, um die Menschheit +aus dem Zustand der Barbarei auf die erste Stufe der +Kultur zu erheben —«</p> + +<p>Er legte beschwichtigend seine schmale, blaugeäderte +Hand auf die meine. »Sie sind in keiner Volksversammlung,« +sagte er; »sie brauchen nicht so starke Farben +aufzutragen —«</p> +<p><a name="Page_640" id="Page_640"></a></p> +<p>»Ich trage sie nicht auf. Ich spreche in ruhigster +Überlegung,« fuhr ich fort. »Oder ist es etwa keine +Barbarei, daß die überwiegende Masse der Menschheit, +daß Millionen, viele Millionen, von Kindheit an bis +zum Greisenalter zu härtestem Frondienst verurteilt sind, +daß sie von dem einzigen Sinn des Lebens, der Entfaltung +der Persönlichkeit zur höchsten Potenz ihrer +Leistungs- und Genußkraft, durch den Zufall der Geburt +und des Besitzes ausgeschlossen sind?! Die Befreiung des +Menschen von den blinden Gesetzen des Schicksals, die +vollkommene Unterjochung der Materie unter den Geist, — das +ist uns das Ziel; einer fernen Zukunft aber +wird es zweifellos erst als der Anfang der Menschheitsentwicklung +erscheinen.«</p> + +<p>Mein Begleiter blieb stumm. Erst als wir droben +von der Heide in den herbstbunten Wald schritten, sprach +er wieder. »Ich bewundere Ihren Glauben. Sollte +wirklich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel +solchem Ziel entgegenführen?! Dann wäre es allerdings +sträflich, sich ihrer Durchsetzung entgegenzustemmen!«</p> + +<p>»Ich sehe zunächst kein anderes,« antwortete ich. »Freilich: +ein aktuelles Problem ist sie nicht. Aber so etwas +wie eine regulative Idee. Im übrigen: ich schwöre ja +nicht darauf. Ich kann mir vorstellen, daß sie einmal +durch andere Forderungen ergänzt werden müßte. Aber +das Ziel ist für mich unverrückbar.«</p> + +<p>Wir näherten uns wieder dem Sanatorium. »Sie +gehen nach Java zurück?« fragte ich, ehe wir uns trennten. +»Nein,« entgegnete er. »Dreizehn Jahre habe ich da +unten gelebt, — eine böse Zahl! — Ich bin dabei ein +reicher Mann geworden. Aber kein glücklicher. Jetzt +<a name="Page_641" id="Page_641"></a>will ich —,« er schürzte in bitterer Selbstverhöhnung die +Lippen, »— mein Leben als Europäer genießen. Sie +sehen: Ihre ersehnte Beherrschung der Materie ist keine +zuverlässige Grundlage des Glücks.«</p> + +<p>»Glücklichsein — im Sinne der Befriedigung unserer +Triebe ist doch auch nur ein Herdenideal. Wessen Leben +es ausfüllt, der ist entweder ein Schwächling oder ein +Greis —«</p> + +<p>Er drückte mir die Hand. »Sie sind eine merkwürdige +Frau. Vielleicht komme ich nach Berlin und lerne auf +meine alten Tage noch leben. Nur eins geben Sie +mir bitte jetzt schon auf den Weg: Sind Sie so kalt, +daß Sie das Glück ganz auszuschalten vermögen, und — wenn +nicht — was verstehen Sie darunter?«</p> + +<p>Ich atmete tief auf. Ich sah mich an einem Tage +wie diesem mit dem Geliebten im Wald, — die Sehnsucht +packte mich, so heiß, so stark, daß ich erschauerte. +Aber dem fremden Mann, der erwartungsvoll vor mir +stand, hätte ich nicht sagen können, was mich bewegte. +»Kampf, — Kraftentfaltung, — Widerstände beseitigen, — sie +aufsuchen, wenn sie sich nicht von selbst ergeben, — darin +kulminiert das Lebensgefühl der Starken,« sagte ich.</p> + +<p>Er verabschiedete sich. Ich sah ihn im Hause verschwinden, +mit gebeugtem Rücken, sehr müde.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Auf der Heimfahrt klopfte mir das Herz unruhiger +als sonst. Ich dachte an Heinrich. Seine Lebensauffassung +war's, der ich Worte geliehen, an +der ich mich selbst zuerst aufgerichtet hatte, und die +nun wie ein Fluidum in meine Seele geströmt war.<a name="Page_642" id="Page_642"></a> +Ein Gefühl tiefer Zusammengehörigkeit überkam mich, +das ich noch nie empfunden hatte, — am wenigsten +dann, als wir, an den gleichen Pflug gespannt, unzertrennlich +waren. Vielleicht, daß Freunde so miteinander +leben und arbeiten können; — Liebende nicht, sicher nicht! +Aber sind es nicht die besten Ehen, die zur Freundschaft +werden? Oder ist das nicht auch eine jener alle Natürlichkeit +knechtenden Anschauungen, die wir armen Menschen uns von +der Moral des Christentums einpauken ließen, einer Moral, +für die die Sinne und die Sünde identisch waren, der +ihre Überwindung als der Tugend Krone erschien?! Ehe +ist der Bund zweier Liebenden; wo sie zur bloßen Freundschaft +wurde, sind die Sinne tot oder äugen sehnsüchtig +nach anderer Befriedigung.</p> + +<p>Die Ehe von einst beruhte auf der Autorität des +Mannes gegenüber der Frau, der Autorität der Eltern +gegenüber den Kindern, — ein Staat im kleinen mit +Herren und Knechten. Jetzt aber stehen Individualitäten +einander gegenüber. Das Leben von einst läßt +sich ihnen wohl noch aufzwingen, aber sie zerbrechen +daran. Zur Herdflamme wird die Liebe nicht mehr. +Aber zum lodernden Opferbrand an den hohen Festen +des Lebens!</p> + +<p>Für die Liebe ist der sicherste Tod die Unfreiheit. +Sie wächst mit dem Pathos der Distanz.</p> + +<p>Wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Male liebt, +wagte ich kaum mir selbst zu gestehen, was ich fühlte. +Als mein Mann mich am Bahnhofe empfing und mir +die Hand küßte, errötete ich. Und abends ertappte ich +mich dabei, wie ich im Spiegel forschend meine Züge +musterte und die Haare anders zu stecken versuchte. — Er<a name="Page_643" id="Page_643"></a> +war jetzt immer so förmlich, so ritterlich zu mir! +Ob ich am Ende zu alt war: — Zweiundvierzig Jahre! +In Paris hatte ich Frauen gesehen, die älter waren als +ich und doch noch schön. Freilich: das Leben hatte +mich gezeichnet! — Ganz heimlich — ich hätte mich +sonst vor ihm zu sehr geschämt! — fing ich an, mich mehr +zu pflegen als sonst, die Farbe meiner Kleider, die +Form meiner Hüte sorgfältiger auszuwählen. Ich verschwendete +fast. Ganz, ganz in der Ferne sah ich +einen neuen Sommer voll Glanz und Glut. Noch +lag er im Zauberschlaf, tief unten in der winterstarren +Erde. Aber meine Sehnsucht trog mich nicht: er mußte +kommen.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_644" id="Page_644"></a></p> +<h2><a name="Neunzehntes_Kapitel" id="Neunzehntes_Kapitel"></a>Neunzehntes Kapitel</h2> + + +<p>In Eis gepanzert, einen langen Mantel von Schnee +um die Schultern, trat das neue Jahr seine +Herrschaft an. Gleichgültig sahen seine kalten +Augen über die Menge hinweg, die jammernd die Arme +zu seinem Thron erhob.</p> + +<p>Die Not war groß. Brot und Fleisch waren teuer, +und für die Menschenkraft, die sich billig anbot, gab es +keine Arbeit. Der Winter trieb die Arbeitslosen in +Scharen in die Wärmehallen; vom frühen Nachmittag +an drängten sich die Obdachsuchenden vor den Asylen. +Wer in ihre Nähe kam, den trafen Blicke, in denen +der Haß gegen die Herrschenden, der Groll mit dem +Schicksal flammte. Das waren keine Almosen heischenden +Bettler mehr, keine in ein gottgewolltes Geschick +Ergebenen.</p> + +<p>Das Proletariat füllte den ganzen Winter über die +Säle, um gegen eine Politik zu protestieren, die zwar +mit den Insignien des Konstitutionalismus prunkte, aber +nur ein Werkzeug des Absolutismus war. Es wußte +von den Millionen neuer Steuern, die drohten, es +hatte erfahren, daß es gegen die geeinte Reaktion +machtlos war, daß die eiserne Hand Preußens auf ihm +ruhte, wenn es sich aufrichten wollte. Es erkannte, daß +<a name="Page_645" id="Page_645"></a>es Mauern und Gräben zu bewältigen galt, ehe die +feste Burg, der Staat, ihm zufiele. Junker und Pfaffen +hielten sie besetzt, bereit, nur über ihre Leichen den Weg +frei zu geben.</p> + +<p>Der erste Akt des Dramas begann.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin eine dichtgedrängte +Menschenmasse. Polizisten zu Fuß und +zu Pferd, den Revolver im gelben Gürtel, halten +die Zufahrt frei. Und hinter ihnen stehen Tausende, +Männer, Frauen, Kinder. Sie warten. Sie besetzen die +Auffahrt des gegenüberliegenden Kunstgewerbemuseums. +Sie halten Umschau von oben. Und plötzlich biegt in +scharfem Trabe eine Karosse um die Ecke der Prinz +Albrechtstraße. »Der Reichskanzler!« gellt es laut. Die +Menge flutet ihm entgegen, ihm nach, eine einzige +dunkle Welle. Und brausend tönt es um ihn: »Hoch +das freie Wahlrecht!« Dann wieder Stille. Sie wartet +weiter.</p> + +<p>Und auf der Rednertribüne des Abgeordnetenhauses +erscheint Fürst Bülow zur Beantwortung des freisinnigen +Antrags: Einführung des allgemeinen, gleichen und +direkten Wahlrechts mit geheimer Stimmabgabe für den +preußischen Landtag. Mit unterschlagenen Armen, +ruhig und selbstbewußt, den harten Ausdruck geborener +Herrscher auf den Zügen, sitzt die Mehrheit vor ihm. +Sie weiß, was sie zu erwarten hat; dieser Mann ist +ein Erwählter des Kaisers, nicht des Volkes, und der +Kaiser ist der Ihre.</p> + +<p>»... Für die Königliche Staatsregierung steht es +<a name="Page_646" id="Page_646"></a>nach wie vor fest, daß die Übertragung des Reichstagswahlrechts +auf Preußen dem Staatswohl nicht entspricht +und daher abzulehnen ist. Auch kann die Königliche +Staatsregierung die Ersetzung der öffentlichen Stimmabgabe +durch die geheime nicht in Ansicht stellen.«</p> + +<p>Scharf, ohne die liebenswürdigen Floskeln des Weltmannes, +ohne das verbindliche Lächeln des Diplomaten, +klingt die Erklärung durch den Saal.</p> + +<p>Das Volk draußen wartet. Da nahen neue Schutzmannspatrouillen; +hart schlägt ihr Tritt auf den Asphaltboden +auf, Pferdehufe klappern dazwischen, — die Begleitung +zum Text des Kanzlerliedes.</p> + +<p>Das Volk zieht sich zurück.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Zwei Tage später. Ein heller Wintersonntag. +Mittags Unter den Linden das gleiche Bild wie +immer: flanierende Damen und Herren, Offiziere +und Studenten, hinter den Spiegelscheiben der Kaffees +neugierige Sonntagsbummler.</p> + +<p>Wir gehen langsam dem Schloßplatz entgegen. Schutzleute +erscheinen. Aus allen Nebenstraßen blitzen ihre +Helmspitzen auf. Im Zeughaus, vor dem Museum, am +Dom und rings um das Schloß — lauter Pickelhauben. +Mit klingendem Spiel zieht die Wache auf, bunt und +glänzend, eine Augenweide für alle Farbenfrohen. An +der Kreuzung der Friedrichstraße stockt der Zug der +Soldaten, ein anderer überschreitet seinen Weg, ein +einförmig dunkler: Arbeiter, die aus dem Innern der +Stadt kommen, wo heute die Wahlrechtsversammlungen +<a name="Page_647" id="Page_647"></a>tagen. Schweigend zieht er vorüber. Es ist, als ob +er auf alle Gesichter seinen Schatten geworfen habe.</p> + +<p>Da — Signaltöne aus der Hupe. Die Spaziergänger +stutzen; drei gelbe Automobile rasen vorbei, dem Schlosse +zu. Der Kaiser. Kein Hurra, kein Gruß, alles bleibt +still, — wie benommen.</p> + +<p>Und plötzlich, als hätte die Erde sie ausgespieen, +wimmelt es auf der breiten Straße von Menschen; im +selben Augenblick bildet sich vor dem Schloß eine +Mauer von Polizistenleibern. Die Menge mißt ihre +Gegner mit dem spöttischen Blick der Überlegenheit: +Wenn wir wollten —! Aber sie wollen nicht. Sie +haben stärkere Mauern zu stürmen.</p> + +<p>Aus der Ferne klingen Töne, wie Donnerrollen. Sie +schwellen an. Sie begleiten den gleichmäßigen Tritt +Tausender: — soweit das Auge die Friedrichstraße hinunter +gen Süden reicht — ein Meer von Menschen. +Es überflutet die Linden. Rechts und links weichen die +Spaziergänger zurück. Noch nie hat die Allee der Fürstentriumphe +solch einen Aufzug gesehen! Eine Schwadron +Berittener sprengt den Demonstranten entgegen, mitten +in ihren Zug hinein. Ein Aufkreischen ängstlicher Weiberstimmen, — dann +gewitterschwangere Stille.</p> + +<p>Einsam liegt das Königsschloß. Leer gefegt ist der +weite Raum ringsum. Schwer hängt die Kaiserstandarte +in der unbewegten Luft. Hier hält das Leben seinen +Atem an.</p> + +<p>Aber ringsum, von Norden und Osten, von Süden +und Westen, strömen sie jetzt herbei in hellen Scharen. +Sie singen. Niemand hat den Taktstock geschwungen, +sie sehen einander nicht einmal, und doch ist es dasselbe<a name="Page_648" id="Page_648"></a> +Lied, das aus den Kehlen aller dringt, das die Bastille +gestürmt hat und die Barrikaden: die Marseillaise. Es +schlägt gegen die Mauern der Kirchen und der Paläste, — und +ihr Echo muß es wiedergeben. Es braust sieghaft +hinweg über die Ketten der Hüter der Ordnung. +Hoch über dem Königsschloß fluten seine Töne zusammen, — es +klingt wie das Klirren scharfer Klingen, — wie +Wotans gespenstisches Heer.</p> + +<p>Und nun hüllt der Abend die Stadt in seinen dunkeln +Mantel. Der Gesang verstummt. Das Pferdegetrappel +der Polizisten, das Geschrei der Verfolgten tönt nur +noch von weit her.</p> + +<p>Mir aber ist, als sähe ich in einen unermeßlichen +Saal. An seinen Wänden prangen die Bilder verflossener +Jahrhunderte: die Geschichten von den Königen +und den Kriegen; Marmorstatuen stehen ringsum: Feldherrn +und Fürsten, Priester und Propheten. In der +Mitte aber auf goldenem Stuhl thront Er. Um das +Haupt den Krönungsreif wie einen Heiligenschein; die +Finger der Linken um den Reichsapfel gespannt, — die +Weltenkugel; in der rechten das Zepter, — eine Peitsche, +um Nacken zu beugen, Widerspenstige zu zähmen; auf +der Brust ein großes leuchtendes Kreuz. Ich staune +ihn an: Alles Vergangene lebt in ihm. Alles, was uns +tot ist, umgibt ihn. Gegen die Nacht, die nur sein +Glanz erhellt, erscheint das Licht des Tages grau und kalt.</p> + +<p>Er ist kein einzelner. Er ist die Welt, die wir überwinden +müssen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_649" id="Page_649"></a></p> + +<p>Eine kleine Gruppe von Parteigenossen fand sich +in einem Restaurant der Friedrichstadt in der +Nacht nach den Wahldemonstrationen zufällig +zusammen. Die Erregung, die in allen noch nachzitterte, +verscheuchte jede Müdigkeit. Große Ereignisse lösen die +Lippen. Auch die Kühlen waren warm geworden. Man +diskutierte lebhaft: über die heutige Eroberung der +Straße, über die künftige Entwickelung der Bewegung, +über die Möglichkeit, in diesem Augenblick, wo es sich +nicht um die Aufrichtung des Zukunftsstaates, sondern +um die Niederwerfung der Junkerherrschaft handelte, +das liberale Bürgertum und alle Schmollenden, die unsicher +abseits standen, mobil zu machen. »Ein Riesenkampf +gegen die Reaktion, — das ist's, was die stagnierenden +Gewässer in Fluß bringen würde!« sagte einer.</p> + +<p>»Er würde die Geister scheiden, wie nichts zuvor —,« +ergänzte enthusiastisch ein anderer.</p> + +<p>»Sie glauben wirklich, daß das Ziel des allgemeinen +Wahlrechts für den preußischen Landtag solch weltbewegende +Kräfte entfesseln könnte?« fragte ich. Mein +Spott rötete die Gesichter der Begeisterten noch mehr.</p> + +<p>»Und gerade Sie waren vor einer Stunde bis zur +Stummheit ergriffen!« meinte vorwurfsvoll mein Nachbar.</p> + +<p>»Ich bin es noch,« antwortete ich; »mir war, als +hätte ich wirklich den Flügelschlag der neuen Zeit gefühlt. +Ich fürchte nur, sie rauscht an uns vorüber.«</p> + +<p>»Das aber liegt doch an uns!« rief über den Tisch +herüber ein jungem Literat, der darauf brannte, sich die +politischen Sporen zu verdienen. »Wir müssen sie fest<a name="Page_650" id="Page_650"></a>halten, +wir müssen das Eisen schmieden, solange es +warm ist.«</p> + +<p>»Womit, wenn ich fragen darf?« —</p> + +<p>Die Antworten schwirrten von allen Seiten durcheinander: +»Durch die Aussicht auf eine wahrhaft liberaldemokratische +Ära,« — »auf wirtschaftliche Reformen +großen Stils,« — »Verminderung der Steuern,« — »der +Militärlasten,« — »Trennung von Kirche und +Staat —«</p> + +<p>»Lauter Einzelforderungen, die große, heute noch indifferente +Massen kaum begeistern, die heterogene Elemente +nicht zusammenschweißen werden, die, vor allen +Dingen, kein sicher wirkendes Scheidewasser sind,« sagte +ich ruhig.</p> + +<p>»So nennen Sie es, wenn Sie es wissen!«</p> + +<p>Ich sah mich scheu im Kreise um. Sobald ein Gespräch +Fragen berührte, die mir sehr nahe gingen, überkam +mich oft eine gewisse verlegene Unbeholfenheit. +»Stünde ich vor einer Volksversammlung, so würde es +mir leichter werden als vor all Ihren forschenden, erwartungsvollen +und — lächelnden Mienen,« meinte ich.</p> + +<p>»So wollen wir streng parlamentarisch verfahren,« +sagte mein Nachbar sichtlich belustigt; »wir sind die +letzten Gäste, beherrschen also im Moment die Situation. +Silentium, meine Herren! Frau Alix Brandt hat das +Wort.«</p> + +<p>Ich sah zu meinem Mann hinüber. Er nickte mir zu. +Ich klammerte meinen Blick an den seinen und erhob +mich. Was mir diese Nacht zum erstenmal klar vor +Augen gestanden hatte, das sollte ich in Worte fassen. — Mir +war die Kehle wie zugeschnürt. Und doch fühlte +<a name="Page_651" id="Page_651"></a>ich, es mußte sein. Nicht um dieser Tafelrunde willen, — sondern +meinetwegen. Der Gedanke zerflattert, wenn +er nicht in die Form der Sprache gepreßt wird.</p> + +<p>»Mir scheint,« begann ich zögernd, »daß es nicht so +sehr darauf ankommt, einzelne praktische Ziele zu setzen. +Das haben die Parteien schon längst getan und sind +über die Verschiedenheit ihrer Einzelforderungen in +Gruppen und Grüppchen auseinander gefallen. Alle +großen entscheidenden Weltbewegungen sind von<em class="spaced"> einem</em> +Geist getragen worden —« »Und die materialistische +Geschichtsauffassung?!« unterbrach mich ein Genosse.</p> + +<p>»Von<em class="spaced"> einem</em> Geist —,« fuhr ich unbeirrt fort, »der +sich selbstverständlich erst aus den allgemeinen wirtschaftlichen +und sozialen Verhältnissen heraus entwickeln +konnte und immer erst dann entstand, wenn der Widerspruch +der Gegenwart zur Vergangenheit überall schmerzhaft +fühlbar geworden war. Das gilt für das Christentum, — den +Muhamedanismus —« »die Revolution,« +rief einer dazwischen.</p> + +<p>»Nein,« antwortete ich. »Es gibt Zeiten, in denen +der Geist der Verneinung, wie ich ihn einmal nennen +will, nicht zu reinem, vollem Ausdruck kommt, wo er +nur beschränkte Schichten des Volkes ergreift, — wie +zur Zeit der Renaissance, der Revolution, — und wo er +darum schließlich gezwungen wird, mit dem Geist der +Vergangenheit zu paktieren. So baute die Renaissance +christliche Kirchen, und die Revolution übernahm die +Phraseologie des Christentums. Auch wir versuchen mit +jener Geistesfaulheit, die sich scheut, zu Ende zu denken, +neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Ich erinnere +an die Bemühungen, die Kirche zu modernisieren, an +<a name="Page_652" id="Page_652"></a>das Bestreben, in der Partei die Ethik Kants für den +Sozialismus in Anspruch zu nehmen.«</p> + +<p>Hier unterbrach mich mein Nachbar, ein begeisterter +Kantianer, und vergaß im Eifer des Widerspruches +die von ihm selbst gewollte parlamentarische Ordnung.</p> + +<p>»Der kategorische Imperativ, von seiner transzendentalen +Herkunft losgelöst, ist tatsächlich der dirigierende +Geist, auf den Sie offenbar hinauswollen,« rief er.</p> + +<p>»Das bestreite ich. Schon weil er sich von dieser +transzendentalen Herkunft nicht loslösen läßt, weil er +Geist vom Geist des Christentums ist, weil wir auf +Grund unserer Kenntnis der historischen Entwicklung +und Umwandlung sittlicher Ideale wissen, daß es ein +allgemein gleiches, verpflichtendes Sittengesetz nicht gibt, +weil nicht einmal zwischen Einzelindividualitäten eine +Äquivalenz der Handlungen besteht —«</p> + +<p>»Ich höre Alix Brandt, und es ist Friedrich Nietzsche!« +spottete jemand. Die anderen lächelten vielsagend.</p> + +<p>»Sie haben mir vorgegriffen,« entgegnete ich ruhig. +»Ich hätte den Namen des Mannes genannt, der zwar +nicht der Erlöser, wohl aber sein Prophet sein kann.«</p> + +<p>»Aber, Genossin Brandt, Sie verirren sich,« hörte +ich entrüstet rufen; »wie vermögen Sie Ihre sozialdemokratische +Gesinnung mit dem Nachbeten Nietzschescher +Lehren zu vereinigen?! Denken Sie doch an seine Vergötterung +der ›Herrenmenschen‹, an seine Verhöhnung +jedes ›Sklavenaufstands‹!«</p> + +<p>»Diesen Einwand mußte ich erwarten. Ich erinnere +Sie demgegenüber zunächst nur daran, daß es derselbe +Nietzsche war, der anerkannte, daß die einzelne starke +Individualität am leichtesten in einer demokratischen Ge<a name="Page_653" id="Page_653"></a>sellschaft +sich erhalten und entwickeln könne. Aber diese +Idee ist zwischen uns, wie ich glaube, schon so sehr zum +unbestreitbaren Gemeinplatz geworden, daß ich nicht +weiter darauf einzugehen brauche. Natürlich gebe +<em class="spaced"> den</em> Nietzsche preis, der unsere große soziale Bewegung +weder kannte, noch kennen wollte. Und ich kann das +um so leichter, weil er unbewußt selbst im Flusse dieser +Bewegung schwamm, weil er dem Sozialismus das gab, +was wir brauchen: eine ethische Grundlage.«</p> + +<p>Von allen Seiten wurde mir heftig widersprochen, +aber jetzt, da ich mir selbst immer klarer wurde, störte +mich das nicht mehr.</p> + +<p>»Alle seine großen Ideen leben in uns: der Trieb +zur Persönlichkeit, die Umwertung aller Werte, das Jasagen +zum Leben, der Wille zur Macht. Wir brauchen +die blitzenden Waffen aus seiner Rüstkammer nur zu +nehmen, — und wir sollten es tun. Mit dem Ziel des +größten Glücks der größten Anzahl, — an das ich +glaubte, wie Sie alle, — schaffen wir eine Gesellschaft +behäbiger Kleinbürger.... Und spüren Sie den Geist der +Verneinung nicht in allem, was heute lebenskräftig ist +und vorwärts will? Kunst und Literatur, Wissenschaft +und Politik setzen ihr Nein der Vergangenheit entgegen, +die noch Gegenwart sein will. Was ihr Tugend war, — Unterwürfigkeit, +Demut, Ergebung in das Schicksal, +Ungehorsam gegen sich selbst, wenn der Gehorsam gegen +Obere es fordert, — erscheint uns mindestens als Schwäche, +wenn nicht als Unrecht. Der Glaube an die gottgewollten +Zustände von Armut und Reichtum, von Herrschaft +und Dienstbarkeit ist weit über die Kreise der +Partei hinaus zerstört. Und mit alledem, das wir un<a name="Page_654" id="Page_654"></a>bewußt +und bewußt von uns geworfen haben, panzert +sich der Riese der Reaktion. Vor neunzehnhundert +Jahren unterwarf die Moral des Christentums die heidnische +Welt. Vergebens hat die Renaissance und die +Revolution sich gegen sie empört, — die Zeit war noch +nicht reif. Heute aber ist sie es; der Sozialismus hat +ihr den Boden bereitet. Wäre ihre Fahne voll entfaltet, +so würden sich vor ihr die Feigen von den Mutigen, +die Schwachen von den Starken sondern, und alles +würde ihr zuströmen, was jungen Geistes ist, was Zukunft +in sich hat. Den Weg zu unserem Ziel finden +wir nur, wenn die Idee der ethischen Revolution der +Idee der ökonomischen Umwälzung Flügel verleiht....«</p> + +<p>Die Türe ging auf. Ein verschlafener Kellner musterte +mißmutig die seßhaften Gäste. Ich erwachte wie aus +einem Traum. Die anderen blieben stumm. Ob aus +Überraschung, aus Empörung, aus Müdigkeit? »Ich +möchte heim,« sagte ich leise zu meinem Mann. Wir +gingen allein und schweigsam nach Hause.</p> + +<p>Ich hörte danach, daß man mich verspottete: Die +Sozialdemokratin und Verkünderin der »Herrenmoral«! +Mir schien, als gingen mir die Genossen noch mehr als +sonst aus dem Wege. Aber es kränkte mich nicht.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ein feuchter Märzwind strich durch die Straßen. +Die Bäume und Büsche zitterten in seiner Umarmung, +denn er flüsterte ihnen vom Frühling +die frohe Botschaft zu. Auch um meine Stirne wehte sein +weicher Atem. Hatte ich nicht geglaubt, daß ich den Lenz wie +alte Leute grüßen würde: versunken in Erinnerungen? —</p> + +<p><a name="Page_655" id="Page_655"></a>Ich saß am Fenster und las meines Sohnes Briefe. +Seit einiger Zeit schrieb er mir oft: Seiten und Seiten +voller Fragen und erregter Geständnisse. Zum erstenmal +stand sein junger Geist in offenem Kampf mit der Wahrheit +und den Autoritäten. Und er unterwarf sich nicht. +Er war mein Kind.</p> + +<p>Noch immer hatte ich mich gescheut, Heinrich zu +zeigen, was er schrieb. Wir waren früher heftig aneinander +geraten, weil ich schon des kleinen Kindes +Selbständigkeit respektierte. Und jetzt hatte ich mehr zu +fürchten als nur den väterlichen Zorn. Ein Prüfstein +würde es sein auch für unsere Beziehungen. Ich liebte +meinen Mann. Viel mehr, viel tiefer als zu jener Zeit, +da ich mich ihm zuerst verband. Denn damals kannte +ich ihn nicht. Aber meine Liebe war zu groß, um +Unterwerfung ertragen zu können. Wenn er das Kind +nicht verstand, so würde er auch mich nicht verstehen. +Wieder aneinander gebunden sein, so daß jeder selbständige +Schritt des einen den anderen ins Fleisch +schneiden muß; die Blume der Liebe, die nichts als der +Persönlichkeit reichste Entfaltung ist, abpflücken, nur +damit sie die Brust des anderen schmückt, zu frühem +Welken verurteilt, — das vermochte ich nicht mehr —</p> + +<p>Es läutete draußen, lang und heftig. Ich sprang +auf, beide Hände auf das wild klopfende Herz gepreßt. +Wer lärmte zu früher Morgenstunde so ungeduldig an +der Türe? Wer?! Schon sprang sie auf, und ins +Zimmer flog es herein wie ein Wirbelwind, und zwei +Arme umschlangen mich, und ein glühendes Gesicht mit +zwei glänzenden Augen hob sich zu mir empor. »Mein +Kind! Mein Kind!« —</p> + +<p><a name="Page_656" id="Page_656"></a>Der Rucksack flog im Bogen von den Schultern. »Davongelaufen +bin ich — bei Nacht und Nebel, — ich hielt's +nicht länger aus,« sprudelte es hervor, atemlos, triumphierend.</p> + +<p>Ich hörte kaum, was er sprach, ich sah nur, daß er +da war, wirklich da war!</p> + +<p>Ein fester Tritt auf dem Flur weckte mich aus meiner +Versunkenheit. »Der Vater!« rief ich angstvoll und legte +wie schützend den Arm um meinen Sohn. Der aber +riß sich los, lachte mich an und lief mit einem: »Ich +fürchte mich nicht!« dem Kommenden entgegen.</p> + +<p>Ich stand wie angewurzelt. Ich hörte einen Wortwechsel, +dann ein langes, ernstes Gespräch. Frage und +Antwort. Hand in Hand kamen sie zu mir ins Zimmer. +»Nun werden wir den Schlingel doch wohl behalten +müssen,« lächelte mein Mann, »und heute soll für uns +drei ein Feiertag sein.«</p> + +<p>Wir gingen durch den Wald nach Paulsborn. Die +Kiefern standen schwarz gegen den hellen Himmel, und +lichtgrün schmiegten sich die Büsche ihnen zu Füßen. +Auf dem See tanzten die Sonnenstrahlen. Und weit +voraus sprang unser Sohn.</p> + +<p>»Weißt du noch?!« sagte Heinrich.</p> + +<p>»Ich weiß! Damals schüttelte der Sturm die Bäume. +Mich fror, und du schlugst deinen Mantel um mich —«</p> + +<p>»Und habe dich doch nicht schützen können —«</p> + +<p>»Ich danke es dir, denn dadurch wurde ich stark.«</p> + +<p>»So stark, daß du allein zu gehen vermagst —,« seine +Stimme schwankte dabei. Mich traf's wie blendendes +Licht, — ich sah auf dem Wasser nichts mehr als die +goldene, schimmernde Sonnenstraße.</p> +<p><a name="Page_657" id="Page_657"></a></p> +<p>»Damals warnte ich dich vor mir,« fuhr er fort.</p> + +<p>»Ich aber ließ dich nicht —«</p> + +<p>»Und heute?! —«</p> + +<p>»Du siehst: ich gehe auf eigenen Füßen, aber neben +dir —«</p> + +<p>Wo die dunkle Allee sich der weiten, sonnenbeglänzten +Wiese öffnet, tauchte die schlanke Gestalt unseres Sohnes +auf. Er hielt einen Zweig jungen Grüns in der hochgehobenen +Hand. Der wehte über ihm wie eine Fahne.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Und dann kam das Leben wieder und der Alltag, +und sein Pfad blieb rauh. Aber ich hatte +ihn freiwillig gewählt, und meines Herzens +Glut schützte mich vor dem Frost. Er blieb einsam. +Aber ich wußte vorher: wer eigene Wege sucht, findet +wenig Gefährten. Und über das Donnern der Sturzbäche +hinweg flog siegreich hin und her der Gruß der Liebe.</p> + +<p>Einmal, als der Föhn mich umheulte und die Steine +meine Füße verwundeten, sah ich forschend zurück. Und +ich erkannte, daß ich nicht irre gegangen war.</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN *** + +***** This file should be named 16302-h.htm or 16302-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/6/3/0/16302/ + +Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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